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WEGE UNI) ZIELE

DER

ENGLTSCÏÏEN PHILOLOUIE.

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REDE

(ifiHiLTEN HUI SEINES AMTSASTRITT ALS FPiOFESSOR AN HEI!. IIEKiHSUNIVEKSIÏAT W (iRONINGBS. AM 13. i\l INli:),

VON

Dquot;. KARL D. BtiLBRING.

flUONINGKN, J. It. WOI.TKHS,

RIJKSUNIVERSITEIT TE UTRECHT

llllllllllllllllllllllllilllillllllllllllllillllll 1783 8446

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Druck von .1. B. Woltei

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Hochgeehrte \'ki;sammi.ux(;!

Nichts ist nötiger für mich, der ich im Begriff bin ein schwieriges und verantwortungsvolles Amt anzutreten, — an dicser Hochschule englische Sprach- und Litteraturkunde zu leliren — als dass ich mir gewissenhaft vergegenwiirtige, welcho Anforderungen raein Beruf an mich stellt; und nichts ist natürlicher, als dass ich, so weit es die kurze Gelegenheit und Ihre Geduld mir heute crlauben, auch Ilinen gegenüber nieine Auffassung von meinem Fache darzulegen und wo nötig zu rechfertigen wünsche; nicht nur damit diejenigen, die auf dein mir zugewiesenen Gebiete ihren Studiën an dieser Universitiit obliegen wollen, erfahren, was und wie ich hier lehren werde; son-dern namentlich auch um meinen verehrten Herren Kollegen, zuraal den niichsten Fachgenossen, zu bekennen, wie ich mich mit meinen Vorlesungen in das System des akademischen Unterrichts einzufügen gedenke; ist es doch, wie für den Fortschritt der Wissenschaft, so auch für das Gedeihen des Universitiitsunterrichts ausserordentlich wichtig, dass der innige Zusammenhang der durch die Personen der Forscher und Lehrer notwendig getrennten Gebiete, hesonders der niichst verwandten, immer deutlich bewusst bleibe.

Dieses Bewusstsein eines grosseren Zusammenhanges und damit grösserer Aufgaben, glaube ich, kann ich heute nicht passender fördem als durch eine geschichtliche Darstellung der Entstehung und Entwickelung meiner Wissenschaft; und es wird mir dadurch zugleich die beste Gelegenheit gegeben, Kechenschaft darüber abzulegen, wie die englische Philologie es verstanden hat, die Erfahrungen der filteren Philologien sich anzueignen , und nun mit ihnen wetteifert in dem Streben nach iihnlichen oder gemeinsamen Zielen; in manchen Dingen, darf ich sagen, bereits mit dem besten Erfolge. Von der geschicht-lichen Darstellung werde ich mir jedoch erlauben dürfen zwanglos abzuweichen, um um so besser die Natur und den Umfang, die Aufgaben und die Methoden meiner Wissenschaft erörtern zu können,

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die in ihrer Art natürlich dieselben sind wie in den anderen Philolo-gien. Überall aber werde ich Riicksicht nehmen auf solcbe Auffiissnn-gen, seien es nun überwundene oder noch bestehende, welche von derjenigen sich unterscheiden, die ich mir zu eigen gemacht habe.

Die englische Philologie als eine geschlossene, oder doch relativ geschlossene Wissenschaft ist eine Schopfung erst der letzten Jahr-zehnte, und ihr Name selbst ist, so viel ich sehe, nicht vor dem Jahre 1859 gebraucht worden '). Bis dahin bildete sie einen noch nicht abgesonderten Teil der germanischen Philologie, wenn sie auch bereits einige altere von dieser unabhiingige, nicht unbedeutcnde Leistungen aufweisen konnte, die z. T. auf Einwirkung durch die klassische Philologie zuriickzufiihren sind. Die ersten Anfiinge einer Erforschung des ülteren Englisch fallen sogar in die Zeit der Reformation

Diese wurden zwar zuniichst ausschlicsslich durch rein praktische Gründe hervorgelockt; doch ist das damals eroffnete Studium des Angelsiichsischen bis auf den heutigen Tag niemals unterbrochen worden.

Ganz im Gegcnsatze zu den Anschauungen den Neuerer unseres Jahrhunderts, die das Vergangene als umviederbringlich und uner-wünscht bei Seite schieben und ihre Blicke auf die erhofften Fort-schritte der Zukunft heften, fanden die führenden Geister der Renaissance und Reformation ihre Ideale in liingst verflossenen Zeiten, und ihr Bcstreben war die alten Zustiinde wieder von neuem ins Leben zu rufen.

In solchem Sinne bemiihten sich die protestantischen Geistlichen mit dem Erzbischof Matthew Parker an der Spitze eifrig, durch Ver-öffentlichung angelsiichsischer Bibelübersetzungen, Predigten, Gehete und Glaubensbekenntnisse die Berechtigung ihrer neuen Lehren zu beweisen, und zu zeigen, dass die angelsiichsischo Kirche vor der normanischen Eroberung iiber die Priesterehe, das heilige Abendmahl, das Lesen der Bibel durch Laicn und anderes dasselbe gelehrt hiitte als sie; und Juristen, wie William Lambard, veröffentlichten die angelsiichsischen Gesetze Ine's, Alfred's und anderer Könige zur Unterstützung der politischen Neuerungen ihrer Zeit.

') Im Jahre 1859 spricht Bernhard Scliniitz von «Ier Knglisclien Philologie in seiner Encyclopddie des Philologischen Studiums der Neueren SpracJioi. Er ver-bindet nnr ungliicklicherweise «lie englische mit der franzosischen Philogie, statt mit der deutschen.

-) Sieli H. P. Wiilker, Grundriss zur Ge.schichte der AnrjclsdchsiscUen Littera-tur, 1885, S. \ IV.

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In zweifacher Hinsicht sind diese Bestrebungen von dauerndem Nut zen für die englische Philologie geblieben. Sie haben erstens zahlreiche kostbare Handschriften vor Verniehtung bewabrt, obgleich dennoeh eine weit grössere Menge bei der Aufhebung der Xlöster unter Heinrich VIII. zu Grimde gegangen ist; und zweitens lieferten die Publicationen Material für die plülologischen Forscher der Folgezeit.

Aus ibrer dienenden Stellung wurde die Erforschung des Angel-siichsiscben erst im folgenden Jahrhundert erhoben durch den wohl bekannten Franciseus Junius, der in der Schule der niederlandiscben klassiseben Philologen gebildet war. Es war damals die Bliitezeit der Polyhistorie, die ihren böcbsten Glanz in dem grossen Scaliger, Casaubonus und Salmasius entlaltete und eine gewaltige Masse von gelehrtem Wissen zusammenbraehte, wenn auch wenig verarbeitete. Die germanischen Spracben waren zwar auch schon gelegentlich mit in den Kreis der Forschung gezogen; aber Junius war der erste, der das Studium derselben zu einer Lel lensaufgabe machte '). Er zuerst betrieb die Erforschung des Angelsiichsichon um der Sprache selber willen, und so war er auch der erste, der es wagte, den Gelehrten eine umfangreiche Sammlung angelsiichsischer Gedichte gedruckt vor-zulegen, über die in der Folge und bis auf den heutigen Tag viel gestritten worden ist. Keiner vor ihm konnte sicb ferner der Kenntnis mehrerer altgennanischen Dialekte zugleich rühmen, und er zuerst hat sie verglichen. Sein etymologisches Wörterbuch des Engliscben, das zwar erst geraume Zeit nach seinem Tode veröffentlicht wurde, blieb lange die Grundlage aller ahnlichen Erscheinungen auf dem Gebiete des Engliscben. Die gebotenen etymologischen Versuche bestanden jedoch eigentlich nur im Raten, da Junius unterlassen batte vorher geordnete grammatische Untersucbungen anzustellenI).

Diesem grossen Mangel wurde im 16. und 17. Jahrhundert, nament-lich durch die verdienstlichen Arbeiten zweier Manner, des Engliinders George Hickes und des Niederliinders Lambert ten Kate, abgeholfen, die dem Beispiele des Junius folgend siimmtliche altgermanischen Sprachen in den Kreis ibrer Untersucbungen zogen. In ihren grossen grammatischen Werken gaben sie nicht nur eine systematische Dar-stellung des überlieferten sprachlichen Materials, sondern steilten auch 1 icreits die einander entsprechenden Formen der verscbiedenen Mund-arten vergleichend gegcnüber. Und wenn sie auch noch nicht

*) Hermann Paul, Grundriss der Creniianischen Philoloijie, 1^80, 1, quot;iC) F. 2) R. P. Wülker, Grundriss, S. 30. H. Paul, Grundriss S. quot;21. JVi Paul ist «Ier Uruckfehler 1773 statt 1743 zu varbessern.

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unternahmen cinen strengwisscnschaftlichcn Bowcis fiir die Identitat der Formen anzutreten, viel weniger ihre titiereinstimmungen odcr Abweichungen zn erkliiren, so liefertcn sie dennoch eine nicht zu verachtende Grundlage fiir die Erforschung der Etymologie.

Neben diesen grammatischen und etymologischen Untersuchungen war das im Zeitalter der Reformation geschaffene antiquarische Interesse fiir die Angelsachsen in England nicht erlahmt. Es wurdo zuniichst erheblich gestiirkt durch das Beispiel der klassischen Poly-historie, spiiter durch die vaterliindische Geschichtsschreibung; und die Veröffentlichung von angelsiichsischen Texten schritt, wenn auch mit einigen Unterbrechungen, vorwiirts. In der zweiten Halfte des vorigen Jahrhundert rückte dann eine damals auftauchende littera-rische Geschmacksrichtung, die romantische, welche hauptsachlich durch Bischof Percy's ReUques of Ancient English Poetrij (1765) ver-breitct wurde, auch das spiitcrc, ritterlichc Mittelalter in den Vor-dergrund.

Thomas Warton schricb seine noch lieute unentbehrliche Histonj of English Poetry (1774—81); Pinkerton, Ritson, George Ellis, Walter Scott, Weber und andere veröffentlichten Sammlungen von alten und neuen Balladen; eine grosse Anzahl von antiquarischen Gescllschaften namentlich fördorten eine ungeheure Masse von Material aus alien Zeiten aus Licht. Und diese Bestrcbungen setzen sich bis auf den heutigen Tag ungeschwiicht fort. Alle angelsiichsischen Texte sind bis auf geringe Ausnahmen jetzt gedruckt, und zum gri')fsten Teil in genauen, zuverliissigen Ausgaben jedermann leicht zugiinglich. Mit den spiiteren Werken ist man zwar noch nicht so weit; doch liegt dies nicht etwa an der Menge des Gedruckten, sondern an der Menge des überhaupt Vorhandenen. Eür die Möglichkeit eines ausgiebigen historischen Studiums der englischen Sprache und Litteratur ist also in reichem Maasse gesorgt, wenn auch freilich nicht an unserer Groninger Bibliothek. Aber wir haben den Trost, dass es nur auf die Hewilligung von einigen Geldmitteln ankonunt; und die Fürsorge dafilr den hochgeehrten Herren Curatoren recht dringlich aus Herz zu legen, darf ich mir wohl schon bei dieser Gelegenbeit erlauben.

Die Veröfl'entlichung des Wortlautes der alten Werke ist jedoch nur eine Vorbedingung oder besten Falies der erste Anfang des philo-logischen Studiums: Worauf wir hinaus müssen, ist ein vollkommenes Verstehen und Erkliiren derselben.

Gross und mannigfach sind die Wandlungen, die der Auffassung dieser Aufgabe und der Mittel zu ihrer Lösung in den letzten drei-hundert Jahren durchlaufen bat. Man begann rait sehr bescheidenen Ansprüchcn und Versuchen, arbeitete hiiufig recht zweck- undplanlos,

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and lange hat es gedauert, bis man sicli mit eineni iinn.er tiefer cindringenden Erkennen der Natur der Sache und darum immer höher gestellten Aufgaben zu einer zielbewussten, weitumfassenden, streng wissenschaftlichen Forschung aufschwang. In unseren Tagen hat man endlich Forderungen aufgestellt, die eng verwoben sind mit den letzten Fragen nach dein Wesen des menschlichon Seelenlebens überhaupt, und es ist im hohen Grade anregend und lehrreich den allnuihlichon Fortschritt der pbilologischen Wissenschaften bis zum Erfassen jener höchsten Probleme zu verfolgen.

