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Zur Geschichte des As\'aritenthums
Von
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MARTIN SCHRETNER.
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Tiré des Aotes du 8e Congres International des Orientalistes,
tenu en 1889 a Stockholm et a Christiania.
L EID E. - E. J. B RIL L.
1890.
HOUTSMA
Br. QtJU
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Legaat
Prof. Dr. M. Th. Houtsma
1851 — 1943
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Zur Geschichte des Ascaritenthums. **"*
Von
MARTIN SCHREINER.
Tiré des Actes du 8e Congres International des Orientalistes,
tenu en 1889 k Stockholm et a Christiania.
LEIDE.-E. J. BRILL
1890.
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Znr Geschichte des Ascaritenthums.
Am Ende des dritten Jahrhunderts der Auswanderung hat
der Islam mit den Grundelementen seines religösen Bewusst-
seins den Eroberungsgang unter den Völkern beinahe beendet.
Auch seine ersten Jahrhunderte bewiesen zur Genüge die Un-
möglicbkeit der Katholicitat einer Weltreligion. Die nationalen
Culturen der unterworfenen Völker wirkten alle bestimmend ein
auf die Lehren und Einrichtungen der Keligion Muhammed\'s
und seiner Nachfolger; Disputationen mit Andersglaubigen und
das Studium griechiscber Philosophie zwangen die Muhamme-
daner zur Reflexion über die Lehren ilirer Religion. Die Re-
flexion scbuf die Wissenschaft des Kalain, die Lehre der Mucta-
ziliten und anderer dogmatischen Secten. Zur oben erwalmten
Zeit war die politische Macht der verfolgungssüchtigen Aufkla-
rung des Islams schon gebrochen, aber so lange man sich noch
mit der Weisheit der Griechen beschaftigte, so lange Koranerkla-
rung und Traditionskunde nicht die ganze Geisteskraft der muham-
medanischen Völker in Anspruch nahmen, konnten die ketzerischen
Lehren der dogmatischen Secten nicht verschwinden. Daher kam
es, dass nicht die Zeit al-Ma\'m-ün» die kühnsten Muctaziliten gese-
hen, sondern das vierte und fünfte Jahrhundert, da das Ttizal aus
einem Verfolger zum Verfolgten geworden war. In den blühen-
den Stadten des östlichen Chalifates mit ihrem regen Greistes-
leben hatte man überhaupt keine Lust, des Rechtes einer ver-
nünftigeren Auffassung der religiösen Lehren, wie sie der Stand
der Reflexion erforderte, sich zu begeben.
So musste denn die AM alsunna wa-l-fjamcfa, wie die Recht-
glaubigen sich nannten, der Wissenschaft des Kalams Zuge-
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Martin Schreiner.
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standnisse niachen. Sie that dies durch die zwei Sejcbe des or-
thodoxen Kalams, Ahiïl Hasan ai-Ascari\' und Alm Manmr al-
MdtiirUll.
Das Aécaritenthum ist also seinein Wesen nacb ein
Comproniiss zwischen dem religiösen Bewusstsein des Islains,
wie er sich im Koran und in der Sunna zeigt, und dem reli-
giösen Denken jener Jahrhunderte. Es ist ein viel nnvollkomme-
neres Compromiss als das Muctazilitenthum; man könnte iliin
viel eb er den Vorwurf der „Halbbeit und Hoblbeit" macben,
als diesem; nichtsdestoweniger ist es eine Erscbeinung, die von
der Macht des religiösen Denken» zengt. Man hat das Werk
a/-A Sari\'s als einen nationalen Erfolg des Araberthums betrach-
tet; es ist nicht minder ein Erfolg der religiösen Reflexion unter
den Rechtglaubigen des Mams.
Dass das Aéearitentbum sich als eine vernünftigere Form des
orthodoxen Bekenntnisses betracbtete, geht aus den Scbriften
seiner Vertreter hervor. Ein Kalamwerk des Imam al-^aramejn
Abul-Ma^iUi cAl/d al-Malik aï-Guicejni,
wie diejenigen seiner Vor-
gjinger, beginnt mit einem Cajiitel über die Nothwendigkeit
der Speculation. Characteristisch sind in dieser Beziehung die
Worte des Imam Fachr al-Dln al-lhlzi x):
,,Al-Aê\'ar4 und seine Anhanger sagen", also heisst es an einer
Stelle seines Korancommentars, „dass das Wort Gottes eines sei-
ner ewigen Attrihute sei, das sich in den Buchstaben des Iio-
rans und dessen Lauten oflenbart. Andere meinen, diese Bucb-
staben und Laute selbst seien das Wort Gottes. Zu diesen ge-
hören die Hanbaliten, welcbe die Ewigkeit der Buchstaben des
Korans behaupten; die sind aber viel zu beschriinkt, als dass
man sie zu den vernünftigen Leuten zahlen könnte. Einmal
sagte icb einem solchen: „„Entweder spracb Gott durch diese
Buchstaben auf einmal in Einem Augenblick, oder er sprach
sie nacheinander aus. Das Erste ist unmöglich, denn in die-
sem Falie würde seine Bede nicht diese zusammengesetzte
Reihe aufeinanderfolgender Buchstaben gegeben haben , und diese
waren dann nicht Gottes Wort, und auch die letztere Annahme
ist unmöglich, denn, wenn Gott in auf einander folgenden Wor-
ten gesprochen hatte, so wiire ja sein Wort nicht ewig, sondern
geschaflen"". Als der Hanbalit dieses Raisonnement hörte, ant-
\\) Mafutïh al-gejb, VII, S fl\'t*\'.
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Zur Gc9chichte des As\'aritenthums.
wortete er: „„Unsere Pflicht ist es, zu bekennen und festzu-
halten, zu bekennen, dass der Koran e wig ist, und festzuhal-
ten an diesem Worte in Übereinstimmung mit dein, was wir
gebört haben"". „Icli aber", sagt der fromnie Iinam, „war
erstaunt über den fest en Glauben dessen, der inir also antwor-
tete. Die Vernünftigen sind anderer Ansicht-----"
Der Sieg des As\'aritenthums war also ein Sieg des ortho-
düxen Glaubens, zu dem es naher stand, als die Lehre der
Muctaziliten, aber auch ein Sieg der Eeflexion über den ge-
dankenlosen Glauben, wessen sicb auch seine hervorragend-
sten Vertreter bewusst waren. Wenn das Ascariten11iuui in den
Jahrhunderten, welche den Stürmen der inuctazilitischen Bewe-
gung folgten, sich als lebensfabig- erwiesen hat, trotzdem der
Mu\'tazilismus einen viel böheren Standpunkt vertritt, so ge-
schah dies aus dem Grimde, dass es den religiösen Bedürfhissen
und Culturverhaltnissen der muhammedanisehen Vülker am
meisten entsprochen hat. lm Ascaritenthum machten die Lehren
des Mams der Reflexion, wie sie durch philosophische Studiën
angeregt und erhalten wurde, so viele Zugestandnisse, wie
viel eben der Geist des betreffenden muhammedanisehen Volkes
erfordert hat. Als eine sehr bedeutsame Thatsache beben wir her-
vor, dass die Pfleger des ascaiïtisclien Kalams zumeist Perser
waren, so wie früher die persischen Provinzen die meisten Mucta-
ziliten gezahlt batten. Die Lünder, weluhe sich in früherer Zeit
mit dem ]£01\'an und einer Traditionssammlung, wie die des
Mdlik b. Anas, begnügten, sebnten sich auch nach der Lehre
al-Aécari\'s nicht.
Wir würden das Verhaltniss der griechischen Pliilosophie zum
religiösen Denken im Islam, insbesondere ihren Einfluss auf die
Wissenschaft des Kalams, falsch auffassen, wenn wir annehmen
würden, dieser Einfluss sei zur Zeit der Blüthe des Muctazilis-
mus am grössten gewesen. Im Gegentheil, in der Geschichte
des aicaritischen Kalams lasst sich das allmahliche Wachsen ibres
Einflusses nachweisen. Ibn Cftaldiln, dem noch Mancbes von den
tilteren Kalamwerken vorgelegen zu halben scheint, jedenfalls
inindestens so viel, wie wir noch heute besitzen, maclit in diesem
Punkte sehr treffende Bemerkungen \'), die hier im Zusammen-
]) Mukaddima, ed. Bftlak p. PaF ff.
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Martin Schreiner.
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bange mit seinen Ansichten über den Kalam vorgeführt zu
werden verdienen.
Gott, die Ursache aller Ursachen, sagt Ibn Chaldün, ist uner-
kennbar; darum verbot auch der Stifter der muhammedanischen
Religion das Nackdenken über die höchsten Dinge. Unser Wissen
kaun nicht Alles umfassen; es gibt Vieles ausser dem Bereiche
unserer Erkenntniss, ebenso wie die Welt der Farben ausser-
halb der Erkenntniss des Blinden, die Welt der Töne ausserhalb
derjenigen des Tauben liegt. Hieraus folgt nicht, dass der Ver-
nunft nicht zu trauen sei; diese tauscht nicht, aber nur in den
erkennbaren, kleinen Dingen. Die Vernunft ist eine wahre, rechte
Wage; nur dürfe man auf ihr nicht Dinge, wie die Einheit Got-
tes, die Prophetie, die göttlichen Attribute wagen wollen. Wer
solches unterniinmt, handelt ebenso thöricht, wie derj enige,
der auf einer Wage, die zum Wagen des Goldes dient, Berge
wagen wollte. Die Speculation über religiöse Dinge habe Nichts
mit der Religion, mit der religiösen Erhebung zu thun. Es ist
ein Anderes, in den Lehren der Sittlichkeit Bescheid zu wissen,
und ein Anderes, ein sittliches Leben führen. Dasselbe ist das
Verhaltniss der Kenntniss der religiösen Grundlehren zur Fröm-
migkeit. —■ Wie wir sehen, legt Ibn Chaldiïn der Wissenschaft
des Kalams keine grosse Wichtigkeit bei. Für seine Zeit halt er
sie für ganz überflüssig, da es keine Ketzer mehr gebe und
der Zweck des Kalams nur darin bestehe, diese zu widerlegen.
Die Alten, setzt Ibn Ohaldün seine Skizze fort, begnügten
sich mit dem einfachen Sinn des Korans und der Sunna, wo-
durch yiele Muéabbiha geworden sind, andererseits aber die
Ketzerei der Muctaziliten entstanden ist. Da ist Abul Hasan al-
zan
aufgetreten und nahm in den Glaubenslehren einen ver-
mittelnden Standpunkt ein. Ihm folgten sein Schuier Ibn Mu-
tfd/iid
*) und der Kadi Abu Beier al-Bdkildni, welcher neue Pro-
positionen in den Kalam einführte, auf welche Beweise gebaut
worden sind, wie z. B. die Lehre von den Atomen, vom lee-
ren Baum, und dass ein Accidens nicht das Substrat eines an-
deren Accidens sein könne. Nach Abü Bekr al-Bakilani kam der
Imam Abu-l-Ma^dli und schrieb -sein Kitab al-iamil, aus dem er
einen Auszug unter dem Titel Kitab al-iréad anfertigte. Nachher
1) S. linten S. 106f.
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.                                     f
aber beschaftigte man sich viel mit Philosophie, insbesondere
mit Logik, und diese Studiën beeinflussten dann so sebr die
Mutakallimün, dass ibre Terminologie und ihre Metbode grund-
verschieden von denjenigen der Alten wurde. Sie baben in ihre
Werke aucb die Polemik gegen die Philosophen aufgenommen,
insofern diese mit den Glaubenslehren nicht übereinstimmen.
Der Erste, der in dieser Weise geschrieben hat, war al-CrazdM,
worin ihm dann Fachr aLDin al-Bdzt gefolgt ist. Die Mutakal-
limun, welche nach ihnen kamen, haben Kalam und Philoso-
phie schon ganz vermengt, da sie glaubten, dass beide nur eine
Wissenschaft seien.
Der Entwickelungsgang der muhammedanischen Dogmatik
war, wie aus den uns vorliegenden Werken der von Ibn Chal-
dün erwahnten Manner ersichtlich, derselbe, den der grosse
Geschichtschreiber angibt. Die spateren Kalamwerke lehnen sich
sogar in ihrer Anlage den Arbeiten der Philosophen an. Nichts-
destoweniger mussen wir bemerken, dass dieser Einfluss mehr
formaler, als materialer Natur zu sein scheint; die Grundlehren
sind dieselben, auch in der Auffassung entfernte man sich nicht
sehr von derjenigen akAicari\'s, nur die Begründung der Grund-
lehren des Islams ist eine andere.
Zur Geschichte der hier von Ibn Chaldi\'m gekennzeichneten
Entwickelung bis auf\' al-Guwejni sollen die folgenden Blatter
einige Beitrage liefern, wobei wir die Arbeiten v. Kremer\'s,
Spittas
\') und Meftreris\') als bekannt voraussetzen. Ehe wir
aber hierzu übergehen, mussen wir noch auf einige Vorausset-
zungen des Ascaritenthums einen Bliek werfen.
I. Die altesten Imame und der mu\'tazilitische
Kalam.
Es ist schon zu wiederholten Malen darauf hingewiesen wor-
den, welche Abneigung die altesten Imame gegen alle dogma-
tische Speculation bekundet haben3). Es wird hier wohl am
Platze sein, auf ihre Ausserungen sowohl über den Kalam im
Allgemeinen, als auch über einzelne dogmatische Fragen einen
1)  Zur Geschichte Abu\'l-Hasan al-As\'arï\'s, Leipzig 1876.
2)  Exposé sur la rclorine de rislamisme.
3)  S. Goldtiher, Die Zahiriten, p. 133.
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Martin Schreiner.
