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ETHNOLOGISCHE STUDIËN

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EESTEN ENTWICKLUNGr DEll STRAFE.

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LEIDEN; DUGHDRUCKEREI VON L. VAN NIFTERIK HZ.

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ETHNOLOGrlSCHE STUDIËN

ZUR

ERSTEN EMICKLUNG DER STRAFE

NEBST EINER PSYCHOLOGISCHEN ABHANDLUNG

ÜBER

GliAUSAMKEIT UND KACHSUCHT

VON

Dr. S. R. STEINMETZ.

EESTEE BAND.

r

LEIDEN, S. C. VAN DOESBUROH.

f*

LEIPZIG,

OTTO HARRASSOWITZ.


1894.

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V O E W O R T.

Der zweite Band dieses Buches erschien Januar 1892 als moine Doktordissertation. Wie Mancher vor rair, gab ich tnich der Illusion bin, dass der andere Band bald nachfolgen würde. Leider kam er erst jetzt fertig, und somit wird das ganze Buch veröffentlicht mehr als zwei Jahre, nacbdem der zweite Band beendet wurde. Die seitdem ersehienene Litteratur wurde also nur für den ersten Band benutzt. Etwaige Un-gleichheiten in der Bearbeitung aus demselben Grunde hervorgohend raöge der Leser verzeihen.

Dem zweiten Bande wurde, nebst einera Register für das ganze Werk, die Liste dor für beide Bande benutzten Bücher lünzugefügt, wilbrend die Liste am Ende des ersten Bandes die nur für diesen gebrauchten Bücher onthult.

Alle Citato, wenn nicht ausdrücklich anders angegoben, sind aus erster Hand.

Bosonders im ersten Bando gab ich sie öfter in ihrer originellon Sprache, ausgezeignete Forsehor gaben hierin das Beispiel: gerade die Ethnologen sind ja durch die Eigenschaften ihres Materials unvermeid-lich gezwungon die modernen Hauptsprachen zu verstehon.

Haag, Holland.

De. S. R. STEINMETZ.

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K,«lt;v ......

'

... .

■

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INIIALTSUBERSICIIT DES ERSTEN BANÜES.

VORWORT.

EINLEITUNG.

Seite.

Karakter und Methode der Etlmologie..........xi

1. Etlmologie und Ethnographie. ...... xi

§ 2. Ethnologle und Psychologie resp. Karakterologie . . . xxm

§ 3. Die Methode der Etlmologie ....... xxvm

§ 4. Die Voraussetzungen der Ethnologie ..... xxxvil

§ 5. Die sociale Ethnologie gegenüber der Uechtswissenschaft und der

Rechtsphilosophie ......... XLIII

EKSTER TEIL.

Ver such einer psycliologischen Er k Ui rung dor Rache und der Rachsucht.

EINLEITUNG.

Seitc.

Das Problem...........1

ERSÏER ABSCHNITT.

Die Orausamkeit..........5

§ 1. Die Fragestellung. Orausamkeit und Rache ..... 5 § 2. Die Reduction der Grausamkeit auf ihre Factoren. Die uneigentlichc

Orausamkeit. Die Grausamkeit der Kinder ..... 7

§ 3. Eiste Hypothese. Die Grausamkeit erkliirt durch den Genuss der Macht 18 § 4. Zweite Hypothese. Die Erklarung der Grausamkeit durch den ange-

nehmen Gegensatï des eigenen Gel'ülils zu dein fremden Leiden . 35

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INHALTSÜBERSICHT.

§ 5. Dritte Hypothese. Die Erklarung der Grausamkeit durch die lebhafte

emotionclle Ersclii'itterung und Beschüftigung der Seele . § 0. Die vierte Hypothese. Die evolutionistische Erkliirung der Grausamkeit § 7. Die fünfte Hypothese. Die Grausamkeit erklart durch die Befreiung von der Furcht ..........

§ 8. Die sechste Hypothese. Die Grausamkeit ein schlechterdings uner-klarhares, irreductibles Gefühl .......

vin

Seite.

43 54

81

89

ZWEITER ABSCHNITÏ.

Die Raclie............99

§ l. Die Erklarung der Rache aus dem Genusse der Grausamkeit. . 99

§ 2, Die utilistische Erklarung der Rache aus dem Nutzen der Abwehr quot;112

§ 3. Die physiologische Erklarung der Rache und der Rachsucht . . 117

§ 4. Die evolutionistische Erkliirung der Rache und der Rachsucht . 128

ZWEITER TEIL.

Totenfurcht unci Ahnenkult. — Ui re sociale und m o r a 1 i s c h e B e cl e u t u n g.

DR1TTER ABSCHNITT.

141

141

142 146 151 151 161 178 180 185 190 223 243

250

251 260

Der Alinenkult..........

§ 1. Einleitung. Das Problem der Verbreitung noch nicht gelost . § 2. Aussprüche dor Forscher .......

§ 3. Spencer's Material.

§ 4. Totenfurcht und Ahnenkult bei den amerikanischen Vólkern Nord-Amerika .........

Süd-Amerika .........

§ 5. Die Araber

§ 6. Die Völker des Kaukasus ........

§ 7. Die Australiër .........

§ 8. Melanesien .........

§ 9. Indonesien..........

§ 10. Micronesien .........

§ 11. Polynesien. .........

§ 12. 1st der Ahnenkult resp. die Totenfurcht in Poly- und Micronesien ursprünglich und primiir'? .......

§ 13. Der Totenkuit in Melanesien ursprünglich oder eingeführt? Ver hiiltniss der Melanesier zu den Polynesiern ....

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INHALTSÜBEESICHT.

VIERTER AliSCHITT.

Seite,

Der moralisclie und sociale Einlluss des Totenkultes . . 278

§ 1. Die falsche Fragestellung ........ 278

§ 2. Totenfuroht und Totenkuit ........ 280

§ 3. Moralischer Einduss iler Toten, besonilers auf die Ausiibung der

Blutrache ........... 287

DRITTER TEIL.

Die Primitivsten For men der Rache.

FUNFTER ABSCHNITT.

Die Urrache...........299

EINLEITUNG.

§ 1. Sind die Wilden raclisüchtig ader nicht?.....299

§ 2. Die völlig ungerichtete Rache ....... 318

§ 3. Die Urrache ira Totenopfer ........ 334

§ 4. Aufsattelung des Verbrechens. Auswahl eines Rache-Objektes nach

uneigentlichen Kriterien ........ 355

SECHSTER ABSCHNITT.

Die Blutraclie...........361

§ 1. Die Richtung der Rache auf die Beteiligten.....3G1

§ 2. Die Blut- oder die Gruppenrache.......3G5

§ 3. Die erste Stufe der Gruppenrache. — Die Familienrache . . 368

§ 4. Die zweite Stufe der Gruppenractie. — Die ausgebildcte Stammesrachc 382

§ 5. Beispiele der voll entwickelten Blutrache ..... 391

§ 6. Analytische Karakteristik der Blutrache . . ... 395

SIEBENTER ABSCHNITT.

Die Composition...........406

§ 1. Das Problem .......... 406

§ 2. Das Ersatzbedürfniss die eine Quelle der Composition . . . 410

§ 3. Das Friedensbedürfniss die andere Quelle der Composition . . 420

§ 4. Umstiinde welche die Composition fördern.....422

A. Der Brautkauf ......... 422

IX

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inhaltsübersicht.

Seite.

§ 5. Fortsetzung..........

B. Die Entwicklung des Reichtums ...... ^27

§ 6, Die Composition eine Fürderung itn Kampfe um das Dasein. . 432 § 7. Composition durch Knüpfung von Familienbanden . . .435

A. Heirath 435 § 8. Fortsetzung..........439

B. Adoption, oder Knechtschaft....../t39

§ 9. Versühnung durch Erniedrigung.......444

§ 10. Die Rachsueht der Toten and die Composition . . . .449

§ H. Die Versöhnungsfeste und ihre Bedeutung.....453

§ 12. Die Biutrache im Katnpf mit der Composition .... 465 g 13. Die codificirten Compositionstaxen und die Stadiën in der Entwicklung der Composition........4G9

§ 14. Übersicht der Entwicklung der Composition. Ihre psycho- und

sociologische Erkliirung 471 § 15. Die socialen Folgen der Composition......475

Liste der nub im eesten Bande benutzten Bücheb. . . .477

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E1NLEITUNG.

KARAKTER UND METHODE DER ETHNOLOGIE.

Zur Einführung in die nachfolgenden Forschungen möcbte ich hier dem Leser einige Botrachtungen über die Ethnologic im Allgemeinen, sowie über ihre Methoden und ihre Stellung zu den anderen verwanten Wissenschaften bieten, welche zugleich klar machen werden, von welchem Standpunkte aus ich rueine Untersuchungen führte.

Zur bequemeren Übersicht werde ich auch diese Einleitung in Paragrafen verteilen.

§ 1. Ethnologic und Ethnographie.

Die Ethnologic bezweckt die Vergleichung aller socialen Lebens-erscheinungen der nicht-historischen Völker zur Gewinnung der Gesetze der Entwicklung und des Vorkommens derselben und endlich zu ihrer Erklarung. Das Material zu diesen Untersuchun-gen verschafft ihr die Ethnografie, welche Wissenschaft das direkte Studium der einzelnen Völker an Ort und Stelle sowie die monografische oder zusammenfassende Verarbeitung verschiedener Volksbeschreibungen unter interner und externer Kritik sich zur Aufgabe stellt.

Die Ethnologie ist also eine vergleichende, die Ethnografie eine beschreibcnde Wissenschaft. Die erstere darf eine abstracte Wis-

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XII

senschaft gonannt werden, weil die eiuzehicn concreten That-sachon ihr nur ein Mittel zum Zwecke der Gewinnung allge-meiner Gesetze sind]}^obwohl die ermittelten Gesetze selbstkeine abstracte sind, weil sie immer eiuer Keducirung auf die Gesetze anderer Wissenschaften, hauptsiichlich der Psychologie und Karakterologie, fiihig sind, wie wir unten sehen werden.

Die Ethnographie dagegen ist eine concrete Wissenschaft, weil ja die Sammlung concreter, mitunter aogar individueller That-sachen, die Beschreibung bestimmter Völker ihre Aufgabe bildet.

Wie jedo concrete Wissenschaft die Gehilfin, weil Material-verschafferin, einer abstracten ist, so erfüllt die Ethnographie diese Holle bei der Ethnologie, welche ihre Krone und Ziel ist, da nun einmal die Ermittlung von Gesetzen und durch sie die Er-klürung aller betrefCenden Thatsachen der Endzweck alles wissen-schaftlichen Strebens bildet, und nicht die Beschreibung, Sammlung und Classificirung concreter Erscheinungen. Es versteht sich aber, dass die Ethnographie gerade durch den ietztgenannten Teil ihrer Arbeit, die Classificirung der Erscheinungen, der Ethnologie sehr nahe kommt/'

Alle Wissenschaften haben sich historisch, öfter aus zufiilligen, so zu sagen persönlichen Veranlassungen entwickelt, und keines-wegs nach einem systematischen, rationellen oder gar einheit-lichen Plane; dementsprechend sind ihre Verhültnisse öfter zu-fallige, keine rationellen, und decken sie sich keineswegs mit denen einer systematischen, durch Logiker (wie Comte, Spencer, Wundt, Masaryk) entworfenen Hierarchie. Die thatsachlichen Ein-teilungen der Forschungsgebiete, u. A. vielfach durch die Eorde-rungen der Arbeitsteilung und dor persönlichen Befahigung der Porscher beeinflusst, kreuzen sich fortwahrend mit den von der Methodologie geforderten nicht nur, sondern auch untereinander. Gar manche Erscheinungengruppe gehort von einem Standpunkte dieser, von einem anderen jener Disciplin an 1). Zu den genannten

1

bei der Ethnologie sowie bei der Demographic eingetcilt werden könnte.

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XIII

Gründen der Venvirrung der Disciplinen kommt noch die Mannig-faltigkeit der Standpunkte, aus welchen jede Erschein^ng be-traehtet werden kann.

Das Gesagte gilt vorzüglich für die Etlmologie und ihr Verliült-niss zu den verwanten Wissenschaften. Thatsachlicli ging sie aus dor Geographie hervor, doch soil sie jetzt als der erste Abschnitt der vergleichendeu Kulturgeschichte betrachtet werden, welche ihr Vergleichungsmaterial für die spateren Abschnitte von den Kulturgeschichten der verschiedenen historischen Vülker erhalt. Mit der Archaologie, dem Folk-lore (der Wissenschaft der Kultur-Survivals) und rnehreren anderen abgezweigten Disciplinen') bildet die allgemeine Kulturwissenschaft im weiteren Sinne (also incl. die Ethnologie) die Sociologie.

Merkwiirdigerweise hat die vergleichende Kulturwissenschaft bis jetzt nur sehr wenige Leistungen aufzuweisen, wahrend die Ethnologie sich schon mit mancher Errungenschaft auf ihren verschiedenen Gebioten brüsten kann. Es hat dies seinen Grund wohl hauptsachlich darin, dass die Probleme der Ethnologie, dem einfacheren Zustande der von ihr studirten Kuituren gemass, woni-ger complicirt sind, dass in ihr ein relativ objectives ürteil dem Forscher eher gelingt und dass die Bearbeiter dieser Gebiete im Allgemeinen eher und mehr vom naturvvissenschaftlichen Standpunkte aus ihre Aufgabe erfassten.

Die Ethnologie wird jetzt aber in der Lage sein der Kulturwissenschaft wichtige Dienste zo leisten durch Ermittelung mancher Gesetze, welche auch für diese geiten werden, durch die Vor-bereitung der Entwirrung gar verwickelter Probleme, indem sie die Wirkung mancher Factoren eher einzeln verfolgen und bloslegen kann durch die relative Einfachkeit ihrer Erscheinungen, und endlich und vor Allem durch ihre Bemühungen um die richtigen Methoden, welche sie durch Schaden und Schande mancher Verirrungen auffinden muss und nach mannigfacher Erpro-bung der anderen Wissenschaft fertig anbieten kann. Die Resul-tate der Ethnologie werden die Aufmerksamkeit auf die allgemeine

1) Wie Demographic, Criminologie, Ökonomie u. s. w.

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XIV

Kulturwissenschaft lenken und die Intollecte für ihr Studium gewinnen.

Die Ethnologie ist die Wegbereiterin und die Vorkarapferin der vergleichenden Kulturwissenschaft, und damit der Sociologie.

Bevor wir uns jetzt weitor über die Aufgaben der Ethnologie vorbreiten, wollen wir erst unsere Aufmerksainkeit auf einige Augenblicke ihrer Basis, der Ethnographie, schenken.

Wie die Festigkeit eines jeden Gebaudes von der seiner Fun-damente abhangig, so versteht es sich, dass es keine hohe Ent-wicklung der Ethnologie geben kann ohne entsprechende Fortschritte der Ethnographie; das Umgekehrte dürfte aber eben so gewiss sein: die Ethnographie wird nie zu exacteren, tieferen, vielseitigeren Volksbeschreibungon gelangen, wenn die Ethnologie ihr nicht An-leitung und Anregung hierzu giebt. Der Ethnograph wird nie mehr entdecken, wenn der Ethnologe ihn nicht zuvor suchen lehrt.

Nicht nur von den fcrtigen Entdeckungen der Ethnologie, sondern schon von ihrera vermehrten Streben nach Exactheit, Vertiefung und Vollstiindigkeit haben wir fast allein Fortschritte in der Ethnografie zu gewiirtigen. Wer wird die Bodeutung der Entdeckungen des Matriarchats und des Animism us für die seitdem gelieferten Volksbeschreibungen unterschatzen ? wer wird leug-nen, dass die Beschreibung der Verwandtschaftsverhaltnisse seit Morgan und Mc, Lennan eine andere wurde ?

Es ist meine feste Überzeugung, dass sogar schon das Streben nach Exactheit durch die Ethnologie, aucli wenn diese durch don Stand der Ethnographie nicht zu erreichen ist, die heilsam-sten Folgen haben wird. Die Ethnografen werden doch Kentniss von diesem Streben erhalten (mirabile dictu! geschieht das weder rogelmassig noch selbstverstiindich — siehe unten) und dem aus-gesprochenen Bedürfnisse in ihren Beobachtungen und Beschrei-bungen Rechnung tragen. Die Fragon der Ethnologie werden ihr Auge waffnen, es beobachten und suchen machen, wo es früher blos sah was vor der Hand lag und auffiel').

1) Auch Ratzel sucht den Grund der Ungenauigkeit der ethnopraphischen An-gaben verglichen mit denen der Zoologie und Botanik hauptsiichlich „in der Un-

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XV

Womi diilioi' oinigo vorsichtige Forscher die Frago orheben, ob os vorlaufig nicht besser sei rait etimologischen Forschungen zti warton, bis wir im Besitze bosserer, ausfiihrlichorer, tioforor, zuverlassigorer Volksbeschreibungen seien, — so antworte icii entschieden: nein. Wonn diese Ethnografon solbst sclion hohcro Anforderungen stollen, so dürfte das nur -von ihren ethnologischen (rosp. anthropologischon oder psycho- mul sociologischon) Studiën herrühren. Durcli das möglichst strenge Operiren der Ethnologic mit dom jewoilig vorhandenen ethnografischen Matoriale wird die Ethnograflo am schnellstcn fortschreiten und am ohesten in der Lage sein immer höhere Fordenmgen ihrer Horrin zu bo-friodigen.

Der Wert der Volksbeschroibungen ist also im höchsten Grade (obwohl nicht allein) abhilngig von der Ausbildung der vcrgloichen-den Wissenschaft, aber .es versteht sich, dass diese keinen Schritt weiter gehen kann als die Festigkeit ihrer Stütze zulasst.

Wenn wir aber diese Festigkeit prüfon wollen, so bcgegnon • wir gleich dein aufï'allenden Missstande, dass nngleich jcder anderen Wissenschaft die Materialsammlung in der Ethnografie fast aus-nahmslos von nicht-fachwissonschaftlich vorgebildoton Leuten gotrio-ben wird. Die ornithologischen Sammlungen werden vorzugsweise von Ornithologen, die entomologischen von Entomologen getrieben und jedenfalls werden nur derartigo sogar im engeren Sinne fachwissenschaftliche Beobachtungen auf der Reise vertraut, das Material der Ethnographie dagegen, sogar das aus direkton Beobachtungen bestehende, wird von den Forschern aller Wissenschaften (und leider auch von gar nicht wissenschaftlich Gobildeten), aber wohl nie von fachwissenschaftlich goschulten Ethnografen horbei-geschafft! Der erste grosse Fortschritt unserer Wissenschaft muss von einer Reform dieser Verhaltnisse ausgehon. Und wie so oft bemerkt wurde, die Zeit driingt hier raehr als in irgend einer

vollkommenheit der Fragestellung in tlieser Wissenschal't selbst. Jc mehr eine Wissenschaft heranreift, desto klaror und bestimmtcr formulirl sic ihre Fragen.quot; Die ungenauen Angaben werden durcli das zu geringe Gewicht auf Genauigk eit durch die Wissenschaft sclhst gelogt verursacht.

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XVI

anderen Wissenschaft je der Fall sein kann, weil nur ihr Material, die wilden Völker, eilig dahinschwindet1).

Der erste Schritt zur Eesserung, deren dringende Notwendig-keit kein Saclikundiger abstroiten wird, würde in der Errichtung einer (womoglich internationalen) Hochschule der Ethnologic specicll behufs fachwissenschaftlichcr Ausbildung praktischer Eth-nografen bestehen. Der Wunsch nach einer solchen strengwissen-schaftlichen, überaus nützlichen Einrichtung wird von allen Freunden unserer Wissenschaften sowie der Sociologie überhaupt geteilt werden. Möge die nachste Zukunft ihnen die Erfüllung dieses Wunsches bringen!

Bis dahin ist es vielleicht erlaubt die Anforderungen, welche jedem ethnografischen Beobachter zu stellen sind, mit einigen Worten zu beleuchten.

Das erste was man von jedem Beobachter verlangen darf, ist, dass er ganz genau angiebt, was er eigentlich beobachtet hat; es nmfasst dies aber folgende Forderungen: er soil nur mit nackten, deutlichen, unzweideutigen Worten berichten Alles was er that-sachlich erfahren oder vern ommen hat, er soil genau angeben was eigene Erfahrung sei und was er blos vom Hürensagen iiabe, eine einmalige Beobachtung darf also nicht ohne Weitercs zu einer Regel generalisirt werden, was hierzu zu berechtigon scheint soli aber genau mitgeteilt werden; fiir jede mitgeteilte Nachricht sei die Quelle genannt und ihr Wert im AUgemoinen und im speciellen Falie beleuclitet; jede Ausschmückung, jede Abrundung oder Schematisirung werde peinlichst gemieden; nach zahlcn-milssigen Angaben (auch der Hüufigkeit der Ereignisse oder der Beobachtungen) worde möglichst gestrebt. Wir wünschen das rohe Material der Beobachtungen kritisch mitgeteilt zu haben -').

Zweitens sei der Ethnografe ausserst genau in der Angabe der

1

Siehe: Brinton: „Anthropology as a Science and as a Branch of University Educationquot; (1892), und mein „Anthropologie als Universiteitsvakquot; (De Nedcr-landsche Spectator 1892, No. 41).

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XVII

Localitiit der Erscheinungen unci in der JBezeichnung dos hetref-fenden Volkes oder Stammes oder gar Individuums.

Drittens strebo er nur nicht nach amusanter oder pikanter Kürze. Unterhaltung sei überhaupt nicht der Zweck seiner Beschroibung. Die eigentlichen Roisebeschreibungen mogen ein literarisches Genre bilden, in der Wissenschaft sollte für sie kein Platz sein. Ihre broite, selbstgefallige Mitteilung nimmt nur den Raum ein, welcher für die volle Ausführlichkeit der wissenschaftlichen Beobachtungen vorbehalten bleiben sollte. Würde der Physiker je daran denken in der Beschreibung seiner Experimento etwas fort zu lassen aus der Furcht Laien (bei Fachmannern ist das ja ausgeschlossen) lang-weilig zu werden ? Die grösstmögliche Grenauigkeit in jeder Bezie-hung und Ausführlichkeit sind die höchsten Ziele Jeder guten Ethnographie, um so mehr weil in viel höherem Grade als fast in jeder anderen Wissenschaft der Bearbeiter der Beobachtungen, der Ethnologe, nicht in der Lage ist dieselben zu prüfen (aus-genommen auf dem Gebieto der technologischen Ethnologic, wo die Musea Hilfe bieten). Damit aber die Benutzung dieser zahl-reichen Mitteilungen so leicht möglich bleibe, sei ihro bequeme und übersichtliche Klassificirung vor der Publication geboten, sonst werden sie dem Schicksale verfallen weniger oft zu Rate gezogen zu werden als ihr innerer Wert verdient. Die trockenste Eiuteilung ist weniger gefiihrlich als die Versteckung wortvoller Beobachtungen unter heterogene oder gar unter wertlose persön-liche Erlebnisse. Die beste Ethnographie braucht, ja darf nichts mehr sein als ein für den Besucher bequem eingerichtetes, leicht zugiingliches, reiches Magazin genauer und reichhaltiger Beobachtungen. Auf die Erreichung dieses praktischen Zweckes werde alle Kunstfertigkeit des ethnografischen Schriftstellers verwendet.

Und endlich darf man dein Volksbeobachter die Forderung stellen, dass er keine Vorurteile hege, dass er nicht in der Denk-weise seiner Zeit und seiner Gruppe befangen sei. Er sollte seine Studiën mit der Lektüre von Spencer's „Study of Sociologyquot; anfangen und alle „biassesquot; von seinem Geiste abschiitteln! Wenn er aber so exact und ausführlich verfahrt, wie wir schilderten, werden sogar seine Vorurteile und persönliche Beobachtungs-

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.Will

fehler relativ wenig schaden, weil wir ja die vou ihm beobachteten Erscheinungen so wenig möglich von seinem Geisto boarboitet erhalten worden, sozusagen das rohe Material der Beobachtung, und ausserdem in solcher Fülle, dass die Controle der verschiedenen Aussagen durch einander erleichtert wird. — Wenn aber die etli-nografischen Forschungsreisenden in deui von uns geschilderten Institute eine fachwissenschaftliche Vorbereitung genossen haben, wird diese mit der Übung in der Wabrnehmungskunst und mit dein Studium der Ethnologie schon alle trübcnden Vorurteile aus ihnen vortrieben haben, denn nichts siiubert besscr hiervon ais das vcrtioftc Studium dor Ethnologie.

Die Bedingungen aller wirklich efspriesslichen othnografischen Forschung werden kiinftig welter soin die Kenntniss der betreffen don Sprache und der lilngere Aufenthalt bei dom zu beschreibenden Volke; kürzere Studienreisen olme eingehende Sprachkenntniss mogen zur Ausbreitung unserer Kenntnisse und zur Eroffnung neuer Bahnen audi weiterhin ihron Nutzeu behalten, zur liocli-notigon Vertiefung unserer quot;Wissenschaft genügen sie nicht langer i).

Dor psycho- und sociologisch tüchtig vorgebildete, sprach-kundigo Ethnograf sollto mehrere Jahre bei einem Volko ver-bringen und alle seine Beobachtungen in dor angegebenon Weise voroffentlichen, — wio wiirdo sich da die Ethnologie mit Riesen-schritten ontwickoln!1)

Aber audi die Desiderata dor Ethnologic der jetzt vorhandenen etlinografischen Litteratur gogenüber sind kcineswegs erfiillt. Schon

1

Ks Uisst sich gewiss nicht leugnen, dass in den letzten Jahron schon vorz.iig-liche ethnographische Arbeiten erschienen sind, iinter anderen möchle icli abar vor AUem die von J. VV. Powell, Powers, Owen Dorsey, Codrington, Haddon Neumann, Snouck llurgronje, Kubary, Ten Kate, do Clorq, Von don Steinen Miclucho Maclay, Howitt, Fison, Kovalewsky, Lumholtz, Im Thurn lobon.

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XIX

jetzt ist ilio Fiillc der zu bowiiltigendcn Biichcr cinc gewaltige, unci dcm Ethnologcn, welcher danach strcbt, wonn nicht alle, so doch niancho Völkergruppen zu seinen Vergleichungen heranzu-ziehen, hat cine gar schwere Aufgabe. Die Wilken'scho Auffassung sich auf eine einzige Völkcrgruppe beim Vergleichen zu be-sciiriinkon, kommt mir nicht als die richtige vor. Die vorglcichonde Methode, soli sic ihren vollen Nutzon trageu, erfordert jadioBe-trachtung mancher, in ihror Lokalitat und Art und Kasse möglichst weit auseinanderliegender Völkor, um so mohr, weil dio Ethnologic wie die Statistik mehr aus don Abweichungen von als aus den Übereinstimmungen mit dor typischen Erscheinung zu lernen luit.

Nicht der Ethnologo soli sich boschrilnken, sondorn dor 15th-nograf soil ihm bcquomoro und bessore Hilfsmittol vorschalïcn. Ber Ethnograf, am liobsten der welcher das betreffende Volk auch aus eigener Anschauung kennt, sollto geradezu alles Wertvolle, aber nur nicht alloin das Bedoutondo, was in alteren (bcsondors viel Uiteren) und neueron Büchorn und Artikoln gesagt warde, in einer Monografie kritisch zusammenfasson und verarboiton, aber in dor AVoiso dass auch die irgondwie karakteristischon Einzel-heiten der frühoren Autoren nicht verschwinden, damit gar Nichts fohle, was einem Ethnologen von Nutzen sein könnte, und wirk-lich das Nachschlagen der Quellonschriften ihm vüllig erspart bleibe.

1st die Monografie aber nicht so ausführlich, nicht so erschöp-fend zu nennen, so erfüllt sic ihren Zweck gar nicht, weil dor gowissenhafte Ethnologe, dann mit Recht misstrauisch, doch nicht umhin. kann auf dio ursprünglichen Quellon zuriickzugehcn. Ich glaubc aber, dass Monografien, wie ich sie wünsche, die also Alles, ausser das völlig Kutzloso, enthalten, der cthnologischen Eurschung mehr wie irgend ctwas anderes niitzen würdon.

Sind wir jetzt schon im J3esitzo soldier Arbeiten?

Dio Handbücher Waitz-Gerland's und Eatzel's, wie reich und wertvoll sie sind, dürfen schon ihrer Kürze hal ber hier gar nicht in Betracht kommen '). Dio Monografien würden nur von einer

1) Leider ist auch das erstere nur in Bezug auf Polynesien, das -/.weito nurfiir Afrika sogar als Handbuch ausführlich ^enug; und im Uatzcl'schen Bucho isl

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XX

sehr grossen Anzahl, je der betreffenden Sprachen kundigon, Spe-cialitiiten geschrieben werden können.

Bancroft's grosses Buch (ich denke hier nur an den ersten Baud) kommt schon mehr in diese Eichtung, doch sind die den einzelnen Grappen geweiiiten Abschnitte bei lange nicht aus-führlich genug, um von erschöpfend nicht zu reden, und ausser-dem sind sio nicht von Specialitaten bearbeitet. Das letztere wiirde nicht fiir Boas' Bohandlung der Central-Eskimo gelten, doch ist mir audi dieses schone Buch nicht ausführlich genug, es erschopft nicht alle früheren Arbeiten und sein Gebiet ist noch zu gross. Featherman hat zwar eine grosse Keihe cthnographischer Mono-grafien in vielen Bandon veröffentlicht, doch sind diese weit von musterhaft zu nennen; er hat wahrlich nicht alle oder die besten Quollenschriften benutzt, er citirt, vergloicht, critisirt nio: seine ganze wuchtige Arbeit ist dahor fast nutzlos. Ling Roth's zusam-menfassende Behandlung der Tastnanier steht, obwohl nicht allo Quellen benutzt und die benutzten keineswegs erschopft sind, doch meinem Ideale am nachsten.

Wio wiirde eine Reihe von Monografien der beschriebcnen Art, alle Völker und Völkchen, lobendo und ausgestorbone um-fassend, der Ethnologic und der Ethnografio in ungehourer Weise nützlich sein; sio wiirde der letzteren als sicherste Basis fiir weitere Forschungen dienen, und ersterer dadurch schon unschatz-baron Nutzen leisten, dass die von jedem Forscher gebrauchten Angaben weit vollstandiger sein würden und eine Fülle von Zoit dom leidigen Zusammensuchen von Biichern und Nachschlagen entspart auf eine urafassendere Vergleichung, eine exactere Induction, oin vertioftes Studium der Hilfswissenschaften, eine rigo-rösere Behandlung aller Problome verwendet werden könnte, Hoffentlich wird es nicht lango dauern, bis Consortien von Ge-lohrtcn fiir die verschiedenen Gebieto diesen wolil von vielen Forschern gehegten Wunsch in fehlerloser Weise erfüllen.

ein gar grosser Übolstand, dass nicht cilirt wird; es macht das Buch viel vveniger brauchbar, als os sonst gewiss ware.

Ratzel's schönes Bucli kann anch scliou seiner Klirze wegen kein „Drehmquot; der Ethnografie genannt werden, wonach uns doch gar selir nol thut.

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Bis dahin sollen wir uns aber jcdonfalls an den in mancher Beziehung vorzügliohen Arbeiten der modernen Ethnografen erfrouen. Nur dass die psycho- und sociologische Vertiofung Manohen fehlen bleibt und überhaupt das oben Gesagte durchaus fiir sie gilt. Immerhin lilsst sich nicht leugnen, dass die Arbeiten Powoll's, Ovven Dorscy's, Von den Steinen's, Krause's, Neumann's, Riodel's, Codrington's, Kovalevsky's und vieler Anderer, in mancher Hinsicht schon Vorzügliches enthalten.

Die Ethnografie wird also der Ethnologic immer besseres Material zur Bcarbeitung verschaffen, erfiillt aber letztere selbst ihre Aufgaben in würdiger Weise? Bever wir hiorauf eingehen, haben wir erst noch zwei inhaltschwere Probleme kurz zu be-leuchten.

Welcher Wert ist der Ethnologie dor Geschichtsfbrschunggegcn-über beizumessen? Erstens muss hierzu bemerkt werden, dass die Geschichte als concrete Wissenschaft eino ganz andere Auf-gabe hat, namentlich die die Reihe der früher ereigneten Gescheh-nisse kritisch festzustellen und zu boschreiben, und insofern nur die Stelle der Ethnografie vertritt dor vergleichenden Kultur-wissenschaft gegeniiber. Aber auch die Einzclgeschichten versuchen die constatirten Thatsachen zu erklaren. In dieser Aufgabe mussen sie aber bei der vergleichenden Wissenschaft weit zurück-bleiben aus dem einfachen Grunde, dass diese vergleicht, ihr Licht von mehreren Seiten erhalt, gerade von den verschiedenen Einzclgeschichten, und daher ein bedeutend schiirferes Auge hat um Verschiedenheiten der Institutionen oder Ahnlichkoiten zu ont-decken. Die Geschichte ist eine viel iiltere Wissenschaft und thut daher der noch nicht einmai recht emporgekommenen vergleichenden Wissenschaft, Kulturgeschichte und Ethnologie, gegenüber recht vornehm. Letztere haben aber nur ihre Methoden auszubilden und recht streng anzuwenden um die Geschichte in der Erklarung der Erscheinungen durchaus zu besiegen. Zur Gewinnung von allgemeinen Gesetzen taugt aber die concrete Geschichte co ipso nicht, sie lehnt diese Aufgabe auch im geheimen Bewusstsein ihrer Unfahigkeit mit edelem Stolze ab. Die Geschichte verachtet die Ethnologie und die vergleichende Kulturwissenschaft, diese aber

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XXII

die (losc'hichte mit nichten. Die Geschichte constatire and bc-schreibe, die vergloichonde Wissenschaft erklare und crmittlo Gesetze. Und so ist denn die Geschichte audi zur Erldiirung dor von ihr constatirten Detailorseheinungon, geschweige der grossen Kultnr- und Völkerbowegnngen, aus eigener Kraft viillig unfahig, wenigstens vvenn sie nicht, obwoiil in beschriinkter Weise, dilettantisch, auf zu ongem Gebiete, Vergloichung treibt, ebensowenig als man Karakterologie (lurch die Kenntniss eines einzelnen Menschen studiren kann. Jede quot;Wissenschaft, tier das Experiment versagt ist, kann nur durch Vergleichuug zu Erklarung und Gesetzermittlung gelangen

Die Aufgabe der Ethnologie ist also die Erklarung der Erschei-nungen des primitiven Volkerlebens und die Ermittlung der Gesetze (beschriebene Regelmilssigkeiten in den Erscheinungen) des Auftretens, des lokalen Vorkommens und der Entwicklung dicser Erscheinungen. Die ermittelten Gesetze werden aber koine abstracte, sondern empirische sein, well sie nicht die letzten un-serom Intellecte möglichen Vorallgemeiuorungon enthalten, sondern auf die Gesetze durch andere Wissenschaften ontdeckt zurück-zuführon sind. Jedes ethnologischo Gesetz ist in letztor Instanz, wenn so weit möglich verfolgt, auf physiologische, psycho-physische oder psychologische Gesetze reducirbar, weil os immer am Ende die Wirkungen dor goografischen Umgebung auf die menschlichen Körper odor auf die Handlungen und Bewusstseinszustande oder aber dieser letzteron auf einander beschrcibt. Diese Eeducirung dor obertlachlicheren, roh empirischen, ausnahmsvollen Verallgemeine-rungen auf die tiefsterreichbaren, • endgiltigon, ausnahmsloson Gesetze, welche sich direkt an die der genannten Wissenschaften, vor Allem der Psychologie, anschliessen, ist die hochste und letztc Aufgabe der Ethnologic.

1) In mcinor Slmlio „De Fostoragequot; liiKlon sioh merkwiirdigo lielcgc für ilic Uuliiliigkoil dus Histurikcró zur lirklitriiiig iryciidwiu eigcntüiiilichci'Ersdiuinungcn.

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i; 2. Ethnologic und Psychologie resp. Karakterologie.

J3cvor wir uns naher mit dor Methode dor Ethnologic sowio mit ihren Voraussotzungen beschiiftigen, wolion wir unsoro Auf-morksamkoit auf oinigo Augenbücko dom Vorhaltnisso zwischon ihr und ihrer bedoutendsten Grundwissenschaft, der J'sychologio, zuwenden.

Wir sahon schon im vorigon Paragrafen, wio dio Psychologio nicht nur von grösstem, sondern auch von unausgesotztem Nut-zon filr dio Ethnologic ist. Dio lotztero fiihrt ja Seriën von monsch-lichen Betragungon auf andore bokanntero zurück und zwar in lotztor Instanz immor auch aufsolcho, wolcho dor Psychologio ango-hören. Das Object dor Ethnologic sind die Massenerschcinungon, die psychischen Lebensausscrungen gesellschaftlich in irgend oinor Woise vcrointer Individuen, wolcho am Endc natürlich auf don Erscheinungcn der individnellen Seclen boruhon. Alle Erschoi-nungen dor Blutrache z. B. könnon schliesslich ihro Erklarung nur in denen der individuellon Rachsucht findon. Abcr nicht nur zur Erklarung der grossen fundamontalon Thatsachen bonutzt dio Ethnologic dio Psychologie, sondern fortwahrond, bei jeder Schat-tirung joder Erscheinung, z. I!, bei dor Erklarung der Teknonomic. Jedo othnologische Erklarung berulit schliesslich auf einer psy-chologischon '). Dass dio Ethnologen sich diosor Wahrhcit koinos-wogs immer bowusst zoigen, beruht wohl hauptsachlich hierauf, dass sie meistens ohno besonclores Nachdenken nur die landlüufige Psychologie dos tiiglichon Lebens anwenden, was zum Teil, wie wir unten naher sehon werden, nur dadurch möglich ist, dass diosor Abschnitt dor Psychologic bis jotzt entweder von den Phi-losophon in vornehmster und dummstcr Woise hoi Seite gelasson,

1) „Die Psychologio des Individuums bildet die Grundlage der Völkerpsychologio, weil (diese) von menschlichen Gemcinscliaften abhiingigen Vorgange immor nur in den Einzelnen zur Wirklichkeit odor durcli die Einzelnen zur Ausserung kommen.quot; Oswald Külpe: „Grundriss der Psychologiequot; (1893): S. 8.

Münsterberg („Über Aui'gaben mul Methoden der Psychologiequot;: S. 199): „die Psychologie ist das einzige Ililfsmiltel, um das Material ilcr Geschichte (also audi dor Kulturgeschichte) in causalen Zusammcnhang zu bringou.quot;

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odcr aber doch fast immer vüllig unwissenschaftlich, nie mit ernstera, unausgesetztem Strcben nach Exacthcit und Vollstandig-keit boarbeitet wurde. Es liegt dieser ganzo grosse, interessante und höchstbedoutende Teil der Psychologie oingestandenermassen trotz einzelner vorzüglicher Arbeiten, noch brach.

Die Ethnologen fanden also fast keine vorbereitenden Arbeiten, bei deren Conclusioncn und ormittelten Gesetzen sie sich mir anzuschliessen hatten, vor. Sogar die das rechtliche und mora-lische Leben, seit Jahrtausende philosophisch behandelt, betroffen-don Probleme fanden noch so gut wie keine gründliche und echt wissonschaftliche psychologische Erforschung; für die des sexuellen Lebens wurde dies erst in der lotzten Zeit, noch keineswegs be-friedigend, geiindert. Der Vorwurf trifft den Ethnologen also weniger als den Psychologen.

Das neuerdings ondlich belebto und nach naturwissenschaft-licher Methode angegriffene Studium dor Psychologie sowie der Pathopsychologie in ihren verschiedenon Zweigen wird hierin voraussichtlicherweise bald die dringend nötige Veranderung brin-gen. Dor Ethnologe soil in den üntersuchungen dieses Toils der Psychologie zu seinen Zwecken brauchbar scharf formulirto Gesetze vorfinden, derartig geprüft und controlirt, dass er sich in seinen Arbeiten vertrauensvoll auf sie stützen kann.

Aber Psychologie und Ethnologic sind noch in anderer Weise und fast noch enger mit einandor verknüpft. Die erstere ist nicht nur dio Verbinderin und Erklarerin aller Erscheinungen und Gesetze der letzteren, sondorn die Ethnologio ist das grösste und reichste Magazin psychologischer Probleme und Thatsachen, das es überhaupt giebt. Und sie hat denselben Nutzen für die Psychologie als für dio Sociologie bei der vergleichenden Kulturwissenschaft (i. e. S.) voraus, dass sie einfachere Erscheinungen enthiilt und demnach leichtere Probleme stellt, und dazu die früheren Stadion dor Thatsachen der Kulturwissenschaft behandelt, welche selbst-verstilndlich von ganz besonderem und einzigem Interesse sind. Die ganzo Ethnologio könnte als der einführende, loichtosto und interessanteste Teil dor vergleichondon, positiven Psychologie bc-trachtet werden. Nur soli sie auf joden Fall von Berufsethnolo-

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gen behandelt werden, was schon ihr eigener Umfang nnd der des zu bowaltigenden ethnografischen Materials gebioterisch fordorn

Die Völkerpsychologie, also eine rsychologio mit einiger Ethnologic illustrirt, betrachte ich demnach als eine Fchlgeburt, nnd noch viel mehr wenn sie von dem nnbegriindeten nnd unnotigon, völlig falschcn Principe eines Gesammtbcwusstseins ausgeht1).

Noben der Ethnologie sind die anderen Zweige der vergleichen-den Psychologie alle die Gebiete, wo die psychischen Erschei-nnngen, nicht in abstracto, als einer nicht individnellen Seele ange-hörig studirt werden, sondern die wo gerade anf die Eigenschaften, welche die individnellen nnd sonstigen Eigentümlichkeitcn bedingen nnd bilden. Acht gegebcn wird. Es sind dies ansser der Tier-psychologie die Disciplinen der Aesthetik, der Pathopsychologie, dor Criminalpsychologie, der Psychogenic (odor Psychologie des Kindes).

Die Probleme, welche allo diese Forschungszweige anbieten, geboren alle dem vergleichenden Teile der allgemeinen Psychologie 3) nnd dadnrch als zu erforschende Thatsachen der Psychologie überhaupt an, zur Erklarung wird abor manchmal die Karakterologie hcrangezogen werden mussen, weil die zu erklarenden Erschcinnngen fast immer die Ausserungen individucll bestimmter psychischer Complexe sind. Die Gedanken, Gefiihle, Wolktngen und Triebe der Gruppon und der sic zusamracnstellenden Individuen sind nicht regelrecht nach don Gesetzen dor allgemeinen

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Einen anderen Teil und zwar den ersten, grundlcgonden bildet die expori-mcntelle und analytische Psychologie, den dritten Teil die Karakterologie.

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Psychologie zu verstollen, sondern nur wcnn wir sio als die Oo-saramtaussorungcn der bcstimmten ganzen psycliischon Indlvidua-litaton auffassen. Erst und im höchsten Grade im Individuum, im bostimmten Karakter, sodann in der socialen Gruppe worden die psychischen Erscheinungsserien Avie in Knotenpunkten modi-iicirt. Die ersteren dieser Modificationen, die im individucllen Karakter ontstellenden, zu studiren, ist die Aufgabe, die liöchst wichtige, dor bis jetzt fast giinzlich vernachlassigten Karakterologie (Mill's Ethologie). Hire Voraussetzung ist die, dass die Zusarnmenstollang der orfahrnngsgemüss verschiedenen Eigenschaften der Karaktore im Karakter oino gesetzmassige ist, und dass die Gesetze dieser Verbindungen auffindbar sind. Die complexen psychischen Erschoinungen, wie die Denkweisen, die componirten Gefühlo, sind die Eesultate der verschiedenen Karaktore und sind daher nur aus ilmen zu erkliiren. Was Rachsucht oder Gottosfurcht ist, liisst sich nie durch allgemoine, abstracte Analyse entdeckon, sondern nur dadurch, dass ihro Bodingungen in don nicht immer gleichon Zusammenstellungcn ebenso nicht immer gleicher Eigenschaften in den vorschiodonen Karakteren aufge-deckt werden; sio habon ihren Grund nicht ia einem bostimmten psychologischen Gesetze sondern in, mitunter sogar verschiedenen, Karakterconstellationen.

Die Karakterologie ist also nicht blos an sich, als Wissenschaft dor Zusammonstollung und der Function der Karaktore, von einzig horvorragendem Interesse, umsomehr weil sio allein hiormit die positivo Grundlage aller Paedagogik, Sociologie und Politik bildot, sondern auch weil nur durch sio die Erklarung der complicirten Erschoinungen im Soolenlebon der Individuen wie der Gruppen möglich wird. Allo dioso Gebiete, alle Erschoinungen des Bas-tian'schen Völkergedankens (die Philosophien, Lebensanschauungongt; Keligionon, Kunstrichtungen, Rechtsgebilde, Morale, Moden etc.) werden erst durch die Karakterologie der wissenschaftlichen Erklarung zugangig, weil sie alle am Ende auf den Lebensausserungen bestimmter individuelier Karaktore beruhen, die ja natürlich die Resultanten dor Zusanimenstollungen dieser Karaktore sind. Leider hat die karakterologische Forschung abor kaum angofangen.

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Audi die allgemeine Psychologie der (ïofühlo 1st anevkannter-massen sehr zurückgoblicben Ich war also gezwungcn, zur Ge-wlnnung einer feston, psychologischen Gmndlago fiir melne eth-nologischen Forschungen, und auch well die durchaus ungenügend erforschten Problemo mich an slch zum Anstrengon melner Krilfto verlockten, mich selbst in den: psychologischen Studium der Er-schoinungon dor Grausamkelt und der Rachsucht zu versnellen.

Es schien mir aber nötlg, zwar keinoswegs elnc Compilation zu verfassen, wohl aber die betreffenden Ausserungen alterer und neuerer Psychologen soviel als mir irgend niögllch zu be-rückslchtigen. Hier und da zerstreut flndet slcli ja gar viel Beachtenswertes, was nur zum Schaden der ohnehin so armen Wissenschaft vernachlassigt werden kOnnte. Auch bestrebte ich mich den psycliologischen Scharfsinn der Dichter möglichst zu verwenden Wenn alle psychologisch wertvollen Ausserungen und Benierkungen aas allen Ecken mal gesammelt und kritisch geprüft würden, würde dieso Arbeit schon ungeheuer zur Eörderung der Psychologie beitragen. Die besten Beobachtor und Denker haben solt Jahrtausende über unsore seellschen Erschelnungen gegrübelt und diesolben wahrgenommen. Es muss slch doch gar viel Wert-volles darunter finden. Nur die kritische, streng wissenschaftllcho Prüfung fohlt, und leider fast vollstiindig.

Weil unter diesen Umstanden von einer ausgebildeten und bewahrteu Methode für diesen Zwelg dor Psychologie, geschweigo für die Karakterologie, natürlich nicht einmal Ansiitze zu finden sind, war ich gezwungen eine eigene Methode zu befolgen. Ich wiililte die der Durchproblrung, durch Analyse, Beobachtung und Vergloichung, der verschiodenen aufgestellten Hypothesen, untor Prüfung an die bereits sichcr gestellten Resultate der Psychologie.

1) .lamos (11: S. 448) findet diesen Wissensmeig so langweilig, woil Ueine Gesetze in ihm aufzufmden seien! und Spencer bezweifell im Anfang des zweiten Bandes, ob eine Eiforsciinng der complicirteu Seolenzusliinde moglicli sei.

2) Übor seine r!edo\itimg für die Psycbnlogie vergl. ausser Münsterberg 1. c. auch l'Y'ré; „I'alhologie des Émolionsquot; : S. Xll.

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§ 3. Die Methode der Ethnologie.

Dio Ethnologie ist oine sehr junge Wissenschaft, os wurde nur noch sehr wenig in ihr gearbeitet, die Forschungsmothoden sind noch wonig geprüft und gar nicht ausgebildet'); es scheint mir also geboten, dass jeder Forscher, mchr als in alteren Wissenschaften nötig ist, sich über die Methoden und Arbeitsweisen von den bevvahrtesten Meistern der Ethnologic befolgt Rechenschaft gebc und nach bewusster, genauer Abwagung ihrer Vor- und Nachteilo seinen eigenen Weg wahle.

Die erste Methode 1), welche wir jetzt besprechen wollen, ist die von Post und Kohier in den moisten ihrer Arbeiten für die Rochtssitten, von Andree für die verschiedensten Sitten und Gebriiuche benutzte, welche eigentlich nicht viel weiter als zur Sanimlung und Classiticirung der Erscheinungcn geht2), nur dass jede Sammlung doch eino Art Interpretation der Erschei-nungen voraussetzt, und dass die genannten Forscher bisweilen eino Erklarung vorstellen und kurz verteidigen oder aber die moist vor der Hand liegenden Regelmassigkeiten hervorheben; von einem Versuche die Erscheinungen so tief als nur irgend möglich zu erforschcn, die möglichen Erklarungen und Hypothesen in jeder Weise aufs exacteste zu priifen und bei stetigem Streben nach Ermittelung von Gesetzen doch nur die als solcho aufzustellen, welche die schiirfste Prüfung bestanden haben, ist bei dieson ausgezeichneten Gelehrten keino Rede. Dass dies der vor-

1

Es versteht sich, dats ich für jede Methode nur einige wenige ihrer be-kanntesten Vertreter wahle. — Über die Methoden der Ethnologie überhaupt und besonders über die von Wilken, Post und Tylor angewandt vergl. mcin „Ethno-loglsche Jurisprudentiequot;, Indische Gids, Januari 1890: S. 18 seq. des Abdruckes.

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Post's „Grundlagenquot; bieten allerdings schon mehr; sie enthalten eine Art Schema der Entwicklung aller Uechtsinstitute auf grosser Thatsachenkenntniss beruhend.

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1 au fig, bis auf Eossorung des ethnografischcn Materials, ange-zeigte, beste und sicherste Weg wilre glaube ich durchaus niciit^ zum Teil aus don oben dargelegten Gründen (dass keine Besse-rung der Kthnografie zu erwarten ohne den Antrieb der hüberen Forderangen der Ethnologie), zum Teil weil ich überzeugt bin, dass mit dom jotzigon Material in seiner jetzigon üostalt (wie icli sie beide eingehend verandert wünsche, siehe obon) durch eine streng forschendo Etlinologio scbon Manches zu erreichen ist, wie die ungoachtot der sehr kleinen Zahl der Mitarbeiter und des vor Kurzem viel schlechtoren Zustandes des Materials doch schon orhaltenen Resultato überzougend boweisen.

Obwohl ich also den Hauptweg, dio jotzige Hauptaufgabe und Methode, anderswo glaube, schoinen dio Arbeiten obigor Forscher mir dennoch von grossem, bedeutendem Worto zu sein 'j, welcher, ausser in dom nicht geringen des reinon Materialsammlens, was anderen Forscliern öfter viele Arbeit erspart, darin liegt, dass auf die Fülle des Stollos, auf zahllose interessante Einzelhciton auf-merksam gomacht wird und die Grundzüge wenigstens aller künftigen Forschungen angegeben werden. Für die anrogonden Abhandlungen Kohlor's in der „Zeitschrift für vorgloichondo Rechtswissenschaftquot; und sonstwo, für die reichon und vielseitigen Monografiën Andree's und für dio vielen und überaus fleissigen Arbeiten Post's1) muss durch joden Ethnologen ticfor Dank gezollt werden.

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Besondors sein letztes Buch „Grundriss der ethnologischen Jurisprudenzquot; (I, •1894), dessen zweiten Band icli mit Verlangen erwarte und sein früheres „Über die Aufgaben einer allgemeinen Bechtswissenschaftquot; (1891), betrachte ich als in ihrer Art vorziigliche, dankenswerto Bücher. — Nur bcdauere ich lebhaft, dass die Litteraturanweisungen für die niedrigen Volker sich auf die Post'schen iifter loson Ervviihnungen in früheren Werken und einige bekannte Bearbeitungen meistens beschranken.

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Gerade der entgegengesetzte Fchlor liaftet allen sooiologisciien Werken Spencer's an. Er geht ven einem absolut allgemeinen Grundgedanken, von einer durch Untersuchnngen auf anderen Gebieten fïir ihn langst feststehenden Hypothese aus nnd sucht nun auf jedem anderen Geblete Illustrationen nnd Beweise für sio zusammen. Von einem unbefangenen Blicke auf die Masse der Erscheinungen findet sich koine Spur mehr; an Prüfung anderer Hypothesen, an Kreuzprüfungen des eigenen Systems wird nicht gedacht. Die allerdings grossen Vorteile eines solchen Verfahrens liegen vor der Hand: die gewaltige Tragwcite der Hypothese wird klargemacht, ihr grosser Erklürungswert ange-zeigt, nnd manche Erscheinungen gerade durch diese gewaltsamo Einsoitigkeit in cine frische Beleuchtung gerückt, wodurch sic erst in ihrer wahren Bedeutung erkannt werden; die wahrlich nicht geringen Nachteile dieser Methode dilrfon aber nicht ver-gessen werden. Spencer's Arbeiten haben der Ethnologic ungeheure Dienste geleistet, aber wohl ara wenigsten auf dom Gebiete der Methode.

Im grossen Werke Letourneau's, welches jetzt in seinen sieben Banden fast die ganze vergleichende Kulturwissenschaft umfasst, soil erstens der ganze vielumfassende Plan geschiitzt werden, und zweitens hat es einen grossen AVert zur allgemeinen Einführung in diese Wissenschaft: man erhalt so eine wenn auch flüchtige Über-sicht des Stoffes und wird auf manche interessante Erscheinungen aufmerksam gemacht und zwar aus don verschiedensten Vülkern und den entferntesten Gegenden: Einseitigkeit wird hierdurch gewiss entgegengearbeitet. Aber gar Vieles muss in diesem Werke ernsthaft gerügt werden. Es enthalt keine eigentlichen üntersuchungen, sondern blos lose aneinandergereihte Monografien mehr oder weniger beschreibenden Inhalts. Das benutzte Material ist durchaus ungenügend, immer gar dürftig und nicht auf der Höho der Zeit stehend, manchmal geradezu schlecht zu nennen. Statt Bewcisführungen finden sich nur Illustrationen gar unbe-stimmtor Behauptungen. Nach diesen Büchern zu urteilen steekt unsere Wissenschaft doch noch recht in ihren Kinderschuhen. Von eigentlichen, strengen, methodischen, nach Exactheit stro-

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beuden Forschungen scheint dieser Schriftsteller gar keine Allium^ zu haben ').

Ganz anders können glüehlicherweise die neueren Forschungen über die Entwicklung der Ehe und der Familie beurteilt werden, worauf sicb die Krafte der besten socialen Ethuologen concentrirt haben; und ganz besonders dürfte dieses günstige Urtheil fürdie Arbeiten Wilken's gelten, welcher zwar keine neuen Hypothesen aufstellte, aber die ihm am rationellsten erscheinenden gewissen-haft an einem beschrankten, aber sehr reichen und ihm gründ-lichst bekannteu Materiale priifte.

Sogar gegen die in allen diesen Werken angewendeten Methoden lassen sich aber meines Erachtens gar viele Einwendungen machen, welche gewiss zum guten Telle erklaren, weshalb die Eesultate der Ethnologic audi auf den vielfach erforschten Ge-bieten keine reichore und sicherere sind.

Der erste grosse methodische Fehler, der gar vielfacht begangen wird, ist der, dass die Forscher sich selbst keine Einwendungen machen, ihre Hypothesen und Erklarungen nicht genug miss-trauen, nie selbst nach negativen Instanzen suchen, ja sic öfter nicht einmal erwiihnen wo sie vor der Hand liegen und Jedem bekannt sind, geschweige nach der Erklarung dieser in Überein-stimmung mit ihrer Hypothese streben, das experimentum crucis, das nie fehlen sollte, niemals anwenden, Zweitens möchte ich rügen, dass gar zu selten das Resultat dor ganzen Beweisfilhrung, exact, in Zahlen womöglich, ausgedrückt wird. Der Leser sollte doch genau erfahren, wie er dran ist, was der Wert der positiven und negativen Instanzen ist. Dementsprechend liisst sich der Forscher gewolmlich nicht deutlich und offen genug über die von ihm selbst entdeckten Lücken der Beweisfilhrung aus, er constatirt nicht scharf genug, wo die spatere Forschung einzusetzen habe: er thut, obwohl er das Oegenteil doch leicht wissen könnte, alsob dor

1) Die sog. Wilden giebt er in ganz schematischer Wcise, 39 trocken uml langweilig, dass es scheint Eclsob sich nichts als das sehr wenige, was L. mitlei It) von ihnen sagen liesse: vergleiche z. B. „Kvolution Juridiquequot;: S. 138, -147, 127 , 101, wo vorschnelle Behauptungen über Wilde vorkommen, welche durch einiger-massen vertiefle Untersuchungen widerlegt werden.

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Gegenstand endgilltig durcli ilin behandelt wurde: er ist Advokat statt ehrlicher, exacter Forscher. Moin dritter Vorwurf endlich ist, dass die Erkliirungen und Hypothesen iiftor auf selbst nicht bowiesenon Sützen gcstützt worden, wahrend diese doch nur dienen können, wenn man sie entweder erst selbst beweist oder sich auf einem früher gelieferten, genau zn citirenden Bcweise stützen kann.

Mit einem A¥orte es wird vorlilufig viel zu wenig nach Exact-heit und erschöpfender Beweisfiihrung gestrebt.

Ein ungoheuror Fortschritt in dieser Richtung wird aber durch den beruhmton Aufsatz Tylor's vollzogen, wolcher die statistische Methode und die Bonutzung einer einfachcn Wahrscheinlichkeits-rcchnung in die Ethnologie einführte'). Es ist aber sehr schade, dass dieses ausgezeichnete Beispiel his jetzt zu wenig gefolgt wurde, und doch kann, wie gesagt, nur das Streben nach grosserer Exactheit und zwingendorer Beweisfiihrung die Ethnologie zu raehr und besseren Resultaten bringen.

Ich habo raich bomüht in raeiner Methode die ohigen Fehler zu meiden.

Es sei rair erlaubt kurz auf ilire Eigentümlichkeiten aufmerk-sam zu machon.

Tch habe nie danach gestrebt die Thatsachen zu einer ange-nohmen und wahrscheinlichon Erzahlung aneinander zu reihen. Die Beweiskraft eines solchen, leider in der Ethnologic noch nicht seltenon Verfahrens scheint mir ausserordentlich gering zu sein. Meine Studiën wollen durchaus nur als reine Porschungen geiten. Wenn es irgend möglich war sanimelte ich immer alle die Falie, wclche mir gleichartig zuschienen, und versuchte sie dann, nach dieser iiusserlichen und vorliiufigen Classification, zu erklaren und ihre wirkliche Bedeutung herauszubringen. Um aber der Oefahr des Schematismus und des Bogmatismus möglichst zu entgehen,

1) Nur ist es sohr 7.11 bedauern, dass Tylor in diosem Aufsatz nur die ziffcr-massigen Resultate, und niclit die zugrundcliegcndon Thatsachen milleill und ebensowenig andere Erkliirungen zurückweist. Sicho woiter über seine liatiii-brechende Arbeit meinen oben genannten Aufsatz und moin: Vooruitgang in Folklore en Ethnologiequot;, De Gids, Mai 1893: S. 21 scq. dos Snparatab druckes.

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habo ich immer alle Italic, wolche icli in meinen Sammlungen vorfand, mitgeteilt und nicht bloss dio welclie zu Gunsten meiner Hypothese sprachen. Bei der iibergrossen Masse dos Materials ist es unmüglieh jemals thatsachlich alle Falie mitzuteilen, wenn aber alle aus den, von völlig hlervon unabhangigen Gesichtspunkten gesammelten, Notizcn berücksichtigt werden, so ware es, wenn nur die Materialsamralung einigermassen reichhaltig und solide, ein höchst unwahrscheinlicher Zufall, wenn dieso zufallige Fraction alles überhaupt möglichen Materials nicht allo Varietaten des-solben, und somit aucli Beispiele aller nogativon Instanzen ont-halton würde. Was also für elne innerhalb meiner Sammluner

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orschöpfende Serie gilt, dürfto eine überaus grosse Wahrschein-llciikeit beanspruchen für alle Falie zu gelten. — Es wirdJedom oinlouchten, dass diese relative Erschopfung ganz etwas anderes ist als die Mltteilung elniger wenlgen, ausgewahlten Beispiele. Nur in der von mir befolgten Weise sind Inductionen nach den Forderungen der Logik möglich, und die Resultate sind ent-sprechend sicherere.

Ich habe mich weiter immer beeifert die Ergebnisse aller Inductionen zahlemuiissig auszudrückon, wodurch allein ihr Wert völlig doutlich angegeben, und die Bedeutung der negativen Instanzen augenfdllig wird, die Schwachen dor Argumentation warden in dieser Weise gleich von mir hervorgehobon, wodurch spiiteron üntersuchungen eine Handhabo geboten wird, und ein Joder genau abmessen kann, wie weit mir, bei meinem Matorialo, die Lösung des Problems gelang. Dieses zahlenmassige Rcchenschaft-ablegen von joder Induction und von joder einfachon Thatsachen-sammlung scheint mir vom höcbsten Worte für die Argumentation und für dio elirliche, exacte Forschung zu sein. Wenn es mit der Übung meines ersten Princips vereint goht, wird hierdurch die Blondung des Losers mit ungonügenden Inductionen sehr erschwert.

Ich war in dieser Weiso immer gezwungen mich der negativen Instanzen anzunehmen: eine Hypothese ist ja unzureichend oder falsch, wenn jene nicht in Übereinstimmung oder wenigstens ohne Widerspruch mit ihr orklilrt werden können. Ausserdem

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sind gerade sie vom grössteu Werte für die Forschung, weil sio ja auf Abweichungen von der vorausgesetzteu Regelmiissigkoit, sorait auf neue Regelmassigkeiten aufmerksam machen. Die statistische Metiiode soli nicht den meisten Wert auf die Regel-milssigkeiten sondern gerade auf die Unregclmassigkoiten logen, weil diese ja zu neuen Hypotiiesen und Entdeckungen führen. Nur soil man sich dann auch nicht mit einer Frase von ihnen abmachon, sondern sie soweit als moglich verfolgen, und niclit ruhen bis sie wenigstens in ihrer Beziehung zu den positiven Instanzon und doren Erklilrung vollkommon erlautert und damit in Übereinstimmung gebracht sind.

Weiter habe ich micli bomüht so viel als raöglich mir solbst Einwande zu machen, die eigenen Ergobnisse zu kritisiren, und ich habe immer vorsucht das experimentum crucis durchzuführen, wenn dor Zustand des Materials es irgendwie zulioss. Wir sollten dies doch nie unterlassen und überhaupt unsere Beweisführungon bis zum Aussersten anstrengen, nicht ruhon bis alle ordenklichen Methoden und Argumente erscliüpft, alle gemachten und möglichen Einwiinde widerlogt sind. Die Conclusionen sollten wenigstens vorlaufig fost stohen; der Vorfassor solbst sollte auch bei sorg-fiiitigster Durchsuchung seiner Quellen und bei grüsstor Anstron-gung seines Intellectos und mit Beriicksichtigung aller Opposition koine andere Lösung als die soinige möglich erachten und fest von ihror Wahrhoit iiborzeugt sein, dann wird auch der Loser bis or neue Thatsachen beibringen oder eino bossero Einsicht boweisen kann, überzeugt sein und bleiben, und auf den sicher-gostellten Grundlagen weitor arboiten kunnen.

Um gerade diese weiteren Forschungen oder abor die Controle meinor Kesultate am anderen (z. B. don afrikanischon Vólkern, oder den Resten alter Zustilnde in don barbarischen Gesellschaften, odor don geschichtlichen Überlieferungon der altoston Zeit der Kulturvolker) Matorialo zu orloichtern, habe ich die Lücken meiner Arguraentationen, soweit ich sie deutlich oinsah, immer solbst aufgedeckt, die eriibrigenden Desiderata hervorgehoben, die End-punkto meiner Forschung möglichst scharf bezeichnot und die Angriöspunkte nouer odor ornouter Untorsuchung angogeben. Es

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wird so für joden Forsclior ganz loiclit soin boi raoinon vorlaufi-gen Kosultaton anzuknüpfon. Loider ist das seharfo, ausführlicho Control]iron fromder Resultate nocli kcinoswogs gobriiuclilich in dor Etlinologio, was wohl in dein fehlonden Streben nach Exactiioit seinen Grand hat. Es macht so den Eindruck, alsob os den Meiston noch gar nicht so recht drauf ankamo, ob ihre Behauptungon richtig, geschweige so exact als nur irgendwie erreichbar seien.

Die Ethnologen nehtnen noch zu viel als natürlich oder selbst-vorstandlich an, Worte dio koin Forschor benutzen sollto; das Staunen, die Mutter der Wissenschaft, ist noch zu wenig in ihnen entwickelt; sie fragen noch viel zu wenig nach der Erklarung einer jeden Erscheinung. Sie scheinen öfter mehr für gobildote Laien als für Fachmanner, welche nur nach reichera und gutem Material nebst strenger, erschöpfender Beweisführung fragen, zu schreibon, daher ihr durchaus verkehrtes Bemiihen in der Mit-teilung von Bevveisstellen sich zu beschriinken, es mit der Beweisführung nicht so peinlich streng zu nehtnen, und das Streben amusant zu sein, wahrend doch nur das nach methodisch richtiger, strengwissenschaftlicher Behandlung horrschen sollte, weil auch nur dioso dem I^achmann Freudo boreiten kann, und alles Andere gerado jetzt bei dem sehr ungonügenden Stande seiner Wissenschaft, dem rechten Ethnologen entschieden tiefen Schmerz und Widerwillen bereiten muss.

Ich habe raich in meinem Buche nur bemüht den strengsten Forderungen der Wissenschaft und dor Logik zu genügen. Auch in der Mittcilung habe ich kei no Rücksicht auf das Verlangen des Laien nach Kürze und lliessendom Stil genommon. Von vvelchen roin-fachwissenschal'tlichen Untersuchungen z. B. dor Chemie oder Statistik wird Solches verlangt? Besonders boi dor Mitteilung des etlmografischen Materials schien es mir völlig unnötig nach lieb-lichcn und abwechselndon Einführungsformeln zu suchen; die Boispiolo werden nur ihros Beweiswerts wegen mitgeteilt; in ilirem Werte dafür und in ihrem Inhalte soli ihr oinziger Keiz und ihre einzige Rochtfortigung liegen ').

1) Meinem verohrten Rccenscnton in der „Zeitschrift für die gesatnmte Slraf-rechtswissenschaflquot; möchte ich mir zu erlauben bemerken, dass das wissensehaft-

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Übrigens habe ich danach gestrobt die einzelnen Citato in ihrer vollen tleischigen Fiille, nicht als abgestorbene Leichnamo zu geben, wcil dies von grossera Werto für die Deutung der ganzen Mit-teilung sein kann und der Loser in dieser Weise viel leichter zu einem eigenen Urtoil befüiiigt wird ').

Endlich ein Paar Worte zur Rechtfertigung resp. Erklarung dor Mangel meiner Matorialsamralung. Dio afrikanischen Völker wird man mit Verwunderung vermissen: ich behandelte sie nicht, vveil ich fürchtete, dass sonst meino Notensammlung zu violo Jahro nehmen würde, weil damals gerade Post's „Afrikanischo Jurisprudenzquot; erschienen war und endlich weil die Zahl und Verscbiedenheit der von mir behandelten Völkergruppen gross gonug schien; ausserdem sind natürlich die vielen afrikanischen Despotiecn zu raeinem Zweck recht untanglich, weil diese Rogie-rungsform gloich einen nachdrücklichen Einfluss auf dio Strafarten ausübt; survivals niederer Formen in hüheren Gesellschaftsorga-nisationen habe ich aber vorsatzlich fast nie zur Vergleichung horbeigezogen; ihre Erörterung würde den intoressanten CfOgen-stand einer sclbstiindigen, aber ara besten spiiteren Behandlung abgebon können; icli habe mich immer bemüht nur Völker einer einzigon socialen Entwicklungsstufo zu vergleichen 2).

Dio verindischen Völker habe ich bis auf wenige Ausnahmen nicht berücksichtigt, aus dom Grunde dass die sie behandolnden Büchor mir nicht zu Gebote standen.

Ich glaube aber, dass meino Arbeit hierdurch nicht bodoutond golitten hat, obwohl Nachprüfung der erhaltonen Resultate an

lich Gercchtfertigtsein meiner Form mir vollstandig gonügt. Mcin lïuch wurdc nur fïir Fachleute geschrieben, welche iloch alle Stilornamentik als storend be-Irachten werden. Übrigens denke er mal an dio Irocknen Ausziige z. B. in Gallon's „English Men ol Sciencequot;. Leider werden die ethnologischen Bücher fast immer noch zu viel für Laien geschrieben.

1) Als Modelle möchte ich hierboi auf Wilken's Arbeiten und /.. li. auf Eraser's „Golden Boughquot; vcrweisen.

'2) Grosse scheint mir durchaus Uechl und Griuid zu haben, weun er die Vernachlassigung dieses Piincips sogar bei sonst guten ICthnologen riigt. „Die Anfiinge dei' Kunstquot; (1894); im Vorwort.

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don genannton Völkergruppon eine luimende Aufgabc bilden würde.

Ich habe mich ernsthaft bestrebt meinon eigenen strengen An-forderungen an die zu befolgende Methode zu geniigen '); wahr-scheinlich goltmg es mir nicht immer; dio ompfohlono Methode ist deswegon nicht weniger notwendig, und ich werde mich auch in der Eolge anstrengen sie immer vollstandigcr anzuwenden.

§ 4. Die Voraussctsungën der Etknologie.

Wir wollen hior nicht die allgomeinen Voraussetzungen jeder socialen Wissenschaft, wie z. B. don absoluton Determinismus behandeln, sondern nur die, welcho für diese üisciplin spcciell gelten.

Diose Orundprincipiën, von wolchon die ganze jetzige ethnolo-gischo Forschung ausgeht, sind dio dor Entwicklung im Gogon-satze zur Entartung and des einheitlichen „Vülkergedankonsquot; statt dor Übernahme aller ahnlichen Sitten durch die Völker.

Behandeln wir jetzt erst das lotztere Princip. Es besteht darin, dass die verschiedenen Sitten, Institutionon, Gedanken etc. der verschiodenen Volkor entwoder als die verschiedenen, einander auffolgenden Stadiën einer für die ganze Menschheit gleichon Ent-wicklungsrciho aufgofasst worden, oder aber als dio verschicdonen Reaotionen dessolben gloichon Menschheitskaraktors auf dio nn-gleichen aussoren Bedingungon und Umstande; natürlich schliesst das eine das andere nicht aus. Dio Üboreinstimmung zwoicr Völ-ker in einer Sitte wird nach diesom Principe nur aus zwingenden, besonderen Grimden aus einer Entloihung von einander oder aus derselben Quelle erklart1), sondern im Allgomeinen aus der

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Ü) Aucli Andree („lithnographische Parallelequot; I: S. VU, Vlü) warnl nur niclil zu bald boi üboreinstiinrnenden Sitten eine Entloihung anzunehinen. Acliolis nenut die Eutleiliung und die Wanderung dor primitiven sittlichen und religiüsen Ideale

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überoinstimnienden Entwicklungsstufo odor aus der Gleichhoit der Bedingungen, in weiehen beide Vülker verkehren. Die natürliche Verschiedenhoit der Rassen wird also nie zur Erklarung herbei-gezogen. Die ganze Menschhelt wird als eine einzige Art aufge-fasst nur in don versclüedonon Gegonden nicht gleich weit ent-wickolt vind unter verschiodenen TJmstiiuden lobend1).

Ob dieso Auffassung als die endgiltig richtigo betrachtet werden darf, darübor gleich noch ein Paar Worte, so viel ist aber jeden-falls gewiss, dass es für die junge Wissenschaft dor Ethnologlo kein bossores Forschungsprincip gobon künnte. Wir werden in dioser Weiso ja gezwungon so weit und tlof wie nur möglich den natiirlichen Bedingungen dor Erschoinungen nach zu spiiren statt gleich die Eselsbrücke des Rassenkarakters besteigen zu kunnen. Erst wenn wir in dieser Weise nach der vorgleichenden Methode, in voller Strenge angewendet, allo Erscheinungen so viol als möglich orklart und auf festo Gesetze zurückgeführt haben, wird sich uns violloicht ein nicht roducirbarer Rest uner-klarlicher Ungleichheit dor Institutioncn und Entwicklungen der verschiodenen Rassen ergeben, welchor sodann don psychischen und physischen Eigentüralichkeiten der Rassen zugoschrieben werden diirfte.

Es versteht sich aber, dass dieser Weg unendlich bequemer und vor Allem sichoror ist, als der der voreiligen und vorlaufig so schwer zu beweisenden Erklarung durch die Eassenkaraktere, deren jetzigor Versuch nur in willkürliche, verwirrte, wertlose, unbewiesone und unboweisbaro Behauptungen vorlaufen wiirde. Erst da wu wirklich, nach langer Anstrengung die Ethnologlo sich unfahig zeigt die Üboreinstimnuingen und die Vorschioden-

unmöglich; iibrigens licht er etwas viel mit Urzustanden herum. „Ethnologic und Kthik,quot; Zeitsclir. f. Ethnol. 180!: S. 71). Die gründliehste Warming gerade anf dom Lieblingsgebiete der Entleihungstheorie enthalt aber der denkwürdige Anfsatz S. Reinach's: „T.e Mirage Orientalquot; in „ 1.,'Anthropologicquot; 1893.

1) Bastian war immer bostrebt durch H'aufung dcr Analogien aus den ent-lerntesten Vólkern das allgemein Menschlichc auszusichten und geschichtlichc llcziehungcn nur aiinunchmcn wonn ilire Notwundigkeit im Kinzelfulle buwiosen war. „Heitrage zur vergleichenden Psychologicquot; (1868): S. VI, VII.

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XXXIX

hoiten in don socialen Erschoinungen dor vorschicdenon Völker zu orklaron, dürfon dieselbon don vorschiedenen Rassenkarak-teren zugoschrioben worden. Dass dies aber nur nicht zu friili stattfinden darf, geht schon daraus horvor, dass dio socialen Zustiindo und dio Sitten auch eines selbcn Volkos im Laufo seiner Geschichte andern, sowio daraus dass dio unter ungleichen Umstandon lebenden oder gelebt habenden Vülkcr eincr solben Rasse durchaus vorschioden sind. Und zwar sind dio hior botrach-toten Verschiedenhoiten genau eben so gross, als die welcho völ-lig getrennto und nie mit oinander in Beriliming gekomraono Rassen aufzeigen.

Jodes neu erscheinonde Buch über Ethnologie, und in nicht geringom Grade das vorliogende, liefert zahllose Beweise für die letzten Behauptungen ').

Die Richtigkeit unseres Princips wird übrigons unwidorloglich durch dio grosse Zahl dor seiner Befolgung zu vordankondon Resultato bewiesen, wahrend dio altoro Ethnologic rait ihren gewagten Übertragungsnachwcison doch schliosslich nur das Problem verschob und es zu keiner oinzigon wirklichon Erklarung eiher Erschoinung brachte, geschweige zu einer Ermittlung von Gesotzon.

Wenn wir die Sache etwas tiefer anfassen, so kommen wir zu dein Schlusse, dass schliosslich doch auch allo Unterschiedo in den Rassenkarakteren ebensowohl erkliirt worden müssen und zwar nur durch die Einwirkungon verschiedener Umstande und Uragebungen auf don einhoitlichen Menschentypus, denn wir worden die Rassen doch wohl nicht auf Entwickolungon aus vor-

1) Von Ilullwald bemerkt, weini er ilic Üljcreiiistinnnuiii; dei' ciilfernlesten Völker in den soltsamsten Begrüssungsformen bespricht, Folgendes; „Die Erschei-nung wicderholt sicli freilich auf fast allen Gebicten, was schon Peschel veranlasst bat 7.ii bemerken, bei dieser Übereinstimmung überfalle uns fast die trostlose Vorstellnng, als sei das mensohliche Denkvermogen ein Mechanismus, dor bei dor Einwirknng gleieher Reize immer zu den gleicben Rösselsprüngen genötbigt werde.'' „Etbnograpbische Rösselsprüngequot; (1894): S. 49.

„Tonjours et partout, nous trouvous cbez les races humaines, en apparonce si dilïörentes, les mèmes goüts, les memes ollbrts, les mèmes tendances, les mêmes conceptions; Tunite so montrc au sein de la diversité.quot; De Nadaillac: „L'Antbro-pnpbagie,quot; Kevue des deux Mondes 1884, EXVI; S. 412.

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XL

schiodcncn Tiorartcn zuriickfiihren; die vorschicdeno Goschichte muss also Alios erklaren, hier wio in dor Zoölogie, wo doch die Metazoën-Arten auch nicht auf die Entstehung aus vorschiedonou Protozocn zurückgeführt werden Die Benennung dieses Prin-cips als das des „Völkergodankonsquot; ist allerdings eine sohr miss-liche und seine blosse Proclamirung darf wahrlich nicht als oinc Erklarung einer Erscheinung aufgefasst werden, wozu ganz An-dores gehort1).

Das zwoite Princip dor Ethnologic dürfen wir jetzt als wohl fnndirt und notwondig betrachten.

Das erste Princip, das dor Entwicklung im Gegensatze zur Entartung, brauchon wir toilwcise gar nicht wciter zu bogrUndon oder zu rechtfortigon, aus dem einfachen Grunde, dass houto wohl koin Ethnologo die Entartungshypothese im Ganzen mehr vertei-digen wird, und nur als allgemeines Erkliirungsprincip darf sio cine besondoro Bodeutung beanspruchen, da sio obenso Keiner im besondoron Falie, als Verfall odor Degeneration, leugnen wird. Auf alio diese Erschoinungen hat dio vergloichendo Kulturwissen-schaft bis jetzt nur iiusserst wenig Licht verbreitot.

Solango das Entwicklungsprincip als Grundgesetz dor ganzen Biologie gehandliabt wird, müssen wir annehmen, dass die Mensch-heit sich aus einom Urzustando dor Tiorahnlichkeit ontwickolt hat. Was diesen ürzustand der Menschheit betrifft, so dürfen wir

1

'2) Nur dass das Wort an don umfassendsten und grossartigsten Godanken der Kthnologie erinnert, den Bastian seit Jahren verkiindet, neuerdings in „Controversen in der Ethnologiequot; 1 (1893): S. 33.

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XL!

ihn gowiss nicht als in jeder Beziehung oino hiiherc Stufc als die dor Lochsten Tierarten betrachten, weil ja audi die Tierarton nicht in alien Beziehungen zugleich sicii entwickeln und die nie-drigsten Menschenarten gewiss in mancher Beziehung der oinen odor der anderen Tierart keineswogs üborlegen sind. Überhaupt giobt es kein Gesetz der gleichmassigen Entwicklung. Es diirfte aber auch aus anderen Gründen angomossener erschoincn den Urzustand der Menschhoit durch speciello Forschungon zu cr-mitteln.

Ob dabei das Studium der wilden Völker Hilfe leisten kann ? Diese Frago darf zu der erweitert werden, ob die jetzigen Wilden als im Grossen und Ganzen der ürmenschheit gloich gestcllt werden dürfen, und ob der Zustand dioser Wilden als einc uni-versollo und allgemeine Entwicklungsphase aller Völker und Rassen betrachtet werden darf, welcho also auch die jetzt höhcr gesittcten Völker und Rassen durchgemacht haben müssen?

Zur Bejahung dieser Fragen zwingen uns hauptsachlich drei ïhatsachon: erstens dass die Kultur dor iiltestcn geschichtlich bokannten Stadiën der Kulturvölker völlig nut der gar mancher lebenden Naturvölker übereinstimmt'), zweitens dass dio Kultur der rohosten prilhistorischen Völker, so weit wir sio kennen, von der dor niedrigsten Wilden nicht verschieden ist1), und drittens dass wir im Folklore der gebildetsten Völker haufigen Spuren uralter, völlig ungebildeter Zustande bogegnen, wio wir sio im vollen Leben ungeschwacht und ungetrübt bei don Naturvölkern antreffen 8).

Hiermit ist abor durchaus weder bewiesen noch behauptot, dass wir in den heutigen Wilden das Urbild der Monschhcit zu

1

Lubbock's „Prehistorie Timesquot; beruht hiorauf. Vergl. vor Allem Tylor: „Ou the ïasmanians as Ropresentatives of Palaeothic Manquot;, Journ. Authrop. Instit. ot Great Britain and Ireland, i893 Nov., XXIII: S. 141 seq.

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orblicken haben, denn dio erstoren habon doch jodonfalls nnendlich viol mehr erlobt als dio Urmonschon, und das wird zwoifelsohne seinon Einfluss goiibt habon, nur stohon sio doch diosom Zustande am niichston, und wio gesagt bilden sio jodonfalls im Grossen und Ganzon die iiltesto orreichbare Phase der Entwicklung der ganzen Menschheit.

Was die Kulturvülkor über diese Stufe hinauf aufwarts getrieben hat, soli die vergloichende Kulturwissenschaft aufhollen ;jedonfalls kann os nur die günstigo Aufeinandorfolgo günstiger Umstiinde unter geeigneteii Constoliationon und zu don rechten Zeiten oin-trotend gewesen sein. Die Unterscheidung zwischen activen und passivon Vólkern oder Rassen schoint inir vorliiufig unbegriindot und als Forschungsmotiv gefahrlich.

Eino richtige und erschopfende Klassification und Eononnung dor verschiodonon Kulturtypon und -Stufen giobt es bis jotzt nicht, sogar koine Definition von „Wildonquot; oder von „Natur-völkernquot;. Ich inöchte vom Standpunkte der socialen Ethnologie die Völker ohno eigontliclio staatliche Organisation, also ohne absichtlicho Gosotzgebung, als Wildon ^ betrachten. Dor Ethnologie möchto ich abor aus praktischon Gründon nicht nur dieso sondorn allo Völker ohno Littoratur zugewiesen wissen, weil erst bei den Vólkern mit Littoratur das vorhorgehendo Elnzolstudium jedes Volkes durch oino Specialitilt notig wird, bevor die vergleichendo Kulturwissenschaft mohrere solcho Völker zur Vergleichung verwenden kann.

1) Leider ist dieser N:imo ebenso scbloclit nis der von Nalurviilkern. Dio interessanteste Einteiiung dor ICulturperioJen findet sich wold bei Morgan in soinom „Ancient Sociclyquot;, s. audi sein „Houses and House-Life of the American Aboriginesquot; (1881): S. 43.

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XI,III

§ 5. Die sociale Ethnologic (jegcmber dcr HerMswissenschaft unci der Rechtsphilosophie.

Die Rechtswissenschaft im weiteren Sinnc ist teils Kunst: die Entwerfung von Eegeln für das sociale Leben soweit sic dor Staat und soino Organe ausfiihren können, und ihro Interpretation und Anwendung, teils reine Wissenschaft; die Erforschung aller bewusst gestellten und thatsüchlich befolgten Regel sowie derer Bedingung und Unterlage, des ganzen socialen Lebens der jetzigen und der früheren Völker, ohne dessen Kenntniss und Verstiindniss natürlich die seines Austlusses, des Rechtes, unmöglich ist.

Nur insoweit als die Rechtswissenschaft also Technik ist, kann sie als besondere Disciplin gelten — der genaunte erste Teil, soweit sie aber theoretische Wissenschaft ist, der obige zweite Teil, fallt sie ganz und ohne Rest in das Gebiet der Sociologie und zwar je in deren beide Teilo: die Ethnologic und die ver-gleichende Kulturwissenschaft, nach dem Kulturgrado der betref-fenden Völker. Bei den wildon Vólkern sind ja Recht, Sitte und thatsiichliches Leben nicht einmal gesondert, bei den höher gebildeten sind die absichtlichen Regelungen des socialen Lebens, soweit solche schon vorkommen, wie gesagt immer der Ausfluss der gesammten Kulturzustiinde, der Ausdruck ver Allem einesteils der Einsicht in die Verkehrsbedingungen und des moralischen Niveau's, andernteils der Verkehrsverhaltnisse selbst und der Machtsverhaltnisse ebensosehr. Dementsprechend ist ihre Erklil-rung nur möglich unter Berücksichtigung des ganzen socialen Lebens; eine reine Rechtswissenschaft scheint mir ein Unding, sie kann nur (soweit nicht sociale Politik und Gesetzesinterpre-tation) ein Unterteil, allerdings ein hochbedeutender, der socialen Ethnologic oder der vergleicllendon Kulturwissenschaft sein.

Man könnte einwerfen, dass diese Einteilung eine formale ist und gar wenig zur Sache thut. Dies raöchtc ich aber beanstanden. Sie bezweckt der verhangnissvollen Loslösung des Rechtsstudiums von der Sociologie, der Technik von den zu boherrschendcn Thatsachen, der Vorschriften vom Leben, vorzubeugen, welche

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XLIV

Loslösung dio gauze Keclitswissenscliaft verdorben und unge-heueren Schaden in der Praxis gestiftet hat.

Das Studium des Gewohnheitsrechts und der Gesetze ist nun oiumal und soil bleiben unzertrennlich vorbundon rait dem dos ganzen socialen Lebens, seiner Unterlage. Der theoretisclie Teil der Keclitswissenscliaft uud, well oline ilin principiell verfehlt, aucli der praktische Teil, dürfen also nur als Teile dor Sociologie betrachtet und studirt werden.

Dass die tlieoretische Keclitswissenscliaft durch die Ethnologie eino ungoheure Erweiterung erlangt bat, braucht nach don Arboi-ten liauptsachlicli der ausgezeichneten Forscher, Post und Kohier, nicht mehr erörtert zu werden und verstoht sich nach dem Obigen für den damit Ein vorstanden en von selbst.

Die Rechtswissonschaft liat ebensowenig Grand das Studium dor primitivcn Sitten und Rechte zu unterlassen als die Zoologie das der niederen Tiere, ja obensowie diese bat sie sogar allen Grund gerade aus diesem Studium die besten Kosultate zu erwarten1).

Es giebt aber noch einen anderen angeblichen Zweig der Rechts wissenschaft, nl. die Rechtsphilosophie: ihre Aufgabo ist wohl dio Grundlagen der Rechtserscheinungen zu erörtern. Dieso Aufgabo soli ihr im Geiste der modernen Wissenschaft durch die Psychologie und die Sociologie resp. die Ethnologie und die ver-gieichende Kulturwissenschaft entnommen werden. Sind ja alle Rechtserscheinungen sociale Tluatsachen auf denen des individi\pllen

1

Kovalevsky („Familiequot;: S. 22) hal den Elhnologon vorgevvorfen ihre Theorien slalt auf Jie semitischen und arischen Völker öftor auf Volleer „d'un intérêt secondairequot; zu stützen; alsob es solche für die vergleichende Wissenschaft gabe, welcher doch die zurückgebliebensten, unbedeutendsten Völker für das Studium der Ursprünge das meiste Interesse einflüssen: man vverfe den Zooiogen vor zu viel Gewicht auf die Anatomie des Amphioxus zu legen!

Gar kein Verstandniss für die Bedcutung der socialen Ethnologie zeigtG. Tarde in „Les Transformations du Droitquot; (1893); es dürfte dies grösstenteils seinen nusreichenden Grund in seiner Unkcnntniss der besten Leistungen dieser Wissenschaft finden, liest er ja offenbar weder deutsch noch englisch, wahrend ihm I.etourneau als der typische Ethnologe gilt, Post, Von Dargun, Kohier u.A. ihm aber unbekannt sind; übrigens wimmelt das immerhin anregende Büchlein von unerwicsenen Behauptungen: es scheint fast, alsob der geistreiche Verfasscr von einer strengen Beweisführung gar keine Ahnung besitze.

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XIjV

8oelenlebons füssend. Diose Wissensclmften werden aber nur die thatsiiclilichen Erscheinungen zu erklaren haben, welcho so wenig den Anforderungen eines hypostasirten Rechtsbowusstseins ent-sprechen und wahrlich nicht zur Hypothese eines speciollen Organs oder Bewusstseins zwingen; die Erkliirung dor von den Tiieore-tikorn aufgcstellten phantastischen Hypothesen bleibe dor Goschichte der Philosophie überlassen. Das thatsachlicho rechtlicho Lobon scheint mir obonso wenig wie das moralische scliwer aus don angenommenen psychologischon Grundsiitzon zu crldilron, nur die falsciion Lösungon. der Phiiosophen liaben die Problcmo erschwert und vorwirrt.

Gerade die Ethnologie ist berufen hierin einen Wandel zu schaffen, woil sic nur die rechtlichen Verhaltnisse in ihron ein-fachsten Formen vorführt, und diose legen uns die Verfüh-rung zur Aufstellung mystischer Theorien viel weniger nahe als die complicirten, unsere Eigenliebe und Interesse involvirenden Tliatsachen des Kulturlebens. Giebt es ein besseres Gegongift gegen die absoluton Strafrechtsthoorien als die gründliche Kennt-niss dor Evolution der Strafe durch die Einwirkung mancher Umstande aus der Urrache? Kann die immer nou auftauchende Lehro vom „contrat socialquot; einen kraftigeren Gegner haben ais die positivo Kenntniss vom Entstehen des Staates aus den go-sclilechtsgenossonschaftlichen Verbanden ?

Die Ethnologie mit der Psychologie vereint wird alle Reclits-philosophio überflüssig machen, well sie die Entstehung und die Entwicklung aller rechtlichen Erscheinungen aus den Grundge-setzen des monschlichen Soolenlobens orklaron wird.

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ERSTER TEIL.

Vorsuoli einci* ixsycliolofjisclioii JtCrliliii-iinef clcr lisielio itutl dei* üiK'liNiK'lit.

EINLEITUNG.

Das Prohlem.

Man möchte behaupten, dass es Ginem theoretischen Probleme nie zum Vortoil gereiclio, durch soine Beziehungen ciner prak-tischen Disciplin anzugehören. Die ïheorotiker scheinen dann auch seine Erörterung ganz den Praktikern zu überlassen'), und deren Interesse ist nun einmal vorzugsweise auf die Consequen-zen, den Nutzen, bez. die Eechtfertigung einer Erseheinung go-richtet, nur in sehr geringem Maasse auf ilire Erklarung. Ausser-ordentlich viele Belege fiir diese Behauptung bieten die socialen und die Geisteswissenschaften, wohl aus dem Grande, dass hier die praktische Behandlung nicht nur zeitlich dor theoretischen weit voranging, sondern auch weil noch jetzt die Entwicklung der ersteren die der zweiten bedeutend überstoigt. Das theoretische Interesse ist hier meistens schwach, diese Wissenschaften

I) Ein üeispiel scheint mir .-nich zu sein, dass Ochorowicz (Revue Philosophi-que (1881, 13. XXXI): „Projel il'un congres psychologique'-) in der „Section de pédagogie et d'éthologiequot; eigentlich nur die paedagogischen, aber gar nicht die ka-raktcrologischen Aufgaben des projectirten Congresses erwahnt.

I

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2

werden hauptsachlich von Praktikern gepflegt. So bleibt donn dio Erörterung der psychologischen Grundprobleme der Paedagogilc, der Rechts\Yissenschaft und der Politik fast völiig der Zukunft vorbehalten.

Zn den interessantesten dleser Probleme gehort jedenfalls das der Rache nnd der Rachsucht, um so interessanter weil unbe-strittenerweise auch unsere staatiiche Strafe zu einem grossen Teile in diesen Erscheinungen wurzelt.

Man möchte nun erwarten iiber diese inhaltschweren I ragen eine zahl- und gehaltreiche Litteratur vorzufinden, doch wird man hierin leider enttauscht.

Es wurde zwar auch in neuerer Zeit von Grotius bis auf Carle unendlich viel iiber die Rechtfertigung und den Zweck dor Strafe philosophirt, doch wurde dor psychologischen Erklarung der be-treffenden Erscheinung fast keine Aufmerksamkeit gewidmet. Wenn aber die psychologische Untersuchung der heutigen Strafe und des heutigen psychisdhen, persönlichen Bedürfnisses an Be-strafung derartig im Argon liegt, so lasst es sich kaum erwarten, dass die Grundlago der ganzen strafrechtlichen Entwicklung, die Rache und das Rachebedürfniss, welche jetzt der officiellen Dar-stellung nach nur eine untergeordnete Rolle erftillen, sich einor besseren Pflege freuen diirfte. Dieser Voraussetzung entspricht die Wirklichkeit vollstilndig. Die Juristen, die Rechts-philosophen utid -historiker und die Ethiker geben alle fast nur philosophi-sche und moralische Theorien, öfter auch bloss Phrasen, zu einer Erklarung der betreffenden Erscheinungen, deren es doch wohl zu allererst und wenigstens als Grundlage weiterer nortnativer Erörterungen Noth thut, lassen sie sich nicht herab 1). Da unsere Aufgabe die Untersuchung und Deutung dor verschiedensten Ausserungen und der ersten uns fernstliegenden Offenbarungeu der Rache mit sich fiihrt, so können wir nicht umhin, auch der Sache für sich auf den Grund zu gehen. Die Art der Auffassung mancher Erscheinungen, wclchen wir fernerhin begegnen werden,

1

Wundt in seiner Ethik (1892: S. 180 seq., 218 seq.) macht hierauf leider keine Ausnahme.

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wird ja von unserer Einsicht in die psychologische Bedeutang des Rachetriebes bedingt sein, die Erklarung aller betrelfenden Thatsachen wird durch ein tieferes psychologisches Verstandniss gefördert werden.

Wie wir oben sagten, scheinen die Psychologen mehrere der für die Socialwissenschaften bedeutendsten Probleme ihrer Disci-plin diesen überlassen zu haben, wenigstens wird die Rache und alles rait ihr verwante nur aüsserst dürftig, ja geradezu nur sóbr selten in der psychologisohon Fachlitteratur behandelt Aller-dings ist die Psychologie der Gefühle, der Triebe und dor emo-tionellen Zustiinde überhaupt erstaunlich wenig ausgobildet, ja kann man von einor systcniatischen, stetig fortschreitendcn, coöpo-rativen, methodischen Porschung hier kaum reden; die Karakterologie aber fehlt so gut wie vollstandig 1).

Wir befinden uns also in der Zwangslage unseren Gegenstand selbstiindig psychologisch erforschen zu müssen, falls wir die nötige Unterlage für unsere weitcren etlmologischen Stadion haben wollen. Selbstverstandlich aber werden wir die einschlagige Litteratur, so weit sie uns bokannt wurde, so viel als uur mög-lich benutzen.

Wir wollen versnellen eine das bessere schon gesagte zusam-menfassende, eingehende üntersuchung des Rachetriebes zu geben. Es scheint mir oben in dor Psychologie dor Gefühle ein grosser Mangel an dorartigen zusammenstellenden, ins Detail eingehenden Monografien zu bestehen, und doch wurde hio und da zorstrout schon seit Jahrhunderten so viol Peines und Interessantes gerade

1

Bahnsen's curioses Bucb („Beitriige zur Charakterologie,quot; 1897) darf man wobl nicht als der positiven Forschung angebörig betrachten, Bain's („On tbc Study of Characterquot;, quot;1801) und Azara's (,,Le caractère dans la santé et dans la maladie2', 1887) sind nicht viel mehr als Ansatze, nur Perez's („Le caractère de l'enfant a rhommequot;', 1892) Arbeit darf ein bedeutend höherer Wert zugesprochen werden.

2

Wir würden uns ein solches Urteil nicht getrauon, wenn wir über die be-trelfende psychologische Litteratur nicht den Rat berufener Fachleute eingeholt batten. Imtnerhin werden wir wabrscheinlich bedeutende einschlagige Arbeiten übersehen haben, es thut uns dies sehr Leid und wir bitten unsere wolilwollon-den Kritiker um ihre Angabe.

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übor diesen Gegenstand gesagt, dass das Zuzammentragen die verwendete Mühe mehr als lohnen würde, ja dass sogar ohne Zweifel diesem Zweige der Psychologie kaum durch eine andere Arbeit grösserer Nutzen erwachsen könnte.

Weil eine Methode der psychologischen Porschung auf diesem Oebiete noch vollstandig gebricht, sind wir in unserer Analyse auf ein ziemlich rohes Darchprobiren der verscheidenen sich uns anbietenden Hypothesen angewiesen.

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ERSTER ABSCHNITT.

Die Gri*a.ui3u.mlioit.

§ 1. Die Fragestellung. Grausamlceü und Itache.

Die erste Hypothese welche wir jetzt prüfen wolion, bestoht darin, datys die Rachsucht auf dem Strehen henihe das unange-neJime Gcfülü nach der erlittenen Béleidigung oder Beeintrachti-gung zurückgeblichen durch das angenelme der Jlache zn ersetzen und aufmheben. Die Ersetzung irgend eines Gefühls durch ein anderes ist an sich nichts seltenes, lm Gegenteil, ein anorkanntes Gesetz besagt, dass die verscheidenen Gefühle einander aus unse-rom Bewustsein verdrangen, dass das eino dem anderen keinen Platz lasst. Ein jedes angenehme Gefiihl wiire in so weit geeignot den Schmerz der Beleidigung zu ersetzen, wenn also nur erst erwiesen ware, dass die Rache ein angenehmes Gefühl sei. — quot;Wir sagten aber auch, dass nach dieser Hypothese die Rache den Schmerz der Beleidigung aufhebe, d. h. abor dass die speciellen unangenehmen Gefühle, welche zusammengestellt jenen Schmerz ergeben, durch die correspondirenden doch entgegengesetzten Freuden der Rache speciell aufgehoben, niimlich durch deren Entstehung unmöglich gemacht worden, weil nnn einmal nicht zu gieicher Zeit stolze Erhebung und Deraütigung in der Seele möglich sind.

Die Fragen, welche die Prüfung dieser crstou Hypothese uns also stellt, sind die zwei folgenden:

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Ü

1. In wieforu kann dio Ausiibung der Racho angenehm sein?

2. Welche sind dio speciellen Geniisse, welche die Kache schenkt?

Weil unsere Hypothese aber dazu dienen soil cine Erklarung

fiir alle die Ausserungen dor Racho ini Völkerleben ab zu geben, so fiigen wir als dritte Frago hinzu;

3. Sind diose dirokten Freudon der Rache gross genug urn das intense Strebon nach derselben zu erklaren?

Untor den dirokten Genlissen dor Rache gehort wohl an erster Stelle das Bewusstsein der Erhöhung der persönlichen Sicherheit, zweifelsohne oin gar miichtiges Gefühl, welches als Motiv ausser-ordentliche Kraft ausüben können muss, doch eben weil es ein Gefühl von so grosser Bodeutung, meinen wir es zu einer bc-sonderen Frago und üntersuchung machen zu müssen, ob dieses Gefühl dor erhöhton Sicherheit an sich den ganzen Genuss und damit die ganze Kraft des Rachetriebes erklaren könnte.

Aller weitere Genuss der Rache, abgesehen von dom der Erhöhung der Sicherheit, besteht in der Zufügung von Schmerzen an eine verhasste Person, also in der Übung der Grausamkeit im Betreft' eines besomloren, verhassten Objektes.

Unsere Hypothese könnon wir also wieder hierauf hin einschriin-ken und zuspitzen, dass sie lautet: der Genuss der Racho besteht in dom Genuss dem Beleidiger Schmerz zuzufügen.

Unsere Fragen, doren Beantwortung wir jetzt ohne Weiteres versuchen wollen, lauten also:

1. Worin besteht der Genuss der Grausamkeit?

2. 1st diosor Genuss, resp. sind die ihn zusammensetzenden Genüsso gross genug die Intensitiit des Rachetriebes zu erkliiron?

Zu unserem Glücke ündet sich bei den Psychologen bedeutend mehr und besseres über dio Grausamkeit als über die Rache. Die verschiedenen Forscher suchten den Genuss der Grausamkeit in verschiedener Weise zu erklaren, d. h. auf verschiedeno andere Genüsso zu reduciren. Wir wollen dieso Versuche der Reihe nach durchmustern.

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7

§ 2. Die Reduction der Grausamlceit auf Hire Factoren. Die uneigentlichc Grausamlceit. Die Grausamlceit der Kinder.

Dio einfachste, racist vor der Hand liegende Reduction ist wohl die auf das Nichtbcgrcifen des fremdon von uns zugefügten Schmerzes. Wir sollten also grausam sein, nicht weil fremder Schmerz an sich oder das Wohthun uns Freuden macht, sondern bloss weil wir den fremden Schmerz nicht fiihlen, indera seine Ausserungen kein entsprechcndes Gefuhl in uns erwecken, sondern uns völlig gleichgiltig, unberührt, gefühllos in jedem Sinne lassen '). Es springt aber ins Auge, dass in dieser Weise doch bloss das unbewusst und in so weit unabsichtlich Anderen Weh-thun erldiirt werden kann. Die Erreichung des eignen egoistischen Zweckes könnte allerdings bewusst sein, das Wehthun aber ware immerhin bloss eine ungewollte, ja nicht gespürte, Nebenfolge. Die eigentiiche Grausamlceit, das absichtliche Wehthunwollen setzt eo ipso noch etwas ganz anderes voraus. Doch soil man die Rolle des Nichtverstündnisses, der Nichtinterpretation der Schmerzens-ausserungen auf diesem Gebiete nur nicht unterschiitzen. Die durch sie entstandenen Verletzungen und Beleidigungen werden passiverseits gewöhnlich zu der Grausamkeit gcrcchnet, und be-sonders peinlich empfunden. Alle dio Misshandlungen durch rohe, ppeciell audi durch taktloso Leute zugefügt gehören hieher. Dass sie moralisch und nach der gangbaren Schatzung ebenso streng verurteilt werden als die Grausamkeit aus aktiven Motiven kommt wohl dalier, dass erstens die feineren zarteren Personen, welche grösstenteils die öffentliche Meinung beeiuflussen, wenigstens die

1) „Wer sich nicht auf Mienen versleht, ist immer grausamer odor gröber, als andere Loulo; desswegon kann man auch gegen kleine Thiero oher grausam sein.quot; Lichtenberg: „Vermischte Schriftenquot; (180) I; S. 114, — Mancher, der sonst mit Freuden jagt, kann nicht ohne Schmerz und Rouo eiuen Affen totschiessen, offenbar weil dessen Mienonspiel undjGcbahren den unserigen zu ahnlich sind,

Wie viele bemitleiden geangolte Fische und ihr langsames Sterben, nachdem sie so grausam gefangen wurden?

Nur bekannte Schmerzen erwecken unser Mitleid. Adam Smith, „Theory of Moral Sentimentsquot; 1784, 1; S. 2 seq.

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uns bekannte (in grobon ungobildeton Umgebungen urteilt man auch anders), durch die rohe, blode, holzharte, plumpe Verstiind-nisslosigkeit ganz besonders verletzt und angewidert werden; zweitens aber auch daher, dass wirklich die Gefahr dieses Nicht-verstehens, Nichtahnens des fremden Leidens der sonstig zu er-kliirenden Grausamkeit nicbt um vieles nachsteht.

Die bekannte, in ihrer Naivitat öfter entsetzlicbe Grausamkeit der Kinder kann zum grössten Teilo auf diese nneigentliche Grausamkeit zurückgeführt werden. Ihr Mitleid mit fremden Schmerzen ist gerade deshalb so gering, weil sie die Zeichen dieser Schmerzen nicht oft genug wahrgenommen und in Verbindung mit den eigenen bei entsprechenden Schmerzen gebracht haben }). Ausser-dem ist ihre Aufraerksamkeit im böchsten Grade flatterhaft, zu irgend einer Fixation wenig geeignot. Ihr Gedachtniss ist sehr schwach auch für ihre eigenen Schmerzen, spontane Eeproduc-tionen früherer Schmerzen durch suggestive Empfindungen oder Gédankenverkettungen finden kaum je Statt. Dementsprechend sagt Perez in einem seiner ausgezeichneten Biicher: „Das natür-liche Mitleid ist, sogar bei den liebreichsten Kindern, im Alter von sechs bis sieben Jahren bald befriedigt. Wenn das Kind nicht in sich eingeht, kommen ihm vieileicht zwei oder drei auswendig gelernte Worte über die Lippen, wenn es sich gegeniiber einem unglücklichen Menschen oder Tiere befindet, und dabei bleibt es. Wenn es durch Gewohnheit oder Eitelkeit, durch unsere Ermu-tigungen oder durch das Verlangen unseres Lob zu ernten aufge-weckt, sein Beklagen etwas langer fortsetzt, oder gar es bis zu ïhaten treibt, so langweilt ihn diese Holle recht bald.quot; „Ich habe gesehen, dass Kinder von sechs bis sieben Jahren im Zimmer ihres kranken Vaters, den sie blass, abgemagert, unfahig Nahrung zu sich zu nehmen oder eine Bewegung zu machen fanden, sich schweigsam und traurig verhielten, und doch kaum hinausgegangen, Alles vergassen und mit aller Sorglosigkeit ihres Alters spieltenquot; 1).

Auch dieser bewahrte Forscher meint, dass in der kindlichen

1

Perez: „L'Enfant de trois a sept ans.quot; S. 248.

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Grausamkeit die intellectuellc ünfiihigkeit, das Fohlen dor asso-ciativon Verbindung zwischen den Aussorungon des (fremden) Schmorzes und dein (früher selbst empfundenen) Schmerzo die1Hauptsache ausmacht2). Eben deshalb sind öftcr die intelligenten Kinder raitleidiger als die empfindsamen. „Wenn es sich uni die Deutung der Handlungon Andrer handelt, welche fast immer eine Gefülilsreaction hervorruft, scheint das omfindsamste Kind weniger mitfühlend als ein intelligenteres. Der Grund hiervon ist, class das letztere sich weniger anzustrengen braucht um zu verstellenquot; ').

Merkwürdig, obwohl nicht unbegreitlich, ist die Erscheinung, auf welche Perez aufmerksam macht, dass Kinder einen Augen-blich ganz ziirtlich fühlen, gloich drauf die grösste Gleichgiltig-keit bezeugen könncn. So erziililt er von Knaben, welche beim Erblicken oiniger Vögelchen, welche ihr Onkel gefangen hatte, ausriefen: „o welche hübsche Tierchen! ich hoft'e, du wirst sie doch nicht töten 1quot; Da aber der Onkel sagte, dass sie oin aus-gezeichnetes Essen abgeben würdon, sahen sie ruhig zu, wie er don Tierchen die Seiton zwischen seinen Fingern eindrückte urn sie zu ersticken 3). Vielleicht war das anfanglicho Mitleid dieser Kinder eigentlich nur scheinbar, beruhte ihr Verlangen die Tierchen lebendig zu erhalten eigentlich nur auf ihrer aesthetischon Bewunderung, ihrem völlig egoistischen Vergnügen an don hüb-schen Geschöpfen, welcher ihre Vernichtung als unangenohm or-schien, bis die HofFnung auf ein grösseres Vergnügen diese Furcht aufhob. Vielleicht auch empfanden sie einen Augenblick beim Gedanken an den möglichen Tod der kleinen Tierchen einiges Mitleid, doch wurde dieses durch einen andoren neuen Gedanken glcich verscheucht. Die erstere Deutung scheint aber die wahr-schoinlichere: das Kind hat bloss Gcfallen an der hiibschen Form,

1

Perez, 1. c.; S. 246.

Ein Kind von IG Monaten Imtte grosses MitleiJ mit seinem Vater, wenn diesel'sidi badete, wohl weil ihm selbst das kalle Wasser sehr unangenehm, und doch war er ein grausamer Verfolgor und Peiniger von kleinen Kalzen, wohl weil er deren Ausserun-gen nicht verstand. Perez; „Les trois premières Années de l'enfantquot;, 1888: S. 91,92.

2

Perez, 1. c.: S. 296.

3

Perez, I.e.: S. 248.

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von einem oigentlichen Zartgefühl, einer Sympathie, eiiicm wirk-lichen wenn audi schwachen Mitftihlen ist gar keine Kedo.

Violleicht beruht auf domselben Grande, dem fehlenden Ver-stilndnisse für das frerade Leiden oder vielmohr (in den meisten Fallen) für seine iiusseren Zeichen, die nicht eben seltene Er-scheinung, dass Leute welche schon als Jiinglinge ein sehr mit-leidiges Herz gerade audi Tieren gegoniiber zeigten, als jüngere Knabcn oft sehr grausara mit don lotzteren verfuhren. Ich selbst habe mehrere derartige Grausamkeiten als Knabe, noch in meinem dften Jahre, verübt, und doch bin ich gerade Tieren gegeniiber schon seit Jahren sehr weichherzig. Manche würden sagen, bis ins Übertriebene. Ich kenne auch einen holiiindischen ziemlich begabten Dichter, welch er ein sehr golindes Urteil überalleMen-schen hat und wahrlich weichherzig und empfindsam genannt werden darf, und doch hat er als Kind einige abscheuliche Grausamkeiten gegen Tiere verübt nach seinem eigenen Gestandnisso1). Perez citirt ebenfalls ein Boispiel dieser Erscheinung welches wir des grossen Interesses wegen hier ganz und unübersebzt ab-schreiben wollen:

„Voyez oü en était, a l'ógard des animaux, 1'enfant qui devait être un jour le plus doux et Ie plus tendre des hommes. Trois histoires lamentables. L'une, celle de rhirondelle enfermée au grenier oü elle avait son nid, et qu'Edouard poursuivit, en bran-dissant un toison, peur la faire tomber et s'en emparer; il n'y róussit pas, heureusement pour lui, car de pareils succes peuvent avoir des conséquences graves pour l'avenir: effrayó ou attendri par los cris dósolés du pauvre oiseau, il renonce a son entreprise, et lui ouvre la fenêtre. Entre parentheses, la vivacitó, dans ce cas, prima l'ardeur. Edouard avait alors onze ans. Deux ans plus tard, par colore, par esprit de resistance, il ótouffa dans ses

1

Karakterologisch dürfte cs interessant sein, dass dieselbe Person doch kein eigenüichos Interesse für andere Leute hat, ihre Mitteilungen bald vergisst, eigent-lich im Gesprach nur monologisirt u. s. w.; intcressantes Problem, dass der nur mit sich beschaftigte doch ziemlich lebende Dramen geschrieben hat, welche sich eines zeitweilig grossen Bühnenerfolges freuten.

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II

mains un petit moineau qu'on lui voulait prendre. Une autre fois, il poursuivit si outrance un chat qui venait battre amoureusoment une de ses ehattes, et lui lan9a sur les toits une brique; il ne I'atteignit pas, mais le pauvre matou, en voulant óviter le coup, dégringola entre deux murs jusqu en bas. Je no parle pas des oiseaux pris aux casse-pieds, petits paquets de plumes óbouriiTóos qu'il rapportait a la maison avec une mine do triomphateur. II ctait bien loin do voir, dans ces pauvres morts, les frores do ceux qu'il 61evait chez lui avec tant de sollicitude, et qu'il pleurait tant, lorsqu'ils disparaissaient dans la gueule d'un chat, ou mou-raient victim es de ses soins maladroits! Les progrès de la r6-flexion, les lemons, surtout les exemples do sa more, et les livres qu'ello sut mettre a propos entre ses mains, opórorent enfin, une fois pour toutes, lo développement de la pitió généralequot; ').

Die hier angezogenen Betragungen Eduard's den Tieren gegen-iiber sind ausnahmslos Beispiele uneigentlicher Grausamkeit, entstanden aus dem Zusammenwirken von irgend einem augen-blicklich stark wirkenden Geliiste mit einor aus Nichtverstiindniss der Ausserungen entsprungener Gleichgiltigkeit fiir fremden Schmerz.

Vielleicht liesse sich der Satz aufstellen, dass nur diese un-eigentliche Grausamkeit den Kinderen besonders eigentiimlich sei5) und mit den Jahren, durch Schwinden des Nichtverstiindnisses vergehe1).

1

Es braucht kaum gesagt zu werden, dass es völlig an dem nötigen kinder-biografiscben Materiale fehlt um einen solchen Satz auch nur cinigormaassen

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Die seltencro Erscheinung dor zunehmenden Grausamkeit, bcz. des abnehmenden Mitleids zeigt aber deutlich daraufhin, dass dio kindliche Grausamkeit nocli andere Factoren haben kann als dio Unwissenhoit, das Nichtverstandniss. Ob das Vorstiindniss mit dom Alter wachst, macht dann nichts aus, wonn ebonso die posi-tiven Factoren wachson, die eine eigono Freiulo aus dem Quiilen Andoror raachen; im Gegonteil sogar, das Vorstiindniss dioser fromden Schmerzensaussorungen ist gerade dio Yorbedingung dioser eigentlichen Grausamkeit').

Ob nun aber alio dio Erfahrungen, welche den bekannten Satz: „cot ago est sans pitioquot; zu einor ziemlich allgemein anorkannton Wahrhoit machen, dio Erkliirung dor Kindorgrausamkoiten durch Nichtverstandniss ormöglichen, bezweifeln wir durchaus 1).

Zwar fiihrt Wake2) in seinem mehr von Floiss und AVoito der Anschauung als von kritischer Schilrfo und psychologischom

1

Bain in „Education as a Sciencequot; sagt: „The worst form of malignant feeling is cold and deliberate delight in cruelty; all too frequent, especially in the young. The torturing of animals, of weak and defenceless human beings, is the spontaneous outflow ol the perennial fountain of malevolence.quot; („Mindquot; VIII (1878): S. 312.)

2

Staniland Wake: „Evol. of Mor.quot; II: S. 7.

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Geschick zeugenden Buche, die ganze Grausamkeit der Kinder und Wilden auf „the thoughtless activity of the willful selfquot; zu-riick, doch sind wir vorlaufig, bis er Beweise fiir seinen Satz beibringt, einor durchaus anderen Meinung.

Das eigentiiche Quiilen, das absichtliche Wehthun koramt audi im Kindesaltor nicht selten vor, z. B. das ohne irgend eineVor-anlassung eine zufilllig voriibergehende Ivatze mit Steinen werfen, das rücksichtslose raffinirte Beleidigen anderer vom Gliick in irgend einer Weise nicht bogiinstigter Knaben, das grausame Behagen wo mit ein ungeschickter Lehrer genargelt, seine Blosse aufgedeckt wird, das unendliche Vergniigen im Zuranarren-haben irgend eines in der Stadt herumlaufenden Idioten — Thatsachen im Überfluss wie Jeder sie sich aus dera eigenen Leben leider ofter oder jedenfalls aus den Scenen des Strassen-lebens lebhaft erinnern kann. Wahrlich, solche Handlungen ent-springen nicht aus Unkenntniss der fremden Schmerzensiiusse-rungen, sondorn im Gegenteil aus doren foinstem Verstandnisse gepaart mit raffinirtester Ausbeutung. Man beobachte nur einnial die Gesichter so recht lustig qualender Kinder! der Gesichtsaus-druck ist entschiedon unschön, öftor wie wir ihn audi bei grau-samen Menschen im Momente der grausamen Funktion wahr-nehmen 1).

Wake's Behauptung 2) — einen besseren Namen dürfen wir ihr nicht beilegen: Beweise fehlen ja absolut —, dass die Grausamkeit sei „coextensive with the thoughtlessness which gives to selfish action its abhorrent character,quot; scheint mir offenbar falsch. Gerade uragekehrt, die uneigentliche Grausamkeit, wie ich sic nonnen niüchte, empört uns unendlich weniger als die eigentiiche, bewusste, welche zweifelsohne vorkommt (siehc unten).

Die Übeiiegung, dass Dummheit der Grund des riicksichtslosen

1

Welche schone, fruchtbare Wechselwirkung werden spater die Physiognomik und die Analyse der Gemütszustande auf einander ausüben, besonders wenn erstere Bentivegni's Ratschliige bcachlet. („Anthropologische Formeln für das Verbrecherthumquot;, 1893, S. 37 seq.).

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Betragens, kanu zwar nicht allen Abscheu vor ihm aufheben, mindert ihn aber erheblicb, liisst Widerwillen, tiefes Bedauern, aber keinon intensen erschreckten Hass zurück. Dieser Unter-scbied in der ethischen Reaction beim unbeteiligton Dritten deutet auf einen erheblicben Unterscbied in der Begründung der ver-scliiedenen grausamen Betragungen, mit einer Gewissheit, welcho gonügt um zum weiter Forschen zu ermuthigen.

In der reichbaltigen, leider nicht sehr systematischen oder kritischen Liste') raenscblicher Grausamkeiten, welche Mante-gazza in einem kuriosen Buche giebt1), begegnen wir auch man-clicn Fiillen, welcho wir als Beispiele der uneigentlichen Grau-samkeit bei Menschen bozeichnen mochten. Z. B.: „Es ist bekannt, dass die Abyssinier von lebenden Ochseti Stücke Fleisches ab-schneiden um sie zu essenquot; 3); freilich ist es nicht ausgeschlos-son, dass das Schneiden ihnen auch einen gewissen direkten Grausamkeitsgenuss bietet, obwohl das Motiv vielleicht bloss das Verlangen nach Fleisch ohne Lust das Tier zu verlieren wiire. Das Toten der Alten und Kranken bei so vielen wilden Vólkern 2) giebt auch keine Veranlassung etwas anderes als ein reines Nicht-beachten der Leiden des Opfers vorauszusetzen. „Die Puelchen begraben ihre Toten in zusammengebogenem Zu-stande in eine frische Pferdehaut eingenaht. Bisweilen führt man diese Operation an alten Leuten aus, die itn Sterben liegen, aber noch leben, denn dann ist sie leichter. Dann setzt sich eine alte Fran auf die Brust des Sterbenden, faltet seine Arme über die Brust, setzt sich dann auf die Arme und befestigt die Hande an den Boinen. Dann wird der menschliche Kntiuel am Feuer ge-trocknot. Diese schone Operation wurde auch mehrmals von

1

S. 2H (ohne Quellenangabe).

2

Dieses Werkes zweiter Band: S. 233. Waitz („Anthr. der Naturvölkerquot;) III: S. 110.

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Quiroga ausgeführt, einem Menschen von weisser Hautfarbo und ausserdem Gouverneurquot;

Audi bei den bloss disciplinarischon, nur durch das Motiv dor Abschreckung bohorrschten grausamon Strafen besteht wenigstens bei don diesolbcn vorschreibonden Autoritaten eine vulligo Indif-foronz für die vom Opfer zu erloidonden fürohterlichon Sclimcrzon.

In allen diesen Fallen stehen wir abor doch einer anderen Schattirung der uneigentlichen Grausarakeit gegenüber: hier liegt ja koine Unkentniss der Leidenszeichen, sondern Gioiehgiltigkoit, Indifï'eronz für das in abstracto entschieden bekannte fromde Leiden vor.

Worauf boruht abor diose Indifferenz ? Wahrschoinlich auf dor Verhinderung dor Apperception der fromden Schraorzensiiusserung durch die Intonsitat sonstiger egoistischor oder sogar altruistischer, socialer Gefühle, welcho die Soele ausfüllen, die Aufraerksamkeit fessoln. Ebonso kann diose Apporceptionsvoriiindorung durch Abhiirtung vorursacht werden; wahrschoinlich onthiilt die Erziih-lung Mantegazza's von einer furchtbaren Körperstrafe an einem Mürder in Old Bailey vollzogen ein Beispiel hiorvon, woboi der Arzt ganz ruhig die Ungefahrlichkoit der entsotzlichen Sclunerzon und dor Verletzungen aus don bereits erhaltenen Hiebon mit der „cat of nine tailsquot; constatirt und don Honker fortzufahron ge-bietet1); ein nicht abgehiirteter Mensch hiltte kaum den Anbliok und die Verzweiflungsschreie des Gequillten anzuhüren vermocht.

Wir sind also berechtigt primitive Unkentniss und Nichtver-stiindniss fremdor Schmerzensausserungen odor deren durch son-stige Preoccupation oder Abstumpfung verbindorto Apperception als Ursaohen gar manohor Grausarakeit von Menschen und Kin-dern anzunehmen; nur soli man hierrait durchaus nicht die rohe Gioiehgiltigkoit für fremde Leiden verwechseln, welcho schiirferer Beobachtung Elemente direkter Freude an diesen vorrathet; z. B. in dom lotzten Beispiele, welches wir aus Mantegazza citirten, scheint der Honker (ira Gegonsatzo zum Arzt, welcher bloss kalt

1

Mantegazza: S. 228.

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zu bleiben seinen) eine gewisse Freude an seiner entsetzliehen Arbeit zu haben').

Auch geht Von Schubert-Soldern jedenfalls viel zu weit, wenn er behauptet, nachdem er auf die Bedeutung des Unverstilnd-nisses sowie der Abstumpfung für die Entstehung der Grausam-keit aufmerksam gemacht hat (über das letztere unten mehr): „Er ist daher die Grausamkeit keine ursprüngliche, menschliche Eigenschaft, sie bedarf vielmehr erst der Abstumpfung, und diese muss erst durch Gewöhnung an fremde Leiden erzeugt werdenquot;. (Die vielen ersten Male, wodurch die Gewöhnung entstand, fanden dann wohl immer durch Zwang oder Zufall Statt?) „Die sogenannten Naturvölker empfinden wahrscheinlich gar nicht eigentliche Freude am Schmerz Anderer, sondern stellen sich so wie Kinder die Leiden Anderer gar nicht deutlich vor, so dass sie of nicht Freude an dem inneren Schmerze ihrer Feinde, sondern an dem eigenen Sieg und der Herrschaft über sic haben, welche sie durch gi'ausame Gebriiuche feiern, ohne an die Leiden ihrer Mitmenschen zu denken .... Die Naturvölker sind grausam wie die Kinder, sie wissen nicht, was sie thunquot;1). Wie ist es nur möglich folgende zwei Aussprüche Von Schubert-Soldern's mit einander zu reimen ? „Die Grausamkeit ist selten ursprünglich verhanden, sondern entwickelt sich durch Umstiinde, welche abstumpfend auf das ursprüngliche Mitgefühl einwirkenquot;. Und: „Wenn man sieht, das KinderThiero martern, so ist das selten eigentliche Grausamkeit, sondern meistens Unkenntniss der thierischen Gefühle, die Zeichen dos thie-rischen Sclimerzes erfahren vom Kinde gar keine Deutung. Es ist daher ganz richtig (wie man gewöhnlich thut), durch Hinweis auf die Bedeutung dieser Zeiehen das Kind selbst auf den Schmerz aufmerksam zu machen und so das Mitgefühl zu wecken — „denn es fühlt wie du den Schmerzquot;quot;2).

Die letztere Auseinandersetzung ist durchaus richtig, nur ist

1

Von Schubert-Soldern: „Grundlage zu ciner Ethikquot; (1887): S. 94 und 95.

2

Von Schubert-Soldern I.e.: S. 94. Siehe das letzto auch schon in Ilelvetius 1. c. 87.

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damit die erstere wenigstens in ihrer Allgemeinheit verurteilt; kindliche Grausamkeit aus Unkenntniss ist jedenfalls ursprüng-lich1), und braucht nicht erst durch Abstumpfung zu entstehon.

De La Bruyère sagt, wean Mitleid aus der Vorstellung frem-den Leidens entstiinde, warura thun wir dann so wenig zu seiner Linderung?2) Diese Kritik trafe auch unsere Erkliirung eines Teils der Grausamkeit, wenn sich ihr nicht zweierlei entgegnen liesse. Erstens, dass, wenn wirklich einrnal das fremde Leid vor-gestellt wird, wohl auch altruistisch gehandelt wird, meistens kommt es aber gar nicht zu dieser deutlichen Vorstellung s). Und zweitens, dass ja auch das direkt eigene Leid, auch wenn tief empfunden, dennoch nicht immer zu lindernden Handlungen fiihrt: diese können ja durch gar viele Umstiinde zurück gehalten werden, und dies um so eher je weniger Reflexhandlungen hierzu genügen, je complicirter die Verhiiltnisse sind und je mehr Über-legung also unumgiinglich ist3).

Die grosse Frage, welche jetzt zurückbleibt, ist also: welche Bedingungen müssen erfiillt sein, damit die Perception der iius-seren Zeichen fremden Leidens nicht zu einer Apperception führe, kein Mitleid entstehe, passive uneigentliche Grausamkeit also

1

Evolutionistisch scheint doch nicht mehr als eine Praedisposition zum Mitleid beim Kinde zu bestehen, wie Perez's angeführte Beobachtungen uud die anderen citirten Urteile über die primitive Grausamkeit des Kindes wahrschein-lich machen. Siehe über die Evolution der Sympathie im Gegensatz zur individuellen Entstehung: Hoffding I.e.: S. 318, und natürlich vor Allem: Spencer „Psychologyquot; II: S. 558 seq.

2

De la Bruyère „Les Caractèresquot; in „Les Moralistes Frangaisquot; (1841): S. 266.

3

Das sanguinische, leichte Temperament, obwohl zur Sympathie geneigt, ver-gisst sogar sein Mitleid zu schnell um zu ïhaten zu kommen. Fouillée: „Le tempérament physique et moralquot;. Revue des deux Mondes, 25 juillet, 1893, S. 284.

2

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ermöglicht werde? Geuaue Beantwortung dieser Frage wird spiiter nur die Karakterologie ermöglichen: die Bedingungen sind ja von der gegebenen Person, von den zusammenstellenden Factoren ihres Karakters abhangig. Die allgemeinen, nicht individuell ver-schiedenen gaben wir zum Teil schon an. Mangel an eigener Erfahrung, wirkliche Unkenntniss der Schmerzeszeichen, Preoccupation, Abstumpfung sind die hiiufigsten

Wenn ein sonst nicht Grausamer in grosser Wut grausam wird, so ist dies ein Vorgang gar complicirter Art, doch jeden-falls wird die Verübung grausamer Handlungen dann auch dadurch ermöglicht, dass die Zeichen des fremden Leidens durch die gewaltige Aufregung nicht langer appercipirt werden 1).

Soviel wurde uns jetzt klar, dass zwar ein Teil der Grausam-keit aus Unkenntniss der Leidenszeichen und deren anders ver-anlasstem Nichtverstandnisse erkliirt werden kann, aber doch durchaus nicht alle. Im Gegenteil die so zu erklarende hatten wir Grund als uneigentliche auszuscheiden.

§ 3. Erste Hypothese. Lie Grausamlceü erldart durch den Genuss der Macht.

Gehen wir jetzt zur Erörterung und Prüfung einer neuen Hypothese über. Sie ist die, welche unseres quot;Wissens zuerst von

1

Nur sehr delicate, so viel möglich experimentelle Forschungen werden diesen Vorgang ganz klar machen: z. B. oh die Zeichen gar nicht einmal intellectuell verstanden werden oder bloss kein Schmerzgefühl mehr erwecken (in hoher Aulregung wird ja sogar eigener phjsischer Schmerz nicht empfunden), u.s. w.

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Schopenhauer vorgetragon wurde und dahin geht die Grausamkeit und ihre Freude aus der Lust an der eigenen durch die grausame Handlang auffaliend erwiesene Überlegenheit zu erklilren. Schopenhauer erkliirt in dieser Weise die Rache und, indem er diese als eigenen Genuss schildert, audi die Grausamkeit. „Indem wir durch Gewalt oder List dem Beeintrachtiger wieder Schaden zufügen, zeigen wir unsre Überlegenheit über ihn und annulliren dadurch den Beweis der seinigen. Dies giebt dem Gemüthe die Befriedigung, nach der es dürstete. Demgemiiss wird, wo viel Stolz, oder Eitelkeit ist, auch viel Rachsucht seinquot; 1).

Auch Bain erküirt: „the satisfaction and comfort derived through the infliction of suffering on other sentient beingsquot; wenigstens zum Teil durch den Genuss der Machtsiiusserung2), doch nimmt er hier auch einen reinen Grausamkeitsgenuss an, eine Art Wol-lust beim Anblicke fremder Schmerzen, wenn nur das Mitleid durch Rachsucht oder Hass entfernt ist. Es scheint hier aber ein logischer Eehler vorzuliegen, denn wenn der Genuss der Rache gerade in dem der Grausamkeit besteht, kann dieser letztere nicht wieder von der Rachsucht abhangig sein. Die Rachsucht kann nicht durch Grausamkeit, diese aber durch Hass bedingt sein, weil der letztere, indem er Böses zufügen will, schon die Grausamkeit, den Genuss am Leidthun, voraussetzt. Immerhin bleibt fiir Bain schon an dieser Stelle in der Grausamkeit ein unzergliederbarer Rest zuriick.

Merkwiirdigerweise scheint dies in einem spiiteren Werke des-selben Verfassers nicht der Eall zu sein. Er führt daselbst die Grausamkeit zwar nicht allein auf die Machtsfreude zuriick, doch behauptet er jedenfalls nicht, dass sie einen einfachen, unzer-legbaren Genuss bilde. „In putting another to pain, there is a glut of the emotion of power or superiority. The felt difference or contrast between the position of inflicting pain and the being

1

Bain: „On the Study of Characterquot; (1801): S. 240.

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subjected to it, is a startling evidence of superior power and a source of joy and exultation. The childish delight in making an effect, or a sensation, is at its utmost, when some person or animal is victimized and shows signs of painquot;

Auch Lombroso erklart die Grausamkeit zur Halftlt;! aus der Freudo an der Machtsentfaltung. Er sagt, wenn er vom Koch sprlcht, welcher De Launay tötete (Taine II: 58—60): „le crime introduit dans son organisme physique et moral deux émotions extraordinaires et disproportionnées: d'une part, la sensation du despotisme exercó sans obstacle et sans danger sur la vie humaine et sur la chair palpitantequot; etc. 1). Wahrend er anderswo auch die Grausamkeit des Kindes fast nur aus diesem Factore zu erklaren scheint: das Kind mache von seiner Macht Missbrauch, bis Mit-leid es zuriickhalt, wenn es wenigstens von Natur nicht grau-sam ists).

Mehrfach wird dem Genuss der Machtsausserung jede Bedeu-tung für die Erklarung der Grausamkeit abgesprochen.

In einem spateren Aufsatze sagt Bain, dass die Begierde nach Macht schon ein Princip von Übelwollen enthalte; die Macht verbürge zwar Genuss und Frciheit von Gefahr, doch sei damit das Übelwollen noch nicht erklart: allerdings ist das Vermogen Qualen zufügen zu können ein Zeichen der Macht, doch bedarf diese öfter kaum eines derartigen neuen Beweises, welcher nichts wirkliches über die Grosse der besessenen Macht aussagt, z. B. wenn ein römischer Weltherrscher ein Tier martern liisst! — Dazu bemerkt er, dass Grausamkeit die eigene Macht vermindert, indem sie selbstverstiindlich ihr Opfer zum Feinde, also zu einer mehr weniger drohenden Gefahr macht; es sei viel leichter durch Güte als durch Grausamkeit Andere in unsere Gewalt zu bringen; die letztere müsse Furcht vor Kache verursachen 2).

1

„La Foule Révolutionnaire et le Parlementarismequot; in „La Nouvelle Revuequot;, 1 Mars 1892: S. 27.

2

Bain: „Is there such a thing as pure malevolence?quot; in Mind (1883) VIII S. 564—566.

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21

In einem früheren Aufsatzo rechnet derselbe ausgezeichnete Psycholog zwar das Gefühl dor Macht zu den Factoren der Grau-?'amkeit, doch behauptet er zugleich, dass die Freude an der Machtausübung Grausamkeit voraussetze, der höchste Genuss derj Macht sei gar nicht denkbar ohne Grausamkeit. „Minds that have much sympathy and little antipathy do not desire power, or if they do desire it, it is avowedly to counterwork maleficent agency. The general rule being that the best you can do for human beings is to avoid coercing them, the excessive desire of power is generally for the sake of harm, whatever may be the professed intention.quot; „Superiority seems to owe its essential charm to perfect immunity from harm; if it means anything farther, it must be the disinterested passion for inflicting harm, which is the thing to be explained. Superiority, after all, is a means to other ends; it may imply simply the greater share of life's good things and of immunity from its bad things, apart from malevolent infliction pure and simple; or it may take this in along with the others. I cannot help thinking that when the pleasure is at its maximum pure malevolence enters as a partquot;!).

Wenn die Grausamkeit ein Mittel der Selbstbehauptung zu sein angenommen wird, bemerkt Bain, dass hiermit das Problem der Lösung um keinen Schritt naher gekommen sei, weil dann noch vollstandig zu erklaren iibrig bleibt, weshalb gerade dieses Mittel gewahlt wurde; es setze voraus, dass Martern Genuss be-reite 1). Jetzt wollen wir zuerst untersuchen ob Bain mit seiner scharfsinnigen Kritik dieser Hypothese Recht hat, überhaupt und in wiefern: diese Erkliirung könnte ja sehr wohl fiir einige oder manche Fiille zutreffen, und doch völlig ungeeignet sein sio allo ohne Ausnahme und ohne Rest durchsichtig zu machen.

An erster Stelle verdient Bradley's Einwand Beachtung, dass wir unsere Macht nie deutlicher demonstriren, als indem wir Anderen thun, was sie am wenigsten gern gethan sein mochten.

1

Bain (wie in Note 4 S. 20j: S. 566.

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22

nl. goquiilt1). Hierin hat er jedenfalls völlig Eecht, die Frage bleibt aber, ob tiefere Analyse nicht zeigen würde, dass doch auch dieser sehr begreifliche Machtgenuss am Ende eine Art Schadenfreude schon voraussetze, wie Bain meint.

Jedenfalls gilt es die genauesten Ausdrücke zu benutzen. Bain's Ausdruck: was wird für die Macht dieses römischen Kaiser's durch das Quiilen eines Tieres ausgesagt? ist irreführend, ebenso wie die Frage: in wiefern solche Qiüilerei seine Macht vergrössern könne. Die einzig richtige Fragestellung ist die: wie ist es raöglich, dass ein so ungeheuer machtiger, seiner riesigen Macht so intens bewusster Mensch, dem jeder tausendmal durch-schlagonderer und überzeugenderer Beweis der eigenen Macht sowie zahllose tausendmal wirksamere Machtsiiusserungen möglich, in dem Martem eines hilflosen Tieres oder eines völlig macht-losen Sklaven noch irgend einen Genuss der genannten Art finde ?

Ich glaube nun aber, dass dies ganz entschieden möglich sei: einen neuen, wertvollon Beweis seiner Macht liefert die Tier-qualerei zwar dem Caesar nicht, wohl aber ist es begreiflich dass ein echter, leibhafter Tyran auch in dem kleinlichen Qualen einen Genuss und zwar den der absoluten Machtiiusserung findet.

Diese Erscheinung ist durchaus nicht ohne Analogien in anderen Gefühlen: z. B. der echte Geizhals, auch wenn er Zehntausende besitzt, findet in jedem neuen Goldstück ein neues, sehr reelies, intensives Vergnügen; dem sehr Ehrsüchtigen gefallt jede neue Ehrbezeugung, auch wenn er schon die höchste Stelle einnimmt, und wenn auch die unbedeutendste Person sie ihm erwiese; der leidenschaftlich Liebende wiinscht immer wieder, unaufhörlich das „ich liebe dichquot; zu horen, die tausend kleinen, doch Liebe be-zeugenden Aufmerksamkeiten zu erhalten, obwohl viel kraftigere,

■1) F. H. Bradley: „Is there such a thing as pure malevolence?quot; „Mindquot; VIII (■1883); S. 417. „We have our will of him most by keeping him in the stale which he most longs to escape from. In this devilish extreme of wanton cruelty we have, I presume, got as far as malevolence. We do desire the other's pain, because only by his pain can we make an utter sport and plaything of his will. Gut even here we do not desire his pain simply and as such. Even here there is a positive ground for our cruelty, and our malevolence is never and could never be pure.quot;

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wirklich durchschlagende Beweise liingst und noch fortwiihrend geliefert wurden; ein wirklich sehr gefallsüchtiges Weib hort die fadeste Schmeichelei des Geringsten mit Ereuden an, giebt sich die Mühe die Begierde des Verachtetsten zu reizen, auch wenu sie tiiglich von lechzenden Bewundrern umschwarmt wird — Nur versteht es sich, dass nicht alle Leidenschaftlichen ueben tiefer Befriedigung ihrer Lust auch noch diese minimalen Genüsse kosten wollen: es hangt dies natürlich durchaus von der Zusam-menstellung ihrer Charaktere ab, worüber unten naher.

Jetzt aber wollen wir zu erforschen versuchen, worin denn die Wirksamkeit der Mimimalgenüsse bei möglicher Vollbefriedigung eigentlich bestehe. — Ich glaube, dass Bain's vielbedeutender, sich allerwiirts geltend machender Fehler dieser ist, dass er sich den Menschen doch viel zu sehr als eine „Seelequot;, als eine Be-wusstseinseinheit, denkt, welche sich immer in jedem Augenblick alle ihr möglichen Genüsse vorstellt, alle genossenen realisirt und somit so zu sagen immer in einer Gefühlsharmonie gleicher In-tensitat verkehrt. Das ümgekehrte ist der Fall. Der Machtige ist nicht jeden Moment grosser Machtsausübung fahig, objectiv, noch weniger aber subjectiv: dieselbe setzt ja eine bedeutend grössere Phantasiebethatigung voraus; das Martern aber ist sehr concret, sinnlich direkt, setzt die sehr complicirten, anstrengenden Vor-stellungs- und Gefüblsprocesse nicht voraus, welche der Genuss der kaiserlichen Machtsvollheit unbedingt erfordert; in Augen-blicken der Erschlaffung (der feinsten, ja der geschilderten Art, welche durchaus nicht iiusserlich oder im Gröberen bemerklich

1) Josephin Péladan, welcher jedenlalls scharf wahrnimmt und analysirt, schildert eine überaus stolzc Mondaine, welche beim Einstoigen ihres Wagens sich die Mühe giebt ein wenig weit abzusetzen um einem armen Manne ihre Waden zu zeigen, obwohl sie in einem fort mit den Herren ihres Standes in gewagtester Weise coquettirt. Marquis de Valognes: „Femmes Ilonnêtes.quot; (1885): S. 25.

Zimmermann geht zwar etwas weit, wenn er sagt; „die Gebilde der Künstler und Dichter, der „Herzenskündigerquot;, haben in diesem Falie eine ahnliche liedcu-tung wie die Priiparate für die Naturwissenschaft.quot; („Die Wonne des Leidsquot; 1885 : S. VII), doch haben ihre Darstellungen jedenfalls grosse suggestive Bedeutung, miluntei' sogar eine weitere, dokumentaire. Sehr richtig hicrüber Münsterberg: „Aul'gaben und Methoden in der Psychologiequot;, 1891: S. 200 seq..

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zu sein braucht) gewiihrt die geringe, aber concrete, sinnliche, also leichter zu appercipirende und Gefiihl veranlassendc Machts-bethiitigung einen immerhin erheblicben Genuss auch dem sonst oiner anderen Befriedigung Fahigen; selbstverstandlich kennt der Phantasielose, höheren Machtgenusses Unfilhige fast nur diesen kioinlicben, sinnlicben; sehr fraglich -würe, ob die im Allgemeinen kleinlich grausamen unter den Imperatoren den eigentlichen Genuss ihrer quot;Weltmacht wohl dauernd oder oft batten, oder ob diese ihnen nur theuer, weil sie gleich und immer Gelegenheit zu un-gestrafter Grausamkeit bot? Der Gefühlspsycbologe begnüge sich doch nur nicht mit den althergebrachten, oberflachlichen Auffas-sungen in Gefühlssacben, welche seine Wissenschaft grossenteils völlig umzuwalzen berufen ist.

Dieser Einwand Bain's bedeutet also nichts, und unserer Schluss ware vorlaufig, dass Martern und Quillen in gewissen Augenblicken bez. gewissen Leuten einen wirklichen mitunter intensiven Genuss bieten können, auch wenn sie weit grösserer Machtsenfaltung im Allgemeinen fahig sind.

Bain's zweiter Einwand: Grausamkeit mache eher Feinde als Freunde und also eher schwach als machtig, halt erst garkeinen Stich Alsob das Gefühl von der klugen Einsicht stets be-stimmt ware. Nur wider eine evolutionistische Erkiarung batte dieser Einwand einigen Wert. Kann die Vorbereitung („trainingquot;) zura Wettkampf, und excessive Anstrengung wahrend desselben dem Kraftigen keine Preude an der eignen Kraft schenken, ob-wohl sie bygieinisch sehr schildlich sein sollen, die Körperkraft also auf die Dauer schwiichen? Was einen augenblicklichen Genuss giebt, kann sehr wohl sogar die Quelle dieses Genusses für die Zukunft stopfen.

1) B. De Courrière („Néron, Prince de la Sciencequot;, Mercure de France, Octobre 1893, p. 144 seq.) schildert in einem Gedichte in Prosa, wie der Grausame, da er nicht mehr Despot sein konnte, nach einander Priester und Mann der Wissenschaft, speciell Arzt wurde, und unter diesem Verwande sein Gelüste unairge-fechtet befriedigen konnte. So viel mag daran richtig sein, dass manche Karaktere mit grausam-despotischen Neigungen auch in einer gebildeten Gesellschaft zu Berufen greifon mogen, welche Urnen eine gewisse Befriedigung gewahren.

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Etwas wichtiger ist Bain's dritter Einvvand, dass dio Liebe zur Macht, die Freude an der Tyrannei schon eine Art Schadenfreude oder Grausamkeit voraussetze, weil die Erfahrung ergebe, dass Zwang den Menschen im Allgemeinen schadlich. Diese Be-griindung ist aber jedenfalls völlig misslich. 1st dies wirklich die Lehre der Erfahrung? Giebt es nicht noch immer nicht-ver-rückte Leute die Menge, welche eine aufgeklarte Despotic als Kegierung auch über sich wünschen? Ware es notwendig, dass der Herrschsüchtige jenen Erfahrungssatz schon kannte oder für richtig hielte? Und der Herrschsüchtige, bevor man diese Erfahrung gemacht hatte? 1st Zwang zum Guten, bez. Erziehung öfter nicht gar wünschenswert? Und endlich, ist es wahrschein-lich dass die Freude an der Machtsübung über Andere von der theoretischen Einsicht in ihre Schadlichkeit ausginge?

Man bedenke doch, dass jede Tyrannei sehr wohl gar intensive Grausamkeit enthalten kann, ohne dass es irgendwie notwendig, dass der Genuss der Machtsübung über Andere Schadenfreude oder sonst ein anderes Gefühl voraussetze. Unter den primaren oder wenigstens sehr primitiven Gefühlen dürfte die Freude an der Machtsübung eine erste Stelle einnehmen, und diese braucht nichts anderes als die an der Machtsübung über andere Menschen zu enthalten. Ihre Eleraente sind wohl anfangs vor Allem der blosse Genuss der Muskelübung'), allmahlig aber kommt der Genuss der Bethatigung der psychischen Organe hinzu, welcher ebensowohl eine direkte Folge dieser Bethatigung verhaltnissmassig genahrter und deshalb arbeitsfahiger Organe ist. Selbstverstandlich kann diese Lust immer abstracter und damit intensiver, gesteigert werden durch die Arbeit der Erinnerung und der Phantasie. Die Überwindung grosser Widerstande giebt erst recht die genussvolle Erinnerung an eigene Kraftfülle, die Vorstellung ihrer fortwahrenden Möglichkeit und ihrer ebenso gewissen nie nachlassenden Überwindung schenkt das Bewusst-

1) Alfr. Lehmann sagt: „Lust ist die psychische Folge davon, dass ein Organ wahrend seiner Arbeit keine grössere Energiemenge verbraucht, als die Ernahrungs-thatigkeit ersetzon kan.quot; Grant Allen sagte schon früber ungefahr dasselbe. A. Lehmann: „Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebensquot;, (1892): S. 156.

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sein und dio enorm gesteigerte Freude, die Seligkeit der eigenen Macht. Psychologisch brauchen also keine anderen Gefühle zur Entstehung dieser Freude mit zuwirken, ob sie aber karakterologisch öfter in bestinimten Individuen nur gemischt vorkommen dürfte, ist eine andere E'rage. Im Tyrannen des feigen Typus, z. B. dürfte öfter Machtsbewusstsein mit Feigheit vereint sein, und ein constituirendes Element seiner Machtsfreude bildete sodann das Bewusstsein der Sicherheit, welches auch in grau-samen Handlungen seine höchste Bewahrung findeu und seine Orgiën feiern durfte (hierüber weiter unten). Ebensowohl leann der Herrschsüchtige grausam sein, diese Vereinigung ist aber nicht notwendig: die Macht kann ja, braucht aber nicht im Anderen Leidzufügen bethütigt, bezeugt und genossen zu werden. Wann und warum dies der Fall, ist eine karakterologische Frage. Die Schadenfreude darf also keinesfalls als die Voraussetzung des Machtgenusses betrachtet werden. Hiermit ware auch dieser Einwand Bain's beseitigt.

Endlich erfordert Bain's letzte Bemerkung eine Beantwortung, urn so mehr weil sie den Kern dieses Problems betrifft. Bain fragt: weshalb wird zum Beweise und zur Bethatigung der Macht gerade das Leidzufügen gewahlt?

Auch dieses Problem kann nur karakterologisch gelöst werden. Offenbar wird nicht immer Grausamkeit zur Machtsausserung erwahlt. Die Frage, unter welchen Bedingungen dies wohl ge-schehe, ist also gleichwertig mit der; welche Karaktere in grau-samen Handlungen die Erhöhung ihres Kraftgefühls suchen? Welche Karaktere ziehen, im Streben das Bewusstsein ihrer Macht zu steigern, das Anderen Leidzufügen einer indifferenten Handlung oder dem Andere Beglücken vor?

Denen, welche nicht oder nur sehr wenig Mitleid fühlen, wird eine grausame Handlung, sofern sie nur ihre Kraft bezeugt, ebenso willkommcn, wenn auch nicht willkommener sein als jede andere. Das fremde Leid ist bei ihnen bloss eine zufallige Folge der kraftbeweisenden Handlung. Ich glaube, dass gar viele Jager zu dieser Kategorie gehören: die Anstrengung der Jagd und ihr Erfoig schenken ihnen ein gehobenes Kraftbewusstsein, das

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Leiden des verfolgten Tieres, seine Todesangst dringen gar nicht in ihre Seele durch; diese Leute finden fast dieselben Genüsse, wenn sie der Jagd entsagen und sich auf Sport verlegen : das Leiden der Tiere ist kein Element ihres Genusses; nur ist durch Tradition, angeborne Gefühlshiirte, oder gar durch die betaubendo Lust1) der Jagd ihr Mitleid zu schwach nm sich geltend zu machen 2). Aber diese Grausamkeit gehort noch halb zur uneigent-lichen, sie dürfte füglich activ-uneigentlich genannt werden. Öfter aber wird völlig bewusst gsrade in der Absicht Leid zuzufügen eine Befriediging resp. Steigerung des eigenen Kraftgefühls ge-funden. Lann aber soil noch etwas anderes als fehlende Sympathie die LTrsache bilden. Wie muss ein Karakter zusaramen-gestellt sein, damit er lieber seine Macht dadurch zeige, dass er Anderen Leid zufüge als dass er sie begliicke?

