-ocr page 1-
Zr-**            /-• P»^«y«*-
"//
Antipynn.              Vv\\ • f
Von Dr. S. J. van Roijen-TTtrecht.
Das Antipynn ist ein weisses krystallinisches Pul-
ver, in gleichen Gewichtstheilen von Wasser, Alkohol
oder Chloroform löslich; 50 Theile Aether lösen einen
Theil Antipyrin. Die Substanz schmilzt bei 113° C,
verbindet sich mit Sauren; ist also ein Alcaloid.
In wasseriger Lösung werden die Salze durch Eisen-
chlorid dunkel gefarbt, welche Reaction noch bei
einer Verdünnung von 1 : 100000 deutlich sichtbar
ist. Salpetrige Saure farbt die verdünnte Lösung
blaugrün; aus eoncentrirter Lösung setzen sich
grüne Krystalle ab.
lm Jahre 1884 entdeckte Knorr das Antipyrin
durch Condensation von Phenylhydracin mit Acet-
essig- Aether und nachfolgender Methyllirung des
Produktes. Der chemische Name soll also sein
Dimethylphenylpyrazolon; der Name Oxydimethyl-
chinicin ist weniger richtig. Die Ableitung des
Antipyrins von Pyrrol zeigen folgende Formeln:
Pyrrol C4H4 — NH; Pyrazol NC8H8 — NH;
PyrazolinNC8H6 — NH; PyrazolonNC3H8O — NH;
Methylphenylpyrazolon NC2 H2 OCH8 — NC6 H5 ;
Dimethylphenylpyrazolon NC2H02(CH„) — NC6H6.
Die Chemikalienfabriken verfertigen immer und
wieder immer neue Arzneien, welche durch glan-
zende Empfehlungen wie eine Rakete emporsteigen,
aber auch wie eine Rakete niederfallen, urn in den
Obsoletenschrank der Apotheker zu verschwinden.
Ausnahmsweise hat Antipyrin seine Stelle in der
-ocr page 2-
— 2 —
medicinischen Praxis behauptet als Antipyreticum
und Nervinum. Durch die Empfehlung, dass es
ganz ungefahrlich sei, hat es nicht nur in der arzt-
lichen Praxis, sondern sogar als Hausmittel eine
ausgedehnte Anwendung gefunden. Zwar wurde
bald die Erfahrung gemacht, dass es doch auch
einige unangenehme Nebenwirkungen hat; mehrere
Male selbst so, dass die Prognosis quoad vitam
dubia war. Das schadete aber dem Rufe der Un-
gefahrlichkeit nicht, denn das Gutachten der Kory-
phaen der Wissenschaft ist da und facultas locuta
est.
Eine ziemlich grosse Zahl von Krankengeschichten
und Vergiftungen ist in Zeitschriften zerstreut. Jede
Geschichte wurde aus der einen Zeitschrift in die
andere aufgenommen, sodass man oft etwas findet,
was schon auf einer anderen Stelle gefunden war.
Eine regelmassige Prüfung des Antipyrins habe ich
nicht gefunden. Folgendes Symptomenverzeichniss
ist also eine Saromlung aus Zeitschriften in der
hiesigen Universitatsbibliothek.
Symptome.
Seelische Symptome. Greift ins Leere nach
Dingen, die langst entfernt sind. — Verkennt die
Gegenstande. — Glaubt, eine Maus laufe im Haus-
flur. — Verspricht sich. — Lallen in unarticulirten
Lauten. — Stupor.
Nervensystem. Eigenthümlicher Erregungs-
zustand, wie berauscht. — Reizung des nervösen
Centralorgans mit nachfolgender Lahmung. — Tonus.