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Bliek zu werfen. Als al-Sdft% einmal erkrankie, so lesen wir
bei al-ó-azatt*), besuchte ihn der Mu\'tazilit, Ifafx al-Fard. Als
diesei- ihn fragte, wer er sei, antwortete der Imam: „Du bist
ljafs al-Fard, Q-ott moge dich nimmer buten und schützen, bis
du nicht von deinen jetzigen Ansichten zurückkommst". Bei
einer anderen Gelegenheit ausserte er sicb: „Wenn du Jeman-
den darüber sprechen horst, ob der Name mit dem Benannten
identisch sei2), so wisse, dass er zu den Dogmatikern gehort,
die keine Eeligion besitzen". Akmed h. Hanbal, ein Vorbild
seiner Schnle, that eine ahnliche Ausserung: „Nie wird ein Dog-
matiker glücklich werden, und du wirst nie Einen linden, der
sich mit dem KalAm beschiiftigte, dessen Grlauben unbeschadigt
geblieben ware". Jl-óazdli, erzahlt, er habe die Gesellschaft des
Harit al-Muhasibi gemieden, weil er ein Buch zur Widerlegung
der Ketzer gesclirieben habe 3). „Wehe dir", sagte er ihm, „bast
du nicht erst erzahlt ihre Ketzereien und dann sie widerlegt?
Führst du nicht die Leute durch dein Werk dahin, dass sie
auf die Ketzerei aufmerksam werden und über diese Zweifel
nachdenken? Dies führt sie ja zu verwegenen Meimingen und
Grübeleien!" 4). ■— „Die Gelehrten des Kalams sind Zindike",
lautet das allgemeine Urtheil lbn Hanbal\'s. Auch Mdlik b. Anas
gefiel nicht das Treiben der Mutakallimfin. „Siehst du?" sagte
er, „wenn ein Anderer kommt, der im Disputiren gewandter ist
als ein solcher Dogmatiker, da macht er sich einen jeden Tag
eine neue Eeligion".
Noch scharfer sind die Ausserungen alter Traditionisten über
Lehren, welche von Dogmatikern, insbesondere von Muctaziliten
1)  Ihjü, I, S 1f, auf welche Stelle Goldzilier das. hingewiesen bat.
2)  Al-S4fïi meinte die Frage ^f*-i|j j«._*»b5!, die in einem jeden Kalamwerke
behandelt wird; s. lbn Hazm, Milal, I, BI. 182 r.; Mafatih, IV, S. fvl; al-hji, S.
Iöa ff.
3)   Fihrist, I, S. l/vf heisst es von ihm: J^J\' ,£ ^rV^ .-ajCJ\' *! i_*-Jaü JLï
x!yX»il J^e üjlj, JüLtXjl Sy^i -
4)   Über sein Verhiiltniss zu Ahmed b. Hanbal s. Goldriker, a. a. O., S. 137, Anm. 2.
S. auch lbn ChalUkdn, Nr. 151. Nach al-Sa\'rdui, Lawakih al auwar fi tabakut al-
achyar, I, S. 99, soll lbn Hanbal an einem Tage die Lebenswcise al-Muhasibi\'s
beobachtet haben und dadurch zu einer anderen Überzeugung über die Theosophie
gelangt sein. Auch diese Erziihlung scheint ein Product der Tendenz al-Sa\'r&n?!
zu sein, die Gesetzestreue der Theosophen nachzuweisen
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.
aufgestellt wurden \'). So soll Suf jan al-Tauri gesagt haben:
„Wer da sagt, der ]£oran sei geschaffen, der ist eiii Unglaubi-
ger". Auas b. Mdlik wurde in Betreff derjenigen befragt, welcbe
das Gescbaffensein des Korans behaupten, und seine Antwort
war: „Wer das Gescbaffensein des Korans beliauptet, der ist
ein Unglaubiger, den ibr umbringen musset". Auch der Maan,
bei dem wir diese Ausserungen finden, der Ascet Abd\'l-Lejt
at-Samarkandi,
schliesst das Capitel, welcbes von dieser Frage
handelt: „Das Beste ist, über diese und ahnliche Tragen nicht
zu disputiren und sich darüber in keine Verhandlungen einzu-
lassen".
Welchen Ansichten die orthodoxen Theologen in einzelnen
Fragen der Dogmatik gehuldigt haben, darüber werden wir
noch zu sprechen kommen, wenn wir vom Verhaltniss der
dogmatischen Secten zur Traditionskunde handeln werden. Hier
wollen wir nur hervorheben, dass alle Einwürfe gegen die An-
thropomorphismen des Korans und der Tradition mit den Wor-
ten JUaaÏjö i(« i-ft*^ ^-? zurückgewiesen werden l). Der Muslim
darf keine anthropomorphe Eigenschaften Gott beilegen, aber
er bat auch über die Ausdrücke des Korans und der Sunna des
Propheten nicht zu grübeln. Auch in Betreff der Praedestination
huldigten sie einer ahnlichen Ansicht3).
Der Volksgeist, dessen Führer und berufene Vertreter diese
Imame mit ihrer schroffen Abwehr aller Eeflexion über Glau-
benslehren und mit ihrer unerschütterlichen ïreue zum Buch-
staben des Korans und der Sunna waren, war die erste Voraus-
setzung des Lehrsystems, das von al-Jécarï geschaffen wurde.
Nach dem, was über seinen Lebenslauf bekannt ist, braucht
nicht erst darauf hingewiesen zu werden, welchen Einfluss
mu\'tazilitische Lehren, besonders die al-Gubbd^ts und Abu Hd-
1)  Abü\'l-Lejt al-Samarkandi, Bustun al-\'arifïn, Marginalausgabe von Kairo,1303,
S. Ut.
2)  S. das. S. W.
3)  Das.: id&w^o £ (*jolü\' ^ Dt ^^jtltJi^J 0I *l!l IkZj **»*iï Jl5
Lg^s \\JCy$- ^c j^jj «jij JotïL» .lXJJJI . In den kleinen Tractiitchen, welche
den iiltesteu Jmümen zugeschrieben werden und ihre Ansichten über die Glaubens-
lehrcn enthalten sollen, sind zumeist Traditionen zu finden, die ihren spitten Ur-
sprung auf den erstcn Bliek verrathen.
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Martin Schreiner.
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éim\'sl) auf ihn hatten; es wird also nicht überflüssig sein, auf\'
die muctazilitischen Kreise Bagdad\'s und Basra\'s zur Zeit al-Aéeari\'s
und auf ihr Verhalten gegen die religiösen Documente des Is-
lams, den Koran und die Sunna, einen Bliek zu werfen; hat
doch al-Ascari in seiner spateren, orthodoxen Periode in seinen
Schriften vorzugsweise lebende Mu\'taziliten bekampft. Ibn Abi
al-Nedïm 3)
hat uns Einiges über die muctazilitischen Zeitgenos-
sen al-Aécari\'s erhalten. Aus seinen Angaben geht hervor, dass
es zu jener Zeit mit dem Muctazilismus noch keineswegs ab-
warts ging. Nicht nur die Kühnheit der Muctaziliten war un-
gebrocheu, sondern auch ihre Schreib- und Kampfeslust. Als
bedeutende Muctaziliten werden erwahnt: Muhammed b. al-Wdsiti*),
AbulSAbbds, Ahmed b. CAU b. Ma\'gur al-Ichéid,
dessen Grottes-
furcht, Genügsamkeit, Ascese und Beredsamkeit gerühmt wird,
cAbd al-Wdhid b. Muhammed al-Husejni. Mit Ausnahme Ibn al-
Ichéid\'s
waren sie alle Anhanger der Lehren al-Gubbcfi\'s. Spatere
Schriftsteller macheu ehien Unterschied zwischen den Schulen
der Muctaziliten von Bagdad und derj enigen von Basra. Die
Bagdadenser werden bei al-Sahrastdm4) durch Abifl-Hmejn, al-
Chajjdt
und Abifl-^dsim al-Ka~bi vertreten, die Basrenser durch
al-Gubba\'i, Ab4 Hdéim und cAbd al-Gabbdr. lm Allgemeinen
mag diese Unterscheidung richtig sein, da die Schulen jener
Stadte gewiss von grösstem Einfluss waren und die Kenntniss
des muctazilitischen Kalams zumeist auf die éejche injenenzwei
Stadten zurückgegangen sein wird. Uns scheint j edoch in dieser
Beziehung eine Ausserung Ibn Hazms sehr bemerkenswerth.
Dieser Schriftsteller, dessen Angaben über dogmatische Lehren
grosses Vertrauen verdienen, aussert sich, die spateren Muctazi-
liten seien zumeist dreien Mannern gefolgt: dem cAbd Allah b.
Ahmed b. Mahmud al-BalcM
— auch al-Kelbi genannt —, zu
dessen Ansicht sich Musd b. Rabdh bekannte, dem Abü Hdéim,
der in Basra gelehrt hat, und zu dessen Anhangern al-Husejn
b. CAU al-étual
gehorte, und dem Ichéid al-Fergdni *). Dies wa-
1)  S. über sie zuletzt Spitta, Zur Geschichte Abu\'l-Hasan al-As\'arl\'s, S. 38.
2)  Fihrist, I, p. M" ff.
3)   Seine Bemerkung über Ddwdd al-Zdhiri und Andere s. bei GoldziAer, Die Z&-
hiriten, S. 30. Die Spottverse gegen Niftawejhi auch bei Ibn Challikdn, Nr. 11.
4)   In Haarbrücker\'\'s Übersetzung, nach der ich citire, I, p. 79. 80.
5)   Milal, II, BI. 148 v.:^ xSÜJI c"^ ^Ljï J* (se. iJjAxil) ^j*S^3
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.
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ren also nach Ibn Hazm die Meister der spateren Mu\'taziliten.
Die verstümmelten Angaben des Ibn Abi al-Nedim bestatigen nicht
ganz die Worte Ibn Hazm\'s, denn er theilt die ihm bekannten
biographischen Angaben mit, wahren Ibn Hazm nach der lite-
rarischen Abhangigkeit, die er in den betreffenden Werken be-
merkte, zu urtheilen scheint. Als ein Anhanger des al-óubbcfi
wird bezeichnet Ibn Iiabdh, von dem es aber heisst, er habe
auch Ibn al-Ichéid, cAbbdd al-lJejmart und andere Mutakallimün
gehort. „Angeblich", bemerkt Ibn Abi al-Nedim, „soll er noch
heute in Kairo leben". In der That nennt ihn Ibn Hazm „al-
Misri".
Zu den Genossen Abu lldéims gehóren Ibn Challdda),
der zu seinem Lehrer nach cAskar 2) ging, Abiï l-$dsim b. Sahla-
wejhi
und at-Httsejn b. ZAH al-Ghfal (st. 399). Letzterer erfreute
sich eines grossen Ansehens, besonders in Ohurasan, war hana-
fitischer Rechtsgelehrter und schrieb auch polemische Werke
gegen den muetazihtischen Sluiten Ibn al-Hdwendi und den Arzt
alSdzi. Dass er ETanafit war, geht auch daraus hervor, dass
unter seinen Fikh-Werken eines ist „über das Gestattetsein des
Gebetes in persischer Sprache 3). Von den Schülern und Ge-
nossen Ibn al-Ichéid\'s werden mehrere erwahnt, Schriften aber
& O-i L*-"-*-" O\'^ -H1 ***** f31*3\' C& &&k ^f° &
1)  Ibn. Challdd wird erwahnt von Joaef al-Baair, Kitab al-muhtawJ, Hs. des
Herrn Prof. Kaufmann, 61 v.
2)  Von al-\'Askar heisst es bei al-Mukaddaii, S. f I.: ^UJ\'lj *U^s cbUc Sjj
;3UJ yjr*j> r^-~^t £**> J^^Lj {yJU-j <r^jai ^ j^LJI ^1
\' [*1? * "3 QSj-^^"" * Man sient\' e8 \'st der 0rt\' wo ^*^ Hdiim sein uj\'jCJ-
ol^jCwjJI J^Lm.11 schreiben konnte.
3)  Fihrist, I, S. f.\\. XaawjUJL HjLai\\^y>. (jbci": Interessant ist in Betreft"
dieses Punktes die Erziihlung des al-Guwejni Imdm al-H.aram.ejn bei Urn Challikdn,
Nr. 728.
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L2
Martin Schreiner.
nur von IbrdJdm, b. Sihdb (st. nach 350) angegeben, der auch
den Bagdadenser al-Chajjat gehort hatte. Dem oben erwahnten
cAbbad al-I)ejmari und Ibn al-Ichéid hatte auch der Kadi Alimed
b. Muhammed at-Childl
seine Gelehrsamkeit in Fragen des Ka-
lams zu verdanken.
Von diesem cAbbdd b. Sulejmdn al-jpejmari kannten wir bis
jetzt fast nur den Namen \'). Aus den Werken des Karaers Josef
al-Basir, Ibn Hazms
und dem kleineren Kalsimwerke des al-óu-
wejni Imam al-Haramejn
erfahren wir jedoch Manches über
seine Ansichten. Josef al-Basir widmet ihm in seinem Kitüb al-
muhtawi li-usül al-din ein besonderes Oapitel2). Wir erfahren
aus diesem, cAbbad al~I)ejmdri ware von dem Principe der Mue-
taziliten ausgegangen, dass Schmerzen nur als Strafe berechtigt
seien, oder wenn der Leidende für sie entschadigt werde. Da
nun bei den Schmerzen der Kinder und Thiere Beides ausge-
schlossen ist, hat cAbbad angenommen, jene Schmerzen dienten
nur zur Unterscheidung der vernünftigen Wesen von den un-
vemünftigen. Josef al-Basir führt aus, dass diese Ansicht we-
sentlich identisch ist mit derjenigen der Mugbira, besonders
mit der al-Naógdrs, welche behaupteten, dass Leiden, die über
Jemanden verhangt werden, an sich weder gut, noch schlecht,
weder gerecht, noch ungerecht sind; das Gute ist, was eben
Grott will. Denselben Simi kann die Ansicht al-J)ejmaris haben,
denn das Kind oder das Thier hat wohl keinen Nutzen von der
Unterscheidung zwischen vernünftigen und unvernünftigen Wesen,
die durch ihre unverdienten Schmerzen gemacht werden soll.
