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BIBLIOTHEEK UNIVERSITEIT UTRECHT
2913 050 1
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COMPENDIUM
DER
. pe.'SSStf.
c
PRACTISCHEN
THIERHEILKUNDE
VON
D11 HERM. PÜTZ,
PEOFEBSOR DER VETEBINÄR-VVISSENSCHAFT AN DEE UNIVERSITÄT IN HALLE A(S.
STUTTGART.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; #9632;—^
VERLAG VON P E E D I N AN D E N K E.
1885.
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Di-uck von GobriUler Kroner m Stuttgart.
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Vorwort.
Vorliegendes Buch hab sich die Aufgabe gestellt, die inneren Krankheiten unserer Hausthiere nach dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft kurz zu besprechen und die er­probten, resp. von zuverlässiger Seite besonders empfohlenen Behandlungsmethoden anzugeben. Hierbei sollen vorzugsweise die wesentlichsten Gesichtspunkte für die thierärztliche Praxis berücksichtigt und alle für diesen Zweck unfruchtbaren theo­retischen Auseinandersetzungen vermieden werden.
Da ich vor Antritt meines Lehramtes (im Frühjahre 18()9 in Bern) als Privat- und Kreis-Thierarzt 19 Jahre lang practi-cirt und demnach an der Berner Thierarzneischule 8 Jahre lang der Spitalklinik vorgestanden, auch specielle Pathologie und Therapie längere Zeit hindurch vorgetragen habe, so wird es mir hoffentlich gelingen, aus dem umfangreichen Material das, was für die practischen Zwecke besonders verwerthbar und nothwendig ist, richtig auszuwählen. Ich habe die Schwierig­keit dieser Arbeit keineswegs unterschätzt, und deshalb den mir von Seiten der altbewährten Verlagsbuchhandlung von Ferd. Enke in Stuttgart gemachten Antrag, vorliegendes Compendium auszuarbeiten und dem Drucke zu übergeben, erst nach einigem Bedenken angenommen. Die Bereiterklärung zur Fertigstellung des Manuscriptes wurde mir dadurch erleichtert, dass mir meine Collegienhefte aus Bern als Grundlage dienen konnten, wodurch die Fertigstellung des Manuscriptes wesent­lich gefördert worden ist. Auch sind mir mehrere meiner
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IVnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Vorwort.
hiesigen Arbeiten zu statten gekommen, indem meine jetzige Stellung mich mit den klinischen Disciplinen und der thier-iirztlichen Praxis immerfort in nahen Beziehungen erhält.
Die angegebene Behandlung ist meist von mir selbst er­probt; sie ist stets so einfach als möglich gehalten und trägt nur den wirklich practischen Bedürfnissen Rechnung. Eine weitere Ausführung derselben überlasse ich grösseren Werken über specielle Veterinär-Pathologie und Therapie.
Die Gaben der Arzneimittel sind stets für mittelgrosse ausgewachsene Individuen der betreffenden Species bestimmt, so class sich danach die Dosen für grössere oder kleinere und jüngere Individuen ohne Schwierigkeit bemessen lassen. Die verordneten Arzneimittel habe ich, einestheils um Wieder­holungen vermeiden zu können, amlerntheils um das Nachsehen der verschredenen Gaben und Verbindungen zu erleichtern, in dem Sachregister mit aufgeführt.
Es ist wohl selbstverständlich, dass ich bemüht gewesen bin, meine Arbeit dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft gemäss zu vollenden, so dass ich die einschlägige neuere Lite­ratur vielfach critisch benutzt habe, ohne indess die Quell'en, aus denen ich schöpfte, überall angegeben zu haben, da ein Compendium die Aufgabe hat, auf einer bestimmten verhältniss-mässig geringen Anzahl Druckbogen möglichst viel den Gegen­stand selbst Betreifendes zu sagen, so mussto ich auf die Anführung aller einzelnen Literaturquellen verzichten.
Halle a;S. im Mai 1885.
Pütz.
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Inhaltsverzeichniss.
Seite
Einleitung.....................nbsp; nbsp; nbsp; ]
Einige Zustände allgemein pathologischer Natur.......nbsp; nbsp; nbsp;5
1.nbsp; Hutüberliillung................nbsp; nbsp; nbsp; 5
a)nbsp; Die allgemeine Blutlulle (Plethora oder Polyämie) . .nbsp; nbsp; nbsp; 5
b)nbsp; Die locale Blutfiille (Hyperämie)........nbsp; nbsp; nbsp;6
2.nbsp; Die Blutamuth.................nbsp; nbsp; nbsp;8
a)nbsp; Allgeineiner Blutmangel (Oligämie oder Anämie) . .nbsp; nbsp; nbsp; 8
b)nbsp; Oertlicher Blutmangel (Ischämie)........nbsp; nbsp; 10
3.nbsp; Die Entzündung (luflainmatio)............nbsp; nbsp; 11
4.nbsp; Das Fieber...................nbsp; nbsp; 17
Spccielle Krankheitslelire.
A. Parasitäre Krankheiten.
I. Die Krankheiten, welchlaquo; durch thlerische Parasiten verursacht werden (Invasionskrankheiten).
1.nbsp; nbsp;Die Finnenkrankheit der Schweine..........nbsp; nbsp; 24
Rindsiinno...................nbsp; nbsp; 27
2.nbsp; Die Drehkrankheit des Schafes...........nbsp; nbsp; 28
Die Drehkrankheit des Rindes............nbsp; nbsp; 35
Die Drehkrankheit des Pferdes...........nbsp; nbsp; 36
3.nbsp; Die Echinocockenkranklieit der Wiederkäuer, des Schweines
und Pferdes.................nbsp; nbsp; 36
Die Echinocockenkranklieit des Menschen........nbsp; nbsp; 41
4.nbsp; Die Bnndwurmseuche der Lämmer..........nbsp; nbsp; 42
5.nbsp; Die Bandwnrmseuche der Fasanen..........nbsp; nbsp; 43
6.nbsp; nbsp;Die Baudwurmseuchc der Katzen..........nbsp; nbsp; 44
7.nbsp; Die Leberegelseuche oder Fäule der Schafe.......nbsp; nbsp; 45
Leberegel bei anderen Thieren und beim Menschen ....nbsp; nbsp; 48
Egelseuche der Krebse..............nbsp; nbsp; 49
8.nbsp; Die Lnngenwurmsenche der Schafe..........nbsp; nbsp; 51
Die Lungenwurmseuche der Ziegen, Rehe und des Rindes .nbsp; nbsp; 53
Pallisadenwurm des Schweines...........nbsp; nbsp; 54
9.nbsp; Die Magenwurmseuche der Schafe und Ziegen......nbsp; nbsp; 56
Strongylus armatus des Pferdes...........nbsp; nbsp; 57
10. Die Trichincnkrankheit..............nbsp; nbsp; 58
Grössere Rundwürmer..............#9632; .nbsp; nbsp; 62
Spulwürmer..................nbsp; nbsp; 62
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YInbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Iiihaltsvei'zeichniss.
Seite
Riesenkratzer (Ecliinorrliynclms gigas)........nbsp; nbsp; nbsp; 64
Peitschenwunn oder Haarkopf (Trichocephalus).....nbsp; nbsp; nbsp; 65
11.nbsp; Dei' Bremsensolnvindel oder die Schleuderkrankheit der Schafenbsp; nbsp; nbsp; 65
Breinsenlarveii bei anderen Thieren.........nbsp; nbsp; nbsp; 68
Lause....................nbsp; nbsp; nbsp; 69
Flöhe....................nbsp; nbsp; nbsp; 70
12.nbsp; Die durch das bandwurmähnliche Fünfloch (Pentastoma tae-
nioides) bei unseren Hausthieren verursachten Krankheits-
zustände..................nbsp; nbsp; nbsp; 72
13.nbsp; Die Räude oder Krätze unserer llausthiere .......nbsp; nbsp; nbsp; 74
Zecken und Holzböoke..............nbsp; nbsp; nbsp; 84
14.nbsp; Die Psorospermienkrankheit oder Gregarinose unserer llaus-
thiere ...................nbsp; nbsp; nbsp; 86
II. Krankheiten, die auf nachweisbare oder nicht nachweisbare pflanzliche Parasiten zurilck^efilhrt werden. (Infectionskrank-
heiton.)
1.nbsp; Die Hühnercholera...............nbsp; nbsp; nbsp; 88
2.nbsp; Die septieämischen Erkrankungen. Septicämie und Pyäraienbsp; nbsp; nbsp; 90
Puerperalfieber, Septicaemia puerperalis........nbsp; nbsp; 100
üebärmutterbrand der Schale...........nbsp; nbsp; 103
Rauschbrand..................nbsp; nbsp; 104
3.nbsp; Milzbrand...................nbsp; nbsp; 108
Bradsot der Schafe...............nbsp; nbsp; 115
Pferdetyphus..................nbsp; nbsp; 121
Milzbrand wildlebender Tliiere...........nbsp; nbsp; 126
4.nbsp; Die Texasseuche................nbsp; nbsp; 127
5.nbsp; Der Rothlauf.................nbsp; nbsp; 128
Kopfrose der Schweine..............nbsp; nbsp; 130
Nesselfieber der Schweine.............nbsp; nbsp; 130
Rothlattfseuohe oder Scharlach der Schweine......nbsp; nbsp; 130
Die nicht ansteckende (miasmatische) Sehweineseuche . . .nbsp; nbsp; 131
0. Die Influenza der Pferde.............nbsp; nbsp; 133
Die Pferdestaupe................nbsp; nbsp; 133
Die Brustseuche der Pferde............nbsp; nbsp; 139
Seuchenhafte lobärc (croupöse) Pneumonie der Pferde . .nbsp; nbsp; 147
Die Scalvna der Pferde..............nbsp; nbsp; 151
7.nbsp; Die Lungenseuche des Rindes...........nbsp; nbsp; 158
8.nbsp; Die Druse des Pferdes..............nbsp; nbsp; 165
Die Druse der Büffel...............nbsp; nbsp; 171
9.nbsp; Die Rotzkrankheit................nbsp; nbsp; l^l
Nasenrotz...................nbsp; nbsp; 181
Lungenrotz..................nbsp; nbsp; 182
Suboutaner Rotz (Wurm).............nbsp; nbsp; 184
Cutaner oder eigentlicher Hautrotz..........nbsp; nbsp; 186
10.nbsp; Die Staupe der Hunde..............nbsp; nbsp; 191
11.nbsp; Der Schafrotz.................nbsp; nbsp; 196
12.nbsp; Die Wuthkrankhelt des Hundes...........nbsp; nbsp; 197
Die Wuthkrankhelt der übrigen llausthiere......nbsp; nbsp; 201
13.nbsp; Die Pocken unserer llausthiere...........nbsp; nbsp; 204
Schafpocken.................nbsp; nbsp; 206
Kuhpocken..................nbsp; nbsp; 213
Die Pocken der Ziegen und Pferde.........nbsp; nbsp; 210
Die Pocken der Schweine.............nbsp; nbsp; 217
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Inhaltsverzeicliniss.
VII
Seite
Die Pocken der Hunde und des Geflügels.......nbsp; nbsp; 218
14.nbsp; Die Rinderpest.................nbsp; nbsp; 219
Die Rinderpest bei Schalen und Ziegen........nbsp; nbsp; 227
15.nbsp; nbsp;Die Ruhr oder Mngenseuche............nbsp; nbsp; 227
16.nbsp; Diphtherie und Diphtheritis............nbsp; nbsp; 232
Diphtherie der Kälber..............nbsp; nbsp; 234
Diphtherie des Gellügels.............nbsp; nbsp; 238
17.nbsp; nbsp;Die Glatzllechte unserer Hausthiere.........nbsp; nbsp; 243
18.nbsp; Der Erb- oder Wabengrind unserer Hausthiere.....nbsp; nbsp; 246
19.nbsp; nbsp;Die Actinomycose des Rindes, Schweines und Menschen . .nbsp; nbsp; 248
20.nbsp; nbsp;Die Maul- und Klauenseuche unserer Hausthiere.....nbsp; nbsp; 255
Maulseuche..................nbsp; nbsp; 256
Klauenseuche.................nbsp; nbsp; 258
Die Bläsohenseuche des Rindviehs..........nbsp; nbsp; 263
Die Bläschenseucho des Schales und der Ziege.....nbsp; nbsp; 264
Die Bläsohenseuche des Schweines und der Fleischfresser .nbsp; nbsp; 266
Die Bläschenseuche des Pferdes und Hausgellügels ....nbsp; nbsp; 267
Die Bläschenseuche wildlebender Thiere und des Menschennbsp; nbsp; 268
Stomatitis pustulosa contngiosa...........nbsp; nbsp; 268
21.nbsp; Die Tuberculose des Rindviehs und anderer Hausthiere . .nbsp; nbsp; 276
22.nbsp; nbsp;Die Beschälkrankhcit der Pferde..........nbsp; nbsp; 279
23.nbsp; nbsp;Der Bläschenausschlag des Pferdes und Rindes an den Ge-
schlechtstheilen...............nbsp; nbsp; 282
24.nbsp; nbsp;Die weisse Ruhr der Kalber............nbsp; nbsp; 284
25.nbsp; Das enzootische Verkalben............nbsp; nbsp; 286
B. Nicht parasitäre Erkrankungen, welche durch Ernährungs­störungen, Erkältungen und andere nicht parasitäre äussere Einflüsse bedingt werden.
I. Krankheiten des Gehirns und seiner Häute.
1.nbsp; Blutüberfüllung (Hyperämie) des Gehirns und seiner Hautenbsp; nbsp; 291
2.nbsp; Blutmangel (Anämie) des Gehirns und seiner Häute . . .nbsp; nbsp; 295
3.nbsp; nbsp;Entzündung des Gehirns und seiner Häute.......nbsp; nbsp; 295
Encephalitis und Meningitis............nbsp; nbsp; 296
4.nbsp; Gehirnblutung.................nbsp; nbsp; 301
5.nbsp; Ohnmacht (Syncope) und Scheintod (Mors apparens) . . .nbsp; nbsp; 304
6.nbsp; nbsp;Der Dumrakoller der Pferde............nbsp; nbsp; 306
7.nbsp; nbsp;Der Schwindel der Pferde.............nbsp; nbsp; 310
8.nbsp; Neubildungen im Gehirn.............nbsp; nbsp; 312
9.nbsp; nbsp;Epilepsie oder Fallsucht.............nbsp; nbsp; 312
10.nbsp; nbsp;Katalepsie oder Starrsucht.............nbsp; nbsp; 314
11.nbsp; nbsp;Das paralytische Kalbelieber, oder Milchfieber der Kühe . .nbsp; nbsp; 315
12.nbsp; nbsp;Eklampsie...................nbsp; nbsp; 318
13.nbsp; Der Veitstanz, Chorea Sancti Viti..........nbsp; nbsp; 318
14.nbsp; nbsp;Die Stätigkcit der Pferde.............nbsp; nbsp; nbsp;319
II. Krankheiten des Rilckeninarkcs und seiner Häute.
1.nbsp; nbsp;Hyperämie, Entzündung und Hämorrhagic des Rückenmarkes
und seiner Haute...............nbsp; nbsp; 323
2.nbsp; nbsp;Chronische Kreuzlahme..............nbsp; nbsp; 327
3.nbsp; nbsp;Die Erkrankungen der peripheren Nerven.......nbsp; nbsp; 328
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VIIInbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Inhnltsverzeielimss.
Seite
4.nbsp; Der Starrkrampf................nbsp; nbsp;329
5.nbsp; Die Traberkrankheit der Sclial'e und Ziegen, auch Gnubber-
oder Wetzkrankheil genannt..........nbsp; nbsp; 335
III. Krankheiten der Kesplrationsorgane.
1.nbsp; Sohvveratbmigkeit (Dyspnoea) Husten und Niesen ....nbsp; nbsp; 340
2.nbsp; Katarrh der Nasenschleimhaut...........nbsp; nbsp; 342
3.nbsp; Der chronische Nasenkatarrh............nbsp; nbsp; 344
4 Der chronische Oberkieferholilonkatarrh........nbsp; nbsp; 345
5. Katarrh des Kehlkopfes und der Luftröhre.......nbsp; nbsp; 347
ö. Acuter Katarrh der Bronchialschleirahaut.......nbsp; nbsp; 349
7.nbsp; Chronischer Katarrh der Bronchialschleimhaut.....nbsp; nbsp; 351
8.nbsp; Croup der Respirationsschleimhaut..........nbsp; nbsp; 354
Croup des Kehlkopfes..............nbsp; nbsp; 356
Croup der Bronchien...............nbsp; nbsp; 357
9.nbsp; Neurosen der Respirationsorgane..........nbsp; nbsp; 357
10.nbsp; Oedem des Kehldeckels..............nbsp; nbsp; 359
11.nbsp; Die Kopfkrankheit oder das bösartige Katarrhalfieber des Rindesnbsp; nbsp; 359
12.nbsp; Hyperämie der Lungen..............nbsp; nbsp; 363
13.nbsp; Blutungen aus den Kespirationsorganen........nbsp; nbsp; 365
Blutungen aus der Nase.............nbsp; nbsp; 365
Blutungen aus den Lungen............nbsp; nbsp; 366
14.nbsp; Lungenentzündung................nbsp; nbsp; 367
a)nbsp; Die katarrhalische oder lobulüre Lungenentzündung,
Broncho-Pneumonie, Desquamativ-Pneumonie . . .nbsp; nbsp; 369
b)nbsp; Die fibrinöse oder croupöse (lobäre) Pneumonie . .nbsp; nbsp; 371
15.nbsp; Brustfellentzündung...............nbsp; nbsp; 382
16.nbsp; Brustwassersucht................nbsp; nbsp; 389
17.nbsp; Emphysem der Lungen..............nbsp; nbsp; 389
18.nbsp; Kehlkopl'spleifen oder Hartschnaul'en . . . '......nbsp; nbsp; 392
19.nbsp; Dämpfigkeit, Engbrüstigkeit, Bauch- oder Herzschlägigkeit .nbsp; nbsp; 394
IY. Krankheiten des Circulntions-Appnrates.
1.nbsp; Herzbeutelentzündung..............nbsp; nbsp; 396
2.nbsp; Herzbeatelwassersucht..............nbsp; nbsp; 399
3.nbsp; Neubildungen am Brustfelle............nbsp; nbsp; 400
4.nbsp; Nervöses Herzklopfen..............nbsp; nbsp; 401
5.nbsp; Entzündung des Herzmuskels............nbsp; nbsp; 402
6.nbsp; Verfettung des Herzens..............nbsp; nbsp; 402
7.nbsp; Entzündung der inneren Herzauskleidung.......nbsp; nbsp; 404
8.nbsp; Hypertrophie und Dilatation des Herzens.......nbsp; nbsp; 406
9.nbsp; Krankheiten der Arterien.............nbsp; nbsp; 409
a)nbsp; Periarteriitis................nbsp; nbsp; 410
b)nbsp; Endarteriitis................nbsp; nbsp; 410
c)nbsp; Einfache Fettmetamorphose der Arterienwand ...nbsp; nbsp; 411
d)nbsp; Mesarterütis................nbsp; nbsp; 412
10.nbsp; Krankheiten der Venen..............nbsp; nbsp; 412
11.nbsp; Krankheiten der Lymphgefassc...........nbsp; nbsp; 414
V. Die Krankheiten der Verdamingsorgane.
1. Entzündung der Maulhöhlen-Schleimhaut.......nbsp; nbsp; 417
a)nbsp; Katarrh der Maul- und Rachenhöhle.......nbsp; nbsp; 417
b)nbsp; Parenchymatöse Entzündung der Maulschleimhaut . .nbsp; nbsp; 418
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Inlinltsverzcichniss.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;IX
Solle
c)nbsp; nbsp;Zahnkrankheiten, Neubildungen im Bereiche der Maul-
nnd Rnchenhölile.............nbsp; nbsp; 418
d)nbsp; nbsp;Stomatitis ulcerosa (Scorbut) und Stomatitis mercurialisnbsp; nbsp; 419
2.nbsp; nbsp;Hals- oder Kachen-Entzündung. Bräune.......nbsp; nbsp; 419
Speiclieldrusen-Bntzündiing............nbsp; nbsp; 421
3.nbsp; Die Erkrankungen des Schlundes..........nbsp; nbsp; 422
4.nbsp; nbsp;Acuter Katarrh des Magens und Darmcanales.....nbsp; nbsp; 423
5.nbsp; nbsp;Chronischer Katarrh des Magens und Dnrmcanales ....nbsp; nbsp; 425
6.nbsp; Magen- und Darmcroup..............nbsp; nbsp; 427
7.nbsp; Die Entzündung des hinteren Mastdarinabschnittes ....nbsp; nbsp; 428
8.nbsp; nbsp;Die Kolik der Pferde.............,.430
a)nbsp; Krampfkollk................nbsp; nbsp; 431
b)nbsp; Verstopi'ungskolik..............nbsp; nbsp; 433
c)nbsp; nbsp;Kolik mit Durchfall.............nbsp; nbsp; 441
d)nbsp; Kolik der Wiederkäuer............nbsp; nbsp; 442
e)nbsp; nbsp;Kolik der Schweine.............nbsp; nbsp; 443
9.nbsp; nbsp;Magen- und Darmkatarrh der Wiederkäuer......nbsp; nbsp; 444
10.nbsp; Labmagen-Zwölllingcrdnrmkatarrh der Wiederkäuer . . .nbsp; nbsp; 445
11.nbsp; Dyspepsie der Wiederkäuer............nbsp; nbsp; 440
12.nbsp; Die Ermüdung des Verdauungscannles der Wiederkäuer . .nbsp; nbsp; 447
13.nbsp; Die Trommel- oder BUlhsucht der Wiederkäuer.....nbsp; nbsp; 449
a)nbsp; nbsp;acute..................nbsp; nbsp; 449
b)nbsp; nbsp;chronische................nbsp; nbsp; 453
14.nbsp; nbsp;Die Magen-Darmentzündung............nbsp; nbsp; 464
15.nbsp; Die Bauchfellentzündung.............nbsp; nbsp; 455
a)nbsp; die acute.................nbsp; nbsp; 456
b)nbsp; die chronische...............nbsp; nbsp; 456
16.nbsp; nbsp;Bauchwassersucht................nbsp; nbsp; 458
VI. Krankheiten der zu den Verdannng'sorg'anen der Uanchhiihle in näherer Iteziehnng stellenden Drüsen.
1.nbsp; nbsp;Die Krankheiten der Leber............nbsp; nbsp; 461
a)nbsp; Gelbsucht.................nbsp; nbsp; nbsp;462
b)nbsp; Hyperämie und Entzündung der Leber......nbsp; nbsp; 463
c)nbsp; nbsp;Penhepatitis und partielle Leberentzündung ....nbsp; nbsp; 465
d)nbsp; Leber-Abscesse und -Fisteln..........nbsp; nbsp; 465
e)nbsp; nbsp;Leberblutung...............nbsp; nbsp; 466
f)nbsp; nbsp;Neubildungen, Gestalt- und Lngeveränderungen im Be-
reiche der Leber..............nbsp; nbsp; 467
g)nbsp; Oallensteine................nbsp; nbsp; 468
h) Fettleber.................nbsp; nbsp; 469
i) Wachs- oder Speck-Leber...........nbsp; nbsp; 469
2.nbsp; nbsp;Die Krankheiten der Milz.............nbsp; nbsp; nbsp;470
3.nbsp; nbsp;Die Krankheiten der I-iauchspeicheldrüse.......nbsp; nbsp; 471
4.nbsp; nbsp;Die Krankheiten der üekrösdrüsen..........nbsp; nbsp; 472
YII. nie Krankheiten der Hnrnorganc.
1.nbsp; nbsp;Hyperämie der Nierenkapsel und des Nicrenparenchyms . .nbsp; nbsp; 475
2.nbsp; nbsp;Entzündung der Nierenkapsel und des Nierenparcnchyms .nbsp; nbsp; 477
3.nbsp; nbsp;Nierenblutung.................nbsp; nbsp; 485
4.nbsp; nbsp;Neubildungen und Harnconcretionen in den Nieren ....nbsp; nbsp; 486
5.nbsp; nbsp;Parasiten in den Nieren.............nbsp; nbsp; 487
6.nbsp; nbsp;Harnruhr...................nbsp; nbsp; 488
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Inkaltsvei'zeiclmiss.
Solte
7.nbsp; nbsp;Zuckerliarnnihr.................nbsp; nbsp; 490
8.nbsp; nbsp;Die Entzündung des Nierenbeckens.........nbsp; nbsp; 490
9.nbsp; Blasenniere (Hydronephrose)............nbsp; nbsp;491
10.nbsp; nbsp;Harnblasenkatarrh und Blascnentzündung.......nbsp; nbsp; 492
11.nbsp; Blnsensteine und Blasengries............nbsp; nbsp; 490
12.nbsp; nbsp;Blasenlähmung und Blasenkrampf..........nbsp; nbsp; 499
13.nbsp; nbsp;Neubildungen in der Harnblase...........nbsp; nbsp; 503
14.nbsp; Parasiten in der Harnblase............nbsp; nbsp; 503
15.nbsp; nbsp;Lagevcriinderungen der Harnblase..........nbsp; nbsp; 504
16.nbsp; nbsp;Concremente in der Harnröhre und Vorhaut......nbsp; nbsp; 504
17.nbsp; nbsp;Der Raumschlauch...............nbsp; nbsp; 505
VIII. Krankhafte Ziistäiide des Urins.
1.nbsp; nbsp;Blutharnen..................nbsp; nbsp; 506
2.nbsp; nbsp;Hämoglobinurie oder Hämoglobinümie, Windrehe ....nbsp; nbsp; 510
IX. Die Krankheiten der Geschlechtsorgane.
1.nbsp; nbsp;Die Krankheiton der männlichen Geschlechtsorgane . . .nbsp; nbsp; 514
a)nbsp; nbsp;Die Krankheiten des Hodens..........nbsp; nbsp; 514
b)nbsp; nbsp;Die Krankheiten der Vorsteherdrüse und Samenbläschennbsp; nbsp; 515
c)nbsp; nbsp;Der Samenkoller des Pl'erdes.........nbsp; nbsp; 516
Die Geschlechtskrankheiten weiblicher Thiere.
2.nbsp; nbsp;Die Krankheiten der Eierstöcke...........nbsp; nbsp; 516
a)nbsp; nbsp;Stiersucht, Brillier- oder Brumraelkrankheit der Kühe .nbsp; nbsp; 516
b)nbsp; nbsp;Mutterkoller (Nymphomanie)..........nbsp; nbsp; 517
c)nbsp; nbsp;Acute Entzündung der Eierstocke........nbsp; nbsp; 518
3.nbsp; nbsp;Scheiden- und üebärmnttervorl'all..........nbsp; nbsp; 518
4.nbsp; nbsp;Das Verhalten oder Zurückbleiben der Nachgeburt ....nbsp; nbsp; 520
5.nbsp; nbsp;Acute entzündliche Zustände des Genitalcanales.....nbsp; nbsp; 522
a)nbsp; nbsp;Die katarrhalische Gebärmutterentzündnng.....nbsp; nbsp; 523
b)nbsp; nbsp;Die katarrhalische Entzündung der Mntterscheide und
des Vorhofes...............nbsp; nbsp; 523
c)nbsp; nbsp;Die croupöse Entzündung der Mutterscheide und der
Gebärmutter...............nbsp; nbsp; 524
6.nbsp; nbsp;Weisser Fluss.................nbsp; nbsp; 524
7.nbsp; nbsp;Das Auffressen der Nachgeburt und der neugeborenen Thierenbsp; nbsp; 526
8.nbsp; nbsp;Das Festliegen der Mutterthiere vor und nach der Geburtnbsp; nbsp; 520
9.nbsp; nbsp;Die Krankheiten des Euters............nbsp; nbsp; 528
a)nbsp; nbsp;Die Entzündung der Umhüllung der Milchdrüsen . .nbsp; nbsp; 528
b)nbsp; nbsp;Die Entzündung des interstitiellen Bindegewebes des
Euters.................nbsp; nbsp; 529
c)nbsp; nbsp;Parenohymatöse (int'ectiöse) Euterentzündung ....nbsp; nbsp; 530
10.nbsp; nbsp;Milchsteine, Milcbknoten und Fleischeuter.......nbsp; nbsp; 533
11.nbsp; nbsp;Die Verwachsung des Strichencanales........nbsp; nbsp; 534
X. Milchfehler.
1.nbsp; nbsp;Milchmangel........, . , '.......nbsp; nbsp; 535
2.nbsp; nbsp;Fremde Beimengungen zu den normalen Milcbbestandtheilennbsp; nbsp; 536
3.nbsp; nbsp;Abnorme Mengenverhältnisse der normalen Milchbestandtheilenbsp; nbsp; 537
4.nbsp; nbsp;Abnorme Beschaffenheit der gewöhnlichen Milchbestand-
theile ...................nbsp; nbsp; 538
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Inhaltsverzeicliniss.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; XI
Seite
aquot;) Vorzeitiges Gerinnen der Milch.........nbsp; nbsp; 538
b)nbsp; Bittere und ranzige Milch...........nbsp; nbsp; 539
c)nbsp; nbsp;Inl'ectionen der abgemolkenen (normalen) Milch . ,nbsp; nbsp; 539
XI. Krankheiten der neugeborenen Hausthiere.
1.nbsp; Verschluss des Afters..............nbsp; nbsp; 543
2.nbsp; Verschluss oder NichtSpaltung der Lippen (Atretostomus) .nbsp; nbsp; 545
3.nbsp; Atresie der Vagina, resp. Fehlen der Vulva......nbsp; nbsp; 545
4.nbsp; Nabelbruch..................nbsp; nbsp; 54(5
5.nbsp; AWluss des Harns durch den Urachus........nbsp; nbsp; 547
6.nbsp; Die Nabelentzündung..............nbsp; nbsp; 543
7.nbsp; Verkrümmungen und partielle Schwäche neugeborener Haus-
thiere...................nbsp; nbsp; 549
8.nbsp; Erstickungsnoth resp. Scheintod neugeborener Thiere . . .nbsp; nbsp; 550
9.nbsp; Zurückbleiben des Uarmpechs bei neugeborenen Thieren .nbsp; nbsp; 552
10.nbsp; Verdauungsstörungen neugeborener Thiere.......nbsp; nbsp; 553
a)nbsp; Verstopfung................nbsp; nbsp; 554
b)nbsp; Durchfall.................nbsp; nbsp; 554
11.nbsp; Mundschwämme oder Aplithen junger Thiere......nbsp; nbsp; 555
12.nbsp; Die Lähme der Kälber, Lämmer, Füllen und anderer Thierenbsp; nbsp; 556
a)nbsp; Metastatische Gelenkentzündung.........nbsp; nbsp; 556
b)nbsp; Osteomalacie und Rhachitis..........nbsp; nbsp; 558
XII. Krnnkheiteu der üusseren Haut.
Acute Hautkrankheiten,
1.nbsp; Das Nesselfieber................nbsp; nbsp; 563
2.nbsp; Der Hitzausschlag...............nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 5(j5
3.nbsp; Der Buchweizenausschlag............nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 565
4.nbsp; Die Kopf- oder Blatterrosc der Schafe......',nbsp; nbsp; 566
5.nbsp; Brand der weissen Abzeichen...........nbsp; nbsp; 567
6.nbsp; Die Brandmauke des Pferdes............nbsp; nbsp; 567
7.nbsp; Das Punaritium ..............nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;568
8.nbsp; Ekzema................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;569
n) Das einfache Ekzem..........nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;57Q
b)nbsp; Das rothe Ekzem.............[nbsp; nbsp; 572
c)nbsp; nbsp;Das grindartige Ekzem............nbsp; nbsp; 572
9.nbsp; Die Schrunden- oder Flechtcnmauko des Pferdes . , . .nbsp; nbsp; WS
10.nbsp; Die Mauke der Schafe..............nbsp; nbsp; 575
11.nbsp; Die Regenfänle der Schafe...........'nbsp; nbsp; 575
12.nbsp; Das Teigraal oder der Maulgrind der Kälber'und anderer
neugeborener Thiere.............nbsp; nbsp; 576
13.nbsp; Der Russ der Ferkel............nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;577
14.nbsp; Die Raspe der Pferde...........nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;577
15.nbsp; Der Grind der Pferde.............[nbsp; nbsp; 577
a)nbsp; Lippengrind................nbsp; nbsp; 577
b)nbsp; Mähnen- oder Ilalsgrind...........nbsp; nbsp; 577
c)nbsp; nbsp;Schweifgrind...............nbsp; nbsp; 57g
Chronische Hautkrankheiten.
1.nbsp; Das Hautjucken.................nbsp; nbsp; 57g
2.nbsp; Die Schwindllechten..............nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 579
3.nbsp; Die Hitzknötchcn des Pferdes...........nbsp; nbsp; 580
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XIInbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; InhaUsverzeiclmiss.
Seite
4.nbsp; Die Hitzknötoben der Schafe............581
5.nbsp; Oiroumscripte Atrophie der Haare..........S82
0.nbsp; Der Weicliselzopl'................582
7.nbsp; Anomalien des Haarwechsels............583
a)nbsp; Verzögerung...............583
b)nbsp; Das Ausfallen der Haare resp. Wolle......583
8.nbsp; Neubildungen in der äusseren Haut.........584
C. Vergiftungen.
1.nbsp; nbsp;Vergiftniigeii durch Substnnzen vegetdbilischer Herkunft.
1.nbsp; Die Lupinenkrankheit der Schale , .........nbsp; nbsp; 585
2.nbsp; Die Schlempemauke des Rindviehs.........nbsp; nbsp; 591
3.nbsp; Die allgemeine '/ellgewebsvvassersucht des Rindviehs . . .nbsp; nbsp; 596
4.nbsp; Vergirtungcn durch vegetabilische Narcotica......nbsp; nbsp; 599
5.nbsp; Vergiftungen durch scharfe Pllanzenstoffe.......nbsp; nbsp; 600
II. Vergiftuiigen durch Snhstnnzen aus dem Thierrelche.
1.nbsp; Vergiftungen durch Stiche von Bienen, Wespen und Hornissennbsp; nbsp; 601
2.nbsp; Vergiftungen durch Schlangenbiss..........nbsp; nbsp; 601
8. Vergiftungen durch Canthariden..........nbsp; nbsp; 603
III. Vergiftungen durch Substanzen uns dem Mineralreiche.
1.nbsp; nbsp;Vergiftungen durch Salze verschiedener Alealien .... 604
2.nbsp; Vergiftungen durch ätzende Alealien und Mineralsäuren . . 605
3.nbsp; Vergiftungen durch metallische Körper und Metalloide, be-
sonders durch Melallsalze............605
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E i n 1 e
11 u n g.
Als Krankheit betrachtet man in der Thierheilkunde jede ob-jeutiv wahrnehmbare Störung . in den normalen Lebens Vorgängen. Diese Störung bestellt darin, dass die gewöhnlichen physiologischen Prozesse unter abnormen Bedingungen von Statten gehen. Letztere und die durch dieselben hervorgerufenen abnormen Zustände mög­lichst genau zu erforschen, ist die erste und wichtigste Aufgabe Jeder medicinischeu Behandlung.
Nicht Krankheitsnamen, sondern Krankheitszustände und Krank­heitsursachen sind die eigentlichen Objecte der Therapie. Häufig genügt es. die Krankheitsursachen zu beseitigen, um damit auch die Rückkehr zu normalen Lebensvorgängen z\\ erzielen; dies ist gewöhnlich dann der Fall, wenn die Krankheitsursachen frühzeitig erkannt und entfernt werden können, bevor sieb erhebliche krank­hafte Veränderungen ausgebildet haben. Die hohe Bedeutung eines sorgfältigen Studiums der Krankheitsursachen (der Aetiologie) ergibt sich somit sowohl für die Behandlung, als auch für die Verhütung von Krankheiten von selbst.
Die leichteren Grade von Gesundheitsstörungen. welche keine äusserlich wahrnehmbaren Erscheinungen verursachen, sondern nur subjectiv empfunden werden und beim Menschen als Unwohlsein oder Unpässlichkeit bezeichnet werden, entgehen bei Thieren unserer Beobachtung.
Die äusserlich wahrnehmbaren Merkmale für das Vorhandensein von Gesundheitsstörungen werden „Kvankheifserscheinungen, Krank­heitszeichen oder Krankheitssympfomequot; genannt. Diese genau zu ermitteln und richtig zu deuten ist für die Feststellung einer vor­handenen Krankheit selbstverständlich von der grössten Bedeutung. Einer genauen Untersuchung dos kranken Thieres selbst muss für gewöhnlich die Erforschung der den gegebenen Krankheitsfall etwa bedingenden Lebensverhältnisse etc. des Patienten vorausgehen. Bei kranken Menschen kann man sich häufig an den Patienten selbst wenden , bei kranken Thieren muss man stets den Wärter, manch­mal auch andere Personen befragen, welche mit den betreffenden Vorgängen bekannt sind. In allen Fällen muss man die so erhal-Pütz, Conipomlinm der Thierheilknnrto,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; I
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Einleitung,
tenen Mittheilungen auf ihre Olaubwürdigkeit, resp. Walirsuheiulicli-keit, sorgfältig prüfen. —
Diesen Theil der Untersuchung nennt man die Anamnese (ävc/.|j.i|j.vfj3xsiv, Jemanden an etwas erinnern); in der menscheiiiirztliclien Praxis wird derselbe meist als „Krankenexainenquot;' bezeichnet. Durch den ,Vorbericht#9632;'j welchen man freiwillig oder zufolge der An­amnese über die dem Erkranken vorausgegangenen Ereignisse, sowie auch über die von der Umgebung des kranken Thieres wahrge­nommenen Krankheitserseheinungen erhält, wird man oft für die objeutive Untersuchung des Patienten eine bestimmte Directive er­halten. Bei der Anamnese erkundigt man sich, ob das betreffende Thier hustet oder nicht, wie es mistet, wie die Presslust und der Koth beschaffen ist, ob dieser Würmer oder sonst abnorme Dinge entliillt, eventuell ob die Thiere regelmässig wiederkäuen, arbeiten u. dergl., ob dieselben ausdauernd sind, oder leicht ermüden, ob die Harnausscheidung regelmässig ist, ob Schleimflüsse vorhanden und von welcher Besohaifenheit dieselben sind, wie die Fütterung be­schaffen ist u. s. w. Geht man bei Einziehung des Vorberichts nicht mit der nöthigen Umsicht und Hachkenntniss zu Werke. so kann man durch unrichtig gemachte Angaben von Seiten des Warte-personals etc. leicht irre geleitet werden.
Nach eingeholtem Vorbericht schreitet man zur objective!] Untersuchung des Patienten, die nach dem betreffenden Falle und nach den hervorstechendsten Erscheinungen sich zu richten hat. Im Allgemeinen lilsst sich hierüber etwa Folgendes sagen: Man beob­achtet die äussere Haltung des Patienten, dessen Haar, Ernährungs­zustand, Munterkeit oder Traurigkeit, untersuche die Temperatur der Haut, und messe selbige im Mastdarm mittelst Thermometers, OOntrolire die Frequenz und Qualität des Athmens, Beschaffenheit der sichtbaren Schleimhäute und der Kehlgangslyinphdrüsen; dann untersuche man den Herz- und Arterien-Puls, auscultire die Lungen-und Herzgeräusche, sowie die Darmgeräusche, und percutire schliess-lich die verschiedenen Körperhöhlen, so weit dies im gegebenen Falle wünschenswerth und nothwendig erscheint.
Aus den durch die Untersuchung ermittelten Krankheitsersehei­nungen gelangt man dann in zweiter Reihe zur „ Feststellung (Dia­gnose)quot;' der Krankheit selbst.
So wichtig es nun auch ist, eine richtige Diagnose zu stellen, so werden wir doch, selbst bei der grössten Genauigkeit und Fertig­keit, mit welcher wir die Untersuchung vornehmen, oft genug über den vorhandenen Krankheitszustand mehr oder weniger im Unge­wissen, oder ganz im Unklaren bleiben,
Ist die Diagnose sicher gestellt, so kann man in den meisten Fällen über den weiteren Verlauf der Krankheit mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, manchmal mit einiger Gewissheit, nie aber mit absoluter Sicherheit sich aussprechen. Man nennt dies ,Vorhersage oder Prognosequot;. Je nach dem Ausfalle dieser wird man die Behandlung des Patienten einleiten oder unterlassen.
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IDiiileitang,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 3
Die tlrztliohe Behandlung eines Patienten (namentlich die arznei-liehe) bezeiclmot man als „Therapie'quot;.
Für diese ist die KemitiiLss der Krankheitsursachen (Aetiologie) von wesentlicher Bedeutung, da bei Fortbestehen derselben der ECrankheitsverlauf ein ungttnstiger zu sein pflegt, wenn der Thier-körper der Wirkung jener sich nicM/u aeconnnodiren vermag, resp. diese nicht unschiidlich /u machen im Stande ist. Häufig ist nmn erst nach dem Tode im Stande, sich über die wirklichen Krankheits­ursachen genauer zu informil'en . weshalb die Section behandelter Thiere so viel nur immer möglich ausgeführt werden muss.
Schliesslich kommen dann noch in Betracht:
1)nbsp; nbsp;Die Naohbehandlung, sowie*
2)nbsp; nbsp;Die Vorbeugung oder Prophylaxis.
Die Eintheilung der inneren Krankheiten nacli den Ursachen und den Apparaten erscheint mir am bequemsten, Die Eintheilung in die beiden Hauptgruppen .parasitärequot; und „nicht parasitärequot; Krankheiten hat zunächst den Vortheil, dass sie gestattet, vorerst alle Krankheiten, deren Ursachen wir mehr oder weniger genau kennen, im Zusammenhange zu besprechen. Da die durch thierische Parasiten verursachten Krankheiten in ihren ursächlichen Momenten am genauesten erkannt sind, so wollen wir mit deren Betrachtung beginnen und so vom Feststehenden /u dem Hypothetischen all-mählig übergehen. Im Dienste einer möglichst knappen Darstellung halte ich es indess für /.weckmässiy. als Einleitung einige patho­logische Prozesse, welche in der Krankheitslehre ganz allgemein eine Hauptrolle spielen, in ihren wesentlichsten Erscheinungen hier kurz zu besprechen. Es sind dies: die Blutüber l'i'il lu ng, Blut-armuth, die Entzündung und das Fieber. Da der eine oder der andere (nicht selten mehrere) diesen- Zustände fast bei jeder Krankheit vorhanden zu sein pflegt, so wird die vorhergehende Betrachtung derselben gestatten, in jedem Specialfalle einfach den betreffenden Ausdruck zur Bezeichnung des vorhandenen Zustandes zu gebrauchen, ohne jedesmal eine weitläufige Detailschilderung geben zu müssen.
Die vorliegendem Buche zu Q-runde gelegte Eintheilung wäre demnach folgende:
Kinige Zustände ailgeiiKMii-paihologischei' Natlll*.
1) Blutüberfüllung, 2) Blutarinntb, :gt;gt;) Entzündung und 4) Fieber.
Specielle Krankheitslehrelaquo;
A. Parasitäre Krankheiten und zwar:
I.nbsp; nbsp;Krankheiten. welche durch thierisohe Parasiten verursacht
werden:
II.nbsp; nbsp;Krankheiten, die auf nachweisbare oder nicht nachweisbare pflanzliche Parasiten zurückgeführt werden , deren Ursachen nur zum kleineren Theil bekannt, zum srrösserenTheil noch unbekannt sind.
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4nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Einleitung!
B. Nicht parasitäre Erkrankungen d. h. Krankheiten, welche durch
Ernährungsstörungen, Erkältung und andere nicht parasitäre
äussere Einflüsse bedingt werden.
Diese Eintheilung wird, wie alle anderen Systeme, Mängel und Lücken erkennen hissen, da alle unsere Systeme Kunstproducte sind und demgeinäss in Bezug auf Vollendung dem Natllrliohen nie vollkommen entsprechen. Dasjenige System ist das Beste, welches relativ die geringsten und wenigsten Mängel erkennen lässt und ich glaube, dass vorliegende Eintheilung dieser Anforderung im Allgemeinen entspricht.
Die Special-Darstellung der einzelnen Krankheiten wird bald mit der Aetiologie, bald mit der Symptomatologie oder einem anderen Abschnitte beginnen, je nachdem die Ursachen oder andere wesent­liche Dinge bekannt und für die Veranschaulichnng des Krankheits­bildes von besonderer Bedeutung sind.
Der erfahrene Praktiker weiss, dnss die in den Lehrbüchern beschriebenen Krankheitsformen eigentliche Ahstracta sind, welche wir der Generalisation von Wahrnehmungen verdanken, die an ver­schiedenen — unter iihnlichen Umständen und mehr oder weniger ähnlichen Erscheinungen erkrankten Thieren gemacht worden sind. Er weiss demnach, dass die im tilglichen Leben vorkommenden Krankheitsfälle mit den in den-Lehrbttohern gemachten Schilderungen bald eine grössere, bald eine nur geringere Aelmlichkeit haben und dass es nicht- möglich ist, alle in Wirklichkeit vorkommenden Krank­heitsbilder darzustellen, weil durch die besonderen Eigenthümlich-keiten der erkrankten Individuen und durch mannigfaltigen Wechsel der Aussenverhältnisse eine grosse Verschiedenheit der Einzelfälle nothwendig bedingt wird. Nur einfache resp. gleichartige Erkran­kungen derselben Organe werden eine gewisse Ueberoinstimmung der Erscheinungen bei wesentlich gleichartige]! [ndividuen zeigen. Aber nur selten treten erhebliche Störungen in der Function wich­tiger Organe für sich allein und ohne Störungen in anderen Organen auf. Nach der speciellen Disposition des Individuums und durch verschiedene andere Verhältnisse bedingt, können die mannigfaltigsten Variationen in den Erscheinungen, wie auch im Verlaufe der Er­krankung eines bestimmten Organcs hervortreten. Hierauf von vornherein und mit Nachdruck aufmerksam zu inachen, scheint mir nicht unwichtig zu sein, damit der junge Thierarzt bei seinem Eintritt in die Praxis nicht vorgeblich nach Krankheitsbildern bei seinen Patienten sucht, welche allemal mit den in den Lehrbüchern dargestellten Beschreibungen in allen Beziehungen ganz genau über­einstimmen sollen. So natürlich es ist, dass in jedem Organismus die Lebensvorgänge nach der betreffenden Individualität sich äussern, so kann man es doch angebenden Praktikern nicht eindringlich genug an's Herz legen, alle vorkommenden Krankheitsfälle stets mit gebührender llücksicht auf das betrettende Individuum zu beur-theilen und ZU behandeln. Man vergesse nie, dass die Aufgabe
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Ilypoifuiiic.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 5
des Therapeuten durin besteht, kranke Organismen (mit Büoksiüht auf ihre Eigenthüuiliohkeiten) - und nicht abstracto Krankheiten — dein Namen und der Schablone nach ~ zu behandeln. Die Praxis verlangt dtirchaus ein eigenes selbstständiges Denken und (Joinbiniren des Arztes, um jeden einzelnen Krankheitsfall an der Hand der in den Lehrbüchern abgehandelten Paradigmen nach Erforderniss zer­gliedern und zusammenstellen zu können. Die Nothvvendigkeit (lieser Paradigmen für die Description und ihr Nutzen (namentlich für den Anfänger) wird deshalb Jedermann von selbst einleuchten.
Zustände allgemein-pathologischer Natur.
Pur die Portdauer normaler Lebcnsvorgilngo ist die Menge und Beschaffenheit des Blntes so wie eine den normalen Bedürfnissen entsprechende Vertheilung des Blutes in den einzelnen Korperorganen von wesentlicher Bedeutung. Menge und Beschaffenheit der ge-samuiten Dlutmasse sind unter normalen Verhältnissen nur geringen Schwankungen unterworfen . während die Vertheilung derselben in manchen Organen, /,. B. in dem Verdauungsapparate, eine in ziem­lich beträchtlichen Graden verschiedene sein kann, ohne class da­durch die normalen Grenzen überschritten werden. Wenn beim Stoffwechsel die Ausgaben und Einnahmen sich nicht das Gleich­gewicht halten. oder wenn fremde Pestandtheile dem Blute bei­gemischt werden, so entstehen dadurch Veränderungen der Ge-sammtblutmasse, welche auf den Gesundheitszustand des betreffenden Thieres störend einwirken. Es kann dies in der Weise geschehen, dass die mit Blutfehlern behafteten Thiere für gewisse Krankheiten in höherem Grade empfänglich gemacht werden, oder direct er­kranken.
Die Gesammtblutmasse kann vermehrt oder vermindert sein; in beiden Fällen pflegt gleichzeitig auch eine abnorme Beschaffen­heit des Blutes vorhanden, oder im Gefolge zu sein. Die ungleich-massige Vertheilung des Blutes bewirkt zunächst eine zu starke oder zu geringe Füllung gewisser Gefässliezirke. Der Blutreich-thum , so wie die Blutarmuth können somit auf alle, oder nur auf einzelne Blntgefässbalmen sich beziehen. Betrachten wir zunächst:
1. Die Blutüberfüllung (Hyperämie).
Dieselbe kommt als allgemeine mid örtliche vor.
a) Die allgemeine Blutfülle (Plethora oder Polyämie).
Die allgemeine Vollblütigkeit ist meist die Folge einer zu reich­lichen Fütterung und zu geringer Thätigkeit der betreffenden Thiere. Bei derselben kann das Gefühl vollkoniinener (iesundheit und des
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ijnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hypßriuiik'.
Wohlbehagens vorhanden sein, so lange nicht gleichzeitig eine ört­liche Hyperilmie, d. h. eine wirkliche üeberladung eines Organes mit Blut eingetreten ist.
Die klinischen Erscheinungen der allgemeinen Polyttmie sind: volle Arterie, kräftige Blutwelle (in Folge energischer Herzactionen), wobei der Herzschlag seihst nur in der Tiefe oder gar nicht fühlbar ist; frische Böthe der sichtbaren Schleimhäute, reger Stoffwechsel und somit eine ausreichende Quelle thierischer Wärme, wodurch auch die äusseren Körpertheile sich ordentlich wurm anfühlen. So lange dieser Zustand für sich allein besteht, ist eine therapeutische Behandlung nicht nothwendig; knappe Diät und eine entsprechende Thätigkeit sind die geeigneten Mittel, um etwaigen üblen Folgen wirksam entgegen zu treten. Krankheiten bei vollblütigen Thieren trugen den sogenannten sthenischen Charakter und wird bei den­selben gerade die l'olyämie dann eine wichtige Indication für die Anwendung des entzündungswidrigen (antiphlogistischeu) Heilappa­rates abgeben.
b) Die locale Blutfiille oder Hyperämie.
Die örtliche Blutfülle wird (nicht ganz correct) in eine active oder arterielle (ßlutwullung, Congestion) und in eine passive oder venöse Hyperämie (Blutstockung) unterschieden. In beiden Fällen übersteigt der Blutreiclithum des betroffenen (lefässgebietes den höchsten Stand der normalen Blutfülle.
Klinische Erscheinungen der Congestion. An einem der KörperoberflUrOhe nahe gelegenen uctiv-hyperäniisohen Organe werden im Allgemeinen folgende Erscheinungen wahrgenommen:
Vermehrter Umfang, höhere üöthe (bei nicht pigmentirter Haut) und Wärme, zuweilen mit gleichzeitiger Füllung der kleineren Venenstämincben : manchmal stärkeres Pulsiren der zu dem hyperämi-schen Theile hinführenden Arterie. Letzteres Symptom ist namentlich bei Hyperilmie der Weichtheile des Hufes nicht selten von wesent­licher Bedeutung. Die Function hyperümischer Gewebe ist meist gestört, eine vermehrte 'Neubildung jedoch nicht vorhanden.
Ursachen der Congestion. Die active Hyperämie ist Folge eines vermehrten Einströmens des Blutes in die kleinen Oefässe und Capillaren . wobei der Seitendruck der (IcFässe normal oder ver­mindert sein kann. Entweder ist der Blutdruck in den Arterien abnorm gesteigert, oder der Widerstand von Seiten der Gefässwände vermindert.
Die Zunahme des Blutdruckes in den Arterien kann bedingt seiji durch vermehrte Stromgeschwindigkeit und collaterale Hyperämie in Folge von Hindernissen in benachbarten arteriellen Stromgebieten, durch erhöhte Herzthätigkeit bei ungleicher Widerstandskraft der Wandungen der verschiedenen arteriellen Gefässgebietefnacbgrösseren
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Hypfcräiiüe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;7
Anstrengungen), oder durch plötzliche Beseitigung- eines Circulations-hindernisses in dem betreffenden Stromgebiete (Entfernung von Ge­schwülsten, Exsudaten etc.).
Die Abnahme des Seitendruckes in den Arterien ist Folge von Ernährungsstörungen und Erschlaffung der Gefiisswände, Erschlaffung oder Lähmung der Gefässmuskeln. Letztere entstellt durch Reizung von Empfindungsnerven, durch Lähmung sympathischer Nerven, mittlere Wärmegrade, geringe Kältegrade, Electricität und ver­schiedene Reizmittel.
Die Dauer und der Ausgang der Congestion ist sehr verschieden; desgleichen die Behandlung.
Klinische Erscheinungen der Blutstockung. Dunkelbläuliche Röthe, oft Verminderung der Temperatur in Folge des verminderten Stoffwechsels und des verlangsamten Blutstromes (verminderte Func­tion), Vermehrung des Umfanges und Schmerz.
Ursachen der Blutstockung. Die passive Hyperämie entsteht durch Hindernisse, welche dem Rückflusse des Blutes entgegenstehen oder durch Verlangsamung des Blutstromes.
Die passive, venöse Hyperämie ist in einem Missverhältnisse zwischen der Propulsivkraft des Herzens und der Circulations-geschwindigkeit des Blutes in den hyperämischen (venösen) Bezirken begründet. Es sind hier zwei Fälle möglich:
1)nbsp; Es steht dem Zurückfliessen des Blutes ein Hinderniss ent­gegen (Verengerung des venösen Stromgebietes durch Druck, Ge­rinnsel etc., Störungen in der Respiration, Klappenfehler, namentlich des rechten Herzens).
2)nbsp; Die Propulsionskraft des Herzens ist vermindert (Cachexie, fettige Degeneration des Herzens, lange dauernde Fieber). Es entstehen unter diesen Umständen gern die sogenannten Senkungs-Hyperämien (Hypostasen), da hier das Blut dem Gesetze der Schwere folgt.
Sectionserscheinungen. Am Cadaver ist es häufig unmöglich, laquo;ine während des Lebens vorhanden gewesene locale Hyperämie nachzuweisen; nur in den Capillaren ist in der Regel und zuweilen auch in den kleineren Venen ein grösserer Blutreichthum vor­banden, während derselbe in den Arterien durch Contraction ihrer Media verschwindet. — Nach dem Tode richtet sich das Blut in Bezug auf seine Vertheilung im Thierkörper wesentlich nach den Gesetzen der Schwere, so dass dadurch bei längerem Liegen der Cadaver auf der nämlichen Körperseite postmortale Hyperämien. „Hypostasenquot; genannt, entstehen, welche nicht mit während des Lebens vorhanden gewesenen Hyperämien verwechselt werden dürfen.
Behandlung. Bei Behandlung der Hyperämie hat man /unächst auf die causalen Verhältnisse entsprechende Rücksieht zu nehmen und dieselben WO möglich vor allen Dingen zu entfernen. Die
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8nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Amlniie.
Therapie gründet sich auf die Indication, entweder durch Ver-rnindemhg der Blutaufuhr, oder durch Steigerung der Blntabfahr,
einen Ausgleich zu Wege zu bringen. Welcher Weg in jedem Einzelfalle der geeignetste ist, wird in der Regel nicht schwer zu entscheiden sein. Im Allgemeinen werden local Killte, adstringirende Mittel oder beide mit einander verbunden (Bleiwasser u. s. w.) apnlioirt. Die Herabsetzung des Blutdruckes durch Digitalis, Brech-weinstein. Salpeter, (rlaubersak, Aderlass etc. kann ebenfalls indlcirt sein. Diese Mittel werden in der Regel mit Nutzen angewendet bei gut genilhrten, krilt'tigen Thieren, welche an Hyperämie leiden, die in Folge vermehrter Blut/.ufulir entstanden ist; Ruhe und knappe Diät können dieselben unterstützen. Gegen Hyperämien, welche hingegen die Folge verminderten Blutabtlusses aus den Ge­weben sind, werden Cataplasmen, /.ortheilende oder scharte Ein­reibungen, örtliche Blutentziehungen, Gegendruck, leichte Bewegung bei entsprechender Diät bessere Dienste leisten. Die gute Wirkung der Wärme und zertheilender Einreibungen ist hier leicht erklärlich, da dieselben erschlaffend wirken und dadurch sowohl die Erweiterung der contrahirten Venen als auch die Ausgleichung der Hyperämie durch den collatcralen Kreislauf fördern.
Die Blutarmuth
kann eine allgemeine und eine locale sein.
a) Allgemeiner Blutmangel (Oligämie oder Anämie).
Der Gesainmtorganismus bedarf zur Ernährung seiner Organe eines entsprechenden Quantums Blut, welches sich jedoch in Zahlen nicht genau angeben lilsst. Die bezüglichen Angaben der Physiologen sind für die therapeutischen Zwecke kaum oder gar nicht zu ver-werthen, weshalb wir uns hier nach klinischen Merkmalen umsehen müssen, aus denen wir auf das Vorhandensein einer Blutarmuth zu schliessen berechtigt sind.
Zunächst sei bemerkt, dass allgemeine Blutarmuth und Blut-wässerigkeit häufig vereint sind.
Krankheitaursachen. Allgemeine Blutarmuth wird durch jeden erheblichen abnormen Blutverlust, sowie duron mangelhafte Ernäh­rung, übennässige Anstrengungen xx. s. w. verursacht und ist je nach dein längeren oder kürzeren Fortbestande dieser Momente von bald vorübergehender oder länger anhaltender Dauer. Die Blutwässerig-keit kann durch Functionsstörungen der Nieren und zwar häufiger durch abnorme Eiweissausscheidung als durch Zurückhaltung von Wasser im Blute bedingt werden. Eine zu geringe Zufuhr, wie auch eine vermehrte Abfuhr an Eiweiss, hat Blutwässerigkeit zur Folge, um so mehr also das Znsammentreffen beider Momente.
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Aniluiio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;y
Krankheitsorscheinungen. Die allgemeine Blutarmath können wir aus der Beschaffenheit des Pulses und aus der Farbe der iUisserliuh sichtbaren Schleimhäute diagnosticiren.
Bei Blutarmuth finden wir die Arterien wenig gefüllt, weich, die Blutwelle schwach und leicht y,u unterdrücken; der Herzschlag ist dagegen meist deutlich fühlbar, nicht selten doppelschlägig, zu­weilen sogar hörbar. Die sichtbaren Schleimhäute sind blass, die Thiere sind wenig leistungsfähig, matt, ermüden also leicht; alle Actionen gehen mit geringerer Lebhaftigkeit von Statten als bei gesunden Thieren.
Da Anämie stets eine Verminderung der Blutzellen bedingt, so muss der Gasaustauseh in den Lungen und Körpergeweben, welcher vorzugsweise durch die rothen Blutkörperchen vermittelt wird, ein weniger energischer sein. Dadurch kann (sine Verminderung des Stoffwechsels und eine Vermehrung des Fettansatzes bedingt werden. Hierauf beruht die Begünstigung der Mast durch öfter wiederholte kleine Aderlässe.
Sectionserscheinungen. Geringer Blutgehalt der meisten oder aller Körpertheile. Die Anämie ist in der Eegel mit Blutwässerig-keit (Hydrilinie) verbunden, da die Eiweisskörper und /.eiligen Ele­mente des Blutes schwer, die wässerigen Blutbestandtheile hingegen leicht und schnell ersetzt werden.
Behandlung. Die Behandlung der Anämie richtet sich vorzugs­weise nach den der Anämie zu Grunde liegenden Ursachen. Tragen grosse Blutverluste, übermässige Anstrengungen, schlechte Ernährung und Pflege die Schuld an der vorhandenen Blutarmuth, so genügt es, wenn die Patienten geschont und entsprechend gefüttert werden, wobei eine geregelte Pflege von grosser Bedeutung ist. Bei regem Appetit muss man die Thiere vor Ueberladung der Verdauungs­organe bewahren, bei geringer Fresslust dieselben zur Futteranf-nalnne anregen. Man reiche zu diesem Zwecke bittere'Mittel mit Kochsalz, Brechweinstein, Nux vomica, Chinarinde oder Ohininum muriaticum amorphum u. dergl. Nur dann, wenn die Ursachen entfernbar sind, darf eine radicale Heilung der Blutarmuth er­wartet werden. Langhaarige Pferde werden (zur leichteren und gründlicheren Cultur der Haut) geschoren. Bei der chronischen Anämie, deren Aetiologie unbekannt ist, wird neben einer ent-sprechonden Ernährung und Pflege der Patienten innerlich Chinin oder Chinarinde, Eisenpräparate, sowie besonders Arsenik gegeben. Von letzterem habe ich bei Pferden manchmal sehr gute Wirkungen gesehen, besonders wenn dieselben bei reger Fresslust und guter Fütterung und Fliege ohne jede bekannte Ursache heruntergekommen waren. In allen Fällen der chronischen Blutarmuth, denen eine unheilbare Krankheit zu Grunde liegt, wird man von einer Radical-kur absehen müssen. Wird eine Palliativbehandlung gewünscht, so hat dieselbe dahin zu streben , den Portschritt der Krankheit möglichst zu behindern. Im Allgemeinen gelten hier folgende Kegeln ;
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10nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Aniimie.
Etwa bestehende Eiterungen oder Schleimtlüsso müssen beschrilnlct. WO möglioh geheilt und die Ernährung mit allen zu Gebote stehen­den Mitteln gefördert werden. Innerlich werden Eisen- und China-Präparate gegeben, wobei man darauf zu achten hat, dass durch erstere die Verdauung nicht belästigt wird. Das Putter muss für Pferde in leicht verdaulicher, möglichst gehaltreicher Nahrung, gutem Heu, Hafer u. dergl. bestehen; — die übrigen Körnerfrüchte werden weniger gut vertragen.
b) Oertlicher Blutmangel (Ischämie).
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Oertlicher Blut­mangel gibt sich durch verminderte Wärme und Function. durch Schlaffheit, später durch Ernährungsstörungen, Schwund (Atrophie) des leidenden Theiles zu erkennen. Blutarme, nicht pigmentirtc Stellen der Körperperipherie erscheinen blass. Zur kürzeren Be­zeichnung einer blos looalen Blutarmuth hat Virchow den Namen „Ischämiequot; eingeführt.
Krankheitsursachen. Die Ursachen der localen Blutleere sind verschieden und ausser allgemeiner Anämie können folgende Um­stände in Betracht kommen: Ungleichmässige Vertheilung des Blutes, z. B. bei Hyperämie blutreicher Organe kann in anderen Organen Aniimie eintreten; —
locale Behinderung des Blut-Zuflusses; —
längere Unthätigkeit der Lähmung des betreffenden Organes; —
andauernde Einwirkung der Kälte oder anderer adstringiremler Mittel u. dgl. m.
Verlauf und Prognose. Die Folgen sind je nach der Wichtig­keit des betroffenen Organes und der Hartnäckigkeit des Leidens verschieden. Eine bald vorübergehende Ischämie pflegt keine patho­logischen Zustände zu hinterlassen, während eine länger andauernde örtliche Blutarmuth Ernährungsstörung (Atrophie) des betreffenden Körpertheiles zur Folge hat.
Behandlung und Vorbeugung. Bei Behandlung der Ischämie hat man vorerst die derselben zu Grunde liegenden Ursachen zu erforschen und selbige, wenn irgend möglich, zu beseitigen. Dem­nach wird unter Umständen die feuchte Wärme (um die Gefässwände ZU erschlaffen, resp. die Gefässnerven zu beruhigen) am Platze sein: in anderen Fällen werden einfache Frictionen, reizende Einreibungen. Douchen etc. gute Dienste leisten . indem durch den so hervor­gerufenen Reiz eine vermehrte Blutzufuhr bedingt wird. Auch muss der allgemeine Zustand des zu behandelnden Individuums berücksichtigt werden, insofern die Ischämie hei allgemeiner Blut­armuth nur bei entsprechender diätetischer Pflege dauernd beseitigt werden kann.
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Kntziindimg'.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;[ \
Die Entzündung (Inflammatio).
Dieser pathologische Zustand ist angemein hiiutig und in vielen Pllllen so leicht zu diagnostioiren, dass man glauben sollte, derselbe müsse auch leicht /.u definiven sein. Gleichwohl ist man nicht im Stande, eine kurze und zugleich genaue und umfassende Definition der Entzündung zu geben, da es sich nicht, um einen einfachen Prozess, sondern um eine Reihe von Vorgängen handelt, welche theils an den Blutgefilssen, theils an den Geweben ablaufen und sich mannigfach combiniren. Hier sollen zunächst die wesentlichsten Erscheinungen der Entzündung, sowie die dabei vorkommenden Vor-gilnge kurz beschrieben und eine Erklärung derselben gegeben werden, so weit diese für unsere Zwecke erforderlich und nach dem Stande unseres heutigen Wissens möglich ist.
Aetiologie. Die Ursachen der Entzündung sind im Allgemeinen in mechanischen und chemischen Reizen, in Erkältung, sowie in verschiedenen Krnnkheitsgiften gegeben.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Vormehrte Wärme,
Uöthe, Geschwulst, Schmerz und gestörte Function gelten als Cardinal-Symptome. Diese Erscheinungen sind indess nur dann alle wahr­zunehmen, wenn es sich um eine Entzündung solcher Theile handelt, welche in der Nähe der äusseren Korperoberfläche oder unmittelbar an dieser gelegen sind. Bei stärker behaarter und pigmentirter Haut fehlt aber auch hier die Böthe.
Die Diagnose einer Entzündung innerer Organe macht nicht selten grosso Schwierigkeiten oder lilsst sich während des Lebens mit Sicherheit überhaupt nicht stellen. Die wesentlichsten physio­logischen Vorgänge bei der Entzündung sind; Vermehrte Saft­strömung, verbunden mit einer quantitativen und qualitativen Ab­änderung der Ernährung.
Je nachdem die Gewebe mehr oder weniger gefässreich oder gofässlos sind. gestalten sich die ersten Entzündungserscheinimgen etwas vorschieden.
Dom Eintritt der Entzündung geht allemal ein Heiz voraus, für welchen die Empfänglichkeit des Gewebes natürlich eine ver­schiedene sein kann. Nach der Einwirkung des Reizes treten in Gobildon , welche Blutgefässo besitzen , zunächst die Erscheinungen einer Hyperämie auf; - in gofässlosen Gebilden sind Trübung, Schwellung und Wucherung der Zellen die ersten Vorgänge, wel­chen alsbald eine Hyperämie in den benachbarten Capi II arge fassen sich zugesellt. In Folge der Hyperämie werden die Wandungen der betreffenden Capillaren gespannt, dadurch dünner und lassen mehr Plasma in das Gewebe eintreten, wodurch Schwellung und Durohtränkung dieses bedingt wird; der damit verbundene Druck auf die betreffenden Empfindungsnerven ist Ursache der gesteigerton Empflndliohkeit, des Schinerzes. Dioso Dinge bedürfen anscheinend
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12nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Kntzümhmg.
keines weiteren (Joiumentars. Fragen wir ill(les^s nacli ihren ersten Ursachen, so sehen wir uns aussei- Stande, den oausalen Zusammen­hang zwischen der Einwirkung des Reizes und der Erweiterung der ßlutoapillaren, resp. den Grund der Hyperämie, genügend nachzu­weisen. Bei sogenannten traumatischen Entzündungen, wobei eine Anzahl (iet'iisschen verletzt und auf irgend eine Weise verschlossen worden sind, kann man natürlich den dadurch bedingten erhöhten Seitendruck als Ursache der Ueberladung (resp. Erweiterung) der benachbarten Gefässe angeben; indess bei Entzündungen ohne Verletzung von öeftlssen und Gerinnungen in denselben kann von einer solchen Ursache nicht die Rede sein. Wodurch hier die Er­weiterung der Capillaren bedingt wird, wissen wir nicht; bei ähn­lich gebauten Röhren z. B. in den Darmwandungen, deren mittlere Haut, wie die der Blutgefässe, vorzugsweise aus unwillkürlichen Muskelfasern besteht, tritt gerade der entgegengesetzte Vorgang in Folge der nämlichen Ursache ein, indem allemal eine Verengerung des Darmrohres als Antwort auf die Einwirkung eines seine periphe-rischen Nerven treffenden Reizes erfolgt. Man kann sich leicht überzeugen , dass die ßlutoapillaren nach Einwirkung eines Reizes sich erweitern. Reibt man /,. B, ein Auge, dessen Bindehaut ohne jede (iefassinjection erscheint, so gewahrt man schon nach kurzer Zeit ganz deutlich blutreichere kleinere Gefässchen. Diese Gefäss-injection verliert sich indess bald wieder, wenn das Reiben nicht Longe andauert und nicht wiederholt wird.
In Folge der Erweiterung der Capillargefässe und der Verlang­samung des Blutstromes in denselben wird der Aus- und Eintritt von Stoffen durch die Capillargefässwandungen hindurch wesentlich begünstigt. Aussei- dem Blutserum und den in demselben gelösten Stoffen wandern auch weisse Blutzellen aus den Capillaren reichlich in das Parenchym des entzündeten Organes; dieses Exsudat hat somit eine vom normalen Bildungsplasma mehr oder weniger ab­weichende Beschaffenheit, welche durch das Product der erkrankten Organzollen noch mehr altnrirt wird. In Folge dieser Vorgänge wird die Neubildung, sowie die Bückbildung verändert und je nach­dem erstere oder letztere überwiegt, entsteht vermehrte Neubildung normaler oder pathologischer Gewebe — oder Atrophie des ent­zündeten Organes. — Pass letzteres in seiner normalen Function gestört sein muss, erhellt aus vorstehend Gesagtem von selbst.
Die wesentlichsten Vorgänge bei der Entzündung be­ziehen sich somit:
a) Auf die Veränderungen im Kreislaufe, namentlich in den Capillaren des betroffenen Gefässbezirkes.
b| Auf den vermehrten Austritt von flüssigen und festweichen lilutbestandtheilen aus dein Blute in und zwischen die Gewebe (Exsudation) und auf die Aufnahme von Stoffen aus dem Gewebe in die Capillaren. Die Beschaffenheit des Exsudates bietet in den einzelnen Fällen mannigfache Verschiedenheiten und unterscheidet man demnach in der Hauptsache;
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ISntzündung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 13
1)nbsp; das seröse und serös-fibrinüse,
2)nbsp; das tibrinöse, croupöso und diphteritisehe,
3)nbsp; nbsp;das eiterige und eiterig tibrinöse, sowie
4)nbsp; nbsp;das hiiinorrbagisuhe Exsudat.
Alle diese Exsudate können wieder resorbirt werden oder ver-sdüedeneu Motamorpliosen unterliegen.
c) Auf die vermehrte Neubildung von Geweben in dem ent­zündeten Theile, sowie in der Rückbildung oder im Zerfall derselben. Bei der normalen entzündlichen Neubildung sehen wir die weissen Blutzellen die Spindelform annehmen, während die Intercellular-Substanz fester wird. So bildet sich ein Gewebe (Narbengewebe), welches allmiihlig immer mehr dem normalen faserig-sehnigen Binde­gewebe ähnlich wird.
Nicht immer gibt sich gleich im Anfange einer Entzündung das Bestreben der Bindegewebsneubildung kund; es kann nämlich auch ein Thcil des inflltrirten Gewebes von dem serösen und /.eiligen Exsudate erweicht und aufgelöst und dadurch Eiter gebildet werden. So lange derselbe von aussen und innen bedeckt, d. h. ringsum eingeschlossen ist, nennt man den Zustand einen „Abscessquot;'. Die Vorgänge bei der Eiterbildung sind in diesem Falle im Wesentlichen dieselben wie bei der Wundheilung per seoundam intentionem. Der gute Eiter hat eine gelblich-weisse oder grauliche Farbe und isl von rahmartiger Consistenz.
Bei Entzündungen der Schleimhäute und serösen Häute werden nicht selten faserstoffreiche Exsudate ausgeschieden, welche sich an der Oberfläche fraglicher Häute zu Strängen oder hautartigen Aus­breitungen organisiren (gerinnen). Man nennt solche Entzündungen „oroupösequot;.
Die Eitersecretion granulirender Flächen ohne Substanzver­minderung der Granulationsfläche ist so aufzulassen. dass fort­während eine grosse Masse von Eiterzellen, theils aus dem Granu-lationsgewebe, theils indirect aus den Gefässschlingen an die Oberfläche gelangt; ganz analog ist der Prozess bei der gesteigerten Secretion der Schleimhäute, beim Katarrh,
Hält bei Eiterbildung der Zerfall der Granulationen ihrer Neu­bildung das Gleichgewicht, oder herrscht ersterer vor. so nennt man den Vorgang „Verschwämngquot; und den vorhandenen Zustand ein „Geschwür (ulcus)quot;,
Entzündete Gewebe können auch brandig werden, d, h. absterben.
Der Brand wird entweder bedingt: durch Unterdrückung der Blutzufuhr, z. B. durch Yerschliessung oder Zerstörung der zu­führenden Gefftsse ohne collateralen Kreislauf, durch Druck resp, verhinderten Rücklluss und vollkommene Stauung des Oapillar-stromes (hypersthenisclie Entzündung),nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;oder durch Desorgani-
sation der Gewebselemente; Erschütterung, Zertrümmerung des Gewebes, Erfrieren, Aetzmittel etc.
Je nachdem der brandig gewordene Tlieil feucht oder trocken ist, spricht man von „feuchtemquot; oder „trockenem1' Brand,
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KntziiiiduiiK'.
Die Diagnose des eingetretenen Brandes ist bei tiefer gelegenen Körpertheilen meist recht schwierig. Und doch kann von der früh­zeitigen Erkennung ties eingetretenen Ereignisses viel, sogar das Leben des betreffenden Thieres abhängen. Wird nilmlich Brand­jauche in die (jefilssbahnnn aufgenommen. so erfolgt eine Blutver­giftung, an welcher die Patienten in der Kegel zu Grunde gehen, wenn nicht bei Zeiten die, Griftquelle beseitigt wird, bevor eine tödt-lich wirkende Menge, Brandjauohe resorbirt worden ist. Da die Aufnahme dieser fiebererregend wirkt, so muss man bei vorhandenen Entzündungen Temperatur und Puls stets genau controliren.
Bei Entzündung peripher gelegener Theile zeigen sich in Folge von Nekrose unter der äusseren Haut auf dieser häufig Brandblasen, oder unter derselben Lui'tgeschwülste, weshalb man auf derartige Vorgänge ebenfalls zu achten hat. In Folge von Wasserverlust kann ein feuchter nekrotischer Körpertheil nachträglich austrocknen und dadurch weniger scbildlich werden.
Während die durchfeuchteten brandigen Gewebe leichter wei­teren Zersetzungen unterliegen und Blutvergiftung herbeiführen, werden trockene brandige Theile, welche nicht abgestosseu und nach aussen entfernt werden können, eingekapselt, worauf sie allmählig schrumpfen, der Verfettung oder Verkalkung anheimfallen.
Der Ausgang einer Entzündung in Verwachsung benachbarter Theile kann bald nachtheilig, bald nützlich, ja sogar lebensrettend sein. So z. B. wenn bei Gewebszerfall in inneren Organen ein Durohbruch nach aussen erfolgt, nachdem die Oberfläche des be­treffenden Organes vorher mit der Leibeswand verwachsen ist. Wenig umfangreiche Verwachsungen der Eingeweide mit der Nach-barsohaft verursachen nieist keine wahniehinbaren Störungen.
Da Eiterbildung ein häufiger Ausgang der Entzündung ist, und die weiteren Veränderungen des Eiters für das betreffende Indivi­duum von grosser Bedeutung sind, so wollen wir die wesentlichsten Schicksale des Eiters hier noch kurz besprechen.
Die Eiterkörperchen können fettig entarten und demnach der Kiter ohne Nachtheil resorbirt werden. Manchmal aber entsteht in Folge von Eiterresorption ein fieberhaftes Allgemeinleiden, welches wir später als .Pyäniiequot; näher kennen lernen werden. Es scheint. dass frischer, noch völlig geruchloser Eiter gefährlicher ist. als älterer nicht zersetzter Eiter.
Ferner ist der Eiter häufig der Eindickuug, dor Verkäsung und demnach der Verkalkung unterworfen. Diese betrifft meistens nur kleinere Eiterherde und ist im Inneren des Körpers nieist ein willkoininener Vorgang. Auch die schleimige Metamorphose des Eifers ist in grossen und kleinen Eiterherden nicht selten und im Ganzen nicht unerwünscht.
Eine gel'ürchtete Veränderung des Eiters ist seine Verwesung. Es bildet sich hierbei ein Product, welches „Jauchequot; genannt wird. Diese wirkt ätzend auf die Kürpergewebe ein , mit denen sie in Berührung kommt.
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Entzündung,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 15
Auch die übrigon Entzündnngsproduote können mannigfachen Veränderungen unterliegen, auf die ich hier nicht näher eintreten kann; dieselben sind oft heilsam, manchmal aber auch nachtheiliff.
Der Verlauf der Entzündung ist bald acut. bald chronisch, die Prognose in den einzelnen Fällen sehr verschieden, so dass etwas allgemein Gültiges hierüber kaum gesagt werden kann. Die Dignitiit des betreffenden Organes, sowie die Ursache der Entzündung, der Grad und das Stadium resp. der Ausgang derselben sind hier von entscheidender Bedeutung.
Von besonderer Wichtigkeit ist die entzündliche (rewebsneu-bildung, welche namentlich im Bereiche seröser Häute häufig- ange­troffen wird. Am verbreitetsten tritt hier die Bindegewebsneubildung auf, welche in viel kürzerer Zeit zu Stande kommen kann, als viel­fach angenommen wird. Ich betone dies hier deshalb recht nach­drücklich, weil auf örund solcher Bindegewebsneubildungen häufig entzündliche Zustände für älter gehalten werden, als sie wirklich sind.
Die Behandlung der Entzündung ist verschieden, je nachdem dieselbe innere oder äussere Körpertheile betrifft. Die Therapie bei Entzündung innerer Organe wird am geeigneten Orte näher ange­geben werden. Ich beschränke mich deshalb an dieser Stelle auf eine kurze Darstellung derjenigen Mittel, welche bei Behandlung im Bereiche der Körperobertläche gelegene]- Gebilde am gebräuch­lichsten und nützlichsten sind. Hierhin gehören:
1) Die Kälte wirkt entztindungswidrig, indem sie Zusammen-ziehung der erschlafften (iefässmuskulatur hervorruft, wodurch eines-theils die Hyperämie, anderntheils das Eindringuni der entzündungs­erregenden Reize in die Gewebe und in die Gefässbahnen beschränkt, wenn nicht ganz beseitigt wird, Ihre Anwendung wird meist durch Kaltwasserbäder, durch Auflegen von Eisbeuteln, oder durch einen anhaltenden Strom von kaltem Wasser unter Benutzung- eines mit Gummischlauch versehenen Gelasses (Irrigator) vermittelt. Man darf Jedoch nicht unbeachtet lassen, dass die längere Einwirkung der Kälte auf entzündete Gewebe, welche von Natur arm an Blutgefässen sind, oder auf Gewebe, in welchen die (Jirculationsverhältnisse durch die nächste Entziuidungsursache (Quetschung mit theüweiser Gewebs-zertrümmerung) wesentlich beeinträchtigt worden sind, d. h. also auf Gewebe, die eine nur geringe Blutzufubr, folglich einen geringen Stoffwechsel besitzen, leicht die Circulation so wesentlich beein­trächtigen kann , dass in Folge dessen brandiges Absterben der entzündeten Theile eintritt. Es ist somit fleissiges Kühlen keines­wegs immer ein Mittel, um den Eintritt des Brandes zu verhüten, sondern es kann unter Uniständen gerade dadurch. dass zu lange oder zu energisch gekühlt wird, das brandige Absterben der ent­zündeten Theile verursacht werden.
In ähnlicher Weise wie die Kälte wirken alle zusammenziehenden Mittel, vegetabilische, wie mineralische. So z. B, wirkt eine Lösung
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1Qnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Entzündung.
von schwefelsaurem Zink (1 : 250 bis SOOTheilen destillivten Wassers) ganz vorzüglich Klt;'f4',:'11 katarrhalische Augenentzündungj Abkochungen von Eichenrinde , Bleiwusser und dergleichen dienen zum Waschen oder Einstellen entzündeter Körpertheile u. s. w. Ferner wirkt ein gleiohiullssiger Druck entzündungswidrig, indem die Hyperämie da­durch gewissermassen mechanisch beseitigt wird. Die Verbindung zweier solcher Mittel mit einander, wie dies /,. B. beim Gebrauche kalten Bleiwassers, oder beim Auflegen eines feuchten Rasens, der durch fortgesetzte Berieselung mit kaltem Wasser kühl erhalten werden muss, auf einen frischen Druckschaden (Satteldruck), leistet häufig vortreffliche Dienste.
2) Oertliche Blutentziehungen in Form von kleinen Einschnitten (Scarification) gewähren eine momentane Entlastung des hyperämi-schen Gewebes und dadurch zunächst Abnahme der Entzündungs­erscheinungen. Durch die entstandenen Verletzungen wird indess ein neuer Entzündungsreiz gesetzt, der in Folge Thrombirung der durchschnittenen Gefässe mit localen Circulationsstörungen sich combinirt. ausserdem werden durch die gemachten Schnitte neue Zutrittsorte für die Entzündungserreger in das betreffende Gewehe geschaffen, so dass dadurch der augenblicklich erreichte Vortheil theilweise oder ganz wieder verloren geht, indem nachträglich der Entzündungsprozess von Neuem zunimmt. Hierzu kommt noch der Umstand, dass die mit den Scarificationen in Zusammenhang stehenden kleineren oder grösseren Extravasate zerfallen und die Zerfallspro-duote resorbirt werden können.
#9632;'!) Möglichster Abschluss der entzündeten Gewebe vor dem Zutritt der atmosphärischen Luft oder besser gesagt: der in dieser enthaltenen Entzündungserreger. Ein solcher Abschluss wirkt offen­bar entzündungswidrig, was unter anderen auch aus der Thatsache erkannt werden kann , dass alle Verletzungen unter der Haut ver-hältnissmässig leichter und schneller heilen, als wenn nach Trennung dieser das verletzte Gewebe der atmosphärischen Luft zugänglich ist.
Die empfehlenswerthesten und gebräuchlichsten Mittel. welche diesem Zwecke dienen, sind folgende;
a) Die (leckenden Mittel, wie z. B. (Jollodium, fette Gele, ver­schiedene Verbandstoffe, namentlich Watte etc., welche vorher mit desinficirmulen Mitteln imprägnirt sein können.
Ii) Die desinficirenden Mittel, welche die auf und in die Gewebe gelangenden Entzündungserreger zerstören. In der Veterinärpraxis, in welcher die Anwendung haltbarer Verbände im Allgemeinen sehr beschränkt ist, können durch öfteres Befeuchten (Waschen oder Bespritzen) der Oberfläche entzündeter Gewebe mit Fhenylspiritus (1 : 10), den man durch Zusatz von Wasser mehr oder weniger verdünnt, sehr befriedigende Resultate erzielt werden. Da die Car-bolsäure in die Gewebe eindringt, so ist ihre desinficirende Wirkung eine im Allgemeinen ziemlich nachhaltige, so dass eine täglich drei­malige Anwendung derselben für fraglichen Zweck genügt. Man darf nicht aussei' Acht lassen, dass eine zu reichliche oder zu häutig
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raquo;
Fieber.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 17
wiederholte Anwendung derselben Anilt/.ung und Yergit'tungserschei-nungen, selbst den Tod zur Folge haben kann. weshalb es sich empfielilt, bei längerem Gebrauehe dieselbe stellenweise durch 8ali-cylsilure oder ein anderes Desintiuiens zu ersetzen.
#9632;i) Die feuchte Wärme ist namentlich da zu empfehlen, wo es um Wogsammaclmng der Gefäss- und Gewebsbahnen, sowie um Forderung von Schmelzungsvorgängen sich handelt, Sie verdient deshalb besonders dann angewandt zu werden, wenn eine zu er­wartende oder vorhandene Eiterbildung gefördert, oder ein vor­handenes Exsudat zertheilt, d. h. gelöst und resorbirt werden soll.
5) Ruhe gehört zu den wesentlichsten Bedingungen, um vor­handene (namentlich acute) Entzündungsprozesse zum Abschlüsse zu bringen; sie gehört somit zu den wichtigsten antiphlogistisohen Mitteln. Durch jede nachhaltige oder gar angestrengte Bewegung wird das entzündete Gewebe neu gereizt, wodurch die, Hyperämie, die quot;VVärmcproduction , die Exsudation etc. und durch diese, sowie durch verschiedene andere Momente der Entzündungsprozess nur unterhalten und gesteigert werden kann.
Fieber.
Krankheitsursachen. Das eigentliche Wesen, sowie die Aetio-logie des Fiebers sind noch nicht genügend erforscht. Wir wissen indess, dass es sich dabei um eine Blutvergiftung handelt. Es sind bereits verschiedene Stoffe genauer erkannt, deren, Aufnahme in das Blut Fiebererscheinungen verursacht und die man deshalb „fieber­erregende oder pyrogenequot; Substanzen nennt. Solche gelangen nicht selten von einer Wunde aus in die Gefässbahnen; die unverletzten Oberflächen der äusseren Haut, sowie der Schleimhäute, d. h. die Epidermis und das Schleimhaut-Epithel im intakten Zustande, ver­mögen sie meist nicht zu passiren.
Da im Verlaufe verschiedener äusserer und innerer Krankheiten dem Organismus fremdartige (deletäre) Producte gebildet werden können, welche fiebererregend (pyrogen) wirken, so treten zu manchen ursprünglich fieberlosen pathologischen Vorgängen später fieberhafte Störungen des Allgemeinbefindens hinzu. In früheren Zeiten hat mau die eigentlichen Fiebererscheinungen nicht streng genug von den Symptomen geschieden, welche der ursprünglichen Krankheit angehören und demnach eine grössere Anzahl von Fiebern unter­schieden. So spricht man noch heute von ,Wundfleberquot;, „Catarrhai-tieberquot;, von .rheumatischen'1, „typhösenquot; Fiebern u. s. \v.
Die dem Fieber wirklich angohörigen Symptome sind indess im Wesentlichen stets dieselben und zwar sind dies folgende:
Fiebererscheinungen und Diagnose. Das constanteate und
an, meisten charakteristische Symptom des Fiebers ist: Steigerung der allgemeinen Körperwärme. Die Diagnose des Fiebers ist dess-halb in vielen Fällen ohne Temperaturmessung nicht möglich. Die Vertheilung der Körperwärme ist jedoch bei Fieber in der Tiegel nütz, Oompendtiun der Thlerhollkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 2
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Fieber.
keine gleichmiissige, namentlich ist dieselbe au den peripheren KOrper-theilen, an Ohren und Beinen, sowie bei gehörnten Thieren an der Hornwur/el hilufig eine ungleichnüissige, nicht selten wechselnde.
Bei der Fieberdiagnose darf man nicht vergessen, dass die allgemeine Körperwärme, selbst bei ganz gesunden Thieren, nicht immer gleich ist, sondern von verschiedenen normalen Einwirkungen in gewissem Grade beeinüusst wird. So pflegt dieselbe während der Verdauung um 0,;in C. bis 0,4deg; C. zu steigen, während äussere Ab­kühlungen, sowie Kaltwasserklystiere, dieselbe herabsetzen ; weibliche und junge Individuen haben im Allgemeinen eine höhere Temperatur als männliche und ältere etc. Bewegung, die äussere Umgebung der Thiere, der Ernährungszustand derselben u. a. m. haben auf die Temperatur ebenfalls einen gewissen Einfluss. Besonders aber bedingt die zoologische Spezies eine Verschiedenheit in der allgemeinen Körperwärme des Individuums.
So beträgt die normale mittlere Blutwänne bekanntlich beim Pferde: 87,7deg; 0., „ Rinde! 38,2-88,9deg;0., ,, Schafe: 38,6—41,8deg; 0. (im Mittel -40,2), ,, Schweine und Hunde : ^iS,!)0 C, „ Kaninchen: :3iraquo;,40C., „ Geflügel; 42,2deg; C.
Schwankungen, welche bis 1deg; über und unter der mittleren Temperatur der Species Hegen, werden noch als normal angesehen, Ist aber die allgemeine Körperwärme mehr als 1deg; über die mittlere Körperwärme der Species gesteigert, so gilt dies als fieberhaft. Die Steigerung ist um so beachtenswerther rcsp. gefährlicher, je mehr sie über die Norm hinausgeht. Bei Pferden ist eine allgemeine Körperwärme von 42quot; C. sehr bedenklich. Im Allgemeinen kann man annehmen, dass eine Steigerung der allgemeinen Temperatur um 6laquo; über die mittlere Normalzahl von keiner Thierspecies auf längere Zeit ertragen wird. Versuche haben gelehrt, dass Thiere in warmem Wasser, wenn dasselbe ihre eigene allgemeine Körper­wärme auch nur um 1 — 2deg; C. übersteigt, nicht lange leben.
Die vorzüglichste Quelle der gesteigerten Körperwärme, resp. der Fieberhitze, ist die gesteigerte Verbrennung der Körpergewebc. Die schnelle Abmagerung fieberkranker Thiere ist keineswegs durch die meist vorhandenen Verdauungsstörungen allein, sondern ganz besonders durch den gesteigerten Verbrennungsprozess in den Ge­weben bedingt.
Die ungleichnüissige Vertheilung der Temperatur in den einzelnen, namentlich peripher gelegenen Körpertheilen kann bedingt sein:
1)nbsp; durch ungleiche Wärmeproduction und verschiedengradige (refässfüllung,
2)nbsp; durch verschieden gradige Abkühlung der betreffenden Theile. So ist es erklärlich, dass die am meisten peripher gelegenen End-theile der Gliedmassen, welche eine verhältnissmäs.sig grosse Ober-tlilche, dagegen einen geringen Stoffwechsel haben (da an denselben
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Fieber.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ] C)
vorzugsweise nur Sehnen und Knochen unter der Unsseren Haut, liegen), leichter und stärker sich abktthlen, als andere Körpertheile, welche bei verhilltnissrnilssig geringerer Oberfitlohe einen regeren Stoffwechsel besitzen.
In Folge von verbreiteten Oirculationsst'örungen in der ilusseren Haut können Frostsclmuder sich einstellen, wobei die allgemeine innere Körperwärme gesteigert ist. Später pflegt der Huiiipf sich /u erwärmen, während die Uliedmusspn kalt bleiben oder niigleich-inässig sich erwilrmen. (Trockene Hitze.)
Der Fieberi'rost kommt hei Thieren weniger häufig zur Wahr­nehmung als beim Menschen.
Nicht selten gehen Verminderung der Fresslust, Mattigkeit. ein niedergeschlagenes oder unruhiges Benehmen bereits als Vor­boten den übrigen Fiehererscheinungen voraus, andernfalls treten jene mit diesen auf, Der Durst ist meist vermehrt.
Eine weitere ziemlich constante Fiebererscheinung ist die ge­steigerte Pulsfrequenz, welche wahrscheinlich eine Folge des Ein­flusses der erhöhten Körper- resp. Blutwllrme auf die Herznerven ist. In der Regel steht die Steigerung der Pulsfrequenz zur Höhe der Temperatur in einem entsprechenden Verhältniss; jedoch ist dies keineswegs immer der Fall, weshalb der Puls ein wenig zuver­lässiges Mittel bietet um den Q-räd des Fiebers ZU bestimmen. Während des Froststadiunis ist der Puls klein und hart, die Respiration beschleunigt angestrengt und unvollständig, die Hautausdünstung unterdrückt, und die sichtbaren Schleimhäute meist blass. Später lässt der Kramplzustand der Muskeln und der (iefässe nach, die Haut wird dann häufig feucht, die Schleimhäute! t'iillen sich stärker mit Blut und erscheinen geschwellt, der Puls wird voller, erreicht aber in diesem Stadium eine noch höhere Frequenz, das Athmen wird freier, bleibt aber noch beschleunigt, die Abgesehlagenheit der Patienten lässt etwas nach, während die Mattigkeit und Hinfällig­keit derselben gewöhnlich zunächst eher zu- als abnehmen.
Die Thätigkeit der Secretions- (Ausscheidungs-) Organe (Harn-und Kothabsatz) ist während der Zunahme des Fiebers eine ver­minderte!, weshalb die Umsat/.producte der Körpergewebe sich bis zu einem gewissen tirade anhäufen. Wird endlich die Thätigkeit, dieser Organe eine regere, so werden die Stoffwechselproducte durch vermehrte Ausscheidungen aus dem Körper ausgeführt. Es wird dadurch erklärlich, dass die Patienten in der Regel mit dem Eintritt der Besserung, resp. mit dem Nachlassen des Fiebers, plötzlich stärker abmagern (zusammenfallen).
Verlauf und Prognose. Mit Eintritt einer reichlichen Harn­ausscheidung und Hantthätigkeit pflegt die Temperatur abzunehmen, die Thiere werden munterer, die Fresslust stellt sich wieder ein. der Puls nähert sich in Bezug auf Qualität und Quantität der Norm, der Durst mindert sich, die Temperatur vertheilt sich auf die äusseren Körpertheile wieder in mehr gleichmässiger Weise etc.
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20nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fieber.
Treten die Ersoheinungen des Ausgleiches, resp. der Abnahme, bei Fieber/nstiindeu deutlich ausgeprägt und mehr oder weniger plötzlich ein, so bezeichnet man diesen Vorgang als ., Krisisquot;. Eine solche kommt ZU Stande, wenn die krankmachende Potenz, die man hiluflg nicht nllher kennt; indess gewöhnlich schlechtweg als „pyrogene Substanzquot; bezeichnet, weder zu heftig noch zu anhaltend oder zu häufig wiederkehrend einwirkt und wenn nicht so erhebliche Er­nährungsstörungen in den Ausscheidungsorganen selbst sich ausge­bildet haben, dass ihre Leistungsiahigkeit dadurch zu sehr geschwächt und eine reichliche Ausscheidung der angehäuften Verbrennungs-produkte und pyrogenen Substanzen unmöglich geworden ist.
Nehmen die Fiebererscheiuungen weniger plötzlich und weniger autfallend ab, so bezeichnet man den Vorgang als „Lysisquot;.
Zeitweilige Steigerungen und Minderungen der Fiebererschei­uungen, wie sie in geringem oder stärkerem Grade bei allen fieber­haften Krankheiten vorzutommen pflegen, werden „Exacerbationen1-, resp. „Remissionenquot; genannt. Wenn derartige Schwankungen sich nur in geringem Grade bemerkbar machen, bezeichnet man das Fieber als „anhaltendesquot;, im anderen Falle als „nachlassendes oder remittirendesquot; („febris continuaquot; und „f. remittensquot;). Treten die erwähnten Schwankungen mit einer gewissen Regelnlässigkeit auf. so sagt man; das Fieber habe einen regelmässigen „Typusquot;. — Fieber, welche einen unregelmässigen Wechsel in den Erscheinungen bieten, werden „atypischequot; genannt. „Intermittirend oder aussetzendquot; nennt man ein Fieber, bei welchem alle Fiebererscheinungen eine Zeit lang ganz aussetzen und nach einer gewissen freien Zeit wieder­kehren. (Wechselfieber.) Die fieberfreie Zeit bezeichnet man als „Apyrexiequot;. Treten die Fieberanfälle stets nach gleich langer Zeit wieder auf, so ist der Typus ein „fixerquot; oder „beständigerquot; (typus fixus); ist hingegen die Zeit der Apyrexie verschieden lang, so ist der Typus ein ,wechselnder* (typus mobilis). Verkürzt sich in diesem Falle die fieberfreie Zeit, so heisst der Typus „vorsetzend* (typus anteponens), der, wie leicht erklärlich, in nicht langer Zeit in ein gewöhnliches remittirendes oder anhaltendes Fieber überführt.
Der Sectionsbefund ist je nach den das Fieber verursachenden und begleitenden Zuständen mannigfach verschieden. Der „nach­setzendequot; Typus (typus postponens) wird hingegen in der Regel bald zur Genesung führen, indem bei demselben die fieberfreie Zeit zwi­schen den Fieberan fällen immer länger und schliesslich permanent wird. Die intermittirenden oder Wechselfieber haben für die thier-ärztliche Praxis kein besonderes Interesse, da es fraglich ist, ob dieselben bei Thieren (von Hunden etwa abgesehen) überhaupt vor­kommen.
Prognose. Die Dauer, sowie die Vorhersage richtet sich nach den dem Fieber zu Grunde liegenden Ursachen und nach der Wider­standskraft des Patienten,
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Fieber,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 21
Behandlung und Vorbeuge. I5(;i Behandlung des Fiebers ist /.umichst auf eine passende Dittt zu halten. In erster Linie steht die Stillung des Durstes durch Verabreichung von gutem, reinem Wasser y.u beliebigem Genüsse. Es war ein grober Irrthum, fieber­kranken Menschen und Thieren (y.u deren Sehaden und Qual) die Aufnahme von gutem Trinkwasser /.n verbieten oder doch sehr ein-znschriinken, wie dies früher zu geschehen pflegte. Wegen der Gefahr einer möglichen Magenerktlltung darf das (letrilnk nicht zu killt, sondern muss stubenwarm resp. stallwarm sein, d. Ii. eine Temperatur von 8 -12''(i. haben. Da demselben bei längerem Stellen im Stalle möglicherweise Infeotionsstofife sich beimengen können, so erwärmt man dasselbe am besten durch Zusatz von heissem Wasser. Für rechtzeitige Erneuerung muss stets gesorgt werden.
Als Futter verabreiche man bei nicht ganz geschwundener Fress­lust in kleinen Portionen Nahrungsmittel, welche mehr Kohle­hydrate als Proteinkörper enthalten. Krippe und Kaufe halte man rein. Auch sorge man für Keinlichkeit, frische Luft und eine an­gemessene Temperatur (8 1200.) im Stalle; die Excremente müssen aus jedem Krankenstalle immer buhl fortgeschafft werden. Man sorge für eine reichliche, trockene und reinliche Streu; je höher dieselbe an den Beinen hinaufreicht, um so weniger werden die Gliedmassen sich abkühlen; noch wirksamer in dieser Beziehung sind Frottirungen, besonders nach vorausgegangenen Spirituosen Einrei­bungen, und nachhoriges Einwickeln mit wollenen Binden, Brust und Bauch, unter Umständen auch den Hals, schützt man durch Eindecken, wobei indess zu beachten ist, dass die Gurten nicht zu fest angezogen werden. Um die Thätigkeit der Haut noch mehr anzuregen, kann dieselbe über den ganzen Körper mit einem Reiz­mittel bespritzt und tüchtig froftirt werden, besonders im Umfange des Bauches, bevor die Decken aufgelegt werden. Eine sorgfältige Hautpflege (Putzen etc.) ist bei fieberkranken Thieren gewöhnlich sehr zu empfehlen.
Ist Verstopfung oder auch nur verzögerter Kofhabsatz vor­handen, so verabreiche man im Sommer geeignetes Grünfutter; Gras, Klee n. s. w. im Winter gehe man Möhren, Zuckerrüben, Schlempe und bei Schweinen saure Milch oder Molken; letztere Mittel passen hingegen für Schafe nicht.
Tritt Durchfall ein, so darf nur gutes Heu nebst massigen Quantitäten (Iberschlagenen Getränkes verabreicht werden. Prottirung und Warrnlialtnng des Bauches sind dann besonders zu empfehlen.
Reichen die diätetischen Mitte] zur Hebung einer vorhandenen Verstopfung oder Diarrhöe nicht aus, so wende man im ersteren Falle als Arzneimittel Glaubersalz mit Zusatz von Brechweinstein an. Klystiere von Seifenwasser fördern den Abgang des im Mastdarm vorhandenen Kotlies ; Kaltvvas.serklystiere setzen gleichzeitig die Tem­peratur herunter, namentlich wenn sie reichlich applicirt werden.
Gegen Durchfall ist Höllenstein (80 100 Centigr. bei Pferden und Rindern), nöthigenfalls ;1—4 Gaben in Zwischenzeiten von je 4—rlaquo;
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riebei
Stunden, mit je '/gt; bis ganzen Flasche destillirteu odtn- Regen- resp. Plusswassers meist recht wirksam; desgleichen Alaun oder Tanin in Liitwcrgeiitbnn. Besteht der Durchfall mit Mastdarmzwaug, so sind Stilrkemehlklystiere oft nüt/.liuh.
Bei hochgradigem Fieber resp. hei bedeutender Temperatur-Steigerung sind kalte Hegiessungen, namentlich Bouchen, der äusseren Haut am Plat/.e; dieselben müssen jedoch mit der nötlügen Vorsicht gemacht werden. Nach den möglichst schnell ausgeführten Be-giessungen oder Douchen werden die Thiere tüchtig abgerieben und danutch sorgfältig (ungedeckt. Statt derselben können auch in Wasser eingelegte und darnach ausgerungene Becken aufgelegt werden, welche durch entsprechendes Begiessen von ll* zu '/lt; oder [li zu V- Stunde eine Zeit lang feucht erhalten werden. Nach einigen Stunden nimmt man die Decken ab, f'rottirt die Thiere tüchtig mit Strohwischen oder steifen Haarbürsten und deckt sie dann mit trockenen Decken ein. Nach 3 -4 Stunden werden die nassen Ein-wickolungen wiederholt und in der angegebenen Weise abwechselnd den Tag über fortgefahren, am Abend und die Nacht hindurch werden die Patienten trocken eingedeckt.
Als eigentliche Fiebermittel stehen für die Veterinärpraxis in besonderem Rufe;
Digitalis. Aconit, Ohinill und bei matten Thieren der Campher, über deren Anwendung an geeigneter Stelle das Notlüge angegeben werden wird.
Von den ..kritischen Schweissen'', welche eine Minderung aller Fiebererscheinungen begleitet, sind die sogenannten „kalten Sohweisse* die meist auf ein sehr bedeutendes Allgeineinleiden und auf den nahe bevorstehenden Tod schliessen lassen, streng ZU unterscheiden. Die kalten Sohweisse sind die Folge einer erheblich gestörten Inner-vation der äusseren Haut und einer Lähmung ihrer Capillaren. Die kritischen Schweisse haben eine blutreinigende Bedeutung und setzen die Fieberhitze, sowie die Pulsfrequenz herunter; dabei wird der Arterienschlag freien-, mehr voll und weich, während derselbe bei kalten Schweissen klein und gespannt oder unfühlber zu sein pflegt.
Zuweilen zeigen die Patienten mit Eintritt der Krise eine Zeit lang Erscheinungen, welche beim Unkundigen leicht zu falschen Schlüssen über ihre Bedeutung führen. Dies ist namentlich der Fall, wenn die Thiere sich seit längerer Zeit zum ersten Male wieder ruhig niederlegen. Sie strecken dann zuweilen alle 4 Beine von sich und stossen eigentllümliche Töne aus, die als Ausdruck einer Verschlim­merung und grosser. Unbehagens, statt einer Besserung und des Wohl­behagens angesehen werden können. Der Sachverständige wird durch die ariderweiten kritischen Erscheinungen bald richtig orientirt sein.
Dass die von fieberhaften Krankheiten genesenden Thiere noch eine Zeit lang vorsichtig behandelt und gipflegt werden müssen, ist wohl selbstverständlich.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass (Yw liocalatfectionen bei Fieber eine entsprechende Beachtung erfordern, indem in manchen Fällen
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Parasitäre Kniiildieiton.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;28
bei einer passenden Behandlung dieser die Piebererscheinungen siuli von selbst verlieren (Wundfieber, Septioämie U. s. w.)
Das Nähere liierüber kiinn erst bei den betrett'enden Krank­heiten angegeben werden.
Nur in denjenigen Fällen, wo die Ursachen des Fiebers nicht nilher gekannt sind, oder nicht entfernt werden können, ist eine symptoniutische Kur indicirt, die selbstverständlich einer Radioalkur in der Regel nicht gleich kommt.
Specielle Krankheitslehre.
Allgemeine Gesundheitsstörungen. A. Parasitäre Krankheiten.
Die prrasitären Krankheiten werden durch lebende Organismen hervorgerufen, welche auf oder im Körper höher stehender Tbier-gattungen schmarotzen und dadurch krankheiterregend auf die betr. Individuen einwirken. Da diese Parasiten direct oder indirect von einem Individuen auf ein anderes übertragen werden können, so erlangen die hierhin gehörigen Krankheiten häufig eine grössere (seuchen artige) Ausbreitung.
Je nach der Natur der Krankheitserreger unterscheidet man eigentliche oder direct ansteckende Krankheiten oder Seuchen und nicht direct ansteckende oder Herde-Krankheiten. Zu letzteren ge­hören zum grössten Theile:
Die Krankheiten, welche durch thierische Parasiten verursacht werden (Invasionskrankheiten).
Man hat die Gesammtheit dieser Krankheiten mit dem Sammel­namen ,,Iiivasionskrankheitenquot; bezeichnet, /.um Unterschiede von den­jenigen Krankheiten, welche durch pflanzliche Parasiten verursacht werden und die man „Infectionskrankheitonquot; genannt hat. In neuerer Zeit ist gegen diese Bezeichnungen vom etymologischen Standpunkte aus in so fern protestirt worden, als das Eindringen der pflanzlichen Parasiten in den Körper unserer Hausthiere und des Menschen oben so wohl als eine Invasion angesprochen werden könne, wie das der thierischen Parasiten. Obgleich dieser Einspruch seine philologische Berechtigung hat, so kann uns dies doch nicht bestimmen, demselben für die thierilrztliche Praxis eine besondere Bedeutung beizulegen, da es in der Krankheitslehre und in allen Gebieten der Medioul eine Menge anderer Bezeichnungen gibt, welche in Bezug auf ihre sprachliche Ableitung mindestens eben so viel ZU wünschen übrig lassen. Im liebrigen hietot die Unterscheidung
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24nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schweinefiimon.
von Invasions- und Infecotions-Krankheiten in rein iltiologischem Sinne so viele Bequemlichkeiten und Erleichterungen für eine kurze Darstellung, ohne zu sachlichen Missverständnisson zu führen, dass wir dieselbe schon deshalb hier beibeluilten werden.
1. Die Fhmenkranklieit der Schweine.
Krankheitsursache. Diese Krankheit entsteht in Folge einer Aufnahme von gesohleohtsreifen Gliedern des Einsiedler-Bandwurmes (Taenia solium) vom Menschen. Dieser Parasit ist bewaffnet und erreicht eine Länge bis zu lt;J '/a m mit ca. 850 Gliedern und 80 bis 100 Proglottiden, welche 10-12 mm lang sind. Gelangen solche mit reifen Eiern durchsetzte Proglottiden dieser Taenia in den Magen eines Schweines, so werden die Bandwurmglieder verdaut, die Schalen ihrer Eier gelöst und dadurch die bis dahin einge­schlossenen Embryonen frei. Diese bohren sich mittelst besonderer hakenförmiger Vorsprtinge ihrer Körperoberüilche durch die AVilnde des Magens und Darmes hindurch, wandern nach verschiedenen Bich-tungen im Körper des betr. Schweines (ihres nunmehrigen neuen Wirthes oder Wohnthieres) weiter und verwandeln sich, vorzugsweise im Bindegewebe zwischen den Bewegungsmuskeln junger Schweine, in Blasen (resp. Blasenwürmer)) an deren jeder ein Kopf des Einsiedler-Bandwurmes sich zu entwickeln pflegt, der an seinem vorderen Pole bereits mit einem Hakenkranze bewaffnet ist. Es sind diese Blasen-würmer die sogenannten „Schweinenfinnenquot;, welche die Vorstufe des Einsiedler-Bandwurmes vom Menschen bilden und im aussrewaohsenen Zustande eine Grosse bis zum Umfange eines Kirschkerns besitzen, welche in ua.2'/i bis l!Monaten erreicht wird; alsdann sind sie befähigt, im Verdauungsapparate des Menschen sich weiter zu Einsiedler-Bandwürmern zu entwickeln. Ist die Einwanderung dieser Bandwurm­brut eine geringe, so entstehen bei den betr. Schweinen keine während des Lebens fraglicher Thiere wahrnehmbaren Gesundheitsstörungen : auch pflegen Schweine, welche über 6—9 Monate alt sind, gegen die schädlichen Polgen einer Einwanderung von Gliedern des Einsiedler-Bandwurmes überhaupt geschützt zu sein. Anders verhält sich dies bei Ferkeln unter (gt; bis 9 Monaten, bei welchen nach reichlicher Ein­wanderung fraglicher Brut im Verlaufe von mehreren Monaten folgende Erscheinungen auftreten.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Presslust und
Munterkeit nehmen ab und allmälig machen sich weitere Ernährungs­störungen bemerkbar; die Thiere magern ab, verlieren die Borsten. ihre Bewegungen werden schlafl', die sichtbaren Schleimhäute blass, es bilden sich äussere teigige Anschwellungen an verschiedenen Körperstellen (Kopf, Widerrist, resp. unter den Schulterblättern etc.). die Stimme wird oft schon im Beginn der Krankheit heiser, endlich treten lähmungsartige Erscheinungen, Durchfall und einige Zeil nachher der Tod ein. Diesem gehen Krämpfe, Anfälle von Tob­sucht oder anderweitige auffallende Störungen im Hewusstsein oder
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V
Schweinefinnen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;25
im Empfiiidiuigsleben nur dann voraus, wenn auch im Gehirne Finnen sich entwickelt haben. So auffallend diese Krankheits­erscheinungen schliesslich auch sind, so kann auf Grund derselben dennoch keine sichere Diagnose gestellt werden, da jene den so­genannten kachektisohen Krankheiten überhaupt zukommen. Eine sichere Diagnose der Finnenkrankheit ist nur dann möglich, wenn an irgend einer Stelle der Körperoberfiilche Finnen sichtbar werden. Dies ist am häufigsten im Maule unter der Zungenspitze, oder am Auge unter der Lidbindehaut der Fall, wo nicht selten eine oder mehrere Pinnen durch die Schleimhaut als bläuliche Bläschen duroh-schimmern. —
Verlauf und Prognose. Wenn eine so zahlreiche Entwicklung
von Finnen im Körper der Schweine stattgefunden hat, dass die geschilderten Krankheitserscheinungen sich zeigen, so verläuft die Krankheit meist nach langer Dauer schliesslich immer tötlich und ist somit die Prognose absolut ungünstig.
üb auch acut verlaufende Fälle von Infectioneu mit Einsiedler-Bandwurmbrut bei Schweinen im gewöhnlichen Leben vorkommen, ist fraglich. Künstlich können dieselben (mich Gerlach) durch Fütterung grosser Mengen von fragl. Bandwurmbrut bei jungen Ferkeln erzeugt werden, so dass der Tod dann die Folge der durch die Wanderung der jungen Bandwurmbrut bedingten Hei/.zuständc im Darmkanale und in anderen Organen ist.
Nur dann, wenn so wenig Finnen vorhanden sind, dass fragl. Krankheitserscheinungen nicht zum Ausdruck kommen, sind die betreffenden Thiere, je nach der Menge der vorhandenen Parasiten, noch mehr oder weniger mastfähig.
Sectionserscheinungen. Der Befund am Cadaver ist ver­schieden, je nachdem die finnigen Schweine ohne Krankheitserschei­nungen während des Lebens gezeigt zu haben, oder in Folge solcher Erscheinungen geschlachtet worden, oder gar an der Finnenkrank­heit gestorben sind. Ln ersteren Falle hat das Fleisch im All­gemeinen ein gesundes frisches Aussehen, nur dass in seinen Binde-gewebszügen an verschiedenen Körperstellen Finnen in geringerei' Anzahl eingebettet sind. Im anderen Falle ist das Fleisch blass. schmierig und wässerig, so wie reichlich mit Finnen besetzt; nicht selten findet man dann in einem Schweine mehrere tausend Finnen. Die Gründe, warum bei Schweinen nicht selten Finnen in so colos-saler Menge angetroffen werden, sind im Wesentlichen folgende: Das Schwein gibt einen besonders günstigen Nährboden ab für die Entwickelung fraglicher Parasiten. Sodann wird eine massenhafte Aufnahme von Brut des Einsiedlerbandwurmes beim Schweine da­durch in hohem Oracle begünstigt, dass dieses Thier mit Vorliebe Menschenkoth frisst und dass die Glieder des Einsiedlerbandwurmes selten einzeln , sondern meist zu 5- 8 Stück verbunden abgehen. In jedem reifen Qliede dieses Bandwurmes sind man etwa 5;!000 Eier enthalten und täglich werden durchschnittlich 5 bis 6 Proglottiden
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26nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Sohweineflnnen,
abgesetzt, .so class ein Eiiisiedler-Bandwiirm, selbst wenn man die Gesammtzahl seiner l'roglottiden jillirlicli nur ZU 750 Stück veran­schlagt, ca. 85 Millionen Eier producirt. Dieser entsetzlichen Frucht­barkeit gegenüber ist die Aufnalnne und Entwickelung der Band-wurmbrut glücklicherweise im Allgemeinen so vielen Zufälligkeiten unterworfen, dass dadurch die Vermehrung dieser Parasiten in gewissen Grenzen gehalten wird. Vorzugsweise sitzen die Schweinsfinnen in den Bindegewebszügen der Muskeln des Halses, der Schultern, der Brust und der Hinterschinken, sowie in den Muskeln der Zunge und des Kehlkopfes. Sie werden aber auch im Speck und in den verschiedensten Körperorganen, so z, B. in der Leber, in den Nieren, im Gehirn und Rückenmarke, im Herzen, im Auge, in der Milz etc. nicht so gan-z selten, wenngleich meist in geringerer Anzahl ge­funden. lt;
Behandlung und Vorbeuge. Da den Finnen an ihrem Wohn­orte nicht beizukommen ist, so kann von einer arzneilichen Behand­lung dieser Krankheit keine Rede sein. Sobald die Pinnenkrankheit bei einem Schweine festgestellt ist, liegt es im Interesse des Besitzers, dass das Thier so bald wie möglich getödtet wird.
Die Vorbeuge spielt somit hier, wie bei allen unheilbaren Krankheiten, eine hervorragende Rolle. Dieselbe hat die Aufgabe, namentlich junge Schweine unter !• Monaten gegen alle Gelegen­heiten zu schützen, die Brut des Einsiedlerbandwurmes aufnehmen zu können. Dies Ziel muss einerseits dadurch zu erreichen gesucht werden, dass die Ferkel von Orten fern gehalten werden, an welchen der Mensch seine Excremente entleert, andererseits dadurch, dass darauf hingewirkt wird, den Einsiedlerbandwurm des Menschen immer seltener zu machen. Dieses kann und muss zu erreichen gesucht werden durch rechtzeitige Bandwurmkuren und Vernichtung der abgetriebenen Parasiten durch Feuer, oder durch ein anderes radicales Zerstörungsmittel, sodann durch Vermeidung des Genusses von finnigem Schweinefleische in nicht genügend durchgekochtem Zustande. In Preussen gelten folgende hierauf bezügliche Vor­schriften (Ministerial-Erlass vom IG. Februar 1876):
1)nbsp; nbsp;Durch Ausschmelzen und Auskochen gewonnenes Fett von finnigen Schweinen darf unbedingt, das magere Fleisch aber nur dann zum Verkaufe, sowie zum häuslichen Verbrauche zugelassen werden, wenn dasselbe wenig Finnen enthält und unter polizeilicher Aufsicht nach vorherigen- Zerkleinerung vollständig gar gekocht ist.
2)nbsp; Gegen die Verwendung geeigneter Theile zur Bereitung von Seife und Leim, sowie gegen die freie Verwerthung der Haut und der Borsten, ebenso gegen die chemische Verarbeitung des ganzen Körpers finniger Schweine besteht in sanitätspolizeilicher Hinsicht kein Bedenken; diese Benutzungsweisen sind somit unbedingt zu gestatten.
8) In allen denjenigen Fällen, in welchen die Schweine in be­deutenderem Grade finnig befunden worden sind, innss von polizei-
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Hinclsfinncn.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 27
Hoher Seite dafüi' Sorgo getragen werden, dass die Cadaver, nachdem dieselben in zulässiger Weise ausgenutzt worden sind, sicher und unschädlich beseitigt werden,
Schliesslich sei noch erwähnt, dass Schweincfinnen auch bei Hunden. Rehen, Affen, Bären, Schafen, Ratten und Katzen an-getroffen worden sind. Wenn dieser Befund auch kein häufiger ist, so kann doch gelegentlich der Fall vorkommen, dass die Finnen bei fraglichen Thieren auffallende Gesundheitsstörungen verursachen. So ist •/.. B. beim Hunde beobachtet worden , dass durch die An­wesenheit einer grösseren Anzahl von Schweinefinnen im Gehirn wuthverdächtige Erscheinungen verursacht, worden sind. Beim Menschen sind mehrfach unheilbare und schwere Geistesstörungen durch die Ansiedelung von Schweinefinnen im Gehirn constatirt worden. Auch in verschiedenen anderen Körperorganen, namentlich aber im Herzen, in den Bindegewebs/.ügen verschiedener Muskeln, im Unterhautbindegewebe u. a. a. ü. hat man beim Menschen Schweine­finnen gefunden. In seltenen Fällen waren dieselben im Gehirn des Menschen zu umfangreichen , zuweilen vielfach gelappten und ver­zweigten Blasen ausgewachsen. Man hat diese Form der Schweine­finnen ,,Cysticercus racemosusquot; genannt,
Rindalinne. Beim Rindvieh kommt die Vorstufe eines anderen Bandwurmes des Menschen, nämlich die Rindsfinne vor, welche sich aus den Eiern der Taenia saginata des Menschen entwickelt. Dieser Bandwurm ist grosser und massiger als die Taenia solium. Der­selbe kann eine Länge von 7 bis 8 Meter mit ca. BiOO Gliedern, 150 200 Proglottiden erreichen. Am vorderen Pole ihres Kopfes der Taenia saginata sieht, man keinen Hakenkran/,. sondern nur 4 stark entwickelte Saugnäpfe, so dass dadurch die Rindsfinne von der Schweinefinne mikroskopisch sehr leicht unterschieden werden kann. Makroskopisch ist dies nicht immer möglich. Da die Pro­glottiden der Taenia saginata nicht in grüsserer Anzahl verbunden, sondern einzeln sich lösen und da hierbei schon im Darme des Menschen die Eier /um Tlieil aus dem bei der Trennung einreissen­den Gebärinutterraume austreten, so erklärt es sich leicht, warum die Aufnahme dieser Bandwurmbrut durch Rindvieh, das ja nicht, wie das Schwein, zu den Kothfressern (Koprophagen) gehört, ganz bedeutend spärlicher ZU erfolgen pflegt, so dass deshalb eine eigent­liche Pinnenkrankheit beim lebenden Rinde nie beobachtet worden ist. Da die Angaben über das äussere Ansehen der Rindsfinne von den verschiedenen Berichterstattern nicht übereinstimmen , so habe ich selbst einen bezüglichen Fütterungsversuch angestellt, den ich nachstehend kurz mittheilen will.
Am 10, Januar 1882 verfütterte ich an ein iM/a Monate altes Stierkalb l! reife Proglottiden von Taenia saginata, welche mit Eiern strotzend angefüllt waren. Am 17. April 1882, also 07 Tage nach der Fütterung, wurde fragliches Kalb geschlachtet, ohne dass sich vorher irgend welche auffallende Krankheitserscheinungen bei
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28nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Drehkrankheit.
demisulbeu gezeigt luitten. Die gewöhnliehe Section würde selbst in diesem Falle kaum zur Entdeckung der vorhandenen Finnen gefUhl't haben. Denn weder fanden sich solche in den Hauptzügen des internmsculären Bindegewebes, noch sonstwo im Fettgewebe, als nur in einem kleinen Abschnitte des Grimmdarmgekröses, in welchem bei genauer Untersuchung nahe an der Darmwand 11 Finnen im Kette gefunden wurden. Bei der genaueren Untersuchung sämmt-licher Muskeln, welche alle ZU kleinen würfelförmigen Stückchen /erschnitten wurden , fanden sich zwischen den Fasern des Muskel­gewebes, zum Theil so oberfläohlioh gelegen, dass man sie bei ge­nauer Betrachtung durchschimmern sah, zum grösseren Theile jedoch waren sie tiefer in das MuskelHeisch eingebettet. Ich sah sie nirgends in grösserer Anzahl nahe beisammen , sondern allerorts vereinzelt und nur selten lagen 2 einander naher. Die (irösse, Form und Consistent der einzelnen Exemplare war verschieden. Die ineisten waren spindelförmig, einem Gurkenkerne ilhnlich; einzelne waren betrilchtlich grosser (fast so gross wie eine Haselnuss) und mehr eiförmig oder kugelig, Der Finnensack war meist fest und hart. bei den grösseren Exemplaren aber dünnwandig, so dass der Scolex deutlich durchschimmerte. Im ganzen Cadaver wurden nach sorg­fältiger Zerkleinerung und Durchsuchung sämintlicher Fleisch-theile etc. 82 gut ausgebildete, verschieden grosso und verschieden consistente Finnen gefunden. Es müssen demnach eine sehr grosse Anzahl der einverleibten Bandwurmeier zu Grunde gegangen sein, obgleich die betreifenden Proglottiden von einer Tags vorher abge­triebenen mir sofort überbrachten Taenia saginata herrührten. Am reichlichsten, somit am dichtesten beisammen, fanden sich die Finnen in den Muskeln des Kehlkopfes und der Zunge,
Da die Rindsfinne in unsern Schilchtereien sehr selten entdeckt wird, so liegt die Vorbeuge grossentheils in der Hand der Aer/.te, welche die Bandwurmkuren bei Menschen möglichst genau zu über­wachen und alle abgegangenen Bandwürmer oder Bruchstücke der­selben unschädlich zu machen haben. Im September 1884 wurde auf dem Schlachtviehhofe zu Berlin ein jungen' Stier geschlachtet, dessen Fleisch sich nach dem Zerlegen reich mit Finnen durchsetzt fand; es ist dies der einzige mir bisher bekannte derartige Fall,
Die Drehkrankheit des Schafes, Rindes (und Pferdes).
Krankheitsursache. Im Dünndärme des Hundes, Fuchses, Wolfes und Marders kommt unter anderen Bandwürmern auch der „Quesenbandwurm (Taenia Ooenurus)quot; vor. aus dessen Eiern sich die „Hirnquese (Coenurus cerehralis)quot; bei Schafen und Kindern, selten auch bei Pferden entwickelt. Dieser Bandwurm wird 400mm, ausnahmsweise bis gegen 1 m lang. Der Scolex ist bewaffnet, birnförmig und klein, etwa 45)11111 breit. Gelangt die Brut dieses Bandwurmes in den Magen eines geeigneten Wirthes. so wandern
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Drehkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 20
dio durch Lösung der Eischalen befreiten Embryonen in ver-suhiodenen Richtungen in die Kövpergewebe ein, indem sie zum Thcil in Blutgefässe einbrechen. J.)ie mich dem Gehirn (oder llückennuirke) gelangenden Embryonen entwickeln sich allinälig zu grösseren Blasenwürmern, welche ,.Quesenquot; genannt werden. Diese unterscheiden sich von den Finnen wesentlich dadurch, dass die Blasen jener bedeutend grosser werden und stets mit vielen (bis 7.u 200) Bandwurmköpfen besetzt sind, während jede Pinnenblase nur einen Bandwurmkopf besitzt.
Krankheitserscheinungen und Diagnose, [n manchen Ge­genden ist die Drehkrankheit eine wahre Landplage, während sie in anderen Gegenden gar nicht vorkommt. Wo sie heimisch ist, da sind nasse Weiden vorzugsweise gefährlich, weil hier ja die Be­dingungen für die Erhaltung und Lebensfähigkeit der Bandwurm­eier günstiger sind, wie auf trockenen Weiden. Eine Infection kann aber möglicherweise auch dadurch zu Stande kommen, dass das den Schafen (und anderen empfänglichen Thioren) im Stalle verabreichte Futter mit Brut des Quesenbandvvurmes verunreinigt ist, was ja unter arideren auch dadurch geschehen kann , dass dio mit frag). Bandwurme behafteten Hunde ihren Koth auf dasselbe absetzten,
Die ersten Symptome der Drehkrankheit der Schafe pflegen im Spätsommer oder im Herbste aufzutreten, können aber auch in den Frühsommer fallen. Sie bestehen in Trägheit, Mattigkeit, abnormer Haltung des Kopfes, der entweder gesenkt oder seitwärts gebogen, auch wohl aufwärts gestreckt oder seitwärts gekrümmt getragen wird. Die Augen sind höher geröthet, der Schädel vermehrt warm, der Puls beschleunigt. Der Grad dieser Erscheinungen ist von der Menge der in das Gehirn gelangten Bandwurm-Embryonen abhängig. Xicht selten treten auch schon in diesem Stadium der Krankheit Drehbewegungen ein, wobei die Patienten einen verschieden grossen Kreis beschreiben. Manchmal sind die Thiere nicht im Stande, sich auf den Beinen zu erhalten ; sie stolpern häutig und fallen nieder. Die Störungen im Bereiche des Bewusstseins sind bald mehr, bald weniger auffallend, zuweilen stellen sich Erscheinungen von Gehirnkrämpfen ein, nämlich Zähneknirschen, Verbiegen des Halses, Schiefstellung der Augäpfel, sowie Muskelzuckungen an verschiedenen Körperstellen.
Bei massenhafter Einwanderung von Tänienbrut in das Gebini können die Patienten bereits in diesem Stadium der Krankheit an den Folgen einer Entzündung des Gehirns und seiner Häute zu Grunde gehen. In der Regel aber tritt nach 8 bis lOtägiger Dauer der Krankheit ein Verschwinden der Symptome ein, so dass der Nichtkenner glaubt, der Zustand sei wirklich glücklich überwunden. Nach -3 bis (i Monaten kommen aber die Krankheitserscheinungen neuerdings zum Ausbruch und nur in einem unter 50 Fällen etwa ist die Tänienbrut im Gehirn wirklich zu Grunde gegangen. Es stellen sich neuerdings Trübungen des Bewusstseins und in den willkürlichen Bewemim'eii ein. Die drehkranken Schafe bleiben
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30nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Drehkrankheit,
hinter lt;ler Heerde zurück oder folgen derselben gar nicht mehr. Der Kopf wird in der einen oder anderen Weise wieder abnorm gehalten . wobei die Patienten oft eine mehr oder weniger grosse Dewusstlosigkeit bekunden, Sie rennen zuweilen mit dem Kopfe gegen Wände und nndere Hindernisse, an denen sie sich manchnuil hinschieben. Ihr Blick ist stier, das Auge glotzend, die Fresslust gestört oder ganz unterdrückt; die Mattigkeit und Hinfälligkeit nimmt immer mehr zu, wobei auch die Bewegungen unregelmässiger werden. Je nach den hierbei hervortretenden Verschiedenheiten in der Art der Bewegungsanomalien hat man folgende Unterschei-
1 nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;düngen gemacht:
a) Dreher nennt man diejenigen Patienten, welche nach einer Seite im Kreise sich bewegen.
b)nbsp; nbsp;Traber werden die drehkranken Schafe genannt, welche mit tiefgesenktem Kopfe nach vorwärts und gradaus laufen, wobei sie die (lliedmassen in auffallender Weise hochheben.
c)nbsp; nbsp;Taumler, Schwindler oder Seitlinge heissen solche Schafe, welche eine so grosse Unsicherheit auf den Beinen bekunden, dass sie das Gleichgewicht verlieren, taumeln oder gar zu Boden fallen.
I
d)nbsp; nbsp;Segler werden endlich solche Patienten genannt, welche
mit hochgehobenem, oder gar mit etwas nach hinten zurückge­worfenem Kopfe nach vorwärts drängen , wobei sie hilufig stolpern und zu Boden fallen, oder nach rückwärts überschlagen.
e)nbsp; nbsp;Kreuzdreher. Zuweilen kommt die Quese im Bücken-marke zur Entwicklung, welche meist in der Lendenpartie desselben ihren Sitz hat. [n Folge dessen tritt zunächst unbedeutende Lähmung einer Hintergliedmasse, oder von vornherein Kreuzschwäche auf: in letzterem Falle schwanken die Thiere mit dem ganzen Hintertheile. Hebt man dieselben etwas in die Höhe und lässt sie auf den Boden niederfallen , so brechen sie zusammen , wobei sie zunächst mit dem Hintertheile den Boden berühren. Die Schwäche im Kreuze, resp. das Schwanken mit dem Hintertheile, nimmt immer mehr zu , so dass die Patienten bald nach rechts, bald nach links umzufallen drohen. Zuweilen werden die Hinterbeine bei der Be­wegung in ähnlicher Weist; hochgehoben wie beim Hahnentritt der Pferde und beim Vorwärtsschreiten fast immer weit nach vorn unter den Leib geschoben, wobei die Thiere häufig stolpern und hinfallen, (regen Druck auf das Kreuz sind die Patienten so empfindlich, dass sie dadurch leicht zusammengeknickt werden können. Sie folgen der Heerde nur langsam oder gar nicht; letzteres ist natürlich stets der Fall, wenn die Schwäche im Kreuze bis zur Lähmung sich ge­steigert hat.
Mit der Drehkrankheit können möglicherweise ändert; Krank­heiten, bei welchen Erscheinungen einer Gehirnreizung vorkommen, verwechselt werden, so z. B, die Schleuderkrankheit der Schafe (s. diese), bei welcher die in den Lufthöhlen des Kopfes vorhandenen Bremsenlarven indirect oder bei Durchbruch (in Folge von Knochen­schwund) in die Schiidelhöhle, direct Gehirnreizung verursachen.
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Drehkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 31
Ebenso können Zahnkriinkheiten, oder der Ziihndurclibruch und Zahnvvechsel indirect solche klinischen Erscheinungen verursachen. Solche Pillle treten aber stets mehr vereinzelt auf, so class der sach­verständige Beobachter sehr bald im Klaren sein wird.
Die klinischen Krankheits-Erscheinungen der Drehkrankheit sind demnach im Ganzen so characteristisch, dass aus dem Erkranken mehrerer Schafe nach einander unter fraglichen Symptomen die Diag­nose mit einer fast absoluten Sicherheit gestellt werden kann. Ja man kann sogar in manchen Fällen aus dem vorhandenen Krank­heitsbilde auf den Sitz der Gehirnquese einen Wahrseheinlichkeits-schluss sich erlauben. Beim Dreher nimmt man an , dass die Conurusblase an der Oberfläche der betreffenden Halbkugel des Ge­hirns sitzt, welche dein Centrum des von den Patienten beschriebenen Kreises zugewendet ist; sie kann aber auch auf der entgegengesetzten Seite am Boden des Gehirns sitzen. Wenn zwei oder mehr Gehirn-quesen vorhanden sind, die auf beide Halbkugeln des Gehirns sich vertheilen, so sollen die kranken Schafe abwechselnd bald rechts, bald links drehen.
Bei Trabern soll der Blasenwurm im vorderen Lappen einer Halbkugel des Grosshirns liegen , oder so tief sitzen, dass ein Streifenhügel gedrückt wird.
Bei Taumlern, Schwindlern und Seitlingen soll der Parasit im kleinen Gehirn oder im hinteren Lappen des Grosshirns sitzen, wenn die Patienten gewöhnlich auf die nämliche Seite fallen und eine kurze Zeit auf derselben liegen bleiben. Fallen dieselben häutig, zeigen sie ferner Krämpfe, Sohauinkauen und Zähnoknirschen , so soll der Blasenwunn einen Druck auf die Schenkel des Grosshirns ausüben; derselbe soll an der Basis des kleinen Gehirns, oder an der Varolsbrücke und am verlängerten Mark sitzen, wenn der Patient sich um die Längsaxe seines Körpers wälzt.
Bei Seglern sollen eine oder mehrere Quesen am hinteren Ende des Qrosshirns, oder zwischen diesem und dem kleinen Gehirn sitzen; die Blase kann aber auch eine solche Grosse erlangt haben, dass sowohl die Streifenhügel, als das hintere Ende des Grosshirns ge­drückt wird. Der praetische Werth dieser Angaben ist gering.
Das Verdrehen der Augen, sowie Erscheinungen, welche auf ein gestörtes Sehvermögen sohliessen lassen, sind Folgen von Druck auf die Vierhügel des Grosshirns.
Combimitionen der angegebenen Bewegungsanomalien lassen die Anwesenheit mehrerer Quesen von ungewöhnlicher Grosse im Gehirn des Patienten vermuthen, Sicher ist der Sitz des Parasiten nur dann während des Lebens festzustellen, wenn derselbe an der Ober­fläche des Qrosshirns liegt und das knöcherne Schädeldach zum Schwinden gebracht hat, so dass man mit dem Finger an der be­treffenden Stelle eine weiche, nachgiebige Stelle fühlt, deren Com­pression Krämpfe, Verdrehen der Augen, Schlagen mit den Beinen u. s. w. zur Poltre hat.
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ggnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Drehkrankheit.
Verlauf und Prognose, ()bgleioh die Fresslust der Kreu/.dreher meist ungestört fortbesteht, so treten dennoch im Laufe der Krank­heit Abmagerung und Bleichsucht ein; die Schwäche nimmt immer mehr zu, endlich stellen sich Kreu/.liilime und Fieber ein, worauf endlich nach Monate langem Leiden der Patient stirbt. — Wo die Qüese in der Ein- oder Mehrzahl im Gehirn sitzt, da püegt der tödtliehe Ausgang der Krankheit etwas früher, nämlich vier bis sechs Wochen nach Eintritt des zweiten Stadiums sich einzustellen, und /.war entweder die Folge von Clehirnlähmung, oder von Ali-zehrung und Erschöpfung zu sein. (lehirnquesen können indess bei günstiger Lage operativ beseitigt und dadurch Heilung der Krank­heit erzielt werden. Gleichwohl ist die Prognose der Drehkrankheit der Schafe im Allgemeinen ungünstig, da durch die Operation im allerbesten Falle etwa 30 Procent der Patienten durchschnittlich gerettet werden können, während alle drehkranken Schafe sich selbst überlassen zu Grunde gehen.
Sectionserscheinungen, Wohnt der Parasit im Gehirn, so sind die Leichenerscheinungen verschieden, je nachdem der Tod in Folge des ersten oder des zweiten Stadiums der Krankheit eingetreten ist.
a)nbsp; nbsp;Seotionsbefund nach dem ersten Stadium der Ge­hirn krankho it; Neben den Erscheinungen der Entzündung des Gehirns und seiner Häute (s. diese) findet man unter der weichen Hirnhaut hirsekorn- bis kaum erbsengrosse Bläschen in grösserer Anzahl, so wie längere mit gelbem Exsudat belegte Gänge in der Hirnsubstanz, welche den Weg anzeigen, den die Bandwurmembryonen zurückgelegt haben. An der harten Hirnhaut findet man zuweilen gelbe Knötchen, welche von abgestorbener Bandwurmbrut herrühren.
b)nbsp; nbsp; Der Seotionsbefund aus oder nach dem zweiten Stadium der Gehirnkrankheit ist folgender: [m Gehirn findet man eine oder mehrere (lehirnquesen von der Grosse einer Nuss bis zu der eines Hühnereies. Bei oberflächlicher Lage der Blase in den Halbkugeln des (irosshirns ist die knöcherne Scluldeldecke in verschiedenem Grade geschwunden , so dass sie an der betreffenden Stelle oft nur noch papierdiok, oder vollständig resorbirt ist. In verschiedenen anderen Organen, besonders im Herzen, in der Leber. in den Nieren, in der Milz, im Gekröse, in den Muskeln und im Bindegewebe findet man mehr oder weniger zahlreiche. weisse (tuberkelälinliche) Körperchen von 2 bis höchstens 6 mm, welche von untergegangenen verirrten Bandwurmembryonen herrühren. Im Unterhautbiiulegewebe werden auch vollständig entwickelte, lebens­fähige Quesen zuweilen angetroffen.
c)nbsp; Bei Kreuzdrehern können die eben geschilderten Befunde ebenfalls angetroffen werden; immer aber findet man eine entwickelte Cönurnsblase, zuweilen mehrere, im Bückenmarke und zwar am häufigsten in der Lendenpartie desselben; die Quese hat entsprechend dem Wirbelcanale eine längliche Form und in ihrer Nachbarschaft die Nervensubstanz zum Tneil verdrtlngt,
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Drehkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 33
Behandlung und Vorbeuge. Jede Verabreichung von Arznei­mitteln an drehkranke Schafe ist eine unsinnige Verschwendung an Geld, Mühe und Zeit. Wenn nun auch auf operativem Wege in manchen Pallen im zweiten Stadium der Krankheit Heilung erzielt werden kann. so bleibt es doch fraglich, was in dem gegebenen Falle rathsamer erscheint, die infioirten Schafe während des ersten Stadiums oder einige Zeit nach demselben in möglichst erreichbarem angeniästetem Zustande zu schlachten, - oder erst das zweite Stadium abzuwarten und die Trepanation zu versuchen. Im AU-geineiuen dürfte ersteres den ökonomischen Interessen mehr ent­sprechen, als letzteres. Bei besonders werthvollen Zuchtthieren kann es allerdings rathsam erscheinen, die Trepanation zu ver­suchen. Soll diese vorgenommen werden, so muss man immer das zweite Stadium der Krankheit abwarten und sich vor allen Dingen über den Sitz der CTehirnquese möglichst genau zu infor-miren suchen. Sicherer als die angegebenen Bewegungsanomalien leiten uns hierbei die Palpation und Percussion des Schädeldaches. Ist an diesem eine weiche Stelle vorhanden, deren Brück das Thier beunruhigt, oder betäubt, so kann man mit ziemlicher Ge-wissheit annehmen, class die Quese an der betreffenden Stelle gelagert ist. Findet sich eine derartige Stelle am Schädeldache nicht, so muss man durch leichtes Anklopfen an die verschiedensten Punkte der Peripherie dos Schädeldaches mittelst der hölzernen Trepankrücke. oder eines anderen geeigneten Instrumentes, also durch Percussion des Schädels, den Sitz der (lehirnquese zu ermitteln suchen. Wird die Stelle des Schädeldaches, unter welcher der Coenurus oberflächlich sitzt, leicht erschüttert, so zuckt das be­treffende Thier merklich zusammen. Ergibt diese Untersuchung kein positives Ergebniss, so wird es selbst dem besten Kenner der Dreh­krankheit nicht selten passlren , dass er die richtige Stelle verfehlt und zum zweiten oder dritten Male den Trepan an einer anderen Stelle des Schädeldaches ansetzt und vielleicht dennoch nicht zum Ziele kommt. Der Parasit kann wider Erwarten in einem Gehirn-absohnitte (am Basilartheile der Grosshirnhemisphären, im Bereiche des kleinen Gehirns u. s. w.) sitzen, wo demselben nicht beizukommen ist, ohne den Untergang seines Wirthes durch die Operation zu bedingen. Hierin sowohl, wie auch in dem häufigen Vorkommen mehrerer Blasenwürmer im Gehirn desselben Patienten, die oft weit von einander entfernt ihren Sitz haben, ist eine grosse Unsicherheit des Trepanationserfolges begründet.
Die Operation selbst ist leicht ausführbar, darf aber nicht an allen Punkten des Schädeldaches vorgenommen werden. Vor allen Dingen ist die Körpermittellinie zu meiden, weil zwischen den beiden Halbkugeln des (irosshirns dessen Längenblutleiter verlaufen; Ver­letzungen dieser, sowie auch der Hirnhäute mit der Trepankrone müssen möglichst vermieden werden, denn jede Blutung aus Gehirn­gelassen wird leicht gefährlich, selbst wenn dieselbe auch nur un­bedeutend zu sein scheint.
Pütz, Oompondlam tlor ThloFhollknnde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;:j
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;j4nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Drehkrankheit.
Die Operation selbst wird in folgender Weise ausgeführt: Nach­dem Patient auf einen geeigneten Tisch gelegt und gebunden ist, wird seitlich der Medianlinie des Hirnsohädels und bei gehörnten Thieven hinter den Hörnern (bei ungehörnten hinter den kleinen Heulen der Stirnbeine) dort, wo trepanirt werden soll, /unilchst die Wolle, im Umfange von ca. 9 Quadratcentimeter, kurz abge­schoren , die Haut dieser Stelle rein abgewaschen und demnach mit 5prooentiger Oarbolsäurelösung desinficirt. Alsdann mache man einen einfachen Lapponschnitt (in einer der nebenstehenden Formen /\ , T oder ), löse die Hautlappen von ihrer Unterlage, prilpariri' das Unterhautbindegewebe weg und befreie die Schildeldeeke an der Operationsstelle mittelst eines Knochenschabers vom Periost. Die Trepankrone soll etwa 1 cm Durchmesser haben: dieselbe darf nichl tiefer eindringen, als die Knochenschale reicht, damit jede Ver­letzung der Gehirnhäute und des Gehirns vermieden werde.
Wird durch die Entfernung des ausgesägten Knochenstüukes die Quese freigelegt, so muss dieselbe vollständig aus dem Gehirn entfernt werden. Die Extraction einer zum Theil blossgelegten gros-sen Oönurusblase kann dadurch wesentlich erleichtert werden, dass man dieselbe mittelst eines feinen Hakens oder eines durchgezogenen Fadens in der Trepanationsöffnung fixirt, ohne dieselbe zu zerreissen: dann senkt man die Hohlnadel einer Pravaz'schen Spritze durch die zarte Membran der Oönurusblase ein und saugt den flüssigen Inhalt so weit auf, dass die Blase ohne abzureissen bequem durch die Trepanationsött'nung herausgezogen werden kann. Demnach wird die Wunde gereinigt, was stets mit möglichster Schonung geschehen muss, der Hautlappen über jene gedeckt, und entweder mittelst einzelner Hefte von vollständig antiseptischem Catgut oder frisch desinficirtem Silberdraht oder lieber gar nicht geheftet und schliesslich mit dickem Terpentin oder Oollodiura luftdicht verschlossen.
Ein anderes Operationsverfahren hat Zeden angegeben. Zu demselben bedarf man ausser Scheere etc. eines Troicarts, mit beson­ders eingerichteter Hülse. Letztere besitzt in einiger Entfernung von ihrem unteren, sowie an ihrem oberen Ende je eine kreisförmige Metallscheibe, deren untere die Grenze fixirt. bis zu welcher das Instrument durch das Schädeldach eindringen darf, während die obere Scheibe der bequemeren Handhabung des Instrumentes dient. Dieser Troicart soll nach Bedtirfniss an verschiedenen Stellen des Schädeldaches durch dieses hindurch in die Gehirnqueso eingetrieben werden. Hat man letztere getroffen, so fliesst nach Entfernung des Stilets das Serum des Blasenwurmes durch die Tvoicarthülse aus. In die obere Oeffnung dieser führt man behufs gründlicher Ent­leerung der Schwanzblase eine Spritze mit, recht langer und schmaler Spitze ein und saugt so die Flüssigkeit möglichst rein aus. Demnach wird die Troicarthülse entfernt, die Spitze der Saugspritze direct in die kleine Oeffnung im Schädeldache eingeführt und die Oönurusblase selbst, aspiril't, mit einer feinen Pincette erfasst und vorsichtigextrahirt.
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Drehkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;;}r)
Als Curiosum sei noch erwllhnt, dass früher die Durchsudiuno-des (Teliirns drehkranker Scliaf'e mittelst eines langen Troicarts. der von der Nasenhöhle aus durch das Siebbein hindurch in das Gehirn eingeffthl't wurde, empfohlen worden ist.
Der Patient muss demnach in einem geeigneten Stalle isolirt und gegen jede Beunruhigung geschützt werden; eine Nachbehand­lung, z. B. kalte Aufschläge oder anderweitige Medicationen, unter­lasse man gän/.lich. Bei glücklichem Verlaufe der Operation muss bereits nach 24 bis ;i() Stunden eine wesentliche Besserung sich be­merkbar machen; wo dies bis spätestens zum (i. Tage nach der Operation nicht der Fall ist, da säume man nicht länger, das Thiel' zu tödten und so gut wie möglich und zulässig zu verwerthen.
Vorbeuge. Wichtiger als jede curative Behandlung der Dreh­krankheit ist die Vorbeuge. Im ökonomischen Interesse des Vieh-besitzers liegt es in der Regel, die Ausbreitung einer .stattgefundenen Infection mit Cönurusbrut möglichst frühzeitig und möglichst genau zu ermitteln, was indess vor dem offenbaren Ausbruche des ersten Stadiums der Krankheit nicht möglich ist. Alle Schafe, welche Erscheinungen der Drehkrankheit selbst in nur geringem Grade zeigen, werden (mit etwaiger Ausnahme werthvoller Zuchtthiere) am besten sofort für die Schlachtbank vorbereitet und an diese vor dem Ausbruche des zweiten Krankheitsstadiums abgeliefert. Da­durch wird man in der Hegel einem grösseren Verluste durch die Krankheit vorbeugen.
Um die Gefahr einer Infection der Schafheerden mit Ouosen-bandwunnbrut abzuwenden oder zu vermindern, sorge man in erster Linie für Bandwurmkuren der Hunde, sowie für Vernichtung aller (Jönurushlasen und Quesenbandwürmer. deren wir habhaft werden können. Fernhaltung aller Lämmer von verdächtigen Weiden würde jedenfalls die Ausbreitung der Krankheit in der betreffenden lieerde sehr beschränken, da ja ältere Schafe in weit geringerem Jlaasse die Entwicklung der Quesenbandwurmbrut in ihrem Körper begünstigen, als Lämmer und Jährlinge. Die Gefahr wird aber meist erst nach Aufnahme der Bandwurmbrut erkannt.
Die Drehkrankheit des Rindes.
Krankheitsursache. Die Brut des Quesenbandwuimes ent­wickelt sich auch manchmal im Gehirn und Hückenmarke des Rindes und ist sogar bei 4 bis (i Jahre altem Rindvieh die Drehkrankheit ziemlich oft beobachtet worden.
Die Krankheitserscheinungen sind beim Rinde ähnlich, wie beim Schüfe. Trägheit, Abnahme der Fresslust und abnorme Haltung des Kopfes sind die ersten auffallenden Symptome, (iewöhnlich wird der Kopf luicli links oder rechts, oder nach oben gehalten und im letzteren Falle in schnell aufeinander folgenden Zuckungen zur Seite bewegt. Bei weiter fortgeschrittener Entwicklung der Gehirn-
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g(jnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Drehkrankheit.
quese pflegt die Haltung des Kopfes eine mehr andauernd schiefe zu sein, ohne dass an demselben noch Zuckungen wahrgenommen werden. Wenn die Patienten nicht angekettet sind, werden ver­schiedene Abnormitäten in der Bewegung bei denselben wahr­genommen, /.. 15. Reitbahiigiing, Vorwärtsdrängen u. dergl. m. Das Schädeldach ist vermehrt warm, besonders am Grunde der Hörner; die Pupille des Auges ist erweitert, Kreislaufund Athem beschleunigt. Meist ist eine grosse Schreckhaftigkeit vorhanden, so dass die Patienten bei plötzlich entstehendem Geräusche u. s. w. heftig zusammenfahren, oder gar zu Boden stürzen; die Presslust verliert sich schliesslich ganz. Beim Percutiren des Schädels zeigen die Thiere an der Stelle, unter welcher im Gehirn die Quese liegt, fast ausnahmslos eine grösserc Empfindlichkeit; Schwund des Schädeldaches an der be­treffenden Stelle kommt bei Bindvieh nicht zu Stande. Der Tod erfolgt unter ähnlichen Verhältnissen wie bei Schafen, in Folge von Gehirndruck, oder von hochgradiger Abmagerung.
Die Sectionserscheinungen sind im Wesentlichen die nämlichen wie bei Schafen, welche an Drehkrankheit gelitten haben.
Auch die Behandlung ist die bereits angegebene. Wegen des im Allgemeinen grösseren Werthes des Rindviehs mag die Trepanation öfter zu versuchen sein. Bei derselben ist Rücksicht zu nehmen auf das Alter der Thiere und die dem entsprechende Entwicklung der Stirnhöhlen. Bekanntlich verhalten sich die letzteren beim neu­geborenen Kalbe ähnlich wie bei den kleinen Wiederkäuern, ver­ändern sich aber innerhalb der beiden ersten Lebensjahre so be­deutend , dass sie endlich das ganze Schädeldach überwölben, so dass nunmehr die Decke der Stirnhöhle und die darunter gelegene Decke des Schädels mittelst des Trepans eröffnet werden muss.
Die Vorbeuge hat auch hier ihre grosse Bedeutung und ergibt sich aus dem f'rührer hierüber Gesagten von selbst. Da die; Kälber im Allgemeinen seltener und weniger früh mit auf die Weide gehen, so sind sie schon dadurch in geringerem Grade gefährdet, als die Lämmer.
Die Drehkrankheit der Pferde ist sehr selten. Ursachen und Erscheinungen derselben sind die nämlichen wie bei Wiederkäuern. Aussei- den betreuenden Bewegungsanomalion werden beim Pferde periodische Anfalle von Tobsucht, Rückwärtsgehen etc. beobachtet; auch sind vereinzelte Fälle von Kreuzdrehe bei Pferden constatirt worden.
Die Echinocockenkrankheit der Wiederkäuer, des Schweines und
Pferdes.
Krankheitsursache. Bei Wiederkäuern und Schweinen kommt häufig, bei Pferden nur selten der Blasen wurmzustand des drei-gliedorigen Bandwurmes (Taeiila Echinococcus) vor. Dieser Band­wurm ist fast von mikroskopischer Grosse, d. h. nur bis 4,4mm lang
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Eohinocookenkrankheit,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;37
und besteht meist aus drei, zuweilen aus vier Grliedern, von welchen das letzte geschlechtsreif' ist. Der dreigliederige Bandwurm besitzt an seiner Amme einen Hakenkranz und kommt zu vielen Hunder­ten, ja Tausenden von Exemplaren im Darmcanale des Hundes vor, ohne für gewöhnlich wahrnehmbare Gesundheitsstörungen zu ver­ursachen. Bei sehr massenhafter Ansammlung desselben im Hunde­darme sind jedoch manchmal wuthverdilchtige Erscheinungen an seinem Wirthe und ein tödtlicher Ausgang beobachtet worden.
Gelangen die Eier dieses Parasiten im entwicklungsfähigen Zu­stande in den Verdauungsapparat eines geeigneten Wirthes, so werden die in jenen enthaltenen Embryonen frei und wandern in verschiedene Körperorgane ein, woselbst sie zu Blasenwürmern her­anwachsen , welche zur Kleinheit des Echinocockenbandwurmes oft einen auffallenden Contrast bilden. Die Echinococcusblasen können nämlich eine beträchtliche dlrösse erreichen, zeigen jedoch in dieser Hinsicht, sowie auch in ihrer Gestalt bedeutende Verschiedenheiten. Deshalb und weil diese Blasenwürmer meist noch von einer be­sonderen Bindegewobskapsel (Hülse) umschlossen sind, ist ihnen der Name „ vielgestaltiger Hülsen blasen wurm (Echinococcuspolymorphus)quot; beigelegt worden. Bio einzelnen Exemplare dieses Blasenwurmes sind entweder einfach, oder mit Tochter- und Enkelblasen besetzt. Diese entstehen entweder an der äusseren (exogen) oder an der inneren (entogen) Fläche der Mutterbinse. Demnach unterscheidet man einen .einfachenquot; und einen ,zusammengesetztenquot; Hülsenblasen-wurm. Beide Arten tragen im normalen Zustande stets eine grüssero Anzahl Bandwurmköpfe, welche aber nicht unmittelbar, an der Blasenwand, sondern an besonderen Keimkapseln und zwar an der Innentläohe der primären und secundären (Tochter- und Enkel-) blasen sich entwickeln. Der Durchmesser dieser Keimkapseln beträgt höchstens l1/laquo; bis 2 mm und da in jeder einzelnen 12 und mehr Scoleces sich entwickeln können, so müssen diese natürlich sehr klein sein. An einer einzigen Eohinoooccusblase sind oft viele Tausende vonBandwurmköpfen vorhanden. Daher erklärt es sich leicht, dass der dreigliederige Bandwurm so liänfig in unzähligen Schaaren im Hundedarme angetroffen wird. Die Entwicklung des Hülsen-blasenwurmes aus den betreifenden Bandwunnembryonen erfolgt langsam; Haubner fand acht Wochen nach der Fütterung mit Bülsenbandwurmbrut in der Leber l'/s mm und nach 19 Wochen nussgrosse Hülsenblasenwürmer in derselben; in diesen grössoren waren Brutknospen und Ammen nachweisbar. Die Haken dieser sind immer kleiner als später am ausgewachsenen dreigilederigen Haudwurme.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Nur sehr selten findet man bei fraglichen Hausthieren während des Lebens der­artige Gesundheitsstörungen, dass man aus diesen die Anwesenheit von Echinococcusblasen in einem bestimmten Körperorgane zu dia-gnosticiren im Stande ware. Da diese Blasen eine bedeutende
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38nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Kehiiiocockoiikrankhcit.
Urössp erlangen können, so verdrängen sie allmälig immer mehr das normale Gewebe der betreffenden Organe, in welchem sie ihren Sitz haben, and verursachen dadurch, namentlich wenn sie in grOsserer Anzahl vorhanden sind, Gesundheitsstörungen, welche suhliesslich Abzehrung und den Tod im Gefolge haben.
Beim Rindvieh entwickelt sich der Hülsenblasenwurm vorzugs­weise in den Lungen und in der Loher. In jenen verursacht der­selbe bei stetig fortschreitender Ausbreitung einen anfangs seltenen, später häufig wiederkehrenden rauhen Husten. Dieser fehlt in der Regel ganz, wenn nur die Leber, oder ein anderes Körperorgan von EoHiuooocousblasen besetzt ist, während die Lungen keine oder nur einzelne Blasen beherbergen. Wird aber das Lungengewebe in grös-serem Umfange durch Echinococcusblasen verdrängt, so wird das Athmen allmälig beschleunigter, die Haut trocken und hart, das Haar struppig, die Thiere magern ab. Diese sind gegen stärkeres Anklopfen an die Brustwand meist empfindlich, was sie durch Aus­weichen und Stöhnen zu erkennen geben. Die Athemgeräusche sind verstärkt, rauh, man hört fremdartige Geräusche, Schnurren, Gie-men u. s. w., ähnlich wie bei anderen chronischen Lungeideiden. Lange Zeit jedoch bestehen Fresslust und Milchergiebigkeit fort.
Leber-Echinococken verursachen in der Regel keine erkennbaren Krankheitserscheinungen, so dass nicht selten Verdauungsstörungen, Gelbsucht u. dergl. gänzlich fehlen. Wo aber diese Erscheinungen vorhanden sind, können dieselben bei Lebzeiten des Thieres nie als characteristische Symptome für Leber-Echinococken verwerthetwerden.
Sitzen Echinococcusblasen im Herzen , so sind meist gar keine auffallenden Gesundheitsstörungen vorhanden; oft tritt dann der Tod ganz unerwartet und plötzlich ein, indem die Blasen platzen.
Es würde kaum einen practischen Nutzen gewähren, wenn ich hier noch weiter die Störungen, welche durch Echinococcusblasen in anderen Organen verursacht werden können, aufführen wollte, da sie nie, oder doch nur in Ausnahmefällen, in denen etwa Theile dieser Parasiten aus dem Thierkörper entfernt und richtig erkannt werden, die Diagnose während des Lebens der Patienten zu sichern vermögen.
Sind die Zerstörungen, welche fragliche Parasiten in den betref­fenden Organen anrichten, bedeutend, so tritt, meisterst nach jahre­langem Kränkeln der Wohnthiere, Fieber und damit Abnahme der Presslust, envent. der Milchergiebigkeit ein, worauf die Patienten bald zu Grunde gehen, wenn sie nicht vorher geschlachtet werden.
Bei Schafen und Ziegen gestalten sich die Krankheitserschei-nungen ähnlich wie beim Binde. Schweine werden in der Regel geschlachtet, bevor Krankheitserscheinungen wahrgenommen wurden.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf der durch Echinococken verursachten Krankheiten ist in der Regel ein sehr langsamer, chro­nischer. Wird der vorhandene Zustand während des Lebens mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit diagnosticirt, so ist die Prognose absolut ungünstig.
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Kchinocockenkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;30
Sectiousbefund. Besonders hilufig werden Echinouocousblaseii in den Lungen und in der Leber, seltener in den Nieren, in der Milz, im Gehirn, im Auge, am Netz und am Gekröse, sowie an anderen serösen Häuten, im ünterhautbindegewebe, im Herzen, in den Muskeln. sogiir in Knochen und in den Blutgefilssbalinen angetroffen. Sind dieselben vor dem Tode geplatzt und haben sie ihren Blaseninhalt in die Bauch- oder Brusthöhle ergossen, so pflegt eine Entzündung des Bauch- resp. Brustfelles mit ihren Ausgängen vorhanden zu sein. Der Ernährungszustand des Cadavers kann ein sehr verschiedener sein, je nachdem das Thier apoplectisch gestorben, oder allmälig hingesiecht ist. Nicht selten findet man abgestorbene Echinococcusblasen; es ist dies sicher anzunehmen, wenn ihr Inhalt tri'il), fettig, schmierig oder zäh ist; auch soll dies der Fall sein, wenn im Serum der Blasen Brutknospen (von der Grosse eines Hirsekornes) und vereinzelte Aminen losgelöst erscheinen.
Zuweilen ist auch beim Rinde eine sogenannte multiloculäre Echinocockongeschwulst in der Leber angetroffen worden. Diese Echinocockenfbrni wurde zuerst in der Leber des Menschen auf­gefunden und bis zum Jahre 1855 für Gallertkrebs oder Alveolar-Colloid angesehen (Buhl, Luschka).
Virchow war der Erste, welcher die wahre Natur dieses Para­siten erkannte und denselben Ecliinococcus multilocularis nannte. Wahrscheinlich handelt es sich hier nicht um eine besondere Species des Hülsen-Blasenwurmes, sondern um eine besondere Art seines Wachsthums, welche nach Küchenmeister folgende ist:
Nach der Einwanderung eines Echinococken-Embryos in die Leber entsteht die multiloculäre Form des Blasenwurmes, wenn sich um diesen keine Bindegewebskapsel (Hülse) bildet, oder wenn die­selbe, bevor sie derb und widerstandsfähig geworden ist, von dem Parasiten durchbrochen wird. Da letzterer in einem solchen Falle nach allen Richtungen unbeschränkt fbrtwachsen kann , so breitet er sich besonders dahin aus, wo er den geringsten Widerstund findet. Ist er bei oder nach seiner Einwanderung in das eine oder andere Canalsystem der Leber gelangt, so kriecht er innerhalb des­selben weiter und kann dasselbe sohliesslioh ganz ausfüllen. Im Ennern solcher Echinocockenwucherungen sind Höhlen vorhanden, welche auf Durchschnitten an die Lücken erinnern, wie man sie bei gut ausgebackenem Brode antrifft, dieselben sind mit gallert­artigen Massen erfüllt, in welchen man die Echinocockenmembrane, mit zahlreichen kleineren und grösseren Kalkeinlagerungen durch­setzt, erkennt. Bei genauer Untersuchung gelingt es auch meist. Hakenkränze oder Trümmer derselben, nur selten aber vollständige Scoleces aufzufinden. Noch seltener befinden sich in der Peripherie dieser Echinocockenmasse Blasen , welche an ihrer Innenfläche mit gut erhaltenen Scoleces besetzt sind. Nach einer Zusammenstellung des Landgerichtsarztes Dr. Huber in Memmingen sind bis zum Jahre 1881 im Ganzen (17 Fälle von multiloculärem Ecliinococcus des Menschen öffentlich bekannt geworden. Huber war der Erste,
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40nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Kchinooockenkrankheit.
der beim lüude einen Fall von multilouuliirem Leber-Echinococcus beschrieben hat (14. Bericht des imturhistorischen Vereins zu Augs­burg 1861, pag. 82) und zwar mit folgenden Worten:
„In einem mächtigen derben Bindegewebsstroma liegen /.ahl-lose, theils mikroskopisch kleine, theils mohnkorn-, hanfkorn- bis linsengrosse Bläschen mit deutlich geschichteter Wand; bei den kleinsten ist die Haut entsprechend dünner und die Zahl der Schichtenlagen geringer. Endogene Vermehrung durch Tochter­blasenbildung ist nicht wahrzunehmen, dagegen überzeugte ich mich auf das Bestimmteste, dass eine Vermehrung durch Theilung (Ab-.schnürung) stattfindet, und zwar exogen: ein kleines Hydatidchen hängt mit einem um das Vierfache grösseren durch einen deutlichen Isthmus zusammen. Nirgends Scoleces oder Rudera derselben; viel fettiger Detritus; kleiner Abscess; ektatische, colossal in der Wand verdickte Gallengänge mit reichlichem grünem und stellenweise fast ziegelrothem Inhalte.quot;
Später hat Bollinger (Deutsche Zeitschrift für Thiermedicin, II. 1875, S. 109) drei weitere Fälle von inultiloculärem Leberechinocoecus beim Rinde beschrieben.
Huber fand in seinem Falle neben dem Echin. multilocularis einen Echin. hydatidosus sterilis und scheint mehr geneigt zu sein, beide für verschiedene Arten zu halten.
Herz-Echinococken der Wiederkäuer wurden nach Megnin bis dahin nur dreimal beschrieben und zwar sämmtlich beim Binde: zwei sind in Deutschland und einer in England beobachtet; in allen drei Fällen sind die betreffenden Thiere ganz plötzlich gestorben. Hierzu kommt noch folgender Fall: Am 18. Februar 1882 sandte mir Kreisthierarzt Schirlitz (Torgau) das Herz einer Kuh , welche ganz plötzlich gestorben war, ohne vorher irgend ein Krankheits­symptom gezeigt zu haben. Beim Aufschneiden der rechten Herz­kammer fand Schirlitz eine Cyste im Septum, welche etwa 1/2 Liter trübes Wasser enthielt. Die meinerseits vorgenommene Untersuchung ergab Folgendes: Der Herzbeutel war entfernt und der Herzmuskel durch einen Längsschnitt von seiner Spitze aus gespalten, so dass beide Herzkammerwandungen , einschliesslich ihrer gemeinsamen Scheidewand, bis in die (regend der Kranzarterien getheilt und da­durch beide Ventrikel geöffnet waren. Es fand sich eine durch diesen Schnitt gleichzeitig mitgespaltene (Jyste in der Scheidewand der Herzkammern, welche 13 cm lang und 12 cm breit, mit einer festen, etwa '/a mni dicken Membran ausgekleidet war. Ihrer in­neren glatten Oberfläche sass stellenweise in dünner Lage eine gelbe gallertige Masse auf. Die Muskulatur der Scheidewand war zum Theil geschwunden und stand mit der Peripherie der Cyste in inniger Verbindung. Der seröse Ueberzug der Scheidewand stand in der linken Herzkammer mit der Cystenwand in (Unmittelbarem Zu­sammenhange, während nach der rechten Herzkammer zu, zwischen Cystenwand und der Serosa der Scheidewand, eine ca. '/laquo; om dicke Muskelschioht vorhanden war, Im Uebrigen zeigten die Herzmus-
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Echinocockenkiankhoil.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;41
kulutur, die Herzklappen, sowie die innere und iiussere Serosa des Herzens (Endo- und Epioardium) keinerlei pathologische Verilnde-rungen. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, dass es sich hier ebenfalls um einen Herz-Echinococcus des Rindes gehandelt hat. Bei Pferden sind die Mittheilungen über Eohinocoeken sehr spilrlich. Megnin sagt (Recueil de Med. vet. 1883, S. 273 u. 274) dass bis dahin, wo Pallat im Her/.en eines 12jährigen Pferdes, welches am 1. Juli 1888 plötalich todt niederstür/ie, ohne während des Lebens irgend welche bezügliche Krankheitsorscheinungen ge­zeigt zu haben , bei der Section einen Herz-Echinococcus fand, in den Annalen der französischen Wissenschaft nur zwei Fälle von Echinococcus beim Pferde verzeichnet waren. Goubaux und Davainc haben vorher am Zwerchfelle in der Brustwand, Megnin und Bro-quet (1865) in den tiefen Muskeln Am- Innenseite des Hinterschenkels einen Echinococcus gefundoii. Der Ecliinococcus, welchen Pnlat beim Pferde gefunden hat, war einfach und gehörte der endogenen Form an; die beiden anderen waren zusammengesetzt und gehörten zur exogenen Form.
Behandlung nnd Vorbeugung. Selbst wenn die Echinococken bei unseren Hausthieren erkannt werden sollten, so ist doch von einer Behandlung niemals Nutzen zu erwarten. Bas beste ist, mit diesen Parasiten behaftete Sohlachtthiere möglichst bald als Fleisch-waare zu verwertben, was nur selten unstatthaft ist.
Die Vorbeuge hat besonders auf die Vernichtung aller Echino-coccusblasen und dreigliedrigen Bandwürmer ihr Augenmerk zu richten. Das Verfüttern von EchinococCTisblasen (Mithaltenden Organ-theilen an Hunde sollte streng untersagt werden.
Der vielgestaltige Hülsenblasenvvurm ist bis jetzt ausser bei Bindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen, auch bei Att'en, Drome­daren , Gemsen , Antilopen, Hirschen, Giraffen, Pferden, Eseln und Zebras, Eichhörnchen, Känguruhs und mehreren katzenartigen Thieren gefunden worden. Die geographische Verbreitung dieses Blasen­wurmes ist vorzugsweise von der Verbreitung des Hundes abhängig. Wenn auch beim Wolfe und vielleicht bei noch anderen Fleisch­fressern die Taenia Echinococcus vorkommt, so ist dies doch für die Ausstreuung fraglicher Brut, namentlich im Bereiche unserer Hausthiere und des Menschen, von untergeordneter Bedeutung.
Echinocockenkrankheit des Menschen. Beim Menschen ist der vielgestaltige Hiilsenblasenwurm in den verschiedensten Körper­organen und zwar in seinen verschiedenen Formen häutig beobachtet worden. In Island soll etwa '/ao der Bevölkerung an den Folgen von Krankheitszusti'mden sterben , welche durch Echinococcus poly-morphus verursacht werden. Ebenso scheint an manchen Orten Australiens dieser Parasit zahlreiche Verluste an Menschenleben zu verursachen. Wenn auch in Deutschland und in anderen Cultur-stauten durch Echinococcus polyniorphus beim Menschen weit seltener
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42nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; liauclwurmseuche
lebensget'illirliche Krankheiten verursacht werden, so ist dies doch keineswegs so ganz selten der Fall, wie sich aus dem Folgenden schliessen liisst. Nach einer Mittheilung Buhls (in den Annalen der Münchener städtischen Krankenluluser, Bd. II. 1881) wurden hei 8000 Sectionen menschlicher Leichen gefunden: Echinococcus-Blasen 27inal, Echinococcus multilocularis lüinal, in summa 40mal, also auf je 200 Todesfälle 1 Echinococcus. Wenn nun auch das Vor­kommen dieser Parasiten bei Menschen an den verschiedenen Orten Deutschlands ein ungleiches sein mag, so verdient dasselbe dennoch unsere Aufmerksamkeit in hohem Grade. So sind z. B. in der chirurgischen Klinik der Universität in Halle seit 187(5 bis Mai 1883 nicht weniger als 10 Fälle von Leber-Echinococcus des Menschen (wovon 8 mit Ausgang in Genesung, 2 mit tödtliohem Verlaufe) operii't worden.
Die Bandwumseuclie der Lämmer.
Krankheitsursache. Im Darmcanale der Wiederkäuer kommt ein unbewaffneter Bandwurm vor, der wegen der aussergewöhn-lichen Breite seiner Glieder zur Länge derselben „ausgebreiteter Bandwurm (Taenia expansa)' genannt wird. Die Glieder werden 6—24 mm breit und 1—8 mm lang: jedes derselben hat zwei Ge-schlechtsött'nungen, an binden Seitenründern je eine. Die ganze Gliederkette erreicht eine Länge von '/'—60 m, letzere jedoch nur beim Kinde, bei welchem die Entwicklung dieses Parasiten eine ungemein üppige ist, aber selten vorkommt. Bei Lämmern hingegen findet sich Taenia expansa öfter in grösserer Anzahl, manchmal in sehr bedeutender Menge und verurascht dann Verdauungsstörungen, welche Abmagerung, Bleichsucht, Verkümmerung der körperlichen Ausbildung und scldiesslich den Tod zur Folge haben können.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Im ersten Stadium der Krankheit ist der Appetit meist gut, der Durst sogar vermehrt. Später stellen sich Unregelmässigkeiten im Wiederkauen und perio­dische Kolikanfälle ein ; der Kothabsatz wird verzögert, der Hinter­leib aufgetrieben. Wenn nicht eine zu starke Aufblähung eintritt, so kann man die angesammelten Bandwurm- und Kothmassen durch die Bauchdecken hindurch fühlen. Gegen das Ende der Krankheit stellt sich Durchfall ein, wodurch die Kräfte der Patienten schnell verfallen und der Eintritt des Todes beschleunigt wird.
Diese Erscheinungen reichen für sich allein nicht aus zur Be­gründung einer sicheren Diagnose, da dieselben aiich durch andere Ursachen bedingt werden können. Findet man aber die breiten und kurzen Glieder in Rede stehender Tänie im Kothe der Patienten, so ist die Diagnose gesichert; andernfalls ist hie/u die Section eines geschlachteten oder gestorbenen Lammes nothwendig.
in seuchenartiger Ausbreitung kommt diese Krankheit vor-
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Handwurmscuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;48
y.ugsweise in liegenjahron und zwar besonders in nassen Weiden-revieren vor; sie wird aber auch bei ausschliessliehor Stallf'ütterung beobachtet.
Verlauf und Prognose. Die Krankheit befilllt meist Lämmer und Jährlinge, verläuft stets chronisch und kann bei frühzeitiger Erkennung des Uebels in der Kegel ziemlich leicht und sicher geheilt werden. Die Prognose ist demgemilss im Allgemeinen günstig.
Sectionsbefund. Am Cadaver solcher Thiere, welche in Folge einer vernachlässigten Bandwurmkrankheit gestorben sind, findet man die Lichtung des Darmennales nicht selten durch fragliche Parasiten vollkommen verstopft, ausserdem die Erscheinungen eines Darni-catarrhes, der Blutarmuth und Blutwässerigkeit.
Behandlung und Vorbeuge. IMe Behandlung besteht in der Verabreichung wurmtreibender Mittel und in einer entsprechenden liegelung der Diät. Aetherisch-öüge, aromatisch-bittere und andere Wurmmittel können eine zweckmässigc Verwendung finden. Am Abend vor Verabreichung des Arzneimittels entzieht man den Patienten das Futter, reicht am nächsten Morgen denselben nüchtern jedem Stück 15 Gramm Parrenkrautwurzelpulver und am folgenden Morgen ein Abführmittel. Das ätherische Farrenkrautol ist ein ganz vor­zügliches Mittel, aber etwas theuer; man gibt dasselbe jedem kranken Schafe in Gaben von 8- 4 Gramm. Nach etwa 8 Tagen kann man diese Kuren einmal wiederholen und inzwischen und nachher Salzlecken, Kainfarrenkraut, Wermuth, Schafgarben und dergl. an die Patienten verabreichen.
In Districten, in welchen die Bandwurmseuche unter Lämmern öfter auftritt, können Spinola's Wurmkuchen (s. Inhaltsverzeichniss) als Vorbauungsmittel ab und zu verabreicht werden.
Auf die gründliche Vernichtung der abgetriebenen Bandwurm-Exemplare und Bruchstücke solcher (am besten durch Verbrennen) muss streng geachtet werden. Dies ist um so unerlässlicher, da die Juffendiorm dieses Bandwurmes bis jetzt ganz unbekannt ist.
Die Bandwurmseuche bei Fasanen.
Krankheitsursache. Massenerkrankungen durch Bandwürmer sind auch bei Geflügel, namentlich unter Fasanen beobachtet worden. Fiedberger beschreibt die betr. Bandwürmer falgendermassen: Dieselben sind 16—25 om lang und 2—8 mm breit; der Hals ist sehr dünn und ca. 2—8 mm lang. Der hintere Band der einzelnen Glieder springt an den ersten !'lraquo; der Oolonie seitlich über den vorderen Rand des folgenden Gliedes beiderseits etwas vor, wodurch dieser Theil der Kette eine fein silgeförmige Beschaffenheit erhält. Am letzten Sechstheil sind die Glieder kurz elliptisch bis kugelig.
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44nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hiiiulwunuseuche.
Der Soolex ist bewaffnet und auch die Suugnilpfe sind von Häkchen umsäumt. Die Vorstufe dieses Parasiten ist noch unbekannt.
Krankheitserscheinungen, Friedberger sagt hierüber Folgen­des: Beim Besuche der Fasanerien fand ich nur sehr auffallende un­gleiche Entwicklung der jungen Fasanen (namentlich in Mosbach), dabei einzelne Thierchen ausserordentlich zurückgeblieben, sehr ab­gemagert, mit gesträubtem Gefieder, traurig und mehr vereinsamt herumsitzen. Beim Versuche sie zu fangen, vermochten sie aber noch davonzulaufen, nahmen auch Futter auf, doch wie es mir schien, weniger und unlustiger als die übrigen. Nasenkatarrh konnte ich nicht constatiren, ebenso wenig einen auffallenden Unterschied ihrer Ausleerungen von denen der Gesunden, Die Fasanenmeister versicherten, da.ss alle so aussehenden Thiere — es waren deren verhältnissmilssig nur noch wenige vorhanden — zuversichtlich in kürzerer Zeit verenden werden.
Verlauf und Prognose. Die Krankheit endet meist tödtlich, weshalb die Prognose ungünstig ist.
Sectionsbefund, Die wesentlichsten Sectionserscheinungen sind folgende: Glanzloses Gefieder, mehr oder weniger bedeutende Ab­magerung und Gelbfärbung des Fettes, der Darmcanal in ver­schiedenen Graden mit Bandwürmern gefüllt, ausgedehnter Dann­katarrh und zuweilen Katarrh der Kopfhöhlenschleimhäute.
Behandlung und Vorbeuge, Es sind auch hier die gewöhn­lichen Bandwnrmmittel zu versuchen, die Vorbeuge ist zunächst auf die gründliche Vernichtung der vorgefundenen Bandwürmer be­schränkt. Die von Megnin (s. S. 55—56) angegebene Diät dürfte auch hier am Platze sein.
Bandwurmseuche der Katzen.