Wie wir oben schon mitteilten, bemerkte Bradley, dass Leid-zufiigen den Vorzug habe die relativ höchste Macht zu beweisen, vveil es jedenfalls dem Anderen am meisten widerstrebt; ausser-dem ist est leichter einem Anderen einen grossen Schmerz als ein grosses Glück zu verursachen; endlich aber hat es nicht den Nachteil die Eifersucht zu erwecken, d. h. durch den Gegensatz den Mangel an eigener Freude fühlbar zu machen 4-); wenn es in derb sinnlicher Weise geschicht, hat es den Vorteil durch die eigene Muskelanstrengung und die Schmerzensausserungon des

1

Auch oline Freude an dem Toten und Abjagen der Tiero ist diese möglich: durch die frische Luft, die Kraftanstrengung, die aufregende Unsicherheit des Erfolges, die Eitelheit, das Gefallen an eigenen schlauen Einlallen oder gelungenen Kraftsproben u. s. w.

2

Dugald Stewart sagt ganz richtig (doch viel zu allgemcin); Grausamkeiten Tieren gegenüber beruhen immer auf dem Verlangen nach Macht, — „the sufferings of the animal, in such cases, either entirely escaping his notice, or being overlooked in that state of pleasurable triumph which the wanton abuse of power communicates to a weak and unreflecting judgment.quot; „The Philosophy of the Active and Moral Powers of Man,quot; Coll. Works ed. by Hamilton, 1. (1855): S. 157.

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Opfers die Vorstellung des Besiegens, der eigenen Übermacht ausserordentlich intensiv zu machen, also mit weniger Phantasie-thiitigkeit, als die meisten anderen Handlungen dazu brauchen, ebenso hohes Machtsgefühl zu schenken

Ein sehr nach Machtgenuss verlangender, schwacher, eifersüch-tiger, phantasiearmer Karakter allein wird im Martern und Leid-zufügen überhaupt seine Macht vorzugsweise geniessen, bez. sie in kelner anderen Weise geniessen können. Weil es nun einmal keine wissenschaftlich befriedigende, karakterologische Bilder-gallerie giebt, müssen wir auch zur Litteratur hinübergreifen um eine Illustration dieser Karaktergattung anzuweisen; ganz geeignet hierzu scheint uns der Sohn des Schulmeisters Squeers1) zu sein, welcher so innig froh die armen, halbverhungerten Knaben qüalt und nach der Zeit sich sehnt, dass er sie unumschrankt beherrschen und martern kann.

Nicht erklart ist jetzt aber noch, wie es möglich dass der durch die Grausamkeit gewissen Karakteren gescheukte Machtgenuss einen so hohen Grad der Intensitat erreiche.

Wir wiesen (S. 24) schon darauf hin, dass der Genuss der Benutzung der vorhandenen Kraft sich durch Multiplikation ins üngeheure steigern kann; es kann dies schon mit der psychischen Verarbeitung des bloss physischcn oder des direkten, einfachen Kraftgefühls der Fall sein 2), doch noch eine ganz andere Intensitat gewinnt dieses Gefühl, wenn es so zu zagen von formell

1

Ch. Dickens: „Nic. Niclebyquot;.

2

Dugald Stewart hat jedenfalls Unrecht, wenn er dies verkennend sagt: „What is commonly called the pleasure of activity, is in truth the pleasure of power. Mere exercise, which produces no sensible effect, is attended with no enjoyment, or a very slight one.quot; L.c.: p. 156. Hoffding (I.e.: S. 307): das Gefühl der Slacht kann auch ohne die Unterlage des Gefühls der physischcn Kraft entstehen.

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abstract-raateriell wird ? Die Gewissheit ein bestimmtes, erwünsch-tes Object erlangen zu können, giebt schon einen grossen Genuss, dem Werte des Objektes proportionell, und, weil die Möglichkoit gar viele Male den Genuss zu kosten enthaltend, in mancher Beziehung den direkten Genuss des Objektes übertreffend Der Mann, welcher durch den Bliek in don Spiegel, durch mütterliches Lob, durch die Empfindung seiner Körperkraft, oder durch Salon-erfolge und überhörte Madchengesprache sich für Frauen ge-fahrlich meint und deshalb abstracter: d. h. zahlloser und ideal-beliebiger Liebesgenüsse, sinnlicher, wie geistiger, gewiss, geniesst in gar mancher Beziehung in diesem Machtgefühle mehr als in jedem reëllen, concreten Liebestriumpfe 1).

Nun denke man sich, wenn das Machtsbewusstsoin nicht bloss eine Seite des Gefühlslebens betrifft, sondern alle, wonn es also ebenso universell wie abstract ist. Die Intensitat des Gefühls wird datm ganz erstaunllch gesteigert. Diese abstract-univorselle Ge-nussahnung des Machtsbewusstseins macht es zum intensivst angestrebten aller Bewusstseinszustande: es giebt die Gewissheit der unbeschrankten maasslosen Mögiichkeit aller Genüsse; die Seligkeit aller gebabten und aller geahnten, anempfundenen, be-gehrten Freuden zittert dann durch die Seele2).

1

Nur dass wahrscheinlich in jedem machtigen Gei'ühle, in jeder Extase, das Hewusstsein resp. die blosse Ahnung und das Gefühl unendlicher Wiederholungs-mögiichkeit mitspielt.

2

Bain („The Emotions and the Willquot; (1865): S. 120) sagt sehr richtig: „We are to regard (the emotion of power) as a feeling intensely pleasurable, great both in amount and in degree. It is a pleasure of the elating or intoxicating class, inasmuch as it produces a general rise of tone, a superior mental energy for the time being, and an atmosphere of excitement wherein other pleasures burn brighter. The thrill is apt to persist as a grateful tremor for a considerable time after the actual occasion and to be readily revived as an ideal satisfaction.quot;

Lehmann (I.e.: p. 273 und 274) hat zweifellos Unrecht, wenn er, wie mir scheint völlig unnötig, die Gefühlsmassen an einen abstracten Namen verknüpft; dieser fehlt fast immer, es giebt tausend andere Veranlassungen zur Reproduction dieser vagen Vorstellungskniiuel mit ihren Gefühlsmassen. S. audi. M. Dessoir:

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Die vollstandige Besiegung eines fiihlenden Wesons, welche durch seino Marter so drastisch ausgedrückt wird, ist mehr als irgend etwas anderes geeignet das Bewusstsein der Macht zu verschaffen resp. zu heben, gerade weil Schiuerz dem Anderen am meisten zuwider ist

Aber es tritt noch Folgendes hinzu. Bain hat zwar nicht Recht, wenn er behauptet, dass der eigentliche Genuss der Macht erst aus der Vergleichung der schwereren mit der leichteren Anstren-guug entstohe, wohl aber wird durch die Vergleichung mit der Schwache das Machtsgefühl wieder bedeutend gesteigert1); die

1

Bain („Em. and W.quot;: S. 117, 118): der Machtgenuss ist „the consciousness of superior power, energy, or might, there being present to the mi ml some inferior grade to give the comparison.quot;

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Schwache braucht aber keinesweges die eigene frühere zu sein, die fremde Schwache stellen wir uns lebhaft vor, und diese Vor-stellung wird noch um viel lebhafter, weil sie direkt gegenwartig und sinnlich drastisch verursacht wird (durch das Schreien, quot;Wim-mern, Krümmen des Opfers).

Das Qualen Schwacherer hat aber noch einon speciellen Yor-teil, dass gerade durch die vernichtende Wirkung des Schmerzes auf das Opfer, das Kesultat unserer Anstrengung immer so gross erscheint, wahrend diese doch verhaltnissmassig so gering war. Die hierzu veranlagte Natur kann kaum je mit geringerem Kruft-aufwande einen scheinbar grösseren ïriumpf erlangen ').

Die Grausamkeit lasst sich in dieser Hinsicht mit dem Gelde, mit den Schatzen des Geizhalses vergleichcn, welche ebenso dem speciellen Karakter eine Unendlichkeit des Gliicks verheissen1);

1

Schopenhauer (Psychologische Bemerkungenquot; § 331 in „Parerga und Parali-pomenaquot; II: S. 625): „Das Geld ist die menschliche Gliicksiligkeit in abstracto; daher wer nicht mehr fahig ist, sie in concreto zu geniessen, sein gauzes Ilerz an dasselbe hiingt.quot; Die prachtigste, völlig zutreffende Illustration hierzu bietet George Elliot's „Silas Marnerquot;.

Lehmann (1. c.: S. 270, 271) ganz falsch, wenn er die Freude des Geizes am Reichtum hauptsachlich oder gar nur aus dem Genuss an der gelingenden ïhiitig-keit ableitet, und in dieser Weise erkliirt, wie das Mittel zura Zweck wird. Hauptsache ist hier der phantastisch-unbeschriinkte Genuss, welchen der Besitz des Mittels in Uberfluss gewahrt, gegenüber der relativen Erbarmlichkeit des concreten Genusses, zudem für den dessen nicht sehr fahigen Menschen. Nicht Jeder kann ein Qeiz sein!

Sehr richtig Holfding, 1. c.: S. 308.

James Mill sagt mit vielem Recht: „Wealth, Power and Dignity do procure for us pleasurable sensations only by procuring for us the services of our fellow-creaturesquot;. „Analysis of the Phenomena of the Human Mindquot; (1829) II: S. 165. „A. man's Power means the readiness of other men to obey him.quot; (Eodem: S. 166). „Every new being who obeys us is, as it were, a new faculty, or number of faculties, added to our physical constitutionquot;. „So universal is the desire of power over the minds of others, that there is, perhaps, no one who is wholly exempt from itquot;, es erhöht sogar den Genuss jeder Zuneigung. Th. Brown: „Philosophy of the Mindquot; (1846) III: S. 382, 383.

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jedes Goldstück regt gleich die volle Gewalt des Machtgefühls wieder an, jede grausame Handlang schenkt einen Augenblick die ganze Seligkeit des Maehtbewusstseins. Gerade die riesige Weite der abstracten Machtvorstellung, die unendliche Verknüp-fung der Associationen, macht sie zu leichter Reproduction mit voller Intensitat der Lustbetonung vorzüglich geeignet, und erklart auch weshalb die geringste Veranlassung genügt zur Eeproduction der Machtvorstellung und damit des grossen Genusses, bei sehr geeigneten Karakteren sogar der überschwanglichsten Seligkeit. Eitelkeit, Reichtum und Grausamkeit bilden die wirksamsten Ge-nussmittel für die betreffenden, zuni Teil oben geschilderten Karaktere, weil sie alle die kraftigste, abstracte Seligkeitsquelle, das Machtbewusstsein, gewahren. — Wer dies zu bezweifeln noch geneigt wiire, vergegenwiirtige sich bloss einen Augenblick den Wonnorausch, ia welchen mitunter die fadeste Schmeichelei den geeigneten, wahrlich nicht immer so verachtlichea Karakter versetzt. Phaatasievolle Leute sind dieser Schwache besonders ausgesetzt; wenn ihnen die Sympathie fehlt und ihr Geistesleben sonst schwach, keiner grossen Gedanken fahig ist, dagegen ihre Phan-tasie obendrein sinnlicher Anregung bedürftig ist, werden sie notwendig grausam sein

Wir sahen also, welche Art von Tyrannen grausam seia muss uod in welcher Weise ïyrannei und Grausamkeit mit einander verblinden sind. Jetzt haben wir aber auch die erhobenen Ein-waude alle erledigt und bleibt uns nur noch hinzu zufügen, welche die Grenzen der Giltigkeit dieser Hypothese sind.

Sully bemerkt1), dass die Selbstqualerei, die Grausamkeit gegen die eigene Person nie durch die Macht-Hypothese erklart werden könne; insofern als sie wahrhaft ein Sichfreuen am Wehthun ausmacht, darf dies als selbstverstandlich gelten, dann aber ist sie auch überhaupt unmöglich, well Freude am eigenen Schmerze im eigentlichen Sinne nicht denkbar ist. Sehr wohl könnte man

1

Sully: „Handbook of Psychologyquot; (1802) II: S. 95.

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sich aber den Fall denken, dass Einer z. B. um die eigne Selbst-beherrschung oder Abbartung zu beweisen, sich quot;Web tbate; in diesem Falie liige uns also ontscbieden Genuss in der eigenen Macht im sich selbst Schmerz zufügon erwiesen vor: die geistige Freude des Machtbewusstseins iiberwog dann bloss den pbysi-schen Schmerz.

Es wurde uns klar, dass sehr oft der Genuss der Grausamkeit auf dem der Machtsübung oder des sonstigen Innewerdens der eigenen Macht beruht Wir sahen auch, wann, unter welchen Bedingungen dies der Fall und dass diese karakterologischer Natur sind.

Die Voraussetzung ist allein, dass man keine Sympathie mit dem fremden Leiden fühle oder wenigstens, dass sie so gering sei, dass der Genuss der Macht gegen sie aufwiege; in der negativen oder uneigentlichen Form dieser Grausamkeit ist das Erstere, in der positiven oder eigentlichen das Zweite der Fall: hier ist das Bewusstsein des fremden Scbmerzes die notwendige Bedingung, doch soli dieses Bewusstsein so zu sagen vorwiegend intellectuell sein, nicht weiter gehen als dass es uns den Grad der fremden Prostration andeutet und zwar dies sehr deutlich,

1) Kurella führt die Grausamkeit eigentlich nur auf dieson Factor zurück. „Wesentlich ist dabei das Lustgefiihl, das jede energische Aktivitat überhaupt begleitet, zumal wenn die Bethatigung unmittelbaren Affekten und ïrieben ent-springt, wo dann die Lust in der freien Entladung der Gefühlsanspannung besteht. Je geringeren Widerstand die Thatigkeit findet mit um so uugetrübterer Lust spielt sie sich ab; Lust an widerstandsloser Bethatigung aller momentanen Re-gungen bedingt den Genuss des Machtgcfühls, und daraus erkliirt sich das heitere Selbstgefühl des Tyrannen, den es reizt, die Grenzen seiner Macht zu erproben, der grausam wird, nicht um Leiden hervorzurufen, sondern um sein Kraftgefühl zu geniessen. So findet sich in den historischen Beispielen schrankenloser Tyran-nei die Lust am Schaffen, besonders an gewaltigen Heeresorganisationen, ricsigen Bauten, fast immer verbunden mit der Lust am Zerstören (Taraerlan!), oder doch mit dem liisternen Wuhlen in dem Gedanken vernichten und zertreten zu können So kommen kraftvolle Verbrechernaturen oft innerhalb ihrer Familie zu grenzen-loser Herrschsucht und Brutalitiit, oder der Kitzel des Machtbewusstseins führt mitleidlose Naturen, die über grosse Körperkriifte nicht verfiigen, zu Giftmorden, die nach dem ersten gelungenen unentdeckten Versuche lediglich aus der Lust an der Ausübung der Macht über Leben und Tod fortgesetzt werden.quot; Kurella : „Naturgeschichte der Verbrechersquot;, 1893: S. 237, 238.

3

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ein entsprechendes eigenes Gefühl darf es aber nicht erwecken. Dies wird eben nur dadurch ermöglicht, dass die fremden Schtner-zeszeichen nur Vorstellungen, doch koine Gefühle erwecken, welches vielieicht dadurch gefördert wird, dass im entsprechenden Karakter diese Zoichen gleich den Gedanken an der fremden Erniedrigung, bez. an der eigenen Erhöhung, odor an der eigenen Macht erwecken!). Don Karakter, bei welchem dies der Fall, haben wir oben schon beschriebon; wir dürfon ihn den kleinlich-, sinnlich-, konkrot-herrschsüchtigen nennen.

Absolute odor relative Gefühllosigkeit für fremdo Leiden wird also immer ein notwendig hinzukommendor Umstand bilden, öfter aber wird der Genuss der Macht mit anderen Gefühlen vereint den Erkliirungsgrund der speciollon grausamen Handlung abgeben können. Die verschiedenen Arten der Grausamkeit müssen ver-schieden gedeutet werden, dann als Ausflüsse dieses dann jenos Triebes, in Verbindung mit der eigenartigen Zusammensetzung der verschiedenen Karaktere. Deshalb lasst sich aber auch nicht im Allgemeinen und doch genau angeben, welche grausamen Handlungen speciell odor auch nur vorwiegend aus der Freude an der Macht zu erkltiren sind: es hangt zusehr vom Karakter ab. Die Détails der grausamen Handlung sind für die Deutung zwar von der grössten, doch nicht von entscheidender Bedeutung; erst wenn man sie mit dem Karakter des Grausamen zusammen-stellt, erhalten sie ihre volle und richtige Beleuchtung und kann die Erkliirung der grausamen That aus ihren wirklichen, nicht bloss möglichen Motiven versucht werden.

1) Ob aber die Zeichen eines fremden Schmerzes, welcher ohne sein Zuthun entstanden, einetn solchen Karakter denselben Eindruck machen, dasselbe Gefühl erwecken, als die desjenigen Schmerzes, welchen er selbst zugefügt hat? Experi-mente sollten uns hierüber belehren, nur sind sie so ausserordentlich schwer in richtiger Wiese einzurichten.

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§ 4. Zweite Hypothese: Die Erldanmg der Grausamkeit durch den angenehmen Gcgensatz des eigenen Gefühls m dem fremden Leiden.

Die eigentliche Grausamkeit liesse sich vielleicht noch aus einer anderen Quelle erkliiren, nl. aus dem Drange das Bewusstsein des eigenen Glücks durch die klare Vorstellung des scharfen Con-trastes dieses Gefühls mit dem fremden Leiden zu heben.

So sagt Hume: „The comparison of ourselves with others seems to bo the source of envy and malice. The more unhappy another is, the more happy do we ourselves appear in our conceptionquot; Und in Kant finden wir folgende Bemerkung: „Es ist eben nicht die lieblichste Bemerkung an Menschen : dass ihr Vergniigen durch Vergleiching mit dem Schmerze Anderer erhoht, der eigene Schmerz aber durch die Vergleichung mit Anderer ahnlichen oder noch grosseren Leiden vermindert wird. Man leidet vermittelst der Einbildungskraft mit dem Anderen mit (sowie, wenn man Jemanden, der aus dem Gleichgewicht gekom-men, dem Fallen nahe sieht, man unwillkiihrlich und vergeblich sich auf die Gegenseite hinbeugt, um ihn gleichsam gerade zu stellen), und ist nur froh, in dasselbe Schicksal nicht auch ver-flochten zu sein. Daher lauft das Volk mit heftiger Begierde, die Hinführung eines Delinquenten und dessen Hinrichting anzu-sehen als zu einem Schauspiel. Denn die Gemüthsbewegungen und Gefühle, die sich an seinem Gesicht und Betragen aussern, wirken sympathetisch auf den Zuschauer und hinterlassen, nach der Beangstigung desselben durch die Einbildungskraft, (deren Starke durch die Feierlichkeit noch erhöht wird,) das sanfte, aber doch ernste Gefiihl einer Abspannung, welche den darauf folgenden Lebensgenuss desto fühlbarer macht.quot; Kant scheint aber hierdurch

1) D. Hume: „A. Dissertation on the Passionsquot; in „Essaysquot; (XL): p. 400.

Hobbes: „Cruelty proceeds from security of (our) own fortune. For that any man should take pleasure in other men's great harms, without other end of his own, I do not conceive it possible.quot; „Leviathanquot;, English Works ed. Moles-worth, 1839, III: S, 47.

Volkmar nennt die Grausamkeit „Schadenfreude gegen den Anderen direkt thiitig.quot; (Lehrbuch der Psychologie II ; S. 380).

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nur eiiie gewisse passive Grausamkeit verursacht zu rueinen, wenigstens sagt er; „diese Wirkung ist blos psychologisch (nach dem Satze des Contrastes: opposita juxta se magis elucescunt), und hat keine Beziehung aufs Moralische: etwa Anderen Leiden zu wünschen, damit man die Behaglichkeit seines eigenen Zustan-des desto inniglicher fühlen mogequot;'). Wie spiiter ervviesen wird, glaube ich, dass diese Beschrünkung vollig grundlos ist

Auch Von Schubert-Soldern will die Grausamkeit hauptsachlich aus diesem Grimde erklaren. „Für den Grausamen 1) ist nicht die Lust und der Schmerz Andrer unmittelbar Unlust resp. Freude, sondern nur der Gedanke, dass er selbst frei von Unlust ist, macht ihn freudig, lasst ihn sein Wohlsein fühlen, und er wird sich dieses Wohlseins erst voll bewusst am Schmerz des Andren, der ihm zur Folie seiner Lust dient, sie durch seinen Contrast hebt; ebenso bereitet ihm fremde Freude Unlust, denn sie ruft ihm zum Bewusstsein, dass er sie nicht hat, und dieser sein eigener Mangel verursacht ihm grössern Schmerz als die Vor-stellung fremder Freude Lust; auch hier dient sie nur dazu, den Schmerz durch Contrastwirkung zu hebenquot; 2).

Die Genusserhöhung durch diese Contrastwirkung kann also ebensowohl beim zufalligen Vergleiche des eigenen und des fremdes Zustandes entstehen, also auch absichtlich durch die direkte Verursachung des fremden Schmerzes hervorgebracht werden: das erstere ist die Schadenfreude oder passive Grausamkeit, das zweite positive, active Grausamkeit. Beide werden durch die Thatsache bedingt, dass die fremden Gefühle aus ihren Aus-serungen verstanden werden, damit das modificierende Gefiihl bestehe, und setzen voraus, dass dieses Gefiihl nicht so stark wird, dass das eigene Gefiihl daneben nicht aufkomraen kann 3).

1

Dieses Wort scheint auf eine karakterologische Auffassung zu dcuten, welche aber im Nachfolgenden keineswegs angetroflen wird.

2

Von Schubert-Soldern: „Grundlagen zu einer Ethikquot; (1887): S. 93.

3

Lehmann stellt das Gesetz auf; „Die an die modifizierenden Vorstellungen gebundenen Gefühlstöne dürfen nicht von so grosser Starke sein, dass das kon-

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Aus dem letzteren Grunde behauptet Vou Schubert-Soldern fol-gendes: „es gehort zur Grausamkeit eine gewisse Abstumpfung gegen die Gefühlo Andrer, so dass der Grausame die Leiden Andrer nur so weit mitfühlt, als nöthig ist, damit sie sein eigenes Wohlbefinden durch Contrast erhöhenquot; ').

Wir können uns aber zwei Fiille vorstellen: entweder wird zufallig oder sucht der Betreffende absichtlich seinen ziemlich indifferenten Glückzustand durch einen Contrast mit fremdem Leiden zu erhöhen, oder aber es wird schon ein relativ grosses Glück genossen, und es komrat ein fremdes Leiden, absichtlich oder zufallig, hinzu urn es womöglich noch betriichtlich zu steigern. Kraft des Contrastgesetzes braucht im letzteren Falie das con-trastmachende Gefiihl bloss ein wenig unangenehm zu sein um den Gegensatz mit dem grossen Genusse und damit dessen Erhöhung schon erheblich zu machen. Dieser Fall liegt z. B. vor, wenn einer im aesthetisch befriedigenden Zimmer die Liebe eines schönen Weibes geniesst und nun einon Bliek in die nasse, kalte, schmutzige Strasse wirft oder im Gesprtich zufallig einen Moment ein Unglucklicher erwahnt wird, blitzschnell vorüber gehend wandelt ihn ein kalter Schauer an, aber gleichdrauf geniesst er um so intensiver, er sieht noch erblassend das trau-rige Bild und fiihlt geradezu den entziickenden Gegensatz. Oder aber der hoch in Ehren und Reichtum Sitzende, der reiche Protz im „Café Richequot; stüsst dem demütigen, ungeschickten Diener ein Paar beleidigende Worte zu, schnauzt, mit derben Spiisschen, von

traslicrende Gefiihl sich neben denselben nicht geilend machen kann.quot; Und erfiigt hinzu: „Fast alle Falie ausbleibemlen Kontrastes lassen sich gewiss hicnuif zurück-führen, z. li. folgende Wahrnehtnung. Die eigne Stiirke wird am besten am Gegensatz zu der Schwache Anderer gefühlt. Es kann nicht nur eine gewisse Befriedigung, sondern sogar fast ein körperliches Wohlbefinden entstehen, wenn man sieht, dass andere Menschen Anstrengungen unterliegen, die man selbst mit Leichtigkeit ertragt. Dieses Gefiihl verschwindet aber augenblicklich, wenn Mitleid mit den Leiden Anderer entsteht. Das Verhaltniss scheint hier wirklich so zu sein, dass, sobald die an die Vorstollung von der Schwiiche Anderer gebundene Unlust grössere Starke und Tiefe annimmt, kein Raum für ein anderes Gefühl im Bewusstsein übrig bleibt, und somit fallt der Kontrast weg.quot; L. c.: S. 203.

1) L. c.: p. 94.

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den Freunden bewundert, eino Bettlerin ab und fiihlt dabei so deutlich seine Vornehmheit und Hoheit. In den passiven und in den activen Fallen braucht der fremde oder der vorgestellte Schmerz nur sehr gering zu sein um seine Wirkung zu üben, weil das eigene Glücksgefühl so gross und so vollbewusst ist. Eino Schwierigkeit bildet nur: wie kommt dieses Gefühl, wenn es so klein, dann überhaupt zura Bewusstsein, und wie verhalten sich diese Beispiele, welche zahllos vermehrt werden könnten, zu den gleich hiiufigon anderen, dass eino gar kleine Dissonanz die ganze Seligkeit verstört? —

quot;Wenn man sich kaum irgend eines angenehmen Gefühles be-wusst ist, braucht es schon eines viel grosseren vorgestellten oder fremden Schmerzes um ein betrilchtliches Lustgefühl durch den Gegensatz zu erwecken. An der passiven Seite ist hier die von Kant angeführte, allbekannte Thatsache ein vortreffliches Beispiel'), welches aber durch blossen Hinweis auf das Contrastgesetz keines-wegs durchsichtig wird, sondern schwer zu lösende Probletne birgt, welche tiefere Analyse erfordern.

Ob es viele Beispiele activer Grausamkeit dieser Art giebt? Einigerraassen karakteristisch dürfte schon sein, dass mir jetzt keines einfallt, welches nicht vielmehr unter die Machthypothese fallt, wie es mit der zweiten Sorte der obengenannten Art ja auch schon mehr vveniger der Fall war. Und selbstverstandlich: denn einem Anderen ein grosses Leid zufügen, bezeugt eo ipso die eigene Übermacht — zu gleicher Zeit muss der Gegensatz dieses Leides doch auch unseren Genuss erhöhen, bez. latentes Glücksgefühl in hohem Grade erwecken, zu Bewusstsein führen. Aber auch hier giebt es ein gar schweres Problem. Wenn der fremde Schmerz so gross und so scharf gefühlt wurde, dass der Gegensatz zu ihm eino betrachtliche Wirkung üben konnte, wie

■1) Noch passiver fast ist die Grausamkeit im von Horvvicz (Psychol. Anal. II, 2° 11.: S. ISO) angeführten (nur in Bezug auf den Genuss des Krafteffektes go-prüften) Beispiele, dass eine Menge Leute dem Kample zwischen einem von den Schiffern verlassenen Schiffe und den Wellen zuschauen. Ausser in anderen Urn-standen liegt auch hier gewiss ein guter Teil des Reizes in dem durch den Kontrast gesteigerten Bewusstsein der eignen Ruhe und Sicherheit.

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ist es dann möglich, dass dieser fremde Schmerz an sich nicht zu tief gefühlt wurde und darait als Mitleid unsere ganze Freude verstörte und die Wirkung des Gegensatzes aufhob?1)

Die erste Frage, welche wir jetzt beantworlen miissen, ist also: wie kann der kleine, fremde Schmerz neben dem grossen eigenen Glücke überhaupt zum Bewusstsein kommen, was doch nötig, wenn er diesem zur Folie dienen soil? Aber die Antwort soli wohl dahin gehen, dass nur in bestimmten Fallen der fremde Schmerz diese Function üben kann, nl. gerade dann, wenn die eigene Freude nicht gar zu gross (sonst kommt der fremde Schmerz gar nicht zur Apperception) und der fremde Schmerz im Ver-haltnisse zu ihr nicht zu gering um nicht überhört und nicht zu gross um das eigne Glück nicht zu übertönen sei. Nur wenn diese drei Bedingungen erfüllt sind, kann eine Contrastwirkung zwischen grossem eigenen Glücke und fremdem Schmerze überhaupt stattfinden. Sonst wird ja entweder der fremde Schmerz gar nicht bewusst oder das eigene Glück verschwindet vor seinem tiefen Eindruk.

Die zweite Frage aber lautete: warum können bisweilen gar kleine Dissonanzen das ganze Glück zerstören ? Genauere Analyse eines solchen Falies würde meiner Erfahrung nach fast immer ergeben, dass dann das Glück schon seinem Höhepunkt erreicht hatte und sich im Ermüdungsstadium mit dem sehr labilen Gleich-gewichte befand, oder dass die betreffende Person sehr beweglichen, unsteten Temperamentes war, allen Eindrücken gar leicht, kelner für langere Zeit zuganglich, oder aber dass der unangenehme Eindruck eigentlich gar nicht so unbedeutend gewesen, besonders dass er in speciellem Yerhaltnisse zum eigenen Glücke stand, z. B. der gestohlenen Gutes sich Erfreuende liest von einem bestraften Diebe, u. s. w. Immer wird ein derartiger oder ahnlicher beson-derer Umstand obwalten, so oft ein kleiner freiuder Schmerz einen grossen Genuss mit einem Male vernichtet, statt ihn durch Contrastwirkung zu heben.

1

„D'une manière générale, une émotion un peu vive tend d'ordinaire a nous absorber tout entiers et a occuper tout notre esprit.quot; Paulhan: „Les Phénomènes Allectifs el les lois de leur apparition.quot; ■1887: S. 60.

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Unsero dritte Erage aber ist die; wie kann jo ein grosser fremder Schmerz unser indifferentes Fiihlon zum Genuss steigern durch seinen Gegensatz, ohne dass er zu gleicher Zeit zu tief empfunden wurde und dadurch als wirkliches Mitleid zum eigenen, reëllen Schmerze wurde? Wie kann ein fremder oder vorgestellter Schmerz gross genug sein um als Contrast zu wirken und doch nicht gross genug um selbstfindig empfunden zu werden und dann jedenfalls das indifferente Gefühl durch Mitleid zu ersetzen statt es zum Genusse zu heben ?

Da wir leider keine „photographies instantanóesquot; der psychischen Vorgango bcsitzen, so ist, glaube ich, der einzige Weg einer sol-chen Frage ein bischen naher auf den Grund zu gehen eine Art mentalen Experimentes zu machen und uns alle die Gefühle des bei der Hinrichtung eifrig zuschauenden Publikums so lebhaft moglich vor zu stellen. Wir werden dann in diesem Ealle ent-decken, dass dieses Publikum (von eigenthümlich fühlenden Personen sehen wir hier selbstverstandlich ab) den Graus und das Entsetzen des ganzes Ereignisses wirklich fühlt, wenn nicht so tief wie ein feinfühlender Mensch, doch entschieden genug, aber nur für sehr kurze Zeit, es behalt den schmerzhaften, erdrückenden Eindruck nicht lange, gar bald liisst dieser nach, und dann tritt mit zehnfach gesteigerter Kraft das behagliche Gefühl der eigenen Sicherheit, des eigenen Lebens wieder auf. Hierin besteht die Contrastwirkung. Das modificierende Gefühl darf so tief sein wie nur möglich, wenn es bloss nicht zu lange anhalt. Bei gewissen Individuen scheint die Tiefe eines Gefühls durchaus nicht seine langere Dauer mit sich zu führen, und es versteht sich, dass gerade solche Karaktere, wenn auch übrigens in gewisser Bezie-hung gutmiitig (d. h. der schnellen Sympathie zuganglich, ja es

1) Sully constatirt die Thatsache, „this effect of the heightening of pleasure by a sub-conscious painquot; ohne weiter drauf ein zu gehen oder eine Erklarung zu versuchen. Und, doch wie ist es nur möglich „that the plague at Cairo operated as excitement giving rise to unusual animation?quot; („The Human Mindquot; 1892. II: S. 43). Siehe über die liedeutung dieses Unterbewusstseins für das Oberbe-wusstsein; Dessoir: „Experimentelle Pathopsychologiequot;, Vierteljahrsschrift f. wis-sensch. Philosophie, 1891, passim, und S. 87.

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ist dies sogar fast dio Bedingung, denn ohno dieso koiu kurzes Mitfiihlen und also kein Kontrast), dieser Kontrast-Grausamkeit bo-sonders leicht verfallen, um so mehr weil die Fliichtigkeit ihrer Gefiihle sie neuer Anregung und kiinstlicher Reizmittel specioll bediirftig macht1).

Versuchon wir jetzt die Antworto auf unsere Fragen zusam-menzustellon und die so gewonnene Einsicht in die Bedingungen dieser Art Grausamkeit karakterologisch zu verwerten.

Wenn der eigne Genuss zu gross oder die Empfindung des fremden Schmerzes zu gering ist — kein Contrast: folglich ist der nicht iiberschwanglichen Glückes, wohl aber lebhafter Sympathie Fahige am öftesten in der Lage diese Contrastwerkung zu empfinden.

Wenn der Eindruk des fremden Schmerzes zu lebhaft, fehlt der Kontrast ebenso: bei demjenigen, welcher fremdes Ungliick überhaupt nie sehr tief mitfiihlt, wird dies am seltensten einen hin-dernden Einfluss übon; die lebhafte Sympathie soli also ihre Grenzen haben, nie zu weit gehen, nie die ganze Seele erfassen: die wahrhaft barmherzigen Seelen sind dieser Art Grausamkeit wohl nie unterworfen.

Wenn zwischen dem grossen eigenen Genusse und dem fremden Leide ein Zusammenhang besteht, kann der erstere gar leicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden und damit die ganze Kontrastwirkung wegfallen 2); wir betrachteten bis jetzt bloss die egoïstische Seite dieses Umstandes, es kann aber auch sehr wohl der Fall sein, dass die betreffende Person gar leicht zwischen dem fremden Schmerze und seinem Gliicke Beziehungen entdeckt

1

Die Leute, bei welchen De la Rochefoucault seine Erfahrungen machte, sind wohl öfter von dieser Art gewesen, und daher sein beriihmtes: „dans radversite de nos meilleurs amis, nous trouvons toujours quelque chose qui ne nousdéplait pasquot; („Reflexionsquot;, Amsterdam 1705: S. 33, N. 104), wozu Lichtenberg bemerkt: „wer die Wahrheit (dieser Maxime) leugnet, versteht sie entweder nicht, oder kennt sich selbst nicht.quot; (I: S. 164). Die von uns gestellten Redingungen sind wohl auch sehr haufig erfiillt.

2

Paulhan, 1. c. (S. Ill): wenn beide Tendenzen im Zusammenhange stehen, entsteht ein neues aflectives Phenomen. Es können aber auch verschiedene, zu-sammenhangende Gefiihle neben einander im Bewusstsein bestehen ohne zu ver-schmelzen. (S. 120 seq.).

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oder eine Verbindung zu Stande bringt, aus altruistischen Motiven, aus lebhaftem Solidaritatsgefiihle; frerades Leiden wird dann gar bald seinen Schatten auf sein Gluck werfen; doch sind solche Karaktere selbstverstandlich immer von tiefem Mitleid beseelt, dem Eindrucke fremder Schraerzen iiberaus zuganglich: die Kontrast-Grausamkeit ist bei ihnen fast unmöglich ').

Wenn das eigene Gefiihi, wie beim Hinrichtungs-Publicum, schwach, indifferent ist, kann der fremde Schmerz relativ tief empfunden werden, allein dauert die Etnpfindung nur sehr kurz, zu kurz um als eigenes Leiden wirklich unangenehm zu werden; die Kontrastwirkung ist daber sehr gross und sehr genussreich. Die karakterologischen Bedingungen dieses Vorganges sind also: relative Lebhaftigkeit und vor Allem schneller quot;Wechsel der Gefiihle. In derselbon Weise werden dieselben Karaktere durch einen Stier-kampf ergötzt, obwohl nicht wenige Zuschauer hier nebenbei auch Anderes, wie z. B. die ganze lustige Scenerie, das farbige Schau-spiel, die graziöse tapfere Behendigkeit des Toreador u. s. w. be-wundern und geniessen werden -); einige aber bekommen von diesem blutigen Kampfe auch ganz andere Eindrücke, welche ihre Seele tief ergreifen, nicht schnell voriibergehen, keine Kontrastwirkung iiben, und deshalb hat ihr Genuss auch einen ganz andoren Grund 1).

Unser karakterologisches Resultat ist also folgendes: kein grosses, festes, eigenes Gefiihi, lebhafte, nicht allzu tiefe, aber vor

1

Von dieser Art ist wohl der Genuss Alypius' gewesen, von welchetn Augus-tinus erzahlt (Conf. lib. IV, cap. VIII: „delectabatur scelere certaminis el cruenta voluptate inebriebaturquot;) cit. von F. Bouillier; „Du Plaisir et de la Douleurquot; (1885); S. 145.

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allem nicht dauerhafte Sympathie sind die Bedingungen dieser Art Grausamkeit. Weil es uns an einer Classification reëller Karaktertypen nach den morphologisch entscheidenden Eigenschaften bis jetzt durchaus gebricht, sind wir gezwungen uns der Namen der litterarischen Menschenkenntniss entnommen zu bedienen und diese Karaktere als die echten Durchschnitsmenschen zu bezeichnen: der Ausdruck ist natürlich vage wie der Begriff. Unsere eben gestellte Bedingungen geben aber die bis jetzt möglichst genaue Umschreibung.

Dieser Genuss kommt oft mit dem Genusse aus der Machts-iiusserung erhalten vereint vor, und dies wird fast immer der Fall sein, wenn er absichtlich verursacht wird, weil die Fahigkeit diesen Kontrast herbeizuführen doch immer zu gleicher Zeit eine grosse Übermacht bezeugt. Vielleicht wird öfter, wenn in dieser Weise genossen wird, noch auf anderem Wege eine Bereicherung unseres Genusslebens erzielt, z. B. in der Art, welche wir im nachsten Paragrafen untersuchen werden. quot;Wir sahen ja schon, dass Grausamkeit nicht auf einem einzigen psychischen Vorgange beruht: immer mehr werden wir erfahren, dass eine und dieselbe Grausamkeit (ein Genuss auf fremdem Leiden in irgend einer Weise beruhend) psychologisch sehr unterschiedene Genüsse schenken kan; die Analyse soli aber diese verschiedenen Genuss-quellen aufdecken, den Zusammenhang zwischen der aussoren Art des grausamen Verhaltens und seinen psychischen Gründen anzeigen und vor Allem die Verbindung zwischen diesen Vor-gangen und den karakterologischen Bedingungen und Typen feststellen. Wir versuchten uns dieser Aufgabe zu entledigen.

§ 5. I)ritte Ihjpothese: Die Erlclarung der Grausamkeit durch die lehhafte emotionelle Erschütterung und Beschaftigung der Seele.

Montaigne scheint zu meinen, dass bisweilen die Gefühlsfülle, welche eine grausame Handlung odor auch dor Anblick nicht

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von uns verursachten fremden Leidons giebt, geniigt um dio Grausamkeit gewisser Leute zu erklaren. Es giebt Leute, sagter, welche qualen und grausatn toten „sans inimitié, sans proufit et pour cette seule fin de jouir du plaisant spectacle des gestes et mouvoments pitoyables, des gemissements et voix lamentables, d'un homme mourant on angoissequot; 1).

So ziemlich dasselbe sagt Bain, doch ist er ebensowenig vollig deutlich und eindeutig: „In the spectacle of bodily infliction and suffering, there seems to bo a positive fascination. In the absence of countervailing sympathies, the writhings of pain furnish a new variety of the sensuous and sensual stimulation arising from our contact with living beingsquot; 2).

Sully sagt: „all these effects of fascination (of another's sufferings, of the monstrous, the terrible) seem to me to bo painful, the action of watching the particular objects being largely involuntary, though it is possible that the repeated recoils from the painful object with the intervening moments of relief afford a state of mental excitement which people not troubled by kind feelings would sometimes care to seekquot; 3).

Lombroso meint, das Kind „ö piü crudele che buono, perchè prova cosi maggiore emozionequot; 4).

Bradley nennt unter anderen Quellen der Grausamkeit auch diese, in seinem ausgezeichneten Aufsatze: „again we have another origin of pleasure in the excitement of the senses and the

1

„Essais de Michel de Montaignequot; (ISOC) II: S. 150.

2

A. Bain. „Mental and Moral Sciencequot; 1: S. 262.

In „The Emotions and the Willquot; 2e Ed. (S. 131) fiigt er hinzu: „The indications of a state of suffering that wo are happily exempt from, and do not choose to conceive in its dread reality, instead of revulsion, impart a species of excitcinent pleasurable to many.quot; Uier ist zum Teil die Erklarung aus dom Kontraste einge-schlossen, und sonst nichts verdeutlicht.

3

J. Sully I.e. „Mindquot; 1876. I: S. 285.

4

C. Lombroso: „L'Uomo Delinquentequot; (1884); S. 119. Baer sagt dazu Folgen-des: „Die Sucht, immer etwas Neues zu sehen, die schnclle Uebersiittigung am Alten, bereits gekannten ist daran Schuld, dass das Kind Sachen und Dingo zerstört, und auch kleine lebende Wesen, mit denen es spialt, quiilt und schein-bar (quot;?) grausam behandelt.quot; „Der Verbrecher in anthropologischer Beziehungquot;, 1893: S. 353.

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imagination which conies from violent sensations; ... I do not see how this fact can be called in question, or itself in every case reduced to malevolence. When the vessel is among the breakers and the life-boat in the surf, who but hastens to look on, and yet who wishes ill? What malevolence underlies our fearful delight in the supernatural, our passion for adventure, and our love for the perilous contrasts of gambling? At least among human beings we find a genuine „hunger for change and emotionquot;; and, whatever in the end we may think is the truth of it, it seems as if, within limits, all heightening and expansion of our „self-feelingquot; were pleasant.quot; „What is pleasant is a sudden and exciting mischancequot;

Horwicz betont den „seltenen und starken Reiz mit der Yor-stellung besonders starker Gefühle verblindenquot; und sagt weiter: „Das Neue, Ungewöhnliche, Absonderliche reizt, wie wir wissen, überhaupt. Die ünterlage (des Genusses des Marterns) bilden starke sinnliche Reize, die heftigen Bewegungen, das Schreien, die rothe Farbe des Bluts. Die Seltenheit des Schauspiels kommt hinzu. Es liegt in der Natur der Sache und wird durch die Beispiele aller Wiithriche genugsam bezeugt, dass die Grausamkcit sich steigert, well sie immer neuer und stiirkerer Reize bedarfquot; 1).

Diese Hypothese wird somit sattsam vertreten; ihre Befiir-wortung von Bradley vor Allem ist klar, eingehend und über-zeugend.

Es soli also der Genuss eines grausamen Verhaltens mitunter auf dem Reize der gemütlichen Aufregung beruhen, d. h., wenn diese Hypothese einen selbstiindigen Wert besitzen soli, auf der blossen Thatsache der schnellen Abwechslung heftiger Gefühle, erschütternder, hinreissender Eindrücke. Die Art dieser Gefühle soil nichts zur Sacho thun, ihre Abwechslung und vor Allem ihre Heftigkeit soil genügen.

Die Eragen, welche diese Lösung uns stellt, sind folgende: 1° kann ein soldier Gemiithszustand, audi wenn die betreffenden

1

Horwicz I.e. II, ie H.: S. 322, 323.

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Gefiihle an sich keine angenehmen sind, für uns einen Reiz bo-sitzen ? 2e ist die passive oder active Grausamkeit geeignet diesen Genuss zu bieten? Squot;1 welehe Grausamkeiten beruhen mehr spe-ciell auf dieser Grundlage? 4c welche Karaktero sind ihr beson-ders zugeneigt?

Versuchen wir die Beantwortung dieser vier Fragen.

Die citirten Psychologen behaupten natürlich alle impliciter oder ausdriicklicb, dass getnüthliche Aufregung an und für sich einen intensiven Genuss verschaffen, einen verführenden Reiz ausiiben kann.

Herbart behauptet, dass der Mensch, mehr noch das Kind, seelische Aufregungen mitunter notwendig braucht

Bouillier sieht den Hauptgrund des mitunter vorkomraenden Behagens in eigenen Schmerzen „dans le surcroit, dans l'excita-tion extraordinaire d'activitó, dans les secousses que donnent a notre être tout entier soit le ressentiment de nos propres douleurs, soit les spectacles tragiques qui s'offrent a nos yeux.quot; „Quant a eet attrait odieux des tragédies róelles, du spectacle, du danger, de la souffrance et du sang, tout en ne dissimulant pas la ré-pugnance qu'il nous inspire, gardons-nous cependant de faire l'humanité, ou même une portion de rhumanité, pire qu'elle n'est en réalité. Ce n'est pas la vue des mourants et des morts, du sang et des supplices qui attire la foule, mais la vivacitó des ómotions et des pensóes qu' excitent dans I'arae de pareils spectacles.quot; „Gónéralement l'ame, sagt Descartes, se plait de sentir ómouvoir en sol des passions de quelque nature qu'elles soientquot;2).

Endlich sagt Höffding: „Mit jeder starken Gefühlsbewegung ist eine spezielle Lust verbunden, welche Beschaffenheit das Gefühl auch habe. Sogar in der Trauer gibt es nebst der Bitter-

1

„Lehrbuch zur Psychologiequot; (Saimmtl. W. ed. Kehrbach) IV (1891): S. 350.

2

Vloten et Land I: S. 165. Letourneau: „Physiologic des Passionsquot; (1878): S. 113.

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keit eine Tiofo und Lebhaftigkeit der Stimmung, eine starke Erregung dor seelischen Krafte, die ihre Anzieliung und ihron Reiz haben. Es werden gleichsatn alle Schleusen geöfthet. Dies ist die Lust oder der Drang zura Weinen und Trauern, von welchem schon Homer spricht. Starke Gemüthsbewegung führt ausserdem eine Reiho organischer Reflexe mit sich, und mit dieser Entladung ist ein gewisses Wohlbohagen vorbunden. In der geistigen und körporlichen Exaltation ist also der Grund des Anziehenden, das in dem Schmerze liegt, zu suchenquot; 1).

Ich glaube, man soil unterscheiden. üfter erwecken aufregende Ereignisse Gefïïhle in uns, welche, wenn schon nicht direkt be-friedigender Natur, doch offenbar anstrebenswert sind. Ein mit den Wellen kampfendes Schiff, ein grossartiger Feuersbrunst haben den Reiz des Erhabenen, lassen stossweise aber immer wieder die Hoffnung in uns lebendig werden, und schenken uns das Gefühl der gewaltigen Kraft. Diese Gefühle sind schon an sich angenehm. Der Anblick eines Kampfes lasst manchen aufge-regten Zuschauer gar süss traumen, wie unendlich viel besser und geschickter er einen solchen Kampf bestehen würde: man höre bloss bei allen solchen Begebenheiten, auch bei Feuersbrünsten, die übergrosse Zahl der weisen Ratschlage, alle diese klugen Köpfe empfinden in hohem Grade, die seligo, eingebildete Befrie-digung ihrer Eitelkeit; bei Prügeleien können manche völlig Unbeteiligte sich kaum enthalten, so überzeugt sind sie von ihrem Siege, wenn sie nur einmal angriffen! Wie viele solche durch ihre Phantasie und Eitelkeit rasch geniessende Leute enthalt aber nicht jedes Publikum derartiger Strassenereignisse! —

1

Hoffding I.e.: S. 325—320. Helvetius sagt sogar: „Nous souhaitons par des impressions toujours nouvelles étre a chaque instant avertis de notre existence, parceque chacun de ces avertissements est pour nous un plaisir.... Si les impressions nous sont d'autant plus agréables qu'elles sont plus vives, ot si la durée d'une móme impression en émoussc la vivacité, nous devons done être avides de ces impressions neuves, qui produisent dans notre ame le plaisir de la surprise.quot; Unsere Faulheit und Furcht vor Langeweile machen uns nach Aufregung verlangen. „De 1'Esprit,quot; 111: S. 78, 79, 83.

Féré spricht auch von der „heureuse influence des emotions péniblesquot;. „Pathologie des Emotionsquot;: S. 303, 304.

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Manche edlere Seelen köanen sich dem Anblicke trauriger Un-glücksfalle nicht enthalten, wenn sie einmal davon Kenntniss erhielten, weil sie jetzt Mitleid empfinden, mitunter fieberhaft dadurch aufgeregt werden, z. B. wonn sie vom Festlande einera Schiffbruche zuschauen, und die Hoffnung, das heisse Verlangen die Unglücklichen noch gerettet zu sehen sie jetzt zwingt bis zum Ende auszuharren.

Edle und unedle Gefühle können also zum Anschauen eines Ungiücksfalles führen: es ist noch nicht erwiesen dass der Gefühls-tumult an sich den Reiz aasmacht. Dazu kommt dass sehr viel auf Rechnung der Schadenfreude, also des Kontrastgenusses ') gestellt werden darf, wie wir oben in iihnlichen Fallen sahen. Der Genuss gefahrlicher Trapezkunststücke (Kontrast), der des Hazardspiels (Hoffnung), die Loktüre grausiger Abenteuer (ebenso Kontrast) sind also keine beweisenden Beispiele. Mehr Wert als solches hat schon der Genuss des Ansehens blos gespielter Tragödien; aber es kann die Phantasie dem Empfanglichen genau denselben Genuss aus denselben Quellen (Hoffnung, Kontrast, Schadenfreude) geben als der Anblick reellor Kampfe mit dem Schicksale. Dessungeachtet glaube ich aber doch, dass gerade manche aesthetische Genüsse auch auf diesem Reize (neben anderen Gefühlen) der seelischen heftigen Erregung beruhen. Wie viel die Bewunderung der technischen Schönheiten und der Karaktere, die Hoffnung, die behagliche Schönheit einzelner Stellen und ihre Hebung durch den Kontrast u. s. w. zum Genusse beitragen mögen, doch scheint mir die Anziehungskraft eines hoffnungslos traurigen „Othelloquot;, eines tötlich niederdrückenden „Fall of the House of Usherquot; Poe's, der fast zu schraerzlichen Romano Dosto-

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jowski's oder Huijsman's, der finster-grausigen Dramen Maeterlinck's und nur zu vieler anderer Kunstwerke, hauptsachlich diesem Verlangen nach heftiger Erregung zugeschrieben werden zu müssen i).

Es lassen sich nicht viele Erregungen anfübren, welche nicht auch materiell eine gewisse Bofriedigfvng gewiihren. Insofern aber als die Langeweile unangenehm ist, cine scharfe Qual werden kann 1), und nach Allcm, was sie auf hebt, verlangen macht, muss jede heftige Erregung wünschenswert und angenehm sein kön-nen, — und die Langeweile ist nun einmal ein nicht seltener Ausfluss gar vieler Karaktere und Situationen. Wie oft wird in diesen Fallen, urn so mehr wenn, wie bei diesen sich Langweilen-den nicht selten geschieht, die Sympathie schlaff und vor Allem sehr labil ist, fremdes Leiden eine willkommeno Ableitung sein ; eigenes wiire es fast auch, aber fremdes thut nun einmal nicht so Weh.

Ausserdem ist jeder heftige, emotionello Stoss, auch der durch Sympathie verursachte, wenigstens cine kriiftige, ausfiillende Be-schaftigung unserer Aufmerksamkeit, welche unangenehme Griibe-leien und Sorgen einen Augenblick vertreibt; und bekanntlich sind iiltere Leute in auffallend hohem Grade von den letzteren geplagt:

1

Nahlowsky: „üas Gefiihlslebenquot; (1884): S. 90 seq. Interessant sind die Aus-führungen Helvetius' iiber den Hass der Langeweile und die verzweifelten An-strengungen ihr zu entgehen ; diesen schreibt er gar vieles zu. „L'oisif voudroit éprouver a chaque instant des sensations fortes. Elles seulent peuvent I'arracher a I'ennui. A leur defaut il saisit celles qui se trouvent a sa portée. („De I'Hommequot; IV: S. 135, 152; Oeuvres completes (1797) VIII; De l'Esprit. Oeuvres compl. Ill: S. 81, 78). „Um der Langeweile zu entgehen, erscheinen Uebel uns sogar will-kommen.quot; Zimraermann: „Die Wonne des Leidsquot;: S. 31. „There is a certain pleasure in almost every kind of excitement. We like what relieves the dnlness of our lives and provides some channel for emotional discharge. The sluggish and brutal nature delights in the stimulus of horror.quot; Leslie Stephen I.e.: S. 230.

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jeder Mückenvertreiber ist willkommen; das fremde Leiden liisst von eigenem und von qiialenden Sorgen eine kurze Weile ausruhen.

Aber endlich, alio kraftigen Gefiihle, wenn auch schmerzlicb, schenken uns das Bewusstsein der seelischen Kraft, oder vieltnehr wer kraftig, heftig fiihlt, fvihlt sich kriiftig, maehtvoll und deshalb gliicklich, bis die Ermiidung eintritt und dor materielle, schmerz-liche Inhalt des kraftigen Gefiihls ins Bewusstsein auftaucht; — bis dahin, und entweder hat vor der Zeit das Ereigniss und die Aufmorksamkeit schon aufgehört oder die Sympathie liisst schon (bevor sio materiell noch erregt wurde) nach, macht das Zuschauen beim plötzlichen, schnell ablaufenden fremden Unglücke gliicklich1).

Also entweder die stiirmische Erregung an sich schon ange-nehmer Gefiihle oder die gewaltige Erhöhung des Gefühlslebens auf kurze Zeit kann durch den Anblick fremden grossen Leidens oder eher noch durch den fremder erschiitternder Kiimpfe verur-sacht werden, und beide jene Seelenzustiinde sind uns mitunter in hohem Grade angenehm.

TJnsere zweite Frage ist hiermit eigentlich schon beantwortet. Die Beispiele, die wir anfiihrten, beruhen alle auf passiver Grau-samkeit, insofern dass der Genuss durch den Anblick fremder Kiimpfe und Leiden, von uns nicht verursacht, herbeigeführt wird. Es kann dies aber, wie unsere obige Erklarung dieser Genussquelle schon einschliesst, mit einem hohen Grade von Mitleid vereint bleiben, und das fremde Leiden als solches, als Schmerz, ist jedenfalls hier nicht die Quelle unserer Lust, vielmehr das fremde Leiden als Seelenbeschiiftigung, als Lebensiiusserung, als Kampf vor Allem, und deshalb urteilen wir ethisch mit Kecht sehr gelinde über die Belustigung an Tragedien, an Kriegsgeschichten u. s. w.; aber zu der passiven Grausamkeit auf Grundlage der Gefühlserre-gung müssen alle diese gebildeten Genüsse doch geziihlt werden.

Ob es aber viele Beispiele aktiver Grausamkeit dieser Art giebt? Erstens glaube ich, dass dieser Genuss fast immer mit

4) Bouillior begriindet deu Genuss des Mitleids, des Hasses u. s. w. mil „la satisfaction qui nait d'une plus grande énergie d'existencequot;. L. c.; S. 142 140. Siehe weiter: Paulhan I.e.: S. 114, und Spencer I.e. II: S. 619.

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dem aus den anderen Arten der Grausamkeit erhalten gemischt vorkommt, so zum Beispiel wenn das grosse Publikum von der Tragedie einer Hinrichtung sich gierig erschüttern liisst (siehe den vorigen Paragraphen), und dies nicht nur in den passiven sondern ebenso in den activen Grausamkeiten. Zweitens darf diesem Vor-gange in Verbindung mit einem gewissen Grade von uneigentlicher Grausamkeit, nl. insofern als die Zeiehen intensiven Leidens nicht als vorzüglich solche sondern vielmehr bloss als Indicationen und dazu als Suggestoren heftiger seelischer Bevvegung erfasst werden, die Verursachung gar mancher der grausamsten Hand-luDgen zugeschrieben werden. Ich möchto z. B. vorlaufig das auffallende Beispiel, welches Bain zum Beweise seiner Behauptung dass es eine irreductible Grausamkeit giebt, anführt, von den sibirischen Knaben, welche einen Hund gar grausam martern, auf diese Quelle zurückführen. Diese Erkliirung raöchte in Anbe-tracht des grossen Entsetzens, welches eine solche Handlung sym-pathetischen oder gar tierfreundlichen Menschen einflösst, zu inadequat erscheinen, doch man bedenke, wie falsch man verfahrt, wenn man irgend eine altruïstische Susceptibilitiit in solchon Analysen als Maasstab benutzt. Auf festerem Grimde, auf dem der oben angeführten Analogien, dürfen wir getrost annehmen, dass sogar der Genuss so intensiver Grausamkeit in rolativem Unverstiindniss mit Bedürfniss nach Gemütserregung vereint seinen Grund finden kann. Die immer raffinirteren Grausamkeiten der Caesaren hatten wohl zum Teile dieselbe Ursache.

Ich glaube also, wir sind zu dem Schlusse berechtigt, dass auch active, eigentliche Grausamkeit ihren Grund in dieser Sehn-sucht nach Gemüthserregung finden kann.

Und bloss manchmal wird ihre Grundlage zugleich die Schranken ihrer Intensitat angeben, nl. insofern als diese Art der Grausamkeit an der einen Seite ein gewisses, unter Umstande^ ein weit gehendes Vérstandniss für die Zeichcn des fremden Leidens voraussetzt, an der anderen Seite keine kraftig abstumpfende Leidenschaft in uns voraussetzt (wie z. B. das Machtgolüste, nach unserer zweiten Hypothese). Wir müssen also zwei Arten dieser Grausamkeit unterscheiden, worauf wir oben schon hinwiesen.

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Dio erstere ist die, in welcher die Leidenszeichen bloss als Ge-mütseiTBgungszeichen erfasst werden, nnd domgeraiiss aucb weiter nichts als eine Gemütserregung suggeriren; diesen Vorgang kann man vor Allem beobachten, wenn niedere oder verhasste ïiere activ gepeinigt oder in ihren Todesangsten von Umstehenden angeschaut werden, z. B. wenn eine Wasserratte von einem Hunde gejagt wird, kein Loch findet nnd vom Wasser abgeschnitten ist: sie lauft tötlich geiingstigt herura, die Leute schauen heiter an-geregt zu und Ziehen iirgerlich ab, wenn das Tierchen noch schliesslich entschlüpfet oder zu bald vom Hunde zerbissen wird. „Guck, wie der Fisch zappelt und springt!quot; wird vom Fisch im Korb gesagt, der im Sterben noch einmal aufschnellt, und man sieht heiter und naïv unbeteiligt den Todessprüngen zu. Welche Ijustigkeit erweckt ein bisweilen sehr reell und massvpll gespielter höherer Schmerz auf der Bühne.

In allen solchen, leicht zu vennehrenden Fiillen, wird die Aus-serung des Schmerzes nicht als solche gefasst, und wirkt sie erheiternd als heftige, kraftige, mitunter komische Bewegung oder Gesichtsverzerrung. In der anderen Kategorie aber geboren allo die Fiille, welche das richtige Verstandniss der Schmer-zensausserungen zur Grundlage haben, wo also wirklich Mitleid erweckt, eigener Schmerz suggerirt wird. Gerade diese Schmerzen sind hier das Erregungsmittel, sie werden, wenn sie nur ein bischen schnell verlaufend, heftig, bewegt sind, der Langeweile und der Gemütsleere vorgezogen. Wie dies möglich, versuchten wir schon zu ergründen. Beispiele hiervon sind die Genüsse, von manchen überwiegend schmerzlichen Kunstwerken erhalten, bisweilen auch die Anziehung welche gewisse Leute treibt sich in traurige, ge-fahrliche Geschichten zu mischen (leicht, doch nicht notwendig tritt hier eine gewisse Schadenfreude, oder auch die Sucht nach ïhatigkeit, die Eitelkeit mal schön aufzutreten, u. s. w. hinzu), und in Abstufungen vom kindischen bis zum relativ edlen das Verlangen, dass mal eine grosse Revolution oder ein Krieg stattfande!).

1) Das Mitleid aussert sicli darm öfter gleich in dem Satze: „wenn es doch einmal stattfinden muss, daim gern jetzt!quot;

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Die weitere Beantwortung unserer dritton Frago ergiebt sich aus der der vierten: welche Karaktere am meisten zu dieser Art Grausamkeit hingeneigt sind.

Insoforn als die uneigentliche Grausamkeit ihre Voraussetzung ist, kann jeder Karakter ihr verfallen, hiingt sie vielmehr vora Grade der Intelligenz, ja von dem specielier Kenntniss (der be-treffenden selteneren Ausserungen) und dem der eigenen Erfahrung ab '). Aber neben dieser Bedingung muss doch noch eine hinzu-treten, d. h. die Lust an derartiger Anregung, resp. das Bediirfniss nach ihr. Der Ralph Nickleby wird schwerlich an zappelnden Fischen Vergniigen haben, ein Quilp schon eher. In dieser Bezie-hung ist der Eine auch lastiger zu befriedigen als der Andre: Bildung, Abstumpfung gegen gewisse Anblicke oder Erregungen, Idiosyncrasien üben hierauf tiefgehenden Einfluss. Abstumpfung wirkt natürlich fortschreitend: immer heftigere Erregungen werden nötig, das Mitleid schwindet am Ende völlig: der Wütrich ist da, in diesem Falie der groben, dummen Gattung: er versteht nicht einmal, dass er entsetzliche Qualen bereitet.

Spociell einigermassen stumpfe, trübselige Knaben werden leicht dieser Subart dieser Grausamkeit verfallen urid zwar den intensiveren Formen und auf lange Zeit, leichtlebige, intelligentere den schwiicheren Formen und auf kurze Zeit, vorübergehend, vielleicht nur einmal, in einem Augenblicke der Langeweile.

Die zweite Schattirung finden wir bei ganz anderen Leuten: diese verstehen die Ausserungen der fremden Kümpfe, Leiden, Angste und Verzweiflung, dieselben Gefühle werden in ihnen rege, doch sie lieben dies. In gewisser Beziehung könnte man behaupten, dass fast alle Leute für diese Art Grausamkeit empfang-lich, ihrer Verübung fiihig sind, ausgenommen die sehr und dauerhaft Mitleidigen und die seelisch ganz Preoccupirten, weil die Einen zu viel Mitleid fühlen im wirklichen Sitme, die Anderen

1) Ferrero behauptet, die Gefühlsstumpfheil der Frauen zwinge sic mehr Schmerz zuzufügen, bevor ihre Rachsucht befriedigt werden könno. Archivio di Psich. e di Scienzi Penali, XII, 1891: S. 406.

Siehe auch: Lombroso und Ferrero: „Das Weib als Verbrecherin und Prosti-tuirtequot;, 1894: S. 101—103.

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keinor weiteren Erregung filhig sind oder koine brauchen. Ein vveiterer karaktorologischer Unterschied wird abor hierdurch herbei-geführt, dass einige Karaktere mehr durch don Anblick fremder Kiimpfe, Angste and anderer derartiger nicht specifisch schmorz-iicher Zustande angeregt werden, andere geradezu fromde Leiden, Todeskiimpfe u. s. w. zu dieser Erregung brauchen. Zu den letzte-ron gehöron vor Allem die gründlich blasirten alteren Menschen, welche der Hoffnung völlig bar für Kiimpfe sich nicht langer be-geistern können und folglich nur den tiefst oinschneidenden Reizen zugiinglich sind, und diese dürften doch grosso Jammer, Ver-zweiflung und Todesqualen sein; um im Zufiigen vollkommonor Seligkeit odor ahnlicher Gliicksextason denselben Reiz zu finden, dazu glauben sie zu wonig am Glück und wenn und soweit sie es thaten, würden sie gleich intensiv eifersüchtig werden; aussordem ist dor Anblick grossen Glückos, gesund-krüftiger Kiimpfe ihnen auch eino zu trostloso Erinnerung, ein zu stochendor Vorwurf.

Unsere karaktorologischen Resultate sind gar dürftig und un-bostimmt, doch glaube ich dass sich im Allgemeinen koine besseren erwarten lassen, bevor das grosse Desideratum erfüllt und wenigstens die Anfiinge einer positiven Karakterologie gemacht sind und wir etwa hundert Bücher im Geisto des letzten Perez's, doch positiver und systematischer noch in Yiolem, besitzen.

§ 6. Die vier te Hypothese: Die evolutionistische Erkldrung der Grausamkeit.

Wir habon jetzt die Hypothesen, welche die Grausamkeit aus den seolischen Kraften des individuellen Lebens erklaren, erschöpft'),

1) Lehmann sagt ganz richtig gelegentlich eines anderen Objectes; „est ist gewiss vorzuziehen, von der Annahme auszugehen, dass dio Alfekte in jedem einzelnen Individuura entwickelt worden; sollten sich dann Erscheinungen zeigen, deren Entstehen ira Leben des einzelnen Individunms ganz undenkbar ist, wird es ja immer früh genug sein, für einen solchen Fall die Erblichkeit zu Hilfe zu

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und müssen somit zu den evolutiomstischen übergehen, welche dieses Gefühl als das Ergebniss oder den Eest der früheren Ent-wicklungsstufen des Geschlechtes oder gar seiner Vorfahren auf-fassen. Helvetius sagte schon: „L'homme a la dent de l'animal carnacier. II doit done etre vorace et par conséquent cruel et sanguinaire.quot; Gezwungen durch die Jagd seinen Lebensunterhalt zu finden, müsse der Naturmensch unfehlbar unempfindlich gegen tierische Leiden sein ').

Bain giebt ungefahr demselben Gedanken folgenden Ausdruck: „In the early stages of animal and human life, such benefits (as of property or possessions) could not be procured without first wading trough slaughter, and hence the plausibility of the supposition that the delight in slaughter and in all its associations is due solely to its instrumentality in procuring the final ends of existence at that stage. The idea is that having once learned the delights of blood, when it was a means to the other or the more primary ends, we keep it up as an addition to our pleasures when it ceases to have the same importancequot; 1). Wir werden gleich sehen, welche Einwiirfe Bain selbst wider diese Hypothese erhebt, doch auch in wiefern er sie nicht ganz richtig formulirt hat.

Sully ist ein überzeugter Anhiinger dieser evolutionistischen Erklarung. „The impulse to inflict pain (as distinct from killing or maiming, that is, rendering powerless or harmless) might grow up some what in the following way. First of all the infliction of pain would gradually become firmly associated with the weakening of a dangerous adversary, since pain is one of the surest means of securing freedom from future attack. In this manner the disposition to cause suffering in an adversary would be sustained by the deep-rooted instinct of self-defence. In the second place, at this stage of mental development the sentiment of power would

1

Bain L. c. in „Mindquot; 1876: S. 430.

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lend a strong support to the impulse of tormenting. For in all kinds of combat it would be seen that avoidance of pain is the thing specially aimed at in defence, and so the infliction of pain would naturally present itself as a striking effect and proof of superiority. Not only so: in this stage of intelligence a man would begin to look on voluntary submission in a defected rival as an equivalent for complete physical prostration. The appropriate objects of the emotion would now be al signs of dread and of a readiness to submit in the person calling forth the feeling. Now pain is the natural precursor of dread, and hence the infliction of pain would, by association, acquire the pleasurable aspects of dread and servile cringing. Thus both the earlier instinct of self-defence, which seems to be the first ingredient in distructive anger, and also the later offshoot of power would unite to give a special value to all signs of pain inflicted on an aggressive foe or an inconvenient rivalquot; *).

Auch James ist ein Anhiinger der evolutionistischen Erklarung: „we, the lineal representatives of the successful enactors of one scene of slaughter after another, must, whatever more pacific virtues we may also possess, still carry about with us, ready at any moment to burst into flame, the smouldering and sinister traits of character by means of which they lived through so many massacres, harming others, but themselves unharmed.... If evolution and the survival of the fittest be true at all, the destruction of prey and of human rivals must have been among the most important of man's primitive functions, the fighting and the chasing instincts must have become ingrained. Certain perceptions must immediately, and without the intervention of inferences and ideas, have prompted emotions aud motor discharges; and both the latter must, from the nature of the case, have been very violent, and therefore, when unchecked, of an intensely pleasurable kind. It is just because bloodthirstiness is such a primitive part of us that it is so hard to eradicate, especially where a fight or a hunt is promised as part of the fun .... No! those who try to

2) Sully I.e. „Mindquot; 1876: S. 287. Ferrero I.e.: S. 404.

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account for this from above downwards, as if it resulted from the consequences of the victory being rapidly inferred, and from the agreable sentiments associated with them in the imagination, have missed the root of the matter. Our ferocity is blind, and can only bo explained from helotv. Could we trace it back through our line of descent, we should see it taking more and more the form of a fatal reflex response, and at the same time becoming more and more the pure and direct emotion that it isquot; i). Die wenigen Beweise, welche James, welcher sicli vor Allem auf Schneider stützt, anfiihrt, werden wir unten welter beriicksichtigen.

Bain meint, nicht nur die natürliche Auslese könne die Entstohung der Grausamkeit erklaren1), sondern auch die geschlechtliche könne dazu beigetragen haben, indem zur Befriedigung der ge-schlechtlichen Bedürfnissen das Opfern vieler Mitbewerber notwen-dig war, wodurch eine Association zwischen Blutvergiessen und sexuellem Genusse entstand2). Wir können den Vorgang welter so ausmalen, dass im Urzustande die Weiber den kriiftigsten wildesten Miinn begünstigten, wodurch diese Eigenschaften selectiv gesteigert und fortgepflanzt wurden; dazu kilme das Bewusstsein aller Milnner, dass Weibergunst den wilden Morder warte, wofiir sich leicht Belege beibringen Hessen: die Abhangigkeit der Heirat vom Mitbringen einiger Köpfe bei manchen malaischen Volker-schaften, die Bewunderung, auch in civilisirten Landern, fast aller Weiber für Soldaten, Officiere und fiir die wildesten, streit-barsten Burschen.

1

Bain: „Mental and Moral Sciencequot;: S. 263.

2

L. c. im Mind. I, 1876: S. 431.

Zweifelsohne übt dieser Instincts-Survival der Weiber einen antikulturollen Einlluss in unserer Gesellschaft aus. Vergl. hiermit, was Galton behauptet: „This tendency to abandon the colder attractions of science for those of political and social life, must always be powerfully reinforced by the very general inclination of women to exert their influence in the latter direction.quot; („English Men of Sciencequot;, 1874, S. 259.) Wie wenige Frauen haben Verstiindniss für die eigentümliche Machtstellung und Kraftausseruug des Forschers, obwohl diese die der sog. prak-tischen Miinner im modernen Leben weit übertreffen.

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Die beste Verteidigung dieser Auffassung fiuden wir aber bei Spencer

Er betont allerdings auch die Bedeutung dor schwachen Vor-stellung des Schmerzes bei der aktiven Grausamkeit1), doch meint er daneben, dass wenigstens die „external activitiesquot; jeder Gesell-schaft unsympathiscli blieben, weil hier die eine grosse Erziehungs-kraft zur Sympathie nicht wirksam war: die gesellschaftliche Verbindung, dagegen der Kampf urns Dasein forderte, dass bier die Sympathie mit fromdem Schmerz dessen Zufiigung nicht unmöglicli machte. Nur diejenigen Sympathien konnten sich entwickeln, welche die Wohlfahrt der Gesellschaft forderte oder wenigstens nicht verbot. Es versteht sich, dass die Gefiihlsharte, welche den iiusseren Feinden gegenüber erhalten bleiben musste, auch den inneren Mitbewerbern gegenüber ihren Einfluss iiben musste. „The further reason for absence of sympathy in these cases, is that establishment of it implies simultaneous exposure to a common influence; and this does not habitually happen where pain is being inflicted. The giver and the receiver of pain have not at the same time the same feeling expressing itself in the same natural language.quot; Das letztere sei nur der Fall bei Wut, und die wird dann leicht gegenseitig gesteigert. Dann sagt Spencer noch weiter: „In the social state.... sympathy with pleasurable feeling is enabled to develop with but little checkquot;, und daher die leichte Ansteckung des Lachens. „This moral evolution, negatively restrained at each stage by defect of intelligence, has been positively restrained by the predatory activities — partly those necessitated by the destruction of inferior creatures, but chiefly those necessitated by the antagonisms of societies.quot; Wo diese repressiven Ursachen besonders wirkten, wurde die Sympathie schwach und im Allgemeinen wurde die ganze Entwicklung durch ihren Einfluss zurückgehalten 2).

1

„Psychologyquot; II: S. 570.

2

Spencer; „The Principles of Psychologyquot; (1872) II: 570—577.

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Die uneigentliche Grausamkeit wird also von Spencer einerseits aus dem mangelnden Verstandniss der fremden Schmerzesiiusse-rungen, anderseits aus der Wirkung der Jiiger-Instinkte erklart, wiihrend ausserdem der Umstand, das keine simultane Freude alle Mitglieder einer Gescllschaft in jedem Fall beseelte, seinen Einfluss ausübte, indem dadureh das Verstiindniss der Gefiihls-zeichen erschwert wurde. — Über die eigentliche Grausamkeit, bei welcher das Bewustsein des fremden Leidens (von uns ver-ursacht oder nicht) in irgend einer Weise uns Freude verursacht oder unser Glück steigert, sagt Spencer eigentlich gar nichts. Sogar von den „predatory activitiesquot; betont er nur ibre Wirkung im Zurückhalten der Entwicklung der Sympathie, doch widmet er ihrer möglichen Folge: dem Zustandekommen einer positiven Lust an Tötung und Besiegung, kein Wort.

Im Allgemeinen ist diese evolutionistische Erkliirung, welche den Grund einer jetzigen Erschcinung in den Erfahrungen des Geschlechts, der Gattung oder gar der Vorfahren der Gattung sucht, durcbaus berechtigt. Zwar miissen auch diese Erfahrungen einmal die von Individuen gewesen sein, doch können erstens die früheren Umstilnde ihrem Zustandekommen ungleich gtinstiger gewesen sein, und zweitens kann durch ibre kolossale Anhiiufung im Laufe der Jahrhunderte üfter die Intensitat eines jetzigen Gefübls begreiflich werden.

Wir werden jetzt untersuchen, ob denn diese Hypothese zur Erkliirung der uns beschiiftigendeu Erscheinungen geniigt oder wenigstens erbeblich dazu beitriigt. Wir werden dabei fortwiihrend der Ausführungen Schneiders eingedenk sein, welcher unseres Wissens am eingehendsten die menschlichen Gefübls- und Willens-erscheinungen vom Standpunkte der Entwicklungslebre erforscbt bat1), sowie der immer frischen und lehrreichen Bemerkungen Darwin's 2).

1

•1) G. H. Schneider: „Oer menschliche Wille vom Standpunkte der neueren Enlwicklungstheorienquot; (■1882). Siehe auch sein „Der thierischc Willequot; (1880).

2

„Descent of Manquot; I, ch. Ill: „Moral Sensequot;: S. 70—106.

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Am einleuchtendsten möchte der Wert dieser Hypothese zur Erkliirung der uneigentlichen, der negativen Grausamkeit sein. Da der eine grosse ümstand, der, wie Spencer überzeugend dargethan hat, die Sympathie fördern musste, nl. das geseil-schaftliche Zusammenleben, langere Zeit nicht einmal ia engem Kreise, dann bis vor relativ kurzer Zeit nur innerhalb enger Grenzen seine heilsame Wirkung übte, wurde die Sympathie nicht intensiver, nicht leichter ervveckt und nicht über entferntere Subjecte ausgebreitet, als durch die Wirkung der beiden anderen Erziehungsfactoren (das Verhaltniss zwiechen Eltern und Kind, und das zwischen Mann und Weib) schon geschah. Die Entwick-lung des Menschengeschlechtes wenigstens indirekt aus Raubtieren, die Jahrtausende worin die Menschen selber als nicht viel mchr ihr Leben frissten mussten, die bis vor relativ kurzer Zeit auch das ganze Privatleben ausfüllenden Kriege und Fehden mit aus-seren Feinden, der in der Mehrzahl bloss unter ausserlichen Rück-sichten geführte Wettbewerb im Innern, die Glorie welche bis jetzt den Krieger umgibt — Alles das und noch viel mehr musste die Entwicklung der Sympathie zurückhalten, auch noch als die Intelligenz genugsam entwickelt war um das Verstandniss der fremden Schmerzesiiusserungen zu ermöglichen. Die Gewöhnung an das Schmerzzufügen und an das Toten, im rohen Kampfe um das Dasein nun einmal notwendig, machte unempfindlich für fremde Leiden wie kraftig auch geiiussert. Denn erstens stumpft die Gewöhnung bekanntlich ab und zweitens mussten die zu empfindlichen durch die natürliche Zuchtwahl ausgeschiedea werden. Dagegenüber steht aber, dass die socialen Erziehungsfactoren vor Allem im Innern immer grosser werdender Gesell-schaften und die Arbeitsteilung, welche so zu sagen die Rohesten zu speciellen Berufen verwendete und damit die Anderen deren vorroherndem Einflusse entrückte, sowio viele andere Einflüsse, die Sympathie zu erweitern, zu verbreiten nnd zu vertiefen wirksam waren. Durch die Zusammenwirkung dieser beiden Einflussreihen auf die sich stetig entwickelnde Intelligenz wurde das Resultat, der factisch bestellende Zustand dor Sympathie, jedenfalls bestimmt.

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G1

Etwas schwieriger wird die Sache aber, wenn wir diese Theorie eine Erklarung der individuellen Verschiedenheiten der Gefühls-hilrte fragen. Hire Antwort ist: die verschiedenen Factoren haben auf die Vorfahren der verschiedenen Individuen ganz verschiodcn gewirkt, die Einen wurden mehr und langer der Eimvirkung der negativen, die Anderen der der positiven Factoren ausgesetzt; wenn sogar die Kinder aus einem Hause in dieser Beziehung verschieden beanlagt sind, so liegt die Erklarung vor der Hand; das eine Kind war mehr von der mütterlichen, das andere mehr von der vilterlichen Linie beeinflusst, und diese beide sind anderen Einüüssen oder anders gemischten unterworfen gewesen; dazu könnte nach der Atavismus wirksam gewesen sein: ein Kind erhielt die Eigenschaften dieses, das andere jenes Vorfahren (derselben Linie) Wie sich dies im einzelnen Fall zugetragen hat, lasst sich natürlich im Voraus nicht bestimmen: die ürsachen sind ganz historisch. Über die Verscheidenheiten der Völker in dieser Beziehung liesse sich schon leichter Bestimmtes erkundigen, indem aus ihrer Geschichte wenigstens hervorgehen würde, welclie Einflüsse und in welchem Grade ungefiihr in historischer Zeit auf sie einwirkten; wenn man in dieser Weise bedeutende Ver-anderungen im Volkskarakter in historischer Zeit verantworten könnte, wiire es schon gerechtfertigt die im Anfang der Geschichte gegebene, eigentümliche Volksanlage als Resultat derselben oder ahnlicher Factoren zu betrachten.

Wenn wir also der Wirkung dieser Umstande die grösstmögliche Bedeutung beigelegt haben, können wir doch die Erwagung nicht unterdrücken, dass nun einmal Gefühls-Weichheit oder -Hiirte keine aligemeinen Eigenschaften sind, sondern diejenigen indivi-dueller Karaktere, und dass auf deren Gestaltung zwar die be-sprochenen Umstande einen unermesslich tiefen und weiton Einfluss üben, dass aber der Karakter ausserdem doch noch von ganz anderen Kraften bearbeitet wird, ich möchte sagen von mitunter völlig individuellen, nicht aligemeinen, wie z. B. von den Karak-

i) Schneider; „Der Menschliche Willequot;: S. 54, 55.

K. Roth: „Historisch-Kritische Studiën über Vererbungquot;, 1877: S. 20, 27.

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teren der Vorfahren, vor Allern der Eltern (wie diese dann ganz speciell waren, nicht nur nach der Wirkung der allgemeinen Umstande, wie oben behandelt), von deren Krankheiten (Schwind-sucht, Gehirn- und Nervenkrankheiten, u. s. w.), Lebensweise (Al-koholismus, Ausschweifungen u. s. w.), von den Schicksalen der Mutter und des Embryo wahrend der Schwangerschaft und bei der Geburt von den ersten Eindrücken in der Kindheit, von der Erziehung und dom Einflusse der Umgebung u. s. w. — Alle diese Umstande, welche nur teilweise nnd dann sehr indirekt von den allgemeinen abhiingig sind, beeinflüssen den Karakter des Individuums.

Die uneigentliche oder negative Grausamkeit, die Gleichgiltigkeit für fremde Leiden, ist nun aber eine Eigenschaft des Karakters, welcher die Zusammenstellung der verschiedenen Eigentümlich-keiten, der besonderen Gestaltungen der allgemein menschlichen Geisteseigenschaften im Individuum bildet. Wie die verstreuten, zufalligen, doch öfter schon durchaus bewahrten Entdeckungcn der Karakterologie darthun, sind die individuellen Eigenschaften, die Karakterzüge nicht ohne inneren Zusammenhang, d. h. es liessen sich hier schon bis jetzt, noch vor dem Anfang der sys-tematischen, positiven Forschung gewisse gleichförmig und allgemein wiederkehrende Erscheinungsreihen und Verknüpfungen entdecken, welche auf Causalverbindungen mit völlig genügender Gewissheit schliessen lassen.

Die Gestaltung der Karaktere hiingt zweifelsohne zu einem guten Teile von der Wirkung der von Spencer betonten Factoren ab, doch ist damit die Thatsache keineswegs unvereinbar, dass die verschiedenen Eigenschaften Teile eines Ganzen, des Karakters sind und also aus den Grundziigen dieses Karakters erklart werden können und müssen, falls sie nicht selber zu diesen Grundziigen gehören. Auf der anderen Seite soli hiermit aber keineswegs geleugnet sein, dass bestimmte Karakterzüge dem Einfluss besonderer Umstande unterworfen gewesen sein können, obwohl dieser Einfluss sich dann jedenfalls auch auf die benach-

1) Féré: „La Pathologie des Émotionsquot; (1892): S. 554.

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barten Gebiete, auf die zusammenhangenden Züge erstreckt hat, insoweit als die betreffenden Züge nicht zufallig grade letzte Auslaufer waren.

Die evolutionistische Theorie hat einen guten Teil der Ursachen, welche die langsame Entwicklung der Sympathie resp. die grosse Allgemeinheit und Intensitat der Unempfindlichkeit für fremde Leiden zur Folge haben, aufgedeckt, indera sic zeigte wie das Verstandniss für sie gar nicht auf kommen konnte einerseits und wie es anderseits immer wieder abstumpfen musste.

Nichtverstündniss bleibt also die Grundursache und sie konnte natürlich auch in anderer Weise, durch die Wirkung aller der ümstande, denen wir oben eine Bedeutung für die Entstehung des Karakters beimassen, entstehen.

Doch dürfen wir jetzt neben diesem Nichtverstandnisse auch die Abstumpfung nennen, welche zwar teilweise Nichtverstündniss selbst zur Folge haben wird, teilweise aber wahrscheinlich auch ungeachtet eines intellectuellen Verstiindnisses der Schmerzeszei-chen doch die Intensitat des Gefühls bis auf Nul herabdrücken wird. Man weiss zwar, dass gelitten wird, doch leidet selbst nicht mit.

Jetzt wollen wir versuchen, ob die evolutionistische Theorie denselben Wert bat für die Erklarung des Genusses der eigent-lich oder positiv grausamen Handlungen, ob dieser also aus einer notwendigen Verknüpfung des Leidzufügens mit im Kampfe um das Dasein nötigen oder sehr nützlichen Handlungen in früheren, lang anhaltenden Perioden unserer Entwickelung erklart werden kann. Der Vorgang könnte dann noch auf zwei Weisen gedacht werden. Die betreffenden Handlungen könnten an sich nützlich und angenehm sein (z. B. die Jagd), und das inhaerirende Töten dann auf die Dauer associativ ebenso angenehm werden, welche Association dann spater, nachdem langst diese Handlungen unnötig geworden, blieb, so dass Töten für uns noch al den Genuss besitzen würde, welche ungemessene Zeiten lang die Erbeutung von Tieren und die Besiegung von Feinden gehabt haben müssen. Oder aber der Genuss der Grausamkeit wurde eine Art Premie, im Laufe der Zuchtwahl entstanden, auf die Auslibung der zwar an sich nicht angenehmen doch für die Erhaltung des Geschlechts

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durchaus unentbehrlichen Punctionen der Jagd und des Krieges, — sowie der hohe Geauss des Coitus als eine Premie auf die Aus-übung der Punction der Zeugung betrachtet werden kann: dio-jenigen, welchen die Erfüllung dieser Puuctionen keinon hin-reissenden Genuss brachte, raussten im Wettbewerbe untergeben, oder erhielten keinen Nachwucbs '). Die erste Schattirung dieser Hypothese wird von Bradley befürwortet, die zweite, so weit meine sebr bescbrankte Lektüre gebt, von Keinem, doch scheint sie mir nicht irrationell.

Untersuchen wir diese letztere zuerst. Eine andere Analogie umgekehrter Tendenz wiire z. B. der Abscheu vor Incest engsten Sinnes, welcber ebenso obwohl an sich nicht unangenehm gewesen doch allmahiig verabscbeut wurde, weil die welche den Abscheu nicht fühlten, im Kampfe um das Dasein bald zuriickstanden und ausstarben. Alle Schwierigkeiten einor solchen Erklarung bestehen auch in unserem Palle. quot;VVenn der Ur-Mensch ursprünglich den Jagd- und Tötuugsgenuss nicht kannte, dann musste er ja gleich ausgestorben sein, lange bevor die Selection die Sacbe andern konnte. Doch könnte es auch sein, dass er zwar jagte und totete mit dem Genusse dadurch seinen Hunger indirect zu stillen, wilhrend dann allmahiig durch Zuchtwahl nur diejenigen ihren Platz behaupteten, welche neben diesem Genusse nach einen anderen, intensiveren fast, den der Grausamkeit, empfanden, weil diese doppelte Befriedigung sie zu verdoppelter Anstrengung stachelte. Es ware diese Entwicklung gewiss sebr praktisch gewesen, doch lasst sich nicht recht einsehen, wie dieser Genuss auf dem Wege eigentlich entstehen konnte ; gerechtfertigt wiire er schon, erklart aber keineswegs; die Causalverknüpfung liegt wie zuvor

1) Ch. Richet; „Si aucun plaisir n'accompagnait l'union des sexes, est-ce que la conservation de l'ospèce serail assurée 1quot; „Essai de Psychologie Généralequot; (ISS?): S. 154.

Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorslellung'' (1859) II: S. 614, 616: der Genuss der Liebe dient nur datu, die Menschen zur Zeugung zu reizen. „In the same manner as the sense of hunger and the pleasure of eating were, no doubt, first acquired in order to induce animals to oat.quot; Darwin: „Descent'' I: S. 80. Horwicz (I.e.: S. 361) will dem Wollusttriebe bei der Bestimmung der Individuen zur Fortpflanzung keine entscheidende Rolle zumuten.

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im Dunkeln, denn die zufallige Variation ist doch ein unnützes Verlegenheitsmittel ï). Nur ein Ausweg bleibt meines Erachtens, es ist der unserer anderen Hypothese: der Association zwischen den Details der Jagd (Toten, Verletzen, Aufschrecken, Ermiiden, Betrügen, Auffangen u. s. w. des Wildes) nnd der Befriedigung des üfter rasenden Hungers. Dem Urraenschen oder seinem tie-rischen Vorfahren hatte auch nach dieser Vorstellung die Jagd keinen anderen Genuss als den praktischen der Befriedigung des Hungers gewahrt, doch durch die endlose Zahl der Verknüpfungen zwischen dem hoben Genusse dieser Befriedigung und der Jagd mit ihren grausamen Details, kam allmahlig die Association welche immer fester wurde, von einer solchen grausamen Handlung mit jenem Genusse, zu Stande; — hier aber scheint mir die Sache fehl zu gehen; der associirte Genuss konnte doch immer nur der des befriedigten Hungers sein, und wenn Einer jetzt einer Katze einen Fusstritt versetzt, spürt er von dieser Befriedigung, von dem Vergnügen der Sattigung gewiss nichts. Ob aber dieser specielle Genuss seine Farbe verlieren und eine Genussempfin-dung überhaupt werden konnte? Von einem so bestimmten Gefiihle liesse sich dies kaum erwarten, obwohl andrerseits gerade dieser Genuss einen gewissen Nachgeschmack hat, welcher viel langer dauert und im hohen Grade unbestimmt ist, nl. das wohlige Gemeingefühl nach der quot;guten Mahlzeit, welches beim öfter fasten-den Urmenschen besonders intensiv gewesen sein muss. Immerhin ist auch dieses Gefühl dem der Grausamkeit durchaus unahnlich, es ist ja ein breites, weiches, trages, gutmüthiges Gefühl, das der Grausamkeit aber ein ganz anders geartetes. Hierin liegt eine Schwierigkeit.

Die intensiv-wohlige Gefiihlsmischung, welche sich mit grausamen Handlungen associiren musste, wird aber durch folgenden ümstand bereichert und modificirt. Nicht nur die Jagd urn Beute, sondern ebenso die Jagd auf wilde Tiere und vor Allem der Krieg, die Eroberung und die Unterwerfung von Weibern mussten alle

1) Romanes: „Eine kritische Darstellung der Weismann'schen Theorie,quot; quot;1893; S. 94 seq., 115, 121, -163.

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durohaus unentbehrlichen Punctionen der Jagd und des Krieges, — sowio der holie Genuss des Coitus als cine Premie auf die Aus-übung der Function der Zeugung betrachtet werden kann: die-jenigen, welchen die Erfüllung dieser Functionen keinen hin-reissenden Genuss bracbte, mussten im Wettbewerbe untergeben, oder erhieltcn keinen Nachwuchs •). Die erste Schattirung dieser Hypothese wird von Bradley befiirwortet, die zweite, so weit meine sebr bescbrankte Lektiire gebt, von Keinem, doch scheint sie mir nicht irrationell.

Untersuchen wir diese letztere zuerst. Eine andere Analogie umgekebrter Tendenz wiire z. B. der Abscheu vor Incest engsten Sinnes, welcber ebenso obwohl an sich nicht unangenehm gewesen doch alhuahlig verabscheut wurde, weil die welche den Abscheu nicht fühlten, im Kampfe um das Dasein bald zuriickstanden und ausstarben. Alle Schwierigkeiten einer solchen Erkltirung bestehen audi in unserem Falie. Wenn der Ür-Mensch urspriinglich den Jagd- und Tötungsgenuss niclit kannte, dann musste er ja gleich ausgestorbon sein, lange bevor die Selection die Sache andern konnte. Doch könnte es audi sein, dass er zwar jagte und tötete mit dem Genusse dadurch seinen Hunger indirect zu stillen, wilhrend dann allmahlig durch Zuchtwahl nur diejenigen ihren Platz behaupteten, welche neben diesem Genusse nach einen anderen, intensiveren fast, den der Grausamkeit, empfanden, weil diese doppelte Befriedigung sic zu verdoppelter Anstrengung stachelte. Es ware diese Entwicklung gewiss sehr praktisch gewesen, doch lasst sich nicht recht einsehen, wie dieser Genuss auf dem Wege elgentlicb entstehen konnte; gerechtfertigt wtire er schon, erklart aber keineswegs; die Causalverknüpfung liegt wie zuvor

1) Cli. Richel; „Si aucun plaisir n'accompagnait l'union des sexes, est-ce que la conservation de l'espèce serail assurée 7quot; „Essai de Psychologie Généralequot; (i887): S. 154.

Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstollung'' (1859) 11: S. 614, 616: der Genuss der Liebe dient nur dazu, die Menschen zur Zeugung zu reizen. „In the same manner as the sense of hunger and the pleasure of eating were, no doubt, first acquired in order to induce animals to eat.quot; Darwin: „Descentquot; I: S. 80. Horwicz (I.e.: S. 361) will dem Wollusttriebe bei der Bestimmung der Individuen zur Fortpflanzung keine entscheidende Rolle zumuten.

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im Dunkeln, denn die zufallige Variation ist doch ein unnützes Verlegenheitsmittel ^). Nur ein Ausweg bleibt meines Erachtens, es ist der unserer anderen Hypothese: der Association zwischen den Details der Jagd (Toten, Verletzen, Aufschrecken, Ermiiden, Betrügen, Auffangen u. s. w. des Wildes) und der Befriedigung des öfter rasenden Hungers. Dem ürmenschen oder seinem tie-rischen Vorfahren hiitte auch nach dioser Vorstellung die Jagd keinen anderen Genuss als den praktischen der Befriedigung des Hungers gewahrt, doch durch die endlose Zahl der Verkniipfungen zwischen dem hohen Genusse dieser Befriedigung und der Jagd mit ihren grausamen Details, kam allmahlig die Association welche immer fester wurde, von einer solchen grausamen Handlung mit jenem Genusse, zu Stande; — hier aber scheint mir die Sache fehl zu gehen: der associirte Genuss konnte doch immer nur der des befriedigten Hungers sein, und wenn Einer jetzt einer Katze einen Fusstritt versetzt, spürt er von dieser Befriedigung, von dem Vergnügen der Sattigung gewiss nichts. Ob aber dieser specielle Genuss seine Farbe verlieren und eine Genussempfin-dung überhaupt werden konnte? Von einem so bestimmten Gefiihle liesse sich dies kaum erwarten, obwohl andrerseits gerade dieser Genuss einen gewissen Nachgeschmack hat, welcher viel langer dauert und im hohen Grade unbestimmt ist, nl. das wohlige Gemeingefühl nach der quot;guten Mahlzeit, welches beim ofter fasten-den ürmenschen besonders intensiv gewesen sein muss. Immerhin ist auch dieses Gefühl dem der Grausamkeit durchaus uniihnlich, es ist ja ein breites, welches, trages, gutmüthiges Gefühl, das der Grausamkeit aber ein ganz anders geartetes. Hierin liegt eine Schwierigkeit.

Die intensiv-wohlige Gefiihlsmischung, welche sich mit grausamen Handlungen associiren musste, wird aber durch folgenden Umstand bereichert und modificirt. Nicht nur die Jagd um Beute, sondern ebenso die Jagd auf wilde Tiere und vor Allem der Krieg, die Eroberung und die Unterwerfung von Weibern mussten alle

1) Romanes: „Eine kritische Darstellung der Weismann'schen Theorie,quot; 1893: S. 94 seq., US, 12-1, 163.

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(lurch zahlreiche und verschiedene grausamo Handlungen ins Werk gesetzt werden und schenkten alle die höchsten Geniisse, deren die primitive Seele fiihig. Fast das ganze und gewiss das intensivste Genussleben des Urmenschen musste sich also mit den grausamen Handlungen associiren, und wie verschiedene wurden von alien diesen Betrieben gefordert.

Da kanu es uns aber wahrhaftig nicht liinger Wunder nehmen, dass mit jeder der genannten oder der ihnen ahnlichen Handlungen ein gar intensiver doch unbestimmter Genuss verbunden war und vererbt wurde ^).

Eine andere Frage ist aber diese: giebt es keinö grausamen Handlungen, welche nie im Kampfe des Urmenschen gegen Tiere oder Feinde notig und daher nicht in dieser Weise mit Genuss associirt gewesen sein können? Eine solche Handlung scheint (auf dem ersten Blick) die verleumderische Entstellung einer fremden Persönlichkeit, das so beliebte Verkleinern, Be-schmutzen speciell höherer Karaktere, nicht in einem Kampfe, sondern ohne besondere Veranlassung, zu sein; man werfe nicht ein, dass diese Handlung seinen Genuss direkt mit sich bringe, dies ist allerdings richtig, doch ist dieser Genuss offenbar ein typisch grausamer: er kann kaum ein anderer sein als der durch die Verkleinerung des grosseren Karakters die eigne Geringheit nicht so zerdrückend zu fühlen, resp. wenn möglich durch die tiefe Herabsetzung des Anderen im Auge der Welt uns selbst zu erheben, per Contrast unsere Grosse lebhafter zu

I) Schon von den Erinnerungon des individuellen Lebens sagt Sully: „Wir erinnern uns mehr des Auffallenden, Bewunderungswürdigen, Ausserordentlichen, Angenehmen, u. s. w., als dass wir uns ein Ereigniss bestimmt vorstelltenquot;. „Die Illusionenquot; (1884); S. 254. Schneider fasst das Verlangen des Knaben nach Obst und seinen Trieb es zu stehlen als Erbscbaft von unseren tierischen Vorfabren auf; „es vererbt sich auch der Trieb zum Jagen, Fischefangen, zum Todten der Thiere und Plündern der Vogelnester in so hartniickiger Weise, dass diese Triebe heute noch ganz allgemeine Leidenschaften des in natiirlichen Verhallnissen auf-gewachsenen jugendlichen Menschen sind. Es ist dies zugleich ein Beispiel rudi-mentairer, d. h. solcher Triebe, die keinen Zweck mehr erfullen, aber ncch durch Vererbung übertragen worden, weil sie ofl'enbar früher ein wichtiges Millel zur Erhaltung gewesen sind.quot; „Menschl. Willequot;: S. 62.

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empfinden, denti bekanntlich wird diese Erniedrigung des Hohen öfter so weit getrieben, dass der Kleine sieh am Ende weit über den Grossen erhaben fühlen kann. Zu dem so erreichten Genusse der Kontrastselbsterhöhung wird sieh fast immer obendrein der Genuss der Macht gesellen, welchen die Handlung des Erniedri-gens, des Besiegens in den Augen des Publikums rait sieh führt: es ist ja kein Geringos für den moralischen Zwerg den Riesen, den er fürchtet, nieder zu strecken, was ihm ja nach seiner Meinung und der seines Kriteriums, der öffentlichen, möglich ist, und dann erst die Lust, wenn er den Hohen, Reinen auch nach dessen eigenem, im Geheimen verehrtem Urteile, zu einer Kleinheit hat hingerissen!

Wenn man aber einwirft, dass diese Handlung des moralisch Kleinen fast mehr eine Selbstverteidigung als eine gratuite Grau-samkeit sei, so scheiut mir eine andere Schattirung derselben doch jedenfalls nicht dieser Deutung ausgezetzt zu sein. Es kommt nicht selten vor, dass Einer (öfter noch Eine) Seinesgleichen hinunter-reisst Anderen gegenüber, oder das was diese Person mal Gutes hat, worauf sie sieh mal recht freut, zu verkleinern, es ihr zu verleiden sucht („Guck, welch hübschen Terrier ich habequot; — „I was, das ist ja ein Bastard!quot; — „Hast du schon in deiner japannesischen Yase die Ritze entdeckt?quot;) — im Moralischen genau dasselbe was im Physischen: einem Hund einen Eusstritt versetzen, der gerade besonders lustig hiipfte und bellte ! !) Die Ingredienten dieser Genüsse sind unschwer auf zu decken: Macht- und Kontrastgenuss auf der Grundlage der Eifersucht.

Solche und ahnliche Handlungen sind nie im Kampfo urn die Existenz nothwendig, und ebenso wenig unvermeidliche Eolge desselben oder eine wertvolle Hilfswaffe gewesen. Wie kann dann doch mit ihnen auf dem beschriebenen Wege der Evolution ein

•1) Man rtenke an die scheussliche Scene in Olive Schreiner's „Slory of an African Farmquot;, \vo der fromme Hcuchler den Knaben erst über sein Talent in der Erfmdung der kleinen Maschine lobt, dessen Freude steigert und dann — die Maschine zertritt! Wer so ctwas übertrieben, unwahr findet, der soil blos ein bischen achtgeben und mitunter mal eine Heuchelei entlarven, das Masker der moralischen Entrüstung (I) abreissen.

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sehr intensiver Genuss verbanden sein ? Könnte man nicht noch weiter gehen und fragen, wie sich überhaupt mit aller morali-schen Grausarakeit der Genuss der Jagd und des Krieges hat associiren können? Jene waren jedenfalls nie ein Erforderniss des primitiven Kampfes urn das Dasein, nie eine Bedingung des Sieges, sondern setzen einen ziemlich hohen Grad der intellec-tuellen Entwicklung voraus, ein sehr geübtes Vorstiindniss der fremden Schmerzeszeichen. Sie sind entschieden spaterer Formation als die physischen Grausamkeiten. Was kann der Anknüp-fungspunkt gewesen sein?

Dürfen wir sagen, dass da einmal die Association zwischen dem Jagd- und Kriegsgenusse und der Besiegung, Erniedrigung, Schwiichung, Wehzufügung überhaupt uud nicht nur eines ver-folgten Tieres oder oines Eeindes zu Stande gekommen war, auch alle moralischo Schwiichung, alles seelische Quiilen eines Anderen dieselbe Association erwecken müsste : moralischo Grausamkeit — physische Grausamkeit — Jagd- und Kriegsgenuss ? Ich kenne keine analogen Vorgiinge, welche uns berechtigen könnten, diese Frage bejahend zu beantworten. Solche Sprunge in der Association giebt es meines Wissens nicht. Diese Verneinung wird noch durch die Überlegung unterstützt, dass zwar der analytische Inhalt der moralischen Grausamkeit die Erniedrigung, die Schwiichung des Anderen ist, dass aber die ausseren Handlungen denen der physischen Grausamkeit selbstverstandlich völlig unühnlich sind und die Association hiitto doch jedenfalls nur bei den iiusseren Handlungen onknüpfen können. Der Einwurf aber, dass diese moralischo Grausamkeit hauptsachlich und fast immer die Mitglieder des eigenen Kreises trifft, dass der betreffende Karakter sie auch dem liebsten Freunde gegenüber nicht zurückhalt und sie also gerade da vorkommen, \vo nach der evolutionistischen Erklilrung gerado die Sympathie am innigsten sein müsste, denn orstens haben die antisympathischen Einflüsse nun einmal auch auf die inneren Verhaltnisse ihre Wirkung geübt und zweitens musste jedenfalls die einmal bestellende Association iiberall Geltung haben.

Eine andere Beschwerde wider diese Erklarung ist die, dass die nach ihr wirksamen Factoren, auch in der Bradley'schen

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Darstellung, doch allo darauf hinauslaufen müssen das Aufkom-men des Verstandnisses der fremden Schmerzesausserungon zu vorhindern oder durch Abstumpfung unthatig, wirkungslos, prak-tisch-nicht-bestehend, zu machen, — sonst waren ja auch die Spencer'sche Erklarung des Nicht-Verstandnisses durch die ewigen Kampfe und die Bradloy'scho dor Lust am Töton und Schmerzzufügon durch dasselbe mit oinander in Widerspruch: die durch diese Hypothese erkliirto Grausamkeit kann am Ende nio über die uneigentliche hinausgehen. Als Resultat unserer Prüfung der vorhergehenden Hypothesen möchte aber so viel feststehen, dass es eigentliche Grausamkeit giebt, welche ganz entschieden Verstandniss des fremden Leidens voraussetzt.

Alle eigentliche Grausamkeit hat zur Bedingung das Verstandniss der fremden Ausserungen: wenigstens jede welche auf dom Genusse der Macht, oder auf der Kontrastwirkung und zum Teil auch die welche auf der Gefühlsaufregung beruht. Sie setzt also eine ziemlich hoch entwickelto Intelligenz und in manchen Fiillen ein enges und weit ausgebreitetes sociales Zusammenleben voraus Beim Urmenschen liesse sich zwar weitgehende uneigentliche Grausamkeit, doch nur sehr beschriinkte eigentliche erwarten; vielleicht, doch gar nicht gewiss, zeigen einige der höchst entwickelten Tiere die letztere, die allgemeine Form aber ist die uneigentliche.

Man könnte noch im Geiste quot;) Nietzsche's die Grausamkeit als eine Art Waffe, als das einzige Verteidigungsmittel im Kampfe ums Dasein der Schwachen, der Besiegten, der Frauen betrachten. Doch kann dann deren Genuss in ihr gewiss nicht seinen Grund in der Association mit dem Siege haben, weil diese ja nie siegten oder jedenfalls nicht oft genug um die Association zu begründen, und wenn sie von altersher eine gewisse Befricdigung und Entschii-

1) Lombroso („L'Uomoquot;: S. 592) hat demnach Unrecht, wenn er sagt: „com-prendiamo come il carattere piü odioso del reo e del pazzo morale, la malvagita senza causa, la prava, brutale malvagita sia una continuazione dell' epoca infantile, uno state di infanzia prolungataquot;. Die eigentliche Grausamkeit setzt Verstandniss voraus, die den Kindern eigentümliche Grausamkeit ist die uneigentliche.

2) „Zur Genealogie der Moralquot; (1887): S. '19 und passim.

Brandes: „Menschen und Werke,quot; 1894, S. 178 seq.

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digung in ihr finden, so muss das daher jedenfalls andere Gründe haben. Es war ihro Rache, und wurde deshalb ihr Genuss! sollte es heissen.Die umgekehrte Folge sclieint mirabereinzigbegreiflich. Wie konnten sio in ihr irgend einen Genuss finden ? das bleibt die Frage. Wie mir seheint, haben die früheren karakterologischen Resultate gerade hierauf eine einigermassen befriedigende Antwort erteilt.

Die Consequenz der evolutionistischen Erkliirung könnte dazu führen den sehr grausamen Menschen in gewisser Beziehung als einen sehr krassen Fall des Atavismus zu betrachten, obwohl mir diese Auffassung jedenfalls keine notwendige Folge der evolutionistischen Welterklarung zu sein seheint. Es kommt hier ja nicht nur auf Möglichkeit, sondern auf Wahrscheinlichkeit an. Wie Lombroso früher den typisch Grausamen, den Geburts-Mör-der atavistisch erkliirte, so sieht Schneider in den wilden und grausamen Gelüsten jedes Knaben ein Wiederaufleben der Ten-denzen unserer Vorfahren !). Leider versaumen Beide zwin-

1) Schneider's interessante Bemerkung wollen wir hier wiedergeben; „Auffallend constant und hartnackig ist die Vererbung des oben erwahnten Triebes -/.urn Obstnaschon, der sich im Knabenalter so machtig zeigt. Obgleich seit vielen Generationen das Obst nur eine Nebenspeise bildet, und die Erziehung diesera Uang der Jugend zum Plündern dor Obstgarten entgegengewirkt hat, erregt noch heute beim jungen Menschen der Anblick des Obstes ein so starkes Verlangen und solche Esslust, dass der Naschtrieb noch gar oft fiber die Vorstellungen der Gefahren siegt, selbst vvenn der Obst noch grim und ungeniessbar ist; und wer erinnerte sich nicht noch im spaten Alter des grossen Vergnïigens, das er als Knabe daran gehabt hat, in des Nachbars Garten zu steigen und sich die Taschen voll Obst zu holen? Es giebt keine andere Nahrung, deren Anblick in der Jugend ein so starkes Verlangen erweckt als wie Obst; und man muss darausschliessen, dass unsere tierischen oder wildmenschlfchen Vorfahren sich besonders von Obst ernahrt haben, was auch mit der Thatsacbo iibereinstimmt, dass bei den Natur-menschen, sowie bei den Affen das Obst das hauptsachliche Nahrungsmittel ist.quot; („Der Menschliche Willequot;: S. 61, 62, 55, 53, 51).

Ob diese Beweisführung wohl zwingend ist, die Sache etwas mehr als möglich machtquot;? Sind Zucker und Siissigkeiten nicht ebenso beliebt? Fleisch, dasmanchen tierischen Vorfahren wohl auch nicht übel schmeckte (Bradley und Spencer oben) und den meisten Wilden derart unentbehrlich sein soil, dass die Anthropofagie zum Teil aus seinem Mangel erklart wird, weckt das Geluste wohl keines Kindes auf und ist manchen sogar widerlich. Die Kalk im Zuckerwerk ist dem Kinde auch nicht unangenehra: liesse sich das vielleicht aus dem Erdcssen mancher Wilden erklii-

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gende Beweise für ihre Theorien anzuführen. Lombroso wurde denn auch schon auf dom Pariser Congresse gerichtet und dio besten Kritiker verurteilten seine Lehre in dieser Beziehung: wir brauchen jetzt nicht weiter hierauf einzugehen 1). AVie ware je sociales Zusammenleben, wie je Entwicklung möglich gewesen, wenn Troppmann oder „Jack the Ripperquot; die ürtypen gewesen? Sie batten ja ihre Weiber und Kinder ermordet und die Mensch-keit ware nie ein Jahrhundert alt geworden! Wilde Rachsucht und impulsive Mordsucht sind ja nicht zu verwechseln. Für die Schneider'sche Vorstellung Uisst sich bedeutend mehr anführen; sie bringt es dazu, dass wir ihre Möglichkeit ohne Weiteres gestehen müssen, wenigstens was die physischen Grausamkoiten, die rohen, die welche im wilden Leben praktische Handlungen gewesen sein können und die solchen auch in der iiusseren Form eng verwanten raffinirteren, betrifft.

Richet erzahlt, wie neu-geborne Katzen, welche jedenfalls nie einen Hund gesehen hatten, bei der Anniiherung eines Hundes, den sie doch nur durch ihren Geruch witterten, schon den karak-teristischen krammen Rücken machten. Noch interessanter istFol-

1

„L'Uomo Delinquentequot; (1884): S. 589—595 (hier sehr unsicher). Tarde: ,,La Philosophie Pénalequot; (1890): S. 1—4 und passim S. G: „Si rancètre de I'homme a été un frugivore, c'est-a dire un animal doux, plein de tendresse pour les siens commc le sont la plupart des singes, ce n'est point la guerre ni 1'assassinat qu'il faut songer a expliquer par 1'atavisme, ce serait plutót la vie de familie, lo dèveloppe-ment des vertus patriarcales.quot;

James (I.e.: S. 312, 413 N.) betraohtet die Glutdurst gewisser „moral insanesquot; als völlig erkliirt durch die Evolution. Aber soil denn (las sich mit Kot beschmieren und Kot essen dieser Leute, wie ich es selbst beobachtet habe, auch aufiihnlicho Tendenzen unserer Vorfahren zurückgefiihrt werden, und ebenso ihre Selbstver-stümmelung?? Vorschnell möchto dies doch genannt werden.

Tarde „La Criminalité Comparéequot; (1890): S. 25 seq., 36 seq. Joly: „Le Crime'1 (1888): S. 6 seq.

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gendes: „Sur un tout jeune enfant, agó de six mois, j'ai notó le fait suivant: en lui faisant toucher une fourrure il a eu aussitöt un mouvement violent de répulsion et de frayeur. Quelques semaines plus tard cette répulsion avait tout a fait disparu.quot; Hunde, welche nie einen Wolf oder ein anderes wildes Tier gesehen oder dessen Gefahrlichkeit erfahren haben, fühlen bei doren Annaherung einen entsetzlichen Schrecken 1).

„Eine Ente von zehn Tagen, die nie etwas von einer Falcke gespürt hatte, eilte fort wie ein Pfeil aus dem Bogen das erste Mal, dass sie dessen Schrei hörte und versteckte sich in eine Ecke, wo sie mehr als zehn Minuten, still, unbeweglich und zusammengeduckt sassquot; 2).

„La peur qu'ont les enfants des chiens et des chats, avant qu'ils aient pu connaitre le motif de leur crainte, est un fait hóróditaire. Même plus tard, quand ils ont déja acquis quelque expórience, la peur qu'ils ont a la vue des chats et des chiens qui tettent seraient ridicule si ce n'était une aversion innée... . lis ont peur de la mer lorsqu'ils la voient pour la première foisquot; 3). Es sollen diese Beispiele also vererbte schlechte Erfahrungen darstellen, aber wann waren die Katzen dem menschlichen Ge-schlechte besonders gefahrlich, und haben nicht alle Wilden und batten nicht auch unsere prehistorischen Vorfahren zahme, sehr nützliche und sehr geliebte Hunde? Lasst sich diese kindliche Eurcht nicht bedeutend leichter direkt psychologisch erklaren? Diese Haustiere sind die ersten Tiere, die ersten Geschöpfe ganz anders als seine Mutter, welche das Kind kennen lernt, sie bewegen sich anders, sind von seiner Grosse doch viel behender, vorhatscheln ihn nicht und beantworten seine Ereiheiten ganz anders als die Mutter. Ausserdem: ich habe ein sehr kleines Kindchen gekannt, welches zu Hause nie Tiere gesehen hatte und doch ein kleines Katzchen in einer anderen Familie ohne Spur von Eurcht oder Rücksicht ergriff und wie einen Ball

1

Ch. Richet: „L'Homme et rintelligencequot; (1887): S. 482.

2

Mosso: „La Peurquot; (1886): S. 143.

3

Mosso I.e.: S. 146.

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behandelte; die vater- und die mütterliche Familie waren beide nicht tierliebend. — Wenn ein Kind vor dem Meere erschreckt, kann das sehr wohl seinen Grund in dem von seiner gewohnten Umgebung so auffaltend verschiedenen Anblick haben.

Schneider macht darauf aufmerksam, dass Kinder im Finstern sich vor schwarzen Tieren oder Menschen fürchten, auch im dunkeln Walde oder in einer Höhle wenn erschreckende Laute gemacht werden, und er fiihrt diese Furcht ganz auf die schlim-men Erfahrangen nnserer Vorfahren zurück. „Diese scheinbar anerzogene Furcht (ist) auf die Vererbung der betreffenden Be-ziehungen zurückzuführen, denn wie sollte sonst das Kind dazu kommen, sich im Finstern bei Wahrnehmnng der betreffenden Laute zu fürchten, da ihm durch diese Laute oder bei Wahr-nehmung derseiben in seinem Leben noch kein Leid zugefügt worden ist?quot; „Wie kommt man aber in diesem Falie auf die Idee, dass ein schwarzer Mann, oder ein schwarzes Thier da sei, und woher kommt überhaupt der Gedanke, dass das Kind im Finstern leicht zu erschrecken sei und die Absicht dies zu thun ? Dies kommt offenbar durch die Erfahrung, dass ganz allgemein beim Menschen, auch beim Erwachsenen, durch die Wahrnehmnng eines finstern Raumes leicht die Vorstellung von dem Vorhanden-sein eines gefahrlichen Menschen oder eines schwarzen wilden Thieres erweckt wird; weil eben die Beziehung zwischen beiden Erkenntnissacten, welche Beziehung seit undenklichen Zeiten in jeder Generation befestigt wird, vererbt ist.quot; Der Verfasser con-cludirt, dass zwar nicht bestimmte Vorstellungen, wohl aber „die Beziehungen der Wahrnehmungen und Vorstellungen zu den entsprechenden Gefüblen und Trieben überhaupt.... in einer Weise vererbt (sind), dass unsere ganze Handlungsweise durch die Vererbung im Wesentlichen bereits fixirt istquot; ').

1) Schneider: „Menschl. Willequot;: S. 68—75. Lasst sich die Furcht des Kindes und des Menschen vor dem Dunkeln nicht sehr einfach psycho-physiologisch und psychologisch erkliiren? Das Kind meint im Dunkeln allein zu sein also oline freundliche Nnhe, welche auch im Dunkeln allo Furcht verscheucht; nicht sehen können ohne Schlaf regt auch ohno Furcht auf; alle unangenehmen Phantasien

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gendes: „Sur un tout jeune enfant, agó de six mois, j'ai notó le fait suivant: en lui faisant toucher une fourrure il a eu aussitot un mouvement violent de répulsion et de frayeur. Quelques semaines plus tard cette répulsion avait tout a fait disparu.quot; Hunde, welche nie einen Wolf oder ein anderes wildes Tier gesehen oder dessen Gefahrlichkeit erfahren haben, fühlen bei doren Annaherung einen entsetzlichen Schrecken 1).

„Eine Ente von zehn Tagen, die nie etwas von einer Falcke gespürt batte, eilte fort wie ein Pfeil aus dera Bogen das erste Mal, dass sie dessen Schrei hörte und versteckte sich in eine Ecke, wo sie mehr als zehn Minuten, still, unbeweglich und zusammengeduckt sassquot; 2).

„La peur qu'ont les enfants des chiens et des chats, avant qu'ils aient pu connaitre le motif de leur crainte, est un fait hóróditaire. Même plus tard, quand ils ont déja acquis quelque expórience, la peur qu'ils ont a la vue des chats et des chiens qui tettent seraient ridicule si ce n'ótait une aversion innóe.... Ils ont peur de la mer lorsqu'ils la voient pour la première foisquot; 3). Es sollen diese Beispiele also vererbte schlechte Erfabrungen darstellen, aber wann waren die Katzen dem menschlichen Ge-schlechte besonders gefahrlich, und haben nicht alle Wilden und batten nicht auch unsere prehistoriscben Vorfahren zahrae, sehr nützliche und sehr geliebte Hunde? Lasst sich diese kindliche Furcht nicht bedeutend leichter direkt psychologisch erklaren? Diese Haustiere sind die ersten Tiere, die ersten Gescböpfe ganz anders als seine Mutter, welche das Kind kennen lernt, sie bewegen sich anders, sind von seiner Grosse doch viel bebender, verhatscheln ihn nicht und beantworten seine Freibeiten ganz anders als die Mutter. Ausserdem: ich habe ein sehr kleines Kindchen gekannt, welches zu Hause nie Tiere gesehen hatte und doch ein kleines Katzchen in einer anderen E'amilie ohne Spur von Furcht oder Rücksicht ergriff und wie einen Ball

1

Ch. Richet: „L'Homme et 1'lntelligencequot; (1887): S. 482.

2

Mosso: „La Peurquot; (1886): S. 143.

3

Mosso I.e.: S. 146.

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behandelte; die vater- und die mütterliche Familie waren beide nicht tierliebend. — Wenn ein Kind vor dem Meere erschreckt, kann das sehr wohl seinen Grund in dem von seiner gewohnten Umgebung so auffaltend verschiedenen Anblick haben.

Schneider macht darauf aufmerksam, dass Kinder im Finstern sich vor schwarzen Tieren oder Menschen fürchten, auch im dunkeln Walde oder in einer Höhle wenn erschreckende Laute gemacht werden, und er führt diese Furcht ganz auf die schlim-men Erfahrungen unserer Vorfahren zurück. „Diese scheinbar anerzogene Furcht (ist) auf die Vererbung der betreffenden Be-ziehungen zurückzuführen, denn wie sollte sonst das Kind dazu kommen, sich im Finstern bei Wahrnehmnng der betreffenden Laute zu fürchten, da ihm durch diese Laute oder bei Wahr-nehmung derseiben in seinem Leben noch kein Leid zugefügt worden ist?quot; „Wie kommt man aber in diesem Falie auf die Idee, dass ein schwarzer Mann, oder ein schwarzes Thier da sei, und woher kommt überhaupt der Gedanke, dass das Kind im Finstern leicht zu erschrecken sei und die Absicht dies zu thun ? Dies kommt offenbar durch die Erfahrung, dass ganz allgemein beim Menschen, auch beim Erwachsenen, durch die Wahrnehraung eines finstern Raumes leicht die Vorstellung von dein Vorhanden-sein eines gefahrlichen Menschen oder eines schwarzen wilden Thieres erweckt wird; weil eben die Beziehung zwischen beiden Erkenntnissacten, welche Beziehung seit undenklichen Zeiten in jeder Generation befestigt wird, vererbt ist.quot; Der Verfasser con-cludirt, dass zwar nicht bestimmte Vorstellungen, wohl aber „die Beziehungen der Wahrnehmungen und Vorstellungen zu den entsprechenden Gefiihlen und Trieben überhaupt.... in einer Weise vererbt (sind), dass unsere ganze Handlungsweise durch die Vererbung im Wesentlichen bereits fixirt istquot; 1).

1

Schneider: „Menschl. Willequot;: S. 68—75. Lasst sich die Furcht dos Kindes und des Menschen vor dem Dunkeln nicht sehr einfach psycho-physiologisch und psychologisch erkliiren 1 Das Kind meint im Dnnkeln allein zu sein also ohiie freundliche Nahe, welche auch im Dunkeln alle Furcht verscheucht; nicht sehcu können ohne Schlaf regt auch ohne Fuicht auf; alle unangenehmen Phantasien

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Die angeführten Stellen scheinen rair, wie interessant sie gewiss sind, doch nicht beweiskraftig, wenigstens nicht vollstandig, ftir das darin behauptete, und alle vollends nicht für die uns beschafti-gende Hypothese: die Erklarung der positiven Grausamkeit aus der Vererbung der Triebe unserer Vorfahren und dor deren Be-friedigung begleitenden Genüsse.

Ebenso wenig beweiskraftig für diese Theorie scheinen mir folgende Thatsachen zu sein, welche James anführt: „an apostle of peace will feel a certain vicious thrill run through him, and enjoy a vicarious brutality, as he turns to the column in his newspaper at the top of which „Shocking Atrocityquot; stands printed in large capitals. See how the crowd flocks round a street-brawl! Consider the enormous annual sale of revolvers to persons, not one in a thousand of whom has any serious intention of using them, but of whom each one has his carnivorous self-consciousness agreeably tickled by the notion, as he clutches the handle of his weapon, that he will be rather a dangerous customer to meetquot; !). quot;VVie viel einfacher lassen sich diese Erscheinungen aus den schon behandelten psychologischen Principien erklaren: der Frie-densapostel, der Strassenpöbel, und die Revolverkilufer befriedigen die sehr allgemeinen menschlichen Bediirfnisse nach Aufregung, nach Erhöhung des eigenen Genusses durch Contrast mit frem-dem Schmerze, nach Steigerung des Selbstbewustseins und des Kraftgefiihls sowie des Bewustseins der Sicherheit jeder möglichen Gefahr gegeniiber. Hat diese direkte Erkliirung nicht den Vorzug, solange ihre ünrichtigkeit nicht viel strenger bewiesen ist, als die Evolutionisten es je versucht haben ?

Zu den Gründen, weshalb ich dieser Theorie nicht beistimme, möchte ich noch folgende fügen.

Da wir jedenfalls über den Karakter unserer noch nicht einmal angewiesenen direkten tierischen Vorfahren eigentlich nichts wissen, scheint es mir misslich, aus ihretn Karakter und seinen Ur-

können da aul'tauchen und welches Kind hat man mit solchen nicht beschwert? wurde das Experiment schon genommen mit einem das nie beangstigt wurde? 1) James I.e.: S. 413.

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sachen samrat doren Vererbung den unserigen erkliiren zu wollen. Meine Beschwerde wird wohl am besten dadurch illustrirt, dass wahrend auf der einen Seite unsere Grausamkeit eine Folge der Raubtiernatur unserer tierischen Vorfahren sein soli, auf der anderen Seite die Obstvorliebe unserer Kinder aus der vegetabi-lischen Lebensweise derselben Vorfahren erklart werden soil').

Was die menschlichen Vorfahren anbetrifft, nur durch das ethnologische Studium der jetzigen Naturvölker liisst sich über ihren moralischen Zustand lelativ Sicheres erraitteln: spiiter werden wir diese Sache „au fondquot; behandeln, doch liisst sich jetzt schon aussagen, dass die Wilden zwar negativ, uneigentlich öfter sehr grausam sind, jedenfalls aber nicht einen ürtypus der reinen positiven Gnaisamheit bilden1), deren abgeschwiichte Überreste wir noch aufzeigen könnten. Jedenfalls sind die bisherigen Unter-suchungen in dieser Richtung viel zu oberflachlich gewesen um auf ihren Ergebnissen eine Theorie aufbauen zu können.

Dasselbe gilt meiner Meinung nach von den Gesetzen der psychologischen Erblichkeit; auch nach den Arbeiten Galton's 2) und Ribot's 3) ist zwar die Thatsache kaum mehr zu bezweifeln,

1

Darwin selbst lasst unsere socialen Instinckte schon von den Menschen in sehr wildem Zustande, ja von den affenahnlichen Vorfahren erwerben. „Descentquot; I; S. 86. Man denke an die ausserordentlich primitiven Wetlda's Ceylons, welche nicht einmal steinerne Gerate besitzen, keinerlei religiose Vorstellungen hcgen und doch moralisch gar hoeh stehen, jedenfalls nicht grausam genannt werden dürf-ten, vielmehr sehr mitleidig sind. Haeckel: „Die Urbewohner von Ceylon.quot; Deutsche Rundschau, Sept. 1893: S. 384, 377, 382.

2

Galton; „Hereditary Geniusquot;.

3

Ribot: „L'Hérédité Psychologiquequot;. Wie merkwürdig, dass er Schopenhauer's interessanten Abschnitt über die Vererbung des vaterlichen Karakters und der

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ist abcr die Art und Weise noch ebenso unaufgekliirt wie vorher; von vornherein scheint es mir aber sehr unwahrscheinlich, dass wir, bevor wir Erscheinungen wie malerisches oder anderes Talent, Hang zu irgend einem Laster, oder ahnliche, vollstandig in ihre zusammenstellenden Elemente zerlegt und deren karakterologische Bodingangen, Folgen und Begleiterscheinungen erkannt haben, die Gesetze ihrer Vererbung, d. h. der ihrer Elemente und deren Zusammenstellungen, je ermitteln würden. Man fasse solche complicirte Erscheinungen doch ja nicht als irreductible Elemente auf. Ohne Analyse kann man der Vererbung ihrer Teile und derer Verzweigungen nicht einmal nachspüren

Endlich mögen Bain's Einwürfe hier eine Stelle finden. Nach-dem er diese Hypothese in den Worten, welche wir oben mit-teilten, aufgeworfen hat, verfolgt er: „One would think, however, that such a horrible delight would be abandoned, in the face of the strong feelings that incline to amity, pity and the social feelings, when it was no longer a sad necessity. The alteration of the circumstances should have altered the case. But maleficent pleasure, although very much transformed in its workings, is still as strong as ever. Wo seem to feel that it is an end in itself; our consciousness cannot detect any latent reference to a deeper end. No doubt, any one may say that the original end has been effaced from our recollection. This, however, is a pure assumption; we can neither affirm nor deny it upon any evidence except analogy; and the analogies are scarcely strong enough to support itquot; 2). Zum Teil könnte diese Kritik von einem Evolutio-

mütterlichen InteUigenz gar nicht citirt („Die Welt als W. u. V. II: S. 592 seq.). Galton: „English Men of Sciencequot;, 1874, S. 72, 197 teilweise im Widerspruch hiermit.

1) Es war Ribot's grosser Fehler dies vollig zu vernachliissigen. Meynert wurnt mit vollstem Rechte; „Es ist zweifellos ein allzu einfacher Standpunkt, die Moral als eines der menschlichen Talente aufzufassen, welches dem einen Menschen als ein umschriebener psychischer Defekt fehle. Dagegen ist die Bemerkung Weiss-mann's sehr richtig; „Talente beruhen nicht auf dem Besitze eines besonderen Ge-hirnteiles, sie sind überhaupt nichts Einfaches, sondernsind Combinationen geistiger Anlagen von sehr veischiedener Natur.'1 „Psychiatriequot; (le Halfte, 1884): S. VI.

2) Bain I.e. „Mindquot; 1876: S. 430.

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nisten allerdings bequem widerlegt werden : es ist gar nicht nötig, dass man sich die Ursache einer ererbten Disposition erinnern könne1); die Aussage unseres Bowusstsseins übor den tieferen Zweck dor Graasamkeit, ist, wenn sich das Bewusstsein überhaupt darüber ausspricht, völiig wertlos, ohne jedwede Autoritat, weil durchaus subjectiv : das Bewusstsein enthalt keine Erklarungen. Von weit grösserer Bedeutung ist Bain's Bemerkung, dass die angeführten Analogien wahrlich nicht kraftig genug sind urn die Möglichkeit dieser Erklarung zu einer Wahrscheinlichkeit zu ma-chen. Und ebenso hat er Recht in der Thatsache, dass wir Cul-turmenschen noch so jung-, frisch-grausara sind, dass unsere Grausamkeit sich unserem Lebon völiig anschmiegt, nirgendwo mit seinen Fonnen sich nicht vertriigt, keine Spur von einer Abschwachung, von einem Rudimentarvverden aufzeigt, ein schwer wiegendes Argument wider diese Erklarung zu finden. East möchte man wie Sully eine Éihnliche Diskussion mit seinen Worten schliessen: „Diese Idee hat allerdings etwas Verlocken-des, aber bei dem gegenwartigen Zustande unseres Wissens würde jede eingehendere Erwagung dieser Hypothese wahrscheinlich zu phantastisch erscheinen. Spater wird sich vielleicht herausstellen, wie viel Erfahrung unserer Ahnen, sei es als unbestimmte geis-tige Bestrebungen, oder als bestim rate concrete Vorstellungen uns auf diese Weise übermacht ist.... Ehe wir indess solche Falie (in denen exakt bewiesen wurde, dass unmöglich persun-liche Erfahrung vorlage) kennen, thun wir besser, die dunkcln Erinnerungen auf Quellen zurückzuführen, welche in die eigene Erfahrung des Individuums fallenquot; 2).

Wenn wir die von der evolutionistischen Hypothese vorausge-setzten Verhaltnisse raai etwas tiefer betrachten, so kommt es uns auch vor, alsob die psychologische Analyse hier keine Grundlage aufdecken würde, welche von der unserigen sehr verschieden ware. Denn sobald einraal die Association zwischen einer grau-saraen, den Gegner oder überhaupt einen Anderen schüdigenden

1

Siehe auch Sully „Die Ulusionenquot;: S. 265 scq.

2

Sully 1. c,; S. 264, 265.

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Handlang und der Förderting des eigenen Lebens befestigt wiire, so müsste auch eine solche Handlung das Bewusstsein der eigenen Fahigkeit sich zu fördern, folglich das eigene Machtsbewusst-sein erhöhen, und somit würde unsere zweite Hypothese auch für unsere Urvorfahren seine Giltigkeit haben. Nur dass diese Association evolutionistischerweise, und nicht aus der direkten Wirkung der psychischen Factoren entstanden ware. Die Holle der Evolutionshypothese wiire somit darauf die Association be-wirkt zu haben herabgesunken ').

Hiergegcnüber steht aber eine andere Annahme, nach der die Verbindung zwischen Grausamkeit und Genuss völlig ohne die Wirkung der Vorstellungen des Machtsbewusstseins, durchaus ohne Dazwischenkunft der psychischen Factoren zu Stande ge-kommen wiire; nicht einmal eine psychische Wirkung im Bewusstsein wird vorausgesetst, sondern es wird einfach eine allraiihlige Verbindung zwischen jeder physisch grausamen Handlung und einer völlig unbestimmten Genussempfindung constatirt. Diese Auffassung scheint mir aber weniger zu erklaren als die eben vorgetragene.

Und so kommen wir denn endlich zu der definitiven Ausein-

1) Merkwürdig ist, dass wenigstens für die Entstehung der Sympathie Darwin auch dieser Meinung gewesen zu sein scheint, wenigstens fuhrt er erst die Smith'sche Erklarung der Sympathie durch die Suggestion der fremden Leidens-ausserungen an, und fahrt dann fort: „The mere sight of suffering, independently of love, would suffice to call up in us vivid recollections and associations. Sympathy may at first have originated in the manner above suggested; but it seems now to have become an instinct, which is e specially directed towards beloved objects, in the same manner as fear with animals is especially directed against certain enemies. With mankind selfishness, experience and imitation probably add, as Mr. liain has shown, to the power of sympathy.... In however complex a manner this feeling may have originated, as it is one of high importance to all those animals which aid and defend each other, it will have been increased, through natural selection; for those communities, which included the greatest number of the most sympathetic members, would (lorish best and rear the greatest number of offspring.quot; „Descentquot; I: S. 81, 82. Darwin vergisst aber, dass sociales Zusammenleben doch erst möglich wurde, da die Intelligent so weit vorgeschritten, dass Sympathie entstehen konnte. Wie könnten völlig verstandnisslose Egoisten je zusammenleben'?

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andersetzung zwischen der evolutionistischen Erklürung unseror Erscheinungen and der psychologischen. Wie eben begründet wurde, scheint mir, was die direkte Erklarung des Grausamkeits-genusses betrachtet, die erstere Auffassung entweder völlig uner-wiesen oder voh geringera Nutzen weil sie keine direkte Erklürung giebt; somit möchte ich der Evolutionshypothese nur den Wert zuerkennen einen hochwichtigen Beitrag geliefert zu haben zu der Erklarung des Zustandekoramens der Association zwischen physischer Grausamkeit und Machtsgenuss.

Ausserdem kann sie noch einen bedeutenden Dienst leisten, namlich in der indirekten Erklarung im weitesten Sinne. Nicht das Endresultat (der Genuss der Grausamkeit) kann gradweg aus ihr erklart werden, wohl aber sind seine Factoren (die psychologischen Elemente und die karakterologischen positiven und nega-tiven Bedingungen, welche das Resultat unserer Untersuchungen der vorigen Hypothesen waren) unter ihrem Einflusse entstanden. Diese Factoren sowohl die der physischen wie die der feineren, moderneren *), psychischen Grausamkeit, sind im Laufe der Ent-wicklung hervorgebracht und durch die Art dieser Entwicklung bis ins kleinste Detail bestimmt.

Die Eigenart von Karakteren, von deren oben geschilderter Zusam-menstellung1) die Grausamkeit eine notwendige Folge ist, ist selber eine ebenso notwendige Folge der ganzen Evolution ver-bunden mit jeweilig wirkenden, zufalligen, individuellen Factoren, welche auch, doch nicht universell, die Zusammcnstellung des Karakters beeintliissen.

Wie aber diese Entwicklung stattfand und in welchem Ver-baltnisse die individuellen Factoren zu ihren allgemeinen Resultaten stehen, muss wohl spateren historisch-psychologischen und -karakterologischen Untersuchungen vorbehalten bleiben.

1

2 la den §§ 3, 4 und 5.

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Die Evolutionshypothese, wie sie von Bradley, Schneider und Spencer im Betreff unserer Erscheinung vorgetragen wurde, hat also fiir die Erklarung der negativen uneigentlichen Grausam-keit höchst wahrscheinlich und fiir die der positiven physischen vielieicht eine direkte Bedeutung, für die der psychischen Grau-samkeit höchst wahrscheinlich bloss eine indirekte, namentlich nur fiir die Erklarung ihrer allgemeinen Bedingungen.

Dass unsero wilden Vorfahren jahrtausendelang kiimpfen, ver-nichten und wehthun mussten urn ihre Existenz zu sichern, ist nicht die direkte Erklarung davon, dass jetzt ein jiingeres Miidchen ein alteres ihre Jahrenzahl zu gestehen zwingt i), wohl aber sind die heutigen Karaktere in der ganzen Verschiedenheit ihrer Zusammenstellung ein Eesultat der Evolution, — wie alles Andere.

Die Entwicklungsgeschichte macht die psychologische Analyse so wenig fiir die heutigen psychischen Erscheinungen 1) wie fiir die bei den Urahnen oder bei den heutigen Wilden überflüssig. Die complicirten psychischen Zustande sind alle das principiell erkennbare Eesultat der Zusammenwirking psychischer Factoren je nach ihrer Anwesenkeit und Kraft im bestimraten Karakter, ohne zwingende Beweise dürfen wir sie nicht als irreductible That-sachen auffassen. Das Grundforschungsmotiv der wissenschaftlichen Psychologie, die Reduction aller psychischen Erscheinungen auf Vorstellungen und einfachste Empfindungen, darf nicht ohne die schwersten Gründe aufgegeben werden. Und zur Annahme, dass die Grausamkeit eine solche elementare Eigenschaft der mensch-lichen Seele sei, fand ich bis jetzt keinen einzigen Grund.

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Die persönlichon Mischungen und Offerbarungsweisen von Grausamkeit wird nur die Karakterologie, nie die Entwicklungsgeschichte erklaren konnen.

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§ 7. Die filnfte Hypothese. Die Grausamkeit erklart durch die Befreiung von der Furcht.

Bain nennt als drittcn Factor nebon dem Genusse der Macht und dem an dem Anblick körperlicher Sclitnerzen „the association of preventing farther pain to ourselves by inducing fear of us, or of consequences, in the person causing the pain. There is always a great satisfaction in being relieved from the incubus of terror, one of the most depressing agencies that human life is subject to. Many minds that neither boil up in savage excitement, nor take especial delight in manifested superiority, are yet very much alive to this sort of satisfaction, it being only the rebound consequent on deliverance from oppressing apprehensions.quot; Es scheint im Anfange fast, alsob Bain hier mehr die Rachsucht als die Grausamkeit analysirte, doch deutet der letztere Teil des Passus wieder mehr auf eigentliche Grausamkeit, und jedenfalls kann seine Analyse nur diese Bedeutung haben •). In seinem öfter citirten Aufsatze wird die Verwirrung noch schlimmer, er nennt hier die Befreiung von Furcht den deutlichsten und unzvveifel-barsten Factor in dem Genusse des Peinzufügens, und sagt:„the disabling of an adversary is necessarily attended with an agreeable rebound, proportioned to the depths of the possible danger as we apprehend itquot; •). Hier ist offenbar nur die Rede von dem Genusse der Rache, doch macht Bain dann jedenfalls den grossen Fehler, den grössten der hier möglichen, die Genüsse der Rache und die der Grausamkeit nicht genügend aus einander zuhalten und sie ohne Weiteres, ohne jede Beweisführung zusammen zuwerfen: man braucht doch kaum zu betonen, dass es eine ganz andere psychische Erscheinung ist; erhaltenen Schmerz zu erwie-dern und spontan einem anderen Wesen Leidzufügen. Die Raciie

1) Bain: „The Emotions and the Willquot; (sec. ed.): S. 132; die Rachsucht behandelt er S. 136; die hier zu analysirende Erscheinung nennt er: „the pleasures of Angerquot; (S. 131).

2) „Mindquot; (187G): S. 429. „Angerquot; und „malevolencequot; geiten hier alsdasselhe.

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setzt Hass und erlittencn Schmerz voraus, die reine Grausamkeit ein völlig neutrales Verhaltniss; wobei keineswegs geleugnet werden soli, tlass irgend ein kleiner Anflug von öfter nicht ein-mal individuell bestimmtem Hasse zur Grausamkeit führen kann, ira concreten Falie. Psychisch sind beide Erscheinungen aber jedenfalls principiell verschieden.

Eine andere Stelle im selben Aufsatze Bain's leidet zwar an derselben Undeutlichkeit, ist aber nicht ohne Interesse. „(Fear) is a weakness of the system superadded to the proper feelings of pain, which are not necessarily accompanied with fear. As it exaggerates the pains themselves, when viewed in the distance, so it exaggerates the deliverance from them. It widens the interval that separates the lowest depth of privation and misery from the greatest heights of pleasurable exaltation. All this is favorable to the growth of associations with all the circumstances of relief from the greatest of all dangers in the struggle for existence — the being vanquished by the power of the stronger. But whether such associations would amount to the plenitude of the sweets of malevolence, no one is competent to sayquot; ').

Diese Worte können nur in einer Weise nicht für den Genuss aus der Eache allein gelten, nl. wenn die Furcht als allgemeines, fast fortwiihrend gegenwilrtiges Gefiihl gefasst wird, welches man daher natiirlich fortwahrend zu verscheuchen bestrebtist. Wodurch aber? Dadurch dass man immer bemiiht ist seine Macht zu zeigen allen anderen Wesen gegeniiber, welche die Furcht uns alle in Feinde verwandelt; weil man die kraftigeren friichtet, wird sich diese Abwehr im Voraus und im Allgemeinen speciell bei den schwacheren bethatigen ; und diese Macht wird am besten dadurch bezeugt, dass wir sie quillen (siehe oben). Also die Grundlage ware eine unbestimmte, allgemeine Furcht, wodurch ein ebenso unbestimmtes, allgemeines Streben entsteht unsere Überlegenheit augenfiillig zu beweisen und Andere zu schadigen. Das Resultat ware also dasselbe als das von uns in der zweiten

1) Bain: „Mindquot; I.e.: S. 430, 431.

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Hypothese beschriebene, nur die Begrüudung wiire eine andere Das Bodürfniss noch der Bezeugung von Überlegenheit hatte hier einen speciellen Grund: die allgemeine Furcht. Und hier liegen gerade die Sehwierigkeiten dieser Auffassung. Haben wir Grund diese allgemeine, unbestimmte Furcht als wirklich bestellend anzunehmen? Besteht sie und iiussert sie sich im Falie der Grausamkeit? Kennen durch ihre Wirkung alle oder bestinnnte Arten von Grausamkeit erklart werden?

Wenn wir das Bestreben nach Machtsentfaltung als eine Quelle der Grausamkeit betrachten, so liisst sich kaum verkennen, dass die Furcht diese Quelle schneller rieseln machen wird; sie wird das Begehren zu einer wilden Wut anstacheln können; die Macht, welche sonst nur bessere Bedingungen im Kampfe um das Dasein verspricht, wird unter der Wirkung der Furcht als einzige Rettung von dem Untergange erscheinen. In dieser Weise, in der Stache-lung der Machtbegierde ist die Furcht von nicht geringer Bedeu-tung in der Verursachung, wohl noch von grösserer in der Steigerung der Grausamkeit. Dass die Furcht ein sehr allgemei-nes, sehr machtiges, leicht erwecktes Gefühl ist, ist allbekannt. In der genannten Weise wird es also oft und kraftig wirksam sein. Das allgemeine, ewige Bestreben nach Machtentfaltung wird gar eng mit der ebenso allgemeinen, ebenso ewigen Furcht zu-sammenhangen. Die Furcht ist der Schmerz des Hungers, das Streben nach Macht der Appetit. Nach Macht streben wir, weil wir fiirchteu im Leben zu schwach zu sein ').

1) Rain (Mind 1876, S. 431) belrachtet die Furcht als in keiner Weise zu erklarende, primiire Thatsache. Oelzell-Newin, dessen Buch („Uber Sittliche Dis-positicmenquot;, 1892) ich leider zu spat in die Hiinde bekam, nennt sie eine ange-borene Affect-disposition (S. 38 seq.), was aber ihre Reductabilitat nicht aus-schliesst. Mir scheint sie die schwache, leicht ausgelöste Erinnerung aller erfahrenen und eingebildeten Schmerzen; ihre Function ist der Schulz der Schwachen.

Perez: „Dès les premiers jours, l'instinct automatique de la peur se rnontre

chez l'enfant.quot; „.....Concluons qu'il existe des predispositions héréditaires a la

1'rayeur, qui sont indépendentes de toute experience, mais que les expériences graduellement amenées atténuent dans une mesure considerable.quot; „Les trois premières années de l'Enfant,quot; 1888; S. 70—75. So auch Darwin in „Biography of an Infant Mind.quot;

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Eine ganz andere Frage ist die, ob die Furcht an sich direkt das Bestreben erzeugt Andere zu schüdigen, zu qualen, ohne Dazwischenkunft der angestrebten Steigerung des Machtbewusst-seins, und zwar beliebige Andere, sogar nur die welche uns keine besondere Furcht einüüssen, donn in diesom Falie gabe es blos bewusste, direkte Selbstverteidigung, welcho gewiss grausam werden kann, aber ursprünglich doch keine Grausainkoit war?Lasst sich alle oder auch nur gewisse Grausamkoit auf ahnliche, doch im Concreton unmotivirte, Selbstverteidigung zurückführen ?

Am ehesten scheint mir dies möglich in solchen Fiillen, wo eine Furcht doch möglich wiire, wenn sie auch nicht factisch ver-anlasst wurdo, also wo man sich entschieden schwiicher fühlt, eine überlegene, möglicherweise angreifendo oder wenigstens feind-licho Macht sich gegenüber hat, eine moralische sowohl wie eine physische. Die argwöhnische, sich dom Angriff nicht gewachsen fühlende Furcht wird hier gar leicht, ohne Weiteres sofort zu schadigen, zu erniedrigen, zu schmalern versuchen, wenn nur um sich von der iingstigenden, aufregenden Obsession der frem-den Übermacht zu befreien. Es ist dies die hinterlistige Grausamkoit, welche öfter der kleinere Knabe, von einem grosseren verfolgt, zeigt: der Kleine geniesst dabei eine gewisse böse, beruhigende Befriedigung, welche ein kleines Maass von Mitleid nicht aus-schliesst. Der Genuss einer solchen Grausamkeit hat die ausser-ordentliche Intensitilt des Genusses der Befreiung von Furcht, und ist geringer oder grosser je nach dem Grade der Furcht und dem der Vollstandigkeit der Schwachung resp. des Schraorzes des Gegners.

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob die Furcht in abstracte ohne jede specielle Veranlassung je zu Angriffen führen wird, und dies wiire doch erst die rechte, reine, spontane Grausamkeit, weil die eben behandelte doch mehr die Grausamkeit in der Verteidigung betrifft

1) Konnte es so zu sagen keine entsetzliche, immense, halb unbewusste (?) Angst geben, welcho jede Schwiichung eines Anderen zum Genusse, weil zur Erhöhung der eigenen Sicherheit, machte? Ahnlich wie jede Erhohung unserer

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quot;Weder die lange Gallerie von erziihlteii Grausamkeiten, welche moin Gedachtniss enthaljt, noch die Erinnerung und die Analyse meiner eigenen Gomiitszustando will mir vorliiufig einen Fall aufweisen, welcher ein Beispiel dieses Vorganges bote

Ich glaube aber auch einen guten Grund hierfür angeben zu können. Die hoch gesteigerto Furcht wird sich gar leicht an irgend ein ilusseres Objekt knüpfen und sich auf die Verteidigung gegon dasselbe beschranken: ihr Argwolm ist ja so leicht errcgt. Jede Grausamkeit aus diesem Grunde hat also immer den An-schein einor Selbstvorteidigung und ist das im Grunde genommen auch, nur dass kein wirklicher Angriff vorhorging. ünd deshalb ist es gar schwer zu constatiren, ob und wann reine Beispicle unserer Hypothese vorliegen.

Ich meine, dass das Gesagte genügt urn zu beweisen, dass die Furcht zu gar manchen Handlungen führen kann, welche nur durch das Bewusstsein des fremden Leidons Freude verursachen, also zu wirklich grausamen, dass aber bis jetzt alle diejenigen, in welchen wir keine entfernte Möglichkeit der Furcht entdecken können, besser nicht zu den so verursachten gerechnet werden sollten, weil die universelle, auch unveranlasste Wirkung der Furcht doch nicht nachgewiesen ist.

Wohl aber dürfen wir aus den Eigenthümlichkeiten der Furcht ableiten, dass die zu ihrer Beschwichtigung ausgeführten Handlungen sehr leidenschaftlicho, heftige, maasslose sein können müs-sen und dementsprechend der verhaltene Genuss ausserordentlich intensiv.

