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iN DEN
SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.
BEARBEITUNG EINER VON DER HAAGER GESFXLSCHAFT ZÜR
VERÏEIDIGUNG DER CHlUSTLiaHJjN fen^Ö^pN
GESTELLTEN AÜPGApè ^\'
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OTTO SOIÏJVTOTjT^BR,
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Dekan, Pfarrer injDerendiugen, Württemberg.
LEIDEN. — E. J. BRILL.
1891.
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
IN DEN
SCHRIFTEN DES NETJEN TESTAMENTS.
BEARBEITUNG EINER VON DER HAAGER GESELLSCHAFT ZUR
VERTEIDIGUNG DER CHRISTLICHEN RELIGION
GESTELLTEN AUFGABE
VON
Dekan, Pfarrer in Dercndingen, Württemberg.
—o<x>^SiO^>o
LEIDEN. — E. J. BRILL.
1891.
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LÖSUNGSVERSUCH
der von der Haager Gesellschaft zur Verteidigung der christlichen Religion
im Programm des Jahres 1888 auf 15. December 1889 gestellten
Preisfrage:
»Het Genootschap verlangt: Eene wetenschappelijke verhandeling over
de leer van het koninkrijk Gods in de onderscheidene schiïften des
Nieuwen Testaments."
Motto: lA\'SeVai >) ficuriteia <rov — Matth. VI: 10.
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IN HALTSÜBERSICHT.
Seite.
EINGANG..................         1.
Erste Schriftengruppe: die drei synoptischen Evan-
gelien...................         4.
Vorlaufige Untersuchung des Verhiiltnisses der Ausdrücke:
vt fieta-iAefa tov isov und tj $u<ri\\eiu tüv ovpuviïv ZU ein-
ander in Absicht auf Ursprünglichkeit......      6—12.
Methode der Untersuchung...........    12—19.
Die Hauptmomente der Himmelrcichs-, bzw. Gottesreichs-
lehre..................        19.
1.  Die /3«o-iAs/a roü fcoü, bzw. rüv obpuviïv ist nur Eine.    19—21.
2.  Zweck und Bedeutung der Zugehörigkeit eines Men-
schen zu der ficuittelx r. é. ist der Eintritt in den
Genuss eines Gutes, bzw. des höchsten Gutes. . .    21—43.
Gibt es Stufenunterschiede in dor fiutnteta t. 0 ? .    38—43.
3.  Die Zugehörigkeit zu der fiatriteta. ist an bestimmte
ethische Bedingungen geknüpft und schliesst daher
eine bestimmte Qualification in sich, wodurch jene
wie individuell beschriinkt, so national entsohrankt
wird.................    44—63.
Die Frage wegen der Teilnahme der Heiden . .    56—58.
4.  Objektiv ist die Zugehörigkeit zu der fiuvttetct r. d.
bedingt durch das Kommen derselben......
    64—76.
5.  Das Kommen der fao-ite/a t. 6. vermittelt sich durch
den Messias-Jesus.............    76—97.
Frage nach dem Verhiiltniss der (3«<7iAe/a Christi
zu der pcuriteix Gottes...........    91—95.
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VI                                                     INHALTSÜKERSICHT.
Seite.
Frage nach dem Wo? der kommenden fiotvtteix
Gottes................95—97.
6.  In Jesus ist der Messias, durch welchen die fUmAtfo
kommen soll, gekommen, aber nicht urn sie in der
Gegenwart schon zu bringen.........97—118.
Die /3«5-iAe/a r. 6. hal nicht zweierlei Erscheinungs-
formen, eine gegenwiirtige, noch unvollendete und
eine kiinftige, vollendete..........102—407.
Es ist auch nicht von einer ursprünglichen /3a*-<-
Af/a-lehre Jesu eine secundare (erst eingetragene oder
spatervon ihm selbst angenommene) zu unterscheiden. 107—118.
7.  Der Messias kam in Jesus, um für das Kommen der
(3«o-<A«/a möglichst weiten Raam zu schaffen. . . . 119—136.
Speciell: die Jesusjüngerschaft........131—133.
Die (3aw(A£/« t. 0. ist nichts, was wachsen kann oder
soll..................134—136.
8.  Vorbereitet und damit verbürgt wurde das noch
bevorstehende Kommen der /3«a-;Ae/« r. i., wie schon
durch das Gekommensein des Messias in Jesus über-
haupt, so speciell durch seine Erlösungsthaten und
seinen Erlösungstod............136—146.
9.  Durch das Kommen der (3«<riAe/a t. 3. wird auf Erden
ein Zustand wie im Himmel, nicht aber zielt es auf
Schaffung eines (menschlichen) Gemeinwesens, wenn
auch die pcunxel* Christi die Form eines solchen hat. 146—153.
10. ,,\'H ficttritela rS* oi/paviïv, bzw. toS bsav" bedeutet
zunachst nichts anderes, als „die im Himmel vor-
handene (3«o-(Ae/« Gottes", zugleich aber in nnmittel-
barer Correlation mit dem Kommen derselben auf
die Erde „die vom Himmel stammende /Sao-iAs/\'a Got-
tes".................153—170.
Schlussbetrachtung..............170—175.
Zweite Schriftengruppe: die aussersynoptischen Sohrif-
ten
.................... 176.
1.  Eine einfach referierende Schrift — die Acta .... 177—181.
2.  Eine visionar-prophetische Schrift — die Apokalypse. . 181—184.
3.  Reine Lehrschriften — die Briefe........184—210.
Remerkung über den ersten Brief Petri.....184—185.
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INHALTSÜBERSICHT.                                                    VII
Seite.
a.  Brief Jacobi...............185—186.
b.  Die Paulinischen Briefe...........186—208.
Allgemeines über die Stellung des Paulus zu un-
serer Frage..............  186—192.
». Erste Gruppe Paulinischer Brietë......  192—206.
Das Reich Gottes ererben bat denselben Zweck
und ist subjektiv ebenso bedingt, wie nach der syn-
optiscben Lehre.............  192—196.
Objektiv ist es auch vermittelt durch die Parusie
Christi................  196—197.
Aber Paulus kennt kein „Kommen" der faoixetx.  197—203.
Christi Uebergeben seiner $xn\\sia. an den Vater.  203—206.
/3. Zweite Gruppe Paulinischer Briefe.......  206—208.
Die (3«o-(A£<a; Gottes von der (3aa-. Christi nicht mehr
unterschieden..............  207—208.
y. Dritte Gruppe Paulinischer Briefe......       208.
c.  Der Hebraerbrief.............  208—209.
d.  Der zweite Brief Petri...........  209—210.
4. Eine Evangelienschrift — das Johannesevangelium: Oü
tacTKiüei, xMèe T/i>fpo7 die synoptische /3a«-<Ae/«-lehre. . . 210—219.
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„Reich G-ottes" ist ein Begriff, der ohne Frage rein für sich
genommen und abgelöst von dem concreten Zusammenhang,
in welchem ihn das Neue Testament uns bietet, gar mannig-
fache Deutung und noch mannigfachere Anwendung zulasst
und desshalb von jeher der theologischen, sei es mehr wis-
senschaftlichen oder mehr popularen, Speculation und Re-
flexion ein weites Feld geboten hat. So ist es in der That
angezeigt, eine genauere Untersuchung darüber anzustellen,
was denn eigentlich und ursprünglich die Autoren des Neuen
Testaments selbst, denen Theologie und Kirche diesen seither
so viel gebrauchten Begriff verdanken, unter Reich Gottes
verstanden, was namentlich, vorausgesetzt die Geschicht-
lichkeit der Zurückführung weitaus der meisten darauf be-
züglichen Aussagen auf Jesum selbst, dieser darunter verstand.
Ganz klar teilen sich die neutestamentlichen Schriften in
Absicht auf das Vorkommen dieses Begriffs in zwei Gruppen.
Die erste wird gebildet von den synoptischen Evangeliën.
Hier hat derselbe seinen eigentlichen Sitz, hier kann auch
im Grunde allein von einer Lehre vom Reiche Gottes geredet
werden. Dieser Gruppe gegenüber hat die andere, zu der alle
übrigen Schriften des Neuen Testaments gehören, die den
Begriff überhaupt kennen, jedenfalls das gemein, dass der-
selbe in ihr ebenso sehr in den Hintergrund tritt, als er in
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2                                DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
der ersten Gruppe im Vordergrund steht. Eine abgesonderte
Behandlung beider Grappen und das Vorausstellen der erst-
genannten ist daher von selbst gegeben und bedarf keiner
Begründung, mag man auch im übrigen über das zeitliche
Verhültniss der Abfassung der synoptischen Evangeliën zu der-
jenigen der Schriften der zweiten Gruppe und speziell über die
Authentie der in jenen drei Schriften meist auf Jesum selbst
zurückgeführten Aussagen über das Reich Gottes denken,
wie man will. Zweifelhaft könnte man nur etwa wegen der
Zuteilung der Acta sein, namentlich wenn wir ihren Ver-
fasser für identisch mit dem des dritten Evangeliums halten
dürfen. Allein einmal verhalt es sich mit dem seltenen
Vorkommen unseres Begriffes bei den Acta ganz ebenso,
wie bei den anderen Schriften der zweiten Gruppe. Und dann
ist es doch — ohnehin bei der engen Verkettung, in welcher,
wie wir linden werden, die Gottesreichslehre des Neuen Tes-
taments mit der Erscheinung Christi steht — besser, wir
lassen die Schriften, in welenen uns die zahlreichen Aussa-
gen Jesu selbst über das Reich Gottes berichtet werden oder
wohl auch davon, dass er solche Aussagen gemacht habe, be-
rrchtet wird, — und das sind doch gerade die synoptischen
Evangeliën — unvermischt mit anderen, in welchen eben
diess nicht geschieht. Nur eine Sonderstellung nehmen natür-
lich die Acta in der zweiten Gruppe ein als geschichtliches
Buch, das heisst aber nur, sie werden passenderweise dort zuerst
in Betracht gezogen. In anderem Sinne nimmt dann freilich
auch das Johannesevangelium eine Sonderstellung ein. Weil
es eine Evangelienschrift sein will und unverkennbar, wie
wir seiner Zeit sehen werden, zu der synoptischen Jesus-
lehre, auch der über das Reich Gottes Stellung nimmt, so
könnte die Frage entstehen, ob wir es nicht, wenn auch
nicht in unmittelbarem Anschluss an die synoptischen Evan-
gelien, so doch gleich nach den Acta besprechen sollten. Es
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 8
würde sich das wirklich in manchem Betracht empfehlen.
Allein andererseits reprasentiert es doch so ganz eine sin-
gulare, eine fortgeschrittene Lehrentwicklung, dass es rich-
tiger ist, wir stellen es an den Schluss. Dadurch erhalt es
dann doch wieder von selbst seine Sonderstellung und tritt
in deutlicher Weise das Verhaltniss seines Lehrtypus als
eines abschliessenden zu dem synoptischen als einem grund-
legenden, in mancher Hinsicht noch elementaren ins Licht.
Zwischen hinein fallen dann die Schriften, in welchen die
Erwahnung des Reiches Gottes nur eine gelegentliche, ich
möchte sagen, zufallige ist.
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ERSTÜ SCHRÏFTENGRUPPE.
Die synopl .teelten Evangeliën.
Wenn wir diese drei Schriften zusammenstellen, so fragt
es sich freilich sogleich, ob wir die darin von unserem Be-
griff handelnden Stellen einfach zusammennehmen und als
ein Ganzes betrachten dürfen oder dieselben nicht vielmehr
wieder auseinanderhalten und gesondert betrachten mussen.
Da die meisten in ihnen sich findenden Stellen sich, wie ge-
sagt, als Aussagen Jesu selbst geben oder wohl auch verein-
zelt davon, dass Jesus solche gemacht habe, berichten, wie
Matth. 4, 23; 9, 35; Luc. 8, 1; 9, 2. 11, so verstande es
sich von selbst, dass die Aussagen als von ein und derselben
Persönlichkeit stammend und die Berichte als Berichte über
Aussagen derselben Persönlichkeit einfach zusammenzunehmen
und als ein Ganzes zu behandeln waren — wenn die Authen-
tie jener Aussagen und die Geschichtlichkeit des Berichts von
solchen Aussagen absolut sicher oder selbstverstandlich ware.
Es bliebe dann nur etwa die Frage übrig, ob nicht die Aus-
sagen dieser Persönlichkeit — hier also Jesu — vielleicht
aus dem Grunde doch wieder auseinanderzuhalten waren,
weil sie ja mit unserem Begriffe doch nicht immer ein und
denselben Sinn verbunden haben könnte, worüber aber natür-
lich nichts im voraus entschieden werden kann. Allein jene
Authentie der Aussagen bzw. die Geschichtlichkeit der Be-
richte über solche steht nun einmal nicht zum voraus fest,
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5
DIE LEHRE VOM EEICHE GOTTES
und sie zu untersuchen und dadurch entweder festzustellen
oder zu widerlegen, kann nicht unsere Aufgabe sein. Wir
können höchstens sehen, ob vielleicht unsere Specialuntersu-
cliung selbst Fingerzeige in dieser Eichtung gibt. Unter diesen
Umstanden dürfen wir daher zun&chst bloss bei den Aussagen,
welche die drei Evangeliën gemeinsam haben als von Jesus
je bei ein und derselben Gelegenheit gesprochen und darum
auch im Wesentlichen gleichlautend, welche also rnindestens
auf ein und dieselbe Quelle zurückgehen, ware diese auch
nicht Jesus selbst, da von absehen, dass sie in verschiede-
nen Schriften stehen. Anders dagegen verh&lt es sich mit
solchen Aussagen, die vereinzelt auftreten. Wir mussen uns
in Betreff derselben bewusst bleiben, dass wir sie verschie-
denen Schriften verdanken, von denen jede je zu ihrer Zeit
und namentlich zu verschiedenem Zweck abgefasst ist, und
dass dadurch auch jene Aussagen beeinflusst sein könnten,
mögten sie auch an sich überlieferte und nicht etwa überhaupt
nur auf die Autoren selbst zurückzuführende sein. Solche Aus-
sagen dürfen wir daher nicht anders zusammennehmen, als
so, dass wir uns dabei erst vergewissern, ob sie auch be-
grifflich zusammenstimmen, oder nachtraglich es erharten.
Wenigstens die Möglichkeit verschiedenartiger Fassung des Be-
griffs mussen wir zugeben. Zu fragen sodann, ob nicht inner-
halb ein und derselben Schrift wieder verschiedenartige Lehr-
tropen in Absicht auf unsern Begriff sich finden, werden wir
wenigstens bei Einem Punkt Anlass haben.
Nun Eine Differenz zwischen unsern drei Schriften springt
jedenfalls ganz unmittelbar in die Augen, und wir sprechen uns
am besten gleich hier darüber aus, wenigstens so weit, als schon
eine bloss literarische Erwagung, ohne noch auf den Inhalt des
Begriffes einzugehen, ein Urteil ermöglicht. Es ist die Difi\'e-
renz betreffend den Ausdruck selbst, mit welchem unser Be-
griff bezeichnet wird.
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6
DIB LEHEE VOH KEICHE GOTTES
Yorl&nflge Untersuchnng des Vcrliiillnisses der Ausdrücke
ij fiaoiXsLa rü>v ovgavdiv nnd >, fiaotXeia tov dsov
zu einander in Absleht auf Ursprünglichkeit.
Wahrend zwei der Evangeliën, das zweite und das dritte, nur
von der (3x<ri\\dx tov öeoü wissen, redet das erste zwar auch
von ihr, aber doch nur ganz vereinzelt, für gewöhnlich aber
(d. h. 31 mal gegen 5 mal) vielmehr von der (Zx<n\\eix tüv
ovpxvüv,
und das auch in solchen Stellen, welche in den bei-
den anderen Evangeliën ihre Parallelen haben, die wir daher
ohne weiteres zusammenzunehmen uns vorhin das Recht vin-
dicierten. Obgleich nun unser Thema zunachst bloss von der
(3x<riXelx toïi óeoü redet, so darf es doch als selbstverstand-
lich betrachtet werden, dass die Aussagen über die fiotvixsix
tüv oipxvüv
bei Matthaus desshalb nicht ausgeschlossen wer-
den wollen und daher von uns nicht übergangen werden dür-
fen. Treten sie doch, jedenfalls in denjenigen Matthausstel-
len, welche direkte Parallelen bei Marcus und Lucas haben,
also von derselben Sache reden wollen, ganz unmittelbar an
die Stelle der Aussagen über die pxo-txelx toïi óioü bei den
letzteren, und eben damit tritt hier jener Ausdruck an die
Stelle von diesem — ohne dass damit auch schon gesagt wer-
en will, er bedeute ganz dasselbe. Soviel ist aber dabei ohne
weiteres klar, dass wir in diesen, Parallelen zu einander bil-
denden Stellen die ursprüngliche Aussage, sei es nun Jesu
selbst oder der gemeinsamen Quelle, der sie entstammen,
nicht mehr intakt haben, sondern dieselbe entweder bei Mat-
thaus (von f) (3x7i>,eix toü 6eoü in il fixo-iXeix tüv oupxvüv)
oder bei Marcus und Lucas (in umgekehrter Weise) veran-
dert wurde. Denn selbstverstandlich kann Jesus nicht in ein
und derselben Aussage, gleichsam in Einem Athem, sich dop-
pelt ausgecirückt, es kann nicht dieselbe Quelle in ein und
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IN DEN SOHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                    7
demselben Satz doppelt gelautet haben. So muss wenigstens
bei diesen Stellen die Frage gestellt werden: Welches war
denn wohl der ursprüngliche Ausdruck: i? (ixvixeix tov 6soü
oder >5 (3x<rtheix tüv oupxvüv? — Bei den übrigen Stellen,
die entweder nur bei Matthaus oder nur bei Marcus und
Lucas sich finden, liegt an sich keine Nötigung zu dieser
Frage vor. Es könnte ja hier schon ursprünglich der Ausdruck,
dort allermeist n fix<r. tüv ovpxvüv, hier nur $ fixtr. toü ösoü
gelautet haben. Ohnehin, wenn wir annehnien müssten, die
betreffenden Aussagen, welche bei Matthaus den einen, bei
Marcus und Lucas den andern Terminus bieten, seien über-
haupt erst von diesen Autoren selbst (oder von ihren beson-
deren Quellen) concipiert, fiült die ganze Frage ja von selbst
weg. Die Ausdrücke sind dann selbstverstandlich beiderseits
„ursprünglich", d. h. sie lauteten seit Conception der Aus-
sagen, in welchen wir sie jetzt lesen, natürlich so, wie sie
jetzt lauten. Anders aber steht es, wenn diese Aussagen
vielmehr in allen drei Schriften in erster Linie (auch in den
keine Parallelen zu einander bildenden Stellen) einer gemein-
samen Quelle — wenn sie wenigstens ihrem Hauptinhalt
nach dem Munde Jesu selbst entstammen. Dann ware denn
doch diese, ich möchte sagen, nahezu sauberliche Scheidung
nach Schriften sehr auffallend, d. h. es ware sehr auffallend,
dass die Verfasser des zweiten und dritten Evangeliums (oder
ihrer speciellen Quellschriften) gerade nur Aussagen Jesu (bzw.
der gemeineamen Quelle) über $ @x<r. toü $eov aufgenommen
haben sollten, wahrend es doch, wie Matthaus zeigt, auch
so viele mit >5 ficar. tüv ovpxvüv gegeben hatte. Und ebenso
auffallend ware es, dass der Verfasser des er sten Evange-
liums (oder seine specielle Quelle) wenigstens beinahe nur
Aussagen letzterer Art aufgenommen hatte, wahrend doch,
wie Marcus und Lucas zeigen, vielmehr so viele mit $ fix<r.
tov Stoü
vorgelegen natten. Sollten denn die beiderseitigen Ver-
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8                                DIE LEHEE VOM REIOHE GOTTES
fasser geflissentlich so die eine Gattung Aussagen ausgewahlt
und die andere ausgeschlossen haben? Liegt nicht viel naher
die Vermutung, diese sauberliche Verteilung bzw. dieseDiffe-
renz zwischen Matthaus einerseits und den beiden andern
Evangeliën andererseits sei auch eine erst durch die Verfasser
entstandene, das heisst aber, nicht durch eine von ihnen getrof-
fene Auswahl, sondern durch eine von ihnen vorgenommene
Aenderung? Entweder habe Matthaus (wenigstens in den meis-
ten Stellen) den Ausdruck y (3ut. toü Ssov erst in den: t @x<r.
tüv ovpxvüv
abgeandert, oder aber haben Marcus und Lucas
das umgekehrte gethan. Dann kehrt aber also auch bei die-
sen (keine Parallelen zu einander bildenden) Stellen die Frage
wieder: Welcher Ausdruck ist wohl der ursprüngliche?
Können wir aber irgend hoffen, eine Antwort darauf zu
gewinnen? Nun, wenn die Sache sich so verhielte, dass
ebenso wie Marcus und Lucas nur >j (3xv. toü ésoü kennen,
Matthaus nur den anderen Ausdruck hatte, dann standen
sich die Wagschalen gleich. Wir müssten dann zwar nicht
auf eine Antwort überhaupt verzichten, könnten aber nur
versuchen, aus inneren Gründen eine solche zu gewinnen,
und müssten dann jedenfalls die ganze Untersuchung zurück-
stellen auf die sachliche Erörterung unseres Begriffs und des-
sen, was eigentlich der eine und der andere Ausdruck be-
deute, welcher alsomehr, welcher weniger den Stempel der Ur-
sprünglichkeit oder eines secundaren Ursprungs an sich trage.
Allein m. E. steht die Sache doch etwas gunstiger. Schon
auf rein literarischem Wege lasst sich mit einiger und ich
meine eigentlich, mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit
eine Antwort geben, wenn auch vorbehalten bleiben muss,
spater im Verlauf unserer ganzen Untersuchung zu sehen,
op auch innere Gründe dieselbe bestatigen oder doch keine
da sind, welche dagegen sprechen. Es bat nemlich Matthaus
ja, wie schon mehrmals angedeutet, keineswegs bloss den
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                    9
Ausdruck: $ (3»<ri\\. tüv oipxvüv. Ware dem so, dann stande
an sich nichts der Annahme im Wege, er habe aus irgend
welchen Gründen den andern, der bei Marcus und Lucas der
einzig vorkommende ist, in diesen umgeandert. Aber so wie
die Sache steht, ist vielmehr zu fragen: Ist es denn irgend
wahrscheinlich, dass Matthaus zwar in einigen Stellen den
Ausdruck: $ (3x7. toü Seov, wenn wir diesen als den ur-
sprünglichen betrachten, natte stenen lassen, dann aber in
weitaus den meisten anderen, vorab auch in den bei Marcus
und Lucas sich ebenfalls findenden, parallelen Stellen, ihn
durch einen neuen: $ (3x7. t&v oüpxvüv ersetzt haben sollte?
Warum that er es dann doch nicht in allen? Ist es irgend
wahrscheinlich, dass er eine solche Duplicitat des Ausdrucks
erst einführte, wenn sie ursprünglich nicht bestand? Ware
nicht die Einführung einer solchen Duplicitat immerhin das
schwerer zu Erklürende, leichter zu erklaren aber ein Unifor-
mieren einer vorliegenden Duplicitat? Spricht nicht desshalb
alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Duplicitat das ursprüng-
liche ist, d. h. also dafür, dass jedenfalls der Ausdruck: >5 (3x7.
tüv ovpxvcóv
auch ein ursprünglicher ist, nicht bloss der an-
dere? dass er darum in den Parallelen zu einander bildenden
Stellen, wo Marcus und Lucas ihn nicht haben, wohl aber
Matthaus, der ursprüngliche ist und das „>5 (3x7. toü 6eoü"
bei jenen beiden eine Abanderung, ohnehin aber dies in den
Stellen, die Matthaus allein hat und in denen er ihn und nicht
Y{ I3xi7. toü Seoü bietet, der Fall ist? Ob auch in den Aussagen Jesu,
welche bei Marcus und Lucas allein sich finden und in welchen
sie vi (3x7. toü êsoü haben, ursprünglich s? (3x7. tüv ovpxvüv
stand und das >5 (3x7. toü Seoü eine von ihnen vorgenommene
Abanderung ist, mag dann dahingestellt bleiben. Viel spricht
aber dafür, dass dies wenigstens in manchen auch von die-
sen Stellen geschehen sei. Denn die Uniformitat im Gegen-
satz zu der Duplicitat, die Matthaus noch hat, ist verdiichtig.
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10
DIE LEHRE VOM BEIOHE GOTTES
Entkraften wird man das Gesagte schwerlich wollen durch
die Bemerkung, es stehen eben doch zwei Texte gegen Einen,
man habe also ein doppeltes Zeugniss für den Nichtgebrauch
des Terminus: >5 /S«s-. rüv ovpxvüv und nur ein einfaches für
den Gebrauch. Zwei Schriften, welche unleugbar so oder an-
ders in einem Abhangigkeitsverhaltniss zu einander stehen,
können ja in Wahrheit nicht als zwei Zeugen gelten. Zudem
kann man das Zeugniss des Marcusevangeliums um so we-
niger, meine ich, durch das des Lucasevangeliums gegen das
des ersten Evangeliums verstarken wollen, als doch nach
ziemlich allgemeiner Annahme jedenfalls das Lucasevange-
lium erst nach demjenigen geschrieben ist, gegen welches
man es als Zeugniss gebrauchen wil). Auch aus dem Fehlen
des Ausdrucks: >5 /W. r&v oüpavüv in allen übrigen neutesta-
mentlichen Schriften (ausser vielleicht, aber nicht sicher in
Einer Stelle bei Johannes und dem wenigstens ahnlichen,
aber vom Reich Christi gebrauchten Ausdruck: (3x<r. èircvp&-
vios
2 Tim. 4, 18) kann m. E. nichts gefolgert, d. h. es kann
daraus nicht geschlossen werden, dass der Terminus *i (3xtr.
tüu ovpxvwv
nur eine Singularitat speciell des Matthaus (oder
seiner unmittelbaren Quelle) war. Dies Fehlen kann vielmehr
vollstandig daraus erklart werden, dass eben jener Ausdruck
allmahlich durch den allgemeineren, auch an sich leichter ver-
standlichen anderen Ausdruck verdrangt wurde. Wie dies
im 2ten und 3«ei» Evangelium geschah, so geschah es aucb sonst,
und so kam nur dieser Ausdruck in allgemeinen Gebrauch. Das
heisst aber, wie schon Eingangs berührt wurde, der Gebrauch
des Ausdrucks wurde ja überhaupt ein sehr beschrankter;
vom Reich, sei es nun Gottes oder der Himmel, wurde über-
haupt gar wenig in den andern Schriften des Neuen Testa-
ments geredet. Zudem sind diese anderen Schriften in der
Hauptsache die Paulinischen. Speciell bei Paulus aber dürfen
wir ja am wenigsten ein Prasentsein der ursprünglichen
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 11
Jesusausdrücke annehmen und also die Wahl desAusdrucks:
$ (3x<r. tüv ovpxvüv erwarten, auch wenn dies ein, ja wohl
der eigentlich und so recht von Jesu selbst gebrauchter Aus-
drück war.
Wir nannten soeben den Ausdruck: >5 /3«ir. rov 6soü den
allgemeineren, auch an sich leichter verstandlichen, und ich
denke, es flndet dies keinen Widerspruch. So könnten wir
unser bisheriges Argument für seine mehr secundare Natur
oder umgekehrt dafür, dass der Terminus: $ (2x7. rüv ovpxvüv
jedenfalls nicht erst ein secundarer, spater entstandener
sei, noch verstarken durch die Hinweisung darauf, dassdieser
doch im Vergleich mit jenem unleugbar der bestimmtere sei,
der, welcher eine bestimmtere Farbe habe und mehr eigentüm-
lich laute, der @x<n\\s!x noch mehr einen konkreten Charakter
zuschreibe, und dass dies für seine Originalitat spreche. Allein
so ohne weiteres kann doch nicht so argumentiert werden.
Es könnte ja doch auch sein, dass besondere Gründe erst ver-
anlassten, die (2x<r. toïi Qeoü mit diesem specielleren und be-
stimmteren Namen zu bezeichnen. Es würde das Verfolgen
dieser Frage aber schon über die rein literarische Erwagung,
die wir hier im Eingang allein anstellen wollten, hinaus und
zu einer sachlichen führen, auf die wir uns hier noch nicht
einlassen können. Nur die Gegenfrage sei, wenn man so
argumentieren wollte, noch erlaubt: "Wenn erst spater ge-
flissentlich aus inneren Grimden der Terminus: «} @x<r. tüv
oipxvüv
aufgekommen und von dem eisten Evangelisten oder
seiner Quelle angewendet worden ware, sollte man dann
nicht gerade am ehesten erwarten dürfen, ihm auch in der
sonstigen neutestamentlichen (und spateren) Literatur zu be-
gegnen? Denn die Gründe, die zu seiner Wahl geführt hat-
ten, natten doch wohl fortgewirkt. "Weist nicht der Urn-
stand, dass vielmehr der andere Ausdruck allein sich im Ge-
brauch erhielt, darauf hin, dass der Sachverhalt der umge-
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12                          DIE LEHRE VOM BEICHE GOTTES
kehrte war, dieser andere Ausdruck aus bestimmten Grün-
den spater für den geeigneteren gehalten und desswegen voll-
ends der ausschliessliche wurde mit Verdrangung des anderen?
Doch genug vorlaufig üher diese immerhin wichtige Frage.
Erst im Verlauf unserer Untersuchung werden wir nach und
nach eine bestimmtere Antwort darauf gewinnen.
Methode der Untersuchung.
Wenden wir uns unserer eigentlichen Aufgabe zu, festzu-
stellen, was in unserer Schriftengruppe unter ij (3x<r. tüv
ovpxvüv
bzw. toü óecïi verstanden ist und was darüber gelehrt
wird, so fragt es sich: Welenen Weg sollen wir einschlagen?
Sollen wir eine der drei Schriften nach der andern durchnehmen
und wieder in jeder den einzelnen Stellen, welche von unse-
rem Begriff handeln, nach der Reihenfolge, in welcher wir
sie finden, nachgehen und sie darauf ansehen, was sie über
denselben aussagen? Es hatte das immerhin manches für sich;
Wir waren nicht nur selbstverstandlich vor jeder etwaigen
ungehörigen Vermischung der Aussagen der drei Schriften be-
wahrt, sondern würden auch wieder bei jeder derselben ganz
genau sehen, wie und wo der Begriff auftritt, bei welcher
Gelegenheit, in welchem Zusammenhange Jesus da von redet,
würden am sichersten etwaigo Wendungen, die es mit dem-
selben, mit seinem Gebrauch oder mit dem damit verbun-
denen Sinn nimmt, bemerken u. dergl. Allein einmal, was
das Einhalten der Reihenfolge betrifft, so hatte dies jeden-
falls zunachst nur literarischen Wert, d. h. wir erführen, in
welcher Reihe die Evangelisten Jesum von der Sache reden
lassen. Wir wüssten aber noch nicht, ob dies auch wirklich
die thatsachliche war, in welcher Jesus davon redete unter
Annahme, dass sie wirkliche Geschichte berichten, wir wüss-
ten nicht einmal ohne weitere Untersuchung, ob diese Reihen-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               13
folge auch nur die ursprüngliche der ersten Quelle oder Quel-
len war, und nicht eine erst spater entstandene. Kurz der
Wert dieses den Stellen Nachgehens nach der Reihenfolge
ware m. E. doch nur ein sehr massiger und der Nachteil am
Ende grösser als der Wert. Denn ein solches Verfahren ware
doch ein sehr zersplitterndes, unter allen Umstanden viel Wie-
derholung mit sich bringendes, da doch nun einmal nicht
wenige Stellen ziemlich dieselbe Bedeutung gerade für unseren
Begriff haben, also dasselbe Resultat ergaben. Und schliess-
lich müssten wir doch, um zu wissen, woran wir mit dem-
selben eigentlich sind, das Detail unter gewisse allgemeinere Ge-
sichtspunkte gruppieren und damit am Ende gar manches von
dem im Einzelnen Gefundenen wieder sagen. So ist es doch
wohl das Bessere: wir stellen zum voraus einige Hauptge-
sichtspunkte auf und gruppieren das Einzelne darnach. Nur
muss es geschehen mit möglichst losen Maschen, also mög-
lichst wenig Specialisierung, damit dem Einzelnen kein Zwang
angethan wird, sondern es in seiner textualen Gestalt zum
Wort kommen kann, und dann natürlich immer mit Unter-
scheidung der drei Schriften oder doch dem Bewusstsein, dass
es drei sind, auch nicht ohne Rücksicht auf den Zusammen-
hang, in welchem eine Aussage steht, wohl auch unter Urn-
standen auf die Reihenfolge der Aussagen.
Dabei scheint es sich dann zu empfehlen oder fast geboten
zu sein, dass wir von einer sprachlichen Erklïirung unseres
Begriffes ausgehen, um einen Fingerzeig für die weitere Er-
klarung und das richtige Verstandniss zu gewinnen, über-
haupt über ihn orientiert su sein. Allein bei niiherer Betrach-
tung erweisst sich das als zu wenig dienend. Rein sprachlich
angesehen ist der eine Ausdruck v\\ (3»v. toü isev eigentlich
zu einfach und vag, als dass wir damit für das wirkliche
Verstandniss der damit bezeichneten Sache, was damit in
concreto in den Evangeliën, was von Jesu gemeint sei, viel
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14                         DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
gewannen. Der andere Ansdruck aber: i? $xvi\\eix tüv oupxvüv
lasst an sich so mancherlei Deutung zu, hat in gewissem
Sinn etwas ratselhaftes, so dass rein sprachliches Erörtern
zu keinem Ziele führt. Weder Lexicon noch Grammatik hel-
fen da viel. Es gilt dies ja überhaupt, dass die rein sprachliche
Untersuchung noch gar keine Sicherheit dafür gewahrt, dass
wir zum wirklichen Verstandniss eines in Gebrauch gekom-
menen Begriffs gelangen. Wie viele Begriffe haben nun ein-
mal eine ganz bestimmte Bedeutung gewonnen, welche weder
durch Lexicon noch durch Grammatik gefunden werden kann!
Nur der Gebrauch, der in concreto von dem Begriff gemacht
wird, kann da entscheiden. Ebendesshalb kann vor der Spe-
cialuntersuchung auch bei unserem Begriff lediglich nichts
Sicheres ausgemacht werden. Und darum, mag es auch un-
gewohnt sein: ich gedenke, mit sprachlicher Erörterung nicht
zu beginnen, sondern zu schliessen. Es wird sich zeigen, dass
das das richtigere ist. — Da auf rein sprachlichem Wege der
Sinn, den „Gottesreich", „Himmelreich" in unseren Schriften
hat, nicht zu ermitteln ist, so möchte man um so mehr
wünschen, dass in denselben irgend eine Deflnition davon ge-
geben ware. Allein weder geben die Berichterstatter irgendwo
eine solche, noch horen wir aus dem Munde Jesu selbst etwas
der Art. Die Gleichnisse charakterisieren ja freilich das Wesen
der (3»v. tüv ovpxvüv bzw. roü $eov in verschiedener Richtung
und sind uns desshalb natürlich sehr von Wert; aber etwas
wie eine Deflnition geben sie ja in keiner Weise. Eine solche
halt Jesus eben gar nicht für nötig. Er (und nach der Dar-
stellung bei Matthaus vor ihm der Taufer) setzt unbestreit-
bar — jedenfalls nach der Darstellung der Evangeliën — als
in der Hauptsache bekannt voraus, was er mit diesem Aus-
druck meine, von was er denn eigentlich rede, wenn er von
der @*<r. tüv ovpxvüv bzw. rov ieov, wenn er namentlich gleich
zum ersten Anfang von einem „Nahesein" derselben redet.
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IN DEN SCHKIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                15
Die Frage der Pharisaer bei Luc. 17, 20 wird denn auch
hauflg als der direkte Beweis dafür, dass die Lehre vom Gottes-
oder Himmelreich, speciell von seinem Kommen, einen Be-
standteil der damaligen jüdischen Theologie gebildet habe,
angesehen; ich glaube aber, nicht mit Recht. Sollten die Pha-
risaer nicht den Begriff erst den Reden Jesu selbst haben
entnehmen können? Auch wenn sie gar nicht selbst seine
Lehre sich aneigneten, so hatten sie ja doch oft genug ent-
weder selbst ihn davon reden horen oder von Anderen ge-
hört, dass er oft davon rede. So könnte also der Sinn ihrer
Frage einfach der gewesen sein, dass sie aus irgend wel-
chem Grunde wünschten, er möchte sich einmal deutlich dar-
über aussprechen, wann denn das von ihm oft berührte Kom-
men der fixnielx, von der er so viel rede, stattfinden solle.
Doch, wie gesagt, irgend wie muss freilich die Sache, vonder
Jesus (bzw. schon der Taufer) redet, den Hörern vertraut
gewesen sein; es hatte sonst nimmermehr so unvermittelt
davon geredet werden können. Und man freute sich, neuer-
dings auch ganz direkte Spuren von „Himmelreich", „Kommen
des Himmelreichs" als einem Stück messianischer Erwartung
in jüdischen Midraschen und in den Targumen gefunden zu
haben. Vgl. Levy, Neuhebraisches und chaldaisches Wörter-
buch, s. v. fllD^D) un(i danach Cremer, Biblisch-theologisches
Wörterbuch der neutest. Gracitat s. v. /3«<r/A«/«. Allein, wenn
auch immerhin nicht unwichtig, wie wir spater uns überzeugen
werden, sind diese Spuren denn doch ausserordentlich dürftig,
und ob die betreffenden Stellen auch wirklich in die Zeit
Jesu und vor Jesu zurückreichen, ist höchst unsicher. Es ist
aber auch m. E. die Annahme, die betreffenden Ausdrücke
mussen schon der religiösen Sprache der Zeit Jesu (und des
Taufers) angehört haben, gar nicht nötig, um die anschei-
nend so unvermittelte Art, wie wir in den Evangeliën davon
reden horen, begreifiich zu finden. Dies Reden Jesu, bzw.
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-
" *
16                       . DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
des Tiiufers, setzte zum Verstiindniss gar nichts weiter voraus
bei den Hörern, als einmal die in den Propheten des Alten Testa-
ments ausgesprochenen messianischen Erwartungen (im engeren
und weiteren Sinn), die ja alle die Erwartung einer künftig (duren
den Messias) herzustellenden vollkommenen, den Menschen
volles Glück und Heil Dringenden Herrschaft Gottes (zuniichst
in Israël, aber durch Israël auch für die Heiden) als wesent-
lichen Bestandteil enthielten. „Und in den Synagogen las man",
wie Schults, Alttestamentliche Theologie 4te Auflage S. 809
sagt, „neben Mose auch die Propheten, und diese konn-
ten ja das Bild des Messiaskönigs nicht erbleichen lassen. Das
gedrückte Volk hat zweifellos das herrliche Bild des Davids-
königs (durch den nach langem, immer vergeblichem Harren
die Theokratie zu ihrer endlichen und vollkommenen Darstel-
lung kommt) mit steigender Glut aufgefasst." Und wohl findet
man in den sogenannten Apokryphen kaum eine Hinweisung
auf die messianische Zeit, auf den persönlichen Messias gar
keine. „Allein", bemerkt wieder Schults gewiss mit vollem
Recht, „sicher wurden im Volke das Buch Daniel und die
ihm nachgebildeten Geheimbücher mehr gelesen, als die sitt-
lich gehaltenen, etwas nüchternen Apokryphen." Und damit
stehen wir an dem entscheidenden Punkte. Sollte auch das,
was die Propheten des Canons enthalten, allein nicht genügt
haben, um das, was Jesus (bzw. schon der Taufer) von der
(Sxff. rüv cöpzvüv, die nahe sei, die kommen solle, redet, ohne
weiteres dem Volke verstandlich zu machen, oder müssten
wir annehmen, jene prophetischen Messiasverheissungen seien
überhaupt dem Volke zu Jesu Zeiten nicht so prüsent gewe-
sen: die sogenannten pseudepigraphischen Schriften zeigen ja,
dass hauptsüchlich an das Danielbuch sich anschliessend eine
farbenreiche, specialisierende, im einzelnen vielfach variierende
Messiashoffnung, welche wesentlich die Erwartung einer voll
kommenen Gottesherrschaft (in und durch Israël) in sich schloss,
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IN DEN SOHBJFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                  17
sich entwickelt hatte. Es sei hiefür einfach auf die gründ-
liche und detaillierte Darstellung verwiesen, welche namentlich
Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu
Christi, 2te Auflage, Band II, S. 417 ff. davon gibt, auch Weber,
System der altsynagogalen paliistin. Theologie, S. 333 ff., wo
freilich gerade die pseudepigraphische Literatur nicht berück-
sichtigt ist. Das Auftreten Jesu (und des Taufers) mit der
Predigt von der fixo-itelx war also keineswegs ein unvermit-
teltes. Sie knüpfen an das an, was die Gemüther ohnehin
— gewiss in nicht kleinen Kreisen — beschiiftigte, wenn
auch die Einen lebhafter, in positiven Erwartungen, die An-
deren nur noch, möchte ich sagen, in schwacher Erinnerung.
So ge wannen wir also auf eiumal ein reiches Material zur
Einleitung unserer Untersuchung, und es scheint sich die
Aufgabe zu ergeben, ehe wir in dieselbe eintreten, erst eine
Vorgeschichte der neutestamentlichen Lehre vom Gottesreich
und seinem Kommen durch Darstellung der messianischen
Erwartungen der Zeitgenossen zu schreiben. Ja, es könnte
überhaupt der wissenschaftliche Charakter der nachfolgenden
Untersuchung, der Darstellung der neutestamentlichen Lehre,
speciell der Lehre Jesu dadurch bedingt erscheinen. Allein,
wie so eben gesagt, einmal liegt jene Darstellung der messi-
anischen Erwartungen der Zeitgenossen Jesu in klarster und
ausführlichster Weise namentlich bei Schürer schon vor. Wir
könnten im wesentlichen nur wiederholen, was dort gesagt
ist. Warum sollte es denn da nicht genügen, darauf zu ver-
weisen? Warum sollte nicht zur vollstiindigen Wahrung des
wissenschaftlichen Charakters unserer Untersuchung die Ver-
sicherung genügen, dass wir sie nicht anders als im vollen
und bewussten Hinblick auf jene Darstellung d. h. also eben
auf die dort dargelegten messianischen Erwartungen der Zeit-
genossen Jesu anstellen ? Wir ignorieren sie so ganz und gar
nicht, dass wir sie vielmehr uns voll gegenwartig halten.
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18                          DIE LEHRE VOM EEIOHE GOTTES
Sodann aber trotz der Bedeutung, welche auch wir der
Kenntniss jener Erwartungen für das richtige Verstandniss
der Lehre Jesu und des Neuen Testaments überhaupt vom
Himmelreich beilegen, schiene es mir nicht methodisch richtig
und nicht eigentlich unserer Aufgabe förderlich zu sein, wenn
wir zuerst einleitungsweise jene Erwartungen im Ganzen
darstellen und dann erst in unsere eigentliche Aufgabe ein-
treten würden, ich glaube, es würde dies eher vom Ziele
abführen, als eigentlich förderlich sein. Denn was die neutesta-
mentlichen Schriften lehren, wollen wir wissen. Nun diese d. h.
wenigstens die Schriften der ersten G-rappe, an der wir
stehen, diese aber auch ohne alle Frage, enthalten hiefür reich-
haltiges, selbstandiges Material. Jene jüdischen Erwartungen
dagegen enthalten viele Züge, welche darin gar nicht oder doch
wesentlich modificiert wiederkehren. Wir würden uns daher von
dort ausgehend am Endo in Mancherlei verlieren, was unserer
Aufgabe ganz fern liegt. So meine ich, ist das bessere das,
dass wir vom Neuen Testament selbst ausgehen. Aber allerdings
das ist, weil jene jüdischen Erwartungen immerhin die Folie
der Lehre Jesu und des Neuen Testaments sind, nötig, dass
wir immer wieder bei den einzelnen Momenten, die uns in
letzterer entgegentreten, auf die vorchristlichen Erwartungen
zurückblicken und uns ebenso die Convergenz oder den An-
schluss daran, als die Divergenz klarmachen. Jenes Anschlies-
sen findet eben in der Art statt, dass dann doch gleich wieder
ein Auseinandergehen bald in geringerem, bald in grösserem
Mass unverkennbar ist. Dadurch ist m. E. der an sich ganz be-
rechtigten Forderung, unserer Untersuchung einen Unterbau
durch eine Einleitung in der genannten Richtung zu geben,
vollstandig genügt. Sachlich geben wir das auch, nur in an-
derer Form.
Unmittelbar also in den Gegenstand eintretend ist der Weg,
den ich einschlage, weil ich ihn für den allein zu einem siche-
«
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.                  19
ren Ziele führenden halte, der: Wir wollen dem vorliegenden
Material die verschiedenen Merkmale, welche nach demselben
unserem Begriff zukommen, eines nach dem andern — ich
möchte sagen — abzuhorchen suchen, womit wir dann zu-
gleich die Hauptgesichtspunkte, die in Betracht kommen, und
einen stetigen Gedankenfortschritt gewinnen. Denn wir gehen
dabei aus von dem, was ganz evident und konstant vorliegt,
worüber also gar kein Zweifel entstehen kann, und schreiten
so von einem Moment zum andern weiter, um den Begriff
in immer engere Grenzen einzuschliessen und dadurch dem
richtigen Verstandniss wo möglich immer naher zu kommen —
und dann schliesslich auch über den sprachlichen Ausdruck
zur Klarheit zu gelangen. Jede Position, die wir dadurch ge-
winnen, wird so eine Etappe und Directive für das "Weitere.
Und das, meine ich, ist wichtig, und dieses Yerfahren das
allein richtige bei einem so vieldeutigen Begriff, bei dem an
sich so mancherlei Auffassungen gleich möglich sind oder
doch scheinen. Denn durch jenes Verfahren wird von den an
sich auch möglichen Auffassungen jede ausgeschlossen, die
zu dem schon gefundenen und festgehaltenen Merkmal oder
Moment nicht stimmt; es wird eine bestimmte Auffassung
gefordert. Je mehr Positionen dann feststehen, desto siche-
rer wird natürlich unser Gang.
HAUPTMOMENTE DEE HIMMELREICHS- BZW. GOTTESREICHSLEHRE.
1. Die (tauihila twi\' ovgavüv bzw. ioC dsov ist uur Eine.
Das erste, was namhaft zu machen ist, wenn wir die Haupt-
momente der Himmelreichslehre, wie sie uns zunachst in
unseren drei Schriften entgegentritt, festzustellen suchen, ist
freilich etwas, das eigentlich der Fixierung kaum wert zu
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20
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
\\
sein scheint und doch in erster Linie ausgesprochen werden
muss: Die jS««a. tüv oüpxvZv bzw. toü itov tritt nie anders
als in der Einzahl auf. Es gibt nur Eine solche fix<rtXelx, nur
Eine, ganz bestimmte, so zu sagen, individuelle. Man könnte
in dieser Hinsicht schon die constante Determination des Aus-
drucks durch den bestimmten Artikel betonen. Doch unter-
lasse ich das, da dieser Umstand allerdings noch nicht be-
weisend dafür ist, sondern auch einfach daraus erklart werden
kann, dass es sich um ein bekanntes d. h. allgemein erwar-
tetes Reich handelt.
Nur Eine, sagen wir, ist die @x<tiï.s!« r&v oupxvüv bzw. toü
ócoïi.
Ja, denn von einera Nebeneinander mehrerer solcher
fixateixi ist nirgends die Rede. Nur das ist richtig, dass
neben der j3xo-iKei« toü 6soü auch manchmal von der, bzw. von
einer fix<ri\\elx Christi gesprochen ist. Ueber das Verhaltniss
dieses fixaixevetv Christi zu der (3x<r. G-ottes selbst kann
hier noch nichts ausgemacht werden. Es ist nur zu sagen:
soweit jene (3c«r. Christi wieder von der (3«er. Gottes zu unter-
scheiden ist, wird durch das Vorhandensein oder Entstehen
jener fixa-thstx selbstverstandlich nichts daran geandert, dass
letztere, die (3«<ritelx toü êeoü, nur Eine ist. Insoweit aber
jene fixs-ixelx mit derselben zusammenfallen sollte, bliebe es
ja ohnehin dabei, dass nur Eine solche (2x<rikeix ist, eben
die mit der (3xe. Christi zusammenfallende. Ebensowenig aber
ist je von einem Nacheinander von $xo-i\\eixt rüv oüpxvüv bzw.
toü $eov die Rede (in den Evangeliën jedenfalls auch nicht von
einem Nacheinander einer fixo-ixelx Christi und einer darauf
folgenden /3«o-. toïi êeoü). Die $«<nkeix toü öeoïi, so offc von ihr
die Rede ist, erscheint durch weg als ein Abschluss, hinter
dem nicht und nie wieder eine andere, etwa noch höhere in
Perspective gestellt ist. D. h. sollte auch, worauf hier noch
nicht eingegangen werden kann, das Kommen der j3*«r. tüv
oüpxvüv
bzw. toü êeoü nicht als etwas mit Einem Mal oder
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IN DEN SCHRIFTEN DES NETJEN TESTAMENTS.                 21
von jeher Abgeschlossenes gedacht oder zu denken, sondern
von einem Ziel noch ein Anfang zu unterscheiden sein: die
(3x<rt*clx, welche so einen Anfang, einen Fortgang und ein
Ziel hatte, ist eben nur die Eine, die überhaupt existiert.
In diesem Punkt sind die drei Evangeliën ganz einstimmig;
von einer verschiedenartigen Auffassung findet sich keine
Spur, eine gesonderte Erwagung ist hier unnötig.
Auch liegt dieser Punkt ganz in der Linie der schon vor-
neutestamentlichen Erwartung. Wie auch immer im Einzelnen
die erwartete Herstellung einer vollkommnen Gottesherrschaft
gedacht wurde: so viel ist gewiss, sie sollte das Endziel sein,
wenn auch mit verschiedenen Stadiën. Jene Gottesherrschaft
ist daher eine Eins; nur Eine bestimmte Gottesoffenbarung
ist die erwartete höchste.
2. Zweck und Bedeutnng der Zngehörigkeit eines Mensclien zn der
(UtisiXeiu ist lediglich das Eintreten in den Genuss eines
(Jules, bzw. des höchsten Gntes.
Dieses Moment ist ganz besonders charakteristisch und für
ein richtiges Verstiindniss der Himmelreichslehre massgebend;
und es tritt uns nicht minder mit vollster Evidenz und ganz
constant in allen drei Evangeliën entgegen. Wir mussen es
anerkennen, ein Zweifel ist gar nicht möglich. Mit dem Begriff
der fixvixeix rüv oüpxvSsv bzw. toïi êiov, mit dem Gedanken,
dass Jemand in dieselbe kommt oder in derselben ist, ver-
bindet sich stets, ganz unmittelbar und unablösbar davon,
der Begriff eines Gut es für den Betreffenden. Damit, dass
Jemand in diese fia.irtt.slx kommt, sie „Jemandes wird", bzw.
„Jemandes ist", wird ihm etwas zu Teil; er empfangt, er
erfahrt etwas. Denn es ist-der Eintritt in den Besitz und
Genuss eines Gutes. Es meint also nicht irgend ein Verhal-
ten (innerer oder ausserer Art), sondern eine Zustandlichkeit,
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22
DIE LEHRE VOM EEIOHE GOTTES
in die man versetzt wird, meint vollends nicht eine Aufgabe,
sondern eine Gabe. Die Zugehörigkeit zu dem Himmelreich
ist daher nicht ein ethischer Begriff im engeren Sinn dieses
Worts, wonach an ein Soll irgend einer Art gedacht wird,
sondern es ist — ich weiss kaum einen geeigneteren Aus-
druck — ein pathologischer Begriff, natürlich in bonam
par tem, d. h. es drückt ein eiï itx<j%eiv des Betreffenden aus.
Die einzige Stelle, welche dieser Behauptung zu widerspre-
chen scheinen könnte, werden wir gleich nachher besprechen,
werden spater auch sehen, in welcher Weise ja freilich das
ethische Moment auch in jenem engeren Sinne für den Be-
griff der Zugehörigkeit zum Himmelreich in Betracht und zu
seinem vollsten Recht kommt. Hier, bei der Bestimmung
davon, was Zweck und Bedeutung dieser Zugehörigkeit sei,
mussen wir es noch abweisen. Ja so sehr lauft dieselbe auf
ein Gut, das man empfangt, hinaus, dass Gut, oder, wie
wir hier schon vorlauflg sagen können, höchstes Gut den
ganzen Inhalt des Gottesreichs, natürlich in subjectiver Be-
ziehung, ausmacht, und daher „Himmelreich", „Gottesreich"
in unseren Schriften hauflg nahezu in jenen Begriff über-
geht, und der Gedanke daran, wodurch dieses Gut sich (ob-
jectiv) vermittelt, und an ein Gebiet, in welchem es genos-
sen wird, ganz in den Hintergrund tritt.
Ganz schief ist es daher, wenn offenbar mit oberflach-
licher Folgerung aus dem Ausdruck (3x?t\\s!x ohne weiteres,
wie freilich ganz gewöhnlieh geschieht, der Mensch, bzw.
der Wille des Menschen als das direkte Objekt des göttlichen
fixeiKsüeiv in dem Sinn gedacht wird, dass dieses (3x<ri*.sveiv
als Herrschen Gottes bzw. des Geistes Gottes im Menschen
gefasst und so die eigentliche Bedeutung der Zugehörigkeit
zum Himmelreich (man sagt dann aber lieber: Gottesreich) in
dem Gott Gehorsamsein, in dem Führen eines göttlichen Lebens,
oder wie man es nun naher ausdrücken mag, gefunden wird.
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IN DEN SCHRIFTFN DES NEUEN TESTAMENTS.                 23
Natürlich Gott fixtriKtóet, wann und wo er eine (3x<rt>.eix
hat. Inwiefern? kann aber hier noch nicht weiter ausgeführt
werden, wo es sich nur um die Folgedavon für den Menschen
handelt. Es kann nur im Allgeraeinen hier so viel gesagt
werden: es ist = Gott ist vollkommen unheschrankt (durch
keine widergöttliche Macht beschrankt) in der Entfaltung sei-
ner Macht und entfaltet dieselbe unbehindert zu beseligender
Offenbarung seines Wesens. Und davon ist dann die Folge
und der Gewinn für den, der in dieser (3x<raeix Gottes ist,
wie es Zweck und Bedeutung des Kommens in dieselbe und
des Seins in derselben ist: ein Glückbesitzen, ein (höchstes)
Gut Geniessen. Oder weil es mit dem j3x<rtt.ev£iv Gottes sich
so verhalt, darum ist die Zugehörigkeit zu dieser /3«<r;A«/«
ein Gut, ein eu it&axav für den Betreffenden. Also das (3«-
ateveiv
Gottes in dieser (3x<ri\\eix — und das muss im Auge
behalten werden — will und soll dem betreffenden Menschen
gegenüber nicht ein Beherrschen, sei es ausseres oder inneres,
bedeuten, sondern ein fixviteveiv zu seinen Gunsten. Der
Mensch g e n i e s s t dasselbe. Nur von dieser Seite kommt es für
ihn in Betracht und nur in diesem Sinn kann er als Object
desselben bezeichnet werden.
Ob bei dieser @*vi\\eltt Gottes sein fixvixeüsiv doch auch als
ein Zusammenschliessen Vieler zu einer Einheit, als Beschaf-
fen und Erhalten einer Gemein schaft, als (sittliches) Organi-
sieren (nach Ritschl) in Betracht kommt, ob demnach die
Bedeutung der Zugehörigkeit zu dem Himmelreich in formaler
Beziehung auch noch in der Eingliederung in ein Ganzes be-
steht: diese Frage kann hier noch nicht zum Austrag ge-
bracht werden. Wir gehen ja ausgesprochenermassen von den
ganz evident in unseren Texten vorliegenden Momenten aus,
um so fortschreitend der Sache auf den Grund zu kommen.
Zu jenen evidenten Momenten gehort aber dieser Punkt keines-
wegs oder nur für eine oberflachliche Beurteilung, welche
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24                             DIE LEHRE VOM EEICHE GOTTES
geschwind aus dem Gedanken, „es ist ja doch von einem
Reich die Rede" ihre Schlüsse zieht, ohne viel zu prüfen, ob
sie auch von dem Autor, den man erklaren soll, gezogen
sind, und so unversehens die eigenen, dem Autor fremden
G-edanken eintritgt. Uebrigens dürfte gerade darin, dass dieser
angeregte Punkt ein keineswegs ohne weiteres evidenter ist,
also in diesem Negativen denn doch schon wirklich auch
ein leiser "VVink für das richtige Verstandniss unserer Lehre
liegen.
Doch wenden wir uns zum exegetischen Nachweis dessen,
was wir über den Zweck und die Bedeutung der Zugehörig-
keit zum Himmel-, bzw. Gottesreich gesagt haben. Freilich
in Betren0 des „Dass" d. h. dass dieselbe in unseren Schriften
stets und ganz wesentlich als ein Gut erscheint, als ein sv
rraextiv,
könnten wir uns eigentlich eines Nachweises für
überhoben erachten. Denn es wird dies ja freilich direct und
ausdrücklich kaum einmal oder nur sehr selten ausgespro-
chen. Aber das geschieht nur, weil es einfach bei allem Re-
den vom Himmelreich die Voraussetzung ist, weil es ganz
wesentlich in der Linie der Hoffnung auf Herstellung einer
vollen Gottesherrschaft, also der Hoffnung, in welcher die
Hörer stehen, liegt. Mit allem Reden vom Himmelreich und
seinem Kommen oder der Teilnahme an demselben verband
sich für sie ganz von selbst und ganz unmittelbar der Ge-
danke an ein (höchstes) Gut. Um eine Periode höchsten Glückes
und Heiles herbeizuführen, sollte ja doch jene Gottesherr-
schaft eintreten; eben das war der eigentliche Kernpunkt
jener ganzen Erwartung. So ist denn auch für die Mehrzahl
der Stellen, die vom Himmelreich in unsern Evangeliën han-
deln, dieser Gedanke ganz unmittelbar das punctum sa-
liens. Ohne ihn auszusprechen, gehen sie von ihm aus; sie
sind nur unter seiner "Voraussetzung verstiindlich; auf ihm
beruht ihr Zweck und ihre Bedeutung.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               25
Immerhin aber wollen wir uns, zumal bei der massgeben-
den Wichtigkeit gerade dieses Momentes, einem Nachweis
im Einzelnen durch Zusammenstellung samtlicher Stellen und
unter ausdrücklicher Namhaftmachung derer, welche allein
für diese Frage irrelevant sind, nicht entziehen.
Nun da ist denn 1. vor allem zu sagen, dass keine Stelle
dagegen spricht, also etwas anderes als Bedeutung der Zuge-
hörigkeit zum Himmelreich bezeichnet als was wir genannt ha-
ben. Oder ja Eine Stelle so viel ich sehe, könnte es doch zu
thun scheinen. Denn eine zweite, Matth. 6, 33, welche nach
der lect. ree: fyreïv tyjv /3#(nA. toïi êeou xx) rij» èiKxtotrvvvjv
xvtov, es auch zu thun scheint, lautet nach der wenigstens
wahrscheinlich richtigeren Lesart anders und spricht dann
jedenfalls nicht gegen uns (hievon spater). Jene Eine Stelle,
die Bedenken wecken könnte, finden wir Matth. 21, 43,
wo von nxpiro) rij9 fixf. toïi óeov, von einem iroieïv sol-
cher Früchte die Rede ist. Bedeutet also, möchte man fra-
gen, nicht doch Zugehörigkeit zum Gottesreich eine ethische
Aufgabe bzw. ein ethisches Verhalten, nemlich eben ein noisïv
von icxpnoi, nicht aber das, dass dem Menschen ein Gut zu
Teil wird? Allein ist denn davon etwas gesagt, dass dem
s$vos, vom dem die Rede ist, >5 /3«s-. toü êeoü foifoiTxi zu
dem Zweck, dass es irote7 Tohq uxpnovt; Tijg (3x<r^iixg? Keines-
wegs, sondern die Aufnahme in diese @xo-i\\eix ist und will
sein ein Gut (vgl. foSfoerxi), wie umgekehrt das Ausschliessen
von derselben eine Strafe, also ein Unglück ist. Das iroteïv
tov? mpiroói;
ist einerseits die Bedingung der Aufnahme in
das Reich; gerade dass die Pharisiier es daran fehlen lassen,
bringt sie um dasselbe. Noch mehr aber ist es allerdings die
Bedingung des Bleibens in dem Reich für jenes andere ëêvos.
Aber dass nun dieses iroieTv bei ihm stattfinde, ist einfach
vorausgesetzt, weil vorausgesehen. Sie werden nicht aufge-
nommen in die @x<ri\\e!x, damit sie iroioüo-i tovs xxpnovq. sondern
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v
26                          DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
sie 7Toioü<ri r. x., damit sie darin und seines Glückes teilhaftig
bleiben und we il sie darin bleiben und als bleibend angesehen
werden. Insofern ist die Stelle allerdings von Bedeutung; sie
dient zur Erganzung dessen, was wir hernach sub 3 finden
werden. Sie sagt uns, was, wenn es sich auch eigentlich
von selbst versteht, doch wichtig ist, sich klar zu halten,
dass die Bedingung für die Aufnahme in die 0x<n\\elx, nem-
lich ein bestimmtes ethisches Verhalten, auch Substrat des
Seins in derselben ist und bleibt. Nur ist, wie gesagt, dies
Verhalten nicht Zweck, weder der Aufnahme, noch des Blei-
bens in der (3z<ritelx.
2. Nur verhaltnissmassig wenige Stellen sind es, welche,
ohne irgend gegen unsern Satz von dem Zweck und der Be-
deutung der Zugehörigkeit zu der /3«<nA«\'« zu sprechen, davon
überhaupt nichts andeuten, einfach, weil sie von etwas reden,
wobei es auf jenen Umstand nicht ankommt.
Es sind das einmal solche Stellen, in welchen das Erschei-
nen der j3xci\\eix lediglich als Zeitpunkt in Betracht kommt.
So Mare. 9, 1; Luc. 9, 27 (in der parallelen Stelle Matth. 16,
28 ist von der fixeikeix Christi die Rede), obwohl auch hier
die fast gebotene Combination je mit dem vorhergehenden
Vs. das iirxi<T%vvs<TÖxt xÖTÓv von Seiten des Menschensohnes
als ein Ausschliessen von der fixvaeix erscheinen lasst, die-
ses also schwerstes Uebel und darum das Gegenteil ein Gut
sein muss. Ferner Luc. 22, 18; 17, 20; 19, 11. Doch ist in
den beiden letzteren Stellen nicht zu verkennen, dass das In-
teresse des Fragens nach der Zeit, wann die (3x<rtteix komme,
und wieder der Anlass der Meinung, sie werde bald erschei-
nen, die ja doch als eine Hoffnung zu fassen ist, in dem
Gedanken liegt, es sei damit ein Gut verbunden. Luc. 21, 31 ist
kaum mehr hieher zu rechnen, da das èyyv<; ehxi der (3x<riXflx
doch auch hier, wie in den nachher zu erwahnenden Stellen,
nur desshalb namhaft gemacht wird, weil es etwas Gutes
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IN DEN SOHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS. 27
ist. Ohnehin steht dieses iyyu? ehxi der @x<rixeix zu deutlich
in Parallele mit dem èyyifyiv einer xiro\\vTpu<rn; zwei Verse
vorher.
Weitere derartige Stellen waren solche, in welchen die &x-
tnteix
zunachst nur als das Gebiet von an sich indifferentem
Charakter erscheint, in welchem Jemand ist oder etwas ge-
schieht. So namentlich Matth. 26, 29 mit den Parallelen Mare.
14, 25 und Lucas 22, 16. Doch ist auch hier die (Zxvixiix
jedenfalls das Gebiet, wo etwas geschieht, das von hohem
Werth (für die Jünger) ist. Ebenso Matth. 8, 11 mit Luc.
13, 28 f. Hier ist zwar zunachst nur das xvxtc*.ive<róxi mit
den Erzvatern das Gut, und die /3*m«\'« nur der Raum.