Schon im sechszehnten Jahrhundert fing man, um zuniichst den Wortlaut der Texte zu erkliiren, mit dein Zusaminenstellon von angel-siiehsischen Wörterbücheru und Grammatiken an. Der schon gerühmte Franciscus Junius war dann der erste, der seinen Ausgaben erlauternde Anmerkungen und Parallelstellen heifiigte, wie er das von seinen Lehrern, den niederliindischen klassischen Philologen, gelernt hattc. Was die Textwiedergabe betrifft, so strebte er, wie übrigens auch die andern Herausgeber, angelsiichsisscher Texte, nach Genauigkeit. Es war daher ein gewaltiger Rückschritt, der lange Zeit die verderblichsten Folgen gehabt hat, als Bischof Percy und viele seiner Nachfolger die mittelenglischen Romanzen und die spiiteren Volkslieder, statt sie wortgetreu zu veröffentlichen, willkürlich zurecht stutzten, eigene Er-findung hinzufügten, um sic dem Geschmacke des Publikums ange-nehmer zu machen. Erst in unserem Jahrhundert ist auch in Bezug auf diese Texte die unwissenschaftliche romantische Liehhaherei durch das Verlangen nach einer unvcrfiilschten Erkenntnis des Überlieferten ersetzt worden.

Daneben ist einigermassen verwunderlich, dass den Werken Eines englischen Dichters, und zwar des grössten, dennoch schon vor mchr als 150 Jahren eine eclit philologisehe Behandlung zu Teil geworden ist, und zwar nicht bloss eine hermeneutische, texterkliirende, sondern auch eine textkritische. Diese Erscheinung ist um so bedeutungsvoller, als sie überhaupt die erste Textkritik der Werke eines modernen Schriftstellers war. Gezeitigt wurde sie durch die Entwickelung, die inzwischen die klassische Philologie genommen hatte.

Es ist allgemein bekannt, dass die mehrfach erwahnte polyhisto-rische Forschung in der klassischen Philologie am Ende des 17. Jahr-hunderts, vorzügiich in England und in dem Niederlanden, abgelöst wurde durch eine kritische Beurteilung des bis dahin ziemlich kritiklos aufgespeicherten Stoffes '). Ihren Höhepunkt erreichte diese

') Boeckh, Ene 1/cl opadie und Methodologie der Philologischen Wissenschaften, '1. Aull., S. 304 und 253,

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bald zur Herrschaft gelangcndc Kichtung in dein grossen onglischen Gelehrten Richard Bentley (1662—1742), dem hervorragendsten kri-tischen Talente, das je gelebt hat. Er selher, der Begründer der modernen philologischen Kritik, versuchte sich auf Veranlassung der Kimigin Caroline auch an einem englischen Dichter und gab im Jalire 1732 Milton's Paradise Lost, kritisch heraus; alier alle seine Ande-rungen sind willkürlich und überflttssig, und z. T. sogar liicherlich ')• So verfehlt dies Beraülien war, so erfolgreich iiatte kurz vorher ein anderer Englander, Lewis Theobald, an Shakespeare's WerkenEmen-dationskritik geübt.

Wenige Leser von Shakespare's Draiuen haben cine Ahnung davon, in welch trauriger Verfassung uns diese kostbaren Schiitze erhalten sind. Sie sind gewissermassen sogar gegen des Dichters Willen auf uns kommen; wenigstens scheint er nicht das Geringste gethan zu haben, um sic der Nachwelt zu bewahren. Diese auffiülige Thatsache erkliirt sich daraus, dass zu seiner Zeit die dramatische Poesie überhaupt noch nicht für einen ebenbürtigen Zweig der bleibenden Litte-ratur angesehen wurde J). Daher ist die Überlieferung von Shakespeare's Dramen voller Pehler der schlimmsten Art, und es hat der angestrengten Arbeit von fast zwei Jahrhunderten bedurft, um den lesbaren Text herzustellen, dessen wir uns jetzt erfreuen,

Schon vor Theobald war einiges in der Wiederherstellung des ur-sprünglichen Wortlautes von den beiden Dichtern Eowe und Pope gethan. Theobald aber war der erste, der mit strenger kritischer Methode dabei zu Werke ging, wie er sie in der Schule der klas-sischen Philologen gelcrnt hatte: Er verglich die alten Ausgaben unter-einander und setzte die richtigen Lesarten wieder ein; er las Hunderte von gleichzeitigen Dramen und andern Werken, besserte falsche Stellen und erkliirte dunkle Ausdrücke durch Parallelen; und auch ohne solche Unterstützung gelang es ihm zahlreiche scharfsinnige und zweifellos richtige Conjecturen zu machen. Dabei war die Sicherheit seines Taktes so gross, dass ein Kritiker in der Qv.nrterly Review ihn jüngst nicht mit Unrecht als den Porson in der englischen Philologie bezeichnet hat.

Hunderte von verderbten Stellen hat Theobald auf diese Weise wieder hergestellt. In Cymheline lautet die Überlieferung einmal Fools are not mad folks (II, 3). Diesen unvemünftigen Satz bessert er augenscheinlich richtig zu Fools are not mad folks. Oder, in den Gentlemen of Verona komrat vor (IV, 4) Her eyes are grey as grass.

') Virl. Quarterly licricir, .lnl v 1S. 114.

2) Karl Elze, William Shakespeare, S. 318,

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Grass ist aber doch griln uud nicht grau. Theobald bessert die Stollc durch Anderung cir.es einzigen Buchstabens und weist auf cinen Satz aus Chaucer bin {Her eyen grey as glass): und Jederman ist sofort befriedigt.

Zahlrciche Kritiker haben seitdem Theobald's Arbeit fortgesetzt, aber wenige mit derselhen Bosonnenheit und kaum Einer mit gleich grossein Erfolge.

Auf andre als die Shakespeare'schen Werke ist die streng wissen-schaftliche Hermeneutik und Kritik erst in diesem Jahrhundert aus-gedehnt worden, hauptsiichlich von deutschen Gelehrten. Und zwar hat sich diese Forschung dabei zu gleicber Zeit audi vielseitiger gestaltct. So hat man z. H. die Echtheit oder Unechtheit von ganzen Werken festgestellt, Fragen naeh ihrer Abfassungszeit oder der Heimat des Dichters entschieden, bei Werken von mehreren Verfassern den Anteil eines jeden nachgewiesen; man hat ferner neben die Textkritik eine iisthetische Kritik gesetzt, die namentlich für das Verstandnis Shakespeare's grossartige Erfolge gehabt hat; und vieles andre mehr könnte hier genannt werden.

Auch an Tiefe hat die Forschung zugleich gewonnen. Man begnügt sich jetzt sehon lange nicht mehr damit, die einzelnen Erscheinungen zu beschreiben oder durch iihnliche zu beleuchten, sondern fragt iiberall nach ihren Ursachen und sucht ihr innerstes Wesen zu ergründen.

Diese Fortschritte hiingen natürlich auf's Innigste zusammen mit der Entwickelung der Gesammtauflassung von der Philologie in deu letzten hundert Jahren. Aber da ich von dieser Entwicklung im Fol-genden werde ausführlich zu handeln haben, und da die Erwciterung und Verbesserung der hermeneutischen und kritischen Kunst dabei zugleich und von selber hervortreten wird, so branche icli auf diesen formalen Teil der philologischen Wissenschaft nicht waiter vorab besonders einzugehen.

Bis ins zweite Jahrzehnt unseres .Tahrhunderts konnte sich die ger-manische Philologie keiner Leistung von Bedeutung rühmen, dor ihre klassische Schwester nicht hiitte eine entsprechende iiltere entgegen stellen mogen. Damals aber vollbrachte ein deutscher Philologe eine That, die den Beginn einer neuon Epoche nicht nur für seine engere Wissenschaft sondern für die Philologie überhaupt bezeichnet. Ich meine natürlich Jacob Grimm, den Schöpfer der historischen Sprach-forschung. Über seine Bedeutung hat ein berufenerer Mann als ich, mein hochverehrter Herr Kollege Symons, von dieser Stelle aus schon vor zwölf Jahren einmal zu Ihnen gesprochen, so dass ich einen grossen Teil von Ihnen nur an ganz Bekanntes erinncre und mich uin so kürzcr fassen darf.

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Franciscus Junius, Hickes and Ten Kate hattcn bereits lange vor Grimm auf die zahlreichen Übcreinstimmungen zwischen den altger-manischen Dialekten hingewiesen, und Grimm's Zeitgenosse Franz Ropp hatte kurz vor dem Erscheinen der Deutschen Gramma tik für die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen einen wirkliehen, methodischen Reweis erbraeht. Keiner jedoch hatte die Übereinstim-mungen und Verschiedenheiten der Formen mit verniinftigen Griinden zu erkliiren versueht. Dies ist erst das unsterbliche Verdienst Jacob Grimms.

Schon Junius steilte in seinem Wörterbuch das griechiscbe slpL das lateinische sum und das gotische im neben einander. Bopp wies dann schlagend nach, dass alio drei im Grunde eine und dieselbe Form sind; audi dass sie sich aus zwei Elementen oder Wurzeln zusammensetzen, einer pradicativen mit der Bedeutung von sein und einer demons!,rativen im Sinne von ich '). Aber erst Grimm hat erkannt, dass die Verschiedenheit der Formen auf festen Gesetzen beruht, und er hat solche zuerst aufgestellt, und gezeigt, dass sie, wie die Gesetze in den Naturwissenschaften, durch erschöpfende Induction gefunden werden müssen. J)

Noch deutlicher wird der gewaltige Fortschrift, den wir seinem Genie verdanken, wenn wir die deutschen und englischen Gramma-tiken des 16. bis 18. Jahrhunderts mit seinem Meisterwerke vergleichen. Sie alle sind in dem Wahne befangen, dass eine Sprache sich beliebig regeln lasse, dass alle Mannigfaltigkeit der Aussprache, alle die zahlreichen Besonderheiten der Satzbildung nur Ausartungen seien, die man durch Einführen und Durchführen strenger Regeln ausrotten könne und nuisse; und dergleichen mehr. Jacob Grimm hat diese grundfalschen AufFassimgen in die Rumpelkammer verwiesen und sie durch die Erkenntnis ersetzt, dass es im innersten Wesen der Sprache liege, sich stetig zu verandern, unaufhörlich neue Formen zu entwickeln und alte abzulegen: alles dies nach festen, der Sprache inne wohnenden, nicht von den Menschen willkiirlich erfundenen Gesetzen.

In dieser Erkenntnis war ihm zwar Wilhelm von Humboldt voran-gegangen, dcr bereits vor ihm verkündet hatte, dass die Sprache bis in die kleinsten Kleinigkeiten ein organisches Gebilde sei; dass sie nicht gcmaclit, sondern geworden, keine Kunst sondern ein Naturer-

*) Symons, B, Jacob Grimm, de Schepper der Historische Spraak kunst, Groningen, i88'l , S. 10 IV.

2) Symons, S. 16 und 17.

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zeugnis sei '). Grimm aher hat Humboldt's Gedanken erst durch-gefiihrt. Am meisten stand er unser dem Einfiusse des Juristen Friedrich Carl von Savigny, des Ausbauers der sogenannten liisto-rischen Rechtsschule, unter dem cr in Marburg studiert hatte, und dem die Deutsche Grammatik auch gewidmet ist. Savigny's Lehre war, dass das Recht nicht vermittelst absichtlicher Überlegung von klugen Leuten gefunden, sondern instinktiv vom Geiste des Volkes hervorgebracht worden sei und sich innerhalb der allgemeiaen Kultur desselben weiter entwickle 1). Die Cbereinstimmung hiermit von Grimm's Aufl'assung von dem Leben der Sprache springt sofort in die Augen. Und in demselben Geiste schaute Grimm auch auf die Poesie, auf deren Erforschung in der That anfangs sein Interesse ausschliess-lich gerichtet war. Auch sie betrachtete er als etwas geschichtlich Gewordenes mit einer gesetzmiissigen Entwickolung.

Grimm's Grammatik hat Deutschland zum Mittelpunkt der germa-nistischen Studiën gemacht, und das ist es bis heute geblieben.

Die Forschung ist namentlich auf grammatischem Gebiete gewaltig fortgeschritten, hat einc ungehcure Fiille von Material gesammelt und geordnet, hat sich durch eine enge Verbindung mit der indogerma-nischen Sprachwissenschaft korrigiert und gefestigt, und ist, was das Wichtigste ist, noch viel tiefer in das Wesen der Sprache und ihrer Entwickelung eingedrungen. An alle diesen Fortschritten hat auch das Englische teil genommen.