Es wird aber vielleicht Mancher einwerfon, dass die so zu erklarende Grausamkeit gar keine eigentliche Grausamkeit soi, well der Genuss in diesem Falie doch eigontlich in dem Bewusstsein dor eigenen Sicherheit seinen Ursprung hat und nicht in

Elii'c, unseres Machtbewusstseins uns angenehm, obwolil der direkte Nulzen uns gleichgiltig sein mag? Eine Grausamkeit ein Seitcnslück zu einem Ritterkreuze, einem befriedigenden Blioke in den Spiegel u. s. w.?

2) Ich kenne durchaus furchtsame Karaktere, welche kaum cine Spur von Grausamkeit zeigen.

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dem des fremden Leidens. Wir werden diese Kritik, welcho sich auch auf die psychischen Erklarungsprincipien ausbreiten lasst, unten eingehender bosprechen; nur so viel jetzt. Jede Selbstver-teidigung, jede Verscheuchung der Furcht ist allerdings keine Grausamkeit zu nennen: es hiingt dies völlig -von den thatsachlich erweckten Gefühlen ab. Wenn ich Einen, der raich angreift, erschiesse oder verstümmele und frohlocke in der Erlösung aus der Gefahr, so bin ich zwar nicht grausam, aber die Vorstellung des Leidons des Angreifers bleibt mir dann auch fremd, ebenso gern ware ich in anderer Weise von meinem Peinde erlöst worden. Sobald aber gerado das frerade Leiden die stete Quelle meines Sicherheitsgenusses bildet, verhiilt sich die Sache doch etwas anders. Sobald jede Vermehrung des fremden Leidens mir Freude macht, weil sie eine weitere Schwiichung des Objektes meiner Furcht bedeutet, also eine Bosanftigung meiner Furcht eo ipso in sich schliesst, so ist diese Freude am fremden Leiden ohne jeden Zweifel Grausamkeit zu nennen, und ihre Grundlage ist jedenfalls die Furcht. Ob ich mich in dem Schmerze eines Anderen auch nur weide, weil ich ihn fürchte und deshalb seine Schadigung als die Erhöhung meiner Sicherheit betrachte, thut nichts zur Sache, es ist eben nur die Ursache meiner Freude an seinem Leiden, nimmt diese Thatsache aber in keiner Weise weg.

Dass die Furcht so allgemein wird, dass ohne Veranlassung Alles gefürchtet, und deshalb in jeder Schadigung genossen wird, kann wohl nie vorkommen. Wohl aber ist die Furcht bei Manchen leicht geweckt und wird bei Einigen fast allem Star-keren, Grosseren, Fremden oder Neuen gegenüber empfunden, woher ihnen dann seine Schadigung auch Freude machen wird. Die wiitende Herabsetzung des Grossen, Neuen seitens der klein-lich Schwachen ist wohl hierauf zurück zu führen.

Vor Allem aber aussert sich diese Art Grausamkeit, wenn einmal die Furcht schon zur Abwehr gegen einen bestimmten Angriff gezwungen hat; sie führt dann zu den Excessen in der Verteidigung, welche von Aussenstehenden, die sich nicht fürch-ten, gar leicht nicht als blosse Ausflüsse der Furcht verstanden werden.

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Selbstverstandlich können die anderen Ursachen der Grausam-keit nicht selten ruit dieser gemischt vorkommen, vor Allem der Genuss an der Machtbezeugung, welche vom Furchtsamen gar leicht genossen wird, weil er von vornherein kein grosses Machtsbewusstsein mit sich herumtragt und deshalb die gering-sten Beweise seiner Macht gar sehr von ihm geschiitzt werden.

Die kleinliche, nervöse, halb unbegründeto Furcht wird so gar oft zu Grausamkeiten füliron, die grosse, begründete aber zu weit schrecklicheren. Die entsetzlichsten Massenfolterungen der Caesaren hatten wohl hauptsiichlich diesen Grund. Die grausamen Vertei-digungsmaassregeln der Verfolgungswahnsinnigen miissen wohl auch hauptsiichlich hierdurch erklart werden ').

Wenn einmal eine Veranlassung da ist, ist diese Art Grausam-keit gar nicht so selten: wenn Einer einmal Grund hat zu fürch-ten, wird er leicht in der Abwehr gar weit gehen und in jeder Schwachung des Gegners einen mitunter hohen Genuss finden.

Wenn man geneigt sein möchte Grausamkeiten aus diesem Motive weniger streng als andere zu verurteilen und daher, wenn man die psychischen nach unserer moralischen Schatzung beur-teilt, dieselben nicht als so rechte Grausamkeiten zu betrachten, so hat dies wohl seinen Grund einfach darin, dass in diesen Fallen immer irgend eine, wenn auch eine blos eingebildete, Veranlassung da ist; man unterscheidet nur nicht so fein zwischen gerechtfertigter Abwehr und Zufügung von Pein zur Schadigung blos um die Furcht los zu werden, zwischen der einfachen Freude an der eigenen Sicherheit und der am fremden Schmerze als Zeichen der letzteren; die erstere schliesst Mitlcid gar nicht aus: wer seinen tollen Hund tötet, kann das Tier bemitleiden und bedauern und alle Rücksicht nehmen ihm so wenig möglich Leid zu zufügen; beim Grausamen aus Furcht hat aber die Furcht, das nervöse Hasten nach Sicherheit alles Mitleid liingst getötet, er hat nur Raum fïïr jene Gefühle.

Es geht aus allem Diesem hervor, dass erstens die sehr Furchtsamen diese Art Grausamkeit öfter aufweisen, weiter auch dass

1) Wiodemeistcr: ,,r)er Casarenwahnsinnquot; (1875): passim.

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fast Jeder in den Paroxysmen der Furcht ihr zugiinglich ist. Keine andere Grausamkeit kann daher so allgemein sein: nach Machtsiiusserung, Genusserhöhung durch Kontrast strebt nicht Jeder, wohl aber nach Sicherheit; unter Umstanden ist wohl Jeder der Furcht zuganglich, und wie wenige Karaktere halten ihre Paroxysmen aus ? Die Civilisation vertreibt den grössten Teil ihrer Veranlassungen, dafür entstehen aber andere: der Kaufmann welcher beim drohenden Fallissement das anvertraute Geld op-fert, obwohl er weiss dass es die Hoffnung vieler alten Leute, ist negativ grausam aus Furcht.

Diese Grausamkeit kommt sehr leicht auf, und kann sehr bald wieder verschwinden: nachher machen sich die, von der sie gebierenden Furcht verscheuchten, Geftihle, wie Mitleid, wieder geltend. Auch dies tragt zur milderen Beurteilung erheblich bei1).

Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, dass alle schwachen und sich schwach fühlenden Personen, die natiirlich auch furcht-sam, besonders haufig in dieser quot;Weise grausam sind: die Grausamkeit der Frauen hat wohl zum guten Teile diese Quelle 2).

Eine merkwürdige und doch sehr natürliche Folge des Darge-legten ist, dass diese Art Grausamkeit von alien Arten am meisten bei solchen Personen vorkommt, welche sonst durchaus mitleids-fahig: sie und das Mitleid setzen ja beido eine kraftig wirkende Vor-

1

Noch ein Grund hiervon ist dieser, dass die Furcht ein sehr allgemein ge-teiltes, nicht verurteiltes und nicht direkt schadliches Gefiihl ist, was von dem Streben nach Machtsiiusserung z. B. nicht gesagt werden kann.

2

Montaigne hehauptet denn auch nicht nur, dass „la couardise est mére de la cruautéquot;, sondern auch dass sie ineist von „mollesse femininequot; begleitet sei. „Essaisquot; (1886) III: S. 35. Charron ist selhstverstandlich mit ihm einverstanden („la cruauté vient et est fille de la couardisequot;, „les cruels, aspres et malicieux sont lasches et poltronsquot;), „De la Sagessequot; (1662); S. 153, 154. Ferrero sagt categorisch: die weibliche Grausamkeit „nasce dalla debolezza della donna: la crudelta e la forma di reazione, contro le resistenze e gli ostacoli della vita, di un essere debole.quot; „La crudelta e la pieta nella femmina e nella donnaquot; in „Archivio di Psichiatria, Scienze Penali ed Antropologia Criminalequot; XII (1801): S. 405. Er geht aber wohl etwas weit, wenn er (S. 406) die Grausamkeit der Kinder auch bloss hierauf zuruckführt: qüalen sic doch auch ganz kleine Tierchen wie Fliegen, die sie wahrlich nicht furchten, und sind junge Knaben, auch wenn sie tnehr als kühn heissen dürfen, auch grosseren Tieren gegenüber öfter grausam.

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stellung des freraden Leides durch Suggestion voraus; nur dass der Mitleidige diese Suggestion von fremden Schmerzensiiusseruugen erhalt: beide aber stellen sich leicht Schmerz und Pein vor. Deshalb sind die Grausamen aus Furcht auch leicht sehr mit-leidig — hinterher. Die Mitleidslosen aus seelischer Dummpfheit, aus Mangel an Phantasie sind nicht leicht grausam aus Furcht; wohl aber ist keine Gemütsbewegung so geeignet alles seolische Leben und damit jede Regung von Mitloid zu lahmen als gerade die Furcht; der Furchtsame weiss nicht liinger, dass der Andere leidet, seine Reception ist zu concentrirt und verengt. Man kann die Furcht als eine der ergiebigsten Quellen der uneigentlichen oder negativen Grausamkeit betrachten, doch fast immer nur der vorübergehenden.

§ 8. Die sechste Hypothese. Die Grausamkeit ein sclüechtcrdings unerJclarhares, irreductïbles Gefühl.

Bradley behauptet zwar, die Grausamkeit könne keine primare Thatsache sein, vveil sie in Widerspruch ist mit den Gesetzen, welche Sympathie zur Folge haben mussen, also mit den Gesetzen unseres Seelenlebens'), doch wird sie von zu guten Forschern als eine solche damonische, primare Erscheinung betrachtet, dass wir nicht verptlichtet sein sollten, auch diese Auffassung einer naheren Untersuchung zu unterwerfen. Diese bildet auch so zu sagen die Probe unserer vorgehenden Forschungen, denn, so wie in der Chemie ob irgend ein Stoft' ein Element sei nur durch negative Schliisse bestimmt wird, so kann auch in der Psychologie nur dann ein Bewusstseinszustand als primar oder elementar betrachtet werden, wenn alle Versuche zur Analyse misslingen.

Weil nvin aber Keiner leugnen wird, dass die in den obigen Paragrafen aufgedeckten Factoren zur Entstehung gewisser Arten

1) L.c. „Mindquot; VIII; S. 416.

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von Grausamkeit beitragen, so ist die zwoifelnde Frage diese, ob denn doch noch kein unierklarter Rest zuriickbliebe, ob diese Factoren nicht alle blos Scheinformen der Grausamkeit verur-sachen, wahrend die echte, rechte in der Weiso nicht verantwortet werden könne. Dor beste Wortführer dieser Ansicht ist entschie-den Bain Ich werde einige seiner betreffenden Satze nach-schreiben, damit sie ihren vollen Eindruck machen. „I hold that malevolence is intrinsically one of our intensest pleasures, and only extrinsically and incidentely painful.quot; „If there were no intrinsic delight in giving pain, retaliation, like punishment, would be remedial and nothing more. But as there are tyrants in the family, the school, the shop, the state, who are overjoyed when anyone commits a fault, so there is a satisfaction in being angry, far beyond the necessities of selfprotection.quot; Das beste Beispiel dieser primaren Grausamkeit findet Bain in der grau-samen Freude, womit ein Kritiker einen empfindlichen Dichter qualt. „There is not the intellectual defect of being unable to conceive the pain inflicted; there is not necessarily rivalry of interest, or injury to bo avenged; there need not bo even personal antipathy or dislike. No doubt the presence of any of these causes would increase the pleasure; yet it is there, independent of them all. Well, then, let us interpret the situation. An intellectual man, in a civilised community, after ages of endeavour to improve our human sympathies finds positive pleasure, of considerable amount, in inflicting the keenest anguish upon another intellectual man, with whom he has no quarrel

1) Auch Charron meint, dass „(la cruauté) vient aussi de malignité interne d'ame, qui se plaist et delecte au mal d'autruy, monstres, comme Caligula.quot; L. c.: S. 154, 43. Ebenso scheint Shaftesbury die Grausamkeit als damonisch 7.u betrachten: „To see the sufferance of an enemy with cruel delight, may proceed from the height of anger, revenge, fear and other extended self-passions: but to delight in the torture and pain of other creatures indifferently, natives or foreigners, of our own, or of another species, kindred or no kindred, known or unknown; to feed, as it were, on death and be entertained with dying agonys; this has nothing in it accountable in the way of self-interest or private good above mentioned, but is wholly and absolutely unnatural, as it is horrid and miserable.quot; „Characteristicksquot; (1758) II: S. lOT.

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whatever; his pleasure being great, because he knows that the sufferer feels acutely. And so frequent is this occurrence, that it is a type, and not simply a solitary case. The interpretation is not yet complete. The critic addresses thousands of readers, whose pleasures he is catering for; a large mass of those readers also enjoy the poets torments, being equally free from any cause of quarrel with the victim. If this is not the pleasure of malevolence pure and simple, I am at a loss to know what to call it. The poet may be a bad poet, but any mischief that his badness might cause is easily warded off. But he is not supposed to be bad; his only crime is to be sensitivequot;

Es ist merkwürdig, dass Bain nur da die Erkltirung dieser Erscheinung gesucht hat wo sie kein Sachkundiger suchen würde, und gar nicht gedacht hat an das was offen vor der Hand lag. Ein Augenblick der Selbstbeobachtung beim betreffenden Expe-rimente oder ein einziges tactvolles Gespriich mit einem „strengen Kritikerquot; hatte ihn belehren können. Das Gehcimniss dieser ganzen intensiven Freude steekt wohl zum übergrossen Teile in der raffinirten, sich ihnen meistens unbewusst iiberall einschleichen-den Eitelkeit dieser boshaften Kritiker und ihres Publikums. Man freut sich durch seine Verurteilung des Gedichtes einon feineren, höheren Geschmack zu beurkunden, was den unselb-standig aesthetischen Leuten unendlich viel wert ist, der Kritiker selbst geniesst von der Pfiffigkeit, womit er die schwachen Stellen des Dichters bloslegt, die Ahnung von jedem höheren Grad von Schmerz und Weh den er ihm bereitet, steigert nur sein ent-zücktes Machtsbewusstsein und das Gefühl der wohligen Sicher-heit: welch eine Fiille von Befriedigung fiir den feigen, eitlen Menschen, welcher doch in diesen Eigenschaften nur um ein ganz kleines Bischen das iibliche Niveau zu tibersteigen braucht, denn das Publikum geniesst mehr oder weniger (je nach dem persönlichen Karakter oder besonderen Gründen des Wohl- oder Ubelwollens dem Dichter gegenüber) mit ihm, was gar nichts sonderbares an sich hat: so viel Phantasie hat man schon; man

1) lïain; „On some points in Ethicsquot;, „Mindquot; (1883) S. 61—6i.

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denke blos daran, wie wir ebenso intensiv die Erzahlungen von fremden Eauschlustbarkeiten begierig aniiören oder welche intensive lüsterne Froude uns der Bericht von frerader Wollust macht

Von den anderen Beispielen Bain's gilt dasselbe. In einem andoren Aufsatze sagt Bain: „the self-assertor (grasping at every thing within reach) is of course pleased at any suffering that attests the success of his nefarious designs. He would not, as a matter of course, enjoy the suffering of parties entirely unconnected with his schemes. Ho would have, in the first instance, to take a very broad view of his position. Knowing that in asserting himself by injustice and crime, he becomes the enemy of the human kind, he might come to feel that no man was entirely indifferent to him; that the suffering of others, whoever they might be, was in the line of his advantage. Nay more, he might consider that his position required him to cherish the taste for suffering to the uttermost corners of sentient life; so that the torture of the most insignificant insect would come within the scope of his delight. In short he must first become a devil, in order to attain the pure pleasure of malevolence through the medium of self-assertionquot; 3). Die Logik dieser ganzen Argumentation fasse ich nicht recht; der grosse Fehlor ist der, dass vorausgesetzt wird, das man seine Macht nur zeigen will an bestimmten Objokten, welche in unseren Planen passen; aber woher diese Vorausset-zung? Sie ist völlig grundlos; das Bestreben die Kraft, die Hoheit, die Macht der eigenen Person zu erhöhen, zn iiussern, zu zeigen nnd intensiv zu fühlen schüesst kein Mittel aus, Alles, auch das Geringste, bildot ihr willkommne Veranlassung.

Bain citirt weitor eino schaurige Geschichte von sibirischen Knaben, welche einen Hund an den Hinterbeinen über einem Feuer gehiingt langsam brieten und sich in seinen Todesqualen belustigten. Die Eltern stützten sie hierin wider die Vorwürfe

1) Ausserdem wint die strenge Kritik manchmal als eine Art Rache für das belcidigte aesthetische Zartgefühl oder für den Verstoss wider die vom Kritiker vorge/.ogene Theorie zu betrachten sein; Mancher ist hierinempfindlicher als Bain mbglich zu erachten scheint.

2) Bain I.e. in „Mindquot; (1883): S. 566.

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eines Reisenden. Bain fügt hinzu: „The delight of the boys was genuine and intense; it could in no sense be referred to vin-dictiveness. It might be called love of power, but the direction taken by the sentiment would seem to show more than the pleasure of mere power. It was not necessary for self-assertion; the dog was wholly incapable of contesting any claims or privileges that the boys might be supposed to be vindicating,quot; Erstaunli-cherweise sagt Bain welter: „the traveller's remark as to the undeveloped sympathies of the population towards animals is the one in point. The delight in suffering is apparently natural and primitive. It comes into conflict with our sympathies such as they may happen to be; so far as these reach, it undergoes restraint; beyond their range it manifests itself in purityquot; ').

Mir scbeint es gerade die Hauptsache zu sein, dass die Völker, zu welchen die betreffenden Knaben gehörtcn, kein Mitleid, kein Verstandniss fiir tierische Leiden haben; sie sind also vor der Hand negativ grausam. Aber wenn also koine Spur von Mitleid sich zeigen könnte, wie leicht wird es dann ihre Freude am Leide des Tieres aus dom grossen, obwohl kindischen Vergnügen an den Zuckungen, dem Winseln und Heulen des Tieres zu erklaren, welches noch durch das immerhin angenehme Bewusst-sein so mal recht frei über ein lebendes Geschöpf verfügen zu konnen gewürzt wurde. 1st die Freude solcher Leute an den dummen Sprüngen eines Hanswursten, der Carnavalsmasken, nicht auch, uns unbegreiflich, lebhaft? Glaubt Bain, dass das völlig stille Leiden ihnen eben solchen Oenuss gemacht hatto? Der Einwurf der Eitern braucht blos auf negativer Grausamkeit mit Selbst-gefühl zu beruhen.

Wenn Bain meint, dass das „excitementquot;, welches Vergnügen findet im Belastigen Anderer, schon „malignityquot; voraussetze, so macht er meiner Meinung nach einon Fehler. Erstens wird diese Weise des „excitementquot; öfter zufallig sein, ebonso oft wird in unschuldigen Handlungen Aufregung gefunden: man folge nur einer Bande Strassenbuben; nur die Rücksicht, das Mitleid fehlen.

1) Bain I.e.; „Mindquot; (1883): S. 507, 508.

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Zweitens sind dieso Handlungen um vieles aufregender als die iluien möglichen unschuldigen. Und endlich vergisst Bain völlig die betreffenden Karaktere in Betracht zu ziehen.

Und dies ist in allen diesen Fragen sein Hauptfeliler. Bain denkt sich immer einen abstracten Durchschnittsmenschen, einen kühlen Pliilosoplien. Und doch sind alle diese Erscheinungen nicht Ausfliisse abstracter Eigenschaften, sondern bestimmter Kategorien von Karakteren, in welchen blos gewisse Eigenschaften vorherrschen. Man moide doch den Fehler, um zu untersuchen ob irgeud welche Eigenschaft eine gewisse Folge haben könnte, zu fragen ob dies bei uns der Fall sein könne; es hangt dies ja vollig von dem betreffenden Karakter ab. Ein weiterer, sich hier zeigender Fehler Bain's ist, dass er anzunehmen scheint, dass alle Gefühle besonders standhaft sind, immerfort verbleiben, wahrend doch jede Selbstbeobachtung, jede oberflachliche Menschenkenntniss lehrt, dass fast alle Gefühle und Gemiitszustiinde in fast allen Menschen und fast immer mehr weniger schnell voriibergehen: sie kommen schnell auf, haben einige wenige praktische Folgen, und vergehen wieder; in dem langerii oder kürzern Haften sowie in der Intensitat und in der Hüufigkeit des Aufkommens aussert sich dann die Eigentümlichkeit des Karakters. Eine solche absolute, systematische, unablassige Grausamkeit, wie er zu erklaren versacht, giebt es meiner vorlaufigen Überzeugung nach blos in der dichterischen Phantasie.

Endlich müssen wir hier noch Bain's letzten und in seiner Meinung schwersten Argumentes gedenken. „If we can take delight in the mere recital of gratuitous sufferings, with only an insignificant pretext, what inference can be drawn but that sufte-ring fascinates, that is, pleases us? All tlie other explanations — Power, Self-assertion, Love of Excitement — melt away in the presence of mere imaginery forms of inflictionquot;

Erstens hat Bain unter den zurückgewiesenen Factoren der Grausamkeit die Erhöhung des eigenen Genusses durch den Gegensatz mit dem fremden Leiden, und die Befreiung von der

-1) Bain I.e.: S. 572.

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Furcht vergessen. Zweitens schiitzt er unsere Fahigkeit durch blosse Erzahlungen ergriffea zu werden viel zu gering; es macht für phantasiereiche Leute gar wenig aus; direkte Empfindung und nachempfundene können bei diesen gleich machtig wirken; die Suggestion ersetzt mitunter alle eigene Erfahrung. Und ausser-dem welchen Einfluss kann die Thatsache, dass erziihltes fremdes Leiden uns fesselt, auf die Erklarung haben? Muss die weibliche Liebe zum Schmuck ein einfaches, unerklarliches Gefühl heissen, weil viele Erauen in der Erziihlung von prachtigen Kleidern und Juwelen so recht innig schwelgen können?

Dass die „malevolencequot; ein gar weites Gebiet hat und in Vielem steekt, wo sie gewöhnlich nicht gesucht wird, davon bin ich mit Bain durchaus überzeugt, doch auch dies bedeutet weiter nichts: sie kommt hierin wohl nie der Eitelkeit gleich, die ganz erstaunlich weit reicht, und doch gewiss eine zusammengestellte Erscheinung bildet.

Und dennoch kann es öfter einen Augenblick scheinen, alsob unsere Erklamngen nicht ganz die zu erklarenden Erscheinungen deckten, alsob die Genüsse durch Machtiiusserung u. s. w. erlangt doch nicht genau dasselbe waren als die welche eine grausame Handlung schenkt. Ich glaube, dass dieser eigentümliche Zweifel, welchen ich mitunter auch selbst verspüre, vier Ursachen hat.

Erstens ist es eine allgemein bekannte Thatsache, dass jedes analysirte Gefühl einen anderen Eindruck mache als vor der Analyse; man nehme die Liebe, den Stolz, den Geiz, die Vater-landsliebe oder welches man sonst wünscht. Dies rührt wohl zum Teil daher, dass die Analyse eine solche Kiihle hervorbringt, dass das erinnerte Gefühl mit der Lebenswiirme als etwas ganz anderes erscheint. Ein anderer dies beeinflüssender Umstand ist wohl, dass allerdings die Thatsache der Complicirtheit, die Verknüpfung verschiedener Gefühle xu einem ein anderes Gefühlsresultat hat als die zusaramensetzenden Factoren einzeln empfunden. Nur die Gewöhnung an derartige psychologische Summirungen oder Divi-dirungen kann diesen Eindruck allmiihlig verandern. Die Kunst psychologische Experimente anzustellen ist nun einmal nicht ange-boren, obwohl man dies leider zu meinen scheint.

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Noch anf einen anderen Urustand müssen wir aufmerksam maclien, der dazu beitriigt, dass wir in der Grausamkeit noch etwas Anderes zu fühlcn verraeinen als unsere Analyse aufdeckte. Das Machtgefühl, welches ich unter solchen Bedingungen habe, dass Grausamkeit resultirt, zeigt in der Erinnerung ganz andere Bilder als dasjenige, welche ich z. B. bei der Überwindung phy-sischer Schwierigkeiten liatte; diese verschiedenen Objecte, an welche die selben Gefülilo sich knüpften, geben diesen auch einen Schein von Verschiedenbeit; und wenn min vollends immer auf der einen Seite Machtgcfühle mit dem Erinnerungsbilde von fremden Leiden mit auf der anderen Seito Machtgefühlen mit den verschiedensten, doch hiervon stets ganz verschiedenen Er-innerungsbildern verglichen werden, so macht dies dem ungeüb-ten, und erst recht dem bevorurteilten Experimentator gar leicht den Eindruck, alsob das erstere Machtgefühl an sich etwas von den anderen Verschiedenes ware. Dass die hier gemeinten Vor-nrteile noch immer existiren, wird Keiner ableugnen; die Theologie hat so lange solche Seelenzustiinde zu selbstiindigen Einheiten zu machen versucht; Übelwollen musste ja ein Grundzug unserer Seele sein; von wie vielen wird in der principiellen, irreductiblen Trennung zwischen Gut und Böse noch immer die unumgang-liche Bedingung alles ethischen Lebens gesehen; Andere lieben es die complexesten Gefühle als einfache, dümonische zu betrachten, z. B. die Liebe: die psychologische Analyse widert ihnen an wie noch gar vielen Leuten die Anatomie. Kein Wunder, dass alle diese, und wie Manche geboren unbewusst oder zum Teil noch zu ihnen, sich gegen jede gegebene Analyse strauben, und deshalb auch mit keiner zufrieden sind.

Von grosser Bedeutung ist auch, dass man, wenn man sich selbst nicht fortwahrend analytisch betrachtet, gar nicht fasst, wie unbedeutende, kleinliche Vorgiinge sich fortwahrend in unserer Seele, wenn auch halb unbewusst, abspieien. Mein Hund, den ich herzlich gern habe, springt lustig vor mir her, ein kleines Vergohen macht er, und streng, hart schreie ich ihm zu oder ver-setze ihm sogar einen Schlag, er schleicht gedrückt, mit dom Schwanz zwischen den Beinen fort; ich aber fühle mich jetzt so

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recht sein Herr, sein Meister, ich kann ihn kriechen raachen, — dasselbe Gefühl als das scheinbar nur ganz andere, das mich ihn gleich wieder streieheln, lustig zurufen heisst, damit er fröhlich hüpfend fortschnelle, und ich mich wiederum Meister, machtig fühle. Eine kleine, aber darum nicht verschmiihto Be-friedigung meiner Eitelkeit, meines Machtbewusstseins, also meines Lebensmuts, meiner Zukunftszuversicht — ahnlich wie das „wie sitzt deine Weste hübsch glattquot; meiner Frau mir auch ein, wenn auch noch kleineres Anflüglein von Freude gewahrt; der Schmerz des Tieres, wenn nicht gross, wird eben mir sehr wenig empfun-den, aber immerhin genug uiu mich bald wieder gütig zu ihm zu machen. Man falie nicht über die Kleinlichkeit: wie unge-heuer anders würden wir aussehen, wenn es „photographies instantanóesquot; von allen unseren Seelenzustanden gabe! Ehrliche und zur vollen Ehrlichkeit genügsam ausführliche Confessionen giebt es nicht; der einzige, ausfiihrlich Ehrliche würde sich auch gar zu verrückt seltsam, zu garstig ausnehrnen; im Leben betragen wir uns modellgemass, schablonenhaft; wir sind zurecht-gestutzt oder leben irgend ein wenn auch unschönes Ideal.

Es scheint dem mit Conventionen und Traditionen angefüllten Menschen zusprechender derartige hassliche, kleinliche Befriedi-gungen einer unerklarlichen, diimonischen Grausamkeit zuzuschrei-ben als sie aus den Constellationen seiner gewöhnlichen Eigenschaften hervorgehend anzuerkennen.

Der Hauptgrund der diimonischen Auffassung Bain's ist aber wohl der, dass er die Sache keinen Augenblick karakterologisch betrachtet. Er spricht immer von einem Menschen überhaupt, der sogar noch ziemlich viel von einem Philosophen weg hat, ja wenn er über die Grausamkeit der siberischen Jungen spricht, denkt er sich keinen Augenblick in die Geistesverfassung soldier Individuen hinein. Und doch ist es klar, dass nie das Machtgefühl oder die Kontrasterhöhung, oder die Furchtbefreiung oder die Gemütserregung an sich zur Grausamkeit führen oder den Genuss dor Grausamkeit schenken können, da sie ja an sich nicht einmal bestehen können: sie kommen nur in bestimmter Intensitat in bestimmter augenblicklicher Mischung mit anderen Gefühlen in

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bestimmten Karakteren vor, und da werden sie, wie wir oben nachwiesen, unfehlbar diese Bestrebungen, Thaten und Genüsse, welche wir grausam nennen, hervorbringen.

Wie wir beilaufig bemerkten, gelten alle Beschwerden Bain's und überhaupt alle die Argumente für die Irreductabititat der Grausamkeit in demselben Maasse für alle anderen complexen Gefühle. Sollten wir sie alle als einfache, absolute, der Analyse principieli verschlossene betrachten ? Die ganze gefühls-psycho-logische Forschung ist im Widerspruch hiermit, ja alle die Kesul-tate moderner psychologischer und psychophysischer Forschung überhaupt.

Unser Schluss ist also, dass es keine genügenden Gründe giebt, die Grausamkeit als elementare Eigenschaft zu betrachten

Hiermit ware also unsere Untersuchung dieses Gegenstandes abgeschlossen.

-1) Auch Oelzelt-Newin hat nach meiner Überzeugung in seinem hochinteres-santen Buch (Übcr Siltliche Dispositionenquot;, •1802: S. 46—63) seine These,dass die Freude am Leide Anderer eine letzte, ganz unanalysierbare Thatsache sei, nicht befriedigend erwiesen. Ihre Elemente sind angeboren und deshalb giebt es eine angeborene Disposition zu ihr, doch ist sie keineswegs unanalysierbur, was auch nicht von der Evolutionshypolhese gefordert wird. Leider lernte ich das Buch Oelzelt-Newin's zu spiit kennen.

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ZWEITER ABSCHNITT.

rgt;ie 1 i iiclio.

§ 1. Die Erklarung der Jlache aus dem Genusse der Grausamkeit.

Die erstere Frage, deren Beantwortung wir uns S. 6 zur Auf-gabe steilten, haben wir also in sofern beantvvortet, dass wir die Grimde des Genusses der Grausamkeit aufdeckten und zeigten, dass dieser Genuss unter Umstanden allerdings ein sehr betrach-licher, ja ein berauschender sein kann.

Die Leidzufügung, in welcher die Rache besteht, wird also einen Genuss schenken. Jetzt aber fragen wir: kann dor Genuss der Rache und damit das Streben nach ihr durch diesen Genuss der Grausamkeit in seiner Art und Intensitüt erklart werden ? Hierbei würde es noch zwei Möglichkeiten geben: a. der Genuss der Grausamkeit höbe qua Genuss den Schmerz qua talis der erlittenen Beeiutrachtigung auf, was ailgemein psychologisch ge-sprochen nicht unmöglich wiire; h. die specifischen Schmerzen durch die Beeintrachtigung erlitten (nicht die objectiven Schaden) werden durch die correspondirenden Freuden der rachenden Leidzufügung (ebenso nicht durch die materiellen Vorteile), wie unsere Analyse sie aufdeckte, wett gemacht.

Wir werden jetzt belde Hypothesen gesondert untersuchen, doch sind, wir genötigt noch einige Bemerkungen vorauszuschicken,

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wolclie zum rechten Verstandniss alles Folgenden nun einmal unentbehrlich sind.

Die Eache wie wir sie kennen ist fast immer wider die Person, welche die ürsache unseres Leides war, gerichtet; wir rachen uns am Schuldigen oder an dem für schuldig Erachteten, wenn auch die Schuld öfter gar weit ausgedehnt wird. Es ist dies aber durchaus keine essentielle Eigenschaft dor Rache. Psychologisch besteht die Rache anfangs nur darin, dass die unan-genehmen Gefühle des Beeintrüchtigtseins durch die angenehmen des Beeintrachtigens aufgehoben werden. Die Richtung kommt hinzu. Auch in unserer jetzigen Gesellschaft sind durchaus nicht alle Racheakte gerichtet, wie wir es kurz nennen wollen. Sie sind es nicht, wenn der ürheber unseres Leids kcine bestimmte Person, wenn er unbekannt oder unserer Rache unerreichbar ist. Die Beispiele sind allbekannt. Wer von seinem Vorgesetzten einen Verweis bekommen hat oder wer spürt, dass er in seinem Geschaft zurückgeht, liisst die bose Laune an seine Untergebenen oder an einetu Hund aus; der Schriftsteller welcher fühlt dass seine Werke nicht langer gelesen werden, schreibt giftige Kritiken wider die neue Richtung; u. s. w. Alle diese Beispiele/i, welche doch entschieden der Rache, d. h. dem Aufheben des erlittenen Schmer-zes durch Zufügung eines anderen, zugehören, zeigen deutlich dass die Riciitung etwas nicht essentielies, sondern etwas Hinzuge-kommenes, allerdings sehr Bedeutendes ist. Wir werden an seiner Stelle untersuchen welchen Ursachen sie zugeschrieben werden muss. Jetzt können wir ohne Weiteres die Untersuchung unserer ersten Hypothese anfangen.

A. Liisst sich die Rache dadurch erklaren, dass der Genuss als solcher im Allgemeinen, welchen die Grausamkeit, die Leid-zufügung schenkt, don Schmerz der Beeintriichtigung verscheucht? Die Rache wiire dann also blos ein Beispiel davon, wie Schmerz durch Freude verjagt wird. 1st das Letztere wirklich ein Gesetz? Lassen sich alle wahrgenommenen Thatsachen der Rache hier-durch erklaren?

Dass Schmerz durch Freude aufgehoben wird, ist teilweise jedenfalls wahr. Jeder weiss aus eigener Erfahrung, dass die

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meisten traurigen Stimmungen einem wirklich angenehmen Ein-drucke weicheu. Über den Sieger vergessen wir den Besiegten. Gerade weil vorausgehender Schmerz der Freude grösseres Leben verleibt, wird er leieht ganz ausser Acht gelassenquot;'). Die erste Bedingung ware also erfüllt; bald werden wir aber sehen, dass dies doch nicht ganz der Fall ist.

Unsere zweito Voraussetzung, dass die Lcidzufügung Genuss gebe, wird aber nur dann erfüllt sein, wenn die betreffende Person grausam ist. Es ware dies aber ein „Truismquot;. Also die Kache, die Lcidzufügung an den Verletzer, wiire für den Grau-samen jedenfalls ein Mittel seines Schmerzes entledigt zu werden. Die Kache bringt ihn an und für sich als Leidzufügung in einen genussvollen Zustand. Ob aber der frühere Affekt hierdurch ganz in ihm verschwunden ist? Ob die Vorstellungen mit diesen Schmerzen verknüpft nicht wieder auftauchen werden, nachdem der Genuss der Grausamkeit vorbei? Sie sind ja durch den neuen Akt der Leidzufügung nicht ausgelöscht, weil die diesen begleitenden Vorstellungen ex hypothesi vüllig unbestimmt, ohne Beziehung zu jenen waren. Die nicht aufgehobenen Vorstellungen werden aber die früheren Schmerzen wieder aufleben lassen, sobald nur das Gemüt frei ist. Die Leidzufügung ist also für den Grausamen ganz geeignet im ersten Momente durch heftigen Genuss den heftigen Schmerz zu verscheuchen, doch auf die Dauer nicht, weil die Grimde des Verletzungsschmerzes nicht durch sie aufgehoben werden. Aber es giebt hier sogar noch eine Frage. Zwar ist beim Grausamen der Genuss der Leidzufügung als soldier geeignet den Schmerz der Verletzung zu ver-treiben, doch warum nur dieser, warum greift der Grausame gerade zu diesem Mittel, giebt es auch für ihn nicht andere, wenigstens gleich geeignete Mittel hierzu. Audi ein Grausamer d. h. Einer dem Grausamkeit, Leidzufügung Genuss machen kann, sucht doch nicht immer und zu jeder Zeit seinen Genuss hierin. Welchen besondereu Grund hat er denn gerade jetzt dieses Mittel zu wahlen? Und sogar wenn zu jeder Zeit ihm Grausamkeit Genuss

l) HöfTding 1. c.; S. 350.

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gewiihren kann, so braucht er doch immer irgend eine, wenn auch geringe, Veranlassung. Eine solche muss es also auch jetzt geben. Warum sucht der Grausame, wenn er verletzt wurde und hiervon Schmerz fiihlt, eine Ersatzfreude gerade in einer Grau-samkeit, in einer Leidzufiigung? An sich ware doch irgend ein anderer Genuss ebenso geeignet.

Beitn nicht eigentlich Grausamen ware die Sache noch auffal-lender. Ein soldier hat im Allgemeinen, ohne besondere Veranlassung keine Freude am Leidzufügen. Gelegentlich der Eache hat er sie. Was bildet hier die Veranlassung? was macht ihn jetzt grausam ? Warum vertreibt er wenigstens den Schmerz nicht durch irgend einen anderen Genuss ohne Anderen Weh zu thun? Wir sahen im Anfang unserer Untersuchung, dass das Letztere möglich sei, aber warum geschicht es denn nicht immer? Wir werden bald sehen, dass die Ursache hiervon nicht allein im Karakter des Verletzten zu finden ist, obwohl dies wie immer einen XJmstand von der grössten Bedeutung ausmacht: aber derselbe Knabe, welcher sich grossmütig racht, wird in einem anderen Falie zweifelsohne auf eigentliche, verletzende Rache sinnen.

Vergegenwiirtigen wir uns den Seelenvorgang so genau als nur möglich. Wir werden von einer uns unbekannten oder schon antipathischen Person schwer verletzt. Die erste, augenblickliche Folge hiervon ist, dass wir diese Person bassen. 1st der Verlet-zer uns aber bekannt und eine geliebte oder sehr sympathische Person, so wird leicht die uneigentliche Rache (durch eine generöse That) stattfinden, wie wir oben entdeckten, nur dass die Verletzung auf einmal diesem Verhaltnisse ein Ende machen kann, wodurch denn ebenso Hass entstehen könnte. Was ist dieser Hass und was ist seine Wirkung? Hass ist die psychische Erscheinung der Verknüpfung unangenehmer Associationen an irgend ein Objekt, welche in ihrer klaren Frische eine gewisse Aktualitat behalten, ja eine Art Furcht und damit das Begehren nach Abwehr und Verteidigung einflössen, wie sie auch immer aus der Befürchtung eines Angriffs, einer gewissen, standi-gen Gefahrmöglichkeit hervorgingen; das Letztere bildet den Unterschied zwischen dem Hasse und der blossen Antipa-

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thie1). Vorübergchond kann zwar das Gofiibl des Hasses durcli eine That der Grausamkeit verjagt werden, doch nicht aufdio Dauer; es kann durch sie nicht aufgehoben werden. Aus unserer Beschrei-bung des Hasses geht schon hervor, dass derselbe an sich nicht don Genuss der Grausamkeit erzeugen kann. Wir streben aber nach Aufhebung seines peinlichen Gefühles, und zwar nach der möglichst griindlichen, welche einzig erreichbar ist durch Ent-fernung aller derjenigen specifischen unangenehmen Gefühle. welche dor Hassende empfindet. Hass erzeugt nicht Grausamkeit an sich 2), sondern das Verlangen nach dor Entfernung seines Grundes, der verschiodenen unangenehmen Gefühle, welche ihn verursachten.

Wir schliessen also, dass weder beim Grausaraen noch beim gewöhnlichen Menschen ein Akt dor Grausamkeit an sich zur Rache genüge, oder, was dasselbe ist, dass der Genuss der Be-friedigung der Rache nicht aus dom Genusso der Grausamkeit an sich erkliirt werden könne. Hiermit haben wir unsere Hypothese A abgewiesen, und wurde uns die Richtigkeit der B vorlaufig wahrschoinlich. Untersuchon wir sie jetzt naher.

B. Die Verletzung kann ein Gefühl der Erniedrigung, der Schwiiche, der Machtlosigkeit, der Furcht zuriickgelassen haben odor aber man fühlt sich durch den Gegensatz mit der so deutlich offenbarten fremdon Übermacht doppolt schwach und unglücklich. Selbstverstandlich strebt man danach dieser unangenehmen Gefühle möglichst dauerhaft los zu werden. Es kann dies nur dadurch geschehen, dass sie in ihren geraden Gegensatz verkehrt werden 3).

1

4) Bain sagt: ,,Hatred is another name for malevolent emotion. We recognise under this title a permanent affection grounded on the irascible, as love is on tenderness. The sense of some one wrong never satisfied, the recognition of a standing disposition to cause harm, an obstructive position maintained, are among the ordinary causes of hatred.quot; E. a. W.: S. 139.

2

Nach Carus („Psychequot; 1851: S. 353), welcher aher überhaupt viel zu sehr nur an eine Art abstracte Normalseele denkt, kann der Hass „nur einer sehr niedrigen Abart der Freude, der Schadenfreude, nahestehen.quot; Guyau (1. c. S 169): Hass ist das Gefühl, dass der Betreffende uns immer gefahrlich sein wird: deshalb ist er in primitiven Zustanden sehr nützlich.

3

Besonders deutlich in Bonbonnel's, des berühinten ïigerjagers, Rachsucht im Kainpfe auf Leben und Tod mit einem Tiger. Guyau I.e. S. 210.

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Unsere Analyse der Grausamkeit zeigte uns aber, dass sie dem empfanglichen Karakter alle die den eben genannten entgegen-gesetzten Gefühle erzeugt. Insofern ist nichts so geeignet wie die Grausamkeit, die Leidzufiigung, um den ganzen Schmerz der Verletzung, soweit dieser sich auf den Verletzer bezieht, auf zu heben ').

Doch stehen wir hier wieder vor elnem neuen Probleme. Nur der empfangliche Karakter kennt die Genüsse verschiedener Art der Grausamkeit, und wir sahen, dass mehrere Bedingungen erfiillt sein müssten, damit ein Karakter hierfiir empfanglich sei. Tragt nun aber die Verletzung und ihr Schmerz dazu bei irgend einen Karakter für diese Freuden zuganglich, mit anderen Wor-ten im speciellen Falie grausam zu machen ? Es liegt vor der Hand ohne Weiteres zu behaupten, dass der Schmerz der Verletzung und der dadurch entstandene Hass per se grausam machen müssen. Wir wollen aber genau untersuchen, ob und inwieweit dies wirklich der Fall sei.

Jeder aktuelle Schmerz macht unempfindlich für fremdes Leiden: — es lasst sich dies taglich Wahrnehmen und die Be-gründung ist nicht schwer. Das eigene schmerzliche Gefiihl füllt die Seele aus und lasst keine Aufmerksamkeit auf Anderer, ahnliche Gefühle, eher für Anderer entgegengesetzte Gefühle und deren Ausserungen, nach den Gesetzen der Wahrnehmung, zu; es muss dann aber notwendig die Kontrastwirkung ein-treten: unser Schmerz wird vertieft durch das Bewusstsein des fremden Glückes; dieser Vermehrung unseres Schmerzes los zu werden, sind wir notwendig bestrebt; diese umgekehrte Schadenfreude verwandelt sich aber bald in eine gerade. Die Verletzung macht uns also im betreffenden Falie unempfindlich, also negativ, uneigentlich grausam, und dazu der Schadenfreude, d. h. der Grausamkeit durch Kontrastwirkung, gar sehr zuganglich. Wie

\) Die Rache wünscht öfter blos den Schmerz des Gegners, welcher die Auf-hebung seiner Überlegenheit bezeugt, z. B. dass unser scharfer Kritiker mal eine Dummheit sagt, und gar nicht dass er Zahnschmerzen bekommt. Leslie Stephen I.e.: S. 233, 234. Es ist dies aber gar nicht immer der Fall, die Rachsucht kann sich verbreiten; dies verursacht der Hass.

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wir aber oben sahen, ist das Mitleid gerade dasjenige, was die Grausamkeit aus anderer Quelle am rueisten zuriickhalt, ihre Ab-schwachung resp. Aufhebung ist dementsprechend folgenschwer.

Die Karaktereigenschaften, welche wir oben als die Bedingun-gen der positiven Grausamkeit nachwiesen (S. 31, 42) kommen ausserordentlich viel und sogar vereint vor, wie wir denn auch fast alle Menschen unserer Uragebung irgend einer Art der Grausamkeit fahig sehen, wenn wir nur ein bischen genau hinblicken'); was sie zuriickhalt von den gröberen psychischen Grausamkeiten ist, neben dem Gewissen (im Róe'scheu Sinne1), der Anstand, die egoïstische Überlegung, das Strafgesetz u. s. w., vor allem das Mitleid, Fallt dieses also fort, so darf man auch positive Grausamkeiten erwarten.

Die Folgen des Hasses durch die Verletzung entstanden sind also: der Wegfall der Sympathie, hierdurch entfesselte positive Grausamkeits-Tendenz, und das Bedürfniss das fremde Gliick nicht in so grellem Gegensatze zum eigenen Unglück zu sehen, dementsprechend das Geluste jenes Glück zu vermindern, was un-merklich zum Bestreben das eigene Glück durch Verursachung fremden ünglückes (positive, aktive Schadenfreude) zu heben hinüberführt.

Das jetzt erreichte Resultat ist also, dass der Hass aus der Verletzung in hohem Grade zur Grausamkeit disponirt2); und wenn einmal die letztere möglich wird, muss auch ihr Genuss empfunden werden: dieser aber hebt die entsprechenden Schmer-zen der Verletzung auf. Das heisst, nicht alsob ein einziger Akt der Grausamkeit ohne Weiteres allen Sohmerz der Beleidigung verschwinden machte, sondern jede Grausamkeit, jede That dor Eache somit macht die Seele gerade denjenigen Genuss lebhaft empfinden, welcher durch die Verletzung ihr genommen, ja in sein Gegenteil verkehrt worden war.

1

„Die Entstehung des Gowissensquot; (1885): S. 211 seq.

2

Leslie Stephen 1. c.: S. 235.

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Eine natürliche Folge des jetzt Dargestollten ist, dass die Arten der Verlotzvyig und die Arten der rachenden Grausamkeit ein-ander entsprechen: wenn die Verletzung vor Allem ernfedrigte, wird die Eachethat besonders zur Erhöhung des Selbstgefühls dienlich sein; wurde uns Furcbt eingeflösst, so wird die Rache diese principieil aufzuheben versuchen. Die iiusseren Handlungen der Rache werden demnach verschiedene sein und verschiedene Resultaten bezwecken: Erniedrigung, Schiidigung, Unschadlich-machung resp. Vernichtung.

Es wird aber nicht jeder Schmerz durch die Verletzung entstanden durch die Rache aufgehoben werden können; eigontlich sind es nur die allgerueineren Gefühle wie Erniedrigung, Mangel an Selbstgefilhl, Furcht u. s. w., welche durch die Rache in ihr Gegenteil verwandelt werden können. Die specifischen, ich raöchte sagen, die individuellen Schmerzen, welche aus der Verletzung zurückbleiben, kann die Rache nicht andern. Wem ein liebes Kind ermordet wird, der kann durch die rücksichtloseste, erbar-mungsloseste Rache zwar das Gefühl der Erniedrigung, desVer-nichtetseins, des Unterliegens in höherem oder geringerem Grade aufheben, doch bleibt immer ungeachtet aller Rache die schmerz-volle Erinnerung an die abgeschnittene Vergangenheit zurück. Und so lange dieser Schmerz fortbesteht und nicht durch die Abnutzung der Zeit und neue Erlebnisse ausgewischt wird, so lange, also mitunter das ganze Leben lang, wird seine Auf hebung durch die Rache angestrebt, was doch, wie wir nachwiesen, psychologisch unmöglich ist, und deshalb weil jedesmal vergeblich immer von neuem versucht wird. Es ist dieses einer der Gründe der unersattlichen Rache. Dass aber in dieser Weise die Auf-hebung eines Schmerzes durch eine mcM-entgegengesetzte Freude angestrebt wird, in Widerspruch mit unserer Erklarung, rührt wohl daher, dass durch diesen Schmerz fortwabrend die anderen, welche wohl der Auf hebung fahig, neu erweckt werden; allein die endgiltige Vernichtung jenes individuellcn Schmerzes könnte also Linderung schaffen und wird deshalb durch unausgesetzte Rache angestrebt, was aber in dieser Weise unmöglich ist: eine folgenschwere, schmerzliche Verirrung des Rachetriebes. — Je

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scharfer aber jener besondere Schmerz als solcher gefühlt wird je weniger or sich in den Schmerzen der Furcht, der Erniedri-gung, der Beeintrachtigung verliert, um so weniger wird nach Rache für ihn gestrobt; es kann dies in entsprechenden Karakterei! sogar bei kleinen Verlotzungen stattfinden: es wird gleich blos oder vorwiegend an das Individuelle im Verluste gedacht, und auf Anspornung zur Rache (resp. unter der Maske der Strafe) karakteristisch geantwortet: „den Verlust kann mir doch keine Strafe ersetzen.quot;

Aber nicht nur, dass ein feiner und höher entwickeltes Gemüts-leben diese Auffassung hegt, auch in anderer Weise wird das Bedürfniss sich zu riichen nicht recht aufkommen: naraentlich werden feste, selbstvertrauende, furchtlose, kraftbewusste Karaktere nicht leicht lang anhaltender Rachsucht zugiinglich sein, aus dem einfachen Grunde, dass sio durch irgend eine Verletzung nicht gleich und nicht so leicht in ihrem ganzen Selbstgefühl, in ihrer ganzen Lebensmut und Zuversicht erschüttert, ihre Persönlichkeit gefahrdet fühlen. Diese höheren Karaktere werden den Schmerz des Verlustes weniger auf das Verhaltniss zwischen sich und dem Verletzer übertragen, sondern mehr blos den Schmerz an sich empfinden ')• Wenn das Gemütsleben weniger ausgebildet ist, fast alles Fühlen dem Verhiiltnisse zwischen dem Menschen und seiner Umgebung, dem Streben nach Sicherung des eigenen Lebens und des eigenen Wohlergehens untergeordnet ist, was sowohl die Folge primitiver Verhiiltnisse als die eines schwachen, furchtsamen, eitlen Karakters sein kann, dann wird auch jede Leidzufügung unvermeidlich Rachetrieb veranlassen, jeder grosse Schmerz wird durch Rache aufzuheben versucht werden und

4) Es ist aber auch moglich, dass wenn einmal ein Stolzer in seinem Stolze verlet?,t wird, wenn ihm die weite Entfernung von seinem Ideale, die tiefe Infe-rioritat dem gegenüber mal recht fühlbar gemacht wird, z. B. indem man ihn sich klein zeigen liisst, dass dann ein ganz gewaltiger Hass, eine wütende Rachsucht entsteht, noch verstarkt durch die tiefe, anhaltende Reue über die eigene Kleinheit.

Dies ist aber nicht in Widerspruch mit der Behauptung im ïoxto, weil in diesern Fall der Stolzo doch als Schwachling sich offcnbarte, was seine nur relative Scelenstarke aufdeckte.

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deshalb, gerado weil er ganz in das Gefühl der Erniedrigung, des Unterliegens, der Getahrdung, der Furcht concentrirt, die heisseste Rachsucht verursachen, welche aber durch die bofrie-digte Ruche auch voilig ausgelöscht wird. Weun aber individuelle Schmerzen doch einen starken Anhang von Gefühlen der Erniedrigung und der Furcht haben, so entsteht, wie geschildert, die unersattliche Rache.

Ein anderer Grand der lang anhaltenden Rachsucht is das lange Haften der Erniedrigung, der Furcht und so weiter, welches mit den ümstiinden, dem Karakter des Verletzten, der Grosse der Verletzung zusanunenhangt1). Es braucht dies nicht viel niiher ausgeführt zu werden. Wenn die Unistande immer von neuem an die Verletzung erin neren, der Karakter festhaltend, zah ist, und die Beleidigung sehr gross, sich tief einpriigend war, muss ja die Rachsucht wohl lange anhalten und erst sehr langsam und schwer befriedigt werden und damit erlöschen.

Wenn die Rachsucht und die Empfanglichkeit für Grausamkcit, durch den Schmerz dor Verletzung steigerungsfahig, so enge zusammenhangen, wie wir jetzt darlegten, so ist die notwendige Folge, dass die der Grausamkeit vüllig unzuganglichen Personen auch keine Rachsucht empfinden können. Die Richtigkeit dieses Sat-zes bildet das experimentum crucis unserer Hypothese. Es gilt also ihn möglichst sorgfaltig zu untersuchen. Hierboi können wir nicht

1

Horwicz 1. c. S. 340 inoint, dass die raffinirte Rache nicht lohne, dass die auf sie verwendeto Energie dem Betreffenden auf anderem Wege mehr GUick hiitte eintragen können; nur krankhafte Leute sollen einen solchen Racheplan auffassen und durchfiihren, vernünftige Leute ihn gar bald vergesson. — Mir scheint, dass H. hier wie überhaupt bei der Behandlung der Gefühle zu viel mo-ralisirt und über allen den moralischen Urteilen die Erforschung der Ursachen zu viel vernachliissigt. Die meisten Leute führen überhaupt keine Pliine durch: sind sie deshalb ges nder als die energischen? Dem sehr Rachsüchtigen kanngewiss nichts mehr GUick eintragen als seine Rache, dem Vergesslichen, Mitleidigen, Edlen allerdings nicht, aber der sucht sie ja auch nicht. Dass die befriedigte Rache schaal erscheint, ware wohl nicht etwas nur diesem Triebe Eigenes, aber ausser-dem, wie endlos oft wurde sie von denen, welche sie oft genossen, über jedetn anderen Genuss gelobt, und wie Zahllose fröhnen ihr immer wieder im Kleinen und im Grossen auch in unserer Zeit: man beachte blos die Menschen wie sie sind und nehme ihren Handlungen die Etiketten ab!

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utnhin iiber den Mangel an karakterologischen Bildergallerien zu klagen '). Wir sollten an positivem Materiale inductiv nachwelsen können, dass wahrhaft nicht grausame Karaktere audi an der eigentlichen Raclio kelno Freude besitzen, oder wenigstens, wenn es vielleiclit solche völlig exempte Karaktere nicht giebt, dass das Maass der Rachsucht und das der Grausamkeit in geradem Yerhaltnisse zu einandor abnehmen und sich immer in denselben Individuen dem Minimum niihern. Wei! dies vorlaufig unmöglich, giebt es wolü keinen besseren (oder vielmehr weniger schlechten) Weg, als dass .Teder unter den ihra raöglichst genau bekann-ten Karakteren Umschau halte. Hierbei vergesse man aber ja nicht, dass es in unserer Oesellschaft müglich ist, sehr streng auf Bestrafung des Schuldigen zu halten ohno rachsüchtig, auch nur in geringstem Grade, zu sein, und umgekehrt noch weniger, dass sehr oft die reinste Rachsucht die aussere Form des Verlangens nach Gerechtigkeit annimmt, und dass überhaupt urechte Rachsucht in gebildeten Individuen unter dom Antriebe dor öffentlichen Meinung, des Gewissens und des Mitleids für physische Schmerzen sich öfter gar seltsam versteekt und maskirt -). Strenge religiöse Ansichten und socialpolitische Überzeugungen haben manchmal eine gewisse raffinirte Rachsucht zur Grundlage, und es scheint, dass solche Gedanken oine Art Abfluss für allo Rachegelüste bilden. Ebenso hüte man sich Apathie, Gleichgiltigkeit für allen Schmerz, Stolz bis zur Unverletzlichkeit, für Freiheit von Rachsucht zu halten, obwohl nicht geleugnet werden soil, dass dieso Eigenschaften die Gelegenheiten sur Veranlassung der Rachsucht erhob-lich vermindern ; wenn aber einmal, speciell im letzten Falie, die schwache Stelle getroffen, der Stolz erapfindlich beleidigt wird.

1) Paulhan in seinem interessanten liuche „Les Caractèresquot; (1894) scheint viel zu vvenig Wert hierauf zu legen. Leider kam mir dieses Werk zu spat in die H'ande.

2) Bain bemerkt: „if there were no intrinsic delight in giving pain, retaliation, like punishment, would be remedial and nothing more.quot; (Mind, VIII, 1883,8.02) 1st die Strafe wirklich bloss „remedial?quot; Ich glaube im Sinne der meisten Gebildeten gewiss nicht: weshalb sonst die allgerneine Antipathie wider die Behandlung der Verbrecher als Kranken?

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muss die Rachsucht ausserordentlich intensiv und langanhaltend sein, wenn nicht wieder die Scheu sich verletzt zu erkennen von jeder Ausserung zuriickhalt. Selbstverstandlich haben absichtliche Gestandnisse, vor Allem chrende, ausgenommen von wirklichen Psychologen, bei einer solchen Enquête gar keinen Wert. Die von mir erlangten Resultate bestiitigen die Hypothese, was natiir-lich, weil Voreingenommenheit zu ihren Gunsten nicht absolut ausgeschlossen ist, keinen grossen objectiven Wert beanspruchen kann.

Auch deductiv rnochte unsere Folgerung nur Bestatigung fin-den. Wer gleich die fremden Schmerzen in voller Intensitat mit-empfindet, dem wird die Rache, das Leiden des Gegners statt Befriedigung nur Kummer und Weh bereiten, sogar die gerechte Strafe, die notwendige Abwehr macht ihm Leid 'j. Der absolut Mitleidige sieht im zugefiigten fremden Schmerze nie die Ausserung der eigenen Kraft, er erregt ihn nicht, erhöht durch Kontrast sein Glück nicht, er ist ihm eben nur das Weh eines Anderen, das unmittelbar und adequat intens sein eigenes wird. Das Ein-zige, was ihm noch drin freuen könnte, ware, unter Umstanden, die Befreiung von der Furcht; auf der höchsten Stufe wird aber auch diese Regung der Selbstsucht unterdrückt, und wird die Selbstverteidigung durch Zufügung von Leid unmöglich; und auf viel niedrigerer Stufe wird eben auch nur die acute Angst zu verletzender Abwehr führen, gleich nach dem instinctiven Impetus der Selbstverteidigung kommt das Mitleid wieder auf und

■1) Schopenhauer bemerkt („Parergaquot; II: S. 624) dass, obwohl angethanes Leid nur durch Zufügung von Leid, welche Überlegenheit kund thut, aufgehoben werden kann, doch Mitleid öfter die Rache verbittert. Übrigens meint er: wo viel Slolz und Eitelkeit, sei auch intensive Rachsucht bei ihrer Verletzung.

Bain behauptet, naïv optimistisch, dass Gebildeteu Rache Verdruss mache, und wohl im Allgemeinen falsch (siehe unten), dass sie bei Barbaren maasslos sei. „Mental and Moral Sciencequot;: S. 264.

Die unkluge AbschalTung der Todesstrafe resp. ihre Verurteilung beruht wohl auch zum grossen Teile auf mangelhafter oder gar giinzlich fehlender Vorstellung der Gefühle der üpfer des Mörders resp. der Gefiihrdung der Gesellschaft, das sentiinentale (weil falsche, ungerechte) Mitleid bat hier daher l'reies Spiel.

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bedauert fast die eigene Eettung: von einom Verlangen nach Eache, nach Schmerzzufügen als solchem, geschweige von einem Genusse der Rache kann schon hier keine Rede sein.

Wie wir schon bemerkten, ist die Richtung der Rache auf den Verletzer nach dieser Hypothese keines ihrer essentiellen Ele-mente; die Frage ist jetzt, ob sie sich dennoch aus dieser Hypothese erkliiren liisst. Ich glaube ja und werde versuchen es zu beweisen. Vor der Hand liegt erstens, dass die unter Umstilnden sehr bedeutende Befriedignng, welche in der Befreiung von der wirklich drohenden, durch die Verletzung bewiesenen Gefahr besteht, nur ermöglicht wurde, wenn die Quelle dieser Gefahr verstopft, der Verletzer entweder nachdrücklich geschwacht oder gar vernichtet wurde. Nun schliesst aber jede Verletzung nn-vermeidlich die Gefahr dor Wiederholung wenigstens in sich, es gait also durch die Radio dieser Gefahr vorzubeugen. Doch braucht es eine ziemlich klare Einsicht um zu dieser Erkenntniss zu kommen, und diese scheint öfter erst mühsam und ganz allmahlig erlangt zn sein.

Das Gefühl der Inferioritat, welches die Verletzung zuriickliisst'), kann zwar ganz allgemein der ümgebung überhaupt gegenüber empfunden werden, doch wird es, wenn der ürheber wenigstens bekannt ist, am intensivsten wohl gerade in Bezug auf seine durch die Verletzung bewiesene Superioritat gefühlt werden. Und daher muss die Tendenz entstehen nunmehr die eigene Überlegen-heit durch die Herabsetzung resp. Zerstürung gerade der des Verletzers zu beweisen. Diese Tendenz trifft aber völlig mit der anderen zusammen, welche aus dem peinlichen Kontrast zwischen dem eigenen Schmerze, der eigenen Schiidigung und dem Glücke, der Förderung des Gegners hervorgeht. Die Verminderung resp. Vernichtung des Gegners wird besser als jede sonstige Leidzufü-gung die unangenehmen Gefühle durch die Verletzung entstanden aufheben oder gar in ihr Gegentcil verwandeln können.

•1) Guyau (1. c. S. 1G3): das gescblagene Kind, welches keinen Schlag zurück' versetit, fühle sich deshalb erniedrigt.

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Die drei genannten Gründe werden die Richtung der Rache auf den Schuldigen aufkommen lassen, sobald die intellectuelle Ent-wicklung ausreicht um den Gegner klar zu erkennen, was nur unter besonderen ümstanden etwas schwieriger sein kann.

Aber auch wenn in dieser Beziehung Nichts fehlt, ist mit-unter die Rache doch ungerichtet, namlich wenn die Wut gar zu gross und sich gleich in Rache Luft macht, wenn man sich fürchtot den Verletzer anzugreifen und doch die Beleidigung nicht hinunterzuschlucken vermag, wenn der Verletzer unbekannt oder unangreifbar (z. B. eine Sache, die Umstande, eine Allge-meinheit oder eine unbestimmte Person) ist. In alien diesen Fallen wird der sehr Rachsiichtige resp. Tiefbeleidigte irgend Jemandem Leid zufugen in der oben analysirten Absicht, welche allerdings auch teilweise dadurch erreicht wird; doch ist aus den eben geschilderten Gründen diese ungerichtete Rache nie so befriedigend als die gerichtete sein kann, und deshalb auch ist sie öfter zur Compensation besonders heftig und grausam. — Unsere ethnologischen Forschungen werden uns bald eine Menge Illustrationen zu diesen Gesetzen bieten, deren Erkliirung diese ermöglichen mussen.

§ 2. Bic utilistische Erlcldrung der ItacJie aus dem Nutzen der Ahwehr.

Die ganz gewöhnliche, landlaufige Erkliirung der Rache ist wohl, dieselbe als eine praktisch notwendige Schutzhandlnng auf-zufassen. So sagt Bray z. B.: die Rache sei nicht aus der Ver-kommenheit („depravityquot;) unserer Natur herzuleiten, sondern sie bilde eine nützliche, höchst praktische Eigenschaft in unserer Gesellschaft um Andere vom uns Leidzufügen abzuhalten '). Diese Thatsacho wird vielleicht kein Mensch ausser Tolstoï5) leugnen;

1) Bray: „The Philosophy of Necessityquot; (1841) I: S. 42.

2) Siehe seine „Ma Religionquot; unci „Iwan de Onnoozele (holliindiselie Überselzung).

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und sogar er muss gestohen, dass die Anderen so denken, und die allgemeine Überzeugung bedeutot hier ebensoviel als die wirkliche ïhatsache. Wer fest überzeugt ist, dass die Rache ihm niitzlich sei, wird in ihrer Befriedigung einen gewissen, mitunter hohen Genuss finden, ebenso wie der Kranke sicii freut iiber das Gelingen einer von ihm nötig geglaubton wenn auch schmerz-lichen Operation

In der Hauptsache beruht dieser Genuss auf dem der Befreiung von der Furcht, nur dass dieser jetzt intcllectueller, bewusster ist als in der vorigen Hypothese und sich auch nur auf das Eesultat bezieht 2). ünd gerade daher ineine erste Besehwerde. Wird der Kranke, welcher operirt wird, je in der Operation als solcher, wiihrend ihrer Dauer, sich bis zum Entzücken freuen, wird er je inbrünstig nach ihr verlangt haben ohne auch nur an das schliessliche Resultat, die Befreiung von der Gefahr, zu denken? Nein, von der Operation ist nie die Handlung selbst angenehm; wenn man nach ihr verlangt, so thut man es wahrlich nur um ihren Erfolg, indem man vor ihr selbst graut. Der Hypothese nach soil te dies eigentlich auch bei der Eache so be-schaffen sein, wiihrend es sich in Wirklichkeit doch gerade um-gekehrt verhiilt. Hierin besteht eben der grosse ünterscheid zwischen der Rache und der Strafe, wofern diese nicht von den Gefühlen der Rache begleitet nur ihre aussere Form verhüllt.

1) Gioia in seinem zu wenig gelesenen, doch so kuriosen Buche sagt: „la na-tura che tendo alia conservasione degli individui, ha posto un piacere nella vendetta.quot; („Del Merito et dolle Ricompensequot; (1818) I: S. 94). Es liesse sich dieser Ausspruch auch im darwinistischen Sinne deuten.

2) So einfach, nüchtern utilistisch und naiv optimistisch betrachtet Th. Brown die Rache, er spricht von ihrer „importance to the happiness of society, while society presents any temptations to violence or fraud, that are kept in awe by individual and general resentmentquot; (S. 465), und von „the feelings which Heaven has placed within our breasts as necessary for repelling injury, (that) arise on this instant feeling of evil which wo have been made to sufferquot; (S. 468). Doch erkennt or auch an, dass es Neid und Eifersucht ohnc vorhergegangene Verletzung giebt, begründet ihr Leid verlangen aber nicht naher (S. 469 seq. und 472). Siehe auch S. 275 seq.: Wut und Rache sind niitzlich, ja unentbebrlich zum Schutze, deshalb erhielten wir die Fiihigkeit zu ihnen —, aber wie. auf' welchem Wcge?

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Giobt es vielleicht noch ein Mittel in Übereinstimmung mit dieser Hypothese die Freude an der eigentlichen Handlung der Rache zu erklaren?

Diese Frage dürfte mit der anderen zusammenfallen: wie lasst sich auf diesem Wege die Entstehung des Rachetriebes erklaren ?

Giebt es Handlungen, deren Folgen eigentlich allein uns einen positiven Genuss bereiten können, doch auf welcho selbst durch ihre öftere Wiederholung dieser Genuss in voller Intensitat übertragen wurde, sodass scliliesslich die Handluugen um ihrer selbst willen geliebt werden? Und zwar dies in einem solchen Maasse, dass nur nach der Handlung an sich gestrebt und verlangt wird fast oder ganz ohne Hintergedanken an das endlicho Resultat? Doch soil die Handlung an sich urspriinglich in keiner Weise ange-nehtn gewesen sein, die lange Erfahrung des guten Erfolges soil die einzige Ursache gewesen sein.

Ich meine allerdings, dass es derartige Handlungen giebt. Z. B. das Putzen eines jungen Madchens scheint mir in der Haupt-sache eine solche Handlung zu sein; ein bischen dürfte ihre eigene, direkte, aesthetische Freude an den schonen Farben und Forraen der ïücher und der Schmucksachen mitwirken, Hauptmotiv ist doch im Allgeraeinen zweifelsohne ihre immer aufs Neu bestiitigto Erfahrung der guten Wirkung ihres Putzes; die ganze weibliche Putzsucht und Eitelkeit bieten eine glanzende Analogie des vor-ausgesetzten Vorganges. Das Madchen freut sich in Jedom, was ihre Eitelkeit bcfriedigt ohne joden direkten Gedanken an den urspriinglichen Zweck, ja die Eitelkeit kann in gewissen Fallen oder auch in gewissen Individuen ganzlich von dem Streben nach der Erreichung dieses Zweckes abgelöst erscheinen. Wenn diese und ahnliche Fiille also wirklich in dieser Weise gedeutet werden sollen, so könnte auch die hier versuchte Erklarung der Rache in ihren Einzelheiten richtig sein.

Es lassen sich aber folgende Einwande erheben, welche jeden-falls Beantwortung erfordern.

Die Rache hat, wie jede einigermassen reiche Erfahrung be-weist, durchaus nicht immer guto Folgen: sie provocirt fast immer Wiederrache, sie gelingt nicht immer und fügt dann dom alten

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Schaden und der alten Erniedrigung nur neue hinzu, öfter sind die Mühe und der Aufwand, welche sie erfordert, weit grosser als die Bofriedigung, welche sie schenkt'). Wird die Summirung der guten und der schlechten Folgen der Rache immer ein gutes Saldo ergeben? quot;VVenn Alles auf dieso Erfahrung gerade ankommt, fiillt diese Frage schwer ins Gewicht. Es kann aber wohl kaum geleugnet werden, dass das ziemlich universelle ürteil der Men-schen, wie oben erwahnt, dahin geht die Eache im Allgemeinen, abgesehen von speciellen Fiillen, als nützlich zu bezeichnen. Es muss dies doch seinen Grund in den Thatsachen haben, oder kann es vielleieht obwohl unrichtig daher rühren, dass die Racho an sich angenehm, direkte psychische Befriedigung gewahrt und deshalb im Bestreben dies oberflachlich zu erklaren als nützlich in ihren Folgen bezeichnet wurde, wie dies auch bei anderen unverstandenen Genüssen so oft der Fall ist. Die guten Folgen der Rache würden dann als willkommne Stützen des Rachover-langens im Gedachtniss behalten worden. Es scheint mir dies nicht unwahrscheinlich. Doch wiisste ich jetzt koin Mittcl um zwischen beiden Möglichkeiten zu entscheiden. Die Discussion dei-anderen Einwande wird diese Entscheidung hoffentlich erraöglichen.

üngünstige persönliche Erfahrung schwacht das Racheverlangen wenig oder gar nicht ab; es müsste dies doch der Fall sein, wenn diese Hypothese richtig wiire. Es wird Rache gesucht, auch wenn man selbst nicht an ihr Gelingen glaubt; der Trieb ist zu machtig, man muss seine Befriedigung wenigstens suchen, auch wenn man fast gewiss ist sie nicht zu finden, ahnlich wie das übervolle, nach Sympathie lechzende Herz sich mal endlich vor Menschen aus-schütten muss, obwohl es sie kennt: die direkten psychischen

quot;l) Ahnlich urteilt Gioïa (I.e. und S. 95): „(la filosofia) ha provato che l'azionc continua dell' astio rode 1'animo e la salute, turba il sonno et la quiete, distrae il pensiero dalle oceupazioni abituali, e eonsumando molti istanti in progetti inu-tili, annulla i vantaggi di cui sarebbero succettibili. Ella ha aggiunto che ne'movi-menti sociali, attesa l'azionc costante della vanita e il retorna frequente dellc irreflessioui, noi diveniaino sposso olfensori; che quindi abbisognando di perdono non dobbiatno essere restii a concederlo; che la continuazione dell' odio da un lato c'inducc talvolta a privarci di soccorsi di quelli che odiamo, dall' altro indis-pone conlro di noi le persone indilTerenti e gli amici.quot;

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Motive sind zu miichtig, denn es wird wohl Keinem einfallen die letztere Erscheinung dnrch die gaten Erfolge einer solchen Hand-lung erklilren zu wollen, diose fehlen ja bekanntlich und der Drang schwindet mit den Jahren. Nicht so die Kachsncht. Wer sich nie recht satt riichen konnte, durch Versuche immer blos sein Leid und seine Schmach vergrösserte, der wird unfehlbar immer rachsiichtiger, seine Motive haben ja nichts mit der Er-fahrung zu schaffen; die grössere Demütigung heischt grössere Genugthuung ohne Weiteres.

Es wird viel weiter, viel mehr Rache gesucht öfter, als die Erfahrung zur Verteidigung als notwendig erwiesen hat. Man fühlt das Bedürfniss sich zu riichen fast ebenso stark, wenn auch nicht nur Wiederholung von der Seite des Verletzers, sondern Wiederholung der Schadigung überhaupt unmöglich, Verteidigung somit unnötig war. Doch könnte dies zur Not als eine warnende Kundgebung an Andere, dass man überhaupt auf Verteidigung gefasst sei, somit als eine notwendige Verteidigung im weiteren Sinne gedeutet werden. Betrachten wir aber diese Übertreibung der Rache als hervorgehend aus dem Bedürfniss nach Machts-bezeugung, somit nach Warming an Alle überhaupt, so lenken wir schon in die erste Hypothese hinüber.

Ob die von uns angenommene Analogie mit der Putzsucht des Madchens genauer besehen wohl beweiskriiftig ist für die jetzige Erkliirungsweise ? Gerade in einer Beziehung, glaub ich, darf der Genuss des Putzens nicht auf die direkte Association mit dem Erfolge des Behagens u. s. w. zurückgeführt werden: es giebt so zu sagen ein Zwischencentrum der Genussverknüpfung, nl. die Erhöhung des Selbstbewusstseins; das sich putzende Madchen denkt nicht nur an Erfolgen bei der Mannerwelt, sondern fühlt sich überhaupt gehoben, ihre Persönlichkeit veredelt, erwei-tert, gekriiftigt. Ahnliches geschieht bei der Befriedigung der Rache, ihr Genuss ist nicht auf die Sicherheit dem Verletzer oder gar ahnlicher Gefahr gegenüber beschrankt, das ganze Selbst-bewusstsein erhebt sie. Es kann dies unmöglich nach dieser Hypothese erkliirt werden, ohne dass sie eben zu der ersteren oder zu der evolutionistischen im engeron Sinne erweitert wurde.

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Letztere betrachtet die Rachsucht des Menscben und alle ihre Eigeatbümlicbkeiten als das direkto letzte Resultat einer Entwick-lung, welcbe allerdings mit der einfachsten Abwebrbevvegung anfing, also ebenso wie unsere jetzige Hypothese den Nutzen dor Ver-teidigung zur Grundlage hat. Ob sie die aufgeworfenen Beschwer-den besser zu beantworten verstebt, werden wir bald untersuchen. Denn das der direkte, objective Nutzen nicht zur Erklüruug aller der Pbaenomene der Racbe ausreicbt, diirfte schon jetzt genügend klar sein ^).

Bevor wir die evolutionistische Erklilrung versuchen, wollen wir aber die direkt-physiologische Hypothese priifen.

§ 3. Die physiologische Erlclarung der Itache und der Rachsucht.

Diese Hypothese betrachtet den Racheakt als einen direkten Ausfluss des Nervenreizes der Verletzung. Guyau sagt sehr deut-lich: „S'il est une loi générale de la vie, c'est la suivante: Tont animal (nous pourrions ótendre la loi même aux végótaux) repond a une attaque par une défense qui est elle-mêrne le plus souvent une attaque en réponse, une sorto de choc en retour: c'est la un instinct primitif, qui a sa source dans le mouvement róflexe, dans l'imtabilité des tissus vivants, et sans lequel la vie serait impossible: les animaux privés de leur cervenu ne cher-chent-ils pas encore a raordre qui les pince?quot;3) Es ist dies aber nicht mehr als ein allgemeiner Ausspruch des Princips.

Lange beschreibt die physiologischen Erscheinungen des Zornos und der Wut; die Hauptzüge findot er in der Erweiterung der grossen Blutadern (Venen), welche ibren Ursprung hat in einer

■)) J. Stuart Mill („Utilitarianismquot;: S. 77) meint, dass alle Strafe, also audi die liache, enlweder Frucht des Nachdenkens odor des'Instinktcs sei; aber der Instinkt muss doch in ir gend einer Weise einmal eilangt sein, und er vergisst dabei ganzlich die Möglichkeit der direkten psychologischen Erklarung.

2) Guyau: „ICxquisse d'une Morale sans Obligation ni Sanctionquot; (1885): S. 162.

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Blutanstauung, „einem Hinderniss für den Übergang dos Blutes in das Herz oder den kleinen Kreislauf vom rechten Herzen durch die Lungen zum linken Herzen. Es handelt sich somit hier vielleicht nur um ein rein sekundares Phanomen, das auf den unregelmiissigen Athemzügen, der starken Exspiration beruht, die eine Folge der Neignng des Wüthenden zum Schreien und Rufen und der ganzen heftigen und etwas tumultuarischen Innervation sind, alles Factoren, welche die Blutanstauung in den Venen begunstigen.quot; Woher min aber diese Erscheinungen und wie sie mit dom ausseren Reize zusamtnenhangen, erfahren wir nicht. „Eine verstiirkte Innervation der willkürlichen Muskeln und ein dadurch bedingtes Gefïihl von Drang zu raschen und kraftigen Bewegungen, ist namlich der zweite Hauptzug in der Physiologie der Wuth.quot; „Der Drang des Erbitterten seine Kriifte zu brauchen, die physiologische, unmittelbaro Ausserung der erhöhten motorischen Innervation, erhalt durch das Herfallen über Alles, was in seine Niihc kommt, den Charakter der Ge-waltsamkeit und des Zerstörungstriebs. Er schlagt ohne Plan und Überlegung auf Feind und Freund los, bless urn seine Muskeln zu gebrauchen, — oder, wo einige Selbstbeherrschung bewahrt bleibt, schlagt er wenigstens auf den Tisch, — knallt mit der Thür, reisst etwas entzwei, oder schlagt es zu Stücken, möchte die ganze Welt zertrümmern und kann in seiner Wuth in der That eine Kraft entfalten, die alles übertrifft was er bei ruhiger Stimmung loisten kann.quot; Die Hauptphanomcne sind also die Gefiisserweiterung und die Erhöhung dor willkürlichen Muskel-innervation in intensivstor Weise. „Der Wüthende fühlt einen Drang, nicht nur im allgemeinen heftige Bewegungen, einfache Muskelanstrengungen auszuführen, sondern will sie auch in liir-mender, polternder Weise ins Werk setzen und derart, dass er sich selbst einen Schraerz oder doch einen starken Gefühlsein-druck verursacht.quot; „In seinem Drange nach starken Gefühlsein-drücken scheut er nicht vor einer Verletzung des Körpers zurück, er rennt mit der Stirn gegen die Wand, rauft seine Haare, reisst sich ara Bart, beisst die Lippe blutig. Wie lasst sich dieser auf-fallende Drang nach Schall- und Gefühlseindrücken physiologisch

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erklaren ? Mir bietet sicli eine Erklarung dar, die in der That auch recht viel Wahrscheinlichkeit fiir sich hat. Ein Bedürfniss nach abnorm starken Sinneseindrücken kann ganz aligemein kaura einen anderen Grand habon, als eine abnorm schwacho Auffassung der Sinneseindrücke, eine Schwachung des Fühlens, Horens, etc. Es gehort mit zu unserom Wohlbofinden, dass unsere centralen Sinneszellen in einem gewissen Grade tliatig sind, der bedingt ist durch die aus den Sinnesnerven ihnen zugeleitete Errc-gung; tritt aus irgend einem Grimde, z. B. in Folge einer Vermindo-rung der Functionsfahigkeit dieser Zeilen, eine Sinnesschwachung, Anasthesie, ein, so entsteht der Drang, die Zeilen in ihregewohnto Thatigkeit zu versetzen, durch eine besondere Inanspruchnabme, mit andern Worten, durch eine Verstarkung der ausseren Sinneseindrücke, urn so die Abschwachung der Empfindung zu neutra-lisiren. Dass bei dem Wüthenden eine solche Anasthesie wirklich besteht, das liisst sich für die höheren Sinne schwer beweisen, und man darf sich kaum auf Ausdrücke, wie „blind vor Wuth, „taub vor Zornquot; als Zeugen einer popularen einschlagigen Beo-bachtung berufen. Aber für den Gefühlssinn liegt die Sache klar. In einer erbitterten Schlagerei konnen sich bekanntlich die Gegner gefahrliche Verletzungen zufügen, ohne dass diese eher gefühlt werden, bis sich die Erbittrung der Gemiither zu massigen an-fiingtquot;

Leider behandelt Lange die Eache selbst nicht, doch wiire ihre Behandlung wohl nicht viel von der vorhergehenden des Zornes verschieden gewesen. Wir erfahren don Zusammenhang zwischon der Verletzung und den physiologischen Erscheinungen nicht von ihm, und so manches andere ebensowenig, doch heben wir die eingehende Besprechung auf, bis wir andere Schriftsteller dersel-ben Erklarungsweise befragt haben.

Wundt nennt die heftige Bewegung des Zornes die natürliche

1) C. Lange: „Ueber Gemülhsbewegungenquot; (1887): S. 28—35. Es liesse sich aber direkt hiergegen anführen, dass doch nicht jede Anesthesie oder Schwachung der Sinneseindrücke zu derartiger Compensation, zu Poltern und Larmen fiihrt! Es muss also noch etwas hinzutreten, was den Unterschied verursacht, und Lange vergass dies anzugehen.

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Folge des heftigen Eindruckes; die physiologische Grundlage ist die gewaltige Innervation der centralen Sinnesgebiete, welche auf die raotorischen Leitungsbahnen übergeht; es finden motorische Miterregungen Statt, sowie Rückwirkungen auf die Centra der Nahrungsorgane; daher rühren eine Mongo heftiger Bewegungen, welche die übergrosse Spannung von den Centralorganen ableiten 1).

Meynert giebt eine iihnlicho physiologische Erkltirung der Ab-wehrbewegungen, und schliesst2), dass schwere sensible Reize, die bewusste Abwehrbewegungen auslösen, mit dem Schmerzge-fühle zugleich die Hemmung, die Arteriencontraction, die Dispnoe der Vorderhirnelemente einfiihren 3).

Selbstverstandlich lasse ich das eigentlich Physiologische in

1) Wundt: „Physiologische Psychologiequot; (1880) II; S. 332.

2) Meynert („Psychiatriequot;: S. 176, 177). Vorher geht: „Es handle sich um einen rait Zangen gekneipten oder durch eine Operation gefolterten Mensehen, so wird er sich des intensiven Heizes wie einer unmögliehen (unertraglichen) Arbeit seiner Wahrnehmung bewusst. Offenbar muss die Irradiation hier schwere und ausgebreitete Leitungswiderstande, wie im centralen Höhlengrau, so auch im Grosshirnrindengrau überwinden. Dor Schmerz ist nach dieser Richtung hin ein Hetnmunysgejühl. Die Hemmung, welche der schwer irradiirende Reiz nun vor-findet, erfordert ein erschöpfendes Erregungsmass und bewirkt Hemmungen anderer Leistungen der Rinde, beschrankt die Rindenarbeit, der Aufmerksamkeit, das Denken, die Associationen sind gehemmt. Es treten secundare bewusste Abwehrbewegungen auf, Fortstossen der peinigenden Hiinde und Instrumente werden hervorgerufen. Es trilt Erblassen, Ubelkeit, Verdunkelung des Hewusstseins mit Pulsverlangsatnung mit oder ohne Krampfe, oder Bewussllosigkeit mit schnellem Puls, auch mit allgemeinen Krampfen ein.quot;.... „Aus der Bedeutung der Rinde als Gefasscentrum und aus.... der Beziehung von starken Empfindungsreizen zur Steigerung des Gefassdruckes geht hervor, dass auch die Uebertragung starker Empfmdungsreize in das Bewusstsein (in das Rindengrau) den Gefiissdruck, die Arterienverengerung erhöht, dadurch active Anamie setzt, und sei es, dass diese zur Bewusstlosigkeit führe oder nicht, das Schmerzgefübl mit erhöhter Arterienverengerung verknüpft. Mit der Acterienverengerung ist aber auch die chemische Folge derselben, die dyspnoëlische Athmungsphase des Vorderhirns gegeben und das Unlustgefühl des Schmerzes mit dieser combinirt. Dies ist um so sicherer, als auch von aussen einwirkender Chemismus bei Athmung in schwer respirabler Luft das dyspnoëlische Gefühl mit Unbehagen, Bewegungsunruhe als Abwehr-ausserungen, Verdunkelung des Bewusslseins bis zur Ohnmacht mit Krampfen hervorruft.

3) Meynert: „Psychiatriequot; (1884) l1' Halfte: S. 173,177, und weiier258,255,263.

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der Erkliirung der körperlicheu Vorgange auf sich beruhen, uur einige Bemerkungen werde ich mir hierüber gestattcn. quot;Wundt's Erkliirung der starken Bewegungen bei kriiftigen Eindrücken nl. zur Entlastung dor Centralorgane ist keino causal-physiologischo. Alle Wut- und Abwehr-Bewogungen waren ausserdem nach dieser Erkliirung physiologisch gleicher Natur, was den grossen Unter-schieden ioi Bowusstsein nicht entspricht.

Den Zusammenhang zwischon dom unangenohmen Eindrucke, z. B. dom Anhören einer Beleidigung, und den verschiedenen physiologischen Vorgiingen ist völlig unaufgekliirt geblieben. Es ginge noch an bei gewaltigen körperlichen Verletzungen, wio aber sollen wir nach dieser Hypothese den Zusammenhang zwi-schen einer kaum gehörten, leise geflüsterten Beleidigung und einem rasenden Wutanfall, geschweige einem langgeplanten, ruhig ausgeführten Morde verstehen? Physisch sind hier ürsache und quot;VVirkung doch zu ungleich; die gehorte Beleidigung wirkt also nicht allein auf den Organism us ein, sondern vermittelst ver-schiedener Associationen, wodurch Vorstellungen erzougt werden, die tiefgehende Gefühle und entsprechendo functionelle Veriinde-rungen im Körper wachrufen ').

Unsere Hypothese zerfüllt also in zwei Teile. Der eine ver-sucht blos die körperlichen Erschcinungen der Wut, des Zornes, der Abwehrbewegungen, somit dio physiologische Seito derRache physiologisch zu erkltiren, so Meynert -); sic gesteht aber, dass das Vorderhirn oder nicht-somatisch ausgedrückt die Seele an der Veranlassung dieser körperlichen Vorgange an erster Stelle be-teiligt ist, ja sie einzig ermöglicht; die Rachsucht, den lang an-

1) Meynert macht (1. c.: S. 178) nachdrücklich darauf aufmerksam, dass ein roter Farbenkicks und cine Blutlache für die sinnliche Wahrnchmung völlig gleich sind: „die Anschauungen solbst sind gar keine Erreger des Affeklcs, sondern nur die mil ihnen verknüpftcn Associationenquot;; der Dcnkprocoss allein verursacht den Schmerz und die Abwehrbewegung.

2) Letourneau („L'Évolution Juridique,quot; quot;1891, S. 0) bescbrmbt die Abwehrbewegungen eines Enthaupteten; doch beweist dies nur, dass dicsclben automatisch geworden sind, ohne Wirkung des Gehirnes zu Stande kommen kiinnen. Über ihre Entstehung wird aber damit nichts entscbieden.

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haltenden Schmerz der nicht erlangten Eache, die tiefe Befriedi-gung der erlangten versucht sie nicht einmal zu erklaren. Da aber gerade diose Gefühle und die von ihnen ausgelösten Triebe uns interessiren, brauchen wir uns mit dieser rein physiologischen Erklarung nicht eingehender zu beschaftigen. Ganz anders ver-hiilt es sich mit der Gestalt, welche Lange und James dieser Hypothese gehen. Beide versucben nicht nur die aussere, die körperliche Kundgebung der Emotionen physiologisch zu erklaren, sondern die physiologische Grundiage derselben aufzudecken. Ihre Theorie lehrt; ohne die bestimmten körperlichen Veriindorungen keine gefülile; die ersteren seien nicht die Folgen, sondern die Ursache der Gefühle. Lange sagt unzweideutig: „es ist das vaso-motorische System, dem wir die ganze emotioneile Seite unseres Seelenlebons, unsere Freuden und Leiden, unsere glücklichen und unglücklichen Stunden zu danken haben; hatten die unsere Sinne betreffenden Eindrücke nicht die Kraft, dasselbe in Action zu versetzen, so würden wir theilnahraslos und leidenschaftlos durch das Leben wandern, allo Eindrücke aus der Aussenwelt würden nur unsere Erfahrung bereichern, unser Wissen vermehren, uns aber weder zur Freude noch zum Zorn wecken, noch uns in Kummer oder Furcht beugenquot; i).

James sagt viellicht noch deutlicher: „my theory is, that the bodily changes follow directly the perception of the exciting fact, that our feeling of the same changes as they occur is the emotion.quot; „If we fancy some strong emotion, and then try to abstract from our consciousness of it all the feelings of its bodily symptoms, we find Ave have nothing left behind, no „mind-stuffquot; out of which the emotion can be constituted, and that a cold and neutral state of intellectual perception is all that remainsquot; 2).

Diese Theorie hat jedenfalls den Vorteil neu zu sein und weite Perspective zu erüffnen; es ist nur Schade, dass das Studium der körperlichen, sagen wir vorlaufig noch, Begleiterscheinungen der Emotionen bis jetzt noch in so hohem Grade in den ersten

1) Lange I.e.: S. 76.

2) James 1. c. II: S. 449, 451. Ebenfalls ohne Ueweise Oelzell-Newin 1. c.: S. 49: das Mitleid beruho auf iler Nachahmung des Schmerzausdrucks.

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Anfangen steekt; von den snbtileren somatischen Veranderungen, welehe denn Glaube, intellectuelles Behagen, religiösen Frieden, treue ruhige Liebe und iihnliclie Gefühle verursachen sollen, lassen James und Lange sogar andeutungsweise nichts verlauten: es fallt uns aber schwer uns deren somatische Unterlage (die angebliche), odor die von Grausamkeit, Ehrsucht odor Wissens-durst, gesondert oder sogar überhaupt vorzustellen. Dieses Experiment fiele also zu Ungunsten James' aus!

Direkte Experimente sind ausserordentlich schwer auszufiihren und werden fast nie zwingende Eesultate liefern; die gefiihlaus-lösenden korperlichen Veranderungen brauchen ja koine groben und auch koine lokalisirbaren zu seln Die von den Vorfechtern der Theorie bis jetzt beigebrachton Beweiso scheinen mir nicht recht überzeugend und der Widerlegung gar fiihig zu sein, um somehr weil die meisten ihrer Widersacher den Einfluss, den sehr weit-gehenden und mannigfaltigen, dor verschiedensten korperlichen Verhiiltnisse und Vorgange auf das Gefiihls- und Vorstellungs-leben keineswegs leugnen worden quot;).

Leider ist es hier nicht der Ort naher auf dieses sehr bo-

1) Man denke an'die von Lehmann (S. 100 z. B.) nachgewiesonen Gefassveran-derungon bei geringer asthetischer Lust.

2) Einige der James'schen Argurnente scheinen mir doch gar zu anfechtbar. Z. B. S. 463: „count ten before venting your anger, and its occasion seems ridiculous,quot; (auch von Lange angeführt, S. 79) und; nimm eine feste Ualtung an und du wirst Mul haben — er vergisst aber, dass um zum Zehn Ziihlen zu kommen entweder auf einmal oder als Ausfluss einer betreflenden Gewohnheit entweder das Anbrechen einer geistigen Uuhe oder ein ziemlich ruhiges also leicht den Affekt beherrschendes Temperament voraussetzt; und ebenso im zweiten Fall; ich erprobte das Mittel als Knabe schon öfter, doch auch hier setzt das Annehmen der anderen Ualtung schon eine gewisse Uberlegenheit, eine Loslösung von der Situation, einen gewissen Mut sogar voraus. Ein über die Antecedenz • entscheidendes Experiment ist wohl nicht so leicht zu finden, jedenfalls von James' und Lange nicht angegeben, welche nicht einmal auf diesen vor der Hand liegenden Einwand verfielen.

Das von James S. 404 empfohlene Experiment durch Nachahmung der Bewe-gungen einer Person tiefer in ihr Verstandniss durchzudringen hat so vicle Be-weiskraft wie jede petitio principii, denn lasst sich nicht hiergegen anführen, dass es vorl iufig ebenso möglich, dass erst eingewisses tieferes VerstUndniss dicse Nach-

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deutende Problom einzugehen, doch kommt es mir vor, dass Lcinge und James bis jetzt nur die allgomeine Möglichkeit ihrer Annahme bewiesen haben, nicht aber ihre Notwendigkeit oder Gewissheit und ebenso wenig die Unmöglichkeit der entgegen-gesetzten.

Lehmann sagt meines Krachtens sehr richtig: „Es raöchto ein unbestrittenes Faktum sein, dass die künstlich erzeugten Aft'ekte den „normalenquot; in vielen Beziehungen iihnlich sind, darum ist aber ja nicht gegeben, dass gar kein Unterschied stattfindet. Nicht das Geringste stellt sich dom entgegen, dass verschiedene Ursa-chen Erscheinungen hervorrufen können, die einander in den wesentlichsten Zügen ahnlich sind, ohne dass sie deshalb gorade vollstandig kongruent warenquot; ').

Weniger unanfechtbar scheint mir die Lehmann'sche Vorstellung der Verursachung der Störungen des Vorstellungsverlaufes wahrend der Affekte zu sein 2), und als sehr schadhaft für seine ganze Untersuchung scheint mir der ümstand zu sein, dass er in allen desbetreffenden Parteien seines Buches fast immer nur auf die Affekto das Auge gerichtet hat und zu wenig die eigentlichen Gefühle, welche er Stimmungen nennt3), beriicksichtigt.

Die James-Lange Hypothese, dass die Gefühle bloss die be-wussten Retlexe der organischen Störungen sein sollen, glauben wir also zurückweisen zu miissen, und damit ebenso die Erklii-rung der Rachsucht aus der Abwehrbewegung. Die rein phy-

ahmung gestattet und jedor Forlscliritt in der Nachahmung von oinom solchon Verstandnisso vorangegangen wird'!

Man lose die verschiedenen Bedenken, welche Lehmann erhebt (I.e.: S.64—71 die Uhersicht des Lange'schen Buches, — leider wird James nicht besprochen, nur erwahnt —; S. 72: „jeder Gefiihlszustand ist von Veranderungen im Orga-nismus begleitet und zwar in so höherem Grade, je starker das Gefühl ist,quot; was langst anerkannt war. „Da Organempfindungen thatsachlich als verhaltnissmassig selbstandige Glieder bei jedem geflihlsbetonten Zustand und besonders entschieden bei den Affekten mitbethiitigt sind, so kann die Gefühlsbetonung nicht aus einer Summe dieser Empfindungen bestehen.quot;) (S. 123).

1) Lehmann 1. c.: S. 115.

2) S. 126—133.

3) S. 02.

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siologische Deutung ist also als missglückt zu betrachten.

Jetzt bleibt uns aber nocli die psycho-physiologische Erklarung welche Lehmann giebt, zur Boaehtung übrig. Der Sache dienlichst ist woh!, dass wir ihm selbst das Wort lassen: „Jedes zufallige Hinderniss einer Handlung kann den Zorn entflammen, stets aber nur unter der Bedingung, dass der Handelnde sich bewusst ist, elne sihnliche That schon friiher ausgeführt zu liaben, sodass das Hinderniss also kein notwendiges, durch die Natur der Sache selbst begründetes ist, sondern seiner Zufaliigkeit wegen das Ansehen liat, es sei absichtlich aufgesteilt. So kann bekanntlich eine mechanische Arbeit, die wogen dor eigenen Ungeschicklich-keit des Individuums ein seltenes Mal nicht recht von der Hand gehen wil, leicht einen Paroxysmus verursachen, wiihrend dessen das Individuum in seinem Ingrimm über die Widerspenstigkeit des Stoffes alles vernichtet was bereits ausgeführt. In einem derartigen Fall kann man bei einiger Aufmerksamkeit an sich selbst den ganzen Process beobachten, mittels dessen die erste Unlust wegen des erfolglosen Strebens bis zu einem Zornes-ausbruch anwachst. Fiingt die Sache an, schief zu gehen, so wircl jeder Muskei und jeder Nerv angespannt, um trotz aller Hinder-nisse das Ding dennoch zurechtzubringon; da aber die Unlust die Koordination der Bewegungen schon weniger sicher gemaclit hat — nur wenn mit Lust gearbeitet wird, giebt es gute Arbeit — wird der Versuch fast immer misslingen. Die hierdurch amvach-sende Unlust macht die Bewegungen noch ungoschickter, und alsdann möchte ein Paroxysmus wohl fast unvermeidiich sein. Bei der Beleidigung liisst sich das allmahlige Anwachsen dos Zornes nicht auf diese Weise beobachten, well die verletzende Worte oder Handlungen des Beleidigers das Selbstgefühl des Individuums gleichsam auf einen Schlag niederdrücken oder dilmpfen, wodurch der freien Entfaltung von dessen Krüften ein Hinderniss entgegengestellt wird. Aber auch in diesem Falie wird die Unlust von einem Streben nach Entfernung des Hiu-dernisses begleitet sein; diese wird indes am leichtesten dadurch erreicht, dass das Selbstgefühl durch Erteilung einer körperlichen Züchtigung auf Kosten des Beleidigers gehoben wird, und die

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geballten Fiiuste und andore pantomimische Bewogungen sind also als natürliche TriebiLusserungen verstandlich. — Auch der starke Blutandrang nach dom Kopfe nebst allen hieraus folgenden Erscheinungen, die dera Zorn so charakteristisch sind, lassen sich mit den hier als Grundlage verwerteten Ansichten von den primaren physiologischen Ausserungen des Zornes in Üborein-stimmung bringen.quot; Das hier physiologischerseits noch vieles erhellt werden soli, erkennt der Verfasser1). Das obenausWundt und Meynert Mitgeteilte dürfte als Supplement dieser Erklilrung gelten. Die Abwehrbewegung wird noch mehr aufgeklart, wenn wir sie als das Resultat der Erinnerung und Gewöhnung an ahnliche Bewegungen auffassen, welche anfangs beim kleinen Kinde rein impulsive Reactionen bildeten. „Organic reminiscen-ses, as it were, reverberations in imagination of the blowings of the man making a series of combative efforts, of the pantings of one in precipitate flightquot; 2). Die Abwehrbewegungen waren also

1

Lehmann 1. c.: S. 318, 319.

2

James I.e.: S. 478; er entlioh diesen Gedanken an Spencer, welchen ercitirt: „To have in a slight degree such psychical states as accompany the reception of wounds, and are experienced during flight, is to lie in a state of what we call fear. And to have in a slight degree such psychical states as the processes of catching, hilling and eating imply, is to have the desires to catch, kill and eat. That the propensities to the acts are nothing else than nascent excitations of the psychical slates insolved in the acts, is proved by the natural language of the propensities. Fear, when strong, expresses itself in cries, in efforts to escape, in palpitations, in tremblings; and those are just the manifestations that go along with an actual suffering of the evil feared. The destructive passion is shown in a general tension of the muscular system, in gnashing of theeth and protrusion of the claws, in dilated eyes and nostrils, in growls; and these are weaker forms of the actions that accompany the killing of prey. To such objective evidences everyone can add subjective evidences. Every one can testify that the psychical state called fear consists of mental representations of certain painful results, and that the one called anger consists of mental representations of the actions and impressions which would occur while inflicting some kind of pain.quot; Spencer; „Principles of Psychologyquot; I: S. 482, 483. Diese Definition des Zornes ist wohl unrichtig; erstens sollte das Fühlen von Mitleid, sonst bei der „infliction of painquot; doch natürlich, ausgeschlossen sein; zwoitens aber sind die Gefühle der Wut und des Zornes ganz verschiedenen Inhalts von dem des Peinzufügens; ein Jeder ex-perimentire an sich selbst!

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erst rein irapulsiv unci direct physiologisch zu erklaren wie Wundt, Meynert, Lange und Lehmann thaten, spiiter wurden sie bewusst, erinnert als niitzlicho Bewegungen und etwas ervveitert angewandt.

Spencer driickt diesen Process in den folgenden Worten allge-mein aus: „When there come to be cases in which two very similar groups of external attributes and relations have been followed in experience by different motor changes; and when, consequently, the presentation of one of these groups partially excites two sets of motor changes, each of which is prevented b/ their mutual antagonism from at once taking place; then, wile one of these sets of nascent motor changes and nascent impressions habitually accompanying it, constitutes a memory of such motor changes as before performed and impressions as before received, and while it also constitutes a prevision of the action appropriate to the new occasion, it further constitutes the desire to perform the action. Por different as these three things eventually become, they are originally onequot; 'j. Die Entstehung der Rachsucht als Verlangen wider den Gegner die Abwehrbewegun-gen vorzunehmen, weiche einmal die impulsive Erwiderung des Anfalls, der Verletzung gewesen sind, ist eine Illustration dieses Gesetzes.

Es diirfte diese physiologische Erklarung im weitesten Sinne aber auf die Erwiderung und die Möglichkeit der Erwiderung physischer Angriffe beschriinkt bleiben niiissen, denn sie erklart weder den Schmerz des Nichterwiderns oder das Bediirf-niss der ausgesetzten Erwiderung solcher Angriffe 1) noch sogar die Angemessenheit dieser Erwiderung auf psychische Angriffe, die ersteren wenigstens nicht in rein physiologischer Weise, weil die Association, worauf nach Spencer's klarer Darstellung das

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Dies isl nnr moglich ilurch die inneren Widerstande, weiche das Grosshirn der Rellexbewegung entgegen stellt, i. a. W. durch die Associationen, womit das Seelenleben zur Erklarung der Rache im Gegensalz.e zur impulsiven Abwehrbe-wegung herbeigezogen wird. Sielie Rolph. Biologische Problemequot; (•1884): S. 202.

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Verlangen and der Schmerz beruhen, doch jedenfalls psychischer Natur ist, sein physisches Substrat im Yorderhirn hat. Diese Unzureichentheit der physio)ogischen Erklarung komrat in den letzten von uns citirten Worten Lehmann's auch gar deutlich aus. Eng physiologisch ist ja nicht einmal die Verbalinjurie z. B. ein Angriff, noch viel weniger lüsst sich absehen, wie in der AVeise je eine körperliche Züchtigung den Schmerz einer solchen Beleidigung aufheben kann. Der grosse Unterschied zwischen der direkten Verteidigung und der reinen, praktisch unnötigen, Eache wird auch durch die Spencer'sche Theorie nicht genügend aufgeklart.

Die Unzuliinglichkeiten dieser physiologischen Theorieën weisen einerseits auf die psychologische Hypothese, andererseits auf die darwinistische zu ihrer Ergiinzung hin.

Der Nutzen der jetzigen Erörterungen, der Ertrag der hier vorgetragenen Theorieën besteht wohl im Folgenden. Die mimische Ausserung der Rache und die sie befriedigenden Bewegungen wurden, wenn auch in groben Zügen, erklart, und ebenso die direkte physische Abwehrbewegung. obwohl nicht ohne die not-wendige Annahme der Mitwirkung psychischer Factoren.

Was diese Theorie nicht leistet, scheint uns vorlilutig schon durch die psychologische Hypothese geliefert worden zu sein, doch wollen wir auch noch den darwinistischen Erklürungsver-such prüfen, welcher geëignet scheint die physiologiscbe Theorie zu stützen.

§ 4. Die evolutionistische Erklarung der llache und der Bachsucht.

Diese Theorie geht von einer ursprünglichen Eigenschaft des Protoplasma's aus und leitet weiter alle Erscheinungen der Rache aus dor Wirkung derjenigen Factoren ab, welche im Darwinismus überhaupt alle Entwicklung verursachen.

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Guyau den wir schon im vorigen Paragrafen citirten, geht, nachdem er, wie dort mitgeteilt, die physiologische Grundlage der Reaction auf Verletzungen aufgestellt hat, folgenderweise weiter: „Les êtres chez lesquels cet instinct était plus dóveloppó et plus sur ont survécu plus aisément, comrae les rosiers munis d'épines. Chez les animaux supérieurs tels que I'homnie, cet instinct se diversifie, rnais il existe toujours; en nous se trouve un ressort pret a se détendre contre qui le touche, semblable a ces plantes qui lancent des traits. C'est a l'origine un phónomcne mécanique inconscient; tnais cet instinct, en devenant conscient, ne s'affai-blit pas, comme tant d'autres; il est en effet nécessaire a la vie de l'individu. II faut pour vivre, dans toute sociótó primitive, pouvoir mordre qui vous a mordu, frapper qui vous a frappé. De nos jours encore, quand un enfant, raeine en jouant, a re9U un coup qu'il n'a pu rendre, il est mócontent; il a le sentiment d'une inférioritó: au contraire, lorsqu'il a rendu le coup, en l'accentuant même avec plus d'énorgie, il est satisfait, il ne so sent plus inférieur, inógal dans la lutto pour la vie.quot; Dasselbo findet auch bei den Tieren Statt. „Sans doute, avec l'homme, de nouveaux sentiments interviennent et s'ajoutent a I'instinct pri-mitif; c'est l'araour-propre, la vanité, le souci de I'opinion d'autrui; n'importe, on peut distinguer par dessous tout cela quelque chose de plus profond: le sentiment des nécessités de la vie. Dans les sociétés sauvages un être qui n'est pas capable de rendre, et même au dela, le mal qu'on lui a fait, est un être mal doué pour l'existence, destiné a disparaitre tot ou tardquot;

Wundt sagt: „Gemass dem Gesetz der Vererbung und dem Princip der Anhaufung bestimmter Eigenthiimlichkeiten unter dem Einfluss gleichmassig fortwirkender Bedingungen haben wir alle irgendwie zusammengesetzteren Instincte als Produkto einer Entwicklung zu betrachten, deren Ausgangspunkte noch gegen-wiirtig in den einfachsten Triebiiusserungen niederer Thierc uns vorliegenquot; 1). Mit Schneider niramt er dann an : „Die primitivste

0

1

WumJl I.e.: S. 338.

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Form dev Schutztriebe scheint in dera reflexartig erfolgenden Zurückziehen des Körpers oder eines Korpertheils vor einera iiusseren Reize gegeben zu seinquot; 'j.

Schneider schildert, wie alle ürtiere und die meisten Würmer u. s. w. sich zum Schutze zuzammen Ziehen, die empfindlicheren Teile einziehen, „wenn sie in unmittelbare Beriihrung mit der Umgebung kommen, oder sich nicht wohl fühlen und niemals, wenn ihre argsten Feinde nur in ihrer Niihe erscheinen, aus dem einfachen Grunde, weil sie letstere nicht aus der Entfernung, sondern nur bei Beriihrung unterscheiden können.quot; Bei anderen Tieren ist die Verteidigungsweise schon etwas höher entwickelt. Eine Seegurke spritzt, wenn man sie angreift, in Folge ihres Zusammenziehens eine klebrige Masse aus, mit der man sich unangenehm besudelt. Dieses Vertheidigen ohne Zweckbewusst-sein, ein blosser zweckmüssiger Effect der Contraction, entspringt ebenfalls nur einem Empfindungstriebe, der dieselbe bewirkt, er erfolgt stots nur bei Beriihrung des Thieres, zuweilen schon bei noch ziemlich leisem, zuweilen auch erst nach starkem Druckequot; quot;). „Es braucht wohl kaum besonders erwahnt zu werden, dass alle Thiere, welche sich mit festen Körpertheilen, mit Kiefern, Extre-mitaten, Rückenflossen u. a. Waffen zu vertheidigen vermogen, bei unangenohmer Beriihrung von Seiten lebender Feinde von ihren Wehrmitteln auf Grund von Empfindungstrieben Gebrauch machen, und dass itn Kampfe die meisten offensiven und defen-siven Bevvegungen hauptsachlich durch Empfindungstriebe be-

stimmt werden, wenn auch____Wahrnehmungstriebe in den Kampfen

aller entwickelteren Thieren mitwirken. Jeder Biss und Hieb resp. jede Verletzung oder unangenehme Beriihrung erweckt in solchem Falie einen zweckmassigen Empfindungstrieb zum Ausweichen oder weiteren Angreifen, und das Bemühen, das Gleichgewicht resp. die aufrechte Stellung dabei zu behalten oder wieder zu

quot;1) Wundt I.e.: S. 342. Schneider in der „Vierteljahrsschrift für wissenschaf't-liche lJhilosophiequot; III; S. 176, 294 (leider hab ich diesen Aufsatz, den ieh vor Jahren las, nicht bei der Hand).

2) Schneider: „Der thierische Wille: S. 160.

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erlangen, ontspringt keiner Wahrnehmung oder Vorsteliung, son-dern allein dem Empfindangsgefühl vom Verlaste des Gleichge-wichtes. Aucli das Abschrecken der Feinde durch Verandern der Körperform, das Drohen mit den Walfen und das Larmen geht bei allen ïhieren zuweilen, namlich sobald sie vora Angreifer berührt werden, aus Empfindungstrieben hervor und hat bei den niederen Tineren überhaupt keinen anderen Ursprung.quot; Die be-treffenden Thiere haben deshalb kein Bewusstsein von der Wer-thigkeit und votn Zwecke dieser Bewegungen

Wenn wir aber nach dem Grunde dieser Erscheinuug fragen, so antwortet Schneider: „Die Entstohung und Entwickelung der Empfindungstriobe ist hauptsiichlich auf die Selection zurück-zuführen. Da sie die Grundlage aller anderen Triebe bilden, so dürfen sie einem Seelenvvesen ebensowenig fehlen als die wich-tigsten Organe, wie Herz, Darm, Niere u. a. Es ist ganz selbst-verstiindlich, dass ein Thier, welches keinen Schutztrieb fühlt, sobald es in nachtheiliger Weise berührt wird, gar leicht ver-nichtet wird, und ein Thier dem der Trieb zur Nahrungssuche auf Grand eiaes Hungergefühles abgeht, einfach verhungert, bevor es zur Fortpflanzung kommt. So wirkt die Selection immer dahin, dass nur diejenigen Thiergattungen bestehen bleiben, welche die zweckmassigen Triebe in möglichst vollkomtnener Weise besitzen, wahrend diejenigen Thiere, die solche Triebe nur in mangelhafter quot;Weise haben, dem früheren oder spateren üntergange geweiht sind; und daraus resultirt eine sich stetig steigernde Zweckmiis-sigkeit der Triebe. Die meisten Empfindungstriebe resp. das Ver-haltniss derselben zu den Empfindungen sind vererbt; und im individuellen Leben werden nur wenige, nur solche, welche auf Muskelgefühlen bei der Locomotion, dem Nahrungserwerb u. a. Thatigkeiten beruhen von den höheren Thieren durch Uebung erworbenquot; 1).

Die Entwicklung schreitet aber fort. „Dadurch dass sich mit dem Triebe, dor ursprünglich seine Ursache in der unmittelbaren

1

Schneider I.e.: S. 175, 170.

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Beriibrung, also in einem Empfindungsgefühle hatte und nur Empfindungstrieb war, nacb und nacb die Wabrnebmung vora betreffenden Objecte verband und dieso Association der Wabrnebmung mit dem Empfindungstriebe immer vollkomraener wurde, gestaltete sicb das Verbaltniss in der Weise, dass mit der blossen Wabrnebmung scbon der Trieb zur Attraction oder Repulsion entstand, und so ging der Wahrnehmungstrieb aus dem Empfindungstriebe bervorquot; J). Jeder zweckbewusste Vorstellungstrieb kann durcb die Gewohnbeit in einen Wabrnebmungstrieb iiber-gehen 1). Die böberen Tiere benutzen mebrere Organe zur Ver-teidigung und sind sicb des Effektes ibrer Angriffe wobl bewusst2). „Der Menscb, welcber sicb durch den Gebraucb kiinstlicber Waffen und durcb das Vertbeidigen mit vvoblgesetzter Rede, die von Scbimpfen und Schreien wobl zu unterscbeiden ist, sebr bocb über das Thier erbebt, macbt docb, je nacb Umstanden, aucb von denselben Mitteln Gebraucb, deren sicb die Tbiere bedienen. Er tritt mit den Fiissen, driickt mit den Armen, erwürgt und scblagt rait den Handen, kratzt mit den Niigeln und beisst, und Kinder spucken sicb, wie scbon erwabnt, den Speicbel einander ins Ge-sicbt. Mag die Vertbeidigung aber mit diesen oder jenen Mitteln stattfinden, in jedem Falie wird der Trieb bierzu durcb die Wabrnebmung des Feindes bestimmtquot; 3). Die niederen ïiere scbrecken auf Grund von Empfindungstrieben ibre Feinde ab, die böberen audi auf dem von Wabrnebraungstrieben, die Wilden geben sicb gar viele Mübe durch ein furchtbares Aussere ihren Feinden zu imponiren 4).

„Die Beziehungen der Gefiible zu den zweckensprecbenden ïrieben abor sind ein Produkt der Selection und haben sicb im Laufe der genetischen Entwicklung nacb und nacb ausgebildet;

1

Schneider I.e.: S. 188.

2

Schneider 1. c.: S. 227 seq.

3

Schneider I.e.: S. 231.

4

weisen dieser Gefühle als Beweise für ihre und unsere tierische Herkunft. „F.xpres-sion of the limolions in Man and Animalsquot; (1890): S. 256. 264.

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sie werden deshalb auch zum goringsten Theilo in der Erziehung erworben und sind vielmehr zum grössten Theile vererbt. Die-jenigen Thiere, bei denen solche Wahrnehmungen ganz entgegen-gesetzte Gefühle verursachten, konnten weder einen Trieb zum Abschrecken noch einen solchen zur Vertbeidigung fühlen, sie thaten also nichts zu ihrer Erhaltung und mussten deshalb eher zu Grande gehon als andere, bei denen sich die zweckmassigen Beziehungen der Wahrnehmungen zu den Gefühlen und Trieben ausgebildet batten.quot; Reflexacte sind diese Bewegnngen aber nicht, da sie durch einen ganz specifischen Erkenntnissact, durch ein Gefühl und einen Trieb bedingt sind

Mit der weiteren Entwickelung des Individuums werden diese Wahrnehmungstriebe zu Vorstellungstrieben : die Vorstellung aus den Wahrnehmungen gebildet löst den Trieb schon aus; ebenso sind die Gedankentriebe nur indirekte Vorstellungstriebe Die Agentia, welche diese ganze Entwicklung von der ersten Reflex-bewegung der Protozoën bis zum Gedankentriebe der Rache her-beiführen, sind die Selection und die Vererbung.

Schneider behandelt die Rache im engeren Sinne nicht, doch kann sie, die aufgeschobene Verteidigung, die nachkommende Erwiederung, nach seiner Auffassung nicht anders entstanden sein als als Resultat des Kampfes um das Dasein wie jeder andere Trieb und wie jedes Organ.

Wenn wir aber genauer hinblicken, so begegnen wir gleich einer bedeutenden Schwierigkeit. Bekanntlich sind die Zoologen vom Fach jetzt durchaus nicht mehr einer Meinung über die treibenden Machte dieser Entwicklung. Einige nehmcn mit Darwin die Vererbung erworbener Eigenschaften an 5), Andere leugnen diese m^t Weismann aufs bestimmteste 1). Es versteht sich, dass

1

Romanes'seheint die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften als unnötig zu betrachten: „Darwin, and alter Darwinquot; (1802): S. 262, 263. In sei-

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dio Frage auch für unsore Probleme nicht ohne Bedeutung ist. Das Wie der Entwicklung hangt vüllig von ihrer Lösung ab.

Nimmt man die Vererbung der im Leben des Individuums erworbenen Eigenschaften an, so könnte die Rachsucht das Pro-dukt der jahrtausendelangen Erfahrung aller tierischen und menschlichen Vorfahren gewesen sein, welche in jedem indivi-duellen Leben neu bestatigt wie einen kostbaren Schatz vererbt und immer wieder vermehrt wurde: das niedrigste Tier, bei welchem wir eine Schutzbewegung wahrnohmen, übtc eine solche zum ersten Male aus und befand sich wohl dabei, wiederholte sie deshalb, gedieh besser als seine Collegen und Concurrenten und vererbte die vorziiglich praktische Gewohnheit auf seine Nachkommen.

Im anderen Falie mussen wir annehmen, dass zwar im Anfang die Abwehrbewegung in derselben Weise entstand, doch blos dadurch sich fortpflanzte und immer allgeraeiner wurde, dass nur die Tiere welche diese Eigenschaft, wie auch nur entstanden, in der Weise besassen, dass sie auf ihre Nachkommen übergehen konnte, auf die Dauer den endlosen Anfallen gegenüber aushar-ren und sich vermehren könnten, wahrend alle andere untergehen müssten. Es ist ganz klar, wie die sich nicht verwehrenden Tiere untergehen müssten, nicht aber wie, ohne die Vererbung der erworbenen Eigenschaften, also ohne dass die Erfahrung wahrend des Lebens irgend welchen Einfluss auf die Nachkommen hiitte, die Art dieser Verteidigung sich immer höher entwickelte. Spontane Variabilitat und Selection allein scheinen mir nicht ausrei-chend um den Vorgang zu erkalren.

nem spateren Buche scheint er sie aber doch als wahrscheinlich zu betrachten: „Kritische Darstellung der Weismann'schen Theoriequot;: S. •H5, 100, 106, 94, 96.

Dr. W. Haacke in seinem „Gestaltung imd Vererbungquot; (•1893): S. 107 seq. nimmt die Vererbung erworbener Eigenschaften an. Ebenso Roth I.e.: S. •14, 20; und Wilser: „Dio Vererbung der geistigen Eigenschaften: S. 11 seq.

Wallace („Darwinismquot; (1889): S. 435, 440 seq.) ist völlig rait Weismann ein-verstanden und verwirft die entgegengeset/.te Theorie durchaus. Ebenso O. Ammon in seinem hochinteressanten „Die natürliche Auslese beim Menschenquot; (1893): S. 7.

.1. F. Van Bemmelen: „De erfelijkheid van verworven eigenschappenquot; (1890): passim.

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Schneider scheint der alteren Theorie zugethan zu sein, und gewiss giebt diese vorliiufig mehr Licht auf den eigentlichen Mechanismus der Entwicklung, doch benutzt er den ganzen psy-chischen Apparat, dessen Entstehen nach darvvinistischen Princi-pien vorlaufig doch wohl mehr vorausgesetzt und gefolgert als streng wissenschaftlich erwiesen genannt werden darf. Nehmen wir einen Augenblick die Schneider'sche Erklarung der Abwehr-bewegungen durch Anpassung und Verorbung an, so lasst sich doch durchaus nicht einsehon, wie das Gefiihl, das Bewusstsein des Beleidigtseins, das Gefiihl dor Rachsucht dem betreffen den Individuum irgend einen quot;Vorteil im Karapfe um das Dasein gevvahren könnten; die aussere Rachebewegung mag nützlich sein, die Rachswc/ji als solche gewiss nicht. Wie Professor Hoy-mans ausgezeichnet sagt: „Stellen wir uns einen Organismus ohm Bewusstsein vor, doch aus den gleichen Stoffteilchen zusam-mengestellt und in derselben AVeise als ein gegebenes Individuum, so nötigt uns die naturwissenschaftlicho Anschauungsweise selber anzunehmen, dass dieser Organismus sich in genau derselben Weise betragen würde als das correspondirende Individuum sich thatsachlich betrügtquot; '). Die biologischon Ergebnisse dürfen also nicht ohne Weiteres auf die psychologischen Problome angewandt werden.

Htickel vermeidet insofern diese Schwierigkeit, dass er beseelte Atomen annimmt1), weil dann das Bewusstsein vom üranfang schon gegeben, kein Stoff' und kein Organismus ohne dasselbe vorkommt und deshalb das Bewusstsein nicht langer als eine Folge des Kampfes, als ein Vorteil in ihm zu gelten braucht; und nach seiner Theorie m vissen die psychischen Erschcinungen sich dann als unvermeidlicho Beglciterschoinungen der organischen auch mit denselben fortentwickeln. Die Details dieser Entwicklung bleiben uns nach der körperlichen Seitc wenigstens unauf-

1

„Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft.quot; (1893): S. 14, 21. „A-iilhropogeniequot; (1877): S. 737.

Siehe auch: Lange: „Geschichte des Materialismusquot; (1877) 11: S. 374.

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geklart, solango nicht der Kampf über die Vererbung erworbener Eigenschaften ira biologischen Lager geschlichtet ist').

Es könnte die Sache, dieser Auffassung nach, auch von der psychologischen Seite angegriffen werden, doch sollen, so viel ich weiss, auf dieseni Gebiete der psychologischen Entwicklungs-geschichte die ersten Anfange nach gemacht werden. Wie wenig Licht haben die Arbeiten Lombroso's1), Galton'ss), Ribot's2), Büchner's 6) und Anderer über die psychische Vererbung und ihre Gesetze verbreitet, und doch sollte hiervon ausgegangen werden. Keine dieser Studiën beruhte auf einer möglichst weit durchgefiihrten Analyse der betreffenden Erscheinungen, ohne welche doch jede Erforschung dor Erblichkeitsgesetze einem Tappen im Finsteren gleichkommt.

Es scheint rair zu, alsob jetzt Manches wohl etwas schnell mit dem bequemen Auskunftsmittel der Erblichkeit erklart wird, statt dass in jedem einzelnen Falie dies nur als Resultat der Unter-suchung angenommen werden dürfte. Mit der a priori'schen Sub-sumption des bestimmten Falies unter das allgemeine Gesetz, welches nicht erst inductiv und auf diesem Gebiete erwiesen wurde, ist der Wissenschaft nicht gedient. Nehmen wir z. B. die Scham, weil sich mit der Rache noch Keiner in dieser Weise beschaftigt hat. E. Von Hartmann betrachtet sie als ererbt, nicht als eine im individuellen Leben als Folge der Erziehung oder sonst erworbene Eigenschaft. Zum Beweise hierfür erzahlt er von taub-stummen jungen Miidchon, welche von friiher Jugend an nur durch das Gefühl mit der Aussenwelt in Verbindung standen und doch alle Mtidcheneigenschaften zeigten, vor Allem wie Laura Bridgman, welche dieses Unglück schon in ihrem zweiten Jahre traf, „eine grosse Zartheit des Gefühls (in Geschlechtssachen) orwies,

1

L'Homme de Géniequot;.

2

„L'Hérédité psychologique.quot; Man lese doch die kritischen Bemerkungen Weismann's über die Erblichkeit des Genius („Aufsiitze über Vererbungquot; (1892): S. 108 seq.) und Falco: „L'Eredita dell' Ingegnoquot; (1882): S. 84 seq. und passim

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ohne dass man zu errathen vermochte, wie sie zu einem Begriff von Geschlechtsverhiiltnissen gelangt sei, da ausser dom Anstalts-vorsteher Dr. Howe fiir gewöhnlich kein Mann in ihre Niihe kam. Von Oliver Coswell, ebenfalis einem Blindtaubstummen, hatte sie viel vernommen, da dessen Ankunft in der Anstalt erwartet wurde, und war sehr neugierig auf ihren Leidensgefahrten; als er nun eintraf, küsste sio ihn, fuhr aber blitzschnell zurück, als erschriicke sie darüber, otwas Unschickliches begangen zu haben .... Einem blinden, taubstummen Kinde die Gesetze und Begriffe des An-standes beizubringen, würde fast unmöglich sein, wenn nicht der Instinct sie auf das Richtige verwiesc, und die Gelegenheit allein oder die leisteste Andeutung gonügte, um diese unmittelbare un-bewusste Anschauung im Benehmen zu verwirklichenquot;1). Mit anderen Worten: Von Hartmann betrachtet die Scham und den Anstand als Instincte, als vererbt. Aber wie oberflachlich ist seine Beweisführung! Nach seinen Angaben muss die betreffende Unglück-liche doch gar vieles erfahren haben, wie viel hörte sie ja schon von ihrem neuen Gefahrten : es kann ihr also wohl auch manches Andere durch ihre Umgebung beigebracht worden sein; es sollto dies alles doch wahrlich erst gcnauer untersucht werden; vorliiufig sind Zweifel durchaus nicht ausgeschlossen. Aber ware die Zurückführung auf Erblichkeit in diesem Falie wirklich eine Lösung? Woher denn wurde die Scham geerbt? Von den Tieren, von don Affen wohl nicht? Von den menschlichen Vorfahren, von den Wilden? Aber der Ethnolog weiss, wie sehr verschieden dieses Gefühl bei den verschiedenen Vólkern geartet ist, wie unsere Abart dor ge-schlechtlichen Schamhaftigkeit manchen durchaus fehlt, wie die verschiedenen Teile der europiiischen Bevölkerung in Diesem gar

1

„Philosophie des Unbewusstenquot; (1872): S. 486, *187. lm spatcrcn „Ergiümings-Band zur Philosophie des Unbewusstenquot; sagt er: „so treten Vorstellungsmassen aus zuvor latenten Dispositionen heraus, welche bei dem Mangel entsprechender Relehrung und Erziehung nur als Gediichtnissdispositionen zu bezeichnen sind, die von der constituirten Vererbung ahnlicher Vorstellungsmassen in weiblicher Linie herrühren.quot; (S. 181). Wie sonderbar, dass das Lesen dann noch keine erbliche Disposition wurde! S. 156—158 finden sich noch allerhand unerwiesene Behauptungen.

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nicht einstimmig sind! Die Vererbungs-Theorie geht hier also nicht so ohne Weiteres auf; mit niihoren Nachweisen hat sich Von Hartmann nicht abgegeben. Eine niihere psychologische Analyse dieses Gefühls wurde obenso wenig versucht, und doch scheint mir auch hier auf diesem Wege wohl noch etwas zu erreichen. Jeder einigormassen Feinfühlende wird von einetn grossen Glücke, vor einem tief eingreifendcn, alles beriihrendon Ereignisse in gewissetn Sinno schauernd zurückschrecken. Für die Jungfrau ist das ganze Geschlechtslebon ein solches erschüt-terndes Ereigniss, und doshalb griibt sich auch alles was hiernüt im Zusammenhang steht tief in ihre Seele und Gedachtniss ein, und zittert sie vor diesen inhaltsschweren Associationen zurück. Es gibt fast kein Gefühl, das hiermit zu vergleichen ware, das in der Weise eine ganze Menschenseele zu erfüllen geeignet wilre, aber \vo ein solches anniihernd vorliige, wiirde dieselbe ahnungs-volle, zagende Scheu auftreten l). Und auf einetn solchen Boden wirken alle Erwahnungen und Beispiele der Umgebung gar machtig. Viele Beobachtungen an Frauen, vor Allem Jungfrauen, und jungen Mannern haben mich in dieser Auffassung bestarkt, welche übrigens einer besser begriindeten Raum machen soil.

Die Verweisung auf die Vererbung soil doch nur nicht zur pons asinorum in der Psychologie werden!3)

Es ist ganz etwas anderes die Richtigkeit der darwinistischen Entwicklungstheorie im Allgeraeinen mit voller Überzeugung anzunehmen, sogar zu erwarten, das irgendwie ungefahr in dieser Weise die Lösung auch unserer Probleme gesucht werden soil, — und zu glauben, dass jetzt schon durch den Hinweis auf jene Theorie das betreflende psychologische Problem gelost sei. Diese kritiklose Glaubensseligkeit sollte auch von den überzeugtesten

•I) Liisst sich dassclbe nicht bei tief religiosen Leulen in Bezug auf die Objektc ihrer Verehrung beobachten ?

2) Ganz l ichtig sagt Kurella: „A priori darf die Entwicklungslehre natürlich fragen, welche Kigenschafton das Individuum der phylogenelischen Entwicklung verdanken muss, wenn es fiihig sein soli, sich im sozialen Zusammenleben zu bewiibren. Diese Frage priijudiziert abei' noch nichts über das psychologisclie Wesen dieser Eigenschaften.quot; „Naturgescbichte des Verbrechersquot; 1873, S. 250.

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Darwinisten gcrügt werden, sie kann der Wissenschaft nur schaden. Nar der gelungene Versuch in jedem einzelnen Falie den ganzen Verlauf der Theorie nach zu demonstriren dürfte als erbrachter Beweis für ihre Richtigkeit gelten. Ich glaube, dass derartiges in der Psychologie noch nie gcschah.

Wenn wir einmal mit Hackel den Parallellismus zwischen der körperlichen und der geistigen Seite der einon Substanz annehmen, muss die letztere sich auch gleichzeitig mit der ersteren ent-wickeln, und nmss der Sieg im Kanipfe uni das Dasein der Ab-wehrbewegungen vollbringenden Organismen mit der Entwickelung höherer Bewusstseinsformen vereint gehen, deren höchstes Resultat die Rachsucht (nicht nur das Bedürfniss und der Genuss der iSelbstverteidigung) gewesen.

Als einmal ein höher entwickeltes Seelenleben entstanden war, mussen seine Eigenschaften im Kampfe ebenfalls von Nutzen odor zum Schaden gewesen sein und den Ausschlag mitbestimint haben. Grosse Variationen sind in den psychischen Eigenschaften weit eher möglich als in den körperlichen, aber auch die kleinsten, wie ein einigermassen besseres Gediichtniss, ein klein wenig sichereres Urteil werden ebensowohl dem Besitzer den Sieg ver-schafft haben als die kleinen körperlichen Variationen. Aber es scheint nicht unmöglich — und darf man schon zuversicht-licher sprechen? —, dass die Selection sowohl mit den körperlichen als mit den seelischen Variationen operirt hat, wodurch die Entwicklung von beiden Seiten her gefördert wurde. Doch ebenso wie die Elemente der körperlichen Variationen, die Organo des Körpers, aus don Gewebezellen zusammengestellt sind, so sind die Elemente der geistigen Variationen die einfachon Vor-stellungen und Gefühle, deren Verbindungsarten, und die sie zusammenstellenden letzten geistigen Bestandteile. Z. B. in unse-rein Falie ist es nicht wahrscheinlich, dass die Variation direkt die Arten und Graden der Selbstverteidigung betraf, sondern vielmehr die einfacheren, variableren Eigenschaften, welche dieselben bedingen, und die wir in unserer psychologischen Analyse anwiesen.

Die entworfeno üntersuchung kunnen wir hier jetzt unmöglich

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durchführen, es mussen dazu noch gar manche Yorarbeiten ver-richtet werden.

Doch wie auch die Entscheidung zwischen Weismann und seinen Gegnern ausfallen möge, und wie nachher die Gestaltung des Entwicklungsganges zur abschreckendcn Verteidigung in der Tierwelt befunden werde, und ob überhaupt der monistische Ge-danke sich durchführbar zeige oder ein unüberbriickbarer Bruch zwischen der somatischen und der geistigen Entwicklungsreihe bestehe; — so viel dtirfte entschieden als höchst wahrscheinlich gelten, dass beim hoch entwickelten Geistesleben, also jedenfalls beim menschlichen, nicht die Rachsucht und die Eache als solche, sondern nur ihre nachgewiesenen psychischen Factoren die direc-ten Producte der Selection, die Resultate der Entwickelung ge-wesen sind, deren Variationen auch ihre Variationen herbeiführten. Der Karakter welcher diese Factoren nicht besitzt, kann nicht rachsüchtig sein, und umgekehrt: wer sie besitzt, muss es sein, wenn nicht andere Eigenschaften die Wirkung jener aufheben.

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ZWEITER TEIL.

TOTENPÜRCHT ÜND AHNENKULT. — 1HRE SOCIALE UND MORALISCHE BEDEUTÜNG.

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DRITTER ABSCHNITT.

Dcx* A-hnenkult.

§ 1. Einleitung. Bas Problem der Verbreitung noch nicht gelost.

Aus dem was bis jetzt die besten Erforscher der primitiven Stadiën des religiösen Lebens mitteilten, wurde klar, dass der Ahnenkult resp. die Totenverehrung eine hervorragende Stelle einnimmt und überaus weit verbreitet ist.

Dass wir gerade diese Form der primitiven Religion genauer untersuchen wollen, hat seinen ausreichenden Grund hierin, dass sie in einem ganz besonderen Verhaltnisse zu unserem Gegen-stande steht. Das Verbrechen, oder vielmehr die Verletzung, welche in primitiven Verhaltnissen allererst zur Erwiderung herausfor-dert, ist jedenfalls die Tötung; auf die Art dieser Erwiderung, auf die Eache wird nach aller Wahrscheinlichkeit die Vorstellung von der Verfassung des Opfers und von dessen Wünschen und Einflusse eine eingebende Wirkung ausüben.

In unseren nachfolgenden Untersuchungen über die Dauer und die Intensitat der Blutrache, sowie über die Möglichkeit ihrer Ablösung durch die Composition werden wir fortwahrend auf diesen Einfluss der Totenverehrung stossen oder uns geneigt be-finden ihre treibende Kraft zu vermuten. Es ist daher am besten jetzt eins für allemal die Grenzen der Verbreitung dieses Kultes zu bestimmen und ihre Eigentünilichkeiten, sovveit sie für unseren

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142

Gegenstand in irgend einer Weise erheblich sein können, fest zu stollen, damit unsere spatere Darstellung nicht fortwahrend durch diese Untersuchungen unterbrochen werden mtisse.

Es ware zwar ara bequerasten uns gleich bei den Anssprüchen mancher Ethnologen niederzulegen, welche die Universalitat der Totenverehrung wenigstens für ein gewisses Stadium der Kultur annehmen. Doch darf uns das nicht genügen.

Denn erstens beruiien diese Aussprüche öfter mehr auf einer Deduction aus nicht immer ganz sicher gestellten Principien, und zweitens sind die sonst zu Grunde gelegten Inductionen nicht imraer erschöpfend gewesen; möglicli ware es aber auch, dass zwar bei irgend einem Volke die Totenverehrung constatirt wurde, dass dies aber nicht dieselbe Periode betraf, in welcher die Blut-rache u. s. w. vorkoramt.

Eine ganz genaue üntersuchung über die Verbreitung dieser Kultform ist also keineswegs überflüssig zu nennen ').

Eine detaillirte Beschreibung ihrer Folgen für die uns interes-sirenden Ecscheinungen ist meines Wisseus noch nicht erschienen.

Wir werden jetzt versuchen unsere zweiséitige Aufgabe zu erfüllen.

§ 2. Aussprüche der Forscher.

Bastian in seinem überreichen ersten Buche spricht über den ïotenkult als eine ganz allgemeine Erscheinung quot;).

Eustel de Coulanges sagt: „Cette religion des morts parait être la plus ancienne qu'il y ait eu dans cette race d'hommes (l'ar-yenne). Avant de concevoir et d'adorer Tndra ou Zeus, l'homme

1) Allgemeine Aussprüche wie die Kohler's über den universellen Einlluss des Animismus auf das ganze sociale und Uechtsleben mógen anregend sein, zur Basis möglichst exacter Untersuchungen können sie nicht henulzt werden. Prof. J. Kohier, „Uecht, Glaube und Sittoquot; in „Zeitschr. f. d. Privat- und Ölfentliche Recht der Gegenwart,quot; XIX (1892): S. 5C1 seq.

2) Bastian: „Oer Mensch in der Geschichtequot; II: S. 318 seq.

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143

adora les morts; il eut peur d'eux, il leur adressa des prières. II semble que le sentiment religieux ait commencó par lil. C'est peut-etre a la vue de la mort que I'liomme a eu pour la première fois l'idóe du surnaturel, et qu'il a voulu espórer au delii de ce qu'il voyait? La mort fut le premier mystóre; elle suit l'homme sur la veie des autres mystèresquot; 'j.

Gaspari bestreitet auf das eingeliendste den Gedanken, dass der Anfang der religiösen Entwicklung in der Verehrung der Natur und ihrer Gewalten zu suchen sei. Er leitet die eigent-liclien religiösen Oefülile aus den Erfalirungen, welche nur das Gemeinschaftsleben den Menschen bot, ab, und sicht im Toten-kult die primitivste Eeligionsform der ungebildetsten Völker 1).

Max Miiller ist einer ganz anderen Meinung vom ürsprunge der Religion zugethau als H. Spencer und dementsprecliend ist seine Ansicht über die Bedeutung des Ahnenkultes aucli eine ganz andere. Er erkennt zwar „how important an influence a belief in worship of ancestors has exercised on the development of religious thoughtquot;, und wie dieser Glaube sogar bei den ari-schen Vólkern „pervaded not only their religious cult, but the whole of their social, civil and political lifequot;, doch protestirt er durchaus kriiftig wider den Versuch den Ahnenkult zur allein-zigen Quelle aller Religion zu machen, er solle sich sogar erst nach der Naturverehrung entwickeln 2). Die Universalitiit dieses Kultes auf einer bestimmten niedrigen Kulturstufe nimmt er offenbar nicht an ■*). Ratzel, obwohl ebenso wie Max Miiller ein Gegner der Entwicklungstheorie, nieint doch, (lass Krankheit und Tod den tiefsten, dauerhaftesten Eindruck auf das empfangliche Gemiit des Naturmenschen machten: „daher ist es nicht die Eurcht vor der Natur, welche uns als der erste Grund des Aberglaubens entgegentritt, sondern diejenige vor dem Tode und vor den

1

Gaspari: „Die Urgeschichte der Menscliheitquot; (quot;1877) I: S. 318 seq., 332 seq., 352; II: S. '123 seq., quot;157 seq.

2

Max Muller: „Anthropological Religionquot; (1892): S. 141, 143, 144.

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144

Totenquot;; die Angehörigen der Verstorbenen hegen überall eine tiefe Scheu vor deren öeistern

Lubbock nLmmt nur eine beschrankte Herrschaft des Totencultes an. „The worship of ancestors has by some writers been regarded as the origin of religion. I can however not accept their view. It is not specially characteristic of the lowest savages, and although, among them descent is traced, as we have seen, in the female line, I do not know any case in which female ancestors were worshipped. However this may be, the worship of ancestors is certainly very widely distributedquot; 1).

Für uns aber kotnmt es gerade hierauf an, ob der Toten-resp. Ahnenkult schon bei den primitivsten uns bekannten Völkern zu finden sei, damit wir seinen Einfluss auf ihr moralisches Loben überhaupt und speciell auf ihre Ahndungen von Verletzungen nachspüren können 2).

Goblet d'Alviella sagt hierzu Folgendes: „Did the worship of the dead precede or follow the worship of natural objects and personified phenomena? It is possible that in certain localities the worsiiip of the dead manifested itself the first, or that the two conceptions formed themselves pari passu, with a preponderance of the one or the other. It seems that in China the worship of ancestors grafted itself upon a previous nature worship. Amongst the Polynesians it has been successfully established that the worship of the dead, native to tlie eastern archipelagos, sporadically overlaid the ancient mythological nature-worschip, while

1

Lubbock: „The Origin of Civilisation and the Primitive Condition of Manquot; (1889j: S. 353.

2

Tiele meint, dass alle religlösen Erscheinungen bei den Wilden aus Fetichis-mus oder aus Spiritismus, d.h. der Verehrung der Seelen Abgestorbener, erkliirt werden können. „De Plaats van deuGodsdienst der Natuurvolken in de Godsdienstwetenschapquot; (1873): S. 14, 13. Siehe auch Peschel: „Völkerkundequot;: S. 260.

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it hardly penetrated into the most western islands of Micronesia.quot; „All 1 maintain is that neither of these two forms of worship necessarily presupposes the other; but that man having been led • by different routes to personify the souls of the dead on the one hand, aud natural objects and phenomena on the other, subsequently attributed two both alike the character of mysterious superhuman beings. Let us add that this must have taken place everywhere, for there is not a people on earth in which we do not come upon these two forms of belief side by side and intermingledquot; ').

Tylor macht den so notwendigen Unterschied zwischen der Verehrung der Toten im Allgemeinen and der der Ahnengeister. „It is quite usual for savage tribes to live in terror of the souls of the dead as harmful spiritsquot; 1). Er macht dann cinige Beispiele von den Australiern, Neu-Seelandern, Caraiben, Sioux, Central-Afrikanern, Patagoniern, u. s. w. nahmhaft. „Happily for man's anticipation of death, and for the treatment of sick and aged, thoughts of horror and hatred do not preponderate in ideas of deified ancestors, who are regarded on the whole as kindly patron-spirits, at least to their own kinsfolk and worshippers.quot; Erfiihrt fiir diesen Ahnenkult Beispiele aus don beiden Amerika, Poly-nesien, Afrika und Asien an 2), docli diirfen diese Beispiele, welche zwar zur Karakteristik und als Belege fiir die wcite Verbreitung und folglich die Bedeutung des Ahnenkultes in diesem Stadium der religiösen Entwicklung völlig ausreichen, keineswegs als genii-gende Ausweise fiir ihre Universalitiit auf dieser Kulturstufe betrachtet werden; sie erlauben keinen einigermassen sicheren Inductionsschluss, und einen solchen, ein möglichst vertraubares Gesetz brauchen wir fiir unsere weiteren Untersuchungen.

Lippert in seinem grossartigen Buche nimmt die Urspriinglich-keit und dementsprechend die ehemalige Universalitiit desAhnen-

10

1

Tylor: „Primitive Culturequot; (1891) II: S. 111.

2

Tylor ibidem: S. 413 seq.

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kultes unbedingt an. „Bei dieser Verbreitung unter allen Natur-völkern und bei dein Umstande, dass die Formen dieses Kultes in dein Masse unverhüllter, einfaclier und kindlicher erscheinen, in welchem ein Stamm dem Leben der Urzeit naher geblieben ist, muss der Sclüuss sich aufdriingen, dass wir im Urzustande selbst die allereinfachste dieser Kultformen vorauszusetzen habenquot; ^).

§ 3. Spencer's Material.

Bekanntlich ist Herbert Spencer der grosse Verteidiger der höchst wahrscheinlich etwas einseitigen Theorie, welche alle Religion aus dom Ahnenkulte ableitet. An verschiedenen Stellen seines Buches teilt er Beispiele mit, aus welchen in irgend einer Weise der Toten- resp. Ahnenkult hervorgeht. Weil diese Samm-lung 1) zweifellos die reichhaltigste an Beweisstellen für die Verbreitung des Almenkultes ist, wollen wir ibre Resultate, soweit sie die Gebiete betreffen, worüber die folgenden Untersuchungen sich erstrecken werden, hier kurz und übersichtlich zusaminen-stellen, was Spencer selbst leider zu thun versaumt hat, und was doch die Kraft und die Schwiiche der Induction, also den ganzen Wert des Beweisganges, erst recht augenfiillig macht.

Weil es fiir unseren Zweck jetzt relativ gleichgiltig ist, welche Sitten in casu das Bestehen eines Totes- resp. Almenkultes beweisen, wollen wir blos die Namen der Völker und die Seiten des Spen-cer'schen Buches, wo eine derartige Sitte angeführt wurde, angeben.

Unsere Einteilung wird die geografische sein, und sich ausser-halb der Streitfragen über die Rassenzugehörigkeit der verschiedenen Völker halten 2).

1

„Principles of Sociologyquot; (1887) I: S. 168—308.

2

Etvvaige Ungenauigkeiten und Unbestimmtheiten in den Angaben dürfen nicht uns zur Last gelegt werden; wir geben die Spencer'schen Benennungen genau wieder.

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147

Völkerschaften von Nord-Amorika:

Dacotah: S. 173, 176, 180, 181, 201, 204, 271, 295, 297.

Irokesen: S. 174, 176, 202, 277.

Mandan-Indianer: S. 176, 180.

Chippeways: S. 170, 180, 292, 177.

Chinook: S. 180, 181, 200, 204, 200.

Chippewayan: S. 213, 285.

Comanchen: S. 180, 181, 203, 213.

Californier: S. 235, 292.

Nieder-Californier: S. 213.

Nootka-Sound-Indianer: S. 280, 289.

Natootetain: S. 290.

Salish: S. 290.

Indianer des Felsengcbirges: S. 285,

Puoblo-Indianer: S. 281.

Koniagas: S. 262.

Innuit (Grönlander, Eskimo): S. 169, 173, 174, 170, 180, 181, 202, 307.

Haidah: S. 289.

Aleutier: S. 292.

Zusammen: 18 Völker.

S ü d - A m c r i k a:

Tupi: S. 168, 180, 292.

Brasilische Indianer: S. 171, 174, 274, 293.

Guarani: S. 174, 205.

Cariben: S. 177, 204, 274, 171.

Guiana-Indianer: S. 177, 202.

Arawak: S. 262.

Tarianas: S. 262.

Tucanos: S. 262.

Abiponen: S. 181, 202.

Araucanier: S. 202, 238, 282.

Patagonier: S. 202, 203, 308.

Zusammen: 11 Völker,

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148

Arabien:

Araber: S. 177, 181, 236.

Bedouinen; S. 203.

Vorder-Indien:

Toda: S. 169, 181, 203, 285.

Badaga: S. 170.

Karens: S. 171, 195, 235, 237, 280, 307.

Hügelstiirame: S. 171.

Bodo und Dhimal: S. 172, 177, 281.

Kookies: S. 172.

Nagas: S. 202.

Mishmees: S. 202.

Borghoo: S. 203.

Veddah: S. 235, 239, 272, 295, 306.

Santals: S. 257.

Bhils: S. 281, 307.

Khonds: S. 288, 307.

Bghais: S. 307.

Zusamraen: 14 Völker.

Sibirien und Centralasien:

Tarkmcnen: S. 297, 299, 307.

Kirghisen: S. 203, 307.

Kalmukken: S. 201.

Samoyeden: S. 202.

Jakuten: S. 188, 203.

Tungusen: S. 201.

Ostjaken: S. 307.

Kamtschadalen: S. 175.

Zusammen: 8 Völker.

Australië n:

West-Australier: S. 174, 202.

Australiër: S. 176, 181, 212, 235, 248, 262, 288, 306. Tasmanier: S. 180, 181, 235, 251, 264.

Zusammen: 3 Völker.

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140

Melanesien:

Papua: S. 170, 202.

Neu-Guinea: S. 274.

Neu-Caledonien: S. 204, 248, 205, 306.

Fidschier; S. 204, 210, 275, 281, 287, 288, 30(5.

Aneytium: S. 206, 272.

Zusammen: etwa 4 Völker.

1)ie nach Ger 1 and noch unbestimrabaren:

Andamanesen: S. 176.

Nicobaren: S. 235, 237.

Maladiven: S. 235.

Zusammen : 3 quot;Völkor.

Polynesien:

Tahitier: S. 170, 181, 235, 272, 274, 275, 288, 203, 307.

Neu-Seelander: S. 171, 175, 180, 181, 202, 272.