Clonus. — Allgemeine Convulsionen. — Unruhiges
Hin- und Herwerfen. — Krampfhafte Contractionen
in dem Gesicht. Spannung der Muskeln des Ge-
sichts, des Halses und der Arme. — Nach Schlaf
typischer, epileptischer Anfall. — Epileptischer
-ocr page 3-
— 3 —
Krampfanfall ohne initialen Schrei; die Zuckungen
beginnen im rechten Mundwinkel, gehen auf den
rechten Arm über und erschüttern dann in grosser
Heftigkeit die ganze Körpermusculatur; darauf
langes stertoröses Stadium mit langen Athempausen
und Schaumblasen. — Epileptische Anfalle mit
Opisthotonus und Emprosthotonus. Die Anfalle be-
ginnen mit Erheben der Augenlider und starrer
déviation conjuguée der Bulbi, theils nach links,
theils nach rechts. Pupillen erweitert. Zwischen
den Anfallen Bewusstlosigkeit, allgemeine Mattig-
keit. Muskelsteifheit und Schmerzen bei Bewegung
und bei der Defacation. — Erwachen aus dem
Schlafe mit einem Schrei und epileptischer Anfall. —
Bewusstlosigkeit zwischen epileptischen Anfallen
mit tetanischen Spannungen. — Bei Hunden, Katzen
undMeerschweinchen tonische und clonische Kriimpfe,
totale Sensibilitat so gesteigert, dass schon die ge-
ringste Berührung Tetanus hervorruft. — Höchst
ungeschickt, atactisch. — Muskelsteifheit. — Mattig-
keit. — Kraftlosigkeit. — Collaps. Schwerer Col-
laps. — Anfall wie Cholera im asphyctischen Sta-
dium. —
Sohlaf und Traume. Schlaflosigkeit. — Wenig
Neigung zum Schlafen und, wenn Schlaf kommt,
lebhafte Traume. — Coma. Coma, darauf Stupor. —
Nach Schlaf typischer, epileptischer Anfall — Er-
wachen aus dem Schlaf mit einem Schrei und epi-
leptischer Anfall.
Fieber und fieberartige Erscheinnngen. Tempe-
ratur subnormal. — T. 34,5. — T. 36,7. — Schüttel-
frost reichlich eine halbe Stunde; dabei bedeuten-
der Zufluss von Blut nach Kopf, Brust, Armen und
Oberschenkel, vorher Erbrechen. — Kalte der
Ohren, Nase und Füsse. — Schüttelfrost mit raschem
Aufsteigen der Temp. bis 40,7. — Beim Steigen
-ocr page 4-
— 4 —
der Temp. heftiger Schüttelfrost. — Temp. 34,5
mit Hitzegefühl im ganzen Körper. — Beim Wieder-
aufsteigen der Temp. kein Schüttelfrost. — Temp.
erhöht.—Frostabwechselndmit Hitze. ■— Temp.34°
(normal 36,5°). — Brennen im ganzen Körper. —
Heftiger Schweiss.
Haat. Blutungen der Haut. — Bei hypoderma-
tischer Anwendung: Entzündung mit Gewebsspan-
nung; an der Umgebung der Injectionsstelle Haut
blauroth; Geschwulst wahrend drei Tagen. — Erythem,
runde, zinnoberfarbige Flecke, etwas erhaben; die
Röthe verschwindet ganz bei Druck; Rander etwas
verwaschen; atn meisten auf der Streckseite der
Glieder; mehr am Rücken als an der Brust; frei
blieben Kopf, Handflache und Fusssohle. — Erythem
leicht brennend; zwei Tage nach dem Verschwin-
den des Erythems kleienartige Abschilferung. —
Erythem; zusammenfliessende Flecken bis grössere
Plaques, auch am Gesicht, Hals, Ohr, spater auch
auf dem behaarten Kopf, der Handflache und Fuss-
sohle. — Purpurartiges Erythem. Erythem des
Oberkörpers. — Urticaria. — Herpes auf der Nase,
Lippen und Mundschleimhaut zum Theil ulce-
rirend.
Kopf. Schwindelgefühl. — Bewusstlosigkeit. —
Bewusstlosigkeit zwischen epileptischen Anfallen. —
Kopfweh mit Flimmern vor den Augen. — Schmerz
in der Stirn. — Kopfschmerz hinter den Ohren. —
Blutzufluss nach dem Kopfe. — Erythem (siehe
Haut).