Die besserc Einsicht kam namentlich in folge einer genaueren Heobachtung der lebenden Sprachen. Vorauf gingen die verdienst-lichen Untersuchungen von Deutschen und Englandern über die akustische Verschiedenheit der Sprachlaute und über die verschiedenc Art ihrer Hervorbringung vermittelst der Sprachwerkzeuge. ihrc Re-sultate wurden von Wilhelm Scherer (1868) zuerst erfolgreich für die germanische Grammatik und von Alexander John Ellis ungefiihr glcichzeitig (1869) lïïr die Geschichte der englischen Sprache verwertet. Grimm liatto sich noch damit begnügt eine Buclistabenlehre zu schreiben; er war bei den gcschriebcn überlicferten Formen der VVör-ter stehen geblieben. Nunmehr versuchte man genauer in das Wesen der Veriinderungen oinzudringen. Man bestimmte die Lautwerte und Articulationen, f(ir die die Schriftzeichon nur die Vertreter sind; erkannte hinter den Verschiedenheiten der Buchstaben die Wand-lungen in der Thiitigkeit der Sprachorgane; und wusste nun z. B.,

') Symons, S. 18. Sieh auch Paul Grundriss, S. 47 und 48. *) Paul, Grundriss, S. G5.

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dass, wenn aus angelsiichsischem sar im Neuenglisclien sore wird, die Verschiedenheit der Vokale in einer veriinderten Articulation der Zunge besteht. Sie liegt niimlich beim a ziemlich flach innerhalb den unteren Zahnreihe, erhebt sich aber beim o mit einer Wolbung des hinteren Teiles ihres Riickens gegen den Gauracn. Nur der Einfach-heit wegen sehe icb von einer Besclireibung anderer gleicbzeitiger Verschiedenheiten, z. B. in der Weite der Mundöflhung, ab. Die Veriinderung von a zu o besteht also hiemach in einer Verschiebung der Articulation einer oder mehrerer Sprachorgane, einer ganz all-mühlichen natürlich; denn obgleich wir nicht bezweifeln konnen, dass eine jede Spraclie sicli unaufhorlich veriindert, merken wir doeli an nus selber beim Sprechen nichts davon.

Bei dieser Betrachtung der Articulationen und Laute losten sich viele friiheren Schwierigkeiten von selber auf, indem sich baldergab, dass in zahlreichen Fiillen Verschiedenheiten der Schreibung in alten Texten doch nur einen Laut bedeuteten und in Wahrheit keine Un-regelmiissigkeiten vorliigen. Immer strenger konnte man nun Grimm's Princip von der Gesetzmiissigkeit der sprachlichcn Entwickelung durchfiihren, und im Jahre 1876 endlich proklaraierte Leskien aus-driicklich die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze, — eine Ansicht, die zwar zuniichst einen heftigen Streit hervorrief, aber schliesslich ins allgemeine Bewusstsein iibergegangen ist.

Auch seitdem hat man durch fortgesetzte genaue Untersuchungen der cignen Sprechthütigkeit, wie der Sprache im Munde der Gebilde-ten und Ungebildeten des eignen und fremder Lander, durch Ver-suche sogar mit eigens erfundenen und z. Ï. sehr sinnrcich gebauten Apparaten nach und nach unsere Kenntnis von der Hervorbringung dcr Sprachlai durcli unsere leiblichen Organe noch gewaltig ver-inehrt und auch die akustischen Eigenschaften der verschiedcnen Laute genauer erkannt. Und die englische Philologie darf sich riihmen, dass namentlich auf ihrem Gebiete diese Forschung sehr eifrig und erfolgreich betrieben worden ist. Olme Übertreibung kann man sagen, dass die gebildete CJmgangssprache sowohl als die Dialecte keines Landes so genau untersucht sind als die Englands. Und ebenso stehen fiir die Theorie einer allgemeinen Lautphysiologie und Phonetik die Lcistungen englischer Philologen in erster Linie. Es ist heute keine Gelegenhcit dafiir, auf diese Forschungen ausführlich einzugehen, und ein paar Andentungen allgemeiner Art müssen genügen. Liingst ist anerkannt, dass wir nur durch die allergenanste Beobachtung unserer eignen Sprechthütigkeit und der anderer hinter die Geheim-nisse der Sprachentwickelung kommen können. Analyse bis ins Kleinste und sorgfültigstes Bestimmen des Einzelnen ist daher das

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erste Streben. Anstatt der zwei Dutzend Buchstaben des gevvöhnlichen Alphabets hat man so bald eine unendliche Zahl von Lauten ent-deckt, hat gefunden, dass z. B. das e in net und bed, oder das o in knot und nod im Munde derselben Person verscliieden ist. Diese selben Wurter haben obendrein in verschiedenen Gegenden andere A-Ussprachen; ja ganz genau genommen artikuliert kein Mensch gemui so wie ein anderer. Unsere Organe, die wir zum iSprecheu gebrauchen, sind ja nicht ganz gleich gestaltet; und ausserdem können die höchst complizierten Bewegingen, die wir zur Hervorbringung dcr Sprache machen, nicht bei zwei Menschen haarscharf dieselben sein, und daher muss natürlich auch das Kesidtat, iniissen die Laute verschie-den ausfallen; von Verschiedenheiten im Sprechen des Einzelnen fur jetzt gar nicht zu reden.

Es hat sich weiter ergeben, dass ein Wort wie lad oder seat nicht bloss ana drei verschiedenen Lauten besteht, sondern genauer be-trachtet aus einer unendlichen Anzahl verschiedener Laute. Denn natürlich audi wenn die Zunge aus der Articulationsstellung des I in die des a und dann des d iibergeht, dauert die Lautbildung fort, und zwischen dem I und a und dem a und d werden, obschon nur ganz kurze Zeit, eine Menge von Übergangslauten gesprochen, die nur in der Schrift nicht bezeichnet werden, und allerdings auch nicht bezeichnet zu werden brauchen. Uns koinmt es aber im gegenwiirtigen Augenblicke auf Hervoriiebung der unendlichen Mannichfaitigkeit der Sprachlaute an, von der man sich gewohnlich eine falschc Vor-stellung macht.

Ferner ist erkannt, dass sich die Laute éiner Sprache nicht so in einer anderen wiederfinden, sondern durch durchschlagcnde Eigentiim-iichkeiten von cinander verscldcdeu sind. Jede Sprache hat ihr eigncs System von Articulationen; und was die Veranderungen in demselben anbetriöt, so geschehen sie nicht unabhangig von cinander an éinem oder einzelnen Punkten; vielmehr halten die Verschiebungen sich gegenseitig die Wage.

Weiter, aus dem Beispiel von net und bed geht hervor, dass kein Laut für sich betrachten werden darf, da seine Aussprache auch von seiner Nachbarschaft beeinfiusst wird. So ist es auch mit den Wörtern. Auch fiir sie darf man bei einer isolierten Betrachtung nicht stehen bleiben; denn sie leben ja in Wirklichkeit nur in Siitzen, in der mannigfaltigsten Verbindung, und nehmen daher hautig verschie-dene Form an. So stammt das Adverbium off und die I'raposition of von derselben Grundform her.

Dies Beispiel weist uns auf den wechselnden Nachdruck him, mit dem die Wörter im Satze gesprochen werden; denn das ist der Grund

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der Verschiedenheit. Erinnern wir uns endlich noch der Unterschiede in der Modulation der Stimme, und in der Schnelligkeit der Rede, und halten wir alles Gesagte zusammon, so können wir uns wohl ein einigermaassen zutreffendes Bild von den Schwierigkeiten, oder doch einigen Schwierigkeiten machen, die dem Sprachforscher bei der Beschreibung einer lebenden Sprache entgegen stehen.

Schon der bis heute erzielte Erfolg hat aber einen gewaltigen Fort-schritt der historischen Sprachstudien nach sich gezogen. Und von der Zukunft ist noch viel mehr zu erhofien. Die gute Verwertbarkeit der physiologischen Thatsachen, die exacte Handhahung, die sie zulassen, rückt jedoch die Gefahr nahe, in den Irrtiun zu verfallen, als ob die Sprachwissenschaft auf diese Weise ihre Aufgabe aucli vollstiindig zu lösen im stande sci. Und es hat allerdings eine Zeit gegeben, wo so namhafte Forscher wie August Schleicher und Max Müller, zugleich unter dem Einflusse von Darwin's Evolutionstheorie, die Sprache schlechtweg als ein Erzeugnis der physischen Sprachwerkzeuge behan-delten, ihre lautlichen Veriinderungen in letzten Grunde auf eine Entwickelung der leiblichen Organe im Darwinschen Sinne zurück-führen zu können glaubten und die Sprachwissenschaft also gradezu zu einer naturwissenschaftlichen Disciplin gestalten wollten.

Nainentlich zwei Miinner, Hajjim Steinthal und Hermann Paul, haben das grosse Verdienst, dicsc unzuliingliche, rein physiologische Auffassung durch eine his zur Wurzel der Sprachentwicklung dringende Betrachtung ergiinzt zu haben. Sie haben zur Evidenz bewiesen und ausgeführt, dass alle Veriinderungen der Sprache ohne Ausnahme im Grunde psychischer Natur sind. Nicht in den leiblichen Organen, sondern in der Seele des Menschen sind die allgemeinen Ursachen der Entwickelung zu suchen.

Gehen wir zuerst auf das Einfachste, Niichstliegende, den Laut-wandel ein. Eine Entwickelung kann sich nur an etwas Dauerndem zeigen. Was ist denn aber das Dauornde an der Sprache? Sicherlich nicht das ausgesprochene Wort: denn dies verfliegt im Augenblicke. Noch auch die Bewegung der Zunge, der Lippen u. s. w.: auch sie sind nur von der flüchtigsten Daucr. Vom geschriebenen oder gedruckten Worte gar nicht zu reden, das sich natürlich nicht entwickeln kann.

Da also nichts Materiales übrig blcibt, so mag Manchem gar nichts zu bleiben scheinen. Und es bleibt in der That nichts von der Art, wie die alltiigliche Meinung die Sprache ansicht. Aber es giebt in uns etwas, was lebendig wirkt, diese Worter hervorbringt, die zwar im Munde des Einzelnen immer diesel ben zu sein scheinen, die aber, wie wir erfahren haben, im Laufe liingerer Zeit sehr merklich ver-schiedene Gestalt erhalten.

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Am besten beginnen wir dainit, uns klar zu machen, wie vir das Sprechen erlernen. Augenscheinlieh durch Naclialimung. Das Kind hürt Worter und macht Versuche sie ebenfalls hervorzuhringen. Erst gelingt ihm das sehr unvollkommen, mit den Jaliren spricht es rich tiger, und endlich so wie ein Erwachsencr. Wie im Einzelnen ist das aber vor sich gegangen? Jedes Kind ist gewohnt bei allerlei Anlassen zu schreien. Dabei kommen die Organe, die es spiiter zun. Sprechen braucht in Thatigkeit; und diese physische Bewegung ist verblinden mit einer psychischen Wahrnehmung, dein Bewegungs-gefühle, wie Steinthal sie genannt hat, das sich natürlich aus um so mehr Teilempfindungen zusammensetzt, je complicierter die Bewegungen der Muskeln sind. Diese Bewegungsempfindungen binterlassen cine dauernde Wirkung, eine Erinnerung, ein im Unbewussten haftendes Erinnerungsbild in der Seele zurück. Und es ist diesem Bilde eigen, dass es bei jeder Erneuerung derselben liewegungsgefühle aufgefrischt und verstiirkt wird und bei kleinen Abvveichungen sich entsprechend verandert. Indem aber das Kind beim Schreien sich selber hört, ent-steht zu gleicher Zeit auch von dieser Gehörempfindung ein Erinnerungsbild ; und da die beiden Arten von Empfindungen immer gleich-zeitig auftreten, so bringt das Kind sie in einen gewissen Zusammen-hang, und es ist ihm so möglich, von Andern gehorte Laute oder Worter nachzuahmen. Zuerst bringt es dies nur sehr unvollkommonen fertig. Aber auf sein Ohr fallen nichts bloss die eignen Versuche, sondern immer wieder auch die Laute Andcrer; und die Eindrücke beider vereinigen sich in seiner Erinnerung, und das Resultat ist immer eine Summe sammtlicher bisherigen Erinnerungsbilder, und zwar dergestalt, dass die Eindrücke der gleichen und sehr ahnlichen Laute sich so zu sagen übereinander legen und der letzte Eindruck immer der stiirkste ist. Öo wird das Erinnerungsbild der gebörten Wörtcr allmiihlich verbessert; und glcichzoitig verbcssert sich auch das Erinnerungsbild der Bewegungsgcfühle der Sprachorgane, indem das Kind die Abweichung der Empfindungen seiner eignen Laute von denen der fremden spürt und zu beseitigen sucht, dadurch dass es anders artikuliert und seiue Sprachc der der Erwachsenen mehr und mehr niihert.

fn diesen Erinnerungsbildern der dehor- und Hewegungsempfin-dungen haben wir nun also etwas Dauemdes, Portiebendes und Fortwirkendes, und hier ist die wabre Grundlage der Sprache. Nur durch die bleibenden Bilder der Bewegungsgefiible sind wir im Stande die friihere Thatigkeit der Sprecborgane immer wieder auszuiiben, und die Lautempfindungsbilder geben dazu immer die Controlle ab, wie uns diese Wiedererzeugung geriit. In diesen beiden Arten von

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Bildern müssen wir also auch die Ursachen für den Lautwandel suchen.