Hawaiier: S. 180.

Samoaner: S. 180, 248, 281, 307.

Tonganer; S. 180, 181, 204, 272, 274, 288, 298.

Tannesen: S. 180, 306.

Sandwich-Insulaner: S. 181, 272, 282, 291, 307.

Vateaner; S. 203, 295, 289.

Polynesier: S. 176, 285.

Zusammen ; etwa 8 Völker.

Indonesien:

Malagassen : S. 169, 180, 282, 298, 307.

Malanan Borneo's : S. 170, 204.

Dajaken: S. 176, 204.

Meer-Dajaken: S. 281.

Muruten Borneo's; S. 175.

Sumatraner: S. 274, 307.

Zusammen: 6 Völker.

Ein Bliek auf diese Zusammenstellung der Spencer'schen An-

f

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150

gaben ') zeigt, class erstens für mandie Völkor recht wenigo Be-woise lierbeigobracht wurden, unci zweitons, class zwei Vülker-gruppen, welche uns interessiren, völlig vernachliissigt wurden, nl. die Micronesier und die Völker des Kaukasus, wiihrend andere, vor Allem die malaiischen, doch etwas dürftig vertreten sind ; für Micronesien, Melanesien unci Polynesien heischen die Einwande Kóville's 2) aber eingehende Würdigung.

Wir werden ira Nachfolgenden versuchon diese Lücken aus-zubüssen, soweit unser Material reicht3).

■1) Um dio Bedcutung der Spencor'schen Angaben deutlich zu machen, stelle ich hier die Erscheinnngen zusatnmen nacli ilen Seitenzahlen, wo sie behandelt werden, geordnet. Die Vergleichung der obigen Listen mit dieser zeigt also genau, was S, für das betreffende Volk bewiesen bat.

S. 109: Opfer am Grabe; 170 quot;174: Nahrung auf das Grab; 175: Furcht be-zeugt; 176, 177: Sorge für die Leiche; 180, 181: Haaropfer; 181: Selbstverstiim-melung am Grabe; 188; Opfer; 195; Sehutzgeist; 200: Spuk; 201—204; Besitz auf' Grab, Pferde gctötet; 204; Frau getötet; 204—206; Sklaven, Freund, Mutter auf Grab getötet; 212; Furcht vor Geist; 213: Besitz verbrannt; 235, 236; Glaube in Geistern; 237—257; guter und böser Einfluss der Geister; 262; Leiche geges-sen; 264—275: Furcht vor Geistern und Grabern; 280—282; Opfer an Toten 285; Bestattungsfest; 287 -289; Menschenopfer; 290—292; Sachenvernichtung zu Ehren der Toten; 292—295: Sang und Gebote zu den Toten; 297; Abscheu vor dem Toten und seinem Namen; 298, 299; Grab heilig; 306—308: Ahnenkult.

2) Réville; „La Nouvelle Théorie Évhéméristequot; (Revue de l'Histoire des Religionsquot; 1881, IV): S. 16.

3) Kovalevsky („Tableauquot;; S. 78) meint zwar dass nach den Arbeiten Tylor's, Lubbock's und Spencer's die allgomeine Existenz des Totenkultes (er sagt sogar „animismequot;, beide Sachen sollen doch nur nicht verwechselt werden) völlig crwiesen sei, — doch scheint er, wie fast aus jeder Seite seiner öbrigens so reich-haltigen und anregenden Werke bervorgebt, zu den leicht überzeugten zu geboren, deren Zabl überhaupt in der Ethnologic noch ungebührlich gross sein dürfte; es scheint mir in allen concreten und höchst complicirte Erscheinnngen behandelnden Wissenschaften an erster Stelle geboten zu sein eine Induction nur nicht zu bald abzuschliessen. Ein .leder soli nach der vollen Strenge seines eigenen wissenschaft-lichen Gewissens leben auf die Gefahr hin den Vorwurf „d'enfoncer dos portes ouvertesquot; zu horen. Alles ist besser als die Möglichkeit ungenau zu sein und blos Mögliches als erwiesen anzunehmen. — Zeitvortreib-Lectüre zu bilden beabsichti-gen unsere Bücher nicht.

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151

§ 4. Totenfurcht unci AhnenJcult hei den amerika-nischen Volleeryt.

Fangen wir an mit Nord-Amerika.

Bei den Nishinam Californiens wird die Hütte, worin Einer starb, auf immer verlassen ; Geld wird nur erspart, darait es zur Ehre eines verstorbcnen grossen Hiiuptlings verbrannt werde; eine sehr treue Wittwe spricht ein ganzes Jahr nicht nach dein Tode ihres Gemahls; jede Wittwe darf eine Zeit lang nicht tanzen oder arbeiten; alle Besitzungen werden mit der Leiche verbrannt, im Frühling nach der Bestattung wird ein Totentazz aufgeführt, wobei die Asche blosgelegt und mit Fouer überdeckt wird; den ersten Abend und Morgen tanzen Frauen um das Grab mit Opferspenden, den zweiten Abend und Morgen wird die Asche gesiebt und verbrennt. Bei den Süd-Nishinam findet einige Male im Jahre ein Trauerklagen Statt und wird dabei ein rohes Bild des Toten herumgetragen überall, wo er gewohnt war zu gehen, „to recall the memory of the absent ones and fill the breasts of the mourners with a more piercing sorrowquot;; darauf wird das Bild verbrennt'). Die Seelen der Toten halten sich eine Weile auf Erden anf, bevor sie nach dem Gliicklichen Westlichen Lande gehen, in einem Wirbelwinde durch die vorverstorbenen Verwanten abgeholt; daher ihre Todesangst vor Spukerschei-nungen 1).

Die Asche eines in der Fremde verstorbenen Shasitka wird ins Vaterland zurück befördert; wonn Einer in der Heimat stirbt, wird die Leiche auf einer Hiigelspitze mit Steinen verdeckt; schlechte Leute spuken bisweilen nach ihrem Tode2).

Die Hripu bestatten ihre Toten, klagen über die Griiber, hegen grosse Verehrung für die Verstorbenen, mit welchen das kostbarste Eigentum bestattet wird 3).

1

Powers: S. 328.

2

Powers: S. 25d, 414.

3

Powers: S. 83.

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152

Audi die Kdrok bestatten die Leichen und zwar in ihrem vollen Anzuge, alle Besitzungen des Toten werden auf Pfahlo auf sein Grab gestellt, welches dicht in der Nahe der Hütten ist um besser geschützt zu werden. Sie glauben an Geistererschei-nungen 1).

Die Leiche eines Mohave wird verbrannt, und früher sein ganzes Besitztum mit ihm, „and often the mourners would contribute everything they possessed to the flames, thereby showing the affection and grief they felt for the dead.quot; „The women usually contributed a portion of their hair to the flames — that is, those who belonged to the immediate family of the deceased — and would even sometimes throw themselves on the fire, such was their grief.quot; Die verbrannten Sachen gehen mit den Toten zum Himmel in den Weissen Bergen. Früher verbrannten Alle jiihrlich irgend etwas zum Behuf der Toten. Nicht verbrannte Toten werden Eulen; das Krachzen einer Eule ist die Stimme eines spukcnden Mohave. Auch das Pferd des Verstorbencn wird getötet und verbrannt. Bisweilen gehen die Indianer zu den Bergen um Wassermelonen an die Toten zu opfern. Die Toten ge-messen im Jenseits eine ewige Jugend 2).

Audi die Yumas verbrennen die Leichen und alle ihre Besitzungen 3).

Die Hütte eines Verstorbenen wird gloich verbrannt bei don Navajoes 4). Nach der feierlichen Bestattung der Leiche liisst jeder der Boteiligten irgend ein wertvolles Geschenk auf dein Grabe zurück; sie hegen eine aberglaubische Furcht vor der Berührnng einer Leiche und werden sich nie einer nahern, wenn sie es meiden können 5).

1

Powers; S. 33, 24.

2

G. A. Allen; „Manners and Customs of the Mohaves.quot; Smithsonian Report, 1890; S. 615. H. F. C. Ten Kate: „Tieizen en Onderzoekingen in Noord-Amerika (1885): S. 130, 448.

3

Ten Kate I.e.: S. 114.

4

Schoolcraft, State IV: S. 213. Nach Ten Kate (I.e.: S. 270) wird der Navajo gleich bestattet auf dor Stelle wo er starb, und war das in einer Hütte, so wird dieselbe über ihm in einander geworfen, und die Gegend auf immer gemieden.

5

Bancroft 1: S. 523, 524.

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153

Um das Grab eines beriihmten Apachen-Kvvcgcva tanzen Manner und Frauen i).

Die Fisch-Indianer Britisch-Columbia's verliossen früher die Hiitte, in der -Iemand gestorben. Auf die Kiste werden grosse Steine gelegt. Dreissig Tage nach der Bestattung werden bei Sonnenauf-und-untergang Klagelieder am Grabe geheult; Fremde werden nicht gerne zu dem Grabe zugelassen. Es werden Sklaven geopfert um im Him mei Bediente zu haben 1).

Wenn eine AId-Indianer-Yami 1 io sehr abergliiubig ist, wird das Haus des Verstorbenen mit Allera was drin war verbrannt. Die Leichen werden in rohen Siirgen auf Baumo gestellt, mit weissen Decken darüber, zum Schutze wider wilde ïiere; auch werden einige Decken auf einen nebenstehenden Baum gelegt zum Trauer-zeichen, und zwar zerrissen entweder als Ausdruck der Trauer oder damit sie nicht gestohlen werden; alle Besitzungen des Toten welche nicht verschenkt wurden, mit Ausnahme der besten Exem-plare, werden mitbestattet, weil sonst der Geist erscheinen und sie auffordern würde. Die Seelen der Toten erscheinen in der Gestalt von Tieren, was Böses profezeit. Wenn Einer von Geistern traümt, wird er von seinen Verwanten in den Armen verwundet und das Blut auf die Stelle, wo der Spuk erschienen, getraufelt, uud solange die Vision wahrt, wird sein Eigentum (öfter alles) aufs Feuer geworfen 2).

Die Kutchin- oder Loucheux-lndianer trauorn ein ganzes Jahr über ihre Toten, dann wird ein Fest abgehalten, wobei die nach-sten Verwanten mitunter noch trauern 3).

Die Manner welche das Grab schaufelten leben zwei Monate

1

Mayne: S. 271, 272, 285, 293. Die Chilcat-Indianer bestallen ihre Leichen an liebslen an einem schonen Orte, auf der Vancouver-Inscl und in Britisch-Columbia in Schachleln in den Gipfeln der höchsten Biiume, in Chugak auf sleilen Klippen oder Uoch in natürlichen Höhten, die der Shamanen vor Allern in hölzernen Hiiusern. Seton-Karr; „Explor. in Alaska and Northwest-Brilish-Colomhia.quot; Proc. R. Geogr. Soc. 1891: S. 76.

2

Sproat: S. 173, 174, 259, 261.

3

Whymper, S. 203.

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154

in Isolirung; Wafl'en und Werkzeugo werden dom Toten mitge-geben; „in war when a man kills his enemy, he cuts all his jointsquot;, gewiss ein Mittel den Geist wehrlos zu raaehen. Die Verwanten vernichten ihre Korallen oder bestatten sie mit den Toten; die Kleider werden zerrissen, die Haare kurz abgeschnit-ten, die Körper verstümmelt. Die Wittwe bleibt ein ganzes Jahr auf dem Grabe Hires Mannes um es vor den wilden Tieren zu schiitzen; wenn die Knochen verbrannt sind, darf sie ihr Haar wachsen lassen und wieder heiraten i).

Die Tlinlcet-lndianer laden einige Zeit nach einem Todesfalle die Familienmitglieder aus dem anderen Totem zu einem Feste ein; die Leiche wird vor sie gestellt und verbrannt; die Gaste schreien, verbrennen ihre Haare oder schneiden sie ab und be-schmieren sich mit Asche (die Higyni bringen sich quot;VVunden bei); früher wurde je nach dem Eeichtum des Toten eine Anzahl Skla-ven getötet, unter den Gasten werden Geschenke und Speisen verteilt. Die Asche der Leiche wird in bemalten Schachteln in der Nahe des Hauses bewahrt, audi werden Monumente zur Ehre der Toten errichtet, weitere Feste aber sind selten, weil die Kosten eben zu hoch aufgeführt wurden, der Gastherr gab dann ja nicht selten all sein und seiner Frau Eigentum weg. Beim Tode eines Hiiuptlings wurden früher immer Sklaven getötet um ihtn im Jenseits zu dienen 1). Die Geister zerfallen in zwei Abteilungen: die der im Kriege getöteten Tapferen und die der natürlich Ge-storbenen; die zweiten geraten eher in das Geisterland je nach dem Betragen Hirer trauernden Verwanten; z. B. ist der Weg der Kinder kurz, wenn die Eltern wenig weinen 2).

Von den Stammen des Western-Oregon erziihlt Gibbs, dass beim Tode des Besitzers früher ein Teil seiner Sklaven geopfert wurde, bei Hauptlingen und Reichen wurden die kostbarsten Besitzungen erst unbrauchbar gemacht und dann mitverbrannt, es wurde bis zur Verarmung der Überlebenden getrieben. Auf

1

Dall; S. 419. Petroff: S. 165.

2

Dall: S. 422. Pinart; S. 16.

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155

das Grab ciner Fran wurden ihrc Werkzeuge und Kleider gelegt. Die Ornamento eines Hiiuptlingsgrabes werden langere Zeit hin-durch bisweilen erneuert. Die weiblichen Verwanten mussen lange Zeit jeden Morgen klagen, und wonn sie den Toten ira Traume erblicken, fiingt dies wieder von Nenem an, was sehr karakteris-tisch ist. Der Name des Verstorbenen wird lange nicht genannt, bis nach zwei Jahren sein Sohn ein grosses Fest abhalt und erklart, dass er seines Vaters Namen annimmt8).

Von don Klamath-Lalce-lndianer erfahren wir, dass die „SfeVcs, or spirits of tlie deceased, are objects of dread and abomination, feelings which are increased by a belief in their omnipresence and invisibility.quot; The soul of a man becomes a sküks as soon as the corpse lias been buried or consumed by fire. It hovers in the air around its former home or the wigwams of the neighbors and at night-time only.quot; Sie werden blos gesehen, wenn sie Einem zeinen Tod ansagen. Die schlechten skuks verursachen die bösen Triiume. — Die Namen der Verstorbenen werden nie wieder gebraucht4).

Die nördlichen Stiimme Britisch-Columbia's „burn the corpses of all men except medicine-men. These are buried near the shore, and the corpse of the son is always deposited on top of the corpse of his father. It seems that some of the Kwakiutl tribes used to burn their dead; but by far the greater number of tribes of this stock either hung up the dead in boxes in top of trees, the lower branches of which were removed, or deposited these boxes in burial-grounds set apart for this purpose. Chiefs are buried in a separate place. Food of all kinds is burned for the dead on the shore. — The mourning lasts for a whole year. For four days the morner is not allowed to move. On the last of these days all the inhabitants of the village have to take a bath. On the same day some water is warmed and dripped on the head of the mourner. For the next twelve days he is allowed

1) Gibbs: S. 201, 203—205, 210.

2) A. S. Gatschet; „The Klamath Indians ot Southwestern Oregon.quot; Contrib. to N. A. Ethnology. Vol. II, part. I: S. XCVI, XCVII, CVI.

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to move a little, but he must not walk. Nobody is allowed to speak to him, and they believe that whosoever disobeys this command will be punished by the death of one of his relatives. He is fed twice a day by an old woman, at low water, with salmon caught in the preceding year. At the end of the first month he deposits his clothing in the woods, and then he is allowed to sit in a corner of the house, but must not speak to the other people. A separate door is cut, as he is not allowed to use the house door. Before he leaves the house for the first time, he must approach the door three times and return without going out. Then he is allowed to leave the house. After four months he may speak to other people. After ten months his hair is cut short, and the end of the year is the end of the morning period. After the death of a chief his son gives a great festival, in which he takes the office and name of his father. At first, four mourning songs are sung, which have a slow movement, and then the son of the chief stands up, holding the copperplate in his hand and saying: „Don't mourn any more. I will be chief. I take the name of my fatherquot; quot; ').

Der Verstorbene wird bei den Omawhaw gleich bestattet, mit einigen Speisen, zwei Paar Mocassins und einigen Kleinigkeiten zur Benutzung auf der langen Reise ins Jenseits. Die Verwanten machen sich mit Erde weiss und bringen sich Verletzungen zu, lange Zeit statten sie schlecht gekleidet, sogar im Winter, dem Grabe Besuche ab. Beim Tode eines grossen Jagers oder Haupt-lings findet ein allgemeines Trauerklagen Statt, Viele schenken der Leiche Decken u. s. w., wovon die quot;Waisen einen Teil fiir sich behalten und den Rest mitbestatten; 7—12 Monate hindurch wird auf dem Grabe getrauert, zuletzt findet blos noch Beschmie-rung des Korpers mit weisser Erde Statt. Beim Tode des Gatten verschenkt die Wittwe zum Zeichen ihres Schmerzes fast alle ihre Besitzungen, macht sich eine Hiitte von Gras und Baumrinde

I) Boas; „Notes on the Ethnology of British Columbm.quot; Proc. Amer. Philos. Soc. XXIV (1887); S. 427, 428.

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ausserhalb des Dorfes, schneidet ihre Haarc ab, verlotzt sicli und wehklagt in einem fort1). — Wenn Einer vom Blitz zerschiagen wurde in seinera Hause, so wird dies sogleicli verlassen, und soil er auf derselben Stelle bestattet werden mit aufgeschnittenen Fusssohlen und dem Antlitze naeh unten gekehrt, so gelit er gleich zu den glücklichen Jagdgefilden oline weitér den Lebenden zu schaden. — Der Name eines verstorbenen Vaters wird nie meiir ausgesproehen 2).

Wenn beim Medicin-Tanze der Cheyenne-lnd'mner Einer der Erschöpfung unterliegt und stirbt, so werden Pferde zum Gebraueh des Toten in den glücklichen Jagdgründen geschlachtet, und die Wittwe des Verstorbenen bringt sich hassliche Wunden an den Armen und Brüsten bei. „Jeder Artikel, welchen man im künf-tigen Leben für nöthig erachtet und den der Verstorbene bei Lebzeiten nicht besass, wird sogleich von seinen Verwandten nnd Freunden geliefert, und zwar mit bedeutenden Opfern.quot; Nie wird ein Grab beraubt, wie gross die Not sei. Der Leiche eines ge-fürchteten Feindes werden die rechte Hand und der rechte Fuss abgehauen um dem Geiste zu verhindern ihnen Böses zuzufügen 3). Die Weissager erhalten Kunde von den Geistern der Abgestor-benen. Auch die gewöhnlichen Mitglieder des Stammes verkehren in ihrer Phantasie fortwahrend mit ihren toten Verwanten, welche sie öfter bis zum Wahnsinn fürchten. Speisen werden manchmal in die Erde gestellt, damit es den Geistern an nichts fehle und sie den Lebenden gut gestimmt sein mogen 4).

Die Potawatomi bestatten ihre Toten mit vielem Ceremoniell, geben ihnen alle ihre Besitzungen mit sowie einige Speisen; die Begriibnissstütte wird föter von den Verwanten besucht, bis die Leiche verfault ist, dann aber wird noch jedes Jahr einmal die Statte besucht und von Speisen versehen. Man tleht den Toten

1

James: S. 282, 243.

2

Owen Dorsey: „Omaha-Folk-Lore Notesquot; im Journal ol' American Folklore. II (1889), N°. VI, S. 1«),

3

Dodge: S. IGd, 106, 114 seq., 108.

4

Ten Kate 1. c.; S. 362.

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an auf seiner Reise nicht urn zu solien, weil sonst ein Verwanter mit ihm ins Totenreich gehen muss }).

Bei den Apalachlten werden die Leichon balsamirt; wenn ein Verwanter stirbt, schneidet man sich einen Teil des Haares ab, stirbt ein Fürst, so rasirt man sich ganz; die Bestattung des Fiirsten ist sehr feierlich, die Hiiuptlinge und Officiere hilngen ihre Waffen an die Bilume auf seinem Grabe, welche in kostbaren Holzsorten von den niichsten Verwanten immer erneut und ver-sorgt werden 1).

Der alte Bróboeuf sagt von den Irolcesen, dass all ihr Thun nur bezweckt die Toten zu ebren, fiir welche nichts zu kostbar sei; sie selbst gehea halbnackt, indom diose mit Kleidern iiber-laden sind. Drei Tage bevor die Leiche auf das Geriist gestellt wird, worden allo trauernden Nachbarn und Verwanten reich beschenkt; sechs Tage nachher findet die grosse Klage Statt, kein Feuer brennt dann und sie ebenbli in ihren Hiitten; ein ganzes Jahr reiben die Verwanten sich kein 01 in das Haar und erscheinen nicht boi Fes ten. Einmal in zwölf Jahren findet ein grosses Totenfest Statt, wobei wieder Geschenke verteilt werden; alle Leichen der zwölf Jahre werden von den Gerüsten genommen und ihre Reste in den hochgeschiitzten Biberpelzen bestattet, Wampum, Kupfergeriito und Töpfe (die kostbarsten Sachen) werden mitbestattet, auch werden reiche Geschenke verteilt und Vieles wird zu Ehrender Toten verrichtet. Auf den feierlichen Versammlungen der Hiiuptlinge werden die grossen Toten geëhrt2).

Bei den Zuni sind die Geister der Abgestorbenen blos Media zwischen ihren Hinterbliebenen und dor Sonne. Ein See, wel-cher den Abgestorbenen gehort, wird sehr gefiirchtet; wer hin-einblickt muss sterben; grosse Opfer werden ihnen dargebracht mit Gebeten diese an zu nehmen. Bisweilen werden Manner er-wühlt um ihnen auf weitem Wege barfuss Opfer zu bringen, damit Regen komme; es gelingt, wenn „nichts Büses in den

1

De Rochefort; S. 432.

2

H. Hale: „The Iroquois Dook of Ritesquot; (1883): S. 71, 72, 82,

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159

Horzen dieser Miinner warquot;; die Toten überbringen diese Gebeto der Sonne'). — Vor dem Essen werden von jeder Speise ein Paar Bissen in das Feuer gevvorfen mit einem kurzen Gebete zn den Almen. Dagegen findet die Bestattung ohne jedo Ceremonie Statt1).

Von den Seminole-Indiancrn erfahren wir, das die Verwanten drei Tage nach der Bestattung zu Hause bleiben und nicht ar-beiten; nachts wird ein Feuer auf dom Grabe unterhalten um die schlechten Nachtvogel zu vertreiben und bei Sonnenuntergang wird Medicin durch das Dorf getraufelt; am vierten ïage ist der ïote nicht lilnger in seinem Grabe und hört die Trauer auf; Bogen und Pfeile worden mitbestattet, damit der Tote jagen könne; nach vier Monaton schneiden die Verwanten das Gras des Grabes ab; die Wittwe triigt ihre Haaro zwölf Monate hin-durch aufgolöst:i).

Von den Canada-Indianern sagt Raynal: „les ombres toujours chóries orient toujours vengeance du fond de leurs tonibeau,\quot;

Die Creeks bestatteten früher die Leiche in dor bewohnten Hütte, wodurch dio Bewohner ofter gozwungen wurden dieselbe zu verlassen. Kinderloichon wurden in hohle Bilume gestollt, deren Öffnung man verschloss. Goistererscheinungen ermahnten zu einem tugendhaften Leben 2).

Ray orzahlt von den von ihm beslichten Inyu, dass nach ihrer Überzeugung die Toten lebon bloiben; doch werden ihre Namen bald vergessen, wenn sie nicht gerade borülimte Jiigor waren bei ihrem Leben quot;J.

Der einer natürlichen Todes Gestorbcne wird bei den Tuski durch oin Loch in der ïïinterseite seiner Hütte herausgeholt,

1

Ten Kate I.e.: S. 294, 304.

2

Ten Kate 1. c: S. 413. Bartram: S. 27.

0) Ray; S. 43.

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damit der Geist den Weg nicht wiederfinde. Die Leichen guter Manner wirden mit ÖI, Moos und Schwimmholz verbrannt, dio der Frauen gewöhnlich nicht, weil Holz selten ist; die der schlechten Manner werden einfach der Verfaulung hingegeben in einem Grabe von grossen Steinen, wo die Hunde hineinkönnen, welche die Leiche fressea. Auf den Grabstein schmiert der Shamane das Eest aus der Herzgegend eines Hirschen, den die Verwanten weiter verzehren; bisweilen wird ein gebrochener Schlitten oder eine quot;VVaffe bei der Leiche gelassen, nach Kennan aber werden alle Besitzungon mitverbrannt

Bei den Atlcha-Aleuten werden die Vornehmen mit vielen Cero-monien bestattet; dem Jiiger werden alle seine Waffen mitge-geben; die Verwanten toten Sklaven zur Ehre des Verstorbenen oder als Beweise ihres Schmerzes; die niichsten Verwanten trauern einige Tage wahrend welcher sie fasten, sich rein halten und nicht met ihren Frauen verkehren; diejenigen, welche den Toten am meisten liebten, fasten sehr strenge, gehen oft zum Grabe imd verschenken ganze Mengen an das Volk zu seiner Erinnerung; die Gattin fastet beim Tode ihres Mannes sechzig Tage vom elften Tage nach dem Tode an, doch wenn er auf dem Meere starb, nur halb so lange 1).

Wenn ein Innuit des Fróbisher und 1'ield-Bai an dem Grabe eines Verwanten vorbeigeht, legt er Fleisch drauf. Wahrend die besten Speisen dem Toten zur Nahrung auf das Grab geopfert werden, wird immerzu mit demselben gesprochen. Das Grab wird nach Monaten, wenn die ganze Familie umgezogen ist, mal wieder besucht2).

Die Tchiylü-lnnuit, welche Petitot besuchte, hielten es fiir gut ihn den Geistern der Toten und dem bosen Geiste, Tornrark, zu opfern, nachdem viele Ungliicksfalle sie heimgesucht batten 3).

fanden wir also die Toten-

Durch Gobrauche und Aussagen

1

Petroff: S. 159.

2

Hall 1: S. 321, 197.

3

Petitot: S. 200.

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furcht resp, Verehrung bei neun und zwanzig nordaraerika-nischen Vólkern wohl bezeugt.

Betrachten wir jetzt die Volkerschaften vou Süd-Amerika.

Über die Indianerstamme Guatemala's berichtet uns Stoil Fol-gendes, woraus die Existenz des Toteukultes bei ihuen deutlich hervorgeht. „Wean in der Verapaz eln Vornelimer starb, so legte man ilim zunüchst eluen kostbaren Stein in den Mund. Es soil dies sogar schon vor dein letzten Athemzug geschehen sein, damit der Stein die Seele des Verstorbenen aufnelirae. Dieses Amt wurde in hohen Ehren gehalten, im Volke besorgte es der Vornehmste, beira Tode eines Königs der ihm Niichst steiien de. Der Stein wurde von dieser Person selbst aufbewahrt und ihm mit Opfern gött-liohe Verehrung erwiesen.quot; Die Leiche eines obersten Hauptlin-ges wurde mit vielen Edelsteinen bedeckt, von den Hauptlingen gescheukt, bestattet. „Die Sclaven des Verstorbenen wurden ge-tödtet, damit sie ilun in's künftlge Leben vorausgehen sollten, um den Aufenthalt ihres Herrn vorzubereiten, denn nach der Ansicht der Indianer brauchte man nach dein Tode in einer anderen Welt dieselben Dinge wieder, deren man auf dieser bedurft hatte. Auf die Leichen der geopferten Sclaven legte man die Werkzeuge, mit denen sie ihrem Herrn gedient hatten: dem Ackersclaven Spaten und anderes Ackergeriith, den nbrigen andere Dinge.quot; Den Hauptlingen der Cakchiqueles wurde alles Mögliche in das Grab mitgegeben. Nach dem die Leiche so bestattet, „wurde eine Statue des Verstorbenen auf dem Gipfel des Hügels anfgeptlanzt und ihr künftighin mit Opfern an Blumen, Copal und Thieren göttliche Verehrung erwiesen, da die Indianer glaubteu, dass der-jenige, der im Leben über sie geherrscht, nach dem Tode für sie Sorge tragen wiirde. Wenn das Begrabniss nicht das der obersten Hauptlinge, sondern eines ajau oder Aeltesten des Calpal gewesen war, so galt das Grab künftighin als Asyl für Verbrecher, da sie hofften der Verstorbene worde auch jetzt noch ihr Anwalt beim obersten Hauptling sein, wie er es im Leben gewesen war.quot; Das Totenfest dauerte acht ïage mit Gelagen und Opfern. „Es war ferner Sitte, sich zum Zei-

li

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chen der Trauer um Verstorbene mit gelber Erde zu bemalen.quot;

„Gehorte (bei den Pipiles) der Verstorbene detn Volke an, so beweinten ihn nur seine Verwandten und seine Kinder. Wenn einer Prau ihr Saugling starb, so hielt sie die Milch vier Tage lang in der Brust zurück und gab keinera andern Saugling zu trinken, weil sie glaubte, dass sonst das tote Kind dem Lebenden irgend einen Schaden oder eine Krankheit zufügen würdequot; quot;).

Brinton sagt noch von den Cakchiquels: „as their household gods they formed little idols of the ashes from the funeral pyles of their great men, kneading them with clay. To these they gave the name vivak, men or beingsquot; ^).

Von der Totenbehandlung der Indianer Costa-Rica's erfahren wir Folgendes. Nach dem Tode eines jungen Menschen, eines Weibes, oder einer unbedeutenden Person wird der Körper so bald als möglich zubereitet und in den Wald getragen; bei be-deutenden Personen erfordert dies einige vorhergehende Ceremo-nien; der Körper wird im Hammock mit einem Stück Rinden-tuch bedeckt; als chicha, Cacao und Speisen so viel als möglich von den Verwanten zubereitet sind, wird unter Gesang durch Reibung von Hölzern ein Feuer entfacht, welches heilig ist und nicht benutzt werden darf; es soli neun Tage brennen, nur ein Priester darf es mit Cacao und am Ende der bestimmten Incantation auslöschen. — Die Tiribi welche ihre Leichen verbrennen, verbrannten früher alle ihre Besitzungen mit ihnen und vernichteten auch die Obstbaumo und das Vieh; jetzt aber verteilen sie Alles zwischen die Erben. — Wiihrend dio Verwanten das Lob der Toten singen, legt der durch sie ernannte Ceremonienmeister kleine Stückchen Kattun und Samonkörner auf die Leiche, welche seine Waffen und Werkzeuge vorstellen sollen; so wird der Tote mit allen seinen Besitzungen, symbolisch, für das Jenseits aus-gestattet und verlieren die Erben doch nichts. Jetzt wird die Leiche in ihre Rindenmatte und in ihren Hammock mit Blattern

1) Stoll: Die Ethnologie der Indianerstammc von Guatemalaquot; (1889): S. 70—73.

2) Brinton: „The Annals of the Cakchiquelsquot; in „Brinton's Library of american aboriginal litterature.quot; (4885): S. 42.

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dazu eingewickelt und durch zwei Miinner ganz gleichgiltig in den Wald getragen.

Der Sterbende gilt als unrein und nur der Priester, awa, darf ihn berühren. Die Leiche ist so unrein, dass ïiere die an ihr vorübergehen, nie gegessen werden; deslmlb wird sie an einen ganz einsaraen Ort getragen, und dort in eine Art Sarg von Zweigen gelegt und derartig mit Zweigen und Asten bedeckt, dass aassfressende Tiere sie nicht schadigen können. Die Leiche bleibt etwa ein Jahr, bis zur völligen Verfaulung, in diesem Zu-stande; inzvvischen sammelt man eine Anzahl Schweine je nach der Bedeutung des Verstorbenen, bepflanzt einen Acker mit Korn für chicha; nach einem Jahre werden Priester engagirt: einer für eine gewöhnliche Leiche, sechs sind kaum genug für eine Person von Ansehen. Auch wird noch ein Ceremonienmeister angestellt, welcher Alles beherrscht; der eigentliche Gastberr ist blos Gast, bis Alles vorüber. — Wenn der Tag nüher kommt, gehen Einige in den Wald, öffnen das Leichenpacket, reinigen und arrangiren die Knochen, und packen sie in ein zwei Puss langes Bundel, in ein bemaltes Stück Tuch eingewickelt; die aufgemalten Figuren deuten die Todesart an, z. B. eine Schlange, wenn der Betreffende an Schlangenbiss starb. Die Knochen werden jetzt in dem Hause aufgehangt, derart dass Keiner unter sie her zu gehen braucht. Jetzt fangt das Pest an, d. h. vierzehn Tage lang wird gegessen, getrunken und getanzt; wenn die Alten zu betrunken sind um Aufsicht zu üben, benutzen die jungen Leute die Gelegenheit zur Unzucht. Unter den Leichenreden brennt inzwischen ein heiliges Feuer; am Ende des Festes wird feier-lich von der Reise ins Jenseits gesungen, mit ihren Gefahren bis dieses erreicht, wo man nur geniesst. Endlich werden die Knochen feierlich fortgeschafft unter der Führung der Priester, wobei alte Gefasse zerbrochen werden, aber nichts wirklich wertvolles vernichtet wird. Die Knochen werden in ein gepflastertes und überdecktes Loch versenkt, wie jede Familie eines besitzt. Wahrend die Leiche im Walde liegt, irrt die Seele ohne Körper uraher, von wildem Obst lebend; endlich nimmt sie Teil am Bestattungs-feste, und geht dann ihre Reise an ; das Totenreich liegt im Zenith

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Ira Jenseits herrscht ein immer lustigos Leben; zwar braucht der Tote seine Waffen unci Werkzeuge, doch wird nicht gearbeitet1).

Von den Fuegiern erfahren wir, dass die Verwanten und die Freunde eines Verstorbenen sich schwarzen mit Hoizkohle und Fett2). Die Toten werden unter Zweigen und Steinen bestattet, oder auch in Höhlen und bisweilen in Bergwanden, die der Hauptlinge in der Erde; „the greatest aversion is displayed by the survivors to any subsequent reference to the deceasedquot; s). Ein Eingeborner wollte keine Landvogel essen, da er meinte dass diese tote Manner wiiren 3).

Gelegentlich der Bestattung töten die Tehuelchen alle Tiere und Besitzungen des Verstorbenen; das Fleisch der Pferde wird unter den beiderseitigen Verwanten verteilt4).

Wenn ein vornehmer Guaycuru stirbt, werden einige Manner und Frauen getotet um ihn zu begleiten. Alio Besitzungen werden mitbestattet und viele Pferde auf dem Grabe getiitet. Wahrend der Trauerzeit von drei bis vier Monaten schweigen die Frauen und Sklaven völlig, und essen sie kein Fleisch G). Martius sagt: Manner und Frauen werden im Federschmuck oder gemalt, jene mit den Waffen, begraben. Auf dem Grabe des Anführers wird sein Lieblingspferd geschlachtet. Jede Horde wahlt einen bestiramten Begriibnissplatz für die Ihrigen 5). Nach Southey gehen die Seelen der bösen Menschen in wilde Tiere über, und je schlechter sie waren in um so grössere; deshalb werden solche Menschen öfter an weit entfernten, einsamen Stellen bestattet6). „Die Seelen der Anfiihrer und Zaubrer schweben nach dem Tode um den

1

Wm. M. Gabb; „On the Indian Tribes and Languages of Costa Uica.quot; Proc. o. the American Philos. Sec. at Philadelphia, XIV (1875): S. 497—504.

2

Parker Snow: S. 357.

3

Darwin: S. 155.

4

Musters: S. 192.

5

Martius: S. 233.

6

Southey III: S. 393.

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Mond, jeuo dor Gemeinen schweifeu durch die Muren umher,quot; hoisst es bei Martius1).

Zur Vorbereitung der Bestattung einer Frau bei den Bororó-Indianeni an dem S. Louren90, Provinz Matto Grosso, wurdo jede Nacht vom Mannerchor gesungen, wahrend hie und da eine Frau wehheulte. „Die nachsten Vervvandten der Toten hatten sich den Kopf kahl geschoren ; ebenso that der endlich eintrcffende Gatte (er war auf der Jagd gewesen, indem die Verwanten seine tötlich erkrankte Frau aus Mitieid töteten), raufte sich auch etlicho Bundel Haar aus und zerschnitt sich mit Glassplittern Arme und Beine, sodass sie mit dickon Blutkrusten bedeckt waren. Bevor man die Leiche beerdigt, hatto man ihr Haar ebcnfalls abgeschnitten, aus diesem spann sich der Wittwer eine lange Schuur, die er als Gürtel trug, die auch beim Schiessen um das Handgelonk gewickelt wird zum Schutz gegen den Schlag der Bogensehne. Am Nachmittage wurde neben dem Schuppen unter Ausschluss der Frauen alles Hab und Gut des Ehepaars, nicht nur derVer-storbonen allein, verbrannt. — üm ein loderndes Keisigfeuer tanzte im Kreise eine Anzahl Manner in höchst groteskem Aufputz, mit grellroter Farbo den ganzen Körper sammt dem Haar beschmiert, schwarze Lackstreifen im Gesicht, den buntesten Feder-schmuck auf dem Kopfe, und Brust und Arme mit Papegeien-federn überklebt, Bündel von grünen Blattern in den Hiindon, grüne Guirlanden um den Leib, einige mit den Kattunrökchen der Verstorbenen behangen. Plötzlich liefon sie in regellosem Durcheinander laut schreiend in den quot;VVald und kehrten bald darauf unter wildem Gebrüll, unter heftigem Schwingen der Schwirrholzer zurück in ihrer Mitte zwei Gestalten unheimlicher Art. Mit Mühe erkannten wir in ihnen den obersten Hauptling und ersten Zauberer; sie waren vom Scheitel bis zur Sohle über und über mit nassem, gelbem Lehm bedeckt und durchsprangen mit bostialischen Satzen und Schreckenslauten don Kreis der Ge-schmückten. Messer und Beile wurden in den vorüberströmenden Fluss, alles Hausgerat ins Feuer gevvorfon, Körbe, Matten, Pfeil-

1

Martius: S. 233.

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bündel und Bogen, die man vorher zerbrach, rote Deckeu, Kür-bisse, Muscheln etc.

Die Klappern rasselten, die Schwirrhölzer brummten, die Men-schen tanzten und lannten, bis alles verbrannt war. Dann wurden die Lehtnscheusale rait Wasser begossen, man ging vergnügt auseinander und die Hütten öffneten sich wieder, in denen die Frauen sich eingeschlossen batten.

Am andern Morgen erschien ein langer Zug, alle friscbe Zweigo in don Hiinden, in dera Schuppen. Der Bruder der Toten trug in einem Korbe das Skelett seiner Schwester, welches man in der Frühe ausgegraben und gereinigt batte. Die eigentliche Hauptfeier bestellend aus Chorgesiingen unter Leitung der prachtig ge-schmückten fiinf Hauptlinge folgte jetzt; auch wurde bis zum Zusammenbrechen getanzt. „Mehrere, auch festlich bemalte, Bur-schen beschiiftigten sich nur mit den Knochen; zuerst suchten sie den Unterkiefer hervor, den sie in weisse Flaumfederchen einhüll-ten, nahraon alsdann den Schadel heraus und setzten ihn im Gelenke auf. Die Knochen waren rein weiss und, wie nur in der Anatomie, elegant priipariert. Das Schadelgewölbe wurde auf das Allerzierlichste mit zarten Purpurfederchen beklebt, die man an der Spitze in tlüssiges Harz eintauchte; entsprechend der quer verlaufenden Kreuznaht setzte man einen gelben Streifen ein; es sah aus, als sei der Schadel mit prachtigem rotem Sammet überzogen. Andere schmückten unterdes den neuen Korb, derzur Aufnahme der Knochen bestimmt war, und eine viereckige, platte Form batte, mit einem Überzug von blauen und gelben Feder-chen. — Darüber wurde es Mittag. Die allgemeine Erregung nahm zu. Die Prauen traten gruppenweise zu dem alten Korbe vor, setzten auf denselben einen Fuss, und ritzten sich mit Glas-scherben den ganzen Körper, Arme, Beine, sodass ein rotes Netz-geader von Blut über alles niederrieselte und mit Thranen und Schweiss vermischt auf den Korb traufelde. ... Die Scherben wickelten sie in ein grimes Blatt und brachten sie dem still bei Seite sitzenden und weinenden Wittwer, der ohne Schmuck war und nur als Gürtel die schwarze Haarschnur seines Weibes trug. Auch er brachte sein Blutopfer. — Nachdem man rait dem

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Schadel fertig war, wurdeu die übrigeu Knocheu nach dor Reiho bis zum lotzten Zehenknöchelchen und Wirbel einzeln mit der roten Ölfarbe angestrichen, die Hilnde von der Farbe mit Paltn-zweigen gereinigt, und alle Knochen sowio die Palmbliitter in den Korb gelegt. Obenauf stopfte man eine Anzahl von Kleidungsstüc-ken, und nübte die prallgefüllte Korbtasche mit fusslangen Holz-nadeln zu.quot; Der Korb wurde in eine Art Nische untergebracht, vor welcher der Tanz fortdauerte, wobei die Zauberer fast in Verzückung gerieten. — „In merkwürdigem Kontrast schloss die Scene am Abend. Ohne alle Feierlichkeit wurde der Korb, einen Mann mit einer Flöte voraus, von drei Personen, um die sich kein Mensch kümraerte, nach der Hütte des Wittwers getragen. Dort verblieb er einige Tage, bis eines Morgens ein kleiner Zug, die Schwirrhölzer schwingend, sodass sich alle Weiber versteck-ten („Die Frauen sterben, wenn sie es erblickenquot;), mit diesera und einem andern Totenkorb das Dorf verliess. Der Letzte der Reihe schleifte über den Boden fegend mit einem grossen Palm-besen eine breite Spur den Weg daher. An einem versteckten Platze bei einer Insel werden die Körbe, deren immer zwei sein müssen, beigesetzt und mit Federn und Matten bedeckt.quot; — Die Seelen werden Arara-Vögel, grosse Zauberpriester gehen auch in Dourado, goldglanzende Fische über, „und die Seele eines Zau-berers war nicht minder ein herrliches Meteor, welches eines Abends den Himmel durcheilte und mit minutenlang anhaltendem gellendem Geschrei des ganzen Stammes begrüst wurde: denn es weissagte den Tod eines angesehenen Bororoquot; '). Dies bezeugt die feindliche Gesinnung der Seelen gegen die Menschen.

Dagegen sagt Von den Steinen auch: „der melancholischsto und traurigste Tanz war dem Andenken ihrer Verstorbenen ge-widmet; sie steilten darin diese als anwesend dar, unterhielten

1) Dr. H. von den Steinen: „Ein Tolenfesl bei den Bororó-Indianern.quot; Verh. d. Ges. f. Erdk. i. Berlin. 1888. XV: S. 485—489.

Rohde sagl: „Stirbt Jemand, so singen die Weiber einen Trauergesang und die verwandten Frauen des Gestorbenen zerschneiden sich die Brust mil scharfen Steinen. Ich sali bei den raeisten Frauen die Brust voller Narben aus solchen Scbnitten.quot; Orig. Mit. d. Ethnol. Abt. d. kon. Mus. z. Berlin. I (1885): S. 15.

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sich mit ihnon und erwiesen ihnon Liebkosungen aller Artquot; '). „Der Tod ist der Racheakt eines Getötetenquot; 1).

Die Leichen der Botocuden, auch die der Frauen, werden in den Hiitten bestattet, welche dann aber nie mehr gebraucht, son-dern verbrannt werden. Da Zn Wied einen Schadel ausgrub, widersetzten sie sich dem nicht gerade, sondern hilfen ihm sogar, fühlten aber ein heimliches Grauen. Auf jeder Seite des Grabes wird eine Zeit lang ein Feuer unterhalten um den Teufel ab zu wehren, zu diosera Behufe kommen die Verwanten öfter aus weiter Entfernung nach dem Grabe zurück. Über das Grab eines sehr geliebten Toten wird bisweilen eine Hütte gebaut. Die Arme der Leiche werden üfter fest zusammengeschnürt2). „Der Ver-storbeno ist übrigens bald vergessen,quot; und, constatirt Martins, „nur wenig Sorge für den Todten, mit ihm nur kurzer Verkehrquot; 3).

Die Bakairi bestatten ihre Toten. Das Grab befindet sich auf dem Dorfplatz. „Der Körper ist in die Hangematte eingewickelt. Die Beigaben sind für den Mann Bogen und Pfeile, für die Frau Siebmatte, Spindel und Topf.quot; Die Miinner zerbrechen wiihrend Alles klagt, ihre Wurfhölzer und Pfeile und werfen sie in das Feuer; die nachsten Verwanten fasten einige Zeit, dann scbmnckt man sich festlich. Die Wittwe geht mit geschorenem Haupt4).

Die Faressi beerdigen ihre Toten im Hause; Schmuck, Hangematte und Proviant werden in das Grab gelegt. Die Verwanten bleiben sechs Tage fastend bei dem Grabe; dann wartet man nicht langer, der Tote ist im Himmel angekommen; am siebenten Tage ein allgemeines Festgelage. Der Tod wird immer durch einen Zauberer verursachtquot;).

Die Coroados bestatten die Leiche in der Hütte, welche sodann,

1

Von den Steinen I.e.: S. 513.

2

Zu Wied, „Brasilienquot; I: S. 355, 333, 364; II; S. 56, 57. Martius: S. 326.

3

Martius: S. 327.

4

Von den Steinen I.e.: S. 339.

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wenn der Tote ein Erwachsener gewesen, auf immer verlassen wird; oino Zeit lang werden Speisen und Waft'en auf das Grab gelegt; zwei Mai taglich erklingt die Totenklage; die Haare werden abgeschnitten oder man lasst sie lange wachsen; die \Veiber schwarzen ihren Körper. Wenn man spater dem Grabe zu-fallig wieder ein mal passirt, wird jedesmal ein kliigliches Heulen angelioben. Die letzte Ruhestiitte eines Toten wird vernichtet aus Furcht vor seiner Wiederkehr und seinen Qualereien. Einige Tiere geiten als Bote der Toten

„Stirbt der Goajiro, so giebt die Familie eine grosse Festlich-keit, die sich wesentlich auf Trinken beschriinkt, und zwar so lange dauert, wie etwas Berauschendes aufzutreiben ist. Reiche worden zwei Mal begraben, wobei es dann zwei Festlichkeiten giebt. Gewöhnlich bestattet man wohlhabende Leute in ihren Ranchos, oder wo sie geboren worden sind; zu diesem Zweck triigt man sie oft sehr weit fort. Allnachtlich brennt ununter-brochen ein Feuer vor dem Grabe, und zwar zwei volle Jahre hindurch, sodass ungeheure Mengen Holzes erforderlich sind. Sodann werden die Knochen sorgfilltig gesammelt, in einen Kasten gelegt und nach dem Kirchhof gebracht, der gewöhnlich an einsamen, unzugiinglichen Stellen liegt; das Grab wird mit Cactushecken umgeben. Treffen sich zwei Angehörige des Todten, so müssen sie die Hande auf die Erde stützen und je lauter, desto besser, wohl eine Viertelstunde lang, heulenquot; 1).

Azara berichtet über die Charrna Folgendes : „Aussitot qu'un Indien est mort, ils transportent le cadavre a un lieu dóterminó, qui est aujourd'hui uno petite montagne, et ils l'enterrent avec ses armes, ses habillemens et toutes ses nippes. Quelques-uns ordonnent de tuer sur leur tombeau le cheval qu'ils aimaient le mieux, ce qui est executó par quelque ami ou quelque parent. La familie et la parente pleurent beaucoup le mort, et leur deuil est bien singulier et bien cruel. Quand le mort est un pöre, un mari, ou un fröre adulte, les filles et les soeurs, dója femmes, se

1

Sievers: S. 258. Simons: S. 792.

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170

coupent, ainsique la femme, une des articulations ou jointures des doigts, pour chaque mort, en commen9ant cette opóration par le petit doigt. En outre, elles s'enfoncent a diffórentes reprises le couteau ou la lance du dófunt, de part en part, dans les bras, le sein et les flancs, de Ia ceinture en haut. Je l'ai vu. Ajoutez a cela qu'elles passent deux lunes en retraite dans leurs cabanes, oü elles ne font que pleurer, et ne prennent que tros peu de nourriture. Je n'ai pas vu une seule femme adulte, qui eüt les doigts complets, et qui ne portat des cicatrices de coups de lance.quot; Die erwachsenen Kinder marteru sich beim ïode des Vaters in noch furchtbarerer Weise1).

Derselbe Forscher erzablt von den Mbayas: „La familie ou la parentó pleure les morts, surtout si c'est un cacique ou un sujet de réputation; et on l'enterre dans le cimetière ou lieu déterminé pour eet objet, avec ses bijoux ou ses nippes et ses armes. De plus on ógorge sur la tombe quatre ou six de ses

meilleurs chevaux____S'ils enterrent avec le cadavre les bijous

et les chevaux du dófunt, c'est que tous les indiens sauvages out une grande horreur pour les morts, et qu'ils ne veulent rien conserver qui leur en rappelle la mómoire.quot; (Ob das wohl die eigentliche Ursache?). „Le deuil dure trois ou quatre lunes, et seulemcnt parmi les parens; il se réduit a ceci: les femmes et les esclaves ne mangent que des vógótaux et point de chair, et gardent un silence si profond qu'ils ne rópondent pas un mot a ceux qui leur parientquot; 2).

„Aussitot qu'un Fayagud est mort, des vieilles l'enveloppent avec ses nippes et ses armes dans sa mante ou chemisette, et la familie loue un homme pour le porter au cimetière. Celui-ci, ainsi que les siens, peut conserver cequ'il veut des effets du dófunt, parceque les Payagua ne sont pas en cela aussi scru-puleux que les autres Indiens. II n'y a pas encore longtemps qu'ils enterraient leurs morts assis, la tete hors de la fosse, mais couverte d'une grande cloche ou pot de terre cuite. lis ont appris

1

Azara II: S. H7-H8.

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171

de nous a les enterrer entiorement, et tout de leur long, ce qu'ils font de peur que les tatous et les pores sauvages ne dóvorent les cadavres, comme ils le faisaient auparavant. Ils ont soin d'arracher les herbes sur les sepultures, de les balayer, de les couvrir do huttes semblables a celles qu'ils habitent, et de mettre sur le tombeau des hommes qu'ils aimaient, une multitude de cloches ou de pots de terre couverts de peintures, les uns sur les autres, et l'ouverture en bas. Les hommes ne font jamais de deuil, pour quelque motif que ce soit; et celui des femmes so réduit unique-ment a pleurer durant deux ou trois jours leur père ou leur raari: mais s'il a étó tu6 par les ennemis, ou un homme d'une grande reputation, olies le pleurent plus long-tems, en tournant nuit et jour autour do la peupladequot; 1).

Die Cayapóts feiern ein eigentümliches Fest, gebrar cabessa, „Kopfbrechenquot; genannt, wobei nach einem Tanze Jeder vom Hauptling seine Stirn blutig schlagen lasst, worauf die Frauon heulend und tanzend das Blut abwischen. „Es soli dies eine Art Sühnungsceremonie sein, welcher sich alle Indiër, wie man eagt, unterziehen müssen. Ahnliches geschieht auch bei den Begriib-nissen der Reichen unter ihnen, das ist jener, welche etwas Vieh oder Nahrungsmittel zurückgelassen haben. Dor erste Tag nach dem Tode eines solchen wird mit Heulen und Weinen zuge-bracht. Dabei werden stets die Thaten des Verstorbenen im sin-genden Klagetone erziihlt und gepriesen; wie viele Rehe und Schweine er erlegt, wie viele Feinde er getödtet habe, u. s. vv. Am zweyten Tage sieht man sie mit Klötzen zur Hütte des Hauptlings laufen, um jenen Stirnschlag mit der Keule zu er-halten, worauf sie mit herabströmendem Blute zu dem Todten zurückeilen, um den Leichnam mit diesom Blute zu bestreichen. Endlich wird die Leiche sitzend in cine Grube gesenkt. Man gibt Esswaaren, den Bogen und dio Pfeile, deren sich der Verstorbene bediente, mit in das Grab. Alles hinterlassene Vieh wird sogleich geschlachtet, und unter Tanz und Gesang alsTodtenmahl verzehrtquot;2).

1

Azara II: S. 143, 144.

2

Pohl II: S. 401, 402.

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172

Von deu Canoeiros erzahlt Pohl, class die Beerdigung der Toten mit grossem Geheule stattfindet; Bogen, Pfeile und Lebens-mittel werden neben der Leiche in die Höhle gelegt; die Besit-zungen des Verstorbenon werden alle verbrannt, indera man seine Geschichte und seinen Kuhm orzahlt. Die ïrauor wird 8—30 Tage bindurch bezeugt durcb Geheul, Schwarzung des Korpers und das Tragen einer kleinen Straussfeder am Kiicken

Des vorigen Verfassers Beschreibung der betreft'enden Sitten der Lenyua verdient ebenso hier wiedergegeben zu werden: der Kranke wird mit Peuer und Wasser allein gelassen aus Furcht vor dem Toten, nur aus der Feme wird zugeseben wann er endlich stirbt. „Aussitöt que le malade a expiró, quelque indien payó par les parens, ou bien quelques vieilles, I'enveloppent sans perdre un instant, dans sa couverture d'étoffe ou de peau, avec ses nippes; on le prend par les pieds, et on le traine a une centaine de pas, ou jusqu'a ce qu'on soit las, on ereuse sa fosse, ot ou I'enterre de maniore qu'il est a peine couvert. Les parens pleurent le mort pendant trois jours; mais ni eux, ni aucun autre, ne prononcent jamais le nom d'un mort, mème lorsqu'ils racontent quelqu'une de ses actions les plus remarquables. Ce qu'il y a de plus extraordinaire, c'est qu'a la mort de qui que ce soit d'entr'eux, tous changent de nom; de maniere que, dans toute la nation, il ne reste pas un seul des anciens noms. Quand l'un d'eux meurt, ils disent que la mort ótait cbez eux, et qu'elle a emportó avec elle la liste de ceux qui ótaient en vie pour revenir les tuer ensuite; qu'en changeant de nom, la mort ne retrouvera plus celui qu'elle cberchait, et qu'elle s'en ira le cbercher ailleursquot; 1).

Die Matayuayos verbrennen Alles, wat dem Toten gehorte, bei der Bestattung, damit dieser es im Jenseits wiederfinde2); das-selbe gilt von den Sarmicus 3), den Chiquitos 4), den Chapacura5).

1

Azara II: S. 153, 154.

2

D'Orbigny It: S. 114.

3

D'Orbigny II: S. 151.

4

D'Orbigny II: S. 1(18. Brinton: „The American Rucequot;: S. 296.

5

0) D'Orbigny II: S. 223.

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173

Die Chiriguana „glauben, dass die Verstorbenen öfter in Thier-gestalten wieder erscheinenquot;, und „begraben ihre Toten in der eigenen Hütte in grossen irdenen Töpfenquot; i).

Anders und ausführlicber ist ein neuerer Bericht. „Quand un Indien est sur le point de mourir, ces amis et ses parents se réunissent dans la case; iis prodiguent leurs caresses an patient; ils lui passent les mains sur les joues et le menton. Lorsqu'il rend le dernier soupir, la femme pousse un grand cri, et tons de gómir et de burler. On rompt alors la colonne vertóbrale du mort. Le cadavre est ensuite exposé au milieu de la pièce, replió les jambes au corps. Les assistants font cercle autour de lui, la veuve crie et pleure plus fort que tous les autres, et au milieu des sanglots on l'entend dire: „Pourquoi m'as tu abandonnée, men fils, mon ami, pore de mes enfants? Qui viendra mainte-nant m'apporter le bois, semer le mais?quot; Et chaque assistant exprime sa douleur et ses regrets, et fait l'éloge du défunt, et cela, plusieurs jours et plusieurs nuits, sans rópit aucun, sans boire ni manger; les enfants sont mis au lit et observent un jeune rigoureux. Trente heures après la mort, le plus proche parent commence a creuser la fosse dans un coin de la case, prés du mur. II fait un trou d'un mötre de diamotre environ, et profond de quatre a six metres. Pendant ces próparatifs, la veuve fend par le milieu le grand vase en terre appeló yambui, qui lui servait a préparer la chicha. On glisse la partie inférieure du yarabui au fond de la fosse, puis le corps, qu'on recouvre aussi-tot de la partie supérieure; les clameurs redoublent contre le brujo, auteur de la catastrophe; on rejette la terre, on la tasse; puis tous, hommes, femmes et enfants, s'élancent vers le rio le plus proche, se lavent, se baignent, et reviennent en courant a la case. La ils s'assoient par terre autour de la sópulture, coupent les cheveux a la veuve le plus court possible, et les jettent sur la fosse. La veuve est a genoux, pleurant et crachant jusqu'a ce que toute la surface fraichement remuée soit mouillóe de ses larmes; une pierre a la main, elle frappe avec force le sol, cri-

1) WaiU III: S. 419.

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ant, se lamentant. L'expression de sa douleur est vraiment sincere, ainsi que j'ai pu m'en convaincre a Agnairenda, oüj'assistai a une inhumation. Elle se couvre ensuite la tête de tous les vioux haillons qu'elle peut trouver dans la cahute. C'est I'affir-mation de son deuil, qui dure au moins une année, et pendant lequel elle n'assiste a aucune fete, a aucune réunion. ïous les jours elle doit sangloter cinq ou six fois. Si elle se retnarie avant l'expiration du terrne de veuvage, elle se voue au mépris de la tribuquot;

quot;Von den Omaguas sagt Martius: „eigenthümlich ist die Sitte, dass sich nach einem Todesfall die Familie des Verstorbenen einen Monat lang einschliesst, wiihrend welcher Zeit die Nach-barn sie durch Einlieferung von quot;Wildpret erhalten miissenquot; — offenbar ein sehr karakteristischer Austluss der Totenfurcht. Die Leichname ihrer Anfiihrer und Hausvater werden in der Hiitte in grossen ïhongefassen beigesetzt1).

Die Mandos und ihre verwanten Nachbarn „begraben ihre Todten in der Hiingematte oder in Lappen von Turiri-Bast zu einem Kniiuel zusammengeschniirt. Die Grube wird in der Hiitte selbst gegraben und rait der Erde wieder ausgefüllt, die sie unter Tage langem Klagegeheul mit den Fiissen feststarapfen. In raan-cher Hiitte sollen sich hundert Griiber befinden. Besonders bei Angesehenen werden auch die Kleider, der Schrauck und die zer-brochenen Waffen mit ins Grab gelegt. Auf dem eines geliebten Kindes sollen sie ... liingere Zeit Feuer unterhaltenquot; 2).

„Begriibniss und Todtenklage wird (bei den Gês oder Crans) wie bei den andern Indianern geübt; aber nach Verlauf eines Jahres versaramelt sich die Gemeinde, unter denselben Ausdriicken der Trauer, am Grabe; der Leichnam werd herausgenommen, hingelegt und man erziihlt ihm Alles, was sich seit seinem Tode in der Ortschaft im Allgemeinen, und in seiner Familie insbe-

1

Martius: S. 441, 442, 440.

2

Martius; S. 590.

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sondere zugetragen hat. Hierauf werden die Gebeine mit Orlean roth bemalt und zur abermaligen Beerdigung nach dem allge-meinen Begrabnissplatz getragen, wo aucli spiiter noch die An-gehörigen dem Entschlafenen von ihren Erlebnissen erziihlen.quot; Martius fügt hinzu, „dass dieser Zug, wie so Vieles Andere, von der durch die gesammte amerikanische Bevölkerung waltenden Neignng zeugt, sich mit den Todten zu beschiiftigen.quot; „Sie glau-ben die Nilhe der Abgeschiedenen durch ein leises Siiuseln zu vernehmenquot;1).

Der Leichnam wird von den Jumanas „mit zusammengebogenen Extremitaten, das Antlitz gegen Sonnenaufgang, zugleich mit den zerbrochenen Waffen und einigen in den Schooss gelegten Früch-ten, in einem grossen irdenen Topfe begraben. Auf das Grab legen sie, unter Heulen und ïanzen, Prüchte und die Kleider (den Federschmuck) des Verstorbenen, welche nach einigen Tagen weggenommen und den Hinterlassenen übergeben oder verbrannt werden. Ein Trinkgelage schliesst die Ceremonie. Das Grab machen sie von aussen unkenntlich, damit es nicht von Feinden bestohlen werde.... Sie glauben an eine Art Metempsychose. Es wird niimlich berichtet, dass sie, in der Annahme, die Seele wohne in den Knochen, die Gebeine der Verstorbenen verbrennen und die Asche bei Festen mit berauschenden Getrünken zu sich nehmen, damit die Todten in ihnen wieder auflebenquot; 2).

„Die Leichen (der Paravilhana), besonders der Miinner, worden in grossen, mit einem Deckel verschenen Todtenurnen in der Hütte begraben. Diese Thongeftisse sind bei Vornehmen aussen mit einer Harzschicht überzogen. Am Morgen, Mittag und Abend ertönt das Klagegeheul der Familie, die sich zur Trauer das Haar abschneidet. Eine Leichenrede vor der versamraelten Gemeinde feiert den Todten durch Anführung seiner Erfolge im Krieg und auf der Jagd. Nach acht Tagen werden feierliche Tanze gehalten, wobei viel Getrilnke auf das Grab gegossen wirdquot; 3).

1

Martius: S. 291.

2

Martius: S. 485.

3

Martius: S. 632.

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176

„Der Leichnam dor Anführer (der Mauhès) wird mit aus-gestreckten Extremitilten au Latten gebunden und durch ringsum angebrachte Feuer zu einer Mumie ausgedörrt. Darauf setzt man ihn mit eingebogenen Schenkeln in eine runde Grube und erhillt ihn in dieser Richtung durch Steine und Holz aufrecht, ohne ihn rait Erde zu bedecken. Nach Verlauf der Trauerfasten wird die Mumie wieder herausgenommen, aufgestellt und die ganze Horde tünzt unter grasslichem Heulen und Weinen einen vollen Tag um sie herum. Am Abend begraben sie den Leichnam in der allgemein üblichen boekenden Stellung, und die Nacht, unter Tanzen und Trinken hingebracht, endigt die Todtenfeier.quot; „Auch heben sie die Gebeine der Verstorbenen auf, um fein gepulvert bei Festgolagen von den alten Weibern unter das Getriinke ge-mischt zu werden.quot;

„In diesem Cultus der ïodten weichen sie von ihren Nachbarn den Apiaca's ab, die die Leiche am Todestag, das Haupt übrigens in der allgemein gebriiuchlichen Lage an den Knieen, mit einigen Federn geschmückt, begraben, die Waffen und bautnwollenen Gerathe verbrennen, die Geschirre zerschlagenquot;

Von den Foracramecrans erzühlt Pohl: „Wenn einer dieser Indianer stirbt, so versammelt sich die ganze Gemeinde mit grossem Geheul, und Todtenklagen ausstossend, um den Leichnam ; er wird nebst seinen Waffen und Lebensmitteln in eine Grube gesetzt und mit Erde beschüttet. Nach Verlauf eines Jahres versammelt sich die Gemeinde wieder unter denselben Ausdrücken der Trauer an dem Grabe; es wird geöff'net, der Korper herausgenommen, hingelegt, und nun erziihlt man ihra Alles, was sich seit seinem Tode in der Aldeia im Allgemeinen, und in seiner Familie insbesondere zugetragen bat. Hierauf werden die Gebeine des Verstorbenen mit ürucu roth bemalt, und zur abermaligen Beerdigung nach dem allgemeinen Begrübnissplatze getragen. Auch besuchen die Indianer noch oft die Grabhügel ihrer entschlafenen Lieben, und erzahien ihnen alle Vorfallonheiten, fest überzeugt, dass die Verstorbenen sie horen, und Antheil nehmen können.

1) Martius: S. 404.

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Sie sind überzougt, class die Verstorbenen ihre Rückgebliebenen iiraschweben. Sie glauben ihre Ntlhe durch ein leises Sauseln zu vernehmen, und finden in diesom heitern Glauben Trost und Boruhigungquot;

„Ven den Pauixanas, von don Amaripas und JJajunl's wird orziihlt, dass sie dem Leichnara ihrer Anführer in tihnlicher Weise Verehrung bozeugen, wie wires von den Maués angegeben haben. Rings um don an einen Pfoston befestigten todten Kürper wird in geeignetera Abstand Feuer unterhalten; zwei Indianer sind immer beschaftigt, alle Feuchtigkeit an ihm nu entfernon und rückon die Feuer, deren Rauch durch verbrannte Tabakblatter und Harzo vermehrt wird, immer niiher, bis eine vollkommen dürre Mumie bereitot ist, die man sofort in einer thönernen Urne begrabtquot; 1).

„Die Leichen (der Uaupé) werden dicht in die Hangematto zusammengeschntirt, mit don Armbandern, der Tabakbüchse und anderm Tand, in vier bis fünf Fuss tiefo Gruben, unter dom ge-wöhnlichon Todtengeheul, versenkt und mit festgestampfter Erde bedecktquot; 2).

Wir konnten also noch bei vier und dreissig Vólkern die Existenz derartiger Bograbnissgebraüche bewoisen, welche offenbar einen mehr odor weniger intensiven Totenkuit darthun. Fur Süd-Amerika darf jetzt die allgemeine Verbreitung dieser Kultform wirklich als erwiesen angenommen werden.

quot;Welche weitere Bodeutung diesem Resultate zugemessen worden darf, besprechen wir unten, nachdem wir auch die anderen Völkergruppen abgehandelt haben.

12

1

Martius: S. 035.

2

Martius: S. 598,

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§ 5. Die Araher.

Spencer war in Bezug auf die alten Araber sowie auf die heutigen Beduinen wohl ein bischen zu kurz and obertliichlich; wir wollen dies jetzt nachholen, indem wir uns auf die spii-teren ausgezeiclmeten Untersuchungen iiber diesen Gegenstand stiitzen.

Die alten Araber zeigten die höchste Ehrfurcht vor den Graborn ihrer Ahnen!), die Qorósjiten schwuren bei den Vorfahren; bei einigen Stilmmen warden die Ahnengriiber mit feierlicher Ehrfurcht behandelt. Bei den Siid-Arabern war der Ahnenkult höher entwickelt, obwohl auch hier bei weitem nicht so hoch als bei den Griechen und Römernquot;). Ein altheidnischer Branch war am Grabe der Verwanten sich die Haare zn schneiden, was zweifels-ohne eine religiose Bedeutung hatte1). Bei den Grabern, vor Allem bei denen der Helden wurden Steine errichtet, welche allmilhlig mit dem Grabe verehrt wurden. Bisweilen wurde der Tote bei seinem Grabe um Nahrung angefleht. Die Stiitte inner-halb der Steino um das Grab war heilig, gehen, reiten oder weiden daselbst nicht gestattet. Das Grab der Ahnen oder der Helden bil-dete ein Asyl. „Apros sa mort ie héros de la tribu est censó possóder les mêmes qualitós et les memes vertus qui Ie distinguaient pendant sa vie; son tombeau doit offrir a tous ceux, qui recourent a sa protection ou a son aide, les monies avantages que leur aurait assurós sa tente, alors qu'il ótait encore en vie.quot; Öfter werden

1

Goldziher: „Le sacrifice de la chevelure chez les Arabesquot;. Rev. de l'Hist. d. Rel. XIV: S. 50, 51.

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Kameele auf dem Grabe goschlachtet. Auf dom Grabe eines Mannes, welcher berühmt gevvesen um seine grosse Freigebigkeit schlachtet der Voriibergohende ein Tier und verteilt es unter seine Leute. „Les parents se róunissaiont encore pendant plu-sieurs annóes après la mort de celui des leurs qui leur était cher, pour se lamenter sur sa tombe et pour y sacrifier annuelle-ment un chameau.quot; Öfter findon auch Menschenopfer auf dem Grabe Statt. „Les prisonniers de la tribu du meurtrier sont exé-cutós en guise d'expiation.quot; Doch stiitzt Goldziher leider diese letztere, interessante Mitteilung nur auf ein Citat aus 'Antar's Romano, dem er selbst als Quelle kein grosses Zutrauen beimisst. 'Antar lasst die Frauen des feindlichen Stammes, nachdem er die Manner auf dem Grabe seines Vaters getötet hat, sieben Mal um dasselbe herumgehen und begnadet sie dann. Auf das Grab eines bedauerten Helden legon die Frauen ihr Haar. Die alten Araber übten einen echten Totenkuit und diescr mit der Ver-ehrung der Vergangenheit vereint bildete einen Hauptzug in ihrem Karakter').

Was die modernen Beduinen anbetriil't, so möchte ich mich auf das Zeugnis desselben Forschers verlassen, welcher sich auf den besten und neuesten Reiseberichten stiitzt. „Les Bódouins n'en ont pas moins leurs hóros (que les Musulmans), auxquels ils vouent une vónóration particuliere après leur mort.quot; Es giebt Hunderte verehrter Griiber, vvelche Asylo sind. „Celui-ci (le sheikh mort) ne fait que continuer aprös sa mort et dans son tombeau cequ'il faisait pendant sa vie sous la tente, ce dont l'exercice est la religion memo du bódouin, a savoir le devoir de la fidólité envers le gar qui, poursuivi, a recours a sa protection, auquel il doit protection et asile, fut-co au risque de sa propre vie, —

1) Goldziher I.e. X: S. 334, 337, 339, 341, 338, 345, 340, 349, 351, 352. Studiën I.e.: S. 232, 234, 236, 237, 241; „Die Verwandten pfleglen noch viele Jahre nach dem Tnde des geliebten Angehörigen die Todtenklagen und das Kameel-opfer von Jahr zu Jahr abzuhaltenquot;; das Menschenopler wahrscheinlich eine Übertreibung — S. 243; über die Totenklage S. 254, 255, 262. (die Fraser'sche Erkliirung der ïrauergebrauche werde dureh die der Gahilijja, welche vielmehr Liebe zu den Toten bekunden, nicht nnterstützt.)

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la protection do la propriótó do ceux qui vienncnt confier a sa tente un dépot procieuxquot;

Der „wellquot; straft was die Moral der Beduinen verbietet, doch schützt er audi was diese lobt: Kaub und Mord der Feinde und Fremde ~).

Doughty berichtet, dass die Beduinen noch jahrlich so vielo Kameele schlachten, als sie Familienangehörige verloren 1).

Die Jbrrfaw-Beduinen legen noch ihre Haare zutn Opfer auf das Grab eines Helden ^).

Palgrave sagt von den (S7ieraralt;-Beduiiieii Folgendes: „the souls of the dead, for their part, aro little better (als die Kinder von Kobolden und ilhnlichen bosen Geistern mit Menschen ge-zeugt, welche besonders bosbaft sind); they are pleased with, nay require, sacrifices at their tombs, and the blood thus shed nourishes and satiates themquot; quot;).

Den vor d or i nd ischen und sibirischen Beispielen Spencer's kann ich leider keine anderen hinzufiigen; weil sie die relativ zahlreichsten sind, brauchen sie es aber audi am wenigsten; ich wiire geneigt hier die Inductionsreihe als genügend krilftig zu betrachten.

§ 6. Die Vulleer des Kaulcasus.

Die Chewsuren halten bei don Begrabnissen Feste und Wett-rennen ab; audi spilter findet dann und wann ein Erinnerungs-

1

Doughty I: S. 137, 293, 354. Burckhardt; S. 73.

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test Statt ')• Krankheitcn siiul die Kacho cinos vernaohlassigtcn Ahnengoistes 1).

Übcr die Suuneu wird uns berichtot: jede AVoclio itn er-sten Jahre nach dom Tode soli die niichsto weibliche Verwante auf dom Grabo klagen; audi wird tiiglich cine Mahlzeit auf das Grab gestellt; die Manner beteiligen sich nicht bieran. Hoi der Bestattung springt die niichsto wcibliche Verwante in das Grab, streckt sich gerado drin aus und sagt, sie worde nio wiedor hinausstoigen, ihre Freunde roisson sic heraus. Spoisen und Arak worden auf die Erde geschüttet. Nach dor Bestattung findet ein Eest Statt, welches in Botrunkenkeit ondot. Alio Mit-glieder oiner Familie werden in dasselbe Grab boigesotzt2). Friihor wurdon Feindesschiidel ebon auf Mauorn gestookt zur Abwohr von ünglück, jotzt nur noch Tierscliadel 3).

Die Tscherkessen trauern lange über die Toten; nach einem Jahre wird noch ein Erinnerungsfest abgehalton, wobei Geschenke unter die Festgenossen und den Priester vorteilt worden; die Feste zur Erinnerung an tote Frauen und Kinder sind weniger feierlich. Bei diesem Festo wird dor ontblösste Siibel des Vor-storbenen auf sein Grab gebracht, sein Gowohr und seine Pistole werden abgefeuert, seinen Pforden wird ein Ohr abgeschnitten, und endlich veroinen sich die Giisto an einor grossen Mahlzeit. Bei der Bestattung eines Sklaven werden noun Schafe und cine Kuh geschlachtct und vom Publikum gegessen 4). Klaproth berichtot noch wie die Manner sich boi einer Begrabnissfeiorlichkeit mit der Pferdepeitsche auf don Kopf lumen 5). Krankheiten ont-stohen u. a. durch Besessonheit durch oinen Spuk 6).

Die Bergjuden glauben, dass die Socle noch Wochen lang nach

1

Kovalevsky: „La Familie PaU'iarcalc an Caucasequot;, llevuc Internationale ile Sociologie i893: S. 299.

2

Telfer II: S. 81, 82. Bernoville: S. 114.

3

Telfer II: S. 115.

4

Bell 1: S. 236; II: S. 91, 97.

5

G) Klaproth I: S. 570.

6

Bell II: S. 96.

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dem Tode öfter wieder in das Haus zurückkehrt. Der ïote hat keine Kuhe, bevor jeder Tropfen Blutes genicht wurde').

Bei einem Begrabniss der Clearatschai schlagen die Manner sich auf die Stirn und stecken sich in die Ohrliippchen 1).

Über die Osseten besitzen wir gllicklicherweise sehr ausführ-liche und ebenso zuverlassige Nachrichten. Der Tote soli Speisen und Getranke mitbekommen, auf das Grab wird öfter Arak aus-gegossen und werden Kuchen niedergelegt mit dem Wunsche, dass sie dem Geiste nützlich sein werden, bis er das Paradies erreicht hat; ein Jahr lang befürchten sie, der Tote werde nicht genug zu essen haben, jeden Freitag bei Sonnenuntergang besucht die Wittwe das Grab mit Fleisch und Trank; in der ersten Woche des neuen Jahres wird Kirchendienst für die Toten gehalten und ein riesiges Brod gebacken, um das Grab werden auf zwei Stöcken Waffen und Kleider gehiingt, Lieblingsgegenstande des Verstor-benen werden daneben gelegt und ein wenig Arak wird drauf geschüttet — dann liisst man den Toten mit seinen Speisen allein. — Bei der Bestattung bringt ein alter Mann oder eine alte Frau ein Hoch auf dem Toten aus, dass er unter den Geistern berühmt sein möge, selbst seine Speisen geniessen, dass dieselben sich vermehren und gut bleiben mogen und er davon verteile unter diejenigen Toten, welche nichts erhalten. Öfter finden Er-innerungsfeste Statt, welche jeder Familie mindestens 2000 Rubel jahrlich kosten und manche ruiniren. Was die Giiste essen, kommt den Toten zu Gute. Den letzten Freitag in December wird Stroh verbrannt zur Erwarmung der Toten. Es ist die tiefste Beleidi-gung Jemandem zu sagen, dass seine Toten hungern. Früher wur-den Waffen, Kleider u. s. w. mit der Leiche verbrannt. Es findet sich keine Spur von Wittwenverbrennung; die Wittwe schneidet ihr Haar ab und legt es auf die Leiche zum Zeichen, dass sie ihm spiiter auch zugehören will8). Das Pferd des Toten wird auf das Grab gefiihrt, mit dem Wunsche, dass er es spiiter bereiten

1

Klaproth I: S. 522.

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183

moge. Der Geist dos Toten besucht seinc Familie, geht mit ihr auf Raub aus, schenkt ihr sein An teil in der Beu te und offenbart sich dabei. Die Wittwe bereitet ein ganzes Jahr das Bett für ihn. Die Toten beteiligen sich an allen Farailicnfesten. Die Kraft des Eides bei den Toten hiingt ab von ihrer mehr oder weuiger treuen Verpflegung. lm Traum besuchen die Nachgebliebenen sie auf einer Ebene, wo nur die Würdigen kommen und woher sie einen Samen mitnehmen dürfen, der gute Ernte und Glück schenkt; Unwürdige kommen dahcr zurück mit unheilbaren Pfeil-wunden. Die Grabstatten der Familie und des Stammes sind heilig. Bei Verkauf des Landes wird erst don Toton noch ein grosses Fest bereitet, da jetzt ihre Graber verlassen werden und sie daher aus Furcht vor Erschoinungen ausgesöhnt werden müssen. — Klap-roth erziihlt, dass die Miinner und Frauen sich beim Absterben eines Verwanten verstümmeln, vor Allem die Frau des Verstor-benen und diese fast ein ganzes Jahr lang. — Alles Gute kommt von den Toten, fortwiihrend wird zu ilmen gebetet. In einigen Gegenden wiihlen die Toten selbst den ehemals Tapfersten zum speciellen Object der dargebrachten Huldigungen; diese Toten-hauptlinge waren bisweilen liistorischo Persönlichkeiten und schütz-ten besondere Districte *).

In einem anderen Werke fügt Kowalewsky ahnlichen Mittei-lungen über den Ahnenkult der Osseten noch hinzu: „C'estaoux qu'on dolt le bienfait des rócoltes abondantes, et la multiplication rapide du bótail. Volontiers aussi ils prêtent leur secours contre les divers ennemis que peut redouter une familie. Plus d'un malheur survenu a ces derniers a ótó attribuó a l'influcnce nefaste des esprits. Les étrangers ne sont pas les seuls a los craindro.

1) Morgen nach Kowalewsky: S. 385—389, 406.

Klaprolh II; S. 605, 606.

Morgan: S. 384, 389.

Von Ilaxthausen II: S. 35, 21.

Pallas: S. 61.

Hahn: S. 63.

Auch werden bisweilen die froramsten Toton besonders verohrt. Kovalowsky : „Coutume Contemporaine: S. 59, und überhaupt S. 48—64.

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Leur colore menace ceux des parents qui n'accomplissent point les devoirs vis-a-vis des morts, et les laissent manquer de nour-riture et de boisson. Les maladies des hommes et des betes, les malheurs arrivés en route, la mauvaise réussite des affaires n'ont souvent aux yeux des montagnards d'autre cause que la rancune du défunt.

„Aussi cette crainte force-t-elle les Pschavs a implorer souvent celui dont ils ont perdu la mómoiro, afin qu'il consente a par-tager avec les autres les offrandes des vivants et a ne point leur devenir nófaste si on lui manquait involontairement d'égardsquot; '). Krankheiten sind die Rache vernachliissigter Toten. Die Weiber schneiden ihre Haarfiechten ab und die Miinner zerreissen ihre Kleider nach einem Todesfalle 1).

Bei den Inguschen dürfen wir auch Ahnenkult annehmen, aus folgenden Grimden. Der insolvente Schuldner fordert von seinem Gastfreunde Hilfe mit der Drohung: sonst töte ich einen Hund auf dem Grabe deiner Familie. Wenn Einem ein Sohn stirbt, geht ein Anderer dessen Tochter gestorben zu ihm und sagt: dort wird dein Sohn ein Weib bedürfen, ich gebe dir meine Tochter, zahle den Kalym; nie wird dieser Vorschlag abgewiesen, obwohl der Brautpreis bis zu dreissig Kühen betriigt2).

Fügen wir jetzt noch hinzu, was Kovalevsky üher don Ahnenkult verschiedener kaukasischer Vülker oder von ihnen im Ailge-meinen sagt; Pour ces peuples „la mort n'est pas un terme de la vie et ne provient jamais de causes naturelles, mais de l'in-fluence d'esprits malveillants, d'ancêtres protecteurs des families anciennes. Les montagnards regardent la mort comme une offense d'un genre spécial; offense faite a une gens par une autre et imposant le devoir de la vengeance.quot; „De peur de se faire un ennemi du mort, les vivants sont obligés de fournir aux morts tout ce dont ils peuvent avoir en vie.quot; „Toutes (les) offrandes faites au mort n'ont qu'un but; celui de se le rendre favorable,

1

Kovalevsky: „Familie Patriarcalequot; I.e.: S. 290, 300.

2

Klaproth II: S. 61ü.

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d'ou fairo un esprit protecteur, im associó invisible de toutos les entreprises do la familie, ainsi qu'un ennemi et un vengeur envers tons les ounemis et tous les adversaires. Non soulomont les Ossètos, inais les Tcherkesses, les Svanotes, les Pschavs et les Tousehins croient que les ames des ancêtres dótournent d'eux les dangers et les malheurs. Invisibles ils prennont part aux guerros et aux attaques entreprises par leur clan; ils ont soin que les vivants no manquent do rien, et contribuent a rabondanco dos récoltes on volant du grain aux voisinsquot; ').

Leider kann ich vorliiufig nicht raehr als dioso acht Beispielo des Abnenkultes aus dom Kaukasus auftreibon, doch dürften sie genügon urn dio allgomoine Verbreitung dieser Kultform auch in dieser für don Ethnologen so interessanton Volkermasse höchst wahrschoinlich, wenn nicht gewiss zu machon.

§ 7. Die Australiër.

Jetzt wollen wir zu den australischen Vólkern über-gehen, deren Spencer'sche Beispielo wohl auch noch einige Ver-mehrung bedürfen.

Merkwiirdig ist ein hollandischer Bericht über die Marager, die Bewohner der Melville-Insel. Es wird zwar ausdrücklich behauptot, dass die Geister der Ahnen nicht angebetet worden, doch legen die Bestattungsceremonion ein ganz anderos Zeugniss ab. Auf das Grab worden Waffen oder (auf das ein es Weibes) Grabstöcke gelegt; bei der Bestattung schlagen die Verwanten ihre Köpfe gogen die Felsen oder prügeln sich mit Steinen, bis Blut kommt, ja ihre Freunde verstecken ihre Waffon, weil sio sich sonst den Garaus machon könnten. Natürlich wird ein furchtbarer Larm gomacht. Die niichston Verwanten werden zurückgehalten, damit sie nicht in das Grab springen. Ein Paar Tage nach der Be-

1) Kovalevsky: „Familie Patriarcalequot; I.e.: S. 299—302.

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stattung wird noch eine Art Ausfahrtsfest gefeiert; die Anno werden zur Trauer geschwarzt, die Alten reissen sich Ochselhaare aus und werfen diese auf das Grab, die Brusthaare brennen sie sich ab ').

Ebenso bringen sich die Bcwohner dos King- George-Sound, vor Allem die Frauen, gelegentlich einer Bostattung schrecklicho Wundon boi als Zeichen der Trauer, die Wundraalo machon sie für immer sichtbar 1).

Die Namen der Toten worden am Moore-River aus Furcht nie genannt. Boim Todo eines Mannes machen dio weiblichen Verwanten bis zu einem bestimmten Grade sich weiss. Wer nicht bestattet wurde, wird ein bösor Geist und muss immer über die Erdo umherirron; audi die Seele des nicht Geriichten wird ein solcher böser Geist, Ingna 2).

Bei dor Bestattung einer Leiche nehmen die Eingobornen am Darling-River ein Stück Fleisch von dom toten Körper, trocknen es und vertoilen os unter die Fremden und Verwanten; diese be-nutzon es zum Zauber, saugen Kraft horaus odor werfon os in don Fluss um einen Überfluss von Fisch zu erzielen. Die Namen der Toten worden in der ersten Zeit nicht genannt, angeblich nicht aus Furcht vor diesen, sondern um die Verwanten nicht zu schmerzen 3).

Von den Nord-Queenslandern erzahlt Luniholtz, dass ein grosser Krieger rait vielem Tumult bestattet wird, wahrond sie sich mit ihron Tomahawks schneiden und auf die Köpfe schlagon. In vielen Stammen wird Einer bestattet an der Stelle, wo er geboren wurde, und werden öftor in dieser Absicht lange Reison gemacht. Die Sorgo für die Leichen hat ihron Grund in der

1

Browne: S. 451.

2

Oldfield; S. 237, 247, 248, 229.

3

Bonney: S. 129, 135.

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Furcht vor den Toten, bisweilen werden die Eeine derselbcn festgebunden um ihnen das Gehen zu verhindern, Nie wird der Name eines Toten genannt, aus Furcht dass dieser den Auf-enhaltsort der Lebenden entdecken würde. „I found a widespread fear of the dead, to which the imagination of the natives attributed all sorts of remarkable qualities. The greater the man was on earth, the more his departed spirit is feared. Of the spirits of those long since departed there is no dreadquot; '). Das Fett eines toten Feindes wird aufgehoben, es versichert guto Jagd 1).

Die Eingebornon der Coburg-Ilalbinsel stollen ihre Leichen auf Gertiste auf; in der Umgebung dieser Geriiste irren die bösen Geister der Abgestorbenen herutn, und deshalb werden sie vor Allem nachts sorgfaltigst gomieden oder allenfalls wird ein Feuer-Stock mitgenommen. Die Mutter triigt öfter Jahro lang einen Knochen, moist den Schildel, ihres verstorbcnen Kindes mit sich. Feinde und grosse Übelthiiter worden begraben. Die Griiber der Europiier werden nie geschandet. Sie hegen überhaupt vor Toten den grössten RespekU).

Von den Narrinyeri sagt Taplin: bei dem Begrabnis werden viele Feierlichkeiten vorgenommen, welche die iiusserste Traurig-koit und Verehrung, doch vor Allem Furcht ausdriicken. Das Haar des Toten wird zu einem Kopfband verarbeitet um die Augen zu schilrfen. Die Toten kommen aus Wyirrewarro um auf Erden herumzugehen und ihren Feinden zu schaden; wiiste, rachsiichtige Menschen werden wenn gestorbon sehr gefiirchtet, und im Allgemeinen alle Gespenster. Die Beurteilung ihror Thaten durch die Toten wird durchaus berücksichtigt und sehr gefiirchtet, was Freundo benützen um Zwistigkeiten zwischen engen Verwanten beizulegen. Der Name eines Toten wird nie ausgesprochen, bevor die Leiche verfault ist. Viele Sterne sind tote Krieger. Die Toten beeinflüssen die Elemente, auch als Hilfsmittel zu ihrer Rache 2).

1

Lumholtz: S. 272, 282

2

Woods; S. IS, 05, 19, 36.

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J 88

Howitt crzahlt von dou Ktirnai, dass sio glaubon, dio Totou wandern herum in dom Lande, woher sie kamen; durch Medion (birraark) verkohron sio rait don Lebenden. „They believe the spirit of the deceased father, or grandfather, occasionally visited his descendants in dreams, and imparted to them charms (songs) against disease or witchcraft.quot; „These „ghostsquot; may bo said to be the ancestors of those with whom they communicate and, to be, therefore, well disposed to them; but there arc other „ghostsquot; which are believed to bo evil disposed, which are thought to prowl about and to endeavour to capture the Kiirnai, and wo may well regard those as representing the deceased enemies who in the flesh also prowled about intent on evil.quot; Die Toten warnen mitunter ihre Verwanten, wann dieso sterben werden. Die Woissen warden im Anfang als ihre Toten betrachtet und im Bositze übernatürlicher Macht geglaubt. „Independently of the reluctance to name the dead, — which we may connect with the belief that they might be wandering near unseen, there is also a strong feeling against naming the dead, or seeing anything belonging to them, lest the sorrow should bo again revived. This may seem strange, but I am convinced that it is a true reason. Shallow as are the feelings of the aborigines, they are intense while they last; and they may be easily roused again in all their former strength.quot; Howitt giebt oin Paar sehr interessanto Boispiele hiervon ').

Von den Tasmaniern erfahren wir: „the aborigines were extremely superstitious, believing most implicitly in tiie return of the spirits of their departed friends and relations to bless or injure them, as the case might be; and they often carried about with them one or other of the bones of the deceased as a charm against adversityquot;.... „They reposed unqualified trust in the tutelar agencies of the spirits of their departed friends and relations.quot; „They never spoke of the dead, nor ever again mentioned their namesquot;.... „To introduce, for any purpose whatever, the name of any one of their deceased relatives, calls up at once a

1) Howitt and Fison: 3. 246—249 29;!.

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frown of iiorror and indignation.quot; Eine tote Fran wurde geglaubt don Tenfel aus einem Kranken nehmon zu konnen. Bisvveilon werden die Beine imd Arme der Leiche gleicli nach dem Todo festgeschniirt. Begrilbnissstiltten werden sehr gefiirchtet und Jleilen weit umgangen

Die Queensliinder am Moreton-Bai essen dio Leiclie, welche unter alle Freunde und Verwanten dazu verteilt wird ; dio Knochen werden Jahro lang durch die Verwanten horuragetragon, dann in einen hohlen Baum gestellt, woher sie zu nehmen Sacrileg wiire. Wahrend die Verwanten die Leiclio zur Verspeisung zube-reiten, bringen sio sich AVunden zu, dass ihnen das Blut von den Schultern strömt. Der Name des Verstorbenen wird nie ausgesprochen. Die Toten werden sehr gefiirchtet, weil sie ihnen Böses zufiigcn 1).

Bei den Eingehornen West-Victoria''s wird die Leiche einos gewöhnlichen Menschen mit seinem Besitztumo bestattet oder verbrannt; dor Gatte triigt die Ascho seiner Frau, bis er wieder hoiratet. Die Leichen werden nicht gefiirchtet. Die Bc-stattung eines Hiiuptlings geht mit vielon Feierliclikeiten ge-paart; die Wittwe trilgt seine Asche zwei Jahre lang. Der Wittwer trauert drei Monate iiber seine Frau, bodeckt Kopf und Gesicht mit woisser Erde und schindet sich die Stirn bis das Blut strömt; dies wahrt noun Monate, wenn er nicht ehor zur Eache Einen tötet; thut er das nicht, so suchen ihre Verwanten ihn zu töten. Die Wittwe trauert zwölf Monate und verstiimmelt sich furchtbar. Die Leiche von einem nicht durch Krankheit gestorbenen wird von den Verwanten gegessen, aus Ehrfurcht und Trailer s). Die Seelo eines guten Menschen verliisst die Leiche nach drei Tagen und geht dann in ein schönes Land iiber den Wolken. Kleine Kinder haben koine Seelen. Die Seelen dor Schlechten wandern ein Jahr lang iiber die Erde, Andere erschreckend, und steigon dann nach Ummekulleen auf immer hinab2).

1

Lang, Queensland: S. 357, 361, 367, 379.

2

Dawson: S. 51.

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Von den Australiern im Allgemeinen sagt Curr, dass die Leichen vor der Bestattung gebunden werden aus Furcht vor ihrem Entschliipfen. „The more nearly related, the more influential in life, the more the deceased is feared.quot; Bei der Beerdigung finden Selbstmisshandlungen der Trauernden Statt; nachher wird der Name der Toten nie mehr genannt, nur dass alte Frauen wohl noch mal über ihr Kind trauern, mehr als über ihren Gat-ten. In einigen Stammen werden die Leichen von den Miinnern gegessen ').

§ 8. Melanesien.

Die ivestlichen Stamrne der Torres-Strasse heben bisweilen die Schüdel ihrer toten Verwanten im Hause auf, die der Feinde aber an der Aussenwand des Hauses oder auf üffentlichen Platzen; das erstere geschieht aus Liebe und um sie zur Divination zu benutzen. Die Mutter triigt mitunter die Gebeine ihres Kindes mit sich. Weil es nütig den Schiidel des Toten aufzuheben, ver-scheuchen mehrere Manner durch Stampfen auf das Grab seinen Geist, sonst würde der Kopf nicht leicht nachgeben. Einige Niichte wird bei dem Grabe Wache gehalten, ob vielleicht etwas gesche-hen möchte, wahrscheinlich um von dem dort noch herumirren-den „mariquot; (Geist, Schatten) zu erfahren, wer sein Mörder gewe-sen, denn sie meinen ja, dass jeder Tod durch Zauberei herbei-gefiihrt werde. Es linden dann keine Spukerscheinungen Statt. Haddon vernahm nichts vom Toten von Menschen bei der Bestattung, nur in der Sage von Kwoiam, worauf wir spiiter zuriick-kommen. „I heard no hint of people being put to death to serve as spirit-companions to any one else.quot; Kleine Geriitschaften u. s. w. werden mitbestattet oder beim Grabe aufgehangt; Roste des letzten Mahles werden neben die Leiche gelegt. Eine Bfeife, Speisen, und

\) Curr I: S. 87—89.

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eine Cocosnuss (für den Saft) werden öfter auf das Grab gestellt; kostbare Besitzungen aber, wie Muschel-Ornamento oder stei-nerne Axte begriibt man nicht mit. Der Name des Verstorbenen wird nie mehr genannt. — Uie „mariquot; sind keine Demonen oder Götter, eigentlich verehrt werden sie nicht; wohl aber werden die verstorbenen Verwanten zur Divination durch ihro Schadel aufgerufen, wohl aucli durch die Schadel Fremder. Die Schiidel werden dazu gereinigt, bemalt, ausgeputzt nnd dann vom Frager aufgefordert die Wahrheit zu reden; auch werden sie auf das Kopfkissen gestellt, wobei man meint dass sie zura Schlafer sprechen werden in einom eigentümlichen, bestiniraten Tone. Die Schadel werden auch lm Canoe mitgenommen. In Zeiten der drohenden Gefahr werden tote Helden aufgerufen um Mut nnd Kraft zu geben. „Their ancestors, so far as I could learn, were never really deified. Personally I could never discover any satisfactory evidence in the belief of a god or gods.quot; Auf einigen Insein werden doch bestiinmte Stellen abgesondert gehalten „as sacred to the memory of the dead.quot; — Ich denke, der sorgfaltige Forscher hatte doch cine zu hohe Vorstellung von wildon Güttern sich gebildet, und der Ahnenkult scheint mir durch das von ihm Mitgeteilte überzeugend bewiesen

Die Bestattung auf Bougainville in den Solomons-lnseln ist ver-schieden je nach dem Stande des Verstorbenen. Hiluptlinge und Mitglieder ihrer Familie werden meist verbrannt, die Asche mit dem Schadel und den Hiiftknochen in eine Hiihle auf einer heiligen Insel gebracht oder dem regierenden Hiluptlinge in Bewahrung gegeben; um den Sarg herum stehen vier Pfahle an deren Spitzen Köpfe geschnitzt sind, Pflanzen und die Keule des Toten liegen drauf, kleine Gegenstilnde zum Putz und zum tüglichen Gebrauch werden hinzugefügt. Die Leichen aber der gewöhnlichen Leute werden in das Meer geworfen, die Verwanten rudern nicht, son-dern weinen conventionell. Auf Ugi werden die Schiidel bisweilen in einem „cairnquot; von Steinen aufgehoben auf einer Klippe oder auf einer einsamen Insel, wohl auch in einer kleinen Hütte,

•1) Haddon: S. 307, 317, 318, 338, 319.

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hinter einera Schirrae, vor wolchem Spcisen stollen. Auf Sancta Anna werden alle Manner tief in einer Grube begraben, spiiter werden die Schiidel hervorgeholt und in einem hölzernen Haifiseh in dein Toba-Hause aufgestellt, vom Hauptling wird der ganze Körper in einen solchen Fisch gesteckt; in kleinerera Massstabe wird dasselbe mit den weiblichen Leichen gemacht. — Als Zeichen der Trauer wird das Haar kurz geschnitten oder ganz weg rasirt'). Das Tabu-Haus ist in hohem Grade heilig; wenn ein neues gebaat wird, findet zavor ein Fest mit Menschenopfern Statt!!).

Statt aber weitere Einzelheiten mitzuteilen ist es besser, dass wir uns auf das vollwiehtige Zeugniss Codrington's bernfen, wel-cher vollstündig competent ist. Er macht gleich den so nötigen Unterschied, den Spencer übersah, zwischen „spirits who are beings of an order higher than mankind, and the disembodied spirits of men, which have become in the vulgar sense of the word ghostsquot; 1). Von den ersteren wird wenigstens jetzt nicht angenommen, dass sie je Menschen gewesen sind.

Doch liisst sich Codrington so wenig liber die Prioritiit dieser Geisterarten aus wie über die Frage, ob die ersteren nicht den-noch aus den Seelen der Abgestorbenen entstanden sein könnten.

In den Teilen Melanesiens, welche Codrington behandelt, kommt der Glaube an beide Geisterarten nicht gleichmiissig gemischt vor. Zwar sagt er „among Melanesians at any rate it is very common to invoke departed relatives and friends, and to use religious rites addressed to them.quot; „There is, however, a very remarkable difference between the natives of the New Hebrides and Banks' Islands to the east, and the natives of the Solomon Islands to the west; the direction to the religious ideas and practices of the former is towards spirits rather than ghosts, the latter pay very little attention to spirits and address themselves almost wholly to ghosts. This goes along with a much greater develop-

1

Codrington „Melanesiansquot;: S. •120. S. 121: „They make a clear distinction between tlie existing, conscious, powerful, disembodied spirits of the dead, and other spiritual beings that never have been men at all.quot;

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ment of a sacrificial system in the west than in the east; and goes along also with a certain advance in the arts of life. Enough is hardly known of the Santa Cruz people, who lie between, to speak with certainty, but they appear to range themselves, as they rather do geographically, on the side of the Solomon Islands.quot; „In Fiji also this worship of the dead, rather than of beings that never were in the flesh, accompanies a more considerable advance in the arts of life, than is found in, for example, the Banks' Islandsquot; ').

Auf den Neuen-Hebriden und Banks-Inseln, wo die „Spiritsquot; den ersten Platz einnehmen, spielen die „ghostsquot; aber doch eino bedeutende Rolle ~).

Bovor wir aber das Verhaltniss dieser zwei Kulte genauer untersuchen, wollen wir jetzt an der Hand Codrington's so ge-drangt möglich alles auf don Ahnenkult Beztigliche mitteilon.

Wir wollen denn erst unsere Beschreibung des Ahnenkultes der Solomons-Inseln, die wir mit cinigen Auszügen aus Gnppy anfingen, jetzt mit dem Codrington'schen Materiale fortsetzen. Wie gesagt sind auf diesen Insein die Gespenster, nicht die Geister die Objecte des Kultes. „But it must not be supposed that every ghost becomes an object of worship. A man in danger may call upon his father, his grandfather, or his uncle; his nearness of kin is sufficient ground for it. The ghost who is to be worshipped is the spirit of a man who in his lifetime had mana in him; the souls of common men are the common herd of ghosts, nobodies alike before and after death. The supernatural power abiding in the powerful living man abides in his ghost after death, with increased vigour and more ease of movement. After his death, therefore, it is expected that he should begin to work, and some one will come forward and claim particular acquaintance with the ghost; if his power should shew itself, his position is assured as one worthy to be invoked, and to receive offerings, till his cultus gives way before the rising importance of ono newly dead,

1) Codrington 1. c.: S. 122.

2) Codrington I.e.: S. 123.

43

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and the sacred place where his shrine once stood and his relics were preserved is the only memorial of him that remains; if no proof of his activity appears, he sinks into oblivion at oncequot;1). Einige von den tindalo, Gespenster, sind besonders im Kriege milch-tig, diese heissen Iceramo. „Some of the keramo are known in Florida not to have been men of the island, but famous warriors of the western islands, where mana they think is stronger; who have only been known, and that of late years, in Florida In their spiritual state and power, but never In human formquot;

Gebete aller Art werden zu den Schatten gerlchtet. In ganz Melaneslen wlrd den Toten eln kleiner Toll der Spelsen darge-bracht. „This Is dono perhaps with the calling of the name of some one recently deceased or particularly In remembrance at the time, or else with a general regard to the ghosts of former members of the community. It is hardly thought that this becomes in fact the food of the departed, but somehow It Is to their advantage, at any rato It pleases them. At the same time the living friends like to feel and shew remembrance of the dead who have sat with them around the oven; and It Is an opportunity of getting help from ghostly power, for which prayer Is made.quot;

Auf dlesen Insein haben slch hleraus mehr ceremonlelle Opfer entwlckelt. Es werden nur Spelsen dargebracht und dlese werden verbrannt oder gogessen. Es glebt öffentllche, Dorfs-Opferfeste und private; das Object elnes dor ersteren war „Harumae, chief In warquot;, welcher vor nicht langer Zeit gestorben und nicht ein-mal eln grosser Krlegsheld war, sondern „a kind and generous man, thought to have much mana. His shrine was a small house In the village. In which relics of him were kept. No one since his time had died whom the people thought worthy of such worship; had It been so, Harumae would have been neglected.quot; Öffentllche Opfer werden elnem „well-known tlndaloquot; dargebracht, „powerful In such things as concern the general well-being.quot; Jedes Dorf hat elnen solchen und der Hiiuptllng brlngt das Opfer.

1

Coilrington: S. 125.

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„A man will commonly havo hls her unto, a tindalo of killing, who will help him in fighting or in slaying his private enemy. He will pull up his ginger-plant, and judge from the ease with which it comes out of the earth whether he shall succeed or not; he will make his sacrifice, and with the ginger and leaves on his shield and in his belt and right armlet will go to fight. He curses his enemy by his Iceramo .... Manslaughter without the help of a tindalo would be dangerous to the manslayer; the slain man's ghost would have power over him, unless the mana of the keramo, a stronger ghost, were on his side. In case of failure the ghostly power on the enemy's side has been shewn to have the greater strength.quot; — Um den Garten-tindalo (vigona) nicht zu verstimmen betritt Keiner den Garten, welcher kurz vorher Schweinefleisch, Fisch oder einige andere Speisen gegessen hat und beriihren sie in fiir das Wachstum der Pflanzen bedeu-tenden Zeiten ihre Frauen nicht.

Menschenopfer kommen vor, docii werden nur kleine Stiick-chen gegessen und bios durch diejenigen, welcho Kampf-m«w« wiinschen, durch junge Leute und durch iiltere allein in speciel-ler Absicht. „Such sacrifices were thought more effectual than others, and advantage was taken of a crime, or imputed crime, to take a life and offer the man to some tindalo.quot; — In Malanta und in San Cristoval werden, wenn die tindalo erböst sind, Schweine statt Menschen geschlachtet.

Auf Santa Cruz wird der Geist eines geachteten Mannes bei seinem Tode ein duka. „This remains, and is from time to time renewed, until after a time the man is forgotten or the stock is neglected by the transference of attention to some newer and more successful dulcu.quot; Bisweilen wird dem Stocke Nahrung gespendet, die man schliesslich selbst verzehrt; bei Gefahr auf dem Meere wird der duka eines Hiiuptiings oder des Abaters angerufen.

Auf don Solomon-Inseln wird natiirlich audi zu den tindalo der Ahnen um Hülfe und Gunst gebeten. Die Begrabnissstatten in Florida werden durch oinen Haag geschützt, damit man nicht unnötig drauf trete. „At Saa in Malanta all burying-places where

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common people are interred are so far sacred that no one will go there without due cause; but those places where the remains of people of rank are deposited, where sacrifices are offered, and which may be called family sanctuaries, are regarded with very great respect. Some of these are very ancient, the /io'a, or powerful ghost, who is worshipped there, being a remote ancestorquot; 1).

Alle ungewöhnlichen Krankheiten werden durch Geister ver-ursacht; Aussöhnung des Geistes des Verstorbenen heilt die Krankheit2). Auch das Wetter hangt von dem Gutfinden der Geister ab3), wie auch alle Zauberei in der Erlangung ihrer Vermittlung besteht4), und wie sie durch den Mund der Men-schen profezeien 5), und die Divination der kiinftigen Ereignisse ermöglichen 6). Wahnsinn ist Besessenheit durch Geister6).

Wir werden weiter blos der Beschreibung Codrington's, so weit sie Licht auf unsere Fragen wirft, folgen. Die Solomon-Eiliinder unterscheiden zwischen „ghosts of power and ghosts of no account, between those whose help is sought and their wrath deprecated, and those from whom nothing is expected and to whom no observance is due. Among living men there are some who stand out distinguished for capacity in affairs, success in life, valour in fighting, and influence over others; and these are so, it is believed, because of the supernatural and mysterious powers which they have, and which are derived from communication with those ghosts of the dead gone before them who are full of those same powers. On the death of a distinguished man his ghost retains the powers that belonged to him in life, in greater activity and with stronger force; his ghost therefore is powerful and worshipful, and so long as he is remembered the aid of his powers is sought and worship is offered him.quot; Gewöhn-

1

Codrington: S. 477.

2

Codrington; S. 195.

3

Codrington: S. ^OO seq.

4

Codrington: S. 203 seq.

5

Codrington: S. 210 seq.

6

Codrington: S. 219 seq.

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licher Leute Geister werden zwar auch gefürchtot, aber blos weil nuu einmal alle Geister furchtbar sind; von den eigenen Fami-lienmitgliedern wird unfehlbar jeder Geist verehrt. — Die Grab-stiitte wird heilig, insofern dass kein Mensch darauf treten wird. Die mitbestatteten Ornamente werden spator öfter wieder heimlich ausgegraben '). — Die Waffon des Verstorbenen werden auf sein Haus gelegt, bei der Totenmahlzeit wird ein bischen Speise in das Feuer geworfen mit den quot;Worton „das ist für dichquot;; sie sollen aber nicht meinen, dass das Haus, welches dom Verfalle anheim-gegeben wird, die Waffen u. s. w. in gespenstischer Weise den Toten ins Jenseits folgen und ihm dort nützlich werden, es soil alles ein blosses Erinnerungszeichen sein, ein Zeichen derLiebe; kein Mensch darf was der Tote benutzte weiter berühren. „There is a certain notion that burial is a benefit to the ghost; if a man is killed anywhere and his body is not buried, his ghost will haunt the place; when a man's head has been taken, and his skull added to some chief's collection, the ghost for a time, at least, haunts about; and so it is also when the arms and legs of men murdered or executed for crimes are sent to distant places to shew what has been donequot; !!).

Auf Ysabel wird der Schiidel des verstorbenen Hiiuptlings im Hause seines Nachfolgers aufbewahrt. „An expedition then starts to procure heads in honour of the deceased, now become a tin-dadho to be worshipped. Any one not belonging to the place will be killed for the sake of his head, and the heads procured are arranged upon the beach, and believed to add mana, spiritual power, to the new tindadho; until these are procured the people of the place do not move about.quot; Nach Penny wurden auch Frau und Kind im Grabe des Mannes erdrosselt und als seine Besit-zungen mitbestattet; vom Kinde wenigstens ist dies aber höchst unwahrscheinlich 1). Von den Gespenstern San Cristoval's bemerkt

1

Codrington: S. 257.

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Codrington; „it must be taken that these ataro which abide in Rondomana (das Geisterland) are but the ghosts of common men who while they lived had no power, mana; for there are 'ataro also which are active and powerful, feared, invoked, and propitiated, present in full activity in the places in which they dwelt as living menquot; Die Toten behalten nur ihre Macht, solange man sich ihrer eben erinnert5).

Hiermit haben wir alles Einschlagige in Codrington's Buch iiber die Solomon-Inseln resumirt1).

Thun wir jetzt dasselbe ftir die so wenig bekannten Torrcs-Inseln und Neuen Hebriden. Wir werden finden, dass auf diescn Insein zwar der Glaube an eigentliche Götter, Geister welche nie Menschen waren („spiritsquot; nennt unser Gewilhrsmann sie) vor-herrscht, dass aber der Totenkuit durchaus keine unbedeutende Stelle im Volksleben einnimmt, und zwar dass er nicht auf einige obcrflachliche, zur Schau getragene, vornehm erachtete Ansichten beschrankt bleibt, wie dies meistens bei der Einimpfung höherer religiöser Ansichten der Fall ist (merkwürdige Beispiele hierzu bieten die amerikanischen Völker mit Bezug auf das im 17en Jahrhundert ihnen gelehrte Christentum an).

Die Einwohner von Santa Cruz scheinen auf der Solomon-Insel-Seite in dieser Saehe zu liegen.

„In Fiji it is the established custom to call the objects of the old worship gods; but Mr. Fison was „inclined to think all the spiritual beings of Fiji, including the gods, simply the Mota tamatequot; i. e. ghosts, and the words of Mr. Hazelwood, quoted by Mr. Brenchley (Cruise of the Curacoa, p. 181), confirm this view.quot; „In Fiji also this worship of the dead, rather than of beings that never were in the flesh, accompanies a more considerable advance in

1

Auf Sanct Anna wird die Leiche bcstattot, spfiter der Schiidol ausgegraben und in das Cano-Haus gestellt; auf Savo bostattel oder init alien Besitzungcn in das Meer geworfen; auf Atu verbrannt, die eines niedrigen Menschen in das Meer gevvorfen, auf Uubiana liisst man sie auf' einer kleinen Insel verfaulen. Woodford: „A Naturalist among the Headhuntersquot; (1890): S. 37.

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tho arts of life than is found in, for example, the BanJcs' Islands. It is plain that the natives of the southern islands of tho New Hebrides, though they are said to worship „godsquot;, believe in tho existence and power of spirits other than the disembodied spirits of the dead, as well as of the ghosts of menquot; '). Wenn diese „spirits' aber keine Götter genannt werden sollen, keino Gespenster odor Verstorbene sind und zulctzt ebensowenig Geister, welche natiir-lichen Gegenstiinden innewohnen1), sein sollen — so bleibt os rair durehaus unklar, was denn eigentlich die einwandsfreie Auf-fassung sein diirfte. Die Natur dieser „spiritsquot;, welche im Glau-ben und in den Kulthandlungen dor Eingebornon der Banks' Insein und der Neuen Hebriden oinen griisseren Plate als die eigentlichen „ghostsquot; einnehmen sollen, scheint mir durch die Codrington'schen Untersuchungen noch durehaus nicht aufgeklart zu sein, und weiterer, speciell tieferer Forschungen an Ort und Stelle zu bediirfen 2).

Die Opfer werden den „spiritsquot; und nicht den Geistern gebracht und sie erreichten nicht die Entwicklung jener auf den Solomon-Inseln; auch giebt es koin Opfcrfeuer oder Opfcrmahl-zeit und es wird nur Geld, keine Speise geopfert ^).

Auf Santa Cruz „when a man of consideration dies, his ghost becomes a dulea. A stock of wood is set up in his house to represent him. This remains, and is from time to time renewed, until after a time the man is forgotten, or the stock is neglected by the transference of attention to some newer and more successful duJca.quot; Bei der ersten Aufstellung und bei jeder Erneue-rung wird Fleisch geopfert, das aber vorspeist wird. „In case of

1

C. sagt ja: „there does not appear to bo anywhere in Melanesia a belief in a spirit which animates any natural object, a tree, waterfall, storm or rock, so as to bo to it what the soul is believed to be to the body of a manquot; (S. 123).

2

Zwar wird gesagt „it is like a soul, has no form to bo seenquot;; aber auch „though the true conception of n vui represents it as incorporeal, tho stories about the vui who have names treat them as if they were men possessed of supernatural power.quot; (S. 123, 124).

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200

danger at sea, a duka is called by name, a man's father or a deceased chief, or a certain Lata who is not remembered as a man, and a bit of food is thrown out: „this is for you to eat.quot; quot; Ein geheilter Patient schenkt dem Arzte ein Schwein fiir don dulta. Von alien Opfern nehmen die dulca die immaterielle Sub-stanz, die Menschen geniessen deshalb die materielle ').

Von den Banlcs' Insein und den Neuen Hebriden heisst es gleich: „it is true that fragments of food are thrown for the ghosts of the lately deceased, by an action no doubt closely connected with the sacrifices of the western islands, but not with the notion of a sacrifice as these more eastern people understand itquot; 1).

Wenn Einer auf Vanua Lava dem „spiritquot; Qat opferte oder einem anderen Geiste wegen irgend einer vorausgesetzten Belei-digung, „he scatters money for the spirit, for he does not offer to the snake but to the spirit, mi, that is with the snake and manifested in itquot;, niimlich wenn der „familiar spiritquot; mit einer Schlcinge oder einem anderen Tiere verbunden ist, aber, so fahrt Codrington fort: „He does not invoke or pray to the spirit, but he may pray to the ghosts of his predecessors in this particular mystery.quot; Die einzige Erkliirung dieses eigentiimlichen Verhiilt-nisses zwischen dem Geiste und dem Gespenste findetsich hierin: „Some of these objects of sacrificial worship are well known, but can only be approached by the person to whom the right of access to them has been handed down; there must be between the worshipper who desires advantage and the spirit who bestows it not only the medium of the stone, or whatever material object the spirit is connected with, but also the man who through the stone has got a personal acquaintance with the spiritquot; 3).

Und wie wir sahen, scheint audi das Gespenst des verstorbe-nen Besitzers des Steines dieses Medium bilden zu können. Aber das Verhaltniss ist wohl besonders eng: man opfert dem Manne

1

Codrington: S. 142, 141.

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201

der den Geist (spiritquot;) kermt, nicht diesem selbst, auf den Banks' Insein wie auf den Neuen Hebridon. „Offerings also are made to the ghosts of powerful men recently deceased, cither at their graves or where they are supposed to hauntquot;

Es hat fast den Anschein, alsob diese vui, „spiritsquot;, bios die verpersönlichte mana der Solomon-Inseln seien; jedenfalls ist der Umstand dass dem vui direct nie, und öfter den Ahnengeistern direct und ihnen als Vermittlern zum vui geopfert wird, sehr bemerkenswert.

„The la(aro of the Banks' Islands, which may be callod a prayer, is strictly an invocation of the dead, and is no doubt so callod becauso the form begins with the word talaro, which certainly is the 'atoro of San Cristoval, that is a ghost of power. The Banks' islanders are clear that (ataro is properly made only to the dead; yet the spirits, vui, Qat and Marawa, are addressed in the same way. A man in danger on the soa will call on deceased friends, particularly on one who has been in life a good sailorquot; 2). Bevor man Icava zu trinken anfiingt, wird ein wcnig vergossen mit einem Wunsche zum Grossvater mit tataro anhe-bend3). Beim Anfang der Reise und bei mehreren anderen Ver-anlassungen werden Onkel, Vater, Grossvater, Grossonkel ange-gerufen, um Hilfe getleht und ihnen Opfergaben versprochen. Die vui werden genau so benutzt.

Auf den nördlichen Neuen Hebriden „they use the same word tataro for a form of words used for example in a storm at sea, a spell that works by the supernatural power residing in the words and in the names of the spirits mentioned. When in distress and danger they call to a dead father or friend: „take care of your canoe and mine!quot; it is a cry, not a tataroquot;*).

Die Ahnengeister werden also überall angerufen und üben tiefgehenden Eintluss. Das Verhaltniss ihres Kultes zu dom der vui auf diesen Insein ist aber noch koineswegs aufgeklart. Die

1) Codrington: S. 143, 144.

2) Codrington: S. 146.

3) Codrington: S. 147.

4) Codrington: S. 148, 149.

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Eingobornon behaupton, die vui soien unkörperlich, in den Er-zahlungon aber besitzen sie monschliche Gestalten, doch über-menschliche Vermogen Qat (Banks' Insein) und Tagara (None Hebriden) bewegen sich unter einem Volke von Zworgen und Trollen, auch übernatiirlich begabt, doch roh und leicht zu be-trügen; diese blieben zurück, da jcne die Insein verliessen ~).

In den Erzahlungen und im Volksglauben werden diese „spiritsquot; und die „ghostsquot; einigermassen verwirrt1).

Qal ist nicht dor Schöpfer, sondern er hat einigo Sachen or-schaffen und die Welt geordnet; auffallende Sachen werden nach ihm genannt, manche Naturereignisse werden als seine Thaten gedeutet. „With all this it is impossible to take Qat very seriously or to allow him divine rank. He is certainly not the lord of spirits. He is the hero of storytellers; the ideal character of a good-natured people who profoundly believe in magic and greatly admire adroitness and success in the use of it.quot; Alles fast war schon bei seiner Ankunft in der Welt da, er fügte nur etwas hinzu. „It is difficult for the story-tellers to keep him distinct from ordinary men, though they always insist that he was a vui; and though he certainly never was a man, the people of the place where he was born in Vanua Lava, Alo Sepere, claim him as their ancestorquot; *).

Auf den Neuen Hebriden haben die tvui menschliche Gestalt, wenn sie erblickt werden und sind sie alle mit Steinen und heiligen Stellen eng verknüpft. „In Omba, Lepers' Island, a spirit, vui, is thus defined: spirits are immortal; have bodies, but invisible; are like men, but do not eat and drink, and can be seen only by the dead. But there are others also that appear in bodily shapequot; 2). Die roh geschnitzten Bilder welche als Erinne-rungszeichen bei Bestattungsmahlzeiten dienen, haben gar keinen

1

Codrington: S. 153.

2

Codrington: S. 170.

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gohoiligton Karakter; auf don Neuen Hebriden worden sio sorg-fiiltig ausgeführt: „some simt up from common view by bamboo screens may probably belong to secret societiesquot;

„In Santa-Cruz there are stones about which stories are told connecting them with the duka, whether ghosts or other spirits, which are the objects of worship; and on these betelnuts are placed as offering. Passing eastwards to the Banks' Islands and the New Hebrides, a region is reached in which religion concerns itself chiefly with spirits that never were embodied in men, and in which therefore sacred places and objects are generally such because of their connexion with spirits. Burial places are certainly held in respect, especially the graves of men of importance in their time; a certain sacredness attaches to all belonging to the dead; but it is to the presence of a spirit, vui, that the special quality of most sacred places and objects belongsquot; 1).

Doch sind Steine auch bisweilen mit Seelon dor Yerstorbonen verblinden, und zwar sind die Bcsitzer solcher Steine dadurch so machtig, dass derjenige, dessen Schatten auf den Stein fallt, stirbt und ebenso der von dem der Besitzer triiumt, wenn dor Stein sich unter seinem Kissen befindet. Diose Steine erhalten ausnahmsweise alle ihre Macht von den Toten2).

Alle ernste Krankheiten und die Krankheiten dor bedeuten-deren Manner werden dem Zorne der Seelen der Verstorbenen zugeschrieben, auf den westlichen so wie auf den östlichen Insel-gruppen; nur ausnahmsweise wird auf den Hebriden eine Krank-heit der Rache eines „spiritquot; zugeschrieben.

„Ghosts are believed to inflict sickness not only because some offence, such as a trespass, has been committed against them, or because one familiar with them has sought their aid with sacrifice and spells, but because there is a malignity in the feeling of all ghosts towards the living, who offend them by being alive. All human powers which are not merely bodily are be-

1

Codrington: S. 181.

2

Codrington; S. 184, 185.

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204

lioved to be enhanced by death; the ghost therefore of an ill-conditioned powerful man is naturally thought ready to use his increased powers of mischiefquot;1). — Der Geist eines Verstorbenen versucht auf don Banks-Inseln die Seele des kranken Kindes mit zu reissen. Von den Hebriden heisst es: „Sickness is generally supposed to be caused by ghosts, but as the sacred places and objects which may be profaned or lightly used belong to spirits, these are believed often to be angry, and to inflict pain and disease. The power of a spirit is also brought by a charm or curse to harm a man; it is natural therefore, that in the treatment of the sick recourse should be had to spirits and above all to Tagaro, rather than to ghosts. The name of Tagaro controls both ghosts and spiritsquot; 2). Dasselbe gilt von der Beein-flussung des Wetters, und von der Zauberei überhaupt, welche auch auf den Banks-Inseln durch die übernatürliche Macht eines Toten, doch auf den Neuen Hebriden durch die eines Geistes („spiritquot;) ausgeiibt wird3), dagegen sind Traume auch hier die Offenbarung des Grolles eines Verstorbenen, welcher sich in Erkrankung aussert: „the ghost tells (the dreamer) that the sick man as ho was working has encroached upon his ground, the place he haunts as his own, and that to punish him he has taken away his soul and impounded it in a magic fence in the garden.quot; Auf Gesuch des Tniumers entlasst der Tote die Seele und der Mann wird gesund. Auch hier ziehen mitunter die Be-wohner des Totenreiches die Seele eines Kindes zu sich, welche eigentlich die wiedergeborene Seele eines Verstorbenen ist *).

Divination wird auf den Banks-Inseln nur durch die Vermitt-lung der Verstorbenen geübt4), dagegen erhiilt das „tapuquot; hier seine Kraft von den „spiritsquot; B).

Besessenheit durch Verstorbene kommt auch hior vor, und

1

Codrington: S. 194, 250.

2

Codrington: S. 198, 199.

3

Codrington: S. 200, 203-205.

4

Codrington: S. 211, 212.

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205

zwar durch solche wolche in bestimmter Absicht in don Menschen eingehen und andere welche blos keine Wohnung im Totenland haben und deshalb boshaft umherirren; sie beschenken den Menschen met übernatürlichen Kriiften ■). Wor durch einon Toten beseelt wird, kann auch Vampyr werdenquot;). Auf der Lepers'-Insel giebt es auch eine Art Gesellschafts-Spiel, wobei Toten aufgerufen werden und ahnliches bestand auf den Torres-Inseln 8).

Endlich kommen wir zu den Bestattungsceremenien auf diesen östlichen Inselgruppen gebrauchlich.

Auf der Banks-Insel Mota entdeckt ein Mann in folgender Weise die Sache oder das Ding womit er ursprilnglich verwant ist. „A man will scatter money into a deep pool among the rocks on the shore into which the tide is pouring, a sacred place; he will call on his near forefathers, dive in, and seat himself upon the bottom. If he sees anything there, a crab or cuttle-fish perhaps, he fancies that is his real origin and beginning; he gets mana, supernatural power, from it, and pigs will multiply to himquot; 1).

Von den Torres-Inseln bis auf den Neuen-Hebriden ist das Totenreich unter der Erde gelegen 2).

Auf den Banks-Inseln verliisst die Seele, aiai, den Leichnam nicht gleich, „it hangs about the house and the grave five or ten days, and shews its presence by noises in the house and lights upon the grave. It is not generally in the Banks-Islands thougt desirable that the ghost should stay longer than the fifth day, and there is a custom of driving it away with shouts and blowing of conchs.quot; Die Bestattung findet eher oder spiltor Platz je nach dem Ansehen des Verstorbenen, und gewöhnlich im Walde hinter dem Dorfe, „but a great man, or one whose death was remarkable, was buried in the village near the gamal, and a favourite son or child in the house itselfquot;quot;).

1

Codrington: S. 253.

2

Codrington: S. 264.

C) Codrington: S. 267.

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„Relatives in Motlav watch the grave of a man whose life was bad, lest some man wronged by him should come at night and beat with a stone upon the grave, cursing him. Sometimes the friends will have a sham burial, and hide the grave in which the corpse is really laid; because if a man in his lifetime has had mam to shoot and kill, to charm with the talamatai and in other ways, there will be mana for the same purpose in his corpse; men will want to dig up bis bones for arrows and for charms, and his skull to roll the string upon wherewith to tie their talamataiquot; 1).

Auf Ureparapara werden dem Verstorbenen auf seinem Grabe viele Speisen geopfert, auch werden ihm Auftriigo fiir die anderen Toten mitgegeben. Fünf Tago nach clem Absterben wird das Ge-spenst rait einer besonderen Ceremonie ausgetrieben 2). „The series of funeral-feasts or death-meals, the „eating the deathquot; as they call it, follows upon the funeral, or even begins before it, and is the most important part of the commemoration of the dead; it may bo said, indeed, to be one of the principal institutions of the islands.quot; Die Zahl und Wiederholungsdauer der Feste ist verschieden nach den Insein und der Bedeutung des Verstorbenen. Die Mahlzeiten sind vor Allem commemorativ, doch nicht ohne die Absicht den Toten zu begliicken: „it is thought that the ghost is gratified by the remembrance shewn of him, and honoured by the handsome performance of the duty; the living also solace themselves in their grief, and satisfy something of their sense of loss by affectionate commemoration. It is not easy to determine how far there is now any feeling that friendly association of the living and dead is continued by their both partaking of the meal, when a morsel of food is thrown aside with a call to the deceased.quot; Jetzt liiugnen sie, dass die Toten wirklich die fiir sie abgesonderten Speisen zu sich nehmen wiir-den und behaupten, die einzige Absicht sei cine freundliche Erin-nerung: „but it can hardly be doubted that the original intention

1

Cod rington: S. 269.

2

Codrington: S. 270.

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207

at least was a common participation in the meal.quot; Fiir den ver-storbenen Vater, Prau odor Mutter wird joden fünften Tag bis zum tausendsten eine Erinnerungsmahlzeit gehalten ').

Im Totenlande, Panoi, „there is nothing that they do but talk and sing and dance; there is no gamal, the indispensable clubhouse of earthly life, men and women live together, without sexual intercourse; there is no fighting, there is no one in authority, no vui, spirits, other than ghosts of men.quot; „Ghosts in Panoi have not knowledge of things out of their sight and hearing as the vui, spirits, have; nevertheless they are invoked in time of need and distress, as if they could hear and help. They come upon earth when they please, and see how their friends and property are faring, and they hear the news from new-coming ghosts. These ghosts, as distinguished from those who have no home in Panoi, are in a general way kindly to living men; though if their friends and property are damaged, they are angry and revengeful. It is true that men are afraid of these and all other ghosts, because a ghost is of itself a dreadful thing to a living manquot; ~).

Anf den Neuen Hebriden riichen die Toten sich am Neuver-storbenen fiir das im Leben von ihm Erlittene 1).

„In order that his child may have hereafter a good house in Banoi, a man, when the child is a year old, makes a little gamal, club-house, in his garden for a boy, and puts in it a bow and arrows and a club; for a girl he builds a little house, and plants an emamp;«, pandanus, to make mats with beside itquot; 2).

Die Leiche wird hiibsch aufgeputzt. „His mother, or wives or sisters, throw ashes over their heads and backs. When they have swathed the corpse in mats and bound all round with the vines, some man of the dead man's kin sits upon the bundle, and is carried with it by many men to the grave, which has been dug by the side of the gamal.quot; Die niichsten weiblichen

1

Codrington: S. 279.

2

Codrington: S. 280.

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208

Verwanten bleiben dann hundert Tage zu Hause, im Dunkeln, verhüllt; sie dürfen keine guten Speisen geniessen. Alte Graber sind rait grossen Steinhaufen überdeckt. Wenn dor Verstorbene ein sehr bedeutender und reicher Mann war, werden amfünfzig-sten Tage viele Schweino durch die Dorfsbevölkerung geschlachtet, und der Bruder des Verstorbenen bietet ihm einen Teil an. „Upon this all cry again; and all their body and face they smear over with ashes; and they wear a cord round their necks for a hundred days, to shew that they are not eating good food. If they kill many pigs like this they think it is a good thing; but if not, that the dead man has no proper existence, but hangs on tangled creepers, and to hang on creepers they think a miserable thing. That is the real reason why they kill pigs for a man who has died; there is no other reason for it but that.quot; Auf Aurora gehorte die derbe Geisselung mehrerer junger Manner zu den Ceremonien. — Nach der Totenmahlzeit am hundertsten Tage bleiben die Geister fort1).

Die Legende iiber die Entstehung des Todes ist ungefahr die-selbe wie auf den Solomon- und auf den Banks' Insein 2).

Auf der Lepers-Insel entfernt sich die Seelc gleich nach dem Tode nicht weit vom Körper: „they never drive it away, it is only the soul of one who has been eaten that is driven off with the blowing of conchs; when the time comes, it goes, and the time is a hundred days.quot;

1

Codrington: S. 282, 283.

2

Inglis welcher lange Jahre Missionar in dieser Gegend war und eine Gram-matik und ein Worterbuch der ^«et/ya/B-Sprache verolfentlichte, giebl folgende Übersicht des dort herrschenden Kultes: Inhuyiraing war die oberste Gottheit, der Schöpfer aller Dinge; weiter giebt es eine Unzahl niedere oder locale Gottheiten; „they appear all to have been deified menquot;, ihr Name, natmas, bedeutet „toter Mannquot;, sie bewohnen alle uma-naimas, das Totenreich. „Theirs was the Worship of the Ancestorsquot;. Die Natmasses sind alle boshaft und beherrschen das ganze Menschenleben. Jede Familie verehrt seine Ilaus-natmasses. Gebote und Opfer beschwichtigten den Zorn dieser Götter; Menschenopfer kannten sie nicht, doch wurde die Frau zur Begleitung ihres Gatten bei dessen ïode erdrosselt. Wer den Toten am meisten opfert, erhiüt ihre höchste Gunst. „In the New-Hebrides (1887): S. 29—35. Er nennt alle Einwohner ungemischte Papua. S. 29 und 25. Siehe auch: Turner „Samoaquot;: S. 326.

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Die Leiche wird je nach der Bedeutung des Verstorbenen in mehrere kostbare Matten eiugewiclcelt begraben, Tiere werden dan n getötet und Stiicke Fleisch dem eben Verstorbenen und den anderen Toten, deren Erinnerung noch besteht, vom ersten Trauernden dargebracht').

Auch hier jeden fiinften Tag, bis zum hundertsten eine Todes-mahlzeit, feierlicii je nach der Bedeutung des Verstorbenen. Alle seine Fruchtbaume werden vernichtet „out of a feeling of tenderness and sorrow, they say, no one but he shall enjoy them.quot; Im Totenlande ist Nggalever, ein „spiritquot;, der Herrscher, welcher die Toten empfangt1): „here the dead are thought to live a happy if an empty life, free from pain and sickness; but there are those that come out for mischief, hunting men to add them to their company; and if a man has left children when he died, one of whom sickens afterwards, it is said that the dead father takes it.quot;

In Araga, Pentecost, werden auch bis zum hundertsten Tage Totenmahlzeiten gehalten; zum Zeichen der ïrauer schmieren die Verwanten sich mit Schmutz und Asche ein. Die Toten strafen im Jenseits den verstorbenen Miirder. „Ghosts haunt especially their burial-places, and revenge themselves if offended; if a man has trespassed on the grave-place of a dead chief the ghost will smite him, and he will be sick 2).

Hiermit können wir endlich unsere Übersicht der von Codring-ton verschafften Daten abschliessen. Über die iibrigen melanesi-schen Gruppen können wir bedeutend kürzer sein.

Auf ^Qw-Caledonien besteht ein Kult der Geister der Ahnen und vor Allem der toten Hiiuptlingc; die Letzteren beherrschen die Elemente, machen die Acker fruchtbar oder nicht, entscheiden über Sieg oder Niederlage; auf ihren Griibern und in Waldern werden ihnen Opfer dargebracht nur um ihnen Ehre zu erweisen. lm Namen des ganzen Volkes fleht ein Greis ihnen Fruchtbar-

1

Codrington: S. 285.

2

Codrington: S. 286—288.

U

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210

keit der Folder and Hilfe ira Kriege ab. Die Schiidel der Toten werden in der Familie als Hausgötter aufbewahrt, und überna-türliche Hilfo wird von ihnen erwartet. Es giebt gute und böso Geister i).

Fasten, Enthaltung und Waschungon sind goeignet um die Gunst dor Abgestorbenen zu gewinnen. Das tabu schützen sio durch übornatürliche Strafen. — In einigon Stammen wird auch an oinen Erdgeist geglaubt, welcher die Oberherrschaft über dio Elemente ausübt. — Alle Einwohner des ïotenlandes besitzen übernatürliche Macht.

Nach dem Absterben wird lange goklagt, dann ein Fest gehalten und dabei werden Geschenke verteilt; wenn der Verstorbene ein Hüuptling oder eines solchen Sohn gewesen, dauert das Fest bis zwei Monate lang und wird der schuldige Zauberer getötet, die Anpflanzungen werden vernichtet, alle Speisen werden tabuirt, Krieg oder Arbeit ist verboten, der Coitus versagt; den Schluss macht ein grosses Festessen der Krieger auf dem Grabe. Beim gewöhnlichen Menschen findet dasselbe in geringerem Grade Statt; die nachsten Verwanten vernichten bisweilen einige ihrer Besit-zungen. Über jedes Grab werden die Waffen und die geliebtesten Pntzsachen des Verstorbenen gehilngt als Ehrenbezeugung, nicht zur Benutzung im Jenseits 1).

Von der Süd-Süd-Ost-Seite der Insel berichtet auch Turner, dass Ahnenkult bestehe 2).

Einer der neuesten Beschreiber Caledonien's sagt ausdrücklich Folgendes: „Quand un Canaque meurt, son ame reste aupros du village, jouant aux vivants toutes sortes de mauvais tours .... L'ame au bout de quelque temps se collo a un morceau de bois; aussi la nuit. dans la föret, peut-on la rencontrer et faut-il dire „Moïn dia choupequot; pour óloigner les esprits.quot; Diese Geister sind weiblicher Gestalt und haben ungeheure Brüste3). „Les Canaques ont le culte de leurs morts. lis tiennent a con-

1

Rochas: S. 280—282, 267-270.

2

Turner, Samoa: S. 343.

3

•1) Rochas: S. 277—279.

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server et a pouvoir contempler le plus longtemps possible les restes de ceux qui leur sont chers. lis honorent la mómoire de leurs chefs par des fètes funóraires, font aux manes de leurs ancêtres des offraudes d'ustensiles, d'ótoffes, de fruits et d'ali-ments. .. Les esprits supórieurs, auxquels ils croient et dont ils redoutont la puissance, ne sont autres que ceux de leurs ancêtres, et en les honorant, ils n'ont d'autre but que de se les rendre favorablesquot; 1).

Von den Neu-Gcorgicn-Insein erfahren wir, dass noch niehr Schiideljagd als auf den Solomon-Inseln getrieben wird. Bei der Einweihung eines neuen Cano's oder Cano-Hauses und beira Anfange jeder neuen grossen Unternehmung soli ein neuer Kopf in dem Cano-Hause aufgestellt werden; dazu wird ein Sklave ge-totet, welcher erbeutet oder gekauft wird. — Der Leichnam wird bestattet, spater wird er mitunter ausgegraben und der Schadel aufgehoben 2).

Die Fklschier erkennen sowohl eine Art absolute und ewige Gutter, lcalau-va, als niedere Gutter, Icalau-yalo, welche die mensch-lichen Eigenschaften, Bedürfnisse und Schmerzen haben und audi sterben; der Geist eines jeden verstorbenen Hiiuptlinges, Helden oder Freundes kann solch ein Gott der zweiten Art werden, auch Jeder, der einen Priester fiir sich gewinnt, welcher ihm seinen Kult widmet. Öfter wird ein Tempel errichtet an der Stelle, wo ein Hiluptling getötet wurde. Gespenstererscheinungen werden sehr gefiirchtets).

Seemann erkltirt, dass jeder geliebte Verwante nach seinem Tode zum Eamiliengotte wird, einen Tempel aufgerichtet erhiilt sowie Speiseopfer bekommt3).

Der Sterbende wird öfter schon aus der Hütte hinausgetragen, da die Seele dann bereits als abgezogen gilt. Die Frau des Verstorbenen wird zu seiner Ehre und zum Zwecke seiner Aussöhnung ge-

1

Eodem; S, 54, Siehe audi Brainne: S. 259.

2

C. M. Woodford; „A Naturalist among the Head-Huntersquot; (1890): S. 154, 38.

3

Seemann: S. 391.

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212

tötet, bisweilen audi seine Mutter, wenn jener ein Hauptling gewesen, öfter ebenso sein Freund, mitunter wurden auch viele Manner und Frauen getütet um als Gras den Boden des Grabes zu bedecken. Die Lieblingsgegenstiinde werden mitbestattet oder auf das Grab gelegt; die Verwanten sparen zu diesem Behufe nichts. Beim Tode eines grossen Hauptlings rasiren die Miinner sich ganz, die Frauen bringen sieh Brennwunde zu und schnei-den sich Finger ab. Auch die entferntesten Verwanten bereiten ein Fest sobald sie von einem Todesfalle Kunde crhalten. Die Leiche wird öfter durcii eine Seitenwand hinausgetragen. Die Begriibnissstatten sind sehr gefürchtet; öfter liegen bis hundert Tage lang einige Personen auf dem Grabe, welche furchtbar heulen und sich verstütnmelen, damit der Geist sonst nicht einige der Verwanten oder Freunde töte. Beim Tode eines Hauptlings werden bisweilen sein Haus und seine ganzo Habe verbrannt

Powell erzLlhlt von den Hersog-York-Insein, dass der Brautigam weit weg reist, um den Einfluss der gerade dann thiitigen, weil eifersüchtigen Geister der verstorbenen Verwanten zu entgehen1).

Bei den Eingebornen an der Blanche-Bay der Gazellen-Halb-insel in Neu-Britannien kennzeichnet sich die Bestattung eines Hiiuptlings vor Allem durch die Mitgabe von Dewarra-Geld an die Leiche und durch die Verteilung solcben Geldes unter die Trauernden. — Zwei oder drei Jahre nach einer Bestattung ver-einen Alle sich wieder um das Grab, ein Bruder oder sonstiger Verwandter grabt den Schiidel der verfaulten Leiche aus, welchen, nachdem er gereinigt wurde, der nachste mtinnliche Verwante in Bewahrung erhiilt; dazu wird ein Fest gefeiert. — Eine Zeit lang, von einer Woche bis zu einem Jahre, beschmieren sich die nachsten Verwanten mit schwarzem Schlamm den ganzen Körper, die entfernteren bios das Antlitz 2).

1

Powell „Wanderingsquot;: S. 84. Über die Religion der Neu-Irliinder vergl. Hager: S. 130. Die der Nord-West-Kuste verbrennen die Leichen der Hauptlinge, der Erbo bewahrl die Asche der Knochen zur Erinnerung. Pilcairn: S. 181.

2

Parkinson „tiismarck Arch.quot;: S. 101—103. Die beiden Daumen der Leiche werden an einander gebunden, Watten werden über der Leiche zerbrochen und auf sie gelegt. — Ob die bösen Geister, welche sehr gefürchtet werden, und alle

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2 lij

Von don Einwohnern Neu-Britanniens an der Henry-Keid-Eay erzahlt Powell: „they have a superstition in common with the natives more to the north of the island, namely, that if a man lives in the house of an enemy he has killed in battle, he will be haunted by the dead man's spiritquot;

Und von den Eingebornen an der Blanche-Bay sagt er: „these natives have also a curious idea that the skull after death is the place to which the spirit of the departed person resorts, when it returns from its journeyings, and for this reason they use the skulls of their departed friends in dancingquot; 1). „The natives are very superstitious regarding the spirits of their departed friends or enemies, which they consider to have either a bad or good influence as the case may be.quot; Die Sternen sind die Latcrnen durch die Seelen fiir die nachkommenden angeziindets).

Die Eingebornen der Insel Matulcanapula auf der Nord-Seitc Neu-Britanniens „bury their dead underneath the hut which was lately inhabited by the deceased, after which the relatives go for a long journey, staying away some months.quot; Powell meint, dies habe einen hygienischen Grund, „but they say it is because the spirit of the departed stays in his late residence for some time after his death, and eventually finding no one to torment goes away for good; the surviving relations then return and remain there as formerly2). „There are certain times a man of this tribe may not go fishing, when one of his women is enceinte

1

Powell I.e.: S. 165.

2

Powell 1. c.: S. 107.

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or during the full of the moon; in either case the spirits of departed ancestors are particularly vicious, and if one hears of a canoe being capsized and a man drowned, that man must have been fishing at full moon. In the former case the man must stop at home to prevent the spirits taking away the life of the expected baby, by sucking its breath from it; if the child dies in spite of all precautions, they say he did not fight for it enough with the spirits l).

tiber Neu-Guinea besitzen wir jetzt bedeutend bessere Nach-richten als Gerland bei der Verfassung seines überaus nützlichen Buches zur Verfügung standen.

Es lohnt die Mühe Eomilly's Bericht über die Eingebornen des Milne-Bay ausfiihrlich wieder zu geben. „A man's soul after death will haunt the places to which he was most attached on earth.quot; „When a man dies, his friends often put food in the grave with him, so that wherever he may be going to he shall suffer no inconvenience from hunger.quot; Alle Geister sind boshaft. Man glaubt sie seien ungreifbar und übernatürlich, und doch meint man sie mit Pfeil und Bogen töten zu können; man fiirchtet sie schrecklich und beschimpft sie doch; Feuer vertreibt sie. „Conscience, I think, troubles them but little, and a man is seldom haunted by the recollection of former misdeeds. The fact of a man having some near relation's skull exposed in a conspicuous position opposite his front door, would cause him no pangs of regret, nor is it likely that his defunct relative's shade would ever reproach him with having annexed his head in a somewhat arbitrary manner. Conscience with them implies no loss of self-respect, but merely the fear of retaliation and personal

•1) Powell 1. c.: .S 207. 207. — Bel alien Angaben Powell's soil man beachtcn was Parkinson (S. 58, auch 39 und 63) von ihm sagt: „Vleles in seinen Berichten schien mir theils sehr iibertiioben, theils ganz erfunden, und namcntlich was er über die Eingebornen Neu-Brittanniens, über deren Sitten uud Gebriiuche sagt, meist einer reich begabten Phantasie entsprungen.quot; — Schade, sehr schade, dass Parkinson koine speciellen Fehler Powell's angiebt und ihn nicht widerlegt. Finsch riigt Powell noch viel strenger und bevveist seine Unzuverlassigkeit an verschiedenen Beispielen, „Samoafahrtenquot;: S, 1\, 70, 121, 124, 130, 185, 190, 191, 281, 328.

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danger to themselvesquot; '). — Da einmal verschiedene Krankheits-falle vorkamen unter den eingebornen Arbeitern eines Weissen, verschwuren sie sich dessen Tabak nicht langer zu rauchen, bever sie sich den Schiidel eines Weissen verschafft hiltten: „they thought that a white man's devil was responsible for the sickness, and that nothing but a head could frighten it awayquot; 1).

Nichts weist hier auf eitien Glauben an „spiritsquot; im Sinne Codrington's.

Beardmore giebt iiber die Eingebornen Mowat's, Daudai, sehr abweichende Nachrichten: es sollen keine Bestattungs-Ceremonien bestehen und die Toten nicht gefiirchtet werden. „The relatives of the deceased do not observe any special rules after the death, nor are those who have handled the corpse regarded as unclean. Mourners cover themselves with mud and wear a long train of grass from the neck down to and dragging on the ground.quot; Sie schenen sich nicht den Namen des Toten zu nennens). Sollen wir aber die Bedeckung mit Erde nicht gerade im Frazer-Wil-ken'schen Sinne deuten und darin also ein deutliches Zeichen der Geisterfurcht erblicken? Beardmore's Bericht macht den Ein-druck, alsob er von den zuriickhaltenden Eingebornen nicht Alles erfahren hiitte.

Nach D'Albertis werden die Graber durch einen starken Hain geschützt. „A quantity of banana and coco-nuts hung from a stake inserted in the palisade. In addition to these provisions a bow and some arrows were also suspendedquot;2).

Pitcairn sagt von den Papua der SüdJciistc um Fori Moresby Fol-gendes: die Seele bleibt bei ihrem alten Hause, man giebt einem

1

Romilly: S. 85.

2

D'Albertis II: S. 12

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bedeutendon Manne einen Hag um sein Grab, worauf viel Nahrung und bisweilen seine Waffen gestellt werden. „Should he perchance die in Qeensland, his spirit will not return to his birthplace, but will, according to their belief, be lost: the natives therefore will be wild, and will in all probability kill the first white man they come across, as an equivalent.quot; Es lilsst sich dies aber abkau-fen. — Es wird zwei Monate getrauert1).

Obwohl wir hier also die Existenz eines Glaubens an don Einüuss der Toten annehmen dürfen, sowie eine gewisse Besorgt-heit um ihr Wohl, so geht aus den erhaltenen Berichten jeden-falls ein entwickelter Totenkuit nicht hervor.

Ganz anders verhalt sich die Sache bei den Nuforesen. Die Verwanten rufen die Hilfe der Geister der Toten fiir die Reisenden ein. Der Verstorbene bleibt durch das Medium der Korware in fortwiihrender Verbindung mit den Hinterbliebenen, bei Allem wird seine Hilfe in Anspruch genommen. Der Korwar wird ge-radezu verehrt resp. geprügelt und bestraft; wenn ein Fremder einen bekame, so würde ünglück eintreten. Ein Grab wird im Allgemeinen blos abends gefürchtet, die Geister suchen dann dort Tabak und Pinang. Die Geister einiger Toten werden be-sonders gefürchtet, nach ihrem Verscheiden wird ein furchtbarer Tumult gemacht um sie zu verscheuchen. Ob die boshaften Land-und See-Geister sowie die guten Nebelgeister auch am Ende Abgestorbene sind, ist nicht klar. — Die Wittwe darf einige Monate lang nicht ausgehen, weil sonst ihr verstorbener Gatte Menschen krank machen würde. Am dritten Tage nach demTode ihres Gatten werden ihr die Haare abgeschnitten und ist sio ver-pflichtet einen hasslichen Sarong zu tragen, welche blos von den Knieën bis zur Brust reicht, sonst wird sie beschimpft; spiitcr darf sie die Haare nicht kammen; bevor sie im Meer gebadet wurde, darf sie die Hausflur nicht betreten, hernach aber langere Zeit gar nicht baden. — Die Leiche wird mit Schnüren zusam-men gebunden. Wahrend der Bestattung soil Ruhe im Dorfe

\) Pitcaiin: „Two Years among the Savages of New-Guineaquot; (1891): S. 58—60.

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herrschen, keiner darf arbeiten und ebenso wenig tanzen, — sonst könnte der Tote sich rachen.

Mit Blattern und Zweigen wird der Geist des Toten verscheucht. Die taglich gebrauchten Gegenstande, ein kleines Boot und die WafPen werden ins Grab mitgegeben. Die ïotengriibor waschen sich, damit niehts vom Toten ihnen anklebe und ihm Macht über sie gebe').

An anderer Stelle sagt Van Hasselt ebenso, dass bei den Nu-foresen der Ahnenkultus die Hauptsache in ihreiu Gemütslebon bilde, doch kilme, so viel er wüsste, diese Eeligionsform bei den Bergbewohnern nicht aor. Die Frage ist also, in wieweit seine Kenntniss von diesen Stammen zureichend war; der Kult wird ja sehr oft fiir Fremde verheimlicht. Übrigens bestehe audi eine Art Naturververehrung: faaknit verursacht Sturm und Geweiter, ma-noin ist die Incarnation des bösen Geistes in einem Menschen oder einem Baume und tötet durch Anblasen die Vorübergehenden 1).

