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TOTENINSELN
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GEOGRAPHISCHE MYTHEN.
MIT EINEK KAKTE.
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ERLANGUMG DER PHILOSOPHISCHEH 00GT0RWUR0E
AN DER
ÜNIVERSITAT LEIPZIG
VOBOELEQT VON
JüHANNESS ZEMMRICH
AUS ZWICKAU.
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1881.
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GEOGRAPHISCHE MYTHEN.
MIT EINEH KAKTE.
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ERLANGUNG DER PHILOSOPHISCHEN OOCTDRWÜRDE
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UNIVEKSITAT LEIPZIG
VOBGELEUT VON
JOHANNES ZEMMRICH
AUS ZWICKAU.
LEIDEN\',
P. W. M. TRAP.
1891.
BIBLIOTHEEK UNIVERSITEIT UTRECHT
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SONÜEKABDBUCK Al\'s DEM INTERNATIONALEN ABCHIV PÜB KtHNOOKAPHIE.
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V I T A.
Ich, Jühannes Zemmrich , wunk\' am \'•>. Marz 1868 in Zwickau als altester
Sohn des Oberlehrei-s Hermann Zemmrich geboren. Ich gehore der evangelisch-
lutherischen Landeskirche an. Nach vierjahrigem Besuch der höheren Bürgerschule
durehlief ich alle Klassen des Gymnasiums meiner Vaterstadt, das ich Ostern
1887 mit dem Zeugnis der Reife verliess. Meine Universitütsstudien absolvierte
ich in Leipzig mit Ausnahme des Sommensemesteis 188*.», welches ich in Neuchatel
nnd Gent\' verbrachte. Ausser geographischen und ethnologischen, hörte ich historische,
philologische, philosophische und padagogische Voiiesungen. Fünt\' Semester nahm
ich an den Uebungen des geographischen, vier an denen des historischen und drei
an denen des piidagogischen Seminars teil. Am lö. Oktober 1890 bestand ich das
Doktorexamen vor der philosophischen Fakultat der Universitat Leipzig.
Allen meinen Lehrern bin ich zu lebhaftem Dank verptlichtet, insbesondere
aber Herrn Professor Dr. Ratzel für die Anregung zu vorliegender Arbeit und
für die Förderung. welche er jederzeit meinen Studiën zu teil werden liess.
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TOTENINSELN
UND
VERWANDTE GEOGRAPHISCHE MYTHEN
VON
Dr. JOHANNES ZEMMRICH.
MIT EINER KARTE.
Ueber die ganze Erde verbreitet finden sich Mythen von fernen Insein oder Landern,
die von der Natur mit allen möglichen Vorzügen ausgestattet sein sollen. Bei einer ver-
gleichenden Betrachtung dieser Sagen ergiebt sich, dass in den meisten Fallen jene mythi-
schen geographischen Gebilde nichts anderes sind, oder ursprünglich waren, als der Aufent-
haltsort der Toten.
Fast alle Völker glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Die ursprünglichste und
auch jetzt noch sehr weit verbreitete Vorstellung vom Leben nach dem Tode lasst den
Geist des Verstorbenen am alten Wohnort fortleben, sei es im Hause selbst sei es am
Ort der Bestattung oder irgendwo in der Nilhe. Daneben entsteht aber die Ansicht, dass
die Seelen der Toten von den Lebenden abgesondert und in ein fernes Totenreich versetzt
werden. War man einmal zur Annahme eines solchen gelangt, so musste sich von selbst
die Frage aufdrïtngen, wo dasselbe zu suchen sei. Hier boten sich nun drei Möglichkeiten,
man verlegte das Totenreich entweder auf die Erdoberflüche oder unter dieselbe oder dar-
über in die Regionen des Himmels. Diesen drei Geisterreichen begegnen wir immer wieder,
sei es, dass ein Volk nur eins derselben kennt, sei es, dass zwei oder alle drei neben
einander vorhanden sind. Die Idee eines überirdischen Aufenthaltsortes der Seelen ent-
wickelte sich am sp&testen, das Totenreich erscheint zunachst als Unterwelt oder fernes
Land, und zwar lasst sich, wo diese beiden Vorstellungen neben einander her oder in
einander übergehen, wahrnehmen, dass ober- und unterirdisches Totenreich ursprünglich
ein und dasselbe waren: der in grosser Entfernung gedachte Aufenthaltsort aller Seelen.
Erst darm, wenn eine Trennung der Toten erfolgt, tritt die Scheidung ein zwischen der
Unterwelt, dem Aufenthalt der Bösen oder der grossen Masse des Volkes, und dem glück-
lichen Land der Seligen, der zukünftigen Heimat der Guten oder derer, die schon im
irdischen Leben eine bevorzugte Stellung einnahmen.
Der Mythus vom Totenland tritt uns in seiner einfachsten Form bei den kulturarmen
Völkern entgegen, mit zunehmender Kultur verschwindet er mehr und mehr, oder verliert
seine ursprüngliche Gestalt. Es soll die Aufgabe der folgenden Zeilen sein, die Verbreitung
und die Abwandlungen dieses Weltmythus zu verfolgen und, im Anschluss daran, zu zeigen,
dass auch die viel erörterte Atlantissage auf ihn zurückzuführen ist.
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I. DIE LAGE DES TOTENLANDES.
Die Lage des mythischen Totenlandes wird vorwiegend durch die Sonne bestimmt, es
ist die Heimat derselben und liegt daher meist in dei- Richtung, nach welcher das Tages-
gestirn geht. Der Sonnenuntergang erinnert an das Ausruhen nach der Arl>eit des Tages,
an den Schlaf, den „Bruder des Todes"; das Erlöschen des Sonnenballs führt leicht zu
einem Vergleieh mit dem Tode des Menschen; dort, wo die Sonne nach ihrer taglichen
Wanderung zur Rune geht, flndet auch die Seele eine neue Wohnstatt. So wird nicht nur
das irdische Totenland mit Yorliebe nach Westen versetzt, sondern auch die Unterwelt;
denn das Versinken der Sonne unter den Horizont legt den Gedanken nahe, dass dieselbe
wahrend der Nacht ein andres, unter der Erdoberflache befindliches Liind bescheine. Bei
verschiedenen Völkern nehmen wir wahr, dass auf diese Weise das westliche Totenland
in die Unterwelt übergeht, indem es gleichsam mit der Sonne unter den Horizont sinkt.
Als Heimat der Sonne kann aber auch der Osten gelten, da sie dort ihre Wanderung
antritt. Und in der That finden wir auch den Osten als Gegend des Totenlandes, und
zwar des f.dückiichen, nie aber als die der Unterwelt; denn dieser düstere Ort kann nicht
durt gedacht werden, wo die Sunne, das Licht und Leben spendende Gestirn, sich taglich
in neuem Glanz erhebt. Vereinzelt ist auch der Süden und Norden die Gegend des Toten-
landes, jedoch findet dies seine Erklarung meist in lokalen Ursachen.
Auch das Meer macht seinen Einfluss auf die Lage des Totenlandes geitend. Die in
unbekunnte Ferne sich ausdehnende Meeresflache bietet den weitesten Raum für mythische
Lander; an der Meeresküste, wo der Bliek ungehindert ins Weite schweift, führt der
Untergang der Sonne leicht zu der Vermuthung, dass sie sich in ein Land jenseits des
Meeres begiebt. Diese Yorstellung ist nicht nur bei den insularen und littoralen Völkern
weit verbreitet, sondern auch bei Binnenvölkern, sodass das Land der Seligen meist als
eine im Westen gelegene Insel uns entgegentritt. lm Binnenland" ersetzen auch die weiten,
sich gleichmüssig bis zum Horizont erstreckenden Ebenen das Meer, die Sonne sinkt in
dieselben hinab wie in die Fluten des Oceans, sie geht nach einer andern Ebene, dem
glücklichen Gelilde oder Jagdgrund im fernen Westen.
Dies tritt in Amerika, um hier zu beginnen und mit den mythischen Totenlandern
nach Westen vorzuschreiten, sehr deutlich zu Tage. Die Jilgervölker der nordamerikani-
schen Ebenen denken sich das Paradies der Toten ihrer Heimat und Lebensweise ent-
sprechend als wildreiches Gefilde im Westen. Dorthin wandern nach dem Tode die Indianer
Virginiens1) und der heutigen Nordoststaaten der Union*), die Onondaga3), die Odschibwii4)
und Tschokta6), überhaupt die Indianer nördlich vom Golf von Mexiko6). Nach Westen
richten die Winnipeg das Gesicht des Toten, „damit er nach dem glücklichen Land blieken
kann" 7). Bei den Ottawaern ist Manito, der Geist des Westens, der Gott des Totenlandes
in der Gegend des Sonnenuntergangs8). Dort ist wohl auch das Paradies der Schwarzfüsse
\') Smith, History of Virginia bei Tylor, Anfiinge der Kultur, Bd2, S.68. Sie kennen auch eine grosse
Höhle im aussersten Westen als Aufenthaltsort der Toten (Muller, Amer. Urreligionen S. 140), es ist wohl
die Höhle, durch welche, wie in Polynesien, die Sonne versinkt.
*) Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Bd 3. S. 197. \') Clarke, The Onondagas. Bd 1. S. 51.
*) Schoolchaft, History of the Indian Tribes. Bd 2. S. 135. 5) Catlin, North-American Indians. Bd 2. S. 127.
6) Brintox, Myths of the New World. S. 92. \') Schoolcrakt, a. a. O. Bd 4. S. 54.
") Tylor, a. a. O. Bd 1. S. 332.
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zu suchen, es liegt in einer weiten Ebene jenseits eines sehr hohen Berges •), in dem
jedenfalls das Felsengebirge zu erkennen ist, da sie an dessen Ostseite wonnen. Das
Felsengebirge selbst ist für die Selisoh in Oregon der Ort der glücklichen JagdgrOnde und
der Sitz Wacondahs, des Herrn des Letens*). In Südamerika treffen wir ein westliches
Totenreich im Binnenland bei den Otomaken Venezuelas3) und den Indianern Brasiliens *).
Von mehreren Stammen, den Ancas, Chiquitos, Moxos, Patagoniern, kurz den Bewohnern
des weiten Grasmeeres der Pampas *) haten wir keine Nachricht über die Lage, welche
den glücklichen Gefllden zugeschrieben wird, vielleicht darf nach Analogie der Indianer
der nordamerikanischen Prarien auf eine westliche Lage geschlossen werden.
Als Insel erscheint das Totenland den Bewohnern der WestkQste Amerikas, indessen
ist aueh manchen Stammen im Binnenland diese Vorstellung nicht fremd. Der Uetergang
vom glücklichen Jagdgrund zur Insel zeigt sich verschiedentlich; so bei den Kariten, welche
sich Coaibai, das Land der westlichen Sonne6), bald als eine grosse Ebene, bald als Insein
im Westen7) vorstellen, auf Haiti liegt es sogar in den westlichen Thalern der Insel8).
In Südamerika hoffen die Bewohner des Küstenlandes Chile, Araukaner und Tschonos, dass
ihre Seelen westwarts über das Meer gehen werden, um Gulcheman, den Ort der ewigen
Freude zu erreichen, von wo sie auch in ihre jetzigen Wohnsitze eingewandert sein wollen 9).
Die Araukaner10) verlegen dies Paradies auch, wie die Eskimo das ihrige, unter das Meer,
ein Beispiel für den Uetergang vom Totenland zur Unterwelt. Die Erinnerung an das Meer
zeigt sich bei den Indianern Columbias, da sie auf der Reise in das entzückende Land der
Toten über mehrere Seen fahren mussen, um am Gestade desselben zu landen "). In Nord-
amerika glauben die Indianer Kaliforniens, dass die Seelen sich auf gewisse Insein im
Meere begeben "), die der Lage des Oceans entsprechend im Westen zu suchen sind. Die
Karok verlegen dies ,.glückliche westliche Land" unter den Ocean ,3), die Kelta setzen ihr
Paradies auf eine Insel im Süden l4). Die Nordwestamerikaner vermuten sowohl ihre
Unterwelt im Westen, als auch die glücklichen Insein, auf denen die Seelen der Edlen
und der gefallenen Krieger wohnen 15). Mit diesen Insein sind vielleicht die identisch, von
denen der Rabe Jelch, der Weltschöpfer dieser St&mme, Feuer und Süsswasser brachte,
der Ursprung des Feuers deutet darauf, dass sie das Land der Sonne sind. Auch den
Jagervölkern im innern Nordamerika ist die Idee einer glücklichen Toteninsel nicht fremd,
es wird sogar eine Insel im Obern See für das Eiland der Seligen angesehen 16). Die Algonkin
denken sich das Land der Seelen als eine schone Insel im sonnigen Süden, inmitten eines
grossen Binnenmeers, dessen Vorbild wohl die Kanadischen Seen sind. Diese Insel liegt im
Süden, wie auch die glücklichen Jagdgründe der Tschinuk und Sioux l7), weil diesen Stümmen,
infolge der langen und strengen Winter ihrer Heimat, der warme Süden als der bevorzugte
Himmelsstrich gilt. Bei den Odschibwit vereinigen sich fast alle den Indianern gelaufigen
Anschauungen über das Totenland, für sie ist das glückliche Land bald Jagdgrund, bald
\') Frakklin, Erste Reise. S. 84. \') Ibving, Ajtoria. S. 186.
») Spencer, Principles of Sociology. Bd 1. S. \'221. *) Muller, Amerik. Urrel. S. 286.
s) D\'Orbigny, Voyage dans i\'Amériquo meridionale. Bd 4. S. 110.
•) Bastian, Inselgruppen in Oceanien. S. 25(5. Anm. 2. 7) Muller, a. a. O. S. 222 f.
") Petrus Martyr, De Orbe novo. Dec. I. lib. IX.
•) Molina, Chili II, 89. — Snow bei Spencer, a. a. O. Bd 1. S. 221. — Stevenson, Travels in South
America. Bd 1 S. 58. - Waitz, Anthropol. Bd 3. S. 520.
10) Thomson, bei Spencer, a. a. O. ") Mollien, Hist. univ. des voyages. Bd 42. S. 146.
"«) Waitz, a. a. O. Bd 4. S. 243. \'") u. M) Powell, First Report of the Bureau of Ethnology. S. 200.
") Ratzel, Völkerkunde. Bd 2. S. 695. ">) Chateaubriand, Voyage en Amériquo.
") Schoolcraft, Indian in his Wigwam. S. 79.
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Küstenland, bald Insel und wird sowohl nach Süden wie nach Westen verlegt1). Das
Schwanken zwischen der westlichen und südlichen Lage zeigt sich auch bei den Assinai,
deren Seelen zunachst nach Westen zu dera Schöpfèr der Welt gehen, sich aber spater
nach Süden dem Hause des Todes zuwenden\').