In wiefern sie veriinderlich sind, geht z. T. schon aus dem Gesag-ten hervor. Dass erstens Wiederholung und Aufmerksamkeit sie ver-stiirkt, ist nichts anders, als die bekannte Kegel, die wir überhaupt bei gediichtnismassiger Einpragung befolgen. Dass abweichende neuo lïindrücke die Erinnerungsbilder umgestalten und die letzten die meist bestimmenden sind, kann man ebenfalls hiiufig beobachten. So weiss Jedermann, dass Leute, die eine Zeit lang im Auslande gelebt und dort die fremde Spracbe gesprochen haben, nach ihrer Rückkehr ihre Muttersprache mit einem gewissen fremden Aecente zu sprechen pflegen. Und das ist selbst der Fall, wenn die heiden Sprachen keine Worter gemeinsam haben. Daraus ergiebt sich der wichtige Sehluss, dass die Erinnerungsbilder der einzelnen Wörter nicht getrcnnt im Gediichtnisse leben, dass nicht jedes für sich als alleinstehendes Ganzes darin aufbewahrt wird, sondern dass die Laute, die ein Wort ausmachen, auch eine gewisse freiere Steil ung einnelimen; dass also z. B. das ei in dem englischen Worte lak und das ei in lane unter-einander in Heziehung stehen; mit andern Worten, dass ihre Erinnerungsbilder zusammenliegen. Denn wie wiire er sonst möglich, dass viele Deutsche, die aus England zurückkehren, auch in ihrer deut-schen Spracbe statt des geschlossenen e z. B. in Lchm, das dem englischen ei am ahnlichsten ist, ei sprechen und leim, tei, sei statt Lehm, Tee, See sagen? — Sind wir aber eine Zeit lang wieder zu Hause, so verlieren sich diese kleinen, oder zuweilen auch grossen, Verschie-denheiten wieder, da unsere Erinnerungsbilder durch das, was wir von unserer Umgebung hören, allmiihlich wieder verandert, ver-bessert werden.

Aus dieser Betrachtung ist auch leicht crsichtlich, warum es für den, der nicht verlernen will, eine fremde Spraclie, sage Englisch, in ihrer eigentümlichen Articulation zu sprechen, unumgiinglich not-wendig ist, dass er immer wieder in regen mündlichen Verkehr mit Engliindern trete.

Die Veriinderlichkeit der Spracbe ist hiernach also erwiesen, und es ist auch gezeigt, warum die Spracbe eines Einzelnen sich unter gewissen Umstiinden veriindern muss, niimlich sohald seine Umgebung anders spricht als er.

Damit ist j edoch noch nicht erkliirt, warum die Spracbe sich auch verandert innerhalb einer von der Aussenwelt ganz oder ziemlich abgeschlossenen Gesel Ischaft, in der anfangs einer spricht wie der andre, wenn auch nicht ganz genau, was nach dem früber Gesagten ja überhaupt nicht möglich ist. Aber wie koinmt es, dass auch

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das Mittel der gesammten Aussprachen in solch einer Gesellschaft sich allmiichlich verschiebt? Hierüber sind wir, muss ich leider gestehen, nocb. sehr ungenügend unterrichtet. Das aber ist jedenfalls zuvörderst klar, dass eine Veranderung nicht eiatreten kann, wenn bloss in einem oder wenigen Individuen Neuerungen sich einstellen; denn solcbe werden im Umgang mit der Majoritiit natürlich wieder verwischt. Es muss vielmehr eine Neigung nach einer bestirnmten Riehtung bin allgemein oder doch bei der Mehrzahl der Sprechenden 7Ai gleieber Zeit vorhanden sein.

Unter den ürsachen, die auf diese Weise die Spraehe verandern kunnen, wird am hiiufigsten und, wie es scheint, mit dem grössten Recht die Triigheit oder Bequemlichkeit genannt, obgleich man auch hiermit noch zu keinem befriedigenden Schlusse gekommen ist. Doch scheinen Fiille, wie der Übergang von alterem onglischen heUt zu hcutigem heat oder lalst zu last hierher zuhören'); oder auch das Verschwinden des anlautenden k und g in Würtern, wie know, knee, gnat, gnaw, wo die Schrift, wie gewöhnlich, noch die iiltere Aussprache zeigt. Ausserdem sind Einflüsse des Klimas, der Lebens-weise, und ahnliches urgiert worden; aber bisher leider ohne rechten Erfolg. Eher möchte ich glauben, dass Vergesslichkeit, Unfübigkeit des Gediichtnisses die Erinnerungsbilder deutlich und sicber wirksam festzuhalten, von leichter erkennbarer Bodeutung ist. Darauf weist unter anderm die bekannte Erfahrung bin, dass Personen, die ibr Gehör verloren haben, bald auch Schaden au ibrer Spraehe erleiden. Bei ibnen beruht die Neuerzeugung des sprachlichen Ausdrucks aut' Erinnerungsbildern, die von der Zeit des Taubwerdens an nur einseitig aufgefrischt werden durch das Bewegungsgefübl der artikulierenden Sprachorgane, ohne die kontrollierende Wirkung neuer Geborsem-plindungen; und daher geht die Sprachentwickelung, die in diesem Falie ein Verfall ist, mit ungehinderter Sclmelligkeit vor sich.

Wührend aus diesem Beispiel der Wert der steten Eneuerung der Erinnerungsgebilder des Gehörs so recht hervorgeht, mag auf der andern Seite hier hervorgehoben werden, dass die Gestaltung der Erinnerungsbilder der Bewegungen der Sprachorgane natürlich giinz-lich abhiingig ist von der physischen Beschaffenheit und Verwend-barkeit dieser Organe. Der physiologisehen Forschung in Bezug auf ibre Articulation wird daher durch die Erkenntnis der psychiscben Natur des Lautwandels in keiner Weise Eintrag gethan. Tm Gegen-theil tritt die Notwendigkeit der allersorgfiiltigsten Beobachtung der

' r ') Strong, Logeman und Vflieeler, futrodnefion lo lln' Sfndj of l/ic Ifisforn of Language, 1891, S. )»r».

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Thiitigkeit der Sprachwerkzcuge nur noch deutlicher hervor. So blei-ben auch die Untersuchungen auf dem Gebiete der Akustik unent-behrlich. Zum Beispiel erkliirt die grosse Ahniichkeit der Laute des englischen th und ƒ den liüufigen Irrtum von englischen Kindern, Jing statt thing zu sagen. Nur eine vollstiindige Klarlegung aller phy-sischen Bedingungen der Spraeherzeugung in der That wird nns dazu verhellen, auch die letzten psychischen Ursachen für den Lautwandel aufzudecken. Alle die alten Aufgaben sind daher geblieben. Nur bat man jetzt klar erkannt, dass die Gründe für alle Sprachentwickclung tiefer zu suchen sind. Noch immer müssen wir eine Geschichte der schriftlichen Darstellungen der Sprachen von ihren iiltesten Aufzeich-nungen bis auf dem heutigen Tag gebon; noch immer müssen wir liinter den Buchstaben nach den Lauten und Articulationen forschen; aber wir sind zu der Erkenntnis fortgeschritten, dass wir die Erkla-rung der Mannigfaltigkoit der Ersclieinungen in seelischen Vorgüngen zu suchen haben.

Um hier nur eins hervorzuheben, so hat dieser Fortschritt unserer Einsicht offenbart, warum der Lautwandel in der That mit absoluter Regehnassigkeit vor sich gehen muss. Die Hervorbringung jedes Lautes wird, wie gesagt, bewirkt vermittelst des Erinnerungsbildes der Bc-wegung der Sprachorgane. Wenn nun so ein Bild sich verandert, so muss der Einfluss sich natürlich auch in jedem Worte zeigen, worin der Laut sich unter denselben Bedingungen findet.

Nach diesen kurzen Erörterungen über die Vervollkommnung unserer philologischen Forschung in Bezug auf den Lautwandel, muss ich, um die Mannigfaltigkeit der grammatisclier Probleme vor Augen zu führen, noch einige andere Erscheinungen beleuchten oder z. T. doch wenigstens kurz erwiihnen.

Die Erinnerungsbilder der besprochenen beiden Arten machen natürlich nicht schlechtweg die psychischen Grundlagen des Sprach-lebens aus. Das Gehorte und Gesprochene bat vielmehr auch einen Sinn. So verbinden wir, wenn wir das Wort oak horen, damit die Vorstellung einer Eiche. An sich bat selbstverstandlich die Lautfolge diese Bedeutung nicht; sondern sie ist angelernt, in dem das Kind seine Wahrnehmung der sichtbare Erscheinung einer Eiche in der Seele mit der gleichzeitigen Wahrnehmung der hörbaren Laute ver-knüpft bat'). So bat es bei allen Wortern allmahlich den Sinn lemen müssen. Wie schwierig diese von uns allen ausgeführte Arbeit ist, davon haben wir gcwöhnlicb keine Vorstellung. Denken wir aber

') Sieli Üteiiithal, Ëinleituncj in die Psychologie und Sprachwisseiischafl.

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nur daran, daas wir in allen Fallen die Bedeutung eines jedcn neuen Wortes in Wirklichkeit selber haben erfinden, erraten mussen. Kein Mensch kann uns irgend einen Sinn oder Gedanken einblasen. Was uns hilft, ist nichts als Sinneswabrnehraimgen; die Vorstel] ung, die Bedeutung, die wir mit dem gehörten Worte verknüpfen, ist unsere eigene Schüpfung. Und nun wird gar derselbe Gegenstand einmal oak genannt, ein ander mal tree, oder auch plant. Dies bat sich unser Verstand dann mühsam zu recht zu legen. Und mit tree bört das Kind ferner auch die Birke, die Tanne, die Buche u. s. w. be-zeicbnen; und mit plant auch die Rose, das Gras u. s. w.; oder denken Sie gar an die vielen Bedeutungen solcher engliscber Wörter wie hor: einmal wird ein Kasten damit gemeint, bei einer anderer Gelegenheit eine Loge im Theater, oder der Sitz des Kutscbers, oder ein Baum, oder ein hor on the ear, u. s. f.; es kann aber auch verbale Bedeutung haben und dabei wieder Verschiedenerlei bezeicben. Alles dies bat das Kind sich zusammen zu reimen. Es wird sich biiufig, man kann sagen, fast immer anfangs eine falsche Vorstel lung von dem Bedeutungsinhalt eines neuen Wortes machen. Spatere Erfabrung macht es auf seinen [rrtum aufmerksam, und es verbessert ihn. Und uns Erwachsencn gelit es nicht anders. Schlage irgend jemand nur ein Buch auf über einen Gegenstand, über den er erst wenig oder noch nichts gelesen bat, und er wird alsbald gewahr werden, dass er sehr viel davon nicht gleicli richtig, oder überhaupt niclit verstebt. Oder wie wiiren sonst z. B. auch die Fremdwörterbücber nötig ?

Auch die Bedeutungen der Wörter, die, wie wir nun sehen, nichts ihnen überhaupt Innewobnendes sind, die vielmehr nur in den Seelen von Einzelpersonen leben, sind also etwas Unstetes, Wandel-bares. Auch für sie gilt, was fiir die Wortbilder im Gedacbtnissc hervorzuhebcn war: dass sie die Slimme aller vorangegangen Erfabrung darstellen. .lede neue auf sie beziigliche Vorstcllung verscbiebt das Gleichgewicbt des bereits Vorbandencn. Tst die Vorstellung eine gleiche Wiederholung, so wird das bestehende Gebilde gestiirkt. Enthiilt sie Abweichendes, so wird das Alte darnach verbessert. Die letzte Vorstellung, die die Einzelseele mit einem Worte verbindet, ist immer die stiirkste, und Eindrücke, die nicht erneuert werden, verblassen und horen auf zu wirken. So allein ist es möglich, dass eine zicmlich genaue Übereinstimmung der Wortbedeutungen bei allen Mitgliedern derselben Gesellschaft und ein Gedankenaustauscb zwi-schen ihnen erzielt wird.