Rosenberg behauptet von den Arfalclcern, den Bergbewohnern, dass unter den bösen Geistern auch die des Abgestorbenen sind, welche sehr gefürchtet werden; doch sagt er auch, dass sie mit ihren religiösen Überzeugungen vor Fremden möglichst zurück-halten 2). Auch fügt er hinzu, dass der nachste Verwante einigo Tage nach der Bestattung ein Fest veranstaltet. Übrigens stimmt er hauptsachlich mit Van Hasselt überein ').

Die Dorej-Fapua haben eine vage Vorstellung von einem höheren Wesen, kaum eine Spur eines religiösen Ritus; weiter wird allgemein geglaubt an böse Geister, Manoön, welche überall wohnen und die Ursacho alles Bösen sind. Durch Opfer wird die Fiirsprache der Geister dor Verstorbenen zur Abwendung

1

Eenige Aanteekeningen aangaande do bewoners der N.-Weslluist van Nieuw Guinea meer bepaaldelijk den stam der Noofoorezen. T. v. 1. T. L. en Vk. XXXII (1889): S. 261—264.

2

Rosenberg: „Nieuw-Guineaquot;: S. 96.

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eincs Unglücks erlangt. Die Geister erschlagener Personen werden sehr gefürchtet, ihre Leichen lasst man da liegen, \vo sie ermordet wurden; nach einem Morde macht das ganze Dorf Abendo hin-durch ein lautes Geschrei um den Geist des Ermordeten zu verscheuchen. Wenn ein Haus einstiirzt, gerat das ganze Dorf darilber in Aufruhr, weil es ein Zeichen vom Zorne der Karwar, Ahnengeister, welche die Manoön wider das Dorf aufstachelten. Zum Feste im Sterbhause nach der Bestattung eines Hauptlings tragt das ganze Dorf etwas bei. Die übrigen Gebrauche sind ungefahr wie die oben geschilderten i).

Sehr karakteristisch ist auch was Yan Balen vom Geelvinlcshai raitteilt. Der Papua soli nach ihm keine Götter, nur böse Geister kennen, welche die ürsache von Krankhoit und Tod, überhaupt alles Bösen sind. Sie heissen „faJmikquot;, „manoeinquot; oder „mar-boeierquot;.

Die Heilung dor durch einen Geist verursachten Krankheit wird dadurch versucht, dass man den Kranken in ein andores Haus bringt um ihn vor dem Geiste zu verstecken, oder dass man den Geist zu befriedigen sucht durch das Zerschlagen von wertvollen Sachen wie von Kahnen, ja man betrügt ihn wenn die Krankheit bleibt, indem man weint, alsob der Kranke schon gestorben wiire. Die Seele geht nach dem Tode gleich zum ïïimmel, soeroeJca, wo er sich zu seinen Verwanten fügt. Der „menquot;, der Schatten, bleibt auf Erde zurück in der Naho der Wohnung, bis man ein „Jcor-waarquot;, ein hölzernes Bild, zum Aufenthalt für sie angefertigt hat. „Wird, bever das Bild fertig, im Dorfe Rumor gemacht durch Schmieden, hacken, trommeln u. s. w., so wird der „nienquot; böse und macht Schlimmes.quot; „1st der Verstorbene eine geliebte Person, so wird all sein Besitztum, bis auf wenige Sachen, die man zu seinem Andenken erhalten will, vernichtet oder weggeworfen; ist er noch jung, so wird sein Erbteil zerschlagen; bless wenn die Sucht nach Beute grosser als der Schmerz 1st, behalt man Alles: man bestattet dann zwar Einiges, z. B. Silber, mit der Loiche, doch griibt es nachher wieder auf.quot;

1) Uosenborg: „Mal. Arch.quot;: S. 460—462; 456, 457. Finsch: „Neu-Guineaquot;: S. 106.

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Bovor die Leiche in das Grab gesenkt wird, befragt man sie durch eine bestimmte Manipulation, wer den Verstorbenen durch einon „manoeinquot; getötet hat, urn sich auf den Mörder rachen zu konnen. Das Grab wird gegen die Hunde gesichert. Bei einem Manne werden zerbrochener Pfeil and Bogen, bei einer Frau ein zerbrochener Topf und ein Sack auf das Grab gelegt. — Wenn die Leiche in einer Hütte neben dem Wohnhause steht, wie dies bei Erstgebornen der Fall ist, so soli die Mutter, Schwester oder Frau des Verstorbenen bei der Leiche wachen, bis alles Fleisch verfault ist. Den mannlichen Verwanten wird der Kopf rasirt bis auf eine Locke und mit Kattunstreifen und Korallen werden sie weiter ausgeputzt, die Frauen tragen aus-serdem noch eine Art lang herabhangender Kapuze.

Die Mutter tragt einige gereinigte Knochen am Halse, andere werden zur Divination benutzt. In feierlichster Weise wird der Schiidel in den „Korwaarquot; gestellt, welcher einen Platz in dor quot;VVohnung bekommt und weiterhin als Hausgenosse betrachtet wird. „Man schreibt dem „Korwaarquot; das Vermogen zu schiitzen zu, weshalb man ihn auf der Keise mitnimmt. Spiiter scheint dieses Vermögen abzunehmen oder wenigstens das Vertrauen in ihm. Geopfert wird ihnen nie, weil sie nichts brauchen, nur erhalten sie aus Höttichkeit gelegentlich eine Cigarette mit. Die Divination durch den Korwaar geschieht durch Vermittlung eines Mediums. Wer einen gewaltsamen Tod stirbt, geht nicht zum soeroeka, sondern muss in dor Luft uniherschweben, bis man ihn durch Ceremonien forthilft. — Die Verwanten waschon itn Meer die Unreinheit des Todes ab, „auf der Fahrt wird tiichtig gerudert, und Wehe der Prauw welche ihnen in den Weg kommt; wenn diese nicht stark genug bemannt ist, sind die Aufl'ahrondcn Kinder des Todes. Die nachsten weiblichen Verwanten bleibon noch immer zu Hause oder besuchon in gobeugter Haltnng das Grab um dort zu weinen.

Wenn es genug trauerndo Familien giebt um zusammen die Kosten des Totenfestes tragen zu könnon, fangt man mit der monatelangen Vorbereitung desselbon an. Bei dieser Gelegen-heit werden einige Knochen und die Schadel der Toten in ein

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ontferntes Folsonloch versteekt. Da mal ein gewisser Abari einige so aufgehobene Schiidel gestohlen und verkauft hatte, wurde erst die Familie des Verstorbenen böse, nachher erzürnten aber auch dio Toten selbst und schickten einen so heftigen Sturm, dass fast alle Hauser umwehten. Der Besitz von Schiideln ist sehr ervviinscht, sodass man in fast allen Hausorn mit Farben ausge-putzte Schiidel aufgehiingt sieht, bei welchen man Feste feierte, als sie noch frisch waren, doch welche jetzt blos Ornamente und Zeugnisse von Mut darstellen. Nach dern grossen Totenfeste werden neben dem Knochenhauschen alle Trauerzeichen vorbrannt, es geschah dann ja dem Adat Genüge und die Toten haben jetzt nichts mehr von den Lebenden zu fordern.

Die übrigon Gebrauche sind zwar interessant, doch für die Karakteristik des Ahnenkultes nicht von solcher Bedeutung, dass wir sie hier mitteilen müssten 1).

Van Balen's Bericht wird kr.itig unterstützt, Avenigstens in der Hauptsache, durch die ausführliche Beschreibung Ooudswaard's. „Es herrscht die Vorstellung, dass die Toten noch immer zur Welt und zu den Lebenden in Beziehung stehen, oine über-menschliche Macht besitzen, grossen Einfluss auf die Umstande des irdischen Lebens ausüben und bei Gefahren schützen, ini Kriege beistehen, auf dem Meer vor Unglücksfallen bewabren und den Fischfang und die Jagd eintrilglicher machen können. Aus allen diesen wichtigen Grimden werden sie alles Mögliche thun um die Liebe ihrer Toten zu erwerbenquot; z).

Nach De Clercq und Schmeltz findet sich die Totenfurcht resp. Verehrung mehr oder weniger entwickelt auf der ganzen West-und Nordküste Niederlandisch Neu-Guinea's 2).

1

J. A. van Balen; „Iets over het Doodenfeest bij de Papoea's aan de Geol-vinksbaaiquot;. T. v. I. T. L. en Vk. XXXI (1880): S. 556-568.

2

L. c.: S. 243; für die Détails dor verschiedenen Orte siehe S. 176 (Misol), 477 (Sekar, Saonëk), 184 (Riga, Segèt, Dorè, Ron, Sjabir), 185 (Wandam), 186 (Waropén, Siid-Japèn, Ansur, Supiari, Wiak, Podena, Wandisiaoe, Humboldtbai). Üstlich vom Kap d'Urville werden die Seelen der Vorfahren bei Festen zur Ab-wehr von Unfallen auf Zügen, iin Krieg und bei der Haifischjagd angerufen (S. 181).

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Aus der Umgebung von Finschhafen teilt Schellong mit, dass einmal bei der Bestattung eines Hiluptlings dessen Frau gewalt-sara erdrosselt und mit ihrem Gatten zusammen begraben wurde; er meint aber, es habe sich hierbei urn einen ganz verein-zelten und seltenen Fall gehandelt. Doch dürfte dieser Fall die vereinzelte Wiederbelebung einor friiher allgemeinen Sitto go-wesen sein, wenigstens scheint hierauf folgende von ihm beschrie-bene Ceremonie zu deuten. Wahrend der Bestattung steigert sich die Totenklage furchtbar; „die Wittwo kroch dem Leichnam auf allen Vieren nach, in eine grosse Matte bis zur Unsichtbarkeit eingehüllt, sie legte sich am offcnen Grabe nieder und streckte dem Todten ihre Hand nach.quot; „Nach Beendigung der Leichen-feierlichkeit hat die Wittwe an dom flachen Grabe des Verstor-benen ihren Platz einzunehmen, urn ihn wahrend der niichst-folgenden Monate kaum jemals zu verlassen; ein Dach aus Palm-bliittern schützt sie gegen die ünbilden der Witterung. Sie tragt wahrend dieser Zeit den Wittwenschleier, einen langen filetgestrickten Umhang, welcher Kopf, Schultern und Brust ein-hüllt. Unbeachtet, stumm und theilnahralos sitzt sie da, wie von der ganzen übrigen Welt abgesondert.quot; — Die Trauernden farben sich Gesicht und Kürper ganz weiss. Dor Wittwer logt sich als Zeichen der Trauer ein Basttuch um den Kopf, desgleichen eine geflochtene und zusammengedrehte Schnur um Hals und Schultern; die Haare lüsst er wachsen, da er das Kopftuch keinon Augenblick abnehmen darf. Die Leiche wird, nachdem ihre Kleinodiën an der Decke des Hauses aufgehangt wurden, fest mit Stricken eingeschnürt. „Die Griiber der Verstorbenen werden mit dauernder Ehrfurcht behandelt, die iilteren Griiber verfallen und überwachsen zugleich mit den Hausern, zu welchen sie geboren. Schliesslich verliert das Grab seinen Werth.quot; — „lm Anschluss an einen Todesfall kommen mitunter Morde und Fehden vor, welche sich zuweilen durch ganze Generationen hinziehenquot; ').

Von den betreffenden Verhiiltnisson in Kaiser- Wilhelm-Land

1) O. Schellong: „Ueber Familienleben und Gebrauche der Papuas der Umgebung von Finschhafen.quot; Zeitschr. f. Ethnologic, 1889; S. 21—25.

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war Hollrung noch nicht viel bekannt, aber doch einiges. „Eino gewisse Piëteit gegen die Toten ist überall zu bemerken. Die Eingeborenen errichten ihnen Grabstellen, zaunen dieselben roh ein, schmücken sie mit Blumen und setzen wohl auch in einigen

Gegenden eine Schale mit Wasser auf dieselben----Zum ausse-

ren Zeichen der Trauer wird das Gesicht schwarz gefiirbt.... In Constantinhafen vermeiden es die Kinder, au einem frischen Grabe des Abends vorbeizugehen, weil sie glauben der Begrabene ziehe Kinder mit in das Grab hineinquot;

Die Eingebornen der Maclay-Küsto bei Festungshnk heben Schadcl und Unterkiefer der Verstorbenen auf zum Andenken, „da die Pietat gegen Tote bei allen diesen Stammen sehr gross istquot;; „man bestattet namlich die Toten sehr oft in der Hütte, um nach ca. 10 Monaten die Knochen wieder auszugrabenquot;1).

Auch bei den Bewohneru von Finschhafen steht die Ahnen- resp. Totenverehrung auf hoher Stufe. Wenn ein Vornehmer bestattet wird, gehen die Dorfbewohner wochenlang mit geschwarztem Gesicht herum. Von den verehrten Toten werden Bilder gemacht2).

Auf Teste-lnsel wird ein Haarpolster auf der linken Brust als Trauerschmuck getragen: es bestand mal aus dem Haare der verstorbenen Schwester, die betreffende Prau wollte es auch gegen einen hohen Preis nicht hergeben, „gewiss ein schoner Beweis von Pietat gegen Verstorbenenquot;. Dass es diese Bedeutung hatte, ist wohl nicht sicher: das nicht verkaufen konnte ebensowohl seinen Grund haben in Furcht vor dem Zorne der Tote oder im Aberglauben das Haar bilde ein besonders kriiftiger Talisman. Nach Finsch werden Unterkiefer Verstorbener zum Andenken an sie als Armbander getragen 3).

Hiermit wiire denn unsere Übersicht des Toten- und Ahnen-kultes in Melanesien zu Ende.

1

Finsch: „Samoafahrtenquot;; S. 132, 131.

2

Finsch I.e.: S. 175—177.

3

3) Finsch 1. c.: S. 283, 284.

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§ 9. Indonesien.

Bovor wir jetzt dazu übergehen den vermeintlichen Einfluss der Malayo-Folyncsischen Rasso auf die Melanesier in dieser Bo-ziehung zu untersuchen, scheint os orwunscht vorher unsero betreffenden Kenntnisso fiir jeno Volker gt;5usammenzustellen. Fiir die malaische Abteilung ist dies urn so loiclitor, da uns hier dio priichtigen Arbeiten Wilken's vorliogen, welche eine eigene ünter-sachung des reichen Materials durchaus überflüssig maclien, da die Wilken'sche Bearbeitung desselben meistorhaft genannt werden darf. Doch findet sich dioselbo in drei Abhandlungen, nicht Jedem leicht zugiinglich, zerstreut vor, ausserdem nach dor Materie und nicht nach den betreffenden Völkern geordnet. Wir haben uns deshalb die Mühe getröstet die gar vielen von ihm mitgeteilten Zeugnisse fiir den Ahnenkult mal nach diesem Oesichtspunkte zu ordnen, damit so klar werde, für welche Yölker des indischen Archipels die Existenz des Almenkultes resp. dor Totenfurcht überzeugend bewiesen wurde.

Für die folgenden Volker wurde also von ihm nachgewiesen:

O rang Salcei Malaga's: Furcht v. d. Toten (H. 5), Selbstver-stümmelung bei Bestattung (H. 67).

Orang Samimba: Furcht v. d. Toten (II. G).

Mantra: Furcht v. d. Toten (Haaropf. 5).

Djalcan: Furcht v. d. Toten (H. C).

Orang Benuwa: Wittwenopfer (A. 86), Haus d. T. flüchten (A. 97), Sachen mitbestatten (A. 100), unbeschenkter Geist böse (H. 50).

Malaien Malalia's: Pontianaq (A. 199), Haaropfer (H. 59).

Kubu: Furcht v. Toten b. Bestattung bezeugt (H. 6).

Riau-Lingga Archipel: Festmahl für die Seele an bestimmten Tagen (A. 112).

Monanghibau-Malaien: Reliquien der Toten (A. 182), Festmahl an die Toten (A. 111).

Batalc: verehrte Bilder d. Toten (A. 171), Verehrung d. Geister i. Waldern (A. 194), T. als Gotter verehrt (B. 219), Sklavenopfer (A. 83), Totenfest (A. 90), Sachen mitbestatten (A. 101), Schiidel

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Ermordeter als Schutzgeist (A. 122), Eeindesschildel Schutzgeist (S. 14, 15), durch Rumor T. vortreiben (H. 12), frerade Kleidung als Marke g. T. (H. 23), d. Wasser bösen Geist verscheuch (H. 30), Selbstverstümmlung bei Bestattung (H. 67), —Kopfjagen (P. 912).

Karo-Balalc: Opfer an Seele auf Erde (A. 106).

loha-Batah: Opfer an Soele auf Erde (A. 106), Schadelver-ehrung als Ahnenkult (S. 9).

Nias\ verehrte Bilder d. Toten (A. 170), Pontianaq (A. 201), T. a. Oiitter verehrt (A. 220), Sklavenopfer (A. 83), ïotenfest (A. 91), Sachen mitbestatten (A. 100), Opfer a. d. Seele auf Erden (A. 106), durcb Rumor T. vertreiben (H. 12, 13), unbesohenkter Geist böse (H. 50), Haar- statt Menscheaopfer (H. 81), Kopfjagen (F. 914).

Engano: Sacbopfer a. Grabe (A. 95), unbeschenkter Geist böse (H. 40), Haaropfer (H. 59).

Batu-lnseln: Mitbestatten von Sachen (A. 100).

Lampomier: Totenfest (A. 91), Bauopfer e. Meuscben (S. 20), Eurcht v. T. b. Bestattung bezeugt (H. 12), langsames Menscben-opfern (11. 76).

Mentawei-lnseln: Schiideljagen zum Bauopfer (S. 19), Kopfjagen zum Opfer bei Heirat (S. 29).

Sundanesen: Bauopfer (S. 19).

Javaner: Reliquien als Ornament (A. 182), Pontianaq (A. 202), T. a. Götter verehrt (A. 242), Wittvvenopfer (A. 84), Eestmahl z. best. Tagen a. d. Seele auf Erde (A. 109), Sklavenopfer bei Krankh. (S. 25), Haaropfer (H. 59), — ehemals Kopfjagen (P. 916).

Balincsen: Pontianaq (A. 199), Wittwenopfer (A. 85), Festmahl z. best. Tagen f. d. Seele auf Erde (A. 108), Seele bis Totenfest auf Erde (A. 52), Sklavenopfer bei Krankh. (S. 27), Eurcht v. T. b. Bestattung bezeugt (H. 8), Haaropfer (H. 58), — Kopfjagd (P. 942).

Lombok: Wittwenopfer (A. 85), Sklavenopfer bei Krankh. (S. 27), — Kopfjagd (P. 942).

Oio Ngad ju Borneo's: Pontianaq (A. 200), Kopfjagd u. Sklavenopfer (A. 78), Tieropfer a. T. (A. 88), Sacbopfer (A. 94), Opfer a. d. Seele auf Erden (A. 106), Seele bis Totenfest auf Erde (A. 50, H. 36), Ahnenschiidelkult (S. 11), Seele als Skiave i.

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Hitnmel (S. 24), (lurch Eumor T. vertreiben (H. 13), fremde Kleiding als Maske g. ï. (H. 23), durcli Wasser Geist abwehren (H. 28), Wittwe heiratet nicht bis Totenfest (H. 41), Haaropfer (H. 59), durch Rumor Seele vertreiben (H. 12), qualvoll lang-saraes Menschenopfer (H. 76).

Land-Dajakcn; Sachen mitbestatten (A. 99), Schtidel Ermordeter als Schutzgeist (A. 125), Feindesschiidel Schutzgeist (S. 12).

See-Dajalcen: Sachen mitbestatten (A. 99), Schiidel Ermordeter als Schutzgeist (A. 124), Ahnenschildelkult (S. 7), Feindesschiidel Schutzgeist (S. 12), Furcht v. ï. b. Bestattung bezeugt (H. 11), Tabu nach Tod (H. 13), fremde Kleidung als Maske g. T. (H. 23), Geist auf Erde bis Totenfest (H. 35), Wittwe heiratet nicht bis Totenfest (H. 41), Fasten d. Verwanten bis Totenfest (H. 32),— Kopfjagen (P. 918).

Olo-Maanjan: Ahnenschadelkult (S. 7, 8), Furcht v. T. b. Bestattung bezeugt (H. 10), Fasten d. Verwanten bis Totenfest (H. 52).

Karau-TJajaJcen: Ahneuschiidelkult (S. 7).

Olo-Lowangan: Schiidelverehrung als Ahnenkult (S. 9).

Kutei-Dajahen: Kopfjagen a. Opfer f. Kind (S. 28), Seele bis Totenfest auf Erde (H. 37), Haaropfer (H. 59), Toten als Götter verehrt (A. 221), — Kopfjagen (P. 919).

Kajan-Bajalien: Sklavenopfer und Kopfjagen (A. 79), Mitbe-stattung von Sacheu (A. 99).

Idaan-DajaJcen: Kopfjagen (A. 79).

Seribas-Dajaken: Kopfjagen (A. 79).

Milanau-Dajaken: Mitbestatten ven Sachen (A. 99), Menschen-bauopfer (S. 19), Menschenopfer zum Tieropfer reducirt (S. 20).

Tring- Dajaken: fremde Kleidung als Maske vor dem Toten (H. 23), Haaropfer (H. 59).

Makassaren und Buginesen: Eeliquienverehrung (A. 182), Pon-tianaq (A. 199), Ahnen als Götter verehrt (A. 231), Festmahl zu bestimmten Zeiten (A. 112), Furcht v. Totem bei Bestattung (H. 9), d. Rumor Geist erschrecken (E. 12), Tabu nach Absterben (H. 12), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 22), durch Waschung m. Toten brechcn (H. 27), Fasten d. Verwanten bis Totenfest (E. 52).

15

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Bolaang-Mongondou: Totonfest (A. 92), d. Rumor Geist ver-scheuchen (H. 12), Tabu nach Abstcrben (H. 12), fremde Kleidung als Maske t. d. Toten (H. 21), durch Waschung m. Toten brechen (H. 27), Wasser verscheucht biisen Geist (H. 30).

Alfuren der Minahassa: Ahnenverehrung im Hause (A. 185), Geister in Wiildern vorehrt (A. 194), Ahnen als Götter verehrt (A. 227), Sklavenopfer (A. 82), Sachvernichtung als Opfer(A. 98), Sachen mitbestatten (A. 101), Opfer an die Seele auf Erde (A. 106), Schiidel des Ermordeten als Schutzgeist (A. 127, S. 18), Bauopfer eines Menschen an Ahnen (S. 33), Furcht v. Toten b. Bestattung (H. 9), d. Rumor Geist verscheuchen (H. 12), Verwanten nach Tod zu Hause (H. 15), Farbon als Maske v. Toten (H. 17), fremde Kleidung a. Maske v. Toten (H. 21), d. Waschung mit Toten brechen (H. 27), Wasser verscheucht Toten (H. 30), unbeschenkter Geist böse (H. 49), Fasten d. Verwanten bis Toten-fest (H. 52), qualvolles Menschenopfer (H. 77), Verehrung d. Leiche (A. 179), — Kopfjagen (P. 923), Ermordeter Skiave des Toten im Jenseits (P. 924).

Stdmmc in Central-Celebes-. Sklavenopfer (A. 82), Tabu nach Absterben (H. 13), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 21), unbeschenkter Geist böse (H. 50), Kopfjagen bei Bestattung (A. 82), — Kopfjagen (P. 926).

Gorontalesen: fremde Kleidung als Maske v. d. Toten (H. 21), durch Waschung m. d. Toten brechen (H. 27).

Galéla und Tóbéloresen: sich fiirben zur Maskirung v. d. Toten (H. 17), Fasten d. Verwanten bis Totenfest (H. 52), Haaropfer (H. 58), — Kopfjagd (P. 931).

Alf uren auf Hahnahera: Ahnenverehrung im Hause oder Tempel (A. 186), toter Feind Schutzgeist (A. 196), Ahnen als Götter verehrt (A. 238), Sachopfer an Toten (A. 95), Sachvernichtung als Opfer (A. 98), Furcht v. Toten b. Bestattung (H. 11), Wasser reinigt vom Toten (H. 29), Haaropfer (H. 58), — Kopfjagd (P. 930).

Al/uren auf Buru: Schüdelkult (A. 179), Reliquienverehrung (A. 182), Ahnenverehrung im Hause oder Tempel (A. 187), Ahnen als Götter verehrt (A. 240), Sterbhaus meiden (A. 76), quot;Schiidelverehrung als Ahnenkult (S. 6), Furcht v. Toten b. Bestattung (H.

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7), Wasser verscheucht büseu Geist (H. 30), unboschenkter Geist büse (H. 49).

Ceram: Bilder d. Toten (A. 168), Schtidelverehrung als Abnen-kult (S. 6), Seele d. getöteten Feindes wird Schutzgeist (S. 14 u. 18), Furcht v. Toten b. Bestattung (H. 7), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 19), Geist spukt bis Totenfest (H. 38), un-beschenkter Geist böse (H. 49), — Kopfjagd u. a. b. Bestattung (P. 931), Hilfe der Toten eingerufen, welche nm das Haus schweben

Ambon und die JJliaser: Bilder d. Toten (A. 167), Keliquienver-ehrung (A. 182), Pontianaq (A. 199), jiihrliches Festmahl (A. 112), Seele d. getöteten Feindes Schutzgeist (S. 19), fremde Kleidung a. Maske v. Toten (H. 19), — Kopfjagd (F. 934).

Boano: Töpfe v. Abgestorbenen verehrt (A. 174).

Timor: Pontianaq (A. 199), Sklavenopfer resp. Kopfjagen (A, 82), Tieropfer (A. 88), Mitbestatten v. Sachen (A. 102), Feindes-seele wird Schutzgeist (S. 18), fremde Kleidung als Maske v. d. Toten (H. 22), Haaropfer (H. 58), — Kopfjagen (P. 937).

Itotli-. Bilder d. Abgestorbenen (A. 169), Tieropfer bei der Bestattung (A. 88), Mitbestatten von Sachen (A. 102), Opfer an Seele auf Erde zu bestimmten Zeiten (A. 108),

Flores : Verwanten nach Tod zu Hause (H. 15), durch Waschung mit Toten brechen (H. 26).

Sumha: Kopfjagd (A. 82), Tieropfer (A. 89), Mitbestatten v. Sachen (A. 102), Opfer an Seele auf Erde (A. 108), Seele mit Totenfest nach Seelenland (A. 53).

Sumhawa: Wittwenopfer (A. 86), Tieropfer (A. 89), Sachopfer a. Toten (A. 96).

Savu: Tieropfer an Abgestorbene (A. 88), Mitbestatten v. Sachen (A. 102), Seele mit Totenfest zum Himmel (A. 53), Kopfjagen (A. 82).

Solor-Insein: Sklavenopfer bei Krankheit an Ahnen (S. 26), — Kopfjagd zur Abwehr einor Epidemie (P. 941).

Kisar: fremde Kleidung als Maske vor dem Toten (H. 20).

Luang-Sermata Insein: Geist spukt bis Totenfest (H. 40), fremde Kleidung als Maske vor dem Toten (H. 20), Haaropfer (H. 58),

1) Ludeking: S. 58.

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zu Hause bleiben der Verwanten nach Tod (H. 15), Tieropfer an Toten (A. 90), Sachopfer an Toten (A. 94).

Daivalor: Haaropfer (H. 58).

Wetter: fremde Kleidung als Maske v. d. Toten (H. 20), — Kopf-jagen (P. 937).

Leti: Sachopfer an Toten (A. 94), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 20).

Babber-lnseln: allgetneines Tabu nach Tod (H. 13), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 20), durch Waschung mit Toten brechen (H. 26), Haaropfer (H. 58).

Timorlaut: Bilder v. Abgestorbenen (A. 168), Schadelkult (A. 178), Hemchaft durch Geist (A. 196), Tieropfer (A. 89), Sachopfer an Toten (A, 96), Schadelverehmng als Ahnenkult (S. 5), Bauopfer (S. 19), d. Waschung m. Toten brechen (H. 26), Verbot Wittwenheirat bis Totenfest (H. 41), — Kopfjagd (P. 935).

Kei-Insein: Bilder v. Abgestorbenen (A. 168), Totenfest (A. 92), allgemeines Tabu nach Tod (H. 13), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 20), — Kopfjagd (P. 935).

Aru-lnseln: Bilder v. Abgestorbenen (A. 168), Sachopfer a. Toten (A. 96), Verwanten nach Tod zu Hause (H. 15), fremde Kleidung als Maske v. Toten (H. 20), Geist spukt bis Totenfest (H. 38), Verbot Wittwenheirat bis Totenfest (H. 41), Haaropfer (A. 58), — Koptjagd (P. 934).

Watuhela: Gefasse d. Abgestorbenen verehrt(A. 174), — früher Kopfjagd (P. 934).

Südosterinseln im Allgemeinen: Schadel des Ermordeten Schutz-geist (A. 125).

Südtvesterinséln: Schadel des Ermordeten Schutzgeist (A. 125), Kopfjagen (A. 54, — P. 936), Kleidung Maske v. Toten (H. 20), Bilder d. Toten (A. 168).

Hoiva Madagascar's: Wittwenopfer (A. 90), Mitbestatten v. Sachen (A. 103), durch Wasser sich vom Toten reinigen (H. 29), Haaropfer (H. 60).

Philippinen im Allgemeinen: Sklavenopfer und Kopfjagen (A. 81), Mitbestatten v. Sachen (A. 101), fremde Kleidung als Maske v. d. Toten (H. 22), langsames Menschenopfer (H. 76).

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Tagalas und Bisayas: Bilder d. Abgestorbeuen (A. 169), Geister in Waldern verehrt (A. 192), Pontianaq (A. 203), Opfer an Seelo auf Erde (A. 107), bei Krankheit Sklaven an Ahnen opfern (S. 25), — friihor Kopfjagd (P. 930).

Catalanganen: Töpfo d. Abgestorbeuen verehrt (A. 173).

Igorroten: Bilder der Abgesterbenen (A. 169), die Leiche auf-bewahrt (A. 177), — Kopfjagd für Bestattung (P. 930).

Zambales: die Seelo kommt wieder bis zuin Totonfest (H. 37),— KopQagd (P. 929).

Den Wilken'schen Angaben i) haben wir diejenigen, welche sich in Herrn Pleyte's fleissiger Abhandlung 1) finden, hinzugefügt, da wir jedenfalls annehmen dürfen, dass die Kopfjagd auf Schüdel-kult und damit auf Totenfurcht bernhe2).

Es mögen hier noch einige wenige Völker folgen, welche von Pleyte, nicht aber von Wilken erwiihnt wnrden.

Orang-Abung in den Lampong-Districten (Süd-Sumatra): Kopfjagd (P. 913); bis vor kurzem Kult der Ahnen und Ahnengraber 3).

Einwóhner von Ipu, Serampei und Sungei-tanang (Südwest-Sumatra): Kopfjagd (P. 914).

To-radja Laiwui's, Siid-Celebes: Kopfjagd, auch bei Heirat und Bestattung (P. 927); Wittwe schneidet Haaro ab, und knüpft weisses Band urn die Stirn bis ein Schiidel gebracht wurde (P. 928).

Reiche östlich des Golfes von lioni, Süd-Celebes: wie oben (P. 928).

Ceram-Laivut uud Goram-Inseln: ehemals Kopfjagd (P. 934).

1

C. M. Pleyte: „De geografische Verbreiding van hel Koppensnellen in den Oost-Indischen Archipel.quot; Tijdschr. v. h. Kon. Nederl. Aardrijksk. Genootschap. VIII. (1891): S. 908 seq. Diese Angaben sind mit P. bezeichnet.

2

Andree: „Ethnogr. Parallelenquot; I: S. 137.

Wilken: „Schedelvereeringquot;: S. 10.

3

Velh; „Het landschap Aboeng en de Aboengersquot;. Tijdschr. v. h. Aardrijksk. Gen. 1c Serie, II; S. 47.

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Wir wollen jetzt blos versuchen zu dieser reichen Zusammenstol-lung Einiges aus der seitdem orschienenen Litteratur nachzutragen.

Dein Wenigen was Wilken übor die Eeste eines früheren durch don Islam zurückgedriingten Ahnenkultes bei den Menanghahau Malaiern gab, lasst sich Folgendes hinzufiigen. Der abgewiesene Liebhaber bedient sich zur Rache an der Geliebton eines Stirn-knochen eines urang barani (eines Tapferen) oder eines urang barólómoe (Einer der verschiedene Kunstmittelcben kennt). — Die Seele (sumangat) begleitet die Leiche nicht, sondern bleibt auf dom Solier des elterlichen Hanses bis nach hundert Tagen, dann aber setzt sie sich auf die Grabsteine, allein jeden Donnerstag-abend besucht sie ihr altes Heira auf einige Stunden: „deshalb wird der Abend moist im Gebet verbracht und hütet man sich vor hiiuslichen TJneinigkeiten, und die Hausgenossen sagen ein-ander: wir wollen ein Riechopfer brennen und ein bischen beten; wir wollen zufrieden sein unter einander, denn die Seele unseres Toten wird gleich nach Hause kommen. Wahrend der hundert Tage werden die Sitz- und Lagerpliitze des Toten rein und sauber gehalten, denn man wagt es nicht die Seele durch Nachliissigkeit in dieser Hinsicht zu argern. Mit Ehrfurcht und Dankbarkeit spricht man über den Abgestorbenen; seine Seele hat ja das Vermogen Hilfe zu verleihen, und manchmal wird dieselbe in schweren Umstandon dazu aufgefordert. Betragen die Verwanten sich ehr-furchtslos, so verliisst die Seele schon vor dem hundertsten Tage ihren Wohnort um eine Zuflucht zu suchen bei friedfertigeron Verwanten. Niemals kehrt sie zu den Ihrigen zurück, helfen will sie ihnen nicht langer und nicht selten racht sie sich über die unliebsame Behandlung.quot; Die Seelen derjenigen, welche im Kriege blieben oder im Wasser umkamen, halten sich nach Ablauf der hundert Tage, in den Waldern, auf den Bergen, in Steinen und Brunnen auf. Diese Stellen haben deshalb don Ruf derHeiligkeit und nicht selten wird daselbst den Geistern der Abgestorbenen geopfert. Am dritten und siebenten Tage essen die Miinner den Reis, welchen die Frauen mitbringen; am hundertsten Tage beim grossen Totenfest werden unter die Verwanten Geschenke ver-

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teilt; ohemals waren diese gewiss für den Toten bestimmt. Die Geister berühmter Ahnen oder irgendwie bekannt gewordener Personen üben einen grossen Einfluss auf das menschliche Lebcn aus, an erster Stelle die Seelen der Stifter eines Dorfes oder der Stammvater einer Familie. Auch der Mohammedaner betet zu ihnen neben Allah und Mohammed oder benutzt die Heiligkoit seiner Ahnen und Eltern als eine Fürsprache bei Allah. Gewöhn-lich werden die Seelen auf den tampat kiramat, den heiligen Grabern, angerufen; dazu opfert der Priester ihnen eine Geiss oder ein Schaf. Die Seelen der kürzlich Verstorbenen werden nicht angebetet. „Wohl aber wird, speciell w ah rend der Zeit, die sie noch auf Erde verbringen, mit grosser Ehrfurcht an sie gedacht und besteht die Vorstellung, dass man sie ebensowohl erzürnen als günstig für sich stimmen könne. Das Tier in welches eine Seele überging schliesst sich den geliebtesten seiner Verwanten an, schützt sie, und nimmt es sehr übel, wenn Zwist und Zwiespalt es hindern die Wohnung der Seinigen zu besu-chen.quot; Bilder oder körperliche Reste werden nicht für den Kult benutzt. Zur Heilung einer absichtlich verursachten Krankheit bedient man sich eines Fragmentes des Schüdels eines Menschen, der eines blutigen Todes starb. — Irgendwie eigentümliche Sachen werden verehrt, wenn sie dazu den Ahnen gehörten, man nilhert sich ihnen nur mit Riechopfern und Gebeten.

Eine schwangere Frau, welche ihre Frucht abtrieb und im Walde verscharrte, bleibt an der Stelle umhorirren in Gestalt eines Frosches; sie ist eine heftige Feindin aller Manner, insbe-sondere ihres Gatten, welchem sie die Genitalien abzureissen ver-sucht. Auch die Seelen der Frauen, welche ein totes Kind ge-barten oder eines das gleich nach der Geburt starb und im Schmerze hierüber selber starben, hassen die Manner und reissen ihnen im Dunkeln die Genitalien ab. Eine ahnliche Mannerfeln-din wird die Seele der Frau, welche Ehebruch trieb und starb, als das Sündenkind das Licht erblickte

1) J. L. van der Toorn; „liet Animisme bij den Minangkabauer der Padangsclie Bovenlanden.quot; Bijdr. T. L. en Vk. v. N.-I. XXXIX (1890): S. 69-70, 71,82-83, 95—98.

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Über dio Anschauungen der Karo-Batak haben wir jetzt den ausführlicheu Bericht Westenberg's. Der Ahnenkult ist rait ihrem ganzen Leben aufs Innigste verwebt; doch soil er durchaus keinen moralischen Einfluss ausüben. Die Seelen, bógu, bleibon auf der Erde umherirren, meist unsichtbar, bisweilen in Men-schen verkörpert; fortwahrend qiialt sie Hunger und Durst, und opfern ihre Verwanten ihnen nicht bisweilen, so riichen sie sich am Schuldigen durch TJnglück und Krankheiten. Andere bógu greifen Jeden an, welcher sie z. B. durch Betreten ihres Gebiets beleidigt; doch in jedem Falie befriedigt ein Opfer von Speisen und Getranken oder von sirih sie durchaus. Wer sie nur in der Weise sattigt, ob übrigens Dieb oder Mörder, wird von ihnen nicht bohelligt.

Die Geister der Abgestorbenen werden in vier Klassen verteilt; die ersto sind die bitjara guru, d. h. die Geister dor totgebornen oder vor dem Zahnekriegen gestorbenen Kinder, welche stets durch den Mund eines Priesters, guru, sprechen; doch wird ein solches Kind blos zum bitjara guru erhobon, wenn die Verwanten kurz nach seinem Tode von Krankheiten geplagt werden und ein ge-schickter guru anwesend ist, welcher die Umstiinde zu benutzen ver-steht. Teile der Leiche bilden Ingredienten zu köstlichen Zauber-raitteln. Diese bógu wird vom guru zur ürsache der betreffenden Krankheit erklart, zufrieden gestellt, und weiterhin verehrt; sie erhült ein hübsch verziertes neuos Grab und gilt als Schützerin ihrer Eamilie; geht es der Familie gut, so wird die bitjara schön gepflegt und verwöhnt, sonst vernachliissigt man sie.

Die machtigsten Schutzgeister sind die plötzlich Gestorbenen, ob im Kriege getötet, ermordot, von einem Tiger erbeutet oder Selbstmörder; auch sie werden nur verehrt, wenn die Gesundheit ihrer Verwanten kurz nach ihrem Tode unbefriedigend ist; sie werden in derselben Weise behandelt wie die bitjara guru.

Die dritte Klasse bilden die tungkab, die Frauen welche ihre Jungfraulichkeit ihr Leben lang bewahrten, eine grosse Seltenheit; ihre Griiber werden schön ausgeputzt und sie vermogen ihren Verwanten ein angenehmes Leben zu sichern.

Ihre Erinnerung und Verehrung wahrt der Seltenheit wegen

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lilnger als die der beiden genannten Geistergmppen, welcho nach dem Absterben ihrer nachsten Verwanten fast immer vernach-lassigt und bald ganz vergessen werden. Blumen und Blatter von dem Grabe einer solchen tungkub warden in den Krieg mitgenommen vind schützten gogen die feindlichen Kugeln.

Alle dicse Geister sind im Allgemeinen den Verwanten wohl-gesinnt, wahrend die sonstigen bógu don Menschen blos schadlich und liistig sind. Sie bitten ura Speisen dadurch, dass sie Einen krank machen, gleiebgiltig wen, obwobl meistens einen Verwanten. Beleidigungon straten sie mit Krankheiten, z. B. Holzhacken wo sio ibren Wohnsitz halten.

In den musuh berengi (Drohbriefen), falls ein Toter ursprüng-lich Partei gewesen, giebt der Schreiber es den Anschein, alsob der bógu den Brief geschrieben hiitte, worin er um Recht bittet oder mit Rache, Mord oder Brandstiftung, droht. — Alle diese b6gu können dnrch die guru aufgerufen werden, doch ist dies eine Seltenheit und werden sie nicht regelmüssig verehrt. Eine Ausnahme machen nur die bógu grosser Hauptlinge und berühm-ter guru. Auf ihren Griibern wird allgemein geopfert und ihr guter Wille wird von grossem Nutzen erachtet. „In fast allen bedeutenderen kutas findet man Totenhauschen (griten), in welchen das Dorfshaupt die Gebeine oder wenigstens die Schiidcl seiner Ahnen bewahrt. Bei der Errichtung dieser griten versaumt man nie die bógu der Letztverstorbenen anzurufen, deren Gebeine hier ihro letzte Ruhestatte finden werden. Weiterhin wird ihnen aber meistens keine grosse Beachtung gezolltquot;

Von den Niassern behauptot Modigliani in seiner Monographic, dass ihre Religion fast ganz in einem sehr entwickelten Aluien-

■1) C. J. Westenberg: „Aanteekeningen omtrent do godsdienstige begrippen der Karo-Balaks.quot; Bijdr. t. d. T. L. en Vk. v. N.-I. XLI (1892): S. 219-227. Über die Anfertigung und Function der pengulubalang s. S. 237—239.

Von Brenner berichtet, dass die Schadelverehrung besonders bei den Tolanern im St;hwunge ist. Die Schadel auswarts Verstorbener werden in die Heimat gebracht. Mit dem Schadel gohen Weisheit, Macht und Reichtum über, man sammelt des-halb nicht nur die Schadel der Vorfahren; ihr Besitz sichert die Herrschaft über die Seelen. „Besuch bei den Kannibalen Sumatrasquot; (1894): S. 231, siehe auch S. 237, 233 235,

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kulto bostehe. „I Nias tengono sempre in gran conto i loro morti, li onorano, offrono loro sacrifizi; perciö io non vedo nessuna differenza tra il sentimento per cui essi fanno sacrifizl ai loro padri e nonni e quello che li induce a sacrificare ai bisavoli o ai piü antichi progenitori, noi quali si sono voluti vedere altret-tanti déi intorno al Dio unico, Lowalini, ma che in ultimo analisi non sono che altrottanti progenitori.quot; „Sul culto degli antenati anzi è incarnata ogni loro credenza. I primi progenitori non sono estinti o sebbene lo siano sulla terra, vivono altrove e si occu-pano ancora dei loro discendenti, e siccomo tutto ciö che ö leggen-dario vien rivestito ovunque di virtu o vizt e sempre di facolta meraviglioso, cosi a poco a poco si attribuirono a questi progenitori qualitü molto maggiori di quelle che avessero gli antenati piü recenti.quot; Also der hoch entwickelte Ahnenkult und die Um-bildung der Urahnen zu Göttern! „Questi spiriti che i Nias rispettano e temono non rappresentano in ultima analisi che antenati degli uomini piü o meno idealizzati o deificati; ö naturale quindi che in essi sia grande il culto per gli antenati piii prossimi, cioö dei loro bisavoli, nonni e genitori. Di tutti questi si trovano sempre in ogni casa le immagini rappresentate da statuine di legno accuratamente eseguite, che portano il nomo di Adü zatüaquot; Die Geister der Toten heissen Böchu zi mate. „È sempre temibile il loro risentimento quando i superstiti non avranno compiute tutte le ceremonie funebri alle quali essi hanno diritto o che esigono onde poter essere rispettati nel regno dei morti, conformemente alla condizione sociale in cui hanno vissuto. I Böchu zi mate possono tormeutare molto gli uomini molestan-doli anche materialmente; se poi entrano nolle piantagioni, dis-truggono il raccolto e ad ovviare questa sventura, in ogni campo si usa riservare un angolo per i Bechu zi mate erranti.quot;

Bèchu matiüna wird die Seele dor Frau genannt, welche bei der Geburt starb, und welche Frauen im Wochenbette qualet und abortiren lilsst1).

1

Modigliani: S. 625.

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Ehöha heisse diejoaigo Seele, welche der Sohn in seinen Mund von dem sterbenden Vater auffangt, wenn dieser allenfalls einen Sohn hat and reich ist. „Qaesta manifestazione speciale di un' anima ereditaria non va, mi sembra, dimenticata, percho e una delle prime prove del rispetto che i Mas hanno per i loro defunti ed una dolle prime ragioni alia tenacita delle loro consuetudini.quot; In den ersten Tagon nach dem Tode kehren die Geister noch mal in ihr Hans zurück, bis das Totenfest und die Opfer statt-gefunden haben, welche beabsichtigen sie für immer zu vertrci-ben. Ein ïeil der ehèha wird ein kleines Tierchen, welches auf-gesucht worden soil und in die Niihe der Statuette des Toten gestellt, sonst schickt dor erzürnte Geist der Familie Krankheiten ').

Aus dor gründlichen und interessanten Abhandlung Grabowsky's über Tod, Bogriibniss und Totenfest, bei don Ola-Ni/adjti-Dajaken und don Ot Danom werde ich nur einigo wenige bosonders be-zeichnende Thatsachen anführen.

Man legt Geldmünzen auf die Augen der Leichon, damit sie vom Jenseits ihre Angehörigen nicht sehen und ihnen nicht schaden kunnen. Seine eigenen oder geborgten Keichtümer legt man um don Leichnam herum; die Verwanten streuen Reis auf ihn zu seinem Gebrauche sowio für den dor Vorverstorbenon. Wittwen müssen ihr Haar abschneiden (oder sich mit zwei Gulden davon loskaufen) und sich ganz weiss anziehen, ohne Schmuck. In dor

1) Modigliani; S. 290—294. Vergt. Fr. Kramer: „Der Gotzendienst der Niasserquot; (T. v. I. T. L. en Vk. XXXIII, 1890): S. 474, 475. Sehr klar macht dieser Bericht-erslatter die in allen Lebenslagen ganz hervorragende Bedcutung des Ahnen-kultes für die Niassor. Merkwürdig ist die Reduction des Opfers an die Ahnen, nl. werden ihnen die Borsten der geopferten und verspoisten Schweine angeboten; S. 481 (beim Opfer vor einer weiten Beise), S. 482 (beim Goldschmieden, sie erhalten auch Fleisch;), am Hochzeitstage S. 483 (auch Fleisch), beim grossen Festo eines Hiiuptlings, wobei der Festgeber ganz speciell dem Schutze der Ahnen anheimgestellt wird (S. 484, 485), und bei der Krankheit (S. 500). Die Ahnen schützen die schwangere Frau, denn die N. befiirchten, dass die Geister der er-mordeten jungen Kinder kommen und die Frncht aus dem Leibe der schwange-ren Frau stehlen.quot; (S. 489); wenn Einer von einein Toten traumt, bedeutet dies, dass dieser ihn nachziehen wird (S. 491); durch ein Schweinsopfer und sonstige Ceremonien wird der eben Verstorbene vom Priester von den Lebenden getrennt (494, 492).

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Leidenschaft der Trauer wird öfter alles zerbrechliche Hausrat zerschlagen. Auch Kinderleichen bekommen alle ihre Sachen mit ins Grab, doch erhalten sie selten ein Totenfest. Grossen Helden worden die Waffen mitgegeben. Arme Leute werden schnell und ohno Urastande bostattet in ordentlieh festgeschnürter ümhüllung ; kleine Opfer sollen Tempon ïelon bewegen die Seele in die See-lenstadt hineinzuschmuggeln, sonst muss dieselbe immer aufErde umherirren. Durch einen ünglücksfall Gestorbene werden nicht bestattet, sie fahren in ein Tier oder in einen Baum und werden sehr gefürchtet. — An den Sarg werden erbeutete Schadel und Speisen gehiiugt; die Seele irrt bis zum Totenfeste umber. Die Seele lockt gerne die ihrer Angehörigen zu sich. Alle Verwanten sind drei odor sieben Tage lang nach der Bestattung unrein, die niichsten aber bis zum Totenfeste. — Die Hauptseele kommt oft aus der Seelenstadt zurück, durchschweift die Erde, bowacht Sarg und Grab, worin ihr Leib liegt. „Wahrend dieser Zeit thut die Liau oft Schaden, macht Menschen krank, entweder um sich für friihore Beleidigungon zu rachen, oder weil sie Jemanden, den sie liebt, nachholen will.quot; Zur Beruhigung giebt man ihr zu essen und weist ihr symbolisch eine Ruhestatte an. Das Totenfest führt die Seelen erst auf immer in die Seelenstadt hinein. Auf der Reise schon und dort werden Vergehen und Verbrechen bestraft. In der eigentlichen Stadt aber wird ein freudvolles Leben geführt. Stirbt die Seele endlich wieder, so geht sie in eine Frucht oder in ein Blatt ein, geniesst dies ein Mensch, so wird dieser zeugungsfahig, und die Seele wird als ■ Mensch wiedergeboren. — Das Totenfest ist so kostspielig, dass es nicht gleich gefeiert werden kann, obwohl die Seele drauf wartet. Wo beim Feste keine Sklaven getötet werden dürfen, schnitzt man Holzliguren (hampatong), deren Seelen die Sklaven des Verstorbenen im Jenseits werden. „Ein Haupterforderniss sind auch, namentlich im Innern der Insel, für ein Tiwah frisch erbeutete Menschenköpfe und mussen einige mannliche Verwandte deshalb lange vorher auf einen solchen Mordzug ausziehen. Eine ermüdende und gefahr-liche Reise ist es, die sie antreten, wobei os leicht vorkommen kann, dass ein oder dor andere Theilnehmor seinen Kopf einbiisst,

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statt einon andern mitzubringen. Glückt os nicht Köpfe zu erbeu-ten, so mussen zura Tiwah alte Schadel benutzt werden, die go-liehen oder gekauft werden mussen, falls die Familie keine Schadel besitzt.quot; — Für die Seelen, welche durch Mord oder im Kriege gestorben sind, werden pantar, Miiste mit Schadeln, aufgerichtet. Beim eigentlichen Feste wird der Seele wieder Nahrung gespen-det. Eigentlich wird die Seele durch das Totenfest nur nach dem endgiltigen Grabe geführt, wo sie wohnen bleibt; wer dio Gegend des Grabes betritt, bekommt Kopfschmerzen. Am zweiten Tage des Festes werden Sklaven oder Kriegsgefangene zum Opfer ge-tötet, und zwar unter cntsetzlichem Martern; mit ihrem Blute werden die Verwanten des Toten bestrichen um sie mit diesem zu versöhnen. Wo die niederliindische Regierung Gewalt übt, werden statt Sklaven Buffel totgemartert. Nach einem Berichter-statter, sollen die Seelen der Verstorbenen um so fröhlicher sein, je mehr die Opfer gequalt werden. Die Leichen werden bestattet oder verbrannt. Am siebenten Tage des Festes reinigt man sich durch ein Bad von der Berührung mit Allem, was dem Toten gehorte. — Das tiwah ist öfter so kostspielig, dass die Festgeber sich als Sklaven verpfanden mussen. Die Seelen der zu Armen müssen ewig umherirren

Nach den neuesten Mitteilungen Liefrinck's über Bali werden in denjenigen desa's, wo wahrscheinlich der aussere Eiufluss nur wenig oder gar nicht wirksam gewesen ist, die Leichen noch immer bestattet oder in den Wald ausgesetzt bis die Tiger sie bemeistern. — Die Verehrung der Ursprungsstatto der Familie, falls diese bekannt, soil nach der Meinung des Verfassers, nicht mit einem Ahnenkulte zusammenhangen, weil dieser im eigent-lichen Sinne nicht besteht. Wohl aber werden, so laoge die Leiche noch im Hause ist, tüglich Opfer für sie bereitet und werden diese von den nachsten Verwanten auf der Lagerstatte oder dort „wo der Verstorbene bei seinem Lebtag sich meistens auf hielt, dem Toten vorgesetzt; zwar wird dies auch nach der Bestattung

1) F. Grabowsky: „Der Tod, das Begrabniss, das Tiwah oder Todtenfestquot; Intern. Arch. f. Ethnographie, II (1889); S. 177—204 passim.

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'/ax bestimmten Zeiten auf der Grabstiitte wiederholt, wobei der ïote angerufen wird die Speisen zu geniessen, doch geschieht dies blos in der Voraussetzung, dass in der ersten Zeit nach dein Tode alle irdischen Beziehungen noch keineswegs abge-brochen sind und der Körper einigermassen fortfiihrt dieselben Bedürfnisse zu fühlen als beini Leben.quot; Doch steekt hierin wohl inehr Rest von einem Ahnenkulte als der Verfasser annimmt, denn er fahrt fort: „Hat die Verbrennung der Leiche einmal Statt gefunden, so hört dies alles auf und nur in besonderon Fallen und dann in langen Zwischenpausen wird noch mal ein Fest zur Erinnerung der Ahnen angerichtet; von einer regel-miissigen Verehrung ist aber gar keine Rede.quot; Merkwürdig ist was er gleich hinzufügt: „Der einzige Fall von Totenverehrung (raedówa pitra) kommt vor, wenn Jemand Einen, der ihm nichts zu Leide gethan hatte, vora Leben beraubte. Der Schatten des Letzteren verfolgt den Mörder und dessen Verwanten auf immer und kann nur dadurch versöhnt werden, dass er gleichsam wie ein Gott verehrt und ihm demnach im Haustempel ein Altar errichtet werdequot;

Über die Insel Rote oder liotti lautet die neueste Mitteilung' Graafland's, dass die Leichen lange im Hause bewahrt und end-lich unter demselben begraben werden. Hire Religion besteht hauptsiichlich aus der Verehrung der Seelen Abgestorbener (nitu), welche sie in gute Stimmung zu bringon versuchen zur Abwehr von Krankheiten und Unfiillen; der Priester redet die Geister zu, dankt ihnen und fragt um ihren Segen, wenn in den Som-mermonaten unter grossem Liirm von einigen Kampongs zusam-men unter einem Baum Steine angehauft waren, wohin die Seelen kommen, angerufen werden und Opfer erhalten; die mitgebrach-ten Speisen werden hiernach wieder mitgenommen. — Mantualai scheint eine Art Gottheit zu sein, dessen Gunst durch Vermitt-lung der Abgestorbenen abgefleht wird. — Die Leiche wird aufs Kostbarste ausgeputzt; eine Frau bleibt neun Tage bei dem

1) F. A. Liefrinck: „Bijdrage tot de kennis van het eiland Baliquot;, T. v. I. ï. L. en Vk. XXXIII (1890): S. 239, 249, 250.

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Grabe um den Toten zu nahren, und wahrend der Zeit bleibt sie ungewaschen und ungekiimrat. Nach der Bestattung wird ein Totenfest abgehalten; nach dem neunton Tage grüsst der Priester den Toten zura letzten Male und bittet ihn jetzt im Totenreiclie zu bleiben ').

Von der Insel Tidore berichtet De Clercq, dass die Seolen der Abgestorbenen sich an bestimmten Stellen aufhalten, z. B. im Walde oder in den Giirten; sie werden djoü titulirt und als Schutzheilige verehrt. Ob die besonderen Geister, welche bei Krankheiten zu Rate gezogen werden und dann bei der Schlaf-stelle Speisen fertlg gestellt bekommen, Toten sind, wird aus dein Berichte nicht deutlich 1).

Im kleinen Reiche Tohunglcu auf der Ostküsto Celebes', welches derselbe Verfasser beschreibt, werden die Leichen in prauförmigen Holzsargen in der Nühe der Wohnung oder auf hohen Baumen, oder aber in Felshöhlen aufbewahrt, mitunter auch bestattet. Prüher sammelte man nachher die erübrigenden Gebeine einer ganzen Familie in grossen Gefiissen, welche in unzugünglichen Stellen bisweilen noch angetroffen werden 2).

Die 7?a«(/a?-Insulanor bestatten die Leiche in der Niilio ihrer Wohnung oder im Walde, nachdem sie den Kranken vorher be-fragen, ob er sich eine gute Stelle auserwühlt hat, da hierauf besonders geachtet wird 3).

Vom Districte Tohélo auf Nord-Halmahera, erhalten wir vom sel-ben Forscher folgende interessante Nachrichten. Seit die Seerüuber-züge und damit die Kopfjagden auf horten, „fielen auch die Haupt-gründe zur Anrufung der Ahnenseelen und zur Abwehr von fremden Einflüssen fort, und werden jetzt diese Schutzmittel

1

F. S. A. de Clercq: „Bijdragen tot de kennis der residentie Ternatequot; (1890); S. 74.

2

De Clercq I.e.: S. 140.

3

De Clercq I.e.; S. 132.

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bloss bei Epidemieën oder bei Krankheiten Einzelner angewen det, wodurch sie viel von ihrem eigentümlichen Karakter eingebiisst habcn.quot; Die Leichen von Allen, welche zu Hause starben, auch von Frauen und Kindern, werden in Sargen unter ein Abdach neben dio Wohnung gestellt. Wenn der Verstorbeno Geld besass, wird ilnn auf die Augen und in jede Hand ein Reichstaler gelegt, nötig zar Anschaffung von Speisen auf der Eeise; Kopf und Füsse ruhen auf Tellerscherben, welche bisweilen auch zwischen die Finger gesteckt werden. Wenn die Leiche lange genug im Sarge gewesen und gewiss verfault ist, werden die Knochen heraus geholt und in einer Büchso oder kleinen Kiste bewahrt; diese Büchsen werden auf eine Saule neben die Wohnung gestellt. Die ïellerscherben werden fortgeworfen und Andere, nur nicht Fami-lienmitglieder, dürfen das Geld an sich nehmen. Wenn der Verstorbene mehr oder weniger der Vergossenheit anheitn fiel, wirft man die Knochen in den Wald ohne weiter dabei zn denken. Beim Einsiirgen und Überbringen dor Knochen wird jedesraal Tage hindurch ein Fest gefeiert, mit Anrufung der Namen der Vorfahren und Lobliedern zu ihrer Ehre.

Die Leichen Jener, welche ausserhalb des Kampongs starben, werden ohne Festlichkeiten bestattet. Die Seelen (gonia) derartig Verstorbener werden nie verehrt; „anders liegt der Fall mit den Seelen Jener, welche in der Familie einen gewissen Namen durch ihren ïod im Kampfe erworben und in Hauschen (tau) zu wohnen erachtet werden; noch höher stehen die Seelen derjenigen Vorfahren angeschrieben, welche als Stifter der Niederlassung betrachtet und hoch verehrt werden, da die Erinnerung ihrer grossen Thaten, wenn auch vielfach übertrieben, bewahrt wurde. Die Hauschen der Ersteren sind ganz einfach zusammengestellt und werden gewöhnlich auf dem Dachboden der Wohnung bewahrt ; sie heissen goma ma-tau. Bisweilen nimmt man sie nach dem Walde oder dem Garten mit, auch zur Austreibung böser Geister.

Die anderen Seelen werden in Hauschen verehrt, welche sau-ber gearbeitet und mit farbigem Papier beklebt sind, unter der Wohnung oder einem Abdache neben ihr gestellt, und bei grossen

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Eesten in die gemeinschaftiiche JBude gebracht werden, wo pinang und Speisen fur die Seelen der Vorfahren hinein gelegt werden. Man nennt sie dodadi ma tau (dodadi — Ahnen, von welchen Alio abstammen) .... Von beiden Arten von Seelen werden die Namen angerufen um durch ihre Hilfe Krankheiten odor Ungliick abzu-wehren, oder um den Mut der Ahnen auf einen der Nachkommen übergehen zu lassen. Man versaumt nie die Seelen mit djoii anzurufen.

In gewöhnlichen Zeiten sind alle Seelen in der Wohnung anwesend. Erst bei Krankheiten der Hausgenossen werden sie angerufen und zwar alle ohne Unterschied, soweit ihre Namen aus friiheren Zeiten erhalten sind. Man setzt voraus, dass sie sodann in die eigenen Hiiuschen einziehen, wo man ihnen Speisen mit saguwer, pinang und ïabak vorsetzt; dieses wird gewöhnlich einen Tag unberührt gelassen, weil es den Angerufenen zur Nahrung dienen soil, dann aber von den Menschen gegessen; Alles ge-schieht under lautem Geschrei und Ausfiihrung eines Schein-kampfes hohola genannt, begleitet von dem ununterbrochenen Schlagen der Tamburine.

Wenn die Seelen in den kleineren Hiiuschen nach Erholung aus einer schweren Krankheit oder nach Wiederkehr aus dom Kriege verehrt werden, die grössten Eestlichkeiten fanden ehemals Statt, wenn ein oder mehrere Köpfe geschnellt waren; diose Gewohn-heit fand ihren Grund in der Eurcht durch die Seelen der Vorfahren beunruhigt und in Eolge dessen durch Krankheiten goquiilt zu werden. Jetzt hat das Kopfschnellen aufgehürt, und dienen die festlichen Veranstaltungen in den goma ina-tiiu mehr zur Beruhigung böser Geister und jene in den dodadi ma-tau zur Abwehr von Epidemieën und sonstigen allgemeinen Unfallen. Die geschnellten Köpfe warden nicht in die Negorei gebracht, wohl aber wurden nach der Wiederkehr von einem Schnellzuge Tage und Nachte hindurch Eeste gefeiert und rief man die iiltesten Seelen an, zur Dankbezeugung für die verliehene Hilfe, doch blieb es hierbei. Vorber mussten die Manner sicli baden, den Korper mit 01 und kurkuma einreiben, Blumen ii\ das Haar stecken und den Kriegsgiirtel umhangen.

•16

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Jede Person hat bios eine Seele, wo diese itn Kcirper ihren Sitz hat, ist unbekannt. Es giebt aber auch Kampongseelen (?), zu deren Ehre in einem besonderen Hause oder in einer auf allen Seiten geöffneten Bude geopfert wird.... Diese Seelen sind die tapfersten aller in dem Kampong wohnenden Seelen, welche in den in die Bude zusammongebrachten dodadi ma-tau sich aufhalten, vor welche jede Familie Speisen und Getriinke hin-stellt. Viele dieser Buden sind jetzt im Verfall und werden erst wieder hergestellt, sobald dies nötig zur Abwehr allgemeiner Krankheiten.quot; Wenn die Seele eines Vorfahren in einen Mann fuhr, tötet dieser ohne Zweifel seinen Feind. — Goma und dilikon heissen die Seelen derer, welche im Kampfe fielen, mit den anderen beschaftigt sich Keiner, daher dass Frauen seiten Verehrung teilhaft werden, ausser wenn diese beim Überfall eines Kampongs im Gefecht fielen. — Die Seele geht mit denFamilien-mitgliedern auf die Scbweinejagd und auf das Meer zum Fisch-fang sowie zum Stechen von Schildkröten, und wenn die Beute verzehrt wird, wird sie eingeladeu mit zu essen. Biswoilen geht die Seele selbst in ein Schwein iiber, welches hieran erkannt wird, dass es aufgejagt sehr unruliig ist und die Hunde oder den Jager beisst; der Biss ist übrigens nicht tief und ein solches Tier wird leicht gefangen. Zu Hause wird das geschlachtete Schwein in den Ranch gehangt und das Fleisch in die goma ma-tau ge-stellt, damit die goma aus sich selbst wieder hinaus gehe. Es wird hieran zugeschrieben, dass die Seele vernarrt war in das bei den Alfuren sehr beliebte Schweinefleisch. — Von Lenten, welche im Rufe der Tapferkeit standen und nicht da-heim starben (nicht eigentlich im Gefecht fielen), deren Seelen aber man für den Kampong erhalten möchte, findet eine symbolische Bestattung Statt, in der Absicht, dass die Goma in der Nahe der Wohnung bleibe und sich nicht verirre.quot; Eine Art Puppe wird gemacht, welche in die Hauptwohnung oder in die goma ma-tau gestellt wird und man feiert dann ein Toten-mahl von vier Tagen, wickelt die Puppe in eine Matte und be-stattet sie.

Pflanzen und Tiere bezitzen keine goma; ihr Leben heisst

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angenehmer als das der Menschen, weil oliue Krankheiten und Kampfe'). —

Von etwa 7ö verschiedenen malayischen Völkern liisst sich also meistens aus mehreren, sogar vielen, bisweilen auch aus nur wenigen Thatsachen die Existenz und zvvar die univer-selle des Ahnenkultes- resp. der Totenfurcht nachweisen; sie sind weder auf die entwickelteren noch auf die niedrigsten Stamme beschrankt. Es bloibt das grosse Verdienst Wilken's dies in über-zeugendster Weise dargothan zu haben.

§ 10. Micronesien.

Versuchen wir jetzt eine Übersicht von don betreffenden Ver-hiiltnissen in Micronesien zu geben.

Die Gilbert-lnsulaner verehren ihre Ahnen noben andoren Göt-tern; die Schiidel der Verstorbenen heben sie auf und verehren sie tief; wenn sie dieselben um Etwas bitten, reinigen sie sie vorher und reichen ihnen Speisen. Auf Kurta glaubt das Volk, dass die Götter ehemals Hauptlinge waren 3).

Parkinson erzahlt noch wie das Totenfest drei Tage dauert. „War der Verstorbene eine Person von Bedeutung, vielleicht, ein König oder ein grosser Krieger, so wird der Leichnam nun ein-fach in Matten eingehüllt und zusammengesclmürt, dann auf die Querbalken der Hütte geschoben und dort aufbewahrt. Gewöhn-lich findet jedoch eine Beördigung statt, entweder in oder ausser-halb der Hütte.quot; Nach einigen Tagen wird der Kopf des Toten hervorgeholt und gereinigt. „Der sorgfiiltig gereinigte Schiidel

•1) Ich konnte nicht unlerlassen iille diesc so höchsl bezeiclinenden Ilauptsachen init zu teilen.

F. S. A. de Clercq: „Dodadi ma-taoe en Goma ma-taoe ol' Zielcnhuisjes in liet district ïobélo op Nooid-llalmahera.quot; Intern. Arch. f. Ethnogr. II, 1889; S. 204, 208-211.

2) Wilkes V: S. 90, 91.

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jedoch wird von nun an ini Hause aufbewahrt und ist der Ge-genstand grosser Verehrung und der grössten Sorgfalt; er wird auf etwaigen Wanderungen und Reisen raitgefiihrt, man salbt ihn mit 01, bliist ihm Tabaksrauch in die Mundhöhle, bietet ihm Essen an, spricht zu ihm und behandelt ihn ganz wie eine noch lebende Personquot; „Ausser (den zahlreichen eigentlichen) Göttern giebt es aber noch eine grosse Anzahl von geringerem Rang, die sind die verstorbenen Mitglieder dieser oder jener Familie, die sich im Leben auszeichneten, sei es im Kriege, auf dem Fischfang oder als Priester und Prophet irgend eines Gottes. Sie haben jedoch nur für den engeren Kreis, für die Familie aus der sie herstammen, eine Bedeutung. Sie sprechen mit dem zeitweiligen Familienoberhaupt, melden ihre Ankunft durch leises Floten an und stehen überhaupt in allen Fallen ihrer Verwandtschaft bei, so gut sie könnenquot; 1).

Auch auf den Marshall-Insein soil der Ahnenkult bestehen, und sogar beim Verfall der sonstigen Religion die Alleinherr-schaft ausüben s). Dem nachsten Verwanten werden bei der Be-stattung eines Verstorbenen Geschenke gegeben, welche dieser beantworten soil *).

Die Götter der MortlocJc-lnsulaner sind hauptsachlich die Geister der Ahnen und zwar sind die der ehemaligen Hauptlinge die machtigsten; diese schützen den bestehenden Hauptling und rachen jedes Vergehen gegen denselben; jede Krankheit wird durch sie verursacht und kann allein durch ihre Hilfe geheilt werden, welche aber nur mit der Zustimmung des Hauptlings eingerufen werden darf. Nur die Seelen derjenigen Hauptlinge werden eigentlich verehrt, welche in ihrem Leben einen entschie-denen Ruhm genossen 2).

Wenn ein Stammgenosse oder eine beliebte Person stirbt, wird

1

Parkinson I.e.: S. ■102, 103.

2

Kubary: „Mortlockquot;: S. 256, 259.

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puaun (tabu) vorhiingt; die wahrend des Verbots angesammelten Nüsse werden den Verwanten des Toten als ein Trauergeschenk überliefert; so wird auch der Geist des Toten beruhigt und zu einem guten Gotte gemacht; auch die Stiimme untereinander wechseln bei diesen Veranlassungen Geschenke. „Puaunquot; wird auch auf das Land des Toten gelegt, welches dann nicht betreten werden darf, bis der Hauptling es aufhebt. Starb abor ein Stam-meshliuptling, so darf kein Fremder das Land des ganzen Stammes wahrend eines Jahres betreten. Die Leiche wird aufs schönste angezogen bestattet, auf das Grab wird ein Hans gebaut mit Palmen darum; doch wenn es zerfallt, wird kein neues errichtet').

Aus der ausführlichen Beschreibung der Toten-Bestattung auf don Pelau-lnseln von der Hand Kubary's wollen wir blos einigo Züge hervorheben, welche die bezeichnendsten für die Auffassung der Verstorbenen zu sein scheinen. —Die Leichen werden hübsch ihrem Kange entsprechend ausgeputzt. Die der Frauen werden mit Schildpatttellern, dom hauptsachlichsten Frauengelde, je nach dem Vermogen des Hauses belegt; „bei den Mannern liegt auf der linken Seite der Handkorb, der mit frischem Betel und Tabak versehen ist und auf dessen Rande das einheimische Andouo (Geld) auf der Aussenseite aufgereihet wird. An den Korb lehnt sich die unzertrennliche Schulteraxt des Verstorbenen und voider Thür stehet angelehnt seine Kriegslanze, der mit einem breiton und spitzen Eisenkopfe versehene Bosós.quot; Wahrend der Aus-stattung der Leiche führen die Frauen von den Verwanten und Bekannten unterstiitzt ihre ceremoniellen Klagen fort; es dauert dies am kürzesten eine Nacht. Den von allen Seiten herbei strömenden Klügern muss Kokossyrup gereicht werden. Die Verwanten aus der Ferne bringen ein Totengeschenk mit, wofür sie eines wiederbekommen; dasselbe geschieht auch zwischen Frem-den und befreundeten Staaten. „Das Todtenhaus ist durch den Tod „taorquot; geworden und es darf nicht in demselben gekocht werden.quot; Wenn der Tote einen Titel besass, muss ihm dieser vor der Bestattung abgenommen und an seinen Nachfolger über-

1) Kubary I.e.: S. 254, 255, 262,

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geben werden; dieser ist der alteste Sohn seiner Tante oder Schwester, und er leitet die Ceremonien. „Vorerst wird von der Wittwe ein Theil des ihr vom Gemahlo gegebenen Geldes abge-fordert, was manchmal erst unter der Bedrohung mit dem Tode befriedigt wird. Mit diesem Gelde wird der neben der Leicho ausgestellte Handkorb ausgeschmückt. Daim kommt an das Haus der „Oharoquot; ein wilder Auflauf der Angehörigen des befreun-detes Hauses, die in wildem Tanze das Haus umgeben, Alles bedrohen und das Grab nicht zu graben erlauben, bis sie durch dargereichte Geschenke, meistentheils falsches Geld, beschwichtigt werden. 1st es der niedrigere Hüuptling, der todt ist, so kommen die Frauen des höheren befreundeten Hauses und unanstandige Lieder singend, tanzen sie wild im Hause, bis sie Schildpatt-gegenstande und Perlschalen zu Geschenk erhalten und sich dann entfernen.quot;

Wahrend die Verwanten vom Toten Abschied nehmen, bevor die Leiche durch die Thüre entfernt wird, entfernt sich der Erbe oder einer der illteron Vetter quasi heimlich mit dem mit Geld behangenem Handkorbe. Kleinere Hauptlinge werden in der Grabrede öfter scharf kritisirt, „es ist gut dass er weg sei, denn er lebte armselig und dumm.quot; Auf dem Grabe wird ein Grabhügel aus Erde aufgebaut. „Nach dem Aufschütten des Grabes wird dieses mit einer .... mit Gerden-Blumen und Kasük-Blattern ver-zierten Mattendecke bodeckt und wird darüber ein kleines Hiius-chen, eigentlich ein Dach, aufgeführt, in welchem eins der Kinder auf dem Grabe schlaft. In der Nacht wird drinnen eine Oellampe gebrannt und die dargereichten Speisen verzehrt die wachende Person, sie grabt aber von denselben eine Kleinigkeit in das Grab, eben wie sie von dem Getrilnk etwas auf dasselbe giesst. Bei den grossen Hiiuptlingen ist das Grabhaus etwas grosser und verbleiben in demselben die weiblichen Verwandten die ersten Trauertage bis der Grabstein aufgelegt wird.quot; — Jetzt fiingt die Trauer an; „das Haus selbst ist bei den privelegierten Familien auf drei Seiten mit herunterhangenden Kokosbliittern behangen, was schon gleich nach dem Tote stattfindet.quot; Das Haus ist „taorquot; und die Frauen die die Leiche berührten unrein, sie diirfen nichts

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thun und werden erniihrt; die Hauptlinge verbringcn dioTrauer-zeit im Kathause; im Dorfe wird die möglichste Stille bcobachtet. „Am dritten Tage der Trauerzeit wird des Morgens noch vor Tagesanbruch das „Gelél a adalójequot;, das Essen fttr den Geist, vor der Hausthür, in dor Form eines hohen Haufens rohen ïaro aufgestapelt und dem gesetzlichen Freunde des Todten wird kund-gcgeben, dass er sich dieses holen möchte.quot; — Die Hausangehö-rigen bereiten jetzt eino eigentiimliche Art Strauss, Sis genannt. „Die Haupttrauernde ruft nun den Geist des Todten an und bittet ihn in den Sis zu steigen und dadurch die wahro Ursache seines Todes anzugeben.quot; Der Geist thut dies durch starke Bewegung des Strausses, wenn die rechte Ursache genannt wird. Die Verwanten verzehren jetzt die Opfer, begeben sich zur Ruhe, und die Haupttrauernde schlaft mit dem Sis. Am nachsten Tage wird der Sis am Kopfende dos Grabes auf einen Bambus aufgepflanzt. Hiermit ist die Trauerzeit der Hauptlinge um. „Eine der in dem Hause versammelten Frauen, die die Gabe hat Geister zu sehen, beobachtet den Strauss und sieht, wie der Geist des Verstorbe-nen sich demselben niihert, aber gewöhnlich in einer Entfernung stehen bleibt, da ein fremder Geist kommt und den Sis wegnimmt, es ist die feindliche Gottheit die den Kranken tödtete. Unmittelbar danach wird noch desselben Morgens das Grab mit Steinon belegt.quot; Die Trauerzeit der Freundinnen der Frauen ist jetzt eben-falls um. Die nachsten Verwanten trauern manchmahl noch bis 100 Tage; endlich ist das Haus nicht mehr „taorquot; und sind die Frauen frei.

lm Lande Enkasar werden die Toten in hölzernen zugedeckten Kisten begraben; die beiden Hiiuser des Staates stehen im Ver-haltniss der gesetzmassigen Freundschaft zueinander. „Stirbt das Haupt eines dieser Hiiuser, sei es das miinnliche oder das woib-liche, so wird in dem untergeordneten, etwas nördlicher gelegenen Naraus, ein hölzerner Loichenbehiilter bestellt, wofür aber vorher zwei Stücke Geldes zu entrichten sind. Es wird nun ein Tetim-mel-Stamm in der Liinge einer Leiche abgehauen und langs gespalten und die beiden Hülften ausgehöhlt, das Behaltniss dann nach Enkasar auf den Strand gebracht. Hier entsteht nun ein

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sclieinbarer Streit zwischen den Ablieferern und den Bestellern, indera die ersteren sich dem Hinbringen des Sarges nach dem Todtenhause mit aller Gewalt wiedersetzen. Indem die Einen ihn unter Honorus-Geschrei herziehen, ziehen ihn die Andern zurück und raachen ihn fest mit Stricken, die wieder gewaltig zerrissen und zorhauen werden, bis die Übergabe einiger Stücke falsohen Geldes den Streit beilegt. Dann findet auch ein sehr wildes „maaoharoquot; statt, indem die Anhanger des anderen Hauses, ver-starkt durch die Bevülkcrung und durch die Frauen ven Nara-nasan sich mit Abbildungen der Geschlechtstheile bemalen und erotische Lieder singend, das Todtonhaus überfallen und dort so lange tanzen, bis sie durch Geschenke befriedigt sind.

„In Narupesan hat eine Familie die ausschliessliche Sitte ihre Leichen auf einem „Notquot; einem schüsselartig vertieften Brette auszustellen, das immer im Hause aufbewahrt wirdquot;

Wenn auf der Insel Yap ein Hauptling stirbt, wird die Leiche ausgeputzt und in sitzender Stellung auf ein Gerüste gebunden, die befreundeten Hauptlinge stehen mit den vornehmsten Unter-tanen herum und der Sohn des verstorbonen Hiiuptlings verkiindet dessen Ruhm und verteilt Geschenke an die Leidtragenden, immer an andere bis die Leiche verfault ist; der Rest wird in feine Matten gopackt und auf der Spitze eines Berges bestattet unter einer kleinen steinernen Pyramide; der Sohn baut sich daneben eine Blatterhütte und verbringt daselbst hundert Tage in Ein-samkeit. — Die Seelen der Toten gehen in Eidechsen und Frisch-wasser-Aale über, welche tabu sind; die ersteren werden in einem heiligen Haine durch specielle Hüter gepflegt, welchen ven allen Seiten Nüsse und die besten Früchte geschickt werden, deun durch den Verkehr mit den heiligen Tieren gewannen sie Macht über den Regen und den Blitz ~).

Auf den Karólinen-lnséln überhaupt werden neben den höheren Göttern als n iedere noch die Seelen dor Vornehmen verehrt.

■1) Kubary: „Die Todlenbestattung auf den Pelau-Inselnquot;. „Orig. Mitth. d. Elhnol. Abth. d. Kön. Mus. z. Berlin.quot; (1888) I: S. 4—11.

2) Hernsheitn: Yap.: S. 22.

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Auf der Insel Puynipet wird den Toten von den Frauen das Haaropfer gebracht; alles Eigentum der ïoten wird geraubt; zu dem Geiste eines verstorbenen Hiluptlings betet man 'J.

Auf der iSVwagre-Insel herrscht Almenkults).

Dasselbe gilt für die Hudson's Insel: die Schadel der Eltern werden nach drei Tagen aufgegraben und von den Ziihnen ihrer Kinder gereinigt — sonst trilfe diese ein Ungliick; zur Trauer verschwindet die Familie auf eine Woche in den Wald 3).

Auf den Ladronen wurde blos den vornehmen Seelen eigent-lich ein Kult gewidmet ^).

Gerland in seiner reiohbaltigen Übersicht der micronesischen Religion betont die jetzige Universalitat des Kultes der Hiiupt-lingsseelen, doch ebenso dass dieser crst spiiter aufkam6). Auf diese bedeutende Frage kommen wir nnten zurück.

Die altere Behandlungsweise der Toten sei nach seiner Mei-nung, die Leiche in einen schlechten Kahn aufs Meer hinauszu-stossen; Kinder aber wurden bestattet. Und Gerland motivirt dies folgenderweise: „dem allgemeinen Glauben zufolge nahm man das Geisterreich jenseits des Meeres an, dorthin sollten die ïodten fahren; Kinder aber konnten noch kein Boot lenken und deshalb wurden sie begraben.quot; Spiiter aber kam eine andere Art auf und wurden die Leichen, wenigstens die der Vornehmen, neben den Hausern bestattet und sorgfaltig conservirt. „Die erstere (Art) bezweckt möglichst raschen und bequemen Weg der Todten in das Seelenreich; die neue dagegen möglichst langen und möglichst nahen Zusammenhang der Todten mit den Lebendenquot;6) Diese Neuerung führt er auf polynesischen Einüuss zurück, und besonders auf den polynesischen Födalismus.

Ich glaube, das Gerland ungeachtet seiner wahrscheinlich ein-

1) Novara II: S. 418.

2) Turner: „Samoaquot;: S. 306.

3) Eodetn: S. 290.

4) Meinicke II: S. 375, 404.

5) Waitz-Gerland V, 2o Abt.: S. 135 seq.

6) Wailz-Gerland 1. c.: S. 150 seq.

Siehe weiter Hale: S. 84.

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zigen Kenntniss des Materials, die Erscheinungen durchaus ver-kehrt deutet und im Geiste der ülteren Ethnologie der Übertra-gung von dem einen Volke auf das andere von Sitten, welche sehr wohl jedesmal spontan, wenn aucb nach langsamor Ent-wicklung, entstanden sein können, gar zu viel zumutet.

Doch weiter unten hierüber mebr.

§ 11. Polynesien.

Die Spencer'sche Thatsacben-Sammlung ist im Betreff Polyne-siens relativ reichbaltig: die Hauptgruppen sind ziemlich gut, nur wenige gar nicht representirt').

Leider bin ich nicht in der Lage seine Angaben zu vervoll-stiindigen. Nur dieses sehr wenige.

Die Mangaianer (Hervey-Inseln) legen schwere Steine auf das Grab „to render it impossible for the dead to rise up and injure the living.quot; Die Lieblingsgeriitschaften des Toten werden mitbe-stattet. Die Leichen werden iifter in Höhlen bestattet urn es don Verwanten zu ermöglichen sie bisweilen zu besuchen und neu anzuziehen; „as the intensity of sorrow wore off, these visits became less frequent, until they finally ceased.quot; Die Leichen von Kriegern worden von ihren Freunden versteekt, aus Furcht dass ihre Feinde sie zur Rache verbrennen wiirden. Die Trauer und dor Schmerz urn tote Verwanten wahren lange. Alle Be-sitztümer des Toten werden mitverbrannt, der ganze District feiert eine Totenraahlzeit von den Schweinen des Verstorbenen; bei der Festlichkeit werden Geschenke getauscht, nur die nachsten Verwanten verschenken allen ohne etwas zurück zu erhalten. Die nachsten Verwanten verilndorn ihre Namen und wahlen bisweilen einen der in irgend einer Weise zu dem Toten in Beziehung

1) Ausserdem isl Gerland's prachtige Darslellung der betreffenden Erscheinungen in Polynesien fast crschöpfend zu nennen und dazu allbekannt.

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stand; der naehste Verwante und Haupttrauernde tragt Klei-dungsstiicke des Verstorbenen i).

Auf Hawaii wurden Hiindo und Knie gewöhnlicher Toten mit den Köpfen zusammengebunden; die Leiche wurde lieimlich be-stattet, damit kein Feind die Ruhe des ïoten storen könnte. Speisen und Wasser wurden auf das Grab gestellt. Nach der Beerdigung wurden die Personen, welche die Bestattung besorgt batten, gereinigt. quot;Wenn der König starb, war das ganze Land unrein; nach der Bestattung verstümraelte man sieh in jeder Weise, u. a. dureb Ausscbiagen der Vorderziibne und Scberung der einen Kopfbalfte. — Die Geister der Verstorbenen bilden die niederen Gotter 1).

§ 12. Isl der Ahnenkult resp. die Totcnfurcht in Poli/- und Micronesien ursprünglich und primar ?

Dass in Polynesien die Seelen der Toten gefürcbtet und verebrt wurden, braucht wohl nach der ausfübrlicben Darstellung Ger-iand's, welche kaura eine wesentliche Bereicherung zulilsst, nicht niiher erwiesen zu werden. Wir stehen jetzt aber ver der Frage, ob, wie Gerland meint, in Polynesien und folglich auch in Micro-und Melanesien, der Götterglaube oder der Ahnenkult ursprünglich gewesen sei.

Bei der Erwagung dieser Frage scheint es mir von der gross-ten Bedeutung zu sein nie ausser Acht zu lassen, dass Totenfurcht und entwickelter Ahnenkult verschiedene Sachen sind, und dass obwohl letzterer wohl immer mit ersterer vermischt vorkommt, die erstere sehr wohl ohne den zweiten bestehen kann.

Gerland hat, meiner Ansicht nach, für seine Auffassung, dass der Götterglaube sogar der Totenfurcht verberging, gar keine Bewcise beigebrachts), und ebenso wenig bat er uns deutlich

1

„Die Seelen hatten ursprünglich koine bedeutende Geltung.... Aber die

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gemacht, auf welchera Wege sich die Furcht vor den Toten aus dom Götterglauben ontwickolt haben könnte.

Muss der einseitige Euhotnerismus Spencer's durchaus eine andere ebenso einseitige Anfïassung resp. Bestreitung jenes zur Folge haben?

Der Animismus, diese Welt-auffassung und -Erklarung des primitiven Menschen, dessen Karakter, Bedoutung und Universa-litiit Tylor unvergleichlich schön dargethan hat, scheint mir die allgemeine Basis fiir die Naturvergötterung sowie für die Toten-furoht gewesen zu sein. Róville macht in keiner Weise deutlich, quot;weshalb letztere Erscheinung eine Folge der ersteren, statt eine selbstiindig erwachsende, gewesen sein sollte. Psychologisch lilsst sich die primare Entstehung der Totenfurcht auf Grundlage des Animismus sehr wohl rechtfertigen.

Die manchfach aufgezahlten Erscheinungen im menschlichen Leben, wie Bewusstlosigkeit, Krankheit, Schlaf, Traum und Tot vor Allem, auf wolche Einige den ganzen Animismus basiren, dürften jedenfalls als ausreichende Suggestionen betrachtet werden, woraus sich die Totenfurcht entwickeln konnte'). Ihr Zusammen-hang liegt weit deutlicher vor der Hand, ist mehr unmittelbar durch die Empfindung erkennbar, als dies bei den sonstigen die Aufmerksamkeit erregenden Naturerscheinungen für den primitiven Verstand der Fall sein könnte. Keine einzige Naturerschei-nung kann so eindringlich auf die Phantasie eingewirkt haben als die eigene Krankheit und der Tod der Verwanten. Wenn

Grenzen verandeiten sich; die Seele bekamon grössere Geltung. Dies mussle ge-schehen, sobaUl man angefangen hatte, die Seelen als Revenants zu fiirchten und dann diesen feindlichen Geistern gegenüber auch als Schutzgeister zu lieben oder wenigstens zu verehren. So halten sie also eine doppelte Macht, aber gerade die, vvelche sie hesonders bedeutsara machte: denn da sie mit den Sterblichen in naherer Beziehung standen, so batten sie auf das Leben und auf joden einzelnen einen viel grosseren Einlluss, als eigentlich die Götter selbst und das machte sich auch praktisch immer mehr geltend. Die Götter waren bei weitem nicht so gefahrlich als die Abends umgehenden heulenden und mordbegierigen Seelenquot; Gerland VI: S. 330.

i) Tylor: „Primit. Cultquot; I: pass.; Clodd.: pass.; Lippert: „Kulturgesch.quot; I S. 104 seq.; Spencer: „Princ. of Sociol.quot; I: S. 100 seq.

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irgend etwas so müssen diese Ereignisso, in ihren Folgen so unangenehm und nicht immer gleich iibenvunden, die Erinnerung beschiiftigt und daher zum phantastischon Donken und Erklaren aufgefordert haben. Der betriibte, erschreckte, mitunter fiir das eigene Wohl besorgte Geist des hinterbliebenen Verwanten war in der besten Verfassung zur Schöpfung erschreckender Milchte, wozu das traurig-hassliche Aüssere der Leiche, und aus dor Natur der Umstiinde unangenehmo Traume die Gestalt boten. Die Leiche, indem wohl sehr selten der Tod ein sanfter gewesen sei, sah naturgemass peinverzerrt, grimmig öfter, gramvoli, rachsiichtig, wiitend aus; men bedenke wie furchtbar wild die Züge dor Un-gebildeten ihre Loidenschaften ausdriicken; so erscliion sie den traurenden Verwanten, wolclie sie lange angeschaut batten und schon in furchtsamer, deprimirtor, der Beüngstigung sehr zugang-licher Seelenverfassung waren, im Traume, wilhrend der Nacht, die, abgesehen von jedem Gesponsterglauben den Wilden schon durch das Fehlen der gewohnten Eindrücke, das Bowusstsein reöller Gefahr durch Fein do u. s. w. schrecklich sein muss ').

Ausserdem dachte man sich den Toten eifersüchtig auf die Lebenden, well sie noch das Leben genossen, er aber tot war, und erzürnt, weil noch dem herrschendon Animismus er seinen Tod irgend einem beseelten Einflusse zuschreiben musste.

Durchaus Unrecht scheint mir also Golberg zu haben, welcher

1) Man beachte die interessanten Ausführungcn Von den Steinen's in dem Berichte „Über seine zweite Schingu-Expeditionquot; („Verh. d. Ges. f. Erdk. zu Berlinquot;, XV, '1888: S, 387); „fi r (alle diese Stiimme der Steinkultur) ist die Seele ein vollstandig konkretes Ding.... Wer von einem Gestorbenen triiumt, iiberzeugt sich mit eigenen Augen, dass er noch leibhalt vorhanden ist, also ist die Überzeugung von einer Fortdauer nach dem Tode ihnen durch die Erfahrung selbst gegeben.quot; — Sie sollen gar koine Religion besitzen, „wohl haben sie interessante Sagen von den Thaten (der) Zauberer in alter Zeit, aber es sind nur kindlich ausgeschmückte Ahnensagen, Stammessagen.quot; Verwirrend ist aber dass V. d. S. gestattet diese Helden Goiter zu nennen, wcnn man nur beachte dass sie keine ethische Bedeutung haben, das Betragen nicht heeinllussen. Aber dies ist dies wohl kein Kennzeichen eines Gottes und dagegen sollen nnch dem Mit-geteilten alle richtigen Kennzeichen ihnen fehlen. Dass die Priester sich durch monatelange Selbstpemigung ihre höheren Kenntnisse erwerben, dürfte auftiefere Anschauungen deuten, bedarf jedenfalls der Erkliiiung.

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nicht nur dem Totenkulte eine ganz untergeordnete Stelle in der Religionsentwicklung anweist (nach ilini ist die Religion „la coordination en vue de certains usages pratiques, des hasards, de 1'imprévu, do tout ce qui est en dehors de notre volontóquot;), son-dern auch den Totenkuit in eigentümlicher Weise ableitet. „Le culte des morts a uno origine qui n'a rien a faire avec la religion ; il me semble que le culte des morts a pris naissance dans l'antliropophagie primitive; le cadavre humain aussi bien que celui du cachalot ou de la baleine ótait la cause d'une fete, corame nourriture toute trouvée; puis grace a la loi de persis-tance d'une tradition en dehors des faits reels qui Tont cróée, cette fête du mort se continue par des raisons sociales d'estime et d'habitude. On enterre les morts selon certains rites, puisque les pöres Font pratique. La croyance dans les esprits et dans la survivance des morts s'appropria le culte tout fait des morts a cause du rayonnement d'une croyance.... L'animisme a trouvé le culte des morts; il était la croyance dans les esprits et alors, lorsque les habitudes funéraires ótaient dérangóes, l'homme pri-mitif crut que les esprits se tourmentaient et le menaQaient; et dans ces conditions il engloba les rites funóraires dans ces croyan-ces religieusesquot; Der Verfasser hat diese Hypothesen leider nicht im Geringsten zu beweisen versucht. Zuerst hiitte er den Beweis für die einmalige Universalitat der Anthropophagio zu erbringen, was schon schwer 1), und sogar für die der Leichen der eigenen Angehörigen, was ungleich schwerer. Und wie liesse sich nach seiner Theorie die so allgemeine Erscheinung der sich in den Ceremonien ilussernden Furcht vor den eigenen Toten erklaren, welcho gar nicht erst aus der Vernachlassigung der Opfer ent-springt? Die Golberg'sche Theorie scheint mir überaus erkün-stelt und völlig verfehlt,

1

Bergemann, der neueste Untersuchor der Anthropophagio sagt, dass der lie-weis, dass jedes Volk diese Sitte gehabt habe, unmöglich zu erbringen sei. „Die Verbreitung der Anlhropophagiequot; (1893): S. Dagegen behauptet Schurtz, dass sich Reste dieser Unsitte fast allenthalben finden: „Katechismus der Völkerkundequot; (1893): S. 21.

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Audi das Zuschreiben von übornatürlicher Macht an dio Toten braucht koineswegs einen fromden Ursprung in schon entwickeltem Fetischisinus oder Naturvergotterung zu haben'). Der primitive Mensch war geneigt alles ihm Unangenehme durch die Wirkung ihm ühnlicher Potenzen zu erkliiren. Wen konnte er aber eher fiir die Ursache seines Unglückes ansehen als die ihn schon an sich unangenehra beschaftigende Seele eines Verstorbenen, zudem eines Feindes? — Dern Toten, also dem sonderbar, unbegreiflich Veranderten, wurden als Menschen, als Potenz, gar viele Folgen zugeschrieben, und weil er ihnen unverstandlich blieb, brauchte dies gar keine Grenzen zu haben; raehr als irgend etwas anderes war er geeignet ein Erklilrungsprincip fiir alles Auffallende, also hauptsachlich fiir alles Unangenehme abzugeben; und je mehr dies geschah, urn so mehr musste er ihnen als mit übernatürlicher Macht zugerüstet erscheinen.

Obwohl die Totenfurcht also keineswegs als die ausschliessliche Grundlage aller religiosen Entwicklung zu geiten braucht, so dürfen wir doch als gewiss annehraen, dass sie sich selbstilndig entwickeln musste.

Unsere Gründe urn von der Gerland'schen Darstellung ab zu woichen sind Folgende.

1. Wenn die Totenfurcht selbstilndig erklarbar ist, so dürfen wir nur aus speciellen Grimden fiir ein bestimmtes Gebiet sie als spateres Produckt einer langeren, religiösen Entwicklung betrachten. Gerland hat aber keineswegs die Gründe dieses abson-derlichen Hergangs aufgedeckt: es wird aus seinem Buche durchaus nicht klar, weder weshalb in Polynesien im Gegensatze zu anderen Gebieten die Totenfurcht so spiit aufkommen müsste, noch wie sie eine Frucht des Götterglaubens sein oder aus welchen Umstiinden sie spiiter spontan entstehen könnte 3).

Deshalb braucht aber das Umgekehrte, dass die polynesischen Götter blos deificirte Menschen seien, nicht wahr zu sein. Ich

1) Grant Allen hat also meiner Ansicht nach keinen Grund von einer „occult and inexplicable reasonquot; der Totenfurcht zu reden. „Immortality and Uesurrec-tionquot;, Fortnightly Review, September 1893, S. 321.

2) Gerland VI: S. 302, 314, 320, 328 seq., 833 seq.

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glaube Gerland war zu sehr in diesem vermeintlichen Dilemma befangen l).

2. Die Bestattungsceremonien, welche Gerland selbst ausführlich beschreibt ^), sind in ihren essentiollen Zügen, welche wir zura Teil nach den Frazer-Wilken'schen Ausführungen ganz anders, als Gerland that, deuten zn mussen glauben3), denen aus anderen Weltteilen von ganz anderen Rassen auffallond iihnlich, wie z. B. ein Vergleich mit den von uns beigebrachten Beispielen Süd-Amerika's und Australiens beweist.

Diese grosse Ahnlichkeit darf als ein schwerwiegender Beweis-grund für die Annahme der Primitivitat geiten, da je nnentwick-elter die Menschen je ahnlicher sie gewesen sein müssen; und uragekehrt je mehr die Völker und Eassen verschieden geartete Einfliisse und Schicksale durchgemacht haben, urn so grössere Verschiedonlieit zeigen ihre Sitten und Gebrauche und Vorstellun-gen. Wenn irgend ein Gesetz durch die ganze Ethnologie und die vergleichende Kiilturgeschichte bewiesen wurde, so ist es dieses1).

3. Obwohl sich in den Nebenzügen, in den Details der Toten-behandlung der Einfluss der specifisch polynesischen Religion aufdecken liisst, — was nach deren langer Existenz kaum anders zu erwarten ware, — so ist dies bei den Hauptgebrauchen doch keineswegs der Fall; diese lassen sich ohne auf die Eigentüm-lichkeiten der polynesischen Religion und Mythologie Bezug zu nehraen ohne Rest erklaren: sie sind ja, wie gesagt, dieselben wie die der ungebildeten Völker ganz anderer Rassen e).

1

Opere cit.: S. 336. An einer Stelle aber scheint er selbst die MogUchkeit anzunehmen, dass die Totenfurchl ursprünglich gewesen sei, votn Anfang an bestanden habe: an den Glauben an Schutzgeister, von der Vorzeit her, „scbliesst sich dieser Seelenkultus an, welcher in seinen ersten Anfangen möglicherweise bis in jene Urzeit hinaufsteigt.quot; S. 337.

2) L. c.: S. 400 seq.

3) Einige Gebrauche erkliirt Gerland aber auch durch die Furcht vor dem wiederkehrenden Geiste des Toten: daher zeigen die Verwanten ihre Sorgfalt in seiner Pflege so deutlich rnöglich. L. c.: S. 404.

4) Allein Tarde („Les transformations du Droitquot;) ist mal radical entgegenge-setzter Meinung im BetrelT der Rechtsinstitutionen. Beweise bracht er leider nicht bei. Die Aphorismen sollten doch aus der Wissenschaft verbannt werden!

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257

4. Die polynesischo Mythologie, ihre detaillirte mul öfter poe-tische Personification der Natur, welche Gerland selbst sehr -hoch stellt'), fordert unendlich viel hühere Geistesentwicklung zu ihrer Ausbildung als die Totenfurcht, ja sogar der Ahnenkult; oine bloss halb so reiche und schone Mythologie hat kein anderes sich selbst überlassenes Volk aufeuweisen, letztere dagegen finden sich bei allen, auch bei den niedrigsten und fast in dorselben Form wie hier.

5. Es ist doch höchst unwahrscheinlich dass die begab'ten und zu der betreffenden Zeit schon hoch entwickelton Polynesiër erst ara Ende ihrer Bahn erreicht haben würden, was Fuegier, Boto-cuden, Australiër schon lilngst ausgebildet hatten! — Es hiesse die Gespensterscheu unserer Bauern aus dem Christontume Schleier-macher's oder Manning's ableiten.

6. Gerland's Erklarung der Tiki als ursprüngliche Schutzgötter scheint mir wenig überzeugend, vor Allem nicht wenn wir nach Wilken's Meinung s) den Totemismus, rait dem auch Gerland die Tiki vergleichts), auf den Glauben an die Metempsychose zurück-führen '). Gerland's Argumentation scheint mir zu subtil und zu viel Gewicht an die mythologischen Einzelheiten zu schenken, welche ura so weniger bedeuten, da die gauze Erscheinung, welcher auch ihr Ursprung gewesen sein mag, jedenfalls don sehr lange wahrenden, tiefgehendon Einfluss der Mythologie, der Volksphantasie durch alle die Perioden ciner langen Entwick-lung hin erfahren hat. Die phantastischen Erzühlungen und poe-tischen Deutungen haben fiir die Erklarung uur geringen Wert

Der Nachdruck sollte auf die Hauptzüge, auf die betreflenden

saclie, welche Gerland (S. 404) erwahnt, dass, wenn oin gemeiner Mann, welcher keine Seele haben sollte nach damaliger AulTassung, gestorhen war, seine Verwanten sich beschoren! Wie vieles lasst sich hieraus ableiten, wenn os bloss richtig und nicht oberflachlich gedeutet wird, (also nach Frazer, Wilken, Goldzihcr). Ahnlich auf Tahiti und Havvai die Umschnürung der Leichen gemeiner Leute mil Bindfaden (S. 408 und 411).

1) L. c.: S. 339.

2) „Animismequot;: S. 320.

3) L. c.: S. 340.

4) Diese brancht selbst allerdings auch noch eino Erklarung.

17

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258

Sitten, vvelche ja weit beharrlicher sind als Erzahlungen, und auf deren Übereinstimmungen mit iihnlichen Erscheinungen bei nicht stammverwanten Vólkern gelegt werden.

Die Tiki scheinen mir ursprünglich die Seelen der Verstorbe-nen gewesen zu sein, doch haben sie gewiss grosse Umgestaltun-gen im Laufe der Zeiten erfahren.

Der Gegenstand beansprucht aber eine ansführlichere Behand-lung, als wir ihm hier zu Teil werden lassen kennen.

Das die Mikrouesier eino farblosere Mythologie haben als die Polynesiër, dagegen der Seolenkult bei ihnen mehr, ich möchte eher sagen, ausschliesslicher ausgebildet ist, ist keine Stütze der Gerland'schen Auffassung. Er meint, die polynesische Mythologie habe sich deshalb mehr ausgebildet, weil die Polynesier eher aus der Heimat fortzogen und durch die neuen machtigen Eindrücke langer in der mythenbildenden Periode verhaften blieben, woge-gen die Mikronesier langer in der Heimat bleibend hier ihre Seelenlehre ausbildeten '). — Es scheint mir aber manches vor-lüufig ganz unbegründetes und ungewisses hier als gewiss vor-ausgesetzt. Z. B. darf es als ein erwiesenes Gesetz betrachtet werden, dass grossartige Naturerscheinungen mythenbildend wir-ken? auf welcher Induction beruht dieses Gesetz? 1st „mythen-bildende Kraftquot; keine allzu abstracte metaphysische (aus Comte's zweiter Stufe) Vorstellung? kann man so zuversichtlich mit ihr operiren? Wodurch wirkte doch die seelenkultbildende Kraft (!) in der Urheimat der Poly- und Mikronesier so kriiftig? undwes-halb erst nach der Auswanderung der ersteren?

1st os nicht viel einfacher und mehr den Thatsachen gemiiss sich den Entwickelungsgang folgendermassen vorzustellen ? Aus dem Animismus entwickelten sich einerseits die Naturvergötterung und der Fetischismus, andererseits die Totenfurcht; in der poly-nesischen Rasse scheinen ursprünglich beide Richtungen, wie manchmal, vertreten zu sein; aus, durch die vergleichende Ethnologic mit Hilfe der empirischen Psychologie noch völlig aufzu-klarenden Gründen, entwickelte sich bei den Polynesiern im

1) Gerland I.e.: S. 338.

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engeren Sinne anfangs die Mythologie weiter, obwolü daneben die Totenfurcht bestellen blieb, bei den Mikronesiern diese weniger, dagegen der Totenkuit raehr; bei beiden Gruppen batte aber die staatlich-sociale Entwicklung, die Ausbildung der foedalen Tyrannic diese Folgo, dass die Seelen der Adligen und der Fürsten eine hobo Verehrung genossen und sehr gefürchtet wurden.

Dor ausgebildote Ahnenkult möchte somit ein relativ spiites Produkt sein; wenigstens ist der Zusammenhang seiner letzten Gestalt mit dem socialen Zustande unverkennbar'). Ihren vollen socialen und moralischen Einfluss muss die Totenfurcht schon ausgeübt haben in dom ersten Stadium ihrer Entwicklung, lange bevor die Götter sowie die Seelen der Gemeinen durch die tyran-nische Übormacht der Fiirstenseelen in Machtlosigkeit, ja in das Nichts zurücksanken. Dieser Entwicklungsgang ist um viel wahr-scheinlicher als der andere, dass nachdem die feodale Despotic die Fürsten und Adligen zu hohem Ansehcn führte, der Glaube aufkatn an das Fortbestehen ihrer Personen nach dein Tode, also die Ausbildung der ganzen Scelentheorie auf einnial und nur für sie! Wenn aber, wie Gerland an der eincn angefiihrten Stelle doch auch zuliisst, schon anfangs die Seclentheorio bestand, wie ist es daim nur moglich, dass diese so lange Zeit ihre natürliche Con-sequenz, die Totenfurcht und den Totenkult, nicht zeitigte?

1) Ich begreife nicht recht, wio Gerland die polynesische Religionsentwicklung eine typische nennen kann — wio kann man von typischer Entwicklung überhaupt reden, da doch jede die Folgo von einwirkenden besonderen Umstanden sein muss?, — heftet er doch selbst eine so grosse licdeutungan frühzeitige Aus-wanderung der Polynesier zu den Schauplatzen grossartiger Naturerscheinun-gen, was doch ein ganz besonderes, keineswegs ein typisches Ereigniss genannt werden soil!

Die nach ihm primaren göttlichen Schutzgeister sind doch gewiss auch keine typische Erscheinung im Anfang der religiösen Entwicklung!

Réville in seinem obengenannten Aufsatze wie in seinem Buche („Los Religions des Pcuples non civilisésquot;: II (1883): S. 88 seq.) stützt sich durchaus auf Gerland, führt keine neuen Thatsachen und gar keinen einzigen Beweis an.

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2G0

§ 13. Bar Totenkuit in Melanesien ursprünglich oder eingefiihrt?

Verhaltniss der Melanesier m den Polynesiern.

Bohandeln wir jctzt dio Frage ob der Totenkuit in Melanesien spontanes Erzeugniss oder Import gewesen ist.

Von prinzipieller Bodeutung für die Lösung dieses Problems scheint die Entscheidung in der anderen Frage, ob die Melanesier den Malayo-Polynesiern nahe verwant oder nicht seien, zn sein. Soviel ist gewiss, dass tliese Frage noch nicht spriichreif ist. Die verschie-denen Forscher sind noch keineswegs zur Übereinstimmung gelangt.

Kern sagt: alle melanesischen Sprachen sind bios Sprossen eines malayo-polynesischen Stammes. „Fidji und Polynesisch sind Spross-linge eines Stammes, welchor ein selbstandiges Leben fiihrte, lange, sehr lange nachdem er sich vom Mutterstamme irgendwo im indischen Archipel gelost hattoquot; ').

Wilken nimmt olme Woitoros anf Grund der Verwantschaft dor Sprachen die Kasseneinheit dor Melanesier und Malayo-Poly-nesier an 1), doch constatirt er solbst, auf Waitz sich stiitzend, die sehr grossen körperlichen Verschiedenheiten 2).

Obwohl Friedrich Muller die Papua etlmologisch zu den Polynesiern zahlf), betrachtet er sie doch als eine besondere Rasse. „Das Verhaltniss dieser beiden Rassen zu einander ist derart, dass, wiihrend die malayische Rasse vorwiegend an den Küsten angesiedelt, die dunkle Papua-Rasse, wenigstens überall dort, wo sie sich neben der ersteren lindet, in dor Rogol in den inneren Theilen dos Landes angotroffon wird. Schon aus dieser Schichtung der beiden Rassen geht, da beide zusammen unmöglich autochthon sein können, mit grosser Wahrscheinlichkeit hervor, dass

1

„Handleiding voor de Vergelijkende Volkenkunde van Nederlandsch-Indiëquot; (1892); S. V—XI.

2

L. c.: S. VII en VIII,

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2(51

die Papua-Rasso als dio iiltcre, die malayischo dagegen als dio spiltcr eingewanderte bctrachtct werden mussquot; '). „Dor Polynesier als solcher liess sich auf don zwisehen Neu-Guinea und dera Saraoa-Archipol liegenden vulkanischen Insein nicht nieder, sondorn beriihrte diesolben nur auf seiner Wanderung nach Oston. Durch dio geringe Beimischung von polynosischem Blute zum Papua ware der Papua-Typus dor Melanesier erkliirt, wahrend durch den Hinzutritt der gebildeten und raohrero wesentlicho Nutzpflanzon und Nutzthiere mit sich fiihrenden Polynesier zu den Papua das ethnologische Moment der Melanesier, Avelches im wesentlichen malayisch ist, bogreiflich würdoquot; 1).

Obwohl Muller das Melanischo sprachlich als eng verwant mit dem Polynosischen bctrachtct2), halt er die melanischo Rasse also doch für eine selbstandige, nur in ihrer Kultur durch dio poly-nesische stark beeinflusst.

Brinton bctrachtct die nielanesische Rasse als das Ergebniss der Mischung der reinon Papua mit den Malayo-Polynesiern, was anthropologisch durch Hale und Virchow gostiitzt wird, wahrond die melanischen Sprachen nach ihm urspriinglich selbstündig aussorordentlich vielo malayische und polynesische Elemente in sich aufgenommen haben 3).

Wallace hielt friiher die Polynosier fiir das Produkt ciner Mischung von Malayen oder von oiner helleren mongolischen Rasse mit den dunkeln Papua 4).

Spiiter aber meinto er, dass dio Polynesier völlig von den Malayen vorschieden und elier don Papua verwant waren, welche sio vertrieben 5).

Keane halt die Papua für cine aulochthone Rasse, durch dcron Mischung mit oiner caucasischen Rasse die Malayen, mit einer

1

L.c.; S. 3-)4.

2

L. c.: S. 325, 320.

3

„Races and Peoplesquot;: S. 220—23Ü.

4

„Malay Archipelagoquot;: S. 502.

5

„Australasiaquot;: S. 201. Ulcsc beiden Cilalc sind nach Brown.

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262

mongolischen clio Polynesier ontstandcn; die Absorption der Papua durch die letzteren ergab die Melanesier und die Alfuron. Die Papua und dio Polynesior sind also nach ihm ganz verschiedeno Rassen

Staniland Wake botrachtet die beiden Rassen als aus einem Stamme, von caucasischer Rasse spriessend, dessen reinste jetzige Roprosentanten die heutigen Australiër sind; die Vermischung mit Negritos, Semiten und Hindu ergab die Papua, Micronesier und Polynesier s).

Brown meint, dass Wallace und Wake der Wahrheit am niich-sten kommen, und er neigt wohl am meisten zu der Wake'schen Vorstellung hin, nur dass er die Papua für die reinsten Representanten der Urrasse halt. „In Malaysia this pre-Malayan race was modified by admixture with the Turanian races of the mainland of Asia; and this constituted the present Polynesian race, which still retains so much of its old Papuan element.quot; — Die grossen Unterschiede in der iiusseren Gestalt wie in don Sitten und Gebriiuchen zwischen den Papua und den Polynesiern hebt er sehr entschieden hervor, constatirt dann aber die ebenso grosse Übereinstimmung sowohl im Wortschatz als in der Grammatik dor Herzog York-Insulaner mit den Samoanern, worauf er auf einen gemeinsamen Ursprung beider Sprachen schliesst1).

Flower unterscheidet blos drei Menschenrassen, wio Guvier, namontlich die Caucasier, Mongolen und Neger; eine Abteilung der letzteren bilden die oceanischen Neger oder die Melanesier, einschliesslich der Papua. Die Kai Colos oder Bergbewohner im Innern Fidjis zeigen den Typus am reinsten, wie überhaupt die Stamme im Innern Melanesiens ihn besser bewahrten als die an dor Kiiste, welche sich vielfacli mischten.

In alien micro- und polynesischen Insein hat der melanesische Eintluss sich geltond gemacht, und umgekehrt haben dio Melanesier sich fast in ihrem ganzen Gebiet mit den Negrito, Malayen

1

Rev. G. Crown; „Papuas and Polynesians.quot; „Journ. Anthrop. Inst.quot; XVI 1886): S. 312-327.

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263

und Polynesiern gcmischt. — Dio Malayen bilden eino subtypischo Hauptabtoilung dor raongoloidon Völker, und ebonso die Polynesiër, obwohl dieso noch mehr differenzirt sind, und itn hohen Grade mit Melanesiorn vermischt, was allein mit dor eigentüm-lichen Umgebung ihre grosse Abweicbung vom mongoloiden Typus orklart').

Codrington behauptet dass die vorschiedonen oeeanischen Spra-chen einera Stamme angehören. „The languages spoken in Polynesia and in the Indian Archipelago seem to me plainly akin to the Melanesian; whatever influences have worked, or are working, on Melanesia, from the one side or the other, I believe to be the influences of kindred languages on their own kin, not of foreign languages on those of a distinct stockquot; 2). In der auf dem Vortrage dieses Aufsatzes folgenden Discussion fiigte sich Tyler auf die Seite des Vortragenden, was die Verwantschaft der be-treffenden Sprachen anbelangt, doch bemerkte er: „that great physical differences should exist between races speaking languages of one family was a state of things not unfamiliar within the Aryan language family, while even English was more and more spoken by people racially dift'erent in the extremequot; 3).

Keane, indem or sich auf das entgegengesetzte, die Grundver-schiedonheit der melanesischen und der malayo-polynesischen Sprachstiimme festhaltende Resultat der Untersuchungen des jün-geren Von der Gabelentz und Dr. A. R. Meyer's beruft, fiihrte gegen Codrington's Theorie, dass das Melanesische sogar die Grundfonn dieser Sprachen zu sein scheint, Folgendes an; „this theory would require us either to assume that in this instance the Melanesian, that is, the lower and unaggressive race, had imposed its speech on the Malayo-Polynesian, that is, the higher and more enterprising races, or else that the assumed common

4) Flower: „Classification of the Varinlics of tlie Human Spncics.quot; „.lourn. Anthr. Inst.quot; XIV (1884): S. 384, 385, 388. 389.

2) Codrington: „On the Languages of Melanesia,quot; Journ. Anthrop. Inst. XIV (1884); S. 32, 34, 39.

3) Eodem: S. 40.

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linguistic stock has remained undifforcntiatod into distinct species throughout countless ages, during which the common ethnical stock has become differentiated into at least three well-marked physical types. Neither hypothesis seems crediblequot;

Ratzel betont, dass die Melanesier, wio aus deutlichcn Spuren zu schliessen, einmal weiter im Grossen Ocean verbreitet gewesen sein miissen1). Die Fidschi-Inseln nennt er sogar die „völkerbuntenquot;, audi die Neuen Hebriden zeigen oine wahre Musterkarte von Vólkern auf s). Er citirt R. Hartmann, Krause, Wallace und Finsch, welche immer mehr die Negerahnliclikeit der Melanesier betonen 2). Er hiilt auf dem heutigen Standpunkte unsrer Kennt-nisse dio Auseinanderhaltung dos orientalischen oder melanesischen Astes dos Negorstammes in zwei Zweige fiir möglich: don Zwoig der Negritos und den Zweig der Papua3). Die lotzteren sollen einmal die ersteren teilwoise verdrangt, teilweise durchsetzt haben, wie ihnen selbst spiiter von den Malayen geschah(i). Ratzel's Schilderung der ewigen, sich weit erstreckenden Wanderungen und Kolonisationen der oceanischen Völker4) macht uns geneigt vor Allem an den Kusten nicht leicht eino reine, unvermischte Rasso zu erwarten. Dieser Forscher schliesst endlich folgendermas-sen: „lm allgemeinen gewinnt man aus der Verteilung dieser fremden Beimengungen den Eindruck eines Eindringens des polynesischen Eleraentes von Osten her, das vorziiglich auf den kleineren Insein sich festzusetzen vermochte, aber auf den grös-sern und mehr ostwiirts gelegenen öfters in den einheimischon kriegerischen Vólkern unterging. Anthropologische Boweise fiir dio Mehrhoit und Mehrartigkeit der Wanderungen nach Ziol und Ausgang liegen übrigens auch in der dunklern Farbo der Hawaier, die Quatrefages geneigt ist auf mikronesische Einwanderung zuriick-

1

Ratzel: „Völkcrkundcquot; II: S. 215 scq.

2

Eodem: S. 218.

3

Eodem: S. 221.

4

Eodem: S. 340 seq.

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265

zuführen, in dom erwahnten Vorkomraen ncgroider Elemente auf Nou-Secland und auf den Paumotu-Insoln. Besonders aber goht sio aus dor toils goschichtlich of Ton liogonden, toils durcli sprachlicho und othnograpliischo Thatsaohen bowiosonon, toils ondlich aas dor Kassonmischung zu folgorndon bunton Durchdringung holloror und dunkloror, polynosisehor und melanosisohor Völker hor-vor. Wir dürfon hier nirgonds goschlossono Vorbroitung oinor Kasso annehmon. Sclbst in kloinon Wohngobioton oinzelnor Insein odor kloinoror Archipelo drangen zwei Völker sioh zu-sammenquot;

Katzol hiilt aber daran fest, dass die Mikro- nnd Polynesiër eine bosondore Easse bilden eng an die Malayen angoschlosson 1), mit wolchen sio anthropologisch sogar als oino malayo-polynesisoho Rasse zusammen gohöron 2).

Huxley hielt es für wahrscheinlich, dass dio Polynosior das Produkt oinor Mischung zwischon don Dayak-Malayon und don Nogrito-Elomonten der ürbewohner jener Region seien ').

Ranke unterscheidet mit Virchow die dolichokofalen Molanesier von don brachykophalen Malayo-Polynesiern; die Bevölkorungcn des mikronesischon Gobietes sind aus der Mischung der schwar-zen und gelbon Stamme horvorgegangen 3). —

Schellong betrachtot die Papua Nou-Guinea's und dio sonstigon Melanesier als oino Rasse. Der gomittolte Kopfindox der Papua von Neu-Guinea ist nach ihm 77, der der Melanesier überhaupt 75,1; er nimmt als Regel die Dolichocophalie mit hüufig vorkom-

1

Eodcm: S. 11C.

2

Eodcm: S. 3G9.

3

Ilankc eodem: S. 248. Übcr die physischen Versohiedonheiten ilussort sieh Van der Aa (I.e.: S. 237) sehr oberfliichlich, indem er die Thatsache der starkon Mischung der Küstenbevölkerung ausscr Aclil lüssl (passim) und die kraniologi-schcn, so bedeutungsvollen Unterschiede nicht einmal erwiihat.

Nach Ten Kate sind die Indonesiër mesatikefal und dio Polynesiër brachykcfal; „Contribution a 1'Anthropologic dc quelques Pcuples d'Océaniequot;, L'Anthropologic 1893, nquot;. 3: S. 290, 295.

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mender Mesocephalie an. Deniker borechneto fiir 400 Papua Nou-Guinea's einen Index von 72 1).

Die übergrosso Mehrzahl der vorgoführton Ansichten stiramt darin iiberein, die Melanesier und die Malayo-Polynesier als zwei selbstiindige, gesonderte Rassen zu erkennen. Hire grosse körper-liche Verscheidenheit steht wohl unerschiitterlich fest, das einzige wichtige Argument fiir ihre Zusammengohörigkeit ist die engere Verwantschaft dor Spracho, weicho Kern, Codrington und Wilken betonen. Doch lilsst sich hiergegen anfiihron, dass gar nicht alle melanesischen Sprachen auf Grundlago genügendon Materials bis jotzt linguïstisch untersucht warden, dass fiir eino seiche Ver-gleichung dio Heranziehung des Fidji wohl den geringsten Wert hat, weil die Fidji bekanntlich gerade ein stark gemischtes Volk bilden, dass die Sprachen der inlandischen, dor Gebirgsstiimme viel zu wenig bekannt auch immer fast von der Betrachtung ausgeschlossen blieben, und doch gerade ihr Studium, weil die sie benutzende Bovölkerung sich von fremder Einraischung am reinsten bewahrte, die bedeutendsten Aufschliisse gewahron wiirde.

Jedenfalls scheint es ein ganz falsches Vorgehen bei der Ras-senbestimmung nur auf ein einziges Merkmal Acht zugeben. Keane warnte mit vollstem Rechte hiergegen *), neuerdings auch Schmeltz2). Von alien einzelnen Merkmalen zeigt die Sprache nicht einmal das dringendste Erfordorniss eines solchen: die Bestandigkeit im höchsten Grade, auf. Man denke an die deutsche Sprache der urslavischen Bevölkerung einiger Toile Preussens, worauf Herr Professor Kern den Herrn Schmeltz aufmerksam machte, odor

1

Schellong: „üeitrago zur Anthropologic dor Papua,quot; Zeitschrift fiir Ethnolo-gie -1891: S. 157, 161, 170, 175, 183, 184, 185, 187, 191, 207, 224, 225.

2

Do Clorcq en Schmeltz: „Nederl. N. Guineaquot;: S. 246 soq. Siche auch seine beachtensworton Worte im „Auslandquot;: „wir erwarten von Studium der ethno-graphischen Gcgonstande allein das Heil auch nicht, nur durch einen Vergleich der Uesultate desselbon mit donen der linguistischon und kraniologischen Forschung wird es möglich sein dor Wahrheit betrclls der Geschichto unseres eigenen Ge-schlechtes naher zu kommen.quot; „Üher Bogen von Afrika und Neu-Guinea.quot; „Auslandquot; 1892, nquot;. 44 (S. 5 des Separatabdruckes).

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auf dio so vorschiedenen Sprachen welche dio semitischen Judcn als Muttersprachen betrachten ^).

Man soli boi der Rassenbestimmung ebon auf alles Möglicho was dio Völker unterscheidot und auf Alles, was ein Stroiflicht über ihre Herkunft werfen kann, Acht goben: auf dio körper-lichon Unterschiedo an orster Stelle, sodann auf dio Sprache, dio geschichtlichon und mythischen Üborlioforungen, dio Sitton, Go-briiuche und raatoriello Kultur, auf dio Umgobungen.

Indem wir abor dio Rassenoinheit dor Melanosier und dor Malayo-Polynesier von der Hand woisen, wird ihre gogenseitigo Durchdringung an den Grenzgebieten vor Alleru und ihre gogenseitigo Beeinflüssung iu allen Gegondon von allon Forschorn anerkannt. Es scheint aber noch nicht erwiosen zu sein, ob min eigontlich die ersteren die let/teren odor aber die letzteren die orsteron umgemodelt haben; in den ürzeiton mag die molanesische Rasse einen Antoil sogar an dor Entwicklung der polynesischon gehabt haben, wie einige Forschor annohmen, in don spiiteron Perioden ist aber der tiefgehendo Einfluss der Polynosier auf die Melanosier als sicher gestollt zu betrachten.

Dern Laien in der Linguistik ist es schwer die sehr bomor-kenswerten Thatsachon und Grimde, welche Herr Professor Kern anfiihrt, auf ihren exacten Wert zu prüfen. Dass zwei Miinnor, wie er und Codrington, der die betreffondon Sprachen wie je

1) Serrurier (I.e.: S. 5): dor Elhnolog findet aucli nicht die geringste Spur einor Entwickelung der melanesischen Formen aus den polynosischen und ebenso-wenig kann er die poly- und die melanesischen Institutionen als Entwicklungs-stufen von oinandor betrachten. —

Schmoltz schliesst indom or seine Aufmerksamkeit vor Allcm der Verbreitung der Kulturgegenstiinde zugewendet bat: „die Hypothese (dass Papua undMalayen ursprünglich eins seien) kommt uns doch sehr gewagt vor und zwar urn so mehr, weil sic nur auf die Verwantschaft der Sprachen gestützt wird.quot; L. c.: S. 247. S. 246 nennt er die Papua in Allera den geraden Gogensatz der Malaien. —

Ganz entgegengesotzt, doch auf ungenügenden Gründen, Robidé Van der Aa: „De verhouding der Papoes en Melanesiers tot het Maleisch-Polynesische Rasquot; (ïijdschr. v. h. Nederl. Aardr. Gen. ISSB): S. 241, welcher doch die Sprachver-wantschaft des Mefoorsch mit den polynesischen Sprachen als ungenügenden Be-weis betrachtet, weil die von den alten Galliern abgestammten Franzosen jetzt oinc aus dem Lateinischen entwickelte Sprache reden. S. 240.

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Einor kennen lernte, an dor Einheit der beidon Stamme festhal-tcn, ist von schwerwiegondor Bodcutung. Kern stellt das Dilemma: ontwedor sind Polynosier und Moianosier stammverwant, oder die lotzteron haben iliro Sprachon von jotzt ausgestorbcnen polynesi-schen Vöikorn übernommon, da sie sich jedenfalls nicht aus den lebenden Idiomen abloiten lassen. Im lotzteron Falie sagt er mit dom vollston Rechte: „wio allo uns bekannten Thatsachen lohren, dass ohne machtige Eintlüsse kein Volk jo seine Sprache mit oinor fromdon getauscht hat, so haben wir kein Recht anzunehmon, dass die Molanesier odor wer sonst mir nichts dir nichts malayo-polynesische Dialecte übernommen haben. Gehüron sio wirklich ursprünglich einor ganz anderen Menschenrasso an, so miissen sie doch so violo malayo-polynosische Bostandteile in sich aufge-nommen und solango don Einfluss einer ihnen fremden Kultur dnrchstanden haben, dass sio aufhörten eine solbstiindigo Rasse zu bilden. In jedem Falie sind ihre Sprachon rein malayo-polyne-sischquot; Die Anthropologen und Ethnologen behaupten abor mit dor solben Boharrlichkeit, dass beide Gruppen nach ihren körper-lichon Kennzeichen keine Sprossen desselbon Stammes sind -). Eine ausführlicho, gonaue, vergleichondo Übersicht iihnlicher Fiille, wo Rasse oder Volk und Sprache auseindorfallon oder sich wechsel-ten, wie Kern doren schon oinigo orwahnt und Tylor auf einen andoren aufmorksam machte, giibe vielleicht das einzigo Mittel ab Licht in diose Finstorniss zubringen 1). — Nehmen wir auf Grund

1

Die Eskimo an der Sanct-Laurence-Bai haben die Sprache des vornehmern Tschuktschen-Stammes angenomnen und sprechen jetzt tschuktschisch mit geringer Beimischung fremder Worter, obwohl diese beiden Völker sehr verschiedenen Volksstiimmen angehören. Die ïschuktschen dagegen haben die Jagd und Hausge-rathe der Eskimo angenommen. Nordenskióld; „Umsegolungquot; II: S. 82, 83.

Die höchst primitiven, nicht unterworfenen Wedda's Ceylon's benutzen die sin-

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der Spracheinheit die ursprüngliche Easseneinheit an, so bleibt das gleicb schwer zu lösende Problem dor physischen und kul-turellen Verscbiedenheit. Keine Negrito- oder sonstige Beimi-sebungstbeorie bebt diese Scbvvierigkeit bis jetzt auf; immer bleibt die Discrepanz zwischen der spracblicben Gleicb-, dor pbysiscben Verscbiedenheit; blos bis jetzt unaufgedeckte Gesetzo, wie solche Mischungen nach den verscbiedenen Ricbtungen unter verscbie-denen Umstiinden ausscblagen, werden das Problem aufklilren. Voi'liiufig eine ausgezeicbnete Gelegenheit wissenscbaftliclio Resignation zu üben. Ein offenes Problem scbadet der Forscbung unendlich weniger als cino falscbe, forcirto Lösung. Das „ignoramusquot; ist ja auch kein „ignorabimusquot;.

Wenn wir uns aber entscbeiden müssten, so würden wir ent-scbieden annehmen, dass die Melanesier einschliesslicb der Papua nicht mit den Malayo-Polynesiern verwant sind, aber auch dass beide Rassen sich fast überall und besondors an den Kusten und auf don kleineren Insein stark gemischt haben, und dass sowohl hier-durch wie durch andere noch unbokannto ümstiinde die Melanesier sehr besonders in der Sprache den Eintluss der Malayo-Po-lynesier tief empfunden haben, dagegen in physischer und in kultureller Hinsicht unendlich weniger.

Ob aber die Melanesier stammverwant sind mit den Malayo-Polynesiern, oder ob sie eino durchaus eigene Rasse bilden, in

ghalesische Spracho, „nachdem die Singhalesen erobernd in dio Inscl eingedrungen waren und die wilde Urbevölkerung auf einen engen Waldbezirk zusammengo-driingt halten. Es sind ja viele Beispiele davon bekannt, wie rasch und leiulit niedere Volksstiimme die iiberlegene Cultursprache eingedrungener Eroberer annehmen.quot; E. Haeckel: „Die Urbewohner von Ceylon.quot; Deutsche Rundschau,Sept. 1893, S. 380.

Man denke weiter daran, wie viele Australiër allmiihlig englisch, wie viele süd-amerikanischen Indianer spanisch oder die „lingua geralquot; sprechen ! DieGerichts-sprache der Amaxosa ist jetzt das Englische (Post: „Die Kodifikation dos Rechts der Amaxosa von 1891quot;, Zeitschr. f'. vergl. Rechtsw., XI: S. 30 d. Separatab-druckes).

Serrurier nennt noch die französisch redenden Neger von Haiti und St. Domingo, das Arabisch sprechen der Egypter, das Französisch in Flandern u. s. w. „De Anthropologie in dienst der Ethnologic: S. 2.

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beiden Fallen ist es möglich, dass sle ihren Seelenkult von den Polynesiern entnahmon oder dass sie ihn selbstandig entwickol-ten; im ersten Falie ware sein Import der Entleihung des Islams durch die hamito-semitischen Berber von den ebenso hamito-semitischen Arabern ahnlich, und sein spontanes Auftreten der selbstaudigen Entwicklung einer Naturvergötterung bei den Ro-manen und bei don Germanen zu vergleichen; im zweiten Falie, in dem der Stammesfremdheit, wiire die Übornahmo des Seelen-kultes der des Islams durcli die Neger oder durch die Persen, und die autochthone Entwicklung wiire der Naturvergötterung bei den Indo-Germanen wie bei den Polynesiern zu vergleichen. Alle Fiille sind also möglich. Welcher liegt hier vor?

Fiir die Frage, welche uns beschiiftigt, des universellen und primaren Vorkommens des Totenkultes, ware es gewiss nicht ohne Gewicht, ob die betreffenden Rassen verwant seien odor nicht. Im ersteren Falie lage die Sacho natürlich einfacher, im zweiten wird sie fiir uns bedeutender, da es daim gilt die ürsprünglichkeit des Totenkultes fiir zwei verschiodene Rassen zu beweisen. Und wie gesagt vorlaufig, bis die Streitfrage entschieden, ist es doch si-cherer den letzteren Fall anzunohmen.

Jetzt wollen wir also endlich die Antwort auf die Frage su-chen, ob der Ahnenkult resp. die Totenfurcht der Melanesier (einschliesslich der Papua) ihnen durch polynesische oder malay-ische Einfliisse beigebracht worden sei oder ob er als ein selb-stiindiges Produkt ihrer eigenen Entwicklung zu betrachten?

Codrington's eingehenden Forschungen zufolge herrscht der Toten- resp. Ahnenkult fast ausschliesslich auf den Solomon sin sein, dagegen kom rat er in den Banks- und Neuen-Hebriden-Inselgrup-pen erst an zweiter Stelle, und findet sich hier eine ausgebildetere Mythologie und Gotterglaube; nach ihm sind nun letztere origi-nell melanesisch, ist der Seelenkult dagegen von den Polynesiern übernoramen; dazu ist die allgemeine Bildung auf den Solomons-inseln weiter vorgeschritten als in don östlichen Archipelen.

Von vornherein lasst sich behaupten, dass es immer grössere Wahrscheinlichkeit hat, dass die höhere Form als dass die nie-

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drigere iraportirt wurdc; nun ist aber die Vorstellung von Göt-tern, welche nie Menschen waren, das Erzeugniss ciner ziemlich hohen Geistestliiltigkeit, jodenfalls eine ungleich schwerere Leistung als der Ahnenkult und seine niedrigste Form, die Totenfurcht; somit ist es an und für sich viel wahrscheinlicher dass der Oöt-terglaube rait seiner Mythologie Import, die Totenfurcht origi-nell sei.

Auf den östlichen Inselgruppen findet sich wohl und, wie uns oben deutlich wurde, in nicht geringem Masse und sogar von tiefreichendem Einflusse der Seelenkult, dagogen ist dor Götter-kult in den wostlichen Archipelen kaum merkbar. Nun ist es doch viel wahrscheinlicher, dass das was allgemein, überall verkomt, originell und autochthon, dagegen das hier und da blos durchgedrungene von ausser eingefiihrtes sei.

Codrington sagt, dass „from the Polynesian islands of the Great Pacific on the one side, and from the Asiatic islands of the Malay Archipelago on the other, two currents of influence have poured and are pouring into Melanesia, the former much more modern and direct, the latter ancient and broken in its coursequot;'). Alles, wat Ratzel über die Wanderungen der oceanischen Völker anführt, stimmt hiermit überein. Dann ist es aber doch unwahr-scheinlich, dass der polynesische Einfluss, welcher den Totenkuit mit sich fiihren sollte, sich auf den östlichsten Insein am wenigsten, dagegen auf den westlichern am stiirksten geltend machen konnte.

Alle die Sitten, welche wir obeo mitteilten, die die Behandlung der Toten betreffen, machen fast ohne Ausnahme den Eindruck des Primitiven, und dieser Eindruck wird durch die Erwagung bekrilftigt, dass sie mit den betreffenden Sitten weit entlegener Völker ganz anderer Rassen in den Hauptzügen iibereinstimmen.

Alle die Argumente, welche wir oben fiir die primiire Ent-stehung des Ahnenkultes bei den Polynesiern anführten, geiten hier ebenfalls; wir brauchen sie nicht zu wiederholen.

Der Totenkuit der Melanesier zeigt nur hier und da den foda-len Karakter des polynesischen, was bei der Entleihung doch all-

1) Codrington, I.e.: S. 1.

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gemein der Fall hiltte sein sollen. Und vvenn, wie auf den So-lomonsinseln, auf der Santa-Cruz-Gruppe die Geister der bedeuten-deren M.inner resp. der Hiluptlinge besonders verehrt werden1), so wird dies ohne dass man auf die polynesische Verfassung zu-rückzugreifen braucht, dadurch völlig motivirt, dass jeder Geist solange man sich seiner erinnert die Macht behiilt, welche er im Leben besass, was Codrington ausdrücklich versichert2).

Gerland sagt: „die melanesische Religion ist genau dor poly-nesischen vemandt, aber selbstiindig entwickelt, und zwar selb-stilndig an verschiedenen Punkten entwickelt. Sie berulit, wenn wir von Einzelheiten absehen, durchaus nicht auf Entlehnungquot; 3). Es hat dieses Zeugniss gewiss grosse Bedeutnng, doch mochten wir ihm nur für den Totenkuit und gerade nicht für manchen Teil der Mythologie beistimmen, worauf wir unten noch zuriick-kommen.

Dass der Totenkuit sich gerade auf den Gruppen mit etwas höherer Kultur, die Göttervorehrung auf denen mit niedrigerer findet, kann nur auffallen, wenn man seinen Bliek auf die von Codrington durchforschten Archipolen beschrünkt, was veilig will-kürlich ware; sonst wird man den Totenkuit ja in grösster Ent-wicklung ebenso auf dem gewiss nicht weit vorgeschrittenen Neu-Guinea sowie bei den jedenfalls niedrig stellenden Eingebor-nen des Bismarck-Archipels finden müssen. — Aber auch sonst: darf es denn auch nur einigermassen als ein erwiesenes sociolo-gisches Gesetz gelten, dass die Kultur in den verschiedenen Richtungen immer gleichen Schritt hillt, dass ein Volk immer in jeder Beziehung auf der selben Höhe oder Tiefe steht ? Keines-wegs. Das Umgekehrte liisst sich eher begründen: welches Volk war je in der Tech nik, in der Kunst, in der Religion, in der

1

Auf Baladoa und zu Mare wurden Schadel und Ziihne aller Weibei- in die Pllanzungen aufgohangt um reiche Ernte zu erlangen. (Gerland I.e.: S. C71 und 672) auch S. 685 seq. — gewiss nicht 1'ödal! — Siehe oben S. 193, 200, 207 für die Nouen Hebriden, S. 193, 201, 204 für die Banks-Inseln, S. 198 für die Tor-res-Inseln, für die Solomon-lnseln S. 196, S. 190 für die Torres-Strasse.

2

Oben S. 193, 194.

3

L. c.; S. 675, 676.

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staatlichen Organisation, in der Moral, in der Wissenschaft genau gleich weit entwickelt ? !)

In dor Totenfurcht resp. dein Totenkulte gleichen die Melane-sier allen Vólkern derselben Kulturstufo (rait Inachtnehmung des gleich Gesagten), in der Mythologie stiininen sie, speciell die Fidschier und die Eingebornen der Neuen Hebriden in Manchem mit den Polynesiern iiberein, welchen sie gerade auch am niichsten wohnen, — wtiro es nicht ■vvahrschoinlich dass diese Übereinstim-mungen, aber nicht der Totenkuit, der entfernteren Gruppen, auf Entleihung beruhten ?2)

Der Totenkuit ist überall in Melanesien, sogar in den Archi-pelen wo die Götterverehrnng vorherrscht, tief im ganzen Volks-leben eingewurzelt, er durchdringt alle Sitten, unterliegt allen Gebrauchen, wogegen die Götterverehrnng öfter nicht viel mehr als Mythologie, fantastische Erzahlungen ohne weiteren Eintluss auf das Leben ist. Nun geht es doch eher an letztere für iin-portirt oder für spütcre Entwicklung zu halten als erstere 3). Ohne sehr wichtige Gründe darf dies jedonfalls nicht geschehen.

Gerland wiederlegt die Meinung Hale's und d'ürville's, dass das Tabu aus Polynesien eingeführt sei, sehr rich tig durcii den Nachweis seiner allgemeinen Verbreitung *); dassolbo darf in noch höherem Grade für den noch allgemeiner verbreiteten ïotenkult geiten.

1) Alles oben Mitgeteilte streckt zum Beweise.

2) Ralzel scliliesst dementsprechend: „Man geht nicht /.u weit, vvenn mansagt, dass das Grundgewebe dor melanesisehen Mythologie aus polynesischen Fiiden be-stehe, und dass die eigentümlichen Züge in diese nur hineingewoben sind, haufig aber auch nur in einer Abschwficliung schon vorhandener Fiiden und Farben bc-ruhen.quot; „Völkerkundequot; II; S. 314. Doch bezieht er sich hier auf Fidji und die ebonso stark mit polynesischen Elementen durchsetzteu Neuen Hebriden.

3) 01) der „Prophetquot; Mangundi der Geelvinksbai nicht halb von den Christen halb von den Mohammedanern entliehen wurde? (Siehe Gerland I.e.; S. 06(1, Goudswaard I.e.: S. 84 seq.), wenn wir dazu von Van Hasselt erfahren dass das Wort Allah allgemein verstanden wurde? („Eenige Aanteekeningen aang. de bewoners d. N. Westkust v. N. Guineaquot; ï. v. I. T. L. en Vk. XXXII, 1889; S. 202, 266.

4) Gerland 1. c.; S. 076.

18

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Die polynesische Eigentiimlichkeit, dass die Götter die Seelen fressen, finden wir in Melanesien nur an wenigen Stellen, z. B. auf Kuh, bei den Dorejern, und bei den Eidschi-Insulanern'). Wenn der ganze Totenkuit überhaupt von Polynesien her einge-führt worden wtire, hiitte ihn diese Vorstellung wohl hiiufiger begleitet.

Gerland behauptet zwar wiederholentlich, dass „der Cult der Seelen spiiter um sich gegriffen (hat) wie zu Polynesienquot;, dass „die Gutter hinter den Seelen zurückgetreten sindquot;, und der Seelenkult „wie es scheint die alten Gutter ins Marchenhafte und Menschliche herabgedriicktquot; habe, dass die Schutzgötter ursprüng-lich Götter, nicht Ahnenseelen gewesen sind 1), — dass also die Naturvergötterung dem Seelenkulte vorherging und denselben hervorbrachte, — doch findet sich bei ihm auch nicht einmal dor Versuch einos Beweises dieser Behauptung.

Es scheint uns sehr schwer die vielen Angaben iiber die Toten-behandlung, welche wir oben mitteilten und die welche Gerland2) beibringt, aus welchen doch vollkommen deutlich Totenfurcht und Toten- resp. Ahnenkult hervorgehen, nicht als durchaus primitive und urwüchsige zu betrachten. Das Christentum hat in Europa auf diesem Gebiete, wie tief und weit es eindrang, nie die alten Sitten und Anschauungen vertreiben und durch die seinigen ersetzen können, wie unwahrschoinlich dass es dem polynesischen oder gar dem intermittenten raalayischen Einilusso gelang allen Melanesiern ohne Ausnahme so tief im Volksleben wurzelndo Sitten und Anschauungen bei zu bringen!

Ehe Ahnliches den Polynesiern hiitte gelingen können, ware doch gewiss ihr sociales und Regierungs-System in integro und universell auf Melanesien von ihnen übertragen worden, was offenbar nicht der Fall gewesen: wir finden es blos hier und da und fast nie ganz ausgebildet.

Wenn wir aber diese Hierarchic in der Seelenverehrung hie

1

Gerland I.e.: S. 078, 074, 671, 004.

2

Gerland I.e.: S. 683-687.

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und da in Melanesien und weit verbreitet in Poly- und Micro-nesien finden, so darf dies nicht ohne weiteres dahin gedeutet werden, dass die so geartete Verehrung erst durch die Ausbildung des Födalismus in Polynesien entstehen konnte. Der Zustand der Seelen wird ja immer und überall als eine Fortsetzung des irdi-schen Lebens betrachtet: wer hier machtlos, wird dort unbedeu-tend, wer hier einflussreich, wird dort machtig sein; sobald also die ursprünglich alle ohne Unterschied gefürchteten Seelen in machtlose und machtige nach dem Vorgange der irdischen Ver-hiiltnisse sich differenzirten, verschwand der Kult der ersteren allmahlich ganz oder beschrankte sich auf die niichste Familie. Dies ist der richtige Verlauf, nicht der, dass da ursprünglich nur Götter, keine Seelen gefürchtet wurden, beim Heranwachsen der HiLuptlingsmacht die Seelen der Hauptlinge unsterblich geglaubt, gefürchtet und verehrt wurden, von den Seelen der Gemeinen aber nach wie vor keine Rede war.

Wie Hessen sich in diesom letzteren Falie die vielen Falie, in denen gerade alle Seelen ohne Unterschied gefürchtet und verehrt werden, und die anderen, dass wenigstens die Verwanten audi die gemeinen Seolen verehren, erklüren?

Die Thatsachen reden gar zu laut und deutlich für unsere Auffassung; der Glaube am völligon Absterben der gemeinen Seelen war gerade ein Verfall der uralten Anschauungen, eine Extravaganz, eine sklavische Ehrbezougung durch Selbsterniedri-gung den Adligen gegenüber und auf der anderen Seiten eine Folge und ein politisches Werkzeug des rigorösen Despotismus 1). —

Dass audi Worte, welche direkt auf die Seolen Bezug haben, fremden Sprachon entliehen sind 2), darf uns nicht Wunder nehmen.

1

llatzol scheint die Gerlandsche Meinung nicht zu teilen, wenigstens sagt er: „aus dein allgemeinen Seelenkulte bildete sich die göttliche Verehrung bestirnmter Persönlichkeiten leicht heraus.... Nel)eii den Ahnengeislern werden auch, wo dieselben die hochste Verehrung empfangen, üljerall cigentliche Götter verehrt.quot; „Völkerkundequot; II: S. 291.

2

Z. B. an der Geelvinksbai heisst der Aufenthalt dor Seelen „soeroekaquot;, ahn-lich dem „sorgaquot; der Malayen. Van Buien: „Iets over het Doodenfeest bij de Papoea's.quot; T. v. I. T. L. en Vk. XXXI: S. 557.

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Da die Sprachen verwant siad, braucht os nicht einraal auf direkter Entleihung zu beruhen, und wenn dies der Fall, so beweist dieso Entleihung des Wortes noch gar keine Entleihung der Sache. Benutzen wir im tüglichen Loben nicht manchmal französischo Wörter für Sachen, die wir zweifelsohno lange vorher kannten und ruit eigenen Namen benannten? gebraucht das Malayischo nicht manchmal arabische odor Sanskrit-Worte, wo es entschieden eigene Benennungen besitzt, sogar für alltiigliche Sachen? Und wie war das in der holliindischen oder der deutschen Sprache in den Zeiten, da die französischen Sitlen nachgeahmt wurden?

Für die Entscheidung aller ethnologischen Fragen Melanesien betreffend, ist das eingehende, aber leider ilusserst beschwerliche Studium der Bergbewohner und überhaupt der Eingebornen des Innern im Gegensatz zu denen der Küste, welche man fast allein bis jetzt kennt, von der grösstcn Bedeutung. Van Hasselt betont den Unterschied in Sitten, Gebriiuchcn und Gewohnheiten des bürgerlichen sowie des religiösen Lebens zwischen den Strand-bewohnern (Nuforesen und Dorehern) und den Arfakkern, den Gebirgsleuten Die Strandbewohner nüissen auf allen Archipelen den Einfluss der Malayen und Polynesiër viel nachhaltiger und direkter erfahren haben als die Bewohner des Innern; der rein-melanesische Religionstypus wird sich bei den letzteren aufzeigen, und wir haben am wenigsten Grund was sich bei ihnen findet auf polynesischen Einfluss zurückzuführen; so weit wir jetzt wissen, was allerdings nur gar wenig ist, huldigen auch sie dem Totenkulte.

Nach alledem glauben wir uns vorlilufig durchaus zu dem Schlusse berechtigt, dass der Toten- resp. der Ahnenkult bei den Melanesiern einheimisch und primar ist, dass er, wenn er nicht der Mythologie vorherging, wenigstens jedenfalls gleichzeitig mit ihr und selbstündig entstand, und dass fremde Kultur auf seine Entstehung gar keinen, auf seine eigentümlicho Ausbildung direkt wahrscheinlich fast keinen, indirekt aber hie und da einen

1) S. L. Van Hasselt, l.c. ï. v. I. T. L. en Vk. XXXI: S. 577.

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grosseren Einfluss übto, nlimlich im Bctroff dos feudalistischen Karakters.

So sind wir donn bcrochtigt als das Ergobniss unsoror langen Umschau fost zu stollen, dass bei allen von uns untersuchton Kassen und Völkorgruppen'), auf der Kulturstufe auf der diese sioh befinden, die Totenfurcht und mit ihr der Toten- resp. Ahnon-kult vorkommt. Die universelle Verbreitung des Totenkultes für unsero Völker haben wir bewiesen und dadureh höchst wahr-scheinlich gemaeht, dass derselbe nicht auf besondero Rassen beschriinkt ist, sondern bei allen Vólkern der Erdo auf bestimm-tor Kulturstufe vorkommt.

1) Also bei den Polar-Völkern, ilen nord-und den süd-amorikanischen Indiancrn, den Arabern, den Kaukasus-Völkern, don centralasiatischen und sibirischen Vólkern, den vorderindischen Naturvölkern, don Australiern, den Indonosiern, don Melanesiern, den Micronesiern und den Polynesiern.

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VIE R T E R A B S C H NIT T.

Dor itioralisclio mitl sooiale Einfluss «les Totonkiiltes.

§ 1. Big falsche Fragestéllung.

