ocr page 1

Über den

Fünfkampf der Hellenen

insbesondere

die demselben eigentümlichen Übungsarten des

Dreisprunges, Diskos- und Speerwerfens

und dio

Fünfkainpforfliiimg,

Nebst einem Anhange:

Der Fünfkampf in nener Gestalt.

Von

Professor Dr. Fr. Fedde.

LEIPZIG

Verlag von Eduard Strauch 1889.

^___________J

ocr page 2
ocr page 3

■ - ^

'bpr den

Fünfkampf der Hellenen

insbesondere

die demselben eigentümliclien Übungsarten des

Dreispnmges, Diskos- und Speerwerfens

•t

i

imd die

Fünfkampfordnung.

Nebst einem Anhange:

Der Füntkampf in neuer (Jestalt.

V on

Professor l)r. Fr. Fedde.

LEIPZIG

Verlag von Eduard Strauch 1889.

1

,,

ocr page 4

N

ocr page 5

V ox*wort.

Die Untersuchungen über den Fünfkampf der alten Hellenen, welche auf vielfachen Wunsch in diesem Büclilein übersichtlicli zusanimengestellt ersclieinen, sind urspriinglich in kleineren Ab-schnitten nach und nach in den , J ahrbüchern der deutschen Turn-kunstquot; (Jabrg. 1886 und 1888) vcröffentlicbt. Die ersten Abschnitte sind zu Anfang des Jabres 1886, die letzten meist in der zweiten Halfte des Jabres 1888 gescbrieben, so dass also zwiscben der Abfassung der ersten und der zweiten Halfte der Arbeit ein ziemlicb langer Zeitraum verflossen ist. W abrend dieser Zwiscben-zeit erscbien liber den bebandelten Gegenstand eine anregende PrMjspwmabliandlung von Dr. Hans Marquardt: Zum Peutatblon defHellenen (Giistrow 1886) und fand der Verfasser Gelegenbeit in Berlin und Mlincben, die in den dortigen Museen befindlicben alten Darstellungen aus dem Gebiete der Flinfkampfübungen in Augenscbein zu nebmen und auf einem Gauturnfeste zu Gantb das von ibm aufgefundene Kampfsystem praktiscb zu erproben. So sab sicb derselbe veranlasst, die Sacbe immer wieder von neueni zu priifen, und er gelangte auf diese Weise liber den einen oder den anderen Punkt zu einer von der früberen etwas abweicbenden Ansicbt. Daraus erkliirt es sicb, wenn die allmablicb entstandene Arbeit nicbt wie aus einem Gusse erscbeint.

✓

Die Pentatblonfrage ist scbon wiederbolt von Altertumsfor-scbern eingebend erörtert worden; aber keinem derselben ist es bis-ber unseres Eracbtens gelungen, dieselbe befriedigend zn lösen-Zwar bat der emsige Fleiss der Gelebrten immer mebr gelegent-licbe Angaben der ;ilten Schriftsteller liber die Zusammensetzung des Kampfspieles und seine einzelnen Teile, sowie liber vorgekom-mene Fiinf kaninfe ausgesplirt und zusammengetragen; audi bat man in den 1 .tzten Jabrzebnten die alten Denkmaler, namentlich Vasengemiil .e, mebr und mebr zur Erliiuterung der Sacbe beran-

/

ocr page 6

IV

gezogen. Aber es fehlt immer nock an einem alten Zeugnis, welches eine zusammenliangende, klare Auskunft ttber das Kampf-system gabe, und es siebt sicli die Forscbung bei diesein Meister-werk altgriecbiscber Agonistik immer nocb auf eine lückenhafte und scbeinbar widerspruchsvolle scbriftliche und Denkmiilerüber-lieferung des Altertums angewiesen. Um diese Lücken zu ergiinzen und diese scbeinbaren Widersprücbe zu beseitigen, ist neben dem nötigen pbilologischen und arcbaologiscben Wissen aucb ein gewisser spirit of sport erforderlicb, an dem es, wie Percy Gardner nicbt ganz mit Unrecbt behauptet bat, den Gelebrten, die sich bisher mit dieser Frage beschaftigt baben, manchmal gemangelt bat. Dieser zur Lösung der scbwierigen Anfgabe luientbehrlicben tecbniscben Einsicbt glaubt der Verfasser der vorliegenden Unter-sucbungen nicht zu entbehren; denn, von Kindbeit an ein eif'riger Turner, ist er aucb Jahrzehnte hindurch als Leiter von Leibes-übungen in Schulen und Vereinen und als Kampfordner bei tur-nerischen Wettkampfen thatig gewesen, er hat audi u. a. als Mit-glied eines vom deutscben Turntag zu Berlin 1879 eingesetzten Ausschusses die beute ftir die deutscben Turnfeste geltende neue Turnfest- und Wettturnordnung entwerfen belten. Somit glaubt er nicht olme einigen Beruf an die Fttnfkampffrage heran-gegangen zu sein und die von ibm getundene Lösung der ge-neigten Beachtung und ernsten Prüfung der Altertnmst'orscher und turnerischen Fachleute empfehlen zu dttrfen.

Die ersten Abschnitte der Arbeit behandeln eingehender, als dies bisher irgendwo geschehen ist, die drei dem Fünfkampf eigen-tümiicben Geratübungen des Springens, Diskos- und Speerwerfens; diesen Ab.schnitten sind che Belegstellen aus den Schriften dei-Alten, soweit dies irgend nötig erschien, aucb im Urtext bei-gegeben, aber, weil die Darstellung in erster lieibe auf den vor-wiegend turnerischen Leserkreis der „ Jahrbücher der deutscben Turnkunstquot; berechnet ist, mit genauer Ubersetznng und Erklarung versehen. Den Gegenstand der spateren Abschnitte bildet die Fiinfkampfordnung, insbesondere die Reihenfolge der fünf Kampfe und die Bedingungen, unter denen diese fünf Kampfe durchgemacht wurden und schliesslich der Gesamtsieg zuerkannt ward. Hier konnte auf die Anführung der alten Zeugnisse im alten Wortlaut verzichtet und in dieser Beziehung auf eine wissenschaftliche Ab-

ocr page 7

handlung des Verfassers verwiesen werden, die zu Ostern 1888 als Beilage des Programms des Elisabetgymnasiums zu Breslan (auch im Kommissiousverlag von G. Fock in Leipzig) erschienen ist und zu der dies Büchlein eine Erganzung und Weiterführung ist.

Als Anliang ist schliesslich den Üntersuchungen über das Pentathlon der Alten ein in dieser Form noch nicht veröffent-lichter , Fünfkampf in neuer Gestalt ■ hinzugefügt. Es wird hier die althellenische Kampfordnung in ihren Grundzügen beibehalten; doch werden die unserm turnerischen Ubungsbetriebe fremden Übungsarten des Diskosschleuderns und Halterenspringens durch das entsprechende deutsche Steinstossen und gewühnliche Weit-springen und der Riemenspeer durch den Ger ersetzt und im ein-zelnen die Bestimmungen der neuon deutschen Wettturnordnung verwertet. Diesen erneuten Fünfkampf empfehle ich ganz beson-ders zur gelegentlichen Durchführung bei festlichen Anlassen: Die neue Fünfkampfordnung verfolgt mit der neuen deutschen Turn-fest- und Wettturnordnung dasselbe Ziel, indem sie nicht der ein-seitigen, sondern der allseitigen Ausbildung des Leibes zur An-erkennung und Förderung verhellen will; sie erreicht aber dies Ziel in einer für alle Beteiligten spannenderen und gerechteren Weise.

Fr. Fedde.

ocr page 8

Ubersicht des Inhalts.

Kinleitung. Bisher veroffentlichte Schriften über die Pentath-lonfrage: Begründung und Verbreitung des Fünfkampfes . .

1) Aus welchen einzelnen Kilmpfen setzte sich der Fünl-kampf zusammen'? Die drei aus dem Altertum überlieferten Zusanimenstellungen.......... . . . .

2) Wie gestalteten sich die einzelnen Kampfe. insbeson-dere in den drei dem Pentathlon eigentümlichen Übungsarten?.................

a) Das Springen der Pentathlen und der Sprung des Phayllos. Der Sprung des Phayllos nach der Überlieferung de? Altertums; die bedeutendsten Leistungen der Neuzeit im Weitsprung. Künstliche Hilfsmittel der Fünfkampfer zur Steigerung des Weitsprunges; Flötenmusik, Halteren, Bater. Der Weitsprung der Fünfkampfer ein Dreisprung. Das Skamma oder die Springbahn der Fünfkampfer . . . .

b) Das Diskoswerfen. Der Diskos oder die Wurfscheibe als Wurfgerat; die Handhabung des Diskos nach der Überlieferung des Altertums...............

c) Das Speerwerfen. Das Akontion oder der Riemenspeer mit der Wurfschleife (Ankyle. Amentum); die Handhabung desselben vermittelst der Wurfschleife. Der Speerwurf der Fünfkampfer ein Zielwurf............

3) Welches war die Reihenfolge der fünf Kampfequot;? Die Verschiedenheit der Reihenfolge nach den Ansichten der Neue-ren und in den vollstandigen Aufzahlungen des Altertums. Gelegentliche Andeutungen alter Schriftsteller über dieselbe. Die wahre Reihenfolge ist die des Artemidoros: Laufen, Diskos, Sprung. Speer, Ringen...............

4i Von welchen Bedingungen war die Zuerkennung des Gesamtsieges abhangigquot;? Widerlegung von G. Hermann und A. Boeckh. G. Fr. Philipp und Ed. Pinder, Percy Gardner. A. E. I. Holwerda und H. Marquardt. Neue Kamptordnung: Einteilung der Gesamtzahl der Kampfer in Kampfergruppen von drei (Taxeis. Triaden) wahrend der vier .Dromosübungen'i und entscheidender Ringkampf der bisher in wenigstens zwei Stücken siegreichen Fünfkampfer um den Gesamtsieg. '/ u sammenfassendes Bild von dem gesaniten Verlaufe des Fünfkampfes zu Olympia..........

Anhang. Der Fünfkampf in neuer Gestalt, dem turneri-schen L'bungsbetrieb der Gegenwart angepasst......

Namen- und Sachregister.............

ocr page 9

Über den Fünfkampf der Hellenen.

Von Dr. Fed de in Breslan.

Separatabdruck aus den „Jahrbücheru der Deutschen Turnkunstquot;.

Eine Meinungsverschiedenheit der beiden grossen Philologen, Gottfried Hermann und August Boeekh, über die Erklarung einer schwierigen Stelle in dem siebenten Nemeischen Siegesliede des Pindaros von Theben, welches dem Euxeniden Sogenes von Aegina, der im Jahre 461 v. Ohr. zu Nemea im Fünfkampf der Knaben gesiegt hatte, gewidmet war, hat den ersten Anlass gegeben, der eigentüm-liehen Zusammensetzung und Ausgestaltung des voilkommensten Karapfspieles der alten Hellenen niiher nachzuforsehen. Schon Gottfried Hermann1) hat dann das Pentathlon selbst zu dem Gegenstande einer besonderen Abhandlung gemaeht, welche er im Jahre 1822 „über des Aegineten Sogenes Sieg im Fünfkampfquot; verööentlichte, der dann im Jahre 1827 eine Schrift von G. Fr. Philipp2) „über den Fünfkampfquot; folgte. Eine Einigung der Ansichten über das Wesen des Kampfspiels wurde zwischen diesen Gelehrten, welche zuerst über dasselbe eingehendere Untersuchungen anstellten, nicht er-zielt; auch den Forschern, welche spater sich damit eingehender beschaftigten, wie M. H. É. Meier3), I. H. Krause4) u. a. gelang es nicht Ergebnisse zu erzielen, die sich allgemeiner Zustimmung

1

1

) De Sogenis Aeginetae victoria quinquertii. Lipsiae 1822.

2

3) De pentathlo sive quinquertio commentatio, Scr. G. Fr. Philipp Bero-lini 1827.

3

) In dem Artikel rOlympische Spielequot; in der Allgem. Encyclopadie (Bd. III,

S. 303 ff.).

4

■') Die Gymnastik ur.d Agonistik der Hellenen von Dr. Joli. Heinr. Krause, Leipzig 1841, besonders S. 17(5 ff. Derselbe in dem Artikel „Pentathlonquot; der Allgemeinen Encyclopildie in dem Artikel „Gymnasticaquot; vnn Panlys Realency-clopiidie.

ocr page 10

2

erfreut batten, obwohl naraentlich der Verfasser der Gymnastik und Agonistik der alten Hellenen ein ziemlich reichhaltiges Material zur Beurteilung der Frage zusammentrug. Neues Leben kam in die Untersuehung durch die treffliche Schrift, welehe Eduard Pinder1) über den Gegenstand 1867 erscheinen liess: es vvurde nicht bloss das bisher verwertete Material erheblich vermehrt, sondern auch, da es immer noch an einem vollen und klaren Zeugnis des Altertums zur Erkenntnis des Karapfsystems fehlte, ein kühner Versuch gemacht, dieses System auf dem Wege eines konstruktiven Verfahrens wieder aufzufinden. Seine geistvoll entwickelten Ansichten fanden zunachst ziemlich allgemeinen Beifall bei Alterturasfbrschern und Turngelehrten. So erkliirten sich z. B. Eckstein2), Bintz3), Grasberger4) für die Pindersche Auffassung, und der Vortrag, in welchem ich auf der VIII. deutschen Turnlehrerversammlung zu Braunschweig 1876 wesent-lich dieErgebnisse derPinderschenPorschungea entwickelte, fand eben-falls die allgemeine Zustimmung der versammelten Turnlehrer.5) Wenn ich dem auf jener Turnlehrerversammlung laut gewordenen Wunsche, meinen Vortrag drucken zu lassen, nicht alsbald nachkam, so lag der Grund für diese Zurückhaltung namentlicb darin, dass ich noch über den einen und andern Punkt meine Zweifel batte, die mich mit dem bis dahin gewonnenen Eesultat doch nicht ganz zufrieden sein liessen. Seit jener Zeit sind denn auch Altertumsforscher aufgetreten, welehe erhebliche Bedenken gegen das von Pinder aufgestellte Kampf-system geltend gemacht haben. Es sind diesmal besonders ein paar nichtdeutsche Gelehrte, welehe die Streitfrage des Pentathlon, die früher nur fast ausschliesslich von deutschen Philologen behandelt war, wieder in Fluss brachten. Zuerst that dies der englische Gelehrte Percy Gardner durch einen Aufsatz: „The Pentathlon of the Greeksquot; im „Journal of Hellenic studies (Band I, S. 210 lï.) und als-dann, hierdurch angeregt, der bollandische Archaologe A. E. I. Hol-werda durch seine „Olympischen Studiënquot; III in der Archaologiscben Zeitung (Jahrgang XXXIX 1881, S. 205 fl.). Beiden ist es gehangen, dem von Pinder so künstlich errichteten Bau Grundsteine zu ent-ziehen und ihn so zu Falie zu bringen; nicht aber haben sie unseres Erachtens einen neuen bessern Bau an dessen Stelle aufzurichten vermocht, mag auch der englische Gelehrte Ernest Myers in einem

1

rgt;) Über den Fünfkampf der Hellenen von Dr. Ed. Pinder, Berlin 1867.

2

) Friedr. Lübkers Keallexikon des kl. Altertums. IV. verb. Aufl. heraus-gegeben von Dr. Fr. A. Eckstein und Dr. Otto Slefert. Leipzig 1874. S. 408.

3

') Die Gyranastik der Hellenen von Dr. Julius Bintz. Gütersloh 1878. S. 65 tf.

4

) Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum. Von Dr. L. Grasberger. Bd. III. Würzburg 1881. Besonders S. 182 ff.).

5

) Siehe Deutsche Turn-Zeitung. Jahrgang 1876. S. 317.

ocr page 11

3

Aufsatze desselben „Journal of Hellenic Studiesquot; (II. p. 217 ff.) seinem Landsmann zustimmen und Adolf Bötticher in seineno hübsehen Werke über Olympia10) sieh Holwerdas Ansichten vollstilndig anschliessen. Nur bedingte Zustimmung findet Holwerda bei dem Archiiologen H. Blümner; dieser erkliirt neuerdings1') wieder, dass eine sichere Beantwortung namentlich der. Frage nach dem Prinzip des Sieges im Fünfkampf auf Grund des uns vorliegenden Materials noch nieiit möglich sei. ist aber im tibrigen einer Vermittelung zwischen den Ansichten Finders und Holwerdas geneigt.

Nicht ganz mit Unrecht findet Percy Gardner den Grund. wes-wegen es den deutschen Gelehrten vor ihm nicht habe glücken wollen die wahre Xatur des Pentathlon zu entdeeken. in einem Mangel der Bekanntschaft mit der Xatur athletischer Wettkampfe und in dem Fehlen jenes Sportgeistes, der anscheinend in den alten Zeiten der fast ausschliesslicbe Bcsitz der Griechen gewesen sei und in der Gegenwart ein Vorzug der Englander sei. Vielleicht aber gelingt es trotz dieses Mangels an „spirit of sportquot; einem deutschen Philologen. der in seinen jungen Jahren öfter als Wettkilmpfer. in seinem rei-feren Lebensalter nicht selten als Kampfrichter thiltig war und dei-die neue deutsche Wettturnordnung. die sich auf den letzten Turn-festen so wohl bewiihrt hat, mit entwerfen half. wenigstens einige Schwierigkeiten der dunkeln Pentathlonfrage aufzuklaren. Lücken-haft und scheinbar widerspruchsvoll genug ist freilich das aus dem Altertum überlieferte Material; und das Kampfsystem. dessen Auf-findung das Ziel der Untersuchung sein soil, muss bei dem Euf der Vollkommenheit, dessen es sich im griechischen Altertum erfreute, weitgehende Ansprüche erfüllen, soil es den Beifall des Sachkenners finden. Demi man würde sich wohl nur schwer entschliessen. wie E. Pinder richtig (S. 50) bemerkt , ein System für wahrscheinlich zu halten, das nicht wenigstens die Durchführung des Kampfes in allen seinen Einzelheiten bei jedem Agon sowie das Ergebnis eines Gesamtsiegers in jedem Falie sicherte und dabei das Interesse des Zuschauers an dem Schauspiele bis zu seinem Ende festhielte. Aber auch ein solches Kampfsystem dürfte nicht unsern Beifall finden. bei dessen Einrichtung der einen Kampfart unverhaltnismassig viel mehr Einfluss auf das Erringen des Schlusssieges eingeraumt ware als den übrigen. und bei dem eine Beendigung aller fünf Kampfe an einem Tage nicht möglich wilre; namentlich dieser letzte Punkt ist iu den früheren Behandlungen der Frage nicht seiner vollen Bedeutung nach

10) Olympia. Das Fest und seine Stiitte. II. Aufl. Berlin 1886. S. 107 tt.

11) In seinem Artikel „Fünfkampf in dem Werke: Denkmaler des klassieken Altertums zur Erklarung des Lebens der Griechen und Romer in Religion, Knust und Sitte Herausgegobeu von A. Baumeister. I. Hd. 1885 Müuchen und Leipzig. S. 572 ff.

1*

ocr page 12

4

gewürdigt worden, weil man die Zahl der Wettkampfer, welehe sich am Pentathlon zu Olympia und an anderen Festorten Altgriechen-lands beteiligten, entschieden unterschatzte.

Über die Begründung und Verbreitung des Fünf-kampfes ist kurz folgendes zu bemerken. Eine auf der Insei Aegina, dem Vaterland vieler wackrer Fünfkümpfer, heimische Sage führte die Einrichtung des Kampfspieles auf die Zeit und in den Kreis der Argofahrer zurück und nannte bald Peleus, bald den Hauptheiden der Argo, Jason, als den Stifter. Allein ein alter Gelehrter (in den Scholien zu des Pindaros Isthmiscben Siegesliedern I, 26) bemerkt in dieser Beziehung, dass zur Zeit der alten Heroen der Fünfkampf noch nicht bestand; er ist nachweislich erst in historischer Zeit entstanden, und zwar wurde er am frühesten, in der 18. Olympiade (708 v. Chr.), in den Kreis der olympischen Wettspiele aufgenommen und wurde hier in Olympia vermutlich so lange geiibt, bis Theo-dosius im zehnten Jahre seiner Regierung 394 n. Chr. der alten hellenischen Festesherrliehkeit ein Ende bereitete.

Von Olympia verbreitete sich das Pentathlon allmahlich über ganz Hellas nnd fand verhaltnismassig früh, wenigstens schon um die Zeit der Perserkriege, zu Anfang des fünften Jahrhunderts vor Christo, auf den grossen Nationalspielen zu Nemea, auf dem Isthmos und in Delphi sowie auf den grossen Panathenaen in Athen Auf-nahme. In spaterer Zeit wurde es auch auf vielen der minder be-deutenden Festspiele andrer grosser und kleiner Stiidte üblich. Wir wüssten die Namen aller dieser Stiidte, wiire uns noch das Standbild oder auch nur der Sockel des Standbildes jenes Eleers Timon er-halten, der in siimtlichen Festspielen, welche das Pentathlon kannten, die Isthmischen ausgenommen. Sieger im Fünfkampf gewesen war. Pausanias. der um die Mitte des zweiten Jahrhunderts unsrer Zeit-rechnung lebende Baedeker des Altertums, hat die über diese Siege berichtende Inschrift noch auf jenem Sockel zu Olympia gesehen, wie er in seiner „Beschreibung Griechenlandsquot; (V, 2, 5) erzahlt, leider ohne uns den Wortlaut oder auch nur den wesentlichen Inhalt dei-Inschrift mitzuteilen. Doch auch ohne Kenntnis dieser wertvollen ürkunde lasst sich nachweisen, dass ausser den erwahnten 5 Orten noch J2 andre hellenische Stiidte (Aphrodisias, Byzantion, Chalkedon, Kyzikos, Neapolis, Nikomedeia, Oropos, Pellene, Pergamon, Perinthos, Phlius und Thespiae) den Fünfkampf bei ihren Festen geübt haben. Dabei veranstalteten Athen, Aphrodisias, Oropos und Thespiae und wahrscheinlich auch Kyzikos und Perinthos besondere Agone für Knaben, bartlose Jünglinge und Manner. In der 88. Olympiade (628 v. Chr.) wurde seitens der Eleer auch zu Olympia ein beson-derer Knabenfünfkampf angestellt, der aber alsbald von denselben wieder abgeschaflt wurde, angeblich weil der spartanische Knabe Eutelidas den Sieg davon getragen hatte. Auch unter den sieg-reichen Fünfkümpfern der nemeischen Spiele wird uns ein Knabe

ocr page 13

5

genannt, eben jener Sogenes von Aegina, zu dessen Ehren Pindaros von Theben den siebenten Nemeischen Siegesgesang gedichtet bat, der den ersten Anlass zu einer gründliehen Untersuchung der Pentath-lonfrage gab. Ob es zu Pytho und auf dem Isthmos besondere Kampfe dieser Art für Knaben gegeben hat, wissen wir nicht. lm ganzen sind uns 52 Namen von Siegern im Fünfkampf erhalten, weiche Pinder in einem Anhange zu seiner Schrift (S. 117 if.) zu-sammengestellt hat.

Indem wir uns nunmehr an die Lösung unserer eigentliehen Aufgabe machen, zerlegen wir dieselbe in folgende Eiuzelfragen: 1) Aus welchen einzelnen Kilmpfen setzte sich der Fünfkampf zu-sammen ? — 2) Wie gestalteten sich die einzelnen Kampfe, insbesondere in den drei dem Pentathlon eigentiimlichen Übungsarten? — 3) Welches war die Eeihenfolge dieser Einzelkampfe ? — 4) Von welchen Be-dingungen war die Zuerkennung des Gesamtsieges abhangig? — 5) Wie war demnach der ganze Hergang des Fünfkampfes zu Olympia? — Bei der Beantwortung dieser Fragen werde ich, wo es irgend nötig oder zweckmassig erscheint, die Quellen selbst reden lassen, indem ich die wichtigsten Zeugnisse des Altertums wortgetreu übersetze und erlautere; für die des Griechischen kundigen Leser dieser Zeitschrift gebe ich in den Anmerkungen öfters den urkund-lichen Text, um ihnen Gelegenheit zu geben, meine Übersetzung und Erklarung der manchmal schwierigen Stellen nachzupriifen und sich eine selbstandige Ansicht zu bilden. Es darf erwartet werden, dass die ganze für Philologen und Turner gleich anziehende Frage in nachster Zeit einer lebhafteren Erörterung unterzogen werden wird, da dem Vernehmen nach auch Herr Dr. Marquardt-Güstrow zu Ostern eine Programmabhandlung über dieselbe veröffentlichen wird.

1) Aus welchen einzelnen Kilmpfen setzte sich der Fünfkampf zusammen?Über diese Frage können wir uns verhalt-nismassig kurz fassen, da dieselbe die einzige ist, weiche endgültig ent-schieden ist und zwar durchE. Pinder (a.O. S. 15ff.). Vor Pinder schwank-ten die Gelehrten, welcher von den drei Zusammenstellungen, die über-liefert sind, sie den Yorzug geben sollten: die meisten Zeugnisse des Altertums nennen Eingen, Sprung, Lauf, Diskos-und Speerwurft vier nennen statt des Speerwurfs den Faustkampf, eins stat; des Diskoswurfes das Pankration. An sich ware es nun viel-leicht nicht ganz undenkbar, dass das Pentathlon an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten nicht die ganz gleiche Zusammen-setzung hatte; allein wahrscheinlich ist es schon von vornherein nicht, dass man das den heiligen olympischen Spielen entlehnte Kampfsystem anderswo ohne zwingenden Grund willkürlich iinderte. Und eine kurze Prüfung der Gewahrsmanner für die drei verschiedenen Angaben auf ihre Glaubwürdigkeit wird zeigen, dass für die erste Zusammenstellung eigentlich alles spricht: die grössere Zahl der Gewahrsmanner, das frühere Zeitalter, dem sie angehören, die

ocr page 14

6

bessere Sachkenntnis, die bei ihnen vorausgesetzt werden darf. Pindaros, der grosse Herold der Sieger in der Blütezeit der grie-chischen Nationalspiele, und der eben erwahnte Pausanias nennen die fünf Kampfe als Teile des Fünfkampfes zwar niemals zugleich, aber doch alle gelegentlich einzeln als solehe; Julius Pollux aus der Zeit des Kaisers Comniodus (180 v. Chr.) ziihlt in seinem „Wörterbuehquot; (Onomast. III, 151) nur die drei Sonderübungen des Pentathlon auf, weil er Ringen und Laufen in einem besonderen Absehnitt für sieh behandelt bat. Eine vollstandige Aufzahluiig in der ersten Zu-sammenstellung geben aber der Sanger der Perserkriege Simonides von Kees in einem Epigramm auf Diophon (Epigr. 155 bei Bergk) und ebenfalls in einem Epigramm der Verfasser von Sinngediehten Lucillius (urn 60 n. Chr.), ferner die Schriftsteller und Gelehrten Artemidoros (Oneirokrit. I, 57), Flavins Philostratos (Gymnastik. cap. 3) und Festus (beim Paul us Diaconus ex Festo s. v. pentathlum p. 211 Müller), welche im zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christo lebten. urn gar nicht erst von den einer spateren Zeit an-gehörigen, aber in ihren thatsachlichen Angaben meist zuverlassigen Scholien (gelehrten Randbemerkungen der Grammatiker) zu Pindar (Isthm. I, 26), Homer (Eustathios zu Ilias XXIII, 621 zwei Merkverse), Platon (Erast. 135 e ein Merkvers), Sophokles (Elektra 691 ein Merk-vers) und Aristides (Panathenaicus p. 112 Frommel) zu reden.

Diesen gewichtigen Zeugen gegenüber, welche entweder noch selbst die heiligen Kampfgesetze aus dem Leben kannten oder wenigstens ihre Angaben aus zuverlassigen Quellen schopten konnten, fallen die drei oder vier Scholiasten und Wörterbuchschreiber nicht ins Gewicht, welche den Faustkampf als fünfte Kampfart anstelle des Diskos setzen; denn dieselben geboren samtlich einer jüngeren Zeit an und haben überdies, wie sieh aus dem Sprachgebrauch nachweisen lasst12), aus ein und derselben trüben Quelle ihre Weisheit geschöpft. Es sind dies namlich die Verfasser der jungen Scholien zu Pindar (013'mp. XIII, 39). eines kleinen zuerst von E. Pinder (S. 22) heraus-gegebenen Textes der Laurentianischen Bibliothek aus dem XV. Jahrhundert und Phavorinus (s. v. ^tVra^os-), wozu vielleicht noch ein Scholion zu Philostratosquot; Heroicis gerechnet werden kann.13) Die von allen gemeinsam benutzte Quelle bot nichts anderes als die auf ziemlich willkürlicher Kombination beruhende Vermutung irgend eines unbekannten Gelehrten aus spaterer Zeit. Dieser Mann kannte offen-bar die eigentümliche Zusammensetzung des Pentathlon nicht mehr aus der lebendigen Wirklichkeit noch aus einer vertrauenswerten Übcrlieferung; er glaubte aber die fünf Teile desselben in den fünf

12) Das t'rülier migebrauchliche spilt aufgekommene Wort ÓUÓ.U(C für „Sprungquot; ist von den Vertretern dor zweiten Znsammenstellung statt des in klassischer Zeit üblichen (ilu». (oder Tiijamp;tifirt) übereinstimmend angewandt.

13) Siehe Pinder a. O. S. 22.

ocr page 15

I

Kampfen erkennen zu dürfen, welche von den ruderliebenden Phaeaken einst dem Duider Odysseus an dem gastlichen Hofe des Königs Al-kinoos vorgeführt wurden. Über diese fünf Wettkampfe der Phaaken singt Homer im achten Buche der Odyssee (Vers 120—130) folgen-dermassen:

Diese versucbten zuerst der Fiisse Gewalt miteinander.

Ihnen erstreckte die Bahn von dem Stande sich; alle zugleich nun

Flogen sie hurtig dahin, darchstaubend den Raum des Getildes.

Aber es lief vor allen der mutige Held Klytoneos.

So viel Raums auf dem Acker ein Joch Maultiere gewinnet,

So weit lief er voraus zu dem Volk; fern blieben die andern;

Jene versucbten den Kampf des mühsam strebenden Ringens;

Aber Euryalos prangte, die Tapfersten alle besiegend.

Drauf im Sprung erbub sich Amphialos weit vor den andern;

Dann mit geschwungener S c h e i b e gewann vor alien Elatreus,

Endlich im Kampfe der Faust Laodamas, tapfer und edel.

So Jas jener Gelehrte in seinem Homer; was berechtigte itm aber in diesen fünf Kampfspieien, welche von dem griechischen Volksepos in eine mythische Zeit und auf die sagenhafte Insel der Phiiaken Scheria verlegt wurden, die berühmten fünf Kampfe der historischen Zeit zu erkennen? Mit demselben Rechte hatte er oder ein anderer dieselben in den fünf Leichenspielen finden können, welche nach Homers Iliade (XXIII, 680 ff.) dem Epeerkönig Amarynkeus, nach Pausanias (Beschreibung des Kypseloskastens V, 17, 10) dem Pelias, nach Vergils Aeneide (V, 104 ff.) dem Vater Anchises zu Ehren gefeiert wurden, und mit noch mehr Recht in den fünf Übungsarten, welche der junge Skythe Anacharsis bei Lukianos in der Ringschule zu Athen beobachtete.14) In alien diesen festlichen Veranstaltungen haben wir jedoch nur freie Gruppierungen einzelner Kampfe vor uns. die mit dem Fünfkampf zufallig nur die Fünfzahl, sonst aber nichts gemein haben; als ein einheitliches System von Kampfen, wie das Pentathlon unzweifelhaft war, stellen sie sich in keiner Weise dar. Wir dürfen uns daher an der Autoritat der oben erwahnten Gewahrsmilnner durch die willkürliche Vermutung eines spatiebenden Gelehrten nicht irre machen lassen und können als sicher annehmen, dass der Fünfkampl aus Sprung, Wettlaui, Diskoswurf, Ringkampf und Speerwurf bestand.

14) Die Leichenspiele des Amarynkeus, in denen Nestor vier Siege errang sind Faustkampf, Ringen, Wettkampf, Speerwurf und Wagenrennen. Auf dem Kypseloskasten waren Wettlauf, Diskoswurf, Ringkampf, Faustkampf und Wagenrennen dargestellt. Am Grabhügel des Vaters Anchises veranstaltete Aeneas Ruderkampf, Wettlauf, Faustkampf, Bogenschiessen und das Trojaspiel, ein Reiterkampfspiel, Der Skythe Anacharsis sah, als er mit Solon das Lykeion zu Athen besuchte, Ringen, Faustkampf, Pankration, Scheibenwerfen und Sprung üben.

ocr page 16

8

Noch weniger Keachlung verdient die dritte Zusammenstellung, welche an die Stelle des Diskoswurfes das Pankration stellt; sie wird nur durch ein Scholion zu des Aristides Panathenaicus, weiehes neben der richtigen Zusammenstellung aueh noch diese falsche bringt, vertreten und beruht oiïenbar auf einer ahnlichen Vermutung wie die zweite (Siehe Pinder a. 0. S. 19 und 23 f.).

2. Wie gestalteten sich die einzelnen Kiimpfe, ins-besondere in den drei dem Pentathlon eigentümlichen Übungsarten? Das Laufen und Eingen wnrde allem Anscheine nach von den Fünfkampfern nicht wesentlich anders betrieben als von den Athleten, welche in diesen Übungsarten allein den Kranz zu erringen strebten; nur darf wohl mit Eücksieht darauf, dass die Pentathlen nicht bloss in einem Stücke, sondern nacheinander in iunfen sich zu erproben hatten, angenommen werden, dass ihnen das „Stechenquot; im Wettlauf und das dreifache Niederringen (rpia^ty) des Gegners nicht zugemutet wurde. Wir beschranken uns daher bei unserer Besprechung auf die drei dem Pentathlon eigentümlichen Übungsarten des Springens, Diskos- und Speer-wer fens.

a) Das Springen der Pentathlen und der Sprung des Phayllos. Die Frage nach der Art des Sprunges, welche von den Fünfkampfern gefordert wurde, ist erst dann befriedigend gelost, wenn zugleich die Erklarnng der auf den ersten Bliek schier unglaublich klingenden Springleistung des Phayllos von Kroten da-mit gegeben ist; ehe ich daher das Springen selbst bespreche, werde ich unter Angabe und kritischer Prüfung der Qnellen das mitteilen, was uns die Alten über den berühmten Krotoniaten und seinen Sprung berichten.

Phayllos15), der berühmteste Fünfkampfer des Altertums, stammte wie der berühmteste Ringer der alten Griechen Milon aus der achaischen Kolonie Kroton in Unteritalien; er war nicht bloss ein tüchtiger Athlet, sondern auch ein edler Vaterlandsfreund. Wie uns Herodot, der Vat er der Geschichte, in seinem Werke über die Perserkriege (VIII, 47) erzahlt, war er der Führer des einzigen Kriegsschiffes, welches die in Italien angesiedelten Griechen dem Mutterlande gegen den Perserkönig zu Hilfe schickten. und kampfte als soleher in der glorreichen Seeschlacht bei Salamis (480 v. Chr.) mit. Nach Pausanias (X, 9, 1) hatte er selber das Schiff aus-gerüstet und mit donjenigen Krotoniaten bemannt, welche sich da-mals zufallig in Hellas aufhielten. Er war, wie Herodot angiebt, dreifacher Pythionike [Sieger in den pythischen Spielen], nicht aber,

'n) Der Name wird audi wolil Phaylos geschrieben, z. B. auf einem noch genauer zu besprechenden altattischen Vasengemalde, bei Pausanias (X, 9, 1), dem Scholiasten zu Lukianos' „Traumquot; (cap. 6) und Eustathios zur Odvssee (VIII p. 1591).

ocr page 17

0

wie Suidas (II, 2 p. J 435 Bernhardy) irrtümlich behauptet, Olym-pionike [Sieger in den olyrapischen Spielen]; dass er zwei seiner Siege im Fünfkampf und einen im Laufe davon trug, wissen wir aus des Pausanias Bericht, der auch cin Standbiid des Pvthiensiegers in Delphi sah. Wenn daher in zwei Komodien des Aristophanes, in den „Acharnernquot; (v. 215) und den „Wespenquot; (v. 1206), auf einen Phayllos als ausgezeichneten Laufer angespielt wird, so diirfen wir in ihm wohl mit alten Erklarern den berühmten Krotoniaten erkennen. Und ebenso tragen wir kein Bedenken einen den Diskos in die Höhe haltenden Athleten, welcher zwischen einem bartigen Kampfriehter und einem anderen Athleten auf einem attischen Vasengemalde des fiinften Jahrhunderts v. Chr.:lfi) dargestellt ist und die Inschrift '/gt;uvgt;.oi [altattisch für Phayllos] neben sich hat, auf den vielgeprie-senen Pentathlen dieses Namens zu deuten.

Naheres iiber die Weite des von Phayllos erzielten Sprunges erfahren wir zunachst von den Parömiographen, d. h. den Gelehrten, welche Sprichwörter sammelten und erlauterten. So erzahlt der Parömiograph Zenobios, ein Zeitgenosse des Kaisers Hadrianus (117—138 n. Chr.). in seiner Sprichwörtersammlung (VI, 23) iiber die Entstehung der sprichwörtlichen Wendung „über das Gegrabene springenquot;, die sich schon bei Platon im „Kratylosquot; (413a) und bei Lukianos im „Traumquot; (cap. 6) tindet. folgendes: „Phayllos war ein Pentathle aus Pontos, der offenbar am weitesten den Diskos warf und sprang; da er nun über die gegrabenen 50 Fuss hinaus auf den harten Boden sprang, wurde das Ereignis sprichwörtlich.quot;17) Zenobios bezeichnet sein Werk selbst als einen „Auszug der Sprichwörter des Tarrhaers und des Didymosquot; und schöpfte somit aus

18) Die Vase zeigt rote Figuren des „strengenquot; Stiles und hat Inschriften in jener altertümlichen Schrift, wie sie bis Ol. 86 (436 v. Chr.) in Attika iiblich war, und in altattischer Orthographie. Otto Jahn beschreibt das Vasengemalde in seiner „Beschreibung der Vasensammlung König Ludwigs in der Pinakothek zu Münclienquot; (München 1854) S. 120 1'. unter No. 374 folgendermassen: Vor einem bartigen myrtenbekriinzten Mann im Mantel, der in der Kechten eine zweigespaltene Rute trilgt (daneben und Evamp;vfxiöts o TIo'/.io) steht

ein nackter Jüngling, der mit beiden Handen einen Diskos hoch halt (daneben lt;Igt;(iv).os d. i. 4gt;civXXos), und hinter diesem ein anderer mit vorgestreckten Handen (daneben //fiTnv^Os]).quot; Die Beziehung auf einen Pentathlen ist durch diese letztere Inschrift völlig ausser Frage gestellt. Über die Inschriften siehe auch O. Jahn a. S. CLXXXII!

,7) 'Tni q zt'e i (Tx (c li u 11' (t. 'J'tivU.Oi tyti'tro nivzfdtXo; Uóvxiog, os ió'óy.n uéyicscd ó'iaxtveiv xai (Uy.tr}!Uii. insidtj ovv viiip rovi la/.nuuii'ov; 7itvTt]Xoi'Ta Tióücii tig rö aztQior jj'/.cuo, ro oru.-ii;i' éiï -lf'-Qotitlar ntoiiaitj. Die Bezeichnung des Phayllos als „Pontierquot; diirfte auf einem Verselien beruhen. Die bei Gaisford aus dem Vaticanus mitgeteilte verstümmelte Stelle verbessere ich nach Zenobios, wie folgt; 'Tnè(gt; rel taxa/x^iéi/ce. cirro {Plt;lt;i/.ï.oi: zov nti'tctm.ov zei ót [Handschr. zrï d'i], tig oy iniytyqanzia' névi' tnï [Handschrift JitVrt] ntvzi'/xovici rzód'ng 7i)jd\ae lt;jgt;fcvV.og. irzei yclt;(i v/ziq zovg tax.«u/ji-yovg mvTiixovza Tiód'ag tzégovg névrt elg [zo ozsqcoi' (Tztjó'tjae, zö av/A^di'] iiaztQov htg nnooi/jirti' Tzegiéazt;.

ocr page 18

10

zuverlassigen Quellen; denn die beiden genannten Gewiihrsmanner, Lukiilos von Tarrha auf Kreta (um 100 v. Chr.) und der durch seinen eisernenFleiss und seine umfangreicheGelelirsamkeitberühmte Didymos Ghalkenteros, d. i. „der Mann rait den ehernen Eingeweidenquot; (um 30 v. Chr.), gehören der guten Zeit alexandrinischer Gelehrsamkeit an; Didymos. der ein Werk von 13 Büchern über Spriehwörter ver-fasste, scheint die Hauptquelle auch aller übrigen Parömiographen und der Scholiasten, wie für viele andere Gebiete des Wissens, so auch für das Gebiet des Spriehwortes gewesen zu sein. Aus der-selben Quelle wie Zenobios schöpften die ihrem Namen nach un-bekannten Parömiographen einer Vatikanischen Handschrift (Paroe-miographi Graeci ed. Gaisford p. 384) und einer Bodleianischen Handschrift (bei Gaisford a. O. p. 115), so wie Suidas (H, 2 p. 1343 Bernhardy).

Wahrend nun aber Suidas (a. O.) mit Zenobios wörtlich überein-stimmt, geben die beiden anonymen Parömiographen noch genauer die Entfernung, um welche Phayllos die gegrabenen 50 Fuss über-sprang, durch einen Zusatz auf „fünf weitere Fussquot; an. Diese nahere Angabe haben sie aus folgendem Epigramm18) entnommen, das sie bei dieser Gelegenheit ausdrücklich als Quelle anführen:

Fünf über lunfzig Fuss erreichte im Sprunge Phayllos,

Aber im Diskoswurf fehlteu zu hundert nur fünf.

Nach Suidas (II, 2 p. 1435 und p. 1343) und Eustathios (zur Odyssee VIII, p. 1591), die das Distichon ebenfalls bringen, stand die „Aufschriftquot; an dem Bilde des Phayllos,19) das bekanntlich in Delphi sich befand. Wenn wir auch nicht wissen, woher Suidas und Eustathios diese ihre Nachricht haben, so hat dieselbe an sich nichts Unwahrscheinliches; denn das Epigramm entspricht nach Form und Inhalt durchaus den Aufschriften, wie sie auf dem Sockel von Siegerstatuen in Delphi und Olympia zu stehen pflegten. Der

18} Das Distichon auf Phayllos heisst;

nii't' inl ntvxrixovrn nóóci; 7igt;]St]at 'I'dv'/.'/.o;,

Jiar.tvatv S' txtuov nivi' KTTo'/.imoptviot'.

19) Bei Suidas, mit dem Eustathios fast Wort lür Wort übereinstimmt, heisst es: „Über das Gegrabene hinaus; über das Mass. Von den Pen-tathlen die Metapher [Übertragung], Es soli die Redensart von dem Pentathlen Phayllos aus Kroton entlehnt sein, der, wiihrend früher die Skammata [Grabungen] fiinfzig Fuss betrugen, seinerseits mit den Sprüngen über diese hinausging, wie das Epigramm seines Bildes besagt: Fünf über fünfzig Fuss u, s. w.1^ 'Tu'eQ r« iaxrt fi /*t va: vn'tQ ailna. ecno d't io~)t' nkviiHHMV i] fxeriKfoQci '/.iytjai di (itio 'fiecvM.ov rod neyraMov rov Kqotmviuxov , Sg nti'ii]y.ovin

:[oólt;~gt; l' a I'nor :iqq rtnoi' nn t' C/.auua [«gt;)' [~lov I too*) ccvzo? vntQtpfc'/.k xolg 7ir;dr;-[ic.ni mvTK, uif to iniyQUfxixcc '/.iyti ttjs tixóvos rtizov. néi'z' inl nevrtj-xovzn xt'/..

ocr page 19

11

allzu zweifelstichtige Verdacht, es konne das Distichon von einem Gram-matiker spaterer Zeiten zur Erklarung der Kedensart „über das Ge-grabene hinausspringenquot; geradezu erfunden sein, erscheint schon deswegen höchst unwahrseheinlieh, weil gar kein Anlass vergelegen hatte neben einem ungewöhnlich grossen Sprunge auch noch einen ungewöhnlich weiten Diskoswurf zu erdichten.

Noch cin drittes Zeugnis giebt es für den Pliayllossprung; das-selbe findet sich bei dem Scholiasten zu Lukianos' ïraum (a. O.)2quot;) und bestatigt durch seinen Inhalt die bereits angeführten Zeugnisse dnrchaus: „Es gab einen gewissen Phayllos, so heisst es hier, welcher vielfach sprang. Wahrend nun die Leute vor ihm 51) Fuss gruben und diese auch sprangen, sprang Phayllos über die 50 Fuss ent-schieden hinaus; es kam daher mit Bezug aut Leute, welche über das bestimmt abgegrenzte [Mass] hinaus etwas thun, das Sprich-wort in Geltung: über das Gegrabene hinaus springen.quot; — Etwas geringer als in dem Epigramm wird die Weite des Sprunges von Eusebios (/lt;iro(.. away. Scaliger p. 350) angegeben, der 315 Bischof seiner Vaterstadt Caesarea wurde; nach ihm betrug der Sprung des Phayllos von Kroton uur 52 Fuss.21) Möglicherweise liegt hier indes eine Verwechselung mit der ahnlichen Leistung des Lakoners Chionis vor, der, wie ebenfalls Eusebios {xqov. I, p. 40 Scaliger) auf Grund des Olympionikenverzeichnisses von Sextus Julius Africanus (Anfang des dritten Jahrhunderts n. Chr.) mitteilt. einen Sprung von 52 Fuss gemacht hat.

Aus unserer üntersuchung geht soviel mit Sicherheit hervor, dass nach alten Zeugnissen, gegen deren Glaubwürdigkeit sich nichts einwenden lasst, der Krotoniat Phayllos im Fünfkampf zu Delphi, wahrscheinlich im zweiten Jahrzehnt des fünften Jahrhunderts vor Christo, einen Weitsprung von 55 Fuss (= 16,96 m) gemacht hat, ja, was fast noch wunderbarer erscheint, dass die alten Griechen bei der Einrichtung der Springbahn für die Pentathlen Sprünge bis zu 50 Fuss (= 15,42 m) als immerhin möglich voraussetzten.22)

20) lt;Pav).).óg tig [Flandschr. tPav'/.óg] tyévtro, ooti* èjirjamp;v tioMm. tmv ovy Tiqo avTov GxanxóvKov v' nóóag y.fd Tovxovg nrfiwvTUiv 6 (Pdv'A).og vntQ zovg v' Jidvv knr'iótiötv L*qdxi](sf.v ovv f; tiuqoluuc Itil xiöv vnhn xo lóoLóuti'oi' li noiovvxiov vTitQ xcc loxfcuuéj'cc nrfiüv.

21) Die erste Stelle bei Eusebios lautet: lt;Puv'/.r/.ov xov lx K^oxiovog ccamp;h,-xov Jisyxtjy.orxfc xcd amp;vo Tioóuiy tiycci xo ni]d\iuf( hiysxcci. ovxog f-ióvog uno xt\g lx(01 ag hil xioy Mrjamp;ixcSt/ lótoaró/.o) XQitj^et xolg tpotjamp;ijaty. Im Sieges-verzeichnis des S. Julius Africanus lieisst es bei der 19. Olympiade: tixoaxt] ivaxi] Xiovig -Ucxlor, ov xo d'/.ua ttoÓiov r r.S axatiiov.

22) Bei der Umrechnung der 55 bez. 52 Fuss in das Metermass ist der attische Fuss angenommen, der 308.B mm lang war; der olympische Fuss war erheblich langer, wie durch die Ausgrabungen in Olympia festgestellt ist. namlich 320,5 mm; der römische Fuss hatte nur 295.7 mm. Vielleicht war der in Delphi bei der Messung des Phayllossprunges zu Grunde gelegte Fuss kleiner als der attische.

ocr page 20

13

Keine der Quellen, welche über den Sprung des Phayllos berichten, giebt, wie wir gesehen haben, etwas Naheres darüber an, wie wir uns den Sprung der Fünfkampfer vorznstellen haben: denn sie setzen samtlich bei ihren Lesern die Bekanntsehaft hiermit als selbstverstandlich voraus. Dass aber der Pentathlensprung nicht der einfache Weitsprung gewesen sein kann, wie wir ihn auf deutschen Turnplatzen üben, darüber kann unter Sachverstandigen ein Zweifel nicht bestehen. Auf den Turnplatzen gilt schon ein Weitsprung von 18 Fuss fiir eine ausgezeichnete Leistung, und die deutsche Wettturnordnung setzt mit Eecht als die denkbar höchste Leistung bei einem Turner, der nicht bloss das Weitspringen ein-seitig zu seiner gymnastischen Lebensaufgabe macht, sondern eine allseitige turnerische Durchbildung anstrebt, einen Sprung von 6 m (== 19'/a Fuss) voraus, und sie hat diese Gipfelleistung demgemass auch mit zehn Punkten gewertet. Dass diese Wertung eine richtige ist, geht daraus hervor, dass auf dem deutschen Turnfeste zu Dresden von 314 Wetturnern es nur drei (Hench-Wiesbaden, Keller-München, Ertel-Philadelphia) auf zehn Punkte brachten, indem sie 6 m regelrecht übersprangen. Höhere Leistungen im Weitsprunge weisen die Listen auf, welche in England über die besten Sportleistungen ge-führt werden. Nach W. Silberer,23) der solche Listen benutzt hat, wurden in den Jahren 1872—1883 von sechs Englandern, die nicht Athleten von Beruf waren, aber sich sportmassig einseitig auf das Weitspringen eingeübt batten, Sprünge von mehr als 22 Fuss erzielt; und zwar sprang der letzte derselben 1883 23 Fuss '/4 Zoll. Übor-troffen wurde dieser gewaltige Sprung durch einen Sprung von 23 Fuss l1^ Zoll, den, wie der Herausgeber der Sportzeitung „The Fieldquot; in London F. Toms mitteilt, der Irlilnder J. Lane zu Dublin am 11. Juni 1873 machte, und durch einen Sprung von 23 Fuss 2 Zoll (= 7,06 m). der nach Silberer 1883 ebenfalls in Irland vor-kam. Alle diese Weitsprunge in England und Irland wurden mit Anlauf, aber ohne Benutzung eines Aufsprungbrettes und ohne Be-lastnng der Hande ausgeführt. Aus diesen Mitteilungen ergiebt sich, dass die ausgezeichnetsten Weitsprünge neuerer Zeit sich zu dem Phayllossprunge wie 7 zu Ifi bez. 17 verhalten; dass aber die notierten Leistungen kaura noch erheblich überboten werden können, ist für jeden klar, der weiss, wie schwer es halt da, wo sich die Leistungen an der Grenze menschlicher Leistungsfahigkeit bereits bewegen, dieselbe auch nur um Zolle noch zu steigern. ünd wenn Phayllos selber in der vollen Jugendkraft seiner gymnastisch durch-gebildeten Leiblichkeit aus dem Reiche des Hades in das helle Licht der Gegenwart herbeibeschieden werden könnte, er würde in der

!!3) Siehe den Aufsatz von K. Wassmannsdorff: „Gipsabgüsse althellenischer Halteres (Hantel), nnd ein Wort über des Phayllos Hantelsprungquot;, in der Monatsschrift für das Turnwesen. Jahrg. 1885. S. 273 f.

ocr page 21

13

auf unseren Übungsplatzen üblichen Weise nicht einmal fünfund-zwanzig, geschweige denn fünfundfünfzig Fuss überspriogen!