Eine orwähiienswerthe Bandwurmseuche kam 1874 unter den Katzen auf dem Sehwarzwalde vor. Die meisten derselben magerten sichtlich ab und gingen schliesslich zu Grunde. Zu gleicher Zeit versehwanden die zahlreich vorhandenen Feldmäuse. Die angestellten Untersuchungen ergaben, dass die Katzen eine grosse Menge der Taenia crassicollis im Darincanale, die Mäuse dagegen die Finne dieses Bandwurmes (Cysticercus fasciolaris) in der Leber beher­bergten, dass somit die Katzen und Feldmäuse sich massenhaft gegenseitig inticirt hatten. Dieselbe Seuche wurde s. Z. durch Thier-arzt Buhl zu Wolfstein in der Pfalz beobachtet (Lydtin, Mitthei­lungen. 1882.)
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Leberegelseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 45
Saugwürmer, Trematodes.
Unter den Plattwttrmern, welche bei unseren Huustliieren schmarotzen und erhebliche Gesundheitsstörungen zu verursachen
vermögen, sind einige Saugwlirmer hier zu nennen. Obgleich die­selben echte Parasiten sind, so leben doch die Larven vieler Trema-toden vorübergehend frei in Süsswasser. Hier kommen zunächst die Distomiden in Betracht, d. h. solche Plattwürmer, welche aussei-am vorderen Kürperende auch ventral einen zweiten Saugnapf besitzen. Diese beiden Saugn'apfe bilden Haftapparate und können in ver­schiedener Entfernung von einander stehen, jedoch befindet sich der zweite nie am hinteren Körperende. Zu fraglichen Distomida gehören die Leberegel, welche in manchen Gegenden und Jahrgängen unter den Schafen bedeutende Verheerungen anrichten. Die Körperoberfläche dieser Parasiten ist mit schuppen form igen Stacheln besetzt, welche in alternirenden Querreihen stehen und dem blossen Auge als kleine Punkte erscheinen; der Vorderkörper ist dicker und breiter als der Hinterkörper. Die Saugnäpfe sind klein und nicht weit von ein­ander entfernt; zwischen beiden liegt die Gesehlechtsöffnuug, in welcher die beiden Geschlechtsapparate enden. Die milnnlichen Ge­schlechtsorgane bestehen aus zwei kugeligen, röhrenförmigen Hoden, deren jeder ein Samengefilss besitzt, die in eine gemeinschaftliche Samenblase münden. Aus dieser führt ein Ausführungsgang in den Oirrhus. — Die weibliche Keimdrüse bildet einen Schlauch mit hirschgwoihähnlichen Fortsätzen ; die knäuelförmigen üterusschUiuclie sind von dunkler Farbe, die ovalen Eier mit einem Deckel versehen. Die Larve ist conisch und besitzt ein Flimmerkleid, einen Stirn­zapfen und im ersten Viertheile des Körpers einen kreuzförmigen Pigmentfleck. Im vorderen Saugnapfe liegt die Mundöffnung, welche durch einen muskulösen Schlundkopf mit der Speiseröhre und dem zweisohenkeligen blindendigenden Darmrohre in Verbindung steht. In Rede stehende Plattwürmer besitzen ausserdem 2 seitlich gelegene Was.sergefässe mit gemeinschaftlicher Ausführuiigsötfnung.
Die Leberegelseuche oder Fäule der Schafe.
Krankheitsursache. Diese Krankheit wird durch 2 verschie­dene Arten von Leberegel, nämlich durch das „Distoma hepatioumquot; und durch das „Distoma lanceolatumquot; verursacht. Beide Parasiten gehören also ein und derselben Gruppe von Plattwttrmern an, sind aber durch eine beträchtliche Differenz ihrer Grosse und Breite auf­fallend verschieden. Das Distoma hepaticum ist ca. 28 mm lang und bis gegen 12mm breit; das Distoma lanceolatum ist nur 8—-9 mm lang und 2—21/2 mm breit. Es ist daher leicht begreiflich, dass jenes in geringerer Menge als dieses Gesundheitsstörungen zu Verursachen im Stande ist. Die Brut fraglicher Parasiten wird von den Schafen mit dem Putter aufgenommen, was besonders hänflfif
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4(3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Leberegelseucbe.
auf sumpfigen Weiden verschiedener (legenden, iitiiiientlicli im Ueber-sohwemmungsgebiete mancher Flüsse vorzukommen pflegt. Beide Distomeen oder Doppellöcher kommen hilufig in den Gallengilngen eines Schafes beisammen vor, wobei das kleinere Distoma in den engeren Camllen steckt.
Die Eier dieser Schmarotzer werden mit der Galle in den Darm ihres Wirthes und von da mit dem Kothe nach aussen expedirt. Dieselben müssen auf nasse Weiden oder in's Wasser gelangen, um sich weiter entwickeln zu können. Hierzu ist ausserdem eine Tem­peratur von mindestens 16deg; R. erforderlich. Haben die gedeckelten Eier ihre völlige Reife erlangt, so sprengt der in jedem enthaltene Embyro den Deckel, schlüpft aus seinem Verliess hervor und bewegt sich mittelst des Plimmerapparates seiner Körperoberflilche sehr lebhaft im Wasser. Alsbald wandert der Embryo in jüngere Exem­plare einer Wasserschnecke (nach Leuckart Linmaeus pereger) ein; oft beherbergt ein einzelner solcher Wirth 40—50 fraglicher Ein­dringlinge. Jeder Distoma-Embyro wandelt sich dann an seinem neuen Wohnorte zunilchst in einen Keimschlauch um, aus dem in weiterer Generation erst die eigentliche Jugendform des Leberegols selbst, die sogenannte „Cercariequot; 'sich entwickelt. Gelangt letztere nun in den Verdauungsapparat eines Schafes oder eines anderen geeigneten Wirthes, so wandern dieselben in die Leber ein und entwickeln sich dort in kurzer Zeit zu Leberegeln. Wenn diese ihren Wirth nicht tödten, so sterben sie selbst nach etwa 9 Monaten ab.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. An der Leberegel-seuohe leidende Schafe verlieren ihre frühere Munterkeit und Fress­lust, sie kauen unregelmiissig wieder, bleiben hinter der Heerde zurück und haben ein gesteigertes Verlangen nach Getränk. Diese Erscheinungen nehmen dem Grade nach allmilhlig zu. Die kranken Thiere werden gegen Druck in der rechten Unterrippengegend nach und nach emptindliclier, die sichtbaren Schleimbilute werden blass oder gelblich, ebenso die nicht pigmentirte äussere Haut. Die Nick­baut des Auges quillt aus dem inneren Augenwinkel hervor, die Wolle verfärbt sich, entbohrt des Fettschweisses, lockert sich und erscheint weniger gekräuselt, als bei gesunden Thieren. Die Ab­magerung und Schwäche nimmt stetig zu, die Patienten liegen viel und können sich schliesslich kaum mehr vom Boden erheben. An verschiedenen Körperstellen erscheinen teigige Geschwülste, welche während der Nacht abzunehmen pflegen, um vom Morgen ab im Laufe des Tages wieder zuzunehmen. Es bildet sich Bauchwasser­sucht aus, wobei der Bauch an Umfang stetig zunimmt. Nicht selten stellt sich auch ein matter, ächzender Husten ein. Mit Ein­tritt resp. Steigerung des Fiebers nimmt der 'Durst zu, die Fresslust verschwindet ganz, es tritt Durchfall und endlich der Tod ein. — Manchmal kommen im Verlaute der Krankheit; Remissionen vor, denen stets eine bedeutende Verschlimmerung folgt.
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Leberegelseuohe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1-7
Verlauf und Prognose. Die Leberegelkrankheit vorläuft in der Regel chronisch. Bei Lämmern und Jährlingen beträgt die kürzeste Frist, innerhalb welcher nach Aufnahme der Cercarien die ersten Erscheinungen der Krankheit wahrnehmbar werden, 1 — l1/' Monate, bei älteren Schafen l'h 2 Monate. Der weitere Verlauf der Krankheit ist von der Zahl der eingewanderten Parasiten und von der Widerstandsfähigkeit (Alter, Ernährungszustand etc.) der Patienten abhängig. Sind innerhalb kurzer Zeit sehr viele Cercarien aufgenommen worden, so kann die Krankheit ausnahmsweise auch sehr schnell tödtlich werden, ilenesung offenbar erkrankter Schafe ist nicht zu erwarten.
Die Vorhersage bei Leberegelseuche der Schafe ist somit un­günstig.
Sectionserscheinungen. Am Cadaver der an Leberegelkrank­heit verendeten Schafe findet man aussei' den bereits erwähnten Erscheinungen der Bleichsucht und Bauchwassersucht auch häufig Brusthöhlen- und Herzbeutelwassersucht. Die Leber erscheint an ihrer Oberfläche uneben, höckerig, die (Gallenblase vergrösscrt und mit einer schmutzigen, fadenzielienden Flüssigkeit angefüllt, in welcher zuweilen Leberegel sich finden. Die Farbe der Leberoberfläche ist weniger gleichmässig braun, sondern mit schmutzig-blassen Flecken besetzt; das Lebergewebe ist ebenfalls bleicher und derber als gewöhnlich. Die Lebergallengänge sind mit Leberegeln mehr oder weniger stark besetzt, gleichmässig oder sackartig erweitert. Die Schleimhaut derselben befindet sich im Zustande eines chronischen Katarrhs, ist ungleichmässig verdickt und verhärtet. In ihrem aus Schleim, Galle, Blut, Epithelien und Leberegeleiern zusammenge­setzten Belag liegen die Leberegel eingebettet. Von den kleineren Leberegeln (Distoma lanceolatum) werden oft bis zu 1000 Stück und mehr, von den grösseren (Distoma hepatioum) nicht leicht Über 200 Stück in der Leber angetroffen. Stelleuweise ist das Leber­gewebe geschwunden; da dies nicht selten in hohem Grade der Fall ist, so hat sieh bei den Schäfern die Ansicht verbreitet, dass die Leberegel das Leberparenchym direct auffressen. Zuweilen werden auch im Darmcanal, in der Hohlvene, oder in anderen Venen Leber­egel gefunden. Mit dem Blutstrume gelangen sie auch wohl in andere Körperorgane, woselbst sie zur Eiterbildung führen.
Behandlung und Vorbeuge. Den Leberegeln ist in der Leber unserer Hausthiere direct nicht beizukommen. Eine arzneiliche Be­handlung dieser Krankheit ist deshalb ziemlich nutzlos; dieselbe kann nur dadurch etwas leisten, dass sie die Kräfte der Patienten möglichst zu heben und zu erhalten sucht. Die Wirkung der ange­wandten Arzneimittel ist somit eine indirecte. Haubner empfiehlt als Lecke: Eisenvitriol 4 Loth, Kalmuswur/.el 1 Pfand, Haferschrot und geröstetes Q-erstenmalz von jedem 'A Scheffel; für 100 Schafe, — oder: Eisenvitriol 2 Loth, Wachholderbeeron und Enzianwurzel-pulver von jedem 1 Pfund zu Vi Scheffel Haferschrot: für quot;iO Schafe.
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48nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lebei'egelseuohe.
Andererseits wird empfohlen : pulveris. Gyps 1 Metze, Kochsalz 2 Motzen j für 300 Schafe.
Anfangs jeden zweiten Tag, spilter wöchentlich zweimal und sohliesslioh alle 14 Tage einmal zu verabreichen.
Als diiltetische Mittel werden Lupinenheu und Lupinenkörner, täglich 8 Motzen für je 100 Schafe empfohlen; — ferner braun-geröstetes Gerstemnalz, gekochte oder geröstete Hülsenfrüchte, Hafer. gutes Heu u. dergl. andere leicht verdauliche aber gut nährende Futtermittel.
Die Verluste, welche gewisse Districte verschiedener Staaten durch die Fäule der Schafe alljährlich erleiden, sind so gross, dass es an manchen dieser Orte, namentlich da, wo die schädlichen Weiden nicht vermieden werden können, rathsamer ist, die Schafzucht ganz, einzustellen, als die alljährlich, oder doch häufig sich wiederholenden Verluste zu erleiden.
Können die betreffenden Parzellen durch Drainage dauernd trocken gelegt werden, d. h. werden die gefährlichen Weiden nicht durch häutig wiederkehrende Ueberschwemmungen neuerdings in Stand gesetzt, die Bedingungen zu erfüllen, welche zur weiteren Entwicklung der Leberegelbrut erforderlich sind, so kann dies Meliorationsverfahren ebenfalls den Verlusten durch Leberegelseuche vorbeugen.
In den inneren Departements Frankreichs sollen (nach Davaine) in den Jahren 1858 und 1854 manche Heerdenbesitzer 25—75 Pro-cent ihres Schafbestandes an der Leberegelseuche verloren haben. Und für Elsass-Lothringen soll der Verlust an Schafen durch fragliche Krankheit im Jahre 187:1 etwa 1,150,000 Frs., d. i. etwa '/laquo; des ganzen Schafbestnndes betragen haben; auch in neuerer Zeit sind diese Verluste in den Reichslanden sehr beträchtlich (Zündel). Die Weiden, auf welchen die Schafe „faulquot; gehütet zu werden pflegen, sind den Schäfern und Besitzern gewöhnlich bekannt. Das auf solchen Parzellen gewonnene Futter darf nur im vollständig dürren Zustande an Schafe und andere Hausthiere verfüttert werden. Alle Organe, welche Leberegel enthalten, müssen sorgfältig unschäd­lich gemacht, am besten durch Feuer zerstört werden,
Leberegel bei anderen Thieren und beim Menschen. Auch bei anderen Thieren und beim Menschen kommen zuweilen Leberegel vor, am häufigsten bei anderen Wiederkäuern (und bei Hasen), aber auch bei Einhufern, Schweinen, Kaninchen, Eichhörnchen, Känguruh, Elephanten sind diese Parasiten angetroffen worden.
Bei Rindern ist zuweilen sogar eine Leberegelkrankheit, ähnlich wie bei Schafen, jedoch mit dem wesentlichen Unterschiede, beob­achtet worden, dass dieselbe im Allgemeinen häufiger den Ausgang in Genesung nimmt.
Beim Geflügel kommen auch verschiedene in die Gruppe der Egel (Ein- und Doppellocb) gehörige Parasiten vor, ohne indess erhebliche Gesundheitsstörungen zu verursachen.
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Krebsseuche.
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In neuerer Zeit sind bei mikroskopischer Untersuchung auch im Schweinefleisch Diatomeen unter verschiedenen Formen beob­achtet worden und zwar eingekapselt, geschwänzt und ungeschwilnzt. Nach Dunker ist es wahrscheinlich, dass man vom Nachsommer bis zum Dezember vorzugsweise erstere beide Formen, vom Anfang Januar bis zum April letzere Form finden wird. Welche Bedeutung diesen Parasiten in sanitärer, resp. pathogener Hinsicht beizulegen ist, muss erst ermittelt werden.
Distoma echinatum bei Hunden. Heim Hunde hat Generali im Jahre 1880 bei der Section eines Hundes den Zwölffingerdarm stark entzündet und mit zahlreichen grau-gelblichen Knötchen über­säet gefunden, welche Distoma echinatum enthielten.
Egelseuche der Krebse. Sodann hat seit einigen (ca. 10) Jahren eine sehr verheerende Seuche unter den Krebsen der Gewässer Central-Enropas geherrscht, welche wegen der vielen Opfer, die sie forderte, „Krebspestquot; genannt worden ist. Diese Seuche soll durch Distoma cirrigerum verursacht werden. Im Jahre 1874 wurde diese Krank­heit unter den Krebsen der Spree, im Jahre 1878 im Elsass und vor einiger Zeit auch in der Gegend von Erfurt beobachtet.
Dieselbe hatte sich bis vor Kurzem derart verbreitet, dass in den Flussgebieten zwischen Maas, Saöne, Donau und Oder die Krebse fast ganz verschwunden sind. Ein Fischzüohter in München hat in weniger als 4 Monaten 25000 Krebse, ein österreichischer Besitzer in einem einzelnen seiner Fischteiche an einem Tage mehr als 3000 Krebse verloren. Und leider kennt man zur Zeit weder ein Heil­mittel, noch ein Vorbauungsmittel gegen diese Krebsseuche. Be­reits im Jahre 1827 hat v. Baer und bald darauf v. Siebold im Flus.skrebse das Distoma cirrigerum (wegen des auffallend grossen Cirrus so genannt) angetroffen. Dasselbe fand sich in der Gegend von Königsberg in fast allen Theilen des Krebses und meist in Gesellschaft des Distoma isostomum Iludolphi. Seit jener Zeit, also seit ca. 50 Jahren, schien das Distoma cirrigerum nicht mehr beob­achtet worden zu sein.
Die Krankheitserscheinungen sind nach Harz und Zündel folgende; Zunächst bemerkt man, dass die in einem Behälter auf­bewahrten und beobachteten kranken Krebse auffallend hochgehen; sie stützen sich beinahe nur auf die Fussspitzen. Die Bewegungen sind steif und unbeholfen; die kranken Krebse suchen nicht so viel, wie sonst, die Schlupfwinkel und die Vertiefungen auf, sondern halten sich mehr in der Mitte des Bassins, jede unnüthige Bewegung vermeidend, Sogar die Berührung anderer Crustaceen scheinen sie zu scheuen. Wenn sie auf den Rücken gefallen sind, vormögen sie nicht, sich wieder auf den Bauch und die Beine zu wenden; sie lassen sich ruhig vom Strome treiben, ohne den geringsten Widerstand entgegenzusetzen. Häufig gerathen sie mit einander in Streit, fassen sich dann krampfhaft mit ihren Scheeren, ohne sich Pütz, Ootnpenllam der Thlerhellkundo,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 4
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#9632;)()nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Krebsseuohe,
nachher loslassen zu künnen; ihre Trennung erfolgt dann nur unter Verlust einer Hcheere oder eines Fusses eines der beiden Krebse. Der bintere Lüibesabschnitt, den man unrichtig „Schwanz* nennt, besonders die Aftermündung, fängt an zu schwellen, wird eigen-tbümlich roth und durchscheinend. Die kranken Krebse verlieren schliesslich die Reactionsfilhigkeit. Man kann dann ihre Augen, welche weit hervorstehen, mit den Fingern berühren, ohne dass die Thiere sich dem zu entziehen suchen. Der Hinterleib wird kaum noch bewegt, die Scheeren und die Füsse zucken manchmal krampf­haft, bewegen sich unregelmassig u. s. w. Die kranken Krebse empfinden bei Berührungen offenbar heftige Schmerzen. Nimmt man dieselben in die Hand, so entstehen krampfhafte Bewegungen, aber nicht jenes bekannte krilftige Schlagen mit dem sogenannten Schwänze, welches bei gesunden Krebsen stets angetroffen wird. Die Krankheit nimmt allmählig immer mehr zu; die kranken Thiere werden unfähig sich auf den Beinen zu halten und legen sich, wohl um ihre Schmerzen erträglicher zu machen, auf den Bücken. Zu­letzt sieht man kaum mehr eine Bewegung der Beine, nur zuweilen ein Zucken derselben. Die Afterfüsse hingegen sind vom Leibe abgestreckt und werden periodisch bewegt, zögernd und abwechselnd, etwa 62 bis 65 mal in der Minute. Ungeftlhr 'A bis 1 Stunde vor dem Tode öffnet sich die Afterspalte alle 25 bis '30 Secunden wieder­holt, wobei (September bis November) Laichmassen jedesmal reich­lich entleert werden. Unter Einstellung der Bewegung des Afters und der Afterfüsse tritt schliesslich der Tod ein. Eine Genesung offenbar erkrankter Krebse wurde nie beobachtet.
Bei der Section findet man die noch nicht geschlechtsreife Vorstufe des Distoma oirrigerum vorzugsweise in den Muskeln der Krebse, namentlich in denen des Hinterleibes eingekapselt, nur sehr selten frei, auf der Wanderung begriffen; auch in den Wandungen des Magens und Darmcanales, sowie des Herzens und in anderen Organen, ausgenommen in Leber und Kiemen, sind solche ange­troffen worden. Die Cysten sind meist schwach verlängert (kurz­oval) 0,498 bis 0,570 mm breit und 0,500 bis 0,747 mm lang. Wo das vollständig entwickelte Distoma oirrigerum wohnt, ist noch unbekannt; vielleicht im Karpfen oder Aal ? *).
*) Harz macht im Jahresberichte der Münchener Thieraraneisehnlc, Leipzig 1884, S. 181, darauf aufmerksam, dass unter dem Namen „Krebs-pestquot; mindestens zwei oder drei verschiedene Krankheiten des Krebses, welche seuchenartig auftreten können, zusammengeworfen worden sind, nämlich : 1) die Distomatosis; 2) eine Pilzkrankheit, welche er, 1. c. S. 174 bis 181, näher beschreibt und bereits 1881 in derOesteneichisch-ungarischen l-'ischeroizeitnng imter dem Namen Mycosis astacina beschrieben hat; 8) zahlreiche Vergiftungen durch die verschiedensten Dinge, namentlich durch Abgänge aus gewerblichen Etablissements u. s. w., welche den be­treffenden (iewässern zugeführt werden.
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Lungenwurraseuohe,
Die Lungenwurmseuclie der Schafe.
Krankheitsursache. Diese Krankheit wird durch einen faden­förmigen Wurm (Pallissidenwurm) „Luftröhrenkrutzer (Strongylus filariii)quot; genannt, verursacht. Fragliche Parasiten sind dünne dreh­runde Würmchen, von weisser oder meist gelblicher Farbe; das Milnnchen wird 25, das Weibchen bis 84 mm lang und gebiert lebendige Junge. Diese können indess nicht direct auf gesunde Schafe mit Erfolg übertragen werden, sondern müssen zuerst in Wasser oder Schlamm gelangen und darin eine Zeit lang verweilen, um weiter entwicklungsfilhig m werden. Gelangen sie dann später in entsprechend herangereiftem Zustande in den Magen eines Schafes, so wandern sie von hier aus durch den Schlund zurück bis zur Uachenhöhle, von da aus in die Luftröhre und weiter in deren Ver­zweigungen. Sie betten sich in die Bronchialschleimhaut ein, in welcher sie anfangs als kleine Knötchen erscheinen, die bei ober­flächlicher Betrachtung für Tuberkel gehalten werden können. All-milhlig wachsen sie zu geschlechtsreifen Individuen heran, welche gegen Ende des Winters, oder im Anfange des Frühjahres, ihren Wirth verlassen, wenn derselbe nicht früher zu Grunde gegangen ist. War die Einwanderung eine reichliche, so verursachen diese Parasiten eine lebensgefährliche Krankheit ihres Wirthes, während letzterer einzelne Exemplare von Luftröhrenkratzern meist ohne besonderen Nachtheil erträgt. Die vollkommen entwickelten Luft-röhrenkratzer sterben ausserhalb ihres Wirthes bald ab. Eine direote üehertragung, d. h. eine eigentliche Ansteckung, kommt somit bei der Lungenwurmseuohe der Schafe nie vor.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Zuerst zeigen sich die Symptome eines Bronchial- und Nasenkatarrhes, Nasenausfluss, Husten und Athembeschwerden, welche zunächst keinen hohen Grad zu erreichen pflegen. Allmählig aber nehmen dieselben an Intensität zu, so dass die Patienten in Folge der Kespirationsstörungen und des Säfteverlustes durch die reichliche Schleimsecretion abmagern, obgleich die Fresslust und Futtoraufnahme in der Regel rege sind. Im weiteren Verlaufe der Krankheit werden zuweilen unter be­deutenden Anstrengungen Schleimmassen ausgehustet, welche mit Lnftröhrenkratzern durchsetzt sind. Abmagerung, Bleichsucht und Athemnoth erreichen schliesslich einen so hohen Grad, dass die Patienten unter Erstickungserscheinungen sterben. Die Erkennung der Krankheit bietet in der Regel keine Schwierigkeiten, namentlich dann nicht, wenn Luftröhrenkratzer im ausgehusteten Schleime ge­funden werden, oder wenn die Krankheit bei anderen Schafen der­selben Heerde bereits vorher festgestellt wurde.
Verlauf und Prognose. Die Lungenwurinseuche der Schafe pflegt nach zwei bis vier Monate langer Krankheitsdauer mit dem Tode der Patienten zu enden. In manchen Gegenden, in welchen
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52nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungeawurmseuohe,
sumpfige, mit Wassei'laoben versehene Weiden vorhanden sind, wird dieselbe, besonders in nassen Jahrgängen, als Heerdekrankheit beob­achtet. Genesung tritt nur selten ein und zwar nur bei kräftigen, massig erkrankten Individuen, denen es gelingt, die Parasiten aus­zuhusten, bevor diese eine unheilbare Lungenentzündung verursacht, oder den Kräftezustand der Patienten zu sehr geschwächt haben. Die Prognose ist somit im Allgemeinen reobt ungünstig.
Sectionserscheinungen. An der Leiche von Schafen, welche an Lungemvurinseuche gestorben sind, findet man, aussei- den Er­scheinungen der Abmagerung, der Blutannuth und des Bronchial-katarrhes, Hepatisation der Lungen , sackartige Erweiterungen der Bronchien, die in der Regel mit Luftröhrenkratzern und mit schaumigem Schleiine erfüllt sind. Auch werden seröse Ergüsse in der Bauchhöhle, so wie in der Brusthöhle und im Herzbeutel angetroffen. Zuweilen findet man die Erscheinungen einer frischen Lungenentzündung, welche Embryonen , die in den Bronchien ge­boren und in das Lungengewebe durchgebrochen sind, ihre Ent­stehung verdanken.
Behandlung und Vorbeuge. Ist die Einwanderung der Brut von Luftröhrenkratzern in die Bespirationsorgane erfolgt, so ist diesen Parasiten durch wirksame Arzneimittel schwer beizukommen, ohne gleichzeitig die kranken Schafe selbst dadurch mehr oder weniger zu schädigen. Die Einverleibung von antiparasitären Mitteln in den Magen ist ohne jeden nennenswerthen Heilerfolg. Eher noch können lläucherungen mit Theer, stinkendem Thieröl, Horn, oder sonstigen brenzlichen Substanzen, bei kräftigen Individuen die Ge­nesung zuweilen begünstigen. Dieselben müssen aller immer recht vorsichtig angewandt werden, damit sie die Eespirationssohleimhaut der Patienten nicht zu stark reizen, oder den Gehalt der einge-athmeten Luft an Sauerstoff und Stickstoff nicht allzu erheblich vermindern. Und doch ist andererseits eine gewisse Concentration der betreffenden Dämpfe wieder nothwendig, um durch deren Ein-athmung die Luftröhrenkratzer krank zu machen, oder gar zu tödten und dadurch das Aushusten derselben den kranken Schafen zu erleichtern.
Bei der Unsicherheit des Erfolges jeder ar/.neilichen und diäteti­schen Behandlung der Lungenwurmseuche gewinnen entsprechende Vorbeugungsmassregeln eine um so grössere Bedeutung. In inficirten Districten , d. h. da, wo in Itede stehende Krankheit stationär zu sein pflegt, müssen die Lämmer und Jährlinge, wenigstens während des Frühlings und Vorsommers, im Stalle gehalten und mit unver­dächtigem Futter versorgt werden. Wenn diese Massregel nicht ganz vollständig durchgeführt werden kann, so suche man dies wenigstens so weit als irgend möglich zu erreichen. Können die jungen Thiere also nicht ganz im Stalle gefüttert werden , so ver­abreiche man denselben wenigstens etwas Futter, bevor dieselben
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Lungenwurmseuohe,
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auf die Weide getrieben werden und unterlasse namentlich nicht, dieselben mit frischem, unverdilchtigem Wasser jedesmal vor dem Weidegange reichlich zu trilnken. So kann die Gefahr tödtlich endender Infectionen hilufig vermindert, oder gar ganz abgewendet werden. Wenn die Schafe keine Veranlassung haben, die auf den verdächtigen Weiden vorhandenen Lachen und Pfützen aufzusuchen, so wird eine wesentliche Bedingung für die Verhütung einer Auf­nahme der Brut von Luftröhrenkratzern erfüllt. Spinola will öfter beobachtet haben, dass nach einem starken Platzregen die Infection mit Luftröhrenkratzern selbst auf sandigen Weiden und auf offenen Brachweiden stattgefunden habe. Da die Brut mancher Nematoden (nach Leuckart) etwas eintrocknen kann , ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren, so wilre es möglich, dass die Brut der Luftröhren­kratzer nach erlangter Reifung im Wasser mit zu Staub einge­trocknetem Schlamme durch den Wind eine Strecke weit in infections-filhiger Concentration fortgeführt und direct in die Athmungsorgane weidender Thiere, oder erst auf Pflanzen abgesetzt und mit diesen von dem Weidevieh aufgenommen werde. Spinola empfiehlt deshalb seine Wurmkuchen (s. Inhaltsverzeichniss) für die Dauer des Weide­ganges während der Monate Mai, Juni und Juli zu verabreichen, um die in den Verdauungscanal gelangte Brut zu tödten.
Lungenwunuseuche bei Ziegen (und Beben). Bei Ziegen findet die herangereifte Brut der Luftröhrenkratzer des Schafes (Strongylus filaria) ebenfalls die erforderlichen Bedingungen zu ihrer weiteren Entwicklung, so dass auch bei jenen eine Lungenwunu­seuche sich entwickeln kann. Dieselbe unterscheidet sich von der­jenigen der Schafe in keiner Weise wesentlich, weshalb das bereits über diese Krankheit bisher Gesagte auch auf Ziegen bezogen werden kann.
Dasselbe gilt auch für das Reh.
Lungenwurmseuche des Rindviehs. Bei Killbern und auch bei erwachsenem Rindvieh kommt zuweilen eine durch Strongylus micrurus, einen nahe verwandten Faden wurm, verursachte Erkrankung der Respirationsorgane vor, welche beim Weidegange erheblichere Verluste bedingen kann. Das Männchen dieser Pallisadenwurmart wird 25 mm, das Weibchen 50 mm lang; letzteres ist s-omit erheblich kleiner als das Weibchen von Strongylus filaria, gebiert indess auch lebendige Junge.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Die Krankheitsei'-
scheinungen sind ähnliche wie beim Schafe. Aussei- den vorhin bereits angegebenen Symptomen eines Lungenleidens findet man beim Rindvieh in den höheren Stadien der Lungenwurmkrankheit noch folgende: Die Patienten stöhnen, Hegen viel mit ausgestrecktem Kopfe und Halse, die in den ersten Stadien ungestörte Fresslust nimmt ab, das Wiederkauen wird schliesslich ganz eingestellt, bei
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54nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungemvunuseuche.
Milchkühen versiegt die Milch, das Athmen wh-d angestrengter, endlich hochgradig erschwert, die uusgeathmete Luft wird übel­riechend, es stellt sich Fieber und Durchfall ein, wodurch die Kräfte des Patienten schnell consumirt werden, so dass diese nunmehr der Krankheit in der Regel bald erliegen. Die Diagnose kann meist schon frühzeitig durch die in dem Auswurf enthaltenen Lungen­würmer sichergestellt werden.
Verlauf und Prognose. Im Allgemeinen aber ist die Sterb­lichkeit in Folge der Lungenwurmkrankheit unter dem Rindvieh weit geringer, als unter den Schafen. Nachdem mit dem ausge­husteten Schleime die Parasiten zu einem grossen Theile entfernt worden sind , kann selbst nach stärkerer Invasion der Strongylus-brut Besserung eintreten, indem Husten und alle anderen Krank­heitserscheinungen allmiihlig abnehmen. Die Prognose ist demnach beim Rindvieh im Allgemeinen weniger ungünstig als beim Schafe, jedoch immerhin zweifelhaft.
Sectionserscheinungen, Bei der Leichenöffnung werden zu­weilen die Erscheinungen eines Lungenödems angetroffen, wobei die Lungenläppchen oft in grösserer Anzahl hyperämisch verdichtet, von serössulzigcn Bindegewebszügen umsäumt erscheinen. Dadurch kann eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Sectionsbefunde bei der an­steckenden Lungenseuche des Rindviehs entstehen, namentlich dann, wenn die Lungen zum Theil marmorirt und verdichtet erscheinen. Solche Lungen können eine bedeutende Grewichtszunahme erfahren, ähnlich wie bei Lungenseuche, weshalb man vor einer Verwechslung mit letzterer sich hüten muss.
Behandlung und Vorbeuge. Das hierüber früher Gesagte gilt auch für Rindvieh. Es ist jedoch zu bemerken, dass die Einathmung brenzlicber Dämpfe hier öfter von Nutzen ist, weil die Patienten meist widerstandsfähiger sind als Schafe.
Der Strongylus micrurus ist auch bei Einhufern , jedoch nur sehr selten gefunden worden.
Pallisadenwurm des Schweines. Ein kleiner Pallisadenwurm (Strongylus paradoxus) kommt bei Schweinen in den Bronchien vor. Das Männchen ist 16 bis 20, das Weibchen 30 bis 40 mm lang. Gesundheitsstörungen von einiger Bedeutung scheinen durch diesen Parasiten beim Schweine nicht häufig verursacht zu werden. Es sind indess von Bollingor bei zwei plötzlich verendeten jungen Schweinen Strongylus micrurus und dessen Brut, Entzündung der kleinen und grösseren Bronchien, Lungenödem und acute Wassersucht der Bauch-und Brusthöhle u. s. w. gefunden worden. Die Krankheit dieser Thiere war während des Lebens für bösartigen Rothlauf gehalten worden. Vielleicht handelt es sich hier um eine zufällige Compli­cation.
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Lungenwunnseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;55
Luftröhren-Pallisadenwurm beim Geflügel. Beim Hausgeflügel (so wie bei anderen hühnerartigen Vögeln) kommt ein Luftröhren-Pallisadenwurm vor, welcher in England, Frankreich u. a. a. 0. vielfach tödtlich endende Massenerkrankungen verursacht haben. Das Milnnchen dieses Parasiten ist kleiner als das Weibchen, welches bis 24mm lang wird; beide sind cylindrisch und roth von Farbe. Fraglicher Pallisadenwurm wird „Strongylusquot; oder „Syngamus tra-chealisquot; genannt; derselbe ist bis jetzt in Deutschland, England und Frankreich angetroffen worden und zwar beim Haushuhn und bei Fasanen, sowie beim Rebhuhn, Storch, Segler, Staat1 und Grün­specht. Die durch denselben verursachte Gefiügelkrankheit bietet im Wesentlichen folgende Erscheinungen:
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Das kranke Geflügel leidet an einem kurzen, klanglosen, zischenden Husten, der zu unter­drücken gesucht wird; dasselbe sperrt häufig den Schnabel auf (gähnt), weshalb die Krankheit den englischen Namen ,1a gape' auch in Frankreich führt. Die Respirationsstörungen nehmen meist stetig zu, bis der Erstickungstod die Patienten von ihren Leiden erlöst.
Verlauf und Prognose. Zuweilen genesen kräftige Thiere von selbst; dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn die Zahl der ein­gewanderten Parasiten eine kleine ist. Bei erwachsenen Thieren (Fasanen) haben 20 bis 30 Paar, bei jungen unerwachsenen bereits Jj bis 10 Paar Strongylus trachealis den Tod regelmässig zur Folge. wenn nicht frühzeitig eine zweckentsprechende Behandlung eingeleitet wird. In Frankreich hat diese Geflügelseuche in den letzten Jahren Millionen Opfer gefordert. Am stärksten wird das junge Hausge­flügel von dieser Krankheit befallen.
Sectionserscheinungen. Nach dem Tode findet man die Para­siten in der Luftröhre zwischen Kehlkopf und Brust verbreitet, die Schleimhaut der Luftröhre, so wie die Lungen entzündet.
Behandlung und Vorbeuge. Bei dieser Geflügelseuclie ist vor allen Dingen die Entfernung des betreffenden (ieHügelstandes aus den inficirten Looalitäton. so wie die Trennung der gesunden von den kranken Thieren nothwendig. Die Krankheit kann nämlich (nach Megnin) auf bis dahin gesundes Federvieh dadurch übertragen werden , dass dieses die von krankem Geflügel ausgehusteten Para­siten aufnimmt. Am häufigsten sind allerdings mit Syngamusbrut verunreinigte Nahrungsmittel die Verbreiter der Krankheit, weshalb ein entsprechender Wechsel des Futters wichtig ist. Als Getränk soll statt Wasser ein Knoblauch- oder Rauten-Infusuni verabreicht werden. Megnin empfiehlt ausserdem folgende . Futtennischung: hartgesottene Eier, gekochtes Rinderherz, Krume von altbackenem lirod, Salat: alles zerkleinert und gut gemengt mit gehackter Knob-
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5(3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Magenwurmseuche.
lauuhzwiebel; für zehn Fasane genügt eine Knoblauoh/.wiebel tilg-lich. Die Thiere lieben fragliche Mischung im Allgemeinen, so dass sie dieselbe in der Regel gern verzehren. Die Putternäpfe müssen tilglich zweimal gründlich gereinigt werden.
Die Vorbeuge verlangt eine sichere Zerstörung des an fraglicher Krankheit verendeten Geflügels; am besten wird dasselbe verbrannt. Eine gründliche Desinfection aller Localitilten, in welchen an dieser Wurmseuche erkrankte Thiere sich aufgehalten haben, ist unbedingt notbwendig. Dieselben werden am einfachsten mit einer einpro-centigen Schwelsilurelösung befeuchtet.
Die Magenwurmseuche der Schafe und Ziegen.
Krankheitsursachen. Ein anderer Pallisadenwurm „Strongylus contortusquot; wird manchmal in grösseren Massen bei Schafen und Ziegen im Labmagen angetroffen und verursacht dann in Rede stehende Krankheit, die ebenfalls am häufigsten bei jungen Thieren vorkommt. Dieser Pallisadenwurm ist weiss oder roth; letztere Pilrbung hat Veranlassung gegeben, der Krankheit den Namen „rothequot; Magenwurmseuche zu geben. Das Männchen wird 10 bis 16 mm, das Weibchen 18 bis 20 mm lang; beide sind an den Körperenden, vorn etwas mehr als hinten, verschmächtigt und um ihre Körperaxe gedreht, weshalb sie den Namen „gedrehterquot; Pallisadenwurm (Strongylus contortus) erhalten haben.
Erankheitserscheinungen und Diagnose. Grössere Mengen dieses Parasiten verursachen im Magen der Schafe und Ziegen die Erscheinungen eines Magendarmkatarrhs. In Folge der Verdauungs­und Ernährungsstörungen findet sich bald Abmagerung ein, die Thiere werden allmählig immer hinfälliger, schliesslich entwickelt sich ein caohectischer Zustand, Durchfall und damit ein schneller Verfall der Kräfte stellt sich ein, worauf endlich der Tod folgt. Aus diesen Erscheinungen kann während des Lebens die Krankheit nicht sicher diagnosticirt werden; dies ist nur durch den Sections-befund möglich.
Verlauf und Prognose. Sich selbst überlassen, endet die Krank­heit nach längerein Verlaufe meist tödtlich. Tritt aber rechtzeitig eine geeignete Behandlung und Pflege ein, so genesen die an Magen­wurmseuche leidenden Thiere in der Regel.
Die Vorhersage ist deshalb bei früher Erkennung und Behand­lung dieser Krankheit im Allgemeinen günstig.
Sectionserscheinungen. An Leichen von Schafen und Ziegen, die kurz vorher an Magenwurmseuche gestorben, oder mit dieser Krankheit behaftet geschlachtet worden sind, findet man die Schleim­haut des Labmagens mit Strongylus contortus dicht besetzt. Einige Zeit nach dem Tode sind diese Parasiten von der Magenschleinihnut losaelöst und in Fäulniss begriffen.
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Magenwunnseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 57
Behandlung und Vorbeuge. Da wir diesen Parasiten mit Arzneimitteln leicht beikommen können, so lassen sich durch eine rechtzeitige geeignete Behandlung und Pflege gute Erfolge erzielen. Es gibt viele Arzneimittel, welche den Abgang dieser Pallisaden-würmer bewirken ; so z. B. bewähren sich unter anderen auch fol­gende : Stinkendes Thieröl und Terpentinöl werden zu gleichen Theilen gemischt und mit drei Theilen Spiritus versetzt. Jedem mit der Maguuwurmseache behafteten Thiere verabreiche man tllglich 1 bis 2 Theelöifel voll quot;von fraglicher Mischung nüchtern, nachdem die Flüssigkeit vor dem jedesmaligen Gebrauche gut umgeschüttelt worden ist. — Sehr sicher wirkt auch das iltherische Farnkrautöl, das in Gaben von 2 Gramm jedem Patienten morgens nüchtern zu verabreichen ist. Dies Mittel ist jedoch theuer und wird deshalb meist durch billigere zu ersetzen gesucht. So sind z. B. Abkochungen von Wermuth- oder Rainfarnkraut tllglich 3mal einige Esslöffel voll verabreicht neben einer krilftigen guten Nahrung ausreichend. Da das Eingeben von Arzneien bei grösserer Verbreitung mühsam ist, so kann man den Patienten aromatisch-bittere Mittel zum frei­willigen Genuss, z. B. Schafgarbenkraut, oder über das Putter ge­streutes Kalmuswurzelpulver, vorlegen. Lecksteine von Viehsalz, sowie Spinola's Wurmkuchen (s. Inhaltsverzeichniss) sind ebenfalls zu empfehlen. Kräftiges, leicht verdauliches Putter, z. B. Lupinen, Körnerschrot, geröstetes Gerstenmalz, gutes Heu u. s. w., muss in ausreichender Menge verabreicht werden.
Da diese Krankheit in manchen Gegenden mit sumpfigen Weiden oder stehenden Wasserlachen vorzugsweise Lilmmer und Jilhrlinge heimsucht, so gilt für die Vorbeuge das bei der Lungenwurmseuche der Schafe und Ziegen hierauf bezüglich Gesagte. Da die Magen­wurmseuche manchmal im Frühjahre solche Thiere befällt, welche im vorhergegangenen Sommer und Herbst die Lungenwurmseuche überstanden haben, so glaubte Gerlach auf einen ursächlichen Zu­sammenhang beider Krankheitszustilnde schliessen zu dürfen. Ein Zusammenhang in der Entwicklung von Strongylus contortus und Strongylus filaria ist indess nicht nachgewiesen und wird wahr­scheinlich auch nicht bestehen.
Strongylus armatus des Pferdes. Im Darmcanale des Pferdes kommt ein röthlicher Pallisadenwurm vor, der im völlig ausge­bildeten Zustande am vorderen Pole seines flach-convex abgestutzten Kopfes mit einem trepanartigen Zackenkranze (Zähnen) bewaffnet ist und deshalb Strongylus armatus genannt wird; das hintere Körperende ist zugespitzt. Das Männchen wird bis 30 mm, das Weibchen bis über 50 mm lang und 1 mm dick. Dieser Parasit gelangt als ein ganz kleines Würmchen zunächst in den Magen und Darmcanal des Pferdes und von hier aus in die Gekrösarterien, woselbst er sich einnistet, und Erkrankung der betroffenen Blut-gefässwand, sowie Gerinnung des Blutes in seiner Nachbarschaft verursacht. Auf diese Weise entstehen Unregelmässigkeiten in der
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58nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Trichinose.
Blutoh'oulation, nameutlioh wird die Blutzuf'uhr nach den von den verengten oder verstopfton Gefässen versorgten Darmabschnitten vermindert und dadurch eine mehr oder weniger erhebliche Störung der Darmthätigkeit bedingt. Aus den Gekrösarterien kehrt der Parasit später in den Dann zurück, nachdem sich noch kurz vorher bei demselben die Zahnkrone am vorderen Körperpole gebildet hat. Da die vordere Gekrösarterie beim Pferde weitaus den grössten Theil des Darmcanales mit Blut versorgt, so ist eine nicht seltene Folge der Verstopfung eines Theilos ihrer Lichtung und der Port­führung von losgerissenen Stückchen des Blutpfropfes in Seitenzweige fraglicher Arterie, theilweise Blutleere und Lähmung eines Darm-abschnittes, Kolik mit oft tödtlichem Ausgange. (Siehe Näheres bei Kolik der Pferde.)
Aussei- den vorstehend zur Sprache gekommenen Fadenwürmern werden noch eine grössere Anzahl Strongyliden im Körper unserer Hausthiere gelegentlich angetroffen. Da bis jetzt keine nachtheiligen Wirkungen derselben beobachtet worden sind, so können dieselben hier nicht eingehender berücksichtigt werden.
Die TricWnenkranklieit.
Ein den Strongyliden äusserlich ähnlicher Fadonwurm, der unter dem Namen „Trichine (trichina spiralis)quot; allgemein bekannt und gefürchtet ist, verursacht beim Mcnsclieu ein sehr scliinerzliullcs und nicht selten lödtlicli ondendes Leiden, „TrichiHenkranklicitquot; auch „Trichinose'' genannt. Aus diesem Grunde soll fraglicher Parasit hier kurz besprochen werden, obgleich derselbe bei unseru Hausthieren als Krankheitserreger keine besondere Rolle sjnelt.
Jede Trichine durchläuft zwei verschiedene Lebenszustände, von denen der eine im Darmcanale, der andere in den Muskeln des betreffenden Wirthes durchgemacht wird. Demnach unterscheidet man „Darmtrichinenquot; und „Muskeltrichinen'; erstere sind die geschlechtsreifen Repräsentanten, letztere die Vorstufen der aus­gebildeten Trichinen. Die männlichen Darmtrichinen werden bis 1,6 mm, die weiblichen Darmtrichinen höchstens bis 4 mm lang. Diese gebären lebendige Junge, welche alsbald durch die Dannwand hindurch und in die verschiedenen Muskeln des Skeletes einwundern. Die Zahl der Nachkommen jeder weiblichen Darmtrichine wird auf durchschnittlich ca. 1500 Stück geschätzt, welche innerhalb einiger Wochen geboren werden. Die Darmtrichinen leben etwa fünf bis acht Wochen , worauf sie; absterben und den Darm ihres Wirthes verlassen. — Die in die Muskeln eingewanderten jungen Trichinen (Muskeltriclünen) dringen in die Muskelfasern ein, in welchen sie zunächst gestreckt liegen; nachdem sie an Grosse und Dicke zu­genommen haben, rollen sie sich brezel- oder wurstfönnig auf. Nach etwa zwei Monaten kapseln sie sich ein und nach etwa einem Jahre findet man diese Kapsel in der Verkalkung begriffen. In dieser Kapsel bleibt die Muskeltrichine viele Jahre hindurch am Leben.
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Trichinose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;59
Gelangt derart trichinöses Fleisch in den Magen eines geeigneten Wirthes, so werden die Kapseln verdaut und die eingeschlossenen Trichinen frei. Diese sind zunächst etwa 0,5 bis 0,75 mm lang, wachsen aber schnell zu vollständig ausgebildeten Darmtrichinen heran, so dass die weiblichen Individuen bereits sieben Tage nach ihrer Einwanderung in den neuen Wirth zu gebären beginnen. Gelangen Muskeltrichinen in den Magen und Dann eines neuen geeigneten Wirthes, bevor sie 0,5 mm lang geworden sind, so gehen sie zu Grunde, weil sie die für die Weiterentwicklung im Dann erforderliche Keife nicht besitzen.
Von unsern Nutzthieren beherbergt am häufigsten das Schwein eine grössere oder geringere Anzahl Trichinen in seinem Muskel­fleische. Durch den Genuss des letzteren im ungekochten, resp. nicht hinreichend durchgekochten Zustande, kommen bekanntlich öfter „sporadischequot; oder „endemischequot; Fälle von Trichinose beim Meuschen vor.
Obgleich bereits Wood im Jahre 1835 in der Londoner inedi-cinischen Zeitung die Aufmerksamkeit der Aerzte auf die von Paget (1834) entdeckte (resp. zuerst richtig erkannte) Trichine gelenkt hatte, so wurde doch die Gefährlichkeit dieses Parasiten für den Menschen erst im Jahre 1860 durch Zenker in Dresden bei einem unter den Erscheinungen eines typhösen Fiebers gestorbenen Dienst­mädchens (aus Planen) richtig erkannt und festgestellt. Demnach wurden alsbald aussei- verschiedenen sporadischen Fällen zunächst kleine Endemien von Trichinose, so z. 13. in Kalbe a. S., Burg bei Magdeburg u. s. w. beobachtet. Im October 1863 trat sodann in Hettstedt eine grössere Endemie auf, wobei 153 Personen an Trichi­nose erkrankten und 23 starben. Es folgten dann mehrere kleinere und im Jahre 1865 eine grosse Endemie in Hodersieben, wo von 300 erkrankten Personen 109 an Trichinose starben. Und trotz aller Belehrungen sowie der erlassenen Schutzgesetze sind immer noch -zahlreiche Fälle, so in neuerer Zeit eine grosse Endemie in Emers-leben bei Halberstadt und an anderen Orten vorgekommen.
Die in neuerer Zeit in vielen Culturstaaten eingeführte Con-trole des Schweinefleisches durch die obligatorische Trichinenschau hat für die thierärztliche Praxis insofern eine besondere Bedeutung, als Thierärzte einerseits nicht selten als Trichinenschauer fungiren, andererseits aber als gerichtliche Sachverständige bei Klagen wegen Fahrlässigkeit gegen Trichinenschauer etc. geladen werden. In letzterem Falle hängt vom Gutachten des betreffenden Experten meist das Urtheil des Richters ab. Es ist somit eine heilige Pflicht des Thierarztes, sich mit den nothwendigen Kenntnissen über die Entwicklungsgeschichte und das Vorkommen der Trichinen zvi ver­sehen , um sein Gutachten dem Standpunkte der Wissenschaft ent­sprechend abgeben zu können.
Wir wollen unsere bezüglichen Betrachtungen hier zunächst mit dem Studium des Verhaltens der Schweine gegenüber einer Einwanderung von Trichinen kurz besprechen.
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GOnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Trichinose,
Trichinose des Schweines. An der Berliner Thierarzneisohule
sind in früheren Jahren Fütterungsversuche mit trichinösem Fleische bei Schweinen (und verschiedenen imderen Thierarten) angestellt worden, über welche Müller (im I. Quartalhefte des Magazins für die ges. Thierheilk. 18(35) referirt hat. Die daraus sich ergebenden Schlussfolgerungen sind im Wesentlichen folgende:
Die der Aufnahme von trichinenhaltigeni Fleische folgende Entwicklung, Vermehrung und Wanderung der Trichinen bedingt /war eine Erkrankung bei Schweinen, jedoch sind die Erscheinungen, durch welche diese Erkrankung sich kundgibt, weder constant, noch charakteristisch genug, um ein sicheres Erkennen der Triehinen-krankheit bei Lebzeiten der Schweine zu ermöglichen. Sümmtliche Ver.suchsthiere erkranktem wenige Tage nach der Trichinenfütterung; die constantesten Erscheinungen waren der Hauptsache nach: Durch­fall , jedoch nicht anhaltend, mit Kothentleerungen von festerer Oonsistenz abwechselnd, theils verminderte, oder doch wenigstens sehr ungleiche, theils gänzlich aufgehobene Fresslust, Zeichen von Leibschmerzen, Unruhe, Verkriechen in die Streu, Fieber, Auf­lockerung der Augenlidbindehaut und reichliche Absonderung der Hautexcrete. Diese eben genannten Symptome, sowohl einzeln, als in ihrer Gesammtheit aufgefasst, können jedoch bei Schweinen auch ohne stattgehabte Trichinen-Einwanderung beobachtet werden; ein ganz ähnlicher Symptomencomplex ist z. B. bei jedem nur einiger-massen umfangreichen Katarrh der Verdauungsschleimhaut vorhanden, und die meisten der genannten Erscheinungen werden bei gastrischen Krankheiten der Schweine selten fehlen.
Selbst wenn den Schweinen sehr trichinenhaltiges Fleisch pfund­weise , also in Mengen gereicht wurde, welche bei zufillliger Auf­nahme nur höchst ausnahmsweise verzehrt werden, stellen sich Krankheitserscheinungen ein , die nicht speeifisch, sondern nur der Heftigkeit nach von denjenigen verschieden sind, welche nach einer geringen Trichinenaufnahme beobachtet werden.
Ein speeiflscher, von anderen Krankheitszustilnden verschiedener Symtomencomplex wurde weder wllhrend des Lebens, noch bei der Section an denjenigen Schweinen wahrgenommen , welche in Folge der massenhaften Aufnahme von Trichinen binnen kurzer Zeit zu Grunde gingen; jeder Sachverständige wäre namentlich nach den Sectionsresultaten ohne mikroskopische Untersuchung des Darm­inhaltes und der Muskeln nicht der Oberflilchlichkeit anzuklagen, wenn er sich zu der Schlussfolgerung berechtigt glaubte, dass die Schweine Nr. 1 und 8 (der Versuchstlüere der Berliner Thierarznei-schule) an brandigem (typhösem) Rothlauf, wenn nicht an Anthrax, gestorben seien. Weder in den dünnflüssigen Durchfalls-, noch in den Kothmassen von gewöhnlicher Oonsistenz wurden (bei Leb­zeiten der Versuchsthiere) Trichinen mit Hülfe des Mikrokopes auf­gefunden etc.
Bei keinem Versuchsthiere und zu keiner Zeit wiihreiid der Dauer des Versuches wurden Symptome bemerkt, welche auch nur
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Tiichinose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 61
im Entferntesten analog sind dem mehr oder weniger verbreiteten Oedem des Unterhautzellgewebes, welches die Trichinenkrankheit des Menschen zu begleiten pflegt und als charakteristisches Kenn­zeichen die Diagnose wesentlich erleichtert.
In ilhnlichem Sinne haben sich auch Pürstenberg und Kühn auf Grund ihrer Versuohsergebnisse ausgesprochen. Da das in Vor­schlag gebrachte Harpuniren der Schweine, wobei diesen mittelst eines Hakenspiesses Fleischstückchen aus verschiedenen Körper­gegenden entnommen und mikroskopisch untersucht werden sollten, in der Praxis auf verschiedene Bedenken und Schwierigkeiten stösst, auch häufig negative Ergebnisse bei trichinösen Schweinen liefern würde, so müssen wir uns damit begnügen, die Trichinose der Schweine nach dem Tode dieser in jedem Einzelfalle möglichst sicher zu ermitteln. Und dies ist nur durch eine entsprechend geregelte Trichinenschau annähernd möglich.
Hierbei ist besonders die Thatsache gebührendennassen zu be­rücksichtigen , dass der Gehalt des Schweinefleisches an Trichinen ein sehr verschiedener sein kann, und dass, je geringer der durch­schnittliche Gehalt eines Schweines an Trichinen ist, um so grosser die Ungleichheit ihrer Vertheilung in den einzelnen Körperabschnitten zu sein pflegt. So kann es kommen, dass bei einem schwach trichincn-haltigen Schweine in den der vorgeschriebenen Anzahl aus bestimmten Körperstellen entnommenen Präparaten trotz sorgfältiger Unter­suchung keine Trichinen gefunden werden, während vielleicht bei einer Nachrevision sogar in einzelnen Präparaten zwei oder sogar drei Trichinen gefunden werden können. Es kommt namentlich bei der mikroskopischen Untersuchung von spärlich mit Trichinen durch­setztem Schweinefleische nicht selten vor, dass in einer sehr grossen Anzahl Präparaten nur wenig oder gar keine, dann aber kurz nach einander wieder mehrere Trichinen gefunden werden.
Der S5 367 des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich (1870) verbietet bei einer Strafe bis zu 50 Thlr., oder bis zu sieben Tagen Gefängniss, die Peilhaltung oder den Verkauf von Getränken oder Lebensmitteln, welche gefälscht oder verdorben sind, und besonders von trichinösem Fleische.
Wenn durch den Genuss solcher Waaren Jemand nachweislich an seiner Gesundheit geschädigt worden, oder gestorben ist, so finden andere, schärfere Bestimmungen des Strafgesetzbuches Anwendung.
In Preussen ist die Ausnutzung trichinös befundener Schweine in folgender Weise gestattet:
1)nbsp; nbsp;das Abhäuten und Entfernen der Borsten, sowie die freie Verwerthung der Haut und Borsten;
2)nbsp; nbsp;das einfache Ausschmelzen des Fettes und die beliebige Verwendung desselben ;
3)nbsp; die Verwendung geeigneter Theile zur Bereitung von Seite und Leim ;
4)nbsp; die chemische Verarbeitung des ganzen Körpers. (Verfügung des Min. der Medic.-Ang. vom 18. Jan. 1876.)
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02nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Trichinose.
Eine andere Verfügung des genannten Ministeriums vom 21, Juni 1878 bestimmt folgendes:
1)nbsp; Amerikanische Speckseiten, welche sich bei der Besichtigung als ganz muskelfrei ergeben , einer mikroskopischen Untersuchung nicht unterwerfen zu lassen ;
2)nbsp; auf die Einführung der mikroskopischen Fleischbeschau, wo solche noch nicht, oder in ungenügender Weise besteht, thunlichst Bedacht zu nehmen;
3)nbsp; nbsp;die Nachrevision des als trichinös befundenen Schweinefleisches anzuordnen, wo solche noch nicht eingeführt ist.
Vorbeuge gegen Infectionen bei Schweinen. Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass eine einfache Beerdigung trichinöser Schweine den Ratten, welche häufig trichinös befunden werden, Gelegenheit zur Infection bietet und dass trichinöse Ratten wieder leicht die Infection von Schweinen veranlassen können. Ratten (und Mäuse) müssen möglichst vertilgt und von Schweineställen fern gehalten werden. Alles trichinöse Fleisch von Thieren wird am besten durch Feuer oder Chemikalien unschädlich gemacht. Pleisoh-abfillle füttere man an Schweine nur in vollständig gar gekochtem Zustande. Am gefährlichsten sind natürlich die Cadaver von Ratten und Fleischubfillle, welche von diesen oder von Schweinen kommen.
Grössere Rund-würmer. Zu den Parasiten, welche bei unsem Hausthieren (und beim Menschen) Gesundheitsstörungen zu verur­sachen im Stande sind, gehören aussei* den bereits genannten faden­förmigen , auch noch verschiedene grössere Rundwürmer. So wird z. B. der Riesenpallisadenwurm, Eustrongylus gigas, bei Pferden, Rindern und Hunden im Nierenbecken (s. Krkh. der Nieren), bei letzteren auch im Herzen angetroffen; auch beim Menschen ist der­selbe in ganz seltenen Fällen gefunden worden. Dieser Wurm wird bis zu 12 mm dick, das Männchen bis 310, das Weibchen bis WO mm lang und noch länger. Der Kopf ist abgestumpft, seine Farbe röthlich. Oft ist dieser Parasit eingekapselt; zuweilen hat man ihn auch frei in der Bauchhöhle genannter Thiere angetroffen.
Die durch denselben bedingten Erscheinungen sind nicht constant, für eine Behandlung der betreffenden Thiere fehlt jede Indication und jede Aussicht auf günstige Erfolge; dasselbe gilt leider auch in Bezug auf Vorbeugemassregeln, welche nur durch gründliche Vernichtung dieser Parasiten die allgemeine Vermehrung derselben ZU beschränken vermögen.
Spulwürmer. Eine bekanntere schädliche Rolle spielen bei unseren Hausthieren (und beim Menschen) die Spulwürmer, welche an beiden Körperenden schmächtiger als in der Mitte des Körpers und von weisslicher Farbe zu sein pflegen. Die Mundöffnung wird von 8 gezähnten Lippen gebildet; der After ist bauchständig und Mibtenninal. Heim Weibchen liegt die Geschlechtsöffnung am hinteren
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Spulwürmer.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;03
Ende des ersten Körpcrviertels; dasselbe soll jährlich etwa 60 Mil­lionen Eier erzengen, welche im Wasser oder feuchtem Boden all-mählig reifen, sehr widerstandsfähig sind und wahrscheinlich in einem unbekannten Zwischenwirth eine Art Larvenzustand durch­machen müssen, bevor sie wieder zu geschleehtsreifen Spulwürmern sich entwickeln können. Das Mönnchen trägt an seinem hintern Leibesende 2 Spicula.
Bei Einhufern kommt der grossköpfige Spulwurm (Ascaris megalocephalu) nicht selten in so grosser Menge im Dünndarme vor, dass er Verdauungsstörungen, sogar gefährliche Verstopfungs­koliken (s. Kolik) zu verursachen- im Stande ist. Das Männchen dieses Parasiten wird 8—12 mm dick und bis zu 250 mm hing, das Weibchen bis zu 350 mm lang, ausnahmsweise sogar noch länger.
Im Darme des Schweines und Rindes kommt der regenwurm-ähnliche Spulwurm, Ascaris lumbricofdes, vor, der 4 bis 6 mm dick, das Männchen bis 250, das Weibchen bis 400 mm lang werden kann. Seine Farbe ist weiss oder röthlich. Ein ähnlicher Spul­wurm kommt auch beim Menschen vor.
Im Darme der Hunde und Katzen Kndet sich öfter der Katzen-spulwurm, Ascaris mystax; derselbe wird bis über 1,5 mm dick, das Männchen bis 60, das Weibchen bis 130 mm lang. Dieser Parasit ist in sehr seltenen Fällen auch beim Menschen gefunden worden.
Bei Rindvieh, Schweinen und Fleischfressern verursachen die betreffenden Spulwürmer Vei-dauungsstörungen und manchmal lebens­gefährliche Verstopfungen, wie beim Pferde. Bei allen unsern Haus-thieren sind indess die Krankheitserscheinungen keine so charakte­ristische, dass aus diesen die Diagnose sicher gestellt werden kann, wenn keine Spulwürmer mit den Excrementen abgegangen waren. Wo dies der Fall ist, da säume man nicht, entsprechende Wurm­mittel an die betreffenden Thiere zu verabreichen, einestheils um zukünftige Gefahren abzuwenden, andererseits um die Nahrungs-säfte, welche die Parasiten zu ihrer Existenz bedürfen und ihrem Wirthe entziehen, diesem zu erhalten.
Als diätetisches Mittel gegen Spulwürmer sind für Pflanzen­fresser Mohrrüben, so wie auch Zuckerrüben dringend zu empfehlen; Fleischfressern gebe man salzige Suppen oder stark gepökeltes Fleisch. Als Arzneimittel verabreiche man Pferden und Rindvieh fein pul-verisirten Brechweinstein mit dem Kurzfutter , oder besser im Ge­tränke gelöst, und zwar 15—20 gr für einen Tag. Statt dessen kann man diesen Thieren auch eine Gabe von 1—5 gr Arsenik geben. Nach Bedürfniss wiederhole man diese Gaben nach zwei bis drei Tagen einmal und versäume nicht, die ganze Kur nach zwei bis drei Wochen zu wiederholen, um die etwa zuerst nicht getödteten im Darme verbliebenen Spulwürmer zu vernichten.
Hunden und Schweinen verabreiche man Zittwersamen, zwei bis acht Gramm in einer Gabe und nach 24 Stunden einen bis zwei Ess-löffel Ricinusöl. Alle bitteren Mittel und besonders alle brenzlichen und ätherisch-öligen Mittel sind gegen Spulwürmer sehr wirksam und
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(34nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Kiüsenki'atzer.
können deshalb gegen dieselben in angemessener Grabe und Form mit Erfolg angewendet werden. Besonders wirksam sind auch Terpentinöl und stinkendes Thieröl. Ihre Verabreichung verursacht jedoch einige Schwierigkeiten, da die Thiere diese Mittel nicht frei­willig nehmen und dem Eingeben derselben einen grösseren oder geringeren Widerstand entgegensetzen.
Die brenzlichen Mittel haben ausserdem einen unangenehmen Geruch, wodurch ihre Anwendung beschränkt wird. Allen wurm-tödtenden Mitteln wird zweckmilssig 24 Stunden nach ihrer Ver­abreichung ein Abführmittel nachgegeben, um die nicht getödteten, sondern nur krank gemachten Parasiten sicherer zu entfernen.
Die Entwicklungsgeschichte der Spulwürmer ist noch nicht vollständig erforscht. Wir wissen jedoch, dass die Entwicklung der Eier bei warmer Temperatur in Wasser schnell, bei niederer Temperatur langsam vorschreitet und dass Eier und Embryonen der Spulwürmer eintrocknen können, ohne dadurch ihre Entwick­lungsfähigkeit zu verlieren.
Riesenkratzer oder Echinorrhynchus gigas. Beim Schweine (von Lambl im unreifen Zustande auch bei einem Kinde angetroffen) kommt noch ein den Spulwürmern äusserlich ähnlicher grosser Hakenwurm vor, welcher „Riesenkratzer oder Echinorrliynchus gigasquot; genannt wird. Derselbe gehört in die zoologische Ordnung der „Kratzer oder Acanthocephalen' und besitzt als Glied dieser weder Mund- noch Darmcanal, die Geschlechter sind getrennt. Das Weib­chen wird bis über 400 mm lang und am Vorderkörper bis zu 0 mm dick; seine Eier sind oval. Das Männchen ist beträchtlich kleiner und wird nur bis gegen 90 mm lang. Dieser schlauch-förmige Parasit ist weiss oder weissgrau, nach hinten versohmälert und oft an verschiedenen Stellen seines Körpers eingeschnürt. Am vorderen Körperpole befindet sich ein kugelförmiger Rüssel, der mit dornigen Widerhaken besetzt ist; mittelst dieser bohrt sich der Parasit in die Schleimhaut des Dünndarmes seines Wirthes ein und hakt sich in derselben fest.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Da dieser Haken­wurm meist in grosser Anzahl beisammen angetroffen wird, so schadet er seinem Wirthe, indem er diesem Nührungssäfte (Blut) entzieht und denselben wahrscheinlich auch öfter beunruhigt oder plagt, was um so mehr anzunehmen ist, als er seinen Futterplatz an der Darmwand öfter wechselt. Durch die hiermit verbundenen Ver­wundungen können sogar entzündliche Zustände verursacht werden.
Zuweilen kommt es vor, dass dieser Parasit die Darmwand durch­bricht, durch das gemachte Loch in die Bauchhöhle einwandert und dann eine Bauchfellentzündung mit tödtlichem Ausgange verursacht.
Sectionsbefund. Neben den vorhandenen Parasiten Ersoheinunoen von Katarrh und Verletzung der Darmschleinihaut, eventuell Darm­und Bauchfellentzündung.
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Peitsohenwurm.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;(55
Behandlung und Vorbeuge, So schwer demnach die Gesund­heitsstörungen, welche der lliesenknit/.er verursacht, auch sein können, so sind wir doch nicht im Stande, aus den klinischen Er­scheinungen auf seine Anwesenheit im Darmcanale eines Schweines zu schliessen, da auch andere Ursachen die nämlichen Gesundheits­störungen veranlassen können.
Von einer arzneilichen Behandhing kann deshalb hier um so weniger die Rede sein, als ausseiquot; der Unsicherheit der Diagnose auch ein anderes Hinderniss für eine sichere Therapie vorhanden ist, welches darin besteht, dass wir kein Mittel kennen, das diesen Parasiten sicher abzutreiben vermag.
Die Eier des Biesenkratzers gehen mit dem Kothe ihres Wirtlies ab und werden von Engerlingen aufgenommen, in deren Magen die Eihüllen sich auflösen, wodurch der in jedem Ei eingeschlossene Embryo frei wird und in die Bauchhöhle seines Wirthes einwandert, wo er für seine weitere Entwicklung heranreift. Werden fhit dieser Brut behaftete Engerlinge oder Maikäfer von Schweinen verzehrt, so entwickelt sich jene wieder zu Biesenkratzern.
Die Vorbeuge hat somit die Aufgabe, die Schweine gegen die Aufnahme von Engerlingen und Maikäfern möglichst zu schützen und zu diesem Zwecke in erster Linie für die Zerstörung (durch Feuer) aller Riesenkratzer, Engerlinge und Maikäfer, deren wir habhaft werden, zu sorgen.
Peitschenwurm oder Haarkopf, Im Darmcanale verschiedener Hansthiere (des Hundes, Schweines und der Wiederkäuer) werden manchmal ziemlich grosse Rundwürmer angetroffen, welche wegen ihres langen haarförmigen Vorderkörpers „Haarkopf (Trichocephalus)1quot;, iiuch wohl „Peitschenwurmquot; genannt werden. Der Hinterkörper ist rund und beträchtlich dicker, aber kürzer als der Vorderkörper und gegen diesen scharf abgesetzt. Da fragliche Parasiten keine Kninkheitserscheinungen verursachen, überhaupt unschädlich zu sein scheinen, so genügt es für unsera Zweck, dieselben hier kurz er­wähnt zu haben.
Der Bremsenschwindel oder die ScMeuderkrankheit der Schafe.
Krankheitsursache. Diese Krankheit wird durch die Larven der Schafbremse (Oestrus ovis) verursacht. Es ist dies eine kleine gelbgraue Fliege von 10 bis 13mm Länge, welche in Wandlöchern und Ritzen des Holzwerkes der Schafställo, aber auch im Freien an Waldrändern, im Gesträuch u. s. w. sich aufhält. Wie alle Bremsen fliegen sie nur bei trocknem und warmem Wetter, besonders um die Mittagszeit und zwar vorzugsweise in den Monaten Juli und August. Die befruchteten Weibchen suchen die Schafheerden auf, um ihre Brut in die Nasenlöcher der Schafe zu spritzen, was ihnen bei älteren, schon mehr erfahrenen Schafen weniger leicht wird, als bei jungen. Die anfangs sehr kleinen haarförmigen Larven kriechen
l'iitz, Compeiullum dot Thlorhollkuiülo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;5
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(it)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Brciusoiischwiudol.
auf der Nasensohleimhaut uaob aufwärts, um zwlsohen den Nasen-muscheln oder irgendwo in den Stirnhöhlen, seltener in den Ober-kiei'erliölilen für weitere Entwicklungsstudien heranzuwachsen. Die Larve ernährt sich von Schleim und Serum; sie Ijodarf zu ihrer vollen Entwicklung neun Monate und erreicht eine Grosse von 22 bis 28 mm. Sind die Larven reif, so wandern sie nach aussen, oder werden durch Niesen ihres Wirthes herausgeschleudert; ihre Ver-puppung erfolgt in der Regel innerhalb 24 Stunden. In der Tonne bleiben sie 42 bis 48 Tage, worauf diese gesprengt und die voll-konmieu ausgebildete Fliege frei wird.
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Alsbald nach Ein­wanderung der Bremsenbrut versuchen die inficirten Schafe, jene wieder los zu werden, indem sie die Nase am Boden oder mit den 1 {einen reiben, mit dein Kopfe schütteln u. s. w. Da dies ge-wöhnlieh frachtlos ist, so stellen sich, am häufigsten in den Monaten ^lärz bis Mai, folgende Erscheinungen ein: Nasenaustluss, häufiges Niesen und Scliiiauben , durch welches Schleim und auch wohl Bremsenlarven ausgeworfen werden; öfteres Ueberbeugen des Kopfes nach hinten, oder Schütteln desselben von einer Seite zur andern (Schleudern), Reiben der Nase an festen (legenständen, oder Ueberstreifen derselben mit den Vorderfüssen, Katarrh der Augen­lidbindehaut, Thränenfluss. zeitweiliges Hin- und Hertaumeln der Patienten . höheres Heben der Vorderfüsse beim Gehen (Traber), wie beim Waten durch AVasser etc.
Aus diesen Erscheinungen lilsst sich die Krankheit namentlich dann mit Sicherheit diagnosticiren, wenn mit dem Nasenschleime Bremsenlarven ausgeworfen werden. Da die Krankheit meist als Heerdekrankheit, auftritt, so wird auch dadurch die Diagnose mit gesichert.
Verlauf und Prognose. Manchmal werden die Bremsenlarven nach und nach siimmtlich ausgestossen, wobei die Krankheitser-scheinungen sich verringern und schliesslich ganz verschwinden, tu anderen Fällen aber bleiben die Parasiten bis zu ihrer Reife in der Nasen- und Stirnhöhle etc. ihres Wirthes; dieser verliert immer mehr die Lust, Futter zu sich zu nehmen, magert schnell ab, knirscht mit den Zähnen, verdreht die Augen, schäumt aus dem Maule, athmet schneller, bis früher oder später der Tod die armen Thiere von ihren schweren Leiden erlöst.
Die Prognose ist nur bei geringerem (irade der Krankheit günstig, bei höherem Grade mindestens zweifelhaft, oder ganz un­günstig.
Sectionsbefund. Bei Schafen , welche an der Schleuderkrank-heit gelitten haben und im Verlaufe derselben geschlachtet worden oder gestorben sind; findet man in den betreffenden Lufthöhlen des Kopfes in Schleim und Eiter eingebettete, lebende Bremsenlarven oft in grösserer Zahl: die betroffenen Schleimhautabschnitte sind
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Hremscnschwimld.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;(57
bedeutend geschwellt, geröthet und von Blutexti'avasaten durohzogen., die Hirnhäute .sind hypcrämisüh. Zvxweileu findet man einzelne verirrte Bremsenlarven im Q-ehirn, im Kehlkopfe oder in der Luft­röhre u. s. w, und dementspreohende örtliche Rei/./.ustilnde.
Behandlung und Vorbeuge. Zunächst sorge man dafür, den Auswurf der Patienten anzuregen und zu befördern, was durch Niesemittel, Einspritzen von Wasser mit Hirschhornöl (tüchtig ge­schüttelt), oder einer Auflösung von Hirschhornsalz (1 : Ki) in die Nasenhöhlen , oder durch Anbohren der Stirnhöhlen , Absägen der Hörner mihe an deren Wurzel und Einspritzen eben genannter Flüssigkeiten in die geschaffenen Zugänge der betreffenden Kopf­lufthöhlen, geschehen kann. Als Niesemittel eignen sich: weisse Nfesswurz, Schnupftabak, Baldrianwurzel und dergleichen mehr. Man bringt das gewählte Niesemittel den Schafen entweder mit den Fingern , oder mittelst eines Stäubers (ev. Federkiels) in die Nase, (raquo;der streut dasselbe im feinpulverisirten Zustande auf das Putter. Auch können Dämpfe durch Verbrennen von Schwefel oder brenz-liohen Substanzen im Stalle erzeugt und versucht werden, die Para­siten durch Einathmen solcher Dämpfe aus den betreffenden Kopf­lufthöhlen zu vertreiben. Will man bei schwereren Erkrankungsfilllen die Trepanation der Stirnhöhlen etc. versuchen, um dadurch den Larven unmittelbarer beikommen zu können, so darf man mit dieser Operation nicht zu lange säumen. Es sei indess bemerkt, dass durch dieselbe in der Regel nicht viel erzielt wird, weil es nur ausnahms­weise gelingt, silmmtliche in den Stirn- und übrigen Lufthöhlen des Kopfes vorhandenen Larven direct oder indirect zu entfernen. Die Trepanation ist deshalb wohl nur bei besonders werthvollen Thieren zu versuchen; gewöhnlich dürfte es rathsamer erscheinen, die Patienten möglichst früh zu schlachten, um wenigstens den Pleischwerth der-selben SO hoch als möglich zu erhalten. Die Larven aller Bremsen sind sehr zählobig, weshalb sie, namentlich in späteren (reiferen) Entwicklnngsstadien, durch Eftuoherungen oder Niesemittel meist nicht entfernt werden können.
Als Vorbeugungsmittel hat man das Bestreichen der Nasen­löcher der Schafe mit, stinkendem Thieröl oder mit Tinier empfohlen, was selbstverständlich Morgens vor dem Weidegange während der warmen Sommermonate (Ende Juli bis Ende September), wo die Schaf bremsen am häufigsten schwärmen, geschehen müsste. Zwock-jniissiger und wirksamer dürfte es indess sein, die Schafe während der Schwarmzeit der Schafhremsen (namentlich aber die Lämmer) im Stalle zu behalten. Es wird dies leider vielfach Schwierigkeiten haben oder gar unausführbar sein; diese Massregel bleibt alier für solche Gegenden, wo die Schafbremse häufig vorkommt, möglichst wichtig und sollte , wo sie nicht ganz durchgeführt werden kann, doch so weit berücksichtigt werden , dass man die Lämmer wenig­stens an trocknen und warmen Tagen von neun Uhr Vormittags bis sechs Uhr Nachraittaas im Stalle halte.
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(jynbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Verschiedeno liri'insonliirven.
Die Vernichtung aller Bremscnhxrven dureli Feuer ist ebenfalls eine unerlässllelm prophylactische Massregel *),
Bremsenlarven bei anderen Thieren. In der Nasen- und Baohenhöhle der Hirsche kommt Oestras pietus und Oestrus auri-barbis, bei Benntbleren am gleichen Orte Oestrus trompe vor. — Beim Pferde kommen die Larven vier verschiedener Bremsen im Magen oder Danncanale vor, in deren Schleimhaut sie sieh mittelst ihrer Mundhaken befestigen. In der Eegel verursachen dieselben keine erheblichen Gesundheitsstörungen; zuweilen jedoch durchdringen sie die Wandung des Verdauungscanales und wandern aus diesem in die Bauchhöhle. In diesem Falle verursachen sie eine tödtlieh endende Entzündung des Bauchfelles u. s. w. Wenn fragliche Para­siten zufällig eine Arterie des Vcrdauungscauales durchlöchern, so kann eine mehr oder weniger erhebliche Blutung, oder gar eine Verblutung des betreffenden Wohnthieres dadurch herbeigeführt werden. Siedeln (rastruslarven in der ßachenhöhle sich an, so können dieselben verschiedengradige Athembeschwerden verursachen. — Die Larven der Magenbremse des Pferdes sind fieischroth, später gelb­braun und werden bis 19 mm lang. Sie gehen von Mai bis Oktober, vorzugsweise im Juli und August mit dem Kothe ab. — Die blut-rothen Larven der Viehbremse, welche im Verdauungscanale des Pferdes vorkommen, werden bis 14mm lang und gehen meist im Juli und Augast, selten im Mai und Juni, mit dem Kothe ab, nach­dem sie einige Zeit im Mastdärme verweilt haben. — Die Larve der sogenannten Mastdarmbremse ist anfangs roth, später blaugrün und wird bis 16 nun lang. Dieselbe wohnt meist im Magen und Dünndarme, zuweilen im Schlundkopfe des Pferdes, die letzten Wochen aber verbringt sie im Mastdärme. — Die Larve der Nasen­bremse des Pferdes ist hellgelbbraun, hinten etwas dicker als vorne; sie wird bis 14 nun lang xmd geht mit den Excrementen ab. — Aus diesen Larven entwickeln sich nach ihrem Abgange aus dein Pferdekörper im Verlaufe von vier bis sechs Wochen die betreffenden Fliegen, welche ihre Eier an der Körperobertläche ihres Wirthes ablegen, von wo aus dieselben durch Belecken etc. in den Verdauungs-canal gelangen.
Alle Bremsenlarven sind sein- zählebig, so dass selbst gegen die im Verdauungscanale sitzenden mit Arzneimitteln nichts auszu­richten ist.
Beim Rindvieh kommt die Larve der Ochsen- oder Ilinder-Biesfliege (Oestrus s. Hypoderma bovis) im Unterbautbindegewebe
*) Kine dem jireimenscliwimlei der Schafe sehr nahe vorwandte Krankheit des Menschen scheint in den Tropen häufiger vorzukommen. Dieselbe ist erst in neuerer Zeit näher studirt und unter dem Namen „Myiasis d. i. Fliegenkrankheitquot; genauer beschrieben worden. Sie wird durch das Eindringen der Larven einer der deutschen Sehmeissfliege sehr lllinlichen Fliese in die Nasenhöhle etc. verursacht.
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Inseeten als Hautpai'iisiten,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 09
vor. Diese Larven werden bis 28 nun lang und ca. halb so breit. Wenn dieselben eine gewisse Grosse erreicht haben, bilden sich die sogenannten „Dasselbeulenquot;, welche vorzugsweise im Verlaufe des Kückens zu beiden Seiten der Wirbelsäule ihren Sitz haben. Das hintere Leibesende dieses Parasiten steckt in einer rundlichen Oeft-jiung der ilusseren Haut. Im Mai oder Juni kriechen die Larven meist Morgens gegen sechs bis acht Uhr aus der Dassclbeule her­vor, wenn sie nicht vorher von Vögeln herausgezogen worden sind, was von Staaren öfter zu geschehen pflegt. Nur bei grösserer An­zahl (50 bis 100 Stück und mehr) werden diese Parasiten durch Beeinträchtigung der Ernährung und der Milchsecretion bei Melk­vieh, so wie durch Beschädigungen der Haut schädlich. Am reich­lichsten sind in der Kegel diejenigen Individuen der Heerde mit Dasselbeulen besetzt, welche eine feine weiche Haut haben, wie dies meist bei guten Milcherinnen der Pali ist. Die aus diesen Larven hervorgehenden Hautdasselfliegcn schwärmen im Juni bis September; die Weibchen legen ihre Eier auf die Haut der Kinder, Kehe und Hirsche, selten auch auf die Haut des Pferdes, Esels und Schafes, und zwar soll ein solches Weibchen so viele Eier enthalten, dass es eine ganze Heerde mit solchen versehen kann. Die Embryonen bohren sich durch die Haut hindurch und verweilen etwa neun Monate im Unterhantbindegewebe, woselbst sie sich von Lymphe und Eiter nähren.
Die künstliche Entfernung der Larven durch Ausdrücken etc. ist selten nothwendig und die Eintröpflung von Arzneimitteln in die Hautöffnung nicht rathsam *).
Aus der zoologischen Classe der Inseeten sind noch die Unter­abtheilungen der Läuse und Flöhe für die tlherärztliche Praxis von Interesse. Erstere gliedern sich in folgende zwei Familien:
I.nbsp; nbsp; Pediculina oder blutsaugende Läuse,
II.nbsp; nbsp; Mallophaga oder Pelzfresser, welche als „Trichodectes oder Haarfresserquot; und als „Philopterus oder Pederlingequot; unterschieden werden.
Für den mit der Entomologie (Insecteukunde) nicht näher Ver­trauten ist es nicht leicht, die Läuse von den Mallophagen zu unterscheiden, obgleich der Unterschied in der inneren Organisation und Lebensweise ein bedeutender ist.
Die Laus ist zu erkennen an dem vom Hinterleibe nicht scharf abgesetzten und kaum schmäleren Brustkasten, sowie an dem langgestreckten Hinterleibe und an den zweigliederigen Püs-sen. Bei der auf unseren Hanssäagethieren lebenden Art (Haema-topinus d. i. Blutsauger) ist der Brustkasten sehr schmal und deut­lich abgesetzt.
*) Unter den Tropen Hndel man auch beim Menschen nicht selten l'Miegenlarvon im Unterhautliindegewebe. Die Kingebonu'ii bezeichnen diesen Zustand als „Gusaiieraquot; und legen ein über glühenden Kohlen erwärmtes frisches Tabaksblatt auf die betreffenden Stellen.
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Insocten als HautparasiU'ii.
Ftii1 uns haben folgende ein praetisches Interesse:
1)nbsp; Die Sclnveinelaus (Haematopinus urius v. suis) ist die grösste aller Läuse und wird bis 4,5 mm lang; sie sitzt mit Vorliebe an den Hinterscbenkeln des Haus- und Wild-Schweins.
2)nbsp; Die Pferdelaus (Haematopinus macrocephalus) kommt bei Pferden und Eseln vor und zeichnet sich durch einen sehr schmalen und langen Kopf aus; sie wird bis 2,5 mm lang. Ihre Heine sind länger als der Körper und ihr Lieblingssitz Hals und Nacken.
3)nbsp; Die Kinderlaus kommt in zwei verschiedenen Species vor, nämlich!
a)nbsp; nbsp;Haematopinus eurysternus, die kurzköptige Kinderlaus. welche bis 1,5 mm lang wird und mit Vorliebe Hals und Kopf ihres Wirthes bewohnt.
b)nbsp; Haematopinus tenuirostris oder oxyrhynchus, die lang-oder spitzköpfige Kinderlaus, welche bis 2,80 mm lang wird.
4)nbsp; Die Ziegenlaus (Haematopinus stenopis), bis 2,25 mm lang.
5)nbsp; Die Hundelaus Haematopinus isopus oder piliferus bis ca. 2 mm lang.
(i) Beim Menschen kommen zwei Arten vor, nämlich die Kopf­laus, Pediculus capitis, und die Kleiderlaus, Pediculus vestimenti.
Letztere bohrt sich unter die Epidermis ein und vermehrt sich in seltenen Fällen so massenhaft, dass dadurch die fürchterliche Krank­heit dos Menschen entsteht, welche als „Läusesuchf bekannt ist.
Der Körper aller Mallophagen ist mehr oder weniger abgeplattet, oft mit Härchen oder Borsten besetzt. An dem wagerecht getragenen Kopfe liegt die Mundüffnung nach unten. Sie unterscheiden sich von den eigentlichen Läusen wesentlich dadurch, dass sie nicht, wie diese, Blut saugen, sondern von Epidermisschuppen und Haaren leben. Sie haben ihren Lieblingssitz am Kopfe, Halse und an den Beinen ihrer Wirthe.
Haarlinge kommen bei Pferden, Eseln, Rindern, Schafen, Ziegen und Hunden vor. Der Schafsliaarling, Trichodectos ovis s. sphaoro-cephalus, sowie der Kinderhaaiiing, Trichodectes scalaris, kommen oft in grosser Menge beisammen vor und verursachen dann ein starkes Hautjucken, so dass das Leiden bei oberfläcliticher Betrach­tung, oder bei mangelnder Saohkenntniss für Baude gehalten wer­den kann.
Pederlinge finden sich bei Enten, Hühnern und Tauben.
Flöhe kommen bei Hunden und Katzen (sowie beim Menschen) vor. Obgleich diese Flöhe etwas verschieden von einander sind, so kann doch auch der Mensch durch die Flöhe unserer Fleischfresser sehr belästigt werden.
Gegen diese Parasiten erweisen sich verschiedene Mittel recht wirksam. In erster Linie steht eine gute Fütterung und eine sorg­fältige Hautpflege, wozu dem (lellügel durch Wasser- oder Sandbäder Gelegenheit geboten werden muss. Bewährte Arzneimittel gegen fragliches Ungeziefer sind unter anderen folgende:
1) Persisches Insectenpulver, welches am Besten mittelst eines
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Insecten als Hautpai-asitfii.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 71
Gummibläser.s, der mit einem entsprechenden Ansat/.rölirühen versehen ist, auf die betreffenden Hautstellen aufgeblasen wird. Diese können vorher leicht angefeuchtet werden.
2)nbsp; Sublimatlösungen 1 : 800 Wasser (/um Befeuchten).
3)nbsp; Die ffraue Quecksilbersalbe, welche nur auf diejenigen Haut-steilen, auf denen das Ungeziefer vorzugsweise angesammelt ist, dünn eingerieben wird.
Nach dem Gebrauche dieser Salbe entstehen jedoch leichter Quecksilbervergiftungen, namentlich bei Rindvieh und Hunden, als nach der Anwendung von Sublimatlösung.
4)nbsp; Carbolsilurelösungen , welche ebenfalls mit einiger Vorsichl (5—lüprocentig auf den Hauptsitz des Ungeziefers beschränkt) an­gewendet werden müssen.
6) Steinöl, welches man mit etwa 8—5 Thoilen IJüböl verdünnt, um das Ausfallen der Haare dadurch möglichst zu verhüten.
6)nbsp; Tabaksabkochungen, und zwar gemeiner Landtabak wird mit 20 Theilen Wasser und 10 Theilen Essig gekocht. Auch dieses Mittel ist nicht ganz ungefährlich für den Parasitenträger und muss des­halb mit einiger Vorsicht angewendet werden.
7)nbsp; Für werthvolle Stubenthiere (Hunde, Katzen und Vögel) sind Anisöl, Wachholderbeeröl und ähnliche Oele zu empfehlen, wenn der hohe Preis derselben nicht in Betracht kommt. Man nimmt einige Tropfen derselben, vermischt sie sorgfältig mit Olivenöl oder Hüböl oder Weingeist (2- -4 Gr.) und streicht dieses Liniment wöchent­lich 2—Sinai gegen die Haare oder Federn. Rittersporn- oder Petersiliensamen mit gewöhnlichem Branntwein übei'gossen, dann 24 Stunden lang an einem warmen Orte (Ofennähe) digerirt und demnach tiltrirt, ist ein gutes Waschmittel gegen Ungeziefer. Nach Vogel leistet auch ein Anisaufguss 1 : 5 gute Dienste.
8)nbsp; Styrax, dessen parasiticide Wirkung mit Hecht gerühmt wird, reizt weniger als die ätherisch-öligen Mittel (Anis-, Fenchel-, Wach-holderbeer-. Petersilienöl etc.). Beim Geflügel wird er mit •! bis 5 Theilen Spiritus gut vermischt, mittelst einer sogenannten Blumen­spritze unter die Federn gebracht.
!•) Perubalsam wirkt wie Styrax, ist aber thenrer.
10)nbsp; Sehr sicher soll auch Arsenik in folgender Mischung wirken : Arsenik und Pottasche, von jedem 16 Gramm in l'/2 Kilogramm Wasser und ebensoviel Essig gelöst.
Als ein einfaches, nicht selten ausreichendes Hausmittel ist noch zu nennen:
11)nbsp; Das gewöhnliche Leinöl,
Alle hier genannten Mittel verlangen mindestens eine zweimalige Application, um nachträglich die aus den Eiern ausgeschlüpfte Brut zu tödten. Die zweite Application folgt zweckmässig etwa acht Tage nach der ersten.
Je nach Bedürfniss muss eine theilweise oder gänzliche Schur der Parasitenträger dem Gebrauche des betreffenden Mittels voraus­gehen,
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72nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;l'nrasitirende AViivnispinneii.
Für Pferde, Hinder und Schafe kommen aus der Ordnung der Zweiflügler auch die „Lausftiegenquot;, welche wie die Liluse auf der Haut schmarotzen, hier in Betracht. Bei Pferden und Rindern, ,Hippobosca equinaquot;, geüügelt, in den Weichen und unter dem Schwänze; sie belustigen durch Erregung eines Juckgefühles, indem sie schnell hin und her laufen. Am häufigsten im Sommer und Anfangs Herbst; zuweilen auch bei Hunden.
Die Sobaflausfliege (auch wohl „Schafzecke oder Schaftocke, MelophogUS ovinusquot; genannt) hat keine Plügel, aber einen Säug­rüssel und mit gezähnten Klammerkrallen versehene Beine, wie Hippobosca equina. Bieselbe kommt bei Weideschafen häufig zwi­schen der Wolle vor; im Winter nur ausnahmsweise. Sie belästigen ihre Wirthe als Blutsauger und verursachen, dass jene sich häufig an der Wolle zupfen und sich so den Stapel verderben.
In manchen Gegenden kommen diese Parasiten massenhaft vor und werden dann recht lästig.
Gegen Quecksilberpräparate sind dieselben sehr empfindlich.
Als Hautparasiten oder Dermatophili verdienen noch die Milben und Zecken unsere Beachtung, welche beide zur zoologischen Classe der Spinnenthiere gehören. Bevor wir dieselben hier besprechen, wollen wir kurz der Wurmspinnen gedenken, welche als Entopara-siten bei unseren Hausthieren vorkommen.
Die durch das bandwurmähnliche Fünfloch bei unsern Haus­thieren verursachten Krankheitszustände.
Krankheitsursache. Das bandwurmähnliche Fünfloch (Penta­stoma taenioides) schmarotzt als Larve bei pflanzenfressenden Säuge-thieren (und beim Menschen), im geschlechtsreifen, vollkommen ent­wickelten Zustande bei Fleischfressern.
Das Männchen wird Ifl—20 mm, das Weibchen bis 85 mm lang; erstere werden vorn ca. 3 mm, letztere ca. 8 mm. breit; nach hinten verschmälern sich beide. Da dor Leib durch zahlreiche (etwa 00) .Ringel segmentirt ist, so haben diese Parasiten im ausgewachsenen Zustande ein b and wurm ähnliches Aussehen und wurden deshalb his in die neuere Zeit zu den Eingeweidewürmern und zwar zu den Saugwürmern gezählt, bis van Beneden an den Embryonen den Typus der Gliederfüssler (Arthropoden) nachwies. Gelangen die Eier des Weibchens des bandwnrmähnlichen Fünflochs in den Magen der Kaninchen, Hasen, Ziegen, Schafe, Rinder oder anderer pflanzen­fressender Sängethiere, oder auch des Menschen, so wird die Ei­schale gelöst, die mit Bohrwaffen versehenen Embryonen durchsetzen die Darmwand und wandern in verschiedene Körperorgane, besonders in die Leber und Lungen ein. An ihrem Ansiedlungsorte werden sie zunächst eingekapselt; in der Cyste vollziehen sich mehrere Häutungen und Organisationsveränderungen#9632; Nach etwa 7 Monaten, wenn sie 4 5 mm laiiff und an der breitesten Stelle 1,2—1,5 mm
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l'tinisitiremlo Wiuiuspinuen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;73
breit geworden sind, durchbrechen sie ihre Kapsel mittelst der zahl­reichen Stachelkrilnze und Haken, welche sich kurz, vorher im ganzen Umfange ihrer Köi-perperipherie gebildet haben. Dieses Jugend­stadium wurde früher wegen seines Stachelkleides ,gezahntes Pünf-loch (Pentastoina denticulatum)quot; genannt und für eine besondere Pentastoma-Art gehalten. Pragliche Larven durchsetzen nunmehr die von ihnen bis dahin bewohnten Organe in verschiedener Eichtung und gelangen in die Bauch- oder Brusthöhle, aus der sie nicht selten wieder in Eingeweide, besonders in die Clekrös- und andere Lymph­drüsen, einwandern.
Werden mit Pentastoina denticulatum besetzte Gewebe oder Organe von Hunden oder von anderen geeigneten VVirthen verzehrt, so wandern die Pentastoma-Larven, vorausgesetzt, dass sie zur Keife gelangt und nicht mehr eingekapselt sind, direct oder indirect in die Kopflufthöhlen des neuen Wohnthieres ein, um hier schliesslich in etwa 4—5 Monaten die volle Geschlechtsreife als Pentastoma taeniofdes zu erlangen. Das Pentastoma denticulatum ist (nach Oerlach) sehr lebenszilh, so dass es bis zu einem gewissen Grade eintrocknen und doch entwicklungstahig bleiben kann; in verfaulten Cadavertheilen erhält es sich mindestens 19 Tage lang lebendig.
Krankheitserscheinungen und Diagnose, a) bei Pflanzen­fressern. Bei der Grosse und Beschaffenheit der Pentastoma-Larven kann es nicht befremden, dass die in Polge ihrer Wanderung ein­tretenden Störungen und Reizungen bisweilen so beträchtlich sind, dass die Wirthe daran zu Grunde gehen. Dessenungeachtet ist die dadurch verursachte Krankheit während des Lehens nie auf ihre wahre Ursache zurückzuführen, d. h. nie genau zu diagnosticiren.
b) bei Fleischfressern. Nachdem die Penta;:toma-Larveii ihre Wanderung vollendet und den neuen Wohnsitz erreicht haben, verschwinden die Stachelkränze und Haken an ihrer Körperperipherie ganz, oder werden doch bedeutend vermindert. In manchen Gegenden kommt dieser Parasit in den Kopflufthöhlen der Hunde (auch der Wölfe und anderer Fleischfresser) häufig, zuweilen auch im Kehl­kopfe fraglicher Wirthe vor. Einzelne Exemplare verursachen in der Regel nur einen starken Katarrh der betroffenen Schleimhaut-abschnitte, während die Anwesenheit vieler derartiger Parasiten Anfälle von Tobsucht und Käserei hervorrufen, so dass die betr. Hunde für wuthkiank gehallen werden können. Eine sichere Dia­gnose kann während des Lebens auch bei Fleischfressern nur selten gestellt werden.
Verlauf und Prognose. Obgleich Leuokart (Die Parasiten des Menschen, Leipzig 187!t, S. 175 und 170) mittheilt, dass bei seinen Versuchsthieren durch Pentastoina denticulatum Peritonitis, die nicht selten tödtlich endete, verursacht worden sei, so sind doch llhnliohe Beobachtungen nach spontaner [nfeotion bei unseren Haus-
I liieren bis jetzt., soweit mir bekannt, nicht gemacht, wenigstens
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Räude.
nicht verOffentlioht worden. Ein von Leuckart (1. c.) citirter Pali (Weinland) bezieht sich auf eine Antilope, welche dem Pentastoma denticulatum zum Opfer fiel. Der Krankheitsverlauf scheint demnach bei unsern Pflanzenfressern im Allgemeinen ein milder und demnach die Prognose, so weit von einer solchen überhaupt die llede sein kann, ein günstiger zu sein. Weniger günstig gestaltet sich Verlauf und Prognose bei Pentastoma taenioldes, jedoch ist auch hier das veröffentlichte Beobachtungsinaterial noch zu dürftig, um allgemein gültige Schlüsse aus demselben ziehen zu können.
Sectionsbefund. An den mit Pentastoma. besetzten Oadavern werden sich aussei- dem betr. Entwicklungsstadium des in llede stehenden Parasiten die durch dasselbe verursachten llei/.zustilnde etc. vorfinden.
Behandlung und Vorbeuge. Von einer arzneilichen Behand­lung kann hier kaum die Kede sein. Bei Fleischfressern können event, die bei der Schleuderkrankheit angegebenen Mittel versucht werden.
Die Vorbeuge hat die Vernichtung der Pentastomon durch Feuer oder andere Eadicalmittel bei allen gebotenen Gelegenheiten durch­zuführen.
Die Räude oder Krätze unserer Hausthiere.
Krankheitsursache. Das Vorkommen eines Thierchens in den Krätzpusteln des Menschen scheint bereits den Aerzten des Alter-thums (griechischen und arabischen) bekannt gewesen zu sein. Aus einem Briefe Bonomo's vom Jahre 1(587 geht (nach Gerlach) her­vor, dass die wahre Ursache der Krätze dem italienischen Volke schon damals bekannt gewesen ist. In fraglichem Briefe heisst es: „die Weiber ziehen ihren krätzigen Kindern die Thierchen mit der Nadelspitze aus den frischen Krätzbläschen etc.quot; Im Jahre 178(1 hat dann Wichmann (Arzt in Hannover) auf das ursächliche Ver-llältniss der Krätzmilben zur Krätze des Menschen aufmerksam gemacht. Derselbe spricht in seiner kleinen Schrift: „Aetiologie der Krätzequot; S. 44 die Vermuthung aus, dass auch bei Schafräude „Milbenquot; vorhanden seien. Aber selbst noch im quot;gt;. Jahrzehnt unseres Jahrhunderts gab es Aerzte, welche eine (undefinirbare) Schärfe des Blutes für die Ursache der Krätze hielten, lieber die „Krätze oder Baudequot; (der Hausthiere und des Menschen) hat die berühmte Arbeit eines der hervorragendsten Thierärzte Deutschlands, Berlin 1857, ein helleres Licht verbreitet. Hier, wie auf so manchen anderen Gebieten der medicinischen Wissenschaften, hat unser Gerlach un-verwelkbare Lorbeeren sich errungen. Die ersten Käudeinilben bei 'l'hieren hat Walz (180!raquo;) gefunden (Natur und Behandlung der Schnfräude, Stuttgart 1882) und /.war bei Schafen und bei einem Fuchse. Bei Pferden und Kindern sah (nach Gerlach) Gohier auf
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Räude.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 75
der Thierarzneisohule zu Lyon die ersten Milben. Als Gerlach seine Studien über Milben veröffentlichte, waren von Pferden, Bindern und Katzen je eine Milbenart beschrieben und abgebildet, dagegen bei Schweinen, Ziegen, Hunden und Kaninchen noch keine Milben nachgewiesen, Nur die Schafin üben waren in klinischer und cntonio-logisoher Beziehung genau studirt. Eine genuine Entwicklung der llilude wurde damals noch angenommen. Gerlach sagt (1. o. S. 26): „Die Milben sind die alleinige Ursache der Krätze resp. Kilude1- ; eine Behauptung, die heute von keinem Sachverständigen mehr bestritten wird. S. 27 1. c. sagt derselbe Autor: „Jede Thiergattung hat ihre besonderen Milben, die zum Theil auch auf andere Gattungen übertragbar sind, in der Kegel aber früher oder später auf fremden Wohnthieren wieder aussterben. Die verschiedenen Milben der einzelnen Thiorgattungen sind zum Theil sich sehr ähnlich und äusserlioh fast gar nicht zu unterscheiden, zum Theil aber in Bau und Lebensweise so verschieden, dass sie nicht zu einer Gattung gezählt werden können.quot;
Gerlach unterschied demnach:
A)nbsp; nbsp;Grabmilben (Sarcoptes),
B)nbsp; Milben, welche sich nicht in die Haut ihres Wirthes ein­graben (Dermatodectes) und
C)nbsp; nbsp;Milben, welche gesellschaftlich beisammen leben (Symbiotes). Heute werden diese Milben nach Fürstenberg (Die Krätz­milben des Menschen und der Thiere, Leipzig 18(il) folgendermassen benannt:
A)nbsp; nbsp;Grabmilben (Sarcoptes),
B)nbsp; Saugmilben (Dermatocoptes),
C)nbsp; nbsp;Hautschuppen fressende Milben (l)ermatophagus). Zu diesen koninit noch eine vierte Käudemilbe:
D)nbsp; nbsp;die Haarbalgmilbe (Demodex oder Acarus folli-oulorum), welche in den Haarbäigen verschiedener Haus-thiere und des Menschen wohnt.
A) Die Grabmilben sind länglich-rund, schildkrütenförniig und bohren Gänge in die Epidermis, in welche die Weibchen ihre Eier ablegen. Sie dringen oft ziemlich tief in die Haut ein, zuweilen sogar in Organe unter der Haut. Alle Grabmilben leben von Blut und Lymphe. Aus den Eiern schlüpfen zunächst Larven, welche nach verschiedenen Häutungen zu geschlechtsreifen Milben sich ent­wickeln. Die ausgeschlüpften Jungen besitzen nur drei, die aus­gewachsenen Milben vier Beinpaare, welche bei allen Grabmilben fttnfgliedrig, indess kurz (stummeiförmig) und theilweise mit gestielten Hai'tscheiben besetzt sind. Der Kopf der Grabmilben ist hufeisen­förmig) die Mundtheile (Kauwerkzeuge) bestehen aus einem Saug­kegel mit zwei soheerenförmigen Kiefern, deren Hälften von oben nach unten ineinander greifen, und jederseits aus zwei kurzen seit­lich anliegenden Kiefertastern, Leber diesen und den Scheerenkiefern liegt ein spatenförmiger Ohitinkürass, der zum Graben der Gänge benutzt wird. Das Mäimchen ist stets kleiner als das Weibchen.
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Räude.
Bis jetzt kennt man vier verschiedene Sorten Grabmilben, nämlich;
1)nbsp; die gewöhnliche Qrabrailbe, Sacoptes communis, bei Menschen, Pferden und neapolitanischen Schafen beobachtet,
2)nbsp; die schuppentragende (irabmilbe, Sacoptes squamiferus, be­sonders hilufig bei Hunden und Schweinen, aber auch bei Ziegen, Schafen, Kaninchen und Damhirschen angetroffen,
8) die Grabmilbe der Ziege, Sarcoptes caprae und 4) die kleine (Irabmilbe, Sarcoptes minor, bei Katzen und Kaninchen vorkommend.
B)nbsp; Die Saugmilben unterscheiden sich von den Grabmilben ganz auffallend durch die beträchtlichere Lilnge der Beine und des kegelförmig verlilngerten, zugespitzten Kopfes. Sie leben von Blut und Serum ihres Wirthes, in dessen Haut sie die zugespitzten Kiefer einsenken, um ihre Nahrung aufzunehmen. Sämmtliche Fusspaare tragen beim Männchen Hartscheiben, die jedoch am vierten Fuss­paare verkümmert sind und an diesem beim Weibchen ganz fehlen. Das Männchen besitzt am hinteren Körperende zwei zapfenähnliche Vorsprünge, welche mit Borsten besetzt sind und zum Pesthalten bei der Begattung dienen. Bis jetzt kennt mau zwei verschiedene Sorten Saugmilben, nämlich:
1)nbsp; die gemeine Saugmilbe, Dermatocoptes communis, welche beim Rinde, Pferde und Schafe vorkommt;
2)nbsp; die Ohrsaugmilbe des Kaninchens, Dermatocoptes cuniculi, welche sicli stets auf das Kaninchen-Ohr zu beschränken scheint.
C)nbsp; Die Hautschuppen fressenden Milben sind etwas grosser als die beiden vorigen Räudemilben. Dieselben besitzen einen stumpfen Kopf, welcher der Form nach dem der Grabmilbe ähnlich ist; dagegen sind die Beine länger, als die der Grabmilbe, ähnlich denen der Saugmilbe, so dass dadurch eine Unterscheidung dieser drei Milbenarten selbst bei oberflächlicher mikroskopischer Betrachtung sehr leicht ist. Sämmtliche Püsse der Hautschuppen fressenden Milben sind mit Haftscheiben versehen; das vierte Pusspaar ist hilufig verkümmert. Am hinteren Körperende des Männchens sind, wie beim Dermatocoptes-Männchen zwei /.apfenähnliche Vorsprünge vorhanden, weiche mit Borsten besetzt sind und ebenfalls als Klammer­organe (bei der Begattung) dienen. Man unterscheidet zwei Sorten dieser Räudemilhenart, nämlioh :
1)nbsp; Dermatophagus communis, beim Pferde, Rinde und Schafe.
2)nbsp; Dermatophagus des Ohres bei Katzen, Hunden und Kaninchen Ohrräude bedingend,
D)nbsp; Die Haarsackmilbe ist eine kleine langgestreckte Milbe mit wurmförniig verlängertem, quergeringeltem Hiuterleibe, mit Säugrüssel, stilett'örmigen Kiefern und mit 4 Paar zweigliederigen luissstuninieln . deren jeder :] Häkchen oder Krallen besitzt. Ihre Larven haben, wie die aller anderen Krätzmilben, auch nur 3 Paar Beine. Die Gliedmassen sitzen sänuntlich an dem dickeren, kolbigen Vorderkörper, der längere beinlose Dinterkörper spitzt sich allmählig
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Räude.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 77
#9632;/u. Man kennt nur die eine Art „Demodex (Simonea)quot;, welclie in den Haarbillgen des Schweines, des Hundes, der Katze, des Schafes, Rindes, Pferdes und des Menschen lebt, aber nur bei den drei erstem Räude zu erzeugen scheint. Die Balgmilbe der Katze ist kleiner als die dos Hundes und Schweines.
Durch die eine oder andere dieser vorhin genannten Milben werden die Hautkrankheiten verursacht, welche unter dem Namen „Krätze oder Räudequot; allgemein bekannt sind.
Krankheitserscheinungen und Diagnose der verschiedenen Bäudearten. A. Die durch Grabmilben verursaclite llniide beginnt in der Regel an einzelnen Körperstellen, häufig am Kopfe, von wo aus sie sich allmählig über den ganzen Körper verbreiten kann. Nach er­folgter Ansteckung, resp. nach Ueberwanderung einzelner befruchteter Weibchen, oder mehrerer Milben verschiedenen Geschlechts, entsteht an den betreffenden Stellen zunächst eine leichte oder oberflächliche Hautentzündung. Es bilden sich kleine Knötchen, welche in etwa stecknadelkopfgrosse Bläschen sich umwandeln, nach deren Platzen die betreffenden Stellen sich mit graubraunen Schorfen bedecken: im Bereiche dieser kleben die Ifaare zusammen und fallen später aus. In Folge des Scheuerns und Nagens werden die kranken Hautstellen blutrünstig, es bilden sich Risse und Geschwüre, schliesslich Ver­dickungen der Haut, wobei diese sich in Palten legt.
B. Die durch Maiigniilbcn (Dermatocoittes) vcrursnclite Künde
geht meist von geschützten Körperstellen aus; so sind z. B. der Haarschopf, die Mähnen, die Schweifwurzel, die innere Fläche der Schenkel, die Umgebung des Schlauches und der Kehlgang solche Stellen. Von hier aus verbreiten sich dann die Milben bei zu­nehmender Vermehrung, und damit nimmt auch die Hauterkrankung immer mehr zu, so dass endlich die ganze Körperobertlilche mit Räudekrusten sich bedecken kann, wenn dem nicht durch sorgfältige Hautpflege, oder durch angemessene arzneiliche Behandlung vor­gebeugt wird. Je sorgfältiger die Thiere geputzt werden, um so länger wird die Ausbreitung der Saugmilben-Räude verzögert, indem durch gründliches Bürsten stets viele Milben entfernt werden. Da eine solche Hautpflege bei Schafen ganz wegfällt, so kommt bei diesen Thieren die Saugmilbenräude am häufigsten über den ganzen Körper verbreitet vor, weil die Milben durch das Vliess überall geschützt sind, wenn sie nicht durch eine entsprechende Behandlung vernichtet werden.
Die Ohrsaugmilbe 'des Kaninchens scheint sich stets auf das Ohr zu beschränken und auf andere Thiere nicht übertragen werden zu können. Sie verursacht Entzündung der inneren Auskleidung des äUSSeren Gehörganges und des Trommelfelles. welche zuweilen auf das innere Ohr, sogar auf die Hirnhäute sich fortsetzt.
0. Die Dermatopliagnsritade bleibt in der Regel auf gewisse Körpertheile beschränkt . so z. B. bei Pferden und Schafen auf die
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Rftude
Beine, beim Binde auf die Umgehung des Afters und der Sehwanz-wur/.el, beim Kamneben, bei Hunden und Katzen auf den iiussereu (i-ebörgang. Sie verursacht ähnliche, jedoch etwas leichtere Zufillle, wie die Ohrsaugmilbe des Kaninchens. Bei Hunden findet sich diese Milbe häufig bei sogenanntem inneren Ohrwurm. Beim Rinde trifft man dieselbe (nach Johne) oft in grosser Menge an den Hintert'üssen, ohne Räude oder andere Veränderungen der Haut im Gefolge zu haben. Wo sie also bei Sohlämpenmauke des Rindes vorkommt, ist sie nicht die Ursache, sondern eine zufällige Beigabe dieser Krankheit.
Bei der (durch üermatophagus verursachten) Fussräude reiben sich die Thiere häufig die Beine und schlagen oder stampfen mit diesen. Nach und nach stellt sich eine reichliche Abschuppung der Epidermis ein, die Haare der räudekranken Stellen fiillen aus, die Haut verdickt sich, bedeckt sich mit einer Kruste und nach jahre­langer Dauer stellt sich sogar eine papilläre Wucherung der Haut ein.
Die Dermatophagusmilbe verursacht am Ohre der Fleischfresser und Kaninchen im Wesentlichen dieselben Knmkheitszustände und •Erscheinungen wie Dermatocoptes ounlcull.
D. Die Balgmilben- oder Acarns-Itiiude scheint nur bei Fleisch­fressern und bei Schweinen vorzukommen, obgleich Haarbalgmilben aiich bei Pflanzenfressern und beim Menschen sich finden.
Die Acarusräude verursacht in kurzer Zeit Störungen der Er­nährung, weil bald die ganze Haut in ihrer Function erheblich ge­stört wird , indem der Ausschlag sich schliesslich über den ganzen Körper verbreitet. Allerorts bilden sich zahlreiche Pusteln , wobei die Patienten meist sehr rasch abmagern und schliesslich zu Grunde gehen. Bei dieser Räude scheint das Kratzen den Thieren oft Schmerz zu verursachen, was Hunde durch Wimmern und Schreien zu erkennen geben.
Aus diesen Erscheinungen lilsst sich die Diagnose mit einiger Wahrscheinlichkeit in den meisten Fällen stellen , jedoch ist zur Sicherung derselben stets der Nachweis der betreffenden Milben mit Hülfe des Mikroskopes oder einer guten Loupe erforderlich, was bei Acarus nicht ganz leicht ist. Die Borken müssen frisch ent­nommen, oder in einem gut verschlossenen Gläschen aufbewahrt und in Kalilauge einige Stunden lang erweicht werden.
Dermatophagen werden oft in geschlechtlicher Copulation an­getroffen und sind wegen ihrer Grosse leicht zu sehen.
Das Auffinden der Milben gelingt nicht immer gleich; dasselbe wird erleichtert durch die Anwendung von Mitteln, welche die äussere Haut erwärmen, z. B. durch Eindecken, Sonnen- oder Ofen­wärme u. dergl. Der Nachweis von Sarcoptesmilben kann auch dadurch geführt werden , dass man frisch entnommene Hautborken mittelst einer Binde auf den entblössten Arm eines Menschen befestigt. Eventuell haben sich nach 12 Stunden rothe Flecken gebildet, in deren Mitte man die Milbe als weisses Pünktchen erkennt.
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Riiiule.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;79
Bei Pferden kommen drei verschiedene Ililudearten vor, näm-lieh 1) die Saruoptesrilude, 2) die Derniutocopte.srilude und B) die I )ermato|)iiiignsriiude.
Heim Kinde kommenzwei versohiedeiielliludearten vor, nilmlich:
1) die Dermatoeoptesräude, welche von den Seitenfiächen des liaises und der Schweifwur/.el auszugehen pflegt und von dort sich weiter verbreitet; 2) die Dermatopliagusrilude, welche meist auf die Schwan/.vvurzel und auf die Steissgruben beschränkt bleibt; weshalb sie „Steissräudequot; genannt wird. Warum diese Milben bei ihrer nicht seltenen Anwesenheit an den Unterbeineii des Rindes keinen Ausschlag erzeugen, ist unbekannt.
Beim Schafe kommen vor: 1) die Dermatocoptesrilude, welche in manchen Gegenden unter unsern Hausschafen als Heerdekrankheit eine sehr weite Verbreitung hat; 2) die Sarcoptesrilude, welche weit weniger verbreitet und auf einzelne Schafracen beschränkt zu sein scheint; ü) die Uermatophagus- oder Pussräude des Schafes.
Die gewöhnliche Uenimtocoptesrände unserer Hausschafe ist in ihren Entwicklungsstadien manchmal recht schwer zu erkennen. Nicht immer zeigen die Thiere vom Beginne der Krankheit an ein auffälliges Juckgefühl. Zunächst sieht man, dass ganz kleine Büschelchen Wolle aus dem Vliess hervorstellen, aber noch eine Zeit lang mit dem übrigen Wollhaare in Zusammenhang bleiben. Untersucht man an fraglichen Stellen die Haut, so findet man 1 '/a bis 2 cm grosse rundliche Flecke, welche blass, oft ganz weiss aussehen , und die etwas Flüssigkeit absondern , welche zu dünnen, gelben Schorfen eintrocknet. Anfangs sind immer nur vereinzelte Milben vorhanden, deren Auffinden nicht selten sehr schwierig ist; sobald aber der Ausschlag sich mehr ausgebreitet hat, macht das Auffinden der Milben in den Schorfen keine weiteren Schwierigkeiten.
Gewinnt der Ausschlag eine grössere Ausbreitung, so magern die Thiere ab und gehen schliesslich an Abzehrung zu Grunde. Schwächliche Thiere erliegen manchmal schon nach wenigen Monaten.
Im Herbste und Winter macht die Krankheit namentlich dann raschere Portschritte , wenn die Schafe in warmen dunstigen Stal­lungen beisammen gehalten werden und mit langer Wolle bedeckt sind; nach der Schur und beim Weidegange steht die Krankheit meist still, oder macht sogar Rückschritte.
In den sogenannten Schmiersclulfereien verstehen es die Schäfer, durch den Gebrauch von Krätzmitteln die Erscheinungen so nieder­zuhalten, dass eine genauere Untersuchung und Kenntniss erforder­lich ist, um die Krankheit zu erkennen.
Die „Sarcoptes-Räudequot; des Schafes scheint weit hartnäckiger als die „Dermätocoptes-Räudequot; zu sein. Sie wird, so viel bis jetzt be­kannt ist, beim neapolitanischen Schafe durch Sarcoptes communis, beim Steissschafe durch Sarcoptes squanüferus verursacht. Diese Sarcoptesräude der Steissschafe widersteht nach meinen eigenen Hrfahrungen den gegen sie angewandten Mitteln oft sehr lange, so dass eine Hadicalheilung schwer zu erreichen ist.
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80nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Käude.
Die Fussräude des Schafes wird durch eine Dermatophagus-
j\iilbe verursacht, welche etwas kleiner als die des Pferdes, dieser im üebrigen aber sehr ähnlich ist. Der Ausschlag geht oft höher (als beim Pferde) hinauf, bis zur Umgebung des Euters oder Hoden­sackes. Rumpf, Hals und Kopf werden jedoch stets verschont.
Bei der Ziege soll blos die Sarcoptesräude vorkommen und in armen Familien oft auf die siimmtlichen Mitglieder dieser übergehen. Ich finde in meinen Papieren eine ältere Notiz, wo­nach ich bei einer Ziege einmal eine Dermatophagus-Eäude ge­funden habe, die bis zur Vorderfusswur/.el reichte, die Hinterbeine waren frei.
Bei Schweinen kommt die Sarcoptes- und Acarusrilude vor; erstere geht meist von den Augengruben, dem Widerrist und der innentiäche der Schenkel aus. Ich sah ein sehr abgezehrtes Schwein, dessen ganzer Körper mit einer rindeähnlichen Sarcoptes-Bäudekruste überzogen war. Die Acarusräude des Schweines ist durch das Auf­treten von Knötchen, die einen grösseren Umfang erreichen und in Geschwüre sich umwandeln können, gekennzeichnet.
Bei Hunden und Katzen kommen vor 1) die Sarcoptesräude, 2) die Dermatophagusräude und 'S) die Acarusräude.
Bei Kaninchen kommen vor 1) die Sarcoptesräude, 2) die Dermatocoptes-Ohrräude und 8) die Dermatophagus-Ohrräude.
Beim Geflügel kommen zahlreiche Milbenarten vor, welche in verschiedenem Grade Belästigungen und selbst erheblichere Er­krankungen ihrer Wirthe verursachen können. Megnin unterscheidet beim Geflügel:
1)nbsp; eine wahre Häude, welche durch Sarcoptes mutans verur­sacht wird;
2)nbsp; zwei juckende Hautausschläge,
a)nbsp; nbsp;durch Dermanyssus gallinae,
b)nbsp; durch Sarcoptiden verursacht; letztere sitzen in den Federn;
3)nbsp; eine durch zeitweisen oder steten Aufenthalt von Acarinen in dem Unterhautbindegewebe verursachte Aifeotion
a)nbsp; nbsp;durch vorübergehend unter der Haut lebende Nymphen von in den Federn sitzenden Milben,
b)nbsp; nbsp;durch dauernd im Unterhn/utbindegewebe, oder zwischen den Muskeln lebende, vollkommen ausgebildete Acarinen (Laminoscoptes gallinarum).
Eine in den Luft/eilen, sowie in den Bronchien und pneuma­tischen Knochen der Vögel vorkommende Milbe nennt Megnin „Cytoleichus sarcoptoidesquot;; dieselbe kann den Erstickungstod ihres Wirthes herbeiführen. Sodann erwähnt Megnin Hautgeschwülste durch Sarcoptes nidulans. welche auch von Zürn beim Kreuzschnabel gefunden wurden.
Der Sarcoptes avium oder mutans scheint mit dem von Fürsten-borg beschriebenen „Knemidocoptes viviparusquot; identisch zu sein. Diese Milbe verursacht die Fussräude (Kalkbeine) des Geflügels,
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Räude.
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kiiun aber ausnahmsweise auch an anderen Körperstellen, nament­lich am Kamme, die Rilude verursachen. Auf anderes Geflügel oder sonstige Thiere scheint diese Milbe nicht leicht über/.ugehen, die Gefahr einer Ansteckung somit nicht gross zu sein.
Die hilufig in Vogelkilligen, Tauben- und Hühnerställen sich aufhaltenden sehr schnell umherlaufenden .Stochmilben (Dermanyssus avium) sind Blutsauger. Dieselben verweilen während des Tages im Hol/.werk der Vogelbauer, Hühnerställe, Schwalbennester U.S. vv., gellen aber während der Nacht regelmässig auf Vogel, Pferde, Hunde und Katzen , auch auf Menschen über und erregen durch Stechen ein lobhaftes Juckgefühl. Beim Pferde erzeugen sie (nach Siedam-grotzky) einen durch /.ahlreiche kleine runde Depilationen gekenn­zeichneten Ausschlag. Durch Bedecken der Pferde soll es (nach Trasbot) gelingen, diese Milben auf den von ihnen heimgesuchten Thieren anzutreffen.
Die eigentliche Geflügelräude scheint aussei' durch „Sarcoptes mutansquot; auch noch durch eine andere Vogelmilbe verursacht werden zu können. Es bilden sich räudige Herde an Kopf, Hals und Brust, ohne dass die Patienten ein besonderes Juckgefühl äussern; Ab­magerung, Traurigkeit, Unlust sich ZU bewegen, Verlust des Appetits und nach einigen Wochen der Tod, bilden den wesentlichen Verlauf. Friedberger fand bei einem dem Münchener Thierspitale bereits ge­lähmt übergebonen Landhuhne eine Milbenart in grosser Anzahl, welche weder mit Dermatoooptes noch mit Dermatophagus (trotz einer gewissen Aehnlichkeit) übereinstimmte.
Verlauf und Prognose. Die Räude verläuft stets chronisch, obgleich die Fruchtbarkeit der Bäudemilben sehr gross ist und ihre Entwicklung keine sehr lange Zeit erfordert. Ein Sarcoptesweib-chen soll seine Nachkommenschaft in acht Monaten auf l'/a Millionen bringen können. Die Milbeneier bedürfen etwa vier bis sieben Tage zu ihrer Keife und die aus denselben ausschlüpfenden Larven er­langen in etwa 14 Tagen ihre Geschlechtsreife. Alle Milben sind am thätigsten, wenn ihr Wirth an einem warmen Aufenthaltsorte sich befindet, oder wenn dessen Haut durch Decken etc. erwärmt wird. Das Juckgefühl ist deshalb bei räudekranken Thieren (und Menschen) in der Regel während der Nacht am stärksten. Der Ausgang der Krankheit ist bei rechtzeitiger und angemessener Be­handlung meist radicale Heilung; hiervon macht nur die Acarus-räude eine Ausnahme, welche so zu sagen absolut unheilbar ist. Aber auch andere Räudearten können bei vernachlässigter Behand­lung den Tod des Patienten zur Folge haben. Nur die Fuss- und Steissräude'verhalten sich hierin anders, da dieselben wegen ihrer geringen Ausbreitung in der Regel blos lokale Störungen verursachen. Die Dermatophagusräude geht im Allgemeinen auch weniger leicht auf andere Thiere über, als andere Räudearten. Jedoch kann die Ohrräude durch secundäre Erkrankung benachbarter Theile (des Gehirns und seiner Häute) tödtlich verlauten.
Pütz, CompeudUim der Thierhoilkumle.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; (1
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82nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Räude.
Die Prognose hängt demnach von der Eiiudeurt, aber auch von der Species des Parasitentriigers ab; Katzen gehen sehr oft an den Folgen der Räude /u Grunde, und nicht selten auch Ziegen, Schafe und Schweine.
Sectionsbefund. Bei Thieren, welche an Räude gestorben sind, findet man aussei- den betreifenden Milben auch die durch diese verursachten localen und allgemeinen Erscheinungen. Letztere be­stehen am häufigsten in allgemeiner Abmagerung der Cadaver, Blutannuth, Blutwässerigkeit u. s. w. Wo Complicationen vorhanden waren, wie z. B. Gehirnreizung, resp. Gehirn- und Hirnhaut-Ent­zündung, werden diesen entsprechende Sectionsergebnisse angetroffen. Bei Acarusräudo findet man die Haarbälge mit Balgmilben oft voll­gestopft: es sollen bis zu 200 Milben in einem Haarbalge angetroffen worden sein; 10 bis 15 Milben in einem Haarbalge ist kein seltener Befand.
Behandlung und Vorbeuge. Alle Mittel, welche Krätzmilben tödten, können zur lläudekur verwendet werden. Diese wird in der Regel eingeleitet, indem man durch Aufstroichen von Rüböl oder rohem Glycerin, denen man allenfalls 1 bis 2 Procent Carbolsäure zusetzen kann, die Schorfe zunächst erweicht und demnach mit warmer Seifenlauge abwäscht, worauf die eigentlichen Räudemittel angewendet werden.
Bei Hunden und Katzen können der Perubalsam, sowie der Styrax sehr vortheilhaft verwerthet werden. Man muss beide Mittel vor ihrer Anwendung mit 2 Theilen Olivenöl oder Spiritus zu einem Liniment mischen. Styrax ist billiger als Perubalsam.
Bei grösseren Hausthieren sind die Theersalbe, das Schwefel-liniment und das Petroleum gute Hausmittel.
Eine wirksame Theersalbe ist:
je '/a Pfund Theer und Schwefelblumen, je 1 Pfund Schmierseife und Weingeist.
Bei sehr empfindlicher Haut wird noch 'jt Pfund fein pulveri-sirte Kreide zugesetzt.
6 Tage lang täglich einmal einreiben, am 7. Tage mit Seifen­lauge abwaschen, nöthigenfalls wiederholen.
Das Schwefelliniment wird folgendermassen bereitet und an­gewendet:
1nbsp; nbsp;Theil Schwefelblumen,
2nbsp; nbsp;Theile grüne Seife.
Mit heissem Wasser, oder mit Terpentinöl zur halbflüssigen Consistenz verrieben. 3 bis 4 Tage lang täglich 1 mal einzureiben, dann reinigen und nöthigenfalls nach etwa 8 Tagen die Application wiederholen.
Petroleum ist ebenfalls sehr wirksam, verursacht indess starkes Ausfallen der Haare.
Ein wirksames Mittel ist auch folgendes! 20 Theile Theer, eben­soviel Kali-Seife und 1 Theil Kreosot zur Salbe gerieben.
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Rftude,
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Letzteres Mittel ist besonders bei Ziegen verwendbar; dieselben ertragen Bilder nicht gut.
Am meisten Schwierigkeiten macht in der Kegel die Behandlung der Schafrilude; eine Radicallmr ist nur nach der Schur möglich. Bis dahin kann man durch vorsichtigen Gebrauch von Tabaksbrühe, Petroleum, Carbolsilure (1 Theil in 15 Theilen Spiritus und 60 Theilen Wasser gelöst) ihre weitere Ausbreitung verhindern.
Die ßadicalcur leite man damit ein, dass man jedes Schaf der betreuenden Heerde 1 bis 2 Minuten lang in ein Laugenbad ein­taucht, welches auf je 50 Tbeile Wasser 2 Theile l'ottasohe und 1 Theil Kalk enthält. Demnach lege man jedes Schaf sofort über den Badekübel auf ein Brett, und reibe jenes tüchtig mit Bürsten oder Strohwischen, damit die. Haut gründlich gereinigt und für den directcn Zutritt des eigentlichen Räudebades allseitig zugänglich wird. Etwa 24 Stunden später, d.h. im Verlaufe des nächstfolgenden Tages, bade man dann die Thiere sämmtlich in einer der nach­stehend angegebenen Laugen für räudekranke Schafe: #9632;1 Pfund Carbolsilure, 2 Pfund Aetzkalk,
Pottasche und grüne Seife ca. 0 Pfund und 260 Liter warmes Wasser für je 100 Schafe.
oder;
Tabaksdecoct (1: 12) für jedes geschorene Schaf etwa 1 Liter.
Auf jedes Liter dieser Abkochung setze man 25 Gramm Carbol-silm-e zu mit gleichen Theilen Alkohol. Jedes Schaf wird 3 bis 4 Minuten lang in das Rilndebad eingetaucht und nachher tüchtig mit Bürsten oder Strohwischen frottirt.
Zu diesem Zwecke kann man die Thiere auch in einen geeigneten leeren Kübel stellen und die ablaufende Lauge später dem Bade immer wieder zusetzen. Man achte darauf, dass die gebadeten Schafe nicht allzu nass bleiben und nachher gegen Erkältung, aber auch gegen zu schnelles Abtrocknen geschützt werden.
Durch das ßiludebad werden nur die Milben , nicht aber ihre Eier getödtet. Deshalb erfordert jede Radicalcur mindestens zwei solcher Bilder. Gewülmlich wird empfohlen, das zweite Räudebad dem ersten etwa nach 5 bis 6 Tagen folgen zu lassen. Mit Rücksicht auf die Entwicklungsgeschichte der Räudemilben halte ich es indess für besser und sicherer, diesen Termin auf 8 Tage zu verlängern. Die Milben kriechen in 4 7 Tagen aus den Eiern aus, und be­dürfen etwa 14 Tage zu ihrer Entwicklung, bevor sie Geschlechts­reife erlangt haben und Eier ablegen, Folgt das zweite ßiludebad dem ersten am achten Tage, so sind alle früher vorhandenen Eier nunmehr ausgebrütet, aber die .junge, Brut kann noch kenne neuen Eier abgelegt haben.
Beim Baden der Schale hat man die Augen dieser durch Bedecken derselben mittelst ihrer Ohrlappen, resp. der Hand eines Gehülfen, und die Hände letzterer durch öfteres Abwaschen und Bestreichen mit Oel gegen die Aetzwirkung des Bades zu schützen.
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M
Käudc.
Der sect; 52 des deutsehen lleichs-Viehseuohengeset/.es vom 28. Juni 1880 enthält folgende Bestimmung gegen die „Rande der Pferde, Esel, Maulthiere, Maulesel und der Schilfequot;:
„Wird die Riludekrnnkheit bei Pferden, Eseln, Maulthieren, Mauleseln (Sarooptes- oder Dermatocoptes-Räude) festgestellt, so kann der Besitzer, wenn er nicht die Tödtung der' räudekrunken Thiere vorzieht, angehalten werden, dieselben sofort dem Heilverfahren eines approbirten Thierarztes zu unterwerfen.quot;
Die Instruction dos Bundesrathes vom 24. Febr. 1881 enthält die auf Baude bezüglichen Ausführungsbestimmungen zu den sect;?) li' und 20 des deutschon Reichs-Viehsouchengesotzes.
Die wesentlichsten Gesichtspunkte, welche für die Vorbeuge in Betracht kommen, sind folgende: Jede Gelegenheit und ttefabr einer Uebertragung von Riludomilben auf nicht räudige Thiere muss sorg­fältigst vermieden werden. Somit ist jede Berührung dieser mit räudigen Thieren zu verhüten und etwaigen Zwischenträgern eine entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken. Mit räudigen Thieren besetzt gewesene Stallungen, Hütten u. s. vv. müssen sorgfältig gereinigt und dosinftcirt, die Streu aus denselben entfernt und ent­weder verbrannt oder untergepflügt werden. Ebenso sind die Cadaver, sowie die Haare räudiger Thiere (namentlich die Wolle der Schafe) mit entsprechender Vorsicht und Sorgfalt zu behandeln. Neu an­gekaufte Thiere (besonders Schafe) sind einer längeren Controle und Isolirung zu unterwerfen (besonders wenn sie aus Gegenden kommen, in welcher die Räude mehr oder weniger verbreitet ist), bevor sie zu dem alten Bestände gebracht werden dürfen.
Durch Ueberkriechen von Bäudemilben unserer Hausthiere auf die äussere Haut des Menschen können mehr oder weniger hart­näckige Krätzeformen entstehen, die häufig spontan heilen, oder doch sicher und meist auch leicht geheilt werden können, voraus­gesetzt dass nicht immerfort eine neue Infection stattfindet.
Schliosslich sei noch bemerkt, dass Krätzmilben und deren Eier bei einer Temperatur von über 50deg; C zu Grunde gehen, während an feuchten und massig warmen Orten die Eier etwa vier Wochen lang keimfähig bleiben. Bei grosser Trockenheit gehen vom Thier-körper entfernte Milben und ihre Eier bereits innerhalb acht Tagen im Freien zu Grunde, was für die Desinfection beachtenswerth ist.
Zecken oder Holzböcke.
Aus der Zahl der Spinnenthiere und zwar aus dor Ordnung der Acarideen oder Milben, ist hier noch die Familie der „Zecken (Ixodes)quot; als Ektoparasiten bei Menschen und Thieren zu erwähnen. Dieselben sind grosser als alle übrigen milbenartigen Thiere und besitzen eine loderartige, sehr ausdehnbare Haut, einziehbare, säge-förmige odor mit Haken versehene Kieferfühler, einen am Kopfe vorstellenden cornplicirton Saugapparat und im ausgewechsonen Zu-
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Zecken oder Holzbocke.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;85
stände acht lange, siebengliedrige Beine, deren Endglieder mit zwei Krallen und Haftscheiben bewaffnet sind. J)ie seclistiissigen jungen Zecken findet man selten; jedoch werden solche sowohl mit leerem Magen frei schwilrmend, wie auch mit Blut gefüllt, ebenso wie die aasgewachsenon Weibchen parasitirend, angetroffen, während das geschlechtsreit'e Männchen gewöhnlich nur während der Begattung mit dem saugenden Weibchen schmarotzt. Die Männchen sind klein und sitzen bei der Begattung in umgekehrter Hichtung am Bauche des Weibchens. Dieselben bohren ihren Küssel so tief in die Haut ihres Wirthes ein, dass sie jenen bei gewaltsamer Losreissung zurücklassen.
Die Zecken werden auch „Holzböokequot; genannt; sie leben auf Bäumen und in (lebüschen oder im hohen Grase längs der Waldes-runder und Waldwege. Sie haken sich an vorübergehenden 'filieren mittelst ihrer Fusskrallen fest und wandern am Körper ihres Wirthes weiter, bis sie eine geeignete Wolmstätte gefunden haben, au welcher sie ihren Rüssel eingraben. Bevor sie sich angesogen haben, sind sie klein und platt, oft nur hanfkoragross, sie saugen sich aber alsbald so voll von Blut, dass sie in kurzer Zeit zur Grosse einer Erbse und darüber hinaus anschwellen ; sie nehmen um das Zehn-bis Hundertfache an Bauchumfang zu und bedürfen dann wahr­scheinlich keiner Nahrung wieder.
Eei uns kommen häufig vor:
1)nbsp; die Hundszecke, Ixodes ricinus, der Holzbock der Kinder, Schafe, liehe und Hunde, welche zuweilen auf den Menschen übergeht;
2)nbsp; die Ochsenzecke, Ixodes reticulatus, ebenfalls bei Kindern, Schafen und Rehen. Diese koinnit in Schafheerden manchmal in grosser Verbreitung vor und kann dann recht unbequem werden.
Im Allgemeinen aber ist der durch Zecken verursachte Schaden in Europa kein erheblicher. In den Wäldern des tropischen Amerika kommen häufig Zecken vor. Die in Mexico unter dem Namen ,Gara-pattosquot; oder „Garapatasquot; bekannte Plage der Menschen und Thiere soll nach Megnin nicht, wie bisher geglaubt wurde, durch einen .Ixodesquot;, sondern durch einen „Argasquot; verursacht werden.
Auf jungen Tauben kommt eine schildförmig gerandete Zecke (Argas reflexus) vor, welche auch auf den Menschen übergeht, aber nur geringe Störungen verursacht.
Zu den Bandzecken gehört aber auch der Argas persicus, die persische Gif'tmilbe oder sog. „Mianawanze1', welche sich in Persien in Häusern einnistet und die Bewohner derselben durch ihre Stiche derart belästigt, dass durch sie ganze Orte unbewohnbar geworden sein sollen. Auch noch andere Argasarten sollen Menschen und Thiere sehr belästigen.
Zecken kommen nicht nur auf Warmblütern vor, sondern auch auf Schlangen und Eidechsen sind solche nicht selten.
Gegen Zecken sind verschiedene Arzneimittel recht wirksam; Benzin wird namentlich gepriesen. Man mischt dasselbe mit Uel (1 : ;i), um seine Verflüchtigung zu beschränken. Mit dieser Mischung werden die Schmarotzer und die Haufstelle. in welcher sie sitzen.
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86nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Oregarinoso.
bestrichen, was eine schnelle und sichere Loslösung jener zur Folge hat. Das gewaltsame Losreissen der Zecken ist zu widerrathen, weil hierbei din Köpfe der Parasiten in der Haut ihres Wirtlies stecken bleiben und nicht selten eine starke Entzündung der Haut verursachen.
Die Psorospermienkrankheit oder Gregarinose unserer Hausthiere.
In neuerer Zeit haben wir die Lebensverhältnisse einer Art kleiner Parasiten so weit kennen gelernt, dass wir ihre Wirksamkeit im Körper der sie beherbergenden Wirthe einigermassen zu beur-theilen im Stande sind. Es sind dies die Gregarinen oder Psoros-permien, welche vorzugsweise häufig bei Kaninchen in der Leber und im Darmkanale, sowie im Secrete verschiedener Schleimhäute angetroffen werden und in manchen Kaninchenzuchten grosse Ver­luste verursachen. Auch beim Geflügel spielen dieselben zuweilen eine beachten swerthe Rolle.
Diese Gregarinen (von grex, Heerde) leben stets in grossen Massen beisammen und sind (nach Eimer) in der Leber, im Darm und zuweilen in den Mesenterialdrüsen, sowie in den Nieren bei Kaninchen, Ratten, Mäusen, Hunden, Fledermäusen, Maulwürfen und besonders auch beim Menschen an den Haaren, ferner beim Sperling und Huhn (sowie bei Fröschen und Fischen) gefunden worden. Sie sind einzellige Organismen, deren Leib häufig wurm-förmig gestreckt ist und aus einem körnigen, zähflüssigen, von zarter Membran umschlossenen Protoplasma besteht, in welchem ein rundlicher oder ovaler Kern liegt. Im ausgewachsenen Zustande erscheinen sie häufig zu zweien oder mehreren aneinander gereiht. Bei „Coccidium oviformequot; aus der Leber des Kaninchens und des Menschen werden immer nur vier Sporen gebildet, die zu sichel­förmigen Stäbchen sich gestalten. Auch bei Schafen, Schweinen. Katzen, Kälbern etc. sind Gregarinen in Form der sogen.Mieseher'sohen oder Rainey'schen Schläuche in den Muskeln häufig angetroffen. — lieber die Natur aller dieser Gebilde ist man bis jetzt noch nicht vollkommen ins Klare gekommen. Bei Hunden sollen durch diese Parasiten wuthähnliche Erscheinungen verursacht werden können. (?)
Krankheitserscheinungen und Diagnose. Am häufigsten und verbreitetsten scheint die Gregarinose unter Kaninchen vorzukommen und bei diesen in zwei verschiedenen Formen aufzutreten, die man als „gastrische'' und als ,,Kopfliöhlenschleimliaut-Gregarinose'i unter­scheiden kann.
Bei der ersteren Form treten die Erscheinungen eines Hagen-darmkatarrh.es und nervöse Erscheinungen, bei der zweiten Form die Erscheinungen eines Katarrhes der Kopf höhlen- und Bachen* höhlenschleimhäute auf. Die Krankheit kommt immer bei mehreren Individuen einer Kaninchenheerde ziemlich gleichzeitig vor und ist
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Gregarinose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;87
wahrscheinlich ansteckend. Psorospermienkatarrh der Kopfhöhlen kommt auch bei Hühnern vor und wird auch wohl „bösartiges Sohnupfenfieberquot; genannt.
Die Diagnose der durch diese Parasiten während des Lebens beim Kaninchen verursachten Krankheitszustände ist zur Zeit noch etwas unsicher und kann während des Lebens nur durch den mikros­kopischen Nachweis der Parasiten in den Dejectionen der Patienten gesichert werden.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf der gastrischen Form dauert in der Regel mehrere Wochen und ist im Allgemeinen ein langsamerer, als der des Schnupfenfiebers; der Ausgang ist meist ein tödtlicher, so dass die Prognose, bei event. Feststellung der Krankheit, ungünstig zu stellen ist.
Sectionsbefund, An der Leiche der an Gregarinose verstor­benen Kaninchen findet man die betroffenen Organe und Körper­gewebe entzündet. In der Leber sind häufig graue Knötohen von der Grosse einer kleinen Erbse, oft in grosser Anzahl vorhanden, welche bei mikroskopischer Untersuchung als Conglomerate einge­kapselter Gregarinen sich erweisen. In dem Secrete der afficirten Schleimhäute finden sich grosse Mengen nackter Gregarinen, die in einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung leicht übersehen und für weisse Blutkörperchen gehalten werden können.
Nach Eimer stellen diese Parasiten anfangs kleine, harmlose, nackte Protoplasmaklümpchen dar, welche manchmal kleine, glänzende Körnchen enthalten und amöboldo Bewegungen auszuführen im Stande sind. In diesem Stadium haben sie in der Regel die Grosse weisser Blutkörperchen; allmählig werden sie grosser und enthalten dann zuweilen einen oder mehrere Kerne. Sie dringen häufig in Epithelien ein, in welchen sie sich vergrössern. Ihre spätere Form ist entweder rund, oder oval; die runden Gregarien erlangen einen Durchmesser von 18—20 mm, die länglich-runden werden bis 0,020 mm lang und 0,016 mm breit. Haben sie diese Dimensionen erreicht, so verlieren sie ihre Beweglichkeit und kapseln sich ein, Im Innern der Kapsel zerfällt dann die Körpermasse in mehrere Ballen, welche sich in Spindellaquo; oder sichelförmige Gebilde umwandeln, die Kapsel sprengen und eine Zeit lang frei leben. Diese Umwandlung erfolgt gewöhnlich ausserhalb des Körpers des Parasitenträgers. Die sichel­förmigen Gregarinen transformiren sich dann allmählig wieder zu rundlichen Psorospermien.
Behandlung und Vorbeuge. Bis jetzt kennt man kein wirk­sames Mittel gegen die Psorospermienkrankheit der Kaninchen (und .Hühner, vergl. auch die Pocken des Geflügels). Die Vorbeuge ist auf die Vernichtung der betreffenden Parasiten beschränkt.
Bei grösseren Hausthieren scheinen die Gregarinen oder Psoro­spermien selbst in grösserer Anzahl keine erheblichen Gesundheits-
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88nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hülinoroholeni.
stürungün zu verursachen. Professor Rabe theilte mir mündlich mit, dass er in Hannover bei unseren kleinen Wiederkiluern, nainentlieh bei allen Schafen, so zu sagen ausnahmslos, Gregarinen in Menge finde, ohne dass die betreffenden Tlüere während des Lebens irgend­welche Krankheitserscheinungen /laquo;igten. Die von verschiedenen Autoren ausgesprochene Ansicht, dass diese Parasiten auch grössere Hausthiere, namentlich Schafe und Ziegen, erheblich zu sehildigen, selbst zu tödten im Stande seien, bedarf somit mindestens einer besseren Begründung.
Krankheiten die auf nachweisbare oder nicht nachweisbare pflanzliche Parasiten zurückgeführt worden.
Die hierhin gehörigen Krankheiten werden meist in grösserer Verbreitung, als sogenannte ,Seuchenquot; angetroffen, weil ihr Krank­heitserreger in der Pegel von einem Individuum auf ein anderes derselben Gattung (oder auch noch anderer Gattungen) direct wirk­sam übertragen werden kann. Ihre Aetiologie bildet in neuerer Zeit den Hauptgegenstand der medicinischen Forschung und verdient einerseits unsere aufmerksamste Beachtung, andererseits aber ver­langt sie auch eine sorgfältige kritische Prüfung des Praktikers. Mit Rücksiebt auf die neueren Forschungsergebnisse bespreche ich von allen Inf'ectionskrankheiten zunächst
Die Hühnercliolera.
Krankheitsursache. In neuerer Zeit, hat unter unserem Haus­geflügel die sogenannte „Hühnercholeraquot; vielfach grosse Verheerungen
angerichtet. Dieselbe wird durch kleine Baoterien verursacht, welche erst im Jahre 1879 (von Toussaint) in neutralisirtem Urin künstlich gezüchtet worden sind. Pasteur hat dann gefunden, dass fraglicher Parasit in Bierhefenwasser, in welchem andere organische .Krank­heitskeime üppig wuchern, in längstens 48 Stunden zu Grunde geht. Diese Beobachtung führte zu dem Gedanken, dass die Ursache der hninunität gewisser Thierspezies für Ansteckungsstoft'o anderer Gat­tungen in einer ähnlichen Verschiedenheit der Körpersäfte bedingt sei, wodurch die betreffenden Mikroorganismen bei der einen Spezies gedeihen, während sie bei einer anderen die Bedingungen zu ihrer weiteren Existenz nur in beschränktem Maasse oder gar nicht finden. Das von Toussaint den „septischen' Giften beigesellte Hühnercholera-gift ist für verschiedene Thiergattungen nngefiihrlich, für andere todt-lich. Dasselbe erzeugt beim Meerschweinchen an der Impfstelle einen mehr oder weniger umfangreichen Abscess, der nach seiner spontanen oder künstlichen Eröffnung ausheilt, ohne dass der Impffing irgend eine Störung in seinem Allgemeinbefinden gezeigt hätte. Solche Abs-cesse bestehen häufig mehrere Wochen lang, bis sie zum spontanen Durchbruche gelangen. Impft mau kleine Mengen ihres sahnenartigen Eiters Hühnern oder Kaninchen ein, so sterben diese schnell. Das-
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II Qbneroholera.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;89
s(!lbe kann geschehen, wenn fragliche Thieve mit einem in der ange­gebenen Weise geimpften Meersuhweinchen zusammenwohnen. Auch vom Verdauungsoanale aus kann eine solche Infection jener Thieve m Stande kommen. So geschieht es denn leicht, dass Hühner und Kaninchen, welche mit Meerschweinchen, die solche Abscesso besitzen, zusammenlebeni plötzlich evkvanken und sterben, ohne dass das Allgemeinbefinden der betreffenden Meerschweinchen im geringsten gestört erscheint. Wer nun die vorhin erwähnton Thatsachen nicht kennt, der wird über die Todesursache der Kaninchen und Hühner leicht zu irrigen Schlüssen gelangen.
Diagnose. Die klinischen Erscheinungen der Hühnercholera sind im Wesentlichen folgende: Die Patienten zeigen verminderte Press­lust, lassen die Flügel hängen, sind matt und taumelig, sitzen später mit geschlossenen Augen und mit gesträubten Pedern schläfrig da, ohne ihren Platz zu wechseln. Häufig stellt sich schon frühzeitig Speichelfiuss nnd später Durchfall ein.
Verlauf und Prognose. Die Krankheit verläuft stets acut; in 24 bis 72 Stunden pflegt der Tod ohne wahrnehmbaren Kampf ein­zutreten ; manchmal aber werden die Flügel einige Stunden lang vor Eintritt des Todes bewegt.
Sectionsbefund. Am constantesten wird eine Conjunctivitis und hämorrhagisches Exsudat in der Darmschleimhaut, seltener in den Schleimhäuten der Nasen- und Kachenhöhle angetroffen. Pauly fand in einem Falle Endocarditis mit geschwüriger Zerstörung der links­seitigen Atrioventricularklappen (s. Septicämie, S. 94).
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung hat vorzugsweise danach zu streben, die weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Zu diesem Zwecke erscheint es am gerathensten, die kranken Thieve zu tödten und die noch gesunden aus dem inficirten Räume an einen anderen geeigneten Ort zu bringen. Die Cadaver der getödteten Thieve müssen entweder tief vergraben, oder verbrannt, der Hühner­hof mit Wasser, dem etwa 1 Procent rohe Schwefelsäure zugesetzt ist, tüchtig abgeschwemmt und aller Mist entfernt werden. Einige Tage nach dieser Prozedur dürfen die Hühner wieder in den Hühner­hof gebracht werden. In neuester Zeit ist die Carbolsäuro als wirk­sames Heil-und Vorbeugungsmittel empfohlen worden; Kreitz will frisch erkrankte Gänse durch Salzsäure stets geheilt haben.
Es ist Pasteur gelungen, durch Cultur dos Hühnercholerapilzes in sterilisirter Hühnerbouillon die Giftigkeit desselben abzuschwächen. Das in seiner Virulenz gemilderte Gift verursacht bei seiner Impfung eine ungefährliche Erkrankung, wodurch gegen die Wirksamkeit des natürlichen Hühnercholeragiftes eine relative Immunität begründet wird, welche durch eine später folgende Nachimpfung zur absoluten gesteigert werden kann. Wenngleich es demnach möglich zu sein scheint, der Hühnercholera durch Impfung vorbeugen zu können, so dürfte diese dennoch wenig Anwendung finden. Dessungeachtet ist
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90nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Septloämie und Pyftmie,
aber die Entdeckung Pasteui'S von gosser wissenschaftlicher Bedeutung und vielleicht wird dieselbe in ihrer fortschreitenden Weiterentwick­lung dereinst auch für die praktische Seuchentilgung in hohem Grade sich nützlich erweisen.
Die septicämisclieii Erkrankungen. Septicämle und Pyämie.
Aetiologie. Der Begriff der Septioämie umsohliesst alle Er-krankungsfonnen, welche durch den Eintritt verschiedener Filulniss-producte in die Körpersilfte verursacht werden. Es handelt sich nach Dr. Koch um einen Sammelnamen für eine Iteihe von klini­schen und anatomischen Erscheinungen. Unsere Kenntnisse der Natur dieser infectiösen Substanzen, und in Folge dessen auch der Beziehungen der einzelnen Krankheitszustände zu einander, sind noch sehr mangelhaft. Man ist darüber ziemlich einig, dass diese Stoffe die intacten Oberflächen der äusseren Haut und der Schleimhäute in der Hegel eben so wenig zu durchdringen vermögen, wie unbe­schädigte gesunde Granulationen einer Wunde. Zu einer septieämi-schen Infection kommt es somit nur dann, wenn eine rosorptions-f'ähige Wunde und ein fauliger Infectionsstoff zusammentreffen. Wo es sich um äusserliehe, oder um puerperale Wunden handelt, wird der Infectionshord meist leicht und sicher ermittelt werden können; in anderen Fällen aber ist es nicht selten, dass derselbe sogar bei der Section nicht aufgefunden wird.
Bei hochgradiger Virulenz des fauligen Stoffes scheint es vor­zukommen , dass ein Individuum an Septioämie erkrankt und zu Grunde geht, nachdem die vergiftete Wunde, wenn sie nur klein und oberflächlich war, bereits vernarbt ist.
Bei unseren grösseren Hausthieren ist das Widerstandsvermögen gegen Fäulnissgifte im Allgemeinen grosser, als bei kleinen Thieren und beim Menschen. Wenn man jenen Fäulnissstoffe ins Unter-hautbindegewebe injicirt, so erkranken sie, sterben oder genesen, je nach der Beschaffenheit und Menge des einverleibten Giftes. Ein und dieselbe Faulflüssigkeit hat indess bei den verschiedenen Thierspecies keineswegs die nämlichen Krankheitserscheinungen im Gefolge. Für das Zustandekommen verschiedener Krankheitsfonnen ist ferner von wesentlicher Bedeutung; das Stadium der Fäulniss, sowie die Beschaffenheit der faulenden Substanzen, von welchen die inficirenden Fäulnissproducte herrühren. Bei geringerer Virulenz des infectiösen Stoffes pflegt eine weniger heftige und weniger gefährliche Erkrankung einzutreten , wenn nicht ein zu bedeutendes Quantum Fäulnissgift mit einem Mole, oder durch verschiedene Nachschübe in die Gefässbahnen aufgenommen worden ist.
Also nicht nur die Menge und der Giftigkeitsgrad des einge­drungenen Giftes, sondern auch die generelle (und individuelle) Resistenz der verschiedenen Thiere spielen hier eine bedeutende Rolle, insofern durch sie die verschiedensten Gradationen der Krank­heit, von den leichtesten kaum auffallenden Erscheinungen an, his
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Suptioilinie und Pyümiu.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 91
ZU den perniciösesten, in kürzester Zeit tödtlich endenden Formen der Septioämie, bedingt werden.
Nicht selten ist Septiciimie die Folge von Erkrankungen des Darmoanalos; namentlich wird durch dysenterische Zustände die Excoriation der Schleimhaut und damit die Aufnahme des putriden Giftes in die Körpersilfto begünstigt. So kommt in den Zucker-wirthschaften (der Provin/ Sachsen) unter den Schafen häufig nach Fütterung mit den Pressrüekstilnden der Zuckerrüben (Schnitzel) eine perniciöse, höchst acut verlaufende Septiciimie vor, wobei die Schafe, bis zum plötzlichen Eintritt eines sehr heftigen Durchfalles, munter sind und gut fressen, dann aber innerhalb einiger Stunden verenden. Bei der Section finden sich aussei- grossen Massen von Mikroorganismen im Darme und im Blute, sowie in den verschie­denen Körpergeweben, die später zu beschreibenden wesentlichsten Sectionsbelünde der Septiciimie.
In dem ausgepressten Safte der mir zur Untersuchung über­sandten Schnitzel fand ich zahlreiche Mikrokokken, Diplokokken und kurze Fadenbacterien zum Theil in lebhafter Bewegung.
Aber auch ulcerative und gangränöse Prozesse auf und unter der ilusseren Haut, im Bemofie der Schleimhäute und anderer Körpergewebe, können zur septischen Infection führen.
Im Verlaufe des Fäulnissproze.sses werden auch verschiedene chemische Körper gebildet, deren giftige Wirkung auf Menschen und Thiere zum Theil nachgewiesen worden ist. So hat v. Bergmann aus faulender Bierhefe einen krystallisirbaron chemischen Körper dargestellt, den er „Sepsinquot; genannt hat und dem er vorzugsweise die Wirkung der putriden Substanzen zuschreibt. Man hat aber gefunden, dass nicht nur Sepsin, sondern auch der bei der Fäulniss organischer Körper entstehende Schwefelwasserstoff, das Schwefel-ammonium, die Buttersilure, Leucin und manche andere sich bildende chemische Körper mehr oder weniger giftig sind. Die Producte der beginnenden Fäulniss wirken (nach Hiller u. A.) viel heftiger auf den Thierkörper ein, als die Endproducte dieser Prozesse.
Die krankmachende Verunreinigung dos Blutes kann demnach durch chemische, resp. gelöste Substanzen, oder durch feinste mor­phologische Elemente (Mikroorganismen) verursacht werden. Im ersteren Falle haben wir es mit einer „putriden Vergiftung1quot;, im zweiten Falle mit einer Infection, mit „Septiciimiequot; zu thun.
Die hilmorrhagisclien Prozesse, welche bei den septischen Er­krankungen tune so bedeutende Holle spielen, werden von Vielen (Virchow u. A.) auf die bei Septiciimie vorhandene Blutzersetzung zurückgeführt; andererseits werden dieselben, wenigstens theilweise, der Einwirkung von Bacterien zugeschrieben.
Die Untersuchungen im deutschen Beiohsgesundheitsauite haben ergeben, dass die Kaninchen- und Mäuse-Septicämio zwar in ihren ilusseren Merkmalen übereinstimmen, aber in den ursächlichen Ver­hältnissen von einander abweichen, indem jede derselben durch einen besonderen pathogenen Mikroorganismus erzeugt wird. Es ist wahr-
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02nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; .Septicilmio und l'yämie.
soheinlioh, duss diu versohiedenen Thiere nicht nur von einer Septi-oftmie, .sondern von mehreren Arten derselben befallen werden können. Bei Miiusen kennt man jetzt schon drei verschiedene Arten.
Diagnose. Die allgemeinen Krankheitserscheinungen stimmen in ausgesprochenen Fällen von Septicämie mit denen anderer schwerer tnt'ectionskrankheiteu überein; es sind dies folgende: Fiebererschei-imngen, Verlust des Appetits, vermehrter Durst, Hinfälligkeit, Ein­genommenheit des Kopfes, Schlafsucht oder Delirien. Der Puls ist beschleunigt, voll, weich und gewöhnlich doppeltschlilgig (dicrotisch). Nicht immer ist eine Erhöhung der Temperatur vorhanden. Während die Blutwärme sopticäinischer Thiere oft bis 42quot; 0. und hoher steigt, sinkt sie auch manchmal unter die Norm herab, so class nur eine luigleiclunüssigo Vertbeilung der Temperatur im Hereiche der Körpererperipherie sich findet. Der Gesichtsausdruck der Thiere verräth in höheren Graden der Krankheit ein grosses Unbehagen, eine gewisse Aengstlichkeit. Manchmal tritt der Tod sehr bald, manchmal erst nach einer Krankheitsdauer von 1 bis 2 Wochen ein, Uei der Septicämie sind viele, oder alle Körpororgane von dem Kraiikheitspro/esse ergriti'en. Das Krankheitsbild kann je nach der Betheiligung dieser oder jener Organe mannigfach verschieden sich gestalten. Bald treten Localisationen im Bereiche der äusseren Haut auf, ödematöse Anschwellungen an Kopf und Gliedern etc., ferner an den Schleimhäuten Petechien auf der Nasenschleimhaut, missfarbiger, oft blutiger Nasenausfluss u. s. w. Auch die Mitbe-theiligung der Venen und Lymphgefässe an dem Krankheitsprozese kann eine sein- verschiedene sein. Es treten nicht selten Gehirn-und Nerven-Erscbeinungen auf, welche in der Regel als toxische aufzufassen sind und durch die Einwirkung des infioirten oder ver­gifteten Blutes, so wie eventuell durch die höhere Bluttemperatur bedingt werden.
So entstehen die mannigfachsten Krankheitsbilder, deren rich­tige Beurtheilung zuweilen Schwierigkeiten verursacht. Von be­sonderem Interesse sind die profusen Durchfälle, welche zuweilen bei puerperaler Septicämie, sowie bei intensiver putrider Infection vom Darmcanale aus, auftreten und den Verfall der Kräfte beträcht­lich beschleunigen.
Ueber das Wesen der Septicämie sind wir dem früher Gesagten gemilss noch lange nicht im Klaren; dasselbe gilt für die Beziehungen zwischen Septicämie und Pyämie. Bekanntlich bezeichnet man ein Heberhaftes Allgemeinbefinden , welches durch eine auffallende Nei­gung zur Bildung zahlreicher Abscesse (sogen, pyämiscber Herde) und eiteriger Exsudate characterisirt ist, als „Pyäniie oder Pyohämiequot;, welche von namhaften Autoren für eine besondere Erscheinungsform der Septicämie gehalten wird.
Für den thierärztlichen Kliniker liegt die Besonderheit der l'yämie ziemlich ausschliesslich in dem Vorkommen der pyämischen Herde, welche unter Umständen, wenn sich dieselben auf innere
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SeptictUtlie und Pyiimie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 93
Organe beschränken, während des Lebens unerkannt bleiben können. Andere spezifische Symptome, wie sie beim Menschen auftreten, pflegen bei Thieren nicht vorzukommen. Wahrend /,. B. beim Menschen die öftere Wiederkehr eines Schüttelfrostes, sowie ein eigenthttmlicher, intormittirender Fiebertypus die Pyiimie characteri-sirt, fehlen diese Symptome bei Thieren. Nur durch wiederholte Injeotionen von Eiter oder von anderen septischen Stoffen kann man bei Thieren Schüttelfröste!, oder intermittirende Fieberanfillle her­vorrufen.
Die pyämisohen Herde können in verschiedener Weise entstehen, nämlich durch infectiöse Embolie, oder durch das unmittelbare Eindringen von spe/ifisohen Organismen in die Blutbahn. Demnach unterscheidet man seit neuerer Zeit zwischen „embolisclienquot; und eigentlich sogenannten „pyämisohenquot; Absce.ssen.
Ich begnüge mich vorläufig damit, an dieser Stelle die allge­meinsten Gesichtspunkte für eine Charakteristik der Septicämie zu­sammengestellt zu haben. Eine genauere Begrenzung und Dift'eren-zirung der einzelnen Formen dieser Krankheitsgruppe bleibt der Zukunft vorbehalten. Bei der gegenwärtigen ünvollkommenheit unserer Kenntniss der Fäulnissgifte, sowie der eigentlich spezifischen Critorien septischer Erkrankungen, würde eine spezielle Classiflcirung dieser unzuverlässig und verfrüht erscheinen.
Prognose. Die Prognose ist bei septischen Infectionskrankheiteu sehr verschieden; während die leichteren Fälle meist von selbst heilen, wenn ein weiterer Nachschub von Fäulnissgift durch eine entsprechende örtliche Behandlung verhindert wird, führen die schweren Formen meist den Tod herbei.
Trockene Zunge, sowie frühzeitige und bedeutendere ünregel-mässigkeiten des Pulses hei grosser Frequenz desselben, sind in prognostischer Hinsicht stets bedenklich; weniger ungünstig sind Unregelmässigkeiten geringeren Grades, namentlich im Rhythmus des l'ulses, besonders wenn dieselben auf der Höhe der Krankheit eintreten. Eine geringe Pulsfrequenz bei hohen Temperaturen, oder bei verschie­denen Complicutionen, namentlich wenn solche das Herz oder den Herzbeutel betreffen, bei Pleuritis, Blutungen, Oollapszuständen u. s. w. deutet auf das Herannahen der Agonie, oder des Todes.
Je höher und anhaltender die Pulsfrequenz, je schnellender und dicroter die Beschaffenheit des Pulses ist und je leichter sich die Arterie zusammendrücken lässt, um so ungünstiger ist die Pro­gnose; dieselbe wird noch verschlimmert durch sehr hohe, oder sehr niedrige Temperaturen.
Plötzliche Collapszustände mit Zeichen der Herzschwäche (als Leere der Arterien, Füllung der Venen, Verlangsamung der Cir­culation) und mit schnellem Erkalten der peripheren Körpertheile beruhen meist auf Entartung des Herzmuskels , oder sind bedingt durch plötzlich eintretende Complicationen (Pericarditis, Perito­nitis etc.). Sie kommen vorzugsweise bei den puerperalen Formen
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eptidlimo und l'yiume.
der Septioftmie vor, wo sie sich entweder mohrfach wiederholen, laquo;der gleich beim ersten Anfalle plötzlich den Tod im Gefolge haben.
Pathologisch • anatomischer Befund. Derselbe besteht nach Litten:
u) aus einer Reihe allgemeiner, silmmtlichen Infectionskrank-heiten zukommender Erscheinungen und
b) aus einer Anzahl localer Veränderungen, welche sich an verschiedenen oder sämmtliohen Körperorganen finden und im Wesentlichen als „Nekrobiosenquot;, mit oder ohne demarkirende Eite­rung, aufzufassen sind.
Zur ersten Erscheinungsreiho gehören: Frühe und starke, aber schnell vorübergehende Todtenstarre, schneller Eintritt der Päulniss, ausgebreitete Senkungen des Blutes in den Geweben des Cadavers, Trockenheit und dunkle Farbe der Muskulatur, Petechien, seltener grössere Ekohymosen in der Haut, im Bindegewebe, in den Muskeln, sowie auf den Schleimhäuten und auf den serösen Häuten, besonders am Endocardium und an den Synovialhäuten; im Gehirn und an dessen Häuten, im ünterhautbindegewebe, in den grossen Drüsen der Hiuterleibshöhle, sowie im Knochenmarke sind Blutunter-laufungen häufig vorhanden; ferner findet man trübe Schwellung der Leber, der Nieren, des Herzens, constante (?) Schwellung der Milz u. s. w. Die Temperatur im Rectum steigt bald nach dem Tode nicht selten bis auf 43quot; Celsius.
Die Befunde der zweiten Reihe sind im Wesentlichen folgende;
Bei vorhanden gewesener Endocarditis ist auf den Herzklappen häufig eine feinkörnige Auflagerung von sammetartigem Aussehen wahrzunehmen, welche aus Pilzrasen besteht, die auf der inneren Herzauskleidung fest aufsitzen und nach deren Entfernung ober­flächliche Substanzvorluste sich zeigen. An den Klappen sind manch­mal polypöse Wucherungen vorhanden, unter welchen tiefe, unregel-mässige, diphtheritisch aussehende Geschwüre sich befinden, welche zuweilen zur Perforation der Klappen, zu umfangreichen Substanz­verlusten, tiefen Ulcerationen und Blutungen geführt haben. Sowohl an den Segelklappen, wie an den Tasohenventilen können derartige Veränderungen sich bilden. Auch sind die Sehnenfäden der Zipfel­klappen manchmal durch Mikrokokken zerstört.
Neben diesen Befunden trifft man häufig eine allgemeine oder umschriebene Herzmuskelentzündung (Myocarditis). Im ersteren Falle handelt es sich um eine diffuse, fettige oder wachsartige, oder körnige Degeneration des Myooardiums, wie sie auch hei anderen Infectionskrankheiten angetroffen wird. — Im zweiten Falle findet man multiple Abscesse im Herzmuskel, welche embolischen Ursprunges und auf Mikroorganismen zurückzuführen sind. Die­selben können ganz fehlen , oder in verschwindend kleiner Anzahl vorhanden sein, oder den Herzmuskel sehr zahlreich durchsetzen. Exsudative Herzbeutelentzündung kommt selten vor; häufiger werden kleinere Blutungen in den Herzbeutelblättern angetroffen; solche
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Septiciiniie und Pyiimie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;95
pflegen in der Substanz des Herzmuskels selten ganz zu fehlen. — Im G-ehira und in seinen Häuten ist der Befund kein constanter. Nur dann, wenn Lilhmungserseheinungen während des Lebens vor­handen waren, findet man regolmilssig nachweisbare Veränderungen, die meist (oder immer) embolischcr Natur sind. — Die im Gehirn und an seinen Umhüllungen etwa vorhandenen Blutungen bilden meist linsengrosse Flecke, deren Centrum heller erscheint und aus Mikroorganismen besteht. Neben solchen über die ganze weiche Hirnhaut (pia inater) oder über grosso .Strecken der Hirnuberfläche zerstreuten Blutungen findet man bei acuter Erweichung von Hirn-snbstanz, wie sie bei septischen Erkrankungen zuweilen vorkommt, kloine, punktf'örmige Ekchymosen, welche um den Erweichungsberd gruppirt und auf diese Stelle beschränkt sind. Kleinero metasta­tische Abscesso in Form weisslioher Flocke kommen zuweilen in grösserer oder geringerer Verbreitung in der Gehirnsubstanz vor. Sie sind die Folge eines aouten Zerfalles im Bereiche der Emboli. In diesen Herden findet man bei mikroskopischer Untersuchung kurze stäbchenförmige Organismen, welche nur doppelt so lang als breit sind.
Zuweilen kommen auch an und in den Augen Veränderungen vor, welche auf septischer Infection beruhen.
Kleine Blutungen in der Haut, sowie an den Schleimhäuten, sind häufige Befunde und bilden schon während des Lebens, wenn sie äus-serlich sichtbar sind, ein wichtiges Symptom der septischen Infection.
Die Prozesse, welche auf der Schleimhaut des Verdauungscanalos angetroffen werden, sind im Ganzen weder constant, noch von be­sonderer Bedeutung. Abgesehen von den kleinen multiplen Blu­tungen , wie sie auf jeder Schleimhaut häufig beobachtet werden, findet man in der Kegel keine auffallenden Veränderungen der Darmschleimhaut, nur in seltenen Fällen ist diese der Sitz bedeu­tenderer Blutungen. Zuweilen jedoch sind grössere blutige Infil­trationen der Schleimhaut, welche gelegentlich über die beiden anderen Häute des Darmes sich verbreiten, bemerkbar.
Die Milz ist zuweilen in ihrer Consistenz und Farbe auffallend verändert; in besonders schweren Fällen von Septicämie findet man ihr Gewebe breiig, y.erfliessend.
Die Leber ist meist schwach vergrössert, entfärbt, mürb und sieht wie gekocht aus; zuweilen erreicht die Schwellung dieses Organs höhere Grade. Anderweitige auffällige Veränderungen derselben sind äusserst selten, so z. B. metastatische Abscesse in ihrem Bereiche, wenn man von den kleinen miliaren Herden absieht, welche durch das Eindringen der Mikroorganismen in die Capillaren bedingt werden.
Das Bauchfell ist an septischen Prozessen selten betheiligt; nur bei puerperaler iSopticämie pflegt dies der Fall zu sein.
Die Bauchspeicheldrüse befindet sich zuweilen im Zustande der trüben Schwellung und der fettigen Degeneration mit Zerfall der Drttsenzellen. Für das blosse Auge erscheint dieses Organ mehr oder wenigen- stark geschwollen und geröthot; der acinöse Bau der Drüse ist unter Umständen ganz verschwunden.
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Septioäuiie und Pyftmie.
In don Gosclileehtsorganen, besonders bei Mutterthieren bald mich der Geburt, findet man ausserdem häufig einen jauchigen Brei u. s. w. (Puerperale Septioftmie.)
Die Nieren sind an septischen Prozessen vielfach in ausgeprägter Weise betheiligt. Nicht nur dass sie, weit häufiger als jedes andere Organ, der Sitz vieler miliarer Abscesse sind und fast constant vergrössert und getrübt erscheinen, sondern man trifft nicht selten die Erscheinungen einer diffusen Entzündung ihres Parenohyms. In diesem Falle erscheinen sie vergrössert, namentlich im Dickendurch-messer; ihre fibröse Kapsel ist prall gespannt und lässt sich leicht vollständig abziehen. Nach Entfernung derselben erscheint die Nierenoberfläühe trübe, anämisch mit stark ausgeprägten Venen-sternon. Häufig ist sie mit Blutpunkten sehr reichlich besetzt, so dass sie wie mit Blut bespritzt aussieht.
Die Consistenz des Nierenparenchyms ist teigig; beim Ein­schneiden in die Rinde klaffen die Schnittränder weit auseinander. Auf der Schnittfläche erkennt.man, dass Rinden- und Marksubstanz in gleicher Weise an der Vergrösserung des Organes betheiligt sind: beide Substanzen unterscheiden sich indess durch ihr Colorit sehr wesentlich von einander. Die Rinde zeigt die nämliche anämische, weissgelbe Farbe, wie die Nierenoberfläche, während die Markkegel hyperämisch erscheinen, mit einem Stich ins Blaurothe. Die erstere erscheint auf der Schnittfläche trüb, wie gekocht, in stärkeren Graden-lebmfarben, ohne Glanz und Succulenz. Die Glomeruli sind mit blossem Auge nicht leicht zu erkennen, während gelbe Punkte und Züge sichtbar sind, welche stärker verfetteten Partien entsprechen. In seltenen Fällen finden sich umfangreichere embolische Abscesse, die gelegentlich ins Nierenbecken durchgebrochen sind. Wenn das embolische Material von einer chronischen Endocarditis herrührt, so findet man unter Umständen neben fraglichen Abscessen auch embolische Keile. Im Nierenbecken sind fast constant Blutungen in der Schleimhaut vorhanden, häufig mit sehr deutlich erkennbarem einbolischem Centrum; gelegentlich werden auch entzündliche Zu­stände des Nierenbeckens angetroffen.
Im Bereiche des Respirationsapparates ergeben sich meist sehr wesentliche Befunde. Eine sehr häufige fast characteristische Be­gleiterscheinung der Septicämie ist der Brouchialkatarrh. Zuweilen zeigt sich diese Affection schon in der Luftröhre, in deren Schleim­haut sich in seltenen Fällen häinorrhagische Infiltrationen finden. Die Schleimhaut der Bronchien ist geröthet und mit zähem, oder mehr eiterigem Secret bedeckt. Zuweilen findet sich ausgebreitete Hepatisation des Lungengewebes, welche sich von dem Bilde der croupüsen Lungenentzündung nicht unterscheidet: häufiger sind embolische Prozesse. Eiterherde kommen entweder in miliarer Form vor (während des Lebens machen diese keine erkennbaren Symptome), oder als grössere, jauchige Abscesse. Im letzteren Falle liegt nach völliger Ausbildung des Prozesses ein putrider Sequester in einer mit übelriechender Flüssigkeit ausgefüllten Höhle. In der
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Septicämie und Pyämie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 97
Nähe dieser hat sich fast ausnahmslos eine umsohriehene Pleuritis ausgebildet, welche nur dann eine grössere Ausbreitung erreicht, wenn der betreifende nekrotische Herd die Lungenpleura unmittelbar berührt. In diesem Falle findet man die Erscheinungen einer exsu-dativon Pleuritis mit jauchigem Charakter.
Im Mark der grossen Röhrenknochen scheinen kleinere graue, graugelbliche oder grünlichgelbe Heerde mit häinorrhagischem Hofe nicht selten zu sein.
Im Blute finden sich aussei- gelegentlicher Vermehrung der weissen Blutkörperchen keine constanten Veränderungen. Besonders erwähnt zu werden verdient, dass Billroth und Winiwarter weder im frischen Aderlassblute septioilmischer Individuen (es gilt dies für Menschen und Thiere) noch in dem unmittelbar, oder innerhalb einiger Stunden nach dem Tode aus den Gelassen des Cadavers entnommenen Blute „Bacterlen oder Mikrokokkenquot; nachweisen konnten. Graffky, der unter Koch's Leitung mit der Davaine'schen Kaninchensepticämie und der Septicämie Pasteur's experimentirte, zählt hingegen den Nachweis mikroskopischer Organismen im Blute mit zu den wesent­lichsten Oriterien der Septicämie, ebenso Pasteur, Joubert, Chamber-land, Colin, Semmer und Andere.
Eine besonders hervorragende Rolle im Krankheitsbilde der Pyämie spielen manchmal die Celenke, welche sich nicht selten an dem Prozesse betheiligen. Es handelt sich dabei um wirkliche Gelenk­entzündung mit Eiterbildung im Gelenke, oder um Entzündung in der Peripherie des Gelenkes, wobei der Eiter nicht in die Gelenkhöhle selbst eindringt, sondern in seiner Umgebung sitzt. Hierhin gehört auch diejenige „Lähme neugeborener Thierequot;, bei welcher ein sep­tischer, resp. pyämischer Prozess von den Nabelgefässen ausgehend, im Bereiche der Gelenke der Gliedmassen sich etablirt.
In den quergestreiften Muskeln des Bewegungsapparates, sowie auch im Zwerchfelle findet man eben solche miliare Abscesse . wie im Herzmuskel.
Aus der grossen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen , welche das klinische Bild, sowie den Sectionsbefand der Septicämie variiren, ergeben sich als constant: Fieber mit seinen Polgen, nekrotisirende, entzündliche und hämorrhagische Prozesse.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung schwerer septi-cämlsüher Krankheiten ist im Ganzen wenig erfolgreich und im Wesentlichen auf eine gründliche Desinfection der localen Herde angewiesen. Mehr vermag die Kunst bei Verhütung dieser Krank­heiten zu leisten, indem bei enzootischein Auftreten septischer Krank­heiten , z. B. der Nabel- und Gelenkentzündung bei neugeborenen Thieren, der Nabel dieser alsbald nach der Geburt mit Carbolsäure bestrichen wird, bevor die septische Infection stattgefunden hat.
Dr. Koch hat in den Mittheilungen des Deutschen Reichs-Gesundheitsamtes, Bd. I., Berlin 1881, eine lleihe von Versuchen verört'entlicht, welche für die Behandlung und Tilgung infectiöser Pütz, Oompendium dor Tbiorhoiikmide.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;7
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98nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Septicftmie und Fytoiie.
Krankheiten. sowie für die Vorbeuge von enünonter Wichtigkeit sind. Zuniiuhst bemerkt Koch, dass man sich bei Prüfung des Werthes eines Dosinfectionsmittels auf Versuche beschränken könne, die sich auf diejenigen Mikroorganismen beziehen , welche als die In-fectionserreger betrachtet werden. Denn wenn auch die organisirte Natur des Krankheitserregers in vielen Fällen noch zweifelhaft sei, so dürfe man doch mit Recht annehmen, dass mit der Vernichtung alles Lebenden und dessen Keimen auch die Wirkung etwaiger nicht organisirter Krunkheitsgifte zerstört sei.