Wio oft ward iind wird noch immer das Vorstellungs- und Gedanlcenloben dor wilden Völker durchaus falsch beurteilt, indem man ihnen jede Religion abspricht, wahrend man sich nicht vor-her genau dariiber klar wird, was eigentlich unter Religion zu ver-stehen sei. Manchmal wnrde einem Volke jede Spur eines reli-giösen Gedankens abgeleugnet und wurden auf der selben Seito ihre Geisterfurcht und ihre gewiss nicht bedeutungsloscn Bestat-tungsceremonien erwahnt. Seitdem wir durch die Arbeiten Tylor's und Lippert's, vollends aber durch die Frazer's und Wilken's, die letzteren zu interpretiren gelernt haben, und in ihnen die deutlichsten, öfter drastischen, Ausserungen der Ahnenliebe und der Totenfurcht erblicken, sollte dies Ablcugnen religiöser Vor-stellungen bei den Naturvölkern nicht mehr so kritiklos stattfinden. Man darf nun einmal nicht überall den selben und zwar unseren Maasstab anlegen. Man gebe sich vorher genau und ausführlich Rechenscliaft über die abstracten Begriffe, welche man anwendet, und erwiige, dass es keinen Grand hat unter Religion blos die höheren Kultformen und die tieferen metaphysischen Anschauungen zu ver-stehen und den Animismus und seine Sprossen, Totenkuit und Fetischismus, davon auszuschliessen, welche doch alle mit den höch-

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sten Rcligionon gar vielos, man möchte sagen die Hauptzüge gemein haben, vor Allem aber dieses, dasb sio dio Erklarung der irdischen, materiollon Erscheinungen in überirdischen, immateriellen, anthro-pomorpiion Agentien suchen. Hat Tylor nicht überzeugend dar-gothan, dass es keine principielle Kluft zwischon dem niedersten Animismus und don höchsten inonotheistischen Religionen giobt?

Denselben grossen Fehler haben sogar sebr gute Beobachtcr und Forscher im Botreff dos moralischen Einflusses dor primiti-ven Kultformon gemacht. Man hat ilinen öftor jede moralischo Bodeu-tung abgesprochen, doch war es manchmal deutlich, dass darunter vorstanden wurde: die Durchführung unserer ethischen Normen werde durch sio nicht gofördort, — oino vüllig unmögliche Erwar-tung. Die richtige Fragostellung ist diose: haben die niedoron Religionen einen merkbaren Einfluss auf dio Erfüllung dor in don botroffondou Gescllschaften herschenden Normen, odor, noch allgomoiner, auf das ganze Lebon und Treibon diesor Völker') ? Dio Moral einos Volkes im weitesten, oinzig zulassigon Sinne bedeutot ja das Ganze der durch die öffentliche Moinung und ihro Stimmführer anerkannton Verpflichtungen, welche deren

l) Ganz richtig sagt Tylor; „oven in the life of the rudest savage, religions belief is associated with intense emotion, with awful reverence, with agonizing terror, with rapt exstasy when sense and thought utterly transcend the common level of daily life.quot; (Prim. Cult. II: S. 359). Dagegen scheint er mir zu Unrecht zu haben, wie ich zu beweisen hoffe, wenn er sagt (S. 300): „that the relation of morality to religion is one that only belongs in its rudiments, or not at all, to rudimentary civilisation.quot; Selbstverstandlich, doch in angedeuteter Weise irrefiih-rend ist; „savage animism is almost devoid of that ethical element which to the educated modern mind is the very mainspring of piactical religion.quot; Dass die) niedren Rassen nicht ohne Moral sind, braucht kaum nachgewiesen zu werden, ob diese mitunter „praiseworthyquot; von unserem Standpunkte sei, thut nichts zu diesor Sache ab. Tylor scheint doch ein bischen Moral überhaupt und unsere Moral zu ver-wirren. „The lower animism is not immoral, it is unmoralquot; ist dor gerade Gegen-satz von dem was ich zuin Teil (nl. in der Hauptsache nur soweit meinen enge-ren Gegenstand, welcher hierin jedoch von centraler Bedeutung, angehond) wenig-stens zu beweisen hoffe, es würde ja bedeuten mussen, dass der Ahnenkult überhaupt keinen anderen als einen rituellen Einfluss ausiibte, das menschlicho und sociale Verhalten in joder Beziehung unberührt liess, was vüllig den anzuführen-den Thatsachen widerspriiche.

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Inhalt, Geist und Object sein mogen, vor Allera aber sowcit sio die Verhaltnisse der Monschen unter einander betreffen.

Zum Teil werden wir diese Frage in dem ietzten Abschnitte unseres zwoiten Bandes zu beantvvorten versuchen, die Beantwor-tung sowcit sio den Totenkult betrifft, wollen wir wcnigstens zum Teil jetzt antreten, doch richten wir hierbei hauptsachlich unsere Aufmerksamkeit auf den Einfluss, welchcn das Strebcn nach Racho von diesom Totenkulto crfdhrt.

§ 2. TotenfiirclU und TolcnUult.

]3evor wir mit dieser Untersuchung anfangen, wollen wir nns klar zu machen versuchen, welches das Verhaltniss zwiscbon den primitiven Monschen und ihren Toten, und ob os immer das namliche geweson sei.

Tylor bat ganz Recht, wonn er sagt: „it is quite usual for savage tribes to live in terror of the souls of the dead as harmful spirits,quot; nachdem or aber einige wenige Beispiele hiervon angeführt hat, fiihrt or fort: „happily for man's anticipation of death, and for the treatment of the sick and aged, thoughts of horror and hatred do not preponderate in ideas of deified ancestors, who are regarded on tho whole as kindly patron spirits, at least to their own kinsfolk and worshippersquot; '). Erstens könn-ten wir beanstanden alio verohrten Ahnengeister doificirt zu nonnen; ich möchto diesen spociellen Ausdruck für bestimmto Falie vorbehalten, z. B. für die Seelen dor polynesischen Hiiuptlingo. Zweitens aber ist es doch etwas zu allgomoin ausgedriickt, dass die Ahnengeister moist wohlwollend, wcnigstens für die eigenen Sippen, sind. Die Studiën Frazer's und Wilken's, welche uns lehrten die Leichenbehandlung und im Allgomeinen die Bestat-tungscoremonien als den deutlichsten und moist authontischen Ausdruck der primitiven Anschauungen übor die Toten und ihr

1) Tylor: „Prim. Cult.quot; II: S. Ill und 113.

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Verhaltniss zu den Zurückbleibenden zu betrachten, belehren uns eines Anderen und sie geben viel ausführlichere und bessere, woil nicht theoretisch-zusammengefasste und absichtlichc, Auskunft als die zerstrouten und sehr wenigen direkten Notizen über dieson bedeutenden Gegenstand bei don Ethnographen.

Lippert hat die Sache gründlicher untorsucht und tiefer gefasst und, wie selbstverstilndlich, jene Gebrauche berücksichtigt, wenn auch nicht in der ausführlichen Weise Frazer's und Wilken's und mit der in seincm Buche zu rügenden Sparsamkeit an Be-weisstellen. Er unterscheidet die abwehrende ïotensorge und den cigentlichen Totenkuit; die erstere sei die primüre Form und gehöro dor Urzoit an; sie bediente sich zu ihrem Zweckc zweierMittel:

„einraal die Sorgo, den Toten und mit ihm dessen Oeist____los

zu werden, und dann die, ihn nicht wieder irgendwio heranzu-lockenquot; 1). Lippert hat leider weder diese Ordnung in der Eolgo der beiden Eormen bewiesen noch angegeben wie beide über die verschiodenen Völker verteilt vorkommen. Lotzteros kann ja viel-leicht eino Handhabe bei der Erforschung der Ursachen dicser Eeihenfolge abgeben.

Bei unseren etwa 197 Völkern (die 79 von Spencer behau-delten nicht mitgerechnet, wohl aber die 74 von Wilken) finden wir 53 Kalle wo es undeutlich ob Eurcht vor den Toten im i\llgemeinen oder vielmehr Liebe zu den toten Verwanten vorliegt; weder die direkten Aussorungon der Beobachter noch die Totenbohandlung beweisen das eine oder das andere; wenn wir die Völker des indischen Archipels abzahlcn, weil wir hier die Angabon Wilken's blos resumirten und deshalb nicht die sonstigo, volle Ausfiihrlichkeit beobachteten, so bleiben noch 30 solcho kelner Deutung fahige Ealle übrig; im Ganzen behal-ten wir also 144 deutbare Eiille, ohne don Archipel welcher allein 74 unserer Beispicle enthalt, deren 93 übrig. ünter diesen giebt es 61 Völker, bei denen wir nur Eurcht vor don Toton bezengt finden; lassen wir hier den indischen Archipel wieder bei Seite, so bloibon 27 solche Völker zurück; im ersten Ealle sind davon

1

Lippert: „Kulturgoschichtoquot; I; S. 111 scq.

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14 besonders horvorragend und deutlich in ihror Tondenz, im zweiten 10.

Wir haben noch oinon bosonderen Grund die indonesischon Völker nicht eiafach unter den anderen mitzuzahlen, weil Wilken nach dom Frazer'schon Boispiolo wolil speciell auf die Totenfurcht anzoigenden Sitton Acht gab, wodurch natürlich unsere Verhalt-nisse gefalscht werden könnten.

Im Ganzen also betragen die Furcht-Falle (61) etwa 3/7 der ganzen Zahl (144); os entspricht unserer Annahme dass dieses Vorhaltniss sich verandert, wenn wir den Archipel ausnehraen: es wird dann ja 27 : 93, also etwa '/s'

lm Ganzen ergeben sich 28 Beispiele von Zutrauen und Liebo zu den abgestorbenen Verwanten, wo wir wonigstens koine unver-konnbaro Ausserung von allgemeiner Totenfurcht entdockon könnten ; ohno den Archipel wird diese Zahl relativ nur wenig kleiner, nl. 16, dieses letztere darf uns also wie wir schon bemerkten nicht überraschen; wohl aber ist die ganzo Zahl auffallond gross, um so mehr weil die furchtbozeugendon Ceremonien im Grossen und Ganzen seltsamer, auffallender erscheinen möchten, also wahr-scheinlich leicht und sicher notirt wurden und es auch wahr-scheinlicher ist dass wir sie richtig interpretirten und in Rech-nung brachten.

Von diesen Beispielen sind nur 8 besonders ausgepragt, von welchen zwei auf den Archipel entfallen, von den Fallen der Totenfurcht waren 15 sehr deutlich, wovon vier Indonesische.

Es scheint mir aber sehr wahrscheinlich, dass die Gruppe dor Falie wo nur Totenliebo sich ontdecken liess, bodeutend kleiner worden müsse, wenn wir nur immer mehr Quellen zu Eate Ziehen, dass also diese Gruppe meistenteils auf ungenauer Wahr-nehmung, vor allem auf unvollstandiger Datensammlung beruhe. So finden wir z. B. verschiedene Angaben bei H. Meyer') betroffs der Igorroten, woraus die grosse Totenfurcht deutlich hervorgeht, z. B. Sterben im Freion bei einigen Stammen, damit dor Geist sein Wesen nicht in der Hütte treibe, durch Opfer die Rückkehr

•1) II. Meyer: „Reise um die Weltquot; (1885): S. 280, 531.

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des Geistos verhindern u. s. w., doch werden die Anito's im All-gomoinen als harmlose Goschöpfo betrachtet, nur der Geist dor Familionaltosten wird sohr gcfiirchtet, wclchor allo Vernachlassi-gung der Anito's und von sich solbst rait Krankheiton straft.

Endlich fanden sich 50 Fiillo wo ïotonfurcht und Ahnenliebe zusammentroffen, und hiervon gehüron 18 zum Archipel.

Wir findon also Totenfurcht mohr als zweimal so oft als Ahnenliebe und erstere anderthalbmal so oft doutlich ausgepragt als lotztore.

Die Erwagung welcho Völkor, ob niedrigor ob höhor entwickelt orachtete, hauptsachlich zu dieser, welcho zu jener Klasse gehöron, darf moiner Ansicht nach keino grosse Bedeutung für die Erfor-schung der Ursachen dieser Erscheinungen heischen, denn der Parallelismus aller Kulturrichtungen_Jst. durchaus kein sociologi-schos Gesetz, wie wir schon früher betonten.

Dass aber von den 17 deutlichen südamerikanischen Beispielen neun blos Totenfurcht aufzeigen, von den 12 australischen 5, von don dor nord-westlichen Seito Molanosiens angehörigen 11 Fiillon 7, — darf doch jedenfalls beraerkenswerth genannt, und einiger-massen als eine Bestatigung unserer Ansicht, dass die Totenfurcht das primitivsto Verhaltniss zu den Toten gewesen, betrachtet werden ').

Unter den Fallen der dritton (gemischten) Gruppe giebt es zweimal so viele wo die Totenfurcht als wo die Ahnenliebe stark ausgepragt erscheint.

Jedenfalls tritt die Totenfurcht also mohr hervor als dio Ahnenliebe, und os lasst sich dieses sowio die Frioritat der erstcren allerdings aus den von Lipport und den von uns angegebenen Ursachen der Furcht sehr wohl verstellen. Diese (die Erklarung nur der ünglücksfalle durch die Wirkung der Toten, deren Eifer-sucht auf die Lebenden u. s. w.) mussten ja gloich wirken, woge-gen die Motive des Zutrauens anfangs nur sehr gering in Zahl und Kraft sein konnten; wo aber die ersteren verschwanden.

1) Audi Bancroft scheint dieser Meinung zu sein. „The Native Races of the Pacific States of North Americaquot; lil (1875): S. 34.

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übton die zweiten gleich einige Wirkung aus, namentlich in dom Verhaltnisse zwischen der Mutter und ihren frühverstorbenen Kin-dern: hier war gar kein Platz für Furcht und muss die Liebe also bald den Tod überdauort haben. Dcmentsprechend finden wir auf der Coburg-Halbinsel und in Curr's und Dawson's Angaben über die Australiër uur Liebo zu den toten Kindern verzoichnet, im zwoiten Falie allordings auch Liebe und Zutrauen von der Frau für den verstorbcnon Gatten, was immerhin unsercr Annahme auch nicht ganz widersprache.

Mit der Besanftigung der Sitten und dor Durchbildung der Familionliebe, von wolcher wir spiiter noch andere Spuren auf-zeigen werden, musste dieses Zutrauen sich über die vorstorbo-nen Verwanten überhaupt ausbroiton, obwohl danoben die allgo-meino Totenfurcht bestehen blieb, wolcher geraischter Zustand in don Quellen ofter deutlich geschildert wurde, z. B. auf allen von Codrington bohandelten Archipelen.

Gar deutlich sehen wir die Koste dor reinen Totenfurcht mitten in die Liebe- und Zutrauen-bezeugonden Ceremonien des Almen-kultes hineinragen, was umgekehrt nur sohr selten und kaum je deutlich dor Fall sein dürfto.

Goldziher hat also zwar Eecht, wenn er behauptet, dass allo Bestattungsgebraucho sich nicht aus der Totenfurcht allein erkliiren lassen doch bleibt es immerhin richtig, dass diese sehr wahr-scheinlich lange vor der Ahnenliebo entstand und ebenso dass sie oinen grosseren Einfluss auf das Leben und die tiiglichen Ilandlungon der primitivon Völkor gowann als die Ahnenliebo.

Lubbockquot;) sagto, dass er koin einziges Beispiol von dom Kulto einer woiblichen Toten wussto, wir fan den aber ein sehr deutliches hier-von in Von der Steinen's ausführlicher Beschreibung dor Bestattung einer Frau bei den Bororó; die Botocuden fürchten auch ihro toten Frauen, ebenso die Tscherkessen, die Polynesiër nach Moerenhout1),

1

L. c. I: S. 454: Die erste Gruppe der Oromatouas waren die „varoua laaia, ames ou esprits des hommes et des femmes morts dans ehaque familie.quot;

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die Tasmanier, die Solomoii-Insulaner, die Pidschier, die Bewolmer dor Neuen Hebriden (obeu S. 171), die ïobeloresen'), die Karo-Batak, und die Maiaien Sumatra's. Alio die Völker im indiscben Archipel welche an die Pontianaq glauben, beweisen ebenfalls dass der Geist einer toten Prau gefiirclitet werden kann, so die Maiaien Malaka's, die Menangkabau Maiaien, die Javaner, Balinesen, Olo Ngadju, Ma-kassaren und Buginesen, Arabonesen, Timoresen, Tagalas. — Dass die Frauen nach ihrem Tode im Allgemeinen weniger ebenso wie dass sie doch audi gefiirclitet werden können, geht aus unserer Begründung der Totenfurcht und -Verehrnng klar hervor: sie sind im Leben im Allgemeinen weniger milchtig und farchtbar als die Krieger, aber sie sind als Tote überhaupt doch auch schrecklich und als Zauberinnen können sie ja auch schon wilhrend ihres irdischen Lebens Schrecken eingetlösst haben.

Maine 1) sich auf Lubbock und Fustel de Coulanges 3) stiitzend will den Ahnenkult eng mit dem Patriarchate verbunden wissen, jedoch dem Letnteren entgegengesetzt liegt er wenigstens die ge-siindere Ansicht, dass das Patriarchat dem Ahnenkulte vorherging und nicht dass dieser jenes begriindete, wie Jener in seiner Ein-seitigkeit meinte. Auch Maine's Meinung kann aber meiner Ansicht nach nur aufrecht gehalten worden, wenn man unter Ahnenkult bios den strong systematisirten Kult dor Familien-hiiuptor verstoht; dann vorfallt man aber in Tautologie; dor patriarchale Ahnenkult entstoht natiirlich erst auf dom Boden dos Patriarchates.

Die Furcht vor, das Bewusstsein dor Abhiingigkeit von, die Liobe und das Vertrauen zu den verstorbonen Vorfahren, welche sich direkt aus der anftinglichen Totenfurcht entwickeln, haben wir durchaus keinen Grand, weder in don psychischen Motiven, wie wir sie obon darstellton, noch in dem reichen mitgeteilten Matoriale, auf das Patriarchat zu beschranken. Zu don Vólkern,

1

„La Cité Antiquequot; (1878): S. 40 soq., 95 setj.

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doren angeführte Sitten unverkennbar den Ahnenkult in unserem Sinnc bezeugen, gehören gar manchc, welche ofl'onbar noch im Matriarchate loben.

Dass die Geister der verstorbenen Peinde besonders gefürchtet werden, wie wir von don Cheyonnes, Osseten, Narrinyeri, Kurnai, Solomon-Insulanern, Dorojorn, Eingebornen von Matukanaputa er-fahron, ist wohl selbstverstiindlich ').

Bevor wir jetzt weiter auf die moralische Bedoutung und don socialen Inhalt dos Totonkultes oingehen, wollen wir noch auf einen uns merkwürdig erscheinondon Umstand in den Ceremonion aufmerksam machen, nl. auf die gar nicht seltene Erscheinung, dass auf die Frauon der Hauptantoil an don Totenklagon sowie an der übrigon Totonbehandlung cntfiillt. Es dürfte dies wohl nicht allein aus der emotionell empfindlicheron und boweglicheren Natur der Frauon überhaupt sowio aus dom Rückhalte don sich die Mannor gerne auflogen, erkliirt werden könnon; obwohl diese ümstande gewiss ihren Einfluss ausübten. Dass die Frauon aber vielfach dom ïoten geopfert wurden (von Mannorn nur Sklaven), dass das Haaropfer moist von ihnon gebracht wurdo, dass gerado sie sich Vorletzungen boibringon musston, hatte wohl einen anderen Grand, und zwar wahrschoinlich don, dass sie entwodor dom Toten in irgend einer Weise zugohörton und deshalb ihm folgen musston, was dann spiiter durch Opfor-reductionen und -Surrogate abgelöst wurde, oder aber dass sie den trauernden Mannorn gehörten und von ihnen als Opfer wonn auch in reducirter Form darge-bracht wurden; die Frauon wurden einigormasson ahnlich wie Vieh und sonstigo besonders wortvollo Besitzungen geopfert 2).

4) Kowalewsky („Familiequot;: S. 70) sagt von don russischen Bauern: „soul le domovoy domestique est censé so comportor on ami. Los domovoys étrangers sont au contraire jaloux et dangoroux.quot;

2) Der hervorragendo Anteil an don Eestattungscoromonien wird von don Frauen gonommen bei den Mohave, den Stiiramen des West-Oregon, Bororó, Charrua, den alten Arabern, Suanen, Australiern am King Georgo Sound und am Moore River, den Eingeboriion dor Nouon Hebridon, Dorojorn. — Das Problem verdient aber eine ausführlichere Behandlung, als wir ihm hier zu Teil werden lassen könnon.

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§ 3. Moralischer Einfluss der Toten, hesonders aiif die Ausübung

der Bhitrachc.

Die raitunter schrecklichen Selbstvorstümmelungen boweisen neben allem Vorhergehenden, wie grossen Einfluss die Totenfurcht auf das ganze Vorstellungs- und Gefühlsleben der primitiven Menschen ausübte. Gar treffend wird dies ebenso durch die grossen Verniebtungen ven Eigentum, und durch die kostbaren Be-stattungs- und Erinnerungsfeste bewiesen, auch wenn wir hier Vieles auf Rechnung der wetteifernden Eitelkeit und des Familien-stolzes stellen wollen ').

Wenn wir dazu vernehmen, dass manche Völker fortwahrend mit ihren Toten verkehren, in jeder Lebenslage Hilfe von ihnen erwarten, dass andere in ewiger, qualender Purcht für sie leben, so dürfen wir doch wohl erwarten, dass die Toten nicht allein strenge auf die Erfüllung der Opferpflicht halten werden, son-dern dass man überhaupt auf ihren mutmaasslichen Willen Acht geben wird, dass die Toten also entschieden einen socialen und moralischen Einfluss üben werden. Diesc Erwartung finden wir in den Quellen vollstiindig bestatigt.

Von den Osseten huren wir ja, dass die Toten Unwürdige stra-fen, von den Creeks, dass sie zu einem tugendhaften Leben ermah-nen, von den Narrinyeri dass durch ihren Einfluss Zwistigkeiten beigelegt werden, von der Lepers-lnsel dass sie allerdings erst den verstorbenen Murder strafen, von den MenangJcabau-Mvdaien dass sie gar kraftig dazu mitwirken den hauslichen Frieden zu erhalten, von den Mortloclc-lnsulanern dass sie Verbrechen wider die Htiuptlinge ahnden 1).

Von den Turhnenen erzahlt uns Vambóry, dass eine Anklage bei den Ahnen darin besteht, dass auf ihr Grab eine Lanze ge-pflanzt wird, im Falie eines Mordes mit blutigen Fetzen dran, sonst mit einem zerbrochenen Bogen. Eiu solcher Appell vereinigt

1

Siehe oben an den respectiven Stellen die Belege.

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allo Turkmanon gegen don sündigeu Staram; der Schuldige macht gewöhnlich seine That wieder gnt, auch wenn sein Clan ihn zu schützen bereit war, denn Alles ist besser als die Ruho dor Ahnen verstört zu haben 1).

Wenn ein Genosse geniordet wurde, heisst es von don Dacotah, wird zwar nicht eine Strafo vom Grossen Geiste gefürchtot, dagegen hegt man die grösste Furcht ver dem Geiste des Verstor-benon, wolcher alles Büse zufügen kann: „und dieser Aberglaube übt gowisserra assen eine heilsarae Wirknng aus, er wirkt woit mohr als boi uns die Furcht gehilngt zu werden.quot; Auch Eastman bestatigt die grosse Furcht der Dacotah vor ihren Toten, welche diejenigen quiilen, die die Sitton übertraten. Eine schlechte Jagd wird der Vernachlassigung dieser Geister zugeschriebon, und zur Sühuung der Verbrechon und Sünden werden ihnen Tiero ge-opfert2).

TJnter den Ni-shi-ndm Californiens giobt es Spiritisten, welche gebraucbt werden um lastige Leute zu bandigen: man Uisst diese Abends zu den Hiiuptlingen in das Rathaus kommen, wo ein Gesponst sie anredet; sie glauben, dass das Gesponst sie körper-lich strafen und sogar toten kann, wenn sie den Hiiuptlingen koine Geschenke anbieten und sich fernerhln nicht anstandig betragen 3).

Von den Samoanern erzahlt Turner: „it was supposed that the spirits of the dead bad power to return and cause disease and death in other members of the family. Hence all were anxious, as a person drew near the close of its life, to part in good terms with him, fully assured that if he died with angry feelings towards any one, he would certainly return and bring some calamity upon that very person or some closely allied to himquot; ^). Es muss also ein Bestreben erzeugt sein in jeder Beziehung den Wünschen der Verstorbonen gemiiss sich zu betragon, was nicht ohne einen moralischen Einfluss goblieben sein kann.

1

Vambéry, Ski/./.en: S. 40.

2

Eastman: S. xx, 87. Schoolcraft II: S. 197, 196, 195.

3

Powers; S. 333.

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Auf Tahiti zieht bei der Bestattung der Heva herum, ein Priester oder Verwantor des Toten, namentlich um dessen Hütte, ge-folgt ven weiss und rot beschmierten Mannern und Knaben ; er stellt den Geist des Toten vor und scblagt jeden der ihm begeg-net aufs rücksichtsloseste: „er wollte als Geist jede Unbill, die ihm im Leben oder nacb dom Tode widerfaiiron war, rücben, sein Gefolgo selling ebenfalls unbarmhorzig zuquot; ]).

Bei den Karo-Batlah fordort in der „musuh berengiquot; (Droh-brief) quasi der begu (die Seele eines Vorstorbenon) sein Recht oder droht met seiner Rache, Mord oder Brandstiftung; jedo Be-loidigung riicht er !!).

Von dm Polynesiern überhaupt erziihlt Moerenhout Folgendes: „Ces peuples avaient, en general, une grande peur des esprits, et redoutaient beaucoup la vengeance des morts, qui, dans leur conviction, pouvaient leur faire beaucoup de mal. Coux do tous qu'ils craignaiont le plus ctaient les enfants morts apros la córómonie que je viens de décrire (eine Art Beschnoidung). lis craignaient surtout, qu'irritós contre leur more, ils ne se vengoassent do toute sa familie (diose Kinder-Geisterfurcht soli wohl audi eine Folge des polynesisclion Despotismus gowesen sein!); ct les femmes, appliquant adroitement ces préjugés ü leur propre defense, des qu'elles se voyaient multraitées, soit par leur mari, soit par leurs autres en fans, ne manquaient guere de les menacer d'aller insul-ter V esprit de l'enfant mort; ce qui leur épargnait hi en des mau-vais traitemens3); car l'effet de cos menaces pouvant compromettre toute la familie, ordinairement tous les membres interccdaient pour rétablir la paix dans le ménage. Le même procédó amenait le memo rósultat dans les querelles de tous los autres parens; car la moindro dispute, la moindre parole dure suffisait pour faire tomber un individu dans la disgrace des Oromatouas ou dieux domostiquos, et pour attiror sur lui et sur tous ses parens des maladies et autres malheurs; aussi n'y avait-il, entr'eux, que peu

\) Wait/.-Gerland VI; S. 410.

2) Westenberg 1. c.: S. 226.

3) Die Cursivirungen sind von inii'.

19

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do querelles; et, gónéralement, Us se traitaient avec douceur et affabilité, de sorte que eette utile croyance des Oromatouas, qui n'ét ait rien autre chose que V adoration des morts, suppléait, en quelque faqon, chez ce peuple, d'ailleurs si barbare, a son manque absolu de sensibilité et de sentiments a/fectueux. Les maladies et les aatres niaux qui affligeaient une familie étaient done suppo-sós venir, soit des dieux domestiques, parce que les membres de la familie ne vivaient pas bien entr'eux, soit des dieax nationaux, pour negligence de leur eulte, pour infraction du tabou, ou bien par suite de la vengeance de quelqu'ennemi secretquot; '). Kami der moralische Einfluss dos Ahnenkultes deutlicher dargethan werden? Offenbar übte er diesen lange bevor die Naturvergötterung einen solchen hatte, was auch ganz natiirlich, weil die Ahnen so enge Beziehung zura Volksleben batten, die Naturmachte aber gar keine; diese entstand fiir sie erst durch den Antbropomorphis-mus. Einen Fehler macht aber Moerenhout, wenn er die Ahnenfurcbt die angeblich ganz fehlende „sensibilité et sentiments affectueuxquot; ersetzen liisst, was ja unmöglich; wober sollten jene diese Ge-• fiible nehmen, wenn das Volk sie gar nicht kannte? Nein, diese Gefühle waren blos schwach, in manchen Individuen sogar sebr schwacb, und unterlagen öfter heftigen Leidenschaften; die ruhi-geren, dem Alitagsleben entrückten Toten waren ihren Unter-brechungen weniger ausgesetzt, wurden immer von ihnen erfiillt, und fiir das Gesammtwohl fortwiibrend besorgt gedacht, und konnten deshalb dieso bckannten und verehrten Gefühle zwar nicht schenken wohl aber bestarken, ihre verurteilten Übertretun-gen strafen. Die Gutter und die Ahnen machen das Gewissen nicht, sanctionircn es aber mit ihrer Zustimmung und ihren Strafen.

Riedel sagt ausdriicklich von den Savunesen, dass eine Anzahl

1) Moerenhout I: S. 538, 539. S. 454; die Oramatouas sind zwar „bienveillans cl paisibles, maïs néanmoins, loujours rigides. lis maintenaient la paix dans les families, et punissaient de maladies el d'autres maux les moimlres disputes ou dissensions domestiques, frappans indistinctement les querelleurs eux mêmes, leurs enl'ans et les personnes qui leur étaient le plus chères.quot;

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Moral- und Sittengesetze durch die Furcht vor den Abnen ge-liütet jotzt noch treu beachtet worden

Bei den Osseten hüten die Toten die Heiligkeit des Eides 1).

Kovalevsky sagt von den Kaukasus-Vólkern überhaupt: „Le manquement au devoir de la vengeance n'est pas la seule offense par laquelle un descendant peut indisposer contre lui l'ame de l'ancètre. La colore peut encore avoir pour raison un faux ser-ment chaque fois que ce dernier est accompagnó de la formule, „si la cliose n'est pas vraie, que mos ancetres restent sans nour-riture, ou qu'ils s'approvisionnent do la cbair d'animaux impurs.quot; Pour Vlngousch et l'Ossète un pareil serment a toujours un ca-ractère terrible, en ce qu'il attire sur 1'ancêtre les suites sur-nommées; celui-ci ne manquera pas, pensent-ils, do se veuger sur son descendant en le frappant de maladies et souvent même de mort. Ce n'est qu'en ayant présent a l'esprit ce qui a été dit, qu'on peiT comprendre la raison pour laquelle la plus infaillible des prouves judiciaires au Caucase est ie serment do l'accusó et le co-serment de ses parents. Tous deux consentiront plutot a recounaitre devant Ie tribunal un fait désavantageux, que de s'attirer par un faux serment la punition d'un ancotre courroucóquot; 2).

Wabrend der allgemeine moraliscbe Einfluss des Ahnenkultes durch diose Beispiele genügend illustrirt wurde, wollen wir jetzt noch einige anführen, welche beweisen dass die Geister der Toten im Allgemeinen und die der ermordeten Opfer spociell die Rache an den Mördern forderten und dadurch jedenfalls die strenge

und unerbittliche Übung dor Blutrache förderten.

„It is lawful to take revenge, otherwise it is not right to murder. When murder is committed, it is an injury to the deceased, not a sin against the Great Spirit *) —, heisst es von den Dakota,

1

'2) Haxthausen ; S. 35. Pallas; S. 61.

2

Kovalevsky: „Familie Patriarealequot; I.e.: S. 303, 304.

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Dodgo erziihlt wie die Cheyenne-lndianer „zur Beschwichtigung der Schatten ihrer erschlagenen Freundo Blutrache üben und fahrt fort: „Zwei oder mehr Krieger von benachbarten Stammen haben einen Zustaramenstoss, worin einer von ihnen erschlagen wird. Seine Verwandten und Freunde suchen nun jede Geiegen-heit auf, urn durch Erlegung von einem oder mehreren Verwandten des Mörders Wiedervergeltung zu üben. Die Schatten appel-liren der Reihe nach oder abwechselnd an ihre Freunde wegen ihrer Beschwichtigung, und im Laufe der Zeit kann eine Feind-seligkeit, welche aus einer blossen Rauferei zwischen zwei halb betrunkenen jungen Burschen entstanden sein mag, sich so in die Breite und Tiefe ausgedehnt haben, bis beinahe jede Familie des einen Stammes eine blutige Fehde mit einer oder mehreren Familien des anderen hat. In der indianischen Kriegführung wird kein Pardon gegeben, und wenn der Ehrgeiz noch durch Aber-glauben angespornt, wenn Hass und Eacbgier zur religiösen Pflicht erhoben werden, so wird der Streit immer persönlicher, immer erbitterter, blutiger und barbarischer, bis zuletzt jedes Individuum von jedem Stamme nur durch die vollstandige Aus-rottung des anderen zufrieden gestellt wird.

Die Sioux und Pawnees liefern ein vollkommen anschauliches Beispiel von diesen Ansichten und Gefühlenquot; ').

Von den Canada-Indianern saiien vvir schon S. 159 dass die Verstorbenen unaufhöriich zur Rache auffordern.

Die ermordeten Omawhaw erscheinen als Gespenster allein um ihre Rache von den Verwanten zu fordern 1).

Die büsen Geister (Maboya) verfolgen die Caraïben, wenn diese nicht kampfen oder sich nicht rachen s).

Von den Guyana-lndianern erzahlt Brett, dass der mit der Rache beauftragte Verwante vom Geiste der Vernichtung besessen als „kanaimaquot; umherirren, einsam und in strenger Entsagung leben muss, bis er sich geracht hat, sonst sucht er sein Opfer,

1

James: S. 207.

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bis der Geist des enttauschten Geistes ihn wahnsinnig macht').

Southey sagt von dem Kannibalismus der Tupi: cannibalism was the triumph of the captor, an expiatory sacrifice to the spirits of their brethren, who have been slain, it was the public feast in which the old women displayed their domestic mysteries and it was the day of merriment for the boysquot; 1).

Oben S. 182 erfuhren wir von dem rachsüchtigen Karakter der toten Bergjudm.

Die Charatschai suchen mit Anstrengung aller ihrer Krafte einen Mord zu rachen um die Seele des ermordeten Opfers zu beruhigen s).

Kovalevsky sagt von den Kaulcasus- Vólkern im Allgemeinen Folgendes, nachdem er das Wohlwollen und die Hilfe der gut gepflegten Ahnengeister geschildert hat: „Mais que leurs descendants cessent de remplir les devoirs qui leur incombent vis-a-vis des raorts, les ames des ancetres deviennent malveillantes et rancunieres. Elles envoient a leurs descendants des maladies, des malheurs dans toutes leurs entreprises et des pertes de tou-tes sortes. On peut faillir envers ses ancetres non seuleraent en les laissant sans nourriture, mais encore en ne vengeant pas leur mort. De la, l'importance accordée la vengeance du sang qu'on traite de devoir religieux; de la, la coutume des Tcherkcsses, des Tchetchnia et des Ossètes de tuer les ennemis sur le tombeau même de leur victime. A une époque plus rapprochée de nous, les Cahardiens, les Tcherkcsses et les Tchetchnia se contentaient ordinairement de couper l'oreille du meurtrier et d'enterrer celle-ci dans le tombeau du mort. Apporter en offrande a l'ombre du mort, ne füt-ce qu'une partie du corps du meurtrier, suffisait pour le calmer. L'idóe que la vengeance est necessaire au bien-être du dófunt dans la vie d'outre-tombe, ressort clairement de la coutumo do faire part au mort do la punition intligée au meurtrier. Après s'être vengó du meurtre d'un parent, VOssete

1

Klaproth I: S. 520.

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se luite vers son tombeau, en approche les lovres et dit: „Sois tranquille, j'ai vengó ta mort.quot; Ce serait une honte óternelle de laisser la mort d'un parent sans vengeancequot;!).

Wenn auf den Solor-Inseln ein Paar Menschen einer Negori erraordet sind, ruht die Bevülkerung nicht bevor sie eine gleiche Zahl oder eine grössere von ihren Widersachern getötet habe. Die Köpfe der Leichen werden von den Kumpfen geschnitten, an ein Bambu gebunden und mit einem grossen Feste in die Negori hineingetragen. Sie sagen, so lange sie nicht geballastet haben, drohe ihnen ein grosses Ungliick und sei ihre Negori nicht reinquot; 1).

Die Ahnengeister der Niasser fordern von ihren Verwanten die Blutrache2).

Die Papua der Geelviriksbai Ziehen die Geister, welche sie fiir allwissend halton, bei allem Möglichen zu Rate. Erapfinden sie bei der Befragung des Korwars nichts ausserordentliches, so wird dies als eino Zustimnmng betrachtet; spiiren sie aber in Folge eines Gewissensbissens ein Zittern odor eine Rührung, so betrachten sie dies als eine Missbilligung. Ein Beispiel raöge dies er-lautern. Ein gewisser Mann bekam ein Geschwiir am Finger. Da er nicht wnsste welcher Ursache dies zuzuschreiben, steilte er den korwar vor sich um von diesem ihre Andeutung zu erhalten. Er that verschiodene Fragen; bei keinor fühlte er sich auch nur im mindesten gerührt oder spürte er irgend ein schlimmes Zei-chen. Aber da ihm zuletzt einfiel, dass er das Sittengesotz ver-brochen und seine Pflichten der Wittwe seines Brnders gegeniiber verlotzt hatte, und er dazu die Frage that ob das peinliche Ge-sohwür ihm vielleicht deshalb zugefügt worden, fing sein Gewis-sen an ihn zu beschuldigen. Mit seinen Genossen die Überzeu-gung hegend, dass die Toten fiihig sind die Lebenden irgend eines Vergehens odor einer Versaumniss wogen zu strafen, so machte die Furcht vor dom Zorne des Abgestorbenen ihn beim Aussprechen seiner Frage eine gewisse Rührung empfinden: diese

1

'2) Kluppel: „Solor-Eilandeuquot;: S. 390, 393, 394.

2

3; Chatelin: T. L. en Vk. v. h. Bat. Gen. XXVI; S. 140.

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hatte der Korwar verursacht, durch sie gab er seine Antwort. In gloiclier Weise wird der korwar zu Kate gezogen, wenn man bei einem Todesfalle zu wissen wünscht, woran oder wesson Ein-flusse der Tod zuzuschreiben sei. 1st der Angedeutete eine Person oder der Manuwel eines anderen Stammes, so geht es auf einen Raubzug znr Racheübung los. Der Abgestorbene würde die Unterlassuug dessen sehr übel abnehmen und den Überlebenden seinen Zorn sehr empfindlich machen, wenn sein Tod nicht wenig-stens am Leben einer Person des angedeuteten Stammes geracht wurde 1).

Romilly citirt, natürlich im Betreff der Eingebornen Englisch-Neu-Guinea's, Herrn G. S. Fort, Privatsecretar Sir Peter Scratch-ley's, welcher schreibt: „To the New-Guinea native a so-called superstitious belief has no hypothetical basis; it is to him an instinct rather than an idea; it is a force he is compelled, at all hazards and in the face of all other counteracting tendencies, to obey. The special form of superstition to which these remarks refer is the belief that when a man dies out. of his native village, even if ho die a perfectly natural death, the happiness not only of his spirit, but also the future happiness of the spirits of his relations then living, depends on one of two alternatives; either payment must be made by those amongst whom he has died, or the life of one of them must be taken. Unless one of these two alternatives takes place, there will be no present rest for the spirit of the deceased, or future peace for those of his relations s).quot;

Der Fidschier, welcher seinen ermordeten Vater noch nicht rachte, heisst Kind des Toten 2),

Von den Ncu-Seelandern sagt Moerenhout: „le pöre mourant (bald ein gefürchteter Geist: I, S. 454) disait a son fils le nom de 1'ennemi dont il n'avait pu se venger; le fils mourant, a son tour, en faisait autant au sion; et, ainsi, de génóration en gónó-

1

Goudswaard; S. 78, 79.

2

Waterhouse: S. 708.

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ration, ils léguaient ii leurs descendans le soin do poursuivre les moindres insultes restóes pour eux personnelloraont sans vengeancequot;

Von den Australiern am Moore-River orfuhren wir oben S. 186, dass der nicht Gerachte ein büser Geist und sehr gefiirchtet wird.

Diese Beispiele sind zwar nicht zahlreich, doch dürften sio ausreichen nm fest zu stellen, dass der moralische Einfluss dor Totenfurcht sowie des Ahnenkultes auch bei den primitiven Vólkern kein geringer sei. Dass dieser von den Forschern so oft ver-kannt wurde, lasst sich zum Teil wohl daraus erklaren, dass diese sich die Moral zu beschrilnkt, immer im christlichen oder im mo-dern-idealistischen Sinne vorstellten. Da die gefiirchteten resp. verehrten Geister Alltagsleute, wenn auch mitunter durch Macht hervorragende, und keineswegs hesonders bewunderte Menschen, keine Heiligen oder Bahnbrecher waren, konnte die Furcht vor ihren Strafen nur die Befolgung der Sitten, der traditionellen Gesetze fürdern.

Die Totenfurcht hat unverkennbar eine moralische, aber eine streng-conservative, keine reformirende oder idealistische Tendenz.

quot;Was ■wir oben von den Dorej-Papua mitteilten, illustrirt typisch, wie notwendig der Ahnenkult eine moralische Wirkung haben musste. Beim Suchen nach Gründen für den Zorn des gefiirchteten Geistes, dem man nun einmal alles Unglück zuschrieb, musste man natiirlich auf alles verfallen was den Geist nach eigenera Ermessen erzürnen könnte: also' quot;die nicht Befolgung dor alten Sitten, was die lebenden Alten ja auch streng verurteilten, die Vernachliissigung des Toten im Jenseits, und-ldas nicht Rachen seines Todes.

Die Furcht vor dem Zorne dos machtigen Geistes iiber das letzte musste also einen eingreifenden Einfluss auf die Blut-rache haben.

1) Moerenhout I.e. II: S. '192.

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DR1TTER TEIL.

DIE PRIMITIVSTEN FORMEN DER RACHE.

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■

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FÜNFTER ABSCHNITT.

Die Urraclie.

EINLEITUNG.

§ 1. Sind die Wilden rachsüchtig oder nicht.

Eine missliche weil so gar allgemeine Frage! Kulturvölker betreffend wiire eine derartige Frage durchaus unmöglich zu be-antworten: diese sind ja in ihren Karakterei! viel zu verschieden und schon die sie zusammenstellenden Individuen sind zu sehr differenzirt. Bei den wilden Vólkern ist beides aber sehr viel weniger der Fall: die Beantwortung kann also wenigstens ver-sucht werden, doch komraen wir hier, wie wir sehen werden, auch nicht, mit einem allgemeinen, unbedingten Ja oder Nein fertig.

Nach alledera was die Ethnographen und Reisenden über die verheerende Blutrache der versclüedensten wilden Völker mit-teilten, liegt es gewiss vor der Hand ihre Rachsucht als ebenso dauerhaft und unerbittlich wie leidenschaftlich und maasslos an-zunehmen.

Ein vordienstvoller, sehr genauer Ethnolog und ein gedanken-reicher Sociolog ausserten sich mir gegenüber jedoch im entgegcn-gesetzten Sinne und ausserdem giebt es einige Thatsachen und Bemerkungen ven Ethnographen, welche mir die raöglichst genaue Erforschung des Problems die Mühe wert erscheinen lassen.

Dank sei unseren psycho- und karakterologischen Vorstudien über die Elemente und Bedingungen der Rachsucht, brauchen

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wir jetzt nicht ganz roh empirisch unser Problem anzugreifen.

Die Bedingungen der Rachsucht, wie wir sie aufzeigten '), sind im Wilden alle erfüllt: er ist grausam 2), eitel, furchtsam; sein Gewissen verbietet ihm keine Gewaltthaten, jedenfalls keine den Feindon gegeniiber. Dass er diese Eigenschaften besitzt, braucht wohl kaurn erwiesen zu werden: zahllose Beispiele sind ja allbekannt. Dass der Wilde also rachsüchtig sein muss, dürfen wir als gewiss betrachtet. Eine andere Frage ist aber, ob seine Rachsucht lange anhiilt, ob sie langer Dauer fahig? Die Be-dingung dieser Eigenschaft, dass die durch die Verletzung ent-standenen Schmerzen lange im Gedachtniss haften bleiben s), ist bei den Wilden wohl nicht erfüllt: er wird ja so oft rait einem

1) S. 97 seq.

2) Spencer; „The Principles of Ethicsquot; I (1892): S. 392 seq. Schneider „Die Naturvölkerquot; (1885) I: S. 88. — Eine ganz andere Ansicht vertritt Von Schu-bert-Soldern, vvelche wir deshalh mitteilen wollen. Bei den sogenannten Natur-völkern soli die Grausamkeit meist anf Mangel an Deulung, Unkenntniss fremder Gefühle beruhen, weil sie „wahrscheinlich gar nicht eigentliche Freude am Schrnerz Andrer empfinden, sondern so wie Kinder die Leiden Andrer sich noch gar nicht deutlich vorstellen, so dass sie of't nicht Freude an dem innern Schmerze ihrer Feinde, sondern an dem eigenen Sieg und der Herrschaft über sie haben, welche sie durch grausarae Gebrauche feiern, obne an die Leiden ihrer Milmenschen zu denken. Es freut sie mehr die iiussere Ilandlung der Grausamkeit, das Zucken, die Verzerrungen des Opfers als ihre innere Bedeutung. (Also haupt-sachlich fehlendes Mitleid, allerdingsl und weiter leitet er dann ihre Grausamkeit nur aus einer bestimmten Quelle ab; aber dennoch, wozu denn die ófter grausa-men Straten? z. B. Moerenhout II: S. 192: Neu-Seeland. Die Freude am Zucken erkliïrt sic doch nicht ausreichend). Auch spielen sehr oft religiose Vorstellun-gen mit hinein, oder herrschen sogar vor, so dass gar nicht Lust an fremder Unlust vorhanden ist, sondern nur die fremde Unlust ohne weitere Reflexionen und obne nahere Kenntniss derselben als vermeintliches Mittel, um die Gunst der Götter zu gewinnen, benutzt wird. Die Naturvölker sind grausam wie die Kinder, sie wissen nicht, was sie thun.quot; (L. c.; S. 94, 95). Wie aulfallend verstösst die vorletzte Argumentation wider das „wie der Menscb so sind seine Götterquot;, was doch unumstösslich richtig (psycho- und ethnologisch). Spencer citirt allerdings auch was mehr Mangel an genügendem Mitleid als positive Grausamkeit genannt werden soil, doch fehlen leider vollgültige Beispiele der echten Grausamkeit kei-neswegs. Und das nicht-verstehen soil man nur nicht zu weit bei den Wilden treiben, den Meistern ja der Mimik und Geberdensprache! Dass ein Wilder nicht wüsste welche Geberden physischen Schraerz ausdrücken ist einfach Unsinn.

3) Oben S. 100.

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Kinde verglichen! Doch liesse sich hieran schon aussetzen, dass ja auch Kinder mitunter ein auffallend treues Gedüchttiiss besitzen, wenn sie nur tief bei der betreffenden Sache interessirt sind.

Vernehmen wir jetzt aber erst einige Beobachter primitiver Vöiker, welche dieser Sache ihre Aufmerksarakeit gescheukt haben; leider sind es nur gar wenige, wie wir schon oft klagten; die Beschreiber wilder Vöiker waren selten genaue Ethnologen, tiefe Psychologen waren sie wohl nieraals.

Romilly sagt von den Eingebornen von Sareba (Haytree Island), Neu-Guinea, welche er eingehend studirte, Folgeudes: „In Papuan communities, after a quarrel, no lesser retaliation than that of death is entertained for a moment. In the momentary excitement all consequences are disregarded, and the death of the oppressor is the only thought uppermost in the native mindsquot; '). Das Rachebedürfniss betrachtet er bei ihnen also als zwar sehr heftig doch von kurzer Dauer •). Doch erwühnt er an einer anderen Stelle, dass die Eingebornen nicht leicht eine Beleidigung vergessens) und ebensowenig eine gerechte Behandlung 1), und dass mancher Weisse schon von ihnen getötet wurde „for some previous injury done them by some other man of his colourquot; 2), was jedenfalls ein gutes Gediichtniss fiir die einmal erhaltene Beleidigung voraussetzt.

Oben 3) teilten vvir schon den interessanten Ausspruch Hewitt's mit, dass die Gefiihle der Australiër tief aber oberflachlich sind, dagegen auch leicht wieder erweckt werden.

1

L.c.; S. 222.

2

L. c. S. 226.

3

S. 161 a.

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302

Wie gesagt sind leider über das tiefere Vorstellungsleben der primitiven Völker viel zu wenige zuverltissige Beobachtungen gemacht, als dass hier auch nur an den Versuch einer Induction gedacht werden künnte l).

Und doch liesse sich imraerhin einiger Wert einem solchen Versnche zuerkennen. Die Ethnographen hatten doch immer irgendwelche Gründe zu ihren Aussprüchen; weiter werden wir im Allgemeinen nur die besseren Beobachter und die ausführ-licheren Beschreiber citiren. Auch das Streben nach vorlaufig unmöglicher Exactheit hat für die Ethnologie einen unüberschatz-baren Wert, ja gerade das und das allein wird sie den für sie überhaupt möglichen Grad von Exactheit und Sicherheit endlich erreichen raachen. Überaus interessant werden auch jetzt schon die negativen, die intensive und anhaltende Kachsucht leugnen-deu Urteile der Ethnographen sein, deren Wert wir aber erst recht verstehen kunnen, wenn wir sie mit der Zahl der positi-ven vergleichen.

Ich führe jetzt nur die karakterologischen Endurteile der Beobachter an, und stütze mich nie auf sonstige, wenn auch noch so deutliche Thatsachen, es ware denn dass diese ein Urteil enthalten 2).

•1) Es scheint nicht uninteressant hier an folgenden Ausspruch eines modernen Criminalisten zu erinnern; unser Pubel und die Wilden sind einander wohl in tnanchein ahnlich! „N'est-ce pas le loud de la nature humaine de se jeter toujours du eoté de la pitié? Sans doute, dans le premier moment, dans 1'exaltation des foules, la colère, les appétits violents et féroces se révèlent; mais peu a pen la pitié, qui git en tout homme, reprend son imprescribtible empire. A la première heure oü un criminel est découvert, arrêté, venant d'accomplir un épouvantable forlait, a l'instant on la police se saisit de lui, les foules présentes, mues par un sentiment de vengeance et de redoutable équité, le lyncheraient, les gendarmes ont une lourde et difficile mission a remplir pour arracher le coupable a la vin-dicte populaire, a cette sommaire justice, a ces grilles inexorables; mais bientöti cette premiere elfervescence calmée, les foules étant essentiellement nerveuses, feminities, leur colère tombe et fait place a une sensiblerie tout aussi irraisonnée i de la folie violence clles passent a la plus inconsciente sentimentalité; de la vic-time elies transportent leur intéret au voleur ou a l'assassin.quot; M. Bórard: „La répression en matière pénale.quot; „La Nouvelle Revuequot; 4 Avril 1892: S, 490.

2) Die am Endc des zweiten Bandes befmdliche Quellenliste zeigt, aus welchen

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Ausgesprochene, nl. intensive und dauernde Rachsucht findet sich also bei den folgenden Vólkern naeli don angefiilirten Beobaclitern:

N o rd - A m e r i k a:

Aht-Indianer (Sproat: S. 40, 152, 153).

Zuni (Ten Kate: S. 296).

Ojihway (Jones: S. 57, 59; Keating: S. 159, 164).

Omawhaw (James: S. 319).

Dacotah (Eastmann: S. IX, XIX, 53; Schoolcraft, II: S. 171).

Fisch-Indianer Columbia's (Mayne: S. 295, 41).

Comanches (Bancroft: S. 525).

Shastika (Powers: S. 246, 251).

Karok (Powers: S. 21).

Black/eet (Schoolcraft, V: S. 181).

Kansas (und wohl auch Osage-) Indianer (Hunter: S. 257, 236, 242, 199).

Grönlander (Rink: S. 346; Crantz: S. 135, 136,187,193,194).

Al'èuten (Weniaminow in Wrangell: S. 211; Petroff: S. 156).

Süd-Amerika:

Fuegier (Bove: S. 798).

Bororó (Von den Steinen: S. 445).

Tupi (Stade: S. 151; Southey I: S. 233; Lery: S. 208).

Goajiro (Simons: S. 789; Sievers: S. 256).

Botocuden (Zu Wied, II: S. 16).

Coroados (Spix: S. 373).

Insel-Caraïben (De la Borde: S. 556).

Arawak (Brett: S. 104; Martins: S. 693; R. Schomburgk, I: S. 460).

Warraus (R. Schomburgk, I: S. 164, 161).

Festland-Caraïben (Rochefort: S. 455, 461, 534 das Fett eines getöteten Hauptlings mischen die Hauptiinge bei spiiteren Festen in ihre Beeher „a perpétuer Ia nourriture do leur vengeancequot;).

Beobachtern ich meine Notizen satnmelle, doch h:\be ich nicht versucht dieselben erschöpfend zu macnen; blos lür etwa 150 Völker babe ich die Sache untersucht, fand aber meist keine oder ungenügende Anlwortef) ,

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304

Macusi („Der Eachedurst boherrscht den Indianer ganz und peinigt ihn, sobald er sicli in seiner Elire oder in seinem Weibo beleidigt fiililt, ein Rachedurst, der nicht elier erlischt, als bis demselben in dem ïode des Beleidigers, ja in der Ausrottung dessen ganzer Familie Befriedigung geworden.quot; K. Schomburgk, I: S. 322; Brett: S. 358; Itn Thurn: S. 330 seq.)-

Von den Indianern Brasiliens überhaupt sagt Martins, dass die Blutrache „Hass und Verfolgung durch Generationen verewigt, denn die Rachsucht dos Indianers besünftigt sich nicht leicht. Auch ist es vielmehr dieses persönliche Gefülil, als der Begrift', dass die Vernachlassigung der Blutrache eine grosse Schande sei, was dicse Gewohnheit in üebung erhilltquot;

Kaukasus:

Tscherkessen (Bell I: S. 179).

Suanen (ïelfer II; S. 117; Von Haxthausen I: S. 279).

Albanesen (Brown: S. 63).

A r a b i e n:

Fejir-Beduinen (Doughty I: S. 402).

Aenese-Beduinen (Burckhardt: S. 151, 314).

Central-Asien und Vorder indien:

Kirghisen (Lansdell I: S. 308) 1).

Samojeden (Hatzei II: S. 727).

Turkmenen (Vatnbóry Skizzen: S. 93).

Karens (Mason 1868: S. 144).

Afyhanens) (Elphinstone: S. 341).

Indonesien:

Kianganen (Blumentritt Ausland 1891: S. 120, 132).

Alfuren der Minahassa (Graafland I: S. 128).

1

Doch sagt Schuyler (I. S. 39) von den russischen Kirghisen, dass die Krlege mehr um die lieute als um Rache geführt werden.

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Alfuren von Amhoina (Ludeking: S. G2).

Uaiah (v. Brenner: S. 209).

liagóbos (Schadenberg: S. 28).

Wetar (Riedel: S. 433).

Tamembar (Riedel: S. 279).

Mdlaien (Waitz V, le H.: S. 158); von den Lampongern sagt Waitz, dass es „Schande bringt eine Beleidigung ungeracht zu lassen; der auf Rache Sinnende legt allen Schmuck ab und bleibt bis zu seiner Befriedigung von allen Pestlichkeiten und Vergnü-gungen ausgesciilossenquot; (was allerdings den Gedanken an eine durch den Zorn des ungerüchten Geistes verursachte Unreinlieit nalielegt). Aucli die Palemlanger sind furchtbar rachsüchtig. Und das Amoklaufen der Malaien überhaupt soil öfter ein Ausbruch der ungestillt kochenden Rachsucht sein. (Waitz i.e.: S. 159).

Melanesien:

Fidschi (Williams: S. 129, 1G6).

Sólomons-lnseln (Romilly: S. 73, 81; Guppy: S. 17, 28; Hagen : S. 10).

Neu-Caledonien (Rochas: S. 158, 160).

Nuforesen (Van Hasselt: S. 194).

Sehr interessant ist Ratzel's Ausserung über die Rachsucht der Melanesier überhaupt. „Zu don Hauptanliegen gehört dio Rache. Man sucht eine Unterhaltung, einen Sport, ausserdera auch eine Auszeichnung sich selbst und andern gegonüber in derselben. Die Rache kann die wichtigste Lebensaufgabe eines Melanesiers werden. 1st einer beleidigt, so sagt er in den Regel nichts, sondern sucht vor allem nicht zu vergessen, dass er beleidigt wurde und sich rüchen rauss; er stellt deshalb in seinem Gesichtskreise einen Stock oder Stein so auf, dass derselbe ihn bestandig an die Pflicht der Rache erinnert. Es gibt aber viel eindringlichere Erinnerungen. Wenn einer sich Nahrung entzieht oder vom Tanze wegbleibt, ist es ein schlimtnes Zeichen für seine Feinde. Wer mit halbgeschorenem Haupte urahergeht, oder gar dazu einen langen gedrehten Büschel Haare den Rücken hinab-hangen lasst, sinnt auf Rache, und wohl noch oifriger thut dies

20

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jener Hüuptling, der schweigend im Rato sitzt und auf Fragen mit einem Pfeifen antwortet: er wird den Mund nicht eher auf-

thun, als bis er den Tod seines Solmes geracht----Die ganze

zerstörendo, um sich fressende Wirkung dieses Rache- und Hass-gefühles würde man nicht verstellen, wenn man nicht das ziihe Gediichtniss der Melanesier in Betracht zöge — Letztere Be-merkung Ratzel's muss nach unserer Anschauung wirklich einen Teil der Erklilrung für die Intensitiit der melanesischen Rach-sucht enthalten.

Polynesien:

Samoaner (Turner: S. 195).

„Rachsüchtig sind (die Polynesier) alle und vergessen angethane Bcleidigungen wie die Malaieii nie und wenn sie Jahre lang sich verstellenquot;1).

Aust rallen:

West-Australiër (Grey II: S. 241).

King-George-Sound (Browne: S. 440).

Queensland (Lang: S. 338, 353).

Australiër überhaupt (Curr I: S. 85).

Ausser den allgemeinen Ausspriichen wird uns also Rachsucht in hohem Grade von guten 50 Vólkern bezeugt.

Samtneln wir jetzt mal einige Völker, von welchen die Beo-bachter umgekehrt eine auffallend geringe Bachsucht als Karak-terzug angeben. Eine Einteilung ist hier der geringen Zahlhalber wohl nicht nötig.

Vom Cammarray-Stamme in Neu-Süd-Wales erhalten wir neben manchen Berichten, welche ziihe Rachsucht bezeugen, doch auch folgende Andeutung, welche das Gegenteil zu beweisen scheint: die Manner beantworten einen Schlag gleich mit einem Schlage, sind dann aber sofort wieder die besten Freunde2).

1

Waitz-Gerland VI: S. 107.

2

Collins: S. 592, dagegen 599 („sie sind rachsüchtigquot;), 549, 555, 587.

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Die Qiiemsliinder befriedigeu ihre Racbsucht meistens (lurch Prahlereien oder ziemlich ungefahrliche Gefechte

Audi cler Geist eines ermordeten Narrinyeri ist gewöhnlich mit einem schwachen Versuche zur Rache zufrieden dagegon felilt es auch hier nicht an Angaben, welche auf eine tiefere Rachsucht deuten1).

Ebenso finden wir bei den Eingebornen Port Lincolris in Süd Australien die grösste Gemiitlichkeit nach einer leichten Ver-söhnung, und doch lauft der Rile her eines natiirlichen Todes das Land ab urn den vermeintich Schuldigen zu toten2). Also an-haltende Rachsucht zwar, doch leichte Befriedigung, wenn diese einmal komrat.

Grey sagt von den Central-Australicrn, dass „injuries when once overlooked are never revenged afterwardsquot;, und dass sie nur im Jahzorn blutdurstig sind, dagegentiber steht aber, dass auch er ihre Rachsucht in einer Weise betont, dass ihre Inten-sitiit ebenso wahrscheinlich wird als ihre lange Dauer 3).

Auch am Barling-River ist der Racher eines Sterbefalles be-friedigt, wenn er den angeblich Schuldigen blos verwundot, überhaupt befriedigt sie ein kleines Bischen Fechten. Und dagegen erzahlt Stokes von einem Eingebornen, welcher Jahre lang, bis er verrückt wurde, von den Blutrachern hin und her gejagt worden (;).

Bonwick sagt von den Tasmaniern: „they had few crimes against each other; faults not immediately punished were usually overlooked; injuries were soon forgottenquot; 7).

Die Aru-lnsulaner vergessen eine Beleidigung leicht, wenn sie nur nicht zu oft wiederholt wurde 4).

Der beleidigte TFa^MieZa-Insulaner sondert sich von den An-

1

L. c.; S. 29.

2

Woods: S. 244—246,

3

Eyre II: S. 387, 389, 353; I: S. 173.

4

Rosenberg; S. 337.

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deren ab, — was wohl eine sehr sanfte Reaction, — ausser auf Tenur wo der Beleidiger getötet wird; aber sonst scheinen doch sogar Diebstahle durch Premdo verübt Veranlassung zu Kriegen zu geben. Nur innerhalb des Stammes scheint hier also die Rachsucht nicht gross zu sein').

Auch die Ternatanerquot;) hegen keine tiefe Rachsucht, und eben-sowenig die Eingebornen lormosa's 1).

Die Mentaivei-Insulaner haben nur selten Zwiste unter einan-der, sie sind sanftmütig und nicht leicht zornig ^).

Auch die Kubu Sumatra's sollen sanfter Natar sein, keine heftigen Leidenschaften kennen, Verbrechen sind höchst selten; sogar Ehebruch veranlasst keine Rache und Anthropophagen waren sie nie2).

Die Kingsmill-lnsulaner sind leicht erzürnt, gleich wieder gut und behalten keinen Groll3).

Von den Neu-Britanniern berichtet Powell, dass ihre Rachsucht mitunter nur sehr kurz wiihrt und leicht befriedigt wird 7).

Bei den Andamanesen wird ein Mord selten gerücht, weil die Racher zu sehr erschreckt sind; meistens entfernt sich der Murder aber, bis die Entrüstung sich gelegt hat. Ein Bischen Blut befriedigt gewöhnlich schon die Rachsucht. Sie unternehmen nichts gegen die Striiflinge, weil sie überzeugt sind, dass diese nicht freiwillig in ihr Land kamen 8).

„Erlittenes Unrecht vergessen die Itdlmenen gar baldquot;, meint Klemm wohl auf Sarytschew's Zeugniss4). Dagegen behauptet Steller: „einen Menschen zu tödten aestimirten sie vor diesem für gar kein Unrecht oder Sünde, wenn man nur durch Beleidi-

1

Valentijn IV, 2« H.; S. 41.

2

C) Wilkes V: S. 90.

3

Man: S. 111, 114, 93.

4

Klemm II -. S. 201.

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gung sich dazu angereizt befande, sich feindlich zu erzoigeuquot;'j. — Also wahrscheinlich aucli hier kurze, aber heftige Eachsucht.

Von den in der Blutrache ebenso wie alle Guiana-Indianer so furchtbar strengen Arawak vernehmen wir doch auch, dass sie „unwarlike to a degree of timidityquot; sind und sehr sclten sich zanken. „When any offense is taken, they seldom manifest it otherwise than by not speaking to the offending party. This seems to grieve them muchquot;2). Auch Martins nennt sie gutmiitig und friedfertig3).

Die Rachsucht der Kutchin- oder Loucheux-lndianer scheint nicht sehr intensiv oder festhaltend zu sein, doch schreibt Kirby dies dem Einflusse der Exogamie zu 4).

Von den Apalachiten erhalten wir mal wieder sich wider-sprechende Nachrichten. Das eine Mal heisst es: sogar im Ge-fechte verzeihen sie öfter einem Feinde, das andere: sie sind geneigt sich durch Verrat zu riichen und manchmal besteht Blutrache zwischen Familien, welche nur durch die Autoritüt der Hauptlinge ausgesöhnt werden 5). Immerhin scheint hier die echte, zahe, unbezwingbare Rachsucht doch nicht zu bcstehen.

Von den Hos Vorderindien's bemerkt Dalton in sehr zu be-achtender Weise Folgendes: „they are quiet and reserved in manners,.... but nevertheless very impulsive, easily excited to rash, headstrong action and apt to resent imposition or oppression without reflection, but the retaliation, which often extends to a death-blow, is done on the spur of the moment and openly, secret assassination being a crime almost unthought of by themquot;

Wir konnten also doch noch 20 Fiille sammeln, wo wenigstens

1) Steller; S. 204.

2) Brett: S, 96, 102, 103; Martins; S. 092. — Ein zufiilliger Todesfall hat manchmal die Vernichtung ganzer Familien zu Folgo. Martins: S. 693. „Blutrache in den aussersten consequenzenquot;, R. Schomburgk: S. 400; Kenaima-Institut: S. 497; Brett: S. 104.

3) Martius: S. 672.

4) Kirby; S. 418; Whymper; S. 279. Siehe iiber Kirby's Erklarung meinen zweiten Band; S. 17 seq.

5) De Bochefort: S. 404, 411.

6) Staniland Wake; „Evolution of Moralityquot; I: S. 137.

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keine lang anhaltendo, intensivo Rachsucht bestand, was mit den 50 entgegengesetzten Fallen verglichen immerhin eine sehr bo-trachtliche Minderheit ausmacht, welche um so mehr ins Gewicht fallen dürfte, als die Tendenz der Beobachter wohl meistens dahin ging grausame Rachsucht als natürliche Eigenschaft der quot;Wilden anzunehmen, was sie natürlich hindern nnisste auf das Entgegengesetzte hindeutende Erscheinungen zu entdecken und zu würdigen. Viel langer fortgesetzte Notizensammlung, als mir jetzt möglich war, ware nötig um das jetzt schon mehr oder weniger brauchbare Material zu der jetzt möglichen genauen Behandlung des Problems heranzuziehen und zu prüfen, die abschliessende Erörterung aller dieser so hoch interessanten Fra-gen kann aber selbstverstandlich erst in Angriff genommen werden, wenn ausführliche Beobachtungen von psychologisch und sociologisch geschulten Ethnographen vorliegen werden 1).

Ein allgemeiner Überblick über das dürftige, jetzt von uns herbeigeschaffte Material lehrt, dass die weniger rachsüchtigen Volleer entweder in besonders primitiven und dürftigen Verhalt-nissen leben oder dass sie sich in ziemlich isolirter Lage befinden.

Geringere Entwickelung des Intellektes einerseits und damit des Gedüchtnisses und geringe Festigkeit der Vorstellungen, nnd andererseits friodenfördernde TJmstande und Umgebung scheinen auch nach unserer jetzigen Behandlung des Problems die Gründe der geringeren, vor allem der nicht anhaltenden Rachsucht zu sein, welche dessungeachtet im ersten Auflodern doch eine ganz heftige Reaktion veranlassen kann.

Diese impulsive, doch leicht befriedigte oder rasch verflüchtigte Rachsucht kommt, wie wir sahen und jetzt einigermassen begreifen,

1

Die Ethnographen gehen sogar nie an, ob immer, in allen Fiillen, intensive Rachsucht besteht, oder ob vielleicht weniger nach personlichen Beleidigungen, mehr nach Morden u. s. w.

Staniland Wake citirt noch die folgenden Beispiele von intensiver Eachsucht: Chawanons (i.e. I: S. 227), Mandingos (S. *183). Tschuktschcn (S. 2G1), Tsim-sheeans (S. 235), virginische Indianer (S. 225); und er stimmt mit uns überein für die Afghanen (S. 350), Beduinen (S, 356), Caraïben (S. 224), Ojibway (S. 231), Circassier (S. 356), Fidschier (S. 96), Grönliinder (S. 254), Malayen (S. 279)^ Lainponger (S. 279). Den unserigen widersprcchende Fiille giebt er nicht.

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auf schr primitiven Stufen vor, ja diirfto den Anfang gobildet haben.

Selir schwer sclieint es eine andere Gruppe von Thatsachen von unserem Standpunkte aus zu erklaren, namentlich die Kopf-schnellereien und überhaupt die primitiven Totenopfer so wie die Anthropophagie.

Was das erstere anbelangt, so wird der Kopf nota bene! ge-raubt um einen Schutzgeist zu gewinnen an dem Toten. Dachte man denn aber gar nicht an die mehr als wahrscheinlicho Kach-sucht des Ermordeten ? Die Antwort scheint sein zu mussen: dass erstens der Besitz des Kopfes ohne Weiteres nach dama-liger Meinung die Herrschaft über die Seele und ihre Dienste sicherte, und zweitens, dass man sich Mühe gab die Erbitterung und den Groil der Seele in Wohlwollen umzuandern; die Mittel hierzu sclieinen uns allerdings drollig und höchst unzureichend'); wie lasst sich dies mit Kachsucht und Totenfurcht voreinen?Ich kenne nur den einzigon Ausweg, anzunehmen, dass der Wilde dieser Stufo sich die Rachsucht eincs ihm Ereraden (und er nimmt nur einem solchen den Kopf) nicht so recht klar vorstellt; wie noch manche Europiier und überhaupt fast jeder Halbgebil-dete hegt er selbst zwar tiefo Rachsucht und hasst er den Mörder eines seiner Verwanten, doch beurteilt er einen von ilim selbst be-gangenen Mord sehr gelinde und kann er sich gar nicht in die

1) Low I.e.! S. 214 beschreibt sie z. B. bei den See-Dajakeni der Kopf wird mit höchster Auszeichnung behandelt, mit den zartlichsten Kosenamen angeredet, er bekommt zu speisen, man sagt ihm, dass er jetzt mit ihnen verbunden sein und seine früheren Kameraden bassen muss: darauf meint man, der Geist sei jetzt ein Mitglied des Stammes geworden. — Kann es naïver 1! Es erinnert an Folgendes: „Am Scbluss einer Malzeit pllegten lifters die Mandan einen ïopf vol Speisen einem Biilfelschiidel mit den Worten anzubieten; „Iss das!quot; offenbar weil sie glaubten, wenn sie den einen Schiidel gut bebandeln, werden sich die noch lebenden Bülfelhcrden von selber einstellen vind sie mit Fleisch versorgen.quot; (G. Mallery; „Israeliten und Indianerquot; 1801: S. 51). Dass heisst wohl keine intensive Blutrache bei den BülTeln voraussetzen! Oder aber man denke an die Anfertigung des panghulu-balang der Battak, wobci ein Knabe grausam getötel wird um einen Schutzgeist aus ihm zu machen. Rosenberg: „Mal. Arch.quot;: S. 59 ssq. Im euro-paischen Mittetalter geschah es, dass man in dieser Absicht Heilige tütete. Gaidoz: „Les Rites de la constructionquot;, Melusine IV, 1888: S. 17.

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Gemütslage seiner Feinde vcrsotzen. Nur in dieser Weise scheint mir die gemütliclie, oberflilchliche Versöhnung des Geistes des Ermordeten begreiflich.

Zu ahnlichen Reflexionen führt auch die Betrachtung der Anthro-pophagie. Man moehte erwarten, dass die Furcht vor der Rache des Geistes wenigstens von dem Pressen des Leichnams abhalten wiirde. Doch scheint dies, wie aus der erstaunlich weiten Verbreitung der Anthropophagie hervorgeht, keineswegs dor Fall gewesen zu sein ').

Das Fresson von Frauen, Kindern und Alten bereitet der Er-kliirung keine Schwierigkeiten, man glaubte ja, dass diese keine, oder wenigstens meistens, dass sie schwachere Seelen hatten -). Aber fürchtete man nicht durch die grosse Beleidigung des Fressens die machtige Seele eines ermordeten Feindes gar zu blutig zu reizen ? Oder beweist dies, dass man sich die Ermordeten nicht so rachsüchtig vorstellte und dürfen wir hierans auf schnell schwindende Rachsucht überhaupt schliessen ? Allerdings scheint man manchmal gewisse naïve Mittelchen angewendct zu habon urn den Geist weniger zu reizen, wenigstens so möchte ich das Nicht-essen der Köpfe im Bismarck-Archipel s) gedeutet wissen: der Kopf onthielt ja mehr speciell den Geist.

Wenn wir aber vernehmen, dass z. B. auf den Fidschi-Inseln bei der Weihung neuer Kahne Menschen geschlachtet und ge-gessen wurden, indem man hiervon eine glückliche Fahrt erwar-teto1), so stutzen wir doch, um so mehr weil ja die furchtbare

1

Andree: S. 60. Oder wie die indischen Radja zur Verteidigung ihrer Grenzen daselbst junge Madchen begraben. De Nadaillac: „L'anthropophagiequot;, Revue des deux Mondes, LXVI (1884); S. 411. Auch die Jivaros Ecuadors's erwartenSchutz gegen die Invasion von Feinden von den praparirten Köpfen gefallener Feinde. Andree „Ethnographische Parallclen und Vergleichequot;, I (1878); S. 14G.

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Rachsucht der Fidschier uns bekannt ist. Gerade dio Annahme, dass der ïod durch Gefressenwerden als eine völligo Vernich-tung auch des Geistes betrachtet wurde'), sonst die am meisten erklilrende, lasst nns hier lm Stich, denn es wird ja gerade Hilfe von den Geistern der so Geopferten erwartet!

Die einzig mögliche Annahme scheint hier doch, dass man sich die Rachsucht der Ermordeten nnd Gefressenen nicht lebhaft vorstellte, was gewiss eine eigene nicht anhaltendo Rachsucht voraussetzt, aber doch vor Allem auf detn sich gar nicht Einden-ken in das fremde Gefühlsleben, dem Mangel an Sympathie1) beruht, wie diese die ganze Anthropophagie so furchtbar deutlich aufzeigt. Dass diese zum Teil durch alle Eorscher gerade aus der exces-siven Rachsucht erklart wird, ist nicht ganz im Widerspruche hiermit, da das Eressen des Eeindes natürlich meistens in der ersten Hitze der Rachebefriedigung stattfindet.

Obwohl uns nicht Alles klar wurde, glauben wir also doch, dass beide besprochene Erscheinungen eine schnell schwindende, nicht feste Rachsucht bei den Wilden auf der tiefsten Stufe wahr-scheinlich machen.

Gaspari8) meint, dass der Naturmensch nur in der Enge des Gesichtskreises mit dem Kinde überoinstimmt, doch betont er an einer anderen Stelle auch die Kürze seines Gediichtnisses, welches erst allmahlig anwuchs. Ich glaube, dass allerdings das Gedachtniss des Wilden sehr kurz ist, doch dass dies nicht auf allen Gebieten in gleichem Maasso der Eall ist. Kurz wird es

1

Die ungeheuere kindisch-egoïste Gedankenlosigkeit, welche einzig dasZusam-mengehen von Rachsucht, Totenfurcht, Anthropophagie und gar Kult der fcind-lichen Sohüdel erklart findet leider ihr Gegenstück in manchen Erscheinungen bei den gebildeten Menschen; auch hier nicht selten grosse eigene Empfindlichkeit und an's Drollige streifender Glaube an fremde Nachsicht und Clemen?.! Es fehlt eben die andauernde Vorstellung des fremden Gemütslebens, was auch die Be-schonigung der eigenen Vergehen gegen Andere verursacht. Bei den Wilden findet sich dies nur allgemein, constant, in hohem Grade, und uneingeschriinkt durch Gesetze und Ideale der Seele höherer Menschen entsprungen.

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von den Beobachtern öfter genannt so weit es persönliehe Vor-fiille, geschichtliche Ereignisse betrifft, dera entgegengesetzt erin-nern wir aber an seine überraschende Kenntniss der ihn interes-sirenden Tiero und Pflanzen nnd ihrer Eigenschaften resp. Ge-wohnheiten, welche so oft und aufs stürkste gelobt wird, ebenso an die erstaunliche Ortskenntniss, das unbegreiflicli gute Gedilcht-niss fiir Morkzeichen der Wege und Örter, fiir die Trink- und Lagerstiitten der Tiere, welche bekanntlich manchmal hervorgehoben wurden. Es geht hieraus eben hervor, dass das Gedachtniss des Naturmenschen gar nicht kurz ist fiir all dasjenige, worauf erim Kampfe um das Dasein angewiesen ist oder womit er taglich verkehrt, indem es aus irgend einem Grunde sein Interesse erregt.

Welchen Scliluss lasst dies fiir die uns beschiiftigende Frage zu ? Einfach diesen, dass hier gerade derselbe Fall vorliegt. Auch hier warde durch besondere Uinstande in manchen Fallen das Gediicht-niss des Wilden geübt und vorliingert. An erster Stelle gehort hierzu der zwingende Kampf um das Dasein: wer sich nicht verteidigte, sich nicht immer und überall wehrfahig erwies, den Angreifern nicht immer gleich die Gefahrlichkeit ihn anzugreifen augenfiillig darthat, musste unerbittlich zu Grunde gehen. Wenn aucb nicht die Rachsucht an sich auf dem Wege allein entstand, wie wir oben nachwiesen, so darf es doch als ebenso gewiss gelten, dass sie in der Weise gefördert, vertieft wurde. Die Rachsüchtigsten, die welche auch nach langer Zeit die Schuld heimzahlten, also auch spiiter noch mal zur Vorsicht ihnen gegenüber ermahnten, waren selbstverstandlich die best Geschützten, die wenigst Ange-griffenen, welche in Wohlfahrt lebten, den zahlreichsten Nach-wuchs grossbrachten, und dazu auch noch bewusst nachgeahmt wurden; ihr Typus musste sich verbreiten und immer mehr festsetzen Was zweitens den Wilden auch in direkter, psy-

d) Spencer erkliirt die Rachsucht ganz aus dem Schutzbedürfnisse: „the practice alike of immediate revenge and of postponed revenge, established itsell as in some measure a check upon aggression; since the motive to aggress is checked by the conscioussness that a counter-aggression will come; if not at once, then after a time.quot; Auch die lang ausgesetzte Rache ware somit als Schutzmittel not-wendig. Er citirt einige Beispiele, dass „among human beings in early stages,

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chischer Motivirung zur lang anhaltenden Rachsucht bringen, seinem Gedachtnisso in dieser Richtung eine aussergewühnlicho Kraft verleihen muss, ist sein grosser bewusster Wunsch stark zu sein, zu scheinen, sein ganzes Streben culminirt in diesem Wunsche, weil diese Kraft ihm unersetzlich nötig, durchaus un-entbehrlich ist, hieher die niclit seltonen grauenhaften Proben der stoïscben Miinnlichkeit bei den Indianern der beiden Amerika, den Australiern u. s. w.'); alles mussto ihn erinnern sein Macht-bewusstsein ungeschmiilert zu erhalten, jede Gefahrdung oder Verletzung desselben wurde ihm deshalb ohne ünterlass immer aufs Neue in das Gediicbtniss zurückgeführt. Auch der Stamm, die Gemeinschaft war dabei interessirt, dass die Mitglieder den Feinden gegenüber scbrecklich also auch überhaupt wehrhaft blieben; daher verhohnen die australischen Frauen den Mann, weieher sich nicht rachte1); sie sind hier die Stimme der öffent-lichen Meinung, welche im wohlverstandenen Interesse der Gemeinschaft auf dieser Kulturstufe die Rachsucht als die erste ïugend ■von jedem Manne forderte. Vielleicht dürfen wir die Erziehung zur Rachsucht, wie wir sie z. B. bei den Lousiana-Indianern finden2), als ein Rest aus der Übergangszeit von der rasch schwindenden, impulsiven Wut zur intensiven, lang anhaltenden Rachsucht betrachten. Durch diese Erziehung hoben die schon tiefer und dauernder fühlenden Seelen die schwiicheren und fri-voleren zu sich empor, resp. machten die schon den mehr Rachsucht erfordernden TJmstanden Angepassten die Anderen den nötigen Übergang schneller vollziehen. Der erschwerte Kampf utn das Dasein durch haufigere Reibung mit Feinden förderte die Rachsucht also direkt durch die Not, indirekt durch die Übung des Gedachtnisses, welche letztere aber auch auf anderem Wege stattfand.

1

Grey II: S. Ü40. Schneider: S. 86. Post „Grundrissquot; I: S. 228.

2

Staniland Wake I.e. I: S. 227. Letourneau I.e.: S. 31.

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Endlich blieb gewiss der Umstand, den wir ausführlich unter-suchten, nicht ohne Eintluss: die Furcht vor den Toten, der Ahnenkult. An die Toten, ihre Bedürfnisse und Wünsche, dachte man relativ lange: gerade die Furcht vor ihrer übernatüriichen Macht grub ihre Erinnerung tief in die Seele ein, und jedes un-erkliirlicho unangenehme Ereigniss erfrischte die Erinnerung an sie, Kache war aber dem Gemütsleben des Lebenden entsprechend das Hauptverlangen des Toten, neben dera nach körperlicher Pflege fast das einzige. So lebhaft und dauerhaft wie die Erinnerung an den Toten ward also auch der Wunsch ihn zu rachen: die Rachsucht aus eigenem Antriebe wurde verdoppelt in Kraft und Ausdauer durch die vorgestellte Rachsucht des Toten Unmöglich ist aber dass bei eigener ganz schwacher Rachsucht nur der Ge-danke an die Rachsucht der Toten jene stark gemacht habe, denn man steilte sich die Seelen der Verstorbonen doch notwen-dig ganz wie die eigenen vor mit denselben Bestrebungen in dom selben Maasse ungcfahr, nur dass man die Seelen sich wohl mehr nach dem Modelle von der öffentlichen Meinung geliefert, also ohne die persönlichen Abweichungen vorstellte, und in sofern wirkte der Ahnenkult noch dazu mit die ohnehin geringen individuellen Eigenheiten zu unterdrücken und den allgemeinen Typus überall durchzuführen, wie überhaupt jede Religion, jede Aufstellung eines allgemeinen Ideals anti-individualistisch wirken muss; zweitens wurden die eigenen Bestrebungen verstarkt, wenn man sie noch dazu als die der Toten erkannte, welche man schon aus anderen Gründen (Liebe, Furcht, Stammestradition) zu den seinigen gemacht hatte.

1) ürsprünglich fehlte natürlich der Seelonglaube ganz, wie jctzt noch bei den Weddah (Haeckel 1. c.; S. 384); dann ist man 7,ufrieden mit der sofortigen Be-strafung des vermeintlich Schuldigen an dem Tode, doch ist der Körper wenn begraben „wie aus den Augen dann auch aus den Gedanken, die rasch in ihre gewöhnliche Gleichgiltigkoit zurückfallen, verschwundenquot; (Bastian, Mensch II: S. 309) — also kurze Rachsucht, doch mit der Entwicklung des Geisteslebens und der Festigung der Vorstellungen wird einerseits die Rachsucht an sich schon intensiver, andererseits fiingt mit dem beginnenden Seelenglauben die immer langer dauernde und machtigere Furcht vor den Toten an ihre die Rachsucht erhö-hende Wirkung zu üben.

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Eigenes Bedürfniss, Sitte und Totenkult liessen dio Rachsucht nicht bald daliin schwinden, befestigten und vorstiirkten sie.

Es versteht sich, dass wenn einer der Grimde, welche die lange Dauer und die Intensitllt der Rachsucht herbeiführen, fort-fallt, Bauer und Intensitat dieses Gefühls im dem Falie abnehmen. Spencer führt das eine Beispiel der Lepchas, welche sehr zur Verzeihung geneigt sind, an und zieht hieraus etwas schnell den Schluss den wir oben mitteilten '). Und zweifelsohne hat er in-sofern Recht, dass, wenn das zwingende Bedürfniss nach riichen-der Selbstverteidigung entweder durch isolirte Lage, durch aus-gezeichnete innere Organisation (für die inneren Veranlassungon zu Streitigkeiten) oder durch friedliche Umgebung zu bestehen aufhört, allmahlig auch der persönliche Wunsch nach Rache schwinden und die göttliche resp. ancestrale Sanction abnehmen wird, das letztere gerade deshalb, weil man selbst weniger rach-süchtig, sich die Ahnen ebenso vorstellt. Die Rachsucht der Ahnen und damit ihre Sanction der Rache ist somit bloss eine Function der eigenen Rachsucht der Lebenden, deren Intensitiit wieder eine Function des Karakters verbunden mit den gesellschaftlichen Be-diirfnissen ist. Karakter und gesellschaftliche Bedürfnisse sind 1nicht immer auf gleicher Stufe Ausflüsse der Entwicklung; dies behaupten hiesse sich die Sache zu einfach machen. Verschiedene Volkskaraktere kunnen durch verschiedene historische Ereignisse geformt sein und endlich demselben Einflusse unterworfen den-noch verschieden reagiren. Die Geschichte der menschlichen Ge-sellschaften ist ein gar sehr compliclrtes Gewebe und keineswegs die Entrollung einer einzigen Wellenlinie. Deshalb gilt es die ab-strakten Gesetze zu entdecken und nicht in roh-vergleichender Geschichte eine Art empirisches Entwicklungsgesetz mit dann blos zufiilligen Abweichungen auf zu decken. Man mache sich die Sache doch nicht zu leicht2).

1

L.C.: S. 307, 368.

2

Wie es Letourneau fast immer, Spencer in der Sociologie nur zu oft macht.

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§ 2. Die völlig ungerichtete Rache.

Die gewöhnliche Radio hat immer den Schuldigen, wie auch aufgefasst und entdeckt, zum Object; sogar die sogenannte Blut-rache macht hierin keine Ausnahme, nur dass hier ein ganzer Stamm resp. Familie als schuldig betrachtet, verantwortlich ge-macht wird. Mitunter wird der Schuldige in sonderbarer Weise ermittelt, wie wir unten sehen werden: immerhin man rticht sich nur an ihm.

Es werden nun aber von den Ethnografen einige Falle raitge-teilt, wo dies ganz ausgeschlossen ist, wo das Object der Rache schwerlich als die TJrsache des die Zorn erregenden Leides betrachtet werden konnte.

Unserer Gewohnheit nach wollen wir erst diese wenigen von uns gesammelten Falle mitteilen, sodann ihre Deutung versuchen.

James, welcher im Anfang unseres Jahrhunderts die Expedition des Major Stephen H. Long beschrieb, teilt mit, wie derwütende Omawhaw, wenn er keine Gelegenheit sich auf den Thater eines ihm zugefügten Übels zu rachen findet, irgend etwas, dem er eben begegnet, vernichtet, z. B. eine Sau mit ihren Jungen

Von den selben Omawhaw wird auch erziihlt, dass wenn der vom Blitz Erschlageno nicht an der selben Stelle in gewisser Weise bestattet wird, „the spirit walks and he will not rest in peace, till another person is slain by lightning and laid beside him 1).

Bei der Bestattung eines LoucheuX'lndianers, schneiden und verletzen die Verwanten öfter ihren Körper, „or as some times happens, they will in a fit of revenge against fate, stab some poor, friendless person who may be sojourning among themquot;2).

Von den Navajoes heisst es bei Schoolcraft: „if jealous of their wives they are apt to wreak their spleen and ill-will upon the

1

Owen Dorsey: „Omaha Folk-Lore Notes.quot; Journ. of American Folklore II, uquot;. VI (1889): S. 190.

2

Hardisty, Smithson. Rep. 18C7: S. 317.

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first person whom they chance to meet1). Bancroft welcher ein „Reportquot; von 1867 citirt, erzahlt wie der von seiner Frau ver-lasseno Navajoe „asks to wipe out the disgrace by killing some onequot; 2).

Petitot erzahlt von den Grossen Eskimo, wie ein Geriicht sich verbreitete, sie hiitten nach einer verheerenden Pesiilenz in Ver-zweiflung geschworen alle Weissen, die sich auf ihr Gebiet wagen mochten, zii toten 3).

Ploss citirt in einem anderen Zusammenhange, nl. wenn er über das Erziehungswesen der Naturvölker spricht, folgende interessante Mitteilung K. E. Jung's: Der ausfralische Vater wett-eifert mit der Mutter in angstlicher Fursorgo fiir die kleinen drolligen Wesen. Unter keiner Bedingung, was das Kind auch immer thut, darf es bestraft werden. Fiir alle Vergehen und Be-schiidigungen an fremdem Eigentum, die sich jugendlicher Uber-muth zu Schulden kommen lasst, haftet der Vater. Das Kind erfahrt kaum eine Zurechtweisung. Und wenn einmal das Kleine sich verletzt hat, so fallt der schwere Knuppel des Vaters mit gewaltiger Wucht auf alle in seinem Bereiche, mogen sie auch nicht die entfernteste Schuld an dem Unfalle tragen. Dabei hat man freilich den Glauben, dass das Quantum von Schmerz, welches das Kind fiihle, sich durch die Mitleidenschaft Andcrer über sie vertheile und so factisch dem armen Kleinen eine Erleichterung geschaff'en werdequot; 4).

Eache ist die Hauptleidenschaft der Tupi; sie fressen ihr Un-geziefer aus Rachsucht, beissen den Stein woran sie sich stossen, den Schaft des Pfeiles der sie traf5).

Die Dacotah stehlen oft aus einanders Fallen; der Benachteilte thut zur Rache dasselbe aus der Falie des Diebes oder eines Anderen 6). Und, was vielleicht dasselbe bedoutet, an einer aude-

1

Schoolcraft III: S. 217. Das Buch erschien 1851,

2

Bancroft I: S. 000.

3

Petitot: „Grands Esquimaux: S. 118.

4

Ploss: „Das Kindquot; II: S. 334. Die Cursivirung ist von mir.

5

Southey I: S. 233.

6

Schoolcraft: S. 185.

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ren Stelle heisst es: „Injury to property is sometimes privately revenged by destroying other property in place thereofquot;

Von den Tchatrali (Pamir) heisst es: „En colore un homme tue parfois le chien du voisin qui lui vole son roti, et il se contente d'administrer un coup de pled au sien, paree qu'il en a besoin 1).

Der gute Beobachter Eomilly sagt von den Papm Neu-Gui-nea's: „the bearers of evil tidings among them do sometimes get knocked on the head during the first burst of indignation evoked by their newsquot; 2).

In einem anderen, ebenso sehr suggestiven Buche erzahlt der selbe Beobachter Folgendes: „The New-Guinea native, like many other savage, is not given to cultivating the finer feelings of humanity.quot; Von sieben Fahrzeugen des Elema-Stammes wurden vier nach dem Aroma-Stamm vom Sturm verschlagen, zwei wurden vernichtet, die anderen fünf gelangten zu ihrem Bestimmungsort Port Moresby. „The crews which had fallen into the hands of the Aroma natives were rescued with immense difficulty by some Motu canoes which happened to bo there, and were by this means safely escorted to Port Moresby, where they rejoined their friends. Their friends however were so angry at the loss of the canoes with their valuable cargoes of sago, that nothing would satisfy them but to attempt to attack the very Motu natives who had saved their companions. Their reason was, as they said „ We are in trouble, why should these Motuans he happy?quot; Gratitude was never thought of for one moment. As is the case with many other tribes, gratitude is a feeling so little understood, that in all the known New-Guinea languages there is not even a word for „thank youquot; quot; 3).

In Horst's Bericht über seine Eeise der Nordküste Neu-Guinea's entlang findet sich Folgendes: „Ein gewisser WandammerBrokki hatte sich als Zwischenperson fiir die negori Sarwa in Amber-

1

Bonvalot: S. 442.

2

„Verandahquot;: S. 48.

3

„Western Pacificquot;: S. 239.

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baken nach Waudossi begeben zur Einlösung von 24 gcraubton Menschen, meist Frauea und Kindern. Zu Wandessi wurde sein Gesuch aber nicht eingewiiligt, sondern alle die Güter welche er fiir die Einlösung der Goraubten mitgebracht hatte, wurden ihm sogar abgenoramen. Auf seiner Kiickfahrt begegnete Brokki zwei Prauen der Kimelaha von Gimia. Beschamt und erbittert über das schleclite Resultat seiner Sendung, warf er sich mit den Sei-nigen auf eine der Prauen und ermordete die Auffahrenden, worauf er die Prau wegtreiben liess.quot; Ihm wurde geraten fiir die drei Menschenleben zu zahlen, weil er sonst die Rache der Pa-tanier zu befürchten hiitte ').

„Eigentümliche Ausartung des Wiedervergeltungsrechtes war es, wenn in Neuseeland nach einein Morde bisweilen Befreundete des Getödteten auszogen, um den ersten besten, der ihnen in den Wurf kam, möchte es nun Feind oder Freund sein, zu erschla-genquot; 1). Hauptlinge raubten, wenn sie einen Unfall erlitten batten, hiiufig ihren üntergebenen etwas, um sich schadlos zu halten2).

Wilken citirt aus Eastian: „Erleidet der Sohn eines Maori eine Verletzung, so komtnt aus dem Dorfe der Mutter, und vom Schwager geführt, die Bewohnerschaft herangezogen, um nach einem Scheinkampf die Pliinderung, muru, auszufiihren, weil ein nütz-liches Glied des Stammes (als Kind der Mutter) beschadigt istquot; 3).

Friedrichs berichtet, leider ohne Angabe der Quelle, von den KuJci (Lohitavolk in Hinterindien) Folgendes: „1st ein Mensch von einem Baume erschlagen, so wird der Baum zersplittert; ist ein Kuki durch Herabfallen von einem Baume gestorben, so wird der Baum abgehauenquot; 4). Friedrichs' Erklarung dieser Erscheinung werden wir nachher untersuchen.

21

1

Waitz-Gerland VI: S. 225.

2

Ebendaselbst; S. 224, Polack II : S. 87.

3

„Verwantschapquot;: S. 757, 758.

4

Friedrichs; „Mensch und Personquot;. Ausland 1891; S. 299. Spencer teilt un-gelïihr dasselbe mit nach Macrae, den er aber in seiner Autoritatenliste nicht anführt. „Princ. of Ethicsquot; I (1892): S. 303.

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„L'idóo que la mort est une offense faite par un ennemi in-connu, offense qu'il est un devoir de venger, apparait dans le Daghestan comme la source d'une coutume.... extraordinaire. Dans le Karakaytag, la Tabassarague et les villages Godobéry et Siberkali, en cas do mort sans cause connue, les parents du mort, après s'être rassemblés devant la mosquée, déclarent une per-sonne quelconque etre le meurtrier, et se vengent sur elle comme sur un criminel vóritablequot; 1).

Wir konnten also nicht mehr als sechszelin Beispiele von elf Völkern zusammen bringen.

Jetzt wollen wir ihre Doutung versuchen und zusehen ob sie wirklich alle einom ïypus angehören. Wir wollen dazu vorher ihren eigentlichen Inhalt kurz zusammenfassen:

Omawhaw: 1. Wenn Racho unmöglich am TLuiter, durchaus Unschuldiges vernichtet.

„ 2. Seele eines vom Blitz Erschlagenen und unge-hörig Bestatteten ruhelos, bis wieder Einer vom Blitz erschlagen und neben ilm gelegt.

Louchcux-lndianer: 3. Bei Bestattung toten Verwanten irgend-einen Fremden in Wut wider das Schick sal

Navajoes: 4. In Eifersucht Unwille ausgelassen am ersten Besten „ 5. Wenn Frau durchgegangen die Schande ausge-merzt durch Ermordung des ersten Besten.

Grosse Eskimo: 6. Nach Pestilenz Plan aufgefasst alle Weissen auf ihrem Gebiet zu toten,

Australiër'. 7. Wenn Kind sich verletzt, prügelt Vater alle Um-stehenden, auch durchaus unschuldige; gemeint hierdurch der Schmerz des Kindes gelindert.

Tu2n: 8. Ungeziefer gefressen, Pfeilschaft und Stein gebissen.

Dacotah: 9. Der Bestohlene bestiehlt irgend einen Anderen.

„ 10. Nach Eigentumsschadigung anderer Eigentum vernichtet.

Tchatrali: 11. Den Hund des Naehbars töten, welcher einen

1

Kovalevsky: „Fam. Patr.quot; Rev. Intern, d. Sociol. I; S. 301.

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Braten stahl, unci dem eigenen einen Fasstritt aus Bedürfniss versetzen.

Fapua: 12. Jobsboten geprügelt.

„ 13. Im Unglücke völlig Unbeteiligte, die ihren Kameraden sogar geholfen batten, angegriffen, weil diese glücklich, sie selbst aber unglückiich.

„ 14. Verstimmung geracbt an ünbeteiligten.

Maori: 15. Nach einem Morde wird irgend Einer getötet.

„ 16. Hauptlinge berauben einen üntertan nach einem Unfalle um sich schadlos zu balten.

„ 17. Wenn ein Kind sich verletzt, plündern die Mutter-verwanten das vaterlicbe Dort'.

Kuki: 18. Menscb von einem Baum erschlagen oder gefallen, der Baum vernicbtet.

Daghestan-. 19. Wenn Todesursacbe unbekannt, Erstbester getötet.

Allo diese Fillle baben mit einander gemein, dass nach einem Unfalle im Zorne hierüber irgend einem Anderen, welcher nicht als die Ursache angesehen wird, ein Schaden zugefügt wird, resp. von ihm eine Entscbadigung genommen wird. Sie sind also alle, ohne Ausnahme (doch vielloicht mit einer oder zwei), typische Racbe-Falle: nach Schmerzerfahrung Schmerzzufiigung. Die einzige Ausnahme scheint mir der ICe Fall zu bilden, weil hier anscheinend kein Zorn vorliegt und ebensovvenig das Bestreben Leid zuzu-fügen: der eigene Schmerz wird gelindert nicht durch die Be-raubung an sich, sondern durch die eigne Beschenkung mittels Beraubung Anderer; der Fall ist somit mehr eine Illustration ausserordentlichen Despotismus als eine psychologische Merkwür-digkeit. Der schmerzaufhebende Genuss bestebt hier nicht im fremden Leiden; die Lindering bliebe dieselbe, wenn die Uuter-thanen sklavisch ihre Beraubung einwilligten oder gar eine Ehre drin fanden.

Wahrscheinlich ist Fall 9 dem vorigen völlig gleich zu stellen: nach Eigentumsverlust Diebstahl, man leidet keine Minderung; Genuss und Schmerz sind bier sogar derselben Art, was im vorigen Beispiei nicht der Fall war; dort wurde ein bestimmter

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Oenuss venvandt urn auch anders gearteten Schmerz auf zu heben. Sonst sind die Falie psychologisch gleich, nur noch bleibt es möglich, dass im neunten vielleicht mehr Zorn vorlag, —: die Aussagen der Quellen sind so sehr diirftig.

Fall 17 schliesst sich hier eng an: in Wut über Verletzung des Kindes wird das viiterliche Dorf geplündert; der Schmerz nm das Kind wird durch die Plünderung Unschuldiger aufge-hoben; die Plünderung ist Leidzufiigung und eigene Bereiche-rung; was das zweite anbetrifft, ist dieser Fall den beiden vo-rigen völlig gleich, doch wird hier ein Teil der Befriedigung wohl gewiss in der Leidzufiigung gefunden; ausserdem ist hier nicht ganz ausgeschlossen, dass das Dorf schuldig erachtet wurde, obwohl dies von einem ganzen Dorfe und besonders, wenn mit der Verletzung des Kindes eine bei Kindern so violfache Selbst-verletzung gemeint wurde, höchst unwahrscheinlich ist. Viel wahrscheinlicher ist, dass die wiitenden Verwanten einfach ihr Gefühl zu heben versuchten durch die eigne Bereicherung und die Beraubung und Erniedrigung Anderer, welche doch einiger-massen mit ihrem Leide gedankenlich associirt waren; ihre Erniedrigung war also besonders geeignet das Gefühl des Schwerses aufzuheben, durch reinen Freuden der Grausarakeit.

Denselben Vorgang und dieselbe Association enthalten die Falie 8, 12, 18; in 12 ist die Association besonders stark, ja fast könnte man behaupten, dass der Jobsbote in der Aufregung der Wut wirklich als die erste Ursache dos Leides, nl. dessen des Horens unangenehraer Kunde, aufgefasst wird: das Unangenehme sagen ist auch Unangenehmes zufügen; der Jobsbote ist gewissermas-sen Ursache meines Leids; jedenfalls ist er eng mit ihm associirt, seine Vernichtung möchte eine Secunde lang eine Erliisung er-scheinen, alsob mit ihm auch die andere Hiilfte der Association verschwiinde, was leider nicht der Fall; und so bietet er sich physisch und psychisch zuerst au um durch die Genüsse der Grausamkeit den Schmerz der üblen Nachricht auf zu heben. Hier liegt also vor: impulsive Vernichtung des mit dem Schmerze engst verbundenen Gegenstandes und Grausamkeits-Befriedigung (wohl hauptsachlich Hebung des gofahrdeten Selbstgefühls). —

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Gcnau dasselbo enthalten meiner Ansicht nach die Falie 8 und 18. Ich sehe gar keine Anhaltspunkte für die Meinung, dass dei-Wilde den Baura, Stein, Pfeil u. s. w. in solchen Fiillen personificirt'). Unsere Kinder rachen sich in genau derselber Weise an Tischen an welclie sie sich stosson : weiter nichts als Hebung des Selbst-gefühls und impulsiver Trieb nach Sicherheit durch Vernichtung des gefahrlichen Gegenstands wenn möglich und nach Auflösung der unangenchmen Association in dersclben Weise. Wenn dei-Wilde den toten Gegenstand beseelt erachtet, also zum Fetisch wahlt, betriigt er sich doch anders. Friedricbs scheint mir zu ganz ünrecht zu haben, wenn er, wie folgt, raisonnirt: „Sachcn kön-nen wohl zerstiirt werden, wenn sie für die Zukunft lastig werden, aber sie können nicht wegen einer vergangenen Handlang bestraft oder der Kache ausgesetzt werden. Eine Strafe empfinden können nur Personen, und man muss daher annehmen, dass die Kuki die Tiere und Pflanzen auch als Personen betrachten, denn weder die Bchnndlung der Tiger, noch die der Baume lasst sich als Yorbeugungsmaassregel gegen künftige Schaden auffassenquot; 2). Das Letzte ist allerdings richtig, doch Friedricbs vergisst völlig die eigenlicho Rache und ihr Wesen in Betracht zu ziehen. Der Kuki ist kein moderner Jurist, sondorn ein von Eachdurst be-seelter Naturmensch und ein soldier will nicht vorbeugen gegen kttnftigen Schaden noch sieht er erst gcnau zu ob der Gegenstand seiner Rache die Strafe empfinden kann; die einzige Be-dingung ist die, dass sein Racheakt ihm die Freuden der Rache

1) Max Muller: „Anlhr. Religion'': 310.

2) Ausland 4801 l.c: S. 200. Sully macht densolben Fehler. „The extension of the feeling by the child and the savage to injuries not inflicted by living things may be explained by the primitive impulse to endow all material objects with something analogous to will. Even grown-up persons find themselves resenting the painful arrest of the foot in locomotion by a stone or other obstacle as a personal attack very much as the child resents it.quot; L. c. 11: S. 95. Die betreffenden Gefühle können völlig ohne die Annahme dieses Anthropomorphismus erklart werden, und er tragt zu ihrer Erklarung nichts bei.

Lombroso („L'Uomo Delinquentequot;: S. quot;HO) sagt richtig, dass Kinder ofter tote Gegenstande zerbrechen, weil ihnen das Emotionen schenkt und ihre Macht zeigt.

Letourneau („Evol. Jur.quot;: S. 42) betrachtet die Rache der Kuki an ïigern als cinen Auslluss dos „fanatisme de la retaliationquot;, ctwas bequem aber übrigens richtig.

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gewtlhre. Unci dies ist gewiss der Fall. Die genaue Reflexion, welche dem Kulturmenschen tihnliches unmöglich machen wiirde, fehlt allerdings, aber deshalb darf noch von keiner Personification geredet werden. Die rein subjective Befriedigung der Rache ist für dio Seele des Wilden audi in diesem Falie möglich.

Die iibrigen 12 Falie (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 10, 11, 14, 15, 19), sind einander psychologisch völlig gleich: in allen wird der eigene Schraerz durch reine Schmerzzufügung ohne Verteidigung-oder Gerechtigkeitsabsicht aufgehoben; alle diese Rachehandlun-gen sind reine, subjective Reactionen, zwecklos, impulsiv voll-bracht. Bevor wir aber unsere Schlussbemerkungen über alle diese Fiille machen, wollen wir erst noch einige Eigentümlichkeiten Einiger beleuchten.

Der erste Fall enthalt einen auffallenden Fingerzeig für die Doutung aller ühnlichen. Erst wenn Rache am Thiiter unmöglich ist, wird irgendetwas, gleichgiltig was, vernichtet. Die zweckdienliche Rache am Objecte welches den Zorn erregte, wird also vorgezo-gen und erst gesucht, wahrscheinlich aber nur kurz, impulsiv; wenn sie nicht gleich möglich, erfiillt die Vernichtung einesün-betroffenen dieselbe psychische Aufgabe: Müssigung der Wut, Hebnng des Selbstgefühls, kriiftige Ablenkung der Aufmerksam-keit und dadurch Auflösung der Associationem. Dasselbe gilt für Fall 19. Kovalevsky's nicht einmal begründete Erklarung ist falsch; es geht dies schon daraus hervor, dass irgend ein Mensch ohne Weiteres zum Mörder erklart und getötet wird; seino Be-stimmnng wird nicht durch ein Gottesurteil versucht, der Erst-besto genügt der völlig blinden Rache. Wenn die Handlung aus der Theorie, dass jeder Tod einen Menschen zur Ursache hat, hervorging, so würde man doch in irgend einer Weise diesen Menschen an zu weisen versucht haben. Man will aber Rache und erfindet spiiter diese Theorie hinzu.

Fall 2 bezieht sich auf einen nicht mitgeteilten Aberglauben, doch includirt es, wie mir scheint, die jetzt behandelte Rache-form: der Geist des Erschlagenen fordert zu seiner Ruhe, zu seiner Befriedigung dass noch irgend Einer vom Blitz erschla-gen werde. Wie wir bald sehen werden, streift dieser Fall, wie

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noch Einer dieser Klasse, schon an die im Folgenden Paragrafen zu behandelnden, welche alle ein Totenopfer zu enthalton schei-non. Audi unser dritter Fall könnte violleicht hierzu gehüren; doch sind wir verptlichtet uns so viel als nur möglich an die Worto der Berichterstatter zu halten, sonst schweifen wir ja in unbegrenzte Weiten ab. Gerade wenn die Etlmologen die Beobach-ter beim Wort nehmon, werden diese sich endlich gezwungen sehen ihre Ausdriicke gonauer abzinviigen und eingehendere Beobachtungen an zu stellen.

Der vierto Fall ist so einfach wie nur möglich, der Grundty-pus dieser ganzen Rachefonn, wahrend auch der fünfto völlig unserer Deutung entspricht; die Schande des Durchgehons der Frau, das hierdurch gesunkene Selbstgefi'ilil wird durch den Mord eines boliebigen Menschen gehobon '); wie dies vorgeht, haben wir in unserem psychologischen Hauptstücke ausführlich untersucht. Wir haben hier das reine Muster dor subjectiven Rache, ohne irgend einen praktischen Zweck.

Dagegen scheint mir dor 6e Fall zwar im Ausdruck hierher gehorig, doch oigentlich violleicht etwas anderes zu onthalten, nl. das einfacho Opfer dor Weissen an die durch die Pestilenz er-zürnt gedachten Götter. Potitot teilt ja auch mit, wie sie, nach-dem sie von vielen Unglücksfallen geplagt waren, es für nötig hielten, ihn den Geistern ihrer Toten und Tornrark, dein Teufel, zu opfern. Es ist klar, dass sie beide Male den Ahnen ein Opfer bringen wollten um so ihres Zornes und dor Krankheiten los zu werden. Nicht so klar ist allerdings, warum nun ebenso beide Male hierzu Weisse gewahlt wurden; sie hiitten als bessere Gabo dom Teufel wohl anch einen ihres eigenen Volkes darbringen können, odor ein Kind oder wertvolle Jagdbeute. Es könnto hier ein Fall von der so weit verbrciteten Opferreduction vorliegen, doch

1) Einen prachtigen Gegensatz hierzu bildet was Boas von den SalhA erziïht: „An Indian who has hoen unsuccessful in hunting, and feels ashamed on this account or for any other reason, gives (a) festival (with distribution of presents) torestore his humor.quot; „Notes on the Ethnology of British Columbia.quot; Proc. American Philosophical Society.quot; XXIV (1887), N0. 126: S. 4'27. Auch hierfür liessen sich manche „gebildetoquot; Parallele anführen!

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ist diese Wahl wobl hauptsachlich aus dem in ihnen selbst lebenden und selbstverstiindlich bei den Gottern ebenso vorausgesetzten Hasse gegen alles Fremde zu erklaron 'V Es wurde vielleicbt das Leben von Fremden auf dem Geblete dei Ahnen ausserdem als diese beleidigend betrachtet. Immerhin ist es möglich, das zu diese Motiven dem quot;Wnnsche der Götter nach Entfernung des Fremden und dem eigenen Hasse wider sie, noch eines hinzutrat, nl. das Bediirfniss nach Eache, nach Loswerden der Verdriisse durch die Pestilenz verursacht, in impulsiver Weise. Wir wollen in unseren compli-cirten Problemen doch das Auge nie fiir die Möglichkeit ver-schliessen, dass eine Handlung mehrere Motive habe.

Im Falle 7 ist es hübsch, dass man in dem Kinde voraussetzt, was nach unserer Einsicht die allgemeine Kasteiung durch den Vater veranlasst: die Linderung des eigenen Schmerzes durch Zufügung (oder Beobachtung) von Schmerzen an Andere, lm Falle 11 ist der Fusstritt an don eigenen Hund, wenn ein fremder Mann oder dessen Hund Fleisch stahl (der Wortlaut macht dies nicht klar; wenn es der Meister gewesen, so ware der Fusstritt an dessen Hund ein anderes Beispiel der selben Erscheinung, und wohl ein nicht so seltenes!), ein reines Muster unserer Kacheform; Fall 14 ist ebensehr ein solches, nur grossartiger, wenn kein Totenopfer mitunterspielt, woriiber im nachsten Paragrafen; wiihrend das 13e Beispiel zwar besonders deutlich, aber auch das unserer Moral nach hasslichste aller ist.

Nachdem wir uns nun über die psychologische Natur dieser Beispiele klar geworden sind, wollen wir jetzt versuchen ihre sociologische Bedeutung festzustellen. Hierzu ist eine Vergleichung mit unseren Zeiten und unserer Kultur nötig, und müssen wir die Beantwortung der Frage ob solcho Kache den wilden Vólkern überhaupt, oder wenigstens einigen, eigentümlich sei oder nicht versuchen. Beides ist offenbar keineswegs der Fall. Die betref-fenden Völker gehören mit Ausnahme der Papua und Australiër nicht einmal den als besonders niedrig geitenden Naturvülkern

1) Pclitol I.e.: S. 35 206, 108.

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an. Obwohl wir überzeugt sind, dass die Zahl der Beispiele schon aus der bestehenden Litteratur betrachtlich vermehrt werden könnte, und sogar bis ins Ungeheuere, wenn die Ethnografen cliesen Erscheinungen ibre Aufmerksamheit raehr schenken wür-den, so sind wir jetzt doch jedenfalls nicht berechtigt diese Eache-form als universell bei den Naturvölkern bestehend zu erklilren.

Wenn -wir abor bedenken, dass bis jetzt von den Reisenden und anderen Beobachtern primitiver Vülker wahrlich nicht be-sonders auf diese Art Erscheinungen Acht gegeben wurde, im Gegenteil derartige kaum der Ehre ihrer Verzeichnung und Mit-teilung wiirdig erachtet wurden, so darf die geringe Zahl der Beispiele, welche ich auftreiben konnte, als eene relativ grosse betrachtet werden, und deshalb als ein Grund für die Annahme geiten, dass iihnliche Erscheinungen im Leben der betreflenden Völker relativ hervortreten, haufig, karakteristisch und normal sind; von einer Verurteilung solcher Handlungen durch die öffentliche Meinung der Genossen, was doch gewiss audi ver-meldet worden wiire, ist in keinem einzigen Falle die Redo.

Schon oben wiesen wir auf völlig gleiche Handlungen unserer Kinder bin, welche wir friiher auch analysirten; es ist sehr natürlich dass das Kind bios subjective Befriedigung mit seiner Rache sucht, keinen weiter reichenden Zweek mit ihr zu errei-chen anstrebt, und, ich wiederhole, die subjective Befriediging (Hebung des Selbstgefühls wenn auch nur durch Bewustwerden der eigenen Kraft in der Muskelanstrengung, Lösung der Association, Ablenkung der Aufmerksamheit und Erweckung neuer Empfindungen) ist möglich ohne die Erreichung oder das An-streben eines objectiven Zvveckes (der Unschiidlichmachung des Gegners, der Abschreckung vor Allem eines solchen und sonst niöglicher Nachahiner), den wir fast immer mit unserer Rachsucht verbinden, in der Weise dass wir uns fast keine Rache ohne ihn denken können.

Erst Erfahrung lehrt diesen Zweck anzustreben und diese ist natürlich von spaterer Entstehung als die Rachsucht an sich; deshalb ist es natiirlich dass das Kind ohne diese Erfahrung noch blos subjective Befriedigung in impulsiver Weise sucht; ich

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glaubo nicht, dass es den Tisch, woran es stiess, und den es haut, personificirt; sein „böser Tischquot; ist nur eine Ausserung seiner ünmut; es fallt keinem Kindo ein den leckern Apfel zu preisen und zu streicheln oder das warme weiche Bett;wennein etwas iilteres Kind dies thut, so ist es bewusste Phantasie, kind-liche Poesie.

Erfahrung lehrt allmahlig den Kulturraenschen keino Rache ohne praktischon Zweck zu suchen ; viele Eintlüsse, deren Wirkung wir im zweiten Bande zu erklaren versachen werden, fördern dies; jede Strafe, sogar die Rache, wird alliniililig überlegt, utilistisch; man vergisst fast dass die Rache rein impulsiv, subjectiv sein kann und ursprünglich war; Seibstbeherrschung halt den instinctiven Antrieb, wo die Erreichung des utilistischen, objectiven Zweckes (Abwehr, Abschreckung, Sicherheit durch Unschadlichmachung) unmöglich, zurück; diese fehlt aber dem jungen Kinde und öfter auch dem quot;Wilden 1).

Aber auch bei erwachsenen Menschen unserer Gesellschaft kommt diese Racheform nicht selten vor. Die criminalistische Litteratur bietet davon nicht wenige Beispiele. Wir greifen blos einige heraus:

Tomel und Rollet sagen, nachdem sie von Eltern sprachen, die aus reiner roher Grausamkeit zusammen ihre Kinder schlugen, Folgendes; „Nous avons aussi la variótó de la brute qui frappe pour rien, pour se détendre les nerfs, pour se consoler de ses contrariétós: tel le charretier qui assomme son cheval do coups de fouet paree qu'on ne lui a pas donnó de pourboire, ou paree que le pavó est glissant. Ceux-la n'ont pas de cheval, mais ils ont un fouet. Ils l'excercent sur leurs enfants.quot; „Lorsqu'un ménage vient ii être brusquement rompu, non par la mort, mais par l'inconduite ou la disparition d'un conjoint, 11 n'est pas rare,

1

Rolpli: „Es giebt unzahlige Beispiele eines solchen, wie wir sagen, -/.iellosen Handolns, sowohl bei Menschen als bei Thieren, nm1 erkennen wir sie bei letzteren weniger leicht, weil wir von uns her gewöhnt sind, überall ein bestimmles Ziel zu supponiren.quot; („Biol. Prob.quot;: S. 170). Rolph hiitle nur den Tieren den primiti-ven Menschen hinzufügen sollen, dessen Handlungen wir öfler in ahnlicher Weise falsch beurteilen.

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que l'enfant abondonnó porte lo poids do la Laine vouée au fu-gitif ou a la fugitivequot; ').

Lombroso bietet ein anderes Beispiel; wenn er iiber die extreme Eachsucht der Verbrecher spricht, welche er als „natuiale consequenza di una vanita cosi sconfinata, di un senso cosi spro-porzionato della propria personalitaquot; betrachtet (was gewiss nur ein Umstand ist), schroibt er: „Un esempio infine analogo alle vendette dei selvaggi 1) l'offorse un tal Moyse: insultato da ignoti una notte, s'arma e si mise a ferire i prirai cho trovo per le viequot;2).

Wie Grote sagt, kann auch unter gebildeten Erwachsenen ein plötzlicher Zornanfall ausreichen um Jemand seiner Überzeugung zuwider handeln zu lassen; ein vernünftiger Mann kann dazu kommen um in einem Augenblicke heftigen Schraerzes den leblosen Gegenstand, der ihn traf, zu schlagen. Clodd vergleicht dies hiermit, dass das Kind dio ïhüre woran es seinen Kopf stiess und das Schaukelpferd, das es abwarf, schliigt um os im nacbsten Augenblick wieder zu kiissen zum Zoichen von Ver-zeibung und Liebe 3). Und er meint den Grund in der Beseelung des Leblosen durcb das Kind zu finden. Wie gesagt scbeint mir diese Erkliirung unricbtig und geboren die Racheiibungon an Gegenstanden und an Tieren in die selbe Kategorie hinein. Der Wilde, das Kind und der Wütende meinen nicht dass der leblose Körper beseelt sei, sondern die reflectirte Überzeugung vom Gegen-teii ist im Augenblicke der Wut (resp. der Liebe) nicht stark

1

Die eigentliche „vendettaquot; ist doch ganz anders; schade, dass der bahn-beechende, oiiginelle Forscher fast immer ungenau ist.

2

„L'Uomoquot; (S® Ansg.): S. 397. Ein interessantes Beispiel findet sich in dem Romano von Oscar Wilde: „The Portrait of Dorian Grayquot;: der Held tötet den Maler seines Bildes welches ihm in mysteriöser Weise seinen sittlichcn Unter-gang anschaulich macht (11: S. 129), obwohl das Bild diese wunderbare Eigenschaft auf seinen eigenen Wunsch und ohne Zuthun dos Malers crhielt.

3

Clodd: „Mythen en Droomenquot; (1886): S 12, 13. Ebenso falsch Roth: „Historisch-kritische Studiën iiber Vererbungquot; 1877: S. 07: „das Kind denkt sich alle Dingo belebt und zi'irnt deshalb dem Tisch oder Stein, an dem es sich gestossen, wie noch heute die wilden Eingebornen Brasiliens den Stein schlagen, über den sie stolpern, odor den Pfeil, der sic verwundet.quot;

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genug dem impulsiven Antriebe der Eaclie za widerstehen. Das Verlangen nacli utilistischcr, zweckmiissiger Bestrafung ist noch nicht stark genug.

Dass die anthropomorphe Erklarung falsch, wird wohl am besten gerade durch die Grote'sche Bemerkung widerlegt, der Clodd die folgende hinzufiigt: Jeraand welcher aus Versehen einen Anderen mit seinem Gewehr verwundete, konnte nicht dahin gebracht werden dasselbe zu verkaufen, sondern schlug^es, als hiitte es Schuld an dem Unfalle, in Stücke'). Dieser Mann und dor Zornige von Groto meinen doch keinen Augenblick dass jene Sachen belebt seien. Ich kenne einen Psychologen, welcher, wenn in hitzigen Augenblicken irgend ein Kleidungsstück seinen Wiin-schen widerstrebt, im Zorne auf dasselbo schimpft und es mitun-ter sogar zerreisst, — und wahrlich er sieht den Halskragen oder dio Cravatte auch im Zorno keinen Augenblick fur beseelt an; nur sind die Ausserungen dieses impulsiven, unreflectirten Zornes ganz dieselben wie die einem Menschen gegeniiber, und das hat die Forscher irregefiihret.

Was die kindlichen Anthropomorphisirungen anbelangt, so über-sieht man hierbei zu sehr die bevvusste, kindliche Phantasie '). Das Kind halt sein hölzernes Schaukolpferd so wenig wie der Vater für ein lobendiges, nur will er in dieser Weise sich mit ihm beschilftigen, es ist eine bewusste Illusion. Ein kleines Miid-chen band jeden Abend ihre Schuhe an ihr Bettgestell fest mit der Bemerkung: jetzt stiinden die Pferdchen auf Stall — es hielt aber doch seine Schuhe nicht für Pferde. Das Kind will spielen, es fiillt seine Welt mit Illusionen auf; die massenhaften, sehr festen Connotationen der spateren Erfahrung hindern es bios noch nicht hierin: das ist Alles.

Die kindliche Illusion beschiiftigt sich natürlich am liebsten mit don Gegenstiinden, welche ihr am weitesten entgegenkommen, doch braucht dies Entgegenkommen keineswegs in Mensch- oder

1) Clodd 1. c.: S. 12 in der Note.

2) W. Preyer; „Die Geistige Entwickelung in der erston Kindheil.quot; (1893): S. 103.

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Tierahnlichkeit zii bestehen; das Schaukelpferd und die Schulie werden als Pferdo behandelt (nicht: betrachtet), die Apfel nie beseelt gedacht1).

Es gibt aber auch noch andere Falie im gebildeten Leben, wo der Unterschied von Wilden in dieser Beziehung nicht gross ist. Der Student welcher eine schlimme Fachszeit durchgeraacht hat, riicht sich spiiter an den Neulingen; der Emporlsömmling der viele Erniedrigungen erlitten hat macht die raühsam erworbene Grosse seinen Untergebenen und Parasiten recht fühlbar: man ist den Leuten persönlich kaura böse, sondern man will sich erheben in derselben Weise wie man früher erniedrigt wurde; Zorn ist hier nicht die ürsache der Ungerechtigkeit, sondern ganz einfach die Unmöglichkeit in anderer Weise gerade den Zweck zu erreichen, wozu aber noch kommt die negative Bedingung; das Fehlen von Gerechtigkeit, Grossmuth, Liebe u. s. w. Diese modernen Fiille stehon also den wilden ganz nahe, nur dass den ersteren die üffentliche Meinung ganz anders gegenüber steht, welche sic ja strenge verurteilt, odor wenn dies nicht der Fall, geschieht es doch vom Gewissen und von der Einsicht der Besseren. Bei den Wildon ist dies nicht der Fall, und das beweist schon dio ticfgehende Veründerung, welcho vorgegangen ist.

In Kulturvölkern ist blos Rest, „survivalquot;, entwoder vollstiin-dig, andauernd in ganzen Individuen wie bei den genannten Verbrechern, oder in früher Jugend normal beanlagter Menschen oder aber in Augenblickon grosser Wut von ebensolchen, also

1

Preyer iiussert sicli hierüber sehr eigentümUch, indem er von „perversem Mitleidquot; spricht, „wo die kindliche Phantasie selbst dem Holz, wenn es im Ofen verbrennt, Schmeragefiihl zuschreibt, und die aus Zeilungspapier mit der Sehere vor seinen Angen ausgeschniltenen Figuren mit Thriinen bemilleidet, wenn znfiü-lig die Schere ihnen einen Fuss oder Arm abnimmt (I.e.: S 198). — Ware es nicht einfacher dies mit dem Weinen Erwachsener bei ihren Romanen oder Dramen, ja bei dem mancher Dichter über ilire eigenen Produkte zu vergleichen, also durch Suggestionsmitleid zu erklaren? Auch in „Die Soele des Kindesquot;, 1890, S. H7 und 407 gelit Preyer nicht auf die Sache ein. Ich glaube, dem Kinde genüge eine so einfache Suggestion, wo wir so viel drastischere brauchen: die Papierbilder nnd das von den Flammen angegriffene llolz sind eiu lebendes Bild für das Kind und regen seine Phantasie traurig an.

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immer durch das Fehlen oder den zeitweiligen Fortfall der Kultur-errungenschaften bedingt, was beim Wilden normal, noch in lebendigetn Zusammenhange mit seinem ganzen Karakter ist.

Wir werden noch andere Beweise für die Behauptung ent-decken, dass dem Wilden die Rache noch weit mehr ein direk-ter, psychischer Impuls war, welcher seinen Zweck und seinen Lohn in sich selbst trug, in der direkten psychischen Befriedigung, also durchans aus der Grausamkeits-Hypothese erklarlich, als dass sie ihm ein bewusstes Verteidigungsmittel oder gar eine Strafe im juridischen Sinne war.

Wir werden auch sehen, dass die eigentliche Blut- oder Fami-lienrache dieses mit unserer Urrache gemein hat und also in dieser Beziehung gleich weit von den neueren Strafformen entfernt ist. Jene sind beide impulsive Reactionen; einen objectiven, bewuss-ten Zweck haben sie nicht, obwohl sie einen objectiven, prak-tischen Nutzen haben mogen. Mit der Entwicklungs-Hypothese ist unsere Auffassung also keineswegs im Streit.

Allen unseren Beispielen war gemeinsam, dass das Opfer der Rache nach moderner Auffassung unschuldig war; auch in der Blutrache bleibt dies der Fall; schuldig ist eben überhaupt wer nach der jeweiligen Auffassung für die Bestrafung geeignet erscheint.

Dass bei der jetzt behandelten Rache von keinem Opfern die Rede ist, ist klar und ebenso dass hier der ïotenkult gar keinen Einfluss übt.

Die Intensitat dieser Rache wird nur durch den Karakter des Betreffenden, seine Wut über die erhaltene Beleidigung und den Zeitverlauf bis zur Reaction bestimmt, eben weil sie eine blosse Reaction ist; von Massigung findet sich gar keine Spur.

§ 3. Die Urrache im Totenopfer.

Die Erscheinungen, die wir jetzt untersuchen wollen, sind nicht so einfach als die eben behandelten. Der Einfluss des Totenkultes ist unverkennbar; die Frage ist aber, ob die ganze

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Sache blos ihm zuzuschreiben sei oder dass aucli noch eine eigene Eache der Überlebenden darin stecke.

Unserer Methode geraass wollen wir jetzt erst die betreffenden Thatsachen deiu Leser vorführen, hornach ihre Würdigung und Classification versuchen. Alle diese Fiille haben mit einander ge-mein, dass nach einem Todesfalle ein nach unseren Anschauungen auch causal unschuldige Mensch getötet wird von den Verwanten des Opfers.

Blumentritt berichtet von den Negritos auf Nord-Luzon, wie dorjenige, welcher eine fremde Grabstütto betritt, von don dort AVache haltenden Verwanten des Bestatteten aus sicherem Ver-stecke durch Pfeilschüsse getötet wird; die Verwanten bleiben in der Ntihe des Grabes um zu verhindern, dass es betreten ■werde; „sollte dies nur eine Strafe fur die Entweihung der Statte sein, oder sol! durch die Tödtung des Fremdon der Verlust des eigenen Stammes gleichsam wett gemacht werdenquot; 1).

Jagor erziililt von den Igorroten: „If a man dies, his nearest kinsmen go out to requite his death by the death of some other individual taken at random. The rule is strictly enforced. For a dead man a man must be killed, for a woman a woman, for a child a child. Unless, indeed, it be a friend they encounter, the first victim, that offers itself, is killedquot; 2).

„Nach der Beerdiguug eines JBnhitnon ziehen die Verwandten mit bereiter Waffe aus, um eiuen Begleiter fiir den Verstorbenenquot; zu suchen. Sie tödten den ersten besten, der ihnen in den Weg lauft, womit sie befriedigt und geracht slch glauben. Die nachste Folge aber ist, dass die Familie des Ermordeten ihrerseits die Vendetta ergreift, daher die Blutfehden, welcho sie decimiren 3).

Von den Dumagas oder Negritos der Nordostküste Luzon's erfahren wir Folgendes: Wenn Einer gestorben ist, wird dor Ort verlassen. „Zuvor aber decken sie den Leichnam leicht zu und

1

Blumentritt: „Ethnogr. J. Philippinenquot;: S. 8.

2

Jagor: S. 213.

3

Blumentritt; „Die Bergstam me der Insel Negrosquot; (Separat abdruck: S. 4).

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verrammeln alle Zugiinge die zu Jenem führen, damit weder Mensch noch Wild die Kuhe des Todtea storen könne. Überdies bringen sie noch Zoichen an, damit Niemand sich jener Statte nahe. Wer diese Zeiclien missachtet, wird von ihnen erbarmungs-los getodtet. Um solches zu meiden, unterrichten sie von dem Sterbefalle und Sterbeorte die umliegenden Stiimme, ja die Obrig-keiten der christlichen Ortequot; J).

Von den Manobos der Insel Mindanao heisst es: „Wenn in diesen Bergen ein Familienglied stirbt, so geschieht es sehr haufig, dass sie in den Willdern herumschweifen urn den ïodesfall zu sühnen, was in der Weise vollbracht wird, dass sie den ersten Besten, der ihnen in den Weg koramt, tödtenquot; 1).

„Von den Zambalen des XVII Jahrhunderts erziiblt der Pater Ferrando Folgendes: „Wenn bei ihnen Jemand eines gewaltsamen oder natürlichen Todes stirbt, so utnwinden seine Verwandten zum Zeichen dor ïrauer das Haupt mit einem schwarzen Zeuge, welches sie niclit eher ablegen als bis sie einen Mord volbracht haben. Um das Ende der Trauerzeit, wahrend welcher sie weder singen noch tanzen, noch ihre Musikinstrumente handhaben, noch lustigen und larmenden Festlichkeiten beiwohnen dürfen, zu be-schleunigen, trachten sie so bald als möglich jene Forderung ihrer Sitte zu erfüllen .... Die Trauer wird erst abgenommen, wenn es gelungen ist, einen Sclüidel abgeschlagen zu haben; das Ablegen dor Trauer findet unter grossen Festlichkeiten statt, die ganze Verwandtschaft versammolt sich und isst und trinkt sich voll, bis allgemeine Trunkenheit herrschtquot; 3).

Collins berichtet, wie im Cammarray-Stamme, Port Jackson, N. S. Wales, Jemand bei dem Tode seiner Mutter irgend einen Menschen zur Rache opfern will, und er notirt dies durchaus nicht als ein individuelies, excentrisches Geliiste. Weiter erzilhlt er, dass, da ein Knabe durch Krankheit starb, zwei Verwante

1

3gt; Blumentritt: „Mmencultusquot;: S. 150.

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und eine Schwester von ihm einen anderen Knabon schwer ver-wundeten, der es tapfer ertrug und sie nicht einmal seine Feinde nannte; aucli einen alton, dem Toten verwanten Mann misshan-delten jene grausam. „On the death of a person, whether male or female, old or young, the friends of the deceased must be punished, as if the death were occasioned by their neglectquot;

Von den Eingebornen JSeu-Siid-Wales' erfahren wir: „when any one dies a natural death, it is usual to avenge the loss of the deceased by taking blood from one or other of his friends; spears are thrown on such occasions and it now and then happens, that the wounded falls a victim to this promiscuous sort of retribution,quot; welche der Beobachter aus „the passion of revenge so fondly cherished by savagesquot; erkliiren wills).

Grey teilt von den von ihm studirten West-Auslraliern mit, dass der Mörder von den Verwanten des Opfers wütend, in bren-nender Rachsucht verfolgt wird; finden sie ilm aber nicht, so tiiten sie den ersten besten Eingebornen, und wenn es ein Kind wiire 1).

Von den Eingebornen am King-George-Sound, West-Australien erfahren wir, dass, wenn Einer durch Krankheit stirbt, sein nachster Verwanter verpftichtet ist ein Mitglied irgend eines anderen Stammes zu tuten, welcher sich natiirlich riicht, daher endlose Kriege: dieser Eache zu entgehen ist einer der Zwecke ihres rastlosen Umherziehens 2).

Hale berichtet iiber den Wellington-Stamm: „If a man perishes of disease at a distance from his friends, his death is supposed to have been caused by some sorcerer of another tribe, whose life must be taken for satisfaction. If on the other hand he dies among his kindred, the nearest relative is held responsible.quot; Ein Eingeborner am Hunter Flusse schlug seine Mutter fast tot um den Tod seines Bruders, welcher unter ihrer Obhut war, zu riichen;

22

1

Grey II: S. 241.

2

Browne: S. 447.

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er that dies nicht aus einem Vermuten ihrer Schuld, sondorn bloss um dieser Sitte zu gehorchen. Nacli Hale liosse sich das vielleicht dadurch erkliiren, dass die Frauen ofter ihre grausamen Manner vergiften ^).

Wenn die Frau beim Tode des Tasmaniers abwesend war, „their laws required that the undutiful wife should be punished by the dead man's relativesquot;, je nach der Ntihe der Verwantschaft mit 1 bis 3 Schliigen von Jedem 1).

Von Miklucho-Maclay erziihlt von den Papua der Maclay-Küste Folgendes: „Der Tod eines Mannes wird durch eine bestimrnte Eeihenfolge von Barunschliigen den umliegenden Dorfern mitge-theilt. Am selben Tage oder am nachsten Morgen, samraelt sicii die münnliche Bevolkerung in der Niihe des Dorfes des Verstor-benen. Alle Manner sind in vollstiindiger Kriegsriistung. Bei Barunschliigen riicken die Giiste in's Dorf ein, wo neben der Hütte des Verstorbenen eine Mengo, ebenfalls kriegerisch ausge-rüstet, die Ankommenden erwarten. Nach einer kurzen Unterre-dung, theilen sich die anwesenden Manner in zwei entgegen-stehende Lager, wonach eine Auffiihrung eines Scheinkampfes stattfindet, wobei die Leute aber etwas vorsichtig an's Werk gehen und keinen Gebrauch vou ihren Speeren machen; Dut-zende von Pfeilen aber werden fortwiihrend abgeschossen und nicht Wenige werden bei diesem Scheinkampfe, wenn auch nicht ernstlich, verwundet. Besonders aufgeregt erscheinen die nachsten Verwandten und Preunde des Verstorbenen, die sich wie rasend geberdenquot; 2).

Beim grossen Totenfeste der Nicoharesen fechten zwei junge Leute, angethan mit Fechtmiitzen, auf dem Grabe. Sie fechten mit langen diinnen Stecken, womit sie iiber Kopf, Schultern und Hiinde zu schlagen trachten. „Hier beim geüffneten Grabe bedeu-

1

Bonwick: „Tasmaniaiisquot;: S. 74.

2

N. von Miklucho-Maclay: „Ethnologische Beraerkungen iiber die Papuas der Maclay-Küste in Neu Gninea.quot; Natuurk. Tijdschr. v. N. 1. XXXVI (1876) : S. 300, 301.

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tet der Zvveikampf, class die Angehörigen keineii Schmerz scheuea um den Geist des Verstorbenen zu versöhneu ').

Kovalevsky erziihlt von gewissen Scheinkampfen auf den Gra-bern neuerstorbener Personen bei den Kaukasus- Vü 1 kern abge-halten; sie heissen Djigitovski. „Seuls les parents ont droit d'y prendre part. La fète commence par des coups de feu tirós au-dessus des tombeaux; puis suivent des courses de cbevaux; pendant leur duróe, quatre ou six de plus proches parents font trois fois le tour du tombeau en monant par la bride un cheval selló; aprös quoi ils so font une entaille a l'oreille pour faire tomber quelques gouttes de saug sur la terre au-dessus du mort, et prononcent en memo temps ces paroles consacróes par l'usage: „Ce sang est pour toi.quot; Le combat simuló qui se fait dans les fêtes funéraires et au quel seuls les parents prennent part, ainsi que Faction de répandre du sang sur le tombeau du mort, n'ont a mes yeux d'autre signification que celle de prouver symboli-quement qu'on est pret a tirer vengeance, sur les ennemis, de la mort qu'ils ont causóequot; 1).

In jedem dieser wenigen (15) Falie findeu wir, dass nach einem Sterbefalle ein Unschuldiger getötet oder missbandelt wurde. Was bedeutet das? Drei Hypothesen scheinen sich hier anzu-bieten; jede derselben scheint in einigen der Beispiele ihre Be-stiltigung zu finden und fiir jede lassen sich Gründe anführen. üntersuchen wir, welche Gründe am schwersten wiegen und wel-cher Hypothese wir schliesslich den Vorzug geben mussen.

Die erste ist die, dass jeder Fremde, welcher in die Niihe der Begrilbnisstütte kommt, zur Strafe fiir die Grabesscbiindung getötet wird. Blumentritt meint hierin das Motiv bei den Negritos Nord-Luzons und bei den Dumagas zufinden. Hierfiir spricht auch was Blumentritt aus Gemelli Careri über die Indiër der Con-quista anführt: „Autrefois si quelqu'un des principaux mouroit,

1

Kovalevsky: „Fam. Patriarcalequot;. Rev. Internat, de Sociologie I: S. 300, 301.

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on gardoit lo silence pendant plusiours jours, on ne frapoit nulle part et on ne navigeoit point dans ies rivieres voisines. lis met-taient pour cela vne certaine marque, afin que tout le monde scut, quo c'ótait vn terns do silence et que personne n'eüt a passer cette marque, sur peine de la vie, ce qui s'oxecutoit a la rigueurquot;').

Von den Maguindanaos heisst es: „Sie besitzen eigene Pried-höfe; borühmte Manner, seien es Kriegsholden oder fromme Heilige, werden in eigenen sehr primitiven Mausoleën bestattet, deren Profanierung schwer geahndet wirdquot; 1).

Die sorgsamen Vorkehmngen, wclche die Dumagas treffen, damit sie nur Keinen wegen Grabesschandung zu töten braucben, scheinen ebenfalls dieser Hypothese eine Stütze zu bieten.

Ob diese nun aber die richtige Erklarung enthiilt?

Erstens lasst sich gegen sie anfiihren, dass die anderen doch so sehr ahnlichen Sitten der verwanten Völker und die ebenso ahnlichen der australischen Stamrae gar keine Anhaltspunkte fur diese Auffassung bieten, ja dass die von ihnen mitgeteilten Details kaum rait ihr in Übereinstimmung zu bringen sind. Weil die grosse innere Übereinstimmung aller dieser Sitten doch eine ge-meinschaftliche Erklarung als überaus wahrscheinlich erscheinen lasst, dürftc jenes als schwerwiegender Grund wider unsere Hypothese geiten.

Ein anderer Einwand ware, dass fast etwas zu systematisch nach solchen Grabschündern gesucht werde, wahrend diese doch wahrscheinlich eine grosse Seltenheit bildeten. Es hat fast mehr den Anschein alsob diese Strafe die spilter erfundene Erklarung der ehemals ganz anders motivirten Sitte gewesen sei, wie sol-ches durchaus keine seltene Erscheinung ist.

Ich mochte viol eher in diesen so furchtbar strengen Bestra-fungen dor Grabesschandung (sehr rigorös gefasst) auch bei den Maguindanaos und den Indiern der Conquista einen nur anders motivirten und benannten Yersuch dem Toten einen Menschen zu

1

Blumentritt: Ausland 1893: S. 889.

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opfern erblicken. Die quasi Schandung ist bloss eine Veranlas-sung, eino Entschuldigung.

Bevor wir dies naher begründen, wollen wir zuerst die zweite Hypothese untersuchen. Dieselbe lautet; die Verwanten wünschen detn Toten einen anderen Menschen zur Gesellschaft mitzugeben, dazu töten sie Einen, dainit dessen Seelo mitgehe; die Verstüm-melungen waren cine Reduction dieser Sitte. Wider diese Er-klarung spricbt jedenfalls gleich, dass dieselbe in keinem unserer Eiille von den Beobaebtern direkt angeführt wird, sowie dass kein einziges Detail auffallig auf sie hinweist. Dagegen giebt es Beispiele wo ausdrücklich dieser Grund für die Tötung von Menschen bei der Bestattung angegeben wird. „Starb ein Vornehmer, so hielt man es für angezeigt, ihm auch Diener für das Jenseits mitzugeben. Für das Vorhandonsein solcher Menschenopfer bei den Indiern der Gonquista finden sich zahlreiche Belegequot;, von welchen der Verfasser einige anführt; z. B. „ils encaisserent une fois avec vn des Principaux du Pays une Galere renforcóe do rameurs, afin qu'ils le peussent servir en l'autre Mondequot;, er (Thóvenot) erwahnt weitcr, dass auch sonst über dein Grabe Sklaven und Sklavinnen getödtet werden „pour leur tenir compagnie: ils les tuoient, apres leur avoir fait un grand repas, afin qu'ils pussent aller avec le defunct.quot; „Nacb Gemelli Careri konnto man eincm Verstorbenen keine grössere Ehre erweisen, als wenn man seinen Lieblingssklaven tödtete, um ihm in dem Jenseits Gesellschaft zu leisten, vorber wurde er aber noch gut gefüttertquot;

Das Motiv ware also dem Toten Diener odor sonst Gesellschaft mitzugeben, und wir sehen dass dieses Motiv für ahnliche Hand-lungen wirklich bestanden hat. Die Frage ist jetzt aber: war es dort das ursprünglicho Motiv und galt es je in unseren Fallen ?

Was nun zuerst das Mitgebcn von Sklaven anbetrifft, so schei-nen die Igorroten und die Negritos Nord-Luzons gar keino Skla-

1) Blumentritt: „Ahnencultusquot;; S. MA, 152. Auch in dom spiïtercn Aufsalze („Über die Staaten der philippinischen liingebornen in den Zeiten der Coiiquisla,quot; Mittheil. d. Geogr. Ges. in Wien, 1886; S. 59) wird von den Tagalen undVisayas bericlitet, dass dieselben bei vornehmen Bestallungen viele Sklaven töten um den Toten Gesellschaft zu Icisten.

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ven besessen zu haben, was dem sonstigon socialen Zustande der Letzteren völlig entspricht ^; dasselbe möchte von den Bukitnon gelten1), sowie von den Dumagas, welche ja audi Negritos sind; von den Manobos und den Zarabalen mochten wir fast dasselbe annehmen, schon aus dem Grunde dass hier Kopfe geschnellt werden mit der Mühe und Gefahr von Wiedervergeltung hieran notwendig verblinden; hiitten sie Sklaven, so wiire es doch be-deutend einfacher gewesen ein Paar von diesen zu schlachten

Die Australiër halten bekanntlich gar keine Sklaven, was aber von den Papua nicht gilt2); doch was die Nicobaresen anbetrifft, so dürfen wir dies ebenso behaupten 3).

Wenn nun aber diese zwei Völkor keine Sklaven halten, so kann bei ihnen unmöglich der Wunsch aufgekommen sein dem Toten Sklaven mitzugeben, und wenn dem so ist, was kann dann das Mit-geben von Gesellschaft an die Toten sonst noch bedeutet haben?

Wider die Sklaven-Theorie spricht auch dor Umstand, dass bei den Igorroten dem Manne ein Mann, der Frau eine Frau, dem Kinde ein Kind gctötet und mitgegeben wird. Was nützte dem Kinde ein kindlicher Skiave?

Die Sitte daraus zu erklaren^ dass man um der Gemütlich-keit willen dem Toten Gesellschaft wünschte, ihn nicht allein gehen lassen wollte, heisst doch die Wilden etwas zu sentimental auffassen; ausserdem wiire in dem Talie das vor der Hand

1

Blumentritl: „Bergstiimmequot;: S. 3 seq.

2

Wenigstens die Dorejer, Arfakker und Nuforesen besitzen welche. Rosenberg: Mal. Arch.: S. 456; Rosenberg: Nieuw Guinea: S. 90; Van Hasselt: Zeitschr. f. Ethnol. I.e.: S. 182, 191, 200, 136. Siehe auch in Ratzel (II: S. 279) A. B. Meyer ohne Angabe der Stamrae.

3

Svoboda: „Die Bewohner des Nicobaren-Archipelsquot;. Internat. Arch. f. Eth-nogr. V, 191,

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Liegende gewesen dio eigene Frau zuopfern, was aber erst auf höherer Kulturstufe vorkommt, statt dessen werden gerade bei den philippinischen Stammen immer Eremde geopfert.

Wir können dieso Menschenopfcr also unmöglich durcii das Bedürfniss an Sklaven oder sonstiger Gesellschaft im Jenseits erklüren.

Es bleibt uns jetzt blos noch eine Hypothese übrig, wclche uns die wahrscbeinlichste vorkommt. Das Töten von beliebi-gen Fremden hat den Zweck den über sein Hinscheiden erbösten Geist des Verwanten zu beruhigen, zu trosten1). Das eigentliche Motiv dieser Monschenopfor ist also die vorgestellte, ungerichtete, blinde Eachsucht des Toten, welche die Verwanten zu bofriedigen suchen aus Furcht hauptsiichlich, dass sie sonst sie treffen würde, aus verwantschaftlichem Mitgefiihl ein wenig ebenso, und wohl ■/ai einem guten Teile aus spontaner, eigener Wut über den Verlust des Verwanten. -

quot;WTr wollen versuchen, ob wir in dieser Weise alle die betref-fenden Erscheinungen erklaren können.

Nachdem Blumentritt das oben Mitgeteilte über die Indiër der Conquista gesagt bat, fahrt er fort: „jeder Angehörige eines fremden Tribus, mit dem sie nicht speciell befreundet waren, wurde, wenn er das Unglück batte, den Eachern zu begegnen, niedergemetzelt. Offenbar sollten die auf solche Weise gefallenen Fremdlinge detn Gefallenen als Sklaven im Jenseits dienen, die Zabl derselben sollte ihm Ersatz für das zu frühe Hinscheiden bieten.quot; Also audi ein Ersatz für den Tod, eine gewisse Eache! Aber blos in unserer Weise allein liisst sich das Folgende erklaren. „Daher auch der Eifor der Hinterbliebenen, welche ganze Tage und Nachte zu Wasser und zu Lande herumschwarmten, bis sie soviele Leute erschlagen hatten, als den Manen des Erschlagenen

l) Wie geoignet solche blinde Rache dazu sei, gcht wohl auch daraus hervor, dass die Solomoti-Insulaner einige Emopiter Uiteten urn einen kranken Ilanptling, der nach Jedem mit Speercn warf, zu beruhigen (riomilly: Western Pacificquot;; S. 73). Sie wussten schon woinit ihm gedicnt sei, der in böser Laune mit Spee-ren warf; man denke sich ihn nun tot, also in constanter büser Laune wegen seines Absterbens!

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nach ihrem Wahne gonug erschienenquot; Woher die Wut, wenn blos Sklaven mitgegeben wurden?!

Völlig init unserer Auffassung übereinstimmend ist auch die foigende Notiz: „die hcidnisehen Stiimrae der Apayaos, Itotapa-nen, Mayoyaos, Ifugaos, Igorroten, Ilongoten, Manobos etc. brin-gen den Manen der Verstorbenen die Schadel der erschlagenen Feinde zum Opfer darquot; 1).