Dass in der That bei dem Pentathlensprung nicht an unsern einfachon Weitsprung zu denken ist. dass derselbe vielmehr durch künstliche Hilfsmittel gesteigert wurde, wird durch gewichtige Zeugnisse des Altertums erwicsen. Hierüber erteilt zuvörderst eine be-achtenswerte Stelle in dem Gymnastikos des Plavius Philostratos Auskunlt, in welchem es (cap. 55) heisst:24) „Der Halter ist eine Erfindung der Fünfkampfer; er ist aber für den Sprung erfunden, nach dem er ja auch benannt ist.23) Da nilmlich die [Kampt] gesetze den Sprung für eine der schwierigeren Wettkampfübungen halten, so feuern sie den Springenden durch die Flöte an und beflügeln [wörtlich: erleichtern] ihn noch überdies durch den Halter; denn er ist ein sicherer Geleiter der Hiinde und fiihrt den Tritt fest und deutlich erkennbar in die Erde. Wie viel dies letztere aber wert sei, bekunden die Gesetze; sie gestatten namlich nur dann den Sprung auszumessen. wenn er eine richtige Spur macht.quot;

Dass die Flötenmusik den Sprung der Pentathlon zu begleiten pflegte, wird auch mehrfach durch Pausanias (V, 7, 10; 17, J0) und durch Plutarchos {de mus. c. 26) bezeugt; und welche Bedeu-tung die Griechen der anfeuernden Wirkung der „pythischen Flöten-weisequot; beimassen, beweist die Thatsache (Pausanias VI, 14, 4), dass dem Sikyonier Pythokritos zu Olympia eine Bildsaule errichtet war,

21) A/.r^o ó'i ntvTi'camp;Xiav ivoijUU, svQiiria ff ro u'/.utc, atf' nv ()/■ xcd lt;avó[xaaTui' ol yt!Q rouoi zo ïli.ö/^uc ^kmtkótiqov /yovutrot twi' li' dytSvi kü te av/.iü TiQoatye'iQovai xov nr^'iHi'TK xtd Ko icfaijQi -1noo't;tf ovi'orm , ;iou~ nis Tf J'ftp riüy ytiotoi' clacpnXijs gt;fn« to pij/tn tamp;Qcdóv rt xid tvaijfiov Is Tt]r yrlv uyti. tovti uk onóaov uiLot', 01 I'OIKU (ïr).(n nc r. ov y(è(gt; ^vyvoipovai d'ut-al-iniji' zo Ttt'id'rifAcc, ijv fit] «pr/wf fytj lor 'tyroiw Willkürlich hat Cobet in dieser Stelle das handscliriftliche l 7/10 11 O 01' in l 1 O y geandert,

und Volckmar, Pinder und Marquardt haben die Vermutung des liollandischen Gelehrten angenomraen. Und doch macht Marquardt selbst in der Monatsschrift (a. O. S. 133) auf den Widerapruch aufmerksam, in den Philostratos mit sich selbst geraten wiirde, wenn er im dritten Kapitel wiederholt den Sprung zu den „leichtenquot; Übungen rechnet und nun ira 55. Kapitel ihn als die „schwierigste unter den Kampfartenquot; bezeiehnete. Dieser Widerspruch ist gar nicht vor-handen, wenn man die Uberfiiissige Vermutung des allezeit iinderungslustigen Cobet verwirft und mit Kayser die Lesart der Handschrift beibehült. Pinder und Marquardt werden sich allerdings nur schwer dazu entsehliessen, Cobets Superlativ aufzugeben, da sie damit eine Hauptstütze ihrer eigentiimlichen Ansichten vom Halterensprunge verlieren würden. Siehe Pinder a. O. S, 98, 101, 102 und Marquardt a. O. S. 132.

2r') Das Wort Halter setzt sich zusammen aus dem Stamm hal, der „springenquot; bedeutet, und der Hauptwörter bildenden Endung — ter, welche in erster Linie denjenigen bezcichnet, der eine Thatigkeit auszuüben püegt, dann aber auch das Werkzeug, durch welches eine Thatigkeit ausgeübt wird; hier hat die Endung die letztere Bedeutung. Demnach kann «taifg wörtlich „Springer, Springelquot; verdeutscht werden; man übersetzt es wohl „Springgewicht, Sprungkolben, Ilantelquot;.

ocr page 22

14

weil er sechsmal den Fünfkampf daselbst mit seinem Flötenspiel begleitet liatte. So sehen wir auch auf einem zuerst bei Hancarville (Hamilton Antiqu. Etrusqu. Gr. et Eom. III pl. 124), dann auch bei Krause (Gymnastik und Agonistik Taf. IX Fig. 22) abgebildeten Vasengemalde neben einem mit Halteren bewehrten nackten Athleten einen jugendliehen, fast weiblieh aussehenden Flötenblaser in lang lierabwallendem, mit Saum und bunter Stickerei verziertem Gewande dargestellt; der Springer ist offenbar gerade zum Sprunge angetreten: er steht bei etwas rückwarts geneigtem Rumpf im Auslagetritt rechts vorwarts und halt dabei die beiden hantelbelasteten Arme sehrilg vorwarts in einem Winkel von etwa 45 Grad zum Rumpfe, um im nachsten Augenblicke, von der Pythischen Weise begeistert. vorwarts zu stürmen. Wesentlich dieselbe Scene und dieselben Gestalten, aber im Spiegelbilde und mit einigem Nebenwerk giebt ein andres Vasengemalde, welches zuerst Dubois Maisonneuve (Introduction a l'étude des vases ant. pl. XVI) und spater Guhl und Koner (Das Leben der Eömer und Griechen Aufl. IV, Fig. 250) veröffent-licht haben.

So iihnlich sich nun aber auch die Hanteltrager auf den beiden ebengenannten Vasenbildern im übrigen sehen, so verschieden sind die Hal teren gestaltet, welche sie in ihren Handen tragen. Wührend namlich der Pentathle der Hamiltonschen Vase Halteren halt, die zwei kolbenartige Enden durch eine stangenartige Handhabe ver-bunden zeigen und in ihrer Form genau unsern Hanteln entsprechen, erinnern die Halteren auf dem Maisonneuveschen Bilde an jene altertümlichen Sprunggewichte, welche Pausanias an dem aus dem Anfange des fünften Jahrhunderts vor Chr. stammenden Weih-geschenke des Smikythos sah, dessen Fundamente von der deutschen Ausgrabungskommission jüngst nördlieh vom grossen Zeustempel zu Olympia wieder aufgedeckt wurden. Von diesen Hanteln giebt Pausanias (V, 26, 3) folgende Beschreibung:2tt) „Diese Halteren zeigen folgende Form: sie bilden ein mehr langliches und nicht ganz genau kreisförmiges Halbrund und sind so angefertigt, dass man die Finger wie durch die Handhaben eines Schildes hindurch stecken kann.quot; Auch Philostratos (a. 0. cap. 55) unter-scheidet „langequot; und „rundlichequot; Halteren, von denen jene zur Übung von Schultern und Handen, diese aber zugleich zur Übung der Finger dienen sollen. Zu der rundlichen Art gehören der in Olympia ausgegrabene Halter, der zu Wassmannsdoriïs Aufsatz über „Gipsabgusse althellenischer Halteres u. s. w.quot; in der Monatsschrift (1885 S. 270) abgebildet ist.27) und der Halter des Leid ener Terra-

2li) Ol d't «Ar/Jpff ovToi nuQt/ovrui a/ijfia zoióvSf xvxXov netQU/ur^xtazt-ooi' xcc'i ovx ff to (IxQipiatnroi' neQicpeQovs ilaiv rj/jiav, ninoi^Ka d't tos xrd tovs iïaxivXovs TtSi' %iinügt;y duivcu, xaS-antQ ó'i o/uviav itanitfoe.

27) Wassmannsdorff beselireibt den Olympischen Halter (S. 270) so; „Kr

ocr page 23

15

cottafragments. dessen Abbildung Holwerda zu seiner Abhandlung in der Archaol. Zeitg. (a. 0. Taf. 9. 3) veroffentlieht liat.28) Dieselben „altertümlichenquot; Halteren finden sich z. B. auch auf einerVase aus Hamiltons Sammlung (Tisehbein anc. vas. pl. 41, aucli bei Krause G. u. A. Taf. VIII Fig. 18). auf einer Berliner Vase (XII No. 883 bei Krause a. O. Taf. IXb Fig. 25 b und Fig. 25 e) und auf einer Vase des Britisehen Museums (The Journal of Hellenic studies vol. II S. 219 und A. Böttieher Olympia Aufl. II S. 109 Fig. 12). Haufiger sind „hanteiförmigequot; Halteren auf den Vasengemiilden und andern alten Kunstwerken zu sehen, so aut' einer Lambergscben ^'ase (Krause a. 0. Taf. VIH Fig. 19). auf einer Hamiltonscben Vase (Krause a. 0. Taf. IX Fig. 20). auf einer Berliner Gernme (Krause a. 0. Taf. IXb Fig. 25m), auf Obiusinischen Vasen (Krause a. 0. Taf. IXc Fig. 25f.: Taf. XV Filt;r. 54 und 55; Taf. XVIIIc Fig. 56b und Taf. XVIIIe Fig. 66 m). Neben jenen rundlichen und diesen hantelfórmigen Halteren, die zwei kugelförmige Enden liaben. findet. sich noch eine dritte Art von Sprunggewichten dargestellt, die aus einer Handhabe mit einem kraftigeren Kolbenende bestellen; solchen „kolbenformigenquot; Halter führt z. B. der Springer auf dem Berliner Diskos (Annali dell' Institut. vol. IV p. 75, Krause a. 0. Taf. IXb Fig. 25 e, Taf. 1 bei Binder a. O.) und auf einer Neapeler Schale aus der Sammlung Bourgui^non (Archaolog. Ztg. 1885 Taf. 4, Monatsschrift 1885 S. 130); ahnlich sehen die Halteren aus auf dem Vasengemülde. welches Krause (a. O. Taf. VIII Fig. 21) nach Gerhard (Ant. Bildw. Cent. I. 4. 67) mitteilt, auf einer Berliner Vase (Krause a. O. Taf. IXb Fig. 25d), auf einer Chiusiner Vase (Krause a. O. Taf. IXc Fig. 25g), wo die Hanteln geradezu Keulen gleich sind. auf einer Neapeler Vase (Krause Taf. XVI Fig. 56), sowie auf den Vasengemiilden bei Böttieher (Olympia S. 93 Fig. 3 und S. 101 Fig. 9).

Die Halteren waren, wenn wir den Schriftsteilern folgen. meist aus Blei (Siehe Lukianos' Anacharsis27; Quinctilianus institut. XI. 2: Seneca ep. 57); ein kleiner bleierner Halter von eigentümiicher Form ist z. B. ira August 1882 in Eleusis gefunden und zu Wass-mannsdorffs Aufsatz (Monatsschrift S. 270) abgebildet; derselbe wiegt vier Pfund. Die Halteren indes, welche in Olympia ausgegraben wurden, bestehen nicht aus Metall, sondern aus einem grünen Stein (Böttieher a. O. S. 109) und eine Nachbildung des oben erwahnten Gipsmodelles in weissem Sandstein wiegt, wie Wassmannsdorff mitteilt, 7'/2 Pfund.

gleicht einem kleinen Laibe Brot und ist fiir die rechte Hand bestimmt gewesen; vier Finger greifen in die auf der rechten Seite angebrachte Aushöhlung, dor Daumen in eine entsprechende Vertiefung an der linken Seite.quot;

^8) Das im Leidener Museum befindliche Terracottafraginent stammt aus Smyrna und stellt eine Hand mit Halter dar.

ocr page 24

16

Dass nun dureh die richtige Anwendung dieser mehr oder weniger schweren Sprunggewichte der Sprung der Pentathlen wirklich gesteigert wurde, bestiltigt ein Zeuge, wie er gewichtiger nicht gedacht werden kann, Aristoteles von Stageira. Obwohl naeh Pinders Meinung (S. 105) die Ausdrucksweise des grossen Philosophen und Naturforsehers über die vorliegende Sache keine vollkommene Klar-heit verbreitet, so dürfte doch vielleicht manchem eine genaue Über-setzung der beiden schwierigen Stellen, die vom Halterensprung handeln, nicht unwillkommen sein. Die erste Stelle findet sich in des Aristoteles Schrift „über den Gang der Tierequot;: im zweiten Kapitel dieser Schrift unterscheidet der Philosoph zwei Arten der Ortsveranderung, namlich die durch Springen, wobei der gesamte Leib die Ortsveranderung bewirkt, und die durch Gehen, wobei nur Teile des Leibes dieselbe bewirken. In beiden Fiillen bewirkt der sich bewegende Körper die Ortsveranderung dadurch, dass er sich an einer Unterlage abstützt oder abstemmt. Wenn aber diese Grundlage unten zu schnell weggenommen wird, als dass der Körper, der die Bewegung darauf zu bewerkstelligen sucht, sich davon ab-stützen könnte, oder wenn dieselbe den in Bewegung gesetzten Körpern überhaupt keinen Gegenstütz bietet, so vermag sich keiu Körper darauf zn bewegen. „Denn, heisst es wörtlich weiter,29) der springende Körper bewerkstelligt das Springen dadurch, dass er sich oben an sich selbst abstützt (abstemmt) und zugleich an der Unterlage, die er unter die Füsse bekommt; es haben namlich die Glieder in den Gelenken an einander eine Art Gegenstütz (Gegen-halt) und überhaupt der den üruck ausübende Körper an dem den Druck erleidenden Körper. Deswegen springen auch die Pentathlen m i t den Halteren weiter als o h n e dieselben. und die Laufer laufen schneller. wenn sie mit den Handen seitlings hin- und her-schwingen.quot;30) Ein zweites Mal berührt Aristoteles dieselbe Frage in seinen „Problemenquot; (V, 8).31) „Warum ist es für den Arm mühsamer mit leerer [Hand] zu werfen [die Wurfbewegung zu machen] als mit einem Steine schleudernd? Doch wohl weil das Werfen [die Wurf-

2!') Km j'«p zo rcU.óuii'of xid tiqos avro (IniQtiiïóuit'ov To iivu) xcd tiqos xo vno zovg nód'ag noiihca zt]igt; te'/.aii'quot; t'/u ycig nva avztQtiaiv tiqos (i'K'l.riUi zie iLonm li' ruls xn^Tials, xcd o)ms to mé^ov tiqos to mtCófxevov d'to xnï ol ntvxnamp;'/.oi ü'O.ovxm n'i.i'iov ïyorxn xove «ArijpKf firj ï%ovxtg, xcd ol tHovxt; dclxzov lltovai nccQuat'iovxig tccs /üqus.

ao) Dieses die Schnelligkeit des Laufes fórdernde „Rudernquot; mit den Armeu ist oft sehr anschaulich und ergötzlich auf griechischen Vasengemalden dar-gestellt, z. B. bei Kranse Gymnast, u. Agon. Taf. VI Fig. 11 u. 12; Taf. VII Fig. 14!

31) jJicl ré xomctQMTiQÓi' taxi r(5 figcc^iofi to (Tik xii'ijg óinxéiu ij Xiiïci-iovxcc'y Ij oxi aTicta/xccxioamp;éaxiQoi' co ó'uè xtvijs laxiv; or yno uTxtQcid'srai ngds ovd'tv, uiajito 6 fiaX/coi' TiQog xo iv tfj xeiQl ?amp;•lt;gt;$■ ófioitos d'i xovxoj xcei 6 niv-Tclt;9-'Aog Tifjó; xovf ci'Kxijftca xcd 6 amp;tu)v TinQccailuiy ngog xds /ttQccs' d'to o 'iti' utï^ov ü/faxai ttfuiv ci'/.i)jo«g, 6 d'i tHixxov Hel nctoaatitay ij /*gt;] naquatimv.

ocr page 25

17

bewegung] mit leerer [Hand] krampfhafter kt? Denn hierbei lindet man an nichts einen Gegenstütz (Gegenhalt), wie der Werfende [ihn] an dem in der Hand befindlichen Steine [findet]. Desgleichen [findetj auch der Pentathle an den Halteren [einen Gegenhalt] und der Lilufer, wenn er seitlings bin- und herschwingt. an den Handen, darum springt jener weiter mit den Halteren als ohne dieselben; und dieser lauft schneller mit Hin- und Herschwingen seitlings als ohne dasselbe.quot;

Diese Ausführungen des Stageiriten könnte man einen Kuni-mentar zu jener oben angeführten Stelle des Philostratos nennen, welche vom Halter handelt; auf jeden Fall stellen sie es als eine Erfahrung der alten Hellenen hin, dass der Weitsprung durch den Gebranch der Halteren gesteigert wurde. Und mag es auch dem Laien zunachst widersinnig erseheinen, dass ein Sprung mit Belastung der Hilnde ergiebiger sein soil als ein solcher ohne Belastung, neuere Versuche bestatigen die Erfahrung der Alten. Der Sprungkraft der abstossenden Beine kommt die Schwungkraft der mit wuchtigen Hanteln belasteten Arme zu Hilfe, und man kann mit Philostratos sagen, dass die Hanteln, wenn sie naeh vorher-gehendem Rückschwunge wahrend des Absprunges selbst mit voller Éraft vorgeschwungen werden, den Springenden gewissermassen be-Hügeln. Zeigen sich nun schon wahrend des Sprungfiuges die wagerecht. vorwarts geschwungenen Hanteln als „sichere Geleiter der Hilndequot; , so ist dies fast noch mehr der Fall beim Niedersprunge, den die Hanteln „fest und deutlich erkennbar in den Boden leitenquot;, wenn sie im Augenblicke des Niederspringens abwarts gerissen werden. Die verschiedenen Entwickelungsstufen des Weitsprunges werden uns zum Teil trefï'lich durch griechisehe Vasengemalde veranschau-lieht. Von zwei Vasengemalden, auf denen ein Halterenspringer neben einem Flötenspieler dargestellt ist. wie er zum Sprunge bereit gespannt auf das Zeiehen des Hellanodiken zum Ablaufen wartet, war bereits oben die Rede. Einen Hantelspringer, der im Anlauf begriflen ist bei Vorhebhalte der Arme, zeigt der Berliner Diskos (abgebildet Annali dell' Instit. vol. IV p. 75-76 und darnach bei Krause a. O. Taf. IXb, Fig 25e, besser bei Binder a. O.). Ob diese Haltung der Arme vorgeschrieben war, könnte zweifelhaft erseheinen; wenigstens ist eine Armhaltung, wie sie ein Hanteltrager, der auch im Anlauf begriffen scheint (auf einer Hamiltonschen Vase bei Tisch-bein Hamilt. anc. vos. vol. IV pl. 41 und bei Krause a. O. Taf. VIH. Fig. 18) zeigt, ebenso zweckmiissig: dieser tragt die Hanteln bei Vorhebhalte der Unterarme, wahrend er die Oberarme an die Seiten des Brustkastens angelegt hat. Wahrend der Augenblick des Absprunges selbst. so weit ich mich erinnere, nicht abgebildet ist, könnte man auf einer Lambergschen Vase (bei Laborde Coll. des vas. Gr. Lamberg I, 1 pl. 7 und bei Krause a. 0. Taf. VIH, Fig. 19) in der zweiten Gestalt von links her sehr wohl einen Pentathlen er-

2

ocr page 26

18

kennen, der gerade den vorletzten Anlaufschritt ausführt und sich zu dem letzten, dem Absprangsschritt, anschickt: die Arme mit den Hanteln fangen schon an sich zum Rüekschwunge zu senken, dem alsdann der Vorsehwung der Hanteln in dem Augenblicke folgen soil, in welchem der rechte Puss, der, vorlilufig noch hinter dem linken Fuss stehend. schon zum Jorwartsstellen gelüftet wird, vom Absprungplatze abstossen wird. Überaus lebendig ist auf Vasen dar-gestellt, wie'der Halterenspringer im Sprungfluge durch die Luft saust, besonders auf der Neapeler Vase aus Orvieto (Sammlung Bourguignon in der Archaolog. Zeitung 1885 a. 0. und in der „Monats-schriftquot; a.0. S. 130). Der im Sprungtluge dargestelltePentathle erscheint in fast sitzender Stellung, Arme und Beine fast horizontal vor sich streckend. Die Haltung der Beine ist dabei mustergiltig, so wie nach dem von Pinder veröffentlichten Ploreminer Scholion32) es in Altgriechenland beim Pentathlensprung üblich war und es auch auf deutschen Turnplatzen verlangt wird, namlich „geschlossen und nicht gespreiztquot;, dabei gestreckt. Auf einem schon erwahnten Vasen-bilde des Brit. Museums (Journal of Hell. stud. H p. 219 und Bötticher a. O. S. 109) ist der Augenblick festgehalten, der dem Nieder-sprunge unmittelbar vorhergeht: schon reissen die Arme die Hanteln rückwarts nieder; die noch geschlossenen Beine beugen sich bereits im Knie, um im nachsten Augenblicke die nahe über dem Boden schwe-benden Füsse fest niederzustellen. Ein fester und sicherer Nioder-sprung wird ihm gelingen, wenn er im Augenblicke des Nieder-springens die Brust richtig vorzubringen versteht. Anders steht es mit dem Halterenspringer auf einer Chiusinischen Vase (Mus. Chius. tom. 11 tav. 125, bei Krause Taf. IXc Pig. 25f): derselbe hat bereits mit den Pussen den Boden erreicht; ob er aber bei dem un-gleichmassigen Eückschwung der Arme und der grossen Rückwiirts-Neio-ung des Oberkörpers das Gleiehgewicht werde behaupten können, erscheint fraglich. Noch verzweifelter ist freilich die Lage des Springers auf einem Chiusinischen Wandgemillde (Mus. Chius. Tom. 11 tav. 124, bei Krause Taf. IXc Fig. 25g): er hat oftënbar wührend des Springens das Gleichgewicht verloren und die Hanteln von sich geworfen und ist mit Armen und Beinen krampfhaft bemüht. wenig-stens auf allen vieren vorlings ohne Schaden zur Erde niederzu-gelangen.

Auf E. Pinders Veranlassung sind neuerdings in derBerlinerZentral-turnanstalt Versuche gemacht, wie weit der Sprung durch Anwendung von Hanteln gesteigert werden kann. Hierbei wurden Hanteln von je 4 Pfd. Schwere und zum Absprunge ein 1 m langes nicht federn-

Der Florenthier Text erlautert den Sprung tier Pentathlen als „das auf die Erden Niedersjirmgen mit geschlossenen und nicht auseinander-stehenden Füssenquot; {Siu'/.utc zo X(ctic avvijfjuéi'oig xic't u/ d'it-

aTr//.óai 7ioai).

ocr page 27

19

des Sprungbrett benutzt, dessen obere Brettkante 10 cm vom Boden entfernt war; es gelang einem Offizier, dem jetzigen Oberstlieutenant von Dresky, in voller Uniform mit Anlauf einen Sprung von 23' auszuführen (siehe Finder a. 0. S. 106). Da gutem Vernehmen nach Herr von Dresky ohne Hanteln 17' weit sprang, so war die durch Benutzung der Hanteln erzielte Steigerung von 6', also urn reiehlieh ein Drittel. immerhin einc sehr erhebliche. Dass auf diese Weise noch erheblieh weitere Sprünge gemacht werden können, wenn die Ausbildung im Weitsprung lange Zeit als Lebensbenrf be-trachtet wird, hat der professionelle Atlilet J. Howard bewiesen, der am 8. Mai 1854 zu Chester mit einem Anlaufsprunge bei Ver-wendung von Fünfpfundgewichten 29' 7quot; erreichte.33) Er sprang dabei von einem Holzblock ab. der sich einige Zoll tiber den Boden erhob. und warf gegen den Gebrauch der altgriechischen Springer die Hanteln beim Sprungtiiegen hinter sicli, um sich dadurch vor-warts zu hellen, wie F. Toms (siehe Anm. 33) gehort haben will. Erstaunlich genug ist diese Leistung des Howard; aber es fehlen immer noch zu der Phayllosleistung 25', also fast die Hiilfte. Dieser Fehlbetrag wird aber niemals ergiinzt werden, und beHügelte auch begeisternde Flötenmusik die Springer, wie einst zu Olympia. Selbst die Kunstfertigkeit des trefflichen Flötenspielers Pythokritos brachte dies nicht fertig; da müsste schon der mythische Thracier Orpheus selber kommen, der Sohn des Apollon und der Muse Kalliope. dessen gewaltiger Melodei es sogar gelungen sein soil, Biiume und Felsen in Bewegung zu setzen. So ist denn leider das Ergebnis, zu dem uns unsere Untersuchungen tiber den durch künstliche Hilfsmittel gestei-gerten Sprung geführt haben, wiederum ein negatives: auch bei geschicktester Anwendung der Hanteln liisst sich im iiussersten Falie vielleicht ein Sprung von 30' Weite erzielen; ein einze Iner Hal-terensprung von 52' oder gar 55' ist ein Ding der Un-mö glich keit.

1st aber schon mit Anlauf ein Phayllossprung undenkbar, ohne Anlauf ist er natürlich erst recht unmöglich. Und doch hat Philipp (a. 0. S. 35 f.) diese Ansicht aufgestellt, und, was noch merkwiir-diger ist, er bat mit dieser Ansicht den Beifall von Altertumsfor-schern wie Krause (G. und Ag. S. 882) Schoemann u. a. gefunden. Schoemann stellt die Sache (Griechische Altertümer Bd. 11 S. 52) kurz folgendermassen dar: „Zum Springen traten die Kampfer auf eine Erhöhung (/?«Ti;'e), von wo aus sie ohne Anlauf, nur langlich runde metallene Gewichte in den Hiinden schwingend, um

3S) Dies teilte Martin, dei- Vorsitzende des „London Athletic Clubquot; dem Verfasser des zweiten Pentathlonaufsatzes im Journal of Hellenic Studies, Ernest Myers, mit (siehe Journ. of Hell. Stud. II S. 218). Es wird bestiltigt durch F. Toms, den Redakteur einer englischen Sportzeitung (siehe Monatsschrift a. O. S. 274 Anm. **).

2*

ocr page 28

20

dadurch auch ihrem Körper Schwung zu geben, die abgesteckte Strecke zu überspringen batten. Sie betrug nicht weniger als 50 Fuss.quot; Die völlige Ünhaltbarkeit dieser Aufiassung wird durch die Thatsache dargethan. dass nach den Aufzeichnungen in England34) die weiteste Entfernung. welche dort im Standsprunge mit Hanteln übersprungen wurde. knapp ein Viertel von 55' betrug; es wurde namlich im Jahre 1875 zu Manchester ein solcher Sprung von 13' 7quot; unter Benutzung von 23 Pfund schweren Hanteln erzielt.

Trotzdem ist in neuester Zeit Dr. Marquar dt-Güstrow auf Philipps Ansicht zurückgekommen, die er allerdings in seiner Weise zu ver-bessern sucht; da er sich darüber klar ist, dass die Kraft der Arme und Beine für sich allein zu einem Standsprunge von 55' nicht aus-reichten, vermutet er, dass die Halterenspringer die natürliche Schwung-und Sprungkraft der Arme und Beine durch ein neues mechani-sches Beförderungsmittel noch steigerten. Nachdem er namlich in einem Artikel über den Sprung der Alten mit den Halteren (Monats-schrift 1885 S. 129 ft) nachzuweisen gesucht hat, dass der Halteren-sprung der Alten oline Anlauf gemacht sei, kommt er schliesslich zu folgendem Ergebnis (S. 134): „Hat aber in der That ein Anlauf nicht stattgefunden, so bleibt, will man den Phayllossprung nicht für eine Fabel halten, keine andere Lösung, als quot;die von mir angedeutete, dass der Halterensprung im Pentathlon vermittelst eines stark federn-den Springbrettes ausgeführt sei, und dass die zu diesem Sprunge eigens erfundenen Halteren in erster Linie den leicht erkennbaren Zweck hatten, den durch mechanische Kraft fortgeschleuderten Körper in der richtigen Lage zu erhalten.quot;

Wir müssen gestehen, dass dieser Erklarungsversuch, der in den volkstümlichen Betrieb der althellenischen Agonistik eine mechanische Vorrichtung einführen will, die eher in die halsbrecherische, nach Aufsehen erregenden Erfolgen strebende Übung des Circus passt. uns von vornherein sehr unwahrscheinlich vorgekommen ist; die für die Vermutung vorgebrachten Gründe sind auch keineswegs stich-lialtig. Der Springer auf der oben erwiihnten Vase aus Orvieto, der im Sprungfluge dargestellt ist, nimmt die Körperhaltung ein, wie sie bei jedem tuchtigen Weitsprunge auch ohne Schwungbrett sich von selbst ergiebt, und es ist durchaus nicht nötig mit Marquardt (a. 0. S. 131) anzunehmen, „dass der gewaltige Schwung, in dem wir auf der Neapler Vase den Springer sehen, nicht durch eigene Schnellkraft bewirkt werden konnte. sondern vielmehr durch die Kraft einer mechanischen Springvorrichtung veranlasst sein muss, die den Übenden ein weites Stück durch die Luft zu schleudern vermochte.quot; Jeder ordentliche Springer muss, wie der Dichter

quot;j Siehe Journal of Hellenic Studies Tom. II S. 218 Anm. 1. Vgl. Wassmannsdorff in der Monatsschrift a. O. S. 274.

ocr page 29

21

Lucillius es von dem richtigen. Pentathlen in seinem Epigramm35) verlangt, „seine Füsse tuchtig im Sprunge hochhebenquot; und „mit wohl-geschlossenen Füssen auf die Erde niederspringenquot;, wie es im Floren-tiner Scholion heisst (siehe Anm. 32). Dass mechanische Spring-vorrichtungen, die den Übenden ein weites Stück durch die Luft zu schleudern vermochten, den Alten nicht unbekannt waren, will Mar-quardt durch ein Chiusinisches Gemalde nachweisen, welches er irr-tümlich als eine Gemmenabbildung bezeichnet (Mus. Chius. II tav. 132, Krause a. O. Taf. IX c Fig. 25 i). Auf diesem Bilde sehen wir einen Luftspringer, der über ein Hindernis von eigentümlicher Form einen Überschlag vorwarts (salto mortale) macht. Ob die eigentümliche Vorrichtung eine Art Schwungbrett darstellen soil, von dem der Springer sich abgeschnellt hat, ist doch sehr zweifel-haft, zumal wenn das Originalbild der Abbildung bei Micali (Lltalia avanti il dominio dei Romani. tav. 70) gleicht,36) auf welcher die Seitenzapfen der Krauseschen Abbildung fehlen, die nach Marquardt nur den Zweck haben können, das Brett nach Belieben bald höher bald niedriger zu stellen, und somit die ganze Vorrichtung als eine Art Sturmlaufbrett kennzeichnen würden. Auf jeden Fall ware das Schwungbrett vollstandig verzeichnet; es ist so steil, dass ein Sprung vorwarts von demselben unmöglich ist.

Doch angenommen, auf dem Ohiusinischen Bilde ware wirklich ein Schwungbrett gemeint, so ist damit noch keineswegs zugegeben.

3'') Das Epigramm des Lucillius steht in der Antliologia Palatina (XI, 84):

Ovtc ldyior fnor tl; tv dvTind'/.oiait' t'u:!ftr,

ov'zt pfjdamp;iov n/to* tÓQUUir tit artcd'ior.

ó'iaxu) uir ylt;!n ovamp;' ijyyiaci, tovs c)'i o () t:s' [iov

l cf7 o lt;: i nriamp;üv ïa^voi' ovamp;iTioTf.

XvU.Of yXÓVllCtV (I/Xllvova. Tlit'lt cf' KTl' Kamp;'/.(OV IIQMTOi ixtjQVXamp;riV TItVZiTQiaZÓfXtI'Oi.

Zu deutsch:

Weder so rasch wie ich fiel eiuer der Geguer im Ringkampf,

Noch durchlief einer j e langsam die Rennbabn wie ich.

Gar nicht erst wagte ich uiich dem Diskos zu nalien; die Füsse Hoch zu heben im Sprung batte ich nimmer die Kraft.

Besser als ich schwang ein Labmer den Speer; und der Herold verkiindet', Abgeworfen sei ich fünfmal vom Fünfkampf zuerst.

36) Das Bild im Museo Chiusino, nach welchem Krauses Figur 25 i auf Taf. IX c a. O. gezeichnet ist, und das Bild iu Micalis Bilderatlas sind überhaupt einander so unahnlich, dass man in ihnen kaum Abbildungen desselben Originals erkennen möchte. Nicht blos fehlen bei Micali, wie oben erwahnt, die zum Hoch- und Niedrigstellen dienenden Zapfen, welche das Museo Chiusino zeigt; auch der Luftspringer selbst ist ganz verschieden dargestellt. Im Museo Chiusino legt er die Arme gestreckt und geschlossen an die Vorderseite des Leibes und macht so, wie Marquardt sich ausdrückt, einen „eleganten salto mortalequot;; bei Mical dagegen fuchtelt er mit den Armen unrubig in der Luft herum und macht eine höchst unglückselige Figur. Welcher der beiden Abbildungen soli man glauben ?

ocr page 30

22

dass wir in demselben den Ba ter der heiligen Agone erkennen dürfen. Der Versuch Marquardts, in dem Bater ein Schwungbrett nachzu-weisen, ist durchaus missglückt. Zunüchst sprieht dagegen der Gebraucb und die Ableitung'des Wortes Wenn Marquardt aus der Ahn-

lichkeit der Wortbildung mit xuuntvQ, „unter welch. letzterem ein einzelner besonderer Gegenstand, namlieh die meta, zu verstehen seiquot;, den Schluss Ziehen will, „dass der ein besonders er-

höhter Punkt gewesen sein mussquot; (S. 134), so ist das mehr als kühn. Mit dem Worte paznv wird von den alten Griechen nicht bloss der Absprungplatz der Halterenspringer bezeichnet, sondern auch die Schwelle derïhür; schon deswegen liegt es nahe, sich den Bater des Pentathlon sehwellenartig vorzustellen. Damit stimmt die Wortableitung völlig überein: $lt;'*gt;,(gt; ist von dem Stamme ba „schreitenquot; vermittelst derselben Endung hergeleitet, mit welcher y.afiTiTtin, afoijQ (Anmerkung 25) uud viele andere Wörter gebildet sind, die ein Werkzeug im engeren oder weiteren Sinne bezeichnen, und heisst wörtlich „Schreiterquot;; er wurde so genannt, weii man ihn bei dem Absprungsehritt betrat; ein Schwungbrett durfte nicht „Schreiterquot;, sondern musste „Schwingerquot; (etwa auazijQ, fxtTtioQiaTi'ig) genannt werden. Auch die Bemerkungen der Lexiko-graphen Pollux, Suidas und Hesychios über den Bater, auf welche sich Marquardt stützen möchte, geben keinen Anlass zu der Annahme, derselbe sei ein besonders erh öhter Punkt in der Linie gewesen, welche die Grenze der Springbahn, des Skamma, nach der Seite des Absprunges hin bildete; im Gegenteil die Mitteilungen der Lexiko-graphen bestatigen, wie ich nachweisen werde, die von Marquardt bekampfte Vermutung, welche, zuerst von einem Neugriechen aufge-stellt, alsdann besonders von beachtenswerter turnerischer Seite naher begründet und verteidigt worden ist.

Diese von Marquardt mit ünrecht bekampfte Hypothese erklart den Sprung der Pentathlen als einen Dreisprung; und ihr Hauptvertreter ist Karl Wassmannsdorff. Wie dieser um Turn-geschichte und Turnsprache verdiente Gelehrte kürzlich in einem schon mehrfach angezogenen Aufsatz der „Monatsschriftquot; (1885. S. 270) mitgeteilt hat, wurde er selber auf diese Vermutung zuerst durch seinen neugriechischen Studiengenossen Evthymios Kastorchis gebracht, der ihn seinerzeit darauf aulinerksam machte, dass das neugriechische Volksleben unter dem Worte nrfay, welches auch in der altgriechischen Sprache gern für den Sprung der Fünfkampfer gebraucht wird, nur diese Springweise „ttV rds cqüïquot; d. i. den Dreisprung verstehe. Wassmannsdorff hat alsdann diese Erklilrung des Phayllossprunges zuerst in der sogenannten zweiten Auilage von Jahns „Deutscher Turnkunstquot; (Berlin 1847 S. 147 Anm. 1) ver-öffentlicht und ist für sie seitdem immer eingetreten, obwohl sie in Deutschland seitens der Turner nur teilweise Zustimmung, seitens der Philologen aber keineswegs die gebührende Beachtung fand.

ocr page 31

23

Bei den Neugriechen dagegen scheint sich dieselbe der allge-meinen Zustimmung der Urteilsfilhigen zu erfreuen. Wenigstens hillt Kastorehis. jetzt Professor an der Universitat Athen. wie er seinem deutschen Studienfreunde erst kürzlicli wieder (1882) ver-sicherte, noch heute an derselben Ansicht wie ehedem fest. und audi G. Lukas sprieht in einem gelehrten Werke fiber die Gebriluche der Alten, die sich im Leben der neueren Bewohner Cyperns er-halten haben, die Überzeugung aus, dass „der Dreisprung, die bei den heutigen Kypriern am meisten betriebene Leibesfibung. der Halterensprung der Alten sei.quot; 37)

Auf jeden Fall hat die Annahme, dass der Pentathlensprung ein Dreisprung gewesen sei, vor allen andern Erklarungen zuvör-derst den einen grossen Vorzug, dass sie eine so ungeheure Spring-leistung wie die des berfihmten Krotoniaten in den Bereich der Möglichkeit rfickt, ohne derselben den Charakter einer ganz unge-wöhnlichen Leistung zu benehmen. ünter einem Dreisprunge ver-steht man eine Verbindung dreier in unmittelbarer Aufeinanderfolge ausgeführter Sprünge, von denen die beiden ersten Sprungschritte sind, wahrend der dritte einen Schlussprung darstellt; hierbei wird also zuerst auf den einen, dann auf den andern und endlich auf beide Füsse niedergesprungen. Einen Dreisprung, bei welchem man das erste- und das drittemal mit dem rechten Fusse abspringt, könnte man Dreisprung rechts, einen widergleichen aber Dreisprung links nennen. Dass mit einem solchen Dreisprunge ganz andere Entfernungen übersprungen werden können als mit einer der bisher besprochenen Springweisen, ist von vorn herein selbstverstandlich und wird schon durch den ersten Versuch erwiesen, wie man ihn unter Verwendung von drei Sprungbrettern jederzeit auf dem Turn-platz anstellen kann. Wassmannsdorfi selbst gelang es in seiner Universitatszeit zu Berlin auf diese Weise eine Entfernung von 32' zu nehmen. Viel Bedeutenderos lasst sich natürlich bei einseitiger Ausbildung in dieser Springweise leisten, wie dies in England und Nordamerika der Fall ist. wo man den Dreisprung unter dem Namen „Hop, step and jumpquot; sportsmassig betreibt. So sprang nach den Aufzeichnungen im Jahre 1873 ein englischer „Amateurquot;, ein Klubmitglied, 45' 4quot; (= 13,81 m), wahrend ein „professioneller Athletquot; aus Nordamerika 1870 47' 7quot; (= m) Sprungweite erzielte. Ja Martin (Anm. 33) giebt sogar als beste Leistung im „Hop, step and jumpquot; 49' 3quot; ( = 15 m) an; diese Leistung, die der des Phayllos (16 bez. 17 m) schon natie genug kommt, wurde

3') G. Lukas' Buch ist 1874 zu Athen ersehienen unter dem Titel:

'/.oyixtü lniaxtiptis Toiu év rlt;a pio) ruit' vtuirigioy Kvtiq'imv unjuiioji' xüsv kq-Xuimv; die oben ausgehobene Stelle steht auf S. 106. Siehe „Jahrbücher der deutschen Turnkunsf Jahrg. 1885 S. 69 Anm. 2 zu einem Aufsatz von Wassmannsdorfi'.

ocr page 32

24

zu Harwich 1861 erreicht.38) ünd alle diese Leistungen wurden ohne Benutzung eines Sprungbrettes und ohne Hanteln erzielt; wenn also der Dreisprung durch zweckmassige Verwendung von vier- bis liinfpfündigen Hanteln unterstützt würde, so wiire es wohl nicht ganz undenkbar. dass ein von der Natur besonders glücklich aus-gestatteter Mann nach lang ausdauemder Übung und mit Einsetzen aller leiblichen und seelischen Krafte es noch einmal dem Phayllos im Weitsprunge gleich thate und 16—17 m weit sprange. Wer mit Aussicht auf Erfolg diesen Halterendreisprung üben wollte, dessen Leiblichkeit müsste freilich jenen Anforderungen entsprechen, welche nach Philostratos' Gymnastikos (cap. 31) der altgriechische Gymnast an den zukünftigen Fünfkampfer zu stellen batte: „Er soil lieber lange als proportionierte Schenkel und eine biegsame und beweg-liche Hüfte haben wegen der Eückwartsweudungen beim Speer-oder auch beim Diskoswurf und wegen des Sprunges; denn ein solcher wird weniger Schmerzen beim Springen haben und sich nichts am Leibe brechen, wenn er beim Niederprallen auf das Unter-gestell sich im Hüftgelenk allmahlich niederlasst.quot; 39) Wohl setzt der Aufprall, mit welchem der Halterenspringer am Ende des Drei-sprungs auf den Boden niedergelangt, eine ungemein feste Pügung des ganzen Leibes und ein besonders elastisches üntergestell des-selben voraus, und wir verstehen es, wenn Philostratos, der im dritten Kapitel seiner Schrift über die Gymnastik das Springen zu den leichten Übungen rechnet, doch im 55. Kapitel derselben Schrift den Sprung zu den schwierigeren Wettkampfübungen des Fünfkampfes zahlt (Anm. 24).

Obwohl somit. vom turnerisch technischen Standpunkt aus be-trachtet, die Erklarung des Phayllossprunges als Dreisprung vor allen anderen Erklarungen den Vorzug verdient, ja die einzige ist. die ernstlich in Betracht kommen kann, fehlt es namentlich unter den Philologen immer noch keineswegs an solchen, die dieselbe zurückweisen oder sie gar, wie Pinder, mit Stillschweigen übergehen. Sie thun dies oftenbar, weil sie ein Zeugnis des Altertums vermissen, das dazu berechtigt, unter dem nnSév der Pentathlen ohne weiteres mit den Neugriechen nicht einen einfachen, sondern einea zusammengesetzten Sprung zu verstehen. Pehlte es wirklich an einem solchen Zeugnis, sö würde in der That die gegebene Erklarung nichts weiter bleiben als eine vielleicht sehr ansprechende Hypothese. Nun habe ich aber bereits in meinem Vortrage auf der Turnlehrerversammlung in Braunschweig darauf aufmerksam gemacht.

38) Siehe Journal of Hellenic studies II S. 218; Silberer, Handbuch der Athletic S. 186; Monatsscbrift a. O. S. 273 f.

:i9) *E'/éno x(d xoiv GXtkoiv fxaxQÜg ftuMoy rj ZvppÉTQiog aca rijg oacpvog vyqiog rf ïmI tvxó/.iog iïid te rrèg vnoaiQocpflg tov axoviióv rj y.cci tov óioy.ov c)W te ro ccXvnóttqov yaq nridriatTfci xal Qtjamp;i ovdèf tov GtófAfCTog, t;j'

vTioxafhtig to la/ioy xmtgeicy Trj ptcau.

ocr page 33

25

dass bei genauem Zusehen eine schon seit langer Zeit für unsere Frage benutzte Stelle des Hesychios über den „Baterquot; eine unver-kennbare Hindeutung darauf enthiLlt, dass der Sprung der Pentathlen kein einfacher Sprung gewesen ist. Auch das fünfte Lexikon Seguerianum bringt, wie ich seitdem entdeckt habe, zunachst wört-lich die Stelle des Hesychios über den Bater. um alsdann einige Bemerkungen daran zu knüpfen, welche dieselbe in sehr arwünschter Weise erganzen und erlautern und noch deutlieher Zeugnis dafür ablegen, dass wir uns den Sprung der Fünfkampler als einen zu-sammengesetzten Sprung zu denken haben.

Die von mir gefundene wichtige Stelle steht in J. Bekkers Anec-dotis I. p. 224 und gibt. wie gesagt, zuvörderst die auch bei Hesychios enthaltene, schon langst für unsere Frage benutzte, aber falsch erklarte Beinerkung: rd üxqov tov tióv ntvTuéy/Mv axiififiaxos,

nep ov üMovica t6 tiq^xov. 4u) Diese Stelle wurde von Philipp als einziger Beweis dafür angeführt, dass der Sprung der Fünfkampfer von einer Anhöhe herab geschah und also eine Art Tief-sprung ohne Anlauf war, indem er dieselbe erklarte: „Bater: die Erhöhung (locus paulum superior) des Skamma der Fünfkampfer, von der sie zuerst h er a b sprangen.quot;4l) Dieser Erkliirung schloss sich J. H. Krause (S. 882 seiner Gymnastik und Agonistik) an, wenn er. ohne noch weitere Beweise beizubringen, behauptet, nur der Tiefsprung scheine bei den Hellenen der allgemein beliebte und viel geübte Sprung gewesen zu sein, blos im ïiefsprunge seien Entfernungen von 50—55 Fuss denkbar und zwar nur vermittelst der Sprungtrager (targets-), sicherlich ware nur diese Art des Sprunges in den öffentlichen Spielen geübt worden, Behauptungen, von denen immer eine gewagter als die andere ist. Trotzdem macht auch Scbömann Philipps und Krauses Auffassung in der oben angefiihrten Stelle seiner „Griechischen Altertümer (Bd. H S. 52) zu der seinigen. Gegen Philipps Erkliirung der oben angefiihrten Worte ist aber

10) Die Stelle lautet vollstandig: BcerriQ- to cixnov rov nur ntvTKtamp;'/.mv oxauaaros, dep' ov iiO.ovtui zo tiqóöto)'. —éhtvxof. —rnuk^o, tfi rd iit-nor, t}lt;f ov (V/j.oati'ol nu'Kiv tiit/./.oi'llil. üutwoi' oig SéAtvxof. arjfiuivei d'i xid rot' x7;i U-voai ovóói'. Si' quot;Ofitjgos fitf/.óv, ot amp;i lonyixoi ftu'/.óy. Ohne Not verandert I. Bekker die Lesart der Handschrift iV/./.oucvoi in ü/.óutt'oi; die Lesart der Handschrift verdient den Vorzng vor Bekkers willkürlicher Anderung: d'O.ó-atvoi heisst, wie es der Saehlage entsprieht, „wahreud sie springen, beim Springenquot;; «/dufrot würde bedeuten; „nachdem sie abgesprungen sind-.

41) Philipp sagt in seiner Commentatio de Pentathlo p. 35s.: ... in publico certamine quinquertiones non ex procursu, sed de loco eoque paulum superiore saluisse reperimus. Nam Pollux aliique definite Sacryic referunt, quem Hesychius dicit (V. s. v.) rd d X o o y lor (yxauuc twv tiivtuamp;ïmv, d(f oii (i'O.oi'Kd rd tiqmxoi'. Schneiderus autem (Lexic. s. v.) paruin commode inter-pretatur „die Schwelle, auf die man tritt, und die Schranken, aus welchen man beim Wettrennen auslauft, also s. v. a. /fy/df und quot; Vides fiatijfiu locum

esse, in quem procedebant, et inde fere denominatum, neque de limine lapideo vel saxeo aliove cogitandum esse.

ocr page 34

26

folo-endes zu bemerken. Eine Vergleiehung mit Suidas, der den Bater als „Anfang des Skamma der Fünfkampferquot; erlautert, zeigt. dass to axgov nicht im Sinne von „Anhöhe, Erhöhungquot;, sondern als „das Ausserste. das Ende oder der Anfangquot; zu verstellen ist; ferner. sollte von einem Herabspringen gesprochen werden, würde man statt der Praeposition anó (== „von—herquot;) eher die Praeposition xrua {— von—herab) erwarten; und drittens der von Philipp nicht weiter beachtete Zusatz to tjqlütoy (= „zuerstquot;) enthiilt offenbar, wie ich bereits in meinem Vortrage über den Fünfkampf hervorgehoben habe, eine Hindeutung darauf, dass die Fünfkampfer im Agon nicht bloss einmal, sondern wiederholt sprangen. Demnach sind die in Frage stellenden Worte folgendermassen zu übersetzen: „Bater: der Anfang [oder das Ende] des Skammas der Fünfkampfer, von welchem sie den ersten Sprung mach en.quot;

Dass diese meine Erklarung der dem Hesychios und dem Bekkerschen Anonymos gemeinsamen Worte richtig ist, wird durch die weiteren Bemerkungen des letzteren (Anm. 40) bestatigt: nach-dem namlicli derselbe den Alexandrinischen Gelehrten Seleukos42) als Gewahrsmann für die von ihm an erster Stelle gegebene, mit Hesychios übereinstimmende Begriffsbestimmung von „Baterquot; genannt hat, gibt er noch eine zweite Erklarung desselben Kunstausdruckes in folgenden Worten: „Symmachos43) aber [erklilrt Bater als] die Mitte des Skamma, von welcher sie [die Fünfkampfer] beim Springen noch ma Is in die Hühe springen. Besser wie Seleukos [die Sache erklart].quot; Mogen wir nun auch mit dem Bekkerschen Lexikographen die auf Seleukos zurückgeführte Erklarung von Bater als Anfang des Skamma vorziehen und die aus Symmachos geschöpfte andre Auffassung verwerfen, so haben wir doch darum gar keine Veran-lassung die in des Symmachos Mitteilung enthaltene thatsilehliche Angabe über die Springweise der Fünfkampfer in Zweifel zu ziehen, da Symmachos wohl in der Lage war hierüber glaubwürdig Aus-kunft zu geben. Aus den angeführten Worten des Symmachos über den Bater geht aber soviel mit Sicherheit hervor, dass die Fünfkampfer beim Springen nicht bloss am Anfange des Skamma vom Bater absprangen, sondern auch inmitten der Springbahn noch-mals aufsprangen; und wenn auch der Wortlaut der Stelle nicht deutlich erkennen lasst, wie oft, ob ein, zwei oder mehrere Male der Boden des Skamma von den Springenden berührt wurde, so

42) Seleukos aus Alexandria lehrte um das Jahr 100 v. Chr. in Rom. Nacli Suidas verfasste dieser gelehrte Grammatiker erliiuternde Schriften zu fast allen Dichtern, namentlich aber zum Homer, weswegen er „der Homerikerquot; genannt wurde. Die Beraerkung über den Bater dürfte aus seinem Buch „über die Sprichwörter bei den Alerandrinernquot; entlehnt sein.