Aber dass die Erzvater dort sind, kennzeichnet deutlich die
$xai\\tix als eine Statte hohen Glückes. Nur desshalb sind
sie dort. Und Luc. 13, 29 erscheint eigentlich das xvxxxivsvöxi
èv
Tg fixGiheix t. $. an sich selbst als ein Glück. Weiter ist in
den Stellen Matth. 5, 19; 11, 11; 18, 1. 4 (mit Luc. 7, 28) die
(SxviXilx t. ovp. freilich zunachst nur der Ort des Grossseins
oder Grösserseins als Andere. Aber diess Gross- oderGrösser-
sein darin ist eben nur darum so wertvoll, weil das Sein in
der $xsi\\iix an sich ein Glück ist, und vollends kann nur
aus diesem Grund davon die Rede sein, dass schon das f*ixpó-
repot; thxi êv
tjj ^xiiuix (wofern die Stelle so zu verstehen
ist — wovon spater) etwas Wertvolles sei. Dagegen sind na-
türlich ganz hieher zu rechnen als irrelevant für unsere Frage
solche Angaben ganz allgemeiner Art, wie \\6yoi rij? (3xtrt-
kilmf, \'BixyyèWeiv, Kypvvaeiv ryv fixsiteixv, fixiviTevöiivxi ry /3«-
viXsia, [*.u<rT>jpix rijg fixtrtXeixs, und Gleichnisse, wie die vom
Senfkorn und Sauerteig, welche nun einmal dazu dienen soll-
ten, die (3xtrt\\six t. ê. nach einer andern Seite hin zu charak-
terisieren. Und doch auch hier: gepredigt z. B. wird die (2x-
<Tt\\six t. ó.
doch nur, weil es sich um etwas Heilbringendes
handelt, und der Ausdruck huittJipwv lasst die (3x<ritelx auch
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28
DIE LEHRE VOM REIOHE GOTTES
als etwas, was solcher Art ist, ahnen; denn eben darum ist
es wichtig, diese puaTijpix zu erfahren.
3. Sahen wir schon in diesen Stellen den Begriff eines mit
der fixvixelx t. 0. verbundenen Gutes immer wieder wenig-
stens in der Nahe liegen, so gehen in allen weiteren die Aus-
sagen geradezu von diesem Gesichtspunkt aus. Sie setzen
jenen Begriff zu ihrem Verstandniss voraus; einige wollen ihn
direkt konstatieren.
Stellen wir denn einfach der Reihenfolge nach die verschie-
denen Aussagen zusammen, mit Marcus beginnend, aber so,
dass wir gleich die Parallelen bei Matthaus und Lucas dazu
nehmen, dann weitergehend zu Lucas mit den Parallelen nur
noch bei Matthaus und schliesslich zu Matthaus, indem so
am einfachsten erhellt, inwieweit Lucas noch über Marcus,
Matthaus über Marcus und Lucas hinaus Besonderes enth&lt.
Nun so haben bei Marcus folgende Aussagen daszurVor-
aussetzung, dass die Zugehörigkeit zu der @<*<nteix r. 6. ein
Gut ist oder sein Kommen ein Gut bringt:
a. 1, 15: Das feierliche Proclamieren des Naheseins der
(3x<rt>.e!x und speciell die Mahnung zum perxvoüv in Verbin-
dung damit, die natürlich ihren Grund darin hat, dass man
durch Unterlassen des ftcTxvoeTv ein hohes Gut verscherzen
würde. Ganz ebenso Matth. 3, 2 und 4, 17. Und spater er-
halten dann nach Matth. 10, 7 die Jünger Jesu von ihm den
Auftrag zu der gleichen Ankündigung, und in Verbindung
damit den zum Verrichten von Heilungswundern, was sich
daraus erklart, dass das Kommen des Gottesreiches inihnen
sein Vorspiel haben soll, also natürlich etwas Heilbringendes
sein muss. Und ganz ebenso Luc. 10, 9. 11, welche Stelle
zugleich ausspricht, dass man durch sein Verhalten das Kom-
men in das Gottesreich verscherzen könne, was ja etwas
Schlimmes nur sein kann, weil jenes Hineinkommen ein
Gut ist.
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IN DEN SCHKIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS. 29
b.  9, 47: Der Rat, lieber ein Auge zu verlieren, als das
Eingehen in die $x<sihdx r.ê. zu verscherzen.
c.  10, 14: Dass als ein Vorzug der Kinder gerühmt wird,
dass ihrer das Reien Gottes, bzw. der Himmel sei; ebenso
Matth. 19, 14; Luc. 18, 16.
d.  10, 23 ff. und ebenso Matth. 5, 20; 7, 21; 18, 3; 19,
23. 24; Luc. 18, 24 f.: Ueberhaupt das Reden von einem sk-
c\\6e7v dg riiv (3xiri\\elxv r. ê. —
denn das ist doch unleugbar
= dem Eintritt in den Bereich eines Gutes — und dann das
Beklagen des schwer Eingehenkönnens der nxovaiot in diese
fix<ri*.eix, was ja nur unter jener Voraussetzung verstandlich
ist. Ueberdies kann nur, weil es um ein hohes Gut sich
handelt, in zwei der genannten Matthausstellen (5, 21; 7, 21)
das Eingehen in die (3xtrit.eix t. oöp. unter eine bestimmte ethi-
sche Bedingung gestellt werden.
e.  15, 43: Die Bezeichnung der fixmKeix r. i. als Gegenstands
eines 7rp0<r$éx«r6xi- Auch das lèx£^x\' 10> 15 (und parallel Luc.
18, 17) erklart sich doch eigentlich nur daraus, dass mit der
fixintelx t. 6. ein wertes Gut verbunden ist, das man in
Empfang nehmen soll. In der Stelle 12, 34 könnte an sich
der Sinn allerdings sein: „nicht weit entfernt von der Gottes-
reichsgesinnung." Allein richtiger ist doch die Erklarung:
„Mit einer solchen Gesinnung bist du nicht weit entfernt
davon, in das Gottesreich zu kommen"; und dies hat natür-
lich für den Betreffenden nur Wert, so dass es sich wohl ver-
lohnt, es ihm zu eroffnen, weil damit ein Glück verbunden ist.
Dass die (Sx<n\\dx r. 6. dem Menschen ein Gut bringt, liegt
dann weiter in foigenden Stellen bei Lucas:
4, 43; 8, 1; 16, 16 (womit parallel die Ausdrücke bei Mat-
thaus: 4, 23; 9, 35; 24, 14): Die Predigt von der (3x<ri*slx
t. S.
ist ein euxyyèxiov (was indirekt wenigstens, da nach
richtiger Lesart Mare. 1, 14 nicht von suxyyiKiov rvis fixt.
geredet ist, auch Mare. 1, 15 sagt);
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30                          DIE LEHBE VOM EEICHE GOTTES
6, 20: Die, deren die @x<raeix r. ê. ist, werden selig ge-
priesen; die @x<rt\\eix bringt reienen Ersatz für Armut; ebenso
Matth. 5, 3 und dort v. 10: auch für Verfolgung; die (Sxo-iXelx
zu haben, erscheint namentlich in letzterer Stelle als der
wertvolle Lohn für das Erdulden von Verfolgung;
9, 26: Das nicht sUsroc, iïvai zu der fixatxeix r. ê. ist ein
Verlust, etwas, was vermieden werden sollte;
11,   12 (und parallel Matth. 6, 10): Um das Kommen der
j8«9-/Af/« wird gebeten und soll gebeten werden;
12,   31 (und parallel Matth. 6, 33): \'H 0x<ntelx t. 6. soll
gesucht werden;
12, 31: Sie ist eine G-abe Gottes;
14, 15: Wer in der @x<riXe!x xprov Qxyerxi, wird selig ge-
priesen, natürlich nicht wegen des xprov <pxye<rêxi an sich,
sondern weil es in der (3x<n>.eix geschieht;
16, 16 (und parallel Matth. 11, 12): Die (ixvatïx ist Gegen-
stand sogar eines gewaltsamen Versuches, hineinzukommon,
@tx&iv, so wichtig ist das Hineinkommen.
Wenn endlich von Jesu sein Daemonenaustreiben durch
den Geist bzw. Finger Gottes (11, 20 und parallel Matth. 12,
28) als Zeichen eines cpSxvxi der /2x<ri\\eix r. $. bezeichnet wird,
so liegt natürlich darin wieder, dass das Kommen derselben
den Anbruch einer Heilszeit bedeutet, und wenn nach 18,
29 die (3x<riKelx r. ê. etwas ist, wegen dessen ein Mensch
alles verlassen kann, so gilt selbstverstandlich das gleiche.
Matthaus endlich bietet uns noch einige weitere Stellen:
8, 11 ist das y/\'o? rij? (Zx<ri\\clx<;- sein jedenfalls als ein Vor-
zug gedacht, und das Ausgestossenwerden in die Finsterniss
bildet den Gegensatz zu dem Loos, das ihm zugedacht war,
das also ein Stand des Glückes sein muss. Damit stimmt 13,
42: Das Ausgestossen werden bzw. Ausgeschlossen werden von
der (Sxo-iXeix (allerdings nach v. 41 zunachst von der (3<x<jiAs
des Menschensohns) ist = dem Geworfenwerden in den Feuer-
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IN DEN SCHEIPTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 31
ofen. Dagegen ist nach v. 43 die (Zxaixeix ihres Vaters der
Ort, wo die ÏUxiot leuchten werden wie die Sonne, also eine
Statte höchsten Glückes und höchster Ehre.
16, 19 wird das Verleihen der Schlüssel des Himmelreichs
an Petrus als etwas ganz Besonderes hervorgehoben, doch in
dem Gedanken, dass damit der Zugang zu einem grossen
Gute gewahrt werde, und wenn 23, 13 den Pharisaern ein
Vorwurf daraus gemacht wird, dass sie den Menschen die
(3xtri>.eix zuschliessen, so kann diess nur geschenen, weil es
sich um ein Gut handelt, urn das man gebracht wird.
Nur desshalb können nach 19, 12 Manche wegen des Him-
melreiches sich entmannt haben, und kann nach 21, 13 das,
dass Tetibvxi tuti irèpvxt noch vor den xpxiepiT? und itpeafiÜTepoi
in das Himmelreich kommen, ein Urteil sein, das diese aufs
empflndlichste trifft.
25, 34 ist das Khypovo/teTv tvjv yToiftxjpévtiv (ZxaiXeixv natür-
lich Bezeichnung hohen Glückes, das den Betreffenden wider-
fahren soll, wie ja eigentlich schon mit troifAxtrtAsvvi die i3x<ri-
A*/« als ein Gut bezeichnet ist.
Einige Gleichnisse endlich haben bei Matthaus ganz spe-
ciell den Zweck, den Gut-Wert des Himmelreichs für die
Menschen zu constatieren. Es liegt ja schon in den Gleichnis-
sen von dem Hochzeitsmahl 22, 2 ff. und von den zehn Jung-
frauen durch die Vergleichung dessen, was das Himmelreich
bietet, mit einem Hochzeitsfestmahl bzw. mit einer Hochzeit-
feier, und in dem von den Arbeitern im Weinberge 20,1 ff.,
indem die Aufnahme in das Himmelreich hier als (*i<róós, den
man empfangt, erscheint, oder einen solchen mit sichbringt.
Direkter aber noch ist es ausgesprochen in den Gleichnissen
vom Schatz im Acker und von der Einen köstlichen Perle,
13, 44-46.
Also wenn irgend etwas klar und unbestreitbar ist, so ist
es das: Mit der Zugehörigkeit zu der fixviteix r. 6. will ein dem
.
È
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32                              DIE LEHRE VOM EEIOHE GOTTES
Menschen zu Teil werdendes Gut ausgesagt werden, keines-
wegs aber irgend ein Verhalten, eine Qualitat oder gar eine
Aufgabe des Menschen. Es ist das ganz besonders deutlich
da, wo jene Zugehörigkeit ausdrücklich von einem Verhalten
des Menschen abhangig gemacht wird. Es hatte ja keinen Sinn,
durch ein bestimmtes Verhalten wieder ein Verhalten oder
überhaupt eine ethische Qualitat bedingt sein zu lassen. In
den betreffenden Aussagen lage gar kein Fortschritt; sie be-
wegten sich so zu sagen im Kreis.
Wir nahmen im Obigen alle Aussagen Jesu über die /3«-
atxeix r. ê. durch. Vielleicht wird gesagt, es sei des Gulen
damit zu viel geschehen, schon einige Stellen batten genügt,
um unseren Satz von dem Gut-Charakter der (Sxa-ixsix zu er-
harten. Aber wir thaten es geflissentlich, damit ganz klar
werde, wie constant die Sache ist und wie unwiderleglich.
Und das ist uns wichtig. Denn, wie schon oben bemerkt
wurde, eben dieser Punkt ist nach meiner Ansicht mass-
gebend für die ganze Himmelreichslehre; von ihm hangt ganz
wesentlich das richtige Verstandniss derselben überhaupt ab.
Unsere Ausführung zeigte auch, dass hierin die drei Evan-
gelien einstimmig sind. Fanden wir auch bei Matthaus am
meisten Aussagen, welche dies bestatigen: die beiden anderen
Evangeliën denken doch nicht anders von dem Zweck und der
Bedeutung der Zugehörigkeit zu der (3x<ri\\eix; auch sie flnden
diese Bedeutung nicht minder darin, dass man in den Besitz
und Genuss eines honen Gutes kommt.
Was ist aber eigentlich dieses Gut, welches diese (Zxeixd»
ihren Genossen verschafft und gewahrt? fragen wir natür-
lich schliesslich. Nun ein hochwertes jedenfalls — soviel hö-
ren wir den betreffenden Aussagen unmittelbar ab — aber
noch mehr, es ist ein ünales, ist das höchste Gut. Denn
von einem Gut, das noch hinter diesem und über dieses
hinaus zu erwarten ware, ist nirgends das geringste angedeu-
.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               33
tet. Doch worin besteht nun dieses hohe, bezw. höchste Gut?
Mit Ausdrücken, wie dvxx>.he<7t)xi h r% fixa-aeia t. 6. mit
den Erzv&tern usw., ist nur insofern für diese Frage etwas
gesagt, als der Zustand dieser Erzvater doch natürlich als
ein seliger gedacht ist und desshalb ein ivxx\\ht<rê»i mit ihüen
ein Teilnehmen an diesem Zustand in sich schliesst, wohl
auch das Wort an sich selbst auf ein Runen und, weil ein
avocKk. bei einem Mahle, auf ein Geniessen hinweisen soll.
Ueber das allgemeine Merkmal von Glück und Freude führt
auch die Vergleichung mit einem Hochzeitmahl oder einer
Hochzeitfeier nicht hinaus. Denn der specielle Gedanke, den
man wohl darin finden wollte: Mit Christo, als dem Brauti-
gam, in Gemeinschaft treten, liegt doch in Wahrheit schon
ab von dem tertium comparationis der betreffenden
Gleichnisse. Specielleres, als dass es sich um einen augen-
fallig herrlichen Zustand handle, ist auch nicht gesagt Matth.
13, 43, wenn der Zustand der Wxxtot in der (3x<tiksIx, an Daniel
12, 3 sich anschliessend, als ein ix\\x[t7reiv «« i faios bezeich-
net wird. Concretere Züge könnten wir dagegen den Versen
im Eingang der Bergpredigt Matth. 5, 4 —9 entnehmen, wenn
wir berechtigt sind, die dort ausgesprochenen Verheissungen
als Zeichnung des Zustandes des Himmelreichsgenossen zu
betrachten. Allein so gewöhnlich das geschieht, es ist mir
zum mindesten nicht sicher, ob das richtig ist. Es lautet ja
freilich ganz plausibel: „Diese Verse sind so hübsch einge-
rahmt von den beiden Versen 3 und 10, wo das Himmelreich
im Allgemeinen verheissen ist; also werden die besonderen
Verheissungen in v. 4 — 9 Exemplificationen des Himmelreichs-
guts sein und sein sollen." Allein wir haben jedenfalls keine
Garantie dafür, dass wir diese Verse in ihrem ursprünglichen
Zusammenhang haben. Wenigstens in der Parallele Luc. 6,
21 haben wir nur zwei von jenen Versen und auch diese etwas
abweichend. Man könnte also doch nur sagen, Matthaus
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34                          DIE LEHRE VOM REIOHE GOTTES
habe die Verheissungen in jenen Zwischenversen so betrach-
tet, wie gewöhnlich angenommen wird. Allein es ist mir auch
das zweifelhaft. Wir horen ja lauter ganz specielle Verheis-
sungen, je duren die speciellen, im ersten Glied genannten
Umstande oder Qualitaten veranlasst. Es will immer gesagt
werden, dass jedem, der die oder die Qualitat habe, in dem
oder jenem Zustand sich beflnde, das Entsprechende, d. h. zum
Teil das per antithesin Entsprechende zu Teil werden
werde. Also jede dieser Verheissungen hat ihren eigenen be-
stimmten Zweck, aus dem sie sich voll erkliirt. Nicht, meine
ich desshalb, sollen sie das Himmelreichsgut exemplificieren,
sondern nur Parallelen scheinen sie mir zu sein zu der Him-
melreichsverheissung, indem auch hier der Fall der gleiche
ist, dass das Gut, welches das Himmelreich biïngt, eben als
hohes Gut per antithesin dem vorhergehenden Zustand,
der als ein kuxgh; Tr&<r%eiv im letztern Fall (v. 10), in gewissem
Sinn auch im ersten (v. 3) zu bezeichnen ist, entspricht. Also
lauter Falie, in denen der Sachverhalt ein ahnlicher ist, Grosses,
Unerwartetes in Aussicht steht bei bestimmten Qualitaten
oder Lebenslagen, wollen zusammengestellt werden, natür-
lich um die Qualitat zu empfehlen oder über die Lebenslage
zu beruhigen. Bei der Verheissung an die npxe7$ v. 5 hat man
dann auch bei der gewöhnlichen Auffassung Mühe, die Ver-
heissung des KXypovopeTv tip yijv mit der Himmelreichsver-
heissung zu vereinigen. Man verflüchtigt es dann eben eigent-
lich zu dem allgemeinen Gedanken göttlicher Hulderweisung,
da die Zuteilung Canaans an die Israeliten ein Hauptbeweis
göttlicher Huid gewesen sei. Denn wenn wir auch spater auf
die Fragen nach dem Wo? des Kommens der (iemXtl*
selbst die Antwort geben werden: Auf Erden, so will und
kann doch entfernt nicht gesagt werden, dieselbe wolle für
ihre Genossen ein Besitzen der Erde, überhaupt irgend ein
Raum- oder Machtgewinnen gerade auf der Erde vermitteln.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 35
Sie will in keiner Weise ein irdisches Gut verschaffen. Wohl
aber ist ein zu seinem Recht Gelangen, ein Anerkennung
Finden, ein Raum Gewinnen etwas, was Gott gerade die
rpcuTt, im Gegensatz zu dem Loos, das ihnen sicher zu sein
scheint, schon in diesem gegenwartigen Aeon erfahren l&sst,
und womit er ihnen zeigt, dass er mit ihnen ist, an der vp*ótvh
WohlgefalJen hat. Kurz wir bewegen uns damit m. E. einfach
auf dem empirischen, nicht auf dem Himmelreichsboden. Und
so, meine ich, auch in v. 4. 6. 7. Dagegen die Verheissun-
gen in v. 8 und 9 gehen allerdings durch ihren Inhalt und
namentlich in v. 9 auch durch die Form: kWi6vi<jovtxi (auf
ein göttliches Urteil hinweisend) über die Empirie hinaus,
und hier steht dann sachlich nichts im Weg su sagen: das
sind Züge des Himmelreichsstandes. Aber bezweckt ist m.
E. wohl auch hier nicht, solche Züge anzugeben d. h. alsodas
Himmelreichsgut zu exemplificieren, sondern auch hier nur,
zu versichern, dass den Betreffenden das ihrer Qualitat Ent-
sprechende, aber allerdings über ihr eigenes Erwarten zu Teil
werden werde. Immerhin aber, weil, wie gesagt, diese beiden
lezteren Verheissungen als erst im künftigen Aeon sich erfül-
lend gedacht sind, mag ihnen als ein Moment des Himmel-
reichsguts die unmittelbare Gemeinschaft mit Gott {ÓnTevQxi)
und voller Gotteskindschaftsstand entnommen werden. Ist das
über den Zweck der Verheissungen bei Matthaus Gesagte
richtig, so gilt diess dann auch von den parallelen Verheis-
sungen bei Lucas (6, 21).
Nicht zu un^erer Frage zu ziehen sind die Stellen Matth.
19, 28 und Luc. 22, 30, nicht nur weil es sich hier deutlich
ganz speciell nur um die unmittelbaren Jünger Jesu handelt,
sondern weil hier vom Reich Christi die Rede ist, Reich
Gottes und Reich Christi aber nach unseren Schriften nicht
identificiert werden dürfen, wovon spater mehr.
So haben wir als Stelle, die positiv etwas über den Inhalt
»
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36
DIË LEHBE VOM REICHE GOTTES
des Himmelreichsgutes aussagt, eigentlich nur Mare. 9, 47.
Denn sie zeigt boim Bliek auf v. 45 denn doch unwiderleg-
lich, dass dieses Gut die £«sj ist, die wir auch in der paral-
lelen Stelle Matth. 18, 8 f. ausdrücklich genannt flnden. Seine
volle Beleuchtung erhalt diese %t>t darm bei Marcus durch
den Gegensatz, den sie bildet zu der yitvv» tov irupóg. Und
so dürfen wir denn gewiss auch bei Matthaus die Stelle 19,
16 mit v. 23. 24 combinieren und ebenso in den parallelen
Erzahlungen bei Marcus und Lucas, ferner Matth. 25, 34
mit v. 46. Wir haben wieder die &j, ausdrücklich als xliivio<;.
Noch moge die Lucasstelle 21, 8 erwtihnt werden, sofern
die gleich darauf folgende Stelle v. 31 annehmen lasst, es
wolle das, was mit dem Nahesein der fixvtteix für die Men-
schen in Aussicht steht, als xyro^ÓTputrn; bezeichnet werden.
Wir landen wenig Positives über den Inhalt des Himmel-
reichsgutes in den Evangeliën ausgesagt. So viel ist aber jeden-
falls sicher, dass sie nicht etwa in ihren Aussagen darüber
von einander differieren. In keinem finden wir irgend wie
eine andere Lehre darüber, als in einem der beiden andern;
ebensowenig etwa in zweien derselben eine andere als in dem
dritten. Sie sind einhellig.
Aber wollten wir etwa schliesslich enttauscht uns fühlen,
dass eben nur das ausgesagt wird? Es ware unrichtig. „Nur
das" — können wir ja doch im Ernst nicht sagen, wenn
es doch um die £«>ƒ aiwios, und, wie wir noch fanden, um
ein Leben in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott sich han-
delt. Sodann aber — und das ist wohl zu beachten — kommt
eben hier der neutestamentliche Standpunkt zum deutlichen
Ausdruck. Stimmt auch die Lehre Jesu, bzw. der Evangeliën
mit der jüdischen Erwartung in dem Allgemeinen zusammen,
dass die fixradx t. 6. das höchste Glück bringt, so weicht sie
dann doch wieder wesentlich von ihr ab, sobald man naher
tritt und das Einzelne ins Auge fasst. Bezeichnend ist schon
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                  37
die Tndividualisierung des Himmelreichsguts, die sich daraus,
dass es als ewiges Leben bezeichnet ist, von selbst ergibt.
Denn dieses ewige Leben ist ein Individualbesitz, wahrend
in der jüdischen Erwartung doch immer eigentlich oder doch
in erster Linie bei dem Kommen des Gottesreichs an den
Eintritt eines Gesammtzustandes, eines Collectivheiles —
möchte ich sagen — gedacht ist, weeshalb auch dort Aus-
drücke, wie „das Gottesreich ist Jemandes, es geht Jemand
ein in dasselbe, empfangt es -", die wir in den Evangeliën
immer wieder flnden, vergeblich gesucht werden. Sodann aber
ist mit £«>ï aiüvio; jeder Gedanke, wie an ein Nationalheil,
so überhaupt an ein Mancherlei von sinnlich-irdischen Gütern
irgend welcher Art abgewiesen; das Himmelreichsgut ist denn
doch damit über den ganzen irdischen Bereichhinausgehoben.
Und dieser Charakter des Himmelreichsguts kann denn auch
m. E. als ein wenigstens erster, auch sachlicher Grund dafür
geitend gemacht werden, dass gerade der Ausdruck „Him-
melreich" so recht der originale Ausdruck ist, und nicht erst
ein secundarer, weil er jeden Gedanken an bloss oder auch
irdische Güter von vorneherein ausschliesst, was bei dem Aus-
druck „Gottesreich" noch nicht der Fall ist: ist doch „Gott"
Geber ebensosehr von irdischen, wie von himmlischen Gütern.
Eine Erganzung dessen aber, was über das Himmelreichs-
gut direkt gesagt ist, möchte ich noch darin sehen, dass be-
kanntlich Gott von Jesu so geflissentlich als der Vater im
Himmel bezeichnet wird, als sein Vater, aber auch als Vater
derer, die Reichsgenossen werden oder sind. Ausdrücklich
z.B. Matth. 13, 43 und indirekt, aber mit aller Deutlichkeit,
Matth. 5, 9: ulo) êsov KXyèfoovrzt. So gehort also zum Glück
des Eimmelreichs wesentlich das mit, dass man die Vater -
schaft, also die Vaterliebe Gottes geniesst, die Gotteskind-
schaft hat. Diese beginnt ja freilich schon in diesem Aeon,
Matth. 5, 45, aber doch eigentlich nur proleptisch, sie voll-
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
endet sich erst im Himmelreich. ^ie zeigt auch wieder, wie das
Himmelreich etwas ganz Individuelies, nicht aber Nationales
ist, zeigt, weich von den jüdiscben Erwartungen verschiedenen
Charakter es hat. Da mit dem, dass man Gott zum Vater
hat, im Grund alles gesagt ist, so ist urn so mehr begreif-
lich, dass sich Jesus über das Himmelreichsgut im Einzelnen
nicht viel ausspricht, es nicht etwa naher beschreibt. Ich
glaube, es geschieht das absichtlich. Dasselbe soll g e g 1 a u b t
werden. Von dem Gott, der der Vater im Himmel ist, darf
ja der Einzelne nichts als Gutes, darf das Beste erwarten;
er soll es aber auch thun im Glauben, im Vertrauen auf
diese Vaterschaft Gottes, das Einzelne ihm überlassend.
Eine weitere Frage in Betreff des Himmelreichsgutes ist
aber dann noch: Ist dasselbe als ein für Alle gleiches gedacht
oder gibt es Stufenunterschiede ? Dass die Stellen Luc. 22, 30
und Matth. 19, 28, in welchen Jesus seinen unmittelbaren
Jüngern besondere Auszeichnung in s e i n e m Reien verheisst,
nicht hieher gezogen werden dürfen, um die Frage zu beant-
worten, bzw. zu bejahen, wissen wir. Allein wir haben auch
direkt vom Himmel- bzw. Gottesreich handelnde Stellen, in
welchen dem Wortlaut nach ein Stufenunterschied seiner Ge-
nossen ausgesprochen wird. Will wirklich ein solcher gelehrt
werden? Bei Matthaus sind es hauptsachlich die Stellen 5,19;
11, 11; 18, 1. 4. Bei Lucas finden wir nur die Stelle 11, 11
wieder in 7, 28, wahrend Marcus keine direkte Aussage der
Art enthalt. Immerhin aber kommen als wenigstens indirekte
Parallelen zu Matthaus 18, 1 noch in Betracht eine Lucas-
stelle 9, 46, und bei Marcus die Stelle 9, 34, und zu der
Lucasstelle 9, 46 ware noch beizuziehen 22, 24. In diesen
letzteren (Lucas- und Marcus-) Stellen wird nemlich von den
Jüngern im allgemeinen die Frage aufgeworfen: r/« (*tl{uv;
— eine Frage, welche offenbar so, wie sie lautet, als eine
Frage nach dem höheren oder niedereren Rang in der Gegen-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.
wart d. h. in ihrem gegenwartigen (Jünger-) Kreise zu ver-
stenen ist. In seiner Antwort zeigt dann Jesus das Unbe-
rechtigte eines solchen Rangstreites durch die Erklarung, dass
gerade das Sichfernhalten von jedem Rangstreit, nach keinem
höheren Rang Streben rechte Grosse sei, sie also alle mit
einander um ihres Streites willen und so lange sie um den
Rang streiten, einer dem andern voranzugehen sich einbildet
und ehrgeizig strebt, bis jetzt noch tiet\' stehen, überhaupt
keiner für gross zu achten sei. Beachtet man aber bei Lucas
(9, 48) das Futurum: hrxi in der Antwort Jesu, so zeigt
sich, dass doch nicht ein allgemeiner ethischer Satz bloss
ausgesprochen werden soll, sondern eine Thatsache, die ein-
treten soll auf Grand eines das péyxg ehxi feststellenden Ur-
teils, oder ein Thaturteil, das wir unmittelbar fast mit der
Stellung zu der (Zxvttelx combinieren, also in dem Sinn:
Er wird gross sein in der /3a<r/A*/« tm ovpxvüv bzw. toü êiov.
Anders lautet schon die Frage bei Matthaus, nicht bloss all-
gemein: rit i (jult^uv; sondern geradezu: t/« i ftsi^w iv ry
(ixvtKt\'up, tüv oufixvüv;
Vermutlich haben wir in dieser Form
die ursprüngliche Frage. Der Jünger Sinn war denn doch
wesentlich auf die erwartete (3x<ri*.eix gerichtet. (Auch Luc.
22, 24 wird ursprünglich das der Sinn der Frage gewesen
sein, soweit wir hier nicht bloss eine Doublette vor uns ha-
ben.) Ihre Frage machen die Jünger aber auch hier ganz von
dem sinnlich-menschlichen Standpunkt aus im Sinn einer Rang-
frage; sie meinen: Welcher unter ihnen? So spricht ihnen
Jesus durch das Herbeirufen des irxiilov und die scharfe kate-
gorische Erklarung im Bliek auf dasselbe in v. 3 die Befahigung
zum Himmelreich wegen ihres eifersüchtigen Rangstreits über.
haupt ab. Und auf Grund davon gibt er sodann erst auf ihre
Frage die Antwort in v. 4, die so lautet, weil es eine Ant-
wort direkt auf ihre Frage ist, d. h. er acceptiert die Form
ihrer Frage und redet desshalb auch von i /tei&v. Aber daraus
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40                          DIE LEHEE VOM EEIOHE GOTTES
darf denn doch keineswegs das als Meinung Jesu abgeleitet
werden, es gebe wirklich einen Rangunterschied im Himmel-
reich, d. h. also, es sei der, der Kindessinn hat, zwar der
Höchste im Himmelreich, geniesse das höchste Glück, aber
solche, die ihn nicht haben, können doch auch ins Himmel-
reich kommen, wenn sie auch nur eine niederere Stufe des
Glücks erreichen! Vielmehr kann Jesu Sinn beim Acceptieren
der Form der Frage seiner Jünger nur der sein: "Wenn es
einem, der keinen Kindessinn hat, überhaupt möglich ware,
auch ins Himmelreich zu kommen, so hatte jedenfalls der,
der solchen Sinn hat, den Vorrang vor ihm; kurz es wird
einfach der unvergleichlich hohe Wert des Kindessinnes in
dieser Form ausgesprochen.
Doch wir haben noch andere Stellen. Die Stelle Matth. 11,
11 (Luc. 7, 28) würde freilich nach der Erklarung von B. Weiss
überhaupt nicht hieher gehören. Denn er erganzt zu h f*ncpé-
repos
speciell: \'la&wov, erklart also: Auch wer weniger ist als
Johannes, keinen so hohen Beruf hat, als dieser hatte — wenn
er in der @x<r. tüv ovpxvüv ist, ist er doch /Ati&v xvtoü, hat
eine höhere Stellung, als dieser sie hatte. Allein ob man hikpó-
Tepoi
so beziehen darf, ist mir doch fraglich, d. h. ob der Sinn
nicht doch der ist: Wer in der (3x<r. tüv oïipxvüv eine niederere
Stellung bloss einnimmt, als Andere, die darin sind. Obwohl es
sich aber hier nicht um einen bloss dem Mund der Jünger ent-
nommenen und durch ihre Frage veranlassten Ausdruck han-
delt: eine positivo Lehre Jesu, dass es verschiedene Rang-
stufen in der fcxvaüx gebe, also mit verschiedenem Mass
des Glücks, darf doch m. E. aus dieser Stelle nicht abgeleitet
werden. Wir horten ja, dass das Himmelreichsgut die £«»>
xlüviot ist. Kann man denn diese in einem höheren, aber
auch wieder in einem niederen Grade haben ? So ist der Sinn
auch hier ganz gewiss nur der hypothetische — „auch wenn
einer nur ein ptixpÓTepo? in der fixviteix tüv ovpxvüv ware" —
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.                 41
ohne dass gesagt sein will, es gebe in Wirklichkeit fuxpÓTepoi
und (ttltyvst; oder auch, das kleinste Mass des Himmelreichs-
glücks sei grösser als dasjenige, das Johannes im alten Bund
duren seine Stellung genoss, ohne dass gesagt werden will,
es könne in Wirklichkeit einem, der im Himmelreich ist,
jenes G-lück auch in kleinerem Mass, als sein Mass überhaupt
ist, zu Teil werden.
Am deutlichsten scheint aber doch ein Stufenunterschied
in der (3*<ri^elx in der Stelle Matth. 5, 19 angenommen zu
werden. Ob von Jesu selbst, mag zweifelhaft sein, da die
Echtheit der Stelle, d. h. ob sie wirklich von Jesu stamme,
wegen der auffallend starken Betonung der ivroKxi bezweifelt
wird. Aber wenn die Worte auch nicht von Jesu selbst stam-
men, nun so sind es Worte des Evangelisten, und unsere
Frage kehrt dann nur in der Form wieder: Wird von diesem
wirklich ein Stufenunterschied im Himmelreich angenommen?
Nebenbei bemerkt: wir haben es ja überhaupt in unserer Unter-
suchung immer nur mit der Lehre Jesu nach den Evan-
gelien zu thun, d. h. mit dem, was uns diese als solche be-
richten. Ob dieser Bericht geschichtlich ist oder nicht: darüber
entscheiden wir nicht; wir mussen zunachst einfach das an-
nehmen, was uns vorgelegt ist. Nun in dieser Stelle Matth.
5, 19 findet auch B. Weiss einen Stufenunterschied gelehrt,
aber von Stufen der Seligkeit sei in der Schrift überhaupt
nie die Rede, und unsere Stelle könne schon desswegen nicht
davon verstanden werden, weil hier ja die höhere und nie-
derere Stufe von dem Mass der Ein sic ht [er meint doch
wohl in das Wesen des Gesetzes] abhangig gemacht werde;
davon könne aber doch nicht das Mass der Seligkeit, also
die Stellung im künftigen Messiasreich abhangen. Daher sei
die Stelle vielmehr nur von der grosseren oder geringeren
Bedeutung eines Jüngers Jesu im „ gegenwartigen" [d.h. nach
Weiss: dem in dem Verband der Jünger Jesu schon in diesem
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42
DIE LEHRE VOM EEICHE GOTTES
Aeon vorhandenen] Gottesreiche zu verstehen. Wir können
hier die Frage noch nicht weiter erörtern, ob eine solche
Fassung des Ausdruckes >$ (3*<ri*.ttx tüv ovpxvüv in unserer
(und nach Weiss in mancher anderen Stelle noch) überhaupt
zuliissig sei. Bemerkt sei nur für diese Frage vorlaufig hier das:
Natürlich kann dann auch im nachstfolgenden Vs. 20 $ (3x<r.
tüv ovpxviv
nur von dem „gegenwartigen" Gottesreich ver-
standen werden (wenigstens, wenn man, wie von Weiss
geschieht, auch v. 19 für eine Aussage Jesu selbst halt).
Aber will man behaupten, Jesus wolle in diesem Vs. 20 eine
hKXHHrvvy, die nicht besser ist, als die der Pharisaer, nur
als von diesem „gegenwartigen" Gottesreich ausschliessend
bezeichnen, und nicht vielmehr von dem reden, was für das
„Messiasreich" entweder befahige oder dafür nicht zureiche,
die Bedingung der Aufnahme nicht erfülle? Der Grund aber,
wesshalb Weiss meint, es könne in unserer Stelle nicht vom
„Messiasreich" die Rede sein, ist m. E. nicht stichhaltig. Nicht
von einer mangelhafteren oder vollkommeneren Einsicht
bloss redet Jesus, wie ich meine, sondern von einer unrich-
tigeren oder richtigeren Stellung zum Gesetz, von einem prak-
tischen Verhalten, das freilich mit einem theoretischen (5<S«o--
xstv) verbunden ist. Aber letzteres ist doch nur die Recht-
fertigung, die jenes sucht. Und desshalb sehe ich in der That
keinen Grund, warum nicht s? (Zxaixeix tüv oiipxvüv auch hier
im absoluten Sinn, also von dem „Messiasreich" verstanden
werden — kann bzw. muss. Haben wir aber dann hier den
Beleg für einen Stufenunterschied im „Messiasreich", für „Stu-
fen der Seligkeit"? Ich meine dennoch nicht — nicht alsob ich
meinte, es dürfen nun einmal solche nicht als von Jesu (oder
den Evangeliën) gelehrt angenommen werden — aus irgend
einem dogmatischen Grunde. Vor dem exegetischen Thatbe-
stand müsste ja jede Dogmatik weichen. Vielmehr die Exe-
gese selbst, meine ich, und gerade eine es genau nehmende,
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 43
führt zu einem andern Ergebniss. K^Sfotrxi heisst es, nicht
iaTxi. Also von einem Urteil ist die Eede. Und da ist ja
freilich nach dem Wortlaut das Urteil das: Der Eine ist
der èhcixttTToc, der Andere ftirat = nimmt die niederste —
nimmt eine hohe Stufe ein. Aber doch nur in der Beurteilung. In
Wahrheit ist also der Sinn: Von dem Einen wird esheissen:
„Er verdient nur der ïxx%i<?to$ zu sein u. s. w." Und die Ver-
anlassung zur Wahl gerade dieses Ausdrucks ergibt sich ja
aus dem Zusammenhang unmittelbar. D. h. jener erste verdient
so behandelt zu werden, wie er die èvrokx) è\\x%irTxi behandelt.
Er ignoriert sie, schiebt sie auf die Seite mit dem wegwer-
fenden Urteil: Sie sind nur 1\\x%ivtxi , daher braucht man sie
überhaupt nicht zu beachten. Nun so wird es ihm eben so
ergehen. Er wird für einen ïxx%i<nos erklart werden vom
Standpunkt des Himmelreichs aus, und wird desswegen auf
die Seite geschoben als wertlos vor Gott d. h. aber natürlich:
Er kommt überhaupt nicht hinein, wahrend der Andere als
vollberechtigt erkannt wird, weil seine Behandlung der êvroxx)
t\\x%ivTxi
als etwas Grosses vor Gott gilt.
Die verschiedenen, für einen Stufenunterschied geitend ge-
machten, Stellen so zu verstehen, wie wir thaten, berechtigt
uns m. E. trotz des Wortlautes, der dagegen spricht, vollkom-
men das bekannte Gleichniss Matth. 20, 1 ff. von den Ar-
beitern im Weinberg. Liegt nicht hierin ein direkter Protest
gegen die Annahme eines Stufenunterschieds? Die Leistungen
sind verschieden, grösser, kleiner — und doch ein und der-
selbe [*i<r6ó<; für Alle!
Also es bleibt als Ergebniss das Allgemeine: Das Himmeh
reich bringt seinen Genossen, allen gleichermassen, bzw. jedem
Einzelnen das höchste Gut in der £«$ mlévios in unmittelbarer
Gemeinschaft mit Gott, als dem himmlischen Vater. Dies
Zweck und Bedeutung der Aufnahme in das Himmelreich.
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44
DIE LEHBE VOM BEICHE GOTTES
3. Die Zugehörigkeit zn der (laoiXsla r.d. Ist nn bestimmte ethische
Bedliignngen gekniipft und schliesst daher eine bestimmte
Qualiflcation in sich, wodurch jene wie individuen
bescbrankt, so national entschrankt wird.
Ebenso evident, als das in Abschnitt 2 behandelte Moment, ist
weiter, dass diese Zugehörigkeit zum Himmelreich, in der das
höchste Gut für den Menschen liegt, an bestimmte Bedin-
gungen geknüpft ist. Keineswegs wird Jeder ohne Weiteres
ein Genosse desselben und also seines Glückes teilhaftig.
Stellen wir erst einfach die hieher bezüglichen Aussagen
unserer drei Schriften zusammen, aber unter Ausschluss sol-
cher, welche zwar z. B. von der £«>> xlüvios handeln, aber
nicht ausdrücklich von der fixaadx — um dann schliesslich
das Gefundene unter einige allgemeine Gesichtspunkte zu
stellen.
Wir beginnen wieder mit dem Wenigen, was Marcus und
die dazu gehöiigen Parallelen bieten, um dann noch zu sehen,
was Lucas und schliesslich Matthaus Weiteres enthalt.
Nach Marcus ist Bedingung der Zugehörigkeit zu der (3x-
aiKüx
t. ê. ein [tsTxvoelv des Menschen. Es ist das zwar nicht
direkt gesagt, aber der Zusammenhang der Stelle 1, 15 lasst
darüber keinen Zweifel, dass Jesus seine Volksgenossen zu
dem t*6T<xvoe7v aufruft im Sinn einer Bedingung der Auf-
nahme in die (ZxiriKiix. Er will ihnen damit den Weg in die-
selbe weisen. Ganz ebenso finden wir es bei Matthaus, zu-
nachst als eine von dem Taufer (3,1), dann aber ebenso von
Jesus selbst (4, 17) ausgesprochene Forderung. Dagegen bietet
uns Lucas keine entsprechende Aussage, so sehr auch sach-
lich das, was wir bei ihm in c. 3 über das Auftreten des
Taufers, im wesentlichen übereinstimmend mit Matthaus c. 3,
jesen, in der Forderung von xxpnoi xfyot Tij? pfTxvotxs, und
wieder in der Bezeichnung der Taufe des Johannes als eines
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45
IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAHENTS.
(ixirriaii» (terxi/oixs (so auch Mare. 1, 4; vgl. Matth. 3,11) damit
zusammenstimmt. Etwas Positives über die für die Reichsge-
nossenschaft geforderte Gesinnung erfahren wir damit noch
nicht. Es ist eben ein Bruch und, können wir nach der Be-
deutung von iastxvos\'iv noch hinzufügen, ein reumütiger Bruch
mit der ganzen bisherigen Gesinnung und dern daraus flies-
senden Verhalten gefordert. Was das Verkehrte der bisherigen
Gesinnung sei oder welche Gesinnung also von der (ZuaiKilx t. 6.
ausschliesse und welche Gesinnung dagegen gefordert werde,
erfahren wir hier nicht, wenn auch Luc. 3, 10 ff. unseiniges
Einzelne über das sagt, was wenigstens der Taufer fordert.
Die Antwort mussen wir sonst suchen. Bei Marcus ist dann
noch mit der Forderung des nnxvoüv die des irirreveiv iv
suxyysKiq verbunden. Und hiemit horen wir dann doch etwas
Positives. Es kann nach dem Zusammenhang nur den Sinn
haben: Glauben schenken eben der guten Botschaft, die Jesus
damit verkündigt, dass er das Nahesein der (3x<n\\e!x r. L an-
kündigt. Das ist ja zugleich die Voraussetzung alles Eingehens
auf die Forderung des ihtxmosIv d. h. eben jetzt anderen Sin-
nes zu werden. Wie dann dieses virTtütiv iv tcj> iuxyyitiy
zu dem wird, dass man ein Jünger Jesu wird, und dadurch
die Voraussetzung aller Erfüllung der ethischen Forderungen ist,
werden wir spater sehen. Noch bestimmter erscheint so dann
8, 38 und parallel Luc. 9, 26 unverkennbar das sich der
Worte Jesu nicht Schamen als Bedingung der Reichsgenos-
senschaft, wenn wir dort 9, 1 und bei Lucas 9, 27 dazu
nehmen.
Weiter wird 10, 14 f. der Kindessinn zur Bedingung ge-
macht, wesshalb geradezu den Kindern die Befahigung für
die (3xtrt\\eix t. L zugesprochen wird. Ganz ebenso bekanntlich
bei Matthaus (18, 1 ff.; 19, 13 ff.) und Lucas (18, 15 ff.).
Was mit diesem Kindessinn gemeint ist, spricht Matthaus
(16, 4) ausdrücklich aus: txttsivoüv èxvróv, auch Lucas (9, 48):
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DIE LEHRE VOM REIOHE GOTTES
das Kleinersein als Alle — also die anspruchlose Demut, das
Freisein von aller und jeder Pratension, völlige Selbstlosig-
keit und Erkenntniss der eigenen Bedürftigkeit als Grund-
bedingung voller Receptivitat für das, was Gott dem Men-
schen schenken will, in Erkenntniss, dass das von ihm aus-
gehende Himmelreichsgut das allein wahrhaft wertvolle Gut
sei, und zugleich als Grundbedingung aller Willigkeit, den
göttlichen Willen zur Norm zu erwahlen, durch ihn sich be-
stimmen zu lassen.
In unmittelbarem, wenigstens ausserem Anschluss an die
Rede über den Kindessinn wird ebenso gleichmassig in allen
drei Evangeliën das Reichsein als etwas das Eingehen in die
(ixaikeix r. ê. in hohem Grad Erschwerendes bezeichnet (Mare.
10, 23 ff.; Matth. 19, 23 f.; Luc. 18, 24). Nach der Ant-
wort, die Jesus vorher dem gibt, der ihn fragt, was ihm
noch fehle, ist freiwilliges Verzichten auf den Reichtum, Hin-
geben desselben für den Reichen Bedingung der Nachfolge
Jesu — und also, da das Reichsein solen ein Hinderniss für
das Eingehen in die fiavixeix ist, doch wohl auch Bedingung
seines Eingehens in diesselbe, mag nun die Forderung sol-
chen Hingebens des Reichtums buchstablich gemeint sein oder
nur im Sinn völliger Willigkeit solcher Hingabe, also der
völligen inneren Freiheit von dem Reichtum.
So bezeichnet denn Jesus bei Lucas c. 6, 20 das Arm-
sein zwar nicht geradezu als Bedingung des Eingehens in die
fiao-ifaix, wenn er von den Armen sagt: xötüv lativ % (3x<r.
rov êeoü,
aber er nennt doch die Armen damit solche, die
dazu befahigt sind: fehlt doch bei ihnen das, was nach dem
eben Gesagten dieses Eingehen in die (Zxeaeix r. 6. so schwer
macht. Allein, wenn den Armen mit solcher Bestimmtheit
und so kurzweg die fixaiKeix r. 6. zugesprochen wird, so sind
sie doch gewiss entweder als solche gedacht, welche freiwillig
arm sind, also nach jener vorhin er walm ten Forderung auf
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IN DEN SCHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                47
ihren Reichtum im Interesse der Nachfolge Jesu verzichtet
haben, oder doch als solche, welene es willig sind, mit ihrer
schon vorhandenen Armut zufrieden sind und nicht nach Reich-
tum verlangen, im letzteren Sinn nah verwandt mit den
D^3g des Alten Testaments, wahrend die irpxeTi mehr den D^lJg
entsprechen. Im einen und im andern Fall erhiilt dann das
Armsein ethischen Wert, und ist in diesem Sinn gewiss
auch hier als Bedingung des Kommens in die fixfheiz t.ó.
gemeint. Im Gedanken an diese Lucasstelle von den wtux\'>
kann man versucht sein, entgegen der gewöhnlichen Erkla-
rung in der doch jedenfalls parallelen Stelle Matth. 5, 3 ttux°>
ebenfalls nicht tropisch, sondern eigentlich zu verstehen, und
in t£ rrveófAXTi die Andeutung davon zu sehen, dass sie nicht
bloss thatsachlich es sind, sondern wie eben bemerkt, ent-
weder freiwillig durch Verzicht auf ihren Reichtum oder doch
willig ohne Murren. Tü ttvsxi^xti würde dann dieses Zu-
stimmen zu dem Armsein ausdrücken, also nicht das Objekt
desselben oder den Bereich, sondern das Medium. Der Beisatz
würde dann wie eine die kurze Gnome, die Lucas bietet, ver-
deutlichende, sie vor Missverstandniss schützende Glosse aus-
sehen, wie man dann wohl auch in v. 6 den Beisatz rijv
ItKxioirtj^ijv, in v. 8 Tjj xxpdix so betrachten könnte. Diese
Erklïirung hat freilich ihre Bedenken, wie ich ohne weiteres
zugebe. Allein würde nicht ein Reden Jesu von ttt«^o/ im
eigentlichen Sinn gerade im Eingang der ganzen Rede gut
stimmen zu der Thatsache, dass Jesu Thatigkeit sonst ge-
radezu als ein süxyyexi&eQxt der vtux°> bezeichnet wird, also
das, dass den vtuxoI die @x<rt\\elx rüv ovpxvüv zugesprochen
wird, eigentlich als das evx-yyéxtov kxt\'s^ox\'Ïv gedacht ist? Und
andererseits hat eben die gewöhnliche Erklarung viele Beden-
ken, wenn man sie genau darauf ansieht. Kann denn ein
Armsein in Betreff des itvtl^x oder im Bereich des tvsv/zx
wirklich als ein Vorzug d. h als eine gute, für das Himmel-
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48                          DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
reich qualificierende Eigenschaft betrachtet werden? Wird
nicht, weil man eigentlich diess doch nicht behaupten kann,
dieser Gedanke unwillkürlich in den anderen umgewendet:
„Seines Armseins, seines Mangels, zumal in ethischer Be-
ziehung, seiner Verdienstlosigkeit oder Unwürdigkeit vor Gott,
dessen dass man nichts hat, mit dem man vor Gott bestehen
kann, sich bewusst sein"? Das ware natürlich eine zum
Himmelreich qualificierende Eigenschaft. Allein kann das
mit icTu%hv slvxi Tij) wvevftctTi ausgedrückt werden? Ist
das nicht eben ein ganz anderer Gedanke? Nun eine Ent-
scheidung über die eigentliche Meinung des Spruchs liegt
nicht in unserer Aufgabe. Bei der gewöhnlichen Erklarung
berührt er sich natürlich sehr nahe mit der Forderung des
Kindessinnes. — Dagegen scheinen mir zu der Hinweisung auf
die ittuziIix , als zu der Reichsgenossenschaft bef ahigend, bzw.
sie bedingend, jedenfalls in sehr naher Beziehung zu stenen
die beiden Matthausgleichnisse vom Schatz im Acker und von
der kostbaren Perle. Mit dem Verkaufen von allem, was man
hat, um den Acker mit dem Schatz und wieder die Perle zu ge-
winnen, ist, meine ich, nicht bloss im Allgemeinen die Selbst-
verleugnung abgebildet, sondern etwas Specielles, eben das,
was Jesus von jenem Reienen forderte, das Verzichten auf
irdischen Besitz, wenn auch nur durch Losmachen des Her-
zens da von, volle Willigkeit, ihn hinzugeben. Also Freiheit
von irdischem Sinn ist — anders kann es ja nicht sein — eine
weitere Bedingung des Eingangs in ein Reich, das einhimm-
lisches ist.
Auf ein Bedingtsein dieses Eingangs überhaupt weist weiter
bei Lucas die Stelle 13, 28 f. hin. Viele, lesen wir ja hier,
werden sich ausgeschlossen sehen, wahrend Andere aufge-
nommen werden, und zwar Solche, von denen man es — aus
irgend welchem Grunde — nicht erwartete, ja die es selbst nicht
erwarteten. Was diesen den Eingang verschafft, ist nicht
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IN DEN SOHBIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.                49
direkt gesagt. Von den Anderen ist auch zunachst nur ne-
gativ gesagt, dass alle Berufung auf den ausseren Verkehr
mit Jesu nichts helfe, ein solcher Verkehr noch keine Ge-
wahr der Aufnahme in die fixvitelx t. 6. gebe, wenn oder da
sie èpyxrxi rijg xhxixs seien. Also xhixixv ipyx%e<r6xi — erfah-
ren wir — schliesst unbedingt aus. So muss iixxiocrüvyiv èpyx-
fyvOxt —
schliessen wir — im Allgemeinen als Bedingung
betrachtet werden. Wir nehmen gleich die Stelle Matth. 8,
11 f. dazu. Denn wir finden hier ja einen Hauptgedanken der
Lucasstelle wieder, den von der Aufnahme Solcber, die es
nicht erwarteten und von denen man es nicht erwartete,
in die (Sxtriieix, wahrend umgekehrt die, welche zunachst
Anspruch darauf zu haben scheinen und meinen, sich ausge-
schlossen sehen. Aber er steht hier in einem ganz andern
Zusammenhang, in der Erzahlung von dem Hauptmann zu
Kapernaum. Hier erscheint als Bedingung das wfariv %%eiv im
Sinne eines zuversichtlichen, alle Bedenken in die Schanze
schlagenden und darauf nicht horenden Vertrauenhabens zu
Jesu und seiner Gotteskraft. Das besondere Moment des Aus-
geschlossenwerdens von Israeliten und Aufgenommenwerdens
von Heiden, das hier noch dazu kommt, besprechen wir erst
nachher.
Matthaus bietet uns schliesslich ausser den schon alsPa-
rallelen beigezogenen Stellen noch einige weitere, in denen
zunachst die hxxiovóvyi ausdrücklich als Bedingung genannt
wird. So im Allgemeinen 6, 33, wo nach der wahrscheinlich
richtigeren Lesart zu lesen ist: (yrrfn ryv hxxioirvvijv xx) ryv
fixs-ixslxv xuroü
(wesshalb auch die Stelle oben sub 2 nicht
in Betracht gezogen wurde; denn diese Lesart schliesst den
Gedanken aus, der bei der recepta naheliegen könnte, es
wolle ein Leben in der ïtxxicKtüvy als Zweck der Aufnahme
ins Gottesreich bezeichnet werden; gerade aber das, wie wir
sub 2 sahen, sonst so klar vorliegende Zeugniss, dass diese
4
*
i
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50                          DIE LBHBE VOM EEIOHE GOTTES
Aufnahme auf Empfang eines Gutes, nicht auf ein Verhalten
des Menschen ziele, spricht gegendie recepta). Ist nun gleich
die hxa.ioi7vvv) auch bei unserer Lesart nicht ausdrücklich in
das Verhilltniss einer Bedingung zu der Aufnahme in die
fixeiKeix gestellt: so kann doch nach allem Bisherigen gar
kein Zweifel sein, dass das Verhaltniss so gedacht ist. Diese
iiKxioiruvti muss aber nach 5, 20, wo sie ausdrücklich als
solche Bedingung bezeichnet wird, eine bessere sein, als die
(ausserlich-oberflachliche) der Schriftgelehrten und die (auf Men-
schenlob es anlegende und dadurch ihren "Wert vor Gott ver-
nichtende) der Pharisaer. Welcher Art die hxxiouwv sein muss,
zeigt dann im Einzelnen, wenigstens in einigen Hauptbeispie-
len die nachfolgende Ausführung 5, 21—48; 6, 1—18. Wer
lieber Verfolgung leidet, als dass er von der hnxmuwi weicht,
der ist nach 5, 10 — und ganz gewiss auch nur der ist
fahig zu der $x<si\\üx r. ê. So sind es nach 13, 43 auch
Ukxioi,
aber auch nur diese, welche èxXx^oviriv üc ó vikiaclv
t% fixaiXeix toü irxTpbt; xötüv.
Diese $iKxto<rvv>i können wir
sodann in 7, 21 wenigstens etwas naher gedeutet finden als
ein nomv to öéfypu des Vaters (Jesu) im Himmel, indem
dieses hier zur unerlasslichen Bedingung des Eingehens in die
(3x<Ti\\s!x gemacht wird. Und aus der schon oben besprochenen
Stelle 5, 19 nehmen wir dazu: Man darf — wenigstens nach
dem Evangelisten, wenn das Wort nicht von Jesu selbst
stammt — auch nicht das geringste der Gebote Gottes gering-
achten; so ganz gilt es Ernst machen mit dem Thun des
göttlichen Willens. Speciellere Züge der hxxiocvvvi und des
Thuns des göttlichen Willens bietet dann noch das Gleichniss
von dem unbarmherzigen Knecht (18, 23 ff.), wonach Ver-
söhnlichkeit gegen Beleidiger, und die Schilderung des Gerichts
(25, 31), wonach teilnehmende, werkthatige Liebe, welche
auch die Geringsten der Brüder Jesu nicht vergisst, Bedin-
gungen der Aufnahme in die Qxvixüx t.6. sind: vgl. 18, 23:
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN. TESTAMENTS.               51
wie es mit der @*<r. tüv ovpxvüv sich verhalte, soll ja durch
jenes Gleichniss abgebildet werden, und 25, 34: ein xKtjpovo-
fteTv
der &xiri\\ela ist denen, welene solche Liebeswerke thun,
gewiss.
Dass die Aufnahme in die (Zx<ri\\elx keineswegs eine be-
dingungslose ist, wird auch sonst mehrfach durch die Gleich-
nisse ausgesprochen: Man muss guter Same sein, denn das
Unkraut wird seiner Zeit ausgeschieden; muss = den guten
Fischen sein, denn die faulen werden seiner Zeit weggewor-
fen; kurz es gibt ein scheidendes Gericht. Man darf ferner
natürlich nicht die Einladung zum Himmelreich überhaupt ver-
achten (vgl. das Gleichniss von dem Hochzeitsmahle), und
nicht bloss dies, man muss auch ein hochzeitlich Kleid an-
haben; man muss Oei in den Lampen haben, man muss die
anvertrauten Pfunde wohl nutzen (dies wird namentlich bei
Lucas 19, 11 ff. ganz deutlich zu der (3x<rt\\e!x r.S. in Be-
ziehung gesetzt); man muss in den Weinberg sich berufen
lassen und darin arbeiten, auch wenn man erst in der elften
Stunde berufen ware; man muss entsprechende Früchte tra-
gen , gleichsam abliefern an den Herrn des Weinbergs. Daher
erscheint die Aufnahme in die (3xtraelx r. ó. auch geradezu
als ein imvMs. In den Sinn dieser Bezeichnung weiter einzu-
gehen, ist nicht unsere Aufgabe. Für uns genügt das ein-
fache „Dass", d. h. der Umstand, dass jene Aufnahme nicht
etwas Jedem in den Schooss Fallendes ist, sondern ein Preis,
um den es sich zu mühen gilt, der Preis eines bestimmten
Verhaltens, wenn auch dieses Verhalten allein rein für sich
noch keine Gewahr jener Aufnahme gibt. Warum nicht?
werden wir bald sehen.
Uebersehen wir diese Zusammenstellung des exegetischen
Materials, so ist das Ergebniss:
a. vor allem in ganz unzweideutiger Weise das: Die Auf-
nahme in die Qxtritelx r. ó., das Erlangen des damit verbun-
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52                             DIE LEHBE VOM EEICHE GOTTES
denen höchsten Gutes ist an ethische Bedingungen, im
allgeraeinen an die Bedingung eines ethisch-normalen Verhal-
tens geknüpft, das seinen so zu sagen abgerundeten, zu-
sammenfassenden, wenn auch sehr allgemeinen Ausdruck in
hKxioauvYi findet. Die Frage aber, wie es denn zu Erfüllung
dieser Bedingung komme, wie und bei wem also diese hxxi-
oavvvi
möglich sei, wird und kann erst spater unter 5 ihre
Beantwortung ünden, wenn wir auch schon einige Andeu-
tung davon im Bisherigen fanden, darin, dass uns unter den
Bedingungen auch eine nicht sowohl ethische, als religiöse,
in dem ttkttbvsiv tü> euayyexicp, dem iritTTiv ï%siv begegnete.
Auch hierin sind unsere drei Schriften einhellig, d. h. wenn
auch dieses (ethische, ethisch-religiöse) Bedingtsein der Zuge-
hörigkeit zu der @a<n>,eix r. 6. im einen Evangelium starker
betont, öfter genannt wird, als im andern, dies nament-
lich bei Matthaus geschieht: sie alle sind doch gleich weit
entfernt von dem Gedanken, dass die Reichsgenossenschaft
eine bedingungslose (ethisch, ethisch-religiös bedingungslose)
ware.
Es stimmt dies ja auch in der Hauptsache ganz zusam-
men mit dem, was die prophetische Weissagung des Alten
Testaments schon, und mit dem, was die sog. pseudepigra-
phische Literatur von der künftigen grossen Heilszeit sagt.
Denn anders ist es doch nie gedacht, als dass die „Gerechten"
und nur die Gerechten Teil haben an dem durch den Messias
herbeizuführenden Glücks- und Heilsstand. Wird doch, weil
eben immer (in der jüdischen Erwartung) Israël als Ganzes
als in diese (SxaiXeix eingehend und dieses Glücks teilhaftig
werdend gedacht ist, (in der spateren jüdischen Theologie
jedenfalls) Busse und gute Werke thun geradezu als Vorbe-
dingung davon, dass der Messias selbst überhaupt nur komme,
bezeichnet (vgl. Weber, Altsynagogale palast. Theologie § 76, 1).
Dieser Gedanke klingt ja auch deutlich genug in dem, was
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 53
wir in den Evangeliën fanden, duren, vgl. Forderung der ps-
rxvoix
und der hxctioativii. Nur ist gemiiss der individualisie-
renden Gestaltung der Himmelreichshoffnung, die wir oben
schon betonten, hier nicht mehr das Kommen des Messias
selbst mit dem Himmelreich nnd seinem Heil, sondern die
Teilnahme an demselben, wenn er kommt, an solche Bedin-
gungen geknüpft. Und dann von „gute Werke thun" ist auch
nicht die Rede. Denn gegen den in diesem Ausdrucke sich
kundgebenden Standpunkt ist ja die evangelische Lehre durch-
weg ein Protest. Wir wissen nemlich, wie der Gerechtigkeits-
begriff, dieser an sich ganz gesunde und richtige ethisch-religiöse
Begriff, mit der Zeit der Verausserlichung verhel, bzw. injü-
dischen Kreisen schon lange her solcher verfallen war, wissen,
wie an die Stelle echter $tx.xio<rüvvi im Zusammenhang mit dem
steigenden Wertlegen auf Gesetzlichkeit oder vielmehr mit dem
steigenden Umzaunen des Gesetzes durch Satzungen, xtxpx-
2é<rsis,
blosse Legalitat trat. Und so glaube ich
b. richtig zu sehen, wenn ich sage: Was Jesus von dem
Bedingtsein der Teilnahme an der (3x<nXei<x t. 6. durch das
Verhalten der Menschen sagt, hat mehr oder weniger aus-
drücklich immer eine polemische Spitze gegen die blosse Le-
galitat, gegen alles sich Beruhigen damit, ja Pochen darauf,
wobei die Ethik mehr und mehr in die Brüche ging, indem
man ethisch Verwerfliches that und dabei das, was noch das
verwerflichste war, that, auf seine „Gerechtigkeit" pochte,
sich damit gross machte und überhob. Vgl. all die Zeugnisse
gegen das Pharisaertum; ausser Matth. 5, 20, was schon
aDgeführt ist, Stellen, wie Matth. 21, 34: Zöllner und Huren
kommen eher in das Himmelreich, und 23, 14: Die Phari-
saer schliessen dasselbe zu und bringen noch Andere darum.
Daher die Grundmahnung: MeTxvcüre, werdet anderen Sinnes.
Soweit aber, wie wir vorhin erwahnten, auch die jüdische
Theologie die Busse als Bedingung (dass der Messias über-
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DIE LEHRE VOM EEICHE GOTTES
haupt komme) forderte, gieng diese Forderung gewiss eigent-
lich eben nur auf jene Legalitat, wahrend die evangelistische
Forderung der fterxvoix, um des (Messias-) Helles teilhaftig
zu werden, gerade diese verurteilte, sie der Sinn war, der
als vorhanden betrachtet ist und der nichts taugt, dem ent-
gegen der Sinn ein „anderer" werden, eine völlige „Umsin-
nung" stattflnden soll. Diese Polemik gegen den Legalitats-
dünkel fand dann namentlich auch in der Forderung des Kin-
dessinnes Ausdruck, oder es erkliirt sich das starke Betonen
dieser Bedingung der Reichsgenossenschaft aus jenem Gegen-
satz. Kindessinn ist eben die Negation jedes Pochens auf
eigene Verdienste, auch auf das Verdienst der eigenen Ge-
rechtigkeit, der Gerechtigkeitsleistungen. Ebendesshalb ist auch
klar, dass die Forderung der hxxtooiwi, des Thuns des gött-
lichen Willens, in keiner Weise von Jesu ergistisch gemeint
war oder verstanden werden darf. Nicht um eine Summe von
Leistungen, von guten Werken, handelt es sich dabei, son-
dern um eine normale, Gott gefallige Herzensstellung und
•richtung, die dann freilich auch im Wandel, im Aeusseren
und Einzelnen sich bethatigen wird und muss, wie wir oben
auch solche speciellere Züge fanden als Bedingungen der Reichs-
genossenschaft. Anders ist auch sicher der Ausdruck bei Matth.