Bei den Kulturvülkern Amerikas bezeichnet vorwiegend die Gegend des Sonnenaufgangs
die Lage des seligen Landes. Diese Anschauung hangt damit zusammen, dass diese Völker
oder wenigstens die Herrscher und höheren Stande derselben sich gern als Abkömmlinge
der Sonne betrachteten. Die Mexikaner verlegten ihr Paradies Tulan meist nach Osten,
aber auch in verschiedene andere Gegenden, und kamen so zu der Meinung, es gabe mehrere
Lander dieses Namens. In einer alten Ueberlieferungs) heisst es: „Es giebt ein Tulan, wo
die Sonne aufgeht, und ein andres im Lande der Schatten, und ein andres, wo die Sonne
untergeht, und daher kamen wir*), und noch ein andres, und da wohnt Gott." Nach der
Ueberlieterung über die alteste Einwanderung der Nahuatl-Rasse\') wanderte dies Volk nach
Süden, urn das glückliche Land zu suchen, welches sie in den Bergen vermuteten. Daher
wurde Tulan auch in die Berge Mexiko\'s verlegt, manche wollten ihm sogar einen bestimmten
Platz an der Grenze von Guatemala anweisen"). Ein\' Berg des Lebens, Tonacatepec, bildet
den Mittelpunkt dieses mythischen Landes, ihm entströmen wie dem asiatischen Meru
die grossen Flüsse der Erde. Columbus hörte bereits von einer solchen Stelle, die Berge
von Paria sollten sie verbergen 7). Die Etymologie des Namens Tulan ist unsicher. Bbasseue
de Boukbourg sieht, seinen Ansichten über amerikanische Urgeschichte entsprechend, in
Tulan die ultima Thule der Alten, Buschmanns Uebersetzung „Ort der Binsen" 8) deutet auf
eine Lage am Wasser und ebenso der zweite Name für dieses Land, Tlalocan, abgeleitet
von Tlaloc, dem Namen des Wassergottes, dessen kühlen und angenehmen Aufenthaltsort
es bildet9). Ein dritter Name ist Tlapallan, Land der Farben oder rotes Land, denn die
Farben des Himmels bei Sonnenaufgang überfluten es ,0). Vergeblich sind die Versuche,
diesem mythischen Land einen bestimmten Ort anzuweisen, Humboldt verlegte es an die
Nordwestküste, Cabeera nach Palenque, Clavigero nördlich vonAnahuac, u. s. w. In dieses
Paradies versetzen Azteken, Kitsche und Mixteken die Heimat ihres Volkes, den Sitz der
ersten Menschen "). Es verquicken sich im Mythus von Tulan die Sagen von einer glück-
lichen Urzeit und einem Land der Seligen.
Auch in Nicaragua und Peru liegt das glückliche Land der Toten im Osten12). Mit
diesen Anschauungen hüngt der Glaube der Mexikaner an die Ankunft weisser Abgesandter
zusammen, es sind die Söhne der Sonne, welche aus Osten kommen. Dorthin soll der letzte
Herrscher des Aztekenreiches wie der letzte Inka der Peruaner gegangen sein; wie König
Artus, wie Kaiser Friedbich im KyfïMuser und König Sebastian auf der fernen Insel
im Atlantischen Ocean erwarten sie den Augenblick, an dem sie einst zurückkehren werden,
um ihre unter dem Joch der Fremdherrschaft schmachtenden Völker zu befreien. Einer
ganz ahnlichen Hoffnung geben sich auch die Sakalaven Madagaskars hin, sie behaupten,
\') SCH001.CRAKT, a. a. O. Bd 2. S. 135. - Keating, Long\'s Exped. Bd 2. S. 158. - Wuttke, Gesch. des
Heidentums Bd 1. S. 70. - Spencer, Principles of Sociology Bd 1. S. 221.
») Waitz, Anthropol. Bd 3. S. 221.
3) Brasseur de Bourbourg, Hist. du Mexique. Bd 1. S. 167.
*) Sonst wird die Urheimat im östlichen Tulan gesucht. *) Sahagun , Hist. gen. de Nueva Espafia. Prolog.
«) Brasseur de Bourbourg, Le Popol Vuh. S. CLVIII.
\') Petrus Martyr, De Orbe novo. Dec. III, lib. IX.
») Aztekische Ortsnamen. S. 682. ») u. 10) Brinton , Myths of the New World. S. 88.
») Ibid. S. 88-90. ") Spencer, a. a. O. Bd 1. S. 221.
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dass eines Tages Zauberer aus dem Osten kommen und den Riesen besiegen werden, der
die Schatze in Innern des Vulkanes Tanguri bewachtJ).
Gehen wir von Amerika nach Westen, so stossen wir auf den Insein des Stillen Oceans
auf eine Bevülkerung, deren Mythologie die aller übrigen Naturvölker an Reichhaltigkeit
und Durchbildung Qbertrifft. Auch hier tritt uns sofort der Mythus vom Totenland entgegen.
Die Seelen der Polynesier folgen der untergehenden Sonne und in derselben Richtung liegen
sowohl die Unterwelt wie die Insein der Seligen *). Unter den letzteren nimmt die hervor-
ragendste Stelle Bolotu (Bulotu, Polotu) ein, wir begegnen ihr bei den Tonga-, Samoa- und
Fidschi-Insulanern. Diese verlegen die mythische Insel übereinstimmend weit nach Nordwest
und schreiben ihr einen Flachenraum zu, welcher den samtlieher Heimatinseln übertrifft.
Für die Boote der Menschen ist diese Insel unerreichbar oder sie wird von den Göttern
für die Vorüberfahrenden unsichtbar gemaeht3). Es ist verschiedentlich eine Deutung des
Namens Bolotu versucht worden. Hale4) will die mythische Insel in Buro, einer der
Molukken, wiederfinden. Fr. Muller 6) schliesst sich dieser Deutung an und übersetzt
Bulotu mit „das heilige Buro" {tu = tabu). Die blosse Aehnlichkeit der Namen kann jedoch
nicht für beweiskraftig gelten, und einen geographischen Hintergrund, den Fr. Muller
annimmt, braucht Bolotu nicht zu haben, denn die mei.sten Totenlander besitzen einen
solchen nicht, Bastian6) erkliirt Bolotu als heilige Insel, wohl mehr im Hinblick auf ihre
Bestimmung als auf ihren Namen. Meinicke 7) leitet diesen ab von po, Urraum und toto,
Mitte, sodass Bolotu Mitte des Götteraufenthalts bedeute, aber es ist ursprünglich kein
Göttersitz, sondern Totenreich, wie sich aus der Schattenhaftigkeit aller Dinge daselbst
ergiebt. Nach Gerland 8) ist lotu Adjektiv mit der Grundbedeutung tief, Polotu demnach
„tiefliegendes Po, Po der Tiefe". Für diese Erklarung könnte sprechen, dass Bolotu auf
Samoa auch unter die See9) und auf Fidschi mitunter in die Unterwelt verlegt wird l0);
indessen ist auch diese Deutung nach brieflicher Mitteilung des Herrn Professor Kern aus
sprachwissenschaftlichen Gründen unhaltbar. Bolotu wird auch mit Wandersagen in Ver-
bindung gebracht, von dort sollen die ersten Bewohner nach Tonga gekommen sein. Dies
kann aber nur ein spaterer Zusatz zu dem ursprünglichen Mythus sein, dessen Entstehung
wohl so zu erklaren ist, dass auch hier ursprünglich nur ein Totenreich vorhanden war,
das am Untergangspunkt der Sonne gedacht wurde, denn dorthin gehen auch die Seelen,
welche in das Po hinabsteigen, und erst spater die Trennung eintrat in ein unterirdisches
Totenreich, das Po, und die Insel der Seligen, Polotu, welche nur den bevorzugten Klassen
zuganglich ist.
Auf den übrigen polynesischen Insein treffen wir die westliche Toteninsel gleichfalls an.
Auf Pukapuka gehen die Seelen nach Westen in das freudenreiche Haus Revas, wo sie von
Seedamonen bewacht werden "). In derselben Richtung liegt das Paradies der Gilbertinsulanerl2)
\') Leguével de Lacombe, Voyage a Madagascar. Bd 2. S. 120.
>) Auf Samoa, Fidschi, Tahiti, Hawaii, Tarawa und Yap kennt man daneben noch ein unsichtbares
Totenreich auf der eignen Insel.
s) Mabiner, Tonga Islands. Bd 2. S. 101 ff. — Turner, Nineteen years in Polynesia. S. 237. — Cook,
Dritte Reise. Bd 2. S. 124. - Wilkes, U. St. Exp. Bd 1. S. 212.
*) U. St. Expl. Exp., Ethnogr. S. 135. \') Ethnographie. 2e Aufl. S. 321.
•) Inselgruppen in Oceanien. S. 32. 7) Beitrage zur Ethnogr. Asiens. S. 19. *) Anthropologie. Bd 6. S. 313.
•) Gill, Myths and Songs from the South Pacific. S. 108. Der jiingste Maui entdeckt die Höhle, welche
nach Bolotu führt. Da Maui eine Personirikation der Sonne ist, so dürfen wir in dieser Höhle die Oeffnung
sehen, durcli welche die Sonne unter das Meer sinkt und die Toten in das Po gehen.
\'•) Gerland, a.a.O. Bd 6. S. 674. ") Gill, a.a.O. S. 171. - Bastian, a.a.O. S. 211.
\'») Hale, ü. St. Exp., Ethnogr. S. 96.
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und die ferne Insel fflr die gefallenen Markesas-Krieger \')• Auf Hawaii gehen die verstorbenen
H&uptlinge zur Sonne oder nach mythischen Insein, das geheimnisvolle Land Kanes (der
Sonne) genannt; sie zeigten sich zuweilen fem im Westen, konnten aber nie erreicht
werden\'). Glückliche Toteninseln im Westen treffen wir weiter bei den Maori Neuseelands3),
dieselben werden zuweilen sogar mit den Insein der drei Kaps im Nordwesten der Nord-
spitze von Neuseeland identiflziert *).
Die Melanesier, deren Mythologie vielfaeh mit der polynesischen übereinstimmt, kennen
ebenfalls paradiesische Toteninseln im Westen. Auf Neuguinea suchen die Papua von Port
Moresby diese Insel rin der Richtung der untergehenden Sonne, fem jenseits von Kap
Suckling"*). Die benachbarten Doreer dagegen verlegen dies glückliche Land auf den Grund
des Meeres«). Westwarts nach Lakinatoto geht der Geist des Toten auf Vate7), el>enso
auf Lifu nach Locha8), wahrend die Neukaledonier ihr Paradies in einen Wald oder auf
eine Insel in der Nahe setzen9). Auf einigen Salomoinseln und auf Aneiteum 10) wird, wie
auf den polynesischen Radakinseln ") der Leichnam in die See geworfen, um in das schone
Land im Westen zu schwimmen; aus demselben Grund stösst man auf Tobi Tote und
Sterbende in Kannen in das Meer hinaus ls).
Tasmanier13) und Australiër leben gleichfalls auf einer Insel weiter, die Eingeborenen
von Port Lincoln verlegen sie in den fernen Osten oder Westen14), sie ist offenbar das
Land der Sonne. In Australien ist auch eine Götterinsel im Westen bekannt; ,.jenseits
der grossen See" lebt Bai-a-mai, der Schöpfer aller Dinge, in derselben Gegend auch sein
Bruder Darawcirgal, das böse Princip u). Die Stiimme an den Macdonnellbergen denken sich
ihr Paradies im Norden, bestandig sind zwei bartlose JQnglinge beschiiftigt, das Wasser
von demselben zurückzuhalten 16), es liegt also am oder im Meere. Sonst leben die Balumbal,
die Seligen, auch auf einem Berg im Nordwesten17), bei den Wellington-Australiern auf
den südwestlichen Bergen 18).
In Polynesien stossen wir auch auf einige fabelhafte, in den prachtigsten Farben
geschilderte Insein, welche nicht Aufenthaltsort der Toten sind. Unter diesen ist es in
eister Linie die ,.heilige Insel", Muta Tapu, der Hervey-Insulaner, welche unsere Aufmerk-
samkeit verdient. Sie ist der Wohnort des Gottes Tinirau, dem alle Fische unterthan
sind, und mit allen Vorzügen der Natur ausgestattet. Nach dieser Insel soll einst ein
junges Madchen, namens Ina, auf dem Rücken des Königs der Haiflsche gekommen und
Tixiraus Gattin geworden sein 19). Der Name des Gottes Tinirau bedeutet wörtlich 40 Mil-
lionen80), jedenfalls steht diese Zahl für unzahlig und bezieht sich nach Giu, auf die Menge
der Fische und des Fischlaicbs auf der heiligen Insel. Diese erscheint als Heimat der
Fische, von ihr aus ist das Meer mit Fischen bevölkert worden, als die Salzwasserteiche
\') PonTEii. Journal of a cruise made to tho Pacific Oc. Bd 2. S. 113.
*) Bastiax, a. a. O. S. 256. Auf Hawaii selbst soll ein bezaubertes Paradiesland Paliuli liegen.
3)  In einem Maorilied bei Davis, Maori Mementos. S. 168.
4)  Schikhen, Wandorsagen der Neuseelander. S. 93. 5) Globus, Bd. 30. S. 235.
") u. \') Waitz-Gekland. Antliropol. Bd (i. S. 673. ") Spencer, Principles of Sociologv. Bd 1. S. 221.
") De Pochas, La Nouvelle Calédonie. S. 276.
             10) Ratzel, Vülkerkunde Bd 2. S. 339.
") Bastian, a. a. O. S. 105.            \'*) Hale, a. a. 0. S. 80.
13j Bonwicx , Daily Life and Origin of the Tasmanians. S. 181.
>*) Wn.nELMi in: Aus allen Weltteilen. Bd 1. ö. 134.
") Wilkes bei Prichakd, Xaturgesch. des Menschengeschl. Bd 4. S. 278.
>«) Ratzel, a. a. O. Bd 2. S. 92. ") Wilkes, a. a. O. ■") Ratzel, a. a. O.
\'») Vgl. die ausführliche Erzahlung bei Gill, Myths and Songs from the South Pacific. S. 88 ff.
i») Die Zahlen, 40, 400, 400O, 40000, 4(X)000 finden sich entsprechend der amerikanischen Vierzahl
in der hawaiischen Mythologie. Vgl. Bastian, Inselgr. in Oceanien. S. 267.
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der heiligen Insel die Unmasse von Fischen nicht mehr fassen konnten. Für die Erlaubnis,
seine Fische in den Ocean setzen zu dürfen, musste Tinibau ein Stück seiner Insel an
seinen altern Bruder Vatea, den Herrscher des Oceans, abtreten. Auch die Erfindung des
Tanzes und der Tatuierung wird mit der heiligen Insel in Verbindung gebracht. Auch die
Markesasinsulaner kennen ein phantastisches Land im Westen. Ein junges Madchen war
im Traume dahin gereist und sah dort schone Dinge, die man auf den Heimatinseln nicht
hatte, sehr grosse Baume und sehr schone Menschen, welche süsse Melodien sangen. Die
Anziehungskraft dieses mythischen Landes war so gross, dass mehrmals Auswanderungen
nach diesen glücklichen Gestaden unternommen wurden, der Ocean allein weiss, was aus
ihnen geworden 1).
Direkt als Land der Sonne bezeichnen die Palauinsulaner ihr mythisches Land. Sie
erzahlen, dass einst vier der ihrigen dahin gelangten, es liegt unter dem Meer*), jedenfalls
dort, wo die Sonne in dasselbe versinkt.
Endlich finden wir auf Fidschi eine Art Amazonenmythus, im Nordwesten soll namlich
eine Insel unsterblicher Weiber liegen. Die Fidschiinsulaner, welche nach der Sage dorthin
verschlagen wurden, genossen ihr Glück, bis die heisse Luft sie heimtrieb3). Dieser Mythus
ist auch auf den Tonga- und Samoainseln bekannt, also überall, wo man die mythische
Insel Bolotu kennt; da die Fraueninsel in derselben Richtung liegt und ihre Bewohnerinnen
unsterblich sind, haben wir hier wahrscheinlich nur eine Abwandlung des Mythus von
Bolotu, der Insel der Seligen, vor uns.