43) Symmachos, ein spaterer alexandrinischer Gelehrter, wird öfter in den Scholien zu den Komödien des Aristophanes genannt. Er hat, wie es scheiut, seine Weisheit wesentlich aus den Schriften des Didynios Chalkenteros, also aus einer guten Quelle, geschöpft.

ocr page 35

27

dürfen wir doch wohl in Berücksiehtigung der heutigen Volkssitte und des heutigen Spraehgebrauches der Neugriechen und besonders der neugrieehischen Bewohner von Cjpern, welehe auch sonst nianchen althelienischen Branch bis in die Gegenwart herüber ge-rettet haben, inderAngabe des Symmachos getrost die lange vergebens gesuchte klassische Bestatigung der. wie wir dargelegt haben. technisch allein möglichen Erklarung des Phayllossprunges als eines Dreisprunges sehen. Wir würden sogar eine weitere Bestatigung unserer Ansicht durch ein Bildwerk des Altertums bekommen, wenn wir mit Wass-niannsdorft — wenn ich anders denselben (Monatsschrift a. 0. S. 271 f.) recht, verstehe — auf der bereits besprochenen Lambergschen Vase (bei Krause a. O. Taf. VIII Fig. 19) in dem hanteltragenden Agonisten nicht einen Springer im Anlauf, sondern im ersten Sprungschritte erkennen dürften; der betreflende Springer indes greift meines Er-achtens keineswegs so kraftig aus, wie es zur Ausführung eines tüchtigen Dreisprunges in der Art des Phayllos nnbedingt nötig erscheint: um auch nur annahernd Ahnliches im Dreisprunge zu leisten wie Phayllos, sind Sprungsehritte erforderlich, wie sie oft so lebendig bei der Darstellung von Liiufern auf Vasengemillden uns vor Augen treten, z. B. bei Krause Taf. VI Pig. 11, Taf. VII Fig. 14 und besonders Taf. Vllb Fig. 14c, 14d und 14e. Übrigens ist das Sprungschema der Lambergschen Vase dem auf dem Berliner Diskos dargestellten ziemlich ahnlich.

Die von mir nachgewiesene Stelle des Bekkerschen Gramma-tikers bietet nun aber ausserdem auch eine überaus willkommene Ergilnzung zu den mageren Andeutungen, welche wir in den alten Schriftstellern bisher über dasSkamma oder die Springbahu der Halterenspringer besassen. Die wichtigste Auskunft hierüber verdankten wir bisher dem Julius Pollux, welcher in seinem Wörter-buche (III, 151) unter dem Worte „Pentathlosquot; u. a. folgendes bemerkt44): „und von wo er [der Pentathlos] abspringt, [heisst] Bater____

das Mass des Sprunges Kanon, das Ziel (oder die Grenze) die Eskammena, weswegen man mit Bezug auf die das Ziel Über-springenden sprichwörtlich sagt; über die Eskammena hinaus springen.quot; Auch die bereits oben angeführten Berichte über den Sprung des Phayllos und über den Bater und die eine oder die andere An-spielung in des Pindaros Gedichten werfen einiges Licht auf das Skamma. Diese trockenen und dürftigen Andeutungen aber, welche wir in den Schriften der Alten aufgefunden haben, erhalten, wenn eine Vermutung von mir richtig ist, eine treffliche Erlauterung durch eine für den Übungsbetrieb der Gymnastik bestimmte Anlage, welche

44) Kiu oamp;ev ahkercei, smrjq. zo iïè [xéxqov rov tirflt'ifxiaog xccvüjv, 6 d't oqoï xa laxccfxfxévct, oamp;sr itil tmv tov oqov vntqtiriamp;iavuov ot ticcqoifxicc^ófuevoi AtyovOL Tiiiöai' vnto ra èaxccfjinivcc.

ocr page 36

28

von der Deutschen Ausgrabungskommission in der Palastra zu Olympia leider nur halb aufgedeekt ist. Ich glaube namlich nachweisen zu können, dass die von A. Böttcher als ratselhaft bezeichnete Thonfliesenlage (Olympia S. 372) in dem nördlichen Teile des Übungshofes der Palastra nichts anderes ist als eine doppelgeleisige Springbahn.

P. Graef entwirft in dem amtlichen Ausgrabungsberichte (Band V S. 40 f.) von dem Hofe der Palastra, deren Grundriss auf Taf. XXXVIlI in demselben Bande des Ausgrabungswerkes gegeben ist, folgende Besebreibung; „Der eigentliche Schauplatz der letzteren [d. h. der Kampfübungen] war der innere Hof [der Palastra]. In seinem nördlichen Teile ist ein interessantes Ziegelpflaster aufgedeekt worden, vyelches besonders für die Eingkiimpfer hergestellt zu sein scheint. És besteht einerseits aus besonders für ihren Zweck angefertigten, 0.40 m im Quadrat messenden Thonplatten. deren Oberflache geriefelt ist, andererseits aus flachen Daehziegeln von 0,56 m Breite und 0.68 m Lange (vgl. den [in den Text dieses Berichtes S. 41. eingefügten] Holz-schnitt.45) Von jenen liegen in ost-westlicher Kiehtung zwei Mal je vier Eeihen neben einander, dazwischen eine doppelte und an der Nordseite eine einfaehe Eeihe der letzteren, derart dass zwei dureh einen glatten Mittelgang getrennte Flachen entstehen, welche, leicht mit Sand bedeckt, den Eingern einen festen Stand gewahren mussten und zugleich genau die Breite hatten, welche die Kampfregeln für das seitliche Ausweichen beim Eingen gestatteten. Der Mittelgang schied die Karnpfergruppen und ermöglichte den Lehrern ein genaues Beobachten derselben.quot;

Der von P. Graef in die Beschreibung verflochtenen Erklilrung wird, wie Bötticher (a. O. S. 372 f.) mit Eecht meint, niemand bei-pflichten, der mit der Gymnastik der Alten und überhaupt mit den Leibesübungen vertraut ist. Es ware in der That sehr wünschens-wert gewesen, dass Graef für seine Behauptung, es sei dureh die Kampfgesetze ein seitliches Ausweichen beim Eingen bis zu einer Breite von 1,60 m gestattet gewesen, eine Belagstelle aus den Alten beibrachte. Ferner zum Eingen ist ein Übungsplatz um so besser. jeweicher er ist; das wussten selbstverstandlich die alten Griechen ebenso gut wie wir, und es ist auch ausdrücklich von Athenaios (XII 539c) überliefert, dass die Wohlhabenderen unter ihnen sich wohl zum Eingen grosse prachtige Teppiche auf dem Boden aus-breiten hessen, und Xenophon erzahlt in seiner Geschichte des Eück-zuges der Zehntausend (IV, 8,26): als die Hellenen bei Trapezunt angesichts des freudig begrüssten Meeres gymnastische Spiele ver-anstalten wollten und der mit der Leitung derselben betraute Lake-

,r,J Der das Ziegelpflaster im Hof der Palastra zu Olympia darstellende Holzschnitt ist auch in Seemanns Kulturhistorischen Bilderatlas I Taf. XXII, 13 aufgenommeu; dasselbe Werk bringt auch den Grundriss der Paliistra selbst auf Taf. XXII, 2, leider ohne eine Andeutung des Ziegelpflasters.

ocr page 37

29

damonier Drakontios als Übungsplatz den felsigen Ort. auf dem sie gerade lagerten, vorschlug, da sei von allen Seiten die Frage auf-geworten: Wie soli man auf einem so rauhen Platze ringen können ? Ês ist demnach unglaublich. dass die mit der Gymnastik so wohl vertrauten olympischen Baumeister für das Eingen eigens ein hartes Ziegelptiaster herrichteten, bot doch der natürliche Boden des Palüstra-hofes den denkbar besten Ringplatz dar. A. Bötticher, der aus diesen Gründen Graefs ganz verfehlte Erklilrung verwirft, weiss aller-dings selbst eine andere bessere Deutung nicht beizubringen; er sehliesst vielmehr die Besprechung des „ratselhaftenquot; Ziegelpflasters rnit dein Bekenntnis: „Wie so manehes Unerklarte, was die Aus-grabungen zu Tage gefördert haben, harrt mithiii auch dieses Pflaster noch einer zutreffenderen Deutung, welche allerdings wohl mit den Übungen in der Palastra im engen Zusammenhange stehen diirfte.'-Kine solehe Deutung hoffe ich im folgenden bieten zu können.

Wenn die Ausgrabungskommission die westliche Hiilfte des Ziegelpflasters und die demselben benachbarten Teile des Palastra-hofes nicht ausgegraben hat. so hat sie dies in der Voraussetzung gethan, dass die verborgen gebliebene westliche Hiilfte genau der aufgedeckten östlichen Halfte entsprach; dies ergiebt sich aus den Erganzungslinien des „Situationsplanes vom 20. Marz 1881quot; (Band V Tafel XXXI, XXXII). Ergiinzen wir demnach die verborgenen ïeile genau den bekannten entsprechend, so sehen wir eine im allgemeinen an eine doppelte Kegelbahn erinnernde Anlage vor uns, welehe sich an der ganzen nördlichen Süulenhalle des Hofes in einer Entfernung von etwa l'/^m entlang zieht und fast den sechsten Teil des ganzen Hofraumes (von 41.5 m im Geviert) in Anspruch nimmt. Die beiden gleichlaufenden wohlgepflasterten Bahnen haben, da immer vier ïhonfliesen von je 40 cm Breite nebeneinander liegen, eine Breite von 1,60 m und eine Liinge von etwa 30 m; sie werden von ein-ander getrennt durch einen Mittelgang von 1,12 m Breite, der aus einer doppelten Reihe von Regenziegeln hergestellt ist, und wird durch eine einfache Eeihe von Regenziegeln nach Norden, d. h. nach der Zuschauerseite hin eingefriedet, die wohl bestimmt war. das Betreten der Bahn durch Unbefugte zu hindern. So wenig geeignet nun diese beiden Bahnen, wie wir sahen, für den Übungsbetrieb des Ringens erscheinen, für das Springen der Fünfkampfer und dessen Einübung waren sie im eigentlichsten Sinne des Wortes wie gesehaffen ! Die Breite von 1,60 m gewahrte dem Springer den nötigen Spielraum, ohne dass dabei von Raumverschwendung die Rede sein konnte; denn 1,00 m Spannweite hat ein erwachsener Mann bei ausgebreiteten Armen, wenn er Hanteln in den Handen halt. Die Lange von 30 m reichte für den Anlauf und die beiden Sprungsehritte des Dreisprunges vollkommen aus. Die „besonders für ihren Zweek angefertigtenquot; Thonfliesen, mit welchen die Bahnen gepflastert waren, halten quer zur Bahn laufende Riefen, durch welche der naekte Pus;?

ocr page 38

30

der Springenden gegen ein Eückwartsgleiten beim Anlaufen und Ab-stossen sehr zweckmassig gesichert war. Da die ThonHiesen ins-gesamt 0,40 m im Geviert messen, 0,40 m aber genau einem olympischen Pygon 46) entspricht, so trugen die mit solchen Quadrat-pygonen gepflasterten Bahnen einen Massstab der Sprünge gewisser-massen in sich selbst. Dureh diese ebenso einfache wie sinnreiche Einrichtung waren diese Springbahnen der olympischen Palastra ganz besonders gut zur allmühlichen Einübung des Dreisprunges ge-eignet: beim Üben des Weifsprunges rückte man natürlieh den Bater, „den Anfang des Skammas, von welchem die Fünfkampfer den ersten Sprung machtenquot; und den wir uns sicher ahnlich den auf unsern Turnplatzen gebrauchten gewöhn-lichen Sprungbrettern als ein tragbares, wenigstens leieht bewegliches Gerat zu denken haben, nach und nach immer weiter von dem Xiedersprungsorte ab und konnte dabei allemal, ohne besonders nachmessen zu müssen, den Abstand vom Ziele bequem an den Pygonquadern ablesen. Wahrend nun die Springer bei den beiden Sprungschritten von der gepflasterten „Mitte der Springbahn, von welcher die Pentathlen beim Springen nochmals aufsprangenquot; (Bekkers Grammatiker), dem Bater im Sinne des Symmachos, abstiessen, geschah der Niedersprung nach dem Schluss-sprunge natürlieh nicht auf dem harten Ziegelptiaster, sondern aut' dem ungepflasterten Boden, der in einer Breite von 5 m zvvischen dem östlichen Ende des Ziegelpflasters und der östlichen Seite der den ganzen Hof der Palastra umgebenden Saulenhalle unbedeckt gelassen war. Dieser Niedersprungsort war zur Milderung des An-pralls durch ümgraben des Bodens besonders hergerichtet und bildete so „die Eskammena (d. h. das Gegrabene), das Ziel oder die Grenze des Sprungesquot; (Pollux). — Spitzhacken, wie sie zum Auflockern der Eskammena verwendet wurden, sind oft auf Vasen-gemalden abgebildet. So sehen wir auf einer Schale aus Vulci47) einen mit Schurz um die Lenden bekleideten Jüngling besehiiftigt mittelst einer grossen doppelspitzigen Hacke den Boden aufzulockern. Cnd auf einer Münchener Schale (No. 795),48) die drei anziehende

4,i) Kin Pygon, eine kleine Elle, war das Mass vom Ellenbogen bis zur Spitze des kleinen Fingers oder bis zu den zusammengebogenen Fingern; ein Pygon enthielt 20 Fingerbreiten oder 5 Faustbreiten, wahrend ein Fuss deren 16 beziehentlich 4 hatte. Da ein olympischer Fuss = 32 cm ist, so enthalt ein „Fingerquot; genau 2 cm und ein „Pygonquot; 40 cm.

i'!) Diese Volcenti'sche Vase ist zuerst abgebildet bei E. Gerhard, Aus-erlesene Vasenbilder IV Taf. 271 und tindet sich auch bei A. Bötticher, Olympia S. 99 Fig. 7. in Seemanns Kulturhistorischem Bilderatlas I ïaf. XXIII 4 und 5 und in liauraeisters Denkmalern des Klassischen Altertums I S. 613 Fig. 672.

4S) Dieses für die Kenntnis der Übungen in der Palastra überaus wichtige Vasenbild ist verüffentlicht in der Archilologischen Zeitung 1878 Taf. 11 in Seemanns Kulturhistorischem Bilderatlas I Taf. XXI, 3 und in Baumeisters Denk-millern des Klassischen Altertums I S. 613 Fig. 672. O. Jahn beschreibt das-selbe a. O. S. 248 f. also: A. Vor einer ionischeu Silule steht ein nackter be-

ocr page 39

31

Bilder aus dem Leben der Palastra zeigt, sind vier Spitzhaeken genau derselben Form von dem Vasenmaler dazu verwendet. urn die Lüeken zwischen den Gestalten der mit Springen, Diskos- und Speerwerfen beschaftigten Paliistriten angemessen auszufüllen. Ein kürzere Hacke mit nur einer Spitze dagegen zeigt ein etruskisches Vasengemillde (bei Inghirami Monumenti etruschi vol. V. 2 tav. 70, auch bei Krause a. 0. ïaf. XV Fig. 55) in der Hand eines Agonisten; auch aut' einer Amphora der Berliner Sammlung ist ein Jüngling dargestellt, der sich auf eine Hacke mit einer Spitze stützt (Krause a. O. Taf. XVIII e Fig. 66 k).

Ahnlich wie die Springbahn der Palastra zu Olympia liaben wir uns gewiss auch das bei den grossen olympisehen Wettspielen für das Springen der Pentathlen im Stadion hergerichtete Skamma zu denken; denn es darf als selbstverstandlich gelten. dass die in der Paiastra abgehaltenen Vorübungen der zukünftigen Wettkampfer im wesentiichen unter denselben Bedingungen und nach denselben Grundsatzen betrieben wurden, wie sie bei den heiligen Agonen selbst beobachtet wurden. Es bestand demnach das Skamma, zu dem eine wohlgeebnete Anlaufbahn. die nicht gepflastert zu sein brauchte, hinführte, aus einer schwunglosen sprungbrettartigen Spring-sehwelle, dem Bater, für den ersten Absprung, aus einer mit Quadrat-pygonen geptlasterten mittleren Springbahn von 1,60 m Breite und etwa 10—12 m Lilnge. die vielleicht an beiden Langseiten dureh eine einfache oder doppelte Keihe von 56 cm breiten Regenziegeln gegen das Betreten seitens Unbefugter eingefriedigt war, für den zweiten und dritten Absprung und aus den sorgfilltig aufgegrabenen und geebneten Eskammena für den Schlusssprung. Die hintere Grenze dieser Eskammena, die zugleich die hintere Grenze des ganzen

kranzter Jüngling, vonvarts gebeugt, mit vorgestreckter Rechten, ira Begritï mit der rückwarts gestreckten Linken einen Diskos fortzuschleudern, neben ihm eine Hacke, oben ein Sack (zcu'puzof). Ein Jüngling von vorn gesehen, naekt und bekriinzt, stemmt die Rechte in die Seite und stützt mit der Linken einen Stab auf. Zwei nackte Jünglinge, der eine links mit einer Lederkappe, stehen mit vorgestreckten Handen zum Ringen bereit einander gegenüber; oben links hangen Halteren, rechts Strigilis, Oelfliischchen und Schwamm, dabei stehen zwei Stangen. — B. Vor einer ionischen Siiule steht ein bürtiger Mann mit einer Lederkappe, in der Linken einen Stab, in der Rechten ein Band, vor ihm stehen drei Stiibe in die Erde gepflanzt; oben o xciXo? [d. i. der Knabe ist schön].

Ein nackter Jüngling halt in den ausgestreckten Handen Halteren, neben ihm ist eine Hacke, oben Strigilis, Schwamm und Oelgefass. Ihm gegenüber steht ein bartiger nackter Mann mit Hauptbinde, in der Rechten Halteren, in der Linken einen Krückstock; er sieht sich um nach einem nackten Jüngling, der mit der Rechten einen Stab über dem Kopi' schwingt; vor ihm hangt ein Sack, an dem y.a'/.oi [d, i. schön] steht, darunter rtci/i [cl. i. fdrwahr], hinter ihm stehen zwei Stangen; unter dem Henkei eine Hacke. — I[nnenbild]. Ein nackter Jüngling mit Lederkappe, die unter dem Kinn zugebunden ist. hiilt in beiden Handen einen Diskos hoch; neben ihm steht ein nackter Jüngling mit Hauptbinde und fasst mit beiden Handen eine Stange. Neben ihnen eine Hacke, oben hangen Halteren mit Bandern, daneben Uiivaitioi xtO.oi [d. i. Paniitios ist schön].

ocr page 40

32

Skamma war, batte ursprünglieh von dem hinteren Eande des Bater einen Abstand von 50 Fuss, weil man vor Phayllos Dreispriinge von mebr als 50 Fuss Weite noch nicbt gesehen hatte; dies sind jene „früheren Skaramata von 50 Fussquot; (Suidas Anm. 19) oder, wie der Scholiast zu Lucian (Anm. 20) sich ausdrückt, jene „gegrabenen 50 Fussquot;, welche „die Leute vor Phayllos gruben und auch sprangenquot;, über welche dann nach dem Epigramm (Anm. 18) Phayllos selbst 5 Fuss hinaussprang. so dass er, wie Zenobios und Genossen berichten (Anm. 17), „auf den harten Bodenquot;, der nicht aufgelockert war. gelangle. Nach Phayllos wurde vielleicht die hintere Grenze der Eskamniena und des ganzen Skamma entsprechend weiter hinaus verlegt.

Das Bild, das wir so auf Grund der schriftlichen und monumentalen Überlieferung entworfen haben, weicht nicht unwesentlich von den Vorstellungen ab, die man bisher von dem Skamma und seinen einzelnen Teilen gehabt bat. Mit den unseres Erachtens un-richtigen Ansichten, die Gelehrte wie Philipp, Schömann, Mar-quardt u. a. von dem Bater hegen, haben wir uns bereits oben aus-reichend beschaftigt; es bleibt nun noch übrig die eigentümliche Ansicht kennen zu lernen und zu würdigen, welche Dissen, Philipp und Pinder von den Eskammena aufgestellt haben. L. Dissen ent-wickelt seine Ansicht in dem Kommentar zu des Pindaros Sieges-gesangen. Der grosse Sanger von Theben rühmt sich niimlich voll hohen Selbstgefiihls seiner dichterischen Schwungkraft in folgenden Versen (19 f.) des fünften nemeischen Siegesliedes49): „Wenn es gilt Lebensglück oder der Hande Gewalt oder den eisernen Krieg zu preisen, möge mir einer ja vom Male aus weite Sprünge in den Boden graben; ich habe behende Schwungkraft der Kniee.quot; Und ein alter Erklarer gibt hierzu folgende Erlauterung50): „Das Gleichnis ist von den Fünfkampfern entlehnt, für welche Skammata gegraben werden, wann sie springen; wenn sie niimlich im Agon springen, wird eine Furche in den Boden eingegraben, den Sprung eines jeden anzeigendquot;. Dissenverwirft nun diese dem Zusammenhange derDichtung durchaus entsprechende Erklarung des Scholiasten, urn folgende an deren Stelle zu setzen: „Es war im Stadion eine Furche quer gezogen, r« iaxnu-/uiva, r6 ay.duixu, gegen welche man beim Wettkampfe den Sprung richten und den man möglichst zu erreichen suchen sollte. Wahrend nun dieselbe gewöhnlich 50 Fuss von dem Orte, von wo abge-sprungen wurde, entfernt war, tibersprang sie doch Phayllos von Kroton u. s. w.quot;

Philipp gibt dem Scholiasten, der seine Erklarung gewiss nicht

40) Ei d^oXfiov fj /tioiijy piav rj GiiïaQiTcty Inccivt-aai nóXtuov ó'tdóy.rjci, pfcxocc not | ()'/; avró'Hi' iï'/.uniï vtiooxutitol Tig- t/o) yovdziov Ihafpqov oqucci'.

50) 7/ dè /uéirtcpoQu (ctïo tiop ntvTud-hiOv, oig GxcifUfxccTcc axanTovicci. ovav (itXbiVTaL' Ixtiviov yciQ y.uxu tov a yui va nridujvtiov vTioaxdnztrai póamp;Qo? txaazov to iïXua iïtiY.vvg, Vgl. den Scholiasten zu Lukianos' Traum in Anm. 20.

ocr page 41

aus der Luft gegriffen hat, Eeeht und verwirfl die Dissensclie Hypothese (p. 385); die Dissensche Furche hatte in der That keinen weiteren Zweck haben kunnen als den, das Naclimessen der Sprtinge dureh die Hellanodiken zu erleichtern und ware darum aueh unzweck-miissig so weit hinaus gelegt gewesen, dass ein Sprung über sie hinaus kaum mehr erwartet werden konnte; sie musste vielmelir ungefahr in die mittiere Sprungweite gelegt werden (Finder a. 0. S. 101). Gewiss hat Philipp Eeeht, vvenn er es nicht geiten lassen will, dass den Wettkampfern ein bestirumtes Ziel gesetzt wurde, son-dern übereinstimmend mit dem Scholiasten meint, dass derjenige Fiinfkilmpfer, der zuerst sprang, eben dureh seinen Sprung für die spater Siiringenden das bei den einzelnen der Reihe naeh dureh eine Furche gekennzeichnete Ziel feststellte; wenn er aber weiter annimmt, dass diese Zielmarke jenes „Mass des Sprungesquot; gewesen sei, welches nach Pollux „Kanonquot; hiess, und wenn er unter He-rufung auf den Scholiasten zu Lucian (Anm. 20) vermutet, dass eine in der Nahe des Pater gezogene Linie und jene die erzielten Sprünge bezeichnenden Furchen die „Eskammenaquot; gewesen seien und der Kaum zwischen denselben das „Skammaquot; genannt worden sei, das einer überspringen oder wenigstens erreichen musste, falls er nicht als besiegt gelten wollte, so wirft er Dinge zusammen, die bei Pollux und anderen Lexikographen ganz klar von einander geschieden werden. Demi bei diesen bezeichnet das Skamma entsehieden die ganze Springbahn, von welcher der Bater und die Eskammena besondere Teile bilden; und der „Kanonquot; wird ganz bestimmt als „das Mass des Sprungesquot; von den Eskammena als „der Grenze oder dem Ziele des Sprungesquot; unterschieden.

Ahnlich liisst audi Pinder (S. 103 lï.) das Skamma, die Eskammena und den Kanon zusammen fallen, indem er noch eine für ihu nichts beweisende Stelle aus Libanios ins Treffen führt.5J) Nach ihm „bilden die Eskammena den natürlichen Sqo? (Grenze) der ganzen Springbahn, sie konstituieren gleichzeitig ein kanonisches Mass.

B1) Libanios sagt in seiner Schutzrede für die Tanzer (declam. LXIII toni. III, p. 373 Keisk.): gt;; utr naooiutu lt;f gt;:air, vn'tQ to axicuurt, amp;ttv[4a£ova€( zovi i(5 ntjamp;ii/uuTi nciQióvms to [iirqav. Deutsch; „und das Spricliwort sagt „über das Skamma [springen]quot;; indem es Bewunderung ansdrückt für die Leute, welche mit ihrem Sprunge über das Mass hinausgehen.quot; Aus diesen Worten des Libanios will Pinder (S. 102 f.) herauslesen, dass „die ganze Breite des Skamma das uiiQOf (Mass) als ein xavtav zou TitjO'^fiaTOi (Kanon des Sprunges) crgebequot; (sielie oben im Text). Die Stelle des Libanios enthillt nichts anderes als die in Anm. 20 angeführte Stelle des Sclioliasten zu Lueians Traum: Wer über das Skamma, bez. den hintersten ïheil des Skamma, d. h. über das Mass, welches als das erfahrungsmiissig höchste beim Sprunge zu erreichende Ziel ab-gegrenzt war, hinaus zu springen im stande war, wurde wegen seiner ungewöhn-lichen Leistung bewundert; das „Massquot; bezeichnet bei Libanios also gerade die hintere Grenze des Skamma, nicht aber die vordere Grenze desselben, welche nach Pinders Auffassang „das kanonisihe Mass konstituierte.quot;

ocr page 42

34

Thatsilchlich fallt das [attqov („Massquot;) mit den Eskammena oder dem Skamma zusammen. Die ganze Breite des Skamma ergibt das fxiiqoy als einen xkjw tov n^/uaioe (Mass des Sprunges). Gestattet man also den Eskammena eine gewisse Breite, so waren innerhalb eines solehen zum besseren Niedersprung aufgelockerten Eaumes die Sprünge zu suchen, welcbe für voll angesehen werdenquot; (S. 103). So glaubt Pinder nachgewiesen zu liaben, dass von den Pentathlen im Sprunge eine besondere und bestimmte Leistung gefordert wurde. Diese ganze Ansicht Pinders, dass es beim Springen nicht, wie bei den andern Übungsarten des Fünfkampfes und überhaupt bei jedem richtigen Wettkampfe, auf eine Vergleichung der Leistungen der einzelnen Wettkampfer unter einander angekommen ware, sondern dass die Kampfgesetze ausnahmsweise nur in dieser einen Übungsart eine „Normalleistungquot; verlangt batten, ist durehaus unhaltbar. Wie beim Diskoswurfe, so hat sicherlich auch beim Sprunge die möglichste Weite den Sieg entschieden. Bei einer „Normalleistungquot; wiire wohl, wie Holwerda in der Archiiologischen Zeitung (a. O. S. 207) richtig darlegt, von einem richtigen Wettkampf nicht die Rede gewesen, und es kamen wohl nicht viele Springer, die hinter einer Minimalleistung zurückblieben, nach Oljmpia, und geschah es dennoch, so schieden sie gewiss meist schon wiihrend der dreissigtiigigen Voriibungen aus. Welches Interesse soli man aber an einem Kampfspiel gehabt haben, in welchem beinahe niemals jemand unterliegen konnte? Wozu diente ferner das Messen der Sprünge, wenn es nur auf eine Minimalleistung ankam ?

Dass aber die Sprünge der Pentathlen nach den Kampfgesetzen von den Hellanodiken gemessen wurden, bezeugt Philostratos aus-drücklich in einer oben (Anm. 24) angeführten Stelle seines Gymnasti-kos, und Pollux (Anm. 44) vergisst in seinen Belehrungen über den Übungsbetrieb der Pentathlen nicht den „Kanon, den Massstab des Sprunges,quot; zu erwahnen. Dies namlich ist, meine ich, die einfache Erklarung der von Philipp und Pinder so kiinstlich gedeuteten Worte des Lesikographen: als Mess werkzeug des Sprunges diente der „Kanonquot; d. h. die Messrute oder Messschnur. Die Auflockerung des Bodens der Eskammena hatte somit nicht bloss den Zweck die Wucht des Niedersprunges zu mildern, sondern erleichterte auch das Messen der einzelnen Sprünge, wenn von den Aufsicht führenden Kampf-richtern darauf gehalten wurde, dass nach jedem Sprunge die Ober-fiache des Niedersprungsortes wieder wohl geglattet wurde, wie dies auch auf unsern Turnplützen heutzutage beim Weitspringen geschieht, wenn die Sprünge gemessen werden sollen. War die Springbahn der Pentathlen bei den Festspielen so eingerichtet, wie wir oben ent-wickelt haben, so brauchte man immer nur die Entfernung der Nieder-sprungspur von dem Ende der gepflasterten Bahn aus zu messen, um die Weite des geleisteten Sprunges festzustellen. Vasenbilder zeigen Darstellungen, auf denen die Messchnur zur Anwendung ge-

ocr page 43

I

do

langt. Auf jedem der beiden Bilder z. B., welche die vorhin (Anm. 47) erwahnte Volcentische Vase schmücken, sieht naan einen Jüngling eine Messkette entrollen; der eine dieser messenden Jüng-linge steht iieben jenem Arbeiter, der mit der Spitzbaeke den Boden bearbeitet. Aueh auf der Münchener Vase (Anm. 48) erblicken wir neben einer ionischen Silule, welche offenbar als Andeutung der Sauienballe einer Palastra zu betrachten ist, einen bilrtigen Mann, etwa einen Padotriben oder Gymnasten, mit dem Messen eines Sprunges eifrig beschaftigt: wahrend er in der Linken einen Stab von mehr als Meterlange tragt, balt er in der Eechten einen Gegen-stand, der eben so gut einen grossen Zirkel wie die beiden kurzen Enden einer Messschnur darstellen kann; vorn übergebeugt bemüht er sieh mit diesem Werkzeug die Weite des Sprunges zu messen, den ein seine Hanteln vorwarts sehwingender Jüngling soeben aus-geführt bat, der sich jetzt eben, den Kopf neugierig nach rechts zurückwendend, bereits aus der tieten Kniebeuge des Niedersprunges erhoben und den rechten Fuss vorwarts gestellt hat. um sich weiter zu bewegen.

Wie die Verse aus Pindars fünftem nemeischen Liede (Anm. 49) und die erliiuternde Bemerkung des Scholiasten dazu (Anm. 50) lehrten, begntigte man sich aber nicht damit, die Weite des Sprunges durch den „Kanonquot; festzustellen; vielmehr wurden auch die Stellen, wo die Springer den Boden der Eskammena berührten, für Mit-springer und Zuscbauer durch Zielmarken in Gestalt von Furchen kenntlich gemacht, ahnlich wie dies nachweislich beim Diskoswerfen geschah. Auch Quintus Smyrnaus, ein gelehrter Nachahmer Homers aus dem iünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung, erwahnt diese Zielmarken der Wettspringer, wenn er in seiner Beschreibung der Leichenspiele des Achilleus (IV, 465 ff.) den Wettkampf der Springer folgendermassen besingt:

Andre erhoben sich nun zahlreich, im Sprunge sich messend:

Weit übersprang Agapcnor der Lanzenschwinger die Marken (ngt;:uar«) Jener; und Beifall erscholl ob der weiten Sprünge des Helden.52)

Zu den schriftlichen Zeugnissen kommen bestatigend Darstellungen auf alten Denkmalern. I)as schon einmal erwahnte Vasenbild des

r'quot;) Wie Quintus Smyrnaeus hier den Agapenor „weite Sprüngequot; machen lüsst, so redet auch Pindar in seinem nemeischen Liede (Anm. 49) und Suidas in der Anm. 19 angeführten Stelle von „Spriingenquot; eines einzelnen Springers. Dies kann natürlich für sich allein noch nicht alsBeweis für dieAufl'assung des Pen-tathlensprunges als Dreispruug dienen, obwohl Wassmannsdorff die Stelle Pindars in diesem Sinne verwerten möclite (Monatsschrift a. O. S. 872f. Anm. **). Die von den Schriftstellern gebrauchte Mehrzahl kann ebenso gut die wiederholte Ausl'ührung einfacher Sprünge wie die einmalige Ausführung eines Drei-sprunges bezeichnen. Freilich muss bemerkt werden, dass nirgends ausdrück-lich überliefert ist, es sei den Wettkampfern gestattet gewesen, mehr als einmal zu springen.

3*

ocr page 44

30

Britischen Museums namlich, welches den Halterenspringer kurz vor dem Niedersprunge zeigt (im Journal of Hell. Stud. II S. 219 und bei A. Bötticher a. 0. S. 109 Fig. 12), deutet treuherzig drei solche Zielfurehen durch drei nach oben stehende gerade Striche an. Auch auf einem in Micalis oben erwahntem Bilderatlas (auf Taf. OXVI, 16) veröffentlichten Bilde werden in drei Zacken, welche hinter der Niedersprungsstelle eines ebenfalls im Niederspringen begriifenen Pentathlen gezeiehnet sind. am wahrscheinlichsten solche Zielmarken erkannt. Ferner dürften auch auf einem driften Vasenbilde (bei Krause a. 0. Taf. IX Fig. 24) in drei spitzigen Zacken, jenseits deren ein Springer ohne Hanteln niederspringt, wohl schwerlich mit Krause spitzige Pfahle zu erkennen sein. über welche der Springer als Hindernis hinwegsetzt. sondern vielmehr zackige Zielmarken.

Man hat wohl gemeint, dass zum Eingraben dieser Zielfurehen die oben bezeichneten Spitzhacken dienten. Indes wenn das Erd-reich der Eskammena unserer Annahme entsprechend gut aufgelockert war, so bedurfte es nicht der schwerfalligen Hacke, sondern es ge-niigte zum Ziehen der Furche ein Werkzeug, das sich bequemer liandhaben liess. Und sehen wir uns unter den mannigfachen Ge-riltschaften auf den palastrischen und agonistischen üarstellungen der alfen Denkmaler um, so erscheint zum Ziehen der Zielmarken eine gewisse Art von Stiiben besonders geeignet, die sich oft auf den Vasenbildern findet. Wir meinen hier nicht die kürzeren, manchmal mit Krücken versehenen Stöcke, noch die langeren Doppel-gerfen, welche von den Kampfrichfern und Gymnasten als Abzeichen ihrer Würde geführt wurden, sondern jene Stübe, die lebhaft an die Holzsfilbe erinnern, welche neben den Jagerschen Eisenstilben nocli heute auf den Turnplatzen bei den Freiübungen Anwendung finden. Besonders reichlich ist z. B. auch wieder das mehrfach angeführte Münchener Vasenbild Nr. 795 (Anm. 48) mit solchen Sfaben aus-gestaftet. Sieben dieser Sta be sind an den Wanden der Palastra verfeilt, vier andre befinden sich in den Handen der in der Palasfra anwesenden Personen. Und zwar benutzen zwei ihren Stab wie einen Ger zum Einiiben des Speerwerfens; ein drifter Jüngling, der eine ruhende Sfellung einnimmt, verwertet denselben, um sich auf ihn mit der Linken zu sfützen. Auch der hartige Padofribe, der sich zum Messen eines soeben ausgeführfen Sprunges mit der Mess-schnur oder dem Zirkel vornüber heugt, tragt bei dieser Arbeit in der Linken einen Stab: wird er diesen Sfab, der ihm beim Messen selbst eigenflich nur hinderlich sein kann, vielleicht nachher benutzen, um mit ihm eine Furche wagerecht zur Sprungbahn als Merkzeichen durch den lockeren Boden zu ziehen? Dazu ware der Stab in der That sehr verwendbar! Möglich auch, dass der zum Ziehen benufzte Sfab hernach am Ende der Zielfurche als weiferes Merkzeichen in die Erde gesfeckt wurde, damit auch die ferner Stellenden die Weife des erzielfen Sprunges beurteilen könnten; denn fast sieht es so aus,

ocr page 45

37

als ob der senkrechle Stab, den man anf dem Bilde neben zwei scbi'üg gegen die Wand gelehnten Staben erbliekt. bereits in die Erde gesteckt ware, um einen frübefen Sprung zu markieren. Auf einer Schale des Museo Borbonico (vol. Ill Tab. 13, bei Kranse Taf. XVI Fig. 56) seben wir neben vier in eigentümlieh vorgebeugter Haltung dargestellten Hanteltragern je zwei senkrecht in den Boden gebobde Stiibe, die allerdings meist dureh daran befestigte Wurf-sclileifen als Wurfspeere von Pentatblen gekennzeielmet sind. Dass diese Stiibe zum Zeigen benutzt wnrden, beweisen n. a. zwei zuerst von E. Gerhard (in den Antiken Bildwerken Cent. I, 4, 67 und in den Auserlesenen Vasenbildern Bd. I Taf. 22) veröffentliehte Bildor. Wilhrend auf dem letzteren ein Jüngling mit seinem Stabe den Ort zu bezeichnen seheint, auf welchem ein Üiskos zur Erde nieder-gelangt ist, deutet auf dem ersteren (bei Krause a. 0. Taf. VIII Fig. 21) ein junger Mann mit der Spitze seines Stabes auf die Stelle am Erdboden, bis zu welcher die Fussspitze eines vor ihm stehenden Hanteltragers reieht; es erseheint hier zweifelhaft, ob die Stelle an-gezeigt werden soli, bis zu welcher der Hanteltrager geprungen ist, oder nicht vielmehr das Mal, von wo derselbe abzuspringen bat; denn wir dürfen wohl mit Fug annehmen, dass auch nach den Kampfgesetzen der alten Hellenen die Weitsprünge nur bis zum hinteren Ferseneindruek gemessen wurden, wie es die deutseho Wetturnordnung fordert.

b. Das Diskoswerfen. Wahrend die Benutzung der Halteren beim Springen erst in historiseher Zeit aufkam und der Halter eine Erfindung der Pentathlen war (Anm. 24), ist die Verwendung des Diskos als Wurfgerat schon in vorhistorischen Zeiten bei denAlt-vordern der Hellenen verbreitet gewesen. Hierbci ist natürlich kein Gewicht auf jene meist spiit bezeugten Sagen zu legen, welche das Diskoswerfen schon als eine Lieblingsbeschiiftigung von Göttern und den Diskos als eine Erfindung des Perseus hinstellen53); denn durch die Sage wird ja auch die Begründung des Fünfkampfes in die Zeit

53) Der Sage nach hatte Apollon seine Freude am Diskoswerfen (Plutarchos, Sympoa. VUT, 44) und hatte, a!s er einst mit dem schonen Hyakinthos sich in dieser Kmiit übte, das Unglück, diesen seinen Liebling mit der vom Buden ab-prallenden Wurfscheibe zu töten (Ovid. Metamorphos. X, 183 ff.). Auch die Schwester Apollons, Artemis, wurde zum Wettkanipfe mit dem Diskos vou dem riesenhafteii Orion herausgefordert, der seine Verwegenheit mit dem Tode biissen musste (Apollodoros I, 4, 4|. Nach Pausanias (II, 16, 2) soli Perseus den Diskus erfunden und bei den Leichenspielen, die Teutamias zu Larissa im Lande der Pelasger zu Khren seines Vaters veranstaltete, seinen eigenen Grossvater Akrisios dadurch getötet haben, dass er ihm beim Pentathlon eiue Wurfscheibe auf den Fuss warf; nach Hyginus (fab. 63) kam Akrisios auf Seriphos bei den Leichenspielen des Polydektes dadurch um, dass ihm der von Perseus geworfene Diskos durch den Wind an den Kopf getrieben wurde. Auch der Aetoler Oxylos, derselbe, unter dessen Führung die Herakliden mit den Doriern nach dem Pelo-ponues iibersetzten, soil nacii Pausanias (V, 3, 5) seinen Bruder Thermios oder Alkidokos durch eiucn verfehlten Diskoswurf getötet haben.

ocr page 46

38

der Argofahrer verlegt. Wohl aber wird dies durch die homerischen liieder bewiesen, welche ein getreues Abbild des Kulturzustandes geben, in welchem sich die Vorfahren der alten Hellenen in den Jahrhunderten nacli der grossen dorischen Wanderung befanden. Sowohl in der Ilias wie in der Odyssee werden Disken erwJihnt. Wie die Myrmidonen des grollenden Aehilleus ihre Freude daran haben, „am Wogenschlage des Meeres mit Scheiben und Jilger-spiessen zu sehleudernquot; (Ilias II, 774), so beriehtet die Odyssee zweimal (IV. C24 ff. und XVII, 167 ff.) in gleiehlautenden Versen von den Freiern der schonen Penelopeia hn Palaste des Odysseus zu Ithaka:

Aber die Freier indes vor Odysseus' lioliem Palaste Freueten sich mit Scheiben nnd Jagerspiessen zu werfen Auf dem gepflasterten Eaum, wo vordem Mutwillen sic übten.

Und zu den bereits im ersten Teile dieser Abhandlung erwahnten lünf Wettkampfen. welche auf des Königs Antinoos Befehl von den Philaken zu Ehren des Odysseus in Scheria vorgeführt wurden. gehort aueh der Wurf mit dem Diskos (Odyssee VIII, 129). Für die grosse Verbreitung dieser volkstümlichen Wettübung in der homerischen Zeit spricht ferner der ümstand, dass Uiskoswurfweite ein paar Mal in der Ilias, allerdings in einem der spatesten Lieder (XXIII, 481. 523), dem von den Leichenspielen für Patroklos, als natürliches Langenmass verwendet wird.

Wahrendder Htoff, aus dem der Diskos zu den Zeiten Homers ver-fertigt war. wohl meist St ein war. wie sich wenigstens für die Disken der Phaaken aus der Odyssee (VIII, 190. 192) sicher nach-weisen liisst, bestand das Wurfgerat, welches bei den Wetlspielen benutzt wird, die Aehilleus für seinen gefallenen Freund Patroklos veranstaltet. aus Eisen und wird als „bloss gegossener Solos (ooW avTo%óiüvog II. XXIII, 826) bezeichnet. Aus dem Beiwort geht her-vor, dass der Solos nicht eben kunstvoll gearbeitet war; aus den Worlen, mit welchen Aehilleus denselben als Preis für den Sieger aussetzt und anpreist, lasst sich aber andererseits schliessen, dass er von betrachtlicher Grosse und nicht unbedeutendem stofflichen Werte ist. Diese Ansprache des Aehilleus an die Argeier, welche zugleich als wichtigster Beleg für die Verwendung des Eisens in homerischer Zeit besondere Beachtung verdient, lautet (II. XXIII, 831 ff):

Hebt eucli, welchen gefallt aueh diesen Kampf zu versuehen!

Wenn ihm fern aueh reicht das Gebiet fruchttragendcr Acker,

Hieran hat er zu fünf umrollender Jahre Vollendung,

Was er gebraucht: Denn es darf niemals aus Mangel des Eisens Weder Hirt und Pflüger zur Stadt gehn, sondern er bent ihm.

Obwohl nach der Darstellung des Dichters die Art, wie dei-Solos gehandhabt wird, sich in nichts von der Hantierung des Diskos unterscheidet, entsteht hier die Frage, ob Solos und Diskos wesentlich verschieden zu denken oder nur verschiedene Bezcich-

ocr page 47

89

nnngen derselben Sache sind. Ein alter Erklarer (in den Scholia Veneta) bemerkt zu der Stelle, dor Diskos sei platt und kreisformig, der Solos dagelt;ron rund und kugelforaiig; Eustathios (zu Ilias II p. 344, 3 und XXIII 1331, 44) meint, der einzige Unterscliied zwisehen beiden bestehe in dein Stoffe, der alexandriniscbe Grammatiker Tryphon erklart den Solos als „ehern und ganz kugelförmigquot;, der Grammatiker Ammonios als „eine massive Metallmasse aus Erzquot;. Doch alle diese alten Erklarer haben anscheinend ihre Weisheit aus dem Dichter selber gesehöpft und daher kein massgebendes Ansehen in unseren Augen. Gegen die Auffassung des Eustathios spricht es, dass der gelehrte Alexandriner Apollonios von Rhodos (III. Jahrhundert vor Ohr.) in seinem Epos von den Argonauten (III, 1865 ff.) den lason mit einem steinernen Solos wcrfen lilsst, wahrend der spilt dichtende Quintus Smyrnaeus (IV, 444) dem Aias einen ehernen Solos in die Hand giebt. Wenn nun aber beim Apollonios nicht vier rüstige Manner den „gewaltigen Solos des Ares Enyaliosquot; auch nur ein wenig zu heben vermochten und auch beim Smyrnaes zwei Manner den Solos nur mit Mühe erheben konnten, so ist man zu der An-nahme geneigt, dass der Solos sich von dem Diskos durch die grös-sere Massenhaftigkeit unterschieden habe. Und man möchte fast in jenen beiden rohen und unbehauenen Wurfsteinen, welchevonder deutschen Ausgrabungskommission zu Olympia gefunden sind und in dem auf der Ausgrabungsstatte von der griechischen Regierung er-richteten Museum aufbewahrt werden, derartige Soloi er blieken54). Der erste, der laut Inschrift einst von dem Bybon geworfen wurde, ist ein ziemlich eiförmiger Sandstein, 0,68 m lang, 0,88 m hoch und 0,89 m dick und dürfte somit etwa vier Centner wiegen; der zweite Stein, der inschriftlich als Eigentum eines gewissen Xenvares bezeichnet wird, besteht aus Muschelkalk, ist 0,84 m breit, rechts 0,87 m und links 0,42 m hoch und 0,17—0,20 m dick, somit etwa 11/o Centner schwer. Wahrscheinlich wurde hides wenigstens in spateren Zeiten das seltene Wort Solos als gleichbedeutend mit Diskos genommon, da ein bereits früher im Alpheios bei Olympia ge-fundener eherner Diskos die Aufschrift „Solosquot; tragt (Boeckh Corpus inscript. Nr. 1541b.).

Wie bei Homer, so wird auch bei Pindaros eiu paar Mal als der Stoft', aus dem der Diskos bestand, Stein genannt (Isthm. I, 25 und Olymp. XI, 72). Spater scheint moist Bronze verwendet zu sein. So war der Diskos, den der Skythe Anacharsis im Lykeion zu Athen sah, aus Erz (Lukianos Anachars. 27); eherne Disken er-wahnen auch der Epigrammendichter Martialis (XIV, 164), P. Papi-nius Statius (Thebais VI, 648), Cyprianus der Martyrer (de specta-

64J Sielie die Mitteilung- von R. Meister in der D. Turnzeitnng 1886 S. 110: „Zwei altgriechische in Olympia gefundene Atlileteusteine.quot; A. Bötticher, Olympia, S. 110 ff., der die Inschrift auf dem Steine des Bybon genau nachbildet. H. Koehl, Inscriptiones Graecae antiquissimae, Berlin 1882, Nr. 370 und 112a.

ocr page 48

40

cul. p. 37J. Vgl. Krause G. und A. S. 44:3 ff.). Naeh Eustathios (a. 0. p. 1591) wurde stellenweise auch Holz benutzt.

Die Grosse der Disken war eine sehr verschiedeno. Dies geht fur die homerische Zeit aus der Bemerkung des Dichters hervor (Od. VIII, 186 ft.), dass (ktysseus, um seine Meisterschafl im Diskos-werfen za bekunden, einen Diskos ergreift

Grosser noch und dicker und lastender, nicht um ein kleines,

Als womit die Phüaken sicli übeten uuter einander.

Wie in homerischer Zeit, so waren auch spilter in den Palastren und Gymnasien der alten Hellenen Disken von verschiedener Grosse und Schwere zur Auswahl gewiss vorhanden, wie ja auch unsere ïurnanstalten Heb- und Wurfgerate von verschiedenem Gewicht, den ungleichen Krilften der Übenden entsprechend, besitzen. Dass die das Pentathlon übenden Knaben Disken von einer geringeren Grosse als die Erwachsenen benutzten, geht aus einer gelegent lichen Be-merkung bei Pausanias (I, 35, 3) hervor; hier wird nilmlich ge-sagt, um eine Vorstellung von der ausserordentlichen Grosse des Tela-moniers Aias zu geben. dessen angeblicher Leichnam in einer Gruft auf der Insel Salamis zu sehen war, die Kniescheiben des Helden seien ïiahezu so gross wie der Diskos eines das Pentathlon übenden Knaben. Grosser und schwerer miissen wir uns wohl den Diskos denken, welchen Solon bei Lukianos (a. 0.) so beschreibt: „Du sahst auch in dem Gymnasion ein anderes Gerat aus Erz, einem Schilde ohne Handhabe und Tragriemen gleichend; du versuchtest dich sogar daran, da er zur Hand lag. und fandest es schwer und seiner Glatte wegen nicht leicht zu fassen.quot; Klein war sicher auch nicht der Diskos jenes Iphitos, der mit Lykurgos von Sparta zusammen die olympischen Spiele erneuerte; auf diesem Diskos, den Pausanias (V, 20,1) im Heraheiligtum zu Olympia sah, stand der ganze eleische Gottesfrieden kreisförmig (wie es die Inschrift auf dem Steine des Bybon zeigt) geschrieben. Und wie gross sollen wir uns den Diskos vorstellen, auf welchem der berühmte Einger Milon von Kroton Stellung nahm, und von dem den starken Athleten niemand herabzustossen vermochte, obgleich der Diskos mit Fett oder Ö1 bestrichen war?