Karakteristisch in hohem Grade ist auch foigende Mitteilung. „Mozo erwühnt von den Apayaos-, „Diese Barbaren haben die Sitte ihren Verstorbenen zu Ehren, und zwar nicht allen überhaupt, sondern nur den Hauptlingen und anderen Personen, denen sie Ehrfurcht zeilen, eine Leichenfeier zu veranstalten, und weii sie glauben, dass deren Manen am Menschenblut besonderes Wohlgefallon finden, so trachten sie diesem Verlangen bei einera Todesfalle dadurch nachzukomraen, dass sie je nach der hervor-ragenden quot;Wiirde, und dem Ansehen des Verstorbenen so und so viele Leute tödten.quot; Mozo erziihlt dann weiter, dass, um eben das Letztere zu erreichen, sie heimlich in den Waldern herum-streifen, bis sie Wanderern begegnen, welche von ihnen vom Hinterhalte aus angegriffen und dann mit Lanzenstichen getödtet werden: „1st dies vollbracht, so schneiden sie (den Erschlagenen) unter Jubelgeschrei die Köpfe ab; wahrend der Leichnam liegen gelassen wird, nehraen sie die Köpfe mit und legen sie rings um den Todten herum.quot; Schliesslich werden diese Scluidel dem Toten mit in das Grab gegeben. Aehnliches wird von den Guinanen, Ifugaos, Ililaos, Mayoyaos, und Ilongoten berichtet, nur wird von jenem Branche nichts erwiihnt, nach welchem die Apayaos die Schiidel der zum Totenopfer meuchlings niedergemetzelten Fremd-linge mit der Leiche ihres Stammesgenossen zugleich bestatten. S. Mas berichtet von den Manobos der Insel Mindanao: „Wenn in diesen Bergen ein Familienglied stirbt, so geschielit es sehr hilufig, dass sic in den quot;Waldern herumschweifen, um den ïodten-

1

L.c.: S. 153.

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3-i5

fall zu sühnen, was in der Weiso vollbracht wird, dass sie den ersten Bosten, der ihnen in den Weg koramt, tüdtonquot; i).

Dies Alles liisst sich leicht verstellen, wenn man unsere Auf-fassung anhangt, sehr schwer wenn in dem Totenopfer blos dio Beschaffung eines Sklaven fiir das Jonseits gesehen wird 1).

Dass in unseren Quellen fortwahrend gelogentlieh dieses Toten-opfers von Kache gesprochen wird und von der Befriedigung wenn endlich ein Beliebiger ermordet wurde, deutot ebonso auf ein intonseres, irapnlsiveres und mehr eigenes Streben als das dem Toten eine ziemlich nnnütze Begleitung zu verschaffen.

Dass spiitor das letztere Motiv wirklich wirksam gewesen zu sein scheint, widerlegt unsere Auffassung keineswegs. Da und wo einmal dio Sklaverei Sitte geworden, die Würde eines Vor-nehraen nach der Zahl der Sklaven in seinem Besitze bemessen wurde, raüchte es für einen solchen unentbohrlich erscheinon Sklaven auch ira Jenseits zu besitzen, durch deren Opferung wurde dann die Seele des Toten geschmeichelt und zugleich befriedigt, beruhigt.

Karakteristisch für unsere Auffassung ist aber, dass Sklaven nur boim Tode Vornehmer getötet wurden, dagegen beliebige Personen bei jedem Todesfalle in Vólkern, wo es noch keinen Unterschied zwischen Reichen und Armen gab.

Das Beschaffen von Sklaven und Begleitern an die Seele kann also das ursprüngliche Motiv bei den wenigst entvvickelten Vólkern nicht gewesen sein, dieses war kein anderes als das Be-streben die durch seinen Tod erzürnto Seele des Verstorbenen durch Ermordung eines Anderen zu trosten. Die Befriedigung der Rachsucht des Toten war der Zweck 3). — Wenn man behauptet.

1

Hieraus lasst sich auch erklaren, dass die Totenopfer öfter möglichst grau-sam vollzogen werden müssen, s. oben S. 230: bei den Dajaken, je mehr Schmerz das Opfer leidet, je froher wird die Seele.

Ist es nicht wahrscheinlicli, dass alle Opfer von Menschen an die Gbtler, vor

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die Absicht könne doch auch gewesen sein dem geliebten oder gefiirchtoton Toten das wertvollste Opfergeschenk, einen Menscben, zu bringen, so antworto icb, dass erst bei entwickelter Sklaverei ein (wenn auch im Jenseits) lebender Mensch ein willkommnes Geschenk werden konnte. Was sollte der Geist, bevor der Nutzen der Sklaverei ihm ira Leben klar geworden, mit einem anderen Geiste anfangen? Nein, der erzürnte, gefiirchtete Geist wollte Kache, Schadenfreude sollte seinen Neid gegen die Lebenden be-ruhigen. Dass neben diesem Totenopfer von keiner eigenen Rache der Verwanten an den vermeintlicben Verursachern des Todes-falles die Rede ist, wird, sonst unerkliirlich, jetzt auch klar. Die Ermordung eine beliebigen Menschen zur Befriedigung der vor-ausgesetzten Rachsucbt des Toten löschte natürlich auch die eigene. Daher und aus der Furcht vor dein Zorne des noch un-befriedigten Toten erkliirt sich ibr Feuereifer in dem Aufsuchen eines Opfers.

Dass bei einigen Völkern, durchaus nicht bei Allen, gerado die zufalligen Betreter des Grabes getötet wurden, scheint mir eine Abschwachung der ursprünglicben Sitto zu bedeuten; man fing an die Tötung eines völlig Beliebigen doch etwas schlimm zu findon, deshalb beschrankte man sicli auf die quasi Grabesschander, und vielleicht auch wurde in der Betretung des Grabes eine Art mysteriöser Anweisung dos Schuldigen au dem Tode gesehen, wie es ja sonst in jeder möglichen VVeise geschieht.

Aus der Mitteilung dass bei den Bukitnon diese Ermordung durch Blutrache gefolgt wird, ersehen wir, dass, wenn nur der Thilter genau bekannt ist, nicht mebr in dem Totenopfer Befriedigung gesucht wird, sondern dass in dem Falie schon echte Blutrache entsteht, — wenn nicht diese Aussage etwas zu sehr abgerundet wurde und thatsiichlich blos der neue Todesfall einen ganz gleichen Opfermord nach sich zog. Unsere Quellen sind gar

Allem wenn mit obligater Grausamkeit vollzogen, Derivate dieser blinden, unge-richteten Rachsucht der Menschen wie der Toten, natürlich ebenso in den Göttern vorausgesetzt, seien? Man denke an die grausamen Menschenopfer der Mexicaner Nad.iillac: „L'anthropophagiequot;, Hev. d. d. M. 1S84: S. 413 scq., und spec. 430.

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zu kurz unci oberflachlich; wir haben über diese Erscheinungen koinen einzigen befriedigend ausfiihrlichen Bericht.

Die Vorsichtsmaassregeln der Dumagas, damit nur Keiner das Grab betrete und getötet werden müsse, bedeuten, dass in diesera Falie die innere Grundlage der Sitte noch bestand, da doch schon aussere Umstande, kraftigere Nachbarn z. B., die Ausübung der-selben unerwünscht machten.

Bass bei den Igorroten für den verstorbenen Mann gerade ein Mann, für das Kind ein Kind u. s. w. geopfert wird, und nicht, wie doch bei dieser höchst irrationellen Rache zu erwarten wiire, blos drauf los gemordet wird, mag seinen Grund darin haben, dass man aus Furcht vor der Rache der Nachbarstamme seine Racheforderung so niedrig möglich steilte, oder aber darin dass hier die eigene Rache der Verwanten auf den Vordergrund trat und diese eben den Schmerz ihres Verlustes durch das gleiche Quantum Schadenfreude wett machen wollten, und natürlich steilten sie sich denselben Gedankenverlauf von dem Toten vor.

Nach unserer Auffassung ist das Totenopfer der philippini-schen Stamme die ungerichtete, subjectiv-impulsive Rache des vorigen Paragrafen, doch hauptsachlich zura Vorteile, ja fast ira Auftrage der Toten ausgeübt. Vornehmlich als Folge veranderter socialer Verhaltnisse musste sich das Bestreben entwickeln diese blinde Rache etwas weniger gefahrlich für die Kachbarschaft zu machen, was zu verschiedenen Reductionen fiihrte, entweder wie bei den Maguindanaos „beschriinken sich die Beerdigungsfeier-lichkeiten darauf, dass der Priester über dem Grabe einem Huhn oder einem Hahn den Kopf abschlagt und diesen unter religiösen Sprüchen verbrenntquot; 1), oder aber wie bei manchen anderen Stammen werden nur Sklaven am Grabe geopfert2).

Bis jetzt haben wir nur auf die oben angeführten philippini-schen Falie Acht gegeben, wir wollen jetzt auf die australischen

•1) Blumentritt l.c. Ausland 1893: S. 889. 2) Blumentritt: „AtmencuUugquot;; S. 151 seq.

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unsere Aufmerksamkeit richten, welche oberfliichlich von den ersteren weit unterschieden scheinen.

Was Grey von den West-Australiorn mitteilt, ist sehr interessant. Wenn die Racbe an dem Mürder nicht gelingt, wird der erste Beste, und wenn es ein Kind wiire, getötet: bei Unmöglich-keit der Blutrache Rückfall auf die ungericiitete, blinde Urrache welche wenn praktisch aucli ziemlich nutzlos doch eine gewisse Bcfriedigung gewahrt.

Bei den King-George-Sound-Eingebornen finden wir genau die-selbo Erseheinung wie bei den philippinischen Stammen, wahrend das erst Angeführte von dem Cammarray-Stamme sogar reine Urraclie bildct und im vorigen Paragrafen eine Stelle hatte finden können.

Die weiteren Fiilio des Cammarray-Stammes, von Neu-Süd-Wales, vom Wellington-Stamme (beim ïode daheim), der Tasma-nier stimmen darin überein, dass nach einem Sterbcfalle Verwanten oder Freunde durch die niichsten Verwanten des Verstorbenen mitunter schwer gezüchtigt werden.

Wie liisst sich dieso sonderbare Erseheinung erklilren? Unter-suchen wir zuerst die beiden rationalistischen, von Hale und Collins aufgeworfenen Hypothesen.

Halo meint, die nachstverwante Frau könne für den Tod eines Mannes verantwortlich gemacht werden, weil die Frauen üfter ihre grausamen Miinner vergiften; es sollte dies also bei jedem Todesfalle prasumirt werden. Wiire dies aber der Fall, so hatten die Verwanten die Frau aber gewiss getötet, und ausserdem erfahren wir aus keiner anderen Quelle, dass die Miinnervergif-tung durch die Frauen bei den australischen Stilinmen so hiiufig sei. Und dazu finden wir neben der Züchtigung der Frauen auch die von jungen und alten Mannern, wodurch der Hale'schen Erklarung wohl der ïodesstoss versetzt sein müchte.

Dass eine Vernachliissigung dos Kranken seitens seiner Verwanten vorausgesetzt wurde, und dass diese daher gezüchtigt werden, scheint ebensowenig die rechte Erklarung dieser Erschei-nungen zu enthalton. Es goht dies schon aus den beidon letzten Grilnden hervor, welche uns zn der Verwerfung der Hale'schen

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Erkliirung führtea. Und ausserdera könnto diese Erklilrung doch jedenfalls niciit in allen Fiillen aufgehen, namentlich nicht da wo gar nicht mit dor Pflege beauftragte Porsonon gezüchtigt werden, wie in unseren Beispielen aus Neu-Süd-Wales und in dem letzten von Hale angeführten.

Auch würde in dieser Weise der ganze Zusammenhang mit den Beispielen aus West-Australien und vom King-George-Sound hinfallen, welcher doch bei unbofangener Lecture der ganzen Serie so wahrscheinlich scheint.

Die beiden Hypothesen sind durchaus nicht im Stande zu erkliiren, dass wir hier mit einer Sitte zu thun haben, deren Befolgung als Pfllcht gefüldt wurdo, wie doch aus don Aussagen Collin's, Angas', Bonwick's und Hale's vor Allom deutlich hervorgeht.

Die einzig mügliche Erkliirung scheint mir hierin zu liegen diese Ersclieinung als ganz eng verwant mit der behandolton philippinischen zu betrachten. Dio schon erörterten Falie von West-Australien und King-George-Sound zoigen den Zusammenhang sowohl mit jenen als mit denon des vorigen Paragrafen ganz deutlich auf. Ich glaube, dass wir hier mit einer weitoren eigentümlichen Reduction derselben Sitto zu thun haben.

Der ïod durch Krankheit, d. h. dor von dom kein Tlmter offenbar bekannt ist, muss geriicht werden; dio Verwanten suchen diese Hebung ihres deprimirten Gefühls und der Geist des Toten wird erst recht vorausgesetzt dieselbe sehnlichst zu wünschen. Die Eingebornon am King-George-Sound stehen noch auf dieser Stufe. Wir können uns nun den weiteren Verlauf folgonder Weise denken. Wenn irgend ein Grund vorlag ausserhalb des Stammes den Schuldigen zu suchen, wie in dem Wellington-Stamme wenn der Mann in einiger Entfernung von seinen Freundcn starb, so wurdo entweder uur irgend ein beliobiger Fromder getötet oder es wurde durch Zaubermittel die Schuld irgend Einem aufge-biirdet (wie im selben Stamme, und unten werden wir noch andere Beispiele hiervon anführen). Wenn aber zu diesem Ver-muten gar kein Grund vorlag, so entlud sich die Wut auf den ersten besten, am liebsten etwas schwachen Stammesgenossen,

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also besonders auf Prauen, Kinder und alte Leute. Wenn man einwirft, dass solche Rache an Stammesruitgliedern docli alien unseren Vorstellungen von der Blutraelie schnurstraeks entge-genlaufe, so erwidere ich, dass diese Vorstellungen eben viel zu eng und schematisch sind.

Im zweiten Bande führen wir eine ganze Menge von Beispielen der Rache an Genossen an, im merkwürdigen Volke der Goajiro ^ zahlt vver sich verletzt hat den Stammesgenossen eine Entscha-digung fiir ihr Mitleid; die Rache an der eigenen Fran fiir ihre Vergehen und an jungen Leuten fiir zu freien Umgang mit der Fran oder rait Töchtern oder Schwestern sind vor Allera in Aus-tralien durchaus keine Seltenheit. Und die letzteren Kasteiungen sind gewöhnlich ansserordentlich derb.

Von dieser Seite hat also die Rache fiir den Tod an den eigenen Genossen nichts Befremdendes, jedenfalls nichts Unerhörtes.

Zu dieser Beschriinkung der ürrache auf die Angehörigen kann auch die Furcht vor der raöglichen Rache seitens fremder Stiimme beigetragen haben. Das Folgende enthiilt einen merkwürdigen Beleg dieser Furcht. „(Die zu der Buny-Bunya-Ernte in Queensland) Zugereisten werden schliesslich von unwiderstehlichem Drange nach Fleischnahrung befallen,quot; und da sie nicht auf dem Gebiete ihrer Gastfreunde jagen dürfen, ohne einen Krieg herauf-zubeschwören, so ersehen sie aus ihrer Mitte einen zum Schlacht-opfer aus und „stillen mit dessen Fleisch ihre Begierdequot; 1). Wenn dies müglich, kann uns die Züchtigung einiger Genossen, und zwar meist schwacher, nicht melir Wunder nehmen.

In unserem zweiten Bande finden sich auch noch mehrere Spuren dieser Furcht vor den zahllosen Gefahren und schlechten Folgen der Blutrache 2).

Dass aber die Genossen und Verwanten sich dieser Züchtigung unterwarfen, raag darin seinen durchaus genügenden und ein-leuchtenden Grund haben, dass auch sie die Rache, die Wut dor

1

P. Bergemann: „Die Verbreitung der Anlhropophagie,quot; (1893): S. 30 nach Grelïrath.

2

S. 47 N. 2, 45 seq., IS seq.

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Geister gar sehr fürchteten, wie wir ja obon von allen Austra-liern sahen. Der Zorn des Geistes würde die ganze Sippe treffen und, wie beim machtigen Geist nicht anders zu erwarten, maass-los sein. War es dann nicht besser sich der Züchtigung der lebenden Verwanten ohne Murren zu unterworfen, welche doch aus Stammes- und egoistischen Rücksichten maassvol ausgeübt wurde ?

Dass aber die quot;Wut resp. die Rachsucht der Lebenden sich zu gleicher Zeit durch diese Züchtigung befriedigte, mag dieselbe bisweilen ein bischen zu heftig gemacht haben, wie unsero Bei-spiele zeigen. Die Lust den Zorn des Geistes müglichst gründlich zu beseitigen hatte selbstverstiindlich dieselbe Folge. —

Ein anderer Beweis fiir die Richtigkeit unserer Auffassung ist die Grausamkeit in der Opferung der Sklaven am Grabe welche nur ein „survivalquot; der Wut der Rache sein kann, und welche uner-kliirlich ist, wenn die Absicht vom Anfang an keine andere gewesen ware als dem Toten Begleiter uud Sklaven mit zu geben 1). —

Die Zweikampfe auf dem Grabe bei den Nicobaresen und don Papua der Macklay-Küste sowie bei den Kaukasusvölkorn sind wohl auch nichts anders als eigentümliche Formon der Rache-besorgung fiir die Toten, aus denselbeu Grimden auf die Ver-

1

Bei den Fisch-Indianern Britisch-Columbia's werden Sklaven geopfert aus Stolz, bei Krankheiten und um Bediente im llimmel zu haben; karakteristisch ist aber dass ihre Ermordung mit furchtbarer Wut wie in Raserei stattfmdet; sollte dies kein „survivalquot; eines früheren unbestimmten Rachemordes sein, ehemals natürliche Praxis, jetzt (da die Sklaverei aufgekommen) nicht langer motivirte Ceremonie? — Mayne: S. 284, 285.

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wanten beschrünkt und von diesen geduldig ortragen. Das von Svoboda und Kovalevsky angegebene Motiv ist die spatere symbolische Deutung der alten Sitte. Doch scheint mir der Papua-Gebrauch eher eine Fortbildung der philippinischen Sitte zu sein: die Kampfenden sind ja nicht aus demselben Dorfe; wahrschein-lich wurde ehomals Einer von ihnen zur Rache bei jedem ïodes-fallo im benachbarten Dorfe ermordet; jetzt ist dieser Mord an einem Beliebigen zusammen rait der daraus hervorgehenden Blut-rache zu einem geregelten duellartigen Karapfe auf dem Grabe réducirt. Die Gründe dieser Evolution sind wahrscheinlich dieselben, welche wir im zweiten Bande nachweisen überhaupt die Umwandlung des Kampfes in Zweikampfe verursacht zu haben.

Die Worte „ce sang est pour toi,quot; welche Kovalevsky erwiilint, lassen diese Deutung auch eher als die von ihm vorgeschlagene '/ai, diese hatte ganz andere Worte inspiriren müssen. Und laut spricht für unsere Meinung die Thatsache, dass in einigen Gegen-den Daghestans, wie oben berichtet, noch der Erstbeste der Rache für irgend einen natürlichen Todesfall geopfert wird. Kovalevsky führt auch nicht einen Beweis für seine symbolische Deutung an.

Wenn wir nun aber im Lichte unserer Erörterungen die im Indischen Archipel nicht seltene Sitte betrachten, beim Tode eines Verwanten einige Köpfe zu sclmellen, so drilngt sich die Vermutung auf, dass der ursprüngliche Grund auch dieses Gebrauchs kein anderer war als der von uns angegebene: die Beschwichtigung des Zornes des Verstorbenen wegen seines Absterbens und dazu die Hebung des eigenen Gefühls durch eine ebenso ungericbtete Rache, eine doppelte Racheübung also, auf eigene Faust und auf Rechnung, im Auftrag so zu sagen des Toten (ebenfalls im eigenen Vorteil vollzogen, weil sie doch seinen Zorn abwendete).

Es findet sich diese Sitte bei den folgenden indonesischen Vólkern: Madang und Uahau Dajahen in Kutei beim Tode der niichsten Verwanten, Alfuren der Minahassa beim Tode eines Hauptlings, Topantunuasu Central Celebes' ebenfalls beim Tode von Hiiuptiingen und Vornehmen, To-radja beim Tode von Verwanten, Ceramern beim Tode von Hiiuptiingen und Vornehmen

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Soloresen zur Reinigung der negorie nach einer Epidemie, Lom-bokJcern und Balinesen früher in derselben Absicht i).

Wilken lasgt alle diese Menschenopfer aus der einzigen Absicht hervorgehen dein ïoten Begleiter resp. Sklaven und Diener mit zu geben in das Jensoits -).

Jedenfalls im Falie der Soloresen \vo die Köpfe zur Reinigung des Dorfes nach einer Epidemie geschnellt werden, ist die Absicht offenbar die erzürnten Geister der Ahnen, welche die Krank-heit verursachten, zu beschwichtigen; nun könnte dies allerdings durch das G-eschenk von Sklaven geschehen, doch wird von dieser Absicht nicht gesprochen; und es ist jedenfalls ebenso luöglich dass Menschenmord den Zorn der Geister zu diimpfea gedacht wird, genau wie dies bei den Lebenden der Fall ist, deren Bedürfnissen die der Toten ja völlig analog vorgestellt werden. Um so wahrscheinlicher wird dies weil ebenso Kopfschnellen in Verbindung mit Blutrache gefordert wird, wenn Leute ermordet wur-den, dann sind aber die Leichen der Feinde die Objecte 1). Wahrend die erst genannte Sitte auf Andonare herrscht, wird auch andersvvo bei Krankheiten in der negorie den Toten Rat gefragt und werden ihnen Geschenke angeboten2). Die Sache liisst sich also schwerlich in die eine oder die andere Richtung entscheiden und es ist klar, dass ein Geschenk von Sklaven natürlich auch geeignet ist die bösen Geister um zu stimmen und zu befriedigen, eben-sowohl wie die Vollziehung einer Rache oder, wenn man will, die Ermordung Fremder 3). —

1

Kluppel: „Solor-eil.quot; : S. 390.

2

Kluppel: S. 394.

3

In Codrington lesen wir von einein Manne auf Florida dessen Sohn starb, „and he made a vow that he would kill a man for him.quot; Ein gefangener Knabe, lahm und halb blind, wurde ihm verkauft, und er opferte den Knaben an Hauri,

23

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Sehr interessant und durchaus eine Bestïitigung unserer Theorie ist, was Gerland nach Du Bois raitteilt; „Wird hti. Asn Lampongs ein Mann von höhercm Range durch einen Geraeinen oder gar einen Sklaven umgebracht, so hiilt man dies fiir einen so grossen Schimpf, dass diese That nur durch einen Eaub und Mordzug gesühnt werden kann, der meist nach einem abgelegenen Dorfe unternommen, hauptsachlich die Erbeutung von Feindesköpfen ais Trophaën bezweckt — eine Art der Rache (Gerland nennt sie sehr richtig so) die den Malaien eigenthümlich und bei vielen Völkern dos indischon Archipels noch bis auf den heutigen Tag in Übuug istquot; — Wir haben hier die ideale ürrache zum Behuf eines Verstorbenon im Falie grosser Wut, die gerichtete Rache, ara Schuldigen, genügt dann nicht, grössere Befriedigung, kraftigere Hebung des Selbstgefühls des Toten sowie der Verwanten sind nötig. Das Beispiel künnte nicht reiner und treffender sein.

Fiir unsere Ansicht spricht weiter unseres Erachtens dieThatsache sehr laut, dass die sehr primitiven malaiischen Stümme der Phi-lippinen, welche nicht einraal Sklaven besitzen, eben deshalb nur in der von uns vorausgesetzten Absicht geliandelt haben kunnen, was durch den Wortlaut der betreffenden Berichte bestatigt wird, — die weiter vorgeschrittenen indonesischen Völker übten die Sitte deshalb wahrscheinlich anfangs mit deraselben Zwecke aus, nur wurde nach dem Auf koramon der Sklaverei ein anderer, praktische-rer, die Beschaffung von Sklaven im Jenseits, ihr untergeschoben.

Mehr Beweise fiir meine Ansicht hoffe ich, dass sich aus dem tieferen Studium dieser Erscheinungen bei allen den betreffenden Völkern ergeben werden, doch gestehe ich ver der Hand keine andere selbst beibringen zu kunnen 1).

1

Tote, der nicht durch Menschenhand fiel, veiiangte auf der Stufe kannibalis-

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Hiichst wahrscheinlich bleibt es mir aber, dass wenigstens die Mensclienopfer in den Formen die wir jetzt studirten und ibre Derivativa (regulirte Kampfo, Züchtigungen Vorvvanter, Kopfschnel-len) ursprünglich zum Zweck batten den Zorn des Verstorbenen über sein Absterben zur erhühten Sicherbeit der Verwanten zu be-schwichtigen, wofern sie, weii der Mord an sicli, an einem Belie-bigen vollzogen geuügte, zur ürracbe gerecbnet werden dürfen.

AVas die relative Massigung betrifft, welche wir in dieser Racbe-übung vielfacb fanden, so lasst diese sich hauptsacblicb dadurch erklaren, dass diese Racbe vor Allem zum Bebufe der Geister geiibt wurde und bekanntlich mussten diese bald mit allerhand Reductionen vorliebnelimen. Die Züchtigung der Verwanten lasst sich in dieser Beziebung mit dem Haaropfer, der Aderlassung u. s. w. zum Frommen der Toten vergleicben, welche doch zwei-felsobne als Reductionen früherer grösserer Opfer betracbtet werden dürfen, oder aber als symbolische Abfindungen ').

§ 4. Aufsatlelung des Verbrechens. Auswahl eines Rache- Objelites nach uneigentlichen Kriterien.

Wir haben bis jetzt die Rache an völlig Unschuldigen, in der Sache in keinerWeise bezogenen, nicbt einmal schuldig vermeinten

tiso.her Lebensweise nach Menschenblut, und bestand ilarauf, auch als die Menschen aufhörton Kannibalen zu sein, Die Konsequenz ist, dass der Naturmensch bei jedem Todesfalle den Geist nichl für versöhnt halt, bis er fur ihn Menschenblut vergossen bat. Das Gebiet, wo er solches suchen kann, ist der erste beste Nach-barstamm, den keine Rechtsbeziehung vor solchen Einfiillen schützt.quot; Das ma-laiische Kopfjagen führt Lippert auch hierauf zurück („Kulturgeschichtequot; II: S. 327). Den Zusammenhang mit der eigenen Rachsucht deutet er nicht an und er betrachtet die ganze Erscheinung nur vom Standpunkte des Kultes.

1) Andree; „Ethnographische Parallelen und Vergleichequot; (1878) -. S. '149 seq.: die hier erwiihnten Selbstverstümmelungen und das Absclmeiden eines Finger-gliedes vom zweiten Kinde durch die Muiter, nachdem das erste gestorben war, sind gewiss Ersatzopfer an erzürnte Geister, welche eigentlich mehr forderten, die man aber so abfmden zu können meinte. Siehe: Tylor II: 400 seq., und Wilken „Haaropferquot; II: S. 08 seq.

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Objecten betrachtet. Der nachste Schritt besteht darin, dass dooli einigermassen das Object der Rache vorher bestimint wird; irgend eine Beziehung zu dein Objecte wird vorher festgestellt. Der Unterschied mit der ausgebildeten Vermittelung des wirklich causal schuldig Erachteten mittels der Divination, des Gottes-urteiles ist iimnerhin ein grosser, sehr deutlicher; diese ist ja nur ein Notmittel, wenn der Thiiter welcher principiell gesucht wird, in natürlicher Weise zufeillig mal nicht aufgetrieben werden konnte. In diesem Falie wird auch stets vorausgesetzt, dass der Tod wirklich durch Erraordung, wenn auch mit Benutzung ven Zaubermitteln, stattfand. Über diese Gottesurteile sprechen wir nicht weiter, weil sie in die Geschichto der primitiven Procedur hineingehören, mit der Evolution der Strafe an sich nichts zu schaffen haben 1).

Mallat berichtet von den Negritos der Philippinen, wie nach jedem Todesfall ein Freund oder ein Vcrwanter des Verstorbenen einen oder mehrere der Indianer, ihrer Erbfeinde, deren Zaube-. reien sie den Todesfall zuschreiben, tötet 2).

Von den Khyoungtha von Chittagong sagt Lewin: „it is the practice among them on the death of any member of the village to saddle it upon some village, which he may lately have visited and to demand a certain price for his lifequot; s).

Von den Dacotah berichten uns zwei Autoritaten: „when a Dacotah dies, it is attributed to some one of another clan, revenge is sought by the relations of the deceasedquot; *).

Jede Krankheit und fast jeden plötzlichen Tod schreiben die Fisch-Indianer Britisch-Columbia's der Vergiftung oder der Ver-zauberung durch boshafte Individuen zu; die Verwanten machen einen Sklaven oder irgend einen Fremden oder Jemand, mit

1

Siehe hieriiber meinen Aufsatz; „Eine neue Theorie über die Entstehung des Goltesurteils,quot; Globus 1894, LXV: S. 105 seq.

2

Mallat II: S. 94.

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welchem der Tote zuletzt zwistete, verantwortlich, und diese Person wird jedenfalls gotötet').

In Dieyrie-Stamme nennt nach einem natürlichen Todesfalle jeder Genosse seinen eigenen Feind, und derjenige, welcher dabei die meisten Stimmen erhalt, gilt als Urheber des Todes und wird durch die Pinya, die erwahlten Eacher, getötet2).

Wenn im Wellington-Stam me „a man perishes of disease at a distance from his friends, his death is supposed to have been caused by some sorcerer of another tribe, whose life must be taken for satisfactionquot; 3).

Taplin erzahlt von den Narrinyeri, wie sie jede Krankheit eine Folge bösen Zaubers glauben und strenge Kacho am vermeint-lichen Thater und seiner Familie nehmen 4).

Aus diesen gar wenigen von uns aufgefundenen Fallenpvird der oben schon angedeutete Unterschied mit der Entdeckung des vermeintlich wirklichen Thiiters schon deutlich. Der Unterschied von der bis jetzt von uns behandelten Kache besteht aber darin, dass doch nicht geradezu der erste Beste ohne irgend eine vor-hergehende Anweisung getötet wird.

Eine Anweisung findet Statt, nur ist dieselbe derart vage und fliichtig, dass wir sie nicht als ein Zaubermittel zur Aufdeckung des wirklich Schuldigen betrachten können.

Die zwei Umstande, welche diese Erscheinungen karakterisiren, sind einerseits die Thatsache, dass diese Aufsattelung blos bei natürlichen Todesfiillen stattfindet, und andererseits die, dass bei allen diesen Vólkern der Glaube besteht, dass gerade diese natürlichen Todestiille, wo keine ihnen deutlich erkennbare Ursache wio Mord odor ünglück vorliegt, durch Zauberei herbeigefiihrt werden. Diese Kache ist also keine völlig ungerichtete Urrache mehr: sie wird an einem als Thater Angewiesenen vollzogen. Doch be-kommen wir gerado durch die Natur der benutzten Anweisungs-mittel nicht den Eindruck, alsob der Angewiesenc wirklich als

1) Mayne: S. 291.

2) Gason in Guit II: S 52, 53.

3) Hale: S. 115.

4) Woods: S. 25.

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der Thiiter betrachtet wird, es scheint vielmehr eine Anweisung des Objectes der Eache als des Thiiters -vorzuliegen; ira Beispiele vora Dieyrie-Stamrae ist dies ohne Weiteres auffallond deutlich: am raeist Gehassten wird ja Racbe genommen 'j. Die Fisch-India-ner, Negritos und Khyounghta illustriren, wie eine ganz leichto Beziehuug genügte um zuni Objecte dor Racho auserwahlt zu werden: ein Object rausste da sein, dio leiseste Association reicbte aus um der Eachsucht eine gewisse Richtung zu geben. Bei den Dacotah, den Narrinyeri und dem Wellington-Stamme werden wir völlig im Dunkeln über die Art dieser Association gelassen; wir dürfen sie aber den anderen iihnlich voraussetzen.

Worin baben wir nun aber die vis agens dieses Portschrittes über die vorige Stufe hinaus zu erblicken ? Es liisst sich diese in dem mitgeteilten Materiale nicht entdecken; wir müssen sie also blos in dem allgemeinen geistigen Fortscbritte enthalten annehmen. Von Bedeutung könnte allerdings auch der Umstand gewesen sein, dass die Bevölkerung in der Umgebung des be-treffcnden Stammes zngenommen und sich in fester gegliederte Gesellschaften eingeteilt batte. Damit wurde die völlig ungerichtete blinde Eache etwas zu geftlhrlich, durch den engeren Verkehr mit manchen der umliegenden Stammen auch weniger erwünscht, und endlich wurde so der Hass und die Furcht öfter einem ganz bestimmten Stamme zugewandt, von welchem alles Übel erwartet und an welchem es dementsprechend geriicht wurde. Mehrere Ausdrücke unserer Quellen deuten auf einen solchen Zustand bin. Wir finden hier den Stamm als Object sowie als Subject der Rache bezeichnet, was höhere Organisation andeutet, und eine Ursache, Begleiterscheinung und Folge hiervon muss dio höhere geistigo Entwicklung gewesen sein, welche zur Einsicht des Nut-zens der gerichteten Rache führte.

Solange aber die Überzeugung von der Gewaltsamkeit eines jeden Todes bestand, musste selbstverstiindlich an Unschuldigen Rache geübt werden; diese konnten aber völlig Unbestimmte, die

1) Auch l.etourneau berichtet von einem australischen Stamme, welcher den natürlichcn Tod eines Mitgliedes rachl, „généralcment sur une personne apparte-lianl a un clan ennemi on livalquot;, L. c.: S. 31.

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orsten Besten sein, wie im vorigen Abschnitte, oder vage und willkürlich bestimmte wie in den jetzt von mis behandelten Fiillen. Jene Überzeugung an sich erkliirt unsere Erschoinung also kei-neswegs. — Liesso sich nicht vielmchr die Vermutung aufwerfon, es künnte jene Überzeugung selbst erst eine Folge von dem allgomei-nen Bedürfniss an Kache gewesen sein? Für jeden grossen Schmerz, vor Allera für joden ïodesfall eines Verwanten wurde Radio an irgend Einom verlangt: die ungeordnetcn socialen Yerhaltnisse auch in der ümgebung, die impulsive Wut welche schnelle Erhebung des Selbstgofühls forderte, das geringe Mitleid vor Allem Fremden gegenüber welches diese Eache zuliess, die geringe praktische Überlegung welche nicht einsah, dass blos die Rache am Schuldigen etwas nutzen konnte, alle diese Urastilnde verursachten dies. Diese unbestimmte, allgemeine Rachsucht lies aber eine allgemeine Furcht aufkommcn, welche in Jedem die mügliche Ursache eines Übels erblickten musste; dann brauchte es aber nur eine ganz geringfügige Veranlassung urn das Rache-object mihor zu bestiramen.

Um alle diese Erscheinungen richtig zu verstollen und zu würdigen, muss man sich von dor Wahrheit durchdringen, dass die ganze primitive Rache nur wenig von dem Bestrebon erfiillt war Schuldige einzuschüchtern und unschadlich zu machen, son-dern vielmehr blos von dem Verlangen sich selbst direct Genug-thuung zu verschaffen, das eigne Gefühl dadurch zu heben. Es geht dies aus allen den von uns behandelten und noch zu be-handelnden Erscheinungen mit zwingender Deutlichkeit hervor.

Dem Strobcn nach Gcnugthuung des eigenen Gefiihls kann aber das Aufsuchen des causal Schuldigen relativ gleichgiltig sein, es war ja blos eine That erforderlich welche das Selbstge-fülil zu heben, auch in den Augen Anderer die Ehro wieder zu geben, geeignet war.

Dio Ethnologen haben bis jotzt zu ausschliesslich das eigen-tümlicho Gedankenleben der Naturmenschen berücksichtigt, ihr nicht weniger vom unserigen abweichendes Gefühlsleben wurde aber vernachliissigt. Das unbestimmte, impulsive Rachebediirfniss musste ebensowohl als die Theorie, dass jedes tjbel einen Men-

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schen zum Urlieber hatte, zum Toten von beliebigen Unschuldi-gon und kaum eigentlich causal schuldig Geglaubten führen, ja es spricht Vieles dafür, dass jene Praxis diese Theorie erst zu Tage förderto: die Theorie ein Ausfluss und eine Rechtfertigung der Praxis, was bei den denkfaulen, impulsiven Wilden kaum erstaunlich ware. Diese Theorie befriedigte das prim are Rache-bedürfniss besser als eine, welche böse Geister oder Naturmachto als die Verursacher des Todes betrachtete, doch bei der zu-nehmendeu Ordnung der Verhiiltnisse wurde diese Praxis un-statthaft, was natürlich zu einer Anderung der Theorie zwang.

Das unbevorurteilte, psychologisch vertiefte Studium der Eth-nologie wird uns noch manchmal zu überraschenden Entdeckungen in der moralischen Entwicklungsgeschichte der Menschheit führen. Wir fangen eben erst mit den vorurteilsfreien, nacb Exactheit strebenden, auf reichem Material gegriindeten Forschungen an. Die zusammenfassende Geschichte der moralischen und socialen Entwicklung unseres Geschlechts, die man in hundert Jahren wird schreiben können, dürfte in gar Manchem von dem, was bis jetzt als solche galt, abweichen. Bis dahin scheue man nur nicht vor Hypothesen und Untersuchungsrichtungen, welche der landlaufigen und althergebrachten schnurstracks entgegenlaufen, zurück: fortgesetzte Forschung dürfte sie gerade als die richtigen herauskehren. Es ist jedenfalls unwahrscheinlich, dass man noch halb in den alten Vorurteilen gehüllt und mit sehr dürftiger Kenntniss des betreffenden Materials ausgerüstet, gleich das Rich-tige auch nur in den Hauptzügen der Entwicklung herausge-griffen haben würde. Die Entdeckungen des Matriarchates, des Animismus und des Totenkultes werden nicht die einzigen unser Donken über die Entwicklung der Menschheit umwalzenden Grossthaten dor Ethnologie bleiben

d) Unbewiesene, zum Teil nur aus Unkenntniss hervorgehende Behauptungen wie die Nietzsche's („Genealogie der Moralquot; 1887 passim, s. dazu Brandos über N. in „Menschen und Werkequot; 1894: S. 137 seq.) über die Entstehung der Moral dürften sehr geeignet sein die wichtige Function zu erfüllen unsere conventio-nellen Ansichten hierüber ein wenig zu erschüttcrn und uns derart für die Resultate der streng wissenschaftlichen Forschung empfanglicher ;,u machen.

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SECHSTER ABSCHNITT.

Die Btlutrache.

§ 1. Die Jlichtung der Rache auf die Beteiligten.

Wir sahen wie ursprünglich das Hauptmotiv der Rache raehr die Hebung des Selbstgefühls, die subjective Befriedigung als die Abschreckung, der objective Nutzen gevvesen, und wie deshalb die Urrache sich nicht nur wider die Thater der Yerietzung richtete, und wie umgekehrt nicht blos nach einer Verletzung durch einen Menschen Eache gesucht wurde, sondern wie viel-mehr nach jedem erlittenen Schraerze an jedem irgendwie geeigne-ten, öfter dem ersten besten Objecte die Wut ausgelassen wurde.

Wir sahen aber auch, wie sich diese blinde Rache doch all-mahlig ein bischen einschriinkte, wie sie sich ihre Opfer allerdings nach sehr eigentümlichen Kriterien auswahlte: es wurde doch irgend eine Association, wenn auch nicht einmal immer, mit der Verletzung erforderlich, um als Object der Rache ausgesondert zu werden.

Diese Entwicklung schreitet bekanntlich immer fort; der in_ der höchsten Kultur erreichte Endpunkt ist die Bestrafung des direkt physisch-thatigen Individuums und in wenigen bestimmten Fiillen auch des indirekt psychisch-thatigen (des intellectuellen ïhaters). Die Einsicht in die Eignung einer Person durch dio zur Zeit verwendbaren Strafmittel zur ruöglichst besten Bekampfung

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des...Verbrechens verwendet zu werden bestimmt diese Auswahl des Strafobjeetes, auf welche Einsieht die allgemeine intelleetuelle Entwicklung nicht blos Einzelner sondern der ganzen die öffent-licbo Meinung bildenden Gesellscliaft sowie versehiedene sociale Verluiltnisse Eintluss ausüben. Es liegt absolut kein Grund vor unsere, jetzige Auffassung dieser Dinge als die normale, end-gültige zu betrachten; sie entstand allmahlig, wie wir sahen und sehen werden, und sie wird sich ilndern, worauf schon einige Symptome hindeuten.

// Versuchen wir in den ersten Verlauf dieser Entwicklung ein-zudringen. Versuchen wir in den ersten Verlauf dieser Entwicklung ein-zudringen.

Es versteht sich, dass es gleich Anfangs Eiille gab, in welchen blos Rache sogar schon am individuellen Verletzer gesucht wurde; es war dies der Fall wenn dieser vom Anfang an als solcher unver-kennbar bekannt war, also bei Verletzungen im Stamme und bei direkten offonen Angriffen; letztere werden aber die Ausnahme gebildet haben, weil wir uns die primitiven Menschen zweifels-ohno als in kleinen Grnppen weit von einander entfernt lebend vorzustellen haben, welche Horden gewiss auch wie fast alle jetzi-gen Wilden den offenen Kampf und den ritterlichen Angriff scheuten und mieden.

Bei Zwistigkeiten im Stamme vor Allem gewöhnte der primitive Mensch sich also an die Beschrankung seiner Rache auf den ïhüter; er erfuhr hier die unverkennbaren Vorteile dieser Rache: die direkte Abschreckung, die physische Unschadlichmachung des Widersachers; man überschiitze diese Vorteile aber keineswegs, die Rache am ersten besten übte ja auch auf den Thater seine imponi-rende, abschreckende Wirkung aus; wenn man aber einwirft, dass doch die persönliche, individuell bestienmte Beleidigung eineeben solche Befriedigung, also Rache am Verletzer selbst erheischte,— so antworte ich, dass eben beide nicht so geartet waren: die rohe Schildigung, Verletzung, also Gefühlserniedrigung konnte durch jede Selbsterhebung wett gemacht werden, und ein Sieg

(über den ersten besten konnte diese herbeischaffen. Man soil doch nur nicht dio Einsieht und die Rechtsauft'assung unserer Periode in die vergangenen Perioden hineintragen, so wenig wie in dieüber den ersten besten konnte diese herbeischaffen. Man soil doch nur nicht dio Einsieht und die Rechtsauft'assung unserer Periode in die vergangenen Perioden hineintragen, so wenig wie in die

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kiinftigen. In die Fehler der Rechtsphilosophie soli die psychologische Ethnologie doch nimmermehr verfallen!')

Im Stamme aber, wo Eache an manchen Beliebigon schon durch das enge Verhiiltniss zu ihnen ausgeschlossen war, und die tiigliche Eeibung mit dem Beleidiger gerade ihn zu einem Gegen-stand des Hasses und der Rachsucht machten, da wurde die gerichtete, beschraukto Rache zur Gewohnheit.

Da die Horden allmiihlig in Zahl anwuchsen, die verbesserte Lebensiuittelbeschaffung ihr engeres Aneinandergrenzen ermöglichte und eine grössere Stabilitat in ihren Wohnsitzen lierbeifiihrte, und die sociale Entwicklung die Condensation des Stammes för-derte, entstand in den intertribalen Verhaltnissen eine Anderung, welche nicht ohne Eintluss auf die Reaction nach einer Verlet-zung durch einen Stammfremden blieb.

Das engere Nebeneinanderwohnen der kriiftiger constituirten Horden, welche noch manchmal, in manchen Gebieten wohl immer, zum Herumschweifen und jedenfalls zu wicderholter Expansion genötigt waren, führte unabwendbar zu vielfachcn Reibungen, meist mit denselben Nachbarn 1). Da wurden also bestimmte und bekannte Objecte gehasst und gefiirchtet: Radio an ihnen und nur an ihnen wurde zum Bediirfniss, die blinde Rache befriedigte nicht langer, obwohl, wie wir sahen, noch lange Reste von ihr zuriickblieben.

Wie grob und oberfltlchlich anfangs dieser Trieb befriedigt wurde, sahen wir in der Aufsattelung der Schuld, besser genannt der Auswahl eines Strafobjectes, durch irgond eine subjective Association. Mit dem allmahligen Vorherrschen der geschilderten Um-stande und mit der höheren intellectuellen Entwicklung geniigte das

1

Ein Beispiel hiervon bietet Martius bezüglich der Ureinwohner Brasiliens: „Eine gleichsam forterbende Feindschaft gewisser Stiimme gegeneinander ist innig mit ihrer Volksturnlichkoit verwachsen. Verlangt man von einem wilden Indianer den Namen seines Stammes zu wissen, so nennt er oft, audi unbefragt, zugleich den seines erklarten Stammfeindes.... So hat fast jeder Stamm einen entschie-denen od'enen Feind, und betrachten sie sich gegenseitig als vogelfrei.quot; Martius: „Ethnographicquot;: S. 56.

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rohe Verfahron nicht langer. Das Ergebniss der Entwicklung mussto sein, dass man die wkliclien Thiiter zu kennen verlangte. Wo os solche thatsachlich keine gab wie bei Krankheiten und natürlichen Todesfiillen, die dennoch menschlichen Einflüssen zugesclirieben wurden, sowio wo die mangelhafto Organisation die Ermittelung derselben nicht ermüglichte, wurde nach mystischen Mitteln gegrif-fen: das Ordal wurde fein ausgebildet. Wenn aber die Verletzung wirkiich von einem Feinde und zwar von einem ausseren her-riihrte, so wurde er bestimmt ermittelt und nur an ihm Eache genommen.

Leider gelang es uns nicht diesen ganzen Verlauf, welcher gewiss Jahrtausende in Ansprucli nahm, mit positiven Beispielen zu belegen. quot;VVir konnten nur survivals der Anfangsstufen auf-zeigen sowie den Endpunkt, die Rache an den wirkiich Beteilig-ten; Alles was dazwischen lag suchten wir uns mit Rücksicht auf die höchstwahrscheinlich vorherrschenden Umstande und den Karakter der primitiven Menschen derart vorzustellen, das es sich mit den Anfangs- und Endstadien vertragt. Diese Ausfüllung bleibt aber vorlaufig eine hypothetische, unerwiesene. Die Auffin-dung von positiven Beispielen wird immer dadurch erschwert werden, dass wir gerade auf diesem Gebiete uns so selten auf die annahernd absolute Vollstandigkeit einer Volksbeschreibung verlassen künnen, dass wir fast nie die Gewissheit besitzen durchaus allo vorkommenden Reactionen nach erlittenen Schmer-zen zu kennen (nach natürlichen sowohl wie nach denen mit Urhebern ausser- und innerhalb des Stammes, bekannten und un-bekannten). Jedenfalls wird aber auch hier nur die genaue Frage-stellung der Ethnologic einen Fortschritt der Ethnographic in Ausführlichkeit und Genauigkeit verursachen. —

quot;Wenn nun aber die Rache an den Beteiligten, an dem Urheber gesucht Avurdo, so ist jetzt die Frage zu beantworten: wer galt als solcher? der individuelle Thater wie wir jetzt annehmen oder ein anderer?

lm folgenden Paragrafen werden wir diese Frage zu beantworten versuchen.

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§ 2. Die Blut- oder die Gruppenrache.

Die Blut- oder bessor gesagt die Gruppenrache ist die karakte-ristische Eigenschaft, die centrale Erscheinung der primitiven Strafen.

Um genau zu verstehen, weshalb nicht ein individuelier Mensch, der eigentliche Thater im engeren Sinno Object dieser Kache war, ist es nötig dass wir uns die ganze Sachlage genau vorstellen. Wer stand dem Verletzten thatsachlich gegeniiber? wer war das eigentliche Subject des zu riichenden Angriffs und musste also audi das Subject des riichonden Angriffs, der Ausführer der Rache sein ?

Eine Erscheinung, die Jedem auffallt, welcher sich iiber die Blutrache aus den Quellen klar zu werden versucht, ist diese, dass dieselbe öfter kaum von dem eigentlichen Kriege zu unter-scheiden ist. Diese Thatsache ist kennzeichnend: es ist eben gar keine Rede von dem Angriffe eines Einzelnen auf einen Einzel-nen. Das Merkmal des primitiven Gesellschaftslebens ist eben, dass nicht zahllose lockere Individuen in einer riesigen aber schlaffen Einheit zusammengefasst einander gleichgiltig oder feind-lich gegenüber stehen können, sondern dass umgekehrt in ganz kleinen Gruppen wenige Individuen eng zusammenhangen. Die stetige Ausbreitung der hochsten Einheiten und die immer lockrere Verbindung der sie zusammenstellenden Individuen ist das oberste Gesetz, bis jetzt ermittelt, der gesellschaftlichen Entwicklung.

Der Grund der Blutrache ist also einfach der, dass sich Gruppen nicht Individuen gegenüber stehen. Nennen wir die Blutrache einfach Krieg und vergleichen wir sie mit unseren Kriegen statt mit unseren Verbrechen und Racheiibungen resp. Strafen, so ist das ganze Riitsel ihrer Erscheinung gelost oder vielmehr es ist keins mehr da.

Dass uns dies aber einige Mühe macht, liegt wohl hieran, dass wir nicht mehr gewohnt sind kleine und ganz kleine Gruppen souveran zu denken '). Die Begrift'e Volk und Staat oder souve-rane Gruppe haben sich immer mehr gedeckt, im Anfang der

1) Novicow; „Le libre Groupement des Peuplesquot;: passim. Nouv. Revue, 1 fé-vrier 1893.

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Geschichte lagen sie aber weit auseinander. Die Verbrechou uud Kachen dieser Grappen einander gegenüber sind ilire Kriege und umgekehrt

fTur einen IJntcrschied gab es doch, — so liesse sicb einwenden. lm Krieg greife eo ipso die ganze Gruppe an, in der Blutrache könne aber der Angriff eines Einzelnen die Erwiderung der einen ganzen Gruppe au der ganzen anderen herausfordern. Doch ist dieser Unterschied nar ein scheinbarer, eben in der unterschiede-nen Natur der wilden und der gebildeten souveriinen Grappen be-grandet. Erstore sind klein und hangen enge zusammen, letztere \sind aber gross und überaus locker zasaramengestellt. Die Rache des ganzen Staates über eine Verletzung eines Einzelnen darch Aaslander an deren ganzem Staate koramt mitunter auch jetzt vor, doch ist sie iiberaas selten, well die Verletzung des Einzelnen durch die übergrosse Masse der Volksgenossen nicht lebhaft genug miterupfunden wird und weil dor Staat seine Unter-thanen strafen und damit Genugthuung und Sicherheit schaften wird, beides ist aber in primitiven Grappen ausgescblossen, weil sie klein sind und eng verbunden das erste, weil die staatliche Strafe nicht oder kaum besteht das zweite.

Die Gruppenrache wiire hiermit erklart; die weitere Karakte-ristik werden wir allmilhlig an der Hand der Thatsachen geben.

Bevor wir aber hierzu übergehen, wollen wir erst noch die Friedrichs'scho Erkliirung berücksichtigen. Derselbe meint, das Princip der Blutrache sei die „Unausführbarheit der Forderang der Identitiitquot; in primitiven Verhültnissen 1).

Wenn das aber völlig unmöglich, so konnte man wohl ebenso-wenig den Staram resp. die Familie des Thüters feststellen und die Gruppenrache ist doch immer wider eine bestimmte Gruppe gerichtet. Ausserdem werden wir sie ausgeübt sehen, wo der ïhiiter ganz entschieden und individuell bekannt war. Die Uner-mittelbarkeit des Thüters hiitte zu unserer blinden Urrache, nie

1

L. c. Ausland 1891: S. 299.

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aber zur Gruppenrache führen können. Es ist kaum denkbar, class Scbwierigkeiten in der Feststellung der Identitiit, welche doch gewiss nicht immer obwalteten, zu einer systematisch ausgebilde-ten, regelmassigen, normalen Reactionsform wie die Blutrache je führen könnten. Einigermassen mag der Umstand beigetragen iiaben, ein Hauptfactor kann er nie gewesen sein.

Die Friedrichs'sche Hypothese darf somit als oberflilchlich und unzutreffend abgewiesen werden.

Die Gruppenrache, welche wir jetzt behandeln, beschrankt sich auf die Reaction nach der Ermordung resp. der sonstigen schweren Verletzung eines Genossen durch einen ausserhalb der Gruppe Stellenden; es versteht sich, dass hiermit das ganze Gebiet der primitiven Verletzung und ihrer Reaction nicht erschöpft ist; das Erübrigende werden wir nachher behandeln, in allgemeinen Dar-stellungen wurde es bis jetzt nur zusehr in völlig ungerechtfer-tigter Weise vernachlassigt!).

Wenn die Gruppe Sub- und Object der Blutrache ist, so fragt es sich an erster Stelle, worhi die Gruppe eigentlich bestand? ob sie immer dasselbe, fest umgrenzte Gebilde geblieben ist, oder ob sie im Laufe der Entwicklung sich verandert hat?

An sich ist es schon höchst unwahrscheinlich, dass immer eine in derselben Weise zusammengestellte Gruppe die Blutrache über-nommen habe. Im zweiten Bande werden wir den üblen Folgen der Zersplitterung der rachenden Gruppe nachspüren; diese bildet die letzte Phase der Entwicklung; liisst sich nun aber auch der Anfang derselben auffinden, welcher am fest zusammengefügten, ausgebildeten Stamme vorherging? Leider gibt es über die Ent-wickelung des Stammes, der primitiven souveranen Einheit noch keine ausfiihrliche Untersuchungen, welche das gesammte Material beschreiben und classificiren, — und doch sollten wir uns jetzt auf solche stützen können.

Versuchen wir dennoch ein wenig Licht auf die Anfangs-stadien der Gruppenrache zu werfen.

•1) Mantegazza's „Psychologische Analysequot; der Blutrache („Physiol. des Ilassesquot;: S. 138 seq.) ist völlig bedeutungslos.

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§ 3. Die erste Stufe der Gruppenrache. — Die Familienrache.

Spencer hat zwar eingesehon, dass das Subject der Blutrache wicht immer dasselbe gewesen sein kann, doch trennt er die ver-schiedenen Stufen und Yerhaltnisse keineswegs deutlich. „The ideas of family-injury and family-guilt have all along been accompanied by ideas of individual-injury and individual-guilt: here very distinct and there less distinct. They are very distinct among some peoples in early social stages, as is shown by the account which Im Thurn gives of the Guiana tribes.quot; Er macht aufmerk-sam, dass die Individual-Rache der Hebraër mehr als deren Familie^Rache beachtet und verfolgt wurde. „The decline of family-responsibility and growth of individual-responsibility seem to be concomitants of the change in social organisation from the typo in which the family is the unit of composition to the type in which the individual is the unit of compositionquot; ').

Spencer unterscheidet hier die Rache wider Fremde gar nicht von der wider Genossen — ein bei Ethnografen wie bei Ethno-logen gewohnlicher aber sehr verwirrender Fehler; ohne Spur eines Beweises nimmt er an dass die Rache der Guiana-Indianer der Stufe der post-familiaren Individual-Rache angehöre, was keineswegs notwendig: sie konnte ja audi der erst wenig ent-wickelten Gruppenrache angehören; iibrigens scheint er auch bios an die Rache der aufgelösten Geschlechtsverbande zu denken, welche sich anschickt in die staatliche Strafe überzugehen/), deren Eintritt aber noch von ganz anderen Bedingungen abhangig ist, wie wir spiiter nachweisen.

Post, welcher fiir die spüteren Formen der Blutrache ein so

1) „The Principles of Ethicsquot; I (1892): S. 372.

2) Post: „Die Gruppe von Personen, welche zur Blutrache berechtigt und ver-pllichtet ist, und welche andererseits die Blutschuld trifft,.... wird ganz allmah-lich, correspondirend der stets fortschreitenden Aullösung der Geschlechtsverfas-sung, immer kleiner: .... Am Schlusse der Entwicklung bleibt von diesen Gruppen nur ein individueller Racher und ein individuelier Missethater übrig.quot; „Grundlagen des Rechtsquot;: S. 401. Siehe auch „Bausteinequot; 1: S. 143.

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ott'enes Auge hat, hat ihren ersten Anfangen ebensowenig seine Aufmerksamkeit gewidmet. Er nimmt zwar an, dass die Oe-schlechter und die Stiimme sioh allmiihlig durcli die Generations-folge und das Zusammenleben entwickelt haben, doch beachtet er die weniger feste Organisation der grosseren Grappen ini Anfange nicht, und auf die verschiedene Ausbreitung der Kache-Subjecte in Folge dieser Entwicklung maclit er gar nicht aufmorksam ')•

Wir haben uns die Entwicklung der menschlicheu Verbande wohl folgenderweise vorzustellen: anfangs gab es nur durcli direkte, engste Familienverhaltnisse straff verbundene Gruppen; da diese sicii infolge des Karapfes um das Dasein ausbreiteten. bildeten sie weniger fest verbundene, dagegen aber grossere Horden, welche erst allmahlig durcli diesolbe Ursache eine strammere Organisation gewannen

Ich glaube, dass uns immer die Möglichkeit versagt bleiben wird diesen ganzen Entwicklungsgang positiv zu beweisen, seine Spuren sind zu sehr verwischt. Wohl aber lassen sich noch hier und da Reste iilterer Stadiën aufweisen: durch die Ungunst der ümstande erfuliren einige Völker die verschiedenen Eintliisse nicht, welche die anderen stets weitor trieben. Hire Blutrache hat demgemass auch nicht die gewöhnliche Gestalt angenommen : sie wurde nicht durch einen ganzen Stamm resp. ein gauzes Ge-schlecht ausgeiibt, sondern nur durch niichste Verwanten s).

Allein lasst es sich sehr schwer ausweisen ob eine solciie Er-scheinung dem Anfange oder dem Ende dor Entwicklung angehört: dem Stadium wo die Familie sich noch nicht zum Geschlecht

1) „Grundlagen d. Rechtsquot;: S. 54 seq. In seinem neuestenreichhaltigen Werke^i unterscheidet Post zwar selir scharf die verschiedenen Bildungen der Blutrache-Gruppen, (loch scheint er sie nicht als Stufen in der socialen Entwicklung zu betrachten und von einer Erklarung dieser Erscheinungcn findet sich hier auch nicht der Versuch. j.Urundriss der ethnologischen Jurispruden?,quot; I (•1894): S. 230 seq.

2) Die Natur-Weddah leben in sehr zerstreuten Familien, welche sich nur unter besonderen Umstiinden vereinigen. Ilaeckel I.e.: S. , 372. Siehe auch Topinard: „Conclusions et Applications de rAnthropologiequot;, L'Anthropologie 1893: S. 672, 673. Rolph 1. c.: S. 191. Westermarck (S. 43—49) ist auch dieser Auflas-sung zugethan, dagegen Kovalevsky („Les Origines du Devoirquot;, Revue Internat, de Sociol. 1894; S. 82, 83) auf ungenügenden üründen der umgekehrten.

3) S. hierüber Post: „Grundrissquot; I: S. 114—117.

24

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resp. Stainme ausgebildet, oder dem wo dieso sich wieder in Kamilicn aufgelöst hatten. Das einzige Kriterium, welches sich hierbei anwenden liisst, besteht in der Beriicksichtigung des ganzen socialen Zustandes; wenn etwas, so wird nur diese auswei-sen kunnen, welchem Stadium eine Blutrache durch die engeren Verwanten angehört; manchmal wird aber durch die vagen und dürftigen Nachrichten unserer Quellen audi dieses nahezu un-möglich, und fast immer sind die Resultatei/ unsicher und bleiben sie der haufigen Controle und Verbesserung bedürftig.

Wir geben jetzt die wenigen Falie, welche wir obwohl zögernd hierher gehorig achten; die socialen Thatsachen, welche hierzu zu berechtigen scheinen, werden wir gleich kurz hinzufügen.

In Petitot fin den wir zwei Erzahlungon, wie bei den Tchiglit-Innuit, ein Vater und ein ültester Bruder als Rücher auftreten, und wie ein Mann seine Fran und ein Anderer seinen Bruder riicht; und zwei Mal war das Object dieser versuchten Eache doch ein Fremder Wirklich gehorchte Hiiuptlinge giebt es nicht, die Ehe ist überaus locker 1); sie hassen und fürchten einander, sind gleich bereit das Messer zu benutzen und machen sich nicht viel daraus die Bande zu verlassen 2).

Von den Field-Bay-Innuit hören wir, dass nach einem Morde der niichste Verwante oder der intimste Freund das Recht hat den Mürder zu toten 3).

Bedeutet dieses „Recht habenquot; weiter nichts als dass die Stammgenossen erwarten, dass jene Personen die Rache vollziehen und dass dies von Anderen etwas Ungewohntes wiire? Leider hat der Beschreiber nicht hinzugefügt, ob der Mörder in diesem Falie ein Fremder oder ein Genosse, doch gerade aus dem Umstande dass nichts nilheres ausgesagt wurde, möchte man schliessen dass wirkliche Blutrache, also an Fremden, vorliegt, weil dieses doch weitaus das gewöhnlichere. Was die sociale Organisation anbe-

1

Petitot: S. 108, 137, 209, 296, 94, 104, 140, 217, 141, 219, 238.

2

Petitot: S. 99, 141, 208.

3

Hall I: S. 317.

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trifft, so erfahren wir blos class es keine eigentlicho Hiiuptlinge giobt, koin Mensch gehorcht einem Anderen ').

Über die Ni-shi-nam Californiens sagt Powers: „for murder there is no punishment but individual revengebisweilen tötet der Rilcher nicht den Thater sondern dessen liebsten Ereund aus raffinirter Grausamkeit1). Audi hier üben die Hiiuptlinge blos eine selir unbestimmte Autoritat aus; das Volk führt eine nomadische Lebensweise 8). Auch hier möchte man gar vieles niiher angedeutet bekommen, doch leider bietet unsere Quelle nichts priiciseres. 1st das Toten des Freundes nicht vielmehr eine natürliche Folge der Blutrache und blos falsch interpretirt ? Mochten die Ethnographen doch Thatsachen beschreiben und die originellen Ausserungen ihrer Gewührsmanner mitteilen statt allgemeine Behauptungen!

Rochefort berichtet, wie bei den Karaiben der Insein der Brader seine Geschwister, der Mann seine Frau, der Vater seine Kinder riicht2). Im Widerspruch mit unserer Voraussetzung finden wir hier eine ziemlich entwickelte politische Verfassung und ein festes Zusammenhalten der Stilmme im Krieg, dagegen wechseln die Familien öfter ihre quot;Wohnplatze ohne den Calque um Er-laubniss zu bitten; audi hat jede Familie ihr eigenes Kochhaus und ihr eigenes Magazin von Watten und Werkzeugen3). Von einer Stammesrache findet sich jedenfalls nichts.

Von den Warraus wird uns erzilhlt, wie ein Knabe von zwölf Jahren seine Eltern an einem Zaubrer riicht, der sie hasste und die ganze Familie toten wollte; der Hiiuptling und die Dorfbe-wohner gaben dem Knaben Recht, doch finden wir keine Spur von einer allgemeinen Blutrache in optima forma von Stamm zu

1

Powers: S. 320.

2

Rochefort: S. 523.

3

Rochefort: S. 513, 519, 511; Gumilla 1; S. 208.

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Stamm, sondern weiter nichts als diose grimmige Privatraclie durch den nachsten Verwanten; audi ist es wohl nicht erlaubt hier schon an eine Auflösung des Stammbandes zu denken wegen der gleich zu erwahnendon socialen Verhaltnisse '). Diese kenn-zeichnen sich dadurch, dass die Stammeshauptlinge nur im Kriege eigentliche Autoritat ausüben, welche immer noch niohr auf dor persönlichen Bedeutung als auf der Stellung beruht; dagegen wohnen in einer Hiitte mehrere Familien zusammen 1).

K. Schomburgk berichtet iiber die Macusi Folgendes: „jede Krlinkung an der Ehre, an Frau and Kind, wilscht der Mann meist durch blutige Rache ab, ohne sie vor die Entscheidung der Volksversammlung zu bringenquot;; dieser Eachedurst erlischt nicht eher als bis demselben in dein Tode des Beloidigten, ja in dcr Ausrottung dessen ganzer Familie Befriedigung geworden ist; der welcher so nur seiner Rache lebt, heisst Konaima: Jahre lang giebt er sich keine Ruhe, und all die Zeit iiber gilt er audi Jedem als vogelfroi, jeder halt es für seine Pllicht ihn zu toten s). Das Letztere scheint darauf zu weisen, dass diese Rache gar leicht noch in cine ungerichtete, blinde umschlagen konnte, ahn-lich wie wir oben von den Australiern sahen, weshalb sich Jeder vor dem Kanaima hiiten musste, und dass dieses noch einiger-massen Regel, gewiss keine seltene Ausnahme war, spricht fiir die Primitivitat des ganzes Zustandes.

Was die socialen Zustande anbetrifft, so finden sich bei den Macusi Hiiuptlinge mit ziemlich umfassenden Aufgaben, welche aber keine Befehle erteilen dürfen; im Friedon ist ihr Einfluss goring, obwohl sie im Kriege unumschriinkte Gewalt üben; auf eine ziemlich stramme Einheit weist die Thatsache hin, dass Eigentumsstreitigkeiten im Palaver, der Mannerversammlung, ent-schieden werden; iiber die sociale Organisation teilt unser Be-richterstatter nichts rait. Die Leute leben nomadisch 2).

1

R. Scliorabnrgk 1; S. 169.

2

R. Schomburgk II: S, 321, 324, 141, 315, 318. Im 2=» Bande S. 136 bo-trachlete ich den Stammverband der Macusi als schon einigermassen in Auflösung

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Von don Ticpi lioisst os, class die Ereunde odcr Verwanten („friendsquot;) den Mord rachen; die ümstehenden schauen bei cinem Zwisto gleichgiltig zu, „but if on these rare occasions any injury was indicted, the law of retaliation was rigorously executed by the kinsmen of the sufferer

Es scheint dies ziomlich deutlich zu sein, und doch versichcrt Lory uns, dass ctwa 800 a 1000 Leute zusammen wohnen, sich gut vertragen und sich ganz eng vereint fiihlen. Eigentliche Hauptlinge giebt es nicht, nur wérd^jd Greise^jdie violc Ecinde töteten, gefolgt. Stade spricht von einem Oberkönig der ganzen Küste, dagogen sagt er auch dass sic „no particular government or lawsquot; habon. „Each hut has its headman, who is their kingquot;; dieser wird blos aus gutem Willen gohorcht; in soldi einer Hiitto wohnen mitunter bis vierzig Paare — Deutlich darf dieses Bild wold nicht genannt werden.

Bei den Ara,wak scheint nur die Familie des Ermordeten diesen zu rachen, und „die Blutrache wird so streng und in soldier Ausdehnung gehandhabt, dass manchraal ein zufalliger ïodesfall die Vernichtung ganzer Familion, des Boleidigers wie des Belei-digten, zur Folge hatquot; s). Über die Macht der Hauptlinge sind die Berichtorstatter sehr verschiedenor Moinung, doch dürfte dieselbo auch abgesehen von der Persönlichkeit koine so sehr geringe sein. Sie sind in Familion eingeteilt, doch über das Ver-haltniss dieser Familion zu einander golingt es uns leider nicht etwas naheres zu erfahren 4).

Im Allgomoinen scheinen wir bei don Urcinwohnern Brasüiens

hegrilfen, doch schien mir die Sacho keineswegs gewiss, cbciisowcnig als jcb.t; nur sovicl dürfte als gewiss gelten, dass die Familie und nicht der giösserc Verband die Rache betreibt.

1) Stade: S. 134; Southey I: S. 250; Lery: S. 312.

2) Lery: S. 312, 209, 215; Stade: S. 70, 134, 125.

3) R. Schomburgk I: S. 497; Martius 693; lirett: S. 104.

4) R. Schomburgk 1; S. 151; R, H. Schomburgk; S. 292; Martius: S. 460; Brett: S. 86. Auch hier nahmen wir (11; S. 135) die Auflösung des Geschlechts-bandes, statt wie jot/.t die Aufkeimung an; die Sache liisst sicheben auf Grund des bestehenden Materials (wie os die beiden Schomburgk, Martius, Breit, lm Thurn bieten) nicht entscheiden.

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noch einen Üborgangszustand zu finden, wenigstens nach dein zu nrteilen, was Martins, ihr gründlicher Kenner, hierüber mitteilt; seine quot;Worte haben um so raehr Wert, als er sich doch den Unterschied zwischen der Ermordnng eincs Stammfremden und dor eines Stararaesmitgliodes bewusst geworden ist, wie es leider und unbegreiflicherweise nnr selten der Fall zu sein scheint. Martius sagt also Folgendes: „Wenn die Tödtung, welche Blut-rache hervorruft, von einem Gliede derselben Horde oder des-I selben Stammes ausgegangen ist, so wird diese ohne weitere Dazwischenkunft der Gemeinschaft gesucht. Anders verhiilt es sich bei schweren Beleidigungen oder Tödtung durch Glieder einer I andern Gemeinde oder eines andern Stammes. Dieser Fall wird fast immer als Angelegenheit Aller betrachtet, und in Versamm-lungen unter Vorsitz des Hauptlings orörtert. Da der Begriff der Blutrache unter den brasilianischen quot;Wilden sehr herrschend und miichtig ist, so steht es bei der gemeinschaftlichen Berathung sogleich fest, dass sie genommon werden müsse; oh ober durch den einzelnen Betheïligten lediglich an dem Thciter, oder durch die Gemeinschaft an der ganzen Familie, oder selbst an dem Stamme, — dies ist Gegenstand der Berathung. Frühere Erfolge, Schwache oder Macht des Stammes, Kriegslust oder Furcht der einzelnen Stammfïïhror geben hier den Ausschlag. Meistens wird dahin entschieden, dass die Sache als Angelegenheit Aller zu betrachten sei, und dann beginnt Krieg, mit oder ohne voraus-gehonde Ankündigung. Die nachsten Verwandten des Getödteten treten in jedem Falie als unmittelbare Itachcr (tuf sie suchen sich in dem Feldzuge hervorzuthun, und wo möglich den Thater und dessen Familie mit eigener Hand umzubringen. Andere Verwandte und Freunde schliessen sich su diesem ZwecJce an. Wahrend des Feldzugs zeichnen sich solche Blutracher gewöhnlich durch schwarze Flecke aus, welche sie über ihren Kürper anbringen. Manche scheeren sich die Haare ab. Vor dem Aufbruche gegen den Feind halten sie noch besondere Trinkgelage, wo sie die Tugen-den des zu rachenden Verwandten in wilden Gesangen verkün-digen. Am nachsten sur Blutrache verblinden tverden die Söhne, die Brüder und Schwesterldnder erachtet. Sie auszuiiben ist diesen

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Gewissenssache, und weder Furcht noch Schwierigkeiten irgend einer Art halten davon ab. In dom hier bezeichneten Falie, da der Todtschlager einem andern Slanwte zugehört, erstreckt sich die Blutrache meistens von dem Todtschlager auf dessen ganze Familie. Der Blutracher verschont dann gewöhnlich kein Glied der feindlichen Familie, selbst Greise und Süuglinge nichtquot; l).

Aus dom alten Zustande der lockern Stammesvorbindung blieben hier also die engere Verpflichtung zurRache der nachston Verwanten, sowio die Ungewissheit ob nur am Thator und an dessen Familie odor am ganzen Stamme geracht werden sollte. Ganz in Über-einstimmung mit unserer Hypothese finden wir die entsprechendo sociale Organisation, zwar nicht mehr im ersten Stadium, aber cben so wenig zur strammen fostgoglioderten Stammesorganisation fort-goschritten. „Bei den brasilianischen Urbewohnern stand und stoht die Würde und Gewalt der Hiiuptlingo immer auf einer niedri-gen, durch vorübergehende, vorzüglich persönliche, Verhaltnisse begründeten Stufe.quot; „Es scheint mir, der Hauptling nehme sich die höchste Würde unter seinen Genossen durch die Kraft seiner Persönlichkeit ebensosehr, als sie ihm von der Gesammtheit an-geboten werde. Der Stumpfsinn und die ïragheit der Meisten unterwirft sich ohne Urtheil der höheren Einsicht und dem Un-

tornehmungsgeiste dieser Einzelnen____Er unterzieht sich keincn

bestimmten Verpflichtungen, und die Uebrigen sprochen durch ihre Unterordnung keinen bestimmten Grad der ihm eingeraumten Herrschaft aus. Ohnehin sind in Friodenszeiten die Geschiifle der Hauptlinge auf wenige allgemeine Angelegen hei ten beschrankt. Er hört die, ausserst selten vorkommenden. Klagen streitender Partheien, richtet hierüber nach seinem Ermessen, geraeinlich mit Zuziehung des Zauberers und Arztes; er steht denVersamm-lungen der Gem einde vor; er regelt die Verbindungen mit den benachbarten Stammen, deren Abgesandte vorzugsweise bei ihm

■1) Martius: Ethnogr. S. 127, 128. LeUtore Geschrankung im Fallo das Object der Blutrache dein eigenen Stamme angehort, gehort /.u den Descliriinkungen der Blutraclie zwischen irgend wie verknüpften Gemeinschaften, wie wir sie im zweiten Bande behandeln. — Wir unterstrichen.

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einkehron, indom er Bündnisso eingeht, Jagdgcmeinschaften vor-

abredet u. s. w---- Der Grad seiner Autoritat ist nach allen dle-

sen Verhaltnissen verschieden, gemass seinen personlichen Eigenschaften; doch findet man im Allgemeinen eine grosse Hingebung Aller in die Ansichten und Wünsche dieser Einzelnen.quot; Diese Angaben scheinen doch auf eine grössere Macht und festere Stel-lung der Hiiuptlinge zu deuten als der erste allgemeino Aus-spruch erwarten liess; das Folgende aber massigt diesen Eindruck wieder. „Biswoilen hat (der Hauptling) eine zahlreiche Familie, oder andere streitbare Freunde zur Verfügung, um seinen Befehlen Nachdruck zugebenquot; '). Obwohl die Hauptlingsmacht also mitunter in Tyrannei übergehen kann, findet sich doch nie die ausgebildete Organisation der Geschlechtsgenossenschaft wie sie die östlichen Stamme Nord-Araerika's so vielfach darbieten. Dies wird von dem was Martins weiter mitteilt, bestatigt. „Stamme, welche reich an Individuen sind, theilen sich in untergeordnete Horden und Familien. Diese betrachten sich dann als einander enger verbun-dene Gemeinschaften. Offenbar haben manche solcher Abtheilun-gen einen verwandschaftlichen Grund und Charakterquot;1). Die „zwischen Stiimmen eines Volks oder zwischen Horden eines Stammes unterhaltenen Verbindungen (sind) stillschweigende Schutz-und Trutzbtindnisse. Mancherlei Vei'haltnisse veranlassen Verbrü-derungen zwischen verschiedenartigen, und Spaltungen unter genetisch verwandten Gemeinschaftenquot; s).

Bove sagt von den Fuegiern: „la famiglia e gli amici dell' offeso sono quelli che esercitano la vendettaquot; 2). Es scheint dazu ein Bestreben zu bestehen Rache an den Thatern zu nehmcn, wcnigstens erziihlt uns Bove, dass nach einem Anfall die Thater vor den Rachern („la famiglia e gli amici della vittimaquot;) die Flucht ergriffen, weshalb aber ein Verwanter jener die Kache empfinden musste; dagegen heisst es auch wieder dass der Stamm

1

Martius I.e.: S. 54.

2

Kohier: „Shakespearequot; 2c Lieferung: S. 134, n. 7.

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dio Waden zur Kache ergreift ')• Die Organisation dioses Volkos ist völlig, wio wir sie erwarten. Hiiuptlingo oder irgond welcho Kegierung giebt es nicht, Allo sind gloich. Sie wohnen familion-weise zusaramen1). „Privi d'ogni logaino di famiglia, si com-prende facilmonto come tra i fuogini la parola autorita sia voca-bolo morto. Ogni faraiglia godo della massima independenza, solo la necessita d'una comune difesa conduce alcune famiglie a cos-tituire una piccola tribü. Nessuno a pero il diritto di elevarsi a capo, d'ingerirsi delle facendo altrui, le spedizioni offensive sono stabilite di comune accordo____quot; 2).

Von don Papua von Mowat, Daudai, Neu-Guinoa erfahren wir: „murder is some times avenged by the relatives of tho murdered person, but they are not bound to do so.... No compensation is paid for homicide.quot; — Die Stammo sind in Clans eingeteilt, welche ihr eigenes Totem haben; eigentliche Regierung besteht nicht, obwohl die Stiimme hereditiiro Hiiuptlingo besitzen; der Hauptling hat Macht über den Regen und die Fische. Dazu üben die kraftigen alten Miiuner obwohl von den anderen alten benei-det eine gewisse Autoritat über dio Jüngeren aus'). Also eine Stammesorganisation in den ersten Anfangen.

Nach Man racht bei den Andaman-Insulanern ein Freund oder ein Vorwanter des Opfers den Mord6). Leider ist hier wieder völlig unklar, ob vielleicht nicht dor Mord durch eiuen Stamm-fremden gemeint wurde, nur dass dieser wohl am moisten vor-gekommen sein wird und also am moisten auffallen musste, und deshalb allein erwahnt werden konnte, wenn nicht ausdrücklich auf die andere Möglichkeit Acht gogeben wurde. Die politischo Organisation ist ontschieden schwach. Dio Oborhüuptlingo besitzen keine grosse Macht. „It is usually through their intervention that disputes are settled, but they possess no power to punish or to

1

Darwin: S. 160. lUemm I: S. 332, 328.

2

Beai'dmore: S. 459, 462, 463, 464; Uomilly; S. 51.

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onforco ubodienco to tlioir wishes, it being left to all alike to take the law into their hands when aggrievedquot; Dagegen tinden wir doch schon in mancher Beziehnng, vor Allem hinsichtlich des Eigentums, die Einheit des Stammes und der Gomeinde ausge-priigt, obwohl audi hierin die Familie, weil durchaus am engsten verblinden, die eigentliche Einheit bleibt1). Auch die weitere Mit-teilung Man's, dass Mord oder Diebstahl dureh einen oder mehr Mitglieder eines anderen Stammes wiihrend eines Besuchs odor heimlicherweise ^üs vorsiltzlich und gewöhnlich als Stammesan-gelegenheit betraehtet wird 2), verdeutlicht die Sachlage nicht ge-niigend: sind die beiden Umstande bios genannt, weil soleh ein Verbrechen allein untcr den Bedingungen ausgeführt werden kann oder sind sie die Bodingung der Rache durch den Staram, welche unter anderen Umstanden nicht erfolgen wiirde? Von Bedeutung ist jedenfalls, dass nicht immer die Schiidigung durch Stamm-fremde durch Stammesrache gefolgt wird. Dass aber im Falle der Familienrache der Mörder dieser meist entgehenkann durch seine zeitweilige Entfernung, bis die Entriistung sich gclegt hat ^), macht uns wieder an eine Rache innerhalb des Stammes denken. Es ist mal wieder unmöglich aus den dürftigen Mitteilungen klar zu werden.

Über die Igorroten erhalten wir die folgendo sehr interessante Mitteilung. „If a man kills a woman of another house, her nearest kinsman endeavours to kill a woman of the house of the murderer, but to the murderer himself he does nothing ...., and her family in their turn seek to avenge the death by murder. This is reckoned the most honourable course. Should the murderer, however, be too strong to be so overcome, any weaker person, be it who it may, is slain in retaliationquot;, eine Folge hiervon ist die geringe Zahl dor Frauen 6). — Wir begegnen hier also nicht nur der ersten Stufe der Gruppenrache, sondern auch der scharfen Auspragung des Grundgedankens dieser Rache, dass nicht der

1

Man: S. 105, 340.

2

Man: S. 114.

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Thiiter, sondern seine Gruppo gestraft wird. Ganz deutlich ist es aber nicht, ob die „weaker personquot; immer der Gruppe des Thiiters angehören sollte oder nicht; ini letzteren Falie hiitten wir auch Rückfall in die Urracho zu constatiren. — Die Organisation ist erwartungsgemass eine sehr schlaffo: jeder Familien-vater ist Herr in seinem Hause und erkennt keine höhere Ge-walt über sich; sogar im Kriege wird dem ïapferste?) zwar gefolgt, findet aber keine Wahl eines eigentlichen Führers ') Statt. Einigermassen ini Widerspruch hiermit steht aber, dass dio Reichen eine Art Adel bilden, dem der Boden insgesammt gehort, den der gemeine Mann abkaufen muss1). Dass aber die Dörfer sehr klein sind, manchmal blos 100 Einwohner enthaltend, und zugleich nicht naher zusamnienhangen und keine einheit-liche grössere Gruppen bilden 2), beweist wohl genügend, dass in diesem Volke die Geschlechtsgenossenscbaft noch nicht völlig ausge-bildet war und der Stamm noch nicht die souverüne Gruppe bildete.

.lede Familie der Karens riicht die eigenen Beleidigungen; der Vater trilgt dem Sohne auf seinen Tod zu rachen. „In all cases it is not the custom for the man, who occupies the position of plaintift', to go to the foray himself. He employs others and stays at home to compensate those that go, because in the event of his death, there would be no one to pay them their wages or avenge their deaths, should they fall in the attack. When a man has had a near relative killed in a foray, it is deemed right that he should have blood for blood, and his friends and others whom he loves stand ready to avenge him when called upon and they go to make reprisalsquot;3). Besonders bei den nördlichen Stiimmen leben die Stamme eng zusammen, öftor in einem Hause,

1

H. Meyer: S. 534.

2

Rat/.el II: S. 440, 441. Unlen (II: S. 139) werden die Igorroten crwiilint als ein Beispiol der schlechtcn Wirkung der Blutrache in Fotge ihrer Betrcibung durch die Familie, was insofern mil unserer jetzigen Annahme iibereinstimmt, nur wird dieser Zustand dort als eine Auüosung betrachtet, wahrend sie im Betreff dieses Volkes meinor jetzigen Einsicht nach eher als ein Zeichen des Umgekehrten gedeutet werden sollte.

3

Mason 1868: S. 140.

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boi don südlicheu hat jcclo Familie ihr cigcncs Haus, doch wohnt iiucii öfter ein ganzes Geschlecht in oinem Hause zusammen. Dio Cliins und Stilmmo sind aus don Familion horvorgegangen. Dio Dorfshiluptor sind hier orblich, dort orwahlt und worden manch-mal abgosotzt, oder aber der Keichsto übt eine gewisse Macht aus; die höehsto Autoritiit beruht aber bei den Alten. Blos ge-raoiue Oefahr führt Dörfer eines Stammes zusammen zum An-griffe oder zur Verteidigung l). — Der Zusammenhang des Stam-mos ist also jedenfalls kein sehr strammer.

/ Es sind diese vierzehn Beispiele von Blutrache zwischen den / kleinsten Grappen, den Familien, und also der ersten Stufe der Entwickelung angehörend, die einzigen welche wir bis jetzt auftroi-ben konnten, und es ist nicht einmal gewiss, dass wir diese alle richtig classificirten. Es scheint aber von grosster Bedeutung zu sein, diese Einteilung, weim auch auf ungenügenden Grundlagen, doch mal durchzuführen. Die grösste Schwierigkeit bietet wohl der Umstand, dass ebensowohl bei noch fehlender Entwicklung der Stammoseinheit als bei ihrer schon eingotretenen Auflösung die Familie oder der engere Verband die Blutrache betreibt. Weil es aber bei unseren Vólkern an den hier so nötigen geschicht-lichen Aufschlüssen fast immer fehlt, sind wir einzig auf die Deu-tung dor Symptomo dieser Entwicklungsstufen angewiesen, welche aber bei der Dürftigkeit und Ungenauigkeit der Quellen auf diesera Gebiete fast immer sehr schwer und wohl nie fehlersicher ist.

Der treibendo Gedanke ist jodenfalls richtig; uur das unaus-gesetzte Strebcn nach Genauigkeit in der Ethnologie wird endlich die Ethnografen zwingen genauores und ausführlicheres Material herbeizuschaffen.

Zwischen der Familie im weiteren oder dem Gesclüechte im enge-ron Sinne und dem Stamrae findet sich öfter noch ein geschlechtsge-nossenschaftliches Gebilde, der Clan, die gens oder das Geschlecht im weiteren Sinne. Wahrscheinlich kamen solche Stammesabteilungen

Ij Mason 1808; S. 126, 127, 131, 130, 151.

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auf zwei Wegen zu Stande, erstons durch Spaltung zu grosser Stiimme und zweitens durch den natürlichen Anwachs der Familien.

Ob aber auch diose Clans auf einer Stufe der Entwicklung blutfechtlicho Verpflichtungon erfüllt haben, lilsst sich wenigstens nach dem von mir gesammelten Materiale zu urteilen kaum je ausweisen. Es werden niimlich diese Verbiinde eigentlich nie scharf und constant von den anderen nnterschiedon. Aber es ist aus inneren Gründen kaum wahrscheinlich. Fremden Stammen gegenüber tritt ja der Stamm auf, innerhalb des Stammes aber wird, bever mit der festeren inneren Organisation einc Art Ge-rieiitsbarkeit met öffentlichen Strafen auch auf diesem Gebieto sich entwickelt hatte, die Blutrache durch die Familie i. w. S. oder das Geschleciit betrieben

So z. B. wird bei den Narinyeri nach jeder Krankheit Rache an bestimmten Personen genommen, d. h. die Hütten ihrer Familien werden in die Asche gelegt, und die ganzen Familien werden herausgefordert, wenn auch der eigentlich schuldig Gemeinte viele Meilen weit entfernt war. Bisweilen fragt auch der Sterbende die ganze Familie des vermeintlichen Thaters zu bezaubern. Am Malpuri, dem absichtlichen Zaubermörder oder einem seiner Verwanten wird immer strenge Rache genommen. — Wenn aber ein Stamm als Mörder eines Stammgenossen angesehen wird, werden Boten zu ihm geschickt um ihn zu verfluchen, was einen casus belli bildet; ein unbedeutendes Gefecht geniigt aber, wenn es nur den einen Toten zu riichen giebt!!).

Von den Kurnai erfahren wir, dass die ganze Familie des Opfers am Thilter Rache nimmts).

Auf Samoa wird innerhalb des Stammes Raclie an der Familie des Schuldigen genommen 1).

1

Turner, Samoa: S. 285.

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§ 4. Die sweite Shtfe der Gruppenrache. — Die auscjehildete

Stammesrache.

Es versteht sicli, dass Sub- unci Object der Blutrache andere werden, wenn einmal die Stammesorganisation ausgepriigt ist und der Stamm die souveriine Einheit bildet. Wenn dies der Fall und alle die zu einera Stamme gehörenden Familien sich zu eineui Ganzen verbunden fühlen, was wahrscheinlich durch Kriegsnot herbeigefiihrt, durch giinstige Wohnungsverhaltnisse ermöglicht und durch eine raehr oder weniger stramme Organisation im Stande gehalten Avird (Alles auf der Basis der erhöhten Intelli-genz und Sympathie), dann können bald weder auf der einen Seite die einzelnen Familien einander bekriegen, noch auf der anderen gesondert mit fremden Stammen oder stammfremden Familien Krieg fiihren. Fiir die interfamiliaren Vergehen bildet sich bald eine Art Gerichtsbarkeit aus, wahrend iiusseren Feinden gegen-über der Stamm die Sache der Familie activ und passiv zu der seinigen macht. Der aussere Feind hat nicht mehr mit der geson-derten Familie, sondern nur mit dem ganzen Stamme zu schaffen').

Die Beispiele der Gruppenrache dieser Stufe der Entwicklung angehörig sind deshalb so gering in Zahl, weil wir diejenigen alle ausgeschlossen haben, wo sich bereits die Composition entwickelt hatte, wie es meistens der Fail ist. Die Composition braucht nicht immer die nachste Stufe erst nach der der Stammesrache zu sein, sie kommt voll ausgebildet schon auf dieser vor 1), es ist aber deutlicher und angemessener erst die reine Erscheinung

1

Ja sie besteht schon bei Vólkern, wo die Familie resp. das Geschlecht die Blutrache betreibt, so bei den Aht-Indianern: Sproat: S. Bd, 153; Barilo-Bajacken: Schwaner I: S. 214; Chewauren-, Radde: S. 415, Eristaf: S. 31; Ckaratscha: Klaproth I: S. 517, 520; Kurnai: Hewitt and Fison: S. 217, 220.

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dor Orupponrache oline dio Composition zu studiron; ihro weni-gen Beispiele stellen wir doshalb hier znsammon, wie immer mit dem Vorbehalte, dass wir unsere Gewilhrsmiinner hochstens durch andere Berichterstiitter controliren kunnen, daher immer auf dio uns verschafften Angaben uns verlassen miisson, und so vielleicht wohl einmal als nicht bestehend betrachten werden, was blos in keiner Quelle mitgeteilt wurdo.

Bei den Creelc-Indiamrn finden wir nach Schoolcraft's Angaben die Clans aus Familien zusammengestellt; „a man never marries in his own tribequot;; dagegen behanptet Gatschet, dass bios „marriage between individuals of tho same gens was prohibitedquot; In den Angaben der verschiedonen Gewahrsmiinncr ist es nicht deut-lich, ob der Mord durch einen Stammfremdcn oder durch einen Genossen, entweder Mitglied der selben gens oder einer anderen, stattfand. Bartram sagt: „if murder is committed, the family and tribe alone have the right of taking satisfaction. They collect, consult, decree. When the tribe may be effected by it, or has an old claim for satisfaction, the family then consults with the tribe.quot; Wenn der Entschluss gefasst wurdo sich Genugthuung zu verschaffen, ergreifen sie den Thilter, und, wenn dieser entkommt, dessen nachsten Verwanten odor oin anderes Mitglied der Familie s). — Gatschet's Bericht ist dom vorigen nicht ganz gleich und audi nicht recht deutlich. „In adultery and murder cases the relatives of the gens of the injured party alone had the right of judging and of taking satisfactionquot; 1). „Several gentes, with their families, united into one town or settlement, live under one chief, and thus constitute a tribe;.... the executive officer of each town is the miko or chief, his duty is to superintend all public and domestic concerns, to receive public characters, to listen to their speeches, the contents of which were referred to the town, and to „deliver the talksquot; of his communityquot;2). Audi Bartram

1

Albert S. Gatschet: „A Migration Legend of the Creek-Indiansquot; I (1884): S. 154.

2

Gatschot: S. 150.

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constatirt, (lass jedes Dorf einen unabhiingigen Stamm bildet ').

Die sich widersprechenden Aasdriicko Dodge's in seinem Bericht über die Cheyenne-lndianer zeigen recht deutlich, wie schwer es ist sich aus den Angaben der Quellen ein richtiges Bild zu formen. „Die Manen oder Schatten ihrer im Kampf erschlagenen Stammesgenossen müssten womöglich durch den Tod derer von denen sie erschlagen worden, oder — in Ermangelnng dessen — durch den Tod einiger von der Nation oder dem Stamme der letzteren, versülmt werden.quot; Demnach hiitten die Cheyennes active Stammesrache sowie passive persönliche subsid. ebensowohl Stammesrache. Gleich drauf teilt Dodge mit, wie nachdem von einer Bande Cheyennes sechs oder acht Manner durch amerika-nische ïruppen getötet worden, im Indianenlager beschlossen vvurde Wiedervergeltung an weissen Opforn zu suchen, worauf wirklich einigc Glieder einer kleinen Abteilung Feldmesser, welche ihnen gerado begegnete, ermordet wurden, und zwar anstatt des eigentlich beabsichtigten Angriffes einer weissen Ansiedlung. Aber darauf fiihrt Dodge folgenderweise fort: „Zwei oder mehr Krieger von benachbarten Stümmen haben einen Zusammenstoss, worin einer von ihnen erschlagen wird. Seine Verwandten und Freunde suchen nun jede Gelegenheit auf, urn durch Erlegung von einem oder mehreren Verwandten des Mörders Wiedervergeltung zu iiben. Die Schatten appelliren der Reihe nach oder abwechselnd an ihre Freunde wegen ihrer Beschwichtigung, und im Laufe der Zeit kann eine Feindseligkeit, welcher aus einer blossen Rauferei zwischen zwei halb betrunkenen jungen Burschen entstanden sein mag, sich so in die Breite und Tiefe ausgedehnt haben, bis beinahe jede Familie des einen Stammes eine blutige Fehde mit einer oder mehreren Familien des andern hat.quot; Und auf der anderen Seite sagt Dodge dagegen wieder wie, „zuletzt jedes Individuum von jedem Stamme nnr durch die vollstiindige Ausrottung des anderen zufrieden gestollt wirdquot; 2). — Jeder Stamm hat einen erblichen Oberhauptling, und die verschiedenen ihn zusammen-

1) Bartram; S. 23; Schoolcraft I: S. 208.

2) Dodge: S. 108—HO.

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stellenden Banden haben ihre ünterhauptlinge; „die Eegel scheint die zu sein, dass, wahrend das Wort des Unterhiiuptlings für seine Bande Gesetz ist, jedes Mitglied dieser Bande sein Untertlianen-Verhiiltniss nach Belieben verandera darf — aber auf seine eigene Gefahr, wahrend dieser Veranderung,quot; d. h. wer sich dieser Herrschaft entziehen will, wird vom ünterhauptling gewalt-sam zurückgeführt, so lange er die andere Bande desselben Stammes noch nicht erreicht hat, — es beweist dies doch eine einigermassen stramme Organisation, wenigstens der Bande; die Verwechslung des Stammes scheint gar nicht gestattet zu sein „Eine hervorragende Holle in der Stammesregierung spielt die Rathsversammlnng,quot; doch bat jedo Bande eine eigene Beratungs-hütte. Den grössten Einfluss übt aber die Zunft der Hundesol-daten, d. h. der sammtlichen Jager des Stammes; diese üben die Polizei aus, schützen das Wild und befehlen den Marsch. „Vcr-brechen gegen die Obrigkeit oder Verletzungen der Befehle des Hauptlings werden strenge geahndot,quot; der Hauptling entscheidet hierin mit der Einwilligung der Katsversammlung und dom werkthiitigen Beistande der Hundesoldaten. Verbrechen gegen Individuen innerhalb des Stammes werden durch Erlegung von Entschiidigungen, deren Höhe der Hiiuptling bestimmt, abgemacht'). Aus alledem und wei teren von Dodge mitgeteilten Ziigen er-giebt sich, dass der Stamm doch eine ziemlich feste Organisation besass1), und dass die Blutrache hochstens durch die Banden, jedenfalls nicht durch die einzelnen Familien geführt werden konnte.

Die Nachrichten über die Kutchin- oder LoMc/iewx-Indianer sind nicht sehr deutlich. Einmal erfahren wir, dass zwei Brüder durch ihre Verwanten gerucht werden an einem allgemein verhassten Menschen, das andere Mal horen wir, wie Blutrache zwischen zwei Stammen besteht, in welcher die Hiluptlinge der beiden Stiimme

25

1

Auch das S. 93 von Dodge erziihlte spricht hierfür: einmal jiihilich macht der ganze Stamm gemeinsame Medicin, was sonst jede Bande Ihut; der Stamm hat einen eigenen Medicin-Hiiuptling, welcher Geringschatzung oiler Ungehorsam seitens irgendeines Stammesmitgliedes oder einer Bande sogar strenge straft, s. S. 95 und 96.

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durchaus als Fiihrer auftreten Wahrscheiiilich betrifft das er-stere einen Mörder innerhalb des Stammes, daher die Hervor-hebung der allgemeinen Entriistung. — Das Volk ist in kleinen Stammen eingeteilt, deren jeder einen eigenen Fiihrer hat1).

Bei den Turkmenen kennt jedes Kind seinen Stamm, weil „dieser eigontlich die Waffe ist, die ihn gegen Willkür Anderer schützt und im Falie einem einzelnen Gliede etwas zu Leido gethan wird, der ganze Stamm Genugthuung fordern muss. Daher owige Fehden zwischen den Stammenquot; 8).

Die Italmenen liefern kein reines Beispiel der Stammesrache. Mord oder Totschlag wurde von den Anverwanten durch Blut-rache gesühnt, falls der Mörder letzteren nicht zur Execution ausgeliefert worden war; wenn also der Mörder von seinem Ostrog nicht ausgeliefert wurde, führten beide ganze Ostroge Krieg miteinander; die Miinner der überwundenen Partei wurden sammtlich von den Siegern hingeschlachtet, damit man künftig sich nicht vor ihnen zu fürchten brauchte, Weiber und Madchen führte man in die Sklaverei '). — Die Ostrog hielten fest zusam-men, sogar der Zusamraenhang mit den aus Not emigrirten Grappen wurde nicht imterbrochen, sondern der Mutterostrog bildete met dem neuen einen defensiven Bund, welcher sich wie ein Mann verteidigte. Die Tojone besitzen keine grosse Macht, sind aber die höchsten Richter und Anführer im Stamm, wenigstens in Friedenszeiten2). Ob wir hier einer beginnenden Stammes- oder einer aufdammernden Individual-Rache gegen-über stehen, ist nicht gleich zu entscheiden; in Anbetracht der constatirten socialen Verhaltnisse scheint mir das erstcre aber wahrscheinlicher. Wir waren auch jetzt wieder in der Lage iiber

1

5) Steller: S. 355, 210, 212. Erraan III: S. 422. Kohn und Andree: S. 199.

2

Kittlitz II; S. 318.

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die hinderliche Mangolhaftigkeit unserer Quellen zu klagen.

Von den Eingebomen der Solomon-Insein sagt Hagen: „ils ressentent tons I'injure faite a I'un d'eux; toute violence exercóe centre lo raembre d'une tribu est aussitot eprouvce par la tribu enticre désireuse de la venger et de faire subir au coupable la peine du talionquot; Romiliy teilt hieriiber welter nichts mit, als dass ein Mord öfter mit mancben nn schuldigen Leben geracht wirdquot;). Auch Guppy's ausfübrlichere Nacbricbten macben die Sache nicbt recht deutlicb; es scheint dass die Familie dos Er-mordeton fiir Geld einen Berufs-Kopfjüger zur Betreibung der Radio mietet — ob alles abor blos infra-tribalo Mörde betrift oder auch andere, wird nicht klar, — das erstere scheint abor der Fall zu sein. — Jedes Dorf von etwa 100—200 Einwohnern hat einen unabhangigen erblichen Hiluptling; es scheint jedes Uorf einen Stamm zu bilden1).

Hei den Nuforesen besteht die Composition des Mordes inner-halb des Stammes, sonst nicht: „die Blutrache zwischon den Stiimmen ist unauslöschlich und geht von einer Generation zur anderen über. Wenn Jemand getötet wird, so riichen seine Ver-wandten sich nicht an dem Mörder, dieser ist überhaupt selten zu linden, sondern an dem ganzen Stamm, zu dem der Mörder gehort, und es ist ibnen ganz gleich, ob sie Mann oder Frau oder Kind, Schuldige oder Unschuldige in die Hiinde bekommenquot; 2). Wenn aber der Stamm Object der Blutrache ist, muss or not-wendig auch iSubject dersolben werden. — Die Macht der Hilupt-lingo ist gering; fiir Rechtssachen, welcho don ganzen Stamm betreffen, findet eine Versammlung der Hiiuptlinge uud dor Aeltesten Statt3).

Von den Dorej-Papua erzahlt Von Rosenberg Folgondes: „Wird Jemand aus einem Dorfe durch einen Bewolmer eines anderen

1

Guppy: S. 13, 19, 57. Leider enthSlt Codrington's reichcs Buch nichts über die Blutrache.

2

Van Hasselt: S. 191, 194.

3

Van Hasselt: S. 2Ü0.

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Dorfes überfallen, verwundet oder getödtet, so stehen alle Mit-bewohner wio ein Mann auf um Rache zu nehmen; ist man zu schwach, so wird die Hilfe einos anderen Dorfes eingerufen, welche selten verweigert wird; darauf legt sich eine Bande in der Nilhe der feindlichen Dorfes in Hinterhalt, wartet bis sio Irgendjemanden Mann, AVeib oder Kind, meuchlings ermorden kann und nimmt dessen Kopf mit; wenn der Feind Verdacht schöpft verlasst er das Dorf nicht, welches nie often angegriffen wird; die Rache wird in diesera Falie aber keineswegs aufge-geben.quot; Auch hier wird der Mord innerhalb des Dorfes compo-nirt'). Der Hauptling, welcher jedem Dorfe vorsteht, hat nur sehr geringe Macht; die Sachen für das ganzo Dorf von Bedeu-tung werden in der allgeraeinen Versammlung diskutirt1).

Über die Mortlock-Insulaner enthiilt Kubary folgenden, nicht allzudeutlichen Bericht: „der unfreiwillige Tod eines Stammes-genossen muss früher oder spater geracht werden und hat viel-fach Stammesfehden und Kriege zur Folgequot; 2). Jeder Stamra bildet einen eigenen Staat. Zu einera Stamrae geboren Individuen beiderlei Geschlechts, welche ihre Abkunft traditionnell von einer und derselben Frau ableiten können; die Mitglieder betrachten sich als Geschwister und dürfen sich nicht gescblechtlich verraischen, oder kürperlich oder moralisch schadigen.quot; „Jede Insel geht als ein Ganzes in den Krieg um die Interessen der Insel gegen die nachbarliehen zu verteidigen;quot; Verwante bekampfen sich aber nicht, die puipui (Verwantschaft) ist starker als der Staat. Das Haupt des Stammes ist unbeschrankter Verwalter der dem Stamme gehörenden Lander; auch iibrigens haben die Hüuptlinge grosse Macht und sind sie sehr geehrt3). — Wir stehen hier alsojeden-falls einer relativ straramen innern Organisation gegenüber.

Bei den Bontoc-Leuten Nord-Luzon's suclit die durch die Kopf-jiiger angegriffene Rancherie ihre Rache, woher ewige Kriege

1

Von Rosenberg I.e.: S. 454.

2

Kubary: S. 257.

3

Kubary: S. 245 252—256.

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stammen Übcr ihro Verfassung orfaliren wir leider blos, class jocle lianchorie cinen eigenen Ililuptling hat, jedenfalls biklet sie also ein organisirtcs Ganzos 1).

Die Clans der Mishnees haben Blutfehden unter einander. Innerhalb des Stammes kommt Composition vor 2). Uio Hiiuptlinge ragen i'tber die iibrigo Bovolkerung empor; jedor Clan wird naeh seinem ïïiiuptling benannf3).

Wir konnten nieht mehr als dieso elf Beispiele zusammen-iinden 4). Die Zahl ist allerdings sehr klein, mul doch liegen wir die Vermutung, dass sie vielleicht noch zu gross, insofern dass entweder ein tieferes Studium des einen oder des anderen Vol-kes in loco oder sogar schon die Beratung andorer resp. besserer Quellen als uns zu Gebote standen, vielleicht uns nötigen würde dasselbe von unserer Liste zu streichen. Vor Allem diirfte dies im Betreff des Nichtvorkommens der Composision wenigstens boi don Stammesfehden der Fall sein, weniger leicht im Betreff der That-sache dass der Stamm als Sub- und Objekt der Blutrache gelte, demi hier stimmte die von uns constatirte Organisation ausnahms-los mit unserer Annahme überein, was ihro Wahrscheinlichkoit im hochsten Grade erhöht; doch mussten wir uns auch hier mitunter auf ziemlich vage und dürftige Beschreibungon stützen, und sind somit auch in diescr Hinsicht nicht allo moglichon Fehler ausgeschlossen.

Dagegen liesse sich als gewiss behaupten und zwar aus den-sclben Grtinden, dass wohl noch manche Beispiele unserer Liste hinzugefugt worden könnten, sogar aus don von uns untorsuchten

1

Schadenberg: S. 35. II; S. 139 wird für dieses Volk .nicli der Stiuniu als Subject der Rache angenommen.

2

Cooper: S. 185, 238. Spencer: „Descr. Soeiol.quot; s. v.: S. 15.

3

Schadenberg: S. 39.

4

Post (Grundriss 1; S. 230, N. 1.) rechnet noch hierzu die Araber (dagegen meinen II B.; S. 125, 133), Hadhramaut, Beduinen (Composition cntwickelt), Bajus, Wotar (s. unten), ïscherkessen (sclion Composition), Ossctcn (dito und II: S. 121), manche australische Vülker (s. unten).

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Vülkorn. Wio gosagt, schcint mir hior dor kühno Versuch dor Genauigkeit, auch wo soin Gelingon vorliiufig unmöglich, nützlich und goboton zu soin.

Aus dom Cheyonno-Beispiel könnon wir sehon, wio, worm oin-mal verschiedono Pamilicu cinen Stamm bilden, untcroinandor heiraten und sich sonst mit einander vermischen, dio Pamilien-rache notwondig Stammesraclio worden muss. Die rachondo Gruppo tötote ja mitunter mal Jemandon, welchor durch Heirat mit einer andoren als dor sclmldigon Familie verwant war, so würde ja auch diese Rache fiir ihn fordorn; dasselbo konnto wieder dor Fall sein, u. s. w. in infinitum. — Auf diesem Wogo warde dasselbo erreicht, was sich durch das Engvorbundonsein dos ganzen Stammes schon ereignen musste: dio Erledigung der Blutracho, activ und passiv, durch den Stamm.

Es batte diose Entwicklung aber für das ganzo Kulturlobon sohr wichtige Folgen.

Wenn einmal der ganzo Stamm als Einheit ilussoron Feindon gogenübor auftrat, so konnte es nicht anders, als dass die oin-zelnon Familien ein ruhigeros, ungestörtoros Dasein orhiolton, dio Zahl der Reibungon wurdo oino geringere, und gorado weil dio Folgen eines Angriffs schweror, wurde ein solcber mehr gefiirchtet und deshalb seltener. Eine zweite Folge war, dass der Stamm, welchor dem ausseren Foindo gegenüber möglichst stark sein musste, im Innorn möglichst Frieden, Ordnung und Solidaritiit herboiführen musste; das Bodürfniss an inneror Fostigkoit und Organisation steilte sich ein. Wir sabon wio in allen unsoron Beispiolen dioser Forderung mehr odor weniger Genüge geleistot worden war. Es ist deshalb auch nicht zufallig, dass in mehroron für Vorbrochen inuorbalb des Stammes bogangen schon Composition moglich war, ja durch die Gemoinschaft gefördort wurde, abor auch oigontliche Strafon waren koinoswogs oino Seltenheit.

Innerhalb dos Stammes liatte sich also dio persönlicho, indi-viduelle Verantwortliehkeit schon ondgiltig entwickelt. Im zweiten Bande werden wir diese Erscheinungen gesondert und eingehend betrachten.

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391

Nicht nur war die Blutnicho vordorblich, wenn bei der Auflö-sung der grössoron, geschlcclitsgcnosscnschaftlichen Vorbiinde die einzolnon Familien und Gesehlechtcr sic übcrnahmcn, sondern sic war es sclion audi im Anfange, da die festere Stammesorganisa-tion sicli noch nicht cntwickclt hatte, und deshalb die Gesehlechtcr die Blutraohe betrieben. Im ersten Falie wurde so entweder der Verfall dos betreffenden Volkos eingelcitct, oder der Weg zu den Anfangen dor staatlichen Strafe gebahnt, im zwcitcn Falie aber musste entweder bei ungünstigcn iiusscren und inneren Umstiin-den das Volk zu Grunde gelien oder aber es entstand, durch den in diescr Wcise nicht wenig erschwerten Kampf um das Dasein erhcblich gcfördert, die Organisation des Stammes, welcher dann die Elutrache don iiusseren Feindcn gogenüber betrieb1).

§ 5. lieispiéle dar voll entwiclcelten Blutrache.

Ich möehte jetzt einige Beispicle der voll entwickelten Blut-racho zusammonstellen ohno vorliiufig die inzwischen aufgetretene Composition zu crklarcn, mit welcher Erklarung wir uns im nachsten Abschnittc eingehend bcschattigen werden.

„If murder is committed (bei don Creelc-Tndianern), the family and tribe alone have the right of taking satisfaction. They collect, consult, decree. When the tribe may bo affected by it, or has an old claim for satisfaction, the family then consults with the tribe.quot; Wcnn zur Satisfaction bcschlossen wurde, greifen sic den Thiiter, ontwischt dioser, seinen nachsten Verwanten odor sonst cin Familienmitglied. Bisweilen verspricht die Familie cine Entschadigung, wofiir ein ïormin festgestellt wird 2). Schoolcraft

1

Ich möchtc in iliesor Woisc die im zweiten Gandc S. 130 seq. vortcidiglc Hypothese erweitern.

2

Barlram: S. 67.

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392

berichtet, class friihor dor Bruder oder sonst der niichsto Verwante den Mord rilchto 1).

Die Clans der Goajiro lobcn in cwiger Eehdo; Aug um Augc, Is' Zahn um Zahn ist die Losung; man gonnt sich keine Ruhe,

bevor Einer vom feindlichen Clan auch getötet, oder die ganzo Familie ermordot odor dor Clan vollig vertrieben ist. Weil alio Weisson ihror Mcinung nach zu eineovStamme gehoren, geschah os cifter, dass oin Mord durch oinen Vonezuclaner veriibt an einom Hollander aus Curasao geracht wurde. Bisweilen findct Composition Statt2). Sievers sagt ausdrücldich: „die Clans noh-mon jeden Stroit oines Einzelnen als gemeinsames Strcitobject dor Kaste auf und daher kommen zum ïeile die endlosen Fehden unter den Goajirosquot; 3).

Die Eingebornen des Moore River Districts in West-Australien riichen einen Mord an einem Mitgliede des Stammes des Mür-ders. Dor ganze Stamm ist verpfliehtet früh oder spilt Raehe am Thilter oder dessen Stamm zu nebmen. Wenn der Ermordete nicht bestattet odor grosser Verrat beim Morde geübt wurde, begeben sich alle Miinner vom Stamme des Opfers nach dem Lande des Eeindes, reisen nur in der Nacht und ganz heimlich, töten jedes Mitglied des fremden Stammes dem sie begegnen, von dessen Pleisch sie sich nahren, nötigeufalls ohne es zu kochen; gewöhnlich ist ein Krieg die Eolge4).

Von den Schahseivenmi, einem Volke aus dem ethnologisch so reichen Kaukasus, erzilhlt Radde, dass, wenn bei einem Raub-zuge eines Stammes gogen einen anderen Stamm ein Genosso gotiitet wurde, Blutrache, kauly, notwendig ist: „die Stammesgenossen des Ermordeten halten es ftir ihre Pflicht dem Leben aller Stammesgenossen des Mörders nachzustellcn, wo sie auch immer dieselben finden mogenquot;; die Stamme meiden dann ein-ander, fast ihr ganzer Verkehr unter oinander wird abgebrochen;

1

Schoolcraft I: S. 270.

2

Réclus: S. 229; Sicvors; S. 256; Simons: S. 787.

3

Sievers: S. 250. S. auch Kohier: „Das Recht der Goajiroquot;, Zeitschr. f. vergl. Rechtsw. VII: S. 382: Blutrache von Horde gegen Horde.

4

Oldfield: S. 244, 247.

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oigentlicli kann nur Blut don Morel sühnon; criminelle Bchand-lung und Vorurtoilung nach dom Gosctzo versölint dio Partoion niclit, nur dio Vorsöhnung nacli dom lioiligon Braucho ').

Allo Verwanten müssen den ïhator tüten, wenn in Ghewsurien ein Mord geschah, auch wenn keiu morderischor yersatz bestand; bei dor Racho ist Moucholmord erlaubt. „Dor Thater wird also samint seiner Familie lUichtig und die Verwanten und Namens-gloichen haben das Recht seine Hiitte zu verbronnenquot; -).

Im vorigen Jahrhundert horrsebte bei don Osseten noch unbe-schrankt die Blutrache, wolcho eine religiose Ptlicht war; die Leicho wird mit Ceremoniën in das Haus gebracht, jeder Verwante beschmiort sich mit dom Blute und schwört ihr Rache; von dor erfüllten Rache giobt der Rachor eine foierliche Erklilrung auf dom Grabe. Die Blutrache war nach Haxthausen activ und passiv eino Sache des ganzen Stammes, Kovalewsky spricht aber nur von der Familie, doch scheint der erstere das Wort nicht streng gemeint zu haben1). Über dio Anderung der Blutrache durch die Composition sprechen wir unten und über die fatale Richtung, welcho die Blutrache durch die Auflüsung der Ge-schlechtsverbando erhielt, im zweiten Bande2).

Bei den Tajik-Stdmmen in Kohistan herrscht dio Blutrache in voller Strenge und daher wird ein Mann immer durch oinen Teil seines Clans begleitet; bisweilen ist ein Mann gezwungen aus Furcht vor der Racho sich 2 a 3, ja 8 oder 10 Jahre in seinem Turme aufgeschlossen zu halten 3).

Gopcevic giebt eino ausführliche Beschreibung der alhanesischen Blutrache. Wenn der Mord innerhalb des Dorfes geschah, finden sich schon Spuren einor Bostrafung durch dio Gemoinschaft;

1

Morgan nach Kovalewsky. S. 407; Von llaxlliausou 11: S, 2i), 30, 53; Kovalewsky: „Coutume Conteraporainoquot;: S. 232 seq.

2

S. 121, 130, 137.

3

Burns: „Caboolquot; (1843): S. 149. Die Tajik Afghanistan's sollen ein ruhiges, friedfertiges Volk sein, Burns I.e., Dellew: „The Races of Afghanistanquot; (1880): S. 111.

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gelingt dieso Bostrafiing- duroh dio Klucht dos Thaters aber nicht, so muss dor Mördor joder Augonblick bofürchton, dass oiu Verwanter odor Fround seines Opfors ilin niederschiesst. Und in-zwischon mussen seine Verwanten und Freunde mit denen des Opfors kiimpfen, was mit der Vernichtung odor dom Eückzuge der einer Partei odor mit dor Intervention neutraler Personen und des Magistrats endet; sind dann beide Parteien zu einer Geldontschadigung geneigt, so ist die Sache beigelegt. — „1st der Mord von dem Bewohner oines anderen Dorfos bogangen worden, so ist es Sache des ganzen beleidigton Dorfos sicli Oenugtluiung zu holen. Bowaffnot riiokt dossen mannlicho Bevöl-korung gogen das Dorf dos Mörders, dessen Bewohner selbst-verstiindlich obonfalls zu den Waffon greifen und sich zur Wehr sotzon. Es entspinnt sich ein Gefecht, das entweder mit dom Abschlagen des Angriffes oder der Erstürmung des Dorfos endigt, wonn nicht die Weiber sich rechtzeitig ins Mittel legen und eine Waffenruhe anbahnen. Wahrend derselben wird berathen, ob es sich lohne, die Foindseligkeiton fortzusetzen.quot; Die Magistrate versuchen eine Composition herbeizuführen. — Wonn ein Gast ermordet wurde, „se ist das ganze Dorf, welches der Gast bowohnte, oft auch der ganze Stamm zur Rache verpfüchtot. Wurde ein Fremder, welcher die „Bessaquot; (Sicherheitsgarantie) oines Stammes odor Dorfos besitzt — os genügt sogar die Bessa oines einzelnen Stammesmitgliedos — in dem Gebiete eines andoren Stammes ermordet, so ist dieser dafür vorantwortlich und muss sich gefasst machen, von jenem bekriegt zu werden. Aus diesem Anlasso ontstellen oft jene grossen Fehdon, welche in förmlichon Bürgerkrieg ausartenquot;

Auf Nias wird die Rache in voller Strenge geübt; der Hass geht auf die folgenden Geschlechter über; öftor wird eine ganze Familie einschliesslich der Stluglinge getötot um möglicher Wie-derrache vorzubeugen. Innerhalb des Stammes resp. des Dorfes scheint Blutrache nicht vomikommen, jedenfalls nicht wonn die Sache dem Dorfsgerichte übergeben wurde. „A tanto maggior

1) Gopcevic: S. 322—320; Brown: S. 58, CO.

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ragiono poi si comprcnde come passi sompro in famiglia il clovoro di vendicaro ogni uccisione o rapimento di persona commesso da uomini di altro viliaggioquot; 1).

Von Engano orfahren wir, dass viele Kampfe zwisehon den Stammen und Dörfern stattfinden, und zwar als Folge dor Sitto, dass, sobald zwei Personen aus zwei Dörfern Handel bekommen, dio beiden Dörfer das zu ihrer Sache machen, woraus ein Krieg ontstelit, wolcher oft erst nach jahrenlanger Guerilla mit einem Zweikarapfo (S. Band II: S. 15) endet, beschlossen durch die Zahlung einer Busse vom Besiegten an don Sieger ~).

„Blutraehe in vollcm Umfange und bis zum Extrem gepllegtquot; iierrscht bei den Jiatjohos; jedes Familienmitglied, dessen die raehende Familie habhaft werden kann, wird getötet; ganze Raneherien leben mit einander in Blutraehe, niclit ruhond bis eine derselben vernichtet ist2).

Dioso elf Beispiele, welcho sieh leieht vormehren Hessen, be-weisen zur Genüge, dass die voll ontwiek el to Blutraehe bei allen Völkergruppon, die unseren Untorsuchungen das Material lieforten, vorkommt, und sie genügen urn ein synthetisches Bild dieser Institution auch hier nicht fehlen zu lassen.

Über die Wirkung der Blutraehe, einige ihrer Massigungen und einigo ihrer Polgen andere sociale Verhiiltnisse anbotreffend spre-chen wir im zweiten Bande, der Composition ist der michste Abschnitt gewidmet. Jetzt wollen wir noch analytisch dio eigen-tümlichen Karakterziige der Blutraehe, so weit wir sie noch nicht borücksichtigten, hervorhebon.

I § 6. Analytische Karakteristile der Blutraehe.

A. Die Blutraehe bleibt nicht auf die Geschlechter, welcho dieselbe anfingen, beschriinkt, was völlig aus ihrem Grundzuge

1

Modigliani: S. 470, 471, 496; Niouwenhuisen en Von Uosonberg: S. 25,105.

2

Schadenberg: S. 28.

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erklart worden kann: sic ist ja cin Kriog, cino Rache fiir jeden Morel, aus wolchom Grundo dorsolbo hervorgohon möge, also nicht mir fiir don erston Mord, womit dio Sacho anfing, sondorn obcn-sowohl für don zwoiten, dor sciion Racho bcabsichtigto, und so wiilzt sich das Rachobedürfniss fortwahrend bin mid hor, von diesem auf jencn Staram, bis dio Fohdo endot „fauto do combat-tantsquot;, bis oino Gruppo völlig aufgerioben odcr orniodrigt wurde.

Diesor Zug wird bosondors horvorgohoben boi don Dacolah-Indianern, \vo auch für ein Opfor mohrcre zur Radio gctötct werden'), bei den Neu-Caledoniern, wo ewigo Fehden zwischon don Stammen bostohen 1), don Bontoc-leuten Nord-Luzon's s), den heidnischen Stammen Mindanao's 2), den See-Dajalcen 3), don Biadjn Dajaken4), den Ossetcn5). Von den Letzteren sagt Kovalevski: „Les voyageurs allemands et les rédacteurs des plus anciens i'ocuoils des adats, sont unanimes a constater l'hóréditó des vengeancesquot;; in einem iilteron Sprichworte hoisst es: „le débiteur du sang et celui qui cherche la vengeance sont egaux, dos qu'ils sont en prósencequot;; e'est a dire que 1'agresseur a le droit, en se defendant, d'aggraver son offense par un nouveau crime, qui, a son tour, pout devenir le sujet d'un nouvel acto do vengeancequot;. — Was hier schon in Rechtsausdriicken fostgestellt wurde, gilt nach unseren Resultaten als Thatsache überall, wo dio voile Blutrache vorkommt8).

B, Die Blutrache beschriinkt sich keincswogs auf die ursprüng-lichen Thiiter, auf die eigontlich Schuldigen; im Gegontoil, bovor sio allmahlig durch dio aufkommende Staatsmacht und andere Einfltisse beschriinkt wird, wird sio gegen alio Mitgliedor dor Oruppe gerichtet. So wird Blutrache an dor ganzen Familie odcr

1

Rochas: S. dSV.

2

„Die heidnischen Stitinmo Mindanao'squot;: Ausland 1885: S. 683.

3

Low; S. 213.

4

Post: „Grundrissquot;: S. 241.

5

Eastman: S. 53; Schoolcraft II: S. •171, 100.

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gar an einem ihror Bekannten aus der Naclibarschaft geübt bei den Grunlandern 1), bei den BlacJcfeet-lndianern am ersten besten Mitgliede der Familie2), im Cammarray-Stamme3) in Neu-Siid-Wales an einem Verwanten des Mörders, bei den Narrinyeri ') an irgend einem Farailienmitgliede, in Central-Australien 4) öfter an einer Person der selben Rasse als der des Mörders, bei den Dieyrie5) werden der Bruder oder der Vater des Mörders sogar oher als dieser selbst getötet, in West-Australien6) fühlt sogar ein siebenjahriges Kind aus dom Stamme des Mörders sich schuldig und von der Blutrache bedroht, die Ambonesen 7) töten den Thater oder irgend ein Mitglied der negari, auf Wetar3) wird, wenn man don Schuldigen nicht habhaft werden kann, ein An-derer aus seiner negari ermordet um dadurch eine Spaltung in derselben hervorzubringon (in den beiden letzteren Fallen ist also schon ein Streben nach Individualisirung zu spüren), der Murut-Dajalce tötet z. B. ein altes Weib aus dem Stamme des Mörders, auch bei den Dussun-Bajaken bekampfen sich ganze Stiimme wegen eines Mordes 8), auf Ncu-Seeland werden auch die unschuldigsten Mitglieder des Stammes in der Fehde getötet'O, und von den Osseten heisst es „la familie de la victime se venge souvent sur les parents les plus éloignós du coupablequot;, bis in's tausendste Glied, „en Ossótio la vengeance du sang mena^ait simultanément tous les parents de la victime. Ainsi s'expliquo facilement rextermination de „feuxquot; entiers ou leur emigration foreóe, dans le but d'éviter la mort qui ies menaccquot; 9).

1

Grant/.: S. '194.

2

Zu Wied: S. 003, 573.

3

Collins: S. 587.

4

Eyre I: S. 173.

5

0) Gason in Gun' II: S. 53.

6

Grey II: S, 239.

7

Riedel; Rassen; S. 50.

8

Halton: S. 204, 270, 272.

9

Kovalevsky: „Goutume contemporainequot;: S. 248, 249.

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Zugohürigkeit zur gesclilcchtsgonossenschaftlichen Gruppe geiiügt um activ oder passiv au der Blutrache beteiligt zu werden, wie wir oben ausführten

Mitunter sclieint die Rache aber noch weit über den Verband hinaus ausgestreckt zu werden. So lesen wir z. B., dass die Indianer „punished one white man for the depredations committed by his white brother, although the two men lived thousands of miles apart, and had never heard or seen each other.quot; Und als Grund wird Folgendes angegeben. „The white people were to them the same as any of the Indian tribes that lived on the prairie, and they believed that all the white men they had seen belonged to the same tribequot; 1).

Und vom entgegengesetzen Ende der Welt vernehmen wir dasselbe; namentlich von den Fapua von Fort Moresby, an der Siidküste Neu-Guinea's, heisst es: „should a Papua perchance die in Queensland, his spirit will not return to his birthplace, but will, according to their belief, be lost; the natives therefore will be wild, and will in all probability kill the first white man they come across, as an equivalentquot; 2).

Und es liessen sich ohne Miihe gar viele ahnliche Thatsachen anführen. Z. B. wird dasselbe von den Eingebornen Victoria's berichtet, von den Dusun-Dajaken und von don Sioux Nord-Amerika 3).

Künnen sie alio vollstilndig durch die Erklarung, welche Mc. Lean gab, erliiutert worden ? Ich glaube kaum und um so weniger, wenn wir sie mit einigeii ganz gewöhnlichen und allgemein be-kannten Thatsachen aus unseren Kulturkreisen vergleichen; ich hoffe, diese Vergleichung werde uns erlauben noch tiefer in die

1

John Mc. Lean: „The Indians of Canadaquot; (1892); S. 179. Siehe auch oben die Goajiro und die Central-Australiër (S. 392 und 397).

2

Pitcairn : „Two Years among the Savages of New-Guineaquot; (1891); S. 59.

3

Brough Smyth II: S. 283, 229; Ilatton: S. 219; Burton : „City of the Saintsquot;: S. 111.

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Gründe und das Wesen dor Blutrache einzudringen. Der Student, dem einmal sein Madchen durch einen Officier geraubt wurde, wird gar leicht dem ganzen Officiersstande einen gewissen Groll zutragen; der Knabe, welcher Keligionsuntorricht von einem unedlen, beschrankten Pfarrer genoss, wird manchmal alle Pfaffen verabscheuen; wer von óinem Judcn übervorteilt wurde, wird Antiserait; der Mann welcher óin Weib zu bassen und zu verachten gelernt hat, wird ein Weiberfeind Lorabroso erzahlt Fol-gendes von zwei modernen Verbrechern : „i duo coniugi Bouchet, parenti o cugini di galeotti, avovano giurato di vendicarsi, ucci-dendo un magistrate, qualunque fosse; e sui primi cho videro passare sotto le finestre esplosero un colpo di fucile; arrestati, si dichiaravano folici di aver compiuta la strana vendettaquot; s).

Es ist klar, dass alle diese Thatsachen grosse Ahnlichkeit rait den von den Wilden angeführten haben, und dass sie, insofern sie zeitgenössische sind und uns niiher liegen, geeignet sind uns die anderen Erscheinungen dem Verstiindniss nilhor zu rücken und heller zu beleuchten.

Zum Teil mochte in allen diesen Fallon ein schlecht begrün-deter Verstandosschluss, oino voreilige Induction vorliegon: ein Weib betriigt, — allo Woibor botrügon; es beruht dies wohl hier auf, dass man ontwodor das Vermogen nicht odor die Oe-wohnhoit noch nicht hat die kleineren Unterschiode zwischen don Individuen zu bemerken und zu beachten und allo als die untor-schiedsloson, gleichförmigen Representanten der Species betrachtet und behandelt. Es kann dasselbe auch dadurch erzeugt werden, dass die Leidonschaft verhindert auf die feineren Details achtzu-geben, wozu man in ruhigerem Zustando fiihig ware. Danoben aber müchte die Erscheinung darin ihron Grund haben, dass dor Eindruck von den unangenehmon Eigenschaften des einen Indivi-duums erhalten derartig stark und dauorhaft ist, dass spiltero Wahr-nehmungen ahnlichor Individuen donselben durch Association immer

4) Strindberg's Heidon in „An offener Soequot;, „Dio Geiclito oinos Thorenquot;, „Dio Vorgangenheit eines Thorenquot; maclien hiei'an denkon.

2) T.ombroso: „L'Uotno Dolinquentequot; (1884): S. 307.

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wieder hervorbringen. Meistens aber wird Beides zusaramengehen: man betrachtet die Individuen als gleich gefilhrlich und hasswür-dig, und man fühlt den Hass durch die Association gleich aufleben.

Ob sich nun aber die betreffenden Erscheinungen bei den Wilden nicht auch in dieser Weise erklaren lassen ? ^ 1st est wahrscheinlich, dass die Indianer Canada's oder die Goajiro wirk-lich alle Weissen als zu einera Stamme gehorig betrachten ? Es liesso sich dies nur von solchen Vólkern, die noch fast keine Weissen sahen, annehmen, weil sie dann vermuten konnen, sie haben mit Mitgliodern eines Stammes zu thun, aber von Jenen? sie kennen doch gar viele Indianer, welche nicht zu einem einzigen Stamme gehören und sie erkundigen sich sogar erst genau, wessen Stammes Mitglied ein Fremder sei. Aus den wie immer in dieser Materie diirftigen Mitteilungen der Reisenden lasst sich die Frage nicht entscheiden, denn wenn auch die Wilden selbst ihre Rache an einem beliebigen Weissen damit begriinden, dass sie ihn vom selben Stamme als ihren Feind meinen, so ist das kein Beweis: diese Begründung ist ihnen ja geliiufig.

Wenn aber unsere Erkliirung richtig, so wirft sie unseres Erachtens ein neues Licht auf die Blutrache und zwar auf die jetzt behandelte Eigenschaft derselben 1). Dem Wilden er weckt der so eng mit seinem Geschlecbte resp. Stamme verbundene Genosse seines Feindes durch die directeste Association die Erinnerung

1

Die Blutrache im modernen Leben, wo dieselbe noch vorkommt, was wolil weniger selten der Fall als wir erkennen wollen, dürfte ganz auf die geschilderten psychlschen Vorgiinge zurückzuführen sein. Man denke an die Blutrache zwischen Knaben in Strindlierg's karakterologisch so überaus reichem Buche „Die Vergan-genheit eines Thorenquot; (1894) I; S. 230, wo ein Knabe von einem anderen in seinem Vater beleidigt wird, und seinen Bruder veranliisst mit ihm den Übel-thater und dessen unschuldigen Bruder mil Schneebiillen zu werfen und durch-zuprügeln. Strindberg hat aber Unrecht, wenn er hier alle Symptome der „guten alten Familienrachequot; anwesend meint. wie aus unserer Analyse hervorgeht. — Ein schrecklicheres Beispiel moderner Blutrache findet sich im „Neuen Pitavalquot; XXII (1888) „Kentucky-Vendettaquot;; unbegrenzt, hin und her, durch Meuchel-mörde getrieben, dauernd von 1877—87.

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an all das Hassenswiirdige in demselben, jeder seiner Genossen ist ihm fast identisch mit ihm und erweckt seinen Hass daher sogleich und in demselben Maasse. Es muss dies aber in be-sonders hohem Grade der Pall gewesen sein, da die Stamme, welche in Blutrache lebten, doch immer mehr oder weniger Nachbarn waren, also einanders Art und Weise genau kannten; veriibte nun Einer dieses Typus eine Übelthat, so wurde der ganze Typus verhasst und alle seine Representanten wurden verfolgt. Es versteht sich, dass diese Seite der Blutrache fast unsterblich ist und mit der Bildung bios in geringem Grade schwindet, nur dass sie mit der ganzen Erscheinung in den Hintergrund gedriingt, von officiüll officios, nebensiichlich und selten wird

C. Wie aus alien unseren Beispielen hervorgeht ist die Blut-rache ursprünglich in jeder Boziehung unbeschriinkt, sie ahnelt hierin dem Kriege, und ist von der eigentlichen Strafe als einer Leidzufiigung im Verhaltmss, wenn auch in einem öfter sonder-baren, zu dem Vergehen, so weit als möglich entfernt1). Die Talio muss entschieden als eine spiitere Einschrankung der urspriing-lich schrantcïïnfoscnquot;BlïïtFacHê betrachtet werden ^). Dochi kommt sie mitunter auch schpn innerhalb der Blutrache auf der ge-schlechtsgenossenschaftlichen Stufe vor. Einige wenige Beispiele mogen genügen.

Die Tlinket sind in der Blutrache bemüht den Tod der Ihrigen durch Ermordung einer gleichen Zahl von Feinden zu sühnen. „Bis nicht auf beiden Seiten gleich viel Blut gellossen ist, oder entsprechende Entschiidigungen gezahlt worden sind, wird der

26

1

Kohier „Shakespearequot; II: S. 180: die Blutrache ist entschieden keine Strafe, sondern reine Rache.

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402

Kampf fortgesetzt. Aber nicht nur die Menge des geflossenen Blutes, auch die Qualitat desselben wird in Betracht gezogen; ein vornehmor Mann, ein Hiiuptling, gilt das Doppelte oder drei-fache eines gewöhnlichen, und da über die Werthschatzung eines Getödteten die beiden Parteien verschiedener Meinung sein kunnen, so entsteht daraus eine neue Schwierigkeit, welche wieder erst durch lange Unterhandlungen gehoben -werden kannquot;

Bei den Oregon-lndianern wird, wenn der Mord nicht durch den Schuldigen oder seine Freunde compensirt wird, der Mörder getötet, „and the affair stops, no hostility being provoked anew by the actquot; 1). Offenbar gehort dies aber zum intertribalen, also schon halb staatlichen Strafrechte.

Von den Guiana-lndianern erziihlt uns Im Thurn Folgendes: „In theory, if not in practice, a complete system of tit-for-tat, of eye for eye, has saturated the mind of the Indian and regulates his whole life. The smallest injury done by one Indian to another, even if unintentional, must be atoned by suffering a similar injury. Of course all this refers chiefly to the mutual relations of members of the same tribequot;.... Yet even in dealing with white men, the Indian cannot shake himself free from the ideas generated by this tit-for-tat system.quot; Hiervon erziihlt der Verfasser kuriose Beispiele 2).

Die negari auf Wetar riicht den Mord durch Jemand aus einer anderen negari verübt, damit der Verlust gedeckt oder ausgeglichen werde ^).

Von den See-Dajahcn heisst es, dass die Fehden zwischen den Stammen so lange dauern, bis die Zahlen der von beiden Seiten geraubten Kopfe gleich sind; wer die meisten Köpfe nahm, zahlt den Unterschied3).

„Bei den Atjehern pflegen langanhaltende kleine Kriege nur dann aus den bila (Blutrache)-Geschichten hervorzugohen, wenn

1

Gibbs: S. 190.

2

Itn Thurn: S. 213—215.

3

Low: S. 213.

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403

z. B. eine einfache Verwundung mit einor Tötung geracht oder in anderer Weise das Maass überschritten wirdquot;. Aucli wird Blut-geld für den Überschuss von Beleidigungen und Schadigungen gezahlt ^).

Von den Solomon-Insulanern sagt Rotnilly: „the practice to which these savages are accustomed is that of a life for a life, or more frequently, of several innocent lives for onequot; a). Und auch Guppy erzahlt von dem Streben nach Talion auch zwischen zwei Stammen: ein Sohn eines machtigen Hauptlings tötet eine seiner Frauen, ihr Vater, auch ein Hiiuptling, will einen Rachezug an-treten, doch wird vom ersteren Hiiuptlinge beschwichtigt durch das Versprechen, dass er eine der anderen Frauen des Murders toten darf, was er thut, aber zugleich ihren Bedienten verwundet, worauf der Gatte wieder Rache sucht1).

Die Italmenen versuchen, bevor sie zu der eigentlichen Blut-fehde übergehen, den Mörder von seinem Ostrog ausgeliefert zu bekommen um ihn zu toten in derselben Weise, wie der Mörder es ihren Genossen that2).

Die Sitte der Osseten fordert, dass nach Misshandlungen und Verwundungen immer ein Schiedsgericht eingesetzt wird, obwohl kein Zwang hierzu besteht; kommt der Beleidiger jetzt nicht vor das Gericht, so sucht der Beleidigte ihm ebensoviele Wunden, als er von ihm erhielt, beizubringen, und damit ist die Sache fer-tig; geht er aber zu weit, so entbrennt die Fehde aufs Neue 3).

Die Riicher der Victoria-Australiër sind zufrieden, wenn sie ein Mitglied, wenn auch nur eine Fran oder ein Kind, vom Stamme des Mörders töten; auch dieser Stamm niramt damit Genüge; wenn aber Einer von einem unschuldigen Stamme getötet wird, so wird Rache gesucht6).

1

Guppy : S. 28.

2

Steller; S. 355 ; Kohn und Andree; S. 199.

3

Dawson; S. 71.

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404

Aus den angeführteu wenigen Beispielen geht schon hervor, dass die Talion auf dieser Stufe nie die symbolische, detaillirte, peinlich genaue ist, welche wir in hoher entwickelten Rechten vielfach finden!). Und obenso wurde klar, dass sie immer eine Beschrankung der früher oder sonst vollen Blutrache ist. Sie kommt auch meistens vereint mit dem Bestreben auf den individuellen Thater an erster Stelle und nur subsidiar dessen Stamm oder Familie zu strafen, was ja schon ausserhalb der eigentlichen Blutrache liegt. Sie scheint eher innerhalb des Stammes als zwi-schen den Stammen geübt zu sein.

Die Talion bildet also eine der Rachebeschrankungen neben der Composition, die wir im nachsten Abschnitte, und dem Zwei-kampfe, den wir im zweiten Bande behandeln.

D. Dass die Rache und der Mord aus Rache nicht verurteilt werden, brauchen wir'kaum hinzuzufügen, sahen wirjaoben 2) wie sie von den Toten gefordert und als Pflicht betrachtet werden1). Es gilt dies für die Reactionen den fremden Verbanden gegen-über, für die Vergehen und Ahndungen innerhalb der Verbande verweisen wir auf unseren zweiten Band, S. 153—177.

Weil der Mord und die Rache an Blutsfremden nicht verurteilt werden 2), werden beide auch nicht verheimlicht. Kovalevsky bemerkt hierüber Folgendes: „dans des conditions semblables, il est facile de comprendre pourquoi le crime n'apparait pas en Ossétie comme un acte honteux qu'il faut cacher. Tout au contraire, les violences sont manifestes et publiques, et le coupable

1

Spencer: „The Principles of Ethicsquot; I (1892): S. 362 seq. (s. oben S. 315); weiter Schneider I: S. 86; Post; „Grundrissquot; I: S. 228; Miklosich:S.21;Letour-neau: „L'Évolution de la Moralequot; (1887): S. 223, 224.

2

Ludeking: S. 61: die Alfuren verurteilen weder den Mord noch die Blutrache und halten das Kopfjagen in hohen Ehren.

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no chorcho point a les dissinmler, du moins a ses parents.quot; Die Bergvölker des Kaukasus wunderten sich, dass rait der russischen Oberherrschaft die Morde und Verstiimmlungen verheiralicht wur-den. „Autrefois, on attaquait ouvertement son cnnomi, et les coupables s'effor^aient au contraire de rendre leur action publique, paree qu'ils y voyaient Tacconiplissement d'un devoir saeró, impose par les liens de la parontóquot;

Und hiermit waren denn alle die karakteristischen Eigenschaften der Blutrache abgehandelt.

Wir wollen jetzt zu dor Erforschung ihres merkwiirdigsten Sprosses, der Composition, iibergehen.

1) Kovalevsky; „Coutumo Contemporainequot;; S. 235.

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SIEBENTER ABSCHNITT.

Die Oompositlon.

§ 1. Bas Problem.

In den rechtsvergleichenden und socialethnologischon Schriften ist es auftallend, wie die Ablösung dor Blutrache durch die Composition als etwas ganz Selbstverstündliches behandelt wird'). Nie findet sich ein Wort des Staunens über diese tief eingrei-fende Veranderung, und doch ist sie zweifelsohne eine solche: man denke nur, statt der grimmigen, blutigen Rache, welche Ge-schlechter lang wahrt und blind und maasslos urn sich greift, ein ruhiger, nüchterner, commercieller Abkauf!

Du Boys in seinem noch sehr schiitzbaren Buche sagt Folgen-des: „Grace aux prójugós de nes sociótcs civilisóos nous nous scandalisons ótrangement do ces coutumes sauvages qui rachotent Ie meurtre d'un hommo avec de l'argent, ou avec des fournitu-

res d'armes, do bestiaux, etc..... Mais d'abord, ces coutumes

ont ótó dans lour toinps un immense bienfait social; et si on

1) Lctourneau „L'Évolution juridiquequot;: S. 270 bemerkt; „le système des compositions est si bien dans la nature humaine qu'il apparait partout des que los sociétés sortent de la sauvagerie tout a fait primitive.quot; Beide Satze widersprechen einander einigermassen: die wilde Natur ist doch auch mcnschliche Natur; was machte dann beim Anfange der Bildung die Composition hervortreten, was hin-derte sie in der Wildheit? Das ist ja das Problem!

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eüt voulu rigoureusement appliquer de familie a familie, ou de tribu a, tribu, le principe du talion, vie pour vie, quand se seraient arrêtóes les vengeances alternatives entre ces groupes rivaux? Ces violences sans cesse renaissantes, devenant tour a tour causes et effets, se seraient indófiniment lógitimóes les unes par les autres. Du reste, aujourd'hui encore, de nation a nation, nous procédons souvent de la raome maniere. Quand un rei a voulu injustement agrandir son empire, les peuples qui lui ont rósistó, et qui sont parvenus a le refouler sur son territoire, se sent plus d'une fois contentés d'imposer au vaincu, pour toute satisfaction, des indemnitós ou contributions do guerre. C'est aussi la reparation du sang versó; c'est la sanction de la paix qui se conclut: en un mot, c'est faire en grand, pour arrcter des hostilités désas-treuses, ce qiie pratiquaient en petit les families ou les tribus des sociótós primitivesquot; 1).

Es lasst sicb gar vieles hierzu bomerken. Erstens scheint man sicb, wie gesagt, nicht genug über die eigentiimliche Erscheinung der Composition zu wundern, nur sollte dies nicht im Vergleiche mit unseren modernen Institutionen sondern gerade in dem mit dor unerbittlichen Blutrache der Wilden geschehen! Zweitens abcr scheint mir Du Boys' teleologische Kechtfertigung des Sühngel-des nicht befriedigend; wir fordern eine Causalerklarung. Sein Hinweis auf die modernen Eriedensbedingungen ist nützlich, aber genügt ebensowenig zur Erklarung einer sehr primitiven Erscheinung.

Lubbock macht sicb gar schnell von der ganzen Frage ab, indem or sagt: „that crimes were originally regarded as injuries to the sufferer only (wohl seine Gruppe hierin bogriffen), naturally led, in many cases, to the substitution of lines for bodily punishments.quot; Welter nichts 2).

Bastian schreibt die Einfiihrung dor Composition nur dor „künst-licheron Gliederung dor Gesellschaftsverhiiltnissoquot; zu, und meint

1

A. Du Boys: „Histoire du Droit Criminel des peuples européens.quot; I (1865): S. 7, 8.

2

„On the Origin of Civilisationquot; (1889): S. 480.

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„es kennzeichno stots einon Fortschritt in dor Geschichte eines Volkes, wenn Vorschliige gemacht werden, die wegen Ermordung geführten Kriege durch Festsetzung einer Strafe beizulegenquot; ■) Beweise für diese Behauptungen findon sich nicht, von oinem Versuch der Erklarung dieser Erscheinung keine Spur.

Aber auch Post, der verdienstvollo vergleichende Rechtshiste-riker hat meines Wissens nie versncht das Aufkemmen der Composition zu schildern und die Moglichkeit desselbon zu erkliiren. In seinem „Die Geschlechtsgenossenschaft der Urzeitquot; betrachtet er die Einführung des Siihngeldes als einen der don Untergang der Blutrache herboiführonden Umstande, giebt aber gleich Bei-spiele aus ihror vollen Entwicklung1). Auch in den spatoren quot;Werken Post's findot sich kein Versuch die morkwürdigo Erscheinung der Composition zu erkliiren, odor auf die Umstande ihrer Entstohung und ihre Bedingungen nahor einzugehen 3).

Auch in den auf die Blutrache bezüglichen Schriften Kohler's, welche so viel Interessantes zu Tage förderten, wird auf oino Erklarung dor Abkaufssitte nicht ein Wort verwendet2).

In Wilken's schönor Abhandlung findet sich blos ein Ansatz zur Erklarung. „Ruhte man ehomals nicht bever die durch das Vergohen angethane Schmach mit dom Blute dos Thaters ge-löscht war, allmahlig fing man au wenigstens nach einer gowis-sen Zeit, da der Eindruck des Geschehenen weniger frisch im Gedachtnisse lag, der Zorn und dio Entrüstung sich gelegt batten, von der Eacho abzusehon, wenn dor Boloidiger seine That nur durch eine Sühngabe, eine Busse gutmachen wollte. Und

1

„Grundlagenquot;: S. 403 und 409. Sogar in dem unerschopdich reichen „Grund-rissequot; I: S. 243 seq. kein Versuch der Skizzirung einer wahrscheinlichen Ent-wicklungsreihe.

2

„Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenzquot; 11 (1884): S. 135 seq.; „Nachwort 7.u Shakespeare vor dein Forum der Jurisprudenzquot; (1884): S. 14 seq.; „Zur Lehre von der Blutrachequot; (1885): S. 9 seq.

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was anfangs Willkür war, vom Gutfindon des Beleidigtcn abhing, wurde allmilhlig als Sitto angonommenquot;

Lippert giebt in ein paar Worten einon intoressanten Finger-zoig 1), dom wir soinerzeit folgen werden, der abcr schwerlich als eine Erklilrung unserer Erscheinung gelten darf. Fast denselben Gedanken spricht auch Letourneau aus s). Beweise fehlen bei beidon Forschern.

Wir sind jetzt wohl zu der Behauptung berechtigt, dass die Entstehung der Composition ein noch offenes Problem ist; jetzt aber miisson wir genauer feststellen, worin dieses Problem eigent-lich bestoht

Wir sahen oben, dass nicht nur die iiborlebenden Gescblechts-oder Stammesgenossen bei den meisten Vólkern die Blutrache mit grosser Intensitat betreiben, sondern dass die Toten resp. die Ahnen und natürlich an erster Stelle die Geister der Ermorde-ten mit dor ganzen Wucht ihres furchtbaren Einflusses die strenge Bofriedigung der Blutrache fordern, und dass diese dementspre-chend als eine heilige Pflicht, ihre unerbittliche Vollstreckung als orste Miinnertugend in fast allen primitiven Gesellschaften be-trachtet wird. Die Sitte der Composition ist im Widerspruch mit allen diesen ïhatsachen, welche doch einen so bedeutenden Platz im Leben der Naturvölker einnehmen und so festgowurzelt erscheinen. Wie war sie denn je möglich? auf welchen Umstan-den mag ihr Aufkommen, so siegreich, so fast allgemein beru-hon? welche sind die Motive, die zu ihrer Entstehung und ihrer Vorbreitung fiihrton? welche sind die ersten Stufen ihrer Entwicklung ?

Diese vielen, und wie mir scheint, durchaus berechtigton und inhaltschweren Fragen zu beantworten wird dio Aufgabe der folgendon Paragrafen sein.

1

„Kulturgeschichte der Menschheitquot; II (1887): S. 591.

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Die Hypothese, welche ich also aufstelle, ist die folgende: die zwei Hauptmotive, welche zum Übergange der Blutrache in die Composition führen, sind das Friedensbediirfniss einerseits und das Ersatzbediirfniss anderseits.

Fangen wir mit der Untersuchung der quot;Wirkung des letzteren Motivs an.

§ 2. Das Ersatzbediirfniss die eine Quelle der Composition.