Der tiefe Einfluss der Sonne auf die Anschauungen von der Lage des Jenseits zeigt
sich in Polynesien auch bei der Unterwelt, die vorwiegend jenseits des Meeres im Westen
gedacht wird. Die Oeffnung, durch welche nach polynesischer Anschauung die Sonne ver-
sinkt, bezeichnet den Eingang in die Unterwelt, deren Name Havaïki sogar gleichbedeutend
mit Westen ist *). Die Toten mussen meist einen weiten Weg zurücklegen, urn in die
Unterwelt zu gelangen, sodass diese als fernes Land erscheint. Für diese Reise giebt es
bestimmte Ausgangspunkte, man wahlt dazu mit Vorliebe weit in das Meer vorspringende
Landspitzen, Felsen oder Klippen, welche der untergehenden Sonne zugewendet sind. Solche
Sprungsteine finden sich auf samtlichen Insein der Tonga- und Herveygruppe. Auf Mangaia
versammeln sich die Seelen auch um ihren Führer gegenüber der untergehenden Sonne an
einem kleinen Bach, Rongos heiliger Fluss genannt, in dem sich früher nur Könige und
Priester baden durften. An einem abschüssigen Korallenfels der Westküste bleichen die
Geister ihre neugefertigten Gewander 6). Auf den Samoainseln muss ein Geist der auf der
östlichsten Insel seinen Körper verl&sst, die ganze Inselreihe durchwandern und die Meeres-
arme an bestimmten Punkten überschreiten, bis er am westlichsten Punkt von Savaii,
der westlichsten Insel der Gruppe, deren Name selbst West bedeutet, in das Meer springt,
um in die Unterwelt zu schwiinmen, oder direkt in dieselbe hinabsteigt8). Auf Oahu
bezeichnet man einen Ort in der Nahe des Westkaps als die Stelle, wo die Seelen in das
Meer steigen7), auf Fidschi ein im Westen gelegenes Felsenpaar8), auf Aneiteum ebenfalls
\') Radiguet in Revue des deux Mondes. Bd 23. S. 627. Das mythische Land soll Tiburones heissen,
vielleicht ist dies die spanische Übersetzung (tiburon = Haifisch) des einheimischen Namens.
») Ratzel, Völkerkunde. Bd 2. S. 303. \') Makiner, Tonga Islands. Bd 2. S. 120 f.
4) Überhaupt ist westlich = unten. Gill, a. a. O. S. 160. \') Ibid. S. 156—159.
6) Bastian, Inselgr. S. 42. — Gill, a. a. O. S. 159. Ein felsumschlossener See am Westende Savaiis
dient als Eingang. (Bastian S. 56).
\') Bastian, a. a. O. S. 264. ») Ibid. S. 4.
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einen Felsen am Westende der Insel*). Auf Neuseeland bildet das Nordkap, der ausserste
nach Nordwest vorgeschobene Punkt der Insel, den Sprungstein für die Seelen *). Am
aussersten Westkap von Vauna Levu zeigt man eine Stelle, an welcher die Toten die
Kahne besteigen, um in das Reien des Erderschütteres Ndengei zu fahren 3). Selbst in Europa
flnden wir noch heute in der Bretagne neben dem Kap Raz eine Seelenbai, von der aus
die Seelen ihre Reise antreten *).
Auch im ostindischen Archipel kehrt die Toteninsel wieder, daher werden die Verstor-
benen vielfach in kahnförmig gezimmerten Sargen bestattet oder es werden kleine Kahne
neben den Grabern aufgestellt\')• Auf den Philippinen wurden früher Sklaven oder Tiere
den verstorbenen Hauptlingen mitgegeben, um innen als Ruderer auf der Fahrt in das
Jenseits zu dienen. Die Seelen wandern nach einer Insel, wo die Baume, Vogel, Gewasser
und alle andern Dinge schwarz erscheinen, von dort gelangen sie auf eine zweite Insel,
wo alles in verschiedenen Farben prangt, und zuletzt kommen sie auf eine Insel, wo alles
weiss ist •). Ich glaube, dieser Mythus ist so zu deuten, dass die Seelen durch das Land
der Nacht und der Dammerung nach der Sonneninsel, ihrem Aufenthaltsort nach dem
Tode, gehen. Die Mintiras der Halbinsel Malakka kennen noch heute eine mythische
Toteninsel im Ocean, sie nennen dieselbe Pulo Bua, d. h. Fruchtinsel7). Auf den Nicobaren
sprechen die von Bastian8) erwahnten Geisterbote für den Glauben an eine Toteninsel.
Auf einigen der Molukken werden kleinere, in der Nahe gelegene Insein als Aufenthaltsorte
der Toten angesehen, auf den Kei- oder Ewaabu-Inseln die kleinen Eilande Baeer und
Ohimaas, in der Luang-Sermata-Gruppe Metrialam, auf Loa und Makor das Eiland Wekenau 9).
Die Igorroten lassen ihre Toten nach dem schonen Gartenland Cladungayan gehen, es liegt
im Norden10), vielleicht in Erinnerung an einen früheren Verkehr mit Japan.
Die Dajaken verlegen ihre Seelenstadt auf eine Insel in der Wolkensee"), die Über-
tragung in überirdische Regionen kann aber erst in spaterer Zeit erfolgt sein, denn die Reise
nach der Seelenstadt erfolgt auf einem Flusse, wobei von einem Uebergang in den Himmel
nicht die Rede ist. Da jetzt die Spitze des Berges Lomot den Eingang bilden soll, so ist
hier jedenfalls die Idee einer Toteninsel verschmolzen mit der auch sonst den Malayen
gelauflgen Ansicht, dass die Gipfel hoher Berge den Aufenthaltsort der Toten bilden. Solche
Totenberge sind auf Borneo der Kina Balu12), auf Java der Gunung Danka13), auf Serang
der Patukawanea und der Teriu), auf Madagaskar der Ambondrombeu). Auf den Philip-
pinen identifizierten die Visayer ihr Paradies Ologan mit dem Berg Medias auf der Insel
Panay und bei den Tagalen gelten heute noch gewisse Berge als Wohnsitze der Seelen18).
In Vorder- und Hinterindien und Ostasien haben Buddhismus und Brahmanentum den
primitiven Volksglauben verdrangt, aber auch hier hat sich der Glaube an ein westliches
\') Tcbneb, Nineteen years in Polynesia. S. 371. ») Bastian, a. a. O. S. 211.
*) Schikken\', Wandersagen der Neuseelander. S. 93. 4) Tylor, Anthropologie S. 422.
») Ratzel, Völkerkunde. Bd 2. S. 483.
•) Blume.ntkitt, in d. Mitteil. der geogr. Gesellsch. in Wien 1882, S. 151 und 205.
7) Journ. Ind. Arehip. Bd. 1. S. 325. ») Indonesien, Bd 1. S. 50.
\') Riedel, De Sluik- en Kroesharige Rassen tusschen Selebes en Papua. S. 240, 329, 394.
i») Ratzel, a. a. O. Bd 2. S. 484.
") GraboW8KY, Intern. Archiv für Eth. Bd2. S. 185. Auch auf Nukahitra verlegt man das Paradies auf eine
Insel in den Wolken. Auf Timorlao benutzt man eine Leiter, um in das Jenseits zu gelangen (Riedel,
a. a. Ü. S. 307).
\'*) St. John, Life in the Forests of Far East. Bd 1. S. 278.
\'») Rigg in Journ. Ind. Arch. Bd. 4 S. 119. - Bastian, Oestl. Asien Bd 1. S. 83.
\'<) Riedel, a. a. O. S. 144 und 211. \'») Ratzel, Völkerkunde. Bd 2. S. 484.
") Blumentkitt, a. a. O. S. 166 und 205.
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Totenland vereinzelt erhalten. Die Karenen verlegen P/?e, das Land der Toten, teils unter
die Erde, teils jenseits des Horizonts: wenn die Sonne auf Erden untergeht, gent sie in
Plu auf1), dieses Land muss also im Westen liegen. Es zeigt sich hier der Uebergang vom
fernen Totenland zur Unterwelt sehr deutlich. In Vorderindien setzen die Toda, ein Dravida-
stamm, ihr Paradies dahin, „wo die Sonne untergeht"\'). In Innerasien sto»sen wir bei
den Kalmfiken auf ein glückliches Land im Westen und auch die Chinesen kennen ein
Reich der reinen Freude, der reinen Tugend oder Unschuld, das im Westen liegt3). In
den chinesischen umi japanischen Sagen finden sich aber auch fern im Ocean gelegene
rInseln des evvigen Lehens" als Totenreich, noch jenseits derselhen suil ein Land der Fniuen
liegen, bewohnt von einer Art Amazonen, welche die ihnen durch den Sturm zugefQhrten
Miinner erst heiraten und dann toten4). Andrer Art ist das Wunderland Fumng5) der
Chinesen. Die Schilderung desselben in den chinesischen Reichsannaien stützt sich auf die
Angal>en eines buddhistischen Mönches, dessen Vaterland Fusang war, und passt ganz auf
Japan, nur die Entfernung von China wird auf 20 000 Li (iiber 1">00 gengr. Meilen) ange-
geben, wohl um dasselbe als unerreichbar hinzustellen. Die chinesischen Dichter machten
dann aus diesem Land ein wahres Paradies und liessen dort ihre Zaubergeschichten sich
abspielen.
In Centralasien machen an Stelle des Meeres die hohen Gebirge ihren Einfluss auf die
mythisch-geographischen Anschauungen der umwohnenden Völker geitend. Hinter den
Gebirgswallen glaubt man das Paradies verborgen, daher verlegen die Inder die Wohnsitze
der Seligen 6) und das Land Kuru, welches zu dem der griechischen Hyperboreer ein Seiten-
stück bildet7), auf oder hinter die Berge im Norden. Auch die nördliche Laye des Paradieses
der Kuki8) in Bengalen lasst sich dadurch erklaren, dass es in die Berge verlegt wird.
Die Singpho in Ober-Assam suchen ihre selise Urheimat auf der Hochebene eines Berges,
der zwei Monate Weges entfernt im Osten liegen soll9). In derselben Richtung vermuten
auch die Santal die ursprünglichen Sitze ihrer Vorf\'ahren, zu denen sie nach dem Tule
zurückkehren l0).
Die hervorragendste Stelle nimmt in der mythischen Geographie Centralasiens der
Weltberg oder Himmelsberg ein "). Sein charakteristisches Merkmal ist die centrale Lage im
Mittelpunkt des Erdkreises. Bei den Iraniern fallt er der Lage nach mit dem Painir-
Hochland, dem Mittelpunkt des asiatischen Gebirgssystems, zusammen. Bei den Indern
führt er den Namen Mem und glanzt nach den vier Himmelsgegenden in den Farben des
Goldes, Silbers, Kupfers und Eisens. Piesen Berg finden wir bei allen buddhistischen
Völkern wieder, bei den Mongolen als König der Berge unter dem Namen Sumeru, bei
den Tibetanern als Sunnur Oola, bei den Chinesen als Kuantun, bei den Kalmüken in
Form einer Pyramide, bei den Birmanen als Mienmo, bei den letzteren ist er zugleich der
Ort der Seligen.
Den Bewohnern der grossen nordasiatischen Tiefebene ist die Idee eines glücklichen
Totenlandes fast ganz fremd, nur bei den bereits in Europa wohnenden Tschuwaschen
«) Cross, The Carens bei Tylor, Anfange der Kultur. Bd 2. S. 67.
») Spencek, Principles of Sociology. Bd 1. 8. 221. *) Bibl. der Gescli. der Menschheit. Bd 7. S. 245.
4) Brauns in Zeitschr. f. Volkskunde. Bdl. S. 255. Die Amazonen sollen ureprünglich Wolkenjungfrauen
sein. Durch die Japaner sind auch die Aino mit diesem Mythus bekannt geworden.
s) Der Name bedeutet „Edler Maulbeerbaum." ") Dubois, Description of the People of India. ö. 482.
*) Ritter, Erdkunde. Bd 2. S. 10. ») u. 9) Spencer, a. a. O. Bd 1. 8. 220.
\'•) Ritter, Erdkunde. Bd 4. S. 378. >\') Vgl. Bitter, Erdk. Bd 2. S. 9. Sepp, Das Hoidentum. Bd 1. S. 111 ff.
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finden wir ein Land der Zufriedenheit für die redliclien Leute \'), über die Lage desselben
ist aber nichte bekannt. Bei den Tungusen lasst die Sitte, das Gesicht der Toten nach
Osten zu richten, vermuten, dass sie nach dem Tode zur Sonne gehen 2). Auch die Aino
richten den Kopf des Leichnams nach Osten, „weil dies die Gegend ist, wo die Sonne
aufgeht"3).
Sehr selten begegnen wir auch bei den Negern Afrikas einem Totenland, obwohl der
Glaube an ein jenseitiges, dem irdischen gleiches Lelden sich öfter findet. Die .Seele bleibt
meist in der Niihe der alten Wohnung oder des Grabes, die Zulu kennen daneben eine
Unterwelt, in der man wie auf Erden lebt. Indessen treffen wir vereinzelt auch Spuren
des Einflusses von Sonne und Meer auf die Anschauungen vom zukünftigen Leben. An der
Sierra Leone-Küste blickt das Gesicht des Toten entweder nach Westen oder nach Osten 4),
in Benguela werden die Toten urn Sonnenuntergang verbrannt6). Die See ist in Benin der
Sitz des künftigen Glüekes und Eleudes6). Ein wirkliches mythisches Totenland scheint
nur an zwei Stellen Afrikas bekannt zu sein, an der Goldküste, wo dies glückliche Land
in das Innere verlegt wird7), und bei den Negern am Rio Sestro (Liberia). Eine genaue
Yorstellung von diesem Ort haben die letztern jedoch nicht, er ist ihnen unbekannt, sie
wissen nur, dass er durch grosse raumliche Entfernung vom Wohnort der Menschen
getrennt ist"). Wit; Muxgo Pakk 9) berichtet, halten die Neger ihr eignes Land für das
glücklichste und sich selbst für das glücklichste Volk. In diesem Licht erschien auch den
westindischen Negersklaven das Vaterland, sodass sich bei ihnen der Glaute an die Riick-
kehr der Verstorbenen nach der glücklichen Heimat bildete und infolge dessen Selbstmorde
in erschreckendem Maasse vorkamen ln).
Die reichste Ausgestaltung hat der Mythus vom Totenland bei den Kulturvölkern
Europas und der angrenzenden Teile von Asien und Afrika erfahren. Schon die alten
Aegypter versetzten ihre Toten auf eine ferne Insel. Ein Pyramidentext, welcher das hohe
Alter von 5000 Jahren aufweist, berichtet bereits von einer grossen Insel im Herzen der
Felder des Friedens, sie dient den Göttern zur Wohnung und tragt den Baum des Lebens ").
Der letztere wird auch an den Eingang zum Getilde der Seligen Amenti oder Aalu gesetzt.
Amenti bedeutet wie das polynesische Haraikl sowohl West wie Unterwelt, in einer
Inschrift wird es die „Grenze der versammelten Finsternis" genannt ri), der Weg dahin
führt durch das Dunkel. Der Uebergang vom westlichen Totenland zur Unterwelt liegt
auch hier auf der Hand. Aalu deutet wohl auf Aah, die Mondgottheit13); dagegen ist der
Sonnengott Osiris, die niichtliche Seite Ras1*), Herr der Toten in den seligen Gefilden,
sodass diese als das westliche, niichtliche Land der Sonne und des Mondes aufzufassen
sind. Die eigentliche Inselnatur des aegyptischen Paradieses geht daraus hervor, dass in
den Inschriften vier Insein der Seligen besonders hervorgehoben werden, namlich die Insein
des Friedens, des Ernteschnittes, des Fischhafens und die Wasseroase. Der letztere Namen
deutet darauf hin, dass auch die Wüste an die Stelle des Meeres tritt und die Insein zu
Oasen werden, was besonders bei den Oberaegyptern, die zwar vom Meer enttèrnt, aber
\') Geobgi, Russland. Bd 1. S. 43. *) Hiekisch, Die Tungusen. S. 168.
3) ïyloh, Anfange der Kultur. Bd 2. S. 424. 4) Wintekbottom in Sprengels Reisebeschr. Bd 23. S. 302.
») Waitz, Anthrop. Bd 2. S. 196. 6) Bibl. d. Gesch. d. Menschh. Bd 3. S. 57.
?) Bowmax bei Spe.vceh, a. a. O. Bd 1. S. 224. ") Bibl. d. Gesch. Bd 1. S. 381.
») S. 318. \'") Vgl. Meineks, Gesch. der Religionen. Bd 2. S. 762.
») Lincke, Skizze der aegvpt. Liter. S. 33. \'•\') Wiedemann. Religion der alten Aegypter. S. 48.
») TyLOB a. a. O. Bd 2. S."302. M) Bastian, Inselgr. in üeeanien. S. 210. A. 3.