Auch in der Stelle des Pausanias, welche Pinder als einen Grund- und Eckstein bei seiner kühnen Rekonstruktion des Fünf-kampfsystems verwendet hat, hat G. Hermann eine Hindeutung dar-auf finden wollen, dass es in Olympia Disken von drei verschiedenen Grossen gegeben habe; diese Stelle lautet (VI, 19, 4): „In diesem Schatzhause (der Sikyonier) sind drei Disken aufgestellt, soviele wie man zu dem Wettkampfe des Pentathlon hinbringt.quot; G. Hermann vermutet in seiner Abhandlung iiber den Agineten Sogenes (S. 15), diese drei Disken hatten verschiedene Schwere gehabt, und wahr-scheinlich hiltten die Wettkampfer die Wahl gehabt, mit welchem Diskos sie kampfen wollten, oder der eine Diskos hatte als Ziel ge-

ocr page 49

41

dient, nach dem mit den beiden andern geworfen wnrde. Wie Philipp (a. 0. S. 50) richtig dagegen bemerkte, musslen alle Wettkampl'er selbstverstilndiich. wenn nicht denselben Diskos, so doch einen Dis-kos von derselben Schwere benutzen; und es waren gewiss regei-massig mehr als zwei Fünfkiimpfer verhanden. Hermann hat auch selbst spater seine Vermutung aufgegeben. Aber auch die Meinung Philipps und Ignarras, die Dreizahl der Disken liabe sieh auf die Teilung der Pentathlen in die drei Altersklassen der Manner, un-bilrtigen Jünglinge und Knaben bezogen, wird von Krause (a. O. S. 446 Anm. 7) unter Zustimmung Finders mit der Bemerkung widerlegt. dass diese Dreiteilung der Altersklassen gerade in Olympia dem Pentathlon fremd blieb55). Ansprechend dagegen ist die Vermutung Pinders (S. 77), dass die drei Disken oflenhar etwas für den Diskoskampf im Pentathlon Charakteristisches sind: batte man mehr als drei Disken zu gleicher Zeit beim Pentathlon gebraueht, so würde man deren mehr zur Stelle gebracht haben. Holwerda (a. O. S. 208) bringt zu der Stelle des Pausanias eine neue, wie er meint, „sehr einfache Erklarungquot;. Um namlich das Spiel nicht unnötig zu unter-brechen, ware es zweckmassig gewèsen, drei Disken anzuwenden: stelle man sich vor. dass man stets den am weitesten geworfenen liegen liess, um das Ziel zu bezeichnen, welches der Nachste zu üb er treffen batte, so wiire man. wenn es nur zwei Disken gegeben batte, genötigt gewesen, jedesmal zu warten, bis der weniger weit gewort'ene zurückgebracht war; daher ein dritter überzahliger Diskos. Hlümner (a. O. S. 573) lindet diese Erklarung Holwerdas auch denkbar; mit Unrecht. wie wir weiter unten sehen werden. Ob freilich die Folgerungen, welche Pinder weiter aus seiner Erklarung der Notiz des Pausanias zieht, überzeugend sind, ist ebenfalls fraglich.

Auch die Form des Diskos scheint sich seit den iiltesten Zeiten kaum wesentlich geiindert zu haben; derselbe mag anfangs scheiben-fórmig gewesen sein, spiiter aber die zweckmassigere und gefalligere Form der Linse angenommen haben. Auf eine solche Gestalt deutet schon der Vergleich mit einer Kniescheibe und einem kleinen Schilde bin. Ovid nennt den Diskos in seinen „Verwandlungenquot; (V, 181) einen „Kreisquot; (orbis); alte Erklarer bezeichnen ihn bald als rundlich; bald als abgerundet, kreis- und radfórmig. Beachtens-wert ist noch, dass nach der Odj'ssee (VIII, 190 ff) der von Odysseus geschleuderte Stein derartig hinsauste {pófi^ae), dass die Phiiaken unter dem Schwunge des Steines ().lt;ios vno qhu-s) sich unwillkürlich

rgt;5) Das Pentathlon der „Knabenquot; wnrde in Olympia nacli Pausanias (V, 9. 1) überhaupt nur einmal aufgefiilirt; von einem Pentathlon der „Unbartigen Jiing-lingequot; ist nirgends die Rede. Die Unterscheidung von „Knabenquot; und „Unbartigen Jünglingenquot; kam überhaupt erst spater auf und wird für Olympia nur selten erwahnt. Vergl. Krause a. O. S. 446, Anm. 7.

4

ocr page 50

zur Erde bücken mussten. Dass dieses Sausen des Diskos auch in spateren Zeiten für die Ohren der turnverstandigen Griechen und Römer ein wohlbekannter und gerngehörter Klang war, geht aus einer Stelle in Ciceros Schrift „Vom Rednerquot; (II, 5, 21) hervor; hier wird nanilich die Thatsache festgestèllt, dass die Zuhörer der Philosophen, welclie allenthalben in den Siiulenhallen der Gym-nasien ihre Vortrage hielten, doch lieber den Diskos horen als den Philosophen; sobald namlich der Diskos erklingt, verlassen alle den Philosophen, um sich zu salben, mag auch der Philosoph gerade mitten in einer Rede über die bedeutendsten und gewiehtigsten Dinge begriffen sein. Dieses sehwirrende sausende Gerausch erklart Fried-rich (a. 0. S. 352) mit Recht durch die linsenf'örmige, die Luft. scharfer und rasdier durchschneidende Gestalt des Diskos. Noch er-kliirlicher aber würde dieses Sausen des Diskos, wenn derselbe in der Mitte „durchbohrtquot; war. wie Eustathios unter Berufung auf den vorhin erwahnten Grammatiker ïryphon zu der Odysseestelle bemerkt.

Die Vorstellung, welche wir so aus den Schriftstellen von dem Diskos gewonnen haben. wird durch die aufgefundenen Disken selbst und ihre Abbildungen auf Denkniillern des Altertums bestatigt und erganzt. Die altesten Disken, welche wir kennen, sind von H. Schlie-mann bei seinen verschiedenen Ausgrabungen aut dem altklassischen Boden zu Tage gefördert worden. Nach dem neuesten Werke dieses hoch verdien ten Mannes (Tiryns. Der priihistorische Palast der Könige von Tiryns. Leipzig 188(5. S. 106) kommen bei den tirynthischen Ausgrabungen viele im Centrum durchbohrte Disken aus wenig ge-branntem. sehr unreinem gelben Then vor, von denen ein Exemplar auf S. 165 des Werkes Nr. 72 abgebildet ist; die Aussenseite ist nicht geglattet: sie haben durchschnittlich eine Dicke von 62 mm und einen Durchmesser von 140 mm. eine Lochweite von 25 mm. Sie sind, wie Schliemann weiter berichtet, von dieser Grosse auch in Mykenae und Orchomenos gefunden worden; in Troja dagegen sind alle Disken von dieser oder anniihernd von dieser Grosse aus Stein, und es kommen dort nur sehr kleine im Centrum durchbohrte Scheiben aus Thon vor. Der Gebrauch der grossen Disken aus fast ungebranntem Thon ersehien Schliemann mit Recht als ein grosses Ratsel, da sie wegen ihrer Zerbrechlichkeit nicht gut als Wurfscheiben gedient haben können. Der bereits oben erwahnte mit der Inschrift „Solosquot; versehene bronzene Diskos, welcher in neuerer Zeit von Fischern im Bette der Alpheios zu Olympia gefunden wurde, ist 7'2 Zoll breit, im Centrum fünf Durchmesser seiner Rander dick (also linsenförmig) und acht Pfund schwer, dabei nach Boeckh so gebaut. dass er nur schwer geschleudert werden konnte. Diesem ziemlich gleich an Grosse, aber uur halb so schwer, ist der schone Bronzediskos des Berliner Antiquariums, der auf der Insel Aegina gefunden und nach dem Stile der darauf eingravierten Zeichnungen

ocr page 51

in die Blütezeit allhelleniseher Kunst gehört; derselbe isl in seiner natürliehen Grosse bei der Pinderschen Abhandlung abgebildet und hat einen Durchmesser von 7,7quot; Eh. (= 20 cm) nnd ein Gewicht von 3 Pfund 29 Lot Zoilgewicht. Es ist zweifelhaft. ob dieser künstlerisch verzierte Diskos zu einem Weillegesehenk oder zum wirk-liehen Gebrauch oder etwa zu einer Bhrengabe gedient habe. Ein ahnlicher ebenfalls mit Zeichnungen verzierter Bronzediskos, der in Sicilien gefunden wurde, betindet sicli im britisehen Museum, welches ausserdem einen zweiten Diskos besitzt, der nach Percy Gardners Ansicht (a. 0. S. 213) zur Arbeit bestimmt war; der letztere ist eine flache kreisförmige Platte und wiegt 11 Pfund 9 Lot engl. Wahrend diese vier Disken nicht durchlöchert sind, hatte ein in Hercuknum gefundener Diskos aus Erz den Joh. Winckelmann in dem Museum zu Portici sah und zweimal in seinen Werken (Band II der Donau-eschinger Gesamt-Ausgabe S. 185 und 291) erwahnt, ein liinglich nmdes Loch von 21/2 Zoll in der Mitte; der Durchmesser desselben betrug nach genauer Messung Winckelmanns 10 Zoll eines römischen Palms und drei Minuten. — Winckelmann macht (S. 291) darauf aufmerksam, dass er einen solchen durchlöcherten Diskos auch auf einer gemalten Vase zu Neapel dargestellt sah (bei Gori Mus. Etrusc. tom. 11 tab. 159), wahrend er andrerseits feststellt, dass es auch Disken ohne Loch in der Mitte gab, wie derjenige, den eine Statue des Hauses Verospi an den Schenkel drückt, und wie der auf einer erhabenen Arbeit der Villa Albani (Winckelmann Description des Pierres gravées p. 458). An Statuen. die Diskobolen darstellen, an Gemmen und namentlich Vasenbildern, die auf das Diskoswerfen Bezug haben, ist heutzutage kein Mangel; wenn man die auf diesen Kunstwerken dargestellten Disken im Verhiiltnis zu den Personen, in deren Handen sie sich betinden, ihrer Grosse nach abschatzt, so gelangt man zu dem Ergebnis, dass dieselben meist 24—36 cm Durchmesser haben; übrigens sind sie fast durchweg ohne Loch in der Mitte dargestellt.

Wie das Gerat selbst. so war auch das Diskosspiel und die Handhabung der Wurfscheibe schon in den iiltesten Zeiten im allgemeinen ebenso gestaltet, wie in spilteren Jahrhunderten. Worauf es bei der Wettübung des Diskos wesentlich ankam, darüber giebt Solon bei Lukianos (Anacharsis 27) seinem jnngen Gastfreunde aus dem Lande der Skvthen folgende Auskunft: „Jenes Gerat also werfen sie hoch in die Luft empor und in die Weite und wetteifern dabei mit einander, wer am weitesten hinaus gelange und die andern über-treffe.quot; Dem entsprechend spielt sich auch schon bei der Leichen-feier des Patroklos jener Wettkampf mit dem Solos ab, zu dem Achilleus mit den oben angeführten Worten die Argeier auffordert. Nach Mitteilung dieser Aufforderung des^ Peleiden beschreibt dei-Dichter der Ilias den Verlauf des Wettkampfes in folgenden Versen (XXIII, 836 ff.):

■.a

■ ■(

■?gt;

!

'

4 *

ocr page 52

44

Jener sprach's; da erlinb sich der streitbare Held Polypoites,

Aucli Leonteus' Kraft, des göttergleichen Gebieters,

Aias auch der ïelamonid' und der edle Epeios.

Einer trat an naeh dem andern: zuerst fasst Epeios den Solos,

Sehwang ihn im Wirbel nnd warf (lt;;*£ cTt divijaag)', und es lachten gesarat

die Achaier.

Hieraul' nahm ilin und warf (ictpi^xt) des Ares Sprössling Leonteus;

Nachst ihm wieder entschwang (i(ioupe) ihn der Telaraonier Aias Aus der gewaltigen Hand, über aller Zeichen ihn werfend {intQlialt agt;';iAlt;nit

navnov).

Doch da den Solos ergriff der streitbare Held Polypoites:

Wie weit ein Einderhirt den gebogenen Stecken entsehwinget,

Welcher in Wirbel gedreht hiiiHiegt durch die weidenden Kinder,

So ganz über den Kampfplatz entschwang er ihn [ntct'Tos nycüi'os vntQ-iit't.t);

xmd ein Geschrei scholl. Jetzo erhuben sich Freunde des göttlichen Manny Polypoites,

Die zu den rilumigen Schiffen den Prcis hintrugen des Königs.

Noch lebhafler ist die Schilderung, vvelche wir in der Odyssee (VIII, 186 ff.) von dem Meisterwurfe des Odysseus lesen:

Sprach's und mitsamt dera Mantel erhub er sich, fassend den Diskos,

Grosser noch und dicker und lastender, nicht um ein kleines,

Als womit die Phaaken sich übeten unter einander;

Diesen sehwang er im Wirbel {TisQiaTQtxpdf i;xe) und warf aus gewaltiger Rechten. Laut hin sauste der Stein; da bückten sich schnell zu der Erde Ruderberühmte Phaaken uinher, schiffkundige Manner,

Unter dem Schwunge des Steins; und er Hog weit über die Zeichen {yntQmazo

ar^rtzu Ticértct)

Fortgeschnellt aus der Hand (rUijtpc. iïtmi' tcjio %tiQÓs). Da legte die Marken

(TtQfjmtc) Athene, Gleich wie ein Mann von Gestalt, und redete also beginnend:

Auch ein Blinder sogar erkennt woh! dein Zeichen, o Fremdling,

Tastend heraus; so wenig vermischt liegt solches der Menge,

Sondern bei weitem vornan! In dem Wettkampie sei furchtlos;

Nicht wird den Stein ein Philake erreiehen, noch gar überwerfen !

Also sprach sie; und froh ward der herrliclie Duider Odysseus,

Einen gewogenen Freund zu schauen im Kreise des Kampfes!

Jetzt mit leichterem Herzen im Volk der Phaaken begann er:

Den da erreichet mir jetzt, ihr Jünglinge! Bald einen andern Denk' ich noch ebenso weit zu entsenden oder noch weiter.

Hiernach kam es auch bei den Myrmidonen uud Phaaken Homers schon darauf an, nicht etwa ein bestimmtes Ziel zu treffen, sondern die von den Nebenbulilern erzielte Wurfweite zu überwerfen; und die Stelle, bis zu welcher ein jeder den Diskos geschleudert, wurde wie bei dem Halterensprunge die Niedersprungstelle durch eine Ziel-ma r k e TtQua) von dazu angestellten Personen bezeichnet. Es

ist ein Irrtum, wenn Holwerda in der oben angeiührten Stelle meint, man habe den am weitesten geworfenen Diskos als Ziel für die andern auf der Stelle liegen lassen, welche von dem weiterrollenden Diskos erreicht wurde; denn für jeden, der mit dem Betriebe von

ocr page 53

45

leiblichen Wettübungen vertraut ist, muss es als selbstverstandlich gelten, dass die Weite des Wurfes nur bis zu der Stelle gerechnet werden dart', wo der Diskos zum ersten Male den Boden berührt. So bestimmt auch die deutsche Wettturnordnung betreffs der ver-wandten Übung des Steinstossens (§ 22e): „Als Mass des Stein-stosses gilt die wagerechte Linie vom Ende des Standmaies bis zu einer senkrechten auf den Anfang des Niederfalleindruekes gezogenen Linie; Weiterrollen des auffallenden Steines wird nicht gerechnet.quot; Dass es ebenso auch bei den alten Hellenen gehalten wurde, bestiltigt Eustathios in seinen Benierkungen zu der betreftenden Stelle dei-Odyssee ausdrücklich, indem er wiederholt versichert, dass man das Merkzeichen da setzte, wo der Diskos beim ersten Niederfall hinfiel, wo der Diskos das erstemal herunterkam.56) Solche Zielraarken er-wilhnt auch Statins in seiner Thebais (VI. 713 signa). Worin diese Zeichen bestanden, wird von Homer nicht angedeutet; es mochten Steine, Holzpflöcke oder iihnliche kleinere, aber dabei augenfallige Körper benutzt werden, wie sie gerade zur Hand waren und geeignet erschienen. Bei Statius (a. O. VI, 703) wird der Ort, wo des Menestheus Wurfscheibe niederliel, durch einen eingesteckten Pfeil bezeichnet; dass hierzu auch jene oben yon mir besprochenen Stabe, mit denen nach meiner Vermutung wohl auch die Weite eines Sprunges bezeichnet wurde, sehr verwondbar waren, liegt auf der Hand.

Auf einer rotfigurigen Volcentischen Amphora der Sammlung Beugnot, welche E. Gerhard in seinen auserlesenen Vasenbildern (1, 22) veröffentlicht hat, ist eine palastrische Scene dargestellt, die meines Erachtens am besten auf die Feststellung des Niederfallplatzes eines Diskos bezogen werden kann. Man erblickt auf dem Bilde der einen Seite der Amphora vor einem Aufseher mit Mantel und Krück-stock drei Palastriten. Der eine, in Vorschrittstellung rechts dastehend. hat den Diskos mit beiden Handen über die rechte Schulter erhoben. Der zweite zelgt mit einem Stabe — er übt sich keineswegs, wie Gerhard meint, im Lanzenwerfen — nach einer Stelle am Boden; wahrscheinlich ist die angedeutete Stelle nicht sowohl das Mal, von dem aus der Diskoswurf erst geschehen soil, als vielmehr der Ort, wo der vom ersten Palastriten bereits wieder aufgehobene Diskos nieder-gefallen war. Auf diese selbe Stelle richtet auch der dritte hartige Palastrit, der ebenfalls einen Stab tragt, aufmerksam seine Blicke; er scheint mit einer bezeichnenden Bewegung der Hand eine Bemerkung zu begleiten, die er über die Feststellung des Niederfallortes zu seinem nachsten Nachbarn macht.

Auch über die Weite, welche mit einem Wurfe erzielt wurde, giebt die eine homerische Stelle aus der Ilias eine allerdings nur

5ü) Die Stelle bei Eustathios lautet: a^fAcczcc ót 'ityti, olg tat^tiovrzo, nol 6 óiay.og li hqmhj y.cciccyooa tntot, du) vtio/.ccinor x(d Ttniuczcc lytl avul. eamp;r]xe óè 'ao-rfitr}' ijyovy aijuth/, tvua to tiqmiou /.ait/zmtv o

ocr page 54

40

sehr unbestimmte Andeutung in Form eines Gleiehnisses. Hiernach warf der siegreiehe Polypoites den Solos so weit , wie ein Hirte seinen Stecken durch die Einder hinschleudert. Das ftir den Stecken vom Dichter gebrauehte seltene Wort57) bezeichnet nach der Er-klarung der gelehrten Sprachforseher einen gekrlimmten kolbigen Hirtenschleuderstab mit einer Sciiiinge, dureh dessen Wurf nian Tieh zur Herde zurücktreibt. Bestimmter lautet die Angabe über den geschichtlichen Diskoswurf des Phayllos von Kroten in dem be-rühmten Epigramm (Anm. 18); seine vielbewunderte Leistung betrug 95 Fuss, also 29,29 m. wenn man den attisehen Fuss bei der Um-rechnung zu Grunde iegt. Eine riehtige Wurdigung dieser Leistung wird natürlich erst dann möglieh sein, wenn wir genau wissen, wie scliwer der in den pythisehen Spielen benutzte Diskos war. Dr.. Huepjie in seinem Aufsatz über „Antike und moderne Athietikquot; (Deutsche Turn-Zeitungquot;, Jahrg. 1884, S. 513 ff), den icb bei der Aus-arbeitung des ersten Teiles dieser Arbeit leider überseben batte58)

5') Das Wort für den Hirtenstab Xft'/.rtvQot!) wird von alten Gelehrten er-klilrt als QÓnci'Aot' inixtt/jnts it' fr/nio. ov tö y.Ci'J.ov tcv óénu d. i. „ein oben gc-bngener Knittel (oder Keule), dessen Hulz wnchtet.quot; Diese Ableitung von (/oTifiXoi' „ Keulequot; nnd y.u/.oi' „diirres Holzquot; wnrde aucli von neneren Gelehrten wie Lobeck gebilligt, obwohl das « in y.nXtcvnoxp kurz, in xa'/.of lang ist. Neuerdiugs leitet man allgemein mit Hoffmann den ersten Teil des Wortes von xd'/.og = xai.(os„ Tau, Strickquot; ab.

ss) Nach der „ Vo rlilnfi gen Rich t igste 11 nug quot; , welcheHerr Dr. Hueppe im vierten Ilefte der „Jahrbiicher der d. Turnkunstquot; auch gegen mich richtet (S. 175 f.), scheint derselbe noch an seiner früher anfgestellten Ansicht lest-zuhalten, „dass der Bater eine sturmsprungahnliclie oder noch allgemeiner eine schief' ansteigende Erhöhung und deshalb der Griechensprung kein horizontaler, sondern ein Tiefweitsprung war.quot; Dem gegeniiber venveise ich znnachst auf das, was ich zur Widerlegnng des Bater als eines „stark f'edernden Springbrettesquot; gegen Ilerrn Dr. Marquardt in meiner Abhandlung (S. 101 ff) beigebracht habe. Ein weiterer schwerwiegender Beweis gegen Ilueppes und Marquardts Auiïassung des Bater ist es ferner, dass Pbilostratos in seinem Gymnastikos (Anm 24) bei der Aufzahlung der Betörderungsmittel des Pentathlensprunges den Bater gar nicht erwalmt, sondern nur die begeisternde Flötenmusik nnd den Halter, „den sicheren Gelciter der Handequot;; auch nach des sehr sachverstiindigen Aristoteles gewich-tigem Zeugnis (Anm. 29 und 31) sprangen die Pentathlen mit den Halteren weiter als ohne dieselben. Es sol! dabei nicht gelengnet werden, dass die Steigerung der Springleistung durch Verwendung der Hanteln keine übermassig grosse ist; der IJnterschied des weitesten Dreisprunges nenerer Zeit ohne Hanteln, der 15 m betrug (Anm. 38), von dem mit Halteren ausgeführten Sprunge des Phayllos (16 m bez. 17 m) ist aber ebenfalls nicht mehr allzu bedeutend. Dass aber ein Tiefweitsprung von 5V unter Verwendung eines Trampolins möglieh sein sollte, wird weder durch den Sturmlaufsprung des Herrn von Dresky noch durch die von Herrn Dr. Haeppe aus eigner turnerischer Erfahrung mitgeteilten Ergebniss1? im Tiel'weitsprunge irgend wie glaublich geroacht. Was will es be-deuten, wenn ein Springer, der vom niedrigen Sprungbrett aus 17' bez. 16' weit springt, mit Hilfe des Trampolins 6' bez 4' weiter kommt, also die Sprung-leistnng um 35% bez. 260/0 steigert? Der beste Weitsprung eines deutschen Turners, der Herrn Dr. Hueppe bekannt ist, betragt 6,40 m; dieser springfertige Turner (Schraarr 1882) müsste seine Springleistung durch Benutzung eines

ocr page 55

: •w».w ■(»« quot;i- ------ • , ■ •-quot; ■ ■

47__

ist geneigt, ein Gewicht von etwa kg- anzunehmen. Mit Riick-sicht aul' das oben angegebene Gewicht der nicht zum Prunk, son-dern zur Arbeit bestimmten beiden Disken halte ich es für wahr-scheinlicher, dass das Gewicht der bei den Wettspielen der alten Hellenen benutzten Disken erheblich schwerer war, etwa 4—6 kg. Alsdann ware allerdings auch diese Leistung des Phayllos erstaun-lich genug gewesen.

Lasst sich somit schon aus den homerischen Berichten itn allgemeinen ganz gut feststellen, worauf es beini Wettspiel mit dem Diskos ankam, so sind wir doch ausser stande gewisse technische Fragen nach der Darstellung des Dichters allein klar und richtig zu beantworten. Im Gegenteil einige Thatigkeitswörter, mit welchen der Dichter das „VVerfenquot; des Diskos als eiu „Herumdrehen oder -wendenquot; (TitQiazgüptiv Od. VIII, 189) als ein „Kreisen, Wirbelnquot; ióu'ih' II. XXIII, 840) bezeichnet59), und das nicht ganz deutliche Beiwort (x«Tlt;o^ciö'iof). mit welchem einmal in der Ilias (XXIII, 431) der Diskos gekennzeichnet wird, haben in Verbindung mit der wohl-bezeugten und an sich richtigen Nachricht, dass die Hellenen auch in der Mitte durchlöcherte Disken hatten, schon einen alten Erklarer zu einer ganz falschen Ansicht von der Art verleitet, wie der Diskos gefasst und geschleudert wurde. Eustathios glaubte namlich, dass das Loch in der Mitte des Diskos dazu bestimmt war, um ein Tau darin zu befestigen, vermittelst dessen dann die Wettkampfenden schleuderten60), und erklilrte jenes Beiwort ais „ven der Schuiter

federnden Sturmlaul brettes nicht 25 oder 350/0, sondern miudestens 150% steigern, um dem Phayllus es gleicli zu thun! Wie gross denkt sieli denn Herr Dr. Hueppe die Federkrai't und Höhe Jener Sprung- oder vielmehr Wurfmascbine der alten Hellenen, genannt „Baterquot;, dass sie die natiirliche Sprungkraft der Pentathlen so gewaltig zu steigern vermochte?

•'quot;) Auch Pindar sagt (Olymp. XI, 72): „Enikeus warf in die Weite mit dem Steine die Hand kreisend (xvxhoiactii) über alle hinausquot;. Der römische Dichter Sextus Propertius (zweite Halfte des ersteu Jahrhunderts vor dir. G.) liisst (IV, 14, 10) ebenlalls die Spartanerin „des Diskos Wurfgewicht im Kreise herumdrehenquot; (in orbe rotare) und ebenso Statins in seiner ïliebais einmal (VI, 680) den Phlegyas „den Diskos kreisförmig herumdrehen (rotare) und in die Wolken bergenquot;, das andere Mal (a. O. 709) den Hippomedon ihn „in gewal-tigem Wirbel drehenquot; (vasto contorquet turbine). Meist aber wurden von Homer und den spiiteren Schriftstellern die Thatigkeitswörter „werfen, entsendenquot; für den Diskos gebraucht, so téi'm, ttcpiii'ai, ó/;7Itl ï', iXQimtiv, (; vuoni:i ill r, -Irc'/.-'/.tiv, mittere; Pindar verwendet in der oben angeführten Stelle (Ol. XI, 72) für „werfenquot; das seltene Wort ó'i/.t'u', welches nach Eustathios (Siehe Anin. 60) so viel wie „werfenquot; bedeutet; es ist dies zugleich das Verbum, von welchem wohl das Wort iïiaxog hergeleitet werden muss (Siehe G. Custius Grundzüge der griecliischen Etymologie Anti. II S. 588 Anm.). Diskos wiirde denmach nichts anderes als „Wurfgeratquot; bedeuten.

ü0) Dass es im Centrum durchbohrte Disken gegeben hat, ja dass solche auch bis zum heutigen Tage erhalten sind, haben wir oben geseheu; wenn aber Fr. Haase in seinem Artikel „Palilstrikquot; (Ersch und Grubers Encyklopildie S. 411) meint. dies sei meistens der Fall gewesen, so stimmt dies nicht mit

ocr page 56

4S_

herab oder von der Sehulter lier geworfenquot;.61) Diese alte Erkla-rung haben die Vert'asser grieehiseher Wörterbüeher von Schneider an bis zum heutigen Tage als riehtig angenommen, wenigstens so-weit es sich um das fragliehe Bei wort des Diskos handelt; nach den Wörterbuchschreibern soil niinilich dies schmückende Beiwort den Diskos bezeichnen als die Wurfseheibe, „die man mit über die Sehulter zurückgebogener Hand wirftquot; (Schneider), wozu Passow erliiuternd hinzufügt: „zu deren Schleuderung man so weit aushoit, dass die Hand über die Sehulter kommtquot;, Pape: „weil man beim Schleudern mit der Hand über die Sehulter aushoitquot;, Benseler: „in-dem man weit aushoit. so dass die Hand über die Sehulter kommt (ab humero missusquot;). Diese Gelehrten scheinen also anzunehmen,

der schriftliclien und monumentalen Überlieferung des Altertums überein. Wenn Haase a. O. weiter meint, dass diese Oftnung „dazu eingeriehtet war, um zwei Finger liineinzulegen oder um einen Riemen hindurchzuziehen, wenn man lieber diesen fassen und so die Scheibe wegwerfen wolltequot;, so Iiandelt es sicli hier um ein paar Irrtümer, zu denen .Joh. Winckelmann und Eustathios die Veranlassung gegeben haben. J. Winckelmann sagt bei der ersten Er-wilhnung des Diskos von Herculanum (a. O. S. 185), dass er „in der Mitte ein Loch hat, dessen Kunde sich auf einer Seite enger sehliesset, um den Finger fester hineinzulegen, wenn diese Platte geworfen wurde; diese Art den Diskos zu werfen ist vorher auch nicht bekannt geweseuquot;. Und auf S. 291 bemerkt er nochmals: „Das liinglich runde Loch in der Mitten ist drittehalb Zoll lang, und man kann zum Werfen zween Finger hineinlegen quot; Eustathios giebt zu Odyssee VIII, 186 ft', u. a. folgende Erlauternng: ivtavü-ce dt '/.Ütos y.iti t/ioy ix [Ataov xa'Auidiov, ov lynuti'ol ot ityoi uoiif i'oi tó'ixoi', ö tour gt;.oi' d. i. hier aber [ist der Diskos] ein durchbohrter Stein mit einem kleinen Tau vom Mittelpunkte aus, woran die Wettkümpfenden beim Werfen anfassten.quot;

01) Eustathios bemerkt zu Ilias XXIII, 431; xartauudios df iïiaxog, 6 rijf /ttoos' nvnrtii'ofxévtjs wftov ;nti:iaiil ros', oürtu yccQ Xfd xmoi/xfcifóv Tig

ïnnovg t'/Mvi'fi, (Ivdytov ti]v [x'canytc xtei' uluove xdxtïamp;tv airijp xrtitcyiai' ttsi' 'iinwi'. iu d'i t'iTitïv xaiu)ualt;)ioi' d'iaxov, óV tóf lixog ItiI tcc oTiïaio ng Deutsch; „xicziouccd'iog (flcxos, der bei erhobener Hand von der Sehulter her geworfene. So treibt uamlich einer auch xktio/ahamp;óv die Pferde, indem er die Geissel an die Schultern empor führt und sie von da aus auf die Pferde herabführt. xiaauddios den Diskos nennen [so viel wie], den einer, wie natiirlich, rückwarts entsendet.quot; Der letzte Satz dieser Stelle ist olfenbar liickenhaft; wahrscheinlich ist vor Htf 't^atv ein Participium wie ch'ctynyióy oder iivmtivccg ausgefallen, so dass es heissen würde: „den einer, wie natiirlich, rückwarts erhebend entsendetquot;. Der Vergleich des Diskoswerfens mit dem Schlagcn vermittelst der Geissel, mit der man bei erhobener Hand hoch von den Schultern her aushoit, zeigt deutlich, wie Eustathios und seine Gewilhrs-münner sich das Ausholen mit dem Diskos dachten. Dass diese Erklarung des d'iaxoi XdToiudthoi falsch ist, wird oben nachgewiesen; auch die Erklarung des iiiinziyi ijiTiovg tJ.uvt'tw XKTtofiad'óv (II. XX, 352 und XXIII, 500) ist nicht ganz sicher, es kann ebenso gut heissen: „mit der Geissel die Pferde an-treiben, indem man über ihre [der Pferde] Schultern herabschlagtquot;. — Eine wunderliche schon von Philipp a. O. 47 s.) zurückgewiesene Erklarung des ó'iaxof x urm und'ios giebt Hurette in seiner Dissertation sur l'exercice du Disque ou Palet (in den Me'moires de l'Acade'mie des Inscriptions Band III p. 473); er meint: L'e'pithète de xaroifiaSiog . . . fait assez connaitre, qu'il e'tait d'une telle pesanteur, que les mains seules n'auraient pu suftire pour le transjiorter d'un lieu un autre.

ocr page 57

49

dass der Diskos von den alten Hellenen ahnlich geworfen wurde wie nacli den Regeln der deutschen Wettturnordnung der 17 kg schwere Stein „gestossenquot; werden soli, namlich von oben herab; dass aber der Diskos thatsachlich nicht in unserem Sinne , gestossen', sondern in ahnlicher Weise wie die Kegelkugel beim Kegelschieben, „aus der Tiefe heraus in die Höhe und Weitequot; geworten wurde, das liat bereits Krause, gestützt auf die bildlichen Darstellungen des Altertums, vor fast einem halben Jahrhundert nacbgewiesen (G. und Ag. S. 451). Das Wort yMTojuüdio^ heisst demnach nicht „von der Schulter herab geworfenquot;, sondern „unter der Schulter her geworfenquot;.

Die beste Belehrung über die Frage der Hantierung des Diskos gewahren uns neben einer Beschreibung des Diskoswett-kampfes bei Statius (Thebais VI, 646—728)6:!) und gelegfntlichen Bemerkungen des Philostratos und Lukianos besonders die bildlichen Darstellungen auf zahlreichen Denkmalern des Altertnms.

Der von Statius beschriebene Diskoswettkampf gehort mit zu den Leichenspielen, die von dem Adrastos zu Ehren des Arche-moros in Ne ine a veranstaltet wurden und auf die man spater die nemeischen Nationalspiele zurückführte (Anm. 62). Der erste der drei Helden, welche zum Diskoswurf antreten, ist Phlegyas von Pisa; ,er macht zuvörderst Diskos und Hand rait Erde rauhquot; (Statius a. O. V. 670): '!:1) und ahnlich verfahrt der zweite, Me-nestheus. Dieses Bestreuen mit Staub oder Sand geschah, um so-wohl die Glatte des ehernen Diskos, die ja auch nach der Ansicht

ü2) P. Papinius Statius wurde um 45 n. Chr. zu Neapel geboren und erwarb sich früh durch seine dichterischen Leistungen die Gunst des Domi-tianus, dessen Lehrer sein gleichnamigerVater gewesen war; er starb, nach-dem er zu Kom in mehreren dichterischen Wettkampfen gesiegt liatte, in seiner Vaterstadt 96 n. Chr. Sein frühestes und umfangreichstes Werk ist die Thebaide, ein episches Gedicht in 12 Gesangen, welches den Streit der feindlichen Brüder Eteokles und Polyneikes und den Zug der „Sieben gegen Thebenquot; behandelt, lm sechsten Buclie werden die Leichenspiele des Ar-chenioros in ermüdender Breite erzahlt; aus diesen Leichenspielen sollen der Sage nach die nemeischen Nationalspiele hervorgegangen sein, deren Zahlung in geschichtlicher Zeit allerdings erst mit der 51. Olympiade (577) begonnen zu haben scheint.

6!i) Die oben benutzten Stellen der Thebaide lauten im Urtext so (VI, 670 ss.):

ac primum terra discumque manumque Asperat; excusso mox circum pulvere versat,

Quod latus in digitos, mediae quod certius ulnae Conveniat.....

Spater heisst es dann (v. 707 ss.):

Erigit adsuetum dextrae gestamen et alte Sustentans rigidumque latus fortesque lacertos Consulit ac vasto contorquet turbine et ipse Prosequitur.

5

ocr page 58

50

des Anacharsis das Fassen erschweren musste, als auch den Schweiss der Hand möglichst zu beseitigen; ahnliches geschieht bekanntlich auch auf unseren Turnplatzen, besonders wenn an eisernen Geraten geübt werden soil.

„Nachdem Phlegyas den Staub abgeschüttelt bat, drebt und wendet er den Kreis (Diskos), welche Seite sicberer in die Finger passe, welcbe mitten an den ün ter armquot; (a. o. V. 671 ff.). Vgl. Anm.63) Dieses Wiigen des Diskos gescbab, um denselben ricbtig zu fassen und gegen den Unterarm zu legen. Die ricbtige Fassung der Wurf-scbeibe, wie sie bier vom Dichter anscbaulich beschrieben und anf vielen alten Denkmalern deutlich gezeichnet ist, wurde schon von Burette erkannt84) und wird von Chr. Koblrausch (der Diskos, S. 15 f.), der diese Fassung die Myronsche nennen mocbte, genau folgendermassen beschrieben: „Nach derselben rubt die Aussen-kante der Scheibe anf dem Fingergliede, welches der Mittelhand zunacbst sitzt, die beiden vorderen Glieder der vier Finger schliessen sich, fassen also nach innen und drlicken die Scheibe gegeu die Mittelhand, resp. gegen die Daumenmaus. Der Daumen liegt so-mit auf der den Fingern entgegengesetzten Seite und zwar von den Fingern abgespreizt.quot; War der Diskos nicht allzu gross und in der Mitte mit einem entsprechend grossen Loche versehen, so landen vielleicht ein oder zwei Fingerspitzen in diesem Loch einen willkommenen Halt. Auf jeden Fall ist es bei dieser Art den Diskos zu fassen klar, warum Philostratos in seinem Gymnastikos (cap. 50) an den zukünftigen Pentathlen u. a. auch folgende For-derung stellt:quot;'') „Auch soli er eine lange Hand und lange Finger haben; denn er wird viel besser Diskos werfen, wenn wegen der Lange der Finger die Rundung des Diskos aus hoblerer Hand em-por geworfen wird.quot; Beacbtenswert ist es auch, dass die obere Aussenkante der Wurfscbeibe nach Statius „mitten gegen den Unterarmquot; gedrückt wurde; mit dieser Bescbreibung des Dichters stimmen auch die Darstellungen der alten Denkmaler überein. Diese erste vorbereitende Handlung, welcbe im Wagen und Griff-sucben bestebt, ist dargestellt auf einem Hamiltonscben Vasenbild (Hamilton Ant. Etrusqu. Gr. et Rom. etc. Tom. IV, 42; Krause Gymn. und Ag. Taf. XIV Fig. 48; Chr. Koblrausch a. o. S. 21 Fig. 11). Hier stebt der Diskosschwinger in bequemer aufrechter

Burette beschreibt den Griti' folgendermassen: lis le (namlich le disque) tenaient en sorte que son bord inférieur était engagé dans la main ot soutenu par les 4 doigts, recourbés en devant, pendant que sa surface postérieure était appuyée contre le pouoe, la paume de la main et une par-tie de l'avant-bras.

0^,) Kal kuax(ió%fi()a xpyj tivai ccvtov xcu sv/xtjxrj tovq ócaetvlovc' óiaxsvasi tio/mö cif/uvoi', tjr Sia uiytftoc tcöv óaxtv/.ojv tx xoi/.ozé^ac ttjc ytiooc avanéfinriTKi t) five ror ólaxov.

ocr page 59

51

Stellung bei Vorschrittstellung rechts, den linken Arm in die Seite gestützt, den schriig vorgehobenen Diskos wagend, indem er die Angen in die Ferne auf das Ziel gerichtet halt.

Minder deutlich halt der Dichter der Thebaide die einzelnen Momente, in welche der eigentliche Wnrf' zerlegt werden kann, auseinander. Langsamen Schrittes geht als dritter Hippomedon, einer der sieben Fürsten selbst, an deren Spitze Adrastos gegen Theben zog, an den gewaltigen Wettkampf (a. o. V. 707 ff.): „Er erhebt das an die Rechte gewöhnte Handgeriit und es hoch in der Schwebe haltend prüft er die straffe Seite und die kraftigen Armmuskeln nnd schleudert es in gewaltigem Wirbel und tblgt selber nachquot; {V. 707 ff.).lt;iS)

Nach den Abbildungen lassen sich in dem eigentlichen Wurfe drei Momente nnterscheiden. Zuerst wurde der Diskos von der rechten Hand mit einem kraftigen Vorschwnnge vorgehoben; dieses Schema ist öfters auf Vasenbildern dargestellt, welche den verschiedensten Stilarten und Zeiten angehören. Besonders an-schaulich wieder auf jener Münchener Schale No. 795 (Anm. 48), die schon bei der Besprechung des Sprunges mehrfach zu Rate gezogen werden konnte. Der mit einer enganliegenden Lederkappe bedeckte Pentathle, neben dem man die Inschrift Iluvuino^ /a'/JK liest, erinnert in seiner ganzen Haltung lebhaft an einen Kegel-schieber, der machtig mit einem Vorschwunge zmn Wurfe ausholt. Die rechte Hand, welche die Wurfscheibe vorschriftsmassig unten an der Kante gef'asst hat, und der rechte straff gestreckte Arm sind bis ttber Scheitelhöhe vorgehoben, wahrend die linke Hand den wuchtigen fast bis au das Ellbogengelenk reichenden Diskos von unten her ihn umfassend unterstützt. Der Oberkörper ist so weit rückwarts gelegt, dass er mit dem in Schrittweite vorwiirts gestellten ziemlich gestreckten linken Beine fast eine Linie bildet. Die Last des ganzen Körpers ruht auf dem rückwarts stellenden, fast bis zum rechten Winkel gebeugten rechten Beine. Beide Persen sind massig gelttftet. Der Kopf ist gehoben, und die Augen sind auf ein ternes Ziel gerichtet. Diskosschwinger in ganz ahnlicher Haltung erscheinen ebenfalls auf dem Bilde einer Hydra des Britischen Museums, welches Marquardt zu seiner Ab-handlung (zum Pentathlon der Hellenen, Güstrow 1886, Taf. U) veröffentlicht, auf einem von Ed. Gerhard (Antike Bildwerke Cent. I, 4, 68: auch bei Krause a. O. Taf. XIV Fig. 49; Chr. Kohlrausch a. o. S. 22 Fig. 12) zuerst veröffentlichten Nolanischen Vasenbilde, auf einer schwarfigurigen Vase der Hamiltonschen Sammlung (Ham. Ant. Etr. etc. 1. 68; Krause a. O. Taf. XIV Fig 47; der ungewöhn-lich grosse Diskos ist scheinbar oval), auf einem ebenfalls alter-tümlichen Vasenbilde in den Annali dell' Instituto XVIII tav. d'agg. L.; auch bei Baumeister Denkm. d. kl. Altert. I p. 458

ocr page 60

52

Abb. 503), auf einer altertümlicben Amphora der Feolischen Sammlung (Ad. Botticher Olympia S. 112 Fig. 15).

Man sieht es diesem vorschwiugenden und einvisierenden Dis-koswerfer der Vasengemalde deutlich an, dass er im nachsten Augenblick den Diskos an der rechten Seite des Leibes her rück-warts schwingen wird; die Stellung, welche am Ende dieses aus-holenden Rüekschwunges eingenommen wird, ist die des be-rühmten Myronischen Diskobolen, der uns in mehreren Nachbil-dungen erhalten ist, am besten in dem schonen Standbilde, welches 1781 in der Villa Palombara der Familie Massimi zu Rom gefun-den wurde. In kurzen Strichen zeichnet Lukianos (Lügenmaul cap. 18) das Werk Myrons als „den Diskoswerfer, der vorüber gebeugt ist in der Haltung des Abwerfens, zurückgewandt nach der den Diskos tragenden [Hand], leise einknickt mit dem einen [rechten Beine] und so aussieht, als wollte er mit dem Wurfe zugleich sich aufnchten.,1(l) Und ebenfalls nach diesem Myroni schen Muster entwirft Philostratos einmal in seinen „Bildernquot; (I, 24 „Hyakinthosquot;) folgende gewissermassen akademische Haltung eines Wettkampfers, der den Diskos zum Abwerfen erhoben hat: „Derselbe muss sich bei Drehung des Kopfes nach rechts so weit beugen, dass er die Seite überblicken kann und werfen, indem er | ihn | emporschleudert und die ganze Kraft der rechten Leibesteile daransetzt.quot;tf7) Der rechte Arm ist gestreckt und so hoch riick-warts gehoben, dass der Diskos über Schulterhöhe sich betindet. um bald in gewaltigem Wirbel (vasto turbine bei Statius) mehr als einen Halbkreis nach unten beschreibend, unter der rechten Schulter herab (als öia/.og y.urcouddiog) hochweit, am besten in einem Winkel von 45 Grad, vorgeschleudert zu werden. Bei diesem Hochstrecken des Amies rückwarts ruht die Last des halbrechts gewandten, etwas vornüber geneigten Leibes auf dem massig gebeugten standfesten rechten Beine, wahrend das rechtwinkelig gebeugte linke Bein etwas hinter das andere Bein zurückgezogen ist und nur mit den Zehenspitzen flüchtig auf dem Boden aufruht. Beim demnachst erfolgenden Vorschwingen des rechten Armes „folgt der Diskobol selber nachquot; (Statius); „er richtet sichquot;, wie Lukianos es ausdrückt, „mit dem Wurfe zugleich aufquot;, indem er das rechte Bein streckt und mit dem linken Beine, „Welchesquot;, wie Philostra-

quot;quot;quot;j Mlt;öv xbv óiaxtvovza, r/v ó't'yni, (pfig, rov êmxexvyiÓTa xaza ro rr/g d(ptaeujg. ttTtsavgaft/tivov tig zrjv fiiaxoyÓQOv, tjpéfia óxXa^ovza rw ktègot, ioLxóxa gvrayaarijao/xtvoi fttxa zijg jioJS/g; ovx êxslvov, tj ó' og. ènel zon' Mvowvog tQyov sv xal zovzó èaziv o étaxot9ó/.og, öv Xéyeig.

0T) Tb ól a/rjfia zov óiaxov dvt/ovzog è§aV.a§avza ztjv xKf,(x/jjv t'nl ófqict ■/Qr/ xvQzovaamp;ai zoaovzov, oaov vitoftltrpai zet xcd (unzflv, oiov aviiimvza

xal nQoatfxjia/j.ovza. zoTg óeSiolg naai.

ocr page 61

53

tos an einer andern Stelle seiner Keschreibung des Hyakinthos-bildes sagt, „mit der rechten | Hand | zugleich sich emporschwingen und mitbevvegen mussquot;68), den Ausl'all vorwarts macht. Bei der Wlicht, mit der diese ganze Bewegung ausgefilhrt wurde, konnte natiirlich leicht einer zu Falie kommen; dies hiess, wenn ich anders die betreffende Stelle des Pollux richtig verstehe, in der Kunstsprache: dloy.o) vTCorpsQead-aieo).

Audi diese Schlussstellung, in welcher der Diskoswerfer nach vollzogenem Wurfe eine Weile verharrt, wahrend er dem Diskos, der seiner Hand entflohen ist, erwartungsvoll nachschaut, ist in einer Bronzestatue des Nationalmuseums zu Neapel, welche 1754 zu Herculanum gefunden wurde, ausserordentlich lebendig verkörpert.70) Der Uiskobol steht in einer Art Ausf'allstellung links bei vornüber gebeugtem Rumpfe; beide Kniee sind miLssig gebeugt; der linke Fuss steht mit ganzer Sohle auf, der rechte ruht nur mit der Spitze auf dem Boden. Die rechte Hand, die soeben die Wurfscheibe entsandt hat, noch vorwarts gehoben, ist bereits im Herabsinken begriffen. Die starke Neigung des ganzen Oberkörpers, der angehaltene Atem, die in die Ferue starrenden Augen, die leicht geöffneten Lippen, eine eigentümliche Bewegung der linken Hand bekunden sprechend, mit welcher Spannung der Jiingling das Ergebnis seiner Anstrengungen abwartet (Abbildungim Museo Borbonico vol. V, 54; Krause a. 0. Taf. XIV Fig. 50; Chr. Kohlrausch a. O. S 22 Fig- 13; A. Bötticher Olvmpia S. 98 Fig. 6).

Es entsteht hier die Frage, ob ausser dem einen Ausfall-schritt links auch noch ein weiterer Schritt vorwarts üblich oder gestattet war; Krause (a. O. S. 450 f.) ist geneigt auzunehmen, dass der Werfende dem der Hand entschwebenden Diskos auch wohl mit mehreren Schritten nachfolgte. Mir erscheint dies doch fraglich; auf jeden Fall beland sich in den Wettkampfgesetzen der alten Hellenen eine ahnliche Bestimmung wie in der deutschen Wettturnordnung (§ 22 f.), nach welcher „Vortritt über das Standmal den Wurf zum Fehlwurfe macht.quot; Dieses „Standmalquot; auf dem Skamma der Diskoswerfer, welches dem „Baterquot; der Hantelspringer

'is) Diese Stelle geht der in Anm. 67 gegebenen Stelle uumittelbar voraus und handelt von der Balbis; sie lautet vollstandig: (tcO.jilq óiaxt-/ioarcu fiiXQU xai nTto/Quncc i-vt èarairt. r} ó!/ ro xaxómr xai ro ötSiov axéXoq avèyovau. npccvij ra i-f/TtQoa'hv i-oy/'Xtmi xai xovcpi^ovaa 'kafgov roty axt/.otv, o /('V tïvrnvana'/.Xeotyai xrd (Jv/tTinofruo'hu ry dfgirc.

quot;quot;) Pollux onoffi. III, 151: ro ól Siaxov aysTvcu, óiaxov HxTttuipcu. tiiaxov (ntycu, óioxw vnocpsQeaamp;ai.

I0) Krause a. O. 3. 458 hat zuerst dieses Herkulanische Standbild als Diskobolen erklart, wahrend andere Grelehrte in demselben einen Ringer erkennen wollen, der darauf lauert, ob sich der Gegner etwa eine Blösse geben könnte.