Dieselbe Ansicht wird von al-Guwejni erwahnt •1). In anderen
Punkten ist \'Abbdd b. Sulejmdn den muctazilitischen Principien
treugeblieben, wie dies die Anführungen Ibn Hazm\'s beweisen.
Nach diesen habe er behauptet, Gott könne nur das Gute schaf-
fen. Man dürfe nicht sagen, Gott habe die Glaubigen oder die
Unglaubigen geschaffen, denn der Glaubige ist Mensch und
Glauben, der Unglaubige Mensch und Unglauben, Gott aber ist
1)  S. Spit/a, a. a. O., S. 79.
2)  BI. 93 v. Die Ansicht wird auch erwahnt BI. 87 v. Vgl. Ahron b. Elia, Ez
Chajim, ed. Oelitzsch, u. Steinschneider, S. 135. 136. und 121. 126.
3)  Kititb al-irsad fi usul al-i\'tikad, cod. Golius, BI. 61 v. Die Ansichten der
spiiteren Mu\'taziliten s. bei Fachr al-Din, Mafutïh al-gejb, IV, S. 1.. Vgl auch
More, III, Cap. 17.
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13
Zur Gescbichte des As\'aritenthums.
nur des Menschen Schöpfer und nicht des Glaubens oder Un-
glaubens l). Auch Hunger und Durst hat nicht Gott geschaffen,
denn beide sind schlecht. cAbbad stellte auch die Behauptung
auf, dass es sieben Sinne gebe; welchen Zweck er dabei batte
und wa3 er damit meinte, weiss Ibn Hazm nicht anzugeben 2).
Vielleicht bezieht sich die Bemerkung Sacadjd\'s über einen Ver-
such, die Zahl der Sinne zu vermehren, auf diese Ansicht cAbbdd
al-I)ejmari\'s
3).
Ibn AM al-Nedim erwahnt noch andere mu\'tazilitische Zeit-
genossen al-Aé\'arïs. Zu diesen gehort cAbd Allah b. Mulwmmed al-
Anbdri,
auch Sirêir genannt. Nach Ibn Hazm leugnete er, dass
Gott gesehen werden könne und stimmte auch in Betreff des
Kadar mit den Mu\'taziliten überein 4). — Besonders hervorge-
hoben zu werden verdient Abul-Hasan ^AU b. tIsd al-liummdni5),
gegen den al-Aécari ein polemisches Werk geschrieben hat. Er
wird als Grammatiker und Mutakallim gerühmt. Eine Geistes-
1)  Milal, II, 144 v.: ^lVÜ ^p^^\' (J-&0 >***& O^^ O* k>L*C ^3
^l/j _^L*aSI ^ ^xb lc jf.& J.C ^iAüj "bS *j\' «UI ^1 Jyb ^ vils
^<J ^y\'jCI JUS» wl \'bSj l;^-^!\' OÜ.r> «U< 0I JÜb q\' ;*.£?. ^
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2)   Uas. BI. 148 v.: (jj^l Dl ,Jojt& (1&0 cWHj qUaLx dj oUc Jfcj
SU.JM 3j lt\\ö> *Jj,S ^j «jöj: c5)1-^.\'! ^J /*■$•** • Seine Ansichten werden auch
von al-Sa/naslaui, I, S. 76, beriihrt. Wenn ihn Spitta daselbst zu einem Schiller
Alu Hdiim\'t macht, so ist dies wohl nur ein Versehen.
3)  S. Kaufmann, Die Sinne, S. 41.
4)  Milal, II, 144 r.:y:UJI «_ajKJI ^Lofl iX =^ ^j «UI iX.^c _j.jl Jiïj
L-AJiU\' _^} «Jjyil ^SJj ^XJÜI j SÜjx*JJ sjüjy» _j#j ^«UIj «-Jjj»!!
O^Lai\' ^3 «jU*- j jA*yio. S. über ihn Spilta, a. a. ()., S. 60, Anm. 1.
B) Fihrist, I, S. Ivf; al-Sujüti, Tabakut al-mufassirïn, ed. Meursinge , Nr. 74.
Er ist geb. im J. 296, st 384. AlSujitli findet es sonderbar, dass er als Mn\'tazilit
auch Si\'it war.
VIIIb Congres international des Uricntalistes — Seclion scmitique.               7
89
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Martin Schreiner.
14
richtung, die so yiele Vertreter hat, die sicli in der Literatur
bemerkbar macben, hat ihre Lebensfahigkeit nocli bei weitein
niclit eingebüsst. Und in der That standen dem Ascaritenthum
noch in den folgenden zwei Jahrhunderten sehr bedeutende Ver-
theidiger des Muctazilitenthums gegenüber. In den spateren Ka-
lamwerken berücksiclitigen die ascaritiscben Dogmatiker diese letz-
ten Mu\'taziliten noch mehr als die alten Sejche des Kalams. So
oft ein Punkt der Dogmalik behandelt wird, mussen die Ansich-
ten des Abul-Hiisejii al-liasri, des Abiïl-Kdsim al-Ka\'bi \') und des
Kadi cAbd al-Grabbdr berücksichtigt werden. Auch steht die Art
der Benutzung des ketzerischen al-Zamachéari. durch al-Hcjdaun
nicht allein da. Ein Werk über Usül al-fikh des AM\'/-Husejn
al-Basri,
2), die Korilncommentare des al-Ghtbbóiïi und des Abü,
Muslini al-Isfa/idnï
3), des Hyper-Muctaziliten, wurden vom Imam
FacJir al-Din, in seinem Kitab al-mahsül, beziehnngsweise in sei-
nem Korancommentar, stark benutzt. In dem dogmatischen Werke
desselben finden wir neben den schon erwaknten Vertretern des
spateren Ftizïil die sonst unbekannten Ibrdhim b. zAjdê4) und
Ibn FuUawejhi ■"\') angeführt. Den umfangreichsten aller Koran-
1)  S. die Bemerkungcn Haarbricker\'s zu al-Sahrasidr.i, II, 401. IJbcr \'Abdal-Gab-
lii/\'r
s. Tabnkat al-mufassirïn, Nr 47; st. i. J. 415.
2)  S. I6n Challikdn, Nr. 621.
3)  St. i. J. 459. Fihrist, I, S. |f") z fl. Tabakat al-mufassirin, Nr. 95, heisst es
vcm ihm:
4)   Kitab al-muhassal, I.cidener Hs., (Jat Landberg Nr. 565, S. 533, Pagination der
Hs.: ^_jj_a_«j ^i\\ ,*_«:: ol^Axii £ ü_JjX*itj Xi*«^La_il Jk_ï J^*aaJ\'
\'ióy>-*jt otyXJ\' liUj\' J».. »-*>-. Ibrdhim. b \'Ajdi wird noch erwiihnt Fihrist, I,
P. Ivf.
5) Kitab al-muhassal, S. 528: (?££ =» J^l* jfi&J ^AJI \'_A0iXtt jS> kXjS
90
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Znr Geschichte des As\'aritenthums.
15
commentare hat ein Schuier des cAbd al-ó-abbar, ebenfalls ein
Mu\'tazilit, zAbd al-Saldm al-Kazwini geschrieben. Dieser Commen-
tar soll nach dem Urtheil al-Sanfdw"s auch der lehrreichste ge-
wesen sein, den er je gesehen; nur waren seine Erkliinmgen
vermengt mit muctazilitischen Anschauungen. Der Verfasser des
riesigen Werkes, das 300 Bande gefüllt haben soll, rühmte
sich, er wiire allein geblieben, ein Vertheidiger der Lehre der
Mu\'taziliten \'). Die Vernunft und das sittliche Urtheil, welche
die mnctazilitiscbe Bewegung hervorriefen, haben ihre Macht
iiber die religiösen Ansichten des grössten Theiles der muham-
medanischen Gesellschaft zwar verloren, aber sie konnten sich
doch einen Schriftsteller dienstbar machen, der durch seine Ar-
beitskraft sogar seine schreibselige Zeit und Umgebiing geradezu
verblüffte 2).
Das waren die Trager der Richtung, mit der sich al-Ascari
und seine unmittelbaren Nachfolger in erster Reihe haben aus-
einandersetzen mussen. Die characteristischen Ansichten der
Muctaziliten, durch welche sie sich von anderen Richtungen des
Islams unterschieden, können wir als bekannt voraussetzen; wir
mussen aber einen Bliek auf ihren Standpunkt gegenüber den
autoritativen Quellen der muhammedanischen Glaubenslehre werfen.
„Es gibt keine ketzerischen Neuerer in der Welt, die den
:j»^uJI g& ió.S^i*\' • "er Wer erwiihnte J/m oder Abü Rasid soll nach ciner
Randglosse ein Schiller \'Abd a\'.-Gabbitr\'s sein. Ibn Fnttawej/ii ist vielleicht mit dem
Tab. al-mnf., Nr. 117, erwahnten identisch. Catalog der Bibliothek des Chedivc, I,
S. OÏ", heisst es unter Nr. f 1: &mm 1\\ \\_s-JÜ *..Ja*il i-J;^\' 4sH V■,W*M\'
^A^-yi x-f.ytA q-j (J^ iX^ ^y-j 1X5-! ^j jwc er"*-^" <3\' (J*^l
Unter Nr. öt" wird ein Werk desselben „al-Basit" verzeichnet. Wir erwühnen hier
noch die Mu\'taziliten \'Ubejd AUdh b. Muhammed (st. i. J. !i87) und Muhammed
b. \'Abd Alldh Ibn Sabr Abü Bekr al-llanaji
(at. i. J. 3S0). Tabakut al-mufassirtn,
Nr. 65 und 99.
1)   Das. Nr. 57.
2)  Ibn al-Atjr, X, S. 1f z. J. 438: i\\a£ ^Lu^J _j_jl ^asUJI 0L0 L^aïj
91
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Martin Sehreiner.
16
Mannern der Tradition keinen Hass nachtragen würden", sagt
Ibn al-lfatt/m \'), und er hat hierinit das Verhaltniss neuentste-
hender doginatischen Secten zur Tradition treffend gekennzeich-
net. Das fortschreitende religiöse Denken hat sich immer mit
den religiösen Urkunden in irgend einer Weise abzufinden. Ge-
wöhnlich geschieht dies in der Weise, dass die Ergebnisse der
spateren Entwickelung in die alten heiligen Bücher hineinge-
deutet, hineingelesen werden. Dies Geschaft ist innso leichter,
da die altesten religiösen Urkunden gevvöhnlich kein geschlos-
senes, religiöses Lehrsystem enthalten und unter dem Einflusse
der verschiedensten Verhaltnisse und manehinal auch der ver-
schiedensten Zeiten entstanden sind. Daher kann beinahe eine
jede religiöse Richtung ihre Waffen leicht aus ihneu herholen.
Sehr erschwert wird aber dieses Geschaft, wenn, wie es auch
im Islam der Fall war, sich eine uuifaiigreiehe Tradition aus-
bildet, deren Autoritat als absolut, unantastbar gilt. Die Schwie-
rigkeiten, welche hier die umdeuteude Reflexion zu bewaltigen
hat, sind viel erheblicher, sowohl wegen der Grosse, als auch we-
gen der manchmal viel zu sehr widerstrebenden Natur des Stof-
fes. Es ist darum sehr natürlich, dass das selhstündiger gewor-
dene religiöse Denken manchmal dieser gar zu lastigen Schran-
ken überdrüssig wird und ihnen, wie auch ihren Vertheidigern
gegenüber, keine Sympathien bezeugt.
Auf das Verhaltniss mancher Muctaziliten zum Koran werfen
folgende Erziihlungen von al-Chattb al-lia\'gdddi, die uns Faehr al-
Dm
in seinem Korancoinmentar 2) erhalten hat, ein sehr helles
Licht. „Mifad b. Mucdd ul^Anbarl erzahlte: „„Ich sass einmal
bei eAmr b. cUbcyd, da kam ein Manu und rief aus: „O Abiï,
cOh//dti,
bei Gott, heut\' habe ich entsetzlichen Unglauben hö-
ren mussen!" „Nur sachte", antwortete QJmr, „sei nicht gleich
mit dem Unglauben bei der Hand! Was war\'s denn, das du
gehort bast?" „Ich hörte den llrfêim al-Aitfcas sagen, die Sure
l) Hei al-Kastal&m, Einleitung zum Commcntar des Buehdri, ed Kotta, l,S f,
Das. lieisst es auch: Jais- J^c (j\\jitX^S\\il xsjL-L \'iyS "Sj—i *S Jïj
AajL.^1 «_JÜs5 liojl^l.
2) Maiatili al-jjeju, 1, S. PU.