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gleichsam auf einer Insel des Sandmeeres wohnten, leicht zu erkklren ist. In der That
deuten mehrere Inschriften auf die Oase Testes, westlich von Theben und Herodot (3,26)
kennt sieben Tagereisen westlich von Theben einen Ort Mmx&Qtor !•»;<>«,•.
Auch bei dem altesten semitischen Kulturvolk findet sich der Mythus vom glüeklichen
Totenland i). Nach der babylonischen Legende ist es ein Insel fern im Süden, jenseits der
Gewisser des Todes. Das Nimrod-Epos schildert ausführlich die Reise des Helden nach
jener fernen Insel. Nachdem Nimrod den Berg Maéu und das öde Land gleichen Namens,
die Wüste im SOden von Mesopotamien, passiert hat, gelangt er in ein Land, dessen
Baume Edelsteine tragen, und schliesslich an das Meer. Die nun folgende Seereise wahrt
langer als einen Monat und führt den Heros durch die Gewasser des Todos nach dem
Gestade der Seligen. Da nach der Ansicht der Babylonier der Ocean die Erde wie ein
Gflrtel umgiebt, und die Gewasser des Todes noch jenseits desselben fliessen, so liegt das
Land der Seligen an den aussersten Grenzen der Erde, jenseits des Weltmeeres. Dass es
nach dem Süden verlegt wird, lasst sich dadurch erklaren, dass für die Bewohner Mesopo-
tamiens der nachste Meeresteil, der persische Meerbusen und das arabische Meer, im
Süden liegt.
Die Griechen verlegten den Ort der Seligen an das westliche Ende der Erde, dort
dachte man sich denselben als Insel im Ocean oder als Ebene, \'likvatoi\' twJiW1), an dessen
Kilste. Aus diesem Totenland im fernen Westen, wo Tag und Nacht in einander über-
gehen, entwickelte sich auch bei den Griechen erst spater die Unterwelt, der Hades wird
noch in der Odyssee in den Ocean, in den fernsten Westen verlegt3). Auch bei Hesiod
(Theog. 720 ff.) gehen Unterwelt und Westen in einander über, dort wohnen Schlaf und
Tod, wie auch in der Odyssee (24, 12) die Traume eine eigne Wohnung im westlichen
Ocean haben, in der Nahe des Sonnenuntergangs und Totenreiches. An Stelle dos Elysiums
treten auch die Insein der Glückseli^en, welche man spater in den Kanarien gefunden
zu haben glaubte*). Unter anderem Namen, der schon auf die westliche Lage deutet,
erscheinen sie in den Insein der Hesperiden. Diese sind die lieblich singenden Töchter der
Nacht, sie wohnen dicht an den Grenzen des ewigen Dunkels und hüten die goldnen Aepfel,
welche den schönsten Schmuck eines herrlichen Gartens der Götter bilden. Eine ferne
mythische Insel, das Sonneneiland Aea, liegt auch der Argonautensage zu O runde. Aea
wurde ursprünglich ebenfalls im Westen gedacht als Heimat der Sonne, erst spater mit
der zunehmenden Entwickelung der Schiffahrt im schwarzen Meer kam die Vorstellung von
einem östlichen Aea, wo man ja auch das Sonnenland vermuten konnte, hinzu, „sodass
nun aus dem idealen Aea das geographisch bestimmte Aea Kokïm wurde"\'). Als Sonnen-
land ist auch die in der Gegend des Sonnenuntergangs gelegene Insel Erytheia mit ihren
Scharen von Rindern zu deuten, die rötliche Farbe der letztern erinnert sofort an die
Abendröte. Auch der Phaakenmythus steht in Zusammenhang mit dem westlichen Toten-
land. Homkr (Od. (>,204 ff.) versetzt das mythische Volk nach Scheria im Ocean, nicht
weit von der Unterwelt, in welche die Philaken wohl ursprünglich die Toten zu geleiten
natten. Hierauf deutet auch ihr Name, Welcker8) erkliirt denselben als Verstarkung von
\') Vgl. Jekemias, Dio babyl.-assyr. Vorstellungen vom Lebon naeh dem Tode. S. 81 ff. In den Aralu,
d. h. Liinderberg, im unbokannten Norden verlegten die Semiten das allgemeine Totenreich, das Assyrier
und Babylonier als ungeheuren Falast im Innern dieses Berges dachten.
*) Pape übersetzt Heimfeld, Göbel dunkles Getilde. 3) Vgl. Peeller, Griech. Mythol. Bd 1. S. 6!?:t.
4) Strabo, 3, 13.        ») Pkeller, Griech. Mythol. Bd 2. S. 308.
\') Rheinisches Museum f. Philol. Bd 1. S. 231.
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fuiói, Dunkelmann. Es ist das in der Gegend des nachtlichen Dunkels wohnende Volk.
An die Grenzen der Oekumene wurden auch die glückseligen Hyperboreer und die gerechten,
langlebenden Aethiopen verlegt. Erstere leben im geheimnisvollen Dunkel des Nordens,
letztere, bei denen es nach Plinius von Wundern wimmelt, am SOdrand des Erdkreises.
Den Aethiopen bietet der allnachtlich neugedeckte Sonnentisch unvergangliche Nahrung,
ihr Land ist also die Heimat der Sonne, die sieh wahrend der Nacht daselbst auf halt.
Ebenso kann vielleicht das Land der Hyperboreer gedeutet werden, denn der Norden wird
mitunter als Ort der mitternachtlichen Sonne aufgefasst*).
Die Vorstellung von einer glücklichen Toteninsel wurde im Altertum auch mit der von
einem transoceanischen Kontinent vereinigt, sodass auf diesen die Sagen von der glücklichen
Insel öbertragen wurden. In Mythus Plutarchs vom Kontinent des Kronos*) findet sich
eine Insel Ogygia, die schon bei Hom er fern im Ocean, bei Plutarch fünf Tagereisen
westlich von Britannien liegt. Kronos halt daselbst seinen Schlaf in einer tiefen Höhle,
umgeben von Geistern. die seine Gefahrten waren, als er noch Götter und Menschen
beherrschte. Dies deutet darauf hin, dass auch Ogygia. ursprünglich als Toteninsel aufgefasst
wurde. Noch wahrscheinlicher machen dies die westliche Lage und der Umstand, dass
gerade westlich von Britannien vielfach die Heimat der Gestorbenen gesucht wurde. An
andrer Stelle 3) liisst Plutarch denn auch die Seelen der Helden auf Ogygia weiter leben.
Da diese Insel mit alleni ausgestattet ist, dessen der Grieche zu einem glücklichen Leben
bedurfte, und unter Kronos Regierung das goldene Zeitalter fallt, so liegt Plutarchs
Mythus jedenfalls die Idee zu Grimde, dass jene glückliche Zeit auf der raythischen Toten-
insel im Westen fortdaure. Noch 5000 Stadiën jenseits von Ogygia liegt der grosse trans-
oceanische Kontinent, dieser erscheint in Theopomps Mythus von der Meropis*) als das
glückliche Westland. Die ganze Erzahlung ist so allegorisch gehalten, dass sie ohne Zweifel
ein Produkt der dichterischen Phantasie ist, die sich an die volkstümliche Sage von der
Insel der Seligen anschloss. Die mythische Insel im westlichen Ocean ist endlich auch als
Kern der platonischen Atlantissage zu betrachten, welcher wegen der grossen Bedeutung,
die sie gewonnen, eine eingehendere Betrachtung an spaterer Stelle gewidmet werden soll.
lm westlichen Weltmeer suchte auch die keltische Sage die Inselheimat der Toten6).
Die Kelten des Kontinents hielten Britannien für die Toteninsel. Pbokop\') berichtet, dass
die Bevölkerung der Britannien gegenüberliegenden Kuste den Franken unterworfen war,
aber keinen Tribut zahlte, da sie seit alter Zeit die Verpflichtung hatte, die Seelen der
Verstorbenen Oberzufehren. Das Boot, in welchem die Schitter die Toten befordern, ist so
mit den Seelen Verstorbener beschwert, dass es wahrend der Ueberfahrt nur urn eines
Fingers Breite den Wasserspiegel überragt. Pfeilschnell schiesst es duren die Wogen,
sodass es in weniger als einer Stunde an der britannischen Kuste landet. Ist die Insel
erreicht, so entleert sich das Schiff und wird so leicht, dass nur der Kiel die Wellen
berührt. Die Schitter sehen niemand, horen aber bei der Landung Namen, Stand und Her-
kunft iler Verstorbenen, bei Frauen von deren Mannern, von einer Stimme ausrufen.
Diese Sage ist unzweifelhaft keltischen Ursprungs, denn Reste derselben haben sich bis
\') Dabei" die üntorwelt bei Azteken und Germanen im Norden.
\') De facie in orbe lunae, cap. 26. 3) De defectu oraculorum, cap. 18.
<) Ueberliefert bei Aelian, Variao historiae 3, 18.
4) Jn Irland kannte man nach einer, bis ins Mittelalter verbreiteten Sage, auch eine Toteninsel neben
einer Insel des Lebens in einem See der Provinz Munster. S. Si\'iess, Entwickelungsgesch. der Vorstelluu-
gen vom Leben nach dem Tode. S. 360.
             6) Bellum, goth. 4,20.
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heute bei den Bretonen erhalten. In der Gemeinde Plonguel bringt man die Leichen nicht
auf dem kürzeren Landweg zum Friedhof, sondern setzt sie auf einein Boot über einen
Meeresarm, den „Passage de 1\'Enfer", und der Volksglaube der Bretagne halt noch test an
der Sage vom Hunde des Pfarrers von Braspar, der die Seelen nach Grossbritannien
geleitet, wenn die Rader des Leichenwagens knarren \'). Am westlichsten Pnnkt der
Bretagne, in der Nahe der Pointe du Paz, kennt man noch heute eine Seelenbucht (bor
ann atiaro)*);
dies deutet wie die Angabe Prokops, die Menschen könnten unmöglich im
Westen der Bretagne leben, denn das Gebiet daselbst sei von den Seelen der Abgesehie-
denen bewohnt, darauf, dass die Kelten des Kontinents die Toten nicht uur nach Gross-
britannien, sondern auch auf sonstige westliche Insein versetzten. Auch den benachbarten
Germanen scheint die Toteninsel nicht unbekannt gewesen zu sein, es findet sich bei
ihnen verschiedentlich der Brauch, die Leichen auf einem Schift* den Wellen des Meeres
zu überlassen 3), in einer schwedischen Volkssage fahrt sugar Odin die gefallenen Krieger
in einem goldnen Schift\' nach Walhalla.
Für die Kelten Irlands ist Flathlnnia (die Insel der Edlen) die Heimat der Verstor-
benen, welene, mit saftigem Grün geschmückt, fern im westlichen Ocean ruhig inmitten
der stürmischen See gelegen ist4). In Irland ftnden wir noch lange Zeit Kunde von mythi-
schen Insein; unter den Bauern von Mayo, einer der westlichsten Grafschaften Irlands, hat
sich bis in die Gegenwart die Tradition von einem wundervollen Land im fernen Westen
erhalten6). Die altirische Sage von Flath-Innis, der Insel der Freude, dem glQcklichen
Gefilde oder dem Land der Jugend °) ging in die christlichen Anschauungen über und wurde
zum Land der Verheissung, der Insel der Lebenden 7). Auch die geographischen Mythen der
Alten suchte man mit den irischen zu vereinigen und stattete so den atlantischen Ocean
mit einer Reihe sagenhafter Insein aus, deren Einzeichnung in die Karten den Geographen
des Mittelalters oft nicht geringe Mühe verursachte, die aber auch kühne Seefahrer ver-
anlassten, in das unbekannte Westmeer vorzudringen. Im Nordwesten, wo das paradiesische
Ogygia und die glückiiche Insel der Kelten liegen sollten, suchte man im sechsten Jahr-
hundert eine Insel der Glückseligen. Um diese aufzufinden, unternahm ein keltischer
Mönch, Brandan von Clonfert, eine Ileise in den atlantischen Ocean, von der die wunder-
barsten Uinge erzahlt wurden. Den Namen dieses Mönches führen noch jetzt ein Berg,
eine Bucht und ein Vorgebirge in der Grafschaft Kerry, nahe dem westlichsten Vorsprung
Irlands. Auf dem Berge, der seinen Namen erhalten, verweilt Bkaxdak, bevor er seine
Fahrt antritt, hier wird ihn die Sehnsucht nach den schonen Geheimnissen des Westens
ergriffen haben, wie sie in einer anderen irischen Schift\'ersage, dem Imram Ua Corra, als
Motiv zur Seefahrt angegeben wird. Die drei Söhne des Ua Corra betrachten vom Ufer
aus die untergehende Sonne, sie wundern sich über ihren Lauf und mochten gern wissen,
wohin sie gehe, wenn sie unter das Meer versinkes); das gesuchte Land im Westen ist
also auch hier das Land der Sonne. Nach der irischen, ursprüngliehen Legende ist die
erste siebenjahrige Fahrt Bkandans vergeblich, erst auf einer zweiten Reise findet er nach
\') Tylor, Anfünge der Kultur. Bd 2. S. 65. :) Tylob, Anthropologio. S. 422.
J) Beispielo bei Grimm, Deutsche Mythol. S. 790 f.
«) Macpherson, Introduction to History of Great Britain and Ireland. S. 180.
») Walker, The Azores, S. 18.
•) Oisin (Ossian) lebt 300 Jahro im Land der Jugend und stirbt, als er dasselbe verlassen. Vgl. Curtin,
Myths and folk-lore of Ireland.
;) Schirmer, Zur Brandans-Legende. S. 19. ") Schirmer, a. a. 0. S. 36.
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abermaligem siel>enjahrigen Umherirren die verheissene Insel; dichter Nebel, ursprünglich
wohl das Punkel der Nacht, umgiebt dieselbe. Die von Branpan gefundene Insel liegt nach
don Karten des früheren Mittelalters genau westlioh von Irland, mitunter sogar nördlicher,
spater rückte sie jedoch immer wei ter nach Hüden, bis sie schliesslich mit Madeira oder
den Kanarien identifiziert wurde\'). In dieser Gegend suchten auch die Araber ihre glück-
lichen und ihre ewigen Insein, die Edrisi mitten in ein unwirtliches Meer, Baku an die
Grenze von Afrika verlegt, jedenfalls nach dem Vorbild der griechischen Autoren, die von
den Arabern fleissig studiert wurden. Selbst nachdem Amerika entdeckt und das "Westmeer
in den verschiedensten Richtungen durchkreuzt war, glaubte man noch an die Existenz
der mysteriösen Insel im Westen, ohne zu ahnen, auf welenen Ursprung sie zurückzuführen
sei. König Emanuel von Portugal verzichtete 1519 zugleich mit seinen Ansprüchen auf
die Kanarien auf die ,.verborgene oder unentdeckte Insel", wie man damals die von
Bkandan angeblich entdeckte Insel nannte. Im 16. Jahrhundert wurde noch eine Reihe
von Expeditionen zu ihrer Aufflndung unternommen, die letzte dieser Entdeckungsfahrten
fand eist 1721 statt1).
Auf der Pyrenaenhalbinsel hat sich ebenfalls durch das ganze Mittelalter die Sage
von einer grossen, glücklichen Insel im Westen erhalten. Als die Araber ihre Herrschaft
Ober Spanien ausbreiteten, sollen sielien Bischöfe mit spanischen und portugiesischen
Ansiedlern ein blühendes Staatswesen auf jener Insel gegründet haben, auf don Karten des
Mittelalters erscheint sie als Insel der sioben3) Stadte oder Antilia. Möglicherweise liegt
auch hier dor vorchristlicbe Glaube an ein westliches Totenland zu Grunde, noch im 16.
Jahrhundert war in Portugal der Glaube verbreitet, der in Marokko gefallene König Sebastian
lebe auf jener Insel fort und werde einst zur Befreiung Portugals wiederkommen. Wie die
Bewohner von Ferro und Gomara alle Jahre im Westen Land zu erblicken glaubten ),
so hat sich auf der Azoreninsel S. Miguel bis auf den heutigen Tag der Glaube an bezauberte
Insein im Nordosten erhalten, die man gelegentlich in weissen, nebligen Umrissen zu sehen
behauptet6).