.............

ocr page 62

54

entsprach, hiess Balbis und wird von Philostratos in den „Bildernquot; (I, 24; siahe Anm. 68) folgendermassen besclirieben; „Eine Balbis ist aufgescliüttet klein und ausreichend für einen Stellenden, welche dem Hinterleib und dem rechten Beine zum Stiitzpunkt dienend den vorderen Teilen [des Leibes | eine Neigung vorwarts ermöglicht und dem anderen Beine, welches mit der rechten [Hand [ zugleich sich emporschwingen und mitbewegen muss, dies erleichtert.quot; Diese Balbis wird auch von Suidas als eine „niedrige Grundlage, Basisquot; {pcimg ruTrtivt') bezeichnet und wird auch wohl „Grenzequot; («'/.oc), „Malquot; [riouu), .Liniequot; {'/OK/iur) genannt, Bezeichnungen, aus denen hervorgeht, dass die Balbis in der That das Mal war, tiber welches der Diskoswerfer nicht hinwegtreten durfte, sollte anders sein Wurf Geltung haben. Krause hat eine solche Balbis auf einer Geimne der Berliner Sammlung erkennen wollen (Ab-bildung bei Krause a. O. Taf. XYIII c Fig. 54 b; auch bei Kohl-rausch S. 24 Fig. 14, doch kaum wieder zu erkennen); diese Gemme zeigt einen Diskosschwinger, der uur den rechten Fuss auf einen Gegenstand gestellt hat, der einem rohen Felsblock ahn-lich sieht. Der fragliche Gegenstand, der allerdings auf der Ab-bildung der Gemme sehr undeutlich gezeichnet ist, entspricht keines-wegs der Yorstellung, die wir nach den Bemerkungen der alten Gelehrten von dem Standmale der Diskosschwinger gewinnen. Für ein solches erscheint der Felsblock nicht bloss zu klein; er liisst auch jede Spur einer kunstgerechten Bearbeitung vermissen. Nach Philostratos war doch die Balbis so gross, dass einer bequem mit beiden Füssen darauf stehen und auch noch einen Ausfallschritt machen konnte; ferner hatte sie nach einer allerdings nicht ganz klaren Bemerkung des Hesychios von beiden Seiten Stufen zum Hinaufsteigen.7I)

Bei dieser Beschaffenheit der Balbis konnte der Diskoswurf n u r aus dem S t a n d e gemacht werden, nicht aber aus dem Anlaut, wie Grasberger (Erziehung und Unterricht im klass. Alter-tum III S. 197) und Hueppe72) annehmen. Es ist auch in keiuer der Beschreibungen, welche uns die alten Schriftsteller vom Dis-koswurfe geben, von einem Anlauf die Rede; und jene ruhige Art, mit der der Diskos unmittelbar vor dem letzten Rückschwunge vorgehoben und einvisiert wird, ist kaum denkbar, wenn der Werfer

;l) Kal nK(fu 'Innoy.Qarsi licüfiïóe?. to 'i!/ov hxattQwS-sv tnavucruasic. iaxiv ó'i- xcd jiccamp;fibc xal t(jei(7/icc.

Dr. Hueppe sagt a. O. S. 515: „Da die griechischen Schriftsteller beim Diskoswurf mit Anlauf mehr die Geschick]iclikeit als die Kraft als das Ausschlaggebende bezeiclmen, dürfen wir wohl mit grosser Wahrscheinlich-keit annehmen, dass die erhaltenen künstlerisch ausgeführton Disken Nach-ahmung der wirklich gebrauchten sind. und wir müssten uns dann für ein Gewicht von 4 bis G Pt'und. also etwa 2,5 kg ontscheiden.quot; Wenn man das Gewicht der zum wirklichen Gebrauch bestimmten üisken zu Grundo legt, er-

ocr page 63

durch eiiien Anlauf in Schuss gekommen ist. Es giebt allerdings eine antike Darstellung, auf' welcher ein Diskoswerf'er in wildem Laufe sicli zeigt; es ist dies ein altertiimliches Vasenbild, welches auch einen Speerwerfer und einen Hanteltrager so wie einen vor ihnen stekenden Agonisten, der zwei Speere in der Linken trügt, in auffallend, fast komisch lebendigen Bewegungen darstellt (Ab-bildung in den Monnm. ined. dell' Instit. J, 22; Krause a. O. Taf. XV Fig. 54; Archaolog. Zeitnng 1881 Taf. 9; Baumeister Denkmaler d. kl. Altert. S. 573 Fig. 611). Dieses Vasenbild will jedocli nicht den Ubungsbetrieb des heiligen Agons selbst, sondern nur eine frei erfnndene Gruppierung der drei für das Pentathlon eigentümlichen Übungsarten vorfübren. Für die Kenntnis des agonistischen Betriebes hat die eigenartige Auffassuug dieses Vasen-bildes ebensowenig Bedeutung, wie wenn auf der oft erwahnten Münchener Schale Nr. 795 ein Palastrit mit der linken Hand. aber sonst in Myronischer Weise den Diskos rückwarts hoch hebt (Anm 48). Aus dieser Darstellung der Münchener Schale geht ebenfalls nur so viel hervor, dass man in der Palastra auch wohl einmal gelegentlich den Diskos mit der linken Hand schleuderte; alle Nachrichten der Schriftsteller und alle anderen bildlichen Darstellungen legen die Annahme nahe, dass der Diskos bei den Wettspielen selbst nur mit der rechten Hand geworfen wurde.

Wenn der Weitsprung mit Hanteln dein Fünfkampfer in erster Linie Gelegenheit bieten sollte, die Kraft der Beine zu erproben, war offenbar der Wurf mit dem Diskos vorzugsweise bestimmt, die Kraft der Arme zu zeigen. Diese Wettübung erforderte überhaupt in höherem Masse Körperkraft als Gewandtheit, wie bereits Philip]) (a. 0. p. 51) richtig bemerkt hat; sie galt auch bei den alten Hellenen vorzugsweise als eine Kraftübung. Scbon in jenem liomerischen Gleichnis (II. XXHI, 431 ff.);

Weit wie die Scheib' hinflieget vom Schwung des erhobenen Amies,

Wenn sie ein blühender Mann, die Kraft zu versuchen, entsendet,

So weit sprangen sie [die Rosse des Antilochos] vor;

erscheiut der Diskos wurf als eine Kraftprobe, wenn auch nicht in demselben Masse wie der Wurf mit dem Solos der Sage.73) Auch

scheint es, wie oben nachgewiesen ist. wahrscheinlich, dass das Gewicht eines Diskos etwa doppelt so gross ist, wie Huoppe annimmt. Dass die griechischen Schriftsteller beim Diskoswurf mehr die Geschicklichkeit als die Kraft als das Ansschlaggebende bezeichnen, ist mir nicht bekannt; die alten Griechen sahen in dom Diskoswurfe. wie wir zeigen werden, mehr eine Kraftprobe, iihnlich wie wir im Steinstossen. Wir können demnach Hueppes Schlussfolgerung und seinem ürteil über des Phayllos Diskoswurf von 95 Fuss in keiner Weise zustimmen.

':1) Dor gewichtige Solos erscheint in der Sage als das Lieblingsgerat urkraftiger Heroen. Den Solos, den der Peleide Achilleus bei den Leicheuspielen des Patroklos holen lasst, „warf vordem oft des Eëtion

ocr page 64

56

Philostratos rechnet in Übereinstimmung hiermit (Gymn. cap. 3) von den Kampfarten des Pentathlon ausser dem Ringen nur noch das Diskoswerfen zu den schweren, das Speerwerfen, Springen nnd Laufen dagegen zu den leichten Ubungen. ünd zwar kommt nicht bloss die Kraft der oberen Gliedmassen bei demselben zur Geltung, sondern anch die der unteren. Wie Lukianos im Ana-charsis (cap. 27) hervorhebt, „starkt diese Arbeit [mit dem Dis-kos] die Schultern nnd vermehrt die Spannkraft in den Füssenquot;; nnd Philostratos verlangt in der (Anni. 39) angeführten Stelle ven dem künftigen Fünfkampfer u. a. anch wegen der Wendungen und Drehvmgen des Leibes beim Diskoswurf, dass er lange Beine und ein biegsames Kreuz habe.

C. Das Speerwerfen. Das Werfen mit Speeren wurde schon in jenen Zeiten als Wettübung betrieben, in welche uns die homerischen Gedichte versetzen. Wie die Mannen des Achilleus im Lager vor Troja an der Brandung des Meeres sich daran ver-gnügten mit Wurfscheiben, Speeren und Bogen zu üben (II. II, 778 ff.), so fanden auch die Freier der schonen Penelopeia vor Odysseus' hohem Palaste in Ithaka ihre Unterhaltung darin, mit Scheiben und Jagerspiessen auf dem gepflasterten Hofe zu werfen (Od. IV, 625 ff. und XVII, 167 ff.); auch gehorte, wie wir bereits oben sahen, das Speerwerfen mit zu den Wettspielen, welche die Phaaken bei der Anwesenheit des Odysseus am Hofe ihres Konigs Alkinoos übten (Od. VIII, 120 ff). Die Speere {cdyavéui), deren sich die Myrmidonen, die Ithakesier und Phaaken bei ihren Ubungen bedienten, sind offenbar dieselben Geschosse gewesen, welche sie zur Jagd benutzten. Dies geht aus einer Stelle im neunten Buche der Odyssee hervor. Hier berichtet Odysseus, wie er mit seinen Gefahrten auf einem waldreichen Eilande nahe dem Lande der Kyklopen gelandet ist, und fahrt dann fort (nach der Übersetzung von J. H. Voss V. 152 ff.):

Als die dammernde Kos mit Rosenfingern emporstieg,

Jetzt durchwanderten wir das Eiland rings mit Bewundrung.

Und es erregten die Nymphen, des Aegiserschütterers Töchter,

Kletternde Ziegen der Berge zura labenden Sclimaus den Genossen.

Eilig gekrümmete Bogen und ragende Spiesse der Wildjagd Holeten wir aus den Schiften, und rings dreifach uns vertellend Schossen wir; bald dann schenkt' uns ein Gfott mutstiirkendes Wildbret.

machtige Starke'- (II. XXIII. 827). Und Quintus Smyrnüus erzahlt (IV, 439 tt'.), dass der bei den Leichenspielen des Achilleus benutzte Solos einst des Antaios Macht zu werfen pflegte, um seine Kraft zu erproben, und spater der gewaltige Herakles; dieser hatte ihn dem Telamon geschenkt, als er ihm half die schönturmige Dies zu zerstören, und Telamon gab ihn wiederum seinem Sohne Aias über das Meer mit. damit er im Lande der Troer daran seine Starke erprobe.

ocr page 65

57

Die Worte, welche der Übersetzer ,ragende Spiessequot; über-triigt, heissen ar/avéai do/.r/av'/.oi und bedeuten genauer übersetzt „Jagdspiesse mit langen Osen oder Tüllenquot;; es war darnach am Spiess die Spitze vermittelst einer langen Tülle {aê'/.óg), welche auf das nach oben verjüngte Ende des Schaf'tes anfgesetzt war, befestigt.

Diesen Jagdspiess, wie er zu dem alten von den Ahnen er-erbten Rüstzeug gehorte, nahmen die alten Hellenen nun auch bei dem Speerwerfen des Fünfkampfes in Gebranch; doch wurde die Waffe durch Anbringung eines Schwungriemens oder einer Wurfschleife (uy/.vlrj, amentum) vervollkommnet. Diese Wurf-schleife und der ganze Kiemenspeer war, wie man heutzutage mit Köchly anzunehmen geneigt ist, ebenso eine Erfindung der Fünf-kampfer wie der .Halterquot;, die Hantel, obwohl eine spiitere Sage, die der im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebende Ge-lehrte C. Plinius Secundus der Altere in seiner Naturgeschichte (VII, 201) bringt, diese Erfindung ebenfalls schon in die graue Vorzeit verlegt und auf Aitolos, den Sohn des Kriegsgottes, zu-rückführt. Wenigstens lasst sich weder in den homerischen Gedichten noch sonst irgendwo in der Überlieferung irgend eine Stelle nachweisen, welche für den Gebrauch der Wurfschleife in alteren Zeiten sprache.

Als sich die Wurfschleife auf dem Turnplatze bewahrt hatte, kam der Riemenspeer etwa seit dem fünften Jahrhundert v. Chr., wie Köchly in seinem gelehrten Vortrage , iiher die hasta ammen-tataquot; auf der 26. Philologenversammlung zu Würzburg 1868 ver-mutete, in die Hande der Jager und wurde spater auch die ordonnanzmassige Kriegswaffe der Leichtbewaffneten, der soge-nannten Peltasten. Auch die Römer, welche diese handliche Waffe vermutlich in ihren Kampten mit dem Könige Pyrrhos von Epirus fiirchten und würdigen lernten, rüsteten ihre Leichtbewaffneten, die velites, mit derselben aus; demi die hasta velitaris, deren die Leichtbewaffneten der Römer ö—7 bei sich führten, wird als eine hasta amentata „mit Wurfschleife versehener Spiessquot; bezeichnet (vgl. Livius XXVI, 4, 6; Lucilius bei Non. p. 380; Cicero Brut. 78, 271). Eine ahnliche Waffe muss auch die tragula der Gallier gewesen sein, welche Casar einmal in seinem „Gallischen Kriegequot; erwahnt (V, 48).

Der Riemenspeer der Fünfkampfer hat verschiedene Bezeich-nungen. Gewöhnlich heisst er ii/xov, dyjivnov, spiiter auch wohl myvvvoc. (Wort für Jagdspeer). Die Benennung chcoroudg ,Ab-schnitzelquot;, welche von Pollux und Hesychios für den Speer der Fünfkampfer überliefert wird74), deutet schon darauf hin, dass er

74) Pollux Onom. III, 151: to üxóvxiov twv nevTcciï/.ojy xu/.hïrut unoxofiaq. — Hesychios: raioroftnócc nyltav y.cu r.xóvTiov Ttfvzciamp;).ov. Köchly weist auch

ocr page 66

58

nicht sonderlich lang und dick zu denken ist, und hiermit stimmen aucii die meisten Abbildungen überein. Der Schaft war ziemlich kurz, die Spitze verhaltnismiissig lang. Daher konnten die Pel-tasten der Griechen, wie Xenophon in seiner Geschichte des Rück-zuges der Zehutausend berichtet, die reichlich 2 Ellen langen Pfeile der Karduchen ohne weiteres als Wurfspeere verwenden, indem sie dieselben mit einer Wurfschleife versahen.75) Auch der Skytlie Anacharsis spricht in dem nach ihm benannten Gespriiche bei Lucian (cap. 27) mit einer gewissen Verachtung von der Leichtig-keit der im Gymnasion zu Athen benutzten Wurfspeere. Hiernach berechnet Köchly die regelrechte Liinge der ganzen Apotomas auf etwa 21/„—3 griechische Ellen (1,2—1,4 m), die Dieke des Schaftes auf etwa die Stiirke eines Fingers. Nach den Abbildungen des Berliner Diskos (bei E. Finders Abhandlung über den Fünfkampf am besten abgebildet) und einer panathenaischen Vase des Britischen Museums (zuerst abgebildet in der Revue archeologique II p. 210 1860) ist die Spitze ziemlich lang, dünn und fein ohne eine rund-liche oder eckige Ausladnng. mehr nadel- oder stiflformig; die Spitze steekt nach der Zeichnung des Berliner Diskos in einer Tülle («i'/.ói,quot;)' wie dies schon bei den Tlangtülligen Jagdspiessenquot; Homers der Fall gewesen sein mas. Auch die hasta velitaris der

O o

römischen Leichtbewaffiieten batte einen Schaft von uur 2 Ellen Lange und 3/1 Zoll Dicke, und eine Spitze, eine Spanne (= 9 Zoll) lang und so fein, dass sie sich beim ersten Wurfe umbog und nicht ohne weiteres wieder gebraucht werden konnte. (Vgl. Folyb. VI, 22, 4; Veget. II, 15; Liv. XXIV, 35, 5; Frontin. strat. IV, 7, 29; Valer. Max. II, 3, 3). Bezeichnend ist hierfur, was Flutarch in seiner Lebensbeschreibung des Philopoimen, des „Letzten der Hellenenquot;, (Cap. 6) erziihlt: Der Held vermochte einen Riemenspeer, der ihm durch beide Schenkel gedrungen war und von seinen Leuten nicht herausgezogen werden konnte, durch angestrengtes Hin- und Herbewegen der Schenkel in der Mitte zu zerbrechen; und nun waren die Umstehenden in stand gesetzt, beide Bruchstücke besonders aus den Schenkeln herauszuziehen.7I1)

auf das Etymolog. magnum s. v. (mnoiuj (wohl -«?) cixóvvwv fjiixgov anoxtrutj-(lévov ano tov xe'/.fiov y.a) avvrjQjxoajjiivov eig fitysamp;oc juxjiór.

7r') Xenophon Anab. IV, 2, 28: uqigtoi ói xcd ro|ór«t i'/gcw [o/ Kagóov/oi]. ei'/ov ói róc« tyyvc TQinyyjj, rcc ói zoqivytaza nh'ov ómt'iyr) . . . lyjiwvro ói civroic oi quot;lü./.tjvtc. tnsl 'u/fioitr, axovzioiq ivccyxvi.wvxsq. „Mit der Wurfschleife versehenquot; heisst im Griechischen èvayxvlciv, auch êvayxvleïv, èvayxv-èvayxv/.ovv, im Lateinischen ammentarc. amentare.

70) Die Stelle bei Plutarch (Philop. 6) lautet ganz: a,ui/./.wficvoq óis/.avvsxai, óif'.u7it()ï:C onor xoig .«ï/por; ixaxépovg tvl usaayxiXo) xuinluQ fiiv ov yevo/utvijc la/vQamp;g ói xtjg ns.riyrjg, woxe xijv aiyjjLrjv èiti 'h'ufQu óidjaai. xb fdr ovy tiqwxov iva/tS-elg vgt;antQ ósa/xü narxanaaiv cctióqws ec/s. xb yay ïvoL[i[ia xï/e ayxvhjQ /alfTtrjv ènoifi xov dxovxlafiaxog cvf '/.xouirov óici xwv xgavficcxwv xïjv tckqoóov.

ocr page 67

59

«

Die ofter vorkominende Benennung fieady/vlov d. h. „ Mitt-schleifenspeer- verdankte dieser Speer der Fünfkampfer der dyy.v'/.r; d. i. jSchleife1-, welche ,um die Mittequot; des Speeres gelegt war; die entsprechende lateinische Bezeicbnung war hasta amentata d. h. „mit dem Amentum (= ay/.vh]] versehener Speerquot;.77) Ob-wohl man schon langst atis den gelegentlichen Mitteilnngen dei-Alten wusste, dass die Scbleife, welche um die Mitte des Schaftes gelegt wurde, den Zweck batte, die Wurfkraft zu verstürken, walman sich bis vor kurzer Zeit doch noch sehr unklar darüber, wie man diese Schleif'e anbrachte und handhabte; denn hierüber geben die Alten keine nahere Auskunft; die gelegentlichen Bemerkungen derselben sind sogar eb er geeignet zu verwirren, als aufzuklaren.

Wenn ein altes Wörterbuch zu Vergil (Glossar. Verg. apud Barth. Advers. 37, 5) das Ammentum als einen Kiemen erklart, , durch welchen der Speer an die Hand gebunden wirdquot; (lorum, quo hasta manui adligatur), so haben wir mit nichts weiter als finer wenig geistreichen Vernnitung zu thun. Nicht viel besser ist die zweite bei Festus s. v. bewahrte Worterklarung, die Wurfriemen hiessen ammenta, .weil man sie beim Gebrauche ans Kinn ziehequot; (quia aptantes ea ad mentum trahant). Recht unklar ist auch die Erklarung, welche der Scholiast ttir die iieady/.v'/.cc in des Euripides Andromache (V. 1133) giebt, es seien Arten von „Speeren, die in der Mitte mit einem Seiïe gebunden waren, welches man beim Abwerfen festhieltquot; {e'iör] dy.ovTuov tv uéauj aïtdQrot dédf-tisvcuj', ll y.aTe/ovTsg i'/püaav). Uiese Dunkelheit und Unklarheit ist auch in die gebrauchlicheu neueren Wörterbücher gedrungen, welche die dy/.uh] als .den eine Schlinge bildenden Riemen am Wurfspiess, womit dieser am Arm getragen und fortgeschleudert wurdequot;, deuten.

Zu einer eigentlimlichen Ansicht wurde auch GutsMuths durch diese mangelhaften Berichte der Alten gebracht. Er eutwickelt dieselbe in der Gymnastik far die Jugend (Schnepfenthal 1793, S. 388 f.). Darnach befestigten die Alten in der Mitte des Wurf-spiesses einen wahrscheinlich nur kurzen Riemen, um ihn ver-

üiq ril oixvovv oi nciQÓrrei; aipaaamp;ai aal TÏ/g .«a/'/c axfiijy ó^sïav i'/ovur/c i'a'fC'.óc.Cfr vTto 'h/iov zcd (fi/.ott/tiaQ nyóg rbr r.yöjvc. r?] nr.iiaraati aai ry naQa/j.aSfL rotv oy.t/.wv óiclt; fiiaov y./.anaz to as.óvTiaixa êxtXtvmv t).aiac(i

rair dyixuTtav ixKTtyor.

75) Köchly schreibt das Wort nur ammentum, obwohl die Form amentum ebensogut vei-bürgt ist, und leitet es von dem im Griechischen vorhandenen Verbalstamm haf, ult;f (= knüpfen) ab; ahnlicli wie Festus p. 12: ex Graeco, quod est ci/tfiKTa. Diese Ableitung ist sehr unsicher, da das h l'ehlt, welches sich doch in dem stammverwandten lateinischen Worte habena ..Riemen, Zügelquot; erhalten hat; eher ist amentum von dem lateinischen Verbalstamme ag (= führen, treiben) herzuleiten: amentum für agmentum, wie examen „Schwarmquot; für exagmen.

ocr page 68

60

mittelst desselben besser fortschnellen zu können, als wenn man ihn bloss mit den Fingern fasste. Vielleicht war der Riemen gar nicht am Spiesse, sondern mit einem Ende durch Umwickeln an der Hand festgeschlnngen. Man schlug das lose Ende um die Mitte des Instrumentes einmal herum, hielt den Spiess damit fest, indem man es mit der Hand fasste, schwenkte den Wurfspiess nnd liess im Augenblicke des Abschiessens das Ende des Riemens fahren, wie man den einen Riemen der Schleuder im Wurfe glitschen lasst.

Auch Köchly und Rüstow wussten in ihrer trefflichen ,Ge-schichte des griechischen Kriegswesens' (Aarau 1852 S. 130 f.) mit der dyxv'krj nichts Rechtes anzufangen. Sie meinten, diese lederne Schleife, welche an der Mitte des Schaftes oder vielleicht richtiger im Schwerpunkte am Schafte befestigt war, hïitte den Zweck gehabt, da der Schwerpunkt weder gerade in die Mitte, noch bei allen Wurfspiessen an dieselbe Stelle fallen kann, dem Manne sofort den Ort zu bezeichnen, an welchem er am vorteil-haftesten den Speer zu ergreifen hatte, und zugleich auch das Werfen zu erleichtern. Auf welche Art aber dies letztere bewirkt wurde, vermochten sie nicht zu ergründen; nur steilten sie noch die Vermutung auf, dass der Riemen neben seinem sonstigen Ge-brauch auch dazu benutzt werden konnte, die Wurfspiesse, welche der Peltast führte (fünf kleinere und einen grosseren), in ein Bundel zusammenzubinden und ihm auf diese Weise das Tragen derselben zu erleichtern.

Erst als durch den französischen Gelehrten Mérimée das Vasenbild einer im Britischen Museum befindlichen panathenaischen Amphora mit einem zielenden Speerwerfer 1860 in der Revue archéologique (II, p. 211) veröfFentlicht war, kam allmahlich mehr Licht in die Sache. Nach und nach wurden immer mehr Ab-bildungen mit Riemenlanzen bekannt. Köchly konnte bei seiner Abhandlung über die hasta ammentata 1868 deren schon sechs benutzen; gegenwartig sind, soviel ich weiss, folgende alte Denkmaler mit Darstellungen derselben bekannt: Zwei Marmorreliefs: 1) eine seiner Zeit in der Wand einer Kirche nahe dem Theseion zu Athen eingemauerte Reliefplatte mit drei Riemenspeeren und dem runden kJeinen Schilde der Leichtbewaffneten, der Pelta (ab-gebildet bei Stuart and Revett Antiquities of Athens T. III p. 47, in der deutschen Ausgabe dieses Werkes; die Alterthümer von Athen, Teil VI, Liefer. XXVH, Taf. XI, 11); 2) die Hand eines Giganten mit der Ankyle und dem Speere auf dem grossen Altar-fries von Pergamon, jetzt im Berliner Museum (abgebildet bei A. Bötticher Olympia II. Aufl. S. 114 Fig. 17). — Zwei Bronze-disken: 1) ein in Aegina gefundener, jetzt im Besitze des Berliner Museums (am besten abgebildet zur Abhandlung E. Pinders über

ocr page 69

61

den Fünfkampf, auch in Baumeisters Denkm. d. kl. Alterfc. I. S. 573, Fig. 612, Schreibers Kulturhist. Bilderatlas I, 22, 11 u. 15);

2) ein Bronzediskos aus Sizilien im Britischen Museum (Gazette archéologique 1875 pl. 35). — Sieben Vasen: 1) eine panatbenaische Vase des Britischen Museums (die zuerst von Merimee veröffent-lichte, auch abgebildet in dem Anhange zu K. Wassmannsdorff: Die Ordnungsübungen des deutscben Scbulturnens über die griecb.-makedoniscbe Elementartaktik u. s. w. 1868 S. 59, bei Daremberg et Saglio Dictionnaire I, Fig. 250, Gulil und Koner S. 296, Fig. 275, Scbreibers Kulturhist. Bilderatlas I, 22, 9); 2) eine panatbenaische Vase im Leidener Museum (abgebildet in der arcbaologiscben Zei-tung 1881 Taf. IX, I, auch bei Baumeister a. O. I p. 573, Fig. 611);

3) eine im Piraus gefundene Lekythos (abgebildet zu O. Jabns Abhandlung Über bemalte Vasen mit Goldschmuck Tat'. II); 4) eine Schale in der Sammlung Campana des Louvre (abgeb. zuerst bei Daremberg et Saglio a. O. Fig. 252, auch in Schreibers Kulturh. Bilderatl. I, 22, 8); 5) Vase bei Millingen Peintures antiques et inédits de vases grecs tirées de diverses collections Taf. V,; 6) No-lanische Vase im Museum zu Neapel (abgeb. Museo Borbonico III, 13, auch bei Krause G. u. A. Taf. XVI, Fig. 56, 57); 7) Vase Hamiltons (abgebildet bei Tischbein Anc. vas. of Hamilton Bd. III, pl. 33, der Speer allein auch in Rich.-Müllers Illustrirtem Wörter-buch der Röm. Alterthümer S. 24). — Ein grosses pompejanisches Mosaik, bekannt unter dem Namen „die Alexanderschlachtquot;, im Museum zu Neapel (abgebildet im Museo Borbonico VIII tav. 36—45 und sonst oft). — Drei Grabgemiilde: 1) von Chiusi (abgeb. Monu-menti dell' Instit. 1830 tav. 16, Daremberg et Saglio a. O. Fig. 255, Schreibers K. B. I, 22, 6), 2) von Pesto (abgeb. bei Daremberg et Saglio a. O. Fig. 254), 3) von Caere (abgeb. in den Monum. ined. dellquot; Instit. 1859 tav. 30, Daremberg et Saglio a. 0. Fig. 256).

Die Stelle des Schaftes, an welcher die Wurfschleife angelegt ist, ist auf den Abbildungen nicht immer genau dieselbe. Sie befindet sich der Bezeichnung lUOÜyy.vKov entsprecbend mehr oder weniger nabe der Mitte z. B. auf den drei Speeren bei Stuart and Revett, auf der Vase von Hamilton, Millingen und O. Jahn, der Nolanischen Vase zn Neapel, auf den Grabgemalden von Chiusi und Caere; dagegen befindet sie sich niiber dem untereu Ende auf den Gemalden der beiden panathenaiscben Vasen und der Vase Campana. Die Stelle für die Befestigung des Riemens richtete sich offenbar nicht bloss nach dem Schwerpunkt, sondern auch nach der Lange der Schleife und nach der Art des beabsichtigten Wurfes, der ein Kern- oder ein Bogenwurf sein konnte.

Auch die Art und Weise, wie der Riemen am Schafte be-festigt wurde, war wohl eine verschiedere. Auf der Hamiltonschen Vase ist der einfache Riemen durch einen K noten oder eine Ose

ocr page 70

62

(ansa) so befestigt, (lass er in zwei fast eine Elle langen Enden lose am Schafte herabhangt; iilmlich ist es anf der goldbemalten Lekythos 0. Jahns. Auf den meisten Abbildungen kann man, infolge der undeutlichen Zeichnung, nicht recht die Art der Be-festigung erkennen, so auf dem athenischen and pergamenischen Relief, der Leidener Amphora, der nolanischen Vase, der Vase Campana, den Grabgemalden von Clusium mid Paestnm; möglich ist es immerhin anzunehmen, dass hier die Schleifen dnrch einen Stift oder dnrch etwas Ahnliches am Schaft befestigt waren.

Eine solche fest angebrachte knrzlappige, offene Schleife be-nutzte K. Wassmannsdorö' bei den ersten Versnchen, welche er auf Anregung Kochlys mit dem .pilum ammentatumquot; zu Heidelberg im Jahre 1865 anstellte. Er selbst gab dariiber zuerst in der Deutschen Turnzeitung 1865 S. 356 und dann 1868 in dem Anhang zu den Ordnungsübungen des deutschen Schulturnens iiber die griechisch-makedonische Elementartaktik und das Pilumwerfen Auskunft. In einem besonderen Abschnitt tiber die hasta ammentata teilt er S. 58 f. des naheren mit, wie man ein Ubungspilum's) zu einem pilum ammentatum herrichten könne, um daran dann die schwunggebende Wirkung des ammentum dei alten Lanzen zu erproben. Hiilt man zu dem gewöhnlichen Wurfe das Pilum in seinem Schwerpunkte und streckt hierauf den Zeigefinger nach hinten, so ergiebt sich daraus die richtige Stelle für das Anbringen der Riemenschleife; so weit nach hinten zu muss namlich fur die den Riemen haltende dünne Mutterschraube der Schaft durchbohrt werden, dass bei Anstraifung der Schleife der Zeigefinger noch rait seiner Spitze in die Schleife hineingreifen kann; nur bei einer solchen Herrichbmg (der Schwerpunkt des Gerates in der Hand und die Riemenschleife gespannt!) kann man dem fortfliegenden Pilum nicht nur eine merklich grössere Kraft geben, sondern es auch mit der fortschiebenden Fingerspitze recht eigentlich lenken.

Auf Grund vielfaltiger Erfahrung konnte Wassmannsdorff den Satz aufstellen: Ohne Mehranstrengung lasst sich mit einem Riemen-pilum weiter (höher) werfen, als mit dem gewöhnlichen Pilum, und von demselben Male aus dringt bei gleichem Kraftaufwande das Riemenpilum tiefer in die Scheibe ein als das Pilum ohne Rieraen. Und Köchly durfte auf der 24. deutschen Philologen-versammlung 1865 mit einem gewissen Rechte sagen, dass es Wassmannsdorff gelungen sei, das Geheimnis des ammentum.

7S) Das Schulpilum, welches Wassmannsdovtt' fiir seine Übungen herstellen liess, ist nach seinen eigenen Angaben (a. 0. S. 57) fast reichhoch (180 cm), der Schaft reicht. vom Boden bis an die Brust, die übrige Liinge des Gerates nimmt das Eisen ein. Das gesamte Eisen ist etwas iiber 721/2 cm lang. 121/, cm kommen davon auf die hohle Tiille; die Eisenspitze ist nnten 6 mm, oben 4 mm dick, der Schaft bat einen Durchmesser von 3 cm.

ocr page 71

63

welches ihnen, Köchly mid Rüstow, einst so viele vergebliche Miihe gemacht habe, vollstandig wieder zu entdeeken. Durch diese Hand-habung der Wurfschleife war eine Erklarung für bisher mebr oder weniger dunkle Stellen der alten Schriftsteller gegeben, wenn Ovid in seinen Metamorphosen (VII, 787) von einem ,Legen der Finger an die Wurfschleifenquot; (digitos araentis addere) oder bestimmter (XII, 321) von einem „Hineinstecken der Finger in die Wurfschleifequot; redet, wenn der Trauerspieldichter Seneca in seinem Hippolyt (V. 280) jemanden die Schleife .mit den Fingerspitzen spannenquot; (digitis tende prioribus) lasst, wenn Hesychios das Thatig-keitswort {öiuyy.v'f.ovad-uL, öiay/.iKiLta'ha), mit dem Xenophon ein paar Mal (Anabasis IV, 3, 28; V, 2, 12) das „Schussfertigmachenquot; der Peltasten bezeichnet, erlautert als ein ,Hineinstecken der Finger in die Schleife des Wnrfspeeresquot; (ivsioca rovg daxrvkovg rij dy/.vh] rov «zomoe). Man erkennt auch klar, warum Piiilo-stratos in seiner Gymnastik verlangt, dass ein zuküuftiger Fünf-kampfer eine lange Hand und lange Finger habe, und versteht seine Begründung dieser Forderung: es werde der Fünfkampfer den Speer leichter in Bewegung setzen, wenn die Finger nicht klein wiiren und den Riemenspeer oben berükrten. 7'J)

Freilich die von Wassmannsdorff empfohlene und durch eine Zeichnung (Fig. 2 S. 59) veranschaulichte Art, den Zeige- und Mittelfinger derart in die Schleife zu stecken, dass der Zeigefinger innen (links) und der Mittelfinger anssen (rechts) an dem zwischen beiden Fingern betindlichen Lanzenschaft anliegen, entspricht keines-wegs den alten Zeichnungen. Auf der von Wassmannsdorff selbst zum Vergleich gestellten (Fig. 3) Zeichnung der panathenaischen Vase Mérimées sind beide Finger von aussen an den Schaft gelegt, aber nur der gestreckte Zeigefinger ist mit seinem obersten Gliede in die dadurch angespannte Schleife gesteckt, wahrend der eben-falls vollstandig gestreckte Mittelfinger fest an ihn angelegt ist; der Schaft wird dabei einerseits durch den Daumen, andererseits von dem Ring- und kleinen Finger gefasst. Auch die Art und Weise, wie auf dem Vasenbilde der Wurfriemen an dem Lanzenschafte befestigt erscheint, ist eine andere als die von Wassmannsdorff zunachst empfohlene. Der Riemen ist mehrfach um den Lanzenschaft gewunden80) und nur das eine Ende, welches nicht mit

!!)) Die Stelle lautet cap. 31: xut /iccxoó/fiQa yoij sivcci uizov y.al svfiTjxtj zovc óaxzv/.ovq . . . y.al svxo'f.unEQor xivtjaei rb dxóvnov, 1/v rov jieaayxiXov civw ipcwtoaiv oï 6axzv).oi .«?) (j/jixool óvzcc.

so) Wassmannsdorff. der schon in seinem „Anhang1' a. O. S. 60 andeutete, dass sich der Wurfriemen auch wohl auf eine andere als die von ihm be-schriebene Weise z. B. durcli geeignete Umschlingung am Schafte anbringen lasse, giebt in einem neueren Aufsatz in der ,,Monatsschrif't. für das Tum-wesenquot; (1886 S. 33 Amii.) folgende Anweisung, um eine einfache Umschlingung nach Jilgerscher Art um den Schaft zu legen; Man lehne den senkrecht auf

ocr page 72

64

herumgelegt ist, bildet die Schleife. Eine ahnliche Beriemung des Schaftes zeigen mehr oder weniger deutlich der Berliner Diskos, das Vasenbild Millingens, das pompejanische Mosaik, das Grab-gemalde von Caere. Der Speerwerfer des Berliner Diskos hat ausserdem Zeige- und Mittelfinger nicht, wie Wassmannsdorff es wollie, durch den Schaft getrennt, sondern, wie die Vase Mérimées es zeigt, geschlossen aneinander liegend, jedoch stecken hier beide Finger in der Schleife; ebenso ist es auf der Schale der Sammlung Campana dargestellt. Eine ahnliche geschlossene Haltung der Finger zeigt der Speerwerfer der Schale des Pamphaios (Monum. ined. deli' Inst. 1880 Vol. XI, Taf. 24, auch bei Marquardt a. O. Taf. I), dessen flüchtige Zeichnung allerdings die Schleife selbst anzudeuten vergessen hat.

Mehr der schriftlichen und monumentalen Uberlieferung des Altertums entsprechend ist die Beriemung und Handhabung des Riemenspeeres, welche dann O. H. Jager etwas spater auf Grund vielfacher Versuche empfohlen bat. Er schlingt, wie er in einem trefflichen Aufsatz der Deutschen Turnzeitung (1868 S. 149 f.) dargelegt hat, einen langeren mit seinen beiden Enden zusammen-geknüpften oder -genahten Riemen ohne weitere Befestigung an der Lanze einfach oder doppelt um den Schaft und zieht dabei das eine Ende so durch das andere, dass eine Schleife zum Hineinstecken der Finger gebildet wird (Siehe die Amnerkung 80). Eine solche Beriemung, bei der sich eine Riemenschleife ebenso rasch am Speer anlegen wie von demselben abnehmen liess, ist vorauszusetzen in dem von Xenophon (Anab. IV, 2, 28) erwahnten Falie, wo die hellenischen Peltasten im Na aus den langen Pfeilen der Karduchen durch Anlegen von Wurfschleifen [ivcr/y.vXöjvreg) Wurfspeere machten.

Diese Beriemung gewahrt in der That die von Jager hervor-gehobenen Vorteile: 1) bleibt der Schaft der Lanze ebenso wie der Riemen selbst völlig unversehrt; 2) ist die Schleife am Schafte verschiebbar, und jeder kann nach seiner Gewohnheit und Fertig-keit Griff nehmen; 3) liisst sich bei dieser Beriemungsweise der Lanzenschaft bequemer und fester fassen, als dies bei der von Wassmannsdorff empfohlenen Befestigungsweise möglich ist, die ein Umfassen des Schaftes mit der Faust nicht gestattet. Das eigentliche Geheimnis der Riemenschleife aber glaubte Jager darin

den Boden ^estellten Speer mit seiner dem Leibe femeren Seite an die wage-recht von den Spitzen der beiden Zeigelinger gehaltene und angespannte Schleife an; hierauf nahert man die beiden Enden der Schleife einander, steekt das eine Ende, z. B. das rechte, durch das andere Schleifenende hin-duroh und zieht dieses Ende soweit an, dass die entstandene Schlinge sich fest an den Schaft anlegt. Hiesige Seiler nennen diese Umschlingung „Mastwurf'.

ocr page 73

65

gefunden zu haben, dass der freie, gespannt zum Finger laufende Teil der Riemenschleife durch Drehung der Lanze nach rechts um ihre Langenachse am Schafte aufgewickelt werden kann. Durch die mehr oder weniger starke Aufwickelung der Schleife am Lanzen-schafte wird das Geschoss im Abwurf in eine doppelte Bewegung gebracht, namlich nicht nur zielwiirts, sondern zugleich rundum um seine Langenachse nnd zwar letzteres in schnellster Drehung. Durch die Riemenschleife wurden also dem Ilandwurfgeschosse der Alten dieselben Vorteile zugewendet, wie sie den langlichen Ge-schossen der neuzeitlicben Feuerwaffen durch die gewundenen Züge des Gewehr- und Geschützlaufes zugewandt worden sind. Durch die gleicbzeitige Drehung um seine Langenachse wird namlich das Geschoss wahrend des Fluges in seiner richtigen Lage, wie sie ihm dort die Faust, hier die Laufwand giebt, festgehalten, durch-bohrt die Luft und sein Ziel besser und tragt sich fiacher weiter und sicherer.

Dass auch die Alten die Flugbewegung des Riemenspeeres als eine rollende, kreisende auffassten, lehren die Ausdrücke, welche sie von dem Werfen des Riemenspeeres gelegentlich brauchen. So spricht Lucian im Anacharsis (cap. 32) von der „unter Ffeifen sich drehenden Lanzequot; (xóy^r utru (jloictiiol- hittouév^) und Pollux erlautert das Speerwerfen u. a. als ein (jTutijica „drehen*. Und auch die römischen Dichter brauchen gern vom Schwingen der Lanze das dem griechischen öTQtcpttv entsprechende Thatigkeitswort torquere und dessen Zusammensetzungen.sl) Vergil verbindet übri-gens einmal dasselbe Thatigkeitswort auch mit dem Amentum; in der Aeneis heisst es (IX, 665): „sie spannen die scharfen Bogen und drehen die Wurfschleifen' (intendunt acris arcus anieiitaque torquent). Xeuere Erklarer dieser Stelle der Aeneis haben ge-meint: „sie drehen die Wurfschleifen' solle so viel bedeuten wie; „sie drehen die Speere vermittelst der Wurfschleifenquot; (vgl. die Stelle des Silius Italicus in der Anmerkung!) oder „sie werfen die Speere mit den Wurfschleifenquot;. Dem Spannen der Bogen ent-spricht jedoch nicht das Abwerfen der Speere, sondern das Sclmss-fertigmachen derselben; dies bestand aber in dem Herumwinden der Wurfschleife um den Schaft, auf welches Jager hingewiesen hat. Und dies bat auch offenbar Vergil an unserer Stelle gemeint.

Wahrend Küchly alsbald Jagers Ansicht über Gestalt, Be-festigung und Gebrauch des Amentums beistimmte und für dieselbe in seinem Vortrage auf der Würzburger Philologenversammlung

51) Vergil. Aen. X, 585; jaculum nam tor que t in hostem; XII, 536: telumque . . torquet. Stat. Thebais IX, 104: intorqueo jaculum. Sil. Ital. IX, 509: amento contorta hastilia. Ovid. Metam. XII, 321: inserit amento digitos nee plura moratus in juvenem torsit jaculum.

ü

ocr page 74

eintrat, machte Wassmanusdorff (Deutsche Turnzeitung 1868 S. 285f.) gegen Jagers Annahme, dass das eigentliche Geheimnis des Amen-tums in der durch dasselbe herbeigeführten „Rotationquot; bestehe, darauf aufmerksam, dass auch ohne Amentum geworfene Wurf-spiesse sich um ihre Langenachse drehen, und zwar beim Wurfe mit der rechten Hand bei hangendem Arme links, beim gewohn-lichen (hellenischen) Wurfe mit über die Schulter gehobener rechten Hand rechts. Im Anschluss an diese Bemerkung machte J. C. Lion nicht mit ünrecht geltend, dass nur dann die geworfene Lanze nach rechts „rotierequot;, wenn sie zuletzt, was allerdings wohl Regel sei, im Augenblicke des Loslassens den Fingerspitzen ent-gleite, dagegen narh links, wenn sie zuletzt dem Daumen entfliehe; wenn also der Wurfriemen links um den Schaft gewickelt wird, so wird hierdurch die Drehung des Speeres rechts um die Langenachse, welche die Finger ohnehin schon bewirken, bedeutend ver-starkt, und es fliegt der mit der Wurfschleife geschleuderte Speer schneller dem Ziele zu als ohne denselben, und wenn der auf diese Weise kraftig geschleuderte Speer entsandt wird, wird jenes eigentümliche Sausen und Schwirren oder Pfeifen hörbar, welches die Alten, wenn die Fünfkampfer warfen, gehort haben wollen. Das Geheimnis der Wurfschleife besteht demnach nicht bloss, wie Wassmanusdorff auch kürzlich wieder betonen zu müssen glaubte (Monatsschrift a. 0. S. 36), darin, dass zu der Wurfkraft des Armes der fortschiebende Druck der Fingerspitze hinzukomint, sondern auch, wie Jager meinte, darin, dass die schon so wie so in ge-ringerem Masse vorhandene BRotationquot; des Geschosses erheblich gesteigert wird.

Auf jeden Fall ist das Geheimnis des Amentums, besonders durch das Verdienst von Wassmanusdorff, Kochly und Jager, voll-standig entdeckt, und A. Bötticher hütte in seinem Werke über Olympia (S. 114) nicht wieder behaupten sollen, es scheine sich nicht mit Sicherheit ermitteln zu lassen, welche Rolle die Ankyle beim Schleudern des Speeres gespielt habe.S2) Diese Frage ist seit zwanzig Jahren als gelost zu betrachten; anders steht es mit der ebenfalls strittigen Frage, ob der Speerwurf der Fünfkampfer ein blosser Weitwurf oder ein Zielwurf war. Hermann führt für seine Ansicht (de Sogenis Aeginetae victoria quinpu. p. 12), wonach an einen Zielwurf zu denken ist. Stellen aus Pindar, Lucian und Horaz an. Pindar rühmt sich im achten pythischen Liede (V. 45),

82) Dass Bötticher selbst sich die Sache nicht klav gemacht hat, geht allerdings aus seinen Ausführungen auf S. 114 f. hervor, in denen er Ansichten von GutsMuths und Jager und eigene Vermutungen, zu denen er durch die Darstellung auf dem pergamenischen Altarf'ries angeregt wird, in bunter Reihenfolge vorbringt. Dabei stimmt der Text gar nicht zu der Ab-bildung (Fig. 17), die umgekehrt gedacht werden muss.

ocr page 75

67

er liotfe „alle seine Nebenbuhler weit werfend zu iiberbieten' {iia/Mu ól Qcipaig duevaaati' dvrïovg). Liician erzahlt in seinem Anachai-sis (cap. 27), dass die jnngen Leute von Athen „um den Speerwurf in die Weite wettkampfenquot; (neQi cuorriov eig

[trpog aiiil'lojvTcci), und Horaz (carm. I, 8, 11 f.) nennt einen jongen Sportsman .berühmt durch den oftmals über das Ziel hinaus be-förderten Diskos und Wurfspeerquot; (saepe disco, saepe trans finem iaculo nobilis expedite). Ans allen diesen Stellen folgt nicht mit Notwendigkeit, dass es beim Speerwerfen lediglich auf die Weite des Wurfes ankam wie beim Diskosschleudern; sie bleiben auch dann vollkommen verstandlich, wenn es darauf ankam ein weites Ziel nicht bloss zu erreichen, sondern auch zu treffen. Gewichtige Grimde sprechen aber entschieden für die Annahme, dass es sich bei dem Speerwerfen der alten Griechen überhaupt, insbesondere aber auch beim Speerwerfen der hellenischen Fünfkampfer um einen Zielwurf handelte; und es hiltten nicht die meisten neueren Gelehrten, wie z. B. Pinder, Köchly, Grasberger, Gardner, Saglio, Marquardt, sich Hermanns Auffassungohne weiteresanschliessen sollen.

Mit vollem Rechte hat schon Philipp (a. O. p. 53 ss.) gegen G. Hermann geltend gemacht, dass neben der einen tuchtigen Kraftprobe der Arme durch den wuchtigen Diskos im System des Fünfkampfes eine zweite Uberfltissig war. Zur blossen Kraftprobe ware auch der Riemenspeer sehr wenig geeignet gewesen; spotten doch der Skythe Anacharsis beim Lucian (cap. 32) und der Rechts-anwalt Aper in dem Tacitus zugeschriebenen Zwiegesprach über die Redner (cap. 10) über die Winzigkeit und Leichtigkeit dieses Geschosses. Der handliche Speer war aber überaus geeignet, um eine Probe der Geschicklichkeit im Treffen eines fernen Zieles damit abzulegen. Der kurze Schaft, die die Flugkraft und Treft-sicherheit steigernde Wurfschleife, die leicht eindringende und haftende dünne Spitze waren offenbar auf den Wurf nach einem Ziele berechnet. Wiederholt spricht Pindar, wie Hermann selber zugestand, von einem Zielwurfe mit dem Speere. So erzahlt er im elften olympischen Siegesliede (Y. 71 f.), dass Phrastor mit dem Speere das Ziel traf [cuovti '/'odanuo slaaf cr/.OTtóv), wiihrend Enikeus die Hand kreisend mit dem steinernen Diskos weiter warf als alle. Auch in dem dreizehnten olympischen Siegesliede, welches dem Sieger im Lauf und Fünfkampf Xenophon aus Korinth ge-widmet ist, erklart der Dichter (V. 93 ff.), sich mit einem Fünfkampfer vergleichend, es für seine Pflicht, die Speere geradeaus zu schlcudern und nicht die meisten Geschosse mit kriiftigen Handen am Ziele vorbei zu werfen (tut ó' evamp;uv u/.óvrwv tévra óóit fin' ttuqu (1x071 óv ov /or ra tcoLKu jifktu v.uqxvvtiv 'itqolv). In einem iihnlichen Vergleiche wünscht der thebanische Sanger am Schluss des neunten nemeischen Liedes (V. 55 dxovTiLcov axorror cc/ytaru Molocüv) dem

6*

ocr page 76

68

(

Ziele der Museu am nachsten zu werfeu. Aucli alte Erklarer des Pindar dachten sich das Speerwerfen als ein Werfen nach dem Ziele, so der Scholiast zu der schwierigen Stelle des siebenten nemeischen Liedes (V. 70 ff), deren Erklarung zuerst zu einer genauereu Erörternng der Fünfkampffrage zwischen G. Hermann und A. Böckh geführt hat.8quot;)

Diese vielbesprochene Stelle, auf deren Erklarung naher ein-zugeben hier nicht der Ort ists4), lautet: „Sogenes, Euxenide von Vaterseite, feierlich verwahre ich mich gegen den Yorwurf, über das Mal vortretend (rtQ/ia TTgofidg) die rasche Zunge wie einen erzwangigen Speer entsandt zu haben, der den kraftigen Nacken [von Schweiss] unbenetzt von den Ringkampfen enthebt, ehe der Leib der glühenden Sonne verfiel.quot; Aus dieser Stelle geht hervor,' dass es nach den Gesetzen des heiligen Wettkampfes als ein Frevel galt, beim Speerwerfen über das Mal (-«0««), welches also dem .Baterquot; beim Springen entspricht, hinauszutreten; wer sich dies herausnahm, verlor das Recht, an dem Fünfkampf weiter teilzn-nehmen. Es war also in der Fünfkampfwettordnung betreffs des Speerwerfens eine ahnliche, wenn auch viel scharfere Bestimmung getroffen wie in unserer deutschen Wettturnordnung, nach der , Vortritt über das Standmal den Wurf zum Fehlwurf machtquot; (522). Mit Unrecht haben alte und neuere Erklarer des Pindar das Wort rtoiia als Ziel deuten wollen; zu diesen gehort auch der Scholiast, dessen Worte in der Anm. 83 angeführt sind. Es darf deswegen wohl auf sein Zeugnis für den Zielwurf der Fünfkampfer nicht allzuviel Gewicht gelegt werden.