92
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.                                   1*}
des Abiï Lahab \') und die Drohung des Walid *) gehörten nicht
zum Urtexte der Schrift (zur „Mutter des Buclies"); Gott aber
sagt3): „„Ham. —Beim unverkennbaren Buche! Wir haben es
wahrlich zum arabischen Koran gemaebt, aufdass ibr es verstellen
sollt, und es ist bei uns im Urtexte4) aufbewabrt, erhaben und
weise!"" Was ist nun Unglauben, wenn nicht dies, o Ab4cOt-
munï"
— zAmr schwieg einen Augenblick, dann wandte er
sicb zu mir und sagte: „Bei Gott! Wenn er Becht hiitte, würde
weder an Abii Lahab noch an al-Walid h. Mugira eine Schmach
haften!" Als der Mann dies hörte, sagte er: „Du sagst dies,
o AM \'Ohndnl Bei Gott! Dasselbe meinte aucb er". Es spricht
3luc(ul: Ho kam jener berein als Muslim und ging hinaus als
Unglaubiger"". —Ferner wird erzühlt, eiu Mann sei zu c/lmr 6.
cUbejd
gekommen und liabe bei ihm im Koran gelesen s): „Es ist
eine erhabene Verkündigung auf einer aufbewahiien Tafel". Da
sprach er zu ihm: „Sag\' mir, war aucb „Tabbat" B) auf der
aufbewabrt en Tafel?" cJmr antwortete: „Nicht also war es auf
der aufbewahrten Tafel, sondern: „Schlaff werden die Hande
derjenigen, die da handeln, wie Alm Laliab". Da sprach der
Mann: „Da müsstest, du auch also sagen, wenn wir uns hin-
stellen zum Gebet". Hierauf zürnte c/tmr und sprach: „Das
Wissen GoMes ist kein Sejtan, das Wissen Gottes scbadet nicht
und nützt nicht" 7). Diese Erziihlung beweist, dass eJmr6. cUbejd
an der lutcgritat des Ifordns gezvoeifelt kat".
Also der fromme
Ascet, der mit seiner Pariinese den Olialifen zum Weinen zu
bringen wusste, dessen Offenheit von diesem bewundert wurde 8),
hegte Zweifel in Betreft\' des göttlichen Ursprunges der Flüche,
die Muhammed gegen seinen Oheim ausgestossen batfl). Al-
1)  Sftrc CXI.
2)  Sftrc LXXIV, V. 11-26, welchc Verse von den Commentatoren auf al-Walid b.
Mugira bezogen werden.
3)  Sftrc XUH, V. 1—3.
4)  So nach Sprengcr, Lcben Muhammads, II, 215.
5)  Sftre Ï,XXXV, V. 22.
6)   Die Siire des Abft Lahab.
7)   Diese letzte Ausserung ist mir nnklar.
8)  \'Ikd, I, IT; al-Huari, I, l.v.
9)  Mafutih, VIII, S. vft: p^LJIj B^AaJI \\Ac Ij^-S? 0I J.UJI JI£-JI
!iA$j *v= «jL&j 0I w iJiJL) uAaXs (»-k£i*J! 0ÜÜ5 üTrJ\' ij i jytf
93
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Martin Schreiner.
18
Chat/\'b al-liagdddi hat aber noch eine andere Anekdote aufbe-
wahrt, die in noch höherem Masse von der Kühnheit dieses
alten Muctaziliten zeugt. Al-Buchdri und Mudiw haben zwei
Traditionen, die bei der Frage der Priidestination gewöhnlich ins
Treffen geiübrt werden. Eine derselben ist folgende \'): Al-Acmaé
sagte nach Zejd b. Wahah, dieser nach cAbd Alldh b. Matfiul:
„Es sagte uns der Gesandte Gottes, der wahrhaft und dessen
Wort von Gott bewahrheitet worden ist: ,,„So Einer von euch
im Mutterleibe vierzig Tage angelegt ist, da wird er ein Blut-
klumpen; nach einem iihnlichen Zeitraum wird er zu einem
Fleischstiicke; wenn dann wieder ein iihnlicher Zeitraum vor-
übergeht, da scbickt Gott einen Engel, und es werden vier
Dinge bestimmt: die Nahrung, die Gestalt, das Ungliick oder
die Gliickseligkeit des Menschen8), und liei Gott! wenn Einer
von euch Thaten der Höllenl)ewohner ausüben würde bis dass
zwiscben ibm und der Holle nur ein Paum ware, wo man
die Hiinde ausstrecken kann, oder ein ltaum von einer Elle —
nachdem vorüber ist, was von ihin geschrieben, wird er han-
deln wie die Bewohner des Paradieses, und in dieses kommen.
SolUe aber ein Mann auch die Thaten der Bewohner des Para-
dieses ausüben bis dass ihn von diesem nur eine Elle oder
zwei Ellen absonderlen — wenn vorüber sein wird, was von ihm
geschrieben steht, wird er gewiss die Thaten eines Höllenbe-
wohners ausüben und in die Holle kommen"". Dieser crasse Aus-
druck des Pradestinationsglaubens hat den Unmuth cAmr b.
cUbejd,s
dermaassen erregt, dass er sich zu folgender Ausserung
hinreissen liess: „Wenn ich al-Acmaé gehort hatte, als er dies
sagte, so batte icb ihn Lügen gestraft; hatte ich die Tradition
von Zejd b. Wahah gehort, ich hatte ihn dafür nicht sehr gerne
gehabt; hatte sie mir zAbd Alldh b. Mascud gesagt, würde ich
sie von ihm nicht angenommen haben, ja wenn der Pronhet
sell)st sie mitgetheilt hatte, würde ich sie zurückgewiesen ha-
ben, und wenn Gott sie mir gesagt hatte, würde ich geant-
1)  Al-Buchdri, Kitftb al-Kadar, Nr. 1.
2)   Bis hierher entspricht die Tradition talmudiscli-midrasohischen Voistellungen; s.
Jellinek, Beth ha-Midrasch, I, S. 153 ff. In noch höherem Maasse ist dies der Fall
hei der zvveiten Version derselben Tradition, die wir bei al-Buc/idri linden. Den
Unterschicd zwischen der jüdischen und muhammcdanischi\'n Tradition zeigen die
wortc: qidp myo pn cmv Ta !?an jmiMa im mhh wtn w ptji ^a»-
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Zur Gcschichtc des As\'ariteuthums.
19
worlet haben: „„Nicht das sind die Bedingungen, unter welchen
du mit una ein Bündniss geschlossen hast"".
Dies eine Beispiel zeigt zur Geinige, dass schon die iiltesten
Muctaziliten den zahlreichen Tendenztraditionen gegenüber, die
ihren Anschauungen ausdrücklick widersprachen, gewappnet wa-
ren. Wo es möglich war, legten sie sich nichtsdestoweniger die
Traditionen zurecht und benutzten sie zur Vertlieidigung und
Begriiudung ihrer Ansicliten \').
Von den Madahib al-fikh konnten nur zwei mit den Leliren
der Muctaziliten in Übereinstiumiung gebracht werden, das Mad-
liab des AM Ham/a und dasjenige al-SdJfïs. Malakiten oder gar
Haubaliten konnten wegen ihrer dog\'inatischen Voraussetznngen
keine Mucfaziliten sein; Theologen, die den übrigen Madahib
angehörten, konnten sich trotzder f\'eindliclien Stellung der Imame
gegen den Kalam dieseui gegenüber nicht ganz verschliessen.
Es werden Traditionskundige des Muctazilismus bezichtigt, die
zu den nainhaftesten geboren. Jl-Jhtc/ui\'ri wurde beschuldigt, er
habe behauptet, die Buchstaben des Korans seien geschatt\'en 2).
Al-Tyaffdl neigt in allen seinen Ansichten zum Mu\'tazilismus s).
Auch al-MdwcrM wurde verdiichtigt, er huidige dein Muctazi-
lismus *). Diese Beispiele genügen, urn darzuthun, dass es auch
hei den Traditionskundigen nicht gut anging, bei den Ansich-
ten der alten Imame zu .verharren, und dass es der Zwang der
Reflexion war, der die Anluinger der Madahib al-fikh dem
caritenthuin zuführte.
Die Wissenschaft des Kalam, die auf die Koranexegese und auf
die Auffassung der Siinna einen so grossen Einfluss ausübte, machte
ihren Einfluss auch in der von al-Bdjfi begriindeten Wissenschaft
1)  Ein Beispiel: Maiatih, 1, S. f 11 ff. Vgl. [V, S. 11a ff. f M f. VI, S. f 1f.
2)   Commentar des Kastaldni, ed Kotta, I, S. fï".
3)   Maffltih, II. S. flA: a**&. Jl^c^l j iUiJI *Jaa Jlaajl ^S.S> 0< J^ïlj
tilüi, (JÜyoLj StRa^l yjó 0Lf Ju» liLJó £*5 ^.J\'ULS\' j, ^\'J&c^l
^~*o»- 8-vj.^l\' >_».»-lo ^ _j.ft*Jt q\' 3U* yVjjjaAi\' *_a_0l\\* q* ^
4)  Tabakat al-muf., Nr. 77: ^x^UaJIj, JXy*JI ^J JLï iV^e^L jftStj
95
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Martin Schreincr.
20
von den „Usiil al-fikh" geitend. Wir besitzen Ausserungen über
Fragen, welche in dieses Gebiet geboren, von alten mu\'taziliti-
schen Sejchen. Von Bier al-Marisi bericbtet Fachr al-D"m, er babe
vor dem Chalifen Hdrun al-Jiaéid den Iniain al-Sdffi gefragt, wie
das Igmac bindende Kraft besitzen könne, da man ja in Wahr-
beit nie erfahren könne, ob alle Menseben in Betreff einer Sache
übereinstimmen oder nicht. Al-MJfi antwortete: „Kennst du die
Übereinstimmung der Menschen in Betreff des Ohalifates dessen,
der hier sitzt?" Bier bejahte die Frage aus Furcht vor dem Cha-
lifen \').
Ibn Chaldün hat in seiner trefflichen Art auch den Einfluss
des Kalïims auf die Entwickelung der Wissenschaft der Usiïl
al-fikh gekennzeichnet2). Nachdem der Imam al-Sdjfi seine be-
kannte „Risala" über diesen Gegenstand geschrieben, arbeite-
ten hanafitische Theologen und Mutakallimun viel auf diesem
Gebiete, wobei die Theologen auf die Bearbeitung des von der
Wissenschaft des Fikh gebotenen Materials der Furüc Gewicht
legten, wiihrend die Mutakallimun sich auf die formale Seite
dieser Fragen beschrankten. Als die besten Werke, welche von
Mutakallimun über die „U§ül al-fikh" geschrieben worden sind,
betrachtet Ibn Chaldvn das Kitab al-burhan des Imam al-Ha-
ramejn
und das Kitab al-mustasfi min cilm al-usul des üazdli
von Seiten der As\'ariten, das Kitab al-eahd des cAbd al-Gahbdr
und dessen Commentar „al-Muctamid" von Abtfl-Hmejn al-Basri
von fleiten der Mu\'taziliten. Diese Werke sind von Fachr al-
l)m al-Rdzi
in seinem Kitab al-mahsul urid von Sejf al-Dtn al-
Jmidz
3) in seinem Kitab al-abkam im Auszuge bearbeitet worden.
1)  Mafutih, I, S. f II": OÜüul c^.c<AJ\' ■wiui\' ^«LiJJ ^«^.Jt y~J Jlï
^ytsUJI JU» «Aa-S^J! O^c üjbLUI 8AJJ> vi^jtf, Js-s-I^JI L5^J| J*
\\iys> *.j .als u-JLlS- \'AS> Xabl:> J>c (j*Lüt ?U>I o-*i\' J**.
2)   Mukaddima, ed. Bulak, S. I^vl ff.
3)  Auch ihn hat seine Beschiiftigung mit Philosophen und MutnkallimAn wie auch
der Ncid seiner Zeitgenossen in den Rut\' eines Ketzers gebracht. Ibn Challikdn,
Nr. 443: 8jj-*Jj \\.*.1 C l^x*a*jj obLJ\' "L^ft: y< i£_cL^> «Ji»> ,»_$
SCa~bUJ! ,_*_$܄/>j iW^**i!j X-rfjiJI J^-^\'tj gJufijdl j oL^ftil J,l
96
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Zur Geschichte des As\'aritenthums
31
Aus ihren Werken sind dann wieder Auszüge angefertigt worden.
Von den hier erwahnten Werken hat uns nur das Kitab al-
mustasfi des Grazdl\'i vorgelegen \'). Ein Bliek in dieses Werk
zeigt uns, weshalb die Wissenschaft des Kalam auf die von den
Usul al-fikh von Einfluss sein musste. Das Buch zerfallt ausser
der Einleitung in vier Haupttheile. Der erste Theil handelt von
den Gesetzen (BI. 25r.—43v.), der zweite (BI. 43v.—83r.) über
die drei Quellen der Gesetze: Kitab, Sunna nnd Iginac, der
dritte (BI. 83r.—147v.) über die Art und Weise, wie die Gesetze
aus den behandelten Quellen abzuleiten sind, der vierte von
demjenigen, der dies Geschaft vollsrieht, dem Mugtahid (BI.
147r. bis zu Ende). In Betreff der Gesetze musste sich zwischen
den Ansichten der Muctaziliten und Ascariten ein Unterschied erge-
ben, da es nach jenen gute und schlechte Handlungen gibt, die
von der Vernunft vor aller Offenbarung als solche erkanut wer-
den und von denen, welche von den Quellen der Offenbarung
als solche bezeichnet werden, verschieden sind, wahrend nach
den Ascariten Handlungen nur insofern gut oder schlecht sind,
inwiefern sie von der Beligion geboten oder verboten werden2).
Auch in Betreff der Bestinimung von den Gesetzeskategorien
werden uns von al-Gtazdll Abweichungen mitgetheilt.
Ebenso mussten Abweichungen entstehen in Betreff der Quel-
len der Gesetzeskunde 3). Die dogmatischen Ansichten der Mu-
takallimün über das Wort, das Wissen Gotles, beeinnussten ihre
Ansichten über die im zweiten Theile des AVerkes behandelten
—L***j U. jj<l^bs> Mi Sjjutojj (ikJó cr**3^- *lj\';a^\' !m^j £U^Ü-j
iJ1 j.AjI xj ,
1)  Gothaer H8. Nr. 926.
2)  S. Z.D.M.G., XLU, S. 636. Vgl. auch al-I/ji, p. Ifö.