Bei i'rüfung eines Desinfectionsmittels muss vor Allem berück­sichtigt werden, dass keins derselben für alle Verhältnisse passt, oder auf alle Mikroorganismen gleich sicher einwirkt. Hierbei spielt namentlich auch der Entwicklungszustand der Mikroorganismen eine grosse Holle, insofern die von einer festen Hülle umschlossenen so­genannten „Dauersporenquot; in kaum glaublicher Weise gegen äussere Einflüsse sich resistent erweisen. Diese Gebilde zählen zu den wider­standsfähigsten, welche in der gesammten organischen Welt existiren.
Nur aus dem Verluste der Entwicklungsfähigkeit dieser Mikro­organismen kann auf die genügende Desinfection mit Sicherheit geschlossen werden. Nach den neuesten Porsohungsresultaten ist zwar anzunehmen, dass die Virulenz und Entwicklungsfähigkeit sich keineswegs allseitig decken. Es ist vielmehr höchst wahrscheinlich, dass die Virulenz fraglicher Mikroorganismen im Allgemeinen früher erlischt, als die Portpflanzungsfähigkeit derselben. Gleichwohl können nur dann, wenn die Desinfectionsmittel im Stande sind, die pflanz­lichen Mikroorganismen in ihrer resistenten Porin zu tüdten, dieselben als vollkommen zuverlässig anerkannt werden. Bios in solchen Pällen, in welchen es unmöglich ist, eine absolut sichere Desinfection #9632;m be­wirken, darf man sich auf den Gebrauch solcher Mittel beschränken, welche entwicklungshemmend und die Virulenz vermindernd wirken.
Da nach den seither gemachten Erfahrungen anzunehmen ist, dass ein Mittel , welches die Milzbvanddauersporen in kurzer Zeit tödtet, auch in ziemlich der nämlichen Zeit und Concentration anderen Sporen gegenüber dasselbe zu leisten vermag, so hat Koch vorzugsweise mit jenen seine Versuche angestellt; Mittel, welche dieser Anforderung nicht entsprechen, gehören zu den weniger zu­verlässigen, obgleich sie oft im Stande sein können, Infectionsstoft'e von geringerer Resistenz zu zerstören.
Desinfectionsmittel müssen, um sicher zu wirken, auch möglichst schnell wirken, damit sie nicht durch Verflüchtigung oder Ver­dünnung unwirksam werden , bevor sie ihren Zweck erfüllt haben. Die Dauer einer (chemischen) Desinfection soll nie viel länger als 24 Stunden Zeit beanspruchen. Aber nicht nur die erforderliche Dauer der Einwirkung des betreffenden Desinfectionsmittels, sondern auch die Form und Concentration seiner Lösungen, die Art seiner Anwendung mit Rücksicht auf etwa erforderliche Vorbereitungen, die Verbindung mehrerer Desinfectionsmittel mit einander etc., kommen wesentlich in Betracht.
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Septioämie mid Pyäinie.
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Mit llückslulit auf diese Anforderungen an eine rationelle l)es-infection hat nun Koch seine Prüfung der verschiedenen in besonderem Hufe stehenden Mittel vorgenommen, indem er dieselben in geeig­neter Weise auf Soidenfilden einwirken Hess, welche mit sporen-oder bncterienhaltigein Milzbrandmaterial getränkt und nachher getrocknet worden waren. Die zu prüfenden Desinfectionsniittel wurden in flüssiger (gelöster) Form und in verschiedener Concen­tration in Reagenzgläser gefüllt; in dieselben wurden die in ange­gebener Weise prilparirten Seidenfilden verschieden lange Zeit hindurch eingelegt und die Glilser mit einem passenden Korke fest verschlossen. Die ab und zu aus der Desinfectionsttüssigkeit herausgenommenen Kilden wurden auf einen geeigneten Nährboden gebracht. um zu prüfen, ob die Keimfähigkeit der in ihnen enthaltenen Milzbrand­organismen zerstört sei oder nicht. So wurden zunächst geprüft: Carbolsäure, SOhwefelige Säure und Chlorzink. Da diese Prüfung Resultate ergab, durch welche der Werth fraglicher Mittel zum Zwecke der Desinfeotion weit hinter ihrem Rufe zurückblieb, so prüfte Koch noch eine Menge anderer Mittel und gelangte zu folgenden Schlüssen:
Der Sublimat ist das einzige von allen bis jetzt bekannten chemischen Desinfectionsmitteln, welches bei einmaliger Anwendung einer sehr verdünnten Lösung (1 : 1000 - 5000) selbst die resisten-testen Mikroorganismen in kurzer Zeit zu tödten vermag. Prag­liches Quecksilberpräparat ist im Stande, in Folge einer innigen Berührung während 74 bis '/a Stunde mit den betreffenden Krank­heitsgiften diese zu zerstören. Ist dies geschehen, so kann man die desinnoirten Gegenstände mit Wasser reichlich abspülen, um eine etwa denkbare nachträglicbe schädliche Wirkung des Sublimats möglichst vollkommen und sicher zu beseitigen.
Um Flüssigkeiten zu entgiften, welche Eiweisskörper oder Schwefelwasserstoff enthalten, muss der Sublimat in grösserer Con­centration angewendet werden, da derselbe mit diesen Körpern unlösliche Verbindungen eingeht. Um zu prüfen, ob eine solche Flüssigkeit die zur Vernichtung aller in ihr enthaltenen Mikro­organismen erforderliche Menge Sublimat enthält, genügt es, einen Streifen blank geputztes Kupferblech in dieselbe zu legen. Wenn dieser innerhalb '/^ Stunde mit einer Amalgamschicht sich bedeckt, so ist die Lösung wirksam.
Auch andere Quecksilberpräparate (salpetersaures und salzsaures Queoksilberoxyd) haben sich als wirksame Desinfectionsniittel er­wiesen. Wie weit dieselben in der Praxis verwendbar sind, muss durch weitere Versuche noch genauer festgestellt werden.
Aussei- den Quecksilberpräparatfiii sind Chlor und Brom als mehr oder weniger brauchbar und wirksam befunden worden. Ersteres ist zur Desinfeotion geschlossener Räume der als sehr zu­verlässig angepriesenen, dagegen in quot;Wirklichkeit fast wirkungslosen scliwefeligen Säure in Gasform weit vorzuziehen.
Um sporenhaltiges Milzbrandmaterial sicher und schnell zu zer­stören , erscheint die Anwendung einer lOprocentigen wässerigen
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Puerperalfiebei',
Lösung von Carbolsäure notliwendig, während für sporenfreies, nur baoillonhaltiges Material eine Iprocentige Lösung in wenigen Minuten die Desinfeotion bewirkt. In öligen oder Spirituosen Lösungen äussert die Carbolsäure die erforderliche dosinficirende Wirkung nicht; (an Wundoberfläohen dürften indess die Spirituosen Lösungen das Ein­dringen der Mikroorganismen noch dadurch erschweren, dass sie die Q-erinnung der Wundsecrete, resp.der Eiweisskörper, fördern, wodurch eine schützende Decke gebildet wird); alle Carbolverbindungen stehen der reinen Carbolsäure an Wirksamkeit bedeutend nach.
Der Desinfeotionswerth des Chlorzinks scheint nach den Ver­suchen Koch's ganz erheblich geringer zu sein, als seither ange­nommen wurde. Es gibt überhaupt nur wenige Mittel, welche Milzbrandsporen innerhalb 24 Stunden zu tödten im Stande sind. Salzsäure, Schwefelsäure, concentrirto Lösungen von Ohlorcalicum und Chlornatrium, die Lösungen fast sämmtlicher Metallverbindungen, besonders des Eisenchlorids, äussern auf Milzbrandsporen keine be­sondere Einwirkung; ebensowenig Borsäure, Borax, chlorsaures Kali. Benzoesäure, benzoesaures Natron, Zimmtsäure und Chinin.
Von den vielen bis dahin in hohem Hufe stehenden Desinfections-mitteln haben sich also nur die Quecksilberpräparate, namentlich der Sublimat, bewährt; demnächst folgen Chlor und Brom.
Obgleich diese Versuche noch der weiteren Controle bedürfen, so haben dieselben doch schon jetzt eine grosse Bedeutung und verdienen in der Praxis möglichst berücksichtigt zu werden.
Der Cenuss des Fleisches von Thieren , welche an Septicämie leiden, resp. wegen dieser geschlachtet worden sind, ist für Menschen (und Thiere) gefährlich und deshalb unstatthaft. Auch im Verkehr mit solchen lebenden oder todten Thieren ist Vorsicht notliwendig.
Puerperalfleber, Septicaemia puerperalis.
Diese Krankheit kommt nur bei Mutterthieren und zwar inner­halb der ersten Tage nach der Geburt vor. Bei Rindvieh wird diese Krankheit auch „septisches Kalbefieberquot; genannt, zum Unterschiede von einer anderen Krankheit des Rindviehs, welche den nicht ganz correoten Namen: ..paralytisches Kalheiieberquot; führt Is. d.).
Aetiologie. In Rede stehendes Puerperalfleber wird verursacht durch eine Infection mit septischen Stoffen, welche in der Regel durch kleine oder grössere während des Geburtsactes entstandene Verletzungen an irgend einer Stelle des (ienitalcanales in die Cefässbahnen eindringen und nicht nur eine locale septische Entzündung, sondern eine allge­meine Blutvergiftung (Septicämie) zur Eolge hat. Das septische Gift kann von faulen Theilen einer todten Frucht, oder von einer faulenden zurückgebliebenen Nachgeburt des inficirten Individuums selbst, oder von aussen durch die verunreinigten Hände oder Instrumente des Ge­burtshelfers, von benachbarten Thieren, von verunroin igter Streu U.S.W. in irgend einer Weise in den Genitalcanal eingeführt worden sein.
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Puerpemlfleber.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 101
Diagnose. Die ersten auffallenden Krankheitserscheinungeii werden meist am dritten Tage nach der Geburt wahrgenommen. Dieselben bestehen im Wesentlichen in Aeusserungen von Schmerz im Hinterleibe, Beobachtet man ein im Initialstadium an Puerperal-tieber erkranktes Thiel' genauer, so findet man neben der kolik-iibnlichen Unruhe Erscheinungen von Harnzwang und ein Drängen auf den Hinterleib, wobei meist ein blutig gefärbter Urin in kleinen Mengen und häufig mit einer schmierigen stinkenden Masse vermischt, abgesetzt wird. Untersucht man den Genitalcanal, so findet man denselben streifig oder livid geröthet, vermehrt warm und empfind­lich; nicht selten sind auf seiner Schleimhaut geschwürige Defecte vorhanden. Die Schamlippen sind in der Hegel entzündlich ge­schwollen und mit einer übelriechenden jauchigen Masse belegt, welche aus dem Genitalcanale in grösserer oder geringerer Menge, constant oder periodisch abtliesst. Patient ist empfindlich gegen Druck auf die rechte Bauchwandung, steht meist mit gekrümmtem Rücken traurig da, oder trippelt hin und her, legt sich öfter nieder, steht aber bald wieder auf. Wird derselbe veranlasst seinen Stand zu verlassen, so fällt die schwerfällige Bewegung mit schwankender, schleppender Nachhand auf. Der Appetit ist vermindert oder ganz verschwunden, der Kothabsatz meist verzögert, der l'uls sehr frequent und klein , die Temperatur bald erheblich, bald aber nur wenig gesteigert; Ohren und Hörner sind meist kalt, erstere nicht selten klebrig; die Milohsecretion ist sistirt.
Der weitere Verlauf der Krankheit ist verschieden, je nachdem eine Wendung zum Guten oder Bösen eintritt, was in der Mehrzahl der Fälle innerhalb 3 bis 4 Tagen nach dem offenbaren Krankheits­ausbruche zu geschehen pflegt. Im ersteren Falle lassen die Krankheits-erscheinungen allmälig nach, Patient wird munterer, die Fresslust, kehrt zurück, Harn- und Kothabsatz werden reichlicher, aus dem Genitalcanale stellt ein schleimiger, gutartiger Ausfluss sich ein und nach etwa 8 bis 14 Tagen sind die früheren normalen Ver­hältnisse wieder vorhanden.
Häufiger aber als dieser günstige Ausgang folgt dem Puerperal-fieber der Tod, indem unter schneller Zunahme und weiterer Aus­breitung der localen und allgemeinen septischen Infection die Kräfte des Patienten immer mehr verfallen. Der septische Entzündungs-prozess greift nicht selten auf die Bauchhaut über, wobei es zu meteoristischer Auftroibung des Hinterleibes kommt. Der Ausfluss aus der Scheide behiilt oder steigert seine deletäre Beschaffenheit und wird in der Regel reichlicher; schliessllch treten höhere Grade von Sopor und Lähmung auf und Patient stirbt meist einige Tage nach dem Ausbruch der Krankheit.
Zuweilen zieht sich der Krankheitsverlauf in die Länge, indem unter Remissionen und Exacerbationen ein chronisches Siechthum sich entwickelt, das entweder Abzehrung und schliesslich den Tod des Patienten, oder aber dessen endliche Wiedergenesung zur Folge hat; im letzteren Falle bleibt zuweilen eine dauernde Unfruchtbarkeit zurück.
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102nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Puerpevalfleber,
Die Prognose ist .sehr unsicher und stets mit Vorsicht /,u stellen, da selbst anfangs leichtere Fälle plötzlich sich vorschliinraeni und tödtlich werden können.
Pathologische Anatomie. Bei dor Section von Thieren, welche an septischem I'nerperalfieber gestorben sind, findet man die der Septicämie zakommenden Veränderungen des Blutes und septische Entzündnngs/.ustände, die vorzugsweise im Bereiche desGenitalcanales, nicht selten aber auch weiterhin sich ausgebreitet haben.
Die Behandlung des Puerperalfiebers ist vorzugsweise eine locale, da innerliche Mittel wenig oder gar nichts leisten. Die Haupt­sache ist eine sorgfältige Dcsini'ection des Genitalcanales und die mög­lichst vorsichtige Entfernung der septischen Infectionsstoffe. Man lasse täglich mehrmals (bei hochgradiger Krankheit 8 bis 4inal) die Mutterscheide und Gebärmutter mittelst Trichters und Gummi-Schlauches, mit Wasser von etwa 8 bis 12deg; C. reichlich ausspülen und demnach mittelst desselben Apparates eine 1- bis 2procentige Lösung von Carbolsäure, oder V, bis '/aprocent. Sublimatlösung einspritzen. Die aus Horn oder Hartgummi bestehende Ansatzspitze des Gummi­schlauches muss an ihrem vorderen (freien) Ende gekrümmt und kolbig verdickt. sowie mit mehreren etwa stecknadelkopfgrossen Löchern versehen sein. Man führt dieselbe am besten durch den meist hinreichend geöffneten Muttermund ein und richtet ihr freies Ende nach oben, damit die desinficirende Flüssigkeit auch die obere Wand der Gebärmutter, von welcher sie dann an den Seitonwänden heranterfliesst. reichlich bespült. A.usserdem können Kaltwasser-injeetionen in den Darmcanal und kalte Ein Wicklungen des Körpers applicirt werden. Die Patienten werden möglichst bald isolirt und in einem nicht zu warmen, trockenen Stalle untergebracht, in welchem für reichliche gute Streu und für frisches massig kühles Getränke gesorgt werden muss. Will man nebenbei innerliche Mittel anwenden, so mögen Antifebrilia, resp. Antiseptica versucht werden.
Bei chronischem Verlaufe der Krankheit können die angegebenen Einspritzungen in den Genitalcanal ebenfalls gute Dienste husten, indess täglich nur 1- bis 2mal applicirt werden. In späteren Stadien der Krankheit sind dieselben durch adstringirende Flüssigkeiten zu ersetzen, oder abwechselnd mit diesen anzuwenden. Innerlich sind Tonica (Wein, Eisenvitriol. Sabina u. dergl.) und bei grosser Hin­fälligkeit Campher ZU verabreichen.
Vorbeuge. Bei einer so gefährlichen Krankheit muss man einer weiteren Infectionsgefahr möglichst entgegenwirken. Wer mit Thie­ren, welche an Septicämie leiden, oder sonstwie mit Fänlnissgift in nähere Berührung gekommen ist, darf bei einer Geburt nicht eher Hand anlegen , bis er sich gründlich desinficirt hat. Nicht selten wird durch Hirten. Kuhknechte oder anderes Dienstpersonal der Infectionsstoff von einem kranken Thiere auf gesunde übertragen. Es sind deshalb strenge Weisungen und eine sichere Controle er-
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Gebiinnuttoi'bmncl der Sohafe,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;lOti
forderlich, um dieser Gefahr zu wehren. Auch haben die Thiorärzte und Thierbesitzer auf eine sorgfältige Desinfeotion ihrer Person und der hei einer Geburt verwendeten Instrumente zu halten. Wo in einem Viehbestände das septische Puerperalfieber bei mehreren Ge-biirenden kurz nach einander auftritt, da muss eine mit peinlichster Genauigkeit ausgeführte Desinfeotion des Stalles und silmmtlicher Futterbehillter, sowie auch des Wärterpersonals stattfinden. Da dies mit bedeutenden wirthschaftlichen Unbequemlichkeiten verbunden ist, so werden die bezüglichen Anordnungen gewöhnlich nur theil-weise ausgeführt und deshalb der beabsichtigte Zweck meist nicht erreicht.
Gebärmutterbrand der Schafe.
Mit dem Namen „Gebärmutterbrand'' bezeichnet man eine in der preussisebon Provinz Sachsen und auch wohl in manchen anderen Gegenden vorkommende höchst pernieiöse Krankheit, welche meist als Ortsseuche oder Stallkrankheit auftritt und mit dem septischen Puerperalfieber nahe verwandt zu sein scheint. Allerdings sind einige Unterschiede vorhanden, welche sich aus einem Vergleiche des nachstehend Gesagten mit dem über das Puerperalfieber (im #9632;vorigen Kapitel) Angegebene leicht herausfinden lassen.
Krankheitserscheinungen. Während das septische Kalbefieber der Kühe stets nur kurze Zeit nach der Geburt auftritt, entwickelt sich der sogen. Gebärmutterbrand der Schafe nicht selten schon vor der Geburt.
Die betreffenden Mutterthiere werden traurig und suchen eine entlegene Ecke des Stalles auf, um dort möglichst ungestört liegen zu können. Die Fresslust mindert sich, oder verliert sich ganz und bei näherer Untersuchung findet man die Schamlippen leicht ge­schwollen, die. Schleimhaut des Vorbofes livid geröthet und meist einen sohmutzig-jauchigen Ausfluss aus dem Genitalcanalc. Zuweilen stehen die Mutterschafe '/'- 1 Tag mit gesenktem Kopf apathisch an der Wand oder in einer Ecke des Stalles, bevor Geburtswehen sich zeigen. Die Patienten drängen häufig auf den Hintorleib, knirschen mit den Zähnen, Respiration und Kreislauf sind beschleunigt. kurz Erscheinungen eines schweren (sog. „typhösenquot;) Leidens vor­handen. Zuweilen treten Remissionen ein, indem, das Allgomein-befindon sich bessert, Munterkeit und Fresslust für eine kurze Zeit sich beben; gewöhnlich aber folgt bald eine neue Exacerbation, so dass Genesung auch in solchen Fällen selten ist. Meist tritt der Tod innerhalb 24—-18 Stunden nach dem offenbaren Krankheitsaus­bruche ein. Die Lämmer derartig erkrankter Mutterschafe werden theils lebend, theils todt geboren und manchmal stirbt das Mutter-thier, ohne dass es zur Geburt der Frucht gekommen ist. Letztere ist meist ganz oder nahezu ausgetragen und wird nur selten bereits nach Ablauf der ersten Trächtigkeitshälfte abortirt. In der Kegel erkranken die Mutterschafe innerhalb der ersten 24-3(3 Stunden,
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Raugohbrand,
seltener erst .'3 4 Tage und nur ganz
iiusnahmsweise noch später
mich dem Lammen.
In den niimlichen Wirthschaften kommen dann nicht selten auch zahlreichere Verluste in Folge des Verhammelns der Bocklämmer und des Verkürzens der Schwänze bei Zibbenlämmern vor, indem eine brandige Entzündung der Operationswunde auftritt, welche bereits in den nächstfolgenden 86 Stunden den Tod des operirten Lammes nach sich zu ziehen pflegt.
Bei der Section finden sich die Erscheinungen einer brandigen Entzündung im Genitalcanale, resp. im Bereiche des Samenstranges oder des Schweifes. Im Blute fand ich Mikrokokken und bewegliche kurze Bacillen; diese waren namentlich in dem schmierigen Ueber-zuge des Genitalcanales in ungeheurer Menge vorhanden. Bei den von mir selbst vorgenommenen Sectioncn war das Blut geronnen, Ekchymosen fehlten, während in einem Falle ein bedeutendes Extra-vasat am Hinterbeine vorhanden war, in welchem sich die vorhin erwähnten Mikroorganismen in grösserer Menge fanden. Eine Schwel­lung der Milz oder eine auffallende Veränderung der Milzpulpe habe ich nie wahrgenommen.
Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, da Genesung bei dieser Kraknheit selten eintritt.
Die Behandlung ist vorzugsweise eine prophylactische und besteht aussei' der localen Desinfeotion der trächtigen Mutterschafe und operirten Lämmer in einer Dislocation der Heerde, die entweder in einen anderen nicht desinficirten Stall, oder bei guter Witterung ins Freie gebracht werden muss. Alle bereits offenbar erkrankte oder verdächtige Thiere sind vorher auszumustern und zurückzulassen, das Wärterpersonal gründlich zu desinficiren oder zu wechseln. Der inficirte Stall muss ganz ausgemistet, die obere Schicht des Bodens ausgefahren und alle Wände nebst Utensilien u. s. w. auf das sorgfältigste desinficirt werden.
Auf diese Weise kann es gelingen, den Infectionsstoft' zu ver­nichten, obgleich wir denselben zur Zeit noch nicht näher kennen, sondern nur als wahrscheinlich voraussetzen, dass er der Gruppe der septischen Gifte angehört. Die arzneiliche Behandlung bereits an Gebärmutterbrand erkrankter Schafe hat bis jetzt keine günstigen Resultate aufzuweisen : eine sorgfältige Desinfection des Genitalcanales, resp. der Operationswunden als Vorbeugungsmittel soll sich zwar vielfach nützlich erweisen.
Rauschbrand.
Krankheitsursache. In neuerer Zeit hat man diese Krank­heit aus der Milzbrandgruppe gestrichen. Bei der mikroskopischen Untersuchung des Blutes, des Fleisches u. s. w. der an Rauschbrand erkrankten oder gestorbenen Thiere findet man constant, namentlich in den Ablagerungen, kleine, zarte, sehr bewegliche Bacterien in
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Kauschbrand.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;105
grosser Menge. Peser, der zuerst die Karbunkelkrankheit vom Milzbrande getrennt hat, glaubt, dass die Mikroorganismen jener sich in der Kegel an den betreuenden Oertliclikeiten in der Um­gebung der kranken Thiere — entweder im Boden der Weiden oder der Stallungen, oder an und in andern Gegenständen massenhaft nachweisen lassen.
Nach den von Ehlers in Rostock angestellten Untersuchungen soll der sogen. Rauschbrandbacillus gar kein eigentlicher Bacillus, sondern ein Clostridium sein, welches sich durch unregelmässige Formen und keulenförmige oder eitronenförmige Anschwellung bei der Sporenbildung auszeichne. Auf Meerschweinchen übergeimpft erzeugt dasselbe eine tödtende Krankheit, indess nimmt die charak­teristische Gasentwicklung in den entzündeten Geweben bis zum völligen Verschwinden ab. Bei der Züchtung soll dies Clostridium ausserhalb des Körpers keine Sporen mehr, sondern bei fortgestetzter Theilung schliosslich nur noch runde Kokken-Gtonidien bilden. Im Thierkörper sollen sich aus den Kokken Stilbchen entwickeln, welche wieder Sporen erzeugen. Vom Thier aus soll dieser Pilz nur auf geronnenes Serum verimpf bar sein, von diesem aber auf anderes Nähr-material leicht übertragen und bei Zimmertemperatur fortgezüchtet werden können. Bei keiner der Uinzüchtungen soll das Rauschbrand-Olostridium auch nur die geringste Einbusse seiner Virulenz erfahren und bei seiner Rückimpfung auf das Rind stets wieder den typischen Hauschbrand mit ungeschwächter Intensität erzeugen.
Arloing, Cornevin (und Thomas) haben aussei- den objectiven Verschiedenheiten zwischen Rauschbrand und Milzbrand in klinischer Hinsicht, auch ein ganz verschiedenes Vorhalten des Milzbrandgiftes im Vergleich mit dem Rauschbrandgifte bei director Einführung in das Blut unserer Wiederkäuer (Rind, Schaf und Ziege) nachgewiesen. Wiihrend das Milzbrandgift nach directer Einverleibung in die BlutgefUssbahnen bei nicht immunen Thieren den Tod der betreffenden Individuen zur Polge hat, verursacht das Gift der Rauschbrand­krankheit, wenn es direct in eine Blutader (Vene) eingespritzt wird, ohne dass hierbei ein Theil desselben in das umgebende Bindegewebe gelangt, keine erheblichen Kranhkeitszustilnde, namentlich keine Geschwulstbildung in der Nähe der Körperoberflilclie. Die Vor-suchsthiere überleben aber nicht nur diese Prozedur, sondern erlangen in Polge derselben bereits nach fünf Tagen eine Immunität gegen die fernere Wirksamkeit des Rauschbrandgiftes, so dass dieses nun­mehr ohne besondere Gefahr auch in das Bindegewebe unter der Haut und zwischen den Muskeln etc. eingespritzt werden kann.
Aus diesen Versuchsresultaton ergibt sich somit einesthoils, dass das Rauschbrandgift sich nach intravenöser Injection wesentlich anders verhält, wie das Milzbrandgift und das gewöhnliche Päulniss-gift, anderntheils aber ergibt sich aus denselben auch die sehr bedeutungsvolle Thatsaclie, dass durch die betreffende Art der Ein­verleibung des Rauschbrandgiftes bei dem ImpHingo eine Iniinuiütiit zu Stande kommt, ohne dass es zu den früher für so wesentlich
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10Gnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Huusühbiand.
gehaltenen Lociilisationen der natürlichen Hauschbrandkranklieit kommt.
Arloing und Cornevin haben ferner gefunden, dass das Gift der Rauschbrandkrankheit sich von dem des Milzbrandes auch noch dadurch unterscheidet, dass ersteres bei trächtigen Thieren auf die Leibesfrucht übergeht, während dies beim Milzbrande nicht der Fall ist.
Diagnose, Der Rauschbrand wird von llt;1eser klinisch etwa folgendermassen dargestellt:
„Die Kranklieitserscheinungen, welche plötzlich eintreten, sind schon für den Laien höchst auffallend und führen nicht selten die Thiereigentliümer zur Erkennung der sehr gefürchteten Erkrankung. Das erste was bemerkt wird, ist die Sistirung der Fntteraufnahme und der Rumination, Stöhnen, Unruhe (in einzelnen Fallen auch Kolikerscheinungen), steifer, beschwerlicher Gang mit einer oder mehreren Gliedmassen, dem alsbald das Auftreten von kühlen, un­empfindlichen, beim Darüberstreichen stark knisternden teigigen An­schwellungen an verschiedenen Körperstellen folgt. Dabei besteht Fieber; die extremitalen Theile fühlen sich kühl an. Ausser dem rasch auftretenden und schnell um sich greifenden Haut- und Muskel­emphysem ist die Krankheit charakterisirt durch starke Anschwel­lung der durch die Haut fühlbaren Lymphdrüsen, durch gelbsulzige und hämorrhagische Ausschwitzungen in die Bindegewebszüge und die Muskulatur, welche letztere, je nach der Krankheitsdauer, in beschränkter oder sehr verbreiteter Ausdehnung (auch bei verbluteten Thieren) ein blasig aufgedunsenes, dunkelschwarzes Ansehen besitzt.
Der Bauschbrand, in verschiedenen Gegenden Deutschlands auch „fliegendes Feuerquot; „Geräuschquot; etc. genannt, tritt an gewissen Orten, iihnlich wie der Milzbrand, Jahr aus, Jahr ein auf und verursacht in dem betreffenden Viehbestande nicht selten bedeutende Verluste. Die Erkrankungen fallen grösstentheils in die Sommer- und Herbstmonate. Vorzugsweise werden die jüngeren Individuen, im Alter von sechs Monaten bis zum vierten Jahre, von demselben befallen; bei älteren Thieren wird er seltener beobachtet, namentlich wenn dieselben in Ifauschbrandgegenden aufgewachsen sind.
Prognose. Schwer erkrankte Thiere verenden regelmässig, genesen also nur ausnahmsweise. Der Tod pflegt nach dem ersten Auftreten des lokalen Prozesses in 1'/a—3 Tagen sicher einzutreten. Leichtere, weniger deutlich ausgesprochene Kauschbrandf'älle, die häufig für eine gewöhnliche Verdauungsstörung gehalten werden, gehen meist schnell in Genesung über und zwar mit Hinterlassung einer Immuni-fät für längere Zeit, oder gar für die ganze folgende Lebensdauer.
Pathologisch-anatomischer Befund. Beim Einschneiden in die knisternden Geschwülste benehmen sich die Patienten ffänz un­empfindlich; es zeigen sich dem Auge dicke, gelbsulzige und hämor­rhagische Bindegewebsinfiltrationen. dunkelschwarze, erweichte, blasig
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Rausohbrand.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 107
imfgetriebonfi Muskulatur und dunkles Blut. Das am lebenden oder todton Thiere aus dem Gefiisse kommende I31ut ist nie theerartig; es gerinnt stets zu einem mein- oder minder derben Kuchen, während das aus den liämorrhagischen Herden stammende Blut stets Hüssig und lackfarbig ist.
Am Cadaver finden sich ferner serös-hilmorrhagisclie Ergüsse in die Brust- oder Bauchhöhle und in den Herzbeutel; sodann um die grossen Gefassstilrame der Gliodmassen, des Herzens und um die Nieren ausgedehnte, theils blutige, theils gelbsulzige Infiltrationen, Hämorrhagien unter der Pleura, den serösen Herzübnrzügon, dem Peritonäum, im Netze, im Gekröse, in den Gekrösdrüson, welche, wie die meisten übrigen Lymphdrüsen des Körpers, zugleich sehr vergrössert und erweicht sind. Die Leber ist meist blutreicher, etwas geschwollt; die Milz nur in einzelnen Fällen und dann nur stellenweise dunkler, geschwellt und in ihrem Parenchym erweicht. Die auffallendsten Veränderungen finden sich stets in der Muskulatur der verschiedensten Körperstellen, besonders in der Nähe grössorer Gefiisse, an den Gliodmassen, unter der Schulter, am Halse, in den Lenden otc. nämlich mehr oder minder ausgebreitete, gelbsulzige und serös-hämorrhagische Infiltrationen, Uoborfüllung mit dunklem, flüssigem, lackfarbigom Blut; die dnnkul-schwarzon Pleischparticn sind stets knisternd, erweicht, sehr porös mit Gasblason und Lücken durch­setzt. Dieser Kauschbrand ist nun keineswegs ein wahres Milzbrand-emphysem (omphyseme charbonneuse) wie man früher glaubte. Beim eigentlichen Milzbrände kommen derartige Blutzersetzungen mit Gas­entwicklung während des Lebens nicht vor, sondern treten erst nach dem Tode der Thiere in Folge eingetretener Fäulniss auf.
Eine Behandlung rauschbrandkranker Thiere ist unnütz.
Die Vorbeuge hat in neuerer Zeit am meisten durch die Impfung geleistet. Da indess die oben erwähnte intravenöse Injection des natürlichen Rauschlirandgif'tes mit Vorsicht und Geschick ausgeführt worden muss, um die mit ihr im Falle des Misslingens verbundene Gefahr zu vermeiden, so haben die genannten französischen Forscher die Impfung mit mitigirtem Rauschbrandgif'to erfolgreich studirf und probirt. Es haben sich hierbei für das weitere Studium der Schutzimpfungen überhaupt folgende wichtige Dinge ergeben ;
Wird das aus einer frischen Itausehbrandgeschwulst ausgepresste Gift bei !30—86deg; 0. getrocknet, so kann dasselbe (nach Arloing und Cornevin) länger als zwei Jahre aufbewahrt werden, ohne an seiner Virulenz eine Einbusse zu erleiden. Um dasselbe für die Zwecke dor Impfung zu mitigiren, wird es mit zwei Gewichtsthoilon Wasser abge-rioben und nach seiner Einweichung und gleich massigen Verflüssigung auf geeigneten flachen Gefässen (kleinen Schüsseln) in dünner Schicht für die erste Schutzimpfung bei 100quot; C., für die zweite [mpfling bei .r)(iquot; (J. während 7 Stunden in Thermostaten getrocknet. Dio so ge­wonnenen bräunlichen Krusten enthalten das Hauschbrandgif't in zwei verschiedenen Graden mitigirt und können an einem trockenen Orte in geeigneter Verpackung lange Zeit hindurch aufbewahrt werden,
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108nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Milzbrand.
ohne diiss dor Impfstoff seine Sclmtzkmft verliert. Zum Zwecke der Schutzimpfung wird die erforderliche Menge des mitigirten Trocken-präpimites pulverisirt und mit 100 Gewichtstheilen Wasser verrieben, um es möglichst gleichmässig y.u verflüssigen. Die erste Schutz­impfung wird mit dem bei 100deg; C. abgeschwächten Impfstoffe , die Nachimpfung am fünften bis sechsten Tage nachher vorgenommen, indem man dem betreffenden Stück Rindvieh 1 kcm Impfflüssigkeit an der Innenfläche eines Hinterschenkels, oder zwei Hand breit von der Schwanzzpitze subeutan injicirt. An der Impfstelle bildet sich demnach in der Regel eine leichte Anschwellung, ohne dass die Impflinge nennenswerth erkranken.
Der bedeutende Nutzen dieser Schutzimpfung gegen die Ver­luste durch Rauschbrand an Orten, wo diese Krankheit heimisch ist, wurde nicht nur von Frankreich aus, sondern auch aus anderen Ländern, so z. B, aus der Schweiz (Strebel) bestätigt.
Milzbrand.
Krankheitsursache. Die Aetiologie des Milzbrandes ist in den letzten 30 Jahren Gegenstand der sorgfältigsten Forschungen gewesen, deren wesentlichste Resultate ich hier kurz anführen will. Der Erste, welcher im Milzbrandblute kleine Stäbchenförmige Gebilde gesehen hat (1848) scheint Delafond zu sein; er hielt die­selben für Algen (Ropert. f. Thierheilk. XXII. I.). Im Jahre 1849 fand Dr. Follender (in Wipperfürth) im Blute milzbrandkranker Binder eine unzählige Menge feiner Stäbchen, deren Bedeutung und Entstehung ihm unbekannt waren. In Gaspers Vierteljahrs-schritt hat er hierüber 1855 eine entsprechende Mittheilung ge­macht. Unabhängig von Follender und Delafond hatten zwei andere Forscher, Dr. Davaine in Paris (im Jahre 1850) und Fro-fessor Braueil in Dorpat (1857) fragliche Stäbchen im Milzbrand­blute wahrgenommen. Brauell fand diese Stäbchen auch im Blute lebender milzkranker Thiere und verwerthete sie als diagnostisches (Jriterium. Dass fragliche Mikroorganismen, resp. deren Keime die wirklichen Krankheitserreger des Milzbrandes sind, unterliegt heute wohl keinem Zweifel mehr.
Der grösste Antheil an dem Verdienste den Weg zu dieser Erkenntniss gezeigt und letztere schliesslich aussei- Zweifel gestellt zu haben, gebührt Pasteur. Derselbe brachte, nachdem er (im An­fange der sechziger Jahre) seine Keimlehre gegen alle Angritte siegreich begründet, nachdem sodann Ballier die Filzcultur einge­führt und Davaine bereits 1803 die Stäbchen als die Ursache des Milzbrandes erkannt hatte, etwas Milzbrandblut in eine Flüssigkeit, die Asche von Bierhefe, weinsteinsaures Ammoniak und Zucker ent­hielt. Diese Flüssigkeit brachte er in Verhältnisse, welche der Ver­mehrung des Milzbrandkeimes günstig sind und nahm dann später einen Tropfen derselben, den er mit Urin vordünnte und nunmehr
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Milzbrand.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;109
in dieser Flüssigkeit die Ciiltur des Müzlmindkeiiues weiter fortsetzte; nach einiger Zeit nahm er wieder einen Tropfen dieser Mischung, den er abermals mit Urin verdünnte, und so setzte er seine Züch­tungen längere Zeit hindurch und in mehreren Generationen fort. Die in diesen potenzirten Verdünnungen gezüchteten, ursprünglich von Milzbrandblut herrührenden Bncteridien erzeugten nach ihrer Ein­impfung bei den betreffenden Thieren stets den Milzbrand.
Auf diese Weise widerlegte l'asteur den Einwand, dass ein aus dem Blute stammendes anorganisches Gift möglicherweise den Milz­brand erzeuge. In seinen hochgradigen Portenzirungen der ursprüng­lichen Verdünnung des Tropfens Milzbrandblut konnte von einem Gifte, welches sich in den Culturflüssigkeiten nicht zu vermehren vermochte, natürlich keine Bede mehr sein.
Um die weitere Erkenntniss der biologischen Verhältnisse der Milzbrandbacteridien haben Cohn in Breslau und Koch in Berlin ganz besondere Verdienste sich erworben. Die von ersterem ausge­sprochene Ansicht, dass die Bactoridien in zwei Hauptformen resp. in zwei verschiedenen Entwickelungszuständen uns begegnen, nämlicli in Stäbchenform als eigentliche „Bacillenquot; und in Kugelform als so­genannte „Dauersporen , ist von Dr. Koch positiv erwiesen worden. Dieser geniale Forscher hat die Entwicklung von Dauersporen aus Milzbrandstäbchen, sowie die weitere Entwickelung der letzteren aus jenen wirklieh beobachtet und neuerdings durch seine lleinculturen auf festem Nillirboden die Pilzforschung sicherer fundirt.
Nach den Versuchen Kochs wird die Keimfähigkeit der Dauer­sporen durch eine 8—4 Tage hindurch andauernde Erwärmung bis auf 70 und selbst 80deg; 0. und bei trockener Erhitzung selbst bei 120—130quot; C. nicht vernichtet. Dies geschieht ebensowenig durch eine jahrelange Austrocknung, noch durch monatelanges Verweilen fraglicher ausserordentlich kleinen glänzenden Kügelchen in faulen­den Flüssigkeiten, oder durch einen öfteren Wechsel von Durch­feuchtung und Austrocknung derselben. Die Stäbchen hingegen sterben in dauernd trockenem Zustande sehr bald ab und verlieren in dünnen Lagen eingetrocknet (je nach der grösseren oder geringeren Mächtigkeit der betreffenden Schicht) schon nach 12 -80 Stunden ihre Infectionsfähigkeit, sowie das Vermögen, im Brutapparate weiter zu wachsen. In stärkeren Schichten getrocknet, bleiben die Milz­brandbacteridien 2 -8 Wochen lang entwicklungs- und iufectionsfahig; in noch grösseren Fleischstückon ist dies etwa 4—(i Wochen lang der Fall. - Ferner stellte Koch fest, dass die Bacillen bei 35deg; C. am schnellsten wachsen und bei dieser Temperatur bereits nach 20 Stunden die schönsten Sporen bergen können. Die Entwicklung dieser geht bei 30deg; C schon etwas langsamer von Statten (erst nach ca. 30 Stunden); bei 18—SOquot; 0, bedarf sie 2'/laquo; 8 Tage. Unter 18deg; C. kommt es nur ausnahmsweise noch zur Sporenbildung und unter 10quot; G hat Koch ein Waclisthuin der Bacillen überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Andererseits wird nun auch bei höheren Temperaturen die Entwicklung der Bacteridien kümmerlich und bei
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Milzbrand,
45quot; (J. soheint sie giuii; aufzuhören. Durch diese Ermittelungen worden manche Beobaohtungen der Praxis unserem Vertändnisse /ugiinglicher.
' Ptlr die Aetiologie des Milzbrandes ist noch Folgendes von besonderem Interesse:
Bncbner glaubt nachgewiesen zu haben, dass der Heupilz (Bac­terium subtile) zum Milzbrand in naher Beziehung stehe. Nach seinen bezüglichen Mittheilungen ist es ihm gelungen, auf dem Wege der künstlichen Cultur die giftigen Milzbrandbacillen in Bac­terium subtile und dieses in jene umztizüohten. Die Umwandlung des Milzbrandpilzes in den Heupilz soll sich auf dem kürzesten Welt;^e vollziehen, wenn man ihn bei 86deg; 0. züchtet. Ob und unter welchen Umständen der überall auf lebenden und todten Pflanzen vorkom­mende Heupilz auf natürlichem Wege in Milzbrandpilze sich umzu­wandeln vermag, d. h. zur Entstehung des Milzbrandes mit beiträgt, muss noch näher erforscht werden.
Die Milzbranderkrankungon der Menschen, welche nach dem Genüsse gekochten Fleisches von milzbrandkranken Thieren öfter beobachtet worden sind, lassen sich nunmehr vielleicht so erklären, dass man annimmt, es sei in dem consumirten Fleische zur Bildung von Milzbrand-Dauersporen gekommen, was während des Lebens nicht zu geschehen pflegt, weil bei milzbrandkranken Thieren, aussei' der weit höheren Temperatur als 85quot; C, möglicherweise auch noch andere bis jetzt unbekannte Verhältnisse die Entwicklung von Dauer­sporen beeinträchtigen. Wo solche nicht vorhanden sind, da wird das Fleisch durch gründliches Kochen seine Virulenz verlieren, weshalb dasselbe sehr häufig ohne Nachtheil von Menschen gegessen worden ist. Ueberdies nimmt R. Koch auf Grund seiner bezüglichen Versuche an, dass die Milzbrandbacillen auch ohne dass das Fleisch gekocht wird, wahrscheinlich im Magen, dessen Inhalt sauer reagirt, zu Grunde gehen, während die Sporen hierdurch nicht beschädigt werden, sondern im alcalischen Darminhalte auswachsen und dann in die Schleimhaut des Darmcanales eindringen. Diese Annahme ist durch weitere Versuche von Koch, Gaffky und Löffler bestätigt worden. (Mittheilungen aus dem K. Gesundheitsamte, Berlin 1884.)
Für die Entstehung des Milzbrandes bei unseren Hausthieren sind nach den Versuchsresultaten Kochs folgende Dinge von Be­deutung :
Massige Verdünnung bacillenhaltiger Substanzen mit destillirtem oder mit Brunnenwasser verhindert die Sporenbildung nicht; bei stärkerer Verdünnung der Nährflüssigkeit aber sterben die Baoillen ab und sind bereits nach etwa :S0 Stunden nicht mehr im Stande, Milzbrand zu erzeugen. Sobald es aber vorher zur Bildung von Dauer­sporen gekommen ist, erhalten sich diese in Brunnenwasser u. s. w. Wochen lang (vielleicht Monate und Jahre lang) impff'ähig, resp. infectionsfähig.
Was die Beschaffenheit des Bodens anbelangt, so kommen fol-srende Verhältnisse in Betracht:
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Milzbrand.
Ill
1) Seine grössero oder geringere Porosität; 2) die Durchtriinknng des Bodens mit organischen Abgängen; -i) die Durchfeuchtung des­selben durch den wechselnden Höhenstand dos Grundwassers, oder 1) durch den wechselnden Wasserstand von Sümpfen und Höhen, je nach Verschiedenheit der Witterung; 5) die Temperatur des Bodens; li) der grössere oder geringere Keichthum des Bodens an Regen-würmern, welche nach Pasteurs (auf Kochs Einwendungen nach­drücklichst wiederholten) Mittheilungen die Mikbrandkeime aus tieferen Erdschichten an die Oberflilche bringen sollen.
Endlich kommen auch noch die Stallungen in Betracht. Wie durch die Einwohnerzahl eines Hauses, durch Ventilationsvorrich­tungen in den Wohnungen etc., Verhältnisse gegeben sind, welche die Ausbreitung der Epidemien beeinflussen, so ist dies auch bei Epi/.ootien der Fall. Die Vermehrung vorhandener Milzbrandkeime, resp. die Empfänglichkeit für deren schädlichfi Einwirkung, scheint in übennässig besetzten Stallungen, vielleicht in Eolge höherer Stall­temperatur, grosser zu sein, als in nicht überfüllten.
Die Frage, ob das Milzbrandgift bei natürlicher Infection mit der Respirationsluft, oder mit dem Putter, oder auf beiden Wegen aufgenommen, resp. wirksam wird, ist noch nicht vollkommen klargelegt.
Das Eindringen der Milzbrandstäbchen in den Blutstrom scheint längere Zeit (etwa 14 Stunden bei geimpfton Mäusen) zu erfordern; sind sie aber einmal in denselben eingedrungen, so sollen sie sich in der üppigsten Weise vermohrnn und zwar durch Verlängerung und fortgesetzte Quertheilung der Baoillen. Diese Art der Ver­mehrung des Milzbrandgiftes im Blute wird neuerdings von Rolott'*) bestritten. Derselbe schliesst sich der Ansicht Archangelski's an, womach die Milzbrandbacillen im thierischen Organismus sowohl im Blute, als auch in verschiedenen Organen zunächst in Form kleiner glänzender Körperchen auftreten, aus welchen schliesslich in dem bereits erkrankten Organismus die Bacillen entstehen. Die Behauptung Colins und Oemlers „dass das Milzbrandblut bereits vor dem Auftreten der Bacillen in demselben infectiös seiquot;, könnte hiermit in üebereinstinnuung gebracht werden. Bei Milzbrand mit Localisationen hat Schütz wiederholt die Milzbrandbacillen im Blute nicht nachweisen können. Letzteres besass aber in solchen Fällen bei Ueberimpfung auf andere Thiere keine virulenten Eigenschaften. Wo die Bacillen im Blute fehlen, ist es schwierig, den Tod der erkrankten Thiere zu erklären. Schütz hält den Milzbrand für eine Art der Septicäinie. Durch die neueren Porschungen ist uns das Wesen des Milzbrandes zwar klarer geworden , manches aber noch dunkel geblieben. (lolin will im Blute einer halb ausgetragenen Frucht, welche im Uterus einer in Vinceimes an Milzbrand gestorbenon Kuh sich vorfand, Bacteridien in allen Körpertheilen, für welche ihre Ab­wesenheit beim Fötus behauptet wird, angetroffen haben. Dennoch
*) Archiv für
pr. Thierh. 1888, Bd. IX. Heft 6. S. 45!) bis 470.
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Milzbmndfleber,
soll dieses fötale, bacteridienhaltige Blut nicht int'ectiös gewesen sein, während das Blut der Mutter Milzbrand erzeugte. Weitere For­schungen auf diesem Gebiete sind für die Aetiologie und Tilgung des Milzbrandes von grosser Wichtigkeit.
Vielleicht sind auch jetzt noch unter der Collectivbezoiclmung „Milzbrandquot; verschiedenartige pathologische Prozesse zusammenge­worfen , welche in Bücksicht auf den Krankheitserreger und auf andere wesentliche Dinge in Zukunft auseinander gehalten werden müssen. Die Zeit ist jedoch noch nicht gekommen, wo eine klare Sichtung und festbegründete Scheidung in allseitig befriedigender Weise stattfinden kann. - Die bis jetzt errungenen Borscbungs-resultate lehren uns unter Anderem, dass wir Ober das wirkliche Alter der Milzbrandkrankheiten wohl nie etwas Zuverlässiges erfahren werden. Die zahlreichen hierüber gemachten Mittheilungen, welche sogar bis auf Homer zurückreichen, sind zu unbestimmt; man kann aus denselben nur folgern, dass mil/.brandalmliche und wal'.rsohein-lieh auch wirkliche Milzbrandkrankheiten schon in frühesten Zeiten vorgekommen zu sein scheinen.
Diagnose. Bei unseren Hausthieren tritt der Milzbrand in sehr verschiedenen Formen auf; eine der wichtigsten Verschiedenheiten besteht (nach Böll) darin, dass derselbe entweder ohne, oder mit äusserer Localisation auftritt.
1. Milzbrandformen ohne äussere Localisation. (Milzbrandfleber.)
Der Milzbrand verläuft manchmal so schnell, dass der Tod ohne deutlich ausgesprochene Krankheitserscheinungon eintritt, Diese Form wird als „Milzbrandblutschlag, apople ctischer Milz­brand, Anthrax auotissimusquot; bezeichnet. Bei derselben stürzen die Thiere wie vom 'Blitze getroffen todt nieder; so werden z. B. Thiere, welche Abends noch ganz gesund erschienen, am folgenden Morgen todt im Stalle, oder auf der Weide angetroffen. Meist werden die bestgenährten, kräftigsten, jüngeren Individuen des Vieh-standes von dieser Milzbrandform befallen. Häutiger ist indess die nicht so höchst acute Milzbrandform ohne Localisation, der „An­thrax acutusquot;, bei welcher die bis dahin ganz gesund scheinenden Thiere zu zittern anfangen, mit dem Kopfe schütteln, niederfallen und dann entweder unter Zuckungen bald verenden, oder sich periodisch erholen, um einem der nach kurzer Zeit folgenden weiteren Anfälle zu erliegen. Zwischen den einzelnen Anfällen stehen bei andauernder (iehirnhyperärnie die Kranken mit stieren Augen da, zeigen sich unsicher auf den Beinen , oder taumeln gar hin und her, namentlich wenn sie zu Bewegungen veranlasst werden: sie stützen den Kopf auf die Krippe, den Körper an die Stall-wand etc.; kurz sie zeigen Erscheinungen einer mehr oder weniger auffallenden Betäubung. Wo eine Ueberfüllung des Gehirns, der Lungen, oder eines anderen edlen Organes mit Blut fehlt, bieten
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Milzbrandfieber.
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die mil/.brandkranken Thiere meist keine besonders auffillligen Krankheitserscheinungen, aussei- zur Zeit eines periodischen Anfalles. Diese Anthraxform endet in der Regel nach 4 bis 36 Stunden mit dem Tode.
Treten die klinischen Erscheinungen weniger stürmisch auf, so kann die Dauer über drei bis vier, ja selbst bis zu sieben Tagen sich ausdehnen. Es zeigen sich dann gewöhnlich deutliche Remis­sionen, welche mehrere Stunden (einen ganzen Tag und noch lilnger) andauern können und so selbst dem Kundigen leicht eine einge­tretene Reoonvalescenz vortäuschen, bis die auf sie gesetzte trüge­rische Hoffnung schwindet, indem neuerdings Exaoerbationen mit meist lethalem Ausgange eintreten. Die wesentlichsten Symptome dieser Krankheitsform sind folgende: Zuweilen schwellen die Augen­lider etwas an, das Athmen ist periodisch oder andauernd erschwert, die Verdauung gestört. Fresslust und Wiederkauen fehlen oft gänz­lich; der Durst ist nur selten gesteigert; die Excremente sind meist dunkel gefärbt, in der ersten Periode der Krankheit gewöhnlich trocken, nicht selten blutig, gegen das Ende stellen sich lulufig blutige Durchfälle und Auftreibung des Hinterleibes ein. Die Absonderung der Schleimhäute wird reichlicher und bereits vor dem Tode fliesst aus den Nasenlöchern und auch wohl aus dem Maule ein röthliches Secret. Die Betäubung und Hinfälligkeit der Patienten kann stellen­weise einen hohen Grad erreichen. Nicht selten aber hat diese Form der Milzbranderkrankung so wenig Charakteristisches, dass selbst dor tüchtigste Kenner nicht im Stande ist, aus den vorhandenen Symptomen die Diagnose mit Sicherheit stellen zu können. Die Oertlichkeit, sowie die Vergangenheit, namentlich bereits vorausge­gangene Milzbrandfälle in der betreffenden Localität, werden oft wesentliche Anhaltspunkte für die Diagnose abgeben müssen.
Die Fiebererscheinungen sind beim Milzbrand manchmal ganz offenbar, manchmal aber wenig oder gar nicht in die Augen fallend. Oft tritt im Anfange der offenbaren Erkrankung ein deutlich wahr­nehmbarer Frostschauder ein, mit heftigem Zittern der Extremitäten-Muskulatur, worauf bald eine ungleichmässig gesteigerte Temperatur der verschiedenen Körpertheile folgt. Bald treten die Erscheinungen einer Affection des Gehirns, bald die der Hinterleibs- oder der Respirations-Organe mehr in den Vordergrund. Im letzteren Falle stellen sich mehr oder weniger bedeutende Athemheschwerden ein, die wegen der Ueberladung des Blutes mit Kohlensäure in fortge­schrittenen Stadien der Krankheit nie ganz fehlen , falls nicht der Verlauf ein sehr acuter ist.
2. Milzbrandfomen mit äusserer Localisation.
Der eigentliche Sitz der sogenannten Milzbrandkrankheiten ist immer das Blut. Je nachdem nun in dem einen oder anderen Organe, resp. Gewebe, Hyperämien und Exsudate zu Stande kommen, wird das Krankhoitsbild sich äusserlich wesentlich verschieden ge-
Pütz, Compomlium dor Thiorhoilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; g
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Zungenanthrax.
stalten können. Es sei indess ausdrücklich bemerkt, dass alle echten Mil/.brandfonnen in ihrem eigentlichen Wesen vollkommen gleich sind. Auch heim sogenannten Milzbrandfieber finden in der Regel Locftlisationen, indess nach inneren Organen, statt, wodurch dieselben für die Dauer des Lebens der Wahrnehmung entgehen. Bilden sich die Localisationen im Umfange der äusseren Körperoberfläche, so sind dieselben schon während des Lebens dem Auge und Gefühle direct wahrnehmbar und sollen alsdann im Ganzen genommen eine günstige Bedeutung haben; man will die Erfahrung gemacht haben, dass die Milzbrandformen mit äusseren Localisationen, mit soge­nannter Karbunkelbildung, häufiger mit Genesung enden, als das sogenannte Milzbrandfieber.
Je nach dem Orte der Localisation hat man die betreffenden Milzbrandformen verschieden benannt. Die gebräuchlichsten der­artigen Bezeichnungen sind:
a) „Der Zungenanthrax oder Glossanthraxquot;, auch wohl „Zungenbrandquot;, „Zungenfäulequot; oder „Pestblatterquot;, früher auch „Zungenkrebsquot; genannt. Derselbe ist durch das Auftreten von Blasen in der Mund- und Kachenhöhle, namentlich auf dem Rücken und am Grunde der Zunge, am Gaumen, an den inneren Flächen der Lippen und Backen, sowie um das Zungenbändchen herum, gekennzeichnet. Die Blasen sind anfangs weisslich und durchscheinend, werden aber alsbald trüb, violett oder schwarzblau und nehmen besonders dann, wenn sie in geringer Anzahl vorhanden sind, schnell an Umfang zu, so dass sie die Grosse eines Hühner­eies erreichen. Dieselben platzen entweder mit Erguss einer ätzenden, schwärzlichen Jauche; — oder sie trocknen zu einem Schorfe ein, unter welchem in kürzester Frist die benachbarten Gewebe zerstört werden. Erst mit dem Platzen der Blasen oder Pusteln treten deutliche Fiebererscheinungen hervor. Die Umgebung der Geschwürs-Üächen schwillt stark an, die Schmerzen steigern sich bedeutend, aus dem Maule fliesst mit Brandjauche gemischter Schleim in reich­licher Menge ab und oft erfolgt schon ein bis zwei Tage nach dem Hervortreten der Blasen der Tod, indem die brandige Zerstörung gewöhnlich den Schlund und Kehlkopf, oder auch den harten Gaumen mit ergriffen hat.
Diese Milzbrandform hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der „Pustula malignaquot; des Menschen, indem auch bei dieser zunächst die Brandblasen (oder Karbunkel) und erst später Erscheinungen eines Allgemeinleidens (Fieber) auftreten. Es liegt demnach die Ver-muthung nahe, dass beim Zungenanthrax meist, wenn nicht immer, eine Infection von der Mundschleimhaut aus zu Stande kommt. Auch der Umstand, dass bei einer frühzeitig eingeleiteten, zweckmässigen Behandhing nicht selten Genesung eintritt, spricht für diese Annahme.
Beim Ausgange in Genesung bleiben häufig noch längere Zeit hindurch Geschwüre in der Maulliöhle zurück, welche der Futterauf-nahme und dein Kauen hinderlich sind.
Diese Anthraxform wurde in früheren Zeiten viel häufiger als
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Mastclarmkarbunkel und Bnulsot.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;115
gegenwiU-tig beobachtet; die Gründe hierfür liegen wahrscheinlich darin, duss Verletzungen der Mundsehleimliivut bei Hausthieren seltener als früher vorkommen mögen.
b)nbsp; Die Anthraxbräune, die auf S. 110 beschrieben ist.
c)nbsp; nbsp;Der Mastdarmkarbunkel, welcher auch wohl Kücken­oder Lendenblut genannt wird. Diese Mil/.brandform ist während des Lebens vorzugsweise durch den Abgang eines tlieerilhnlichen Blutes, das unter anhaltendem Drllngen mit den gewöhnlich festen Excrementen entleert wird, von den übrigen Authraxformen unter­schieden. Bei der Exploration per anum findet man die Schleimhaut des Mastdarmes gewöhnlich sehr heiss und bedeutend geschwollen. Der Tod tritt bald sehr schnell (innerhalb weniger Stunden), bald erst nach einer Krankheitsdauer von einigen Tagen ein. Da Blu­tungen aus dem Mastdarme auch unter verschiedenen anderen Um­ständen vorkommen können, so sind bei der Diagnose des Mastdarm­karbunkels selbstverständlich die anderweitigen Verhältnisse mit zu berücksichtigen.
Es sei hier vor dem Ausräumen des Mastdarmes mit der Hand ausdrücklich gewarnt, da dasselbe dem Thiere unnöthige Schmerzen verursacht und leicht eine Infection der betreffenden Person zur Folge haben kann. Will man per rectum untersuchen, so versäume man nie, die einzuführende Hand gut einzuölen, theils um das Greschäft für sich selbst und den Patienten zu erleichtern, theils um sich vor etwaiger Infection möglichst zu schützen.
In Bezug auf das Vorkommen der einzelnen Milzbrandfbrmen bei unseren verschiedenen Hausthieren gilt im Allgemeinen Folgendes:
Bei Schafen tritt der apoplectische Milzbrand häufiger als bei den übrigen Hausthieren auf und wird gewöhnlich „Blutseuchequot; oder „Blutstaupequot; (französisch „sang de ratequot;) genannt; zur Kar­bunkelbildung kommt es bei dieser Thierguttung selten. Wo dies geschieht, pflegen die Geschwülste am Euter, an den Gliedmassen oder am Kopfe aufzutreten und meist die erysipelatöse Form anzu­nehmen ; häufig aber mag es sich in solchen Fällen vielleicht nicht um Milzbrand, sondern um eine Septicämie handeln. Die Verluste, welche durch Milzbrand, namentlich durch die Blutstaupe unter den Schafen verursacht werden, sind in manchen Gegenden sehr bedeutend. So soll z. B. Frankreich durchschnittlich etwa 30 Millionen Francs jährlich durch Milzbrandfällo bei Schafen verlieren.
Ob die von Dr. Krabbe (Zeitschrift für Thiermodicin, Bd. I, 8. 154 bin 39) beschriebene Schafkrankheit, welche dänisch als „Bradsotquot; bezeichnet wird, dem Milzbrande angehört, ist sehr fraglich, sogar wenig wahr­scheinlich. Dieselbe soll deshalb an dieser Stelle nur ganz kurz be­sprochen werden. In Island (sowie auch auf den Faroern) kommt unter den Schafen, vorzugsweise während des Winters in den Monaten Oktober bis Januar und nur ganz ausnahmsweise im Sommer, eine Krankheit vor, welche besonders die besten und fettesten Individuen im ersten und zweiten Lebensjahre befällt. Auf den Faroern, wo der Winter verhältniss-inässig milde ist, bleiben die Schafe das ganze Jahr hindurch draussen. Krabbe schildert den Verlauf der Bradsot folgendermassen: Ohne vor-
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Anthraxbräune.
hergehende Krankhoitsersclioinungen hört das Thier auf einmal auf zu fressen, legt sich nieder, kauert sich zusammen, stöhnt, schäumt aus dem Maule und verendet oft im Laufe einiger Minuten, höchstens dauert die Krankheit wenige Stunden und es zeigt sich dann (wie es scheint, mit­unter schon während dos Lebens) Auftreibung des Bauches. Nach dem Tode tritt die Zersetzung ausserordentlich rasch ein; der Bauch wird von Darmgasen stark aufgetrieben, Leber und Nieren werden schnell mürbe, die Haut nimmt eine blaue Färbung an und die Wolle löst sich; das Fleisch geht so schnell in Fäulniss über, dass weder Hunde noch Raben es verzehren und der todte Körper verbreitet einen intensiven Gestank. Tödtet man das Thier im Aiifango der Krankheit, dann findet man am Labmagen einen tief bläulichrothen Fleck, welcher-, wenn das Thier an der Krankheit gestorben ist, an Grosse zugenommen hat und die Hälfte des Labmagens einnehmen kann. Diese Krankheit scheint dem Schafe eigenthümlich zu sein, indem andere Hausthiere an derselben nicht er­kranken. Ihre Ursachen sind unbekannt, die Prognose ebenso ungünstig und jede innere Behandlung ebenso nutzlos, wie bei Milzbrand. quot;Um die Verluste, welche Island durch die Bradsot erleidet, ungefähr taxiren zu können, sei noch kurz bemerkt, dass dieses Land im Jahre 1870 auf 69701! Einwohner 352 443 Schafe besass und von letzteren im Winter 1870—71 11317 Stück = 3,2 0/o an fraglicher Krankheit verlor. Da die diesen Verlustzahlen zu Grunde liegende Statistik unvollständig ist, so stellen sich die wirklichen Verluste noch höher. Im Südamte Islands, das gegen 140 000 Schafe besitzt, sollen in den Jahren 1849 —54 jährlich etwa 0000 Stück = 473 % ai1 der Bradsot zu Grunde gegangen sein.
Bei Ziegen vorläuft der Milzbrand in der Kegel weniger schnell als bei Schafen, das Milzbrandfieber ist die gewöhnlichste Anthrax-form dieser Thiergattung.
Beim Schweine ist die apoplectische Mil/.brandform, ebenso der Maul- oder Zungenantlirax, hier gewöhnlich ,,Rankkorn' ge­nannt, sehr selten. Etwas häufiger kommt bei dieser Thiergattung die Bildung von Milzbrnndgeschwülston am Halse und im Ilachen, „Anthraxbräunequot; vor. Mit den Erscheinungen eines heftigen Fiebers stellt sich beschwerliches, keuchendes, pfeifendes Athmen und heiseres Grunzen ein; der Rüssel wird heiss und trocken, die Zunge schwillt an, die Maulsehleimhaut wird bräunlich roth, das Schlingen und Athmen beschwerlich, wobei Brechneigung sich einstellt. In der Kehlkopfsgegend und im Verlaufe der Luftröhre bildet sich eine heisse, derbe und schmerzhafte Geschwulst, welche sich nicht selten auch über die Vorderschenkel und zwischen diesen hindurch auf die Unterbrust verbreitet; dieselbe ist anfangs roth, nimmt aber häufig eine bleigraue und, zuletzt violette Färbung, sowie ein ödernatöses Aussehen an. Auch die Maulschleimhaut und der lltissel werden bleifarbig, die äussere Körperwärme sinkt, die Athembesohwerden und das Allgemeinleiden steigern sich, so dass die Patienten inner­halb ein bis zwei Tagen an Erstickung, oder in Folge ausgebreiteten Brandes sterben. Genesung tritt nur sehr selten ein; wenn dies ausnahmsweise geschieht, so nehmen die Athem- und Schlingbe­schwerden ab, die Karbunkel breiten sich nicht weiter aus und werden allmählig kleiner.
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Weisse Borste.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 117
Zuweilen sitzt in der Nähe des Kehlkopfes und der Ohrspeichel­drüse in der Tiefe ein nur bohnengrosser Karbunkel, auf welchem die Borsten (12 bis 20 Stück) büschelförmig sich aufrichten, bleich, hart und spröde werden. Der geringste Zug an denselben verursacht den Patienten sehr lebhafte Schmer/.en. Diese Form des Milzbrandkarbun­kels pflegt man als „ weisse Borstequot; zu bezeichnen. — Unter andauern­den Athembeschwerden, Stöhnen, Zähneknirsclien und Zuckungen gehen die Thiere gewöhnlich innerhalb einiger Tage zu Grunde.
In der Zeitschrift für Thiermedicin (I3d. 1, S. 175 bis 179) hat Zundel über „die weisse Borste des Schweinesquot; einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht. Derselbe macht auf das nicht seltene Vorkommen von Halskiemenfisteln bei Schweinen aufmerksam und bemerkt dazu, dass er selbst in solchen Fisteln oft ein Büschel von 8 bis 9 eingedrungenen, abgeblassten Borsten gefunden habe. Zündel ist geneigt anzunehmen, dass diese woissen Borsten zufällige Befunde sind, da eine Anschwellung oder Entzündung der Ohrdrüsen, resp. der oberen Halsgegend der Schweine bei jedem typhösen Leiden, wie bei allen dem Milzbrande mehr oder weniger ähnlichen Krankheiten, häufiger beobachtet werde. Andere, so z. B. Delafond, Reynal, Lafosse, Benion etc. nehmen an, dass die in die Fistel eingedrungenen Borsten eine gefährliche (brandige) Bräune hervor­zurufen im Stande sind. Im einen wie im anderen Falle erscheint die Milzbrandnatur der sogenannten weissen Borste des Schweines somit sehr fraglich. In neuerer Zeit ist von französischen Thierärzten das Vorkommen des Milzbrandes bei Schweinen überhaupt in Frage gestellt worden.
Bei Hunden und Katzen entwickelt sich der Milzbrand nur in Folge des Genusses von Cadavertheilen , oder von Aderlassblut milzbrandiger Thiere. Alle wesentlichen Formen der Krankheit sind bei denselben beobachtet worden. Am häufigsten jedoch kommt Milzbrand mit äusseren Localisationen , namentlich im Maule, oder an anderen äusseren Partien des Kopfes oder Halses bei Hunden vor.
Auch beim Hausgeflügel ist der Milzbrand in seiner apo-plectischen Form, wie auch als Anthraxfieber und Karbunkelkrank­heit, beobachtet resp. beschrieben worden. Die Krankheit endet in der Regel mit dem Tode, der meist einige Stunden nach der offen­baren Erkrankung einzutreten pflegt. Merkwürdigerweise konnten aber Hühner und Tauben selbst durch ganz enorme Mengen Milz-brand-Dauersporen vom Darme aus nicht inficirt werden. Auch wurden Meerschweinchen, Kaninchen und Mäuse vielfach und Hatten ganz ohne Erfolg mit recht erheblichen Sporenmengen gefüttert.
Beim Rinde scheinen Anthraxformen ohne äussere Locali­sationen am häufigsten vorzukommen und zwar ist die apoplectische Form nicht selten, dennoch aber weniger häutig als das Milzbrand­fieber. Beim Ausbruch einer Milzbrandenzootio pflegen in der ersten Zeit die meisten Fälle von Milzbrandblutschlag beim Rinde vorzu­kommen. Die Karbunkelkrankheit ist bei dieser Thiergattung ver-hältnissmässig selten, jedoch in verschiedenen Formen beobachtet worden. Nach meinen Beobachtungen zeigen sich in Deutschland und in der Schweiz die Localisationen am häufigsten als sogenanntes ,Rücken- oder Leiidonblutquot;, resp. als ,Mastdarmkarbunkelquot;.
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118nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Milzbrand.
Beim Pferde kommen folgende zwei Milzbmndformen vor;
a)nbsp; Die apopleotisohe Form; dieselbe ist bei dieser Thierart im Ganzen selten und bietet keine nennenswertben Eigenthtimlicbkeiten. Der Tod folgt entweder bald nach dem ersten Anfalle oder es tritt eine kurze liemission ein, während welcher die Betäubung in mehr oder weniger hohem Grade fortbesteht; dieser Remission folgt meist nach vier bis sechs Stunden ein neuer Anfall, der dem Leben des Thieres ein Ende macht.
b)nbsp; Eine woniger acute Form, welche nach drei bis vier Tagen den Tod herbeiführt. Die Patienten erscheinen betäubt und hin­fällig, zeigen Anschwellung der Augenlider, blutige Infiltrationen der Nasonschleimhaut und Augenlidbindehaut, erschwertes Athmen, sehr beschleunigten Puls und anhaltende oder remittirende, meist heftige Kolikerscheinungen. (S. Pferdetyphus, S. 121.)
Verlauf und Prognose. Der Verlauf ist bei Milzbrand stets ein acuter und die Prognose im Allgemeinen sehr ungünstig, da etwa 90 Procent der erkrankten Thiere sterben. Am ehesten tritt noch Genesung ein bei primär äusserlicher Infection, wenn früh­zeitig eine entsprechende Behandlung oigeleitet wird. Aber solche Fälle sind bei Thieren selten, beim Menschen jedoch häufig: bei demselben erfolgt unter günstigen Bedingungen fast regelmässig Genesung. Am ungünstigsten gestaltet sich die Prognose bei inner­licher Erkrankung ohne äussere Localisation (?) oder wenn die Kar­bunkel schnell wieder zurücktreten — und besonders beim Anthrax acutissimus. Bei äusseren Ablagerungen tritt nur dann, wenngleich immerhin selten, Genesung ein, wenn die Karbunkel nicht an solchen iStellon sitzen, an welchen sie lebenswichtige Functionen stören (Kehlkopf, Drosselrinne etc. etc.).
In Bezug auf die Thiergattung gilt im Allgemeinen, dass der Milzbrand bei Schafen fast absolut todtlich verläuft; bei Bindern verhältnissmässig etwas weniger Opfer fordert als bei Schweinen.
Sectionserscheinungen. Der Sectionsbefund wird in den Einzel­fällen je nach den während des Lebens eingetretenen Localisationen und je nach der Krankheitsdauer sich mehr oder weniger verschieden ge­stalten. Bei Milzbrandcadavern findet man im Allgemeinen folgendes:
Bei Besichtigung der äusseren Körperoherfläche und der natür­lichen Körperöffnungen nehmen wir gewöhnlich wahr, dass aus den Nasenlöchern und aus der Schamspalte weiblicher Thiere ein blutiges Serum ausfliegst, ähnlich wie dies auch bei Faulfieber (Septicämie) der Fall zu sein pflegt.
Wo es zu äusseren Localisationen gekommen war, werden wir an den betreffenden Körperstellen Schwollung in verschiedenem Um­fange antreffen. Beim Abhäuten an Milzbrand gestorbener Thiere fliesst aus den durchschnittenen Gelassen der äusseren Haut und des Unterhautbindegewebes ein dunkles, dickflüssiges, theerähnliches Blut, wie dies bei allen Formen des Erstickungstodes der Fall zu sein pflegt. Nach Abnahme der äusseren Haut zeigt sich, dass die
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Milzbrand.
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etwa vorhandenen Karbunkel aus theerartigen Blutextravasaten, so­wie aus gelbsulzigen Exsudaten bestehen, welche häufig in der Nähe von Lymphdrüsen liegen.
Nach Eröffnung der Bauchhöhle fällt zunächst eine bald mehr, bald weniger ausgebreitete, diffuse Röthung des Darmcanales, be­sonders des Dünndarmes auf, der nicht selten über grössere Ab­schnitte dunkelblau gefärbt erscheint. Am Bauchfell, besonders unter dem serösen Ueberzuge der Eingeweide, findet man verschieden grosse Blutunterlaufungen (Sugillationen resp. Ekchymosen).
Die Milz ist in der Regel geschwellt, bald mehr gleichmässig, bald mehr ungleiohmässig, knotig oder höckerig ; sie ist sohwarzroth von Farbe, besonders in ihrem Parenohym, das bei Einschnitten in dasselbe meist als eine schmierige, theerähnliche Masse hervorquillt. Im Gekröse, namentlich in dessen Wurzel, findet man nicht selten Karbunkel.
Die Nieren , sowie die Leber erscheinen bald nach dem Tode mürb, wie gekocht, abgeblasst; auf Nierendurchschnitten findet man die Rinden- und Mark-Substanz nicht so scharf gegeneinander be­grenzt und deren Earbenverschiedenheit mehr verwischt.
Bei weibliehen Thieren ist manchmal zwischen die Häute des Uterus ein mehr oder weniger verbreitetes Extravasat eingelagert.
In der Brusthöhle wird öfter Ueberladung der Lungen mit Blut angetroffen ; hat das Cadaver vor der Section längere Zeit (24 Stunden etwa) gelegen, so ist namentlich die Lunge derjenigen Körperseite, auf welcher dasselbe gelogen hat, mit dunklem Blute überfüllt. Die Serosa der Brust-Eingeweide ist nicht selten mit Blutunterlaufungen besetzt; auch in der Brusthöhle können Ablagerungen an irgend einer Stelle angetroffen werden. Am Herzbeutel, sowie auf dem serösen üeberzuge des Herzmuskels, kommen öfter Blutunterlaufungen vor. Die Herzhöhlen sind entweder blutleer, oder es ist die rechte Herzhälfte zum Theil mit Blut erfüllt, das meist nur sehr locker geronnen oder dickflüssig und von dunkler theerälmlicher Beschaffenheit ist.
Die innere Auskleidung der Herzhöhlen, sowie die Innenhaut der Gefässstämme sind diffus geröthet, d. h. von dem schon während des Lebens im Blutserum aufgelösten Blutfarbestoffe durchtränkt.
Nicht selten findet man im freien Raum der Brusthöhle, häufiger aber der Bauchhöhle, ein grösseres oder geringeres Quantum eines blutigrothen Serums.
Bei der mikroskopischen Untersuchung findet man unbewegliche Stäbchen, die bekannten Mil/.brandbacteridien, im Blute und in den verschiedenen parenchymatösen Organen. Die Zahl der weissen Blutkörperchen ist vermehrt; die rothcnBlutkörperoheji sind schmierig, erweicht und sehr geneigt, mit einander zu verkleben.
Die häufig vorkommende Auftreibung des Hinterleibes nach dem Tode, wodurch das hintere Ende des Mastdarmes nach aussen gepresst wird, ist eine Fäulnisserschoinung, welche somit auch bei Eaulfieber (Septicämie) gewöhnlich kurze Zeit nach dem Tode ein­zutreten pflegt.
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120nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Milzbrand.
Behandlung und Vorbeuge. Arzneimittel vermögen beim Milz­brände im Ganzen wenig zu leisten, weshalb über dieselben nicht viel /u sagen ist.
Bei kräftigen, vollblütigen Thieren wird vielfach ein Aderlass empfohlen, während ein solcher bei schwächlichen Individuen durch­aus unterbleiben muss. Für den ersteren Fall möge hier bemerkt werden, dass in Folge der eintretenden Stauung des Blutes im Ge­hirn durch Anlegen einer Schnur um den Hals manchmal die Thiere vor Eröffnung der Vene derart betäubt werden, dass sie zu Boden fallen. Selbstverständlich muss dann die Schnur sofort gelöst werden, damit der Abfluss des Blutes vom Gehirn sofort wieder stattfinden kann. Nach dem gegenwärtigen Standpunkte unseres Wissens im Gebiete der ansteckenden Krankheiten scheint mir ein Aderlass nur bei starker Hyperämie eines lebenswichtigen Organes zulässig, sonst aber in allen Fällen eher schädlich, als nützlich zu sein.
Bis jetzt kennen wir keine Arzneimittel, welche bei innerlichem Gebrauche irgend nennenswerthe Erfolge aufzuweisen hätten. In neuerer Zeit hat man Carbolsäuro und Salicylsäure, sodann das borsaure Natron (Borax) besonders empfohlen, aber auch diese Mittel haben sich ebensowenig wie andere bewährt. Bei Thieren, welche erbrechen können, wird die Kur gewöhnlich durch ein Brechmittel eingeleitet. Als Getränk verabreicht man am besten reines Brunnen­wasser mit Zusatz von Mineral- oder Pflanzensäuren. Auch öfter wiederholte Begiessungen mit diesen Flüssigkeiten sind als nützlich und wirksam empfohlen worden. Schweine können geschwemmt oder bis an den Hals eingegraben und begossen werden.
Die Beulen oder Karbunkel in der Nähe der Körperoberfläche sollen gespalten, mit dem glühenden Eisen tüchtig cauterisirt, oder mit concentrirten Mineral- oder Pflanzensäuren, namentlich mit Carbolsäure behandelt werden. Bei Localisation in der Kehlkopfs-gegend und daheriger Erstickungsgefahr kann die Tracheotomie nothwendig werden; auch hier tritt gern Brand um die Wunde und von da aus Infection der Lunge und des Blutes mit Brandgift ein.
Die Patienten müssen in luftigen, geräumigen Ställen unter­gebracht werden, welche auf geeigncM Weise (besonders im Sommer) möglichst kühl zu erhalten sind.
In manchen Fällen vermag die Prophylaxis ebensowenig gegen den Milzbrand zu leisten, wie die curative Behandlung; während in anderen Fällen die Verminderung der Milzbranderkrankungen durch ein entsprechendes Verhalten herbeigeführt werden kann. Vermei­dung ungesunder Stallungen, Weiden, Trinkwässer, verdorbenen oder sonst verdächtigen Futters, Beseitigung aller die Entwicklung des Milzbrandkeimes begünstigenden Momente, so z. B. Beseitigung von Wasserlachen etc., ferner möglichst unschädliche Beseitigung der Milzbrandcadaver, sowie der Abgänge milzbrandkranker Thiere; Vernichtung derselben auf chemischem Wege oder durch Siedhitze ist besser, als noch so tiefe Vergrabung. Im letzteren Falle müssen die Cadaver mit ungelöschtem Kalk, Carbolsäure u. dergl. über-
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Pf'erdetyphus.
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schüttet werden. In sumpfigen Milzbrandgegenden hat die Drainage der betreffenden Grundstücke häufig sehr vortheilhaft gewirkt. Der von Speculanten und einzelnen Besitzern empfohlene prophylactische Gebrauch der Salieylsäuro ist aus verschiedenen Gründen zu wider-rathen. Die Wirksamkeit der Salicylsilure bei Pflanzenfressern ist bei innerlichem Gebrauche eine sehr geringe; 40 bis 100 gr Salicyl-säure pro Tag und Stück ist für Pferde und Rinder keine grosse Dosis; kleinere Mengen sind aber so zu sagen ohne jede wahr­nehmbare Wirkung. Gaben von 1 gr pro Stück und Tag leisten nichts, sind also geradezu eine Verschwendung an Zeit und Geld. — Wie weit die Schutzimpfung gegen Milzbrand in sog. Milzbrand­gegenden als Vorbauungsnüttel nützlich ist, lässt sich vorläufig nicht feststellen, da unsere Erfahrungen über die Dauer der Impfimmuui-tät, sowie über die Höhe der Impfverluste noch nicht zu bestimmten Urtheilen berechtigen. Auf jeden Fall ist und bleibt es eine epoche­machende Errungenschaft, dass durch Pasteur's Mitigationsverfaliren des Milzbrandgittes nachgewiesen ist, dass die Milzbrandbacillen es sind, welche zur Herstellung eines brauchbaren Impfstoffes in ihrer Virulenz geschwächt werden müssen und dass der Grund ihrer Giftigkeit (resp. Abschwächung) auch auf die Nachkommen der mitigirten Bacillen sich vererbt, wenn die hierzu erforderlichen Be­dingungen geboten werden. „Gerade in diesem Umstände,quot; sagt R. Koch, „liegt die hohe wissenschaftliche Bedeutung der Entdeckung. Es ist damit zum ersten Mal in einer exaeten und gegen jeden Einwand gesicherten Weise der Beweis geliefert, dass eine pathogene Bacterienart unter ganz bestimmten Bedingungen ihre pathogenen Eigenschaften verliert, ohne dabei jedoch morphologisch verändert zu werden. Diese Thatsache ist nicht allein für die ätiologische Forschung, sondern in gleichem Maasso auch für die biologische Wissenschaft vom höchsten Interesse und wird unzweifelhaft zii weiteren wichtigen Entdeckungen den Weg zeigen.quot; Die Milzbrand­impfung wird bedeutend gewinnen, sobald der Impfstoff in fester Form hergestellt und ohne irgend einen Nachtheil längere Zeit hindurch aufbewahrt werden kann.
Eine entsprechende Regelung des Abdeckerei-Wesens ist eine unerlässliche Bedingung, wenn wir mit möglichstem Erfolge die Verbreitung des Milzbrandes und anderer anstockender Thierkrank-heiten erzielen wollen.
Die äussere Haut darf nach sect; 33 des Seuchengesetzes nicht abgezogen, sondern muss durch Zerschneiden in kleinere Stücke unbrauchbar gemacht und mit vergraben werden. Da auch der Mensch an Milzbrand erkranken und sterben kann, so ist der Pleisch-genuss von Milzbrandleichen gesetzlich verboten.
Pferdetyphus.
Unter diesem Namen beschreibt Roll (Spec. Path. u. Therapie, Wien 1885) eine Krankheit, welche er für eine subacute Form des
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l'ferdotyphus.
Karbunkel-Milzbrandes hält. Die von Anderen ausgesprochenen Zweifel gegen die Milzbrandnatur fraglicher Krankheit führt frag­licher Autor auf andere Krankheitscategorien, namentlich auf Ery-sipel oder auf gewisse Influenzaformen zurück, welche irrthürnlich für Pferdetyphus gehalten worden seien. Mit dem Typhus des Menschen hat der Pferdetyphus keine Gremeinsohaft.
Diagnose. Die ersten Symptome des Pferdetyphus sind gewöhn­lich die eines Darmkatarrhs, verbunden mit einer massigen Puls- und Athemfrequenz. Bald, d. h. am ersten bis dritten Tage, erscheinen an der ilusseren Körperoberfläche verschieden grosso Geschwülste, welche am hilufigsten an der Brust und am Bauche, sowie seitlich in der ganzen Länge der Wirbelsäule und auf der Kruppe vor­kommen. Manchmal treten sie plötzlich an der einen Stelle zurück, während an einer anderen neue erscheinen. Nicht selten bilden sich ausgedehntere ödematüse Anschwellungen an den Gliedmassen, welche diese an der betreffenden Stelle ganz umfassen, auf der Krone des Hufes beginnen und allmählig bis zum ersten Gelenke über der Pusswurzel d. h. bis /.um Ellenbogen- oder Kniegelenke emporsteigen und von da aus auf die untere Köperfläche sich fortsetzen; dieselben sind an ihrer Grenze scharf abgesetzt. Sie erreichen manchmal einen so bedeutenden Umfang, dass die Bewegung der erkrankten Glied­massen mehr oder weniger bedeutend beeinträchtigt, oder ganz un­möglich wird. Aehnliche Geschwülste treten auch öfter am Kopfe auf, wo sie gewöhnlich an der Nasenwurzel beginnen und sich bis zu den Nasenlöchern, oder über diese hinaus bis auf die Lippen ausdehnen. Es können dadurch einestheils die Nasenlöcher mehr oder weniger vollständig verschwellen und so das Athmen in ver­schiedenem Grade erschwert werden, — anderntheils kann die Putter-aufnahme durch die Festigkeit und Steiflgkeit der geschwollenen Lippen behindert, oder ganz unmöglich gemacht werden. Die An­schwellungen können vom Kopfe auch in der Drosselrinno auf die Unterbrust, den Unterbauch und bei männlichen Thieren auf den Schlauch hinuntersteigen und im letzteren Falle die Harnentleerung erschweren. Kleinere, scharf umsohriebene Geschwülste findet man am häufigsten am Kopfe, an den Seiten des Halses, der Brust und des Bauches, sowie an der Aussenüächc der Hinterbacken. Auch im Augapfel bilden sich nicht selten Extravasate, welche dieses wichtige Organ zerstören. Die Gbsohwülste am Kopfe und in der Kehlkopfgegend werden zuweilen so umfangreich, dass sie den Tod des Patienten durch Erstickung herbeiführen ; dies geschieht nament­lich dann, wenn gleichzeitig bedeutendere Localisationen im Bereiche der Schleimhaut, der Nasen- und Ilachenhöhle vorhanden sind.
Die Nasonschleimhaut erscheint alsbald intensiv geröthet, ge­schwellt und von zahlreichen, punkt- und striemonf'örmigen Extra-vasaten durchzogen, stellenweise auch von gelben, streifenweise durch Extravasate violett gefärbten Exsudaten inflltrirt; ein ähnlicher Zu­stand bildet sich häutig auf der Schleimhaut der Vorder- und Hinter-
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Pferdetyphus.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;123
lippe, seltener am Zahnfleische aus, das, sowie die Sobleimhant des ganzen Maules, eine gesilttigt-gelbe Färbung zeigt. Es stellt sich ein zäher, schmutziger, häufig blutiger NasenausHuss ein und auch aus dem Maule fiiesst in Fäden und Strängen ein zäher Geifer ab. Wenn nicht gleichzeitig die Nasenöft'nungen verschwollen sind, so ist auch jetzt noch die Athem- und Pulsfrequenz eine nur massig gesteigerte; der Puls ist meist weich und voll, 60 bis 70 in der Minute, der Herzschlag bald fühlbar, bald nicht. Auf der Nasen­schleimhaut, besonders der Scheidewand, treten häufig bläulich-roth gefärbte, 1 mm bis 1 om im Durchmesser haltende, runde oder läng­liche Flecken auf, welche aus kleinen Blutextravasaten, gemischt mit gelbsulzigem Exsudat, bestehen. Dieselben nekrotisiren nicht selten, indem sie mit der betreffenden Schleimhautstelle zu einem gelben Schorfe eintrocknen, der ringsum noch von inflltrirten Partien umgeben ist und so lange allmählig sich vergrössert, bis die ganze infiltrirte Stelle in eine safrangelbe, zunderähnliche Schorfmasse sich verwandelt hat. Diese wird dann in der Folge durch eine anfangs seichte, allmählig breiter werdende Furche von der umgebenden Schleimhaut geschieden und beginnt demnach vom Rande aus sich zu lösen; mit fortschreitender Abtrennung von dem unterhalb gelegenen Gewebe wird sie morsch, zerklüftet und fiottirt endlich, wenn sie nur noch an einer Stelle festsitzt, frei in der Nasenhöhle; mit der gänzlichen Abstossung bleibt ein an den Bändern stark infiltrirtes Geschwür zurück. Solche Geschwüre dringen in der Hegel bis in das submueöse Bindegewebe, können aber auch, falls auf beiden Seiten der Nasenscheidewand derartige Geschwüre tiefer greifen, selbst den Scheidewandknorpel perforiren. Eine wesentliche Ver­schiedenheit in den klinischen Erscheinungen des Pferdetyphus und denen des Milzbrandes besteht darin, dass bei jenem der Durst weit mehr gesteigert zu sein pflegt, als bei diesem. Die Excremente sind gewöhnlich feucht, locker oder gar nicht, geballt, blass; — der Harn dunkel, nicht selten blutig gefärbt und wird meist in grösseren Zwischenräumen unter Drängen abgesetzt. In der Kegel sind die Patienten mehr oder weniger abgestumpft, theilnahmlos, seltener aufgeregt und unruhig. Die Abstumpfung erreicht zuweilen einen so hohen Grad, dass die Thiere den Kopf auf die Krippe, oder gegen die Wand stemmen und das Vorhandensein einer hochgradigen Gehirndepression erkennen lassen. Bei Ablagerungen in die Magen-und Darmschleimhaut stellen sich Kolikerscheinungen ein, die einen sehr verschiedenen Grad erreichen können. Die höheren Grade pflegen von dem Absätze weicher oder flüssiger, oft höchst übel­riechender, gewöhnlich blutig gefärbter, oder mit geronnenen Exsu­daten oder Schorfen belegter Excremente begleitet zu sein.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf ist entweder ein sehr acuter, in wenigen Tagen zum Tode führender, oder ein weniger acuter, indem die Krankheit auf eine oder gar mehrere Wochen sich erstreckt. In den seltenen Fällen, wo Genesung eintritt, zieht sieh
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Pferdetyphus.
die Eeconvalescenz in die Länge, selbst liber Monate hinaus. Fülle, bei denen die Er;ichemungen eines Darmleidens auftreten, sind um so gefährlicher, je stärker das Darmleiden ausgeprägt ist; ein höchst angünstiges Ereignislaquo; bildet stets das rasche Zurücktreten der äus-seren Anscbwelhmg, indem alsbald die heftigsten Kolikorscheinungen sich einstellen, unter denen die Patienten in der Kegel innerhalb weniger Stunden sterben. Zuweilen verschwinden die Kolikerschei­nungen wieder, während die äusseren Anschwellungen zurückkehren; ein solcher Wechsel kann sich möglicherweise mehrmals wiederholen. Nicht selten treten trügerische Remissionen ein, so dass in den weniger schnell verlaufenden Fällen die Patienten sogar einige Tage lang sich besser zu befinden scheinen, man vergesse aber nie, dass häufig neue Nachschübe folgen, die gewöhnlich tüdtlich enden. Umge­kehrt kann noch Genesung eintreten, wenn bereits alle Hoffnung verloren zu sein schien. Die Prognose lautet somit im Allgemeinen ungünstig und ist stets unsicher. Dem Eintritt blutiger Durchfälle pflegt oftmals bereits nach einigen Stunden der Tod zu folgen; im Ganzen dürfte der Prozentsat'/, der Genesungen beim Pferdetyphus etwas höher sein, als beim Anthrax. Tritt zum Pferdetyphus „Lungen­entzündungquot; hinzu, was besonders bei herabgekommenen Pferden öfter der Fall ist, so ist der Tod meist die Folge von Lungfmbrand; auch sind Lungen- und Glottis-Oedeme häufig die nächste Todesursache.
Pathologisch-anatomischer Befund. Lei der Section begegnen wir aussei- den äusseren subcutanen Looalisationen vorzugsweise im Verdauungsapparate krankhaften Veränderungen, weshalb wir mit diesen beginnen wollen.
Im Anfange der Krankheit erscheint die Schleimhaut, besonders des Pförtnertheiles des Magens und der dünnen Gedärme, manchmal auch jene des Dickdarmes, stark geschwellt, gelockert, dunkel ge-rüthet und von mehr oder weniger gehäuft stehenden Punkten aus­getretenen Blutes durchzogen. Die Schleimhaut hat ein sammtähn-liches Ansehen; das submucöso Bindegewebe ist von einer trüben, gallertähnlichen Masse infiltrirt und von zahlreichen bluterfüllten Gef'ässen durchzogen. In seltenen Fällen ragen die Peyer'schen Driisenhaufen als dunkelgerüthete, geschwellte, siebähnlich durch­löcherte Wülste über die angrenzenden Schleimpartien hervor.
Im vorgerückten Stadium der Krankheit bilden sich am häufig­sten in der Schleimhaut des Pförtnertheiles des Magens, des Zwölf­finger-, Blind- und Grimmdarmes zahlreiche, beulenartige Infiltrate, wobei die betreffende Schleimhautpartie sehr gelockert, dunkelblau-roth gefärbt und bis in die Muskelhaut, bisweilen selbst in das subseröse Bindegewebe von einer bläulich-schwarzen, zähen oder gallertigen, von gelben Exsudatstreifen durchzogenen Masse infiltrirt ist. Manchmal sind solche Stellen so dicht gehäuft, dass die kranke Schleimhautflächo einer mit Blut gefüllten Blase gleicht. Die be­treffende Stelle ist von einer zähen, gelben, schleimigen Flüssigkeit bedeckt und in die Darmhöhlc nicht selten eine grosso Menge dunklen,
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Pferdetyphus.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;125
locker oder gar nicht geronnenen Blutes ergossen. — Durch die violette Färbung und die Injection, welche der seröse Ueherzug des Darmes zeigt, ist man im Stande, schon von aussei! die infiltrirten Partien zu erkennen.
In den Fällen, wo während des Lebens die äusseren Haut­ablagerungen mit periodischen Koliken wechselten, scheint es ab­wechselnd zur Resorption des Darminfiltrates und der Kautanschwel­lungen zu kommen. Im Darme erkennt man dies an der sehr intensiven Pigmentirung und an der Faltung des serösen Darm-Überzuges an den Stellen der früheren Infiltration. In den meisten Fällen aber nekrotisiren die infiltrirten Partien zu einem feuchten, in der Folge trocken werdenden, gesättigt-gelben Schorfe, welcher anfangs noch fest mit seiner Basis an dem infiltrirten submucösen Bindegewebe, oder an der Muskelhaut haftet, sich in der Folge vom Umfange gegen die Mitte zu loslöst und schliosslich nur mehr an einer Stelle aufsitzend, als zottige Masse frei in der Darmhöhle fiottirt. Die Schleimhautpartie, welche die verschorften Stellen um­gibt, ist stark gewulstet, von einer trüben Flüssigkeit durchtränkt und schiefergrau oder violett pigmentirt. Nach Abstossung der Schorfe bleiben Geschwüre mit zackigen Rändern zurück, welche in der Regel bis in das pigmentirte submucöse Bindegewebe, oder bis in die stark pigmentirte und gelockerte Muskelhaut reichen. An solchen Geschwüren können Heilprozesse sich bemerkbar machen und kommt es sogar vor, dass kleine Geschwüre vollständig aus­heilen. Grosse Geschwüre scheinen aber nie zu heilen, sondern stets den Tod zur Folge zu haben.
Bei ein und demselben Individuum kommen nicht selten an verschiedenen Stellen des Darmcanales verschiedene Stadien des Geschwürsprozesses zur Beobachtung.
Aebnliche Veränderungen finden sich, wie schon erwähnt, auf der Schleimhaut der Nasenhöhle. Karbunculöse Ablagerungen, oder Nekrose an verschiedenen Stellen der llespirationsschleimhaut fehlen selten. Ausserdem verdienen die Anschwellungen in der Haut mid dem Unterhautbindegewebe eine besondere Beachtung. Die kranken Stellen erscheinen auf einem Durchschnitte nicht selten mehrere Centimeter stark verdickt; das Unterhautbindegewebe ist mit einem gelben, sulzigen, von zahlreichen Blutstriemen durchzogenen Exsudate mflltril't, welches sich auch in dem intermuskulären Bindegewebe findet. Nicht selten finden sich an verschiedenen Stellen unter der allgemeinen Decke derbe Faserstoff klumpen, sowie abgestorbenes Binde- und Sehnengewebe, von einer jauchigen Flüssigkeit umspült und theilweise noch mit der Umgebung zusammenhängend. Das Fleisch ist stets mürbe, wie gekocht, oft dunkelbläulichroth gefärbt, stellenweise von blutigen Herden durchzogen. — Blutungen und sulzige Ergiessungen in der Schleimhaut des Kehlkopfes gehören ZU den gewöhnlichen Erscheinungen.
Die Beschaffenheit des Blutes, der Lungen , des Herzens, der Milz, der Gekrösdrüsen, der Subserosa der verschiedenen Organe, der
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12*3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Milzbrand.
Intima der grossen Gefilsse etc. verhält sich ähnlich wie beim Milz-brande j auch fand Roll bei derartigen Fällen Milzbrandbacillen im Blute, in den karbunculösen Geschwülsten in den Lymphdrüsen u.s.w.
Behandlung und Vorbeuge. Die Patienten müssen in einem gut ventilirten, nicht zugigen Stalle untergebracht und in diesem für Keinlichkeit und eine mittlere Temperatur (8—120C.) gesorgt werden. Das Putter muss leicht verdaulich und in jeder Hinsicht von tadel­loser Beschaffenheit, das Getränk frisch und rein sein. Bei leichter Erkrankung lasse man die Thiere im Stalle, oder bei günstiger Witterung im Freien umhergehen. Im Uebrigen richtet sich die Behandlung nach den vorhandenen Zufällen, d. h. nach den wesent­lichsten Symptomen! Dieselbe ist im Allgemeinen wenig dankbar. Bei Erstickungsgefahr kann die Tracheotomie Rettung bringen; bei Schlingbeschwerden mache man ableitende Einreibungen in der Ohrdrüsengegend auf die äussere Haut, bei Gehirnhyperämie in's Genick u. s. w. Innerlich können fieherwidrige, äusserlioh antisep­tische Mittel angezeigt erscheinen. Bei hohem Fieber können auch Einhüllungen in Priessnitz'sche Umschläge u. dergl. angewendet werden. Die äusseren Anschwellungen dürfen nicht geöffnet, können aber mit antiseptischen Mitteln (Terpentinöl u. a.) eingerieben oder mit wollenen Lappen öfter frottirt werden. Bei Spotauen Berstungen der Haut wasche man die wunden Stellen mit Sprozentigem Phenyl-spiritus.
Die Vorbeuge ist auf die Fürsorge für eine gute, den Anfor­derungen der Gesundheitspflege möglichst entsprechende Wartung der Pferde angewiesen.
Milzbrand wild lebender Thiere.
Unter den wild lebenden Thieren tritt der Milzbrand an ver­schiedenen Orten zuweilen seuchenartig auf und richtet dann nicht selten bedeutende Verheerungen an ; besonders ist dies bei den wilden Wiederkäuern der Fall, bei welchen ebenfalls der Milzbrand weit häutiger ohne, als mit äusseren Localisationen vorzukommen scheint. So werden in Lappland und Sibirien die Rennthiere häufig durch Milzbrand, meist in Form des Milzhrandblutschlages, bedeutend heimgesucht. Im Regierungsbezirke Potsdam herrschte derselbe an verschiedenen Orten in den Jahren 1846, 1861 und 1878 unter dem Dam- und Rothwild. Im Jahre 1874 verursachte er dort bedeutende Verluste. Man fand im Ganzen todt 1895 Stück Damwild, 57 Stück Rothwild, 6 Rehe und 4 Hasen. In einzelnen Revieren soll der Verlust bis gegen 89 0/o des Wildbestandes betragen haben. — Im Kreise Sprottau fielen (s. Mittheilungen aus der thierilr/.tl. Praxis, Berlin 1878, S. 72) von 600 Stück Damwild 269 Häupter an karbuneu-lösem Anthrax. Aehnliche Beobachtungen wurden auch an anderen Orten gemacht und sind in der thiorärztlichen Litteratur zahlreich zu finden.
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Texasseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 127
Die Texasseuche.
Aetiologie. In Nord-Amerika richtet seit einiger Zeit eine Kinderseuche grosse Verheerungen an, die in den ausgedehnten Ländereien im Norden und Nordwesten des Meerbusens von Mexico ihre Heimath zu haben scheint und von dort aus manchmal über einen Theil der Vereinigten Staaten sich ausbreitet, Diese Seuche ist unter dem Namen „Toxasseuche, Texasfieber, Milzfieber etc.quot; in neuerer Zeit öfter besprochen worden. Im Jahre 1860 soll der ganze Rindviehbestand Virginicns durch dieselbe fast vollständig vernichtet worden sein. Das Texasvieh soll an fraglicher Krankheit nicht sterben, wohl aber Vieh anderer Kaceu und Länder, das jenem folgt, oder Stollen bewoidet, auf welchen Texasvieh sich vorher aufgehalten hat.
Ileverley hält die Krankheit für eine durch die Texas/.ecke hervorgerufene Blutvergiftung. Ohne hier auf eine Kritik dieser Ansicht einzugehen, bemerke ich nur, dass man über die Ursachen dieser Epizootie noch ganz im Unklaren ist, obgleich dieselbe von mehreren bedeutenden Beobachtern studirt worden ist, unter diesen auch von Professor Gamgee aus London, der zu diesem Zwecke mehrere Monate in Amerika sich aufgehalten hat. Ob die Krank­heit eine reine Contagion, oder miasmatisch-contagiös ist, muss noch näher ermittelt werden.
Diagnose. Die klinischen Erscheinungen des Texasfiebers sind im Wesentlichen folgende: Clesteigerto Athem- und Pulsfrequenz, Nachlassen oder gänzliches Sistiren der Milchsecretion und der Fress­lust, Mattigkeit, Absatz eines moist blutigrothen Harns und weicher (zuweilen blutiger) Excremente. Bei den meisten oft'enbar erkrankten Thieren und zwar bei etwa quot;/io derselben pflegt innerhalb der näch­sten 4 Tage der Tod einzutreten. Die Krankheit ist entschieden anstockend. Die Zeit der Incubation scheint in der Hegel einige Tage zu betragen ; sie soll aber auch einige Wochen dauern können. Die Patienten magern sehr schnell ab und beim Eintritt dos Todes stellt sich Nasenbluten ein.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Mittheilungen über die Erscheinungen am Cadaver der durch die Texassoucho gotödtoten Rinder sind noch mangelhaft. Welkheit dos Muskelfleisches, Hy­perämie der Milz, Leber und Lungen, Blutunterlaufungen am Ver­dauungscanale, im Gekröse, in den Nieren, am Herzbeutel und am Herzen , braunrothe Farbe des Blutes, starke Durchfeuchtung des Gehirns, sowie dio Anwesenheit von rothen Blutkörperchen im Harne, werden als die wesentlichsten Sectionsbefunde angegeben. Die Milz, sowie auch die Lober haben einen beträchtlichen Umfang erreicht und die Zustände scheinen eine gewisse Aehnliehkoit zwischen der in Rede stehenden Kmnkhoit und der in Europa unter dem Namen ,Anthrax' bekannten Krankheit zu bieten. Genauere mikroskopische Untersuchungen des Blutes, der verschiedenen Körpergewebe und
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128nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rothlauf.
Secrete scheinen noch zu fehlen; über die etwaige Anwesenheit und eventuelle Beschaffenheit von Mikroorganismen bei der Texasseuche ist mir nichts bekannt.
In Bezug auf Therapie gibt lleverley an, von 8 an der Texas-seiicho erkrankten Nichttexas-Rindern 5 Stück dadurch gerettet zu haben, dass er dieselben von den ihnen anhaftenden Texaszeclcen mittelst Carbolseife und Reiben gründlich befreit habe. Bald darauf sei Frost eingetreten und die Seuche dann überhaupt erloschen.
Mehr Beachtung unsererseits verdient die Ansicht, dass die Seuche durch Toxasvieh eventuell auch nach Europa verschleppt werden könne, falls Toxasvieh während der wärmeren Jahreszeiten hierhin verschifft werden sollte. Nach der Ansicht Gamyee's (Lon­don) ist dies jedoch nicht der Fall, vielmehr scheint die Krankheit auf Texas beschränkt zu sein und sich nur gegen Süden verbreiten zu können.
Der Rothlauf.
Unter Rothlauf (Erysipelas) versteht man eine (wahrscheinlich infeotiöse) Entzündung der äusseren Haut, welche ihren Sitz vorzugs­weise in der oberflächlichen Schicht (Papillarkörper) des Coriums und in der sogenannten Schleimschicht (Rete Malpighii) der Epidermis hat.
Aetiologie. Man ist gegenwärtig vielfach geneigt, als Ursache des Rothlaufs Mikrokokkenvegetationen anzunehmen. Manche der bis jetzt in Bezug hierauf angestellten Versuche und Untersuchungen scheinen diese Ansicht zu stützen; es sind jedoch zur definitiven Entscheidung dieser Frage noch weitere Untersuchungen nothwendig. Ob die bei Menschen und Thieren vorkommenden Rothlauferkrankun­gen einander vollkommen gleich sind, muss ebenfalls noch genauer ermittelt werden. Mit der besseren Erkenntniss der Ursachen und Verbreitung des Rothlaufs unserer Hausthiore wird auch der Weg sich finden, auf dem man diesem Uebel vorbeugen kann.
Diagnose. Fragliche Krankheit ist stets von einem mehr oder weniger starken Fieber begleitet, das nicht selten der Hauteruption etwas vorausgeht. Störungen des Wohlbehagens und der Fresslust werden nicht selten einen, oder gar einige Tage vor der Haut-affection wahrgenommen. Letztere ist an dunkelfarbigen Hautstellen weniger in die Augen fallend, als an nicht pigmentirten Haut­abschnitten. Sie verursacht häufig ein Juckgefühl, das sich bei unseren Hausthieren durch Benagen oder Reiben der betreffenden Stellen offenbart. Diese sind vermehrt warm, anfangs gewöhnlich nur massig, später meist stärker empfindlich und zuweilen sogar wirklich schmerzhaft. Immer bildet sich eine flache, aber nichts­destoweniger meist scharf begrenzte Geschwulst aus, die sich all-mählig weiter ausbreitet und stellenweise mehr oder weniger ödema-tös erscheint. Nicht pigmentirte Hautstellen zeigen eine rosenrothe
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Sclrwoineseuolie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ]29
Farbe, welche nach Fingereinclrückcii für kurze Zeit verschwindet. Wo die Geschwulst ödematös ist, gleichen sich die Pingereindrüoke nur allmählich aus. Manchmal kommt es zur Bildung von Blasen, oder von spontanen Blutungen an der Hautoberfläche. Die benachbarten Lyraphgefässe und Lymphdrüsen sind in der Regel schon afficirt, bevor die Schwellung der Haut sich bemerkbar macht.
Obgleich alle Abschnitte der äusseren Haut an Rothlauf er­kranken können, so werden doch gewisse Partien derselben vorzugs­weise von demselben heimgesucht. Im Allgemeinen sind dies die zarteren und weniger behaarten Hautstellen, als namentlich die Lippen, die Nasenflügel, die Augenlider, die innere Fläche der Schenkel, die (äussere) Geschlechtsgegend (Hodensack, Euter), die innere Fläche der Köthe und die untere Fläche des Bauches und der Brust.
Bei protrahirtem Vorlaufe der Krankheit kann die Hautent­zündung an Stellen, welche früher ergriffen wurden, bereits in der Abheilung sich befinden, bevor sie an den zuletzt befallenen Haut­abschnitten ihren Höhepunkt erreicht hat; auch kann bei dieser sogenannten „Wanderrosequot; eine bereits in der Abheilung begriffene Hautstelle neuerdings stärker erkranken.
Zuweilen kommt es zum brandigen Absterben kleinerer oder grösserer Hautpartien; im letzteren Falle endet das Leiden häufig tüdtlioh. Da aber selbst im günstigsten Falle bei grösseren Haut-defeoten die Genesung sich lange hinausschiebt, weil die Narben­bildung stets lange Zeit erfordert, so wird es oft am besten sein, die Patienten rechtzeitig zu tödten.
Von hervorragender Wichtigkeit für die Praxis ist
Rothlauf der Schweine.
Dieser ist durch sein häufigeres epizootischos Auftreten ganz besonders ausgezeichnet. Was man bis dahin als ,Rothlauf der Schweinequot; oder auch als „Scbweineseuchoquot; bezeichnete, ist, neueren Beobachtungen gemäss, kein wesentlich einheitlicher Krankhoits-zustand. Eggeling, der als Thierarzt den grossen Schweinemarkt in Bummelsburg bei Berlin, weichein jährlich mehr als '/laquo; Million Schweine zugetrieben werden, zu überwachen hat, sagt in einem Vortrage (s. Nachrichten aus dem Club der Landwirthe, Berlin 1883, Nr. 148) über fraglichen Gegenstand im Wesentlichen folgendes:
Die seither unter dem Namen „Rothlaufquot; zusammcngefassten Erkrankungen der Schweine bilden keine einheitliche Krankheit, sondern zunächst zwei Gruppen, welche als „sporadischequot; und „seuchenartigequot; unterschieden werden müssen. Zur ersteren Gruppe gehören zwei Krankheitszustände, nämlich; „die Kopfrosequot; und „das Nesselfieberquot;, welche beide nicht selten vorkommen; — zur anderen Gruppe gehören ebenfalls zwei verschiedene Krankheiten, nämlich eine ansteckende, die eigentliche „Rothlaufseucho (Scharlach) der
Pütz, Compendium dor Tlilerhellkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;9
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130nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Schweineseuche.
Schweinequot; und eine nicht ansteckende niiasmatischo Krankheit, welcher Eggeling keinen besonderen Namen beilegt, sondern schlecht­weg den Namen „ Schweineseuchequot; lilsst. Diese vier verschiedenen Krankheiten beschreibt er folgendermassen:
a)nbsp; nbsp;Die Kopfrose zeigt sich bei Schweinen, die sich auf dem Transport befinden, relativ häufig, so dass dieselbe fast an jedem Markttage von Eggeling in llummelsburg beobachtet wurde. Die Erkennung dieser Krankheit ist leicht. An einer Seite des Halses zeigt sich eine intensive Köthe und Schwellung der Haut, die na­mentlich über die ganze Ohrendrüsengegend und über das Ohr sich ausbreitet. Bereits nach wenigen Stunden nimmt die Haut eine dunkelrothe (zuweilen blaurothe) Farbe an. Das Allgemeinbefinden ist oft nur unerheblich, oft jedoch schwer gestört und nicht selten breitet sich der Entzündungsprozess durch den Gehörgaug bis auf die Hirnliilute aus, oder es gesellt sich Halsbräune zur Kopfrosc hinzu. Die Patienten gehen meist zu Grunde, zuweilen nachdem die Haut im Bereiche der Ohrdrüse zum Theil nekrotisirt oder das äussere Ohr abgestorben ist. Zum kleineren Theile genesen die Patienten nach kürzerer oder längerer Dauer der Krankheit.
Es handelt sich in solchen Fällen zweifellos um wirklichen Kothlauf (Wunderysipol) der Kopf- und Halshaut, welches einer Infection seine Entstehung verdankt. Kleine Verwundungen kommen auf dem Transport der Schweine ja leicht und häufig vor. Das Leiden ist der Kopfroso des Menschen vergleichbar und auf ein bestimmtes Contagium zurückzuführen.
b)nbsp; nbsp;Dus Nessellleber der Sclnvelne kennzeichnet sich durch das Auftreten mehr oder weniger zahlreicher, verschieden geformter Quaddeln, die sich kreisförmig 2 bis 3'/2 cm im Durchmesser und 2 bis 3 mm hoch über die Hautoberfläche erheben. Dieselben sind anfangs blassroth, nehmen zuweilen eine dunkelrothe und schliess-lich eine schwarze Farbe an, können sich aber auch im ersten Stadium wieder zurückbilden. Der Hautausschlag ist von Fieber begleitet, welches aber selten einen hohen Grad erreicht. Die Krankheit endet in der Regel nach einer Dauer von 2 bis 8 Tagen mit Genesung, wobei die schwarzen Flecke in der Haut indess oft noch Wochen, selbst Monate lang sichtbar sind. Der Tod tritt bei dieser Krankheit nur selten ein. Die Krankheitsursachen sind unbekannt.
c)nbsp; IHe Kotlilanfscnclie (Hcliarlnch) laquo;1er Sclnveiue entwickelt sich innerhalb 24 Stunden unter allgemeiner Abgeschlagenheit, Abnahme des Appetits und Steigerung des Durstes. Die Patienten liegen viel und zeigen eine grosso Schwäche im Hintertheilo; die Tempe­ratur steigt bis zu 42 Grad. Sodann entwickelt sich eine kupfer­artige llötho der Haut in der unteren Halsgegend, unter dem Bauche und an der inneren Schenkeliläche beginnend, die sprungartig fort­schreitet und oft über den grösseren Theil des Körpers sich aus­breitet. Nicht selten findet man schmerzhafte Schwellung der Haut in der Gegend des Kehlkopfes, sowie Athem- und Schlingbeschwerden.
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Schweineseuche.
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Der Ausgang dieser Krankheit ist meist der Tod innerhalb 2 his •i Tagen, seltener Genesung nach etwa 8 Tagen. Bis zum Eintritt des Todes hat die Küthung der Haut oft üher den grössten Theil der Körperobei'fiiiche sich ausgebreitet. Bei der Section findet man unter den gerötheten Hautpartien eine starke Durolifeuchtung des Unterhaut- und auch des intermusculären Bindegewebes mit trüber, seröser Flüssigkeit, sodann Eöthung, nicht selten auch Schwellung und schleimigen Belag der llespirationssclileimhilute, Lungenödem und reichliche Schaumansammlung in den Luftröhrenver/Aveigungen (Bronchien). Die Bindensubstanz der Nieren ist grau gefärbt, trüb und trocken, die Marksubstanz blutreich und feucht. Die Leber ist ebenfalls blutreich, im übrigen wie die Milz meist normal be­schaffen. Die Schleimhaut des Magens und Darmcanals ist entweder gar nicht oder nur leicht geröthet. Das Blut ist kirschroth, wird aber an der Luft mehr hellroth und gerinnt zu lockeren Klumpen.
Die Eothlaufseuche ist zweifellos ansteckend und jedenfalls die­jenige Form der Schwoineseuche, deren Ueberimpfung wiederholt gelungen ist. Der Ansteckungsstoif, dessen Natur vollkommen un­bekannt ist, dürfte aussei- durch die Rospirationswege auch mit den Excrementen ausgeschieden werden und sich in den Ställen längere Zeit hindurch wirksam erhalten.
d) Die nicht nustcckcndc (iniasnmtisclic) Schweineseucho ist die häufigste und gefährlichste der seither als „llothlaufquot; bezeich­neten Schweinekrankheiten. Sie kommt in manchen Gegenden fast alljährlich vor und fordert in den betreffenden Schweinezuchten die grössten Opfer. Ihr klinisches Bild ist etwa folgendes: Die Thiere erkranken plötzlich und zeigen bereits nach wenigen Stunden einen raschen Verfall ihrer Kräfte; der Appetit verschwindet gänzlich. Die Patienten liegen fast beständig, stehen ungern auf und haben einen schwankenden Gang, zeitweilig Brechreizung oder wirkliches Erbrechen; meist ist Verstopfung vorhanden. Die Temperatur steigt bis gegen 42deg; 0. und mehr, der Herzschlag ist beschleunigt und kaum fühlbar. Nach etwa 12stündiger Krankheitsdauer zeigt sich eine dunkle, bläuliche Köthe der Haut, welche in der Nabel- oder Schamgegend beginnend, nach hinten auf die Hinterschenkel, dann nach vorn bis zur Brust und zum Halse und schliesslich über den ganzen Körper sich ausbreiten kann. Anschwellung der Haut und Athembeschwerden fehlen. Diese Krankheit endet fast immer inner­halb 24 bis 48 Stunden tödtlioh. — Bei der Section findet man die Erscheinungen einer Magenschleimhaut-Entzündung, meist auch einer Dünndarm- und zuweilen auch einer Dickdarm-Schleimhaufentzün-dung. Der Magen ist besonders an seiner grossen Krümmung dunkelroth gefärbt, geschwollen, innen mit Schleim bedockt, die Oberhaut der Schleimhaut klebt den Euttermassen so fest an, dass sie beim Abspülen des Magens mit losgerissen wird. Die Gekrös-dl'ttsen sind immer, die Milz ist oft geschwollen, die Leber blutreich, zuweilen auch entzündet. Die Körpermusoulatur, sowie das Herz sind blassroth; das meist dunkelrotho Blut färbt sich an der Luft heller
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132nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schweineseuche.
und gerinnt nur locker. Bei sehr stürmischem Verlaufe der Krankheit sind die Organverilnderungen, mit Ausnahme derer des Magens und Darmcanales, geringer als bei längerer Dauer der Krankheit.
Diese Schweinekrankheit ist nicht ansteckend, sondern eine von den Verdauung.sorganen aus zu Stande gekommene Blutvergiftung, eine Art Faulfieber (Septicämie), deren Keim mit der Nahrung auf­genommen wird; sie tritt seuchenartig auf, weil die betreffende Suhildlichkeit, die an den Pflanzen haftet, zu gewissen Zeiten über ganze Gegenden verbreitet ist. Sie kommt besonders vor bei Weide­gang und nach Verabreichung von Grünfutter, namentlich wenn dies viel Unkraut enthält. Fragliche Schweinoseuche kann aber auch nach Verfütterung von verschimmelten oder anderweitig ver­dorbenen Küchen abfallen auftreten. Bei Trockenfütterung entsteht diese Krankheit nur selten; zuweilen scheint sie durch Verabreichung von Spreu und Kaff verursacht zu werden. Es ist nicht immer leicht, das schädliche Futtermittel herauszufinden. Der Krankheits­keim scheint sich lange Zeit hindurch wirksam zu erhalten, da ein und dieselbe Weide oft Monate lang die Krankheit verursacht.
Jede medicinisoho Behandlung dieser miasmatischen Seuche und der Rothlaufseuche der Schweine ist ziemlich nutzlos. Die früher so vielfach gerühmten subcutanen Einspritzungen von 2procentiger Carholsäurelosung haben ebensowenig wie irgend ein anderes Mittel das auf sie gesetzte Vertrauen gerechtfertigt. Mehr ist von einer gut geregelten Vorbeuge und Diät zu erwarten.
Bei der ansteckenden Kothlaufseuche ist der Verbreitung der Krankheit lediglich durch Verhütung der Ansteckung zu begegnen. Trennung der gesunden und kranken Thiere, sowie sorgfältige Des-infection der Ställe und Geräthschaften, namentlich auch der Äbfluss-canüle, spielen eine Hauptrolle.
Bei der nicht ansteckenden Schweineseuche muss vor allen Dingen ein Putterwechsel eintreten. Alles verdächtige Futter, ver­dorbene Küchen abfalle, Unkräuter u. s. w. sind zu meiden. Saure Milch und Molken sollen die Seuche schnell coupiren; auch wird unreifes Obst empfohlen.
Bei beiden Seuchen ist die Herabsetzung der fieberhaften Körpertemperatur nach Eggeling die Hauptaufgabe der Therapie. Zu diesem Zwecke werden kalte Ueberschläge, die alle 10 Minuten erneuert werden sollen, empfohlen. Bei Verstopfung streue man '/a bis 2 gr Calomel mit Zucker den Patienten auf die Zunge, bei Brechneigung 1 bis 2 gr Messwurz. Das gewaltsame Eingeben flüs­siger Arzneimittel ist durchaus zu unterlassen.
In wie fern die Impfung als Vorbeugungsmittel sich nützlich ZU erweisen vermag, ist vorläufig noch unentschieden. Nach Pasteur wird das Kothlanfgift der Schweine in Folge eines Durchganges durch das Meerschweinchen bedeutend abgeschwächt und soll demnach zu Scbutzimpiüngen bei Schweinen mit Erfolg verwendet werden können. Bevor solche indess in der Praxis sich verwerthen lassen, müssen weitere Bestätigungen und genauere Vorschriften abgewartet werden.
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Influenza der Pferde. Pf'ordestaupe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;133
Eotbliuifartige Erkrankungen kommen auch bei Wiederkäuern und anderen Hausthieren, sowie bei wild lebenden Thieren vor.
Bei brandigem Rotlüauf, durch den eine Blutvergiftung statt­gefunden hat, ist der G-enuss des Fleisches von fraglichen Thieren für den Menschen zu verbieten, während das Fleisch von sonst ge­sundem Schlachtvieh, welches, mit einfachem Rothlauf behaftet, frühzeitig geschlachtet wird, unschädlich zu sein scheint. Bei der bezüglichen Beurtheilung jedes Einzelfalles ist Vorsicht nothwendig. Leider sind wir noch weit davon entfernt, in allen Fällen erkennen zu können , ob und wann das Fleisch gesundheitsschädliche Eigen­schaften besitzt, oder nicht. So wichtig und ehrenvoll die Controle der menschlichen Fleischnahrung für den Thierarzt auch ist, ebenso Schwierig und verantwortlich ist diese Aufgabe, namentlich aber so lange nicht bestimmtere gesetzliche Instructionen für die Floischschau vorhanden sind.- Bis dahin möge ein Gott ihn schützen und ihn, wie einst den Dulder Odysseus, glücklich zwischen Chai\ybdis und Scylla hin durchführen. Denn sollte er etwa einmal den Genuss von Fleisch gestatten, welches die menschliche Gesundheit hinterher schädigt, so verfällt er dem Strafrichter, während der Eigonthtimer ihn gern auf Sclmdloshaltung verklagt, wenn er ein Stück Schlachtvieh vom Fleischmarkte wegen eines Krankheitszustandes ausschliesst, dessen Schädlichkeit für die menschliche Gesundheit nicht erwiesen ist.
Die Staatsregierungen werden ihre Verantwortlichkeit für der­artige unhaltbare Zustände hoffentlich recht bald erkennen und durch entsprechende llegelung des gesammten Veterinilrwesens auf wissenschaftlicher Grundlage die Wege ebnen, auf welchen wir schliesslich zu einer rationellen Flcischschau, resp. Gesundheitspflege des Menschen und der Thiere, sowie zu einer rationellen Therapie gelangen können.
Die Influenza der Pferde.
Unter diesem Namen wurden bis vor Kurzem mehrere Krank­heiton zusammongefasst, die erst in neuerer Zeit von einander ge­schieden worden sind. Die bis jetzt differenzirten hierhin gehörigen Zustände sollen nachstehend kurz besprochen werden.
a. Die rferdestaupe.
Vor einigen Jahren (1881) ist unter den Pferden Deutschlands eine Seuche in sehr grosser Verbreitung beobachtet worden und Gegenstand wissenschaftlicher Erörterungen geworden. Dieokerhoff hat diese Krankheit „Pferdestaupequot; genannt, während Schütz sie ,llothlaufseuclioquot; nennt.
Aetiologie. Dieselbe ist (nach Lustig) eine reine Contagion für Deutschland. So übereinstimmend nun auch die Urtbeile silmmt-licher Autoren darin sind, dass die Krankheit einem Ansteckungs-
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134nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Influenza dor Pferde. Pferdestaupe.
Stoffe ihre Entstehung verdankt, so hat dieser Krankheitserreger bis jetzt doch nicht greifbar nachgewiesen worden können. Das Krankheitsgift wird vorzugweise durch die Respirationsorgane in den Thierkörper aufgenommen und erregt (nach Dieckerhoftquot;) zunächst in der Schleimhaut der Bronchien und Bronchiolen einen Entzündungs-prozoss, welcher von da auf das interstitielle Lungongewebe, eventuell auf die Pleura sieh vorbreitet. Der mit den örtlichen Entzündungs­prozessen sich vermehrende speoifische Infectionsstoif wird durch Resorption in das Blut übergeführt und bedingt durch Vermittlung der Circulation eine grössore Reihe pathogener Wirkungen, deren wichtigste axxf die Erregung von Fieber, von paronehymatösen Ent­zündungen und Schwellungen des Hor/.ons, der Leber, der Magen­darmschleimhaut, der Nieren, der Körpermuskulatur und der Milz sich erstrecken.
Die Pferdestaupo ist nach Dieckerhoif seit alten Zeiten bekannt und in der Literatur unter verschiedenen Namen erwähnt. Ohne die historischen Mittheilungen Dieckerhoffs hier zu reproduciren, will ich nur bemerken, dass in Rede stehende Seuche seither in den verschiedensten Ländern Europas und an den verkehrsreichen Handels­plätzen Amerikas, bald hier, bald dort beobachtet und unter ver­schiedenen Namen beschrieben worden ist. So nannte sie Veith „das seuchenartigo Katarrhalfieber des Pferdesquot;; Hayne „opizootisches gastrisch-katarrhalisches Fieberquot;; Girard „Gastro-Entoritequot; u. s. w.
Diagnose. Bei der Pferdestaupo macht sich in jedem Falle die Wirkung des Krankheitsgiftes auf die Contralapparate dos Nerven­systems bemerkbar. Fast immer zeigt sich eine mehr oder weniger starke Blutcongestion nach dem Gehirn. Die physiologische Leistung des Herzens ist in der Regel gleich von Beginn der Krankheit an beeinträchtigt; diese Störung beruht in einer Erkrankung des Herz-parenehyms, welche sich bei der Section durch Mürbheit und Farbon-veränderungen der Herzmuskulatur zu erkennen gibt. In Folge der vorhandenen Herzschwäche wird dor Blutlauf in den Lungen un­vollkommen und dadurch die Respiration gestört.
Ein regelmässigor Begleiter der Pferdestaupo ist ferner die Af­fection der Augen, die aber graduell sehr verschieden sein kann. Sie besteht in einer erysipelatöson Entzündung der Augenlid-Binde­haut mit starker Injection ihrer Gefässo auf der undurchsichtigen Hornhaut, sowie in einer wässerigen Infiltration (ödematösen Schwol­lung) der Subnmoosa. Im weiteren Verlaufe der Krankheit setzt sich die Entzündung von dor Conjunctiva sehr oft auf die durch­sichtige Hornhaut und zuweilen auch auf die Regenbogenhaut fort. Nicht selten kommt es dann zur fibrinüsen Iritis und zu einer Blu­tung in die vordere Augonkammer.
Die Respirationssehleimhaut wird im Anfange der Krankheit von einem oberflächlichen Katarrh mit geringer Secretion von wässerigem oder auch von grauweissem zähen Schleim ergriffen. Gelblicher Nasenausfluss, welcher hauptsächlich aus Blutserum besteht, wird
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durcli eine consecutive Bronclio-Pneumoiiie herbeigeführt. Eine starke Dejection von eiterig-weissen Schleimniassen aus der Nase wird nur bei protrahirtem Verlaufe der Krankheit beobachtet und ist dann ebenfalls als Theilerscheiuung einer den Krankheitsfall complicirenden Bronchitis oder Broncho-Pneumonie anzusehen. Oft beschränkt sich der oberflächliche Katarrh auf die Nasenschloimhaut. Nicht selten sind aber auch der Kehlkopf und die Bronchialschleiinhaut afficirt. Nur bei einzelnen Pferden tritt die Entzündung der Kehlkopfschleim-haut in einem höheren Grade und mit einer die Inspiration er­schwerenden , erysipelatösen Schwellung auf. Grosser ist die Zahl der Krankheitsfalle, bei welchen die Bronchitis eine gewisse Be­deutung erlangt, wodurch der Husten häufiger wird. — Von der Nasenschleimhaut aus gelangt das Contagium durch die Lymph-gefässe in die submaxillaren Lymphdrüsen, welche dadurch in eine erysipelatöse Entzündung mit Infiltration der Drüsen läppchen und ihrer unmittelbaren Umgebung versetzt werden; dieselben bilden so eine festweiche Geschwulst, die aber niemals in Eiterung übergeht.
Die Zunge ist trocken und belegt, die Maulschleimhaut dunkler geröthet, häufig gähnen die Patienten viel und belecken gern kalte Gegenstände; in diesem Falle wird vorgelegtes Kochsalz begierig aufgenommen.
Der Koth ist in den ersten Tagen der Erkrankung in der Regel (häufig während des ganzen Krankheitsverlaufes) normal, nicht selten aber auch etwas röthlich (verwaschen) gefärbt und breiig. Bei schweren Aftectionen stellt sich Durchfall ein, der nach ein bis zwei Tagen wieder aufhört, zuweilen aber auch als Nachkrankheit fort­besteht. Dem Eintritt des Durchfalles geht oft eine leichte Kolik vorher, welche gewöhnlich einige Stunden oder wohl einen ganzen Tag anhält und in einzelnen Fällen sich öfter wiederholt. Bevor die Excremente eine wässerige Beschaffenheit annehmen, zeigen viele Pferde Mastdarmzwang. In anderen Fällen entwickelt sich zunächst ein starker Mastdarinkatarrh, wobei der After sich öffnet und die unter Tenesmus entleerten Excremente mit dicklich zähem, eiter-ähnlichem Schleim umhüllt sind.
Der Harn ist gelblich, zuweilen fadenziohend und enthält meist nur Spuren, mitunter aber grössere Quantitäten Eiweiss. Die Menge des abgesetzten Urins ist vermindert, sein Gehalt an Epi-thelien und Chlorverbindungen , wahrscheinlich auch an Harnstoff, ist grosser. Am dritten bis fünften Tage wird der Harn oft klar oder schwach gelblich und dünnflüssig; sein speeifisches Gewicht, welches vorher 1020 bis 1040 betrug, mindert sich bis auf 1010 und noch weiter abwärts. Wenn nun die Patienten viel Wasser aufnehmen, wie dies der Fall zu sein pflegt, so wird die Harn-secretion reichlich. Auch drängen solche Thiere oft zum Uriniren. In schweren Krankheitsfällen ist der Harn zuweilen gelbbraun, dick­lich trübe und fadenziohend, reich an Eiweiss, Epithelien, weissen Blutkörperchen, kohlensaurem Kalk und Chlorverbindungen. Diecker-hoftquot; sah bei hochgradigen Erkrankungen und bei verschlepptem
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13Gnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Influenza der Pferde. Pferdestaupe.
Verlaufe, dass der Harn einen oder einige Tago hindurch durch die Beimischung von Blut eine dicklich-trübe, chocoladenfarbene Be­schaffenheit besass und einmal, dass sich als Nachkrankhoit eine tödtlich verlaufende Nierenblutung einstellte, wobei lungere Zeit hindurch grössere Mengen Blut aus den Harnwegen ausgeschieden wurden.
Oft findet man bei staupekranken Pferden eine steife Haltung des ganzen Körpers und das Bestreben, jede Ortsbewegung möglichst zu vermeiden. Werden die Patienten hierzu genöthigt, so ist ihr Gang gespannt und steif, oder schwankend. Diese Symptome beruhen theils in mangelhaften Impulsen der motorischen Nerven, theils in schmerz­haften Irritationen der Aponeurosen und zum Theil in entzündlichen Ernilhrungsstörungen, welche die Substanz der Muskeln betreffen ; diese sind nämlich zuweilen gegen Druck von aussen abnorm empfindlich.
In den meisten Fällen entwickelt sich an einer, oder an mehreren Gliedmassen eine erhebliche diffuse ödematöse Schwellung der Subcutis und bei Hengsten und Wallachen zuweilen auch der Vorhaut. Ebenso befindet sich in der Gegend des Brustbeines und bei schwer erkrankten Pferden auch am Kopfe, namentlich an den Lippen und am Unterkiefer, eine diffuse Anschwellung im ünter-hautbindegewebe. An den Hinterschenkeln sah Dieckerhoff in zwei Fällen Thrombose der Hautvenen eintreten, worauf die Schwellung bedeutend zunahm und gelbliches eiweisshnltiges Serum tropfenförmig aus der Haut hervorquoll. (Der von mir beobachtete, S. 232 meiner Seuchen- und Heerdekrankheiten beschriebene Fall gehört wohl auch der Pferdestaupe an.)
Die wichtigsten Krankheitserscheinungen pflegen am fünften oder sechsten Tage nach stattgefundener Infection sich einzustellen; es sind dies: Steigerung der Körpertemperatur, Pulsfrequenz, Ein­genommenheit des Kopfes, Störung oder Verlust des Appetits, Licht­scheu mit Thränen der Augen und Schwellung der Augenlidbinde­haut u. s. w. Gewöhnlich geht die Temperatursteigerung den anderen Symptomen um einen Tag voraus; oft wird aber auch die Herz-affection zuerst und bereits einen Tag vor der Temperatursteigerung beobachtet. Letztere beträgt 89,6 bis 41,0deg; C; die Temperatur ist aussen an der Körperporipherie ungloiohmüssig. Das Deckhaar ist häufig gesträubt, während Schüttelfröste nur ganz ausnahmsweise beobachtet werden. Manche staupekranke Pferde liegen viel und lange, während andere ineist stehen.
Die Pulsfrequenz steigt bis auf GO bis 120 Schläge in der Minute und bleibt auch nach Abnahme der Körpertemperatur häufig noch mehrere Tage, selbst acht Tage und noch länger fortbestehen. Die Arterie fühlt sich weich an, der Puls ist schwach, leicht unter-druckbar; der Herzschlag linkerseits gewöhnlich fühlbar.
Das Athraen ist nur bei hochgradig erkrankten Pferden abnorm; es werden dann 15 bis 40 Athem/.ügo in der Minute gezählt; zu­weilen wird ein kurzer, scharfer Husten gehört, welchen die Pa­tienten nicht selten zu unterdrücken suchen. Aus der Nase fliesst
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ein grau-weisser Schleim in geringer Menge; bei leichter Erkrankung fehlt dieser Ausfluss häufig, während er in complicirten Fällen sich verschiedentlich ändern kann.
Verlauf und Prognose. Bei günstigem Verlaufe lassen die Ivrankheitserscheinungen bereits um dritten Tage, in schweren Fällen erst am fünften Tage und ausnahmsweise am sechsten Tage wieder nach, worauf innerhalb 2 bis 8 Tagen Genesung einzutreten pflegt. Bei regelnlässigem Verlaufe geht diese Krankheit stets in vollkom­mene Genesung über. Bei guter Pflege erholen sich die llecon-valescenten gewöhnlich bald, jedoch müssen dieselben in den ersten Tagen der Wiedergenesung noch geschont werden. Geschieht dies, so kann in einigen Wochen die in Folge hoher fieberhafter Af­fection eingetretene Abmagerung sich wieder ausgleichen. Unregel-mässigkeiten des Verlaufes können bedingt werden durch hochgradige Functionsstörung eines wichtigen Organes, so z, B. durch schwere Herzaffection, Gehirncongestion u. s. w.
Werden die Patienten nicht früh genug geschont, sondern während des ersten Krankheitsstadiums noch /.ur Arbeit verwendet, so gestaltet sich der Krankheitsverlauf in der Regel schlimmer, als bei frühzeitiger Schonung und entsprechender Behandlung.
Unter Beständen edler Pferde soll sie (nach Lustig) oft schwere Verluste verursachen. Nach den Versuchen Dieckerhoff's scheint die Pferdestaupe, wie andere Infectionskrnnkheiten, eine Immunität zu hinterlassen, deren Dauer noch näher ermittelt werden muss. Dieselbe scheint (nach Brandes) eine über viele (20) Jahre sich er­streckende zu sein.
Die Prognose der Pferdestaupe ist demnach im Allgemeinen günstig, indem durchschnittlich etwa 9G 0/o der Patienten genesen, 4 o/o sterben. Der Tod ist meist die Folge von Lähmung des Herzens und der Lungen, oder des Gehirns und kann auf der Höhe der Krankheit oder im Verlaufe von Nachkrankhciten eintreten.
Die bei der Pferdestaupe zuweilen vorkommende! Lungen-Brust­fellentzündung ist stets eine seeundäre, nie eine primäre Atfection.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei der Leichenöffnung findet man nach Friedberger und Schütz nm constantesten Verän­derungen im Verdauungscan ale , welche dem Grade nach sehr ver­schieden sind. Die Schleimhaut der Pförtnerhälfte des Magens und des Danncanals ist geschwollen, geröthet und mit abnormen Falten versehen, deren Kämme zuweilen lebhaft geröthet erscheinen. Die Submucosa ist nicht selten mit gelblichem, bald klarem, bald trübem Serum mehr oder weniger stark durchtränkt, wodurch die Schleim­haut in entsprechendem Masse verdickt erscheint. Vorzugsweise pflegt die Schleimhaut des Blind- und Grimnularmes ergriffen zu werden, so dass hier über 2 cm starke Wülste angetroffen worden sind. Die Peyer'schen Drüsen erscheinen vergrössert und erweicht.
Zuweilen ist auch das Gekröse geschwollen und mit Flüssigkeit durchtränkt. In der Bauchhöhle findet sich in der Hegel eine klare
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138nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Influenza der Pferde. Pferdestaupe.
odor trübe Flüssigkeit (bis zu einem Liter) angesammelt. Am Dick­darme, sowie an anderen Darmabsclmitten, ist das Bauchfell zuweilen fleckig gerottet. In der Haut und im Unterliautbindegewebe finden sich an verscliiedenen Stellen entzündliche Schwellung und Durch-trilnkung mit Serum, ähnlich wie in der Submucosa des Darmes. Hier wie dort erscheinen die benachbarten Lymphdrüsen vergrössert und erweicht. Auf Durchschnitten zeigt die Marksubstanz ein öde-matöses Ansehen, während die Bindensubstanz homogen und grau-oder weissröthlich erscheint.
Aehnliche Befunde, wie in der Submucosa des Darmes werden auch zuweilen im Bereiche des Kehl- und Schlundkopfes, des Eaohens, Gaumensegels und Zungengrundes angetroffen. Die weiche Hirn-und Itückenmarkshaut sind leicht afficirt; in den arachnoidealen Bäumen und zwar vorzugsweise an der Basilarfiäche findet sich ein seröses Exsudat, das selbst in den Ventrikeln sich finden kann. Zu den constantesten Erscheinungen gehören endlich die erysipelatösen Befunde an der Augenlidbindehaut, die zuweilen auf die inneren Theile des Auges sich fortsetzen.
Die Milz erscheint geschwellt und hyperämisoh; die Leber zeigt: manchmal eine gelbliche Färbung. Das Herz und die Nieren, so­wie die Lungen, verhalten sich verschieden. Am Herzbeutel, an der inneren Herzauskleidung, am Brust- und Bauchfelle, sowie im Unterliautbindegewebe finden sich an verschiedenen Stellen kleine blutige Herde, der Herzmuskel erscheint trüb, brüchig u. s. w.
Behandlung und Vorbeuge. Eine sorgfältige Pflege der Pa­tienten steht in erster Linie. Sobald die Krankheit sich zeigt, muss den betreffenden Pferden Ruhe und ein luftiger, nicht zugiger Auf­enthaltsort gegeben werden. Sodann erfordert die Fütterung be­sondere Eücksichten. Man biete den Patienten verschiedene, leicht verdauliche Nahrungsmittel in geeignetem Wechsel und in kleinen Quantitäten öfter an und verabreiche denselben reines Wasser zur beliebigen Aufnahme. Arzneimittel leisten im Ganzen wenig und selbst von kalten Berieselungen etc. sah Dieckerhoff, dessen An­gaben ich hier folge, keine fieborwidrige Wirkung.
Gegen die vorhandene Herzschwäche setze man dem Trinkwasser 50 bis 100 gr Spir. aeth. und 300 bis 500 gr Branntwein auf einen Eimer frischen Trinkwassers zu. Nehmen die Patienten diese Flüssig­keit nicht, so befeuchte man mit derselben die Zunge jener alle '/^ bis 1 Stunde mittelst eines Schwammes. Bei grosser Herzschwäche gebe man täglich 5 bis 10 gr Kampher in Verbindung mit anderen geeig­neten Mitteln (Eichenrinde und Natr. bicarb, von jedem 75 gr mit Mehl oder einem anderen Bindemittel) und Wasser zur Latwerge gemacht.
Gegen Girhirncongestion und erysipolatöse Schwellung in der Haut mache man kalte Waschungen oder Berieselung des Kopfes und der botreffenden Hautstollen, eventuell mit Zusatz von Spiritus oder Essig. Der vorhandene Magondarmkatarrh, die Conjunctivitis und andere Complicationon werden lege artis behandelt.
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Influenza der Pferde. Brustseuobe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 139
Die Vorbeuge hat namentlich die Ansteckung gesunder Pferde ZU verhüten und demgemäss ihre Vorkehrungen zu treffen. Diecker-hoff scheint mit Friedberger darin übereinzustimmen, dass namentlich die Excremente den Ansteckvmgsstoff verbreiten, was bei Behandlung und Vorbeuge Beachtung verdient.
b. Die Urnstseuche der Pferde.
Mit diesem Namen bezeichnet man eine bei uns einheimische Seuche des Pf'erdegeschlechtes, welche in den einzelnen Füllen eine ausserordentliche Mannigfaltigkeit in ihrer äusseren Erscheinungsform besitzt. Fast alljährlich tritt dieselbe in kleineren und grösseren Pferdebeständen auf, wobei die einzelnen Krankheitsfälle mancherlei Eigenthümlichkeiten zeigen.
Aetiologie. Ueber die eigentlichen Ursachen der Brustseuche ist nichts Näheres bekannt. Es ist indess wahrscheinlich, dass irgend ein Mikroorganismus der eigentliche Krankheitserreger ist, weshalb das Leiden den Infectionskrankheiten beigezählt wird. Friedberger fand in den Entzündungshorden der Lunge, sowie in den serösen Exsudaten in der Brusthöhle Mikrokokken, über deren Beziehungen zur Brustseuche etwas Positives bis jetzt indess nicht ermittelt worden ist. Aus dem meist seuchenartigen Auftreten der Krankheit in grösseren Pferdebeständen wird auf die Contagiosität derselben ge­schlossen. Beide Geschlechter und jedes Alter, sowie alle Racen unseres Hauspferdes können an fraglicher Seuche erkranken und auch Esel sollen zuweilen von derselben befallen werden.
Zahlreiche Beobachtungen haben gelehrt, dass bei scharfen Ostwinden und bei hohem Barometerstände entzündliche Zustände der Lungen und des Brustfelles leicht und häutig zu Stande kommen; dass ferner die sogenannten typhösen und septicilmischen Formen häufiger bei niedrigem Barometerstande, also bei grösserem Feuchtig­keitsgehalte der atmosphärischen Luft, namentlich in feuchten, engen oder übersetzten dunstigen Ställen öfter auftreten, als bei günstigen Stallverhältnissen xmä bei geringem Feuchtigkeitsgrade der die Patienten umgebenden Luft.
Durch das einmalige Ueberstehen der Brustseuchc pflegt die Empfänglichkeit für dieselbe auf eine noch nicht sicher ermittelte Zeit vernichtet zu werden und die so erworbene Immunität scheint wenigstens auf die Dauer eines Jahres hinaus sich zu erstrecken, da vielfach beobachtet worden ist, dass Pferde, die vor einem Jahre an Brustseuche gelitten hatten, bei einem neuen Seuchenausbruche unter ihren Stallgenossen von der Krankheit verschont blieben.
Diagnose. Dem offenbaren Krankheitsausbruche gehen häufig Vorboten voraus, indem die inficirten Thiore etwa 1 bis 3 Tage lang weniger munter sind als sonst, verminderte Fresslust zeigen und im Stande der Ruhe oft mit den Hinterbeinen schildern, d. h. ab-
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140nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Influenza der Pferde. Urustseuche.
wechselnd das eine oder andere Hinterbein auf der Zehenspitze mit vornüber gebogenem Fesselgelenke ausruhen. Werden die betreffenden Pferde aus dem Stalle gebracht, so bewegen sie sich trüg und schwerfällig, der Gang ist gespannt, auch wohl im Hintertheile schwankend. Manchmal ist eine steife gespannte Haltung, manch­mal eine schwankende Bewegung des Hintertheiles beim Gehen die zuerst in die Augen fallende Krankheitserschoinung. Ein andermal gehen Kolikerscheinungen voraus, die im Verlaufe der Influenza sieh noch mehrmals wiederholen können.
Aus diesem Stadium der Vorboten gehen meist innerhalb weniger Tage noch auffallendere Krankheitserscheinungen hervor, oder es treten solche auch wohl ohne weiteres und unvermittelt auf. Es stellt sich eine grosse Hinfälligkeit ein, welche von Eiebererschei-nungen und einer bedeutenden Abnahme des Appetits begleitet zu sein pflegt. Das Eroststadium fehlt, oder dauert nur ca. 1 bis 2 Stunden, worauf eine vermehrte, trockene Wärme der peripheren Körper-theile, namentlich des Rumpfes folgt; die innere Körpertemperatur beträgt gegen 40deg; C. und mehr. Die Patienten stehen mit gesenktem Kopfe da, ihr Puls ist klein, weich und leicht unterdrückbar, 50 bis 60mal in der Minute wiederkehrend; der Herzschlag ist gewöhnlich deutlich fühlbar; die Athemzüge sind meist um ü bis 8 in der Minute vermehrt, indess nur wenig angestrengt. Am folgenden Tage zeigt die innere Körperwärme oft die nämliche Höhn, während die Mattig­keit und Abgeschlagenheit zugenommen haben. Der Kopf wird tiefer gesenkt, die Ohren hängen schlaff, weshalb ihre Spitzen sich weiter von einander entfernen; die Augen sind ganz oder halb ge­schlossen , die Schleimhaiit derselben ist stark geschwollen, häufig dunkel-ziegelroth, manchmal mehr oder weniger gelblich. Die Nasen-schleimhaut ist um diese Zeit in der Eegel feucht, ihre Eollikel am unteren Ende der Scheidewand sind deutlich prominirend und deren Oeffnungen erweitert. Das Zahnfleisch zeigt fast immer einen dunkel gerotteten Saum, die Zunge einen gelblichen Belag; die Maulschleim-haut ist in verschiedenen Graden feucht, oft fliesst Schleim aus der Maulhöhle ab; die Temperatur des Maules ist wechselnd, ebenso die der unteren Partien der Gliedmassen. Die Zahl der Athemzüge ist manchmal aiif 20—35 in der Minute gestiegen, ohne dass die Respiration besonders erschwert wäre. Oft ist ein kurzer, matter Husten vorhanden und die ausgeathmete Luft vermehrt warm. Futter und Getränk werden gewöhnlich verschmäht, der Koth wird verzögert und in kleinen, mit Schleim überzogenen Ballen abge­setzt. Die Kranken legen sich nicht, ihr Gang wird immer un­sicherer, matter und schwankender, die Gliedmassen werden in steifer Haltung nachgeschleppt und nicht selten hört man ein Knacken in denselben. Die Bewegung scheint den Patienten Schmerz zu ver­ursachen , wobei die Gelenke des Unterfusses und die Beugesehnen der Zehenglieder häufig gegen Druck empfindlich befunden werden. Bei günstigem Ausgange gestaltet sich der weitere Krankheitsverlauf' etwa folprendermassen:
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Influenza der Pferde. Brustseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 141
Die Mitleidenschaft der Nervencentren ist in den einzelnen Fällen sehr verschieden, fehlt aber kaum jemals ganz. Im Allgemeinen sind die depressorischen Störungen in der Hirnthiltigkeit (nach Lustig's Beobachtungen) bei der Pferdestaupe durchweg hochgradiger, wie bei entsprechenden Erkrankungen an der Brustseuche. In ein­zelnen Füllen sind periodische Krampfanfalle, oder auch Lähmungen einzelner Körpertheile beobachtet worden. (Im Spätherbste des Jahres 1855 sah ich bei einem an Influenza erkrankten jungen Pferde eine Facialis-Lähmung eintreten, welche innerhalb vier bis sechs Wochen sich wieder vollständig verlor.)
Zuweilen stellen sich nach drei- bis sechstägiger Krankheitsdauer Anschwellungen am Bauche, am Kopfe oder an den Gliedmassen ein; die Athemzüge erreichen die Zahl von 30—40 in der Minute, wobei die Eippenwände nicht festgestellt und keine erhebliche Er­weiterung der Nasenlöcher einzutreten, die Bauchmuskeln aber deut­lich mitbowegt zu werden pflegen; der Husten ist inzwischen häu­figer und ein Schleimrasseln in der Luftröhre wahrnehmbar ge­worden. — Die Temperatur der Körperperipherie ist constanter und gleichmässiger vertheilt, als in den ersten Tagen der Krank­heit, die Mastdarmtemperatur steht auf 40—41. Die Harnaus­scheidung erfolgt wieder etwas häufiger, der entleerte Urin ist gelb­lich-braun, eiweisshaltig und enthält oft öallenfarbstoffe. — Zwischen dem ü. und 9, Tage pflegt die allgemeine Blutwärme bereits auf 39,5 bis 38,5deg; C. herunterzugehen und die Pulsfrequenz um 6 bis 10 Schläge in der Minute abzunehmen, während die Zahl der Athem­züge noch 5—8 Tage lang unverändert bleibt, oder doch nur um einige Züge in der Minute sich vermindert. Der Eintritt der Krisis kann auch auffallender sich markiren; nicht selten gehen dieser Unregelmässigkeiten im Khythmus des Pulses voraus, namentlich ist der Puls öfter und unregolmässig aussetzend. Die Patienten logen sich nieder, machen sich's bequem, indem sie zuweilen die Beine von sich abstrecken. Die Hautthätigkeit stellt sich in höherem Grade wieder ein; der Urin wird in reichlichen Mengen entleert, so dass von männlichen Patienten der ganze Stand überschwemmt wird, während Stuten mehr die Abflussrinne in Anspruch nehmen; der Urin zeigt eine dunkle bierbraune Farbe. Die Patienten werden munterer, heben den Kopf wieder freier in die Höhe, öffnen die Augen und nehmen wieder etwas Futter und Getränk in kleineren Portionen zu sich, am liebsten guten Hafer, oder süsses Wiesenheu, sowie reines Wasser.
Es nehmen nunmehr auch alle übrigen Krankheitserscheinungen ab, nur die Schwäche dauert noch fort. Die Patienten legen sich wieder regelmässig nieder und bleiben gewöhnlich lange, in sicht­lich behaglicher Ruhe liegen; das Aufstehen verursacht ihnen meist mehr oder weniger erhebliche Schwierigkeiten, je nach dem Grade der vorhandenen Schwäche. Zwischen dem 10. und 20. Tage ver­lieren sich in der Regel alle Krankheitserscheinungen; die Recon-valescenz ist je nach dem Grade des früheren Leidens und der Wider-
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142nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Iniluenza der Pferde. Brustseuche.
standskrat't der betreffenden Thiero von verschieden langer Dauer, meist 2—4 Wochen.
Bei dem soeben geschilderten Verlaufe sind keine ausgesprochenen Entzündungen innerer Organe zur Ausbildung gelangt; wo dies ge­schieht, da wird das Krankheitsbild entsprechend complioirter und die etwaige Heilung verzögert, resp. die Lebensgefahr vergrössert.
Nicht selten treten Erscheinungen eines heftigeren Darmleidens auf, so dass manchmal sogar Kolikschmerzen, mit oder ohne Auf­treibung des Hinterleibes, in verschiedenen Graden wahrgenommen werden. In solchen Fällen kann Kothverhaltung mit Durchfall ab­wechseln, oder es besteht bald hartnäckige Verstopfung, bald ein mehr oder weniger starkes Abführen, ohne Unterbrechung fort. Ist der Abfluss der Galle in den Zwölffingerdarm behindert, so kommt es zur Stauung derselben in dem betreffenden Canalsysteme und zur Aufsaugung von Galle in das Blut. Die dadurch bedingte Gelb­färbung der sichtbaren Schleimhäute ist vielfach als ein specifisches Symptom der Influenza angesehen worden, was indess ganz unbe­rechtigt ist; denn wenn dasselbe, aus naheliegenden Gründen, bei Darmkatarrhen, somit auch bei der Influenza, öfter angetroffen wird, so fehlt dasselbe bei fraglichen Erkrankungen doch keineswegs selten.
In anderen Fällen kommt es zu erheblichen Erkrankungen der Rispirationsorgane, indem die Erscheinungen einer Lungen-Brust­fellentzündung sich denen des Kartarrhs, zuweilen auch einer er­heblicheren Entzündung der Verdauungsorgane hinzugesellen. In jenen Fällen ist das Athmen erschwert, kurz und beschleunigt; bis (10 und mehr Athemzüge kommen auf jede Minute. Die Kippen werden festgestellt und jeder Druck auf die Rippenwandungen, so­wie auch das Anklopfen (mit dem Fercussionshammer) an dieselben, verursacht den Thieren Schmerz. Die Patienten suchen die Brust­höhle von jedem beengendem Drucke zu befreien, indem sie die Vorderbeine entweder weit auseinander stellen, oder die Zehen der Vorderfüsse nach innen, das Ellenbogenbein nach aussen drehen. Treten wässerige Ergiessungen in die Brusthöhle ein, so pflegt der Puls momentan weicher und regelmässiger, überhaupt eine trügerische Besserung für kurze Zeit vorgetäuscht zu werden. Bald jedoch wächst die Athemnoth, welche sich bei reichlicher Exsudation bis zur Erstickungsgefahr, oder gar bis zur wirklichen Erstickung steigert. Die Auscultation und Percussion liefern uns hier schon frühzeitig wichtige Aufschlüsse über den vorhandenen Zustand.
Die Lungenaffection beschränkt sich nicht immer auf einen einfachen Kartarrh; manchmal kommt es in den tiefer gelegenen Lungenabschnitten (namentlich im mittleren Lungenlappen und in den beiden vorderen Spitzen) zur Eite ildung und zu Zersetzungs­prozessen. Letztere führen fast regeln ^sig zur Nekrose und Ulce-ration angrenzender Lungenabschnitte, ,odurch „Höhlen, sogenannte Cavernonquot; entstehen. Durch Resorption der Zerfallsproducte wird dann ferner dem ganzen Krankheitsbilde der faulige (putride) Cha­rakter aufgedrückt. Es erscheint ein sehr übel riechender, dünn-
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Influenza der Pferde, ßrustseuchc.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ] 43
riüssiger, blutiger, oft mit grauen Gewebsfetzen durchsetzter Nasen-ausfluss, sowie ein übler (leruch der ausgeathmeten Luft.
Durch die angeführten Verschiedenheiten des Krankheitsbildes sind zunächst zwei Hauptformen der Brustseuche zu unterscheiden:
1)nbsp; Die einfache oder gutartige Form mit geringer, oder doch massiger Erkrankung der Schleimhaut des Respirations- und Ver­dauungs-Apparates, bei welcher alle Erscheinungen in geringem, oder doch nur massigem Grrade auftreten, während die Pieber-.symptome einen verhältnissmässig hohen Grad erreichen können. Die Mastdanntemperatur steigt um 1 bis 3quot; C. Die Dauer dieser Form erstreckt sich in der Eegel auf 4—14 Tage, indem es ent­weder gar nicht zu eigentlichen Localisationen kommt, oder indem nur leichte Localaö'ectionen entstehen, welche bald ausheilen, während die Ausscheidung der Krankheitserreger, sowie der Krankheitspro-ducte vorzugsweise durch grössere Mengen eines stark getrübten Harnes zu erfolgen pflegt. Es kann der Verlauf dieser Form sogar ein so milder sein, dass verschiedene Pferde, ohne merklich zu erkranken, durchseuchen. Lustig hält gerade deshalb die tech­nische Bezeichnung „Pleuro-Pneumonia contagiosaquot; nicht für richtig, weil viele Fälle vorkommen, wo weder eine Pneumonie, noch eine Pleuro-Pneumonie klinisch nachgewiesen werden kann, sondern wo neben den allgemeinen Erscheinungen der specifischen Infections-krankheit als auffallendste Localaffection ein verschieden intensiver Katarrh der Pespirationsschleimhaut zugegen ist. Ein tödtlicher Ausgang ist bei dieser Krankheitsform sehr selten. Dieckorhoff theilt in seiner neuesten Publication „Zur Frage der Influenzaquot; (in Adam's Wochenschrift Nr. 1—5, Jahrgang 1885) mit, dass er (sowie Lustig) infectiöse Pneumonien mit eintägigem Fieber beobachtet habe. Ob diese „Pneumonia ephemera fibrilis Equorumquot; ätiologisch der Brust­seuche (Influenza) angehöre, sei fraglich.
2)nbsp; Die entzündliche Form, bei welcher die Localerkrankungen nicht nur in grösserer Ausbreitung und Stärke auftreten, sondern auch nicht selten auf die serösen Häute und auf die parenehymatösen Organe übergreifen, ist weit bedenklicher. Je nachdem dieses oder jenes Organ (oder System) vorzugsweise ergriffen wird, gestaltet sich das Krankheitsbild, welches in den einzelnen Fällen eine grosse Verschiedenheit zeigt. Bald treten die Erscheinungen einer Lungen-und Brustfell-Entzündung, bald die Symptome schwerer gastrischer Leiden oder verschiedener Complicationen in den Vordergrund. Das Fieber, die Hinfälligkeit und das Sterblichkeitsverhältniss er­reichen im Allgemeinen einen höheren Grad als bei der einfachen Form; besonders ungünstig pflegt letzteres zu sein bei hochgradiger Erkrankung der Brust- und Hinterleibsorgane. Indess nimmt auch bei dieser Krankheitsform die Reconvalescenz zuweilen eine relativ kurze Dauer in Anspruoli, während sie häutigen-, besonders wenn Xachkrankheiten zur Ausbildung gelangen, sich über mehrere Wochen und Monate zu erstrecken pflegt.
Die beiden Hauptformen der Brustseuche können durch Hinzu-
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144nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Influenza der Pferde. Brustseuche.
treten linderer Kriinkheitszustiinde in mannigfacher Weise complicirt und versehlimniert werden. So z. B. wird Lei schlechter Stallung nnd mangelhaften Ventilationsvorrichtungen der Krankheit öfter ein fauliger Charakter aufgeprägt, indem durch Zersot/.ungsprozesse die Stallluft leicht verdorben und dadurch der Grund zum Hinzu­treten von Septioämie (Paulfieber), oder anderen Complicationen gelegt werden kann.
In diesem Umstände mag wohl ein Hauptgrund für den Er-fahrungssatz liegen, dass die Influenza in grösseren Pferdebeständen anfangs gutartig auftritt, während sie später an Bösartigkeit ge­winnt. Gewöhnlich ergreift die Krankheit in den ersten Tagen mehrere, manchmal viele, selten nur einzelne Thiere. Es kommt nur ausnahmsweise vor, dass gleich die ersten Seuchenfälle von vornherein bösartig auftreten.
Prognose. Alle diese Verhältnisse sind auch für die Vorher­sagen von Bedeutung, da sie nicht selten den tödtlichen Ausgang verursachen. Die Prognose ist vorscliioden ; in den leichteren Fällen günstiger als in den schweren, aber immer mehr oder weniger un­sicher. Die Genesung ist nicht immer eine vollkommene. Nicht selten kommen Nachkrankheiten vor, welche je nach ihrer Beschaf­fenheit eine grössere oder geringere Bedeutung haben. Die häufig­sten und wichtigsten Nnchkrankheiten der Influenza sind folgende:
1)nbsp; Augenentzündungen, die meist die äusseren Theile, nament­lich die Augenlidbindehaut betreffen und fast immer gutartig sind, zuweilen aber einen chronischen Verlauf annehmen. Entzündung innerer Theile des Augapfels kommt als eigentliche Nachkrankheit der Brustseuche nur ganz ausnahmsweise vor.
2)nbsp; Uebler sind secundäre Halsentzündungen, welche meist mit Athembesohwerden verbunden sind und nicht selten Hartschnaufig-keit für mehrere Wochen, oder gar für immer hinterlassen.
3)nbsp; nbsp;Sehr übel können secundäre Entzündungen der Sehnen­scheiden sich gestalten. Dieselben betreffen am häufigsten die Scheide des Kronen- und Hufbeinbeugers im Bereiche des Pessel-gelenkes, können aber auch an anderen Sehnenscheiden vorkommen. Durch diese Entzündungen kann in ungünstigen Fällen der Patient noch nachträglich unbrauchbar gemacht und die Reconvalescenz ungemein in die Länge gezogen werden. Beides ist am häufigsten dann der Fall, wenn mehrere Sehnenscheiden gleichzeitig, oder nach längeren Zwischenzeiten ergriffen werden.
Nachkrankheiten pflegen in den ersten vier Wochen der Ee-convalescenz aufzutreten. Diese muss deshalb möglichst sorgfältig überwacht werden, damit jene möglichst fern gehalten werden.
Pathologisch-anatomischer Befund. Je nach dem klinischen Bilde verhalten sich auch die pathologisch-anatomischen Befunde an der Leiche verschieden. Dieselben sind sehr mannigfaltig und können nur in den constantesten Vorkommnissen hier geschildert werden. Die Schleimhäute der Kospirationsorgane zeigen bald die
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Fnfluenza der Pferde. Brustseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 145
Ersoheinungen eines einfachen Katarrhs, bald die einer tiefer in die Schleimlederhant eingedrungenen Entzündung. Grad und Aus­breitung dieser Befunde variiren. Meist sind grössere Lungen-ftbschnitte verdichtet; Entzündungserscheinungen verschiedener Art finden sich in denselben vor. Die Lungenalveolen sind oft in grösserem oder geringerem Umfange mit einem eiterigen Exsudate erfüllt, zuweilen sind nekrotische Herde oder Cavernen in den Lungen vorhanden. Wo, wie dies bei tödtlichem Vorlaufe fast immer der Fall zu sein pflegt, eine Pleuritis vorausgegangen ist, finden sich die gewöhnlichen Polgen dieser, weshalb auf dieselben hingewiesen wird. Die Schleimhäute der Verdauungsorgane werden meist bald mehr, bald weniger katharrhalisch oder entzündlich afficirt angetroffen; Leber, Milz und Nieren zeigen keine regelrailssigon Ver­änderungen. Am häufigsten ist dies noch bei der Leber der Fall, an welcher sich nicht selten die Erscheinungen der Gallenstauung vorfinden. Die Hirnhäute sind manchmal hyperämisch, die Subarach-noidealräume, sowie die Hirnventrikel enthalten zuweilen Serum.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung der an Influenza erkrankten Pferde erfordert ebensoviel Umsicht als Vorsicht. Man hat bei derselben nicht nur die vorhandenen Localaffectionen, son­dern auch den zur Zeit herrschenden Krankheitsgenius, oder all­gemeinen Charakter der Seuche zu studiren und zu berücksichtigen. Im Allgemeinen lassen sect;ioh folgende Regeln hier aufstellen:
Ein massig warmer, gut ventilirter Stall, Schonung und Euhe des Patienten, Vermeidung jeder Erkältung, Verabreichung leicht verdaulichen Futters und ausreichende Mengen reinen, etwas be­schlagenen Wassers, öfteres Frottiren des Körpers, namentlich bei ungloichmässiger Vortheilung der Hauttomperatur, je nach Bedürfniss Eindocken, — spielen bei der Behandlung influenzakranker Pferde eine wichtige Holle. Vor allen Dingen müssen die Patienten mit Eintritt der ersten wahrnehmbaron Krankhoitserscheinungen von jeder Dienstleistung dispensirt und entsprechend vorpflegt werden.
Aderlässe dürfen nur bei ganz besonderer Indication für die­selben angewendet werden, jedoch sind starke Blutontzichungen. sowie alle anderen Entziohungsmittol, durch welche die Kräfte des Patienten in höhcrem Masse und für längere Dauer in Anspruch genommen werden, zu meiden.
Die Application ableitender Einreibungen auf die Kipiienwan-dungen erfordert eine genaue Differentialdiagnose in Bezug auf die vorhandene Brustaffection. Bei Brustfellentzündung kann sie grosson Nutzen, bei Lungenentzündung grossen Nachtheil verursachen. Weniger Vorsicht orfordert die Application eines Fontanolles vor die Brust, das nur bei fauligem Charakter der Krankheit, oder bei bedeutender Blutarmuth des Patienten schädlich ist, in allen anderen Fällen aber als ein Indicator für die Reactionsfähigkeit des Organismus dienen kann. Fine normale Eiterung der Fontanellwundo ist gewöhn­lich ein Beweis für das Vorhandensein einer entsprochenden Reaction.
Pütz, ComiJomlluni dor Tliicrliolllmmlc.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ]0
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146nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Influenza der Pferde. Brustseuche.
Innei'liohe Arzneimittel sind, bei leichterer Erkrankung in der Kegel überflüssig. Indess kann man in solchen Füllen kleine Gaben Brechwoinsteiu mit dem Getrilnke verabreichen und zwar 2 bis 8 gr tilglich; wenn Durchfall vorhanden ist, darf das Mittel nicht gegeben werden.
Auf die Verdauungsthätigkeit muss man ein besonderes Augen­merk richten. Weder Verstopfung noch Durchfall darf längere Zeit unbeachtet bleiben. Die Wahl der Mittel hat sich nach den jedesmaligen Umstanden zu richten.
Bei Schwilchezustiinden sind aromatisch-bittere oder ätherisch-ölige Mittel und dergl. angezeigt; bei grosser Hinfälligkeit ist na­mentlich der Kampher am Platze, zweistündlich zu 2 bis 8 gr.
Bei hoher Pulsfrequenz ist die Digitalis mit Vorsicht zu ge­brauchen, etwa viermal täglich zu 0,50. Dieselbe wird bei vor­handenen serösen Exsudaten zweckmässig mit Borax (8,00—15,00 pro dosi) verabreicht. Auch kann die Function der Brusthöhle in-dicirt erscheinen und sogar wiederholt werden müssen.
Die Fütterung muss nach dem Grade und der Beschaffenheit des vorhandenen Schwilchezustandes sich richten. Gegen allgemeine Ivörperschwäche sind leicht verdauliehe, aber nahrhafte Futtermittel zu empfehlen , namentlich Hafer und Heu, oder, wenn es zu haben ist, Grünfutter. Alle Futtermittel, einschliesslioh Getränke, müssen in guter Qualität und in kleinen Portionen, 6—8 mal des Tages, vorgelegt werden. Bei grosser Schlaffheit, besonders bei weicher Beschaffenheit des Kothes, kann ein Theil des Hafers ge­rüstet und gequetscht mit gleichen Theilen Häckerling verabreicht werden. Grünfutler ist dann weniger zweckmässig, als beim Ab­gang festen, kloin geballten Kothes, rosp. bei verzögertem Mist-absatze. In diesen Fällen kann dem Getränke etwas Haferschrot oder Weizenkleie zugesetzt und Kochsalz in kleinen Dosen als Lecke vorgelegt werden. Nöthigenfalls verabreicht man eine oder mehrere Gaben eines geeigneten Abführungsmittels,
Im Stalle muss Keinlichkoit herrschen und der Eodcn stets mit einer weichen und reichlichen Streu versehen sein, damit die Thieve sich stehend und liegend bequem ausruhen können. Stehen die Eeconvalescenten auf hartem Boden, so logen sie sich nicht gern nieder und ruhen sich nie so lange und so vollkommen aus, als auf einer weichen und sauboren Streu. Dadurch wird die voll­ständige Genesung meist erheblich verzögert und das Entstehen von Nachkrankheiten sehr begünstigt. Namentlich kommen dann Entzündungen der Sohnenscheidon, zuweilen auch mehr oder weniger schwere Hufleiden zur Ausbildung.
Ist das Fieber vollkommen verschwunden, so bewege man die Keconvalesconton eingedockt bei guter Witterung im Freien; bei ungünstiger Witterung müssen sie im Stalle gehalten werden, wenn nicht eine gedockte Bahn oder Koppel zur geeigneten Verfügung steht. Die Thiore dürfen durch die Bewegung nicht angestrengt werden. Besonders vorsichtig muss man sein, so lange noch Athem-
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Influenza dor Pferde. Lobiiro Pneumonie,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;147
beschwerden fortbestehen. Eine leichte, nur kurze Zeit andauernde Bewegung kann auch hier die Ilesorptionsvorgiingo fördern, während Bewegungen von längerer Dauer, oder in schnellerem Tempo leicht Nachtheil bringen können. — Zur Arbeit dürfen deshalb die Eecon-valescenten nur ganz allmilhlig wieder angewöhnt werden. Zunächst benutze man sie nur für kurze Zeit zu ganz leichtem Dienste und führe sie behutsam nach und nach in ihre frühere Thätigkeit wieder ein.
Wefin in einem l'ferdebestande die Influenza herrscht, so achte man auf die Fresslust und auf die Bewegungen der noch zum Dienste verwendeten Thierc. Alle Pferde, welche leicht ermüden und stark schwitzen, oder Schleimhautleiden und verminderten Appetit zeigen, müssen sofort vom Dienste dispensirt und entsprechend ver­pflegt und behandelt werden. Die Stallungen müssen nach gründ­licher Reinigung und Durchlüftung öfter mit Gyps ausgestreut werden, dem man zweokmilssig etwas rohe Carbolsäure beimengt. Selbst leichte Dienstleistungen werden oft nachtheilig, sobald die Influenza wenn auch erst in geringem Grade bei dvm botreffenden Individuum vorhanden ist. Es pflogen jenen meist hochgradige Er­krankungen zu folgen, während bei frühzeitiger Erkenntnis.s des Uobels und bei entsprechender Pflege und Behandlung der Patienten der Krankheitsverlauf in günstiger Weise beeinflusst wird. — Wo die Räumlichkeiten es gestatten, trenne man stets die kranken von den gesunden Pferden, bringe erstero in entsprechend eingerichtete Stallungen odor Boxen und vermeide jeden Verkehr des Wärter-personals aus dem Krankenstallo mit den gesunden Pferden.
In neuerer Zeit sind mohrfach Mitthoilungen gemacht worden über seuchenartig auftretende lohäro Pnoumonien bei Pferden, deren Beziehungen zu der vorhin beschriebenen Brustseuche nicht klar gestellt sind. Ich will den Verlauf dieser Krankheit (im Wesentlichen nach den Angaben Priedbergcr's) nachstehend in ihren Hauptzügen darstellen.
c. Scucheiihnfte lobnre (croupöse) Pneamonta der Pferde. I'iiciiinoiiia crouposa (contngiosa.').
Aetiologie. Epidemische Pneumonion sind beim Menschen in den letzten Jahren häufiger beobachtet und beschrieben worden. Der Gedanke an die parasitäre Natur dieser Krankheit wurde wohl zuerst von Klebs ausgesprochen; derselbe gab an , die Pneumonie-Mikroorganismen künstlich gezüchtet und mit Erfolg auf Kaninchen übertragen zu haben. In neuerer Zeit hat Priedländor die Pneu-monio-Mikrokokken (in Nr. 22 der Portschritte der Medicin, Berlin 15. Nov. 1888) näher beschrieben und als eine besondere Eigenthüm-lichkeit derselben angesehen, dass sie eine im Wesentlichen aus Mucin bestehende Kapsel besitzen. Es ist auch gelungen , diese Mikroorganismen künstlich zu züchten und ihre pathogene Wirkung nachzuweisen, indem dieselben mit Erfolg auf Meerschweinchen und Mäuse, dagegen ohne Erfolg auf Kaninchen, tibergeimpft wurden.
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148nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Infiuonza der I'feixlo. Lobäre Pneumonie.
Es sind somit diese Mikroorganismen verschieden von den durch Klebs gezüchteten Von fünf mit den Friedländer'schen Pneumonie-Mikrokokken geimpfton Hunden erkrankte nur einer an croupöser Lungenentzündung. Die Pnoumonie-Mikrokokken des Menschen zeigen wesentliche Differenzen in der Grosse der einzelnen Kokken, sowie in der Ausbildung der Kapseln. Diejenigen der Mäuse sind ge­wöhnlich erheblich grosser, als der Durchschnitt derselben beim Menschen; die der Meerschweinchen sind in der Kegel kleiner als die der Mäuse, dagegen durch eine ungewöhnliche Breite ihrer Kapsel ausgezeichnet. Beim Hunde sind die Kokken gewöhnlich kaum grosser als beim Menschen; die Kapseln relativ schmal. Bei den genannten drei Thierspecies kommen viel häufiger als beim Menschen neben den Kokken auch stäbchenförmige Figuren (ca. 1 : 10) von verschiedener Länge vor; die meisten haben die Grrösse eines Diplo-coccus, manche sind bedeutend länger.
Priedberger hält vom klinischen Standpunkte aus die crou-pöse Lungenentzündung der Pferde für ein der croupösen Pneumonie des Menschen vollkommen analoges Leiden, indem jene, wie diese, eine speciflsche, höchst wahrscheinlich durch Einwanderung pflanz­licher Mikroorganismen bedingte Infectionskrankheit sei, bei welcher der Entzündungszustand der Lunge nur eine, allerdings der Regel nach die hervorragendste der durch sie veranlassten Gewebs- und Organalteration sei. Auch fand Priedberger durch Färbung mit Hämatoxilin deutlich hervortretende Sphärobacterien, welche na­mentlich in den mit Fibrinnetzeh gefüllten Alveolen in grosser Zahl vorhanden waren. Die Frage nach der Bedeutung dieser Mikro­organismen lässt Priedberger offen, obgleich er die Annahme eines Infectionsstolfes als krankmachendes Agens für ziemlich unabweisbar und andere Ursachen, wie z. 13. Erkältung etc., für das Zustande­kommen seuchenhai'ter Pneumonien geradezu für undenkbar hält.
Diagnose. Als erste Zeichen der gestörten Gesundheit wurden Priedberger von den Besitzern oder Wärtern der dem Münchener Thierspitale zugeführten 0(3 kranken Pferde im Wesentlichen fol­gende angegeben: Die Frosslust war vermindert, /.uweilen in hohem Grade; zum gänzlichen Verluste des Appetites kam es jedoch nie. Die Patienten husteten zeitweilig, ermüdeten bei der Arbeit leicht und athmeten zuweilen angestrengt; sie blieben gewöhnlich bis kurz vor ihrer Ablieferung an die Klinik im Dienste. Von den G6 mit Pneumonie behafteten Pferden sind GO genesen; bei 59 dieser war zur Zeit der ersten Untersuchung durch Priedberger Fieber vor­handen , das mit wenig Ausnahmen einen hohen, oder selbst sehr hohen Grad erreichte, nämlich 5mal zwischen 39,1—30,0; 20mal #9632;zwischen 40,1—40,9; 33mal zwischen 41,0—41,7 und linal 42,2'0. erreichte. Die Temperaturcurve stieg jäh an und erhielt sich dann verschieden lange (1—6 Tage, selten länger) auf der Höhe, nur ver-hältnissmässig geringe Tagesschwankungen zeigend, um dann sehr rasch, schon in 48 Stunden und selbst in kürzerer Zeit, oft in deut-
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Influenza der Pferde. Lobäre Pncumonie,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 149
lieh continuirlich herabsteigender Curve zu fallen. Ein nennens-werthes wiederholtes Ansteigen der Fiebercurve nach diesem erst­maligen Abfalle wurde mit Ausnahme eines einzigen Pferdes nie beobachtet. Somit zeichnete sich dus Fieber durch einen vollendet typischen Verlauf aus. Das Maximum der Pulsfrequenz schwankte bei den 59 Pferden zwischen 48 und 120 Schlägen in der Minute, überstieg indess die Zahl 80 nur bei 5 Pferden. Die Acme der Pulscurve fiel mit der höchsten Tetnperatursteigcrung in der Regel zusammen. Wo die Zahl der Pulse namhaft unter 00 blieb, da hatte man es stets mit Patienten zu thun, bei welchen der Krank-hoitsprozess schon bei der ersten Untersuchung durch Friedberger bereits ziemlich weit im Rückgänge begriffen war. Die meisten mit Pneumonic behafteten Pferde waren ca. 2—4 Tage krank, wenn sie der Münchenor Schule zugeführt wurden. Die auffallige Beschleu­nigung des Pulses auf 120 kam nur einmal vor und fiel mit der Temperatursteigerung von 42,2 zusammen; bereits nach einigen Stunden nahmen beide Symptome ab. In den wenigen Fällen, in welchen der Puls ungewöhnlich beschleunigt war und wo diese ge­steigerte Pulsfrequenz sich länger auf der Höhe erhielt, waren fast ausnahmslos schwere Begleiterscheinungen, namentlich heftige Darmkatarrhe vorhanden. Puls und Temperatur kehrten bei '/4 der Patienten gleichzeitig zur Norm zurück, während bei 8/4 der­selben die Pulsfrequenz um einige (bis sechs) Tage länger dauerte als die Temperatursteigerung. Die Qualität des Pulses zeigte grosse Verschiedenheiten; mit Zunahme der Frequenz wurde derselbe stets kleiner; bei länger andauernder hoher Pulsbeschleunigung, die immer mit mehr oder weniger deutlich ausgeprägtem pochendem Herzschlag auftrat, war der Puls sogar sehr klein und elend; Gleichheit und Eegelmässigkeit desselben fanden sich indess nie nonnenswerth ge­stört. Die Herztöne waren je nach Umständen verschieden laut hörbar, blieben aber immer durchaus rein. — Das Maximum der Respirationsfrequenz variirte zwischen 36 und 60 Athcmzügen in der Minute und wurde bei 3/4 der Patienten in der Zeit des hohen Fieberstandes erreicht. Jede ungewöhnlich bedeutende Frequenz konnte entweder auf das Ergriffenscin beider Lungen, oder auf das gleichzeitige Vorhandensein irgend eines anderen schmerzhaften Zu-standes zurückgeführt werden. In der Pegel minderte sich die Zahl der Athcmzüge allmählig. Ausbreitung der Hcpatisation, sowie verschiedene andere Umstände hatten hierauf selbstverständlich in verschiedener Weise Einfluss. Pleuritische Erscheinungen wurden nur in einigen wenigen Füllen wahrgenommen, worin Friedberger einen wesentlichen Unterschied zwischen der seuchenhaften croupösen l'neumonie und der Brustseuche des Pferdes findet. Bei etwa Yraquo; der Patienten war vorübergehend ein safrangelber bis rostrot gefärbter Nasenausfluss vorhanden; es betraf dies die Fälle mit schwerer Lungenerkrankung, wobei es wahrscheinlich zu einem stark blutigen Exsudate in den Lungen gekommen war. In etwa ','3 der Fälle war Gelbfärbung der Sklera und der Conjunctiva vorhanden und eben-
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150nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Influenza der Pferde, Lobiire Pneumonie.
falls bei ca. '/laquo; der Patienten reagirto der Urin eine Zeit lang (2 bis 8 Tage) sauer- Es war dies immer dann der Fall, wenn die Eutter-aufnahme eine sehr geringe war; mit der Wiederkehr besserer Eress-lust verlor sich die saure lleaction des Harnes wieder. Im Urin der meisten Patienten liess sich Eiweiss in geringeren oder be­deutenderen, zuweilen sogar in beträchtlichen Quantitäten nach­weisen. Im Uobrigen zeigte der Urin keine fremden Beimengungen. — Muskelschwäche und Eingenommenheit des Sensoriums fehlten selten, waren aber in sehr verschiedenem, im Allgemeinen aber in geringerem Grade ausgeprägt, als bei anderen hoch fieberhaften In-fectionskrankheiten, so z. 13. bei der sogenannten Pferdesteupe, der Fall zu sein pflegt. Bei ungünstigem Verlaufe nimmt die Hinfällig­keit immer mehr zu, die Pulsfrequenz steigt, der Herzschlag wird stärker pochend, zappelnd und unter rapid zunehmender Herzschwäche sterben die Patienten nach eingetretener Sepsis und putrider In­toxication an Herzlähmung.