üm so beachtenswerter ist es, dass in des Philostratos Er-zahlung von der sagenhaften Griindung des Fünfkampfes durch Peleus Andeutungen enthalten sind, welche entschieden für unsere Annahme sprechen. Philostratos erzahlt in seiner Gymnastik über die Gründung des Fünfkampfes folgendes (cap. 3): „ Vor lason und Peleus wurde der Sprung besonders bekranzt und der Diskos besonders und der Speer genügte für den Sieg zu den Zeiten, als die Argo ihre Seefahrt machte. Telamon warf am besten den Diskos, Lynkeus den Speer, es lieten und sprangen am besten die Söhne des Boreas | Kalais und Zetes]; Peleus aber war in diesen Stücken der Zweite [oder minder tüchtig |, dagegen allen überlegen im Ringen. Als sie nun auf Lemnos vvettkampften, soil lason dem

,3) Schol, zu Find. Nem. VII, 70: tyu),(prjai. xa'Htjixi rov ayonoi. f ylwaaa /iov tnl tov axonov avrjvtxxai, ovy vTtfffTctmojxe xi rtQfia ojg axóvxiov. tovto ó't slnty, ineióri Tibvzc(amp;?.óc sotlv ó —wyivrjc .... to litjuc. xal xb ojQiijf/.évov, xkamp;' ov Scï 7cé/irpai.

84) Hierüber giebt Auskunft E. Pinder a. O. S. 52 ft', und meiue Abhand-luiig: Der Fünfkampt der Hellenen. Breslau 1888. (In Kommission bei Gustav Fock in Leipzig.) S. 17 tt'.

ocr page 77

09

Peleus zuliebe die fünf Stücke mit einander verknüpft haben und Peleus so den Gesamtsieg davon getragen haben und in den Ruf als kriegerischster seiner Zeitgenossen gekommen sein, wegen der Tapferkeit, die er für die Kampfe bewies, und wegen der ange-legentlichen Ubung in den fünf Kampfen, die so kriegerisch ist, dass man bei den Kampfen auch mit dem Speer wirft.quot;

Lynkeus, der Sohn des Aphareus, der hier als der allbekannte Meister im Speerwerfen auftritt, ist in der Sage nicht sowohl durch die ungewöhnliche Kraft seiner Arme berühmt, als vielmehr durch seine Scharfsichtigkeit (oirdfo/j'a). Nach Pindar (Nm. X, 62) batte er von allen Erdenbewohnem das scharfste Auge, so dass er durch den Stamm einer Eiche und in das Innere der Erde zu schauen vermochte. Dieses scharfe Auge sicherte dem Helden uur dann den Sieg im Speerwurf, wenn es darauf ankam ein fernes Ziel scharf aufs Korn zu nehmen und zu treffen, nicht aber, wenn es galt mit roher Kraft den Speer niöglichst weit zu schleudern. Nach der Auffassung der Gründungssage muss also der Speerwurf der Fünf kampfe r entschieden ein Zielwurf gewesen sein; von der-selben Auffassung geht auch die Bemerkung aus, welche Philo-stratos über Peleus den , Kriegerischsten seiner Zeitgenossen * anknüpft. Diese Ehrenbezeichnung kam ihm zu wegen seiner ange-legentlichen Beschaftigung mit dem Fünfkampf, welcher zum Unterschiede von den anderen Wettkampfen gerade deswegen als kriegerisch hingestellt wird, weil zu den Ubungsarten desselben auch das Speerwerfen gehorte. Das Speerwerfen als Vorübung für den Krieg kann aber doch kaum etwas anderes denn ein Werfen nach dem Ziele gewesen sein.

Es fehlt auch keineswegs an Darstellnngen auf den uns er-haltenen Denkmalern des Altertumes, welche zielende Speerwerfer zeigen, Teilweise sind allerdings dieselben in wildem Laufe dar-gestellt, so auf der panatheniiischen Vase des Leidener Museums, aut dem Berliner Diskos, auf einer Chiusinischen Vase (Mus. Chius. 11,195, auch bei Krause a. O. Taf. XVIII0 Fig. 56b); doch tassen dabei augenscheinlich die auf den beiden Vasen gezeichneten Speerwerfer ein Ziel test ins Auge. Die Speerwerfer auf der Schale des Pamphaios und der oft erwahnten Mttnchener Schale Nr. 795 sind damit be-schaftigt, ihrem Speere die richtige Lage zu geben und richten daher ihren Kopf darnach zurück; aber im nachsten Augenblicke werden sie aus der Auslage links in den Ausfall rechts übergehen und jener in gerader Richtung, dieser in einem Erhebungswinkel von etwa 4 0o/o den Speer entsenden. Die panathenaische Vase des britischen Museums stellt einen Akontisten dar, welcher mit kraftig im Ellenbogengelenk gebogenem rechten Arme den Speer zu Ohren- und Augenhöhe in genau wagerechter Haltung zu einem Kernwurf erboben hat und das Ziel test ins Auge fasst. Auf der

ocr page 78

70

Scbale der Sammlung Campaua schickt sicli ein jugendlicher Mann dazu an, einen hohen Bogenwurf' von 50o/o nach einem fernen Ziele zu richten; wahrend der rechte Arm mit deui festgepackteu Riemenspeer schriig abwarts zurückgestreckt ist, ist die linke Hand in unwillkürlicher Mitbewegung in Augenhöhe vorgehoben, viel-léicht auch in der Absicht den zielenden Augen als Ruhepunkt zu dienen und gewissermassen das „Kom' zu ersetzen. Zweifelhat't ist es dagegen, ob wir auf ein er Kylix des Berliner Museums (früher XII, Nr. 883, bei Krause Taf. IXb Fig. 25b) einen Wurf-spiesswerfer erkennen dttrten, welcher mitten im Ausfall rechts begritieu ist und, wie es scheint, soeben den wagerecht dahin-fliegenden Speer aus der Rechten entsandt hat; soviel ich mich entsinne, ist der Speer eine Zuthat des Wiederherstellers der be-schadigten Schale. Schwerlich dürfen wir auch mit A. Bötticher auf einer altertümlichen Vasenzeichnung der Sammlung Feoli in einem knieenden Athleten einen zielenden Speerwerfer erkennen; der stab- oder vielmebr zweig-, ja bandartige Gegenstand, welchen derselbe gefasst bat, ist kaum als Speer anzuerkennen; und er hat die Kniee beide nebeneinander auf den Boden gelegt, so dass er im Falie eines kraftigen Wurfes unfeblbar auf die Nase fallen müsste.

Wahrend wir übrigens z. B. beim Bogenschiessen, welches auch uach einem Ziele geübt wurde, ein paar Mal in der Uber-lieferung des Altertumes von dem Ziele, nach welchem geschossen wurde. Kunde erhalten, hat man bisher meines Wissens ein solches für das Speerwerfen noch nicht nacbgewiesen. Lucian z. B. in seinem Hermotimos (cap. 33) erwahnt, dass Anfanger mit dem Bogen nach einem Heubündelchen schiessen, das sie auf eine Stange gesteckt haben, wahrend die ausgezeichneten persischen und skythi-schen Bogenschützen meist vom Pferde herab und womöglich nach einem beweglichen Ziele schiessen, etwa nach einem wilden Tiere oder einem Vogel in der Luft. Wollen sie sich aber an einem feststehenden Ziele üben, so zielen sie nach einer hölzernen Scheibe Qt'/.ov uvriTvnov) oder einem mit frischer Rindsbaut überzogenen Schilde {üajciöu wfiopolviji1]. Auf einem Neapeler Vasenbilde (Museo Borbon. VII, 41) sind drei jugendliche Bogenschützen dargestellt, die ihre Pfeile nach einem Hahn auf einer ausgekehlten jonischen Saule richten. Eine Zielsaule für den Speerwurf glaube ich erkennen zu dürfen auf jener ebenfalls im Neapeler Museum betindlichen nolanischen Vase, welclie auf beiden Teilen ihrer Aussenseite je eine sinnend auf einen Stab gestützte Gewandiigur zeigt, die inmitten je zweier stark vornüber gebeugter Hantel-triiger steht, hinter denen je zwei Riemenspeere in den Boden gesteckt oder an die Wand gelehnt sind (abgebildet im Museo Borbonico III, 13, auch bei Krause a. O. Taf. XVI, Fig. 56. 57).

ocr page 79

71

Auf dem runden Bilde itn Inneren der Schale, welches Krause leider nicht mit aufgenommen hat, ist ebenfalls eine gleiche Mantel-figur dargestellt; vor derselben sieht man Schwamm und Strigel an der Wand aufgehangt, hinter ihm aber eine ausgekehlte, ziemlich breite, etwa brusthohe Saule, auf' der ein runder Gegenstand, etwa ein Apfel, liegt. Der erlauternde Text im Museo Borbonico will in diesem rundlichen Gegenstande eine Anspielung auf die Dio.s-kuren oder eines der Eier erkennen, mit welchen die Umliiufe der Renmvagen gezahlt sein sollen, oder einen der Apfel aus dem Tempelbezirk des Apollon, welche angeblich bei den pythischen Spielen in Delphi als Preise dienten; viel naher liegt es, an den Übungsbetrieb des Fünfkampfes, auf' den die übrigen Darstellungen der Vase hinweisen, zu denken und in der eigentümlichen Vor-richtung eine Zielsaule zu erblicken.

3. Welches war die Reihenfolge der fünf Kampfe? Uber die Frage der Reihenfolge unter den fünf Kampten geheu die Ansichten der Gelehrten sehr auseinander, wie aus nachstehen-der Übersicht hervorgeht;

I

IT

III

IV

V

Boeckh:

Sprung,

Lauf,

Diskos,

Speer,

Ringen.

Hermann:

Sprung,

Lauf,

Ringen,

Diskos,

Speer

od.

Speer,

od. Diskos.

Philipp:

Sprung,

Diskos,

Speer,

Lauf,

Ringen.

Pinder:

Sprung,

Speer,

Lauf,

Diskos,

Ringen.

Holwerda:

Sprung,

Diskos,

Speer,

Lauf,

Ringen.

od.

Diskos,

od. Sprung,

Marquardt:

Lauf,

Sprung

Diskos,

Speer.

Ringen.

Blümner:

Lauf,

p

?

?

Ringen.

Es ist auffallend, dass die wenigsten neueren Gelehrten ihre Ansicht auf eine der zwölfvollstandigen Aufzahlungen stützen, welche uns das Altertum überliefert hat. Diese Auf'ziihlungen machen auch zum Teil gar nicht den Eindruck, als sollten darin die fünf' Ubungsarten in derjenigen Ordnung gegeben werden, in welcher sie beim Wettspiele vorgenommen wurden, und haben daher für die vorliegende Frage keine Bedeutung. Dies ist vor allem bei Philostratos der Fall, welcher zweimal im dritten Kapitel seiner Gymnastik die fünf Kampfarten aufzahlt. Das erste Mal aber thut er es, indem er sie in schwere (Ringen und Diskos-werfen) und leichte (Speerwerfen, Springen und Laufen) Übungen einteilt. Das zweite Mal erzahlt er die Sage von der Gründung des Fünfkampfes durch lason, welche hier nochmals mitgeteilt werden mag, weil sie für die ganze Fünfkampffrage von der aller-grössten Bedeutung ist. «Vor lason und Peleus,quot; so lautet die Sage,quot; wurde bekanntlich der Sprung besonders mit dem Kranze ausgezeichnet und der Diskos besonders, und der Speer genügte

ocr page 80

72

znm Siege zu den Zeiten, als die Argo ihre Seefahrt machte; Te-lamon warf am besten den Diskos, Lynkeus den Speer, es liefen und sprangen [am besten] die Söhne des Boreas [Kalais und Zetes]; Peleus aber war in diesen Stücken der Zweite [oder auch der minder Gute]85), überbot aber alle im Ringen. Als sie nnn in Lemnos wettkiimpften, soli lason dem Peleus zuliebe die fünf | Kampfarten] verkniipft und so Peleus den Sieg gesammelt | d. h. den Gesamtsieg davongetragen] baben.'s0) In dieser Erzablung wird nicht etwa schon gleich zu Beginn der ganze Verlauf des sagenhaften Fünfkampfes selbst herichtet, wie Pinder nnd fast alle, welche diese Stelle für unsere Frage benutzt haben, bisher angenommen haben, sondern es wird zuvörderst nur naher dargelegt, mit welchen Aussichten auf Erfolg die Haupthelden der Argo als Wettkampfer auftreten konnten: von jedem einzelnen wird ange-geben, in welcher Art des Wettkampfes er auf den Sieg rechnen konnte. Erst mit den Worten; „Als sie nun in Lemnos wettkiimpftenquot;, kommt der Berichterstatter auf die Begründung des Fünfkampfes und den Kampf selber zu sprechen. So wichtig sich diese Stelle für das Verstandnis des Kampfsystems in an-derer Beziehung erweisen wird, für die Feststellung der Reihen-folge hat sie demnach keine Bedeutung: denn dem Philostratos kommt es garnicht darauf an, die fünf Ubungsarten in der beim Fünfkampf selbst beobachteten Folge aufzuzahlen; vielmehr nennt er zweckmassig zuvörderst dieUbungen, in denen die Gegner des Peleus am tüchtigsten waren, zuerst die Arm-, dann die Beinübungen und erst dann das Ringen, welches dem Haupthelden zum Fünfkampfsiege verhalf, dessen Erwahnung den Schluss der ganzen Erzablung bildet.

Eher möchte man die wirkliche Reihenfolge in dem Scherz-gedichte des Epigrammatikers Lucillius, eines Zeitgenossen des Kaisers Nero, beobachtet glauben. In diesem launigen Gedichte wird ein Fünfkampfer redend eingeführt, der mit einem gewissen Galgenhumor von seinen erstaunlichen Misserfolgen in einem Fünf-kampfe berichtet, den er von Anfang bis zu Ende als Schlechtester, als „fünifach Besiegterquot;, durchgemacht haben will.

Weder so rasch wie ich fiel einer der Gegner im Ringen,

Noch durchlief einer je langsam die Rennbahn wie ich.

Garnicht erst wagte ich mich dem Diskos zu nahen; die Füsse Hochzulieben im Sprung batte ich nimmer die Krai't.

Besser als ich schwang ein Krüppel den Speer; in allen fünf Kampten Ward ich, der Herold rief's, fünffach Besiegter zuerst.

^5) Das von Philostratos gebrauchte griechische Wort ósiitgoc kann beides ledeuten.

','1) Diejenigen Leser. welche den Text der angeführten Stellen ver-gleichen und prüfen wollen, werden auf die kürzlich von mir herausgegebene Programmabhandlung über diesen Gegenstand verwiesen. Dieselbe ist als wissenschaftliche Beilage zum Osterprogramm 1888 des Elisabetgymnasiums zu Brcslau erschienen unter dem Titel: Der Fijnfkampf der Hellenen. 4° 40 S. In Kommission bei Gustav Fock. Leipzig, Preis 2 Mark.

ocr page 81

73

Pinder, uacli dessen System ein Unfahiger, wie es der Fünf-kampfer des Lucillius ist, das Pentathlon garnicht bis zu Ende mitmachen durfte, versuchte bereits den Nachweis zu führen, dass hier von einem wirklich durchkümpften Pentathlon nicht die Rede sei (a. o. S. 82 Anm.:!); der Mann erziihle nur von seiner völligen Unfahigkeit in allen Arten der Kiimpfe, wodurch es ge-schehen wiire, dass er gleich beim ersten Eintritt in den Kampf abfiel. In Rücksicht auf die Anschaulichkeit, mit der er ausmalt, wie er in allen fünf Kampfen abgeworfen wurde, meinte dagegen Marquardt: wer in einerUbung abgeworfen wird, muss auch an der-selben teilgenommen haben. Wenn wirklich der Sprechende Selbst-erlebtes berichtete, so hatte es demselben doch wohl am nachsten gelegen, audi die einzelnen Kampfe in derjenigen Reihe zu erwahnen, wie er sie mitgemacht hatte; thatsachlich beobachtet er jedoch eine ganz andere Reihenfolge. Der sonderbare Held beginnt namlich das drollige Loblied seiner eigenen Ungeschicklichkeit mit einer Ab-weichung davon: er erwahnt an erster Stelle dieUbung, die, wie von niemand bestritten wird und weiter unten nachgewiesen werden soli, die entscheidende Schlussübung war. Um von vornherein die Hörer in die richtige Stimmung zu versetzen, rühmt er zu-vörderst von sich, er sei am raschesten — gefallen im Ringen und am langsamsten — gelaufen in der Rennbahn. Ein ahnliches Stre-ben macht sich in der übrigen auf spitze Gegensiitze abzielenden Darstellung des Epigramms geltend. Wir dürfen also auch bei Lucillius nicht die wirkliche Reihenfolge der fünf Kampfe suchen.

Eine viel ernstere Beachtung als das Epigramm des Lucillius verdient jedenfalls das Epigramm des Simonides von Keos, dessen Reihenfolge lange bei vielen als die wahre galt. Wurde dort der Misserfolg eines „fünffach Besiegtenquot; (itévze roiaCóuevo^) mit be-haglicher Breite ausposaunt, so wird hier der ungewöhnliche Er-folg eines „fünffachen Siegersquot; im Lapidarstil gepriesen:

quot;laO-fiia xu\ Uvamp;oi . iioif ojv o 'N/.m'oc èvixa vj.u'.i noócoxsitjr öiaxov axovza rtu/.ijv.

Wörtlich: „In den Isthmien und zu Pytho siegte Diophon, Philons Sohn, in Sprung, Schnelligkeit der Füsse, Diskos, Speer und Ringen.quot;

Diese von Simonides befolgte Ordnung hat besonders Boeckh als die wahre hingestellt. Simonides ist der grösste Epigrammatist der Hellenen, so führte er begründend aus, und ein so ausgezeich-neter Dichter, dass man von ihm erwarten kann, er habe in einem Epigramm, was offenbar ein Kunststück sein soil, weil sonst nicht statt des Pentathlons die einzelnen Kampfe desselben genannt sein würden, die einzelnen Teile nicht dureheinander gewürfelt, sondern gerade darin die Schönheit des Epigramms gesucht, dass er die Teile in ihrer Ordnung folgen liess und dennoch alle in einem Verse aussprach. Den berechtigten Einwand Hermanns, dass die

ocr page 82

74

wahre Reihenfolge vielleicht gar keinen Vers ermöglicht liabe, suchte Boeckli dadurch zu widerlegen, dass er beispielsweise einen Vers bildete, welcher die fiinf Kampfe in der von Hermann flir ricbtig gebaltenen Reibenfolge aufziiblt; indessen hat jener Einwand Hermanns, wie Pinder ricbtig bemerkt bat, dainit in seiner Allgemein-beit keine vollstandige Widerlegung gefunden. Dabei kam es dem Dicbter wobl garnicbt darauf an, die Kampfe in der beim Fünf-kampf tiblicben Ordnung, die er ja bei seinen Lesern als bekannt voraussetzen durfte, berzuzablen, sondern er wollte nur die gewiss selten vorkommende Tbatsacbe eines fünffacben Sieges ber-vorbeben. TJm zugleicb die Allseitigkeit der leiblicben Ausbildung seines Helden in das ricbtige Licbt zu stellen, bob er nun ber-vor, dass derselbe in den beiden Beinübungen (Sprung und Lauf) und Armübungen (üiskos und Speer), sowie im Ringen den Sieg davontrug.

Wenn iibrigens Hermann unter entscbiedener Billigung Finders alle Zeugnisse gebundener Rede fiir die Reibenfolge der Teile des Pentathlons verworfen bat, so ist er sicber zu weit gegangen. Derartige Bedenken sind niimlicb gegenüber jenen mit den bekannten Zumptscben gereimten Genusregeln vergleicbbareu Merk vers en der Grammatiker durcbaus nicbt am Platze, wie sicb deren vier unter den vollstandigen Aufzablungen der fiinf Ubungsarten befinden. Zwei derselben, welcbe von Eustatbios und dem Scboliasten zu Sopbokles überliefert sind, erbalten dadurcb eine besondere Bedeutung, dass sie beide die fiinf Ubungen in ein und derselben Folge nennen. Die von Eustatbios aufbewabrten Merkverse, deren Verfasser von Eustatbios selbst als besondere Kenner der beiligen Wettspiele bezeicbnet werden, lauten (zur Ilias XXIII, 621): Sprung der Füsse und Diskoswurf und das Schwingen des Speeres, Lauf um die Wette und Ringen; ein einziges Endziel fur alle.

Wabrend diese in Secbsfiisslern abgefasst sind, verraten die in den Scbolien zu Sopbokles' Elektra 671 aufbewabrten Verse iambiscbes Versmass, das allerdings ein bisscben in Unordmmg geraten ist:

Sprung. Diskos, Speenvurf, Laufen, Ringen, diese fiinf Durchkilnipfte man in eines einz'gen Tages Frist.

Genau dieselbe Reihenfolge wie die beiden erwahnten Merkverse beobacbtet nun aber auch eine Aufzahlung in prosaischer Form, welcbe sicb in den iilteren Scbolien zu Pindars Sieges-gedicbten (Isthm. I, 25) findet. Diese Übereinstimmung von drei Zeugnissen, welcbeganz unabhangig voneinander erscheinen, mögen sie auch insgesamt einer ziemlich spiiten Zeit angebören, verdient unzweifelbaft ernste Beachtung und hat Phi lip p und Gardner veranlasst, die von ihnen verbürgte Reibenfolge flir die wahre zu erklaren.

ocr page 83

75

Es ist wahr; diesen drei 11 nter sich übereinstimmenden Zeugnissen gegenüber kommen die beiden anderen Merkverse, welche uns Eustathios und ein Scholiast zu Plato (Amator. p. 135) erhalten haben, und die prosaische Aufzahlung in einem spaten Scholion zu des Flavius Aristeides Panathenaikus (p. 112 Frommel) garnicht in Betracht; durchweg spaten Ursprungs, sind sie schon deswegen unglaubwürdig, weil sie alle das entscheidende Ringen nicht an den Schluss bringen. Ganz anders steht es aber mit den beiden letzten Zeugnissen, die wir noch zu prüfen haben.

Das erste dieser Zeugnisse rührt von Artemidoros her, einem Zeitgenossen des Kaisers Hadrianus und der Antonine, bei dem wir noch eine genaue Kenntnis des Branches der Festspiele vor-aus setzen können. Dieser Schriftsteller giebt in seinem Werke über das Traumdeuten (Oneirokrit. I, 57 p. 55 Hercher) folgende Aus-kunft über die verschiedenen Bedeutungen, welche der Traum von einem Fünfkampf' haben könnte; „Das Traumen von Fünfkiimpfen bedeutet im allgemeinen nach meinen Beobachtungen erstens eine Reise oder Bewegung von Ort zu Ort wegen des Laufes, ferner Geldstrafen oder lastige Ausgaben oder unerwartete Abgaben wegen des Diskos, der ehern istK7) und aus den Handen weg-geworfen wird; oft aber Ktimmernisse und Sorgen darob wegen der Sprünge beim Halterenspringen; audi die, so sich über plötzliche Vorkommnisse betrüben, r springen ■, wie man sagt „zu-sammenquot;;88) ferner auch Kiimpfe und Streitigkeiten mit Leuten wegen der Speere und des Sausens und der Geschwindigkeit, welche an schneidige Worte erinnern; ferner Kampf um Land mit Leuten für die Bemittelten, für die Unbemittelten Krankheit wegen des Ringens.' Pinder, der sich ebensowenig wie Hermann für sein Kampfsystem auf eine der alten Aufzahlungen zu stützen vermag und der durchweg geneigt ist deren Unglaubwürdigkeit zu behaupten, sucht auch bei Artemidoros den Nachweis zu führen (a. o. S. 49), dass derselbe keinen Grund habe bei seiner Aufzahlung die Reihenfolge zu befolgen, in der die fünf Kiimpfe beim Pentathlon wirklich aufgeführt wurden: der Schriftsteller, so meint Pinder, erziihle nur von den verschiedenen Deutungen. die man einem Traum von einem durchkampften Pentathlon giibe, beginnend mit der wenigst bedeutsamen, endigend mit der gefahrlichsten. Ein solches ertraumtes Pentathlon könne nach ihm bedeuten: eine

S7) Der Wortlaut oc /cc/.xovg av Ton' yfiQwv anoQQinrsTai] ist dojjpel-deutig, da /cO-xovc nicht bloss als Eigenschaltswort , ehern. aus Erzquot; bedeutet, aondem auch als Hauptwort eine kleine Mttnze bezeichnet, etwa „Pfennigquot;. Die im Textc erwahnten Ausgaben sind fiir den guten Haus-halter alles .weggeworfenes Geldquot;.

3S) Das. was der Griecbe ,zusammen springen' (nvvt'ü./.caamp;ai) neunt, heisst in unserer deutschen Sprache „zusammen fahren.'

ocr page 84

76

Reise, anangenehme Ausgaben, Sorgen, Feindschaften, Krankheit. „Man sieht die Steigerung!quot; schliesst Finder seine Beweisführung. Wir dtirfen billig bezweifeln, dass diese Stufenleiter der Bedeut-samkeit und GefÜlirlichkeit auf allgemeinen Beifall rechnen könne. Aber selbst angenommen, wenn aucb nicht zngegeben, Pinder batte mit seiner Steigerung recbt, so ware damit nocb keineswegs der Beweis erbracbt, dass die dieser Steigerung entsprecbende Reibenfolge der fiinf Kampfe eine andere als die im Pentathlon beobacbtete sein muss; im Gegenteil eine derartige Steigerung würde ebenfalls auf das beste in das Kampfsystem selber passen, bei dem es ja darauf ankam die Spannung und Erwartung aller Beteiligten nacb dem Ende zu immer mebr zu steigern. Somit war es für den Traumdeuter auf jeden Fall das Natürlicbste bei der Herzablung der möglicben Deutungen eines getraumten Fünf-kampfes die ibm selbst und seinen Lcsern geliiufige Reibenfolge eines wirklicben Pentathlons zu befolgen.

Scbliesslicb verdient aucb noch das letzte Zeugnis mit einer vollstilndigen Aufzahlung der fünf Kampfe Beac-btung, das in des Paulus Auszug aus Festus'Wörterbucb unter dem Worte pentathlum89), nach welchem das pentathlum oder quinquertium aus folgenden fünf Kunsten bestebt; Werfen des Diskus, Laufen, Springen, Speer-werfen. Ringen. Diese Aufzahlung weicbt von der des Artemi-doros nur dadurch ab, dass die beiden ersten Übungen in umge-kebrter Reibenfolge aufgeführt werden. Zur Wiirdigung des Wertes dieser Quelle ist zu bemerken, dass der Priester Paulus zur Zeit Karls des Grossen einen Auszug aus dem grossen Werke des Grammatikers S. Pompeius Festus „über die Bedeutung der Wörterquot; (de significatu verborum) machte, dass das Werk des Festus selbst aber wieder eine Bearbeitung eines alteren gleichnamigen Werkes war. Der Verfasser dieses zu Grunde liegenden Wörterbuches war ein wegen seiner gründlichen Bildung ausgezeicbneter Gram-matiker namens M. Verrius Flaccus, dem der Kaiser Augustus den Unterricht seiner Enkel anvertraute. Immerhin ist es nicht unmöglich, dass bei der doppelten Umarbeitung des Wörterbuches aus Nachlassigkeit die kleine Umstellung sich eingeschlichen bat.

Somit hat die Prüfung der alten Zeugnisse, welche eine voll-standige Aufzahlung der fünf Kampfe enthalten, ergeben, dass sie nur zur Halfte für die Frage nach der Reibenfolge in Betracht kommen können. Die sechs, welche möglicherweise die richtige Reibenfolge geben, ordnen die Kampfe folgendermassen:

8!l) Paulus ex Festo s. v. Pentathlum p. 211 Mueller: pentathlum anti-qui quinquertium dixerunt. Id autem genus exercitationis ex his quinque artibus constat, iactu disci, cursu, saltu. iaculatione, luctatione.

ocr page 85

II III IV

Lauf, Diskos, Speer,

Diskos, Sprung, Speer,

Lauf, Sprung, Speer,

V

Ringen. Ringen. Ringen.

I

Sprung,

Lauf,

Diskos,

l

Ringen.

r

Schol, zu Sophokles; '

Dieses Ergebnis, dass die Zeugnisse des Altertums in der Reihenfolge der ftinf Kampfe nicht miteinander übereinstimmen, könnte die Meinung erwecken, dass überhaupt eine bestimmte Reihenfolge garnicht ein für allemal feststand. Man könnte ver-

o O

muten, dass vielleicht jedesmal etwa durch das Los die Reihenfolge festgesetzt wurde oder dass sich im Laufe der Zeiten die

o O

Reihenfolge geiindert hatte. Wahrscheinlicher aber ist es doch.

O o

dass bei einem so wohldurchdachten Kampfsystem, bei dem die Aufeinanderfolge der übungsarten keineswegs bedeutungslos war, dieselbe durch die Kampfgesetze festgesetzt war und dass dei-heilige Festbrauch Olympias allenthalben und allezeit massgebend blieb. Auf jeden Fall werden wir dies für die Zeiten annehmen raüssen, in denen noch die grossen Nationalspiele der Hellenen einigermassen in Blüte standen. Ehe wir nun eine jener vier Reihenfolgen, die uns als die verhaltnismassig glaubwürdigsten erscheinen müssen, als die wahre, in den besten Zeiten geltende anerkennen, werden wir ihren Wert weiter an den Nachrichten der Alten über wirklich vorgekommene Fünfkampfe zu erproben haben. Wir werden uns nur für diejenige Reihenfolge entscheiden können, mit welcher die erwahnten Nachrichten in Übereinstimmung gebracht werden können. Allzuviel soldier Nachrichten haben wir leider nicht; und dabei leiden diese wenigen vorhandenen Berichte durchweg an einer gewissen Unvollstandig keit und Unklarheit.

Die genauesten Berichte haben wir über den Fünfkampf, den einst Tisamenos, ein priesterlicher Held in den Freiheits-kampfen der Hellenen gegen die Perser, mit Hieronymos von Andros in Olympia zu bestehen hatte. Über dieses Ereignis haben wir Berichte von dem Geschichtschreiber Herodotos und dem Reiseschriftsteller Pausanias. Herodot erzahlt in seiner Geschichte der Perserkriege (IX, 33): „Als Tisamenos in Delphoi das Orakel wegen Nachkommenschaft befragtequot;0), prophezeite ihm die Pythia, er werde in den bedeutendsten fttnf Kampfen Sieger sein. Dei-verstand nun die Prophezeiung nicht recht und legte sich auf Leibesübungen in der Meinung, er werde in den [fünf] gymnischen Kampfen Sieger sein: nachdem er sich also auf den Fünfkampf

Simonides: Artemidoros: Festus: Eustathios:

Schol, zu Pindar:

Sprung, Diskos, Speer, Lauf,

^0) Des Tisamenos Ehe mag kindevlos gewesen sein.

ocr page 86

eingeübt hatte, lag es nur an eineni Gauge im Ringen, so siegte er im olympischen Wettkampfe, nachdem er mit dem Hie-ronymos von Andros in Wettstreit geraten war.quot; Eine Erganzung dazu giebt Pausanias in seiner „Reisebeschreibung von Hellasquot; (III, 11, 6); „Dem Tisamenos, einem Eleier aus dem Stamme der lamiden, wurde der Orakelspruch zuteil, er werde in den berühm-testen fünf Kampfen siegen. So iibte er denn zn Olympia den Fünfkampf ein und mnsste dann besiegt abtreten; nnd docb war er in zwei Stücken der Erste: er besiegte namlich den Hieronymos von Andros im Laufe und im Sprnnge; da er aber von diesem im Ringen besiegt wurde und er so des Sieges verlustig ging, verstebt er erst das Orakel (siebe Aum.91), dass ihm der Gott auf seine Frage an das Orakel gewabrte, den Si eg in fünf' Kampfen im Kriege davonzutragenquot;. Das Siegesstandbild von Hieronymos von Andros, „der den Eleier Tisamenos im Fünfkampfe niederrang,quot; zeigte man noch zur Zeit des Pausanias in dem heiligen Haine des Zeus zu Olympia, wie der Perieget an einer zweiten Stelle seines Reisewerkes (VI, 14, 13) erzahlt.

Durch die beiden Berichte wird vor allem das bestatigt, was eigentlich schon durch die oben mitgeteilte Gründungssage bei Philostratos bewiesen wurde. Hatte der Gründer des Fünfkampfes seinem Freunde Peleus zuliebe in dem neu ersonnenen Kampf-system dem Ringen eine entscheidende Bedeutung beigelegt, so gehorte dasselbe an das Ende der ganzen Reihe von Kampfen. Hiermit stimmen die Berichte Herodots und Pausanias' überein: nach ihnen wurde der Sieg des Hieronymos über Tisamenos end-gültig dadurch entschieden, dass er seinen Gegner niederrang; auch hiernach bildete also der Ringkampf den Schluss des Ganzen. Auch alle die Zeugnisse mit einer vollstandigen Aufzahlung, die am besten vor unsrer kritischen Prüfung bestanden haben, weisen, obwohl sie sonst mannigfach voneinander abweichen, überein-stimmend dem Ringen die letzte Stelle an; dies ist auch ganz natürlich, da man, wie schon Boeckh fein bemerkt hat, auf die Endpunkte einer Reibe am meisten aufmerksam ist und darin weniger irren wird. Zu alledem kommt noch eine gelegentliche Angabe Xenopbons, vvelche ebenfalls die Schlussstellung des Ringens beweist.

91) Wie sich spiiter herausstellte, hatte die Pythia nicht fünf grösste Eampfe auf der Rennbahn Olympias, sondern fünf bedeutende Kümpfe auf dem Felde der Schlacht gemeint. Zu Begimi von fünf Schlachten brachle Tisamenos aus dem berflhmten elischen Priestergeschlechte der lamiden als Staats- und Kriegspriester der Lakedamonier die siegbrin-genden Opfer dar: der erste dieser unter den Auspiciën des Tisamenos er-rungenen bedeutsamen Siege war der grosse Sieg der verbündeten Hellenen über das gewaltige Perserheer bei Plataeae i. J. 480 v. Chr , der letzte der Sieg der Lakedamonier über die Athener und Argeier bei .Tanagra 457 v. Chr.

ocr page 87

79

X e n o p li o u erztihlt nümlich in seiner Griechischen Geschichte (VII, 4, 29) von clem Überfall, mit welchem die Eleer in der 104. Olympiade (364 v. Chr.) die Arkader überraschten, als dieselben gerade mit der Abhaltung der Festspiele zu Olympia beschaftigt waren. Um seinen Lesern klar zu macben, zu welcher Tageszeit dieser Einfall der Arkader geschah, und um zu erkliiren, warum das zu den Festspielen versammelte Volk nicht mehr im Hippodro-mos, der Wagenrennbahn, war, sondern im Dromos oder Stadion, der Laufbabn, sicb befand, bemerkt der Gescbicbtscbreiber; „Und das Wagenrennen batten sie bereits erledigt und die Dromos-übungen des Fünfkampfes; und die bis zum Ringen gelangten | Kiimpfer] waren nicht mehr im Dromos [der Laufbabn], sondern rangen [schon | zwischen dem Dromos und dem [grossen] Altare [des Zeus|.u Nach dieser Darstellung kam das Ringen erst dann an die Reihe, wenn die „Dromosübungen des Fünfkampfesquot; bereits erledigt waren. Früber erklarte man das griechische Wort ra dooi.uy.cc im Sinn von .Lauf', öqhuo^ ; es ware dies das einzige Mal, dass das Wort öoonr/a von Xenophon in dieser Bedeutung gebraucbt wtirde: das Wort kommt nachweislich überhaupt nur ein einziges Mal im Sinn von ÓQÓ/iog vor und zwar bei Dio Cassius, der um das Jabr 200 nach Chr. Geb., also etwa 550 Jahre spater als Xenophon lebte, und überdies Dio Cassius braucht nicht die Mebrzahl, sondern die Einzabl des Wortes to Sqo^u/.óv. Das Wort ra dQOf.ny.cc tol- jtsvzuih'/.ov in der vorliegenden Stelle und damit die ganze Stelle selbst zuerst richtig erklart zu haben, ist ein Verdienst Ed. Finders ^2); es bezeichnet nach seiner Erklarung „die Dromosübungen des Fünfkampfesquot;, d. b. diejenigen Ubungen des Fünfkampfes, welche im Dromos oder Stadion vorgenommen wurden. Dies waren aber alle Ubungen mit Ausnahme des Ringens; demi nicht bloss beim Laufen, auch beim Springen, Speer- und Diskoswerfen bot der 211 m lang hingestreckte Dromos zu Olympia für die Ausführung der Ubungen und für das Zu-schauen den geeignetsten Raum; nötigenfalls batte auch die 32 m be-tragende Breite des Dromos gestattet alle vier oder wenigstens drei Ubungen nebeneinander und gleichzeitig vorzunehmen. Beim Ringen dagegen, bei dem sich für Wettkiimpfer wie Zuschauer ein mehr von einem Mittelpunkte aus sich nach allen Ricbtungen bin gleicbmassig weit erstreckender Platz empfahl, war der weite, zwischen der Westseite des Stadions und dem grossen Zeusaltare gelegene Raum viel geeigneter. Zu diesem benachbarten Raume konnten auch die Zuschauer von ihren Platzen auf den Stadionvvallen leicht auf verschiedenen Wegen über die an das Stadion sicb west-lich anschliessenden Terrassen gelangen; und zu ihm führte auch

E. Pinder Über den Fünfkampf der Hellenen. S. 64 tt'.

ocr page 88

80

aus der Nordwestecke des Stadions ein nur fur die Wettkampfer und die Hellanodiken bestimmter Sonderausgang. Dieser Sonder-ausgang wurde um die Mitte des dritten Jahrhunderts v. Clir. Geb., als die Stadionwalle um 6 m erhöht wurden, zu einer y.ovjcvi) eaoóog, einem ,überdeckten Ziigang' von reichlich 32 m Lange nnd 3,7 m Breite, der bei Pansanias wiederholt erwahnt wird, und dessen nnverkennbare Spuren von der deutschen Ausgrabungs-kommission neuerdings wieder aufgedeckt sind. Als nun die Arkader im Jahre 364 ihren störenden Überfall und Einfall in den heiligen Bezirk von Olympia machten, waren „die zum Ringen gelangten* Fünfkampfer, die die ,Dromosi'ibnngenquot; hinter sich batten, durch jenen spater überwölbten Gang bereits abgezogen, und gleichzeitig hatten auch die Zuschauer die Stadionwalle geraumt, um dem Ringen zuzusehen, das numnehr von den Ftinfkampfern zwischen dem Dromos und dem Altar vorgenommen wurde. War nach dem Ringen wirklich noch eine der andern Ubungsarten aus-zuführen, für die in der That der zum Ringen benutzte Platz durch-aus nicht geeignet war, so batte also ein zweites Mal der Ühungs-iind Schauplatz verlegt werden mussen, was nicht bloss überflüssig und unbequera, sondern auch zeitraubend quot;gewesen ware. Alles dies ist so überzeugend und klar, dass man garnicht begreift, wie Gardner, Holwerda und Bötticher wieder auf die veraltete Erklarung von Ta dQOfiiy.ce = 'u öoóuog haben zurückkommen können.

Nach dem Vorhergehenden darf es als unzweifelhaft gelten, dass das Ringen in der Reihe der fünf Kampfe den Schluss-kampf bildete; wir haben damit zugleich eine teste Grundlage gewonnen, auf der wir mit einiger Hofifnung auf glückliches Ge-lingen weiter bauen können.

Philipp Gardner, Holwerda und Bötticher wiesen dem Laufen die vorletzte, dem Ringen unmittelbar vorhergehende Stelle an; sie stützten sich dabei aber allein auf die soeben gründlich erörterte Stelle in Xenophons griechischer Geschichte (VII, 4, 29), in der sie unrichtig ra öoa/iiy.d mit G. Hermann als óoóuog , Laufquot; er-klarten. Die dem Ringen unmittelbar vorhergehende Stelle ge-bührt vielmehr dem Speerwerfen; dies geht aus einer schon erwahnten schwierigen Stelle in Pindars Siegesliedern hervor, eben jener Stelle, welche zu dem hitzigen Meinungsaustausch zwischen A. Boeckh und G. Hermann den Anlass gab. Im siebenten nemeischen Liede, welches den vom Euxeniden Sogenes aus Aegina im Fünfkampf der Knaben zu Nemea errungenen Sieg feiert, bat sich der Dichtje eine dunkle Anspielung auf^ein anderes Vorkommnis erlaubt. Um nun von dieser Abschweifung wieder auf den wahren Zweck seines Liedes, die Lobpreisung des Sogenes, zurückzukommen und gleichzeitig dieselbe zu entschuldigen, will Pindar feierlichst versichern, dass er nicht aus Thorheit oder Übermut die Grenzen, die seinem

ocr page 89

81

*

Liede durch dessen Zweck gesetzt sind, überschritten habe, um dann wirksamer sein Lied zum Preise des Sogenes fortzuführen. .Sogenes, Euxenide von Viiterseitequot;, so ruft er aus, „feierlicli ver-wahre icli raich gegen den Vorwurf, über das Mal vortretend die rasclie Zunge wie einen erzwangigen Speer losgelassen zu baben, der den ki'üftigeu Nacken [von Scbweiss] unbenetzt vou den Ringkampfen enthebt, ebe der Leib der glübenden Sonne verfiel. Wenn es Mübe war, um so grosser binterher die Lust.quot; Aus dieser Stelle, deren genauere sacblicbe und spracblicbe Erklamng nicbt bierlier gebört98), gebt mit Sicberbeit bervor, dass auf das Speerwerfen unmittelbar das Ringen folgte, dass also das Speer-werfen die dem Kingen unmittelbar vorbergebende, vorletzte Übung im Fünfkampfsystem war.

War nun aber die vorletzte Übung eine Armübung, so er-scbeint die Annabme geboten, dass die ibr vorbergebende dritte Kanipfart eine Beinübung war. Denn es liegt in der Natur der Sacbe begründet, dass Kampfarten, bei denen die Arme vorwiegend in Ansprucb genommen wurden, mit solcben abwecbselten, durcb welcbe die Beine am meisten angestrengt wurden. Nur durch den Wechsel wurde das Gleicligewicht hergestellt, das in dem Sinne dieser ganzen Kampfart überhaupt liegt, wie Pinder richtig erkannt bat. Die Frage, die wir zunacbst zu beantworten baben, lautet also nicht: welcbe von den drei noch nicbt im System uuter-gebrachten Ubungen nahm die dritte Stelle ein? Sie verengt und vereinfacht sich zu der Frage, welcbe von den beiden Beinübungen die mittelste Stelle batte.

Die oben bereits mitgeteilten Berichte über den geschicht-lichen und den sagenhaften Fünfkampf geben die gewünschte Auskunft. Pausanias erziiblt: rTisamenos besiegte den Hierony-mos von Andros im Lauf und im Sprungequot;; und bei Philostratos lesen wir, dass unter den Argonauten die Boreaden am besten „liefen und sprangen 11 Also beide Schriftsteller, deren jeder doch mit dem Festgebraucb Olympias bekaimt war, nennen überein-stimmend den Lauf vor dem Spnmge: für beide war es aber oflenbar das Natürlichste, die beiden Ubungsarten in derjenigen Folge nacbeinander anzufübren, in welcher dieselben ibres Wissens beim Fünfkampfe selbst daran kamen, ganz besonders aber für den Pausanias nach dem Zusaimnenhang der ganzen Stelle (siebe oben!). Daraus folgt, dass der Sprung die dritte unter den Ubungen war, ferner, dass die Stelle vor diesem die andre Armübung einuahm, also der Diskoswurf die zweite, und endiich dass der Lauf die erste Stelle im Kampfsystem batte.

93) Das Nahere sehe man bei E. Pinder (a. o. S. 52 ff. und S. 88 ff.), der das Verdienst hat, auch dieso schwierige Stelle zuerst richtig verstanden zu haben; Vgl. auch meinc Programmabhandlung S. 1(5 ff.

7

ocr page 90

82

So haben wir unter gewissenhafter Beriicksichtigung der von ilen alten Schriftstellen! gelegentlich gegebenen Fingerzeige nach und nach den fiinf Kampftibimgen von der letzten bis zur ersten ihren Platz angewiesen, und wir sind zu dem Ergebnis gelangt, dass die wahre Reihenfolge des Fünfkampfes war:

Lanf, Diskos, Sprung, Speer, Ringen,

also genau die von Artemidoros in seinem Werke vorans-gesetzte.

Hiermit ist mittelbar die Unrichtigkeit der andern Auf-zahlungen erwiesen. Es muss jetzt als sicher geiten, was oben schon als naheliegende Vermutung ausgesprochen wurde, dass Si-mo n i d e s nicht die wirkliche Reihenfolge bringen wollte, sondern die fünf Übungen nach eineni sachlichen Gesichtspunkte ordnend, zuerst die beiden Beinübungen, daim die beiden Armübungen, zuletzt das Ringen nannte. Es ist im hohen Grade wahrscheinlich, dass die ursprüngliche Quelle für des Paulus Auszug aus Festus' Wörterbuch, dass M. Verrius Flaccns die fünf Kampfe genan in derselben Reihenfolge aufzahlte wie Artemidoros; die Reihenfolge bei Paulus weicht von der des Artemidoros nur in der Stellung der beiden ersten Übungsarten ab: wie leicht konnte schon Festus oder spater Paulus aus Flüchtigkeit oder Unkenntnis, weil sie die Reihenfolge für bedeutungslos liielten, eine Umstellung der Wörter vornehmen? Die ven den Merkversen des Eustathios und des Scho-liasten zu Pindar und dem Scholion zu Sophokles übereinstimmend gegebene Aufzahlung geht offenbar ahnlich wie die des Simonides von einem mehr tlieoretischen Einteilungsgrunde aus: es werden zuerst die drei Übungsarten mit Geraten, das Springen mit Halteren, das Weitwerfen mit Diskos, das Zielwerfen mit Riemenspeer, auf-gezfihlt, es sind dies die Übungen, die als dem Fünfkampf eigen-tümliche ausdrücklicli von Pollux (Onomast. 111,151) im Gegensatz zu den beiden anderen Übungen bezeichnet werden und die aus diesem Grunde auch von Philostratos in der Gründungssage als diejenigen genannt werden, welche vor der Einrichtung des Fünfkampfes besonders mit einem Krauze bedacht wurden. Nach diesen drei dem Fünfkampf eigentümlichen Kunstübungen der Palastra werden die beiden volkstümlichen Wettübungen aufgeführt, welche auch ausserhalb des Fünfkampfes und neben demselben noch für sich allein als Wettübungen betrieben und mit dem Kranze belohnt wurden.

Die von uns auf einem zwiefachen Wege als richtig erfun-dene Reihenfolge entspricht endlich auch allen den Anforderungen, welche wir vom rein technischen Standpunkte aus an ein Meisterwerk hellenischer Agonistik stellen müssen, besser als irgend eine der andern Reihenfolgen.

Wie schon im Laufe der bisherigen Untersuchung hervor-

ocr page 91

83

gehoben werden musste, wechseln in unsrer Eeihenfblge zweck-massig Bein- und Armübungen miteinander ab; zweckmassig ist es anch, dass der raarmeraufreibenden Schlussübung, dem Ringen, gerade diejenige Ubung vorausgeht, die wolil Kunstfertigkeit er-fordert, aber weniger anstrengend ist als irgend eine andre, das Speerwerfen. Keine der andern Reibenfolgen ist in diesen Be-ziehungen gleicb zweckmassig zusammengestellt; die meisten lassen die Bein- und Armübungen nicht regelrecht wechseln, und Pin der, der einzige, der das thut, lasst das Diskoswerfen, gerade die Ubung, die von Philostratos ausser dem Ringen zu den „schwerenquot; Pentathlonübungen gerechnet wird, unmittelbar dem Bschweren' Ringen vorausgehen.

Sinnig und praktisch zugleich ist es, dass die dem Fünfkampf eigentümlichen Kunstübungen der Paliistra, die das Unterscheidende des Fünfkampfes von allen übrigen Wettübungen bilden, in die Mitte genommen werden von den wichtigsten rein volkstümlichen Wettübimffen des Laufens und Ringens. Praktisch war es auch im

O O

Stadion zuerst das Laufen vorzunehmen; nach Erledigung des-selben wurden dann die verschiedenen Geriitschaften für die drei Kunstübungen herbeigeschafft und das Skamma für dieselben an den Ablaufschranken hergerichtet; es liess sich dies in wenigen Minuten machen. Einige Umstande batten nur die Zielsaule für das Speerwerfen und die für das Springen bestimmte Thonfliesen-bahn gemacht, sie mochten schon vorher auf ein paar von der Mitte der cupeais entfernter liegenden Standen errichtet sein. Rasch wurden dann die übrigen Geriitschaften, deren Zahl freilicb nicht ganz klein war, geholt, als z. B. die Halteren für die Springer, die drei Disken, welche man nach einer Bemerkung des Pausanias (VI. 19,4) für den Fünfkampf ans dem Schatzhause der Sikyonier herzu-schaffte, eine grössere Anzahl von Riemenspeeren, auch Hacken zum Umgraben, Messketten und Zirkel, Stiibe znm Zeigen und Ziehen von Zielfurchen u. s. w. Es ware sehr umstandlich und zeitraubend gewesen, wenn das Laufen in die Mitte der andern Übungen gelegt ware und man nötig gehabt hatte, die vielerlei Geratschaften wegzuranmen, um freie Bahn zu machen, und nach-her wieder hinzuschaffen. Auch von diesern praktischen Gesichts-punkte aus erscheinen alle andern Reihenfolgen mehr oder minder fehlerhaft; nur die unsriffe entspricht auch in dieser Beziehnng allen Anforderungen.

Hiernach dürfen wir uie R e i h e n f o 1 g e Laufen, 1) i s k o s, S p r u n g, S ]) e e r, Ringen s i c h e r als die r i c h t i g e betrachten.

4. Vou welchen Bedingungen war die Zuerkennung des Gesamtsieges abhangig? — Noch bedeutsamer und be-zeichnender als die Reihenfolge der fünf Kampfe war für das

ocr page 92

84

Wesen des Füufkampfsystems die eigentümliche Art uiid Weise, nacli welcher scbliesslich der Gesamtsieg zugesprochen wurde.