3)   In der Einleitung, BI. 3 r., heisst es: &.i«*Jtj i_jL*£!f ^j \'ilS^i $> .»\':\'H«
J3Ö9 cU^s-jIj Hiermit scheint im Widerspruch zu sein BI. 43 v.: J,l£jl Jafiil
JJi«Jt J^Jüj eU_>"3!5 iO-JIj vLO Kafjl & (.U:»\'SI K_bl j.
97
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22
Martin Schreincr.
Gegenstiinde. Wir erwahnen uur, dass die Abrogation von den
MuHaziliten geleugnet wurde.
In der Einleitung des dritten Theiles besprichi al-ó-azdli Fra-
gen, die wir als sprachphilosophische bezeichnen könnten. Die
erste unter diesen ist die, ob die Sprache durch Übereinstim-
ïnung oder durch Unterricbt entstanden sei. Pür die Dogma-
tik batte die Frage insofern eine Bedeutung, als es von ihrer
Beantwortung abhing, welche Namen von Gott gebraucht wer-
den dürfen \'). Eine andei\'e Frage ist die, ob in der Sprache das
Kijas von Einthiss ist, ob die Qegenstande iltre Namen unter
dem Einflnsse des Kijas bekommen oder nicht. Al-6azdli meint,
im Gebrauch der Wörter lasst man sicli nicht durch Analogie,
sondern lediglich durcb Taukif bestimmen J). In der Einleitung
finden wir anch die Eintheilung der Wörter in solche, deren
Bedeutung ursprünglich, und in solche, deren Bedeutung durch
den Sprachgebrauch modificirt worden ist. Zu den letzteren
gehören Wörter wie „Mutakallim", das ursprünglich einen mit
der Fahigkeit zu sprechen Begabten bedeutete, spater aber auf
den Dogmatiker angewendet wurde3). Im vierten Capitel der
Einleitung erwahnt nl-GrazCdi die Ansicht der Muctazila, Obawa-
1)  Vgl. al-ïyt, S. Ifl.
2)  83 v.: l^sJUs»! <_X.s3 L*Lï ^i^uiij j£> iCjyiül *U*^I g, J,ljül J.*aaJt
,3 IaaaW iAÏj .... «.JLc LwIaÏ ^^Jtl\' <ikJ j OÜLSUj .*.£> iJwaaaJI
üiUI ..I Iu\\.^.j c>>-j^s u"«^\' (j*L-«<l wiUJ\' ^5 Kl**<JÜ siA-P — j~w
o
^La! (j*Iaï L^aï u<aajj \\_aaï*Jj LgJLï f-*°i •
3)  Uas.: j»*aSaj \'i4/J&\\ JCjw^l 0\' jjicl \'£&f& ïL^i j. c^JLaJI JwAaiJI
«jtoj_i ^1 UPA-S»\' q-j.LaacIj LaJjC LtrfWw^ |*"*"^!s **V-C.5 **«\'J0$ i\'
A-w^il iAJ3 Kil!\' J^l q» JL**a**"Ï! LJ*«J (ja»aS?. ,/? *Lc ,J*** a-w^\'
,cöy ..I c_x ^.«O\' o\'jAj Xj\'iAJ! aaJ ^oLxaA^-li &jLa^w^« (J^^xaj
o ■
98
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Zur Geschichtc des As\'uritcnthums                                   23
rig, mancher FukaluV, dass die Wörter in drei Classen einge-
tlieilt werden: in Wörter, in Termini, welclie eine dogmatische,
und in solcbe, die eine religionsgesetzlicbe Bedeutung haben \').
Der JjCddi*) hat aber ibre Ansicht widerlegt. Ein besonderes
Capitel wird aucb der Behandlung der Frage gewidmet, wann
ein Wort in bucbstiiblichem und wann es in metaphorischem
Sinne aufgefasst werden muss 3). Die einzelnen Abschnitte, wel-
ehe nun folgen, enthalten eine Hermeneutik der Quellen der
niuhainmedanischeii Gresetzeskunde, in deren Fragen auch die
Mnctaziliten Stellung genommen haben4). Wir heben nur her-
vor, dass al-Nazzdm dem BaDj und I£ijas gegenüber eine feind-
liche Stellung enigen ommen 5) und die Berechtigung des Talil
nur mit Beschrankungen zugegeben bat6).
1)  84, r.-. KftjLb, gJfQ», XJj**i\' ^Jï ió.Cj^JI rUw^il j, jj^JI J.*3ftJt
ióuUXSI Ll> s.S>lIas üjyfcJb UI **cyij X^aj^j *jy^ tUv.\'zi! fL^saJ! ^
lol} jèü^ vJUiJIj 0L j^I JüaJLJ\' ^AJI J^a> i\' X*j_jAJ\' «^iaJ U
J>l*»s J»c ufijtoLaJI AaxJj Sj.-J\'j.J^ ^.^ fV^Ks »^LaJl£s \'lUayZ^
2)  Unter dem Kddi schlechthin ist in Werken über Fikh bei al-Guwejni und al-
Gasdli
der Kddi Husejn zu verstehen; s. lbn Cliallikda, Nr. 182.
Aus einein Werke des Gazdli über die Usul nl-fikh hut
Ibn al-Atir al-Gazdli, al-matal al-s3/ir fi adab al-kutib wa-\'l-si\'ir, S. rrr ff., eine
langere Stelle über iL^iL, XfixSii..
4)  #y3 jjsLW j. i\'jtfl f-—^_«_it ^jLUij J-^Ut & J5^l ^«Jl
5)  124 r : ta^cl Lr J*xJt ^_>J iüLsUaJI Dt ^LkJI ^ «IXs- Jas-lil Jij
Früher heisst es: ij^Jixj l\\.Ïj
Liijj l\\sj j.LkÜI Jyi _>S>5 X^\\> cU>"5il 0^S\' ;L<jL g^ls ^Jl* ^ü
«Ij^fó U ^1 vi**> (j-. u-LSJ\' j £.\'"*:r"\'^ -U* jÜCilj sjlïj «jL*J ^c
gjl Jlyt /Jol.                                                            ____
0) 129 v : "3 ^ UjU^I v-^\' «*o>*a4l KJUJI U.&ÜI Jls "ÏU^
99
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24
Martin Schreiner.
Auf die Lehre al-Aécnrfs waren nicht nur die Ansichten der
Traditionisten und Muetaziliten von Einfluss, sondern auch die
der abrigen dogmatischen Secten. Die lteflexion hatte namlich
nicht überall zu Ansichten geführt, wie sie von Muc taziliteu
hekannt worden, sondern sie hatte auch vermittelnde Anschau-
ungen hervorgebracht. Als solche mussen wir die der Gabarijja
oder Mugbira betrachten. Die Grabarijja, welche von al-Sahrastdni
behandelt werden, haben in Fragen des Tauhid zumeist inucta-
zilitische Ansichten, ja von Hafs al-Fard wissen wir durch Ibn
Abi al-Nedhn,
dass er ursprünglich in allen Fragen den mucta-
zilitischen Standpunkt behauptet bat, und erst spater entwickeLte
er, vielleicht durch die energischen Behauptungen der Traditio-
nisten eingeschüchtert, seine Lehre vom Kadar. óahm b. Saf-
wdu, al-Naggdr, Jjirdr b. cAmr
sind eigentlich halbe Mutazili-
ten; bei manchem Schriftsteller werden sie sogar einfach zu den
Lelzteren gezahlt\'). Es war also fik al-Aé^an vorbehalten, als
Mutakallim sowohl in Fragen der Pradestination als auch in
denen des Tauhid sich auf die Seite der orthodoxen Anschau-
ungen zu stellen.
Diese hatten schon früher so Manchen, der sonst als Ketzer
galt, angezogen, so den Dichter AbiVl cAtd/t!jja. Manche be-
haupteten von diesem, er sei der Ansicht der Philosophen zuge-
Iban, die an die Prophetie nicht glauben s), Andere beschul-
digten ibn, dass er ein Zindik seix). Es wird auch über-
liefert, er habe an einen Q-ott geglaubt, der die Welt aus
zwei einander entgegengesetzten Substanzen geschaffen, in die
er die Welt wieder auflösen werde4). Er war aucli ein Mug-
bir 5), und es ist uns ein Gesprach zwischen ihin und Tumdma
b. Aéras
erhalten worden, in dem er von diesem Mu\'taziliten
#
I JO^m lXax*^\' ftj^ i^*53**!! •
1)  So z. B. bei Ibn Hazm, Milal, II, BI. 142 v.
2)  Ag&ni, III, S. IH.
3)   Diwan, ed. Bejröt, S. v., nach Agani, III, Ift".
4)   Das. S \\U.
5)   Wahrschcinlich ist so zu lesim, nachdem das nomen verbi >Lc>-\' gcbraucht wird.
100
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.
25
in der Gegenwart al-Ma?müris in derber Weise abgefertigt wor-
den ist. Auf die Frage eines Mu\'taziliten: „Ist der lioifm ge-
schaffen oder nicht?" antwortete er: „Befragst du mich über
Gott oder nicht?" Dann hielt er inne. Auf\' wiederholtes Fra-
gen gab er imnier dieselbe Antwort. Als der Muctazilit fragte,
warum er denn nicht antworte, erwiderte er: „Ich habe dir
schon geantwortet; nur bist du ein Esel".
Al-Aé^ari hat manche Elemente der murgitischen Lehre in sich
aufgenoinmen, die er auch spater beibehalten hat, daher Ibn
Hazm
über ihn und seine Anhanger weitlaufiger, besonders im
Oapitel über die Murgiten, spricht. Worin diese murgitischen
Lehren bestanden, dies zu erkennen, werden wir noch im Laufe
dieser Untersuchung Gelegenheit haben.
Wie er gegen die früher erwahnten dogmatischen Secten sich
ablehnend verhielt und polemisirte, so auch gegen die Mugas-
sima und Muéabbiha. Es scheint, dass die Lehren dieser Secten
nicht ganz auf muhammedanischem Boden gewachsen siud. Der
Buchstabe des l£orans hatte nicht genügt, um solche Lehren zu
schaffen, wie sie von Fachr al-Din 1), Al-Sahrastdni2) und al-
10
3) mitgetheilt werden. Die ElasVijja scheinen keinem solch
groben Anthropomorphismus gehuldigt zu haben. Wenigstens
ist das, was z. B. von Ibn Kulldb berichtet wird, noch weit
entfernt vom Anthropomorphismus der Muéabbiha. Um im ]£o-
rau jene anthropomorphistischen Lehren wiederzufinden, um in
der Weise an dem Buchstaben kleben zu bleiben, musste man
durch den persischen Menschendienst, durch die Lehre der Incar-
nation hierzu vorbereitet sein. Immerhin handelte al-Aécari im
Sinne des Islams und der vernünftigen Reflexion, als er diese
Lehren bekampfte.
II. Al-Aécari und seine ersten Nachfolger.
Das Werk al-Aé\'ari\'s werden wir am besten würdigen, wenn
wir einen Bliek auf einzelne Punkte seiner Lehi-e werfen, auf
die Gedanken hinweisen, gegen die er ankampft, und auf die
orthodoxen Lehren, denen er sich anzuschmiegen sucht.
i) Mafatih, vi, s. flr\\ in. vu, s m. nt. vin, *\\»f.
2) I. S. 115 ff. Vgl. besonders II, 402.
3) s. nr.
101
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26
Martin Schreiner.
Wie das fortschreitende religiöse Denken es immer zu thun
pflegt, so liaben auch die Trager desselben im Islam, die Mucta-
ziliten, den Sinn ihrer religiösen Docnmente iliren Ansichten an-
zupassen gesucht. Das seiner Freiheit nocli unbewusste Denken
Bucht seinen ganzen Gehalt in den angestammten religiösen
Documenten wiederzufinden, was oft nur durcb eine gezwungene
Erklarung ihrer Worte geschehen kann. Und docli können die
Vertreter der Reflexion in religiösen Dingen nicht anders han-
deln, da sie das Recht der Vernunft wahren, aber auch den
lieiligen Schriften ihre absolute Autorit at lassen wollen. Denjeni-
gen, in denen der Glaube an die Wahrheit der lieiligen Schrif-
ten starker ist als das Vertrauen auf die Vernunft, muss mm
das Treiben der rationalistischen Exegeten anstössig sein, da sie
sich bei dem wörtlichen Sinn ihrer heiligen Schriften beruhigen.
Diesem Motive verdanken wir die Traditiouen über die Erkliirung
des Korans mit Ausseraclitlassung der Traditioneu, die dazu
dienen sollen, seinen Sinn zu erschliessen \'). Auf die Seite der
AM al-Sunna stellt sich nun al-Ascan,, wenn er das Vorgehen
der inu\'tazilitischen Exegeten verurtheilt2).
Die meisten Concessionen machte die Lehre al-Aszarfs der Re-
flexion in der Lehre vom Tauhid und dem, was damit zusammen-
hangt. Da eben seine Leistung darin bestanden bat, dass er das
dialectische Raisonnement auf die orthodoxe Lehre anwendete,
konnte er weder bei dem „Tarik al-salama" der alten Iiname,
noch bei dem Anthropomorphismus verharren \'). Nichtsdestowe-
niger schliesst er sich in Betren" des Sehens Gottes der ortho-
doxen Ansicht an 1). In der von Spitta mitgetheilten Einleitung
1)  Abul-Lejt al-Samarkandi, Bustun al-\'arifm, S. f\\; Al-Gazdli, Ihjft, I, S. Tvf ff.
2)  Spitta, a. a. O., S. 87. 92.
3)  Scinc Attrihutenlchrc 9. bei v. Kremer, Geschichte der herrschenden Ideen des
Islfuns, S. 36 f.
4)   Bei al-Samarkaiuli, Bustan, S. Wt, sind die Ansichten einandergegcnübergcstellt.