16, 27: xiróüïhovxi sxx^Tcfi kxtx ryv irpöil-tv xütoïi , der an sich
auffallen könnte, nicht zu verstehen.
In diesem Sinn fand also von Seiten Jesu ein Ethisieren
der Himmelreichserwartung im besten Sinn Statt, ein Ethi-
sieren über das hlnaus, was davon bisher schon sichvorfand,
zumal das eigentlich alttestamentliche Ethisieren in der spa-
teren Anschauung wesentlich um eine volle Stufe gesunken
war. Jesus hielt jene Erwartung, wie wir sub 2 uns über-
zeugten, als Erwartung höchsten Glückes unverrückt fest,
er kündigte ja ihre Erfüllung aufs bestimmteste an, aber
er wehrte ebenso bestimmt aller und jeder ethisch-faulen Ge-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS. 55
stalt dieser Erwartung. Er wollte gerade durch die rein-ethische
Fassung dieser Erwartung in den Bedingungen, die er auf-
stellte, überhaupt aus der ethischen Versumpfung, in welche
im Ganzen und Grossen seine Zeit mit dem Legalitatsdünkel
versunken war, aufwecken. Es war dies Aufwecken und
sollte sein ein Mittel und Weg, um des erwarteten honen
Glückes teilhaftig zu machen. Aber ein ethisches Verhalten
ist nie bloss Mittel zu etwas anderem, sondern ist auch Selbst-
zweck. So war auch jenes Aufwecken zugleich Selbstzweck
und das in Aussichtsstellen des Gottesreichsguts umgekehrt
das Mittel bzw. ein Sporn dazu.
c. Mit dem Abweisen der blossen Legalitat für die Himmel-
reichsfrage gieng Hand in Hand das Abweisen jedes Anspruchs
einfach auf Grund der israelitischen Nationalitat. Mit einschnei-
dendem Zeugniss gegen den „Abrahamskinder"-Dünkel beglei-
tete der Taufer nach Matthaus und Lucas seine Ankündigung
der Nahe der $x<rikeix tov itav. Jesus seinerseits spricht der
israelitischen Nationalitat keineswegs ihre Bedeutung für die
Himmelreichsfrage ab. Die Israeliten sind 61 ulo) rijs (Sxo-atix?
(Matth. 8, 12). Sie sind nun einmal die von Gott zur Teil-
nahme an der (oxo-ikelx eigentlich Berufenen, die mit derVer-
heissung ihres Kommens eigentlich Gemeinten und insofern
die nachst Berechtigten, wesshalb er auch seine Jünger (zu-
n&chst jedenfalls) nur an sie weisst (10, 6) und sich als den
zu ihnen gesandten bezeichnet (15, 24). Sie nennt er die réxvx
(ib. v. 26; ebenso Mare. 7, 27). Aber wirklich der (3x<ri*.eix teil-
haftig macht die israelit. Nationalitat allein oder sie schon an
sich schlechterdings nicht. Vielmehr ob auch Israeliten und als
solche ulo) Tij,- (3x<nheix$ — alle, welchen die geforderte ethisch-
religiöse Qualitat, die gerade von ihnen erwartet wird, also
speciell das glaubige Annehmen des in Jesu erschienenen Mes-
sias fehlt, werden, bzw. bleiben dennoch von der fixo-aeix aus-
geschlossen (Matth. 8, 12 und Luc. 13, 2 ff.); ferner Matth.
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56                          DIB LEKRE VOM EEICHE GOTTES
21, 43, wo jedenfalls die, von welchen >j @x<r. roü êsov xp-
êfrsTxt,
wenn auch vielleicht nicht die Israeliten im Ganzen
sind, doch zu ihnen gehören. Auch die Ausschliessung der
Hochzeitgaste, welche die Einladung verschmahen (Matth. 22,
7; Luc. 14, 24), gehort hieher; und bei Lucas noch die Be-
strafung der gegen den König sich Empörenden in dem Gleich-
niss 19, 14. 27. Also nur besonders qualificierte Israeliten
können Reichsgenossen werden; die israelit. Nationalitat ge-
nügt nicht, macht vielmehr bei fehlender Qualiflcation die
Schuld nur desto grösser und die Ausschliessung desto ge-
wisser.
d. Aber ist sie nicht doch wenigstens Bedingung ? d. h. es
kommen zwar nicht alle, die Israeliten sind, in die(3x<ri\\elx,
aber doch auch keine anderen, sondern nur solche, wenn sie
nur die Qualiflcation haben?
Dass es sich nicht so verhalt, darf vielleicht nicht aus der
Stelle Matth. 21, 43 geschlossen werden. Denn es ist wenig-
stens nicht ganz sicher, ob livot hier im Sinne yon Nation
zu fassen ist, ob nicht bloss den xp%up£ït; t. 6. die Anderen,
also in specie die unteren Klassen, eben die, welche das bei
jenen Vermisste thun, gegenübergestellt werden sollen, so
dass die Aussage unter die vorige Kategorie (c) gehorte. Auch
die Stelle Luc. 13, 25 f. nötigt nicht zu der Annahme, Jesus
wolle die Thüre zum Gottesreich als auch Nichtisraeliten ge-
öffnet bezeichnen. Vielmehr finden wir hier zunachst nur
einen wesentlichen Zug der neutestamentlichen Messiashoff-
nung, die Sammlung der Zerstreuten d. h. der Israeliten in der
Diaspora. An dem Gottesreichsglück werden nicht bloss Teil
nehmen die Israeliten im Lande, die also um den Messias
selbst sind, sondern ebenso gut die in der Diaspora Befind-
lichen. Ja so wenig haben jene ein Privilegium, dass sie viel-
mehr, wenn sie weiter nichts haben, als dass sie um den
Messias waren ohne die entsprechende innere Qualiflcation,
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I
IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 57
ausgeschlossen werden, w&hrend die in der Diaspora an ihre
Stelle treten. Auch die Stelle Matth. 24, 31 (mit den Paral-
lelen bei Marcus und Lucas) schliesst sich zunachst ganz an die-
sen Gedanken von der Sammlung der Zerstreuten d. h. unter
den Heiden zerstreuten Israeliten an. Allein der ganz andere
Zusammenhang, in welchen, wie wir oben schon bemerkten,
die Aussage Luc. 13, 25 f. bei Matthaus 8, 11 f. gestellt ist,
nemlich in die Erzahlung von dem Glauben des Hauptmanns
zu Capernaum im Gegensatz zu dem Nicht-Glauben-Finden
èv rS) \'lepxfa, und der Gegensatz, in welchen hier die iroMot,
die von überallher kommen werden, zu den vlo) rijt (ZxvtXeixi;
gestellt sind, eröffnet doch noch eine andere Perspective, nem-
lich die Möglichkeit auch für „Zerstreute" in anderem tieferen
Sinn d. h. für Nichtisraeliten, für Heiden, in die QxtriKeix r. ê.
zu kommen, sogar unter Ausschluss von Israeliten, so dass also
jene diesen noch vorgehen. Blieken wir erst kurz aufdievor-
neutestamentliche Erwartung in der Beziehung zurück: so
findet einerseits starke Divergenz statt, und doch fehlt es
andererseits auch nicht an einem Anschluss. Die Heidenwelt
fallt nemlich für sie allerdings zunachst und zumeist unter
den Gesichtspunkt der dem Gottesvolk feindlichen Macht,
welche besiegt, unterworfen, bzw. vernichtet werden wird —
was dann auf dem neutestamentlichen Boden in der Lehre
von dem (durch den Messias zu haltenden) Gericht über die
Gottlosen, überhaupt über die zu der (3x<rt\\eix nicht Befahig-
ten, in freilich ganz wesentlich modifleierter Gestalt wieder-
kehrt. Aber auch der jüdischen Erwartung fehlt nicht — und es
konnte nicht anders sein, wenn sie ihre alttestamentlich-
prophetische Wurzel (vgl. z. B. Jes. 42, 6; 49, 6; 51, 4)
nicht ganz verleugnen wollte — eine andere Vorstellung, nem-
lich, dass das Ueberwinden der Heidenwelt ein innerliches sein
werde, ihr zum Heil, dass der Messias ein Licht für die Völ-
ker sein werde. So B. Henoch 48, 4 und Orac. Sibyll. III,
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
698—726: Die Heiden werden, wenn sie die Rune und den
Frieden des Volkes Gottes sehen, von selbst zur Einsicht
kommen und den allein wahren Gott rühmen und preisen
und seinem Tempel Gaben senden und nach seinem Gesetze
wandeln. In diesem Sinn lasst denn auch auf der Schwelle
des neutestamentlichen Bodens Lucas den Symeon sich aus-
sprechen (2, 32). Daher macht dann Jesus selbst, wenn er
auch sein eigentliches Wirken auf Israël beschrankt, wieder
einzelne Ausnahmen, wie bei dem Hauptmann, bei dem syro-
phoenizischen Weibe. Zumal aber kann ihm kein Beschran-
ken der Möglichkeit, in die /3«a-/A«lx r. ê. zu kommen, auf
Israël zugeschrieben werden. Dazu ist von ihm das Gewicht
der ethischen Bedingungen zu klar erkannt und zu stark be-
tont. Dies schliesst zunachst allerdings nur alle die Israëli ten
aus, welche sie nicht erfüllen (nach Punkt 3); aber es öffnet
doch auch — sagen wir nur erst — fast notwendig allen,
die sie erfüllen, d. h. aber also auch solchen, die nicht Israe-
liten sind, die Thüre. Nicht nivelliert wird von Jesu der
israelitische Particularismus, aber ganz bestimmt durchbrochen.
„Nicht nivelliert": Die Israeliten sind ja, wie wir sub c.
horten, die vlo) rifc @*ei\\sixs, die rsma. Und die glaubigen
d. h. eben fïïr das Himmelreich tauglichen, in dasselbe auf-
zunehmenden, bzw. aufgenommenen Israeliten sind und blei-
ben — mussen wir nun noch hinzufügen — Kern und
Grundstock der Himmelreichsgenossen. Die aus der (sachlichen)
Ferne erst Herzukommenden werden nur m i t den Erzvatern
und Propheten — und so doch wohl auch mit den sonst und
überhaupt für tauglich zur Aufnahme erfundenen Israeliten
zu Tische sitzen, also allerdings voll- gleichberechtigt sein
mit jenen, aber doch nur gleichberechtigt mit solchen, die
noch vor ihnen berechtigt waren d. h. neben dem subjekti-
ven Recht (durch ihre Qualification) noch ein objektives hat-
ten an der göttlichen Erwahlung des Volks, dem sie angehören.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               59
Aber „ganz bestimmt durchbrochen" ist der israelitische
Particularismus. Die Gottesgnade, welche in der Erwahlung
Israels zum Vorschein kam, dehnt sich aus, zieht ihren Kreis
weiter — jedenfalls gegenüber von Individuen. So viel sehen
wir einmal in Stellen, wie Matth. 8, 11 f. Aber dem lag
dann doch schon wenigstens ein Negatives in Bezug auf die
(anderen) „Völker", die Uvy, zu Grund d. h. ein nicht a priori
verwerfen. Und so .kann es uns gar nicht wundern, ist
vielmehr nur der innerlich notwendige weitere Schritt, dass
wir wenigstens in der einen der drei Recensionen der escha-
tologischen Reden Jesu, nemlichbei Marcus, ausdrücklich von
einem $cï iaipuŸyeu to suxyyèxtov e\'is nxvix t& ëSt/y geredet
horen, wobei freilich unentschieden bleibt, ob und wie weit
diess wxyykuov auch faktisch angenommen wird; aber sicher
ist doch, dass diese Predigt darauf zielt. Und was wir bei
Matthaus und Lucas nicht in den Parusiereden lesen, das
sagt ja in unzweideutiger Weise das von diesen beiden uns
gebotene Gleichniss von dem Hochzeitmahl (Matth. 22, 2 ff;
Luc. 14, 16 ff.) und dies mit specieller Beziehung auf die
(3»nltlet r. ê. (vgl. bei Matth. v. 2 und bei Lucas den dem An-
fang des Gleichnisses vorausgehenden Vs. 15). Am bestimmtes-
ten aber ist das Durchbrechen der particularistischen Schranko
ausgesprochen in den Abschiedsbefehlen, die wir als von Jesu
seinen Jüngern (im Unterschied von der früheren Beschran-
kung ihres Wirkens) gegeben lesen Matth. 28, 19 und Luc.
24, 47, wo ja in jener Stelle ausdrücklich ein Erfolg der
Thatigkeit der Jünger bei den Uvvi, ein tixUttvi-iv, ein hM<r-
xeiv Type7v
xta. vorausgesetzt ist. Ob freilich diese Abschieds-
befehle als von Jesu selbst gegeben zu betrachten sind, wird
für unsicher gehalten. Nun dann mussen wir gemass dem
früher Bemerkten das darin Ausgesprochene jedenfalls als
evangelistische Lehre betrachten, als Lehre des ersten und drit-
ten Evangeliums wenigstens, da uns ja der ursprüngliche
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DIE LEHRE VOM REICHE G0TTES
Schluss des zweiten verloren gegangen ist. Der dafür hier
eingesetzte Schluss (aus einer spateren Evangelienschrift) stimmt
aber bekanntlich in dem, was (Mare.) 16, 15 gesagt wird
(sis tov Kè<ri*ov xttxvtx , irx<Ty rjj ktIo-si) , ganz zu dem in den
beiden andern Evangeliën Gesagten. Von einer Differenz zwi-
schen den drei Schriften in Absicht auf unseren Punkt d,
kann daher füglich nicht die Rede sein, auch nicht in Absicht
auf Punkt c, dass nicht alle Israeliten schon als solche in
die fiavitelu t. 6, kommen werden, wenn wir auch bei Marcus
keine specielle Aussage darüber lesen. Dass sie in Absicht
auf Punkt a und b zusammenstimmen, braucht nicht erst
besonders betont zu werden. — In den vorhin noch beigezoge-
nen Abschiedsbefehlen — sei noch bemerkt — fehlt allerdings
die ausdrückliche Beziehung zu unserem Gegenstande, zu der
fiatriteix t. êeoü. Aber dass wir desshalb doch ein Recht hatten,
sie hieher zu ziehen d. h. diejenigen \'évvj, welche die Predigt
des Evangeliums annehmen, welche wirklich (ixê^rsüovrxi,
als für die fixtriheix t.6. befahigt betrachtet sind, wird nicht
in Zweifel gezogen werden wollen.
Auf Grund des Bisherigen ist nun zu constatieren: Da eine
bestimmte ethische (ethisch-religiöse) Qualification, die hxxto-
auvvi
(wie wir in der Hauptsache doch wohl sagen können),
unerlassliche Bedingung der Reichsgenossenschaft ist, so haben
selbstverstandlich alle, welche wirklich Reichsgenossen wer-
den bzw. sind, faktisch diese Qualification, sind also S/Wo/.
Und zur vollen Charakteristik eines Reichsgenossen gehort
desshalb allerdings: Er ist ein im Gebiet des unbehinderten
(Sxa-iteveiv Gottes (des Vaters im Himmel) befindlicher, dasselbe
geniessender, eben darum im Genuss des höchsten Gutes (der
£wvj xldivioc) stehender 1\'tx.xtot;. Aber desswegen ist natürlich
dennoch nicht das oben sub 2 über Zweck und Bedeutung
der Reichsgenossenschaft Gesagte, dass sie den Genuss eines
Gutes, nicht irgend eine Qualitat oder Leistung bedeute, hin-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 61
fallig. „Reichsgenosse sein" ist nimmermehr = „ein S/-
x«/04-sein". In dera Stand der Reichsgenossenschaft „ver-
wirklicht sich" auch nicht etwa, wie man es wohl ofb aus-
gedrückt ündet, die hxxioirüvy, als ob sie eigentlich ihr Ziel
ware. Sie wird ja immer schon vorausgesezt; ohne sie wird
man gar kein Reichsgenosse. Jener Stand bringt daher auch
nicht erst — und das vollends nicht — die „Aufgabe" mit
sich, sie zu verwirklichen, und auch der Beisatz: „natürlich
mit Aussicht auf Verwirklichung" macht die Sache nicht rich-
tiger.
Es ist etwas ganz ahnliches, wie mit dem Verhaltniss von
„heilig" zu „rein". Nur was rein ist, kann heilig sein, und
darum ist natürlich, was wirklich heilig ist, faktisch ein Rei-
nes. Aber desswegen ist dennoch keineswegs „heilig" = „rein",
hat auch nicht etwa bloss das Reinmachen oder Reinerhalten
zum Zweck, sondern es ist etwas wesentlich Anderes, etwas
Besonderes, bekanntlich das Ausgesondertsein aus dem Be-
reich dessen, was profan ist, das Gott Zugehören. So ist auch
Reichsgenossesein etwas ganz anderes, als ï/x«je?-sein, so
eng beides zusammengehört. So wenig als alles, was rein ist,
auch schon heilig ist, vielmehr nur bei dem, was rein ist, kein
Hinderniss für das Heiligsein vorliegt: so wenig ist ein S/-
kxioc,- schon eo ipso ein Reichsgenosse. Warum? werden wir im
nachsten Abschnitt sehen. Und umgekehrt so wenig, was nicht
heilig ist, desshalb auch unrein ist, so wenig darf daraus,
oder sagen wir allerdings richtiger, dürfte an sich daraus, dass
Einer kein Reichsgenosse ist, geschlossen werden, er sei kein
S/x*/o?, wenn auch, weil faktisch Gott den S/xawo? zum Reichs-
genossen machen will und macht gemass dem im nachsten
Abschnitt Auszuführenden, das nicht- Reichsgenossewerden
den Betreffenden als Nicht-S/x«<o? kennzeichnet.
Bei aller begrifflichen Verschiedenheit von „Reichsgenosse-
sein" und „S/x«»c$-sein" ist aber das richtig, dass die Qua-
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
liflcation der "iiKxtonïivx nicht bloss, wie vorhin gesagt, einfach,
faktisch dem Reichsgenossen zukommt, sondern auch das
bestandige Substrat der Reichsgenossenschaft bleiben muss
oder vielmehr bleibt, was schon oben einmal bei Besprechung
der Stelle Matth. 21, 43 kurz berührt wurde. Der Reichsge-
nosse ist und bleibt — können wir mit Zacharias Luc. 1,
74 f. sagen — bei und in seinem Genuss des höchsten Guts
ein 61$ \\xrpevwv fa êjiórttTi kx) \'SiKxiovvvq fawiriov xvtoïi ftxax?
rxs jftépx; xCitoü. Mit dem Aufhören solcher Qualiflcation oder
solchen Verhaltens würde ja die Zugehörigkeit zu der (Sx<n/.cix
hinfallig, weil unmöglich , wie mit dem Aufhören der Reinheit
bekanntlich der Heiligkeitscharakter hinfallig wird. Wahrend
aber letzteres wenigstens bei dem, was ausser Gott ist und
ihm bloss zugeeignet, allerdings möglich ist, verhalt es sich
anders mit dem Charakter der Reichsgenossenschaft. Von
einem Wiederauf horen desselben, einem Wiederverlierenkönnen
ist nirgends die Rede, kann auch nicht die Rede sein, es
ware ja eine contradictio in adjecto, wenn doch dasHim-
melreichsgut ^m xicbvio*; ist. Der Stand der Reichsgenossenschaft
ist stets als ein Vollendungsstand gedacht, nimmer als ein
Stand, der auch wieder schwinden könnte. Die Stelle Matth.
13, 41 spricht nur scheinbar dagegen. Der Wortlaut könnte
ja freilich zu besagen scheinen, die <ncxv$x\\x, die iroiovvres
rviv xvofiixv
seien in der @x<raeix Christi und damit ja frei-
lich auch, wie sich spater zeigen wird, in der (3xtras!x Gottes,
und werden dann doch wieder ausgestossen. Allein nachdem
Zusammenhang sind sie nur fa xéo-fty, und der Ausdruck ist
daher ein pragnanter = die Engel werden die vxdv^x^x weg-
schaffen und dadurch die 0x<n\\elx Christi davor bewahren,
werden machen, dass sie damit in keine Gemeinschaft kom-
men. Auch in der Stelle 13, 47 ff. darf man sich durch den
Wortlaut nicht tauschen lassen. Das Himmelreich hat in den
Reihen seiner Genossen nicht auch solche, die schliesslich
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 63
sich als faule Fische erweisen und daher wieder ausgestossen
werden, sondern es werden für das Himmelreich „Fische ge-
fangen", aber nur die „guten" kommen hinein in Verbindung
mit einem Verwerfungsgericht über alle die, welche bei der
Erscheinung der (3x<rt\\six als „faule Fische" erfunden werden,
wahrend sie vorher mit denen gemischt waren, die, weil =
„guten", in die /3«inA«« eingehen dürfen. Das awxyuv ix wetvrbt
•yivovt;
ist Vorarbeit für die (ZxatKeix, der Eintritt der @x<r.
bringt schon die Scheidung. Die 0x<r. selbst ist nicht eine
«tyjjwj, sondern = den xyyeïx. Zur Rechtfertigung dieser
Erklarung trotz des scheinbar entgegenstehenden Wortlauts
wird sich spater Gelegenheit geben.
Weil so die Zugehörigkeit zu der (3x<rtt.e!x t. ê. stets als
et was nicht wieder Aufhörendes gedacht ist, so gilt natür-
lich das Gleiche von dem Substrat derselben, der $ixxiotrvvvi.
Eben der Genuss des Gottesreichsguts ist es, der die Reichs-
genossen in der entsprechenden ethisch(-religiösen) Qualifica-
tion erhalt, wie die Fortdauer dieser Qualification ihnenjenen
Genuss bewahrt und erhalt. Es findet eine Wechselwirkung
statt.
Schliesslich noch die Bemerkung, dass wir von der meta-
physischen Bedingung des Eingangs in die (3x<raelx r. ê., welche
Paulus 1 Cor. 15, 50 nennt, in den Evangeliën nichts ange-
deutet flnden. Wir horen nur von den Auferstandenen, dass
ihre Leiblichkeit nicht mehr die irdische sei (Matth. 22, 30
mit Parallelen), ohne dass aber die Auferstehung zu der (3x-
ai\\iix t. L
in direkte Beziehung gesezt würde. Was wenig-
stens die jetzige Generation betrifft, so wird sie ja als noch
lebend beim Kommen der (ïxsixeix r. 6. vorausgesezt. Darauf
aber, ob bei den noch Lebenden eine Verwandlung ihrerLeib-
lichkeit in eine der Auferstandenen entsprechende stattflnden
müsse, um fahig zu sein in die (ixinXsix r. 6. einzugehen, hö-
ren wir Jesum nirgends eingehen.
*
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DIE LEHRE VOM BEICHE GOTTES
4. Objektiv ist alle Zagehörigkeit zn der {latnleiu r. fl. bedingt
dnrch das Kommen derselben.
Wir haben Bedingungen kennen gelernt, von welenen das
Erlangen des Himmelreichsguts abhangt, bestenend in gewis-
sen dazu erforderlichen Qualificationen. Allein mit all dem
d. h. auch mit allem Erfüllen der Bedingungen, mit allem
Vorhandensein der Qualiricationen ist das wirkliche Erlangen
jenes Gutes, die Aufnahme in die (3x<nteix r. i. noch nicht
gegeben. Es kann ein Mensch ja alle Qualiflcationen besitzen,
von welchen die Zuteilung eines Gutes abhangig gemacht ist:
er erlangt es doch nicht, wenn nicht — einmal das Gut über-
haupt da ist und insofern erreichbar, und dann wenn nicht
der, der über das Gut disponiert, es wirklich zuteilt. B e d i n-
gungen sind eben jene Qualitaten bloss, an welche dieAuf-
nahme in die &x<ri\\eix r. 6. und der Genuss ihres Gutes ge-
knüpft ist. Aber sie sind nicht auch schon die Mit tel, die
solches schaffen, oder es ist dasselbe keineswegs einfach die
Folge davon. Nein alles Eingehen in die fixetteix t. 6. und
Erlangen ihres Guts ist nicht bloss subjektiv bedingt, son-
dern auch objektiv. Gott selbst ist es allein, der es möglich
macht. Es beruht auf einem göttlichen Act, darauf, dass Gott
diese @x<raeix r.$. kommen lasst (ja er muss sogar, können
wir gleich andeuten, zu Erfüllung der geforderten Bedingun-
gen selbst helfen). Das Erdreich kann noch so lange und
noch so sehr für das Licht zuganglich und empfanglich,
ohnehin desselben bedürftig sein: erleuchtet wird es doch in
Ewigkeit nicht — wenn nicht die Sonne aufgeht mit ihrem
Lichte.
Auch dieses Moment der Himmelreichslehre gehort m. E.
zu dem, was unzweideutig in unseren Schriften vorliegt, aller -
dings aber — das ist zuzugeben — nicht so fast überall und
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               65
mit Handen zu greifen, wie namentlich das sub 2 genannte
Moment, auch das so eben sub 3 behandelte. Vielmehr ist von
der objektiven Vermittlung der Reichsgenossenschaft verhalt-
nissmassig nicht oft die Rede, so dass immerhin von man-
chen Stellen aus der Gedanke berechtigt scheint, es sei die-
selbe nicht anders denn als die unmittelbare Folge desVor-
handenseins gewisser subjektiver Qualitaten gedacht; vgl. na-
mentlich Stellen, wie xütSóv hrh $ (ZxaiXeix tüv oöpxvüv und
ahnliche. Ja man könnte dafür halten „Sein in der 0x<ri\\eix
t. ê."
oder, dass „die (3x<ri>.eix r. t. Jemandes ist", wie in der
eben genannten Aussage, meine nur, dass mit einem bestimm-
ten Sinn oder Verhalten die Gewissheit und Empflndung des
göttlichen Wohlgefallens und eben damit das Gut eines in-
neren Glücks oder etwa auch die gewisse Aussicht auf ein
im Himmel zu erwartendes Glück unmittelbar ver bunden
sei ohne jeden besonderen, objektiven göttlichen Act, der
erst diesen Gutgenuss möglich macht und verwirklicht. Ist
doch, könnte man noch betonen, der Begriff fixvixeix tüv
oupxvüv
bzw. tov Seov in so manchen Stellen geradezu mit
dem Begriff „höchstes Gut, Seligkeit" gleichbedeutend ge-
worden.
Nun ja, letzteres ist keine Frage, wir sprachen dies
selbst schon oben aus. Aber es kann etwas rein nach seinem
Wert ins Auge gefasst werden, wenn darauf, dass es einen
Wert hat, gerade der Nachdruck liegt oder gelegt werden
soll, und man kann so mit der Sache eigentlich den Wert
meinen. Allein desswegen ist doch die Sache nicht in den
Wert verwandelt und jene ganz verschwunden, sondern es
hat die Sache diese Wertbedeutung nur in abgeleiteter Weise,
in Folge der eigentlichen Bedeu tung, die unverandert bleibt.
So ist jedenfalls dann zu urteilen, wenn andere Gründe auf
dies Verhaltniss bloss abgeleiteter Bedeutung zu ursprüng-
licher oder darauf, dass hinter jener diese stehe, ganz deut-
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DIE LEHRE VOM REIOHE GOTTES
lich hinweisen. Und das ist eben bei unserem Begriff der
Fall. Zwar dass überhaupt, wenn auch nicht haufig, von
einem Kommen der (3xtrtt.etx r. ê. die Rede ist, ist, wie
ich zugebe, noch nicht entscheidend. Es könnte ja diesKonv
men selbst nur als innerer Vorgang gedacht, nur ein Aus-
druck für das sein, was in Folge eines bestimmten Verhal -
tens seinerseits für den Menschen „kommt" = eintritt, wird.
Und hiefür wird ja wohl auch als ausdrücklicher Beleg die
Antwort angeführt, welche Jesus nach Luc. 17, 21 auf die
Pharisaerfrage nach dem ip%tabxi der (SxatXelx tJ. gibt: \'H/W.
toü 6eoü brrès upüv hrlv. Weist hier nicht Jesus selbst von
allen objektiven göttlichen Acten, auf die man wartet, weg
und auf die Subjectivitat hin = das Reich Gottes kommt auf
innerliche Weise, also etwa in und mit dem beglückenden
Bewusstsein göttlichen Wohlgefallens? Ja, wenn nur nicht
die, zu denen er dies sagt, und zwar nicht als allgemeinen
Satz, sondern ganz concret: Ivrbe vpüv, solche waren, bei
denen das entsprechende Verhalten, mit welchem das Gottes-
reich in diesem Sinn kommen soll, gerade fehlt! Also den
Schluss, es wolle das Kommen der freaihtl* r. 6. überhaupt zu
einem subjektiven Vorgang gemacht werden, darf man ge-
wiss aus unserer Stelle nicht ziehen. Man könnte darin nur
etwa eine Hinnweisung darauf sehen, dass ja alles Kommen
der fixcixeix t. 6. zu dem Einzelnen, also aller Genuss
dieses Kommens subjectiv bedingt sei, wie wir sahen, und
dass desswegen die Hauptfrage für Menschen nicht sein solle,
wann die (3x<r. komme, sondern ob diese subjective Bedingung
auch vorhanden sei. Viel wahrscheinlicher aber will Jesus mit
dieser Antwort entweder ein schon Gekommensein der (3x<rt-
Xsix
t. ö. gerade im objectiven Sinn in ihrerMitte aus-
sagen (in welchem Sinn? wird spater zur Sprache kommen),
oder aber will er allgemein sagen, die /3«<nAs/« sei innerhalb
ihres Bereiches, es sei für sie die Möglichkeit voll vorhanden,
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.
in dieselbe zu kommen — nemlich eben duren ein entspre-
chendes Verhalten.
Doch das Moment, welches immerhin schon in dem Ausdruck:
„Kommen der /3«<ru«\'« t. ê." gegen die Fassung desselben als
eines bloss innerlichen Vorgangs liegt, wird wesentlich verstarkt
und diese Fassung vollstandig ausgeschlossen durch andere
Aussagen. Schon der Ausdruck: „Die fixvtkiix r. 6. ist nahe-
gekommen", mit dem bekanntlich alles Reden von ihrsich
einleitet, ist eigentlich entscheidend. Denn das passt ja schlech-
terdings nicht auf einen innerlichen Vorgang; noch weniger
aber der Ausdruck: npo<rii%srêat t^v fixcriKelxv r. 6. (Mare. 15,
43; Luc. 23, 51). Es will damit doch nicht von Joseph von
Arimathia gesagt werden, er warte auf einen subjectiven Zu-
stand, sei es bei sich oder bei Andern, sondern er warte
auf ein objectives, heilsgeschichtliches Ereigniss, eine
heilsgeschichtliche Manifestation Gottes, so gut wie dies gemeint
ist mit den sachlich sehr nahe verwandten Ausdrücken: npoe-
"&k%itrl)xi nxpixXyeiv toïi \'lirpxyh, kvrputriv (Luc. 2. 25. 38) —
wenn dann auch diese objective Manifestation natürlich wieder
auf ein subjectives Erfahren oder Empfinden der Menschen
hinzielt. Und in der Stelle Luc. 19, 11 wird nur das irxpx-
XPW*
des xvxQxivttrixi abgewiesen, nicht aber das xvxcpxi-
vutóxi
selbst; und das involviert doch natürlich wieder einen
objektiven Vorgang. Sodann kann, wenn man nicht künstelt,
statt bei der natürlichsten, sich unmittelbar aufdrangenden Er-
klarung zu bleiben, die Vaterunserbitte um das Kommen der
fixeitelx r. 6. doch nur so verstanden werden, dass Gott jedenfalls
zunachst um einen Act objectiver Art, um eine heilsgeschicht-
liche Manifestation gebeten wird — die dann freilich wieder
ihren Reflex im und am Subjekt haben wird und soll. Am
schlagendsten ist aber die so eben berührte erste Stelle von der
(ixvixeix r. 6. d. i. von dem Nahegekommensein derselben durch
die Art und Weise, wie davon geredet wird. Anderen Sinnes
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68
DIE LEHRE VOM BEICHE GOTTES
sollen die Menschen also werden darum, we il die (oa.tro.eix
t. ê. nahe ist. Letzteres ist demnach etwas von dem "Verhalten
der Menschen ganz Unabhangiges, geht ihrn voraus als eine
objective Thatsache. Davon, dass die (3»<riXtla r. 6. nahege-
kommen ware durch ein fteTxvosTv der Menschen, oder sie sol-
len fieracvoiTv, damit es nahekomme, ist entfernt nicht die
Rede. Jenes Nahegekommensein steht fest ohne dieses, und
alles fisTxvosTv der Menschen würde ihnen nicht in die (3x<ri\\elx
r. 6.
helfen ohne jenes Nahegekommensein. So kann aber auch
das wirkliche Kommen nicht — nicht in erster Linie oder
gar bloss — bestehen in einem doch ganz durch das nnxvoeïv
bedingten subjectiven Vorgang des Bewusstseins des gött-
lichen Wohlgefallens oder auch des Empfangs der £«>* «Wwe$
oder wie man es ausdrücken will, sondern muss zunachst
bestehen in einem objectiven Vorgang, der dann freilich in
dem Subjekt sich reflektieren oder eine Wirkung für das-
selbe nach sich ziehen will und soll. Klar ist schliesslich ohne-
hin, dass die rein subjective Fassung des j3«o-/Af/«-begrifFs
nicht stimmt zu allen den Aussagen, wo die/3«a-/Ae/« r. ê. als
ein Ge biet erscheint, in das man eingehen soll, in dem
Jemand ist, in dem etwas geschieht, z. B. jenes xvxx^hsaóxi
mit den Vatern. Finden wir einmal diese leztere Fassung in
unseren Schriften auch, auch noch, will ich bloss sagen, so
kann diejenige Bedeutung, in der wir den Ausdruck ja freilich,
wie mehrfach erwahnt, auch gebraucht finden = höchstes
Gut, Seligkeit u. dgl., nur als eine abgeleitete, metaphorische
in diesen Schriften betrachtet werden. Etwas ganz anderes
ware es, wenn jene Fassung als Gebiet sich in unseren Schrif-
ten gar nicht, oder sagen wir, gar nicht mehr fande. Dann
ware die andere Bedeutung zwar auch noch eine abgeleitete,
aber eben in unseren Schriften die einzige, die eigentliche
geworden und wir müssten mit ihr allein rechnen. Denn
von der schlechten Hermeneutik, dass ein Begriff das eine-
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IN DEN SCHKIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               69
mal dies, ein anderesmal etwas ganz anderes bedeute, wol-
len wir uns ferne halten, d. h. verschiedene Bedeutungen eines
Begriffs in ein und derselben Schrift mussen sich jedenfalls
unter Eine Grundbedeutung subsumieren lassen. Und diese
kann bei unserem Begriff, soweit (3x<ri*eix nicht etwa als
Königsherrschaft in manchen Stellen gefasst werden will, nur
die Gebietsbedeutung sein. Aus dieser lasst sich dann die
engere: Höchstes Gut u. dgl. ableiten, weil das Sein in jenem
Gebiet lezteres verschafft, nicht aber kann das Umgekehrte
geschehen. Und auch soweit wir (3x<rttelx anstatt als Herr-
schaftsgebiet vielmehr als Herrschaft fassen müssten oder woll-
ten, gilt ganz das gleiche. Jene engere Bedeutung: „Höchstes
Gut" kann darunter subsumiert oder davon abgeleitet wer-
den, nicht aber umgekehrt; jene ist also nur eine abgeleitete,
metaphorische.
Dass nun aber von dem „Kommen" der /3«<r/Af/# in dem
objektiven Sinn, den wir statuieren, d. h. also von der Ver-
mittlung aller Reichsgenossenschaft durch eine objektiven Got-
tesakt nur wenig geredet wird in den Aussagen über die (3x-
tritei*,
hat einmal m. E. ganz einfach seinen Grund darin,
dass es nicht weiter nöthig schien. Denn es sind eben alle
Aussagen, so zu sagen, aus diesem objektiven Kommensollen
heraus geredet, d. h. von dem selbst, durch den es geschieht;
es ist also einfach diess immer vorausgesetzt. Einen weiteren
Grund aber, woraus sich diese Weise zu reden, d. h. dass von
dem erst Kommenmüssen des Reichs meist abgesehen ist,
erklart, werden wir am Schluss unserer Untersuchung finden,
wo wir den Ausdruck: >} (3x<raeix tüv ovpxvüv bzw. toü $eoü
selbst erkl&ren.
„Kommen der (3x<riteix r. 6." — ist ja freilich ein etwas
zweideutiger Ausdruck; daher, urn ganz ins Klare zu kom"
men, noch ein Wort darüber. Es muss auseinandergehalten
werden: Kommen der (3xvrt.il* t. ê. im objektiven, und Kom-
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
men im zugleich subjektiven Sinn. D. h. in concreto vollzieht
sich ja freilich jenes Kommen immer mit einem Kommen in
diesem Sinn, also damit, dass Jemand in das Reich aufge-
nommen und seines Guts teilhaftig wird, und ware es auch
nur Einer. Denn zu den Menschen will und soll es ja kom-
men, ihnen zum Heil. Aber dieses Heil ist ja nur da, wenn
Jemand in seinem Genuss steht, und insofern ist das Reich
auch nur dann „gekommen" und da, oder man nat mit
„Kommen" des Reichs natürlich immer dies auch subjektive
Kommen oder dieses, dass Menschen seines Glückes teilhaf-
tig werden, mit im Auge. Man kann sachlich Beides nicht
scheiden. Aber begrifflich muss es auseinandergehalten, oder
es muss festgehalten werden, dass alles Kommen in diesem
auch subjectiven Sinn ein Kommen im objectiven, ein Kom-
menlassen von Seiten Gottes zur Voraussetzung hat und in-
sofern die Initiative natürlich ganz in Gott liegt. Alle Zuge-
hörigkeit zu der (3x<riteix r. S. mit ihrem Glück beruht auf
einer selbstandigen, spontanen und souveranen Gottesthat,
auf einer concreten heilsgeschichtlichen, daher in einem be-
stimmten Zeitpunkt stattflndenden Action Gottes. Der Periode
des Kommens und Kommenlassens der fcaerikêlet r. ó. gieng vor-
her eine Periode, wo Gott diese @»<ri>,e!x t. 6. noch nicht
kommen liess und kommen lassen wollte, wo es ebendess-
wegen auch für Menschen, mochten sie auch die subjective
Qualiflcation dazu haben, unmöglich war, in dasselbe zu kom-
men und seines Gutes teilhaftig zu werden.
Warum Gott diese @x<ri\\elx zuerst noch nicht kommen
liess, sondern erst zu einer bestimmten Zeit kommen lassen
wollte bzw. will: diese Frage beschaftigt uns hier nicht wei-
ter, sondern es genügt die allgemeine Antwort: Weil eben
der Vollendungsstand am Schluss liegt und nicht am Anfang.
Das aber gehort hieher, dass wir aussprechen: Die heilsge-
schichtliche Action des Kommenlassens der /3«<nA«\'« t. i. wur-
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»
IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.
               7l
zelt in einem Heilsrat Gottes. Dieser Heilsrat aber blieb
nicht etwa in Gott verborgen, sondern karn zum Ausdruck
und sollte den Menschen zum Trost zur Aussprache kommen
in Verheissungen der Heilsaction. Das Eintreten der letzteren
ist daher wesentlich das Erfüllen göttlicher Verheissung und
des darin ausgesprochenen Heilsrats. In ihm war das Spatium
bis zum Eintritt der Action vorausgesehen und vorausbe-
stimmt. Dieses Spatium ist nun ausgefüllt, daher ireTr^purxi
i xtxipóg
(Mare. 1,15), als es wenigstens einmal hiess: vyyyiKev ti
(3x<rael*
t. 6., oder umgekehrt: Als der Zeitraum ausgefüllt
war, da konnte, aber musste es auch so heissen.
Mit diesem foyixe ist also das Kommen der (ixaixtlet t. 9.
inauguriert. Nach Marcus ist es Jesus selbst, der zum ersten-
mal es ausspricht und damit den Anbruch der Periode des
Daseins der fixaiKeix ankündigt. Nach Matthaus thut zuerst
der Taufer dies (was mir das ursprünglichere zu sein scheint,
indem es so recht zu seinem Beruf der unmittelbaren Vor-
bereitung Jesu stimmt), und Jesus nimmt nur das Tauferwort
bei seinem Auftreten wieder auf oder setzt es fort.
Das seitherige Fernesein der fixaixeix t. ê. ist also nun zu
Ende. Und damit wird die Mahnung: MstxvoiTts, motiviert in
doppeltem Sinn; einmal in dem Sinn: „Weil es nahe ist, so
ist es wahrlich wohl der Mühe werth, anderen Sinnes zu
werden; es ist ja sichere Aussicht da, das Glück der (ScunXelx
t. 6. zu erreichen", dann aber in dem Sinn: „So ist es auch
hohe und höchste Zeit; es könnte leicht zu spat werden;
denn wenn die fixaixetx wirklich kommt, die jetzt nahe ist,
so haben nur die Teil daran, die /*ertviw**; alle Anderen
bleiben ausgeschlossen." Noch ein drittes Motiv mogen wir
in dem ïiy/ut finden: „so ist jetzt noch Zeit zum perxvoeTv;
denn ob auch nahe, so ist das Reich doch noch nicht da, sein
Gebiet also noch nicht umgrenzt; die Thüre steht noch offen."
Klar ist, dass dieses farms zunachst einfach local zu ver-
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*          .
72                          DIB LEHBE VOM BEIOHE GOTTES
stehen ist = die RcwiXela. t. 6. ist aus Raumferne in Raumnahe
gerückt. Die Raumferne meint aber natürlich zugleich eine sach-
liche Ferne in dem Sinn: „Es konnte die (ZxctXeix sich nicht wirk-
sam zeigen mit ihrem Heile," und die Raumnahe eine sachliche
Nahe in dem Sinn: „Es ist ihre heilbringende Wirkung nahege-
rückt." Was aber so in der Bewegung von ferne nach nahe be-
griffen ist, das wird auch in naher Zeit, wird bald da sein
und wirksam sich zeigen. So ist in der localen Nahe selbstver-
standlich auch eine temporale mit enthalten, aber letztere
doch nur abgeleitet aus der localen Anschauung der Sache.
Dass das Nahesein neben dem Gegensatz gegen das bisherige
Fernsein doch auch andererseits das schon Dasein verneinen
will, = „noch nicht da, erst nahe", ergibt sich daraus, dass
dies eben noch die Mahnung nsTxvoeïTe möglich macht, we-
nigstens in der Rede des Taufers Matth. 3, auch aus der Art,
wie von der opyt, der man durch peTxvotx entgehen soll und
allein entgehen kann, geredet ist; sie hiesst eine ftêM.ou<rx.
Da nemlich das wirkliche Erscheinen der [2x<ri\\eix zum Heil
für die Einen das Gericht über die Anderen, die nicht (ierx-
vcoütTi,
zur unmittelbaren Voraussetzung hat, so ist natürlich
auch die (èxaiteix t. S. zwar nahe, aber doch noch eine (ti*.-
xouvx.
Doch aber — das ist wieder festzuhalten — handelt es
sich jetzt nicht mehr bloss um eine ênxyyexix, sondern um
ein svxyy&wv. Zwischen dem, was bis jetzt war, und dem,
was jetzt ist, besteht ein wesentlicher Unterschied. Es ist
eben die Zeit der Erfüllung jetzt gekommen.
Dass nun diese Proclamation des tyyixêvxt der j3«<r/A«/« t. 6.
endgeschichtlich (eschatologisch) zu verstehen ist, dass
also ein Nahesein und Kommen der (3x<raslx r. 6. im vollen,
abschliessenden Sinn gemeint ist, wonach damit eben das sub
2 besprochene höchste Gut komt, nicht ein solches, hinter und
nach dem erst (einmal) das letzte, volle Kommen stattfinden
soll und wird, also nicht bloss ein vorlauflges unvollkomme-
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J. IK DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               73
nes, rein zeitgeschichtliches — das ist gar keine Frage, ohne-
hin nicht im Munde des Taufers nach dem Bericht des Mat-
thaus. Bei dem Wort als Tauferwort haben wir natürlich
nicht das mindeste Recht zu der letzteren Annahme. Die
Gerichtsdrohung, welche Matth. 3 angeschlossen ist, zumal
dann die Vorstellung des Messias als dessen, der die Worf
schaufel in der Hand hat, fordert mit aller nur wünschens
werthen Deutlichkeit die endgeschichtliche Fassung des nyyi
xévxi
der (3tx<ritei* t. 9. Wenn nun aber nach dem Bericht bei
Matthaus der Taufer zuerst es ist, der mit dieser Ankündi
gung auftritt, und Jesus dann ganz das gleiche thut, so
spricht doch zunachst alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass
auch er das foyiKÏvxt der (3<xtraelx t. 6. nicht anders verstan-
den hat und verstanden wissen will. Wenn letzteres, so müss-
ten wir doch mit Recht irgend eine Andeutung davon erwar-
ten, die wir aber nicht horen; um so mehr das, da die Erwar-
tung einer künftigen Gottherrschaft bei den Zeitgenossen Jesu
ohne alle Frage eine endgeschichtliche war, auf eine voll-
endete Gottherrschaft gieng. Aus eben diesem Grund konnten
sie aber jene Ankündigung von dem ^yyiKivxt der (3x<Tt\\elx
t. ê. —
auch wenn sie nur von Seiten Jesu stattfand nach
Marcus, oder im Auftrag Jesu von seinen Jüngern nach Lu-
cas (10, 9. 11) ohne weitere klar eschatologische Erlau-
terungen, die der Taufer davon gab, — nur endgeschichtlich
verstenen. Irgend eine Andeutung, dass sie nicht so zu ver-
stehen sei, ist nicht gegeben; so hatten sie und haben wir auch
zunachst kein Recht, sie anders zu verstehen, da wir aus
dem genannten Grunde, wenn wir sie anders verstehen soll-
ten, eine Andeutung davon erwarten müssten. Doch diese Frage
kann hier nur erst ganz vorlauflg beantwortet, mehr nur
angeregt, als entschieden werden. Zum Abschluss gebracht
werden kann sie erst in dem nachsten und namentlich über-
nachsten Abschnitt. — Nur Eines werde hier gleich consta-
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«
74                          DIE LEHEE VOM REIOHE GOTTES
tiert, wo wir zum erstenmal von „endgeschichtlich" oder
davon, dass das Kommen der /3«<nAs/« als ein solches ge-
meint sei, reden: Nicht etwa wird damit (von Jesu) über
die Gegenwart hinaus in dem Sinn geblickt, dass an eine
ferne, unbestimmt ferne Zukunffc gedacht ware, mit der dann
erst einmal diese Endzeit kame, sondern diese Endzeit soll
ja jetzt eben eintreten. Sie steht freilich erst noch bevor
nèMci ïp%e<T$xi, aber steht auch ganznahe bevor — $jyy/>«,
und das itêKXeiv selbst deutet es an. Insofern tritt diese
Endzeit in keinerlei Gegensatz zur Jetztzeit, sie
gehort vielmehr mit zu ihr, so gut, möchte ich ver-
gleichungsweise sagen, wie, wer vor der Thüre steht, schon
auf dem Hausplatz ist, schon mit zum Hause gehort. Noch
richtiger aber drehen wir es um und sagen: Die Jetztzeit
gehort nach der Anschauung in unseren Schriften schon
zur Endzeit, wie die Morgendammerung schon zum Mor-
gen, den der Sonnenaufgang bringt, gehort. Es sind gar
nicht zwei Zeiten, und insofern ist es bei dieser endge-
schichtlichen Auffassung des vryyiKtv s} (Sairi^eix r. i. eben so
richtig zu sagen, es handle sich um die Gegenwart, als, es
handle sich um die Zukunft, und unrichtig ist es, dieser
Fassung die Frage entgegenhalten zu wollen: Wie kann
denn hier eine erst künftige (3»<n\\dx t. $. gemeint sein, wah-
rend man doch sieht, dass man in der Gegenwart sich be-
wegt? — Die Unterscheidung von Gegenwart und Zukunft
im Sinn eines wesentlichen Auseinanderfallens ist eben hier
völlig unzutreffend. Durch ein solches Unterscheiden verderbt
und verrückt man den ganzen Standpunkt, auf dem unsere
Schriften mit ihren Aussagen über die (ZaatXei* t. ó. stehen.
Aller Unterschied, der gemacht werden darf, reduciert sich
darauf, dass die unmittelbare Gegenwart die Vorstufe der
Endzeit ist. Weil erst Vorstufe, kann sie davon noch unter-
schieden werden, aber nur als Vorstufe; weil aber schon Vor*
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IN DEN SOHBIFTEN DES NETJEN TESTAMENTS.                 75
stufe, gehort sie mit dazu. Und ebenso, weil noch eine"Vor-
stufe vor sich habend, kann die Endzeit noch von der unmit-
telbaren Gegenwart unterschieden, aber weil bloss eine Vor-
stufe noch vor sich habend, muss sie mit ihr zusammenge-
nommen werden. Sie gehort, wie wir vorhin sagten, wesent-
lich zur Jetztzeit, oder es gehort die Jetztzeit zur Endzeit. Wie
das mit den Thatsachen der Geschichte, die seither abgelau-
fen sind, zu vereinigen sei, das ist eine ganz andere Frage,
die aber nicht hieher gehort und die wir auch gar nicht zu
untersuchen haben. Denn wir wollen und sollen ja ganz ein-
fach den exegetischen Thatbestand feststellen.
Vergleichen wir schliesslich, um nichts zu versaumen, noch
eigens in der Kürze unsere drei Schriften in Absicht auf ihre
Stellung zu unserer Frage in Punkt 4 mit einander. Nun
so ist zu sagen: Alle drei enthalten Stellen — und sie zeigen
sich auch darin einhellig — welche ein Recht zu geben schei-
nen zu einer lediglich subjektiven Fassung des Kommens der
(Zatriteix t. 6. oder doch zu dem Gedanken, die Reichsgenossen-
schaft sei die unmittelbare Folge einer entsprechenden Quali-
flcation ohne alles weitere, ohne jeden besonderen heilsge-
schichtlichen Act. Man nehme nur statt aller anderen z. B.
die in allen drei Evangeliën wiederkehrende Aussage: xutüv oder
toiovtuv «Vt/v v) fixvitelx t. 6. Allein in Wahrheit ist diese
Fassung durch alle drei ausgeschlossen; es beruht nach allen
vielmehr das Kommen der $x<sihüx r. 6. auf einem solchen
objektiven Akte. In dem kurzen Marcusevangelium haben wir
wenigstens die zwei Aussagen von dem wytxévxi und von dem
vpovlèxea&xt der (3x<ri\\elx r. f., und diese genügen im Grund,
wie wir sahen. Ohnehin ist bei ihm die (èounxsia. r. ê. mehr-
fach das Gebiot, in das man eingehen soll und, noch bezeich-
nender, in dem Jemand ist oder sein wird (14, 25). Die
Stelle, die bei Lucas am meisten für jene subjective Fassung
zu sprechen scheint (17, 20 f.), haben wir in Absicht auf ihre
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76                          DIE LEHEE VOM EEIOHE GOTTES
Beweiskraft besprochen. Ira übrigen redet auch er von $yyt-
aêvxi, tyybt; ilvxt, ohnehin ïp%strêxi, auch von irpotr$é%i<rêxi
und weiter von einem dvxQxiuetrSxi der @x<rixeix (19, 11);
er kennt sie überdiess ebenso als Gebiet. lm wesentlichen all
das gilt auch von Matthaus; er kennt nur etwa das %poi^s-
%e<róxt
nicht. Kurz es besteht ganz gewiss m. E. Einhelligkeit
unter den drei Schriften in der Fassung des /3«<nA*/#-begriffs.
— Und wenn sodann auch, wie wir sahen, am unzweideutig-
sten bei Matthaus das Yiyyiicévxi und damit dann auch das
ïpxevixi der /3«o7Af/# tüv ovpxvüv endgeschichtlich zu verstehen
ist, so geben die beiden anderen Evangeliën zum mindesten
keine Andeutung darüber, dass sie es anders ansehen. Wir
führten vielmehr einen, wie ich meine, schwer zu widerlegen-
den Grund dafür an, warum wir annehmen mussen, dass auch
diese zwei Evangeliën es nicht anders meinen, bzw. Jesus nach
ihnen es nicht anders meinte.
5. Das Kommen der "aai Xeia %. 0. vermittelt sich duren den
M e s s 1 a s-.lcsus.
Das im vorigen Abschnitt besprochene Kommen, bzw. Kom-
menlassen der @x<nt>s!x von Seiten Gottes, das, wie wir hör-
ten, bereits zu einem Nahegekommensein derselben geworden,
vermittelt sich aber, wenn wir naher zusehen, durch das Kom-
men des Messias. Dieses Kommen, bzw. Gesendetwerden
des Messias ist der schon mehrmals genannte objektive, heüs-
geschichtliche Gottesakt.
Ganz evident ist einmal nach Matthaus c. 3, dass jeden-
falls der Taufer es so ansah. Denn in unmittelbarer Verbin-
dung mit seiner Ankündigung der Nahe der (3x<riï.six r. $.
redet er ja von dem, der M<tu xvtov tpxsrxt, der Uxupórepos
als er, womit er niemand anders als den Messias meint.
Diesen bezeichnet er aber als den, der noch ganz anders
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.                 77
taufen werde als er, nemlich èv wvsüiaxti xyiai *») mpi, und
dann noch deutlicher als den, der mit der Worfschaufel in
der Hand seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune
sammeln, die Spreu aber mit nichterlöschendem Feuer ver-
brennen werde. Nun dass er damit eben das Kommen der
als nahe verkündigten $x<n\\six r. 6. charakterisieren will,
darüber kann kein Zweifel sein: ist doch nach v. 7—10 mit
diesem Kommen ein Abweisen Aller, die nicht petsvówxv,
ein Zorngericht über sie, ein Verbrennen eines jeden unfrucht-
baren Baumes verbunden. So kann ja das Verbrennen der
Spreu durch den Messias in v. 12 gar nichts anderes als eben
dasselbe besagen wollen: nur dass es hier nicht mehr unper-
sönlich im Passiv ausgesprochen ist, sondern bestimmt als
Action des Messias. Dan muss aber andererseits das Sammeln des
Weizens in die Scheune des Messias gleich der Aufnahme in
die fixatxeix t. ovp. sein. Letztere ist also — sehen wir hier
vollends ganz klar — durchaus nicht bloss subjektiv bedingt
oder selbst nur ein subjektiver Vorgang, jedenfalls einmal nicht
nach der Anschauung des Taufers. Sie ist nicht bloss durch
das „Weizensein" bedingt, sondern objektiv durch die Erschei-
nung des Messias an sich, und speciell durch eine Action dessel-
ben, durch sein ètxxxêxipeiv und sein uwxyeiv t. o-Itov in Verbin-
dung mit einem xxtxkxUiv to &%vpov in anderer Richtung. Ohne
das vw&ysiv t. <rirov würde alles „Weizensein" doch nicht zum
Ziele führen. Auch kann von einem Erwerben des Himmelreichs-
guts durch eine Leistung = Weizensein, xxpnov xxXov noteTv,
nicht die Rede sein. Es bleibt, ob auch einerseits ein ftiedói;,
wie wir horten, doch andererseits eine reine Fügung und
Action Gottes durch den Messias, dessen Sendung doch reiner
G-nadenakt Gottes ist. Und blieken wir von hier speciell auf
den Ausdruck Qxriteix, so ist zu sagen: Eingeleitet schon durch
das Erscheinen des Messias, realisiert sich durch dessen Action
das fixtraeóeiv Gottes, nemlich über die Menschen für die-
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
selben, zu ihren Gunsten. Die widergöttlichen Elemente wer-
den ja duren die verdiente hpyii ausgeschieden. So kann Gott
— ich möchte sagen — sein G-ottsein, das nur auf Heil-
spenden zielt, duren solches Heilspenden voll und rein ent-
falten gegenüber von allen denen, welene = Weizen. Ihr Ge-
sammeltwerden in die xnoó^ des Messias ist gleich dem Ein-
treten in den seligen, das höchste Gut gewahrenden Genuss
jenes duren nichts mehr behinderten, heilbringenden (ZxaiXeüeiv
Gottes.
Bei Lucas horen wir dann zwar keine Aussage über die
&xai\\cix t. 6. selbst aus dem Munde des Taufers, doch dafür
das prophetische "Wort: "0\\p£Txi irxcx axp% to o-urtipiov toü 6sov
als jetzt sich erfüllend, und dann im übrigen das Gleichevon
dem Messias. Das Sammeln des Weizens ist dann hier das,
worin sich jenes 0Tre<rSxi to ukt. t. 6. und — dürfen wir gewiss
wieder sagen — die Aufnahme in die (3xo-. r. ê. verwirklicht.
Nur wenig Tauferworte überhaupt lesen wir bei Marcus,
nur solche über den Messias selbst und seine Function, aber
als solche Function nennt der Taufer hier bloss das (SxxTi^eiv èv
irvsiiAXTi xyiq.
In eine Beziehung zu der fixeiteix r. ê. wird hier
das, was der Messias thut, von dem Taufer weiter nicht gesetzt.
Doch die Hauptfrage ist nun — und damit kommen wir
auf den Kernpunkt unserer ganzen Untersuchung: Wie stellt
sich nach unseren Evangeliën der, in welchem dieser von dem
Taufer in nahe Aussicht gestellte Messias erscheint, nemlich
Jesus, in concreto zu der /3«o-/a«/« t. i.?
Heisst es jetzt — das ist es doch eigentlich, was wir ge-
mass den Tauferworten wenigstens bei Matthaus und Lucas
erwarten — anstatt bloss: yiyyixev $ fixtraelx t. ê., vielmehr:
ir&peo-Tiv ? Findet also jetzt die Aufnahme Aller, welche — kurz
gesagt — (terivéwav oder xxpirovs xx\\ov<; ixolwav, in diese
@x<rt\\iix statt mit Ausscheidung aller Anderen? d. h. also,
tritt Je sus nach der Vorstellung des Taufers, diewirwenig-
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IN DEN SOHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                79
stens in jenen beiden Evangeliën ausgesprochen fanden, nun
mit der Worfschaufel auf zu dem genannten Zweck? Darauf
ist zunachst die überraschende Antwort: Keineswegs. Wir
horen vielmehr — nach Matthaus auch von Jesu so gut wie
von dem Taufer — nach Marcus, der es von dem Taufer
nicht berichtet, sogar überhaupt erst von Jesu nur den Ruf:
nyyixev v) fixviteix t. 6., und dasselbe lasst er spater auch wie-
der durch seine Jünger verkündigen (Matth. 10, 7 und Luc.
10, 9. 11); wie er denn auch alle seine Jünger noch um das
Kommen der $x<rt\\eix bitten heisst. Und in Verbindung mit
dieser Ankündigung horen wir auch (bzw. nach Marcus eben)
von ihm die Mahnung: MstxvosTti, welche zeigt, dass aller-
dings ii fixo-iXeix r.ê. erst fyytxs, d. h. die Entscheidung noch
nicht eingetreten ist oder eintritt, sondern noch eine Frist
vorhanden sein muss, ob auch nur eine kurze. Man kann
doch noch die nöthige Qualiflcation gewinnen. Was es mit
den vereinzelten Aussagen, in welchen doch von einem schon
Gekommensein der fixtriisix die Rede ist, für eine Bewandt-
niss hat, werden wir im 9ten Abschnitt sehen. Jedenfalls zei-
gen auch diese uns Jesus nicht als mit der Worfschaufel auf-
tretend.
Diese Sachlage scheint nur auf zweierlei Weise erklart
werden zu können. Entweder daraus, dass der Messias es
eben doch nicht ist, auch nicht sein soll nach Jesu An-
schauung, durch welchen die @x<riteix t. Q. kommt, wenn
doch Jesus der Messias sein soll und ist und doch von kei-
nem irifevriv $ $xvi\\üx redet, auch keine Scheidung der
Menschen vornimmt. Und dazu scheint die Art, wie wenig-
stens nach Marcus der Taufer von dem Messias redet, zu
stimmen, indem er dort nichts von einer solchen Scheidung
durch den Messias redet, wahrend doch die Mahnung (tsrx-
voclrs,
welche auch nach Marcus Jesus mit Bezug auf das
Kommen der fixtiteix t. S. ausspricht, deutlich zeigt, dass
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80                          DIE LEHRE VOM EEICHE GOTTES
dieses ohne eine solche Scheidung nicht vor sich gehen kann
und wird. Oder aber scheint gesagt werden zu mussen: So
war also Jesus eben doch noch nicht selbst der Messias,
da er ja auch nur von einem N ah e sein der (ixmxcix redet
und erst noch zu einem iteTxvoeTv ermahnt und um ihr
Kommen bitten heisst, sondern er war nur auch erst wie-
der ein Vorlaufer desselben. Oder (wie man diese Erklarung
etwa noch modificieren könnte) er war wenigstens anfangs nicht
der Messias (wenn man so unterscheiden darf), sondern wurde es
erst, oder aber, er war es zwar, aber hielt sich — wenigstens
anfangs noch — nicht dafür, und desshalb spricht er so, wie
wir ihn sprechen horen, bzw. tritt noch nicht mit der Worf-
schaufel auf.
Nun sehen wir zu, ob die eine oder die andere dieser Fol-
gerungen und Erklarungen der befremdlich scheinenden That-
sache richtig bzw. nöthig ist, oder aber — doch vielleicht
keine von beiden.
Da ist denn fürs erste so viel gewiss, dass unsder„Mann
mit der Worfschaufel in der Hand", um es mit dem Taufer-
wort kurz und pragnant auszudrücken, freilich nicht in der
geschichtlichen Erscheinung Jesu entgegentritt, wohl aber in
den Reden Jesu bei Marcus so gut, wie bei Matth£us und
Lucas, aufs deutlichste vorgefahrt wird d. h. in all seinen
gleich nachher im Einzelnen aufzuführenden Aussagen von dem
u\'ib? tov dvSpuvou, der Gericht halten wird, um die Einen
— kurz gesagt — auszuschliessen von der fcxmxsix t. 6. und
ihrem Glücke, die Anderen aber aufzunehmen und dieses
Glückes teilhaftig zu machen, und damit also jene (3x<ri\\slx zu
bringen. Fürs andere aber ist eben so gewiss, dass in all
diesen Stellen der vilt tov dvöpdirov, von welchem diess aus-
gesagt wird, den Messias meint. Warum Jesus ihn so nennt
und in welchem Sinn — diese Frage liegt uns ganz fern;
wir haben sie nicht zu untersuchen und nicht zu entscheiden.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 81
Uns genügt das einfache „Dass", dass Jesus damit den Mes-
sias meint und keinen anderen; und das wird von Niemand
bestritten werden wollen. So -ist also klar, dass auch Jesus
(so gut wie der Taufer) dem Messias das Brauchen der Worf-
schaufel bzw. also das untrennbar mit einem Scheiden ver-
bundene Bringen der (3<x<rt>.elx t. 6. zuschreibt. Ebenso unbe-
streitbar ist aber fürs dritte, dass Jesus, was er so von dem
Menschensohn = Messias aussagt, von sich aussagen will.
Und wenn er auch selten das direkt ausspricht, vielmehr
von jenem Menschensohn absichtlich allermeist als von einem
Anderen redet, manchmal geht er (nach den Evangeliën) ja
doch wie unversehens in die erste Person über. Die Evange-
lien wollen jedenfalls, dass man es von ihm verstehe. Und
könnten die Stellen, welche von dem erst zu erwartenden
Menschensohn und seiner Function reden, noch einen Zweifel
übriglassen, dass mit dem Menschensohn Jesus gemeint sei, so
wird ja aller Zweifel benommen durch die Stellen, wo von dem
Gekommensein, dem Leiden- und Auferstehenwerden des Men-
schensohns gesprochen ist; dies geht zu selbsverstandlich auf
Jesum. Danach kann auch schlechterdings nicht davon die Rede
sein, Jesus solle oder wolle nicht der Messias sein; und jene
ganze vorhin gestellte Alternative, um die Art und Weise zu
erklaren, wie Jesus sich einführt und nach dem geschichtlichen
Bericht verfahrt, nemlich keineswegs die Worfschaufel brau-
chend, ist, so unabweislich sie scheint, dennoch abzuweisen. Eine
Erklarung des Umstandes, der zu dieser Alternative zu nöthigen
scheint, ist aber damit natürlich noch nicht gegeben. Es kann
dies erst im nachsten Abschnitt geschehen.