Augen und Sehen. Erheben der Augenlider
und starre déviation conjuguée der Bulbi beim
Anfang eines epileptischen Anfalles. — Tiefliegende
Augen. — Augenlider geschwollen. — Conjunctivitis
catarrhalis. — Thranenfluss. — Pupillen erweitert,
reagiren auf Licht. — Pupillen verengt. — Flim-
-ocr page 5-
— 5 —
mern vor den Augen. — Sehen behindert. — Eine
Minute dauernde Amaurose.
Ohr und Gehör. Kalte der Ohren. — Klingen
vor den Ohren. — Ohrenschmerz.
Gesicht. Cyanotisch. — Röthung des Gesichts. —
Gesicht geschwollen. — Spannung der Muskeln. —
Krampfhafte Contractionen in dem Gesicht. — Ge-
sichtsschmerz.
Mund und Mundhöhle. Zahnweh in allen Zahnen
des Oberkiefers. — Schwarzwerden der Zahne durch
Reiben mit sauerstoffhaltigem Wasser. — Schwel-
lung von Lippen und Zunge bis auf das Dreifache
normaler Grosse. — Auf der Zunge und Lippen
zahlreiche, weisse, fast diphtheritisch aussehende
Membranen. lm Munde, am Gaumen und auf der
Zunge, zahlreiche, kastaniengrosse Ahscesse. —
Epileptische Krampfanfalle beginnen im rechten
Mundwinkel. — Brennendes Gefühl im Munde.
Schlund und Hals. Im Pharynx weiche, fast
diphtheritisch aussehende Membrane. — Spannung
der Halsmuskeln. — Brennendes Gefühl im Eachen.
Magen. Erhrechen. — Vor Schüttelfrost Er-
brechen. — Wurgen und Erbrechen. — Magen-
katarrh und Hitze. — Magenschmerz ohne Er-
brechen.
Bauch (beim Frosche, Rana temporalis). Die
Leberzellen lassen vor Allem deutlich eine Ver-
anderung der Kerne erkennen und zwar in der
Weise, dass in der ersten halben Stunde nach der
Vergiftung die Kerne sich vergrössern und zer-
fallen; indem die Kernmembran einreisst und ihr
Inhalt ins Innere der Leberzellen austritt. Die
Tinctionsfahigkeit der Kerne lasst nach; sie er-
scheinen daher blasser.
Stuhl. Unfreiwilliger Stuhlabgang. — Muskel-
steifheit und Schmerz bei der Defacation.
-ocr page 6-
— 6 —
Harnwerkzeuge. Unfreiwilliger Harnabgang. —
Verminderte Harnsecretion. — Acetongeruch des
Harns. — HarnS. G. 1,028, acetonhaltig; Nitroprussid-
natriumprobe positiv, sehr intensiv. — Vermehrte
Ausscheidung von Harnsaure. — Verminderte Aus-
scheidung von Harnstoff.
Geschlechtsorgane. Oedem des Praeputiums,
Glans und Scrotum. — Jucken an der Haut des
Penis, des Scrotums und Anus. — An der Corona
glandis eine faltige Blasé, wie eine Brandblase,
nachher ein Geschwür. — ICrythem auf der Glans,
auf dem Penis und Scrotum. — Aus dem Erythem
entstand an der Glans ein Geschwür.
Brüskes Aufhóren der Menstruaiion.
Athmungsorgane. Bronchialasthma verschlim-
mert. — Athemnoth. — Athem bedeutend be-
schleunigt. Stertor mit langen Atliempausen, mit
Schaumblasen.
Brust. Steellende Schmerzen in der Lunge
beim Athmen, Temp. 39° (normal 36,5), Puls 96
(normal 62), klein; Athmen bedeutend beschleunigt;
Percussion über beiden Lungen exquisit tympani-
tischer Schall, namentlich in beiden unteren Lappen;
Auscultation kein besonderes Resultat, nur das
vesiculare Athmen schwacher als gewöhnlich.