Ausser den bisher angeführten mythischen Landern kannte das Altertum und Mittel-
alter noch eine Anzahl anderer sagenhafter Insein und Lander, die aber ihrer Entstehung
nach mit den Toten- und Sonnenliindern nichts gemein haben, es sind die Goldlander des
Orients an den Grenzen der bekannten Welt6). Auch in Amerika fanden die spanischen
Entdecker Sagen von Gokllündern. Auf den Antillen horten sie von einer an Gold sehr
reichen Insel Babeqite oder Baneque, die nordöstlich von Tortuga liegen sollte. Ein anderes
Goldland, Cibola mit der durch ihre Reichtümer berühmten Hauptstadt Quivira, fand seinen
Platz im heutigen Neu-Mexico, dem Sitz einer alten Civilisation. Am berühmtesten wurde
aber das Reich des Dorado, des Goldförsten, der in der prachtigen Kapitale Manoa ein
gerechtes Regiment Ober ein glückliches Volk führt. Das heutige Venezuela sollte in seinen
undurchdringlichen Waldern das Wunderland bergen 7).
•) Vgl. Humboldt, Krit. Untersuch. Bd 1. S. 420.
«) Vgl. Walker, Azores. S. 24 f. - D\'Avézac, Univers pittor. Bd 4. Tl. 2. S. 22 f.
:\') Die Siebenzahl erinnert schon wie früher die Vierzahl an das Mythische, die Fortunaten und Hes-
periden sind in gleicher Zahl vorhanden, im Mittelalter wurde die Sieben vielfach als heiligo Zahl betrachtet.
4) Colümbus, Scliiffstagebuch, 9. August 1492. \') Walkek, Azores S. 31.
fi) Eingehend behandelt von Humboldt, Krit. Untersuch. Bd 1. S. 315 ff. und Peschel, Abhandlungen.
Bd 1. S. 35 ff. ») Bkoton, Myths of the New World. S. 87.
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II. DIE LEBENSQUELLE.
Mit den Mythen von den Insein der Seligen berühren sich eng die Sagen von einer
Quelle des Lebens oder der Jugend. Die Lebensquelle ist das Meer, in dem sich die Sonne
taglich verjüngt. Die tügliche Wahrnehmung, dass die Sonne am Abend in die See hinab-
taucht, um am nachsten Morgen in neuem Glanz sich zu erheben, liess das Meer als das
Element auffassen, in welchem die untergehende Sonne wahrend der Nacht neue Krafte
sammelt. Aber auch die fortwahrend ab- und zunehmende Scheibe des Mondes legte die
Ansicht nahe, dass der zusammenschwindende und absterbende Himmelskörper in den
Fluten des Meeres, in die er wie die Sonne versinkt, sich immer von neuem kraftigt. Bei
dem Versuche, dem Lebensquell einen bestimmten Ort anzuweisen, wurde entweder die
Unterwelt gewahlt, da die Sonne wahrend der Nacht ihre Bahn unter der Erde fortzusetzen
scheint und auf diesem Wege neuen Glanz gewinnt, oder es wurde diese Quelle in das
Land der Seligen, die Heimat der Sonne versetzt. Ihrem Vorbild kommt die Lebensquelle
da am nachsten, wo sie als See erscheint. Auf den Aleuten erzahlt man, dass die Menschen
anfanglich unsterblich gewesen seicn, da sie, alt geworden, auf einen honen Berg gingen
und sich dort in einen See stürzten, aus dem sie neu verjüngt wieder hervorkamen ■)• Bei
den Dajaken bildet ein grosser See den Mittelpunkt der Seelenstadt, auf einer runden Insel
in der Mitte dieses Sees erhebt sich der Wunderbaum, dessen Stamm mit Lebenswasser
gefüllte Knorren tragt, der Genuss desselben verjüngt wie das Baden im See2).
In der polynesischen Mythologie findet sich die Lebensquelle in der Unterwelt, auf
den Tongainseln verbindet man sie auch mit Bolutu3). Von Hawaii aus segelt Kamapiikai,
das aus der See gekletterte oder über die See laufende Kind, also die Sonne, nach der
Unterwelt oder dem von ihm entdeckten Land Haupokane, um aus der Lebensquelle
Vaiola zu trinken 4), welche die Prinzessin Papa durch sieben Geschlechter verjüngte 6). Die
Maori glauben, dass die Sonne Nachts in ihre Höhle hinabsteigt und sich im Wasser des
Lebens badet8). Daneben verlegen sie den Lebensquell auch in den Himmel, dort belebt
sich die Seele des Embryo für die irdische Geburt und verjüngen sich Sonne und Mond 7).
Niemand vermag den Quell zu erreichen, selbst der Heros Maui, welcher sonst die schwie-
rigsten Unternehmungen glücklich vollbringt, scheitert bei dem Versuche, zu den Wa.ssern
des Lebens vorzudringen b).
In der Unterwelt beflndet sich die Lebensquelle auf dem ostindischen Archipel. Der
Beherrscher des Berges Djonggring Kentjana, Kurtjaja, bezwingt den "Wachter der unter-
irdischen Höhle, in welcher die Unsterblichkeit verleihende Quelle fliesst9). In einem indisch-
javanischen Mythus rettet sich der Gott Bhatdra Gum, als er aus einer giftigen Quelle
getrunken hat, durch einen Trunk aus einer lebenspendenden, durch die er auch die übrigen
von der Nacht (sie ist die giftige Quelle) vergifteten Götter zum Leben zurückruft, wie
die Sonne bei ihrem Aufgang nicht nur selbst verjüngt erscheint, sondern auch alles, was
«) Bastian, Beitrage zur vergleich. Psychol. S. 55.
>) Gbabowsky, Intern. Aruhiv für Ethnogr. Bd 2. S. 187.
3)   Bastian, Inselgruppen in Oceanien. S. 30.
4)   Ibid. S. 241. — Schikben, Wandersagen der Nouseeliinder. S. 150.
*) Bastian, Heil. Sage der Polynesier. S. 128. 6) Tvloe, Anfiingo der Kultur. Bd 1. S. 331.
r) Bastian, Heil. Sage. S. 51. ") Ibid. S. 290.
") Schikben, a. a. O. S. 124.
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sie bescheint, zu neuem Leben erwecktl). In der indischen Mythologie erscheint die Lebens-
quelle beim Palast Brahmas als alterloser Strom, dessen Anblick bereits wieder jung macht.
Bei den vorderasiatischen Völkern steht der Quell des Lebens sowohl mit der Unterwelt
wie mit dem Paradies in Zusammenhang. Nach der babylonischen Legende kehrt Istar,
die Tochter des Mondgottes, aus der Unterwelt zurück, nachdem sie sich mit dem Lebens-
wasser besprengt hat. Nimrod dagegen findet die wunderbare Quelle in den Gefilden der
Seligen, sie liegt ran der Mündung der Ströme", man gelangt zu ihr nur vermittelst einer
Fahre1); das Meer ist in beiden Kallen das unverkennbare Vorbild. lm Land der Finsternis,
des nachtlichen Dunkels, befindet sich der Lebensquell in der arabischen, jüdischen, persi-
schen und türkischen Sage, seinen Ursprung nimmt er aber im Paradies. Er verleiht jedem,
der aus ihm trinkt, Unsterblichkeit; Gesandheit aber dem, der sich in ihm badet. Mit der
Bewahrung des Quells ist Chiser betraut, der als Symbol der schaffenden Naturkraft gilt3).
Der Islam versetzt den Lebensquell an die Pforten des Paradieses, ehe die Glaubigen in
dasselbe eingehen, baden sie sich im Teich des Lebens. Nach altiranischer Ansehauung
liegt der Lebensborn Ardiii&ur, der Urquell alles die Erde befruchtenden Wassers, am
Fusse des Paradiesesberges, von dort fliessen die vier grossen Ströme (ranges, Sita, Baktra
und Oxus nach den vier Himmelsgegenden; derselbe Zug findet sich im tibetanischen
Mythus vom heiligen Berg Himavata wieder.
In Amerika erscheint die Lel>ens([uelle ebenfalls als Urquell der grossen Ströme in
den Bergen von Paria, sie wird al kt auch auf eine f\'erne Insel verlegt. Hunderte von
Meilen nördlich von den grossen Antillen sollte die mythische Insel Boinra oder Bimini
liegen, von einer Quelle bewassert, welche Jugend und Lebenskraft wieder herstellte ).
Von dieser Insel erzahlte man in ganz Mittelamerika, sie übte eine solche Anziehungskraft
aus, dass schon lange vor der Ankunft der Europaer ganze Familien von Cuba, Yucatan
und Honduras aufgebrochen waren, urn diese Quelle zu suchen. Sie kehrten nie zurück,
in ihrer Heimat glaubte man aber, dass sie die Freuden jener herrlichen Insel fesselten
und die alte Heimat vergessen hessen. Selbst auf die spanischen Entdecker machte die
Erzahlung einen so lebhaften Eindruck, dass Juan Ponce de Leon und De Soto Fahrten
zur Auffindung der Wunderquelle und eines Stromes, der dieselben Eigenschaften besitzen
sollte, unternahmen; in Florida lmft\'te man diese wunderbaren Gewasser zu finden6). Der
Glaube an diese Jugendquelle hat sich unter den Indianern bis in die Gegenwart erhalten,
ein gefangener Seminolenhauptling unternahra eine verzweifelte Flucht, nachdem er im
Traum die glQcklichen Jagdgründe und die ewiges Leben spendende Quelle des grossen
Geistes besucht natte6).
Auf einer Insel glaubten auch die Chinesen den Unsterblichkeitstrank finden zu können,
der Kaiser Tsin-chi-hoang-ti liess ihn sogar auf verschiedenen Insein suchen ?).
Als eine Quelle, die alle Nahrung ersetzt, treffen wir den Lebensborn in der Braxdans-
Sage. Ein Einsiedler soll auf einer Klippe im Westen von Irland 60 Jahre nur von dem
Wasser dieser nie versiegenden Quelle gelebt haben B). Eine irische Version dieser Sage erinnert
\') Hcmboldt, Kawi-Sprache. Bd 1. S. 72.
*) Jebemias, Babyl.-assyr. Vorst el 1. vom Leben nach dem Tode. S. 91.
*) WOnbche, Die Alexandersaye nach jüdischen Quellen, in „Grenzboten", Bd 3. S. 269 ff.
*) Peteus Mabtyr, De Rebus Oceanicis. Dec. 8, lib. 9 und 10.
*) Bbinton, Myths of the New World. S. 87. Die Strasse von Florida hiess danach Strasse von Bimini.
«) Spbaguk, Hist. of the Florida War. S. .\'528. ») Bastian, Mensch in der Geschichte. Bd 2. S. 371.
") Scuibmek, Zur BBAXDAxs-Legende. S. 40.
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an das im Mittelalter allgemein verbreitete Marchen vom Sch karaffen land, nach ihr giebt
die Quelle an den kirchlichen Festtagen Milch, Bier und Wein. In der Bretagne hat sich
bis heute die Sage von einem ahnlichen Wunderquell erhalten; in der deutschen Sage
fülirt der Jungbrunnen, in dem sich Greise und Krflppel verjongen, auf den Lebensborn
oder den See zurück, in dem die Göttin Holda die Seelen der Verstorbenen neu belebt,
sodass sie als Kinderseelen auf die Erde zurückkehren.
Mit der Lebensquelle ist haufig der Lebensbaum verbunden. Bei Polynesiern, Dajaken,
Indern, Tibetanern, Iraniern, Babyloniern und Assyrern erhebt sich net>en der wunder-
baren Quelle der Baum des Lebens\'). Die Sekte der Menda\'iten in der Umtregend von
Bassorah kennt noch heute den babylonischen Lebensbaum 2) und durch die Iraniër ist ein
Teil der Tataren mit demselben bekannt geworden3). Im jüdischen Paradies finden wir
einen Baum des Lebens und einen Baum der Erkenntnis, die aut,renscheinlich identisch
sind4). In der chinesischen Ueberlieferung erscheint der Lebensbaum teils als Baum der
Unsterblichkeit im paradiesischen Garten der westlichen Königin-Mutter, teils als,.Kalender-
pflanze" am Palast des Kaisers Yao 6). Auf der seligen Insel der Aegypter streckt Hat/ior
aus dem dichten Laubwerk des ihr geheiligten Lebensbaumes ihre Hande hervor und sj>endet
der Seele das Lebenswasser, das ihr Unsterblichkeit verleiht. Am Kinpyn^ zur Unterwelt
auf Savaii wuchs ein Kokosbaum, dessen blosse Berflhrung Lrenügte, um ins Leliën zurück-
zukehren6), wie die zoroastrische Pflanze Hom Leben giebt und vor dem Tod bewahrt.
Bei den Germanen erinnert der Weltbaum Yggrfrasiï, in mohammedanischen Paradies der
Lotosbaum an den Baum des Lebens, der selbst auf Theopomps Meropis anzutreffen ist.
Der Lebensbaum ist wohl die Verkörperung der alles schaftenden und belebenden Zeugungs-
kraft der „Mutter Erde".
III. WEGE UND REISEN NACH DEM TOTENLAND.
Da das Totenland in weite Ferne verlegt wird, muss die Seele des Gestorbenen eine
lange Reise dahin unternehmen, auf der sie in der Regel verschiedene Hindernisse zu
01*rwinden und Gefahren zu bestehen hat. Den Menschen ist es bei ihren Lebzeiten nur
in seltenen Fallen vergönnt, das glückliche Land der Toten zu erreichen; gewöhnlich
geschieht dies nur im Traum, im Zustand der Verzückung oder des Scheintodes, indem
die Seele den Körper zeitweilig verlasst und den Ort der Seligen besucht. Von den Reisen
nach dem fernen Totenland unterscheiden sich die nach der Unterwelt oft nicht im geringsten ;
von einem Eingang in das Innere der Erde, einem Verlassen der Erdoberfiache ist bisweilen
gar nicht die Rede, die Unterwelt erscheint auch in diesen mythischen Reisen als ein
fernes Land. Es ist daher nicht richtig, wenn Spencer7) in seiner Einteilung der Toten-
reisen neben der Ueberland- und Seereise eine besondere Art von Reisen nach der Unterwelt
. annimmt. Auch die Reisen einen Fluss hinab, die Spexceh als vierte Gattung von Toten-
\') Nach der Kosmogonie der Maori b\'isst der Gott der Baume das Lebenswasser aus den Wurzeln der-
selben entspringen. (Bastian, Heil. Sage S. 250).
\') Norbebg, Codex Nasaraeus. Bd 3. S. 68.
\') ScHiEFNEB, Heldensagen der Minussinisclien Tataren. S. 62 f.
*) Vgl. Genesis, 2, 9. 17 und 3. 1 — 7.
*) S. Terkien de Lacoupebie , The Tree of Lifo and the Calendar Plant of Babylonia and China (Baby-
lonian and Oriental Record, June 1888).
«) Turner, Nineteen yeai-s in Polynesia. S. 235.
7) Principles of Sociology. Bd 1. S. 222.
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reisen aufstellt, finden sich höchst selten \') und sind nur als eine Modiftkation der Seereisen
aufzufassen. Wir kunnen der Lage des Reisezieles entsprechend nur zwei Arten von
Totenreisen untenscheiden, die See- und die Landreise, und selbst diese werden zuweilen
mit einander verschmolzen.
Diese Reisen führt Spencer auf frühere Wanderungen zurück, welche in derselben
Weise vor sich gegangen sein sollen. Die immerhin nur vereinzelten Falie, in denen die
Seele in die alte Heimat ihres Vulkes zurückkehrt, fiihren ihn zu der Ansicht, dass der
ursprüngliche Sitz eines Volkes stets in dem entfernten Aufenthaltsort der Geister wieder
zu erkennen sei. Die Seelen der Toten hutten sich ursprünglich nicht entfernt, erst durch
die Wanderungen sei die Vorstellung entstanden, dass die Geister in das alte Vaterland
zurückkehren. Die Verschiedenheit der Lage des Totenreiches sei alsdann durch die ver-
schiedenen Richtungen der Wanderungen zu erklaren. Dieser kurzsichtigen Annahme stellen
sich jedocli Thatsachen entgegeii, welche dieselbe sofort hinfallig machen. Es verlegen z. B.