Hier, in unserem Abschnitt, haben wir nur noch den exe-
getischen Nachweis zu geben dafür, dass uns in Jesu Reden
der Menschensohn = der Messias = er selbst als der „Mann
mit der "Worfschaufel", also als der, durch welchen die (3x<ri-
As/* t. 6. kommt, entgegentrete. Stellen wir zu dem Behuf
6
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I
82                          DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
die betreffenden Aussagen Jesu wieder der Reihe nach von
Evangelium zu Evangelium, doch je mit den Parallelen aus
dem bzw. den anderen, zusammen.
Nach Ma reus f&éXhei lp%taüxi & W|\'te *<& xvSpclnrou iv Ss\'ljj
toD TtüTfOi xvtoïi fier» rüv xyykhw r&V xyluv und wird sich
dann schamen derer, welche sich Jesu und seiner Wörte ge-
schamt haben (8, 38), wird also ein Gericht halten, wird
Menschen je nach ihrem Verhalten abweisen. Dass das in
Verbindung mit dem Kommen der $xai\\üx t. ê. geschieht,
wird dann im folgenden Vers (9, 1) ausdrücklich ausgespro-
chen. Die Betreffenden werden also von dieser QxmXiix
ausgeschlossen, wahrend — ist natürlich zu subintelligieren —
die Anderen aufgenommen und ihres Glückes teilhaftig wer-
den. Dieses Kommen der $xti\\six t. 6. heisst ein Kommen
iv Suvxftei. Ob damit eine besondere Species des Kommens der
(3x<ri*.eix gemeint ist und diese von einer anderen Art des Kom-
mens nicht (bzw. noch nicht) iv Svvxfiet unterschieden werden
soll, es also auch eine solche andere Art gibt, muss hier noch
dahingestellt bleiben. Es kann hier nur gesagt werden: Der
Zusammenhang spricht nicht dafür. Denn die Umstande,
unter welchen dieses Kommen geschieht, charakterisieren es
zu deutlich als eine Machtoffenbarung Gottes, so dass mit
h %\\jvx(i.u denn doch einfach ein Merkmal des Kommens der
$x<si>,üx überhaupt scheint ausgesprochen werden zu sollen.
Ganz parallel mit der Marcusstelle ist die bei Lucas (9,
26 f.). Wenn dort auch von einem Sehen des Gottesreichs
die Rede ist statt von einem Kommen desselben, so begründet
diess natürlich keinen Unterschied. Dagegen etwas abweichend
ist die Parallele bei Matthaus (16, 27 f.). Einmal ist nur im
allgemeinen von einem xxo^i^óvxi eKxfr^ xxtx ryv vpx^iv xïitoü
gesprochen, und dann in Vs. 28 nicht von dem Kommen des
Gottesreichs, sondern von einem Kommen des Menschensohns
in seiner (ïxaiMix. Uober das Verhaltniss dieser zu jenem
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 83
werden wir uns am Schluss unseres Abschnitts genauer aus-
sprechen.
Bemerkenswert ist dann noch, dass in allen drei Stellen die-
ses Kommen des Menschensohns iv lófy zu dem genannten
Zweck etwas ist, das noch in das gegenwartige Menschenalter
fallt, so dass manche der jetzt Lebenden es noch erleben wer-
den, womit auch stimmt, was Jesus bei Matthaus (10, 23)
sagt, dass seine Jünger ov rexiaovsi tx<; iziKe^ tbü \'ispxvix, bis
der Menschensohn komme. In dieser klaren Zeitbestimmung,
bei der aber an anderen Stellen doch immer ausdrückiich die
Bestimmung von Tag und Stunde, überhaupt eben des xaipót,
also des Zeitpunkts, abgelehnt wird, haben wir eine Be-
statigung dessen, was wir oben als nothwendige Folgerung
aus der Ankündigung des zunachst lokal gedachten Naheseins
der (2txtriXei* bezeichneten, nemlich dass es in naher Zeit da
sein werde. Oder umgekehrt weil letzteres angenommen ist,
darum ist von einem yiyyixévxi der fix<rit.êix die Rede. Es zeigt
sich zugleich auch in diesem Umstand der unmittelbare Zu-
sammenhang dieses Kommens des Menschensohns mit dem
Kommen der (Zus-ast*.
Weiter redet Jesus in der Stelle bei Marcus 13, 26 natür-
lich von demselben Vorgang; ist es doch auch ein Kommen
ftsT* ivvxfitai? iroXKïjc kx) Mfyie. Wahrend aber 8, 38 dieses
Kommen nur nach der eigentlich richterlichen Seite naher
bestimmt wird, geschieht dies hier nach der positiven Seite
mit liriawxyuv rovt; sk^sktoui; xutov, worin wir der Sache nach
dasselbe haben, was der Taufer mit seinem Mvxyuv rov sTtov
xvtoü
meint, nur dass in unserer Stelle das Moment eines
Sammelns aus vorheriger Zerstreuung betont ist. Wenn in
derselben dann auch nicht von der $ot,<rt*.eix geredet ist, so
haben wir doch gewiss das vollste Recht, das, was hier von
dem Menschensohn und seinem Thun gesagt wird, mit dem
Kommen der fixaiteix oder umgekehrt dieses mit jenem ver-
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84
DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
bunden zu denken. Der einzige Unterschied ist dann noch,
dass als Vermittler der sammelnden (und also in die (ZxtriXcl*
aufnemenden) Action des Menschensohns hier die ayye\\oi ge-
nannt sind, aber sie handeln ja ganz in seinem Auftrag;
er sendet sie, und es gilt natürlich hier der Satz: Quod
quis per alium facit, id ipse fecisse judicatur.
Mit dieser
Marcusstelle stimmt wörtlich überein, was Jesus nach Mat-
thaus 24, 30 f. sagt, nur dass hier auch der richterliche
Zweck des Kommens des Menschensohns mit KÓipovrxt xm»i
ai (pv\\xi
stark genug angedeutet ist. Etwas anders lautet, trifft
aber der Sache nach ganz zusammen, die Parallele bei Lucas
(21, 27 ff.). Die Weise des Kommens des Menschensohns ist
ganz die gleiche. Als Folge davon vrird hier genannt ein iyyl&tv
der diro*vTpu<Tis der Glaubigen. Und dass es sich dabei um das
Kommen der (3x<nxdx handelt, ist dann noch ausdrücklich ge-
sagt in v. 31: êyyvs fonv t (Zueadx t. ó., wobei nach der
Vergleichung mit dem èyyó? elvxt des Sommers in v. 30 jenes
êyybi ilvxi der fixiritei» hier bloss das nicht mehr Fernesein
hervorheben will, nicht auch das doch noch nicht Dasein;
in Wahrheit meint es das unmittelbare Eintreten; denn ge-
rade jeder Gedanke an ein noch Fernesein soll ja hier negiert
werden.
Noch sei bemerkt, dass in den drei parallelen Kapitein, in
welenen die letzt angeführten Stellen stehen, die ausführlichen
Schilderungen der der Parusie vorangehenden Drangsale aus-
serer und innerer Art die dunkle Folie sind, von der sich
das Glück, das mit dem Kommen des Menschensohns ein-
tritt durch Aufnahme in die fixaixeix t. ê., welche eben damit
kommt, um so heller abhebt.
Nur von dem Kommen des Menschensohns iv iét-y, nicht
auch von der Bedeutung dieses Kommens ist die Rede Mare. 14,
62, da es hier nur auf Betonung seiner hohen Stellung an-
konirnt. Vollstandig deckt sich damit die Stelle Matth. 26, 64,
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IN DEN SCHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 85
wahrend in der Parallels bei Lucas (22, 69) eben nur von
der Stellung des Menschensohns, seiner göttlichen Königs-
würde die Rede ist, nicht von seinem Kommen.
Die Hauptstellen haben wir damit gehort, übereinstimmend
in der Hauptsache in allen drei Evangeliën. Lucas und Mat-
thaus bieten aber noch manche Stelle, welche dasselbe sagt
oder doch meint.
Aus Lucas gehören hieher einige Stellen, welche das Un-
vermuthete des Kommens des Menschensohns natürlich um
seines gerichtlichen Charakters willen betonen wie 12, 40;
17, 24 (zugleich aussagend das, dass es geschieht, gar nicht
verkannt werden kann), 30 (wo es ein xTroxx^virretTêxt des Men-
schensohns zum Gericht genannt wird). Dass es um ein Ge-
richt dabei sich handelt, wird dann auch noch 21, 36 ausge-
sprochen; denn es kommt darauf an o-Txêijvxt e/Airpoo-óev tov
v\'ióv tov dvêpéirov.
Eine Entscheidung nach beiden Seiten ist
erwahnt 12, 8, 9: Der Menschensohn wird zu den Einen sich
bekennen vor den Engeln, die Anderen aber verleugnen. Dass
auch das mit dem Kommen desselben iv M%y verbunden ge-
dacht ist, darf doch wohl aus der Erwahnung der Engel ge-
schlossen werden, und das Futurum weist auf einen bestimm-
ten künftigen Vorgang d. h. doch wohl auf die Parusie hin.
Letzteres ist auch von der parallelen Stelle bei Matthaus 10,
32 f. zu sagen, wo es allgemeiner lautet „vor dem Vater im
Himmel", aber auch das Futurum bezeichnend genug ist. (Man
beachte bei letzterer Stelle zugleich, dass Jesus hier, was er
bei Lucas vom Menschensohn aussagt, direkt von sich selbst
aussagt, also so ganz ist das eine dem anderen gleich.) Von
der (3x<r^elx t.6. ist in diesen Stellen nicht die Rede; allein
das Gericht mit seinem Scheiden und Ausscheiden zielt ja
lediglich auf ihr Kommen; es ist die Voraussetzung da von.
Ausdrücklich in Verbindung gesetzt ist beides, Gericht und
fixo-iteix t. 6., wieder 13, 27 und in der allerdings, wie wir
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86
DIE LEHRE VOM REIOHE GOTTES
früher schon sahen, in andern Zusammenhang, als bei Lucas
gestellten Parallele dazu Matth. 8, 11 f. Dagegen ist hier
nicht ausdrückhch von dem Menschensohn die Eede, nicht
von einer Action desselben, auch nicht von seinem Kommen
tv &>\'£}j. Wir dürfen, nein mussen doch wohl nach allem Son-
stigen das erste, dass der Menschensohn es ist, der «/3«.u«,
hinzudenken — wenn auch vielleicht nicht gerade nothwendig
zur Realisierung dieses ixfixMeiv jenes Kommen iv ló^ zu
statuieren und daher zu subintelligieren ist, wovon spater
mehr.
Das Matthausevangelium bietet uns noch einige weitere
Züge. Zwar die Stellen, wo überhaupt von einer bevorstehen-
den xpfoif, einer foipx xpia-tui; die Rede ist, ohne dass sie aus-
drücklich mit dem Menschensohn oder speciell mit seinem
Kommen in VerbiDdung gebracht ist, gehören eigentlich nicht
hieher, noch weniger als die eben erwahnten zwei Stellen Lu-
cas 13, 27, und Matth. 8, 11 f. Dennoch mogen sie ange-
führt werden, da ein Combinieren mit dem Menschensohn und
einer Action desselben doch mehr als nahe gelegt ist. Und
nach allem Sonstigen ist andererseits das Combinieren mit
dem Kommen der (ixviteix t. 6. ebenfalls so gut wie von selbst
gegeben. Es sind die Stellen 5, 21; 10, 15; 11, 22, 24 (pa-
rallel Luc. 10, 14); 12, 36. 41. 42 (Luc. 11, 31 f.); dazu
noch aus Marcus 3, 29: x/>/V<? xluvios.
Als irxpovtrix ist das Kommen des Menschensohns iv lót-y
bezeichnet Matth. 24, 27. 37. 39 und dieselbe dabei auch als
etwas Unvermuthetes wegen ihres gerichtlichen Charakters
vorgestellt. Dazu stimmt dann auch der Inhalt des Gleich-
nisses von den zehn Jungfrauen (25, 1 — 13). Ganz eigentlich
hieher gehören ausser 7, 22 f., wo Jesus geradezu von sich
selbst redet (nicht vom Menschensohn) und von einem Ge-
richt, das er h ixiivy rj t/tip* halten werde, noch folgende
Stellen: J3, 40 ff.: der Menschensohn wird seine Engel sen-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               87
den zum Zweck der Scheidung der (Txxvïxhx und iroiovvres
tyiv dvoplxv
von den S/x«/»/, die in der (Zxoixsix ihres Vaters
t%h&iJ.tyov<jt; es geschieht dies bei der a-uvTsKfix rov xlüvo?, die =
dem Sepivpót; (wodurch auch der Schluss des Marcusgleichnisses
4, 29 seine Erklarung findet); ferner 13, 49, wenn auch hier
nur von einem Ausgehen der Engel zum Zweck der Schei-
dung die Rede ist; sie sind gewiss auch hier nur als die
Organe des Menschensohns gedacht; endlich 25, 31 ff. die
ausführliche Schilderung des Scheidungsgerichts durch den iv
$óZy
mit allen seinen Engeln kommenden, auf dem Thron der
lé%x als (3xa-aeü? sitzenden Menschensohn, wo die Beziehung
zu der (3x<n\\êix t. $. in v. 34 ausdrücklich ausgesprochen ist.
Der exegetische Erfund bestatigt also vollstandig, was
wir oben sagten: In den Reden Jesu wird von ihm der
Menschensohn = Messias = er selbst vorgeführt als der, durch
welchen die $x<?i\\six t. 6. kommt, indem er zu dem Zweck
ein Gericht halt, durch welches die zu derselben nicht taug-
lichen und darum nicht berechtigten Elemente ausgeschieden
werden, wahrend die Anderen an- und aufgenommen wer-
den. Dabei verhult es sich naher so nach den Aussagen Jesu,
dass er, dieser Menschensohn = Messias = Jesus zu diesem
Zweck vom Himmel kommt als König in königlicher Majes-
tat. Ob nicht dies letztere erst eine speciellere entwickeltere
Lehre war, von der eine noch unentwickeltere, minder bestimmte
zu unterscheiden ist, kann sich fragen und wird im Zusam-
menhang mit der Frage, ob vielleicht überhaupt eine spatere
j8«(r/Af/«-lehre von einer früheren oder eine erst eingetragene
von einer ursprünglichen zu unterscheiden sei, im nachsten
Abschnitt zu untersuchen sein.
Dass die in den obigen Stellen aus den Jesusreden vorge-
führte Lehre von dem Kommen des Menschensohns = Messias
(= Jesus) und dem dadurch geschehenden Kommen der @x<nxelx
sich mit der vorneutestamentlichen Messiaserwartung, die sich
\';v
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88                          DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
in den von dem Taufer wenigstens bei Matthaus und Lucas
berichteten Worten so zu sagen bis in das Neue Testament
hineinzieht, stark berühren, ist unverkennbar. Wir konnten
sie desshalb auch an das vom Taufer G-esagte unmittelbar
anschliessen. Einen Beweis hievon, von diesem unmittelbaren
Zusammenhang mit der vorneutestamentlichen Erwartung dür-
fen, ja meine ich, mussen wir schon darin sehen, dass überall
einfach von einem tpzevSut des Menschensohns die Rede ist,
nirgends von einem Wiederkommen. Dies zeigt, dass der
Ausdruck einer Erwartung entstammt, die eben überhaupt
noch das Kommen des Messias vor sich sieht und noch nichts
weiss von einem schon Gekommensein desselben (in Jesu), das
jenem „Kommen" vorausgegangen ware und durch das dieses
dann zu einem Wieder kom men wird, d. h. aber, er entstammt
der vorneutestamentlichen Erwartung. Dieser ist dann auch
entnommen die Annahme einer Praexistenz des Messias im
Himmel, die jedenfalls durch den Ausdruck h%etróxi (vom
Himmel) ausgesagt wird und werden will bzw. damit vor-
ausgesetzt wird. Weiter liegt aber die Verwandschaft mit
jener Erwartung überhaupt darin, dass das Kommen des Mes-
sias und das damit stattfindende Kommen der fixo-ihelx r. 6.
als ein gewaltige, supranaturale, die bestehenden Verhalt-
nisse umgestaltende Katastrophe erscheint, und jedenfalls als
eine Machtentfaltung, wenn auch dann der nachste Zweck
derselben in der neutestamentlichen Lehre, wie wir gleich
horen werden, ein anderer ist als in der vorneutestament-
lichen. Im Einzelnen schliesst sich sodann das Bild, das Jesus
von dem kommenden Menschensohn entwirft, bekanntlich zu-
nachst an das Danielische Wort 7, 13 an: „Es kam Einer mit
den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn", und
zwar was das erste betrifft „mit den Wolken des Himmels"
geradezu und nur an dieses. Denn die eigentliche, auch jüdi-
sche Messiaserwartung liisst ja, an die prophetische Verheis-
J
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IN DEN SCHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 89
sung hierin sich haltend, den Messias als Kind (in Bethlehem)
geboren werden, nicht etwa direkt d. h. fertig vom Himmel
kommen. In jener Gestalt aber hatte dieselbe ja bereits ihre
Erfüllung gefunden in Jesu. So greift die Zeichnung der
auch jetzt noch ausstehenden weiteren Erfüllung des Kom-
mens des Messias zum Gericht auf das Danielbild zu-
rück. In ihm wurzelt aber die Zeichnung desjenigen Kommens
des Messias, das noch aussteht, in den Reden Jesu einmal
insofern, als, wie gesagt, der Messias im Himmel praexistiert,
was ja auch jüdische Lehre ganz bestimmt wurde (dieser pra-
existente Messias ist es, der als Kind in Bethlehem geboren
wird); dann aber namentlich insofern, als Jesus den, der
kommen wird, als Menschensohn bezeichnet. In letzterer Bezie-
hung fand aber in der Zeit nach Daniel eine Weiterbildung statt,
und an diese schliesst sich Jesus an. Daniel redet ja nur erst
von Einem, der kommt „wie ein" Menschensohn. Dieses Wort
wurde aber dann namentlich vom Henochbuch aufgefasst, das
geradezu „Menschensohn" zu einer Bezeichnung des Messias
machte. In dieser Beziehung fand also ein einfaches sich An-
schliessen Jesu an diese in Gang gekommene Bezeichnung
statt. Von daher kannten auch natürlich die Zuhörer Jesu
die Bedeutung dieses Namens und Jesus konnte ihn brau-
chen, ohne der Gefahr, unverstandlich zu sein, sich aus-
zusetzen. Eine ganz andere Frage war natürlich, ob und
wieweit sie den Namen auf Jesum bezogen. Das hieng ja
ganz ab von dem Mass ihres Glaubens, das Jesus der Mes-
sias sei, und dieser Glaube war etwas, was erst werden
sollte und ward. Daher eben die Art und Weise, wie Jesus
von dem Menschensohn redete, absichtlich mehr verhullend
als onthullend und vollends gar nicht demonstrierend, dass
er selbst dieser Menschensohn sei.
Doch neben diesem nicht zu verkennenden Anschluss an
die jüdische Messiaswartung, die ja freilich selbst schon man-
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90                          DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
nigfach im Einzelnen variiert, darf\' und kann auch die Ver-
schiedenheit des von Jesu gezeichneten Bildes von dem be-
vorstehenden Kommen des Messias, also seiner selbst, von jener
nicht übersehen werden (auch abgesehen von dem schon im
2ten un(j 3ten Abschnitt dargelegten wesentlich anderen Cha-
rakter des Gottesreichsguts und der Bedingungen seines Er-
langens). Das Bild, das Jesus von dem Zweck und der Wirkung
seines Kommens zeichnet, ist nicht minder frei von speci-
fisch-jüdischem Particularismus. So horen wir in seinen Re-
den z. B. nichts von einer Erneuerung Jerusalems. Und wenn
auch, wie wir sahen, die glaubigen Israeliten gewiss als der
Grundstock der Gottesreichsgenossen oder doch als die, welche
es werden sollten, gedacht ist: die Messiaserscheinung mit der
Folge, dass die (ixvihtlot r.$. kommt, wird doch nie auf das
Volk Israël als Collectivum bezogen, sondern wesentlich auf
die einzelnen Individuen und jedenfalls nur durch diese auf
das Volk. Und wie von einer Erneuerung Jerusalems nicht
die Rede ist, so ist nirgends speciell das heilige Land als Ort
der (2x<ri\\clet r. 6. betrachtet. Die Stelle Matth. 5, 5 von einem
K^povo/isTv tviv y%v darf ja nicht etwa darauf gedeutet, über-
haupt wohl, wie wir oben meinten, nicht hieher zur /3«s7Af/«-
lehre gezogen werden. Und wichtig ist namentlich noch ein
Differenzpunkt. Wenn gleich auch schon in einem Teil wenig-
stens der jüdischen Erwartungen das Auffcreten des Messias
einen forensischen Charakter trug, wie Schürer zeigt:ein
Neues ist eben doch, dass es in den Evangeliën bzw. von Jesu
nur noch so aufgefasst wird, und da von, dass der Messias
als machtiger göttlicher Kriegsheld die ungöttlichen Machte,
die Gottlosen „besiegen" werde, nicht mehr die Rede ist. Er
hat nur zu richten, zu entscheiden, nicht erst zu kampfen.
Und ein Teil der Heidenwelt — das sind ja zunachst die
Gottlosen — wird nicht etwa besiegt, sondern unterwirft
sich selbst d. h. wird glaubig (davon weiss ja auch schon die
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IN DEN SOHEIPTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               91
jüdische Erwartung etwas, wie wir sahen), die andern aber
werden (mit anderen Gottlosen) einfach verworfen, nicht erst
bekampft und im Kampf besiegt.
Vorhallniss der (laatleia Christi zu der PaoUsia %ö>v
niitnvi\'tv bzw. tov Obov.
Es dürfte hier der Ort sein, ehe wir weiter gehen, ein Wort
über dieses Verhaltniss zu sagen. Jedenfalls ist die Frage nach
demselben aufzuwerfen. Die Bestimmung dieses Verhaltnisses
ist freilich sehr schwierig, da alle pracise Aussagen darüber
in unseren Schriften fehlen. Doch glaube ich, das Folgende
dürfte in der Hauptsache das Eichtige sein.
Wir horten nicht nur überhaupt, dass der Menschensohn,
oder, wie wir ja nun einfach dafür sagen können, der Mes-
sias h ïófy kommen solle, sondern auch bestimmter, dass
er auf einem Throne sitzend kommen soll. Zu den schon ge-
nannten Stellen kommt namentlich noch die Stelle Matth. 19,
28 hinzu. Er ist also natürlich als König gedacht, der als
solcher eine fixtritelx hat, und vollzieht auch das Gericht als
König. Geradezu heisst denn auch bei Matthaus der Menschen-
sohn, der das Gericht halt, i fixvtxevs (25, 34). Weiter wer-
den die Engel beim Gericht die mxvbxxx sammeln èx rij?
(3x<ri\\eixg des Menschensohns (13, 41). Er wird kommen in
„seiner" (SxciXsix (eb. 28). Auch sprechen die Zebedaiden gegen
Jesum (20, 21) die Bitte aus, sitzen zu dürfen zu seiner
Rechten und zu seiner Linken in „seiner" (ixoiheix. Bei Lucas
redet Jesus nicht von der (èxsixsix speciell des Menschen-
sohns. Wohl aber verkündigt der Engel der Maria, ihrem
Sohn werde Gott den Thron seines Vaters David geben, er
werde @x<rit.eueiv über das Haus Jakobs in Ewigkeit, (1, 32 f.).
Und Jesus redet von einer (Sxafoix, welche sein Vater ihm be-
stimmt habe, und von seiner /3«t. (22, 29 f.), sowie in dem Gleich-
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
niss von den anvertrauten Talenten von einer (2x<riKelx, die
er einnehmen werde (19, 12. 15. 27). Auch hofft, bzw. weiss
bei Lucas der eine Schacher, dass Jesus kommen werde in
„seiner" (3x<rt\\e!x (23, 42), ganz so wie Jesus Matth. 16, 28
davon redet. Dagegen finden wir bei Marcus keine direkte
Aussage über eine (Zxtrtxdx des Messias oder geradezu Jesu
weder aus dem Mund Jesu selbst, noch aus dem Mund An-
derer. Immerhin hofft das Volk bei Marcus (11, 10), dass
durch ihn die (3x<ri*.elx ihres Vaters David kommen werde.
Und wenn auch die Zebedaïden bei ihm nur allgemein von
der So\'?« Jesu reden, so setzt doch in Wahrheit das auch hier
vorgebrachte Sitzen zur Rechten und zur Linken Jesu ein Sitzen
Jesu auf einem Thron, also sein Königsein voraus, und etwas
anderes meint ja doch Jesus auch in der Stelle 14, 62 nicht, wenn
er von dem Sitzen des Menschensohns Ik ïel-iüv rij? ïuvxpswi;
redet. So kann kaum eine Differenz zwischen Marcus und den
beiden anderen Evangeliën angenommen werden.
Also so viel ist sicher: Die beim Gericht Angenommenen
(im allgemeinen können wir ja sagen, die ilxxtai) stehen (zu-
mal nach Matthaus, der am bestimmtesten von der Pxaiteix
Christi redet) unter dem Messias als ihrem /3«<7/Aeu?. Er be-
kommt und hat an ihnen seine Unterthanen. Hat er auch
Gewalt auch über die Anderen — er richtet und verurteilt
sie ja — so werden sie eben gerade dadurch von ihm ver-
stossen, er will an ihnen keine Unterthanen haben. Eben durch
dies, dass sie Christi Unterthanen sind, vermittelt sich für
Jene ihr Eingang in die fixmxeix tüv obpxvüv, bzw. toü ieoü,
und ihr Sein darin, der Genuss seines Gutes. Es kann — dies
ist sicher die Meinung — Niemand in der letzteren sein, der
nicht in der (Zxntelx des Messias ist; aber es kann auch Nie-
mand in dieser sein, ohne dass er in jene kame und also in
ihr ware. Seinen Unterthanen nur gewahrt er, bzw. Gott das
Glück der |3«a-<A£/« tüv ovpxv&v bzw. tcü êeoü, aber ihnen auch
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IN DEN SCHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 93
gewiss. Diess Zusammengehören erhellt z. B. deutlich daraus,
dass nach Matth. 26, 29 die (3x<r. seines Vaters es ist, in
welcher Jesus wieder mit seinen Jüngern von dem Gewachs
des Weinstocks trinken will, und nach Luc. 22, 30 seine
eigene, in der sie an seinem Tisch mit ihm essen und
trinken werden; ferner daraus, dass Matth. 25, 34 der Mes-
sias, welcher fixtrMelis ist und als solcher handelt, den von
ihm zur Rechten Gestellten, die als solche gewiss seine
Unterthanen sein sollen, die (Sxo-iXeix, d. h. aber natürlich
rüv oupxvüv bzw. toü êsoü zuspricht als ihre n^povofiix.
Daraus aber, dass in der Hauptstelle Matth. 16, 28 Mat-
thaus nur von einem Kommen des Menschensohns in sei-
ner $*tiKtl* redet, darf gewiss nicht geschlossen werden,
er wolle damit das Kommen der fixtriXsix tüv oupxvüv bzw.
toö Ssoü bei jenem Kommen des Menschensohns iv JJfji aus-
schliessen. Vielmehr vermittelt sich auch nach ihm jenes durch
dieses, oder die parallelen Lucas- und Marcusstellen nennen
nur ausdrücklich das, was auch bei Matthaus mit gemeint ist,
das Kommen jener $xvi\\zix. Kurz, es dürfte gar keine Frage
sein: Beides gehort zusammen, Reich Christi und Reich
der Himmel bzw. Gottes.
Aber andererseits fallt doch keineswegs beides be-
grifflich zusammen; es sind zwei verschiedene Dinge.
Jesus könnte und würde m. E. sonst überhaupt nicht sowohl
von der einen als von der anderen @x<r. reden. Was ist wohl
der Unterschied? Nun die fixtnkeix tüv oüpxvüv bzw. toü êsoü ist
offenbar der höhere Begriff; sie ist das eigentliche Ziel, sie der
Vollendungsstund selbst. Oder die (ixtraeix Christi ist allein
noch in der Hauptsache in Analogie mit einer menschlichen
Qxa-aslx, daber auch als ein Regimenthaben über die dazu
Gehörigen gedacht mit einem Haupt, das ja sichtbar ist. Hier
sind die dazu Gehörigen die eigentlichen Objekte des (3x<rt\\sveiv
als Unterthanen, i<p\' ovg fixo-tteóet o Xpurrói (vgl.Luc. 19,14).
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DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
Dagegen die (3x<rtKeix der Himmel, bzw. Gottes, wenn kom-
mend, nimmt ja freilich auch ein Gebiet ein, hat Genossen.
Aber wesentlich ist hier, wie wir oben sagten, das fiavixtvsiv
ein Patriteóeiv zu Gunsten derselben. Sie sind Objekte dessel-
ben nur als dadurch evKoyvuihot oder söKoyoüftsvoi. (Wir werden
spater noch einmal Anlass haben von diesem Unterschied zu
reden bei der Frage wegen des Charakters eines Gemein-
wesens.) So ist denn auch die (Zxaiheix des Messias immer
als etwas gedacht, das seinen bestimmten Anfang nimmt, wie
die (Sxtraeix eines Menschen durch Besteigen des Throns. Der
Messias setzt sich oder wird gesetzt auf den Thron und damit
empfangt er seine fixtrihelx, vgl. Luc. 22, 29; er muss sie
erst *.x(3sïv, vgl. Luc. 19, 12. 15. Anders kann es ja nicht
sein, wenn wir die geschichtliche Erscheinung dieses Qxaitevi;
dazu nehmen, wonach er ja vorher, ehe er als der $xai\\i\\>i
auftritt, entfernt nicht ein solcher war, wenigstens nicht als
solchen sich bethatigen wollte und sollte, vielmehr "SixkovsIv.
Ganz anders verhalt es sich mit der Qxvitelx Gottes, die
immer war und ist und nur zu „kommen" braucht dahin,
wo sie noch nicht ist. Dagegen von der Anschauung, die
wenigstens vereinzelt im Kreis der jüdischen Messiaserwar-
tung sich fand und bekanntlich in die Apokalypse aufgenom-
men ist (ob Paulus nach 1 Cor. 15, 24 sie hatte, ist erst
dort zu erörtern), dass die Herrschaft des Messias wenigstens
im engeren Sinn eine begrenzte Dauer haben werde, ist in
den Evangeliën nichts zu ünden. Bei Lucas ist jedenfalls
nach 1, 32 eine ewige Dauer angenommen.
Verhalt es sich mit der $x<ji>Mx des Messias und ihrem
Verbaltniss zu der fixo-thelx rüv ovpxvüv bzw. toïi Ssov so, wie
wir sagen: so kann auch ganz wohl Jesus einzelnen seiner
Unterthanen, wie seinen ersten unmittelbaren Jüngern, in
Stellen wie Matth. 19, 28; Luc. 22, 30 eine besondere, aus-
zeichnende SLellung verheissen, ohne dass daraus ein Stufen-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               95
unterschied im Gottesreich selbst, Zuteilung eines verschie-
denen Masses von Gottesreichsglück, was wir ja im zweiten
Abschnitt abgewiesen haben, gefolgert werden dürfte. Jene aus-
zeichnende Stellung „Christo zunachstsein" ist eben etwas
Besonderes, das mit dem G-lück des Gottesreichs in keiner
Weise zusammenfallt. Dieses ist für alle Reichsgenossen das-
selbe.
Frage nach dem Wol der kommendea ftaaiXeia Gottes.
Auch dieser Punkt wird am besten hier angeschlossen.
Freilich ist es wieder schwierig, zu einem ganz sicheren Re-
sultat zu kommen, weil es wieder an allen irgend bestimmten
Aussagen fehlt — doch in diesem Fall eigentlich desshalb,
meine ich, weil es gar nicht für nöthig erachtet wird.
Sehr voreilig scheint es mir zu sein, wenn knrzweg, wie
geschieht, aus den Stellen, wo von dem Lohn im Himmel
(Matth. 5, 12; Luc. 6, 23), von dem Schatz oder den Sch&tzen
im Himmel die Rede ist (Matth. 6, 20; 19, 21; Mare. 10, 21;
Luc. 12, 33; 18, 22) geschlossen wird, das Gottesreich d. h.
wie man dann freilich unterscheidet, das „vollendete" Gottes-
reich sei natürlich als im Himmel beflndlich gedacht. Wenn
andere Gründe da sind, dies nicht anzunehmen, so steht, meine
ich, nichts im Wege jene Aussagen so zu fassen, dass hier
nicht davon die Rede ist, wo man diesen Lohn, diese Schatze
antreffen, empfangen oder geniessen werde, sondern nur davon,
wo der Lohn erworben, die Schatze gesammelt, wo sie also
gleichsam hinterlegt, wo gutgeschrieben sind, um sie dann da
zu empfangen, wohin das Reich Gottes kommt, und möchte
ich sagen, wo es gerade darauf ankommt sie zu empfangen
und zu geniessen, damit der status rerum ein anderer wird,
als vorher, nemlich auf Erden. Dass vollends aus dem Aus-
druck /3. rav oüpxvm" das Gegenteil nicht gefolgert werden
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96
DIB LEHRE VOM REICHE GOTTES
darf, als hiesse dies nach B. Weiss ein „Reich, dessen Ver-
wirklichung erst im Himmel zu hoffen ist" — nun darauf
werden wir spater zu reden kommen. Nach meinem Dafïïr-
halten ist einfach zu sagen: Wenn nicht die fixaixeix als auf
Erden kommen d gedacht ware (und nicht etwa nur die noch
iinvollendete, sondern auch die vollendete — ein Unterschied,
den wir zwar gar nicht anerkennen, wie spater gesagt wer-
den wird), so brauchte sie überhaupt nicht zu kommen.
Gerade darum kommt sie (man beachte: sie selbst, nicht
bloss der Menschensohn), damit sie da sei, wo sie noch nicht
ist und wo man sie doch so vermisst und ersehnt, nemlich
auf Erden zu Gunsten der (betreffenden) Menschen. Desshalb
haben auch die nicht in die /3«<nA«/« t. 6. Taugenden hier
keinen Raum mehr, sondern werden ausgestossen in die yhw».
Das Ein ge hen in die fixcfheix meint nicht ein Hingehen
an einen anderen Ort, sondern nur das Gelangen in ihren
Bereich und das Geniessen des Gutes, das sie bringt durch
ihr Kommen — wie man, wenn die Sonne aufgeht, das Son-
nenlicht geniesst und eben dieses Geniessen das Eingehen in den
Bereich der Sonne ist. Sie kommt zu uns; wir kommen
durch das Eingehen in ihren Bereich an keinen anderen Ort,
werden nicht dem Erdboden entrückt. Aber allerdings der
Zustand wird ein ganz anderer; die erleuchtete Erde ist eine
ganz andere als die noch nicht (oder noch nie) erleuchtete. So
wird aus der Erde, auf die oder auf der die fixnteix r. 8.
kommt, ja freilich etwas wesentlich anderes als vorher. Sie
wird himmlischer Art, d.h. eine Statte himmlischen Lebens
und Glückes, und in diesem Sinn können wir sagen, eine
himmlische Erde. Dass eine wesentliche Umgestaltung der
Erde wohl auch bis in ihre physische Beschaffenheit hinein
durch das Kommen der Qeuraetx r. 6. angenommen ist, be-
sagt ja auch der von der Katastrophe gebrauchte Ausdruck
•nx\\iyyivs<six (Matth. 19, 28) aufs deutlichste. Es wird damit
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               97
der Gegensatz, in welchem die Erde zum Himmel steht, auf-
gehoben sein — desswegen aber doch nicht der Unterschied;
sie wird keine überirdische Statte. Und sofern ein trans statum
rerum prcesentem
liegender Zustand mit dem Kommen der
fixiriteix r. 6. eintreten wird, mag derselbe als ein transscen-
denter bezeichnet werden, aber auch nur insofern. In der
Hauptsache soll aber gerade der Transscendenz, die nur zu
lange gedauert hat und die Misère der Menschheit ausmacht,
der reinen Transscendenz himmlischen Glückes, ewigen Lebens
gründlich und ganz, nicht bloss vorübergehend und unvoll-
kommen, ein Ende gemacht werden. Man nehme doch nicht der
synoptisch-evang. Lehre durch lauter Sublimieren ihren con-
creten Inhalt, wodurch ihre Besonderheit, ja ihr Nerv verloren
geht. Dass wir nirgends den Ausdruck finden: die(3x<ri\\si*
t. 6. kommt auf die Erde, und man diesen doch flnden
müsste, wenn unsere Auffassung richtig ware, wird man schwer-
lich einwenden wollen. Wohin soll denn die Qcarttolx t. 6. kom-
men, wenn sie kommt, als dahin, wo sie noch nicht ist, nem-
licb auf die Erde und auf der Erde? Und von diesem Kom-
men wird ja von Menschen und zu Menschen, die auf Erden
sind, geredet. So können sie doch an gar nichts anderes denken,
als an ein Kommen zu ihnen auf Erden. Vom Aufgehen der
Sonne reden wir schlechtweg, und Niemand fallt es ein, zu er-
warten, dass man beisetze: „für die Erde", sondern Jedermann
versteht es — und das mit Recht — so und nicht anders. Wenn
ihr Aufgehen für einen anderen Planeten einmal gemeint ware,
nun ja, dann müsste man freilich einen Beisatz machen, müsste
den Ort nennen, für den man vom Aufgang der Sonne redet.
6. In Jesu ist der Messias, durch den die {taoiXsia kommen soll,
schon gekoDiniou. aber noch nicht, nm sie
schon zu uringen.
Nach den Reden Jesu, sahen wir, wird der Menschensohn =
7
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98
DIE LEHEE VOM BEICHE GOTTES
Messias = Jesus kommen h So^ und damit die (ZxatXeitx, t. 6.
Aber Jesus ist ja thatsachlich schon gekommen. Also
ist auch — sagen wir zunüchst — der Menschensohn schon
gekommen, da er dieser ist, wie denn auch Jesus selbst wie-
derholt von dem Gekommensein des Menschensohns redet.
(Ob er wirklich schon so frühe, als die Evangeliën berichten,
sich Menschensohn genannt habe, oder diese Benennung erst
spater auch in seine früheren Reden eingetragen worden sei,
wurde schon gefragt; die Frage berührt uns aber nicht weiter.
Uns genügt, dass die Evangeliën ihn mit diesem Namen von
sich reden lassen.) Da der Menschensohn danach schon ge-
kommen, der erwartete Menschensohn aber in diesem ge-
kommenen keineswegs — dass ich so sage — aufgeht, viel-
mehr, wie der vorige Abschnitt uns zeigte, daneben noch
die Erwartung seines Kommens aufs bestimmteste von Jesu
festgehalten wird, so haben wir gewissermassen zwei Men-
schensohnbilder, die in unmittelbare Synthese mit einander
treten. Das heisst, dem Bilde des Menschensohns, der kom-
men wird — das ist ja das schon früher vorhandene, aus
der Zeit vor seinem Gekommensein datierende — tritt nun
das neue, das des Menschensohns, der gekommen ist, voran,
und es entsteht so ein neues d. i. eben das neutestamentliche
Vollbild, das Bild des Menschensohns, der nicht bloss im
Himmel praexistiert und von da iv So\'£# kommen wird, son-
dern auch vorher schon auf Erden war, also von der Erde
dann in den Himmel gekommen ist (ohne dass darüber etwas
gesagt ist, ob er auch auf die Erde vom Himmel kam, wenn
auch der Ausdruck faóe nach seiner Parallele mit ëpxerai
solches anzudeuten scheinen könnte). Dass jene Synthese, die
zunachst eine begriffliche ist, sich thatsachlich auf Grund eines
Sterbens und Auferstehens durch eine Himmelfahrt vollzog,
ist bekannt. Wenigstens bei Lucas ist auch dies letztere, Him-
melfahrt, ausgesprochen c. 24, 51 mit dtifcpipero eU rov oöpxvóv
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IN DEN SOHBIPTEN DES NEUEN TESTAMENTS.                 99
(was dann der Sache nach wiederkehrt in Act. 1, 9 und na-
mentlich v. 11, wo geradezu diese Synthese in Absicht auf Jesum
ausgesprochen ist;. Angedeutet finden wir es auch Matth. 28,18,
wahrend wir bekanntlich bei Marcus keinen achten, ursprüng-
lich dem Evangelium angehörigen Schluss haben, der dies aus-
sprechen würde.
Wenn aber der Menschensohn, der kommen wird, der
Messias ist und sein soll, woran gar kein Zweifel sein
kann, so ist es auch der Menschensohn, der gekommen ist.
So ist also der Messias schon gekommen. Auch in ihm geht
aber der, der kommen soll te, nicht auf, das Erwarten seines
Kommens wird ja entschieden festgehalten. So haben wir na-
türlich unmittelbar mit dem doppelten Menschensohnbild auch
ein doppeltes Messiasbild, und das neue, das des schon ge-
kommenen Messias, tritt mit dem anderen schon vorher vor-
handenen, dem Bilde des erwarteten Messias ebenso in Syn-
these, indem es sich ihm vorsetzt. Und wir gewinnen damit
das neutestamentliche Vollbild des Messias.
Ist aber der Messias (auch) schon gekommen, so ist also
doch die Messiaserwartung — wenigstens einmal — erfüllt.
Aber das wesentliche Ingrediens dieser Erwartung ist ja
das Kommen der (izcixeix r. Seoü. Ist dann nicht fast selbst-
verstandlich gemass diesem neuen, neutestamentlich-evange-
lischen Messiasbild das Kommen der (èxaixelx t. ê. um ein
ganzes Stadium weiter zurückzurücken, als wir im vori-
gen Abschnitt annahmen? Mit anderen Worten: ist nicht
auch sie schon gekommen? Wenn auch nicht alsbald mit
dem öekommensein des Messias, doch im Lauf dieses Gekom-
menseins, oder wenn auch ihr Kommen sich innerhalb desseh
ben noch nicht vollendete, eben musste sie nicht i r g e n d w i e
doch schon kommen ? Kann man denn ein Kommen des Mes-
sias und damit ein Erfüllen der Messiaserwartung sich denken
ohne irgend ein Kommen der fixinheix r. ê. ? Scheint nicht die
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100
DIE LEHRE VOM EEIOHE GOTTES
unausweichliche Alternative zu sein: „Entweder ist sie mit
ihm, bzw. duren ihn irgendwie gekommen, oder ist derMes-
sias in ihm noch nicht gekommen?" Ist nicht — und das
scheint eigentlich ganz auf der Hand zu liegen und die rich-
tige Lösung zu sein — eben auch ein doppeltes /3«97A«/*-bild
da: ein schon früher vorhandenes von der (Zxvaeix, die kom-
men soll, und ein neues von der, die schon gekommen ? Jenes
hat sich durch Synthese mit diesem, das sich ihm vorsetzt,
erweitert, und es ist so das neutestamentliche Vollbild der
$«.<si\\üx entstanden, und nur, wenn wir dieses Vollbild fest-
halten, haben wir das richtige neutestamentliche Bild?
Der Schluss hat ohne alle Frage viel Bestechendes; man
scheint ihm nicht ausweichen zu können. Und dennoch — ist
er richtig? kann er richtig sein\'?
Wir könnten zunachst wieder einfach auf das in Abschnitt
5 Gesagte hinweisen, dass ja Jesus bloss mit der Ankündi-
gung der Nahe der fixaixtix r.6. auftrete und auch, nach-
dem seine Wirksamkeit langst im Gang war, seine Jünger
ebenfalls bloss die Nahe der (3x<rt>.eix t. ê. ankündigen lasst.
Wir könnten auch geitend machen, dass wir, wenn mit Jesu
oder durch Jesu Gekommensein auch die fixo-tkeix t. 6. ge-
kommen sein sollte, doch deutlich ihn dies sollten ausspre-
chen horen, da das gerade das Entscheidende gewesen ware,
das man doch nicht, nicht immer vorenthalten konnte. Denn
auf das gieng ja die Hoffnung der Menschen. Freilich er hat
einmal ein itpèxaev icp\'u/ixi und ein anderesmal ein hrói;
vpuv fort
von ihr ausgesagt. Ob damit ihr wirkliches Gekom-
mensein ausgesagt werden wolle, oder was Jesus damit über-
haupt sagen wolle, darüber mussen wir uns natürlich aus-
sprechen, stellen aber dieso Frage erst noch zurück und be-
handeln sie spater in einem besonderen Abschnitt, da dieser Urn-
stand natürlich von Bedeutung ist. Wir können uns aber aller-
dings eben desswegen auf jenes Reden von blosser Nahe nicht
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               101
stützen und kein argumentum ex silentio führen. Auch darauf,
dass Jesus im Vaterunser erst um das Kommen der (oxaiKeix
t.9.
bitten heisse, können wir uns nicht berufen. Denn es
ist ja dadurch nicht ausgeschlossen, dass die Qxa-iteix doch
im weiteren Verlauf der Wirksamkeit des schon gekomme-
nen Messias, überhaupt eben vor seinem erst bevorstehem
den Kommen solchem Bitten entsprechend gekommen sein
k ö n n t e. Und letzteres wird man auch neben jener Aussage von
einem blossen wyixe für möglich erkliiren mussen. Beweisender
ist dagegen der Umstand, dass auch nach dem Tod Jesu noch
von den Evangelisten von einem Trpo<rlsxs<j&xi tw (3<z<r. geredet
wird. Freilich könnte ja dann dieselbe im weiteren Verlauf
der Geschichte, also doch in diesem Aeon gekommen sein.
Es erfordert daher die in Frage stehende Annahme, dass ein
Gekommensein der @x<n\\eix r, 6. bzw. ein Kommen vor jenem
erst in Aussicht gestellten von Jesu gelehrt werde, eine wei-
tere Untersuchung, ob sie richtig sei oder nicht.
Hiebei mussen wir verschiedene Standpunkte, von denen
aus dies angenommen wird, unterscheiden. Denn es kann das
Verhaltniss der Lehre von einem schon Gekommensein oder
doch in der Gegenwart Kommen der $<xai\\cix, die man in den
Evangeliën zu flnden meint, zu der ja jedenfalls gemass dem
vorigen Abschnitt in innen vorliegenden Lehre von einem erst
bevorstehenden Kommen verschieden gefasst werden. Ent-
weder sieht man darin Momente einer einheitlichen Lehre,
die man combiniert zu der Lehre, dass die @x<ri\\slx t. ê. als
in der Gegenwart schon kommend, aber allerdings sich da noch
nicht vollendend gedacht sei; diese noch fehlende Vollendung
sei es, die dann mit dem erst bevorstehenden Kommen ein-
treten werde — also zwei Erscheinungsformen oder zwei Sta-
dien der @x<riteix r. 6. Oder aber sieht man in der Lehre von
einem Kommen schon in der Gegenwart und in der von einem
noch bevorstehenden Kommen zwei disparate Lehrstücke, deren
t
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102
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
nebeneinander sich Finden in unseren Evangeliën wieder auf
verschiedene Weise erklart werden kann.
1. Die erste Annahme ist die ganz gewöhnliche, die ge-
rade durch ihr Statuieren von zwei Stadiën der /3«jtXtla t. 6.
allem, also namentlich dem — wie wir es ausdrückten — dop-
pelten Messiasbild, das uns vorliegt, gerecht zu werden meint.
Fassen wir daher sie zuerst und zumeist ins Auge.
Gekommen soll die j3«a-a«« r. 6. auch schon sein, es soll
eine auch in der Gegenwart schon vorhandene geben. Aber der
erst kommenden, von der so deutlich geredet wird, soll natür-
lich nicht zu nahe getreten, ihr nichts abgebrochen werden.
So erklart man jene nur für eine noch nicht vollendete, auf
die Vollendung, die erst durch das Wiederkommen des Mes-
sias eintritt, erst harrende; anders ist ja auch gar kein Raum
für diese zwei Erscheinungsformen derselben. Allein was
gibt uns denn ein Recht, von einer noch nicht vollendeten
j3«<r/Af/« toü 6soZ, bzw. tüv ovpxvüv zu reden? Meines Erach-
tens lediglich gar nichts, unsere Texte, also eben das, was
doch massgebend ist und sein muss, jedenfalls gar nicht. Was
unter Gottes- oder Himmelreich zu verstehen sei, das können
wir ja doch nur den Zügen entnehmen, die davon berichtet
werden, nur dem Bilde, das unsere Texte uns davon zeichnen.
Und da ist denn doch so viel gewiss, wenn wir uns nur
einigermassen das vergegenwartigen, was im zwei ten und drei-
ten Abschnitt absichtich mit aller Ausführlichkeit dargelegt
wurde, wovon dann das im fünften Abschnitt Gesagte nur
die einfache Consequenz ist: es handelt sich bei der (2x<raei*
r.ê.
d. h. bei dem, was mit ihr und durch sie wird, schlech-
terdings nicht um etwas Unfertiges, sondern durchaus um
etwas Fertiges, Ganzes und Volles, um einen Vollendungs-
stand; es handelt sich um ein Erlangen des höchsten Gu-
tes, um eine Entscheidung, ob man dieses erlangt und
erlangen kann oder nicht, ob man die Beding ungen, von denen
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               103
das abhangt, erfüllt oder nicht, und nicht etwa und nirgends
erst um ein Beschaffen der nöthigen Qualiflcation und ebenso-
wenig um das Erlangen eines nur geiïngeren Gutes und nicht
des höchsten. Entweder ist also dieses Vollendete — um
es mit Einem Wort kurz auszudrücken — ein schon Gekom-
menes und in der Gegenwart Vorhandenes, bzw. sich Einstel-
lendes — oder aber ist die fixeiteix t. 6. nicht gekommen und
kommt nicht in der Gegenwart. Und da man das erstere nicht
behaupten kann und will, so flndet das zweite statt. Und wie
kann man vollends gleichsam a priori daraus, dass in Jesu
der Messias gekommen ist, folgern, es müsse auch die/3.*-
aiXeix r. 6. gekommen sein oder in der Gegenwart schon kom-
men? Wie kann man dies, frage ich, wenn man auch nur
halbwegs mit offenem Auge jenes Gekommensein des Messias
in Jesu nach seinem geschichtlichen Inhalt und Zweck be-
trachtet? Ist denn da schon vom Herbeiführen des Vollen -
dungsstandes, von einem <rv\\\\éyeiv mit dem Correlat des ix-
(3«AAf«/, von einem ispitytv und o-uvxyuv mit dem Correlat
des xxTxxxistv, von einem Entscheiden nach dem Vorhan-
den- oder Nichtvorhandensein der subjektiven Bedingungen
der Reichsgenossenschaft die Rede, und nicht vielmehr erst
gerade von dem Gegenteil d. h. von einem &tsïv, einem trneipeiv,
einem Zeigen und Wecken und Pflanzen der subjektiven Be-
dingungen? Und soweit, wie doch wohl die Annahme ist,
mit der (Zx<rt\\eix toïi êioü bzw. rüv ovpxvüv auch die fixeitelx
Christi schon gekommen sein soll — es kann ja doch in
jener nicht sein, wer nicht in dieser ist: ist denn innerhalb
des geschichtlichen Bildes Jesu schon von einem sich auf den
Thron Setzen Christi die Rede und damit von einem StxxovySïjvxf,
und nicht vielmehr von dem Gegenteil, dem hxxovsTv bis zum
Xvtpov hlóvxi t>j!/ ^u^iji\'? Und freilich sitzt er jetzt, nachdem
sein geschichtliches Bild abgeschlossen ist, auf dem Throne.
Aber von einer vor der Endkatastrophe stattfmdenden bzw.
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104                           DIE LEHBE VOM BËICHE G0TTES
stattfinden sollenden Bethatigung dieses Sitzens auf dem Throne
ist nirgends die Rede. Gottlob es ist noch die Zeiterstdes
&Tfïv, des vireipeiv u.s. w., jetzt vermittelt durch Jesu Jünger,
bzw. durch das von ihm ausgehende irvev/tx xyiov; und als
den jetzt im Himmel Befindlichen bethiitigt er sich allerdings
durch letzteres, aber nicht als den auf dem Thron Sitzenden,
der schon herrschen will und soll. Soll die (3x<nKeix r. 6.
gekommen sein d. h. diejenige (Sxvifoix, von der die Evangeliën
reden und die wir doch allein meinen und meinen sollen, wenn
wir von ihr reden, so dürfen nicht gerade die Züge, die sie
nach jenen charakterisieren, fehlen, und dafür ein Zustand da
sein, der vielmehr das Nicht, bzw. Nochnichtvorhandensein jener
fixviteix ausdrückt. Man kann und darf nicht von wesentlichen
Zügen der (2x<r. absehen und dann doch ein Gekommensein der-
selben statuieren. Kurz von einer nicht vollendeten und damit
von einer schon gegenwartigen oder in der Gegenwart schon
kommenden /W/a*/* rov êeoü kann man wohl reden — aber
nur wenn man vorher von dieser (Zxaixüx sich selbst irgend
ein Bild macht, das zu dem in den Evangeliën gezeichneten
passt wie eine Faust auf ein Auge, oder an die Stelle jenes
Bildes ein, es sei zugegeben, auch ganz hübsches anderes, aber
eben doch in Wahrheit ein Quidproquo setzt. Man kann das
Dogmatik treiben heissen; aber so viel ist gewiss, Exegese,
„biblische" Theologie ist es nicht.
Doch nicht bloss aus diesen sachlichen G-ründen ist nach
meinem Dafürhalten der Gedanke, dass die (SxstXslx t. ê. schon
gekommen sei, bzw. in der Gegenwart schon kommen könne
und solle d. h. dass Jesus es so angesehen habe, abzuweisen,
sondern auch ganz einfach um der hermeneutischen Schwie-
rigkeit, ich möchte fast sagen, Ungeheuerlichkeit willen, welche
sich daraus ergibt. Die Folge der Ansicht, mit der wir uns
beschaftigen, ist ja, dass in gar manchen Stellen unter (3x<ri-
xeix
t. 6. natürlich das Messiasreich im eschatologischen Sinn,
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               105
das „vollendete Gottesreich" verstanden wird. Aber vielfach
soll damit das schon gegenwartige, im Allgemeinen in der
Jüngerschaft Jesu sich darstellende Gottesreich gemeint sein —
nemlich von Jesu selbst, und die Hörer natten dann, die
Leser haben dieses darunter zu verstehen, nicht jenes. Immer
ein und derselbe Ausdruck, das einemal ganz genau so lau-
tend wie das anderemal, und doch soll er das einemal einen
wesentlich anderen Sinn haben als das anderemal! Freilich, die
verschiedene Bedeutung, heisst es, ergibt sich aus dem Ge-
brauch, der jeweils von dem Ausdruck gemacht wird, aus
dem Zusammenhang, in dem er steht, aus dem, was von der
PxaiXeia, r. t. gesagt wird; kurz es fehlt nicht an objektiven
Kriterien dafür, was gemeint ist. Allein nicht nur bleibt an
sich der Anstand, dass es denn doch eigentlich gegen alle
gesunde Hermeneutik geht, anzunehmen, einer, der spreche,
brauche in seinen Reden oder ein Autor brauche in ein und
derselben Schrift einen Ausdruck in verschiedenem Sinn, son-
dern es ist auch um die Kriterien für die Unterscheidung eine
sehr unsichere Sache. In der zweiten Bitte des Vaterunsers
soll z. B. @x<ri*.elx t. ó, von dem schon gegenwartigen Gottesreich
verstanden werden mussen, weil die vierte, fünfte, sechste Bitte
sich auf Bedürfnisse der Gegenwart beziehen, man auch in
der ersten und dritten Bitte um etwas bitte, was schon heute
anfangen müsse, nicht erst nach der Parusie. Als ob man, ist
zunachst zu sagen, nicht neben oder vielmehr vor den An-
liegen, die sich auf gegenwartige Bedürfnisse beziehen, das
Eine grösste Anliegen betreffend das grosse, erwartete, künf-
tige Gnadenheil vor Gott bringen könnte, oder nicht umge-
kehrt neben bzw. nach dieser Bitte voller Raum ware zu
Bitten der ersteren Art! Solange die Gegenwart da ist, wird
und muss sie auch zu Bitten, die sich auf sie beziehen, Anlass
geben. Die Hauptsache aber ist, dass bei einer derartigen
Einwendung gegen unsere Ablehnung einer schon jetzt kom-
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106                        DIE LEHBE VOM BEIOHE GOTTES
menden (3x<riteix immer übersehen wird, dass die Evangeliën,
bzw. Jesus die Parusie gar nicht in eine von der Gegenwart
und ihren n&chsten Bedürfnissen duren einen weiten Zwischen-
raum getrennte, unbestimmt ferne Zukunft verlegen. Es han-
delt sich ja stets um etwas, was man ehestens erwartet, um
dessen baldiges Eintreten man eben bittet; „je eher, desto
besser," heisst es. Ueberdiess ist, worauf wir in Balde zu
reden kommen werden, ja gar nicht sicher, ob Jesus, als er
das Vaterunser lehrte, die Katastrophe, durch welche die (3x-
irtxeix
t. ö. kommen soll, schon mit seiner Parusie verbunden
dachte. Nebenbei sei bemerkt, dass es mir gar nicht sicher ist,
ob in der dritten Bitte einfach, wie allgemein freilich ange-
nommen wird, unter dem Willen Gottes derbefehlende Wille
zu verstehen ist, also etwas, was die Menschen thun sol-
len, und nicht vielmehr der Heilswille Gottes = der moge zum
Vollzug kommen auch auf Erden, wie er im Himmel schon
stets im Vollzug ist, d. h. sich erweist. Doch ein objektives
Kriterium dafür, dass >5 $x<n\\üx r. 6. etwas der Gegenwart
Angehöriges bedeute, sieht z. B. Weiss — und wie er meint,
ein ganz unwiderlegliches, in den Prasentia, welche wir aller-
dings nicht selten in den Aussagen über sie treffen: z. B.
Matth. 5, 3. 10. Mare. 10, 14. Matth. 11, 11 (Luc. 17, 28);
18, 1. ,,\'Eo-t/" heisse es hier, wird gesagt. Hier sei also klar
von Solchen die Rede, die schon in der (3x<nfoix r. 6. sind.
Oder heisse es, „irpoxyov<riv" (Matth. 21, 31), also mussen diese
schon jetzt in dieselbe eingehen, (vgl. auch lê%etr&xi t^v (3. Mare.
10, 15; so müsse man sie doch jetzt schon „in Empfang neh-
men" können). Allein diese Prasentia können in Wahrheit nichts
beweisen. Es wird damit einfach entweder etwas, was erst bevor-
steht, desswegen im Prasens ausgesprochen, weil es als ganz
sicher eintretend gedacht ist und bezeichnet werden soll, oder es
wird eine Sache überhaupt nicht geschichtlich betrachtet, son-
dern ausserzeitlich d. h. wird rein als Lehrsatz ausgesprochen,
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               107
der keiner bestimmten Zeit angehört. Wahrscheinlich wird bald
das eine, bald das andere der Grund des Prasens sein. Es sei
einfach verwiesen auf das, was z. B. Winer, Neutestament-
liche Grammatik, über den Gebrauch der Tempora sagt§41a.
Kurz mit den objektiven Kriterien, die zeigen sollen, wann
(ZxiriXeix r. L etwas Gegenwartiges meine, ist es schwach be-
stellt. Ohnehin versteht z. B. Weiss den Ausdruck keineswegs
bloss da so, wo ein Prasens dazu zu berechtigen scheint. Wir
hatten schon oben eine solche Stelle, Matth. 5, 19. Esisteben
immer die Gefahr da, dass nicht etwa der Zusammenhang
oder was von der (3x<riteix t.$. gesagt wird, dazu nöthigt,
sie an einer Stelle von einer schon gegenwartigen /3«<r. zu ver-
stehen, sondern von der Annahme aus, dass der Ausdruck
überhaupt auch das bedeute, versteht man das, was an
einer Stelle von ihr gesagt wird, in diesem Sinn. Wenn
man nicht von jener Annahme ausgienge, so würde die be-
treffende Aussage auch anders verstanden einen ganz guten
Sinn geben, nur einen anderen, als den, welchen man von
jener Annahme aus darin finden zu mussen meint.
Das hermeneutische Bedenken aber, das man gegen die An-
nahme, der Ausdruck werde in doppeltem Sinn gebraucht,
haben muss, wird m. E. noch verstarkt durch ein praktisches
Bedenken. Aussagen Jesu haben wir vor uns. Hiesse ein sol-
ches Brauchen des Begriffs in doppeltem Sinn nicht eine zwei-
deutige Rede führen? Der Hörer ware ja doch in Wahrheit
gar nie sicher gewesen (wie der jetzige Leser nicht sicher
ware), wann es sich um die (ZxaiXeix r. 6. im absoluten Sinn
handelte, wann nur im relativen Sinn, wonach es ungefahr =
Jüngergemeinschaft sein soll. Ware nicht für den Plörer eben-
sowohl der Verheissungstrost der Rede von der 0x<riXslx t. ê.
als der Drohungsernst, der sich damit als Kehrseite verbindet
im Bliek auf den möglichen Ausschluss von ihr, ganz unsi-
cher geworden? Der Hörer hatte einem Ausspruch die Aus-
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108                           DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
sicht auf das vollendete Heil entnehmen können. Aber er
hatte sich getauscht, hatte Grösseres, Höheres, als er sollte,
ihra entnomraen; der Ausspruch meinte ja nur das gegenwartige
Gottesreich in seiner unvollendeten Gestalt, also auch mit
seinem noch nicht vollen Heile. Er hatte aber auch umgekehrt
einem Ausspruch nur erst die Verheissung eines noch unvoll-
endeten Heiles entnehmen können und damit sich getauscht;
derselbe wollte etwas Grösseres, das volle Heil verheissen.
Der Hörer hatte also zu wenig Trost daraus geschöpft. Und
ebenso nach Seiten der Drohung. Es hatte sein können, dass
er in einem Ausspruch nur „geringere Bedeutung" im jetzi-
gen Gottesreich, in der Jüngergemeinschaft gedroht gesehen
hatte, wahrend Jesus in Wahrheit von einer weit ernsteren
Sache, vom Ausschluss von dem „Messiasreich" redete. Oder
aber hatte er letzteres als gedroht betrachten können, wahrend
davon gar nicht geredet werden wollte; er hatte also sich
mehr als beabsichtigt in Angst setzen lassen.
Wenn nur im oder am Ausdruck durch irgend etwas an-
gedeutet ware, wie er zu verstehen, wann so, wann anders,
dann ware ja alles in Ordnung. Aber dem ist eben nicht so.
Daher kann ich durchaus nicht anders urteilen, als: >5 (3»<rt-
Kei*
t. 6., wie es immer ein und derselbe Ausdruck ist ohne
jede Differenzierung, bedeutet auch immer das Gleiche; es ist
immer = „Messiasreich" (wie seiner Zeit Meyer ganz richtig in
seinem Commentar annahm, wahrend Weiss das in seiner Neu-
bearbeitung des Commentars in einer Reihe von Stellen zu be
richtigen für nöthig zu finden glaubt). Es kann nicht unterschie-
den werden: Gottesreich in noch unvollendeter und Gottesreich
in vollendeter Erscheinungsform. Was noch unvollendet ist, ist
nicht „Gottesreich" d. h. im Sinn unserer Evangeliën, im Sinn
Jesu, und was „Gottesreich" ist, das vollendet sich nicht erst.Was
von dem Gottesreich v o r seinem Kommen da ist, werden wir
ja noch horen, teils gleich nachher, teils im achten Abschnitt.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               lÜfc»
Hier bemerken wir nur noch, dass irgend eine Differenz
in dieser Beziehung unter unseren drei Schriften gewiss nicht
zu entdecken ist. Man kann nur etwa sagen: von Matthaus
ist die besprochene Annahme schon dadurch, dass er die (3x-
aihsiot.
t. ê. allermeist (3. tüv oöpxvüv nennt, wo möglich am
meisten ausgeschlossen, wobei es freilich darauf ankommt,
wie man diesen Ausdruck versteht, ob eigentlich doch ganz =
(Zaaixelx rov óeov oder noch anders. Bei der Erklarung aber,
die gerade B. Weiss davon gibt: „Von Matthaus sei dieser
Ausdruck erst aufgebracht und eingesetzt worden anstatt des
anderen, weil zu seiner Zeit nur noch auf eine Verwirklichung
des Gottesreichs im Himmel gehofft worden sei," kann ich
am wenigsten verstehen, wie er damit seine Behauptung einer
Duplicitat der Bedeutung von G-ottesreich in dem besproche-
nen Sinn reimen kann. Denn den Ausdruck >5 jS. tüv oiip. hatte
nach ihm Matthaus auch in solchen Stellen eingesetzt, wo, wie
er meint, Jesus gerade das Gottesreich in seiner gegenwar-
tigen Gestalt, also im wesentlichen die Jüngergemeinschaft
darunter verstand. Manche Stellen, wo dieser Matthausaus-
druck steht, erklart ja Weiss gerade von dem letzteren (wir
fanden oben so: Matth. 5, 19). Und doch ist diese Erklarung
(bei seiner Erklarung von (3. tüv oupxvüv) nur möglich unter
der Voraussetzung, dass an der Stelle (3. toü Siov stand. Hatte
denn da nicht Matthaus eigentlich recht mechanisch immer
sein (3. tüv ovpxvüv eingesetzt? Auf ein altes Kleid (d. i. Got-
tesreich, ex hypothesi als gegenwartiges von Jesus gemeint)
ware ein neuer Lappen gesetzt werden (der Ausdruck: Him-
melreich), der zu dem alten Kleid (dem ex hypothesi von Jesu
gemeinten Sinn der Stelle) gar nicht gepasst hatte.