Kreislauforgane. Unregelmassiger Herzschlag. —
Herzschlag aussetzend. — Heftiges Herzklopfen. —
Heftiges Herzklopfen mit starkem Hitzegefühl und
Athemnoth. — Systolisches Gerausch an der Herz-
spitze sehr laut. — Herzschwache. — Herzlah-
mung. — Puls unfühlbar. — Puls klein, Radialis
kaum fühlbar. — Pulsfrequenz verringert. — Puls
(bei éjahrigem Knaben) 68 bis 72, gespannt, un-
regelmassig. — Puls frequent. — Puls 96 (nor-
mal 60). — Puls 160.
-ocr page 7-
— 7 —
Hacken und Rücken. Krampfhafte Contractionen
in den Nackenmuskeln. — Rückenschmerz.
Gliedmassen. Kalte Extremitaten. — Span-
nung der Armmuskeln — Znckungen in dem rechten
Arm. — Leichtes Oedem der Vorderarme und
Hande. — Hande cyanotisch. — Schwellung und
Röthe der Hande. — Steifheit der Finger. —
Füsse kalt. — Die Füsse schwellen an. — Waden-
krampf. — Schwierigkeit, sich auf den Beinen zu
halten.
Nahere Umstande. Rechts: Zuckungen.
Bei Berührung: Krampfe.
Nach Schlaf: epileptische Anfalle.
Beim Stuhl: Muskelsteifheit. — Schmerzen.
Obenstehende Symptome geben nur eine Skizze
der Antipyrinwirkung. Für die Differentialdiagnose
zwischen diesem und ahnlich wirkenden Mitteln
fehlt fast Alles, namentlich sind die Umstande,
welche die Symptome beeinflussen, fast gar nicht
erwahnt. In groben Umrissen kann jedoch die
Wirkung des Antipyrins beschrieben werden.
Das Gehirn wird wohl am meisten ergriffen.
Mit einem eigenthümlichen Erregungszustande ist
vermehrter Blutzufluss da; dabei Röthung des Ge-
sichts, Kopfweh mit Flimmern vor den Augen,
Schlaflosigkeit und Traume.
Dieses Stadium scheint nicht lange zu dauern.
Es folgen Krampfe, epileptische Zu falie, Tetanus,
psychische Störungen. Als drittes Stadium kommen
eine allgemeine Depression, Bewusstlosigkeit, Kraft-
losigkeit, Coma, sehr niedrige Temperatur, Schüttel-
frost, unregelmassiger Herzschlag, unfühlbarer
Puls. Erholt die Person sich in diesem Stadium,
daun steigt die Temperatur, bisweilen mit Schüttel-
frost.
-ocr page 8-
— 8 —
Die Haut und die Schleimhaut des Mundes und
Halses zeigen ebenso Blutzufluss, Eöthe, Schwel-
lung. Danach Erythem, Urticaria, wahrend der
Ausschlag\' im Munde und Pharynx einen diphtheri-
tischen Charakter tragt. Die Haut der mannlichen
Genitaliën wird ödematös und es entstehen Ge-
schwüre.
Das einzige Bruslsymiplom gleicht ganz einer
anfangenden Lungenentzündung.
Dass der Stoffweclisel abnorm wird, zeigt sich
durch den Acetongehalt des Harns.
Zu vergleichen mit: Aethusa cynapium. — Cam-
pbora. — Carbo vegetabilis. — Cicuta virosa. —
Cuprum. — Kalium- und Natrium bromatum. —
Nux vomica. — Oenanthe crocata. — Spigelia. —
Stramonium. — Zincum.
Therapeutiscb.es. ..
Nach dem Princip der Homeopathie kann unter
sonst passenden Umstanden das Antipyrin indicirt
sein bei: Krampfen, Epilepsie, Tetanus, Coma, Col-
laps, Cholera, Schlaflosigkeit, atypischem Wechsel-
fieber, acuten Hautausschlagen, nervösem Kopf-
schmerz, Neuralgie des Trigeminus, Amaurose,
Diphtheritis, acuter Leberatrophie, Diabetes, Men-
struationsstörungen, anfangender Pneumonie, ner-
vösem Herzklopfen
a. riLy