Verlauf und Prognose. Von den 66 in der Münchener Klinik behandelten Pferden sind 60 = 91% genesen, 6 = 9quot;/raquo; gestorben. Priedberger glaubt aber, dass hier die Verhältnisse besonders un­günstige gewesen seien und dass die Prognose im Allgemeinen sich relativ günstiger stelle.
Sectionsbefund. Der pathologisch-anatomische Befund bestand im Wesentlichen in Hepatisation der Lungen. Das von der exsu-dativen Entzündung betroffene Gewebe zeichnete sich durch ziem­lich starke Brüchigkeit aus. Die mehr oder weniger deutlich gra-nulirte Schnittfläche erinnerte durch ihre im Allgemeinen ungleich-massige fleckige Färbung lebhaft an Granit. Kleine, mehr grün­gelblich bis grauröthlich gefärbte Stellen wechselten stets mit eben­solchen dunkelrothen und schwarzrothen Partien. Die interlobu-lären Bindegewcbszüge erschienen namentlich an dem peripheren Theile der Entzündungsherde deutlich serös und sulzig infiltrirt. Brandigor Gewebszerfall in den Lungen, nebst den Erscheinungen der Sepsis etc. bildeten den gewöhnlichen Befund. Nur einmal fand Priedberger neben einer rechtsseitigen lobären Pneumonie eine serös-fibrinöse Pleuritis und Lungenödem. Das mit Fibruiflocken ge­mischte seröse Exsudat in der Brusthöhle betrug nur ca. 8 Liter.
Behandlung- und Vorbeuge. Die Therapie ist im Ganzen ein­fach. Priedberger behandelte den weitaus grössten Theil der be­treffenden Patienten, und darunter sehr schwer erkrankte und wieder­genesene Pferde, olmo jede Arznei. Höchstens wurden da, wo der Appetit längere Zeit hindurch ein schlechter blieb, kleine Dosen von Kochsalz oder künstlichem Karlsbader Salz und bei anhaltender Trägheit der Peristaltik und verzögertem Kothabsatz Abführmittel, besonders Bittersalz, verabreicht. Bei hochgradiger Herzschwäche wurde Digitalis pro dosi '/laquo; gr und gegen trockenen quälenden Husten die Anwendung von Dunstbädern verordnet. Das Fieber
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Influenza der Pferde. Scalma.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;151
konnte weder durch kalte Einwicklungen und Kaltwasserinfusionen in den Mastdarm, noch durch grosse Dosen Chinin oder Alkohol nenuenswerth herabgesezt werden; die Priessnitz'sohen Umschläge zeigten eher gegen die Lungonaffection sich wirksam.
Um der weiteren Ausbreitung der Krankheit möglichst vorzu­beugen, empfiehlt es sich, die kranken von den gesunden Pferden zu trennen, die Stauung ordentlich zu lüften und zu desinficiren. Bei der wahrscheinlich leichten Versohleppbarkeit des Infections-stoft'es gebietet es die Vorsicht, namentlich solche Pferde, welche aus einer inficirten Localitilt kommen, mit gesunden Pferden nicht zusammen zu bringen.
In der S. 143 citirten Mittheilung beschreibt Uieckerhoff eine selbststiindige, gewöhnlich der Inüuen/.a beigezählte Pferdekrankheit und giebt dieser den Namen
(1. Die Scalma dor Pferde.
Dieckerhoff bezeichnet mit diesem Namen eine acute fieberhafte Infeotionskrankheit, welche er neben der Brustseuche und Pferde­staupe als ein drittes, mich Aetiologio und Verlauf nachweisbar selbstständiges, bis jetzt der Influenza subsumirtes Leiden betrachtet, welches nicht, wie die Pferdestaupe, den Charakter einer Landseucho, auch nicht, wie die Brustseuche, die Eigenschaft einer Ortsseuche hat, sondern als eine Stallseuche sich kennzeichnet. Der Name „Scalmaquot; soll den altdeutschen Ausdruck „Scalmo oder Soelmoquot; d. h. Schelm in der Bedeutung einer heimtückischen Krankheit in der modernen Wissenschaft so lange vertreten, bis der Infectionsstoft' dieser Krankheit bekannt und ein dementsprochender Name gefunden sein wird.
Aetiologie. Die Scalma wird wahrscheinlich durch ein im-portirtes, bis jetzt nicht näher gekanntes Stallmiasma verursacht; contagiös scheint dieselbe nicht zu sein. Die gewöhnliche Incubations-dauer beträgt wahrscheinlich 2 bis 4 Tage und mag vielleicht auf 8 bis 10 Tage sich ausdehnen können. Dass die verschiedenen Krank­heitsfälle in grösseren Pferdebeständen zum Theil viel langsamer auf einander folgen, erklärt Dieckerhoff mit der Voraussetzung, dass die betreffenden Thiere erst später mit dem specilischen Stallmiasma sich behaften.
Diagnose. Der Infectionsstoff wirkt zunächst auf die Respirations­schleimhaut ein und entfaltet seine pathogene quot;Wirkung, welche in einer eigenartigen diffusen und nicht besonders schmerzhaften Affection ihren Ausdruck findet, namentlich in der Bronchialschleimhaut. Da­für spricht der Hustenreiz , der nur in ganz leichten Fällen fehlt, während derselbe in schweren Krankheitsfällen neben schleimiger Nasen-Dejection stets vorhanden ist. Ein wichtiges Kriterium liegt darin, dass die anscheinend gar nicht destructive Affection der Bespirationsschleimhaut eine relativ lange Zeit zu ihrer vollständigen
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152nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Influenza der Pferde. Scalma.
Ausgleiclmng erfordert. Selbst nach leichter Erkrankung, wo die Pieberersclieinungen bereits nach einigen Tagen sich verlieren, be­kunden die Patienten noch mehrere Wochen hindurch eine sehr auffallende Ermüdung. Nach der Pferdestaupe und auch nach der Brustseuohe erholen sich die lleconvalescenten viel schneller. Be-morkenswerth ist die bei schwerer Erkrankung eintretende diffuse Pleuritis, die ohne das Zwischenglied einer Pneumonie zu Stande kommt. Die fieberhafte Blutdysorasie der Scalma hat keinen typischen Verlauf und ist dadurch von dem fieberhaften Prozesse bei der Pferdestaupe wesentlich unterschieden. Eine Verminderung der Looal-affectionen bedingt auch eine Abnahme der Fieberhitze, so dass die gesteigerte Körportemperatur während des Krankheitsverlaufes nicht beständig auf der gleichen Hoho verbleibt. Die graduelle Ausbildung der Scalma zeigt bei den einzelnen Patienten grosse Verschieden­heiten; dennoch ist es für den Sachverständigen nicht schwierig, die ätiologische Uebereinstimmung aller Fälle zu erkennen. Beachtens-werth ist, dass scalmakranke Pferde bei protrahirtem und un­günstigem Verlaufe relativ viel Futter aufnehmen, dennoch aber eine grosse Körperschwäche bekunden. Daraus ist zu schliessen, dass die pyrogenen Stoffe bei Scalma nicht im gleichen Grade die Grastro-Intestinal-Schleimhaut reizen, wie bei anderen allgemeinen Infections- und Intoxicationskrankhciten beobachtet wird.
Verlauf und Prognose. Die Krankheitsdauer beträgt in den leichten Fällen 8 bis 14 Tage, bei schwerer Erkrankung aber mehrere Wochen. Die lleconvalescenz dauert immer verhältnissmässig lang, bevor die Thiere wieder in den Vollbesitz ihrer Körperkraft gelangen. Die Vorhersage ist unsicher, da durch Hinzutreten dieser oder jener schweren Complication ein tödtlicher Ausgang verursacht werden kann.
Sectionsbefund. Die pathologischen Veränderungen, welche sich nach dem Tode finden, sind verschieden , je nach den voraus­gegangenen Loealisationen und Complicationen. Am häufigsten findet man ein pleuritisches Exsudat, die Lungen comprimirt und manch­mal stellenweise gelatinös infiltrirt; die Bronchialschleimhaut ge-röthet und aufgelockert, zuweilen mit röthliohem Schaum bedeckt. Leber, Milz und Nieren sind in der Eegel geschwollen, blutreich und succulent, Magen und Darmouiuil bald normal, bald diffuse Röthe und Schwollung verschiedener Schleimhautabschnitte zeigend. Der Herzmuskel ist schlaff, auf der Schnittfläche mattroth und trocken, oder mürb und grauroth, wie gekocht.
Behandlung und Vorbeuge. Lebensgefährlich wird meist die Pleuritis, weshalb einer solchen eventuell entgegengewirkt worden muss. Im Allgemeinen ist für Eeinlichkeit und gute Luft im Stalle zu sorgen; die gesunden Pferde sind möglichst bald aus dem inficirton Stalle zu entfernen, um sie der weiteren Einwirkung dos Stallmiasmas zu entziehen. Die betreffende Localität muss unter Zusatz von Chlor­kalk durch Uebertünchen mit Kalkmilch dosinficirt werden.
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Lungenseuche des Rindes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;153
Die Lungenseuclie des Rindes.
Mit diesem Namen bezeichnet man eine dem .Rindvieh eigon-thümlicho Inf'ectionskrankheit, deren Ansteokungsstoff flüchtig und fix ist. Gelangt dieser Ansteckungsstoff mit der atmosphärischen Luft in die Lungen eines nicht immunen Kindes, so entwickelt sich in denselben in der Regel ein mehr oder weniger ausgebreiteter, exsudativer Entmndungsprozess, der für die weitere Existenz des betreffenden Individuums verhüngnissvoll werden kann. Die ent­zündlichen Prozesse in den Lungen (und am Brustfelle) hönnen in sehr verschiedenem Grade zur Entwicklung gelangen, oder auch ganz fehlen. In letzterem Falle, oder bei geringerer Lungenaffection seuchen die Thiere still durch. Der Name „Lungenseucliequot; (Pleuro-Pneumonia contagiosa boum) passt deshalb für diese Krankheit nicht besser, wie der Name „Pneumonia, oder Pleuro-Pneunionia contagiosa equorumquot; für die „Brustseuche des Pferdesquot; (s. S. 143) und der Name „Milzbrandquot; für den Anthrax passt. Solche Namen tragen vorzugsweise mit dazu bei, den alten Irrtlram weiter zu nähren, dass das Wesentliche der Krankheit in den betreffenden Localisationen und nicht in der Vermehrung dos Krankheitserregers im Thierkörpcr zu suchen sei. Bei Thieron, welche die Krankheit einmal überstanden haben, pflegt für die ganze folgende Lebens­dauer die Empfänglichkeit für die Wirksamkeit des Lungenseuche-giftes erloschen zu sein. Aussei- bei unserem Hausrinde kann dies Gift auch auf andere Rinderarten wirksam übergehen. So wurden im Jahre 1877 im zoologischen Garten zu Brüssel bei zwei Yaks, drei Bisons und bei einem Büffel Erscheinungen einer interstitiellen Pneumonic angetroffen, welche mit den Erscheinungen der Lungen­seuche unseres Hausrindes übereinstimmten. Ich selbst habe die Lungenseucho im hiesigen landwirdschaftlichon Institute bei einer Gayalkuh und einem Büffelstier tödtlich verlaufend gesehen.
Die Lungenseuche des Rindviehs hat erst seit dem vorigen Jahr­hundert die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Aetiologie. Nach den Mittheilungen über deren Verbreitungs-weg scheint diese Krankheit zunächst im Westen Europas aufgetreten, resp. beobachtet worden zu sein. Oestlich gelegene Länder, nach welchen von hier aus, oder aus anderen nachträglich infleirten Be­zirken , keine Vieheinfuhr stattgefunden hat, sind bis heute von dieser Seuche verschont geblieben. Die Frage, ob die Lungenseucho auch auf miasmatischem Wege (spontan) entstehen könne, ist dahin zu beantworten, dass diese Art der Entstehung bis jetzt niemals nachgewiesen worden ist. Für die Seuchentilgung muss angenommen werden, dass in Rede stehende Krankheit ausscliliesslich durch An­steckung sich weiter verbreitet.
Warum die Lungenseuche des Rindes bei keiner anderen Thier-species auftritt, ist nicht näher ermittelt. Der Reichtimm der Rindslunge an interstitiellem Bindegewebe, auf den man verschiedent-
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154nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lungenscuclie des Rindes.
lieh hingewiesen hat, mag die Wirksamkeit und Vermehrung des dorthin gelangten Ansteckungsstoffes wohl begünstigen, reicht indess nicht aus, alle hier in Betrauht kommenden Momente zu erklären. Ist doch der Bau der Sohweinelungen dem der Rindslungen in frag­lichem Punkte sehr ähnlich xuid dennoch ist das Schwein für das Lungenseuche-Contagluin nicht empfänglich. Am ungezwungensten vermag die Lehre von der organischen Natur der Contagien und Miasmen die generellen und individuellen Immunitäten nicht nur bei der Lungeuseuche, sondern auch bei anderen ansteckenden Krank­heiten zu erklären. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Lungen­seuche durch einen Mikroorganismus bedingt wird, welcher nur im Blute, resp. in den Körperstlften der Gattung „Rindquot; die erforder­lichen Bedingungen für seine Vermehrung findet. In den Entzün-dungsprodueten der Lungeuseuche finden sich eine bedeutende Menge Mikrokokken; dieselben komincn auch in den weissen Blutkörperchen, sowie in den Blut- und Lymphgcfässen, resp. in den Thromben beider vor. Ob sie zur Lungenseuchc in ursächlicher Beziehung stehen, ist zur Zeit noch eine offene Frage. Boels und Nolen identificiren dieselben mit den Eriedländcr'sclion I'neumonio-Mikrokokken.
Die durch das Lungenseuchengift im Körper des Rindes ver­ursachten Vorgänge treten äusserlich nur dann in die Erscheinung, wenn dasselbe in den Lungen (nach der Impfung an der Impfstelle oder in deren Nachbarschaft) im Bindegewebe einen Entzündungs-prozess hervorruft.
Diagnose. Die ersten wahrnehmbaren Krankheitserscheinungon der sogenannten Lungenseuche beziehen sich demgemilss auf Stö­rungen in der Respiration, die anfangs ohne Fiebersymptome auf­treten und häufig übersehen oder doch nicht näher beachtet werden. Zuerst wird ein kurzer, kräftiger Husten wahrgenommen, der nur zuweilen im Laufe des Tages auftritt, so namentlich Morgens, wenn die Stallthüro geöffnet und dadurch ein plötzlicher Wechsel in der Temperatur der Stallluft verursacht wird; ferner unmittelbar nach der Aufnahme von Getränk, oder gleich nach dem Aufstehen vom Lager. Allmählig nimmt der Husten an Häufigkeit zu, dagegen an Stärke des Tones ab; er wird schmerzhaft, indem nunmehr auch das Atlimen nach und nach beschleunigter und erschwert wird. Man erkennt dies zuerst und am leichtesten an der stärkeren Bewegung der Nasenflügel, an dem Aufsperren der Nasenlöcher beim Einathmen und an dem auffallenderen Hervortreten der sehr thätigon Nasen-muskeln. Mit deutlichem Hervortreten der Athembeschwerden pflegen auch Fiebererschoinungen in verschiedenem Grade sich einzustellen. Das Auge wird matt, die Haare sträuben sich, die allgemeine Körper­wärme steigt, während an der Körperoberflächo die Temperatur un-gleichmässig vortheilt ist, und namentlich an den Hörnern, Ohren und Extremitäten öfter wechselt; die Eresslust mindert sich, die all­gemeine Körpertemperatur steigt noch mehr, das Wiederkauen lässt nach, der Koth wird seltener abgesetzt und niinnit eine trockenere
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Lungensouche des Hinde?.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;155
Beschaffeiilieit an, die Milchsocretion wird spärlicher oder hört auch wohl ganz auf. Mit der steigenden Athemheschwerde wird die Auf­nahme des Getränkes mühsam, von Husten unterhrochen; die Kranken werden im späteren Verlaufe von der inzwischen hochgradig ge­wordenen Atheinnoth sehr belästigt; sie strecken den Kopf und Hals nach vorn, stöhnen, stellen die Vordorfüsse weit auseinander, trip­peln mit den Hinterfüsson, sperren das Maul auf, sohäumen aus diesem und sterben schliesslich an Erstickung. Wenn die Kranken sich während des letzten Stadiums niederlogen, so geschieht dies nur für kurze Zeit und mit nach vorn gestreckten oder unterge­schlagenen Vorderfüssen auf das Brustbein; die Empfindlichkeit gegen Druck auf die Brustwandungen erreicht einen hohen Grad. Endlich können die Patienten sich nicht mehr auf den Beinen erhalten, sie liegen dann mit gestrecktem Halse und ofi'enem Maule, laut stöhnend, auf der Seite; es stellt sich vor dem tödtliohon Ende in der Regel ein übelriechender Durchfall ein.
Da das erste Stadium der Krankheit keine auffallenden, nament­lich keine charakteristischen Symptome bietet, so hat man dasselbe als das verborgene Stadium, „stadium occultumquot;, oder wegen seiner Fieherlosigkeit das „flebcrlose Stadiumquot; genannt. Dasselbe dauert drei Wochen bis drei Monate, unter Umständen noch länger. Auch kom­men Fälle vor, wo die Patienten in diesem Stadium bis zu ihrer Wiedergenesung verharren, so dass sie die Lungenseuche durchmachen, ohne an derselben offenbar zu erkranken. Wo die Ablagerungen in den Lungen fehlen, oder auf ein Minimum beschränkt bleiben, da pflegt der Verlauf der Krankheit ein so milder zu sein, dass sie äusserlich gar nicht in die Erscheinung tritt. Aus diesen Eigenthüm-lichkeiten erklärt es sich leicht, warum die Seuche in einem inficirten grösseron Bindviehstande häufig schon weiter um sich gegriffen hat, bevor dieselbe entdeckt wird.
Das zweite Stadium der Krankheit wird das offenbare: raquo;sta­dium appertumquot; oder das „fieberhafte1' oder, wegen seiner kürzeren Dauer, auch das „acutequot; genannt. Dasselbe dauert gewöhnlich eine bis drei Wochen, zuweilen auch viel länger, oder nicht so lange.
Der Uebergang aus dem ersten in das zweite Stadium erfolgt entweder allmählig, indem nach und nach die Erscheinungen deut­licher hervortreten ; oder der Uebergang erfolgt mehr plötzlich, so dass die heute noch für gesund gehaltenen Tiere bereits am fol­genden oder dritten Tage an der Lungenseuche offenbar erkrankt sind.
Für die Diagnose dieser Krankheit liefert die physikalische Untersuchung der Brust nicht selten werthvolle Aufschlüsse. Die­selbe besteht in der sogenannten „Auscultationquot; und „Percussionquot;.
1) Auscultation der Brust nennt man das Belauschen der Athom-geräusche von der Brustwand aus. Das Ergebniss derselben bei der Lungenseuche ist selbstverständlich nach der Ausbreitung und dem Grade der Krankheitsprozesse ein verschiedenes. Im Allgemeinen findet man;
a) vermindertes Bläschengeräusch, wenn nur wenig frisches
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] 56nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungenseuche des Rindes.
(noch flüssiges) Exsudat im intcrlobulilren Bindegewebe vorhanden ist, so dass die Lungenlilppchen noch wegsam sind;
b)nbsp; vollständige Kuho, Fehlen jedes Geräusches, bei völliger Un-wegsamkeit der Eläschen mit Füllung der Bronchien.
c)nbsp; Brouchialgcräusch, mehr oder weniger starkes Blasen; ähnlich demGaumenlauto „einquot; oder „chüquot;, wenn dieBronchien noch offen sind und mit einem greisseren Luftwege in Verbindung stehen, in welchem noch Luftströmungen nach einem gesunden Theile hin bestehen;
d)nbsp; Reibungsgorüusche, wenn eine mehr oder weniger dicke Ex­sudatschicht auf der Pleura liegt, wobei aber das Reiben nicht immer, sondern nur dann hervortritt, wenn die betreffende Lungenpartie noch theilweise wegsam ist und wirklich noch athmet. Das Exsudat auf stark hepatisirten Lungen verursacht kein Eeibungsgeräusch.
Bisweilen ist das eine oder das andere dieser Geräusche vor­handen, oft ist das Verhältniss gemischt, so dass an der einen Stelle dieses, an der anderen jenes Geräusch wahrgenommen wird.
An der gesunden Seite hört man stärkeres (verschärftes) aber sonst normales Bläschengeräusch.
Die im Kehlkopfe gebildeten Laute (Stöhnen) sind bei be­stehendem Bronchial-Athmen sehr deutlich an der Brustwand zu vernehmen (Bronchophonie).
2) Percussion der Brust nennt man die Erschütterung der Brust­wand durch Anklopfen mit der Faust oder mit einem geeigneten Hammer (Percussionshammer) und Plessimeter.
Bei unvollständiger Hepatisation, wo die Lungenläppohen zum grossen Theil noch lufthaltig sind, ist der Percussionston ein ge­dämpfter, matter; ist hingegen vollständige Hepatisation oder Wasser-erguss vorhanden, so ist an den betroffenen Stellen der Percussions­ton ein leerer — Sohenkelton; wenn an der percutirten Stelle ein kleiner Theil der Lunge noch mehr oder weniger lufthaltig ist, während in der Nachbarschaft Hepatisation besteht, so ist der Per­cussionston ein dünner, heller und doch matter, fast leerer.
Alle vorhin beschriebenen, klinisch wahrnehmbaren Krankheits­erscheinungen sind nn der Hand der durch die Lungenseuche be­dingten anatomischen Veränderungen theoretisch leicht zu erklären, dagegen in der Praxis keineswegs so leicht und sicher zu unter­scheiden. Dadurch kommt es, dass selbst der geübteste Diagnostiker häufig nicht im Stande ist, allein auf Grund seiner Wahrnehmungen am kranken Thiere einen Lungenseuchefall sicher zu diagnosticiren. Namentlich sind Verwechslungen mit anderen Brustleiden (/,. B. mit käsiger Pnoumonie, mit Echinokokken, selbst mit Herzkrankheiten vi. s. w.) ebenso häufig als verzeihlich.
In Stallungen, in welchen die Seuche bereits festgestellt ist, können Temperaturmessungen die Ermittelung lungenseuchekranker Individuen erleichtern. Man kann jedoch auch von diesem Mittel keine absolute Sicherheit erwarten, da dasselbe nur einen bedingten Werth hat. Es können ja auch in Viehbeständen, welche mit Lungen­seuche inficirt sind, ffleiohzeitifl andere fieberhafte Brastleidon vor-
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Lungenseuclie des Rindes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 157
kommen, die mit Luugenseuche nichts zu tliun haben. Temperaturen von über 39,5deg; 0. Lassen ein der Ansteckung ausgesetzt gewesenes Bind wohl als lungenseucheverdächtig erscheinen, jedoch muss dieser Verdacht noch durch anderweitige Symptome unterstüszt werden, um einen höheren Grad von Wahrscheinlichkeit zu erlangen.
Bei vorherrschendem und frühzeitigem Ergriffen sein des Herz­beutels, wo Herzbeutelwassersucht früher als eine umfangreiche Hepatisation sich ausbildet, kann sehr leicht eine Verwechslung mit einer gewöhnlichen Herzbeutel-Entzündung stattfinden.
In zweifelhaften Füllen wird häufig ein Aufschub der Diagnose für einige oder mehrere Tage oder Wochen und die Schlachtung des Patienten nothwendig werden. Es darf hierbei nicht unberück­sichtigt bleiben, dass die allgemeinen Interessen weniger geschädigt oder gefährdet werden, wenn allenfalls einmal ein lungenseuche-verdilclatiges Thier zum Zwecke der Sicherstellung der Diagnose un­schuldigerweise geschlachtet, als wenn die Sicherung der Diagnose zu lange versäumt wird.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf und Ausgang der Luugen­seuche ist ein sehr verschiedener. Fast von jeder Stufe der Ent­wicklung kann Besserung und schliesslich Genesung eintreten. Indess führt nicht jeder Stillstand, oder jede momentane Besserung zur Genesung; es kann jederzeit ganz unerwartet und plötzlich neuer­dings eine Zunahme der Krankheitserscheinungen in verschiedenem Grade eintreten, so dass ein lungenseuchekrankes Thier, dessen Re-convalescenz deutlich ausgesprochen zu sein schien, unter Umständen sogar schon nach 24 Stunden als Todescandidat erscheinen, ja selbst eine Leiche sein kann.
Erfolgt Genesung aus dem ersten Stadium, so pflegt dieselbe eine vollkommene zu sein.
Der Ausgang aus dem zweiten Stadium ist ein dreifach ver­schiedener, nämlich: der Tod, mehr oder weniger vollkommene Ge­nesung oder Abzehrung.
1)nbsp; Der Tod erfolgt in der Regel durch Erstickung, nachdem die Athembeschwerden allmählig einen hohen Grad erreicht hatten; derselbe kann aber auch unerwartet schnell eintreten, ohne dass er durch die Veränderungen in den Lungen herbeigeführt wird; es ist dies namentlich dann der Fall, wenn der Herzbeutel an der Er­krankung in höherem Grade mit betheiligt ist.
2)nbsp; Die Genesung kann je nach dem Grade der vorhandenen Degenerationen in mehr oder weniger langer Zeit, sowie mehr oder weniger vollkommen erfolgen; bei unvollkommener Genesung bleiben Athembeschwerden und Husten zurück, als Ausdruck der patho­logischen Veränderungen, welche nicht zur Rückbildung gelangten. Fieber und Athembeschwerden lassen nach, der Husten wird kräf­tiger, locker und ist gewöhnlich mit reichlichem Auswurf verbunden; derselbe verliert sich aber erst nach und nach, vollständig manch­mal erst nach langer Zeit.
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158nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lungenseuche des Eindes.
8) Auch der Abzehrung pflegen Erscheimingen von Besserung vorauszugehen; die Fieberersoheinungen und Schmerzen verlieren sich, der Appetit kehrt wieder, während die Störungen in der Respi­ration manchmal, aber nicht immer fortbestehen; früher oder später schreitet die Abzehrung stärker vor, welche nach einigen Monaten, oft aber erst nach einem halben Jahre, oder nach noch längerer Zeit zum Tode, führt.
Man nimmt an, dass etwa 30 Procent der an Lungenseuche er­krankten Thiere sterben, aber mindestens eben so viele wegen Nach-krankheiten u. s. w. geschlachtet werden müssen, so dass der Ver­lust im Ganzen auf 60 Prooent und mehr angeschlagen werden kann. Es kommen jedoch in dieser Beziehung sehr bedeutende Verschieden­heiten vor.
In Stallungen und Ortschaften, in welchen die Lungenseuche noch nie, oder seit langer Zeit nicht mehr geherrscht hat, tritt sie gewöhnlich bösartiger auf, als dort, wo sie schon heimisch geworden ist, oder erst vor Kurzem erloschen war. Thiere, welche im Anfange der Seuche erkranken, werden in der Eegel stärker ergriffen, als solche, welche unter sonst gleichen Verhältnissen erst später er­kranken ; kräftig gefütterte, gut genährte Thiere pflegen heftiger zu erkranken, als massig gut genährte Thiere, junge heftiger als alte, Stallvieh stärker als Weidevieh, namentlich bei günstiger Witterung.
Fragen wir nach dein Grunde jener Thatsachen, die sich so ziemlich bei allen ansteckenden Krankheiten wiederholen, so liegt die Vermuthung nahe, dass im Laufe der Zeit durch fortgesetzte Aufnahme von zunächst nur geringeren Mengen des Lungenseuche-giftes, also durch eine Art von Selbstimpfung, vorerst eine relative und endlich gar eine absolute Immunität gegen die schädlichen Wirkungen des betreffenden Giftes entsteht.
Nimmt man auch für die Lungenseuche Mikroorganismen als die eigentlishen Krankheitserreger an, so könnte man sich hier, wie bei anderen mikroparasitären Krankheiten, den Vorgang etwa so vorstellen, dass durch den allmähligen Durchgang fraglicher Para­siten durch den Körper eines für ihre Fortpflanzung geeigneten In­dividuums die Vermehrung jener nicht so stürmisch von statten gehe, dass dadurch auffallende Störungen in diesem verursacht werden. Das betreffende. Individuum wird so immer weniger geeignet, spä­teren Generationen der Krankheitserreger als günstiger Nährboden dienen zu können, wodurch dasselbe in geradem Verhältnisse immer mehr der Gefahr entrückt wird, durch das betreffende Krankheits­gift in bemerkenswerther Weise geschädigt werden ZU können.
Aus dem früher Gesagten ergibt sich einerseits, dass die Dauer eines concreten Lungenseuchefalles eine sehr verschiedene (von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten) sein kann; die Dauer der Seuche in einem grösseren Viehstande erstreckt sich häufig auf Monate und Jahre, wenn nicht strenge Massregeln zu ihrer Tilgung mit Energie und Consequenz durchgeführt werden.
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Lungenseuohc des Kintles.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;] 59
Pathologisch-anatomischer Befund. Greifbare Veränderungen finden sich in der Regel nur in den Lungen, an welchen sich die Erscheinungen einer interstitiellen und piu-enohymatösen Entzündung zeigen. Im Anfange der Krankheit findet man an irgend einer Stelle in der Mehrzahl der Fälle in der Mitte einer, seltener heider Lungen, das Zwischengewebe in verschiedener Ausbreitung serös in-filtrirt, Streifen von blassgolblicher Farbe bildend. Die interstitiellen Lymphgefiisse sind stark gefüllt und stellenweise thrombirt. Die Lungen läpp eben der erkrankten Lungenabschnitto sind von den in-filtrirten Bindegewebszügen umsäumt und deren Alveolen enthalten gewöhnlich etwas seröses Exsudat. Wenn die affioirte Lungenpartie nahe oder dicht an der Oberfläche liegt, so findet man den die Lungen überziehenden Theil der Brusthaut (pleura pulmonalis) ge­trübt, mit einem dünnen, feserstoftigen Exsudat beschlagen und das subseröso Bindegowebe in der beschriebenen Weise infiltrirt.
Der Krankheitsprozess schreitet von dem ursprünglichen In-fectionsherde aus oft weiter vor, so dass die seröse Infiltration des interstitiellen Bindegewebes grössero Dimensionen annimmt; die be­troffenen Lungenpartien worden dann durch weissgolbe Streifen von einigen bis mehreren Millimetern Breite durchzogen und durch diese die Lungenläppohen deutlich von einander geschieden. Letztere sind zu­nächst hyperämisch, ihre Alveolen zum Theil noch lufthaltig oder im Zustande der rothen oder gelben Hepatisation. Je nach der Ausbreitung dieser Prozesse erreicht die kranke Lunge ein Gewicht bis zu 50 Pfund und selbst noch darüber hinaus. Derartig ent­artete Lungen sind fest und derb (hepaf isirt), knistern beim Durch­schneiden nicht und zeigen auf der Schnittfläche ein eigenthümliches, marmorirtes Ansehen, bedingt durch die blassgelben Züge des pla­stisch infiltrirten Zwisebengewebes, welche die hepatisirten Lungen­partien in zahlreiche Felder scheiden. Ein marmorirtes Aussehen der Hepatisationen gilt für die Lungenseuche als charakteristisch und soll in der angegebenen Weise bei keiner anderen Krankheit unserer übrigen Hausthiere angetroffen werden.
Beim Schweine, dessen Lunge, wie bereits erwähnt, einen der Lunge des Rindes ähnlichen Bindegewebsroichthum besitzt, wird indess eine ähnliche derartige Marmorirung zuweilen ebenfalls beobachtet. Auch bei Ziegen und Pferden sollen Pällo von Pneumonic mit Mar­morirung der kranken Lvmgenabschnitte vorgekommen sein.
Ist der Lungenseucho-Prozess bereits in grösserer Ausbreitung bei den betreffenden Individuen vorbanden, so fohlt eine mehr oder weniger ausgebreitete Brustfellentzündung fast nie. Die Rippen­wandungen , sowie die Lungenoberflächo sind mit faserstoffigen Ge­rinnungen beschlagen , die oft eine bedeutende Mächtigkeit erlangt haben; in der Brusthöhle ist eine grössore oder geringere Menge Flüssigkeit vorhanden, welche grössero oder kleinere Faserstoff-gerinnungen in sehr verschiedener Menge enthält.
In den Luft röhren-Verzweigungen (Bronchien) ist gewöhnlich ein schaumiges Serum angesammelt; die feineren Zweige sind hie
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l(j(3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungenseuehe ties Rindes.
und da mit croupüsem Gerinnsel erfüllt. Die in dem erkrankten Lungenabsohnitte verlaufenden arteriellen Blutgefilsse sind theilweise thrombirt und die zu den verstopften Gefiissen gehörigen Lungen­abschnitte meist dunkelroth gefärbt.
In den späteren Stadien der Krankheit treffen wir die anfangs hyperämisehcn Lungenläppchen mehr oder weniger anämisch und verschieden verändert, ein Zustand, den man als „grauequot; Hepati-sation zu bezeichnen pflegt. — Weiterhin unterliegen die Exsudate und zum Theil auch die l'roducte der Neubildung der fettigen oder käsigen Metamorphose, oder sie verkalken.
Eine vollkommene Restitution des erkrankten Gewebes dürfte bei einiger, selbst wenig bedeutender Intensität des Entzündungs­prozesses bei Lungenseuche kaum jemals vorkommen. Denn wenn auch das fibrinose Exsudat in den Alveolen zur Resorption gelangt, so führt doch im interstitiellen Gewebe der Prozess stets zur Neu­bildung von Bindegewebe, das sich später retrahirt und Verkleine­rung resp. Atrophie der betroffenen Lungenläppchen bedingt.
In verschiedenen Fällen stellt sich in dem hypertrophischen interstitiellen Bindegewebe Eiterung ein, wodurch grössore oder kleinere Lungentheile von der Umgebung abgelöst und schliesslich von eingedicktem Eiter umgeben, in einer um dieselbe neu gebildeten Bindegewebskapsel eingeschlossen, nahezu unverändert angetroffen werden. In anderen Fällen tritt in solchen sequestrirten Lungen-theilen Fäulniss ein; sie zerfallen zu einer äusserst übelriechenden Masse, welche die Entstehung von Brand in der Nachbarschaft und in Folge dessen eine allgemeine Infection verursachen.
Wieder in anderen Fällen tritt Eiterung in den hepatisirten Lungenläppchen ein; die Eiterpunkte fliessen zu kleineren Eiter­herden zusammen, welche sich zu grossen Eiterhöhlen vergrüssern können. Zuweilen findet man mehrere kleine, durch das fibrös ver­dickte, interlobuläre Bindegewebe von einander getrennte, mit flüs­sigem oder eingedicktem Eiter gefüllte Abscosse.
Nicht selten kommt es zur Nekrose umschriebener infiltrirter Lungenstüoke, welche von der Umgebung losgelöst im Lungenparen-chym angetroffen werden. Wo die Birdegewebswucherungen überhand nehmen, kann es zur Verödung ganzer Lungenabschnitte kommen. Localisationen des Lungenseucheprozesses sollen manchmal auch nach natürlicher Infection ausserhalb der Brustorgane vorkommen. So hat Zündel in manchen Fällen ein faserstoffreiches Exsudat im Bindegewebe der Leber, besonders in der Umgebung ihrer Gefässe angetroffen. — Die Frage ob bei Hindern eine nicht contagiöse Pneumonic vorkommt, welche in gleicher oder ähnlicher Weise als interstitielle und parenchymatöse Entzündung sich gestaltet, ist noch nicht sicher entschieden.
Behandlung und Vorbeuge. Von einer medicinischen Behandlung lungenseuchekranker Thicre sehen wir hier vollständig ab, weil es kein Arzneimittel gibt, welches gegen die Krankheit irgend etwas leistet.
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Lungonseuche des Rindes,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;\Q\
quot;Wichtiger als die therapeutische Behandlung der einzelnen Krank-heitsfillle sind die Vorbeugungs- und Tilgungs-Massregeln gegen die Seuche. Dieselben werden sich wesentlich gegen die Krankheits-ursaohen zu richten haben, weshalb wir diese noch etwas nilher be­sprechen wollen. — Wie bereits erwähnt wurde, ist man über die Aetiologie der Lungenseuche getheilter Meinung, insofern haupt­sächlich zwei Ansichten einander entgegenstehen. Nach der einen Ansicht soll die Lungenseuche auch bei uns spontan entstehen können, während sie nach der anderen Ansicht überall, oder doch wenigstens bei uns, stets nur durch Ansteckung entstehen soll. — Ohne auf die dieserhalb geführten Kämpfe hier näher einzutreten, sei nur nochmals daran erinnert, dass bis jetzt niemals die Entstehung der Lungenseuche auf einem anderen Wege als auf dem der Ansteckung hat nachgewiesen werden können und dass man deshalb neu ange­kauftes, aus verdächtigen Gegenden stammendes Vieh, namentlich Händlervieh, mindestens einige Monate lang in einem abgelegenen Stalle isolirt unterbringen sollte.
Um die Seuche zum Erlöschen zu bringen, werden wir eines-theils die natürliche Uebertragung des Ansteckungsstoffes auf ge­sunde Kinder verhindern, oder gegen dessen Wirkung eine Immu­nität zu begründen suchen müssen. Was in ersterer Beziehung zu thun ist, wird durch die Vorschriften des Seuchengesetzes festgesetzt, die für Deutschland wahrscheinlich bald eine entsprechende Erweite­rung erfahren werden.
Wie bereits früher erwähnt wurde, begründet das einmalige Ueberstehen der Lungenseuche eine Immunität gegen die fernere Wirksamkeit ihres Ansteckungsstoffes in dem betreffenden Organis­mus; diese Immunität pflegt für das ganze übrige Leben des Indi­viduums fortzudauern.
Eine bereits vielfach discutirte, aber immer noch strittige Frage ist die, ob auch durch Impfung eine solche Immunität erzielt werden kann. Der 4. internationale Veterinär-Congress hat in seiner Sitzung am 13. September 188-3 in Brüssel folgende diesbezügliche Reso­lution angenommen:
„Es ist heute experimentell nachgewiesen, dass es möglich ist, das Rindvieh durch Impfung gegen Lungenseuche immun zu machen.quot; . . . „Es ist nicht erwiesen, dass ein geimpftes Thier die Lungenseuche auf ein gesundes Thier übertragen kann.quot;
Damit sind die Cardinalfragen zu Gunsten der Lungenseuche-Impfung von fraglichem Congresse beantwortet worden. Um den practisohen Werth dieser Impfung den thatsäohlichen Verhältnissen entsprechend beurtheilen zu können, muss man sich vor allen Dingen klar machen, in welchen Fällen überhaupt durch Impfung ein Nutzen erzielt werden kann. Niemand kann verständigerwoise verlangen, dass eine bereits auf natürlichem Woge erfolgte Infection durch die Impfung unschädlich gemacht, resp. die latent oder offenbar vor­handene natürliche Krankheit durch Impfung geheilt werde. Auch die Lungenseuche-Impfung ist kein Heilmittel, sondern ein Schutz-
Tütz, Cümpondluni dor Thiorhoilkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Jl
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102nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lungenseuchc des Rindes,
mittol. Da die Nothimpfungen in solchen Viehbeständen vorgo-nominell worden , in welchen die Seuche bereits constatirt wurde, oft schon längere Zeit hindurch latent oder offenbar geherrscht hat, so ist es für joden Unbefangenen selbstverständlich, dass nach solchen Nothimpfungen nicht selten noch mehr oder weniger zahlreiche Er­krankungen an Lungonseucho vorkommen, die bald nach kürzerer, bald erst nach längerer Zeit constatirt worden. Dass dies der Impfung nicht zur Last fallen kann, bedarf einem nüchternen und vorurtheilsfreien Denker gegenüber keiner weiteren Auseinander­setzung.
Es kommt aber nicht nur darauf an, wann, sondern auch wie geimpft wird. Es genügt natürlich nicht, den Impflingen irgend eine von lungenseucliokranken Thieren eiitnommene Lymphe sub-cutan einzuverleiben, sondern es muss die Impfflüssigkeit das Lungon-seuchogift in unverdorbenem, wirkungsfähigem Zustande onthalton und so eingeimpft werden, dass sie nicht sofort durch eine Blutung oder sonstwie wieder eliminirt wird.
Ich kann hier nicht in Details eintreten; ich bemerke deshalb nur, dass bis heute alle exact angestellten Versuche ausnahmslos für die Schutzkraft der Lungenseuche-Inipfung sprechen und dass dies sogar von den entschiedensten Impfgegnern auf dem Brüsseler Congresso nicht in Abrede gestellt worden ist. Ich selbst habe im Jahre 1881 im hiesigen landwirthschaftlichen Institute bei 88 Stück Rindvieh die Lungenseuclie-Schutzimpfiing (und zwar bei etwa 80 Impflingen zweimal) vorgenommen, während 9 Stück Rindvieh des­selben Stalles ungeimpft blieben. Am 28. October 1881 brach bei einem der 9 nicht geimpften Thiero dieses Viehbestandes die Lungon-seuche aus, worauf bei den übrigen 8 nicht geimpften Thieren die Nothimpfung vorgenommen wurde. Von diesen sind dessenunge­achtet noch 8 Stück erkrankt und bei der Section mit Lungonseucho behaftet gefunden worden. — Von den 38 vorgeimpften Thieren ist bis heute, also im Verlaufe von mehr als drei Jahren nach dem Ausbruche der Lungonseuohe in fraglichem Viehbestände auch nicht ein einziger Fall von Lungenseucho vorgekommen, obgleich dieselben mit hingonsouchekraiiken in demselben Stalle und bunt durcheinander gestanden haben. Von den Impflingen sind seither bereits eine grössere Anzahl geschlachtet und secirt worden, aber bei keinem einzigen hat sich irgend eine Spur von Lungenseuche gezeigt.
Das einzige Land, welches seither die Lungenseuche-Impfung als gesetzliche Massregel bei Tilgung fraglicher Landplage rationoll vorwerthot hat, ist Holland. Mit welchem Erfolge mag nachstehende (der amtlichen Statistik entnommene Thatsaohe) lehren, In dem bis zum Jahre 1878 so colossal verseuchten, ungemein rindviobreichen Brennereibezirke (Spoelingsdistriot) der Provinz Südholland ist es verschiedene Mal gelungen, die Lungonseucho durch eine gesetzlich geregelte Impfung bedeutend zu beschränken. Mit fortschreitender Abnahme der Lungenseuohefälle wurde die Beschaffung guter Lymphe immer schwieriger und schliosslich unmöglich. Dor nierdurch be-
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Lungenseuche des Rindes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;163
dingten Unterbrechung der Impfung aller neu eingeführten Einder folgte dann nach einigen Monaten jedesmal eine stärkere Zunahme der Lungenseuche.
Die Lungenseuche-Impfung ist somit aus naheliegenden Gründon für sich allein ebensowenig wie irgend eine andere Impfung im Stande, die radicale Tilgung der Seuche zu bewirken; dagegen ist sie ein sehr werthvolles Hülfsmittel, durch dessen geeignete Ver­wendung, neben anderen Tilgungsmitteln, die Bekämpfung derLungon-seuche mit verhältnissmässig geringen Kosten möglichst schnell und sicher gelingt. Die Zukunft wird dieser Thatsache allgemeinere Anerkennung verschaffen. Sollte es gelingen, das Lungcnseuchegift demnächst mitigiren zu können, so würde damit die Lungenseuche-Impfung an practischer Brauchbarkeit so bedeutend gewinnen, dass alle bisher gegen dieselbe vorgebrachten Einwendungen alsbald ver­stummen müssten.
Im Februar 1885 ist dem deutschen Bundesrathe ein Antrag Preussens, betreffend die Ergänzung und Abänderung einiger Be­stimmungen des Beichs-Viehseuchengesetzes vorgelegt worden. Die statistischen Erhebungen über die Verbreitung der Lungenseucho im preussischen Staate haben nämlich ergeben, dass die Erwartungen der Impfgegner „selbst in viehreichen Gegenden mit regem Vieh­wechsel, die Lungenseuche par force auch ohne Impfung tilgen zu könnenquot; unerfüllt geblieben sind. Nicht nur dass eine erhebliche Verminderung fraglicher Seuche in den stärker heimgesuchten Landes­gebieten seit dem Inkrafttreten des Viehseuchengesetzes (1875) nicht bemerkbar geworden ist, vielmehr zum Thoil eine Zunahnio der Verbreitung der Lungenseuche sich herausgestellt hat, sondern es sind auch in den früher von dieser Seuche gänzlich freigebliebenen, oder nur vereinzelt heimgesuchten Gebietstheilen in neuerer Zeit häufiger Lungenseuchefälle aufgetreten. Deshalb hat man sich end­lich entschlossen, auch die Impfung im Kampfe gegen diese Seuche mit zu Hülfe zu nehmen. Dem in Kode stehenden Antrage der preussischen Staatsregierung gemäss soll nämlich den Einzelstaaten die Befugniss eingeräumt werden, die Lungensouche-Impfung anzu­ordnen. Für solche Thiere, welche in Eolgo der unter gesetzlicher Controlo ausgeführten Impfung fallen, soll in gleicher Weise, wie für die wegen Lungenseuche auf polizeiliche Anordnung getödteten Thiere eine Entschädigung aus öffentlichen Mitteln gezahlt werden. Ausserdem sollen die in einem mit, Lungenseuche inficirten Vieh­bestände verbleibenden Thiere mit einem dauernd haftenden Kenn­zeichen versehen werden, um die Verbreitung der Krankheit durch derartige Thiere möglichst zu beschränken.
Es wird sich nunmehr zeigen, ob wir mit Hülfe einer ent­sprechend geregelten Impfung dem Ziele der Lungenseuchetilgung demnächst nicht näher kommen, als dies bis jetzt der Fall gewesen ist. Nothwcndig ist es natürlich, dass nur solche Thierävzte mit der Lungenseuche-impfnng beauftragt werden, welche eine gewisse Garantie bieten, dass sie dieselbe gewissenhaft und unter strenger
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1(54nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lungenseuche des Rindes.
Beachtung aller erforderlichen Requisite ausführen werden. So lange, wie seither, nicht selten mit verdorbener Lymphe oder gar, was wirklich vorgekommen sein soll, mit irgend einer indifferenten Flüssigkeit geimpft wird, ist es weder auffallend, noch unverständ­lich, sondern ganz erklärlich und selbstverständlich, dass mancherlei Misserfolge vorkommen. Um die Schwierigkeiten zu vermindern, welche die rechtzeitige Beschaffung einer guten Lungenseuchelymphe uns so häufig bereitet, wäre eine Trocknung guter Vorräthe dieses Impfstoffes bei 30 bis 35deg; 0. zu versuchen; ich bin der Meinung, dass das Lungenseuchegift ein derartiges Verfahren vielleicht eben so gut ohne jeden Nachtheil ertragen wird, als das Rausohbrandgift. Auch wird sich im Laufe der Zeit ergeben, ob und in wiefern frag­licher Krankheitsstoff mitigirt und die ganze Lungenseuche-Impf­technik vervollkommnet werden kann.
Schliesslich bemerke ich noch, dass die Frage „ob durch die Lungenseuche-Impfung der Ausbruch der natürlichen Krankheit bei nicht geimpftem, überhaupt bei nicht immunem Rindvieh, welches mit den Impflingen während des Ablaufes der Impfkrankheit zu­sammensteht, verursacht werden kannquot;, meiner auf eigene Beob­achtung gestützten Ansicht nach, bejaht werden muss. Da die Lungenseuche-Impfung nur in verseuchten Gegenden, mit grösseren Rindviehbeständen und mit regem Viehwechsel den Vorzug vor der Vernichtung des ganzen Infectionsherdes verdient, so ist die definitive Beantwortung dieser Frage für die Praxis nicht gerade von eminenter Bedeutung, da die betreffenden Viehbestände der Regel nach ganz und meist erst nach Ausbruch der Seuche in dem betreffenden Stalle oder in der Nachbarschaft geimpft und unter Stallsperre gestellt werden. Immerhin aber dürfte es sich empfehlen, dieser Frage unsere weitere Beachtung zu schenken.
Eine der Lungenseuche des Rindes in ihrem pathologisch-anatomischen Befunde ähnliche Pneumonomycose hat Roeekl im 10. Bd. der deutschen Zeitschrift für Thiermedicin beschrieben. Roeekl fand in den Lungen einer Kuh zahlreiche isolirte, etwa hanfkorngrosse, scharf umschriebene Knötchen, und ausserdem die Krscheinungen einer umfangreicheren Hepati-sation mit leichten Veränderungen der Serosa (Pleuritis fibrinosa). Die Knötchen enthielten im Centrum einen deutlich abgegrenzten miliaren Kern, welcher bei der mikroskopischen Untersuchung als ein Schimmel-pilzrasen sich erwies. In der Umgebung dieser Knötchen fanden sich häufig kleinere Kxtravasate, bezw. roth hepatisirte Stellen.
An den in mehr diffuser Weise veränderten Lungenabschnitten zeigte sich neben den Erscheinungen der Hepatisation ganz besonders noch ein inartnorirtes Bild der Schnittfläche, welches durch starke Ausdehnung der Maschenräumo der interlobulären Bindegewebszüge infolge entzündlicher Infiltration einerseits, sowie durch Blutungen und Lymphostasen anderer­seits hervorgerufen war. Dadurch wurde ein der Lungenseuche so ähn­liches Bild vorgetäuscht, dass dieser Fall mit Lungensouche verwechselt worden war und veterinär-polizeiliche Massregeln angeordnet, alsbald jedoch wieder aufgehoben worden waren.
Auf der Bronchialscbleimhaut fanden sich, besonders an den Theilungs-stellen, vereinzelte flache, 5-8 mm im Quadrat umfassende Geschwüre,
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Druse der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 165
welche mit krümligen Zerfallsmassen bedeckt waren. Die Lungengefasse enthielten vielfach an den hepatisirten Abschnitten geschichtete Thromben. Roeckl glaubt als Ursache dieser Erkrankung einen Schimmelpilz, wahrscheinlich „Aspergillus fumigatusquot;, erkannt zu haben.
Die Druse der Pferde.
Die Druse ist eine Jugendkrankheit, welche vorzugsweise durch eine grosse Disposition zur Eiterbildung im Unterhautbindegewebo und in verschiedenen Körpertheilen, sowie durch reichliche Schleim-secretion der Respirationsschleimhaut, besonders in ihren oberen Abschnitten, sich charakterisirt. Diese Krankheit ist dem Pferde-geschlechte eigenthümlich und kommt bei demselben vorzugsweise im Alter von 2 bis 4 Jahren vor.
Aetiologie. Eine Veränderung in der Lebensweise oder im Aufenthalte ist meist schon ausreichend, um bei Pferden im jugend­lichen Alter resp. vor vollendetem Wachsthum Druse hervorzurufen. Am leichtesten werden solche Individuen von Druse befallen, welche vor dem Verkaufe mastig, aber nicht kräftig gefüttert wurden. Demgemäss sehen wir, dass Handelspferde häufig mit Druse behaftet sind. Es kann als ziemlich sicher gelten, dass die Druse eine mias-matisch-contagiöse Krankheit ist, deren Ansteckungsstoif bis jetzt noch nicht näher erkannt ist.
Die Pferde Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Hollands und Englands erkranken im Allgemeinen leicht an Druse, besonders aber Zugpferde, sowie überhaupt Thiere gemischter Kaoon. Pferde constanter Eacen, orientalische und ungarische Pferde etc., sind der Krankheit qu. weniger unterworfen. In sehr nördlich, sowie in südlich gelegenen Ländern ist die Druse selten; ebenso bei Eseln und bei den Bastarden von Pferd und Esel.
Von manchen Autoren wird der Druse eine blutreinigende Be­deutung beigelegt. Es ist bekannt, dass bei jungen Thieren die Zahl der weissen Blutkörperchen zu den rothen sich verhält wie 5 bis 6 : 1000 und beim Ausbruch der Druse soll sieh dieselbe sogar wie 20 : 1000 verhalten, während sie bei vollkoninien ent­wickelten Pferden wie 2 bis 3 ; 1000 sich verhält. Durch die Eiterungsprozesse, sowie durch die reichliche Schleimseoretion der Respirationsschleimhaut soll der Ueberschuss von weissen Blutkör­perchen aus dem Blute entfernt werden, so dass ihr Zahlenver-hältniss nach Ablauf der Druse sich bedeutend verändert und dem von 2 bis 3 : 1000 sich genähert habe.
Eine bis jetzt noch streitige Präge ist die: ob die Druse ein und dasselbe Individuum nur einmal oder öfter im Leben befallen kann, resp. ob Pferde über 5 bis 6 Jahre überhaupt von Druse befallen werden können.
Die Antwort auf die Präge fällt verschieden aus, je nachdem man das Wesen der Druse definirt. Ich hin der Meinung, dass Druse eine Jugendkrankheit sei, etwa in dem Sinne, wie Scharlach
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1G6nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Druse der Pferde.
und Masern des Menschen. Ich halte die Möglichkeit einer Er­krankung älterer Pferde an Druse eben so wenig für ausgeschlossen, als die Möglichkeit einer Erkrankung älterer Personen an Scharlach und Masern. Thatsache ist, dass auch bei älteren Pferden, wenn­gleich verhältnissmässig selten, mit Katarrh der llespirationsschleim-haut eine gutartige Eiterbildung im Kehlgange u. s. w. verbunden auftreten kann. In neuerer Zeit hat man die Druse des Pferdes auch wohl als „Pferdescharlachquot; bezeichnet und dies durch gewisse Analogien mit dem „Scharlach des Menschenquot; zu begründen ver­sucht (Zschokke).
Nach der Dauer und dem Verlaufe der Krankheit hat man eine „acute und chronischequot; Form, sowie eine „gutartige und be­denkliche oder bösartigequot; Druse, nach dem Charakter der Krankheit eine „entzündlichequot; und eine „torpidequot;, nach dem Verlaufe eine „regelmässigequot; und eine „unrogehnässigequot;, nach der Zusammen­setzung eine „einfachequot; und eine „complicirtcquot;, nach ihrer Verbrei­tung eine „sporadischequot;, „en/ootischequot; oder „epizootischequot; Druse unterschieden. Eine Erklärung dieser Bezeichnungen ist überflüssig.
Diagnose und Verlauf. Die gewöhnlichen Erscheinungen der Druse sind im Wesentlichen folgende: Nasenkatarrh mit mehr oder weniger umfangreicher Goschwulst entzündlicher Natur, im subcu-tanen Bindegewebe zwischen den beiden Unterkieferästen. Der Nasonausrtu-ss ist zunächst klar und wässerig, später wird er eiter­artig, klebrig und grauweiss. Auch die Augenlidbindehaut, sowie tiefere Abschnitte der Respirationsschleimhaut erscheinen häufig katarrhalisch afficirt. Nicht selten ist neben der Schleimhaut des Kehlkopfes und der Luftröhre auch die des Rachens afficirt, so dass neben mehr oder weniger heftigem Husten beschleunigtes, unregel-mässigcs Athmen, sowie Schlingbeschwerden in verschiedenen Graden sich bemerkbar machen. Die Ohrdrüsongegend ist in solchen Fällen gegen Druck mehr oder weniger empfindlich, manchmal ange­schwollen. Diese Schwellung verlierti sich zuweilen wieder, ohne dass es zur Eiterung kommt. Manchmal aber tritt mit der Eiterbildung im Kehlgange solche auch im Bereiche der Ohrdrüsengegend auf. Die Abscesse treten zuweilen vereinzelt, manchmal aber auch in grösserer Anzahl auf; im letzteren Falle sind die einzelnen Eiter­herde kleiner, können aber durch Confluenz grosser werden. Mit der fortschreitenden Gewebsschinelzung wird schliesslich auch die äussero Haut durchbrochen und so der Eiter nach aussen entleert. Letzterer ist gelblichweiss, rahmartig, stellenweise etwas blutig. Solche Abscesse können aber auch nach der Rachenhöhle oder nach der Maulhöhle hin durchbrechen und mehr oder weniger erhebliche Störungen verursachen. Meist nehmen Nasenausfluss und Schling­beschwerden nach Entleerung der Abscesse ab, der Appetit pflegt besser zu werden und das bis dahin vorhandene Fieber nachzulassen.
Die Dauer der Krankheit beträgt bei dem soeben geschilderten regelmässigen Verlaufe ca. 2 bis 4 Wochen. Ungünstige Verhält-
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Druse der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;1(37
nisse bedingen indess mancherlei Abweichungen von diesem Ver-lanfe und können eventuell noch in der Reconvalescenz Kückfillle mit oder ohne Oomplioationen nach sich ziehen. — Es kommen aber auch Fälle vor, wo trotz der besten Pflege die Eiterbildung nicht zum Abschlüsse kommen will, so dass zuweilen in den ver­schiedensten Knrpertheilen Abscesse entstehen und das Leben des Patienten bedrohen, oder wirklich zu Grunde richten. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn die Eiterung eine zu grosse Aus­breitung gewinnt, oder uncntbelirliche Kürpertheile zerstört, oder aber wenn eine sogenannte „Eitervergiftung (Pyämie)quot; zu Stande kommt. Abscesse in den Gelenken oder in edlen inneren Organen sind besonders gefährlich.
Dass durch derartige Complicationen das Krankheitsbild sich mannigfach ändern kann und muss, liegt sehr nahe. So können die Backen, Nasenflügel und Vorderlippe in Mitleidenschaft gezogen und dadurch die Futteraufnahme erschwert werden. Bilden sich Blässchen und Geschwürchen an genannton Körperthoilen, so wird dadurch leicht Rotzverdacht vorgetäuscht, namentlich wenn solche Bläschen oder Pusteln auch an verschiedenen anderen Körperstellen auftreten und wenn Anschwollungen im Bereiche der Lymphgefilsse, der Lymphknoten, sowie Petechien oder Ulcerationen auf dor Nasen-sohleimhaut sich zeigen.
Der Katarrh der Respirationsschleimhaut kann sich über die oberen Partien derselben hinaus weiter ausbreiten, so dass auch die Luftsäcke, die capillaron Bronchien u. s. w. mit ergriffen werden. Bei Füllung des einen oder anderen, oder beider Säcke mit Schleim wird die Ohrdrüsongogend sich mehr oder weniger hervor wölben, wobei Schling- und Atheinbeschwerden in verschiedenem Grade verursacht werden können. Beim Horandrücken des Kopfes gegen das Brust­bein hin pflegt ein grösseres Quantum Schleim auszufliesson u. s. w. Bei capillarer Bronchitis werden besonders die Atheinbeschwerden sich wesentlich steigern. Es würde zu weit führen, wenn ich hier die verschiedenen Krankheitsbilder einzeln auch nur in ihren all­gemeinsten Umrissen zeichnen wollte, welche durch die zahlreichen Complicationen zum Ausdruck gelangen können.
Mit dem Hervortreten von Entzündungscrschoinungen und Eiterungsprozessen in der Brusthöhle, oder an einer anderen Kör­perstelle , treten die Erscheinungen des Nasenkatarrhes und der Schwollung oder Eintorung im Kehlgange manchmal plötzlich zu­rück. Man hat diese Form der Krankheit „verschlagene Drusequot; genannt. Tritt ein öfterer Wechsel in diesem Hervorbrechen der Erscheinungen an einer anderen Körperstolle auf, so pflegt man die Krankheitsform als „wandernde Drusequot; zu bezeichnen.
Dass durch solche neue Eruptionen dos Krankheitsprozesses an verschiedenen Körperstellen der Verlauf des Leidens sich in die Länge zieht und ein mehr oder weniger chronischer wird, liegt sehr nahe. Demgemäss spricht man von „acuter odor gutartiger Drusequot; und von .chronischer und bösartiger Drüsequot;. Es ist zu
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108nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Druse der Pferde.
bemerken, dass die beiden letzteren Bezeichnungen sich nicht immer decken, da eine Druse sich in die Lilnge ziehen und damit chronisch werden kann, ohne eigentlich bösartig zu sein. Dieser Charakter wird im Allgemeinen erst durch folgende Erscheinungen ausgedrückt:
Der Nasenausfluss ist von schlechter Beschaffenheit, flockig, grünlich-gelb und zuweilen übelriechend. Die Nasenschleimhaut erscheint verwilssert, mit gelblichen oder röthlichen Flecken resp. Striemen besetzt. Die Geschwulst im Kehlgange ist hilufig umfang­reich, ödematös, kalt, schmerzlos und zeigt keine Neigung zur Eiterbildung. Die Kehlgangslymphdrüsen sind stark geschwellt, hart und unempfindlich gegen Druck. Nicht selten sind auch die Lymphgefässe der Nachbarschaft mit ergriffen, strangförmig ge­schwellt und mit Knoten versehene ödematöso Anschwellungen, ähnlich wie beim Wurm, kommen öfter an verschiedenen Körper­stellen vor, so z. B. am Halse, im Bereiche der Brust und des Widerristes, an den Gliedmassen, oder gar in tiefer gelegenen Organen, wie in der Ohrdrüse, in der Achsel- und in anderen Lymphdrüsen, in den Hoden, in den Organen der Brust- und Bauch­höhle, selbst in der Schädelhöhle u. s. w. Dass demgemilss die Gefahr für das Leben des Patienten ebenso verschieden sein wird, wie das Bild der Krankheit, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung.
Auch bei der bösartigen Druse verschwinden die Geschwülste nicht selten an der einen Stelle, während solche an einer anderen wieder hervorbrechen. Kommt es an irgend einer Stelle zur Ei­terung, so trägt diese einen üblen Charakter, der Eiter ist dünn­flüssig, arm an Eiterzellen, überhaupt von sohlechter Beschaffenheit. Von den inneren Organen werden am häufigsten die Brustorgane mit afficirt, so dass asthenische Lungen- und Brustfellenzündung, capilläre Bronchitis u. s. w. sich einstellen. Zuweilen aber wird auch der Verdauungsapparat in unverkennbarer Weise mit ergrifl'en. Verstopfung, Darmkatarrh, selbst Diarrhöe u. dergl. machen sich in höherem oder geringerem Grade bemerkbar. — Auch Gelenkentzün­dung, Augenentzündung, wobei zunächst die Conjunctiva betheiligt ist, Gehirnerscheinungen u. s. w. können als Complicationen auftreten. Früher glaubte man, dass Druse in Rotz übergehen könne und unter­schied demgemäss noch eine „verdächtige Drusequot;. Bei Besprechung der Rotzkrankheit wird hierüber das Nöthige gesagt werden.
Die Druse mit unregelmässigem Verlaufe kann Wochen, ja Monate lang dauern. Manchmal erholen sich die Patienten einiger-massen, behalten aber noch längere Zeit ein glanzloses struppiges Haar; in manchen Fällen bleiben ausserdem Abmagerung und Husten ebenfalls fortbestehen, so dass die Reconvalescenz sich sehr in die Länge zieht.
Prognose. Die Prognose ist im Allgemeinen günstig; nur bei unregelmässigem Verlaufe und bei schweren Complicationen zieht sich die Krankheit in die Länge und endet zuweilen tödtlich oder hinterlässt Athembeschwerden oder andere Störungen.
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Pathologisch-anatomischer Befund. Am Cadaver finden sieh, aussei- den vorhin geschilderten Ziiständen des Katarrhs und des eiterigen Zerfalles, entweder die Befunde der Pyilmie (s. diese) oder einer anderweitigen tödtlich verlaufenen Complication.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung ist nach der Form der Krankheit verschieden. Bei regelmilssigem Verlaufe ist jede arzneiliche Behandlung nicht nur überflüssig, sondern eine Verschwendung von Arbeit, Zeit und Geld. Vermeidung jeder Gelegenheit zu Erkältungen, frische gute Luft, gleichmässige mittlere Temperatur, reichliche und trockene Streu, bei starker Schleim­und Eiterabsonderung nahrhaftes, aber leicht verdauliches Putter sind wesentliche Bedingungen für den normalen Ablauf der Krank­heitsprozesse. Bei guter, massig warmer Witterung können die Patienten sich im Freien bewegen, während sie bei nasser Witterung im Stalle gehalten werden müssen. Bei kalter Witterung muss man die Thiere eindecken. An frischem Wasser lasse man es nicht fehlen; man kann demselben kleine Gaben Brechweinstein (täglich 2 bis 8 gr) zusetzen, namentlich wenn die Verdauungsthätigkeit einer Anregung bedarf. Den Brechweinstein löse man vorher in destillirtem oder gekochtem Wasser auf und setze die Verabreichung desselben aus, sobald Kollern im Darmcanale, oder gar Durchfall eintritt. Die früher so beliebten Drusenpulver leisten wonig. — Aderlässe sind mindestens entbehrlich, in vielen Fällen geradezu schädlich. Dieselben dürfen nur dann gemacht werden, wenn die Druse mit irgend einem anderen Uebel complicirt ist, welches eine Blutentziehung erheischt. — Fontanelle oder Harseile sind meist überflüssig; ob sie jemals bei Druse einen positiven Nutzen zu gewähren vermögen, ist sehr zweifelhaft. Bei kräftigen, gut ge­nährten Thieren, wo es auf einen etwas grösseren Säfteverlust nicht ankommt, mögen sie zur Beförderung eines localen Eiterungs­prozesses applicirt werden. Ob diese örtlichen Reize aber im Stande sind, die Eiterung bei der Druse auf den Ort des Fontanelles, resp. Haarseiles zu beschränken, erscheint mir immerhin fraglich.
Die Geschwulst im Kehlgange, sowie an anderen Körperstellen wird zweckmässig mit irgend einem Fett eingerieben und womöglich durch Aufbinden eines wollenen Lappens oder Thierpelzes wann gehalten. Ist die Neigung zur Eiterbildung gering, so kann die­selbe gefördert werden durch zweckmässige Verwendung der feuchten Wärme. Die demgemäss vielfach empfohlenen warmen Breium­schläge verlangen indess viel Flelss und Aufmerksamkeit; werden dieselben in nachlässiger Weise gemacht, so können sie schaden, statt zu nützen. Ich ziehe es deshalb im Allgemeinen vor, die­selben durch Einreibungen und Warmhalten der betreffenden Theile zu ersetzen. Fett oder Altheesalbe mit gleichen Theilen Lorbeeröl, in hartnäckigen Fällen Cantharidensalbe, sind die Mittel, deren ich mich zur Reifung des Abscesses meist bediene. Die Abscosse über-lässt man bei normalem Gange der Dinge am besten sich selbst.
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170nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Di-use der Pferde.
Das Aufschneiden derselben ist nur dann rathsam, wenn ihr spon­taner Durclibruoh nicht erfolgt, oder wenn Athenmoth u. dergl. einen operativen Eingriff nöthig machen. Waren die Abscesse vor ihrer Eröffnung ordentlich reif, d. h. war die Schmelzung des Gewebes bis in die Nähe der äusseren Haut vorgedrungen, so er­folgt später die quot;Vernarbung schneller und vollkommener, als nach Eröffnung unreifer Abscesse. Der Eiter muss täglich einigemale aus der Hautwunde herausgepresst, die Abscesshöhle mit Carbol-wasser ausgespritzt und demnach die äussere Haut im Dereiche der Wunde schonend abgetrocknet werden. So lange Schwellung im subcutanen Bindegewebe oder in den Lymphdrüsen besteht, können die Einreibungen von Fett, oder einer gelind reizenden Salbe fortgesetzt werden. — Reinigung der Krippen, Decken, Haufen, Barren etc. wird bei drusenkranken Pferden öfter nöthig.
Bei starker und lange andauernder Eiterung ist eine besondere Aufmerksamkeit der Verdauungsthätigkeit und der Ernährung des Patienten zuzuwenden. Störungen jener sind entsprechend zu be­handeln, wobei bittere und aromatisch-bittere Mittel meist eine Hauptrolle spielen. Um die Bildung rother Blutkörperchen zu fordern, kann man kleine Mengen Eisen innerlich verabfolgen. Zu diesem Zwecke genügt es, täglich 1 gr Eisenvitriol in Wasser ge­löst, allenfalls mit dem Trinkwasser, oder mit anderen entspre­chenden Mitteln verbunden, zu verabreichen.
Nach den vorhin gegebenen Verhaltungsmassregeln über die Behandlung drusonkranker Pferde bedarf es wohl kaum der näheren Auseinandersetzung, dass und weshalb nicht zu viele Patienten in einem Stalle beisammen stehen dürfen. Besonders aber sorge man dafür, dass Pferde mit bösartiger Druse isolirt werden, da der bös­artige Charakter der Krankheit leicht übertragen werden kann.
Zuckerstoffhaltige und aromatische Mittel, sowie Salmiak, Ter­pentin u. s. w. stehen im Rufe, den Ausbruch der Druse zu er­leichtern und zu befördern. Obgleich ich im Ganzen auf den Ge­brauch dieser oder anderer Drusenmittel nur sehr wenig Werth lege, so will ich doch der Vollständigkeit halber hier einige als wirksam empfohlene Verbindungen von Arzneimitteln anführen. Im ersten Stadium der Krankheit, also vor dem Eintritt einer reich­lichen Secretion der Schleimhäute, habe ich früher ohne Nachtheil und wahrscheinlich auch ohne besonderen Nutzen folgende Latwerge verordnet:
Brechweinstein . . . 8,00
Glaubersalz.....400,00
Süssholzwurzel. . . . 120,00 mit Wasser zur Latwerge gemacht, alle 2 Stunden so gross wie ein Entenei einzugeben.
Nach Eintritt der Schleimsecretion verordnete ich gewöhnlich:
Brechweinstein . . . 8,00
Salmiak......60,00
Glaubersalz.....200,00
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Rotzkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 171
Penchelsameu oder Dillsumen, oder aber:
Waohholderbeeren .... 100—150 gr Althee oder Siissholzwurzel .nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 120 gr
mit Wasser zur Latwerge gemacht und zwoistündliuh ein Hühnerei gross einzugeben.
Selbstverstilndlich müssen alle Arzneikörper fein pulverisirt sein, bevor sie unter einander gemengt und mit Wasser zur Latwerge gemacht werden. Etwaige Nachkrankheiten verlangen eine ihrer Natur entsprechende Therapie. Nach der Iteconvalesoenz noch fort­bestehende Hartschnauflgkeit ist meist nur durch die Tracheotomie zu beseitigen.
Druse der Büffel. Unter dem Namen „Druse (Carbone)' haben verschiedene italienische Autoren eine Krankheit der Büffel beschrieben, welche unter diesen Thieren in Italien alljilhrlich grosse Verluste zu verursachen scheint. Nach den Mittheilungen Oreste's hat dieselbe mit der Druse der Pferde nur die Geschwulst im Kehl­gange gemein. Diese breitet sich indess um den Schlund- und Kehlkopf aus und zieht sich längs der Luftröhre hin. Derartige Geschwülste finden sich auch an anderen Körperstellen und sind, wie sich aus der Section ergibt, den Anthraxcarbunkoln ähnlich. Durch einfaches Beisammenleben gesunder und kranker Thiere scheint die Krankheit nicht anzustecken, während sie durch Impfung auf verschiedene Thierspezies übertragen werden kann (Pferde, Rinder, Schafe und Kaninchen). In manchen Dingen zeigt sich eine grosse Aehnlichkeit mit Anthrax, indess betont Oreste das Fehlen von Bactoridien oder Mikrokokken im Blute, sowie der Milzschwellung.
Diese Krankheit ist wahrscheinlich von localen Schädlichkeiten (Miasma) abhängig; unter den im hiesigen landwirthschaftlichen Institute gehaltenen Büffeln habe ich dieselbe nie gesehen.
Die RotzkraBkheit.
Die Rotzkrankheit ist eine ansteckende, in der Regel unheil­bare Krankheit, welche vorzugsweise häufig unter den Einhufern auftritt, aber keineswegs diesen allein eigenthümlich ist, wie früher vielfach geglaubt und behauptet wurde, sondern auf verschiedene andere Thiergattungen, sowie auf den Menschen übertragen werden kann, Die klinischen Erscheinungen dieser Krankheit können mannigfach verschieden sich gestalten, so dass dadurch mehrere, äusserlich einander nur wenig ähnliche Formen entstehen, welche indess ihrem eigentlichen Wesen nach gleich sind, insofern der An­steckungsstoff der einzelnen Formen in seinen Wirkungen derselbe ist, und je nach Umständen bald diese, bald jene Rot/.form erzeugt.
Aetiologie. Die Ansichten über die Natur und das Wesen der Rotzkrankheit haben mehrfach gewechselt. Bald glaubte man, dieselbe beruhe auf einer lymphatischen oder anderweitigen Dys-
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172nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rotzkrankheit.
krasie, bald hielt man sie für eine Tuberculose, ilhnlich der Tuber-culose des Menschen, bald für eine Scrophulose etc. etc.
Erst in neuerer Zeit wurde eine richtigere Erkenntniss durch Virchow angebahnt, indem derselbe zuerst darauf hinwies, dass die dem Rotze eigenthümliohen „Rotz- und Wurm-Knotenquot; aus einer zelligen Wucherung hervorgehen, welche „Rotztuberkelquot; genannt werden. Die Contagiositilt der Rotzkrankheit wurde lange Zeit hindurch, in Prankreich noch bis gegen die Mitte dieses Jahr­hunderts, bestritten, ist indess jetzt allgemein anerkannt.
Die eigentliche primäre Ursache dieser Contagion wurde schon seit einiger Zeit in einem pflanzlichen Mikroorganismus gesucht. Diesen zuerst nachgewiesen zu haben, ist das Verdienst von Schütz und LöfFler.
Die Rotzkrankheit kommt in allen Zonen vor; ihre grössere oder geringere Verbreitung ist vorzugsweise von den Verkehrs- und Handelsverhältnissen der verschiedenen Länder, sowie von der Art der Seuchentilgung abhängig. Bei jungen und kräftigen Pferden soll die Empfänglichkeit für die Rotzkrankheit geringer sein, als bei alten, abgelebten, durch schlechte Pflege und Ernährung herunter­gekommenen. In Kriegszeiten pflegt die Rotzkrankheit, namentlich unter dem Pferdebestande der mobilen Armee, eine grössere Ver­breitung zu erlangen. Bei den mit der Immobilisirung verbun­denen Pferdeauctionen kommen dann stets mit oecultem Rotz behaftete Pferde zum Verkaufe, wodurch die Krankheit in Privat­stallungen weiter eingeschleppt wird. Dass Füllen seltener an Rotz erkranken als ältere Pferde, bat jedenfalls seinen Grund zum Theil darin, dass jene seltener mit fremden Pferden in Berührung kommen, somit der Infection weniger ausgesetzt sind. Bei Ausbruch der Rotzkrankheit in Gestüten oder Fohlenhöfen greift die Krankheit unter den Fohlen ebenso um sich, wie unter den Pferden.
Der AnsteckungsstofF ist fixer und flüchtiger Natur, seine Le­bensfähigkeit im Allgemeinen gross, so dass die Desinfection mit Rotzgift verunreinigter Gegenstände (Stallungen, Geräthschaften, Bekleidungsgegenstände, Fourage u. s. w.) mit grosser Sorgfalt ausgeführt werden muss. Die Flüchtigkeit des Rotzcontagiums hat man in früherer Zeit nicht genügend gewürdigt. Heute aber weiss jeder erfahrene Sachverständige, dass Rotzinfectionen bei Pferden, welche mit einander einen Stall bewohnen, per Distance nicht ganz selten vorkommen und dass auch für Menschen das Schlafen in einem Stalle, in welchem rotzige Pferde sich befinden, keineswegs ungefährlich ist. Es scheint aber, als wenn das flüchtige Oontagium der Rotzkrankheit auf grössere Entfernungen hin in der athmosphärischen Luft sich nicht wirksam zu erhalten vermag.
Pathogenis und Anatomie. Die eigentliche Rotzkrankheit hebt stets mit der Rotzknötchen-Neubildung an und zwar ist die Schleimhaut des Respirationsapparates, das subeutane Bindegewebe und die äussere Haut der gewöhnliche Sitz derselben. Zuweilen
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Rotzkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 173
treten sie auch wohl im Bindegowebe an anderen Orten und in zweiter Linie in dem Lymphgefässsysteme auf. — Am häufigsten wird das Lungengewebe, die Schleimhaut der Nasensoheidewand, demnach die der Nasenmuscheln und der Kieferhöhlen, dann das suboutane Bindegewebe befallen; an letzteres reiht sich das Haut­gewebe an. Eine bis jetzt noch völlig dunkle Eigenthümlichkeit der llotzprozesse besteht darin, dass dieselben in weitaus der grossen Mehrzahl der Erkrankungen nur in einer Körperhälfto — und zwar etwas häufiger in der linken, als der rechten — beobachtet werden. Obgleich die zum Aufbau dieser Knötchen verwendeten ßundzellen in ihrer Form nichts besonderes zeigen, letztere vielmehr den Gra-nulationszellen und den Eiterkörperchen vollkommen gleich er­scheinen, so sind dieselben doch „Rotzzellenquot; benannt worden. Die ßotzneubildungen sind von sehr verschiedener Lebensdauer, die vielleicht von dem verschiedenen Reichthum an Zellen und Zwischensubstanz, sowie von der Beschaffenheit der letzteren ab­hängt. Dieselbe ist meist weich, fast flüssig, zuweilen jedoch ziem­lich derb. Je zellenreicher ein Knötchen ist, um so trüber erscheint dasselbe. Frische Rotzknötohen sind grau und bestehen aus kleinen Zellen, ältere sind gelb und enthalten gleichzeitig grössere Zellen. Der Untergang der Rotzzellen erfolgt entweder mit oder ohne Zer­fall der Intercellularsubstanz und des Bindegewebsgerüstes.
Im ersteren Falle tritt eine Continuitiitsstörung (Geschwür-und Höhlenbildung) ein, indem die dicht zusammengeschichteten, durch nur wenig Intercellularsubstanz von einander geschiedenen Rundzellen von ihrem Centrum aus zerfallen.
An diese Vorgänge reiht sich in zweiter Linie die Infection der mit der rotzig erkrankten Körperstelle in Verkehr stehenden Lymphgefässe und Lymphdrüsen. Von dieser zunächst gelegenen Lymphdrüsenstation wird das Rotzgift dann später weiter verbreitet. Aber auch in den Lymphbahnen ist das Fortschreiten des Rotz­prozesses so lange ein langsames, als sich nicht gleichzeitig ander­weitige aecute Zerstörungsprozesse mit den Rotzprozessen verbinden. Die Erkrankung der Lymphgefässe besteht oft nur auf einer kurzen Strecke, ohne dass die betreffende Lymphdrüse, wenn dieselbe nicht in der Nähe liegt, sofort afficirt wird. Schliesslich jedoch erkrankt sie in jedem Falle, sie schwillt an und ist anfangs schmerzhaft. Im ersten einfach hyperplastischen Stadium der Rotzinfection erscheint der betreffende Lymphknoten auf dem äusseren Durchschnitte anfangs glänzend, durchscheinend und röthlich, oder blassgrau, später trocke­ner und weniger glatt, kleine weisse Flecke oder Striche auf der Schnitt­fläche zeigend; zuweilen sind auch kleine punktförmige oder grössere blutige Infiltrationen des Drüsengewebes vorhanden. Noch später wird die erkrankte Lymphdrüse derber, ihre Schnittfläche ist sammet-artig, von verschiedener grau-weisslicher oder röthlicher Farbe. Der ganze Lymphknoten scheint fast nur aus markigem, zellonreichem Gewebe zu bestehen; die geschwollenen Follikel der Rinde treten in Form kleiner Erhabenheiten auf der Schnittfiäche hervor.
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174nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rotzkrankheit.
Dies Stadium der „markigen Hyperplasiequot; bietet für den Hotz-nrozess ebenso wenig Chnrncteristisches, als das Stadium der ein-Fachen Hyperplasie.
Im weiteren Verlaufe stellt sich eine Bindegewebswucherung ein, die zur organiscben Verhärtung (Induration) der Drüse führt. Hierdurch wird der Weg zum Weiterwandern des Prozesses in den Lymphbahnen gesperrt und die llotzinfectionen gehen so oft lange Zeit nicht über die erste Lympbdrüsenstntion hinaus. Nunmehr erscheint die betreffende Lymphdrüse schwielig, von ihrer Kapsel aus gehen weisse Bindegewebszüge gegen das Innere. Mit dieser Wucherung der Septcn ist gewöhnlich eine Verdickung der Lymphlaquo; drüsenkapsel (Poriadenitis) verbunden. Erst jetzt werden die Drüsen adhiirent, indem sie mit den benachbarten Theilen verwachsen (Paradenitis). In der Eegel sind einzelne Partien der Lymphdrüse stärker afficirt, als andere. Auch die Induration der Lymphdrüse bietet nichts Eigenthümliches; nur die Art ihrer Entstehung ist wichtig. Erst durch das Auftreten von Pot/.knötchen in der Lymphdrüse ist ein spezifisches anatomisches Kennzeichen der Eotzkrankheit gegeben.
Die ersten makroskopisch wahrnehmbaren Veränderungen be­stehen in dem Auftreten kleiner graugelber, oder gelber Flecke, die nicht scharf begrenzt sind. Dieselben finden sich in der Mark-und Bindensubstanz entweder zerstreut oder dicht nebeneinander; in der Regel aber ist ihr Vorkommen auf einzelne Abschnitte des Lymphknotens beschränkt, während dessen übrige Abschnitte blos die Merkmale der einfachen oder markigen Hyperplasie zeigen. Die gelben Flecke vergrössern sich und entweder tritt eiteriger Zerfall (purulente Schmelzung) derselben ein, oder sie verkäsen (mortificiren). In Folge von Confiuenz zahlreicher Rotzknötchen kann in einem Lymphdrüsenabschnitte ein grösserer nekrotischer Herd sich gebildet haben. Periadenitis und Paradenitis sind die Folge der andauernden Eeizung der Lymphdrüse durch die Rotzprozesse in derselben. Nur selten kommen in den Lymphdrüsen, oder um dieselben Eiterungen vor, welche nach aussen durchbrechen. Für die Praxis ist aber die Thatsache von grosser Wichtigkeit, dass in Folge nicht rotziger Lymphdrüsen - Entzündung Zustände sich bilden und persistiren können, welche denen sehr ähnlich und bis zu einem gewissen Grade sogar gleich sind, welche im Verlaufe der Rotzkrankheit auftreten.
Man trifft den Rotztuberkel von der kleinsten Form als kaum sichtbares Pünktchen bis zur Erbsengrösse: in den Lungen, besonders unter dem serösen Ueberzuge derselben, aber auch tief in der Substanz der Lungen, in deren Parenchym und Zwischengewebe; ferner in der Schleimhaut der Nasenhöhle und der' Nasen-Neben­höhlen ; sodann in den Lymphdrüsen und zuweilen auch in der äusscren Haut. In der grossen Mehrzahl der Rotzfälle (nach Eöll reichlich in quot;/a aller Fälle) werden Miliartuberkel in den Lungen angetroffen. Was man beim Ueberstreichen über die Lungenober­fläche fühlt, sind nicht blos Rotzknötchen, sondern auch die sie umgebenden hepatisirten Lungcntheile. Die spezifischen Rotzknötchen
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der Lunge treten stets multipel auf; sie sind grieskorngross, erst grau und feucht, spilter gelb, trüb und trockner. Die frischen Knötchon umgibt ein verschieden breiter Entzündungshof. Dieser besteht aus hyperilmischem, luftleerem Lungenparenehym, das auf der Schnittflilche feucht, meist glatt, seltener granulirt erscheint. Manchmal confluiren derartige hepatisirte Stellen; man findet dann grössere Lungenabschnitte, welche den Umfang einer Wallnuss er­reichen und übersteigen können, derb und luftleer. Die Durch-schnittsflilche dieser hepatisirten Lungenpartien ist grau geflockt oder punktirt. Oft confluiren auch die kleinen grauen Rot/.knötchen unter einander und bilden Conglomeratliiioten. In Folge dessen gehen grössere Abschnitte der Lunge in eine graue oder grauweisso Schwiele über, in welcher die abgestorbenen Rotzknötchen einge­schlossen sind. In der Hegel treten die Rotzneubildungen in den Lungen secundilr, oft erst später auf, bei acutem Krankheitsverlaufe aber manchmal schon sehr früh.
Das Vorhandensein von miliaren Knötchen in den Lungen be­kundet keineswegs unbedingt das Vorhandensein der Rotzkrankheit.
Die nach Ablauf chronischer Peribronchitis in den Lungen alter Pferde vorkommenden Knötchen sind von den Rotztuberkeln dadurch zu unterscheiden, dass letztere in der Regel ein verschiedenes Alter erkennen lassen. Selbst wenn in den Lungen nur Rotztuberkel von grauer oder kalkiger Beschaffenheit sich zeigen solltnn, so sind doch auf der Respirationsschleimhaut, oder in anderen Organen ' auch solche jüngeren Datums vorhanden (Dieckerhoff). Mit frischen Rotzknötchen können kleine embolische Herde verwechselt werden, welche hirsekorn-bis erbsongrosse Knötchen darstellen, die im Centrum einen gelben, trüben, etwa grieskorngrossen Fleck enthalten, den ein relativ grosser hamorrhagischer Hof umgibt. Dieser ist schwarzroth, nicht breit und enthält weniger flüssiges Blut, als embolische Herde, aus denen es leicht ausgepresst werden kann.
Die in der Pferdelunge häufig vorkommenden gries- bis hirse-korngrossen Kalkknötolien sind meist kugelrund und von einer sehr zarten, durchsichtigen, fibrösen Kapsel umschlossen, aus der sie sich leicht herausheben lassen. Diese Knötchon zeigen auf Durchschnitten einen concentrisch geschichteten Bau. Sie kommen zahlreich in allen Theilen der Lunge und fast ebenso häufig in den Bronchialdrüsen, selten aber in den submaxillaren Lymphdrüsen vor. Die Leber kann aber als der Lieblingsplatz derselben bezeichnet worden. Est ist nicht schwer, diese Gebilde von den Rotzknötchen zu unterscheiden.
Ob mit Hülfe des Mikroskopes durch die Gegenwart oder das Fehlen dos Rot/.bacillus in schwierigeren Fällen stets entschieden werden kann, ob vorhandene Knötchen in den Lungen „Rotztuberkelquot; sind oder nicht, vermag ich nicht zu entscheiden.
Die Rotzknötchen in der Nasonschleimhaut treten am deutlichsten auf der Scheidewand hervor; sie kommen in kloinen Pünktchen bis Erbsengrösso vor, prominiren auf der Fläche nur wonig, sind oft kaum zu fühlen, aber nicht zu sehen. Diese Knötchen treten nach dem
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176nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rotzkrankheit.
Tode des Patienten in Folge einer gewissen Sclirumpfung der Schleim­haut etwas deutlicher hervor. Sie liegen, einzeln oder gruppenweise, meist in der oberen Schicht der Schleimhaut und markiren sich dann durch graue, grauweissliche, graugelbliohe Färbung auf der gerötheten Schleimhaut; sie treten aber auch tiefer in der Schleimhaut auf, sind dann weniger scharf begrenzt, bilden nur wenig hervor­tretende Wölbungen und sind nach aussen nicht durch Farbenver­schiedenheit markirt; durch Einschnitte werden sie deutlich sichtbar.
Die Rotzknötohen in der Cutis verhalten sich ganz wie die in der Nasenschleimhaut. Wilhrend dieselben beim Menschen zu den constantesten Erscheinungen gehören, werden sie bei Pferden nicht gerade häufig angetroffen. Wegen der behaarten Haut sind sie in-dess in der Kegel auch nur schwer wahrnehmbar.
Es wurde bereits erwähnt, dass durch Zusammenlagerung einer grösseren Menge Rotzknötchen (Conglomeratknoten), oder durch Verschmelzung der hepatisirten Umgebung mehrerer Rotzknötchen verschieden grosse Knoten in den Lungen sich bilden können, welche Gerlach mit dem Namen „Rotzgewächsequot; belegt hat. Diese Be­zeichnung ist (von Schütz) beanstandet worden, weil der Name für die betreffenden Neubildungen nicht passt. Es können nämlich auch durch andere nicht rotzige Entzündungsreize hyperplastische knotenförmige Bildungen im Lungengewebe entstehen, welche mit den sogenannten Rotzgewächsen histologisoh so vollkommen über­einstimmen, dass selbst durch eine sorgfältige mikroskopische Unter­suchung eine charakteristische Differenz nicht herausgefunden werden kann. Derartige Neubildungen können somit nicht ohne weiteres als Argument für die Rotznatur eines concreten Falles herangezogen, sondern ihre spezifische Qualität muss erst durch andere charakte­ristische Befunde erwiesen werden.
Diese sogenannten Rotzgewächse werden ausgebildet nur in den Lungen angetroffen. Sie treten meist vereinzelt auf, durchsetzen aber auch zuweilen die ganze Lunge. Ihr Lieblingssitz ist der untere scharfe Rand der Lunge; aber auch tief in der Substanz der Lunge kommen sie vor. Sie sind entweder abgegrenzt von Tauben-bis Gänseei-Grösse, oder sie nehmen grössere Partien des scharfen Lungenrandes ein.
Die Entwicklung dieser Gewächse geht gewöhnlich von ver­schiedenen Punkten aus, zwischen denen das normale Lungengewebe immer mehr verschwindet, bis endlich die verschiedenen Herde zu einem Ganzen verschmelzen. Das Lungengewebe ist in der nächsten Umgebung hyperämisch; eine scharfe Abgrenzung tritt gewöhnlich erst später ein. Bald sind diese Neubildungen mehr derb, ähnlich den fibroiden Neubildungen, bald sind sie grau, graugelblioh von Farbe und auf der Schnittfläche speckig.
Die Rotzknötchen haben mit Miliartuberkel eine histologische Aehnlichkeit und stimmen auch darin mit diesen überein , dass sie nicht mit einem Male, sondern schichtweise erweichen. Sitzen die­selben in einer Schleimhaut, oder in der äusseren Haut, so tritt die Erweichung zunächst an ihrer Oberfläche ein, wodurch ein
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Rotzkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 177
Greschwürchen entstellt; sitzen sie aber im Innern eines Körpertheiles, Z, B. in den Lungen, oder im subcutanenBindegewebe, so entsteht eine Erweichungsoyste. Eine Verwechslung derselben mit Tuberkeln kann aber deshalb nicht leicht vorkommen, weil die Tuberkulose bei Pferden sehr selten ist und weil ausserdem ältere Rotzknötchen gelb, ältere Tuberkel aber weisslich sind. In Folge der schichtenweisen Erweichung des Rotzknötchens ist der Grund eines primilron Rotzgeschwüres stets mit Granulationszellen bedeckt, oder wie man gewöhnlich sagt „speckigquot;. Das Geschwür kann sieh reinigen und verheilen. Nicht selten aber entwickeln sich neue Knötchen und Geschwüre, die ent­weder an den Rändern und im Grunde älterer Geschwüre, oder in verschieden grosser Entfernung von diesen entstehen. Im ersteren Falle breitet sich das betreffende Rotzgeschwür theils in der Fläche, theils in der Tiefe aus; es frisst weiter um sich und dringt nicht selten in benachbarte Gewebe ein. Wird die Umhüllungshaut eines Knorpels oder Knochens (Perichondrium resp. Periost) zerstört, so stirbt die betreifende Knorpel- oder Knoehenpartie ab. Auf diese Weise kann es z. B. zur Perforation der Nasenscheidewand und der Nasenmuscheln, oder zum Uebergreifen der Ulceration von den Bronchien auf das Lungengewebe und dergleichen kommen.
In Folge der secundären Entzündungsprozesse im Bereiche der Rotzneubildungen kann eiteriger Zerfall der betreifenden Gewebe, sowie Abscessbildung in den Lungen und an anderen Orten ent­stehen. Derartige eiterige Entzündungen treten constant auf bei dem „subcutanen und intermuskulären Rotzequot;, dem sogen. „Wurmquot;. Mit der Entwicklung der Wurmknoten bildet sich stets ein lokaler Entzündungsherd, in dessen Centrum eine stürmische Zellenvermeh­rung stattfindet. Die vorhandene Hyperämie liefert gleichzeitig ein flüssiges Transsudat, welches den Zerfall der Rundzellen beschleunigt, so dass es in den entzündlichen Wurmknoten schon in einigen Tagen zur Abscessbildung und zum Durchbruch durch die äussere Haut kommt. Secundär tritt dann auch eine Infection der benachbarten Lymphgefässe in und unter der Haut auf, in denen nicht selten neue Knoten sich entwickeln ; die Lymphstränge sind wohl Veran­lassung geworden, das Leiden „Wurmquot; zu nennen. Solche Abscesse können durch Bindegewebsneubildung vernarben.
Die Rotzprozesse der Schleimhäute sind ebenfalls mit entzünd­lichen Vorgängen in ihrer Nachbarschaft verbunden. Meist sind die angrenzenden Schleimhautpartien in verschiedenem Umfange katar­rhalisch afficirt; sie sind hyperiimisch und liefern bald ein wässeriges, bald ein schleimig-eiteriges, oder zuweilen ein hämorrhagisches Secret, resp. Exsudat. Vom Grade, vom Stadium und der Ausbreitung des Catarrhs ist die Menge, sowie die Beschaffenheit des Nasenausflusses wesentlich abhängig. Die Rotzgeschwüre haben hierauf kaum je einen anderen sichtbaren Einfluss, als dass sie dem Ausflusse zu­weilen leichte Blutstriemen beimengen. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn das Geschwür ein kleines Blutgefilss angenagt, resp. durchfressen hat.
Pütz, Coniponclium der Tbierhoilkumlc.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 12
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178nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rotekniiikheit.
Bei der sogenannten „verdächtigen Drusequot; sehen wir den Eotz-katiirrh oft Monate, ja Jahre lang bestehen, ohne irgend eine wesentliche Veränderung der Nasensohleimbaut äusserlich constatiren zu können; — erst später werden schwielige Verdickungen, Knoten und Geschwüre sichtbar. So lange diese fehlen, kann in solchen Fällen nachgewiesen werden, dass nur durch die specifische Infections-t'ähigkeit der Nasenausfluss dem Rotzkatarrh angehört; eine secun-däre Schwollung der Kehlgangslymphdrüson bekundet dies nicht nothwendig. Ist Rotz vorhanden , so kommt es nicht selten in den Nebenhöhlen der Nase, namentlich in der Oberkieferhöhle, unter Anhäufung von schleimig-eiterigem Secret, welches manchmal ver­käst, zur beträchtlichen Verdickung der Schleimhaut mit unebener, gewissermassen granulirter Oberfiäche. In der Nasenhöhle, besonders an der Nasenscheidewand durchdringt die rotzige Infiltration die ganze Schleimhaut bis in das submucöse Bindegewebe und führt durch fibröse Neubildung zu schwieligen Verdickungen, deren allmählige Schrumpfung nach und nach eine narbige Einschnürung bedingt. Diese Narben haben in der Regel ein Centrum, von welchem die weisslichen harten Narbengewebszüge strahlenförmig und zum Theil weithin auslaufen (Leisering). Während die betreffenden Lufthöhlen mit schmieriger Masse sich anfüllen, bilden sich in den benachbarten Knochen Osteophyten, wodurch dieselben an Umfang zunehmen. Eine Infiltration bildet sich auch häufig in der Schleimhaut des Kehlkopfes, sowie in den Lungen. Zuweilen offenbart sich die Rotz­natur, indem es in der äusseren Haut und im Unterhautbindegewebe zur Ulceration, zur Infiltration und zur Sklerose kommt. (S. Haut­rotz und Wurm.)
Die Entscheidung, ob ein wegen Rotzverdacht getödtetes, oder ein mit verdächtigen Symptomen behaftetes und gestorbenes Thier wirklich rotzkrank war, wird in der grossen Mehrzahl der Fälle keine besonderen Schwierigkeiten bieten. Zuweilen aber ist die Diagnose auch am Cadaver sehr schwer, und es kann passiren, dass selbst ein guter Kenner aller in Betracht kommenden Verhältnisse und Prozesse über die Frage, ob das Thier an Rotz gelitten habe, oder nicht, im Unklaren bleibt. Wo Wurmbeulen, Rotzknoten und Rotzgeschwüre, knotige Lymphdrüsenschwellungen mit Rotztuberkel durchseszt, in ihren charakteristischen Formen angetroffen werden, da kann die Feststellung der Krankheit leicht und sicher erfolgen. Ueber diese Befunde wollen wir deshalb hier nicht weiter sprechen. Wo dieselben in und unter der äusseren Haut sowie in den ersten Respirationswegen fehlen, da werden wir die Schleimhaut der Luftwege bis in die Ver­zweigungen der Bronchien hinein (incl. der Nebenhöhlen der Nase), sowie das Lungengewebe und die verschiedenen anderen Körperorgane sorgfältig zu prüfen haben.
Je vollständiger in zweifelhaften Fällen die Obduction vor­genommen und je sorgfältiger und genauer alle Körperorgane unter­sucht werden, um so eher wird man auch dann zu einer richtigen Erkenntniss des wahren Sachverhaltes gelangen. Wenn man die
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Rotzkmnkhoit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 179
ganze EntwioklungSgesoMobte des betreffenden Krankheitstalles ge­nauer studirt und alle am Cadaver vorhandenen pathologischen Zu­stände sorgfältig untersucht, so bleibt man nur äusserst selten über die Diagnose im Unklaren.
Bereits früher wurde erwähnt, dass die llotzneubildungen in der Nasenhöhle vorzugsweise auf der Schleimhaut der Scheidewand und Dütenbeine zu sitzen pflegen, wobei man die Schleimhaut der Oberkieferhöhle, oder einer anderen Kopflufthöhle häufig verdickt und bei längerem Bestände der Krankheit nicht selten mit Schleim oder Eiter bedeckt findet; Knötchen und Geschwüre können gleich­zeitig vorhanden sein, aber auch fehlen. Es sind deshalb die Neben­höhlen der Nase in zweifelhaften Fällen stets genau zu seciren und ebenso die Lungen, Luftröhre, Kehlkopf und alle anderen Körper­organe. So darf man z. B. nicht annehmen, es seien im Lungen­gewebe keine Eot'zknötchen vorhanden, wenn solche durch Ueber-streichen mit den Fingern über die Lungenoberfläche nicht als sand-kornähnliehe Erhabenheiten gefühlt werden; dieselben können auch zerstreut tiefer im Lungengewebe sitzen. Die Zahl der Knötchen ist oft äusserst spärlich, so dass es unter Umständen viel Aufmerk­samkeit und Genauigkeit bei der Untersuchung erfordert, um den sachlich begründeten Ausspruch thun y,u können, dass in den Lungen keine Knötchen vorhanden seien. In anderen Fällen treten die Rotz-knötchen auf den Schnittflächen der Lungen in verschiedener Zahl und Grosse auffällig hervor. Wo während des Lebens hochgradige acute Erscheinungen vorhanden waren, da finden wir in der Kegel auf den Schleimhäuten der Kespirationsorgano croupöse und diphthe-ritische Prozesse, besonders in der Nasenhöhle und im Kehlkopfe. — Secundäre Zustände, Abscessbildung in Folge metastatisoher rotziger Entzündung, wie z.B. mehr oder weniger umfangreiche Zerstörungen, metastatische Herde in Herz, Leber, Milz und Darm, sowie in den Nieren, Hoden und Knochen kommen als mehr aussergewöhnliche Befunde vor; ferner: verbreitetes Oedem im Unterhautbindegewebe, den Wurmbeulen ähnliche Kotzherde in den Muskeln, welche die Grosse eines Taubeneies erreichen, aus einer festen, innen zuweilen granulösen Kapsel mit schleimig-eiterigem, trübgelbem Inhalte be­stehen , sowie Darmkatarrh und Pollicularverscliwärung. Rotzige Knoohenerkrankungen sollen durch trockene Zerfallsmassen charak-terisirt und das l'roduct der bei Rotz auftretenden Nekrose sein. Bei diffusem Lungenrot/, findet man bald in der Tiefe, bald an der Oberfläche die betreffenden Lungenabschnitte zunächst gallertartig infiltrirt, luftleer und ringsum von blutübortülltem Gewebe um­geben. Liegt ein solcher Herd nahe an der Lungen Oberfläche, 80 ist die Lungenpleura an der correspondirenden Stelle getrübt oder mit plastischen Massen belegt. In späteren Stadien der Entwick­lung findet man die betreffenden Lungenabschnitte gelbweiss, käsig oder verkalkt. Nur selten trifft man in den Lungen Cavemen von der Grosse eines Taubeneies, welche in Folge von Rotznlceration sich entwickelt haben und beim Einschneiden eine bräunliche Jauche
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180nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Rotzkrankheit.
entleeren. — Die sogenannten llotzgewächse pflegen am scharfen Rande der Lungen zu sitzen; ihrer auffallenden Beschaffenheit halber sind dieselben nicht leicht zu übersehen. Das Lumen der Bronchien ist durch schleimig eiterige Massen manchmal an einzelnen oder mehreren Stellen verlegt. Auch die Eustachischen Trompeten und Luftsäcke sind hilufig mit solchen Massen vollgestopft und stellen­weise von Botzgeschwüren besetzt. Die Schleimhaut kann in der Nachbarschaft von Rotzgeschwtiren mit hämorrhagischen Herden be­setzt sein. Im Kehlkopfe findet sich nicht selten ein Grlottisodem; die Mucosa, namentlich die Submucosa der Nasenschleimhaut, er­scheint in Folge einfach entzündlicher Prozesse gallertartig und durchscheinend. Vernarbte Rotzgesohwüre hinterlassen in der Begel sternförmige Narben; diese können jedoch auch jede beliebige andere Form zeigen. Im Bereiche der Luftröhrenschleimhaut findet man Narben verschiedener Form manchmal in grosser Anzahl. In sehr veralteten Fällen werden die Nasenmuscheln zuweilen stark verdickt angetroffen, so dass ihr Lumen verkleinert oder geschwunden ist. Als das am meisten charakteristische und constanteste Merkmal der Rotzkrankheit gibt Colin die auffallende Vermehrung der weissen Blutkörperchen (Leuoocythose des Blutes) an.
In derselben Weise, wie auf den Schleimhäuten , erfolgt der Zerfall der Rotzknötchen in der äusseren Haut. Am häufigsten kommt dieser Prozess an den Lippen und Nasenrändern , selten an den Beinen — und noch seltener an den übrigen Körpertheilen in der Cutis vor. Es ist manchmal schwierig, ein solches Rotz-exanthem richtig und sicher zu diagnosticiren, da es leicht mit anderen Knötchenausschlägen verwechselt werden kann. Nur dann, wenn gleichzeitig Erscheinungen irgend einer anderen Rotzform, oder sonstige Verdachtsgriinde auf Rotzkrankheit vorhanden sind, wird die Bestimmung eines Rotz-Exanthems keine besonderen Schwierig­keiten bieten. Indem die Rotzneubildungen zerfallen, werden sie in eine resorptionsfähige Flüssigkeit umgewandelt, in welcher das Rotz-contagium wirksam enthalten ist. Durch die Resorption fraglicher Flüssigkeit wird das Blut inficirt und dadurch eine sogenannte „Rotzdyscrasie'' erzeugt. Diese ist eine vorübergehende, wenn das Rotzgift aus dem Blute wieder ausgeschieden wird, was dadurch geschehen kann, dass dasselbe in irgend einem Organe abgelagert, oder durch die Ausscheidungsapparate des Körpers (Nieren etc.) aus dem Organismus entfernt wird.
Je nach der Localisation der Rotzpr-ozesse ist das klinische Bild der Rotzkrankheit verschieden.
Die am längsten gekannten Rotzfonnen sind (nach der heutigen Nomenolatur bezeichnet): „der Nasenrotz'' und „der subeutane Rot/,'; letzterer wurde früher „Wurmquot;, jener schlechtweg „Rotzquot; genannt. In neuerer Zeit hat man noch zwei andere Formen kennen gelernt, deren Diagnose häufig grosse Schwierigkeiten bietet; es sind dies: „der innere oder Lungenrotzquot; und „der cutane , oder „exunthema-tische oder Hautrotzquot;.
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Nasenrotz.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;181
Die klinischen Rotzformen. n. Nasenrotz.
Bei demselben ist der Sitz dos Eotzprozesses vorzugsweise die Schleimhaut einer Nasenhöhle und ihrer Nebenhöhlen. Von letzteren leidet am hilufigsten die Oberkieferhöhle mit; Rachenhöhle, Luftsiloke, Kehlkopf und Luftröhre bleiben (acuten Rotz ausgenommen) in der Regel verschont. — Die linke Kopf- (resp. Körper-) Hälfte soll etwas hlluflger als die rechte betroffen werden, nur selten leiden beide zu­gleich an Rotzerkrankung.
Der Nasenrotz ist im Wesentlichen durch folgende drei Sym­ptome gekennzeichnet:
1)nbsp; durch meist nur einseitigen Nasenausfluss,
2)nbsp; durch knotige Schwellung der correspondirenden Kehlgangs-lyraphdrüse (Rotzbubo) und
3)nbsp; durch Rotzknötchen und Rotzgeschwüre in der Nasen­schleimhaut.
Wo ein „Rotzbuboquot; vorhanden ist, da gilt der Zustand, auch ohne die Anwesenheit anderer Rotzsymptome, so lange für verdächtig, bis ein anderer Grand als Ursache fraglicher Erseheinung bestimmt ermittelt wurde. Die Diagnose auf Nasenrotz lllsst sich indess mit Sicherheit erst dann stellen, wenn Rotzknötchen, resp. Rotzgeschwüre sichtbar werden. Da auf der Nasenschleimhaut aber auch andere Geschwüre, welche mit Rotz nichts zu thun haben, sich bilden können (wie z, B. bei der sogenannten Blatterndruse, folliculilrem Nasen-katarrh etc.), so hat man die Genesis und Beschaffenheit der Ulco-ration genau zu beachten.
Bei Nasenrotz ist in den späteren Stadien die betreffende Kehl­gangsdrüse wenig oder gar nicht schmerzhaft, knotig, höckerig, von der Grosse einer Bohne oder kleinen Nuss bis zu der eines Hühner­eies. Anfangs ist dieselbe im Unterhautbindegewebe noch ziemlich leicht verschiebbar; später liegt sie mehr oder weniger fest dem be­treffenden Unterkieferaste an.
Aber auch bei anderen Krankheitsprozessen in der Nasenhöhle und deren Nebenhöhlen kann ein äusserlich gleicher Zustand der Kehlgangsdrüsen mit einseitigem Nasenausflusse auftreten, so dass dadurch eine bestimmte Diagnose sehr erschwert, ja für längere Zeit (oft Jahre lang) immöglich wird, wenn aussei- den klinischen Erscheinungen nicht andere diagnostische Hülfsmittel (Impfung, na­türliche Ansteckung, Trepanation etc.) uns Gewissheit verschaffen. (S. S. 178.) (Polypen in den Lufthöhlen des Kopfes, Kieferhöhlen­entzündung etc. bedingen iihnliche Erscheinungen.)
In den selteneren Fällen, wo Rotzkatarrh und Rotzbubo auf beiden Seiten der betreffenden Kopfpartien vorhanden sind, zeigen sich die Erscheinungen meist auf der einen Seite stärker ausgeprägt, als auf der anderen.
Manchmal treten zunächst die Symptome einer gewöhnlichen Druse auf, aus welchen dann allmählig die Erscheinungen der so-
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182nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungeni'otz.
genannten „verdächtigen Druse' und später die Erscheinungen der Rot/.lcrankheit sich entwickeln; es können aber jene Befunde auch allmählig sich vorübergehend, oder dauernd wieder verlieren, d. h. es kann scheinbare, oder wirkliche Genesung erfolgen. Früher nahm man allgemein an, dass Rotz aus der Druse sich entwickeln könne, während man jetzt allgemein der von Haubner bereits im Jahre 1859 (in G. u. H. Mag. Heft III, S. 177 u. folg.) öffentlich ausgesprochenen Ansicht zustimmt, dass der Kotz bereits vor dem Auftreten der Drusensyinptome im Körper verborgen vorhanden sein muss, wenn jener scheinbar aus dieser hervorgeht.
Her offenbare Nasenrot/, pflegt schliesslich jeder beliebigen an­deren Eotzform sich hinzu/.ugesellen, so dass er vor dem tödtlichen Abschlüsse dieser früher oder später der Regel nach sich einstellt.
Hie Eotzgeschwüre finden sich am häufigsten auf der Nasen­scheidewand, namentlich in der Nähe der unteren Fläche der Nasen­beine. Sie gehen stets aus Kotzknötchen hervor und treten deshalb ursprünglich alle in rundlicher Form auf. Der Vorgang besteht in dem fettigen Zerfall der Rotzzellen mit ihrer Intercellularsubstanz. Nach Umständen gestaltet sich äusserlich der Bildungsvorgang ver­schieden.
raquo;.) Hie grösseren, etwa erb sengrossen, tief in die Schleimhaut hineinreichenden Knötchen fallen in der Mitte ein, wodurch ein stecknadelknopfgrosses Loch oder Grübchen entsteht, welches in der Regel schon in wenigen Tagen in ein der Grosse des Knötchens ent­sprechendes Geschwür sich verwandelt.
ß) Hie kleinen, mehr oberflächlich liegenden Knötchen, die oft nur als graue Pünktchen oder Fleckchen erscheinen, verlieren das Epithel und verursachen einen oberflächlichen, kaum bemerkbaren weiteren Substanzverlust, weshalb sie den Eindruck einer einfachen Abschürfung des Epithels, einer sogenannten Excoriation machen; — oder die zerfallene oberflächliche Knötchenschicht bildet eine gelblich­graue Masse, die von Epithel noch eine kurze Zeit bedeckt wird, so dass eine Art Pustel, ohne eine wirkliche blasige Abhebung des Epithels, besteht. In beiden Fällen bilden sich kleine und flache, linsenförmige Geschwürchen, die oft dicht gruppirt auftreten, weiter um sich fressen und dann leicht zusammenfliessen. Bei diesem Weiter­fressen auf der Fläche können sich Platten bilden, die mehrere Centi­meter im Durchmesser haben.
b. Lnn^eiii'otz.
Bei dieser Form der llotzkrankheit sitzen die vorhin be­sprochenen Zustände eine unbestimmte Zeit lang in den Lungen, oder sonstwo im Körper verborgen. In solchen Fällen kann die latente Eotzkrankheit viel Unheil anrichten, bevor dieselbe ent­deckt wird. Bei rotzigen Erkrankungen der Schleimhäute oder der äusseren Haut wird seeundär am häufigsten die Lunge mit afficirt. Im Allgemeinen sind die Haut und die ersten Abschnitte der
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Lungenrotz:nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 183
Respirationsorgatie der Rot/.infection am zugänglichsten und dalier meist Sitz der primären Rotzerkrankungen. Um annähernd zu ermitteln, ob und wie oft etwa Lungenrotz primär vorkommt, er­wirkte die technische Deputation für das preussisohe Veterinilr-wesetl vom landwirthsuhaftichen Ministerium in Berlin eine Ver­fügung, in Folge deren vom 24. Februar bis 10. October 1882 die Lungen von 127 Pferden eingeschickt und untersucht wurden, welche nach Ansicht der Obducenten (beamteten Thierärzte) mit pri­märem Lungenrotze behaftet waren. In 92 dieser Lungen wurden Rotzprozesse gefunden, in 35 (d. i. ca. 26 quot;/o) fehlten solche. Von diesen beherbergten 6 die Producto einer chronischen Pneumonie, 9 einfache Bronchiectasion, 4 Bronchiectasien mit consecutivor Pneu­monie. In den rotzkranken (92) Lungen fand sich nebenbei 5mal chronische Pneumonie, 5mal einfache Bronchiectasie und ISmal Bronchiectasie mit conseoutiver Pneumonie. Hieraus ergibt sich, dass die genannten Lungenaffectionen in der grösseren Mehrzahl, indess keineswegs immer rotzigen Ursprunges sind. In dem inter­essanten und werthvollen Berichte der technischen Deputation „Zur pathologischen Anatomie des Rotzesquot; heisst es S. 9: „Die Lunge ist das Organ, welches bei rotzigen Erkrankungen der äusseren Haut oder einer Schleimhaut seeundär am ersten erkrankt. Hiernach ist zwischen primären und seeundären rotzigen Affectionen zu unter­scheiden. Die Haut und die oberen Abschnitte der Respirationswege geben den Sitz für die primär-rotzigen Affectionen ab. In den Respi­rationsorganen sind es namentlich die unteren Abschnitte der Nase, die Ränder der Nasenmuscheln, die Nasengänge, die Choanen und der Kehlkopf, wo die ersten Rotzknoten oder Geschwüre sich bilden. Am Kehlkopf sind es wieder die Ränder der Griesskannen-Kehldeckel-falten und der Stimmbänder und die inneren Flächen der Giess-kannenknorpel, welche am häufigsten leiden.
Nun hat man auch angenommen, dass das Rotzcontagium mit der Respirationsluft direct in die Lungen gelangen, dass auch letztere Primärsitz des Rotzes sein können; ja nach den Berichten der be­amteten Thierärzte war das Vorkommen des primären Lungenrotzes eine gewöhnliche Erscheinung.
Dies ist nicht richtig; denn unter den untersuchten Fällen war keiner, welcher zu der Vermuthung hätte Veranlassung geben können, dass primärer Lungenrotz vorlag. Entweder fanden sich an den übrigen eingeschickten Organen, z. B. Luftröhre, Kehlkopf, Nasen­scheidewand etc. gleichfalls und zwar ältere rotzige Veränderungen vor, oder die beamteten Thierärzte berichteten in ihren Obductions-protocollen über rotzige Abweichungen anderer Körpertheile, auf welche die Zustände in den Lungen als seeundäre bezogen werden konnten. Ungemein häufig ist dagegen der seeundäre Lungenrotz. Selbstredend können sich, wenn eine Rotzdyscrasie zu Stande ge­kommen ist, auch seeundäre Erkrankungen anderer Organe aus­bilden und man findet daher gelegentlich rotzige Herde in den Nieren, der Lober, dem Herzfieische, den Muskeln, Knochen etc. vor.quot;
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184nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungenrotz.
Thiere, welche nur an dem Auge und Tastorgane nicht zu­gänglichen Orten Rotzneubildungen oder ülcerationen besitzen, ohne dass Nasenkatarrh, oder Schwellung der Kehlgangs- oder anderer äusserlich gelagerter Lymphdrüsen vorhanden ist, können für ihre Umgebung gerade deshalb sehr gefährlich werden, weil sie oft lange Zeit (selbst Jahre) hindurch unverdächtig unter einem Pferdebestande stehen, bis man endlich durch wiederholte Infection und liotz-erkrankung ihrer Nachbarn auf die Vermuthung kommt, dass sie an innerem, resp. an latentem Kotz leiden.
Ob nun, wie Gerlach angibt, das Hinzutreten eines fieberhaften Katarrhs der Respirationsorgane zu occultcm Rotz in der Regel den Ausbruch der offenbaren Rotzkrankheit (des Nasen- oder Unterhaut­rotzes) zur Folge hat, lasse ich unentschieden. Meine eignen Er­fahrungen bestätigen diese Ansicht nicht.
Mit Lungenrotz behaftete Pferde zeigen zuweilen Erscheinungen von Dämpfigkeit; diese können somit in gewissen Fällen unsere besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, insofern sie uns in Stand setzen, den ooculten Rotz mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, unter Umständen sogar mit einiger Sicherheit zu diagnosticiren. Die Dämpfigkeit eines Pferdes erscheint verdächtig:
1)nbsp; wenn ein trockner, dumpfer, keuchender Husten vorherrschend und die eigentliche Athembeschwerde oft nur gering ist;
2)nbsp; wenn solche Pferde neben einem rotzverdächtigen, resp. neben einem rotzigen Pferde gestanden, oder gearbeitet haben;
3)nbsp; wenn neben einem derartig dämpfigen Pferde ein anderes oder bereits mehrere andere Thiere an Rotz erkrankt sind;
4)nbsp; wenn vor der Dämpfigkeit eine sogenannte „verdächtige Drusequot; oder Nasenkatarrh bestand;
5)nbsp; wenn zur vorhandenen Dämpfigkeit Erscheinungen der ver­dächtigen Druse — wenn auch nur unter wenig starker Entwick­lung des Nasenkatarrhs und der knotigen Drüsenschwellung — sich einstellen.
Je mehr derartige Umstände zusammentreffen, um so dringender wird der Verdacht; schon beim Zusammentreffen zweier vorstehender Momente ist die Tödtung und Obduction des betreffenden Thiercs im Interesse der Sanitätspolizei geboten. (Gerlach.)
Der Verlauf in Rede stehender Rotzform ist sehr chronisch. Monate, selbst Jahre können vergehen, bis die Krankheit offenbar wird. Endlich aber kann innerhalb weniger Tage Wurm und Nasen­rotz sich ausbilden, indem acute fieberhafte Prozesse, namentlich im Bereiche der Respirationsorgane, plötzlich hinzutreten. Alsdann pflegt es rapid vorwärts zu gehen und bald der Tod sich einzustellen.
c. Der snbcutnne Rotz (Wurm).
Bei dieser Rotzform treten die Rotzprozesse vorzugsweise im subeutanen Bindegewebe auf. Es entstehen Beulen oder Knoten, ,Wurmbeulenquot;, bis zu sinigen Centimetorn Durchmesser unter der
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Subcutaner Rotz (Wurm).
Haut, über welchen diese sich anfangs verschieben lilsst. Später tritt die Haut mit dem hervorragendsten Punkte der Beule in innigere Verbindung; inzwischen sind diese (Wurmbeulen) bereits erweicht und durchbrechen in der Kegel die allgemeine Decke, um an deren Oberflllche aus einer anfangs kleinen Oeffnung einen dicken Eiter zu entleeren. Die so entstandenen Geschwüre haben rothe, auf­geworfene zackige Ränder und werden „Wurmgeschwürequot; genannt. Lieblingssitz dieser Beulen und Geschwüre sind die Gliedmassen, die Seitenfiilchen der Brust im Verlaufe der Sporader, der Kopf und Hals; sie kommen aber auch an verschiedenen anderen Körpertheilen, bald vereinzelt, bald mehrfach und dann in verschiedenen Entwick­lungsstadien vor. Manchmal sitzen sie in perlsohnurilhnlicher Anord­nung, indem die benachbarten Lymphgefässe in Mitleidenschaft (in eine rotzige Entzündung) versetzt werden; in ihrem Verlaufe kommt es dann ebenfalls zur Bildung erbsen- bis wallnussgrosser Knoten und zum Durchbruche dieser. Die correspondirenden Lymphdrüsen schwellen anfangs entzündlich an, werden aber bald unschmerzhaft und zeigen Neigung zur Verhärtung, wie die Kehlgangslymphdrüsen beim Nasenrotze. Im Bereiche solcher „Wurmbubonenquot; treten ge­wöhnlich ödematöse Schwellungen auf: am ausgebreitetsten trifft man dieselben an den Gliedmassen bei rotziger Schwellung der Leisten- resp. Achseldrüsen.
Der Verlauf fraglicher Prozesse beim Unterhautrotz ist bald ein chronischer, bald ein acuter. Nicht selten entstehen wallnussgrosse Wurmknoten innerhalb 2 bis 3 Tagen; ja es kann sogar ein heute noch kaum erkennbarer Knoten nach 2 bis 8 Tagen bereits fluc-tuiren, selbst die Haut schon durchbrochen haben. Trotz dieses acuten Verlaufes des localen Rotz- (Wurm-) Prozesses verläuft der subcutane Rotz, resp. Wurm, im Allgemeinen dennoch chronisch, so lange keine ausgebreitete Infection, resp. kein anhaltendes Fieber sich hinzugesellt. Ist dies aber der Fall, so pflegen die Wurmbeulen an verschiedenen Körperstellen und in grösserer Anzahl hervorzubrechen, innerhalb weniger Tage zu erweichen und die Haut zu perforiren. In der Regel folgt dann bald eine allgemeine Dyskrasie mit tödt-lichem Ausgange. Es können aber auch dann die Piebererscheinungen sich wieder verlieren und die Wurmgeschwüre, resp. Wurmbeulen, spontan, oder durch Kunsthülfe zur Heilung gelangen. Dies ist keineswegs selten, wenn die Wurmbeulen nur vereinzelt und ohne Fieber sich entwickeln. Es pflegt dann die Krankheit einen chro­nischen Verlauf anzunehmen und zuweilen scheinbar wieder ganz zu verschwinden. — Derartigen Heilungen darf man nie rückhaltlos trauen, da sie meist trügerische sind; früher oder später pflegen denselben neue Nachschübe mit oder ohne Complication, z, B. mit Nasenrotz etc. zu folgen, die schliesslich mit dem Tode enden. Wenn die Beulen an der einen Stelle verschwinden, während an einer an­deren neue hervorbrechen, so bezeichnet man den Zustand mit dem unpassenden Namen „fliegender Wurmquot;.
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180nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hautrotz.
(1. Der cutane oder eigentliche llaiil-üotz ; cxanthemntischer Rotz.
Diese Eotzfonn ist bei Pferden selten, relativ häufig hingegen beim Menschen. Bei derselben treten die primären Kotzlierde im Hiiutgewebe auf, so dass die secundilren Lymphgefiissaifectioiien auf die feinen Hautlymphgefilsse beschränkt bleiben, was indess die Mög­lichkeit nicht aussobliesst, dass die correspondirenden Lymphdrüsen schwellen und Oedeme sich bilden.
Als die wesentlichste und primäre Erscheinung zeigen sich kleine, oberflächlich liegende und etwas grössere, tiefer in der Leder­haut sitzende Knötchen in grosser Zahl. Dieselben brechen auf und bilden oberflächliche, linsenförmige, oder tiefere, runde Gfeschwürchen, die anfangs stark nässen und meist scharfe, rothe Ränder haben, erstere stehen gruppenweise mehr oder weniger dicht beisammen, letztere treten vereinzelt oder reihenweise auf. Am häufigsten finden wir diese Hauteruptionen an den Lippen, der Nase, an der inneren Fläche der Hinterschenkel, seltener an anderen Körperstellen.
Auch diese llotzform ist unter Umständen schwer zu diagnosti-ciron, da manchmal lange Zeit vergeht, bis die Knötchen von anderen dem Ansehen nach ähnlichen Hauteruptionen als „Rotztuberkelquot; sich unterscheiden lassen.
Eine eigenthümliche Porin des cutanen Rotzes ist die elephan-tiastische Form, bei welcher mehr oder weniger auffällige, knotige Hautverdickungen, besonders an den Beinen sich bilden. Dieselben sind entweder auf eine Gliedmasse beschränkt, oder gehen auf zwei, selten auf alle vier Beine, oder auf andere Körpertheile über. Die knotigen Hervorragungen erweichen und verwandeln sich meist in flache, selten die Cutis bis zur Innenfläche perforirende Geschwüre mit scharfen ausgezackten Händern; zuweilen auch mit fungösen Wucherungen (die leprose Rotzform). Gerlach sah die Geschwüre an der inneren Schenkelfläche, am Sprunggelenke und sogar am Halse stellenweise so .dicht liegen, dass sie theilweise confluirten und grössere Geschwürsflächen bildeten. — Die allgemeine Infection erfolgt hierbei sehr langsam; es können Monate vergehen, bevor es zur Erkrankung der Leisten-, resp. Achseldrüsen kommt und ehe andere Erscheinungen der Rotzkrankheit auftreten.
Von diesen Hauptformen der Rotzkrankheit kommen zuweilen Abweichungen vor, indem in anderen Organen Rotz-Neubildungen und -Zerstörungen sich entwickeln. Dieselben werden entweder schon während des Lebens, oder erst bei der Section wahrgenommen. Je nachdem diese Localisationen in den Muskeln, oder Knochen etc. sich etablirt haben, spricht man von Knochenrotz, Muskelrotz u. s. w.
Je nach der Dauer des Krankheitsverlaufes unterscheidet man den „chronischenquot; und „acutenquot; Rotz.
1. Der clironische Rotz ist durch seine Monate, bis Jahre lange Dauer charakterisirt. Die Rotzprozosse haben an und für sich in der Regel einen acuten Verlauf; dessenungeachtet pflegt die Rotz-
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Chronischer Rotz.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 187
krankheit des Pferdes oft über viele Wochen und Monate, ja über mehrere Jahre sich hinzuziehen, indem die localen Prozesse periodisch auftreten und theils vernarben; zwischen den einzelnen Eruptionen kann ein verschieden langer Stillstand eintreten. Nach dem Zurücktreten fraglicher Prozesse pflegen Wochen, oft Monate zu vergehen, bis neuer­dings verdilehtige Erscheinungen auftreten. In der Kegel entwickelt sich die Rotzkrankheit ganz allmählig und ohne Eruptionsfieber, wenn die Infection ohne örtliche Verwundung zu Stande kam. Sie entzieht sich lang der Wahrnehmung, wenn ihre primäre Entwicklung ausschliesslicb in den Lungen oder anderswo verborgen stattfindet. Erfolgt die Infection mit, resp. in Folge einer örtlichen Ciewebsverletzung, so treten oft zu­nächst locale Entzündungserscheinungen mit Fieber uuf, welche sich bei unerheblichen Verletzungen öfter bald beruhigen, worauf der Kotz allmilhlig sich entwickelt; manchmal aber treten die eigentlichen Rotz­erscheinungen schon nach kurzer Zeit hervor und haben unter fort­dauerndem entzündlichem Fieber alsbald den Untergang des betrefl'en-den Individuums zur Folge. Dies ereignet sich namentlich dann, wenn mit der Rotzinfection eine tiefere örtliche Läsion, oder ein andauernder Reiz verbunden ist; es kann in solchen Fällen schon in wonigen (4 bis 6 Tagen) die Rotzkrankheit ausbrechen und nach einigen Tagen tödt-lich werden. Nach Impfung mit Rotzgift pflegen die localen Erschei­nungen nur selten erst nach Ablauf von acht Tagen einzutreten.
Indess auf jeder Stufe der Entwicklung kann die Krankheit längere Zeit stehen bleiben, ja sogar scheinbare Rückschritte machen, so dass rot/verdächtige, oder oflenbar rotzige Pferde auf dem Woge der Heilung begriffen, oder gar genesen zu sein scheinen. Anderer­seits können auch jederzeit unerwartet schnelle Fortschritte eintreten, so dass Pferde, welche lange Zeit hindurch verdächtig, oder latent erkrankt waren, in einigen Tagen vollständig die Erscheinungen der Rotzkrankheit zeigen.
Die Entwicklung des Nasenrotzes pflogt mit einem zunächst unscheinbaren Nasenkatarrh anzuheben; erst nach Wochen oder Monaten gesellt sich demselben Lymphdiiisonschwellung hinzu, wo­durch der Zustand erst verdächtig wird; es können dann wiederum Wochen und Monate, ja selbst Jahre vergehen, bevor diese „ver­dächtige Drusequot; in offenbaren Rotz übergeht.
Treten die Rotzprozesse im lockeren Bindegewebe unter der Haut auf, so pflegt die Entwicklung der Krankheit im Allgemeinen zwar schneller zu erfolgen, als bei Rotz der Respirationsorgane, in der Regel jedoch ist der weitere Verlauf ein chronischer. Bei Locali­sation der Rotzprozesse in der Haut pflegt die Eruption dos Exan-thems von Fieber begleitet zu sein; dieses verliert sich indoss ge­wöhnlich bald, indem der exanthematische Rotz, ebenso wie der subeutane, meist chronisch verläuft.
Mehr noch als der Ort dor Localisation ist auch die Beschaffen­heit des Individuums von Einfluss auf den Verlauf der Rotzinfee-tionen. Bei Hengsten soll sich die Krankheit meist schneller ent­wickeln, als bei Stuten und Wallachen.
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188nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Aouter Rotz.
Die Witterung, das diätetische Verhalten, der allgemeine Ge-sundheits- und Ernährungszustand, das Alter der betreffenden Indi­viduen eto. sind für den Verlauf und die Dauer der Rotzkrankheit, mehr noch als das Geschlecht, von Bedeutung. So ist es Regel, dass der Sommer, resp. trockene und warme Witterung, Grünfutter etc. eine Abnahme — der Herbst und Winter, resp. nasskaltes, rauhes, stürmisches Wetter, namentlich wenn die Thiere demselben häufig, direkt und anhaltend ausgesetzt sind, schlecht gefüttert und stark angestrengt werden — eine Zunahme der rotzverdächtigen Er­scheinungen zur Folge haben.
2. Der ficnte Rotz ist als eine Abweichung von der Eegel an­zusehen , indem meist durch unbekannte Ursachen, fieberhafte Ent­zündungsprozesse , namentlich im Bereiche der Eespirationsorgane sich entwickeln, wodurch die Eotzprozesse momentan, oder dauernd weiter um sich greifen. In solchen Fällen gehen die Patienten ent­weder bald zu Grunde, oder die fieberhafte Allgemein-Infection verschwindet wieder und die Rotzkrankheit zeigt wieder ihren chronischen Verlauf.
Eine acute Entwicklung der Eotzkrankheit soll gleich von ihrem Anfange an eintreten:
a)nbsp; wenn das betreffende Individuum schon zur Zeit der An­steckung fieberhaft erkrankt ist;
b)nbsp; wenn mit der Rotzinfection zugleich eine putride Vergiftung stattfindet, oder wenn die Ansteckung von einem mit ausgebildetem acutem Eotze behafteten Individuum ausgeht;
c)nbsp; wenn die Infection eine intensive und namentlich mit einer Verwundung verbunden ist, wie z. B. beim Impfen.
In allen derartigen Fällen erfolgt die Entwicklung meist in 8 bis 10 Tagen, nach intensiver Impfung selbst schon in 6 Tagen.
Aber auch der Impfrotz verläuft nicht immer acut; derselbe kann auch chronisch werden.
Der acute Verlauf tritt aber schliesslich immer ein, sobald in Folge der bis dahin chronischen Eotzkrankheit eine erhebliche Ver­breitung des Eotzgiftes im Körper stattfindet. Dies kommt im Allgemeinen am frühesten bei „Wurmquot; vor.
Meist gesellt sich gegen den tödtlichen Ausgang hin Nasenrotz und Wurm zu einander; aiich tritt die eine oder andere beider Eotzformen schliesslich zum latenten oder exanthematischen Eotze hinzu. Bei acutem Wurm pflegt eine metastatische rotzige Lungen­entzündung sich einzustellen und den Eintritt des Todes zu be­schleunigen. Dabei nimmt die Entzündung stets einen stürmischen Verlauf; die directe Mortification der entzündeten Schleimhaut kann so schnell vor sicli gehen , dass der Rotzprozess stellenweise ganz verdeckt wird, die Eotzgeschwüre unregelmässige Formen an­nehmen, nur eine käsige Verschorfung und weder im Grunde, noch in den Eändern die Merkmale einer Rotz-Neubildung erkennen lassen, während an anderen Stellen wieder graue Eotzknötchen und
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Rotzkiankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 189
schankröse Rotzgeschwüre auf der gerötheten Schleimhaut charakte­ristisch hervortreten.
Die Diagnose der Kotzkrankheit kann unter Uniständen leicht, in anderen Filllen aber sehr schwierig, oder für lilngere Zeit sogar ganz unmöglich sein. Bei Rotzverdacht hat Bollingor die Impfung als diagnostisches Mittel vorgeschlagen und das Kaninchen hierzu empfohlen. Gerlach hat Kaninchen stets ohne Erfolg geimpft, wäh­rend Andere diesen Thieren eine grosse Empfänglichkeit für das Rotzgift vindiciren.
Siedamgrotzki impfte fünf Kaninehen mit Rotzgift (Bericht über das Veterinärwesen im Königr. Sachsen f. d. Jahr 1870, S. 72 u. 73), von welchen zwei keine Infectionserscheinungen zeigten, während in drei Fällen die Versuchsthiere an Septicämie zu Grunde gingen und zwar (wie S. 1. c. angibt) unter ähnlichen Verhältnissen wie meine Impflinge, über welche ich 1876 (Zeitschr. für Vet.-W.) berichtet habe. — Spätere Versuche haben mich ferner belehrt, dass die Kaninchen-Impfung mit Rotzgift auch dadurch noch für diagnostische Zwecke verliert, dass die localen Impferscheinungen zuweilen ver­schwinden , während in inneren Organen chronische Rotzprozesse auftreten, die Monate lang occult verlaufen können. In neuerer Zeit ist das Meerschweinchen zu Controlimpfungen empfohlen worden.
Bei der sogenannten „verdächtigen Drusequot; hat Haubner die Trepanation der Kopflufthöhlen, besonders der Oberkieferhöhle als ein sehr werthvolles diagnostisches Hülfsmittel empfohlen. Leider aber sind die durch dasselbe erzielten Resultate im Allgemeinen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Nur dann, wenn nach der Trepanation im Bereiche der gemachten Oeflnung die Schleim­haut der betreffenden Kopflufthöhle verdickt und uneben (höckerig) oder mit Rotzgeschwüren besetzt angetroffen wird, kann das Er-gebniss der Operation als ein entscheidendes betrachtet werden. Unentschieden bleibt die Diagnose, wenn sich in den betreffenden Kopflufthöhlen nach deren Eröffnung nichts besonderes findet, oder wenn die Schleimhaut verdickt aber nicht höckerig, oder geschwürig ist und wenn die Oberkieferhöhle etc. Schleim oder Eiter enthält, ohne dass irgend eine äussere Ursache als Grund dieses Befundes festgestellt werden kann. Eine diffuse Entzündung fraglicher Schleim­hautabschnitte mit mehr oder weniger erheblicher Verdickung ohne wahrnehmbare Rotzneubildungen an den von der Trepanationsöffnung erreichbaren Stellen, ferner mit oder ohne Schleim- und Eiteransamm-lung kann sowohl bei rotziger, als bei nicht rotziger Entzündung vorkommen. Und ebensowenig entscheidend ist ein normaler Ver­lauf der Wundheilung, da auch bei wirklich rotzigen Thieren die Trepanationsöffnung ohne jode Störung erfolgen kann. (S. Ober-kieferhöhlenentzündung).
Ueber die Empfänglichkeit der verschiedenen Thierspecies für das Rotzgift sind die Angaben theilweise widersprechende. Im Allgemeinen darf angenommen werden, dass das Rind immun, das Schwein wenig empfilnglich für Rotzgift ist. Die Disposition des
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190nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Rotzkrankheit.
Hundes an Rotz zu erkranken, soll im Allgemeinen eine geringe sein. Meine eigenen Versuclisresultate lassen vermuthen, dass die individuelle oder Pamilienanlage der Hunde, an Rotz erkranken zu können, manchmal eine grosse ist. Von sechs etwa 10 Wochen alten Hunden impfte ich drei mit Rotzgift, drei wurden nicht geimpft, blieben aber mit den Impflingen längere Zeit zusammen. Die ge­impften starben am IC, 22. und 25. October an Hautrotz; die nicht-geimpften starben in Folge spontaner Infection am 19. October, 17. und 19, November 1875 an Hautrotz mit Nasenkatarrh verbunden, obgleich die beiden zuletzt erkrankten am 19. October isolirt worden waren. — Thiere des Katzongeschlechtes scheinen im Ganzen em­pfanglicher als Hunde für das Rotzgift zu sein. Dass Hunde und Katzen in Folge dos Genusses von ungekochtem Fleische rotzkranker Thiere an Rotz zu Grunde gegangen sind, wurde mehrfach beob­achtet. — Schafe und Ziegen besitzen eine ziemlich grosse Empfilng-lichkeit für das Rotzgift, indem sie ebenso leicht nach absichtlicher Impfung, als nach Ansteckung auf natürlichem Wege an Rotz er­kranken und sterben.
Prognose. Die Prognose ist beim Rotze sehr ungünstig, da die vollkommen ausgebildete Krankheit selten (oder nie) in Genesung übergeht, sondern meistens (wenn nicht immer) mit dem Tode endet. Nach den Angaben französischer Thierärzte (Decroix) sind in Algier und nach den Angaben italienischer Thierärzte auf Sicilien spontane Heilungen der Rotzkrankheit nicht selten. Auf fraglicher Insel soll die Krankheit überhaupt nicht einheimisch sein, sondern nur in Folge von Einschleppung vom Continente zur Beobachtung kommen. In Algier hingegen soll der Rotz sich zwar entwickeln können, indess häufig spontan heilen.
Bei uns v.u. Lande gestaltet sich die Prognose nur beim Haut­rotze, resp. subcutanen Rotze, namentlich dann weniger ungünstig, wenn die Krankheit durch äusserc Ansteckung entstanden und zu einer Zeit zur Behandlung gelangt, wo sie noch localisirt ist. Die klinischen Erfahrungen verschiedener Thierärzte scheinen dafür zu sprechen, dass in einzelnen Fällen, namentlich aus den ersten Ent­wicklungsstadien der Rotzkrankheit, auch spontan Genesung ein­treten kann. Wenn ich demnach die Behauptung, dass die Rotz­krankheit absolut tödtlich sei, zwar nicht als sicher erwiesen an­sehen kann, so muss ich doch nachdrücklichst bemerken , dass der tödtliche Ausgang durchaus als Regel zu betrachten ist und dass deshalb in der Praxis , namentlich mit Rücksicht auf die Sanitäts­polizei , die Rotzkrankheit gegenwärtig wie eine gemeingefährliche unheilbare Krankheit behandelt werden muss.
Behandlung und Vorbeuge. Von einer arzneilichen Behand­lung der Rotzkrankheit ist bis jetzt nicht viel Rühmliches zu sagen. Es sind im Laufe der Zeit viele Mittel versucht und gepriesen worden, ohne dass irgend eins sich als wirklich heilsam bewährt
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Hundestaupe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;191
hat. Voi1 einiger Zeit wurden namentlich die Carbolsäure und der Borax empfohlen; beide leisten so zu sagen gar nichts.
Je trauriger es um die Möglichkeit der Heilung einer Krank­heit steht, um so wichtiger sind die Vorbeugungsmassregeln. Diese bestehen in der möglichst baldigen Todtung rotziger Pferde und in der Verhütung etwaiger Uebertragungen der Krankheit von in-fioirton auf gesunde Thiere.
Die verstandige Handhabung eines guten Seuchengesot/.es wird dem Ueberliandnelnnen dieser zur Landplage gewoi'denen tückischen Krankheit immer mehr Schranken setzen, oder gar die gänzliche Ausrottung derselben im Laufe der Zeiten erzielen. Es wird jedoch das Ziel um so schneller erreicht werden, je mehr die einzelnen Culturstaaten sich beeilen, das gesammte Veterinärwesen sachgemäss zu regeln.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass auch bei Eseln und den Bastarden von Pferd und Esel die verschiedenen Formen der Eotz-krankheit — und zwar meist mit acutem Verlaufe — beobachtet worden sind. Ueberhaupt sind weit mehr Thiergattungen für die Rotzkrankheit empfänglich, als man früher geglaubt hat. Dieselbe ist, wie bereits erwähnt wurde, auf unsere sämmtlichen Hausthiere — mit Ausnahme des Rindes — sowie auf verschiedene wilde Thiere (in Menagerien) wie z. B. Präriehund, Eisbär, Löwe etc. und leider auch auf den Menschen übertragbar. Aber nicht nur die generelle, sondern auch die individuelle Empfänglichkeit für die schädlichen Wirkungen des Kotzgiftes ist (wie bei allen übrigen thierischen Ansteokungsstoffen) eine sehr verschiedene. Die Empfänglichkeit des Menschen für das Rotzgift verdient unsere besondere Aufmerk­samkeit ; die Wärter rotzkranker oder -verdächtiger Pferde müssen auf die vorhandene Infectionsgcfahr nachdrücklich aufmerksam ge­macht werden. Es ist unstatthaft, dass Personen in Stallungen schlafen, in welchen ein oder mehrere rotzige, resp. rotzverdächtige Pferde stehen.
Die Staupe der Hunde.
Diese Krankheit ist die häufigste und mörderischste aller Hunde­krankheiten. Wir finden dieselbe unter den verschiedensten Namen von zahlreichen Autoren beschrieben. Die Bezeichnungen „Hundo-seuohe, Hundepest, Hundekrankheit, Hunderotz, Staupe, Laune, Sucht der Hundequot; u. s. w. sind noch heute gebräuchlich.
Diagnose. Die Staupe der Hunde ist der Influenza der Pferde in vielen Dingen sehr ähnlich. In ihrer einfachen Form stellt die Krankheit einen mehr oder woniger tiefgehenden, meist seuchenartig auftretenden fieberhaften Katarrh der Kespirationsorgane, oder des Magens und Darmcanales dar; nervöse Erscheinungen bilden eine häufige Complication. Past immer ist die Bindehaut des Auges L'eröthet und sind SOamp;ar Trübungen der durchsichtigen Hornhaut
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192nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hundestaupe.
nicht selten. Auf dieser kommt es auch wohl zur Bildung von Bläschen (sogenannten Phlyctünen), wobei gleichzeitig ein pustulöser Hautausschlag sich einzustellen pflegt. Nur Hunde und Katzen sind dieser Infectionskrankheit unterworfen, verzärtelte Individuen und Racen sind derselben am häufigsten und heftigsten ausgesetzt.
Die leichteren Grade der Staupe sind durch geringere Munterkeit, verminderte Tresslust, durch öfteres Niesen und Husten, durch einen bald nachher sich einstellenden Ausfluss aus den Nasenlöchern und den Augen gekennzeichnet. Nach 8 bis 14 Tagen pflegt dann der normale Zustand sich wieder einzustellen.
Nicht selten aber kommt bei der Staupe eine Entzündung in­nerer Organe zu Stande, so dass wir eine entzündliche Krankheitsform bin dieser Krankheit (wie bei der Influenza der Pferde) unterscheiden können. Auch hier sind ganz vorzugsweise die Respirations- und Verdauungsorgaue der Sitz der Eutzündungsprozesse. Neben den Erscheinungen, welche das Localleiden als solches bedingt, z. B. neben hohen Athemhesehwerden bei Lungenentzündung u. s. w. treten auffallende Fiebererscheinungen auf, wobei die Hinfälligkeit der Kranken häufig einen hohen Grad erreicht. Die Nase ist warm und trocken, der Husten kurz und schmerzhaft, der Kothabsatz ver­zögert, zuweilen schmerzhaft. Die katarrhalische Affection dringt bis in die feinsten Bronchien vor (capillare Bronchitis u. s. w.), selbst die Schleimhaut des Magens und Darmcanales wird mit ergriffen, was sich durch Brechneigung oder wirkliches Erbrechen eines zähen, gelblich-grünen Schleimes, völlige Appetitlosigkeit, bisweilen durch Abführen zu erkennen gibt. Die flüssigen Excremente sind manch­mal mit Blut und vielem Schleim gemengt. Häufig gesellen sich auch, meist erst einige Tage nach dem Auftreten der katarrhalischen Affection, nervöse Erscheinungen, Zuckungen, Lähmungen u. s. w. hinzu, welche oft nach dem Verschwinden aller übrigen Symptome fortbestehen bleiben. In Folge solcher andauernder Lähmungen werden die Patienten durch ihre eigenen Excremente fortwährend verunreinigt und liegen sich überdies nicht selten wund.
Zuweilen erscheint ein Bläsohenausschlag an der unteren Seite der Brust und des Bauches, sowie an der inneren Fläche der Schenkel. Derselbe beginnt mit flohstichähnlicben Flecken, welche um den dritten Tag sich zu pustulösen Bläschen umgestalten, die zu dünnen Krusten eintrocknen. Bei reichlichem Ausschlage verbreiten die Patienten einen widerlichen, fauligen Geruch. Dieses Exanthem hat einige ältere Autoren verleitet, die Staupe der Hunde mit der Pockenkrankheit zu identificiren und in der Vaccination der jungen Hunde ein Schutzmittel gegen die Staupe zu suchen.
Bei den schwereren Formen der Staupe ist der Ausgang nicht selten ein ungünstiger. Die Nasenlöcher und Augenlider werden durch einen reichlichen, schmierigen Ausfluss verklebt, das Athmen wird immer beengter, der Husten sehr schmerzhaft, das Fieber hochgradig. Die Temperatur steigt manchmal bis über 40deg; C. und sinkt schliesslich beim Eintreten dos Sopors und gegen das Lebens-
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Hundestaupe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 193
ende bis auf ca. 32deg; C. (Friedberger). Der Herzschlag ist nicht selten ausserordentlioh beschleunigt. Siedamgrotzki hat betont, dass in Folge fettiger Degeneration des Herzmuskels Herzparalyse ein­treten und dadurch das letale Ende beschleunigt werden kann. Die Schwäche und Hinfälligkeit wird immer grosser, die angesam­melten Schleimmassen können durch Husten nicht mehr entleert werden, die Verdauungsthätigkeit liegt gänzlich darnieder und so gehen die Patienten endlich zu Grunde, bald früher, bald später. Hat die Schwäche einen hohen Grad erreicht oder ist bereits Schlaf­sucht (Coma) eingetreten, so kann die Athemfrequenz sogar unter die Norm heruntergehen. Est ist aber zu bemerken, dass auch selbst die scheinbar verzweifeltsten Fälle schliesslich noch in Genesung übergehen können.
Prognose. In den leichteren Graden der Krankheit ist die Pro­gnose im Allgemeinen günstig, in den schwereren Formen mindestens unsicher, oder ungünstig, da häufig der Tod eintritt, oder lang­wierige , oft unheilbare Nachkrankheiten, namentlich Lähmungen, Zuckungen und dergl. zurückbleiben und nicht selten nachher noch den Tod durch Abzehrung herbeiführen.
Aetiologie. Das jugendliche Alter ist der Entstehung fraglichen Leidens weit günstiger, als spätere Altersperioden; es fallen weitaus die meisten Erkrankungen an Staupe in das erste Lehensjahr. Gleich­wohl ist kein Lebensalter absolut sicher vor derselben, selbst dann nicht, wenn das betreifende Individuum bereits früher einmal die Krankheit überstanden hat; in der Regel sind jedoch durchgeseuchte Hunde für ihr ganzes ferneres Leben immun. In gewissen Jahr­gängen gewinnt dieselbe, namentlich im Frühjahre und Herbste, eine sehr ausgedehnte Verbreitung. Die unter Laien noch vielfach verbreitete Ansicht, dass jeder einigermassen alt werdende Hund während seines Lebens mindestens einmal von Staupe befallen werde, ist eine irrige; manche Hunde bleiben ihr ganzes Leben lang von dieser Krankheit verschont. Es gibt ebensowenig an die jugend­liche Entwicklung unbedingt nothwendig gebundene Krankheiten der Thiere, wie es solche Krankheiten des Menschen gibt.
Die einzelnen Seuchenjahre verhalten sich in Bezug auf Gut­artigkeit oder Bösartigkeit des Verlaufes der Mehrzahl der Krank­heitsfälle keineswegs gleich, sondern nicht selten sehr verschieden.
Ob die Staupe auf dem Wege der Ansteckung sich weiter ver­breitet, oder ob ihr manchmal seuchenartiges Herrschen lediglich miasmatischen, resp. atmosphärischen Schädlichkeiten zuzuschreiben ist, muss noch bestimmter ermittelt werden. Wahrscheinlich kann die ausgeathmote Luft, sowie das Nasensecret, vielleicht auch die Hnutausdünstung eines mit Staupe behafteten Thieres andere em­pfängliche Individuen bei entsprechendem Contacte anstecken. Die meisten Thierilrzte scheinen an die Contagiosität der Hundestaupe zu glauben, und, wie mich dünkt, mit Recht. Es ist aber fraglich, ob die unter den heutigen Begriff der Hundestaupe fallenden
Pütz, Compemlium der Thlcrheilkimdo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 13
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194nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hundestaupe.
Krankheitsbilder sämmtlich einem einzigen Krankheitserreger ihren Ursprung verdanken; vielleicht handelt es sich hier, ebenso wie bei der Influenza der Pferde, um verschiedene Krankheitszustände, die vor der Hand noch einer näheren Sichtung harren.
Wenngleich der eigentliche Krankheitserreger der Hundestaupe noch nicht sicher nachgewiesen ist, so darf doch als wahrscheinlich angenommen werden, dass derselbe organischer und spezifischer Natur ist. Die Disposition der verschiedenen Individuen für die Wirksamkeit des Staupegiftes scheint indess durch gewisse Momente in der Aufzucht gesteigert und gemindert werden zu können. Nament­lich kommt hier die Ernährung der Hunde in den verschiedenen Altersperioden in Betracht. Bei Jägern (und anderen Laien in medioinischen Dingen) begegnet man oft der Meinung, daraquo;ss durch Fleischnahrung die Disposition für die Staupe gesteigert, oder die Ausbildung des Geruchsinnes beeinträchtigt, oder die Neigung „das Wild anzuschneiden, statt zu apportirenquot; verstärkt werde. Es sind dies Vorurtheile, die jeder thatsächlichen Stütze entbehren.
Pathologisch •anatomischer Befund. Nimmt die Krankheit ein tödtliches Ende, so sind die Seotionserscheinungen, je nach der vorhanden gewesenen Krankheitsform, mannigfach verschieden. Bald findet man die Respirations-, bald die Verdauungs-Organe vorwiegend verändert. Die Cadaver sind mehr oder weniger stark abgemagert, die Augenlider und Nasenöffnungen mit eitrigem Schleime verklebt. Entzündliche Veränderungen in der Lunge, Röthung und Schwellung der Respirationsschleimhaut, Schleimansammlungen an verschiedenen Stellen derselben, Welkheit und Blässe (fettige Degeneration) des Herzens, Blutüberfüllung und Blutunterlaufung der Schleimhaut der Verdauungsorgane und des Harnapparates, Gelbfärbung der Leber, die oft mit rothlichen Streifen oder Punkten besetzt ist, Schwellung der Milz, starke Durchfeuchtung der Nervencentren (des Gehirns und Rückenmarkes) sind Befunde, die in mannigfachem Wechsel und mit anderen Veränderungen complicirt angetroffen werden.
Behandlung und Vorbeuge. Während des Stadiums der Vor­boten soll die Verabreichung eines Brechmittels, strenge Diät und Vermeiden jeder Erkältung die weitere Entwicklung der Staupe mildern, aber nicht ganz coupiren, wie man früher glaubte.
Als Brechmittel kann man Brechweinstein: 0,10 bis 0,25, oder Kupfervitriol: 0,10 bis 0,35 in etwa 30 gr Wasser gelöst, oder Brech­wurzel: 6 bis 25 dgr mit etwas warmem Wasser verabreichen. Em-pfehlenswerther aber ist die hypodermatische Injection von 5 bis 50 mgr salzsauren Apomorphins in etwa 1 bis 8 kein destillirten Wassers gelöst.
Die Behandlung der Staupe erfordert eine genaue Berücksich­tigung des jedesmal vorhandenen Krankheitszustandes. Bei einfachen Katarrhen der Respirationsorgane werden im zweiten Stadium der Krankheit, welches sich durch reichlichere Schleimsecretion kenn­zeichnet, süss-aromatische Infusionen mit Zusatz von Salmiak und Süssholzwurzelsaft empfohlen. So z. B.:
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Hundestaupe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;195
2.rJ0 gr Fenchel- oder Anis-Thee (1:12 oder 8 siedenden Wassers), 15 gr Salmiak,
20—30 gr Süssholzwurzelsaft. Alle zwei Stunden ein Esslöffel voll für einen mittelgrossen Hund.
Gegen die nicht selten zurückbleibenden Lilhmungen und Zuckun­gen sind reizende Einreibungen lilngs der Wirbelsäule anzuwenden.
In besondershartnäckigen Filllen leistenhypodermatischeStriohnin-Injectionen, oder Nux vomica innerlich verabreicht, manchmal gute Dienste. Diese Mittel dürfen indess nur unter Beobachtung der entsprechenden Vorsichtsmassregeln angewendet werden. Nach Feser kann man pro Kilo Hund 0,1 mgr Strychnin subcutan, oder 0,1 bis 0,2 mgr innerlich, täglich einigemal anwenden; sobald tetanische Erscheinungen sich einstellen, muss ausgesetzt werden. Douchen und Electrisiren können hier ebenfalls gute Dienste leisten.
Besonders wichtig ist die diätetische Verpflegung der Patienten, gutes Lager, Reinlichkeit und frische Luft bei Vermeidung jeder Gelegenheit zu Erkältungen; dann spielt eine den Verhältnissen entsprechende Nahrung, die bei heruntergekommenen Thieren eine kräftige, aber leicht verdauliche sein muss, eine Hauptrolle. Bei hohen Temperaturen empfiehlt Priedberger salzsaures Chinin und zwar 2 gr täglich für grössere Hunde, mit Wasser und Altheapulver zur Pillenmasse gemacht und diese auf zweimal, 2 bis 8 Stunden auseinander, zu verabreichen. Bei schlechtem oder ganz mangel­haftem Appetit Tinctura Khei aquosa täglich 1 bis 4 Theelöffel voll mit Wasser; gegen Diarrhöe Tinctura Opii simplex 10 bis 40Tropfen täglich, in 2-bis 3stündlichen Zwischenzeiten mit Gummischleim; in hartnäckigen Fällen versuche man Höllenstein und zwar 2 bis 8 Centigr. 3 bis 4 mal täglich in destillirtem Wasser gelöst. Gegen allgemeine Schwäche der Patienten empfehlen Trasbot und Fried-berger Kaffee und zwar 30 bis 100 gr des gewöhnlichen Aufgusses in 3 Portionen getheilt, täglich zu verabreichen; auch gute Fleisch­brühe und bei werthvollen Thieren '/' bis 1 Theelöffel Südwein, täglich einigemal mit etwas Wasser verdünnt. — Der Augenlid­katarrh etc. wird nach den Regeln der Chirurgie und zwar meist mit Lösungen von Zinkvitriol (1: 200—300 Theilen destillirten Was­sers) behandelt; unter Umständen können stärkere Lösungen dieses Mittels (oder von Höllenstein) angewendet werden. Will man noch energischer einwirken und mit dem Höllensteinstifte ätzen, so ver­säume man nicht, mit Kochsalzlösung die touchirte Fläche gründlich zu bespülen, um den überschüssigen Höllenstein abzuwaschen.
Gegen die Staupe gibt es kein sicheres Vorbeugungsmittel. Die von Laien stellenweise heute noch empfohlene Einimpfung der Kuh-pockenlymphe, oder des Nasenausfiusses, oder der Inhaltes der zu­weilen auftretenden Bläschen, haben sich eben so nutzlos erwiesen, als die prophylactische Verabreichung von Schwefelblüthe und von ähnlichen oder anderen Mitteln. Es empfiehlt sich, die gesunden, namentlich noch nicht durchgescuchten Hunde mit staupekranken nicht in Berührung zu bringen.
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196nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schafrotz.
Ferner ist es rationell, wenn man junge Hunde nicht verweich­licht, sie ausreichend lange von der Mutter sllugen und dann mit Fleisch füttern lässt. Einem von der Natur auf Fleischnahrung angewiesenen Thiere nur Pflanzenkost oder Suppen zu verabreichen, ist durchaus verkehrt.
Der Schafrotz (bösartiges Katarrlialfieber der Schafe).
Bei Schafen kommt ein chronischer Nasenkatarrh vor, der sich zuweilen über die Schleimhaut der Luftröhre und ihrer Verzweigungen bis tief in die Lungen hinein ausbreitet. Man hat diesen Zustand „Schafrotzquot; genannt. Derselbe sucht meistens Schwächlinge heim, für welche er häufig verderblich wird. Mit Recht bemerkt Fried-berger (Jahresbericht der Münchener Thierarzneischule, Leipzig 1884, S. 102), dass eine allseitige vollkommene Klarheit darüber nicht bestehe, was man als „bösartiges Katarrlialfieber des Schafesquot;, oder als „Schafrotzquot; bisher bezeichnet hat. Die eignen Beobachtungen Friedberger's sind um so beachtenswerther, als sie in mancher Hin­sicht unseren Gesichtskreis über in Rede stellende Schafkrankheit erweitern.
Diagnose. Die Kraukheitserscheinungen bestehen in Ausfluss eines zähen, gelblichen, oder missfarbigen, bisweilen übelriechenden Secretes aus den Nasenlöchern. Meist ist ein lockerer, häufig wieder­kehrender Husten vorhanden, durch welchen viel Schleim nach aussen geschafft; wird. In Folge Schwellung der Schleimhäute der Respi­rationswege und Verstopfung dieser mit Schleim sind gewöhnlich grosse Athembesohwerden vorhanden; Augenlidkatarrh fehlt nie. Die Patienten gehen unter Zunahme der Athembesohwerden und Abmagerung in der Regel nach einigen Wochen, oder erst nach einigen Monaten zu Grunde.
Die wichtigsten klinischen Befunde und Sectionsergebnisse sind nach Friedberger's Beobachtungen folgende:
Oaohexie, bezw. hochgradige Consumtion (starke allgemeine Abmagerung, Blutarmut!!, geringgradige Blutwässerigkeit u. s. w.), niederes Fieber (Temperatur wenig, zum Theil gar nicht abnorm erhöht, Puls klein, wohl auch unregelmässig, im Allgemeinen nicht besonders beschleunigt), eiterige Gunjunctivitis und Blepharitis (nebst parenchymatöser Keratitis, Abscess- und Geschwürsbildung in, bezw. auf der Cornea), schleimig eiteriger Katarrh der Nasenhöhle, zumal in ihren oberen Partien, katarrhalische Bronchitis (entzündliches Oedem und Bronchopneumonie), Darmkatarrh (fettige Infiltration der Leber), eiteriger Katarrh der Vorhaut, Entzündung und ober-fliichlicher Zerfall ihrer äusseren Falte und der angrenzenden Derma (fettige Degeneration eines Theiles des Nierenepithels), klonische Krämpfe der Gliedmassenmusculatur, Schwäche, Apathie, Somnolenz, Anämie dos Gehirns (leichter Hydrocephalus int. und Gehirnödem?). Der Koth war meist hart und trocken , zuweilen dünn, der Leib
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Wuthkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 197
aufgetrieben, die Haut bleich, die Wolle leicht ausziehbar, der Kopf meist, wie beim paralytischen Kalbefieber des Rindes, in die Seite geschlagen. Die Temperatur der Extremitäten sinkt im späteren Krankheitsverlaufe erheblich ; die Ohren fühlen sich klebrig an u. s. w.
Aetiologie. Die Ursachen sind nicht genau gekannt; als solche wurde früher Erkältung in erster Linie genannt. Friedberger glaubt in den von ihm genannten Fällen eine Erkältung durchaus aus-schliessen, dagegen die Contagiosität des Leidens unzweifelhaft an­nehmen zu müssen. Er bestreitet jedoch selbstverständlich nicht, dass auch durch Erkältung bei Schafen, besonders bei Lämmern letal endende Entzündungszustände der Eespirationswege entstehen können. Er schliesst deshalb und wohl mit Recht, dass unter der Bezeichnung „Schafrotzquot; mindestens zwei verschiedene Krankheits-zustände seither zusammengeworfen worden seien. Die von ihm beobachtete Schafkrankheit hält Friedberger für nahe verwandt mit der Staupe der Hunde.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei der Section finden sich die Erscheinungen eines in verschiedenem Grade über die Schleimhaut der Respirationsorgane ausgebreiteten Katarrhs.
Behandlung und Vorbeuge. Können die diätetischen Verhält­nisse entsprechend geregelt, die Thiere namentlich vor Nässe und Kälte geschützt im Stalle gehalten und gut verpflegt werden, so sind Fälle von Genesung keineswegs selten.
Wo es sich um eine contagiöse Krankheit handelt, da spielt die sorgfältige Trennung der gesunden und kranken Schafe von einander die Hauptrolle. Ausserdem verordnete Friedberger, um die Wider­standsfähigkeit der noch verschont gebliebenen Thiere zu steigern, intensiv nährendes Futter (Maisschrot, Haferbruch etc.) des Tages öfters und in entsprechend kleineren Quantitäten zu verabreichen.
In ähnlicher Weise wurden die nicht zu hochgradig erkrankten Thiere gefüttert, welche überdies noch Tonica (Eisenvitriol) und bittere Mittel in Schlecken erhielten. Der Erfolg dieser Behandlung war ein sehr befriedigender.
Die Wuthkrankheit, Rabies, Lyssa.
Diese Krankheit entwickelt sich vorzugsweise beim Hundege­schlecht, kann aber auch auf alle anderen warmblütigen Thiere und den Menschen übertragen werden. Sie ist eine Panzootie im eigentlichen Sinne des Wortes, welche über alle Zonen der Erde sich verbreitet. Schon im grauen Alterthume scheint diese Krankheit bekannt gewesen zu sein.
Aetiologie. Während sporadische Fälle von Hundswuth fast alljährlich in grösseren Staatsgebieten vorkommen, zeichnen einzelne
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198nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Wuthkrankheit.
Jahrgänge durch eine fast seuchenartige Verbreitung fraglicher Krank­heit, bald in diesem, bald in jenem Lande sich aus. Der Grund hierfür ist zur Zeit noch unbekannt.
Ob die Wuthkrankheit spontan entstehen kann oder ausschliess-lich durch Uebertragung des Wuthgiftes von Wuthkranken auf gesunde Individuen erfolgt, ist eine offene Frage. Für die spontane Entstehung werden die verschiedensten Ursachen angeführt, wie namentlich grosse Hitze, unbefriedigter Geschlechtstrieb, schlechte Pflege und Behandlung etc. Alle diese Dinge scheinen indess in Wirklichkeit an der Entstehung der Wuthkrankheit nur einen unter­geordneten, oder gar keinen Antheil zu haben. Die meisten Sach­verständigen sind der Meinung, dass diese Krankheit nur auf dem AVege der direkten Infection zu entstehen vermag, da das Wuthgift ausserhalb des Thierkörpers, sowie im Cadaver seine Wirksamkeit schnell zu verlieren scheint. Pasteur glaubte als Krankheitserreger einen specifischen Mikroorganismus erkannt und künstlich gezüchtet zu haben. Diese Angabe hat sich indess bei weiterer Controle nicht bestätigt.
Die Uebertragung des Wuthgiftes erfolgt meist durch den Biss eines wuthkranken Thieres, seltener durch Belecken zufällig vor--handener Wunden. Eine von todten Thieren ausgehende Infection ist nicht häufig. Bis jetzt liegen nur ganz vereinzelte Mittheilungen vor, dass durch Sectionen an Cadavern wuthkrank gewesener Thiere eine Infection zu Stande gekommen sein soll. Dennoch aber bleibt Vorsicht bei diesem Geschäfte geboten, so dass es rathsam ist, erst nach dem völligen Erkalten, resp. nach etwa 24 Stunden die Oeffnung der Cadaver vorzunehmen.
Die Zeit der Incubation beträgt meist 3 bis 7 Wochen, selten weniger, nicht selten hingegen mehr. Bei Menschen und Thieren sind Ausbrüche der Wuthkrankheit noch mehrere Monate nach er­folgter Infection sicher constatirt. Bei Hunden, Pferden, Rindern und bei Menschen sind sogar Incubationsfristen von mehr als einem Jahre beobachtet worden. Bei Schafen und Ziegen scheint die In­cubation nur sehr selten bis zu 3 Monaten, nie aber über diese hinaus sich auszudehnen, während bei Schweinen diese Frist zuweilen um etwas überschritten worden ist. Der Grund einer so verschieden langen Incubationsdauer ist nicht näher bekannt. Möller hat die Angaben Pasteurs bestätigt, dass durch directe Ueberpfianzung eines Gehirnstückchens von wuthkranken Thieren in das Gehirn gesunder Thiere die Wuth übertragen werden kann und dass die Incubations­dauer bei derartiger Infection nur 1 bis 2 Wochen beträgt. Auch durch intravenöse Injection von Cerebrospinalmas.se kommt die Wuthkrankheit bei gesunden Hunden constant nach kurzer Incu-bationsfrist zum Ausbruch. Diese mögliche Abkürzung der Incubation erleichtert die Vornahme künftiger Versuche nicht unwesentlich.
Die Bisswunde vernarbt, wie jede nicht vergiftete Wunde. In der Regel geht dem offenbaren Ausbruche der Krankheit ein Jucken der Narbe kurz voraus.
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Wuthkiankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;199
Diagnose. Im Krankheitsverlauf'e lassen sich oft mehr oder weniger deutlich drei Stadien unterscheiden, nämlich das der Vor­boten, der Käserei und der Lähmung. Beim Hunde verläuft die Krankheit im Allgemeinen tblgendermassen:
Während des Stadiums der Vorboten sind keine eigentlich specifischen oder pathognomischen Erscheinungen vorhanden. Die Thiere sind entweder deprimirt, oder aufgeregt; im ersteren Falle trag und mürrisch, im letzteren ungewöhnlich freundlich und munter, aber leichter reizbar, als gewöhnlich. Nicht selten kommt wechselweise Depression und Exaltation bei dem nämlichen Individuum zur Beob­achtung. Die Thiere wechseln häufig ihren Platz, fahren plötzlich aus dem Schlafe auf und zeigen überhaupt eine auffallende Unruhe. Die Presslust ist in der Regel vermindert, der Durst nicht selten vermehrt, die Aufnahme von Flüssigkeit anfangs unbehindert, und keine Spur von Wasserscheu vorhanden. Zuweilen zeigt sich Neigung zum Erbrechen, auch wohl wirkliches Erbrechen. Der Blick ist häufig stier, eigenthüm-lich verstört, manchmal weniger auffallend verändert. Man bemerkt in den Bewegungen meist schon während dieses Stadiums eine gewisse Mattigkeit und Schwerfälligkeit, ferner Unlust zu gehorchen. Scheu, Widerspenstigkeit, Neigung unverdauliche Gegenstände zu verschluk­ken; manchmal Erregung des Geschlechtstriebes, Katarrh der Nasen­schleimhaut, Geifern aus dem Maule u. s. w. Neben diesen Erschei­nungen können noch verschiedene andere auftreten, es können aber auch mehrere, ja selbst die meisten derselben fehlen. Das Stadium der Vorboten dauert gewöhnlich 1—3 Tage, indem es selten früher, noch seltener später in das zweite Stadium übergeht. In der Eegel verändert sich die Stimme, indem sie eigenthümlich heiser und heulend wird.
Das Stadium der Irritation, resp. der Raserei, beginnt mit Zunahme der Unruhe und Erregbarkeit; der Hund sucht zu ent­weichen und zeigt Lust zu beissen. Ist das Entweichen unmöglich, so steigert sich die Beisssucht, so dass Patient die Gegenstände seiner Umgebung angreift etc.
Die Heftigkeit, Zahl und Dauer solcher Wuthanfälle ist in den einzelnen Fällen sehr verschieden und namentlich von dem Charakter des Patienten abhängig, resp. beeinflusst. Der erste Anfall ist ge­wöhnlich der heftigste und der am längsten anhaltende, so dass die ausgeprägstesten Fälle von rasender Wuth während dieses Stadiums fast in einem einzigen Paroxysmus bestehen.
Gelingt es dem wuthkranken Hunde, zu entkommen, so läuft er planlos umher und richtet dann nicht selten viel Unheil an.
Dressirte Hunde, namentlich Stubenhunde, kehren nach einiger Zeit (etwa 24 Stunden) in der Regel nach Hause zurück, wenn sie nicht in die Irre gerathen, oder sonstwie an der Heimkehr verhindert werden. Die nun folgenden Paroxysmen treten ineist mit allinählig abnehmender Heftigkeit auf; dieselben können durch Neckereien, oder auch durch länger fortgesetzte Liebkosungen gewöhnlich leicht hervorgerufen werden, so dass infolge Unkenntniss dieser Thatsachen gerade dadurch schon oft Unheil entstanden ist.
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200nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Wuthkrankheit.
Während der Paroxysraen sind die Bewegungen des Patienten rasch und hastig; dagegen treten wührend der Romissionen die Er­scheinungen der Hchwäche, namentlich beginnende Lähmung des Hintertheiles und des Unterkiefers, deutlicher hervor. Ein Hund, dessen Unterkiefer während der Remissionen bereits herunterhängt, kann denselben, wenn er gereizt wird, oder sonst einen neuen Wuth­anfall bekommt, dennoch so stark gegen den Oberkiefer bewegen, dass dadurch eine Hautverlet'/Aing bei Mensch und Thiel', somit eine Infection herbeigeführt werden kann. — Das zweite Stadium dauert selten länger als 3 oder 4 Tage, indem es allmählig in das dritte und letzte Krankheitsstadium übergeht.
Bevor wir dies betrachten, sei noch bemerkt, dass Hofhunde, oder überhaupt nicht dressirte Hunde, wenn sie während der beiden ersten Stadien ihre Heimath verlassen, meist in die Ferne schweifen, so dass sie manchmal an dem Orte, wo sie der Krankheit erliegen, oder wegen ihres verdächtigen Benehmens getödtet werden, gänzlich unbekannt sind.
Ueber das Verhalten derartig herumschweifender Hunde eXistiron im Publikum allerlei Märchen. (Gradauslaufen, Schaum vor dem Maule, Einklemmen dos Schwanzes und dergl. mehr; letzteres thun feige Hunde, namentlich in der Fremde, stets.) Wuthkranke Thiere laufen keineswegs immer geradeaus, zeigen aber in sehr verschiedenem Grade Rauflust u. s. w., sie scheuen kein Wasser, sondern schwim­men gelegentlich sogar durch grössere Teiche, Bäche und kleinere Flüsschen hindurch etc.
Das dritte Stadium ist durch das allmählige Verschwinden der Paroxysmen, durch eine auifallende Abnahme der Kräfte des Patienten, durch zunehmende Abmagerung, Einsinken der Flanken, kurz durch allmählig stärker werdende Erschöpfung gekennzeichnet. Die Lähmungserscheinungen nehmen immer mehr zu, so dass die Thiere schliesslich nicht mehr aufstehen können und der Unterkiefer weit vom Oberkiefer entfernt ist. Dessenungeachtet ist auch in diesem Stadium eine gewisse Vorsicht immer noch sehr empfehlens-werth, da selbst bei fortgeschrittenen Lähmungserscheinungen die Patienten auf äussere Reize häufig noch weit energischer reagiron, als man nach der vorausgegangenen Theilnahmlosigkeit erwarten zu dürfen glaubt.
Zuweilen treten in diesem letzten Stadium Zuckungen einzelner Muskelgruppen auf, oder es erfolgt der Tod, indem die Thiere ruhig und anscheinend bewusstlos daliegen; derselbe tritt meist 4—7 Tage nach dem offenbaren Krankheitsausbruche ein; selten sterben die Patienten früher (nach 2 oder 3 Tagen), oder erst später, also nach dem siebenten Tage.
Die Empfänglichkeit für die wij-ksame Uebertragung des Wuth-giftes scheint weder durch Geschlecht oder Alter, noch durch die Verwendung und Haltung der Thiere beeinflusst zu werden. Es ist zwar behauptet worden, dass Httndinen seltener wuthkrank werden, als Hunde. Dass dies im absoluten Sinne richtig ist, findet
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Wuthkrankheit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;201
seine natürliche Erklärung in der beträchtlich grösseren Anzahl mannlicher Haushunde. Relativ dürfte die Wuth aber ziemlich eben so häufig bei weiblichen als bei männlichen Hunden angetrofi'en werden. Der freie Verkehr mit anderen Thieren spielt eine wich­tigere Rolle, insofern dadurch die Gelegenheit zu Infectionen be­günstigt wird. Eine früher viel verbreitete Sage, dass in Gegenden, wo die Zahl der Hunde und Hündinen eine ziemlich gleiche sei und der Geschlechtstrieb dieser Thiere regelmässig befriedigt werde, die Wuth nicht vorkomme, entbehrt jeder thatsächlichen Unterlage. Man pflegt im Allgemeinen zwei klinische Formen der Wuth zu unterscheiden, nämlich:
1)nbsp; die sogenannte rasende und
2)nbsp; nbsp; nbsp;„nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;stille Wuth. .
Ein im Wesen der Krankheit begründeter Unterschied ist hier jedoch nicht vorhanden. Es handelt sich um Verschiedenheiten in (der Localisation der Krankheit? und) der Temperamente des Pa­tienten. Kürzt sich das zweite Stadium, das der Irritation, resp. der Raserei bedeutend ab, so dass dasselbe nur wenig deutlich oder gar nicht hervortritt, so schliessen sich die Lähmungserscheinungen mehr oder weniger unmittelbar an das Stadium der Vorboten an, wodurch diejenige Form der Krankheit gegeben ist, welche als „stille Wuthquot; bezeichnet wird.
Bei der stillen Wuth treten die Erscheinungen der Hirnreizung in geringerem Grade, die Affeotionen des Verdauungsapparates hin­gegen deutlicher hervor. — Man sei aber nichtsdestoweniger auch bei solchen Patienten immer vorsichtig, da trotz der weniger hervor­tretenden Beisssucht und trotz der frühzeitigen Lähmung des Unter­kiefers Verletzungen vorkommen können, wie dies manches traurige Beispiel gelehrt hat.