öftte den Griinden, warum die primitive geschlechtsgenossen-schaftliche Gruppe den Mord an einem ihrer Mitglieder, beson-ders wenn durch einen Auswiirtigen verübt, so tief empfindet und nachdrücklich ahndet, gehort gewiss auch der, dass sie diese Schvvachung im Bestande ihrer Mitgliederschaft durchaus nicht leiden konnte. Dass dies wahrscheinlich, dass in primitiven Ver-haltnissen jeder Erwachsene, miiiinlichen oder weiblichen Ge-schlechts, hoch geschiitzt wnrde, dass die Verminderung der Genossenzahl mit Verdruss angesehen und koineswegs leicht ge-nommen wurde, geht aus manchen allbekannten Erscheinungen auf dem Gebiete des Familienlebens mit überzeugender Deutlich-keit horvor: so aus dem gar vielfach vorkom menden Brauche, dass dor Schwiegersohn bei den Eltern des Madchens wohnen bleibt, oder aus den ofter gar hohen Preisen beim Frauenkaufe, aus dem Verlangen nach und dor hohen Schatzung von Kindern. Was ist also natürlicher, als dass man auch nach der Schwachung durch einen Mord oder durch einen Krieg bestrebt war den Verlust durch kiinstlicho Aufnahme neuer Genossen wett zumachen. Wir finden mehrere quot;Thatsachen, welcho dieses Streben beurkunden,

Höchst interessant ist, was Mc. Lean hierüber erzahlt. „The Iroquois generally burned two or three (of their war-prisoners), and then distributed the others — men, women and children — among several households for adoption. By this means the Iroquois kept up their strenght. A council was called to discuss the question of distribution, and when a decision had been arrived at, the result was made known by a crier, and the distribution

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made in the public square. When a son or daughter died, the parents engaged a captain to procure some one to fill the place of the deceased. A woman having lost a husband did in like manner. A belt or collar of black wampum was presented to the person intrusted with this duty. If the prisoners were secured, and the women were satisfied with them, they were adopted into the family; but if rejected, they were burned. White prisoners had their heads shaved and painted. The belt or collar of wampum was fastened around the neck of the prisoner, and in this manner he was taken to the bereaved family.quot; Das Ver-fahren scheint uns ein bischon nüchtern zu, aber praktisch ist es gewiss, und die grimme Not des Jiigerlebens macht niichtern-praktisch: ohne Mann war die Frau fast gewiss dem Elende und der Hilflosigkeit anheimgegeben. Das Dilemma, Adoption oder Feuertod, wird die Gefangenen selbst der Sache zugeneigt gemacht haben. „When sufficient prisoners were not secured to fill up the vacancies, scalps were given to complete the number.quot; Rache also wenn Ersatz nicht möglich! „When a larger number of prisoners were taken than were needed (noch keine rechte Verwendung fiir Sklaven?), they were distributed amongst the allies of the Iroquois. The place of a deceased chief was never filled by any but a chief, or by two or three slaves, who were always burned. — The custom of adoption is practised amongst the Cree Indians, though not in the same manner, nor to such an extent as amongst the Iroquois. Many years ago, an Indian missionary amongst the Crees was travelling with his interpreter, a fine young native. They were together in their canoe, and were engaged in shooting wild fowl as they journeyed on their mission of peace. The missionary's gun accidentally went off, killing his companion. Some of the people advised him to flee, but he determined to trust in God and the justice of the Indians. He repaired to the lodge of the young man's friends, narrated the sad talc, and offered himself to fill the place of the deceased. His proposition was accepted, and he was adopted into the familyquot; ').

1) Mc. Lean: „The Indians of Canadaquot; (1892); S. 63, 64.

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Eaynal berichtct von den Canada-Indianern, dass eiuigo von den Kriegsgofaugonen anstatt der eigenen Toten angeuommen werden, deren Stellen in den Familien als Onkel, Vater u. s. w., sio aueh völlig einnehmon; sio ziehen sogar mit in den Krieg gegen ihre früheren Genossen. Die Nicht-Adoptirten werden unter Martern getötet1).

Wir finden auch bei den Illinois ein Beispiel dieser Entste-hungsweise dor Composition: der Krieger weieher einen Rache-zug unternahm, bringt entweder die Skalpen einiger Feinde mit, oder, was ihm den höehsten Ruhm schenkt, einige lebende Kriegsgefangone. Sobald er kommt, versamraelt sieh das ganze Dorf auf dem Wege, wo die Gefangenen vorüberkommen werden. Dor Empfang der Gefangenen ist furchtbar grausam: Einige reis-sen ihnen die Nagel aus. Andere schneiden ihnen Ohren und Finger ab, wieder Andre iibersehütten sie mit Stockschlagen. Naeh diesem ersten Empfang versammlen sieh die Aeltesten um zu beratschlagen, ob sie den Gefangenen das Leben schenken oder sio toten werden. „Wenn sie einen Toten zu beleben haben,quot; d. h. „wenn einer ihrer Krieger getötet war und sie es nötig urteilen ihn in seiner Hiitte zu ersetzen, schenken sie dieser Hiitte einen ihrer Gefangenen, welcher die Stelle des Ver-storbenen einnimmt, und dieses nennen sie, den Toten wieder belebenquot; 2). Dass die Illinois so nüchtern bei dieser Rache blos auf ihren materiellen Schaden durch die Verminderung ihrer Zahl Acht geben und dem Zorne, dem Hasse gar keinen Platz ein-raumen ist um se auffallender, weil sie ja doch eben vorher die selben Gefangenen welche sie spater ais Brüder aufnehmon, marterten, und diejenigon Gefangenen welche sie zum Tode verur-theilten, wieder einer grauenhaften Marterqual unterwerfen. Das Einfachste ist aber anzunehmen, dass gerade allo diese Marterun-gen ihre Rachsucht völlig befriedigten, wodurch nüchterner Be-trachtung Raum gemacht wurde.

Die jungen Miinner werden bei den Osage und Kansas Indianern

1

Raynal IV: S. 33, 35.

2

„Lettres Édifiantesquot; VI (1781): S. 183.

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ausserordentlich hoch gesclüitzt, „als oinen nationalen Schatz bo-trachtet und als die Quelle, woraus alle ihrc im Krieg oder sonst erlittenen Verluste ersetzt werden mussen, und als das Mittel, wo-durch sie ihren Rang unter den Volksstammen handhaben oderzu noch grüsserem Ruhtn aufsteigen werden.quot; Dalier wird die grösste Sorgfalt auf ihre Pflege verwendet und stets melir, bis das Kind er-wachsen ist. Es übt dieses Interesse in den jungen Mannern einen grossen Einfluss auf ihrc Sitton aus. Die unehelichen Müttcr werden deshalb nicht getadelt. Daher auch werden die im Kriege gefangenen Frauen und Kinder im Leben erhalten und in den Familien adoptirt, besonders durch diejenigen, welche durch Krankheit oder Krieg Frauen oder Kinder verloren. Die Adoption geschieht ohne Umstiinde; gewöhnlich werden den Adoptiv-kindern einige Geschenke gegeben, und erhalten sie die Namen derjenigen, in deren Stellen sie treten. Gegenseitig wird Liebe und Achtung versprochen und gewöhnlich halten sie das Ver-sprechen, und hangen ihren neuen Verwanten ebenso herzlich an,

alsob sie wirklich durch Blutsbande verbunden waren. Die adop-tirten wehrbaren Manner verlassen aber wohl mal ihren neuen Stamm, werden sie dann aber wieder kriegsgefangen gemacht, so bussen sie diese Untreue meistens mit ihrem Leben 1).

Wenn bei den Huronen ein Mord innerhalb des Stammes ge- 9 j /111 schah, wurden die Verwanten des Opfers meistens durch das Geschenk eines Kriegsgefangenen schadlos gestellt, welchor dann völlig in die Rechte des Verstorbenen eintrat3). Lafitau erzühlt die Sache allerdings ein bischen anders. Wenn die Verwanten des Ermordeten mit den erhaltenen Geschenken (worüber unten) nicht zufrieden waren, wird der T|iliter ihnen durch seine Familie zum Sklaven gegeben, über dessen Leben sie verfügen köunen, doch töten sie ihn nie, weil dann das Dorf zürnen würde; bisweilen sind auch die Verwanten mit seiner Unterwerfung zufrieden oder wollen sie ihn nicht sehen; die meisten Frauen nehmen aber den

1

John D. Hunter: „Gedenkschriften eener Gevangenschap onder de Wilden van Noord-Amerikaquot; (1824): S. 270, 271.

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Ersatzmann gerno an und betrachten ilm bald vollig als Sohn mit aller gehörigen Rücksicht').

Der alte Gabriel Sagard bat wieder eine apdere Scbattirung der Erzahlung. Nach ihm werden die kriegsgefangenen Miinner alle qualvoll getötet, „les femmes, filles et enfans ils font rare-raent mourir; ains les conserven t ot retiennent pour eux, ou pour en faire des presens a d'autres, qui en auroient auparavant perdu des leurs en guerre, et font estat de ces subrogez, autant quo s'ils estoient de leurs propres enfans, lesquels estans paruenus en aage, vont aussi courageusement en guerre contre leurs pro-pres parens, et ceux de leur Nationquot; quot;). Also nach Sagard uur Adoption von kriegsgefangenen Kindern in die Stelle Erstorbener.

Von den Osseten erzahlt uns Jvovalevsky, dass der Verführer einer Frau „pouvait óviter la mort, en entrant dans la familie outragée. C'est ce que nous apprend M. Beresov. Le séducteur, dit-il, peut, en Ossótie, óchapper a la vengeance qui le menace, mais il faut que, semblable ü un enfant, il prenne a la bouche le sein de la femme coupable et qu'il lui donne le nom de mère en jurant de ne plus avoir pour elle de sentiments coupables. En d'autres termes, 1'adultère n'échappait u la mort qu'en deve-nant le fils adoptif du mari outragóquot; 1). Dieser Teil der Ceremonie scheint allerdings der weitaus altere gewesen zu sein; es geschah also dasselbe als bei den Huronen. Es wird dies hier-durch bestiitigt, dass auch beim Morde die Sitte der „Kifaëldisinquot; bestand. „Le délinquant 6chappait pour toujours u la vengeance

1

Kovalevsky: „Cout. Contemp.quot;: S. 256.

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des parents, mais par centre il prenait, vis-a-vis d'eux et vis-avis du dófunt, des engagements déterminés. La plus importante de ces obligations ólait de dire des priores pour les morts. Le coupable n'échappait a la vengeance qu'en s'associant ainsi au culte familialquot; Der Mörder wird also zur Sühne Mitglied der Familie seines Opfers.

Ausnahmsweise wollen wir hier ein afrikanisclies Volk citiren. Bei den Kahjlen kann der Mörder die feierlicho Verzeihung von. der Familie des Ermordeten erhalten. „Une conséquence ex-trêmement curieuse de ce pardon est la quasi-adoption du meur-trier par les vengeurs du sang, avec lesquels il a fait sa paix. A partir de ce jour en effet, le ci-devant coupable appartient a la kharouba ou clan de l'homme qu'il a tu6, et il en adopte le cof. En un mot il lo remplace.quot; Auch Letourneau erinnert hier an die Adoption der Kriegsgefangenen durch die Eothiiute, welche Genossen verloren, und schliesst folgenderweise: „Cette similitude, sürement fortuite, est a noter: elle montre, une fois de plus, combien le fonds moral de l'homme est identique dans les races le plus diversesquot; 1).

Bei den nordamerikanischen Indianern wurde nicht blos der Mörder selbst mitunter von der Familie des Opfers adoptirt, son- : dern es warden beraubten Familien überhaupt Kriegsgefangeno zur Adoption überlassen; wenn diese ïendenz nur weiter durch-wirkte, musste man dazu kommen die Verwanten des Ermordeten durch das Geschenk von Sklaven zu beruhigon, da diese zum Èrsatze des Mannes ja ganz gut taugten. Und so finden wir denn auch, dass im alten Nicaragua „in all cases of homicide the per-petrator gave to the next relatives of the victim a male or female slave, clothes and other articlesquot; 2).

Bei den Khyoungtha von Chittagong finden wir vereint mit der Aufsattlung der Schuld an einem Todesfalle, die wir oben behandelten, die Sitte des „goung hpoquot;, welche hierin besteht,

1

„Evol. Jur.quot;; S. 221.

2

E. G. Squier: „Nicaraguaquot; ('1852); 11; S. 345.

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dass zur Suhne fiir den Mord oder den Tod eines Genossen aus einem schwacheren Dorfe Sklaven geraubt werden J).

Das Rachebediirfniss hat also bei diesen Yölkern dienüchteme Form des praktischen Ersatzbedürfnisses angenommen. Beim Horde, haufiger wenn durch einen Stammgenossen vcriibtj. wird speciell die concrete Schtidigung, die Beriiubung von einem niitz-lichen Genossen gefiihlt, die Rache, die Erhebuiig des Gefühjs, wird dementsprechend in der Ersetzung des Ermordeten, des Verlorenen durch einen Anderen gesucht, statt in der Schiidi-gung des Feindes an sich. Wir haben alien Grand anzunehmen, dass diese eigentiimliche Rache bei Morden innerhalb der Gruppe veriibt seinen Ursprung hatte, — positive Beweise könnte ich aber vorlaufig nicht hierfür anführen. Aus zwei psychologischen Gründen ist es aber wahrscheinlich, erstens weil gerade hier die grosse negative Bedingung der Rachsucht, welche wir fanden, die Grausamkeit, nach dem Kulischer'schen Gesetze jedenfalls in viel geringerem Grade erfüllt war, eigentliche Rache also viel weni-ger begehrt werden musste, und zweitens weil hier ein positiver Grund vorlag keine Rache zu suchen in dem Bestreben die Schadigung des Stammes nicht weiter zu treiben, wie uns dies von den Huronen ausdrücklich bezeugt wird s).

Noch eine andere, ebenso merkwürdige Ausserung des Ersatzbedürfnisses, oder vielmehr des Strebens nach Aufhebung des Schmerzes ohne Wirkung der Grausamkeit oder des Abwehrin-stinktes, also ohne Anderen quot;Weh zu thun, kommt ebenfalls vor.

Die nachsten Verwanten werden bei einem Todesfalle durch die Freunden und weiteren Genossen beschenkt um ihre Trailer zu lindern. Sagard berichtet von den Huronen Folgendes: wiihrend der Bestattungsceremoniën „il y a d'vn autre costó vn Officier monté sur vn tronc d'arbre, qui recjoit des presens que plusieurs personnes font, pour essuyer les larmes de la vefue, ou plus proche parente du deffunct: a chaque chose qu'il regoit, il l'etleue en l'air, peur estre veuë de tous, et diet: Voila vne telle

1) Lewin: S. 92.

2) Lafitau I: S. 489.

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chose qu'vn tel ou vne telle a donnee pour essuyer les lames d'vne telle, puis il se baisse, et luy met entre les mainsquot; Wenn ein Mord mehrere Pamilien intoressirt, kommt das ganze Dorf oder gar die ganze Nation in Bewegung; die Alten versu-chen den Friedon wieder herzustellen, das Publikum beschenkt die beleidigte Familie urn sie zu beruhigen Ein bischen anders lautet Lafitau's Bericht: boim Morde durch Jemand aus einem anderen Stamme oder Borfe, beeifert sich Jeder den Verlust der Familie des Ermordeten gutzumachen und die Familie des ïhaters gegen die Rache zu behüten; sechzig Geschenke werden gesammelt: neun für die Familie, die übrigen werden auf das Grab golegt; der Hauptling überreicht die Geschenke mit einer Rede über die Reue des Thaters, das eine um der Mutter des Opfers Medicin gegen die Krankheit aus Schmerz über den Tod zu geben, das andere für Tabak um die Alten zu beruhigen; nach der Beschenkung ist die Familie völlig be-friedigt1).

Von den Amalingans heisst es auch, dass die Verwanten bei der Bestattung eines der Birigon Geschenke von den Anderen be-kommen zur Massigung ihres Schmerzes ^).

Die Irohesen beschenken bei jedem Sterbefalle die Verwanten und die trauernden Nachbaren reichlich r').

Musters erzühlt, dass bei den Tehuelchcn beim Tode eines Kindes der Hauptling und die Verwanten den Eltern Geschenke schicken um ihren Schmerz zu lindern 2).

Bei den Tchiglit-lnnuit beschenkt das Publikum beim Begriib-nisse die trauernden Verwanten zum Troste mit Tabak. Petitot erzahlt auch, dass, wie auf der Expedition von J. Ross ein her-abfallender Stein ein Kind tötete, dessen Vater und Brüder Ross

27

1

Lafitau I; S. 492.

2

Musters: S. 192.

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töten wollten, er in iihnlichem Falie dein Vater etwas Tabak gab „peur lui rendre ie coeur fortquot;1).

Leider konnte ich nicht mehr als diese sebr wenigen Beispiele auffinden. Haben wir aber Recht dieselben als ursprünglich zu betrachten ? Gingen sie. zeitlich der eigentlichen Composition voran oder aber bat diese zu ihnen gefiihrt? Hale ist der letzteren Meinung zugethan. „From this custom (der Composition bei den Huronen), would easily follow the usage of making similar gifts, in token of sympathy, to all persons who were mourning the loss of a near relativequot; 2). Ich glaube aber, dass Hale Unrecht hat: die Sitte Trauernde durch Geschenke zu trosten scheint mir psychologisch einfacher, wenigere Vorstufen und geringere sociale Erziehung vorauszusetzen als die die Rachsucht wütender Verwanten durch eine mehr oder weniger grosse Abkaufssumme aufzuheben. Das letztere forderte gleich relativ grosse Werte, zum ersteren geniigten Kleinigkeiten. Die Sitte scheint mir durchaus nicht über die Gefiihlsentwicklung primitiver Menschen erhoben zu sein, wir wissen ja wie eng verbunden und liebenswürdig sie meistens im engeren Kreise sind. Der Grund des Hale'schen Irrtums ist wohl, dass die Composition eine ungleich haufigere und bekanntere Erscheinung als diese Vertröstung durch Geschenke ist. Und doch, man denke blos an die natürliche Regung eines kleinen Knaben, wenn Brüderchen sich Weh gethan bat, ihm zum Trost seinen Apfel zu reichen und an tausend ahnliche Auftritte. Auch psychologisch ist niebts natürlicher als diese Yer-tröstung und nichts mehr in Übereinstimmung mit unserer Analyse der Rachsucht: sowie Geschenke, irgendein Genuss geeignet sind einen Schmerz zu lindern resp. aufzuheben, können sie auch die Grundlage der Rachsucht, die Erinnerung am angethanen Schmerze wegnehmen und die Beschenkten damit von einem guten Teile ihrer Rachsucht berauben. Die Erinnerung an die Erniedri-

1

Petitot: S. 204.

2

Hale I.e.: S. 167. Waitz erkliirt nicht zu wissen, „ob die Geschenke welcho bei den Potowatomi an die Verwandten des Mannes oder der Frau gegeben werden mussten, die eines natürlichen Todes starben (de Smet 294), nach dieser Analogie des Loskaufes oder Ersatzes gedeutet werden dürfen.quot; (Ill: le II.: S. 133).

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gung, an das Unrecht bleibt dessungoachtet schon deshalb uicht fortbestehen, weil z. B. der Mord als solche nicht, sondern blos als Schtidigung empfunden wurde. Wie wir sahon wurde aber innerhalb der Geschlechtsgenossen schaft schon sehr bald die Er-fahrung gemacht, dass durch solche Linderung des Schmerzes durch Beschenkung der Kachsucht gesteuert wurde. Es musste dies Alles aber eine Vorbereitung zur Composition bilden.

Weshalb aber diese Erscheinungen so selten sind und weshalb sie fast nur bei den Nordamerikanern gefunden wurden, erklare ich vorlaufig durchaus nicht zu verstehen '), nur vermuthe ich, dass fortgesetzte Porschung aucli hier noch Manches zu Tage fördern wird, und dass die Erklürung wenigstens zum ïeile ganz einfach in meiner beschrünkton Belesenheit liegt, obwohl sich hiergegen anführen lasst, dass es doch wohl gar zufilllig wiire, dass meine nordamerikanische Materialsammlung mehrere Beispiele, die übri-gen so gar keines enthalten, was jedenfalls mit den Regeln der Wahrscheinlichkeit im Streit wiire.

Bei engerem Zusammenleben wird die Tröstung Beleidigter durch das Publikum, wie wir sie bei den Huronen und Irokesen finden, gar leicht zu der Erfahrung führen, dass durch diese Vorbeugung von Racheausbrüchen die Pestigkeit des Stammbandes erhöht und damit die Macht des Stammes vermehrt wird. Und bei Vólkern, wo, wie wir sahen, die Zahl der wehrbaren Miinner als von so grosser Bedeutung geschiltzt wird 1), konnte diese Erfahrung nicht verfehlen einen tiefen und nachhaltigen Eindruck zu machen.

1

Kovalevsky: nOn a trouvé étrnnge cette impunité relative de crimes commis entre parents. G'est le contraire qui serait inexplicable: car quel intérêt pourrait pousser le groupe a diminuer ses propres forces en vengeant sur le parent cou-pable le meurtre qu'il vient de commettre? Pour tout résultat on aurait un tué de plus.quot; („Les Origines du Devoirquot;, Revue Internat, de Sociol. 4894: S. 86). Es geht dies wohl etwas zu weit und er denkt die Naturvölker gar zu utilistisch, K. vergisst die Impulsivitat des Rachetriebes ganz; grossen Eintluss dürfte die Erwii-gung aber gewiss gehabt haben.

Vergl. meinen zweiten Band: S. 1G8.

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Dasselbe muss aber doch bei allen Vólkern dor Fall gewesen sein, welche von der Jagd ganz oder iiauptsüchlich lebtou und von vielen Nachbarn ohne natürliche, trennende Grenzen umge-ben waren, welcho also ihro Mannerzahl sebr branch ton und Zusammenstösse und Streitigkeiten kaum vermeiden konnten.

Die Ersatzadoptioneo von Kriegsgefangenen und Mördern und die Tröstungsbeschenkungen weisen also teils auf Bedürfnisse hin, welcho in ihrer Entwicklung zur Composition fiihren mussten, teils aucïi waren sic solbst Vorbereitungen eines solchen Racheabkaufes.

§ 3. Das Friedensbedürfniss die andere Quelle der Composition.

Wie wir oben doutlich sahen, ist die Blutrache im Princip unsterblich und unbeschrankt; sie ergreift alle Mitglieder der beiden Gruppon (Familie oder Stamm) und wird von Geschlecht auf Geschlecht übertragen. Sie lüsst sich also mit den europai-schon Kriegen in früheren Jahrhunderten vergleichon, etwa mit dem zwischen Holland und Spanien, welcher achtzig Jahre dauerte, — aber auch dieser Krieg nahm schliesslich ein Ende. Ebenso müssen dio langwierigen Blntfehden der Naturvülkor ondlich ein Endo nehmen. Wie konnto sich nun dieser Ausgang gestalten? Entwodor war die eine Gruppe mehr oder weniger bald der anderen überlegen und wurde die schwachere ausge-mordet oder (spütcr, nach der Entwicklung der Sklaverei) in Sklaverei geführt, oder die gegenseitigen Kriifte hielten einander so ziemlich die Waage und dann war die notwendige, aber un-heilschwere Folge, dass sich die Fehde ondlos fortschleppte und von beiden Seiten immer none Opfer forderte; es konnte dies um so eher und öfter der Fall sein, weil die Gruppen in der Periode meistens weit von einander entfernt lebtcn, well der Krieg nicht im offenon Felde, mit dem ganzen Bestande an wehr-baren Mannern geführt wurde, sondern in meuchlerischen Anfallen immer von wenigen ausgeführt, wie die Taktik der Naturvolker erheischt, und endlich weil die betreffenden Völker von Jagd,

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Fischfang, Frtichton und höchstons von nomadischem Ackerbau lobten, also nicht so loicht in ihron Subsistonzmittoln vornichtend getroffen wurden und slch mit grosser Leichtigkeit vor Anfüllen zurückzogcn. Die Blutfohden konnten also in die Lange gezogen werden, und bildeten in dieser Beziehung den geraden Gegensatz zu unseren modernen Kricgen, welche nothwendig sehr bald und fast mit einem Schlage ihr Ende nohmen müssen. Die fatalen Folgcn der langen Fehden konnten (Jonnoch nicht ausbleiben und musston schliesslich ein heisses Verlangen nach Frieden hervor-bringen, obwohl jeder neue Verlust den Rachetrieb aufs Xouo anfachte. Wenn das Friedensbedürfniss auf beiden Seiten gross gonug geworden, musste notwendig in irgend eincr Weise cin Friedensschluss stattfinden ').

Es versteht sich, dass bei einem solchen Friedensschlusse sich gar Manches ereignen musste, was dazu strecken konnte die Gc-müter zu befriedigen und die Wiederauffassung der Feindselig-keit'en zu verhindern. Selbstverstiindlich sind Geschenke an erstor Stelle geeignet die Stimmung zu bessern. Und so findet denn in dén Blutfehden der Bagobos nur solten cine Vcrsöhnung Statt, daim aber (lurch gogensoitige Beschenkung der Hauptlingo -), und ebenso werden in don Blutfehden der Schdhseioeneen erst nach langem Kampfe von hochgoachteton Hiinptlingen Friodensvor-schliige gemacht, dann Entschuldigungon und Geschenke angc-boten 1); die Geschenke sind hier offenbar nur ein Boruhigungs-

1

Radde: S. 423.

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mittel, und bilden noch keineswogs cine eigentliche Abkaufssurame. Von den Bacotah heisst es: „a compromise is frequently made by the offending party giving large presents Bei den Ckaratschai versöhnt ein Fürst bisweilen die streitenden Parteien: er ladet sic ein, ein Ochse oder ein Schaf wird geschlachtet, viel Bier wird getrunken und die Parteien versöhnen sich 1).

Bevor wir aber auf die Entwicklung dieser Methoden derVer-söhnung niiher eingehen, wollen wir jetzt erforschen, welchen Umstanden es zuzuschreiben sei, dass immer mehr nach Composition oder sonstiger Aussöhnung gestrebt wurde.

§ 4. Umstaiidc wclche die Composition fördern.

A. Der Brautkauf.

Wir wollen jetzt nach Umstanden suchen, welche das Verlangen nach friedlicher Beendigung der Blutfehde erhöhen mussten, und auch zur Erziehung in dieser Eichtung geeignet waren.

Wir meinen einen solchen sehr wirkungsvollen Umstand in der Sitte der Exogamie mit ihren Eolgen von Prauenraub und Frauenkauf gefunden zu haben. Ob man die Exogamie mit Mc. Lennan aus dem Mangel an Erauen, mit Lubbock und Wilken aus dem Streben nach dem Privatbesitze einer Frau, mit Wester-marek aus dem Abscheu vor Begattung mit einer Altbekannten und don schlechtcn Folgen der Verwantenheirat ableitet, so viel ist gewiss, dass die Exogamie ausserordontlich weit verbreitet über die ganze Erde vorkommt. Das Streben nach dem Besitzo cines Weibes aus einem fromden Stammo musste notwendig zum Frauenraubo führen und Wilken meint, dass dieser rolativ bald und allgemein in den Frauenkauf übergehen musste. Er leitet don Frauenkauf aus dom Frauenraubo ab und betrachtet ersteron nicht als eino primaro Erscheinung, hauptsachlich aus dem Grimde, dass der Frauenkauf auch bei Vólkern, wo die strenge patria

1

Klaproth I: S. 520.

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potestas mit dom Kochte dio Madchon zu verkaufen nicht bestoht, keineswegs solten vorkommt'). Dor Frauenraub rausste, wie dor ausgezeichnete Forscher sohr schön ausführt, bald in den Kauf iibcrgchon. Die Wegführung einor Praii war ursprünglich oine schwero Beleidigung und Schadigung iiires Stammes, welche tief ompfunden warde und dio Eachsucht entfachte; im Anfang war dio Radio unbeschrankt und loidenschaftlicli, doch bei dom immer woiter Umsichgreifen dos Frauenraubes, brachte das eigene Interesse mit sich diese Eacbo zu bcsciiriinken und zu müssigen, musste ja Jedor zum Fmionraube vorfallen: man wondeto dahor Milde an um seinerzoit milde behandelt zu werden. Die Aussicht selbst in die Lage zu goraten führto zur Massigung der Rach-sucht, und dazu übten die entführten Frauon ihron Einfluss. Ausserdom mussten im Kampfe mn das Dasein diejenigen Stamme, welche die Entführung nicht langer mit einor unibeschrankton Radio beantwortoton, einen grossen Vorteil über die anderen go-niossen, weil bei jonen die Verheiratung nur ein Zuwachs, bei den anderen aber zugleich ein Verlust war1). Das Bestroben don Frauenraub nur mit gemiissigter Eacho zu beantworten verallge-meinorto und verstürkte sich also stets mehr; eine Versöhnung wurdo dann begehrt, was aber lag mehr vor dor Hand als für den Verlust des wertvollen Gegenstandos, dor Frau, andore Werto zur Sühnung und zum Ersatzo anzunchmon. So ontstand denn dor Frauonkauf aus dioser Composition nach dem Frauen-raube 2).

Wenn die Völkor sich nun aber in diesom bosonderon Falie allmahlig daran gewöhnten ilire Rachsucht durch die Composition aufheben zu lassen, so mussto dies doch notwendig seinen Ein-

1

Wilken I.e.: S. G60, 601.

2

Auch Spencer und Westermarck nohmen diesen Ursprung des Braulkaufcs aus dem Frauenraube an. Der Entwicklungsgang ware folgender gewesen: „abduction, in spite of parents, was the primary form; then there came the offering of compensation to escape vengeance; and this grew eventually inlo the making of presents beforehand. „The History of Human Marriagequot; (IStH): S. 401. „Princ. of Sociol.quot; I: S. 625,

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fluss audi auf die Blutfehdon aus anderer Veranlassung ausübon. Die Gewöhnung an den Frauonkauf, aus der Composition dor Blutrache nach dom Frauenraubo hervorgegangen, bildete die beste Erziehung zur Composition aller Blutfehdon überhaupt.

So viel ich weiss, liisst sich dieser Einfluss aber in keinem Falie direkt nachweisen, — wir sind daher auf indirckte Schluss-folgerungen angewiesen.

Wenn wir den Brautkauf als von grosser Bedeutung für die Entwicklung dor CompositioD dor Blutrache betrachten, so muss Zweierlei der Fall sein. Erstens muss bei den Vólkern, wo wir auf Grund unserer Quellen annahmen dass die Composition noch fehlte, auch der Brautkauf nicht vorkommen, und zweitens muss umgekehrt den Vólkern mit Composition auch dor Brautkauf be-kannt sein, — beides wenigstens in der Mehrzahl der Falie.

Das Eesultat der ersteren Untersuchung ist Folgendes. Von den 21 Vülkern ohne Composition kennen 13 den eigentlichen Brautkauf nicht wahrend 8 denselben kennen1), obwohl er durchaus nicht bei allen diesen gleich weit entwickelt scheint, doch sind auch in der ersten Gruppe Unterschiede bemerkbar, namentlich muss der Brautigam bei einigen dieser Völker seine Braut beschenken, obwohl nach den Quellennachrichtcn zu ur-teilen noch kein eigentlicher Brautkauf zu bestehen scheint. Die zweifelhaften Fiille sind zahlreicher in der zweiten als in der ersten Gruppe. Das Eesultat ist also jedenfalls nicht im Wider-

1

Mit Brautkauf: Macusi-, R. Schomburgk II: S. 315, 318, 141; Tchujlil-Innuit: Petitot: S. 104; Igor roten: Jagor: S. 212; Nuforesen: Van Hasselt: S. 180; Dorejer: Von Rosenberg: S. 455; Solomon-Insulaner: Codrington: S. 237, Romilly: S. 83, (nicht immer) Guppy: S. 43, 45; Meshmee: Cooper; S 326; Knichin-Indianer -. Kirby: S. 419.

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sprucho mit unserer Theorie, woil es ja schr wolü möglich, class nicht immer die Einführung des Brautkaufes gleich den Effect auf die Blutrache üben müsste. Nur dass dies im Allgemeinen der Fall, ist wahrscheinlich und wird durch unsere Induction bestiitigt. Wie wir schon oben bemerkten, betrachten wir es ausserdem als gar nicht gewiss, dass alle die von uns als ohno Blutrache-Composition angegebenen Völker auch wirklich ohne dioselbo waren, nur konnten wir mit den uns zu Gebote stellenden Quellen keine andere Gewissheit erlangen.

Die Bedeutung dieser Induction kann aber erst deutlich werden, wenn wir die folgende hinzufügen. Kennen die Völker mit Composition in der Mehrzahl der Falie den Brautkauf? Auch hier dürfen wir nur eine Mehrzahl erwarten, dcnn sowohl als der Effect des Brautkaufes aufgehoben sein und nicht zur Composition geführt liaben kann, so kann auch die Composition sich mal auf anderem Wege entwickelt haben, obwohl im Allgemeinen der Brautkauf diese Wirkung hatte. Wir behaupten ja nicht, dass der Brautkauf aus der Sühnung des Brautraubes entwickelt der einzigo Weg zur Composition gewesen sei, sondern nur dass er einer der Wege und in jedem Falie von grossem Einflusse gewesen sei.

Zu dieser neuen Probe wahlen wir eine Reihe von Vólkern, welche sich auf dor ersten Stufe der Composition zu befindeu scheinen, nl. auf der wo die Composition erst nach einer langen Fehde zugelassen mehr den Karakter einer Versöhnung und keineswegs den eines regularen Abkaufes triigt. Leider ist meine Serie gar klein; von den 10 Vólkern, aus welcher sie besteht, haben 8 zweifelsohne den Brautkauf, wiihrend dies von einem Volke nur wahrscheinlich aber nicht gewiss ist, und blos ein Volk hat ihn gewiss nicht (wahrscheinlich auch Endogamie)').

1) Dio Verantworlung ergiebt Folgondes: Kinipeiu-Eskimo: Klutschak: S. 233, 234 (kein Brautkauf, wahrscheinlich Exogamie); Schahsewenzcn: (blos wahrscheinlich Brautkauf): Radde; S. 422, 423. Die übrigen haben gewiss Brautkauf; Suanen-, Von Haxthausen I; S. 141, Bodenstoilt; S. 278, 283; Ckaratschai-, Klap-roth I: S. 515; Wetar-, Riedel, Bassen: S. 448; liagobos-, Schadenborg: S. 12; Serat/g ■. Biedel, Bassen: S. 132; Neu-Brilannien (Gazelle-IIalbinsel): Parkinson: S. 96, 98, 99; Dacotah-, Eastman: S. 103.

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Das Resultat cntspricht also unserer Hypothese auf das Prachtigste.

Ich glaube, wir sind jetzt berechtigt unsere Hypothese, welche psycho- und sociologisch wahrscheinlich, mit den Resultaten unserer Inductionen iibereinstimmt, als richtig anzuerkennen.

Merkwürdig ist aber, dass z. B. bei den Suanen der Brautkauf noch keineswegs die einzige Manier eine Frau zu erwerben ist; „der Mann wirbt kampfend um sein Weib, wenn ihm die Mittel fehlen don Eltern den vorgeschriebenen Brautpreis zu bezahlen,quot; und „nach altherkömmlichem Brauche muss sich die Pamilie, dor eine Tochter gewaltsam entführt ist, fiir diesen Schimpf riichen; so töten sich oft um eine einzige Frau ganze Generationen durch die Blutrachequot; 'j. Der Frauenraub ist also noch keineswegs allgemein sühnbar, es stimmt dies aber merkwürdig mit dem Grade der Sühnbarkeit des Mordes überein; die Blutrache wird ja nur schwer, nicht immer, und mit vielen Eückfallen in die Rache abgekauft •}. Der nicht voll und fest entwickelte Brautkauf konnte natürlich das Volk noch nicht zum echten Racheabkaufe erzogen haben. Auch bei den Dacotah, den Serangern, Engane-sen, und Wetar-Insulanern3) wird die Frau üfter noch einfach geraubt, welcher Raub manchmal noch durch einen Streit öfter bis zur Fehde anschwellend gefolgt wird. Dementsprechend ist die Sühnung der Blutrache bei diesen Völkern noch keineswegs eine systematisirte, regelmassige Erseheinung4). Diese Thatsachen sind also nicht nur nicht im Streite mit unserer Hypothese, son-dern bestatigen diese sogar.

Wenn man min aber einwerfen möchte, dass unsere Induction keineswegs die ihr zugemessene Beweiskraft hat, dass ja Brautkauf und Composition beide sehr wohl Folgen einer Ursache sein können und deshalb ebensowohl zusammen vorkoniraen oder ab-wesend sein müssen, — so möchte ich nur antworten, dass gerade die Thatsache, dass das letzte nicht ganz der Fall ist, dass bei don

•1) Bodenstedl I; S. 278.

2) Telfer II: S. 65.

3) Siehc die in der Note 1. S. 424 citirten Belegstcllen.

4) Für die Dacotah und Wetar s. oben, fiir Serang; Uiedel: S. 105, für Engano: Wal land: S. 335.

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compositionslosen Vólkern schon manchmal der Brautkauf vor-kommt, wie wir sahen, gegen diese Einwondung spricht, und obenso der ümstand, dass bei den Vólkern der ersten Composi-tionsstufe, wo also die Sühnung erst nach einer mehr oder weniger langen Fehde zu Stande koramt, der Brautkauf dagegen in der Mehrzahl dor Falie schon darchaus regelmassig und systematisirt ist. Ausserdem ist es doch unverkennbar, dass beira Frauenraube die Motive zur Sühne bedeutend zahlreicher und stiirker waren als beim Morde und bei der Blutrache, und wenn also der Brautkauf der Composition zeitlich vorherging, so war es doch unum-ganglich, dass ersterer einen grossen Einfluss auf das Zustandekommen der zweiten ausüben musste.

Die eigentliche Entwicklung beider Erscheinungen war aber von der Erfüllung einer Bedingung abhangig, die wir jetzt erfor-schen wollen.

§ 5. Fortsetsung.

B. Die Entwicklung des Reichtums.

Lippert behauptet, dass die Beschrtinkung der Blutrache nur durch das Eingreifen eines Gerichtes stattfinden kann, also erst nach der Entwicklung einer gemeinen Autoritat möglich ist. Im ersten Abschnitte unseres zweiten Bandes werden wir sehen, dass diese Behauptung unrichtig ist. Lippert fahrt aber folgenderweise fort: „In einer besitzlosen Zeit konnte der Fortschritt über die Be-schrankung des Wiedervergeltungsrechtes kaum hinausgehen. Mit der Mehrung des Besitzes aber konnte ein nouer Weg beschritten werden.quot; Dieser neue Weg war die Composition 1).

Auch Letourneau betont diesen ümstand. „On se contenta de (la loi du talion), on l'appliqua dans touto sa rigueur brutale tant qu'il n'y eut pas de propriótó individuelle scrieuse. Plus

1

Lippert II; S. 501. Schade, dass Lippert hier nur die Verhiiltnisse innerhalb der Gemeinschaften betrachtet.

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tard, quand on out l'idóo du troc, du commerco, des valours óchangeables, l'intérêt disciplina la fórocitó. Les valours premioros furent los enfants ot les fommes, puls les osclaves, les animaux

domostiques, los provisions amassóes, et enfin lo sol labourablo____

Dos lors, on se rósigna a sacrifior lo plaisir do la vengeance, qui on définitivo est stórile, a uno compensation quo Ton pout appolor pécuniairequot;

Audi tins schoint diese Hypothese höchst wahrscheinlich zu, wir wolion sie abor strongo prilfen, bovor wir sie annohmen.

Und hierzu wollen wir wieder don altbewilbrten Weg dor Induction oinschlagon.

Von den 21 compositionslosen Vólkern könnon wir nur 7 als ontschiedon obno vertauschbares Eigentum betrachten2), 10 bo-sitzen dassolbo gewiss3), wahrond icb mich iibor 4 nicht zu ontscheidon wage 4). Hierbei miissen wir abor vor Allem boach-

1) „Kvol. Mor.quot;: S. 235. Die ganzc Behauplung isl natiirlich mal wieder völlig unerwiesen; der vorletzte Satz ist audi zweifelsohne unriclitig.

Audi Rce ist dieser Hypothese zugethan. „Das Absterben der Radio begint mil ihrer Beilegung durch Geld. Diese tritt ein, sobald die Neigung zur Radio und das Bewusstsein ihrer Löblichkoit von stiirkeren Motiven verdriingt werden, zuin Beispiel von der Habsucht des Geschadigten: er zieht os vor, statt Racho Geld zu nehmen, und der Verletzer ist geneigt, die Rache durch eine Geld-zahlung von sich abzuwenden.quot; „Die Entstehung des Gewissensquot; (1885); S. 53.

2) Frobisher-Bay-lnnuit: Hall I: S. 312, 330; Fueyier: Darwin: S. 166, 165, 153, Klernm I: S. 328—331, Vincent: S. 123—125; Arawak: Martins: S. 602, Brett: S. 120; Insel-Caralhen-. De la Borde: S. 550,551,550,562,563,571; Tujii-. Lery: S. 330, Stade: 126, 130, Southey I: S. 241, 263; Andamanesen: Man: S. 126, 1quot;J7, 339—341; ltdlmenen: Steller: S. 354, Kohn und Andree: S. 09, Ermann III: S, 345, Kittlitz II; S. 308.

3) Kar enen: Mason 1868; S 126, 127, 120; 1866: S. 142; Nishinam: Powers: S. 315, 322, 324, 335, 337; Macusi: Schomburgk II: S. 321, 424; Igor roten: Jagor: S. 210, Meyer: S. 520, 528, 534; M ortlock- Insulaner \ Kubary: S. 242, 261, 263; Nuforesen: Van Hasselt: S. 169, 200, 175, 171; Lorejer: Von Bosen-berg: S. 453, 454, 456; Solowon-lnsulaner ■. Guppy: S. 42, 76, 62, 81; Meshmee: Cooper: S. 237, 207, 183, 230; Kutchin-Indianer: Kirby: S. 418, Whymper: S. 279, 280.

4) Warrau: Schomburgk I: S. 169, 164;' Tchiglit-lnnuit: Petitot: S. 283, 284, 151; Buntoc-Leute: Schadenberg: S. 35, 39; Creek-Lndiancr ■. Bartram: S. 31, 37, 40, Schoolcraft I: S. 278, 283.

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ten, dass unter unseren angeblich compositionslosen Vólkern gewiss einigo stecken, welche dieselbe wohl kannten.

Zweitens ist es sehr natürlich, dass die Entwicklung eines ge-wissen Reichtums noch keineswegs ausgereicht haben wird um seinkBesitz gleich zum höchsten, am heissesten angestrebton Gute zu machen; die Folge des lotztercn Umstandes, die Composition war also durchaus noch nicht bei allen Vólkern zu erwarten. ünd bei fast allen diesen Vólkern thun sich Erschoinungen vor, welche darauf hinweisen, dass der Besitz noch nicht so recht geschiitzt wurde oder dass der Reichtum oin sehr eigentümlicher war, zum allgemeinen Erstrebtwerden nicht recht geeignet. So geben die Macusi die Arbeit von Monaten öfter um ein Messer oder eine Feile hin, leben die Warraus hauptsachlich von der Jagd oderdem Fischfange, besteht der Reichtum der Karenen hauptsachlich in gongs und kye-zees, sind die Nishinam Nomaden, die den Geiz am tiofsten verachten, kennen die landbauendon Bontoc-Leute die Sklaverei nicht, ist der Landbau der Dorejer und Nuforesen noch sehr primitiv, sowic der Landbau und die Industrie der Solomon-Insulaner, und besteht der Reichtum der Meshmee hauptsachlich in Tierschildeln, welche eine Art Geld bilden, und sind sie aus-serdern halbe Nomaden, wahrend die Kutchin- und Creek-Indianer noch tief im Communismus stecken ').

Unsere Auffassug des Resultates wird bestiitigt und erhiilt grössere Bedeutung durch das der nachfolgenden Induction.

Von den (nur zu wenigen) 10 Vólkern auf der oben gekenn-zeichneten ersten Stufe der Composition dürfte nur ein einziges ohne Reichtümer sein ~), 2 sind zweifelhaft1), doch ist auch von ihnen der Besitz wahrscheinlicher als das Fehlen, und 7 haben gewiss Reichtümer irgend einer Art *). Und in fast allen diesen

1

Daculalr. Schoolcraft II: S. 190, 193, 194; Scranyer-. Riedel, Rassen: S. 103,

110, 115, 127.

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positiven Fallen sind die Reichtümer höherer Art als die wir bei den sie besitzenden Vólkern ohne Composition fanden.

Die grosse Bedeutung der Entwicklung des Reichtums für die der Composition wurde uns also klar.

Man wende jetzt nicht ein, dass dieser Eintluss selbstverstiindlich sei, weil nnn einmal kein Abkauf moglich ist, ohne etwas womit abgekauft wird. Es ware aber doch möglich gewesen, dass die Sachon, welche auch das niedrigste Volk besitzt, zu der Entwicklung der Composition genügt batten. Jetzt aber wissen wir, dass obwohl diese Möglichkeit allerdings nicht ganz ausgeschlossen ist, dass doch jedenfalls diese Entwicklung erst recht in Schwung kommen konnte, nachdem grüssere, höhor geschiitzte Reichtümer entstanden waren. Und es lasst sich dies gar wohl verstehen: die fast immer leicht und schnell angefertigten Besitzungen des nomadischen Fischers, Jagers und anfangenden Landbauers werden von ihm selbst nicht so hoch geschatzt, dass ihre Erlangung den Durst nach Rache löschen konnte, ihr Besitz schenkt auch nicht solche Ehre, dass er gegen die Schande der Beleidiging aufwöge, und gab nicht solchen Einfluss, dass die erlittene Machtschiidiging dadurch compensirt wurde. Uj.db. Z (w 9

Es ist jetzt an der Zeit auf eine grosse negative Thatsache aufmerksam zu machen, nl. auf das merkwürdige Fehlen jeder Composition durch Besitzgegenstiinde bei allen den australischen Vólkern'). Mir scheint dies eine Bestatigung unserer letzteren Hypothese zu enthalten. Die Erkliirung möchte ich namentlich in der überaus grossen Armut1) der Australiër suchen. Dagegen behauptet Post (1. c.), dass die Frauen ausser durch Raub und Tausch auch durch Kauf erhalten werden; es scheint dies aber entweder eine Seltenheit oder eine falsche Interpretation gewisser Sitten zu sein, denn nur sehr wenige Schriftsteller nehmen den Kauf als eine Erwerbsform der Weiber an 8), wahrend die über-

1

Curr I: S. 79 seq.

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grosse Mehrzahl als solcho uur den Tausch, den Eaub uud frillies Übereinkommeu betrachten l).

Wir dürfen also als die gemeine Ursache für das Fehlen des Brautkaufes und der Composition bei don Australiern den Mangel au Reichtümeru betrachten, denn das Bedürfniss die Rache zu beschrankeu und ihre Eolgen zu müssigen liaben sie sogar sehr entschiedeu gefühlt, nur haben sie es in anderer Weise befriedigt, wie wir im ersten Abschnitte des zweiten Bandes zeigen werden.

Diese negativo Instanz der Australiër bewcist also auch, dass der Besitz der einfachsten Mittel zuiu Lebensunterhalte nicht geniigt um die Composition entstehen zu lassen, denn solche (einfacho Waffen und Werkzeuge, Ornamente etc.) besitzt ja der Australiër natürlich auch. Ja, es mag sich iiier und da schon der Anfang einor Composition gezeigt haben: so erzahlt Dawson von den F/c/fom-Eingebornen, dass, wenn der Vater eines aus-serehelichon Kindes seine Strafe überlobt, er von den quot;Verwanten der zur Strafo ermordeten Erau auf immer gemieden wird, „and any efforts to conciliate them with gifts are spurned, and his presents are put in the fire and burnedquot; 2). Also der Versuch einer Composition !

Erst wenn die ökonomische Entwicklung derart fortgeschritten ist, dass ein entschiedoues und allgemein anerkanntes, geëhrtes

rinyeri (Woods-. S. 11, 12); Hale für den Wellinglon-Stamm (S. 114); Honwick für Tasmanien (S. C2, 06, 75), aber dagegen Ling Roth: S. 124; und im AUge-meinen von llatzel: S. 68, 70, und von Schurtz: S. 139.

1) Dagegen wird der Brautkauf gar nicht erwiihnt odor geleugnet von : Howitt für Kurnai (Howitt and Fison; S. 202); Lang für Queensland (S. 338), und obenso Lumholtz (S. 213, 221, 164, 184; wohl zeigt der Gatte nachher seine Dankbarkeit durch Geschenke); Browne für King George Sound (S. 450); Collins für den Cammarray-Stamm (S. 559); Grey für West-Amtralien (II: S. 231); Angas für Süd-Australien (I i S. 82) und N. S, Wales (II: S. 220); Curr für Bourke und Darling Rwer-Stamm (II: S. 129) und obenso Mitchell (I: S. 307); Eyre für Central-Australien (II; S. 322); Woods für Fori-Lincoln (S. 223); Oldfield für Moore-River (S. 248, 251); Dawson für Victoria (S. 34, 35) und ebenso Davis („Aborigines of Australiaquot; in Brough Smyth II: S. 310) und auch Brough Smyth (I: S. 76). Und im Allgemeinen: Curr I; S. 108, Gerland VI; S. 772, 773; Letourneau (L'Evolution du Mariage et de la Familiequot;: S. 113),

2) Dawson: S. 28.

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Strebon nach Reichtum entstoht, wird die Composition möglich. Erst dann gilt es nicht liinger als Schande Wortgegenstande statt Rache zu nehmen.

Wie machtig die Befriedigung der Rachsucht durch die Be-schenkung sein kann, ist bei einigon Vólkern besonders deutlich, so bei den Hupa ^ und den Karolc1) Californiens und bei den Neu-Britanniern2), welche nach der Bezahlung vüllig versöhnt gar keinen Groll hegen.

Die Leidenschaft des Geizes löst die der Rachsucht ab. Die ökonomische Förderung ersetzt der Gruppe jede andere Schildigung.

§ 6. Die Composition eine Förderung im Karnpfe um das Dasein.

Leider lassen sich hiorüber keine Thatsachen beibringen, weil wir über die Vergangenheit, die Geschichte der einzelnen Natur-vülker natürlich nichts wissen und deshalb nicht nachspüren können, wie die Völker, welche sich nicht zu der Söhnung der Blutrache entschliessen konnten, den anderen allmahlig unterlagen.

Das Streben nach Söhnung und Beschrilnkung der leicht ver-hiingnissvollen, unbeschrankten Blutrache geht ausser aus der Verbreitung der Composition, aus ihren sonstigen (schon oben berührten, unten behandelten) Beschriinkungen hervor, welche sich entwickelten, wenn die Bedingungen der Composition nicht erfüllt waren. Die Asyle gehoren wohl auch hierzu.

Der Kampf um das Dasein allein wird den Racheabkauf nicht

1

Powers; S. 21 („if the money is paid without higgling, the slayer and the avenger at once become boon companions. If not, the avenger must have the murdered's blood and a system of retaliation is initiated, which would be without end, were it not that it may be arrested at any moment by the payment of the moneyquot;).

2

Parkinson: S, 77, 79.

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hervorgebracht haben, wohl aber muss er eiu machtiger Factor in seiner Verbreitung gewesen sein.

Dem von uns oben und im zweiten Bande nacbgewiesenen Gesetze gemüss, dass gerade die Biutrache der kleineren Verbande verhangnissvoll, ja verderblicb gewesen sein muss, wird aucb gerade hier die Composition sich zuerst entwickelt haben aus dem Bedürfnisse diesen schlechten Polgen durch Beschriinkung bez. Ersetzung der Biutrache zu entgehen. Es kommt mir dies zwar im hohen Grade wahrscheinlich vor, doch gestehe ich es nicht beweisen oder mit Thatsachen belegen zu können.

Im Allgomeinen lasst sich behaupten, dass überall da das Friedensbedürfniss zuerst zu entsprechenden Handlungen geführt haben wird, wo es sich am intensivsten fiihlbar machte, wie in den genannten Fallen, aber auch sonst. Und umgekehrt, wo die Fehde am wenigsten hinderlich, wird sie am liingsten ohne Be-dürfniss sie zu beenden dauern können. Lehrreicli ist in dieser Beziehung was Parkinson von Neu-Britannien erzahlt. Meistens werden schon nach kurzer Zeit Friedensunterhandlungen ange-knüpft und fortgesetzt, bis man dariiber einig, wieviel Muschel-geld der Beleidiger dem Beleidigten zu zahlen hat. „Mitunter können übrigens die Fehden auch von sehr langer Dauer sein, namentlich die, welcho zwischen ganzen Districten, die sonst uur wenig Verkehr mit oinander haben, geführt werden. Da liegen auf den Grenzgebieten die Krieger im Hinterhalt, und wehe dem Armen, der sich von ihnen überraschen liisst, er wird ohne Erbarmen abgeschlachtet. Dieser Zustand wahrt so lange, bis die eine oder die andere Partei ihn nicht mehr ertragen kann. Dann beginnt man zu unterhandeln und mit Muschelgeld wird schliess-lich der alte Streit und Hader zum Austrag gebrachtquot;1). Und natürlich: die fortwiihrenden Reibungen im Inneren oder zwischen kleinen, im engeren Verkehr stehenden Gruppen sind unendlich beschwerlicher als die selteneren Schadigungen, welche grosse Gruppen ein ander beibringen.

Unter den Umstanden, welche ebenso das Friedensbedürfniss

28

1

Parkinson: S. 77.

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gefürdert haben werden, gehort auch die Ansüssigkeit des Volkes und damit verbanden der Landban. Völker in diesen Verhült-nissen können ja selbstverstandlich viel weniger einen Krieg, besonders einen lang anhaltenden aushalten, und leiden bei jedem kriegerischem Anfalle viel mehr, tiefer und dauernder. Selbstverstandlich waren also die ackerbautreibenden, anssilsigen viel eher zur Sühnung einer Fehde geneigt als die beweglichen Jiiger- und Fischer-Völker, welche in ihren Erwerbsquellen fast nie getroffen werden konnten. Dementsprechend finden wir unter unseren 21 compositionslosen Vólkern 9 Jager- und Fischer-Völker, 1 viehzuchtreibendes Volk, 6 Völker mit primitivem, geringem Landbau neben Jagd und Fischfang, und blos 5 mehr oder weniger entschiedene Ackerbauvölker; dagegen ziihlen die 10 Völker mit Composition (erster Stufe) 1 Volk der ersten, 2 Völker der dritten und 7 der vierten Stufe. Leider sind unsere Grup-pen gar klein, doch glaube ich es sehr wahrscheinlich, dass bei ihrer Vergrösserung die Verhaltnisszahlen noch mehr mit unserer Hypothese übereinstimmen würden. Und dieselbe Wirkungwürde die wahrscheinlich nötige Reinigung unserer ersten Abteilung um einige Völker gewiss auch haben.

Weil aber die Ackerbauvölker im Allgemeinen den anderen überlegen waren im Kampfe um das Dasein, wird sich mit ihrem Siege auch immer mehr die Composition verbreitet, befestigt und entwickelt haben.

Wir sind also berechtigt die Überlegenheit im Kampfe um das Dasein als einen bedeutenden Factor in der Entwickelung der Composition zu betrachten. Es konnte dies besonders der Fall sein, wenn die Sühnung die jctzt zu behandelnde Form derVer-bindung zwischen den streitenden Gruppen annahm.

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§ 7 Composition durch Knüpfmg von Familienhanden.

A. H e i r a t h.

Wir sahen, wie der Brautkauf oder vielmehr der Abkauf der Eache nach Frauenraub einen orzieherischen Einfluss zum Vor-toile der Composition ausiibte. Durch die vielen exogamen Ver-baltnisse lernte man allmiihlig die Kraft zur Einigung der Ver-schwiigerungen kennen, schreiben ja viele Forscher vor Allem diesem Strebeu nach vielfacher Verbindung das Institut der Polygamie zu — es ist also kein Wunder, dass man auch bei der Aussöhnung streitender Gruppen zu diesem Mittel der ehelichen Verbindung griff, welches die feindlichen Parteien fest vereinigte wodurch der Wiederauffassung der Feindseligkeiten fester als durch irgend ein anderes Mittel entgegengearbeitet wurde.

Die Blutfehde der Schahsewenzen kann nur der heiligen Sitte gemiiss gesühnt werden. Sehr geehrte und alto Hauptlinge vom Stamme des Mörders oder sonst allgemein geehrte Mitglieder eines neutralen Stammes machen dem beleidigten Stamme Frie-densvorschliige und bieten ihm Geschenke an, der Mörder ent-schuldigt sich darauf und bietet Geld (Di6) an; dann sucht man aus beiden Stammen eine Ehe zu schliessen, nl. vvird meistens ein Miidchen aus dem beleidigten Stamme einem Manne aus dem schuldigen Stamme zur Ehe gegeben, damit dieser dem ersteren wieder Geld und Geschenke (als Brautpreis) geben muss1). Die Eho scheint hier also blos Befestigungsmittel des Friedens zu sein, und keineswegs ein Abkauf der Eache.

Von den Miriditen heisst es: „Falls ein Weib an einen Mann verheirathet wird, um so eine zwischen den beiden Familien bestellende Biutrache beizulegen, und zwar in der Art, dass er das Weib an Zahlungsstatt nimmt und heiratet, so konnen die Ver-wandten des Weibes weder die üblichen Geldgeschenke verlangen,

1

Radde; S. 423.

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noch jeraals weiter über dasselbe verfügen; vielmehr haben die Verwandten des Mannes nach dessen Tode, oder wenn er die Frau verstossen hat, das Recht, sie nach Belieben gegen Geld an einen anderen zu verheiratenquot;').

Auch bei den Tscherlcessen vvird der Friedensschluss durch eine Ehe besiegelt1).

Endlich findet sich diese Form der Composition bei den alten Persern nach dem Gesetze Zoroaster's. Was Kohier hierüber mit-teilt ist so bedeutend, dass wir es unverkürzt abschreiben wollen. „Die Sühnung durch Frau en bietet uns einen.... interessanten rechtshistorischen Bliek; sie geschieht durch Uebergabe einer Frau aus dem Geschlechte des Thiiters zur Ehe rait einem aus dem Geschlechte des Erschlagenen, ein Mittel der Versöhnung, das wir von den Bogos an bis in das deutsche und italienische Mittelalter verfolgen können s): das eheliche Band als die festeste Klammer der Vereinigung feindseliger, sich befehdender Familien ! Allein man würde sehr irren, wollte man für diese alte Zeit hierin lediglich ein snbjectives Versöhnungsmittel in unserem Sinne er-blicken, welches keine objective Gabe der einen Familie an die andere enthielt, sondern nur den Zweck gegenseitiger Familienverkettung, gegenseitiger Familienfreundschaft und Familienanhanglichkeit ver-folgte. Vielmehr besteht der wesentliche Karakter dieser Sühnung ursprünglich darin, dass eine Frau, also nach den damaligen Begrif-fen eine geldwerthe Sache, die sonst zur Ehe gekauft und bezahlt werden müsste, jetzt unentgeltlich gegeben wird und so nicht etwa bloss als Medium der Versöhnung, sondern als Mittel der wirklichen Abfindung, als geldwerthige Leistung zum Loskauf der Eache dient. Die hingegebene Frau wird Nebenfrau des Empfangers, sie tritt in

1

Post; „Grundrissquot;: I: S. 243, N. 2.

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eine untcrgoordnetc Stollung, welche durchaus noch nicht jenes ethische Band inaugurirt, wie os eine solche ehelicho Vorbindung spiiter zwischon beiden Familien horstellt. Aber allordings ist damit wieder der Koim einos othischen Verhiiltnisses in das Recht gelegt, und wio aus dom Frauenkauf unsero houtige Eho, so ist aus dor Frauonüborgabo zur Busszahlung die spiltero Hochzeits-feior als Vcrsölinungs- und Verbindungsfeier zvvoior seithor feind-solig getronnter Familien hervorgegangenquot; '). Zum Boweise dio-ser Siitzo boruft sich Kohier nur auf dio Afghancn, bei wolchon die Sühnung durch Gold oder durch Frauon geschioht, „und dieso Frauen gehen dann in die Familie dos Verlotzton übor in einer Art von Sklavenstellung, sclu• haufig als Nobonwoiber des Mannesquot; 1).

Dio Frage ist jetzt, ob Kohier Kocht hat und die Sühnungseho der wilden Völker blos eine Übergabo dor Frau als Wertgogen-stand bedoutet, odor ob aucli dioso Eho ihre Sühnungsmacht nur odor hauptsachlich aus dom durch sio hergostollton Familien-bande entleiht.

Wenn Kohler's Auffassung die richtigo ist, müsston wir doch die Übergabo von Frauen bei allen Vólkern finden, wo der Eeichtum noch wenig entwickelt ist, das Friedensbedürfniss aber schon besteht, und die Frauen gekauft oder getausoht werden; diese drei Bedingungen sind aber bei gar vielen Vólkern erfüllt und dennoch begegnen wir unserer Sitte nur boi so sehr weni-gen! Das Fehlen einer Sitte, audi wenn dio Bedingungen ihrer Entstehung unseres Erachtens erfüllt sind, darf vorlaufig in dor Ethnologie gewiss nur mit grösster Vorsicht als Argument be-nutzt werden — sind ja ihre Gosetzo noch gar zu sehr dor Kri-tik und Pracisirung bedürftig — 3), aber doch schoint mir das Fehlen der Frauonübergabe zur Stihno bei den Australiern, wo die drei genannton Bedingungen so priichtig erfüllt sind, eine Thatsache von grösstem Gewichte.

1

Die bis jelzt angeblich ermittelten Gesetze wurden noch nie als solche ge-sammelt und mit rigoröser Strenge geprüft.

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Weiter ist es auffallend, das unsere Sitte sich nicht blos bei nur sehr wenigen benachbarten Vólkern findot, sondern auch nur bei nicht sehr niedrig stehonden, obwohl doch Tausch und Kauf ven Frauen sich bei viel niedrigeren schon massenhaft findet.

Ausserdem bat Kohier entschieden Unrecht, wenn er meint das, was er unter „ethischem Bandequot; versteht, nur bei höheren Vólkern finden zu kunnen. Auf dor Stufe des Brautkaufes und auf niedrigerer war die Frau allerdings eine geldwerte Sache, aber fast niemals nur das; das durch Zwischenheirat geknüpfte Band batte fast immer bedeutende sociale Folgen, wie dies aus § 4 und 5 des ersten Abschnittes und aus dem dritten Abschnitto unseres zweiten Bandes hervorgeht1). Die vielen künstlichen Verwantschaftsbanden beweisen ja wohl auch, dass schon sehr früh die ethische Auffassung vorherrschte. Durch dio Details der Quellen-aussagen wird die Kohler'scho Auffassung nicht direkt bestatigt, bei den Schahsewenzen gerade umgekehrt, weil die Frau hier aus dem beleidigten Stamme an den des Beleidigers gegeben wird, und die Motivirung ist zu gekünstelt um nicht als spiiter hinzu erfunden er-kannt zu werden. Die Frau wird an Geldesstatt angenommen, — aber alle diese Völker kannten schon das Geld oder besassen wenig-stens wertvolle, sehr geschatzte Gegenstande, — weshalb dann nicht diese statt der Frau gegeben? Dass diese Frau eine unter-geordnete Stelle bekam, bedeutet nicht viel, solange nicht bewiesen, dass dies auch der Fall wenn ein noch nicht verheirateter Mann sie bekam oder aber dass dies nicht einfach eine hinzutretende Erniedrigung des Verletzers war, wie dies bei dor Composition so oft der Fall ist2). Merkwürdig ist dazu, doch die Frau doch nie

1

S. besonders S. 43—45. — Wie ist es nur möglich, dass Kohier dies für die betreflenden Völker leugnet, da doch ihro Heiraten fast nur mit Rücksicht hierauf geschlossen wurden. Vergl. Kovalewsky: „Cout. Contemp.quot;: S. 193 seq., Gopcevic: „Oberalbanienquot;: S. 318.

2

Auch bei den Miriditen wird ja die Frau, obwohl an Geldesstatt angenommen, geheiratet; natürlich wird sie, wenn auch kein Brautpreis gezahlt wurde, volles Eigentum des Mannes, wie jede Frau, und dass für sie nicht gezahlt wurde, ist selbstverstandlich, weil ja schon Geld verschuldet war durch ihrc Familie, beweist aber keineswogs, dass die Heirat nur ein Substitat für die Zahlung war.

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zur Sklavin gemaclit wurde und auch bei diesen Völkern nie geradezu ein tüchtiger Skiave zur Entschadigung gegeben wurde, welcher doch nicht so viol geringoren Wert hatte. Noin, eine Frau musste gegebon worden, woil neben der Zahlung eines wertvollen Gogenstandes der friedenerhaltende Eintluss ^ der Vcr-schwagerung durchaus erforderlich war 1).

Weshalb aber unsere Sitte auf so kleinem Gebiete bcschrankt blieb, bloibt auch mir ratselhaft.

§ 8. Fortsetzung,

JB. Adoption, oder Knechtschaft.

Bei don alten Persern kam noch eine andere Compositions-form als die obenbehandelte vor. „Der Thater (muss) in der Familie des Erschlagenen als Knecht dienen und die Schuld durch Arbeit abbüssen, welche Knechtschaft spater in ein volles Sohnschafts-verhaltniss übergehtquot; 2).

Burns erzahlt von den Sia-push Kaff ren im nördlichen Afghanistan Folgendes: „the most deadly feud may be extinguished by one of the parties kissing the nipple of his antagonits's left breast, as being typical of drinking the milk of friendship. The other party then returns the compliment by kissing the suitor on the head, when they become friends till deathquot; 3).

Kovalewsky fasst die Adoption völlig als eine Entschadigung und zwar im Interesse des Clans auf. „Le coupable prend dósor-

1

Deshalb wohl wurden bei den Schahsewenzen ausser der Frau auch noch Geschenke gegeben, oder mussen wir diesc als das eigentliche Sühngeld betrachten?

Merkwürdig ist auch, dass immer nur cine Frau gegebon wurde, — was zur Verschwiigerung genügte, — und nie mehrere, was nach Kohler'scher Aufl'assung doch zu erwarten ware.

2

Kohier „Nachwortquot;: S. 15.

3

Burns „Caboolquot;: S. 212.

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mais la place du tuó!), devient par uno sorto d'adoption raombro de son groupe. Voici les détails de la procédure par laquello se terminait encore naguèro la vengeance du sang parmi quelques peuplades indigenes du Caucase. Couvert d'un manteau blanc, les cheveux ópars, ayant uno hacho pendue a la ceinture, Ie coupable vient en Ossétie et dans le Daghestan se présenter au parent le plus proche de Ia victime. 11 déclare se sacrifier désor-mais aux mimes du mort, il promet d'accomplir réguliorement en sa faveur les offrandes exigóes par la coutume, de servir ceux qu'il a servis de son vivant. II devient alors 1'objet d'une cérémonie, rappelant par ses détails l'acto de l'adoption. C'est ainsi que dans certaines localitós il est appelé a baiser le sein de la more du tué. Ceel une fois accompli, son crime lui est pardonnó et il est sensé désormais être un parent. — 11 est aisé de saisir l'esprit d'une pareillo coutume. Le clan a perdu un membre. Ce membre lui est rendu dans la personne du meurtrier. L'intérêt do la communauté est par conséquent sauf. La vengeance désormais ne peut que lui être funeste. Par conséquent elle doit cesserquot; !!).

Weil dio Beispielo unserer Sitte so gar selten sind, werde ich hier mal von meiner Eegel abweichen und die, welche Kohier von den Kabylen und Griechen citirt, hinzufügen.

Bei den Kabylen findet gütliche Vergleichung der Blutrache nur Statt, wenn die Tötung unfreiwillig war, auf einem Versehen beruht oder von einem Geisteskranken oder einem Tiere her-rührt. „In solchen Fallen hat der Schuldige in feierlicher Weise Abbitte zu thun und sich domüthigenden Procoduren zu un-terwerfen, und.... wie anderorts, wird auch hier nut einem festlichen Mahle die Foindschaft verscheucht und der Schuldige wird in die kharuba des Erschlagenen aufgenommen, ein Zug, welcher in den Landern des Blutrechts merkwürdig haufig wie-derkehrtquot;1). Kohier bemerkt hierzu: „Wahrscheinlich war die

1

Und doch macht auch er, mil seiner enormen Celesenheit, keine solche Beispiele namhaft, und cbensowenig Post; „Grundrissquot; I: S. 245.

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Ergebung an dio Familie dor Erschlagenen ursprünglich cino Ergobung in die Knechtschaft. Eino mildere Stufe war es dann, wenn, wie in der griechischen Sage, dio Knechtschaft eino blos zoitweise war zur Abverdien ung des Liisegoldes, oder wenn die Knechtschaft in die Lohnschaft übergingquot; }).

Wenn Kohier von der Composition bei den alten Grieehen spricht, fiigt er hinzu; „dabei ist ein Zug der griechischen. Sage höchst interessant, der vollkommen den Stempel kultureller Wirk-lichkeit an sich trixgt: dass namlich der Todtschliiger sich in die Knechtschaft dor verletzten Familie bogibt, um dort die Busse abzuverdienon. Wie es im Völkerloben vorkommt — nicht nur bei den Hebraorn, sondern aucli bei den Malaion, dass derBrau-tigam den Kaufpreis der Frau abverdient. so hat hier der Todtschliiger das Wergeld durch soino Dienste zu lösen !quot; 1)

Kohier, soviel ich weiss der ersto und einzige welcher bis jctzt dieser Erscheinung seine Aufmerksamkeit zugewendet hat, moint also, dass bei diesen Völkern ursprünglich der Schuldige dor Skiave der beleidigten Familie wurde. Eine Milderung dieser Sklaverei wurde sodann die zeitweiligo Knechtschaft oder die Lohnschaft.

Diese Auffassung scheint mir aber gewiss anfechtbar.

Was wir von don Siahpusch und von den Osseten mitteilten ist mit Kohler's Theorie in vollem Widerspruche, dosgleichen die Ceremonie wie sie bei den Kabylen gebrauchlich war.

Merkwürdig, ja unerklarlich ware es sonst, dass Kohier, Post noch ich je ein einziges Beispiel davon fandon, dass geradezu ein oder mehrere Sklaven als Wergold gegebon wurdon, anders als wie z. B. bei den Tscherkessen in der Qualitat von einfachon Wert-gegenstanden mit anderen vereint2). Wenn aber der Schuldige doch nur als Skiave in die beleidigto Familie kam, wenn blos dor Wert seiner Arbeitsleistung als Wergeld aufgefasst wurde, dann ware es doch viel besser und natürlicher gewesen einen unschuldigen, arbeitsfiihigen, wohl auch besonders schonen Sklaven

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L. c.: S. 153.

2

Bell 11: S. 163.

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abzugeben als don Schuldigen, welcher doch gar leicht nouen Hass erregon könnte. Wir aber können diesen Umstand loicht erkliiren: Sklavon würdon cbon nur nicht einmal sohr kostbare Wertsachon gewesen sein, man wünschte aber mehr, cine Bürg-schaft dos Priedons, eine Art Geisel, und dazu statt oiner durchaus ungonügonden (fiir einen Freien einen Sklavon!) eine genügendo Talion. Abor audi in anderer Weise ware die Talion dann unge-niigend geweson, wenn man in die Stelle oines Freien einen zum Sklavon gemachten Freien erhalton hatte!

Die spiitere Abschwachung der Sklaverei in eine zeitweilige Knechtschaft kommt mir unwahrscheinlich vor, well die Hüho der Blutpreise stieg statt sank und der Mord bei gesitteteren Verhaltnissen immer schwerer verurteilt und gestraft wurde. Dass aber der Schuldige früher zum Sklavon gomaclit spater als Sohn adoptirt warde, ist vollends unwahrscheinlich, weil doch die sittlichc Rohheit, welcho in dem adoptirten Mördor nur don Ersatzmann sah, im Anfange thatsachlich möglich, immer mehr schwand und jedenfalls nicht erst spater aufkotnmen konnte. Wenn Kohier diese Sitten bei den von uns mitgeteilten der Huronen u. s. w. angeschlossen hatte, so ware er vielleicht nicht in diese Vorstellung verfallen. Er würde dann ja unsere jetzige Sitte als eine jonen ahnliche, aber ausgebildetere, betrachtet haben. Nur dass jetzt nicht blos ein Ersatz gewünscht wird, sondern auch eine Verbindung der streitenden aber friedensbediirftigen Familien. Würde bei don schwer zu versöhnenden Kabylen ein Skiave zum Wergelde genügen? wie viel wahrscheinlicher, dass gerade sie der Verbindung der Familien durch eine Adoption bedürften. Es ist klar, dass dies die Bodeutung der Sitte bei den Kaffiren, Osseten, Eingebornen Daghestan's, Kabylen: die Ceremonien be-weisen zu deutlich, dass wir hier mit einer Adoption zu thun haben. Die Beispiele dor alten Perser und Griechen erinnern schon mehr an die Strafe des Verkaufs des Verbrechers in die Sklaverei resp. des Verfalls in die Sklaverei des Hiiuptlings, welcho in barbari-schen Monarchien so überaus haufig vorkommt. Post macht z. B. verschiedene solche Beispiele aus afrikanischen Despotien nam-haft. Er fügt aber hinzu: „wahrschoinlich ist die Versklavung

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ursprünglich überall eino Folge der Nichtzahlung der Compositionquot; ï). Ich mochte dies nur zugoben, wenn or darunter dio Busse an den Monarchen versteht, welche zwar aus der Composition itn eigentlichen Sinne hervorgekommon doch ganz etwas anderes ist. Der Übertritt des Schuldigen in den feindlichen Stamm bei den ge-nannten vier Vólkern kann aber untnöglich diesen Sinn haben; von Knechtschaft oder gar Sklaverei oder von oiner nicht bezahlten Composition ist hier ja keine Spur aufzufinden. Sie müssen zwei-felsohne nach unserer Auft'assung gedeutet werden. Vielleicht müssen das altpersische und das altgriechische Beispiel anders aufgefasst werden, nl. als Surrogate für nicht bezahlte Bussen. Sonderbar bleibt es immerhin, da vvir doch in beiden Fallen dio Blutracho, obwohl einigermassen eingeschrankt was die Solidaritat dor Familie anbotrifft, noch in voller Blüte finden 1), und unter diesen Umstanden ist es doch fast unmöglich, dass die Genossen, welche ja zur Verteidigung auch des Schuldigen vorptlichtet waren, ihn der Sklaverei überliessen; etwas ganz anderes ware os ihn durch die Adoption dem beloidigten Stamme zu übor-lassen. Doch finden wir allerdings in beiden Fallen schon ein Streben nach Radio am schuldigen Individuum; die Kohler'scho Auffassung dürfte also für diose beiden Fiille doch die richtige sein. Ihnon analog ist wohl was Wilkon von don Menangkabau-Malaion Mittel-Sumatra's mitteilt: bei nicht-Bezahlung des Wer-geldos und wenn die Verwanten die Execution dos Mördors nicht verlangen, wird dieser als Skiave ontwoder don Hiluptlingon oder den Verwanten des Ermordeten zugewiesen 3).

Ich möchte also zwischen Compositionsadoption und Composi-tionsknochtschaft unterscheidon, und die obon genannten vier Völkor als Beispiole der ersteren betrachten. Ihro Bedeutung ware, wie gesagt, der Ersatz durch Gloichmachung dos Verlustes

1

Wilken: „Strafrechtquot;: S. 106, 107.

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an vvehrbaron Mannern und die Sistirung der Peindseligkeiten durch verwantschaftlicho Vorknüpfung der Geschlechter.

Es soil noch bemerkt werden, dass in allen diesen Composi-tionsweisen schon dadurch ein Streben nach Ablosung derEache und ïalion sich offenbart, dass der Schuldige das speciellere Werkzeug der Composition wird.

§ 9. Versöhnung durch Erniedrigung.

Die erlittene Schadigung wurde natürlich vor Allem auch als Erniedrigung, als Beleidigung, und die That als ein Sieg, als eine Erhebung betrachtet und empfunden. Kein Wunder, dass, wie die Rache, auch die Versöhnung nach Aufhebung hiervon strebte. Und so finden wir denn einige Male unter den Sühnungscere-monien solche, welche die Erniedrigung des Thaters den Riichern gegenüber ausdrücken mussten, besonders hervorgehoben.

Von den Samoanern teilt Turner Folgendes mit: „criminals are sometimes bound hand to hand, foot to foot slung on a pole put through between the hands and feet, carried and laid down before the parties they have injured, like a pig about to be killed and cooked. So deeply humiliating is this act considered, that the culprit, who consents to degrade himself so far, is' almost sure to be forgiven.quot; Auch Besiegte im Kriege beugen sich mit einem Stiicke Brennholz und einem Biindel Bliltter vor den Siegern '). Ófter beugt man auch einem Kriege vor durch die Auslieferung der Schuldigen oder durch Bezahlung einer grosse Busse oder „by bowing down in abject submission carrying firewood and small stones used in baking a pig or perhaps a few bamboosquot;, also durch symbolische Anbietung der eigenen Personen um gegessen zu werden1).

Auf Aneijteim in den Neuen Hebriden genügt eine Apologie

1

Turner I.e.: S. 298.

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mit einem Schweino gewühnlich um die Fehde uach eiuem Morde zu löschen]).

Auf Fiji ersetzt ein Soro, eine Siihne, öfter die Strafe. Ja sogar staatlich bestrafte Delicte, wie sclrwere Amtsvergehen, könnon dadurch gesühnt werden, dass der Delinquent sich mit einem Speere in der Hand niederbeugt, was bedeutet dass er verdiente mit dem Speere durchbohrt zu werden 1).

Bei den Omaha in Nord-Amerika finden wir die Blutrache schon einigermasseu im Verfall; die beiderseitigen Hauptlinge versuchen schon den Frieden zu wahreu und es bestebt schon eine Tendenz, nicht mehr, nach passiver Individualisirung der Kache und doch finden wir hier eine merkwürdige Illustration unserer Erscheinung. „Murder might be punished by taking the life of the murderer, or that of one of his clansmen. When one man killed another, the kinsmen of the murdered man wished to avenge his death, but the chiefs and brave men usually interposed. Sometimes they showed one of the sacred pipes, but they always took presents and begged the kinsmen to let the offender live. Sometimes the kinsmen of the murderer went alone to meet the avengers; sometimes they took with them the chiefs and brave men; sometimes the chiefs, and the brave and generous men went without the kinsmen of the murderer. Sometimes the avengers refused to receive the presents and killed the murderer. Even when one of them was willing to receive them, it was in vain if the others refused. When the life of the murderer was spared, he was obliged to submit to punishment from two to four years. He must walk barefoot. He could eat no warm food; he could not raise his voice, nor could he look around. He was compelled to pull his robe around him and to have it tied at the neck, even in warm weather; he could not let it hang loosely or fly open. He could not move his hands about, but was obliged to keep them close to his body. He could not comb his hair, and it must not be blown about by the wind. He was obliged to pitch his tent about

1

Williams: S. 31.

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a quarter of a mile from the rest of the tribe, when they were going on the hunt, lest the ghost of his victim should raise a high wind, which might cause damage. Only one of his kindred was allowed to remain with him at his tent. No one wished to eat with him, for they said: „if we eat with him, whom quot;Wakanda hates for his crime, Wakanda will hate us.quot; Sometimes he wandered at night, crying and lamenting his offense. At the end of the designated period, the kindred of the murdered man heard his crying and said; „it is enough; begone, and walk among the crowd. Put on moccassins and wear a good robequot; quot; '). — Der an-fangende moralische und religiose Abscheu vor dem Verbrecher, audi seitens seiner eigenen Angehörigen, verdient hier hervorgeho-ben zu werden, doch hatte dies wahrscheinlich seinen Ursprung in dem Bestreben sich von ihm loszusagen, durch seine Erniedri-gung die Gefühle der Gegner zu ehren, demi, wie aus dem ersten Satze hervorgeht, kannten die Omaha doch noch die eigentliche Blutrache, audi an den Verwanten und Clangenossen des Thiiters ausgeübt. Die Sühne bestand hier also in einer Selbsterniedrigung des schuldigen Clans im schuldigen Individuum representirt. Bemerkenswert ist audi die Rücksicht auf die Rachsucht des Geistes des Ermordeten.

Burns erzahlt: „if a Kaffir has killed ten men of the tribe, he can appease the anger of his enemies by throwing down his knife before them, trampling on it and kneelingquot; 1).

Von den Osseten erfahren wir, wie der Mörder handeln soli, wenn er der Rache entgehen will. „Revêtu d'habits de deuil, les cheveux épars, l'assassin Ossote vient sur la tombe de celui qu'il a tué, pour accomplir une cérémonie dont le hut avóró est de se consacrer lui-même a sa victime. Cette cérémonie est connue sous le nom de kifaëldicin: le mourtrier se livre spontanément au défunt, qui, en la personne de son descendant, lui pardonne

son offense.quot;---- „Le caractöre de devoir religieux qui s'attache

a la vengeance du sang versé apparait même dans le cas oü le

1

Burns: S. 215.

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vengour consent a recevoir une rauyon. Le meurtrier n'a pas le droit do I'offrir aussitot apres raccomplissemont do son crime. II doit, au préalable, fair le domicile qu'il occupait, so cacher pendant des mois et des annóes, loin des personnes qui ont, d'après la coutume, le droit do se venger. II peut retourner au foyer domestique qu'il a abandonné, mais seuloment lorsque ses parents ont arretó, d'un commun accord, avec ceux de la victimo le taux du rachat. Modestement vêtu, tête baissóe, le criminel, a, peine rentré chez lui, se présente chez les parents de la victime et pendant une heure entière les supplie d'accepter la ranijon qui leur est offerte. Les parents feignent d'abord de refuser cet accommodement sur lequel, en fait, on est pourtant déja d'accord. Agir autrement équivaudrait a une grave atteinte aux convenancesquot; *).

Der psychologische Wert dieser Selbsterniedrigungen, welche bis zum symbolischen Tötungsakte gehen, liegt vor der Hand, wenn man nur dor Eesultate unserer psychologischen Unter-suchung eingedenk ist. Die Rache will ja vor allen Dingen Selbst-erhöhnng als Reaction nach dor erlittenen Erniedrigung; diese Erhöhung wird, wie wir sahen, meist in irgend einer Erniedrigung des Schuldigen gesucht; an sich braucht diese deshalb gar nicht blutig zu sein; die absichtliche Selbsterniedrigung des Schuldigen genügt, sie bezeugt ja die Überlegenheit des Kach-süchtigen. Wer kennt nicht aus dem intimen Leben das Haus-mittel des Schlauen urn zur Erlangung von Verzeihung irgend eine eigene Schwache zu gestehen; manchmal reicht sogar eine zufiillige Erniedrigung des Verhassten aus um die Rachsuchtbe-deutend zu massigen: die Schadenfreude schwacht die Rachsucht.

Auch die ungebildeten Völker scheinen diese Erfahrung bald gemacht zu habeu. Doch konnte die Selbsterniedrigung erst zu

■1) ICovalewski: „Cout. Contemp.quot;; S. 238, 239; die Tschechen kannten eine iihnliche Ceremonie, Pocora genannt, uml in Moravien war eine solche bis im 16ten Jahrhundert bekannt: barfuss, mit dem Antlitze auf dem Grabe des Ermor-deten liess der Mörder sich vom Blutriicher das Schwert auf den Kopf stellen. S. 241. Auch bei den alten Germanen kam zu der Zahlung die Selbsterniedrigung. S. 243.

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oinem Versöhnungsmittol werden, nachdem die oben behandelten TJmstiinde sclion eine Massigung des impulsiven Rachetriebes herbeigeführt, und die Starrheit der Rachepflicht einigermassen erschüttert batten. Wie mancbmal aber mag vor diesem Zeitpunkte durch Selbsterniedrigung unter besonderen individuellen Umstiin-den schon Verzeihung erzielt sein! Sitte aber wurde sie erst in der erwiihnten Weise.

Eine ausgezeicbnete Vorbereitung zu dleser Versöbnung muss wobl immer die zeitweilige Entfernung des Schuldigen gewesen sein, wie wir sie so mancbmal finden. In der Zeit legte sicb ja die erste Wut der Racbsucbt und konnten die Unterbandlungen obne Störung durch Wutausbrüche angefangen werden. Der zurück-bleibende Rest von Rachsucht konnte dann leicht und rait Erfolg durch Geschenke resp. Bussezahlung und Erniedrigung des Schuldigen befriedigt werden.

Der Geist des Toten wird natürlich von denselben Gefühlen wie die Lebenden gedacht. Auch ihn musste dahor die Selbsterniedrigung seines Mörders erweichen, wie dies bei den Omaha wie bei den Osseten illustrirt ist. Wahrscheinlich soil die son-derbare Sitte der Huronen ahnlich gedeutet werden, nach welcher der Mörder Tage lang unter dor Leiche seines Opfers sitzen muss, wenn er sich nicht bei dessen Verwanten von der Erfüllung dieser Pflicht freikaufte

Auffallend ist, dass in allen diosen Beispielen von Selbsterniedrigung des Mörders behufs Entgehung der Rache nur von dei-des individuellen Mürders, nie von der seines Clans oder seiner Familie die Rede ist. ünd doch fanden wir übrigens bei den be-troffenden Vólkern wenn auch keine absolute Gruppenrache, doch auch gewiss keine individuelle Bestrafung, sondern noch immer entschiedene Blutrache. Woher dann diese teilweise Individuali-sirung. Ich möchte die Erklarung wenigstens zum Teil hierin suchen, dass gerade in diesem Falie der nicht blutigen Rache die Gruppe sich nicht zur Verteidigung ibres Genossen, zur Er-greifung seiner Sache veranlasst fühlte; ihre moralische Stütze

1) Charlevoix I.e.: S. 274.

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brauchte er uur und bekam sie, ausser wenn andere Kücksichten, wie bei den Omaha, dies verhinderten. Übrigens kommt wie ge-sagt diese Sühne nur vor, wenn das Friedcnsbedürfniss scbon bostoht und damit die Tendeuz nacb Beschrankung der Kacbe. Was ist daun aber natürlicber als ihre Concentriruug auf den Schuldigen? In allen unseren rallen waren aber wolil auch alle die ümstande wirksam geweseu, welche die Individualisirung der Eache herbeiführen, wie: erhöhte Organisation, Ausbreitung und Verschiirfung dor Bestrafung durch dio Gemeinschaft, Zerfall dor kleineren Gruppen und Auflösung derselben in höhere Einheiten, doren Untorsuchung wir aber einer möglichou künftigen Bohand-lung vorbehalton raüssen.

§ 10. Die Itachsuchl der Toten und die Composition.

Das grosse Problem, das sich jetzt hervordriingt und eine Lösung fordert, ist dieses: wie wurdo der Geist des Emiordeten befriodigt, wenn die Lobenden mit der Composition vorlieb nahmon? Wir sahen, wie strenge die Toten und besondors der Ermordete die Blutrache ven ihren Verwanten und Genossen forderten, sie wollten Blut; — wie konnten sio auf einmal mit derunblutigen Kache sich zufrieden geben?

Wenn wir auch spater verschicdene Grimde für die Herab-setzung dor Forderungon der Toten anführen werden, so wollen wir erst nach etwaigen Übergangserscheinungen suchen.

Kohier erzahlt uns, von den alten Griechen, dass zur vollen Lauterung des unvorsatzlichen Taters nach der Verbannung und Versöhnung doch noch Sühnoopfer nötig waren; dieses und „dass insbesondere das Blut eines Thieres tliossen musste, entspricht vollkommen der alten Anschauung von dom Blutrechte, das sich nicht ohne weiteres versöhuen liisstquot;1). Es findet sich dies nun zwar bei einem Volke mit staatlicher Strafe, aber doch innerhalb

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1

„Shakespearequot; 11: S. 154, N. 5.

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der Sphare dor Blutrache, welche ja nur vorstaatlicht war. In noch illtorer Zeit abor, im homerischen Zeitalter war dies alles nicht nütig: „LTime du mort ótait censéo vengóe, ses manes irritós s'apaisaient quand l'assassiu avait cté forcé de se dépouiller d'une partie plus ou moins considórable do son patrimoinequot; ï). Es scheint aber noch nicht vollig ausgemacht zu sein, ob im homerischen Zeitalter ausser der Composition auch noch die Purification des Schuldigen dem Toten gegeniiber durch Opfer nötig war.

Die Frage ist jetzt, ob wir ahnliches bei Vólkern in reiner goschlechtsgcnossenschaftlicher Organisation antreffen werden, oder andere Gobriiuche, welche die besondere Befriedigung dor Toten bezwecken.

Kovalewski in seinem letzten, reichon Buche, sagt von don Osseten: „souvent, un dófunt apparalt en songe a un descendant, tantot pour oxiger de lui la vengeance, tantot pour lui permettre, au contraire, do la remplacer par un simple office des morts.quot;

Von demselben erzahlt uns Von Haxthausen einen besonderen Fall, wie zwei durch die Blutrache fast aufgeriebene Fami-lion sich versöhnten, indem jede einen Waiserknaben aus ihrer Mitte hergab, welche beide auf dem heidnischen Altar getütet wurden ~).

In den Volkserziihlungen den Helden Putia Dadechkeliam betreffend wird in der Version im fiirstlichcn Suanetiên gebriiuch-lich von dem Geiste immer Kache verlangt, wahrend er in derjenigen, welche im freien Suanetiên circulirt, seinen Abkümm-lingen immer die Kache abrathet in Folge der grossen Zahl und Macht der Feinde; er verlangt da von seinen Verwanten blos eine Totenmosso zu seinen Ebrens). Wahrscheinlich wird der Tote hier also je nach der Gemiitsverfassung der Lebenden schwerer oder leichter befriedigt erachtet.

Von den Negrito''s liüren wir, dass die in den vielen Kriegen gemachton Kriegsgefangenen an die Familien der Erschlagenen

1) Thonissen: „Le Droit l'ónal do la Uépubliquo Alhéuiennequot;: S. 44 und Note3.

2) Von Haxthausen 11: ö. 30.

3) „Cout. Contemp.quot;: S. 238.

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von jenen der Mörder gegeben werden, urn als Sühne für die Ermordeten abgeschlachtet zu werden

Und von den Zambalen berichtet Blumentritt, dass die Composition dadurch stattfindet, dass Geld zur Anschaffung eines Sklaven gegeben wird 2).

Die Dajaken der Westerabteilung Borneo's bringen Menschon-opfer bei der Friedensschliessung 3).

Die Biadju-Dajalcen tauschen bei der Versöhnung Sklaven aus, welche getötet worden urn don Gefallenen zu dienen 4).

Wahrscheinlich gehört auch Eolgendes hierher. Mayne sagt von don F:isch-Indianern Britisch-Columbia's: „it often happens that some crime is atoned for by a present of 3 or 6 slaves, who are butchered in cold bloodquot; 5). Was uns aber an unserer Deutung dieser Mitteilung zweifeln macht, ist erstens, dass wir nicht huren ob dies nur nach einem Morde oder sonst nach einem Verbrechen, welches einen Toten betraf, geschah, und zweitens obendrein, dass diese Indianer auch sonst aus reinem Stolze mitunter Sklaven töten, sowie sie auch bei jedem Feste Eigentum vernichten, wo-durch sie grosse Ehre erlangen; alles Eigentum wird nur an-gesammelt um öffentlich vernichtet zu werden.0). Dass die Eigon-tumsvernichtung bei Festen ein Opfer sein sollte, wird hierdurch iinwahrscheinlich. Jede Beleidigung und jede Schadigung wird durch Vernichtung von Eigentum gefolgt „to avoid disgracequot; 7). Ob dies aber auch ein Opfern an die Geister zur Abwendung ihrer üngunst sei, erfahren wir wieder nicht; nur spricht dafiir, dass auch bei Krankheiten und bei Begriibnissen Sklaven ge-opfert werden 8).

Die überaus geringe Zahl der Beispiele der bosonderen Befrie-

1) Blumentritt: „Ethnographiequot;: S. 8.

2) „Ahnenkultquot;: S. 156.

3) Veth II: S. 299.

4) Perelaer: S. 152.

5) Mayne: S. 264.

6) Mayne: S. 284, 263.

7) Mayne: S. 205.

8) S. 285.

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digung dor Toten, welche wir jotzt zusammcnfinden konnten, obwohl sic selbstvevstandlich bedoutond vermehrt werden könnte, ist an und für sicli ein wiclitiges Moment. Die Toten scheinen also im Allgemeinen koine besondore Befriedigung zu erlangen. Wie sollen wir daim aber verstellen, dass doch nach der Composition der Ermordete keine weitere Eache verlangt? Erstens kam die Composition im Anfange stets am Ende einer mehr oder weniger langen Fehde, welche die Rachsucht dor Toten genügend befriedigt zu haben gedacht werden konnte. Zweitens scheint die Composition an ihre Verwanten gezahlt ihnen an sich eino grosse Befriedigung zu gewiihren: die Schadigung ihrer Feinde, die Bereicherung ihrer Verwanten und Freimde, die Ehre hier-durch ihrem Oeschlechte znkommend, scheinen ihre Rachsucht zum guten Teile auszulöschen. Übrigens wissen wir ja auch, dass im Anfange und gelegentlich immer nicht gleich in die Composition eingewilligt wurde: die Achtung vor den rachsttchtigen Toten hielt die geistigen Toten zurück. Nach dem Gesetze des Conservatismus der Toten konrite man sich sie nicht gleich mit demselben neuen Gefühle des Geizes beseelt achten, welches jetzt die Lebenden ganz erfüllte und beherrschte. Allmahlig aber musste auch das sich iindern. Anch die Toten wurden geizig cinerseits, und anderseits dachten die Lebenden weniger an die Toten, wenn nur ihrem leidenschaftlichcn Begehren nach Reich-tümern gefröhnt wurde1).

Wir werden jetzt sehen, ob aber nicht noch in anderer Weise der Toten gedacht wurde, und zwar in Verbindung mit der ge-briiuchlichsten Vorsühnungsceremonie.

1

Marsden sagt von dem in Pasemah gebrauchlichen Worle „bangunquot;: „The word signifies awaking or raising up, and the deceased is supposed to be replaced, or raised again to his family, in the payment of a sum proportioned to his rank, or equivalent to his or her personal value.quot; L. c.: S. 211. Wilken („Strafrechtquot;; S. 100) fiigt hiimi, dass also auferstehen machen und entschadigen hier gleich-wertige üegrilfe sind.

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153

§11. Die Versöhnungsfeste and Hire Bedcutuny.

Boi gar vielen Vólkern vvird die Aussohuung dor Blutracho mit cinoni Fosto bokront; dom orstcn oborflachliclion Blicke orschcint dies ganz natüriich, wir sind es nun oininal so gewohnt: die Versohnung zwoior Fcindo fordert ein Fest and damit cine fcioriiche Malilzeit. Gewisse Erscheinungen bereclitigen uns abcr iiintcr dieson versöhnenden Lustbarkeiten in manchen Fallen otwas mehr zu vermuten.

Wie aus unseren Ausfiiiirungcn hervorgohen wird, können diesc Versöhnungsfeste drei versehiedene Motive und Bedeutungen haben, obwoiil natüriich audi zwei oder gar alio drei dicser bei einem vereint vorkommen können. Sie sind: die einfache Vorilnderung der feindlichen Stimmung durch die gemeinsamo Fostlichkeit, und damit verblinden die Feier des hergestellten Friedens durch Heiterkeitsausserung, die Verbindung der Parteien durch das Zusammenessen odor durch ahnlioho Ceremonion, die Reinigung von Schuld und die Befricdigung der Toten durch das Bringen von Opfern.

Wir werden jotzt versuchen von diosen drei Arten von Sühnungs-festeu einige Beispiele vorzuführen und zu erklaren.

A. Die Eingebornon West-Amtraliens, im Moore-River Distrikte, fiihren gegenseitig die Blutracho aus, bis endlich neutrale Stiimme ein grosses Corrobori zu Stando bringen, wo die Parteien sohr höflich gogen einander sind, und alio Anspiolungen auf iliron Stroit meiden, — bisweilon geraten sei abor auf einmal wieder in Wut und ontbrennt dor Kampf aufs Neue ').

Vom Darling-Paver Stiimme erziihlt Bonnoy, dass, wenn dor liacher eines natiirlichen Todes don vormeintlichen Mörder ver-wundet hat, die Eachsucht befriodigt ist und ein Corrobb'«tattfindot1).

Die Stiimmo der Tasmanier machon Frieden auf don grossen Corroboris, wolcho im November jedos Jahrs abgohaiten werden

1

L.c.: S. 130.

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Auf Nias werden die Fehden auf Kosten desjenigcn, dor Un-recht hat, beigolegt. „Egli dovra dare un maialo che tutti poi mangeranno insieme, e por assodare la pace ristabilita, si pro-nunzia una terribilo malodiziono contro chi riaccendesse la litequot; 1).

Wir habon keinen Grund dio gemoinsame Vorspeisung des Schwoines anders denn als eine Versöhnungsmahlzeit im einfachon Sinne zu betrachten.

Die Gcsohlechtei' der Ckamtschai, welcho in Blutrache leben, werden bisweilen durch einon Fürst ausgesühnt; er ladot sio oin, ein Ochse odor ein Schaf wird geschlachtet, viel Bier wird ge-trunken, und dio Versöhnung findet statt2).

Die Versöhnung dor Chewsuren erfordert eine Mahlzeit von Vieh, durch don Schuldigen verschafft, und es wird Bier daboi gotrunken, wovon der Gerst durch don Schuldigen, dor Hopfon durch die Familie des Opfors beigetragen wird s).

Wenn bei den Osseten eine Composition statttindet, voranstal-ten die vaterlichen Verwanten des Thaters den Verwanten des Opfors ein Versöhnungsfest3).

Bei den Tlinket-lndiancrn herrschen unaufhörliche Fehden. „Ein friedlicher Ausgleich ist froilich dio Regel. Nach vielen Dro-hungen und langen Verhandlungon einigt man sich übor die zu leistonde Busse, woboi der Grundsatz der gloichwertigen Ent-schadigung fest gehalten wird. Ein Versöhnungsfest, bei welchem die btissonde Partei Geschenke verteilt, boschliesst dann die Episodequot; 4).

Wonn die kriegführenden Partoien auf Serany Friedo wiinschen, muss die schuldige der andoren Geschenke gobon, auch an dio Hauptlinge, und endlich wird oin Fost durch dio Partoien go-geben 5).

Nachdem bei den See-Dajakcn derjenigo Stamm, welchor die

1

Modigliani: S. 497.

2

Erislaf: S. 32.

3

Morgan: S. 408.

4

Krause: S. 244.

5

Riedel: S. 105.

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moisten Köpfe nalmi, den Untorschicd in Waarcn bezahlto, wurde oin Fcst veranstaltet und tanzten sio zusammen als die besten Freunde').

Die psychologische Bodeutung diesor einfachen Versöhnungs-feste ist klar. Die fin store, rachsiichtlgo Stimmung wird vertriobon, die gemoinsamo Lustigkeit ist oin gar guter Boden für das nouo, froundschiiftliche Vorhiiltniss zwischen don Parteien; aussordem hat die schuldige Partei, d. h. die weiciie dio Voranlassung zu dem Streite gab, odor abor dio wolche die wenigston Genossen verlor, oino besonders gute Gelogenhoit durch dio fostlicho Bewirtung die noch Grollonden zu versöhnen.

li. Die Versöhnungsfesto können abor auch noch oino andere, tioforo Bodeutung besitzon, namentlich dio oinor Verbriiderung dor bishor stroitendon Gruppon.

Boas sagt von don Central-Eskimo überhaupt: „Sometimes a feud is settled by mutual agreement. As a sign of reconciliation both parties touch each other's breasts, saying: „Ilaga, my friendquot; 1). Und Klutschak fügt für dio Kinipetu-Esldmo hinzu, dass auch gomeinschaftliches Essen Freundschaft bogründot2).

Bei den ShastiJca gilt ein Vortrag, also wohl auch ein Friedens-vortrag, erst, nachdom die Parteien ihre Kleider oder ihre Namen austauschten 3).

Zu don Ceremonien oinos Friedensschlussos boi don Biadju-Dajaken gehort auch, dass boido Parteien sich leicht mit einom in der Fehde benutzton Mandauw verwunden und das aus don Wunden getropfte Blut mit Tuak gomischt trinken: darauf sind sie Brüder 4).

Auf den Timorlaut-lnseln werden Froundschaftbiindo zwischen

1

Boas: S. 582.

2

Klutschak: S. 70.

3

Powers: S. 240.

4

Perelaer: S; 152.

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•456

Nogoriön durch das Mischen und Trinkon von oinanders Blut geschlossen

Auch bei don Negrito's der Insel Negros werden „Freundschafts-biindnisso von ihnen in der Weise vollzogen, dass beide den Vertrag abschliessenden Teile sich die Arme aufritzen und das Blut sich gegenseitig aussaugenquot;quot;).

Wenn bei den Aenese-Beduinen durch die Bitten der Freunde, der Frau und der Töchter des ïhiiters dor Blutpreis endlich auf ein Minimum herabgesetzt wurde, so wird ein Ivamel geschlachtet und von den Parteien zusammon gegossen 1).

Pallas erziiht von den Osscten, dass auch der unversöhnlichsto Blutracher durch die Berührung der Brast einer Frau aus dein feindlichen Lager durch don Thater versöimt wurde, odor auch durch das Stehlen und Erziohen eines Sohnes dos Ermordeten durch denselben ). Das letztero ist in mcrkwürdigem Gegensatzo zu don Ersatz-Gebriiuchon der obongenannten Indianer.

Die Versöhnung wird in allon dieson Fiillon durch oino foior-licho Bundesschliossung bekraftigt und versichert, und diose findet Statt durch Namen- und Kleidoraustausch, durch Berührung der eigenen Briiste odor dor einer Frau, durch gemeinsames Essen, vor Allem abor durch das Trinkon von Einandors Blut2).

Allo diese Methoden scheinen keinen anderen Zweck zu haben als die Herstellung des engsten Bündnisses durch die Vereini-gung zweier Lebonskrafte. Von dor allgemeinsten Form sagt Trumbull sehr richtig: „The root-idoa of this rite of blood-friondship soems to include the belief, that the blood is the life of a living being; not merely that the blood is esscntiul to life,

1

Burckhardt: S. 158. 13ei dea Tiirkstiimmen wird dor Eid durch das gogeu-seitige Bluttrinken befestigt. Vambérv: „Das Türkenvolkquot;: S. 252.

2

Kohier: („Studiën über die künstliche Verwandtschaftquot;, Z. f. vergl. Rw. V, 1884: S. 434) sagt, dass der Branch die Verbriiderung odor Blutbrüderschafl durch das Trinken des Blutes herzustelleu ganz verbreitet ist.

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but that, in a peculiar souse, it is life, that it actually vivilics by its presence; and that by its passing from one organism to another it carries and imparts life. The inter-commingling of the blood of two organisms is, therefore, according to this view, equivalent to the intercommingiing of the lives, of the personalities, of the natures thus brought together, to that there is, thereby and thenceforward, one life in the two bodies, a common life between the two friendsquot;. Und daher ist das Bluttrinken die gc-briiuchlichste Form zum Schliessen enger Biindnisse über die ganzo Welt, was der Verfasser durch eine reiche Bliitensammlung bc-weist. „So this close and sacred covenant relation, this rite of blood-friendship, this inter-oneness of life by an inter-oneness of blood, shows itself in iho primitive East, and in the wild and prehistoric West; in the frozen North, as in the torrid South. Its traces are everywherequot; 1).

Es ist natürlich, dass Teilnohmen an oincr gemeinsamen Mahl-zeit, Gcniessen dorsolben Nahrung in woiterer Durchfilhrung des Grundgedankens, ja sogar die gegenseitigo Boriihrung, don soibon Erfolg, die Herstellung dor intimstcn Lebensgemoinschaft habon miisste 2).

Deshalb waren allo diese Ceremonion sehr goeignet da ausge-iibt zu werden, wo os eines gar feston Bandes bedarf, also bei der Boendigung einer Blutfehde: die bis dahin hadernden und streitonden Parteien sollten ja so fest wio uur möglich zusain-menverbunden worden urn jedor möglichon Erneuerung dor Fell do vorzu beugen.

Ich glaube, wir dürfen demnach in diosen Ceromonien und in den durch sic bozougton Bestrobungen nach foster Vorbindung

1

II. Clay Trumbull: „The Blood Covenantquot; (4887)1 S. 38, 57.

2

Trumbull 1. c.: S. 130: „transference (of life) can bo by a touch as easily as by any other method.quot; Würde die Erlangung des „Dakheilquot; (Schützev) durch irgend eine, wenn audi indirekte, Berührung boi den Aeneze Beduinen nicht audi hierauf beruhon'! Burckhardt; S 1G3,

Vergl. iiber die Bedeutung des gemeinsamen Speisens: P. Cassel: „Die Symbo-lik des Blutesquot; ('1882): S. 61, GO, 83, 84; und iiber die Verbindung durch Bluttrinken: S. 16, 20. 35—38. 80.

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dor bisherigen Feindo utilistische, zweckbowussto Erscheinungon sehon, und also dio Auffassung zurückwoison, nach welcher das gegonseitige Bluttrinkon bei der Sühnung dor Fohdo anfangs nar don Zweck hatte die Verlusto sozusagon symbolisch auszugleichon, was dann spiitor rait der Entwicklung des „blood-covenantquot; Ge-dankens der Ceremonie dio Bodeutung einor kiinstlichen Verbrii-doring gegeben haben sollto. Es könnto zwar auch so geschohen sein, doch orblicko ich vorliiufig keinen Grund diese Hypothese statt dor anderen anzunehmen. Dio Furcht ver der Annahme zweckbewusstor Maassrogeln soil in der Ethnologic doch auch nur nicht zu weit getriebeu werden.

C. Die letzte Gruppe von Siihnungs-Ceremonien, wolcho wir jetzt erforschen wollen, ist die der feierlichen Reinigungon. Eino auffallende Eigentiimlichkeit bietet dabei, dass diese Ceremonie nur auf beschriinktem Arealo gofunden wird, namentlich fast nur in Indonesien.

Bovor bei den Battah das Blutgeld bezahlt und der Mord damit gosühnt wird, muss die Familie des Mörders einen Karbau schlachten, und wenn ein Namora ermordet wurde, muss die Familie des Mörders ein Versühnungsfest veranstalten. Auch bei unabsichtlicher Tötung, Ehebruch, Beleidigung, Empörung muss ein Karbau geschlachtet werden

Der Falemhanger, welche einon Andoren tötete, zahlt ein nach dom Stando dos Opfors abgemessenes Blutgeld, ausserdem bezahlt er die Bestattungskosten und muss er einen Karbau zur Keini-gung des Dussuns schlachten. Dasselbe ist nötig bei Ehebruch, Incest und verbotener Gemeinschaft mit einer Jungfrau odor einer Wittwe eincs anderen Dussuns 1).

Die Pasemaher fordorn von dem Verführer eines Miidchens u. A. die Bezahlung einer Extrabusse, tippong bumi, „to remove the stain from the earthquot; Es ist dies zwar keine eigentliche

1

Gersen: „Undang-Undangquot;: S. 142, 118, 115, 116.

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Friedonsceremonio, doch gehort dio Sittc immorhin zu den hier behandolten.

In Benkuien kann die Todesstrafo auf Mord durch die Zahlung des bangun (Blutgeld) an die Familie des Opfers raitsammt einer Basse an die Hauptlinge abgekauft werden, ausserdein hat der Schuldige einen Karbau, Reis u. s. w. zu leisten zu einer Vor-söhnungsmahlzeit, „tepung bumiquot;. TJnd bei einer Verwundung zahlt man Schmerzensgeld und schenkt man ausserdem eine Geis zu einer Versöhnungsmahlzeit

Francis teilt von den Lampongern Folgendes mit: Wenn cin freier Mensch das Haupt seines „kabuajan'squot; (Stamm oder Gc-schlecht) oder eines dessen Kinder odor sonstigen Verwanten ermordet, so fordern die nachsten Verwanten des Ermordeten den Mörder raitsammt Aller welche in irgend einem Familicn-verhaltniss zu ihm stehen (vom miinnlichon Geschlecht) auf, um sich durch seine Vernichtung zu rachen und sich damit von der Schande ihnen angethan, zu reinigen. Selten aber wird, ausser in den Gegenden wo das Volk noch in ziemlich wilden Zustanden lebt, dieser Auftbrderung nachgekomraen. Gewöhnlich werden in solchen Fallon die Hiiuptcr der benachbarten „kabuajansquot; ersucht als Vermittler auf zu troten. Falls dies gelingt, wird der Schuldige, oder seine Verwanten wenn er selbst auf der Flucht be-griffen ist, verurteilt dem Verwanten des Ermordeten den „bangunquot; (buchstablich: AViederbelebung) zu zahlen, im Betrage von 1000 Realen, oder 800 wenn der Ermordete der iilteste Bruder oder der Sohn und Nachfolger des Hiiuptlings eines Districtes oder Geschlechtes ist. Ulo Summo wird geringer bis auf 400 Realen je nachdem der Ermordete dem Hiiuptling mehr oder weniger eng verwant war. Weiter wird der Schuldige (oder seine Verwanten) verurteilt zur Zahlung des „uwang slawatquot;, nl. 30 Realen, zur Lieferung eines Stückes weissen Leinwands 4 oder 5 Meter lang um don Leichnam cinzuwickoln, so von fünf Kar-

quot;1) „Inrichting ctc. Ommelanden vnn Bcnkoelcnquot;. Bijdr. T. L. en Vk, uitg. d. h. Kon. Inst. -1862; S. 139.

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bauen, von wolchon einor boi dor Bestattung geschlachtot wird zur „punnsuinbuwiequot;, Reinigung dor Erdo, einer am 8CI1, einer ara Tc», oinor ara 40on, id. einer ara 100en Tago nach der Bestattung des Erraordoten; weiter noch ist er gehalten einen oder zwei abgehauene Menschenköpfe zu liefern, je frischer je besser, zur Befriedigung der beleidigton Verwanten. Obendrein wird einera „irawanquot;, d. h. einera lebenden Menschen, der an einen Pfahl gebunden und durch die Verwanten des Ermordeten ira Tanze, rait Kris- und Klewang-Stossen tiberströrat wird, naehher wie einera Schlachtvieh der Hals ahgeschnitten. Das Rlut dieses Opfers wird rait dein des zur „punusurabuwiequot; gelioforten Büffels geinischt und durch die Beleidigten benutzt ura sich zu bestreichen und in das Wasser geraischt zu werden, bestimrat urn sich zu reinigen von dor Schande, worait sie durch den Tod des Erraordoten betleckt sind. Dor Loichnara der zuin „irawanquot; benntzton Person wird nach dor gewöhnlichen Landessitte bostattot, und die gelioforten Menschenköpfe worden (nachdora sie den Beleidigten als Fussschemol godiont hatton, um darauf zu treton ira öffentlichon Lokal, Avo zu dor Golegonhoit oine grosse Mahlzeit begleitet von Spiolon und Belustigungon gehalten wird) zu don Füssen des Ermordeten bostattot. Die „orang abungquot; (oin wildorer Nachbar-starara) bostatt en die Leicho dos „irawanquot; erst, nachdora sie mi der Lanzo, das Schild in der Hand, sie noch mehr vorstümmelt habon. Der Mörder ist vorpflichtet don „irawanquot; und die Menschenköpfe solbst zu liefern, sollen sie zur vollen Befriedigung der Beleidigten dienen. Um hierfür aber nicht aufs None Eache herauszufordern, wozu die Erfüllung diesor Pflicht loicht führon könnto, reist er in dor Absicht die Köpfo und don „irawanquot; zu erlangen in einen entfernton Teil dos Landos. Reicho Leute verwenden hierzu wohl auch (obwohl sie doshalb Eoiglinge geschimpft worden) Sklaven, welche sie mit dem eigenen Gelde gekauft haben ; Sklaven, welche sie durch Erbschaft erlangton, werden aber nicht angenommon ').

1) Francis; „llerimi. Icvensl. ind. ambt.quot; I, '159, -IGO. noi Jen Aljehcrn findel nach einor Beleidigung gleicli zur soibrligen ürhebung der Elire die adat mculanyga

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Nach Ehebruch unci Notzucht bestimmen dio Alten der Karenen, dass ein Schwein goschlachtet werde, mit vielen Ceremonien ge-schioht dies und wird es gegessen, wozu Gott um Verzeihung gebeten wird ').

Das Erste was sich an uns aufdrangt ist, dass nicht oinmal diese wenigen Falie allo Versühnungen einer Blutfehde betreffen, das Zweite, dass nicht nur in diesen sondern auch in den anderen Fallen die Blutrache und die Eacbe überhaupt verstaatlicht und damit mehr oder weniger zur eigentlichen Strafe geworden ist; am wenigstens ist dies allerdings bei den Lampongern der Fall. Wir werden schen, dass dies leeineswegs ein Zufall, sondern mit dem Wesen dieser Erscheinung eng zusammenhiingt. Dass wir don-nocli auch diese Sühneformen hier behandeln, hat seinen Grund darin, dass sic doch in einigen Fallen auch die Blutfehde beendet haben und dass wir hier alle Erscheinungsformon der Composition zusammen studiren wollen.

Versuchen wir jetzt in das Wesen dieser Form einzudringen.

Wilken sagt von dem „ttipung Uur ar huiniquot; Folgendes in seinem Aufsatze über das Strafrecht der Indonesier. Der Name giebt die Bedeutung der Sache an. Tawar bedeutet ein Mittel um ver-derbliche Einflüsse abzuwehren, tepung tmvar Mehl womit in dieser Absicht Personen und Sachen bestreut werden. Die Mahlzeit wird also als das Mittel die Erde (bumi) von dom Unheil, welches dem Verbrechen folgen könnte, zu reinigen betrachtet; hierdurch wird der verbrochene Friede wieder hergestellt, das beleidigte Rechtsgefühl versöhnt2). In einem spiiteren Aufsatze aber fügt Wilken hinzu, dass die Mahlzeit wohl als eine Bündnissschlies-sung mit den Geistern anzumerken sei, und zwar weil dieMahl-

Stalt, cine symbolische Vernichtung der liesitznngen des Bcleidigers; hernacli muss dieser ein Stück vveisses Zeug und ein idung gelber Klebreis anbioten, „zur Ab-kiihlung des lilules Andererquot;, das er fliessen machte; es ist nicht klar, ob auch diese Ceremonie eigentlich dio Befriedigung der Geister bezweckt ■ dass dazu noch ein bedeutendes Geldgeschenk an don Beleidigten nötig ist, macht es vermuten: Snouck Hurgronje: „De Atjèhersquot; (1893) I: S. 81, 82.

■1) Mason 1868; S. 147.

2) „Strafrechtquot;: S. 112, 113.

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zeit eino Gemeinschaft mit den Geistern darstollt v). Zur Unter-stützung seiner Ansicht beruft er sich auf verschiedene Autoren.

Lippert meint: „Jede Opfermahlzeit begründet eine Bundes-genossenschaft der Teilnehmer und einen Bund derselben mit der Gottheitquot;1). Auch Cassel führt cine Mcnge Beispiele, aber nur höher entwickelto Völker betreffend, von der Auffassung an, dass die Teilnahme an eincr Opfermahlzeit eino Gemeinschaft zwischen den Menschen und den Geistern, Göttern oder Diimonen herstellt2), und für manche andere alte Kulturvölker wird dies durch Trumbull naher ausgeführt, und ebenso für die Bcduincn und die nordamerikanischen Indianer; den Kannibalismus führt er sogar hierauf zurück 3).

Am ausführlichstcn wurde diese Theorie vertreton von Robertson Smith, der jedes Opfer wobei oin heiliges Tier gcschlachtet wurde, als eino Art Mahlzeit mit der Gottheit darstellt, welche darauf beruhte, dass die zusammen eingenommene Speiso eine Lebensgomeinschaft zwischcn beiden schuf. Erst spater, nimmt or an, da die Tieropfer an Bedeutnng verloren, kamen die Sühn-opfer auf: „In the case where it is the business of the worshipper to make satisfaction for an offence, the gift may assume rather the character of a fine payable at the sanctuary; for in the oldest free communication personal chastisement is reserved for slaves, and the offences of freemen are habitually wiped out by the payment of an amercement;quot; „the atoning effect ascribed to gifts and sacrifices of all kinds seems simply to rest on the general principle that a gift smooths the face and pacifies angerquot; 4). Urspriinglich aber nimmt er an, dass im iilteren semitischen Ri-tuale „the notions of communion and atonement are bound up together, atonement being simply an act of communion designed to wipe out all memory of previous estrangementquot; 5). Dieses be-

1

Kulturgeschichte II; S. 336.

2

Cassel 1. c.: S. 82 seq.

3

Trumbull I.e.: S. 167 seq., 183seq.

4

„The Religion of the Semites. Fundam. Instit.quot; S. 329.

5

L. c.: S. 302.

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4G3

rulit bei ihm aber wieder auf der Annahme, dass der Gott so zu sagen eine Stammesgeraeinschaft mit dem Volke bildete; das Opfertier war ursprünglich denn auch das Totemtier, also von dem-selben Stamme wieder, und eben deshalb geeignet die Lebens-gemcinschaft zwischen Gott und Volk enger und frisch zu machen, wenn beide das heilige Leben des Stammes selbst in ihm genossen; das Schlachten eines Tieres wiire immer eine Opformahlzeit gewesen. Demnach beruhte die neuere Sühnopferform, die Composition mit dor Gottheit, nach Roberton Smith nicht auf dor iilteren, der Opformahlzeit.

Wir wollen jetzt untersuchen, ob diese Hypothese auch für unsere Füllo dio richtige Erklarung enthalt, oder ob die einfache Opforhypothese die annehmlichere ist.

Finden sich Thatsachen, welche darauf hindeuten, dass diese Sühnungsmahlzeiten Communionen mit den Geistern resp. mit der Gottheit bedeuten, oder dass wenigstens solche Opfermahlzeiten bei diesen Völkern bestellen, was das erstere schon wahrschein-lich machen würde?

Die Mahlzeiton künnten auch sehr wohl einfach diese Bedeu-tung haben, dass nach primitive!' Opfertheorie den Geistern dor geistige Teil der Spoisen geweiht wurde, indem die Menschon den stoftlichen genossen. Was ist thatsachlich der Fall?

Wilken meint bei der Opfennahlzeit eine Ceremonie anzutreffon, welche als eine Opferhandlung betrachtet werden muss. „Man pllegt namlich einen Teil des Blutes des geschlachtoten Biiffels in den Fluss zu werfen und in die vier Windrichtungen zu spritzen, vicl-leicht um in der AYeise den Geistern ihren Anteil zu geben. Hier-durch wird, wie es heisst: „die Wiirme kalt gemachtquot; d. h. alle Unfiüle, welche aus dem Verbrechen hervorkommen künnten, werden so abgewendet, neutralisirt, denn — so stellt man es sich wohl vor — dio hoheren Milchtc haben durch die Teilnahme an der Mahlzeit ihren Frieden mit dem Verbrecher geschlossen und fühlen sich daher nicht langer boleidigt und grollen ihm nicht mehrquot;

l) „Plechtighedenquot; II: S. 102. Vergl. dazu „Strafrechtquot; S, 112. No. 84, \vo Wilken beweist, dass der Ausdruck „warmes kult machenquot; auch sonst im Archipel bedeutet den Einfluss böser Geister abwehren.

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Yon don Karenen orfahren wir ausdriicklich, dass eine Opfor-mahlzeit, eine Communion mit der Gottheit, stattfindet, welche ym gleicher Zeit zum „atonementquot; dienen soil; sie bringen den Ahnen audi sonst Opfer von Tieren oder Obst Dass gerade nacb Ehebruch und Notzucht ein derartiges Wiederanlcniipfon des Bandes zwischen Geistern und Menschen nötig war, wird uns klar, wenn wir erfahren, dass „adultery or fornication is supposed to have a powerful influence to injure the crops -).

Nicht nur in diesen Fiillen, wo die jetzige Hypothese schon dadurch wahrscheinlicb, dass gerade durch die Mahlzeit ohne Wei teres der Zorn der Geister ausdriicklich abgewendet gedacht wird, sondern audi in den unter A genannten Fiillen konnte dor Zvveck der Mahlzeit audi in der Wiederherstellung der Gemein-schaft rait den Geistern bestehen, namentlich fiir die See-Dajaken diirfto dies gelten (Sieho oben S. 455). Perhara sagt ja, wenn er ihre Totenfeste bespricht: endlich „occurs an action wherein tiie intercommunion of the dead and the living is supposed to be brought to a climax. A certain quantity of tuak has been reserved until now in a bamboo, as the peculiar portion of Hades, set apart for a second symposium between the dead and the living. It is now drunk by some old man renowned for bravery or riches, or an other aged guest who is believed to possess a nature tough enough to encounter the risk of to near a contact with the shades of deathquot; 1).

Dass alle die in diesem Paragrafen behandelten Ceremonien eine Lebenseinheit zwischen den Parteien bezwecken ist gewiss, dass in den unter C genannten und in einigen der anderen den Göttern oder den Ahnen geopfert wird urn ihren Zorn zu massigen ist ebenfalls unzweifelhaft, dass aber diese Opfermahlzeiten die Bedeutung einer Communion mit den Göttern durch gemeinsame Speisigung haben sollen, scheint mir noch nicht völlig festgestellt, obwohl das Mitgeteilte es wahrscheinlich zu machen scheint.

1

Perham XIII (1885); S. 298, 301.

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Fiir unsere Untersuchungen ist es abor die Hauptsache, dass jodenfalls diese Compositionscoromonieën auch fiir die Vcrsöhnung der Lebenden mit don Toten sorgen.

Die Bcdeutung der Herstellung einos Blutbundes zwischen don Parteien wird noch durch eine Bemerkung Robertson Smith's hervorgehoben, vvelcher sagt: in der primitiven Gesellschaft ist nur das Leben dor Stammesgenossen heilig; „it is obvious that under such a system there can be no inviolable fellowship e.vcept between men of the same blood... I cannot bind myself absolutely to a man even for a temporary purpose, unless during the time of our engagement ho is put into a kinsman's placequot; ').

Hiermit haben wir denn die hauptsilohlichsten Formen dor Composition, sowoit sie bei den von uns studirten Naturvulkcrn vorkommen, illustrirt und erklart, ausser der einen Endform, dor reinen Zahlung, worüber wir noch sprechen werden. Es hat uns diese Übersicht deutlich gemacht, wie Vieles nötig war um die friedliche Boondigung und die abschliessonde Ausgloichung dor Blutracho möglich zu machen, wie vieles der nüchternen Zahlungs-composition vorhergehen musste.

§ 12. Die Blutrache im Kampf mit der Composition.

Dass die Vülker nicht sprungweise, sondern nur ganz allmiihlig zu dor Composition kamen, und dass diese, noch nachdem sio oine bekannte Form dor Ausgloichung geworden manchmal unge-eignct blieb dio Rachsucht zu befriedigen, geht vorzüglich daraus hervor, dass die Composition iifter verweigert wurde odor dass nachdem das Worgeld schon bezahlt war, donnoch zur blutigen Radio gegriffen wurde.

So horen wir von don Suanen deren Dörfer und Familien in fortwahrendem Hader leben, „golingt es dio Kampfenden zu vor-

l) Robertson Smitli I.e.: S. 254.

:io

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söhnon, so bestimmen dio envülilten Schiedsrichter don Blutpreis; es oreignet sicli abor nicht seltcn, tlass dor welchor das Blutgold orapfiingt, bei irgond einer günstigen Gelegenhcit seinen Poind tödtot und das Sühnegeld der Familie des Getüdteteii zurück-sondetquot;; es geschioht dies mitunter noch zohn Jahro nach der Zahlung des Blutgeldes ').

Bei den Tscherlcessen wird die Composition noch bisweiien von don Verwanten abgewiesen 1).

In Klaproth's Zeiten wurde das Wergeld durch die Ossetcn nur selten angenommen, und sogar in unsoror Zoit nur sehr solten fiir den Mord eines nahen Verwanten 2).

„C'était une honte jadis parrai les montagnards du Dcighestan d'óvaluor le sang d'un parent tué par un plus ou moins grand nombro de boeufs, vaches ou brobisquot; 3).

Bei don Mirediten und Fülati Albanesiens ist es schimpflich seine Radio zu verkaufen 4).

Je starker, reicher, unabhangiger, weitor von den Stiidten ent-fernt die Stiimme dor Aeneee-Beduinen sind, urn so weniger ieiclil wird der Blutpreis angenommen c'}.

Von don Fejir-Jieduinen berichtot uns Doughty: „the widda (blood-price) is not withheld between liostilo tribes which .... are but reavers of each other's camels; only whore there is blood-feud, there is no atonementquot; 5).

Bio Bayóbos lassen nur solten oine Versöhnung ihrer Fehden zu H).

In Pasemah genügt öfter oine Kleinigheit um eino Wieder-auffassung der Blutracho zu voranlassen, wobei der „bangunquot; erst zurückbozahlt wird 0).

1

Hell II: S. 165.

2

Kovalevski: „Cout. Contomp.quot;: S. 24^, 253.

3

Kovalevski: ^Orig. tin Dnvnirquot; I.e.; S. S7.

4

Gopcevic: S. 324, 320.

5

Doughty I: S. 402.

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46 7

„Das (iobot der Blutracho striiubt sich lange gegon jedo Mildo-mngquot; '), donn als cine Milderung muss die Composition botrachtet worden, obwolil man nur nicht üborsolien soli, dass wonn einor-seits die Zahlung des Wergeldes als eine sattsame Befriodigung, als eine bedeutende Erhühung der Lobensfreude betrachtet wird, das notwendige Gegenstück hiervon ist, dass auf der anderen Seite die Leistung des Blutpreises als ein empfindlicher Verlust, als eine grosse Sehadigung, eine tiefo Erniedrigung betrachtet wurdo.

Es versteht sich, dass überall da und so lange die Composition unregelmiissig war und öfter verweigort wurdo, wo und wann die von uns gestellten Bedingungen dorselben nicht alle oder nur in geringem Maasse erfiilit waren; ein anderer Grund der Kück-stiindigkeit kann aber audi die besonders intensive und anhaltcnde Rachsucht dieser Vülker gewesen sein.

Und so finden wir denn in Suanetien die Rachsucht sohr aus-gepragt1), und der Reichtum niclit sehr entwickelt2), dazu ist der echte Weiberraub nicht selten '); bei den TscherJcesscn ist der Diebstahl noch nicht so recht vorurteilt und gehört zu don Hauptbeschaftigungen 3) und auch bei iiinen ist die Entwickluug des Reichtums zuriickgeblieben4); die Braut wird öfter noch entfilhrt, was eine Verdoppelung dos Brautpreises verursacht5); die Osseten waren extrem raubsiichtig, riichsüchtig und wild, auf Meuchelmord brüsteten sie sicli, dor Knabe der stahl und raubte gilt als begabt6), ihr Reichtum bestand in Schafen, die Jagd gab noch die Hauptnahrung7); der Reichtum der Mirediten besteht in Vieii, Geld ist selten, Darlehns- und Pfandgosciiilfte sind unbe-

1

'2) ïelfor 11; S. 94, 120, 117.

2

Bodenstedt I: S. 278, 73; Telter II: S. 118.

3

G) Bell I; ö. 337, 342; Klaproth I: S. 589.

4

Bodenstedt I: S. 278; Von Maxthausen I; S. 141.

5

Bell II: S. 104.

6

Pallas; S. 67, 57, 60.

7

Klaproth II: S. 613; Pallas: S. 57.

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468

kannt, os wird noch sohr viol und regelmüssig gostohlen '), sie arbci-ton wenig und Lohnarboit ist unbekannt, ja sie stohion das ihnon Mangolnde1), übrigons bestohon doch schon alioStrafon in Viehconfis-cationen2); sio siud ausserdorn schr rachsüchtig3); auch die Acncsc-Beduinen ohren don Raub und üben ihn systematisch, sogar der Diobstahl im eigonen Lager ist keine Schande und ein tiigliches Ereigniss, dagogen sind sio sohr gewinnsüchtig; das Vermogen bestoht fast nur aus Pferden und Kameelon4), das Annehmen einos Brautpreisos gilt nicht als schicklich und der Brautkauf bestoht nicht0); die Fejir-Bcduinen sind zu arm, der Brautpreis wird daher gewöhnlich nicht gozahlt5); bei den Bagóbos scheinen aber allo Bedingungen der Composition völlig erfiillt zu sein: die Frau wird gokauft, sie leben von Ackerbau und Jagd, chinesischo Teller bilden ihren Roichtum, Stehlon wird verachtet, ausgenom-inon das von Kindern und Madchen s); bei den Pasemahern kommen nur wenige Jujur-Ehen aus Mangel an Reichtum vor, doch worden fast allo Übertretungen mit Bussen bestraft und werden Reicho und Arme unterschieden, es giobt Pfandsklaven B).

Die Ergebnisso unseror Induction sind also mit sehr wenigen Ausnahmen, eigentlich nur mit den der zwei letzten Völker, in Überoinstimmung mit unseror Theorie über die Entwicklung der Composition, was natürlich eino kraftige Stütze für sie bildet.

1

Gopccvic: S. 317, 318.

2

Gopccvic; S. 313.

3

Gopccvic: S. 318, 319, 323 scq., 327

4

Burckhardt: S. 158, 171, 00.

5

Doughty I: S. 491.

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-160

§ 13. Die codificirtcn GomposHionstaxcn and die Stadiën in der Jintiviclclung der Composition.

Post nimmt zwoi Stadion dor Composition an, das orsto wu die Annahmo des Blutproisos frci, von dor frcion Wahl dor I31ut-riicher abhangig ist, „auf einer forneron Entwicklungsstufo hort das Wahlrecht dor Verwandton zwischen Blutrache und Stthno auf, und os wird ihnon zur Pflicht gomacht, das Siihngold anzu-nohmon, falls ihnon ein solohes goboton wirdquot; '). Audi Lipport nimmt blos dioso zwoi Stufon dor Freihoit und dos Zwangos in dor Annahmo dos Blutproises an 1).

Ich möchto abor droi Stufon in diosor Entwicklung untor-schoidon: a. dio obon schon goschilderto, wo dio Composition noch in oinor oigontlichon Friodonssohliessung nach oinor Blut-fohde bostoht, also jodosmal durch bosondore ümstando horboi-gofiibrt wird und oinon freion, improvisirten Karakter zoigt; von Zwang und von einor Taxe ist hior natiirlich keino Kodo;

h. dio Composition ist Eegol gewordon, obwohl oftor orst zum Schlusso oinor Fehde; manchmal wird dor Blutprois abor nocli vorworfon. Ira vorigon Paragrafen bohaudolton wir oinigo Boi-spiolo hiorvon. Dio rogolmiissigo Composition bildot natiirlich oino Kogolmiissigkoit in dor Abschatzung dor Vorlusto aus;

c. dio dritto Stufo ondlich ist dio dor vcrpffichtoton, gloich stattfindondon Worgoldzahlung nach oinor durch das Horkommon lixirtcn odor goradozu codificirton Taxe; nur boi Nicht-Zahlung tritt noch Blutrache ein. Es vorstoht sich abor, dass das Stadium dor Blutrache hiormit principiell verlassen und statt dossen dus dor staatlichen Strafe betreten ist, und doshalb werden wir unsero TJntorsuchungon nicht iibor dioso Periode ausstrockon.

Solango dio Composition ohno Eingroifen oinor hohoron Gowalt und zwischen zwei souveranon Gruppon stattfindot, hat sie don Karakter oinos freion Friedonsschlusses, was schon die Möglich-

1

L.c. II: S. 591. So audi Róe I.e.: S. 02, 63.

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no

kuit finer testen Taxe der Bussezahlungeii ausschliesst. Ausnahmcn hierauf kommen vor, man sclieint sicli dann gar bald zn feston Wergeldern vereinbart zu haben. So wird auf Enyano beim Frie-densschlusae fiir joden Toten eine feste Zahl von Korallen, Eeilon, Lanzen n. s. w. gezahlt, und fiir jede Wunde je nach ihrer Gc-fiihrlichkeit1). Wonn wir aber auf den Insein Boneraie und Kalao eine völlig gradirte Taxe fiir den Blutpreis findon und doch subsid. dio Blutrache, so erkliirt sich dies vorziiglich daraus, dass hier die staatliche Organisation sciion weit vorgeschritten ist und dass auch die Blutrache durehaus unter staatlichem Eintlusse stcbt2). Dasselbe gilt fiir die Makassaren, Redjanger, Pasemaher und Einwohner von Benglculen, sowie fiir dio Alfuren von Bum und Ceram s). Audi bei den TscJierTcessen finden wir diese festcn Blutpreistaxen 3), bedcutcnd weniger detaillirt kommen dieselbon auch bei don Suanen vor3). Auch bei den Aeneze-Beduinen bostimmt das Herkommen den Blutpreis schon quot;j, dasselbe gilt auch fiir die Fejir-Beduinen4). Wenn wir Folgendes von don Huronen losen, so ist das nur eine Bestatigung unserer Ansicht. „Among the Hurons, when a man had been killed, and his kindred were willing to renounce their claim to vengeance on receiving duo satisfaction, the number of presents of wampum and other valuables, which were to be given, was rigidly prescribed by their customary lawquot; 5).

Wir glaubon uns also borechtigt alio diese Eiille und alio anderen, wo eine Bluttaxe vorkommt, unserer zwoiton odor dritten Stufo zuzurechnen.

1

Walland: S. 332. Eine solclio Ausnahino schoincn mir auch die Dajakcn der Wester-Abteilung Borneo's zu bilden. Ö. Wilkon: „Strafrechtquot;: S. lO-l.

2

Wilkon: „Strafrechtquot;: S. 103—105; Wilkon: „Allbercn van Boeroequot;: S. 32 ; Gersen; S. 142.

3

Bell II: S. 1G3, 181.

4

Doughty 1: S. 470, 402.

5

Hale: „Iroquois Uook of Kitesquot;: S. 167, 108. Vergl. Powell: S. 01'.

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471

§ 14. Uberswht der Entwicldung der Composition, Hire psycho- und sociologische Erklürung.

Wir wolion jotzt oinon kurzen Eiickblick auf dio ganzo bis jetzt skizzirto Entwicklung dor Composition werfon.

Ihren ürsprung sowio iliro orston Rogungon fanden wir in dem Bodürfnisso nach IModon und nacli Ersatz dos Vorlustos au Mannorn und an Menschon überhaupt. Dio orston Compusi-tionon sind domnach Adoptionon von Gofangonon und l^esto zur Friodonssohliossung. Gokriiftigt wurdo das Eriodonsbodtirfniss erst ganz allmahlig, dor Weg zum Abkauf dor Eohdo wurde durch don Abkauf dor Kache auf Frauonraub, durch don Brautkauf gobahnt. Einon gowaltigen Aufschwung konnton dioso Abkaufo orst nohmen, als sich mit höhoron, grössoren, goschatztoren Rcich-tümern dor Geiz ontwickelto.

Zur Form dor Composition wurdo Alles benutzt, was nach primitiven Bogriffon dio Grappen, bis dahin entzweit, um so fester aneinanderzuketton geeignet war, daher dio Adoption, dio Übergabe einer Erau zur Vcrhoiratung, dio Fricdensmahlzeiten. Dio Toten warden durch Tötung von Skiavon odor durch Mahl-zeiten befriedigt, soforn die Composition an sich nicht schon hierzu ausreichte.

Wonn wir die Composition in ihror psychologischen Möglich-keit recht verstellen wollen, so müsson wir uns zuvor noch mal recht deutlich vergegonwartigen, was die Blutrache eigontlich war und bedoutote. Wir müsson die Rache nur nicht mit unserer absichtlichen, Zwecke vorfolgenden Strafe verwechseln; die Blutrache strebte wio alle Rache nur nach direkter Befriedigung des Beleidigton durch Schiidigung der Gruppe des Beloidigers, mit wel-chor diesor unzerbrechlich vorbunden gedacht wurde. Es galt in ihr also vor Allem durch die Totang von Menschen, durch die Schii-digang an Leib und Lobon das erniodrigte Selbstgofühl zu heben, und aus Mangel an Reichtum gab es anfangs kein anderes Mittel

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472

hiomi als dioses1). Mit deiu allgemeinen Stroben nach, der hohen Achtung von Roichtümern veranderte dies. Das Abgoben von Koichtümern wurde ein grosser Sehmerz, eine ticfe Erniedrigung, eine einschneidende Schmalerung der Person, das Erhalton von Schatzen aber gerade das ümgekehrte von allem Diesera. Und so war denn die Composition mitunter auch eine Rache, naraent-lich wenn iiiro befriedigende Wirkung in dem Bowusstsein dor Schadigung dos Beleidigers bestand.

Ihro eigentliche Wirksamkeit bestand abor doch in der direkten Beschwichtigung des empörten Gefiihis durch die Versehalïung oinor selir grossen Freude. Weil aber der Keiclitum ausserordont-lich hoch geschiitzt wurde, galt die Unterlassung dcr Blutrache und die Annahmo des Blutgoldes keineswegs als eine Schande ^), obwohl, wie wir sahen, dies nicht immer und nicht gleich der Fall war2). Es war fiir don Toten ehrenvoll, wenn seine Gruppo ein hohes Wergeld fiir ihn erhielt, so wie es das Miidchen ohrto, wenn ein holier Brautpreis fiir sie bedungen wurde. Schopenhauer hat also Unrecht, wenn er meint, dass eine Entschiidigung unmöglich das Geftihl der Erniedrigung aufheben kann 3). Auch jet/t könnon wir noch manchmal wahrnehmen, wie die Beloidi-gung niedriger Personen durch ein gutes Trinkgeld odor im schlimmeren Falle durch ein grosses Geschenk völlig gutgemacht

1

Frühor wurde allerdings auf dein Rachezuge der Feind auch beraubt, und cs magt dies sogar einen ïeil der Befricdigung ausgemacht haben, freilich nur einen kleinen, da nun einmal nicht viel zu rauben war und diese Saclien nicht sclir begehrt wurden. Je mehr dies anderte, ,je grosser wurde der Anteil dor Uacheplïmderung an der ganzen Rachebefriedigung, Bei den Cbewsuren finden wir nocli einen Rest hiervon in der symbolischen Plünderung l)ei der Composition zurück. Post; „ürundrissquot; I: S. 242. Kovalevski („Coutumequot;: S. 2G8, 200) l'ührt die Composition auf ilie Plünderung bei Abwesenheit dos Schuldigen zurück, wcil aber im Anfang das ganze Dorf solidiir war, muss diese Erklarung dcr unserigen gleich geslellt werden.

2

^i) Post: „Geschleclitsgonoss. d. Urzoitquot;: S, •159; Rée: S. 01.

3

„Parcrgaquot; 11: S. 024,

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vvird Man hat abor viillig Unrecht, wenn man hierin dio übor-logto Unterdrtickung dos Zornes durcli dio Gowinnsucht erblicken will; natiirlicli kommt audi dies vor, düeli ist es nicht diorichtigo Doutung für unsero typische Erseheinung, welchc vielmohr die orwachsone Form fïir das bei Kindorn so haufige Beschwichtigcn dos Zornes durch irgend oine kleine Gunstgewahrung odor cin Vorsprochen ist, welches so schnoll die Thriinen trocknet, cinfach dadurch dass dann alio unangonehmen Gefiihlo durch angonehmo abgclöst werden1). Beim vergesslichen, impnlsiven Wildon muss dies oben so leicht moglich sein als boini Kinde. Und boi niodri-gon Menschen unsercr Kultur wie bei Wilden dieser Stutb wird die Sacho noch erleichtert durch die wahrlich ungehouere Schiit-zung dos Roichtums, durch don Alles beherrschonden Geiz, wol-chor gewiss koin Symptom dor kapitalistisch-industriellen Kultur-poriodo gonanut werden darf, sondern sich in widrigstor Woise bei don Wilden dor höchston Stufo, wo alloin dio Composition allgemein und natüriich wird, zeigt; die Fran wird gckauft, dio Totengeschenko werdon pfiffig reducirt, dor Diobstahl wirdfurcht-bar gestraft, wor seine Schulden nicht zahlt wird Sklavo, dor Adel beruht auf Reichtum.

Die offentlicho Moinung, dio friihor Blutrache fordorte, uciitot jotzt natüriich die Erlangung dor hohon Ehre dos Roichtums obenso geeignot um dio durch dio Beloidigung gesclunalorte Ehre völlig herzustellon, ja zu stoigorn. Uer, welcher die Composition annahm, hat also völlig das Bewusstsoin, dass seine Ehre audi in den Augen dos Publikums ungeschmalert wieder horgostcllt wurdo. Desgleichcn wird auch der Goist des Erschlagenon durch die Boroicherung seiner Familie, mit welcher er ja solidiir ist, bereichert, begliickt und daher versöhnt gedacht.

1

„Wenn Hanschen dor Mutter nichts sagt, darf er mal in moinen Apfol beissen.quot;

Vergl.: Sully: „Human Mindquot; 11: S. G.

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474

Indem abor durch die Composition das Gefühl dor Erniedrigunp: aufgohobon wird, biotot das dor gofiilirdeton Siehorhoit koin llin-dorniss hiorfür, weil dor Zaiilungszwang in hohom Grado oine abschrockonde Wirkung übt, violloicht in höhorom Grado sogar als dio Furcht vor der Blutracho, weil dieso ja oin Kampf, also mit der Möglichkeit dos Siegos, ist, und weil ausserdem die Composition nun einmal erst bei sosshafteren, friedliebonderen Vülkern ihron Aufschwung erhiilt.

Die moralische Verurteilung, welche natürlich keinoswogs durch irgendwelcho Zahlung gelindcrt oder aufgohobon worden kann'), fohlt in diesem Stadium nocii durohaus, wenigstens im Betreft' der Vorgehen, fiir welche Composition gefordort und angenommen wird, also vor Allem der durch ausserhalb dor Gruppe Stohonde bogangonen. Dor rachsuchtige Kass schwindet abor durch don vom Schuldigen erhaltenen Genuss der Beroicherung.

Hicrmit schoint mir die psychologische Erkltirung der Bol'rio-digung dor Kachsucht durch die Composition und damit der Möglichkeit dor allmahligon und immer allgemoinoren Ersetzung der Blutracho durch sio in der Hauptsache gegeben.

Auch aus unserem heutigcu Kulturleben ist die Composition noch keinoswogs geschwunden, sondern das bekannto Phaonomen thut sich auch hier vor; sie wurdo oin „survivalquot;, was ehomals Kogel und officiello Form war, ist jetzt in den Ilintergrund zurückgotroten; untor Kindorn und im privaten Lebon dor Er-wachsonen kommt os aber noch überraschend oft vor. Das Auf-treton des Staates und die veriinderte moralische Beurteilung der Vorgehen hat die grosse Vertinderung bowirkt. Wo aber die Composition noch heute stattfindet, werden wir dieselbon psycho-logischen Bedingungen als bei don Wilden erfüllt fmden.

\) Won» die Silhnung iles Vorbi'cchcns aliei' imcli Manchon durch Lciilcn uiöglich ist, so dürftc auch die Composition hicrai gcnügen, doren Zalilung.ja sohr schmorzlich sein mussto.

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475

§ 15. Die socialen Folgen der Composition.

Zum Sohlusse ein kurzes Wort iibcr die Folgen, welcho das immer hauflger Werden der Composition haben musste.

Weil sie ira Anfang ein endgiltiger Absehluss der Febde, spiiter ein Mittel zur Vorbeugung der Entstehung derselben war, vcr-schwand mit ihrem Aufkommen das von beiden Seiten immer erneuert werden dor Blutrache; die Ausrottung ganzer Grnppon warde dadureh unmöglich gemaoht oder wenigstens sehr ersehwert.

Ein friedlicher Zustand zwischen benachbarten Gruppen wird diircii die Sitte der Composition in hohem Grade gefördort, ob-gleich diese Sitte selbst natiirlich erst durch das erhöhte Frie-densbediirfniss aufkommen konnte. Und jo mehr zur Siihnung Geld gofordert und gezahlt wurde, jo woniger wurde die Grau-samkeit, wenigstens die physische, cine notwendigo und deshalb gesehiitzte Eigertschaft und jo weniger wurde Kriegstiichtigkeit von jedem Manne gefordert.

Es versteiit sich, dass es fiir jede aufkommendo über den stroitenden Gruppen stellende Autoritat bedeutend loichter war in den Gang der Fehde oinzugreifen, wenn diese durch Composition beendet, als wenn sie nur durch Ivrieg zum Sohlusse gefiihrt worden konnte. Aber audi die allgemeine Besiinftigung dor Sitton durch den Kacheabkauf gefördert, erleichterte das Auftreten der Kogierung überhaupt und ihr Eingreifen in die Fehde behufs schnellerer Beendigung im bosonderen. Aussordom hatte dor Fiirst die Gelegenheit sich einen Toil der Abkaufssumme anzuoignen, wodurch sein Keichtum und damit seine Autoritat und Macht erheblich erhöht wurde.

Die Composition war also auf diesor Weise von der grossten Bedoutung fiir die Anbahnung der staatlichen Strafe, audi aber auf anderem Wego ilbte sic hierauf Eintluss, indem sie don na-tiirlichen Ubergang zu den von der Regierung geforderten Bussen bildote, welcho in alien primitiven Staatsstrafsystemen cine so hervorragende Hollo spielen.

Was die moralische, die innere Beurteil ung dos Vcrgehens an-

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476

botrift't, so iibto die Composition einen hemmenden Einfluss, indem durch ihrcn Einfluss dio Tondenz nur auf don durch das Vor-goiion angostiftoton Schaden Acht zu geben haften blieb, woil der eigene Vortoil in diesor Weise gefordert wurde. Aus den anderen, nahmhaft gomachten Oriinden muss dio Composition dennoch als oin khiftigor 8toss in dor Entwicklung zur staatlichon Strafe botrachtot worden.

Die materiello Auffassung des Vorgeliens unci der Strafe wurde also zwar durch dio Compositionssitto gefordert, doeh muss letztero viehnehr als ihr Ausfluss und ihre, unter don ormittelten Um-standen notwendigo, Folgo angomerkt werden.

Und in derselbon quot;Woise hat die Geldsucht, dor Hunger nach Reichtlimcrn erst die Composition ermöglicht, und wurde sie nachher in nicht geringem Maasso durch diese Sitte gostiitzt und gesteigort, bofestigte sie ja die Anschauung, dass Roichtum die höchsto Ehro und das grosste Gliick soi, schon dadurch, dass die Sühniing aller Vorgehen durch Zahlung den Rcichen ein Leichtes und damit cines ihrer bodoutendston Privilegiën wurde.

Die Einführung und die Durchfiihrung dor Composition hatte also viole und vielerlci Eolgen, deren oingehende Behandlung abor nicht auf unserem jetzigen Wege liegt.

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Lisle ier lit iin nleii Bamle taniilzleii Biiclier.

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