Die neueren Gelelirten, welche sich zuerst mit der Frage des Pentathlons naher bescliilftigt haben, betrachteten es als selbst-verstandlich, dass der Gesamtsieg nur demjenigen zuerkannt wurde, welcher den Einzelsieg in allen fünf Teilen errungen batte. Wie Burette, so bielten aucb noch G. Hermann und A. Boeckh, sonst durchweg Gegner, in diesem einen Punkte aber überein-stimmend, an dieser Anscbauung test. Man giaubte dies otfenbar deshalb, weil Simonides in seinem Epigramm ausdrücklich von Diopbon feststellt, dass er in allen fünf Kampfen siegte wie auf dem Isthmos so zu Delphoi. llatten diese Gelehrten eine klarere Vorstellung und Anscbauung von der gymnastischen Leistungs-fahigkeit des Menscben gehabt, sie würden nicht an einer Heil in gung festgehalten haben, welche das Erringen eines Gesamt-sieges ira Fttnfkampfe fast zur TJnmöglichkeit gemacht batte. Dies setzt besonders klar Pinder in seiner Schrift (S. 59 ff.) aus-einander. Moge man ein paarweises Zusammenstellen der Athleten zum Fünfkampf, so dass ein gleicbzeitiger Kampf mehrerer Paare bestiinde, annehmen, möge man die ganze Zabl der Kiimpfer ohne derartige Einteilung die Reihe der Einzelkampfe gemeinsam bestehen lassen, immer wird es nur ausserst selten gescbehen und, wenn es geschiebt, nur eine Folge glücklichen Zufalls sein, dass ein einzelnes Paar oder gar die Gesamtzahl einen fünfmaligen Sieger berausstellte. Aucb die Paarsieger immer wieder so lange zu neuen Fünfkampfen zusammenzustellen, bis nur ein Sieger übrigbliebe, biitte also keinen Nutzen; deun es braucht weder gleich anfangs unter allen einzelnen kampfenden Paaren irgend eines einen fünfmaligen Sieger zu ergeben, noch gar bei immer neuer Zusannnenstellung sich ein soldier Fall zu wiederholen.

Je grosser die Zabl der Kiimpfer wurde, die im Fünfkampfe um den Sieg warben, um so unwahrscheinlicher wurde natürlich ein fünfmaliger Sieg. Burette, Hermann und Boeckh steilten sich diese Kampferzahl freilich offenbar in der Regel als eine sehr kleine vor; demi sie reden immer nur von einem Kiimpfer paar, indem sie mit Unrecht aus den Berichten des Herodot und Pausanias über des Hieronymos Fünfsieg folgern, dass ausser den von diesen Gewahrsmannern genannten beiden Hauptkampfern damals niemand am Fünfkampf teilgenommen babe. Aucb die Gelehrten, welche sich spater mit dieser Frage beschaftigt haben, stellen sich die gewöbnliche Teilnehmerzahl viel zu klein vor. Philipp hiilt eine Teilnahme von fünf eben noch für denkbar; Krause meint, in den Olympien hatten sich immerhin wohl 3 bis 7 melden können. Seit der Veröff'entlichung von Philostratos' Büchlein über die Gym-nastik im Jabre 1858 war man geneigt, fünf als die normale

ocr page 93

85

Teilnehmerzahl zu betrachten, so namentlich Finder unci Marquardt, die dies besonders deswegen annahmen, weil in dem Berichte über den vorbildlichen Fünfkampf der Argonauten nur fünf Kampfer mit Namen genannt werden; hieraus folgt aber natürlich keines-wegs, dass nur diese Helden allein von den Argonauten, deren Gesamtzahl sich nach einer Überlieferung auf 50 belief, an dem Fünfkampf auf Lemnos teilnahmen. Auch Bötticher rechnet nur mit 8 Teilnehmern, und Gardner bezeichnet als den aussersten Fall die Teilnahme von sieben, weil die Schriftsteller in den paar von ihnen erwahnten Fünfkampfen nie von vielen Teilnehmern redeten. Ich glaube in meiner Programmabhandlung (S. 31 tf.) nachgewiesen zu haben, dass eher als fünf etwa die Zahl 24 als die regelrechte Teilnehmerzahl für den Fünfkampf zu betrachten ist. Jedenfalls dürfen wir nur eine solche Anordnung des Fünf-kampfes als die richtige anerkennen, bei der die Erringung eines Gesamtsieges, wenn nicht unbedingt sicher, so doch wenigstens wahrscheinlich erscheint selbst dann, wenn bis zu 24 Teilnehmern da sind. Ein siegreicher Erfolg in allen fünf Stücken würde aber bei einer solchen Teilnehmerzahl so gut wie unmöglich sein.

Schon Philipp hat Hermann gegenüber nachgewiesen, dass zur Erringung des Gesamtsieges im Pentathlon der Sieg in drei Stücken genügte, wenn auch ein Sieg in allen fünf Stücken, wie ihn der von Simonides eben deswegen gepriesene besonders tüch-tige Diophon wiederholt errang, nicht in das Bereich der Unmog-lichkeit gehorte. Der einzige geschichtliche Fünfsieg, von dem wir etwas Genaueres wissen, der des Hieronymos von Andros, war kein fünffacher, sondern ein nur dreifacher Sieg; denn, wie aus Herodots und Pausanias' Berichten hervorgeht, Hieronymos, der zunachst nur im Diskos- und Speerwurf gesiegt batte, im Laufen und Springen aber dem Tisamenos erlegen war, trug schliesslich über seinen Gegner durch den Sieg im entscheidenden Ringen den Gesanitsieg davon. Plutarch os, ein griechischer Schriftsteller, der in der zweiten Hiilfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. lebte, deutet in einer seiner Schriften (Untersuchungen beim Trinkgelage IX, 2) dies ebenfalls an, wenn er vom Alpha, dem ersten Buchstaben des Alphabets, vergleichsweise sagt, ,es zeige sich | den andern Buchstaben] wie die Fünfkampfer in drei Stücken überlegen und siegreichquot;. Noch dentlicher wird die Sache uus der Bemerkung eines alten Erklarers zu des Aelius Aristides Panathenaicus (S. 112): ,nicht als oh die Fünfsieger durchweg in allen Stücken siegten; es genügen namlich für sie drei von den fünf Stücken zmri Siege.quot; Dazu kommt, dass nach Pollux (Wörterbuch ill, löl) das Siegen im Fünfkampf (ebenso wie das Siegen im Ringkampfe) UTtOTQuiSut. „ dreisiegenquot;, dass nach einer alten Er-klarung zu des Aischylos Agamemnon (Vers 171) der Sieger im

ocr page 94

86

Fünfkampfe TQiccy.rrQ, ^Dreisiegerquot;, genannt wird, dass von Lu-cillios in dem oben angeführten Epigramm das Passivum desselben Thatigkeitswortes ron'c'Ctalïcd vom Unterliegen im Funflcampf ge-braucht wird; und es liegt nahe, diese Kunstwörter, die nn-zweifelhaft von dem Hauptwort rot dg („Triade*, Dreizahl) her-kommen, hier in dem Sinne von ,Siegen in drei Stücken', bez. ,Sieger in drei Stückenquot;, „Unterliegen in drei Stückenquot; zu er-klaren.84)

Wenn nur drei Einzelsiege znr Erringung des Gesamtsieges nötig waren, so gehorte natürlich ein soldier Gesamtsieg schon eher in das Bereich der Möglichkeit; sicher aber oder wahrschein-lich war er indes immer noch nicht, besonders wenn die Teilnehmer-zahl grosser worde, als man früher anzunehmen geneigt war. Nnr wenn ein einziges Paar in die Schranken trat, war eine Ent-scheidung sicher; bei einer Beteiligung von Dreien war sie noch leicht möglich; aber schon bei einer Teilnahme von vier oder fünf Kampfern erschien sie ziemlich unwahrscheinlich. Wenn z. B. fünf Teiluehmer da waren, von denen jeder in einer der fünf Kampfarten entschiedener Meister war, wie dies in dem sagenhaften vorbildlichen Fünfkampfe der Argonauten der Fall war, so ware wohl kaum das Ergebnis eines dreifachen Sieges denkbar gewesen: vielmehr hiitte — das ist sonnenklar — aus dem Fünfkampfe der Argonautenhelden nicht ein dreifacher Sieger, sondern es batten fünf einfache Sieger hervorgehen müssen. Insofern giebt die von Philostratos erzahlte Gründnngssage entschieden ein Riitsel auf.

E. Pin der glaubte dieses Riitsel in einer auf den ersten Bliek bestechenden geistreichen Weise dadurch zu lösen, dass er jene Stelle in Plutarchos' Schriften zu Hilte nahm, in welcher die Art, wie das Alpha unter samtHchen Bnchstaben der ersten Stelle am wttrdigsten erscheint, mit der Art vergleicht, wie Fünfkampfer vor ihren Nebenbuhlern des Sieges würdig befunden werden. „Volden Mitlautem und Halb-Selbstlautern,quot; so lasst Plutarchos den Grammatiker Frotogenes an erwahnter Stelle dem Geometer Her-meias darlegen, „seien die Selbstlauter mit dem gerechtesten An-spruche die ersten; inmitten dieser aber seien die einen lang | nam-lich Eta und Omega], die andern kurz [namlich Epsilon und Omikron], die andern aber (Alpha, Iota und Ypsilon] seien beides und hiessen zweizeitig, und diese zeichneten sich natürlich durch ihre Bedeutnng aus; unter eben diesen [zweizeitigen Selbstlautern | hinwiederum nehme derjenige entschieden die Führerstelle eiu,

'quot;) Sicher hatte Hermann, der nur die betreft'enden Stollen des i'ollnx und 1'lutai-chos kannte, entschieden unrecht, wenn er Pollux und Plutarchos beschuldigte, sie hatten dabei den Fünfkampf mit dom Kingen verwechselt; allerdings werden die Wörter (InoTyiuCtir. roiA'Citr, xqu'-xtiiq ebent'alls vom Ringen gebraucht im Sinne einos „Sieges in droi Giingen-'.

ocr page 95

welch ev seiner Natur nach den beiden andern wolii voran, aber nicht nachgestellt werden könne, wie dies bei dem Alpha der Fall sei; denn dieses wolle sich dnrcbaus nicht dem Iota oder Ypsilon nachstellen lassen zur Bildung einer Silbe aus beiden | Selbst-lautern |, sondern sucbe jederzeit für sich die Führnng; wobl aber lasse es sich nach Belieben jedem von beiden voran stellen und dasselbe auf sich folgen und rait sich zusammenklingen und bilde so Wortsilben wie z. B. in .aurion* {(ivoiov „morgenquot;) und .auleinquot; {avKelv .flotenquot;), in ,Aiasquot; (griechischer Name des Ajax) und .aideisthaiquot; (aidelad-ca „sich schamenquot;) und in unzahligen andern Wörtern. Demnach zeige es sichquot; — hier kommen die bereits früher angefuhrten Worte — „wie die Fünfkampfer in drei Stücken iiberlegen und siegreich 1) über die grosse Menge | der Buch-staben] durch seine Eigenschaft als Selbstlauter, 2) über die Selhst-lauter durch seine Zweizeitigkeit, 3) über diese selbst jdie zwei-zeitigen Selbstlauter] aber durch die Eigentiimlichkeit voranzustehen nnd uie nachzustehen und nachzufolgen.quot;

In dieseni Vergleiche des Alpha mit den Fünfkampfern soli nun, so meinte Pinder, von einera dreimaligen Siegen hinterein-ander in den letzten drei Kampten die Rede sein, und das Siegen des Alpha damach nicht in einem sich dreiraal wieder-holenden Erster sein (nQioreveLv), einem wirklichen Siegen [viy.av] im eigentlichen Siime bestehen, sondern nnr darin, dass es zu immer enger werdenden Klassen bevorzugter Buchstaben gehore.

Gesttttzt auf diese Deutung des Vergleiches des Alpha mit dem Fimfkampfsieger, nach welcher eine allmahliche Abnahme der Karapferzahl nach dem Ende zu für das Fiinfkampfsystem be-zeichnend sein sollte, legte Pinder sich den vorbildlichen Fiinf-kara])!' der Argohelden und den geschichtlichen Fünfkampf folgen-derraassen zurecht. Von grösserer Bedeutung für den Gesamtsieg als irgend ein anderer Einzelsieg war der Riugsieg. Dies drückt nach ihin die Sage deutlich genug dadurch aus, dass sie dem lasou bei der Einrichtung der Gesetze des Fünfkampfes eine gewisse Parteilichkeit für den gewaltigen Ringer Peleus zuschreibt; aucli in dem geschichtlichen Fünfkarapfe fallt dera Hieronymos schliess-lich der Sieg dadurch zu, dass er seinen bis dahin ihm eben-bürtigen Gegner Tisamenos niederringt. Hierans folgert daun Pinder, dass zum Gesamtsiege der Fünfkampfer unter allen Um-standen der Sieg im letzten Kampfe, im Ringen, gehorte; und für ihn spitzte sich nun die Untersuchung auf die Frage zu: Welcher Leistungen bedurfte es, um am Ringkampfe teilzunehraen ? Nicht jeder Teilnehmer, vermutete er weiter, durfte an diesem entscheidenden Schlusskarapfe des Ringens sich beteiligen, sondern nur diejenigen, welche in dem vorletzten Kampfe das beste ge-leistet batten; und so fort. So gelangte er zu der Annahine, dass

ocr page 96

88

sich die Teilnehmerzahl unter allmahlicher Ausscheiclung der Un-tüchtigeren bis zum letzten Kampfe aut' zwei verengte, die darm schliesslich mit einander um den Allsieg ringen raussten.

Im einzelnen gestaltete sich nun nach Pinder der Fünfkampf folgendermassen. Der erste Kampf im System war der Sprung, in welchem eine „Normalleistungquot; gefordert warde; alle, welche diese Forderung erfüllt batten, traten in den zweiten Kampf, den Speerwurf, ein. Hierauf begannen die das „engere Systemquot; bildenden Kampfe mit bestimmten Zahlen. Der Lauf beginnt mit vier Teilnelimern (den vier besten Lanzenwerfern), der auf dem griechiscben Stadion beim Rennen gewohnten Zahl; es folgt der Diskos mit Dreien (mehr als drei Wurfscheiben waren nach Pau-sanias VI, 19, 4 beim Fünfkampfe zu Olympia nicht in Gebrauch); den Schluss macht der Ringkampf mit zweien, der für diese Kampf-art natürlichen Zahl.

Nach dlesem von Pinder aufgestellten System hiitte der vor-bildliche Fünfkampf der Argofahrer auf Lemnos folgenden Ver-lauf gehabt.

Teilnebmer an den einzelnen Kampfen.

1. Sprung. 2. Speerwurf. 3. Lauf. 4. Diskos. 5. Ringen. Sieger. Die Ge- Die Gesamt- Lynkeus. EinBoreade. Telamon. Peleus. samtzahl. zahl: als Erste Telamon. Telamon. Peleus.

aus der ersten Peleus. Peleus.

Kampfart die Ein Bore-2 Boreaden. ade.

Audi die Xachrichten über den Fünfkampf des Hieronymos und Tisamenos erklüren sich, wie Pinder meint, nach diesem System leicht. Hieronymos von Andros, obwohl im Sprung und Lauf be-siegt, darf Sieger bleiben über Tisamenos; und doch war es mög-lich, was Herodot sagt, dass er bis in den Ringkampf durch alle andern bin durch zum Siege durchzudringen schien, bis er von Hieronymos, der ihn schon im Speer und Diskos überwunden hatte, niedergerungen und so nach verlorenem Siege abgangig wurde ^/.urunuXcuathlg ujcr^/JHv fjTTrjö-eïc;). Hieronymos aber erhielt das Siegerstandbild, das noch Pausanias (VI, 14, 13) in dem heiligen Haine zu Olympia gesehen haben will, für seinen dreifachen Sieg über den Tisamenos.

So geistvoll dies Pinder'sche System aufgebaut ist, und soviel Anklang es anfangs auch bei den Gelehrten und in der Turner-welt gefunden hat, so wenig stinnnt es doch mit der Überlieferung des Altertums überein, und so wenig entspricht es den Anforde-rungen, welche wir an ein Meisterwerk altgriechischer Agonistik stellen dürfen. W eil trotz alledem dieses System immer noch bei vielen als das wahre gilt, sei es gestattet, hier alle die Grimde

ocr page 97

89

zusammenzustellen, welche nacli und nach gegen dasselbe beige-bracht siud.

Percy Gardner, der zuerst ernstere Ausstellungen an Finders System maclite, bemangelte besonders die eigentümliche Auf-fassung des Begriffes jSiegquot; und die übermassige Betonung des Ringens. Der dreifache Sieg, wie ihn Peleus nacli Pinder er-rungen batte, ware kein Sieg im eigentlichen Sinne des grieclu-sclien quot;Wortes {yiy.r], viy.ctv) gewesen; nur der Ringsieg, aus dem Peleus als Erster {jcqmtoq) hervorgebt, ist ein soldier Sieg im vollen Sinne9rgt;). Wollte man aber mit Pinder dem Peleus ausserdem noch Siege niederen Ranges zuerkennen, so erhielte man nicht bloss drei, sondern vier Siege; demi ausser im Ringen hiitte der Held nicht bloss im Lauf und Diskos, sondern auch schon im Speer einen Sieg im weiteren Sinne errungen. Das Gewicht, welches dem Ringen nach Pinders Anordnung zufallt, ist ein übermassig grosses: Ein Kampfer, der den „Normalsprungquot; geleistet hatte, der danu im Speer Vierter, im Laufe Dritter, im Diskos Zweiter gewesen war, konnte lediglich durch den Sieg im Ringen einem Gegner den Kranz entreissen, der in allen andern Stücken besser als er selbst, ja vielleicht der Erste gewesen wiire.

Marquardt widerlegt Pinders Annahme, dass sicli die Teil-nehmerzahl durch Ausscheidung der minder Fiihigen nach dem Ende zu verenge. Nachdem er für das Gleichnis des Plutarchos, welches Pinder als Hauptstütze für seine Vernmtung benutzt, eine andere, freilich ebenfalls unsichere Erkliirung beigebracht hat, macht er auf gelegentliche Bemerkungen alter Schriftsteller auf-merksam, die entschieden gegen die allniiihliche Verengung der Kampferzahl sprechen. Nach des Philostratos Bericht nahmen alle Argonautenhelden noch am Ringkampfe teil; nach Lncillios kiime auch der Unfahigste zum Ringen; nach einer von Pausanias (V, 21, 5) berichteten Bestechungsgeschichte des Atheners Kallippos beliielte dieser letztere mehrere Gegner bis zum Ende des Fünfkampfes; audi nach Pindar (Pyth. 1, 45) hatte ein Fünfkiimpfer noch im vorletzten Kampfe deren mehrere; die von Xenophon in der oben wiederholt angeführten Stelle (VII, 4, 29) .znm Ringen Gelangtenquot; {lt;A ó' elg jciilrjv (upr/.óntvoi) könnten ebensogut die sanitlichen Teilnehmer am Fünt'kampfe bezeichnen, wie bloss die ,beiden zum Ringkampfe DurchgedrungenenSodann bemerkt Marquardt weiter, es würde doch hochst unbillig gewesen sein, einen sonst tuchtigen Athleten schon deshalb von der weiteren Beteiligung am Wettkampf um den Siegespreis auszuschliessen, weil er in einer oder

'•gt;r') Dies zeigt besonders cleutlich eine Stelle ir des Thukydides Griechi-scher Geschichte (VI, 16), wo nur das .Erster sein- (TtpcoTevf/v) als .siegen-(vixccv) bezeichnet wird, und das .Zweiter und Vierter werdenquot; (dfvtepov xc.l Ttzaozov yfvédfhu) dem „Siegenquot; {nxca') gegenübergestellt wird.

ocr page 98

90

zwei Kampfarten weniger glücklich gewesen. Auch gegen die von Pinder getroffene Reihenfolge der Übungen und deren Begriindung macht Marquardt riclitige Einwendungen: aus der Dreizahi der in Olympia beim Fünfkampf' verwendeten Uisken lasse sicli nicht ohne weiteres auf eine Dreizahi der Kampferzahl beim Diskos-wurf schliessen und diesem nur deswegen die vorletzte Stelle im System anweisen; auch sei der Umstand, dass die Laufer im Stadion in Abteilnngen von vier zu laufen pflegten, kein aus-reichender Grund, um dem Laufe den dritten Platz, für den Pinder nach seinem System vier Teilnehmer braucht, anznweisen. Auch die Grimde, welche Pinder für die Verlegung des Sprunges an die erste Stelle im System anführte, seien nicht überzeugend: weder die Begleitung des Sprunges rait Flötenspiel, die sich auch für den Diskos- und Speerwurf nachweisen lasse, noch die an-geblich durch Pollux (Wörterbuch 111, 151) bezeugte „Normal-leistungquot; wiesen dieser Ubuug die Anfangsstellung zu. Wir haben schon oben in dem Abschnitte über das Springen der Fünfkampfer nachgewiesen, dass Pinders Auffassung der Worte des Pollux (zo óf uiroov zov TnörftciK/^ /.avoir) wirklich eine durchaus irrige ist.

Gegen Pinders System spricht in der That vor allem, dass die darin aufgestellte Reihenfolge der Übungen nicht mit den

9quot;) Die Dreizahi dieser Dis keu bat zu den verscbiedensteu Er-klarungen Anlass gegebeu. G. Hermann meinte zuerst, diese Disken batten verscbiedene Scbwere geiiabt, und es ware den Fünfkaiupfern die Wabl gelassen worden, mit welcbem sie werfen wollten. Diese Vermutung gab er selbst wieder auf, um eine neue ebenso unricbtige aufzustellen: der eine batte zum Auswurf als Ziel gedient, mit, den beiden andern batte man um die Wette nach diesem Ziel geworfen. Der Diskoswurf war kein Ziel-, son-dern ein Weitwurf. Pbilipp sah in dei' Dreizahi eine Hindeutung auf' die Dreiteilung der Altersklassen cayfpfc dytveioi ncdótc („Manner, bartlose Jüng-linge. Knabenquot;); diese Dreiteilung in Altersklassen ist aber nicht nur nicht cbarakteristiscb für den Fünfkampf, sondem gerade in Olympia blieb die-selbe, wie schon Krause ricbtig bemerkte, dem Pentathlon fremd. Ganz ver-feblt ist auch Holwerdas Erklarungsversuch: Um das Spiel nicht unnötig zu unterbrecben, war es, meint er. zweokmassig, drei Disken anzuwenden; stelle man sich nun vor, dass man stots den am weitesten geworfenen liegen liess, um das Ziel zu bezeicbnen. das der Nachste zu übertreffen batte, so ware man. wenn es nur zwei Disken gegeben batte, genötigt gewesen, jedes-mal zu warton, bis der weniger weit geworfene zurückgebracht war; daher ein dritter überzabliger Diskos. Den Diskos als Ziel liegen zu lassen, batte deswegen keinen Sinn, weil die Weite des Diskoswurfes nur bis zu der Stelle gerechnet wurde, wo er zuerst den Erdboden berübrt batte; diese Stelle wurde durch ein Zeiohen {atj/icc) gekenuzeichnet. Soweit bat Pinder gewiss recht, als er meint. wenn in Olympia mehr als drei Personen gleicbzeitig den Diskos um die Wette geworfen, auch wobl mehr als drei Disken zur Stello geschafft waren; daraus f'olgt aber noch keineswegs, dass überhaupt nur drei Pentatblen zum Diskoswurf kamen. Wir werden spilter sehen, dass die Gesamtheit der Pentatblen beim Diskoswerfen in Abteilnngen von je drei eingeteilt war.

ocr page 99

91

Überlieferungen des Altertunis übereinstimmt, die, wie wir in dem vorigen Absclinitt eingehend gezeigt liaben, eine wesentlich andere war. Aucli ware es liöclist unbillig gewesen, einen sonst tuchtigen Kam) ifer bloss wegen eines geringen Erfolges in einer dei-beiden ersten Ubungen von der ganzen weiteren Teilnahme ans-zuscbliessen. Nirgends ist es ausserdem überliefert, dass die drei zum Fünfsiege erf'orderlichen Einzelsiege gerade die Siege in den drei letzten Kampfarten sein mussten. Ganz unbrauchbar ware Finders System gewesen, wenn sicb mehr als 5—7 am Fünfkampfe beteiligten. Denn scbon bei einer Beteiligung von acht Kampfern hiitte die Halfte derselben von der Teilnahme an den Kampfen des engeren Systems zurückgewiesen werden müssen; bei einer Beteiligung von 24 aber waren gar 5/(. zurückgewiesen worden, nur weil sie nicht zu den vier besten Speerwerfern gehort batten — und wenn sie noch so tuchtig im Laufen, Diskos und Ringen gewesen waren. Andrerseits ware es ein allzu leicht errungener Er-folg gewesen, unter 24 Mitkampfern als Sieger im F ïmfkampfe gekrönt zu werden, nur weil der betreffende im Springen eine .Normalleistungquot; erzielte, im Speerwerfen einer der vier Besten war uud dann einer von drei auf eins herabsinkenden Zahl von Nebenbuhlern gegenüber sich im Laufen, Diskos und Ringen be-wahrt hatte. Dass die Abnahme der Mitkampferzahl auch bei grösserer Beteiligung immer nur um einen erfolgte, ist, wie aus einer gelegentlichen Bemerkung hervorgeht. Finder selbst bedenk-lich erschienen; allein bei seiner Auffassung von der vorbildlichen Bedeutung des sagenhaften Fünfkampfes und der Dreizahl der Disken ist eine andre Verenyuna- der Teilnehraerzahl eigentlich

O O ~

nicht zulassig.

Percy Gardner betrachtete den Fünfkampf als einen unteil-baren Kampf, den zunachst alle Teilnehmer, in Paare oder in Faare und ein Faar mit Ephedros geteilt, durchzumachen batten. Die Faarkampfer, welche nun in dem ersten Fünfkampfe drei Siege errungen batten, wurden von neuem durch das Los gepaart und mussten in einem weiteren Fünfkampfe gegeneinander los-gehen, bis nur zwei übrig blieben, zwischen denen dann der ent-scheidende Schlussfünfkampf stattfand.

Der geschichtliche Fünfkampf liisst sich in der That nach diesem System ohne Schwierigkeit verstellen. Hieronymos und Tisamenos — mag nun an dem Fünfkaiupfe jener Olympiade überhaupt keiner ausser diesen beiden teilgenommen haben oder mag der von den Schriftstel!ern besprochene Fünfkampf ein Schlussfünfkampf gewesen sein — habeu beide zunachst in zwei Stücken gesiegt; der dritte Sieg im Ringen macht den Hieronymos schliess-lich zum Gesamtsieger. Etwas unsicherer stellt sich die Sache bei den Argonauten. Auf jeden Fall musste Feleus, der nicht bloss

ocr page 100

02

der Tttchtigste im Ringen, sondevn zngleicli nucli Zweitbester in ilen vier tibrigen Stücken war, ans dem ersten Fünfkampfe als dreifacher Sieger hervorgelien, selbst wenn er das Unglück batte, dem Paar mit dem Epbedros überwiesen zn werden; denn jedem seiner beiden Nebenbuhler konnte er nnr in einem Stücke unter-liegen; in den drei andern Stücken wnrde er notwendig Sieger. ]n dem zweiten entscbeidenden Fünfkampfe, in welcbem er es nnr noch mit einem seiner Nebenbuhler zu tbnn bekam, batte er nicbt bloss einen dreifacben, sondern sogar einen vierfacben Sieg sicber, da er jedem derselben nnr in einem Stücke nacbstand.

Gegen diese Anordnnng spricbt aber doch vor allem ein wichtiges Bedenken praktischer Art, der Mangel an Zeit; mnssten doch noch lange Zeit nach Anfnahme des Fünfkampfes in de.n Kreis der olympischen Wettkampfe alle diese Wettkampfe im Verlanfe eines einziyen Festtajjes durchgemacht werden. Da ware

O O O

doch diese Reibe von Kampfen in fünf verschiedenen Stücken, immer wieder von einem Paar nach dem andern wiederholt, zu zeitranbend gewesen; schon bei sieben Teilnehmern wilren drei Giinge nötig geworden. — Wie aber, wenn 24 Teilnehmer sich meideten? Besonders nmstandlicb ware die Sache in 01ym])ia gewesen, wo das Ringen an einem ganz andern Orte abgebalten wnrde wie die vier andern Ubungen nnd somit ein wiederholtes Verlegen des Schau- nnd Ubnngsplatzes zwischen Stadion nnd dem flatz an dem Altar des Zens nötig geworden ware. Anch waren die Krafte der Fünfkampfer in übermenschlicher Weise angestrengt worden, wenn sie, nm zum Siege dnrchzndringen, nicbt bloss ein-mal, sondern dreimal nnd öfter den ganzen Fünfkampf im Lanfe von wenigen Stnnden batten durchmachen müssen.

Im übrigen fehlt es auch in der Überlieferung des Altertums an jedem Beweis dafür, dass der ganze Fünfkampf paarweise durch-gemacht wnrde. Gardner beruft sich auf die Analogie des Ringens, Fanstkampfes nnd Pankrations. Bei diesen Übnngsarten ist die Paarbildung freilich die natürlicbe, nicht aber bei den vier „Dromos-übnngenquot; des Fünf'kani])fes. Für diese Fünfkampfübungen empfahl sich scbon ausRücksicht auf Zeitersparnis die Einteilung der Gesamt-beit der Teilnehmer in grössere Abteilnngen oder rcégeig, wie die alten Griechen solche Kampfergruppen nannten. Dass in der That z. B. Tisamenos nnd Hieronymos auch beim Lauf nnd Sprung mehr als einen Gegner sich gegenüber batten, geht ans dem Berichte des Pausanias deutlich hervor. Auch beim Speenverfen batte der Fünfkampfer es nach der schon erwahnten Stelle in Pindars erstem pytbiscben Siegesliede umnittelbar mit mehreren Gegnern zu tbnn. Dass ein Fünfkampfer allemal einer Mebrheit von Gegnern sich gegenübersah. scheint das Epigramm des Lucil-lios zu beweisen, nnd dass ferner diese Mebrheit von Gegnern mehrere

ocr page 101

93

Kampfe hindurch dieselbe blieb, lehrt die Bestechungsgeschichte des Kallippos.

Der hollandische Gelelirte Holwerda kehrte, durch das Febl-sclilagen der Versuche Finders und Gardners veranlasst, wieder, wie er sagt, zn der einfaclien Ansicht Plülipps zurück und steilte sicli den Verlauf des Fünt'kampfes in folgender Weise vor. 1) Hatten am Ende des vierten Kampfes zwei Bewerber, jeder in zwei Wettkampfen, gesiegt, so fielen alle andern von selbst aus, und ein Ringen zwischen den beiden Siegern entschied; dies ist der Fall des Hieronymos und Tisamenos. — 2) Hatten nach dem vierten Wettkampfe zwei je einen Sieg, einer zwei Siege errungen, so fielen diejenigen aus, die gar nicht gesiegt batten, a) Siegte dann im Ringen derjenige, der sclion vorher zweimal gesiegt hatte, so war der Karapf natürlich entscbieden; b) siegte aber einer dei-beiden andern, so entschied ein neues Ringen. — 3) Nur dann fiel keiner aus, wenn nach dem vierten Wettkampfe keiner mehr als einen Sieg erworben hatte. a) Siegte dann im Ringen einer, der schon vorher einmal gesiegt hatte, so erwarb er durch seine Einzelsiege den Ganzsieg; b) wenn nicht, so trat der Fall des mythischen Pentathlons ein, dessen ganzen Verlauf' Fhilostratos, wie Holwerda mit Finder und vielen andern annimmt, schildert. Nach dem Ringen sind fünf Einzelsieger vorhanden; zwischen ihnen wird der Ringkampf fortgesetzt, bis nur ein Faar übrig bleibt (zuerst sind zwei Faare und ein Ephedros, dann ein Faar und ein Ephedros da, alsdann ein Faar); der Sieger im drit'ten entscheidenden Gange erlangt den Ganzsieg.

Die Voraussetzungen, von denen Holwerda bei dem Aufbau seines neuen Systems ausgeht, sind meistenteils unrichtig. Mit Unrecht sieht er in der Stelle des Fhilostratos einen ausfïïhrlichen Bericht über den Verlauf des Fünfkampfes selbst, in der Fünfzahl der namhaft gemachten Argonauten die normale Teilnehmerzahl. Die Forderung, welche das eigentliche Wesen des Fünfkampfes begründet, dass zum Ganzsiege im Fünfkampfe Einzelsiege in min-destens drei Stücken von den fünfen geboren, schiebt Holwerda in den meisten Filllen völlig beiseite. Nur in den Fallen 1 und 2 a, die gewiss nur selten eingetreten waren, hiitte der Ganzsieger wirklich in drei Stücken gesiegt; in den haufigeren Filllen 2 b und 3 a batte derselbe nur in zwei Stücken, im haufigsten Falie 3 b sogar nur in einem Stücke, namlich im Ringen, gesiegt.

Ein weiterer Irrtum, der auf einer unrichtigen Erklarung der öfter erwahnten Stelle in Findars siebentem nemeischen Siegesliede (V. 70 ff.) beruht, ist es, wenn Holwerda annimmt, dass schon nach dem driften oder vierten Kampfe einem Kampfer der Ganzsieg im Fünfkampfe zugesprochen werden konnte, falls er schon drei Einzelsiege errungen hatte. Bei der ausschlaggebenden Stellung,

ocr page 102

94

die gerade das Ringen sonsfc in Hohverdas System einnimmt, ist es ein Widerspruch, einen Fünfsieg ohne den Sieg im Kingen für vuil zu rechnen. Uberdies wissen wir aus dem Epigramm des Simonides, dass Diophon auch noch zum Ringen angetreten ist, obwohl er bereits niclit bloss in drei, sondern sogar schon in vier Stiicken den Sieg davongetragen hatte. Ein Fünfsieg, der auf (jrund von vier oder gar fttnf Einzelsiegen zuerkannt war, verlieli eben höheren Ruhm als ein auf imr drei Einzelsiege begründeter. Ohne den Sieg im lïingen, darin hat often bar E. Finder (S. 72 ft.) recht, war überhaupt der Gesamtsieg im Fünfkampf nicht zu er-ringen. Das drückt in der That die GrUndungssaee in ihrer Weise

o _ o o

deutlich genug aus, indem sie dem lason bei der Einrichtung der Gesetze eine gewisse Parteilichkeit für den gewaltigen Ringer Peleus zuschreibt. Hiermit stimmt es überein, dass die drei Fiinf-sieger, über deren Sieg wir überhaupt etwas Genaueres wissen, Peleus, Hieronymos und Diophon, insgesamt auch im Ringen ge-siegt haben.

Marquardt, der in jüngster Zeit die Fünfkampffrage ein-gehender behandelt hat, geht bei seiner Untersuchung zunachst von folgenden Voraussetzungen aus: 1) Dass alle fünf Kampfarten wirklich durchgekampft werden mussten, 2) alle fünf Kiimpfe für die Entscheidung von gleichem Gewichte waren und der Rmgkampf als letzter den Ausschlag gab und endlich 3) alle Bewerber bis iins_ Ende sich in gleicher Weise an allen Kampfen beteiligten. Dabei giebt er dem Triagmos, „Dreisiegquot;, dem ccTCorqiaica ,Drei-siegenquot; der Fünfkampfer eine ganz andre Bedeutung als Philipp, Finder, Gardner, Holwerda: wahrend diese namlich darunter ein Siegen in drei verschiedenen Kampfarten verstanden, sieht er darin ein Siegen in drei Gangen der namlichen Kampfart, iihnlich wie beim Ringen. Ferner nimmt er, iihnlich wie Finder und Holwerda, fünf als normale Teilnehmerzahl an, obwohl er nebenbei auch eine Beteiligung bis zu 25 Bewerbern nicht für ausge-schlossen halt.

Auf Grund dieser Voraussetzungen stellt sich Marquardt den Verlauf eines Fünfkampfes folgendermassen vor: Die fünf Teil-nehmer (A, B, C, D und E) wurden für jeden der fünf Kiimpfe von nenem durch das Los in Faare geteilt: A hat zunachst mit B, C mit D zu kampfen; daim messen sich die aus diesen Paar-kampfen hervorgegangenen Sieger A und C, und endlich hat der Sieger dieses Paares noch mit dem Ephedros E um die Entscheidung zu streiten. Das Ganze stellt dann bei jeder Ubungsart einen Kampf in drei Gangen dar, welcher in jedem Falie einen Hauptsieger, einen 71qi~jto£ (.Ersterquot;) nach der Kunstsprache, er-geben muss. Hat namlich A das Glück, in allen drei Gangen zu siegen, so ist er der ,Erste-: wird er aber im driften Gange

ocr page 103

I ■

95

voni Ephedros geworfen, so fiillt diesem die Elire des Haupt-sieges zu, da er einen zweimaligen Sieger Uberwuuden hat; A aber bleibt wegen seiner beiden Siege in den ersten Gangen der dsvreoog (,Zweite, Zweitbestequot;). Aber aucb C hat im ersten Gauge einen Sieg anfzuweisen, hat also immer nocli einen Vorteil vor den jedes Erfolges entbehrenden B und I) voraus; jener ist ein tqitoj: (,Dritter, Drittbesterquot;), diese dagegen sind /oiaujiai'oi. oder roia-/fj-évrsg („Dreibesiegtequot;). In dieser Weise werden alle fünf Kampf-arten durchgekampft. Nach dem letzten Kampfe, dem Ringen, werden von den Kampfrichtern ganz nach den Bestimmungen der nenen deutschen Wetttnrnordnnng die von alien funf Mitkampfern erzielten Erfolge zusammengestellt mid mit Punkten von 1—3 ge-wertet; derjenige Kampfer, welcher die höchste Punktzahl erzielt hat, wird als Sieger (ioicc/.i^o) ausgerufen.

Die Richtigkeit seines Systems sucht Marqnardt an den drei Fünf'siegern Diophon, Pelens nndHieronymos rechnnngsmassig nach-zuweisen. Diophon, der in allen Kampfarten „Ersterquot; gewesen war, hatte die höchste erreichbare Punktzahl von (5X3=) 15 er-reicht, war also selbstverstandlich Sieger. Auch beim Kampfe der Argonauten stimmt die Rechnung, wie folgende Zusammenstellnng lehrt (die Kampfarten nach Marquardts Reihenfolge);

Lauf. Sprung. Diskos. Akontion. Ringen. Insgesamt.

1. Kalais 3 Pnnkte 1 P. 0 P. 0 P. 0 P. = 4 Punkte

2. Pelens 2 , 2 P. 2 P. 2 P. 3 P. = 11

3. Zetes 1 , 3 P. 0 P. 0 P. 0 P. = 4 ,

4. Telamon 0 , 0 P. 3 P. 1 P. 2 P. = (gt; ,

5. Lynkeus 0 , 0 P. 1 P. 3 P. 1 P. = 5 Hiernach ware Pelens mit 11 Punkten weitans der beste, da er dem nachstbesten Telamon inn 5 Punkte überlegeu ist. Diese Uberlegenheit wird noch bedeutender, wenn Marqnardt für das Ringen, weil demselben eine Vorzugsstellnng eingeriiumt sei, die Punktzahl doppelt rechnet; denn dann hat Pelens 14 Pnnkte erzielt, also 6 Punkte mehr als Telamon, der nnr 8 Pnnkte hat.

wenn man mit

Da freer en stimmt die Rechnung

Marqnardt nach dem Wortlaut des Berichtes bei Herodot den Tisamenos als viermaligen .Erstenquot; und den Hieronymos als vier-maligen ,Zweitenquot; betrachtet. ,Als viermaliger now/ngquot; (Erster), meint Marqnardt, ,erhalt Tisamenos 12 Pnnkte, Hieronymos aber wie Pelens (4x2=) 8 Pnnkte als dsvregog |. Zweiter quot;| und 6 Punkte als ïkh'jkk. zusammen 14, wodurch ihm der Sieg — dnrch seine Uberlegenheit im Ringkampfe — gesichert ist.quot; Marqnardt vergisst hierbei dem Tisamenos seine Ringleistung, ver-möge deren er doch .Zweiterquot; war, weil er erst in dem letzten entscheidenden Ringen dem Hieronymos erlag, nut (2 X 2 =) 4 Punkten anzurechnen; unter Znrechnnng dieser 4 Punkte würde

ocr page 104

96

:

«ï l:

also Tisamenos ini ganzen (12 4=) 16 Punkte, also 2 mehr als Hieronymos erzielt und somit den Ganzsieg errangen haben.

Selbst wenn die Berechnungsweise, die übrigens etwas sehr Künstliches an sicb hat, besser anf die überlieferten Fiille passte, würde Marquardts System unsern Beif'all nicht tinden.

Vor allem ist dasselbe ebenfalls, wie alle bisber besprocbenen Systeme, nur bei einer kleineren Anzabl von Teilnehmern braucb-bar; dies gestelit Marquardt sclber ein. Scbon bei 9 Teilnehmern, dies weist er selber nacb, würde .der Epbedros erst in einem vierten Gange zur Thiitigkeit kommen können, was sicb mit un-serer Auffassung des Triagmos nicht mehr vereinigen lasst.quot; Für den immerhin denkbaren Fall einer grosseren Beteiligung schlagt nun Marquardt einen Ausweg vor, der allerdings die drei Grund-siitze vollstandig umgeht, die er seinem Systeme zu Grunde gelegt hat. Um die minder Tuchtigen zunachst auszuscheiden, schlagt er namlich ahnlich wie Pinder eine Vorprüfung vor. nicht aber, wie Pinder will, im Sprunge, sondern im Lauf'e, den er als erste Kampfart betrachtet. Zu diesem Zwecke teilt er alle Angemel-deten in 5 gleich grosse Gruppen, also 25, 20, 15 in Gruppen von je 5, bez. 4 oder 3 Personen und liisst dann nur die Gruppensieger an deni eigentlichen Fünfkampfe teilnehmen. Bei dieser höchst uu-gerechten AussondeiTingsweise würden also von 25 Bewerbern nur die 5 verhaltnismassig Schnellfüssigsten überhaupt Aussicht aut Sieg im Fünfkampf gehabt haben, und nicht die Ringfertigkeit, wie die Gründungssage es andeutet, sondern die Schnellfüssigkeit würde die meiste Anwartschaft auf den Kranz im Pentathlon ge-wahrt haben.

Auch die neue Auffassung, welche Marquardt von dem Triagmos ( „Dreisieg- j der Fünfkanipfer sicb gebildet hat, erscheint un-haltbar. Was bat es denn für einen Sinn, fünf Kampfer, die sicb im Laufen und Springen, im Diskos- und Speerwerfen messen sollen, zunachst in zwei Paare mit Ephedros einzuteilen; wer unter 5 Wettkampfern in diesen Ubungen der Erste, Zweite und Dritte sei, liisst sicb doch viel rasdier und sicherer feststellen, wenn jede Übungsart von allen fünf in einem Zuge hintereinander um die Wette ausgeführt wird. Wozu da erst diese ganz umstand-liche Einteilung in Paare, die die dreifache Zeit beansprucht und den Ephedros unbillig bevorzugt? Die Einteilung in Paare ist allerdings beim Ringen, Faustkampf und dem aus Ringen und Faustkampf zusammengesetzten Pankration (,Allkampf-) durch die Natur dieser Ubungen geboten. Aber bei Ubungen wie Laufen und Springen, Diskos- und Speerwerfen erschwert die Einteilung der miteinander zu vergleichenden Wettkiimpfer in Paare eine gerechte Beurteilung.

Ganz unbillig ist auch die einflussreiche Stellung, die Marquardt

|j

I'

'ï ■ 1

V i

■I -fel

uii

: Hpi'!

iy

1 It ill

ocr page 105

97

der Ephedrie in seinem System einraumt. Ephedros (^Beisassequot;) hiess bei den alten Hellenen derjenige Kampfer, der bei ungerader Ge-samtzahl durch das Los keinem der gebildeten Paare zngewiesen war und nun zuniichst rullig ,dabeisass' und untbatig zusah, wahrend die zusammengepaarten Nebenbubler miteinander kampften. Bis vor kurzem batte man iibrigens von der Epbedrie, die beim Ringen eine gewisse Bedeutung batte, zwei gleicb nnricbtige Ansicbten. Einige meinten, der Epbedros babe, nacbdem alle Paare gerungen, sicb mit allen Paarsiegern der Reibe nacb messen müssen, die andern, dass der Epbedros so lange untbatig blieb, bis nur ein einziger der andern Kiimpfer übrig bliel), mit dem er alsdann um den Endsieg zu ringen batte. Nacb der ersten Ansicbt ware der Epbedros viel zu ungünstig, nacb der zweiten viel zu gunstig ge-stellt gewesen; die ricbtige bisber nocb wenig bekannte Ansicbt liegt in der Mitte Hiernacb wurde ein bei der Losung aus-gescbiedener überscbüssiger Kampfer jedesmal nur fur einen Gang vom Mitkampfen entbunden; waren alsdann die bei der ersten Losung zusammengepaarten Kampfer mit dem Ringen fer-tig, so kamei) die Paarsieger mit dem Epbedros znr engeren Be-werbung und wurden nun zunacbst wieder durcb eine neue Losung, an der der Epbedros mit teilnabm, in Paare geteilt. So war auf jeden Fall der Epbedros, der beim ersten Ringen untbatig bleiben durfte, scbon bedeutend genug im Vorteil; bestimmte nun aber das Los denselben Wettkampfer audi zum zweiten, ja dritten Mai zum Epbedros, so batte ein so begiinstigter Wettkampfer freilicb einen mttbelosen Sieg oder, wie es in der Spracbe der Atbleten biess, einen „Sieg olme Staubquot; (r/y.ar cixoviri) sicber; und gerade diese Ein-ricbtung der Epbedrie gab Anlass zu den Klagen des Altertums fiber dieWidersinnigkeit des Loses. Indes liess man sicb beim Ringen,Faust-kampf und ,Allkarapf■ diese Epbedrie als ein not.vendigesUbel nocb gefallen; dies aber in der scblimmsten Form auf Ubungen, die paar-weise vorzunebmen an sicb ganz unzweckmassig ist, übertragen zu wollen, war entscbieden kein glücklicber Gedanke.

So bat denu keines der bisber aufgestellten Kampfsysteme vor unserer Priifung bestanden, und ein neuer Versucb musste gewagt werden, leb babe diesen Versucb gemacbt und glaube ein System gefunden zu baben, das den Nacbricbten des Altertums und den teebniseben Anforderungen besser entspricht als die bisber gefundenen. Meine Ansicbt babe icb in einer zu Ostern erscbienenen Programmabbandlung bereits der gelebrten Welt mitgeteilt. Diese Arbeit bat zu meiner Freude das Interesse der Altertumsforscber in bobem Grade erregt. So bat einer der gründ-licbsten Kenner des belleniscben Altertums, derselbe, welcber seiner Zeit zuerst mit Wiirme für E. Pinders geistvolle Ansicbt eintrat und bisber an derselben unbeirrt durcb die dagegen gericbteteii

ocr page 106

98

Angriffe festgehalten batte, nach Kenntnisnahrue meiner Unter-suchungen mir geschrieben, class er sicb wohl zu schnell bei E. Pinders Ansicbt berubigt babe. Zwei zugleicb mit dem Turnen vertraute Gelebrte, C. Th. Lion und Boetbke, baben meine kleine Sebrift bereits giinstig benrteilt, jener in der ,Monatsschrift ftir das Turnwesenquot; (VII. Jabrgang, S. 1491'.), dieser in den ,[{und-scbreiben des Kreises 1'. Aucb sonst bat man scbon von tnr-neriscber Seite dem von mir aufgestellten neuen Karapfsystem dankenswerte Aufmerksamkeit gescbenkt. An drei Orten, in Eis-leben, Frankfurt a/M. und Cantb bei Breslau bat man nacb Mass-gabe desselben den Fttntkampf erneuert. Am letztgenannten Orte tand die Ausfübrung eines dem neueren Turnbetriebe angepassten Fünfkampfes nnter meiner eigenen Leitung statt. Die dabei ge-macbten Erfabrungen baben mir Anregung zu einer erneuten ge-wissenbaften Prüfung gegelien und micb darauf gebracht, das gefundene System zu bessern und zu bericbtigen, namentlicb dem Ringen und der Epbedrie eine andere Stellung im Ganzen meines Ivamplsystems anzuweisen als bisber. Es sei mir nun gestattet, im tblgenden meine so verbesserte Füntkarapfbrdnung zu entwickeln; da icb für die gelebrte Grundlage auf meine bereits ersebienene Pro-grammabbandlung (in Kommission bei G. Fock in Leipzig) ver-weisen kann, darf icb micb bier in mancber Beziebung kürzer fassen.

Die Frage nach der Zuerteilung des Sieges im Fünfkampfe ist gelost, wenn das Eatsel gelost ist, welches uns die Gründungs-sage des Philostratos aufgiebt. Wie ist es möglich, dass Peleus, der doch nur im Ringen unter seinen Mitbewerbern entschieden tier Beste, in den andern vier Ubungsarten aber nur Zweitbester war, ausser dem Kingsiege noch in wenigstens zwei andern Kampfen einen Sieg im Sinne der Griechen als Erster davontrug, um schliesslich durch den Ringsieg als Gesamtsieger aus dem Fünfkampfe hervorzu-gehen? Es war dies nicht möglich, wenn die ersten vier Ubungen von allen Wettkampfem in einer ungeteilten Masse durchgemacht wurden; denn, wenn Peleus in diesen Ubungen alle namhaften Argonautenhelden zu bekampfen hatte, so wurde er in keiner dieser vier Ubungen .ersterquot; Sieger, sondern allemal nur „Zweiterquot;; er ware also ohne jede Aussicht auf den Gesamtsieg, zu dem min-destens der Sieg in drei von den fünf Stücken gehorte, in den entscheidenden Ringkampf eingetreten; sein einziger Sieg im Ringen, den er allerdings sicher hatte, batte ibn nicht des Kranzes würdig gemacbt. Bei dem Fünfkampfe der Argonauten biitte es so wohl fünf Einzelsieger, aber keinen dreifachen Sieger gegeben; es batte also bei dem vorbildlichen Fünfkampf auf Lesbos überhaupt an einem Gesamtsieger gefehlt. Anders, wenn die Gesamt-zabl der am Fünfkampf beteiligten Argonauten, mochten nun an

ocr page 107

09

demselben uur die nambaft gemachten 5 Haupthelden oder ausser ihnen auch noch andere von den Argonauten, deren Zahl sich nach einer Uberlieferung auf im Ganzen 50 belief, teilnehmen, für die vier ersten Ubungsarten in Kampfergrnppen eingeteilt wurden, in rdèeig, wie dies von Pausanias (VI, 13, 2) z. B. für das Laufen ausdrlicklich überliefert ist. Wenn namlich die Fünfkampfer auf Lesbos die vier ,Dromosübungenlt;4 in Triaden, Abteilungen von drei, durcbkampften, so batte Peleus, der in allen diesen Stiicken Zweit-bester war, in zwei von diesen vier Kampfen den Sieg ganz sicber, und er konnte mit der sicberen Aussicbt auf den Scblusssiequot;' in

O

den entscheidenden Ringkampf eintreten. Wer audi die beiden Gegner waren, mit denen er sich im Laufen und Diskos, im Springen und Speer zu messen batte, in zwei Stiicken war er als „Zweitbesterquot; beiden überlegen, selbst wenn beide za jenen vier Helden gebörten, die in einer Kampfart sicber siegen mussten. Waren z. B. die beiden Boreassöhne seine Nebenbuhler, so war Peleus sicber Sieger in den beiden Armübungen; waren es Lynkeus und Telamon, so durfte er mit ebenso grosser Zuversicht auf den Sieg in den Beinübungen rechnen.