Wir sehen demnach, dass sich bei den Wortbedeutungen ein abnlicber unaufhörlicher Wandel vollzieht wie bei den Erinnerungs-

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Inldern der Laute, und dass diesc Entwicklung in Wirklichkeit eben-falls nur in der einzelnen Seele vor sich geht. Ausser der Lautgeschichte haben wir also eine Bedeutvmgsgeschichte zu schreiben; wobei ich nur gleicb betonen will, dass beide eng mit einander zusammen hangen, wie sich bald von selber ergeben wird.

Wir müssen niimlich noch weitcr gehen in unserer psychologischen Betrachtung und sehen, wie die Wörter und Bedeutimgen in unserer Seele aufgespeichert sind. Hierfür ist die Thatsache von grundlcgender Bedeutung, dass überhaupt nichts unabhiingig, unverbunden in unserer Seele existieren kann. Jede neue Vorstellung vielmehr verbindet sich soforl. mit dem bereits vorhandenen Vorstellungsinhalt, und es ent-stehen Gruppen. Wir horten schon, dass die Wörter sich nach ihren einzelnen Lauten und Articulationen ordnen, so dass also z. B. ride, shine, smile zusammentreten wegen des gleichen Vocals. Es gruppieren sich ferner solche Wörter wie oak, fir, beech wegen gewisser Ueberein-stimmungen in ihrer Bedeutung; wir bezeichnen sie ja alle auch als trees. Alle Pflanzen ferner bilden weitere Gruppen. Bedeutungen oder Vorstellungen wirken aber auch noch anders. Denken wir an ein Haus, so erwachen auch die Vorstellungen seiner Teile, der Fenster, Thüren, des Daches, einzelner Zimmer; wir werden an die Personen darin erinnert, an unsere Erlebnisse, u. s. w. Alle diese Ideen sind also associiert unter einander, und damit auch die betreffendcn Wörter. Und nicht bloss hiingen Substantive so unter sich zusammen, sondern wir denken beim Hunde auch an's Laufen. Springen, Bellen u. s. w., was meist durch Verben ausgcdrückt wird, und das Wort dog bildet also cine Gruppe mit barks, howls, runs u. s. w. Dann vereinigen sich wieder alle Adjective, Verben u. s. w. unter sich wegen ihrer verschiedenen Verwendbarkeit im Satze. So auch nach ihrer Biegungs-fiihigkeit: Wörter, die ein s anhangen können, treten zusammen, wie trees, seas, he sees, God's, gleichviel ob das s Plural-, Genetiv- oder ein Zcichen anderer Art ist: Unter sich jedoch formt die Bedeutung des s wieder entsprechend kleinere Unterabteilungen. Und so geschieht aie Gruppenanordnung bis ins Unendliche ').

Hierbei muss man natürlich wiederum bedenken, dass die Bildung der Gruppen ganz allmiihlich geschieht, und dass ihre Gestaltung auch abhiingt von der Beihenfolge der in das Bcwusstsein des Indi-viduums eindringenden Vorstellungen. Und nach allem ist es selbst-verstandlich, dass jeder Mensch auf diese Weise einen fur ihn eigentiimlichen psychischen Sprachorganismus entwickelt. In die Thiitigkeit dieser Organismen einzudringen, eine Entwickelungsge-

') Sieli Paul, Principien. S. 30 IT.

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schichte derselben /,u goben '), daraus die unendliche Verschiedenheit der physischen Produkte, die schriftlich fixierte und die gesprochene Sprache in all ihren alten und neuen Erscheinungen zu erklaren, das ist heute die grosse Aufgabe der Sprachforseher. Dass sie wegen der unermesslichen Mannigfaltigkeit und immer fortsehreitenden Ver-ünderlichkeit ilires Objectes gradezu eine unendliche ist, kann nicht abschrecken; die Möglichkeit das Wertvollste, die allgemcinen trei-benden Knifte und die Gesetze der Entwicklung zu find en ist damit ja nicht abgeschuitten.

Um nun kurz genauer auf die Wirksamkeit jener psychischen Organismen von unendlich vielgestaltigen und durch einander grei-fenden Vorstellungsgruppcn einzugehen, so kommt dass Sprechen dadurch zu stande, dass eine Vorstellung in ihrer Verbindung mit einer oder mehreren Gruppen ins Bewustsein tritt und zugleich die motorischen Nerven der Sprechorgane vermittelst der Erinnerungs-bilder früherer Sprachthjitigkeit in Erregung setzt, so dass die Mus-kelthatigkeit der Sprechwerkzeuge zweckentsprechend erfolgt. Und zwar hiingt der Verlauf der Vorstellungen im Bewusstsein und dem-entsprechend der Redefluss ab von der Stiirke der bestehenden Bezic-hungen z wise hen den Teilen der Gruppen und von den besonderen Bedingungen, die der augenblickliche Zweck des Sprechens mit sich bringt. Hiernach verstellen wir, was es heisst, was schon W. von Humboldt betont bat: dass das Sprechen immer ein fortdauerndes Schaffen sei J).

Für die Portentwickelung der Sprache ist bei diesem Schaffen von den grössten Wirkung, dass beim Sprechen nicht bloss gediichtnis-miissig reproduciert wird, sondern auch neu gebildet. Die Bildung der Vorstellungsgruppen als solcher war ja schon selber immer ein Schöpfungsakt, da jeder für sich ohnc Beihülfe von Aussen diese Arbeit vollbringen muss. Weiter aber wirken noch eine Reihe gleicher Verbindungen, z. B. des Priisens ride mit dem Prateritum rode. oder von smite mit smote, von drive mit drove als Muster für die Entstehung von neuen Formen. Weil namlich das Priisens sinile sich eng zu ride, smite und drive gesellt hat, so genügt die Verknüpfung des Ablautes i und o in so zablreicben Fallen, um eine Bildung von srnole zu ermöglichen 3). Bei diesem Verbum ist eine solche Form zwar unüblich, dagegen ist sie bei strive: strove vollstandig eingebürgcrt. Da dies Verb vom altfranzöscben estriver hergeleitet ist, so kann ihm ursprüng-

') Paul, Principien, S. 33.

:) Paul, Princmien, S. 69.

:i) 1889 scherzhaft im Pick Me Up gebraucht: He snwle a smile.

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lich natiirlich die germanische Bildung des Priit. durch den Ablaut nicht zu.

Falie solcher Neubildungen oder, wie der grammatische Ausdruck lautet, solcher Analogiebildungen, sind überaus zahlreich in jeder Sprache, und ihre Entstehung historisch und psychologisch zu erkliiren ist eine Hauptaufgabe unserer Forschung.

Wie auf dem Gebiete der Pormenbildung der einzelnen Wörter zeigt sich die Wirkung der sprachlichen Vorstellungsgruppen im aus-gedehnten Maasse auch in der Syntax. Hierher geboren namentlich die sogenannten Contaminationsbildungen. W. Besant schrieb einmal an einer Stelle '): „She was not one of those who fear to hurt her complexionquot;, anstatt „their complexions.quot; Eine solcbe Ausdrucksweise entstebt, indem zwei Vorstellungsgruppen sich im Bewusstsein mischen, oder besser gesagt, indem eine Vorstellung von einer andern, ver-wandten aus dem Bewustsein verdriingt wird, ehe sie zum vollstiin-digen sprachlichen Ausdruck gekommen ist, so dass der Satz in der Form des zweiten Gedankens vollendet wird. Bevor also die Vor-stellungsgruppe who fear to hurt their complexions ganz in Wortcn ausgcsprochcn war, kam W. Besant die Verbindung (she fears) to hurt her complexion in den Sinn, und diese schnitt die erst genannte in der Mitte ab.

Das Residtat, obgleich dem Verfasser in dem Augenblicke zweifellos ganz natiirlich und unbedenklich, ist uns hingegen auffallig und anstüssig, da die Construction des Satzes ungewöbnlich ist. In vielen andern Fiillen aber ist eine abnliche Contamination ganz gebriiucblich; z. B. in der Wendung I am friends with him, ein Ausdruck, der sich aus den zwei Vorstellungsgruppen zusammensetzt: I am friendly with him und We are friendsJ).

Solcbe sprachlichen Bildungen wie die beiden letzt gcgebenen Bei-spiele verwarf die altere Grammatik mit dem Urteil, dass sic falsch seien. Da sie aber in jeder Sprache sebr hiiufig sind, muss man ihre Recbtmiissigkeit doch anerkennen. Nocb nach Jacob Grimm zwar hat Karl Ferdinand Becker versucht, die Sprache als den Ausdruck des logischen Denkens zu erkliiren und die Syntax auf rein logischen Grundlagen aufzubauen; und obgleich dies eigentlich nur ein Riick-fall in den Irrtum der geschilderten unwissenschaftlichen Gramma-tiker vor Grimm war, hat er lange Zeit viele Anbiinger gehabt, bis Hajjim Steintbal's Schrift Grammatik, Logik und Psychologie im Jnhre 1855 diese Auffassung ein für alle Mal unmöglich machte.

') Stroiifi, Logeman, Wheeler, Introduction, etc. S. 147. 2) Strong, Logeman ami Wheeler, 1. c. S. 148.

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Mit diesen, wie ich mir wohl bewusst bin, höchst unvollstandigen Ausführungen über die Fortschritte unserer wissenscluiftlichon Erkennt-nis von dem Wesen der Sprache und über die erwciterten Aufgaben des Sprachforschers muss ich mich für heute begnügen und gehe jetzt von der Grammatik zur Litteraturkunde über, bei doren Bc-sprecbung ich mich unter Benutzung der schon gegebenen Aufklii-rungen werde kürzer fassen können.

Die Erkenntnis, dass die Litteraturwerke nicht zufallig unci rein willkiirlich hervorgebracht werden, sondern dass ihrs Entstehung abhiingig ist von den Bedingungen der gesammten Kultur eines Volkes, und somit von den eigentümlichen geistigen Fahigkeiten desselben, durch die diese Kultur ja erzeugt wird, finden wir schon im vorigcn Jahrhundert bei Herder'), der darin unter dem Einflus-c von Jobann Joachim's Winckelmann's balinbrechender Geschichte der alten Kunst (1764) stand. Die Litteraturgeschichte wurde dadurch also zu einer Entwickelungsgeschichte eines Zweiges der allgemeinen Kultur. Diese Auffassung hat von Anfang an viel gethan, sic vor Ein-scitigkeit und engherziger Betrachtung zu behüten. Wenn ich mir daher der besseren Übersichtlichkcit wegen im Folgenden crlaube drei Teile oder Weisen der Forschung zu unterscheiden, so kann ich zuvor ausdrücklich hervorheben, dass die drei glücklicherweisc in Wirklichkeit meist zusammen vereinigt worden sind.

Ich beginne mit der biographischen Forschung. Es handelt sich zuniichst um die Feststellung der ausseren Thatsachen im Leben der Dichter; viele derselben sind für die Gestaltuug ihrer Werke von grosser Bedeutung. Chaucer's italiiinische Reisen haben der Entwicke-lung seiner Kunst eine ganz neue Richtung gegeben. Die Lebensum-stiinde von Charles Dickens' Jugend spiegein sich immer und immer wieder in seinen spiiteren Werken ab. So haben namentlich englische Gelehrte keine Mühe gescheut die Bibliotheken und Archive im ganzen Lande nach biographischen Nachrichten über ihre grossen und kleinen Dichter zu durchstöbern, und man kann getrost behauptcn, dass es sich reichlich gelohnt bat. Beispielweise können wir uns jetzt, wahrend man im vorigen Jahrhundert noch sehr wenig von Chaucer's und Skakespeare's Leben wusste, mit Hülfe zahlreicher seitdem ans Licht gezogener einfacher Thatsachen ein ziemlich genaues Bild davon entwerfen.

Ingleichen hat man all möglichen ausseren Zeugnisse aufgetrieben zur Festlegung der Abfassungszeit ihrer Werke, durch den Nachweis von Anspielungen auf kurzverflossene Ereignisse in den Werken selber,

') Paul, Grundriss, S. 47.

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oder von Erwahnungcn dieser durch Zeitgenossen, iind dergleichen inelir. Auch in dieser Hinsicht haben namentlich Englander sich durch einen rastlosen Sammeleifer ausgezeichnet.