Es bedarf dem vorher Gesagten gemäss wohl kaum noch her­vorgehoben zu werden, dass bei der sogenannten „rasenden Wuthquot; die Erscheinungen der Aufregung, der Raserei, Beisssucht etc. in sehr verschiedenem Grade vorhanden und von sehr wechselnder Dauer sein können. Wenngleich dieselben bei dieser Form im All­gemeinen deutlicher als bei der „stillen Wuthquot; auftreten, so ist den­noch eine scharfe Grenze zwischen beiden Formen nicht zu ziehen.
Was die Wuthkrankheit der Übrigen Hansthiero anbelangt, so sei hier ausdrücklich bemerkt, dass dieselbe mit der Hundswuth wesentlich gleich ist, wenngleich die Erscheinungen einige Ver­schiedenheiten zeigen, die in gewissen Eigenthümlichkeiten der Species, namentlich in der Verscliiedenheit des Gebrauches dieses oder jenes Körpertheiles als Waffe ihren Hauptgrund haben. So z. B. zeigt das Pferd aussei- Beisssucht auch eine gewisse Lust zu schlagen; sämmtliche Wiederkäuer, selbst das friedfertige Schaf nicht aus­genommen, zeigen grosse Lust zu stossen u. s. w. Bei allen Thier-gattungen sind Unruhe und Schreckhaftigkeit, gestörter Blick und veränderte Stimme, schnelle Abmagerung, Verfall des äusseren
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202nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Wuthkrankheit.
Habitus und der frühere oder spätere Eintritt von Lilhmungserschei-nungen constant; Schmerzhaftigkeit oder Jucken der Bisswunde wird nicht selten im Stadium der Vorboten durch Benagen oder Scheuern derselben zu erkennen gegeben. Wasserscheu fehlt stets; häufig sogar versuchen die wuthkranken Thiere zu saufen, was nur dann möglich ist, wenn keine Lähmung der Schlingwerkzeuge besteht. Im Allgemeinen sind die wichtigsten Erscheinungen der Wuthkrank­heit bei den verschiedenen Thiergattungen einander sehr ähnlich und der Ausgang der Krankheit der nämliche; nur pflegt die Dauer und Incubation um etwas zu differiren.
Bei Wiederkäuern äussert sich die Störung in den Verdauungs­organen nur insofern anders, als die Neigung zum Verschlingen unverdaulicher Gegenstände in der Regel nicht vorhanden ist, während mit dem Verschwinden der Fresslust auch das Wiederkauen ein­gestellt wird. Bei Ziegen soll die Beisssucht noch auffallender und stärker hervortreten, als bei Schafen. Bei Bindvieh folgt das tödtliche Ende in der Regel 4—7 Tage nach dem Ausbruche der Krankheit; meist schon früher bei Schafen und Ziegen und noch früher bei Schweinen.
Bei Schweinen äussert sich die Verstimmung des Appetits ähnlich wie beim Hunde, durch Kothfressen und Aufnahme fremder, unverdaulicher Gegenstände. Obgleich die offenbare Krankheit bei dieser Thierspecies häufig nur einen Tag dauert, so machen sich doch in der Regel auffallende Remissionen wahrnehmbar.
Der Grad, in welchem die Erscheinungen der einzelnen Stadien, namentlich des zweiten Stadiums sich bemerkbar machen, sind, wie bei Hunden, so auch bei den übrigen Hausthierarten, individuell sehr verschieden.
Beim Pferde treten Unruhe und Schreckhaftigkeit in den Vorder­grund; sodann scheint ein Drang zum öfteren Uriniren ziemlich regelmässig vorzukommen und mag dieser Umstand Veranlassung gegeben haben, das Wesentliche der pathologischen Zustände und Vorgänge in den Nieren zu suchen. Die Stimme wird heiser, Er­scheinungen von Wasserscheu fehlen indess wie bei anderen Thieren durchaus. Das tödtliche Ende pflegt 4—(gt; Tage nach dem Ausbruch der Krankheit einzutreten. — Wüthende Katzen sind besonders gefährlich, da sie leichter als alle anderen Thiere überall hinkommen können und sowohl mit den Zähnen, als mit den Krallen angreifen. Der Tod pflegt zwischen dem zweiten und dritten Tage einzutreten. — Auch das Geflügel kann an Wuth erkranken; dieselbe äussert sich bei demselben vorzugsweise durch grosse Unruhe, tolle Sprünge, heisere Stimme, eine gewisse Beisssucht mit schliesslicher Lähmung etc.
Unter den Raubthieren sind es namentlich die Glieder des Hunde-geschlechtes, welche nicht selten, manchmal sogar in grosser Anzahl an Wuth erkranken. Im Jahre 1803 wurde in der Schweiz die Wuthkrankheit unter den Füchsen festgestellt, unter welchen sie viele Jahre hindurch seuchenartig grassirte; von dort breitete sie sich über die zunächst angrenzenden nördlichen und nordöstlichen Staaten bis nach Thüringen hin aus. 1824 herrschte sie in Schweden unter
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Wuthkrankheit.
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den Füchsen und Wölfen; ferner von 1860 bis 1878 unter den Füchsen in Kilrnthen u. s. w. Die Thiere sind dann um so gefiihr-licher, als sie meist jede Scheu vor Menschen und bewohnten Orten verlieren, in letztere dreist hineinlaufen und alles was ihnen begegnet, anfallen. Die Krankheit verläuft bei denselben wie beim Haushunde.
Prognose. Die Prognose ist durchaus ungünstig, da die Wuth­krankheit für absolut unheilbar gilt. Es sollen zwar Fälle von Heilung beobachtet worden sein ; dieselben sind aber so selten und wenig sicher oonstatirt, dass solche Ausnahmen für die Praxis nicht in Betracht kommen können.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Leichenerscheinungen sind im Allgemeinen so wenig charakteristisch, dass auf Grund einer Section die Diagnose auf Wuth niemals mit absoluter Gewissheit, sondern nur mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit gestellt werden kann, wenn nicht die Erscheinungen während des Lebens so weit bekannt sind, dass dieselben ergänzend benützt werden können.
Ich will deshalb hier nur die vorzüglichsten Sectionsbefunde kurz anführen, soweit dieselben der Regel nach wahrgenommen werden können.
Zunächst ist Abmagerung der Cadaver, die Gegenwart von fremden, unverdaulichen Stoffen im Magen oder in der Kachenhöhle, resp. im Schlünde ein fast constanter und wichtiger Befund bei wuthkranken Hunden; bei Pflanzenfressern fehlt letzter Befund in der Kegel, während er bei Carnivoren und Omnivoren stets vorhanden ZU sein pflegt.
Ferner findet man gewöhnlich Hyperämie und Blutaustretungen an verschiedenen Stellen der Schleimhaut des Verdauungsschlauches, besonders im Magen, dessen Schleimhaut an den Falten geschwellt und häufig von blutigen Erosionen besetzt ist. — Die sogenannten Marochetti'schen Bläschen oder Pusteln an den Seiten der Zunge etc. sind wahrscheinlich mehr ein Gebilde der Phantasie als der Beob­achtung. Ein ziemlich constanter Sectionsbefund ist die Hyperämie des Gehirns und Rückenmarks, welche (nach Wellers Untersuchung) beim Hunde im verlängerten Mark and im oberen Abschnitte des Halsmarkes am deutlichsten ist; ebenso ist eine Hyperämie der Schleimhaut im Keklkopfe, sowie eine dunkle, theerartige Beschaffen­heit des Blutes eine ziemlich regelnlässige Seotionserscheinung. Beim Menschen beschränkt sich die Blutüberfüllung der Nerven centren auf das verlängerte Mark und das Rückenmark, so dass das Grosshirn hiervon ausgeschlossen ist. Auf die sich vielfach widersprechenden Angaben der Autoren über die feineren Befunde in den Nerven-centren oder in den verschiedenen Nervenbahnen will ich hier nicht näher eintreten, da die betreffenden Untersuchungen bis jetzt keine für die Praxis verwerthbaren Resultate geliefert haben.
Behandlung und Vorbeuge. Für eine arznei liehe Behandlung wuthkranker Thiere fehlt bis jetzt jede rationelle Grundlage; dieselbe
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204nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Pocken.
ist deshalb mit Rücksicht auf ihre Gefahren für das betreffende Personal gesetzlich verboten. Unter Observation gehaltene, der Wnthinfection verdächtige Thiere können eventuell einer prophy-lactischen Behandlung unterzogen werden. Diese hätte vorzugsweise darin zu bestehen, dass alle etwa vorhandenen Bisswunden, resp. durch Wuthgift verunreinigte Wunden, sorgfältig aufgesucht und gründlich geätzt würden. Hierzu bedient man sich am besten der unverdünnten rohen Carbolsilure, des Aetzkalis, des Aetzkalkes, der Zinkbutter oder des weissglühenden Eisens. Eins dieser Mittel wird in ent­sprechender Weise entweder ohne Weiteres, oder erst dann auf die Wunden applicirt, nachdem dieselben vorher ausgeschnitten worden sind. — Wegen der Schwierigkeit, auf der behaarten Haut unserer Hausthiere alle etwa vorhandenen vergifteten Wunden aufzufinden und die prophylaotischcn Mittel sofort in Anwendung zu bringen, wird der Erfolg dieser noch zweifelhafter sein, als beim Menschen.
Die Vorbeuge hat sich vorzugsweise auf den Menschen zu be­ziehen. Wird ein Mensch gebissen, so muss die Resorption des Giftes möglichst verhindert und letzteres aus dem Körper entfernt, resp. zerstört werden. Die Resorption des Wuthgiftes kann im Falle der Noth dadurch zu behindern versucht werden, dass über der Bisswunde nach dem Herzen zu ein Verband applicirt wird; wenn warmes Wasser zu haben ist, so empfiehlt es sich, die Biss­wunde möglichst fleissig in recht warmem Wasser zu baden, bis Aetzmittel zur Stelle sind. Man wähle solche, welche nicht nur ober­flächlich ätzen, sondern in den Geweben zerfliessend tiefer eindringen.
Ob und in wie fern die berühmten Impfresultate Pasteurs für die Praxis nutzenbringend sein werden, lässt sich bis jetzt nicht beurtheilen. Interessant ist aber die durch eine zur Controle ein­gesetzte französische Commission bestätigte Mittheilung, dass das Wuthgift durch Ueberimpfung auf Affen mitigirt wird, während dasselbe im Körper der Kaninchen und Meerschweinchen eine Steige­rung seiner Virulenz erfährt. Durch wiederholte Ueberimpfung von Affe zu Affe wird schliesslich eine derartige Mitigirung des Wuth­giftes erzielt, dass daselbe auf gesunde Hunde übertragen werden kann, ohne dass diese an Wuth erkranken, gleichwohl aber gegen die weiteren Wirkungen des nattirliehen (nicht abgeschwächten) Wuthffiftes immun werden.
Die Pocken unserer Hansthiere.
Als „Pocken oder Blatternquot; bezeichnet man eine acute, fieber­hafte Infectionskrankheit, bei welcher es zur Bildung von Knötohon, Bläschen und Pusteln auf der äusseren Haut und auf den Schleim­häuten kommt.
Aetiologie. Der Grad der Ansteckungsfähigkeit der Pocken ver­schiedener Thinrarten variirt bedeutend. Als Ursache dieser Krankheit kennen wir nur den Anstecknngsstoff. Die Frage ob die Pocken eine
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Pocken.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;205
roine Contagion oder miasmatisch-contagiö.se Krankheit sind, wird von den meisten Sachverständigen In ersterem Sinne beantwortet. Es gibt aber auch noch eine Anzahl namhafter Autoren, welche die miasma­tische Entwicklung der Pocken für möglich halten. So z. B. sagt v. Pettenkofer in seiner Schrift „lieber den gegenwärtigen Stand der Cholera-Frage, München 1873quot;, er bewundere Jeden, der angesichts der Tabellen Macphersons den Muth habe, die wechselnde Frequenz der Blattern ohne weiteres Besinnen blos aus dem stets vorhandenen Contagium und dem üblich angenommenen Wechsel in der indi­viduellen Disposition der Bevölkerung zu erklären. Er benierkt ferner, dass die beiden Thatsaohen, Contagium und individuelle Bisposition, unverrückt stehen bleiben, wenn man auch annimmt, dass die Blattern möglicherweise nicht blos eine contagiöse, sondern auch eine miasmatische Krankheit sind, d. h., dass dem specifischen Infectionsstoffe der Blattern nicht blos der Thierkörper, sondern zeitweise auch seine Umgebung als Nährboden dient.
Einer unserer hervorragendsten Schafzüchter der Gegenwart (Böhm) spricht sich in seiner „Zeitung für Schafzucht und Woll-produetion (Leipzig 1881 Nr. 2)quot; für die Möglichkeit einer mias­matischen Entwicklung der Schafpocken aus und stützt sich hierbei vorzugsweise auf die parasitologischen Untersuchungen Hallier's. Unter anderen thierärztlichen Autoren erklärt sich auch Haubner (Landwirthschaftliche Thierheilkunde sect; 514, S.647, Berlin 1880) für die Möglichkeit einer Selbstentwicklung der Schafpocken.
Diagnose. Die verschiedenen Stadien des Exanthems folgen sich in der oben angegebenen Reihenfolge (Knötchen, Bläschen, Pusteln), sind indess bei Thieren nur an solchen Hautstellen deut­lich zu verfolgen, welche nicht pigmentirt und nur dünn behaart sind. Zunächst bilden sich an den betreffenden Stellen Knötchen, deren jedes von einem rothen Ringe oder Hofe umgeben ist. In den nächstfolgenden Tagen entwickeln sich diese Knötchen zu durch­scheinenden klaren Bläschen , welche einen fächerigen Bau haben, wodurch sie sich von einfachen, blasigen Erhebungen der Epidermis wesentlich unterscheiden; ausserdem sind die meisten dieser Bläschen durch eine Einschnürung ihres Mittelpunktes, durch die bekannte „Delle oder den sogenannten Nabelquot; ausgezeichnet. Diese Bläschen verwandeln sich in Pusteln, indem ihr anfangs klarer lymphatischer Inhalt sich in Eiter umbildet. Durch Zunahme ihres Inhaltes werden sie hierbei praller gefüllt und verlieren dadurch ihre Delle, die indess mit der nun bald folgenden Eintrocknung wieder hervortreten kann. Die Pusteln verwandeln sich nämlich allmählig in bräunliche Krusten, welche spontan abfallen, sobald unter ihnen die Haut vernarbt ist. Je nachdem der Entzündungs- resp. Eitorungsprozess mehr oder weniger tief das Hautgewebe zerstört hat, bleibt an den betreffenden Stellen je eine kleinere (seichtere) oder grössere (tiefere) Narbe.
Kommen die Pocken bei ihrem Ausbruche nahe beisammen zum Vorschein, so erscheint die Cutis im ganzen Bereiche jener ödeinatös
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200nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schafpocken.
geschwellt. Bei grösserer Ausbreitung des Pockenausschlages werden zuweilen auch die Schleimhilute von demselben mitergriffen, womit in der Regel eine schwerere Erkrankung des betroffenen Individuums verbunden ist. — Gewöhnlich pflegt mit, oder gleich nach dem Ausbruche des Hautausschlages das Fieber nachzulassen, dagegen für die Dauer des Eiterungsstadiums neuerdings sich etwas zu heben, um mit dem Stadium der Abtrocknung sich abermals zu mindern und alsbald ganz zu verlieren.
Verlauf und Prognose. Obgleich bei silmmtlichen Hausthieren Pocken vorkommen können, so haben dieselben doch bei den ein­zelnen Thierarten eine verschiedene Bedeutung. Der Verlauf und die Prognose ist demnach nicht nur individuell, sondern auch nach der Thierspezies verschieden.
Pathologisch-anatomischer Befund. Todesfälle in Folge von Pocken kommen bei den grossen Hausthieren (Pferd und Eind) gar nicht oder doch nur ganz ausnahmsweise vor. Der Sectionsbefund soll deshalb bei den Pocken derjenigen Spezies angegeben werden, bei welchen ein tödtlicher Verlauf keine Ausnahme ist.
Behandlung und Vorbeuge. Eine arzneiliche Behandlung der normal verlaufenden Pockenkrankheit ist unnütz. Die Vorbeuge besteht einerseits in Vermeidung einer Infection, andererseits in Begründung einer Immunität.
Für uns haben das meiste Interesse die Schafpocken und die Kuhpocken, weshalb wir diese in etwas ausführlicherer Weise als die Pocken der übrigen Hausthiere zunächst besprechen wollen.
A. Die Schafpocken (Variolae ovinae).
Die Schafpocken treten meist seuchenartig auf und richten weit mehr Nachtheil an, als die Pocken der übrigen Hausthiere. Sie verdanken ihre Fortexistenz und schnellere Verbreitung ihrem sehr intensiv wirkenden Ansteckungsstoffe, der nicht nur fixer, sondern auch sehr flüchtiger Natur ist. Das Pockencontagium der meisten übrigen Hausthiere scheint nur wenig oder gar nicht flüchtig, son­dern blos fix zu sein. Der Ansteckungsstoff der Schafpocken kann durch die atmosphärische Luft auf ziemlich beträchtliche Ent­fernungen auf andere Schafe wirksam übertragen werden. Deshalb, sowie auch wegen der grösseren Gefährlichkeit der Schafpocken, ist denselben von Seiten der Sanitätspolizei mit Recht eine weit grössere Aufmerksamkeit zugewendet worden, als den Pocken der übrigen Hausthiere.
Die Empfänglichkeit für das Pockengif't kommt ohne Rücksicht auf Race, Alter und Geschlecht allen Schafen zu, insofern diese nicht durch das bereits frühere üeberstehen der Pocken für die­selben immun geworden sind. Durch das einmalige üeberstehen der natürlichen oder Impfpocken-Krankheit wird nämlich in der
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Schafpocken.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;207
Regel für die ganze übrige Lebensdauer, die ja bei Haussühafeu keine lange ist, die Empfilnglichkeit für die Wirkungen des Pocken-contagmms getilgt.
Diagnose und Verlauf. Wo eine Immunität nicht vorhanden ist, da pflegen nach natürlicher Infection im Verlaufe von 4 bis 7 Tagen die ersten Vorboten der Krankheit, „Abnahme der ge­wöhnlichen Munterkeit und Prosslust, sowie der freien Beweglichkeit der hinteren Gliedmassenquot; sich einzustellen. Nach 6 bis 9 Tagen, von der Infection an gerechnet, folgen dann Piebererscheinungen, wobei Presslust und Wiederkauen ganz aufhören, die Abgeschlagen­heit der Patienten zunimmt; die Exoremente verzögert, klein geballt und trocken abgesetzt werden. Die Bindehaut des Auges röthet sich stärker, es stellt sich vermehrte Thrilnenabsonderung und Nasen-ausfluss ein und die Gliedmassen werden näher unter den Bauch geschoben, d. h. näher zusammengestellt. Je heftiger das Pieber ist, um so stärker pflegt der Pockenausschlag zu werden; bei sehr reizbaren und gut genährten Thieren kommen indess von dieser Regel nicht selten Ausnahmen vor. Meist schon am zweiten Tage nach dem Eintritt der Fiebererscheinungen folgt die Hauteruption, indem vorzugsweise an kahlen und dünn, resp. wenig bewollten Hautstellen, besonders am Kopfe, um die Augen und das Maul, an der inneren Pläche der Schenkel, an der unteren Fläche des Schweifes etc. flohstichähnliche Flecke sich zeigen, welche bereits am folgenden Tage zu kleinen, allmählig breiter werdenden Knötchen sich erheben. Diese werden gegen den 4. bis 5. Tag nach dem Ausbruche zunächst an der Spitze weisslich und nehmen den Charakter von Bläschen an, um welche herum sich ein gerötheter, wulstiger, ziemlich derber Rand (Hof) entwickelt. Der Pocken ausbrach findet nicht an allen Körpertheilen gleichzeitig statt, weshalb der Ausschlag nicht überall den gleichen Grad der Entwicklung zeigt. Wo die Pocken zahlreich und gedrängt beisammen stehen, da ist die betreffende Hautstelle, namentlich um die Zeit der Eruption, sehr blutreich, entzündet, so dass zuweilen die Augen, das Maul und die Nase ganz verschwollen sind. In der Regel lassen die Fiebererscheinungen 4 bis 5 Tage nach dem Hauptausbruche des Ausschlages nach, oder verlieren sich ganz. Gegen den (i. Tag nach ihrem Ausbruche ist die Pocke reif, d. h. zur Abnahme der Lymphe geeignet; später wird ihr Inhalt-eitrig, wobei sie an Grosse noch etwas zunimmt und ein gelbliches Aussehen erhält. Der sie umgebende Hof wird breiter und ver­schmilzt häufig mit dem der angrenzenden Pocken; das Fieber pflegt um diese Zeit wieder etwas anzusteigen, resp. von neuem sich ein­zustellen. Die Anschwellung der Augenlider, des Maules und der Nasenflügel wird stärker, wobei der Schleimausfluss aus demselben fortbesteht. Das Stadium der Eiterung dauert etwa 8 Tage für jede Pocke, im Ganzen etwa 5 bis 6 Tage, da ja die Eruption nicht gleichzeitig erfolgt. Das letzte Stadium ist das der Abtrocknung, welches von der Mitte der Pocke beginnt; die sich allmählig nach
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208nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schafpocken.
den Seiten hin ausbreitenden Schorfe fallen nach 5 bis 6 Tagen ab, indem sie einen kahlen, röthlichen Fleck, die Pockennarbe, hinter­lassen, auf welcher die Wolle nie wieder so reichlich, wie vordem, nachwächst. Mit Beginn der Eintrocknung der Pockenpustel pflegen die katarrhalischen und Fiebererscheinungen wieder nachzulassen, Fresslust und Wiederkauen zurückzukehren. Die Reconvalescenz ist um so kürzer, je geringer das Exanthem und das Fieber waren. Die ganze Krankheitsdauer beträgt im Allgemeinen bei dem soeben geschilderten regelrechten und gutartigen Verlaufe etwa 3 Wochen. Von diesem Verlaufe kommen aber mancherlei Abweichungen vor, welche a) in einer aussergewöhnliohen Heftigkeit der Hauteruption und des Fiebers, — b) in einer unvollkommenen Entwicklung der Pocken, oder c) in einem spärlichen Auftreten derselben bestehen können. In letzterem Falle pflegt der Verlauf ein milder zu sein, so dass das Fieber entweder vollkommen fehlt, oder nur einen sehr massigen Grad erreicht. Unvollkommen entwickelte Pocken werden vorzugsweise bei schwächlichen, heruntergekommenen Thieren, oder bei ungünstiger, namentlich feuchter, kühler Witterung beobachtet. Es können solche neben und zwischen vollkommen ausgebildeten Pocken sich vorflnden; ihr Verlauf ist gewöhnlich langsamer, als der Verlauf normaler Pocken.
Die sogenannten „Steinpocken1quot; oder „warzigen Pocken' des Schafes sind ebenso ansteckend, als die gewöhnlichen Schafpocken, welchen letzteren nicht selten die Delle fehlt, während sie den zelligen Bau der Kuhpocke stets besitzen. Die Steinpocken bilden feste, harte Knötchen, welche entweder nur wenig geröthet sind, oder eine braunrothe rosp. ziegelrothe Farbe zeigen; sie sitzen auf einem nur wenig oder gar nicht infiltrirten Hautgrunde: auch fehlt ihnen der Hof. Es kommt somit bei der Pockenkrankheit der Schafe keines­wegs immer zur Bildung von rothumsäumten Blasen und Pusteln auf der äusseren Haut. Solche Fälle haben bei vorhandenem Nasen­katarrh zuweilen zu diagnostischen Irrthümern, namentlich zur Ver­wechslung mit dem sogenannten ,Sehafrotzquot; geführt. Da eine solche Verwechslung grosse Nachtheile im Gefolge haben kann, so sei hier­mit auf dieselben besonders aufmerksam gemacht.
Ungünstige Abweichungen von der Norm sind die sub a) an, gegebenen Vorkommnisse. Bei sehr reichlicher Pockenentwioklung zeigt sich bereits im Anfange der Krankheit eine teigige An­schwellung und Röthung der Haut. Die Knötchen erscheinen dicht gedrängt, so dass die aus ihnen hervorgehenden Bläschen und Pusteln in einander fliessen. Die Papillen der Lederhaut vereitern ; es bilden sich Abscesse im Untorhautbindegewebe, die bisweilen in die Tiefe greifen, wodurch ganze Hautstücke, die Ohren, Lippen, Augen und selbst Gelenke zerstört werden können. Das Fieber er­reicht in solchen Fällen einen hohen Grad, dauert auch nach der Ausbildung der Pocken fort und steigert sich mit dem Eintritt des Eiterungsstadiums. Der Katarrh der Luftwege, sowie des Maules und des Rachens ist sehr ausgesprochen; Pockeneruptionen auf der
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Schafpocken.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;209
Schleimhaut dieser Gebiete, welche bis in die Luftröhre und Bronchien sich ausdehnen können, sind nicht selten. Zuweilen schwellen auch die Lymphdrüsen verschiedener Körperstellen an, welche spilter in Eiterung übergehen, wodurch die Kräfte der Thiere sehr in An­spruch genommen werden. In der Kegel gehen in solchen Fällen die Patienten an Pyämie, oder in Folge langwieriger Eiterungen, an Erschöpfung zu Grunde.
Noch bösartiger sind die sogenannten „Aas- oder Brandpocken'', welche blutigen Eiter oder vielmehr Jauche enthalten. Dieselben stehen vielfach so dicht gedrängt, dass sie msammenfliessen, während stellenweise die umgebende Haut von kleinen Blutextravasaten (Pe-techien) durchzogen ist. Die jauchigen Zerstörungen, sowie das Allgemeinleiden sind bei Aaspocken noch bedeutender als bei den vorhin beschriebenen zusammenfliessenden Pocken. Nicht selten kommt es hier auf der Schleimhaut der oberen Respirations- und Verdauungsorgane (sowie auf der Bindehaut des Auges) zur Ent­wicklung von Pocken, wodurch das Athmen und Schlingen sehr er­schwert und der Eintritt des Todes beschleunigt wird. Als eine sehr ungünstige Erscheinung gilt die Gasentwicklung in den Pocken (emphysematische Pocken), welche in Zersetzungsvorgilngen ihren Grund hat. Der tödtliohe Ausgang ist bei dieser Form, bei welcher die Thiere meist einen abscheulichen Gestank verbreiten, Regel; die wenigen Patienten, welche durchseuchen, bleiben später grössten-theils wollelos und siechen an chronischer Krankheit dahin.
Die Prognose richtet sich im Wesentlichen nach der Form und Ausbreitung der örtlichen Prozesse, sowie nach dem sie begleitenden Allgemeinleiden und nach den äusseren Verhältnissen, welche auf die Patienten einwirken. Im Ganzen sind die Schafpocken eine gefährliche Krankheit, welche selbst in günstigen Fällen einen Ver­lust von 10 bis 20 0/o der Erkrankten nach sich zieht; dazukommt noch, dass viele Mütter verlammen und dass viele Thiere für die Folge Kränkler bleiben. Bei früher gesunden, gutgenährten ein­heimischen oder völlig aoclimatisirten Thioren ist bei der gutartigen Pockenform, sowie bei günstigen diätetischen und Witterungsverhält­nissen der Verlauf am günstigsten. Aufenthalt im Freien bei heiterer, trockener und massig warmer Witterung, oder in geräumigen, luf­tigen , aber nicht zugigen Stallungen ist ein sehr wichtiger Factor für einen milden Verlauf, während kalte oder neblige, sowie feucht-warme und schwüle Witterung, schlechte Nahrung und Pflege, zu kleine, dunstige Stallung leicht nachtheilige Wirkungen im Gefolge haben, welche sich am meisten bei schwächlichen, schon von früher her kranken Thieren geltend machen. In solchen Fällen beträgt der Verlust nicht selten 30 0/0 und mehr. Noch nicht erwachsene Thiere, besonders Sauglämmer, unterliegen der Krankheit meistens; die von kranken Müttern geborenen Lämmer sind häufig von Pocken er­griffen, während die Nachkommen durchseuchtor Mutterschafe manch­mal immun gegen Pocken sind,
Pütz, Compeudlum der Thlerheilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;14
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210nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schafpocken.
Aussei- den Todesfiillen sind auch die Verluste in Anschlag zu bringen, welche die Verminderung des Wollertrages, Frühgeburten, Erblindung etc. bedingen.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei Schafen, welche in Folge der Pockenkrankheit verendet sind, findet man aussei- den durch die Pocken selbst verursachten Verilnderungen auf der äusseren Haut und auf den Schleimhiluten auch die Erscheinungen, welche den betreffenden Complicationen zukommen. Hierhin gehören nament­lich die Befunde von Blutvergiftung (Septiciimie resp. Pyilmie), Katarrh oder Croup der Schleimhäute der Respirations- und Ver-dauungs-Orgnne, Lungenentzündung, Lungenödem, Gehirnhyperilmie, Schwellung und eiterige Zerstörung verschiedener Lymphdrüsen u.s.w.
Behandlung und Vorbeuge. Bei Behandlung pockenkranker
Schafe spielen die diätetischen Anordnungen eine Hauptrolle. Man sorge vor allen Dingen für einen geeigneten Aufenthalt im Freien oder in geräumigen Stallungen, welche eine ausgiebige Lüftung, jedoch ohne Zugluft, zulassen; ferner sorge man für eine gute, reine und trockene Streu, vermeide möglichst Stallten]peraturen von mehr als 8deg; C, sowie jede Erhitzung und schnelle Abkühlung der Thiere, be­sonders durch Nässe irgend einer Art. Wenn es möglich ist, bringe man die zur Zeit noch gesunden Schafe in besondere Stallungen, welche mit Pockengift noch nicht inficirt sind. Wo die Stallverhält­nisse den Anforderungen einer vernünftigen Gesundheitspflege nicht entsprechen, muss man durch angemessene Combinationen die ge­gebenen Verhältnisse möglichst vortheilhaft auszunutzen suchen.
Gutgenährten, kräftigen Individuen reicht man während des febrilen Stadiums ein weniger nahrhaftes Futter (Grünfutter, Rüben oder Kartoffeln in zerkleinertem Zustande und in entsprechenden Rationen),' während Schwächlingen eine kräftige Nahrung verabfolgt werden muss. Solchen Patienten, welche wegen Anschwellung der Organe der Maul- und Rachenhöhle an der Aufnahme, dem Zer­kleinern oder Abschlingen der Futterstoffe behindert sind, gibt man Hafer- oder Gerstenschrot, mit heissem Wasser abgebrüht, aber nur im lauwarmen Zustande.
Bei gutartigem Verlaufe kann sich die therapeutische Behand­lung auf das Vorlegen von Lecken aus Kochsalz und Salpeter mit etwas Hafermehl, sowie auf das Vorsetzen von etwas angesäuertem (durch Zusatz von etwas Schwefel- oder Salzsäure) Trinkwasser be­schränken; bei hartnäckiger Verstopfung können Seifenklystiere ap-plicirt werden.
Bei den bösartigen Pockenformen sind bittere und erregende Arzneimittel, Wachholderbeeren, Wermuth, Schafgarben etc. indicirt, jedoch nur bei sehr werthvollen Thieren anzuwenden. Wo aber er­schöpfende Durchfälle, oder -zahlreicheHautgesohwüre sich bereits ein­gestellt haben, da verzichte man auch bei werthvollen Thieren auf jede Behandlung und beseitige die Patienten, resp. deren Cadaver mit Haut und Haaren.
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Schafpocken.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;211
Dass bei jeder Therapie die vorhandenen Geschwüre etc. nach den Regeln der Chirurgie behandelt werden müssen, ist wohl selbst­verständlich.
Ein wichtiges Schutz- und Tilgungsmittel gegen die Schafpocken bietet die Impfung. Je nach dem beabsichtigten Zwecke und der davon abhängigen Zeit ihrer Vornahme unterscheidet man die Schutz­oder Vorbauungsimpfung und die Nothimpfung.
Die Schutzimpfung besteht darin, dass man in Gegenden, in welchen die Schafpocken hilufig vorkommen, alle frisch angekauften Schafe, sowie auch die heranwachsende eigene Nachzucht des lau­fenden Jahrganges impft, um so die ganze Heerde gegen die natür­lichen Pocken immun zu machen. Diese Art der Impfung bietet dem Besitzer den grossen Vortheil, dass er sich in jeder Hinsicht (d. h. sowohl in Bezug auf die Witterung, als auch auf das Alter der Nachzucht) einen möglichst günstigen Zeitpunkt für die Vor­nahme des Impfgeschilftes aussuchen kann. So zweckmllssig nun die Schutzimpfung in solchen Gegenden auch sein mag, in welchen die Schafpocken hilufig vorkommen, ebenso verwerflich ist dieselbe für Gegenden, in welchen die Schafpocken seit langer Zeit gar nicht, oder überhaupt selten vorgekommen sind. Durch die Impfung ent­stehen nämlich in der betreffenden Heerde die eigentlichen Schaf­pocken, ebenso wie beim Menschen nach Einimpfung des Blattern­giftes die eigentlichen Menschenpocken entstehen. Der Vortheil der Schutzimpfung besteht somit nur darin, dass die natürlichen Impf-pocken bei richtiger Wahl der Lymphe, der Witterung und des Alters der Impflinge einen weit milderen Verlauf zu nehmen pflegen, als bei, resp. nach der natürlichen Ansteckung. Da nun durch die Schafpocken-Schutzimpfung die Schafpockenseuche möglicherweise verschleppt werden kann, so hat das Reichs-Viehseuchengesetz die Schafpockenimpfung verboten, resp. nur unter polizeilicher Controle und unter Beobachtung entsprechender Schutzmassregeln bei drohen­der Infectionsgefahr gestattet. Nach den Mittheilungen Pissins (Die beste Methode der Schutzpockenimpfung, Berlin 1874) soll aucli die Vaccination, vom 12. Tage einer erfolgreichen Impfung an ge­rechnet, das Schaf gegen natürliche Pocken ZU schützen vermögen. Da aber kein anderes Thier in dem Masse disponirt ist, das Pocken-gift zu generalisiren, als das Schaf, bei welchem auch in Folge der Vaccination in der geimpften Heerde die natürlichen Schafpocken zum Ausbruch kommen können, so bietet die Vaccination des Schafes vor der Ovination nicht den mindesten Vorzug. Ob das Verbot der Schutzimpfung auf die Dauer sich bewähren wird, ist fraglich.
In Heerden, in welchen die natürlichen Schafpocken ausgebrochen sind, kann die Seuche in der betreffenden Heerde durch eine früh­zeitige Nothimpfung wesentlich abgekürzt werden. Da nun diese Abkürzung des Seuchenverlaufes auch die Zeit der Gefahr einer möglichen Verschleppung des Ansteckungsstoffes ebenfalls verkürzt, somit vermindert, so hat das quäst. Souchengesctz für gewisse Fälle die Schafpockenimpfung für obligatorisch orklärt. — Diese Art
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212nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schafpocken.
der Impfung bezeichnet man gewöhnlich als Nothimpfung. Die­selbe steht der Schutzimpfung insoweit nach, als sie eine Wahl der Impfzeit etc. nicht gestattet, sondern im Momente der vor­handenen Gefahr ausgeführt werden muss, unbekümmert darum, ob die Witterungs- und anderweitigen in Betracht kommenden Ver­hältnisse derselben günstig sind oder nicht. Vielleicht wäre das Verfahren Pissins: animale Vaccine durch Zusatz einer Glycerin-inischung (bestehend aus gleichen Theilen dreifach destillirten Gly­cerins und aus '/a procentigern Salicylwasser) längere Zeit zu conser-viren, auch bei der Ovine verwendbar, um dadurch die Nothimpfung grösserer Heerden ohne Vorimpiüng ausführen zu können und so die Immunisirung zu beschleunigen. Man könnte auch versuchen, dies Ziel zu erreichen durch Trocknen grösserer Mengen guter Schapocken-lymphe und Verflüssigung derselben nach Bedarf kurz vor der Impfung.
Bei Ausführung der Impfung ist neben den bereits erwähnten äusseren Verhältnissen vorzugsweise wichtig: 1) die Wahl der Impf­stelle und 2) die Gewinnung des Impfstoffes. In Bezug auf den ersteren Punkt sei hier kurz bemerkt, dass besonders die wollfreie untere Fläche des Schwanzes, etwa 2 bis 3 Zoll vom After entfernt, oder etwa die mittlere Partie der inneren Fläche der Ohrmuschel, die geeignetsten Impfstellen sind. Nur wenn diese zufällig durch Verstümmelung etc. als Atrium nicht dienen können, darf man als die nächstfolgende, aber immer weniger geeignete Impfstelle, die innere Fläche des Hinterschenkels benutzen.
Als Impfstoff soll stets nur die klare Lymphe einer reifen Pocke verwendet werden, welche je nach Umständen aus einer natür­lichen, oder aus einer Impf-Schafpocke entnommen wird. Zum Zwecke der Schutzimpfung eines grösseren Schafbestandes wird man gewöhn­lich eine Vorimpfung vornehmen müssen, um dadurch die nöthige Menge Lymphe zu erlangen. Je nach der Zahl der Impflinge werden mehr oder weniger Schafe zur Vorimpfung verwendet, wobei mög­lichst dafür zu sorgen ist, dass die für dieses Geschäft erforderliche Lymphe aus einer guten Quelle bezogen wird. Dieselbe muss von solchen Schafen herrühren, welche vor ihrer Erkrankung an den Pocken vollkommen gesund waren, und welche auch nur in ge­ringem Grade an regelmässig verlaufenden Pocken erkrankt sind; letztere müssen zur Zeit der Abnahme des Impfstoffes gut entwickelt und mit einer klaren, noch nicht eitrigen Flüssigkeit gefüllt sein. Von der Impfung mit Blut, Pockeneiter oder Schorfen ist man aus guten Gründen ganz abgekommen. Berücksichtigt man die vorhin angegebenen Cautelon, so ist es im Allgemeinen gleichgültig, ob man den Impfstoff aus einer natürlichen oder aus einer Impfpocke entnimmt. Die seitherigen Versuche, „das Pookengift derart zu mitigiren, dass es auch bei Schafen stets einen milden Verlauf der Impfkrankheit mit nachfolgender Immunität erzeugequot;, haben im Allgemeinen zu keinem befriedigenden Resultate geführt. Raupnch und Semmer wollen zwar a) durch Injection einiger Tropfen Schaf­pockenlymphe in die Jugularvene, b) durch subeutane Injection von
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Kuhpocken.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 213
Blut und Lymphe , welche vorher bis aui' 55deg; C. erwilrmt gewesen waren, c) durch subcutane Injection von in Schafbouillon bei 40''C. gezüchteten Pockenbacterien eine leichte Impfkrankheit mit nach­folgender Immunitilt erzielt haben. Eine weitere Eestiltigung dieser Angaben ist abzuwarten.
Aussei- der Impfung kommen noch andere Schutz- und Tilgungs-massregeln gegen die Schafpocken in Betracht, die zum Theil durch das Seuchengesetz geregelt sind, zum anderen Theile in das Gebiet des Selbstschutzes fallen. Dieser hat es namentlich mit der sorg­fältigen Ueberwachung der eigenen Schafe zu thun. Herrschen in der Nachbarschaft die Schafpocken, so ist eine öftere Revision der einzelnen Schafe geboten, um frühzeitig von einer etwaigen Ein­schleppung der Krankheit Kenntniss zu erhalten. Da die Pocken bei heruntergekommenen Individuen gewöhnlich einen bösartigen Ver­lauf nehmen, so ist es rathsam, alle Krilnkler auszuscheiden und zu tödten, indem vor dem Ausbruche der Pocken in der betreffenden Heerde die Wolle und Haut, sowie auch häufig das Fleisch noch zu gebrauchen ist. —#9632; Der Verkehr mit fremden Schafen und Schäfern, mit Händlern, Fleischern etc. ist möglichst zu meiden. Ist ein An­kauf nicht zu umgehen, so sollten die neu ankommenden Schafe mindestens zwei Wochen hindurch separirt gehalten werden.
Ist die Krankheit in der eigenen Heerde ausgebrochen. so ist eine sorgfältige Trennung der Clesunden von den Kranken noth-wendig. Man lässt zu diesem Zwecke die Thiere einzeln aus dem Stalle, um alle jene, bei welchen sich bereits Pocken oder auch nur ein Nasenausfluss, geschwollene Augenlider, ein matter oder lahmer Gang zeigen, von den noch gesund Befundenen zu trennen. Diese Durchsicht muss öfter wiederholt und nur von solchen Leuten vor­genommen werden, welche mit den pockenkranken Schafen und deren Pflegern nichts zu thun haben. Die Separationsmassregeln müssen bei den Schafpocken ebenso streng gehandhabt werden, wie bei der Rinderpest, da das Contagium jener ebenso flüchtig und verschleppbar ist, als dasjenige dieser Seuche. Thiere, welche an den bösartigen Pocken erkranken, werden am besten sofort getödtet und mit Haut und Wolle begraben, wie das Gesetz dies vorschreibt.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass die Schafpocken auch auf andere Thiere übergehen können. Ovinationen von Ziegen, Rindvieh, Schweinen, Kaninchen und Hasen sind mit Erfolg ausgeführt worden; auch hat man beobachtet, dass Ziegen, Schweine und Rindvieh auf natürlichem Wege durch das flüchtige Schafpocken-Contagium inficirt worden sind.
B. Die Kuhpocken.
Die Kuhpocken (variolae vaocinae) sind namentlich durch ihre Verwendung zur Schutzimpfung des Menschen gegen die Menschen-blattern wichtig geworden ; in Bezug auf das Rind selbst haben sie meist eine untergeordnete Bedeutung.
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214
Kuhpooken,
Das Eruptionsfieber pflegt bei itiudvieh in der Kegel so un­bedeutend zu sein, dass dasselbe meist übersehen wird; ihr Verlauf ist im Allgemeinen gewöhnlieh ein so milder, dass ihre Gegenwart nur zufällig, so z. B. beim Melken der Milchkühe etc., wahrgenommen wird. Die Beeintrilohtigung der Milchsecretion, sowohl die Quan-titilt wie Qualität betreffend, lenkt nicht selten die Aufmerksamkeit des Dienstpersonals auf die Abnahme der Fresslust und des Wieder­kauens, sowie auf die verzögerte Koth- und Harn-Ausleerung. Das Euter schwillt (besonders an den Strichen) an und wird gegen das Melken empfindlich, worauf gewöhnlich nach 3 bis 4 Tagen der Ausbruch des Hautausschlages sich zeigt. Am 8. bis 10. Tage der Krankheit erreichen die Pocken ihre höchste Stufe der Entwicklung, auf welcher sie einen Durchmesser von 1 cm und mehr erlangt haben können, in der Regel jedoch hinter dieser Grosse zurück­geblieben sind. Ihr Inhalt hat sich dann bereits getrübt; indem er sich eindickt, beginnt vom Mittelpunkte aus die Eintrocknung. Die sich nunmehr bildende Kruste oder Borke wird allmilhlig stärker, dunkelbraun oder schwärzlich und fällt nach 10 bis 14 Tagen spontan ab, worauf dann noch lungere Zeit hindurch in der Haut eine Narbe sichtbar bleibt.
Da die Pocken nicht überall zu gleicher Zeit, sondern schub­weise auszubrechen pflegen, so kann sich der Verlauf der einzelnen Fälle auf 4 bis -6 Wochen hinausziehen.
Die geeignetste Zeit zur Abnahme der Pockenlymphe ist dann, wenn die Blase gefüllt, aber ihr Inhalt noch nicht eitrig geworden ist. Für die Echtheit der Pocke 1st vorzugsweise ihre Structur, nicht aber ihre Farbe entscheidend. In Folge ihres fächerigen Baues entleert sie sich nicht sogleich nach gemachtem Einstiche durch ihre Oberhaut, wie dies bei einfachen Blasen der Fall ist, sondern bedarf hierzu einiger Zeit und Nachhülfe. Ein Irrthum ist für den Sachverständigen, so lange der Inhalt der Pocke flüssig ist, nicht leicht möglich; ein solcher würde für die Impfung selbstverständlich nicht gleichgültig sein.
Ueber die Herkunft der Kuhpocken ist nichts Zuverlässiges bekannt; wir wissen nur, dass dieselben durch Uebertragung des Giftes der Menschenblattern und der Pferdepocken etc. entstehen können. Die Ansicht Roloff's, dass die Kuhpocken jetzt nur noch vom Rinde auf Rind, oder von einem vaccinirten Menschen über­tragen werden, ist insofern nicht ganz zutreffend, als die Möglich­keit einer Infection mit dem Gifte der Pferdepocke und der natür­lichen Menschenblattern nicht bestritten werden kann. Die beiden von Roloff angegebenen Infectionswege können indess als die bei weitem am häufigsten betrachtet werden. Mit natürlichem Blattern­gifte des Menschen geimpfte Kühe /eigen niemals eine allgemeine, sondern stets eine auf die Impfstelle beschränkte Pockeneruption, die Lymphe derartiger Impfpocken verhält sich bei Rückimpfungen auf den Menschen durch alle folgenden Generationen ganz ähnlich, wie die gewöhnliche Kulipockenlympho. Das Kind scheint überhaupt
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Kuhpooken.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 215
keine Anlage zu besitzen, das Pockengift zu generalisiren, wohl aber letzteres zu mitigiren. Dieser Umstand ist insofern von prin-cipieller Wichtigkeit, als derselbe uns einen Weg offenbart, auf welchem die Natur ziemlich dasselbe erreicht, was Pasteur durch seine künstliche Cultur der Milzbrandbacteridien erzielt hat.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf ist im Allgemeinen ein sehr milder und nur ganz selten kommen Ausnahmen von dieser Regel vor.
Die Prognose gestaltet sich bei den Kuhpocken gewöhnlich so günstig, dass weder eine curative, noch eine prophylactische Behand­lung gegen dieselben eingeleitet zu werden braucht.
Behandlung und Vorbeuge. Bei Milchvieh kann der Gebrauch von Melkröhrchen sich empfehlen, falls die Strichen durch Pocken so afficirt sind, dass das Melken an denselben dem Patienten Schmerz verursacht. In diesem Falle muss der gründlichsten Reinigung und Desinfection der Melkröhrchen vor der jedesmaligen Application alle Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ferner ist darauf zu achten, dass die mit Pocken behafteten Kühe zuletzt gemolken werden. Veterinär-polizeiliche Massregeln sind gegen die Kuhpocken im Allgemeinen überflüssig.
Als unechte oder falsche Kuhpocken pflegt man folgende Euter-ausschlilge zu bezeichnen:
a)nbsp; nbsp;Die Spitzpocken, welche sowohl für sich allein, wie auch als Begleiter der echten Kuhpocken auftreten können. Von letzteren unterscheiden sie sich durch das Fehlen von Hof und Nabel, sowie durch den schnelleren Ablauf ihrer Metamorphosen vom Knötchen bis zur Pustel- oder Schorfbildung. In 4 bis 6 Tagen haben die einzelnen Spitzpocken, die, wie der Name sagt, auf der Höhe ihrer Ausbildung eine spitze Pustel darstellen, ihre Wandlungen durch­laufen. Da indess der Ausbruch an verschiedenen Stellen des Euters und zu verschiedenen Zeiten sich hilufig wiederholt, so kann sich die Dauer der Erkrankung gleichwohl über mehrere Wochen hinausziehen.
b)nbsp; nbsp;Die Stein- oder Warzenpocken sind noch weniger als die vorigen mit echten Kuhpocken zu verwechseln, indem sie linsen- bis haselnussgrosse, harte , unschmerzhafte, anfangs milssig geröthete Knoten ohne Hof, oder warzeniihnliche Auswüchse am Euter bilden, die oft Wochen und Monate lang unverändert bleiben und sich ganz allmiihlig zurtickbilden.
c)nbsp; nbsp;Die Wasser- oder Windpocken entwickeln sich schnell zu erbsen- bis haselnussgrossen Blasen ohne Hof und Nabel, die leicht platzen, worauf eine dünne, bald abfallende Kruste sich bildet. Manchmal gelangt ihr Inhalt zur Aufsaugung, ohne dass die Epi-dermishülle platzt, sondern scheinbar eine Windpocke bildet, Sie pflegen in 5 bis 6 Tagen die verschiedenen Metamorphosen zu durchlaufen.
Es ist bekannt, dass die echten Kuhpocken in Europa zuerst von dem englischen Arzte Jenner (179(5) systematisch verwendet worden sind, um durch Einimpfung der Vaccine-Lymphe den Mensehen gegen
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21Gnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Pocken der Ziegen und Pferde.
die Blattern zu schützen. Dass der durch eine einmalige Impfung gewilhrte Schutz weder nothwendig noch unbedingt ein absolut sicherer ist, sollte heute jeder Sachverständige wissen und dies hei Beurtheilung des Werthes der Vaccination stets gebührendennassen berücksichtigen. Berechtigter erscheint mir die Opposition gegen den Impfzwang aus dem Grunde, weil die Impfung von Arm zu Ann |eine Uebertragung von Syphilis-, Skrophulosis- und anderen Krankheitsgiften mit sich bringen kann. Es ist keine Frage, dass der Staat mit der Vorschrift einer Zwangsimpfung auch die Pflicht auf sich nimmt, jeden Nachtheil möglichst zu verhüten, der durch den Vollzug des betreffenden (resetzes verursacht werden kann. Bekanntlich existiren schon jetzt vereinzelte staatliche und private Anstalten (in Basel, an den Thierarzneischulen in Brüssel und Ut­recht u. s. w.), welche stets für gute Vaccine sorgen. In diesem Punkte, sowie im Gebiete der Sanitätspolizei überhaupt, lültte von Seiten der Staatsregierungen im Allgemeinen mehr geschehen sollen, als seither geschehen ist. Eine zeitgemässe Reform des Medicinnl-und Veterinilrwesens, welche allen berechtigten Forderungen mög­lichst Rechnung trägt, wird hoffentlich nicht mehr allzulange auf sich warten lassen. Für die Vaccinationsfrage des Menschen ist im deutschen Beiche bereits eine entsprechende Regelung angebahnt durch die Beschlüsse der am 30. October 1884 in Berlin zusammen­getretenen „Commission zur Erörterung der Impffragequot;. Zu den Sitzungen dieser waren eingeladen und erschienen eine grössere Anzahl ärztlicher Celebritäten aus den verschiedenen deutschen Staaten und unter diesen auch erklärte Impfgegner. Es wurden zahlreiche Beschlüsse gefasst, um die Schutzimpfung von den ihr anhaftenden Mängeln mögliehst zu befreien; demgemäss wurde auch die allgemeine Einführung der Vaccination des Menschen mitThierlymphe beschlossen.
C. Die Pocken der Ziegen (Vnriolne cnprinne)
sind sehr selten ; die Pusteln sind kleiner als die Kuhpocken, diesen sonst aber sehr ähnlich. Sie kommen vorzugsweise am Euter vor und entwickeln ein auf Ziegen übertragbares Contagium.
Prognose und Therapie wie bei den Kuhpocken. — Zuweilen kommt auch bei Ziegen eine allgemeine Pockeneruption vor, welche ähnlich verliluft, wie die Schafpocken.
1). Die Pocken der Pferde (Varlolae eqninae).
Schon seit langer Zeit weiss man, dass bei Pferden ein pustu-löser Ausschlag vorkommt, welcher, auf Rindvieh übertragen, die Kuhpocken erzeugt. In Deutschland scheinen die Pferdepocken ge­wöhnlich in der Form der sogenannten „Schutz-Maukequot; aufzutreten und weit seltener (als in Frankreich und in verschiedenen anderen europäischen Ländern) vorzukommen. Nach Bouley sind dieselben in der Gegend von Paris häufiger als die Kuhpocke. Dasselbe scheint
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Pocken der Schweine.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 217
auch für Lyon der Fall zu sein. Chauveau sagt wenigstens, dass die Pferdepocken in der Gegend von Lyon weit hilufiger als die Kuhpooken beobachtet werden; diese relative Seltenheit der Kuh­pocken glaubt er aber zum Theil dem umstände zuschreiben zu sollen, dass die Individuen der Rinderspecies weniger als die Pferde von Personen untersucht werden, welche c'ie Pocken kennen. Die Pferdepocken bestehen in einem pustulösen .^ canthem auf der hinteren Fläche des Fesselgelenkes, dessen Ausbruche in der Regel ein mehr oder weniger ausgesprochenes Fieber vorausgeht. Alsbald stellt demnach an der hinteren Fläche des Fesseis, besonders der weiss gezeichneten Hinterfüsse, eine warme schmerzhafte Röthung und Greschwulst der Haut sich ein, welche sich meist nicht auf die Köthe beschränkt, sondern über das Fesselgelenk hinaus nach oben steigt und in höherem oder geringerem Grade Steifigkeit und Hinken verursacht. Drei bis fünf Tage nach Eintritt des Fiebers entstehen mehr oder weniger zahlreiche Knötchen, die zu Bläschen und Pusteln sich transformiren, aus denen eine gelbliche, zähe, an der Luft schnell /.u braunen Krusten vertrocknende Flüssigkeit sickert, welche die Haare mit einander verklebt. Auch auf der Maul- und Nasenschleim­haut kommt es manchmal zur Bildung erbsengrosser Blilschen, welche mit ihrer Abheilung bald geringe, bald bedeutendere Substanz-verluste hinterlassen. Geifern, resp. Nasenatisfiuss gesellt sich dieser Localisation regelinässig hinzu.
Das Fieber, sowie die Anschwellung der Haut lassen mit Ein­tritt der Pockeneruption meist bald nach, auch die Absonderung der entzündeten Hautstellen mindert sich alsbald wieder; die Haut wird trocken, die Epidermis schuppt sich wiederholt ab, bis die Krankheit nach drei- oder vierwöchentlicher Dauer spontan ihr Ende erreicht.
Die Prognose der Pferdepocken ist günstig und eine ar/.neiliche Behandlung in der Regel nicht erforderlich.
Bei Abhaltung äusserer Schädlichkeiten erfolgt die Heilung von selbst.
E. Die Pocken der Schweine (Variolae snillae).
Dieselben sind nicht so ganz selten und entwickeln sich vorzugs­weise am Kopfe, am Halse, an der Brust und am Bauche, sowie an der inneren Fläche der Schenkel. Sie sind auf Menschen und Ziegen übertragbar; ebenso können Menschenpocken auf Schweine übergehen. Am häufigsten werden junge Schweine von Pocken befallen, was vielleicht theilweise darin mit begründet ist, dass durch das einmalige Ueberstehen derselben für die übrige Lebens­zeit eine Immunität begründet wird.
Der Eruption des Hautausschlages pflegt meistens ein einige Tage dauerndes Fieber vorauszugehen. Bei regelmässigem Verlaiife entwickeln sich die Schweinepocken nach den früher gemachten Angaben, so dass gegen den tJ. Tag die Blasen sich gebildet haben,
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1.
I'
218nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Pooken der Hunde, der Kaninchen und des Geflügels.
deren Inhalt alsdann eitrig wird und gegen den 9. bis 10. Tag einzutrocknen beginnt. Es kommen aber bei den Pocken der Schweine ganz ähnliche Verschiedenheiten des Verlaufes und der Ausgänge vor, wie wir dieselben bei den Schafpocken kennen gelernt haben. In Bezug auf Prognose, Vorbauung und Behandlung gilt des­halb im Allgemeinen das bezüglich der Schafpocken Gesagte. Nur die Diät muss der Thierspecies entsprechend eine verschiedene sein. Als Getränk empfiehlt sich saure Milch, Wasser mit Sauerteig, Salpeter, Glaubersalz u. dergl. Im Anfange der Krankheit kann ein Brechmittel verabfolgt werden.
F. Die Pocken der Hnndo (Variolnc caniuae)
sind im Ganzen selten; sie unterscheiden sich sonst nicht wesentlich von den Schaf- ixnd Schweinepocken. Sie sollen durch üebertragung von Menschen- oder Schafpocken entstehen. Greve sah von sechs mit dem Blatterngifte des Menschen geimpften Hunden drei an den Folgen der Pockeneruption zu Grunde gehen. Bollinger bezweifelt das Vorkommen der Pocken beim Hunde.
Prognose und Behandlung sind ähnlich wie bei den Schweine­pocken.
In prophylactischer Hinsicht genügt es, die unmittelbare Be­rührung blätternder Hunde mit gesunden zu verhüten, da das Contagium der Hundepocken nur wenig flüchtig ist.
G. Die Kaniuchen sind für das Pockengift in geringem Grade empfänglich, während Hasen für dasselbe ganz unempfänglich zu sein scheinen. Bollinger bemerkt (1. c. S. 14, resp. 1034), dass bis jetzt alle Versuche, das Schafpockengift auf Hasen zu übertragen, misslungen sind. Er zweifelt nicht, dass der Prozess, welcher irriger­weise als „Hasenpockequot; bezeichnet worden ist, nichts anderes sei, als die von ihm (Virchow's Archiv B. 59, S. 349) näher beschriebene, gewöhnlich mit Knoten- und Pustelbildung in und auf der äusseren Haut einhergehende, constitutionelle und wahrscheinlich infectiöse Krankheit, die der Tuberculose oder Syphilis näher stehe, als den Pocken. In Rede stehende Krankheit ist in Süddeutschland und in der Schweiz unter dem Namen „Venerie oder Syphilis der Feld­hasen' bekannt.
H. Auch beim Hausgeflllgel sollen Pocken vorkommen und zuweilen eine grosse Sterblichkeit veranlassen. Der Ausschlag soll besonders an den nicht befiederten Stellen des Körpers und um den Schnabel herum auftreten, sich auch bis in den Schlund hinein verbreiten.
Uebertragungen dieses Exanthems auf andere Hausthiere sind meines Wissens bis jetzt nicht beobachtet und auch experimentell nicht festgestellt, weshalb die Pockennatur desselben nicht sicher­gestellt ist. Spinola gelang es auch nicht, Kuhpocken auf das Geflügel zu übertragen. Bollinger ist der Ansicht, dass dasExanthem,
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Rinderpest.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 219
welches man als Pocken der Vögel angesehen habe, ein contagiöses Epitheliom sei.
I. Bei Katzen scheinen Pocken nicht vorzukommen; wenigstens sind mir keine bezüglichen Beobachtungen bekannt.
Die Rinderpest.
Diese Krankheit ist nebst den Schafpooken diejenige Thierseuche, welche in der Regel den intensivsten Ansteckungsstoffer/.eugt, der indess nur auf das Rind und einige andere (vielleicht auf alle) Wiederkäuer wirksam übergehen kann. Sie ist eine schon sehr lange bekannte Krankheit und wurde bereits im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung weit von ihrer Brutstätte im Westen Europa's beobachtet, wohin sie aus dem Osten, wahrscheinlich durch die Viehheerden der in dej-Völkerwanderung den Westen Europa's überfluthenden Volksstämme, eingeschleppt worden war. Seitdem hat sie häufig, vorzugsweise als ein Begleiter der aus dem Osten kommenden Armeen, die ver­schiedenen Länder unseres Continents durchzogen, während sie gegen­wärtig in Folge des lebhaften Eisenbahnverkehrs sich überall ein­zunisten droht, wenn dieselbe nicht durch geeignete Vorbeugungs- und Tilgungsmassregeln in jedem einzelnen Falle bekämpft und dadurch in Schranken gehalten würde. Bis gegen Ende des Mittelalters hat sie jedoch nur selten über Europa sich verbreitet. Erst seitdem häufiger aus den Steppengegenden Süd-Busslands liindvieh nach Ungarn, Polen, Oesterreich, Deutschland, Italien etc. transportirt wird, ist die Einderpest oft mit eingeschleppt worden. Namentlich mehren sich mit dem 18. Jahrhundert ausserhalb Ilusslands die durch die Rinderpest verursachten Verheerungen, während diese seit Beschränkung des Viehhandels durch Einfuhrverbote, sowie durch Anwendung strenger Massregeln gegen verdächtige oder kranke Thiere wieder seltener geworden sind.
Wenn man den Gesammtverlust, welchen Europa seit dem An­fange des vorigen Jahrhunderts durch die Binderpost an Bindvieh erlitten hat, nur auf 180 Millionen Stück Bindvieh, jährlich also im Durchschnitt auf ca. 1 Millionen Stück, veranschlagt, so reprä-sentirt dieser Verlust eine Summe von etwa 27 Milliarden Mark im G-anzen, oder von etwa 150 Millionen Mark pro Jahr.
Eechnet man hierzu die enormen Summen, welche indirect, nämlich durch Störung des landwirthschaftlichen Betriebes etc., ver­loren gehen, so wird man den Werth einer geregelten Seuchentilgung leicht zu erkennen vermögen.
Aus den vielen, der letzten Binderpest-Invasion (1805—07) in England und Holland entsprungenen Arbeiten über fragliche Krankheit hebe ich die vorzügliche Monographie des um die thierärztliche Wissenschaft so hoch verdienten, verstorbenen Directors der Berliner Thierarzneischule, des Geh. Medicinalrathes Professor Gerlach, ferner die bezüglichen Untersuchungen LeiserinffS und Pttrstenbei'ffS be-
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I
220nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Rinderpest.
sonders hervor. Auch von englischen Gelehrten ist damals die Krankheit eingehend studirt und bearbeitet worden.
Aetiologie. Was die Ursachen der Einderpest anbelangt, so ist darüber zunächst so viel sicher bekannt, dass sie für unsere Vieh-stilnde ausschliesslich in der Ansteckung gegeben sind, indem die Seuche für den ganzen Westen Europa's und für viele aridere Lilnder (Amerika etc.) eine reine Contagion ist. Uns wird dieselbe aus Russland und indirect aus anderen Staaten, namentlich aus Oester-reich etc. auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten zugeführt, weshalb wir den Viehhandel mit diesen Staaten genau und unausgesetzt controliren müssen.
Der Ansteckungsstoff ist vorzugsweise in den Absonderungs-producten der erkrankten Schleimhilute, sowie in anderen flüssigen Se- und Excreten enthalten, haftet aber auch am Blute, an der Lungen- und Hautausdünstung etc. Und nicht nur von lebenden, rinderpestkranken Thieren, sondern auch von den Leichen dieser theilt der Ansteckungsstoff der atmosphilrischen Luft sich mit, so dass Infectionen ohne directe Berührung pestkranker Thiere, oder ihrer flüssigen und festen Abgänge, oder ihrer Cadaverbestandttheile in verschiedener Weise zu Stande kommen können. In geschlossenen Rilumen häuft sich das Contagium leicht stärker an, als im Freien, so dass es in nicht sehr gut ventilirten Stallungen concentrirter vorhanden zu sein pflegt, als ausserhalb. Die Entfernungen, auf welche der flüchtige Ansteckungsstoff sich wirksam zu erhalten vermag, sind vorzugsweise von der Concentration desselben und von der Luftströmung abhängig. Durch dichte Stallwände dringt dasselbe nicht, so dass bei frühzeitiger Erkennung der Krankheit auf einem Gehöfte dieselbe möglicherweise auf den zuerst und einzig
! inficirten Stall beschränkt werden kann. Ebenso kann die Seuche unter günstigen Verhältnissen in einem Dorfe etc. auf das zuerst und einzig inficirte Gehöft beschränkt werden, falls die Krankheit frühzeitig erkannt und sofort sachgemäss bekämpft wird.
Der Ansteckungsstoff wird in der Regel (wenn nicht ausschliess­lich, so doch vorzugsweise bei natürlicher Infection) durch die Ath-mungswerkzeuge aufgenommen und dem Blute einverleibt.
Während der Ansteckungsstoff in freier Luft meist auf grössere Distanzen nicht zu wirken vermag, kann er durch poröse Gegen­stände (Kleidungsstücke, Futter- und Streumaterial, Wolle, Haare und dergl.) selbst auf weite Strecken verschleppt werden, was na­mentlich bei Transporten durch die Eisenbahnen in erhöhtem Masse der Fall ist. Dem freien Luftzuge ausgesetzt, verliert es in kurzer Zeit seine Wirksamkeit, dagegen erhält sich diese in geschlossen liegenden Heu- oder Strohvorräthen mehrere Monate lang. Werden dieselben 24 Stunden hindurch bei trockenem, luftigem Wetter im Freien dünn ausgebreitet, so können sie ohne Gefahr für gesunde Thiere verwendet werden. Aehnlich wirken auch höhere Tempera­turen, während durch Killte (selbst Frost) das Eindcrpestcontagium nicht zerstört wird;
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Rinderpest.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 221
Der Ausbruch der Krankheit erfolgt äusserst selten früher als 5 bis 6 Tage nach stattgehabter Infection, oft später, etwa nach 7 bis 9 Tagen. Ausnahmsweise soll die Incubationszeit 2 bis 3 Wochen dauern können.
Ist der Ansteckungsstoff in einen Viehstand eingeschleppt worden, so pflegt gewöhnlich die Krankheit sich schnell zu verbreiten, so­bald dieselbe einmal bei einem Individuum zum Ausbruche gekommen ist. War nur ein einzelnes Thier der Infection ausgesetzt, so pflegen etwa 5 bis 6 Tage zu vergehen, bevor nach dessen Erkrankung andere, gewöhnlich die zunilchst stehenden Thiere ergrifl'eu werden.
Diagnose. Ich will nun zunächst die Krankheitserscheinungen in Nachstehendem nach vielfach eigenen Wahrnehmungen folgen lassen und zwar in derjenigen Reihenfolge, wie sie für die Diagnose am besten zu verwerthen sind.
Die wesentlichsten Krankheitserscheinungen beziehen sich auf die Schleimhäute dos Respirations- und Verdauungsapparates. Die ersten wichtigen Localerscheinungen der Rinderpest bestehen in ka­tarrhalischen Affectionen genannter Schleimhäute (bei weiblichen Thieren unter häufig gleichzeitiger Betheiligung der Schleimhaut des Genitaloanales), welche mit Fieber verbunden sind. In der Regel fällt zunächst ein Thränen der Augen auf. Untersucht man nun ein wirklich rinderpestkrankes Thier genauer, so findet man die Conjunctiva (Bindehaut) der Augen, welche bekanntlich eine Fort­setzung der Nasenschleimhaut ist, sowie die Schleimhaut der Maul- und Nasenhöhle (bei weiblichen Thieren auch die Schleimhaut des Genital-canales) meist striemig geröthet. Diesen localen Erscheinungen pflegt eine Erhöhung der allgemeinen Körpertemperatur um 1 bis 2 u C. bereits 24 bis 30 Stunden vorauszugehen, womit bei milchgebenden Kühen gleichzeitig die Milchsecretion nachzulassen, oder ganz zu versiegen und das Wiederkäuen zu sistiren pflegt. Für die Feststellung des Seuchenausbruohes im ersten Erkrankungsfalle sind die allgemeinen Erscheinungen in der Regel nicht zu verwerthen, dagegen haben sie, sobald die Seuche einmal in einem Viehstand constatirt ist, für die Diagnose weiterer Fälle einen nicht geringen Werth, da bereits 36 bis 48 Stunden (Sanderson) nach erfolgter Infection eine deutliche Temperatursteigening wahrgenommen werden kann. Die Mastdarmlaquo; temperatur schwankt in der Regel zwischen 39 bis 420 C. und er­reicht nur ausnahmsweise ein höheres Mass. Bei tödtlichem Aus­gange sinkt die Temperatur oft 2 bis 80 unter die Norm. Die Fresslust nimmt in der Regel frühzeitig und schnell ab, der Koth­absatz zeigt anfangs keine auffälligen Veränderungen, indem die Excremente bald normal, bald etwas weicher, bald etwas fester als normal abgesetzt werden. Die Betheiligung des Circulationsapparates, sowie der Respiration bietet nichts Charakteristisches ; die bezüglichen Erscheinungen sind sehr variabel. Dagegen pflegen die Patienten traurig und theilnahinlos dazustehen, allein auch in diesem Punkte ist keine Constanz, insofern selbst bei ein und demselben Individuum
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222nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rinderpest.
in Bezug auf diese Ersüheinungen von heute auf morgen ein plötz­licher Umschwung eintreten kann.
Mir ist in dieser Beziehung eine eigene Beohachtung unter dem rinderpestkranken Viehbestände der Utrechter Thierarzneischule (im Jahre 18G7) sehr interessant. Ich traf dort am ersten Tage meines damaligen Besuches fraglichen Institutes in dessen Stallungen mehrere rinderpestkranke Individuen, von denen eins hochgradige Athem-beschwerden zeigte, während eine nebenanstehende Kuh kaum auffällig krank erschien. Am folgenden Tage fand ich die Sache umgekehrt, indem die Tags vorher schwer kranke Kuh nunmehr viel weniger leidend erschien und ruhiger athmete, als die gestern scheinbar so unbedeutend erkrankte Kuh.
Am wichtigsten sind stets die weiter folgenden Veränderungen an den Schleimhäuten, welche reichlicher secerniren und namentlich häufig am Zahnfleische der Schneidezähne alsbald eigenthümliche Veränderungen zu bieten pflegen. In der Regel bildet sich hier ein oberflächlicher Zerfall des Epithels, wodurch das Zahnfleisch ein ähnliches Ansehen gewährt, als wenn dasselbe mit Cigarrenasche bestrichen wäre. Bei weiblichen Thieren zeigen sich auf der Schleim­haut der Mutterscheide häufig ähnliche Erscheinungen, oder es bilden sich grössere oder kleinere graue, oder gelbliche Flecken auf der­selben mit nachfolgender partieller Abstossung zusammenhängender Schleimhautfetzen an fraglichen Stellen. Die von dem Epithel ent-blössten Schleimhautstellen erscheinen hochroth. Auch an anderen Partien der verschiedenen Schleimhäute können ähnliche Prozesse auftreten ; am häufigsten pflegt dies (aussei' am Zahnfleische) an den Papillen der Maulschleimhaut zu geschehen.
Bereits am zweiten oder dritten Tage nach der offenbaren Er­krankung pflegt sich Durchfall einzustellen und damit gänzlicher Verlust der Fresslust, grosse Abgeschlagenheit und Hinfälligkeit, worauf ein starkes Zusammenfallen des Körperumfanges (Abmagerung) in rapidem Masse folgt. Die Darmausleerungen sind zunächst von breiartiger Consistenz, werden bald ganz wässerig, nicht selten mit Blutspuren und schleimigen Massen vermischt. Der Kothabsatz pflegt trotz seiner flüssigen Beschaffenheit schmerzhaft zu sein, weil die Mastdarmschleinihaut von dem entzündlichen Prozesse mit er-griften ist, was sich bei dem zeitweisen Hervortreten derselben an ihrer auffälligen Röthung leicht erkennen lässt. Die Kräfte der Patienten verfallen immer mehr, so dass diese sich schliesslich nicht mehr zu erheben vermögen, wobei der flüssige Koth aus dem nun­mehr nicht selten permanent offen stehenden After unwillkürlich abzufliesson pflegt.
Genesung kann möglicherweise selbst bei stark entwickelter Krankheit noch eintreten; am häufigsten jedoch erfolgt sie begreif­licherweise bei geringeren Graden der Erkrankung. Es muss hier darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Fieber keineswegs immer im geraden Verhältnisse zur Pulsfrequenz und zu anderen Kraiikheitserscheinungen steht, und dass die höheren Temperatur-
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Rinderpest.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 223
grade nicht nothwendig einen tödtlichen Ausgang bedingen. Der Tod kann eintreten bei Thieren, welche nicht über 40 bis 41deg; Eigen­wärme zeigen, während bei einer Temperatur von 41 bis 42deg; Ge­nesung erfolgen kann. Der Fiebertypus ist ein continuirlicher mit kleinen Remissionen am Morgen und mit kleinen Ex acerb ationen am Abend.
Die Betheiligung der Respirationsschleimhaut ist in den einzelnen Fällen sehr verschieden, so dass demnach bald grössere, bald geringere Athembeschwerden vorhanden sind.
Manchmal ist auch die äussere Haut in Mitleidenschaft gezogen, indem an verschiedenen Stellen derselben, namentlich an ihren dün­neren, zarteren Partien, wie besonders am Euter, Milchspiegel, an der inneren Fläche der Hinterschenkel und bei männlichen Thieren am Hodensacke, ein Erythem mit stärkerer Abschuppung oder leichter Schorfbildung sich einstellt.
Zuweilen werden auchLuftgeschwülste im Unterhautbindegewebe, namentlich längs der Wirbelsäule und am Halse angetroffen. Die Krankeitserscheinungen, sowie die unten angegebenen Sectionsbe-funde sind keineswegs immer gleich, sondern wechseln bei den ein­zelnen Individuen, sowie bei den verschiedenen Racen und nach dem herrschenden Krankheitsoharakter,
Wo bei Rinderpest-Invasionen der erste Erkrankungsfall keine bestimmten diagnostischen Merkmale bietet, da wird in der Regel, namentlich in grösseren Viehbeständen, der weitere Verlauf der Krankheit, resp. der Seuchengang entscheiden. (S. S. 221.)
Die Zahl der Krankheiten, welche mit Rinderpest verwechselt werden können, ist im Allgemeinen nicht gross. Am häufigsten kom­men Verwechslungen vor mit Lungenseuehe, bösartigem Katarrhal-tieber des Rindes (Kopfkrankheit) und Ruhr; Maulseuche mit un-regehnässigem, bösartigem Verlaufe kann zuweilen auch eine Aehn-lichkeit mit Rinderpest bieten.
Wo mit dem Ausbruche der Rinderpest die respiratorischen Erscheinungen zunächst in den Vordergrund treten, während die Symptome auf der Maulschleimhaut etc. mehr zurücktreten, da ist eine Verwechslung mit dem fieberhaften Stadium der Lungenseuche für kurze Zeit wohl möglich. Diese ist denn auch häufig genug wirklich vorgekommen, so anno 1805 in England, wo die Seuche längere Zeit verkannt und erst durch französische Thierärzte als Rinderpest festgestellt wurde. Die Section liefert in solchen Fällen sicheren Aufschluss.
Bei dem bösartigen Katarrhaltieber (Kopfkrankheit) des Rindes kann die Aehnlichkeit manchmal so gross sein, dass man in den ersten Tagen und zuweilen sogar auch später zu keinem sicheren Urtheile im Einzelfalle gelangt; die Erscheinungen können so sehr übereinstimmen, dass eine Unterscheidung zunächst unmöglich ist. Zwar tritt bei der Kopfkrankheit in der Mehrzahl der Fälle alsbald autfallende Trübung der durchsichtigen Hornhaut auf, was bei der Rinderpest nicht der Fall ist; die Hornhauttrübung kann aber auch
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224nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Rinderpest.
bei der Kopfkrankheit (in allerdings seltenen Fällen) so unbedeutend sein, dass sie als diagnostisches Criterium nicht zu verwerthen ist. Und möglicherweise kann in solchen Fällen auch die Section die Sache unentschieden lassen, obgleich die Kopfkrankheit im Allgemeinen durch das Fehlen der genannten Erscheinungen im Verdauungs-schlauche, dagegen durch das Yorhandens ein entzündlicher Erschei­nungen in den Kespirationsorganen, in den Nieren und in der Harn­blasenschleimhaut sich zu unterscheiden pflegt.
Auch die Ruhr kann im Einzelfalle sowohl in Eücksicht auf die Krankheitssjrmptome, als auch auf den Verlauf der Krankheit eine so grosse Uebereinstimmung mit der Rinderpest zeigen, dass selbst nach dem Tode durch die Section eine sichere Diagnose nicht immer möglich ist. Erst der weitere Verlauf der Seuche, d. h. die weitere Verbreitung der Krankheit unter den übrigen Insassen eines Stalles, pflegt in solchen Fällen nähere Aufschlüsse zu gewähren. Bei der rinderpestähnlichen Ruhr ist die Ansteckung, resp. Ver­breitung der Seuche unter dem betreffenden Viehstande keine so intensive, resp. rapide, als bei der Einderpest; in der Regel pflegt ja auch der Sectionsbefund ein verschiedener zu sein, so dass durch wiederholte Sectionen wohl bald die Diagnose gesichert würde. Der bei Rinderpest häufig vorkommende Zerfall des Zahnfleisch-, resp. Maulsohleimbaut-Epithels etc. kommt meines Wissens bei Ruhr nicht vor, und kann somit unter Umständen, d. h. wo er vorhanden ist, als ein wichtiges Criterium für Rinderpest verwerthet werden.
Eine Verwechslung der Aphtenseuche mit Rinderpest kann einem vor- und umsichtigen Sachverständigen nicht leicht und höchstens nur momentan passiren, da beide Krankheiten in der Regel wenig Aelmliohes und so zu sagen nichts Gemeinsames haben. Zwar kommen zuweilen bösartige Formen der Aphtenseuche vor, welche während des Herrschens der Rinderpest für eine kurze Zeit Verdacht erregen können. Der weitere Verlauf der Krankheit wird aber bald jeden Zweifel heben.
Verlauf und Prognose. Bei Weidegang ist der Verlauf der Krankheit im Allgemeinen günstiger, als bei Stallfütterung; es hat dies einestheils seinen Grund in der besseren Luftbeschaffenheit, anderntheils in der Beschaffenheit des Futters. Die Reizung der Darmschleimhaut wird selbstverständlich durch feste Nahrungsmittel mehr als durch weiche gesteigert. Im Allgemeinen verläuft die Krankheit am mildesten bei der grauen Steppenrace Süd-Russlands, Ungarns und Rumäniens. Die Seuche nimmt aber auch allerorts, wo sie ihrem Ende entgegengeht, in der Regel einen milderen Charakter an, als sie daselbst in der ersten Zeit ihres Bestehens zeigte. In der Mehrzahl der Fälle erfolgt der Tod am vierten bis siebenten Tage nach dem Ausbruche, manchmal aber auch erst später, selten früher. Im Allgemeinen gehen von den an Rinderpest erkrankten Individuen 70 bis 75% zu Grunde. Hochträchtige Thiere pflegen auf der Höhe der Krankheit zu verwerfen.
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Rinderpest.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;225
Die Prognose ist somit bei Vieh, welches nicht der Steppenraee angehört, ungünstig. In den im Westen der Heimath der Rinder­pest gelegenen Culturstaaten werden gegenwärtig alle mit Binder­pest infioirten Viehbestände polizeilich getödtet und unschiidlich gemacht, resp. vergraben.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die wichtigsten Sections-data treffen wir im Verdauungsrohre und zwar im Labmagen (nicht aber, wie man früher angab, im Psalter, von welcher irrigen Annahme der Name „Loserdürrequot; datirt), sowie im Darmcanale. Dieselben sind manchmal ziemlich charakteristisch, während sie in anderen (nicht seltenen) Fällen für sich allein nicht ausreichen, um die Dia­gnose zu sichern; selbst erfahrene Sachverständige sind deshalb nicht immer im Stande, im ersten Erkrankungs- oder Todesfalle eine be­stimmte Diagnose zu stellen. Ich habe mehreremale Sectionen bei­gewohnt und theilweise seihst gemacht, wo so wenig charakteristische, ja so wenig auffallende Sectionsdata gefunden wurden, dass aus diesen allein Niemand die Diagnose auf Einderpest zu stellen, noch auch den Tod sich zu erklären im Stande gewesen wäre. In an­deren Fällen sind die Leichenerscheinungen auffallender und mehr oder weniger charakteristisch. Zunächst pflegt man dann die bereits angegebene Beschaffenheit der sichtbaren Schleimhäute, eventuell den Hautausschlag anzutreffen. Die wichtigsten pathologischen Veränderungen findet man nach der Leichenöffnung im Labmagen, im Darmcanale und in der Rachenhöhle. Im Wesentlichen beziehen sich die Veränderungen an genannten Orten auf entzündliche Prozesse in der Schleimhaut. Namentlich ist die Schleimhaut der Pförtner­höhle stark geröthet, verschiedentlich von kleinen punktförmigen oder streifigen Extravasaten besetzt und mit einem blutig-schleimigen Exsudate überzogen. Aehnliche Erscheinungen bietet stellenweise auch die Schleimhaut des Dickdarmes, besonders des hinteren Endes des Mastdarmes, dessen Faltenkämme, wie überhaupt die nach innen vorspringenden Schloimhautkämnie der betreffenden Partien, stets am stärksten ergriffen sind. Der Magen- und Darminhalt ist in der Regel flüssig; der Psalterinhalt zuweilen fest. Die Schleimhaut des Verdauungsrohres ist, vom Labmagen nach hinten zu, manchmal stellenweise mit leichten Schorfen bedeckt. Aussei- Verschorfung verschiedener Schleimhäute findet man Areolirung der solitären und Peyer'schen Pollikel. Die Aussenfläche des Darmes zeigt bald eine fleckig rothe, bald eine violette oder aalgraue Farbe.
Die umwallten Papillen der Zunge sind häufig entzündet oder verschorft. In der Rachenhöhle trifft man nicht selten ober­flächliche Zerstörungen und auch die Schleimhaut des Kehlkopfes und der Luftröhre ist zuweilen streifig und fleckig geröthet, oder mit einem weissen oder gelblichen Relage überzogen.
Lunge, Leber und Milz bieten keine besonderen Veränderungen; die Crallenblase pflegt mit einer wässerigen, hellgrünen Galle stark angefüllt und die Schleimhaut derselben stellenweise geröthet und stark
Pütz, OonpendltUn dor Thierhcilkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; -j^
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Rinderpest.
injicirt zu sein; auch die Gebilrmuttorschleiniliuut ist mimuhmal stark geröthet und aufgelockert, besonders auch die Vaginalsuhleimhaut.
])as Herz ist. gewöhnlich schlaftquot;, schmutzig veriarbt und enthält flüssiges oder nur locker geronnenes Blut.
Was den mikroskopischen Sectionsbei'und anbelangt, so stimmen die meisten neueren Untersuchungen darin überein, dass dieselben der Hauptsache nach, aussei- in einer Alteration dos Blutes, in be­sonderen Veränderungen der oberflächlichen Schichten der Haut, besonders aber der Schleimhäute bestehen ; ein specifischer Krank­heitserreger ist bis jetzt nicht nachgewiesen.
Behandlung und Vorbeuge. Eine arzneiliche Behandlung ist in allen Culturstaaten Europa's mit Recht verboten, weil sie gegen die Rinderpest nichts leistet; unser ganzes Handeln ist deshalb auf geeignete Vorbeugungs- und Tilgungsmassregeln angewiesen. Zu diesem Zwecke sind bereits seit längerer Zeit in Preussen gute Vorkehrungen getroffen worden. Das Gesetz vom 7. April 1809, Massregeln gegen die Rinderpest betreffend, wurde für den damaligen ,Norddeutschen Bundquot; erlassen und ist durch die revidirte Instruc­tion 1878 (Reichsgesetzblatt 1873 S. 147) auf das ganze deutsche Reich ausgedehnt worden.
Die Frage, ob es nicht möglich und rathsam sei, in den rus­sischen Steppenländern die Vorbeugungs- und Nothimpfung einzu­führen, um dadurch die Verluste durch die Rinderpest zu beschränken, ist früher vielfach discutirt worden. Die Impfung der Rinderpest wurde zuerst im 18. Jahrhundert in England, später auch in ver­schiedenen anderen westeuropäischen Staaten, woselbst sie damals stationär zu werden drohte, sowohl als Präcautions-, wie als Noth­impfung von verschiedenen Seiten empfohlen und vielfach versucht. Da aber die Impfkrankheit im Allgemeinen grosse Verluste ver­ursachte und die mit derselben verbundene Reproduction von sehr activem Rinderpestcontagium beständig Seuchenherde unterhielt, von welchen aus die Verbreitung der Seuche auf natürlichem Wege er­folgte, so wurden diese Impfungen hier mit Recht überall wieder aufgegeben. Dagegen fanden selbige in Russland an Jessen (seit 1834) einen warmen Vertheidiger. Ohne hier auf weitere Details einzugehen, sei nur bemerkt, dass in Russland die Rinderpest-Im­pfungen den auf sie gesetzten Erwartungen bis jetzt nicht entsprochen, namentlich die Hoffinung auf Erzielung einer Mitigation des Rinder­pestgiftes bis jetzt nicht erfüllt haben. Es fragt sich aber, ob nicht dennoch der Gedanke Jessens, in den russischen Steppen die obliga­torische Rinderpest-Impfung gesetzlich einzuführen, Aussichten auf endliche und vielleicht schon baldige Verwirklichung hat. Die Pasteur'sohen Milzbrand-Impfungen ermuthigen zu Versuchen, auf dem Wege der künstlichen Cultur neuerdings die Mitigirung des Rinderpestgiftes anzustreben.
Es ist deshalb sehr zu wünschen, dass an der Hand der jüngst errungenen, wichtigen Fortschritte bezüglich der Mitigirung der
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Ruhr oder Magensenclic.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;227
Ansteckvuigsstofib die Frage der Rinderpest-Impfung in den russischen Steppenlilndern fortgesetzt sorgfältig studirt werde.
Die Erfahrung hat bereits jetzt gelehrt, dass Steppenvieh, welches nur ganz leicht, an ßinderpest einmal erkrankt gewesen ist, gegen nochmalige Erkrankung an dieser Seuche ebenso geschützt ist, wie andere Rinder, welche nach schwerer Erkrankung genesen sind. Sollte es gelingen, wozu jetzt berechtigte Hofl'nung vorhanden ist, demnächst einen Impfstoff herstellen y,u können, dessen Inoculation regehnässig nur eine leichte Erkrankung nach sich zöge, so wilro die Rinderpest-Impffrage für die Steppenlilnder wissenschaftlich gelöst. Die gesetzliche Regelung derselben würde dann wohl kaum auf be­sondere Schwierigkeiten mehr stossen.
Bei Schafen und Ziogen stimmen die Krankheits- und Sections-Erscheinungen im Wesentlichen mit denen beim Rinde überein. Immer ist ein schmerzhafter rauher Husten bei diesen Thieren vor­handen, der meist mit einer lobulären Lungenentzündung und mit secundärer (circumscripter) Brustfellentzündung verbunden ist. Die Sterblichkeit ist im Allgemeinen geringer, als beim Rinde. Bei Schafen schwankt sie zwischen 20 bis 400; es sind aber auch Jahr­gänge bekannt, in welchen die Schafpcst-Vorluste weit bedeutender waren. So genasen z. B. im Jahre 18t)4 in Galizien nur 3quot;/o der an der Pest erkrankten Schafe. — unter den Ziegen scheint die Pest weit seltener aufzutreten ; es mag dies zum Theil in dem weniger zahlreichen Vorkommen dieser Thiere mit begründet sein. In Sicilien herrschte die Ziegenpest von 18G3 bis 1865, wobei 30 bis 70% der erkrankten Thiere genesen sein sollen.
Die Ruhr oder Magenseuche.
Zuweilen kommen acute Hagen- und Darmkatarrho bei unseren Hausthieren in seuchenartiger Ausbreitang vor und werden nament­lich dann, wenn sie intensiver auftreten und mit mehr oder weniger flüssigen, sehr oft blutigen Darmausleerungen verbunden sind, als Ruhr (oder Magenseucho) bezeichnet. Selbstverständlich ist hier nicht die Rede von jedem beliebigen Durchfalle, der durch ver­schiedene Ursachen bedingt und verschiedenen Krankheiten beigesellt sein kann, sondern es handelt sich hier um eine besondere und in mancher Hinsicht speeifische Erkrankung, die wir zur Gruppe der Infectionskrankheiten rechnen.
Aetiologie. Ob der Ruhr ein bestimmter speeifisoher Krank­heitserreger zukommt, ist zur Zeit noch unentschieden. Dies ist jedoch wahrscheinlich der Fall bei eigentlicher epizootischer, resp. enzootischer Ruhr. Im Allgemeinen pflegt die Krankheit vorzugs­weise im Frühjahre und im Herbste, besonders mit Beginn des Weide-ganges aufzutreten. Man hat dann häufig gewissen Gräsern, oder einem zu schroffen Wechsel des Futters und der Witterung, die Schuld an dem Auftreten des Uebels beigemessen, namentlich sind
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228nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Ruhr odei' Magenseuohe.
auch Befallungspilze odor sonstige nachtheilige Veränderungen des Puttors, Nebel, feuchte Kälte und dergl. als Ursachen der Ruhr be­schuldigt worden.
Wie in mancher anderen Hinsicht, so haben auch in ursächlicher Beziehung die Ruhr des Menschen und die unserer Hausthiere eine gewisse Aehnlichkeit mit einander. Unter Menschen und Thieren herrscht diese Krankheit häufig in Gegenden, in welchen ihnen stagnirendes und sohlammiges Wasser als Getränk dient, besonders wenn dies Zerfallsproducte von organischen Körpern enthält. Das Krankheitsgift scheint aber auch, durch die llespirationsorgane auf­genommen, zur Wirksamkeit gelangen zu können; wenigstens sieht man die Ruhr in der Nähe von Schlachtfeldern, zuweilen auch von schlecht gehaltenen Abdeckereien, bei Menschen und Thieren auf­treten, ohne dass eine schlechte Beschaffenheit der Nahrungsmittel nachgewiesen werden kann. Andererseits nimmt man an, dass eine directe Ansteckung bei Ruhr der Menschen und Thiere, wie bei Cho­lera und Typhus etc., keine grosse Rolle spiele und dass das Krank­heitsgift vorzugsweise an die Darmausleerungen gebunden sei. Es stellt fest, dass Thiere dadurch an Ruhr erkranken können, dass sie an Orten und besonders in Stallungen untergebracht werden, wo diese Krank­heit herrscht (Reynal, Spinola, Rychner). Es ist anzunehmen, dass specifische Mikroorganismen, welche den Excrementen beigemengt sind, wenn sie auf einen günstigen Boden fallen, sich schnell ver­mehren und vielleicht Sporen erzeugen.
Die Ruhr war in früheren Zeiten häufiger, als gegenwärtig; an manchen Orten ist sie mit Einführung der Stallfütterung ganz ver­schwunden. In Ländern, in welchen die Thiere grosse Strecken auf dem Landwege zurücklegen und über Nacht auf der Weide ver­bleiben, kommt auch heute die Krankheit noch häufiger vor als in solchen Gegenden, in welchen die Thiere im Stalle gehalten und per Eisenbahn transportirt werden. Auch hat man seit Alters die Erfahrung gemacht, dass unter dem Schlachtvieh, welches in Kriegs­zeiten den Armeen folgt, oder in belagerten Festungen mit einge­schlossen ist, die Ruhr in grösserer Verbreitung auftritt. Dass ge­rade in solchen Fällen eine Verwechslung mit Rinderpest sehr leicht vorkommen kann, liegt nahe.
Diagnose. Die Ruhr localisirt sich vorzugsweise in den Hinter­leibsorganen, namentlich im Dickdarme. Je nach der Verbreitung des Krankheitsprozesses über einen grösseren oder kleineren Ab­schnitt des Verdauungssohlauches erreichen die Krankheitserschei­nungen eine verschiedene Höhe. Die eintretenden Störungen in der Fresslust sind mit Fieborcrscheinungen verbunden (gastrisches Fieber), so dass bei vermindertem oder gänzlich fehlendem Appetit und Wiederkauen der Durst gesteigert ist. Die Schleimhaut des Maules ist meist stark geröthet, heiss, anfangs trocken, später pappig mit einer dünnen Schloimlage überzogen. Der Mistabsatz pflegt im An­fange der Krankheit verzögert oder unterdrückt zu sein, meist ist
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Ruhr oder Magenseucho.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 229
der Koth erst fester als normal und mit einem sehleimigen Hilutclien überzogen, zuweilen ist er gleich von Beginn der offenbaren Er­krankung an weich, selten jedoch ist schon von Anfang an Durchfall vorhanden. Letzterer pflegt sich in der Kegel erst am zweiten oder dritten Tage der Krankheit einzustellen, dann öfter ganz dünnflüssig, Wässerig und blutig zu werden. Bei Wiederkäuern tritt in der Kegel Aufblähen, bei Pferden (nicht selten auch bei Hunden) Kolik auf. Der Hinterleib ist gewöhnlich gegen Druck empfliullich; die kranken Thierc, namentlich Pferde und Kindvieh, setzen die Hinterfüsse unter den Bauch nach vorn, um jede Spannung der Bauchwände mög­lichst zu vermeiden. Niederlegen und Aufstehen wechseln häufig ab. Der Mastdarm ist geröthet, entzündet, manchmal excoriirt. Afterzwang, häufiges Drängen unter Abgang übelriechender Darm­gase und dergl. gehören zu den gewöhnlichen Erscheinungen der Ruhr. Das Allgemeinbefinden ist auffallend gestört, indem die Thiere entweder sehr traurig, abgestumpft, oder aufgeregt, ängstlich und unruhig sind. Zuweilen ist Gelbfärbung der sichtbaren Schleim­häute vorhanden, was für den gestörten Abfluss dor Galle nach dem Darme hin zeugt. In der Volkssprache pflegt man diese Erkrankungs­form ,Gallenfieberquot; zu nennen.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf des Magen-Darrakatarrhs ist in den einzelnen Ruhr-Fällen sehr verschieden. Bald tritt unter Abnahme der Krankheitsersoheinungen Genesung ein, was in jedem Stadium der Krankheit möglich, bei leichter Erkrankung indess häufiger ist, als bei schwerer. Bald steigern sich die Pieber-erscheinungen, die Abstumpfung und Hinfälligkeit; bei grössorer Verbreitung der Entzündung des Dickdarmes treten blutige Durch­fälle ein, die Kranken magern schnell und stark ab und sterben dann öfter 4 bis 7 Tage nach ihrer Erkrankung. Tritt aus einem fortgeschritteneren Stadium der Krankheit noch Genesung ein, so erfordert diese in der Kegel lange Zeit. — Nicht selten wird der bis zu einem gewissen Grade entwickelte Magen-Darmkatarrh chronisch, und hat dann gewöhnlich andauernde Ernäbrungs- und Verdauungs­störungen zur Folge.
Die Prognose ist bei massigem Grade der Krankheit im All­gemeinen günstig; sobald indess schwerere (sog. typhöse) Zufälle sich ausgebildet haben, ist dieselbe sehr zweifelhaft.
Chronische Magen-Darmkatarrhe, auch wenn dieselben ohne Fieber fortbestehen, sind bei unseren Hausthieren, namentlich den grösseren, sehr schwer heilbar und widerstehen nicht selten jeder medicinischen und diätetischen Behandlung. Gelingt es, dieselben zu stillen, so ist die Heilung meist nur von kurzer Dauer, indem sehr leicht Rückfälle eintreten.
Pathologisch-anatomischer Befund. Wie schon erwähnt, können
in manchen Fällen die Krankheitserscheinnngen bei der Ruhr denen der Rinderpest so ähnlich sein, dass eine sichere Differentialdiagnose in der ersten Zeit nicht gestellt werden kann. Ebenso verhält es
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Ruhr oder Magenseuche.
sieh mit dem Seotionsbefuude, der bei der Euhr einem verschieden-gradig entwickelten Magen-Dannkatarrhe entspricht. Eöthung der Sobleimbaut des Yerdauungsoanales, Schwellung und Erweichung derselben, namentlich in den beiden vorderen Abtheilungen des Dick­darmes, aber auch in den dünnen Gedärmen und in der Pförtner* hiilfte des Magens, wobei auch die Peyer'schen Drüsen geschwellt uder areolirt erscheinen, sind gewöhnliche Befunde. Darminhalt findet sieh reichlich; er besteht in der Regel aus einem Gemisch von Blut und sonstigen flüssigen Massen; ferner gehören ein schleimiger oder eiteriger Belag der Magen- und Darm-Schleimhaut, seröse Infiltration des submueösen Bindegewebes, leichte Schwellungen der Mesenterial-drüsen, Ekchymosen in der Schleimhaut etc. zu den wesentlichsten Leichenerscheinungen, deren In- und Extensität in den einzelnen Pillion nicht unerheblich variirt. Wesentliche Unterscheidungs­merkmale zwischen Einderpest und Ruhr sind häufig erst durch die weitere Gestaltung des Seucbenverlaufes zu erkennen; dieselben gründen sich vorzugsweise auf folgende Verschiedenheiten beider Seuchen:
Die Rinderpest entwickelt bekanntlich einen im Allgemeinen sehr intensiv wirksamen Ansteckungsstoff;
die Ruhr hingegen ist nur in geringem Grade, oder gar nicht ansteckend. Der Verbreitungsgang der Krankheit unter dem betroffenen Viehbestände kann somit die Differential-Diagnose begründen helfen.
Die Euhr ist eine einheimische Krankheit, deren Entwicklung zu schädlichen Witterungs- oder diätetischen Verhältnissen in ur­sächlicher Beziehung zu stehen scheint und auf deren Verlauf durch entsprechende Aenderungon in der Diät, durch Bewahrung unserer Hausthiere vor etwaigem schädlichen Witterungseinflüssen etc. ändernd, resp. vorbauend xxnä heilend eingewirkt werden kann;
die Einderpest ist hingegen eine fremde Seuche, die bei uns nur durch Einschleppung ihres Ansteckungsstoffes entsteht und auf deren Verlauf Witterungs- und diätetische Verhältnisse blos einen untergeordneten EinHuss auszuüben vermögen. Bei der Einderpest kann die Infection in der Mehrzahl der Fälle leicht und sicher nach­gewiesen worden. Sie erscheint nur selten an einem einzelnen Orte des westlichen Europa's, sondern den Verkehrs- und Handelswegen folgend, an verschiedenen, vom Infectionsherde gewöhnlich radiär gelegenen Punkten. (S. S. 224.)
Behandlung und Vorbeuge. Die Therapie hat zunächst die diätetischen Momente streng ins Auge zu fassen; jede Gelegenheit zu Erkältungen, sowie Diätfehler sind sorgfältigst zu meiden. Es darf den Patienten nur leicht verdauliches Futter, und zwar nur in geringen Quantitäten auf einmal verabreicht wei'den. Hierauf ist um so strenger zu achten, je weniger die Fresslust darniederliegt, da bei völligem Verlust derselben nur die Getränkaufnahme ent­sprechend zu regeln ist. Leicht angewärmtes Wasser, oder schleimige Flüssigkeiten in kleinen Zwischenzeiten und Gaben verabreicht, sind am
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Rulii' oder Magenseuohe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 231
meisten m empfehlen. Wo es tliunlidi ist, unterlasse man nicht, die ruhrkranken Thiere so bald als möglicli von den gesunden.Thieren ZU entfernen und in einem besonderen, gut eingerichteten Stalle unterzubringen. Wenn die Ruhr unter Weidevieh eine grössero Ver­breitung zu gewinnen droht, so müssen auch die noch gesunden Thiere eingestallt und entsprechend verpflegt werden. Ist dies nicht ausführbar, so suche man die betreffende Heerde wenigstens auf einer günstig beschaffenen Weide unterzubringen.
Die arzneiliohe Kur richtet sich nach dem Stadium der Krank­heit, sowie nach der Thierart, welcher Patient angehört. Bei Fleisch­fressern und Schweinen ist im Anfange der Krankheit manchmal ein Brechmittel indicirt, namentlich wenn Brechneigung oder wirk­liches Erbrechen vorhanden ist und Ueberladung des Verdauungs­apparates, resp. der Genuss schwer verdaulicher Futtermittel oder unverdaulicher Stoffe als Ursache des Leidens mitgewirkt hat. Bei anderen Thiergattungen empfiehlt sich gegen solche Cruditäten im Verdauungsrohre der vorsichtige Gebrauch von milden Abführungs-mitteln, und zwar nicht nur im ersten Stadium der Krankheit bei etwa vorhandener Obstruction, sondern auch dann noch, wenn be­reits Durchfall eingetreten ist. Bei Pferden ist hier das Calomel am Platze; bei Wiederkäuern ist dem Glaubersalz, oder Bittersalz der Vorzug zu geben. Bei Fleischfressern und Schweinen bedient man sich am besten des Kicinusüles; dasselbe wird entweder ohne verausgegangenes Brechmittel, oder nach diesem angewendet, wenn einige Tage nach dem Erbrechen keine wesentliche Besserung sich zeigt. Warmhalten des Bauches, sowie leicht erregende Einreibungen in die Bauchdecken verdienen als Unterstützungsmittel empfohlen zu werden. Bei sehr gutem Ernährungszustande und hochgradigem Fieber kann auch ein massiger Aderlass gemacht werden. Ist der Darmcanal und Magen von unverdaulichen Substanzen befreit, ohne dass die Erscheinungen der Euhr abgenommen, resp. sich ver­loren haben, so sind schleimige Clysticre angezeigt; innerlich können angewendet werden: Eux vomioa, Tannin, Alaun, Bleizucker, Höllen­stein, bittere Mittel etc. Tritt Besserung ein, so beobachte man während der Eeconvalesenz und noch einige Zeit nach der Genesung auf das strengste das angegebene diätetische Regime; man kehre mit aller Vorsicht erst nach und nach zur gewöhnlichen Fütterung zurück, weil sonst leicht Recidive, oder hartnäckige, selbst unheil­bare Durchfälle sich einstellen.
Zundel empfiehlt täglich 3mal, jedesmal 5 gr Carbolsäure in einem Liter Camillcnthee für ein erwachsenes Rind zu verabreichen, und in solchen Fällen, wro man in Folge dessen Verdauungsstörungen befürchte, abwechselnd 25 gr Salzsäure mit Spiritus in einer Abkochung von Enzianwurzelpulver zu geben. Auch in der Menschenheilkunde ist in neuerer Zeit die Carbolsäure gegen Ruhr empfohlen worden.
Statt adstringirender Olystiere empfiehlt Zundel zu diesem Zwecke das übermangansaure Kali, weil es desinficirend wirkt und weil bei seinem Gebrauche keine besonderen Rücksichten zu nehmen sind.
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Diphtherie.
Diphtherie und Diphtheritis.
Im zweiten Biinde der Mittheilungen des Deutschen Koichs-Gesund-heitsamtes beginnt Dr. Löffler die Veröffentlichung seiner Arbeit: „Untersuchungen über die Bedeutung der Mikroorganismen für die Entstehung der Diphtherie etc.quot; mit folgender Unterscheidung: Als „Diphtheriequot; bezeichnet er die in sich abgeschlossene, ein Ens morbi (gleich den Masern und Pocken) darstellende, seit Jahrhunderten con-stante, epidemisch auftretende Infectionskrankheit, während er unter „Diphtheritisquot; ausschliesslich eine bestimmte pathologisch-anatomische Form der Gewebsveränderungen versteht, welche aussei- anderen Formen der Gewebsveränderung hei der Diphtherie vorkommt.
Dieser Krankheitsprozess läuft am häufigsten auf Schleim­häuten ab, besonders auf der Schleimhant der Eaohenhöhle, und ist in dieser Form unter dem Namen der bösartigen Rachenbräune, be­sonders in der Menschenheilkunde allgemein gefürchtet. Die Diph­theritis der Rachenhöhlen- und Kehlkopf-Schleimhaut des Menschen hat nicht selten in seuchenartiger Verbreitung ganze Länder durch­wandert, wobei sie im Allgemeinen die Bewohner der Städte ver-hältnissmässig mehr heimsuchte, als die Landbevölkerung. Es gibt gewisse Orte und Localitäten, an welchen sie Jahr aus, Jahr ein vorkommt, gewissermassen stationär ist, während sie an anderen Orten selten oder nie in grösserer Ausbreitung auftritt. Zuweilen befällt in Dörfern und auf einzelnen Besitzungen die Diphtherie verhältnissmässig viele Individuen, um dann auf Jahre wieder zu verschwinden.
Die in neuerer Zeit so vielfach und nachdrücklich ausgesprochene Behauptung, dass diese mörderische Krankheit des Menschen auf diesen von Thieren übertragen werden könne, lässt es nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar als Pflicht erscheinen, fragliche An­gelegenheit hier etwas ausführlicher zu untersuchen.
Aussei- den Schleimhäuten des Rachens und des Kehlkopfes, der Luftröhre und ihrer Verzweigungen, können auch die Schleim­häute des Magens und Darmcanales von diphtheritischen Prozessen befallen werden.
Aber nicht nur auf Schleimhäuten sondern auch auf granu-lirenden Wundflächen kann Diphtheritis vorkommen. Diese Wund-diphtheritis, welche früher als sogenannter „Hospitalbrandquot;, be­sonders in schlecht ventilirten chirurgischen Spitälern, oft furchtbare Verheerungen anrichtete, ist in Folge der modernen Wundbehand­lung und der besseren Einrichtung der Krankenhäuser eine seltene Krankheit geworden.
Aetiologie. Die Diphtherie ist wahrscheinlich eine Infections­krankheit, welche durch das Eindringen gewisser niedriger Orga­nismen in die Gewebe und in das Blut entsteht. Ob aber ein speeifischer Mikroorganismus diesem Prozesse zu Grund liegt, oder ob letzterer durch verschiedene Krankheitserreger verursacht werden
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Diphtherie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 233
kann, ist ungewiss. Es sind aber immer infectiöso Erkrankungen, bei welchen diphtheritische Entzündungen beobachtet werden. Nach den Untersuchungen Löfflors scheint ein specifischer Bacillus die Ursache der eigentlich diphtheritischen Erkrankungen zu sein, also nicht ein Micrococcus, wie Klebs und Andere behauptet haben.
Diagnose. Das klinische Bild der Diphtherie ist im Einzelfalle ein mannigfach verschiedenes, je nach den individuellen und nach anderweitigen Verhältnissen. Sehr oft wird dasselbe durch hinzu­tretende Complicationen mehr oder weniger verwischt, so dass es manchmal recht schwierig oder ganz unmöglich ist zu bestimmen, ob dieser oder jener pathologische Befund auf Rechnung der Compli­cation oder der Diphtheritis zu setzen ist. Es kommen nämlich nicht selten ihrem Wesen nach durchaus verschiedene entzündliche Erkrankungen der Rachenschleimhaut vor, welche an den sie beglei­tenden Veränderungen von denen nicht zu unterscheiden sind, die durch das Virus der Diphtherie verursacht werden. Hierauf bezüglich sagt Cohnheim (Allg. Dathol., Berlin 1877, Bd. I. S.484): „Bei der Variola ist nicht blcs die specifische Hautpocke lediglich der Effect einer centralen Nekrose auf infectiöser Basis mit secundärer Ent­zündung im Grunde und in der Peripherie der Pustel, sondern es finden sich auch in vielen inneren Organen ganz gewöhnlich zahl­reiche , vom blossen Auge nicht immer mit Sicherheit diagnostioir-bare Herde, deren Mitte abgestorbenes Gewebe und deren Peripherie eine Zone secundärer Entzündung bildet. Diese Herde, in denen auch der charakteristische Mikrokokkenhaufen nicht leicht vermisst wird, unterscheiden sich in ihrem optischen und chemischen Ver­halten in keiner Weise von den mehr erwähnten Bacterienherden, denen man so oft bei echter Rachendiphtherie, aber auch bei feuchter Gangrän und nicht weniger bei manchen Verletzungen und Ge­schwüren begegnet. Wer aber wollte deshalb an eine Identität des Pockenvirus mit dem der Diphtherie und vollends dem der Gangraena humida etc. denken?quot;
Als „Diphtheritis'' (und Gangrän) der Schleimhäute bezeichnet Ziegler einen Entzündungsprozcss, bei welchem das Gewebe selbst zu einer todten Gerinnungsmasso erstarrt, und als „Diphtheritis superficialisquot;, wenn die Nekrose und die Coagulation nur das Epithel betrifft. Diese kommt beim Menschen hauptsächlich im Gebiete der Rachenorgane vor, seltener in der Conjunctiva und in der Schleim­haut des Uro-Genitalcanales. Die Schleimhaut des Rospirations-apparates, sowie des Magens und Darmcanales bietet ihrer Entstehung keine günstigen anatomischen Verhältnisse.
Bei Schieimhautdiphtheritis des Menschen bildet sich stets eine Membran, welche zunächst als oberflächliche Auflagerung erscheint, bald aber tiefer in das Gewebe der betreffenden Schleimhaut ein­dringt und dieses zerstört. Am Gaumensegel treten in der Regel zunächst inselartig weisse Flecke auf, welche sich weiter ausbreiten und so hautartig werden. Eine solche Membran besteht zum grossen
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234nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Diphtherie der Kälber.
Theile uns Mikrokokken, welche im Vereine mit weisseu Blutköi'peroben und l'ibriiil'ilden ein Fil/.werk bilden. I'flunzt man eine Diplitheriti.s-Membran in eine frische Muskelwunde des Kaninchens ein, so ent­steht eine heftige hämorrhagische Mviskelentzündung, welche fast ausnahmslos in 20 bis 40 Stunden tüdtlich endet.
Prognose. Die Prognose ist immer zweifelhaft. Beim Menschen folgen selbst auf scheinbare Genesung manchmal Lähmungen, die nach kürzerer oder längerer Dauer wieder zu verschwinden pflegen.
Behandlung. Die Behandlung vermag nur dann etwas zu leisten, wenn kräftig wirkende Desinficientien direct auf die kranke Stelle applicirt worden können. Touchiren mit Höllenstein, Bepinseln mit Carbolsiiure u. s. w. sind die am meisten gebräuchlichen, aber keineswegs sicher wirkende Mittel.
Es fragt sich nun, ob eine der Diphtherie des Menschen wesent­lich gleiche Krankheit auch bei Thieren vorkommt? Diese Frage muss insofern bejaht werden, als wenigstens eine erfolgreiche Ueber-impfung sehr häufig stattgefunden hat. Auch sind die pathologisch-anatomischen Befunde bei gewissen Krankheitszuständen unserer Hausthiere den Befunden bei Diphtheritis des Menschen mehr oder weniger ähnlich. Verschiedene Autoren haben die brandige Kopf­krankheit dos Pferdes und Kindes für einen diphtheritischen Krank-lieitspro/ess erklärt.
Im dritten Jahrgange der Zeitschrift für Thicrmodicin (1877, S. 1—27) hat nun Dammann unter dem Titel „Die Diphtherie der Kälber, eine neue, auf den Menschen übertragbare Zoonosequot; eine Krankheit beschrieben, welche er auf einem Gute an der Ostsee (in Pommern) beobachtete und für veritable Diphtheritis hält, und welche auch Löffler (1. c. S.489) „eine exquisit contagiöse Diphtherie' nennt. Dies scheint mir zwar ebensowenig erwiesen, als die Iden­tität fraglicher Krankheit mit wirklicher Diphtherie des Menschen (s. S. 287). Gleichwohl soll die bezügliche Mittheilung Dammanns hier ihrem wesentlichsten Inhalte nach wiedergegeben werden.
Diphtherie der Kälber.
Diagnose. Die Diphtherie der Kälber ist eine gefährliche Krankheit, welche zunächst local und zwar in der Maulhöhle beginnt, von hier aus in die Nasenhöhle, in den Kehlkopf und weiter bis in das Lungenparenchym vordringt, auch auf die Darmschlehnhaut und auf die äussere Haut des Klauenspaltes übergehen kann.
In der Maulhöhle ist es vorzugsweise die Schleimhaut der Backen, des harten Gaumens und der Zunge, welche in erster Linie befallen wird. Zunächst macht sich eine reichlichere Secretion der Maul­schleimhaut und erst später eine Anschwellung der einen oder anderen Backe bemerkbar. Die Geschwulst erreicht einen so be­deutenden Umfang, dass sie aussei! rundlich hervorspringt; sie ist
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Diphtherie der KiUW.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 235
hurt und schmerzhaft. In der Mnulliöhle sieht man mehr oder weniger ausgebreitete, gelbe oder gelbgraue Einlagerungen in die Schleimhaut der genannten Theile, welche das Niveau dieser in verschiedenem Grade überragoji. Bei umfangreichen Einlagerungen in die Zunge erscheint auch dieses Organ geschwollen. Die Nabrungs-aufnabme ist selbstverständlich erschwert, so dass, wenn die Kälber schon angefangen hatten, Heu oder sonstige feste Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, dies wieder ganz eingestellt wird. Aber auch die Sauflust der Saugkälber ist vermindert.
Im weiteren Verlaufe bessert sich wohl zeitweise die Neigung, aber nicht die Fähigkeit /.ur Aufnahme flüssiger Nahrung. Das Saufen ist erschwert, geschieht sehr langsam und wenig ergiehig wegen der Schmerzen im Maule und der tiefen Erkrankung der bei diesem Acte vorzugsweise betheiligten Muskulatur. In Follt;,'e der ver­ringerten Nahrungsaufnahme und des Fiebers magern die Thicrc ab.
Aus der Nase fliesst ein gelbes oder gclb-grüuliches Secret, das die Bänder der Nasen Öffnungen verschmiert. Zuweilen sind im Ein­gange in die Nasenhöhle diphtheritisohe Massen vorhanden, die vom Gaumen her durchgebrochen sind und der Schleimhaut des Nasen­loches fest anhaften.
Hat die Krankheit auch den Kohlkopf und die Lungen mit ergriffen, so ist Husten vorhanden, dessen Intensität sich nach der Beschaffenheit der eben erwähnten Local affection richtet.
Bei Diphtheritis der Darmschleimbaut stellt sich anhaltender Durchfall ein. — Ueber die Häufigkeit des Vorkommens der dipbthe-ritischen Affection der Haut und der unter ihr gelegenen Gewebe im Klauenspalte, sowie über die klinischen Befunde fehlen bis jetzt nähere Angaben.
Die Dauer der Krankheit soll nur wenige Tage betragen können, indem die Patienten bereits nach 4—6 Tagen eingehen, oder sie soll auf ungefähr drei Wochen sich erstrecken, wo dann der Tod in Folge einer Lungen- und Brustfell-Entzündung einzutreten pflegt. Dieser Ausgang kann aber auch in Folge von ausgebreiteter Darm-diphtheritis und der hierdurch herbeigeführten Entkrüftung bedingt werden.
In den verhältnissmässig wenigen Fällen, in welchen Genesung eintritt, vergehen bei schweren Affectionen bis zur vollen Genesung mehr als fünf Wochen.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei einem von Dainmann secirten Kalbe fanden sich im Wesentlichen folgende Erscheinungen: Aus den durchschnittenen Gefässen der Haut und des subeutanen Bindegewebes floss während des Abhäutens viel flüssiges hellrothes Blut. Der Magen enthielt in seinen vier Abtheilungen eine weiss-golbe Flüssigkeit in reichlicher Menge, aussordem eine geringere Anzahl Heu- und Strohhalme und im vierten Magen fund sich ein Haarballen. Die Schleimhaut war vollkommen gesund.
Der Darmcanal ist auf seiner Oberfläche stellenweise stärker
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236nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Diphtherie der Kälber.
inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;injicirt, d. h. die Blutgefasso sind stärker mit Blut gefüllt. Die
Schleimhaut des Zwölffingerdarmes ist mit gelbem Schleim belegt, etwas geschwellt und in der ganzen Ausdehnung bald stärker, bald
I
sclnväciier streifig und punktförmig geröthet.
Im Leerdarm wird die Röthung weniger stark und der Schleim
lehmfarbig; im Hüftdarm findet sich die nämliche Röthung, bald stärker, bald schwächer; seine Schleimhaut ist stellenweise mit gelblichem, an anderen Stellen mit grauweissem Schleim belegt, der in den hinteren Abschnitten zäher wird. — Der ganze Dickdarm enthält geringe Mengen gelben, dickbreiigen Kothes.
Auf der Schleimhaut des Hüftdarmes und des Dickdarmes finden sich in uugleichmässiger Vertheilung zum Thcil erbsengrosse, zum Theil etwas kleinere gelbliche Stellen, welche nach Entfernung der eingelagerten Masse einen entsprechenden Substanzverlust in der Schleimhaut aufweisen. Die Flecken treten theils mehr, theils weniger über die Schleimhautoberttäche hervor und sind von einem Blutgefäss-kranze umgeben. Besonders zahlreich finden sich dieselben im Blind­darme und im Anfange des Grimmdarmes, sowie gegen das Ende des Mastdarmes. Der übrige Theil des Grimm- und Mastdarmes ist nur schwach fleckig und streifig geröthet. Die Gekrösdrüsen sind etwas geschwellt, auf der Schnittfläche saftig, graugelb gefärbt.
Die übrigen Baucheingeweide, einschliesslich der Harnorgane, zeigen keine erheblichen Abnormitäten, nur dass der Ueberzug der nicht geschwellten und consistenten Milz, besonders am Rande zahl­reiche schwarze, punktförmigc Blutungen aufweist.
In der Brusthöhle finden sich Erscheinungen einer vorausge­gangenen Lungenbrustfellentzündung. Im rechten Brustfellsacke ist etwa ein Liter Eiter, welcher grau und flüssig ist, vorhanden, und das Rippenfell, sowie der seröse Ueberzug der Lungen mit einer gelbgrauen eitrig-flbrinösen Masse belegt. Lunge und Brust­wand sind dadurch stellenweise verklebt, hier fester, dort lockerer. An der linken Lunge ist dies nur an einer etwa haselnussgrossen Stelle mit dem Ueberzuge der siebenten Rippe der Fall. An dieser Stelle findet sich im Mittellappen der linken Lunge ein grau-weisser, fester Knoten, von der Grosse einer Haselnuss, der bis an die Ober­fläche reicht. Ausserdem finden sich noch zwei ähnliche Knoten in dem nämlichen Lungenlappen. An der rechten Lunge hat nur der grosse Hinterlappen seine Elasticität nicht eingebüsst. Die übrigen (vorderen) Lappen sind von erbsen- bis stark haselnussgrossen, grau-weissen Knoten oder Herden durchgesetzt, die zum Theil noch fest, zum Theil eitrig zerfallen sind. Manche derselben liegen nahe an der Lungenoberfläche, einzelne tiberragen diese sogar. Das dieselben umgebende Lungengewebe ist schmutzig braunroth oder schwarzroth, und durch verbreiterte Streifen grauweissen Bindegewebes in Felder getheilt. Der Herzbeutel ist verdickt und mit gelben Fibrinmassen belegt, der seröse Ueberzug des Herzmuskels mit vielen Blutunter-laufungen von Erbsengrosse besetzt. Blutgerinnungen in beiden Her/.hälften.
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Diphtherie der Kälber.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;237
Auf der Schleimhaut der Luftröhre und der Nasenhöhlen finden sich eitrig fibrinöse Massen, im Kehlkopfe, auf der Zunge und am harten Gaumen verschieden grosse, gelbe Einlagerungen, welche namentlich an der Zunge einen bedeutenden Umfang erreichen. Die ganze Schleimhaut des Zungenrückens linkerseits und der angrenzen­den Seitenflilche ist vom Zungenbändchen bis zum Zungengrundo zerstört.
Die mikroskopische Untersuchung dieser Einlagerungen in die Schleimhaut ergab überall zahllose glänzende Körnchen , die rund­lich , ausserordentlich klein , meist nur punktförmig sind, die alle Merkmale selbststilndiger organischer Gebilde, der sogen. Mikrokok-ken an sich tragen. Ausser denselben finden sich, aber in weit geringerer Zahl, kleinste Stiibchenbacterien in den Schleimhaut­einlagerungen vor. — An manchen Stellen liegen grössere Reihen Mikrokokken zwischen langgestreckten, dicken Fibrinbalken u. s. w.
Gestützt auf seine makroskopischen und mikroskopischen Be­funde, hält Dammann sich berechtigt, die Krankheit als Diphtherie der Kälber zu bezeichnen. Empfänglichkeit für das Contagium der­selben zeigten, ausser Kälbern und Menschen, auch Lämmer. Bei Uebertragungen desselben auf Kaninchen zeigte es die nämliche Wirksamkeit, wie das Diphtheriegift des Menschen. Nach dem Urtheile Löfflers sind aber die Versuchs-Kaninchen nicht an Diph­therie, sondern an einer Septicämie zu Grunde gegangen. Unter Lämmern soll aber eine ausserordentlich perniciüse Diphtherie spontan vorkommen, deren klinisches Bild mit dem der Kälber-Diphtherie grosse Aehnlichkeit hat. Dammann selbst, sowie drei andere Personen , welche mit der Behandlung der kranken Kälber beschäftigt gewesen waren, litten einige Tage, zum Theil länger, an stechenden Schmerzen im Halse und an Schmerzen beim Schlingen. Die Erscheinungen verloren sich nach fortgesetztem Gurgeln mit 5procent. (!?) Carbolsäure.
Dieser von Dammann geschilderte Krankheitszustand bei Kälbern erinnert fast mehr an das Nomn (Wasserkrebs) des Menschen, als an Diphtherie. So ist es namentlich auffallend, dass bei fraglichen Kälbern die Schleimhaut der Backen und des harten Gaumens, ja selbst das knöcherne Gaumengewülbe zerstört wurden, während der weiche Gaumen , der Lieblingssitz der Diphtheritis des Menschen, stets verschont geblieben zu sein scheint. Niemals greift hier der diphtheritische Prozess auf den Knochen über.
Nach Löffler bestehen die wesentlichen Unterschiede in Folgen­dem: „Bei der Diphtherie des Menschen findet man weit ausgedehnte, an der Epithel-Schleimhautgrenze verlaufende Prozesse, welche sich vorwiegend durch pseudomembranöse Auflagerungen kennzeichnen. Die möglicherweise dieselben bedingenden kleinen kurzen Bacillen findet man in den äusseren Schichten dieser letzteren. Bei der Kälberdiphtherie dagegen hat man einen local begrenzten Prozess vor sich, welcher zwar auch eine über das Schleimhautniveau pro-minirende Exsudation im Gefolge hat, zugleich aber auch eine tief
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288nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Diphtherie des Geflügels.
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in die Mucosa und Submuoosa bineinveiohende Zerstörung der Ge­webe bedingt (Diphtheritis profundu, Schütz). Hier findet man gTOSSe, lange wellige Fildcn hildende Bacillen an der inneren Grenze der vernichteten Gewobspartien.quot; (S. S. 237 u. 242.)
Einen ähnlichen Fall von Diphtherie bei Kälbern hat Völlers in Adams Wochenschrift (1879, 8. 432) beschrieben; seither sind noch mehrere Fälle dieser im Ganzen seltenen Kälberkrankheit
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beobachtet worden.
Diphtherie des Geflügels.
#9632;
Auch beim Geflügel kommt (unter der Collectivbezeichnung „Geflügelseuchequot; mit eingeschlossen) eine croupös-diphtherische Er­krankung vor, die in neuerer Zeit vielfach beobachtet und beschrieben worden ist. Bei nachstehender Schilderung derselben folge ich im Wesentlichen Friedberger, der im Band V der Zeitschrift für Thier-medicin auf Seite 161—183: „üeber Group und Diphtheritis beim Hausgeflügelquot; einen lehrreichen Artikel publicirt hat.
Diagnose. Die Localisation des Krankheitsprozesses betrifft in der Hauptsache die Schleimhaut der Nase und ihrer Nebenhöhlen, des Augenlidsackes oder des Augapfels, oder die Schleimhaut der Maul- und Eachenhöhle, des Kehlkopfes, der Luftröhre und ihrer Verzweigungen bis in die Luftzellen, oder die Schleimhaut des Ver­dauungscanales. Gewöhnlich sind bei einem erkrankten Individuum mehrere Abschnitte der genannten Schleimhäute ergriffen. Die affl-cirten Stellen zeigen anfangs vermehrte Röthe und geringe Schwel­lung; bald lagert sich ein reifartiger Ueberzug auf dieselben, der erst dünn ist, aber innerhall) der ersten 24 Stunden an Dicke merklich zunimmt und eine weisse, noch ziemlich ebene, glänzende, käse- oder soorälmliche Masse von mehr zäher Consistenz bildet, die der Unter­lage sehr fest anhaftet. Dieser Ueberzug erreicht eine Mächtigkeit von V/2 mm und mehr; derselbe verändert gern seine Farbe, wird bald schmutzig-gelb oder braun, trocken, spröde und rissig, letzteres namentlich bei freiem Zutritt der atmosphärischen Luft.
Die kranken Schleimhautabschnitte sind inselartig von dieser Auflagerung besetzt, deren Lieblingssitz der weiche und harte Gaumen mit der Gaumenspalte, die untere Zungenfläche mit dem Zungen-bändchen, die Backenwandungen, die Maulwinkel, sowie namentlich die Umgebung dos oberen Kehlkopfes bilden.
Löst man diese Auflagerungen gewaltsam von ihrer Unterlage ab, so kommt ein verschieden vertiefter, unebener, wie angenagt aussehender, stark gerötheter oder blutender Geschwürsgrund zum Vorschein, an dem sich verschiedene feinzottige Granulationen er­kennen lassen, von welchen einzelne in die dickeren Exsudatplatten förmlich hineinragten und bei Abnahme dieser abgerissen wurden und so die Blutung veranlassten. Bei längerer Dauer des Leidens kommt es auch wohl zur spontanen Ablösung der Exsudatmassen,
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Diphtherie des Geflügellaquo;.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 2'6lJ
wo dann eine vollkommen intact aussehende Schleimhauttlilche zu Tage treten kann.
Je nachdem der Prozess sich mehr oder weniger über die Ee-spirationsschleimhaut ausbreitet, sind die Erscheinungen etwas ver­schieden. Sind nur die Luftwege des Kopfes ergiften, so erscheinen die Nasenöffnungen /.unilchst serös befeuchtet. Durch Druck auf die knorpelige Nasenschuppe liisst sich eine seröse, schleimige, wolkig getrübte, später eine der geronnenen iUilch sehr ähnliche Flüssigkeit auspressen.
Die Umgebung der Nasenöffnungen ist mit eingetrockneten Ent/.ündungsproducten belegt und die Nasengänge mit solchen zum Theil verstopft. Das Athmen ist angestrengt, schnaufend und öfter stellt sich Niesen ein. hi der Uaumenspalte sind häutig dergleichen Entzündungsproducte angesammelt und sehr oft auch in der Höhle unterhalb des Auges; hier öfter einseitig als beiderseitig. Die hier­durch bedingte Auftreibung der betreffenden Stelle ist anfangs weniger bemerkbar, tritt aber allmählig immer deutlicher hervor; sie breitet sich namentlich unter dem Augapfel nach hinton zu aus und kann schüesslich den Umfang einer halben Baunmuss erreichen. Grleich-zeitig erkrankt der betreffende Schenkel des harten Gaumens, der oft ums Doppelte und mehr sich verbreitert und gegen die Schnabel­höhle stark hervorgedrängt wird.
Die Exsudatmassen sind in der Regel fest an einander gebacken und der auskleidenden Membran innig anhaftend; nach ihrer gewalt­samen Entfernung zeigt die Schleimhaut auch hier die früher ange­gebene Beschaffenheit. Der in Rede stehende Hohlraum wird durch die nicht selten enormen Anhäufungen der Exsudatmassen ent­sprechend ausgeweitet und erreicht zuweilen einen Durchmesser von 2—3 cm lind sogar noch mehr. In Folge des abnormen Druckes kommen Deformitäten des Kopfes in verschiedenem Grade zu Stande, die unter Umständen die Futterauf nähme bedeutend erschweren.
Werden der Kehlkopf und die tiefer gelegenen Partien der Respi­rationsschleimhaut mit ergriffen, so wird das Athmen angestrengter. Die Thiere öffnen den Schnabel, es werden pfeifende und schwirrende Geräusche oder feuchte Rasselgeräusche hörbar; es wird ein zäher, schaumiger Schleim ausgehustet, der die Patienten zum Theil be­sudelt und einen süsslich faden Geruch verbreitet.
Gewöhnlich werden die Schleimhäute des Auges in Mitleiden­schaft gezogen. Da die Lidspalte alsdann theils durch die Schwel­lung der Augenlider verengt, theils wegen der gesteigerten Lieht-emptindlichkeit mehr geschlossen gehalten wird, so sammelt sich, namentlich über Nacht, während welcher die Lidränder mit einander zu verkleben pflegen, eine grössere Menge des käsigen Eiters im Lidsacke an, welche zum Theil, namentlich in der unteren Lidtasche, zurückgehalten wird. In Folge .stärkerer Anhäufung und Austrock­nung dieser Massen wird der Lidsack beträchtlich hervorgewölbt, und der Augapfel zunächst durch Druck in seiner weiteren Integrität gefährdet. Es greift der Prozess nun gern und häutig auch auf
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240nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Diphtherie des Geflügels.
die inneren Theilo des Augapfels über und führt zu den bedeutendsten Zerstörungen desselben. Zunilehst erscheint die durchsichtige Horn­haut getrübt, es bilden sich verschieden mächtige Exsudate auf derselben, die meist schnell zunehmen und die Lider aus einander drängen. Im weiteren Verlaufe treten dann nicht selten oentrale Verschorfung und Durchbrechung der durchsichtigen Hornhaut ein, so dass der Krankheitsprozess nunmehr bis ins Augeninnere vordringt.
Vielfältig ist sowohl der Lidsack mit dem Thränencanal, wie auch die Nase mit ihren Nebenhöhlen erkrankt und mit den Krank-heitsproducteu erfüllt.
Die Ausbreitung des Krankheitsprozesses auf die äussere Haut ist in der Regel auf die Augenlider und den Maulwinkel beschränkt.
Zuweilen tritt schon frühzeitig ein Darmkatarrh auf; meist jedoch erst nach längerer Dauer der Krankheit, so dass derselbe mehr ein Endglied der Symptomenkette bildet.
Bei den Tauben wird diese Krankheit in verschiedenen Gegenden „Schnorchelquot; genannt; der Katarrh des Lidsackes ist hier seltener als bei Hühnern. Die Schleimbautauflagerungen sitzen in der Maul­höhle stellenweise nur locker auf, so dass sie ohne Blutung entfernt werden können. Auf der Backenschleimhaut in der Umgebung der Maulwinkel kommt es aber zuweilen zu mächtigen Ansammlungen eines zähen, gelbbraunen, borkigen Exsudates, das seiner Unterlage fest anhaftet und nicht ohne Blutung entfernt werden kann. Die Zerstörungen dringen dann häufig bis durch die äussere Haut, so dass die Maulspalte um 5—8 mm dadurch verlängert wird. In solchen Fällen vermögen die Patienten kaum mehr den Schnabel zu schliessen, wodurch die Futterauf'nahme selbstverständlich erschwert wird.
Auch, die Kloake und der Kropf können in Mitleidenschaft gezogen werden. Bezirksthierarzt König sah, wie auch hier die äussere Haut durch den diphtheritischen Prozess durchbrochen wurde.
Bei älteren widerstandsfähigeren Thieren ist das Allgemein­befinden anfangs regelmässig nur wenig gestört, so dass die localen Veränderungen in der Maulhöhle schon ziemlich weit gediehen sein können, bevor man auf das Leiden aufmerksam wird. Die Thiere hören aber allmählig auf zu legen, werden traurig und matt, lassen die Flügel hängen, leisten beim Ergreifen wenig Widerstand, die Schwollkörper am Kopfe fallen zusammen, fühlen sich meist trocken und heiss, oder auch kalt an, ebenso die Extremitäten. Die innere Körperwärme scheint nicht auffallend alterirt zu werden, jedoch fehlt es bis jetzt an ausreichenden genauen Temperaturmessungen. Das Gefieder sträubt sich. Gegen das Lebensende machen sich auch wohl geringgradige Gehirnreizungs- und diesen rasch folgend Gehirn-depressions-Erscheinungen wahrnehmbar.
Der Verlauf dieser Geflügelkrankheit ist ein chronischer, meist mehrere Wochen und selbst Monate lang dauernder. Nicht selten treten an derselben Oertlichkeit insoferne wesentliche Verschieden­heiten auf, als bei einem Thiere der Krankheitsprozess lange Zeit auf die nämliche Stolle beschränkt und auf der gleichen Stufe stehen
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Diphtherie des Geflügels.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;241
bleibt, wiilirend er bei anderen Thieren derselben Localitilt rasch an Intensitilt und Ausbreitung zunimmt.
Die Krankheit wird oft durch solches Greflügel verschleppt, welches längere Zeit hindurch nurgeringgradige, einfach katcarrhalische Erscheinungen bietet, und in diesem Zustande von betrügerischen Hilndlern verkauft wird. Kommen solche Thiere mit gesundem Geflügel zusammen, so tritt bei letzterem das Leiden meist viel früher in auff'illliger Weise hervor, als bei jenem. Auch in der Reconvalescenz begriffene Thiere, die scheinbar bereits genesen sind, vermögen andere noch anzustecken; dieselben erkranken zuweilen selbst plötzlich wieder auffallend und können dann früher oder später der Krankheit erliegen.
Prognose, Die Vorhersage ist im Allgemeinen ungünstig; bei Hühnern beträgt der Verlust etwa 80 0/0 der erkrankten Individuen.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Section ergibt aussei' den bereits geschilderten Prozessen an den betroffenen Schleimhäuten und im Bereiche des Auges wechselnde Befunde. Die Knochen, namentlich des Kopfskelets, sind mannigfach zerstört und deformirt. Nicht selten findet man die Erscheinungen einer Herzbeutelentzündung, Blutaustretungen (Ekchymosen) unter dem serösen Ueberzuge des Herzens, staubige Trübung verschiedener paronchymatöser Organe, namentlich der Leber u. s. w.
Bei der mikroskopischen Untersuchung dos Exsudates aus den Lidsäcken etc. findet man, dass dasselbe der Hauptsache nach aus Rundzellen (weissen Blutkörperchen) besteht, die verschieden gross sind und eine grosse Neigung zu zerfallen zeigen. Dementsprechend findet man selbst in ganz frischem Exsudat massenhaft Detritus. Ausserdem sind vereinzelte Plattenepithelien und meist sehr viele sich lebhaft bewegende Spaltpilze zugegen. Letztere bestehen zu­weilen nur aus Mikrokokken, nieist aber sind auch andere Formen, nllmlich Bacillen, rundgliederige oder rechteckig gegliederte Kettchen und Achterformen vorhanden.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung vermag bei den einmal ergriffenen Thieren nicht viel zu leisten , insofern bis jetzt wenigstens speoiflsoh wirkende Arzneimittel nicht bekannt sind. Entfernung der Exsudate und Aetzung der kranken Sohleimhaut-partien mit den verschiedensten geeignet erscheinenden Mitteln hat im Ganzen sich nicht als empfehlenswerth erwiesen; eher noch ein­fache Auspinselungen mit 1 — 2 procent. Lösungen von Zinkvitriol oder Carbolsüure, oder Räucherungen mit Theerdämpfen u. s. w.
Durch frühzeitige Tödtung der zuerst erkrankenden Thiere ist man manchmal im Stande, die weitere Verbreitung des Uebels zu verhindern. Eine strenge Trennung der Gesunden von den Kranken ist stets nothwendig.
Um den Ansteckungsstoff wieder zu vernichten, verbrenne man weniger werthvolle poröse Gegenstände, welche mit kranken Thieren
Pütz, Cumpomllum der Tlilorlielllauulo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; I))
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Diphtherie des öeflügels.
in Berührung gekommen sind. Im üebrigen verwende man heisse Laugen, Carbolsäurelösungen etc. zur Desinfection, lüfte die Aufent-haltsräume recht lange und sorgfältig, übertünche die Stallwandungen mit Chlorkalkmiloh und schlemme auch den Pussboden mit solcher.
Die Cadaver an der Seuche gestorbener Thiere müssen unschäd­lich beseitigt werden.
Beim Ankauf von Federvieh, sowie mit Beschickung von Ge­flügelausstellungen sei man stets sehr vorsichtig, um sich vor Ein­schleppung der Krankheit möglichst zu schützen.
Bei Tauben kommt eine mörderische Diphtherie vor, welche ilhnlicbe klinische Erscheinungen bietet, wie die vorhin geschilderte Hühner-Diphtherie. Uebertragungen dieser Krankheit von Tauben auf Hühner scheinen bis jetzt nicht beobachtet zu sein. Bei zwei von Löifler vorgenommenen Impfversuchen erkrankten die beiden Hühner nicht in typischer Weise. Die absolute Identität der Tauben-und Hühner-Diphtherie ist somit nicht erwiesen.
Zu ganz anderen Resultaten als Löffler gelangte Emmerich (München), welcher die Identität der Diphtheritis des Menschen und der Tauben sichergestellt zu haben glaubt. Welchen reellen Werth aber all diese Versucbsresultate gegenwärtig noch haben, wird am kürzesten durch die Erklärung Emmerichs auf dem internationalen Congress für Hygiene etc. im Haag (Sept. 1884) illustrirt, class bis dahin der Diphtheriepilz, aussei- von ihm selbst, noch von Niemandem entdeckt, resp. rein ge/.üchtet worden sei.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Identität dieser Geflügel­krankheit mit der eigentlichen Diphtherie des Menschen ebenfalls nicht sicher festgestellt ist. Bei jener betrifft die Localisation des Leidens mit Vorliebe die Schleimhaut der Nasenhöhlen, was bei der Diphtherie des Menschen nur selten der Fall ist. Aus einer gewissen Aelmliohkeit der Prozesse an den erkrankten Schleimhäuten der an fraglicher Seuche leidenden Hühner mit denen bei der Diphtherie des Menschen an der Racbenschleimhaut u. s. w. geht keineswegs mit Sicherheit die wirkliche Identität beider Zustände hervor. Der meist chronische Verlauf der Krankheit, sowie die oft weit gehenden Zer­störungen von Knochengewebe, namentlich des Kopfskeletes, sowie noch verschiedene'andere Dinge, sprechen weit mehr gegen, als für eine absolute Identität der Geflügelseuche und der Diphtheritis des Menschen.
Nach den Mittheilungen des Professor Gerhardt (Würzburg) bei Gelegenheit des Congresses für innere Medicin in Wiesbaden (April 1883) ist indess die Diphtheritis der Hühner auf den Menschen über­tragbar. In der Brutanstalt zu Nesselhauson in Baden sollen im Jahre 1881 von 2G00 Hühnern, welche von Verona kamen und wo­von einzelne bei ihrer Ankunft an Diphtheritis litten, 1400 Stück an dieser Krankheit gestorben sein. Im Sommer 1882 soll unter 1000 in Nesselhausen ausgebrüteten sechs Wochen alten Küchlein die Diphtherie so bösartig grassirt haben, dass sie diese ganze Brut vernichtete. Auch sollen fünf Katzen , die in der Brutanstalt ge-
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Glatzflechte.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;243
halten wurden, gestorben sein. Der Oberwärter der Anstalt, der angeblich von einem italienischen an Diphtheritis erkrankten Hahn auf den llücken des Fusses und in das linke Handgelenk gebissen wurde, erkrankte unter heftigem Fieber und starker Anschwellung im Bereiche der Wunden an einer schweren Wunddiphtheritis, deren Heilung nur sehr langsam erfolgte. Ferner sollen zwei Drittel aller Arbeiter, die sich mit den Hühnern beschäftigten , an Kachendiph-theritis erkrankt sein und einer dieser Arbeiter soll seine drei Kinder angesteckt haben, während anderweitige Fälle von Diphtheritis in jener Zeit in Nesselhausen nicht vorkamen.
Rivolta, welcher im Giornale di Anat., Fistol. e Patol. degli animali (1884) diese Aufsehen erregende Mittheilung bespricht, be­streitet entschieden die Identität der echten Diphtherie des Menschen mit der sogen. Hühnerdiphtherie (resp. mit Hühnercroup). Diese verlaufe stets chronisch und fieberlos und sei eine echte Epithel-mycosis, deren Mikroorganismen sich nie in anderen Geweben oder im Blute entwickelten, während der ganz, verschiedene Mikroorganis­mus der echten Diphtherie d. h. durch Blut und Lymphe auf die inneren Organe übertragen werde und demgemäss mit Fieber ver­laufe. Wenn, wie in Nesselhausen , eine Uebertragung des Virus der Hühnerdiphtherie auf Menschen stattfinde, so entstehe niemals eine echte Diphtherie, sondern eine im Allgemeinen gutartige, locale Erkrankung, die nur selten durch die Hochgradigkeit der localen Entzündung, oder durch septische Selbstinfection zu ernstlicher Allgemeinerkrankung führe.
Die Verhandlungen fraglichen Congresses haben offenbart, dass in den massgebenden ärztlichen Kreisen die Ansichten über das Wesen der Diphtherie noch bedeutend divergiren.
Die Glatzflechte unserer Hausthiere.
Aetiologie. Die Glatzflechte (Herpes tonsurans oder tondens) wird durch einen auf und in der äusseren Haut der Thiere schma­rotzenden Mycelpilz „Trichophyton tonsuransquot; (kahlmachender Haar­pilz) verursacht, welcher theils zwischen den Epidermiszellen wuchert und diese in einen feinen Staub verwandelt, theils in die Haare und Haarbälge eindringt und in letzteren eine mehr oder weniger heftige Entzündung verursacht. Diese Haut-Pilzkrankheit (Dermato-Mycose) ist ansteckend und geht nicht selten von Thieren auch auf den Menschen über. Nach Niemeyer lässt sich in den meisten Fällen durch sorgfältige Nachforschungen positiv erweisen, dass diese Haut­krankheit des Menschen seltener von einem Menschen auf einen anderen, als von Thieren auf Menschen übertragen wird. Die äussere Form dieser Hautaffection ist namentlich beim Menschen sehr ver­schieden.
Diagnose. Die Glatzflechte kommt unter unseren Hausthieren am häufigsten beim llinde, weniger häufig bei Hunden, noch seltener
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244nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Glatzflechte.
bei Pferden, Katzen und Ziegen, am seltensten aber bei Schweinen und Schafen vor. Sie ist gekennzeichnet durch scharf begrenzte, rundliche Flecken auf der iiusseren Haut, welche im Durchmesser von wenigen Millimetern bis zu mehreren Centimetern variiren und oft in ziemlich regelmässigen Zwischenräumen auseinander stehen, zuweilen aber auch zusammenfliessen; letzteres ist besonders bei Pferden und Hunden weniger selten, als bei den anderen Hausthieren. Im Anfange der Hauterkrankung kann man zahlreiche Bläschen an den betreffenden Stellen der allgemeinen Körperdeoke wahrnehmen, die eine übelriechende Flüssigkeit absondern; diese trocknet zu Borken ein, welche eine verschieden graue oder braune Farbe zeigen und asbest- oder lederartige Schuppen von manchmal 2 bis 8 mm Dicke bilden.
Die von Schuppen entblössten Hautstellen sind entweder frei von Schwellung und Verschwärungsprozessen, oder aber es findet sich unter denselben eine eiternde Hautstelle, ja es werden die Borken sogar nicht selten durch Eiter abgestossen. Der Ausschlag zeigt sich in der Regel zuerst am Kopfe und Halse, von wo aus er sich über den Körper weiter zu verbreiten pflegt, wenn er sich selbst überlassen bleibt. Am leichtesten scheint derselbe bei Thieren mit dunklen Haaren sich auszubreiten; weisse Haare werden weniger leicht zerstört als dunkle. Die Beschaffenheit der Flechtenausschläge ist je nach der Beschaffenheit der betroffenen Haut sehr verscliieden. Auf dicht behaarter Haut bilden sich immer mehr oder weniger dicke Borken, während an Hautstellen, welche kein eigentliches Deck­haar, sondern nur weiches Flaumhaar besitzen, sich gar keine, oder nur sehr dünne Borken bilden. Ist die nicht mit Deckhaaren ver­sehene Haut fein und zart, so entstehen Bläschen oder Pusteln, welche besonders in der Peripherie der Flecken hervorbrechen. Ist die Haut dicker und weniger reizbar, aber auch nur sparsam mit verkümmertem Flaumhaar besetzt, so schilfert auf den nur wenig aufgelockerten und soliwach gerötheten Hautstellen die Epidermis reichlicher ab. Nach diesen und anderen formellen Verschiedenheiten hat man verschiedene Flechtarten unterschieden (Herpes tonsurans vesiculosus. Herpes tonsurans maculosus etc.), die aber alle wesent­lich gleich sind, insofern ihnen als Ursache der nämliche pflanzliche Parasit zu Grunde liegt.
So wird z. B. „Ringflechte (Herpes circlnatus)quot; diejenige Form von Herpes tonsurans genannt, bei welcher die Hautaffection im Centrum zur Abheilung gelangt, während dieselbe an der Peripherie weiter um sich greift. Dadurch entsteht ein kreisförmiger Ring, dessen Rand mit Knötchen, Bläschen oder Pusteln besetzt ist, während das Centrum wie mit Mehlstaub bestreut erscheint. Der Pilz setzt sich zunächst in den oberflächlichen Epidermisschichten fest. Da er niemals in das Gewebe der Lederhaut (aussei- in die Haarbälge) hineinwuchert, so wird er an unbehaarten oder schwach behaarten Hautstellen durch den Exsudationssprozess, den er selbst erregt hat, nach kurzer Zeit abgestossen. Dadurch kommt eine spontane Heilung zu Stande.
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Glatzflechte.
Bei noch saugenden Kiilbern, Lilmmern und Ferkeln kommt die Glatzflechte besonders um das Maul herum und am Kopfe, seltener an anderen Körperstellen vor; da man dies Leiden früher für eine besondere Ausschlagsform hielt, so hat man es „Kiilbor- oder Lilm-mergriiid, Manlnriiul, Tcitriii:iiil odor Toigmal''' genannt (eine Krankheit neugeborener Thiere).
Fraglicher Pilz kommt nur an behaarten Hautstellen vor und dringt von der Haarwurzel aus in die Haare selbst ein, wobei er diese zerfasert und brüchig macht. Der Hanrschaft wird von Pilzen rings umschlossen, so dass er unter dem Mikroskope wie mit einem grauweissen Mantel umgeben erscheint.
Auf der behaarten Haut unserer Hausthiere findet man die Parasiten zunächst mehr am Haarschaft und in der Haarscheide, erst später in der Haarwurzel und im Haare selbst. Durch Atro­phie ihrer Wurzel werden die Haare zum Ausfallen gebracht: Frag­mente derselben, welche man auf und in den Krusten oder Schuppen reichlich antrifft, tragen zur Steigerung des Juckreizes wesentlich mit bei.
lieber die verschiedenen Vegetationsformen und Lebensbedin­gungen der mikroskopischen Pilze wissen wir vorläufig noch zu wenig, um besimmt entscheiden zu können, inwiefern verschiedene mycotische Krankheiten ein und demselben Pilze, oder verschiedenen Pilzarten zuzuschreiben sind. So viel steht fest, dass die verschie­denen Formen der ansteckenden Flechtenausschläge unserer Haus­thiere durch Art und Eace der betroffenen Thiere, sowie auch durch das Alter des Ausschlages wesentlich beoinflusst werden. So hat Gerlach bei verschiedenen Spitzhunden durch Trichophyton tonsurans ganz verschiedene Formen des Flechtenausschlages entstehen gesehen. • Die Frage nach den verschiedenen Lebensformen der einzelnen Pilzarten hat für uns zunächst kein weiteres practischcs Interesse, insofern alle Mycosen der äusseren Haut so ziemlich in der gleichen Weise und mit den nämlichen Heilmitteln behandelt werden.
Prognose. Die Prognose ist bei der Glatzflechte im Allgemeinen günstig, da das Leiden bei entsprechender Behandlung meist leicht und schnell geheilt werden kann. Wird dasselbe vernachlässigt, so nimmt es in der Form des Teigmauls bei Säuglingen zuweilen einen ungünstigen Verlauf, indem die Patienten, besonders in Folge der behinderten Nahrungsaufnahme, abmagern. Nach eingetretener Hei­lung der kranken Hautstellen dauert es manchmal lange, bis die verloren gegangenen Haare wieder nachwachsen. Bei älteren Rin­dern tritt gewöhnlich spontane Heilung ein, während bei jüngeren Thieren meist eine Behandlung nothwendig wird, obgleich auch hier einzelne Stollen von selbst heilen können; während dies aber ge­schieht, tritt das Uebel an anderen Stollen in der Regel wieder hervor.
Behandlung. Die Behandlung der Glatzflechte ist im Ganzen einfach und sicher; sie verlangt zunächst ein sorgfältiges Aufweichen der vorhandenen Borken und nachheriges sorgfilltiges Abkratzen
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246nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Efb* 0(i01' Wabengrind.
derselben. Als Heilmittel stehen verschiedene Quecksilberpräparate, sowie die Curbolsäure in besonderem Kufe. Seit neuerer Zeit bediene ich mich gewöhiiüch einer Verbindung der Curbolsäure mit G-lycerin (1; 10), täglich zweimal aufmstreichen. Mit ebenso gutem Erfolge habe ich früher eine Lösung von Sublimat (1 : 300 bis 500 Theile Wasser) verwendet. Auch der rothe und weisse Präcipitat wirken vortrefflich, indem man 1 Theil weissen Präcipitat mit 4 oder 1 Theil rothen Präcipitat mit 8 Theilen Fett sorgfältig zusammenreibt. Flaut empfiehlt gegen Mycelpilze den sauren schwefligsauren Kalk.
Wegen der Ansteckungsflihigkeit dieser Dermatomycose ist eine Trennung der kranken von den gesunden Thieren nothwendig.
Da Trichopython tonsurans sich lange Zeit (über '/a bis 1 Jahr) keimfähig /,u erhalten vermag, so ist eine gründliche Peinigung der Lagerstätten und Stallwände erforderlich, wenn Pecidive und fort­dauernde Uebertragungen vermieden werden sollen. Da die Krank­heit auf den Menschen übergehen kann, so ist eine Belehrung des Dienstpersonals zu dessen Schutz erforderlich.
Der Erb- oder Wabengrind unserer Hausthiere.
Aetiologie. Unter Erbgrind oder Wabengrind (Favus, Tinea vera s. favosa etc.) versteht man (nach Kaposi) eine ansteckende Hautkrankheit, welche durch einen Myceliumpilz, das sogenannte „Achorion Schoenleiniiquot; bedingt wird und durch die Bildung von schwefelgelben, linsen- bis pfenniggrossen, scheibenförmigen oder schüsselförmigen (d. h. in der Mitte vertieften) von einem Haare durchbohrten Borken gekennzeichnet ist. Zwischen die Epidormis-schichten lagern sich Pilzelemente ein und bilden zusammengesetzte Krusten, die sogenannten Pavuskörper, welche in ihrem Bereiche Schwund der Haare und der Haut bedingen.
Diagnose. Bei Thieren wurde zuerst von Gerlach eine Derma­tomycose der Hühner unter dem Namen „Grind der Hühner, Tinea (Favus, Porrigo Galli), Hahnenkammgrind, Tinea cristae Galli, weisser Kammquot; nebst dem gefundenen Pilze (Magazin, Berlin 1858, S. 236 u. folg.) beschrieben. — Gleichzeitig und unabhängig von Gerlach hat Müller in Wien diesen Ausschlag, ebenfalls mit dem betrefrendenPi]ze(WienerVierteljahrsschriftl858,Heftl,S.37u.folg.), beschrieben. Ebenso Leisoring (Vet.-Bericht des Königreichs Sachsen 1858, S. 32 u. folg.). Gerlach sagt 1. c. S. 237: Der Ausschlag beginnt am Kamme und den Ohrläppchen und äussert sich zunächst dadurch, dass kleine weisse Flecke (Schimmelflecke) entstehen, die der Zahl und Grosse nach zunehmen, zusammenfliessen und so den ganzen Kamm etc. mit einem weisen Beschläge überziehen, der immer dicker wird und schliesslich eine Borke bildet. Weiterhin springt dieser Ausschlag auf die Kopfhaut über, geht dann langsam kriechend am Halse hinab, auf dem Rücken entlang und verbreitet sich so nach und nach über den ganzen Körper, wenn die Thiere
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Erb- oder Wabengrind.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;247
nicht schon früher zu Grunde gehen. Die Haut wird dicke und bedeckt sich mit einer Schuppenkruste, welche zunächst in die Peder-silcke hinabsteigt, die Federn lockert, so dass diese aufgerichtet stehen und sohliesslich ausfallen; namentlich die feinen Dunen sind am Kiel mit einer Kruste umgeben, wie die Haarwurzeln bei Herpes tonsurans. Wenn der Ausschlag von dem Kamme auf die befiederte Kopfhaut übergeht, dann beginnt auch die Abzehrung, so dass die Thiero bei kahl gewordenem Halse schon mager und matt sind und bei Weiterverbreitung des Ausschlages gewöhnlich an Erschöpfung sterben. Diese Verbreitung erfolgt zunächst sehr langsam; mehrere Wochen vergehen, ehe der Kamm ganz beschlagen ist. Der Uebergang vom Kamm auf die Haut des Kopfes und Halses erfolgt (nncli Gerlachs Beobachtungen) immer erst, wenn der Kamm bereits ganz incrustirt ist. Nach erfolgtem Uebergange auf die Haut schreitet die Weiterverbreitung des Ausschlages rasch voran; immer aber vorgehen mindestens einige Monate, bevor eine allgemeine, gefahrdrohende Verbreitung eintritt.
Nach Zürn (Die Krankheiten des Hausgeflügels, Weimar 1882, S. 137) scheinen ganz besonders die Hühner der schweren, asiati­schen Eacen, vorzugsweise die Cochinchinas, in geringerem Grade aber auch alle anderen Hühnersorten für den Erbgrind empfänglich 7M sein.
Beim Hunde hat wahrscheinlich St. Cyr den Erbgrind zuerst festgestellt. Später wurde auch von Siedamgrotzky, Zürn und Anderen diese Krankheit bei Hunden beobachtet. Das Vorkommen derselben bei Katzen constatirte Draper (in New-York) im Jahre 1854. Derselbe beobachtete, dass Katzen durch den Genuss favuskranker Mäuse an den Lippen und Backen sich inficirten und dass die Krank­heit von Katzen auf Kinder überging. Auch beim Pferde, sowie bei Hunden, Katzen und Kaninchen kommt Pavus vor. Gerlach gelang es nicht, Pferde, Binder und Hunde mit Pavuspil/.en des Huhnes zu inficiren, während ihm die Infection eines Menschen gelang (1, c. S. 240 u. 241). Schütz hat den Pilz des Hühnergrindes künstlich gezüchtet; die mit seinen Culturen vorgenommenen Im­pfungen hafteten nur bei Hühnern, schlugen aber bei allen anderen zoologischen Species, welche als Versuchsthiere verwendet wurden, und selbst bei einer Taube fehl. In seinen äusseren Merkmalen stimmt dieser Pilz mit dem Favus- und Herpespilze fast überein.
Wenn man die Entwicklung des Wabengrindes verfolgt, so bemerkt man in der dritten Woche nach der Infection hier und da ein hirsekorngrosses, schwofelgelbes Scheibchen oder Schildchen, das in der Entwicklung begriffene Pavus-Scutulum. Dieses liegt unter der Epidermis eines austretenden Haares, durch welches es durch­scheint. Im Verlaufe der nächstfolgenden Tage dehnt sich die gelbe Masse zu einem grüsseren flachen Scheibchen aus bis zum Umfange einer Linse. Indem die Peripherie dieses Schoibchens sich über den das Haar unmittelbar umgebenden centralen Theil etwas erhobt, bekommt das Scutulum das Ansehen eines Schüssolchens.
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248nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Actinomycose.
Mittelst eines stumpfen Instrumentes, #9632;/.. B. einer Hohlsonde, kann man am Rande des Scutulums ziemlich leicht eindringen und letzteres umkippen, wodurch die untere convexe, glatte und feuchte Fläche nach oben gekehrt wird. Die ganze Masse des Scutulums besteht aus Pilzelementen, welche an seiner oberen Fläche von Epi-dermisschuppen bedeckt sind.
Die Diiierentialdiagnose zwischen Herpes tonsurans und Favus stützt sich gegenwärtig mehr auf die makroskopischen klinischen Befunde, als auf die mikroskopische Untersuchung. Zur Zeit kann nämlich kaum entschieden werden, ob der Fund von Pilzelementen auf diese oder jene der beiden Mycosen zu beziehen ist, da die Elemente von Achorion Schoenleinii und von Trychopliyton tonsurans einander sehr ähnlich sind. Es vordient deshalb in der Praxis zum Zwecke der Unterscheidung beider Mycosen der Umstand besondere Beachtung, dass bei Herpes tonsurans die Abschuppung fortdauert, während neue Kreise und Scheiben entstehen; dass es aber zur Bil­dung der Pavus-Schildchen oder -Schüsselchen nicht kommt.
Prognose, Behandlung und Vorbeuge. Die Prognose und Behandlung ist bei Favus im Wesentlichen wie bei Herpes ton­surans. Bei nicht allzu grosser Ausbreitung des Uebels über die behaarte Haut ist hier wie dort durch Aufweichen und Entfernen des Exanthema und der kranken Haarwurzeln, sowie durch den nachfolgenden Gebrauch antiparasitärer Mittel eine Heilung in der Regel nach kürzerer oder längerer Behandlung ziemlich sicher zu erzielen. Jedoch sind Recidive nicht selten, weil die Pilze aus allen Haarbälgen nur bei grosser Sorgfalt entfernt werden. Geschieht dies nicht, so geben dieselben zu neuen Eruptionen häufig Veran­lassung. Ein öfteres und nachdrückliches Bürsten der kranken Stellen dürfte die gründliche Entfernung der kranken Haarwurzeln wesentlich fördern.
In Bezug auf Behandlung und Vorbeuge sagt Zürn 1. c. folgendes: Eine Behandlung ist bei Hühnern nur von Erfolg, wenn sie recht­zeitig vorgenommen wird, d. h. dann, wenn die Krankheit nur Kamm und Kehllappen befallen hat.
Benzin oder Carbolsäure mit Schmierseife zur Salbe (1 :20) gemacht und täglich einmal eingerieben, kann (neben Seifenwaschun­gen) Hilfe bringen. Ist der Ausschlag schon auf gefiederte Körper-theile übergekrochen, dann ist es besser, die Thiere sofort zu tödten und zu verbrennen.
Die Vorbeuge verlangt Isoliren der Kranken, Desinfection der Ställe, welche sie bewohnt haben.
Die Actinomycose des Rindes, des Schweines und des Menschen,
In den Handbüchern der Veterinär-Chirurgie findet man bis in die neueste Zeit hinein eine vorzugsweise beim Rinde vorkommende Erkrankung des Ober- und Unterkiefers beschrieben, welche bis vor
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Actinomycose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 249
Kurzem als die Folge ilusserer Einwirkungen (Druck, Stoss, Quet­schung) der betreifenden Knochen betrachtet wurde. Es handelt sich hier nämlich um geschwulstnrtige Neubildungen im Knochen­gewebe, welche letzteres, sowie die benachbarten Muskeln, die Schleimhaut und die äussere Haut verdrängen, die Backenzähne lockern und später nach aussen, oder in die Maulhöhle durchbrechen.
Die erkrankten Kieferknochen zeigen macerirt ein poröses, bim-steinähnliches Gefüge, indem dieselben durch partielle Zerstörung des Knochengewebes im Inneren und durch Wucherung desselben nach aussen aufgebläht und durchlöchert erscheinen.
Vor der Maceration findet man an frischen derartigen Präpa­raten die Lücken im Knochengewebe mit elastischen Wucherungen ausgefüllt, welche nach längerem Bestände theilweise zerfallen und dadurch zur Bildung von Ahscessen, Geschwüren und Fisteln führen. Diese Neubildungen erreichen im Laufe der Zeit meist einen bedeu­tenden Umfang, so dass sie bis zur Gi-össe eines Kindskopfes und darüber hinaus anwachsen können. Bis vor Kurzem bezeichnete man dieselben als Osteosarcome, Spina ventosa (Wiuddorn), Knochen-krebs, Knoohentuberoulose u. s. w.
Aetiologie. Nachdem zuerst von Hahn im Jahre 1870 aus­gesprochen worden war, dass er in gewissen geschwulstartigen Neu­bildungen beim Binde Pilze angetroffen habe, untersuchte Bollinger derartige Geschwülste genauer und machte im Jahre 1877 im 3. Bande der Zeitschrift für Thiennedicin, 8. 334 bis 340, die inter­essante Mittheilung, dass es sich hier um eine ächte Pilzkrankheit handelt.
Dass die betreffenden Pilze keine zufälligen Befunde, sondern von pathologischer Bedeutung sind, schloss Bellinger daraus, dass sie constant in allen Theilen der betreffenden Geschwülste vorkom­men, wie er dies auch an älteren Spirituspräparaton durchweg und zweifellos nachweisen konnte.
Siedamgrotzky war der Erste, welcher die Angaben Bollingers prüfte und zum Theil bestätigte. Die in Folge dessen durch den Assistenten Wilhelm vorgenommene Untersuchung der pathologisch-anatomischen Sammlung der Dresdener Thierar/.noisohule ergab, dass in vielen, aber nicht in allen ähnlichen Geschwülsten fragliche Pilze vorhanden seien.
Peroncito erklärt (Bd. V, 1879 der deutschen Zeitschrift für Thiermedioin S. 38 u. f.), dass er den Pilz schon seit dem Jahre 1863 wiederholt in Sarcomen hei Rindern gesehen und in der „Encyclo­pedia agrariaquot; beschrieben habe; in einem von ihm untersuchten Osteosarcom am Oberkiefer einer Kuh habe er indess den Pilz nicht angetroffen. Er vermuthet deshalb, dass dieser nur ein zufälliger, wenn auch häufiger Befund sei, zur Entwicklung fraglicher Ge­schwülste aber nicht in ursächlicher Beziehung stehe.
Rabe fand den Aotinomyoepilz in allen von ihm untersuchten bindegewebigen Geschwülsten des Rinderkopfes und in den soge­nannten Winddorngeschwülsten des Unterkiefers.
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250nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Actinomycose.
Nach dem Urtheilo botanischer Sachverständigen (Harz, Colin, de Barry, Pringsheim) handelt es sich hier jedenfalls um einen Pilz und zwar wahrscheinlich um eine noch unbekannte Form eines Schimmelpilzes.
Die von Siedamgrotzki und Peroncito, Bollinger, Harz und Pontick vorgenommenen Uebertragungsversuche blieben ohne Erfolg. Die erste erfolgreiche Uebertragung des Actinomycepilzes gelang Johne bei zwei Kälbern und einer Kuh.
Bereits hat Bollinger a. a. 0. mitgetheilt, dass er den Strahlen­pilz aussei- in den Kieferknochen in gesohwulstartigeii Neubildungen der Zunge (bei sogenannter „Holzzungequot;), der Rachenhöhle (in den sogenannten Lymphomen) und des Kehlkopfes (Polypen), der Ohr­drüsen (Cysto-Sarcomen), sowie der Magenschleimhaut gefunden habe. Johne und Andere constatirten Actinomycome ferner am Bauchfelle, im Euter, in der Lunge (Pflug), in der äusseren Haut, im Binde­gewebe unter Schleimhäuten und zwischen den Körpermuskeln.
Die meisten Infectionen mit Actinomyces scheinen vom Ver­dauungscanale auszugehen, da ganz vorzugsweise im Bereiche dieses Actinomycome angetroffen werden. Ponfick hat zuerst die Vermu-thung ausgesprochen, dass die Pflanzennahrung bei Entstehung der bis jetzt bei Carnivoren nicht zur Beobachtung gekommenen Acti­nomycose eine Eolle spiele (Berliner klin. Wochenschrift 1880, Nr. 42), und Israel ist der Ansicht, dass gewisse in den Tonsillen des Menschen vorkommende Mycelformen zur Entstehung fraglicher Zustände in ursächlicher Beziehung stehen. Dies veranlasste Johne, darauf bezügliche Untersuchungen bei Thieren anzustellen.
Derselbe fand in den Tonsillentaschen eines (anderer Ursachen halber) zur Untersuchung übersandten Schweinekopfes kleine, faden­förmige, aber starre Pflanzenpartikelchen, die sich grösstentheils als Gerstengrannen erwiesen. Diese waren mit Pilzelementen besetzt, welche sich von den Conidien der daneben liegenden kleineren und grösseren Actinomyceshaufen in keiner Weise unterschieden. Den­selben Befund lieferten (mit nur zwei Ausnahmen) die Gaumen-tonsillen von 24 als vollständig gesund geschlachteten Schweinen, während in den Tonsillen von 4 Rindern nichts derartiges zu er­kennen war. Die in den Tonsillentaschen des Schweines liegenden Actinomyceshaufen scheinen so lange unschädlich zu bleiben, als das jene Taschen auskleidende dicke Plattenepithel unverletzt ist. Die Pilzrasen werden dann allinählig durch Kalkniederschläge in-crustirt und so unschildlich gemacht; höchstens können dieselben noch als Concremente reizend auf ihre Umgebung einwirken.
Johne glaubt (in Uebereinstimmung mit Ponfick) auch für Thiere ohne Bedenken annehmen zu können, dass die Actinomycose durch das Eindringen mit Strahlenpilzen besetzter Futtermittel in die Ge­webe des Thierkörpers verursacht werde. Er hält es für selbstver­ständlich, dass auch von der äusseren Körperoberfläche aus durch ganz unbedeutende Wunden sich ähnliche Gebilde eindrängen und im Bindegewebe weiter vorgeschoben werden können. So sei es
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Actinomycose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 251
niolit auffallend, dass isolirte, primilre Actinoniyconio zuweilen weit ontfernt von del- Schleiniliaut oder von dor ilusseren Hautoberfläclie angetroffen werden.
Den negativen mikroskopischen Befund bei Untersuchung der Tonsillentaschen des Rindes erklärt Johne dadurch, dass diese Taschen nicht frei an die Oberfläche der Schleimhaut (wie beim Schweine), sondern in eine ziemlich tiefe Grube münden, deren Oeffnung, sowie das ganze Lumen der Tonsillen, mit dickem, zähem, glasigem Schleime ausgefüllt sind, wodurch das Eindringen von Grannen etc. verhin­dert wird.
Bis jetzt ist die Actinomycose nur beim Binde, beim Schweine und beim Menschen beobachtet worden. Bollinger berichtet zwar (Zeitschr. f. Thiermed. Bd. III, 1877, S. 339 Anm.), dass Zippelius ähnliche Geschwülste auch bei Ziegen gesehen habe. Nach Bollinger sollen einzelne Fälle von Kiefergeschwülsten bei Ziegen, welche in der Literatur erwähnt sind, mit der Kiefermycose des llindes überein­stimmen und sich etwas Aehnliches möglicherweise auch bei Schafen und vorwandten Wiederkäuern finden. Aber weder bei Ziegen noch bei Schafen etc. wurden, so viel mir bekannt ist, bis jetzt eigentliche Actinomycome festgestellt.
Beim Menschen sind die Wirkungen des Strahlenpilzes im Ganzen weit gefährlichere, als bei unseren Hausthieren. Während es beim Menschen fast ausschliesslich und oft bereits im Verlaufe weniger Monate zu langwierigen erschöpfenden Eiterungen mit grosser Nei­gung zur Ausbreitung und Generalisirung dos Krankheitsprozesses kommt, bekundet die Actinomycose beim Binde und Schweine vor­zugsweise eine geschwulstbildende Tendenz mit nur geringer Neigung zur Eiterbildung, Ausbreitung und Metastasenbildung. Kinder mit Actinomycomen, welche! die Futteraufnahme und Athmung nicht belästigen, bleiben in der Kegel über Jahr und Tag von allgemeinen Krankheitserscheinungen frei und werden meist erst dann geschlachtet, wenn eine mechanische Behinderung der genannten vegetativen Functionen eingetreten ist.
Johne glaubt, dass die dem Kinde und im Allgemeinen auch dem Schweine zukommende Neigung zur raschen Bildung fibröser, nicht sehr gefässreicher Tumoren, welche den infectiösen Pilz ein-sohliessen, die Ursache sein möge, dass eine metastatische Verschlep­pung und eine Ausbreitung der Actinomycose im Allgemeinen zu den Soltenhoiton, hingegen Localisation und centrales Wachsthum der Actinomycome bei den in Rede stehenden Thicrgattungen zur Regel gehören.
Die bei Schweinen in der Umgebung des Schlundkopfcs vor­kommenden kalten Abscesse scheinen häufig aus einem eiterigen Zerfall von Actinomycomen hervorzugehen. In einem derartigen von Johne untersuchten Falle fanden sich in dem dicklichen, grün­gelblichen Eiter in massiger Anzahl hirsekerngrosse gelbliche Körn­chen, welche, soweit die nähere Untersuchung vorgenommen wurde, Actinomyceshaufen enthielten. Auch im Muskelfleischc des Schweines
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252nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Actinomycose.
hat Duncker in neuester Zeit Actinomycesrasen nachgewiesen. Die Actinomycose des Eindes scheint in manchen Gegenden besonders hilufig vor/ukomraen, insofern die Annahme gerechtfertigt ist, dass eine grosse Anzahl der früher als Rachen- und Ohrdrüsen-Lymphome, als Kiefergescliwulst u. s. w. bezeichneten Tumoren eigentliche Acti-nomyoome sind. So fand (nach Bellingers Angabe 1. c. S. 339) Bezirksthierarzt Zippelius in Obernburg (Unterfranken) innerhalb ca. 10 Jahren beim Rinde 254 Lymphome in der Umgebung des Kehlkopfes und in der Raohenhöhle, sowie 157 Kieferngeschwülste. Meyer, Thierarzt in Neuhaus a. d. Oste, hat im Verlaufe von 12 Jahren 300 Rachengeschwülste operativ beseitigt (Jahresbericht der Thierarzneischule in Hannover 1871, S. 29 bis 42). In anderen (legenden kommen derartige Geschwülste weit seltener vor.
Was nun den betreuenden Krankheitserreger anbelangt, so ist hierauf bezüglich zu bemerken, dass derselbe morphologisch beim Menschen und bei Thieren keine Verschiedenheiten zeigt. Ob der­selbe aber im gewöhnlichen Verkehr vom Thiere auf den Menschen oder vom Menschen auf Thiere übertragen werden kann, ist vor­läufig noch unentschieden. Die Uebertragungsversuche Johne's blieben ohne Erfolg. Dagegen gelang es Israel, aus einer mensch­lichen Lunge mit Actinomycose diese auf Kaninchen zu übertragen.
Zur Entscheidung der Frage bezüglich der Identität des Aotino-myces hominis und bovis und der Uebertragbarkeit der Actinomycose vom Menschen auf Thiere, wurden von Johne Uebertragungsversuche vom Menschen auf Thiere angestellt.
Die mit ganz frisch verimpftem, vom lebenden Menschen ent­nommenem Material bei einem Kalb und zwei Schweinen peritoneal und subeutan angestellten Infeotionsversuche sind (bei einer circa ISOtägigen Versuchsdauer) vollständig resultatlos verlaufen. Dieser Erfolg lässt die vollständige Identität von Actinomyces hominis und bovis etwas weniger zweifellos und weitere Versuche in dieser Rich­tung wünschenswerth erscheinen.
Erst nach genauerer Erforschung dieser Verhältnisse, resp. der Contagiosität der Actinomycose, wird die Sanitätspolizei eine be­stimmte Stellung dieser Krankheit gegenüber einnehmen können.
Diagnose. Die Diagnose der Act'nomycome wird dem Gesagten gemäss keine besonderen Schwierigkeiten bieten, wenn dieselben dem Auge zugänglich sind, wie dies z. B. bei Localisation des Pro­zesses in der äusseren Haut, in den Kieferbeinen, oberen Halslymph­drüsen u. s. w. der Fall ist. Da indess nicht in allen den Actino-mycoinen ähnlichen Geschwülsten Strahlenpilze vorhanden sind, so kann die Diagnose erst durch den mikroskopischen Nachweis frag­lichen Pilzes vollkommen sichergestellt werden.
In der Zunge bilden dieselben Einlagerungen, welche häufig die sie bedeckende Schleimhaut hervordrängen. Diese Neubildungen sind oft nur hirsekorngross, erlangen aber nicht selten den Umfang einer Kirsche, einer Walnuss und darüber hinaus. Sitzen dieselben
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Actinomycose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 253
der Zungenoberfläche nahe, so wird die sie zunächst bedeckende Schleimhaut leicht zerstört, wodurch es zur Bildung von Erosionen, Geschwüren und Narben kommt. Im Zungengewebe selbst entwickelt sich secundilr eine interstitielle Entzündung, die hilufig zu einer massigen Vergrösserung und holzartigen Verhärtung der Zunge führt, weshalb man diesen Zustand als „Holzzungequot; bezeichnet hat. Auch ist derselbe als Tuberoulose, Saroomatose etc. der Zunge öfter beschrieben worden. Durch die sich allmählig steigernde Ungelenkig-keit der Zunge wird die Futteraufnahme immer mehr beeinträchtigt und sohliesslioh unmöglich, so dass die Thiere in solchen Fällen ab­magern und, wenn sie nicht vorher geschlachtet werden, den Hunger­tod sterben.
Der Tod kann auch eintreten, wenn die Actinomycome in der Rachenhöhle sitzen. Es stellen sich dann allmählig immer mehr auffallende Schlingbeschwerden und Hustenanfälle ein. In Folge jener verirren sich nicht selten Futterstoffe in die Luftröhre und in die Lungen, wodurch eine Fremdkörper-Pneumonie mit tödtlichem Ausgange herbeigeführt zu werden pflegt. Actinomycome im Be­reiche des Kehlkopfes verursachen häufig in verschiedenem Grade Athembeschwerden, namentlich wenn sie unmittelbar am Kehlkopf­eingange oder im Kehlkopfe sitzen, oder wenn dieselben bei weniger unmittelbarer Nähe am Kehlkopfe einen grösseren Umfang erlangt haben. Derartige Actinomycome können entweder durch das Auge, oder mittelst Palpation wahrgenommen werden. Wo dies von aussen nicht möglich ist, wird eine Untersuchung der Maul- und Rachen­höhle mit der Hand zum Ziele führen.
Prognose. Die Prognose ist wesentlich von der Localisation der Geschwulstbildung abhängig, was sich aus dem vorhin Gesagten gewissermassen von selbst ergibt. Während dieselbe bei isolirten Actinomycomen, welche keine wichtige Function des Organismus beeinträchtigen, oder ohne Gefahr radical exstirpirt worden können, im Allgemeinen günstig lautet, ist die Actinomycose der Zunge oder anderer unentbehrlicher, operativ nicht zugänglicher Organe absolut unheilbar und schlicsslich tödtlich, wenn nicht etwa, was im Ganzen selten der Fall sein dürfte, spontane Heilung eintritt. Bei Actinomycomen der Zunge- und Rachenhöhle können in Folge vorhandener Schlingbeschwerden, namentlich durch gewaltsames Eingeben flüssiger Arzneimittel etc. Premdkörper-Pneumonien den Tod herbeiführen.
Pathologisch-anatomischer Befund. Untersucht man frische Actinomycome, so ergibt sich, dass dieselben aus einem durch straffes' Bindegewebe verbundenen Conglomerate verschieden grosser, oft walnuss- bis hühnereigrosser Knoten von weicher Consistenz und blassgelblicher Farbe bestehen. Auf der glänzenden und saftigen Schnittfläche sieht man trübe, meist gelblich-weisse, abscessartige Herde eingestreut. Manchmal zeigen die Knoten eine schwammige Structur, indem in dem faserigen Stroma zahlreiche, bis hanfkorn-
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254nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Actinomycosü.
grosso Lücken vorhanden sind, die einen trübgelben, dicken, hilufig käsigen Brei ontbnlten.