Ibnllazm, Milal, I, BI. 168 v.: SÜjijtll in*u£>Ó Ju^ _jJ> JlS Xjjy!\' £ f&iJl
1ÓJ>
Loj^ ^ïj Bj-5^1 j ^j_J £J «IJ\' 0\\ il 0l>s*o ^ ,»^>5
ïJ>^£ ij-c ^Sj L\\_sa X-Xj^cj {jf* & ^y~^-} iX-PL^" ^_c J^sJ!
102
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27
Ziir Geschichtc des As\'aritenthdins.
in eine Schrift über die Grundlehren des Q-laubens finden wir
eine Reihe von Punkten aufgezahlt, in Be(reff welcher er sich
in ostentativer Weise der orthodoxen Auffassung angeschlossen
bat. Mnctaziliten und Charigiten leugneten die Fürbitte des Pro-
pheten; al-Aifari tritt ein für diese Lehre christlichen Ursprun-
ges \'). Manche Muctaziliten verneinten aucli die Lehre von der
Grabesstrafe, obwolil jüdische Vorstellungen dieser Art im Is-
him eine Fülle von Traditionen geschaffen haben8). Al-Aifari
scbliesst sich anch hierin der Trailition an. Die Muctaziliten
leugneten, dass Grott Böses schaffen könne \'); sie werden dafür
von den Orthodoxen, denen sich auch al-A^ari, anschliesst, die
Magier des Islams genannt4), da sie den Ursprung des Bösen
in einer anderen Macht als Gott slichten. In Betreft\' der Anthro-
SCjiX*tl ^A ir? 0* JfO) X*»-;^ ^~^\' J-*1 ^^*> *-**>■*$ ^f"^
y^A Jls, bLol LijJI & {Jré 3, H-ó^\\ S u^! iUS «III ^1 j.|
è^l W *Uö\\ Jbs jjL> y-9 X^^ iA*^1 ^. S. auch al-Guwejni, Kitilb
al-irsad, BI. 30 r.; al-fyi, S. va: Mafatih an den oben S.\'Jö, A. 1, angefiihrten Stel-
len. Obwohl die Krage im Judcnthume keinc solch eminente Bedeutung liatte, widmet
Josef al-Basir, a. a. O., BI. 36 v., ihr deunoch ein Capitel unter dem Titel: v_jLj
e
AIxj &a£ •V.J"\'\' c5" & ul"\' \'ó1^ a\'s0 Sl!\'"c» mn\'tazilitischen Standpunkt schon
in der Überschrift kund.
1)  Milal, II, BI. 70 r : lPJ;£jls KcUwJI j (jjjjl odlXi-i i\\ £? ^ ijlï
ü* ^->\' s/£- o\' er j-i-» er J<5 XJj-X-*-i!s s>)!>^ fe r
A*óaj Lj J>>s ;e aU\' J>& 1$** i/rt*^\' -^^^\'a iC_.eU.wJlj Jylll <il
^AXsLïJI XclaXÏ. Vgl. Mafatih, III, UI; al-IIji, l"lö.
2)  S. al-Samarkaadi, Tanbih al-gafilin, S. IC; al-Sa\'rdni, Muchtasar tadkirat al-
Kartubi, S. il, wo die Traditionen über diesen Gegcnstand gcsammelt sind; Milal, II,
BI. 72 v.: ;<Jj**il £»**•& ^>\' liULiil 5^6 ^i Jfo v^i _U-S? _>jt Ji5
jtJÜUfl *JJI Jjy^ £__ ;l_ft!j MatAlih, VII, r.l; <//-/>?, S H1.
3)   Wie man sieh mit Srtre CXIII abgefunden, sehen wir MafiUth, VIII, vIa. S.
anch al-Kastaldni zu Buchiiri, Kitab al-kadar, Nr. 12.
4)  S. Mafatih, VII, 8. vlo.
103
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28                                          Martin Schreiner.
pomorphismen des Korans ist al-Aé^ari bei dem Xax£5 "J, ,_4a< üb
der Inniine steheu geblieben.
Es ist interessant, zu beobachten, mit welchem Nachdruck er
seine Anscliliessung an einzelne Traditionen hervorhebt \'). Wir
werden hier seinen Worten folgen und die Tradition nach-
weisen, auf die er anspielt. Er ist der Ansicht der Tradi-
tionisten, dass der Simden wegen Niemand als Unglaubiger
betrachtet werden dürfe 2). Er glaubt, dass Gott „die Herzen
umwendet und sie zwischen zwei Fingern halt, dass er die Him-
mel auf ein Paar Finger und die Erde auf ein Paar Finger
legt". Er lehrt, dass die Furt, die Wage, die schmale Brücke
und die Auferstehung nach dem Tode Wahrheit seien *).
Der Glaube besteht nach ihm aus Wort und That, kann grös-
ser und kleiner werden *).
Es werden von ihm auch einzelne religionsgesetzliche Bestim-
mungen erwahnt, die er für richtig halt, was ebenfalls seine
Zugehörigkeit zur AM al-sunna wa-\'l-gannfa beweisen soll. Solche
Bestimmungen sind, dass man am Freitag oder an Festtagen hinter
einem Ungltiubigen stehend sein Gebet verrichten darf"\'), dass
das Wischen über die Stiefel auf der Reise und zu Hause an-
statt des Fusswaschens erlaubt sei6). Al-Af?art glaubt an die
1)   Spitta, a. a. O., S. 98 ff.
2)  S. meine Abhamllung: Zur Gesch. der 1\'olemik zwischen Juden und Muham-
mcdancrn, Z I). MG, XL1I, S C09 , A. 3.
3)  Diesc 1\'unkte der muhammedanischcn Eschatologie werden in einem jeden Ka-
lfimwcrke behandelt.
4)  Über die Begriffsbestimmungen des »ïmun» s. GoUlzifier, Die Zahiriten, S.
120 u. ff u. 372. Ausser den von dicsem Schriftsteller angefiihrten Stellen s. noch
Mafutih, I, S. ffl. II, oio ff., vgl. auch V, öfö ff; al-ffi, S Cvf. Die Tradi-
tionen, dencn sich al-Aé\'ari anschliesst, sind IS. Inian, Nr. 33, und mehrcre bei
al-Samarkancli, Bustun , S. Iav .
5)  Milal, II, BI. 105 r.: ^Hs *jw üLf^j *JL»UJI v_«JL=»- ïbLJI j, .\'StfJI
Ij/j U* ^ "5, H^IaaJI tj^g \'t tJ &\\ XAjUp ci*^i *A*=^° ^jf JB
üxmJI J£>l (j^*Jj Xjjxxil ^£*>5 il*x^i.Jlj _ jj^ü Jjï ^S>i o»-«.UJl *j>
f$\\ OV^1 £^s^\' J**J?" V-*->S i^A*"^ \'** £- "fl 05^\' ^5
Oi-*-Ui\' vjJl=> iibLaJI jtj_s» ^1 vi^_jjJJ. vLSPt ;*$ >} (?Jou ^
6)  B. WudA\', Nr. 49.
104
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.
29
Wahrheit mancher Traume und an die Möglichkeit ihrer Er-
klarung, worin er ebenfalls der Tradition folgt \'). Wider Mucta-
ziliten und Charigiten lehrt er das Geschaffensein von Paradies
und Holle 2), wider die Ersteren das Dasein von Zauberern 8),
Damonen, von der Einflüsterung des Satans 4). Auch den Glau-
ben an die Wunder der Heiligen will er unangetastet lassen.
Mit diesen letzteren Punkten hat al-Jécari grosse Errungenschaf-
ten der mu\'tazilitischen Aufklarung aufgegeben. Diese hat, die
Resultate moderner Aufklarung vorwegnehmend, Magie und
Hexerei, wie auch die Wunder der Heiligen, geleugnet; indem
at-Atfari in diesen Punkten sich dem Volksglauben, der durch
die Traditionisten noch genahrt wurde, anschloss, hat er den
muhammedanischen Völkern wichtige Errungenschaften des Tti-
zal genommen.
Characteristisch ist auch sein Standpunkt in einer Frage, die
von dem getrübten sittlichen Urtheil des Mittelalters zeugt. In
Betreff der frühverstorbenen Kinder der Götzendiener gab es un-
ter den Muhammedanern verschiedene Ansichten, die sich alle
auf Traditionen stützten 5). Nach einer Ansicht sollten sie ins
1)   B. Ta\'bir, Nr. 1. ff.
2)  Milal, II. BI. 81 v.: >&aj4>Ó lX*^ ^ Jlï «jLÜt, xU^ *jUi- £ ^1<JI
^j, vA«j LaJtê?. ,J ^LJIj SüiS. 0I & _;ljü o^ VJftV ^ XsjUa
laJL*? jj L$il Jls 0l ,Jbu U, Ui»Jb> t\\S L$3l ,11 ysJL«U _£*♦=?■
#JI cXju.
8) S. meine Bemerkungeii in Graetz-Frankl\'s Monatsschrift für Gesch. und Wiss.
des Judenthums, 1886, S. 314.
4)  Die Ansicht derselben s. Mafatih, I, Ia.
5)  B. Kadar, Nr. 2; al-Samarkanü, Bustan al-\'&rifin, S. H; Milal, II, BI. 76 r.:
\' £}M JwaS ^xS\'j^J\'j ^^mJLmmJI JlftW ^Jt oUo i^yj, J.C- j.^Ki\'
g^ ^ SÖ^I «JUS jWUIa j?^ &#/*** ^yvJL^i\' JUW
^ü SU JOs^j wt ^.1 XsjLL ^ü^j3 .UI (^s o^y^1 JLibt Lil
jj ,^5 SCJL^ J3ol SU* L^LsO ^ Lpl^tfïb OJr^_jj SüoLiüt ^
(jü*j v-A&3} SUs uïj^J\' i.\' Oïr^\' V^i i^ü\' j>*°\' jfc** UJLsiAj
,^t (jjjül J*$*»- V*"*^} ^V* X-xL&SI j^-J QjjAAOJ SUl ^1 JÜjAJtJI
«Jj5t «J5 Xiil j 5UI. Al-Sa\'rani, a. a. O, S. III .
VUIe Congres international des Orientalistes. — Section sémitique.              8
105
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Martin Sehrejncr.
30
Paradies, nach einer anderen in die Holle kommen, nach einer
dritten sollten sie in jener Welt die Diener der Frommen sein.
Als Abü Hanifa über sie befragt wurde, antwortete er, er wisse
über sie nichts mitzutheilen. Alm al-Lejt at-Samarkandt meint,
da die Traditionen Toneinander abweichen, sei das Beste, über
die Frage ganz zu schweigen. Al-Aêcafi halt die Ansicht oder
vielmehr die Tradition fïïr die richtigste, nach welcher am Tage
der Auferstebung ein Feuer für jene Kinder angezündet und
ibnen gesagt werden wird: „Eennt da hinein". Diejenigen, wel-
che dem Befehl gehorchen, kommen in das Paradies, die Wi-
derstrebenden werden aber zur Holle verdammt.
Aus allen diesen Einzelheiten geht hervor, dass al-Aé^ari seine
grossen Erfolge dem Umstande zu verdanken hatte, dass er, so-
weit es anging, in Fragen des Tauhid aucb der Reflexion Oon-
cessionen machte, was besonders seine Lehre von den Attributen
und dem Worte Gottes beweist, in allen anderen, sowohl dog-
matischen als religionsgesetzlichen Fragen aber sich der An-
sicht anschloss, welche derjenigen der AM al-sunna wa-\' l-<fa?ndca
am meisten entsprach. Er that dies in einer Weise, die geeig-
net war, die Aufmerksamkeit der Orthodoxen auf ihn zu len-
ken; er war sichtlich bestrebt, seine Übereinstimmung mit den
Rechtglaubigen in den kleinsten Punkten hervorzukehren, wo-
durch die Abweichungen yon ihnen, wo nicht verdeckt, so
doch weniger auffallend wurden. Auch hatte er, wie wir durch
Ibn Hazm wissen, in manchen Fragen zwei Ansichten aufge-
stelltl), von denen die eine mit der orthodoxen identisch war,
die andere aber noch einen Beigeschmack von seinen alten
muctazilitischen Ansichten beibehielt. Mit diesen Bemerkungen
glaubten wir die bisherigen Forschungen über die Ansichten des
Begründers des orthodoxen Kalams erganzen zu dürfen.
Wir sahen schon oben in der Skizze Ibn Chaldun\'s von der
Geschichte des Kalams, dass der unmittelbare Schuier al-Aê^ari\'s,
der seine Lehre weiterentvvickelte, Abiïl-zAbbds b. Mufiahid al-
T(?i al-Basri
war. Wir finden in der Literatur kaum eine Spur
von ihm. Ibn llazm erwahnt ihn als den Lehrer des Abü Bekr al-
Bdliilóni
und des Abê Bekr Muhawmed b. al-1/asan b. Fiïrak und
1) S. Z. ü. M. G., XL1I, S. 665.
106
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81
Zur Geschichte des As\'aritenthums.
theilt die Ansicht von ihm mit, nach welcher die Propheten
infallibel seien \').
Von Ibn Furak 2) kennen wir die Ansicht, dass Muhammed
nur zur Zeit, da er lebte, ein Prophet war; spater aber sei er
es nicht gewesen. Wegen dieser Lehre wurde er von Mahmiïd
b. Sebuktekin
vergiftet. Von dieser Thatsache werden wir durch
Ibn Ilazm in Kenntniss gesetzt, der sie dem Stilejmdn b. Chalaf
al-Bdgi
3), einem hervorragenden As\'ariten, nacherzahlt. Spa-
ter mochte diese Thatsache so manchen ASeariten unangenehm
berührt haben4). Er war auch der Ansicht, dass der Prophet
nur keine Hauptsünde begeben, sonst aber wohl siindigen konnte5).