Griechen, Aegypter und Kelten das Totenland nach Westen jenseits des Oceans, von wo
diese Völker unmöglich in ilire historischen Wohnsitze eingewandert sein können. Die
ungarischen Zigeuner weisen den Toten die Süd-Abhilnge der Karpaten oder sonst einen
nahen Ort als Aufenthaltsort an2), wahrend sie doch aus Asien eingewandert sind und
nach Si\'knceks Hypothese dort ihr Totenreich suchen müssten. Selbst da, wo das Totenland
als die Heimat der Vorfahren angesehen wird, liegt lniufig nur die Vorstellung zu Grunde,
dass man dort die Ahnen wiedertreften werde, oder man sieht in der Heimat der Sonne
die des eignen Volkes.
Ebenso falsch wie Spencer erklart Lippert3) den Ursprung der Totenreisen, er leitet
die Reise ilber das Meer oder über Ströme aus der Art des Begrabnisses ab. Es verhalt sich
aber gerade umgekehrt; weil man das Totenreich jenseits des Meeres sich denkt, übergiebt
man die Toten den Wellen oder begriibt sie in Kannen, in denen sie die Reise zurücklegen
sollen. Und bei weitem nicht alle Völker, welche ein überseeisches Totenland kennen,
walden diese Art des Begrabnisses; besonders das Aussetzen in Ströme findet sich selten,
wahrend der Toto sehr lniufig Flüsse zu überschreiten hat.
Wo das Totenland eine Insel im Ocean ist, führt die Reise der Seele selbstredend über
das Meer, aber auch der Weg zur Unterwelt führt besonders in Polynesien über die See.
Auch die Finnen mussen über neun und ein halbes Meer fahren, ehe sie in die Unterwelt
gelangen;4) dass überhaupt Unterwelt und Toteninsel nicht selten in einander übergehen,
haben wir wiederholt gesehen. Bei der Ueberlandreise tritt das Wasser in Gestalt von
Flüssen oder Seen als Hindernis auf. Spencer5) sieht in diesen Flüssen Reminiscenzen an
die Flüsse, welche bei den Wanderungen zu überschreiten waren. Ansprechender ist die
Ansicht Kearys0), dass die westliche See, speciell bei den Ariern, lange als Ziel der Toten
angesehen wurde und sich erst bei den Völkern, aus deren Gesichtskreis das Meer ver-
schwand, vom Mythus der See des Todes, der vom Totenfluss abgelöst habe. Die Entstehung
des Totenflusses aus dem Meere zeigt sich deutlich beim Styx, der die Oberwelt von der
Unterwelt wie ursprünglich der Ocean trennt und von dessen in den Hades stürzenden
Fluten gebildet wird. Auch bei den Dajaken gehen Meer und Totenfluss in einander über,
\') Spencer führt zum Bewois nur an, dass die Tschinuk, die Santal und einige Stomme Borneos die
Toten den Fluss hinabtreiben lassen.
*) Vgl. Wlislocki, Vom wandemdon Volko der Zigeuner.
3) Kulturgusuhichte. Bd 1. S. 122. 4) Castkén, Finnische Mythologie. 8. 129.
\') a. a. O. Bd 1. S. 224. \') Contemporary Review. 1879. üct. S. 248 f.
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der Weg zur Seelenstadt wird, obgleich diese auf einer Insel liegt, auf einem Fluss
zurückgelegt\'), der sich nicht, wie sonst die Totenflüsse, als Hindernis auf dem Wege
entgegenstellt, sondern wie das Meer den Weg ins Jenseits bildet. Zu uberschreiten sind
die Totenflüsse bei zahlreichen Indianerstammen, z. B. bei den Odschibwa*), den Klinkit3)
und Tschibtscha *); in Brasilien sind es mehrere Flüsse, bis man an einen grossen gelangt,
der die beiden Welten trennt\'), also jedenfalls das Meer. Ueber reissende Ströme trüben
und stinkenden Wassers führt der Totenweg der Krihindianer6); die Tschokta kennen einen
Fluss des Schreckens von grosser Tiefe, in den die Btfsen hinabstürzen, um in das Land
des Hungers und Elendes einzugehen 7). Seen anstatt der Flüsse finden sich bei den Indianern
Columbias 8) wie bei den Sioux und Algonkin9), die Seelen der Bösen begrabt der See in
seinen Fluten. In Afrika kennen die Neger der Goldküste einen Fluss, welcher auf der
Reise nach dem Jenseits zu uberschreiten ist,0). Die Inder hal>en auf dem Weg zum
Himmel einen Fluss zu passieren, auf dem Weg zur Unterwelt oder in dieser selbst treffen
wir den Toten fluss sowohl in der aegyptischen, griechischen und germanischen Sage, wie
in den Mythen der Neuseelander und FidschiinsulanerM), wilhrend sonst in der polynesi-
schen Unterwelt ein See des Todes ") liegt, das Abbild des Meeres, in das sich die Seelen
stürzen, um ins Jenseits zu schwimmen.
Um über das Wasser des Todes zu gelangen, giebt es für die Seelen verschiedene
Beförderungsmittel, unter denen naturgemass das Boot die erste Stelle einnimmt. Es unter-
scheidet sich in der Regel nicht von denen der Menschen, nur bei den Indianern Nord-
amerikas ist es von weissem Stem13), bei den Tschibtscha von Spinnwebefaden, weshalb
dieses Volk die Spinnen nicht tötet14), und bei den Dajaken von Eisen"), offenbar weil
es einen Feuerstrudel durchlaufen muss. Bei den Aegyptern dient die Sonnenbarke zur
Ueberfahrt16), der Tote gelangt also wie in Polynesien zugleich mit der Sonne in das
Totenland. Benutzt wird das Boot zur Ueberfahrt in das Jenseits bei Indern, Germanen,
Griechen, Kelten, Babyloniern, Aegyptern, Finnen, Neuseelandern, Markesas- und Fidschi-
insulanern, Dajaken, verschiedenen Stammen der Philippinen und Indianern aller Teile
Amerikas, ganz abgesehen von den Fallen, in denen die Ueberfahrt in einem Boot nicht
envahnt, aber wohl für selbstverstandlich angesehen wird. Mit der Führung des Bootes
pflegt meist ein besonderer Fahrmann betraut zu werden, dessen mythische Persönlichkeit
bei den verschiedensten Völkern wiederkehrt. Der griechische Charon ist sprichwörtlich
geworden, unter anderem Namen kehrt er bei den Babyloniern 17) und Aegyptern 18) wieder.
Die Dajaken werden von Tempon Telon in die Seelenstadt gefahren, sein Schiff segelt so
schnell, dass die darauf Fahrenden immer zu spat kommen, wenn sie etwas sehen und
\') Grabowsky im Intern. Arrliiv für Ethnogr. Bd 2. S. 185. Die Finnen mussen ansser den Meeren noch
einen Fluss uberschreiten, um in die Unterwelt einzugehen.
\') Keating, Long\'s Expedition. Bd 2. 8. 158.         :\') Ratzel, Volkerkunde. Bd 2. S. 695.
4) Waitz, Anthropologie. Bd 4. S. 365. *) Muller, Amerik. Urreligionen. S. 286.
•) Klemm, Kulturgesch. Bd 2. S. 167. 7) Catlin, North American Indians. Bd 2. S. 127.
«) Mollien in Hist. univ. des voyages. Bd 42. S. 146.
*) Sohoolckaft, Indian Tribes. Bd 1. S. 321. Indian in his Wigwam. S. 79.
»•) Bosman bei Spencek, a. a. O. Bd 1. S. 224. - Bibl. der Gesch. Bd 2. S. 123.
»\') Shortland, Traditions of the New Zealanders. S. 157. - Taylok, New Zealand. S. 103. — Makinek,
Tonga Islands. Bd 2 S. 129. ,:) Gill, Myths and Songs from the South Pacitic. S. 153.
") Schoolcraft, a. a. O. Bd 1. S. 321. - Indian in his Wigwam. S. 79.
\'«) Acosta, Historia natuial.
\'M Grabowsky, a. a. O. S. 284. Vgl. die Abbildung des Schiffes auf Taf. VIII.
•) Wiedemann, Religion der alten Aegypter. S. 50. ") Jeremias, a. a. O. S. 89.
\'») Totenbuch, Kap. 106.
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darauf zeigen wollen, weil man dann schon lange vorbei ist1). Die Maori kennen einen
Fahrmann am Fluss der Unterwelt *). Die Melanesier halben zwei Fahrmanner, Vater und
Sohn; sie haben jedocb die Bestimmung dieser beiden vergessen, denn die Toten werden
von ihuen nicht mehr abergefahren, sondern ins Meer gestürzt, um in das Jenseits zu
schwimmen. An dein Ruder, das die beiden in der Hand halten, erkennt man sie noch
als die ehemaligen Totenschiffer. Der Nakelostamm auf Fidschi hat noch einen Fahnnann,
der beim Tode des Königs laut gerufen wird, eine grössere Welle halt man für das Zeichen
des herannahenden unsichtbaren Kahnes3). Den Indianern Nordamerikas ist der Fahrmann
fremd, sie gelangen selbststandig Qber die Flüsse und Seen*), dagegen befördert in Brasilien
der Totengott selbst die am Ufer des grossen Flusses versammelten Seelen in sein Reich 6).
Auch weibliehe Filhrleute flnden sich. In der finnischen Sage fahrt die Tochter des Toten-
gottes Tuoni den Zauberer Wdinömöinen über den Tuondaüuss6). Dem Araukaner, der
auch einen Fahnnann Tempuiagy kennt"), erscheint auf dem Weg ins Jenseits ein altes
Weib im (.iostalt eines Walfisches, um ihn überzufahren8). Die Vorstellungen von einem
Fahnnann und der Überfahrt auf dein Rücken eines Fisches, der wir in der polynesischen
Erzahlung von Inas Reise wieder begegnen, sind hier wunderlich vermischt. Inas Mutter
und Bruder gelangen auf einem Vogel nach der heiligen Insels); dies erinnert an den Glauben,
dass die Seele selbst in das Jenseits tliegt, wobei sie mitunter die Gestalt eines Vogels
annimmt oder von Vögeln geleitet wird, wie bei Germanen, Australiern und Amerikanern 10).
Ein eigentümlicher Zug findet sich sowohl in der indischen wie in der keltischen Sage,
namlich ilie Ersetzung des Fahrmannes durch Hunde. Wahrend diese sonst den Eingang
zur l\'nterwelt bewachen, geleiten sie lx?i den Indern die Seelen üljer den Fluss, welcher
auf dem Weg zum Ilimmel zu überschreiten ist "). In der Bretagne hat sich noch bis
heute der Glaube erhalten, dass ein Hund, welchen jedenfalls erst die spatere Legende
dem Ftarrer von Braspar zusprieht, die Seelen über das Meer geleite.
Ein weiteres Mittel, über die Totenflüsse zu gelangen, bieten die Brücken dar. Eine
Brücke führt neben dem Kalm ül)er den Totenfluss der Brasilianer und Maori18), bei den
letzteren wird der Fahrmann dann zum llüter der Brücke, er sucht die Seelen hinabzu-
stossen. Das Passieren der Brücke ist bei den nordamerikanischen indianern mit besonderer
Schwierigkeit verbunden, da dieselbe durch einen schmalen oder schlüpfrigen, abgeschalten
Baumstamm gebildet wird13); bei den Odsehibwa dient eine grosse Schlange als Brücke,
sie drolit die Seelen der Scheintoten und der Verzückten zu verschlingen, sodass dieselben
umkehren und ihren Körper wieder aufsuchenu). In der germanischen Mythologie findet
sich die Brücke wieder, ein nordenglisches Lied singt von einer Angstbrücke, nicht breiter
wie ein Draht1\'); auf dem Weg zum Totenreich der Güttin Hal mussen die Seelen den
Giöllüusa auf der Gjalhirbrücke überschreiten, sie ist mit Gold gedeckt und hangt hoch im
\') Orabowsky. a. a. ü. ») Shortland, Traditions of the New Zealanders. ö. 151.
3)  Ratzel, Völkerkunde. Bd 2. S. :J14.
4)  Die Tlilinkit mit Hülfe der vorangegangenen Verstorbenen (Ratzel, a. a. O. Bd 2. S. 695).
sl MOlleb, Ainerik. Urreligionen. S. \'28(5.
6i Cabtrén, Finnische Mythologie. S. 135.
T» Klemm, Kulturgesth. Bd. 2. S. 1(>8. *) MCllek, a. a. O. s) Gill, Myths and Songs. S. 94.
\'•) Waitz, a. a. O. Bd 3. S. 418. - Ratzel,a. a. O. Bd 2.S.696. - Mannhardt, Germ. Mythenforschung.
S. 322. - Wii.hei.mi in Aus allen Weltteilon. Bd 1. S. 134.
") Schkütek (Totenreich dor Indogermanen, S. 6) sioht in diesen Hunden den Wind.
|J) Muller, a. a. o. — Bastian, Inselgr. in Oceanien. S. 211.
\'») Catlin, North American Indians, Bd 2. ö. 127. - Klemm, Kulturgesch. Bd 2. S. 167.
\'*) Keating, a. a. O. Bd 2. ö. 158. ") ökimm, Deutsche Mythologie. S. 794.
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Wind unter den Wolken. Es ist wohl der Regenbogen, der sonst nach Walhalla führt,
und auch bei Indern und Eskimo die Brücke nach dem Jenseits bildet.
An Stelle des Meeres oder Totenflusses tritt auch ein klafFender Abgrund, als Grenze
zwischen dem Diesseits und Jenseits. Die Maori vermuten diesen Abgrund, durch den der
Weg in die Unterwelt führt, nicht weit vom Nordkap Neuseelands\'). Die Baddaga des
Dekhan sammeln sich nach ihrem Tode auf einem Berg vor dem Abgrund, der Himniel
und Erde trennt\'). Vor dem Palast der unterseeischen namenlosen Eskimogöttin, der
Beherrscherin aller Seetiere, tlmt sich eine grauenvoller Abgrund auf, den die Seele auf
einem Seil überschreiten muss3). Ueber die Kluft, welene die Erde vom Land der Sonne
und des Mondes trennt, springen die Ottawaer4), wie auf Ponape die Seelen über den
tiefen tl raten, der das Paradies umgiebt, wobei sie ein altes Weib in die Tiefe zu stossen
sucht5).
Ueberall lasst sich das Bestreben erkennen, den Weg in das Jenseits, sei es nun der
Ort der ewigen Freude oder C^ual, mit möglichst viel Gefahren und Hindernissen auszu-
statten. Den Indianer Brasiliens führt sein beschwerlicher Weg über Berge, Flüsse und
durch Walder, den Mexikaner durch acht Wüsten und über fünf Hügel •). Die Wüste bietet
auch in der semitischen Sage ein gefahrliches Hindernis auf dein Wege zura Gestade der
Seligen und der Lebensquelle, sie ist mit Finsternis bedeckt, wie der Weg zuiii Hades
und zum seligen Getilde der Aegypter. Selbst den Zigeuner führt seine schreckensvolle
Keise ins Jenseits durch zwölf Wüsten, in denen ein eisig kalter Wind weht, der die
Haut zerschneidet7). Durch dunkle, tiefe Thaler gelangt der Germane und der Finne in
das Totenreich.