Streift man mit dem Messer über die Sehnittflilche, so erhält man (nach Bollingcr) in beiden Fällen — sowohl bei jüngeren weichen, als bei älteren derberen Knoten — einen puriformen oder käsigen Brei, der vielfach nestartig in der Geschwulstmasse einge­lagert ist. Bei der mikroskopischen Untersuchung findet man die Geschwülste in der Hauptsache aus jüngerem oder älterem Granu­lationsgewebe bestehend, eine sarcomartige Natur zeigend, während der ausgestreifte Brei im Wesentlichen aus Eiterkörperchen, Granu­lations- und Körnohenzellen, aus fettig körnigem Detritus bestellt. Ferner enthält letzterer ganz regelmässig überaus zahlreiche, ver­schieden grosse, undurchsichtige, schwach gelblich gefärbte und drusig geformte Körper von grob granulirtem, oft maulbeerförmigem Aussehen, die hier und da kalkig incrustirt sind und sich bei ge­nauer Untersuchung als ächte Pilze erweisen. Diese bilden blass­gelbe, kugelige, drusenförmige Rasen, welche sich bei schwacher Vergrösserung als eine vom Centrum nach der Peripherie hin sich strahlig ausbreitende Substanz dem Auge präsentiren. Diesem Pilze hat Harz wegen seines concentrisch-strahligen Baues den Namen „Actinomycesquot; (Strahlenpilz) beigelegt.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung der Actinomycose bei Thieren ist eine rein chirurgische; sie beschränkt sich im All­gemeinen auf die Entfernung der im Bereiche der Körperperipherie an geeigneten Stellen, sowie in der Eachenhöhle vorkommenden Actinomyces-Geschwülste. Dagegen sind die Kieferactinomycome in der thierärztlichen Praxis schwer oder gar nicht operirbar, weil eine umfangreiche Abtragung der Kieferbeine (wie, sie in der Men­schenheilkunde mit gutem Erfolge ausgeführt werden kann) bei Thieren nicht rathsam erscheint. Alle derartigen und ähnlichen Kiefergeschwülste (Ostersarcome u. dergl.) lässt man am besten unberührt.
Die in der Rachenhöhle vorkommenden sogenannten Lymphome können sowohl von der Maulhöhle, wie auch von der äusseren Haut aus exstirpirt werden. Im ersteren Falle wird dem niedergelegten Thiere das Maul mittelst des Maulgatters offen gehalten. Meyer operirt nur mit der Hand; nachdem er diese in die Raohenhöhle vorgeschoben hat, erfasst er den Tumor und entfernt ihn, je nach seiner Beschaffenheit, durch Bohren, Drehen, Ziehen und Kratzen mit den Nägeln. Nach einer früheren brieflichen Mittheilung hat Meyer diese Operation stets mit gutem Erfolge ausgeführt, während andererseits mir berichtet worden ist, dass dieses Verfahren keines­wegs ungefährlich sei, sondern den Erstickungstod herbeiführen könne. Um diesem vorzubeugen, würde man vorher eventuell die Tracheotomie machen können. — Harms durchschneidet bei dem zur Operation niedergelegten Thiere in der Mitte unter dem Kehl­kopfe die äussere Haut in einer Länge von etwa 15 cm, so dass
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Aphthenseucho.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;255
man durob die Wunde mit der Hand eindringen kann. Mit dieser bahnt man sich dicht neben dem Kehlkopfe einen Weg bis zur Ge­schwulst, erfasst dieselbe und entfernt sie durch Drehen, Ziehen und Kratzen mit den Fingernägeln. Nach Entfernung der Geschwulst nehmen die Athembeschwerden in Folge der eintretenden Schwel­lung mitunter für die ersten folgenden Tage bedeutend zu. Harms hat niemals üble Folgen nach diesem Verfahren eintreten sehen; dieselben sollen durch ein geeignetes antiseptisches Verfahren wilh-rend und nach der Operation ferngehalten werden können.
Die in der Ohrdrüsengegend unter der äusseren Haut beim Binde sich entwickelnden Geschwülste, welche man vulgär Cysto-oder Lympho-Sarcome, Igel- oder Ihlenkröpfc zu nennen pflegt, können ebenfalls mit einiger Sicherheit exstirpirt werden, so lange dieselben noch einigermassen scharf begrenzt und zu umgreifen sind. Wegen der Nähe der hier vorhandenen zahlreichen grossen Gefässe und Nervenstämme u. s. w. muss jeder blutige Eingriff an dieser Stelle mit grösster Vorsicht unternommen werden. Da fragliche Geschwülste im Allgemeinen langsam wachsen, in der Kegel auch durch periodisches Aufbrechen sich für einige Zeit wieder verkleinern, so dauert es meist Jahre lang, bevor dieselben erhebliche Störungen verursachen; zuweilen tritt sogar spontan ein dauernder Stillstand in ihrer weiteren Entwicklung, resp. Heilung, ein. Wo eine radi-cale Operation ohne Gefahr nicht möglich ist, suche man die be­treffenden Thiere frühzeitig als Schi ach twaare zu verwerthen.
Die Maul- und Klauenseuche der Hausthiere; auch Bläschen- oder Aphthenseuche genannt.
Diese bereits seit Jahrhunderten bekannte Epizootic ist zuerst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts näher beschrieben worden. Vordem und nachdem hat sie in den verschiedenen Ländern Europas häufig und zwar in mehr oder weniger grosser Ausbreitung ge­herrscht. Vorzugsweise sind es die frequenten Viehverkehrswege, auf welchen sie (meist durch Handelsvieh) sich weiter verbreitet.
Wie der Name sagt, treten die äusseren Localisationen dieser Infectionskrankheit vorzugsweise an den Klauen, sowie im Maule auf — und zwar an beiden Orten zugleich, oder nur im Maule, oder nur an den Klauen. Dieselbe wird nicht nur bei unseren Haus-thieren häufig seuohenartig, sondern auch zuweilen bei wild leben­den Thieren angetroffen und kann auch auf den Menschen übergehen,
Aetiologie. Als Ursachen der Bläschenseuche kennen wir nur die Ansteckungsfähigkeit derselben; worin aber der Ansteckungsstoff eigentlich besteht, wissen wir zur Zeit nicht. Es ist sehr wahr­scheinlich, .dass derselbe belebter Natur ist, obgleich die betreffenden Mikroorganismen bis jetzt nicht sicher nachgewiesen worden sind. Merkwürdig ist, dass die Bläschenseuche in gewissen Jahrgängen
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Maulseuche.
häufiger, als in anderen, in dieser oder jener Form auftritt, also ungewöhnlich häufig bald als Klauenseuche, bald als Maulseuche erscheint und bald für diese, bald für jene Thiergattung in hervor­ragender Weise ansteckend ist. Demgemilss sehen wir die Bläschen­seuche zuweilen vorzugsweise unter dem liindvieh, bald vorzugsweise unter den Schafen oder Schweinen, bald unter den verschiedenen Thiergattungen gleichzeitig herrschen. Die Ursachen für diese Ver­schiedenheiton sind gilnzlioh unbekannt.
Das Blilschenseuchegift scheint durch die atmosplülrische Luft nicht weiter verbreitet zu werden, so dass weitaus die meisten Ver­schleppungen derselben durch fixe Träger, wie z. B. durch kranke Thiere, durch Menschen und verschiedene andere Dinge (Dünger, Häute, Futter u. s. w.) stattfinden. Die Zeit, innerhalb welcher der Ansteckungsstoti' nach seiner Uebertragung auf ein für denselben empfängliches Thiel' den offenbaren Ausbruch der Bläschenseuche zur Folge hat, beträgt in der Eegel 8 bis 6 Tage, selten mehr oder weniger. Die äussersten Grenzen des Inoubationsstadiums liegen jedoch zwischen 24 Stunden und 12 Tagen.
In prophylaktischer Hinsicht wirkt aussei- der Möglichkeit, dass die einzelnen Individuen häufiger an Bläschenseuche erkranken können, auch die grosse Lebenszähigkeit ihres Contagiums ungünstig ein, insofern diese Dinge die Verbreitung der Krankheit sehr begün­stigen. In nicht gründlich desinficirten, mit bläschenseuchekrankein Vieh besetzt gewesenen Ställen kann dieses Krankheitsgift sich Monate lang wirksam erhalten, was namentlich dann der Fall zu sein pflegt, wenn die betreifenden Räume nicht gereinigt und nicht gründlich gelüftet worden sind. Bei mangelhafter Desinfection kann auch durch Eisenbahntransporte von Vieh die Bläschenseuche nicht nur auf kurze, sondern auch auf weite Strecken verschleppt werden.
Diagnose. Die Krankheit zeigt je nach der Thierart gewisse Eigenthümlichkeiten, welche für jede Hausthierspecies besonders dargestellt werden sollen.
Zunächst aber wollen wir die beiden Hauptformen der Bläschen­seuche in ihren allgemeinen, d. h. den einzelnen Thierspecies gemein­samen Erscheinungen besprechen.
a) Die Manlscuche.
Dieselbe bedingt zunächst Störungen in den Verdauungsvor­gängen, namentlich in der Futteraufnahme und im Kauen. Unter­sucht man im Beginne der Krankheit das Maul, so findet man dessen Schleimhaut vermehrt warm, geröthet und mit einem zähen Schleim überzogen, der nicht selten in langen Fäden zwischen den Lippen herunterhängt. Das Kauen fester Futterstoffe verursacht den Thieren Schmerzen, während es ihnen sichtlich wohl tlmt, wenn sie sich das Maul öfter mit Wasser ausspülen können. Das Wiederkauen ist unterbrochen und zuweilen sind auch Schlingbeschwerden deutlich erkennbar. 24 bis 48 Stunden nach Eintritt der ersten örtlichen
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Maulseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 257
Erscheinungen bilden sich an verschiedenen Stellen der Maulschleim­haut, besonders an der Innenfläche der Oberlippen, am zahnlosen Rande des Oberkiefers und an den Bändern der Zunge, zuweilen bis gegen die Rachenhöhle hin, aber auch auf dem Plotzmaule und um dasselbe herum, ferner auf der Nasenschleimhaut, namentlich auf der unteren Partie dieser, weisse oder weissgelbliche Blilschen, welche anfangs hirsekerngross sind, allmählig bis zur Grosse einer Erbse, Haselnuss und darüber herainvachsen. Dieselben enthalten eine wasserhelle oder gelbliche, alsbald trüb und eiterähnlich wer­dende Flüssigkeit; nach 1 oder 2 Tagen bersten sie, indem sie ent­weder einfache wunde Stellen, oder unreine Geschwürsflächen der Schleimhaut hinterlassen. Zuweilen stossen 2 oder mehr Bläschen zusammen, wodurch beim Platzen derselben die wunden Schleim­hautpartien entsprechend grosser werden. Das Geifern aus dem Maule und die Beschwerden beim Kauen fester Futterstoffe dauern fort oder nehmen sogar noch zu, bis allmählig die Heilung der wunden Stellen erfolgt. Bis dahin zeigen die Thiere vermehrten Durst. Die oberflächliche Entzündung der betroffenen Schleimhaut­abschnitte pflegt bei entsprechender Fütterung und Pflege innerhalb weniger Tage ohne jede arzneiliche Behandlung zu heilen. Wo aber unreine Geschwürsflächen sich zeigen, da handelt es sich um mehr oder weniger tief greifende Entzündungsprozesse, um erheblichere Beschädigungen, resp. Substanzverluste an fraglichen Stellen. Der­artige Verschlimmerungen werden häufig durch eine unzweckmäs-sige Behandlung und Pflege verursacht. Defter wiederkehrende oder anhaltende Reize können tiefer gehende Geschwüre im Maule zur Folge haben, welche das Kauen fester Nahrungsmittel für längere Zeit ganz unmöglich machen, und dadurch eine bedeutende Abmagerung der Patienten verursachen. In anderen Fällen bilden sich statt fressender Geschwüre „Wucherungenquot; auf den wunden Schleimhautstellen; namentlich am Zahnfleische treten schwammige Auswüchse auf, durch welche der vermehrte Abfluss von Schleim aus dem Maule für längere Zeit unterhalten wird. Dieselben können eine beträchtliche Grosse erreichen und die Heilung auf längere Zeit verzögern. Manchmal werden auch durch allgemeine innere Körperleiden sowohl die zuletzt erwähnten, wie auch andere üble Zufälle bedingt. Nicht immer beschränkt sich das Schleimhaut­leiden auf die Maulhöhle, sondern reicht bis in den Magen und Darmcanal. Je nach dem Grade und der Ausbreitung desselben treten die Störungen in den Verdauungsvorgängen natürlich ver­schieden heftig auf und dauern bald nur kürzere, bald aber längere Zeit hindurch fort. Das Leiden der Respirationsschleimhaut bleibt ebenfalls nicht immer auf die Nasenhöhle begrenzt, sondern erstreckt sich zuweilen über deren obere Partie mehr oder weniger tief in die Luftröhre und ihre Verzweigungen hinein, so dass selbst die Schleimhaut der kleinen Bronchien von dem Krankheitsprozesse er­griffen werden kann. Die dadurch hervorgerufenen Respirations­störungen sind demnach selbstverständlich sehr verschieden; in den
Pütz, Compondium der Thierhollkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;17
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258nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Klauenseuche.
schweren Fallen können sie eine grosse Gefahr für das Leben des Patienten bedingen.
Auch die Schleimhaut des Auges wird manchmal von dem Krankheitsprozesse mit ergriffen. In diesem Falle kommt es nicht selten zur Bildung kleiner Geschwürchen auf der durchsichtigen Hornhaut des Augapfels. Zuweilen wird auch die Schleimhaut der ilusseren Geschlechtswerkzeuge mit afficirt, ohne dass dieser Umstand für gewöhnlich eine besondere Bedeutung gewinnt; zuweilen aber sollen in Folge dessen bei trilchtigen Thieren Frühgeburten verur­sacht worden sein.
I)) Die Klauenseuche.
In der Regel ist ein gespannter Gang, der von Schmerzen im Bereiche der Klauen herrührt, die erste Krankheitserscheinung, welche bei dieser Form der Blllschenseuche wahrgenommen wird; auch zeigen die Thiere gewöhnlich weniger Lust zum Stehen, wes­halb sie mehr als sonst zu liegen pflegen. Bei genauerer Unter­suchung der Klauen findet man auf der Krone, an den Ballen, oder im Klauenspalte eines oder mehrerer Füsse gesteigerte Empfindlich­keit und höhere Röthe. Einen oder zwei Tage später bilden sich an genannten Stellen kleine Bläschen, welche bald bis zur Grosse einer Haselnuss heranwachsen und zuweilen mit benachbarten Blils-oben zusammenfliessen. Ihr anfangs seröser Inhalt trübt sich, wird eiterähnlioh und trocknet zum Theil zu Krusten ein, unter welchen die Heilung bei gutartigem Verlaufe in 8 bis 14 Tagen erfolgt.
Der Hautausschlag ist aber keineswegs immer auf die nächste Umgebung der Klauen beschränkt; derselbe erstreckt sich zuweilen nach oben über die Fesselgelenke höher an den Gliedmassen hinauf. Auch zeigt er sich nicht selten an verschiedenen anderen Stellen der äusseren Haut.
Bei der Klauenseuche hängt sehr viel von der Beschaffenheit der Stallungen, resp. der Weiden ab. Werden die kranken Thiere in unreinen, kothigen Stallungen, oder bei ungünstiger Witterung auf schlecht beschaffenen Weiden gehalten, oder häufig über kothige oder harte, unebene, steinigte Wege getrieben, oder wird das Leiden arzneilich unzweckmässig behandelt, so verbreitet sich selbst eine anfangs nur oberflächliche Entzündung der äusseren Haut auf der Krone, auf den Ballen und in der Klauenspalte leicht über die tiefer gelegenen Schichten des Hautgewebes, über die sogenannten Fleischtheile des Hufes. In solchen Fällen kommt es innerhalb des Hornschuhes meist zur Eiterbildung, im günstigen Falle zum Durch­bruche des Eiters an der Krone. In anderen (jedoch bei den grossen Hausthieren in selteneren Fällen) werden grössere Partien Horn oder ein ganzer Hornschuh durch den Entzündungs- und Eiterungsprozess losgestossen, ja es kommt sogar in einzelnen Fällen zur Zerstörung des Bandapparates des Klauengelenkes. Derartige ungünstige Zufälle können auch durch unvorsichtigen Gebrauch von
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Klauenseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 259
Aetzmitteln, durch Einstellen der Patienten in kaltes Wasser, oder durch Einwirkung anderer ungünstiger Einflüsse auf die wunden Stellen herbeigeführt werden. In solchen Ftlllen liegen die Patienten meistens am Boden, wodurch bei grossen Thieren nicht selten Druek-brand entstellt. Die durchgelegenen Stellen erreichen manchmal einen bedeutenden Umfang, dringen leicht in die Tiefe und machen das betreffende Thier zu einem wahren Bilde des Jammers.
Wo Maul- und Klauenseuche bei einem Individuum vereint auftreten, da entwickeln sich die örtlichen Erscheinungen nicht überall gleichzeitig; es gehen vielmehr die örtlichen Erscheinungen der einen Form denen der anderen nicht selten etwas voraus, und /.war kommt häufiger die Maulseuche, als umgekehrt die Klauen­seuche, zuerst zur Entwicklung. In allen derartigen Fällen ist das gesammte Krankheitsbild ein weniger einfaches, sondern ein ent­sprechend complicirtes. Die Genesung zieht sich gewöhnlich etwas mehr in die Länge, als wenn nur eine Form der Seuche zur Ent­wicklung kommt; auch ist im letzteren Falle die Neigung zu üblen Ausgängen eine geringere.
Verlauf und Prognose. Was Verlauf und Dauer der Bläschen­seuche anbelangt, so muss man zwischen Einzelerkrankung und Seuche unterscheiden. Der Einzelfall kann sehr gutartig, aber auch sehr bösartig verlaufen; die Heilung erfolgt in der Regel innerhalb 8 bis 14 Tagen. Manchmal aber dauern die Nachkrankheiten viele Wochen oder Monate lang, oder die Patienten gehen früher oder später an denselben zu Grunde. Weitaus die grösste Mehrzahl der Fälle von Bläschenseuche nimmt den Ausgang in vollkommene Ge­nesung. Tief gehende Zerstörungen zufolge Geschwürsbildung, sowohl bei der Maulseuche als bei der Klauenseuche, eine grössere Ver­breitung des Sohleimhautleidens auf Magen- und Darmcanal, oder auf die Athmungswerkzeuge, ferner hinzutretende andere Krank­heiten u. s. w. können langwierige Leiden, ja selbst den Tod zur Folge haben. Auch kann die Genesung unter Umständen nur eine unvollkommene sein, indem Deformitäten oder Verstümmelungen der Klauen etc. zurückbleiben. Immerhin aber ist die Krankheit im Allgemeinen eine wenig lebensgefährliche. Dagegen sind die Nachtheile, welche dieselben, namentlich bei grösserer Verbreitung, durch Störungen im Wirthschaftsbetriebe verursacht, manchmal sehr beträchtliche, so dass sie dadurch eine grosse nationalökonomische Bedeutung erlangt. Sie ist von allen Thierseuchen diejenige, welche unsere Viehbestände am häufigsten heimsucht, und da sie keine lange andauernde Immunität zu hinterlassen pflegt, wiederholte Ver­luste in der Ausnutzung der betreffenden Thiere verursachen kann.
In Bezug auf den Einfluss, welchen Jahreszeit, Witterung, Pflege etc. auf den Verlauf der Bläschenseuche ausüben, gilt im Allgemeinen folgendes:
Am gutartigsten verläuft die Krankheit in der Regel bei schöner Herbstwitterung, besonders wenn die Thiere bei massig warmem
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Klauenseuche.
und trockenem Wetter auf guten, mit weichem Gras bewachsenen Weiden gehen. Dieselbe tritt unter solchen Umständen nicht selten so leicht auf, dass sie die Patienten kaum belilstigt und deshalb nur wenig auffällige Erscheinungen verursacht. Auch wird der Ansteckungsstoftquot; beim Weidegange durch Menschen weniger leicht verschleppt, als bei Stallhaltung, besonders im Winter, wo in den geschlossenen Ställen der Ansteckungsstoft' gewissermassen festge­halten und concentrirt wird, so dass er in den Kleidungsstücken der Menschen, welche sich im Stalle aufhalten, oder durch irgend welche andere Gegenstände leichter verschleppt werden kann; über­dies wirkt auch die verdorbene Stallluft auf den Verlauf der Krank­heit in loco leicht ungünstig ein. Dies ist aber bei Klauenseuche, namentlich bei unreiner Haltung der Klauen, mehr als bei der Maulseuche der Pali, während auf den Verlauf dieser eine unzweck-mässige Fütterung leicht nachtheilig einwirkt. Sehr heftige und gefährliche Zufälle werden beim Weidegange nicht selten durch grosse Hitze und Dürre, sowie andererseits durch nasskalte Witte­rung herbeigeführt.
Im Allgemeinen soll die Bläschenseuche bei älteren, wohlge­nährten Thieren stärker auftreten, als bei jüngeren Thieren; dagegen sterben ganz junge Individuen öfter plötzlich, als ältere.
In Bezug auf die ökonomische Bedeutung dieser Seuche äussert sich Nocard (Arhives veterinaires 1878, S. 47) folgendermassen; Die Aphthenseuchc ist vielleicht die schädlichste aller Epizootien, welche die Rindviehbestände Frankreichs decimiren. Zwar ist die Sterblich­keit, welche sie verursacht, im Allgemeinen nicht beträchtlich. Wenn man aber eine genauere Uebersicht über die beträchtliche Anzahl von Individuen sich zu verschaffen sucht, welche im Laufe eines Jahres durchschnittlich von dieser Krankheit befallen werden, und die Nachtheile summirt, welche in Folge der verminderten Futter­aufnahme von Seiten der erkrankten Thiere u. s. w. durch Abmage­rung, oder im günstigeren Falle durch Stillstand in der Ernährung (Mast), sowie durch Verminderung, oder gar durch gänzliche Unter­drückung der Milchsecretion herbeigeführt werden, so gelangt man zu Summen, welche diejenigen erschrecken, die zunächst nur die scheinbare Gutartigkeit dieser Affection berücksichtigt haben. In der Schweiz sollen einer amtlichen Schätzung gemäss jährlich etwa der vierte Thell des ganzen Bestandes an Kindvieh und an Klein­vieh an der Bläschenseuche erkranken. Nach Bouley wurden im Jahre 1871 etwa 700000 Thiere von der Bläschenseuche befallen, wovon etwa 7000 durch Schlachtung oder Tod eingingen. Der Gesammtverlust Frankreichs in diesem Jahre durch fragliche Krank­heit wird auf 31 bis 35 Millionen Francs veranschlagt.
Wenn nun auch die Verluste in den meisten anderen Staaten geringere sein mögen, so sind sie doch auch bei uns keineswegs unbedeutende, wie sieh aus den vorliegenden thierärztlichen Jahres­berichten leicht ersehen lässt.
Die Dauer und der Verlauf der BUischenkrankhoit als Seuche
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Klauenseuche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 261
ist ebenfalls verschieden. Eine strenge Handhabung der gesetzlich vorgeschriebenen sanitarischen Massregeln vermag viel zu leisten. Die sect;sect; 16—25 der Instruction zum Seuchengeset/.e regeln das be­treffende Verfahren, welches im Allgemeinen jede Communication seuchenkranker, oder in Seuchenstiillen aufgestellter Wiederkäuer und Schweine verbietet und auch sonst der Verschleppung des An-steckungssoffes vorzubeugen sucht.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig, richtet sich indess nach Beschaffenheit des concreten Falles.
Die Bläschenseuche führt nur dann zum Tode, wenn sich Aph-then auf den Schleimhäuten des Verdauiingscnnales oder der Respi­rationsorgane gebildet haben; oder aber, wenn anderweitige Com-plicationen, Ausschuhen der Hufkapseln, Durchliegen, Nekrose, Resorption von Brandjauche oder Eiter u. s. w. sich einstellen. Der Sectionsbefund gestaltet sich dann je nach Beschaffenheit der be­treffenden Complicationen.
Behandlung und Vorbeuge. Die Itehamllimgir der Bliisclieu-senclic ist nach der Beschaffenheit der Locaierkranluing und nach dem etwaigen Vorhandensein von Complicationen manchmal sehr verschieden, in ihren gewöhnlichen gutartigen Formen im Allge­meinen sehr einfach. Alle unzeitigen arzneilichen Eingriffe schaden leicht und dienen nur dazu, den günstigen Verlauf der Krankheit zu stören und die Heilung in die Länge zu ziehen. Bei oberfläch­licher Entzündung der äusseren Haut, oder der betreffenden Schleim­häute genügt es, jede Reizung der kranken Stellen möglichst zu ver­hüten. Bedecken sich diese nicht bald mit einem Schorfe, so kann man durch täglich zwei- oder dreimaliges Bepinseln mit einer 5- bis lOprocentigen Lösung von Kupfervitriol in Wasser, oder von Carbol-säure in Branntwein, eine schützende Decke herzustellen suchen.
Um nun bei der Maulseuche die Heilung der wunden Schleimhaut nicht zu stören, sind Futterstoffe von entsprechender Beschaffen­heit zu verabreichen. Es müssen namentlich alle reizenden Nahrungs­mittel , wie z. B. Häckerling, granigte Aebren oder Spreu , grob-stengliges Heu, harte Gräser u. dergl. vermieden werden. Da den Patienten das Kauen derartiger Futterstoffe Schmerzen verursacht, so fressen sie von demselben nur wenig, magern in Folge dessen stärker ab und verlieren mehr an der Milch, als bei zweckmässiger Fütte­rung der Fall ist. Diese Nachtheile fallen um so schwerer in's Gewicht, als in Folge der wiederholten Reizung der wunden Stellen die Heilung dieser sich mehr in die Länge zieht, wie bei angemes­sener Beschaffenheit des Futters. Weiches Grünfutter, Kleien, Mehl­tränke, gekochte und zerkleinerte Kartoffeln, manche Fabrikabfälle, wie /,. 13. Schnitzel, Schlampe u. dergl., müssen die hauptsächlichste Nahrung dor Thieve bilden, bis die Heilung der Maulscbleimhaut eingetreten ist. Bei einer so beschaffenen Diät ist jode arzneilicho Behandlung bei gewöhnlicher Maulseuche in der Regel überflüssig. Die Heilung kann aber dadurch gefördert werden, dass man den
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262nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Klauenseuche.
Patienten Gelegenheit gibt, sich das Maul täglich einige Male mit etwas angesäuertem Brunnenwasser ausspülen zu können. Einem Stalleimer voll frischen Wassers setzt man zu fraglichem Zwecke etwa ein Liter siedendes Wasser und ein Weinglas voll Essig zu.
Bei Behandlung der Klauenseuche kommt es vorzugsweise auf die trockene und weiche Beschaffenheit des Standortes, resp. der Weide an. Die wunden Hautstellen müssen immer möglichst scho­nend behandelt, namentlich rein gehalten, eventuell mit lauwarmem Wasser vorsichtig abgewaschen werden, wobei alles unnöthige lleiben der wunden Stellen zu vermeiden ist. Sehen diese frisch und roth aus, so genügt es, dieselben gegen den Zutritt von atmosphärischer Luft und gegen jede Verunreinigung zu schützen. Hierzu eignen sich viele Mittel. Am einfachsten ist die Anwendung einer Yitriol-oder Carbolsäurelösung, welche um so concentrirter sein kann, je mehr die wunden Stellen Flüssigkeit absondern; immer aber muss man sich vor einer tiefer gehenden Zerstörung des Hautgowebes hüten, weshalb zu conoentrirte Flüssigkeiten, sowie namentlich un­gelöste, resp. unverdünnte Aetzmittel, stets zu meiden shid. Ein Verband ist bei der nöthigen Keinlichkeit in der Regel nicht nur überflüssig, sondern häufig sogar geradezu schädlich.
Wo es zu Entzündungen der im Hornschuh eingeschlossenen Weichtheile, oder gar zu Eitersenkungen in den Hornschuh kommt, da säume man nicht, operative Hülfe rechtzeitig in Anwendung zu bringen; hier müssen in der Regel grössere oder kleinere Re-sectionen am Hornschuh vorgenommen werden. Das losgetrennte Horn muss in allen Fällen, wo durch dasselbe Eitersenkungen be­günstigt werden, so weit mit dem Messer abgetragen werden., bis der Eiter frei abfliessen und so Heilung eintreten kann; andernfalls kommt es öfter zur Losstossung ganzer Klauenkapseln. Bei Beschä­digungen der Huflederhaut richtet sich die daraus resultirende De­formität des Hufes nach dem Umfange und nach der Beschaffenheit jener. Bei den grossen Hausthieren werden verloren gegangene ganze Hufkapseln erst im Laufe mehrerer Monate und zwar niemals in ganz normaler Form wieder ersetzt. Bei Pferden ist es in der Regel nicht rathsam, in solchen Fällen einen Heilversuch zu machen, es sei denn, dass das betreffende Thier später weniger als Arbeitsthier, wie zu anderen Zwecken (Zucht u. s. w.) verwendet werden soll. Auch bei Rindvieh ist das sofortige Abschlachten des Patienten einer Be­handlung manchmal vorzuziehen. Die Heilung erfolgt meist am besten unter einem Theerverbande, der gewöhnlich nicht erneuert zu werden braucht. Die mit der Bläschenseuche auftretenden Euter­entzündungen verlangen eine sehr aufmerksame, dem jeweiligen Zustande genau angepasste Behandlung.
Der zeitweilige Gebrauch von Melkröhrchen kann hier sehr vortheilhaft werden, wenn die Striche durch Aphthen lädirt sind; in diesem Falle muss man die Melkröhrchen nach und vor jedesmali-' gern Gebrauche in eine öprocentige Carbolsäurelösung legen, um dieselben oehöriff zu desinficiren. Wird diese Vorsichtsmassregel
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Ulilschenseuche des Rindviehs.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 268
vernaehlilssigt, so kann leicht eine parenchymatöse Euterentmndung entstehen.
Bei der Klauenseuche der Schafe wird man die Behandlung grösscrer Heerden dadurch wesentlich vereinfachen, dass man die Patienten zunächst ein -warmes Pussbad nehmen lässt, indem man sie durch eine beiderseits mit Hürden oder Haufen begrenzte und mit warmem Wasser etwa 4 cm hoch gefüllte Krippe gehen lässt. Nachdem so die Püsse gereinigt worden sind, werden die Thiere sofort durch eine andere in der Nähe aufgestellte Krippe getrieben, in welcher die betreffende arzneiliche Plüssigkeit enthalten ist. Wo Hufoperationen nöthig sind, können die geeigneten Arzneimittel und die allenfalls erforderlichen Verbände unmittelbar nach dem Be­schneiden der Horngebilde applicirt werden.
Der gesammte betroffene Viehbestand muss in entsprechenden Zwischenräumen wiederholt revidirt werden; besonders ist dies bei schweren Patienten täglich einmal zu besorgen, während bei leich­teren Pällen eine alle 2 oder 3 Tage wiederholte Revision ausreicht, insofern die öftere Anwendung von Heilmitteln nicht nothwendig ist.
Zur Abkürzung der Krankheit als Seuche kann (besonders bei Rindvieh) auch die Impfung vorgenommen werden. Dieselbe erfolgt am besten alsbald beim Ausbruche der Krankheit, indem man alle zur Zeit noch gesunden Individuen der betreffenden Thierspecies in dem inficirten Stalle oder Gehöfte der sofortigen Ansteckung da­durch aussetzt, dass man die Maulschleimhaut an einer leicht zu­gänglichen Stelle oberflächlich ritzt oder mit einem groben Tuche abreibt und dann mit der Hand etwas Speichel von einem maul-seuchekranken Thiere der nämlichen Thierspecies auf die betreffende Stelle einreibt. Leider wird durch das einmalige üeberstehen der Bläschenseuche nur für eine kurze Zeit eine Immunität gegen das Contagium dieser Krankheit begründet, weshalb letztere ein und denselben Viehbestand in kurzer Zeit mehrere Male, in Jahresfrist sogar 4- bis 5mal, befallen kann, wie ich dies in der Nähe von Bern (Schweiz) zu beobachten früher einige Male Gelegenheit gehabt habe.
Die Vorbeuge ist auf die Verhütung der Ansteckung beschränkt. Eine frühzeitig angeordnete strenge Sperre vermag selbst in ein und denselben Gehöften die Krankheit auf den zuerst inficirten Stall zu beschränken. Jeder Verkehr zwischen den betreffenden Stallungen und womöglich des Wärterpersonals ist zu vermeiden, die Pussböden der Ställe mit Gyps oder Chlorkalk zu bestreuen, die Gänge der Ställe mit Iprocentiger Schwefel- oder Carbolsäure zu benetzen u. s. w.
Die Bläschenseuche des Rindviehs.
Bei Rindvieh kommen Maul- und Klauenseuche häufig vereint vor. Dem Ausbruch der örtlichen Erscheinungen pflegt ein mas­siges Fieber vorauszugehen, welches nicht selten übersehen wird. Die Milch nimmt bei Melkvieh eine dem Colostrum ähnliche Be­schaffenheit an, indem sie mehr gelblich wird, bald feine faden-
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264nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Bläschenseuche des Schafes und der Ziege.
förmige Gerinnsel und beim Kochen kleine faserige Klümpchen in verschiedener Menge abscheidet. Bei Kühen wird besonders häufig ein Ausschlag am Euter beobachtet, der aber auch am Euter jün­gerer weiblicher Binder und Kälber, so wie am Hodensacke bei Bullen und Stierkälbern vorkommt. Wenn bei Milchkühen am Strichen Aphthen vorhanden sind, dann ist das Melken schmerzhaft; die untere Oeffnung des Strichens kann durch Krustenbildung ver­schlossen werden. Im Inneren des Euters kommen zuweilen krank­hafte Zustände zur Avisbildung, welche sich durch eine derbe und schmerzhafte Anschwellung zu erkennen geben. Eine solche Euter-entzündung kann dem Grade nach sehr verschieden sein und den Verlust der Milchsecretion des einen oder anderen Viertels, oder gar mehrerer oder aller Euterviertel bedingen. In allen Fällen, in welchen die Bläschenseuche mit einer Euteraffection verbunden ist, treten die vorhin angegebenen Veränderungen der Milch stets am deutlichsten hervor. Nach dem Genüsse derartiger Milch im unge-kochten Zustande kommen bei Saugkälbern Verdauungsstörungen vor, an welchen die betreffenden Thiere nicht selten in auffallend kurzer Zeit zu Grunde gehen. Auch bei Menschen, besonders bei Kindern, sind in Folge einer so beschaffenen Milch Bläschen auf der Mundschleimhaut, so wie Verdauungsstörungen beobachtet worden. Dementsprechend ist (durch sect; 20 der Instruction zum Seuchengesetze) das Weggeben von Milch von Thieren, welche an irgend einer Form der Bläschenseuohe leiden, im rohen ungekochten Zustande behufs unmittelbarer Verwendung zum menschlichen Genüsse verboten.
Zuweilen ist auch die Hautpartie um den Hornfortsatz der Stirnbeine herum bei der Bläschenseuche geschwollen und gegen Druck empfindlich. In solchen Fällen sind die Hornscheiden ver­mehrt warm und deren Erschütterung für die Patienten schmerzhaft.
Die Bläschenseuclie des Schafes und der Ziege.
Bei Schafen und Ziegen kommt häufiger die Klauenseuche vor, als die Maulseuche. Bei letzterer Krankheitsform bilden sich die Bläschen vorzugsweise am zahnlosen Bande des Oberkiefers; sie sind in der Eegel nur sehr klein. Auch bei der Klauenseuche tritt bei Schafen und Ziegen die Bläschenbildung selten so deutlich hervor, wie beim Binde. Gewöhnlich ist die Haut am Saume der Krone und in der Klauenspalte zunächst geschwollen und geröthet, später mit nur wenig zahlreichen und wenig umfangreichen Bläschen be­setzt, welche platzen und zu Krusten sich umwandeln. Nicht selten findet man nur an einem Fusse ein Bläschen, oder ein oberfläch­liches Geschwürchen und zwar meist an den Ballen. Die dadurch verursachte Lahmheit ist in der Eegel so gering und so schnell vorübergehend, dass sie, namentlich wenn die Thiere nicht ausge­trieben werden, leicht unbeachtet bleibt. Setzt sich die Entzündung indess in den Hornschuh hinein fort, so gewinnt das Leiden eine grössere Bedeutung. Auch das Klauensäckchen kann von dem Ent-
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Bläschenseuche des Schafes und der Ziege.
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Zündungsprozesse mit ergriffen werden und sich in Folge dessen mit einem dicklichen Inhalte füllen, der durch Druck hervorgepresst werden kann. Da dieser Inhalt hierbei in wurmilhnlicher Form zum Vorschein zu kommen pflegt, so hat man den betreffenden Zustand auch wohl mit dem unpassenden Namen „Klauenwurmquot; bezeichnet. Bricht die Bläschenseuche in einer Schafheerde aus, so ver­breitet sie sich in derselben langsamer, als in einer Rinderheerde. unter günstigen Aussenverhältnissen erkranken Schafe und Ziegen meist gelinde, indess kann auch bei diesen die Krankheit bös­artig werden, wenn die bei der Bläschenseuche des Kindes ange­gebenen ungünstigen Einflüsse im Stall oder auf der Weide auf die Patienten einwirken, oder wenn diese schlecht behandelt werden. Es kommt dann verhältnissmilssig häufig vor, dass auch bei Schafen und Ziegen grössere Klauengeschwüre entstehen , welche eine theil-weise oder gänzliche Loslosung des Hornschuhes im Gefolge haben. Wie beim Rindvieh, so wird auch bei Schafen und Ziegen die Bläs­chenseuche ganz jungen Individuen vorzugsweise leicht und häufig verderblich. Die Seuche richtet deshalb in der Hegel den grössten Schaden an, wenn sie während, oder kurz nach der Lammzeit zum Ausbruch kommt. Es können dann, selbst bei gelinder Erkrankung der Mutterthiere, zahlreiche Sterbefälle unter den Lämmern auf­treten. Die Milch ist nämlich bei Schafen und Ziegen selbst dann von der bei der Bläschenseuche des Rindviehs bereits beschriebenen krankhaften Beschaffenheit angetroffen worden, wenn die Mütter so unbedeutend erkrankt waren, dass erst bei ganz genauer Unter­suchung derselben die Bläschenseuche bei ihnen erkannt wurde.
Ob die sogenannte „bösartige oder spanische Klauenseuchequot; der Schafe eine Krankheit eigener Art, oder ob dieselbe vollkommen gleich ist mit der gewöhnlichen Klauenseuche — und aus dieser in Folge ungünstiger Einflüsse entsteht, ist zur Zeit nicht absolut sicher zu entscheiden. Dieselbe soll nur edlen und veredelten Schafen eigen sein. Sie kennzeichnet sich besonders durch tief gehende Zer­störungen über und in dem Hornschuh, in Folge deren zuweilen selbst die Klauenknochen geschwürig zerstört, sogar im Klauen­gelenke abgestossen werden.
Grobe oder längere Zeit hindurch einwirkende Insulte, welche die Klauen treffen, können auch ohne Einwirkung eines Ansteckungs-stoffes Klauengeschwüre erzeugen, welche je nach Umständen einen sehr verschiedenen Grad erreichen. So entstehen derartige Klauen-geschwüre in Schafheerden, welche häufig über kothige Wege ge­trieben, oder auf durchweichten Weiden gehütet werden, manchmal in grösserer Verbreitung, als eigentliche Heerdekrankheit. Dieses Leiden hat man passend mit dem Namen „Moder- oder Dreck-Hinkenquot; bezeichnet. Es ist behauptet worden, dass dieses Leiden mit der sogenannten spanischen Klauenseuche identisch sei. Letztere ist aber nach Johne's Impfresultaten ansteckend, somit von dem Moder- oder Dreck-Hinken wesentlich verschieden; dies Uebel ist nicht ansteckend und erfordert somit keine weiteren sanitätspolizei-
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2613nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Blftsoheuseuohe des Schweines und der Fleischfresser.
liehen Massregeln. Mau muss sich deshalb vor einer Verwechslung desselben mit der ansteckenden Klauenseuche (Bläschenseuche) hüten. Eine genaue Untersuchung der kranken Thiere, mit sorgfaltiger Berücksichtigung des Verbreitungsganges der Krankheit in der be­treffenden Heerde, wird den geübten Sachverständigen in der Regel auch selbst dann vor Irrthum schützen, wenn das Leiden unter den Schafen einer Heerde in grösserer Verbreitung auftritt.
Die Bläschenseuche des Schweines.
Bei dieser Thiergattung ist die Maulseuche noch seltener, die Klauenseuche dagegen häufiger, als bei Schafen und Ziegen. Auf grössere Entfernungen wird diese Seuche unstreitig durch Schweine am häufigsten verschleppt, da der Handel mit dieser Thierspecies ein sehr frequenter ist und zahlreiche Heerden in kurzer Zeit per Eisenbahn aus dem einen Lande in das andere geschafft und nicht selten nach allen Eichtungen hin auf Landwegen weiter getrieben werden. Auch ist die Empfänglichkeit der Soliweine für das Blas-chenseuchegift grosser als die cler Schafe und Ziegen.
Wenn bei Schweinen die Maulseuche auftritt, bilden sich nicht nur auf der Maulschleimhaut, sondern auch am Eüssel und in dessen Umgebung Bläschen.
Bei der Klauenseuche erstreckt sich die Hautentzündung und Blasenbildung recht häufig bis über das Fesselgelenk; die Horn-kapseln werden nicht nur an den wahren, sondern auch an den fal­schen Klauen leichter und verhältnissmässig häufiger, als bei Wieder­käuern, gänzlich losgestossen. Dies ist namentlich bei Treibheerden — und zwar vorzugsweise dann der Fall, wenn die Thiere sehr harte, staubige oder kothige Wege längere Zeit passiren müssen, besonders bei grosser Hitze, oder bei nasskalter Witterung.
Die Bläschenseuclie der Fleischfresser.
Hunde und Katzen scheinen im Ganzen für dieses Krankheits­gift nur wenig empfänglich zu sein; die Mittheilungen über das Auftreten dieser Krankheit bei fraglichen Thieren sind verhältniss­mässig selten. Die Infection scheint bei Fleischfressern sowohl durch den Genuss ungekochter Milch von aphthenseuchekrankem Melkvieh, wie auch durch Verunreinigung der Füsse mit in Rede stehendem Ansteckungsstoffe zu Stande kommen zu können. Im ersteren Falle treten fieberhafte Verdauungsstörungen auf, welche sich durch Tem­peratursteigerung, Appetitlosigkeit, Brechneigung oder wirkliches Erbrechen u. s. w. zu erkennen geben. Es bilden sich Bläschen auf der Schleimhaut der Mundhöhle und zuweilen auch auf ver­schiedenen Stellen der äusseren Haut, besonders des Angesichtes und der Füsse. Zwischen den Zehen kommen namentlich dann Bläschen und Geschwüre vor, wenn dieselben mit dem Ansteckungsstoffe direct in Berührung gekommen sind.
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Uliischunseuche des Geflügels und des Pferdes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;267
Die Bläschenseuclie des Hausgeflügels.
Bei dem Hausgeflügel ist zur Zeit des Auftretens der Maul-und Klauenseuche ein Bläschenausschlag an verschiedenen Körper­stellen vielfach wahrgenommen worden. Bei Hühnern tritt derselbe besonders um die Nasenlöcher herum, am Kamme, aber auch auf der Maul- und Nasenschleimhaut hervor. Bei Gänsen (und Enten?) ist das Klauenweh häufiger, wobei zwischen den Zehen an den Schwimmhäuten die Bläschen sich entwickeln.
Die Bläschenseuclie des Pferdes,
Wenn diese Krankheit bei Pferden vorkommt, so tritt sie ge­wöhnlich nur als Maulseuche auf; es sind indess Fälle beobachtet worden, wo gleichzeitig ein Bläschenausschlag über dem Hufe, na­mentlich auf den Ballen sich entwickelte. Verhältnissmässig häufig und bösartig soll dieser Ausschlag an weissen Füssen auftreten. In der Regel bleibt jedoch diese Thierspecies, selbst bei allgemeiner Verbreitung der Äphthenseuche, von letzterer verschont. Es sind mehrfach Fälle beobachtet worden, wo Pferde (in grösserer oder geringerer Anzahl) mitten unter bläschenseuchekrankem Weidevieh sich befanden und sämmtlich gesund blieben, wenigstens nicht derart erkrankten, dass es auffiel und wahrgenommen wurde. Es scheint demnach, dass das Pferd vor allen pflanzenfressenden Hausthieren die geringste Empfänglichkeit für fragliche Seuche besitzt.
Die Erscheinungen der Maulseuche sind beim Pferde, nament­lich bei gutartigem Verlaufe, im Allgemeinen dieselben, wie beim llindvieh; die Krankheit erreicht in der Regel innerhalb 7 bis 10 Tagen ihr Ende, indem die Schleimhaut der Maulhöhle an den Stellen, wo die Bläschen vorhanden waren, in der angegebenen Zeit sich wieder mit einem Oberhäutchen bedeckt. Nur wenn die Bläs­chen nicht gleichzeitig, sondern die einen früher, die andern später sich bilden, kann die Bauer des Leidens über 2, ja selbst über 3 Wochen sich ausdehnen. Die Patienten magern mehr oder weniger bedeutend ab, je nachdem die Futteraufnahmo in grösserem oder geringerem Masse behindert und je nachdem die Dauer des Leidens eine längere oder kürzere ist.
Aber auch beim Pferde zeigt die Bläschenseuche nicht immer einen gutartigen Charakter. Es kommen zuweilen schwere Erkran­kungsfälle vor, bei denen an der inneren Fläche der Lippen und der Backen, am Zahnfleische, an der oberen Fläche und an den Seitenrändern der Zunge, sowie um das Zungenbändchon entzündete Stellen von der Grosso einer Linse bis zum Durchmesser eines Centi­meters sich bilden.
Diese Stellen bedecken sich alsbald mit einer weisslichgrauen, oder gelblichdicken Ausschwitzung, welche von einem stark gerötheten Saume umgeben ist und mit der unterliegenden blutenden und wun­den Schleimhaut innig zusammenhängen. Zuweilen findet man diese
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268 Blilschenseuche wildleb, Thiere u. Infection d. Menschen. Stomatitis etc.
ausgeschwitzten Massen in so beträchtlicher Menge und Ausbreitung, class sie die Zunge und einzelne Abschnitte der Lippen zusammen­hängend überziehen. Im anderen Falle wird gleichzeitig eine hef­tige Entzündung der Nnsenschleimhaut, kleine Geschwüre um Nase und Maul, Anschwellung der Lymphgefässe an den Backen zu Strän­gen und der Lymphdrüsen im Kehlgange zu mehr oder weniger schmerzhaften Knoten beobachtet.
Bei Pferden kommt zuweilen auch ein nicht contagiöses Maul­weh vor, bei welchem sich auf der Maulschleimhaut Blasen von verschiedener Grosse bilden.
Bei ivild lebendcu Tliicren verläuft die Bläschenseuche unge­fähr genau ebenso, wie bei unseren Hausthieren. Die Krankheit qu. ist bei Hirschen, Eehen, Gemsen, Wildschweinen etc. zuweilen seu-chenartig beobachtet worden und kann dann erhebliche Verluste verursachen.
Beim Mensclien kommen Infectionen mit Bläschenseuchegift nicht selten vor. Erfolgen dieselben durch äusserliche Ansteckung, so entsteht eine meist local bleibende Bläscheneruption, welche in der Kegel in kurzer Zeit von selbst heilt. Weniger gutartig sind die Infectionen, bei welchen die Aufnahme des Giftes mit den Nahrungsmitteln, namentlich durch den Genuss ungekochter Milch stattgefunden hat. In diesen Fällen stellen sich Fiebererscheinungen und Verdauungsstörungen ein, die den Tod zur Folge haben können. Infectionen von Menschen durch den Genuss von Fleisch bläschen-seuchekranker Thiere scheinen bis jetzt nicht beobachtet worden zu sein; Butter (und Käse?) sollen hingegen infectiös (?) wirken können.
Stomatitis pustulosa contagiosa.
Bei Pferden ist in neuerer Zeit von Eggeling, Ellenberger, Friedberger u. A. eine der Maulseuche ähnliche ansteckende pustu-lüse Entzündung der Maulschleimhaut beobachtet und beschrieben worden. Bei derselben bilden sich derbe, hirsekorn- bis erbsengrosse Knötchen auf der Schleimhaut des Maules und auf der äusseren Haut um das Maul herum. Diese Knötchen sind rund und scharf begrenzt; nur selten gestalten sie sich an ihrem äussersten Pole zu Bläschen. In der Kegel zerfallen sie eiterig und bilden so ein Ge­schwür, das tiefer in das Gewebe der Schleimhaut, resp. äusseren eindringt, als dies bei Aphthen der Fall zu sein pflegt; mit der Knötchen- und Geschwürsbildung verbindet sich eine Anschwellung der Kehlgangslymphdrüsen.
Diese Krankheit ist nicht nur auf Pferde, sondern ähnlich wie die Aphthenseuche auch auf Wiederkäuer, Schweine, Geflügel und auf den Menschen übertragbar. Der eigentliche Krankheitserreger ist wahrscheinlich ein pflanzlicher Mikroorganismus, der indess bis jetzt noch nicht sicher erkannt ist.
Die klinischen Erscheinungen sind, aussei' den angegebenen ana­tomischen Befunden, ähnlich wie bei der Maulseucho. Die Futter-
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Tuberculose. Perlsuoht des Rindes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;269
aufnähme ist erschwert, die Patienten speicheln viel u. s. w. Der Krankheitsverlauf ist im Allgemeinen so gutartig, class in etwa 8 Tagen' spontane Heilung zu erfolgen pflegt.
Eine arzneiliche Behandlung ist in der Regel überflüssig; eine entsprechende Regelung der Diilt reicht gewöhnlich aus, um die Genesung in kurzer Zeit zu erzielen.
Die Vorbeuge hat die Aufgabe, jede Gelegenheit zur Infection anderer Thiere (und des Menschen) möglichst zu meiden.
Die Tuberculose des Rindviehs und anderer Hausthiere.
Als Tuberculose oder Perlsucht des Rindviehs bezeichnet man eine Krankheit, deren anatomischer Befund hauptsächlich in ver­schieden geformten Neubildungen auf den serösen Häuten der Brust- und Bauchhöhle, sowie der in beiden gelagerten Eingeweide, ferner in Schwellung, resp. Entartung der Lymphdrüsen besteht. Neben diesen Neubildungen auf den serösen Häuten, welche wegen der Häufigkeit ihres Vorkommens in knotigen Formen schlechtweg „Perlknotenquot; genannt werden, findet man in den fortgeschrittenen Graden des Leidens häufig auch ein mehr oder weniger hervor­tretendes Lungenleiden, das unter Umständen sogar mehr, als die Perlknoten der serösen Häute, in den Vordergrund tritt. Ja, nicht so gar selten findet man die Perlknoten nur vereinzelt, oder sie fehlen ganz, während im Uebrigen alle Erscheinungen einer Lungenschwind­sucht vorhanden sind. In letzterem Falle ist man streng genommmen nicht berechtigt, die Krankheit als Perlsucht zu bezeichnen.
Tuberculose findet man besonders häufig bei Kühen, seltener bei Bullen, Ochsen und bei Färsen und nur ausnahmsweise bei Kälbern unter 1 Jahre. Seit der Entdeckung des Tuberkelbacillus ist man geneigt, alle Krankheitsproducte, in welchen dieser gefunden wird, als tuberculose zu bezeichnen. Da in den Perlknoten Tuberkel-bacillen nachgewiesen sind, so werden jene Neubildungen als Tu­berkel betrachtet.
Es empfiehlt sich deshalb, diese pathologisch-anatomisch verschie­denen Zustände auch fernerhin im Zusammenhange zu besprechen, um so mehr, weil dieselben während des Lebens meist nicht ausein­ander gehalten, d. h. nicht unterschieden werden können. Die klinische Diagnose, besonders die Differentialdiagnose dieser Zustände ist an­fangs ganz unmöglich und auch in den fortgeschrittenen Stadien der Krankheit meist sehr schwierig. Auffallende Krankheitserschei­nungen stellen sich nämlich erst dann ein, wenn das Leiden bereits einen höheren Grad erreicht hat.
Aetiologie. Die Ursachen der Perlsucht, resp. Tuberculose, sind immer noch ungenügend gekannt, da durch die Entdeckung des Tuberkelbacillus keineswegs alle wesentlichen ätiologischen Fac-toren klar gestellt worden sind. Nicht ohne guten Grund wird ziemlich allgemein die Vererbbarkeit der Anlage, resp. des Krank-
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Tuberoulose, Perlsucht den Kindes.
heitskeimes, von den Eltern auf die Nachkommen angenommen. Dieselbe dürfte bei der Perlsuoht wohl in erster Reihe unter den ursilchliehen Momenten anzuführen sein. Ausser der bekannten Thatsache, dass die Nachkommen perlsüchtiger Rinder, namentlich wenn sie gute Milchkühe sind, häufig an l'erlsucht erkranken, spre­chen auch die vielfach beobachteten Fälle von Perlsucht (und Lungen-tuberculose) bei nur einigen Wochen alten, von perlsüchtigen Müttern geborenen Kälbern für die Vererbbarkeit fraglicher Krankheit. Seit neuerer Zeit wird nun auch von einigen Sachverständigen die An­steckungsfähigkeit dieser Krankheit als sehr wahrscheinlich, oder gar als sicher, hingestellt.
Die Frage nach der Contagiosität der Tuberculose des Menschen ist nicht neu; bereits Galen (geb. 131 n. Chr.) hat dieselbe behaup­tet. Die Statistik spricht jedoch nicht für eine solche Annahme. So hat z. B. das grosse Bromton-Hospital in London im Verlaufe von 36 Jahren fast 30000 Schwindsüchtige beherbergt. Nach ge­nauer Prüfung der vorhandenen Acten über das gesammte Personal, welches innerhalb der angegebenen Zeit die Kranken pflegte (Aerüte, Geistliche, Wärter etc.), sowie nach Prüfung des seit 15 Jahren im Chest-Hospital zu London gesammelten Actenmateriales, gelangte die medicinische Gesollschaft zu Cambridge zu dem einstimmigen Schlüsse, „dass eine üebertragung der Schwindsucht von Kranken auf Gesunde ausserhalb aller Wahrscheinlichkeit liege'. Es sind allerdings eine grosse Anzahl von Impfresultaten mitgetheilt worden, welche die Contagiosität der Perlsucht und ihre Identität mit der Tuberculose anderer Thiere und des Menschen beweisen sollen. Man darf indess nicht vergessen, dass die Möglichkeit, durch Ueberimpfung von tuberculösen Producten, oder von Milch und Blut tuberculöser Thiere bei den Impflingen eine Knötchenkrankheit erzeugen zu können, noch keineswegs beweist, dass diese Impfkrankheit eine wahre Tuber­oulose ist. Und selbst wenn auch dieser Beweis erbracht wäre, so bliebe doch noch zu beachten, dass nicht jede impf bare Krankheit auch im gewöhnlichen Leben ansteckt. So ist z. B. der Milzbrand durch Impfung leicht übertragbar, während eine Ansteckung von Thiel' zu Thier im täglichen Leben bei dieser Krankheit relativ recht selten ist. Ob bei natürlicher Tuberculose unserer Hausthiere neben der Vererbung auch die Ansteckung eine Rolle spielt, ist bis jetzt noch nicht entschieden.
Ueber die Dauer der etwaigen Incubation des Tuberculosegiftes ist bis jetzt noch wenig Zuverlässiges bekannt, da die Ergebnisse der Tuberculose-Impfung und anderweitiger künstlicher Uebertragungs-versuche auf die natürlichen Lebensverhältnisse nicht ohne Weiteres angewendet werden können.
Bei Entstehung der Schwindsucht des Rindviehs scheint die Milchsecretion eine wichtige Rolle spielen zu können.
Die Beobachtung lehrt, dass unter gewissen Umständen aus katarrhalischen Lungenaifectionen (Bronchitis), besonders wenn die­selben bis in die feineren Verzweigunsfen der Luftröhre vordringen,
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Tuberouloso. Perlsucht des Rindes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;271
eine sogemumte kilsige Pneumonie und aus dieser Schwindsuuht sich entwickeln kann. So sind z, B, die mit dem Namen „Hüttenrauchs­krankheitenquot; belegten Krankhoitszustände, welche seit einigen Jahr­zehnten die Viehstilnde des Freiberger Hüttenbezirkes im König­reiche Sachsen decimiren, als käsige Pneumonien erkannt. Diese Krankheit wird (nach Haubner und Siedamgrotzky) bedingt durch den fortsgesetzten Reiz, welchen der Hüttenrauch auf die Schleim­haut der Luftröhrenzweige verursacht. Es kommt zunächst zur Entwicklung einer Bronchitis, die bei dem Fortbestande der Krank­heitsursache chronisch wird, resp. zum chronischen Bror.chialkatarrh führt, aus welchem dann eine käsige Lungenentzündung sich hervor­bildet. In den späteren Stadien der Krankheit qu. kommt es secun-där auch manchmal zur Bildung von Tuberkeln in den Lungen, sowie zur Bildung zottiger Neubildungen und kleiner Perlknötchen auf den serösen Häuten. In neuerer Zeit hat Johne in diesen Pro-ducten der Hüttenrauchskrankheiten Tuberkelbaoillen nachgewiesen und diese für die Entstehung der Krankheit mit verantwortlich gemacht. Nichtsdestoweniger bleiben als prädisponirende Ursachen der Schwindsucht des Rindes und anderer Thiere hier zu nennen: schlechte Ventilation, besonders stark mit Vieh besetzter Ställe, reich­licher Schlämpedunst, viel Staub (staubiges Futter) und dergleichen mehr. Dann werden ferner durch das beständige Stehen im Stalle der Milchthiere diese Einflüsse um so leichter nachtheilig werden, als die Athmung in Folge des Mangels naturgemässer Muskelübun­gen eine weniger energische ist, weshalb das Auswerfen der in den Bronchien angesammelten Secrete oder sonstiger, von aussen einge­drungener Stoffe nur unvollkommen erfolgt. Dazu kommt noch die häufige Ueberfüllung des Magens mit Futtermassen, wodurch die Athmung, namentlich die Inspiration ebenfalls beeinträchtigt wird. Gesellt sich hierzu noch eine reichliche Milchsecretion, so mag diese sowohl durch Entziehung von Nährstoffen, als durch Austrocknung des Körpers, d. h. durch Entziehung grosser Wassermengen schäd­lich wirken können. In Folge der massenhaften Wasserentziehung durch reichliche Milchausscheidung mag auch den Socreten in den Luftröhrenzweigen Flüssigkeit entzogen werden, wodurch dieselben sich eindicken, zäh \md zur käsigen Degeneration mehr disponirt werden. Bekanntlich erkranken ja gerade die besten Milchkühe am häufigsten an Tuberculose. Die Deutung dieser Thatsache im ange­gebenen Sinne wird durch die Beobachtung unterstützt, dass bei allen säugenden Kaninchen durch Erregung eines beliebigen Ent­zündungsprozesses Tuberculose hervorgerufen werden kann (Siedam­grotzky). Gegenwärtig wird ziemlich allgemein angenommen, dass derartige Vorgänge den Boden für das Gedeihen des Tuberculose-giftos nur vorbereiten und dass ohne eine ganz specifische Infection (mit, Tuberkelbacillen) niemals Tuberculose entstehe.
Die ätiologische! Bedeutung des Tuberkelbacillus wird aber erst in Zukunft ganz klargestellt werden. Mit der Entdeckung desselben ist bis jetzt für die Praxis noch nicht viel gewonnen worden. Weitere
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Tuberculose. Perlsucht des Rindes.
Forschungen werden hoffentlich genauere Aufschlüsse bringen. Ver­suchsresultate, welche an prildisponirten Thieren gewonnen werden, können, ohne die grösste Gefahr auf Irrwege zu führen, niemals ohne weiteres generalisirt werden. So darf man z. B. das Verhalten von Kaninchen,Meerschweinchen, Mäusen u. s.w. demTuberculosegifte gegenüber nicht ohne weiteres verallgemeinern. Es widerstreitet dies der feststehenden Thatsache, dass die generelle Disposition der einzelnen Thierspecies den verschiedenen Krankheitsgiften gegenüber sehr oft eine wesentlich verschiedene ist. — Sodann darf auch ein Versuchs-resp. Impfmaterial, welches ausserhnlb des Thierkörpers als Reincultur gezüchtet worden ist, nicht unbedingt identificirt werden mit einem analogen Krankheitsgifto, das unter den complicirten Verhältnissen des thierischen Stoffwechsels im Kampfe ums Dasein entstanden ist. Dass der Nährboden die Eigenschaften der in ihm entstehenden Mikroorganismen wesentlich beeinflusst, ist allgemein bekannt. Und auch für die Tuberkelbacillen ist (durch Baumgarten u. A.) der directe Nachweis geliefert worden, dass die Virulenz derselben, je nach der Thierspecies, bedeutend variirt; so /.. B. vermögen die tuberculösen Produote des Geflügels, trotz ihres Gehaltes an Tuberkelbacillen, selbst das für Tuberculose so sehr prildisponirte Kaninchen nicht mehr zu inficiren. — Es ist durchaus unzulilssig, diese und andere bestimmt erwiesene Thatsachen zu ignoriren, weil sie verschiedene speculative Folgerungen, welche aus der Entdeckung des Tuberkelbacillus gezogen worden sind, als willkürliche Hypothesen erseheinen lassen. Das thatsächliche Verhilltniss des Tuberkelbacillus zur Tuberculose der ver­schiedenen Thierspecies und des Menschen muss Schritt für Schritt an den Resultaten exacter klinischer und experimenteller Studien zu er­forschen und für die Praxis verwerthbar zu machen gesucht werden.
Diagnose. Die wahrnehmbaren Krankheitserscheinungen sind im Wesentlichen folgende:
1) Bei stärkerer und alleiniger Brustaffection macht sich zunächst ein anfangs noch kräftiger, trockener, rauher Husten bemerkbar, der im Laufe der Zeit dumpf und schwach wird. Die Häufigkeit des Hustens hängt ebenso wie seine Klangfarbe von dem Grade und dem Sitze der pathologischen Zustände ab. Bei der eigentlichen Perlsucht mit nur geringer Lungenaffection pflegt der Husten nicht gerade häufig zu sein und besonders früh Morgens, aber auch im Laufe der Tageszeit einigemal sich einzustellen; die Patienten husten in der Regel nur 2- bis 3mal nach einander. Je ausgebreiteter und intensiver die Lungen erkrankt sind, um so häufiger und matter wird der Husten, um so beschleunigter und beschwerlicher schliesslich das Athmen.
Die physikalische Untersuchung der Brust ergibt je nach Um­ständen folgende Daten; es finden sich:
a)nbsp; Eeibungsgeräusche bei Rauhheit der Oberfläche des Rippen­felles und des serösen Ueberzuges der Lungen.
b)nbsp; Bronchiales Athmen, Giemen, Pfeifen, Schnurren, Rasseln und dergleichen bei Erkrankungen der Lungen, besonders derjenigen Partien, welche der Auscultation zugänglich sind.
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Tuberculose. Perlsucht des Rindes.
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c) Dämpfung des Percussioastones bei starker Auflagerung von Perlknoten auf die serösen Oberflilchen und bei umfangreicher Un­wegsamkeit der Luftwege in den Lungen, sofern die betroffenen Partien der Percussion zugänglich sind.
2) Bei vorzugsweiser oder alleiniger Aftection der Hinterleibs­organe sind mir dann auffällige Krankheitserscheinungen vorhanden, wenn die in der Bauchhöhle gelegenen Geschlechtsorgane weiblicher Thiere Sitz der krankhaften Veränderungen sind; in diesem Falle rindern die Patienten abnorm häufig und stark, nehmen aber bei der Begattung in der Regel nicht auf; falls dies geschehen sollte, ver­werfen sie nicht selten. In solchen Fällen wird die Perlsucht öfter mit der Stiersucht verwechselt. (Diese ist aber von der Perlsucht nicht tinbedingt abhängig, da sie als selbstständige Krankheit unter dem Namen „Brüller oder Brummel-Krankheit1' auftritt und dann in einem wassersüchtigen Zustande des einen oder anderen . oder beider Ovarien ihren Grund zu haben pflegt.)
Der Ernährungszustand tuberculöser (perlsüchtiger) Individuen leidet in der ersten Zeit der Krankheit (besonders bei jüngerem Vieh) gewöhnlich nicht wahrnehmbar. Es kommt manchmal vor, dass die Perlsucht erst nach dem Schlachten an gut gemästeten Thieren vollständig unerwartet entdeckt wird. (Fette Franzosen.)
Nicht selten treten im Verlaufe der Krankheit Anschwellungen der mehr an der Körperoberfläche gelegenen Lymphdrüsen ein, wodurch die Diagnose an Sicherheit gewinnt. Auch nimmt all-mählig die Fresslust ab, das Haar wird glanzlos und struppig, die Schleimhäute werden blass, der Blick matt, es stellt sich Durch­fall und ein Zehrfieber ein, bis endlich die Thiere unter stets zu­nehmender Abmagerung zu Grunde gehen. Manchmal sind tuber­culose Erkrankungen des Euters, oder bei männlichen Thieren der Hoden, für die Diagnose wichtig.
Der Verlauf der Krankheit ist ein sehr chronischer; es vergehen Monate, selbst Jahre, bevor das tödtliche Ende eintritt.
Prognose. Die Prognose ist absolut ungünstig, indem in der einmal äusserlich erkennbaren Krankheit ein Stillstand selten oder nie, viel weniger eine Ausheilung eintritt. Die Patienten gehen früher oder später an den Folgen dieses Leidens zu Grunde, wenn sie nicht vorher gesohlachtet werden.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei ursprünglicher Perl­sucht des Rindviehs findet man an den serösen Häuten der Brust-und Bauchhöhle kleinere oder grössere, theils gestielte, theils mit breiter Basis aufsitzende Knoten, welche in der Brusthöhle vorzugs­weise am Rippenfelle, in der Bauchhöhle am serösen Uoberzuge der Bauchwandungen und am Netze, sodann am Herzbeutel, an der Serosa des Zwerchfelles, der Lungen, des Herzmuskels und verschie­dener Baucheingeweide, und nur ausnahmsweise auch an der weichen Hirnhaut angetroffen werden. Diese Knoten können in sehr ver­schiedener Anzahl und Grosse auftreten; zuweilen sind die Wan-
Pütz, Compendium der Thlorheilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;18
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Tuborculoso. Perlsuclit des Rindes.
düngen der Brust- oder Bauchhöhle, sowie die Oberfiilehe der in denselben gelagerten Eingeweide vollkommen von Perlknoten bedeckt, deren Grosse /wischen einem Hirsenkorne und einer Mannesfaust wechseln kann. Let/.tere sind stets aus einer verschieden grossen Anzahl miliarer Knötchen zusammengesetzt, welche zunächst kleinere Conglomerate bilden, die später mit einander verschmelzen. In Folge dessen zeigen alle grösseren Perlknoten eine höckerige Oberfläche und eine durchfurchte Schnittfläche. Diese Neubildungen besitzen eine grosse Neigung zu verkalken, so dass sie in fortgeschrittenen Stadien ihrer Entwicklung fast steinharte Massen bilden. Ausser-dem finden sich bei Perlsucht häufig Verwachsungen zwischen den Brust- und Baucheingeweiden mit der Nachbarschaft; sodann faden­förmige und bandförmige Bindegewebswucherungen, oder Verdickun­gen verschiedener Abschnitte der Serosa der Brust- oder Bauchhöhle, in welche mehr oder woniger reichlich Knötchen eingelagert sind. Die eigentliche Lungentuberculoso ist zunächst mit der Ent­wicklung zahlreicher kleiner Knötchen von Stecknadolkopfgrösse verbunden, welche überall im gesunden Lungengewebe zerstreut angetroffen werden. Die von ihnen durchsetzten Lungenläppchen bleiben lange lufthaltig und funetionsfähig. In der Nähe der Lungen-Oberfläche gelegene Miliartuberkel können ohne weiteres von aussei! gesehen und gefühlt worden; die tiefer gelegenen gewahrt man, wenn man die Lungen an verschiedenen Stellen tief einschneidet; sie treten dann auf den Schnittflächen deutlich hervor. Die ver­einzelt sitzenden Knötchen sind in der Regel jüngeren Datums, nicht so grauweisslich und durchscheinend wie die Miliartuberkel anderer Thiere und des Menschen, sondern gelblichweiss, fester und weniger durchscheinend. In der Regel liegen die Knötchen nicht im Mittel­punkte, sondern an der Peripherie der betreffenden Lungenläppchen und sind dadurch leicht von den durchschnittenen mehr central gelegenen kleinen Bronchien zu unterscheiden. An verschiedenen Stellen sind zahlreiche Miliartuberkel zu unrogelmässigen Knoten zusammengelagert, deren Oberfläche meist noch deutlich ihren Ur­sprung erkennen lässt. Im Centrum dieser Knoten bildet sich eine undurchsichtige gelbe Masse, in welche sich Kalksalze einlagern. Wenn nun in einem Lungenläppchen eine grössero Anzahl von Tu­berkelknoten sich gebildet haben, erst dann treten Erscheinungen von Oedem, Bronchialkatarrh und käsiger Lungenentzündung hinzu. Nunmehr findet man das umgebende Lungengewebe nicht mehr rosa-roth und lufthaltig, sondern stark durchfeuchtet, bläulichroth oder grauroth und fester. — Nur selten wird die Bronohialschleimhaut von tuberculöser Affection frei angetroffen. Meist findet man in den Bronchien mittlerer Grosso, in geringerer Anzahl auch in den grösseren Luftröhren ästen in der etwas geschwellten Schleimhaut stecknadolkopfgrösse Knötchen, welche seiton vereinzelt vorkommen, sondern reihenförniig geordnet den Schleimhautfalten entlang zu sitzen pflegen. Durch die stets sehr auffallende Infectionsröthe ihrer unmittelbaren Nachbarschaft sind sie leicht wahrnehmbar, Auf dem
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Tubemiloso. Perlsucht des Rindes.
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serösen Ueberzuge obertliichlich gelegener stark verkäster Lungen-lilppchen /.eigen sich gewöhnlich gefiissreiche Bindegewebszotten, in welchen sich tuberculöso Neubildungen etabliren, die später zu mehr oder weniger umfangreichen Perlknoten heranwachsen können. Ferner findet man nicht selten tuberculöse Geschwüre auf der Schleimhaut der Bronchien (besonders in den Theilungsstellen dieser) und der Luftröhre (bis in den Kehlkopf hinauf /erstreut), deren Band zackig und blutreich, ihr Grund vertieft und mit kleinen Käsepfröpfchen besetzt ist. Die Bronohialschleimhaut ist geschwellt und /.ellig in-filtrirt und in Folge des chronischen Katarrhs derselben mit zähem Schleim bedeckt.
Der käsigen Pneumonie liegt nach Bruckmüller (und Siedam-grotzky) ursprünglich ein Bronchialkatarrh zu Grunde, welcher sich bis auf die Lungenalveolen ausgedehnt hat, die weiteren Verände­rungen bestehen in der käsigen Entartung der in den Bronchien und Lungenbläschen angehäuften Entzündungsproducte, sowie in der übermässigen Wucherung des interstitiellen Bindegewebes, welche selbst auf das Lungengewebe übergreift. Indem die kleinen Bron­chien durch Schleimpfröpfe geschlossen werden, fallen die von ihnen abhängigen Lungenläppohen zusammen; dieselben erscheinen in diesem Stadium selbst am Cadaver stärker geröthet und eingesunken, sind weich und knistern beim Durchschneiden nicht; ihre Schnitt­fläche erscheint glatt und feucht. Das Gewebe der betreffenden Lungenläppohen ist mit Serum, die kleinen Bronchiolen sind mit zähem Schleime erfüllt. Da die mit käsiger Pneumonie behafteten Thiero meist erst zur Section kommen, nachdem die erkrankten Lungenläppohen grösstentheils bereits in eine käsige Masse umge­wandelt worden sind, so ist der vorhin geschilderte Zustand nur an Läppchen zu finden, welche erst frisch erkrankt sind. Gewöhnlich pflegen die vorderen Lungenläppchen sich am längsten gesund zu erhalten. Der Prozess ist stets ein lobulilrer, kriecht aber allmählig von dem einen Läppchen auf die benachbarten über. Wenn so ein grosses zusammenhängendes Lungenstück erkrankt ist, bieten die einzelnen Läppchen stets verschiedene Stadien der Erkrankung. Ate-lectase und Qedem sind stets die ersten Veränderungen, welche in den afficirten Lungenläppchen auftreten. Später kommt es zur Ver­käsung des in den Bronchien und in den Luftzellen (Alveolen) vor­handenen Schleimes, sowie des Lungengewebes, oder die Lungen­läppchen werden in Folge einer Peribronohitis, welche sich auf das interalveoläro Lungenwebe fortsetzt, in eine festweiche Masse um­gewandelt (hepatisirt); zuweilen kommt es zu auffallenderen Erwei­terungen der Bronchien (Bronohiectasien). Das hepatisirte Lungen­gewebe ist häufig mit Kalksalzen durchsetzt; in Folge dessen sind manchmal grössere Lungen abschnitte in eine steinharte Masse ver­wandelt (steinige Hepatisation Virchow's). Vor der Einlagerung von Kalksalzen erscheint das hepatisirte Lungengewebe polsterartig weich; auf der Schnittfläche desselben ist von einer eigentlichen Structur wenig oder gar nichts mehr zu erkennen. In der Pegel
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Tuberculose. Perlsucht des Rindes.
bemerkt man kleinere gelbliche, gerade oder gewundene Streifchen mit gelbem Centrum und weissgelbliohem Rande. Es sind dies käsige Herde, die sich später vergrössern und verkalken. Mit fort­schreitender Verkalkung nimmt die Consistenz der betroffenen Par­tien in entsprechendem Maasse zu, so dass diese dem Messer immer mehr Widerstand entgegensetzen und beim Durchschneiden knirschen. Bei der abdominalen Form der Tuberculose findet man aussei' mehr oder weniger zahlreichen Knoten an verschiedenen Abschnitten der Bauchhaut, auch tuberculose Prozesse neueren und illteren Da­tums in dem einen oder anderen, oder in mehreren Baucheingeweiden, z. B. in Leber, Milz, Nieren, Eierstöcken, Eileitern, Hoden, Blut-gefässen 'u. s. w.; auch finden sich zuweilen tuberculose Darm­geschwüre. Tuberculose des Euters ist bei Milchkühen nicht selten. Selbst in den Knochen und in den verschiedensten anderen Körper­geweben können tuberculose Prozesse angetroffen werden; constant sind solche in den Lymphdrüsen vorhanden, welche mit den er­krankten Körpertheilen in Correspondenz stehen. Die Affection der Lymphdrüsen ist in den ersten Stadien nicht selten auffallender, als die Affection irgend eines anderen Körpertheiles.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung der Tuberculose hat bei keiner Thierart günstige Erfolge aufzuweisen, weshalb von einer solchen gänzlich abzusehen ist. Nach wie vor bleibt es am rathsamston, die Patienten möglichst frühzeitig zu sohlachten.
Die Frage, ob und wann der Fleischgenuss von tuberculösem Schlachtvieh statthaft oder unzulässig erscheint, hat bis jetzt noch keinen definitiven Abschluss gefunden. So weit die seitherigen Versuchsresultate und sonstigen Erfahrungen zu Schlüssen berech­tigen, scheint der Genuss des Fleisches von tuherculösen Thieren, welche noch in gutem Ernährungszustand sich befinden, unbedenk­lich zu sein, sofern alle erkrankten Theile sorgfältig entfernt werden. Dagegen wird der Genuss des Fleisches von bereits abgezehrten (schwindsüchtigen) Thieren für nachtheilig gehalten (Gerlach).
Gefährlicher als das Fleisch soll die Milch solcher Thiere sein, besonders wenn dieselbe in ungekochtem Zustande genossen wird. Durch weitere Versuche wird hoffentlich bald sicher festgestellt werden können, ob und inwiefern diese Ansicht richtig ist. Da solches möglicherweise der Fall sein kann, so gebietet die Vorsicht, entweder gar keine Milch tuberculöser Kühe, oder doch nicht im rohen Zustande, sondern stets nur gekocht zu genicssen. Verdünnt durch die Milch einer grösseren Anzahl gesunder Thiere, wird sie natürlich weniger leicht schädlich wirken, als im unverdünnten Zustande. (Vergleiche S. 270 bis 272.)
Bei unseren übrigen Hausthieren spielt die Tuberculose eine weniger bedeutende Rolle. In manchen Gegenden trifft man die­selbe beim Schweine ziemlich häufig, so z. B. in der Umgegend von Halle, wo sie bei englischen Bastarden nicht selten vorkommt, wie dies Roloff (Scrophulose und Tuberculose bei Schweinen) bereits 1875
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Beschillkrankhoit der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;277
mitgetheilt hat. Silmmtliche Plausthiere, mit Einschluss des Geflügels, können an Tuberculose erkranken; eine nur sehr geringe Empfäng­lichkeit für natürliche Tuberculose besitzen Pferde, Schafe, Ziegen und Fleischfresser, wahrend sie für Impftuberculose ziemlich ebenso empfänglich sind, wie Rindvieh und Schweine. Oh die „Darrsuchf der Tuberculose angehört, ist fraglich. Die Form und Localisation der tuberculösen Prozesse variirt bei allen Thierarten, ähnlich wie beim Rinde, mannigfach, nur sind bei letzterem die serösen Häute weit mehr als bei anderen Thierarten von fragl. Prozessen bevorzugt.
Die Besohälkranklieit der Pferde.
Obgleich diese Krankheit den Betrieb der Landespferdezucht schon lange und stellenweise empfindlich geschädigt hat, so ist die­selbe gleichwohl in ihrem Wesen noch wenig genau gekannt; sie kommt nur bei zur Zucht verwendeten Pferden vor und verbreitet sich bei diesen durch den Beschälact weiter. Zu ihrem Studium bietet sich deshalb gerade in den Gestüten am häufigsten Gelegenheit. Von den verschiedenen Benennungen, welche dieselbe erhalten hat, scheint mir der Name „Beschälkrankheitquot; der passendste zu sein.
Aetiologie. Als ursächliche Momente dieser Krankheit kennen wir nur die Ansteckung. Die Krankheit wird namentlich beim Beschälacte durch kranke Hengste verbreitet; diese sind, meist nach­weislich, durch kranke Stuten bei der Begattung derselben ange­steckt worden.
Vehikel des Ansteckungsstofl'es sind beim Hengste vorzugsweise oder ausschliesslich die Secrete der Harnröhre, bei Stuten jene der Scheide. Impfungen mit Blut lieferten bisher negative Resultate. Die Möglichkeit einer Ansteckung ist durch directe Uebertragimg traglicher Secrete auf die Genitalschkdrahaut eines gesunden Thieres selbstverständlich auch ohne Begattungsact möglich; so ist die An­steckung gesunder Stuten durch benachbarte beschälkranke Stuten in Folge einer unmittelbaren Berührung der Geschlechtsorgane nachge­wiesen. Ebenso ist es vorgekommen, dass Füllen von ihren Müttern angesteckt und so von der Beschälkrankheit befallen worden sind. Derartige Fälle kommen indess selten vor. Der Ansteckungsstofl' ist nicht flüchtig, kann aber durch Zwischenträger, so namentlich durch Verband- und Reinigungsmaterini (Schwämme etc.) verschleppt werden ; nur Pferde und Esel scheinen für denselben empfänglich zu sein.
Die Dauer der Incubation schwankt nach den seitherigen Beob­achtungen zwischen 8 Tagen und einigen Monaten; nur selten scheint sie länger als 2 Monate zu dauern. Es darf nicht unbeachtet bleiben, dass wegen des verborgenen Sitzes der Localatfection und wegen des Fehlens allgemeiner Erscheinungen in den ersten Stadion fraglicher Krankheit diese möglicherweise manchmal schon längere Zeit vor­handen sein kann, bevor sie wahrgenommen wird, was namentlich für Hengste gilt.
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Buschiilknuikhoit der Pferde.
Die Beschaffenheit des Krankheitserregers ist zur Zeit noch nicht erkannt. In einer allzu strengen Benutzung der Deckhengste, oder in Vaginalkatarrhen der Stuten mag vielleicht ein prüdisponirendes Moment für die leichtere Haftung des Krankheitskeimes gegeben sein. Die Möglichkeit der ektogenen Entwicklung desselben kann nicht ge­rade unbedingt vorneint werden) etwas Genaueres oder Zuverlässiges hierüber ist nicht bekannt.
Diagnose. Die Erscheinungen dieser Krankheit sind (nach Bt)ll) etwa folgende:
a) Bei Stuten;
Zunächst stellen sich die gewöhnlichen Symptome eines Scheiden-katarrhes, nämlich Schwellung und Vermehrung der Absonderung der Vaginalschleimhaut ein, deren Secret zuerst mehr wässerig und klar, später trüb, consistenter und röthlichgelb wird. Der Wurf schwillt ödematös an, wird teigig, oder, er wird derb infiltrirt. Im ersteren Falle verliert sich die Geschwulst nicht selten nach einiger Zeit, die Schamlippen werden schlaft' und gefaltet und zuweilen durch Verlust des Pigments getigert oder gleichmässig röthlichgelb). Die Schleimhaut der Schamlippen erscheint entweder runzelig, oder mit ödematösen, sulzigen Wülsten, oder später mit wulst- und zapfen-förmigen Excrescenzen besetzt. Um den Kitzler herum und an dem Scheideneingange treten manchmal verschieden grosso, mit einer gelben Flüssigkeit gefüllte Bläschen auf, nach deren Platzen seichte, mit einem gelblichen, zu Krusten vertrocknenden Exsudate bedeckte Substanzverluste sich zeigen; da hierdurch eine oberflächliche Aehn-lichkeit mit schankrösen Geschwüren gegeben ist, so ist die Krank­heit wohl deshalb auch „Schankersouche'' genannt worden. Diese Bläscheneruption ist incless kein constantes Symptom der Beschäl­krankheit; -wiederholt wurden hirsekorngrosse, weisso Flecke an ihrer Stelle angetroffen, oder es zeigten sich auf der bleichen, miss-farbenon Schleimhaut der Schamlippen und weiter hinein in die Scheide tiefer greifende, mit stark geschwollenen und gerötheten Bändern versehene diphtheritische Geschwüre, welche zuweilen auch auf der Schleimhaut der Gebilrnmtter angetroffen worden sein sollen. Die Abstossung des Exsudates erfolgt hier viel langsamer; auch bleiben nach der Heilung wulstige Narben zurück. Die Aehnlich-keit mit schankrösen Geschwüren ist hier grosser, als bei der vorhin beschriebenen Bläscheneruption und nachfolgenden Excoriation. Der Ausfiuss aus der Scheide ist bei der diphtheritischen Form gewöhn­lich sehr reichlich, missfarbig, selbst jaucheähnlich und veranlasst an den Theilen, mit welchen er in Berührung kommt, gern Excori-ationen. Stehen die Stuten im Stalle, so wird nicht selten ein Hin-und Hertrippeln, ferner ein Wedeln mit dem Schwänze, häufigeres Oefthen der Scham und Anstellen zum üriniren beobachtet.
Bei längerer Dauer der Krankheit treten an verschiedenen Stellen des Körpers, besonders am Halse, an der Schulter, an den Brust- und Bauchfiächen, dann an der Kruppe, seltener an den Ex­tremitäten, runde, genau begrenzte, flache, quaddelförnügo Anschwel-
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Beschiilkrankheit der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;27'J
langen der Haut von dem Durchmesser einiger bis mehrerer Centi­meter, die sogenannten „Thalerfleokequot; ein, die durch eine oder mehrere Wochen bestehen, sich allmilhlig wieder verlieren, wobei der Band am längsten sich erhält, — während gewöhnlich an anderen Stellen der Haut gleiche Geschwülste wieder zum Vorschein kommen.
Erreicht die Krankheit einen hohen Grad, so stellen sich end­lich Lähmungserscheinungen ein, welche in der Hegel mit einer Schwäche in der Nachhand beginnen, indem die Thiere im Stande der Kühe öfters mit den Hintergliedmassen wechseln, beim Gehen die eine oder andere dieser nachziehen, so dass sie dieselben mit sichtbarer Anstrengung nach vorn bringen und langsam auf den Boden niedersetzen. In anderen Fällen knicken die Thiere in den Sprunggelenken und Fesseln ein, schleudern mit den Hinterglied-massen, oder stürzen auch wohl zusammen und sind dann erst nach einiger Euhe im Stande, sich wieder zu erheben.
Mit dem Auftreten der Lähmungserscheinungen bessert sich zuweilen der locale Krankheitsprozess vorübergehend oder dauernd. Solche Fälle mögen Veranlassung gegeben haben, eine selbstständige Lälunungskrankheit aufzustellen.
Wo die Aifeotion der Geschlechtsthoile wiederkehrt, kann die­selbe fortbestehen, wenn auch die Lähmungserscheinungen sich wieder verlieren. Häufig jedoch steigern sich letztere bis zum gänzlichen Unvermögen der Thiere, sich auf dem Hintertheil stehend erhalten zu können. Es stellt sich nun bald zunehmende Abmagerung ein, indem die Schultern und Hinterbacken fettlos werden; die Bippen treten deutlich hervor, der Bauch wird stark aufgeschürzt. Zuweilen treten auch Lähmungen des einen oder anderen Ohres, der Ober- oder Unterlippe auf und die Kranken gehen an Erschöpfung, oder in Folge einer hypostatischen oder metastatischen Lungenentzündung zu Grunde. Häufig kommt es im Verlaufe der Krankheit zur Entzün­dung der einen oder anderen Euterhälfte, gewöhnlich mit dem Aus­gange in Eiterung, oder es kommt zur umschriebenen Entzündung und Abscedirung in der Haut und im Bindegowebe des Afters; bei schlaffen Thieren entwickeln sich Oedeme am Unterbauche, am Mittel­fleische und an den Gliedmassen; auch stellt sich bei längerer Krank­heitsdauer gewöhnlich ein reichlicher, klümperiger Nasenausfluss mit oder ohne Schwellung der Kehlgangslymphdrüsen ein.
Das Allgemeinbefinden bleibt meist bis in die späteren Stadien der Krankheit ungetrübt.
b) Bei Hengsten beschränkt sich die Localaffection meist auf eine höhere llöthung, Schwellung und Wulstung der Schleimhaut der Harnröhre, wobei eine massige Schleimabsonderung besteht. Bläschen und Geschwüre auf der Eichel, Buthe und am Hodensacke kommen seltener vor, auch pflegen diese Erscheinungen bald wieder zu verschwinden.
Die Diagnose der Beschälkrankheit ist deshalb bei Hengsten, so lange noch keine nervösen Erscheinungen eingetreten sind, meist bedeutend schwieriffer als bei Stuten. Es gilt dies selbst für die-
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Beschälkrankheit der Pferde.
jenigen Fillle, in welchen Erscheinungen an den eben genannten Stellen der ilusseren Genitalien .sich zeigen; gewöhnlich nilmlich heilen auch die Bläschen und Geschwüre an Eichel, Ruthe und Hodensack bald wieder ab, indem sie für einige Zeit nicht pigmen-tirte Hautstellen hinterlassen.
Die Krankheit wird dadurch bei Hengsten meist latent und oft erst dann erkannt, wenn diese durch den Begattungsact jene auf Stuten übertragen haben. Zuweilen sind ödematöse Schwellungen des Bundes der Vorhaut, oder leichte Verhärtungen derselben (soge­nannter „Fettschlauchquot;) vorhanden. Der Reizungs/.ustand in der Harn­röhre offenbart sich öfter durch Drang zum häufigeren Uriniren und gesteigerten Geschlechtstrieb. In diesem Stadium kann die Krankheit sich lange erhalten. Nach Ablauf der Beschälperiode tritt zuweilen ein längerer Stillstand in der Krankheitsentwioklung ein, welcher mit der nächstfolgenden Deck/.eit wieder einer Verschlimmerung weicht. — Bei jungen, kräftigen, gut gehaltenen Individuen scheint die Krankheit sich lange local erhalten zu können; unter entgegengesetzten Verhält­nissen kommen die secundären Erscheinungen früher zum Vorschein.
Treten bei beschälkranken Hengsten im späteren Verlaufe Störungen in den Bewegungen ein, ohne dass sie vorher fraglicher Krankheit verdächtig geworden sind, so kann auch dann das Leiden noch verkannt und für eine selbstständige Lähmung gehalten werden. Wie bei der Stute, so stellen sich auch beim Hengste zunächst Läh­mungen der hinteren Extremitäten, später zuweilen der Lippen, des einen oder anderen Ohres U.S.W, ein; auch bleiben die thalerförmigen Quaddeln an verschiedenen Stellen der äusseren Haut nicht aus. Nach Eintritt einer allmählig zunehmenden Abmagerung besonders des Hintertheils und unter Bildung von Oedemen am Schlauch und Hodensack gehen die Thiere in Folge Erschöpfung zu Grunde, manchmal nachdem eine Lungenentzündung hinzugetreten ist.
Bemerkenswerth ist noch, dass ähnlich wie bei der Traberkrank­heit der Schafe, namentlich bei veredelten und verzärtelten Hengsten, ein Juckreiz in der Haut beobachtet wird, der manchmal die Patien­ten (in der Regel in hohem Grade) belästigt, so dass in Folge des an­haltenden Scheuerns etc. Geschwüre, mit zuweilen brandigem Ansehen, entstehen, durch welche der Eintritt des Todes beschleunigt wird.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf der Krankheit ist bei Hengsten viel ungünstiger als bei Stuten; hauptsächlich wohl des­halb, weil die Krankheit in der Regel erst viel später, und meist erst dann, wenn entweder von solchen Beschälern schon viele Stuten angesteckt worden sind, oder sich bei ihnen die secundären Zustände entwickelt haben, constatirt wird.
Die Prognose ist ganz unsicher. Bei manchen Thieren, bei welchen die Krankheit schon bedeutende Fortschritte gemacht hat und bereits Lähmungserscheinungen sich eingestellt haben , erfolgt unter unbekannten günstigen Umständen Besserung und zuweilen (wenngleich selten) Genesung, während bei anderen, scheinbar leich-
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teren PiÜlen allmilhlig Zunahme der Erscheinungen und sohliesslich der Tod eintritt. Genesung ist überhaupt nicht häufig, wird aber aus naheliegenden Gründen bei Stixten hilufiger erzielt als bei Hengsten. Am ehesten steht dieselbe natürlich in Aussicht, wenn eine zweck­entsprechende Behandlung eintritt, während die Krankheit noch auf die Schleimhaut der Geschlechtsorgane beschränkt ist.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Section gefallener Thiere bietet aussei1 den Symptomen der allgemeinen Anämie und Abmagerung regelmässig Infiltration des pei'i- und intramuskulären Bindegewebes an den gelähmten Extremitäten und Schwollung des Neurilems der Hauptnervenstämme, in manchen Fällen starke Durch­feuchtung des Kückenmarkes und Gehirnes, oder Ansammlung von Serum in der Spinnwebenhaut des Rückenmarkes. — Bei Hengsten findet man nicht selten Infiltration und Verhärtung des Schlauches und Hodensackes, bei Stuten in der Scheide, manchmal auch in der Gebärmutter katarrhalische oder diphtherische Geschwüre, oder condylomatöse Excrescenzen neben den Erscheinungen eines chroni­schen Katarrhs. Die Schleimhaut der Nasenhöhle und ihrer Neben­höhlen ist mit zähem, kltimperigem Schleim überzogen, die Kehl-gangslymphdrüsen geschwellt, manchmal vonEitorpunkten durchsetzt; auch in den Samensträngen, Hoden und Lungen werden zuweilen Abscesse angetroffen.
Behandlung und Vorbeuge. Die Therapie besteht vorzugs­weise in der Anwendung geeigneter äusserlicher Mittel. Bei Stuten sind im Anfange der Krankheit schleimige Einspritzungen in die Mutterscheide indicirt; später werden dieselben durch Salbeiaufguss (1 : 8—12), Abkochungen von Eichenrinde mit Zusatz von Alaun (1:50-35), Bleiessig (1:50 — 25) oder Bleizucker (1:150-75) Flüssigkeit, in hartnäckigen Fällen durch Auflösungen von Zink-und Kupfervitriol (1:30—100), von Höllenstein (1:50—100) etc. ersetzt (täglich 1—2mal). Von aussen zugängliche Geschwüre wer­den am besten mittelst Höllenstein touchirt.
Das gleiche Verfahren kann unter Umständen bei Hengsten angewendet werden. Wo bei diesen ein häufiger Drang zum Uri­niren vorhanden ist, können Einspritzungen genannter Lösungen in die Harnröhre versucht werden.
Bei Entzündungsgeschwulst am Euter soll, nöthigenfalls durch Application einer Scharfsalbe, der Eintritt von Eiterung begünstigt und der sich bildende Abscess möglichst bald geöffnet werden; das­selbe gilt in Bezug auf die in der Nähe des Afters sich entwickeln­den Abscesse.
Gegen Lähmungserscheinungen sind flüchtige oder scharfe Ein­reibungen längs der Wirbelsäule, sowie an den betreffenden Extre­mitäten indicirt. Innerliche Mittel sind ohne Erfolg; nur soll der Sublimat, innerlich und äusserlich angewandt, gute Dienste geleistet haben. Man verwendet denselben äusserlich 1 : 100—200 Wasser, innerlich 0,3—1,0 täglich Imal, am besten in Pillenform oder in
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Bläsohenaussoblasr der Pferde und Rinder.
Lösung; 1: 500 Flüssigkeit, wobei der Sublimat zuerst in 50 Theilen Weingeist gelöst werden kann.
Bei Hengsten wird auch die Castration bei eintretender Läh­mimg als ein wirksames Mittel empfohlen.
Der Bläschenausschlag der Pferde und des Rindviehs an den Geschlechtstheilen.
Diese Krankheit ist von der Besohälseuche wesentlich verschieden, indem sie nicht nur bei Zuchtthieren, sondern hilufig auch bei jungen kräftigen Stuten, welche noch nie bedeckt worden sind, sowie bei Bind­vieh und manchmal auch bei Schafen und Schweinen vorkommt.
Sodann entwickeln sich in oder nach dem Verlaufe derselben nie jene tiefgehenden Polge/.ustllnde, wie sie bei der Beschälkrank-lieit Regel sind. Es ist deshalb nicht zweckmilssig, fragliche Krank­heit als „gutartige Boschälkrankheit oder Beschälseuchequot; zu bezeich­nen, wie dies noch öfter zu geschehen pflogt. Um ausdrücklich auf die wesentliche Verschiedenheit des Bläschenausschlages und der Beschälkrankheit hinzuweisen, wäre es vielleicht angezeigt gewesen, auch in der Seuchengesetzgebung beide Infectionskrankheiten aus­einander zu halten.
Aetiologie. Die eigentliche Ursache dieser Krankheit ist unbe­kannt ; als wahrscheinlich darf angenommen werden, dass auch dieses Gift ein organisches ist. Dasselbe haftet vorzugsweise an dem In­halte der Bläschen und an den Geschwürssecreten; die wirksame Uebertragung desselben durch den Begattungsact zwischen einem an fraglichem Uebel erkrankten und einem gesunden Thiere der betref­fenden Species erfolgt ziemlich regelmässig.
Beim Menschen entstehen zufolge Verunreinigung der Hände oder anderer Körpertheile mit fraglichem Gifte zuweilen Bläschen und ober­flächliche Geschwüre, welche aber alsbald von selbst zu heilen pflegen.
Diagnose. Das Bild dieser Krankheit gestaltet sich im Wesent­lichen etwa folgendermassen;
a)nbsp; nbsp;Bei weiblichen Thieren kommen neben den Erscheinungen eines acuten Scheidenkatarrhs an der inneren Fläche des Wurfs linsen- bis erbsengrosse, mit einer hellen Flüssigkeit gefüllte Bläs­chen vor, welche bald platzen, wodurch etwas höher geröthete Schleimhautstellen blossgelegt werden, die sich bald wieder mit Epithel bedecken, indem der Scheidenkatarrh massiger wird und endlich völlig verschwindet. Der röthlich-gelbe Schleim besudelt den Schweif und die Schenkel, trocknet zum Theil an den Bändern der Schamspalte zu gelblichen oder bräunlichen Krusten ein und wird von Zeit zu Zeit in grösseren Portionen ausgeworfen. Die Scham selbst ist geschwollen und zuweilen verbreitet sich der Ausschlag auch auf die äussere Haut ihrer Umgebung und des Euters.
b)nbsp; nbsp;Bei männlichen Thieren stellen sich an verschiedenen Stellen der cresohwollenen und gerötheten Haut der Ruthe, bei Pferden
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Blllsoheiiaussohlaamp;r dor Pferde und Kinder.
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besonders an der Eichel, ilhiüiohe Bläschen ein, wie bei weiblichen Thieren an der luuenfliiche des Wurfes; dieselben bilden Senfkorn-grosse Blilschen, welche im reifen Zustande eine gelblicb-weisse, klebrige Flüssigkeit enthalten; diese liläsclien platzen bald, worauf die excoriirten Hautstellen noch durch einige Tage nässen, sich dann mit dünnen bräunlichen Krusten bedecken, unter welchen die Neu­bildung der Epidermis vor sich geht. Die betreffenden Stellen bleiben eine Zeit lang ohne Pigment, das heisst: die Heilung erfolgt mit Hinterlassung einer weisslichen Narbe in der Regel in 8 bis 14 Tagen. Der Ausschlag verbreitet sich zuweilen auch auf die ilussere Haut des Schlauches und des Hodensaclces.
Das Allgemeinbefinden ist bei beiden Geschlechtern während des ganzen Krankheitsverlaufes meist ungetrübt; jedoch sind die Fälle nicht gerade selten, wo leichte Fieberorscheinungcn, Sträuben der Haare, Abnahme der Fresslust imd der Munterkeit, sowie bei bedeu­tender Anschwollung der Genitalien, die sich zuweilen auf die Innen­fläche der Schenkel ausbreitet, gespannter G-ang, Drang zum Uriniren und Wedeln mit dem Schweife dem vorhin geschilderten Befunde sich zugesellen.
Verlauf und Prognose. Der Vorlauf der Krankheit ist stets ein acuter und günstiger. Die Genesung erfolgt schnell, selbst ohne Anwendung einer hesonderen Kunsthülfe. Reinigung der Geschlechts-theile mit Wasser, Ausspritzen der Scheide mit schleimigen Ab­kochungen reicht in der Regel vollkommen aus.
Diese Krankheit wurde bei Pferden häufiger als beim Rindvieh beobachtet. Da sie aber durch den Begattungsaot leicht übertragen wird, so kommt sie in einmal inficirten Stallungen, oder in grösseren Bezirken, auch unter den Kühen zuweilen in grössoror Ausbreitung vor. Die Incubationszeit beträgt 8—10 Tage. Bei Schweinen und Schafen ist zuweilen ein ähnlicher Ausschlag ebenfalls beobachtet worden. (Auch beim Menschen sollen spontan heilende Infectionon vorkommen.)
Manchmal bilden sich zahlreiche grössere Geschwüre mit harten (callösen) Rändern, welche tiefer in das Gewebe eindringen und eine bräunliche Flüssigkeit absondern, wodurch die Heilung sich ver­zögert, so dass dieselbe erst nach 4—8 Wochen erfolgt. Zu diesen schwereren Erkrankungen gesollt sich dann auch zuweilen ein leichtes Fieber, öfteres Uriniren, Abnahme dor Fresslust und der Munterkeit hinzu. — Die Prognose ist günstig, da selbst ohne Kunsthülfe Heilung einzutreten pflegt.
Pathologisch-anatomischer Befund. Der pathologisch-anato­mische Befund beschränkt sich auf das bei der Diagnose hierauf bezüglich Angegebene.
Behandlung und Vorbeuge. In schweren Fällen kann die Heilung durch eine entsprechende äusserliche Behandlung, nament­lich durch Reinlichkeit, Desinfeotion und Touchiren der Wunde, oftmals begünstigt resp. beschleunigt werden. Die Vorbeuge hat jode Gelegenheit zur Ansteckung zu verhüten.
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Weisse Ruhr der Kälber.
Die weisse Rulir der Kälber.
Die weisse Euhr der Kälber ist in der Regel eine enzootisch auftretende Infeotionskrankheit, welche in den einmal infioirten Stallungen meist längere Zeit hindurch alle neugeborenen Kälber tödtet. In der Mehrzahl der Fälle werden die Thiere innerhalb der ersten 72 Stunden ihrer Geburt von dieser Krankheit befallen. Die­selbe erscheint plötzlich in diesem oder jenem Rindviehbestande, ohne dass irgend eine bekannte Aenderung in den ökonomischen Verhältnissen, sei es in Bezug auf Diät oder auf andere sanitarische Einrichtungen, vorausgegangen ist. Sie vernichtet manchmal einige Jahre nach einander sämmtliche in der betreffenden Localität zur Welt kommenden Kälber und verschwindet dann mit einem Male in-eben so räthselhafter Weise, wie sie gekommen ist.
Aetiologie. Die ursächlichen Verhältnisse dieser Krankheit sind zur Zeit noch wenig erkannt; ob die im Magen und Darminhalte so massenhaft vorkommenden Mikroorganismen die eigentlichen Krankheitserreger sind, muss noch näher ermittelt werden. Sollte dies der Fall sein, so müssten dieselben den jungen Thieren bereits im Mutterleibe (etwa durch das Sohafwasser) zugeführt werden, da ja manche Kälber die Krankheit mit zur Welt bringen, somit den Krankheitskeim schon in sich tragen, bevor sie Milch getrunken, oder atmosphärische Luft eingeathmet haben. Die Krankheitsursache scheint an der Localität zu haften und in irgend einem Stallmiasma zu bestehen.
Diagnose. Die wichtigsten Krankheitserscheinungen sind nach Pranck folgende:
Die Kälber trinken in der Regel 1- bis 3mal nach ihrer Geburt ganz gut, hören dann meist plötzlich auf, Nahrung zu sich zu neh­men, indem ein heftiger Durchfall sich einstellt. Es ist jedoch keines­wegs selten, dass die Kälber zum Theil bereits unmittelbar nach der Geburt, und zwar noch bevor sie getrunken haben, an Durchfall leiden; die Darmausleerungen sind anfangs gelb, nehmen aber bald eine weissliche Farbe und einen süsslich - fauligen Geruch an. Die Patienten liegen fast beständig und zeigen wenig Aufmerksamkeit für das, was in ihrer Umgebung vorgeht. Die Augen treten tiefer in die Augenhöhlen zurück und indem das Schlingen erschwert oder ganz unmöglich wird, stellt sich Speichelfluss ein, wodurch die untere Fläche des Kopfes mehr oder weniger feucht erhalten wird. Da der Durchfall durch kein bis jetzt versuchtes Mittel unterdrückt und dem Portschreiten der Krankheit nicht Stillstand geboten werden kann, so sterben die Patienten meist innerhalb 24 bis 48 Stunden, selten erst im Verlaufe des 3. Tages nach Eintritt der Krankheit; der Kothabsatz erfolgt gegen das Ende des Leidens unwillkürlich und das Leben erlischt ohne wahrnehmbaren Todeskampf. In den­jenigen Fällen, wo die Kälber bereits mit oder unmittelbar nach der Geburt an Durchfall litten, pflegt der Tod schon früher, d. h. innerhalb der ersten 24 Stunden, einzutreten. Nur selten kommt
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Weisse Ruhr der Kälber.
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ein Patient mit dem Leben davon , und wenn es einmal geschieht, so wird derselbe am besten getödtet, da die Eeconvalescenz sich ungemein in die Lilnge /.ieht und die weitere Entwicklung des Thieres ganz bedeutend stört.
Prognose. Die Vorhersage ist dem geschilderten Krankheits-verlaufe gemitss absolut ungünstig; die Seuche verschwindet zuweilen nach einigen Monaten, meist jedoch erst nach 1 bis 8 Jahren.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei der Section findet man hochgradige Blutarmuth der Verdauungsorgane; die Schleim­haut des Labmagens ist schmutzig gelbroth, ödematös und in den Falten mit stecknadelkopfgrossen Blutunterlaufungen besetzt; die Darmschleimhaut ist von einer dünnen Lage einer eitertlhnlichen Schmiere überzogen. Die Leber ist klein, blass lehmfarbig, blut­arm, die Gallenblase fast leer, geschrumpft, die Milz normal. Die Lungen sind fleckig geröthet, überall aber lufthaltig, beide Herz-hillften mit dunklem, geronnenem Blute erfüllt, unter dem serösen Ueberzuge des Herzens (Epicardium) sind kleine Blutunterlaufungen (Ekchymosen) vorhanden. Das Gehirn ist auffallend blutarm, wah­rend das venöse Gefiissnetz (Wundernetz) an der Schädelbasis von geronnenem Blute strotzt; die Seitenventrikel des grossen Gehirns sind ausgedehnt und mit klarem Serum erfüllt.
Bei mikroskopischer Untersuchung des Inhaltes von Labmagen und Dünndarm findet man, dass derselbe eine ungeheure Menge Mikrokokken und Bacterien enthält, während im Blute und in der Leber solche fehlen und auch sonst nicht besonders Abnormes ge­funden wird, wenn man von der theilweisen Erfüllung der Leber­zellen mit Fetttröpfchen absieht. Ein moleoulilrer Zerfall der Leber­zellen, wie er bei anderen Infeetionskrankheiten nicht selten ange­troffen wird, ist bei der weissen Eubr der Kälber nicht vorhanden.
Behandlung und Vorbeuge. Jede medicinische Behandlung dieser Krankheit hat sich bis jetzt als nutzlos erwiesen; von dem Gebrauche flüssiger Eingüsse muss man deshalb um so mehr ab­stehen, als das Schlingen erschwert und dadurch jedes gewaltsame Eingeben von Arzneimitteln gefährlich ist. Am ehesten noch Hesse sich von dem fleissigen Gebrauche antiparasitärer Klystiere etwas erwarten. Wer also gern ein Mittel versuchen will, der möge grössere Mengen einer 2- bis 3 procentigen Carbolsäurelösung, oder einer Iprocentigen Salicylsäurelösung durch den Mastdarm mittelst eines Trichters (und Gummischlauches mit Ansatzrohr) in den Verdauungs­apparat einführen. Es sei hier daran erinnert, dass auf diesem Wege, namentlich bei vorhandenem Durchfalle, Flüssigkeiten bis in den Magen vordringen können, während dies bei vorhandener Ver­stopfung schwer oder gar nicht möglich ist.
Bei unserer Ohnmacht der einmal ausgebrochenen Krankheit gegenüber gewinnt die Verhütung derselben eine um so grössere Bedeutung. Eins der wirksamsten Mittel ist das frühzeitige Ent­fernen trächtiffen Bindviehs aus dem inficirten Stalle: erfolgt die
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Enzootisohes Verkalben.
Dislocation etwa G bin 9 Wochen vor Ablauf der Tragezeit, so ist der Erfolg ein ziemlich sicherer; die neugeborenen Tlüere bleiben dann in der Regel gesund, vorausgesetzt, class der neue Aufenthalts* ort nicht ebenfalls inticirt wurde. Will man den Krankonstall des-inflciren, so empfiehlt es sich, den Boden etwa 30 cm tief auszugraben und weit weg zu führen. Alsdann desinficire man in der bei der nächstfolgenden Krankheit angegebenen Weise. Am besten wird dies geschehen können zu einer Zeit, wo man die sämmtlichen Stall­insassen auf die Weide treiben kann.
Sohliesslich sei noch bemerkt, dass auch hei neugeborenen Läm­mern zuweilen ruhrartige Durchfälle enzootisch beobachtet worden sind; dieselben zeigten sich ebenso vorderblich, indem die kranken Lämmer meist am ersten, seltener am zweiten Tage nach ihrer Ge­burt starben. Eine Aenderung der Fütterung, bittere Mittel und Eisenpräparate sollen dem Uebel Schranken setzen.
Das enzootisclie Verkalben.
Wenn das Verkalben in einem grösseren Viehbestande so häufig vorkommt, dass dadurch nicht mir die Nachzucht, sondern auch die Milchnutzung mehr oder weniger vollständig ausfällt, oder doch er­heblich vermindert wird, so werden dadurch ganz empfindliche Ver­luste der betr. Wirthschaft verursacht. Ein solches enzootisches Verkalben scheint in neuerer Zeit viel häufiger vorzukommen, als in früheren Zeiten.
Aetiologie. Die Ursache dieses Uebels ist unbekannt; vielleicht ist auch hier ein Infectionsstoif vorhanden, dessen Natur gegenwärtig noch sehr dunkel ist. Wir wissen ferner, dass Abortus durch ver­schiedene Dinge, so z. B. durch mechanische Insulte, durch den Ge-nuss verdorbener Futtermittel u. dergl. verursacht werden und im letzteren Falle das Uebel auch eine grössere Ausbreitung in zahl­reichen Viehbeständen erreichen kann, wenn alle Thiere gleiohmässig mit dem schädlichen Futter ernährt werden. (S. Franck, Geburts-hülfe, S. 208 bis 278.)
Aber ein derartiges häufigeres Vorkommen des Abortus ist nicht ZU verwechseln mit dem eigentlichen enzootischen Verkalben, das weniger durch Vermittlung der Verdauungs- (und Respirations-) Organe, als durch Vermittlung des Geschlechtscnn ales zu Stande zu kommen scheint.
Es ist wahrscheinlich , dass der Schleim des Genitalcanales in-fectiöse Eigenschaften besitzt. Derselbe ist zwar vollkommen ge­ruchlos, enthält aber Mikrokokken in grosser Menge; selbige finden sich reichlich in den zelligen Elementen, spärlich hingegen in der Flüssigkeit des Schleimes. Man ist geneigt, diese Gebilde als die eigentlichen Erreger des enzootischen Verkalbens anzusehen ; nähere Untersuchungen werden hierüber hoffentlich bald Aufklärung geben. Ebenso ist, es der Zukunft vorbehalten , zu ermitteln , ob der An-
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Knzootisches Vurkalben.
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steokungsstoif nur dem Schleime des Genitaloanales, resp. den mit demselben verunreinigten Gegenständen anhaftet, oder ob derselbe auch in der Luft verbreitet ist. Es ist wahrscheinlieh, dass das enzootisohe Verkalben dadurch bedingt wird, dass ein schädliches Etwas auf irgend eine Weise auf die Schleimhaut der Schamlippen gelangt, von hier aus weiter nach innen und zwar durch den Schleim-pfropf des Muttermundes hindurch in die Gebärmutter vordringt und die Bedingungen einer weiteren lionnalen Entwicklung der Frucht vernichtet. Ob dieses Etwas rein contagiöser oder miasmatisch-contagiüser Natur ist, muss noch erforscht werden.
Erwähnt zu werden verdient, dass der Schleimpfropf während der ersten, sowie während der letztem Monate der Trächtigkeit am leichtesten von Mikroorganismen durchsetzt werden kann, weil derselbe zunächst weich und wenig massig ist, dann aber an Umfang und Dichtigkeit zunimmt, um gegen das Ende der Träch­tigkeit allmählig wieder eingeschmolzen zu werden. Hierin liegt vielleicht der Grund, dass die meisten Abortusfälle beim onzoo-tischen Verkalben im zweiton oder dritten, oder aber im siebenten Monate stattfinden.
Es ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob das enzootische Verwerfen etwa durch Faulstoffe, so namentlich durch das Stecken­bleiben und Ausfaulen der Nachgeburt verursacht werden könne. Wenn auch zugegeben wird, dass durch Päulnissfermente in einzelnen Fällen Abortus verursacht werden mag, so darf doch wohl als sehr wahrscheinlich angenommen werden, dass dieser Factor beim onzoo-tisohen Verwerfen gar keine, oder doch nur eine sehr untergeordnete Bolle spielt. Man sieht ja sehr häufig die Nachgeburt bei einer oder mehreren Kühen in Stallungen ausfaulen, ohne dass in den­selben enzootischos Verwerfen auftritt. Andererseits wird dies in grosser Ausbreitung in Viehbeständen angetroffen, die in jeder Hin­sicht rein gehalten und gut verpflegt werden.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Keim zum Abortus bereits beim Sprunge durch den Stier übertragen, sowie durch Thiere aus einem inficirten Stalle in bis dahin nicht inticirte Stallungen ver­schleppt werden kann. Am Penis eines inficirten Stieres fand lleindl kleine röthliche Knütchen, wie sie in der Scheide der von demselben belegten Kühe kurz vor Eintritt des Abortus vorhanden waren.
Diagnose. Das enzootische Verkalben wird im Allgemeinen oder besser gesagt in jedem Einzelfalle durch folgende Vorboten eingeleitet;
Die Schleimhaut des Goschlechtscnnales erscheint höher geröthet, von stärker gefüllten Blutgefässen durchzogen und mit kleinen, hirsekorngrossen Knötchen besetzt. Alsbald stellt sich ein spärlicher Schleimfluss ein , wodurch der Schweif und die äussere Umgebung der Scham beschmutzt wird. Einige Tage später pflegt dann der Abgang einer in der Eegel todten Frucht zu erfolgen, ohne dass ZU deren Ausstossung besondere Anstrengungen von Seiten des
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288nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Enzootisches Verkalben.
Mutterthieres erforderlich sind; die Bauehpresse tritt hierbei nur wenig, oder gar niclit auffallend in Thiltigkeit. Der Abgang der Frucht erfolgt natürlich um so leichter, je jünger, resp, unent­wickelter dieselbe ist. Das Allgemeinbefinden des Mutterthieres ist gewöhnlich nicht gestört, der Appetit regelmässig u. s. w. Dessen­ungeachtet pflegen etwa 8 Tage vor dem Eintritt des Abortus bei milchgebenden Kühen qualitative und quantitative Veränderungen in der Milchsecretion sich zu zeigen; das Secret nimmt eine dem Colostrum ähnliche Beschaffenheit an, gerinnt beim Sieden und ver­mindert sich der Menge nach.
Dem sporadischen Abortus fehlen entweder alle Vorboten, indem sich plötzlich Wehen einstellen, denen alsbald der Abgang der Frucht folgt, oder es können in solchen Fällen, wo verdorbenes Futter ver­abreicht wurde, durch dieses Verdauungsstörungen in verschiedenem Grade verursacht worden sein.
Prognose. Die Prognose ist insofern günstig, als die Mutter-thiere in der Regel alsbald von selbst genesen; ungünstig ist sie aber insofern, als die Frucht regelmässig zu Grunde geht und die Milohergiebigkeit der Mutterthiere für die betreffende Lnctations-periode beeinträchtigt wird.
Pathologisch • anatomischer Befund. Der Sectionsbefund an den ausgestossenen Früchten bietet die Erscheinung der Asphyxie.
Behandlung und Vorbeuge. Die Verabreichung innerlicher Arzneimittel ist ganz nutzlos. Auf die Vermeidung der Einschleppung des betreffenden Infectionsstoffes verwende man alle mögliche Sorgfalt.
Kühe, welche abortirt haben, dürfen aus verschiedenen Gründen nicht früher wieder zum Stiere gelassen werden, bis sie vollkommen hergestellt sind. Zunächst ist die Gefahr vorhanden, dass der be­treffende Stier inficirt und durch diesen das üebel weiter verbreitet werde; dann aber ist es auch ziemlich sicher, dass eine Kuh, welche nach enzootischem Abortus wieder befruchtet wird, bevor der Scheiden-ausfluss vollkommen beseitigt ist, nach 1 bis 3 Monaten abermals abortirt.
Um das Uebel in Stallungen, in welchen das enzootische Ver­kalben herrscht, möglichst in Schranken zu halten, hat sich bis jetzt eine frühzeitige Dislocation der trächtigen Thiere, und zwar bevor eine Erkrankung der Scheidenschleimhaut bei ihnen vorhanden ist, am besten bewährt. Wird diese Massregel sachgemäss ausgeführt, so dass nur Thiere dislocirt werden, welche noch nicht inficirt sind, und werden diese Thiere in einem nicht inficirten geeigneten Räume untergebracht, so ist der Erfolg recht häufig ein günstiger; leider aber ist die correcte Ausführung oft mit grossen Schwierigkeiten verbunden, oder gar unmöglich , insofern es an den erforderlichen Räumen mangelt.
Da rechtzeitig und in geeigneter Weise dislocirte trächtige Thiere von Abortus auch dann verschont bleiben , wenn sie genau
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En/.ootischcs Vorkalben.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;289
dasselbe Futter erhalten, was den im inficirten Stulle verbleibenden und in Folge dessen vorkalbendon Kühen verabreicht wird, so kann die Ursache des enzootischen Abortus in der Qualität und Quantität des Futters nicht gesucht werden.
Ein anderes Mittel gegen das enzootische Yerkalben besteht in einer gründlichen Desinfection. Diese kann jedoch nur dann wirk­sam sich erweisen, wenn etwa noch vorhandene inficirte Thiere dislocirt, oder sonstwie unschädlich gemacht werden. Bei der nö-thigen Ausdauer und Gründlichkeit dürfte aber selbst dann das Uebel noch häufig zu beseitigen sein, wenn dasselbe schon Jahre lang in der betreffenden Localität geherrscht hat.
Als Desinfectionsmittel sind vielfach die schwefelige und Schwefel-Säure, die Salpetersäure, die rohe Carbolsäure, sowie Aetzkalkbrei besonders empfohlen worden. Sehr bequem und billig ist die schwefelige Säure. Man entwickelt dieselbe durch Verbrennen von Schwefel auf einem glühend gemachton Ziegelsteine oder Eisen. Die hierbei entstehenden Gase (S 0 2) besitzen einen stechenden Geruch und verursachen einen heftigen Eeiz im Kehlkopfe, Stimmritzen-verschluss und bald darauf den Tod. Dieselben können deshalb nur zur Desinfection leerer Stallungen verwendet werden,
Bevor man die schwefelige Säure entwickelt, müssen alle Thiere aus dem Stalle entfernt, der Dünger herausgeschafft, der Fussboden gründlieh gekehrt und hernach mit Wasser abgeschwemmt werden; auch die Wände und Pfeiler, Kaufen und Krippen, kurz , alle zu desinficirende Gegenstände müssen mit Wasser bestrichen oder be­spritzt werden, weil dieses die schwefelige Säure sehr lebhaft ab-sorbirt. Auf jeden Cubikcentimeter Stallraum verwendet man 20 gr Schwefel. Die entwickelten Gase lilsst man etwa 6 Stunden lang bei fest verschlossenen Thüren, Penstern und sonstigen Oefthungen einwirken, worauf diese sämmtlich geöffnet und der betreffende Baum gut durchlüftet werden muss, bevor derselbe wieder mit Vieh besetzt werden darf.
Können die Thiere nicht aus dem Stalle entfernt werden, so mache man nach gründlicher Reinigung desselben folgende liäuche-rungcn: 100 Theile Salpeter übergiosse man in einem entsprechend grossen irdenen Gefässe mit 25 Theilen eines Gemisches aus Schwefel­säure und Wasser zu gleichen Tbeilen, Die sich bildenden Gase bestehen aus Salpeter- und Untersalpctersäure und können selbst von kranken Thieren ohne besonderen Nachtheil eingeathmet werden; sie sollen an desinficironder Kraft der schwefoligen Säure bedeutend nachstehen und müssen einige Tage lang wiederholt angewendet werden.
Ueber den Gebrauch des Chlorkalkes, des Aetzkalkes, der Carbol­säure etc. ist an anderen Orten die nöthige Anleitung gegeben worden, weshalb ich in Bezug hierauf, um unnothige Wiederholungen zu vermeiden, auf das Sachregister vorweise.
Die Desinfection muss sich auf alle Gegenstände erstrecken, welche Träger des Ansteckungsstoffos geworden sein können, ausser Pütz, Oompsndlnin der Iblerhellknmle,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;IQ
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Enzootlsohes Verkalben.
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den Stallrilumen also auch silmmtliche Stallutensilien, Ab/ugscanille und diejenigen Kühe mit umfassen, die bereits abovtirt haben, oder infioirt sind. Die verunreinigten Schwänze und andere Körpertheile werden mit einer Sprocentigen Carbolsiiurelösung abgewaschen, der Geschlechtscanal mit Iprocentiger oder 2 procentiger Carbolsäure-lösung tftglioh einigemal ausgespritzt u. s. w. Dabei darf eine strenge Trennung der gesunden und der inficirten Thiere von einander nie versilumt und ein Verkehr der Wärter beider Abtheilungen nicht trestattet werden.
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B. Nicht piirasitiire Erkniukuugeu, welche durch Ernäh­rungsstörungen, Erkültungen und andere nicht parasitäre iiussere Einflüsse bedingt werden.
Die nicht parasitären Krankheiten treten meist in vereinzelten Fällen (also zerstreut oder sporadisch) auf und werden deshalb auch unter dem Namen „Sporadische Krankheitenquot; zusammcngefasst. Dieselben sollen nachstehend ihrer Hauptlocalisation nach besprochen und am Schlüsse den sogenannten „Vergiftungenquot; ein kurzer be­sonderer Abschnitt gewidmet worden.
Krankheiten des Nervensystems.
I. Krankheiten des Gehirns und seiner Häute.
Das Gehirn und seine Häute stehen in so engen anatomischen Beziehungen zu einander, dass die Erkrankungen beider für die thierärztliche Praxis collectiv dargestellt werden können. Dieselben sollen deshalb nachstehend so besprochen werden, wie es den kli­nischen Bedürfnissen des Praktikers angemessen erscheint.
1, Blutüberfüllung des Gehirns und seiner Häute. Hyperämie.
Klinische Erscheinungen und Diagnose. Eine Ueberfüllung des Gehirns mit Blut kann die Erscheinungen von Aufregung, oder aber von Depression der sensiblen und motorischen Gehirnthiitigkeit bieten, wobei auch das intellectuelle Vermögen des Patienten ge­stört erscheint. Die Patienten sind demnach entweder mehr oder weniger unruhig, oder stumpfsinnig, schläfrig und hinfällig. Die Augenlidbindehaut sowie die übrigen sichtbaren Schleimhäute des Kopfes (der Maul- und Nasenhöhlen) sind höher geröthet, der Blick ist stier, ängstlich. Die Kreislaufsbewegungen sind mehr oder weniger beschleunigt, je nachdem dieselben während der Depression, oder nach einem Anfalle von Raserei controlirt werden. Diese äussert sich verschieden, je nach dem Grade des Leidens und nach
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Tlyporilmio dos Gehirns und seiner Häute.
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der Thierart, welcher der Patient angehört. — Pferde drängen bald nach vorn, bald zur Seite, oder sie treten zurück und legen sich nicht selten so stark in die Halfter, dass diese zerreisst. Oft steigen dieselben mit dem Vorderkörper in die Höhe und schlagen mit den Vorderbeinen, Haufen, Krippen und andere Gegenstände beschädigend. Die allgemeine Körpertemperatur ist in der Pegel nur wenig erhöht, an den periphoren Theilen ungleichmässig, das Schädeldach gewöhn­lich deutlich vermehrt warm; das Spiel der Lippen ist ein ab­normes. Während eines solchen tobsüchtigen Anfalles steigert sich die Athem- und Pulsfrequenz, sowie die Hautthätigkeit in sehr verschiedenen Graden ; nicht selten erscheinen die Patienten wie in Sohweiss gebadet, Rinder und Schafe benehmen sich unbändig während der tobsüchtigen Anfälle und stossen mit den Hörnern; Hunde sind beisssüchtig, zeigen eine auffallende Eingenommenheit des Kopfes, indem sie, wie schwindelig, umher taumeln.
Die Dauer, Zahl und Zeit der Wiederkehr solcher Anfälle sind sehr verschieden. Manchmal tritt unter günstigen Aussenverhält-nissen schon nach 10—15 Minuten eine Remission ein, während diese in anderen Fällen, namentlich bei ungünstigen Aussenverhältnissen, stundenlang auf sich warten lässt. Jedem tobsüchtigen Anfalle folgt zunächst eine auffallende Abspannung, während welcher die Patienten theilnahmlos mit theilweise oder ganz geschlossenen Augen, mit ge­senktem oder aufgestütztem Kopfe, in unregelmässiger Haltung, wie eingeschlafen, dastehen; die Presslust liegt fast ganz danieder, die Futter aufnähme und das Kauen sind unregelmässig, so dass die Patienten letzteres unterbrechen, bevor der Futterbissen zerkleinert und geschlungen worden ist. Der Kothabsatz ist meist verzögert, der Koth trocken, geballt. Zuweilen liegen die Patienten ruhig am Boden. Die Zahl der Pulse und Athemzüge pflegt etwas vermehrt zu sein; die Qualität des Pulses ist verschieden. Auch während dieses Stadiums der Depression besteht in der Regel eine gesteigerte Empfindlichkeit gegen äussere Reize fort, so dass z. B. durch eine unerwartete Berührung, oder durch plötzliche Geräusche in der Nach­barschaft, leicht ein neuer Anfall hervorgerufen wird.
Diese Reizempfindlichkeit ist jedoch keineswegs in allen Fällen gleich. Manchmal treten die Erscheinungen der Gehirndepression von Anfang an mehr oder weniger auffallend in den Vordergrund. Werden die Patienten in diesem Zustande aus dem Stalle geführt, so zeigen sich nicht selten Erscheinungen, wie sie bei Schwindel oder Dummkoller vorhanden zu sein pflegen.
Verlauf und Prognose. Die Krankheit endet entweder tödt-lich, oder mit unvollständiger oder vollständiger Genesung. Der Tod pflegt, namentlich bei versäumter oder unpassender Behandlung, gewöhnlich bald und zwar in Folge eines serösen Ergusses in das Gehirn oder dessen Ventrikel (Apoplexia serosa) einzutreten; ebenso schnell kann aber auch völlige Genesung wiederkehren, was nament­lich dann der Fall zu sein pflegt, wenn möglichst frühzeitig eine
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Hyperämie des Gehirns und seiner Hilute.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 293
zweckentsprccliende Behandlung eingeleitet und durchgeführt wird. Tritt nach erfolgter Exsudation der Tod rächt ein, so entwickeln sich Folgezastände, welche meist nicht ganz wieder verschwinden (Dumm­koller). Die Vorhersage ist demnach verschieden ; sie ist im Allge­meinen günstig, wenn frühzeitig eine passende Behandlung durchge­führt wird und der Anfall sonst gesundeThiere zum ersten Male trifft.
Sectionsbefund. Die Gefässe des Gehirns und seiner Haute sind mit Blut mehr oder weniger stark überfüllt, jedoch ist dies selten bei allen Gehirntheileu in gleichem Masse der Fall. Bald sind die Hirnhäute, bald einzelne Abschnitte des Gehirns vorzugs­weise hyperämisch. Schneidet man in letztere ein, so erscheinen auf der Schnittfläche zahlreiche Blutpunkte. Weisse wie graue Substanz des Gehirns erscheinen verfärbt; jene schwach schmutzig, verwaschen gelblich-röthlich, diese mehr dunkelröthlich grau; zuweilen finden sich kleine Blutaustretungen mit entsprechender Zerstörung der Hirnsubstanz. Hat die Gehirnhyporämie länger bestanden, so finden sich die Erscheinungen des Gehirnödems, oder des Wasserkopfes (s. diese), indem Serum zwischen die Hirnfasern, in die Maschen der weichen Hirnhaut, oder in die Hirnkammcrn austritt.
Die Hyperämie der Hirnhäute ist durch eine stärkere Füllung ihrer Gefässe mit Blut, manchmal auch durch kleine Gefässzerreis-sungen und Blutaustretungen gekennzeichnet. Diese bilden bei Thieren, welche im ersten Stadium der Hyperämie geschlachtet wor­den sind, die einzigen nach dem Tode noch wahrnehmbaren Spuren der vorhanden gewesenen Blutüberfüllung. Gewöhnlich finden sich die Erscheinungen der Hyperämie des Gehirns und seiner Häute bei­sammen, selbst die Gefässe des Knochenschädels sind meist ebenfalls hyperämisch, weil die Ursache der Blutüberfüllung in der Kegel nicht auf einen Gehirnobschnitt allein beschränkt ist. Varicose Er­weiterung und Schlängelung der Gefässe, namentlich der weichen Hirnhaut, Trübung und Verdickung der Hirnhäute werden nach chronischer Gehirnhyperämio angetroffen. Geringere Grade dieser sind am Cadaver in der Kegel nicht mehr nachzuweisen. Eine Ver­wechslung der Gehirnhyperäinie mit hypostatischen (Senkungs-) Hyperämien nach dem Tode ist leicht zu vermeiden; letztere finden sich bekanntlich stets nur an den Stellen, welche nach dem Tode am tiefsten gelegen haben.
Nicht immer sind die Erscheinungen der Hyperämie nach dem Tode so deutlich ausgesprochen, dass sie noch sicher erkannt werden können. An dieser Stelle sei ausdrücklich darauf aufmerksam ge­macht, dass wir gerade an den beiden Nervencentren „Gehirn und Rückenmarkquot; diejenigen Veränderungen häufig nicht finden, welche wir nach den schweren klinischen Erscheinungen vermutheten (Wuth, Epilepsie, Starrkrampf, Traberkrankheit u. s. w., u. s. w.) Es er­scheint uns hier das Sectionsergebniss oft als ein ganz negatives, wäh­rend wir andererseits zuweilen verhältnissmässig auffällige Verände­rungen antreffen, wo wir dieselben nach den Krankheitserscheinungen nicht erwarteten.
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294nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hj'peitoiie des Gehirns und seiner Hiiutu.
Aetiologie. Die Ueljerlüllung des Gehirns mit Blut ist die. Folge einer vermehrten Zufuhr oder verminderten Abfuhr von Blut mich, resp. von fraglichem Organ. Erstere wird bedingt durch ab­norme Steigerung derHor/.actionen, z.B. durch angestrengteThiltigkeit der Bewegungsmuslioln, oder durch Behinderung des Blutzuflusses nach einem anderen blutreichen Organ, z, B. durch plötzliche und •starke Abkühlung der äusseren Haut, namentlich wenn dieselbe ge­rade reichlich ausdünstete, resp. im Zustande der Hyperämie sich befand. Die Stauung des Blutes im Gehirn kann durch verschiedene Krankheitszustände, welche den Abfluss des Blutes nach dem Herzen behindern, verursacht werden; so z.B. durch Herzleiden, Lungenleiden, Verdauungsstörungen u. s. vv.; auch können Geschwülste, schlechte Kummete etc. den Blutstrom in den Drosselvenen behindern und dadurch eine Gehirnhyperiimie verursachen. Begünstigend können hierbei wirken; allgemeine Vollblütigkeit, die direote Einwirkung grosser Sonnenhitze oder mechanischer Insulte auf den Kopf, ver­dorbene Stallluft, reichlicher Blutzufluss nach dem Kopfe während gewisser Perioden des Durchbruchs und Wechsels der Zähne u. dergl. m.
Behandlung und Vorbeuge. Zunächst hat man für Beseitigung und Fernhaltung der Ursachen zu sorgen; kann dieser Indication frühzeitig und vollständig genügt worden, so ist nicht selten jede weitere Therapie bei entsprechender diätetischer Pflege entbehrlich. Dagegen wird selbst die umsichtigste modicinische und diätetische Behandlung meist unbefriedigende Resultate erzielen, wenn die Ur­sachen nur unvollständig, resp. nur vorübergehend, oder gar nicht beseitigt werden können. Sodann ist die Unterbringung des Patienten an einem geeigneten Orte von grosser Bedeutung für den Kurerfolg. Ein genügend geräumiger, luftiger, jedoch nicht zugiger, an einem mög­lichst ruhigen Orte gelegener Stall, dessen Wände so beschaffen sind, dass der Patient an denselben sich nicht verletzen kann, soll diesem wo möglich als Aufenthaltsort angewiesen werden. Wo ein solcher Stall vorhanden ist und gut verschlossen sowie dem Patienten allein zur Verfügung gestellt werden kann, bindet man diesen nicht an, sondern lässt denselben frei umhergehen. Bei gut genährten, d. h. nicht aufgeschwemmten mastigen, sondern kräftigen, blutreichen In­dividuen leistet ein möglichst bald vorgenommener, ergiebiger Ader-lass und eine kräftige Ableitung auf den Darm, namentlich bei vor­handener Verzögerung des Kothabsatzes, in der Hegel gute Dienste, während bei blutarmen oder aufgeschwemmten Individuen ein Ader-lass meist schädlich wirkt. Um die Patienten nicht öfter als noting ist mit Eingeben zu belästigen, verabreiche man Pferden eine Pille, bestehend aus 20 gr Aloe und 8 gr Calomel, mit dem erforderlichen Quantum Schmierseife gut zur Pillenmasse zusammengeknetet. Eine einzelne derartige Gabe wird in der Kegel genügen; wenn aber nach 24 Stunden weder Abführen, noch Kollern im Leibe eingetreten ist, so gebe man nochmals eine solche Pille. — Pindvieh gebe man 8 gr Brechweinstein und 120 gr Glaubersalz in einer Flasche Wasser gelöst.
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Auiimie des (lehirns.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;295
vier solober Gaben in Zwischenzeiten von je 2 Stunden. — Hunden verabreiche man '/••! bis 2 Esslöffel voll Eioinusöl. Bei Rindvieh und Hunden sind die angegebenen Mittel nach 24 Stunden ebenfalls zu wiederholen, wenn bis dahin kein Absatz weichen Kothes erfolgt ist.
Local, d. h. auf den Kopf, können kalte Aufschlilgo oder Be­rieselungen mit kaltem Wasser angeordnet werden. Bei andauernder und sorgfältiger Application leisten dieselben im Allgemeinen gute Dienste, namentlich wenn sie ohne Aufregung der Patienten gemacht werden. In der Privatpraxis ist dies häufig nicht der Fall, weshalb hier im Allgemeinen ableitende Einreibungen in's Genick den Vorzug verdienen. Für Pferde verordne man entweder ü Tröpfen Crotoniil mit 20 gr Küböl verdünnt, oder 80 gr Collodium cantharidatum, oder 30 gr Cantharidensalbe, welche für die thierärztliche Praxis aus 1 Tn. Pulv. Canth. mit 3 Th. Fett durch '/a #9632;stimdiges Digeriren be­reitet wird. Soll diese aus einer Apotheke bezogen werden, so ver­ordne man : Cantharidensalbe 20 gr, Gantharidenpulver und llübül je 5 gr; gut vermischt mit einem Male einzureiben.
Beim Rinde nehme man 10 Tropfen Crotonöl oder Brechwein­steinsalbe. 1 Tart. stib. zu 2 bis 4 Thoilen Fett.
Blutmangel (Anämie) des Gehirns.
Diagnose. Dieser Zustand kann plötzlich, oder #9632;allmählig ent­stehen. Plötzlicher Eintritt von Gehirnanämie verursacht Anfülle von Schwindel und Ohnmacht; eine allmählig entstehende Gehirn­anämie ist in der Regel von nervösen Erscheinungen, namentlich von Schreckhiiftigkeit, Zuckungen, von Abstumpfung oder gar von Betäu­bung begleitet. Höhere Grade des Uebols setzen alle Lebenserschei­nungen so wesentlich herab, dass Scheintod oder wirklicher Tod eintritt. Stets erscheinen die sichtbaren Schleimhäute der Kopf-lufthöhlen, sowie die Augenlidbindehaut blnss, der Puls an der Angesichtsarterie ist meist weich und elend.
Aetiologie. Die Gehirnanämie kann die Folge einer allgemeinen Blutarmutb (s. diese), oder einer ungleichmässigen Blutvertheilung sein. Derselben können starke Blutverluste, schlechte Ernährung, verschiedene Krankheiten, Circulationsstörungen (Verengerung oder Thrombose der Gehirnarterien) etc. zu Grunde liegen. Durch heftige Erregung pressorischer Fasern, wie dies 7,. B. bei heftigen schmerz­haften Einwirkungen auf den Kopf der Fall ist, ferner durch Re-flexlähmung der Gefässo, resp. Depression der Nervencentren (Shok), sowie durch Gehirnoongestion mit nachfolgendem Gohirnödem kann Gehirnanämie entstehen (Franck). Diese kann auch durch Blut-übcrfüllung des Darmes und anderer blutreicher Organe bedingt werden,
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei der Section findet man die Blutgefässe der Hirnhäute entweder schwach mit Blut erfüllt, oder letzteres hat eine blassrothe Farbe und wässerige Beschaffenheit;
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296nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Encephalitis Lind Meningitis,
auch dio Substanz des Gehirns ist blutarm, auf den Schnittfiilchen desselben treten nirgends Blutpunkte auf, die Rindensubstanz hat eine blassgrauo und die Marksubstanz eine hellweisse Farbe.
Prognose und Behandlung richten sich beide nach den Ur­sachen. Sind letztere dauernd zu beseitigen, so ist eine Heilung in der Regel möglich; andernfalls dauert der Zustand fort, bald mehr, bnld weniger auffallende G-esundheitsstörungen verursachend.
Bei allgemeiner Blutarmuth sind die S. 9 u. 10 angegebenen Mittel anzuwenden. Locale Circulationsstörungen sind nach den 'nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Regeln der Chirurgie zu behandeln.
Die Vorbeuge hat so weit als möglich für Pernhaltung der ursächlichen Sühädlichkeiten zu sorgen.
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2. Die Entzündung des Gehirns und seiner Häute. Encephalitis und Meningitis.
Die Gehirnentzündung kann entweder die Hirnsubstanz, oder die Hirnhäute vorzugsweise betreffen. Am hilutigsten ist letzteres der Fall, so dass die Krankheit, welche in der Praxis gewöhnlich nls Gehirnentzündung bezeichnet wird, meist in einer Entzündung der Gehirnhäute begründet ist. Da dies jedoch am lebenden Thiere im Einzelfalle nicht sicher unterschieden werden kann, auch die Therapie dadurch nicht wesentlich beeinflusst wird, so werden wir hier die klinischen Erscheinungen ohne Rücksicht auf den Unter­schied im pathologisch-anatomischen Befunde bei Encephalitis und Meningitis im Zusammenhange besprechen.
Das klinische Bild der Hirnentzündung ist zunächst das der Gehirnhyperämie, da diese ja ein steter Begleiter der Entzündung-Ist. Nur in seltenen Fällen fehlen die im vorigen Abschnitte ge­schilderten Erscheinungen der Gehirnreizung und Aufregung. Diesen folgt nach einigen Stunden, oder erst nach mehreren Tagen ein mehr oder weniger stark ausgeprägter soporöser Zustand, während laquo;lessen die Patienten oft in hohem Grade stumpfsinnig und theil-nabmlos in auffallend unregelmässiger Haltung, wie betäubt, dastehen. Die Patienten sind nur schwer und nur für kurze Zeit dahin zu bringen, dass sie etwa an sie gestellten Anforderungen zum Herum­oder Vorwärtsgehen im Stalle gehorchen. Werden dieselben in's Freie gebracht, so bieten sie ähnliche Erscheinungen, wie hochgradig dummkollerige Pferde. Ihre Bewegungen sind auffallend unregel-mässig und ohne bestimmtes Ziel; sie drehen sich mit ungewöhnlich hoch gehobenen Beinen entweder in einem verschieden grossen Kreise, oder gehen bewusstlos auf ein beliebiges Hinderniss zu, an welchem sie meist mit angestütztem Kopfe stehen bleiben. Sie machen hier entweder eine längere Zeit Halt, oder schieben sich an dem betref­fenden Gegenstande weiter, ohne etwaige neue Hindernisse und Ge­fahren zu beachten. Die Unsicherheit in der Bewegung wird um so grosser, wenn derjenige Theil dos Gehirns, in welchem die Seh-
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Encephalitis und Meningitis.
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nerven entspringen, vorzugsweise afficirt ist. Es kann dies nament­lich dann sehr fatal werden, wenn der erste Anfall einer Gehirn­entzündung wtlhrend des Gebrauches des betreffenden Thiores sich einstellt. (So habe ich einen Fall behandelt, wo das betreffende Pferd in einem Wagen eingespannt unterwegs plötzlich ganz un­sicher in seinen Bewegungen und unlenksam sich zeigte. Nur mit grosser Mühe und Gefahr gelang es den Insassen des Wagens aus­zusteigen und das Pferd in einem fremden Stalle in der Nähe unterzubringen. Dasselbe kam zwar mit dem Leben davon, blieb aber blind und kollerig, so dass sein Werth fast null war.) Die bei der Gehirn-Hyperämie bereits geschilderten Unregelmässigkeiten im Verdauungsgeschäfto treten hier in der Pegel in höherem Grade hervor. Bei der Aufnahme von Getränk stecken die Patienten das Maul meist tief in das ihnen vorgehaltene Gefäss, so dass ihnen der Inhalt desselben bis über die Nasenlöcher reicht. Koth- und Harn­entleerung sind verzögert und auch das Athmen ist während des Stadiums der Depression meist verlangsamt, der Puls hingegen in der Eegel, bald mehr bald weniger, selten erheblich, beschleunigt, zuweilen sogar (bei stärkerem Drucke auf das Gehirn in Folge des Entzündungszustandes) verlangsamt. Die Empfindlichkeit im Bereiche der Körperperipherie ist gewöhnlich vermindert, so dass man den kranken Thieren auf die Krone treten oder in die Ohren greifen kann, ohne dass sie hierauf in normaler Weise reagiren. — Manchmal treten von Zeit zu Zeit tobsüchtige Anfälle ein, während welcher die Frequenz des Pulses und der Athemzüge, sowie die Hautthätigkeit steigt. Nach kürzerer oder längerer Dauer des betreffenden Paroxys-mus tritt wieder ein Zustand der Eemission rosp. Depression ein; letztere nimmt allmählig, d. h. mit dem Fortschritte der Krankheit, zu und geht schliesslich in einen lälnnungsartigen Zustand über.
Die Krankheit endet oft tödtlich, häufiger jedoch mit unvollkom­mener , sehr selten mit völliger Genesung. Der Tod kann bereits in einem früheren Zeitpunkte, bald nach dem Ausbruche der Krank­heit, plötzlich eintreten; gewöhnlich folgt er erst weiteren entzünd­lichen Veränderungen im Gehirn, oder im Vorlaufe anderweitiger Krankheiten, welche das Gehiruleiden complicirten.
Je nachdem der Verlauf ein mehr oder weniger schneller ist, hat man eine „höchst acutequot; und eine „halb- oder subacutequot; Hirnentzündung (Kopfkrankheit) unterschieden.
Prognose, Die Vorhersage ist im Allgemeinen ungünstig, da entweder der Tod eintritt, oder die bei unvollständiger Genesung zurückbleibenden Krankheitszustände (Dummkollor, Lähmungen, Blindheit etc.) meist unheilbar und für die Folge sehr störend sind.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Eröffnung der Cadaver von Thieren, welche mit einer Gehirnentzündung behaftet gestorben sind, liefert verschiedene Ergebnisse, je nachdem die Gehirnhäute oder die Gehirnsubstanz der vorzugsweise Sitz der Entzündung waren und je nachdem der Ausgang und Verlauf der Entzündung sich
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298nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Encephalitis und Menmg'itis.
gestaltet, der Tod früher oder später in Folge der Geliiriientzünduug selbst, oder einer complicirendon anderweitigen Krankheit eingetreten ist. An der weichen Hirnhaut werden die Entzündungsersoheiniingen meist an dem der Hirnoberfliiehe, viel seltener an dem der Schädel­basis zugewendeten Abschnitte angetroffen. Ihre Gei'ilsse sind stärker mit Blut gefüllt und im Verlaufe derselben zeigen sich kleine Blut-unterlaufungen; ihre Oberfläche ist getrübt, mit flockigen Gerinnseln oder mit anderen Exsudaten besetzt. Zuweilen findet man in den Maschen der weichen Hirnhaut an der Schädelbasis ein wässeriges Exsudat in grösseror Ausbreitung.
In diesem Falle sind dann auch häufig die Hirnhölileu mit Serum mehr oder weniger reichlich erfüllt. Diesen Zustand bezeichnet man als „acute Hirnhöhlenwassersuchtquot;. Die frühere irrige Ansicht, dass bei dieser das seröse Exsudat stets eine röthliche Farbe zeige und dadurch von dem Befunde bei chronischer Hirnhöhlen-wassersuoht (Dummkoller) sich unterscheide, hat nicht selten zu un­richtigen Gutachten der Experten und dadurch zu unrechten richter­lichen Entscheidungen geführt. Fragliche Exsudate scheinen erst secundär zu entstehen, somit bei Todesfällen nach sehr acutem Verlaufe immer zu fehlen.
Eine „Basilar-Meningitisquot; tuberculösor Natur ist beim Menschen nicht selten und soll auch bei Rindvieh beobachtet worden sein. — Bindegewebige Neubildungen und Verwachsungen mit der Nachbar­schaft werden nach Gehirnentzündung im Bereiche der weichen Hirn­haut häufig dann angetroffen , wenn der Tod erst in Folge unvoll­ständig geheilter Gehirnentzündung tuid daraus hervorgegangenen Nachkrankheiten eingetreten ist. Aehnliche Veränderungen findet man an der harten Hirnhaut. Wenn traumatische Verletzungen am Schädel vorhanden sind, werden auch Knochonneubildung, eiterige Zerstörungen und andere Veränderungen angetroffen, wie solche be­sonders bei Kindvieh, in Folge eines Bruches des Hornfortsatzes des Stirnbeines, vorkommen. In solchen Fällen treten die Erscheinungen einer Hirnhautentzündung keineswegs immer kurze Zeit, sondern manchmal erst einige Wochen nach stattgefundener Fractur ein, wes­halb Brüche im Bereiche des Schädels stets vorsichtig zu beurtheilon sind, so lange eine vollständige Heilung derselben nicht eingetreten ist.
Die Entzündung der Hirnsubstanz tritt immer nur in kleineren Herden auf. Im ersten Stadium derselben findet man an den be­troffenen Stellen die Erscheinungen der Hyperämie und nunktförmige Blutunterlaufungen in der Gehirnsubstanz, so dass diese zunächst röthlich-, später in Folge der Zersetzung des Blutfarbestoffos gelb­lich- oder bräunlich-gefleckt erscheint. Ein weiter vorgeschrittenes Stadium bildet die sogenannte rothe Hirnerweichung, wobei die betreffenden Herde mehr oder weniger erweicht sind, zuweilen auf Durchschnitten breiig hervorquellen und ein röthliches Aussehen haben. Es handelt sich in solchen Fällen um einen fettigen und eitrigen Zerfall der Gehirnsubstanz, In noch späteren Stadien findet man Erweicbungsherde von weisslicher oder grünlicher, seltener von
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gelblicher Farbe, die Grehimsubstanz in eine /ähe, oder mehr dünn­flüssige breiige Masse umgewandelt. Diese Zustände bezeichnet man als „weissequot;, „grauequot; oder „gelbequot; Erweichung. — Wenn der Patient an den Folgen eines derartigen Erweichungsherdes nicht bald stirbt, so kann im weiteren Verlaufe der Krankheit ein eigent­licher Gehirnabscess durch eiterige Schmelzung entstehen, der pro­gressiv um sich greift und endlich entweder zum Durchbruohe nach aussei:, oder zum Tode führt.
Gehirnerweichungen können auch in Folge localer Circulations-stürungon und ohne vorhergegangene Entzündung entstanden sein. Es fehlt dann stets der Befund eines entzündlichen Exsudates. Nicht jede vorgefundene Grehirnerweichuiig berechtigt also, auf eine vor­hergegangene Gehirnentzündung zu schliessen.
Aetiologie. Als Krankheitsursachen -werden am häufigsten dumpfe, niedrige Ställe, wenig Bewegung und zu reichliche Fütte­rung, besonders mit stickstoffreichen Nahrungsmitteln, beschuldigt. Die Krankheit soll indess in den kältesten Monaten (Januar und Februar), sowie in den Monaten März, April und Mai, also auch während der Frühjahrsbestellung, wo die Pferde viel im Freien sich befinden und tüchtig arbeiten müssen, häufiger als in anderen Mo­naten vorkommen. Bezirksthierarzt Winkler (Archiv f, Thierheilk. Bd. IX. 1883. S. 419 ff.) glaubt deshalb aus genannten und anderen Gründen, dass diejenigen Thierärzte Recht haben, welche die wirk­liche Krankheitsursache vorzugsweise in der Beschaffenheit des Futters suchen. Derselbe spricht auf Grund seiner eigenen und fremder zahlreicher Beobachtungen die Ansicht aus, dass in den Leguminosen (Rothkloe, Luzerne, Wicken, Kichererbsen u. s. W.) ein giftiger Stoff enthalten sei, der in Gegenden mit kalkreichem Boden, oder auch in Folge von Gährungsprozessen reichlicher sich bilde. Bei der Dunkelheit, welche bis jetzt im Gebiete der Aetiologie der Gehirn­entzündung noch herrscht, fordert jede bezügliche Mittheilung zur weiteren Prüfung ihrer thatsächlichen Berechtigung auf, weshalb ich auch an dieser Stelle einladen mochte, die Ansicht Winklers näher zu controliren. Sodann sei hier noch bemerkt, dass als Ur­sachen der Gehirnhaut- und Gehirn-Entzündung alle bei der Gehirn­hyperämie angegebenen Dinge beschuldigt werden. Zuweilen haben anderweitige schwere Erkrankungen, z. B. Lungenentzündung, Herz­beutelentzündung etc. Meningitis, resp. Encephalitis im Gefolge ; dies ist am häufigsten dann der Fall, wenn erheblichere Verletzungen oder Erkrankungen im Boreiche des Schädels vorhanden sind.
Behandlung und Vorbeuge. Im ersten Stadium der Gehirn-resp. Hirnhaut-Entzündung ist im Allgemeinen die bei der Gehirn-hyperilmie angegebene ableitende und sonstige entzündnngwidiige Behandlung angezeigt. Jedoch ist der Ernährungszustand des Pa­tienten hierbei zu berücksichtigen. Bei kräftigen und vollblütigen Thieren kann ein reichlicher Aderlass grossen Nutzen, bei blutarmen, aufgeschwemmten oder heruntergekommenen Thieren grossen Schaden
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Encephalitis und Meningitis.
verursachen. Im letzteren Falle wird niimlich durch einen erglobi-geren Aderlass das Blut zu sehr verdünnt, da ja b^kanntlioE die Eiweisskörper und zelligen Elemente, welche dem Patienten mit dein abgelassenen Blute entzogen werden, sich erst nach längerer Zeit wieder regenerireu, während die Blutmenge durch reichlicheren Uebertritt von Wasser aus den Körpergeweben in die Grefässbahnen alsbald wieder annähernd die frühere, somit das Blut wässeriger wird. Dadurch kommen an Orten, wo die Widerstandskraft der Körpergewebe durch entzündliche Vorgänge oder anderweitig ge­schwächt ist, leicht reichlichere seröse Ergüsse zu Stande, wozu bei Meningitis ja ohnehin eine gewisse Disposition vorhanden ist. — Die ableitende Einreibung im Genick (oder zu beiden Seiten der oberen Halspartie), sowie die angegebenen Abführungsmittel, durch welche eine grosso Menge Blut nach dem Darmcanale hingeleitet und dadurch vom Gehirn abgezogen wird, verdienen deshalb für dio Privatpraxis ganz besonders empfohlen zu werden. Kalte Aufschläge oder Berieselungen leisten ebenfalls gute Dienste, wenn sie recht­zeitig und gut angewendet werden. — Sind die Reizerscheinungen verschwunden, dauert indess die Depression in höherem oder ge­ringerem Grade fort, so leisten, neben einer etwaigen Wiederholung der ableitenden Einreibungen, leichte Diuretica bei angemessener Diät gute Dienste. Bei grosser Pulsfrequenz können im zweiten Krankheitsstadium einige kleine Gaben der Digitalis purpurea (für Pferde 2 gr und etwa 4 solcher Gaben, welche an einem Tage ge­geben werden dürfen) verabreicht werden. Da dies Mittel leicht die Fresslust stört, so darf man dasselbe nur einen Tag lang anwenden und auch nur mit Vorsicht gelegentlich wiederholen. Im Allge­meinen ist eine knappe Diät angezeigt und um so leichter durch­zuführen, als die Patienten, namentlich im ersten Stadium der Krank­heit, nur wenig Fresslust besitzen. Bei längerem Fortbestande der Krankheit pflegt aber der Appetit wieder etwas reger zu werden; es erscheint dann die Verabreichung leicht verdaulicher und nahr­hafter Nahrungsmittel angezeigt, jedoch dürfen mit einem Male nur kleinere Qantitäten (gutes Heu oder Hafer) aber in öfterer Wieder­holung vorgelegt werden. Man muss möglichst dafür sorgen, dio Verdauungsthätigkeit im Gange, resp, den Patienten möglichst reac-tionsfähig zu erhalten. Die Verabreichung von Wachholdorbeeren in angemessenen Gaben wirkt anregend auf die Verdauungs- und Harnorgane. Meist nehmen Pferde und Rinder dieselben mit dem Futter auf, wodurch das lästige und auch die Patienten störende gewaltsame Eingeben vermieden wird. Täglich etw^i 50 bis 100 gr (in etwa 5 Gaben) und je nach Bedürfniss 1 bis mehrere Wochen lang fortgesetzt, ist bei freiwilliger Aufnahme des Mittels mit dem Futter sehr zu empfehlen. Da es wesentlich ist, die Patienten (namentlich in dem ersten Stadium der Krankheit) gegen jede äussere Beunruhigung zu schützen, so vermeide man möglichst zu häufiges oder gewaltsames Eingeben von Arzneien, halte die kranken Thiere in einem möglichst geräumigen, nicht zu warmen, dunstigen.
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Gehiniblutunn;.
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sondern gut ventillrten Stalle, lasse sie später bei geeignetem quot;Wetter zuweilen in's Freie, setze sie aber der directen Ein­wirkung der Sonnenstrahlen während warmer Tage oder Jahres­zeiten nicht aus. Bei dieser Behandlung wird es öfter gelingen, den Tod abzuwenden und Genesung bis zu dem Grade zu erzielen, class Arbeitstbiere in grösserem oder geringerem Grade wieder brauchbar, Schlachtthiere meist mastfiihig werden. Leider aber gelingt es aller Mühe und Umsicht bei der Behandlung ungeachtet nur selten, voll­ständige Genesung zu erzielen.
Um der Krankheit vorzubeugen, suche man die Ursachen der­selben fern zu halten.
Der angeborene Wasserkopf (Hydroceplialns con^enitiis) findet sich am häufigsten bei Wiederkäuern, seltener bei anderen Thier-arten. Derselbe hat für die Praxis eine untergeordnete Bedeutung, da er nicht Gegenstand der Behandlung ist. Höhere Grade sind unheilbar; nur ganz geringe Grade heilen und zwar von selbst. Unheilbare derartige Wasserköpfe führen entweder bald zum Tode oder geben die Indication zum Tödten des Thieres.
Gehirnblutung.
Der Austritt von Blut in das Gehirn ist meist mit partieller oder allgemeiner Gehirnlälimung verbunden, je nachdem der Blut-erguss mehr oder weniger bedeutend ist und je nachdem er mehr oder weniger empfindliche Gehirn abschnitte betrifft. Kleine Hämor-rhagien (ebenso wie andere Veränderungen) in jenen Gehirnabsclmitten, deren Vernichtung keine unserer Beobachtung zugänglichen Func-tionsstörungen im Gefolge hat (wie z. B. die Zerstörung gewisser Abschnitte der grossen Marklager in beiden Halbkugeln des Gross­hirns) verursachen keine objectiv wahrnehmbaren Krankheitserschei­nungen. Treten die Erscheinungen einer allgemeinen Gehirnlähmung als Folge einer Gehirnblutung plötzlich auf, so bezeichnet man den Zustand als „Blutschlagfiuss (Apoplexia sanguinea)quot; des Gehirns. Blutungen in die Gehirnhäute werden noch mit dem besonderen Namen der „Apoplexia meningeaquot; belegt. Diese pflegen sich über beide Halhkugeln des Gehirns auszubreiten, somit zu den schweren Gehirnapoplexien mit beidseitiger Körperlähmung zu gehören, während kleinere Blutungen in die Gehirnsubstanz umschriebene Herde zu bilden pflegen, welche ineist eine Hemiplexie im Gefolge haben, da gewöhnlich blos eine Seite des Gehirns von der Blutung betroffen wird. Gehirnblutung kommt als selbstständiger Krank-heitszustand bei unseren Hausthieren selten vor, während dieselbe im Verlaufe gewisser Krankheiten, z. B. des Milzbrandes, öfter eintritt.
Diagnose. Einer Gehirn apoplexie können die Erscheinungen einer Gehirnhyperämie als Vorboten vorausgehen, dieselbe kann aber auch ganz plötzlich und unerwartet eintreten, so dass die betroffenen Thiere wie vom Blitze gerührt zu Boden stürzen und entweder
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302nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Gehirnblutung.
sofort verenden, oder ohne Bewusstseiu und Empfindung regungslos oder in Convulsioncn da liegen. Hat der Sehlagant'all den Patienten nicht sofort getödtet, so finden sich an diesem in der Regel folgende Kranldieitssymptome: Die Augen werden verdreht, die Pupille ist stier, das Atlimen unregelmässig, der Puls aussetzend und klein, worauf der Tod in der Kegel bald einzutreten pflegt. Weniger heftigen Anfüllen kann aber auch unvollkommene oder gar voll­kommene Genesung folgen. Der Krankheitsverlauf pflegt sich als­dann folgen denn assen zu gestalten: Das Bewusstsoin kehrt allmählig wieder, während die Patienten noch thoilweise gelilhmt sind. Solche Lähmungen betreffen am häufigsten die Ohren, Augenlider, die Gesichtsmusculatur (namentlich der Lippen), sodann die Gliedmassen und zwar häufiger die hinteren als die vorderen, und den Sehnerv; meist werden nur diese Theile der einen Körperseito befallen, wäh­rend die der anderen fmictionsfähig sind. Liegen solchen Lähmungen nur kleine umschriebene Blutungen zu Grunde, so können nach Resorption dieser jene wieder ganz, verschwinden, was innerhalb mehrerer Wochen oder Monate zu geschehen pflegt; andernfalls bleiben dieselben für's ganze Leben fortbestehen. Der Tod kann auch dadurch erfolgen, class im Bereiche des apoplectischen Herdes Entzündung, Erweichung oder Gehirnödem entstehen, oder aber in Folge von Lähmungen lebenswichtiger Organe. Nicht selten kommen Nachschübe vor, indem noch während der Keconvalescenz, oder gar nach eingetretener Genesung neuerdings Blutungen in das Gehirn oder seine Häute sich einstellen, in Polge deren die Patienten nach­träglich zu Grunde gehen.
Die Prognose ist demnach mindestens unsicher, häufig ganz ungünstig, da der Ausgang in Tod oder in unheilbare Nachkrank-Iwiten bei schweren, sowie bei recidivirenden Gehirnapoplexien die Regel bilden.
Die Ursachen der Gehirnblutung sind entweder in mechanischen Insulten, welche den Schädel unmittelbar treffen, oder in Verhält­nissen gegeben, welche Hyperämie des Gehirns bedingen (siehe diese). Erkrankungen der Gelasse, welche die Widerstandskraft der Güfäss-wandungen vermindern, z. B. fettige oder athoromatöse Degenera­tion etc., sowie Krankheiten dos Blutes selbst, durch welche die Ernährung der Gefässwandungen beeinträchtigt wird, begünstigen natürlich den Eintritt von Gefässzerreissung und tragen somit zur Entstehung von Blutungen wesentlich mit bei.
Pathologisch-anatomischer Befund. An der Leiche von Thieren, welche in Folge von Gehirnblutung gestorben sind, findet man nach Eröffnung der Schädelhöble im Allgemeinen folgende Zustände: Nach vorausgegangener Verletzung des Schädels sind ausser den Merkmalen dieser an der Kopfhaut etc. in der Regel Blutergusses zwischen der harten Hirnhaut und dein knöchernen Schädel vor­banden , wodurch diese an der betroffenen Stelle von einander ge-
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öehirnblutuns
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trennt sind. Nicht selton haben dann auoli Blutergüsse in die beiden anderen Hirnhäute stattgefunden, welche entweder in Form kleiner oder grösseror Extravasate angetroffen werden. Die Gehirnrinde ist an der lädirten Stelle häufig in einen blutigen Brei verwandelt; in mehr chronisch verlaufenen Fällen ist dieser allmählig blasser ge­worden. Zuweilen findet man nur noch eine gelbliche Verdiokung in dem hyperämischen Abschnitte der weichen Hirnhaut, indem die zertrümmerte Gohirnmasse zur Resorption gelangt ist. — Ist keine Schädelverletzung vorausgegangen, so findet man nicht immer, jedoch manchmal ebenfalls in den Gehirnhäuten Blutextravasate von grös-serem oder geringerem Umfange. Auf Gehirndurchschnitten zeigen sich dann entweder mehr oder weniger zahlreiche capilläro Blutaus-tretungen, oder verschieden grosso und verschieden zahlreiche sogen, „apoplectischequot; Herde. Im ersteren Falle sind an einer oder an meh­reren Stellen dunkelrothc oder schwärzliche Flecke vorhanden, welche bald näher beisammen, bald weiter auseinander stehen. Dieselben sind dureh einfaches Abspülen mit Wasser, oder durch Ueberstreiohen mit der Messerklinge nicht zu entfernen, wodurch sie sich von Blut-austretungen unterscheiden, welche beim Durchschneiden des Gehirns nach dem Tode erst entstanden sind. Zwischen jenen Extravasaten erscheint die Gehirnsubstanz bald normal, bald ist sie gelblich oder röthlich verfärbt und zuweilen erscheint sie erweicht oder brüchig. Die sogenannten „apoplectischon Herdequot; sind die Folge von Zerreissung einzelner grösserer, oder mehrerer kleinerer Gohirngefässe. Dieselbon werden bei Pferden am häufigsten in der grauen Substanz der Hirnrinde, in den Seh- und Streifeuhügeln angetroffen.
Behandlung und Vorbeuge. Bei Gehirnblutungen steht die Ableitung des Blutstromes vom Gehirn in erster Linie. Bei kräf­tiger Herzaction wirkt ein der Constitution und Grosse des Patienten entsprechender ergiebiger Aderlass aus einer genügend grossen Wunde der Drosselvene häufig lebensrettend, während bei Herzschwäche ein Aderlass den Eintritt des Todes begünstigen kann. In jedem Falle sind tleissig erneuerte und constant fortgesetzte kalte Aufschlüge auf den Kopf, oder die permanente kalte Berieselung des Schädels, sowie Ableitungen auf die äussoro Haut und wenn möglich auf den Darmoanal zu empfehlen. Sodann müssen die Patienten gegen jede Beunruhigung geschützt und alles vermieden worden, was neuer­dings Gehirnhyperämie verursachen kann. Im späteren Verlaufe eintretende Folgezustände, wie z. B. Meningitis, Abnahme der Kräfte u. s. w. sind nach den gewöhnlichen Regeln der Kunst zu behandeln. Gegen zurückbleibende Lähmungen wende man Haut­reize, Haarseile, kalte Douchen oder den electriscben Strom an. Man setze indess auf keines dieser Mittel zu grosso Erwartungen, da sie uns nicht selten alle miteinander im Stiche lassen. Bei werth-vollen gelähmten Thieren, die bereits lange vergeblich behandelt wurden, kann man schliosslich auch hypodermatische Injectionen von Strychnin versuchen, da in solchen Fällen die Erregbarkeit der
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Olmmacht und Seheintod.
Nerven des gelähmten Köi'pevtheiles abgenommen hat, wogegen Stryclimn zuweilen gute Dienste leistet. (Näheres hierüber bei Liih-nmngen, welche vom Kiickeninarke ausgehen.)
Die Vorbeuge hat die Aufgabe, alles fern zu halten, was Ge-hirnblutungen hervorzurufen im Stande ist.
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Ohnmacht (Syncope) und Scheintod (Asphyxia, mors apparens).
Beide Zustände beruhen auf einer kürzeren oder längeren er­heblichen Abschwächung oder scheinbaren Unterbrechung der wahr­nehmbaren Lebensäusserungen und sind klinisch nur dem Grade nach von einander verschieden.
Diagnose. Ohnmächtige Thiere liegen regungslos da, das Athmen, der Herz- und Arterien-Fuls sind kaum wahrnehmbar, die Körper­temperatur ist ungleiclunilssig vertheilt und wechselnd, die sichtbaren Schleimhäute sind blass, auf äussere Reize reagiren die Thiere nur schwach oder gar nicht. Solche Anfalle können bis zu '/* Stunde und noch darüber hinaus dauern; denselben gehen manchmal Ei-scliolnungen von Schwindel, oder kalte Schweisse voraus (llöll). Geht die Ohn­macht in Genesung über, so wird das Athmen wieder freier und tiefer, die Herz- und Arterien-Pulse werden deutlicher fühlbar, das Bowusst-seiu und eine gioichmässigere Körportemperatur kehren zurück, und nach einiger Zeit erlangen die Thiere ihre frühere Munterkeit wieder.
Beim Scheintod sind die Lebensilussorungon in noch höherem Grade zurückgetreten. Die Pupille ist gegen Lichtreiz, die äussere Haut gegen Nadelstiche etc. unempfindlich. Zuweilen erfolgt bei scheintodten Thieren unwillktihrlicher Kothabgang, Die Herzaotionen sind oft so schwach, dass aus geöffneten Venen kein Blut ausströmt und dass sie weder mit der Hand, noch mit dem Ohre wahrgenommen werden können. Für diesen Fall empfiehlt Franck ein Explorations-inittel, welches im Kriege 1870/71 bei scheintodten Soldaten mit grossem Erfolge angewendet worden ist. Dies Mittel besteht in der Einstossung einer feinen an einem Ende scharf zugespitzten Strick­nadel in das Herz. An dem über der Brustwand nach aussen her­vorstehenden langen Ende der Stricknadel können die geringsten Herzbewegungen wahrgenommen werden. Auf diese Weise lässt sich somit bestimmt erkennen, ob das betreffende Thier scheintodt, oder wirklich todt ist. Eine derartige Herzverletzung soll nicht im min­desten gefährlich sein, sondern ohne jede Störung schnell vernarben. Der Scheintod kann bis zu mehreren Stunden andauern; derselbe geht gewöhnlich in den wirklichen Tod über, wenn nicht rechtzeitig geeignete Hülfe geleistet wird. Die eintretende Genesung kündigt sich durch allmählige Zunahme aller Lebensfunctionen und durch das Ausströmen von Blut aus geöffneten Venen an.
Die Prognose ist bei Ohnmacht im Allgemeinen günstiger, als bei Scheintod; dieselbe ist indess immer mehr oder wenitrer unsicher.
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Ohnmacht und Scheintod.
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Aetiologie. Ohnmacht und Scheintod können durch Ueber-reimng des verlängerten Markes herbeigeführt werden. Wird das Centrum des Lungen-Magennerven erregt, so nimmt die Herzthätig-keit ab, da der Vagus bekanntlich ein Hemmungsnerv des Herzens ist. Alles, was eine Anhäufung von Kohlensäure im Blute, oder eine venöse Stauung im Gehirn verursacht, ist im Stande, Ohnmacht und Scheintod hervorzurufen, wie z. B. erhebliche Beeinträchtigung des Athmens durch irgend welche Hindernisse, oder Störungen, über-mässige Muskelanstrengungen (Wettrennen etc.), Hemmung des Placentarkreislaufes bei der Frucht im Mutterleibe oder während des Geburtsaotes u. s. w. Aber auch andere Einwirkungen können Ohnmacht und Scheintod hervorrufen, so z. B. schnell eintretende Hyperämie oder Anämie des Gehirns, schnelle Entleerung stark ge­spannter Gase im Verdauungscanale, oder stark drückender Exsudate (Brust- und Bauchhöhlenwassersucht), heftiger Schrecken, die längere Einwirkung niedriger Temperaturen (Erfrieren von Weidevieh), grosser Hitze, irrespirabler Gase, Eindringen von Wasser in die Lungen, die Einwirkung starker electrischer Ströme u. s. w.
Pathologisch-anatomischer Befund. Der Sectionsbefund ist je nach den Ursachen, welche den Tod herbeigeführt haben, sehr verschieden. Bald findet man Hyperämie der Lungen, der Leber, Zerreissung dieser und Blutung in die Bauchhöhle, Ekchymosen unter dem Brustfelle, Herzbeutel, serösen Ueberzug der Leber, Hyperämie des Gehirns, Gasansammlung im Verdauungscanale, Mtissigkeit in der Luftröhre und ihren Verzweigungen etc. etc., bald aber findet man Anämie der Lungen, des Gehirns u. s. w., wo dann auch die Ekchymosen fehlen.
Behandlung und Vorbeuge. Zunächst müssen die Ursachen der Ohnmacht oder des Scheintodes ermittelt und entfernt werden. Alsdann suche man die Blutcirculation durch den Einfluss frischer reiner Luft, durch fleissiges Frottiren der äusseren Haut, eventuell durch Aderlässe, oder bei Verblutung durch Transfusion von defibri-nirtem Blute — das Athmen durch regelmässigen periodischen Druck auf die Bauch- und Rippen-Wandimgen anzuregen und zu unterhalten. Auf die äussere Haut applizire man ßeizmittel, auf die Nasenschleim­haut lasse man kräftige Riechmittel, #9632;/,. B. die flüchtig reizenden Dünste von Salmiakgeist einwirken, oder man bringe Niesemittel (Schnupftabak) auf die Nasenschleimhaut, oder reize diese mittelst einer Federfalme u.s. w. Erfrorene Thiere erwärme man allmählig und recht vorsichtig, man lasse sie tüchtig frottiren und dann bedecken.
Die Vorbeuge hat alle Einflüsse fern zu halten, welche Ohn­macht und Scheintod verursachen können. So z. B. lasse man Weide­vieh in kalten Nächten nicht im Freien, sorge dafür, dass die aus­getragenen Früchte nicht zu lange auf der Geburt stehen, dass Gase im Verdauungscanale keine bedeutende Spannung erreichen, dass massenhafte flüssige Exsudate nicht zu schnell entleert wer­den u. s. w. u. s. w.
Pütz, Compemlium der Thlorhellkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 20
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306nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Dummkoller der Pferde.
Der Dummkoller der Pferde.
Als Dummkoller bezeichnet man eine chronische und fieberlose Störung der Punotionen des Gehirns, welche in ihrer ausgeprägten Eigenthümlichkeit nur beim Pferde zur Beobachtung gelangt.
Diagnose. Die Erscheinungen des Dummkollers beziehen sich im Wesentlichen auf Störungen der Empfindung, des Bewusstseins und der Bewegung. Im Allgemeinen zeigen dummkollerige Pferde folgende Symptome;
a)nbsp; nbsp;Im Stande der Ruhe stehen dieselben häufig scheinbar lauschend da, indem sie, trotz der geringen Aufmerksamkeit, welche sie ihrer Umgebung in Wirklichkeit schenken, lebhaftes, aber ungeregeltes Spiel der Ohren wahrnehmen lassen (Lausch­koller). Die Stellung der Gliedmassen ist in der Regel eine un­geordnete, abnorme; die Beine werden entweder mehr unter den Rumpf, oder sonst unregelmässig gestellt. Der Kopf wird meist gesenkt gehalten, an einen Gegenstand der Nachbarschaft angelehnt oder aufgestützt. Putter wird lieber vom Boden, als aus der Raufe oder Krippe genommen, vorausgesetzt, dass diese in der gewöhn­lichen Höhe angebracht sind. Gibt man den Gliedmassen absicht­lich eine abnorme Stellung, so wird diese in höheren Graden der Krankheit meist so lange beibehalten, als das Gleichgewicht des Körpers nicht verloren geht. In solchen Fällen pflegt dann auch das Kauen zeitweise vergessen zu werden, so dass die Patienten dasselbe einstellen, obgleich sie noch Putter im Maule haben. Die Aufnahme des Getränkes erfolgt ebenfalls meist unregelmässig; in der Regel wird das Maul so tief in die vorgehaltene Plüssigkeit eingetaucht, dass diese in die Nasenlöcher eindringt. Die Patienten lassen sich häufig in die Ohren greifen, oder auf die Krone (be­sonders der Vordergliedmassen) treten, ohne auf derartige Insulte in normaler Weise zu reagiren. Zum Herumtreten in ihrem Stande sind sie in der Regel nur schwer zu bewegen, auf blosses Zurufen reagiren sie gewöhnlich nur wenig oder gar nicht. Zuweilen kom­men indess Ausnahmen vor, insofern die Patienten in einzelnen Dingen eine leichtere Erregbarkeit zeigen, so z. B. in Folge plötzlich eintretender oder ungewohnter Geräusche in ihrer Nähe, oder vor plötzlich auftauchenden Gegenständen erschrecken, auf das Eingreifen in die Ohren, oder das selbst vorsichtige Treten auf die Krone zu lebhaft reagiren u. s. w. Man spricht in diesem Falle von der „erethischenquot; Form des Dummkollers, während man im anderen Falle den Zustand „Schlafkollerquot; nennt. Diese ver­schiedenen Zustände prägen sich im Auge gewissermassen aus; der Blick ist entweder schläfrig und ausdruckslos, oder stier und ängstlich.
b)nbsp; nbsp;Bei der Ortsbewegung gewahrt man, dass die Patienten sich in abnormem Grade antreiben lassen, schwer zu lenken sind, nach einer Seite drängen, die Beine unregelmässig heben und
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Dummkoller der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 307
niedersetzen, dadurch (namentlich im Schritt) einen tappigen, schwerfillligen Gang zeigen. Auf die gewöhnlichen Anregungsmittel (Zurufen, Peitsche, Sporn u. dergl.) reagiren sie in geringerem Grade, zum Zurücktreten sind sie meist nur sehr schwer zu veranlassen; hierzu gezwungen, schleifen sie die Gliedmassen über den Boden. Bei blinden oder tauben Pferden, sowie auch bei in Folge hohen Alters oder schlechter Pflege abgestumpften Pferden, können ähn­liche Erscheinungen sich zeigen, ohne dass diese Thiere an Dumm­koller leiden, was sich bei sorgfältiger weiterer Untersuchung er­geben wird. In der Blutcirculation kolleriger Pferde zeigen sich in der Hegel folgende Erscheinungen: Die Zahl der Pulse ist (ohne anderweitige Complicationen) im Stande der Ruhe nie vermehrt, d. h. sie betrügt bei Stuten und Wallachen nie über 40 und bei Hengsten nie über 32 Schlüge in der Minute; häufig aber ist die Pulszahl eine geringere. Die Arterie ist meist weich und erweitert, die Blutwelle indess nicht stark, der Puls somit weder gespannt, noch kräftig und voll. Die Herzactionen sind weniger energisch, nicht selten unregelmilssig, so dass einzelne Pulse schwilcher sind, oder ganz ausfallen. Die llespiration ist in der Regel verlangsamt, ebenso die Bewegungen des Darmes. Der Koth wird gewöhnlich seltener, aber in grösseren einzelnen Portionen abgesetzt. In den höheren Graden leidet die Ernilhrung in Folge verminderter Futter­aufnahme. Im Verlaufe des Dummkollers treten zuweilen Anfälle von Raserei auf. Diese können sich allmählig entwickeln, indem eine erhöhte Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Zittern etc. denselben einige Zeit vorhergeht; sie können aber auch plötzlich — und zwar in verschiedenen Graden — sich einstellen. Der Blick wird in sol­chen Füllen stier, die Schleimhäute des Kopfes röthen sich stärker, wobei die Patienten unruhig werden. Es stellen sich die bereits früher (S. 290) geschilderten Erscheinungen einer Blutüberfüllung, oder Entzündung des Gehirns, resp. seiner Häute ein. Solche An­fälle werden in der Volkssprache „rasender Koller' genannt; die­selben können nach kurzer oder längerer Dauer verschwinden und öfter wiederkehren, können aber auch mit dem Tode enden. Dieser pflegt einzutreten entweder in Folge einer Gehirnentzündung und Gehirnlähmung, oder in Folge von Verletzungen oder von anderen Complicationen. Das klinische Bild des Dummkollers hat mit ver­schiedenen anderen Krankheitszuständen eine so bedeutende Aehn-lichkeit, dass die Differentialdiagnose manchmal grosse Schwierig­keiten bietet. Für gerichtliche Zwecke ist es nicht selten nöthig, die betreffenden Pferde selbst zu reiten oder zu fahren, resp. in seiner Gegenwart bis zum Schweissausbruche reiten oder fahren zu lassen; nöthigenfalls muss die Untersuchung nach 8—14 Tagen wiederholt und während dieser Zeit der Gebrauch und die Fütterung des Unter-suchungsobjectes ein normaler sein. Man hüte sich namentlich vor Verwechslungen mit 1) acuter Gehirnwassersucht, 2) Magenkoller, 'S) Samen- oder Mutterkoller, 4) Katarrh der Kopflufthöhlen und 5) Congestivzuständen nach dem Kopfe während des Zahnwechsels.