Nun was an dieser ganzen von uns abgewiesenen Fassung
von (3a<ri\\eix t. 6., wonach dieselbe eine doppelte Erscheinungs-
form haben soll, eine gegenwartige, noch unvollendete, und eine
zukünftige, vollendete, Richtiges ist, und woraus sie sich über-
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110
DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
haupt erklart, woraus namentlich zu erklaren ist, dass sie so
ganz gewöhnlich geworden, werden und mussen wir noch horen.
Vorerst beschranken wir uns auf die Abweisung.
2. Diese zwei „Erscheinungsformen" der @x<rt\\eix r. $. werden
aber noch ganz anders beurteilt, nemlich als zwei disparate,
einander ausschliessende Lehren, doch nicht etwa mit der Folge,
dass desswegen, weil das Kommen der /3«o-. in der Zukunft zu
klar gelehrt wird und nicht bestritten werden kann, der Gedanke,
es werde ein Kommen auch in der Gegenwart schon gelehrt,
fallen gelassen wird. Vielmehr ist es gerade dieses letztere, was
betont und festgehalten wird; in dem ersteren aber, der Lehre
von einem durch das Wiederkommen des Messias vom Him-
mel, also durch eine supranaturale Katastrophe vermittelten
Kommen der (3uo-t*.e!x r. ê. wird eine nichtursprüngliche Lehre
gesehen. Und das kann wieder in doppeltem Sinn geschehen.
a. Einmal wird diess „nichtursprünglich" geradezu im Sinn
von „nicht acht" verstanden. Sie schliesst sich ja, wie wir
sahen, sehr stark an die vorneutestamentliche Messiaserwar-
tung an. So heisst es: Die ganze, kurz gesagt, eschatologi-
sche Auffassung der fixa-i^ilx r. 6. ist erst von judaistischer Seite,
wenn auch nicht erst von unseren Evangelisten, sondern von
den Quellen, denen sie folgen, in die Lehre Jesu eingetragen
d. h. mit einer ganz andersartigen, wesentlich nicht, nicht mehr
judaistischen, die er hatte, verquickt worden. Jene „Syn-
these" von zwei Messiasbildern, von der wir im Anfang des
Abschnitts sprachen, ist also eine künstliche oder nur eine
literarische. Insbesondere stüzt man sich dabei auch auf die
bekannte eigentliche Parusierede, die von Jesu berichtet wird
(Matth. 24, Mare. 13, Luc. 21), in der man eine kleine, spe-
ciflsch noch jüdische Apocalypse sieht, die Jesu nur in den
Mund gelegt sei und wesentlich dazu diene, seiner Anschau-
ung ein judaistisches Geprage zu geben. Nun gegen die Authen-
tie des Details jener Reden betreffend die der Parusie voran-
.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               1 11
gehenden Vorg&nge mag man ja Bedenken haben. Aber der
Hauptpunkt, auf den es uns gerade ankommt, die Endkata-
strophe mifc dem Kommen des Menschensohns und der dadurch
herbeigeführten Entscheidung (Sammeln der Auserwahlten mit
dem Correlat des Gegenteils) gehort ja doch nicht bloss jener
Rede an, sondern kehrt, wie wir uns überzeugten, auch sonst
in den drei Evangeliën wieder in der aller bestim mtesten Weise.
So müsste man natürlich alle diese Aussagen für judaistische
Eintragungen erklaren. Aber ware nicht schon das auffallend,
dass diese Aussagen sich in allen drei Evangeliën finden?
Sollte nicht der eine oder andere Evangelist noch etwas davon
gewusst oder doch geahnt haben, dass das nicht die ursprüng-
liche Lehre Jesu war? Warum nat keiner diese „judaistische
Eintragung" abgelehnt, da man ja keineswegs allen drei Evan-
gelisten judaisierende Tendenz zuschreiben kann? Oder wenn
diese Instanz nichts gelten soll, so frage ich: ware es nicht
doch fast unbegreiflich, dass die Erwartung der Parusie Christi
sich bei Paulus und in den paulinischen Schriften ebensogut
findet als in den synoptischen Evangeliën, also in wesentlich
antijudaistischen Schriften? Nöthigt diess nicht beinahe zu
der Annahme, dass dieses Lehrstück, das ja freilich in der vor-
christlichen Erwartung schon seine Wurzel hat, keineswegs
etwa von Jesu abgelehnt, sondern auch von ihm festgehalten
wurde d. h. seinem Kern nach, also nicht ohne wesentliche
Lauterung, wie wir gesehen haben? Und schwerlich wird
man, als auf eine G-egeninstanz, auf das Johannesevangelium
hinweisen wollen, wenn auch vielleicht fast unbewusst dieses
mitwirkte zu Aufstellung der in Frage stehenden Ansicht.
Wie wir dessen Stellung zu der /3*ir/Af/«-erwartung zu beur-
teilen haben, wird ja an seinem Ort zur Sprache kommen.
Sieht man aber die synoptischen Evangeliën als die eigent-
liche und jedenfalls fundamentale Quelle für die Kenntniss
der Lehre Jesu an, so bewegt man sich — und dies ist m. E.
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112                           DIE LEHRE VOM BEIOHE GOTTES
das Entscheidende — doch offenbar mit dieser Unterscheidung
einer erst eingetragenen und einer achten Lehre Jesu in einem
Zirkel. Wpher weiss man denn, was letztere ist? Doch eben
nur aus den Texten, in welenen wir diese vermeintliche
achte Lehre gar nicht anders als im engsten Connex mit der
vermeintlich eingetragenen vor uns haben; an ihnen will man
ja doch, wie eben gesagt, die fundamentale Quellefür Kennt-
niss der Lehre Jesu haben. So muss man sich eben vorher
ein Bild von dem machen, was die achte Lehre sei, muss
vielmehr trotz jener Versicherung von anderwarts her sich ein
solches holen. Und dann ist es natürlich einfach, von dem,
was in unseren Schriften dazu nicht stimmt, zu behaup-
ten, es sei eingetragen. In Wahrheit hat man aber, was man
beweisen will und als Facit herausbringen, vielmehr schon
eingetragen, und man spricht eigentlich nur den Satz aus:
Die und die Lehre ist nicht die achte — weil sie nicht die
ist, die wir als die achte betrachten! Und was soll dann
die achte @x<ritelx-\\ehxe Jesu sein? Nun da kehrt dasselbe
wieder, was vorhin sub 1 ausgeführt wurde, dass man die
Züge, welche das eschatologische /3«a-«A*/*-bild charakterisie-
ren, als unachte Lehre ausscheidend den /3«8-/Af/«-begriff selbst
d. h. den der Evangeliën eliminiert und an seine Stelle etwas
anderes gesetzt hat, was auch etwas Schönes oder nicht Un-
richtiges sein mag; nur ist es nicht mehr das, was man
wollte, die (3x<rttelx r. L der Evangeliën. Es wird kaum
anders gehen. Denn wenn die eschatologischen Züge ausge-
schieden werden, so fallen die Züge der gerichtlichen Scheidung
behufs des Eintritts in den unbehinderten vollen Genuss des
göttlichen (Sxeikivav und damit des höchsten Gutes auf Grund
jener Scheidung; und was übrig bleibt, ist im wesentlichen
die Jüngergemeinschaft, die, ob auch in nachster Beziehung
zu der fixviktlx t. 6. stehend — nur eben diese selbst nicht
ist. Und auf einem Umweg ist man dann wieder zu dem
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             113
Richtigen gekommen, dass die Evangeliën von keiner GxaiXeix
wissen, die schon in der Gegenwart gekommen ware, bzw.
kame.
                                                                 ,
b. Duren das hier Gesagte ist im Grund auch schon die Fas-
sung abgewiesen, wonach das nichtursprünglich Sein der escha-
tologischen /3«ix/;.f/«-lehre so verstanden wird, dass man zvvar
nicht bestreiten will, sie sei ein Bestandteil der Lehre Jesu
selbst, sie also für keine fremdartige Eintragung erklart, aber
meint, sie gehore erst einer spateren Periode seiner Lehre an.
Ursprünglich habe er das Kommen der (3x<raelx t. $. wesent-
lich anders angesehen, einen rein geistigen, innerlichen Vor-
gang darunter verstanden, aber es habe eine Wandlung der
Lehre bei ihm stattgefunden, in der Hauptsache in Folge des
sich steigernden Widerspruchs gegen ihn und sein Wirken
und der Voraussicht seines gewaltsamen Todes. Erst da habe
er das Kommen der (3u<ri}.e!tx t. 6. als eine durch seine Parusie
vermittelte Katastrophe, als unmittelbar göttliche Action ge-
fasst. Man beurteilt das dann entweder so, dass man darin
einen Rückgang sieht in dem Sinn, dass eben schliesslich,
weil erkannt wird, es sei jenes Kommen nicht auf die Weise,
wie zuerst angenommen, d. h. auf rein innerliche Weise mög-
lich, so zu sagen auf einen Deus ex machina recurriert wird.
Oder aber wird darin ein Fortschritt gesehen, das Durchdrin-
gen zur richtigen Erkentniss in Verbindung mit der erst durch
die Gewissheit des Wiederkommens iu S<% gewonnenen vol-
len Sicherheit des Messiasbewusstseins bei Jesu, wahrend vor-
her das sich für den Messias Halten bei ihm nur ein Wag-
stück religiöser Intuition gewesen sei, gegen dessen Richtig-
keit immer noch Bedenken möglich waren. Auch hier gilt
aber wieder das Gleiche wie vorhin: was man als erste
Phase der Lehre Jesu von der /3«<r;A«/« bezeichnet, hat man
sich vorher als solche ausgedacht, und darum findet man
sie dann freilich; in Wahrheit ist aber diese angenommene
8
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114                        DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
erste Phase gar keine /3#<r<A«/#-lehre — nemlich im Sinn des
exegetischen Thatbestands.
Iramerhin aber liegt dieser Annahme einer ersten und einer
spateren Art und Weise, wie Jesus vom Kommen der /3«<r/-
xsia t. 6. gedacht habe, etwas Richtiges zu Grunde, namentlich
oder wenigstens in der letztgenannten Modiücation dieser An-
nahme, wonach die spatere Arteinen Fortschritt bezeichne. Nur
wird aus dem, was richtig ist, ein unrichtiger Schluss gezogen.
luchtig ist, dass eine Wendung constatiert werden muss
in der Art und Weise, wie Jesus seine eigene Stellung zu
jenem Kommen der (3x<riKeix r. ê. und in Verbindung damit
vielleicht überhaupt den Modus dieses Kommens sich dachte.
Wir horen ja jenes /iéwei ip%6<r6xi o ulo? roü xvOponrov t. $.
nach allen drei Evangeliën erst von einem bestimmten Zeit-
punkt an, horen es erstmals nach der ersten Todesverkündi-
gung, die sich selbst wieder unmittelbar an das bekannte Petrus-
bekenntniss von Jesu als dem Messias anschliesst. Natürlich;
von einem (isM.etv ïp%£<rQxi des Menschensohns konnte ja, wenn
und da Jesus damit nicht einen Anderen, sondern sich selbst
meinte, nur die Rede sein, wenn er irgendwie vorher weggieng.
Das geschah, geschah aber erst durch sein Sterben. Selbstver-
standlich aber hatte dieses wieder an sich kein fié^etv tp%e<Têait
vollends nicht eines iv $$\'£# begründet, sondern that es nur,
wenn und weil es zu einem xvxtrTïjvxi führte, machte es jeden-
falls voll und ganz möglich, aber begründete es auch positiv we-
gen des Messiascharakters des Sterbenden und Auferstehenden.
Anders redet aber auch Jesus nie von seinem Sterben, als
so, dass er zugleich sein Auferstehen vom Tod vorausver
kündigt. Und dass er gerade nach seiner Todesverkündigung
von seiner Parusie redet, ist auch nebenbei bemerkt m. E. ein
Beweis dafür, dass die Worte vom Auferstehen in der Lei-
dens- und Todesverkündigung von Anfang an mit letzterer
verbunden waren. Man kann sie nur streichen, wenn man die
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             115
Parusieverkündigung auch streicht. Halt man aber diese für
ursprünglich und acht, so muss man das auch bei der Ankün-
digung der Auferstehung thun.
Wie haben wir aber den Umstand zu er klaren, dass Jesus
erst in jenem Zeitpunkt erstmals seinen Tod (mit Auferstehung)
verkündigte? Spricht er bloss da erstmals davon, wusste
es aber schon vorher, bzw. von Anfang an voraus? Dann
hindert natürlich nichts anzunehmen, dass er auch seine Pa-
rusie und die Vermittlung des Kommens der pxriteix t. ê.
durch dieselbe vorauswusste (und nur nicht davon redete).
Ja wir mussen dann fast nothwendig auch das Vorauswissen
davon annehmen, wenn wir anders, wie wir doch mussen,
ihm das Messiasbewusstsein schon vor jenem Zeitpunkt, jeden-
falls von seiner Taufe an vindicieren. Denn dieses führte
dann von selbst auch zu der weiteren G-ewissheit betreffend
seine Parusie. Nun Spuren davon, dass Jesus schon vor jener
ersten Todesverkündigung, die uns von ihm berichtet wird,
die Dinge nicht anders ansah, als bei und nach derselben,
könnte man darin finden wollen, dass er zwar nicht bei Mar-
cus und Lucas, wohl aber bei Matth&us in einigen Stellen
schon vor 16, 21 ff. nicht bloss überhaupt von der $f*êp*
Kpia-suf
bzw. von der Kpirn redet (12, 36. 41. 42) — diese
Stellen allein würden natürlich noch nichts beweisen — son-
dern auch von einer richterlichen Function, die er èv èxsivy
t% vtiilpcf.
haben werde (7, 22), und 10, 32. 33 von einer
Function (Bekennen und Verleugnen vor seinem Vater), die,
wie oben schon bemerkt, doch auch nur mit jener foipx ver-
bunden gedacht werden kann, vollends aber 13, 41 von einer
solchen, die wir wenigstens am natürlichsten mit seiner Pa
rusie verbinden. Allein wir haben ja nicht die mindeste Si-
cherheit dafür, dass die Eeden Jesu, obwohl Matthaus sie
schon vor der ersten Todesverkündigung berichtet, wirklich
ihr auch zeitlich vorangiengen. Und bezeichnend ist es doch,
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116
DIE LEHRE VOM BEICHE GOTTES
dass die zwei Evangeliën, welche weit mehr eine Zeitfolge ein-
halten als Matthaus mit seinen Redegruppen, derartige Aus-
sprüche vor jener Verkündigung nicht berichten. Dass aber
wenigstens einige jener Stellen, selbst wenn wir annehmen
müssten, sie seien früher, keineswegs mit Notwendigkeit
ein Wissen Jesu von seiner Parusie und also von seinem Tod
und seiner Auferstehung voraussetzen, werden wir gleich nach-
her horen. Das natürlichste, und ich möchte sagen einzig
richtige, ist doch wohl anzunehmen, dass Jesu selbst sein (ge-
waltsamer) Tod erst im Verlauf seiner Wirksamkeit in Folge
der Erfahrungen, die er machte, zur Gewissheit wurde, und
wir ihn desshalb erst von einem bestimmten Zeitpunkt an da von
reden horen, wenn auch sicher ist, dass das Gewisswerden
über seinen (gewaltsamen) Tod für ihn ganz in der Linie
seines Messiasbewusstseins lag (nicht etwa ihm widersprach),
weil derselbe bei dem, der der Messias war und sein sollte,
zum Auferstehen führen musste und so ein Wiederkommen
möglich machte, und damit dafür, dass, und für die Frage, wie
durch ihn, als Messias, sich das Kommen der (3x<ri\\six r. $.
vermitteln solle, die klare Lösung brachte. Andererseits ist
aber auch klar, dass, weil dann auch erst sein Auferstehen und
damit seine Parusie ihm zur Gewissheit wurde und nicht
von Anfang an ihm gewiss sein konnte, auch das Kommen
der (3x<rite!x r. $. von ihm vorher noch nicht mit einer Pa-
rusie in Verbindung gesetzt und wenigstens nicht als durch
ihn in dieser Weise vermittelt betrachtet werden konnte,
wenn er auch von Anfang an sich als Vermittler ihres Kom-
mens dachte und wusste.
In sofern fand also allerdings eine Wendung in der An-
schauung Jesu statt, eine Wendung in der Anschauung von
dem besonderen Modus des Kommens der (3x<ri\\clx t. 6., indem
es ihm erst zur Gewissheit wurde, dass dasselbe nicht nur
überhaupt durch ihn, sondern speciell durch sein Wiederkom-
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IN DEN SOHEIPTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.             117
men sich vermittle. Und möglich ware, dass er auch erst von
da an von sich als dem Menschensohn redete (in dem dies bei
Anlehnung an die Danielstelle den Gedanken an das Kommen
vom Himmel schon vorauszusetzen scheint), wenn auch die
Evangeliën ihn das schon früher thun lassen.
Nur folgt aus dem Gesagten schlechterdings nicht, dass
Jesus davon, was Kommen der $x<ti\\üx r.6. sei und meine,
also von dem Wesen dieses Kommens, vorher eine andere
Vorstellung hatte als nachher, oder die Evangeliën eine andere
von ihm aussagen wollen. Es folgt daraus nicht, dass ihm
dieses Kommen vorher zusammenflel mit seiner Arbeit an den
Menschen, bzw. mit dem Erfolg derselben, etwa mit dem
Jüngergewinnen, also mit einem bestimmten, von ihmerziel-
ten Verhalten der Menschen und der daraus gewiss unmit-
telbar für diese resultierenden inneren BefriediguDg. Nicht in
dem Saen, auch nicht in dem Reifen der Saat sah er jenes
Kommen der (3xtrt*.six r. ê., sondern in einem mit einem Aus-
scheiden verbundenen, vollendenden Vorgang, in einem Ern-
ten und Sammeln. Auch mit seiner sonstigen Wirksamkeit,
ausser der eigentlichen Lehrthatigkeit, nel es ihm nicht zu-
sammen (was dafür zu sprechen scheint, werden wir im
übernachsten Abschnitt besprechen). Nein, es beruhte ihm
vorher so gut wie nachher — wir haben keinen Grund
und darum auch kein Recht, es anders anzusehen — aufeiner
objektiven Action Gottes, einem mit einer jc/kV/? verbundenen
Hereingreifen in die bestenenden Verhaltnisse, das auch nicht
etwa schon mit seiner Sendung selbst, mit seinem Dasein
zusammenflel. Nahe gekommen war damit die (Zxstxeix, aber
nicht erschienen noch. Und was das Andere betrifft, so sei
wieder daran erinnert, dass das Nahesein ja ein von dem
fierxvoeTv unabhangiger Vorgang ist, Motiv desselben, nicht etwa
Folge davon oder eben damit zusammenfallend; und das ist
doch ein jedenfalls als acht zu betrachtendes Wort Jesu und
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118
DIE LEHRE VOM REIOHE GOTTES
ein Wort aus der ersten Periode, es ist ja sein Einführungs-
wort. Kurz, es war ihm von Anfang an das Kommen der
^ze/tel» t. 6. ein endgeschichtlicher Act, ob auch noch nicht ver-
mittelt gedacht durch sein Wiederkommen. Wir sind ja freilich
jetzt gewohnt, wo von der xp;V/?, von sksivvi *i j/iép» die Rede
ist, unmittelbar an die Parusie Christi und jenes durch diese ver-
mittelt zu denken. Allein wir haben kein Recht dazu. Auch
eine Stelle, wie Matth. 7, 22, wo Jesus sich eine richterliche
Funktion iv éasivin r\\ji tftépx vindiciert, oder Matth. 10, 32 f.
setzt nicht eo ipso auch schon seine Parusie voraus. Konnte
nicht Jesus zunachst d. h. vor dem Zeitpunkt, da er seinen
(gewaltsamen) Tod, und wie wir vorhin sagten, dann auch
seine Parusie voraussah, angenommen haben, dass in der
Linie seines jetzigen Gekommenseins d. h. als Abschluss des-
selben der Zeitpunkt eintreten werde durch göttliches Darein-
greifen, wo, weil die Saat reif, die Ernte komme und damit
das Scheidungsgericht, bzw. er zu demselben zu schreiten
habe, ebendamit aber auch das Kommen der (Sxtn^eix t. 6.
eintreten werde? Wie ja z. B. der Taufer jedenfalls es so sich
denkt und dies natürlich überhaupt die vorneutestamentliche
Anschauung war (wovon sogleich mehr). Ob dabei Jesus vor
jenem Wendepunkt darüber, wie dieser Entscheidungsakt sich
vollziehen werde, eine ganz bestimmte Vorstellung sich gemacht
habe, die dann nachher ihre Correktur, bzw. Weiterbildung
gefunden hiltte, oder ob er bis dahin einfach im Glauben alles
seinem himmlischen Vater anheimstellend auf jenen Act und das
damit erfolgende Kommen der fix<ri\\st.ó. wartete, mussen
wir dahingestellt sein lassen. Das Letztere ist wohl richtiger
anzunehmen. Für uns ist die Hauptsache, dass Jesus immer,
vorher wie nachher, sich das Kommen der /3«o-//,f ix r. 9. seinem
Wesen nach gleich vorstellte. Und als ihm dann seine Pa-
rusie gewiss geworden war, da war ohnehin auch der Modus
dieses Kommens klar- und festgestellt.
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.             119
7. Der Messias kam in Jesu, urn erst dem Kommen der Hmnhiia
i. 6.
mögllehst weiten Ranm zn schaffen.
Trotz all dos Gesagten kehrt aber eben doch die Frage
wieder, die wir oben schon einmal aufwarfen: Kann denn mit
Jesu der Messias gekommen sein und doch die (3»<rt>.elx
T.ê.
noch nicht? Würde nicht durch letztere Annahme seine
Messianit&t, bzw. der Glaube daran aufs starkste gefahrdet
oder vielmehr aufgehoben? Und verstarkt kann diese Instanz
werden durch die Hinweisung auf unsere Texte, d. h. einfach
darauf, dass Jesus doch immer wieder von der fituritelei t. 6.
rede. Kann man denn das, kann man namentlich auch die Art,
wie er in den Gleichnissen von ihr redet, verstehen, ohnedie
Annahme, dass sein jetziges Kommen schon in unmittelbar-
ster Beziehung zu dem der fixsixeix r.6. gestanden habe, er
es so gedacht habe und so gedacht wissen wolle?
Um mit diesen Fragen ins Reine zu kommen, greifen wir
am besten zunachst wieder auf die vorneutestamentliche Mes-
siaserwartung zurück. Diese kennt zwar freilich nicht zweierlei
Kommen des Messias auf die Erde, eines durch Geborenwer-
den und dann wieder ein anderes iv So£# direkt vom Himmel,
weil sie von keiner Unterbrechung des messianischen Werkes
durch (stellvertretendes) Leiden und Sterben des Messias etwas
weiss und wissen will, und sogar mit Jesaias c. 53, troz der
natürlich nicht bestrittenen Beziehung der Stelle auf den Mes-
sias, sich ohne jene Annahme abzufinden verstand (vgl. Weber,
Altsynag. Theol. S. 344 f.). (Nach spaterem jüdischem Theolo-
gumenon griff man bekanntlich in Polemik gegen die auf jene
Stelle sich berufenden Christen zu dem Auskunftsmittel, neben
dem Messias, Davids Sohn, der nicht leiden und sterben muss,
einen Messias geringerer Würde, Sohn Josephs anzunehmen,
bei dem letzteres der Fall sein soll). Aber auch die vorneu-
testamentliche Erwartung unterschied zwei Perioden des Da-
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I
120                        DIE LEHEE VOM BEIOHE GOTTES
seins des Messias nach seinem Kommen. Er kommt ja (vom
Himmel) zunachst auf die Erde, um als Kind in Bethlehem
geboren zu werden, und lebt dann vorerst in der Verborgem
heit (darauf bezüglich wohl die Bemerkung, die die Juden bei
Johannes 7, 27 machen: o Xpirrbs \'irxv tp%*iToti, ovM? yivmxu
iróóev irrh).
Dann aber wird er plötzlich aus der Verborgenheit
hervortreten, um als messianischer König in Macht und Herr-
lichkeit sich zu erweisen und so die Periode des Gottesreichs
herbeizuführen. Also auch hier ist der Messias zwar da, keines-
wegs aber kommt nun alsbald auch das Gottesreich. Es geht
der entscheidenden Periode eine Vorperiode vorher. Warum
soll es nun nicht auch bei dem in der Person Jesu gekom-
menen Messias so sein können, bzw. dies auch der Stand-
punkt Jesu gewesen sein können ? Das heisst, die Vorperiode
war hier freilich nicht bloss eine Zeit des Lebens in der Ver-
borgenheit, sondern umfasst auch ein Hervortreten durch die
bekannte, geschichtliche Wirksamkeit Jesu, aber gegenüber
dem Hervortreten èv ïófy war es ja doch auch nur erst, wenn
auch nicht ein Verborgenbleiben, so doch ein Zurückstehen,
ein Stand in Niedrigkeit. Und gerade, sofern es doch ein rela-
tives Hervortreten war, kann um so weniger m. E. gesagt
werden: „Wenn Jesus doch der Messias war, so musste mit
seinem Dasein auch das Kommen der fia<ri\\eiet r. 6. verbunden
sein — sonst war er es nicht." Er war ja messianisch thatig.
Allerdings also eine zweite Vorperiode — so mussen wir wohl
sagen — schiebt sich bei dem geschichtlichen Messias, Jesus,
ein im Uhterschied von dem Messias der Erwartung. Auch
diese bringt noch nicht die /3*<7. t. $., aber damit ist ja ent-
fernt nicht gesagt, dass sie zu dem Kommen derselben in kei-
ner Beziehung stehe. "Wenn das der Fall ware, dann ware
freilich der Inhalt der Evangeliën, ware das, was sie von
Jesu uns berichten, das starkste Gegenzeugniss gegen unsere
ganze Auft\'assung. Allein da von ist gar keine Rede. Wenn
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.              121
diese Vorperiode auch noch nicht die Periode des Kommens
der (3x<rt*.eix t. ê. war und sein sollte, so hat sie desswegen
nicht etwa keine Beziehung darauf, hat vielmehr den aller-
nachsten Bezug darauf und sollte ihn haben. Es war und sollte
sein die Periode des Zubereitens der Menschen für die bevor-
stehende Gottesoffenbarung, die Periode des Tüchtig- und
Fahigmachens, des Sammelns und Werbens für die
@x<t. t. ê. und damit des Raumschaffens für dieselbe.
Denn, wie in Abschnitt 4 bemerkt wurde, ein Kommen dersel-
ben im objektiven Sinn kann ja in concreto doch nur in Verbin-
dung mit einem Kommen auch im subjektiven Sinn geschehen,
d. h. sie kann ihr Heil bringen und also in Wirklichkeit ,.kom-
men", nur wenn solche da sind, welche für sie befahigt sind,
und „kommt" urn so mehr, je mehr solche da sind. Jene
Periode des Zubereitens für die fixtihelx t. 6. war daher
durchaus und im vollen Sinu eine auf das Herbeiführen oder
Kommenmachen derselben mit ihrem Heile zielende Periode.
In so unmittelbarem Zusammenhang mit ihrem Kommen stand
sie. Dem Umstand, dass Jesus so viel von ihr redet, werden
also, denke ich, auch wir vollkommen gerecht, und man kann
sich darauf nicht gegen uns berufen. Es kann auch gar nicht
davon die Rede sein, dass die Messianitat Jesu nicht zu ihrem
Recht kame. Es ist nur das richtig, dass das herkömmliche Mes-
siasbild sich modiüciert d. h. in Wahrheit ein volières, reicheres,
hauptsachlich aber ein tieferes wird, indem es ein neues,
hochwichtiges Moment in sich aufnimmt, bzw. aus sich heraus
entwickelt. Es war dasselbe ja, wenn es auch an manchen
Ansatzen zu weiterem nicht fehlte, im wesentlichen — ver-
anlasst durch die altprophetischen Verheissungen selbst — das
Bild des, wenn einmal auftretend, rasch zum Sieg und Thron
schreitenden Königs. Nun aber kommt vorher noch das hxxo-
véiv
mit vireipew, &ts7v, ja Soüvxi riiv ipv%yiv. Es combiniert
sich mit ihm, zeitlich sich ihm vorsetzend (ich meine, damit
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122                        DIE LEHKE VOM BEIOHE GOTTES
drücken wir die Sache am kürzesten und richtigsten aus) jene
aus Jesaias II, zumal c. 53 wohlbekannte Gottesknechtsge-
stalt. Und dass das geschieht, das ist eben ein hochbedeut-
sames Neues, ist der neue Standpunkt, auf den Jesus sich
stellt, auf den er das Messiasbild erhebt.
Dass auch in dieser Beziehung unsere drei Schriften ein-
hellig sind, ist wohl wieder überflüssig nachzuweisen. Wenn
etwas uns aus allen drei Evangeliën gleichmassig entgegen-
tritt, so ist es doch gewiss das Bild dessen, der nur erst,
aber wirklich unablassig und eifrig o-ireipei, &Tf7 und eben-
damit StxicovfT, so ganz, dass er schliesslich auch ipvxw S/S«<7»/,
alles nur, damit die aurw\'i* doch, wenn rnöglich, Keinem
fehle, möglichst Vielen jedenfalls zu Teil werde, wenn er
kommen wird èv Sa\'fjj und damit die /3«o-. bringen.
Doch wir mussen die Bedeutung des Gekommenseins des
Messias für die Pxatteix t. 6. noch mehr im Einzelnen ins
Auge fassen. Mit seiner Thatigkeit, als einer für dieselbe zu-
bereitenden und so ihr Kommen vorbereitenden schliesst sich
Jesus zunachst — das ist unbestreitbar — einfach an seinen
Vorlaufer an und setzt dessen Arbeit fort, gemass seinem be-
kannten ersten Wort. Aber sie ist oder wird eine weit um-
fassendere, und führt viel weiter als die des Vorlaufers, die
sich denn doch wesentlich auf den Aufruf zur (terxvotx im
Bliek auf das vom Messias zu erwartende in die Hand Nehmen
der Worfschaufel beschrankt, wenn auch daneben noch das
Taufen mit Wasser im Sinn eines sich taufen Lassens eine
Besieglung der iastxvoi» und als Taufact eine Art Initiation
für die j3x7^six r.ê., wenn sie kommt, bezweckte. Von letz.
terem sieht ja Jesus zunachst, wenigstens für seine Person,
ab und weist (wenigstens nach dem Bericht bei Matth&us)
erst bei seinem Scheiden wieder seine Jünger zu solchem Vor-
gehen an. Dafür entfaltet er einmal eine umfassende Lehrtha-
tigkeit, streut speciell durch sein (geflissentliches und gele-
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IN DEN SCHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS. 123
gentliches) Belehren über die fixetielx t. i. und ihre f*u<rTvjpix,
über das Gut und Glück, das sie gewahrt, und den unvergleich-
lichen Wert desselben, über die Bedingungen, es zu erlangen, also
die Qualitaten der Reichsgenossen, wie über die Aussichten für
die (3xvi*.eix in Bezug auf den Umfang ihres Kommens, teils in
eigentlicher Rede, teils in seinen Parabeln (mit einigen derselben
zugleich diese Thatigkeit selbst, die er übt, abbildend), reichen
Samen aus, aus dem die Saat und Frucht der Befahigung zu
der fixvixtix t. ê. erwachsen soll. Mit dieser Lehrthatigkeit
verbindet er dann eine nicht minder in den Dienst der Men-
schen sich stellende (vgl. Matth. 8, 17) umfassende Wunder-,
hauptsachlich Heilwunderthatigkeit, durch welche er die Her-
zen zu wecken und zu gewinnen sucht. (Welche Bedeutung
die Heilwunder Jesu weiter in objektiver Beziehung hatten,
werden wir im nachsten Abschnitt sehen.) Hinter dieser regen
Thatigkeit steht aber dann, sie bestatigend und verstarkend,
stets seine Persönlichkeit im Ganzen. Und können wir auch
nicht geradezu sagen: „sie stand schon in der (3x<r. r. 6.", sofern
diese ja noch nicht gekommen war, so ist um so gewisser,
da ss sie aus derselben stammte, ihr Wesen an sich trug nach
Seiten der die Zugehörigkeit dazu bedingenden Qualitaten, der
hnxto<rvvy, wie nach Seiten des inneren Glückes jedenfalls, das
sie gewahrt, durch die Gemeinschaft, in der er mit Gott als
seinem himmlischen Vater stand — in beiden Beziehungen die
kraftigste Aufforderung, nach der (SxctXeix r. ê. zu trachten,
und das lebendigste Zeugniss von derselben. Ja, seine ganze
Erscheinung und Thatigkeit war, wie der Tiiufer sagte, ein
(SxvTt^siv h irvev/AXTt xyicp, war so ein Raumschaffen für die
(Sxtr. t. 6., wenn sie nach Gottes Rat einmal kommen sollte. Sie
war das, auch wenn wir von dem besonderen in seinem Ster-
ben liegenden Moment noch absehen. Und mit seinem Ein-
wirken auf die Menschen hiess er dann noch diese ihr eigenes
Bitten um das Kommen des Reiches verbinden. Fern von
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124
DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
allem (3ii&iv (vgl. Matth. 11, 12; Luc. 16, 16), einem stür-
misch-ungeduldigen Drangen nach der fietriKêla r. 6., in Glau-
ben harrend, aber auch mit aller Treue seinen Samen (duren
die genannten Faktoren) ausstreuend, von dem er weiss, dass
er dem Gesetz eines nur allmaligen Wachsens unterliegt, hof ft
denn auch Jesus, so gut er auch das daneben hergehende
Aufgehen einer Unkrautsaat unter den Menschen kennt, ebenso
das leider vielfache Vergeblichsein des Saens wegen des Man-
gels an einem entsprechenden Boden, oder nach anderem Bilde
das Fangen von Fischen, die sich schliesslich als faule erwei-
sen. Er hofft — sage ich — und sieht im Geiste (vgl. Mare.
4, 26 ff.) ein Aufgehen und Wachsen seiner Saat (gewiss auch
der durch seine Jünger fortzusetzenden), teils im Einzelnen,
am einzelnen Menschen, teils im Ganzen, im Kreis der Men-
schen, und sieht einer Ernte entgegen. Das heisst, er sieht
dem entgegen, dass, wenn Gott sein Reich kommen lassen
wird, Weizen da ist, der geschnitten und in die Scheune ge-
sammelt werden kann d. i. Menschen, welche Genossen der
fixvthilx r. 9. und damit ihres Glücks teilhaftig werden kön-
nen und werden. Hat Jesus diese seine Hoffnung durch das
Gleichniss Mare. 4, 26 ff. nach Seiten der Allmaligkeit, aber auch
Sicherheit ihrer Erfüllung veranschaulicht, welche Sicherheit in
dem Saatkorncharakter dessen liegt, was er an und in den Men-
schen wirkt — es treibt dem Reifen zu: so thut er es nach
Seiten des Umfangs ihrer Erfüllung im Kreis der Menschen
durch zwei weitere Gleichnisse. Es ist das einmal das in allen
drei Evangeliën sich findende Gleichniss vom Senfkorn (das
demselben Gebiet des organischen Lebens entnommen ist), indem
der Same nicht bloss dem Reifen, sondern auch dem Wachsen
und sich Ausbreiten zustrebt, und dann das wenigstens bei
Matthaus und Lucas sich findende Gleichniss vom Sauerteig,
indem dieser die Kraft hat, weithin, in grossem Umfang zu
wirken. Jesus hofft also und sieht voraus einen Erfolg seiner
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             125
Gottesknechtsarbeit, um wieder mit Jesaia II zu reden, in
einem grossen Kreis und damit ein umfassendes Raumgewin-
nen der {3x<ri*.eix r. ê. in der Menschheit, wann sie kommen
wird. Doch wir mussen auf diese beiden Gleichnisse noch ein-
mal zurückkommen, indem für den richtigen Begriff der (2x-
aadx
viel darauf ankommt, eben sie richtig zu verstehen,
bringen aber vorher unsere Erörterung über die für die (3x-
vixe\'ix
fahig machende Thatigkeit des Messias = Jesus, worin
wir die Bedeutung seines Gekommenseins, jener zweiten Vor-
periode seines bevorstehenden Kommens und des Kommens
der (3x<r^ilx, erkannten, zum Abschluss.
Jene Thatigkeit hat nemlich bekanntlich eine ganz concrete
Gestalt, die wir noch direkt auszusprechen haben, darin, dass
Jesus aus den Menschen Jünger sammelt, die an ihn glauben
d. i. ihn als den Messias anerkennen, zngleich aber ganz an
ihn sich anschliessen, von ihm in Leitung und Weisung ge-
nommen werden und ihm nachfolgen. Nun diesem Jesusjünger-
werden mussen wir natürlich eine ganz unmittelbare Bedeu-
tung für das Eingehen in die (3xri*.tlx r. $., also für das Kom-
men derselben im objektiv-subjektiven Sinn zuschreiben, wenn
es auch kaum einmal ausdrücklich in unseren Schriften ge-
schieht, ausser etwa in der Combination, die Matth. 19, 21
und 23 (und den Parallelen bei Marcus und Lucas) vorliegt —
was das xico^ovSelv Jesu hindert, hindert danach auch das shsp-
xeiróxi sU tviv fixsixeixv t. ê. —
und in den Aussprüchen über die
bevorzugte Stellung in seiner (Zx<ri\\iix, welche Jesus seinen
ersten unmittelbaren Jüngern verheisst, auch in der damit sich
verbindenden Yerheissung der £«v) xlwvio?, also eben des eigent-
lichen Gottesreichsguts an die, welche sei net wegen Alles
verlassen (Matth. 19, 28. 29 mit Parallelen). Allein dass das
Jesusjüngerwerden der sichere Weg zur Reichsgenossenschaft
ist, ist ja an sich selbst klar, wenn doch Jesus es ist, der
für dieses Reich arbeitet, bereitet, wirbt und durch den es
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126
DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
schliesslich kommt unter Vermittlung des Seins in seinem
Reiche. Ein Jünger Jesu kann nicht anders gedacht werden,
als so, dass er die oben im dritten Abschnitt genannten Be-
dingungen, also (urctvetJr, Kindessinn, Freiheit vom irdischen
Sinn, rechte "hixxmvvvi, Thun des Willens Gottes, ohnehin
Glauben an Jesum, erfüllt, sie mindestens zu erfüllen voll
und ganz bemüht ist. Ohne das tritt er teils nicht ein in die
Jüngerschaft Jesu, teils verliert er sie. Man vergleiche z. B.
wie das Thun des Willens Gottes und Jesu Jünger sein in
eins zusammengefasst ist Matth. 12, 49 f. mit den Parallelen.
Lucas hat dafür: das Wort Gottes horen und thun. Wie
sich dieses Erfüllen der Bedingungen der Reichsgenossenschaft
durch das Jesusjüngersein vermittle, darüber wird dogmatisch
nichts gelehrt. Es ist eben einfach zu sagen: durch den ganzen
Einfluss, der von Jesu ausgeht, durch seine ganze ethisch-
religiöse Arbeit, die, wie wir horten, ein Ausstreuen guten
Samens ist, durch Vorbild und Lehre und Erweisung gottes-
kraftiger dienender Liebe. (Die weitere dogmatische Entwicklung
blieb den christlichen Lehrschriften vorbehalten.) Insofern ist
die Qualiflcation, durch welche die Reichsgenossenschaft be-
dingt ist, und welche, weil Bedingung, natürlich schon da sein
muss, ehe man ein Reichsgenosse wird, wesentlich Christi
Werk, also Werk göttlicher Gnade durch den von Gott ge-
gebenen Christus, wenn auch unter Voraussetzung mensch-
licher Receptivitat. Von Eigenverdienst der Menschen, um in
die (ZxviXeix t. $. zu kommen, ist entfernt nicht die Rede,
ganz abgesehen davon, dass das schliessliche Kommenlassen
derselben lediglich eine souverane Action göttlicher Huid ist,
ohne welche alle Qualification doch nicht zum Ziel führte —
auch nicht die Jesusjüngerschaft (das Wort als Abstractum
gefasst).
Doch nein, die letztere kann nicht gedacht werden ohne ein
Erreichen des Ziols. Sie ist nicht bloss als Bedingung der Auf-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.             127
nahme in die (ixviteix r. 6. zu bezeichnen, sondern als sicherer
Weg und sicheres Mittel dazu. Es kann nicht Jemand Jesu
Jünger sein, ohne Reichsgenosse zu werden. Hat doch das,
dass Jesus, der gekommene Messias, Jemand zu seinem Jünger
macht, gerade den Zweck, ihm zur Reichsgenossenschaft zu
helfen. Das Jesusjüngersein kann also gar nicht ohne dieent-
sprechende Folge sein; es ist das A, auf welches das B nicht
fehlen kann. Nicht bloss ist zu sagen: „man wird nur dann
Reichsgenosse, wenn man Jesu Jünger ist" sondern: „man wird
jenes eben, weil man dieses ist"; denn man ist dieses, um jenes
zu werden. Aehnlich wie das Weizensein ja freilich an sich bloss
Bedingung des Gesammeltwerdens in die Scheune ist; denn
ohne eine besondere, weitere Action kame es nicht dazu. Aber
weil das Saen, wovon das Vorhandensein von Weizen die
Folge ist, doch nur des Erntens und des Sammelns in die
Scheune wegen geschieht, so fordert das Vorhandensein des
Weizens dieses Sammeln, bedingt es nicht bloss, sondern
führt direkt dazu; es kann nicht ausbleiben. Das Verhaltniss
der Jesusjüngerschaft zur Gottesreichsgenossenschaft istdaher
so zu bestimmen: jene ist die werdende Gottesreichsgenossen-
schaft; diese die zu ihrem Ziel geführte, vollendete Jesus-
jüngerschaft. Beides gehort untrennbar zusammen.
Wir sprachen im vorigen Abschnitt am Schluss von Ab-
satz a, in Bezug auf die dort abgewiesene Anschauung,
dass die (Zxaiteix t. ê. eine doppelte Erscheinungsform habe,
es aus, dass dieselbe nicht bloss abge wiesen, sondern auch
erklart sein wolle, da sie ja die ganz gewöhnliche geworden,
und es erklare sich dies bzw. sie erklare sich überhaupt nur
daraus, dass ihr allerdings etwas ganz richtiges zu Grund
liege. Nun, was das sei, das haben wir jetzt gefunden. In
der Jesusjüngerschaft reflektiert sich, dass ich so sage, aus
dem eben angeführten Grunde ja freilich die (Zxmxeix t. d. in
die Gegenwart, überhaupt in die Zeitlichkeit herein. Die Jesus-
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128                        DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
jünger sind die wirklichen Gottesreichsaspiranten. In ihnen
sind daher die künftigen wirklichen Gottesreichsgenossen schon
vorhanden und nur in ihnen. Sie haben als Jünger Jesu die
Qualiflcation, welche, wie wir wissen, nicht nur zur Auf-
nahme in das Gottesreich befahigt, sondern auch das not-
wendige, bleibende Substrat alles Seins in demselben ist; sie
haben auch das Gottesreichsgut in der Hoffnung und haben
an dieser Hoffnung selbst ein grosses Gut. Insofern ist in
ihnen im subjektiven Sinn allerdings das Gottesreich schon
vorhanden; ja man kann von ihnen in diesem Sinn sagen:
Sie sind in demselben. Aber mit all dem sind sie eben doch
nicht wirklich, realiter, objektiv Gottesreichsgenossen. Die
Qualiflcation dazu ist vielleicht noch gar nicht vollstandig da;
ohnehin kann sie auch wieder verloren gehen, und mit der
spes haben sie eben doch noch nicht die res ipsa, ja sie kön-
nen derselben noch verlustig gehen. Kurz, sie sind noch nicht
„vollendet." Aber desswegen sind sie nicht etwa das noch
„unvollendete" Gottesreich; es ist auch nicht in ihnen in einer
noch unvollendeten Gestalt. Denn zu seinem Wesen gehort
ja die Vollendung, es ist der Vollendungsstand. Die Subjekte
sind noch unvollkommen; das Objekt ist vollkommen. Und
wenn sie auch noch nicht die volle Qualiflcation zu dem Got-
tesreich haben: soweit sie dieselbe überhaupt haben, haben
sie schon die zu dem „vollendeten" Gottesreich; und wenn sie
auch in ihrer Hoffnung noch nicht das Gottesreichsgut selbst
haben, ja noch desselben verlustig gehen können: was sie in
ihrer Hoffnung haben, ist — Gottlob — schon das volle Gottes-
reichsgut, oder so weit sie es überhaupt haben, haben sie
schon das volle, nicht etwa ein noch unvollkommenes. Kurz
sie haben in unvollendeter Weise ein Vollendetes, denn sie
sind erst auf dem Wege, aber zum wirklichen Ziele; anderer-
seits sind sie aber eben mit dem auf dem Weg Sein doch noch
gar nicht am Ziele. "Wir können auch sagen: subjectiv haben
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IN DEN SCHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               129
sie das Ganze, Vollkommene, nicht bloss ein erst Unvollkom-
menes, aber objektiv haben sie nicht etwa wenigstens ein
noch nicht voilkommenes Gottesreich, sondern haben es über-
haupt nicht (in soweit das nicht durch das im nachsten Ab-
schnitt Auszuführende eine gewisse Einschrankung erleidet).
„Subjektiv" ist nicht ein unvollkommenes „objektiv", „objek-
tiv" nicht ein voilkommenes „subjektiv"; es sind das keine
zu einem Ganzen sich erganzende Grossen. In dem reifenden
Weizen auf dem Felde ist schon der hernach in die Scheune
gesammelte und dort geborgene Weizen vorhanden; er hat
die Qualitat dazu und die Aussicht dazu; ein anderer kommt
nicht hinein. Aber er ist eben noch „unvollendet"; er ist trotz
all dem noch nicht in der Scheune. Wegen jenes nicht voll-
endet Seins findet nun aber nicht etwa ein wenigstens „un-
vollendetes" Gesammeltsein bei ihm statt — dieses ist ja sei-
nem Begriff nach etwas Voilkommenes, ist ein Geborgensein —
sondern das fehlt ihm noch ganz. Kurz aus an sich ganz
richtigen Pramissen: „Verhaltniss der Jesusjüngerschaft zu
der Gottesreichsgenossenschaft" ist ein unrichtiger Schluss auf
eine doppelte Erscheinungsform des Gottesreichs gezogen; und
man kam in diese Bahn hauptsachlich dadurch, dass man
mit dem Begriff des Gottesreichs immer, wohl in erster Linie,
den Begriff einer Gemeinschaft verband, warauf wir im über-
nachsten Abschnitt noch speciell zu reden kommen.
Von dem Punkt aus, an dem wir angekommen sind mit
der Bemerkung über das Verhaltniss der Jesusjüngerschaft zu
der Gottesreichsgenossenschaft, gewinnen wir nun auch, denke
ich, vollends das richtige Verstandniss der beiden Gleichnisse
vom Senfkorn und vom Sauerteig, das immerhin einige Schwie-
rigkeit hat, oder es bestatigt sich die Erklarung, die wir be-
reits angedeutet haben, als richtig.
Die Jesusjünger, fanden wir, sind die werdenden Gottes-
reichsgenossen. So gilt also natürlich auch: je grösser die Zahl
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130                           DIE LEHEE VOM EEICHE GOTTES
der ersteren wird, desto grösser wird die Zahl der letzteren
— und desto grösser wird die Zahl der wirklichen Reichsge-
nossen sein, wenn dieses Reien einmal kommt, ein desto
grösseres Gebiet wird dieses einmal einnehmen, desto grösser
der Kreis der Menschen sein, zu denen es kommt im objek-
tiven und zugleich subjektiven Sinn.
Gewöhnlich freilich deutet man anders, bzw. man macht
es sich leicht mit diesen Gleichnissen auf Grund sehr ober-
flachlicher Auffassung. Nichts scheint auch einfacher zu sein,
als dass in denselben von einem Wachsen der fixv^six r. ê.
selbst, nach dem ersten Gleichniss von einem extensiven Wach-
sen derselben, also einer zunehmenden Erweiterung ihres Ge-
biets durch fortgehende Mehrung der Zahl ihrer Genossen
die Rede sei = „sie ist zuerst, wenn sie da ist, noch klein dem
Umfang nach, wird aber, zwar bloss nach und nach, aber
in stetigem Fortschritt immer grösser und wird zuletzt gross
dastehen". Und wieder scheint nichts einfacher, als dass
in dem zweiten Gleichniss von einem wachsenden Einfluss,
einem immer starker Wirken derselben, wenn sie da ist, ge-
redet werde, woraus sich eben jenes Wachsen ihres Umfangs
erklare. Und so glaubt man denn berechtigt, nein verpflichtet
zu sein, das beliebte Stichwort der "Wissenschaft „Entwick-
lung" auch auf die fixtraetx t. $. anzuwenden. Natürlich das;
warum denn nicht? Sie ist ja ein „geistiges Reich", ein „Or-
ganismus", eine „sittlicheOrganisation der Menschen" (Bitschl),
ein „Gemeinwesen" udgl., das sich erst noch weiter und weiter
bis zu einem schliesslich grossen Ganzen entwickelt (wenn
auch die „Vollendung", wie wir sahen, wenigstens soweit,
als man die Reden von dem eschatoiogischen Kommen der-
selben für acht oder doch für ursprünglich zur Lehre Jesu ge-
hörig halt, erst von der Parusie erwartet wird). Und gerade
unsere beiden Gleichnisse sind umgekehrt dann für diese Auf-
fassung der (ïxaikeix bzw. für die Ansicht, Jesus habe sie
-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             131
wesentlich als ein „geistliches", in diesem Aeon schon kom-
mendes und sich entwickelndes Reich gedacht, der Haupt-
stützpunkt, scheinen eigentlich der unwiderlegliche Beweis
dafïïr zu sein.
Nun ich denke, nach allem, was wir bisher ausgeführt
haben, ist klar, dass der exegetische Thatbestand (zunachst
einmal abgesehen von unseren, erst noch in Frage stehenden
Gleichnissen) zu dieser Auffassung lediglich kein Recht gibt,
vielmehr ihr geradezu widerspricht, aus der @x<riteix t. 6. also
damit etwas gemacht wird, was ja auch ein schoner Gedanke
ist, nur nicht das, was die Evangeliën, was Jesus unter ihr
versteht. Dieselbe bedeutet nach jenen, bzw. nach der Lehre
Jesu, wie nicht etwas, was in der Gegenwart unvollendet
ist und dann erst in der Zukunft sich vollendet (wovon im
vorigen Abschnitt die Rede war), so auch nicht etwas, was
in der Gegenwart wachsen, was also „sich entwickeln" kann
und soll. Sie ist vielmehr das gerade Widerspiel davon, und ein
Wachsen, ein sich Entwickeln derselben im Sinn des Wachsens
(denn eine Entwicklung in intensiver Beziehung, also etwa
eine Steigerung des Gottesreichsguts und seines Wertes will
ja doch ohnehin nicht behauptet werden) ist einfach ein Un-
gedanke nach der Lehre der Evangeliën. Es ist ja gerade ein
Abschliessendes, etwas Absolutes mit dem Kommen der /3«-
eiXeix t. $. gemeint, wesshalb es mit einem Scheidungsgericht,
einem Ausscheiden derer, welche nicht in die @x<ri*six kommen
und gehören, verbunden ist. Den Gedanken an eine noch nicht
vollendete /3«<r/A*/« r. ê. haben wir ja bereits abgewiesen.
Was wachsen kann und wachst, ist nur der Umfang bzw.
der Kreis der für sie Qualificierten oder, sagen wir nun
gleich besser, der Jesusjünger. Allerdings aber — und das ist es,
was tauscht und den Schein eines Wachsens der (2x<ri*eix t. 6.
erweckt und damit der Deutung unserer Gleichnisse darauf ein
scheinbares Recht gibt: faktisch kommen, Raum gewinnen
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132
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
kann dieselbe ja nur, wie wir wissen, wenn solche da sind,
welene sich für sie qualificieren, indem sie Jesusjünger sind.
Denn nur an diesen kann sie sich ais kommend d. h. mit der
Gewahrung ihres Heiles oder Spendung ihres Gutes erweisen.
Daher wachst mit dem Wachsen der Zahl der Jesusjünger
auch das Kommen der (3»<raslx t. 6., d. h. der Umfang ihres
Kommens, der Eaum, den sie gewinnt. Er wird schliesslich
ein grosser, jenes Kommen ein umfassendes sein, wahrend
erst die kleine Zahl nur ein beschranktes Kommen versprach.
Nicht aber wachst dieses Kommen und Raumgewinnen noch,
wann die (Sxtri^tlx r. 6. da ist. Denn dann ist ja der Zweck
jenes Wachsens erreicht, und was da ist, kann nicht noch
in weiterem Umfang „kommen", das Kommen ist ja über-
haupt vorbei, wenn man da ist. Ebenso wachst mit der Zahl
derer, welche nach dem andern Gleichniss der fixaiteix r. 0.
congenial, welche „durchsiiuert" werden d. i. der Jünger Jesu,
das Gebiet, auf welchem sie kommt, wann sie kommt, es wird
so ein grosses. Nicht aber ist neben dem Gottesreich, wann es
gekommen, mehr etwas, auf das es einen wachsenden Einfluss
gleich dem Sauerteig zu gewinnen h&tte oder gewinnen könnte,
um es in seinen Bereich zu ziehen. Was sich in denselben
ziehen liess, ist hineingezogen; das andere wird und bleibt, weil
es sich nicht durchsauern liess, ausgeschlossen. So lange noch
solches da ist, was noch in den Bereich der (3x<nt.e!x gezogen
werden kann, ist sie eben noch nicht da; und wann sie da
ist, ist es mit jenem vorbei.
Scheinbar ist so freilich, weil der Umfang des schliess-
lichen Daseins der @x<ri\\slx Resultat eines Wachsens ist, diese
selbst ein solches, aber auch nur scheinbar; nur jener Um-
fang ist es, nicht sie selbst. Mit dem sich Mehren des Er-
trags an Weizen auf dem Feld wachst der Umfang dessen,
was geemtet und in die Scheune gesammelt wird — das schliess-
liche Gesammelt und Geborgen werden in ihr kommt einem um
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IN DEN SCHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               133
so grosseren Vorrat zu gut, — nicht aber wachst sie selbst;
um so voller wird sie — das Vollwerden ist Resultat eines Wach-
sens — nicht aber um so grösser. Ihre Grosse, ihre Fahigkeit, viel
zu bergen, muss sie an sich haben. Mit dem Gesammeltsein des
zu vielem angewachsenen Ertrags ist aber das Anwachsen und
weitere Sammeln vorbei; denn die Ernte ist da. Oder mit anderem
Bild, das vielleicht noch zutreffender ist: Die I3x<rixsi» r. ê. selbst
wachst so wenig, als die Sonne bzw. das Sonnenlicht wachst an
Umfang. Sein Beleuchtungsrayon im Universum ist stets gleich
gross; das ist zum Glück etwas Fertiges. Wohl aber wachst
der Umfang des Raums auf der Erde, der sich ihm zuwendet
und in seinen Bereich tritt. Eben damit wachst der Rayon auf
Erden, der von ihm beleuchtet wird und ist, wenn die Sonne
aufgeht. Thatsachlich ist damit das „Aufgehen" des Sonnen-
lichts gewachsen, da es ja faktisch nur „aufgehen" kann für
ein Objekt, das es beleuchtet; und je umfassender dieses wird,
desto umfassender ist schliesslich sein „Aufgehen", oder ist
es schliesslich aufgegangen. Nicht nur aber wachst damit
nicht das Sonnenlicht selbst an Umfang, sondern mit dem
Aufgegangen sein ist auch das Ziel und Ende des Wachsens
seines Aufgehens erreicht. Was aufgegangen ist, kann ja
nicht noch in weiterem Umfang aufgehen. Und wenn freilich
bei der Sonne wegen ihres Kreislaufs (bzw. wegen der Rota-
tion der Erde) von einem immer umfassenderen Aufgehen die
Rede ist, so ist dies doch nicht ein Zunehmen der beleuch-
teten Flache. Denn in jedem Moment, wo allerdings hier eine
weitere Flache in den Bereich der Sonne tritt, verschwindet
ja wieder ebensoviel Flache aus demselben — was zum Glück
bei der {3xvtXsix nicht der Fall ist, weil sie keinen Kreislauf
macht! Sonst aber verhalt es sich mit derselben in Absicht
auf die Frage des Wachsens genau ebenso. Nicht sie wachst,
wohl aber das Gebiet, für das sie kommt, und damit wachst
das Mass ihres Kommens, dass es ein umfassendes gewor-
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DIE LEHEE VOM REIOHE GOTTES
den, wenn sie da ist, und ihr Gebiet ein grosses. Damit ist
aber dann der Zweck erreicht und die Sache abgescblossen.
Gegen diese Abweisung des Gedankens einer wachsenden
$x<si\\tlx wird man schwerlich trotz all dem Gesagten auf den
Wortlaut der beiden Gleichnisse sich steifen wollen, indem
man sagt, es heisse doch ausdrücklich: opoix Io-t/k ij (3xix.
tüv ovpxvüv kókkc/) (rivdirsus,
von diesem xóxxo? aber sei gerade
das Wachsen ausgesagt, also müsse das Gleichniss dies auch
von der fix<rt*elx aussagen wollen, und wieder heisse es: èp.
for) %,»w,
und von dieser tym sei eine wachsende Wirkung
ausgesagt, also müsse dies Gleichniss auch eine solche von
der (3atn*eix, d. h. der schon gekommenen aussagen wollen.
Die Berufung auf diesen Wortlaut beweist ja an sich jeden-
falls noch gar nichts. Denn wir dürfen nur die Ausdrucksweise
bei anderen Gleichnissen ins Auge fassen. z. B. gleich Matth.
13, 45; op. hrh — xvQpüiry èpn-ópp, wo Niemand behaupten
wird, mit dem Kaufmann selbst sei die (3x<rtï.iix abgebildet;
was jener thue, thue diese usw. Sondern der Sinn ist nur:
in Betreff des Himmelreichs verhalte es sich so, wie mit einem
Kaufmann, der u. s. w. Und der Inhalt des Gleichnisses muss
dann erst sagen, welcher die (2x<ri\\eix betreffende Umstand
veranschaulicht werden will, nemlich der Wert, den ihr
Kommen hat, der Wert ihres Gutes, der jedes Opfer aufwiegt.
Die Anknüpfung ist also eine ganz lose, und den Wortlaut
zu pressen ware hier widersinnig. Aehnlich verhalt es sich
Matth. 18, 23; 20, 1; 25, 1; auch, worauf wir früher zu
reden kamen, bei dem Gleichniss vom Netz 13, 47. Das Him-
melreich „fangt" nicht erst, wenn es kommt und da ist, son-
dern sein Kommen bringt die Scheidung des gefangenen Man-
cherlei. So ist es auch mit unseren beiden Gleichnissen
nicht anders. Ein bestimmter, die fixvitelx betreffender Um-
stand soll veranschaulicht werden, das Zunehmen des Um-
fangs ihres Kommens, und des ipolx forlv ist also hier
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               135
einfach nach dem Inhalt des Gleichnisses dahin zu deuten:
mit dem Kommen der /3*<r. verhalt es sich wie mit einem
Senfkorn. Erst scheint es nur im kleinen and kleinsten Um-
fang kommen zu sollen. Aber die Zahl der Jesusjünger wird
sich mehren (nach dem zweiten Gleichniss: der von Jesu aus-
gehende Einfluss erweist sich in immer weiteren Kreisen), und
damit wachst die Zahl der werdenden Reichsgenossen, so
dass schliesslich ein Kommen des Reichs, anstatt in kleinem
und kleinstem Umfang, in grossem oder grösstem Umfang
stattfinden wird. Ich meine, damit wird man dem Wortlaut
so gerecht, als man nur irgend verlangen kann; und nur
bei ganz oberflachlicher Betrachtung kann man sich auf den-
selben gegen unsere Abweisung des Gedankens, dass die /3«-
inxüx selbst wachsen solle, die durch den ganzen /3«<nAf/«-
begriff gefordert ist, berufen wollen.
Noch möchte ich auch hier darauf hinweisen, dass, so oft
und so gewöhnlich auch, als verstande sich das von selbst,
von Entwicklung, von Wachstum des Gottesreichs die Rede
ist, doch meines Wissens nie vom „Himmelreich" dies aus-
gesagt wird. Und doch lauten unsere beiden Gleichnisse ge-
rade — bei Matthaus auf dieses. Wenn also diese Gleichnisse
ein Wachsen der (3<x<n\\eix selbst lehren sollen, warum wird
dann nicht auch von einem Wachsen des „Himmelreichs"
geredet? Nun man fühlt: das passt nicht. Also ein Wachsen
des „Himmelreichs", gibt man zu, wird von Jesu in diesen
Gleichnissen nicht gelehrt. Nun so kann er also überhaupt
in ihnen kein Wachsen der Qxvtxeix d. h. auch nicht des
Gottesreichs lehren wollen. Entweder ist beides richtig: „Wach-
sen des Himmel- und Wachsen des Gottesreichs", oder aber,
wenn das eine nicht soll gelehrt sein und nicht soll gelehrt
sein können, so auch das andere nicht, also keines von beidem.
Klar ist auch, dass man natürlich ebenso wenig, als die
/3*<r. etwas ist, das wachst, sie „ausbreiten" kann (oder soll).
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136                     DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
Man kann (und soll) bloss durch eine der Thatigkeit Jesu
ahnliche Thatigkeit ihr Raum, möglichst weiten Eaum schaffen,
dass sie, wann sie einnaal kommen soll, zu möglichst Vielen
kommen kann. Wo möglich noch ungehöriger ist es, von
einem „Bauen" am Reich Gottes zu reden. Das Kommen
dieses Reichs selbst ist und bleibt lediglich Gottes Sache, ist,
wie wir wissen, ein Akt seiner Souveranitat.
8. Vorbereitet und damit verbilrgt wnrde das Kommen der
ftnaiksia t. 0. (wenn es auch erst durch das Wiederkomraen
des Messias-Jesus geschieht, doch) schon, wie duren
das (iekommensein Jesn überhaupt, so speciell
durch seine Erlösungsthaten und
seinen Erlösungstod.
Die Behauptung, dass nach unseren Schriften das Kommen
der /3«o7Af/« r. ó. schon durch das Gekommensein des Messias
in der Person Jesu geschenen sei oder habe geschehen sollen,
mussten wir abweisen, und festhalten, dass dies erst durch
sein Wiederkommen geschehen werde, wahrend er in der
Periode seines Gekommenseins die Menschen erst für das
Kommen der /3«<t/a«/« r. $. vorbereiten wollte, dies überhaupt
in diesem Aeon erst die Aufgabe sei. Aber auf dem Messias
und seinem Erscheinen, dieses als Ganzes gefasst, beruht
also so wie so und jedenfalls dieses Kommen; ein Erscheinen,
eine Sendung des Messias ist der objektive, heilsgeschicht-
liche Gottesakt, durch welchen es sich vermittelt. Das bleibt
und steht fest. Und die Realisierung dieses Gottesakts vollzog
sich zunachst, bzw. begann mit seinem Gekommensein. So
wurde natürlich dadurch das Kommen der (Zx<n\\eix in zwei-
felloser Weise eingeleitet und vorbereitet. Es war und ist die
sichere Bürgschaft dafür; es war, dass ich so sage, das A,
nach welchem und auf welches das B, d. i. dieses Kommen
der /3<*<me/<* nicht ausbleiben kann — wenn auch der Modus
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               137
dieses Kommens, wie wir fanden, erst duren den Verlauf
der geschichtlichen Erscheinung Jesu d. i. duren die Gewiss-
heit seines Todes und duren das Eintreten dieses Todes sich
naher bestimmte, nemlich dahin, dass dies Kommen der (3*-
<rt\\six
duren ein Wiederkommen des Messias-Jesus sich ver-
mittle. Insofern ist einfach die Thatsache des Gekommenseins
des Messias schon ganz abgesehen von ihrem Inhalt d. h. von
der Thatigkeit, die er, wie wir im vorigen Abschnitt ausführ-
ten, wahrend desselben entwickelte, von grundlegender Be-
deutung für die Frage des Kommens der (Zourixeix. Sie war an
sich, wie gesagt, eine Vorbereitung, war die Ouverture dieses
Kommens — im objektiven Sinn.