Es gilt aber zweitens, die Entstehung der Werke niiher zu boleuch-tcn und womöglich ihren Ursprung vollkommen zu erkliiren. Hierliei ist man zum Teil recht oberfliichlich verfahren und bat sich mit ciner blossen Beschreibung und üusserlichen Verbindung der littera-rischen Erscheinungen begniigt, ohne den wahren Grund derselben zu untersuchen. Man bat die Quellen, woher dem Dichter sein Stofï geflossen ist, und die Vorbilder, wonach er ihn geformt, nachgewie-sen; hat, um seine eignen Leistungen hervortreten zu lassen, die Übereinstiramungen und Abweichungen im Verlaufe der Handlung zwischen seiner Vorlage oder seinen Vorlagen und seinem eignen Werke gcsondcrt, die Verschicden heiten der Charactere aufgedeckt; man bat auf der formalen Seite die Silben im Verse geziihlt, die Reime, Ciisuren und Enjambements zusammen gestellt, und vieles Abnliche mebr. Diese hierauf beschriinkte Betrachtungsweise, die in zablreichen Monograpbien begegnet, erinnert an die etymologische Spracbvergleicbung des Franciscus Junius oder Lambert ten Kate's, oder besten Falies, wenn sie die Form eines strengen Beweises bat, an die Franz Bopp's. Auch hier müssen wir uns aber, wie vorher für die Spracbgescbichte, vergegenwiirtigen, dass die Entwickelung auch der Litteratur natürlich nur auf psychischem Gebiete vor sich gehen kann, und zwar ebenfalls nur in der Einzelseele. Um das Wesen und die Ursachen der Umgestaltungen des dichterischen Stofles und der Form zu verstellen, müssen wir also in die complizierte Seelenthü-tigkeit des Dichters einzudringen sucben. Dies klingt beinahe trivial; aber dennoch bat man selten mit vollem Bewusstsein und allem Ernste die Forderung zu erfüllen getrachtet, und es ist in der That eine überaus schwierige, ja, wie wir leicht seben werden, wiederum eine unendliche, unerfüllbare Aufgalie, die dem Pldlologen gestellt wird.

Was ist und wie arbeitet die dichterischc Fhantasie? Sie ist keine Kraft, die aus nichts etwas schaffen oder erfinden könnte; die aus einem unergründlichen Quell schöpfte, der nirgendswoher gespeist zu werden brauchte: oder was immer sonst die landlaufige Vorstellung des Sachverhalts sei. Der Dichter ist vielmebr eng an den Umfang seiner Erfahrung gelgt;unden, und man kann sagen, er vermag nicht mebr aus dem Brunnen herauszuholen, als er selbst vorher bineinge-füllt bat. Freilich giesst er mebr und auch wesentlicb was anderes hinein als der gewöhnlicbe Mensch.

Auch der Dichter wird natürlich nur mit gewissen seelischen Fnbigkeiten geboren. Alle Vorstellungen, die ganze Summe seiner

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Ideen aber muss er erst rnit ilirer Hülfe aus seinen mneren nnd iiusseren Erfahrungen bilden. Aus dem, was je in sein Bewustsein tritt, speichert er einen grossen Schatz von Erinnerungen in der dunkeln Kammer des Unbewustseins auf; dort bleibt alles in be-stimrnter Form, auf die mannichfachste Art unter sich associiert und organisiert, bewalirt, ahnlich wie wir dies von den spraohlichen Vorstellungen ausgeführt haben: Erinnerungen von Gesichtsbildern, Gehörsempfindungen, Gemütsbewegungen, körperlichen Bewegungen, Schmerz- und Lustgefühlen , das ganze Heer von Gedanken, u. s. w., u. s. w. Alle diese im Unbewussten schlummernden Erinnerungen können bei spiiterer ausserer oder innerer Veranlassung in der einen oder andern Verbindung wieder bewusst werden und können dieson Verbindungen entsprechend aucb in höchst vielfiiltiger Weise auf einander wirken. Mit diesem Schatze ganz allmahlich aufgespei-eberter Erfahrungen, und nur damit, scbaltet spiiterhin des Dichters Phantasie.

Nun tritt die Notwendigkeit einer möglichst vollstiindigen und sorgfiiltigen Feststellung und Untersuchung siiraintlicher biographischen Elemente fiir die Litteraturgeschichtsscbreibung klar vor die Augen. T)ie ganze Vielheit der Einflüsse, die die umgebende Natur und die menschliebe Gesellschaft im privaten und öffentlichen Verkebr aui die Bildung der Dichterseele ausgeübt haben, so weit möglich muss im Einzelnen bestimmt werden. So hat man festgestellt, was Shakespeare fiir Kenntnisse von der Vogel welt, den Insecten, denBlumen, der Medizin, der Jurisprudenz u. s. w. hatte. Am wichtigsten und zugleich am sichersten zu ermitteln sind die litterarischen Ein-wirkungen. ') Eine streng chronologische Ordnung ist immer uner-liisslich, da jede neue Erfahrung sich ja dem bisherigen Vorstellungs-inhalt nicht einfach einfiigt, sondern in ihrera ganzen Wesen von diesem mitbestimmt wird. Es macht, beispielsweise, einen sehr ver-schiedcnen Eindruck, hinterliisst daher ein sehr verschiedenes Erin-nerungsbild in der Seele zurück, oh ein ahnungsloser Sangling oder ein Familienv'ater voller Sorge um seine Angehörigen und seine Habe eine grosse Feuersbrunst erlebt; oder ob ein sechs- oder ein sechs-zehnjiihriges Madchen eine Liebesgescbichte liest.

Eine solche Untersuchung ausserer Einflüsse wird stets die Wabrheit des Wortes ergeben, auch für das grösste Genie, dassein Jederimmer nur das Kind seiner Zeit ist. quot;Und dnss eine derartige Untersuchung nichts anderes ist als ein gründliches Studium der gesammten Kultur

') Sieli Bernhard ten Brink, Uber die Aufgabe der Lilleralurcjescltichle. 189-1, S. 25 f.

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jener Zeit, dass also der Litterarhistoriker auf allen Gebicten tier Kulturentwickelung des betreffenden Volkes vollkommon zu Hause sein muss, will er seine Aufgabe erfüllen, braucht kaum noch besonders hervorgehoben zu werden. Die privaten, socialen, poli-tischen Verbaltnisse von Anfang bis zu Ende müssen ihm bekannt sein; die religiösen Bewegungen, die pbilosopbiscben und naturwis-senschaftlichen Forschungen, die Geschmacksrichtungen, Vorurteile der verscbiedenen Zeiten, und was sonst alles mitspielt. Eamp; isl eine übermenscbliche Forderung, und immer deutlicber seben wir, dass unsere Einzelarbeit nur ein böcbst bescbeidencs Stückwerk ist und nicbts anders sein kann, und dass nur ein einmütiges Zusammen-wirken vieler uns Inngsam dera Ziele nabe bringen wird. Um so nötiger aber ist, dass sich Jeder der grossen gemeinsamen Aufgaben bewusst sei.

Wie viel wir alle, wie viel selbst ein Mann wie Shakespeare seiner ümgebung, seinen Vorgangern verdankt, kann man sich am besten klar machen, wenn man sich vorstellt, er sei in der Einsamkeit aufgewachsen, ohne irgend etwas von andern, nicht mal eine Sprachc zu lerncn. Wie weit wiire er da über das Lallen hinausgekommen! Und aus allen seinen genialen Piihigkeiten wiire so gut wie nicbts geworden. Und nicht viel besser wiire es gewesen, wiire er unter primitiven Menschen aufgezogen und hiitte nur an ihrer elenden Kultur sich tiilden können.

TTnd dennoch, mag die Hülfe von Aussen aucb noch so bedeutend sein, das Bestimmendste, Maassgebendste sind immer noch die individuellen, angeborenen Geisteskriifte des Dichters. Mit ihncn crwirbt er alle seine Vorstellungen; mit ihnen, die mit zunehmender Erfab-rung erstarken, schafit er spiiter seine Meisterwerke.

In der That nicht übernimmt ja der Dichter, oder kann überhaupt irgend Jemand irgend etwas Geistiges einfach von der Aussenwelt iibernebmen; nicht den siinpelsten Gedanken als solchen kann je, wie schon mal betont, eine Seele irgend woher empfangen. Wohl können wir das Trommelfell eines Andern in Bewegung setzen; aber diesen Erschütterungen hat er erst einen Sinn zu geben. Und so ist überhaupt keine Vorstellung in irgend welcher Seele, oder diese habe sie selber geformt, gemiiss ihren eigentümlichen Kraften; und aus der Gesammheit dieser eigentümlichen Vorstellungen bildet sich ein Jeder allmahlich einen seinen individuellen Fiibigkeiten entsprechenden, nach cignen Gesetzen thiitigen psychischen Organisnius. Wie verschieden muss der eines Dichters doch von dem eines nüchternen Alltags-menscben sein!

Unsere Forscbung muss nun also von dem Nachweis der Einflüsse

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der umgebenden Natur und Kultur auf den Dichter fortschreiten zu einer Untersuchung und phychologischen Erklürung der Besonderheiten in der Neugestaltung, welche er jonen Einflüssen hei ihrer Aufnahme gegeben hat. Kunnen wir diese finden, so erkliirt sich mit ihrer Hiilfe die Formgebung seiner W.erkc; denn so wie der Dichter die Welt anschaut, wie er die Erscheinungen in sich aufgenommen hat, so wird er sie uns nachher in ihrer poetischen Wiedergabe ofi'enbaren.

Es ist die Aufgabe aber keine andere, als eine inüglichst vollstündige und genaue Schilderung seiner Persönlichkeit, all seiner psychischen Eigenschaften zu geben. Die Piihigkeiten seines Verstandes und seiner Einbildungskraft müssen analysiert und bestirnmt werden, die Erreg-barkeit seines Gemütes in aller Mannigfaltigkeit, die sittlichen und asthetisohen Instinkte; und alle diese Eigernhaften nicht bloss in ihrer ursprünglichsten, oder sozusagen allgemeinsten Form, sondern audi so wie sie sich allmiihlich mit der zLinehmenden Erfahrung in dem Dichter entwickelt und definiert haben: Seine sittlichen und religiüsen Überzeugungen müssen im Einzelnen in ihrer Entstehung aufgeklürt werden, ebenso seine Syinpathien und Antipathien ') in ihren verschiedenen Graden und Farbungen den verschiedenen Dingen, Personen und gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen gege-nüber, seine Beurteilungsweisen, Gemütsstimmungen, und was sonst alles Eigentümliches bei ihm zu finden ist. Denn von alle diesem hangt ebenso sehr die Bildung des Inhaltes ab, der neu in die Seele aufgenommen wird, wie die schöpferische Enneuerung desselben durch die Thatigkeit der Phantasie.

Natürlich bestehen die einzelnen Eigenschaften nicht für sich in der Seelé; und daher muss ferner ihr Abhiingigkeits- und Gleichgewiclits-verhaltnis untersucht und das Ganze zu dem Gesammtbilde einer Persönlichkeit vereinigt werden !). Erst darnach kann man mit der Hoffnung auf reichlichen Erfolg an die Erklürung der Werke schrei ten.

Als Mittel der psychologischen Forschung stehen uns nur bei weni-gen, neueren Schriftstellern Selbstbekenntnisse zu Gebote. Urteile von Zeitgenossen sind zwar etwas hiiufiger, aber weniger zuverlassig. Vor-sichtigc Kritik ist in beiden Fallen notwendig. Manchmal können wir mit einiger Sicherheit aus verbürgten Nachrichten über diese oder jene Thaten auf die Motive und den Character und die Urteilsfahig-keit einer Person schliessen. Doch lehrt z. B. ein Vergleich der wieder-sprechendsten Ansichten, die von Biographen über mehrere wohlbe-kannte Handlungen Dryden's, Defoe's oder Swift's verfochten sind.