Felsen oder Klip])en bezeichnen in Polynesien den Weg zum Jenseits. Die Seele des
Eskimo muss fünf Tage oder noch langer an einem rauhen Felsen, der daher schon ganz
blutig ist, hinabrutschen. Auf dem Wege nach Mictktn, der mexikanischon Unterwelt,
finden sich die zwei miteinander fechtenden Felsen, die wir in der Argonautensage und
bei den Zigeunern wiedertreffen. Es ist das Felsenthor, durch welches die Sonne hinab-
steigt. Bei den Karenen") hat sich die ursprüngliche Gestuit dieses Mythus erhalten; sie
erzahlen, im Westen seien zwei massive Felsschichten, die sich bestandig öffnen und
schliessen, und zwischen diesen Schichten steige die Sonne beim Untergang hinub. Den
Ibonegern versperrt eine Mauer den Weg ins glückliche Jenseits, den trommen Seelen
hilft ein guter Geist darüber, die bösen stossen mit dem Kopf daran9). Bei den Aegyptern
umgiebt eine Mauer das Paradies, bei den Arabern sind es deren acht und selbst das
christliche Paradies im üstlichen Asien ist nach Isidor von einer hohen, feurigen Mauer
umgeben, die bis zum Hiinmel reicht.
Ausser den Hindernissen, welene die Natur auf dem Wege in das ïotenland oder die
Unterwelt entgegenstellt, machen auch lebende Wesen, meist monströser Art, die Reise
gefahiiich. Vor allem ist es ein Hund, welcher die Seelen auf dem Weg bedroht, wie bei
den Malaien "•), oder den Eingang zur Unterwelt bewacht; schon durch sein Aeusseres die
\') Shokti.and, a. a. O. S. 150.
») Bühlkk in dor Zeitselirift der Doutschen Morgenland. Gesollsch. Bd 3. S. 113.
») Chanz, «rünland. S. 264. 4) Tylok, Anfangu der Kultur. Bd 1. 8. 343.
») Chkyne, Western Pacific Oeean. S. 121. - JSovara-Exp. Bd 2. S. 419.
6) Müllek, Amerik. Urrel. S. 286 u. 507. ") Wlislocki, a. a. O.
8) Ckoss bei Tylok, Anftnge der Kultur. Bd 1. S. 342 ff.
*) Phichard, Naturgeseh. des Menschengeschlechts. Bd 1. S. 254.
10) Ratzel, Vülkerkunde. Bd 2. S. 483.
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Schrecken derselben anzeigend. Don Hades beschützt der mehrkfipfige Kerberos, dessen
Name auf das Dunkel des Totenaufenthaltes deutet, er ist ein rBild des Erebos, des unter-
irdischen Dunkels und Verschlusses"\'). Den Eingang zum Totenreich der Hel schfltzt unter
lautem Gebell ein Hund mit blutbefleckter Brust und klaffendem Rachen. Auch bei den
Eskimo bewacht ein grosser Hund, der nie langer als einen Augenblick schlaft, die Thür
zum Palast der unterirdischen Göttin; an seine Stelle treten auch bissige Seehunde *).
Schlangen bedrohen die Seele des Zigeuners wie des Mexikaners, letzterer hat ausserdem
noch ein grosses Krokodil zu passieven3). Die Maori werden vor dem Uebergang über den
Totentluss von einem Vogel angegriffen, der grösser als ein Mann ist *), man erkennt
unschwer den jetzt ausgestorl»enen Moa, der auch in den Heldensagen der Maori eine Rolle
spielt. In Melanesien droht ein Riese die Seelen auf dem Weg ins Paradies mit einem
Steinbeil zu zerschmettern *), auf den Gilbertinseln frisst er die Unfreien und nicht Tatu-
ierten aufB). Die gleiche Gefahr lauft die Seele des Markesasinsulaners, ein böser und ein
guter Geist streiten um sie an einem Felsen im Kanal zwischen Tahuata und Hivava;
siegt der bösse Geist, so frisst er sie auf, w&hrend der gute, wenn er siegreich bleibt, sie
in das Paradies führt7). Den Polynesiem von Pukapuka droht auf der Reise in das glück-
liche Land die Gefahr, in einem höchst gefahrlichen Netz hangen zu bleiben8), das sich
sonst in der polynesischen Unterwelt findet. Ein böser Geist bewacht den Eingang zur
Seelenstadt der Dajaken9), bei den Orientalen sind zwei phantastische Geschöpfe, halb
Mensen, halb Skorpion, die Wachter auf dem Wege zum Land der Seligen. Aehnliche
Monstra sind die Hundskopfaffen, von denen je neun sich als Thüröffner an den beiden
Ufern des aegyptischen Totenflusses auf halten 10). Auch Damonen lauern im aegyptischen
Totenbuch der Seele auf.
Um dem Toten die weite Reise zu erleichtern und ihn gegen die Gefahren derselben
zu schützen, giebt man ihm Speise, Waffen, Schuhe, Geld u. s. w. mit in das Grab oder
opfert auf demselben Menschen, deren Seelen die des Verstorbenen begleiten sollen u).
In der Regel sind es nur die Seelen der Verstorbenen, welche die Reise ins Jenseits
zurücklegen, doch finden sich auch Sagen von Menschen, die bei ihren Lebzeiten in das
ferne Land gekommen und wieder zurückgekehrt sind. Oft ist es die Seele eines Schein-
toten oder Schlafenden, welche den Körper zeitweise verlasst und das Land der Seelen
besucht. Bei den Indianern ist der Glaube an die Reisen Scheintoter nach den glücklichen
Jagdgründen allgemein verbreitet"). Auf Hawaii wurden die besten Nachrichten über
MÜU8 Reich von einem Sciieintoten zurückgebracht, doch erhielt auch ein Hauptling die
Erlaubnis zum Besuch der Unterwelt, um wie Orpheus seine verstorbene Frau zurück-
zuholen,3). Die Maori besitzen gleichfalls eine Sage, nach der eine Frau die Unterwelt
besucht und nur unter grossen Gefahren wieder verlassen hat w). Die Eskimo ") und Finnen ")
\') Prelleh, Griech. Mythol. Bd 1. S. 630 u. 634. *) Cranz, Grönland. S. 264.
») Muller, Amerik. Urreligionen. S. 507. *) Shortland, a. a. O. S. 151 f.
») Ratzbl, Völkerkunde. Bd 2. S. :514. B) Hale, ü. St. Expl. Exp., Ethnogr. S. 96.
?) Radiouet in Revue des doux Mondes. 1859, 5, S. 626. ") Gill, a. a. O. S. 171.
9) Grabowsky im Intern. Archiv f. Ethnogr. Bd. 2. S. 186. 10) Wieüemann, Religion der alten Aegypter.S.51.
n) Siehe Tylor, Anfilnge der Kultur. Bd 1. S. 473-489.
|J) Siehe Tyloe, a. a. Ü. Bd 1. .S. 474. — Schoolcraft, Indian Tribes. Bd 1. S. 321 u. Indian in his
Wigwam ö. 79. — Axdree, Nord-Amerika. S. 247.
") Bastian, Inselgruppen in Oceanien. S. 264. *) Shortland, a. a. 0. S. 150 ff.
**) Cranz, Grönland. S. 264. Die ZauUerer der Eskimo begeben sich auch unter die Erde, um die mor-
sclien Stützen, auf denen sie runt und die olme ihre Reparaturen langst eingefallen waren, auszubessern,
und zeigen dann dem leichtglaubigen Vulk als Beweis ihrer Thatigkeit ein verfaultes Stück Holz.
\'•) Castrén, Finnische Mythologie. S. 135.
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lassen ihre Zauberer gefahrvolle Reisen in die Unterwelt unternehmen. Bei den Kultur-
völkern Europas und Asiens hat sich urn die Heroen, die zu den mythischen Landern
vordrangen, ein Kranz von Sagen geschlungen; sie sind zu bekannt, urn hier erwahnt zu
werden.
IV. PARALLELEN IN DEN SCHILDERUNGEN DER TOTENLANDER.
Werfen wir noch einen vergleichenden Bliek auf einige Züge, die in den Schilderungen
der Totenlander bei verschiedenen Völkern wiederkehren.
Ursprünglich wurde das Totenland von allen Toten erreicht, man dachte sich das
Leben daselbst einfach als Fortsetzung des irdischen. Erst dann, wenn man Gute und
Böse nach dem Tode trennte, entstand gewöhnlich die Idee eines paradiesischen Ortes auf
Erden, der nur den Guten oder denen, die im irdischen Leben bereits eine bevorzugte
Stellung einnahmen, zum Aufenthalt angewiesen wird, wahrend die Büsen oder die grosse
Masse des Volkes in der Regel in die Unterwelt eingehen, die dann als Ort des Schreckens
und der Finsternis gilt. Da, wo sie nicht in Gegensatz zu einem glöcklichen ïotenland
gebracht wird, führen die Seelen in ihr dasselbe Leben wie auf Erden (z. B. bei den Zulu,
Aino, Kamtschadalen) oder sogar ein freudenreiches (Eskimo, HawaiiJ).
Es flndet sich auch, obwohl verhaltnismassig selten, die Anschauung, dass alle Toten
ohne Ausnahme in das glückliche Land eingehen. Diese Ansicht ist hauptsachlich bei den
Jagerstammen Südamerikas, dann auch bei Neukaledoniern, Tasmaniern, Australiern, Dajaken,
Igorroten und Karenen verbreitet *).
Nur den Guten steht bei den Indianern Nordamerikas das Land der Seligkeit offen,
Tschokta, Mönitarrie, Odschibwa, Algonkin, Schwarzfüsse, Karok und Kelta stimmen
hierin überein; ihnen schliessen sich in Südamerika die Tschibtscha und Peruaner an.
Auch die Papua Neu Guineas und die Neger von Benin und der Goldküste erschliessen
ihr Paradies nur den Guten. Bei den Aegyptern weist das Totengericht darauf hin, dass
nur den Guten der Eintritt in die seligen Gerilde gestattet war.
Mit der Anschauung, dass nur die Guten in das Land des ewigen Gfückes gelangen,
berührt sich eng die Reservierung desselben für die Edlen des Volkes oder für die tapfern
Krieger. Diese Vorstellung bildet jedenfalls, wie Tylor 3) annimmt, den Uebergang von
der „Fortsetzungs-" zur „Vergeltungstheorie". Dass die Begriffe gut und tapf\'er mitunter
einander gleichgesetzt werden, zeigt der Ausspruch eines Panihauptlings: Die Guten sind
gute Krieger und Jager4). Ebenso ist bei den Mönitarrie gut gleichbedeutend mit tapfer5);
in Nicaragua sind die Guten die, welche in der Schlacht starben, sie allein gehen in das
Land der Sonne. Auch bei den Karaiben, deren Begriffe vom Leben nach dem Tode sehr
verworren sind, findet sich neben andern Ansichten die, dass die Tapfersten auf selige
Insein kommen, wo ihnen ihre irdischen Feinde, die Arrowaken, als Sklaven dienen mussen 6).
Die Guarani reservieren gleichfalls ihr Paradies den Tapfern7), die Nordwestamerikaner
ihre glücklichen Insein den Edlen und gefallenen KriegernH). Hauptlinge und Zauberer der
\') Bemorkenswert ist, dass auf Hawaii (nach Basïian, Inselgr. in Ocoanien S. 264) die Unterwelt oin
Ort der Freude ist, wahrend sie sonst in Polynesien als Ort der Qual gilt. (Vgl. Gill, a. a. O.).
*) Die Quellen sind die in Absohnitt I bei den betreffenden Völkern citierten.
*) Anfönge dor Kultur. Bd 2. S. 84. *) Bbinton, Myths of the New World. S. 300.
s) Prinz Neuwied, Reise in Nordamerika. Bd. 2. S. 223. 6) Ba vies, Hist. of the Caribs. S. 288 ff.
7) Waitz, Anthropologie. Bd 3. S. 418. *) Ratzel, Völkerkunde. Bd 2. S. 685.
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Indianer Virginiens nehmen das glückliche Land im "Westen för sich in Anspruch >). Helden
nnd tflchtige Jager, sowie alle, die wfthrend ihres Lebens gehörig gearbeitet haben, dürfen
das glückliche Jenseits der Eskimo bewohnen*). In Polynesien gelangen meist nur die
Hauptlinge und gefallenen Krieger auf die glücklichen Toteninseln, auf Tahiti geniessen
nur die Airui, d. h. die Tabuierten, auf den Oilbertinseln die tattuierten Freien, aufTarawa
die eisten beiden Stünde das Vorrecht, am Ort der Freude weiterzuleben 3). Nicht minder
sind bei Semiten und Ariern die Getilde der Seligen wenigen Auserlesenen vorbehalten.
Nur auserwahlte Helden lebten auf den babylonischen Gefilden der Seligen, wie auf den
elysaischen Feldern oder den glücklichen Insein der Griechen und in Walhalla. Nur die
Mintira der Halbinsel Malakka schliessen eigentümlicher Weise die eines blutigen Todes
Gestorbenen von der glücklichen Toteninsel aus *).
Ausser dem Tod im Kampfe kunnen auch andere bestimmte Todesursachen den Zutritt
zum Land der Seligen Offnen. Am weitesten gehen hierin die Mexikaner, welche den an
Aussatz, Wassersucht und akuten Krankheiten Gestorbenen, sowie den Seelen der dem
Tlaloc geopferten Kinder das Gartenland Tlaiocan öffnen 6). Weit verbreitet ist der Glaube,
dass den im Kindbett gestorbenen Frauen der Zutritt zum Ort der Seligkeit frei steht,
wir flnden ihn in Grönland, in Mittelamerika, auf den Markesas und bei den Igorroten*).
Die Krtrunkenen gelangen bei den Eskimo an den glücklichen Ort, withrend sie bei den
Araukanern mit den in den Waldern Umgekommenen eine besondere Stellung im Jenseits
einnehmen. Eigentümlich ist die Ansicht der Markesasinsulaner, dass auch den Selbst-
mördern die paradiesische Toteninsel offen stehe, jedenfalls soll damit ihr Mut geehrt
werden.
Bei einigen Völkern flndet sich der Glaube, dass die Seelen der Toten im glücklichen
Jenseits in Weisse verwandelt werden. Australiër, Tasmanier, Fidschi-, Tonga- und
Hawaii Insulaner7) teilen diese Ansicht mit vielen Negern Westafrikas und Amerikas. Da vis8)
glaubt, dass bei den Australiern und Tasmaniern diese Verwandlung in der Anthropophagie
ihren Grund habe, weil das Fleisch dieser Völker abgehautet und gebraten eine weisse
Farbung zeige — gewiss eine sehr geslichte Erkliirung. Gebland 9) erklart die weisse Farbe
dadurch, dass man glaubte, die Toten kehrten in das Lichtreich zurück, wo man sie in
schimmerndem Licht glanzen sah. Fr. Muller 10) verwirft diese Auslegung und führt die
Verwandlung auf die Bekanntschaft mit den Weissen zurück, wie im Norden Australiens
die Toten mit den gelben Malaien identifiziert würden. Bei den Negern Westafrikas, die
bei Gerland und Muller nicht in Betracht gezogen sind, war ohne Zweifel die Bekannt-
schaft mit den Europaern der Anlass zu diesem Glauben, denn sie versetzen die Tnten
mitunter in das Land der Weissen "); auch die Hundsrippenindianer sehen dasselbe für
das glücklichste Land an, verlegen die Wohnung des grossen Geistes dahin und halten die
Weissen für unsterblich \'-). Bei den amerikanischen Negersklaven, welche im Jenseits
\') Smith, Hist. of Virginia bei Tylor, a. a. O. Bd 2. S. 68. J) Cbanz, Grönland. S. 258.
3)  Gill, a. a. O. S. 164. — Letoukneau, Sociologie. S. 246. — Pokteb, Journal. Bd 2. S. 113. — Ellis,
Polvnesian Researches. Bd 1. S. 245. - Hale, U. St. Expl. Exp., Ethnogr. S. 96. — Waitz—Geuland,
Anthropol. Bd 5. Th. 2. S. 144.
4)  Journ. Ind Arch. Bd 1. S. 325. ») Bkasseub, Mexique. Bd 3. S. 4!)6.
6)  Crakz, a. a. O. S. 258. — Hekkera, Indias occid. Dec. 6, Bd 5, Kap. 6. — Gerlakd, a. a. O. Bd6. S. 317. —
Ratzel, a. a. O. Bd 2. 8. 484. Bei den Igorroten kommen sio an den Ort der hoehsten Seligkeit.