Allein dies Vorbereiten und Anbahnen im rein objekti-
ven Sinn geschah dann weiter auch noch im Einzelnen inner-
halb des Rahmens, möchte ich sagen, des Gekommenseins,
also der geschichtlichen Erscheinung Jesu. Dazu gehort schon
seine Persönlichkeit, natürlich als diese concrete, die sie war,
die in einem bestimmten Verhalten sich auspragte. War sein
Kommen in die Welt, die Thatsache der Sendung des Messias
in seiner Person, schon eine Offenbarung der Heilsgedanken
Gottes gegen die Menschen, so noch mehr er in seiner Per-
sönlichkeit (worauf schon im vorigen Abschnitt hingewiesen
wurde S. 123). Und diese war keine ruhende, sondern eine
thatige. Es kommt also sein Lehren und mündliches Bezeu-
gen in Betracht d. h. (auch ganz abgesehen von der damit
bezweckten, im vorigen Abschnitt charakterisierten Einwir-
kung auf die Menschen und dem Erfolg derselben bei den Men-
schen) schon die Thatsache dieses Lehrens und Bezeugens,
das ja wesentlich ein xypürvsiv, ein Heroldsruf, und si)»yyshi-
faScti,
Verkündigung einer guten Botschaft, war und so heisst
zum Beweis, dass es eine hochbedeutsame Kundgebung der
Heilsgedanken Gottes war und sein sollte. Dazu kommt aber
noch — und dies ist etwas, was ganz speciell unter den
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138                            DIE LEHRE VOM BEICHE GOTTES
Gesichtspunkt der Anbahnung und Vorbereitung des Kom-
mens der (Zxaixeiot. fallt, Jesu Handeln, als thatliches Bezeugen,
gleichsam als eine Verkörperung jener Heilsgedanken, an der
nicht zu zweifeln war und deren Bedeutung gar nicht bloss
in der subjektiven Wirkung, die sie hatte, bestand. Jesus
war ja iïuvxrós, wie iv xèyy, so h epyy (Luc. 24, 19). Ich
meine damit seine Wunderthaten, und unter diesen besonders
seine Heilungswunder. Sie waren ja eben so viele Offenbarungen
der erlösenden heilbringenden Macht Gottes durch Jesum als
den Messias zum Besten der Menschen, waren Erlösungs-
thaten und als solche eben so viel Vorbereiten und, kann man
hier geradezu sagen, Vorbilden und ebendamit Verbürgen des
Kommens der (3x<rit.six r. ö. mit ihrem G-lück und Heil. Man
vergleiche die geflissentliche und nachdrückliche Hinweisung
Jesu auf seine Thaten (mit Einschluss seiner Lehre, aber
diese rein nach ihrem Inhalt als evx\'yysxi^sadxi abgesehen
von Annahme oder Nichtannahme, also der subjektiven Wir-
kung) in der Antwort auf die Frage des Taufers und die darin
liegende Erkliirung, dass er der èpxópevot; sei (nemlich um das
Gottesreich zu bringen) Matth. 11, 3 f. (mit der Parallele Luc.
7, 22 f.); ferner die Erklarung Jesu schon in der Synagoge
zu Nazareth bzw. die Deutung der Jesaiasstelle auf sichselbst
bei Lucas 4, 18 ff. (in seinen Thaten verwirklicht sich die
prophetische Verheissung von dem Messias, wenn auch diese
Verwirklichung sich keineswegs in ihnen erschöpft). Und nach
der Weisung an seine Jünger (Mare. 10, 7; Luc. 10, 9. 11)
sollen diese ihr dem Thun Jesu entsprechendes Thun geradezu
als ein Zeichen da von, dass vryytxev $ (èxatXeix t. $., bezeich-
nen. Und unter den Heilungswundern Jesu fallen dann wie-
der ganz besonders ins Gewicht die Damonenaustreibungen. Sie
waren ja in eminentem Sinn Erlösungsthaten, also Offenba-
rung der erlösenden Macht Gottes durch den Messias, und
gegenüber von den damonischen, gottwidrigen Machten zu-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               139
gleich nach der anderen Seite von seiner unwiderstehlich
richtenden, niederwerfenden Macht, und insofern ein Vorbe-
reiten und Vorbilden und damit Verbürgen des Kommens der
(ixviXeix t. i. Danach, meine ich, ist es nicht mehr schwer,
die Erklarung Jesu Matth. 12, 28 (und ganz ahnlich in der
Parallele Luc. 11, 20): „el iv irveü/ixTt $eoü èya sx/S«AA«
ra "èxtftóvix, ccpx ïQOxaev i<p\' v/*Sc<; >5 (ZxatXeix r. $." richtig ZU ver-
stehen d. h. ohne jede Retraktation des im sechsten Abschnitt
Gesagten, dass mit dem Gekommensein des Messias in Jesu
nicht auch schon die (SxmXeix gekommen sei, bzw. in diesem
Aeon kommen sollte. Sie steht in keinerlei Widerspruch da-
mit. Einmal wenn wir annehmen dürften, diese Aussage ge-
höre noch der (oben angenommenen) früheren Periode an, wo
Jesus noch nicht zur Gewissheit seines Todes gekommen war,
also das Kommen dor fix<r. noch nicht mit einem Wiederkom-
men seinerseits verbunden dachte, sondern in der Hauptsache
noch einfach im Glauben auf den Zeitpunkt jenes Kommens
wartete: so verstanden wir doppelt leicht, dass er in den
Damonenaustreibungen, die Gott ihm vollziehen half, den
entscheidenden Sieg Gottes über die gott- und menschenwidri-
gen Machte und damit das Signal des sich realisierenden
(ZxtrtXiveiv Gottes auf Erden zum Heil der Menschen sah, dass
er darin freudig den Anbruch des neuen Aeons, also das Kom-
men der fixvtieix t. 6. begrüsste. Immerhin mag man sagen,
doch wohl erst den Anbruch, aber nicht etwa den des Kom-
mens einer erst noch unvollendeten (ixatxeix dieses gegen-
wartigen Aeons, sondern der wirklichen (vollen) (3x<ri*.eix,
wohl erst die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, aber
auch wirklich der Sonne selbst, nicht eines blossen Vorlaufers
derselben. Die ersten Strahlen sind ja nicht ein noch unvolh
endetes, unfertiges Sonnenlicht, sondern sind so vollkommen,
haben dieselbe volle Lichtnatur, wie die nachfolgenden. Die
Sonne lasst nur ihr an sich immer gleich vollkommenes Licht
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HO
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
nicht auf einmal erscheinen. Auf den Gedanken, unter der
/S«(7/Af/« t. ö., von der Jesus hier ein écpêtxee aussagt, könne
er natürlich hier nur erst die noch unvollendete /3«<7/a*/« (die-
ses Aeons) verstanden haben, konnte man in unserer Stelle
nur kommen, weil man das Gekommensein in den Subjekten
suchte (in ihrem Verhalten). Allein davon kann hier ja gar
nicht die Rede sein. \'Ecp\' ü^e**? ist zu den Pharisaern geredet,
und das gerade in dem Zeitpunkt, wo sie ihren gottfeind-
lichen, verkehrten Sinn am starksten zeigten durch Zurück-
führen der Damonenaustreibungen auf Beelzebul. In etwas rein
Objektivem sieht Jesus vielmehr dieses tyêxae, in Gottesthaten,
deren Objekte natürlich Menschen sind, nemlich die von den
D&monen erlösten. Oder sie geschahen vielmehr nur an und
für Menschen; ihr eigentliches Objekt war die Damonenwelt,
die besiegt wurde. Also auch nicht in den Erlösten d. h. in
ihrem subjektiven Verhalten dabei sieht Jesus dies iQêctvt,
ist doch von diesem Verhalten hier gar nichts gesagt, son-
dern einfach in der Thatsache seines Erlösens, in dem Ge-
lingen desselben oder darin, dass Gott es gelingen lasst.
Wenn wir aber auch dem Gedanken, die Aussage Jesu könnte
aus jener früheren Periode stammen, er also in der Damonen-
austreibung geradezu den Anbruch des xluv p/AAav selbst
und damit das Kommen der Qxaitel» (d. h. ihr definitives
Kommen, wenn auch nur den Anfang davon) sehen, keine
Folge geben, so erklart sich unsere Stelle dennoch sehr ein-
fach und steht in keinem Widerspruch mit unserer früheren
Ausführung. "EQÓxo-e sagt Jesus. Das darf ja nicht ohne wei-
teres mit „ist gekommen" übersetzt werden, sondern heisst:
ist zuvorgekommen. Das heisst, das siegreiche, eine hochbe-
deutsame Erlösung schaffende, Gott zu einem fixvtteveiv un-
ter den Menschen führende Austreiben der Damonen will Jesus
deutlich als etwas Besonderes, Ueberraschendes bezeichnen,
er sieht darin eine thatsachliche, überraschende, natürlich
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IN DEN SCHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.
hocherfreuliche irpó*.>)\\pis dessen, was werden soll, des einsti-
gen Kommens der $x<n\\eix r. ê. (bei seinem Wiederkommen).
Dieses Kommen der fixrtteix bleibt etwas, was erst bevor-
steht; an seinem Zeitpunkt wird nichts geandert. Abereines
vorbereitendes und vorbildendes Vorspiel hat es an diesem
Damonenaustreiben. Die Wichtigkeit des letzteren, das, dass
göttliche Heilsgedanken dadurch sich offenbaren, will durch
diese Bezeichnung desselben als einer Trpó^im des Kommens
der (3*9tKel* recht betont und zu Gemüt geführt werden im
Gegensatz zu der gotteslasterlichen Behandlung der Sache von
Seiten der Pharisaer. Also auch hier ist entfernt nicht die
Rede von einem diesem Aeon schon angehörigen, noch un-
vollendeten, vorlaufigen Gottesreich, das schon gekommen
ware; nicht eine solche (Sxsiteix ist mit der hier genannten
gemeint, sondern es ist die wahre, volle fixaixsia, auch hier
gemeint. Diese hat aber, wie gesagt, ihr Vorspiel gefunden. Die
Erlösung, welche mit der Damonenaustreibung geschieht, ist
nicht als eine erst vorlaufige, unvollendete gedacht, sondern
war, wenn ich so sagen darf, schon ein Stück Endheil. Dieses
selbst, das grosse schliessliche Gnadenheil wirft einen hellen,
vollen Schein in die Gegenwart herein. Schon vorhin wurde
angedeutet, dass vielleicht dies Damonenaustreiben auch nach
seiner gerichtlichen Seite, als Ueberwinden, Ausstossen der
gottwidrigen Elemente, nemlich eben der Damonen, in Be-
tracht gezogen sei, so dass dasselbe als ein Vorspiel des Kom-
mens der (3x<raelx auch in dieser Richtung bezeichnet werden
wollte. Waren es doch gerade die gottwidrigsten und starksten
gottwidrigen Elemente, welche bei dem Damonenaustreiben
durch göttliche Macht überwunden und ausgestossen wurden.
Doch mag das dahingestellt bleiben. „Durch göttliche Macht"
sagen wir; bei Lucas geradezu: iv SaxTÜAp Stou. Daraus erklart
sich vielleicht auch, dass in unserer Stelle, auch nach Mat-
thaus, Jesus von der fixvikei» tov ieoïi redet. Dass Gott der
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142
DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
sei, der durch das Kommen der (Sxvihetx t. ó. zur vollen Herr-
schaft kommt im Gegensatz zu gottfeindlichen Machten, die
vorher noch herrschen, gerade das flndet ja in Damonenaus-
treibungen in erster Linie und in einer recht in die Augen
springenden Weise sein Vorspiel, und wenigerdashimmlische
Glück, das die fixo-i^eix als (3. tüv oöpxvüv bringt.
Verhalt es sich mit unserer Stelle so, wie wir sagen, so
will Jesus ganz gewiss in der anderen Stelle, die hier anzu-
SChliessen ist: Luc. 17, 21: v, (3. toïi êêov svrlt; vpüv êtrriv
(wenn das nicht bloss den allgemeinen Sinn hat: die (3. ist
in eurem Bereich, euch erreichbar) keineswegs auf etwas Sub-
jektives, auf seine Jünger hinweisen, wie Weiss meint, als
in denen, wie den Pharisaern gesagt werden solle, schon
die /3*<nA*/« da sei. Zwar dass in subjektiven Sinn von
einem Vorhandensein der fixviXeix in seinen Jüngern als wer-
denden Reichsgenossen geredet werden könne, haben wir ja
selbst oben ausgesprochen. Allein die Deutung dieses üpüv von
den Jüngern ist hier doch gar zu gezwungen; es ist ja zu
einem Pharisaer gesprochen. Dass aber bei den Pharisaern am
wenigsten von einem Vorhandensein der (3. in subjektivem
Sinn die E,ede sein kann, ist klar (worauf schon oben S. 66
hingewiesen wurde im vierten Abschnitt). Also auch hier
meint Jesus etwas Objektives, meint sich und seine Thaten
inmitten des Volks mit Einschluss seiner Predigt, und will
sagen, in seinem heilverheissenden und heilschaffenden Wir-
ken komme deutlich genug schon das bevorstehende (Sxaitevsn
Gottes zum Heil der Menschen zum Vorschein und Ausdruck;
es sei — nicht etwa eine erst vorlauflge, noch unvollendete
fcxaihtlx damit schon gekommen, sondern es sei jenes Wir-
ken in der That schon der Anbruch der erwarteten pxo-aeix ;
nichts geringeres als das Kommen dieser sei damit schon ein-
geleitet und angebahnt; eine irxpxTiipwtt;, ein darauf Lauern
sei daher verkehrt; es gelte nur, offene Augen zu haben, so
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IN DEN SCHBIPTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               143
könne man schon ihr Licht erglanzen sehen, und wenn sie
dann wirklich komme mit dem Wiederkommen des Menschen-
sohns, so werde das in einer Weise geschehen, dass Jeder-
mann unmittelbar und mit Notwendigkeit das erkenne (v. 24).
Dann wie ein Blitz, jetzt wie ein Licht, das locken soll! Denn
dass das Kommen der (3x<ri^six selbst trotz all dem etwas erst
Bevorstehendes sei, will mit v. 21 gewiss nicht negiert werden.
Diese Wahrheit steht ja an sich selbst fest. Aber einen hellen
Schein wirft sie schon in die G-egenwart herein. Natürlich; ist
doch der schon da und wirksam, durch den sie kommen wird.
Zu der objektiven Seite der Erscheinung Jesu, von der wir
in unserem Abschnitt reden, gehort aber neben seiner mannig-
fachen Thatigkeit (mit Einschluss seiner Persönlichkeit) ganz
wesentlich auch das Geschick, das er erleidet, gehort sein Tod.
Derselbe wird zwar nirgends in unseren Schriften zu der (3x<ti-
xsix
t. 6. in Beziehung gesetzt. Allein da er den, welcher der Mes-
sias war, doch nicht zufallig traf und treffen konnte, sondern nur
im Zusammenhang mit seinem Messiasberuf und mit Bedeu-
tung für denselben, die (Zxaixdx aber ja gerade durch den
Messias kommen soll, so muss sein Tod auch eine Bezie-
hung zu dem Kommen derselben gehabt haben und haben, und
wir dürfen desshalb ihn nicht übergeheh.
Nun in Einer Beziehung haben wir ihn natürlich auch noch
anzuschliessen an die im vorigen Abschnitt erwahnten Fak-
toren des Einwirkens Jesu auf die Subjektivitat der Menschen.
Freilich nicht ein gefiissentliches Einwirken fand durch ihn
statt, wohl aber ein thatsachliches. Das heisst, Jesu Tod wollte
zwar bekanntlich zuerst die, die schon seine Jünger waren,
wieder irremachen im Glauben, aber es schlug in das Gegen-
teil um durch seine Auferstehung. Durch diese wurde sein
Tod und wiederum durch ihn jene, oder es wurde sein Tod
sammt seiner Auferstehung der machtigste Impuls, ein Jesus-
jünger zu werden, bzw. es zu bleiben.
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144                        DIK LEHBE VOM BEICHE GOTTES
Allein sein Tod kommt ebenso oder kommt vielmehr zu-
nachst in rein objektiver Beziehung in Betracht. Er wurde
ja, weil unverdient, in seinem Beruf und in Treue gegen den-
selben und damit im Gehorsam gegen seinen Vater im Him-
mei erlitten, war für ihn, wie er klar erkannte, der "Weg durch
Auferstehung zum @x<ntevsiv und dadurch zum Wiederkommen
iv 5c£jj, und durch dieses wurde er der Weg zum Bringen der
fitxvtteix t. 6. Und darin, dass so das Kommen der (ZxaiXeix
auch nach seinem Modus klar- und sichergestellt und damit
jenes ganz sicher verbürgt und der Weg dazu gebahnt wurde,
liegt vor allem und jedenfalls die Bedeutung des Todes Jesu.
Und wenn wir uns dabei vergegenwartigen, dass er sein
"Wiederkommen nicht in ferner Zukunft nach seinem Tod
erst erwartete, so haben wir gewiss um so mehr ein Recht
zu sagen: Jesus schau te eben mit seinem Tod auch die /3«-
aixtlet t. ê. kommen, derselbe hatte nach ihm eine unmittel-
bare Bedeutung für dieses Kommen. Und hat nicht zunachst
in diesem Sinn und aus diesem Grund sein Tod jedenfalls
die Bedeutung eines Erlösungstodes ? Dass er aus dem ge-
nannten Grund dem Kommen der /3«o-/Af/« r. S. den sicheren,
es in klarster Weise vermittelnden Weg bahnte und so das
Eingehenkönnen von Menschen in sie, das Erlangen ihres
Gutes möglich machte — das heisst ja doch im vollsten Sinn
eine Erlösung den Menschen bringen (vgl. wie Lucas 21, 28
das Kommen der /3«o-. eine uiroKuTputn? genannt wird). Ein-
gehenkönnen in die /3*<nAf/« t. 6. setzt ja ein Entlassensein
der Menschen aus aller Schuldverhaftung bei Gott wegen der
Sünde voraus; da ist kein wider die Menschen Sein von
Seiten Gottes mehr. Er, an welchem Jesus seinen Vater im
Himmel hat, erweist sich damit auch als Vater solcher Men-
schen. Und ohnehin versetzt dann das Eingehen selbst und
das Sein in der (3x<n*eix in den Vollgenuss dieser göttlichen
Vaterliebe und bringt so „Erlösung" von allem Uebel und Leid,
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             145
das die Sünde an sich für die Menschen mit sich bringt. Ja
man könnte versucht sein zu der Annahme, gerade im Bliek
auf diese, wenn auch nur indirekte Folge seines Todes be-
zeichne Jesus sein Sterben in der bekannten Stelle als ein
üoüvxi ipuxiiv xórpov xvt) itomüv und bei der Abendmahlsstif-
tung sein Blut als to xlf&x tj?? (xxiviis) ^ixS^ioic to irepi ttoWüv
ixxvvvó/zevov, also als Bundesopferblut. Doch ich glaube nicht,
dass diese Annahme richtig ware. Vielmehr ist das, was Jesus
in diesen beiden Stellen nennt, als ein selbstandiges Moment
d. h. als direkte Wirkung seines Todes zu betrachten. Er
war eine Lösegelddarreichung an Gott zur Befreiung Vieler
(d. h. Aller, die es im Glauben sich aneignen als seine Jünger)
aus ihrer Schuldverhaftung bei Gott durch die Sünde, und es
wurde durch Jesu Blutvergiessen ein Opfer zum Zweck der
Schliessung eines Bundes Gottes mit den Menschen darge-
bracht, was ja jedenfalls auch ein Absehen Gottes von jedem
in der Sünde liegenden Trennungsgrund, also ein Vergeben
der Sünde involviert (Mag nun der Beisatz: elg xcpitriv xpxp-
tiüv,
den Matthaus hat, ursprünglich oder eine erliiuternde
Glosse sein; er erliiutert jedenfalls richtig.). Wegen dieser er-
lösenden und bundvermittelnden Wirkung, welche der Tod Jesu
so hatte, wurde auch durch ihn das Kommen der (Zxeixeix t. ê.
mit ihrem Heile zu den Menschen vorbereitet und eingeleitet
und damit verbürgt. Oder diese seine Wirkung — was ist
sie anders als auch eine kraftigste irpèxtip\'S davon? Denn
nicht ein noch unvollendetes und erst noch zu vollendendes
Heil wird den Menschen dadurch zu Teil, sondern auch schon
ein Stück des Endheils, des vollen und ganzen /3*<nAf<Vheils,
wenn sie auch damit noch nicht in der ftxo-txeix selbst sind.
Es leuchtet die Sonne des Himmelreichsheils selbst schon im
reinen und vollen Strahl ihres Lichts in das Dunkel des Er-
denlebens herein, und ein i(p6x<rev $ (ixatxsix toü Ssoü èpöftx?
könnte auch in Bezug auf den Tod Jesu um dieser seiner
LO
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146                        DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
direkten Wirkung willen ausgesprochen werden. Zu weiterem
geben uns die bekanntlich nur sparlichen Andeutungen über
die Heilsbedeutung des Todes Jesu in unseren Evangeliën
kein Material für unseren Gegenstand. Ich glaube aber, dass
er etwa in dieser Weise zu demselben im Sinn Jesu, bzw. der
Evangeliën, in Beziehung zu setzen ist.
9. Durch das Kommen der §aai,i.eia i.d. wird nul\' Erden ein
Zustand wie im Himmel, nicht aber zielt es anf Schal
fulis,\' eines (menschlichen) Geineinwesens, wenn ancli
die •ïiunh-iu Christi die Form eines solchen hat.
Nach allem Bisherigen ist zu fragen: „Was ist und bedeutet
denn nun das Kommen der @tx.<nxeiu. t. 6. ? Was für ein Zu-
stand oder was für eine Ordnung der Dinge wird dadurch
auf Erden ?" Diese Frage ist ja nicht etwa schon beantwortet
durch das, was im zweiten Abschnitt ausgeführt wurde. Denn
dort war nur davon die Rede, was die @x<Ti\\eitx denen ge-
wahre, die ihre Genossen werden, was also in subjektiver
Beziehung die Folge ihres Kommens sein werde. Aber nun
ist doch noch die allgemeinere Frage übrig, was für eine
Ordnung der Dinge denn durch dieses Kommen objektiv be-
trachtet überhaupt werde. Freilich wir können eigentlich
bloss die Frage stellen, um dann zu sehen, ob wir aus un-
seren Schriften eine Antwort darauf gewinnen können und
wie weit etwa. Auch ist das Hauptsachlichste an der Ord-
nung der Dinge, die entsteht, doch natürlich immer die Folge
für die Subjekte, welche Reichsgenossen werden, und bei dem
praktisch-religiösen Charakter und Zweck der Aussagen Jesu
dürfen wir theoretische, bzw. dogmatische Aufschlüsse nicht
erwarten. Wir können in der That bloss das, was wir bisher
gehort haben, combinieren und daraus einen Schluss zu ziehen
suchen. Letzteren möchte ich kurz dahin formulieren (mit Wor-
ten der dritten Vaterunserbitte, und ich glaube, dass wir in
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IN DEN SCHBIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               147
denselben geradezu eine Antwort auf unsere Frage zu sehen
haben — gemass dem früher über die Vaterunserbitten Ge-
sagten): Es wird durch das Kommen der fixaixeix r.ê. auf
Erden wie im Himmel. Zwar, wie wir uns oben einmal aus-
drüekten, der Unterschied von beiden wird nicht aufgehoben
— die Erde bleibt die Erde, vom Himmel selbst verschie-
den — wohl aber jeder Gegensatz beider. Die Erde tritt doch
ganz in den Bereich des Himmels, wird eine himmlische Erde.
Genauer aber ware nach allem Bisherigen zur Charakteristik
dessen, was werden soll, zu sagen — und dadurch, denke
ich, bestatigt sich das soeben Gesagte: Es wird auf Grund
eines Scheidungsgerichts, das Christus in Herrlichkeit als König
vom Himmel kommend vollzieht, aus der Erde, sie umgestal-
tend, ein Gebiet, in welchem, nicht beschrankt mehr durch
irgend widergöttliche Potenzen oder sein segnendes Walten
hindernde Verhaltnisse, Gott durch Christum fixtrihióei und
darum seinen Gnadenwillen zum unbeschr&nkten Vollzug bringt
in Mitteilung des höchsten, des himmlischen Gutes selbst d. i.
des ewigen Lebens an alle die Menschen ohne Unterschied
der Nation, welche Christi Jünger geworden sind und so die
Bedingungen der Aufnahme in dieses Gebiet erfüllt haben.
„Gebiet" sagen wir. Aber kann, bzw. muss nicht diesem
Gebiet ein bestimmterer Name gegeben werden? Staat? Ge-
meinwesen? Organismus oder dergleichen? Wir berührten
schon im zweiten Abschnitt diese Frage. Hier aber ist erst
der Ort, sie zu untersuchen, als Frage, ob das Qxmteóeiv
Gottes in seiner Qxatxdx auch als ein Zusammenschliessen
seiner Genossen zu einèm Ganzen, einem Verband mit be-
stimmter Ordnung bzw. Verfassung in Betracht komme, wo-
nach dann die Bedeutung der Gottesreichsgenossenschaft neben
dem, dass sie in dem Erlangen des höchsten Guts der £aij
xiüvtof besteht, noch ein weiteres, formales Moment enthielte:
Eingliederung in einen bestimmten Verband.
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148                       DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
Nun da ist so viel sicher, dass es nicht bloss auf denEin-
tritt von Einem oder Einzelnen in die fixvitelx t. ê. abgesehen
ist, sondern auf den von Vielen. Zeugniss dafür ist ja in klar-
ster Weise das „Gekommensein" des Messias, dessen ganzer
Zweck, wie wir sahen, eben der war, für die fixvtKeix t. 6.
zu werben, für sie Raum zu schaffen, wenn sie nun kom-
men soll, und zwar möglichst viel Raum durch Gewinnung
vieler für sie Qualificierter, vieler Jünger. Und dass Jesus
darauf hofft, sprachen wir oben ebenfalls aus. Zeugniss
dafür sind ja namentlich die ausführlich besprochenen Gleich-
nisse vom Senfkorn und vom Sauerteig, ausserdem auch das
vom Netz. So mussen doch die Vielen, wie gross oder klein
ihre Zahl auch in Wirklichkeit werden mag, in einem bestimm-
ten Verhaltniss zu einander stehen. Und erhalt dieses
nicht seine concrete Gestaltung dadurch, dass sie alle in der
fixviXelx Christi sind und alle zugleich in der (ZxaiXelx Gottes?
Zielen nicht umgekehrt diese fixatteixt gerade darauf, jenes
Verhaltniss zu regeln ? Ist also nicht die (2xm\\six Christi und
die (3x<r. Gottes als ein Gemeinwesen gedacht, und dass ein
solches entsteht, ein wesentliches Moment im Begriff der
fixaitetx d. h. auch der fixo-iï.eix, die uns hier zunachst be-
schaftigt, der fixcihsix Gottes?
Wir sagten oben schon bei Besprechung des Verhaltnisses
von (3x<r. Christi und /3«<r. Gottes am Schluss des fünften
Abschnitts, die erstere sei offenbar am meisten nach Ana-
logie eines menschlichen Regiments gedacht. Für Christum
ist es ja gerade etwas Besonderes, Neues, dass er, der als der
gekommene Messias nur erst ^ixkovcT, bei seinem Wiederkom-
men in königlicher Majestat auftritt und in Besitz einer (3x-
aiKeix
kommt. Vgl. namentlich auch bei Lucas das Gleichnis
c. 19, und dort besonders die Verse 12. 15. 27. So will und
soll er denn an den betreffenden Menschen ausdrücklich seine
Unterthanen haben. Sonst ware es ja nichts mit seiner (3x<ri-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             149
a*/«, wahrend er doch gerade eine solche haben soll, wenn
er wiederkommt, das seine Auszeichnung, das die Stellung,
die der Messias erhalt, sein soll. Darauf, dass er ja ein
sichtbarer König ist, so gut wie irgend ein anderer, haben wir
oben auch schon hingewiesen. Sonach wird es sich hier aller -
dings um einen Verband handeln und zu den Merkmalen
der Zugehörigkeit zu dieser (ZxatXsix auch das formale Mo-
ment der Eingliederung in einen Verband gehören. Aber soll-
ten wir desshalb von einem Christusstaat, der entstehen
solle, reden wollen oder dürfen"? Man kann nach dem eben
Gesagten natürlich versucht sein, es zu thun, bzw. es für
ganz zulassig zu halten, und wird doch auch gleich wieder
Bedenken haben. Denn es sind ja wohl die Pramissen dazu
da, aber der Gedanke ist dann doch wieder gar nicht weiter
verfolgt; von staatlichen Formen und Normen (ausser dem
Thron und Thronen und dem Richten) horen wir nichts. Die
@x<rt>.elx Christi soll doch jedenfalls eine von jeder Welt-
(3x<rtteix, jedem Weltstaat wesentlich verschiedene sein. Es
sind rein ethisch-religiöse Verhultnisse, nicht politische, um
die es sich handelt. Eine Macht ist diese $xtrixeix und will
es sein, aber kein Gebrauch ausserlicher Machtmittel ist es,
der sie begründet oder erhalt, kein Erobern, Unterwerfen,
sondern einfach ein Ausscheiden und Fernhalten heteroge-
ner Elemente einerseits und ein Annehmen der homogenen
andererseits. Kein ausserlicher Machtbesitz ist bezweckt, we-
der für den König noch für die Unterthanen. Und die Unter-
thanenschaft ist nicht anders gedacht denn als eine freiwih
lige. Man wird Unterthan der Stellung nach, weil man unter-
thanig ist und sein will durch die Jesusjüngerschaft; es ist
jedenfalls mehr noch eine Gefolgschaft, als eine Untertha-
nenschaft im strengen Sinn des Worts. Wenn daher jede
eigentliche Zeichnung der (3x<r. Christi als Staat fehlt, so
fehlt diese gewiss nicht bloss zufallig, sondern geflissentlich;
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150
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
sie fehlt, weil sie ein falsches Bild erzeugen würde. Wir ver-
fahren daher gewiss allein richtig, wenn wir die Bezeichnung
„Christusstaat" auch für die fix<raeix Christi abiehnen. Auch
hier eben wesentliche Divergenz von der vorneutestamentli-
chen Messiaserwartung. Diese zeichnet einen Messiasstaat, nicht
aber die Evangeliën, nicht Jesus. Und andererseits stimmen
auch darin die beiden Evangeliën, die überhaupt deutlich von
der /3«tnAf/« Christi reden, Matthaus und Lucas, überein. Keines
zeichnet, meine ich, mehr, keines weniger einen künftigen
Christusstaat Jesu; beide nahern sich dem wohl gleicherweise,
aber beide vermeiden es doch wieder gleichermassen. Nebenbei
sei noch bemerkt, dass diese (ZxvtKslx Christi natürlich mit
„Kirche" nichts zu thun hat, einfach schon darum nicht, weil
sie erst mit der Parusie entsteht. Ueber das Verhiiltniss von
beiden kann nur gosagt werden: die Kirche Christi, sofern
sie einen Verband von Jesusjüngern reprasentieren will und
soll, soll allerdings der werdende Verband der Christusreichs-
unterthanen sein. .Sie zielt auf diesen hin und dieser wird
aus ihr erwachsen. Wie weit aber alle, die zu jenem ersten
Verband gehören, auch diesem zweiten angehören werden
oder nicht, entscheidet erst die Ernte, die xpfoi?, „wann das
Netz ans Ufer gezogen wird". Zugleich werden alle zeitlichen
Verbandsformen selbstverstandlich verschwunden bzw. in an-
dere, als vorher, übergegangen sein, der ganze Verband der
Christusreichsgenossen wird einen ganz anderen Charakter tra-
gen als jeder, der in diesem Aeon bestand.
Doch wir fragen ja nicht eigentlich, was durch die (3x<nKeix
Christi für ein Zustand werden werde, sondern was für einer
durch die fixaihtix Gottes, und dass beides keineswegs identisch
sei bei aller Zusammengehörigkeit, haben wir früher gehort.
Nun in letzterer Beziehung hat vollends der Gedanke an einen
Staat oder überhaupt an ein Gemeinwesen keine Berechti-
gung. Hier handelt es sich ja um einen ganz anderen Gegen-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               151
satz gegenüber von dem, was vorher ist. Bei Christo — nun
ja, da handelt es sich darum, dass er, wahrend er vorher 3/*-
xovsl, dann fixtri^evei, Gott aber (ZxviXeüei ja selbstverstand-
lich schon vorher und von jeher. Aber, wahrend sein (3»<n-
teveiv
zum Zweck des Segen- und Heilspendens, worauf sein
"Wille gerichtet ist gegenüber von den Menschen, vorher be-
hindert war durch gottwidrige Machte und Verhaltnisse, wird
dann jede Behinderung aufgehört haben, jenes (Sxa-i^eüeiv
sich also auch auf Erden in seiner ganzen Heilswirkung
offenbaren. Das punctum saliens bei allen Aussagen über die
fixvixelx tüv ovpxvüv bzw. roïi óeoü liegt immer nur darin, dass
man in dieselbe komme und damit das höchste Gut erlange.
Aber nicht in einer einzigen Stelle, die von dieser (3x-
vtxeix
redet, wird weiter auf das Verhaltniss reflektiert
oder von dem Verhaltniss etwas angedeutet, in welchem seine
Genossen eben qua Genossen dies es Reiches zu einander
stehen werden. Dass die von überallher Kommenden (Matth.
8, 11; Luc. 13, 28) mit den Erzviitern xvxxMÓfoovTxt, wird
man nicht anführen wollen, es ist damit ja nur ausgesagt,
dass sie zu diesen hinzukommen werden; ebensowenig, dass
o\'i sy.Xsx.roi zTrwwxxtyaovTxt (Matth. 24, 31). Letzteres bildet
ja nur den Gegensatz zu dem Sein in der Zerstreuung und
damit in der Ferne. Die Reichsgenossen werden freilich
beisammen sein, aber über das Wie? ist lediglich nichts
gesagt. Das ist rein nebensachlich. D. h. recht verhalten
werden sie sich natürlich zu einander. Aber das ist einfach
vorausgesetzt als selbstverstandlich. Sie sind ja S/x«/o/, wer-
den also alle hxxtoo-wy üben, auch gegen einander. Aber von
einer Form, in der sich das bewegt, von Normen, die das
regeln, ist nirgends die Rede. Und ebenso ist Gott gegenüber
das Gleiche vorausgesetzt. Es kommt ja in seine (Sxo-i^elx
nur, wer seinen Willen thut; so sind sie Alle ihm gehorsam.
Eine Gemeinschaft unter einander, wie eine Unterthanschaft
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152                      DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
Gott gegenüber ündet daher natürlich statt. Aber von einem
„Gemeinwesen", das die Gottesreichsgenossen mit einander bil-
den unter Gott, kann nicht geredet werden. Und Eingliede-
rung in den Verband der fixcitei» Christi muss nach dem
vorhin Gesagten freilich zu den Merkmalen eines Gottes-
reichsgenossen gerechnet werden, da Niemand in der (3x<rt-
xdx
Gottes ist, der nicht in der (3x<ritelx Christi ist, aber
sonst keine Eingliederung in einen Verband, keine in einen
Gottesreichsverband. Und ganz schief ware es, zu sagen:
Zweck des Kommens des Gottesreichs sei, dass aus der
Menschheit etwas wie ein Gottesstaat werde, oder auch nur
zu sagen, dass das faktisch geschehe. Ohnehin ist es ja ganz
accidentiell, ob die Zahl der Gottesreichsgenossen eine grosse
oder eine kleine wird, sie also einen grossen oder einen klei-
nen Complex bilden. Ist auch auf jenes wesentlich das Augen-
merk gerichtet: eine /3«<r. Gottes ware doch da, wennesauch
nur Wenige waren. Und die „Theokratie" will und soll das
Gottesreich durch sein Kommen vollenden, aber nicht selbst
(wieder) irgend einen theokratischen Staat schaffen. Beseligen
will es, aber nicht organisieren, wesshalb man auch den Ter-
minus „Organismus" nicht auf dasselbe anwenden sollte. Einen
Stand wie im Himmel will es ja schaffen; einen „Gottesstaat"
aber werden wir den Himmel doch nur in uneigentlichem Sinn
nennen, eben weil nicht Organisieren oder Normieren, sondern
Beseligen und Seligsein Merkmal des Himmels ist. Von einer him-
melahnlichen „Ordnung der Dinge", welche durch das Kommen
des Gottesreichs entstehen solle, mogen wir reden, dürfen aber
in „Ordnung" das „Ordnen" nicht betonen. Dass das kom-
mende Gottesreich mit „Kirche" nichts zu thun habe, braucht
nicht weiter ausgeführt zu werden. In der Hauptsache gilt
natürlich von ihrem Verhaltniss dazu dasselbe, was wir vorhin
über das Verhaltniss von Kirche zur @«,aiXeia. Christi bemerkten.
Weiter wird wohl auch nicht bestritten werden wollen,
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IN DEN SOHBIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.             153
dass auch in dieser Beziehung kein Unterschied zwischen un-
seren drei Evangeliën besteht. Wenigstens wüsste ich nicht,
welches derselben etwa mehr, welches weniger als das andere
einen Anhalt dazu geben sollte, das, was mit dem Kommen
des Gottesreichs auf Erden wird, mit einer bestimmten For-
mel wie Staat, Gemeinwesen udrgl. zu benennen. Auch hier
scheidet sich die neutestamentliche Gottesreichslehre von der
vorneutestamentlichen, für welche die vom Himmel stam-
mende (3cariï.ttx freilich ein Gottesreich bleibt, aber sich doch
wieder ganz in ein irdisches Gottesreich mit irdisch-sinnlichen
Formen (und Segnungen) verwandelt.
Alle etwaige Geneigtheit aber, auch auf neutestamentlichem
Boden mehr oder weniger wenigstens mit „Gottesreich" den
Begriff eines Gemeinwesens zu verbinden, ja es wesentlich
so zu betrachten, wenn man auch sinnlich-irdische Formen
ganz fern halt, hangt zusammen damit, dass der Ausdruck
„Gottesreich", „Himmelreich" überhaupt nicht richtig gefasst
wird. Und dies führt uns schliesslich auf die Defmition des Aus-
drucks, die nun endlich auf dem Unterbau der Darlegung von
all dem, was unsere Schriften über die Sache selbst lehren,
möglich ist und Aussicht hat zu gelingen.
10. „ H fiaaiXsict twv ovqavcöv, bzw. tov 6bov" bctlculcl znnachst
nichts anderes als die im Himmel vorhandene {laaiXsiu
(«olies, zngleich aber in iinmillelbarer Correlation mit dem
Kommen dieser ^natXsia auf die Erde die vom
Himmel stammende {SaoUeia Gottes.
Was bedeutet der Ausdruck: >5 fixcitetx rüv oüpxviïv
bzw. tov Seoü? Diese Frage ist nach allem, was wir ausgeführt
haben, schliesslich noch zu beantworten. Warum wir sie an
den Schluss erst stellen, haben wir soeben wieder gesagt;
und ich denke, was wir zur Beantwortung der Frage sagen,
wird diese Stellung vollends rechbfertigen.
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154                        DIE LEHRB VOM REICHE GOTTES
Freilich der eine der beiden Ausdrücke: $xai\\eix toü foov
ist nicht missdeutbar, ist auch auf sprachlichem Weg in der
Hauptsache leicht erklarbar, und hatten wir nur diesen, so
hatten wir allerdings mit dem Definiëren beginnen können,
anstatt jetzt zu schliessen. Ganz klar ist bei diesem Aus-
druck wenigstens, was der Genetiv roü êsoü meint. Er kann
ja nichts anderes als den Besitz angeben, und ij (3x<r. roü
êsoü
ist die /3<w., die Gott hat, besitzt (der Genetiv also na-
türlich Gcnetivus subjectivus). Dass dieser Genetivus posses-
sivus
zugleich einen Gen. qualitatis miteinschliesst, ist we-
nigstens hier sicher, sofern einer (3x<ri*.six, die Gott hat, doch
irgendwie der Charakter Gottes aufgedrückt sein wird; es
kann das Zugehörigkeitsverhaltniss einer (Zxvt\\ax zu Gott
nicht als ein indifferentes gedacht werden, wie man ja wohl
auch eine dem Besitzenden ganz fern liegende, ja zu ihm in
einem Gegensatz befindliche Sache besitzen kann. Aber bei
einer /3«<7/a*/«, die Einer besitzt, findet doch natürlich ein
positives Verhaltniss des Besitzers zu dem, was er besitzt,
statt; er besasse sonst diese (ZxtrtXsia. nicht, oder sie ware
oder bliebe nicht seine (3x<ri\\elx. Constatiert mag auch noch
werden, dass eine (3x<r. roü Seov natürlich einen doppelten Ge-
gensatz hat, d. h. es wird damit negiert, dass ein Anderer die
@x<t. hat und nicht Gott, aber auch, dass Gott nicht eine
fixvasix hat, sondern nur etwas Geringeres, eine beschrankte
Macht, die kein @x<rit.eüeiv reprasentiert.
Dagegen lasst uns nun das Lexicon schon im Zweifel dar-
über, was eigentlich fixaraeix hier bedeute d. h. welche von
beiden Bedeutungen, die es hat, ihm hier zukomme: Königs-
herrschaft, Königtum oder Herrschaftsgebiet eines Königs,
Königreich? Hier müssten einfach die Aussagen, welche über
die (Zxsaeix gemacht werden, entscheiden. Allein die Sache
steht da so, dass in manchen dieser Aussagen dieBedeutung
„Königsherrschaft" ganz gut passt, also namentlich da, wq
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IN DEN SCHBIPTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               155
von dem Kommen oder Erwarten der fixo-aslx die Rede ist.
In anderen aber passt sie entschieden nicht, vor allem natür-
lich da, wo von einem tl<rip%tfê*t tU tw (Zxa-iXsixv gesprochen
ist, oder von einem Sein, etwas Thun in ihr oder von dem
xXYipcvoftelv oder iiêtxi derselben, auch da nicht, wo es heisst,
die (ZxatXeix sei Jemandes, nemlich eines Menschen. Soll nun
der letztere Umstand massgebend sein? soll man desshalb
auch im ersten Fall d. h. also überall vielmehr die Bedeu-
tung „Königreich" annehmen? Zuliissig ist es. Es kann z. B.
auch in den Aussagen vom Kommen, vom Erwarten der
fixo-aeix mit „Königreich" übersetzt werden, und eine ein-
heitliche Fassung des Ausdrucks würde sich empfehlen. Und
dennoch möchte ich nicht unbedingt dafür sprechen. Das Wort
bedeutet nun einmal Beides. So kann ja Jesus ganz wohl von
dieser Weite der Bedeutung Gebrauch gemacht, kann es das
einemal in diesem, das anderemal in jenem Sinn verstanden
haben. Und in der Sache wird ja dadurch nichts geandert.
Schwierigkeit macht aber der andere Ausdruck: >5 fixo-ixdx
rüv ovpxvüv,
so einfach er auch an sich ebenfalls aussieht.
Denn was bedeutet hier der Genetiv? fragt sich sogleich. Irgend
eine Zugehörigkeit, versteht sich, auch; aber welche? Ovpxvoi
ist ja kein persönlicher Begriff, also kann keine Zugehörig-
keit des Besitzes gemeint sein. Oder doch? ist >5 (3x<r. rüv
ovpxvüv
die Königsherrschaft, welche bzw. das Herrschaftsge-
biet, welches die ovpxvoi haben? Freilich ein seltsamer Ge-
danke. Aber ist nicht ovpxvoi hier geradezu metonymische Be-
zeichnung Gottes selbst? Dann stande die Sache natürlich
ganz anders; ovpxvoi meinte ja dann in Wahrheit eine Person.
Nun dass DlOtt\' in der jüdischen Theologie so gebraucht wird,
dass gerade "Vt m:fe vorkommt im Sinn von Herrschaft Gottes,
ist unbestreitbar. So liegt es nahe, auch unsern neutestament-
lichen Ausdruck so zu verstehen. Schürer, Jahrb. für deutsche
Theologie 1876, S. 166 ff. und wieder Geschichte des jüdischen
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156
DIE LEHRE VOM EEIOHE GOTTES
Volks II, 453 tritt entschieden dafür ein, und es hat viel
Beifall gefunden. Allein ist es richtig? Andere Theologen und
solche von verschiedener Richtung, wie Cremer und Lipsius,
weisen diese Erklarung ebenso bestimmt ab. Sie will, be-
merkt z. B. Cremer, Bibl. Wörterbuch s. v. (Zxatxeix, gar nicht
passen zu der Art, wie speciell Jesus in unseren Evangeliën
sonst von Gott redet, nicht verdoekt, den Gottesnamen ver-
hullend, sondern ganz ofl\'en. Er ist ihm o kxtvip i êv to7<;
oipavolt
, und daneben soll ihm dann oi ovpxvoi wieder = Gott
selbst sein, als ob man von Gott nicht offen reden dürfte!
Letzteres ist ja freilich jüdische Anschauung geworden: „Gott
ist unzugiinglich, absolut transscendent". Aber das ist nicht
Jesu Sinn. Nun man müsste dann eben annehmen, Jesus
babe jenen Ausdruck: ^ pxe. tüv oupxvüv im Sinn von: Reich
Gottes, einfach als einen vorgefundenen terminus technicus
gebraucht, wenn er auch nicht so recht zu seiner sonstigen
Weise, von Gott zu reden, und seiner Anschauung von Got-
tes Wesen überhaupt passte, könnte etwa weiter vermuten,
Marcus und Lucas haben ihn dann ebendesswegen fallen las-
sen und den eigentlichen Ausdruck dafür eingesetzt. Die Mög-
lichkeit von jenem (und diesem) wird man kaum bestreiten
können. Ich hatte daher auch nicht allzuviel Bedenken, mich
für diese Bedeutung des Ausdrucks zu entscheiden — doch
nur, wenn die Fassung von ovpxvoi im eigentlichen Sinn wirk-
lich keinen annehmbaren Sinn gabe. Allein dem ist nicht so.
Einmal, ware es denn nicht zulassig, den Genetiv als Ge-
netivus qualitatis
zu fassen = das Reich, das himmlischer
Art ist? Nun dass dies Reich solcher Art ist, liegt jeden-
falls in dem Ausdruck, wie wir dann auch den Genetiv fas-
sen, und ebendesswegen ist auch sicher, dass der Ausdruck
signifleanter ist als der andere: /3. toD Osoü. Denn Gott herrscht
ja doch an sich selbst immer auch irgend wie auf Erden na-
türlicher Weise. Also ist mit ») @x<r. toü dsoü noch nicht ge-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               157
sagt, dass mit ihrem Kommen eine ganz besondere, erst duren
den Messias vermittelte Art seines fixo-aevsiv auf Erden an-
hebe. Dieser besondere Sinn muss ersfc dem Zusammenhang,
in welchem von dieser (3. roü êeoü die Rede ist, entnommen
werden. Dagegen wird die @x<r. Gottes durch (3. rüv oupxvüv
unmittelbar als eine nicht kosmische, von der natürlichen
fix<ri\\e!x Gottes unterschiedene charakterisiert, auch als ver-
schieden von jedem zwar auch von Gott erst kommenden,
aber doch wieder ganz in irdischen Formen sich bewegenden
Reich, wie die alttestamentliche Theokratie wesentlich ein
solches war. Desshalb, weil so der Ausdruck: (3. rüv ovpxvüv
unmittelbar etwas aussagt, was bei dem anderen erst aus dem
besonderen Zusammenhang erschlossen werden muss, ist es
auch viel natürlicher, anzunehmen, Jesus selbst, von dem
wir glauben mochten, er habe sich möglichst klar ausspre-
chen wollen, habe diesen Ausdruck (wenn auch nicht ihn allein)
gebraucht um das Neue, was es mit dieser (ZzetXeix ist, auszu-
drücken und sie deutlich zu charakterisieren, als er habe ihn
nicht gebraucht und erst Matthaus ihn eingesetzt. Und nur
dann ist natürlich vielmehr das letztere anzunehmen, wenn
man mit B. Weiss meint, Matthaus habe mit diesem neuen
Terminus dem Begriff des Gottesreichs überhaupt eine neue
Fassung geben wollen, eine andere als Jesus. Wahrend Jesus
noch auf eine, wenn auch noch nicht vollkommene, Ver-
wirklichung dieses Reiches auf Erden gehofft habe, wisse
Matthaus davon nichts mehr, sondern hoffe nur noch auf
eine Verwirklichung im Himmel und rede desshalb von dem
Gottesreich als von dem Himmelreich. Gewiss eine ganz ver-
fehlte Erklarung. Es ware durch diese Matthausfassung der
/3«<r;Af/* m. E. der ganzen Gottesreichslehre Jesu der Nerv
durchschnitten, sie im Princip aufgehoben. Nein, so wenig,
wie ja auch Weiss dies nicht meint, Jesus die /3. als eine
erst im Himmel sich verwirklichende ansah, sondern gerade
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158
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
als eine vom Himmel durch ihn kommende, so wenig sah
Matthaus sie so an, so wenig wollte er sie mit seinem /3. riïv
oupxvüv
als eine solche bezeichnen. Der Ausdruck bedeutet
dies nicht; der Ausdruck fordert aber auch nicht, um über-
haupt verstanden zu werden, diese Bedeutung. Aber wie
ist er dann zu erklaren?
Als Genetivus qualitatis, deuteten wir an, könnte man den
Genetiv vielleicht fassen. Allein wenn auch, wie wir vorhin
ausführten, ganz gewiss mit dem Ausdruck der himmlische
Charakter dieser (ZzviXiix ausgesprochen ist: den Genetiv in
diesem Ausdruck möchte ich desshalb doch nicht für einen
G. qualitatis erklaren. Sachlich ist eine @. tüv oupxvüv ganz
gewiss eine (3. himmlischer Art, aber nicht sprachlich, son-
dern jenes ist erst die weitere Folge. Hatte man auch sprach-
lich sie als eine solche bezeichnen wollen, so ware doch am
Ende ein ,,/3. sTroupxvio?" weit natürlicher gewesen.
Warum aber in der Ferne erst suchen und nicht zunachst
nach der Erklarung greifen, die grammatikalisch ja doch am
allernachsten liegt? Und das ist die: das Reich, das dem
Himmel angehört, das im Himmel ist (nicht etwa
nach der eben abgewiesenen Erklarung, sich dort „verwirk-
licht"), also das Gott im Himmel hat. Freilich was thun wir
in dem Zusammenhang, in welchem in unseren Texten (bzw.
bei Matthaus) von der @xo-. tüv oupxvüv die Rede ist, mit dem
„Reich, das im Himmel ist, das Gott im Himmel hat"? Hier
handelt es sich ja überall gerade um eine Ordnung der Dinge,
die durch den Messias werden soll und zwar, wie wir
wissen, auf Erden, bei den Menschen. Gewiss das: dess-
wegen k o m m t aber ja eben durch den Messias das Reich, das
im Himmel ist, auf die Erde zu den Menschen. Dadurch wird
dann hier ein Himmelreich im Sinn eines Reiches, das vom
Himmel stammt. Und ganz so, wie oder vielmehr ganz gleich-
laufend damit, dass sa.chlich durch dies Kommen des an sich
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               159
bloss im Himmel beündlichen Reiches ein vom Himmel stam-
mendes Reich auf Erden unter den Menschen wird, wird dann
sprachlich derselbe Ausdruck, der an sich: „Reich, das im
Himmel ist" bedeutet, zum Ausdruck für letzteres Reich und
bedeutet dann, wo von diesem Reich die Rede ist: Reich,
das vom Himmel stammt. Jener Ausdruck entwickelt
aus sich heraus mit der neuen Sache einen neuen Sinn. Klar
ist daher, einmal, dass derselbe in unserem Text, also bei
Matthaus, keineswegs etwa bloss das erste, ursprüngliche
„Reich, das im Himmel ist" bedeutet und bedeuten kann:
ist doch im Evangelium die Hauptsache gerade das Neue, dass
das an sich im Himmel beflndliche Reich, so zu sagen, in
Bewegung kommen, dass es „kommen" soll und auf Erden
unter den Menschen sein, wieder als ein „Himmelreich" frei-
lich, aber als im Sinn eines dem Himmel entstammenden
Reiches. Also z. B. Objekt des svayyixiov ist natürlich die
pariteit* als diese auf die Erde zu den Menschen kommen
sollende, also /3. r&v oüpxvüv hier = Himmelreich im Sinn
eines Reiches, das vom Himmel kommt. Das ist ja die frohe
Botschaft, dass es auf Erden ein solches Reich geben soll.
Das Gleiche gilt im Allgemeinen von den Parabeln; über die
(3x7i*.eix, sofern sie auf die Erde kommt, kommen soll, will
Jesus darin belehren. Andererseits aber ware es auch ganz
irrig zu sagen, (2. tüv oöpxvüv bedeute (bei Matthaus) bloss
„Reich, das vom Himmel stammt". Nein, der Ausdruck hat
auch hier zugleich die Bedeutung, die er ja jedenfalls rein
für sich betrachtet haben kann, ja gewiss zunachst hat, und
die auch in der Uebersetzung das Wort „Himmelreich" ohne
Frage zunachst für das Ohr des Hörers hat. Diese Bedeutung
ist auch nicht (soweit ohne weiteres zugegeben wird, dass
sie die nachste und so ursprüngliche sei) abgestreift und auf-
gegeben, wie ja wohl sonst der Sprachgebrauch eine Bedeu-
tung, die ein Wort hat, völlig fallen lasst und es nur noch
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160                        DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
in einem bestimmten Sinn anwendet. So hier nicht; die Grund-
bedeutung, wenn man so sagen darf, ist festgehalten und
kommt einfach zum Vorschein da, wo von dem Reich, ais
dem im Himmel befindlichen (das erst kommen soll) die
Rede ist. Das ist da der Fall, wo die (3. rüv oupxvüv als eine
nahekommende, oder als eine kommende bezeichnet ist. Denn
nahekommen oder wirklich kommen kann ja nur, was noch
nicht da ist; also betreffend die (ZxciXeix nur diejenige, die
noch nicht auf Erden, die (nur erst) im Himmel ist. Nur bei
temporaier Fassung des foyixéwt (fpx«rfo<) ware das Reich,
das auf Erden werden soll, also das „dem Himmel entstam-
mende" Keich auch hier gemeint. Allein so gewiss es richtig
ist, wie wir oben aussprachen, dass das locale Nahesein des
erst bloss im Himmel befindlichen Reiches ein temporales
Nahesein = bald Dasein des „dem Himmel entstammenden"
Reiches auf Erden zur Folge hat: so ist es doch gewiss hier
nicht so gemeint, sondern diese Aussage von dem Nahesein
der fixsiteix geht von dem localen Begriff des Naheseins aus.
Oder wollten wir uns an der Duplicitiit der Bedeutung, die
damit hereinkommt, stossen? Wollen wir verlangen, wenn
(3x<r. txv oupxvüv eigentlich meine „Reich, das im Himmel
ist", so müsste für die @xtr. als auf Erden befindliche und
nur vom Himmel stammende ein anderer Ausdruck formiert
worden sein und umgekehrt\'? Nun allerdings, wenn dieser
selbe Ausdruck zwei materiell oder vielmehr essentiell ver-
schiedene Dinge bezeichnen sollte, dann ware die Sache be-
denklich und einfach unannehmbar, wie wir ja oben dess-
halb die Ansicht, als ob die (3x<ri\\eix t. S. sowohl eine noch
unvollendete in der G-egenwart (die Jüngergemeinschaft), als
eine vollende te (das „Messiasreich") bedeute, entschieden ver-
warfen. Aber um derartiges handelt es sich hier gar nicht.
In der @x<ri\\eix, die auf Erden sein soll als eine vom Himmel
stammende, „kommt" ja eben nur und gerade die im Him-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               161
mei befindliche, und soll kommen, lediglich keine andere. Dass
nur diese und gerade diese, ist die Pointe der Sache. Daher
konnte nicht nur die gleiche Bezeichnung gewahJt werden,
die jedenfalls beides bedeuten kann, sondern es ist auch ab-
sichtlich die gleiche gewiihlt, um diesen Umstand zum unmittel-
baren Ausdruck zu bringen, gleichsam um recht klar zu sa-
gen : „so wie so — mag es nun das Reich sein, das im Him-
mel ist, oder das Reich, das vom Himmel stammt — es ist
eben immer ein Himmelreich und nichts Geringeres." Es
kommt aber noch ein weiteres in Betracht, und das erklart
m. E. vollstandig die Wahl dieses selben Ausdrucks für Him-
melreich im einen und im anderen Sinn und lasst sie voll-
ends als eine genlissentliche erkennen. Es ist nemlich einmal
ohnehin nicht so, dass mit dem auf Erden beflndlichen (bzw. kom-
menden) Himmelreich das Himmelreich überhaupt erst würde
(das ist ja durch alles Bisherige langst ausgeschlossen), son-
dern das Himmelreich ist originaliter im Himmel und kommt
nur von dort. Sodann aber verhalt es sich auch natürlich
nicht so, dass das im Himmel befindliche Reich dann in dem
auf die Erde kommenden, das als solches ein dem Himmel
entstammendes ist, verschwande und darin aufgienge. Viel-
mehr bleibt ja das Reich, das im Himmel ist; es zieht nur
die Erde in seinen Bereich; es wird auch ein auf Erden be-
findliches, jenes beschliesst dieses stets in sich, will und soll
es beschliessen; nur dadurch kann dieses bestehen. Und — das
ist dann wei ter die Hauptsache — der hohe Wert da von, dass
man in das in Folge seines Kommens vom Himmel auf Erden
befindliche Himmelreich kommt und in ihm ist, liegt gerade
darin, dass man dadurch in den Bereich des Himmelreichs
an sich, ich möchte sagen, des originalen Himmelreichs, das ist
dessen, das im Himmel ist, kommt und in dessen Bereich ist,
also eben den offenen Zugang zu der ganzen Himmelsselig-
keit hat bzw. ihrer teilhaftig wird. Darum passt auch z. B.
11
J:
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1G2                           DIE LEHBB VOM REICHE GOTTES
für die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der Perle
so gut der Ausdruck: (3x<r. tüv o&pavuv. Darum ist es weiter
namentlich von grosser Bedeutung, dass, wo davon die Rede
ist, dass Jemand in die fixaixelx eingehe oder dieselbe Jeman-
des sei, oder wo z. B. von den Schlüsseln der (SxaiXeix ge-
redet wird, gerade der Ausdruck >5 &x<s. tüv oupxvav steht,
der beides bedeutet: „das Reich, das dem Himmel entstammt",
aber auch: „das Reich, das im Himmel ist." Hier kann nicht
nur nicht gesagt werden, ob es das eine oder das andere
bedeutet, sondern hier soll es nicht gesagt werden können
bzw. es soll gar nicht danach gefragt, soll nicht von uns
so unterschieden werden. Denn es wollte von dem Sprecher
selbst nicht unterschieden werden. Das allgemeine Wort,
indem es beides bedeutet, will eben sagen, dass man in die
@x<r. in jeder Beziehung komme, oder dass man in die
(3x<r. im Sinn einer vom Himmel stammenden kommend in den
Bereich der QxaiKeix, die im Himmel ist, komme. Kurz
im Hinteigrund, sozusagen, steht immer hinter der erste-
ren die letztere, und dieser Ilintergrund, der so wichtig
ist, wird durch die Wahl dieses Ausdrucks, eben weil er beides
bedeutet, offen gelassen. Hieraus erklart sich nun auch aufs
einfachste der Umstand, auf den wir im 4ten Abschnitt auf-
merksam machten und der dort einige Schwierigkeit machte,
namlich dass denen, welche eine bestimmte Qualiflcation haben,
z. B. als irTu%ci (rij: w-jsv^xti), oder als solche, die dn; rUv»
sind, ohne weiteres das Himmelreich zugesprochen wird ohne
jede Andeutung des erst die Möglichkeit der Reichsgenossen-
schaft objectiv vermittelnden Faktors, namlich eines Kom-
mens der (Sxtri?,iix. Nicht, sagten wir dort, dürfe daraus ge-
schlossen werden, dass es sich um diesen Faktor überhaupt
nicht handle, sondern eine bestimmte Qualiflcation einfach als
solche die Reichsgenossenschaft mit sich bringe, ja letztere
am Ende überhaupt nur ein subjectiver Zustand sei, ohne
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.
durch einen heilsgeschichtlichen Gottesakt bedingt zu sein. Viel-
mehr werde hier, wo es sich um Hervorhebung des Werts der
Reichsgenossenschaft allein handle, von dem vermittelnden
Faktor einfach abgesehen, weil es für jenen Wert darauf gar
nicht ankomme. Jetzt aber können wir vollends hinzufügen:
gerade weil es sich um Hervorhebung des Werts der Sache
handelt, will hier ganz von dem Unterschied des Reiches,
das kommt, von dem, das im Himmel ist, abgesehen werden,
heisst es absichtlich einfach: ihrer ist das Himmelreich, oder:
sie gehen in das Himmelreich eiri d. h. in das Himmelreich
in jedem Betracht. Sie gehen natürlich zunachst in das Him-
melreich ein, das kommt (nur in dieses können sie eingehen),
aber dass sie damit in den Bereich des Himmelreichs, das
im Himmel ist, kommen, das ist das Grosse, das verleiht
ihm gerade seinen hohen Wert. Daher wird speciell von dem
„Kommen" desselben gar nicht geredet. Und dazu eignet sich
gerade dieser Ausdruck, der beides bedeuten kann, aber als
solcher nichts darüber entscheidet. Die beiden Bedeutungen
gehen bestandig in einander über.
Es sei zur Verdeutlichung und zugleich zur Bestatigung des
Gesagten eine Vergleichung gestattet. Als Casar Gallien er-
oberte und römisch machte, da ward nicht erst ein imperium
Romanum
durch dieses römische Gallien, das bestand schon
lange vorher; sonst hatte auch Casar nicht Gallien erobern
und römisch machen können. Wohl aber „kam" durch ihn
das imperium Romanum, das in Rom seinen Sitz hatte, das
überhaupt vorher schon bestand mit Rom als Mittelpunkt,
nach Gallien. Und so entstand in Gallien ein imperium Roma-
num
, das von Rom ausgegangen war; es entstand dort auch
ein imperium Romanum in diesem Sinn des „Ausgegangen-
seins von Rom". Und für die Galliër bedeutete dalier imperium
Romanum
sowohl das von Rom ausgegangene, zu ihnen ge-
kommene imperium, das gallische imperium Romanum, als
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164
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
dasjenige, das schon vorher bestand, oder bald das eine, bald
das andere, je nachdem man von dem Gekommem oder
Gewordensein reden wollte, oder aber von dem, woher das
gekommen war, was da war. Und ein doppelter Ausdruck
war unnötig. War doch in dem imperium, das gekommen
war, eben nur dasjenige gekommen, das schon vorher da
war. Und andererseits waren die Galliër ja durch das Kommen
des imperium Romanum zu ihnen zwar ein gallisches imperium
Romanum
geworden, aber damit eben demjenigen, das vorher
schon bestand, einverleibt worden, waren in seinen Bereich
gekommen. Und weil letzteres für sie am Ende gerade das Wich-
tigste war, so war ein Formieren von zweierlei Ausdrücken gar
nicht angezeigt. Man hatte dann eben mit dem Einen Ausdruck
Beides in Einem, hatte das eine, nachste, das geworden, und
zugleich das andere, was an sich da war oder vorher gewesen
war. Oder vielleicht noch deutlicher auch hier die Vergleichung
mit dem Sonnenlicht. Dieses wird nicht erst, wenn es Tag
wird, es kommt nur das Licht, das die Sonne vorher schon
an sich hatte, nun auch auf die Erde und wird nun ein
„Sonnenlicht" im Sinn eines von der Sonne gekommenen, auf
der Erde befindlichen Lichts. Und der Ausdruck: „Sonnem
licht" bedeutet dann sowohl jenes, als dieses; und Niemand
fallt es ein, zweierlei Ausdrücke zu formieren, etwa einen
besonderen, neuen für das von der Sonne gekommene Son-
nenlicht im Unterschied von einem anderen, der das Licht
bezeichnete, das die Sonne an sich hat, oder, wenn man
jenes mit „Sonnenlicht" benennt, einen besonderen für das
letztere. Im Gegenteil ist gerade das Beibehalten des gleichen
Ausdrucks angezeigt, um die wesentliche Gleichheit von beidem
auszudrücken: mit dem Licht, das „kommt," ist kein an-
deres da, als dasjenige, das die Sonne an sich hat. Das ist ja
eben die Pointe der Sache.