') Wetz, Ueber Litteraturgeschichle, 1891 , S. 33 ff. '-) Wetz, 1. c., S. 37

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wie unsicher imd schwierig Sehlüsse aus solchcm Material sind. Die wichtigsten, besten, genauesten und meisten Resultate lassen sich immer, oder doch fast immer, aus den Werken der Schriftsteller selbcr ziehen. So viele von Shakespeare's Gestalten wiiren nicht geist-reich, wenn er es selber nicht gewesen wiire. Oder, er motiviert die Entschlüsse seiner Personen selbstverstiindlich nach dem Maassstabe seiner eignen Auffassungsfahigkeit von den Lagen, in denen sich jene befinden, und nach der Meinung, die er sich im allgemeinen von der Handlungen der Menschen und im einzelnen Falie von der Willens-richtung eines bestimmten Characters gebildet hat. Dabei blickt auch gelegentlich dies oder jenes seines eignen Characters deutlich genug durch, end ebenso verriit sich der Uinfang seinen bisherigen Erfahrung. Von besonderm Interesse sind z. B. in diezer Hinsicht seine Jugend-dramen mit ihrer blinden Leidenschaftlichkeit; oder seine beide Epen durch die Wahl und die eigentümliche Behandlung ihres lüsternen Stoffes; oder die verschiedene Schildcrung von Frauencharacteren in frühen und spilten Dramen '). Oder, um einen andern Autor heran-zuziehen, ist in Defoe's Compleal English Gentleman 2) verrüterisch, dass er bei der ausführlichen Darlegung des, was einen gentleman aus-mache, immer nur von grossern Landbesitz und guter Schulbildung spricht, nie aher von Charaktereigenschaften.

Augenfalliger als bei einer Betrachtung der Werke eines Dichters allein bieten sich seine Eigentümlichkeiten dar bei einem Vergleich mit seinen Quellen und Vorbildern; oder auch mit Erzeugnissen soldier Schriftsteller, zu denen keinerlei oder keine unmittelbaren Be-ziehungen bestehen, indem Unterschiede in der Behandlung derselben oder doch vergleichbarer Probleme, z. B. bei Corneille und Shakespeare , die characterischen Eigenschaften auch der Dichterseelen hervorkehren *).

Hat man endlich die Persönlichkeit des Dichters, so weit es überhaupt möglich ist, festgestellt, so beginnt die Interpretation seiner Werke, und es wird seine ïhatigkeit bei ihrer Abfassung aufgedeckt. Sehr hülfreich sind dabei etwaige Handschriften des Autors mit seinen Verbesserungen oder verschiedene Ausgaben seiner Werke, wie wir sie zwar nicht oft, aber doch in einigen Fallen, selbst aus der mit-telenglischen Zeit besitzen. Immer bedarf dor Forscher bei seiner Arbeit „einer sehr vielseitigen und starken Fiihigkeit der Sympathie,quot; *)

') Sieh Ilowilen. Shakspere, a Critical Study of his Mind and Art; und W. Wet/., Shakespeare vom Standpunk t der Vergleich enden Litteraturgeschichtc. -) Edited by Karl D. Bülbring, London '1890.

Sieh dariiber W. Wet/, in seinem beiden schon angeführten Biichern. '') W. Wet/., Bernhard ten Brink, in der Strassburger Post vom 7. quot;2.

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der Kraft, sich ganz in die Eigenart des Dichters einzuleben, um die scböpferische Thütigkeit desselben niüglichst vollkommen zu erkliiren.

Unter allen psychischen Eigenschaften eines Dichters kommt aber cine in allen Fallen am ineisten in Betracht, ist einc für die Schai-fung seines Werkes immer von der grössten Bedeutung: das ist sein üsthetisches Gefübl. Auf these Seite erübrigt daher noch besonders einzugehen.

Von vielen Tiitterarhistorikern ist sogar, unter ungebührender Ver-nachliissigung des Biograpliischen und Persönlichen, die Erörterung dos Asthetischen an den Litteraturwerken zur alleinigen Aufgabe gc-niacht worden. Wenngleich man anerkennen muss, dass diese Forschur die pliilologischen Aufgaben nach ihren weitesten Zielen aufgefasst haben, so kann man sich doch nicht verhehlen, dass fast alle leider dabei auf Irrwege geraten sind, auf denen der gedeihliche Fortgang der Forschung aufhört. Dies ist cine Schuld der metaphysischen und dialectischen Richtung der Philosophie in der ersten Hiilfte unseres Jahrhunderts. Man glaubte durcli ein Deducieren von apriosistichen Begrifien alles erledigen zu können, und wollte so auch die litterari-schen Erscheinungen in ein metaphysisches System zwingen, sie nach den philosophischen Axiomen einer fertig gernachten allgemeinen Schonheitslehre betracliten. Diese Bestrebungen mussten in einer end-losen Verwirrung enden, da iiber die Grundbegriffe keine Einigkeit herrschte. Es ist daher leicht begreiflich, dass sich aus der strengcren Wissenschaft bald Stimmen dagegen erhoben; zumal die philosophie-rende Asthetik daneben vielfach Zeitungsschreiliern und anderen Dilettanten in die Hiinde gefallen war, die in der oberfliichlichsten Weise die Werke der Kunst nach ihren engherzigen, von ihneu für unfehlbar gehaltenen asthetischen Grund- und Glaubenssützen beurteilten, Lol) und Tadel in reicher Meuge iiber den Kiinstler aus-schiitteten, je nachdem die gestrengen Richter ilire Theorien befolgt oder missachtet fanden. Dabei wurde nur zu haiifig viel mehr Müssiges rein aus der eignen Pliantasie aufgetischt, als Belehrung über die Dichterwerke gcboten; und so ist es allmahlich gekommeu, dass der grösste Teil des verstiindigen Publicums heutzutage kein Zu-trauen mehr zu der Erspricsslichkeit eines asthetischen Studiums bat und es fast für das Beste halt, das Kunstwerk ohne jede Erlüuterung auf sich wirken zu lassen.

Um so niitigcr ist es, dass der Litterarbistoriker crnstlich bei sich zu Rate gehe, wie er diesctn Misstrauen begegnen will. Und icli sebe keinen besseren und in der That keinen anderen raöglichen Ausweg, als dass er sich von der modernen psychologischen Asthetik belehren lasse, die nicht mehr dialektisch sondern empirisch verfiibrt. Seine

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Betrachtungsweise wird daher, wie bei der Grammatik, auch hier eine analytische, psychologische mid historische sein miissen.

Es ist zuniichst wieder nicht zu umgehen, dass wir uns ein bedeuten-des Maass von Belehrung hei den Psychologen holen. Der Unhelehrte hat zwar keinen Zweifel darüber, dass das Schone und Hiisslishe; Tragische und Komische, Erhabene imd Cynische in den Dingen und Handlungen selber liege, ihre Eigenschaft sei. Diesen Irrtum hat aber schon Kant klargelegt und gezeigt, dass alle jene Eigenschaften in Wirklichkeit vielmehr nur in unserer Seele vorhanden sind, nirgends anders als in der Erschüttcmng des geniessenden Geistes bestehen. Die neuere Psychologie hat dann überhaupt die Einheit der genannten iistheüschen Vorstellungen in Frage gestellt, und entweder die Mög-lichkeit einer Antwort darauf auf lange Zcit vertagt oder gar die Frage verneint. Jedenfalls haben die Untersuchungen Oerstedt's, Lotze's, Fechner's, Hogarth's, Alison's, Bain's, Spencer's und Anderer gezeigt, dass der iisthetische Genuss des Schonen, Erhabenen, Anmutigen u. s. w. auf wesentlich verschiedene Weise zu stande kommen kann, ') und dass der Dichter auf alle drei von unseren Fiihigkeiten, mit-tels deren wir überhaupt asthetisch geniessen, zu gleicher Zeit zu wirken vermag. Daher setzt sich der Verlauf des künstlerischen Eindruckes eines Gedichtes auch stets aus ebenso vielen Aufeinan-derfolgen verschiedener Momente zusainmen; die dennoch aber nicht gesondert voneinander wirksam bleiben.

Da ist zuniichst Rhythm us, Versmaass und Reim, die einen un-mittelbaren Effect auf unsern Gehörsinn ausüben, grade wie die Musik im Sinne selber den Eindruck des Schonen, Anmutigen, u. s. w., hervorruft, oder wie die Schönheit symmetrischer mathematischer Figuren vom Organismus des Gesichtsinnes empfunden wird. Die Wir-kung wird augenscheinlich erzielt durch eine wohlgefilllige Gleich-miissigkeit, eine rcgelmiissige Abwechslung, gemessene Wiederkehr, wobei einfache oder doch bequem und deutlich wahrnehmbare Zahlen-verhiiltnisse zu Grunde liegen. Auf den Gehörsinn direkt wirken auch die musikalischen Eigenschaften der Laute die Modulation der Stirnme und die wechselnde Stiirke der Betonung.

Alles dieses gilt nicht hloss, iin Falie das Gedicht wirklich recitiert wird; sondern auch beim stillen Lesen, nur dass im letztern Falie die Wirkung auf die Sinne erst durch eine geistige Erzeugung ver-mittelst associierter Erinnemngsbilder, und zwar natürlich in bedeutend schwacherem Maasse erfolgt.

^ Professor James Sully, iit seinern Artikel Aesthetics in der Encijcloijaedia Britannica, Ninth Edition.

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Zweitens wird ein Teil des iisthetischen Genusses durch die in tel-lectuelle Wahrnehmung und durch eine angenehm empfundene Auf-einanderfolge der Ideen hervorgerufen, die der Dichter durch die Worte in uns erweckt. So scheint uns der Stil des oinen Schriftstellers leicht und angenehm dahin zu fliessen ; wiihrend der Gedankengang des andern uns sti')rt und lastig wird. Dies Gebiet fallt also i'.usam-men mit dem der rhetorischen Syntax; denn es handelt sich darum, welclie Auswahl von Vorstellungen der Dichter in uns erzeugt, in welcher Reihenfolge und in welcher Verhindung ').

Das wichtigste Moment für die Ilervorhringung oines iisthetischen Genusses ist aber die Wirkung der durcli die Sinnesempfindungea sowohl als auch durch die intellectuellen Vorstellungen wachgerufencn associierten Gemütsempfindungen und Ideen. Wir hal)en schon gehort , das alle Erfahrungen dor Seele in Gestalt cines lehendigen Organismus erhalten bleibeu. Sehr anschaulich had Fechner J) diesen Orgnnisinus von Vorstellungen und Gefühlen verglichen mit einem aufgespannten grossen Netze. Wird es an irgend einem Punkte ange-schlagen, so erzittert das ganze Gewehe, und am stiirkstcn die Punkte, die dem angeschlagenen am nachsten liegen und durch die stiirksten und am meisten gespannten Fiiden damit zusammenhiingen. In einer solchen passenden Erschütterung des Gediichtnissinhaltes erhalten wir also die dritte Art der Hervorbringung eines iisthetischen Efi'ectes.

.Ieder von uns triigt so ein Gewebe von Vorstellungen und Geluiden in unbewusster Form in sich; es ist die Erinnerung von seiner ganzen voraufgegangenen Lebenserfahnmg, und bei Jedem ist es daher vcr-schieden. Wird es bei der Lectiire eines Gcdichtes oder bei dem Anhören eines Dramas bewegt, so erfolgt eine unendliche Mannig-faltigkeit von Erschiitterungen; an Tausendon und Abertausenden von Punkten wird unsere Seele erregt, und dasselbe Gedicht erregt Jeden anders, da bei Jedem ein anderer Inhalt, und in anderer Verhindung, getroffen wird. Darum ist das Wort nur zu wchr, dass Niemand den Dichter vollkommen verstcht, dass unser Verstiindnis im besten Falie ein anniiherndes ist, und dass die Forschung nie aufhören kann. Und ferner auch, dass der Erkliirer sich wohl luiten muss, dass er, wo er auslegen will, nicht etwa Fremdes unterlege.

Daraus erhellt wieder die Notwendigkeit, die Dichterseele selber aus ihren Werken in all ihren Einzelheiten und in ihrer Entwicklung zu bestimmen; auch das iisthetische Vermogen ist eine Eigenschaft, die aus schwachen Anfimgen erst zu einer grossen Kraft crwiichst.

') Ten Brink, Ueher die Aufyahe der Litteraturqeschichte, 8. 151'. 2) Vorschule der A est heli 1:, 187(gt;, S. lil.