Vom Koran lehrte er, dass, wenn man seine Worte höre,
man auch das Wort Gottes höre, worin er von den übrigen
Ascariten abwich, da diese nach dem Gründer des orthodoxen
Kalams zwischen dem Gottesworte, dem ewigen, ungeschaffenen
1)  Milal.II.Bl. 161 r.: JwaJ" ^üaJI J^Ls? ^J (joLsJt^l L?3U*.I 1*1;
«JJI A.aS>\\ ^jfj ^yo jySf. ^t «IJ ^Als*} léLJj f^S Q-0 £w« «il»
2)  Ibn Challikdn, Nr. 621; Milsl, I, BI. 35 r.: tU;.j")il ^1 ^cj y* J*fi JjJI
O^ss^ y) JIS i^U, ^Jl ^Jl % ^1 tUJ) I^J ^„Jl jHA*
*_*i.lall tJux ^ «JJI lX.*c ^ tX*.s? qI j^eii\' 5£fcAXy> «Ï9.S ^SJiS*
v.^^uXJ\' JjS 1^*5 «1)1 ^«j ^Lf 2Ü.JCJ5 *^-«, D"5l _>§> (j-.J ,*«E«5
|JU<üJü ^xi _^s ^^1-^\' >_a13- ^.j 0UxL* j^^-s-lj k\\J^K~}l fcJI
J-J Jij\' 0L**j_i- q^ jfül ay> U ^».La9 (:ja<X<a«< ^j-J C^t^
pxk*o «Jj.*^ ,iUi\' all xaiLs? &Ï**J> iüliw s,A*j lX*j*\\ Seine Vergiftung
erwahnt auch Ibn Challikdn.
3)   Über Sulejmdn b. Chalaf s. Goldziher, Die Zahiriteu, S. 171; iia Challikdn,
Nr. 274; Fawat al-wafajat, I, S. Wö; Tabakat al-mufassirin, Nr. 39.
4)  S. Goldziher, a. a. O, S. 170.
5)  Milal, II, BI. 161 r.: yUI ^1 L\\jï ^ £i» wis rfUi ^1 ju>L> Ulj
Jïiij ^UJ» ^ fJ3«, ^1 J* jb» «UUÜ,
107
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Martin Schreiner.
32
Gottesworte, und dessen Offenbarung, dem Koran, einen Unter-
schied machten 1).
Eine grosse Bedeutung in der Geschichte des Aé\'aritenthums
hat der zweite Schuier Ibn Mufidhid\'s, der Kadi Abü Beier al-
BdJtildni
2). Er wurde von den Aé\'ariten schon zu seinen Leb-
zeiten als ihr Meister anerkannt, was er sowohl durch seine
schriftstellerische Thatigkeit als auch durch seine dialektische
Gewandtheit verdient hatte. Ein zeitgenössischer Dichter besang
ihn nach seinem Tode mit folgenden Worten:
„Blicke hin auf den Berg, wo die Leute gehen,
„Blicke hin auf das Grab, das keinen Prahlenden birgt;
„Siehe, es ist der Held des Islams3), der da verborgen;
„Siehe die Perle des Islams in ihrer Muschel".
Es fanden sich aber auch solche, die ihn neben Muctaziliten
nannten und des Unglaubens bezichtigten 4). Er starb in Bag-
dad i. J. 403.
Von seinen Werken ist eines, das von der wunderbaren Be-
schanenheit des Korans handelt, auf uns gekommen 5). Seine
Ansichten kennen wir aus den zahlreichen Anführungen in spa-
teren, besonders dogmatischen, Werken. Ibn ChakMn, der die
Verjinderungen in den Ansichten der Mutakallimün sehr wohl
beobachten konnte, bemerkt von al-BdJcildni, dass er es gewe-
sen sei, der in den Kalam die Begrine der Atome, des „leeren
Baumes", die Ansicht, dass ein Accidens der Trager eines ande-
ren Accidens nicht sein kann und dass ein Accidens wahrend zweier
1)  Msffitïh, IV, S. ö1.: tjt Lit ^ èyf rf £\\ U JU**^t al (Jlel^
*J! ^I Il\\0 «Jlc IjjJu\' OJ& s-L&*si\\ ylw.
2)  Ibn Challikdn, Nr. 619.
8) S. Ooldziher in Z. D. M.G., XLI, S. 62, wo er von al-DdrakuM das «Schwert
der Sunna\' genannt wird.
4) Ibn Hazm, Milal, II, BI. 169 r., werden folgende Verse angefiihrt:
Über al-Gu\'al s. oben S. 87.
B) Catalog der Bibliothek des Chedive, I, S. of, Nr. lö
108
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Zur Geschichte des As\'aritenthams.                                   33
Zeiteinheiten nicht fortdauern kann, einführte. Wir haben kei-
nen Grund, Ibn Chaldun\'s diesbezügliche Angaben zu bezweifeln
und so können wir nur feststellen, dass von al-Bdlfildni neue
Gedankenelemente aus der griechischen Philosophie, oder viel-
leicht aus der Dogmatik der orientalischen Kirche]), in den
Kalam eingeführt worden sind, und dass diese Elemente für
die weitere Entwickelung des Kalams von entscbeidender Wich-
tigkeit waren. Maimuni, dessen Bericht über den Kalam zum
Werthvollsten gehort, was wir über diesen Gegenstand besitzen,
führt die oben erwahnten Begriffe und Ansichten als die grund-
legenden Gedanken der Mutakallimün vor9), und noch spater
singt ein afrikanischer, kalamfeindlicher Dichter, Aèé\'l-^dsim
al-Ruhi
aus Tunis:
„Gott ist mein Herr, und ich brauche nicht zu wissen,
„Was ein Atom, was der ,leere Raum\' sei,
„Was der Urstoff, der da rufet:
„Was habe ich, wenn ich der Porm bar bin?" 3).
Die Begriffe al-BdJcildni\'s behaupteten sich also immer in der
weiteren Entwickelung des Kalams, wovon übrigens auch die
zahlreichen Anführungen zeugen. Ibn Hazm erwahnt und citirt
von ihm das „Kitab al-ibtisar fï\'1-kur\'an" 4) und ein Buch über
die Ansichten der Karmaten s)t jjr erwahnt seine Ansicht, dass
man von Gott auch andere Namen als die, welche im Koran
und in der Tradition vorkommen, gebrauchen dürfe 8). Al-Bdlp,-
lani
und seine Genossen sollen auch behauptet haben, dass Alles,
was in den Traditionen von der Verwandlung der Seelen der
1)  An einer anderen Stelle habe ich darauf hingewiesen, dass der Terminal)
k>JÜt ;^)->- die Übersetzung des griechischen jiêpiKu oiria ist.
2)  More, I, Cap. 73, Prop. I, II, VI, IX.
3)  Ibn Chalddn, Mukaddima, S. f4)..
tüü L*j J,ait L.       ^SjJ
*lj_e H^ta ^-c ^ L/o       ^jcL-XJi ^Jt JL^JI \\
4)  S. Z. D. M. G., XLII, S. 666.
5)  Milal, II, BI. 168, v.: j&wtyül v_*0lórf & wUi" £ j^ïU! J^ï .
6)  Milal, II, BI. 162 v. Vgl. auch alr-I§i, S. H.
109
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Martin Schreincr.
34
Martyrer in grüne Vogel, von der Rückkehr der Seele des To-
dten in den Körper vorkommt und was überhaupt von einem
Erscheinen der Seele im Raume gesagt wird, sicli nur auf einen
kleinen Theil des betrenenden Todten beziehe \'). Manche Ascari-
ten brachten diese Lehre mit einer anderen Tradition in Zusam-
menhang 2).
Benierkenswerth ist noch seine Meinung, dass die natürlichen
Eigenschaften der Dinge nicht existirten: das Feuer brennt
nicht, der Schnee macht nicht kalt, das Brod siittiget nicht,
sondern, so können wir diese Ansicht nach den Angaben Mai-
miims
erganzen: Gott schafft in den Dingen in jedein Augen-
blick diese Accidenzen 3).
Ein Schuier des Ibn Filrak war Abul-T$fmm al-IpiiéejA (st.
465), von dem zwar berichtet wird, er ware in dogmatisch en
Fragen dem Jé\'ari und in religionsgesetzlichen dem Sdfici ge-
folgt4), der aber auf die Entwickelung des Kalams keinen Ein-
fluss hatte. Von grösserer Bedeutung scheint ein Schuier al-Bdl$i-
lanïs
gewesen zu sein, der von Ibn Hazm in sehr heftiger Weise
bekampft wird, Abü Gcffar al-Sumndni, Kadi von Mausil. Da
die Polemik Ibn Hazvis gegen ion mit seinen Ahgiffen auf an-
dere Ascariten und Murgiten im Zusammenhange steht, so wer-
den wir sie im Zusammenhange darstellen.
Ein Theil der Murgiten bebauptet, dass derjenige, welcher an
1)  Milal, II, BI. 155 v.: # ^ Ü&** "4-^^i J,^3Ut Di ^UjwJt JISj
0t, fa» j(h Jy*jp. ^1 flXfAJI cy JJÜ ^ ^Ji £ A*. \\a
J* J^ öUi JjS ^Uüd», q^wJIj JUfcfllj l\\*J<5 yjSJL _JrJI
*jiL t*U3 S SL^- s^I*\'s y^ls ^Afr^ls ci^J\' *jj>\' y* *&- Jif.
2)  Das.: JJÜ, 0jOJ\\ [?]Kji\\lü3 (j^JI Ji^O yA Il\\J>5 lX^S? _>jt Jij
«JLTW f->! e^-j\' J-s\' i**^ «1" Jj-*-; JjSJ -*-iXJI v*^1* j ^5%
w^rf *^j ^sJ^> *** l_oAJI u$le "4\' . . . -\' . Über i_oJJI i_^£\\c
s. Steinschneider, Polemische und apologetische Literatur, S. 421.
3)  More, I, Cap. 73, Prop. VI.
4)  Ibn Challikdn, Nr. 404.
110
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Zur Geschichtc des As\'aritenthums.                               35
Gott glaubt und die Prophetie Muhammed\'s leugnet, weder als
Glaubiger, noch als Unglaubiger betrachtet werden kann; er ist
Glaubiger und Unglaubiger zugleich \'). Die Karramijja behaup-
teten, heisst es bei Ibn Hazm, die Propheten waren nicht in-
fallibel gewesen, sie batten auch Hauptsünden begehen können,
nur in Betreff ihrer prophetischen Mittheilungen waren sie in-
fallibel gewesen. Ahnliches behauptete auch Sulejmdn 6. Chalaf
al-Bdgi,
ein hervorragender Ascarite. Als ascaritische Ansichten
werden von Muhammed b. al-Hasan 6. Fïtrak al-Isbahdni erwahnt,
„dass Gott Alles durch sein Wesen bestimmt thue; er könne
nicht die Welt vernichten, ohne in einen Zustand der Unbe-
haglichkeit zu kommen, wie es der war, welcher der Schöp-
fung voranging. Auch behaupten sie, er sei ein beweglicher
Körper, weisses Feuer, er könne die verwesten Körper nicht
zurückbringen, nur ■ andere abnliche schaffen. Zu ihren Dumm-
heiten gehort auch, dass sie glauben, es könne zur selben
Zeit zwei oder auch mehrere Imame geben 2). Ferner behaupten
die Ascarijja, dass die Juden und Christen zur Zeit Muham-
med\'s diesen nicht gekannt und dass er in ihrer Taurat nicht
angedeutet gewesen sei. Dies ist aber eine freche Lüge und
Ketzerei, offenbarer Widerspruch gegen den Koran; sie kannten
ihn, wie man einen Gar kennt; sie wussten, dass er Muham-
med b. cAbd Allah b. cAbd al-Muttalib sei". — Hier beruft sich
Ibn Mazm auf sein polemisches Werk, in dem er auch gegen den
Kairuwaner Aicariten Mictydf b. Bündê geschrieben hat3). Die
1)  Milal, II, 149 v.
2)  Das.: Jyt&fl ^1$^! êjpi y-i QMA v-i iX*s? <&c /ó3
^Xili ^ «Jij, iütiXj Jjüj Lo $ Jjtój J->5 je «JJt 0I qj^Sj pj\\
UÜÜ5, ^i J^5 ^ i^S Uf «lX^ ijOü l^*»- *X «JiJL»- *Uil Jk*
«Ui £U3 J*^^ jJüü 3 j.>, y* «lil pw Gt L*ut ytï
^Ul ^Uc jS"J} jyü (jöxjl lilytfU ^«0. «jt Laj? (jJLïj IÓ^S> ^-c
3)  Milal, II, BI. 150 v.: Li]^ y* "&> L & ^Uie 3^1 LL«b5j iXSj
111
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36
Martin Schreiner.
erwahnten Ketzereien katten die Kairuwaner AS\'ariten offen be-
kannt, wie dies ihm ein jeder Gelehrter, der mit ihnen ver-
kehrt hat, wie cAbd al-llakmdn al-]£uraéi al-Gramri und Ibn óa-
dtda al-Kairuwdni,
versicherte.
Der ]£adi von Mausil, Abu óa?far al-Sumndni erwahnt in
seinem bekannten Werke, Gott habe fünfzehn Attribute, die
alle ewig und von einander verschieden seien, was auch Mej-
mun b. cA%il
und noch andere von den Aicariten in ihren Schrif-
ten offen bekannt kaben 1). Ja, al-Aécari selbst sagt in seinem
„Kitab al-magalis", dass es ausser Gott Dinge gebe, die ewig
seien, wie er selbst2). — „Zu den Dummheiten der AScariten
gehort auch ihre Ansicht, dass die Menschen Zustande hatten,
die weder existirend, noch nichtexistirend, weder bekannt, noch
unbekannt, weder geschaffen, noch ungeschaffen, weder wahr,
noch unwahr seien" 3).