Die letztere Vergleichung kann uns m. E. zugleich am
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               165
einfachsten das „Kommen" des Reiches, das Gott im Himmel
hat (auf die Erde, so dass da ein Reich Gottes wird, das
vom Himmel stammt), wovon wir immer und immer wieder
redeten, verstandlich machen. Obenhin angesehen könnte dies
ja ein phantastischer Gedanke zu sein scheinen, oder es könnte
scheinen, als ob Jesus, der doch jenes Kommen lehrt, einen
Vorgang statuieren wollte, der den Eindruck des Magischen
macht. Allein wie kommt denn die Sonne mit ihrem Licht
auf die Erde? Sie steigt nicht heninter vom Himmel, aber
wahrend sie an ihrem Orte unwandelbar bleibt, kommt sie
zugleich, wann der (von Gott von jeher festgesetzte) Zeitpunkt
(o xxipós) da ist, mit ihrem Lichte zu uns auf Erden. In die-
sem „kommt" sie aber wirklich; es ist dies nicht bloss eine
„Wirkung" der Sonne; sie ist selbst in ihm mit ihrer Licht-
natur. So ist sie dann so gut bei uns auf Erden als am Him-
mel; allerdings, mogen wir hinzufügen, nur so, aber auch ganz
so, wie es für die Erde taugt, um sie aus einer dunkeln zu
einer erleuchteten zu machen, oder so wie es für uns Men-
schen taugt und werthvoll ist, um uns Licht zu bringen. Wir
erfahren also, sozusagen, die ganze Sonnenwohlthat, obwohl
die Sonne am Himmel bleibt und wir auf Erden; wir haben
die Sonne mit allem, was sie uns Sonnenhaftes gewahren
kann und soll. Ganz ahnlich ist es mit dem Kommen der
fix<ri\\eix zu den Menschen auf Erden. Die fixeiteia., die Gott
im Himmel hat, bleibt dort, er behalt sie dort, aber im be-
stimmten Zeitpunkt, durch das Wiederkommen des Messias
kommt sie mit ihrem Glücke auch zu uns auf Erden. In ihm
„kommt" sie aber wirklich; es ist dies nicht bloss eine Wir-
kung der im Himmel befindlichen fixo-tieix; in ihm ist sie selbst
mit ihrem Glücke. So ist sie dann so gut bei uns auf Erden
als im Himmel, allerdings, können wir wieder sagen, nur so,
aber auch ganz so, wie es für uns taugt, um uns selig zu
machen. Wir erfahren die ganze Himmelreichswohlthat, ob-
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166
DIE LEHBE VOM BEICHE GOTTES
wohl das Reich, das Gott im Himmel hat, dort bleibt und
wir auf Erden bleiben. Wir haben es mit allem, was es
Himmlischgutes uns gewahren kann und soll. Erst in der
Apokalypse flnden wir die Öache plastisch-sinnlich dargestellt,
wenn sie von einem „Herabsteigen" des neuen Jerusalems
aus dem Himmel redet. Das heisst, die fiowihtlx, sofern sie
auf Erden sein soll, wird damit als eigene Grosse gefasst
und als solche unterschieden von der fixvixei», die im Him-
mel ist und in ihr kommt, als neues Jerusalem im Unter-
schied von dem cipxvóc, wie wir ja auch wohl das auf der
Erde sich verbreitende Sonnenlicht wieder von dem Sonnen-
körperlicht unterscheiden können und desshalb von einem
„Herunterkommen" jenes Lichts von jenem reden, obwohl es
ja an sich schon vorher und von jeher unten so gut ist als
oben und es nur erst in einem bestimmten Zeitpunkt für
uns „erscbeint" und so für uns und unter uns da ist. Das
Himmelreich, das so durch dies „Kommen" auf Erden wird
als ein dem Himmel entstammendes, ist aber, fügen wir noch
hinzu, nicht etwa nur eine einzelne, erste Form des Erschei-
nens des im Himmel befindlichen auf Erden, neben der noch
andere möglich waren oder auf die noch andere folgen könn-
ten oder sollten, sondern es ist die einzige. Daher ist auch
immer nur, wie wir im ersten Abschnitt betonten, von Einem
Himmelreich, das kommen soll, die Rede. Und umgekehrt
bestatigt letzterer Umstand das erstere, was ja freilich sich
an sich daraus ergibt, dass mit diesem kommenden Himmel-
reich das Ziel, der Vollendungsstand kommt.
Dass diese ganze Lehre vom Kommen des Gottesreichs durch
den Messias sich an das Danielbuch anknüpft, haben wir im
allgemeinen schon im Eingang erwahnt und nennen nur noch
die specielle Stelle Daniel 2, 44. Allein es ist nun auch
zugleich zu constatieren, dass dieselbe sich keineswegs mit
dein deckt, was jene Verheissung bei Daniel sagt. Denn in
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               167
letzterer heisst es, der Gott des Himmels werde ein König-
reich „aufrichten", das ewiglich bleiben werde, wahrend es
alle anderen Königreiche zermalme. Von dera politischen Cha-
rakter, der hier diesem künftigen Königreich zugeschrieben
wird, sehen wir ab, denn darum handelt es sich ja, wie wir
wissen, bei dem Gottesreich, von dem Jesus redet, ohnehin
nicht. Dagegen sei darauf hingewiesen, dass hier von einem
„aufzurichtenden" Reich die Kede ist, und insofern ist der
Gedanke doch ein wesentlich anderer. Meines Erachtens liess
man sich aber durch eine solche Aussage, wie bei Daniel
(die auch in einer Stelle, wie Acta 1, 6 nachklingt) leichthin
bestimmen, danach auch die Aussagen in den Evangeliën von
der (Sotaixeia tcv ésoü zu verstehen, und doch hatte in der
Zwischenzeit eine Umformung der Anschauung stattgefunden.
Schaute die Hoffnung betreffend das zu erwartende Heil erst
einfach vorwarts und erwartete es als ein künftig ganz neu
werdendes und schaute aufwarts nur in dem Sinn, dass es
durch Gott auf Erden werde beschafft werden: so wurde es
spaterhin mehr und mehr als ein im Himmel schon fertig vor-
handenes betrachtet, bzw. erkannt, das dann aber von dorther
kommt. Wir haben also keine, ich möchte sagen, bloss dynamis-
tische Betrachtungsweise, sondern eine substantialistische, zu-
sammenhaugend damit, dass der jetzige Aeon als zu entleert
von allem Göttlichen, von allem, worin das Heil der Menschen
besteht, erscheint. Es muss alles Heil einfach als ein Novum,
ein direkt Göttliches oder Himmlisches, direkt von oben her
in die Welt eiiitreten. Es kann nicht an das, was schon da
ist, angeknüpft, nicht damit selbst in die Bahn des Heils
eingelenkt werden. Jener Entleerung wird aber dann auf diese
Weise um so vollstiindiger ein Ende gemacht, sie schlagt in
das Gegenteil einer Fülle um. Die Welt empfangt ja nur
um so unmittelbarer und darum um so reiner und voller
einen göttlichen Inhalt von oben her. So ist denn vor allem
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108                        DIE LEHKE VOM EEICHE GOTTES
der Mittler des erwarteten Heils selbst so aufgefasst. Nach der
prophetischen Verheissung kommt er doch wesentlich aus
Israël d. h. Gott erweckt ihn (aus dem Hause Davids) als
ein ob auch neues „Gewachs". Er wachst eben doch diesem
Namen gemass aus dem, was schon da ist, durch Gottes
Fügen heraus. Nun aber ist der Messias vielmehr schon im
Himmel priiexistent und kommt direkt von dort her. So z. B.
ganz deutlich in den Bilderreden des Buchs Henoch; auch
im vierten Buch Esra, dessen Abfassungszeit freilich unsicher
ist. Vgl. Schürer, Gesch. des Volks Israël II, 448 f. Gerade
ebenso nun wie der Messias selbst kommt das Gottesreich
mit ihm und durch ihn von oben her, wo es ja vorher schon
ist. Er bringt es, nicht gründet er es, richtet es auf. Sowird
denn z. B. in einer Stelle in der Pesikta, auch im Midrasch
rabba zum Hohelied von der Diottf mobü einfach in n^n aus-
gesagt. Also sie wird nur „geoffenbart", tritt aus ihrer Ver-
borgenheit im Himmel, wo sie vorher war, hervor. Es wird,
könnten vvir sagen, das vooópevw zu einem Qxtvófisvov. Und
der Sache nach liegt ja derselbe Gedanke dem Theologumenon
vom himmlischen Jerusalem, das auf die Erde herabkommen
wird, zu Grund, das, wie wir vorhin horten, in der Apoka-
lypse wiederkehrt, das wir aber schon im Henochbuch, .4
Esra, Apok. Baruch (wo es aber neben der Lehre von einem
Wiedergebautwerden des zerstörten irdischen Jerusalem her-
geht) finden. Anknüpfungspunkte hat übrigens diese An-
schauung, dass die Heilsgüter schon im Himmel praexistieren,
um von da zu den Menschen gebracht zu werden, schon im
Alten Testament, namentlich in den Verheissungen von dem
neuen Jerusalem bei Ezechiel c. 40 ff.; Jes. 54, 11 ff.; 60;
Hagg. 2, 7—9. Sach. 2, 6-17.
Nun auf dem Boden dieser Anschauung steht auch Jesus
nach unseren Evangeliën, wenn wir anders die /3«<nAs/«-lehre
der Evangeliën für achte Jesus-lehre halten und nicht den
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             169
eschatologischen Charakter derselben als judaistische Eintra-
gung oder Übermalung betrachten nach der im 6ten Abschnitt
abgewiesenen Ansicht. Dass er auf diesem Boden steht, ergibt
sich ja von selbst aus seiner Lehre von seiner Parusie. Wie
er selbst dabei, sozusagen, fertig und ganz vom Himmel
her kommt, so auch mit ihm das Gottesreich; mit ihm tritt
es aus seiner Praexistenz und blossen Transscendenz heraus,
— dieselbe wird zur Prasenz — um den Menschen auf Erden
das Heil zu bringen. Eben weil es aber im Himmel praexistiert
und darum direkt von dort aus kommen muss, um über-
haupt zu kommen, so kann auch nicht die Rede davon sein,
dass Jesus es oder auch nur den Anfang davon wahrend sei-
nes Erdenlebens schon gebracht hatte. Er hatte da ja noch
keinen Zugang dazu bzw. konnte da noch nicht darüber dis-
ponieren. Er konnte da nur erst für dasselbe Raum schaffen
und werben, bzw. auch, wie wir sahen, dessen Kommen durch
sein Handeln und sein Sterben vorbereiten und anbahnen.
Wahrend aber nach jüdischer Erwartung dieses direkt vom
Himmel her erwartete, heilbringende Reich dann doch wieder
auf Erden als ein irdisches, in irdische Formen eingehendes,
auf irdische Segnungen zielendes sich erweisen soll, behalt es
nach der Lehre Jesu seinen himmlischen Charakter, soll,
wie wir sahen, die Erde wirklich himmlisch machen. Es wird
nicht bloss mit dem Kommen vom Himmel Ernst gemacht,
sondern auch mit dem Kommen speciell vom Himmel.
Die Frage nach Übereinstimmung unserer drei Schriften
fallt hier weg, da es sich ja in unserem Abschnitt wesent-
lich nur um den Ausdruck (3. tüv ovpxvüv handelt. Und den
hat, wie wir wissen, nur Matthaus. Also hierin, in Absicht
auf den Ausdruck, besteht natürlich Nichtübereinstimmung,
sachlich aber besteht lediglich keine. Denn der Ausdruck
/3. toü êsoü schliesst schlechterdings nichts aus von dem,
was von dem anderen Ausdruck und seiner Bedeutung gesagt
«
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•»
170                           DIE LEHKE VOM KEICHE GOTTES
wurde. Er verwischt bloss mit seiner Allgemeinheit das Spe-
cifische dieses anderen Ausdrucks. Denn das Reich, das
G-ott nat (j3. roü ieov), ist ebensowohl ein Reich, das G-ott
im Himmel hat, als ein solches, das er als ein vom Himmel
stammendes dann auch auf Erden hat. Und es spricht diese
unbestimmte Allgemeinheit des Ausdrucks: (3. tov 6eov gegen
seine Originalitat, die concrete Bestimmtheit des anderen
Ausdrucks dagegen für dessen Originalitat, womit aber
nicht ausgeschlossen ist, dass nicht auch neben dem letzteren,
als dem eigentlichen, specifischen, der andere, allgemeinere
ab und zu gebraucht werden konnte. Das Genauere sagte ja
dann /3. r&v ovpocvüv, und nicht immer gerade that es not,
dies Genauere zu betonen. Sachlich, wie gesagt, schloss der
allgemeinere Ausdruck das, was der andere sagte, lediglich
nicht aus, sondern ein; nur sprachlich trat es nicht hervor.
Sclilussbetraclitung.
Am Schluss unserer Untersuchung über die Lehre von der
(ZxeiXeix in der ersten Schriftengruppe stehend, werfen wir noch
einen kurzen Rückblick auf das Ganze mit zwei Bemerkungen.
1. Wenn wir uns vergegenwartigen, dass unser Begriff in
der zweiten Schriftengruppe ganz zurücktritt (in manchen
sonstigen Schriften des Neuen Testaments überhaupt fehlt), so
ist so viel unbestreitbar, dass wir es in unserer Schriften-
gruppe, wo er vielmehr so stark im Vordergrund steht und
zwar wesentlich mit ganz gleichem Sinn, mit einem bestimm-
ten, ihr eigentümlichen Lehrtropus zu thun haben, durch wel-
chen sie sich von den Schriften der zweiten Gruppe unter-
scheidet und der desshalb deutlich auf eine gemeinsame Quelle
hinweist, der er entstammt. Sonst ware dies ziemlich gleich-
m&ssig starke, wenn auch im ersten Evangelium starkste
Hervortreten nicht erklarlich, da die Verfasser doch sehr
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IN DEN SCHHIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               171
verschiedenen Zeiten und Kreisen angehören und jeder wieder
seine Eigentümlichkeit hat, auch seinen besonderen schrift-
stellerischen Zweck, ja der Verfasser des dritten Evangeliums
wohl einem Kreise angehörte, in dessen Schriften, wie wir
finden werden, dec, Begriff ganz zurücktritt, dem paulinischen.
Was ist aber die gemeinsame Quelle? Eine Schrift oder nur
mündliche Überlieferung? Nun gewiss zunachst Beides. Aber
sollte es nicht das natürlichste sein, anzunehmen, dass die
Quelle in letzter Beziehung d. h. die Quelle jener gemeinsamen
schriftlichen Quelle, die wir statuieren mochten, und die der
mündlichen Überlieferung die Aussagen dessen waren, von
dem die Evangeliën sie berichten und auf dessen Aussa-
gen auch die wenigen eigenen der Verfasser sich gründen?
das natürlichste, anzunehmen dass in diesem bestimmten
Lehrtropus eine bestimmte Individualiteit zum Ausdruck
kommt, von der er stammt, namlich die Individualiteit
Jesu (womit das Vorhandensein von manchen Zusiitzen, die
nicht Jesu selbst angehören, sondern nur den Evangelisten,
bzw. ihren Quellen nicht ausgeschlossen ist)? Der ergiinzende
Beweis liegt, meine ich, darin, dass wir, sobald wir in den
Bereich der Schriften kommen, welche keine Aussagen von
Jesu berichten, auch fast keine Aussagen über unseren Be-
griff mehr lesen. Schon in den Acta, die, soweit noch von
Jesu berichtend, auch von unserem Begriff reden, werden sie
dann weiterhin schon sehr selten, obwohl doch von der
urapostolischen Predigt die Rede ist, es sind nur noch Nach-
klange der Lehre Jesu bei den Synoptikern. Das Johannes-
evangelium wird man nicht dagegen anführen wollen in dem
Sinn, es berichte auch so gut wie nichts von unserem Begriff,
und berichte doch Aussagen Jesu. Will man etwa desshalb die
/3«i7/Af/a-aussagen der Synoptiker Jesu absprechen? Ich denke
nicht. Darin dass das Johannesevangelium, obwohl ganz anders-
artig, doch (und zwar an bezeichnender Stelle, wie wir spater
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172
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
sehen werden) von der fixvtteix redet, wei] es Evangelium-
schrift ist, liegt sogar mit ein Beweis, dass auch von ihm der
/3*s-.-begriff als ein für Jesum recht speciflscher betrachtet wird.
2. Es ist unverkennbar, dass duren diese Lehre vom Kóm-
men des Himmelreichs, bzw. Gottesreich* die ganze Erschei-
nung Jesu als des Messias unter einen ebenso grossartigen
als andererseits einfachen und einheitlichen Gesichtspunkt ge-
stellt ist. Nichts Grossartigeres kann doch eigentlich gedacht
werden als die Lehre: In Jesu ist der Messias gekommen
und wird wiederkommen vom Himmel, damit durch ihn das
Reich, das Gott unbeschrünkt im Himmel selbst hat, als eine
Statte lauterster, vollster Seligkeit, vom Himmel auch zu
den Menschen auf Erden komme, um diese himmlisch zu ver-
klaren und Alle, die nur Jesu Jünger sind, aufzunehmen und
des Himmelreichsguts des ewigen Lebens teilhaftig zu machen.
Und zugleich wie einfach-und einheitlich diese Lehre! In dem
Einen, dass dieses Reich kommt, ist alles Heil beschlossen;
Jesus mit all seiner Arbeit, überhaupt seine ganze Erschei-
nung auf Erden mit seinem Geschick, also die Erscheinung
des Messias in Jesu zielte nur darauf, dass dieses Reich mit
seinem Glück und Heil (das durch sie zugleich mehrfach vor-
gebildet wurde) in möglichst weitem Umfang kommen könne,
möglichst Viele fande, zu denen es kommen kann; und
wieder aller Glauben an ihn und alles Eintreten in seine Jünger-
schaft zielt nur auf das Eine, ein Genosse dieses Reiches zu
werden und in den Genuss seines Heiles zu gelangen. Wie
ist zugleich in dieser Lehre Religiöses und Ethisches, Objek-
tives und Subjektives, Fügen und Geben Gottes und Ver-
halten und Empfangen der Menschen zusammengeschlungen
zu einem Gesammtgewebe, das nichts vermissen lasst, und
wie dabei das Beste und Höchste der vorchristlichen religiösen
Hoffnung festgehalten, aber gelautert von dem Staub sinnlich-
irdischen, fleischlichen Erwartens, der sich darauf gelegt hatte!
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               173
Und wohl ist ja die Erwartung des Kommens des Messias-
Jesus in Herrlichkeit und damit des Himmelreichs auf die
Erde innerhalb eines Menschenalters hinfallig geworden; und
bewusst oder imbewusst wirkte dies mit dazu, dass man
immer wieder und ganz gewöhnlich das Himmelreich als
(nicht etwa bloss subjektiv, sondern objektiv) schon in und
mit dem Gekommensein des Messias gekommen und in Kraf\'t
desselben schon in diesem Aeon, (wenn auch noch nicht voll-
kommen) kommend betrachtete, um ja desselben nicht ver-
lustig zu genen, — aber, wie wir uns überzeugten, ohne
exegetische Begründung. Ist auch jene Erwartung in ihrer
concreten, ursprünglichen Form hinfallig geworden, so be-
hielt und behalt einmal das Gekommensein des Messias-Jesus
seine volle Bedeutung. Das heisst, es gilt nicht nur fort und
fort die, wie in diesem seinem Gekommensein an sich, so
in seinen Erlösungsthaten und in seinem Erlösungstod lie-
gende, vorbildende und verbürgende wpótopf/ie des künftigen
Himmelreichsguts, sondern es ging und geht auch die für
das Himmelreich zubereitende und werbende, Raum unter
den Menschen schallende Arbeit durch die fortgesetzte Predigt
des Evangeliums desto gewisser fort in immer weiteren
Kreisen, so dass der Raum für das kommende Himmelreich
immer grösser wird, indem die Zahl der Jesusjünger sich
mehrte und mehrt und damit die Zahl der werdenden Himmel-
reichsgenossen. Und wie so jenes Gekommensein des Messias in
Jesu seine Bedeutung behielt und behalt, fortwirkte und fort-
wirkt, so auch die Hoffnung auf sein Wiederkommen mit dem
Himmelreich, dessen Nochausstehen, aber auch Nochbevor-
stehen, weil vorbereitet und verbürgt durch die genannten
Momente, für Jesu Jünger der bestandige Sporn des Treu-
bleibens und himmelreichsgemassen Verhaltens im jetzigen
Aeon ist und bleibt, damit sie das Ziel erreichen. So bleibt
und muss bleiben ihr ganzes Verhalten und Leben ein Leben
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174
DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
und Verhalten sub specie ceternitatis — könnte man sagen —
besser aber: in certa spe vitce ceternce und hat so unter allen
Umstanden Ewigkeitsgehalt. Freilich die Vorstufe, welche
so der jetzige Aeon immer erst noch bildet zu dem künftigen,
hat seither durch den Verlauf der Geschichte gewaltig an
Ausdehnung zugenommen, indem aus Einem Menschenalter
schon viele geworden sind. Will es uns dunken, sie sei allzu
breit geworden, man könne und solle nicht mehr bloss von
einer Vorstufe, einer Vorbereitung auf das Kommen des
Himmelreichs, welche in diesem Aeon stattünde, reden,
sondern man müsse aus der Vorstufe den Innenraum, dass
ich so sage, machen, aus der Vorbereitung die Sache selbst,
das Kommen des Himmelreichs"? Mit Unrecht. Einmal sollte
man sich freuen, dass, wie vorhin angedeutet, je breiter gleich-
sam die Vorstufe wird, desto langer die Thüre zum Innen-
raum offen bleibt, desto grösser die Zahl derer werden kann,
die das Glück haben werden, in denselben eintreten zu dürfen.
Sodann aber, ob eine Vorstufe als zu breit zu betrachten ist,
oder nicht, hangt doch ganz ab von der Breite des Innen-
raums, zu der sie führt. Stande eine Vorhalle von 10 Fuss
Breite nicht im Verhaltniss zu einem G-emach von etwa
nur 20 Fuss Tiefe, so doch wohl zu einem Saai von 100
Fuss Tiefe. Und so steht doch wohl eine Vorstufe — und
hatte sie auch eine Breite von 2000 Jahren — nicht im un-
richtigen Verhaltniss zum Innenraum, wenn dieser — die
Ewigkeit ist! Zudem aber, verkürzt sich nicht die Vorstufe,
und ob sie auch für die ganze Menschheit auf Tausende von
Jahren noch sich ausdehnte, in Wahrheit für den Einzelnen
auf eine wahrlich nicht grosse, oft sogar sehr kleine Summe
von Jahren ? Allerdings aber galt es für die christliche Lehr-
entwicklung, einmal auf der gegebenen Basis heilsgeschicht-
licher Betrachtung (doch nicht ohne wesentlich modificierte
Fassung gerade unseres Begriffs) auch das immer voller zum
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               175
Bewusstsein und zum Ausdruck zu bringen, was die Vorstufe
neben dem, dass sie für das Erlangen des Ziels extensiv und
intensiv zubereiten und werben soll, schon an sich selbst ge-
wahrt, was man auf ihr hat in Kraft der Heilsoffenbarung,
die schon geschehen, und in Kraft der Hoffnung auf ihre
Vollendung. Sodann aber war es angezeigt, dass die wei-
tere Lehrentwicklung auch, sozusagen, die direkte Linie
von dem Jetzt auf das Ziel hin zog rnit Absehen von der
aus der heilsgeschichtlichen Betrachtung sich zuniichst
ergebenden Unterscheidung von „Vorstufe" und „Innenraum",
von Erwartung und Erfüllung. Jenes erste, aber auch dies
zweite, womit dann die christliche Lehrentwicklung ihren
dogmatischen Abschluss gewinnt, wird uns in der zwei-
ten Schriftengruppe begegnen, zu der wir übergehen.
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ZWEITB SCHRIFTENGRUPPE.
Die ansser-synoptischen Schriften.
Dass diese Schriften jedenfalls das gemeinsam haben, dass
unser Begriff ganz in den Hintergrund tritt, wissen wir. Wir
könnten uns desshalb an sich darauf beschranken die ver-
haltnissmftssig wenigen Stellen durchzunehmen und unter Ver-
gleichung mit dera, was wir im ersten Hauptteil zur Fest-
stellung unseres Begriffs ausgeführt haben, dieselben darauf
ansehen, was sie über denselben lehren, ob das gleiche oder
anderes. Allein zur Vollstiindigkeit gehort denn doch noch
etwas mehr. "Wir mussen, weil jenes Zurücktreten etwas
auffallerides hat, auch die Frage ins Auge fassen und zum
mindesten bei den ihres Inhalts oder ihrer wirklichen (oder
vermeintlichen) Verfasser wegen am meisten ins Gewicht fal-
lenden Schriften zu beantworten versuchen, wie sich wohl
jenes Zurücktreten erklare.
Im Einzelnen sind die Schriften dieser zweiten Gruppe,
wenn sie auch in Absicht auf unseren Begriff dies gemein-
same Merkmal haben, wieder sehr verschiedener Art. Wir
mussen sie daher natürlich auseinanderhalten, und unterschei-
den vier Gattungen:
1. eine einfach referierende Schrift: die Acta. 2. eine visionar-
prophetische Schrift: die Apokalypse. 3. reine Lehrschriften:
die Briefe mit ihren verschiedenen Unterabteilungen. 4. eine
(aussorsynoptische) Evangelienschrift: das Johannesevangelium.
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4
IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESÏAMENTS.               177
1. Eine einfach referierende Schrift — die Acta.
Wir haben hier zuerst 1, 3 ff. noch einen kleinen Nachtrag zu
dem, was uns die Evangeliën bieten, also zu den Aussagen
Jesu selbst über die 0x<riKeix r. L Seine Reden in der Zeit
zwischen seiner Auferstehung und Himmelfahrt werden kurz-
weg als ein \\iysiv rit nep) rijs (3x7. tov êsov bezeichnet, wobei
wir bedauern mogen, dass der Verfasser sich darüber, was
er damit meint, nicht ausspricht. In der Hauptsache ist dieses
xèyen rx irep) ktX. doch wohl nicht als ein ganz allgemeines,
sondern als ein durch den besonderen Zeitpunkt, in welchem
es geschieht, bedingtes und veranlasstes zu betrachten, sofern
mit der Auferstehung Jesu eine wesentliche objektive Bedingung
des Kommens des Gottesreichs eifüllt war. War sie doch der
Anfang seiner Erhöhung, also der sichere Grund und die Burg -
schaft der Erfüllung dessen, was Jesus von seinem Wieder-
kommen zum Zweck des Bringens des Gottesreichs bisher
d. h. vor seinem Tode gesprochen hatte. Denken wir uns also
ein Bestatigen, ein in sichere Aussicht Stellen als wesent-
lichen Inhalt jenes ^kynv tx nê?) xrA., so zeigt dann aber doch
der kurze Bericht über ein Schlussgesprach Jesu mit seinen
Jüngern 1, 4 ff. wieder ein Ablenken von unrichtigem Sicher-
habenwollen dieser Gottesreichserwartung und ein Weglenken
überhaupt vom blossen Erwarten, vom Hoffen eines baldigen
am Ziel Stehens hin zu Aufgaben, zu Arbeit, um die es sich
handelt, zugleich auch und jedenfalls ein Berichtigen einer
noch in einseitigem Partikularismus befangenen Gottesreichs-
erwartung. Setzen nemlich die Jünger das Kommen des Got-
tesreichs in unmittelbare Beziehung zu Israël, indem sie das
„Wiederaufrichten des Reichs fïïr Israël" d. h. also die Wie-
derstellung des (davidischen) Königtums, natürlich in höherer
Potenz, in vollendetem Mass erwarten, so erweitert Jesus
den Bliek bei aller Anerkennung des ersten Rechts Israels
12
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178                        DIE LEHEE VOM BEtCHE GOTTES
und zieht nicht nur Samaria, sondern sogar die ganze Erde
in den Gesichtskreis zunachst allerdings einer Aufgabe seiner
Jünger, dadurch aber doch zugleich auch der Aussicht, welche
die Gottesreichserwartung eröffnet. Und wenn in dergleichen
Frage die Jünger Jesu einen Zeitpunkt und zwar einen nahen
Zeitpunkt fixiert zu sehen wünschen und hoffen (für ihre
Erwartung), so bezeichnet Jesus jedes Fixieren, überhaupt aber
jedes Wissenwollen eines Zeitpunkts als ungehörig. Er bestatigt
also wieder das unerwartet Eintreten der erwarteten Kata-
strophe und weist vielmehr die Jünger auf eine von ihnen
zu erfüllende Aufgabe hin, zu der sie die Ausrüstung durch
den Empfang des heiligen Geistes erhalten sollen. Sie sollen
Zeugen für ihn sein. In ausdrückliche Beziehung ist dies nicht
gesetzt zu der Erwartung des Gottesreichs. In dem Zusam-
menhang aber, in welchem es gesagt ist, muss es doch fast
notwendig als in Beziehung dazu stehend gedacht werden
und zwar in derselben, in welcher wir oben die Thatigkeit
Jesu selbst auf Erden als dazu in Beziehung stehend bezeich-
neten, nemlich dass dadurch dem Gottesreich und seinem Heile
Boden, möglichst umfassender Boden für sein Kommen be-
reitet, dies Heil also möglichst Vielen zu Teil werden solle.
So stimmt, wie wir sehen, dieser kurze Nachtrag zu den
synoptischen Evangeliën zu dem dort Gefundenen, bietet auch
nichts Weiteres über Jesu Gottesreichslehre, so dass es in
keiner Weise geboten war, ihn schon dort mit in Betracht zu
ziehen. Es genügt, die Richtigkeit des dort Gefundenen we-
nigstens in den genannten Punkten durch diese Aussagen im
Eingang der Acta zu bestatigen.
Etwas Neues aber ist, aus dieser Schrift zu erfahren, wie
sich nun die Jünger Jesu als Apostel in ihrer selbstandigen
Predigt weiter hin zu der Gottesreichslehre stellten. Allein
wir erfahren darüber ausserordentlich wenig d. h. horen gar
wenig sie vom Gottesreich reden oder auch nur berichtet,
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               179
dass sie davon redeten. Sol)te das seinen Grund nur in dem
Autor haben, der eben wenig davon mitteilt, oder im Sach-
verhalt selbst, dass die Apostel wirklich vom Gottesreich wenig
redeten ? Dass nur im ersten, möchte man daraus schliessen,
dass denn doch mehreremal als Inhalt der apostolischen Pre-
digt kurzweg die (Zxai\\iix t.S. genannt ist, so dass es den
Eindruck macht, es sei das Reden davon doch etwas Gewöhn-
liches gewesen, wenn auch der Autor es nicht öfter erwahnt
(8, 12; 14, 22; 19, 8; 20, 25; 28, 23. 31). Wenn wir aber
auch das annehmen: irgend eine Andeutung darüber, was
vom Gottesreich gelehrt und bezeugt wurde, in welchem Sinn
und in welcher Richtung die Apostel davon redeten, erhalten
wir nirgends d. h. auch in jenen sechs Stellen nicht. Gerade
aber, dass darüber nichts gesagt ist, lasst doch wohl schliessen,
es sei desshalb nicht für nöthig gefunden werden, weil das,
was vom Gottesreich zu sagen, bekannt sei, bzw. es sei also
nichts Neues, nichts von dem, was in der Hauptsache in
den synoptischen Evangeliën als Lehre Jesu vorliegt, Abwei-
chendes über das Gottesreich gesagt worden; jedenfalls habe
der Autor es so angenommen, er denke, wo er von einem
Reden über dieses Reich berichtet, an nichts anderes.
Bedeutsam ist nun aber, dass von jenen sechs Stellen fünf
ein Reden des Apostels Paulus von der /3«o\\ r. ê. berichten.
Es ware das eine nicht unbedeutende Erganzung des Bildes,
das wir hernach aus den paulinischen Briefen gewinnen, wo
wir die (ZxetXeia so selten erwahnt, geschweige denn in den
Mittelpunkt der Erörterung gestellt sehen. Paulus ware also
danach bei seiner Predigt wesentlich anders verfahren als in
seiner schriftlichen Belehrung. Man wollte in der That dies
ohne weiteres aus diesen Notizen in den Acta schliessen,
und es ist wahr, nach den Evangeliën kann man sich ja
christliche Predigt kaum recht ohne eine Predigt vom Gottes-
reich denken. Allein gerade das, dass man sich unwillkühr-
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180                           DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
lich nach den Evangeliën die christliche Predigt als eine we-
sentlich vom Gottesreich handelnde denkt, macht die Sache
minder bedenklich. So dachte es sich auch der Verfasser
der Acta und lasst daher Paulus ebenfalls so predigen. Aber
dieselbe G-ründe, welche das starke Zurücktreten dieses Be-
griffs in den paulinischen Schriften erklarlich machen (wovon
nachher), machen es nicht wahrscheinlich, dass Paulus die @x-
vixeix t. S.
geradezu zum Gegenstand seiner Predigt gemacht
habe — ausser man wollte jene Schriften dem Paulus abspre-
chen. Dann natürlich steht jener Annabme nichts im Weg.
Kann und will man sich aber dazu nicht entschliessen, so
ist wohl anzunehmen, dass der Autor (welcher ja doch mit
dem Verfasser des dritten Evangeliums identisch ist) Paulus
eben so predigen lasst, wie er sonst die christliche Predigt
kannte oder freilich vielleicht nur sie sich dachte. (Anders
weiss es denn auch der erste Clemensbrief nicht 42, 3.)
Einen wirklich sicheren, geschichtlichen Bericht über die
Stellung der apostolischen Predigt zu unserem Begriff können
wir eben auch den Acta nicht entnehmen, sondern nur ein
Zeugniss davon, wie der Autor oder der Kreis, dem er ange-
hörte, dazu sich stellte. Und das war offenbar, dass er ihm
ein Hauptbegriff ist, recht im Mittelpunkt des Glaubens stehend.
Daher beschreibt er einigemal die apostolische Predigt, auch
die des Paulus, so, wie er es that. Darüber aber, was er
von der (3*<ri\\six t. 6. meint, welchen Begriff er davon hat
(oder die, von deren Predigt über sie er berichtet), erfahren
wir freilich so gut wie nichts. Dass sie aber auch von ihm
als eine „kommende" angesehen ist, zeigt im wesentlichen
doch schon jenes Gesprach mit Jesu, das er berichtet (1,4), wie
schon der Bericht von einem Reden Jesu darüber nach seiner
Auferstehung (1, 3); und welche Bedeutung die Zeugentha-
tigkeit der Jünger Jesu in Bezug darauf habe, haben wir ge-
sehen. Specieller ergibt sich, dass der Verfasser der Acta das
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I
IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               181
Gottesreich auch als ein kom men des angesehen habe, mit
kaum zu verkennender Deutlichkeit aus dem Ausdruck eöxy-
ytti&TÓxi Tijv (2«v.
Zugleich zeigt derselbe, dass dieses Kom-
men als ein Gegenstand der Hoffnung, also als ein hohes
Gut von ihm (bzw. von denen, von welchen er es aussagt)
betrachtet wird, und das Gleiche ergibt sich dann in derPau-
lusrede 14, 22 aus dem Gegensatz, in welchen das s\\ssp%s<r6xt
tU rijv (3x<t.
zu den êxitystt; gestellt ist. Und wenn wir die
xxipo) xvx\\pv$-euc in der Petrusrede (3, 20) als kurze Deutung
dieses Guts betrachten, so sind wir gewiss im Recht, ebenso,
wenn wir das ebendort und 1, 11 in Aussicht gestellte Wie-
derkommen Christi damit combinieren — auch wenn die Ver-
bindung jener xxipoi und dieses Wiederkommens mit einem
Kommen der (3x<riteix nicht ausgesprochen ist. Das, was Ziel
einerseits und andererseits was objektive Voraussetzung die-
ses Kommens nach den Evangeliën ist, haben wir jeden-
falls in unserer Schrift an jenen xxipoi und an diesem Wieder-
kommen Christi. Und auch die subjektive Bedingung der Er-
reichung jenes Ziels fehlt nicht in der Petrusrede 3, 19; wir
haben es an der Mahnung zum fisrxvoeTv und iino-Tpécpeiv.
Soweit also überhaupt in den Acta etwas von unserem
Begriff vorkommt, befinden wir uns offenbar ganz auf dem
Boden der in den Evangeliën gefundenen Anschauung.
2 Eine visioniir-prophetische Schrift — die Apokalypse.
Es muss hier zunachst ein Negatives auffallen und muss
desshalb ins Auge gefasst werden, namlich dass wir unseren
Begriff direkt und ausdrücklich, eben mit diesem Namen:
„Gottesreich" „Himmelreich" in dieser Schrift nicht fin-
den, in der wir ihn doch wegen ihres stark ausgepragten
eschatologischen Charakters am ehesten, fast sicher erwarten
mochten. Ganz verkehrt aber ware es, wenn man daraus
einen Rückschluss auf die Evangeliën machen d. h. schliessen
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182                        DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
wollte, unser Begriff sei dort eben keineswegs wesentlich der
eschatologische, wie wir ihn fassten, er meine vielmehr et-
was, was schon jetzt vorhanden in der Jüngermeinschaft, wenn
auch da noch nicht vollendet, meine ein rein geistiges, inner-
liches Reich, wenn auch die Vollendung erst bevorstehe.
Ganz verkehrt ware das; denn die Apokalypse mit ihrer aus-
gebildeten Eschatologie ist ja nur eine reiche Variation über
die Lehre der Evangeliën vom Gottesreich und letztere nicht
etwa ein Thema ganz anderen Inhalts. D. h. wir finden un-
seren Begriff nicht direkt in der Apokalypse nicht etwa
desshalb, weil sie ihn überhaupt nicht hatte brauchen können
als eine nicht eschatologischen, noch weniger freilich desswegen,
weil er ihr als ein zu stark eschatologisierender nicht con-
form gewesen ware, sondern nur desshalb, weil er ihr nicht
genügte für ihre Eschatologie. Das damit aufgestellte Pro-
gramm, wenn ich so sagen darf, war ihr noch nicht voll-
standig genug, auch nicht in der entwickelsten Gestalt,
welche es in der eigentlichen Parusierede Christi (Matth. 24
mit Parallelen) hat. Denn sie entwirft in weitgesponnener,
weiterer Ausführung dieser Rede ein reiches, unendlich far-
benreiches Gemalde von der Zukunft. Grundton ist auch hier
gerade das, was Kern der evangelischen Gottesreichslehre ist,
das bevorstehende und zwar bald bevorstehende Kommen
Christi, — Grundton, der überall von Anfang bis Ende
durchtönt. Erhöht ist ja Christus in den Himmel in Folge
seines Sieges über den Tod zu gottgleicher Weltherrschaft.
In königlicher Majestat schaut ihn der Apokalyptiker und
schildert dieselbe in den starksten Farben. Damit ist auch
der Sieg über den Satan errungen, aus dessen Knechtschaft
er die Menschen schon durch sein Blut erkauft hat, und die
fixvitelx d. i. Herrschaft ist Gottes und seines Messias ge-
worden. Aber zumichst doch nur principiell; Satans Wirk-
samkcit ist noch keineswegs vernichtet. Vielmehr entrollt
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             183
sich ein grosses eschatologisches Drama als letzter Kampf
zwischen Gott und dem Satan, den Gott gerade duren den
Messias siegreich hinausführt. Dieser kommt (wieder) zum
Gericht; der Satan wird gefesselt, und nun kann das Reien
des Messias auf Erden beginnen. Aber das bedeutet noch
keineswegs das Kommen des Himmelreichs im Sinn der Evan-
gelien; denn damit kommt noch nicht der Abschluss und
die Vollendung. Jone Herrschaft des Messias ist von zeitlich
begrenzter Dauer (1000 Jahre im Anschluss an Vorstellungen,
die sich vereinzelt auch in der jüdischen Messiashoffnung
ünden z. B. IV Esra und Apok. Baruch, wo eine Dauer von
400 Jahren angenommen wird). Der Satan wird wieder frei,
aber allerdings nur, um dann für immer besiegt zu werden.
Damit tritt das Weltgericht ein, zu dem alle Todten aufer-
weckt werden, um entweder dem zweiten Tod überantwortet
zu werden oder das ewige Leben zu erlangen. Denn nun
kommt das neue Jerusalem vom Himmel hernieder, in wel-
chem die Heiligen, die in Glaubenstreue ausgeharrt haben
und die aus allen Völkern gesammelt sein werden, ewig in
fleckenloser Reinheit, in göttlicher Seligkeit und Herrlichkeit
leben. In diesem neuen Jerusalem erscheint also erst das,
was die Evangeliën mit dem Gottesreich, das komme, meinen,
tritt die Vollendung ein. Ist dann auch, wie wir sehen, das
Mesiasreich sehr bestimmt von dem Gottesreich selbst unter-
schieden, so ist damit doch nicht gesagt, dass die Herrschaft
Gottes im neuen Jerusalem nicht ein Mitherrschen Christi in
sich schlösse.
Überblicken wir das Gesagte, so kann auf die Frage, ob
die Apokalypse die Lehre der Evangeliën von dem Himmel-
reich und seinem Kommen durch Christum habe oder nicht,
mit „ja" und „nein" geantwortet werden, wie man von einer
reich entwickelten Variation über eine Melodie sagen kann,
sie sei das betreffende Lied oder sie sei es nicht. Wer in
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184                           DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
der einfachen Melodie das Lied sieht, wird geneigt sein, es zu
verneinen, wem erst die Variation die volle Darlegung der
Gedanken des Lieds ist, wird es bejahen. Die Frago, ob das
Lied (die Evangelienlehre vom Himmelreich) in der Variation
(der apokalyptischen Lehre) noch ganz rein, nur voller wie-
derklingt und insofern die Variation ein Fortschritt und Ge-
winn ist, ein Gewinn an christlicher Lehrerkentniss, oder ob
das Gegenteil der Fall sei, mag hier aufgeworfen werden; ihre
Beantwortung gehort aber nicht hieher. Dass die Grundgedan-
ken festgehalten sind, wir also keine im Wesen andere Lehre
vom Gottesreich hier finden als bei Jesu, auch in Absicht
auf die Lehre vom Kommen des Gottesreichs, das steht
fest; und welches die hauptsachlichste Bereicherung bzw.
Weiterbildung eben dieser Lehre sei, haben wir gehort. Die
Specialzüge, namentlich das über die vorhergehenden Kampfe
und Noten Gesagte, gehören nicht zu unserem Thema.
3 Reine Lelirschriften — die Briefe.
Den Umstand, dass der erste Brief Petri, obwohl er
kraftig auf\' das Endziel des christlichen Glaubens hinweist,
so dass man wohl schon den Verfasser geradezu den Apostel
der Hoffnung genannt hat, gar keine Spur von unserem Begriff
enthitlt, wird man ebenfalls nicht in der bei Besprechung der
Apokalypse soeben angedeuteten Richtung verwerten wollen
d. h. zu einem Beweis dafür, dass unser Begriff nicht ein we-
sentlich eschatologischer sei und sein könne. Man könnte dazu
ohnehin nur dann etwa geneigt sein, wenn diesem Brief zeit-
lich die Stelle zukame, die z. B B. Weiss ihm zuschreibt, d.h.
wenn er entschieden vorpaulinisch ware, also in die Anfangs-
zeit der christlichen Kirche und Predigt fiele. Anders aber
steht es, wenn wir ihn in einer Zeit anzusetzen haben, wo
wir unserem Begriff auch sonst kaum mehr begegnen, nament-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               185
lichalso, wenn wir den Verfasser als von paulinischen Briefen
stark abhangig zu betrachten haben. Da ware es denn doch
seltsam, den Gebrauch unseres Begriffs, wenn er ein escha-
tologischer sei, beim Reden vom Gegenstand der christlichen
Hoffnung geradezu zu erwarten und aus dem Nichtgebrauch
jenen Schluss ziehen zu wollen, der Begriff sei eigentlich kein
specifisch eschatologischer. Der Nichtgebrauch erklart sich dann
vielmehr aus denselben Gründen, aus denen der so seltene
Gebrauch in den paulinischen Schriften zu erkliiren ist, was
dort zur Sprache kommt. Da ohnehin der Brief ja keines-
wegs bloss eschatologische Betrachtungen anstellt oder auch
nur vorwiegend das thut, vielmehr so recht und ausführlich
die Christen mit dem, was sie haben und was sie sollen,
und zwar als Gesammtheit (vgl. 2, 5. 9) ins Auge fasst, so
könnte man ebensogut den umgekehrten Schluss machen. Wenn
unter Gottesreich vielmehr in den Evangeliën in erster Linie
oder doch wenigstens hauflg auch die Jüngergemeinschaft ver-
standen ware, diese zunachst das wenn auch nicht voll-
endete Gottesreich reprasentierten, dann könnte man, zumal
bei Annahme einer frühen Abfassung des Briefs in noch vor-
paulinischer Zeit, es auffallend ünden, dass dennoch nichts
von diesem Gottesreich, das die Christen in ihrer Gesammt-
heit sein sollen, verlautet. Es ware dann das Reden vom
Gottesreich um so naher gelegen gewesen, da der Verfasser
mit Anwendung der Pradicate „/3«<r/Af<ov UpxTsvftx", „tövo<;
xyion",
„A«o$ tU irepiwoivi<rtv" auf die Christen in gewissem
Sinn an eine solche Gottesreichsdeutung anstreift.
tt. DER JAKOBUSBRIEF.
Unverkennbar berührt sich der Gedankenkreis dieses Briefs
in manchem Betracht mit dem synoptischen. So treffen wir
denn auch unseren Begriff wieder, wenigstens einmal 2, 3, was
damit zusammenstimmt, dass der Brief von der Parusie des
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186                        DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
Herrn, speciell von der Nahe derselben redet 5, 7 ff., und
von letzterem geradezu mit dem Ausdruck: fiyyixs, der darm
v. 9 mit dem „Stehen des Richters vor der Thüre" wenigstens
nach der eigentlich gerichtlichen d. h. Strafe drohenden Seite
gedeutet wird. Was von der @x<ri\\eix gesagt wird (2, 5), er-
innert auch unwillkührlich an synoptische Aussprüche teils
im allgemeinen von den irruxoi, oi evxyyexityvrxt, teils an
speciellere, wie Luc. 6, 20 von den tttwxo!, uv èvTtv $ @x<r.
toïi ósov,
wenn nicht an Matth. 5, 3. Und was ist mit /3*<n-
Xil* gemeint? Nun wenn es nicht diese Beziehung auf die
irruxol an sich deutlich machte, so erhellt es aus der Aus-
sage selbst, die über sie gemacht wird. Sie ist ja „verheissen
von Gott denen, die ihn lieben." Durch sie wird also 1. dem
Menschen ein Gut zu Teil (vgl. die Ausdrücke: verheissen
und xxypovonelv an sich und den Gedanken eines vollen Er-
satzes der Armut, also eines Reichwerdens der nur erst im
Glauben Reichen auch an realem Besitz); 2. ist das Erlangen
des Reichsguts an eine Bedingung religiös-ethischer Art ge-
knüpft, iyxTr^v tov öeóv; 3. liegt das Erlangen dieses Gutes
in der Zukunft, und wir haben nach dem Gesagten doch
wohl das Recht, bei dieser Zukunft an die (nahe) Parusie
zu denken. Ob aber die @x<r. dann wie in den Synoptikern
als kommend gedacht ist, oder als im Himmel beflndlich
und bleibend, die Parusie aber als den Eingang in diese
himmlische (3x<r. vermittelnd, darüber kann bei der Kürze der
Aussage nichts entschieden werden. Bei der sonstigen Ver-
wandtschaft des Lehrtropus dieses Briefs mit dem der Synop-
tiker möchte man aber das erstere annehmen.
b. DIE PAULINISCHEN BRIEPE.
Wir fassen 9 Paulinisch" natürlich hier in dem allgemeinen
Sinn, dass damit alle Schriften gemeint sind, welche den
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               187
Namen des Paulus tragen, aber urn nachher wieder Unter-
schiede zu machen.
Auf die Thatsache, dass „der leitende Gedanke Jesu" (nem-
lich die Lehre vom Reiene Gottes) in den Briefen überhaupt
und so auch in den Paulinischen nicht der herrschende sei,
hat z. B. Ritschl, Lehre von der Rechtfertigung und Ver-
söhnung II, § 33 ausdrücklich als auf etwas Auffallendes, das
erklart sein wolle, aufmerksam gemacht. Er sucht sie aller-
dings teilweise abzuschwachen durch Betonen von Gedanken
und Lehren, in welchen auch in diesen Schriften jene Lehre
doch eigentlich, wenn auch nicht direkt, zum Vorschein
komme, auch durch die oben besprochene, von ihm nicht
abgelehnte Vermuthung, Paulus könnte (nach den Notizen
in den Acta) wenigstens in der Predigt jene Lehre vorgetra-
gen haben. In der Hauptsache aber sucht er die Thatsache,
die ja so wie so stehen bleibt, zu erklaren in seiner bekann-
ten scharfsinnigen Weise. Allein die Erklarung steht im engsten
Zusammenhang mit seiner Fassung des Gottesreichsbegriffs
selbst, woninter er sittliche Organisation des ganzen Men-
schengeschlechts versteht, wonach es die specifische sittliche
Aufgabe der Jünger Jesu gewesen sei, „das Gottesreich zu
vollziehen", „es zu producieren". Da aber eine solche Fassung
des Gottesreichsbegriffs direkt derjenigen widerspricht, die
wir als die allein exegetisch zu begründende erkannt haben, so
können wir auf die Erklarung, die Ritschl von jenem „Zu-
rücktreten des leitenden Gedankens Jesu" in den Briefen gibt,
dass nemlich in diesen vielmehr die Bestimmung der Jün-
ger als cultischer Gemeinde, inK^crix, Gemeinde der christ-
lichen Gottesverehrung zur Sprache komme, nicht weiter ein-
gehen. Wir mussen, wie jene Fassung des Gottesreichsbe-
griffs selbst, so diese Erklarung des Zurücktretens desselben
in den Briefen a limine abweisen und eine andere Erklarung
dieser Thatsache suchen.
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DIE LEHBE VOM EEICHE GOTTES
Freilich ich möchte, was wenigstens die Paulinischen Briefe
und speciell Paulus selbst, also jedenfalls die wirklich von
ihm stammenden Briefe betrifft, zunüchst fragen: Ist denn
diese Differenz von der Lehre Jesu nach den Evangeliën im
Einzelnen eigentlich etwas so Auffallendes ? Das heisst, er-
klart sie sich denn eigentlich nicht von selbst aus der Stel-
lung, welche Paulus überhaupt zu der Lehre Jesu einnimt,
so dass man sagen muss: es konnte kaum anders sein? Davon,
dass er die Schriften, in welenen wir den Begriff der (3xvt-
Af/« t. S. als einen „leitenden Gedanken Jesu" jetzt finden,
d. i. die Evangeliën gekannt hatte, ist ja ohnehin nicht die Rede.
Aber wenn wir auch von diesen Schriften absehen, so kannte
er ja wohl überhaupt die specielle Lehre Jesu selbst nur
wenig. Was erfahren wir denn sonst von ihm aus derselben?
Nichts als die Einsetzungsworte des Abendmals, also auch
da nicht eigentlich ein Lehrstück. Lasst man also auch ganz
dahingestellt, was er von jener Lehre im Einzelnen wusste:
so viel ist gewiss, er nimmt ganz selbstandig Stellung zu
ihr. Er macht sich in keiner Weise von ihr abhangig, ja sie
ist ihm, wenn wir auch nicht sagen wollen, nebensachlich,
so doch gar nicht massgebend und bestimmend. Ersetztganz
wo anders ein mit seinem Lehren, nicht in Lehrstücken Jesu,
sondern in Thatsachen d. i. Glaubensthatsachen oder Glau-
benserfahrungen. Das, wovon er ausgeht, ist bekanntlich,
dass Jesus, der von den Juden getödtet wurde, den er im
gleichen Sinn verfolgte, auferstanden ist und himmlisch ver-
klart lebt. "Von da aus fiel ihm dann ein helles Licht rück-
warts auf Jesu Tod, so dass er in demselben etwas erkannte,
was nicht gegen Jesu Messianitat spricht, sondern für sie,
denselben verstand als das aus Liebe zu den Menschen Gott
dargebrachte Sühnopfer oder als das zum Heil der Sünder zur
Sünde Gemachtwordensein des Sündlosen. Hierin wurzelte
und hierauf ruhte „sein Evangelium", also seine ganze evan-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               189
gelische Verkündiging. Und als seine Aufgabe, als seinen
göttlichen Beruf erkannte er, von hier aus gegen den jüdi-
schen Nomismus, der auch ihn einst zum Gegner Jesu und
gegen die Erfüllung des göttlichen Heilsrats durch Jesum blind
gemacht hatte, in den Kampf zu treten, indem er mit aller
Energie den Glauben an diesen Jesum als den sicheren, aber
auch einzigen Weg zur hxxiw<ri<; geitend macht, der den Hei-
den ebenso wie den Juden offen stehe. Was man durch die-
sen Glauben hat, wie der Glaubige unter die Gnade Gottes
zu stehen komme (anstatt des Fluches, den das Gesetz bringt),
wie sich diese Gnade in der Mitteilung des irveü/zx und damit
in einem Wandel xxtx Tn/eüftx (anstatt xxrx trxpxx), in der
Einsetzung in die volle Gotteskindschaft und in der darin be-
gründeten Hoffnung künftiger Herrlichkeit als des himmlischen
Erbes offenbare, und wie die Glaubigen Einen Lieb bilden
mit vielen Gliedern, die einander dieDen sollen mit ihren be-
sonderen Gaben: das ist es, was zu lehren und einzupragen
er als seine Aufgabe erkennt, und was er lehrt und ein-
pragt in verschiedenster Weise. So seinen Weg gehend, auf
den er sich von Gott durch den auferstandenen und im
Himmel lebenden Christus, der sich ihm geoffenbart hat, ge-
stellt weiss, so sein Evangelium lehrend mit aller Selbstan-
digkeit und Originalitat, berührt er sich aber sachlich doch
wieder aufs starkste mit der Gottesreichslehre Jesu. Denn bei
allem Betonen dessen, was der Glaube schon in der Gegen-
wart an Christo hat, weiss auch Paulus es nicht anders als
dass das Besste. das eigentliche Ziel erst noch in der Zukunft
liege. Dass Jesus der Auferstandene und himmlisch Erhöhte,
der als solcher der Herr ist für die Seinen, in ïi%x (wieder)
kommen wird an seiner faipx, um das Gericht zu halten
und die Seinen zu der $ó%x zu fïïhren, deren Hoffnung, wie eben
gesagt, sie schon jetzt im Glauben haben, das glaubt und lehrt
er ja ebensogut, als Jesus selbst es gelehrt hat. In diesem
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190
DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
Punkt trifft er also mit der Lehre Jesu bei den Synoptikern
jedenfalls zusammen, und es kehren insofern bei ihm wesent-
liche Pramissen der synoptischen Gottesreichslehre wieder.
Und doch redet er so ganz selten von dem Gottesreiche!
Es steht, wie man gar nicht bestreiten kann, dieser Begriff
in keiner Weise im Mittelpunkt seiner Lehrentwicklung, son-
dern taucht nur ganz gelegentlich fast wie zufallig auf der
Bildflacho seines Lehrens auf, dass man eben nur sagen kann:
Er kennt ihn freilich auch und er hat für ihn Geltung. Da
mussen wir denn doch fragen: Wie erklart sich das? und
wir können mit der vorhin vorlauflg gegebenen Erklarung aus
der ganzen selbstandigen Stellung des Apostels die Sache doch
nicht für erledigt halten. Nun, erklart sich dies völlige Zu-
rücktreten der Gottesreichslehre bei ihm etwa so, wie spater
bei den Reformatoren der Umstand, dass sie gar manche
christliche Dogmen kaum berühren, jedenfalls sie nicht aus-
führlicher behandeln? Sie hatten eben ihre besondere Auf-
gabe, trieben gewisse bestimmte Lehren, um die es sich
für sie handelte, und die zu treiben sie berufen waren. Jene
anderen aber, über die sie sich nur wenig aussprechen, flel
ihnen nicht ein zu streichen oder zu verwerfen, sondern die
blieben für sie voll in Geltung. Sie standen fest, mit ihnen
war alles in Ordnung, desshalb brauchen sie sich darauf nicht
einzulassen. Ich glaube, dass die Anwendung hievon auf Pau-
lus und seine Stellung zu der Gottesreichslehre Jesu jeden-
falls nur ganz partiell richtig ware und das völlige Zurück-
treten derselben bei ihm sich vielmehr in der Hauptsache
daraus erklart, dass er wenigstens in Einem, aber freilich
wichtigen Punkte den Gottesreichsbegriff anders fasst, so
sehr er auch in anderer Hinsicht den synoptischen Begriff
teilt. Was aber diese angedeutete Differenz betrifft, so folgt
m. E. gerade aus diesem Zurücktreten unseres Begriffs ganz
unzweideutig so viel: sie besteht nicht etwa darin, dass Pau-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               191
lus mit Reich Gottes den Sinn verblinden natte, den wir für
die Synoptiker so bestimmt ablehnten, es bedeute oder be-
deute doch auch die Jüngergemeinschaft, oder in dieser sei es
zunachst vorhanden (also schon in der Gegenwart), wenn die-
selbe auch noch nicht seine vollendete Erscheinungsform sei.
Wenn dem so ware, dann meine ich, ware es doch mehr als
verwunderlich, dass wir im Kreis einer Lehre, welche, wie
wir sagten, gerade das, was die Christen jetzt schon in ihrem
Glauben an Christum haben und dass sie eine skkaW», dass
sie den Leib Christi bilden u. dgl. so betont, von dieser (3»-
(r/Af/« t. ê. so wenig geredet horen. Es ware das ja dann ge-
rade ein Begriff, der so recht hieher gehorte, von dem wir
also einen ausgedehnten Gebrauch gemacht zu finden erwarten
sollten, wie wir ahnliches kurz vorher in Betreff des ersten
Petribriefs bemerkten. Mir scheint es, es lasse sich gegen
diese Argumentation nicht viel einwenden. Nein, auch für die
Paulinische Lehre — um dies gleich kurzweg zu sagen — ist
„Reich Gottes" durchaus ein eschatologischer Begriff, nur frei-
lich dies wieder in anderem Sinn, als in der synoptischen
Lehre, so dass wir, wie sich zeigen wird, bei Paulus ihn
richtiger als einen wesentlich transscendentalen bezeichnen.
Doch sehen wir nun die Stellen, in welchen von der (3x<r.
t. ó.
die Rede ist, uns an, unterscheiden aber dabei, um ja
nicht etwa Ungleichartiges zu vermischen, die verschiedenen
Gruppen „Paulinischer" Briefe: 1. die Gruppe der unzweifeh
haft für acht zu haltenden oder doch insgemein für acht seit-
her gehaltenen vier ersten Briefe, denen wir aber doch wohl
auch, ohne viel Widerspruch zu finden, die beiden Thessalo-
nicherbriefe mit ihren zwei Stellen, die in Betracht kommen,
anschliessen dürfen; 2. die sogenannten Gefangenschaftsbriefe:
Epheser- u. Colosserbrief, da der Philipperbrief unseren Begriff
nicht kennt, und 3. die Pastoralbriefe. Der Brief an Philemon
kennt ihn ja ebenfalls nicht.
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DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
*. Erste Gruppe Paulinischer Briefe.
Am klarsten und einfachsten sind hier die Stellen Gal. 5, 21
und 1 Cor. 6, 9. 10, wesshalb wir gewiss am richtigsten mit
ihnen beginnen. Auffallen könnte hier freilich zunachst die
uns ganz neue Artikellosigkeit des Ausdrucks. Aber diese
macht aus der @x<r. r. L doch nicht auf einmal etwas ganz
anderes, als wir bisher fanden d. h. es ist nicht etwa zu über-
setzen: ein Gottesreich. Höchstens könnte man so übersetzen
wollen in dem Sinn, dass damit gesagt werden wollte: eine
Sache, wie das Gottesreich d. i. die so kostbar und wertvoll
ist wie dieses, so dass dann aber doch deutlich das Gottes-
reich, das bestimmte concrete Gottesreich, das einzige, das
es gibt, wieder im Hintergrund gleichsam stande, der Apos-
tel also eben doch in Wahrheit natürlich nur von Einem weiss.
Richtiger ist aber wohl zu sagen: das Gottesreich ist so ganz
ein Unicum, dass der Ausdruck geradezu zum Nomen pro-
prium
geworden ist und desswegen nach bekannter Regel
gerade des (determinierenden) Artikels entbehrt. Was dann
die Aussage über diese (ixvixeix betrifft, so ist klar: 1. auch
hier bedeutet Genosse des Gottesreichs werden nicht irgend
ein Verhalten (oder gar eine Aufgabe), sondern das Erlangen
eines Gutes und zwar des höchsten Gutes, der Seligkeit. Liegt
das schon an sich in dem Ausdruck: x^povofieTv, den wir
ebenso auch 1 Cor. 15, 50 finden, so erhellt es ganz deut-
lich aus dem ganzen Zweck der Aussage. Das Ausgeschlos-
sensein der hier genannten Arten von Menschen von der /3«<7.
soll ja ganz unzweideutig als schwerste göttliche Strafe, die
sie trifft, als Strafe des Verwerfens bezeichnet werden; das
Ktypov. der /3*o-. dagegen ist höchstes Glück. Also die Reichs-
genossenschaft bedeutet auch hier ein ersehntes Ziel, einen
Vollendungsstand. Und soweit wir dies einen eschatologischen
Gedankon nennen dürfen, so ist also die /3<*<r. t. ó. durchaus
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               193
ein eschatologischer Begriff. 2. Haben wir auch hier das
Bedingtsein des Erlangens dieses Gutes durch ein entspre-
chendes Verhalten, also das Gestelltsein unter eine ethische
Bedingung. Unsittlichkeit irgend einer Art schliesst unbedingt
von der /3#<r. t. S. aus.
Hiemit stimmt auch die Stelle Röm. 14, 17, aus der frei-
lich gewöhnlich ohne weiteres geschlossen wird, die (3»<r. r. 6.
sei etwas (jedenfalls auch schon) in der Gegenwart Vorhan-
denes. Sehen wir zu, ob dies daraus folgt, also hier wenig-
stens der Gottesreichsbegriff auftaucht, den wir stets abge-
wiesen haben. Wir mussen die Stelle rückwarts schreitend
erklaren, urn sie richtig zu verstehen d. h. wir mussen von
dem ausgehen, auf was der Apostel hinauskommt: und das
ist in v. 18 gesagt, es ist das euxpiTTcv t$ d«J> xx) dÓKtpoi/
to7? xvêpÜTTon ehxt. In den vorausgehenden Worten sagt er
nun, wodurch das erreicht wird, zuniichst negativ, nicht
durch fipöHTi? xx) noen;. Und was das hier meint, ist ja aus
dem Zusammenhang der Stelle klar. Es wird nicht erreicht
dadurch, dass ein Christ über die (jüdischen) Speiseverbote
erhaben ist, von ihnen frei, und daher keinen Unterschied
mehr macht zwischen erlaubter und verbotener /3/>«<n? oder
auch visiq — ein Walm, in welchem, wie wir vorher horen,
allerdings in Rom manche Christen standen, insofern wenig-
stens, als sie das als den richtigen, höheren, Christen gezie-
menden Standpunkt betrachteten, von dem aus sie auf An-
dere herabsahen. Oder wenn sie auch nicht gerade das positiv
als etwas Gott Wohlgefalliges betrachteten, so wiihnten sie
doch jedenfalls bei dieser Anschauung des göttichen Wohlge-
fallens nicht verlustig zu gehen. Ob auch "Sóxi^ot ro7« xvêpa-
Tzoml
danach zu fragen, daran dachten sie eben nicht, das
hielten sie nicht für nötig. Das ist ein Punkt, an den eben
erst der Apostel sie erinnert, bzw. er spricht aus, dass es bei
Christen denn doch gewiss auf Beides ankomme. Der Haupt-
13
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194
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
punkt aber ist und bleibt natürlich das Gott Wohlgefalligsein.