Dass die Kampfabteilungen beim Fünfkampt' in der Regel nicht weniger und nicht mehr als drei umfassten, geht nicht bloss aus dem Berichte über den vorbildlichen Argonautenfünfkampf hervor, sondern wird auch durcb andre gelegentliche Andeutungen alter Schriftsteller bestatigt. Dass die Fünfkampfer es in den meisten Ubungsarten mit mehr als einem Gegner zu thun batten, ist be-reits oben bei der Widerlegung von Gardners Ansicht nacb-gewiesen. Dass aber die Taxis nicht aus vier Personen bestand, geht aus der Gründungssage hervor; ware namlich Peleus mit drei der nambaft gemachten Meister der Leibesübungen in eine Abteilung zusammengefübrt worden, so batte er uur in einem der vier einleitenden Kiimpfe den Sieg davontragen können, und er batte also durcb das Ringen uur zweifacher, nie aber dreifacher Sieger werden können; es ware also auch in diesem Falie auf Lesbos überhaupt nicht zu dem Ergebnis eines Gesamtsieges ge-kommen. Dass beim Diskosschleudern in der llegel drei Fünfkampfer gleichzeitig bescbaftigt waren, wird durcb die schon an-geführte Nachricht des Pausanias (VI, 19, 3) von der Dreizahl der Disken zu Olympia bewiesen. Aucli feblt es nicht auf Vasen-bildern an agonistischen Darstellungen von drei Fünfkampfern.quot;7)

Selbstverstiindlich wurden die Triaden durcb das Los gebildet und blieben gewiss die Triaden in ibrer Zusammensetzung für alle „Dromosübungenquot; unverandert die gleichen. Die Triaden durcb Losung für jede der vier Ubungsarten besonders zu bilden, batte an sich gar

^7) Vgl. meine Programniabhandlung S. 361'. nebst Amn. quot;2.

8*

ocr page 108

100

keinen Zweck und ware zeitranbend geweseu. Dass die zu Anfang durch das Los zusammengestellten Kampfergruppen langere Zeit zu-sammenblieben, dattir spricht aucb die schon erwahnte Bestechungs-geschiclite; Kallippos konnte durch Bestecluuig nur dann seine Aussichten auf Erfolg einigermassen sichern, wenn die Kümpfer, die er bestach, ihm möglichst lange als Gegner gegenüberstandeu.

Erst beim Ringen wurde eine andere Einteilung durch die Eigenart dieser Wettübung entschieden geboten. Auch hier die Triaden beizubehalten, wie ich früher anzunehmen geneigt war und noch in meiner Programmabhandlung sowie in meinem Aufsatze; .Der Fünfkampf der alten Hellenen in neuer Gestaltquot;os) voraus-setzte, ware unzweckmassig und unbillig gewesen. Ein praktischer Versuchquot;9) hat mir seitdem gezeigt. dass es ein Fehler walden Notbehelf der Ephedrie ohne Not zu einer einflussreichen grundlegenden Einrichtung des ganzen Systems zu machen und dadurch dem Zufall einen allzugrossen Einfluss auf das Schluss-ergebnis einzuraumen. Das Ringen wurde, wie sonst immer, so gewiss auch als Schlussübung des Pentathlons am besten paarweise vorgenommen, und nur bei ungerader Ringerzahl wurde der eine Uberschüssige Ephedros. Das Ringen wurde ja aucb, wenigstens in Olympia, sogar auf einem ganz anderen Platze als die vier vorhergehenden Übungsarten vorgenommen, und eine feierliche neue Auslosung eröffnete in passender Weise diese Schlusshandlung des Ganzen.

Die Vorzugsstellung, welche nach der Sage des Philostratos dem Ringen im ganzen System eingeraumt war, bestand, wie schou Pinder richtig betont bat, offenbar darin, dass zum Gesamtsieg im Fünfkampf der Sieg im Ringen allemal notwendig war; dafür spricht auch der Umstand, dass alle drei Fünfsieger, von denen wir etwas Genaueres wissen, Peleus, Hieronymos und Diophon, zugleich Sieger im Ringkampfe waren. Da nun aber ausser ilem Ringsiege zum vollen Fünfsiege noch wenigstens zwei Siegeserfolge in den vorhergehenden Kampfen gehörten, so ware es ganz über-flüssig und nebenbei zeitraubend gewesen, alle Mitkampfer zum entscheidenden Ringen zuzulassen; diejenigen Mitkampfer, welche in den ersten vier Übungsarten weniger als zwei Siege davon-getragen batten und also koine Aussicht auf den Gesamtsieg mehr batten, wurden mit gutem Grunde von der Teilnahme am

98) Dieser Aufsatz ist veröffentlicht in den .Jahibüchern der deutschen Turn kunstquot; 1888 S. 2f)9 ff., der „Monatsschrift für das Turnwesen' 1888 S. 195 ff,, der .Deutschen Turnzeitung' 1888 S. 472 f., „Kreisblatt für den II. deutschen Turnkreis' 1888 S. 25 f.

'M) Vgl. den Bericht hierüber in den ,Jahrbüchern der deutschen Turn-kunstquot; 1888 S. ö97 f., „Kreisblatt für den II. deutschen Turnkreisquot; 1888 S. 28 f.

ocr page 109

101

Ringen ansgeschlossen. „Die bis zum Ringen gelangtenquot; (ol ó' tig Ttdkrjv cupi/.óusvoi) oder, wie Finder bezeichnend übersetzt, „die bis zum Ringen durchgedrungenenquot; Etinfkiimpfer, welche nach Xenophon (Hellen. Vil, 4, 29) zur Zeit des Einfalls der Eleier im Jahre 364 v. Cbr. nicht mebr im Dromos waren, sondern bereits zwischen dem Dromos und grossen Altar des Zeus rangen, sind eben die Fünfkampfer, welcbe in jener 104. Olympiade in den vier Dromosübimgen scbon zwei oder mehr Einzelsiege errungen batten und nnn mit dem entscheidenden Ringen beschaftigt waren.

Nach dem von mir aufgefundenen Fünfkampfsystem tinden die drei Fünfsiege, von denen uns Sage und Geschichte Niiheres berichten, vollstandig ihre Erklarung. Nach der Beendigung dei-vier ersten Kampfarten mussten mindestens so viel zweifache Sieger vorhanden sein, wie Triaden gekampft batten; zu diesen zweifachen Siegern, die berechtigt waren, in das Entscheidungsringen mit ein-zutreten, gehorte auf jeden Fall audi Peleus. In diesem entscheidenden Schlusskampfe aber batte der gewaltige Ringer den Sieg und damit, dank der Anordnung seines Freundes lason, eben ver-möge dieser seiner Ringtüchtigkeit den Gesamtsieg im Fünfkampf der Argofahrer auf Lemnos sicher.

Auch der Fünfsieg des Hieronymos über den Tisamenos wird bei dieser Kampforduung erst recht klar. Mochten diese wackeren Kampen zu Olympia die ersten vier Kilmpfe in zwei verschiedenen Triaden durchgemacht haben, was eigentlich nach dem Wortlaute Herodots am wahrscheinlichsten ist, oder schon von vornherein in derselben Kampfergruppe gegeneinander gestritten haben, — und dies möchte man nach Pausanias' Darstellung annehmen —, in jedem Falie traten beide als zweifache Sieger in den entscheidenden Schlusskampf des Ringens noch mit der Hoffnung auf Sieg (Lu i'l.TtiÖL vr/.rjg) ein. Da „lag es', wie Heirodot in seiner gemüt-lichen Teilnahme für seinen priesterlichen Helden Tisamenos be-dauernd bemerkt, „uur an einem Gange im Ringen, so siegte der Genannte im olympischen Wettkampfe, nachdem er mit Hieronymos aus Andros in Kampt' gekommen warquot;; aber, — so drückt sich Pausanias aus — „er wurde von diesem im Ringen besiegt und ging so des Sieges verlustig11.

Viel glanzender als der Sieg des Hieronymos, wie sich der-selbe nach Pausanias gestaltete, war der Sieg des von Simonides gepriesenen Diophon, Philons Sohn: er ging innerhalb seiner Triade aus den vier einleitenden Ubungen als vierfacher Sieger hervor und rang dann auch in dem entscheidenden Schlussringen alle seine Gegner nieder, so dass er als fünffacher Sieger den Krauz davontrug.

Die von uns gefundene Kampforduung entspricht auch vom technischen Standpuukte aus betrachtet allen Anibrderungen: sie

ocr page 110

102

wendet in eiiiem Kampfspiele, bei dem nicht, wie sonst, einseitiges Virtuosentum, sondern allseitige ebenmassige Durchbildung des ganzen Mannes den Kranz erwerben sollte. dem wahi-bafb Würdigsten den Sieg zu. Dies wird in ebenso zweckmassiger wie billiger Weise gesichert, indem von dem Grundsatze ausgegangen wird: des Kranzes würdig sei nicht mehr derjenige, welcher unter allen au-gemeldeten Kampfern in einer Ubungsart der Erste ist, sondern wer wenigstens in der Hiill'te der beiden Bein- nnd der beiden Armübungen zu dem besten Drittel aller Mitbewerber gehort und alsdann noch in der angesehensten volkstümlichen Wettübung des Ringens, die ihrer Natur nach zugleicli besonders geeignet ist, vim unter sonst gleich Tiiclitigen eine klare Entscheidung herbei-zuführen, über die tüchtigsten Nebenbuhler den Sieg davontragt. Oder, wie der Merkvers der Kenner der heiligen Pestspiele bei Eustathios lautet;

Sprung der Füsse und Diskoswurf und das Schwingen des Speeres,

Lauf urn die Wette und Kingen; em einzig(gt;s Endziel tür allo.

Um nun aber festzustellen, welche Kampfgenossen zum besten Drittel in den verschiedenen Bein- und Armübungen gehörten, dazu hiitten die Kampfordner, die einst mit dem Entwurf einer Kampfordnung tïïr das Pentathlon beauftragt waren, zwei ver-schiedene Wege einschlagen können. 8ie konnten diese Ubungen von allen Beteiligten der Reihe nach durchmachen lassen und dann die durch ihre Leistungen zum ersten Drittel gehörigen Kampfer als Sieger rechnen: oder sie konnten die Gesamtheit der Teilnehmer in Triaden die Ubungen vornehmen lassen und die in jeder Triade Besten als Sieger betrachten. Jenen Weg halt Boethke in seiner Beurteilung meiner Abhandlung wenigstens bei den Mittel-übungen (er meint damit Diskos, Sprung und Speer) für den rich-tigen; er halt es namlich für bedenklich, dass in diesen drei Übungeu, in denen das Mass der Leistung jedes Einzelnen sich einfach ablesen liess, leicht der Sieger einer Gruppe, welche das Los aus lauter schwachen Kampfern gebildet hatte, weniger ge-leistet haben konnte, als selbst der Schwiichste einer andern Gruppe. Obwohl das letztere sicherlich vorkommen konnte, so ist doch andrerseits der zweite Weg mehr in Übereinstimmung mit der Uberlieferung und entspricht mehr dem Sportsgeist der alten Hellenen. Vor allem waren, wie oben dargelegt wurde, von 24 Wett-kiimpfern nicht die acht Besten, sondern uur der eine „Erstequot; Sieger im altgriechischen Sinne gewesen; es gehorte aber zum Gesamtsiege der .Sieg in drei Stücken von fünf*. Diese ganze lebensvollere Art und Weise, die Überlegenheit über die Mitbewerber im persönlichen Wettkampf kleiuerer Abteilungen erweisen zu lassen, dieser Einfluss des Loses bei der verschiedenartigen Zu-sammenstellung der Kampfabteilungen war entschieden viel mehr

ocr page 111

103

im Sinne der alten Hellenen als die mehr nüchterne von'^oetlike vorgeschlagene.

Schliesslich gebe icli nun noch eiu zusammenf'assendes Bild von dem gesamten Verlauf des Fttnfkampfes, wie er sicli bei eiuer Teilnalime voii 24 Wettkampfern zu Olympia nach der von mir aufgefandenen Festordnung gestaltete. Derselbe ent-spricht in seinem ersten Teile ziemlich genau dem von mir am Schluss der Programmabliandlung gezeichneten; nnr die Schluss-handlung, das Ringen, wird sicli nunmehr rasdier, wirksamer und einheitlicher abwickeln.

Es ist am vierten Festmorgen. Das Pferderennen, das mit Sonnenanfgang im Hippodrom begonnen batte, ist beeudet; die Zuscbauer sind von dort nach dem benachbarten Stadion oder Dromos geströmt und füllen bercits zu Tausenden die Pliitze, na-mentlich ant' den Wallen der beiden Langseiten, welche nördlieh, am Abbange des Kronoshügels, und südlich den langgestreckten Raum des Dromos begrenzen.

Mehrere von den durchweg 1,28 m breiten Standen der westlichen Ablaufscbranken sieht man fur den Sprung und die Wurfübungen besonders hergerichtet und ausgestattet. Die Geratscbaften, die zur Ausführung der l bungen bestimmt sind, drei etwa 5 kg schwere eherne Disken, drei Paar rundliche Halteren von etwa 3 kg Gewicht. viele 1, 2—1,4 m lange Speere mit langen dunnen Spitzen und die dazu erforderlichen ledernen Wurfschleifen100) sind ebenso zur Stelle gebracht wie die fur die Kampfrichter und deren Diener nötigen Gerate, wie der „Kanon, der Massstab des Sprnngesquot;,

10#) Bei meinem diesjilhrigen (1888) Aufenthalt in Münclien habe ich die Vasensammhing König Ludwigs I. nach Darstellungen von Fünfkampf-übungen durchlbrscht. Ich vermag die auf Seite 60 f. zusammengestellte Liste von alten Denkmalem, auf denen Riemenspeere dargestellt sind. um 3—4 zu vermehren. 1) Auf Schale Nr. 298 halt der eine von zwei sich einander gegenüberstehenden nackten Knaben zwei Speere, um deren Mitte ganz deut-lich Schlingen mit „Mastwurf geschlungen sind. 2) Vase Nr. 562 zeigt auf ihrer Vorderseite drei nackte Jünglinge, welche, eine Art Lederhaube auf dem Kopfe. nebeneinander laufen; jeder von ihnen hat eiiioii Speer in der Mitte bei der Wurfschleife gefasst; bei zweien derselben scheint der Wurfriemen mehrmals um den Schaft gewickelt. Auf der anderen Seite dieser Schale sieht man einen Flotenblaser im langen feinen Chiton mit Kopfbindc, vor ihm zwei kreuzweis in die Erde gestookte Stabe; vor diesen stehon zwei nackte Jünglinge mit der Lederhaube: der eine von denselben halt Halteren in den ausgestreckten Handen, der andere einen Speer bei der Wurfschleife. Beide Vasen verdienten verött'ontlicht zu werden. — 3) Auch auf der Vase Nr. 795, ■welche bercits von W. Klein in der Archilolog. Zeitung XXXVI, Taf. 11 ver-öffentlicht ist (audi in Baumeisters Denkm. d. kl. A.. Band I. Fig. 672 und in Seemanns kulturhist. Bilderatlas, Band I, Taf. XXI. 3), ist. wie es scheint. ein Jüngling mit Ricmenlanze dargestellt. Auf dom Innenbilde dieser Schale steht neben einem Diskosschwingor ein Jüngling. welcher zum Speerwurf ausholt. Dor Speer, wolchen der Jüngling mit der Rechten in der Mitte ge-

ocr page 112

104

Spitzhacken, Stabe zum Zeigen mid Ziehen von Zielfurchen etc. Besonders sorgsam ist die Springbahn instandgesetzt nacli dem Muster der im Hot'der olympischen Paliistra liergerichteten101); der

fasst hat. scheint mit einer Ankylo umschlungen zu sein, wenn man die Vasenzoiclmung genaner betracht et; aut' der ungenauen Abbildung ist aller-dings von der Schleife nichts zu sehen. Wenn der Herausgeber des Vasen-bildes in diesem Speerschwinger einen die Stange ansetzenden Springer erkennen will, so beweist er damit, dass er selbst keine Ahnung von einem Stangen- oder Stabspnmge hat. Eher konnte man aut' der Schale Nr. 515 einen solchen Stabspringer erkennen, der im Begritfe ist, den Stab ein-zusetzen: wenn er sprange, so könnte er t'reilieh nur die Absicht haben sich aui' das Pferd zu schwingen, welches ein Keiter an der Leine dem Stangen-trüger in den Weg tührt. Der beabsichtigte Stangensprung ware aut' keinen Fall ein regelrechter Stabsprung, sondern nur eine Improvisation jugend-' lichen Ubernmts. Vielleicht hat der Jüngling auch nur die Absicht, die ihm begegnenden Pferde mit der Stange auf die Seite zu schieben, damit sie ihn nicht über den Haufen rennen. Aut' jeden Fall ware es ein etwas wahnwitziges Beginnen, der Versuch, halb von vorne sich aut' den Rücken eines Pferdes, das einem entgegenkommt, vermittelst eines Stabsprunges zu schwingen. Wie Blümner richtig bemerkt (Bau-meister a. a. O. S. 614), erl'ahren wir sonst nirgends aus Schriftstellen oderDar-stellungen vom Gebrauch der Springstange in der alten Gymnastik. — 4) Auf dem Eundbilde der Schale Nr. 803 sind fünf nackte .lunglinge mit Hauptbinden gezeichnet: der erste ein Diskosschwinger, alsdann drei mit Stiiben hantierende, dor fünfie ein Halterentrager. Nach O. Jahns Auffassung übt sich der erste Stabtrilger mit dem Springstabe, an dem in der Mitte ein Band befestigt ist; auch hier ist wohl nicht an eino Springstange. sondern an eine Riemenlanze zu denken. Der zweite dor Stabtrager soil ferner nach O. .lahns A ermutung in dor erhobenon Rechten ein Band halten, das die beiden Stilbe, die er in der Linken halt, zusammenhielt; eher möchte man in dem Bande ein paar Riemen erkennen, die für die beiden Speere als Ankyle dienen könnten.

101) Die von mir auf Grund der Beschroibung des amtlichen Aus-grabungsbcrichtes und der dazu gehörigen Abbildungen gegebeno Erklarung der ratselhaften Thonfliesenanlage im Hofe der Paliistra zu Olympia als Skamma der Springer hat Bostatigung gefunden, wie ich in diesen Tagen von J. Partsch, Professor der Geographic und Geschichte an der Universitat Breslau, orfahren habe. Auf seine Veranlassung hat der jetzige Ephoros der Alter-tümer in Olympia. Professor B. I. Lionardos, dem er eino Programmabhand-lung von mir übersandt hatte, das fraglicho Ziegelpflaster an Ort und Stelle einer genauen Prüfung untorzogen und schreibt nun über don Befund aus Alt-Olympia unter dem 10. Juni 1S88 an Partsch folgendes; „Schon im Jahre 1884 wurde (von dem früheren Ephoros von Olympia Prof. Konst. Deme-triades, wenn ich mich nicht irre) auch die von den Deutschen unausgograben gelassone viorockige Aufschüttung der Palastra ausgegraben und so das ganze künstliche Ziegelpflaster aufgedeckt. Es hat etwa '25 m Lange; ob sich dasselbe zur Linken noch weiter ausdohnto, vermag ich nicht zu be-haupton. weil dieses Ende oinigermasson zerstört scheint. Die von Fedde angenommene Vorwondung dieses Pflasters zum Sprunge scheint nicht un-watócheinlich, jedenfalls entschioden wahrscheinlicher als die bisher herr-schende Ansielit. Denn abgesehon von anderom. wonn dio Pflasterung zum Ringen bestimmt war, ware es wohl zweckmiissigor gewesen. quadratische von-einander getrennte Pflastorungen für jedes ringende Paar herzustellen, als ein oinziges, wenn auch doppelte.s oblonges Pflaster wie das vorliogende, wo die

ocr page 113

105

„Baterquot; ist auf der Schwelle der Ablaufschranken, der sogenannten . Aphesis der Lauferquot;, festgelegt unter Benutzung jener beiden auf' den Steinplatten der Scliwelle in deren Langsrichtung ein-getieften Rillen, die nocli heute auf dem Trümmerfelde von Olympia zu sehen sind; der vordere Teil der Bahn ist auf eine Strecke von etwa 10 m mit quer gerieften Pygonqnadem, Platten von 40 cm ins Geviert, deren je drei oder vier neben-einander liegen, gepflastert: der Niedersprungplatz dahinter, „die Eskammena, das Ziel oder die Grenze des Sprungesquot;, ist von den Dienern umgegraben and woblgeebnet. Auf der für das Speer-werfen bestimmten Balm ist eine Zielsanle aufgericlitet.

Nur noch wenige Stunden sind bis Mittag, da halten die 24 Wettkampfer, die am ersten Festtage bei der Prüfung für würdig befunden sind, im Fünfkampf um den Kranz zu werben, unter der Leitung von drei langbartigen Hellanodiken, welche in langen weiten Gewandern zum Zeichen ihrer hohen Würden-stellung einen Stab in der Hand führen und das Haupt mit einer Binde umwunden haben, ihren Einzug in das Stadion durch jenen seit derMitte des dritten Jahrhunderts v. Chr. ,überdeckten Eingangquot; in der nordwestlichen Ecke; ihre völlig unbekleideten Gestalten sind durchweg von besonderer Schönheit, die sie ihrer auf Kraft und Gewandtheit zugleich abzielenden ebenmassigen Durchbildung des Leibes verdanken. Jubelnd werden sie von den Zuschauermassen begrüsst. Zuniichst nehmen sie in grossem Kreise Stellung um die silberne Urne, in welcher die etwa bohnengrossen Lose enthalten sind, von denen je drei mit einer der Zahlen u (1) bis gt;\ (8) bezeichnet sind. Einer nach dem andern tritt an die Urne heran und zieht ein Los, das er alsdann in erhobener Hand halten muss, unterstützt von einem Diener; demi er selbst darf die Zahl nicht lesen. Nachdem alle das Los gezogen, geht einer der Hellanodiken oder auch der Alytarch, der Oberste der Sicherheitsbehörden von Olympia, im Kreise herum, liest die Zahlen auf den Losen und liisst die drei, welche dieselbe Zahl gezogen haben, zu einer „Taxisquot; zusammentreten. Wolil dem, der zwei minder furchtbare Kampfgenossen zugewiesen bekam! Wehe dem, den das Los mit gefürchteten Gegnern zusammengebracht hat! Aber Fluch über den, der diese kurze Ruhepause arglistig wie einst der Athener Kallippos benutzt, um seine beiden Gegner zu bestechen! So sind in kurzer Zeit die acht Kampfertriaden gebildet.

Numuehr beginnen die fünf Kampfe mit dem Laufe; die acht Kampfergruppen durchfliegen in rasdier Folge nach einander den Zwischenraum zwischen den westlichen und östlichen Ablaul-

nebeneinandor beftndliclien Paare mitoinander zusammenstossen würden; temer sprechen die nur in die Breite laufenden Einschnitte [Riefen] auf den Thonplatten mehr für d(!n Sprung als für das Ringen.'

ocr page 114

106

schranken, welcher nach den Messungen der deutschen Ausgrabungs-kommission 191,79 m betriigt. Naclidem sicli wieder alle Kampfer-abteilungen am westlichen Ende des Stadions gesammelt haben, gehen sie der Reihe nach in der feststehenden Ordnnng an die Ausführung der drei mittleren Übungen. Jetzt liisst anch der mit scböngesticktem, bis anf die Füsse wallendem Chiton bekleidete Flötenblaser, ein Meister anf der Doppelflöte, die begeisterude . pythische Weisequot; ertönen, um den Mut und die Kraft der Kampfenden anznfeuern.

Besonders lebeudig und mannigfaltig gestaltet sich nun der Kanipf, wenn dann alle drei Ubungsbahnen nebeneinander gleich-zeitig von Kampfenden besetzt sind. Dieser Höhepunkt des span-nenden Schauspiels beginnt in dem Augenblick, wo die erste Ab-teilung nach Erledigung des Diskoswerfens und Springens zum Speerwerfen übergeht, die zweite Abteilung, die auch bereits den Diskos geworfen hat, zum Sprunge kommt und die dritte Abteilung zum Diskoswurf antritt. Welch buntes Bild von Wettkampfen bietet sich alsdann den Augen der Zuschauer dar! — Die eine Abteilung schleudert don Diskos weithin um die Wette; gewissen-haft wird bei jedem Wurfe von einem Kampfrichter festgestellt, wo die Wurfscheibe zuerst den Boden berührt hat; die Stelle wird durch ein bis in die Feme sichtbares Zeichen gekennzeichnet und die Entfernung vom Male, der ,Balbis', genau gemesseu. Der weiteste Wurf, der unseres Wissens von hellenischen Fünfkiimpfern erzielt wurde, der des Phayllos von Kroton, betrug 95 Fuss (30,40 m)102). Haben alle Drei ihren Diskos geworfen, so werden die Wurfscheiben wieder hinter das Mal zurückgebracht. — Die Kampfer einer zweiten Abteilung messen wahrenddem ihre Kraffce im Dreisprunge; die Springer suchen die Schwungkraft der Glieder mit dem wuchtigen Schwunge der Halteren zu beflügeln und sicher und fest mit geschlossenen Füssen auf den Eskammena niederzuspriugen. Auch hier wird jedesmal die hinterlassene Spur genau geprüft, o!) sie auch fest und deutlich erkennbar sei; ist dies der Fall, so wird von dem hintersten Ferseneindrucke aus eine Zielfurche quer zur Balm durch den lockeren Sand von dem Stabe des leitenden Hellanodiken gezogen und mit dem .Kanon' der Abstand vom Male gemesseu. Der weiteste Sprung, von dem die Geschichte meldet, wurde ebenfalls von dem rüstigen Kroto-niaten Phayllos ausgeführt und betrug 55 Fuss (17,60 m)102); den nachstbesten Dreisprung von 52 Fuss (16,64 m)102) erzielte der La-

,0-) Wenn das Olympische Stadion genau 191,79 m naisst, so betriigt ein olympiscber Fuss rund 82 cm; der attiscbe Fuss betrug 308 mm. Die oben naob olympischem Masse berecbneten Weiten des Diskoswurfes und der Dreisprünge würden sicb nacb attiscbem Masse also auf 29,29. bez. 16,96, bez. 16.02 m stellen.

ocr page 115

107

koner Chionis. — Jene dritte Abteilung daneben wirft uach dem fernen Ziele mit den Riemenspeeren, welclie beim Durchscliwirren der Luft jenen eigentümlichen Ton verursachen, der mit der menscli-lichen Stimme verglicheu wird. Jeder Kampfer darf dreimal werfen; daher muss ein grosser Verrat von Speeren vorhanden sein, zumal da die langen dunnen Spitzen gar leiclit verbiegen oder abbrechen. Bei jeder Kampferabteilung wird vom Hellano-diken alsbald festgestellt. wer das Ziel ara besten getroffen. — So werden alle drei Übuugsarten rait Geriiten uach und nacb von allen acht Triaden durchgekilmpft, bis auch der letete Kampfer der achten Triade seinen letzten Speer uach der Zielsaule ent-sandt hat.

Jetzt nach Beendigung der vier „Dromosübungenquot; wird zu-uiichst von den Kampfrichtern durch gewissenhatte Prüfuug festgestellt, wer zu dem entscheidenden Riugkarapfe zugelassen werden darf. Wer iuuerhalb seiner Taxis uur in einer oder in gar keiner Ubungsart den Sieg erruugen oder wer gegen die Gesetze des heiligen Wettkampfes sich frevelhaft vergangen hat. wird vom Scblussringeu ausgeschlossen; nur wer in weuigstens zwei Stücken regelrecht gesiegt hat, darf mit der Hoffnung auf Sieg an der Schlusshaudlung des ganzen Kampfsystems teilnehmen. Es sind diesmal ihrer im ganzen 10, neben 7 zweifachen Siegern, zwei dreifache uud ein vierfacher.

Über alledem sind die wenigen Stundeu des \'ormittag.s vergangen. Wohl ist schon mancher Schweisstropfen vergossen; deun bei jeglicher tlbung setzt jeder einzelue seine volle Kraft ein. üoch hat die bisherige Kampfesarbeit den jugendfrischeu Wett-kampfern noch nichts ÜbermSssiges zugemutet; denn die Ab-teilnngeu habeu uach jeder Ubungsart mehr oder weniger lange Erholungspausen gehabt, und zweckmÊissig sind abwechselnd die Beine und Arme angestrengt. Jetzt, da die Sonne im Scheitel-punkt stelit, koramt der schwierigste Kampt', von dessen Ausfall die Entscheidung des Ganzen abhaugt. Unter dem Geleite der Hellanodiken ziehen die Fünfkampfer feierlich auf demselben Wege, auf dem sie hereingekommen sind, zum Stadion hinaus, um anf dem Platze zwischen dem Stadion und dem grossen Altar des Zeus zu ringen. Das Volk aber sucht schleunigst auf anderen Wegen ebendorthin zu gelangen, um in weitem Kreise um die Kampfer gruppiert dem spannendeu Schlusskampfe zuzuschauen. Durch eine ueue Losung, die ebenso feierlich vor sich geht wie die zu Anfang, werden die 10 Nebeububler in 5 Paare eingeteilt; die 5 Paarsieger werden durch das Los uochmals in 2 Paare uud einen Ephedros geteilt und daim durch eine dritte Losung aus den beiden Paarsiegern und dem Ephedros ein Paar mit Ephedros sebildet. In das entscheidende Schlussrinareu tritt endlich der

ocr page 116

108

Paarsieger mit dein Ephedros. Wer in diesem letzten schwersten Ringkampfe seinen Gegner dreimal regelrecht geworfen hat, hat daniit den Allsieg im Fünfkampf errungen. Sein Name wird durch die eherne Stimme des Herolds der gespannt horchenden Pestversammlung verkündet. Voll Freude und Stolz aber hört es der zum Fünfsieg durchgedrungene Kiimpe. Das Glück dieser Stnnde ist Lohn genug für die lange mühevolle Vorbereitung und far die heissen Kiimpfe des Tages; es wird nur überboteu durch die Seligkeit des Augenblicks, wenn am folgenden Tage in der glanzenden Schlussfeier der ganzen olympischen Festzeit unter dem brausenden Jubel des Volkes dem Sieger jener einfache Kranz vom wilden Olbaum des Zeus auf das Haupt gesetzt wird. in dera der Hellene das köstlichste Gut der Erde sah.

ocr page 117

A n li a ii Der Fünfkampf in neuer Gestalt,

dem heutigen Tumbetriebe angepasst.

Uie im folgenden zusammengestellte Fünfkampfordnung schliesst sich in ihren Grundzügen an die Kampfordnung an, welche nach den neuesten Uutersuchungen des Verfassers für den Fünfkampf der alten Hellenen massgebend war. Indes sind die Übungs-arten der alten Hellenen, welche unserem heutigen Ubungsbetriebe fremd sind, durch andere ersetzt: an die Stelle des Diskosschleu-derns, des Dreisprunges mit Halteren und des Werfens mit dem Riemenspeer sind Steinstossen, Weitspringen und Gerwerfen ge-treten. Ancli sind im einzelnen, so weit es geht, die Bestim-mungen der neuen deutschen „Turnfest- und Wettturnordnung' beibehalten. Die hier gebotene Fünfkampfordnung will eine Yer-bessernng der vom Verfasser früher bereits in den „Jahrbüchern der deutschen Turnkunstquot; (1888 S. 271 ft'.), der „Monatsschrift für das Turnwesenquot; (1888 S. 196ft'.), der „Deutschen Turnzeitung* (1888 S. 473f.) und dem .Kreisblatt für den II. d. Turnkreis' (1888 S. 25f.) veröffentlichten sein: demi ein praktischer Versuch mit dieser früheren Kamjifordnung und weitere Forschungen haben gezeigt, dass dem Ringen und der Ephedrie eine unrichtige Stel-lung in dem Kampfsystem angewiesen war. Diese ueue Fünfkampfordnung unterscheidet sich uatürlich auch ganz erheblich von der Wiener .Kampfordnung für den deutschen Fünfkampf', welche zuletzt in den „ Jahrbücliern der deutschen Turnkunstquot; (1888 S. 365ft') mitgeteilt ist; die Wiener Kampfordnung schliesst sich an das von Ed. Finder aufgestellte Kampfsystem an, deren Rich-tigkeit von allen Gelehrteu, die sich neuerdings eingehender mit der Sache bescluiftigt haben, bestritten wird.

Allgeineiiu' Bestiinmungen.

§ 1. Teilnehmerzahl. Die Zahl der Teilnehmer an einem Fünfkampf soli durch drei teilbar sein und nicht weniger als drei und nicht mehr als 24 betragen; Uberziihlige (1 oder 2) werden durch das Los abgesondert. 1st die Zahl der Angemeldeten grosser als 26, so werden durch das Los mehrere möglichst gleich grosse

ocr page 118

110

Abteilungen gebildet, deren jede einen besonderen Füufkampf für sich dnrchfülirt.')

§ 2. Zusammensetzung und Reihenfolge des Fünf-kampfes. Der Fünfkampf besteht aus Laufen, Steinstossen, Weitsp ringen, G er werf en und Ringen. Die fünf Übungen werden in der angegebenen Reihenfolge durchgekampft und zwar die ersten vier in K iimpfergruppen von drei (Triaden), das Ringen in Paareu.

§ 3. Bildung der Kampfergruppen und -paare. Die Kampfer werden zunaelist durch das Los in Triaden eingeteilt, deren .Mitglieder in den ersten vier Ubungsarten uur unter sich die Krafte zu messen haben. Zum Ringen werden nur diejenigen Kampfer zugelassen, welche innerhalb ihrer K iimpfergruppen in wenigstens zwei von den vier Ubungsarten den Sieg errungeu haben; die Ringer werden durch das Los in Paare nötigenfalls mit Ephedros eingeteilt (Siehe § 9a).

t; 4. Zuerkennung der Einzelsiege und des Gesamt-sieges. Wer innerhalb seiner Kampfergruppe in einer Cbungs-art der Beste ist, bat den Einzelsieg darin errungen und wird darin Gruppensieger. Wer aus dem Ringen als Sieger hervor geht und somit einschliesslich des Ringsieges wenigstens in drei Ubungsarten von den fünfen gesiegt hat, hat den Gesamtsieg errungen; er wird als Fünfsieger ausgerufen und mit dem Eichenkranz ge-krönt. Sein letzter Gegner im Ringkampf erhalt als Zweitbester

eine ehrende Erwahnun^. Wer in einer der ersten vier Übungs-

. .

arten unter allen Kampfern die höchste Leistung erzielt bat, er-halt ebenfalls eine lobende Erwahnung.

Besondere Bestiinniuiigen.

§ 5. Laufen. a) Die zu durchlaufende Bahn soil 200 m lang und womöglich in gerader Linie gelegt sein; ist dies unthunlich, so betragt sie 100 m, ist bin und zurück zu durchlaufen und am Ende mit drei festen Pfahlen zu versehen, die die Laufer im Um-kehren umfassen dürfen. b) Anfang und Ende der Bahn sind mit einem Male zu versehen und von den Kampfrichtern zu besetzen. b) Der Lauf beginnt auf ein von dem dem Standpunkte der Laufer entgegengesetzten Ende durch Senkung des hochgehaltenen Armes

') Bei grossem Zudrange könnte auch durch oino Kraftprobe im Stein-stosseii und Weatspringen eine Auswahl unter den Angemeldeten getroffen werden. An grosseren Festen sollten nur solche zur Teilnahme am Fünf-kampf zugelassen werden, welche in don genannton beiden Übungen die von der deutschen Wettturnordnung geforderte Mindestleistung von 4 m nach-weisen. Sind auf einem Feste mehrere Fünfkiimpfe durchgeführt, so kann zwischen den daraus hervorgegangenen Siegern durch einen neuen Ringkampf nochmals um den Sieg gekampft werden.

ocr page 119

Ill

seitens eines Kampfrichters gegebenes Zeichen. d) Wer zuerst ans Ziel gelangt, ist Gruppensieger.

§ 6. Steinstossen. a) Das Gewiclit des Steines betragt 17 kg. b) Er wird in beliebigei- Stellung vom Standmale (Sprung-brett oder dgl.) ans gestossen, c) Das Anfheben des Steines ge-schieht beliebig; der Stoss gescbieht mit einer Hand, gleichviel ob rechts oder links, d) Jedem Teilnehmer sind zwei Stösse ge-stattet, deren bester gilt, e) Als Mass des Stosses gilt die wage-rechte Linie vom Ende des Standmales bis zn einer senkrecbten auf den Anfang des Niederfalleindrnckes gezogenen Linie: Weiter-rollen des anffallenden Steines wird nicht gerechnet. f) Vortritt über das Standmal macht den Wurf znm Fehlwurf. g) Wer am weitesten wirffc, ist Gruppensieger.

§ 7. Weitspringen. a) Der Absprung gescbieht nach be-liebigem Anlauf und mit beliebigem Fnsse von einem 90 cm langen mid 10 cm hohen Sprnngbrette. b) Jedem Teilnehmer sind zwei Sprünge gestattet, von denen der beste gilt, c) Vor- und Riick-wartsfallen beim Niedersprnng machen den Sprung znm Fehl-sprunge. d) Die Sprünge werden von der Kante des Absprungortes bis zu dem hintersten sichtbaren Eindrucke des Fusses gemessen. e) Wer am weitesten springt, ist Gruppensieger.

§ 8. Gerwerfen. a) Der Ger ist etwa 1,80 m lang und mit einer Eisenspitze versehen. b) Es wird ans belieljiger Stellung mit oder ohne Anlauf nach einem Pfahlkopfe'-) geworfen, welcher 8—10 m vom Standmal entfernt ist. c) Der Wurf gescliieht als Kern- oder Bogenwurf, gleichviel ob mit der rechten oder linken Hand, d) Jeder Teilnehmer hat drei Würfe. e) Als ganzer Treffer gilt ein Wurf, bei dem der Ger den Pfahlkopf selbst, als halber Treffer ein Wurf, bei dem der Ger den Stander mit seiner vorderen Spitze trifft. f) Vortreten über das Standmal und Aus-gleiten machen den Wurf zmn Fehlwurf. g) Wer die meisten Treffer erzielt, ist Gruppensieger.

§ 9. Ringen, a) 1st die Zabl der Ringer nngerade, so wird der beim Losen Überschüssige Ephedros oder „Beisassequot;, der vvah-rend des Ringens des Paares bez. der Paare zuniicbst unthatig bleibt; die Paarsieger werden mit dem Ephedros aufs neue durch das Los gepaart, und so wird weiter verfahren, bis nur ein Paar abrig bleibt, das unter sich um den Schlusssieg ringt, b) Jedes Ringerpaar reicht sich vor Beginn des Kampfes die Hand, und es

-) Als Ziel fiir das Gerwerfen ist hier dor auf den deutschen Turn-platzen einheimische Pfahikopf angenommen; doch empfiehlt es sich viel-leicht für den Zweck dos Fünfkampfes, eine Zielscheibe zu benutzen. In diesem Falie miissten die Bestimmungen b, e und g entsprechend geandert werden; Gruppensieger würde derjenige sein, welcher die meisten Hinge erzielt hat.

ocr page 120

112

wird auf den durch die Kampfrichter gegebenen Befehl: „Los!quot; begonnen, c) Gegenstand des Angriffes sind nur der Rumpf, vom Nacken bis zu den Hüften, und die Arme; schmerzhatte Griffe, Beinstellen und Fassen der Kleider sind nicht erlaubt. d) Auf den Ruf: „Halt!quot; seitens der Kampfrichter ist der Kampf sofort einzustellen. e) Besiegt ist derjenige, welcher zuerst mit der Rück-seite des Kürpers, sitzend oder liegend, die Erde bertihrt oder wer sich freiwillig für erschöpft erklart; im Liegen wird nicht fort-gerungen. f) Wird von einem Paare nach Erraessen des Kampf-gerichtes der Kampf ungebührlich hinausgezogen, ohne dass eiuer zu Falie kommt, so kann das Kampfgericht verlangen, dass der Kampf binnen drei Minuten entschieden sein muss; ist dies nicht der Fall, so haben die Ringer sich mit eiuem von den Kampf-' richtern bestimmten Griffe zu fassen und den Kampf in einem Kreise von 4 m Durchmesser fortzusetzen; besiegt ist dann derjenige, welcher durch Fall oder Tritt mit mindestens einem Fusse den Kreis Uberschreitet.

Namen- und S

Abnahme der Fünt'kampferzahl 87 f.

Allkampf s. Pankration

Alpha. Vergleich d. Fünfkiimpfers mit

deinselben 8(5 f.

Amarynkeus' i'ünf Leichenspiele 7. Amentum oder Wurfschleife 59 flquot;. 1U3. Anacharsis 7. 39. 67.

Anchises' fünf Leichenspiele 7. Ankyle oder Wurfschleife 57. 59 ft'. Aphesis der Liiufer 105.

anozQiatia 85. 94.

Argonautenfünfkampf 78 f. 91. 98 f. 101.

Aristophanes 9.

Aristoteles über d.HalterensprunglGf. Artemidoros 75. 77. 82. Ausgrabungen in Olympia 28 ft'. 106. Balbis. Standmal der Diskoswerfer

53 ft'. 106.

Bater. kein Scliwungbrett 20 f., son-dern ein Sprungbrett 22. 25 ft'. 46. 105.

Begründung des Fünf'kampfes 4. 68f. Benseler 48.

Berliner Diskos 17. 42. 58. 69. Blümner. H. 3. 41. 71.

Boeckh, A. 68. 71. 73. 80. 84. Bogemvurt' mit dem Speer 70. Boethke 98. 102.

chverzeichnis.

Botticher, A. 3. 15. 28. 66. 30. 85. Burette 48. 50. 54.

Caesar d7.

Chionis der Springer 11. 106.

Cicero 42. 57.

Cyprianus 39.

Didymos Chalkenteros 10.

Dio Cassius 79.

Diophon 84. 95. lOOf.

Diskos als Gerat 37 ft', 47; seine Hand-

habung 43 ft.

Diskoswerfen 37 ft'.

Diskoswurf eine Kraftprobe 55. Dissen 32.

Drei Disken in Olympia 40 f. 90. Dreisprung der Fünfkampfer 22 ft'. — der Neugriechen 23.

êrtojuita, Dromosübungen 79. 99. 107. Ephedros 92. 961'. 1071'.

Eskammena 9. 7. 30 ftquot;. 105. Euripides 59.

Eusebios 11.

Eustathios 6. 10. 40. 42. 46. 48. 74f.

77. 102.

Faustkampf 6. 96 f.

Festus 6. 76. 77. 82.

Flötenmusik 13 f'. 106.

Gardner Percy 2. 3. 43. 74. 80. 85. 89. 91 ft'.


ocr page 121

113

Gesamtverlauf des Fünfkampfes in

Olympia 103fi'.

Graef'. P. 28.

Gründungssagen 4. 63 f. 71 f. GutsMuths 59. 06.

Gymnasten 36.

Haase, Fr. 47.

Hacken zum Umgraben 30 f. Halteren, Sprunggewichte. Hanteln

13 ff. 103. 106.

Hantelsprünge neuerer Zeit 18f. Hellanofliken, Kampfrichter 17. 105. 107.

Hermann. G. 1. 40. 66. 68. 71. 74.

80. 84. 86.

Herodotos 8. 77. 101.

Hesychios 25. 57.

Hieronymos von Andros 77f'. 85. 87f.

91. 95. lOOf.

Holwerda. A. E. I. 2. 15. 34. 71. 80. 90. 93 f'

Homer: lliade 38. 44. 55; Odyssee 7.

40. 44. 56.

Hop. step and jump 23 f.

Horaz 67.

Hüppe 46. 54.

Hyginus 37.

lason 4.

Ignarra 41.

Jaeger. O. H. 64f.

Kallippos 89. 100.

Kampfergruppen 92. 99.

Kampfrichter 36.

Kanon 27. 33. 103.

Kanonisclies Mass 33. 90.

Kast orchis 22 f.

xf.Tiuui'.óioc 47 f.

Kernwurf mit dem Speer 69.

Köchly 57 ff.

Krause. I. H. 1. 14f. 25. 41. 49. 53f. 84. 90. f

xQVTTTtj i'aoóoc, „überdeckter Ein-

gangquot; 80.

Kypseloskasten 7.

Libanios 33 f.

Lion. C. Th. 98.

Lion, 1. C. 66.

Lionardos 104.

Livius 57.

Losung 105.

Lucillius' Epigramm 6. 21. 72. 89. 92. Lukas 9. 23.

Lukianos 7. 9. 15. 40. 43. 52. 56.

65 f. 70.

Lukillos von Tarrha 91'.

Lynkeus 9.

Marquardt, H. 5. 20. 51. 71. 89f. 94ff. Mérimée 60.

Mesankylon, Riemenspeer 59 ff. Messkette 34 ff.

Museo Borbonico 70 f.

Myers, E. 2.

Myron 52.

Nemeische Nationalspiele 49. Normalleistung im Sprunge 34 f. 90 f Ovid 41. 65.

Piidotriben 36.

Pankration, Allkanipf 8. 96 f.

Pape 48.

Parömiographen 9.

Passow 48.

Paulus Diaconus 76. 82.

Pausanias 4. 7. 8. 13. 14. 37. 40. 77 f. 81. 88. 101.

Peleus 4. 88. 91. 95. 100.

Peliasquot; fiinf Leichenspiele 7.

Perseus 37.

Phaaken, fünf Wettkampfe der 7, Phavorinus 6.

Phayllos, der Springer 8 ff. 24. 32. 106. Philipp. G. Fr. 1. 25. 32. 33. 41. 55.

71. 74. 85. 90. 93.

Philostratos. Fl. 6. 13. 17. 24. 50. 54.

56. 68. 71. 81. 84. 100.

Pindaros von Theben 1. 36. 39. 66ff. 80 f. 92.

Pinder. E. 2. 3. 5. 18. 33. 40. 58. 68.

71 ff'. 75. 79. 81. 84 f. 86 f. 97 f. Platon 9.

Plutarchos 37. 58. 85ff'.

Pollux lt;gt;. 27. 30. 53. 57. 65. 82. 85. 90.

Propertius 47.

Pygon 30.

Pythionike 8.

Pythokritos, dor Flötenspieler 13 f. Reihenfolge der fünf Kampfa 71 ff'. Riemenspeer 57 f.

Ringen 1071'.

Ringschule in Athen. fünf Ubungs-

arten 7.

Rüstow 60.

Sohliemann. H. 42.

Scholien zu Aischylos 85. — Aristides 6. 8. 75. 85. — Euripides 59. — Homer 6. — Lukianos 11. — Philostratos 6. — Pindar 6. 32. 74. 77. - Platon 6. 75. — Sophokles 6. 74. 77.

Schoemann 19f. 25.

Schneider 48.

Schwung brett 21.

Seleukos 26.


9

ocr page 122

114

Sieg ohne Staub 97.

Simonides 6. 73. 77. 82. 84. 101. Skamma 25. 27f. 1U4.

Smyrnaeus, Q. 35. 56.

Sogenes von Aegina 1. 80 f.

Solos 38 f. 42. 55.

Spitzhacken 30 f. 36.

Speer als Gerat 56 tf.

Speerwerfen 56 ff.

Sprichworter 9. 10.

Springen 8 ft'.

Springbahn 27 f., in der Palastra von

Olympia 28 it'.

Sprung des Phayllos 9 ff. 11. Sprungbrett 22.

Stabsprung der Alten 104.

Stabe zum Zoigen and Furchenziehen ^ 36 f.

I

if w

I

I'

Stadion von Olympia 106.

Statius 39. 45 Steinstossen 45 Suidas 9f. Symmachos 26. Tai-eig 92. 97. Tiefsprung 25. Tiefweitsprung

49 tf. 65.

46.

Tisamenos 77f. 85. 87f. 91. 95. 101. ! Triaden 99f. 102.

Triagmos 94. 96.

Toic'Xiolhci 86. 95.

rQiaxrrjQ 86. 95.

Turnlehrerversammlung in Braunschweig 2. 24.

Vasengemalde mit Diskoswerfern 50 ff. — mit Flötenspielern 14. — mit drei Fiinfkampfern 99. — mit Hal-terentragem und Halteren 14 f. 20. 27. — mit Speerwerfern 60 tl'. 68 ff. Vasensammlung Konig Ludwigs 1.103f. Verbreitung des Fünfkampfes 4. Vergils Aeneide 7. 65.

Verrius. M. Flaccus 76. 82. Wandgemalde von Chiusi 18. 21. -Wassmannsdorff, K. 12 tf. 22. 62 f. Weitspriinge neuerer Zeit 12f. Wertung naoli Punkten 95 f. Wettturnordnung. deutsche 45. Winckelmann 43. 48.

Wurfsolileife siehe Amentum. Xenophon 28. 58. 64. 79. 80. 89. 101. Zab] der Fünfkampfer 84f. 91, Zeuobios 9.

Zielmarken 351'. 44. 90.

Zielsaule 70f.

Zielwurf 69 ff.

Zusammensetzung des Fünfkampfs 5 ff.


Druckfehler verzeicli u i s.

S. 6, Z. 6 180 n. Chr. — S. 28, Z. 3 A. Bötticher. — S. 38, Z. 16 Al-kinoos. — S. 42, Z. 12 Friedreich. — Z. 40 des. — S. 80, Z. 29 ist nach Philipp ein Eommu zu setzen. — S. 89 die •• uach Xenophon statt die von X.!

I

Druck von Hesse amp; Becker in Leipzig.