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Wir müssen die Werke des Dichters also bis in die kleinsten üsthetischen E le men te auflüsen und diese einzeln in ihrer Wirksani-keit priifen; und namentlich sind die Elemente verschiedener Art (je nachdem sie auf die Sinncsorgane, den Verstand, oder das Gemüt wirken, direkt oder durch Association) zuniichst getrennt von einander zu betrachten. In jedem einzelnen Werk sind sie besonders nachzu-weisen; es ist ihr Maass und das Gleichgewicht ihrer Verwendung festzustellen; namentlich ist auch zu prüfen, ob die Wirkung der verschiedenen Elemente eine harmonische ist, ob die Stimmung bei allen von derselben Art ist, oder ob nicht etvva der Rhythmus und die Lautsymbolik, wie Ten Brink es passend nennt'), einen andern Eindruck hervorrufe als der Inhalt. Denn jeder Inhalt verlangt seine besondere Form; und all die Beziehungen zwischen beiden aufzu-decken, zu zeigen, unter welclien Umstiinden in den einzelnen Fallen eine gleichmassige Wirkung zu stande komme, gehort zu den schwie-rigsten Aufgaben der iisthetischen Forschung. Dann wird natiirlioh der reinste iisthetische Eti'ect erzeugt, wenn sich die Sinnesemptin-dungen, Vorstellungen und Gemütsbewegungen wabrend ihres ganzen Verlaufes vollkommen in ilirer Stimmung entsprechen. Und es ist festzustellen, in welchem Grade der Dichter die Fahigkeit zu solch einer einheitlichen iisthetischen Empfindung besitzt und wie er das spröde sprachliche Material damit zu beleben vermag.

Nach der Betrachtung der einzelnen Werke müssen sie alle mit einander verglichen werden. Da wird sich ergeben, dass inancher Dichter in der Jugend eine Vorliebe für die sinnlichen Wirkungen verriit, die sich spiiter abschwacht. Ein anderer überwiiltigt uns mit seiner Gedankenfülle. Bei einem jeden wird sich auch mit der Zeit die Natur der Elemente veriindern. Bezüglich der grüssern oder ge-ringern Einheitlichkeit der Wirkung werden Verschiedenheiten, her-vortreten. Und es wird sich dann auch effenbaren, dass ein vernünftiger Zusammenhang in den Wandlungen besteht, der in der Entfaltung des Dichtergeistes seinen Grund hat. Eine Neigung nach bestimmter Richtung, ein fortschreitendes Wachsen seiner iisthetischen Fiihig-keiten tritt hervor, und manchmal wird dies so merklich an den Werken sein, dass man ihre zeitliche Reihenfolge mit Hülfe einer solchen analytischen und vergieichenden iisthetischen Untersuchung mit ziemlicher Genauigkeit festlegen kann; wie dies für Shakespeare's Dramen vielfach versucht worden ist. Dass der Erfolg für diese heute noch kein vollkommener ist und die Resultate der einzelnen Forscher

') Ueher die Aufgabe der Litteraturgeschichte S. \3.

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^ar oft erheblich von cinnncler abweichen, liegt damn, dass die innigen Beziehiingen zwischen Ideeninhalt und sprachlicher Ausdrucksform und ihre vollstiindige Abhiingigkeit von einandor entwcder gar nicht oder nicht genügend gewiirdigt sind. und dass noch kcincr eine all-seitige, glcichmüssigc und erschöpfende Untersuclgt;ung angestellt hat.

Die letztc Aufgabc dor historischen Asthetik wird dann sein die allgemeinen psychischen Ursachen der Entwickelung aufzufindon und ihre Gesotze aufzustellen.

Fn den Werken des Did iters können vvir aber den asthetischen [deen, ihrer Wirksamkeit und ihrcr Vcrwicklichung nicht allein nachspürcn '); mit ihnen unlösbar verknüpft erscheint auch der übrige Ideenreiehtum seiner Nation. Diesen Inhalt bringt der Künstler za einem harmonisclien Ausdruck, und keiner so vollstandig als der Dichter, dem vor allen andern Künstlern das fahigste Material zu Gebote steht. In der That steht er mitten inne in der unermesslichen Entfaltung des Denkens, Fiihlens und Schaffens seines Volkes. Nichts darin geschieht unabhiingig von den übrigen Ereignissen. Die ge-saramte Kultur eines Volkes ontspringt ja aus derselben psychischen Grundlage. Das Thiitige l iei ihrem Ausbau sind dieselben psychischen Einzelorganismen. Durch ilire vereinte Wirksamkeit werden die privaten, socialen und politischen Einrichtungen geschaffen, werden die sittlichen, künstlerischen und philosophischen Tdecn entwiekelt. Die litterarischen Erscheinungen sind nur Ausserungen éiner Art aus denselben nach allen Richtungen hin thiitigen Geistern. Jede Thii-tigkeit hinterliisst ihre Wirkung auch in der handelnden Seele zurück, gestaltet sie um. Auch die Dichter dichten nicht bloss; auch sie formen die privaten, socialen und politischen Verhiiltnisse mit. Namentlich in den Anfangen einer Kulturentwickelung sind die Menschen allseitig und gleichmiissig thatig. So seben wir immer deutlicher, dass wirklieh genommen die Aufgabe des Sprach- und Litterarhistorikers keine selbstandige ist, dass sie gar nur eine falschc Fragestellung ist; denn einen rein sprachlichen und litterarischen Geist, eine rein sprachliche und litterarische Entwickelung giebt es nicht. Wir müsscn also, um unseren Irrtum zu korrigieren, unsere Aufgabe allgemeiner fassen und uns immer als letztes Ziel vorhalten, dass wir nicht eine Sprach- und Litteraturgeschichte, sondern eine Kulturgeschichte zu schreiben haben, eine historische Darstellung der einheitlichen Entwickelung aller Seiten des nationalen Lebens.

Zu dieser Erkcnntnis ist die klassische Philologie schon im 18. Jahrhundert gelangt und ist seitdem allmiihlich zu eincr allgemeinen

') 'IVn Drink. I cber die Aufyiibc der Li Itcratunjcsc/i ich te. S. quot;iO.

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Altertuinswissenschaft ausgebaut worden. Audi die dcutsche und englische Pliilologio hat die Notwendigkeit anerkannt, obgleich die unendliche Vielseitigkeit des modernen Lebens die Aufgabe ungleich schwieriger macht. Es ist zwar dagegen ins Feld geführt worden, dass die gewaltig zunehraenden internationalen Wechselwirkimgen in der neneren Zeit nicht gestatteten, von einer englischen, deutschen oder französischen Kultur zu sprechn, da es nur óine moderne Kultur gebe. Dieser Einwand beseitigt aber die aufgestellte Aufgabe in ihrcr Art niclit; würde vielmebr nur dazu zwingen, sie noch weiter auszu-dehnen und statt einer englischen Kulturgeschichte u. s. w. cine all-gemeine occidentalische Kulturgeschichte zu verlangen. Diese dürfte sich aber dcnnoch sehr deutlich nach den Nationen spalten, da die Volkse!laraktere bis auf den heutigen Tag scharf genug untcrschieden sind und darum auch ihre Kuituren sich in besondern Pormen entwickeln.

l?is heute hat keine Philologie ihr hohes Ziel wirklich erreicht; ja, es ist i;ns klar geworden, dass wir es nie ganz erreichen werden. Zu welch grossartigen Leistungcn aber dieses feme winkende Ziel führcn kann, das hat uns auf dem Gebiete dor englischen Philologie am besten ein Niederliinder gezeigt, der freilich nicht in seinem Vater-lande gewirkt hat: Bcrnhard ten Brink, der erste Professor der englischen Philologie in Deutschland, dessen Geschichte der englischen Litteratur auch in ihrer unvollendeten Gestalt mit za den allerbesten litterarischen Werken überhaupt zahlt.

Auch bei seinen Landsleuten muss dieses Meisterwerk des leider zu früh verstorbencn Gelelirtcn weit bekannt sein, und es muss bei Manchem cine Liebe zu dem würdigen Gegenstand erweckt oder gestiirkt haben, den ich die Auszeichnung habe in Zukunft an dieser Hochschule zu behandeln. Sclbst mit mcinen besten Bemühungcn zwar, so muss ich mit Bedauern bekennen, wird es mir nicht gelingen, dem grossen Beispiel nahe zu kommen.

Hochgeehrte Herren Curatoren dieser Univcrsitat! Sie haben mich mit Ihrem Vertrauen geehrt, als Sie meine Berufung bei der König-lichen Rcgicrung erwirkten. Sie haben heute gehort, dass ich mir die Schwierigkeiten meiner Aufgabe nicht verhehle und dass ich die Unzu-liinglichkeit meiner Kriifte fühle. Vollkommen erkenne ich, dass Sie mit Ihrem Zutrauen zu mir über das Maass hinaus gegangen sind, welches die Kenntnis von meinen seitherigen Leistungen Ihnen besten Falies geben konnte. Um so grosser ist meine Dankbarkeit, und um so crnstlichcr und eifriger wird mein Streben sein ihr Vertrauen durch meine zukünftigc Thatigkeit zu rechtfertigen. Pür die Erfüllung meiner Pflichtcn wird mir Ihr dauerndes Wohlwollen unentbehrlich sein; in

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welcher Gestalt zunachst,, habe ist iTiir erlaubt liereits anzudeuten. Ich komine avis einem andem Tuinde, ich will nicht sagen aus einem fremden; aber fremd sind mir noch die Verhaltnisse, in die ich mich hier zu gewöhnen habe. Seien Sie versichert, dass ich mich auch redlich bemühen vverde, den besonderen Anforderungen zu genügen, die hier an mich herantreten werden. Sollte ich ab und zu fehlgreifen, so hoffe ich auf gütige Nachsicht und Geduld.

Auch Ihnen, hochgeehrter Herr Secretiir, möchte ich hier óffent-lich meinen herzlichen Dank aussprechen für das freundliche Entge-genkommen, das Sie mir schon gezeigt haben, und icb empfehle mich auch fernerhin Ihrer wohlgeschiitzten Geneigtheit.

Hochgelehrte Herren Professoren dieser Universitiit! Icb habe aus meinen Ausführungen über meine Wissenschaft, glaube ich, hinrei-chend hervorleuchten lassen, dass ich nicht beabsichtige mein Gebiet mit einseitiger Selbstgenügsamkeit und klciulicher Beschriinkung zu bearbeiten; dass ich die unvermcidliche Notwendigkeit anerkenne aus den nahe verwandten Wissenschaften Bclehrung in betriichtlichem

I Umfange zu holen; und dass ich die Überzeugung pflege, dass ich

mit meinen bescheidenen Bemiihungen auf meinen Gebiet nur an grosseren, umfasscnderen Aufgaben mitwirke. Und wem ven Ibnen ginge es anders! Alle Wissenschaften umschlingt éin Band; wir alle trachten nach Befriedigung des menschlichen Verlangens nach Er-kenntnis. Auf verschicdene Weise sind wir tbiitig, und arbeiten mit verschiedenem Material; aber unsere Wege kreuzen sich oft und sind mannichfach mit einander verschlungen. Und zuletzt, hoffen wir, werden sich die Ergebnisse unserer Mühen in einer einzigen allge-meinen Wissenschaft vereinigen lassen. Untcr wissenschaftlichen For-schern bestehen nicht die Scheidungen der Nationen. Eine erquickcnde Aufnahme habe ich bereits von mehreren Kollegen gefunden, und ich darf hoffen, dass, wie ich Ihncn Allen naher trete, Geftthle der Freundschaft zwischen uns aufspringen werden. Um so vertrauensvoller werde icli dann Rat bei Ihnen holen dürfen, um so reichlicher werdin Sie mir von Ihrer Gelehrsamkeit und reifcren Erfahrung mit-teilen. Und die Aufgabe, an die ich für mich allein hierher gestellt nur mit Verzagen herantreten würde, kann ich im Vertrauen auf Ihr Entgegenkommen und Ihre Unterstützung mit Aussicht auf lohnenden Erfolg unternehmen.

f Auch von Ihnen, verehrte Herren Studenten dieser Universitiit,

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versehe ich mich freundlicher Gesinnungen. Es war mir eine grosse Freude, aus Ihrer Mitte schon in der Feme zu meiner Ernennung beglückwünscht zu werden. Seien Sie versichert, dass es mein leb-hafter Wunsch ist, Ihren Erwartungen zu entsprechen. Zwar kenne

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ich bis jetzt weder das Eigentümliche Ihrer Anschauungen und Gewohnheiten, noch weiss ich genau, auf welche Bedürfnisse alle ich werde Riicksicht zu nehmen haben. 8ie werden daher vielleicht hiiufig den Ausliinder in mir entschuldigen miissen. Doch werde ich Allen dankbar sein, die rair eine Annaherung erleichtern und mein besseres Verstiindnis der hiesigen Verhaltnisse fördern. Aus der Mitte ciner gedeihlichen Wirksamkeit in Heidelberg komme ich hierher, und werde meinen Weg hier unsicher tastend suchen müssen. Es liegt zum Teil aucli in Ihrer Hand, ob es mir bald gelingen wird den richtigen zu finden, und raeine Krafte erspriesslich anzuwenden. Lassen Sie uns unseren guten Willen vereinigen. und der gute Erfolg wird nicht fehlen.

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