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;308nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Dummkollor der Pferde.
Der Verlauf des eigentlichen Dummkollers ist stets ein chro-nisuher; derselbe ist als unheilbar zu betrachten, führt indess nur durch Hinzutreten anderer Krankheitszustilnde zum Tode.
Prognose. Die Prognose ist insofern nicht ungünstig, als es sich blos um die Erhaltung des betreffenden Thieres handelt, sehr ungünstig hingegen, wenn die etwaige Möglichkeit einer vollkom­menen Genesung in Frage kommt. Die Erscheinungen des Dumm­kollers können /war in weiten Grenzen schwanken , z, B. zeitweise in sehr auffallendem Grade abnehmen, so dass periodisch nur wenig mehr an dem Benehmen der Patienten zu bemilngeln ist; es kann aber, namentlich bei plötzlichem Wechsel der Verhältnisse, die Krankheit schnell wieder einen hohen Grad erreichen. Der Wechsel der Jahreszeiten und der Fütterung bedingen ziemlich regelmässige Veränderungen im Krankheitsbilde; im Winter pflegt das üebel abzunehmen, im Frühjahr und Sommer (namentlich bei grosser Hitze) wieder zuzunehmen. Die Ernährungs- und Witterungsvor-hältnisse, sowie die Art des Gebrauches der Patienten, spielen eine bedeutende Eolle. Uebermässige Anstrengungen, Katarrh, nament­lich der Kopfluf'thöhlen, Störungen der Hautthätigkeit, der Ver­dauung und der Blutcirculation verursachen ziemlich constant eine Steigerung der Erscheinungen des Dummkollers.
Die von Lustig dringend empfohlene ophthalmosoopische Unter­suchung des Augenhintergrundes scheint nach den Beobachtungen Heyne's für die Differentialdiagnose keinen besonderen Werth zu haben. Gerade bei Hydrocephalus acutus, der am leichtesten und häufigsten mit Dummkoller verwechselt wird, soll der Augenspiegel­befund nicht wesentlich verschieden von dem des Dummkollers sein und bei beiden in Kede stehenden Zuständen Papillarhyperämie (Stauungspapille) keineswegs regelmässig angetroffen werden.
Für die Unterscheidung des Dummkollers von „Hydrocephalus aeutusquot; ist desshalb die Aufmerksamkeit vorzugsweise auf folgende Dinge zu richten; Die acute Gehirnhöhlen Wassersucht ist eine fieber­hafte Krankheit, bei welcher indess Pulsbeschleunigung und Tem­peratursteigerung fehlen können. In solchen Fallen bietet die un-gleiohmässige Vertheilung und der öftere Wechsel der Temperatur an der ilusseren Körperoberfiäche, namentlich an den periphersten Körpertheilen, oft brauchbare Anhaltspunkte. Die Fresslust ist meist in höherem Grade gestört, jode Erregung des betreffenden Pferdes, namentlich auch jede etwas anhaltendere, indess keines­wegs anstrengende oder schnelle Ortsbewegung verursacht eine stärkere Beschleunigung des Pulses und des Athmeus; der Gang ist meist unbeholfener und der Schädel vermehrt warm; Aufregung und Schlummersucht wechseln namentlich im ersten Stadium der Krankheit nicht selten u. dergl. m. Alle diese Erscheinungen pflegen bei Dummkoller zu fehlen oder doch weniger ausgeprilgt vorhanden zu sein. Dadurch wird es in den meisten Fällen, wenn auch nicht in allen, möglich sein, die Diagnose auf Grund einer sorgfältigen und nach Bedürfniss wiederholten Untersuchung zu sichern.
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Dummkoller der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 309
Beim Dummkoller ist im Allgemeinen eine grössere Ueberein-stimmung in den Symptomen und eine gleichmilssigere Andauer derselben vorhanden.
Aetiologie. Die Ursachen des Dummkollers kennen wir nur sehr unvollkommen. Die Krankheitserscheinungen sind auf Gehirn­druck und dieser auf die constant vorhandene Oehirnhühlen-Wasser­sucht zurückzuführen. Wodurch letztere bedingt ist, hat sich bis jetzt nicht feststellen lassen. Zunächst ist eine gewisse Disposition unverkennbar; Pferde gemeiner Abkunft erkranken hilufiger an diesem Uebel, als edle Pferde, und ein schmaler Sohildelbau soll mehr zu fraglichem Leiden disponiren, als ein breiter. Die Ver­erbung der Anlage ist wohl unbestritten; Geschlecht und Alter spielen ebenfalls eine Rollo. Wallachen erkranken relativ häufiger an Dummkoller, als Hengste und Stuten. Bei Pferden unter fünf Jahren kommt diese Krankheit nur ausnahmsweise vor; allerdings kann ererbter Dummkoller auch schon in sehr früher Jugend sich zeigen. — Als Gelegenheitsursachen können alle Momente wirken, welche bei kollerigen Pferden eine Verschliinmernng des Leidens herbeizuführen im Stande sind. Gerlaoh hat die Beobachtung ge­macht, dass Dummkoller in Gegenden mit schwerem Boden, der mehlreiche Cerealien liefert und auf welchem Bohnen, Erbsen, Wicken, sowie andere Hülsenfrüchte gut gedeihen und viel gebaut werden, ferner bei Pferden, die bei schwerer Arbeit mit concen-trirten Nahrungsmitteln reichlich gefüttert werden, häufiger vor­kommt, als unter anderen, entgegengesetzten Verhältnissen.
Pathologisch-anatomischer Befund. Obgleich der Dumm­koller an und für sich keine tödtliche Krankheit ist, so müssen mit demselben behaftete Pferde doch auf die eine oder andere Weise einmal sterben. Bei der Section können die dem Dumm­koller zukommenden Befunde durch hinzugetretene Complicationen derart verdeckt werden, dass die Section für die (Jontrole der klinischen Diagnose ihren Werth verliert. Das eigentliche patho­logisch-anatomische Bild des Dummkollers besteht in der Ansamm­lung von klarem, wasserhellem, an Eiweiss armen Serum in den Gehirnkammern, wobei anderweitige Veränderungen, namentlich erhebliche Hyperämie oder Oedem des Gehirns und seiner Häute, sowie Gehirnerweichung fehlen. Es ist dies das Bild einer echten chronischen Gehirnhöhlenwassersucht. Nach Bruckm aller sind die in die Seitenventrikel hineinragenden Hügel (Ammonshörner, Streifen­hügel und besonders die Sehhügel) mehr abgeplattet, als bei nor­malen Verhältnissen. Die Füllung der Ventrikel ist in der Kegel an der einen Körperseite stärker, als an der anderen.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung des Dummkollers ist mehr eine diätetische, als arzneiliche. Leicht verdauliches, nicht zu nahrhaftes Futter, namentlich solches, das den Absatz eines locker geballten oder breiigen Kothe.s bewirkt (z. B. Grünfntter,
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310nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Schwindel der Hausthiere.
Kleien, Kartoffeln oder Rüben in angemessener Menge und von tadel­loser Beschaffenheit), zu empfehlen sind. Uebermässige Anstrengungen, sowie alle anderen Momente, welche eine Hirnhyperämie verursachen können, sind /,u meiden. Aderlässe dürfen nur dann gemacht werden, wenn bedeutende Oirculationsstörungen und Vollblütigkeit vorhanden sind; kalte Aufschläge auf den Kopf, oder ableitende Einreibungen am Halse in der Nähe des Schädels oder weiter von diesem entfernt, leisten nur dann etwas, wenn eine Hirnhyperämie vorhanden ist. Als Ableitungsmittol leisten Laxantia, /. 13. Aloe 25—80 gr. Calomel 2 gr, mit Seife zur Pille gemacht und mit einem Male verabreicht, oft gute Dienste. Ein kühler, luftiger Aufenthaltsort, Schutz gegen directe Einwirkung der Sonnenstrahlen auf den Kopf während des Sommers, gehören zu den Haupterfordernissen einer entsprechenden Behandlung kolleriger Pferde. Hie früher empfohlene Anbohrung der Eiechkolben gewährt niemals einen dauernden Nutzen, dagegen oft mehr oder weniger erhebliche Nachtheile.
Dummkollerign Pferde sollen nicht zur Zucht verwendet werden, da die Krankheit erfahrungsgeinäss auf die Nachkommen sich vererbt.
Der Schwindel.
Dieser Krankhoitszustand besteht in unregelmässig wiederkeh­renden Störungen des Bewusstseins und der Coordination der Be­wegungen, in Beschränkung oder Unterdrückung der Willensfreiheit und des Empfindungsvermögens für die in der Regel nur kurze Dauer des Anfalles. Ein solcher tritt nur ausnahmsweise im Stande der Ruhe ein, meist beim Ziehen, seltener beim Reiten.
Diagnose. Bei Beginn des Anfalles gehen die Pferde lang­samer , oder bleiben plötzlich stehen, schütteln oder nicken mit dem Kopfe, prussten oder verziehen die Oberlippe, halten den Kopf schief oder hoch, taumeln seitwärts oder rückwärts und drehen sich bei seitlich gebogenem Kopfe im Kreise; sie spreizen die Beine, stürzen auch wohl nieder, liegen dann eine kurze Zeit ruhig, worauf sie mit den Beineu zappeln, demnach sich alsbald vom Boden wieder erheben, sich schütteln und nunmehr wieder ihre normale Haltung annehmen. Während des Anfalles ist der Blick stier, die Pupille erweitert, das Athmen belchleunigt, Herz- und Arterien-Puls un­regelmässig und beschleunigt; die Hautausdünstung steigert sich bis zum Schweissimsbruch, der zunächst am Halse und zwar hinter den Ohren beginnt, bei schweren Anfällen aber über den ganzen Körper sich ausbreitet. Zuweilen werden Koth und Harn unwill­kürlich entleert und bei Hunden stellt sich Erbrechen ein.
Die Dauer solcher Anfälle beträgt selten mehr als einige, höchstens bis 10 Minuten; die Wiederkehr derselben ist unbestimmt. Zuweilen wiederholen sich die Anfälle an demselben Tage, während sie auch Wochen oder Monate lang ausbleiben können, oder nur zu bestimmten Jahreszeiten und zwar vorzugsweise im Frühjahre
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Schwindel der Hausthiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 311
eintreten. Manchmal tritt überhaupt nur ein Schwindelanfall bei dem betreffenden Individuum auf, oder derselbe wiederholt sich einigemal und bleibt dann für immer aus. Todesfälle kommen ohne weitere Complicationen sehr selten oder gar nicht vor.
Prognose. Obgleich demnach eine Gefahr für das Leben des Thieres nur etwa insofern in Betracht kommt, als der Patient sich bei Gelegenheit eines Anfalles eine tödtlicho Verletzung zuziehen kann, so ist die Prognose im Allgemeinen doch ungünstig, da man nie weiss, ob nicht später Rückfälle eintreten. Ein mit Schwindel behaftetes Pferd bringt bei plötzlich eintretenden Anfüllen zuweilen den Menschen in Gefahr.
Aetiologie. Die Ursachen des Schwindels sind während des Lebens nur selten mit Sicherheit festzustellen und leider noch viel­fach dunkel. Bei Wiederkäuern und Schweinen kommen Schwindel­anfälle nach starken Kochsalzgaben, Heringslake oder Pökelbrühe vor; bei weissen Schweinen und Schafen soll auch Buchweizen aussei- rothlaufartiger Entzündung der Kopfhaut Schwindel er­zeugen. Im Allgemeinen gelten Vollblütigkeit und Beleibtheit, sowie mittleres und höheres Alter der Thiere, wenig Arbeit und gutes Futter, schnellere Gangarten, namentlich im Zuge und mit beschränkter Kopffroiheit, sowie alles, was Blutüberfüllung und Blutarnuxth des Gehirns verursacht, für begünstigende Momente.
Sectionsbefund, Häufig sind am Cadaver von Thieren, welche während des Lebens periodisch an Schwindel gelitten haben, pa­thologisch-anatomische Befunde nicht nachzuweisen. Dagegen findet man öfter Neubildungen verschiedener Art in den Hirnhäuten und in den Hirnkammern, Gefässerkrankungen vi. dergl. m., welche den Eintritt von Sclnvindelanfällen zu begünstigen im Stande waren.
Behandlung und Vorbeuge. Zunächst muss man die Pa­tienten gegen äussere Beschädigungen während des Anfalles zu schützen suchen. Im Uebrigen ist die Therapie und Prophylaxis auf die Beseitigung und Fernhaltung der Ursachen angewiesen. Wo diese bekannt und dauernd entfernbar sind, da wird meist nicht nur momentan, sondern auch für die Folge geholfen werden können. Bei vollblütigen Pferden sind gegen Schwindel indicirt: knappe Diät, event, ein Aderlass, Abführmittel, Vermeidung von Blutwallung. Wo Circulationsstörungen durch Druck auf die Blutgefässe, welche zum und vom Gehirn führen, verursacht werden, da muss dieser Druck in geeigneter Weise möglichst gründlich und dauernd beseitigt werden. Bei blutarmen Thieren ist einer vor­handenen Blutarmuth des Gehirns und daherigem Schwindel am besten durch eine angemessene kräftige Diät und durch massige Anforderungen an die Kräfte des Thieres auf die Dauer zu be­gegnen. In manchen, relativ leider nicht seltenen Fällen stehen
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312nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Neubildungen im Gehirn. Epilepsie.
wir dem Uebel ganz rathlos gegenüber. Es ist dies meist dann der Fall, wenn wir die Krankheitsursache gar nicht kennen, oder wenn wir nicht im Stande sind, dieselbe zu beseitigen.
Neubildungen im Gehirn.
Dieselben sind während des Lebens der betreffenden Thiere nur ausnahmsweise zu diagnosticiren, da sie bald gar keine, bald aber solche Krankheitserscheinungen verursachen, welche anderen häufiger vorkommenden Leiden ebenfalls zukommen. So sind z. B. im Gehirn des Pferdes bei der Section Hydatiden gefunden worden, welche die Erscheinungen des Dummkollers verursacht hatten; an­dererseits bat man Geschwülste in den Adergeflechten der Seiten­ventrikel des Gehirns sogar von beträchtlichem Umfange angetroffen, ohne dass Erscheinungen irgend einer Gehirnkrankheit während des Lebens zur Beobachtung gekommen waren. Insofern diese Neu­bildungen eine therapeutisch-praotische Bedeutung nicht haben, sollen dieselben hier nur kurz erwähnt werden. Dieselben sitzen vorzugsweise in den Gehirnhäuten und in den Adergefiechten. In letzteren hat man Fibrome, Cholestearin-Geschwülste, Melanoma und Cysten, letztere von Nadelkopf- bis Taubeneigrösse, gefunden. In den Hirnhäuten kommen vor: Lipome an der harten Hirnhaut, und an der Spinnwebehaut: Neubildung von Knochengewebe, Pig­mentablagerungen und Miliartuberkel.
Die im Gehirn vorkommenden Parasiten (Finnen und Quesen) sind bereits früher (S. 24 resp. 28) besprochen worden. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass alle diese abnormen Vorkommnisse im Gehirn gelegentlich auch epileptische Krämpfe verursachen können.
Die Epilepsie (Fallsucht).
Dieses Gehirnleiden kommt bei unsern sämmtlichen Nutzthieren, selbst beim Geflügel vor, ist aber dessenungeachtet relativ selten.
Diagnose. Die Epilepsie ist charakterisirt durch periodische, meist nur einige Minuten andauernde Gebirnkrärnpfe, welche mit gänzlichem Verluste (oder doch mit merklicher Trübung) des Be-wusstseins und der Empfindung für die Dauer des Anfalles ver­bunden sind und in ganz unregelmässigen Perioden wiederkehren.
Je nach der Intensität und Ausbreitung der Krämpfe hat man eine allgemeine oder unvollständige Epilepsie unterschieden. Voll­ständige epileptische Anfälle beginnen mit Schwindel und Gon-vulsionen; letztere fangen am Kopfe an und breiten sich von da auf die Muskulatur des Rumpfes und der Gliedmassen aus. Das betroffene Thier verliert plötzlich Bewusstsein und Empfin­dung, fällt an den Boden, streckt zunächst den Körper und die Glieder, verdreht die Augen, kaut Schaum, verzieht die Lippen-
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Epilepsie (Fallsucht).nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;313
oder andere mimische Muskeln sowie den Hals; die zunilchst toni­schen Krämpfe gehen alsbald in klonische über, Patient zappelt dann mit den Beinen, knirscht mit den Zllhnen, bleibt so eine kurze Zeit lang liegen, während welcher Zuckungen der Gesichts-nrnskulatur vorhanden sind, bis nach einigen (längstens 15) Mi­nuten die Krämpfe nachlassen, das Bewusstsein und die Empfin­dung wiederkehren, worauf die Thiere aufstehen und anscheinend gesund sind. — Während eines solchen Anfalles ist die Pupille erweitert, das Athmen erschwert, oft röchelnd, die Kreislaufs-bewegungen sind beschleunigt und unregelmässig, die sichtbaren Schleimhäute des Kopfes blass. Gegen das Ende des Anfalles stei­gert sich die Hautausdunstung bis zum Schweissausbruche und es erfolgt unwillkürlich der Absatz von Koth und Harn.
Die Epilepsie ist ein chronisches, meist während des ganzen Lebens fortbestehendes Leiden, das aber nur im Momente eines Anfalles erkannt und festgestellt werden kann. Dasselbe zählt des­halb mit Recht zu den Gewährsmängeln.
Vor Verwechslungen mit acuten Gehirnkrämpfen muss man sich ja hüten. Bei Hunden kommen solche nicht selten vor; so ist bei den­selben z.B. das „acuteGehirnödem' stets von epileptiformen Krämpfen begleitet und auch bei Pferden sind acut verlaufende Gehirnkrämpfe öfter beobachtet worden. Dieselben werden in der Regel von noch anderweitigen Krankheitserscheinungen begleitet und enden im Ver­laufe von einigen Tagen, bis längstens von einigen Wochen ent­weder mit dem Tode oder mit Genesung. Wie wir später sehen werden, kommen epileptiforme Krämpfe auch bei verschiedenen Vergiftungen vor. Ebenso können Eingeweidewürmer und verschie­dene andere Reize auf reflectorischem Wege Gehirnkrämpfe erzeugen, welche indess mit Beseitigung des betreffenden Reizes sich verlieren und mit eigentlicher Epilepsie nichts zu thun haben.
Aetiologie. Die eigentlichen Ursachen der Epilepsie sind un­bekannt. Wir wissen nur, dass das Leiden häufig auf die Nach­kommenschaft sich vererbt und dass verschiedene Reize, sowie plötz­liche Gemüthserregungen, so z. B. Furcht, Schrecken u. dergl., ferner Gehirnhyperümie, Verdauungsstörungen etc. bei epileptischen Indi­viduen den Eintritt eines Anfalles hervorzurufen im Stande sind.
Die Prognose ist bei wirklicher Epilepsie ganz ungünstig, da das Leiden im Allgemeinen als unheilbar gilt. Die betreffenden Thiere können indess ein hohes Alter erreichen, da die Krankheit selbst kaum jemals tödtlich verläuft.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Section liefert ge­wöhnlich keine Befunde, welche als Ursache oder directe Folge der Epilepsie angesehen werden können. Zuweilen werden an der Leiche von Thieren, die während des Lebens an Epilepsie gelitten haben, Parasiten oder Neubildungen im Gehirn angetroffen, welche dann für die der Epilepsie zu Grunde liegende abnorme Reizbarkeit des Gehirns verantwortlich gt;'emiiclit werden.
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314nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Katalepsie (Starrsucht).
Behandlung und Vorbeuge. Alle Momente, welche bei epi­leptischen Thieren einen Anfall hervorzurufen vermögen, müssen möglichst fern gehalten resp. beseitigt werden; sodann sind epilep­tische Thiere von der Zucht auszusohliessen. Männliche Thiere werden y.weckmilssig castrirt, da sie dadurch für die Zucht untaug­lich gemacht werden und möglicherweise auch selbst von ihrem üebel befreit werden können. In Wien leistete diese Operation (Eöll) bei einem epileptischen Hengste vortreffliche Dienste.
Die Katalepsie (Starrsucht).
Dieses im Ganzen seltene Uebel besteht in einem Starrwerden der Skeletmuskel, wobei das betreffende Individuum die Herrschaft über seine willkürliche Muskulatur ganz verliert, während den einzelnen Skeletabsclmitton von fremder Seite jede beliebige Stellung gegeben werden kann, in welcher jene bis zum Verschwinden des betreffenden Anfalles verharren. Die Patienten bleiben entweder stehen, ohne sich weiter bewegen zu können, oder sie behalten in liegender Stel­lung die zur Zeit des Anfalles angenommene Lage unverändert bei. Das Bewusstsein, sowie die Empfindlichkeit können mehr oder weniger gestört oder ganz aufgehoben sein. Harn und Koth werden in der Regel während des kataleptischen Zustandes nicht entleert. Die Respiration und Blutcirculation erfahren zunächst keine weitere Störung, als dass sie an Energie abnehmen. Dieser Zustand dauert manchmal nur einige Minuten, in anderen Fällen hingegen bis zu mehreren Stunden und soll (nach Hartwig) sogar mehrere Wochen dauern können. Bei längerer Datier kommen die Patienten in Polge der unterbrochenen Ernährung bedeutend herunter oder gehen sogar an Erschöpfung zu Grunde, wenn keine geeignete Hülfe geleistet wird. Diese Krankheit wurde zuweilen bei Hunden und Pferden und von Leisering einmal beim Prairiewolf beobachtet.
Aetiologie. Als Ursachen werden Erkältung, Verdauungs­störungen, Gemüthsaffecte u. dergl. beschuldigt. Bei Menschen wird die Katalepsie öfter als bei Thieren, jedoch auch nur selten und zwar meist bei anderweitig kranken Individuen beobachtet. Relativ häufig ist dieselbe bei Geisteskranken, namentlich bei Melancholikern; auch geht sie hysterischen Krämpfen zuweilen voraus. Bei Thieren scheint das Uebel bis jetzt nur bei Hunden und Pferden, also bei denjenigen Hausthierspezies mit leicht erregbarem Nervensystem, beobachtet worden zu sein.
Der pathologisch-anatomisebe Befund ist bei dieser Krank­heit ein uns bis dahin wenig bekannter. Frölmer fand in einem tödtlich verlaufenen Falle trübe Schwellung und fettige Degeneration der Skeletmuskeln und des Herzens, Hyperämie der Leber und Nieren, sowie Hämorrhagien im Magen und Darmcanale.
Die Prognose ist unsicher, wenngleich in den meisten Fällen Genesung einzutreten pflegt.
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Paralytisches Kalbefieber,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;315
Behandlung und Vorbeuge. In der Regel ist jede Therapie überflüssig. Bei längerer Dauer des Uebels hat man notlügenfalls den Patienten künstlich zu ernähren. Das Schlingen erfolgt meist ohne besondere Schwierigkeiten, wenn die Arznei odor Nahrung bis in die Rachenhöhle gebracht wird. Zur künstlichen Ernährung be­dient man sich am besten eines Schlundkatbeters, oder der Klystiere, um die flüssigen Nahrungsmittel einzuverleiben.
Als Arzneimittel werden für den Nothfall Brechmittel, für Pferde Abführungsmittel empfohlen; vielleicht wären kalte Douchen zu versuchen. — Für die Vorbeuge sind keine bestimmten Indicationen vorhanden.
Das paralytische Kalbefteber oder MilcMeber der Kühe.
Mit diesem und noch anderen Namen bezeichnet man eine in manchen Gegenden mit Recht gefiirchtete Krankheit, welche im Wesentlichen folgende Erscheinungen bietet:
Die Krankheit wird nur ausnahmsweise schon während und noch seltener vor dem Gebäracte heobachtet; sie beginnt in der Regel innerhalb der ersten 3 Tage nach dem Kalben, seiton später. Die betreffenden Kühe treten von der Krippe zurück, versagen Putter und Getränk, ruminiren nicht, trippeln mit den Hinterfüssen, schwanken im Hintertheile und fallen bald nieder. Zuweilen machen sie erfolgreiche Anstrengungen, sich nochmals vom Boden zu erheben, brechen aber bald wieder zusammen. Diese Erscheinungen zeigen sich sämmtlich innerhalb etwa 1 Stunde. Der Verlauf der Krank­heit ist nämlich derart acut, dass diese meist bereits in den ersten 24 Stunden zur Entscheidung gelangt und entweder mit Genesung oder mit Tod endet. Die Patienten liegen schlummersüchtig und gelähmt, in der Regel mit regelmässig untergeschlagenen Glied­massen und mit umgebogenem Halse und Kopfe, so dass dieser an oder auf dem Brustgewölbe liegt. Hebt und streckt man den Kopf nach vorn, so fällt er sofort in seine eben angegebene Lage zurück, sobald derselbe losgelassen wird. Nur selten liegen die Patienten flach auf der Seite, mit gerade gehaltenem Halse und mit gestreckten Gliedmassen. Thränen- und Speichelfluss sind vorhanden, das Atlnnen ist bald verlangsamt, bald beschleunigt, aber stets von Stöhnen be­gleitet. Der Blutkreislauf ist zunächst nicht aufgeregt, später aber meist beschleunigt. Die allgemeine Körpertemperatur (im Mastdarm) ist gesunken, die ganze Körperoberfläche kühl, die Extremitäten fühlen sich eisig an, das Allgemeingefühl und Bowusstsein sind ab­gestumpft, die Milchsecretion vermindert oder sistirt, sowie die Aus­scheidung von Koth und Harn unterdrückt.
In der Hegel besteht ein leichter Grad von Blähsucht, das Flotzmaul ist rissig und trocken.
Pathologisch-anatomischer Befund. Am Cadaver finden sich keine constanten Erscheinungen im Gehirn und in seinen Häuten,
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316nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Paralytisches Kalbefieber.
-welche als bestimmte Ursache oder Folge der Krankheit betrachtet werden können. Gerade in Bezug auf diesen Befund differiren die Angaben der verschiedenen Autoren nicht unwesentlich. Bald hat man Anilmie, bald Hyperämie und Oedem des Gehirns und seiner Häute vorgefunden. Am regelmässigsten bietet der Magen folgende Veränderungen : der Wanst ist meist mit Gasen aufgebläht, während der Inhalt des Pansens hart und trocken ist. Harms gibt auch in der 2. Auflage seiner Geburtshülfe (Hannover 1884) an, einmal in den Venen des Rückenmarkscanales, zuweilen in den Blutgefässen des Gehirns, in den unter der Haut liegenden Venen, welche beim Abhäuten zum Vorschein kommen, meist und in den Kranzvenen des Herzens stets Luftblusen angetroffen zu haben. Ferner ist nach Harms das Herz stets schlaff und gut gefüllt, der Herzbeutel manch­mal mit Ekchymosen in verschiedenem Grade besetzt, der Herzmuskel ausnahmsweise ebenfalls mit stecknadelknopf- bis erbsengrossen Blut­extravasen besetzt und wie gekocht aussehend. Im Blute der Leber, Milz, Sieren und der Gebärmutter hat Harms stets Luftblasen ge­funden u. s. w.
Bin/, will blutige Infiltrationen längs des Grenzstranges des Sympathicus gefunden haben.
Die Aetiologie dieser Krankheit liegt noch sehr im Argen. Vielfach glaubt man, dass derselben eine Lähmung des sympathischen Nerven zu Grunde liegt, während Harms das Leiden für eine „Aör-ämiequot;, d. h. für die Folge des Eindringens von Luft in die Blut-gefässe hält. Franck negirt beide Ansichten, indem er die Krank­heit auf eine ursprüngliche Gehirncongcstion mit nachfolgendem Gehirnödem und auf die daraus hervorgehende acute Gelürnanämie zurückführt. Nicht eine Lähmung des Eingeweidenervs, sondern des Lungen-Magennervs stelle sich im Verlaufe des Milchfiebers constant ein. Durch Einblasen von Luft in die Venen würden ganz andere Erscheinungen hervorgerufen, als die des paralytischen Kalbe­fiebers und überdies sei nicht zu begreifen, wie bei normalen und leichten Geburten , wie sie in Rede stehender Krankheit vorauszu­gehen pflegen, Luft in die Venen eindringen könne, da nirgends eine Oeflnung dieser stattfinde. Als sichergestellt gilt nämlich, dass der Geburtsact und zwar vorzugsweise wenn derselbe leicht und schnell sich vollzieht, eine Hauptursache des Milchfiebers ist. Eine besondere Disposition haben unverkennbar die guten Milch­kühe, namentlich wenn dieselben reichlich und üppig gefüttert und durch andauernde Stallhaltung verweichlicht worden sind. Dass Erkältung eine grosse Bolle spiele, wird von den Einen behauptet, von Anderen bestritten (Harms 1, c. S. 174). Die Ansicht, dass das Milchfieber der Kühe durch einen Mikroorganismus verursacht werde, also eine Infectionskrankheit sei, ist zwar ausgesprochen, aber ziem­lich allgemein abgelehnt worden. In Wirklichkeit fehlt dieser An­sicht jede Wahrscheinlichkeit; was allenfalls für die miasmatische Natur des Milchfiebers sprechen könnte, wäre einzig und allein der
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Paralytisches Kalbefieber.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;317
Umstand, dass dasselbe in manchen Gegenden häufig, in anderen selten oder gar nicht vorkommt.
Die Prognose ist ganz unsicher, insofern nicht selten scheinbar leicht erkrankte Thiere sterben , während andere schwerer krank erscheinende schnell genesen. Im Allgemeinen aber ist die Sterb­lichkeit beim Milchfieber eine grosse und kann auf 40 bis 50 Procent im Durchschnitt veranschlagt werden. Je früher die Krankheit nach der Geburt sich einstellt und je ausgeprägter der soporöse Zustand hervortritt, um so bedenklicher ist der Zustand.
Behandlung und Vorbeuge, Gegen das Milchfieber der Kühe sind die verschiedensten Behandlungsmethoden und Arzneimittel empfohlen worden, da man über das Wesen dieser Krankheit sehr verschiedener Meinung war und noch ist. Darüber ist man indess heute ziemlich einig, dass eine starke Incitation der Darmthätigkeit am meisten zu einem günstigen Erfolge mit beiträgt. Hanns rühmt besonders die Wirkung des BrechWeinsteins; er gibt sofort 16 ffr mit 2 Piaschon Wasser, demnach 4 mal stündlich 4 gr mit 1 Flasche quot;Wasser und dann noch 5 mal stündlich 3 gr mit 1 Flasche Wasser. — Köhne empfiehlt: Nux vomica 30 bis 35 gr, Tart. stib. 15 gr. Natr. Sttlf. furic. 480 gr und Natr. mur. 120 gr mit 4 Quart Wasser '/lt; Stunde lang unter Umrühren gekocht und nach dem Erkalten stündlich bis zweistündlich '/raquo; Weinflasche voll einzugeben. Ist der Koth sehr trocken, so werden der ersten Gabe 30 Tropfen Crotonöl zugesetzt. Auf das Kreuz lässt Köhne reizende Einreibungen appli-ciren. Nach Verbrauch des Dococtes wird dasselbe nöthigenfalls einmal wiederholt angewendet, jedoch ohne Brechweinstein und ohne Crotonöl. — Harms hat in 2 Fallen an Milchfieber leidenden Kühen in den Mastdarm, sowie namentlich in die Gebärmutter kaltes Wasser reichlich infundiren lassen; beide Patienten sind genesen. — Von Anderen wird die Aloe in grossen Dosen (eine einzelne Gabe von 45 bis 100 gr) empfohlen. —
Mit Erregung der Thätigkeit des Darms verbindet man zweck-mässig die Erregung der Hautthätigkeit, was durch reizende Be­spritzungen und tüchtiges Frottiren zu erzielen gesucht wird. Da das Pilocarpin beide Wirkungen mit einander verbindet, ausserdem auch auf die Milchsecretion anregend wirken soll, so wäre dasselbe gegen in Rede stehende Krankheit zu versuchen. Hypodermatische Injeotionen von 0,2 mit 10,0 gr Wasser dürften dem Zustande an­gemessen erscheinen und bei gleicher Wirksamkeit wegen der grossen Bequemlichkeit der Application vorzuziehen sein. Eggeling hat in neuerer Zeit das schwefelsaure Physostigrain (0,12 —1,15) subeutan gegen Kalbefieber angewendet und empfohlen.
Die Vorbeuge hat alle Gelegenheitsursachen des Milchflebers vom trächtigen Rindvieh möglichst fern zu halten. Man schütze dasselbe namentlich gegen Verweichlichung. Weidevieh bringe man nicht etwa kurze Zeit vor der Geburt in den Stall, sondern lasse es im Freien gebären; bei sehr ungünstiger Witterung stelle man
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318nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Eklampsie. Veitstiinz.
dasselbe mit Eintritt von Geburtswehen allenfalls in einen einfachen Schuppen. Sehr gut genährte Kühe setze man bereits mehrere Wochen vor der Geburt auf knappere Diät; die Ausstossung des Kalbes darf ryiter normalen Verhältnissen künstlich nicht erleichtert werden, weil ja gerade nach leichten Geburten das Milchfieber ein­zutreten pflegt. Wo dieses häufig auftritt, können die vorhin an­gegebenen Arzneimittel, namentlich die Abführmittel, entweder mit Eintritt der vorbereitenden Wehen, oder gleich nach der Geburt prophylactisch verabreicht werden.
Eklampsie.
Bei der Eklampsie treten ähnliche, periodisch wiederkehrende Convulsionen auf, wie bei der Epilepsie, die mit Beschränkung oder Aufhebung des Bewusstseins verbunden sind. Die Anfälle wiederholen sich aber nicht während längerer Zeiträume, sondern enden bald entweder mit Genesung oder Tod, so dass dadurch diese Krankheit von der Epilepsie wesentlich verschieden ist. Dieselbe kommt (ähn­lich wie in der Menschenheilkunde meist bei Kindern) besonders bei jungen Thieren vor, wird aber auch bei völlig ausgewachsenen, namentlich bei weiblichen Thieren, in den ersten Wochen der Lac­tation angetroffen. Am häufigsten ist dies bei säugenden Hündinnen, aber auch bei anderen Mutterthieren beobachtet worden. Albrecht sah sie bei Kühen und bei einer Ziege.
Aetiologie. Die Ursachen der Eklampsie sind unbekannt; vielleicht spielen sensible Reize eine Hauptrolle.
Pathologische Anatomie. Der Sectionsbefund ist kein con-stanter. Hyperämie der Hirnhäute, Hirnödem oder acuter Hydro-cephalus, weisse oder rothe Hirnerweichung, Hirnblutung u. s. w.
Die Prognose ist unsicher, und soll bei Hunden ungünstiger sein, als bei Wiederkäuern.
Therapie und Prophylaxis. Sichere Indicationen fehlen. Anäs-thetica und ableitende Mittel sind empfohlen. Zündel mischt 1 gr Chloroform mit 100 gr Syrup und lässt viermal alle 15 Minuten und dann zweistündlich 1 Theelöffel voll an Hunde mit Eklampsie verabreichen; ausserdem verordnet er Klystiere und Abführungsmittel (Laxantia). Albrecht gab bei Kühen mit gutem Erfolg 20 gr Chloral-hydrat, nebst Abführmittel und Eisumschlägen auf den Kopf. Bei einer Hündin habe ich eine Morphiuminjection (0,01) applicirt, worauf nach kurzer Zeit Heilung eintrat. Für die Vorbeuge fehlen be­stimmte Indicationen.
Der Veitstanz, Chorea Sancti Viti.
Diagnose. Zuweilen wurden bei Hunden, ganz selten auch bei Pferden, periodische Krampfanfälle beobachtet, welche mit dem
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Die Stiltigkeit der Pferde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 319
Veitstcanze des Menschen eine gewisse Aehnlichkeit haben und da­durch charakterisirt sind, dass die betreffenden Thiere unwill­kürlich und zwecklos gewisse Bewegungen wiederholen. So z. B. springen Hunde in die Höhe, auf Stühle, Blinke und andere Gegen­stände , oder sie laufen im Kreise herum, ohne Hindernissen aus­weichen zu können u. s. w. Bald werden die mimischen, bald andere Skeletmuskeln in unregelmilssige Actionen versetzt, die Augen zuweilen hin und her gerollt u. dergl. Das Bewusstsein und die Empfindung sind hierbei nicht erheblich gestört und lassen nament­lich keine constanten Abweichungen von der Norm erkennen.
Ob bei dieser Krankheit die krankhaften Bewegungsimpulse vom Gehirn oder vom Rückenmarke ausgehen , ist bis jetzt noch unentschieden.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig, da der Ausgang in Genesung die Regel bildet; nur dann, wenn die Muskelcontractionen einen sehr hohen Grad erreichen, kann' auch der Tod plötzlich eintreten.
Aetiologie und pathologische Anatomie. Ueber die Ursachen und die pathologisch-anatomische Grundlage des Leidens ist nichts Näheres bekannt.
Behandlung und Vorbeuge. Für die Behandlung und Vor­beuge sind keine bestimmten Indicationen vorhanden. Man hat zwar ätherisch-ölige und narkotische Mittel (Morphium etc.), sowie Arsenik, Eisen- und Zinkpräparate empfohlen; die drei letzteren dieser Mittel scheinen am meisten zu leisten; ich will aber noch bemerken, dass eine vernünftige zweckentsprechende Pflege der Patienten den Schwerpunkt der Behandlung bildet.
Die Stätigkeit der Pferde.
Gerlach hält dieses Uebel für keine Krankheit, sondern für eine Untugend. Ich halte es für kaum möglich, auf dem Gebiete des Geisteslebens unserer Hausthiere zwischen Krankheit und Untugend eine scharfe Grenze zu ziehen.
Die Stätigkeit iiussert sich in der Regel als eine periodische, seltener andauernde Widersetzlichkeit Anforderungen gegenüber, zu deren Erfüllung die Muskelkräfte des Thieres ausreichen, sobald dieselben in eine entsprechende Thätigkeit versetzt werden. Es fehlt demnach stätigon Pferden an einer normalen Folgsamkeit, was so­wohl als Untugend, wie auch als ein Kranksein des Willensver­mögens, das an ein materielles Substrat, an ein bestimmtes Gehirn­centrum gebunden ist, aufgefasst werden kann. Wenn wir auch nicht im Stande sind, bei stätigen Pferden irgend eine greifbare Veränderung im Gehirn nachweisen zu können, so berechtigt uns dies doch nicht zu dein Schlüsse, dass eine solche nicht vorhanden ist. Wir sind bei anderen Gehirnleiden, z. B. bei Epilepsie, Veits-
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320nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Die Stätigkeit der Pferde.
tanz u. s. vv. in einer ilhnliohen Luge. Hirtl (Anatomie des Menschen, Wien 1878,8.847/48) erinnert deshalb mit Recht an die Thatsache, dass auch heute die vor 150 Jahren in Bezug auf das Gehirn ge­sprochenen Worte Pantoni's noch Gültigkeit haben: „Obseura tex-tura, obscuriores morbi functiones obscurissimae.quot; Ohne die Frage über das Wesen der Stätigkeit hier ausführlicher zu erörtern, bemerke ich nur, dass es mir angemessen erseheint, das Uebel im Anschlüsse an die Gehirnkrankheiten zu besprechen.
Die Stiltigkeit ist weniger Gegenstand der thierärztlichen Be­handlung , als der gerichtlichen Thierheilkunde. Ihre Diagnose erfordert die Feststellung 1. der Widersetzlichkeit und 2. dos Mcht-vorhandenseins eines bestimmten ilusseren Hindernisses. Die Wider­setzlichkeit kann eine blos passive sein, indem, die betreffenden Pferde einfach den Dienst versagen, oder sie kann eine mehr active, sogar aggressive sein, indem die Thiere sehr unbändig sicli zeigen, sich niederwerfen, vorn in die Hohe steigen, oder hinten ausschlagen, bocken, zur Seite drängen u. s. w. Bei jeder Art der Widersetz­lichkeit äussern die Pferde eine grössere oder geringere Aufregung, ihr Blick ist unheimlich, boshaft, das Herz pocht, Respiration und Blutcirculation sind beschleunigt, die Hautvenen stark mit Blut gefüllt, zuweilen stellt sich Schweissausbruch und Zittern ein.
Die Feststellung des Nichtvorhandenseins eines äusseren Hinder­nisses erfordert eine genaue Untersuchung des allgemeinen Gesund­heitszustandes des betreffenden Pferdes. Es dürfen namentlich keine fieberhaften Krankheiten, sowie keine schmerzhaften Stellen an Körpertheilen vorhanden sein, welche bei der geforderten Dienst­leistung in Anspruch genommen werden; sodann müssen die ge­stellten Anforderungen den Muskelkräften des Thieres angemessen sein und letztere den von ihnen verlangten Dienst kennen. Ferner dürfen der Ort, oder irgend welche in der Nähe befindliche Gegen­stände dem zu untersuchenden Thiere keine besondere Furcht ver­ursachen , welche sich daroh schreckhaftes Zusammenfahren , durch lebhaftes Ohrenspiel, ängstliches und plötzliches Ausweichen und durch furchtsames Betrachten des betreffenden Gegenstandes bekundet.
Die Stätigkeit kann eine periodische, oder eine permanente sein. Im letzteren selteneren Falle sind die Pferde zu gewissen Dienst­leistungen ganz unbrauchbar; meist zeigen sich stätige Pferde eine Zeit lang willig, versagen dann aber plötzlich und oft unerwartet den Dienst, so dass sie weder durch gütiges Zureden, noch durch gelinde oder derbe Züchtigungen zum Weitergehen zu bringen sind. Durch letztere erzielt man in der Regel nur eine Steigerung der Widersetzlichkeit; am liebsten kehren stätige Pferde um, oder gehen zurück. Lässt man dieselben eine Zeit lang ruhig stehen, so gehen sie gewöhnlich alsbald von selbst wieder weiter.
Manche stätige Pferde versagen den Dienst nur beim Reiten (reitstätisch), andeiv hingegen nur im Zuge (zug- oder wagonstätisch). Im letzteren Falle äussert sich die Stätigkeit zuweilen nur vor schwer beladenen Wagen, während sie vor leicht beladenen nicht
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Die Stetigkeit der Pferde.
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eintritt. Andere stiltige Pferde ziehen einspännig nicht, zweispännig hingegen ziehen sie gut, jedoch nicht immer zu beiden Seiten, son­dern zuweilen nur an einer bestimmten (der rechten oder linken) Seite der Deichsel.
Noch andere stätige Pferde, besonders hilufig Stuten, schlagen nach den Zugstrilngen, wenn sie von diesen oder von anderen Dingen am Körper berührt werden. Solche Thiere werden im Volksmunde „Strangsohlilgerquot; genannt. Dieselben sind als statisch zu betrachten, wenn sich die Widersetzlichkeit bei denselben einstellt, sobald die Zugstrilnge die Aussenseite der Beine, oder die Leitriemen die Kruppe berühren. Dagegen kann es nicht als Zeichen der Stätigkeit gelten, wenn die Pferde schlagen in Folge von Einklemmung der Leitriemen unter den Schwanz, oder in Folge des Uebertretens über einen Zug­strang, wodurch dieser die Innenfläche der Schenkel berührt.
Bei der Untersuchung auf Stätigkeit darf man ferner nicht aussei- Acht lassen, dass die Erscheinungen dieses Uebelr, durch un­passende Behandlung innerhalb sehr kurzer Zeit sich einstellen können. Pferde, welche in Folge von Misshandlung widersetzlich geworden sind, versagen demnach den Gehorsam in der Folge meist von vorneherein, selten unerwartet während des Dienstes und ohne be­sondere Veranlassung. Eine Aenderung gewohnter Verhältnisse bringt nicht selten bei etwas erregbaren Pferden Widersetzlichkeit hervor. In solchen Fällen ist unter anderen Dingen auch die Be-schirrung zu controliren.
Die Grewährsfrist ist in den verschiedenen Staaten ungleich; sie variirt zwischen 4 bis 80 Tagen. Die kürzeren Gewährsfristen (bis zu 8 Tagen) sind wohl am angemessensten, da nach dieser Frist ein Thier in hohem Grade stätig erscheinen kann, welches vorher nicht stätig war. Da überdies die Stätigkeit beim Uebergango des mit derselben behafteten Pferdes in andere Hände in Folge der ungewohnten Verhältnisse sich in der Pegel beim ersten Gebrauche einzustellen pflegt, so genügt eine kurze Gewährsfrist vollkommen. Der Verkäufer kann bei derselben ebenfalls beruhigt sein; denn wenn es auch möglich ist, einzelne Pferde selbst in dieser kurzen Zeit durch Misshandlung bei der Arbeit widersetzlich zu machen, so ist doch bei genauer und wiederholter Untersuchung, bei welcher die Pei-sonen, welche das zu untersuchende Thier misshandelt haben, fern gehalten werden müssen, eine derartige Widersetzlichkeit von einer bleibenden wahren Stätigkeit zu unterscheiden. (Gerlach.) Nach llöll ist die wahre Stätigkeit der Pferde sehr selten; derselbe war während 15 Jahren kaum zwei- oder dreimal in der Lage, die der Thierarzneischule in Wien zur Untersuchung auf Stätigkeit vorge­führten Pferde wirklich als stätig erklären zu können; die übrige nicht unbedeutende Anzahl der angeblich wegen dieses Fehlers vor­geführten Pferde erwies sich nur mit verschiedenen Untugenden behaftet, welche aus unpassender Behandlung, oder aus unvernünf­tigen Anforderungen hervorgegangen waren.
Pütz, Compondium der Thlerhellkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;21
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322nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krankheiten des Rückenmarkes und seiner Häute.
Aetiologie. Die Stiltigkeit kommt bei einzelnen Pferderaceu sehr selten, bei anderen häufig vor. Nach Gerlach ist sie bei allen Racen und Schlagen, die den Marschpferden angehören, sehr selten; so z. B. bei den dänischen, jütlandischen, holsteinischen, hollän­dischen und belgischen, bei den Purcherons und Ardenner Pferden, sowie bei allen diesen verwandten Schlilgen. Dagegen ist sie häufig bei den polnischen und preussisohen Pferden, die in wilden und halbwilden Gestüten gezogen werden. Unter Hengsten und Wallachen ist sie seltener, als bei Stuten. Eine angeborene, sowie eine durch das Geschlecht bedingte Anlage ist demnach kaum zu verkennen. Die Erziehung, resp. Behandlung der Thiere dürfte jedoch auch nicht ohne Einfluss sein. Inwiefern Krankheiten des Gehirns bei diesem Uebel eine Holle spielen, muss noch näher ermittelt werden.
Pathologische Anatomie. Durch die Section kann das Vor­handengewesensein der Stätigkeit. nicht nachgewiesen werden, weil charakteristische Erscheinungen an der Leiche fehlen.
Die Prognose ist bei wahrer Stätigkeit ganz ungünstig, da dieselbe während des weiteren Lebens fortbestehen bleibt. Dagegen können durch Misshandlung widersetzlich gewordene Pferde durch eine angemessene Behandlung im Laufe der Zeit ihre erworbene Untugend wieder ablegen.
Behandlung und Vorbeuge. Von einer arzneilichen oder diä­tetischen Behandlung der Stätigkeit kann keine Rede sein. Auch während des Anfalles leistet ein möglichst passives Verhalten am meisten. Man beschränkt sich deshalb am besten darauf, nur das zu thun, was etwa zur Verhütung von Unglücksfällen oder zur Be­seitigung der vorhandenen Aufregung nothwendig ist.
Junge Pferde müssen ihrem Temperamente und ihren Fähig­keiten gemäss vorsichtig und schonend behandelt werden, um den Eintritt der Stätigkeit zu verhüten. Aeltere und ruhige Pferde disponiren im Allgemeinen so wenig zur Stätigkeit, dass sie selbst durch Misshandlung nicht mehr stätig gemacht werden können.
II. Krankheiten des Bückentnarkes und seiner Häute.
Ausschliessliche, d. h. scharf abgegrenzte Erkrankungen einzel­ner Theile des Rückenmarkes, z. B. blos einzelner Häute, oder des Markes für sich allein, kommen ebenso wenig vor, als beim Gehirn und seinen Hallten. Die vorzugsweise Erkrankung irgend eines der zum Rückenmarke gehörigen Theile wird immer Störungen in den mit diesem Centralorgane durch Nerven in Verbindung stehenden Körpertheilen zur Folge haben. Diese Störungen sind sehr mannig­faltiger Art und können sich in zahlreicher Weise mit einander combiniren, so dass dadurch die verschiedensten Krankheitsbilder entstehen. Es ist keineswegs immer leicht, aus diesen richtige
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Hj-peiilmie, Entzündung etc. des Rückenmarkes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;323
Schlüsse auf die vorhandenen pathologischen Prozesse zu ziehen. Bei klinisch sehr verschiedenen Kraiikheits/.ustilndeu finden wir immchiiuil einen ziemlich genau übereinstimmenden Sectionsbeiünd, während andererseits wieder bei ähnlichen Krankheitserscheinungen verschiedene pathologisch-anatomische Befunde sich ergeben können. Die Grundlage der folgenden Darstellung werden die klinischen Erscheirmngen bilden.
Hyperämie, Entzündung und Hämorrliagie des Rückenmarkes und seiner Häute.
Die Krankheitsztistilnde des Rückenmarkes sind im Allgemeinen noch weniger genau studirt, als die des Gehirns, da Sectioneu jenes Nerven centrums in der thierärztlichen Praxis nur sehr selten ausgeführt werden. Die Darstellung dieser Krankheiten wird des­halb wegen der grossen Mangelhaftigkeit unseres Wissens sich vor­zugsweise an dem für die Praxis Verwerthbaren halten.
Hyperämie, Entzündung und Blutung des Rückenmarkes und seiner Häute bedingen bald Lähmungen, bald Starrkrampf oder starrkrampfähnliche Zustände verschiedener Muskel oder Muskel­gruppen. Da wir nicht im Stande sind, die klinischen Erscheinungen auseinanderzuhalten, welche jeden einzelnen dieser drei krankhaften Zustände des Rückenmarkes kennzeichnen, so sollen die wichtigsten Krankheitserscheinungen derselben nachstehend ohne scharfe Trennung besprochen werden. Die traumatischen Erkrankungen des Rücken­markes kommen jedoch hier nicht weiter in Betracht.
Diagnose. Auf das Vorhandensein einer Hyperämie des Rücken­markes wird geschlossen, wenn plötzlich Lälunungsersoheinungen, besonders im Bereiche des Hinterkörpers sich einstellen, wobei Fieber­symptome fehlen, oder vorhanden sein können. Gesellen sich keine auffallenden anderweitigen Organerkrankungen hinzu, so wird das Leiden mit einem vulgären Ausdrucke „Nervenschlagquot; genannt. Diese Bezeichnung ist nicht zu verwechseln mit der „Apoplexia ner-vosaquot;, deren klinische Erscheinungen mit dem Gehirnblutschlage übereinstimmen, während die Section keine bestimmten Ergebnisse liefert. Bei reiner Bückenmarkshyperämie sind Störungen des Bewusst-seins nicht vorhanden, während die Empfindung in den gelähmten Körpertheilen nicht selten in verschiedenen Graden alterirt ist.
Das Uebel befallt am häufigsten gut genährte Arbeitspferde, besonders nach einer kürzeren oder längeren Ruhe. Werden nach einer solchen die Thiere wieder angespannt, so stürzen sie eventuell plötzlich gelähmt nieder, oder es zeigen sich vorher einige Vor­boten. Nicht selten nämlich bemerkt man kurze Zeit vor dem Nieder­fallen , dass die betreffenden Pferde anfangen zu schwitzen und zu stolpern , meist mit der Nachhand schwanken oder in den Hinter-fesseln einknicken u. s. w. Sind die Patienten bereits zusammen­gebrochen, so gelingt es denselben zuweilen, sich mit oder ohne
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324nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hyperämie, Entzündung etc. des Rückenmarkes.
Hülfe nochmals vom Boden zu erheben, während sie in anderen Fällen trotz aller aufgewendeten eigenen und fremden Hülfe nicht wieder auf die Beine gebracht, rosp. auf denselben erhalten werden können. Die Thiere müssen deshalb, wenn sie ausserhulb des Stalles von dem Uebel befallen werden, wie dies häufig zu geschehen pflegt, in geeigneter Weise forttransportirt und an einem geeigneten Orte auf eine weiche gute Streu gebettet werden. Sie liegen dann zu­nächst gewöhnlich ruhig, wenn auch hülflos da, in der Regel mit vom Körper abgestreckten Gliedmaassen. Die Muskeln der Nachhand erscheinen hart und gespannt. Die Härte der Lenden- und Croupen-muskeln beginnt nach etwa 24 Stunden abzunehmen, während die Spannung der Muskulatur der hinteren Gliedmaassen meist noch zunimmt. Die Patienten werden in der Regel alsbald unruhig, schlagen mit den Beinen, wobei Koth, Darmgaso und Urin stoss-weise ausgepresst werden, während ein normaler Absatz dieser Ausscheidungen nicht stattfindet. Da der Sympathicus (durch die Rami communicantes) zum Rückenmarke in sehr naher Beziehung steht, so erklärt es sich leicht, dass von jenem innervirte Organe bei Rückenmarksaffectionon leicht in Mitleidenschaft gezogen werden. So z. B. ist die verminderte Thätigkeit des Darmes und eine Alte­ration der Nierenfunction leicht verständlich, da dieselben vom Sym­pathicus (und Vagus) innervirt werden. Wo diese Einflüsse bei der Rückenmarkshyperämie sich geltend machen, zeigt der Urin eine verschieden röthliche oder bräunliche Farbe, saure Reaction und ist oft stark eiweisshaltig. Derartige Fälle sind mit dem sehr un­passenden Namen „schwarze Harn windequot; bezeichnet worden. Mit zunehmender Unruhe steigern sich die Pulsfrequenz, das Athmen und die Hautausdünstung, während die allgemeine Körpertempera­tur zunächst nur wenig erhöht zu sein pflegt. Im späteren Verlaufe der Krankheit steigt das Fieber jedoch nicht selten bis 400 C. und darüber hinaus. Press- und Saui'lust sind anfangs gewöhnlich noi--mal, jedoch ist dadurch die Futteraufnahme sehr erschwert und beschränkt. Allmählig nimmt (bei Zunahme der Krankheit) die Fresslust ab, während die Sauf lust steigt. Die Lähmungserschei­nungen können aber auch weniger stürmisch auftreten und manch­mal zunächst gegen die Nierenafi'ection in verschiedenem Grade zurücktreten. Auch können Zufälle von Eingenommenheit des Kopfes, Lähmung oder tetanische Krämpfe verschiedener Muskeln der Vorhand oder des Kopfes, dummkollerälmlioho Erscheinungen etc. in den Vordergrund treten. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn der vordere Abschnitt des Rückenmarkes und das verlängerte Mark mit ergriffen sind. Aber auch noch andere Combiiuitionen können das Krankheitsbild mannigfach variiren. Ueber die sogen, „schwarze Harnwindequot; soll bei Besprechung der Nierenaffectioneu Weiteres mitgethoilt werden.
Der Ausgang dieses Leidens ist verschieden. Manchmal kehrt bereits innerhalb einiger Tage, oder erst später, vollkommene Ge­sundheit wieder, manchmal aber tritt früh oder spät der Tod ein
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Hyperämie, Entzündung etc. des Rückenmarkes.
und in noch anderen Füllen bleiben Lähmungen einer oder beider Hintergliedmaassen zurück. Im letzteren Falle gehen die Patienten fast ausnahmslos zu Grunde, namentlich dann, wenn sie nicht so viel Kraft in den Hinterbeinen besitzen, dass sie ah und zu eine Zeit lang auf dieselben sich stützen können. In diesem Falle ist es unmöglich oder doch unzulässig, die Thiere in den Unter­stützungsgurt zu bringen. Geschieht dies dennoch, so sterben sie in der Kegel noch schneller und sicherer, als wenn sie fortgesetzt auf der Streu am Boden liegen. Nur sehr selten lilsst der Tod wochen­lang in solchen Fällen auf sich warten, da derselbe in Folge der fortdauernden Unruhe und des Durchliegens meist früher eintritt.
Die Prognose ist deshalb sehr unsicher; dies um so mehr, als #9632;zuweilen scheinbar nur leicht erkrankte Thiere nachträglich schwerer erkranken und verenden, oder längere Zeit hindurch, wenn nicht für immer, im Hintertheile schwach, oder halbseitig stark gelähmt bleiben. Dagegen kann es auch passiren, dass unter schweren Er­scheinungen darniederliogende Thiere nach kürzerer oder längerer Zeit vollständig genesen. Im Allgemeinen jedoch richtet sich die Vorhersage nach dem Grade und der Schwere des Krankheitsfalles; sie ist am günstigsten, wenn die Patienten sich auf den Beinen zu erhalten vermögen und keine erheblichen Darm- oder Nieren-Er­scheinungen zeigen, vorbehaltlich der eben erwähnten nicht so ganz seltenen Ausnahmen von der Regel.
Aetiologie. Unsere Kenntnisse sind in Bezug auf die Ursachen dieses Leidens noch sehr mangelhaft. Die Erfahrung hat gelehrt, dass vorzugsweise gut genährte Pferde dann von dem Uebel be­fallen werden, wenn sie bei fortgesetzter kräftiger Fütterung kür­zere oder längere Zeit im Stalle gestanden haben und hier, oder was häufiger der Fall ist, beim erstmaligen Gebrauche nach der betreffenden Ruhezeit wieder zum Dienste verwende*quot; und hierbei einer Erkältungsgelegenheit ausgesetzt werden.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Sectionserscheinungen sind verschieden, je nachdem die Thiere innerhalb der ersten Tage nach Ausbruch der Krankheit, oder erst später gestorben sind. In letzterem Falle ist der Leichenbefund ein wenig constanter. Nur die regelmässigsten Befunde nach acutem Krankheitsverlaufe sollen nachstehend angegeben werden.
An der Körperoberfiäche finden sich in der Regel wunde Stellen an der äusseren Haut in verschiedenem Umfange, als Folge des anhaltenden Liegens und des häufigen Zappeins und Schiagens mit den Beinen. Der Ernährungszustand des Cadavers ist gewöhnlich ein guter. Nach Abnahme der äusseren Haut ge­wahrt man an verschiedenen Stellen der Seitenwandungen der Brust und des Bauches Sugillationen, auch wohl ausgebreitetere Extra-vasate an den hervorragendsten Körperpartien, un welchen die äussere Haut wund geworden war. Die Muskulatur der Nachhand,
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t52()nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hyperämie, Entzündung etc. delaquo; Rückenmarkes.
/um Theil auch der vorderen Extremitäten und der Brust, sowie auch des Zworclifelles ist stark abgeblasst, so dass sie von den nicht entfärbten KOrpernvuskeln sich auffallend untcrschoidct. Das Blut ist nieist sehr dunkel, wenig gerinnungsfähig, mit Kohlensäure überladen. Die Schleimhaut dos Darmcanales pflegt mit einer eiter-älniliohen Masse bedeckt, der Magen wenig gefüllt, dessen Schleim­haut in Folge des Eintrittes von (ialle (aus dem gelähmten Darme) gelb gefärbt zu sein , manchmal grössere Defecte (als Spuren der Selbstverdauung) zeigend. Die Leber ist geschwellt, blutreich, von blassgrauer Farbe an der Oberfläche; auf der Sclinittfläche /.eigt sie vielfach das Bild der sogenannten Muscatnusslebor. Die Harnblase ist gewöhnlich leer, die Nierenkapsel bald leicht, bald weniger leicht ablösbar, die Nierenoberfläche fleckig, das Parenohym weich und verschieden verfärbt. In den grossen serösen Höhlen findet sich manchmal ein röthliohes Transsudat, die Lungen .sind blut­reich, das Her/, welk und blass, das Endocardium roth imbibirt. Die Kückenmarkshäute sind stellenweise lebhaft geröthet und reich­lich von Serum bespült. In der Regel zeigen sich diese Erschei­nungen am auffallendsten im Dereiche der Lendenanscbvvellung des Rückenmarkes, aber auch nicht seilen im Bereiche des Ursprunges der Nerven des Armgellechtos. Eine erkennbare Veränderung in der Consistenz des Rückenmarkes selbst ist in der Regel nicht vor­handen. Erweichungsherde im Rückenmarks, eiterähnliches Exsu­dat in den Rüekenmarkshäuten, sowie Blutaustretungen in• diesen und im Rückenmarke scheinen seltener vorhanden zu sein.
Behandlung und Vorbeuge. Um eine Ableitung dos Blutes vom Rückenmarke zu vermitteln, kann ein ergiebiger Aderlass an­gezeigt sein. Man unterlasse nie, für eine energische Anregung der Darmthätigkeit zu sorgen und gebe zu diesem Zwecke Aloe mit Calomel, um ein öfteres Eingeben von Arzneimitteln dadurch zu vermeiden. Ein zeitweises Ausräumen des Mastdarmes durch Kly-stiere und mittelst der Hand ist zu empfehlen. Ist die Lähmung des Hintertheiles eine so unvollständige, dass die Patienten in die Höhe und in den Unterstützungsgurt gebracht werden können, so versäume man dies nicht. Ein längeres anhaltendes Liegen ertragen grosso Hausthiere, namentlich Pferde, im Allgemeinen schlecht. Leider sind aber die Patienten meist so schwach im Hintertheile, dass sie nicht in den Unterstützungsgurt gebracht werden dürfen. Man sorge für ein weiches und reinliches, gegen Zugluft geschütztos Lager und wende die Thiere Morgens und Abends von der einen auf die andere Seite um, wobei das Lager immer zu erneuern und in Ordnung zu bringen ist. Uewöhnliehes (ietreidestroh schneide man 1 oder 2inal durch, damit die Patienten in den langen Hal­men sich nicht mit den Beinen verwickeln. Es ist mehrfach em­pfohlen worden, auf die Lendengegend kalte Umschläge oder scharfe Einreibungen zu machen. Durch erstere wird nach meiner Meinung mehr geschadet, als genützt, da sie leicht neue Erkältungen verur-
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Chronische Kreuzlilhiue.
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Sachen, während .sie kaum jemals den Zweck erfüllen, die Hyperämie des Uüekenmarkes und seiner Häute ZU vermindern. Dies wird jedenfalls eher durch ableitende Einreibungen erzielt. Da dieselben indess die Unruhe der Patienten meist erheblich steigern, so wird dadurch ihr Nutzen sehr beeintrttohtigt, so lange jene auf der Streu liegen. Eine knappe Diät bei ausreichendem Getränke ist in den ersten 8 Tagen unerlässlieh; die Aufnahme von Nahrungsmitteln i,st so lange, als die Patienten liegen und nicht in normaler Weise mit untergeschlagenen Beinen den Kopf in die Höhe zu heben ver­mögen, sehr beeinträchtigt. Letzterer muss bei Aufnahme des Ge­tränkes vom Wartepersonal in die Höhe gehoben werden. Von dem Dnterstüt/ungsgurte mache man sobald als zulässig ist, in geeig­neter Weise Gebrauch. Die Patienten können denselben nur dann mit Vortheil benutzen, wenn sie im Stande sind, sich längere Zeit liindurch auf den Deinen zu erhalten und nur des Gurtes bedürfen, um abwechselnd die Hinter^liedmaassen auszuruhen. Zurückbleibende Lähmungen werden nach den Kegeln der Chirurgie durch Ableitungs-mittel, Eleotricität, Douohen, Nux vomioa und Strychnin behandelt. Sehr beachtenswerth sind folgende Vorsichtsmassregeln: Out genährte Arbeitspferde müssen an Feiertagen auf halbe Ration ge­setzt und bei gutem Wetter mindestens etwa l Stunde lang im Freien und im Schritte bewegt werden. Dieselbon sind vor Erkäl­tungen möglichst zu schützen und ganz besonders nach Ruhetagen vorsiohtisr zu behandeln.
Chronische Kreuzlahme.
Dieses Uebel entwickelt sich zuweilen bei Füllen bis zu einem gewissen Grade, bleibt- dann entweder auf dieser Höhe stehen, oder steigert sich in späterem Jahren, namentlich nach körperlichen An­strengungen. Secuhdär erscheint dasselbe bekanntlich im Gefolge der Staupe, Beschälseuche etc.
Diagnose. Die mit dieser Krankheit primär behafteten Thiere sind übrigens gesund und zeigen auch meist keine Atrophie der Mus­kulatur der Nachhand, obgleich letztere Schleppend und schwankend bewegt wird. In höheren Graden des Uebels werden die Hinterfüsse im ersten Momente der Bewegung mit der Zehe über den Boden geschleift, von Pferden dann sehr hoch gehoben und in ungeschickter Weise weit nach vorn geschleudert und tappig niedergesetzt; hier­bei schwankt der Hinterkörper bald mehr, bald weniger auffallend nach der betreffenden Seite. Je nach dem Grade der Schwäche im Kreuze ist die Brauchbarkeit des Thieres vermindert. Letzteres ist zu schnellen Gangarten nie geeignet und Pferde sind oft kaum zu leichter Feldarbeit brauchbar.
Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, da das Uebel in der Regel unheilbar, wenngleich nioh tödtuch ist.
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328nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erkrankungen peripherer Nerven.
Aetiologie und pathologisch-anatomischer Befund, Die Ur­sachen sind unbekannt und auch der Sectionsbefund kein con-stanter, oft ein negativer. Zuweilen sollen Atrophie des Lenden-theiles des Rückenmarkes, Exostosen der Wirbelkörper und noch seltener andere Neubildungen angetroffen werden.
Behandlung und Vorbeuge vermögen wenig oder gar nichts zu leisten. Will man einen Heilversuch machen, so sind ableitende Einreibungen, Haarseile, oder das Glüheisen etc. auf das Kreuz zu appliciren.
Die Erkrankungen der peripheren Nerven.
Diese Erkrankungen gehören zum Theil in das Gebiet der Chirurgie. An dieser Stelle sollen nur die Lähmungen einiger Nerven kurz besprochen werden.
Lälimnng des dreigetlieilten Nerven kommt selten vor.
Diagnose. Bei derselben ist die Empfindung und Beweglichkeit der Unterlippe und der Kaumuskel der betreffenden Seite gestört oder ganz aufgehoben. Auch der Augapfel und die Schleimhäute der correspondirenden Kopfhälfte sind gegen Reize ganz unempfindlich, aber hyperämisch. Die Hornhaut (Cornea) erweicht, wenn sie nicht durch einen Verband geschützt wird. Die Futteraufnahme ist er­schwert, auf der gelähmten Seite fliesst Speichel ab und zwischen die Backen und Zähne setzen sich Euttermassen fest.
Die Prognose ist ungünstig; der Sectionsbefund wenig bekannt. Roll fand in einem Falle Degeneration an den Wurzeln des Nerven und Meningitis basilaris.
Für Behandlung und Vorbeuge kenne ich keine bestimmten Indicationen. Zu versuchen wären Ableitungsmittel.
Lähmung eines der beiden Augcslclitsnerveu ist bei Pferden
nicht ganz selten.
Diagnose. Bei derselben ist das Gesicht nach der gesunden Seite hin verzogen. Da auch der Kreismuskel des Auges mit ge­lähmt ist, so kann das betreffende Auge nicht ganz geschlossen werden. Auch hier wird ein Theil des Futters beim Kauen zwischen die Backen und Zähne der gelähmten Seite geschoben.
Die Prognose ist günstiger, da Heilung nicht selten einzutreten scheint, falls das Leiden keine Theilerscheinung eines anderen un­heilbaren Krankheitszustandes ist.
Die Ursachen sind meist unbekannt und für Behandlung und Vorbeuge keine bestimmten Indicationen vorhanden.
LHIimiing eines der beiden znrticklaufendcn Nerven verursacht Rohren. Diesen Zustand werden wir beim Kehlkopfspfeifen näher v.w besprechen haben.
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Starrkrampf.
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Starrkrampf.
Krankheitsursache. Ueber die Ursachen des Starrkrampfes weiss man bis jetzt wenig. Man hat die verschiedensten Dinge als ursächliche Momente beschuldigt; ungünstige Witterungseinflüsse, namentlich schwüle Gewittertemperatur oder auch feuchtkalte Wit­terung, Erkilltung durch Zugluft, fehlerhafte Wundbehandlung, so­wie viele andere Dinge werden als Entstehungsursachen des Starr­krampfes angegeben, ohne dass irgend ein bestimmter üausalnexus zwischen den angeführten Verhiiltnissen und dem Starrkrämpfe nachgewiesen worden kann.
Die Statistik des Starrkrampfes ist für die Aetiologie von be­sonderem Interesse. Nach Hering fallen von G4 Todesfallen durch Starrkrampf auf den Januar 4, Februar 9, März 9, April 7, Mai 6, Juni 8, Juli 0 , August 2, September 3, Oktober 2, November 4, December 4. Demnach treffen weitaus die meisten Fälle zwischen den Spätwinter und den Frühsommer, nämlich 45, während auf die Monate August bis incl. Januar nur 19 Fälle und von diesen je 4 in Summa 12 auf die Monate November, December und Januar kommen. Die wenigsten Fälle fallen in die Monate August, Sep­tember und Oktober, was zu der Annahme, dass schwüle Gewitter­luft (August) oder feuchtkalte Witterung, Erkältungen als Erreger des Starrkrampfes anzusehen sind, nicht recht stimmt. Beide letzt­genannten Monate gehören zu den unangenehmsten des Jahres und liefern zu katarrhalischen Erkrankungen im Allgemeinen ein an­sehnliches, hingegen zu Starrkrampferkrankungen relativ ein ge­ringes Contingent. Dass Verletzungen eine Gelegenheitsursache bilden können, welche das Entstehen des Starrkrampfes begünstigt, ist unverkennbar.
Der Wundstarrkrampf soll am häufigsten mit Quetsch- und llisswunden, besonders nervenreicher Körpertheile, namentlich dann, wenn grössere Nerven gequetscht, oder zerrissen, oder wenn fremde Körper stecken geblieben sind, vorkommen; so z. B. soll derselbe nach Castrationen, wo der ganze Samenstrang unterbunden oder abgedreht wird, häufiger als nach anderen Castrationsmethoden, und zwar verhältnissmässig häufig bei Schafen auftreten. Aber nicht nur nach bedeutenden Verletzungen, sondern auch nach ganz un­erheblichen Wunden kann derselbe entstehen, wie dies ein von Hering mitgetheilter Fall beweist, demgemäss ein Pferd nach einer leichten Hautverletzung mittelst einer Reitpeitsche in Starrkrampf verfiel. — Ich sah vor etwa 25 Jahren bei einem Pferde während der anscheinend ganz normal verlaufenden Heilung einer Schälwunde auf der rechten Seite der Kruppe, bei welcher die äussere Haut als ein dreieckiger Lappen mit breiter Brücke in der ungefähren Länge von 5—(i cm von der Muskulatur, ohne besondere Verletzung dieser, losgelöst war, nach etwa 14 Tagen Tetanus eintreten und letal enden. Ueberhaupt scheint gerade zur Zeit der Granulatlonsbildung der Wundstarrkrampf am häufigsten sich einzustellen. Die Wahr-
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330nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Starrkrampf.
nehmungeii Waldingers und Herings, mit denen meine eigenen weniger zahlreichen, sowie die anderer Beobachter übereinstimmen, lehren, dass der Starrkrampf in gewissen Zeitperioden häufiger . in anderen seltener vorkommt, so dass man dadurch zu der Annahme eines ausserhalb des thierisohen Organismus gelegenen, his Jetzt noch ganz unbekannten Factors gedrängt wird.
Diagnose. Zunächst machen sich Stiirungen in dem Gebrauche einzelner Muskelgruppen des Thierkörpers bemerkbar, die in kurzer
Zeit in eine andauernde Contraction und Spannung der betroffenen Muskeln übergeht. Dieser ivrampfzustand beschränkt sich manch­mal auf die EQefermuskeln allein und wird dann ..Kinnbackenkrampf oder Trisnmsquot; genannt, während man ein gleichzeitiges Ergriffensein noch anderer, oder gar aller Körpermuskeln „allgemeinen Starr­krampf oder Totanus universalisquot; nennt.
Trismus sowohl, als auch Tetanus können bei unverwundeten oder bei verwundeten Thieren auftreten; im ersteren Falle wird der Zustand als, idiopathischerquot;, im letzteren Falle als „Wund-Starrkranipf (Trismus resp. Tetanus idiopathicus s. traumaticus) bezeichnet. Diese Krankheitszustände kommen unter den grossen Hansthieren. am häufigsten bei Pferden vor. Die ersten Anfänge der Krankheit werden oft übersehen, oder selbst von erfahrenen l'ferdebesitzern unrichtig beurtheilt, so dass die Patienten trotz des in der Entwicklung be-griffenen Starrkrampfes manchmal noch mehrere Tage hindurch ge­braucht werden. Derselbe beginnt gewöhnlich an einer bestimmten Körperstelle des Vorder- oder Hintertheiles und verbreitet sich von da allmählig weiter. Geht er vom Kopfe aus, so stellen sich bald Kaubeschwerden ein, die Nasenlöcher werden aufgerissen etc.; es entwickelt sich alsbald das vollständige Bild des „Kinnbackenkrampfes oder Trismusquot;, der von den Laien in der Hegel frühzeitiger erkannt wird, als der vom Hintertheile ausgehende Starrkrampf. Es kann dieser Krankheitsznstand im Verlaufe einiger Tage über alle will­kürlichen Körpermuskeln sich verbreuten und so der Trismus in den Tetanus übergehen. — Beginnt der Krampf am Hintertheile, so fällt zunächst der gespannte steife Gang auf, wobei der Schweif in der Regel gerade nach hinten ausgestreckt wird. Diese Erschei­nungen führen den Sachverständigen sofort auf die Diagnose des beginnenden Starrkrampfes. Derselbe pflegt nach vorne fortsohrei-tend . bereits in den nächstfolgenden Tagen über die meisten oder sämmtliche willkürlichen Muskeln sich auszubreiten. Am auffäl­ligsten treten die Muskelcontractionen meist am Halse, an den Gliedmaassen und am Schweife hervor. Die gespreizte Stellung der Gliedmaassen, der steif gespanntlaquo;! Gang, der steil gestellte Hals und Kopf, ähnlich wie beim Hirsche, der höher getragene und steif nach hinten, selten nach einer Seite hingezogene Schweif geben dem Thiere ein sägebockähnliches Ansehen.
I$ei näherer Untersuchung zeigt auch der lilinzknorpel des Auges eine auffällige Trägheit in seinen Bewegungen, so dass der-
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Starrkrampf.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;331
sellje, wenn man an Starrkrampf leidenden Pferden den Kopf schnell in die Höhe stösst, über die Cornea sich weit hervorseliiebtquot; und nur langsam wieder in seine frühere Lage zurückkehrt. Im Inter­esse der leidenden Tliiere sei hier darauf aufmerksam gemacht, dass stärkere Stösse unter den Unterkiefer starrkrampfkranke Pferde so sehr nlteriron können, dass sie plötzlich niederstürzen, was um so vorsorglicher vermieden werden muss, als die Patienten in der Eegol trotz aller Anstrengung nicht im Stande sind, allein wieder auf die Beine zu kommen. Der Kopf ist bei vollkommen ausgebil­detem Starrkrampf mehr oder weniger gehoben, ähnlich dem Hirsch­halse, weshalb die Krankheit auch wohl den Namen „llirschkrank-heitquot; erhalten hat; nur selten ist der Hals nach der einen oder anderen Seite eingebogen. Die Patienten vermeiden möglichst jode Bewegung, und wenn sie zu solchen gezwungen werden, so erfolgen dieselben stets unbeholfen, steif und unsicher. Freiwillig legen sich an allgemeinem Starrkrampf leidende Pferde nicht nieder, können aber durch unvorsichtiges Führen und Umdrehen leicht zum Nieder­stürzen gebracht werden, oder sie brechen auch wohl, in späteren Stadien der Krankheit, aus Mattigkeit zusammen. Beim Trismus sind der Ober- und Unterkiefer oft so fest aneinander gezogen, dass es unmöglich ist, das Maul zu öffnen; allenfalls gelingt es bei ge­ringeren Graden des Krampfes in den Kaumuskeln, die Kiefer bis zu etlichen Oentimetern auseinander zu bringen. Aus dem Maule hängen Schleim und Speichel in langen Fäden herunter; auch die Zungenmuskeln sind beim Trismus meist vom Krämpfe ergriffen | wo dann die Zunge sich hart und fest anfühlt; zuweilen ist die­selbe zwischen den Zähnen eingeklemmt. Die Nüstern sind häutig weit aufgesperrt und wenig beweglich; die Respiration ist anfangs in der llogel ruhig; erst mit Zunahme des Kranipfzustandes und mit Ausbreitung desselben über die Respirationsmuskeln steigt die Frequenz dos Athmens allmählig bis auf HO und mehr Züge in der Minute. Die Pulsfrequenz ist merkwürdigerweise selbst in den spä­teren Stadien der Krankheit nur wenig gesteigert, während die Temperatur auf 40 bis 420 in die Höhe geht; die Spannung und Kleinheit des Pulses steht mit dem vorhandenen Krampfzustande in Einklang. Hunger und Durst sind gewöhnlich vorhanden, können indoss bei Trismus einestheils wegen der Unmöglichkeit zu kauen, andemtheils auch häutig wegen erheblicher Schlingbesehwerden (in Folge Kranipfzustandes der Schlund- und Schlundkopf-Musknlatur) nicht ausreichend gestillt werden. Es scheint den Patienten stets sichtlich wohl zu thun, wenn sie das Maul häutig in frischem, reinem Wasser spülen können.
An Starrkrampf leidende Thiere sind sehr reizbar und ängst­lich; grelles Licht, jeder Lärm, namentlich plötzlich in ihrer Nähe entstellende Geräusche u. S. w. regen sie stets in hohem Grade auf. Koth- und Urin-Entleerungen erfolgen seltener.
Obgleich der Krampf an und für sich immer ein tonischer ist, so treten dennoch in manchen Fällen deutlich erkennbare Uemis-
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332nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Starrkrampf.
sionen ein, während deron die Thiere sieh merklich erleichtert fühlen. Man darf sich durch dieselben ja nicht zu eiteln Hoffnungen ver­leiten lassen. — Glücklicherweise ist der Starrkrampf eine verhällt-nissmilssig seltene Krankheit.
Nach Herings Angabc kamen auf .'300—400 Pferde der stationären Klinik in Stuttgart jährlich 1 bis 2 Starrkraniijffälle. Innerhalb der 47 Jahre, auf welche die Mittheilungen Herings sich beziehen, lagen Pausen von 2 bis li Jahren, in denen kein Fall von Tetanus mit leta­lem Ausgange notirt ist, obgleicli die meisten Fälle mit dem Tode geendet haben. Während der 13jährigen Führung der Verlustlisten der Dienstpferde des württembergischen Truppencorps durch Hering, gingen 11 Pferde an Starrkrampf, darunter 6 an Wundstarrkrampf zu Grunde. Die (Josammtzahl der präsenten Dienstpferde mag in der angegebenen Zeit 31,000 und 82,000 betragen haben; somit kommt auf 8000 Pferde ein Todesfall durch Starrkrampf.
Was den Wundstarrkrampf anbelangt, so tritt derselbe in der Kegel immer erst einige Tage bis mehrere Wochen nach der statt­gehabten Verletzung ein, ja manchmal sogar noch zu einer Zeit, wo man jede Gefahr bereits für gänzlich beseitigt hielt. Es ist dies um so fataler, als der Ausgang des Tetanus, wie bereits erwähnt, gewöhnlich ein tödtlicher ist, den selbst die ximsichtigste und sorgfältigste Behandlung oft nicht abzuhalten vermag.
Verlauf und Prognose. Der Tod kann unter schneller Stei­gerung der Kranklieitserscheinungen, besonders der Athemnoth, in Folge von Kohlensäurevergiftung durch Betention derselben im Blute, bereits nach einigen Tagen eintreten; in der Regel erfolgt derselbe indess erst nach ti bis 10 Tagen und nicht selten erst nach 2 bis 8, oder gar erst nach 4 Wochen. Die Krankheit zieht sich am gewöhnlichsten dann in die Länge, wenn die Eespirationsmuskel weniger mitergriffen sind, weil dann der Tod erst nach allgemeiner Erschöpfung der Körperkräfte zu erfolgen pflegt. Wo die Krankheit sich über 8 Wochen hinauszieht und wo Trismus fehlt, oder nur in so geringem Grade vorhanden ist, dass die Futter aufnähme nicht allzusehr behindert wird, da darf man schon eher auf einen gün­stigen Ausgang hoffen. In den (namentlich bei Wundstarrkrampf) seltenen Fällen, wo diese Hoffnung sich verwirklicht, nimmt die Reconvalescenz längere Zeit in Anspruch, so dass dieselbe nicht selten zwei und mehr Monate verlangt; während dieser Zeit können bei sorgloser Pflege etc. jederzeit Recidive und in Folge deren der Tod sich einstellen.
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass die Prognose heim Starrkrämpfe, ganz besonders aber beim Wundstarrkrämpfe, eine sehr ungünstige ist. Erst wenn die Krankheit zwei bis drei Wochen bestanden bat und bereits eine stete Abnahme des Krampfzustandes sich zeigt, darf man bei fortgesetzter Sorgfalt in der diätetischen Haltung und Pflege des Patienten Wiedergenesung mit einiger Wahl'SOneinliohkeit in Aussicht stellen. Etwa 10 0/o werden im
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Starrkrampf.
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Allgemeinen genesen. Vogel gibt den Verlust der, an den beiden Starrkrampfformen in der Stuttgarter Klinik, wührend 25 Jahren gestorbenen Thiere auf 72 quot;/0 der Starrkrampferkrankungen an. (Siehe Rueff, Die Köngl. Württemb. Thierarzneischule zu Stuttgart nach ihrem 50jährigen Bestehen, Stuttgart 1871, S. G9.) Demnach wären 28quot;/o genesen, was jedenfalls ein ausnahmsweise günstiges Vorhältniss sein dürfte. Verbreitet sich der Krampfzustand schnell über den ganzen Körper, wird die Respiration sehr beschleunigt, oder tritt sogar eine Lungenentzündung zum Starrkrämpfe hinzu, oder stellt reichlicher Schweiss sich ein, steigert sich die Temperatur beträcht­lich , so ist die Prognose erst recht ungünstig. Tm Allgemeinen sollen mehr Patienten in schlechtem, als in gutem Ernährungszustände vom Starrkrämpfe genesen.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die constantesten Soctions-erscheinungen an Starrkrampf verendeter Thiere, die sich auf diesen Zustand beziehen, sind folgende:
Die Muskeln haben ihre natürliche rothe Farbe und ihre Resi­stenz verloren, sie sind mürb und erscheinen gekochtem Fleische annähernd ähnlich. Das Blut ist in der Regel gar nicht, oder nur locker geronnen; die Lungen sind meist stark hyperärnisch oder ödematös, an ihren Spitzen häufig hepatisirt. Die Harnblase ist immer mit einem sedimentreichen Harne angefüllt, bedeutend aus­gedehnt ; ihre Schleimhaut zeigt die Erscheinungen eines katarrha­lischen Zustandes, sowie Blutoxtravasate an verschiedenen Stellen und in verschiedenem Umfange. Weniger constant sind diejenigen Erscheinungen, welche vielfach als charakteristische oder wesentliche angesehen worden sind und die sich vorzugsweise auf die Nerven-centren, namentlich auf das Rückenmark beziehen. Zuweilen werden zwar Hyperämie und Oedem der Häute des Rückenmarkes und des Gehirns, oder dieser Nervencontren selbst, angetroffen, häufig jedoch fehlen dieselben, Ein negativer Befund im Rüokenmarkn und in dessen Umhüllungen ist sogar etwas ganz Gewöhnliches. Es steht dies jedoch der Annahme keineswegs entgegen, dass der Starrkrampf als die Folge einer vom Rückenraarke ausgehenden krankhaften Er­regung der motorischen Nerven zu betrachten sei. Diejenigen Ver­änderungen in den Nervencentren, durch welche Bowegungsiinpulse gegeben werden, entziehen sich ja, bis jetzt wenigstens, überhaupt unserer Wahrnehmung. Es ist auch kaum denkbar, dass solche Impulse noch vom Rückenrnarko ausgehen könnten, wenn dieses erheblich degenerirt, oder wenn seine activen Elemente wesentlich verändert oder gar zerstört wären. Auch sind Blutextravasate in Muskeln und Norvenscheiden nicht selten, und als capillare Blutungen in Folge der heftigen Muskelcontractionen leicht zu erklären. Ebenso ist auch die Injection der Nervensoheiden, die Schwellung oder Er­weichung der Nervenbündel der von dem verwundeten Theile ab­gehenden Nerven, wo solche angetroffen werden, leicht als consecu-tiver Zustand zu deuten.
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3;:J.|nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Starrkrampf,
Behandlung und Vorbeuge. Für die rationelle Behandlung des Starrkrampfes lassen sich bis jetzt keine bestimmten medicinischen Indioationen aufstellen, da wir zur Zeit noch keine greifbaren patho-logisoh-anatomischen Anhaltspunkte besitzen. Man hat einen Reiz-zustand der Norvencentren, besonders des Rückenmarkes angenommen, indess durch die Sectionen noch keineswegs als das eigentlich Wesent­liche nachweisen können. Die Therapie kann sich deshalb fast aus-schliesslich nur auf die bisherigen klinischen Erfahrungen stützen, obgleich die Resultate dieser im Ganzen leider wenig befriedigende sind. Die Behandlung ist fast ausschliesslich auf die Fernhaltung bestimmter schildlicher Einwirkungen beschränkt.
Znniicbst also müssen die Patienten gegen alle ilusseren schäd­lichen Einflüsse möglich geschützt werden. Vor allen Dingen bringe man dieselben in einem dunkeln, trockenen, massig warmen Stalle unter, der wo möglich so gelegen ist, dass in seiner Nähe wenig Verkehr herrscht, damit der Patient wenig oder gar nicht beunruhigt wird. Das Streustroh darf nie so lang sein, dass Patient sich in demselben verwickeln kann und dadurch zum Niederstürzen gebracht werde; selbiges muss also geschnitten werden. An die Krippe lasse man ein Gefäss mit reinem Wasser, welches immer frisch bleiben, also öfters erneuert werden muss, so anbinden, dass es dem Patienten ohne Mühe möglich wird, sich öfter das Maul auszuspülen ; nöthigen-falls muss der Wärter bei jedem Besuche dem kranken Thiere das Wasser unmittelbar vor das Maul halten, um demselben zur leichteren Wasseraufnahme Gelegenheit zu bieten. Als Putter reiche man Mehl-und Kleien-Geschhipp, Heu und Grünfutter, je nach Umstünden. Im Ferneren gilt dann als allgemeines Gesetz, dass es um so besser ist, je weniger man die Patienten beunruhigt. Man gehe also nicht öfter zu ihnen, als zu ihrer Pflege erforderlich ist und verkehre sehr ruhig und sanft mit ihnen. Jedes Gerilusch und jede Belästigung durch fremde Personen oder Thiere halte man so gut wie irgend möglich von ihnen fern. Die Erfüllung dieser Forderungen ist schon aus reinen Humanitiltsrücksichten geboten, damit den armen Thieren ihr ohnedies schweres Leiden nicht unnöthigerweise noch unerträg­licher gemacht werde.
Gegenwärtig ist man darüber wohl ziemlich allgemein einig, dass der Wiedergenesung solcher Patienten nichts förderlicher ist, als eine passende Diät und möglichste Ruhe; die früher empfohlenen Anästhetica haben sich in der Praxis als nutzlos erwiesen.
Von der innerlichen Anwendung arzneilicher Mittel muss man ganz absehen, da die bestehenden Schlingbeschwerden leicht Veran­lassung werden , dass die betreffenden Stoffe von der Rachenhöhle aus zum Theil in die Luftröhre eindringen. Diese Annahme erscheint nicht nur a priori als sehr leicht möglich , sondern ist auch durch Hering thatsächlich näher begründet worden. Derselbe fand bei der Section an Starrkrampf verendeter Pferde häufig ein Lungenleiden, welches auf einen traumatischen Ursprung hinwies. Dies gilt na­mentlich für die Jahre 1823 bis 1889, wo man glaubte, den Starr-
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Traberkrankheit der Schafe und 7Aequot;or\.
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krampfpatienteu Mehlwasser nicht nur vorsetzen, sondern mit der Spritze in das krampfhaft geschlossene Maul injioiren oder gar ein­schütten zu müssen, War das Maul nicht ganz, verschlossen , so gab man Latwergen etc. Nachdem man dies Verfahren später als gefährlich erkannt und verlassen hatte, wurde die Lungen Verjauchung seltener mehr beobachtet. Hering sah bei einem in der Keconvalescen/, befindlichen Starrkrampfkranken plötzlich ErstickungszuMle während des Fressens eintreten. Die sofort vorgenommene Tracbeotomie rettete das werthvolle Thier. indem ein in den Kehlkopf einge­drungener Bissen Heu entfernt wurde.
In Bezug auf den Starrkrampf der übrigen Species unserer Hausthiere ist zu bemerken, class derselbe bei liindvieh in der Regel langsamer als bei Pferden sich entwickelt, so dass gegen 14 Tage vergehen können, ehe bei Trismus das Maul ganz verschlossen ist. Es stellt sich nicht selten Trommelsucht ein, gegen welche der Pansenstich indicirt ist. — Bei Ziegen und Schafen entsteht der Starrkrampf am häufigsten bei männlichen Individuen und zwar nach der Castration, besonders in solchen Zeiten, welche sich durch ein öfteres Vorkommen des Starrkrampfes im Allgemeinen auszeichnen.
Die Traberkrankheit der Schafe und Ziegen, auch Gnubber- oder Wetzkrankheit genannt.
Dieselbe ist eine bei Schafen, seltener bei Ziegen vorkommende Krankheit, welche sich durch Schreckhaftigkeit, Aengstlichkeit und gesteigerte lleizempfänglichkeit der Rückenmarksnerven zu erkennen gibt und nach langwierigem Verlaufe einen allmählig zunehmenden Schwächezustand, Lähmung des Hintertheils und schliesslich den Tod zur Folge hat.
Diagnose. Die Krankheit bildet sich langsam aus und bietet anfangs nur geringe, erst bei genauerer Beobachtung auffallende Symptome. Der Blick der kranken Thiere ist dumm, stier, die Ohren hängen schlaff herunter und machen zitternde Bewegungen; die Patienten sind scheu und schreckhaft, so dass die Krankheit deshalb auch als „Schruckigseinquot; bezeichnet wird. Diese Erschei­nung fällt namentlich dann auf. wenn die Thiere eingefangen werden sollen; beim Ergreifen und Festhalten zittern die Ohren und Ge­sichtsmuskeln; der Kopf wird zurückgebogen. Hebt man ein krankes Thier in die Höhe und lässt es niederfallen, so knickt es in die Gliedrnaassen ein. Nach ein bis zwei Monaten ist die Schwäche des Hintertheils auffallender, der Gang schwankend, steif geworden ; die Patienten bewegen sich mit weit auseinander gesetzten Hinterfüssen, mit schnellen, kurzen, trippelnden Schritten, „trabartigquot;, weshalb sie „Traberquot; genannt werden. Das Galoppiren und Springen ist ihnen nunmehr unmöglich. Allmählig nimmt die Steifigkeit in den Hintergliedmaassen zu und verbreitet sich auf die Vordergliedmaassen ;
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330nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Traberkrankheit der Schafe und Ziegen.
die Kranken bleiben hinter der Heerde zurück, stürzen ab und zu nieder und können sich nur mit Mühe wieder erheben.
In den meisten Fällen stellt sich Hautjucken ein, welches an der Schweifwurzel beginnt, dann über das Kreuz, die Lenden und den Rücken sich verbreitet. Man erkennt dasselbe leicht an dem fast unausgesetzten Reiben und Benagen der betreifenden Stellen; wegen dieses Symptoms wird die Krankheit auch wohl „Gnubber-oder Wetzkrankheitquot; genannt. Die Wolle wird spröde, theils abge­rieben oder mit den Zähnen ausgerissen. In Folge dessen wird die Haut blutrünstig und verdickt sich; sie ist häufig mit Krusten ver­trockneten Blutes oder Exsudates bedeckt. Unter Zunahme der Schreckhaftigkeit und Lähmungserscheinungen wird das Blöken heiser, die Fresslust geringer, die Ernährung mangelhaft, so dass die Thiere ein kachektisches Ansehen bekommen; die. sichtbaren Schleimhäute sind blass und aus Maul und Nase fliesst ein übel­riechender Schleim. Die Kranken vermögen bei völlig entwickelter Krankheit sich kaum mehr fortzubewegen und gehen schliesslich nach einer mehrrnonatlichen Krankheitsdauer an Abzehrung und Erschöpfung zu Grunde.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei Untersuchung der an Traberkrankheit verendeten oder getödteten Thiere findet man in fortgeschrittenen Stadien des Uebels stets die Erscheinungen der Kachexie: das Muskelfieisch ist bleich, das Blut dünnflüssig und blassroth; in den grossen Leibeshöhlen sind zuweilen wässerige Er-giessungen vorhanden. In der ilus.seren Haut findet man zu keiner Zeit Veränderungen, welche als Ursache des während des Lebens vorhanden gewesenen Juckreizes angesehen werden können; dagegen finden sich in solchen Fällen, wo die Thiere sich lange und stark gerieben haben, nicht selten an den entsprechenden Stellen im Unter­hautbindegewebe höhnen- bis hühnereigrosse bindegewebige Neu­bildungen.
An den vegetativen Organen zeigen sich keine zur Krankheit in Beziehung stehende Veränderungen, während an den Nerven-centren, namentlich am Rückenmarke und an seinen Hüllen, in der Regel mehr oder weniger auffallende Voränderungen angetroffen werden. Zuweilen ist die weiche Rücknmnarkshaut ungewöhnlich stark injioirt und die Rückenmarksflüssigkeit vermehrt, das Rücken­mark stark durchfeuchtet, weich, blutarm, ödematös, selten härter als normal.
Nach Fürstenberg soll eine Neubildung von grauer Substanz im Rückenmarke während der Traberkrankheit stattfinden, was für eine Anzahl Fälle richtig sein mag, keineswegs aber für alle. An­dere wollen eine Atrophie des Rückenmarkes gefunden haben. In vielen Fällen sollen sich im Rückenmarke keine bestimmten Ver­änderungen constatiren lassen. Noch weniger constant sind die zu­weilen im Gehirn traberkranker Thiere angetroffenen Sectionserschei-nungen, so dass von einer Constanz derselben in irgend einem
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Traberkrankheit der Schafe und Ziegen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;337
Organe bis jetzt ebenso wenig, wie bei Wuth oder einer anderen Neurose gesprochen werden kann. Bruekmüller fand in verschie­denen Füllen der Traberkrankheit eine gallertige Infiltration des die Nervenursprünge begleitenden Bindegewebes in der Lendenpartie des Rückenmarks.
Nach den regelmilssigsten und wesentlichsten Sectionserschei­nungen zu urtheilen, scheint der Sitz der Traherkrankheit vorzugs­weise, wenn nicht ausschliesslich, im Rückenmarke zu liegen, wäh­rend die Krankheitserscheinungen, namentlich in den ersten Anfängen der Krankheit, auf eine Gehirnreizung schliessen lassen (der verstörte Blick, die Schreckhaftigkeit und Aengstlichkeit, das Zittern der Ohren und der Gesichtsmuskeln).
Aetiologie. Ueber das Wesen und die Ursache der Traber­krankheit besitzen wir bis jetzt nur sehr mangelhafte Kenntnisse, und leider sind die zur Zeit constatirbaren Sectionserscheinungen nicht geeignet, unser Wissen in fraglichen Dingen wesentlich zu erweitern.
Die Traberkrankheit war bereits um die Mitte des 18. Jahr­hunderts in Deutschland genauer beobachtet, wie aus einer guten Beschreibung derselben durch J. G. Leopold aus dem Jahre 1759 hervorgeht. Die Merinos wurden erst im Jahre 1705 durch Kur­fürst August von Sachsen in Deutschland eingeführt. Wenngleich demnach die Behauptung, dass dieselbe erst durch spanische Schafe bei uns eingeschleppt worden sei, vollständig in der Luft schwebt, so steht doch fest, dass sie bei Merinos unverhältnissmässig häufiger beobachtet wurde, als bei den unveredelten Schafen, aber auch bei diesen nach Einführung jener in unseren Zuchten öfter vorgekom­men ist, als früher. Nach zahlreichen Beobachtungen sind unter den Merinos die zarten Electoralschafe für die Krankheit mehr em­pfänglich, als die Negrettischafe; ja es ist die Krankheit in Elec-toralheerden durch Kreuzung mit Negrettischafen zuweilen getilgt worden. Dessenungeachtet aber besitzen die Nachkommen von Negrettischafen keineswegs eine Immunität für fragliche Krankheit; ebensowenig aber die Nachkommen der Southdown-Böcke. Denn auch bei englischen Schafen und ihren Nachkömmlingen ist in neuerer Zeit die Traberkrankheit wiederholt beobachtet worden (Boloff).
Die Traberkrankheit ist nicht ansteckend, da dieselbe weder durch längeres Beisammensein von gesunden und kranken Schafen von diesen auf jene, noch durch Einimpfen von Nasenschleim oder Blutserum übertragen werden konnte. — Eine Erblichkeit der An­lage kann hingegen nach allen seitherigen Erfahrungen über frag­liche Krankheit kaum bezweifelt werden, wenngleich keineswegs alle Nachkommen traberkranker Eltern von der Traberkrankheit befallen werden, selbst wenn sie unter Verhältnissen leben, welche bei anderen Individuen das Leiden hervorrufen. Ebenso liegen Be­obachtungen (von Timer) vor, nach welchen Böcke in einer Localität (Frankenfelde) Traber zeugten, wilhrend sie nach ihrer Dislocirung
Pütz, Oompendlutn der Tliierhoilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 22
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338nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Traberkrankheit der Schafe und Ziegen.
gesunde Nachkommen lieferten. Diese und viele andere Thatsachen sprechen deutlich genug dafür, dass nicht von einer absoluten Erblich­keit der Traberkrankheit, sondern nur von der Vererbung einer grös-seren oder geringeren Anlage für dieselbe gesprochen werden darf.
Nach Allem, was über die Ernährung der Heerden, in welchen die Traberkrankheit herrschte, bis jetzt bekannt geworden ist, lUsst sich nicht sicher entscheiden, ob dieselbe unter Umständen einen nenneiiswerthen Einfluss auf die Entwicklung der Krankheit ausübt oder nicht; ebensowenig hat in der Bodenbeschaffenheit bis jetzt eine bestimmte Eigenschaft festgestellt werden können, welche der Entstehung fraglicher Krankheit besonders günstig ist. Von der einen Seite hat man reichliche, von der anderen dürftige Ernährung, bald nasse Weiden etc. beschuldigt, nie aber einen bestimmten Einfluss der beschuldigten Dinge auf die Entwicklung der Traber­krankheit nachweisen können.
Nach verschiedenen Beobachtungen scheint die Vererbung und Entstehung der Traberkrankheit durch zu frühe oder zu häufige Zuchtverwendung begünstigt zu werden. Die Krankheit kommt aber auch in Schäfereien vor und herrscht manchmal sogar anhal­tend in solchen, in denen die Zuchtthiere verhältnissmässig spät und keineswegs im Uebermasse für das Portpflanzungsgeschäft verwendet werden.
Die Traberkrankheit verschwindet manchmal vollständig, wenn die von ihr heimgesuchte Heerde in andere Stallungen etc. ver­setzt wird.
lioloif glaubt die Ursache der Traberkrankheit häufig auf Bremsenlarven zurückführen zu können. Wenn auch Bremsenlarven zuweilen der Traberkrankheit mehr oder weniger ähnliche Erschei­nungen zu verursachen im Stande sein mögen, so bedarf es dessen­ungeachtet doch kaum einer weiteren Auseinandersetzung darüber, dass die Traberkrankheit und die Schleuderkrankheit wesentlich ver­schiedene Dinge sind.
Prognose, Bei unserer Unkenntniss des Wesens und der Ur­sachen der Traberkrankheit ist es erklärlich, dass die Prognose bei dieser Krankheit sehr ungünstig ist. Der tödtliche Ausgang kann als Kegel gelten, da verhältnissmässig nur selten Genesung eintritt; er pflegt im Sommer eher als im Winter einzutreten.
Behandlung und Vorbeuge. Alle bisher empfohlenen Heil­methoden leisten nichts. Das beste Mittel ist, wenn eine geeignete Dislocation der heimgesuchten Heerde und je nach Umständen ein Wechsel in den Zuchtthieren vorgenommen wird. Man vermeide möglichst den Ankauf von Schafen aus solchen Heerden, in welchen die Krankheit herrscht. Alle traber- oder gnubberkranken Thiere müssen von der Zucht ausgeschlossen und kein Zuchtschaf sollte vor dem vollendeten 2. Jahre zur Paarung zugelassen werden. Den Sprungthieren darf keine zu grosse Anzahl weiblicher Thiere zuge­wiesen und alte, erschöpfte Böcke sollten, wie alle Schwächlinge und
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Krankheiten der Respirationsorgane.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;339
Krilnkler, ausgemerzt werden. Die Ausrottung der Krankheit aus einer Heerde, in welcher sie sich einmal eingenistet hat, ist schwierig und unsicher, namentlich wenn unbekannte und nicht zu vermeidende örtliche Schädlichkeiten derselben zu Grunde liegen.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch bei reissenden, in Menagerien gehaltenen Thieren, Hyänen , Löwen und Tigern, ein ähnliches Leiden mehrmals beobachtet worden ist, welches vorzugs­weise durch ein fortwährendes Scheuern, Lecken und Kauen, beson­ders an den Grliedmaassen, sich äusserte. Roll beobachtete eine Hyäne, welche sich nach und nach einen Theil ihrer vorderen rechten Glied-maasse abnagte; sie wurde schliesslich getödtet, ohne dass durch die Section irgend welche Aufschlüsse über die Natur des Leidens ge­wonnen wurden. Weder an der Haut noch im Rückenmarke zeigte sich irgend eine Abnormität.
Krankheiten der Respirationsorgane.
Erkrankungen der Respirationsorgane kommen bei unsern Haus-thieren verhilltnissmässig häufig vor und spielen in der Praxis eine bedeutende Rolle. Die Diagnose dieser Krankheiten ist in vielen Fällen soweit möglich, dass für die Therapie ziemlich zuverlässige Indicationen gewonnen werden können; jedoch sind auch hier Fehl­diagnosen keineswegs selten, oder etwa unverzeihlich. Um sich so­weit als thunlich über die Natur eines vorhandenen Leidens der Respirationsorgane zu unterrichten, hat man folgende Punkte zu beachten:
1)nbsp; Die Quantität und Qualität desAthmens; die Zahl der Athem-züge kann vermehrt, aber auch vermindert sein. Die Inspiration oder Exspiration kann abnorm sein, ebenso die Bewegungen der Brustwandungen, der Bauchmuskeln, des Afters u. s. w.
2)nbsp; Die Beschaffenheit der sichtbaren Schleimhäute des Kopfes, die Temperatur und der Geruch der ausgeathmeten Luft.
3)nbsp; Die Beschaffenheit des Hustens, der künstlich erregt werden muss, wenn er nicht von selbst während der Untersuchung eintritt. Auch die Veränderung der Stimme kann für die Diagnose von Be­deutung sein.
4)nbsp; Die ganze Haltung des Thieres, wobei namentlich die Vorder-gliedraaassen, Hals und Kopf in Betracht kommen. Auch ist fest­zustellen, ob die grossen Hausthiere sich legen oder nicht.
5)nbsp; Die physikalische Untersuchung (Auscultation und Percus­sion der Brust).
ti) Das Allgemeinbefinden, wobei Blutcirculation, innere und äussere Körpertemperatur und die Verdauung zu beachten sind.
Zunächst wollen wir einige Zustände besprechen, die bei den verschiedensten Erkrankungen der Respirationsorgane in Betracht, kommen. Es wind dies;
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340nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Sohwerathmigkeit.
Schwerathmigkelt (Dyspnoea), Husten und Niesen.
Die Schwerathmigkeit ist ein unter verschiedenen Verhältnissen und durch verschiedene Ursachen bedingter Zustand, dem die„Eupnoeaquot;, das gute, freie und leichte Athmen, gegenübersteht. Man versteht nämlich unter „Dyspnoe' diejenigen Verilnderungen im Ehythmus der Athembewegungen, bei denen entweder die Zahl der Athemzüge vermehrt, oder eine Verlangsamung und Vertiefung der letzteren vorhanden ist, oder bei denen sowohl eine Steigerung der Trequenz, als auch eine Vertiefung der Athemzüge gleichzeitig besteht. Die Dyspnoe ist das Mittel, dessen sich der Organismus bedient, um Störungen im normalen Gasaustausche des Blutes in den Lungen auszugleichen. Durch welche Art des Ausgleichs oder der Dispnoe der Organismus in solchen Fällen das Sauerstoffbedürfniss zu decken sucht, hängt vorzugsweise von der Beschaifenheit der Ursachen ab, welche die Störung des Gleichgewichtes in der Production und Eli­mination der Kohlensäure verursachen. Im Allgemeinen wird die Dyspnoe dadurch bedingt, dass der Verkehr der Uusseren Luft mit dem Blute, resp. mit den rothen Blutkörperchen, in den Lungen-alvoolen ein ungenügender geworden ist. Dies kann in verschie­denen Dingen seinen Grund haben, von denen wir die wichtigsten hier kurz anführen wollen:
1)nbsp; Die Respirationsfläche der Lungen ist vermindert, oder der Zutritt der Luft zu den Lungenalveolen ist beschränkt. Ersteres ist der Eall bei croupöser Entzündung, oder bei Oedem der Lungen u. s. w., letzteres bei Verengerung der Eespirationswege, sei es in Folge von entzündlichen Zuständen oder von anderweitigen Ursachen.
2)nbsp; nbsp;Der Oxydationsprozess im Körper ist gesteigert, wie bei Fieber, bei vermehrter Muskelarbeit u. s. w., wodurch mehr Kohlen­säure gebildet wird und demgemäss auch in grösserer Menge aus­geschieden werden muss, wenn eine Ueberladung des Blutes mit Kohlensäure vermieden werden soll. Die in Folge der gesteigerton Verbrennung von Körpcrbestandtheilen mehr producirte Wärme (Teinperatursteigerung) wirkt auf das Athmungscentrum erregend, wodurch ein Ausgleich zwischen vermehrter Bildung von Kohlen­säure und deren Ausscheidung erzielt wird. Es wird dadurch er­klärlich, warum einerseits fieberkranke Thiere frequent athmen und leicht ermüden, ferner warum andererseits bei brustkranken Thieren die Frequenz des Athmens mit der Abnahme des Fiebers fällt, wenn auch das Localleiden zunächst dasselbe geblieben ist.
3)nbsp; Alle Reizungsprozesse im Bereiche der Bronchien und des Luugenparenchyms wirken auf die Lungenäste des Vagus und reflec-torisch auf die Athemcentren.
4)nbsp; nbsp;Schmerzen bedingen, dass jede tiefe Einathmnng, welche die Schmerzen steigert, vermieden wird. Aus diesem Grunde athmen Thiere mit schmerzhaften Leiden oberflächlich und frequent.
5)nbsp; nbsp;Die V'errainderunff der erforderlichen Anzahl rotlier Blut-
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Schwerathmigkeit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 341
körperchen, welche das nöthige Quantum Sauerstoff aufnehmen können, bedingt eine Dyspnoe, wie wir bei Anilmie und Leukämie sehen.
6) Die eingeathmete Luft wird irrespirabel, wenn sie nicht eine entsprechende Zusammensetzung, namentlich wenn sie zu wenig Sauerstoff enthält, oder mit Kohlensäure etc. beladen ist.
Die Athembeschwerden nehmen zu, wenn brustkranke Thiere sich niederlegen, namentlich wenn sie eine Seitenlage einnehmen. Dadurch wird nämlich die Wirkung der Brustmuskeln, sowie des breiten gezahnten Muskels der betreffenden Seite fast ganz aufgehoben und so die Erweiterung der Brusthöhle bedeutend erschwert, resp. vermindert. Brustkranke Pferde, bei schwererer Erkrankung auch Rinder, legen sich deshalb nur dann, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen zu erhalten vermögen, mit untergeschlagenen Eüssen, aber immer nur für kurze Zeit nieder. Es ist stets ein sicheres Zeichen der Besserung, wenn solche Patienten wieder mit aus­gestreckten Beinen längere Zeit hindurch ruhig und behaglich am Boden liegen. Kleinere Thiere, sowie auch sehr ermüdete grössere Thiere, legen sich auf die allein oder vorwaltend erkrankte Seite.
Wenn irgend eine empfindliche Stelle der Respirationsbahn hinter der Rachenhöhle gereizt wird , so tritt Husten ein, während eine solche Reizung der vor der Rachenhöhle gelegenen Nasenschleim­haut bei Hunden und Schafen „Niesenquot;, bei Pferden ,,Ausbrausenquot; verursacht. Der Husten besteht in einer kurzen, stossweisen Exspi-ration, wodurch aussei- Luft auch etwa vorhandene Secrete, Exsudate, Parasiten oder andere Fremdkörper aus den hinteren Abschnitten der Luftwege herausbefördert werden können. Die Beschaffenheit des Hustens ist verschieden je nach der vorhandenen Erkrankung der Respirationsorgane. Im Stadium der entzündlichen Anschoppung ist er trocken, im Stadium der Secretion ist er feucht. Im letzteren Falle gelangt der Auswurf entweder nach aussen, indem er durch die vorderen Nasenöffnungen herausgeschleudert wird, oder aus den­selben abfliesst, oder aber er gelangt von der Rachenhöhle aus in den Magen. Wenn die Reizbarkeit der hinteren Abschnitte der Luftwege herabgesetzt oder ganz aufgehoben ist, so fehlt derjenige Factor, welcher für das Auftreten von Husten unerlässlich ist. Dem-gemäss können selbst bedeutende Erkrankungen der Luftwege ohne Husten vorkommen. Wo aber Husten vorhanden ist, deutet der­selbe stets ein Leiden eines hinteren Abschnittes der Respirations­organe an, während Niesen auf einen Reizzustand im Bereiche der Nasenhöhle schliessen lässt.
Unter normalen Verhältnissen füllen die elastischen lufthaltigen liUngen den luftleeren Brustraum aus, indem der Erweiterung dieses durch die Thätigkeit der Inspirationsmuskeln jene (in Folge des Einströmens der atmosphärischen Luft in die offen stehenden Luft­wege) folgen. Die Inspiration dauert weniger lange, als die Ex-spiration ; letztere ist die Folge der Retraction des Lungengewebes nach aufgehobener Contraction der Inspirationsmuskeln. Jeder Ex-spiration folgt eine kurze Pause. Die Zahl der Athemzüge beträgt
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342nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Katarrh der Nasenschleimlmut.
bei Pferden 8 bis 12, bei Rindvieli 12 bis 15, bei Sohafen und Ziegen 14 bis 20, bei Hunden 15 bis 25 und bei Katzen 20 bis 24 in der Minute. Die Athemfrequenz nimmt mit dem Alter nb; durch Körporbewegung wird sie gesteigert. Im Trabe steigt sie beim Pferde auf 60 bis 60, im Galopp auf 00 bis 70 In- und Ex-spirationen in der Minute. Bei länger andauernder schneller Gang­art tritt wieder eine Abnahme der Athemfrequenz ein. Bei Thieren mit gesunden Lungen beruhigt sich das Athmen nach eingetretener Buhe schnell, bei Thieren mit kranken Rospirationsorganen meist erst nach längerer Zeit.
Das Athemcontrum liegt im verlängerten Mark; seine Lähmung oder Zerstörung sistirt die Athmung und bedingt den Erstickungs­tod. Bekannte Erreger dieses Centrums sind vermehrte Wärme und Kohlensäure. Sobald das Blut mit Sauerstoif gesättigt ist, stehen die Athembewegungon still. Diesen Zustand bezeichnet man als „Apnoequot;; derselbe besteht während des Lebens der Frucht im Mutter­leibe ; wird der Placentarkreislauf unterbrochen, so tritt Sauerstoff­mangel und damit das Athembedürfniss ein.
Die Krankheiten der Schleimhaut der Respirationsorgane.
Jede Schleimhaut kann exsudativ und parenchymatös erkranken. Handelt es sich vorzugsweise um eine vermehrte Absonderung einer Schleimhaut, SO'nennt man den Zustand ,Katarrhquot;. Bei einfachen Katarrhen sind nur die oberflächlichen Schichten des Schleimhaut­gewebes leicht verändert; tiefer greifende und erheblichere Vorände­rungen finden sich beider sogenannten „parenchymatösenEntzündung' der Schleimhäute. Hierdurch werden Verschiedenheiten in den Er­scheinungen und in dem Grade der Bedeutung fraglicher Krankheits-zustände bedingt, welche für die practisohen Zwecke wichtig sind. Obgleich nun Katarrhe der Respirationsorgane im Allgemeinen als leichtere Erkrankungen gelten, so können dieselben doch auch schwere Zufälle bedingen; es ist dies vorschieden, jo nachdem der Katarrh auf die vorderen Abschnitte des Respirationsapparatos beschränkt bleibt, oder auf den Kehlkopf und auf die kleinen Verzweigungen der Luftröhrenäste übergreift. Aus diesem Grunde werden wir die katarrhalischen Aft'ectionen gewisser Abschnitte des Respirations-Apparatos getrennt betrachten.
Katarrh der Nasenschleimhaut.
Diagnose. Bei jedem Katarrh treten zunächst die Erscheinungen der Hyperämie auf. Demgomäss ist beim Nasenkatarrh im ersten Stadium eine höhere Röthe und Schwellung der Nasenschleimhaut vorhanden. Diese Schwellung wird manchmal so bedeutend, dass die Nasengänge verengt, zuweilen sogar verlegt werden, so dass dadurch der Durchgang der Luft in verschiedenen Graden erschwert
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Katarrh der Nascnschleirahaut.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;34;J
erscheint. Zunächst ist die Schleimhaut trocken, bald aber stellt sich •eine vermehrte Secretion ein, zunilchst von wässeriger Flüssigkeit, die allmilhlig einem schleimigen Absonderungsproducte Platz macht, lt;las spärlich rothe, reichlich weisse Blutkörperchen, Schleim- und Eitorkörperchen, sowie Blutplasma enthält.
Zuweilen ist das erste Stadium von wahrnehmbaren Fieber-erscheinungen begleitet, in Folge deren Verminderung des Appetits und andere leichte Verdauungsstörungen, bei empfindlichen Thieren sogar Erscheinungen von Betäubung sich einstellen können. Letztere finden sich besonders dann, wenn der Nasenkatarrh hoch hinaufreicht und über die Stirnhöhlen sich ausbreitet.
Nasenkatarrhe kommen am häufigsten bei Pferden vor und werden bei diesen, wenn sie für sich allein auftreten, „Strengelquot; genannt. Junge, namentlich verzärtelte Individuen zeigen eine be­sondere Disposition für denselben. Nicht selten nimmt die Augenlid­bindehaut an der Erkrankung Theil. Mit dem zweiten Stadium des Katarrhs, dem Stadium der Secretion (stadium blennorrhoicum) pflegen die etwa vorhanden gewesenen auffallenderen Störungen des Allgemeinbefindens allinählig abzunehmen und in etwa 10 bis 14 Tagen verliert sich bei günstigen Verhältnissen auch der Nasen-ausfluss wieder, womit der normale Zustand zurückkehrt. Ungünstige Verhältnisse, die entweder im kranken Individuum selbst, oder ausser-halb desselben ihren Grund haben, können die Heilung eines schein­bar oder wirklich einfachen Strengeis verzögern und einen chro­nischen Nasenkatarrh bedingen.
Die Prognose des acuten Nasenkatarrhs ist im Allgemeinen günstig, da in dor Regel ohne jede arzneiliche Behandlung bei .ingemessener Pflege der Thiere Genesung eintritt.
Aetiologie. Als Ursache aller einfachen Katarrhe der Eespi-rationsorgane werden Erkältungen beschuldigt. Nicht selten sehen wir im Frühjahre, auch wohl im Herbste, den Strengel unter Pferden in epizootischer Verbreitung auftreten. Ob in solchen Fällen ein spectfischer Krankheitserreger in der Luft verbreitet ist, der Katarrh zu erzeugen vermag, wissen wir nicht. Dass zur Zeit des Haar­wechsels die äussere Haut gegen die Einwirkungen der oft rauhen Frühjahrswitterung empfindlicher ist. als zu anderen Jahreszeiten, ist eine bekannte Thatsache; auch lehrt die Erfahrung, dass ver­schiedene Krankheitszustände, namentlich Katarrhe der Respirations­wege, zur Zeit des Haarwechsels häufig vorkommen. Dass diese Zustände zu Störungen der Hautfunction in ursächlicher Beziehung stehen, ist kaum zweifelhaft, obgleich wir die hierbei stattfindenden physiologischen Vorgänge nur sehr mangelhaft kennen.
Behandlung und Vorbeuge. Eine arzneilicho Behandlung ist bei einfachem acutem Nasenkatarrh unnütz. Bei starker Einge­nommenheit des Kopfes kann man den Eintritt der Secretion durch Dunstbäder von heissem Wasser, oder gekochter Gerste u. dergl. zu beschleunigen suchen.
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;344nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Chronischer Nasenkatarrh.
Die Vorbeuge ist darauf beschränkt, die Thiere gegen Erkäl­tungen möglichst zu schützen, wobei sie in verständiger Weise gegen Witterungseinfltiase abgehärtet werden müssen.
Der chronlsclie Nasenkatarrh
ist entweder beidseitig vorhanden, oder auf die Nasenschleimhaut einer Kopfseite beschränkt. Im ersteren Falle ist das Uebel in der Regel weniger bedenklich, als im letzteren Falle, wo es sich meist nicht um eine einfache katarrhalische Affection, sondern um ver­schiedene Complicationen handelt.
Die Nasenschleimhaut erscheint beim chronischen Katarrh stark durchfeuchtet, aufgelockert, verdickt, roth und weiss gestreift, oder gefleckt; der Ausfluss ist häufig ziemlich reichlich, zeigt indess keine besonders auffallende, resp. abnorme Beschaffenheit, wenn nicht ge­wisse Complicationen dieselbe bedingen. Erstreckt sich der chronische Katarrh über die Schleimhaut der einen oder anderen Lufthöhlen des Kopfes, z. B. der Oberkiefer- oder der Stirnhöhle, oder auf die Luftsäcke des Pferdes, so ist der Ausfluss kein gleichmässig starker und nicht selten von abnormer Beschaffenheit (zäh, klümperig, zer­setzt, ätzend, übelriechend etc.), weil das Secret an gewissen Stellen der betreffenden Lufthöhlen theilweise längere Zeit zurückgehalten werden und einer Zersetzung unterliegen kann. In diesem Falle ver­ursacht dasselbe an verschiedenen Stellen, mit denen es in Berührung kommt, zuweilen sogenannte „Erosionsgeschwürequot;, die bei flüchtiger Betrachtung mit Rotzgeschwüren verwechselt werden können.
Nehmen die Stirnhöhlen einen hervorragenden Antheil an dem Secretionsprozesse, so sucht man die Stelle einer etwaigen Anschop­pung und den Grad der Füllung durch die Percussion zu ermitteln.
Treten die Erscheinungen des chronischen Katarrhs nur in einer Nasenhöhle auf, so ist dies immer ein etwas bedenklicher Umstand, insofern nicht eine leicht zu beseitigende und bestimmte Ursache ermittelt wird, welche die Einseitigkeit des Ausflusses bedingt. Die Untersuchung solcher Fälle muss immer mit grosser Umsicht und Genauigkeit vorgenommen werden, weil hier dem chronischen Katarrh die Rotzkrankheit, oder ein anderer, wenn auch weniger schlimmer, so doch schwer zu beseitigender Krankheitszustand zu Grunde zu liegen pflegt. Die wichtigsten derartigen Zustände sind folgende: 1) Oberkieferhöhlenkatarrh ; 2) Stirnhöhlenkatarrh; 3) Luft­sackkatarrh und 4) polypöse Wucherungen in einer der beiden Nasen­höhlen oder in einer ihrer Nebenhöhlen.
Letztere Ncnbildiiiigeii kommen bei unseren Hausthieren in den Kopfluftböhlen im Allgemeinen sehr selten vor. Bei Nasenpolypen ist das Athmen schniefend und erschwert; es macht sich dies um so auffallender wahrnehmbar, wenn die gesunde Nasenhöhle durch Druck von aussen verschlossen wird. Hierdurch kann bei einem umfangreichen Nasenpolypen eine hochgradige Athembeschwerde verursacht werden.
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Chronischer Oberkieferhöhlenkatarrh.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 345
Hilufiger kommt bei Pferden Katarrh der Lnftsäcke vor, der nicht selten einseitig auftritt. Bei stärkerer Füllung dieser häutigen Gebilde wird ein Druck auf die Nachbarschaft ausgeübt, wodurch die Ohrspeicheldrüse stärker nach aussen gedrängt wird. Durch letztere hindurch fühlt man in der Tiefe Fluctuation; das Athmen pflegt erschwert zu sein. Bei stärkerem Drucke auf die Ohrspeichel­drüsengegend zeigen die Patienten gewöhnlich eine gesteigerte Em­pfindlichkeit ; aus dem correspondirenden Nasenloche fliesst der aus dem Luftsaoke ausgepresste Schleim in reichlicher Menge ab. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn der Kopf stark gegen das Brust­bein heruntergezogen wird.
Die Therapie ist hier ebenfalls vorzugsweise eine chirurgische, indem die operative Eröffnung des Luftsackes am schnellsten und sichersten zum Ziele führt. Wenig nützlich und auch schwer aus­führbar ist die öftere Einführung des Günther'schen Katheters in den Luftsack. Ableitende und resorbirendo Einroibungen auf die äussere Haut in der Ohrdrüsengegend leisten keine zuverlässigen Dienste. Bei chronischem Stirnhöhlenkatarrh kann die Trepanation sowohl die Diagnose, wie auch den Erfolg der Behandlung fördern. Aussei- dieser können Einspritzungen, aromatische Dunstbäder, empy-i-eumatische lläucherungen, Niesemittel u. s. w. angezeigt sein. Von besonderer Wichtigkeit für die Praxis ist
Der chronisclie Oberkieferhöhlenkatarrh.
Aetiologie. Ein Katarrh der Oberkieferhöhle kann durch sehr verschiedene Dinge, namentlich durch äussere Insulte, ferner durch innere Zustände, z. B. Geschwulstbildung (Polypen), Rotzprozesse u. dergl. verursacht werden.
Diagnose und pathologische Anatomie, Fragliches Uebel tritt in der Kegel einseitig auf. Bei demselben zeigt der Nasenausfluss häufig die Merkmale einer stattgehabten Zersetzung, da nament­lich der in der unteren Abtheilung der Oberkieferhöhle sich an­sammelnde Schleim zurückgehalten wird und chemischen Umwand­lungen unterliegt, wodurch oft Producte entstehen, welche übel riechen und eine ätzende Wirkung haben. Die Entzündung der Kieferhöhlenschleimhaut kann auf den Knochen übergreifen und zur Knocheneiterung (Caries) führen. Vermehrte Wärme ist äusserlich gewöhnlich nicht wahrzunehmen, soll aber im ersten Stadium, das jedoch nur selten zur Beobachtung gelangt, vorhanden sein. Da­gegen findet sich im weiteren Verlaufe des Uebels im Bereiche der Kieferhöhle sehr häufig eine Knochenauftreibung ein. Bei deletäror Beschaffenheit der Entzündungs- resp. Zerfalls-Produote wird die correspondirende Kehlgangslymphdrüse afficirt, wodurch der Zustand zu Rotzverdacht Veranlassung gibt. In solchen Fällen kann die Differentialdiagnose grosse Schwierigkeiten bereiten, die selbst durch Trepanation der Kopflufthöhlon und durch linpfmig nicht immer
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Chronischer Oberkieferhöhlonkatarrh.
überwunden werden können. Nach der operativen Eröffnung der Oberkieferhöhle fehlen bei einfacher (nicht rotziger) Entzündung in der Schleimhaut allerdings die sogenannten Rot/.knötcheii. Dieselben können aber auch bei vorhandener Botzkrankheit fehlen, oder von der Trepanationswnnde aus nicht erreichbar sein. Es ist somit nur durch ihre Anwesenheit, keineswegs aber auch durch ihr Fohlen ein sicheres Criterium für die Differentialdiagnoso gegeben. Auch die Verheilung des Hautlappens , welche nach Haubner bei Eotz stets anders sich gestalten sollte, als bei einfacher Oberkieferhöhlenent­zündung, bietet keineswegs für alle Fällo sichere Anhaltspunkte. Ich habe die Trepanationswnnde ohne jede auffallende Störung heilen sehen und doch war das betreffende Pferd mit latenter Rotzkrankhoit behaftet, wie der weitere Verlauf der Krankheit und die otwa zwei Jahre später vorgenommene Section ergaben. Ich würde damals bei dem in Bezug auf Rotzkrankheit absolut negativen Tropanations-befnnde (nach den Mitthcilungen Haubners im Magazin f. die ges. Thierheilk., 1859, S. 27U u. 274) eine Fehldiagnose gestellt haben, wenn ich nicht durch das in wechselndem Grade weitere Fortbestehen des Nasenausflusses und der keineswegs,bedeutenden, aber derben Schwellung der correspondirenden Kehlgangslymphdrüse, sowie durch von Zeit ZU Zeit sich einstellende kleinere Blutungen aus dem be­treffenden Nasenlocho zur Vorsicht ermahnt worden wäre.
Gerlach sagt (Gorichtl. Thierheilk., Berlin 1872, S. 202) dass ein einseitiger Nasenausfluss aufhöre verdächtig zu sein, wenn die Schleimhaut der Oberkieferhöhle bei der Trepanation verdickt, oder wenn ein dicker Schleim in derselben angetroffen wird lind wenn anderweitige verdächtige Symptome fehlen. Ich kann dem nicht so ganz beistimmen und auch Gorlach selbst hebt in dem folgenden Satze (1. c. S. 203) diesen Ausspruch gewissermassen auf, indem er sagt, „dass die Beschaffenheit der Kieferhöhlenschleimhaut kein positives Merkmal für oder wider den Rotz biete. Wenn es auch richtig sei, dass die beim Rotz miterkrankte Schleimhaut der Kiefer­höhle mehr verdickt zu sein und eine unebene granulirendo Fläche ZU haben pfiego, so könne dies doch nicht über die Diagnose ent­scheiden.'' Auch auf S. 20() widerspricht Gerlach seiner früheren Hehanptung, indem er sagt: „Die Kieferhöhle der kranken Seite ist in der Mehrzahl der Fälle (voa Nasenrotz) mit einem dickschleimigen, selbst eiterigen und käsigen Inhalt und mit einer mehr oder weniger verdickten Schleimhaut versehen, die in hohen Graden (d. h. in fort­geschrittenem Zustande der Rotzkrankheit) eine granulirende Fläche, aber keine Rotzgescbwüre zeigt.quot; Ferner sagt Gerlach (1. c. S. 208) sehr richtig: „Die Rotzkrankhoit muss, wie jede andere Krankheit, zur Feststellung der Diagnose einen gewissen Grad erreicht haben und da sie sich der Regel nach langsam, oft sehr langsam entwickelt, so gibt es in dem Entwicklungsstadium des Rotzes zuweilen einen längeren Zeitraum, wo die Symptome noch nicht merklich über den Nasen­katarrh hinausgehen, und wo selbst der geübteste Sachkundige nicht im Stande ist, die Rotzkrankheit mit voller Sicherheit festzustellen.1'
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Katarrh dos Kehlkopfes und der Luftröhre.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;;J47
Die Prognose ist hei Oberkieferhühlenontmndung nur dann günstig zu stellen, wenn die Ursachen derselben sicher erkannt und beseitigt werden können. In allen anderen Fallen bleibt dieselbe oft lange Zeit hindurch zweifelhaft, weil jeder Katarrh der Ober­kieferhöhle, dessen Ursache nicht bestimmt ermittelt werden kann, den Verdacht auf latente Rotzkrankheit erregt. Dieser Verdacht steigt, wenn einseitige Schwellung der corrospondiremlen Kohlgangs­lymphdrüsen vorhanden ist, oder sich einstellt; und jo mehr letztere die Beschaffenheit eines sogenannten Eotzbubos annimmt, um so dringender wird der liotzverdiicht und um so ungünstiger die Prognose.
Therapie. Eine (einfache) Oberkieferhöhlenentzündung wird nach den gewöhnlichen Regeln der Chirurgie behandelt, wobei neben den erforderlichen operativen Eingriffen eine gründlioho Reinigung und Desinfection der betreffenden Lufthöhle die Hauptrolle spielen.
Jeder chronische Nasenkatarrh, welcher den therapeutischen Mitteln hartnäckig widersteht, verlangt die Trennung des betreffenden Patienten von den gesunden Pferden und zwar sowohl im Stalle, als auch bei der Arbeit. Es gebietet dies die Vorsicht, da man nie ganz sicher sein kann, ob nicht die Rotzkrankheit die Ursache des chronischen Katarrhos ist, wenn eine andere Ursache desselben nicht bestimmt ermittelt werden kann.
Katarrh des Kehlkopfes und der Luftröhre. Laryngitis und
Tracheitis.
Aetiologie. Die Ursachen dieses Katarrhes sind entweder die­selben wie beim Nasenkatarrhe, oder sie bestehen in dem Eindringen von reizenden Substanzen (Gasen, Flüssigkeiten, oder festeren Sub­stanzen) in den Kehlkopf und in die Luftröhre. Ein Katarrh dieser Organe kann aber auch die Folge anderer Krankheiten sein, so /.. B, tuberoulöser und anderer Veränderungen der Lungen, oder localer Geschwulstbildung u. dergl. Es besteht demnach ein solcher Katarrh für sich allein, oder, was am häutigsten der Fall ist, mit Katarrh eines weiteren Abschnittes der Respirationsschleimhaut und mit anderen Krankheitszuständen verbunden.
Diagnose. Die ersten Krankheitserscheinungen sind Vermin­derung der Fresslust, Relzhnsten, Verzögerung der Harn- und Mist-Excretion, welche gewöhnlich von geringem Fieber begleitet sind. Durch Druck auf den Kehlkopf von aussen ist der Husten künstlich leicht zu erregen; dieser ist anfangs rauh, kurz, trocken und be­lästigend; bereits nach einigen Tagen pflegt derselbe lockerer und weniger belästigend zu werden. Die Auscultation des Kehlkopfes und der Luftröhre ergibt dann mehr oder weniger deutliche Rassel­geräusche, welche durch schleimige oder eiterähnlicho Secretions-producte verursacht worden; letztere gelangen in Folge der Husteu-stosso in die Rachenhöhle, von wo aus sie entweder durch die Nasen­höhle nach aussen entleert, oder in den Magen abgeschluckt werden.
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348nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Katarrh des Kehlkopfes und der Luftröhre.
Besteht ein soluher Zustand ohne weitere Complication, so ver­läuft derselbe ziemlich ausnahmslos günstig, indem bei rechtzeitiger und passender Behandlung meist bald vollkommene Genesung ein­tritt. Bei Vernachlässigung des Uebels wird dasselbe nicht selten chronisch, namentlich wenn ungünstige diätetische und hygienische Verhältnisse anhaltend einwirken.
Bei clirouiscliein Kehlkopf- und Luftröhren-Katarrh ist die Fresslust in der Kegel ungestört, kein Fieber vorhanden und daher der Ernährungszustand der Patienten meist kein schlechter. Das Athmen wird durch Körperbewegungen leicht abnorm erschwert, namentlich dann, wenn Neubildungen am oder im Kehlkopfe, oder in der Luftröhre vorhanden sind, was im Ganzen recht selten vor­kommt. Die Empfindlichkeit des Kehlkopfes gegen Druck ist ge­wöhnlich keine besonders grosse, der Husten ist bald mehr, bald weniger belästigend und wird namentlich nach stärkerer Bewegung oder durch den Genuss kalter oder reizender Flüssigkeiten etc. her­vorgerufen.
Der Tod tritt nur in solchen Fällen häufiger ein, wenn scharfe, reizende, oder gar stark ätzende Stoffe in die Luftröhre eingedrungenraquo; oder wenn anderweitige schwere Complicationen vorhanden sind.
Die Prognose richtet sich selbstverständlich nach den vorhin angegebenen Verhältnissen und gestaltet sich demnach bei einfachem Katarrh des Kehlkopfes und der Luftröhre im Allgemeinen günstig. Bei chronischem Kehlkopfs- und Luftröhrenkatarrhe tritt nur selten vollkommene Genesung ein.
Die Therapie hat zunächst die diätetischen, resp. hygienischen Verhältnisse entsprechend zu regeln. Sodann sind bei stärkerer Beizung der Kehlkopfschleimhaut ableitende Einreibungen auf die äussere Haut in der Kehlkopfsgegend angezeigt. Je nach dem Grade des lleizzustandes im Kehlkopfe wählt man ein flüchtiges, schnell, aber wenig nachhaltig wirkendes, oder ein tiefer einwir­kendes Ableitungsmittel. Ausserdem sind während des Kei/.stadiums Inhalationen von schleimigen Brühen, resp. von Dämpfen derselben indicirt, welchen mit Eintritt der Schleimsecretion Dunstbäder von süssen oder aromatischen Mitteln folgen können. Eine innerliche Behandlung ist meist zu entbehren und von zweifelhaftem Werthe. Brechweinstein und Glaubersalz werden für das erste, süsse und süssaromatische Pflanzenpulver, Salmiak und kleine Dosen Brech­weinstein (als sogenannte Expectorantia) für das zweite Stadium em­pfohlen. Bei Erstickungsgefahr, oder bei vorhandenen Neubildungen wird die künstliche Eröffnung der Luftröhre nothwendig.
Leicht erkrankte!, fieberfreie Patienten können mit der erforder­lichen Schonung und Vorsicht nöthigenfalls zu leichten Dienstver­richtungen verwendet werden. Als Futtermittel sind ansser gutem süssem Wiesenheu und Hafer gelbe Rüben (Möhren) zu empfehlen.
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Acuter Katarrh der Broncliialsohleimhaut.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 349
Pathologische Anatomie. Die Sectionserscheinungen sind ver­schieden je nach der Todesursache, resp. je nach der vorhandenen Complication. Die Schleimhautoberflilche ist an den kranken Stellen in der Regel mit einem schleimigen oder eiterigen Secrete bedeckt, nach dessen Entfernung jene bald gleichmilssig, bald fleckig geröthet, bald blass erscheint. Die Schleimlederhaut (sowie das submueöse Bindegewebe) sind nicht selten in verschiedenem Grade serös infil-trirt, weich oder mürb. Manchmal erscheint die Schloimhautober-flüche braunroth und von kleinen Extravasaten durchzogen, bisweilen mit oberfiilchlichen (Erosions-)Geschwürchen besetzt. Bei chronischem Katarrh ist die Schleimhaut meist verdickt, bleich oder livid ge­röthet, oder grau pigmentirt und häufig von zahlreichen erweiterten Venen durchzogen. Die Schleimhautfollikol treten stellenweise als hirsekorngrosse Knötcheu über die Oberfliiche hervor, oder sie sind theils zu kleinen scharf begrenzten Geschwürchen zerfallen, welche stellenweise mit Hinterlassung einer strahligen Narbe verheilt sind. Zuweilen findet man bei Pferden an der hinteren Wand der Luft­röhre entartete Schleimhautfollikel bis zur Grosse einer Haselnuss, welche mit einer kleinen OefFnung in die Luftröhre münden. War­zige oder polypenartige Wucherungen der Schleimhaut werden nicht ganz selten angetroffen; haben dieselben ihren Sitz im Kehlkopfe, so sind sie während des Lebens Ursache verschiedengradigor Athem-beschwerden , selbst des Erstickungstodes. In solchen Fällen findet man bei der Section natürlich auch die letzterem zukommenden Erscheinungen.
Acuter Katarrh der Bronchialschleimhaut. Bronchitis acuta.
Aetiologie. Dieser Zustand ist ein häufiger Begleiter des Kehl­kopf- und Luftröhrenkatarrhs und im Allgemeinen von denselben Ursachen (wie dieser) abhängig. Derselbe kommt nicht selten vor und befiillt Thiere jeden Alters und jeder Constitution, besonders jedoch verweichlichte Individuen. Bronchialkatarrh kann aber auch durch die Einwanderung von Parasiten und im Gefolge verschiedener Infectionskrankheiten sich entwickeln.
Diagnose. Die Krankheitserscheinungen sind graduell ver­schieden , je nachdem der Katarrh blos die grösseren Bronchien, oder aber auch die kleineren und kleinsten Bronchien mit betrifft. Beim acuton Katarrh der grösseren Bronchien ist ein anfangs trockner, später locker werdender Husten vorhanden. Derselbe kann für sich allein als sclbstständige Krankheit, oder mit anderen Leiden complicirt auftreten; nicht selten reicht derselbe bis in den Kehl­kopf oder gar bis in die Nasenhöhlen hinauf. Er kann mit dem Nasen- und Kehlkopfskatarrhe gleichzeitig sich entwickeln, oder aber diesem vorausgehen oder nachfolgen. Die Störung des Ilespi-rationsgeschäftes ist in der Regel eine massige, die Auscultation der
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350nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Acuteiquot; Katarrh ilor Hronchialschleimhaut.
Brustwandungen ergibt verschärftes Bläsclieugerilusch, oder unbe­stimmbare Geräusche, später fein- oder grobblasiges Rasseln, Giemen, Schnurren, Pfeifen u. s. w. Schwere Symptome pflegt die Bronchi­tis oapillaris zu verursachen. Erstreckt sich der Katarrh bis auf die feinsten Bronchien und selbst bis in die Lungenalveolen, so sind besonders die Athembeschwerden auffallend ausgeprägt. Bei einer solchen Capillarbronchitis kann es secundär zur theilweisen oder gänzlichen Füllung der Alveolen mit Secret, sowie zur „Atelec-tasequot; der betreffenden Alveolen kommen. Letztere entsteht, wenn die lufthaltigen Alveolen durch andauernde Verstopfung des zuführenden Bronchus abgesperrt werden. Die abgesperrte Luft befindet sich unter dem constanten Drucke des elastischen Alveolargewebes, der die Itesorption der Luft bewirkt. Eine nur kurze Zeit andauernde Verstopfung kleinerer Bronchien mit Schleim macht die hinter den­selben gelegenen Lungenpartien, so weit diese von jenen mit Luft versorgt wurden, nur so lange für den Luftwechsel unzugänglich, bis der verlegte Luftweg durch Husten wieder frei wird. Wenn die Schleimmassen ausgestossen werden, bevor das abgesperrte Al-veolargebiet erkrankt ist, so tritt alsbald seine Functionsfähigkeit wieder ein. — Nach jeder gründlichen Expectoration verändern sich bei Bronchialkatarrh die respiratorischen Geräusche, so dass die­selben vor und nach dem Aushusten des Bronchialsecretes sich oft auffallend verschieden verhalten. Sammelt sich der Schleim in grösseren Mengen in den Bronchien an, so kann die Athemnoth einen sehr hohen Grad erreichen und sogar der Erstickungstod eintreten. Bei leichteren Bronchialkatarrhen ist das Allgemein­befinden in der Kegel nicht erheblich getrübt, während in den schwereren Fällen das Fieber, die Appetitlosigkeit und die Athem­beschwerden oft sehr bedeutend sind.
Die Prognose ist bei einfacher katarrhalischer Bronchitis im Allgemeinen günstig, besonders dann, wenn der Katarrh nicht bis in die capillaren Bronchien reicht. Die meisten Patienten genesen bei entsprechender Haltung und Pflege innerhalb 2 bis 3 Wochen. Bedenklicher ist die Prognose bei capillarer Bronchitis, besonders bei hochgradiger Erkrankung. Aussei- dem tödtlichen Ausgang ist auch der Uebergang in chronischen Bronchialkatarrh ein un­erwünschter, da dieser oft sehr hartnäckig, zuweilen sogar unheil­bar ist. Bei schlecht ernährten, oder durch Krankheit geschwächten Thieren mit ungenügender Athmung kommt es leichter zur Ver­stopfung einzelner oder verschieden zahlreicher Bronchiolen und demnach zur Bronchopneumonie und Atelectase etc., als bei Thieren, welche in besseren Verhältnissen sich befinden.
Pathologische Anatomie. Der Sectionsbefund ist im Wesent­lichen folgender: Die Bronchialschloimhaut zeigt die bekannten Erscheinungen des Katarrhs, welche nach dem Grade und dem Stiidium desselben variiren. Bei capillarer Bronchitis sind die Schleim­häute der kleineren Bronchien meist stark geröthet, ihr Lumen ist
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Cluouischci- lironchialkatarrli.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ',iol
mit zähem Schleime oder mit Eiter erfüllt, das Laugengewebe stellenweise luftleer (atelectatisch), stellenweise wie aufgeblasen (em-physematisch). Die katarrhalisch afficirten Bronchien erscheinen meist erweitert.
Die Therapie der acuten Bronchitis verlangt vor allen Dingen Schonung, in schwereren Fällen absolute Dispensation der Patienten von aller Arbeit. Jede Gelegenheit zu Erkältungen muss vermieden, eine geregelte Hautpflege und eine entprechende Diät, wozu ein massig warmer, gut ventilirter Stall gehört, angeordnet werden. Innerlich können die früher angegebenen Dunstbäder und Expecto-rantia angewendet werden. Der Portschaffung des Schleimes aus den Bronchien und Bronohiolen muss eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, um einer secundären lobulären Erkrankung der Lungen möglichst vorzubeugen. Bei Thieren, die erbrechen können, leisten in dieser Biohtunff Brechmittel oft gute Dienste.
Chronischer Bronchialkatarrh, Bronchitis chronica.
Aetiologie. Derselbe entwickelt sich entweder aus einem ver­nachlässigten acuten Bronchialkatarrh, oder erscheint als Begleiter oder Folgezustand von Lungentuberculose, Lungenemphysem, von chronischen Herzkrankheiten, oder von anderen Zuständen, z. B. von Kachexie u. dergl.
Diagnose. Die klinischen Erscheinungen entsprechen zum Theil denen des Secretionsstadiums des acuten Bronchialkatarrhes. Husten, Rasselgeräusche in der Luftröhre und ihren Verzweigungen bei Abwesenheit von Dämpfung des Percussionstones und von Fieber bilden die wesentlichsten klinischen Symptome. Im Verlaufe des chronischen Bronchialkatarrhes entstehen nicht selten Bronchi-ectasie, Lungenemphysem, Lungenödem, parenchymatose Entzün­dung der Lungen n. s. w. Wenn der chronische Katarrh die capillaren Bronchien betrifft, so kommt es in der Regel zur Aus­bildung von Lungenemphysem. Der Husten ist dann häufig weniger auffallend, als die Athembeschwerden. So lange sich keine wei­teren Complicationen zum chronischen Bronchialkatarrhe hinzu­gesellen, wodurch Fieber oder erhebliche Athembeschwerden bedingt werden, so lange wird der Stoffwechsel, resp. die Ernährung der Patienten nicht auffallend beeinträchtigt. Dessenungeachtet sind an chronischem Bronchialkatarrh leidende Thiere zu schweren Dienst­leistungen untauglich, weil bei anstrengender Arbeit leicht bedeu­tende Athembeschwerden sich einstellen. In den kleineren Bronchien kann es in Polge chronischer Entzündungszustände der Schleimhaut schliesslich zur organischen Verengerung oder Verwachsung der be­treffenden Bronchiallichtung kommen. Obgleich derartige Vorkomm­nisse, wenn sie grössere Abschnitte der Lungen betreffen, bedeutende Athembeschwerden verursachen, so sind dieselben doch während des
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352nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Chronischer Bronchialkatarrli.
Lebens nicht .sicher zu diagnosticiren, sondern blos zu vermuthen. Dasselbe gilt für secundäre lobulllre Erkrankungen des Lungen­gewebes, welche in Folge von Verstopfung einzelner oder mehrerer Bronchien dadurch bedingt werden, dass die corrospondirenden Lungenlilppchen zunächst atelectatisch werden und demnach ent­weder verkäsen, oder durch secundäre entzündliche Neubildung im peribronchialen und interalveolären Zwischengewebe zu Grunde gehen. In diesen Fällen complicirt sich der chronische Bronchial-katarrh mit einer käsigen Pneumonic oder mit einer Peribronchitis.
Pathologische Anatomie. Aussei- den Erscheinungen des chro­nischen Katarrhs findet man nach dem Tode meist noch andere pathologische Veränderungen, welche vorzugsweise das Gewebe ver­einzelter oder einer grösseren Anzahl Lungenläppchen betreffen.
Diese Veränderungen gehören indess streng genommen eigentlich nicht dem chronischen Bronchialkatarrhe selbst, sondern anderen consecutiven Krankhoitszuständen an. Verfärbung und Hypertrophie der Bronchial-Schleimhaut, namentlich des submucüsen Bindegewebes, Belag deren Oberfläche mit gelbem eiterartigem, oder zähem gla­sigem oder eiweissartigem Schleime, der zuweilen übel riecht, sind die wesentlichen Befunde, welche dem Bronchialkatarrhe selbst an­gehören. Diese Schleimrnassen füllen das Lumen der kleineren Bronchien manchmal stellenweise aus. Die in Folge eines solchen Verschlusses luftleer gewordenen Lungenläppchen erscheinen zunächst eingesunken, verdichtet (atelectatisch). Bei weiter fortgeschrittener Veränderung sind dieselben entweder in eine käsige Masse, oder in fleischähnliche, später narbige Bindegewebsneubildung umgewandelt. Nicht selten werden Bronchiectasien von verschiedener Form an­getroffen, deren Grüsse zwischen dem Umfange einer Erbse bis zu dein einer Faust variirt und deren Wandungen bald verdickt, bald aber auch abnorm dünn und manchmal mit leistenähnlichen Vor­sprüngen besetzt sind. Diese Ausbuchtungen enthalten gewöhnlich einen zähen glasigen, zuweilen ekelhaft aussehenden Schleim oder Eiter, der bei eingetretener Zersetzung einen widerlichen Geruch verbreitet, was natürlich schon bei Lebzeiten des Patienten wahr­nehmbar war. Bronchiectasien von etwas erheblichem Umfange haben zu ihrer Entwicklung immer einer längeren Zeit bedurft. Man findet solche am häufigsten im Bereiche der kleineren Bron­chien , die grössten jedoch nur an den grösseren Bronchien. Bei Pferden kommen sie meist in den vorderen Lappen und in den unteren Theilen der Lunge vor. Nur selten sind sie vereinzelt, ge­wöhnlich multipel vorhanden. Nach der Stärke ihrer Wand werden sie in „atrophischequot; und „hypertrophischequot; , nach ihrer Form in „cylindrischequot; und „sackförmigequot; unterschieden. Zwischenformen kommen mannigfach vor. Nicht selten findet man um die erwei­terte Stelle die Producte einer chronischen Peribronchitis. Manch­mal werden solche Bronchiectasien für „eingekapselte Rotzknotenquot; gehalten. Von solchen sind sie aber leicht dadurch zu unterscheiden.
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Chronischer Mronohialkatarrh.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 353
dass ihr Inhalt ohne Schwierigkeit sich auslösen liisst und meist eine glattwandige Höhle hinterlässt, während das gelbe abgestorbene Centrum echter Rotzknoten mit dem umgebenden Lungengewebe so innig zusammenhängt, dass es nur schwer ausgelöst werden kann. — Die Inhaltsmasse bronchiectatischer Knoten ist manchmal kilsig zerfallen und verkalkt. Bei Rindvieh findet man öfter bröek-liche oder mörtelähnliche Concremente (Lungensteine), welche da­durch entstanden sind, dass sackartige Erweiterungen eines Bronchus sich gegen die Bronohiallichtung hin vollständig abgeschlossen haben, wobei ihre Wandungen hypertophirt, die eingeschlossenen Massen eingedickt, verfettet und verkalkt sind. Anderweitige Befunde, welche zum chronischen Bronchialkatarrh nicht in näherer Beziehung stehen, somit nur gelegentlich angetroffen werden, bleiben hier unberück­sichtigt. Für die praktischen Zwecke von besonderer Wichtigkeit ist noch folgender Befund. Wenn im Verlaufe einer Bronchitis der Entzündungspro/.ess auf das peribronchiale Bindegowebe sich fort­gesetzt hat, so sind in diesem gewöhnlich Wucherungen entstanden, welche sich in Form von Knötchen bei der Section finden; da die Bronchitis und Peribronchitis gewöhnlich die kleinsten Bronchien betrilft, so findet man im Bereiche dieser häufig kleine Knötchen von der Grosse und Form eines Hirsekorns, zuweilen nur spärlich und zerstreut, meist aber in grösserer Menge und in dichteren Gruppen in den Lungen verbreitet. Diesen Zustand hat man „Bronchitis et Peribronchitis nodosaquot; genannt. Bei einer genaueren Untersuchung dieser Knötchen findet man ein eiteriges oder käsiges Centrum hellgrau umsäumt. Dieses ist durch Druck leicht entfern­bar, worauf der Saum als verdickte Bronchialwand häufig makro­skopisch erkannt werden kann. Ist das Lumen aber verengert (Bronchitis proliferans), so erscheinen die Knötchen grau und lassen nur zuweilen im Centrum eine kleine Lichtung erkennen.
Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, da eine radicale Heilung chronischer Bronchialkatarrhe selten erzielt wird; am ehesten gelingt dies noch in denjenigen Fällen, welche aus einer einfachen acuten Bronchitis hervorgegangen sind. Wo aber das Uebel die Folge ander­weitiger pathologischer Zustände ist, oder wo solche sich secundär entwickelt haben, da kommt stets in erster Linie die Natur, resp. die Heilbarkeit der betreffenden Complication in Betracht. Nicht complicirte chronische Bronchialkatarrhe bestehen manchmal lange Zeit hindurch, ohne weitere üble Folgen, als die bereits angegebenen, nach sich zu ziehen. Kommt es aber zur Entwicklung secundärer Erkrankungen des Lungengewebes, •/,. B. einer lobulären Pneumonic, so kann diese Schwindsucht und Tod im Gefolge haben.
Die Behandlung chronischer Bronchialkatarrhe bleibt in der thierilrztlichen Praxis oft erfolglos, weil es in dieser meist schwor oder ganz unmöglich ist, den Anforderungen einer rationellen The­rapie gerecht werden zu können, indem die ökonomischen Vortheile gewöhnlich die Hauptrolle spielen, so dass langwierige und kost-
Pütz, Compendium dor Thierhellkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 28
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354nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Croup der Respirationsschleimhaut.
spielige Kuren nur selten pünktlich durchgeführt werden. Die Diilt muss eine kräftige, aber leicht verdauliche sein, um die Patienten möglichst lange widerstandsfähig zu erhalten. Bei Stallthieren muss für einen den sanitären Anforderungen entsprechenden Aufenthalts^ ort und bei Arbeitsthieren überdies für die nöthige Schonung der Patienten gesorgt werden. Im Uebrigen ist die Expectoration des Bronchialsecretes in der bereits früher angegebenen Weise tlmnlichst zu fördern.
Croup der Respirationsschleimliaut.
Pathologische Anatomie und Diagnose. Eine oroupOse Er­krankung der verschiedenen Abschnitte der Kespirationsschleimhaut spielt bei unseren Hausthieren im Allgemeinen eine geringere Rolle als beim Menschen. Es handelt sich hier um tiefer greifende nnl erheblichere Veränderungen der Schleimhaut als beim einfachen Katarrh, um eine eigentlich „parenchymatösequot; Entzündung der be-troifenen Schleimhautabschnitte, welche entweder vorzugsweise die Schleimhautfollikel betrifft, oder über grössere Strecken der ganzen Schleimhaut sich ausbreitet. Bei der croupösen Entzündung kommt es zur Ausscheidung eines fibrinösen Exsudates, welches an der Ober-flilche der erkrankten Schleimhautabsohnitte erstarrt, wodurch haut-iilmliche Auflagerungen an den betroffenen Stellen sich bilden. An der Nasenschleimhaut lassen sich die Vorgänge klinisch am besten über­sehen, weshalb ich zunächst die an dieser bei Pferden vorkommenden beiden Formen der parenchymatösen Entzündung besprechen will.
Die Krankheit beginnt stets mit den Erscheinungen eines heftigen Nasenkatarrhs, wobei Lymphgefässschwellungen an der Aussenfläche des Kopfes, besonders im Bereiche der Nasen- und Kehlgangsgegend häufig auftreten. Zuweilen kommt es im Verlaufe der entzündeten Lymphgefässe zur Abscessbildung.
Die folliouläre Affection ist durch Schwellung der Schleimhaut­follikel charakterisirt, wobei letztere an der Nasenscheidewand sicht­bar hervortreten, so duss die Schleimhaut dieser wie mit Sandkörnchen übersäet erscheint. Alsbald quellen die Schleimhautfollikel stärker auf, färben sich gelblich und zerfallen, wodurch kleine Geschwürchen entstehen, die gewöhnlich dicht neben einander auftreten und von leicht infiltrirten, stark gerötheten Rändern umsäumt sind. Die Geschwürchen bedeckt ein croupöses Exsudat, welches von der Peripherie aus allmählig zerfliesst, wodurch jene sich reinigen und verheilen, so dass die Schleimhaut nach und nach ihre normale Beschaffenheit wieder erlangt. Mit dieserraquo; Pollicularverschwärung in der Nasenschleimhaut treten gewöhnlich auch an den Nasen­rändern und an der Aussenfläche der Oberlippe ähnliche Zerstörungen auf. Von den hier sich bildenden Geschwürchen gehen stark gefüllte Lymphgefässe zu den geschwollenen Kehlgangslymphdrüsen. Da­durch entsteht ein Krankheitsbild, welches manchmal zur Verwechs­lung mit Rotz geführt hat. Bei einigem Zuwarten klärt sich der
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Croup der Respimtionsschleimhaut.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 355
Irrtimm iudess bald auf, indem fraglicher oroupöser Prozess fast immer innerhalb einiger Wochen mit Genesung absohliesst; nur selten bleibt ein chronischer Nasenkatarrh oder Schwellung der Kehlgangslymphdrüson zurück.
Beim häutigen Nasenoroup bilden sich auf der Nasenschleimhaut grau- oder rötlilich-gelbe Pseudomembranen, welche sich zuweilen beträchtlich ausbreiten. Die von denselben bedeckten Schleimhaut­stellen sind wulstig, stark hyperämisch und mit einzelnen Blutpunkten besetzt. Am Cadaver ist die Hyperämie stets verschwunden, während die Blutextravasate stellenweise noch vorhanden sind. Die Croup-merabranen bestehen aus einem fibrinösen Netzwerk, welches mit granulirten Bundzellen und mit Blutkörperchen erfüllt ist. Ob die­selben durch Ausschwitzung, oder durch eine Umwandlung des Schleimhautepithels entstehen, ist noch strittig. Die nicht mit erstarrtem Exsudat bedeckte Schleimhaut der Nachbarschaft secernirt einen zähen gelblichen Schleim, der aus den Nasenlöchern herunter­hängt. Bei heftiger und ausgebreiteter Affection erreichen die Athem-beschwcrden theils in Folge der Schleimhautschwellung, theils in Folge der Raumbeengung durch flottirende, oder mächtigere Exsudatplatten oft einen hohen Grad. Die Lymphgefilsse im äusseren Bereiche der Nase sind in der Regel deutlich wahrnehmbar injicirt und die Kehl­gangslymphdrüsen geschwellt. Unter günstigen Verhältnissen geht die Loslösung der Pseudomembranen von der Peripherie aus regel-mässig und ohne weitere üble Folgen von statten, indem die leicht blutenden GesehwürsflUchen vernarben. Es kommt dann zu einer vollständigen Restitution der betreffenden Schleimhautstellen. Nicht selten jedoch zeigen die Geschwürsflächen eine sehr geringe Heil-tondenz, so dass der Zerstörungsprozess weiter um sich greift. In solchen Fällen zieht sich die Reconvalescenz in die Länge, oder es kommt sogar zur Blutvergiftung und zum tödtlichen Ausgange.
Die Ursachen der croupösen Schleimhautentzündung sind noch wenig erkannt. Die Krankheit tritt zuweilen seuchenartig auf, wes­halb manche Beobachter dieselbe für contagiös halten. Da es aber bis jetzt nicht gelungen ist, sie auf andere Thiere künstlich zu übertragen, so ist ihre infectiöse Natur mindestens fraglich. Rauhe Witterung, anhaltende Märsche auf staubigen Wegen und gegen scharfe Winde, dunstige Ställe und verschiedene Reize, welche die Respirationsschleimhaut treffen, werden als ätiologische Factoren beschuldigt. Es ist somit wenig wahrscheinlich, dass Croup und Diphtherie wesentlich gleiche Krankheiten seien, welche nur durch die Verschiedenheit ihrer Localisation an der Oberfläche, oder tiefer im Gewebe der betroffenen Schleimhaut sich unterscheiden , indem die Diphtherie bekanntlich ein sehr wirksames Contagium ent­wickelt (s. S. 282),
Die Prognose ist bei der folliculären Form des Croups der Respirationssclileinihaut im Allgemeinen günstiger, als bei der hau-
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356nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Croup des Kehlkopfes.
tigeii Form. Bei letzterer ist dieselbe unsicher und bei ausgebreiteten looalen Prozessen mit hohem Fieber bedenklich.
Die Behandlung hat besonders für entsprechende diätetische Verlulltnisse zu sorgen, wodurch die weitere Einwirkung schildlicher Einflüsse fern gehalten wird. Sodann sind Inhalationen von Wasser-dilmpfen, oder von heissen aromatischen Aufgüssen aufsteigenden Dämpfen mit der nöthigen Vorsicht anzuwenden. Die von aussen erreichbaren Geschwüre auf der Nasensohleimhaut können nöthigen-falls direct local behandelt und mit einem ihrem jeweiligen Zustande entsprechenden flüssigen Mittel bepinselt, eventuell mit Höllenstein leicht tonohirt werden. Die im Verlaufe der entzündeten Lymph-gefilsse etwa auftretenden Abscesse müssen nach ihrer völligen Keifung gespalten werden, falls die Oefihung derselben nicht recht­zeitig spontan erfolgt. Die geschwollenen Kehlgangslymphdrüsen reibe man mit irgend einem zertheilenden Mittel ein, entweder mit einfachem Schweineschmalz oder mit einem anderen milden Fette, oder mit Altheesalbe und Lorbeeröl zu gleichen Theilen vermischt, oder aber mit Terpentinseife, Quecksilber- oder Jodsalbe. — Inner­liche Mittel sind im Allgemeinen von sehr zweifelhaftem Werthe. Nur bei höherem Fieber kann eine antipyretisohe Behandlung indicirt erscheinen. Die Unterbringung der Patienten in einem besonderen Stalle ist zu empfehlen, obgleich die Contagiosittlt des Croups sehr zweifelhaft, sogar unwahrscheinlich ist. Die Regelung der diäte­tischen Verhältnisse kann indess bei Isolirung der Patienten den Bedürfnissen dieser meist besser angepasst werden.
Croup des Kehlkopfes, Angina membranaoea
kommt bei allen Thiergattungen vor, jedoch selten primär, sondern im Gefolge anderer Krankheiten, namentlich bei Binderpest, bösarti­gem Katarrhalfieber des Rindes, croupöser Lungenentzündung u. s. w. Derselbe beschränkt sich nur selten auf die Schleimhaut des Kehl­kopfes, sondern reicht meist tiefer in die Luftröhre, selbst bis in die grösseren Bronchien hinein. Der Kehlkopfcroup wird auch „hantige Bräunequot; genannt und ist im Allgemeinen durch das plötz­liche Auftreten bedeutender Athembeschwerden, eines heftigen, krächzenden Hustens charakterisirt. Die Auscultation der Luftröhre ergibt, dass im Kehlkopfe ein Hinderniss für den Durchgang der Luft vorhanden ist; nicht selten hört man das Flottiren theilweise losgelöster Croupmembranen. Bei Druck von aussen auf den Kehl­kopf äussern die Patienten Schmerz. Wird die Stimmritze durch croupöses Exsudat verlegt, so treten Erstickungszufälle ein, die in kurzer Zeit zum Tode führen können. Mit zunehmender Athemnoth steigert sich die Unruhe und Angst der Patienten, deren Körper-Oberfläche sich mit Schweiss bedeckt. Werden die croupösen Massen ausgehustet, so kann Genesung eintreten.
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Croup der Bronchien. Neurosen der Respirationsorgane. 357
Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, namentlich dann, wenn der Kehlkopfcroup im Gefolge anderer Krankheiten auftritt.
Die Behandlung ist keine besonders dankbare, weil dieselbe meist nicht im Stande ist, den tödtlichen Ausgang abzuwenden. Am ehesten erweisen sich nützlich: die Inhalationen von Wasser­dämpfen, resolvirende oder scharfe Einreibungen in die äussere Haut der Kehlkopfgegend und im Falle von Erstickungsgefahr der Luft­röhrenschnitt (Tracheotomie), den mau im Nothfalle mit jedem scharfen Federmesser machen kann. Nach Eröffnung der Luftröhre tritt zunächst stets eine sofortige Abnahme der Athembeschwerden ein, wenn nicht gleichzeitig Croup der feinen Bronchien vorhanden ist, wodurch diese in grösserem Umfange verstopft sind.
Croup der Brouchien
kommt meist als seeundäre, sehr selten als primäre für sich allein bestehende Erkrankung der Respirationsschleiinhaut vor. Bei Kehl­kopfcroup, sowie bei croupöser Lungenentzündung greift indess der croupöse Prozess manchmal auf die Schleimhaut der feineren Bron­chien über, so dass Bronohialcroup als Bogleiter von Kehlkopfcroup und von fibrinöser Pneumonie nicht selten vorkommt.
Die Diagnose kann nur dann mit Sicherheit gestellt werden, wenn die Patienten fibrinöse Abgüsse des Bronchialbaumes aushusten, oder wenn die Athemnoth bei Kehlkopfcroup nach vorgenommener Tracheotomie fortbesteht. In solchen Füllen würde der ttrad der Athembeschwerden auf die Ausbreitung des eroupösen Prozesses in den Bronchiolen und damit auf den Grad der drohenden Gefahr einen Wahrscheinlichkeitsschluss gestatten. Hiernach richtet sich die Prognose, die bei grosser Athemnoth ungünstig lautet. Die Behandlung ist dieselbe wie bei fibrinöser Pneumonie.
Neurosen der Respirationsorgane.
Beim Menschen kommt eine Neurose des Lungen-Magennerven vor, welche einen Krampf der musculösen Elemente der kleinsten Bronchien und der Lungenalveolen bedingt, in Folge dessen perio­dische Anfälle von hochgradigen Athembeschwerden bei anderweitig nicht brustkranken Individuen entstehen. Diese Anfälle treten ent­weder plötzlich ein, oder sie entwickeln sich langsamer, so dass sie etwa am dritten Tage den höchsten Grad erreichen, 1/4 bis mehrere Stunden anhalten und dann unter Expectoration eines zähen Schleimes und unter Entleerung eines wasserhellen Urins wieder verschwinden. Da es ungewiss ist, ob dieses eigentliche „Asthmaquot; bei unseren Hausthieren vorkommt, so will ich mich damit begnügen , hier die Aufmerksamkeit auf fragliches Uebel zu lenken, um damit zur even­tuellen Beachtung desselben und Veröffentlichung der betreffenden Beobachtung anzuregen.
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358nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Keuchhusten.
Eine bei Hunden, seltener iiuch bei Pferden vorkomniende Neu­rose der Respirationsorgiine ist der sogenannte „Kruinpfhusteii, Tussis coiivnlsira s. Pertussisquot;, welcher dein Keuchhusten des Mensehen sehr ähnlich ist und wie dieser nicht selten in seuehen-urtiger Verbreitung auftritt.
Die Diagnose dieses Leidens gründet sich auf das periodische Eintreten eines rauhen, quillenden Hustens, wobei die einzelnen An­fälle eine oder einige Minuten dauern und beim Hunde (ähnlich wie bei Kindern) häufig mit Brechanstrengung oder wirklichem Er­brechen enden, um nach verschieden langen Intervallen wiederzu­kehren. Das Leiden wird von einem lironchialkatarrhe begleitet, der dein Krampfhusten meist einige Zeit vorausgeht, aber erst mit diesem sich wieder verliert, was ge\völinlich nach Verlauf von meh­reren Wochen bis einigen Monaten geschieht.
Aetiologie. Die Ursache des Keuchhustens ist weder beim Menschen, noch bei fraglichen Thieren näher erkannt. Man nimmt an, dass dasselbe in einem specifisclien Katarrh der Schleimhaut des Kehlkopfes und der Luftröhre bestehe, verbunden mit einer reflectorischen Neurose, resp. mit einer eigenthümlichen Reizung der Endigungen des oberen Kehlkopfsnerven, welche, auf das verlängerte Mark fortgeleitet und von diesem auf den unteren Kehlkopfnerven übertragen, die Hustenanfälle veranlasse. Diese werden leicht hervor­gerufen durch gewisse Beize, welche den Kehlkopf treffen, so z, B. durch schroffen Wechsel der Temperatur der eingeathmeten Luft, wie z. B. beim Uebertritt aus warmen Stuben oder Stallungen in's Freie bei kalter Witterung, ferner durch die Aufnahme kalter Flüssig­keiten und dergleichen. Man ist gegenwärtig geneigt, das Leiden als eine contagiöse Infectionskrankheit zu betrachten, dessen Con-tagium in dem expectorirten Schleime, sowie in der ausgeathmeten Luft enthalten sein soll. Bis jetzt ist es indess noch nicht gelungen, den betreffenden Krankheitserreger sicher nachzuweisen.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig, da nur in seltenen Fällen durch das Hinzutreten dieser oder jener Complication das Leiden tödtlich endet; in der Regel tritt vollständige, nur selten unvollständige Genesung ein, indem Lungenemphysem, oder eine andere Nachkrankheit sich ausbildet.
Die Sectionserscheinungen sind die eines Katarrhs der Schleim­haut des Kehlkopfes, der Luftröhre und Bronchien, welchen sich die Erscheinungen der hinzugetretenen tödtlich gewordenen Compli­cation anreihen.
Die Behandlung besteht in der Hauptsache in der Abhaltung schädlicher Einwirkungen, namentlich also in dem Schütze der Patien­ten gegen Erkältung, gegen die Einflüsse verdorbener Luft u. s. w. Dies Leiden nimmt seinen typischen Verlauf und kann durch Arznei­mittel nur wenig oder gar nicht heeinflusst werden. Soll dessen-
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Oedem ties Kehldeckels. Bösartiges Katarrhalfieber des Rindes. 359
ungeachtet etwas verordnet werden, so wähle man unter den Expec-torantien diejenigen aus, welche den Patienten am angenehmsten sind. (S. Bronchialkatarrh.)
Oedem des Kehldeckels, Oedema glottidis.
Anatomie. Das submucöse Bindegewebe des Kehlkopf'einganges ist am Grunde dos Kehldeckels serös, selten eiterig intiltrirt. Die Infiltration beginnt in der Regel an der Basis des Kehldeckels und breitet sich von dort über den Eingang zum Kehlkopfe und über die Raehenhöhle weiter aus. Man findet an fraglichen Stellen wul­stige Erhebungen der Schleimhäute, welche den Eintritt von Luft in den Kehlkopf gewöhnlich bedeutend erschweren. Die Farbe dieser Wülste ist verschieden; beim Anstechen derselben fliesst das [nfil-trat ziemlich schnell ab, so dass die Erhebungen der Schleimhäute zusammensinken.
Diagnose. Das Glottisödem ist selten oder nie eine primäre Erkrankung, sondern erscheint im Gefolge verschiedener anderer Krankheiten, namentlich als secundäre Affection bei Rachen- und Kehlkopfentzündung, bei Rotzkrankheit u. s. w. Dasselbe beein­trächtigt das Athmen, besonders die Inspiration; es ist zu ver-muthen, wenn zu einer bereits bestehenden Krankheit plötzlich auf­fallende Athembeschwerden sich gesellen, deren Sitz der Kehlkopf ist, was durch Auscultation der Luftröhre festgestellt werden kann. Ausserdem stellt ein heiserer Husten und Empfindlichkeit der Kehl­kopfgegend, zuweilen Schwellung in dieser sich ein. Die Patienten zeigen sich unruhig, beängstigt, fangen an zu schwitzen, die Augen treten stärker hervor, und sie sterben schliesslich an Erstickung, wenn nicht rechtzeitig die Natur oder Kunst diese Gefahr beseitigt.
Die Prognose ist unsicher und richtet sich vorzugsweise nach dem TOrhaudeneu primären Leiden. Ein seröses Oedem kann schnell zur Resorption gelangen, aber auch schnell zum Tode führen.
Behandlung. BeiThieren, die erbrochen können, ist ein Brech­mittel angezeigt; bei Pferden und Bindvieh kann man bei geringen Athembeschwerden sich auf ableitende Einreibungen in der Kehlkopf­gegend beschränken, oder aber die Tracheotoinie machen, die in allen bedenklichen Fällen rechtzeitig vorzunehmen ist.
Die Kopfkrankheit oder das bösartige Katarrhalfieber des Rindes.
Diese Krankheit kommt in manchen Gegenden, oder in gewissen Ortschaften und Stallungen häufiger, zuweilen sogar enzootisch vor, während sie in anderen Gegenden selten und höchstens gelegent­lich in vereinzelten Pällen erscheint. Dieselbe tritt stets unter den Symptomen einer mehr oberflächlichen (katarrhalischen), oder tiefer greifenden (parenchymatösen) Affection dor Respirationsschleimhaut
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360nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Bösartiges Katarrbalfieber des Rindes.
auf, deren Ausbreitung und Grad sehr verschieden sein können. Ihr Verlauf variirt demnach, so dass man daraus Veranlassung ge­nommen hat, zwei verschiedengradig bösartige Formen der Kopf­krankheit des Rindes zu unterscheiden.
Aetiologie. Bis jetzt noch herrscht über das Wesen und die eigentlicbe Ursache fraglicher Krankheit ein undurchdringliches Dunkel; auch ist die Frage noch nicht entschieden, ob dies Leiden ansteckend ist, oder nicht. Vereinzelte Erkrankungen sind keine Seltenheit, selbst nicht in grösseren Viehbeständen; in diesen kommen aber auch manchmal mehrere Erkrankungen kurz nach einander vor und zuweilen sogar in solcher Anzahl, dass die Krankheit den Charakter einer Ortsseuche annimmt. Als Ursache wird meist Er­kaltung beschuldigt; dies ist wohl deshalb der Fall, weil die Kopf­krankheit des Rindes in Gebirgsgegenden mit schroifem Temperatur­wechsel am häufigsten beobachtet wird. Sie fehlt aber auch in Ebenen nicht. Hier in Halle a. S. und im Saalkreise habe ich sie im Flachlande verschiedene Male zu sehen Gelegenheit gehabt, aller­dings nur in vereinzelten Füllen, so dass in grösseren Viehbestllnden je nur eine Erkrankung vorkam, oder dass im Verlaufe grösserer Zeitrilume und nach jedesmal längeren Intervallen mehrere verein­zelte Fälle auftraten. Seit neuerer Zeit wird das bösartige Katarrbal­fieber ziemlich allgemein für eine Infectionskrankheit gehalten und der Krankheitserreger in einem Mikroorganismus gesucht, über dessen Natur indess durch die seitherigen Forschungsergebnisse Zuverlässiges festgestellt worden ist.
Meine eignen, sowie die Erfahrungen Anderer sprechen nicht für die Ansteckungsfähigkeit in Rede stehender Krankheit. Das stellenweise enzootisohe Vorkommen derselben kann auch sehr gut ohne Contagium erklärt und darauf zurückgeführt werden, dass die in einein Stalle beisammen stehenden Thiere denselben örtlichen Schädlichkeiten ausgesetzt sind.
Diagnose. Die weniger bösartige Form ist im Allgemeinen gekennzeichnet durch einen Katarrh der Augenlidbindehaut und der Luftwege, durch Eingenommenheit des Kopfes, vermehrte Wärme desselben, besonders seiner Stirn- und Schädelportion, durch ver­minderte Fresslust, träges Wiederkauen und verzögerte Kotbentlee-rung, sowie nicht selten durch Steifigkeit, resp. Schwäche des Kreuzes und der Hintergliedmaassen.
Die Entzündung der Augenlidbindehaut breitet sich in der Regel über die vordere Fläche des Augapfels aus, so dass ausnahms­los eine mehr oder weniger ausgebreitete und deutlich auffallende Trübung der durchsichtigen Hornhaut entsteht; auch die inneren Theile des Auges werden nicht selten in Mitleidenschaft gezogen. Die Augenlider sind meist geschlossen, zwischen denselben fliessen im inneren Augenwinkel zahlreiche Thränen ab.
Die bösartigere Form wird bedingt durch Hinzutreten ver­schiedener Complicationen zu der vorigen. Das Leiden bleibt nicht
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Bösartiges Katarrhaltieber des Rindes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;361
auf die Eespirationsschleimhaut beschränkt, sondern greift auch auf die Schleimhäute des Verdauungs-, Harn- und Geschleohts-Apparates über. Die katarrhalischen Affectionen treten bald hier, bald dort stärker hervor und führen am Zahnfleische zuweilen (wenngleich selten) Erosionen herbei, wie diese bei der Rinderpest so häufig beobachtet werden. Auch auf der Schleimhaut des Genitalcanales können ähnliche Erscheinungen auftreten.