7)  Nach Gerland (a. a. O. Bd 5. Tl 2. S. 141) scheint dieser Glaube aucli in Mikronesien geherrscht zu
haben.
           *) Lectures on the Aborigines of Australia. S. 14.
») Anthropol. Bd 6. S. 810. \'») Ethnogr. 2. A. S. 217 f.
") Bibl. der Gesch. der Menschlieit. Bd 2. S. 124. i;) Franklin, Zweito Reise. S. 311.
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weisse freie Marnier zu werden glaubten \'), ergiebt sich von selbst, dass sie, die gepeinigten
Sklaven, nach dem Tode das Leben ihrer weissen Herren zu führen hofften. Betreffs der
Australiër und Polynesier dürfte jedoch Geklands Ansicht die richtige sein, denn bei ihnen
scheint dieser Glaube schon vor der Ankunft der Europüer geherrscht zu haben, da man
diese für selige, zurückkehrende Geister hielt*). Wie wir sahen, folgen die Polynesier nach
ihrem Tode der Sonne, den Toten wurde daher die helle, lichte Farbung derselben zuge-
schrieben.
Da die Seelen auch nach dem Tode in menschlicher Gestalt gedacht werden, wird das
Leben im glücklichen Totenland dem irdischen analog gedacht, nur ohne dessen Schatten-
seiten. Für Vergnügen und Genüsse ist reichlich gesorgt, der Indianer erfreut sich wie
der Polynesier an Tanzen, der Eskimo verbindet damit sein Lieblingspiel, das Ballspiel,
das auch im polynesischen und melanesischen Paradies wiederkehrt. Den Jügervülkern
winkt eine ergiebige Jagd, sodass in ganz Amerika die von der Jagd lebenden Stamme ihr
Elysium als glückliche Jagdgründe bezeichnen. Nicht minder hoft\'t man seint\' Sinnlichkeit
im schonen Jenseits befriedigen zu können und teilt daher schone Frauen den Seligen zu.
Der Guarani flndet alle seine Frauen wieder jung geworden, die des Araukaners sind ihrer
Geisternatur gemass unfruchtbar. Der stark entwickelten Sinnlichkeit der Polynesier ent-
spricht es, dass hübsche Frauen in Men^e dem Bewohner des glücklichen Totenlandes zur
Verfügung stehen. Auf\' Haiti lebt der Selige ganz wie im mohannnedanischen Paradies mit
schonen Weibern in schatti^en, blühenden Lauben3).
Nahrung ist im Totenland immer in Ueberfluss vorhanden, die Lieblingsspeisen sind
in erster Linie vertreten oder bilden gar die aussehliessliche Nahrung. Die Kariben essen
Früchte im Ueberfluss, die Indianer am Amazonenstrom Pisang und Cassavebrot, der
Araukaner mastet sich mit schwarzen Kartoffeln, dem Papua erscheint es als höchstes
Glück, unaufhörlich Sago essen zu können. Die Seelen der Polynesier nehmen ihrer Schatten-
haftigkeit entsprechend nur die Essenz der Nahrung zu sich; Igorroten, Karenen und
Algonkin *) lassen die menschlichen Seelen sich von den Seelen der Tiere ernahren. Mitunter
sind die Nahrungsmittel unvergünglich wie die Seelen selbst. Die vier Palauinsulaner fanden
bei ihrem Besuch im Land der Sonne winzig kleine Speisen, die aber durch das Essen nicht
weniger wurden; auf Bolotu erneuern sich die verzehrten Tiere und Früchte sofort wieder;
diesêlbe Anschauung findet sich bei den Germanen, der Eber, der den Helden in Walhalla
als Nahrung dient, erganzt sich stets wieder. Der Indianer Columbias und Patagoniens
stellt einen guten Trunk noch über die Speise und schwelgt in seinem Paradies in f\'ort-
wahrender Trunkenheit. In der Heimat das Tabaks hofft man, im Jenseits sich fortwahrend
dem Rauchen hingeben zu können.
In den Schilderungen der glücklichen Totenlünder macht sich immer der Zug bemerk-
bar, dass dieselben gerade die Vorzüge der Natur aufweisen, welche in der Heimat des
betreffenden Volkes besonders hochgeschatzt oder schmerzlich vermisst werden. Wie die
Griechen, so preisen auch Sioux und Algonkin die milde, balsamische Luft der glücklichen
Gestade. Der Eskimo glaubt, dass am Ort der Seligen bestandiger Sommer, schoner
Sonnenschein und ewiger Tag zu finden sei. Ganz ahnlich lautet die Schilderung der
\') Fröbel, Central-Amerika. S. 220.
») Gekland , a. a. O. Die Azteken erwarteten die Ankunft Weisser (s. o.). Vielleicht darf auch darauf
hingewiesen werden, dass die Russen das Land der Lebenden die weisse Welt nannten im Gegensatz zur
düstern Unterwelt. *) Quellen wie in Abschnitt I und III.
4) Diese leben wie die Sioux auch nur von der balsamischen Luft des Totenlandes.
4
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BRANDANsinsel. Ewiger Herbst und ewiger Frühling ist im Lande der Phaaken vereinigt,
bestilndig weht wie im Elysium der milde Zephyr.
In den priichtigsten Farben werden Pflanzen- und Tierwelt geschildert. Haufig gleicht
das Tolenland einem einzigen schonen Garten, der die köstlichsten Früchte in Fülle horvor-
bringt (Kariben, Brasilianer, Folynesier, Neukaledonier, Papua Neuguineas, Mintira). Eine
wahrhaft begeisterte Schilderung entwarfen die aztekischen Priester von der üppigen Vege-
tation in Tufan, sie sei als typisch angeführt: rDer Boden bringt von selbst Mais, Kakao,
duftendes Harz und prachtige Blumen hervor, die Kürbisse erreichen einen Durchmesser
von der Lange eines Armes, eine Kornahre bildet eine Last für einen starken Mann, die
Halme erreichen die Hühe von Baumen, die Baumwolle nimmt von selbst beim Reifen die
verschiedensten und reichsten Farben an" \'). Aehnlich lauten die Schilderungen des aegyp-
tischen Totenlandes, wo Weizen und Gerste sieben Fuss Hühe erreichen, und des griechischen
Elysiums, in dein man dreimal jahrlieh erntet. Auf den glücklichen Insein der Griechen,
im Garten der Hesperiden, wie in dem des Alkinoos, wachsen sogar Büume mit goldenen
Früehten, wir treft\'en sie in der germanischen-slawjschen Sage vom Glanzberg, dem Ort
der Toten, wieder. Bei den Babyloniern treten Edelsteine an Stelle des Goldes, in dieser
Gestalt ist der Wunderbaum in die Schilderung des mohammedanischen Paradieses über-
gegangen. Ein ahnlicher fabelhafter Baum erhebt sich in der Seelenstadt der Dajaken, er
tragt Achatperlen als Früchte, feines Zeug als Blatter und Blüten von Gold, die Enden
der Zweige sind vortreffliche Lanzen *).
V. DIE ATLANTIS.
Wie bereits im eisten Abschnitt dieser Ausführungen dargelegt wurde, gab der Mythus
vom Totenland im westlichen Ocean den Griechen Veranlassung zur Ausbildung verschie-
dener geographischer Mythen. Nachdem allmi\'ilig die Unterwelt alleiniges Totenreich geworden,
erhielten sich die Spuren des ursprünglichen Glaubens an ein westliches Totenland in den
Mythen von glücklichen Insein oder einem grossen Kontinent im Westen. Andere Sagen
wurden damit verflochten, der urspningliche Mythus verïinderte sich schliesslich bis zur
Unkenntlichkeit. So stellt sich uns auch die Atlantissage auf den ersten Bliek als ein
grosses Ratsel dar, und doch lasst sich nachweisen, dass auch in ihr der Mythus vom
glücklichen Totonland im Westmeer durchschimmert. In zwei Dialogen Platos ist uns diese
Sage überliefert, im Tütiaios und in erweiterter Form im Kritias. Wir lesen dort, dass
mehrere Jabrtausende vor der Gründung des historischen Athen auf derselben Stelle ein
anderes Athen stand, dessen Bewohner die Vorfahren der spateren Athener waren. Zu
derselben Zeit existierte im Atlantischen Ocean, gegenüber der Meerenge von Gibraltar,
die Insel Atlantis, grösser als Asien und Libyen zusammen, mit zahlreicher Bevölkerung
und einem blühenden Staatswesen. Die Bewohner dieser grossen Insel unternahmen 9000
Jahre vor der Zeit Platos einen Kriegszug zur Unterjochung der ganzen Erde, wurden aber
von den alten Athenern geschlagen. Sp&ter verschwand die ganze Atlantis infolge eines
ungewöhnlich staiken Erdbebens, das auch das alte Athen vernichtete, plötzlich in den
Wogen.
Es liesse sich eine ganze Geschichte der Atlantissage schreiben, soviel hat dieselbe
■) Sahagun, Historia de la Nuova Espafia. Bd III. Kap. 3.
*) Gkabowsky im Intern. Archiv f. Ethnogr. Bd 2. S. 184.
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seit mehr als zwei Jahrtausenden die Menschheit beschaftigt\'); an dieser Stelle soll zum
ersten Male der Versuch gemacht werden, diesen Mythus vom Standpunkt der verglei-
chenden Ethnographie zu betrachen.
Wenn man die einzelnen Züge der Atlantissage ins Auge fasst, so flndet sich fast zu
jedem derselben ein Seitenstück in den Mythen der Griechen selbst oder anderer Völker.
Die charakteristischen Merkmale der Mythenlander, die wir im Vorstehenden betraehtet,
kehren in der Atlantis zum grossen Teile wieder.
Die Atlantis wird von Plato vor die Saulen des Herkules, in den Atlantischen Ocean
verlegt, also wie die Insein der Seligen nach Westen. Dorthin weist auch der Name, es
ist die Gegend, wo Atlas den Himmel tragt, wo der Ocean geheimnisvolle Wunder birgt.
Plato nennt die Atlantis eine Insel, schreibt ihr aber eine ungewöhnliche Grosse zu. Es
spiegelt sich hierin wie in den Mythen vom saturnischen Kontinent, von der Meropis und
von der Antichthon die Idee, dass jenseits des Oceans noch ein anderes Festland liegt.
Die Vorstellung eines unbekannten Kontinentes kehrt in der Schöpfungssage der Tahitier
wieder, der Felsen Otepapa wird von O-Mauwes Weib durch das Meer geschleppt, die
Insein der Südsee brechen dabei von der grossen Masse ab und diese selbst bleibt zuletzt
als grosses Festland im Osten liegen, wo sie noch jetzt vorhanden sein soll \'). Die Neigung,
den mythischen Landern eine ungewöhnliche Grosse zu erteilen, ist verschiedentlich anzu-
treffen. Wie die Atlantis den bekannten Erdkreis an Grosse übertrifft, so ist Bolotu grösser
als alle polynesischen Insein zusammen. Die Inder geben ihrem Paradies, dem kreisrunden
Gipfel des Meru eine unermessliche Ausdehnung. Dajaken wie Indianer lassen ihre zukünf-
tigen Wohnstatten die irdischen an Grosse ütertreffen.
Umschlossen wird die Atlantis von einem hohen, steilen Randgebirge, das im indischen
Weltbild wieder auftritt, aber auch an die Mauer erinnert, welche das aegyptische Getilde
der Seligen umgiebt. Hinter dem Gebirgswall breitet sich eine weite Ebene aus, deren
westliche Lage ausdrücklich hervorgehoben wird. Als Vorbild konnten hier das Elysiuin
und das aegyptische Totenland dienen, die beide den Uebergang von der Ebene zur Insel
zeigen. Mit dem aegyptischen Getilde der Seligen hat die Atlantis anch die reiche Bewas-
serung durch regelrecht gezogene Graben gemein. An die aegyptische Götterinsel, im Herzen
der Felder des Friedens, erinnert die inselartig gedachte Wohnung Euenors im Mittelpunkt
der Atlantis.
Die Vorzüge der Natur, mit (lenen die Phantasie das Land der Toten ausstattet,
werden auch der Atlantis zu teil. Das Klima ist mild, gegen rauhe Nordwinde geschützt,
die Vegetation ist ungewühnlich reich, grosse Viehherden weiden auf der Ebene und an
Edelmetallen herrscht Ueberfluss. Das Volk der Atlanten, in zehn Königreiche geteut,
bewohnt die Insel und erfreut sich eines blühenden Staatswesens. Hier hatte Plato wohl
einerseits den Mythus von einem glücklichen Volk an den Grenzen der Oekumene im Sinn,
andrerseits aber das machtige Perserreich. Wie dieses dem historischen Athen unterliegt,
so scheitert das Vordringen der Atlanten an den prahistorischen Athenern, bei denen
Plato\'s Idealstaat eine Statte findet.
Auch der Untergang der Atlantis steht nicht vereinzelt da, durch ein ahnliches Naturer-
eignis sollte auch im Mittelmeer ein mythisches Land, Lyctonien, vernichtet worden sein;
selbst die javanische Sage berichtet von einer derartigen Katastrophe, durch die — angeb-
\') Die bis 1840 über die Atlantis erschieneno Literatur hat H. Martin in seinen Études sur Ie Timée
de Platon, Bd 1. S. 257 ff. zusammengestellt. J) Forstek, Reise um die Welt. ö. 467.
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lich erst im 13. Jahrhundert — die Insein des ostindischen Archipels auseinander gerissen
wurden \')•
Auffallige Analogien zu dem platonischen Mythus finden sich in einem mexikanischen *).
Es soll einst ein prachtvolles, fruchtbares und goldreiches Land namens Xibalba existiert
haben, in dem selbst die zehn Kfmige und die grosse Ueberschwemmung wiederkehren.
Brasseub pe Bourbourg glaubt daher in Amerika den Ursprung der Atlantissage gefunden
zu haben, sogar den Namen Atlantis erklart er durch die Stadt Atlan (= bei dem Wasser),
die noch zur Zeit der spanischen Eroberung auf dem Isthmus von Panama stand. Da aber
Brasseur seine Etymologie nur auf den annahernden Gleichklang der Worte stützt, kann
sie nicht für beweiskraftig gelten; die grosse Ueberschwemmung lasst sich leicht auf die
Flutsage zurückführen.
"Was den Ursprung der Atlantissage betrifft, so führt ihn Plato selbst auf Aegypten
zurück, Solon soll zuerst durch die Priester von Sais mit dem Mythus bekannt geworden
sein. Anklange an das aegyptische Totenland sind in der Schilderung der Atlantis zu
erkennen, der Kern des Mythus kann daher aegyptischen Ursprungs sein. Denkbar ware
aber auch, dass Plato Aegypten als die Heimat der Sage bezeichnet, weil alles, was aus
Aegypten kam, bei den Griechen in besonders hohem Ansehen stand und die Quelle alles
griechischen Wissens in Aegypten gesucht wurde, einzelne Züge aus dem aegyptischen
Mythus vom Totenland könnten dann von Plato absichtlich entlehnt worden sein. Die
detaillierte Schilderung der Atlantis ist von Plato\'s Phantasie geschaften, er fusst aber
dabei auf den populüren Mythen von einer glücklichen Insel im Westmeer, einem trans-
oceanischen Kontinent, einem glücklichen Volk an den Grenzen des Erdkreises, vielleicht
auch auf denen vom goldnen Zeitalter, der grossen Flut und der Macht des Erderschüt-
terers Poseidon. Im Grunde geht die Atlantissage auf den Mythus vom fernen Totenland
zurück, der in den mannigfachsten Formen über die Erde verbreitet ist, dessen Grund-
gedanke aber überall derselbe geblieben ist.
\') Waitz, Anthropol. Bd 5. Th. 1. S. 5.
*) Bkasseür de Bolkboubg, Popol Vuh. S. CXXIX, 1. 2.
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1
f
*-
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DHUCK VoN: P. W. M. TH AP, IN LEIDEN.