Jjye^l ^t 0ytXX^ «J -"yto \'A-S* lW? j-J JU < Jt-jyiJllI KMI
JLiyuJI J—S?>ï q^ fiUÜ ^ $ £Uc dk-iX-j li,-*-»-! q\'j^\' 50j>A<:
yt, i\'jj^JÜI «JoJl> 0j\'3 u^I ^ytfl [PlsoJaJI ^1 y?/ Aorf\'
1)  Milal, II, BI. 151 r.: ^Is ^^i iUf*J\' /«=- ^ ^e \'^ /■*
allt cfcè L^Kj Jo-j jfi «IJl ** Js3 *J XtfiXs l$J^ *«*» ;■&* aU»*5>
2)  Das.: jjt u 0b ywJL^UIj iJjjJtU «jLaJ\' j ^y**^\' _yo «Aï,
JjJ |»J *jl Uj\' MM jjj\' *J s|^AM tL^il .
112
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Zar Geschichte des As\'aritenthums.
37
„Ferner behaupten alle Aé\'ariten, Gott trage die Attribute
in seinem Wesen. Wörtlicb sagt Abiï Ga\'far al-Sumndni, der
Blinde, Kadi von Mausil, der Grösste unter den Anhangern
al-BêJfildnï\'s und der Vornehmste unter den Aécariten in dieser
Zeit, dass, wenn Jemand behaupte, Gott sei ein Körper, weil
er seine Attribute trage, der Sinn seiner Worte alsdann ricbtig
sei; nur im Ausdruck babe er sich geirrt. Das ist der Wort-
laut seiner Rede in seinem bekannten grossen Werke. Überhaupt,
was wir von ihnen anführen werden, ist der Wortlaut ihrer
Rede in ihren Bücbern, Wort für Wort; wir setzen nichts hin-
zu und neb men nichts hinweg. Nach al-Sumndni hat Gott mit
der Welt gemein die Existenz und das Fürsichsein, welches
demjenigen der Substanzen und Körper gleich ist, da er Attri-
bute besitzt, die an ihm haften, die in seinem Wesen sind.
Wir kennen keinen von den übertriebensten Musabbiha, der
die Kühnheit gehabt hatte, solehes zu behaupten, wie dieser
gottlose, unwissende Ketzer, der Gott lastert: ,Er habe etwas
gemein mit der Welt!\' Verhüte Gott, dass man von ihm
behaupte, er habe etwas mit irgend einem Dinge gemein! \').
Ferner lehrt al-Sumndni nach seinen aé\'aritischen Lehrern, der
Sinn der Worte des Propheten, da3s Gott den Adam nach
1) 151 v.: Jjl Jy» ,j<ai XÏÜ vj «jU«J JwoU* &\\jü «IJt 0> «JL^ I^JUj
Ijaj ti\\3> Jaüs iUvwOdl £ Uïi-lj ,_^«il «_jL»öt <AJÜ «CsUaoS xkT J^>t
i\\jü *U\' ^t ^Up*Jt JISj (jnöij "Jfj iA-^j_i ï ^}-s" ^J-^" fr*^ £
»jl £ fL>^lj ^>\\^ j.Lju\' iu~aXi iwLï 3, oy?-^! £ jJL«lf t^l&o
siXgJ vjyajx ^S> U iiÜJ c^*S Ui\' »jI<Aj BJy?-y« «J «UjIï oU*ï 3J
Isp- UjS- «vobLï\' ,jaj 1,^*5 v^y>z (JL*Jt ,.L*o.t x^s- yA oUaoÜ
c^ftl». ,Jl«u ^Uw. il*ï «JJi ^ *y£\\ ysüi j^süui gxui iJü»
113
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38                                      Martin Sehreiner.
seiner Gestalt geschaffen, sei der, dass er ihn mit seinen At-
tributen ausgestattet, die Engel vor ihm wie vor sich selbst
habe huldigen lassen, was Alles aber pure Ketzerei ist1). Er
behauptet auch, es sei unrichtig, zu sagen, das Wissen Got-
tes sei verscliieden von jedem anderen Wissen, und seine Macht
sei verschieden von jeder anderen, denn alle werden ja von
uns als Wissen und Macht bezeichnet". Hieraus folgt nach
Ibn Hazm, dass nach seiner Ansicht das Wissen und die Macht
Gottes von derselben Art seien, wie die unserigen, und da unsere
Macht und unser Wissen geschaffene Accidenzen sind, folglich
auch das Wissen und die Macht Gottes geschaffene Accidenzen
seien. Ganz offen sagen aber al-Sumndm und Ibn Furak in der
Einleitung zu seinem Usulwerke, dass alles Geschaffene und TJn-
geschaffene, also auch Gott, determinirbar sei, was ebenso eine
Ketzerei ist, wie die Ausserung al-Sumndnis, Gott sei seiner
Attribute bedürftig, was höchstens nur noch die Juden, seine
Brüder, zu behaupten im Stande waren 2).
1) Das.: ,-aaJI JjÏ (^*jw o\' ^J*-"^\' CT *-^tV* ^ c^JUvwJI JlSj
iü&ÏïU *J lX-*u.I3 *ua JLO oLw> gU>l9 ^Jüütt!., (JL*!\', ülJL
2) 162 r.: v_ftiLs? ,5,1*3 *UI jjlx ^Ij Jjjiit JUoJ "Ü *jl j,U«vJt Jlïj
XlMi l^tf l$fl I4W ^JüJlJ XaJU? ^Lm «ui;Ai at }, UJlT ^JLxJJ
IJ^5 M^S (jai li\\» 1A4-S? jjl Jlï < |^*^!s j"-^\' LUaöj, L*J»ï «J*-^\'
\'i3\'a Lvj.lXSj Luie cyi {j* ië.&*3 iil*3 JÜJI JLc ^1 &*3«* qIj q^xj
SjjyCO _*>jj ■ ^IaSjJIsé\' Iax9 qIm3«C LaJjAÏj LUlxS ^AaC <l£.! Al _*"2il
éjjh yi ^**»- ^ vX s^ leajt o»J5 juUJ\' £ ^U^vJI ^jojj iXs»lj
(JLe Ljast £iu xsjoj ,JL*it {Jjd ^JuJ^S? £ w£i5 yiï óJls? j ^
114
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Zur Geschichte des As\'aritenthums.                                   39
Es werden noch andere Ausserungen al-Sumnanfs angeführt,
die nach der Ansicht von Ibn Hazm schlimmere Ketzereien ent-
halten als sammtliche Behauptungen der Mugassima.
Einen iihnlichen Widerwillen, wie gegen die Attributenlehre
der Aécariten, bekundet Ibn Hazm gegen ihre Auffassung vom
Gottesworte \')• Zur Characteristik derselben erzahlt er nach einem
cAli b. Hamza, dass dieser einen Aseariten gesehen, wie er ein
]£oranexemplar mit dem Fusse stiess. cAli widersetzte sich dem
und sagte: „Welie dir, dass du so handelst mit dem Buche, in
dem das Wort Gottes ist". „Bei Gott", entgegnete der AScarit, „es
ist nur Farbe und Schwarze darin, aber nicht das Wort Gottes".
Sammtliche Ascariten stimmen darin überein, Gott könne
nicht ungerecht handeln, auch keine Lüge mittheilen, worin
sie nur den Juden gefolgt sind s).
*_ït9 jyXs? «j «UI ^1 J.c <&* d^ü IiXs>j (jJjüt -jJLcj J,L*ü «UI
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j,L<vJI (jnjj . . . «A*-l5 iX> o^ Lo\\iAïj Luie £* qI**\'j q\'^jiX^
0K Ui *J»U> o^j «U\' y-f X-j^\'s jJLöJ\'j JUJI 0l j^ «-jUi\' ,3
«Ut 0b J»jjLj- bSjt?] v_«Jb£> bij «Jx ^ ló*j *_^^U\' yaj t>A_*
gjl jJö «UI 0t a*i3lfiJI «ii^l ^Jt "ÜI yuCIt Ias» jJo.
1)   S. Goldziher, Die Z&hiriten, S. 139; Milal, II, 153 v.: ^ Jjs j,^»-\' JÜÜj
jc «UI *ül5\' «-kJj v.fc^\'vAalIj AjwJI I^X* Ajüj üIl^j «_J vi^JlSj «5Üi3
L^T 3I * «UI rbLT U>3 dl^-JIj fLsuJi * *ui U «ill, J, J% j^,
«Ujm IAS>.
2)  Milal, n, 154 r.: ,JlL j»c ;JÜÜ ^ ^l«j «IJl 0t l^tf Xj^^I «jJSj
^^ o\' J* j*** ^ ^\'J\' *^\' ^*^\' «a*.tëj w£ü J^*3 itó J^>
jbi 0I SUUI ^Jü ^J «_jl3 lOUj J^O Dl ^OUL. ^ «Jl ï, I^J
115
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40                                           Martin Scbreiner.
Von at-Bdkildnf theilt al-Sumndni die Ansicht mit, dass Gott
die Busse des Sünders nicht annehme und dass das Vermeiden
der Hauptsünden noch nicht die Verzeihung der kleineren Sün-
den bewirke 1). Ebenso wie sein Lehrer leugnete auch al-Sumr
ndni
die Infallibilitat der Propheten ausser dem, was sie im
Namen Grottes mittheilen. Ja, es sei sogar möglich, dass der
Prophet ausser seiner prophetischen Thatigkeit ein Unglaubi-
ger sei\').
lAxix»- ^M jCkS^I i**^\' o^ °J*^\' l5c,^j- v\'1^" (_5lV. (J»* *»j^\\jm
q, ^ )L>. ftf \\-J\' L*JL^ o^ |ja*j jy^c-1 tXSJj . . . pM~£
id£**it *X4 £ jJU&X* (JLseJij &\\& v«^*j \'^Mr-s\' oV^ ^\'
«-Jjs SjjJUÜL *—y*3J U Jwfi ;lXaj "i jkJ\'LXJL* ^L*j aJJIs dJ.«9 Jij
(^j (jjj "ï J,bLïUi «Ju* Jlij yXJLrf "Ü ^ASj "3 <*-*-J J, Jlai Jls
1)  Milal, II, 156 v.: ^1 Jyb |&!y*A_S_^ <jL2XJ ei*-***} *>*JS? _j-r\' $
»LJj jA*1^ s^a!\' 4r-(s ör-*"-* ^i) er* \'k^?* t^-*fl\'-*^ ^ ^ er
J»>5 i£ alt\' L^JLJü ^ üUj &&fej\' qLs 1$«h«j ^e v_Jj >3 <»LJj j^éj
*£l9 ^1 Jjïj, ^^Lïu-\'t Jy5 tó^> 0t ^jJx (^il^vJI <jei Oüjj SÜUJt
2)  Milal, II, 160 r.: ^bLiLJ\' q\' J* ü^ li1^^\' ü\' CM8*\' (^V^ W
116
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Zor Gcschichte des As\'aritenthums.                                  £\\
So viel glaubten wir von den Bemerkungen Ibn Hazm\'s, die
sich besonders gegen al-Sumndm richten, hervorheben zu müs-
sen. Dieser wird jedenfalls eine bedeutende Erscheinung gewe-
sen sein, die auf die Entwickelung des AScaritenthums von Ein-
fluss war.
Zu den Schülern al-Bdlfildni\'s gehorte auch Abu\'l-Hamn cAli
b. \'Isa (st. 413), der wegen seiner Lobgedichte auf die Gefahr-
ten des Propheten „der Dichter der Sunna" genannt wurde.
Es ist jedenfalls cbaracteristisch, dass dieser Dichter dem Schü-
lerkreise aï-.Bal$ildnïs, der, wie wir sahen, noch Vieles von der
Kühnheit der Muctaziliten besitzt, angehören konnte.
Als ein hervorragender Vertreter der orthodoxen Dogmatik
gilt Abu Ishdk al-Isfanfini\'), der seine Kenntniss des Kalams
zuvörderst dem Schuier al-Aécart\'s, dem Abw \'l-Husejn al-Bdhil%
zu verdanken hatte2). Er wird in spateren Werken als „der
Lehrer" schlechthin erwahnt. Bekannt ist seine Ansicht über
die Wunder der Heiligen (karamat al-aulija\'), die er leugnete.
Hie und da werden seine Ansichten von seinem noch berühm-
teren Schuier Abu \'l-Mcfdli Imam al-JHaramejn angeführt3).
Vom Letzteren besitzen wir einen Auszug aus seinem grossen
Kalamwerke, das den Titel „al-éamil fi usül al-din" führte. Seine
Ansichten zeigen den Übergang vom alteren aécaritischen Ka-
lam zu demjenigen al-Grazdlïs. Die Darstellung seiner Lehren
würde schon über den Kahmen dieser Abhandlung hinausführen,
deren Zweck nur war, einige Voraussetzungen des Aécariten-
thums zu beleuchten und zu seiner altesten Geschichte, für
welche wir die Angaben aus der spateren Literatur zusammen-
lesen mussen, einige Beitrage zu liefern.
^ Lyaji/o pAto ^a^\' Q>~^ Vj-^ï i^ iJJfaJ\' *_ftb "^J j^ül
£ Laji JIS5 [....] «J^ïij »JUJ) er "!>*» U** *U3 ^4?. "3 UT £LJi
1)  S. über ilm Ibn Challikdn, Nr 4. llie Stellen bei al-ll/i sind angegeben in
Haarèrücker\'i Anmerkungen zu al-Sahrastdni, II, S. 402.
2)  Ibn Challikdn, ed. Wüstenfeld, VI, S. 136.
3)  Z. B. Kitab al-iréad, 3 v., 7 v, 8 r., 20 r., 23 r.
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