Also nicht durch @pü<ris xx) iréan; in dem genannten Sinn
wird das erreicht, sondern durch ein ïwhevsw tcj> XpurTcfi iv
toótoh
d. h. nach dem, was vorausgeht, iv ïucxioitijvyi xx) slpyvin
xx) xxP& iv ttv. xyiqi.
Und dies heisst natürlich: dadurch dass
man Christo dienstbar ist durch einen Wandel iv hxxtoaüvy
und iv tlpyvifl. Was lezteres meint, erhellt aufs deutlichste
aus v. 19, nemlich ein héxtiv tx tyh elp^vm. An das Nennen
dieser beiden, klar in einem bestimmten Verhalten bestehen-
den Bedingungen schliesst er aber dann mit %xp» iv irv. x<y.
noch etwas an, was natürlich zunachst nicht auch als eine
Bedingung erscheinen kann, sondern ein Accidens des zur
Bedingung gemachten Verhaltens der hxxiocvvv xx) elp^vt} ist.
Und doch gehort es naher zugesehen mit zu den Bedin-
gungen. Denn diese xxpx iv ttv. xyicp steht entgegen einer
%xp», die sich bloss aus dem Einnehmen jenes freieren
Standpunkts im Gegensatz zu dem beschrankteren Standpunkt
der Anderen ergibt, ohne dass Rücksicht genommen ware
auf das Aergerniss, das man ihnen gibt, das xvirslaêxi, ja
gar xnowbvxi derselben (v. 15), das daraus erwachst. Solch
eine %xpa. aber ist alles, nur keine %xpx iv irvnip. dytc/i. Also
gilt es, von solcher xxpx sich frei zu halten, bzw. streng dar-
auf zu sehen, dass die xxöine xxP* &> **• &yh sei und
bleibe. Insofern schliesst sich dies dritte Moment ganz an die
beiden vorherigen an und erganzt wesentlich die aufgestell-
ten Bedingungen, oder in allen drei Momenten ist das Ver-
halten gezeichnet, durch das man als einen SoDao? toü Xpiaroü
sich erweist und damit des göttlichen Wohlgefallens allein
gewiss ist. Doch weil eben dieses Verhalten den Christen
einzuscharfen dem Apostel die Hauptsache ist, so redet er
nicht bloss von dem göttlichen Wohlgefallen (nebst dem SJx/-
pog Tol? xvópwiroig ehxi) als davon abhangend, sondern er führt
von vorne herein noch eine starkere, ich möchte sagen, plas-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               195
tischere Instanz vor, indem er auch von der (3x<ri*.elx r. ê. redet.
Um diese d. h. darum, diese zu ererben, muss es doch allen,
die Christen sind, absolut zu thun sein; das ist ja ihr klares,
wohlbekanntes, höchstes Ziel, das sie erreichen sollen. So
spricht er denn aus: dieses erreicht man schlechterdings nur
durch das in jeden drei Momenten gezeichnete Verhalten, weil
eben, wie dann v. 18 zeigt, nur o êv toótoi? Soua. t£ Xp. evxpes-
ros
Tijü êsp xta., und — ist natürlich der Gedanke — doch
nur, wer das ist, honen kann, der (3x<r. r.6. teilhaf tig zu
werden. Statt dann aber weitlaufiger lehrhaft entwickelnd etwa
zu sagen: „eu yxp xXypovofiel tyiv (3x<r. t. 6. i fiifipclxrxcov xx)
\'o nlvuv
(in dem genannten Sinn), «aa« o iripiirxTüv êv lixxiovuvy
xx)
ó diÜKav tx Tij? elpiïvys xx) ó %xlpm êv ttv. xy." drückt er
sich sententiöser, scharfer aus, indem er schreibt: ov yxp êo-nv
vi (3. t. ê.
Damit sagt er, wie weit jenes (3t(3pc!><rxeiv xx) vhsiv und
andererseits die (3xa-. r. 6. auseinanderliegen, wie sehr und
ganz %ixxio<T. xta. und diese (ZxetXëlx zusammengehören, indem
sie einem solchen Verhalten eben so gewiss ist, als man mit
jenem ersten sie verscherzt, jedenfalls nicht das mindeste
Anrecht an dieselbe gewinnt. Also auch hier ist ganz sicher
die 0x<r. t. S. gar nichts anderes, als was sie immer ist, sie
ist der Bereich des höchsten Gutes, bzw. das höchste Gut
selbst und davon, dass es eine (3x<r. r. 6. schon in der Gegen-
wart gebe, eine solche, die an der Christengemeinde auf Er-
den ihre wenn auch noch unvollendete Erscheinungsform
natte u. dgl., weiss der Apostel schlechterdings nichts.
Ganz klar über alle Gegenwart hinaus, als das höchste
Gut, die Seligkeit gewahrend, liegt sodann die @x<ri*.etx in der
Stelle 1 Thess. 2, 12, wenn hier die $</?« mit ihr zusammen-
gestellt wird, und ohnehin auch in der Stelle 2 Thess. 1, 5,
von der gleich nachher noch mehr die Rede sein wird. Ande-
rerseits wird auch hier das Erlangen der @x<r. wieder deutlich
als durch entsprechendes Verhalten bedingt dargestellt, wenn
*
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196
DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
wegen der Berufung zu ihr ein bestimmter, Gottes würdiger
Wandel von den Christen gefordert wird und sie in 2 Thess. 1, 5
als ein Preis erscheint, bei dem es erst darauf\' ankoinmt, ob
man seiner „gewürdigt" wird.
Dass auch bei Paulus, so sehr er bekanntlich den Vorzug der
Erwilhlung Israels, seine Gottesvolksstellung anerkennt, doch
von keinem Bedingtsein des Eingehens in die /3#<r. t. 6. durch
(jüdische) Nationalitat die Rede ist, bedarf keines Nachweises.
Doch bei all dem bleibt die Frage: Was ist nun nach Pau-
lus die fixtritelx t. è. selbst? wird von dem Genuss ihres
Gutes noch sie selbst, wird von dem Subjektiven, dem Ein-
gehen in sie und in den Genuss ihres Gutes, wenn die Be-
dingungen erfüllt werden, noch ein Objektives, als das jenes
Eingehen doch erst Ermöglichende, unterschieden oder nicht?
Je nachdem ist ihr Begriff doch ein anderer, als in den syn-
optischen Evangeliën. Nun eine objektive Bedingung des Ein-
gehens in das Gottesreich durch eine bestimmte heilsgeschicht-
liche Gottesoffenbarung statuiert auch Paulus so gut wie Jesus
bei den Synoptikern. Denn auch er betrachtet dasselbe als etwas,
was bei aller Erfüllung der subjektiven Bedingungen doch
erst in der Zukunft möglich ist. Entscheidend hiefür ist
eine scheinbare Kleinigkeit, die aber bezeichnend ist. Es ist
das Futurum in den vorhin behandelten Stellen Gal. 5, 21
und 1 Cor. 6, 9. 10. Dieses meint doch gewiss nicht etwa
bloss eine Zukunft der betreffenden Personen, etwa = dann,
wann sie sterben werden, sondern es ist dies Nicht-xA>j/ofli/a-
f*eïv (wie natürlich das gegenteilige xxvipovoitslv) mit einem
zukünftigen, heilsgeschichtlichen Ereigniss verbunden gedacht,
meint also: dann wann der Zeitpunkt eintritt, der das x^po-
vopeïv
überhaupt möglich macht. Und dieser Zeitpunkt und
also dieses heilsgeschichtliche Ereigniss — nun das ist ganz
sicher nichts anderes, als die Parusie Christi, durch welche
ja nach der ganzen sonstigen Paulinischen Lehre das Erreichen
%•
i
4*
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             197
des Ziels der 5a\'£# u. s. w. för die Christen bedingt ist, also
auch natürlich das xA>jp. der @x<r., wenn doch dieses gleich
dem Erlangen des höchsten Gutes ist. Zur Evidenz wird das
erhoben durch die Stelle 1 Cor. 15, 50. Denn in v. 51 ist
doch unleugbar von der Parusie geredet, wie diese auch aus-
drücklich in v. 23 genannt war. Bei ihr also handelt es
sich um ein xAijpoi/o^flf-können des Gottesreiches und erst
bei ihr. Sie ist die objektive Bedingung davon. Vorher ist es
nicht möglich. Auch die Stelle 2 Thess. 1, 5 ist bezeichnend.
Hier ist ja in Verbindung mit dem xxrx^iuêiivxi rf? (3xtri\\six<;
toü óeoü
von der hxxix xpfoie tov 6eov die Rede, und um gar
keinen Zweifel darüber zu lassen, was damit gemeint ist, ist dann
in v. 7 und v. 10 ausdrücklich von der Parusie Christi ge-
sprochen, als der iiroxxXv^K; tov xvpiov \'lyaov xn ovpxvov /ast\'
xyyèxuv,
und einem ikêeïv iv^oijxiröïjvxi iv to1<; xyiom xvtov.
Ob die Stelle 1 Cor. 4, 20: y (3x<r. t. 6. ovx iv xèyy, «aa\' iv
Iw&itei auch hieher zu ziehen, indem man iv duvxftfi als die
Machterweisung Gottes fasst, die bei der Parusie stattfindet,
muss bei der eigentümlichen Kürze der Sentenz unentschie-
den gelassen werden. Der Sinn kann auch sein: mit Worten
wird nichts gewirkt für das Reich Gottes, niimlich dass es
Genossen gewinnt, sondern nur durch das machtige Wirken
des Geistes Gottes. „Worte" sind mit diesem letzteren ver-
glichen keine Mvx/tit;, ebensowenig nach der ersten Erklarung,
verglichen mit der Gottesoffenbarung bei der Parusie. Zu der
Erklarung von @x<ri*.eix t. itov aber als „Gemeinschaft der
Glaubigen", die Heinrici im Commentar gibt, gibt die Stelle
ganz gewiss kein Recht.
Aber denkt nun Paulus mit diesem heilsgeschichtlichen
Ereigniss der Parusie Christi sich auch ein „Kommen"
der |3«<r/Af/« verbunden, wie Jesus nach den Evangeliën, so
dass die (2x<rihtix, die Gott im Himmel hat, auch zu einer auf
Erden beündlichen wird, die vom Himmel stammt, wie wir
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198                           DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
oben sahen? Da ist vor allem zu constatieren, dass Paulus
nirgends davon redet. Freilich, wenn gerade von der letztge-
nannten Stelle 1 Cor. 4, 20 die angedeutete erste Erkliiruug die
richtige ist, dann könnte man dennoch geneigt sein, die Frage
zu bejahen. Denn von einer Manifestation des Reiches, die
iv ïwxi&ei mit der Parusie und durch dieselbe geschieht, ware
dann die Rede, und dies würden wir dann am einfachsten
von jenem in den Evangeliën gefundenen „Kommen" des Reichs
versteben. Allein wir können bei der vorhin zugegebenen Un-
sicherheit der Erkliirung der Stelle daraus nicht wohl eine
solche Folgerung ziehen, fïïr die wir sonst keinen Beleg bei
Paulus haben, ja gegen die sogar manches direkt spricht. Zu
letzterem könnte man die Stelle 1 Cor. 15, 50 rechnen, auf
die wir wegen ihres sonstigen Inhalts noch einmal zurück-
kommen mussen. Denn die hier ausgesprochene Notwendig-
keit der Verwandlung («AA«TTf<70«/) der die Parusie Erleben-
den, um das Gottesreich ererben zu können, setzt ja eine
Aufhebung der irdischen Verhaltnisse voraus im Gottesreich
und für dasselbe. Immerhin liesse sich dies auch mit dem
Gedanken eines Kommens desselben auf die Erde vereinen.
Denn eine Umgestaltung der Erde haben wir doch auch oben
bei Besprechung der Lehre Jesu gefunden und statuieren müs-
sen, wir fanden ja von einer nzMyyeveaix geredet und spra-
chen von einem Himmlischwerden der Erde. Darin kann man
dann auch eine solche »xx»yvi des Leibes mit Aufhebung von
<r«p5 Ka) ctlftx inbegriffen annehmen; aber gefordert wird sie
dadurch nicht notwendig. Auch der Inhalt des Himmelreichs-
gutes, &vi «.Icbvios, scheint mir nicht absolut notwendig eine
iKhxyvt bei den Synoptikern zu fordern. So dürfte denn doch
schon diese kategorische Betonung der Notwendigkeit einer
solchen bei Paulus auf eine andere Anschauung vom Gottes-
reich, bzw. auf Annahme eines anderen Schauplatzes für
dieselbe als die Erde hinweisen. Und diese Annahme wird
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             199
bestatigt, ja im Grund einfach geboten durch die eigentüm-
liche Aussage 1 Thess. 4, 17 von dem xpirx&iróxi der Glau-
bigen év ve<pêkxig hs iir&VTWtv tov Kvpiov e)? dépx, um so ganz
<rbv xvpicü zu sein. Dies weist doch jedenfalls von der Erde
weg. Also allerdings ist, wie wir sahen, die Aufnahme in das
Gottesreich auch bei Paulus bedingt durch einen objektiven,
heilsgeschichtlichen Akt, die Parusie Christi. Diese ist ein
Erscheinen Christi, ein ëp%e<r9xi, eine xiroKxhvtyu; xtt"1 ovpxvov
(2 Thess. 1, 7), geradezu ein icxTxj3xiveiv xtt\' ovpxvov (1 Thess.
4, 16). Aber Christus kommt, steigt herab vom Himmel,
nicht, um nun das Reien Gottes auf die Erde zu
bringen, „kommen" zu machen, sondern um die Sei-
nigen zu sich zu nehmen, sie (heim-) zu holen in den
Himmel. Man vergleiche auch t%o(iev olicixv xlmtov iv rolt;
ovpxvolt;
2 Cor. 5, 1 (der Ausdruck olwTvipiov i% ovpxvov in v. 2
erklart sich einfach daraus, dass Paulus in diesem Vers den
Wunsch ausspricht, er möchte jenes olKt/r^piov schon auf Erden
darüber „anziehen" dürfen ohne Sterben; dazu müsste es ja
freilich vom Himmel herab kommen); auch etwa ebendaselbst v.
8 das êvïvftsTv ir pit tov xtipiov. Und demnach das Reich Gottes?
Nun es kann dann natürlich auch nirgends anders sein als im
Himmel. Dort bleibt es, wie es von jeher dort ist. Und
}J@x<ri\\eix tov 6sov" meint also bei Paulus an sich nichts
anderes als das Reich, das Gott im Himmel hat,
geht aber in der Sache dann so gut wie über in den Begriff:
„höchstes, himmlisches Gut", was von diesem Standpunkt
aus noch naher liegt als von dem synoptischen. Vgl. dass
Paulus von kemem tlo-êpxeo-Sxi els t. (3. t. 6. mehr redet, son-
dern nur von einem xxyipovo^elv derselben.
Man könnte nun freilich erwarten, dass Paulus bei dieser
Anschauung noch weit mehr als Jesus selbst vielmehr von
der (Sxctteix „twi/ ovpxvüv" geredet hatte. Daraus aber, dass
er dies nicht thut, folgt jedenfalls nichts gegen die eben ge-
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200
DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
zogene Folgerung, dass nach Paulus die (3x<ri*.eix r. 6. imHirrv
mel d. h. bloss und immer im Himmel sich beflnde. Es ist
vielmehr umgekehrt zu urteilen. Paulus halt es gar nicht für
nötig, das Gottesreich ausdrücklich als ein himmlisches zu
bezeichnen, weil er eben an gar kein anderes denkt, als an
ein solches, wahrend es sich bei Jesu anders verhalt. Nach
Jesu Lehre, wonach das Grottesreich auf die Erde „kommt",
war das gerade das Charakteristische, dass auf die Erde das
Reich kommen soll, das im Himmel ist, dieses Reich, das auf
Erden werden soll, also ein vom Himmel, stammendes ist.
Daher war hier die ausdrückliche Hinweisung darauf durch
den Ausdruck: 0. tüv ovpxvüv angezeigt. So, wie Paulus (3xo-.
rov 6sov
versteht, ist m. E. auch ganz begreiflich, dass es
ihm geradezu zum Nomen proprium geworden ist und daher,
wie wir sahen, wohl auch des Artikels entbehrt.
Wenn es sich nun bei Paulus mit der /3«o-. rov Ssoü so ver-
halt, wenn also namentlich jene Stelle 1 Thess. 4, 17 — denn
sie allein redet deutlich von der Sache — massgebend und
entscheidend ist, so ist unbestreitbar, dass seine Lehre von
der |3«(r/Af/« in diesem Punkt stark von der Lehre Jesu selbst
differiert. Das Reich Gottes wird also nicht ein prasentes,
sondern bleibt ein transscendentes. Allerdings aber ist es ja
keineswegs desswegen ein für die Menschen unerreichbares.
Im Gegenteil: es ist ja nicht nur Christus (der Messias in
Jesu) gekommen, um aus den Menschen durch den G-lauben
an ihn solche zu machen, welche die gewisse Hoffhung ha-
ben, in jenes Reich G-ottes im Himmel einzugehen, sondern
er kommt auch ausdrücklich zu dem Zweck (wieder), um die-
selben zu sich in dies Reich im Himmel zu bringen. Ein
eschatologischer Begriff im strengen Sinn ist also allerdings
eigentlich nicht „Reich Gottes" selbst, wohl aber das Ein-
gehen in dasselbe, und „Reich Gottes" nennen wir besser
bei Paulus, wie oben einmal gesagt, einen transscendentalen
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IN* DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               201
Begriff. Ob vielleicht doch auch in die synoptischen Evange-
lien diese Anschauung eingedrungen ist, ob sie die Form, in
welcher diese Jesum von der 0x<r. reden lassen, beeinflusst und
die verhaltnissmassige Seltenheit des Redens von einem Kom-
men derselben veranlasst hat, mussen wir dahingestellt sein
lassen. Die originale Anschauung der synopt. Evangeliën, bzw.
Jesu ist gewiss diejenige, die wir oben dargelegt haben, und
jene andere (Paulinische) ware, wenn wir sie je zugeben, in
den Evangeliën nur secundar, ihnen eigentlich fremdartig.
Es kann die Frage entstehen, ob wir diese andersartige
Anschauung als einen Gewinn zu betrachten haben. Man kann
geneigt sein, sie zu bejahen in dem Gedanken, es könne doch
in Wahrheit die Erde nicht der richtige Schauplatz eines
Himmelreichs sein, auch wenn eine Umgestaltung der Erde
angenommen wird. Man kann aber auch geneigt sein, sie zu
verneinen und das Aufgeben des Gedankens eines Prasent-
werdens des an sich transscendenten Gottesreichs bedauern und
darin einen Verlust sehen, bzw. ein Zurückbleiben hinter der
wahrhaft grossartigen und erhebenden Perspektive, welche
der Meister mit seiner Lehre für die Erde eröffnete. Nun wir
haben diese Frage nicht zu entscheiden, sondern nur den exe-
getischen Thatbestand festzustellen, und können im übrigen
noch es betonen, dass sachlicb Beides allerdings dasselbe Re-
sultat ergibt für die Menschen: durch Jesum den Christ wird
man ein Genosse des Gottesreichs und der himmlischen Güter
teilhaftig. Aber das ist auch zu constatieren, dass sich in
dieser nicht unwesentlichen Differenz aufs deutlichste die selb-
standige Stellung zeigt, die Paulus zu der (überlieferten) Jesus-
lehre einnimmt.
Mehrerlei aber ergibt sich m. E. aus dieser Differenz. Ein-
mal meine ich, dient sie dazu, erst ganz zu erklüren, warum
Paulus überhaupt, wie wir wissen, so wenig von dem Gottes-
reich redet. Dasselbe ist ja nach ihm in Wahrheit etwas
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202
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
ganz Fertiges oder besser, es ist etwas durchaus Ruhendes;
nicht handelt es sich um eine Bewegung, wenn ich so sagen
darf, in welche es kommen soll durch sein Kommen, nicht
um etwas Neues, das mit ihm geschehen soll. Neu ist bloss,
dass Christus es ist, der in dasselbe einführen soll, und dass
die Christen es sind, die von ihm in dasselbe eingeführt wer-
den sollen. Also über Christum und das Christwerden ist
Neues zu sagen und desswegen ausführlich zu reden, nicht
aber über das Gottesreich. So wie Paulus es fasst, ist der
Sache nach mit Ausdrücken, wie £«>j xlavto?, $ó%x, auch jut>i-
pix
(im vollen Sinn) dasselbe gesagt. Denn das ist es eben, was
man in dem Gottesreich erlangt. So war wenig Bedürfniss,
speciell von diesem zu reden. Dagegen erscheint nach der
Lehre Jesu das Reich, das Gott im Himmel hat, in einem
neuen Licht. Es soll ja in Activitat gleichsam treten durch
dies Kommen, und es soll ihm für dies „Kommen", gerade
damit es ein möglichst umfassendes sei, Raum geschafft wer-
den. So wird es unter einen ganz neuen Gesichtspunkt ge-
stellt. Und es tritt dadurch natürlich und mit Notwendig-
keit die Lehre vom Gottesreich in den Vordergrund. Denn
nicht bloss für dasselbe soll etwas Neues geschehen d. h. Ge-
nossen für dasselbe gewonnen werden durch den Glauben an
Jesum, sondern mit demselben, es soll „kommen". Hier
also ist eine bestimmte Lehre von dem Gottesreich, nicht
aber bei Paulus.
Sodann aber erhellt aus dieser Differenz noch weiter Zweier-
lei. Einmal ist hier natürlich gar keine Spur mehr von der
jüdischen Erwartung in Betreff des Gottesreichs der Messias-
zeit, nach der dies wesentlich doch wieder, wie wir horten, als
ein Gottesreich nicht nur auf Erden, sondern auch in irdischen
Formen und mit irdischen Segnungen gedacht ist. Damit ist
ganz gebrochen. Es „kommt" ja gar nicht auf Erden; es
ist und bleibt ein rein himmlisches, und um ein der Erde
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IN DEN SOHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               203
Entrücktwerden in dasselbe handelt es sich hier. Eben des-
wegen aber kann dann fürs andere noch weit weniger wo
möglich, als selbst in den Evangeliën nach der Lehre Jesu,
davon die Rede sein, wie wir oben schon andeuteten, dass
unter Gottesreich bei Paulus zu verstenen sei eine sittlich-
religiöse Gemeinschaft oder gar ein „Gemeinwesen"; oder noch
weit weniger, als dort, davon, dass dasselbe zunachst in der
Jüngergemeinschaft, in der skk^itIx bestehe (hier allerdings
noch nicht vollendet), dass es ein entwicklungsfiihiges, aber
auch erst noch entwicklungsbedürftiges sei, dass es wachsen
könne und werde u. drgl. Von solchem zu reden, ist nun
vollends bei Paulus ein reiner Ungedanke. Es hat hier nicht den
mindesten Raum. Das Gleiche gilt natürlich von dem „Bauen
am Reiche Gottes" oder dem „Ausbreiten" desselben. In wel-
chem Sinn etwa nach der Lehre Jesu von letzterem geredet
werden könne, haben wir früher gehort; bei Paulus aber hat
das überhaupt keinen Sinn.
Doch wir mussen noch einmal zu 1 Cor. 15 zurückkehren.
Das enthalt noch einiges hieher Gehörige mit seinen Aussa-
gen über das Verhaltniss der /3«o-<a«/« Christi zu der Gottes
selbst in v. 24 ff. Es wird hier einmal überhaupt deutlich
von einer (3x<ri\\eix Christi und seiner speciflschen Aufgabe,
namlich jede (feindliche) Macht zu vernichten, geredet und
dann von jhrem Verhaltniss zu Gott und — dürfen wir ja wohl
gleich sagen — zu der fixeifoix Gottes. Naher aber wird von
Christo ein nxpx\'üihóvxi ryv @x<nfalxv tü 6s$ kx) irxTpi ausge-
sagt. Was heisst das? Heisst das bloss: es durch das Ver-
nichten jeder (feindlichen) Macht dahin bringen, dass der Va-
ter als unbehindert herrschender König anerkannt wird bzw.
als solcher gleichsam da steht, so dass also dadurch nur,
aber auch recht deutlich die mittlerische Thiltigkeit Christi
für das Gottesreich ausgesprochen ware, ohne dass von einem
Abtraten der (2x<rtteix an den Vater von Seiten Christi die
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204
DIE LEHEE VOM REICHE GOTTES
Rede ware? Ich meine, v. 24 für sich liesse diese Erklarung
wohl zu. Allein ein Bliek auf v. 25 und v. 28 nötigt doch
sie abzuweisen. „"Axw ov" v. 25 bezeichnet zu deutlich einen
Endpunkt, also hier für das (3»tranietv Christi. Ebenso soll
doch das CmoTx^<reT»t v. 28 einen Gegensatz bilden zu einem
(Zxvixsveiv. vSomit will gesagt werden, letzteres finde ein Ende,
natürlich freiwillig, also er, Christus, gebe seine (Zxcihclx ab
an den Vater. So erklart, wird in der Stelle selbstverstand-
lich von einem Verhaltniss nicht bloss Christi, sondern auch
seiner (Sxai^eix zu der des Vaters geredet. Das heisst aber
einmal, sie wird von ihr überhaupt bestimmt unterschie-
den. Und zwar wird offenbar Christo ein fixvtxeveiv zuge-
schrieben schon vor seiner Parusie — er ist ja der zur Rech-
ten Gottes Sitzende — ein (3x<rtteüetv, das er auch schon
gegen gottfeindliche Machte bethatigt (wie? ist nicht gesagt).
Aber die energischte Manifestation desselben — das ist doch
wohl die Meinung des Apostels — ist erst und gerade mit
der Parusie verbunden; durch sie vollendet sich das xxrxpyeft
der feindlichen Machte. Dass hier keine fixnteix gemeint ist >
welche Christus auf Erden habe, d. h. deren Sitz da ist,
wenn auch die Bethatigung derselben wenigstens mit gegen
feindliche Machte auf Erden gerichtet ist, dass also hier die
Anschauung von der mit der Parusie sich verbindenden bzw.
vollendenden @x<r. Christi eine andere ist, als nach derLehre
Jesu, ist klar. Es folgt das von selbst daraus, dass Paulus kein
Kommen der fixtrifolx Gottes auf die Erde kennt. Weiter
„übergibt" nun aber Christus diese seine fixvitelx an den
Vater d. h. also er tritt sie ab an ihn. Es ergibt sich diess
eigentlich von selbst aus ihrem angegebenen Zweck. Der ist
erreicht, wenn alle gottfeindlichen Machte vernichtet, eigent-
lich wirkungslos gemacht sind. Mit diesem Uebergeben seiner
fixaïKelx an den Vater unterwirft sich (vnxTxyyivsrxi v. 28) der
Sohn dem Vater, damit Gott sei „Alles in Allem oder in
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENT.              205
.Allen", natürlich als nun einziger fixaixevuv, so dass wir hierin,
wenn auch nicht direkt ausgesprochen, eine Aussage auch über
die 0x<ri*eix Gottes haben — zunüchst im Sinn von Herr-
schaft Gottes; aber wo diese ist, hat ja Gott auch eine (Sx-
etxslx
im Sinn von Reich. Das Verhaltniss der @x<r. Christi zu
der @x<r. Gottes ist also hier deutlich eben dasjenige, das wir
oben bei Besprechung der Lehre Jesu mehr nur vermutungs-
weise aussprachen. Die /3«<r. Gottes ist das Höhere, ist das
eigentliche Ziel, daher auch für die Menschen der Vermittler
des höchsten Guts. Alle gottwidrigen Machte sind ja über-
wunden; so ist Gott durch nichts mehr am Heilspenden uod
ein Genosse seines Reichs durch nichts im Genuss des lleils
mehr behindert. Das fixtriheveiv Christi will und soll der Er-
reichung dieses Ziels nur dienen. Nur ist dies hier eigent
lich bloss nach der negativen Seite ausgesprochen, oder es
erscheint als ein Besiegen der feindlichen Machte. Dass man
dagegen als freiwilliger Unterthan Christi in den Genuss des
Gottesreichsgutes komme, jenes zu werden daher der Weg
zu diesem sei, Niemand also, wie wir oben es ausdrückten,
Genosse des Gottesreichs werde, der nicht Unterthan Christi
wird, ist wenigstens hier nicht gesagt. Eine mittlerische
Bedeutung wird aber doch so wie so der (3x<rtKeix Christi zuge-
schrieben, und darum ist auch klar, dass mit dem Aufhoren der
Vermittlung, mit dem Erreichen des Ziels die (SxciXeix Christi
aufhören wird und muss. Dabei ist aber das hier gelehrte Auf-
hören dieser (2x<t. ein anderes, als das zu Ende Gehen seiner
Herrschaft nach den 1000 Jahren in der Apokalypse. Denn hier
beginnt ja ersö wieder der Kampf aufs neue. Wie wir aber
betreffend die apokalyptische Lehre andeuteten, dass ein Mit
herrschen Christi mit Gott im himmlischen Jerusalem gewiss
nicht durch jenes ausgeschlossen sein solle, so dürfen wir
wohl Aehnliches auch für Paulus annehmen. Nur das @xtrt-
\\evsiv Christi als mittlerische Thatigkeit, insofern als Thïitig-
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206
DIE LEHRE VOM KEIOHE GOTTES
keit mit specifischem Zweck, erreicht ein Ende; aber ein
Teilnehmen an der (3x<raelx Gottes will schwerlich damit ne-
giert werden, sondern ist als stets fortdauernd zu denken.
Und positiv ist dies von der zweiten Gruppe der Briefe zu
statuieren geniïiss der Art und Weise, wie sie von der j3*«-
ktl* Christi reden, wobei sie freilich von diesem Abgeben
seiner (3x<ri*.ei\'x an den Vater überhaupt nichts andeuten.
(3. Zweite Gruppe Paulinischer Briefe.
In dieser Gruppe linden wir die /3x<ri\\eix Gottes und Christi
geradezu coordiniert, ja die letztere tritt eigentlich an die
Stelle der ersteren. Das erste geschieht Eph. 5, 5 und zwar
so, dass toïi XpuTTov vorausgeht. Die (3x<r. Christi ist also
offenbar zugleich als fix<r. Gottes gedacht und umgekehrt,
doch gewiss wegen des Sitzens Christi zur Rechten Gottes
(1, 20). Vielleicht soll auch die fixtr. Christi durch das Nach-
folgenlassen von êeoü ohne Artikel einfach als eine selbst gött-
liche charakterisiert werden. lm Uebrigen erscheint diese (3x-
cixsix
hier wieder ganz so, wie wir die @xv. toü êeov bisher
und speciell 1 Cor. 6 und Gal. 5 kennen lernten. Sie ist
Gegenstand eines K\\vpovof/.eïv, verschafft also ein Gut bzw. das
höchste Gut. Dessen Erlangung aber ist an ethische Bedingungen
geknüpft; denn Unsittlichkeit schliesst unbedingt aus.
Nur von der fixaixeix Christi, aber offenbar als mit der
Gottes identisch, ist die Rede Col. 1, 14. Hier ist aber dann
das Besondere, dass Gott die Glaubigen verpflanzt hat in
diese 0xtrt\\eix, nachdem er sie errettet hat von der Gewalt
der Pinsterniss. In jener sind also die Glaubigen schon. Wie
haben wir nun dies zu verstehen? Ist daran gedacht, dass
die Christen ja doch an dem zur Rechten Gottes erhöhten
Christus schon hier ihren Ktipios haben, unter dem sie stehen,
und nicht mehr unter dem Teufel? Und dies kame nicht
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IN DEN SCHEIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.             207
oder doch am wenigsten hier von Seiten einer dadurch be-
dingten Uhterthanigkeit, eines Verpflichtetseins zum Gehor-
sam gegen Christum in Betracht, sondern wesentlich als ein
Glück, ein Höhestand. Die /3«<tja«\'« Christi ware dann natür-
lich hier eine schon gegenwartige. Allein gerade dieser Urn-
stand, dass das Sein in ihr wesentlich als hohes Glück erscheint,
erregt wieder Bedenken gegen diese Fassung. Wir haben da-
mit eben wieder das langst bekannte Merkmal der (3x<r. Gottes,
das, was ihr Charakteristisches in ihrem oft nachgewiesenen
endgeschichtlichen Sinn ausmacht. So ist das allerwahrschein-
lichste, dass auch hier an eine Aufhahme in die /3«<r. Christi
in diesem Sinn gedacht ist. Die Glaubigen haben durch ihren
Glauben oder vielmehr durch die &vo\\vTpu<rt<;, die durch Chris-
tum geschehen, diese Aufhahme gewiss. Insofern hat Gott
sie schon darein versetzt, wenn auch die Offenbarung der ïi%*
oder nach v. 12 der Anteil an dem x\\ijpo<; rüv xyluv iv tü
(pari
noch bevorsteht. Es soll ja im ganzen Zusammenhang
das Grosse, das an den Glaubigen geschehen, hervorgehoben
werden, und das ist nicht bloss das, dass sie in der Gegen-
wart an Christi ihren xtipio? haben. In der Hauptsache wird
der Ausdruck sich decken mit dem, was Eph. 2, 6 gesagt
ist: irvvext&Surev iv ro7$ iirovpxvioa; iv X. \'I. So wenig dies s7rov-
pxvix
etwas schon in der Gegenwart Vorhandenes, ein gegen-
wiirtiges Gebiet meint und doch der Aorist steht, so wenig die
@x<n\\eix in unserer Stelle. Die eben angeführte Stelle von den
iiroupxvix dürfte zugleich bestatigen, dass auch in dieser Gruppe
von Paulinischen Briefen die /3«<r. Christi und damit natür-
lich die Gottes nur als im Himmel beündlich gedacht ist.
Nur von der @xtr. rov 6eov selbst ist die Rede Col. 4, 11.
Wenn hier von a-wepyo) sU tviv fixaixeixv t. 6. gesprochen ist,
so kann nur die oberflachlichste Erklarung darauf verfallen,
unter (3x<r. rov èsoïi hier die Kirche oder überhaupt eine in
der Gegenwart schon vorhandene fix<ri\\eix zu verstenen. Ge-
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208                           DIE LEHEE VOM EEICHE GOTTES
meint ist natürlich eine Wirksamkeit, deren Zweck und Ziel
die Aufnahme in die himmlische (3xn\\eix ist, indem daran
gearbeitet wird duren Verkündigen des Evangeliums, um zum
Glauben zu führen und so jene Aufnahme zu ermöglichen
bzw. zu verbürgen.
y. Dritte Gruppe Paulinischer Briefe.
Die Pastoralbriefe reden nur noch von der fixaixela. Christi,
die sie mit seiner (in diesen Briefen iiri<pxveix genannten) Pa-
rusie, wo er als Kpiryt; auftreten wird, unmittelbar verbinden
2 Tim. 4, 1 (vgl. 8). Neu ist dann nur die Bezeichnung der-
selben als einer èirovpxvm ib. 4, 18. Sie wird also geradezu
in den Himmel verlegt. Dass auch hier die Aufnahme in sie
das Erlangen des höchsten Guts ist, zeigt die Stelle an sich
selbst. Es findet ja damit ein pvec&xi \'ik xxvto? ïpyov irovypov
und ein <tü&iv statt.
C. HEBEAEEBEIEF.
Dieser Brief redet in Einer Stelle 12, 28 von einer /3«<r.
xGtkxsvTOi, welche die Glaubigen empfangen (irxpx*.xfi(3xveiv)
sollen. Er charakterisiert damit natürlich kurz die /3«o-. rov
deov,
und dass er diese eschatologisch fasst, versteht sich. Nüheres
erfahren wir darüber nicht. Wir können nur im allgemeinen
damit combinieren, was sonst in dem Briefe von der xiüvtos
xXtfpovoptlx
(9, 15), von den [aïkxovtx iyxöx (10, 1) und in
unserem Kapitel selbst v. 22. 23 von der ttóms ótov %ï>vto<;,
\'lepovtrxxiipi, iiroupxvtoi;
gesagt ist. Auch hier ist das Reich Gottes
rein als im Himmel befindlich gedacht. Daher ist auch von
keinem Ïp%e<r6xi die Rede, vielmehr von einem npovépxsadxt
(v. 22) der Glaubigen zu jener tt^ai?. Man beachte hier aber
auch wieder die proleptische Redeweise nitpo9tK»Xi6*Tt" von
etwas doch Zukünftigem, der Endzeit Angehörigem, zum Be-
weis, wie gelaufig sie den christlichen Autoren ist, wie wenig
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               209
also aus dem Prateritum geschlossen werden dart, es tiandle
sich um etwas schon in der Gegenwart sich Vollziehendes,
was als Bestatigung des vorhin über die Colosserstelle (1,13)
Gesagten dient. Diese Redeweise ist eben um so begreiflicher
oder vielleicht nur damra begreiflich, weil im Neuen Testa-
ment und zwar bekanntlich in den Briefen bzw. von Paulus
so gut wie in den Evangeliën die Parusie als nahe bevor-
stehend angenommen wird, die Jetztzeit, wie wir früher einmal
sagten, schon zur Endzeit oder diese zu jener gerechnet wird.
(I. DEB ZWEITE BRIEF PETRI.
Dieser Brief bestatigt bekanntlich gegenüber von Zweifeln,
die aus der Verzögerung der Parusie Christi entsprangen, die
Erwartung der letzteren als einer rnit einer völligen Umwand-
lung der gegenwartigen Verhliltnisse verbundenen Katastrophe.
Himmel und Erde weiden neu (3, 13). Daneben redeter 1, 11
von der xlüvioq $x<si\\six Christi. Wenn sie, bzw. der éi<só§o$
in dieselbe auch nicht mit der Parusie ausdrücklich in Ver-
bindung gebracht wird, so nötigt doch auch hier das Futurum
èniXOwyviQtoiiTxt dazu. Die Bezeichnung dieser (3x<rtxtix Christi
ausdrücklich als x\'iavwq zeigt, dass sie natürlich hier von der
$x<si\\elx Gottes nicht unterschieden wird. Die Frage nach
dem Wo? dieses Reiches ist in unserem Brief eigentlich ab-
geschnitten durch die starke Betonung der völligen Umwand-
lung von Himmel und Erde. Man mag es also in den Himmel
oder auf die Erde verlegen: jedenfalls ist es ein ganz neuer
Boden. Da aber ausdrücklich auch die Erde als neuwerdend
bezeichnet wird, so wird allerdings dieses Christusreich als
diese mitumfassend gedacht sein. Sonst hatte dieses Neu-
werden derselben eigentlich keinen Zweck. Dass, wie wir
uns öfter ausdrückten, hx.xio<rvvv Substrat aller Teilnahme an
der /3«<riA«\'« ist und bleibt, mogen wir in der Stelle 3, 13
14
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210
DIE LEHRE VOM REICHE GOTTES
noch ausdrücklich bestatigt finden durch die specielle Bemer-
kung: cv oh Six»ioo-vvtj kxtoixsï.
*
4. Eine Evangelienschrift — das Johannesevaiigelinni.
Zum Schluss haben wir noch einmal eine Evangelienschrift.
Der Schluss kehrt so zum Anfang zurück, zu der ersten Schrif-
tengattung. „Evangelienschrift" — dieser Charakter der zuletzt
in Betracht zu ziehenden Schrift ist in der That zu betonen.
Ist es auch eine Evangelienschrift total anderer Art, als die
drei, mit denen wir begannen: es ist doch eine solche, will
eine solche sein; sie will Jesuslehre geben. So muss sie fast
nothwendig — ausgesprochen oder nicht ausgesprochen —
irgendwie in einem Verhaltniss nicht nur stenen, sondern auch
Stellung nehmen zu einer Lehre, die, wie wir uns überzeugten,
in den drei anderen Evangeliën nahezu beherrschend im Vor-
dergrund steht, wie die unsrige. Das Verhaltniss des vierten
Evangeliums mit seinem fast durchweg so ganz anderen In-
halt zu den drei ersten drückte man bekanntlich gerne so
aus, Johannes habe diese erganzen wollen. Nun so ausserlich
verstanden, wie man dies wohl früher verstand und nament-
lich auf den erzahlenden Inhalt bezog, ist dies freilich nicht
richtig. Aber etwas Richtiges ist doch damit der Sache nach
ausgesprochen, auch in Bezug auf unsere Lehre.
Zunachst scheint diese Schrift freilich eben ganz einfach
in die Kategorie der zuletzt besprochenen Schriften, also der
der zweiten Gattung, zu gehören, sofern auch in ihr von der
fixviheix t. ó. so gut wie gar nicht die Rede ist. Und es scheint
zu genügen, einerseits dies zu constatieren, andererseits die
einzige Stelle, die hieher gehort, darauf anzusehen, in wie weit
der darin sich findende Gottesreichsbegriff mit dem, den wir in
den drei synopt. Evangeliën gefunden haben, zusammenstimmt
oder ob wir vielleicht einen anderen finden. Selbstverstand-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.               211
lich ist das jedenfalls das erste, und es sei daher über diese einzige
Stelle (c. 3, 4. 5) das Nötige kurz bemerkt. Wir finden da:
1. Auch hier gewahrt das Gottesreich dem Menschen ein Gut
und zwar das höchste Gut. Zeigt das schon der feierliche Ton
der Rede, so insbesondere der Ernst der aufgestellten Bedin-
gung, Geburt von oben, der sich doch nur daraus erklart, dass
das höchste Gut in Frage steht. Eine solche Bedingung kann
nur gestellt werden, wo es sich urn den höchsten Preis han-
delt. 2. Das Erlangen dieses Guts wird, wie wir horen, mit
aller nur denkbaren Entschiedenheit an eine ebenso ethische
als religiöse Bedingung geknüpft. Diese selbst geht dann aller-
dings über das hinaus, was wir bei den Synoptikern fanden,
will aber doch eigentlich nur die dort ausgesprochene Bedin-
gung des hstxvosïv, sowie die des Werdens wie Kinder, wozu
ja (wenigstens nach Matthaus 18, 3) ein arpicpetv erfordert
wird, auf einen bestimmten dogmatischen Ausdruck bringen.
Zugleich wird auf die Factoren hingewiesen, welche zur Er-
füllung dieser Bedingung helfen, wodurch sie als eine religiös-
ethische sich erweist, mit i£ lïhxroq kx) irvsü[txTo$, wovon das
erste doch wohl unzweifelhaft auf die Taufe hinweist (und
darum auch das Christwerden durch Glauben an Christum
mit in sich schliesst). Von sonstigen objektiven Bedingungen
des spxe<rSxt eU tviv $xv. oder ïïeïv t. (3. durch eine weitere
besondere, heilsgeschichtliche Gottesotfenbarung ist nichts ge-
sagt. Und die Frage nach demWo? dieser fixvixeix r. 6. kann
kaum überhaupt gestellt noch weniger mit Sicherheit beant-
wortet werden. Denn die Stelle macht denn doch stark den
Eindruck, dass an den Gebietscharakter derselben eigentlich
gar nicht mehr gedacht ist, trotz des Ausdrucks: lp%etrQxi sU,
(Sxeixslx
t. 6. vielmehr so gut wie in den Begriff: „höchstes
Gut, ewiges Leben" übergegangen ist. Doch wird man kaum
fehlgreifen, wenn man die (3x<ri\\slx unter die iiroupxvtx zahlt,
von denen v. 12 die Rede ist. Aber ob damit über die Loca-
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212
DIE LEHRE VOM BEICHE GOTTES
litat eigentlich etwas ausgesagt werden will, möchte ich den-
noch dahingestellt sein lassen. Nimmt man freilich eine Stelle
wie 14, 2 (von den Wohnungen im Vaterhaus) dazu, so wird
man das Wo? im Himmel zu suchen haben.
Bei der einfachen Besprechung dieser einzigen Stelle mit
der Bemerkung: „und weiter ist dieser Schrift nichts zu ent-
nehmen für unseren Gegenstand" können wir es aber nicht
bewenden lassen. Nein; denn teils die Art und Weise, wie
diese einzige Aussage auftritt, teils die Rolle, welche in dieser
Schrift ein Hauptpunkt, der bei der Gottesreichslehre in Be-
tracht kommt, das Gottesreichsgut der £«>> aïéviof, spielt,
verrath zu deutlich, dass sie nicht nur etwa diese Lehre über-
haupt kennt sondern auch, wenn gleich stillschweigend, so
doch in kaum zu verkennender oder zu bestreitender Weise
zu ihr Stellung nimmt.
In ersterer Beziehung d. h. in Bezug auf die Art und "Weise,
wie diese einzige Aussage auftritt, ist zu sagen: Es ist hier
offenbar nicht so, wie in den anderen Schriften der zweiten
Gruppe, dass der Begriff der /3«<nA*/« nur ganz gelegentlich
einmal wie zufallig, eigentlich nur als ein anderer Name für
höchstes Gut, ewiges Leben oder drgl. auftaucht, sondern
es wird, wenn auch nur einmal, so doch dies eine Mal ge-
flissentlich davon Gebrauch gemacht. Und das Geflissentliche
dieses Gebrauchmachens besteht und zeigt sich hauptsachlich
darin, dass dies gerade undgleich in der erstenLehrrede Jesu
geschicht. Hier in der ersten Lehrrede, gleich im Eingang ein
Reden von der (2x<ritel* t. 6., also ein Beginnen der Lehrreden
mit derselben — das ist gewiss nicht zufallig. Es soll damit
an die synoptische Lehrweise angeknüpft, in ihr, so zu sagen,
eingesetzt und dadurch das Zusammenhangen und Zusammen-
hangenwollen mit ihr constatiert werden. Und bezeichnend
ware, wenn die Leseart: (iairixsia. tüv oüpxvüv in v. 4 wirklich
die ursprüngliche ware; dann würden ausdrücklich die beiden
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IN DEN SCHBIFTEN DES NEÜEN TESTAMENTS.             213
von den Synoptikern vertretenen Ausdrücke aufgenommen und
ware an beide angeknüpft, um ja den Zusammenhang damit
in unmissdeutbarer Weise herzustellen. Und warum nun
dieses deutliche Anknüpfen (vielleicht nicht bloss an die Lehre,
mit der Jesus begin nt, die /3«ir.-lehre, sondern durch das
Reden von föap und vveüftx auch an den Befehl, den er zum
Schluss — jedenfalls nach Matthaus — gibt)? Nun ich meine,
um daran eine Art Creditiv zu haben für die Rechtglaubig-
keit, wenn man so sagen darf, für die wesentliche Uebereinstim-
mung der nachfolgenden, überhaupt sonstigen Lehre mit der
(originalen) synoptischen, dafür, dass man in der Sache in
derselben Bahn sich bewege und bewegen wolle. Denn mehr
als ein Anschluss, ein Einsetzen in die synoptische Lehre fin-
det nicht statt; auf die eine Stelle beschrankt es sich ja, und
sofort horen wir gar nichts mehr von der (3x<rt*.eix, also von
diesem speciflsch synoptischen Lehrtropus. Aber was weiter
gelehrt wird, ist durch jenes Einsetzen in demselben gegen
den Verdacht irriger, unevangelischer Lehre gedeckt und muss
als gedeckt betrachtet werden trotz aller anscheinenden, ja
anscheinend starken Discrepanz. Was gelehrt wird anstatt
der synoptischen fix<n\\e/«-lehre, ist wesentlich als werthvollste
Erganzung zu bezeichnen, oder, können wir mit dem Jesus-
wort Matth. 5, 17 wohl am richtigsten sagen, soll nicht xx-
Tx^óeiv, x\\xx
i:\\vivovv. Dass nun aber bei dem, was weiter
in unserer Schrift gelehrt wird, der Begriff der (ïxmxeix aus
dem Spiel bleibt, ist ganz begreiflich bei der Bedeutung dieses
Begriffs, zumal bei den Synoptikern, wie wir sie langst kennen
d. h. bei der eschatologischen Bedeutung, die er dort jeden-
falls und in vollem Sinn hat, und bestatigt in der einfachsten
Weise wieder die Richtigkeit dieser unserer Fassung der syn-
optischen Lehre. Ware sie nicht richtig, dann ware gar kein
Grund gewesen für unsere Schrift, von diesem Begriff, den
man doch kennt, ja den man ausdrücklich anerkannt hat,
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214                        DIE LEHBE VOM BEICHE GOTTES
weiterhin ganz abzusehen. So aber ist es freilich geboten. Denn
was in unserer Schrift nun weiterhin getrieben und so nach-
drücklich in den verschiedensten Wendungen gelehrt wird,
ist das, was der Jesusjünger im Glauben hat, d.i. dass er
die Z,aii, die £«>j xlcbvios in Christo, im Glauben an Christum
hat, wahrend den Nichtglaubenden xpi<rn; trifft. Was haben
wir hiemit anders, als den von den Synoptikern her uns wohlbe-
kannten In halt des Gottesreichsguts, sowie dass dessen teil-
haftig werde, wer ein Jünger Jesu ist, wahrend der, der es
nicht ist, durch eine xplait ausgeschlossen wird und bleibt?
Dies ist also der klare, sachliche Berührungspunkt der wei-
teren Lehre unserer Schrift mit den Synoptikern, ihr inneres
Zusammenstimmen und sich Bewegen in derselben Bahn. Aber
freilich ist dabei nun auch gar nichts davon gesagt, dass das
erst in der Zukunft sich verwirklichen werde, kurz es ist
ganz und gar nicht eschatologisch geredet. Es heisst einfach und
ganz allgemein iramer wieder (um es kurz zu sagen): „Wer
glaubt an Christum, hat das ewige Leben", ja: „Wer nicht
glaubt, ist schon gerichtet". Wie nun? wird also vielleicht
durch das Johannesevangelium doch die synoptische @x<nXeiot.-
lehre positiv abgewiesen und soil abgewiesen werden? Oder
muss vielleicht umgekehrt, damit man das nicht zugeben
muss, eben die /3«<nAf/«-lehre doch anders gefasst werden, als
wir bisher durchweg sie fassten, namlich eben nicht eschato-
logisch, so dass man also durch den Glauben in diesem Aeon
schon wirklich in der QxeiXsi* ist und damit die £w>j m\'iüvtoi
hat, wahrend der Nichtglaubende ausgeschlossen ist als ge-
richtet? Ja, es ist m. E. die se Auffassung der /3«o-/Ae/«,
also die nicht oder doch nicht bloss eschatologische, gerade
in harmonistischem Interesse, weil man für nötig hielt, Dis-
crepanz der johanneischen Lehre von der synoptischen abzu-
wenden, so gewöhnlich geworden. Aber gewiss ganz mit Un-
recht. Ich frage einfach: Warum ist denn dann das Johannes-
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               215
evangelium, das ja gewiss wusste, was @x<n\\eix meint, nicht
einfach bei der /3«<r/Af/«-lehre geblieben, wenn diese ebenfalls
die £w»j xlèviog als einen auch schon gegenwartigen Besitz lehrt,
weil die (3x<rasix selbst etwas auch schon Gegen warti ges sein
soll? Und ich sage wieder: Gerade dass es nicht einfach bei
dieser Lehre bleibt und sie vortragt, ist ein Zeugniss gegen
diese Auffassung der /3«<nA«\'«. Man thut mit dieser Fassung
etwas, wovor das Johannesevangelium sich wohl hütet; man
verkehrt damit die genuin-synoptische Lehre. Also man lasse
diese intakt, wie unsere Schrift das thut, und nehme ande-
rerseits, was diese lehrt so, wie es lautet. Aber dann die Dis-
crepanz! und das bei dem, was doch Lehre Jesu selbst sein
soll, wo also solche Discrepanz doch am schlimmsten ware
und am meisten zu vermeiden! die Discrepanz, dass ein und
dasselbe, £<y>j xicivios und xpltrts, dort bei den Synoptikern von
Jesu an das Kommen der QxatXeix mit seinem Kommen ge-
knüpft wird, hier, bei Johannes, aber ganz und gar nicht! Nun
gegen den Verdacht, das Johannesevangelium wolle wirklich
die fixvite/«dehre überhaupt verwerfen, bzw. positiv ganz
anders von &h aïdmos und xphi? lehren, sollte dieses geschützt
sein durch das, wodurch es, wie wir sagten, sich schützen
wollte, und wir sollten das respektieren — ich meine, durch jenes
klare Anknüpfen an die (3xeiteix-lehre in cap. 3. Ausserdem ist
auch nicht zu übersehen, dass wir doch auch sonst manche
Spuren wenigstens von derselben finden, die den Gedanken
einer beabsichtigten Verwerfung abwehren. Auch in dieser
Schrift redet Jesus von >5 fo%xTvi jf&spx (6, 54), von einem
(leiblichen) Auferwecken, von einer xvx<rrx<n? &%? und einer
civx<TTx<n$ Kpieeaq (6, 28 f.), weiter von einem %pi<nv iroielv (ib.
v. 27), was hier kaum anders als zugleich auch eschatologisch
zu fassen ist oder jedenfalls so, dass das Endgericht der Syn-
optiker darin Raum hat. Zudem will unsere Schrift in Jesu
ebenfalls ganz bestimmt den Messias sehen (ausdrücklich 4, 25,
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216                        DIE LEHBE VOM REICHE GOTTES
aber auch sonst), und noch mehr zeigt der Umstand, dass
sie nicht weniger als die Synoptiker ihn als den vm (rou) »v-
6pc!)7rov
kennt, dass sie doch wohl nicht die, wie wir wissen,
gerade mit der Menschensohnbezeichnung Jesu so eng ver-
wachsene /3«(7<A*/«-lehre verwerfen will.
Aber das ist ganz richtig, ein Neues haben wir hier aller-
dings gemass dem über £«>) a\'tüvioq und xpfoit vorhin Gesagten,
das heisst aber wir, haben eine neue, andersartige, das syn-
optische Lehren erganzende Betrachtung der Sache. An
die Stelle der heilsgeschichtlichen Betrachtung
tritt die rein theologisch-dogmatische. Davon wird ab-
gesehen, wann man und in welcher Form man die Z,u*i ctlüvios
erlangt, auch eigentlich von dem Wo? und nur davon ist die
Rede, durch was man es erlangt, und die Antwort ist,
wie wir wissen, in der Hauptsache: durch den Glauben an
Christum. Ebenso wird davon abgesehen, wann oder in wel-
cher Form man der xplw verfallt, und nur davon ist die Rede,
in welchem Fall das geschieht, und die Antwort ist: im Fall
des Unglaubens. Also, was rettet und was verdammt, nam-
lich die Stellung zu Christo, oder dass Christus es ist, in
welchem alles Leben und Heil beschlossen ist: das ist es, was
getrieben und betont wird; das Andere ist dagegen gehalten
nebensachlich geworden. „ Via recta auf das Ziel geblickt
und von allem Anderen abgesehen", möchte ich sagen, wurde
die Losung.
Dass sich darin der Standpunkt einer spateren Zeit kund-
gibt, dürfte unbestreitbar sein, aber es liegt auch darin die
unvergleichlich hohe, bleibende Bedeutung des Johannesevan-
gehums für die christliche Lehrentwicklung. So ganz nur und
direkt die Hauptsache, das Ziel ins Auge zu fassen, wurde
in dem Mass wichtiger und nötiger, als die Parusie eben
nicht der ersten Erwartung gemass eintrat. "War durch die
Paulinische Lehre das Erlangen des ewigen Lebens von einem
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IN DEN SCHRIFTEN DES NEUEN TESTAMENTS.               217
„Kommen" des Gottesreichs auf Erden unabhangig gemacht,
so haben wir nun eine dritte Stufe: es wird auch von der
Parusie abgesehen, und das höchste Gut, das ewige Leben
einfach unmittelbar und allgemein mit Christo und dem Glau-
ben an ihn verbunden. Die objektive Bedingung des Er-
langens des ewigen Lebens ist einzig das Gekommensein und
die ganze Selbstbezeugung Christi mitsammt seinem Kommen
im h. Geist, als seinem rechten io&&<r6xi oder Kommen lv 5o\'?*j.
„An Christum glaube — dann hast du das ewige Leben" —
mag er nun bald kommen oder noch lange nicht, oder — wage
ich zu sagen, überhaupt nicht kommen in der erst erwarteten
Weise. Dass von der synoptischen Parusie nirgends gered et
wird, ist ja sicher. Die Erwahnung der h%xTy foipx darf
man nicht ohne weiteres darauf deuten, und eine Stelle, wie
c. 14, 18: „ïpxopixi *pU Of*ü$" wird man nicht dagegen an-
führen wollen; auch 14, 3 {paxiv ipx°^xl) fÏÏhrt keineswegs
mit Notwendigkeit darauf. Es kann nur gesagt werden: die
Parusie ist nicht ausgeschlossen, ja es ist beabsichtigt, sie
nicht auszuschliessen; daher geflissentlich diese Weite des Aus-
drucks, worunter sie subsumiert werden kann. Aber sie ist
auch durchaus nicht positiv gelehrt. Erst der Anhang c. 21
spricht da von v. 23, und ausdrücklich erwahnt ist sie im ersten
Brief Johannis 2, 28 (vgl. auch 3, 2), was dann bei der nahen
Verwandtschaffc dieser Schrift mit dem Evangelium auch das
eben Gesagte bestatigen dürfte, dass letzteres die Parusie kei-
neswegs positiv ausschliessen will.
Insofern ist gewiss richtig, was wir vorhin sagten: die Jo-
hanneische Lehre will die /3«m«/a:-lehre nicht kxtu\\Ó6iv, wohl
aber ir^povv. Denn dieses Verfahren, wie wir es eben schil-
derten, ist eine irXypatri?, und im Sinn einer solchen eine we-
sentliche, wichtige „Erganzung". Zugleich wird auch durch
dieses Vorgehen bestatigt, was wir bei Betrachtung der synop-
tischen Lehre betonten, dass es sich bei der (3x<nxsix-\\ehre
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218                           DIE LEHRE VOM EEIOHE GOTTES
lediglich um Erlangung eines Guts handelt, nicht um Her-
stellung einer Gemeinschaft oder gar eines Gemeinwesens. Die
Jünger Christi sollen freilich durch Liebe verbunden alle h wer-
den, (ila. woi^vvi; aber nicht das ist gemeint mit der (Zxtixiix.
Darum kann das Johannesevangelium jenes so stark betonen
und doch von der (3xntelx so gut wie schweigen.
Aehnlich verhalt es sich dann auch mit der (3xo-aslx Christi.
Eine solche wird ihm ausdrücklich zugeschrieben. Er ist @x<ri-
Aeu?, nennt sich selbst so. Aber auch hier keinerlei heilsge-
schichtliche Betrachtung darüber, wann er als fixa-iXevt; sich
offenbaren, wann und wie er seine $x<ji\\eix gründen werde,
sondern nur eine dogmatische Bestimmung des Charakters
dieser (3x<rt\\e!x und der Bedingung der Zugehörigkeit zu ihr
(und damit zu der (3x<riteix Gottes selbst). „Oux lx toü xóa/tov
tovtov," „o\'jk èvrevöev",
heisst es 18, 36, ist sie. Es berührt
sich dies ja wohl unverkennbar nahe mit einem: „ouk b t$
xlüvi tovtco",
und soll sich auch damit berühren, so dass die
synoptische Lehre gewiss auch hier nicht abgelehnt werden
will. Aber es heisst eben nicht so und der Ausdruck meint nicht
das. Von dem heilsgeschichtlichen Verlauf der Dinge ist ganz
abgesehen. Nur der Charakter dieser /3«o-/Af/« fallt ins
Gewicht und soll gezeichnet werden; daher ovk in toü xóo-ftou
ioütov, oiix èvTsüiev.
Dadurch wird dann jeder Vorstellung (die
sich, wie wir wissen, auch an die Erwartung einer @x<n*tlx
toü xlüvos toü ftékkovTos knüpfen kann), als ob diese doch wieder
eine Art Weltreich, wenn auch auf höherer Potenz, etwa ein
durchweg (in ausserlichem Sinn) siegreiches und dadurch welt-
förmig machtiges Reich sein solle, gewehrt. Zugleich geschieht
dies dadurch, dass in unmittelbarem Zusammenhang mit der
Versicherung Jesu, er sei ein König, und mit dieser Charakteri-
sierung seines Königreichs als Zweck seines Kommens in die
Welt das nxprupelv rjj xhyöelx und als einzige Bedingung der
Zugehörigkeit zu dieser fixvixü* das glaubige Horen seiner
<
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IN DEN SCHRIFTEN DES NETTEN TESTAMENTS.               219
für die Wahrheit zeugenden Stimme genannt wird. Eine Kö-
nigsherrschaft Christi in noch anderer Weise, als dieser rein
geistigen, dass die Unterthanenschaft in dem Horen seiner
Stimme besteht, will damit gewiss nicht ausgeschlossen wer-
den; es bleibt voller Raum dafür. Aber zu thun ist es eben
hier um ein anderes, nemlich darum, alle irgend sinnliche Ge-
danken auch von dieser $«.<rihtlx fernzuhalten. Denn um den
Kernpunkt handelt es sich, um das, den Weg in diese $owiXila
und damit zu dem ewigen Leben zu zeigen. Insofern auch
hier Erganzung bzw. 5rA)jp«<r<$ der synoptischen Lehre. Nichts
von der Porm; nur auf das Wesen ist gezielt. Wie sich dann
die Form gestaltet, bleibt dahingestellt; man kann es ruhig
abwarten, wenn nur das Wesen nicht fehlt. Wir können
auch hier wieder nicht verkennen, wie hochwichtig es war
gegenüber der faktischen Unsicherheit der endgeschichtlichen
Gestaltung, dass die christliche Lehrentwicklung in diese Bahn
einlenkte, in die Bahn des Absehens von jener Gestaltung, des
Unabhcingigmachens der Bedeutung des Christusglaubens von
derselben. Und in solchem Sinn bezeichnet gewiss die Lehre des
Johannesevangeliums durch diesen rein dogmatischen Stand-
punkt, auf den sie sich stellt, einen Abschluss (auch der
/3#o7A,«\'«-lehre), der noch gefehlt hatte. Erst so waren die Heils-
wahrheiten, die Jesus verkündigt hatte, bzw. deren Realisie-
rung er bezweckte, zunachst wenigstens einmal in Form der
Lehre, ein für immer gesicherter Besitz der christlichen Kirche.
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BBRICHTIGUNGBN.
S. 2. Z. 10 v. o. setze stalt: „wenn" — da
„ Z. 12 v. o. setze statt: „dürfen" — mussen
S. 6. Z. 11 v. u. lies statt: „en" — den
S. 15. Z. 3 v. u. setze statt: „gar nicht" — kaum
S. 16. Z. 1 v. o. setze statt: „gar nichts weiter" — doch eigentlich nichts
„ Z. 6 v. o. schalte nach: „Heil" ein — vom Himmel
„ Z. 1 v. u. schalte nach : „vollkommenen" ein — vom Himmel stam-
menden
S. 19. Z. 10 v. lies statt: „festgehaltenen" — festgestellten
S. 29. Z. 13 v. o. lies statt: „5, 21" — 5, 20
S. 40. Z. 3 v. u. lies statt: „niedcren" — niedereren
S. 53. Z. 13 v. o. lies statt: „solcher" — einer solchen
S. 60. Z. 16 v. o. schalte nach: „d. h." ein — dass
S. 63. Z. 3 v. n. schalte nach: „der" ein zweites — «der" ein
S. 81. Z. 15 v. u. streiche nach: „geht" — zu
S. 89. Z. 8 v. o. setze nach: „Jesu" ein Komma
„ Z. 8 v. u. lies statt: „das" — dass
Ti. 1 v. u. lies statt: „Messiaswartung" — Messiaserwartung.
S. 91. Z. 9. v. u. lies statt: „eb." — ib.
S. 93. Z. 6 v. u. lies statt: „Vollendungsstund" — Vollendungsstand
S. 102. Z. 10 v. u. lies statt: „drei" — drit
S. 195. Z. 6 v. o. lies statt: „jeden" — jenen
„ Z. 11 v. u. setze nach: „sclbst" ein Komma.
S. 202. Z. 10 v. o. schalte nach: $6%a ein — x/ifpovoji/a
Sonstige kleine, nicht sinnstörende Fehler in einzelnen Buchstaben wird
man leicht selbst berichtigen.