Bei ausgebreiteterem Ergriffensein der Schleimhäute der Kopf­höhlen wird der ganze Kopf vermehrt warm; am auffallendsten zeigt sich dies in der Regel am Grunde der Hörner; manchmal schwillt der Angesichtstheil des Kopfes mehr oder weniger deutlich an.
Die Kopfkrankheit des Rindes kommt am häufigsten im Früh­jahre vor, seltener im Herbst. Eine Verwechslung derselben mit Rinderpest ist am ehesten dann möglich, wenn deutliehe Trübung der Cornea fehlt und oberflächlicher Zerfall des Schleimhautepithels am Zahnfleische und im Genitalcanale vorhanden ist. Die Differential­diagnose bleibt namentlich dann nicht selten längere Zeit unsicher, wenn die Kopfkrankheit seuchen artig auftritt. Aber auch in diesem Falle wird der aufmerksame Sachverständige nicht allzulange im Unklaren bleiben, da bei verschiedenen Patienten Krankheitsbilder sich zeigen werden, welche über die Natur des Leidens gewöhnlich mehr Licht verbreiten. Auch verdient der Umstand Beachtung, dass die Kopfkrankheit vorzugsweise junge Thieve bis zu 6 Jahren be­fällt, während die Rinderpest in dieser Beziehung keinen Unterschied zu machen pflegt. (Vergleiche S. 223.)
Verlauf und Prognose. Die weniger bösartige Form geht häufig in Genesung über, indem im Verlaufe von 3 bis 5 Wochen Naturheilung zu erfolgen pflegt, so dass die Behandlung auf eine entsprechende Regelung der diätischen Verhältnisse sich beschränken kann. Die Patienten kommen während dieser Zeit in ihrem Er-nilhrungszustande stets sehr herunter und bleiben auch in der Folge meist noch längere Zeit in ihrem Wohlbefinden und in ihrer Ent­wicklung gestört.
Bei der bösartigeren Form ist die Abstumpfung der Patienten grosser als bei der vorigen; der Kopf wird meist aufgestützt, Orts­bewegungen verursachen den Patienten Schmerzen, sogar das Stehen wird denselben sauer, weshalb sie viel liegen; alsbald stellt sich eine auffallende Schwäche des Hintertheiles ein. Der Katarrh der Nasen- und Augenlidschleimhaut ist profuser, die Respiration be­schleunigt und erschwert, nicht selten mit Schleimrasseln verbunden. Auf der Nasenschleimhaut kommt es öfter zur Geschwürsbildung (Diphtherie ?); der Nasenspiegel ist bald feucht, bald trocken und rissig; Fresslust und Wiederkauen sind verschwunden, der Durst meist nicht vermehrt. Der Koth ist anfangs in der Regel trocken und dunkel gefärbt, der Urin saturirt, zuweilen blutig-roth. Die glanzlosen Haare der spröden (bretterartigen) Haut sträuben sich, die Patienten magern schnell ab.
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3(j'Jnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Bösartiges KataiTlialtieber des Rinderaquo;.
Bei tödtlichem Ausgange nehmen die Ausscheidungen, nament­lich auch der Nasenausfluss, in Bezug auf Farbe, (reruch und Con-sistenü eine üble Beschafi'enheit an; es tritt Durchfall ein, der die Kräfte des Thieres schnell noch mehr erschöpft; die Patienten sind entweder sehr erregbar oder abgestumpft; der Puls wird immer schwächer, der Hoiv-schlag pochend, bis SOhliesslioh das Leben erlischt.
Die Prognose ist beim bösartigen Katarrhalfieber des Kindes unsicher; die Mehrzahl der erkrankten Thiere geht zu Grunde. Wo Genesung eintritt, pflogt dieselbe lange Zeit zu erfordern; es dauert in der Regel mehrere Wochen, ja oft mehrere Monate, bis die volle Gesundheit wiederkehrt. Das Sehvermögen bleibt nicht selten in mehr oder weniger beträchtlichem Masse noch längere Zeit, oft Monate lung, zuweilen sogar für immer gestört. Je schwerer die Complicationen sind, um so wichtiger wird man bei der Vorhersage alle Einzelheiten zu berücksichtigen haben. Wenn in 9 bis 11 Tagen keine Besserung eingetreten ist, sind die Aussichten auf denesung im Allgemeinen sehr geringe.
Pathologisch-anatomischer Befund. Bei der Section findet man die Schleimhäute der Kopfhöhlen in verschiedenem Grade und Um­fange entzündet; in der Hegel ist die Auskleidung der Nasen- und Rachenhöhle, des Kehlkopfes und der Luftröhre am stärksten affi-cirt und mit Auflagerungen, Blutunterlaufungen oder Geschwüren besetzt. Das Zahnfleisch ist aufgelockert, livid gefärbt, in der Um­gebung der Zähne mehr oder weniger auffallend geschwürig; auch an anderen Partien der Maulsohleimhaut finden sich öfter Defeote.
Je nach den vorhanden gewesenen Complicationen erscheinen die Brust- oder Baucheingeweide verändert. Häufig findet man die Luftröhrenäste mit grau oder röthlich gefärbtem Schleime be­legt, die Lungen in verschiedenem Grade und Umfange entzündet. Aiich die Baucheingeweide werden öfter vorändert angetroffen. Lober und Milz sind häufig mit Blut überfüllt; an ersterer finden sich zuweilen Entzttndungsei'soheinungen, Auch im Bereiche dos Magens und Darmcanales, sowie der Harn- und Geschlechtsorgane werden gelegentlich Entzündungserscheinungeu angetroffen. Das Blut zeigt in der Regel eine wässerige Beschaffenheit. Die Gefässo des Gehirns sind meist stark mit Blut überfüllt, in den Hirnhäuten zuweilen kleine Blutaustretungen vorhanden. Die Substanz des Gehirns und des Rückenmarkes bietet im Uebrigen meist keine makroskopisch wahrnehmbaren Veränderungen. Die Augenlidbindehaut, sowie die inneren Theile des Auges sind entzündet u. s. w.
Zündol fand in einigen Fällen in den Bronchialdrüsen, sowie in den Lungen und in den Hirnhäuten Tuberkel, weshalb er geneigt ist, die Krankheit für eine Form der Tuberculoso (Meningitis tuber-culosa sou granulosa) zu halten. Oreste (Gazetta medico-vetorinaria, Milano 1878) identificirt das bösartige Katarrhalfiobor mit der Diph-theritis; er hält die Befunde Ziindels in den Hirnhäuten wohl mit Recht für zufällige.
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Hyperämie der Lunten.
3G3
Behandlung und Vorbeuge. Bei der Behandlung derartiger Patienten spielt ein geeignetes diiitetisohes Verhalten eine Haupt­rolle. Unterbringung derselben in einem trockenen, luftigen, nicht ZU wannen, aber auch nicht /.u kalten Stalle , Darreichung leicht erwärmter Tränke, die aas Wasser mit massigen Gaben Brechwein­stein oder auch aus Mehlwasser bestehen können, kleine Fortionen tadellosen Wiesenheues sind zu empfehlen. Auch können mit der nöthigen W-,..sieht Dunstbäder npplicirt werden. Bei Aibemhoschwerden muss mal1 namentlich darüber wachen, dass beim Gebrauche jener mit den aufsteigenden Wasserdilmpfen den Bespiratio'nswegen gleich­zeitig die erforderliche Menge atmosphilriscluir Luft -/ugeführt wird, damit die Patienten nicht etwa ersticken.
Zum innerlichen Gebrauche sind die verschiedensten Arzneimittel gegen das bösartige Katarrhalüeber des Rindes empfohlen worden, so z. B. Salmiak, Brechweinstein , Salpetersäure , Salzsäure, bittere, aromatische und bitter-aromatische Mittel, Ohinarinde und dergleichen mehr. Auch fehlt es nicht an Berichten, in welchen eine streng antiphlogistische Behandlung (einschliesslich des Aderlasses) gerühmt und die innerliche Anwendung des Salpeters mit Kampher beson­ders empfohlen wird. Ferner sind Einwickliiiigen in nasse aus­gerungene Tücher mit scheinbarem oder wirklichem Nutzen ange­wendet worden. Ob aber irgend eins dieser Mittel in der That an den ihm zugeschriebenen Erfolgen einen unbestreitbaren Antheil hat, erscheint mir mindestens sehr fraglich, Jedenfalls ist die gün­stige Wirkung aller genannten Mittel in weitaus den meisten Fällen nicht wahrgenommen worden
In den letzten Jahren, wo die Cilrbolsäure gewissermassen als Fanaoee gegen alle Infectionskrankheiten angepriesen worden ist, hat es auch an Empfehlungen derselben gegen die Kopfkrankheit des Kindes nicht gefehlt. Nachdem Schmelz von den bis dahin ge­rühmten Methoden in den meisten Fällen im Stiche gelassen worden war, versuchte er (wie andere Praktiker) die Garbolsäure. Er gab dieselbe in gleichen Theilen Spiritus gelöst zu 5 gr in einer Flasche Wassers, alle 4 Stunden eine solche Gabe; gleichzeitig entwickelte er im Stalle schwache Theerdämpfe. Der Erfolg war angeblich ein sehr günstiger.
Obgleich auch andere Berichterstatter das Mittel rühmen, so zweifle ich doch, dass dieser Ruhm von langer Dauer sein wird. Ich befürchte, dass die auf dasselbe gesetzten Erwartungen sich ebensowenig verwirklichen werden , als dies bei anderen Infections­krankheiten der Fall gewesen ist.
Hyperämie der Lungen.
Aetiologie. Eine Ueberfüllung der Lungen mit Blut kann, wie jede andere Hyperämie, in mehr activer oder mehr passiver Weise zu Stande kommen. Der normale Blutreichthum der Lungen kann dadurch abnorm zunehmen, dass dem Abflüsse des Blutes
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364nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hyperämie der Lungen.
nach dem Herzen Hindernisse sich entgegenstellen, oder dass Ver-hllltnisse einwirken, welche den Zufluss des Blutes nach den Lungen übermüssig steigern. Zu jenen Hindernissen, welche eine Anschop­pung oder Blutstauung in den Lungen verursachen können, gehören vorzugsweise folgende: 1) Verengerung der Oeffnung /.wischen der linken Vor- und Herzkammer; 2) Insufficienz oder andere Fehler der an dieser Oeffnung gelegenen Segelklnppen und 8) geschwilohte Propulsionskraft des Herzens in Folge allgemeiner Schwilche, fettiger Degeneration, oder abnormer Innervation des Herzmuskels; 4) durch abnormen Druck auf die grossen Gefassstilmme (s. Trommelsucht). Liegen mit einem derartigen Fehler behaftete Thiere längere Zeit hindurch auf einer Seite, so kommt es leicht zu sogenannten Sen­kungshyperämien in der Lunge (sowie in anderen Organen) der dem Boden zugewandten Körperseite.
Der normale Blutzufluss nach den Lungen kann durch folgende Umstände übermässig gesteigert werden: 1) durch verstärkte Herz-actionen, welche durch vermehrte Muskelai-beit, /.. B. durch schnelles Laufen, anhaltenden Dienst im schweren Zuge, oder durch Hyper­trophie und abnorme Innervation des Herzens bedingt sein können ; 2) durch Einathmen reizender Dämpfe oder sonst stark verunreinigter oder sehr kalter und heftig bewegter Luft; 3) durch Erkältung und collaterale Fluxion; 4) durch heftige Erschütterung der Brusteinge­weide; 6) durch pflanzliche und thierisohe Parasiten.
Die klinischen Erscheinungen der Lungenhyperämie sind im Wesentlichen folgende: Athembeschwerden, welche dem Grade und der Beschaffenheit nach verschieden sein können. Dieselben treten entweder plötzlich oder allmählig deutlich hervor und steigern sich zuweilen bis zur Erstickungsgefahr. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn, ein Lungenödemsich bildet, indem zufolge der starken Füllung der Bhitcapillaren Blutzellen und Blutplasma durch die gedehnten Capillarwandungen in die Alveolarräume des Lungenparen-chyms übertreten. Zuweilen gibt sich in Rede stehender Vorgang durch Expectoration eines blutig-schaumigen Schleimes äusserlich zu erkennen. Gewöhnlich ist bei Lungenhyperämie ein trockener, schmerzhafter Husten vorhanden. Die Patienten zeigen ein gewisses Unbehagen; sie erscheinen bald unruhig oder ängstlich, bald stumpf­sinnig oder betäubt. Die sichtbaren Schleimhäute sind geröthet, der Puls ist beschleunigt, der Herzschlag nicht selten pochend.
Die Prognose ist verschieden und richtet sich nach dem Grade der Erscheinungen und nach der Beschaffenheit der Ursachen. Wo diese entfernt mid fern gehalten werden können, da ist sie günstig; wo dies nicht möglich ist, kann allenfalls eine Minderung, aber keine radicale Heilung des Uebels erzielt werden.
Pathologische Anatomie. Bei Thieren, welche in Folge von Lungenhyperämie gestorben sind, findet man die LungengefUsse, namentlich die Venen, mit Blut überfüllt und die Erscheinungen des Erstickungstodes; zuweilen finden sich auch erheblichere Blut-
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Blutungen aus den Respirationsorgauen. Nasenbluten.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 365
ergüsse in den Bronchien und im Lungengewebe. Letzteres ist dunkelroth, gedunsen, aber lufthaltig. Nur nach sehr starken und anhaltenden Lungenhyperilmien findet man an verschiedenen Stellen die Lungenbläschen durch die erweiterten und stark gefüllten Oapil-laren des interlobulären Bindegewebes zusammengedrückt und mit Blut durchtränkt (splenlsirt).
Therapie. Die Entlastung der Lungen ist nicht immer auf dem nämlichen Wege herbeizuführen. Bei vollblütigen Thieren wird dieselbe oft momentan durch einen ausgiebigen Aderlass bewirkt, während dieser bei heruntergekommenen, blutarmen Thieren die vorhandene Herzschwäche noch steigern würde. Bei letzteren darf deshalb nur im Falle der höchsten Noth eine Blutentziehung, und zwar nie eine ausgiebige, vorgenommen werden; im Allgemeinen ist bei fraglichen Thieren ein Aderlass contraindicirt. Hier igt die Entlastung der Lungen durch Ableitung des Blutes nach anderen Körpertheilen anzustreben. Diesem Zwecke können verschiedene Mittel dienen, namentlich ableitende Einreibungen zu beiden Seiten der Rippen Wandungen, Abführmittel, die indess bei heruntergekom­menen Thieren mit Vorsicht zu gebrauchen sind. Während hier eine stärkende Ernährung am Platze ist, ohne aber die Verdauung zu belästigen, muss bei vollblütigen Thieren eine knappe und magere Diät und eine kräftig wirkende Purganz verordnet werden. Ist die Hyperämie durch Herzfehler verursacht, so sind diese entsprechend zu berücksichtigen. Jede Anstrengung der Patienten, und als solche gilt selbst eine leichtere Ortsbewegung, ist zu meiden. Senkungs­hyperämien sucht man durch häufiges Umlegen der Patienten von der einen auf die andere Körporseite zu begegnen. Da eine Beein­trächtigung der Freiheit des Athmens die Entstehung und den Port­bestand von Lungenhyperämie begünstigt, so dürfen keine voluminöse, oder schwer verdauliche, oder blähende Futtermittel verabreicht werden.
Blutungen aus den Respirationsorganen.
Bei unseren Hausthieren kommen Blutungen der Respirations­organe im Allgemeinen seltener vor, als bei Menschen, dennoch spielen dieselben in der thierärztlichen Praxis manchmal eine ge­wisse, zuweilen nicht unbedeutende Rolle, weshalb ich dieselben hier im Zusammenhange kurz besprechen will.
Blntnngen aus der Nase (Epistaxis).
Diagnose. Aus den Kopflufthöhlen stammende Blutungen sind .als solche dadurch gekennzeichnet, dass nicht schaumiges Blut tropfenweise oder in ununterbrochenem, verschieden starkein Strome aus einem oder aus beiden Nasenlöchern abfliesst.
Aetiologie. Fragliche Blutungen können durch Hyperämie der Nasenschleimhaut, besonders im Gefolge von anstrengenden Bewe­gungen oder von Grehirnhyperämie, oder durch mechanische Ver-
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3(5Cnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungen- und Luftröhren-Blutungen.
letzungen, durch Erkrankung der BlutgefUsse der Nasenschlehnhnut, sowie in Folge anderer localer oder allgemeiner Krankheitszustilnde ZU Stande kommen.
Prognose und Behandlung. Die Bedeutung der Nasenblutungeri
ist demnach in diagnostischer und prognostischer Hinsicht eine sehr verschiedene. Man denke z. B. an solche Blutungen Lei Milzbrand, SepticUmie, Kotz u. s. w., von denen hier natürlich nicht weiter die Hede sein kann. Geringes Nasenbluten , welches auf einfacher Hyperämie oder Verletzung der Schleimhaut beruht, stillt sich von selbst. Stärkere Blutungen erfordern zuweilen eine Behandlung, welche sich den Umständen anzupassen hat. Bei Gehirnhyperämie kann ein Aderlass, in anderen Fällen eine locale Behandlung, Ein­spritzungen blutstillender Mittel, Exstirpation etwa vorhandener Ge­schwülste u. dergl. erforderlich werden.
Blutungen ans der Luftröhre oder ans den Lungen.
Diagnose. Dieselben können bei Thiercn nur dann diagnosticirt werden, wenn letztere bei vorhandenen Athembeschwerden schaumig­blutige Massen aushusten, was nicht häufig beobachtet wird. Die Auscultation der Brust ergibt gewöhnlich Easselgeräusche, während eine Dämpfung des Percusstones nur selten constatirt werden kann. Bedeutende Blutungen der Lungen, resp. der Luftröhren- oder Bron-chial-Schleimhaut, pflegen innerhalb kurzer Zeit den Tod zur Folge zu haben; dieselben werden „Lungenblutschlagquot; genannt.
Aetiologie. Eine Lungenapoplexie kann nicht nur auf hä-morrhagischem, sondern auch auf embolisohem Wege zu Stande kommen. Werden die Hauptäste oder zahlreiche kleinere Aeste der Lungenarterie beidseitig verstopft, so wird der Gaswechsel in den Lungen unterbrochen , womit die Blutzufuhr zum Gehirn und ver­längerten Marke aufhört. Dasselbe kann eintreten, wenn ein grösseres Quantum Luft in das rechte Herz und von da in die Lungenarterie gelangt. Aus diesem Grunde sind Verletzungen der Jugularvenen, namentlich in der Nähe der Brust, sehr gefährlich.
Pathologische Anatomie. Bei Lungenblutungen findet man die Lufträume (Alveolen) der Lungen oder ihres Zwischengewebes mit Blut erfüllt; ersteren Zustand nennt man „Lungeninfarcf. Ein solcher kann per diapedesin oder per rhexin der Capillargefässe der Alveolen oder der Bronchien entstehen. Ein hämorrhagischer Infarct, welcher per diapedesin zu Stande kommt, ist ein bedenklicheres Ereigniss als ein gleich grosser derartiger Lungeninfarcf, der per rhexin entstanden ist. Der Grund hierfür liegt darin , dass bei ersterem nicht nur die Alveolen mit Blut gefüllt sind, sondern auch die Blutcirculation in den betreffenden Alveolargcfässen stockt.
Blutungen in das Zwischengewebe der Lungen werden als „hämorrhagische Infiltrationquot; angesprochen, wenn sie in den Maschen des Gewebes ziemlich gleichmässig vertbeilt sind. Ist indess das
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Lmigenentzündiing.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; J367
Gewebe auf grü.ssere Streokon verdrängt oder zerrissen und sind die entstandenen Lücken im Gewebe mit einem Extravasat erfüllt, so be­zeichnet man dieses als „hiimorrbagischenHordquot; oder als „Blutknotenquot;. Manche Autoren sprechen auch von „apoplectischen Herdenquot; in den Lungen und an anderen Orten. Mit Recht sagt aber Schütz, dass dies durchaus unzultlssig sei, da ein hämorrhagischer Herd zwar apoplectisch wirken, also die Ursache zur Apoplexie abgeben könne, deshalb aber doch nicht selbst apoplectisch sei.
Prognose. Bedeutendere Blutextravasato, welche durch Ruptur einer grösseren Arterie entstanden sind, zertrümmern das Lungen­gewebe und durchbrechen zuweilen die Pleura pulmonalis. Dieselben sind fast ausnahmslos tödtlich. und zwar sterben die Thiere in der Eegel sehr schnell unter den Erscheinungen grosser Athemnoth. Da der Sitz und der Grad der Lungen- und Luftröhren-Blutung am lebenden Thiere sich meist nicht genauer bestimmen lilsst, so ist die Prognose im Allgemeinen unsicher, wenn nicht unbedingt ungünstig.
Therapie. Zur Behandlung fraglicher Blutungen eignen sich besonders styptische und beruhigende Mittel. Inhalationen der Dilmpfe stark erwärmter 1- bis Sprocentiger Lösungen von Liquor ferri sesquichlorati, gegen stärkeren Hustenreiz eine Morphium-injection, oder narcotisirende Klystiore, kalte Einwickelungen und fleissige Berieselung der Brustwiinde mit kaltem Wasser, gehören. zu den besten und wirksamsten Mitteln.
Lungenentzündung, Pneumonia.
Das eigentliche Lungengewebe kann in sehr verschiedener Weise entzündlich erkranken. Um die complicirten Verhältnisse, welche uns in Folge dessen in der Praxis so häufig entgegentreten, leichter verständlich zu machen, will ich versuchen, dieselben auf anato­mischer Grundlage zu interpretiren, indem ich der Besprechung der verschiedenen Formen der Lungenentzündung eine kurze Schilderung der für die klinischen Zwecke wichtigsten anatomischen Verhältnisse zunächst vorausschicke.
Anatomie. Das gesammte Lungengewebe wird bekanntlich von dem Bronchialhaume der Luftröhre getragen und füllt die zwischen den Verzweigungen desselben vorhandenen Räume aus; peripher wird es von der Lungenpleura umschlossen. Die Enden der kleinen Bronchien communicircn direct oder indirect mit trauben-förmig geordneten . Hohlräumen einer homogenen, an elastischen Elementen reichen Substanz, welche eine bedeutende Anzahl mit einander zusammenhängender Läppchen bildet. Diese Substanz stellt das Alveolargewebe, resp. das eigentliche sogenannte „Lungenparen-chymquot; dar. Die in demselben vorhandenen Hohlräume werden heute „Lungenalveolenquot;, früher wurden sie „Lungenbläschenquot; genannt. Dieselben sind mit einem dünnen Phittenepilliel ausgekleidet und
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368nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Lungenentnündung,
sollen mit den Lymphgefiissen der Lunge in directer offener Com­munication stehen. Die um jeden einzelnen feinsten Endbronchus beerenförmig sieh gruppirenden Alveolen werden „Acinusquot; genannt; je 9—12—15 dieser bilden gemeinschaftlich ein „Lungenlilppchenquot; (Lobulus). Diese Läppchen haben eine pyramidenförmige Gestalt und sind im Bereiche der Lungenoberflilohe ausnahmslos so gelagert, dass ihr breites, ein regelmässig und deutlich abgegrenztes Vieleck bildendes Ende peripher, ihre Spitze central gerichtet ist. Im In­nern der Lungen haben die Lobuli eine sehr verschiedene, ganz unregelmässige Lagerung, je nach dem vorhandenen Räume geordnet. An der Spitze eines jeden Lungenläppchens tritt in dieses ein kleiner Bronchus ein, der in 9—15 feinste Endästchen sich theilt, um welche die Acini sich gruppiren. Alle Zwischenräume werden durch fibril-läres Bindegewebe ausgefüllt, welches nach seiner örtlichen Lage als intorlobuläres, subpleurales, peribronchiales und perivasculäres unterschieden wird. Den Verästelungen des Bronchialbaumes folgen die Blutgefässe. Die Zweige der Bronchialarterien liefern die Er-nährungsgefässe des Lungengewebes; ihre Capillaren liegen demge-milss vorzugsweise in den Wandungen der Bronchien und der Lungen-gefässe, sowie in den grösseron Bindegewebssepten der Lungen.
Die Verzweigungen der Lungenarterie verlaufen vorzugsweise im eigentlichen Parenchym (Alveolargewebe) der Lungen, indem sie in die Hohlräume desselben mit der dieser zugekehrten Capillarwand
hineinragen.
Das Alveolargewebe der Lungen ist an Blutcapillaren ungemein reich. Von den Zweigen der Lungenarterie werden auch die kleineren Bindegewebssepten, besonders die interlobulären, mit Blut versorgt.
Diese Verhältnisse machen es leicht verständlich, dass Krankheits­prozesse , welche irgendwo im Lungengewebe sich etabliren , kaum jemals auf eine einzelne Gewebsart sich beschränken , sondern die eine oder andere nur in stärkerem Grade als die übrigen Gewebs-arten treffen.
Kommt es in Folge einer Lungenentzündung zunächst zur Füllung der Lungenalveolen mit entzündlichem Exsudat, so ist die Entzündung eine parenchymatöse, wobei jedoch das Alveolargewebe selbst, ausser einer Verminderung seiner Resistenz, keine pathologischen Verände­rungen erkennen lässt. Je nach Beschaffenheit des Exsudates hat man diese Lungenentzündung noch näher bezeichnet und dieselbe als „fibrinösequot;, „katarrhalischequot; und „käsigequot; Pneumonie unterschieden.
Als katarrhalische Pneumonie bezeichnet man indess in der Regel eine Lungenentzündung, welche aus einem Bronchialkatarrh entstanden ist. Man spi-icht von einer „interstitiellen oder inter­lobulärenquot; Pneumonie, wenn das interstitiolle, resp. interlobuläre Bindegewebe der Ausgangspunkt und vorzugsweise Sitz der ent­zündlichen Vorgänge ist. Beschränken sich letztere auf das peri­bronchiale Zwischengewebe, so spricht man von einer „Peribronchitisquot;. Sind alle Gewebe (incl. Lungenpleura) an dem Entzündungsprozesse betheiligt, so bezeichnet man den Zustand als „Peripneumoniequot; u. s. w.
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Katarrhalische odor lobulilro Lungenentzündung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;369
Nach dieser allgemeinen Darstellung will ich nunmehr ver­suchen , die wichtigsten Formen der Lungenentzündung in einem den Zwecken dieses Buches entsprechenden Umfange zu besprechen.
Die katarrhalische oder lobuläre Lungenentzündung. Broncho-Pneumonie, Desquamativ-Pneumonie.;
Dieser Lungenent/.ümlung geht stets eine Bronchitis voraus, indem erst secundär der Krankheitsprozess auf die Lungenalveolen überkriecht. Da zunächst die um den Bronohiolus gelegenen Alve-olen mit Secret sich füllen, so bleiben die peripheren Alveolen des betreffenden Lobulus (resp. Acinus) lufthaltig, bis der Luftzutritt zu denselben durch Verstopfung ihres Bronchiolus für längere Zeit verschlossen wird, worauf „Atelectasequot; der peripheren Alveolen entsteht. Es geschieht dies meist bei geschwächten Thioren und namentlich an denjenigen Abschnitten der Lungen, welche bei der Inspiration am wenigsten sich ausdehnen, d. i. in den mittleren unteren Partien, wohin die Bronohialseorete nach dem Gesetze der Schwere sich leicht senken.
Pathologische Anatomie. Die bronchopneumonischen Herde sind am Cadaver dadurch zu erkennen, dass man beim Ueber-streichen mit den Fingern über die erkrankten Stellen kleine Knoten fühlt, die auf Durchschnitten als gelber Punkt erscheinen. Meist sind die um den Bronchiolus gelegenen Alveolen mit Secret gefüllt, während die peripheren Alveolen noch lufthaltig, oder bereits retra-hirt, d. h. atelectatisoh sind. Die atelectatischen Lobuli sind mehr dunkelroth, das übrige Lungengewebe hellroth gefärbt, weil in jenen die Capillaren ausgedehnt und in Folge der Retraction des Alveolar-gcwebes näher aneinander gerückt sind. Man darf hionnit einen oft vorkommenden, entfernt ähnlichen Befund am Cadaver nicht ver­wechseln. Durch zufälligen Druck von aussen auf die noch frischen und warmen Lungen werden häufig oberflächlich gelegene Lobuli comprimirt; es kann dies sogar durch in die Brusthöhle einströ­mendes, alsbald gerinnendes Blut (also auch während des Schlachtens) geschehen. In solchen Fällen ist die Compression nicht so scharf den Lobulusgrenzen entsprechend; auch findet, man beim Durch­schnitte derartig zusammengedrückten Lungengewebes stets nur die oberflächlich gelegene Schicht luftleer, die Bronchien und Bronchiolen nicht verstopft. — Die Entzündungsherde finden sich bei Broncho-pneumonie gewöhnlich in beiden Lungen, ihre Anzahl ist sehr ver­schieden. Es handelt sich bei dieser Lungenentzündung stets um lobuläre Erkrankungsherde, um eine Desquamation des Alveolar-epithels, um eine „Desquamativpneumonie'. Am lebenden Thiere ist die Differentialdiagnose, ob es sich in einem concreten Falle um eine Bronchopneumonie, oder um eine blosse lironchiolitis handelt, nicht zu stellen. Erstero hat stets einen chronischen Verlauf und führt schliesslich in der Regel zum käsigen Zerfall der erkrankten
Pütz, Compendium dor Thlorhoilkuude.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 24
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370nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Katarrhalische oder lobuläre Lungenentzündung.
Lobuli. Die „käsige Pneumoniequot; ist in solchen Füllen der Aus­gang einer Broncliopneumonie, und dieser ist ausnahmslos eine Bronchitis capillaris vorausgegangen. Durch allmilhliges weiteres Uebergreifen des bronchopneumonischen Prozesses auf benachbarte Lobuli worden nach und nach grössere Lungenabsclmitte ergriffen und kslsig zerstört. Zahlreiche bronchopneumonische, resp. käsige Herde führen in der Regel allmilhlig zur „Lungenschwindsuchtquot;. Ob diese zufolge der Ubiquität des Tuberkelbacillus in unseren Localitilten schliesslich regelmilssig mit Tuberculose sich paart, bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten. Nach den Mittheilungen Fränkels scheinen Miliartuberculose und käsige Pneumonie im Be­ginne der Erkrankung beim Menschen keine Bacillen im Sputum zu liefern.
Der Uebergang der desquamativen Pneumonie zur käsigen ist im wesentlichen folgender: der Zerfall atelectatischer Lungenläppchen wird durch Oedein dieser eingeleitet. Sodann dringen von den End­bronchien nach und nach zellige Elemente gegen die Alveolen vor, verdrängen das in letzterem vorhandene Serum, sowie das Blut der vorhandenen Capillaren. Mit fortschreitender Füllung der Alveolen quellen dieselben wieder auf und erreichen oder überschreiten schliesslich den Umfang normaler Lungenläppchen. Das gelbröthlich punktirte Centrum, sowie die Consistenz des Lobulus nimmt zu und die Schnittfläche wird allmählig trockener. Während an der Peri­pherie des Läppchens die Ausfüllung des sonst luftführenden Ge­webes mit abgestossenem Epithel erfolgt, beginnt bereits im Centrum die vollständige Nekrobiose und schreitet von dort aus nach der Peripherie vorwärts. Endlich wird dann auch das Alveolargerüst, sowie das Bronchialgewebe degenerirt und fällt ebenfalls der Ver­käsung anheim.
Die Käsemasse kann verschiedene Veränderungen eingehen, in­dem sie austrocknet und verkalkt, oder zu einem gelben schmierigen Brei zerfliesst, der, von verdicktem interlobulärem Bindegewebe umschlossen, eine „Cavernequot; bildet.
Im Verlaufe der vorhin beschriebenen Prozesse entwickelt sich in der Regel eine „Peribronchitisquot;, resp. eine „indurirende lobuläre Pneumoniequot;, indem das peribronchiale Bindegewebe secundär in Mitleidenschaft gezogen wird. Der peribronchitische Entzündungs-prozess kann einen sehr verschiedenen Umfang erreichen und auch nach dem Eintritt von Atelectase und Oedem der Lungenläppchen zuweilen im Alveol arge webe der Lungen beginnen. Die Desqua-mation der Alveolarepithelien tritt hierbei in geringerem Grade und nicht so gleichmässig über den betroffenen Lobulus vertheilt auf. Nachdem die, Läppchen über ihren normalen Umfang sich vergrössert haben, stellen sie eine weiss-gelbliche, seltener blass-graue, fleisch­ähnliche Masse dar, welche bald polsterartig weich (Carnification), bald knorpelhart erscheint. Meist dem Centrum der Läppchen zu­gewendet sind kleinere, weissgolbliche, gerade oder gekrümmte Streifchen mit gelbem Centrum und weissÜch-gelbem Rande einge-
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Fibrinöse (croupö.se) oder lobilre Lungenentzündung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 371
lagert. In diese allmühlig- sich vergrössernden Kälseherde lagern sich später Kalksalze ab.
Ueber die Erweiterung der kleinen Broneliien wurde bereits beim chronischen Bronohialkutarrh gesprochen. Es sei hier noch erwillmt, dass im Bereiche grösserer Bronchiectasien zuweilen grosse fibröse Knoten angetroffen werden, welche dem erweiterten Bronchial­rohre entweder einseitig anliegen, oder dasselbe ganz umschliessen; diese Knoten sind das Product einer consecutiven chronisclion Lobuliir-pneumonie. Zuweilen sind in den Wänden der Bronchiectasien Ulcerationen vorhanden, dio bis in die Lnngensubstanz vorgedrungen sind, so dass eine bronchiale Ulceration secundilr zu einer pulmo-nalcn geführt hat. Derartige Ulcerationen sind die Folge einer eiterigen Infiltration der Bronchialschleimhaut an der betreffenden Stelle und dürfen nicht mit rotzigen Ulcerationen verwechselt werden.
Die meist knotenförmigen Neubildungen in den Lungen können durch Oonfluenz mehrerer, grosse zusammenhängende Abschnitte der Lungen einnehmen. Dieselben fühlen sich in der Regel hart an, sind resistent beim Schneiden, weiss oder grau gefärbt und bestehen aus Bindegewebe. Liegen sie oberflächlich, so ist die Lungonpleura über denselben mit verdichtet, weiss und opak und nicht selten mit der Rippenpleura verwachsen. Zuweilen finden sich an Binde­gewebe arme Neubildungen, welche eine stark glänzende, durch­scheinende Durchschnittsfläche zeigen.
Aetiologie. Die käsige l'neumonio kommt bei Rindvieh sehr häufig vor; besonders bei guten Milchkühen und in Ställen, in welchen viel Schlempe gefüttert wird. (S. S. 271.)
Bezüglich der Prognose und Therapie gilt zum Theil auch für die Bronohopneumonie , die stets mit einem chronischen Bronchial­katarrh verbunden ist, das für die Bronchitis capilluris Gesagte.
Die flbriuöse oder croupöse (lobäre) Pneumonie. Pneumonia
fibrin osa.
Pathologische Anatomie. Die fibrinöse Pneumonie besteht in einem exsudativen Entzündungsprozesse, in Folge dessen die Lungen-alveolen mehrerer Lungenläppchen, oft grosser Lungen abschnitte, mit einem erstarrenden (fibrinösen) Exsudate erfüllt werden.
Bei der fibrinösen Pneumonie wird das entzündliche Exsudat von den Alveolarwandungen, resp. von den in selbigen gelegenen Oapillaren der Lungenarterie abgesondert. Bei derselben kann man drei verschiedene! Entwicklungsstadien unterscheiden, und zwar:
1) Das Stadium der Anschoppung (Engouement), in welchem das Lungengewebe praller als im normalen Zustande erscheint und beim Einschneiden nur noch wenig knistert. Die Alveolen enthalten ein flüssiges eiweisshaltiges Exsudat, welches zahlreiche Blutkörper­chen (rothe und weisse), sowie abgestossene Alveolarepithelien birgt.
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,372nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fibrinöse (oroupöse) oder lobilre Lungenentzündung.
Din Blutoapillaren dor Alveolen sind so stark injicirt, dass letztere dadurch merklich verkleinert werden. Dieses Studium ist für die fibrinöse Pneumonie insofern nicht eluirakterlstisch, als Hyperämie und Oedem der Lungen auch ohne Entzündung vorkommen.
2) Das Stadium der Hepatisation ist daran leicht zu erkennen, dass die Elasticitilt, sowie die Resistenz der entzündeten Lungen-abschnitte erheblich abgenommen hat. Das hepatisirte Lungen­gewebe ist derb oder weich und leicht zerdrückbar, zuweilen sogar fast zerfliessend; dasselbe fällt bei Erüft'imng der Brusthöhle gar nicht zusammen und fühlt sich in der llognl ähnlich wie ein Stück Leber an; deshalb hat man fraglichen Zustand als „Hepati­sation'' bezeichnet. Manchmal sind mehrere Entzündungs- resp. Hepatisationshei'de in einer Lunge vorhanden, welche meist in Form von Knoten vorkommen. Solche Hopatisutionsknoten sind nicht zu verwechseln mit anderen Neubildungen, z.B. Rotzknoten, Krebs-oder Sarcomknoten u. s. w. Oio Hepatisation ist stets durch Füllung der Alveolen der botreffenden Lungeuabschnitte mit entzündlichem Exsudat charaktorisirt und dadurch von anderen Verdichtungen des Lungengewebes unterschieden, Auf die Gegenwart von hepatisirten Lungonabschnitten gründet sich die anatomische Diagnose der „fibrl-nosenquot; Pueumonio und nicht etwa auf vermehrten Blutreiohthum und stärkere Durohfeuohtung des Lungengewebes. Die hepatisirten Partion sind entweder roth, gelb, grau oder woiss, trocken oder feucht, und manchmal ist ihre Schnittfläche stahlblau, mil/.iihnlioh. Diese sogenannte „Splenisationquot; ist durch stärkere Füllung der Blut-gefässe des Lungengewebes bedingt und wird am häufigsten in hypostatischen Lungen angetroffen. Jede Hepatisation ist mit einem Austritt von rothen Blutkörperchen aus den Gefässbalmen oder, besser gesagt, mit einer Blutung per diapedesin verbunden, durch welche die entzündliche Exsudation eingeleitet wird. Zuweilen finden sich aber auch erheblichere Blutergüsse, welche durch Gefässzerreis-sung (per rhexin) zu Stande gekommen sind, [n diesem Falle handelt es sich nicht um eine eigentlich entzündliche, sondern um eine traumatische Blutung, welche zur Entstehung einer weiteren Lungen­erkrankung in der Regel wesentlich mit beiträgt. In den nicht ent­zündeten Lungenabschnitten kommt häufig eine collateraln Hyperämie #9632;zu Stande, in Folge deren Blutserum in die Alveolen übertritt, das mit der ein- und ausströmenden Luft eine schaumige Flüssigkeit bildet, welche weiter in die Bronchien und selbst bis in die Luftröhre vordringt. Zuweilen ist die Bronohialsohleimhaut mit einer Schleim-Schicht überzogen, welche sich membranartig abheben lässt.
Das Zwischengewebe der Lunge ist gallertig geschwollen, zu­weilen ungefärbt und durchscheinend, bald aber gelblich und trüb. Aus demselben lässt sich eine wässerige, Zollen enthaltende Flüssig­keit auspressen. Es handelt sich hier um ein entzündliches inter-stitielles Oedem. Dasselbe kann vorzugsweise im interlobulilren, aber auch im subpleuralen Bindegewebe auftreten. Im letzteren Falle ist die Lungonpleura entweder glänzend und durchsichtig.
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Fibrinose (croupöse) oder lobäre Liingonentzündinig.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 373
oder trüb und matt, oft mit punktförmigen Extravnsaten besetzt. Hat die Entzündung weiterhin auf die Pleura sich fortgesetzt, so finden sich die Erscheinungen einer mehr oder weniger ausgebrei­teten Pleuritis neben denen der Pneumonic. Ist jene im Gefolge dieser entstanden, so bezeichnet man den Zustand als „Pneumo-pleuresiequot;, während der Name „Pleuropneumoniequot; andeutet, dass erst eine Pleuritis vorhanden war, die später mit einer Lungen­entzündung sich verbunden hat.
Die an der Lungenwurzel gelegenen Lymphdrüsen sind weich, schlaff, fast flnotuirend, an ihrer Oberfläche glatt. Auf der Schnitt-fiilche erscheinen sie ödematös. Die Eindenschicht ist mehr homogen, spiegelnd, grau- oder weiss-röthlich gefärbt und der Sitz einer hyper­plastischen Wucherung, die ausschliesslich in einer Lymplizellen-vermehrung besteht. Durch Druck lässt sich leicht eine klare, oft gelblich gefärbte Flüssigkeit auspressen, welche ausserhalb des Ge­webelaquo; an der Luft bald gerinnt lind Fibringerinnsel ausscheidet. Bei sehr heftigen Graden kommt es zu Blutungen , die als punkt-förmige oder zusammenhängende Infiltrationen der Lymphdrüsen auftreten.
Was man rothe Hepatisation nennt, kommt dadurch zu Stande, dass zunächst aus den Capillaren Blutzellen und Blutplasma in die Alveolen übertreten und dort gerinnen. Beim Pferde ist die Schnitt­fläche bepatisirter Lungenabschnitte in der Regel glatt und grau-roth gefärbt, aber inmitten der graurothen Partien treten nicht selten verschieden grosse Inseln auf, die dunkelroth und granulirt eivscheinen. An den glatten Stellen sind die Alveolen weniger stark gefüllt als an den granulirten. Die stärkste Form der rothen Hepatisation ist die hämorrhagische, welche sich durch einen grös-seren Gehalt des Exsudates an rothen Blutzellen auszeichnet. Auf der Schnittfläche der entzündeten Lungenstücke zeigen sich dann kleine und grössere Blutextravasate, welche mehr oder weniger be­grenzte schwarze Flecke bilden.
Die zu den Hepatisationen führenden Bronchien enthalten eine zähe oder schaumige Flüssigkeit und die feineren Aeste derselben sind zuweilen durch ein geronnenes fibrinöses Exsudat ausgefüllt.
3) Das Stadium der Kesolution wird durch Zerfall und fettige Degeneration des in die Alveolen ausgetretenen Exsudates eingeleitet. Die rothe Farbe der Hepatisation wird in demselben Masse, als diese Prozesse vorsohreiten, immer mehr verwischt. Die Exsudations-pfröpfe werden nach und nach gelockert und theils in eine eiterähn­liche Flüssigkeit verwandelt, welche im Laufe einiger Zeit ausgehustet wird, während im Lungengewebe Resorptionsvorgänge stattfinden. Auf diese Weise kommt in vielen Fällen von fibrinöser Pneumonie schliesslich eine vollständige restitutio ad intogrum zu Stande.
Die Farbe bepatisirter Lungenabschnitte ist abhängig von dem in den Alveolen angesammelten Exsudate, aber auch vom Füllungs-zustande der Gefässe. Je älter die Hepatisationsherde sind, um so auffallender haben sie ihre rothe Farbe eingebüsst. Neben oder in
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374nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fibrinöso (oi'oupOse) oder lobüro Lungenentzündung,
den hepatisirten Lungenabsohnitten begegnet man öfter nekrotisoben Herden von verschiedener Grosse. Dieselben bestoben entweder aus einer gelblichen oder brilunlichen trockenen, oder aus einer höchst übel riechenden breiigen Masse; in letztere sind zuweilen verschieden grosse Fetzen infiltrirton Lungengewebes eingeschlossen. In solche Brandhöhlen münden gewöhnlich zerstörte Bronchialilste ein, häufig werden dieselben von thrombirton Blutgofassen durchzogen. Die Bronchien und die Lul'tröhre enthalten in solchen Füllen eine meist schaumige, grünlichbraune Flüssigkeit, welche einen üblen Geruch verbreitet. An den betroffenen Partien erscheint die Schleimhaut von ihrer Unterlage gelockert, stark durchleuchtet und verfärbt. Zuweilen findet man neben den Erscheinungen einer Brustfellont-zündung auch „Pneumothoraxquot;. Es ist dies namentlich dann der Fall, wenn in der Nähe der Lungenperipherie in dem Lungengewebe Nekrose (Lungenbrand) eingetreten ist, welche, bis zur Serosa vor­gedrungen, auch diese zerstört hat, wodurch die Hrandjauche in die Brusthöhle gelangt ist, indem gleichzeitig aus den zerstörten Bronchien auch Luft mit einströmte.
Manchmal finden sich auch Eiterherde von vorschieden or Grosse in den Lungen; die Consistenz des Inhaltes dieser Höhlen ist von dem Grade des Fortgeschrittenseins der Eintrocknung und Verkal­kung abhängig und demnach bald breiig, bald käsig, bald bröcke­lig oder niürtelähnlich.
Die nicht entzündeten Lungenpartion sind meist hypcrilmisch, zuweilen ödematös und stellenweise emphysematisch, da die Alveolar-wände in Folge hochgradiger Athembeschwerdon nicht selten oin-reissen, wodurch es zur Bildung von iuterstitielleni Emphysem kom­men muss.
Unter den accidentellen Befunden in anderen Organen sind am häufigsten: Hyperämie der Hirnhäute, der Nieren und der Leber, sowie acute Katarrhe der Schleimhaut des Magens und des Dick­darmes.
Aetiologie. Die Ursachen der fibrinösen I'neumonio sind uns noch nicht genau bekannt. Früher nahm man allgemein an , dass Erkältungen eine Hauptrolle spielen, während denselben gegenwärtig vielfach eine geringere Bedeutung, nämlich die einer Hülf'sursache beigelegt wird. Dass thierische Parasiten, sowie andere die Ilespi-rationsorgane direct treffende Reize, wie z, B. reizende Dünste oder anderweitig stark verunreinigte Luft, eingedrungene Arzneimittel etc., eine flbrinöse Pncumonie bedingen können, ist ebenso bekannt, als dass bei verschiedenen Thierarten durch ein spoeihschos Contagium derartige Lungenentzündungen verursacht werden (Lungenseuche, Brustseuche etc.). In neuerer Zeit sind auch beim Menschen epi­demische Pneuinonien öfter beobachtet und beschrieben worden. Bereits vor mehreren Jahren hat Klebs die Ansicht ausgesprochen, dass diese Krankheit durch Mikrokokkcn verursacht werde, welche er künstlich gezüchtet und mit Erfolquot; auf Kaninchen übertragen
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Fibrinöse (crouposo) oder lobäro Lungenentzündung.
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hnbo. Vor Kurzem hat sie Friedlilnder (in Nr. 22 der Fortschritte der Mcd., Berlin d. 15. November 1883) näher beschrieben und deren Ueber-trugbarkoit auf Kuninchen in Abrode gestellt; dagegen sollen Meer­schweinchen und Mäuse, in geringerem Grade auch Hunde, für die Pneumoniertiilcrokokken des Menschen empfänglich sein. Die ein­zelnen Kokken besitzen je eine im Wesentlichen aus Mucin be­stehende Kapsel und zeigen in Bezug auf Cirüsse und Ausbildung der Kapseln wesentliche Differenzen.
Auch bei Pferden ist in neuerer Zeit mehrfach eine seuchen­artig auftretende fibrinöse Pneumonie beobachtet und beschrieben worden , welche von der Brustseuche des Pferdes verschieden sein soll. Friedberger hält diese Krankheit vom klinischen Standpunkte aus für ein der croupösen (rosp. tibrinösen) Pneumonie des Menschen vollkommen analoges Leiden, welches, wie jene, höchst wahrschein­lich eine durch Einwanderung pflanzlicher Mikroorganismen bedingte Infectionskrimkheit sei. Den Entzündungszustand der Lunge hält er nur für eine, allerdings der Regel nach für die hervorragendste, durch jene Mikroorganismen veranlassto (lewebs- und Organalto-ration. Friedberger fand in mit Hämatoxilin gefärbten Lungen­schnitten deutlich hervortretende Sphftrobaoterien, welche namentlich in den mit Fibrinnetzen gefüllten Alveolen in grosser Anzahl vor­handen waren. Die Frage nach der Bedeutung dieser Mikroorga­nismen lässt Friedberger unentschieden, obgleich er die Annahme eines Infectionsstoffes als krankmachendelaquo; Agens für ziemlich un­abweisbar und andere Ursachen, wie z. B. Erkältung etc., als ätio-logischen Factor beim Zustandekommen seuchonhafter Pneumonien geradezu für undenkbar erklärt. (Vergleiche Brustseuche.)
Ob die fibrinöse Pneumonie künftig in eine „contagiösequot; und in eine „nicht contagiösequot; unterschieden und jene den Infections-krankheiten angeschlossen worden muss, ist vorläufig noch zu un­sicher, als dass ich schon jetzt eine derartige Trennung für unbe­dingt angezeigt oder nothwendig erklären möchte. Vorläufig will ich nur noch erwähnen, dass die Pneumoniemikrokokken des Menschen durch Friedländers künstliche Cultur bei verschiedenen Thierarten Veränderungen in Bezug auf ihre Grosse und die Stärke ihrer Kapsel quot;erfahren. Die Kokken der Culturen vom Meerschweinchen sind in der Regel kleiner als die von Mäusen, dagegen sind jene durch eine auffallende Breite ihrer Kapsel ausgezeichnet. Bei Hunden sind die Kokken gewöhnlich kaum grosser als beim Menschen, ihre Kapsel relativ schmal. Neben den Kokken kommen auch stäbchenförmige Figuren von verschiedener Länge beim Menschen im Verhältnisse von ca. 1 : 10, bei genannten Thieren viel häufiger vor.
Diagnose. Das Vorhandensein einer Lungenentzündung ist bei unseren Hausthieren nur dann klinisch testzustellen, wenn ein grös-serer Lungenabsclinitt, oder zahlreiche vereinzelte Lungenläppchen von der Entzündung ergriffen sind. Jede lobäre Pneumonie bietet zunächst die Erscheinungen einer meist fieberhaften Lungenhyper-
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370nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fibrinöse (croupöse) oder lobäro Lungenontzündung.
iimie. Niclit selten ist bei Pferden ein tüchtiger Schüttelfrost wahr­zunehmen , dem Athembeschwerden und Husten, eine heisse und trockene Haut nm Rumpfe, weniger an den Grliedinassen, folgen. Das Fieber kann aber auch fehlen, oder einen sehr niedrigen Grad zeigen. Ob es sich in einem solchen Falle um eine einfache Hyper­ämie oder um eine Entzündung der Lungen handelt, kann erst durch den weiteren Verlauf der Krankheit entschieden werden. Im letzteren Falle kommt es stets zur Exsudation, weshalb eine Lungen­entzündung zu ihrem normalen Abschlüsse im Allgemeinen mehr Zeit in Anspruch nimmt als eine einfache Lungenhyperämie, bei welcher ein Ausgleich der vorhandenen Störungen meist bald erzielt werden kann. Die einer Pneumonie angehörigen Symptome können dem Grade nach sehr verschieden sein; sie sind namentlich von dem Stadium und dem Ausgange der Entzündung, sowie von dem Um­fange derselben abhängig. Der Husten ist anfangs kurz und trocken ; derselbe verursacht den Patienten jedenfalls Schmerzen , da sie ihn zu unterdrücken suchen. Die Nasenschleimhaut, sowie die Conjunc­tiva des Auges sind in der Kegel höher gerüthet, bisweilen bläulich-roth (cyanotisch) oder schmutzig-gelblich (icterisch). Der Durst ist vermehrt, jede Ortsbewegung den Patienten unangenehm und be­schwerlich, so dass in Folge nur kleiner Dislocationen Athem- und Pulsfrequenz sich merklich steigern. Die Auscultation der Brust­wandungen ergibt in diesem Stadium der Anschoppung an der er­krankten Stelle ein gemischtes Geräusch, welches sich leicht erklären lässt, wenn man sich den Zustand der Alveolen in fraglicher Zeit vergegenwärtigt. Da diese erst theilweise mit Exsudat gefüllt sind, so entsteht ein Geräusch, welches sich aus dem Knistern der noch wegsamen Alveolarwandungen und aus dem Rasseln des in diese eingetretenen Exsudates zusammensetzt und welches dem-gemälss ganz passend als „Knisterrasselnquot; bezeichnet wird. In den nicht entzündeten benachbarten Lungenabschnitten ist meist ver­schärftes Vesiculärgeräusch vorhanden. Die Percussion liefert bis dahin noch keine für die Diagnose verwerthharen Resultate; dies ist erst bei fortgeschrittener Hepatisation der Fall. Mit dem Ansteigen und der Ausbreitung des Entzündungsprozesses pflegen die klinischen Erscheinungen, namentlich die Athembeschwerden, sich zu steigern;' die Fresslust ist immer noch, manchmal in stärkerem Grade, ver­mindert, der Koth- und Harnabsatz gewöhnlich verzögert. Das Athmen wird mit vermehrter Anstrengung, bei der Inspiration mit weit geöffneten Nasenflügeln und mit gesteigerter Bewegung des Rippengewölbes ausgeführt, der Brustraum durch Spreizen der Beine zu vergrössern gesucht. An lobärer Pneumonie leidende Pferde legen sich in der Regel bis zum Eintritt der Krisis gar nicht, oder doch nur für kurze Zeit nieder. Die Pulsfrequenz und die allge­meine Körperwärme steigen und fallen gewöhnlich, indess nicht immer, mit der Ausbreitung, resp. Abnahme des Entzündungs-prozesses. Am höchsten pflegt das Fieber zu steigen, wenn Nekrose im Lungengewebe, sogenannter „Lungenbrandquot;, eintritt, wobei es
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Fibrinöse (croupÖHe) oder lobäre Lungenentzündung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 377
ZU tödtlieh endenden Blutvergiftungen zu kommen pflegt. Beim Binde werden nekrotische Lungentheile weniger schnell und weniger leicht gefährlich (s. Lungenseuche), als bei Pferden. Aber auch bei letzteren und bei linderen Hausthieren kommt es zuweilen zur Ver-heilung der Brandherde, so dass die Patienten genesen , aber mehr oder weniger auffallend kurzathmig bleiben. Werden grössere Quantitäten Brandgift in die Blutbahn aufgenommen , so verlieren die betreffenden Patienten die Fresslust gänzlich, werden in hohem Grade apathisch und sterben in der Regel innerhalb 24 bis 72 Stunden. Es gilt dies namentlich für grössere Brandherde, die man als „diftüsenquot; Lungenbrand bezeichnet, während kleinere Brandherde, sogenannter „umschriebenerquot; Lungenbrand, das Leben der Patienten im Allge-gemeinen weniger bedroht.
Häufig bahnt sich die Brandjauche einen Weg in die zunächst betheiligten Bronchien, in Folge dessen die ausgeathmete Luft einen abscheulichen Gestank verbreitet, so dass dadurch der Eintritt von Lungenbrand in solchen Fällen leicht und sicher zu erkennen ist. Dies ist aber keineswegs immer der Fall; nicht selten kommt es bei Lungenentzündung zu Nekrose, ohne dass diese am lebenden Patienten diagnosticirt werden kann.
Die fibrinöso Lungenentzündung kommt bei allen Haussäuge-thieren vor, jedoch am häufigsten bei Pferden und Hunden. Beim Pferde werden in der Kegel die vorderen unteren Lungenabschnitte und der sogenannte dritte Lungenlappen, also gerade diejenigen Partien der Lungen zuerst ergriffen, welche der physikalischen Unter­suchung während des Lebens nicht zugänglich sind. Von hier aus breitet sich dann die Entzündung eventuell nach auf- und rück­wärts weiter aus. Mit fortschreitender Füllung der Lungenalveolen schwindet das Bläschengeräusch, so dass bei vollständiger Hepati-sation eines Lungenabsohnittes in diesem gar keine oder, wenn in demselben ein oft'ener Bronchus liegt, bronchiale Respirationsgeräusche namentlich während der Exspiration vorkommen. Dieselben sind in der Regel am deutlichsten wahrzunehmen, wenn der Patient ge­rade vorher gehustet hat. Dadurch werden nämlich die Rassel­geräusche, welche mit Lösung der Exsudate in den Lufträumen der Lungen auftreten und das Bronchialathmen verdecken, für die nächste Zeit wesentlich geringer. Nach eingetretener Hepatisation liefert auch die Percussion manchmal diagnostisch wichtige Ergebnisse, in­sofern es sich um Hepatisation eines der Brustwand nahe gelegenen Lungenabschnittes handelt. Die Hindernisse , welche der physikali­schen Untersuchung der vorderen Lungenlappen bei unseren Haus­thieren im Wege stehen, haben bekanntlich ihren Hauptgrund in der Anlagerung der Vordergliodmaassen an die Brustwand. Aber auch an den mittleren und hinteren Partien des Thorax sind in Rede stehende diagnostische Hülfsmittel im Ganzen nur von be­schränktem Werthe, insofern dieselben hlos bedeutendere Verände­rungen der Brusteingeweide leidlich sicher erkennen lassen. Dia­gnostische Irrthümer kommen bei Brustkrankheiten unserer Haus-
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378nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fibrinöse (oroupöse) oder lobäre Lungenentzündung.
thiere gar nicht selten vor, und sind sogar die gewiegtesten Kliniker nicht im Stande, sich vor solchen sicher zu stellen, selbst wenn es sich um gröbere Veränderungen handelt.
Im ersten Stadium der Exsudation ergibt die Percussion einen tympanitisohen Ton an der kranken Stelle, falls diese der Rippen­wand anliegt. Fraglicher Ton kommt daher, dass die Alvoolen noch Luft enthalten , während die Contractilität der Alveolarsepten ver­mindert ist. Erst wenn die Alvoolen der erkrankten Lungenpartien mit Exsudat erfüllt sind, ist der Percussionston gedämpft oder leer, vorausgesetzt, dass die hepatisirte Stelle einigen Umfang in der Breite, Länge und Dicke besitzt und der Brustwand anliegt.
Bei längerer Krankheitsdauer bilden sich nicht selten Oedema im Bereiche der unteren Partien der Brust und des Bauches, nament­lich am Schlauche und an den Extremitäten.
In der Kegel tritt die fibriniise Pneumonie einseitig auf; in der nicht entzündeten Lunge ist das Vesioulargeräusoh gewöhnlich ver­schärft, wenn in der anderen Lunge eine umfangreiche Hepatisation vorhanden ist. Auf der Höhe der Krankheit treten am häufigsten Todesfälle ein, indem bei ausgebreiteter Hepatisation collaterale Hyperämie und Oedem benachbarter Lungenabschnitte entstehen, welche zusammen die Athmung, resp. den Gaswechsel derart beein­trächtigen, dass der Tod in Folge von Kohlensäurevergiftung ein­tritt. Zuweilen aber treten auch nach eingetretener Besserung tödt-lich endende Eecidive ein.
Zur Zeit der Krise wird der Puls nicht selten aussetzend; es kommt zur Resolution, Expectoration oder Resorption der Entziin-dungsproduete. Die Patienten legen sich wieder nieder und athmen freier; die Presslust wird reger, der Husten locker und weniger be­lästigend. Der in grössorer Menge ausgeschiedene Urin trübt sich beim Stellen und lilsst ein reichliches Sediment zu Boden fallen. So kann unter schrittweiser stetiger Abnahme der Krankheltserschei-nungen in leichteren Fällen innerhalb 8 bis 14 Tagen, bei schwerer Erkrankung aber erst nach 4 bis 6 Wochen Genesung eintreten. Durch die nicht seltene Complication einer croupösen Lungenentzün­dung mit Brustfellentzündung wird die Erkrankung schwerer und das Bild derselben modificirt, wovon bald weiter die Rede sein wird. Wird das Exsudat der fibrinösen Pneumonie nicht gelöst und ent­weder resorbirt oder expectorirt, so pflegt die Lungenentzündung einen chronischen Verlauf anzunehmen, indem es zur eiterigen In­filtration, Cavernenbildung und zur Verkäsung mit schliesslicher Cachexie und meist letalem Ende kommt.
Verlauf und Prognose. Weitaus die grösste Mehrzahl der Fälle von tibrinöser Lungenentzündung endet mit vollkommener Genesung, zuweilen aber auch mit Nachkrankheiten, oder tödtlich. Die Prognose ist somit im Allgemeinen günstig; sie muss aber stets mit Vorsicht gestellt werden, da Pneumonien , welche anfangs als leichte Fälle erscheinen, nachträglich sich verschlimmern und in schwere Fälle
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Fibrinöse (oroupOse) oiIlt lobäre Lungenentzündung.
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umwandeln können. Alle hilmorrhagisehen Pneumouien führen in der Eegel zur Nekrose der befallenen Lungenpartien und sind deshalb ungünstiger zu beurtheilen als gleiohgradige andere Pneu-monien, welche ohne erheblichere Blutung verlaufen. Ganzlicher Verlust des Appetits, sowie das Ausbleiben jeder Reaction auf ap-plicirte ableitende llei/,e (Fontanelle etc.) sind ungünstige progno­stische Zeichen. Eecidivo, namentlich aus vorgeschrittenen Stadien der Reconvalescen/, sind stets bedenklich, da sie einen bereits ge­schwächten, also weniger reactions- und widerstandsfähigen Organis­mus treffen. Ein tödtlichcs Ende ist zu befürchten, wenn die Athem-noth einen hohen Grad erreicht und in den Lungen weitverbreitete starke Rasselgeräusche vorhanden sind, wobei eine schaumige Flüssig­keit ausgehustet wird; wenn die Extremitäten eisigkalt werden und die Patienten in ihrem äusseren Habitus sichtlich verfallen, indem der Puls klein und weich wird oder dem untersuchenden Finger fast verschwindet. Längerer Fortbestand eines hochgradigen Fiebers, stinkiger Geruch der ausgeathmeten Luft lässt wenig Hoffnung auf Genesung. Wenn es zur eiterigen Infiltration, Abscessbildung und Verkäsung kommt, so pflegt ein schleichendes hektisches Fieber die Kräfte des Patienten allmählig aufzuzehren, und wenn es etwa zur Ausheilung grösserer Lungenäefeote kommt, so bedingt die Re­traction des dabei gebildeten Narbengewebes ein seuundilres Emphy­sem der benachbarten Lungenabschnitte, wodurch die Brauchbarkeit der Patienten für die fernere Lebensdauer in verschiedenem Grade beeinträchtigt worden kann. Es sind demnach für die Prognose eines jeden Einzelfalles so vielerlei Möglichkeiten zu berücksichtigen, dass es nicht leicht, ja ganz unmöglich ist, den Ausgang der Krank­heit sicher vorherzusagen. Die Factoron, welche den Verlauf und Ausgang der Lungenentzündung hauptsächlich bestimmen, kennen wir so wenig, dass schon dadurch eine grosse Unsicherheit der Pro­gnose im Einzelfalle bedingt wird. Manchmal genesen Patienten in grösserer Anzahl, welche sehr schwer erkrankt waren, während ein andermal eine grössere Anzahl Todesfälle bei Patienten eintritt, die weniger gefährdet zu sein schienen. Der letale Ausgang wird dann meist durch plötzlich eintretende Nekrose in den Lungen verursacht. Das Auftreten eines acuten Magen-Darmkatarrhs mit Exacerbation des Fiebers, wobei die Darmentleerungen flüssig, mit Blut unter­mischt und übelriechend sind, muss im Allgemeinen als eine sehr bedenkliche Erscheinung angesehen werden, während der Abgang weich geballter oder breiiger Excremente bei nachlassendem Fieber, sowie bei Besserung des Appetits und des Wohlbefindens der Pa­tienten meist eine kritische Bedeutung hat; dasselbe gilt für Schweisse mit warmer Haut und gleiohtnässiger Verbreitung der Tem­peratur an der Körperobortläche, während kalte, klebrige Schweisse die Vorläufer des herannahenden Todes sind. Als ein günstiges, zur Zeit der Krisis meist eintretendes Zeichen ist das ruhige, längere Zeit hindurch andauernde Daliegen der Patienten mit zuweilen abge-streckten Gliedmaassen anzusehen, was Unkundige leicht irre leitet.
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Fibrinöse (croupöse) oder lobare Lungenentzündung.
Therapie. Bei der Behandlung von Thieren, welche mit Lungen­entzündung behaftet sind, spielt eine geregelte Pflege die Hauptrolle, insofern nicht etwa eine Vitalindicntion einen operativen oder thera­peutischen Eingriff' besonders dringend macht. Ein milssig warmer, reinlicher und gut ventilirter Stall, ein weicher, nicht zu unebener Stand, sowie eine entsprechende anderweitige Diät kommen in erster Linie in Betracht. Auch der Ernährungszustand des Patienten ver­langt eine besondere Beachtung. Schlecht genährten Patienten ver­ordne man möglichst nahrhaftes und leicht verdauliches Futter in öfteren, aber kleineren Rationen, um sie dadurch vor zu früher Erschöpfung ihrer Kräfte zu schützen. Vollblütigen, gut genährten Patienten ist eine knappe Diät dienlich; ausserdem ist in manchen Fällen eine weitere Entziehungskur angezeigt. Man belästige die Patienten möglichst wenig und verschone sie namentlich mit Ein­geben entbehrlicher Arzneimittel. Besonders ist das gewaltsame Eingeben von Flüssigkeiten zu meiden, da hierdurch nicht selten mehr geschadet als genützt wird. Bei einer einfachen, entsprechenden Diät and Pflege wird der Krankheitsverlauf recht oft ohne jede Medication am schnellsten und sichersten zur Genesung führen. Bei Pferden kann man in etwas schweren Fällen den Patienten täglich etwa 8 gr Brechweinstein (s. S. 1G9) im Getränk zum freiwilligen Genüsse verabreichen: Thieren, welche erbrechen können, gebe man ein Brechmittel. In früheren Zeiten wurde ein Ableitungsmittel vor oder unter der Brust (Fontanell oder Haarseil) für sehr nützlich gehalten und deshalb fast ausnahmslos bei brustkranken Pferden angewendet; heute denkt man hierüber verschieden. Ich bin der Meinung, dass dieselben häufig nützen und bei einiger Aufmerk­samkeit nie schaden, weshalb ich in solchen Fällen, in denen ich eine Ableitung von den Brustorganen indicirt, halte, ein Fontanell vor die Brust lege. Dagegen halte ich scharfe Einreibungen auf die Kippenwandungen bei Lungenentzündung für schädlich, weil durch dieselben die Bewegung der Rippen beeinträchtigt, somit der Gaswechsel in den Lungen vermindert wird. Gerade bei fibrinöser Lungenentzündung ist die Freiheit des äusseren Respirationsmecha-nismus so wichtig, weil die Elasticität des Lungengewebes durch den Entzündungsprozess zum Theil verloren gegangen ist, wodurch die Lungen bei der Exspiration gewissermassen durch den Druck von Seiten des Zwerchfelles und der Rippenwandungen ausgepresst werden muss.
Treten Erscheinungen auf, welche eine Störung des günstigen Verlaufes der Krankheit bekunden, so müssen die fraglichen Er­scheinungen zu Grunde liegenden Zustände bekämpft werden. Es sollen deshalb die häufigsten derartigen Vorkommnisse hier ihre Würdigung finden.
Bei andauernder Leibesverstopfung sind solche Mittel auszu­wählen, welche mit einer möglichst geringen Belästigung des Pa­tienten beim Eingeben verbunden sind. Deshalb Ziehe ich eine Aloepille oder die subcutane Injection von Physostygmin grösseren
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Fibrinöse (croupöse) oder lobäro Lungenentzündung,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 381
und öfter zu wiederholenden Salzgaben vor. Die Dosirungen dieser Mittel sind bei Behandlung der Kolik angegeben. — Gregeu an­dauerndes hohes Fieber wird violfauh die Digitalis purpurea em­pfohlen. Beim etwaigen Gebrauche derselben darf man nie un­beachtet lassen, dass dies Arzneimittel sehr leicht die Verdauung stört und dadaroh bei bereits geschwächten Thieren geradezu ge-filhrlioh werden kann, üeborhaupt ist der Nutzen antipyretischer Mittel in der Veterinärpraxis ein beschränkter; am meisten leistet Chinin, das aber seines hohen Preises halber selten in ausreichenden Dosen mehrmals wiederholt angewendet wird. Jedenfalls aber ver­dient dieses Mittel weitaus den Vorzug vor der Salicylsäure und deren Präparaten, die in der Veterinilrpraxis stets durch billigere Mittel vollkommen zu ersetzen sind. Die Priessnitz'schen Einwick-lungen verursachen keine besonderen Kosten, entsprechen aber auch recht häufig den auf sie gesetzten Erwartungen bezüglich fieber­widriger Wirkung nicht. In der Menschenheilkunde erfreut sich seit neuerer Zeit das „Antipyrinquot; eines besonderen Rufes.
Um die Resolution des alveolaren Exsudates zu fördern, können Dunstbäder oder andere expoctorirende Mittel angewendet werden. Mit der Lösung des Exsudates mindert sich in der Regel auch das Fieber, so dass fragliche Inhalationen indirect auch antipyretisoh wirken. Das gilt namentlich für die Inhalation von Terpentinöl-dämpfen, welche bei Bronchialkatarrhen, sowie auch bei Lungen­gangrän in besonders gutem Rufe stehen. Werden bei einer Pneu-raonie Erscheinungen von Brand wahrnehmbar, so können [nhalatlonen von verschiedenen antiseptischen Mitteln gute Dienste leisten. Am meisten gerühmt werden jedoch für diesen Zweck Terpentinöldämpfe. Dieselben werden durch Aufgiessen des Oels auf kochendes Wasser erzeugt und täglich 2—3mal angewendet. Man kann aber auch Terpentinöl mit Aether (im Verhältnisse von 20 : 1) mischen und das Gemisch direct inbaliren lassen, Innerlich vorabreicht man 8—4sfctind-lieh für Pferde 5—10, für Rindvieh 10—20, für Schafe 1—5, für Schweine l/a—3) für Hunde '/)lt;) — 1 g1' und für Katzen B—80 cgr.
Gegen Durchfall können schleimige, adstringironde oder narko­tische Mittel innerlich und als Klystiere verwendet worden. Bessere Dienste leistet aber gewöhnlich Höllenstein, den man Pferden zu '/a — 1, Rinvieh zu 1 — l'/s gi'i Schafen und Schweinen zu 1—-J dgr, Hunden und Katzen zu 1 —5 cgr mit der IGOfaohen Menge destil-lirten Wassers vorabreicht. Man gebo im Laufe eines Tages vier solcher Gaben in Zwischenzeiten von 2 zu 2 Stunden; nöthigenfalls kann das Mittel in derselben Weise wiederholt werden.
Vielfach empfohlen worden auch die sogenannten Expectorantien, namentlich Salmiak und süssaromatische Mittel, wie Fenchel-, Dill­oder Anissamen, Wachholderbeeren u. s. w. (s. S. 170). Da diese Mittel öfter wiederholt und einige Tage lang fort gegeben werden müssen, so versuche man, ob die Patienten dieselben etwa freiwillig mit dem Futter oder als Lecken nehmen. Geschieht dies nicht, so dürfte die häufk'e Bennruhiffung der Patienten durch gewaltsames Ein-
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Brustfellentzündung.
geben oft mehr schaden als nützen. Es gibt allerdings Thiorbesitzor, welche meinen, dass bei jeder schwereren Gesundheitsstörung Arznei­mittel angewendet werden müssten, und die deshalb die Leistungen des Veterinärs nach seiner Geschäftigkeit und nach der Menge seiner Ordinationen schätzen. Solchen Personen gegenüber hat der redliche Sachverständige oft einen schweren Standpunkt, so dass er in die Lage kommen kann, Arzneien verordnen zu müssen „ut aliquid fiatquot;, um den Thierbesitzer zu befriedigen. Aber auch in solchen Fällen ist jener verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die betreifenden Ordi­nationen die Patienten selbst möglichst wenig belästigen. Die Nach­behandlung hat vorzugsweise für eine fortdauernde passende Pflege und Schonung der Reconvalescenten zu sorgen. Diätfehler, sowie eine zu frühzeitige Verwendung derselben zur Arbeit können leicht Eecidive zur Folge haben und sind deshalb zu meiden.
Brustfellentzündung, Pleuritis.
Aetiologie. Die Brustfellentzündung kommt sporadisch bei sämmtlichen Hausthieren nicht selten vor. Sie tritt entweder primär oder secundär auf; im ersteren Falle kommt sie durch äussere Ver­letzungen der Brustwandungen, oder durch Erkältung zu Stande, im zweiten Falle entsteht sie durch Weiterkriechen des Entzündungs­prozesses von einem benachbarten Organe [auf die Pleura, oder in Folge von Metastasen.
Pathologische Anatomie. Die frische Entzündung der Pleura ist, wie die aller seröser Häute, durch stärkere Injection ihrer Capil-laren, resp. durch höhere Röthe, durch Verlust ihres Endothels, so­mit ihrer glatten und glänzenden Oberfläche, sowie durch Exsudation gekennzeichnet. Das Exsudat enthält stets Faserstoff, wenngleich in wechselnder Menge, durch dessen Gerinnung die Oberfläche der Serosa einen mehr oder weniger starken Belag erhält. Das Exsudat schliesst aussei- dem Faserstoffe abgestossene Endothelien und zahl­reiche Lymphkörperchen , sowie eine verschieden grosse Menge Se­rum ein. Ist letzteres sehr spärlich vorhanden, so bezeichnet man den Zustand als „trockene Brustfellentzündung, Pleuritis siccaquot;; meist ist der Serumgehalt so bedeutend, dass an den tieferen Stellen der Brusthöhle Flüssigkeit sich ansammelt, die mit andauernder Exsudation schrittweise steigt und die Lungen theilweise compri-mirt. Umfang und Grad der Compression sind verschieden und einerseits von der Menge des Exsudates, andererseits von der Zeit­dauer der Einwirkung des Druckes auf die Lungen abhängig. Bei geringerem Grade erscheint das Gewebe des betreffenden Lungen­abschnittes ähnlich wie bei der Atelectase, bei stärkeren Graden aber ist es blutarm und sieht fast weiss oder bläulichweiss aus. Die nicht von der Flüssigkeit erreichten höher gelegenen Partien der entzündeten Pleura sind mit geronnenem, gelbröthlichein Ex­sudate bedeckt und mit den gegenüberliegenden Pleurafliichen erst
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nur verklebt, in späteren Stadien, je nach dem Alter der entzünd­lichen Neubildung, bald mehr, bald weniger fest verwachsen. Die entzündliche Neubildung (adhiisive Entzündung) besteht darin, dass die zelligen Elemente des Exsudates und die Zellen des subserösen Bindegewebes in Spindelzellen, demnach in neues Bindegewebe und in Blutgefässe sich umwandeln, während der ausgeschwitzte Faser­stoff zu Grunde geht, indem er schleimig-fettig oder käsig zerfällt, oder eintrocknet; man hat denselben früher irrthümlicherweise für organisationsfähig gehalten. In Folge einer Pleuritis kann es auch zur Eiterbildung (purulente Entzündung) oder zur Verjauchung des Exsudates kommen; letztere kommt namentlich bei pyämischer Pleu­ritis zu Stande.
Die Zeit, welche eine entzündliche Bindegewebsneubildung bei Pleuritis zu ihrer Entstehung und Consolidation bedarf, wird in der Eegel bedeutend überschätzt. Ich habe mich durch eigene Versuche bei Schafen überzeugt, dass dieselben in viel kürzerer Zeit zu soliden Verwachsungen der Lungen mit den Brustwandungeu führen können, als allgemein angenommen wird, worauf Gerlach bereits in seiner „Gerichtlichen Thierheilkunde' aufmerksam gemacht hat. Da aber dessenungeachtet das Alter derartiger Verwachsungen noch sehr häufig überschätzt wird, was pro foro zu irrigen richterlichen Er­kenntnissen führen kann und leider recht oft wirklich geführt hat, so sei hier kurz folgendes bemerkt: Nach Injection von Jodtinctur in die Brusthöhle habe ich bei Schafen nach 5 Wochen eine so feste Verwachsung der Lungen mit der Bippenwand entstehen gesehen, dass das neugebildete Bindegewebe im Stande war, das Gewicht der Lungen zu tragen. Die mikroskopische Untersuchung dieses Ge­webes ergab, dass dasselbe aus einem an Spindelzellen und Blut-gefässen reichen fibrillären Bindegewebe bestand, das im Vergleiche mit einer 19 Tage alten, auf demselben Wege bei einem anderen Schafe erzeugten Verwachsung der Rippenpleura mit der Langen-pleura sich bedeutend reicher an Bindegewebsfibrillen, dagegen ärmer an Blutgefässen und Zellen erwies.
Diese Neubildungen bilden bald Kränze oder bandförmige Streifen, bald ein grobmaschiges Netz oder eine derbe Masse zwischen den einander entgegenstehenden Pleurablättern (Pleura pulmonalis und costalis); bald findet man stellenweise Verdick­ungen der Serosa, sogenannte „Pleuraschwarteuquot;. Diese beein­trächtigen während des Lebens an der Lungenpleura die Elastici-tät der Lungen, an der Rippenpleura die Beweglichkeit der Brustwandungeu, indem sie die Rippen durch Schrumpfung des Narbengewebes fester an einander ziehen und dadurch ausser einer Erschwerung der Verschiebung der Rippen auch eine Verkleinerung des Brustraumes bedingen. In dem Narbengewebe findet man nicht selten stellenweise flüssige oder breiige Massen von verschiedener Beschaffenheit, Mit zunehmendem Alter wird das nengebildete Bindegewebe blutarmer, indem die Blutgefässe desselben durch den Druck in Folge der fortschreitenden Schrumpfung des Narben-
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Brustfellentzündung.
gowebes atrophiron, wodurch die Resorption der ftüssigen Bestand-theile des Exsudates erschwert wird, so dass diese eingekapselt liegen bleiben
Eine eiterige Pleuritis („l'yothorax oder Empyeraquot;) kann pri­mär auftreten, indem das fibrinöse Exsudat nach kurzer Zeit eiterig zerfallt, oder sie kann secundilr zu Stande kommen, indem erst nach Eintritt von Grefass- und Bindegewebsneubildung die Eiterzellen-emigration Überhand nimmt. Man findet an den tieferen Stellen der Brusthöhle Eiter augesammelt, welcher, ebenso wie ein seröses Exsudat, je nach seiner Menge auf die Lungen einen verschieden bedeutenden Druck ausübt. Zuweilen wird die Lungenpleura und ein Bronchus von dem Eiter durchbrochen, wodurch „l'yopneumo-thoraxquot; entsteht; derselbe kann auch dadurch zu Stande kommen, dass der Eiter die Brustwand an einer Stelle nach aussei! hin durch­bricht, wodurch auf diesem Wege Luft in die Brusthöhle eindringt.
Diagnose. Umschriebene und eng begrenzte Entzündungen der Brusthöhle verursachen in der Regel keine erheblichen Gesundheits­störungen, so dass diese sieh meist unserer Wahrnehmung entziehen. Ausgebreitotere Entzündungen des Brustfelles treten in der Regel mit einem Frostanfalle in die Erscheinung, der zuweilen im weiteren Verlaufe des Fiebers wiederkehrt. Traurigkeit und HinMligkoit, Verminderung der Fresslust, des Koth- und Harnabganges, Stei­gerung des Durstes, der Puls- und Athemfrequenz, sowie der all­gemeinen Blutwilrme bilden die ersten klinischen Erscheinungen einer Brustfellentzündung. Das Athmen geschieht mit möglichster Feststellung des Brustkorbes, weil dessen Bewegungen in Folge der Entzündung seiner inneren Auskleidung für den Patienten schmerz­haft sind. Dadurch wird die Respiration obertiächlich und be­schleunigt. Bei einseitiger Pleuritis wird die Brustwand der kranken Seite gewöhnlich auffallender festgestellt als die der gesunden Seite. Mit Eintritt der Exsudation nehmen die Athembeschwerden, sowie auch die Fieberersuheinungen in der Regel für kurze Zeit etwas ab, steigern sich aber mit Zunahme des Exsudates bald wieder. Man hüte sich, auf diese Remission hin voreilige Versprechungen ZU machen. Erreicht das Exsudat einen hohen Stand, so steigern sich die Athembeschwerden bis zur Athemnoth und selbst bis zur Erstickungsgefahr, oder gar bis zum Eintritt des Erstickungstodes. Die Patienten spreizen die Vorderbeine, sperren die Nasenflügel weit auf, die grösseren Hausthiere, namentlich Pferde, legen sich in der Regel nicht nieder, wilhrend die kleineren Hausthiere meist auf der kranken Seite liegen. Wo Husten vorhanden ist, wird derselbe mögliehst zu unterdrücken gesucht, weil er den Patienten meist sehr schmerzhaft ist.
Die physikalische Untersuchung der Brust liefert zuerst bei der Percussion diagnostische Anhaltspunkte. Dieselbe ist bereits im Beginne einer ausgebreiteteren Pleuritis den Patienten unangenehm, indem diese gegen jede Erschütterung der Brustwand lebhafter als
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Bruatfüllontzündung.
sonst reagiren; dasselbe zeigt sicli auch bei einem stärkeren Drucke mit den Fingern auf die Intercostalmuskeln. Der Percussionston erscheint natürlich erst dann verändert, wenn entweder ein pleuri-tisches Exsudat vorhanden ist, welches einen grösseren Eaum ein­nimmt und die lufthaltigen Lungen auf eine gewisse Entfernung von der Brustwand verdrängt. Sammelt sich flüssiges Exsudat in etwas beträchtlicherer Menge in der Brusthöhle an, so lässt sich dasselbe durch die Percussion zunächst an den tiefsten Stellen des Pleurasackes durch eine entsprechende Dämpfung des Percussions-tones nachweisen, da die Lungen durch die Flüssigkeit comprimirt und dadurch von der Brustwand abgedrängt werden, falls dieselben nicht vorher mit dieser verwachsen waren, lieber dem Niveau des Exsudates ergibt die Percussion in der Regel einen normalen, zu­weilen aber einen tympanitischen Ton. An den mit Exsudat ge­füllten Stellen der Brusthöhle gewahrt man beim Anklopfen einen grösseren Widerstand von Seiten des Thorax als bei einer Infil­tration oder Hepatisation des Lungengewebes an der betreffenden Stelle. Sobald im ersten Stadium einer Pleuritis die Oberfläche der erkrankten Serosa rauh geworden ist, ergibt die Auscultation Eeibungsgeräusche. Diese verschwinden wieder mit eintretender Verwachsung der Lungen mit der Kippenwand, sowie mit der Ab­drängung jener von diesen durch zwischen beide tretendes flüs­siges Exsudat. Wird letzteres resorbirt, so kehren die Eeibungs­geräusche mit dem Versehwinden des Exsudates für so lange wieder, bis die kranke Partie der Pleura wieder glatt geworden, oder mit dem gegenüberliegenden Pleuraabschnitte verwachsen ist. Die Eeibungsgeräusche werden zuweilen so auffallend, dass sie sogar durch Anlegen der Hand aussen an der Thoraxwand wahr­genommen werden können. Mit der Menge des ausgeschiedenen Exsudates nimmt auch der Umfang des Brustkastens zu, die Inter-costalräume werden ausgeglichen, oder sogar hervorgewölbt. Durch grössere Flüssigkeitsmengen kann auch das Herz aus seiner nor­malen Lage verschoben werden, so dass bei linksseitiger Pleuritis der Herzschlag manchmal an der rechten Seite deutlicher als an der linken fühlbar ist. Bei kleineren Hausthieren kommt eine solche Verschiebung des Herzens häufiger und leichter vor, als bei grösseren Thieren. Bedeutendere Flüssigkeitsmengen drücken das Zwerchfell nach der Brusthöhle zu, womit eine entsprechende Ver­schiebung der benachbarten Baucheingeweide verbunden ist. Bei den grösseren Hausthieren ist dieselbe während des Lebens nicht greif­bar nachzuweisen, während sie bei kleineren Thieren allenfalls durch die Untersuchung erkannt werden kann.
Wenn es nicht zu reichlicher Exsudation kommt, so pflegt die Krankheit in vollkommene Genesung überzugehen, insofern etwa fortbestehende Adhäsionen zwischen Lungen- und Hippenpleura, welche nicht über grössere Partien der Lungenoberfläche sich er­strecken, keine wahrnehmbaren Eespirationsstörungen verursachen. Selbst bedeutendere Exsudate gelangen manchmal gegen Erwarten
Pütz. Conipondium der Thlcrhoilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;25
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Brustfellentzündung.
schnell zur Resorption, wobei die Krankheitserscheinungen in gleichem Masse abnehmen. Auch in solchen Fällen kann eine vollstilndige Rückkehr zu den früheren normalen Lebensvorgilngeu eintreten; die comprirnirten Lungenpartien werden allmählig wieder respirations­fähig, wenn sie nicht v.u lange unter dem abnormen Drucke ge­standen und in Folge dessen in ihrer histologischen Beschaffenheit nicht zu bedeutend alterirt worden sind, so dass eine restitutio ad integrum eintreten kann. In solchen Fällen lässt das Fieber nach, Fresslust, und Munterkeit kehren wieder, es stellt sich eine ver­mehrte Production und Ausscheidung von Harn ein, der beim Stehen einen reichlichen Bodensatz niederfallen lässt; die Patienten legen sich wieder nieder, und bald ist man im Stande, auch die Abnahme des Exsudates durch die physikalische Untersuchung, sowie durch die wahrnehmbare Verminderung des Brustumfanges nach­weisen zu können. Es kommen aber auch Fälle vor, wo auf der Höhe der Krankheit plötzlich die Erscheinungen eines Lungenödems auftreten, das häufig den Erstickungstod zur Folge hat. Auch können im Stadium der Reconvalescenz Rückfälle eintreten, die entweder zum Tode, oder zu einer unvollkommenen Genesung führen. Im letzteren Falle sind es häufig Pleuraschwarten, welche die Lungen auf grössere Strecken bedecken, oder ausgebreitetere Verwachsungen der Lungenoberfläche mit den Rippenwandungen, welche nach dem Verschwinden des Fiebers fortbestehen und die betreffenden Thiere meist für die ganze weitere Lebensdauer zu schwereren Arbeitsleistungen unfähig machen, indem eine chronische und fieberlose Kurzathmigkeit (Dampf) dauernd zurückbleibt. Wird durch derartige Zustände die Respiration in höherem Grade beein­trächtigt, so kann auch die Milchproduction, sowie die Mastfähigkeit wesentlich darunter leiden. In noch anderen Fällen treten von Zeit zu Zeit immer wieder neue fieberhafte Verschlimmerungen (Exacer-bationen) auf, in Folge deren die betreffenden Patienten mehr und mehr abmagern und endlich nach einer längeren Dauer ihres Leidens zu Grunde gehen. Im Verlaufe derartiger „chronischerquot; Brustfellentzündungen kommen hei Pferden nicht selten verschie­dene Complicationen vor, namentlich Thrombosen im Bereiche ver­schiedener Hautvenen, Oedem der Extremitäten, Metastasen nach den Lungen u. s. w. Wie bereits bei Besprechung der Lungen­entzündung erwähnt wurde, verbinden sich letztere und Pleuritis nicht selten mit einander, indem im Verlaufe der einen dieser beiden Krankheiten die andere derselben sich zugesellt. Dass dadurch das Krankheitsbild complicirter und die richtige Deutung der verschie­denen Symptome erschwert wird, liegt sehr nahe. Bei einer ein­fachen Entzündung der Lungen oder der Pleura ist meist durch die verschiedenen Ergebnisse der Auscultation und Percussion, sowie durch die Verschiedenheit der Athembewegungen die Differential-diagnose möglich. In manchen Fällen jedoch bietet diese längere Zeit hindurch grosse Schwierigkeiten, oder kann während des Lebens überhaupt nicht mit Sicherheit gestellt werden. Dessenungeachtet
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lirustfellentzündung.
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bleibt die Feststellung der Rippenwundung bei Pleuritis ein wichtiges diagnostisches Symptom, und auch die grössere Empfindlichkeit der Patienten bei der Auscultation und Percussion kann als ein Merk­mal für Pleuritis gelten.
Die Prognose ist unsicher und richtet sich im Wesentlichen nach der Höhe und Ausbreitung des Krankheitsprozesses. Eine einfache einseitige Pleuritis ist im Allgemeinen günstiger zu beurtheilen als eine beidseitige und als eine durch Lungenentzündung oder sonstwie complicirte Pleuritis. Erreicht die Athemnoth einen sehr hohen Grad, werden im ganzen Umfange des Brustkorbes Rasselgeräusche deutlich wahrnehmbar, wird der Puls klein, kaum fühlbar, verliert sich der Appetit ganz vollständig, sinkt die allgemeine Körperwärme sogar unter das normale Mass und brechen kalte Schweisse aus, so pflegt der Erstickungstod alsbald einzutreten.
Die Behandlung hat zunächst für entsprechende Unterbringung der Patienten zu sorgen. In dieser Beziehung gilt das bei der Lungen­entzündung hierauf bezüglich Gesagte auch für an Pleuritis leidende Thiere. Im ersten Stadium der Krankheit ist eine antiphlogistische Behandlung am Platze. Man verordne demgemäss bei verzögertem Kothabsatze gut genährten Patienten zunächst ein drastisches Ab­führungsmittel, heruntergekommenen Thieren jedoch in weniger stark wirkenden Dosen. Ein Aderlass ist nur dann statthaft, wenn der­selbe durch irgend eine dringende Indication nothwendig erscheint; bei blutarmen Thieren ist derselbe nur im höchsten Nothfalle bei einer vorhandenen Vitalindication zulässig. Eine ableitende Ein­reibung, frühzeitig auf die llippenwand der erkrankten Seite appli-cirt, leistet bei sicherer Diagnose meist sehr gute Dienste; sie schadet bei vorhandener Pleuritis nie, weil bei derselben die ßippenwand qu. ohnehin möglichst festgestellt, folglich der Respirationsmechanis-mus durch den Hautreiz nicht weiter beeinträchtigt wird. Die an der Innenfläche der Rippenwand bestehende Hyperämie und Ent­zündung der Pleura kann durch eine frühzeitig applicirte kräftige Ableitung auf die correspondirende Stelle der äusseren Haut sehr schnell gemindert und damit die Heftigkeit der Entzündung in der Regel gebrochen werden. Vielfach ist gegen Pleuritis ebenfalls die Digitalis purpuroa als antifebriles und diuretisches Mittel em­pfohlen worden. Meine Erfahrungen sprechen auch hier nicht zu Gunsten dieses Mittels; ich widerrathe den Gebrauch desselben sogar recht nachdrücklich bei Patienten, die man nicht einigemal des Tages selbst untersuchen kann. Im Uebrigen verweise ich auf das bei Be­sprechung der Therapie c^er Lungenentzündung hierüber Gesagte.
Im zweiten Stadium der Krankheit suche man die Resorption des Exsudates anzuregen. Bei kräftigen Thieren kann auch hierzu ein Laxans mitwirken; im Allgemeinen aber sind harntreibende Mittel am Platze, was ganz besonders für heruntergekommene Pa­tienten gilt. Will man sich hierbei der Digitalis bedienen, so gebe man dieselbe nur in kleinen Dosen bei schwachem und weichem
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Brustfellenteündung.
Pulse, bei stark fühlbarem Herzschlage und bei Rüßkstauung des Blutes in der Drosselader (Venenpuls).
Die Wirkung der Digitalis seheint von ihrem Standorte nicht unabhilngig zu sein; wenigstens habe ich die Digitalisblätter in Nord- und Westdeutschland bedeutend wirksamer gefunden als in der Schweiz. Von den in genannten Regionen Deutschlands ge­wachsenen Digitalisblättern gebe ich für Pferde nie mehr als 1 bis 2 gr und höchstens vier solcher Gaben an einem Tage; den folgenden Tag setze ich aus. In Bern habe ich ungefähr die doppelte Dosis gegeben, um dieselben Wirkungen zu erzielen. Man gibt das Mittel mit etwas Wasser für sich allein, oder macht es einfach mit Mehl und Wasser zu einem Teige und gibt es so in Latwergenfonn. Bei den übrigen Hausthieren habe ich selbst das Mittel weniger an­gewendet. Ich führe deshalb die betreffenden Dosen hier nach Vogels Arzneimittellehre an, dessen kleine Dosen für Pferde mit meinen übereinstimmen. Für Binder betragen demnach die hier angezeigten kleinen Gaben 1—3, für Schafe und Schweine 0,10—0,30 und für Hunde 0,05—0,10 gr. Für weniger gefährlich, aber häufiger nützlich halte ich im vorliegenden Falle das Terpentinöl, den Campher land die Wachholderbeeren. Ersteres Mittel gebe man Pferden zu 2—10, Rindvieh zu 5—20, Schafen zu 1—5, Schweinen zu 1—3, Hunden zu 0,1—1,0 und Katzen zu 0,05—0,30 gr. Den Campher gebe man in den nämlichen Dosen, fange mit den kleinsten Gaben an, um nach Bedürfuiss 'zu steigen, wobei man um etwa '/raquo; die angegebenen Maximaldosen des Terpentinöls nöthigenfalls über­schreiten darf. Diese beiden Mittel werden für grössere Thiere, namentlich für Pferde, am besten mit bitteren und schleimigen Pflany.enpulvorn unter Zusatz von Wasser zur Latwerge gemacht, für kleinere Thiere, oder auch für Wiederkäuer, mit Eigelb oder Gummischleim verrieben und danach mit Wasser emulsirt. Alle 2 bis 5 Stunden wiederhole man fragliche Mittel nöthigenfalls in stei­gender Dosis. — Die Wachholderbeeren werden häufig von den Patienten mit dem Putter freiwillig genommen und sind in diesem Falle besonders zu empfehlen. Man gebe dieselben Pferden zu 15—45, Rindvieh zu 30—60, Schafen und Ziegen zu 10—20 und Schweinen zu 5—10 gr täglich 3—(Jmal, je nachdem man die grösseren oder kleineren Dosen wählt. Man kann das Mittel auch mit Mehl und Wasser zur Latwerge machen, eventuell unter Zusatz von massigen Gaben Glaubersalz, und in dieser Form eingeben.
Wo ein grosses seröses Exsudat vorhanden ist, leistet der Brust­stich meist vorzügliche Dienste, während derselbe bei hämorrhagischen Exsudaten durchaus contraindicirt ist. Um die Beschaffenheit des Exsudates sicher kennen zu lernen, kann man mittelst einer Pravaz-schen Spritze zunächst eine Probepunktion vornehmen.
Für die Reconvalescenz gilt das bei der Lungenentzündung hierauf bezüglich Gesagte;.
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Brustwassersucht. Emphysem der Lungen.
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Die Brustwassersucht, Hydrothorax.
Pathologische Anatomie. Eine Ansammlung von meist heller, etwas eiweisshaltiger Flüssigkeit in der Brusthöhle — und /.war ge­wöhnlich in beiden Pleurasäcken —, welche nicht mit einer acuten Pleuritis verbunden ist, bezeichnet man als Brustwassersucht. Die Lungen zeigen je nach dem Grade der Wasseransammlung in ver­schiedener Ausbreitung die Erscheinungen der Compression und deren weiteren Folgen.
Aetiologie. Brustwassersucht erscheint gewöhnlich im Gefolge gewisser Krankheitszustände, namentlich bei Stockungen in den venösen Blutgefilssbahnen, bei Leber- und Lungenkrankheit, bei Nierenleiden, bei Blutwilsserigkeit, hei malignen Geschwülsten und bei sonstigen Cachexien; nicht selten ist sie eine Theilerscheinung von allgemeiner Wassersucht. Diese Zustände können zum Theil schon während des Lehens, zum Theil erst nach dem Tode der Patienten erkannt werden; durch den betreffenden Sectionsbefund wird das anatomische Bild der eigentlichen Brustwassersucht natürlich complicirt.
Die Diagnose beruht auf dem Nachweise einer gewöhnlich nicht auf entzündlichem Wege entstandenen, chronisch fortbestehen­der Ansammlung von Wasser in der Brusthöhle , welcher für die physikalische Untersuchung der Brust in der Regel keine Schwierig­keiten bietet. Die Eespirationsstörungen sind sehr verschieden, je nach dem Grade der Füllung eines oder beider Pleurasilcke mit Flüssigkeit. Zuweilen kommt Hydrothorax bei Thieren vor, bei denen von einer früheren Pleuritis her Adhäsionen zurückgeblieben sind; in solchen Fällen ist der Wassererguss in der betreffenden Brustabtheilung entweder theilweise oder ganz eingekapselt.
Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, namentlich dann, wenn das Grundleiden iinbekannt oder unheilbar ist.
Die Behandlung muss gegen das Grundleiden gerichtet sein und demgemäss sich gestalten. Die Entfernung der Flüssigkeit aus der Brusthöhle kann durch die bei Pleuritis angegebenen Mittel, unter welchen Terpentinöl und der Bruststich die Hauptrolle spielen, angestrebt werden. Eine gute Pflege und Ernährung muss den Kurversuch unterstützen.
Emphysem der Lungen.
Pathologische Anatomie. Als Emphysem bezeichnet man den­jenigen Zustand der Lungen, bei welchem diese stärker als normal mit Luft erfüllt sind und daher wie aufgeblasen erscheinen. Das­selbe ist darin begründet, dass die Alveolarwandungen entweder zu stark ausgedehnt, oder stellenweise sogar zerrissen sind, so dass in diesem Falle Luft in das Zwischengewebe der Lungen eingetreten ist. Demnach unterscheidet man zwischen einfachem, „vesiculärem
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Emphysera der Lungen!
oder Bläschen-Emphysemquot; und zwischen „interlobulilrem Emphysem1'. Emphysematöses Lungengewebe erscheint stets polsterig und blass; dasselbe Mit bei Eröffnung der Brusthöhle nicht zusammen, son­dern erst nachdem es eingeschnitten wird, wobei es schwach knistert; es ist blutaimi und trocken. Die Alveolarräumo sind erweitert, zum Theil mit einander verschmolzen. Die Wandungen der vorhandenen vergrösserten Luftrilume lassen in der Regel durch Vorsprünge nach innen die früheren Alveolarsepten noch deutlich erkennen. Heim interlobulären Emphysem ist die Lungenpleura blasig ausgebuchtet. Zuweilen dringt Luft von der Lungenwurzel aus in den Mittelfells­raum und von da aus der Brusthöhle heraus; es kommt dann zur Bildung eines Emphysems unter der äusseren Haut, das zunilchst über den Hals und die Brust und schliosslich zuweilen über den ganzen Körper sich ausbreitet. Beim Emphysem hat das Alveolar-gewebe seine Contractilitilt, resp. Elasticität verloren; letzteres findet sich somit im Zustande des Collapses. Beim „Lnngcn-Collapsusquot; collabirt demnach das Lungengewebe nicht, weil es seine vitale Retractionsfähigkeit verloren hat. Dadurch unterscheidet sich dieses wesentlich von seinem Vorhalten bei der Ateleotase, bei welcher die Lungenbläschen zusammenfallen (collabiren), weil das Alveolargewebe sich in normaler Weise retrahirt, so dass die abgesperrte Luft diesem elastischen Drucke auf die Dauer nicht zu widerstehen vermag. Jener Collnpsus des AI veol arge wehes besteht in einer Er­krankung desselben, die anatomisch nicht nachweisbar, physiolo­gisch aber unverkennbar ist.
Emphysem kann entweder nur eine Lunge theilweise odor ganz, aber auch beide Lungen betreffen. Die Ränder der Lungen werden durch Emphysem abgerundet.
Aetiologie. Das vesiculäre Emphysem ist ein häufiger Secundär-zustand chronischer Bronchialkatarrhe, bei denen in Folge tiefer Inspirationen die Alveolarräumo zu stark gedehnt werden. Bei längerem Fortbestande einer derartig angestrengten Respiration verliert das Alveolargewebe seine Elasticität, so dass die Älveolen auch bei der Exspiration im Zustande der Dehnung verharren und in der nächsten Nachbarschaft unter einander zusammenfliessen, indem ihre Scheidewände allmählig schwinden. Anhaltender Genuss von verdorbenem, schimmeligem Hou oder Hafer kann ebenfalls Ursache dos vesiculären Lungenemphysoms werden. Bei croupösor Lungenentzündung, bei exsudativer Pleuritis (in Folge von Com­pression der Lungen durch ein umfangreiches seröses Exsudat) wird der respirationsfähige Theil des Lungongewebes stärker angestrengt, wodurch zunächst ein sogenanntes „vicarirendes Emphysemquot; entstehen kann, das je nach Umständen sich wieder verliert oder persistirt.
Diagnose. Das Athmen ist stets erschwert, wras namentlich bei angestrengterem Gebrauche der betreffenden Thiere deutlicher hervortritt. In höheren Graden dos Uebels fallen die Athembeschwor-den selbst im Stande der Ruhe deutlich in's Auge und steigern sich
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Emphysem der Lungen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 391
bei stärkerer Dienstleistung bald zur Athemnoth. Die Exspiration ist mehr erschwert als die Inspiration, folglich werden die Bauch­muskeln und das Zwerchfell in stärkere Action treten müssen; die Rippenwandungen und Nasenflügel werden stärker bewegt. Chro­nisches Emphysem bedingt an und für sich nie Eiebererscheinungen; dagegen können fieberhafte Entzüudungszustttnde die Erscheinungen des Emphysems verursachen, was pro foro wohl zu beachten ist. Die physikalische Untersuchung dor Brustorgane ergibt im Wesent­lichen folgendes; Die normale Crepitation, welche bei gesunden Lungen in Folge der Elasticitilt ihres Parenchyms bei der Respi­ration durch die Auscultation wahrgenommen werden kann , ist in Folge des Collapses des Lungonparenchyms beim Emphysem an den erkrankten Lungenpartien nicht mehr wahrnehmbar ; statt derselben vernimmt das angehigte Ohr verschiedenartige Rasselgeräusche. Der Percussionston ist voll, zuweilen tympanitisch. Gewöhnlich ist ein kurzer Husten vorhanden, der je nach der Ausbreitung dos Emphy­sems mehr oder weniger klanglos ist. Durch die mangelhafte Ath-mung leidet die Blutbildung und Ernährung, so dass schliesslich Abmagerung sich einstellt. In Folge des beschränkten Gasweuhsels in den Lungen kommt es zu Circulationsstörungon, und zwar zu­nächst im Gebiete der Lungenarterie, und dadurch zur Erweiterung der rechten Herzhöhlen. Da die Entleerung der Hohlvenen durch Stauung im Stromgebiete der Lungenarterien behindert wird, so treten secundare Circulationsstörungen im Pfortadergebiete, in den Hinterleibsorganon und in verschiedenen anderen Körpertheilen ein. So kann es denn auch zur Entstehung von Oedem und Wassersucht kommen. Ein interstitielles Emphysem kommt in der Regel schnell zu Stande und ist nur bei grösserem Umfange am lebenden Thiere zu diagnosticiren. Dasselbe bildet sich nicht selten erst kurz vor dem Tode in Folge von Suffocation, was namentlich in forensischer Beziehung berücksichtigt worden muss. Das vesiculäre Emphysem ist die häufigste Ursache der sogenannten „Dämpfigkeitquot;, seltener das intorstitielle Emphysem, welches am häufigsten bei Rindvieh eine grössoro Ausbreitung erlangt.
Die Prognose ist im Allgemeinen insofern ungünstig, als ein fiebcrlosos chronisches Emphysem unheilbar ist. Bei nicht zu hoch­gradigem Leiden können indess die betreffenden Thiere durch eine passende Pflege oft Jahre lang zu leichterem Dienste tauglich erhalten werden.
Die Behandlung ist vorzugsweise eine diätetische. Die Pa­tienten müssen gegen Einflüsse, welche Bronchialkatarrhe verur­sachen können, möglichst geschützt und mit leicht verdaulichem, nicht verdorbenem, nahrhaftem, aber nicht voluminösem Futter er­nährt werden. Hafer und süsses Heu, letzteres in geringer Menge, Häckerling und Mohrrüben, alles von tadelloser Besobaffenheit, so­dann Schonung beim Gebrauche, sind die Hauptmittel, um die Athomboschwerden auf ein möglichst geringes Mass zu beschränken.
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Kehlkopfspfeifen.
Arzneiliche Mittel leisten im Allgemeinen wenig oder gar nichts, namentlich dann, wenn die diätetischen Verhältnisse nicht in an­gemessener Weise geregelt werden. Am ehesten noch verdient der weisse Arsenik empfohlen und angewendet zu werden. Ich habe denselben oft in Tages-Dosen von 0,50—1,0, je nach der Grosse des Patienten, bei Pferden mit Nutzen angewendet.
Die Vorbeuge besteht in Pernhaltung der bei Bronchitis etc. angegebenen Ursachen und in einer zweckentsprechenden Behand­lung chronischer Bronchialkatarrhe,
Kehlkopfspfeifen oder Hartschnaufen u. s. w.
Dieses Leiden ist durch eine Erschwerung des Durchganges der Luft durch die Eespirationswego bedingt und durch ein mehr oder weniger auffallendes Gerilnsch bei der Inspiration oharakterisirt. Man hat demselben aussei- den angegebenen noch verschiedene andere Namen beigelegt, so z.B. „Bohren, Blasenquot; u. dergl. Obgleich dieses Uebel bei allen Hausthierarten vorkommt, so hat dasselbe eine be­sondere praktische Bedeutung gewöhnlich doch nur bei Pferden.
Aetiologie. Die Ursachen des Hartschnaufens sind verschieden, sie haben aber am häufigsten im Kehlkopfe ihren Sitz und sind im wesentlichen folgende: 1) Lähmung des unteren Kehlkopfsnerven (Ner-vus recurrens), wodurch es zur Atrophie derjenigen Muskeln kommt, welche den Kehlkopf beim Einathmen erweitern. 2) Zuweilen, je­doch sehr selten, kommen auch racialislähmungen vor, in Polge deren die Muskeln gelähmt werden, welche die Aufgabe haben, bei der Inspiration den Naseneingang zu erweitern. Erfolgt diese Erwei­terung nicht, fällt vielmehr der gelähmte Nasenflügel bei jeder In­spiration zusammen, so entsteht bei dieser ein schnaubendes oder schnarchendes Geräusch. 8) Nrabildungen im Kehlkopfe oder an anderen Stellen der Luftwege, sowie anderweitige Verengerungen dieser können in grosser Mannigfaltigkeit vorkommen, sind aber dessenungeachtet im Ganzen selten. Es kommen hier unter anderen Abnormitäten folgende in Betracht: Bindegewebsneubildungen, cal-löse, papilläre und polypöse Wucherungen, Eotzprozessc, Verknöche­rung der Kehlkopfsknorpel, Einsenkungen der Nasenbeine oder Deformitäten der Nasenmuscheln und noch manche andere Dinge, unter denen wir blos noch die Oestruslarven im Kehlkopfe und Verengerungen der Luftröhre erwähnen wollen. — Es ist ferner beachtenswerth, dass die nach der Influenza auftretenden Entzün­dungen der Kehlkopfsmuskeln häufiger Hartsclmaufigkeit hinterlassen, als die gewöhnliche katarrhalische Bräune oder Druse (siehe S. 167 und 171) dies thut. Kehlkopfskrämpfe bedingen für kürzere oder, längere Zeit Hartschnaufen, welches gewöhnlich periodisch und un­abhängig von Ortsbewegungen eintritt. Auch kann in Polge von Vergiftungen Hartschnaufen entstehen, was z. B. zuweilen bei chro­nischen Bleivergiftungen der Fall ist.
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Kehlkopfspfeifen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 393
Diagnose. Vorübergehendes Hartschnaufen, wie es im Gefolge verschiedener aouter Krankheiten der Respirationsorgane beobachtet wird, kommt hier nicht weiter in Betracht; dasselbe hat bereits in den vorigen Capiteln gelegentlich seine Erledigung gefunden. Beim chronischen Kehlkopfpfeifen resp. „Pfeiferdampfquot; handelt es sich um ein Leiden, welches fieberlos verläuft, meist unheilbar ist und deshalb einen gesetzlichen Gewährsmangel bildet. Zunächst ist also festzu­stellen, dass das betreifende Pferd nicht an einer acuten oder fieber­haften Krankheit leidet. Sodann verlangt die Feststellung der Krankheit, dass das betreffende Pferd in geeigneter Weise bewegt wird. Vorher jedoch muss man die Beschirrung desselben genau controliren, indem einerseits ein zu enges Kummet, oder ein zu fest geschnallter Kehlriemen u. s. w. Hartschnaufen verursachen, anderer­seits ein geschickt angelegter Nasenriemen dasselbe verdecken kann. Das Hartschnaufen ist entweder schon im Stande der Ruhe, oder nur während und kurz nach einer angemessenen Bewegung des be­treffenden Pferdes hörbar; bei einer länger andauernden Bewegung kann sich dasselbe steigern, oder vermindern und schliesslich ganz verlieren. In den höheren Graden des üebels wird das Athmen durch anhaltendere Bewegungen in schnellen Gangarten oder im schweren Zuge oft derart erschwert, dass Erstickungsgefahr eintritt. Diese Gefahr, sowie das Rohren verlieren sich jedoch in der Regel bald, wenn die Thiere in ruhigen Gangarten bewegt werden, resp. weniger angestrengt zu ziehen brauchen, oder wenn sie eine kurze Zeit gänzlich Ruhe haben. Die Bewegung wird am besten unter dem Reiter oder im Wagen vorgenommen, und muss die Brauch­barkeit des Thieres zu dieser oder jener Dienstverwendung berück­sichtigt werden. Am strengsten ist die Prüfung im lockeren Boden, also auf frisch gepflügten, oder auf sandigen Grundstücken; im ge­sammelten Galopp tritt das Rohren am schnellsten hervor. Der Sachverständige muss dafür sorgen, dass er die bei der Bewegung wahrnehmbaren Geräusche möglichst deutlich hören kann ; er muss deshalb das Pferd selbst reiten oder beim Fahren vom Bocksitze des Wagens aus beobachten, oder aber er muss dasselbe in einem nicht zu grossen Kreise um sich herum bewegen lassen. Reitpferde, namentlich solche mit lebhaftem Temperamente, schnieben oder brausen beim Galopp im Momente des Ausathmens nicht selten deutlich hörbar; man hüte sich ja, dies etwa als Hartschnaufigkeit aufzufassen, da dasselbe gerade für eine gewisse Freiheit in der Respiration, für ein kräftiges Ausstossen der Luft aus den Lungen etc. spricht. Andererseits hüte man sich aber auch, die Bewegung zu schnell einzustellen; wo das üebel nur in geringem Grade vorhanden ist, da tritt das Pfeifen oder Rohren erst nach stark forcirten Be­wegungen deutlich hervor. Bei starkem Herannehmen des Kopfes gegen die Brust treten die abnormen Geräusche bei der Inspiration gewöhnlich früher und auffallender hervor, als bei gestrecktem Halse und Kopfe.
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394nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Dämpfigkeit.
k
Die Prognose ist ungünstig, da das Uebel in der Regel un­heilbar, indess selten tödtlich ist.
Eine Behandlung ist nur dann indicirt, wenn operativ ent­fernbare Neubildungen die Ursache des Keblkopfspfeifens bilden, oder wenn das Hartsclmaut'en durch die Trachootomie beseitigt worden soll. Günther hat auch bei Lähmung des Nervus recurrens die Extir­pation des gelähmten Giesskannenknorpels empfohlen. Nach Gerlach ist indess der Erfolg dieser Operation kein dauernder, da die ent­stehende Narbenstrictur alsbald ein neues Hinderniss für den Durch­gang der Luft bildet und damit das Kehlkopfspfeifen wieder eintritt. Da durch Spooner und Reve festgestellt worden ist, dass das Rohren durch Verhinderung des weiten Aufsperrens der Nüstern vermindert oder ganz fern gehalten werden kann, so lassen sich die Nachtheile des Uebels dadurch beschränken, dass man dem betreifenden Tbiere bei der Bewegung einen entsprechend eingerichteten Nasenriemen anlegt.
Dämpfigkeit, Engbrüstigkeit, Bauch- oder Herzschlägigkeit etc.
Ausser dem vorhin besprochenen Kehlkopfspfeifen gibt es noch eine aridere Art von chronischer und fieberloser Schwerathmigkeit, welche durch directero Eunctionsstörungon der Lungen verursacht w.ird. Diese Art der Schwerathmigkeit wird kurzweg als „Dämpfig­keit oder Dampfquot; bezeichnet, hat aber ausserdein noch mehrere andere Namen erhalten, welche sich zum Theil auf anderweitige Symp­tome (Bauchschlägigkeit etc.) oder auf bestimmte Krankheitszustände beziehen. Es handelt sich also hier um eine Collectiv-Bozeichnung für eine Anzahl verschiedener pathologischer Zustände. Obgleich diese nun nicht sämmtlich direct den Respirationsorganen angehören, so dürfte die Besprechung der Dämpfigkeit im Anschlüsse an die Krankheiten der Respirationsorgane doch am geeigneten Platze sein. Es ist dies sogar in der Hinsicht geboten, als diese Art dos Dampfes nicht etwa dem System zu Liebe von dem sogenannten Pfeifer­dampfe getrennt werden darf.
Diagnose. Erscheinungen von Schwor- oder Kurzathmigkeit sind entweder schon im Stande der Ruhe, oder erst nach einer mehr oder weniger anstrengenden Bewegung zu constatiren. Das Athmen wird in der Regel mit verstärkter Bewegung der Bauchwandungen ausgeführt und ist die Zahl der Athemzüge vermehrt; auch ist der Rhythmus gestört. Während beim Kehlkopfspfeifen die Inspiration erschwert ist, zeigt sich bei in Rede stehender Art der Dämpfigkeit in der Regel die Exspiration erschwert. Im Verlaufe der Knorpel der falschen Rippen bildet sich in Folge der stärkeren Contraction der Bauchmuskeln eine rinnenartige Vertiefung, die sogenarmto „Dampf­rinnequot;. In den höheren Graden der Dämpfigkeit erfolgt die Exspi­ration in zwei deutlich zu unterscheidenden Absätzen, wobei oft der
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Dämpfigkeit.
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ganze Körper deutlich wahrnehmbar erschüttert wird. Die Athem-bewegungen sind dann auch am After sichtbar, indem dieser bei der Inspiration nach aussen hervorgetrieben, bei der Exspiration nach innen gezogen wird. Alle diese Erscheinungen treten bei etwas andauernder Bewegung im Trabe stllrker auf und können in den höheren Graden des Uebels bis zur Erstickungsgefahr sich steigern. Bei vorhandenen Herzfehlern wird der Herzschlag bald pochend, in weiterem Bereiche der Brustwand, zuweilen sogar auch an der rechten Seite, fühlbar. Dieses Symptom ist die Veranlassung, weshalb man das Leiden als „Herzschlilgigkeitquot; oder „Herzschlechtigkeitquot; bezeichnet hat. Dämpfige Pferde gerathen leichter in Schweiss als gesunde; häufig sind dieselben mit einem trockenen, rauhen (trockener Dampf) oder mit einem dumpfen, mehr lockeren Husten (feuchter Dampf) behaftet. Während die Athembeschwerden in Folge relativ geringer Anstrengungen sich unverhilltnissmässig schnell und hoch steigern, dauert es immer beträchtlich länger als bei gesunden Pferden, bis das Athmon nach eingetretener Ruhe wieder auf seinen früheren Stand zurückkehrt.
In den geringeren Graden des Uebels wird die Ernährung bei angemessener Behandlung der Thiere nicht merklich beeinträchtigt; in den höheren Graden aber magern die betroffenden Pferde ab, ihr Körperhaar verliert seinen Glanz, weshalb man den Zustand auch als „Haarsohlechtigkeitquot; bezeichnet hat.
Je nach der Localisation der eigentlichen Ursache der Athem­beschwerden kann man folgende verschiedene Formen dieser Art von Dämpfigkeit unterscheiden; a) eine pulmonale, b) eine pleurale, c) eine cordiale, d) eine abdominale und e) eine nervöse Form.
Pathologische Anatomie. Der Sectionsbefund bei Thieren, welche an Dämpfigkeit gelitten haben, ist ein mannigfach verschie­dener. Am häufigsten findet man Emphysem der Lungen, mit oder ohne narbige Retractionon in den Lungen, sodann eingekapselte Cavernen oder andere chronische Lungenkrankheiten, Bronchiectasie, schwartige Verdickungen der Lungenpleura in Folge überstandener Brustfellentzündung, chronische Brustwassersucht, Herzkrankheiten, namentlich Erweiterung, oder Klappenfehler des Herzens, Zerreissung des Zwerchfelles mit Vorlagerung des einen oder anderen Bnuch-eingeweides in die Brusthöhle, bedeutende Vergrösserung der Leber oder Milz, zuweilen mit gleichzeitiger Verwachsung dieser Organe mit dem Zwerchfelle. Sodann können auch nachweisbare oder nicht nachweisbare Veränderungen im Bereiche der Nerven, besonders des Lungen- Magen- oder der Zwerchfell-Nerven vorhanden sein. In sehr seltenen Fällen kann demnach der Sectionsbefund auch einmal ein negativer sein.
Die Prognose ist auch bei dieser Form der Dämpfigkeit un­günstig, insofern dieselbe in der Regel ebenfalls unheilbar, aber nur selten tödtlich ist. Die cordiale Form endet jedoch das Leben des Patienten nicht so ganz selten apopleotisch,
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396nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Herzbeutelentzündung.
Die Behandlung dämpfiger Pferde hat im Allgemeinen keine besonderen Erfolge aufzuweisen und ist so ziemlich auf das be­schränkt, was bei Emphysem der Lungen bereits angegeben worden ist. Eine ganz besondere Vorsieht beim Gebrauche verlangt die auf einem Herzfehler beruhende Dämpfigkeit.
Als Gewährsmangel kommt dies üebel vorzugsweise bei Pferden, selten oder nie bei anderen Thieren, allenfalls bei Zugocbsen, in Betracht.
Die Krankheiten des Circulationsapparates.
I. Krankheiten des Herzbeutels und des Herzens.
Entzündung des Herzbeutels.
Pathologische Anatomie. Diese Krankheit kommt bei unseren Hausthieren nicht selten vor und ist im Wesentlichen durch fol­genden Leichenbefund charakterisirt: Der Entzündungsprozess ist entweder über den ganzen Herzbeutel, oder nur auf einzelne um­schriebene Stellen desselben ausgebreitet und liefert ähnliche Pro-duete, wie die Pleuritis. Die in die Herzbeutelhöhle ergossene Flüssig­keit drängt sich an der oben gelegenen Fläche des Herzens zwiseben diese und den äusseren Sack des Pericardiums; da der Herzmuskel speeifisch schwerer ist, als das Exsudat, so wird dieses nach oben gedrückt. In Folge einer trockenen Herzbeutelentzündung kann aber auch die Herzoberfläche theilweiso oder ganz mit der Innen­fläche des äusseren Herzbeutelsackes fest verklebt, oder verwachsen sein, wobei zwischen den beiden Blättern des Herzbeutels, dem so­genannten Pericardium oder visceralen Blatte, und dem Parietal-blatte verschieden zahlreiche und verschieden grosse, mit Flüssigkeit erfüllte Höhlen nicht selten angetroffen werden. Das flüssige Ex­sudat kann eine verschiedene Beschaffenheit zeigen, serös, eiterig oder hämorrhagisch. Je nach dem Stadium und der Ausbreitung, sowie je nach primärer oder seeundärer Entstehung der Entzündung, ergeben sich natürlich mannigfache Verschiedenheiten des anatomi­schen Befundes. Bei acutem Verlaufe der Pericarditis findet man die Oberflächen des Herzbeutels gewöhnlich mit Faserstoffgerin­nungen in verschiedenen Graden der Ausbreitung und der Mächtig­keit belegt; bei chronischem Verlaufe der Entzündung sind an deren
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Herzbeutelentzündung.
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Stelle meist Bindegewebsneubildungen, Verkalkungen, selbst Ver-knöeherungen etc. vorhanden.
Nach acutem Krankheitsverlaufe findet man bei etwas umfang­reichem flüssigen Exsudat den Herzmuskel erschlafft, bleich und seine Höhlen erweitert, wUhren'd nach chronischem Verlaufe durch den länger andauernden und stärkeren von Seiten des Exsudates auf die Aussenfläche des Herzens Druck, seine Muskelsubstanz bleich und erweicht, fast wie gekocht erscheint. Verwachsungen der Aussen­fläche des Herzbeutels mit benachbarten Brustorganen findet man nicht selten ; mit dem unteren Zwerchfellabschnitte kommen solche Verwachsungen meist dann zu Stande, wenn ein durch dieses aus der Bauchhöhle vorgedrungener Fremdkörper die Pericarditis ver­ursacht hat. In solchen Fällen findet man häufig den betreffenden Fremdkörper entweder noch im Zwerchfelle festsitzend, oder in der rechten Herzhälfte steckend. Wenn das betreffende Thier nicht ge-tödtet wurde, sondern an den Folgen der traumatischen Peri- (und Myo-) Carditis gestorben ist, so sind in der Hegel so bedeutende Veränderungen, Eitoransammlungen u. s. w. im vorderen Jlaume der Brusthöhle vorhanden, dass man glaubea zu sollen meint, der Tod hätte nothwendigerweise schon früher eintreten müssen.
Diagnose. Die Erkennung einer Pericarditis ist am lebenden Thiere in manchen Fällen leicht, in anderen schwierig oder ganz unmöglich. Die wesentlichsten Symptome, welche diese Krankheit im Allgemeinen charakterisiren sind folgende:
a)nbsp; nbsp;Respirationsstörungen und poricardiale lleibungsgeräusehe. Gewöhnlich fallen zuerst llespiratioiisstörungen und zuweilen ein trockener Husten auf, die zu Veränderungen in den Lungen und an der Pleura in keiner ursächlichen Beziehung stehen. Mit be­ginnender, nicht allzu stürmischer Exsudation pflegen sich für einige Zeit Reibungsgoräusche in der Herzgegend einzustellen, die manch­mal nicht nur gehört, sondern sogar mit der Hand gefühlt werden können und mit Herzpulsen synchron sind, oder diesen auf dem Fusse folgen. Im letzteren Falle sind sie von endocarditischen Ge­räuschen , die stets mit dem Herzpulso zusamnienfallon, leicht zu unterscheiden. Pericardialo Geräusche, welche durch Reibung der Aussenfläche des Herzbeutels an den Lungen zu Stande kommen, sind meist schwer oder gar nicht von pleuritischen Reibungsgeräu­schen zu unterscheiden.
b)nbsp; Die Percussion der Herzgegend ist den Patienten meist un­angenehm ; eine deutlich wahrnehmbare Dämpfung des Percussions-tonos ist nur dann zu constatiron, wenn der Herzbeutel durch ein flüssiges Exsudat in erheblicher Weise ausgedehnt ist; zunächst tritt dieselbe im Bereiche der grossen Gefässstämme an der oben gelegenen Basis des Herzens auf, indem dort die Flüssigkeit sich zuerst an­sammelt. Mit Zunahme des flüssigen Exsudates nehmen die Reibungs­geräusche ab, indem der Herzbeutel erweitert und vom Herzmuskel in zunehmendem Umfange entfernt wird, womit die Dämpfung des
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398nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Herzbeutelentzündung.
Peroussionstones und die Grosse der Dämpfungsebene zunimmt. Die Auscultation ergibt zuweilen, ein plätscherndes Geräusch. Ob das­selbe als eine Erscheinung für „Pneumopericardiumquot; anzusehen ist, . vermag ich nicht zu entscheiden. Ein solches Plätschern habe ich bei traumatischer Pericarditis des Kindes öfter gehört; es wäre wohl möglich, dass in den betreffenden Fällen dünneiterige oder jauchige Exsudate vorhanden waren, in denen sich Gase entwickelt hatten.
c) Der Herzschlag ist anfangs gewöhnlich sehr stark und be­schleunigt, der Puls klein und gespannt. Mit Zunahme der Flüssig­keit im Herzbeutel wird der Hemtoss allmählig schwächer, undu-lirend und schliesslich unfühlbar; die Herztöne werden in demselben Maasse undeutlicher hörbar. Durch den Druck von Seiten des Exsudates auf die Aussenfläche des Herzens wird die Erweiterung der Herzhöhlen, somit die Entleerung der grossen Venen behindert, so dass das Blut in den Drosselvenen derart sich anstaut, dass diese nicht selten als bedeutend verdickte Stränge zu beiden Seiten des Halses hervortreten.
Es sind aber keineswegs immer die Symptome einer Pericarditis in der angegebenen Weise ausgesprochen vorhanden. Nicht selten sind dieselben in verschiedenem Grade larvirt oder fehlen ganz; auf kleinere Stellen des Pericardiums beschränkte Entzündungen bleiben in der Regel völlig unerkannt. Es sei noch bemerkt, dass zuweilen auch Fiebersymptome verschiedener Grade bei Pericarditis vorhanden sind, aber auch ganz fehlen können. Bei traumatischer Pericarditis, welche bekanntlich bei Rindvieh (namentlich in solchen Stallungen, wo die Thiere durch Frauenzimmer verpflegt werden) nicht selten vorkommen und häufig durch Nadeln, aber auch durch andere stechende Gegenstände verursacht werden, machen sich in der Regel zunächst leichte Verdauungsstörungen wahrnehmbar; im späteren Verlaufe der Krankheit bleiben die Patienten, wenn sie von ihrem Lager sich erheben, eine kurze Zeit hindurch auf den Vorderglied-maassen in knieender Stellung liegen, während sie auf den Hinter­beinen bereits stehen. In dieser Stellung lassen sie gewöhnlich ein Stöhnen laut werden, welches denselben wahrscheinlich in Folge des Unbehagens entfährt, das die herzbeutelkranken Thiere dadurch empfinden, dass in fraglichem Momente das Zwerchfell und die Brustorgane von Seiten der Baucheingeweide stärker belastet werden. Diese Art Pericarditis endet stets, in der Regel jedoch erst nach langer Krankheit, mit dem Tode, falls der Fremdkörper nicht recht­zeitig beseitigt wird, was nur ausnahmsweise zu geschehen pflegt. Nichttraumatische, primär entstandene Herzbeutelentzündung endet gewöhnlich nach kurzer oder langer Krankheitsdauer mit Genesung, seltener mit dem Tode. Im ersteren Falle nimmt das etwa vor­handene Fieber ab, die Munterkeit und Fresslust der Patienten nehmen allmählig zu und nach kürzerer oder längerer Zeit erfolgt auch die Resorption des Exsudates. Ist diese bis zu einem gewissen Grade fortgeschritten, so pflegen sich die früheren pericardialen Reibungsgeräusche für so lange wieder einzustellen, bis auch die
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Herzbeutelwussersucht.
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Auflagerungen auf die Oberfläche der beiden Bliliter des Herzbeutels resorbirt sind und letztere wieder glutt geworden ist. Bei bedeutender Verwachsung des Herzbeutels mit dem Herzen, oder bei milohtigen Auflagerungen, bezw. fibrösen Neubildungen an diesem oder jenein, besonders wenn dieselben das Epioardiurn betreffen und die Actionen des Herzmuskels beeintrilchtigen, kommt es gewöhnlich zu Stauungen im Venenblutlauf, zu bedeutender Athenmoth, zu Wassersucht u. dergl. Letztere kündigt sich bei Rindvieh meist durch ein Oedem im Kehlgange, sowie im Triel an und wird als ein wichtiges Symp­tom bei traumatischer Pericarditis betrachtet.
Aetiologie. Die Herzbeutelentzündung kann primär entstehen, und zwar durch irgend ein Trauma, oder durch unbekannte Ur­sachen bedingt werden; im letzteren Falle wird gewöhnlich eine Erkältung supponirt. Am häufigsten ist die traumatische Herz­entzündung bei Bindvieh, welches bekanntlich beim ersten Abkauen dem Fütter beigemengte Fremdkörper mit verschluckt, selbst wenn diese eine beträchtlichere Grosse haben. Stechende Gegenstände durchdringen dann meist von der Haube aus das Zwerchfell und rücken nicht selten bis in die rechte Herzkammer vor. Im Allge­meinen ist die Pericarditis häufiger ein seeundäres Uebel, indem sie zu einer Pleuritis, oder Pneumonic, zu einer Eiterung in der Nähe des Herzens, /,. B. am Brustbein, zu Erkrankungen der Leber, Milz oder Nieren etc. hinzutritt, oder Theilerscheinung einer allgemeinen Pyämie ist.
Die Prognose ist verschieden ; am günstigsten gestaltet sie sich, wenn die Pericarditis im Gefolge einer einfachen Pleuritis oder Pneumonic erscheint; ganz ungünstig ist dieselbe bei traumatischer Herzbeutelentzündung, da es nur ganz ausnahmsweise vorkommt, dass der stechende Körper spontan oder auf operativem Wege ent­fernt werden kann.
Die Behandlung ist dieselbe wie bei Pleuritis; eine ableitende Einreibung in der Herzgegend hilft im Anfange die Entzündung brechen, später kann sie die Resorption fördern. Die Digitalis soll auch hier nur mit grosser Vorsicht oder gar nicht verordnet werden; dieselbe kann bei kleinem und unregelmiissigem Pulse den Eintritt einer Herzlähmung begünstigen, somit leicht gefährlich werden. Auch kann sie durch Störung der Verdauung schaden, da namentlich eine gute Ernährung heilsam wirkt, sobald die Entzündung ihren sthe-nisohen Charakter verloren hat. Bei seeundärer Pericarditis konnnen die primären Krankheiten in erster Linie in Betracht. Die empfohlene Extraction von Fremdkörpern mittelst des Pansenschnittes dürfte nur selten indicirt sein.
Die Herzbeutelwassersucht, Hydropericardimn.
Dieselbe besteht aus einer Ansammlung grösserer Mengen klarer gelblicher Flüssigkeit im Herzbeutel, die nicht das Product einer
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400nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Herzbeutelwassorsucht.
Entzündung dos Herzbeutels, sondern ein Transsudat ist, welches im Gefolge anderer Krankheitszustände sich einstellt. Dasselbe ist meist eine Theilerscheinung bei allgemeiner Wassersucht, die wiederum verschiedene Ursachen haben kann (s. Brustwassersucht). Das üebel kommt am häufigsten bei Hunden und Schafen vor.
Die klinischen Erscheinungen sind im Wesentlichen die der chronischen Herzbeutelentzündung; Herzdampfung, Unfühlbarwerden des Horzstosses, wobei jedoch zu keiner Zeit perioardiale lieibungs-geräusche auftreten.
Die Prognose ist ungünstig und von einer Behandlung ist in der Regel ganz abzusehen; eventuell würde dieselbe nach der pri­mären Erkrankung sich zu richten haben.
Im Bereiche der Serosa der litiuclihülile, also an den verschiede­nen Abschnitten der Pleura und des Pericardiums kommen folgende Neubildungen vor: Häufig sind Bindogewebsneubildungen verschie­dener Art, diffuse, zottige, verzweigte, schwartige u. s. w. Zuweilen findet man gestielte Pettgeschwülste bei Hunden, seltener bei Pfer­den, und zwar liilufiger am serösen Blatte der Hippen als an der Lungenpleum. Sodann kommen zuweilen bösartige Geschwülste an verschiedenen Stellen der Pleura und am Pericardium vor. üeber Perlknoten etc. siehe Perlsucht und Tuberculose.
Brandige Zerstörungen der Lungonpleura bilden die häufigste Ursache zur Entstehung von Pneumothorax (s. d.).
Krankheiten des Herzmuskels kommen selbstständig bei unseren Hausthieren relativ selten vor; am häufigsten sind solche bei Hunden und Pferden. Ihre klinische Diagnose ist oft schwierig, oder ganz unmöglich; sie stützt sich wesentlich auf die Bewegungen dos Herzens, deren Beschaffenheit bis zu einem gewissen Grade ermittelt werden kann. Fieber, vorübergehende Störungen im Kreislauf und in der Respiration sind im Stande, eine temporäre Alteration der Herz-thätigkeit zu bedingen, woraus natürlich nicht auf das Vorhanden­sein eines wirklichen Herzfehlers geschlossen werden kann. Es ist überhaupt nur selten möglich, eine vorhandene Herzkrankheit bei grosseh Hausthieren während des Lebens einigermassen genau zu diagnosticiren. Die physikalische Untersuchung in Rede stehenden Organes liefert wegen der Lage desselben nur bei bedeutenderen Abnormitäten seiner Beschaffenheit diagnostisch verworthbare Re­sultate, namentlich gilt dies für die Percussion. Für die Auscul­tation ist die Beschaffenheit der Töne, welche durch die Actionen des Herzens entstehen, von Belang. Unter normalen Verhältnissen sind zwei Herztöne wahrnehmbar. Der erste tritt mit der Zusammen­ziehung dor Kammermuskulatur ein; derselbe wird durch den An­drang des Blutes gegen die Segelklappen zwischen den Herz- und Vorkammern bedingt; der zweite Horzton fällt mit der Erweiterung
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Nervöses Herzklopfen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 401
der Herzkammer (resp. mit der Contraction der Vorhofmuskulatur) zusammen und ist durch das Anstauen des Blutes gegen die halb­mondförmigen Klappen an der Grenze zwischen den grossen Arterien­stämmen und der Herzmuskulatur bedingt. Krankhafte Zustände der inneren Herzauskleidung (dos Endocardiuras), oder des Klappen­apparates , namentlich mangelhafter Verschluss des letzteren, oder Verlust der glatten Oberfläche an irgend einer Stelle des Endo-cardiums oder der Segelklappen , sowie andere Krankheitszustände des Herzens und des Herzbeutels können abnorme Geräusche ver­ursachen. Bei allen übrigen Hausthieren sind dieselben seltener and auch weniger leicht wahrnehmbar als bei Hunden, bei welchen chronische Herzkrankheiten öfter vorkommen.
Die mit den meisten Herzkrankheiten verbundenen Ciroulations-störungen pflegen bei längerem Portbestande Erkrankungen ver­schiedener anderer Organe im Gefolge zu haben. Am häufigsten finden sich Respirationsstörungen ein, die durch secundäre Entwick­lung von Bronchialkatarrh, Lungenödem, Brustwassersucht oder durch Lungenblutungen bedingt werden; nicht selten kommt es in Folge von Blutstauung im Venenblutgefässsystem zur Hyperämie und Hypertrophie der Lober, zu Blutanlulufungen in der Milz, im Magen und Darmcanalo, im Gehirn, im Unterhautbindegewebe, in den serösen Häuten und in anderen Körpergebilden, die neuerdings Veranlassung zu anderweitigen pathologischen Zuständen zu werden pflegen.
Die Prognose der Herzkrankheiten ist im Allgemeinen un­sicher ; nicht selten kommon bei diesen Todesfälle vor, welche manch­mal plötzlich und unerwartet eintreten.
Behandlung. Alle chronischen Herzkrankheiten sind mit einer pathologisch-anatomischen Veränderung des Herzens oder des Herz­beutels, oder aber mit einer abnormen Innervation verbunden. Diesen Zuständen ist in der Regel mit Arzneimitteln nicht beizukommen. Radicalkuren sind deshalb gewöhnlich unmöglich. Eine sympto­matische Behandlung, bei welcher eine angemessene Pflege der Patien­ten die Hauptrolle spielt, liefert jedoch manchmal befriedigende Palliativerfblge. Die wichtigsten Herzkrankheiten sind:
1. Nervöses Herzklopfen.
Diagnose. Periodisches Herzklopfen in Folge gesteigerter Er­regbarkeit , welche ohne das Vorhandensein organischer Herzfehler nach körperlicher oder geistiger Erregung plötzlich eintritt, wird zuweilen bei Pferden beobachtet. Neben der gesteigerten Frequenz des Blutkreislaufes und dem stärkeren Herzstosse stellt sich gleich­zeitig mit letzterem ein auffallendes Pochen ein, welches am Rücken gefühlt und durch eine Erschütterung des ganzen Körpers auch durch den Gesichtssinn wahrgenommen werden kann. Der Herz­schlag ist gewöhnlich bei Auscultation des Thorax überall hörbar;
Pütz, Compemlium dor Thierheilkuude.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;20
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402nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Entzündung und Verfettung des Herzens.
anderweitige abnorme Herzgerilusche, oder sonstige Krankheits-erscheinungen fehlen, oder sind nur zufällig als Complication vor­handen. Das Podien verliert sich innerhalb 24 Stunden wieder vollstUndig, oder nimmt wenigstens an Stärke bedeutend ab.
Die Prognose ist günstig, insofern bei einfachem angemessenem, diätetischen verhalten der Anfall spontan abläuft, gelegentlich aber wiederkehrt.
Bestimmte Indicationen für eine weitere arzneiliche Behand­lung gibt es nicht, obgleich verschiedene Mittel empfohlen worden sind. Der Gebrauch von Digitalis und Aoonit ist contraindicirt; soll eine arzneiliche Behandlung angewendet werden, um den Anfall abzukürzen, so ist eine hypodermatische Injection von Morphium hydrochloricum 0,5 in 10 gr destillirten Wassers gelöst, oder 35 bis 50 gr Chloralhydrat mit der 10 fachen Menge Gerstenschleim ver­mischt als Clystier zu verabreichen. Letzteres Mittel kann nöthigen-falls von 4 zu 4 Stunden ein- bis dreimal wiederholt werden.
2. Die Entzündung des Herzmuskels, Myocarditis.
Diese Herzkrankheit kommt im Allgemeinen selten vor; am häufigsten ist dieselbe bei Rindvieh in Folge von traumatischer Verletzung des Herzbexitels und des Herzmuskels. Während des Lebens ist sie als selbstständige Krankheit nicht zu diagnosticiren, weshalb sie kein besonderes diagnostisches, resp. therapeutisches Interesse bietet.
An der Leiche findet man eventuell den eingedrungenen Fremd­körper; im Allgemeinen sind es weisse narbige Schwielen von ver­schiedener Form und Ausbreitung im Herzfleische, welche eine vorhanden gewesene Myocarditis charakterisiren. In Folge fettiger Degeneration (s. unten) und Resorption von Herzfleisch kann es auch zu Schwund in den Herzwandungen kommen, wodurch die betreffende Stelle einsinkt und eine aneurysmatische Ausbuchtung der betreffen­den Ventrikelwand an fraglicher Stelle (meist in der linken Herzraquo; wand gegen die Spitze zu) bildet; ein solcher Zustand wird „um­schriebenes oder chroniscnes Herzaneurysma, Aneurysma cordis chronicaquot; genannt und kann bei oberflächlicher Betrach­tung für eine Cyste gehalten werden. — Die Myocarditis tritt in der Regel herdweise auf und geht sehr selten in Eiterung über; Abscesse im Herzfleische findet man noch 'am ehesten bei Thieren welche an Pyämie gelitten haben.
3. Die Verfettung des Herzens,
Pathologische Anatomie. Die Herzverfettung kommt in zwei verschiedenen Formen vor:
1) Man findet nach dem Tode eine starke Vermehrung (Hyper­trophie) des Fettes unter dem Pericardium und im intennuskuläron
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Verfettung des Herzens.
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Bindegewebe des Herzens, so dass letzteres von einer verschieden starken Fettkupsel eingeschlossen ist und das Herzfleisch in Folge seiner Durchsetzung mit Fett auf Durchschnitten mürbe und blass erscheint, wobei die Messerklinge wie mit Fett bestrichen erscheint. Die abnorme Zunahme des letzteren bringt durch seinen Druck auf die Muskelfasern diese zum Schwinden. Ein solches Fettherz ist gegen Ende der Mast in gewissem Sinne eine normale, d. h. regel-miissige Erscheinung. Diese Hypertrophie des Herzfettes ist ein chronischer Zustand, der vorzugsweise als Begleiterscheinung allge­meiner Fettsucht vorkommt.
2) Die Verfettung hat vorzugsweise die Herzmuskulatur selbst betroffen , indem die Muskelsubstanz im Sarcolemmaschlauehe der Muskelfasern durch Fett in verschiedenem Grade ersetzt worden ist, wodurch jene im Laufe der Zeit zu Grunde gehen. Diese fettige Degeneration der Herzmuskulatur betrifft entweder das ganze Herz­fleisch, oder nur umschriebene Stellen desselben; sie ist meist ein acuter Zustand, der namentlich bei hohem Fieber vorkommt. — Als chronischen Zustand findet man diese Verfettung des Herz­fleisches bei Klappenfehlern und bei Verknücherung der Kranz­arterien des Herzens.
Diagnose. Beide Zustände bedingen eine Schwilche der Herz-actionen und kommen hilufig vereint vor. Bei chronischer Herz­verfettung wird der Herzstoss schliesslich unfühlbar, wobei der Puls manchmal seltener wird; manchmal stellen sich Athembeschwerden ein, die sich periodisch verschlimmern, und zuweilen endet ein Sehlag­anfall plötzlich das Leben des betreffenden Patienten. Die Leistungs­fähigkeit aller an Herzverfettung leidenden Thiere ist erheblich vermindert.
Behandlung. Da bei Herzverfettung in Folge der Schwächung der Herzactionen Circulationsstörungen mit tödtlichem Ausgange eintreten können, so dürfen fette Thiere keinen zu bedeutenden Muskelanstrengungen ausgesetzt werden. Es ist bekannt, dass na­mentlich fette Schweine, wenn dieselben grössere Strecken, besonders bei heissem Wetter, zurücklegen müssen, nicht selten apoplectisch verenden. Die ökonomischen Interessen verlangen, dass Mastthiere zur geeigneten Zeit geschlachtet werden. Bei Arbeitsthieren, die mit Herzverfettung behaftet sind, ist eine Entziehung an Fettbild­nern und die Darreichung entsprechender eiweisshaltiger Nahrungs­mittel bei massiger Muskelarbeit indicirt. Am häufigsten wird bei verzärtelten Stubenhundon die Herzverfettung Gegenstand der Be­handlung. Directe Blutentziehungen sind oontraindioirt, da dieselben das üebel eher verschlimmern, als bessern. Durch einen Aderlass oder durch den Eintritt irgend einer Blutung wird dem Körper ein Theil seines Blutes und damit eine Menge rother Blutkörperchen entzogen, welche die Deoarbonisation des Blutes vorzugsweise vermitteln. Da aber diese Blutzelien gerade diejenigen Bestandtheile des Blutes sind, welche nur seh)- laiigsiim wieder ersetzt werden, so wird bei
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404nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Endocarditis.
Arnmth des Blutes an rothen Blutkörperchen die Aufspeicherung des Kohlenstoffes im Thierkörper in Form von Fett wesentlich begünstigt. Es ist dies eine ebenso bekannte Thatsache, als die, dass fette Thiere relativ blutarm sind. — In Folge von Herzverfettung und -Erweichung kann möglicherweise auch eine Zerreissung des Herzmuskels und dadurch eine innere Verblutung zu Stande kommen.
4. Die Entzündung der inneren Herzauskleidung, Endocarditis.
Aetiologie. Diese Entzündung betrifft immer nur einen Theil der inneren Herzauskleidung und scheint nicht gerade sehr selten, aber doch auch keineswegs häufig bei unseren Hausthieren vorzu­kommen, wie Trasbot dies für Pferde neuerlich behauptet hat. Sie findet sich manchmal als Complication bei anderen Krankheits-zuständen, namentlich bei Entzündungszuständen der Respirations-organe, bei Pericarditis u. dergl.; als primäre Erkrankung scheint sie relativ selten vorzukommen, und zwar in Folge von mechanischen Einwirkungen auf die Brust, in Folge von Erkältung, oder von ganz unbekannten Ursachen.
Pathologische Anatomie. Nach einer vorausgegangenen Ent­zündung des Endocardiums findet man bei der Section, je nach dem Stadium der Erkrankung, frische oder ältere entzündliche Auf­lagerungen, Verdickungen, Kalkeinlagerungen etc. an irgend einer umschriebenen Stelle der inneren Herzausldeidung, oder, was im Allgemeinen und namentlich bei Hunden häufiger der Fall ist, bald diese, bald jene abnormen Zustände an den Herzklappen. Diese bestehen in Auflagerungen, Auflockerung und Zerreissung des Ge­webes der Klappen, in Neubildungen, Verdickung oder Schrumpfung, in Verhärtung, Verwachsung der benachbarten Zipfelklappen mit einander u. dergl. m. Bei Verwachsungen und Verzerrungen der Klappen, sowie Verkürzung ihrer fibroiden Verbindungsfaden mit der Herzwand, wird der Verschluss der Vorhofötfnung mangelhaft und es findet sich dem entsprechend eine sogenannte „Insufficienz der Herzklappenquot;. Durch Neubildung von Bindegewebe im Bereiche der Vorhoföifnung, resp. in der Basis der Zipfelklappen, kommt es zur Verengerung der Oeffnung zwischen Herz und Vorkammer, zur „Stenose des betreffenden Ostiumsquot;.
Diagnose. Eine Endocarditis kann während des Lebens der Patienten nur dann mit einiger Sicherheit oder Wahrscheinlichkeit erkannt werden, wenn der Entzündungsprozess die Herzklappen be­trifft (Klappen-Endocarditis). Bei Auflagerungen oder sonstigen Rauhigkeiten an der Oberfläche der Zipfelklappon wird bei der Auscultation der erste Herzton undeutlich, oder durch ein abnormes Geräusch ersetzt. Nach Trasbot sollen bei acutor Endocarditis des Pferdes die normalen Herzgeräusche verschwinden und statt der-
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Kndocarditis.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;405
selben ein dumpfes Hollen vorhanden, der Herzschlag auch rechter-seits fühlbar, stürmisch, unrhythmisoh, aussetzend und stets sehr beschleunigt sein, so dass 80 bis 160 Herzschläge auf eine Minute kommen. Der Arterienpuls soll direct und nicht so häufig fühl­bar sein als der Herzschlag, so dass auf 80 bis 90 Herzstösse kaum etwa 70 Arterienpulse zu fühlen seien. In der Regel sind leichte periodische Kolikanfälle und Fiebererscheinungen vorhan­den. (Trasbot.)
Die Pulsation der Drosselvenen wird bei Insuffienz der Klappen zwischen der rechten Herz- und Vorkammer, d. i. am venösen Ostium, sowie bei Verengerung (Stenose) dieses regelmässig beobachtet. In beiden Fällen strömt bei der Contraction der Kammermuskulatur das Blut aus der rechten Herzkammer zum Theil in den rechten Vorhof und von da in die Hohlvenen etc. bis in die nächsten grös-seren Venen zurück, wodurch jeder Herzstoss in den Drosselvenen sichtbar wird. — Bei einer Verengerung der Oeffnung zwischen der linken Herz- und Vorkammer (des linken venösen Ostium) oder bei Insuffienz der an diesem Ostium gelegenen zweizipfeligen Klappen entstehen Blutstauungen in den Lungen und zwar in Folge der unvollständigen Entleerung des linken Vorhofes excentrische Hyper­trophie des rechten Ventrikels, Stauung im venösen Blutgefässsystem mit ihren weiteren Folgen. Gerinnsel, welche an irgend einer Stelle der inneren Herzauskleidung, namentlich aber an den Zipfelklappen haften, werden nicht selten vom Blutstrome erfasst, losgerissen und nach diesem oder jenem Organe fortgeschwemmt, wodurch es zu embolisohen Prozessen, namentlich in der Milz oder in der Leber, in den Nieren, seltener in den Lungen kommt. Wenn in Folge von Endocarditis Eiter sich gebildet hat, kann es zur Pyämie kommen.
Aehnliche Veränderungen wie an den Segel- resp. Zipfelklappen kommen auch an den halbmondförmigen Klappen vor, seltener je­doch an denen der Lungenarterie, als an denen der Aorta.
Die Diiferentialdiagnose der verschiedenen Folgezustände der Endocarditis bietet für die Veterinärpraxis mancherlei Schwierig­keiten ; für die Therapie ist dies von keiner besonderen Bedeutung, weil in dem einen wie in dem anderen Falle neben Buhe nur eine symptomatische Behandlung indicirt erscheint. Bei jeder diagnosticir-baren Endocarditis ist die Prognose insofern ungünstig, als eine Radicalheilung nicht zu erwarten steht und verschiedene schwere Folgekrankheiten, wie z. B. chronische Wassersucht etc., und nicht selten apoplectische Todesfälle einzutreten pflegen.
Die in Folge von Endocarditis oder durch andere Ursachen entstehenden Herzkrankheiten, Dilatation und Hypertrophie, kommen vorzugsweise für die forensische Praxis in Betracht. Deshalb sollen hier die anatomischen und ätiologischen Verhältnisse fraglicher Herz­krankheiten etwas eingehender besprochen werden. Ihre klinischen Verhältnisse sind theils von geringem praktischen Interesse und können deshalb in einem Compendium nur eine dem letzteren ent­sprechende Erörterung beanspruchen.
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40(3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hypertrophie und Dilatation des Herzens,
Hypertrophie und Dilatation des Herzens.
Anatomie. Die Hypertrophie oder Massenzunahme und die Dilatation oder Dehnung des Herzmuskels sind häufig mit einander verbunden; beide betreffen in der Regel blos einzelne Herzabsohnitte und kommen nur selten über den ganzen Herzmuskel verbreitet vor. An der Hypertrophie und Dilatation können jedoch ausser den Wandungen und Papillarmuskeln auch die Trabekel Theil nehmen.
Die Dilatation resp. Erweiterung einer oder siimmtlicher Höhlen des Herzens kann also für sich allein, oder mit Hypertrophie der Herzmuskulatur verbunden vorkommen. Besteht blos eine Erweite­rung einer oder siimmtlicher Herzhöhlen, so bezeichnet man den Zu­stand als einfache Herzdilatation; bei dieser sind die Herz wände etc. entsprechend verdünnt (gedehnt). Mit dem Grade der Erweiterung der betreffenden Herzhöhle, resp. der Dehnung fraglicher Muskulatur hat bei der einfachen Dilatation die Stärke der Wandungen an den dilatirten Herzabsohnitten in entsprechendem Verhältnisse abge­nommen ; das Gewicht des Herzens wird demnach durch die einfache Dilatation nicht verändert. Besitzen die Wandungen der dilatirten Höhlen ihre gewöhnliche normale Stärke, so ist die Dilatation be­reits mit Hypertrophie gepaart.
Wenn eine Herzdilatation lange Zeit bestanden hat, so ist sie stets mit Hypertrophie verbunden. Je nach der Combination von Dilatation unterscheidet man:
a)nbsp; nbsp;einfache Dilatation, wenn Erweiterung der Herzhöhlen ohne Massenzunahme ihrer Muskelwände vorhanden ist;
b)nbsp; einfache Hypertrophie, wenn eine Zunahme der Herzmusku­latur ohne Dilatation besteht;
c)nbsp; oxoentrische Hypertrophie, wenn Dilatation und Hypertrophie der Herzwände mit einander vereinigt sind;
d)nbsp; nbsp;concentrische Hypertrophie, wenn die Hypertrophie mit einer Verengerung der Herzhöhlen verbunden ist. Letztere scheint bei unseren Hausthieren selten oder gar nicht vorzukommen.
Geringere Grade der Dilatation und Hypertrophie des Herzens sind selbst am Cadaver schwer festzustellen, da die normalen Grossen- und Gewichtsverhältnisse dieses Organes nicht unbedeutend schwanken; eine scharfe Grenze zwischen normalen und abnormen Zuständen des Herzens in Bezug auf sein Gewicht und seinen Umfang lässt sich somit nicht ziehen. Demgemäss können nur er­heblichere Abweichungen direct erkannt und festgestellt werden. In zweifelhaften Fällen müssen anderweitige Umstände zur Sicher* Stellung der anatomischen Diagnose herangezogen werden.
Dilatation und Hypertrophie des Herzens kommen fast nur beim Pferde als Gegenstand der forensischen Thierheilkunde in Betracht. Es wird deshalb genügen, die normalen anatomischen Verhältnisse des Pferdeherzens hier annähernd anzugeben. Das Herz magerer Pferde wiegt durchschnittlich etwa 1 quot;/o der gesammten Körpermasse;
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Hypertrophie und Dilatation des Herzens.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;407
Schwankungen zwischen 0,7 bis 1,10 0/o liegen innerhalb der normalen Grenzen. Ueberschreitungen der Maximalgrenze sind auf partielle oder totale Hypertrophie, Ueberschreitungen der Minimalgrenze auf „Atrophie des Herzensquot; zurückzuführen. Ist der zu geringe Umfang des Herzens angeboren, so bezeichnet man denselben als „Mikrooardiequot;. Die normale Dicke der Seitenwände des Herzens beträgt bei einem mittelgrossen Pferde an der rechten Herzkammer ca. 2 cm, an der linken Herzkammer ca. 3,5 cm, an den Vorkammern ca. 0,5—1,5 cm. Die Höhe beider Vorkammern beträgt ca. 8 cm, die Breite der rechten Vorkammer ca. 16 cm und die der linken Vorkammer ca. 9,5 cm, die Höhe der rechten Herzkammer erreicht ca. 14,8 cm, die #9632;der linken ca. 17,6 cm.
Dass diese Zahlen sämmtlich nur einen sehr bedingten Werth haben, bedarf nach dem früher Gresagten wohl kaiim einer weiteren Erwähnung. Nach Schwarznecker soll das Herz der Vollblutpferde schwerer sein als das gemeiner Pferde; während dasselbe bei letzteren im Mittel 4,5 kg. wiegt, soll bei Vollblutpferden dessen mittleres Gewicht 5,5 kg. und die Zahl der Pulse nur 28 bis 32 betragen, Während diese bei gemeinen Pferden durchschnittlich 86 bis 40 be­tragen soll.
Aetiologie. Die einfache Dilatation ist stets ein acuter Zustand, der gewölmlich die Polge plötzlich eingetretener Störungen im Kreislaufe ist. Die näheren Ursachen derselben sind:
1)nbsp; Circulationsstörungen in den Lungen mit Anstauung des Blutes im Herzen;
2)nbsp; plötzlich eintretende Herzschwäche oder Herzlähmung, wo­durch eine Blutüberfüllung und Erweiterung des Herzens eintritt, wie z. B. nach Vergiftungen durch Chloroform, Kohlonoxydgas u. s.w.;
8) Krankheiten mit bedeutender Erschlaffung oder Texturver­änderung der Herzmuskulatur, bei welchen die Herzhöhlen mit Blut strotzend angefüllt und dadurch ausgedehnt sind.
Eine einfache Dilatation des Herzens kann in sehr kurzer Zeit #9632;einen hohen Grad erreichen und sogar erst im Todesnöte entstehen, wobei namentlich die rechte Herzhälfte eine erhebliche Ausdehnung erleiden kann.
Da Dilatation und Hypertrophie des Herzens stets secundäre Zustände sind, und zwar in der Regel, wenn nicht immer, in Polge vorausgegangener Circulationsstörungen entstehen, so wird man in dubio zu untersuchen haben, ob solche Störungen vorhanden und welcher Natur dieselben gewesen sind. Jedes Hinderniss im Blut­strome, welches die Anstauung des Blutes in einer Herzhöhle oder Herzhälfte bedingt, regt die betreifende Herzmuskulatur zu ver­mehrter Thätigkeit an, da das Blut trotz des Strömungshindernisses aus dem Herzen fortgeschafft werden muss. Dadurch wird zunächst eine Dehnung der unter stärkerem Widerstände arbeitenden Muskel­fasern , bei längere Zeit hindurch anhaltender vermehrter Arbeit, aber auch eine Massenzunahme der erhöht thätigen Muskelsubstanz
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408nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hypertrophie und Dilatation des Herzens.
eintreten, da bekanntlich jeder in gewissen Graden vermehrten Thätigkeit der Muskeln eine Hypertrophie dieser folgt.
Die Strömungshindernisse, welche eine Dilatation und Erweite­rung der linken Herzkammer verursachen, liegen im Stromgebiete der Aorta. Dieselben bestehen vorzugsweise in Verengerung des Aortenringes (Ostium arteriosum), in Stenose und Insuffioienz der Taschenklappen, oder in Aneurysmen der Aorta. Auch können gewisse Erkrankungen der Niere, z. B. Morbus Brightii (nach Traube), Erweite­rung und Hypertrophie der linken Herzkammer im Gefolge haben.
Die Strömungshindernisse, welche Dilatation und Hypertrophie des linken Vorliofes verursachen, sind Insufficienz der Zipfelklappen (Mitralis) oder Verengerung der Oeffnung zwischen linker Herz-und Vorkammer resp. des linken Ostium venosum.
Die Strömungshindernisso, welche eine Erweiterung und Hyper­trophie der rechten Herzkammer bedingen, sind Insufficienz der Zipfelklappen am linken Ostium venosum (Mitralis) oder Verengerung des letzteren, indem dadurch Störungen im linken Vorhofe ver­ursacht werden, welche die Entleerung der Lungenvenen und der Lungenarterie lieeinträchtigen, folglich secundär auf die rechte Herz­hälfte sich übertragen; ferner werden Bronchialkatarrh, Emphysem, oder andere Lungenkrankheiten, sowie Verengerung des Ursprunges der Lungenarterie (des Conus arteriosus), oder der Taschenklappen an diesem, Ursache der Dilatation und Hypertrophie der linken Herzkammer.
Die Strömungshindernisse, welche eine Dilatation und Hyper­trophie des rechten Vorhofes zur Folge haben, sind Insufficienz der Zipfelklappen (Tricuspidalis) am rechten Ostium venosum oder Ver­engerung des letzteren.
Excentrisohe Hypertrophie der linken Herzkammer, und zwar in dem Maasso , dass sie Insufficienz der Mitralis im Gefolge hat, soll auch ohne Circulationshindernisse, lediglich in Folge gesteigerter Herzaction durch sehr anstrengende oder sehr schnelle Bewegungen entstehen können.
Diagnose. Nur die höheren Grade der Herzhypertrophie pflegen während des Lebens wahrnehmbare Störungen zu verursachen. Pferde, welche an hochgradiger Herzhypertrophie leiden, zeigen die Erscheinungen derjenigen Form der Dämpfigkeit, welche als „Herz-schlägigkeit oder Herzschlechtigkeitquot; bezeichnet wird.
Die Prognose der Herzhypertrophie ist ungünstig, da dieser Zustand nie gelieilt und höchstens vorübergehend insofern gebessert werden kann, als es sich um die Möglichkeit einer Beseitigung oder Fernhaltung schwerer Krankheitserscheinungen handelt. In allen während des Lebens diagnosticirbaren Fällen sind die Patienten zu irgendwie anstrengenden Dienstleistungen dauernd unbrauchbar.
Die Behandlung vormag im Ganzen wenig zu leisten; nur eine entsprechende Schonung der Patienten schützt diese gegen schwere
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Krankheiten der Arterien.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;409
Zufälle. Schlachtthiere, zu denen hier auch die Pferde gezählt werden, liisst man am besten so bald wie möglich tödten, wenn dieselben in Folge von Herzhypertrophie merklich krank erscheinen. Eine symptomatische Ordination, um momentan schwere Herzerschei­nungen zu beseitigen, kann ihren Nutzen gewähren ; im Allgemeinen jedoch wird eine thierllrztliche Behandlung der Herzhypertrophie auf werthvolle Hunde sich beschränken. 5^—15 Tropfen Tinctura Digitalis täglich 2—3mal für Hunde, eventuell für Pferde 2—3 gr; oder Extraotum Aconiti 0,03—0,06 für Hunde, 0,30—0,00 für Pferde, täglich 2—3mal.
Angeborene Missbildnngcn des Herzens spielen in der Veterinär­praxis keine besondere Rolle, insofern sie nur ein wissenschaftliches Interesse haben. Dieselben beschäftigen mehr den Embryologen resp. Teratologen und pathologischen Anatom als den thierärztlichen Kliniker, da sie bei einiger Bedeutung sämmtlich unheilbar und häufig tödtlich sind.
II. Krankheiten der Gefässe.
Bei jedem Entzündungsprozesse kommen im Bereiche der be­treffenden Gewebe Veränderungen an den Gefässen vor, durch welche ein quantitativ und qualitativ alterirter Flüssigkeitsstrom in den entzündeten Geweben bedingt wird. Die hierbei vorhandene Er­höhung der Durchlässigkeit der Gefässwände gestattet, dass aus den Blutcapillaren und kleinen Venen in vermehrtem Maasse Flüssigkeit und farblose Blutkörperchen, mitunter auch rothe Blutkörperchen in grosser Menge in die Gewebe eintreten. Die Alteration, welche die Gefässwände hierbei erleiden, ist histologiscli nicht nachweisbar, sondern aus den veränderten physiologischen Vorgängen zu folgern. Diese, sowie alle diejenigen Gefässerkrankungen , welche nachweis­bare anatomische Veränderungen der Gefässwände bedingen, gehören in das Gebiet der Chirurgie. Dieselben sollen deshalb hier nur kurz besprochen werden und zwar 1) die Erkrankungen der Arterien, 2) die Erkrankungen der Venen und 3) die Erkrankungen der Lymphgefässe. Die Entzündung des l'arenchyms der Gefässwilnde wird collectiv als „Vasculitlsquot; angesprochen.
1. Die Krankheiten der Arterien.
Die nicht angeborenen hier in Betracht kommenden Krankheifa-zustände gehen ursprünglich von einer Entzündung der Arterien­wände aus. Virchow unterscheidet, je nach der Hauptlocalisation des Entzündungsprozesses in der äusseren und mittleren, oder in der inneren Arterienhaut die „Periarteriltisquot; und „PJndarteriitis (Endo-oder Ento-Arteriitisquot;). Auch hat man die Entzündung der Media
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410nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Krankheiten der Arterien.
noch besonders als „Meso- oder Mesarteriitisquot; unterschieden. Dieselbe tritt aber in der Regel als Begleiterin der Endarteriitis auf.
a)nbsp; nbsp;Die Periarteriifls ist sehr selten und entsteht gewöhnlich secundilr, namontlich in Folge von Thrombose oder Embolie, oder durch üebergreifen einer Entzündung des benachbarten Gewebes auf die Arterienwand, oder in Folge chemischer oder mechanischer Reize, welche die Arterien treffen. Am häufigsten ist die Periarteriitis die Folge einer Verstopfung des Clefilsslumens durch Blutgerinnsel, wo­bei die Gefilsswandungen von einem Extravasat durchsetzt werden und dadurch anschwellen. Die Oberfläche der Innenhaut trübt sich, bleibt aber glatt, d. h. frei von Exsudat. Da die Media sich contra-birt, so wird die Intima faltig oder runzelig. In der Regel kommt es zur Bindegewebsneubildung, die zur Verdickung und Verdichtung der Adventitia führt. Wenn die Entzündung von nussen beginnt, so schreitet sie nach innen vor, wobei seoundilre Thrombose ent­stehen kann. Nur selten kommt es zur Eiterbildung oder zur Ne-kroso. Durch nicht infectiöse (einfache puriforme) Erweichung des Thrombus können annähernd normale Verhältnisse an der entzündeten Stelle der betreffenden Arterie wiederkehren. Kommt es aber zu deletilrem Zerfall, zur gelben puriformen resp. septischen Erweichung, so können die Zerfallsmassen entweder nach aussen entleert werden, oder in den Blutstrom eindringen; im letzteren Falle bilden sich metastatische Abscesse in entfernten Organen, Nelcrose, Eitervergif­tung u. s. w. Wie durch diese Einfuhr eines Entzündungserregers auf dem Blutwege, so kann auch dadurch eine „eiterige nekrotisirende Arteriitisquot; entstehen, dass ein im benachbarten Gewebe vorhandener Entzündungsprozess und nekrotischer Gewebszerfall zunächst auf die Adventitia und demnach auf die anderen Gefässhäute übergreift.
Die Periarteriitis kommt nur an solchen Arterien vor, die eigene Ermlhrungsgefässe (Vasa vasorum) besitzen. Sie verläuft entweder acut (namentlich wenn sie durch Embolie etc. seeundär entstanden ist) oder chronisch und erscheint dann mit Athorom combinirt. Relativ häufig betrifft sie die Schenkel- und Becken-Arterien des Pferdes und verursacht dann bei stärkerem Gebrauche der betreffen­den Thiere ein allmählig stärker werdendes Erlahmen derjenigen Gliedmasse, die zu dem thrombirten Stromgebiete gehört, sobald sie Verengerung oder Verwachsung (Obliteration) dos botreffenden Ge-t'ässes bewirkt hat. Treten die fibrösen Verdickungen der Adventitia in Form von Knoten auf, so bezeichnet man die Entzündung der Arterie als „Periarteriitis nodosaquot;. (Maier und Kussmaul.)
b)nbsp; Die Ento- oder Endo-Arteriitis (Endarteriitis) besteht meist in einer chronischen Entzündung der Intima der Artorienwand, bei der es schliesslich zur Fettmetamorphose, Verkalkung oder Ver-knöoherung kommt; letztere Zustände bestehen nicht selten neben einander. Diese Erkrankung ist unter allen Erkrankungen der Arterien die häufigste. Bei Pferden wird sie sehr häufig an irgend einer Arterie des Hinterleibes angetroffen und meist durch den be­kannten Fadenwurm „Strongylus armatusquot; in den Gekrösarterien
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Krankheiten der Arterien.
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des Pferdes hervorgerufen, wo die in ihrem Gefolge auftretenden embolischen Prozesse manchmal tödtlichc Koliken verursachen,
Zunächst kommt in der Innenhaut der dichter und faserig schriebenen, flachen,
es zur Bildung eines weichen Bindegewebes Arterie; dieses solerosirt allmilhlig, indem es wird. Später aber pflogt sich in den um­gelblichen Wucherungen der Intima fettige
Degeneration einzustellen, wodurch die sclerosirten Stellen bleicher, weich und brüchig werden, bis sie schliesslich in eine grützbrei-ähnliche Masse zerfallen, die aus Cholestearinkrystallen, Körnchen­zellen und Fett besteht; diesen Zustand be/.oichnet man als „ athero-matöse Entartungquot;. Ein solcher atheromatöser Abscess ist meist noch vom Endothel der Intima bedeckt; schliesslich aber bricht derselbe nach innen durch und bildet ein „atheromatöses Geschwürquot;.
Die Folgezustände der Endarteriitis sind demnach; Bildung von Gerinnsel, welches auf der rauhen Oberfläche der entzündeten Stelle der Intima sich niederschlägt, durch dessen Fortschwemmung embolische Prozesse entstehen können; Entartung der Arterienvvand, Erweiterung, oder Verengerung des Gefässlumens. Nachdom die Arterionwand ihre normale Widerstandsfähigkeit verloren hat, gibt sie an grösseren Arterien dorn Blutdrücke nach, wodurch Ausbuch­tungen entstehen, welche „Aneurysmaquot; genannt werden. Die Form dieser ist verschieden, wio die Bozeichnungon sackförmig, cylindrisch, diffus, umschrieben u. s. w. besagen.
Kleinere Arterien werden durch die ontzündliohen Wucherungen der Intima in ihrer Lichtung verengert.
Eine weitere Folge der verminderten Kesistonz der Arterienwand kann eine Zerroissung der Gefässwand sein, wodurch grössoro oder kleinere Blutungen, Hirnblutschlag u. dorgl. entstehen können.
In die Wucherungen der Intima werden nicht selten Kalksalze abgelagert, wodurch in den grösseren Arterien einzelne odor zahl­reiche verschieden grosso starre Platten sich bilden, deren freie Oborfläclie meist glatt erscheint. Ragt dieselbe über das angrenzende Endothel der Arterionwand in das Gefässlumon hinein, so schlägt sich manchmal Fibringerinnsel auf ihr nieder. Die Innenhaut klei­nerer Arterien verkalkt gewöhnlich auf relativ grosso Strecken und bei der Perlsucht dos Rindviehs findet man auch an grossen Arterion zuweilen längere Abschnitte in starre Kalkröhren verwandelt. Neben der Verkalkung, oder auch ohne diese tritt zuweilen Verknöcherung an den Artorion auf. Erstreckt sich die in Folge dieser Zustände entstandene Starrheit der Arterionwand über grössore Gebiete, so wird eine vermehrte Arbeit des Herzens nothwendig, um die normale Stromgoschwindigkoit dos Blutes zu erzielen, wodurch seeundäro Herzhypertrophie, oder Fohler der Aorten- und Mitral-klappen sich entwickeln.
Verschieden von der Endarteriitis ist die „einfache Fettmeta-morphosequot;, welche die innersten Schichten der Intima betrifft und ohne vorausgegangene Entzündung entsteht, indem Fottkügelchon zwischen die Gewobsolomonte sich einlagern und diese zerstören.
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412nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krankheiten der Venen.
Werden die Zerfallsproduote vom Blutstrome mit fortgerissen, so entsteht ein oberflächlicher Substanzverlust, eine „fettige Usurquot;, an deren rauher Oberfläche sich ebenfalls Fibringerinnsel niederschlagen.
c) Die MesarU'ililis hat den Untergang des normalen Gewebes (namentlich der Muskelzellen) im Gefolge; es kann das Gewebe der Media stellenweise gänzlich durch Narbengewebe ersetzt werden. Meist aber erlangen die Veränderungen nicht den hohen Grad, wie in der Intim a.
In der Regel werden die besprochenen Krankheitszustände der Arterien erst am Cadaver erkannt, so dass die klinische Diagnose, Prognose und Behandlung ohne besonderen Nachtheil hier ausser Betracht gelassen werden können.
Dasselbe gilt für angeborene pathologische Zustände im Bereiche der Arterien.
Eine eingehendere Besprechung der Krankheiten der Arterien, namentlich auch der traumatischen Verletzungen derselben enthalten die Lehrbücher der speciellen Chirurgie.
2. Die Krankheiten der Venen. Die Venenentzündung, Phlebitis.
Die Entzündung gewisser Venen kommt im Allgemeinen häufiger vor, als die Arteriitis; seltener jedoch als ein auf das Gefässsystem beschränkter Prozess. Als die Aderlässe noch häufig gemacht wur­den , kamen an den geöffneten Venen, bei grossen Hausthieren also an der Drosselvene, entzündliche Zustände öfter vor; sodann ist die Entzündung der Nabelvene bei neugeborenen Thieren, sowie die Entzündung der Gebärmuttervenen bald nach der Geburt bei Mutterthieren und endlich die Entzündung der inneren Hautvene des Hinterschenkels am wenigsten selten. Wie bei der Arteriitis, so kann auch bei der Phlebitis die Thrombose Ursache und Wirkung der Entzündung sein. Gewöhnlich wird das benachbarte Bindegewebe in Mitleidenschaft gezogen; oft kommt es zur Eiterbildung in dem­selben und keineswegs selten gelangt Eiter in die Blutbahn, wo­durch meist eine tödtliche Blutvergiftung entsteht. Die Thrombose der Venen ist gefährlicher, als die der Arterien, weil bei jener grössere Blutpfröpfe losgerissen, nach dem Herzen und in die Lungen mit fortgeschwemmt werden können. Bei Arterienthrombo.se treten lebensgefährliche Störungen nur dann ein, wenn die Verstopfung eine grosse Arterie betrifft, oder wenn die Ernährungsgefässe eines besonders wichtigen Organcs direct, oder auf embolischem Wege verstopft werden. Im Uebrigen sind die anatomischen Vorgänge in der Gefässwand bei Venenentzündung denen bei Arterienentzündung ziemlich gleich. Der „hyperplasirenden Arteriitisquot; entsprechend, gibt es auch eine „Phlebitis liyperplastioaquot;, bei welcher man eben­falls eine „l'cri-, Endo- und Mosoithlcltltisquot; unterscheiden kann. In
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Krankheiten der Venen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;413
der Intima pflogen die Verdickungen lange nicht so bedeutend zu werden, als bei der Endarteriitis eto. Verkalkung der Venenwand ist selten, während eine partielle oder totale Verkalkung von Venen­thromben weniger selten vorkommt. Auf diese Weise kommt es zur Bildung sogenannter .,Vencnsl(!iiie odor Phlobolitlienquot;. Diese liegen entweder an einer leicht ausgebuchteten Stelle innerhalb des Lumens einer Vene, oder ausserhalb dieses in einem varicösen Säckclien, das sich zuweilen gegen die Venonlichtung vollständig absohliesst. Es liegt dann der Phlebolith von einer dichten Kapsel umschlossen im perivasculären Bindegewebe. Alle Venensteine zeigen eine oon-centrische Schichtung, sind rundlich, weiss oder gelb und mehr oder weniger fest. Sie wachsen durch allmählige Ablagerung von Fibrin auf den vorhandenen Korn und durch spätere Verkalkung dieser nachträglichen Auflagerungen.
Boi Verstopfung grösserer Venen kommt es in Folge der An­stauung des Blutes in dem betreffenden Capillarbezirke /,ur Hyperämie und zur Bildung von Oedem im Bereiche dieses Bezirkes.
In Folge chronischer Stauungen im Venenblutstrome entsteht in den peripher gelegenen Venen eine chronische Hyperämie und eine dadurch bedingte Erweiterung oder Ektasie. Biesen Zustand bezeichnet man als „IMilebektasie oder varicose Erweiterungquot;. Die von demselben betroffenen Gefässe sind entweder gleichzeitig ver­längert oder nicht, in ihren Wandungen normal, oder zu schwach. Die Form solcher varicösen Erweiterungen ist verschieden, cylindrisch, spindelförmig, geschlängelt, sackförmig u. s. w. Im letzteren Falle ist die Venenwand nur an einer Seite ausgebuchtet und wird die Erweiterung dann auch „Blut- odor Krampfader-Kiioteu (Varix)quot; genannt. Eine derartige nur selten vorkommende Erweiterung ist unter dem Namen „Blutspathquot; bekannt.
Die rankenförmige Venenerweiterung kommt bei Hengsten und Bullen am Samenstrange nicht selten in erheblichem Maasse vor. Diesen Zustand nennt man „Varicocele oder Cirsocelequot;. Die Ektasie kann sich sogar auf die Venen der Scheidenhaut und des Hodens ausdehnen. Auch die Venen des Schlauches und Hodensackes findet man bei alten Hengsten öfter varicös erweitert.
Bei edlen Pferden sind häufig die Hautvenen an verschiedenen Stellen des Körpers in Form kleiner Anschwellungen erweitert; diese öffnen sich zuweilen spontan , oder werden von den Thieren aufge­rieben, wodurch es zu meist unbedeutenden Blutungen kommt.
Eine schlimmere Bedeutung hat die NabelvoiieiioutzUuduiij?, „Oraplialitisquot;, neugeborener Thiere, indem dieselbe durch Metastasen nach der Leber, nach den Lungen, oder nach verschiedenen Gelenken zu langwierigem Siechthume, oder durch Blutvergiftung zum Tode führt. Diese Krankheit ist im Wesentlichen durch folgende Er­scheinungen gekennzeichnet: Die Patienten sind traurig, nehmen wenig Nahrung (Milch) zu sich, liegen viel und fiebern. Der Nabel bildet einen derben Strang oder Knoten, dessen Berührung dem kranken Thiere Schmerz verursacht. Die Nabelvene ist nicht fest
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414nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krankheiten der Lymphgefässe.
verschlossen; aus derselben fliesst eine jauchige, meist sehr übel­riechende Flüssigkeit. Zuweilen ist im Bereiche der Nabelgegend Fluctuation resp. eine grössere Eiteransammlung vorhanden. Häufig kommt es zu Metastasen nach der Leber oder nach den Lungen und nach verschiedenen Gelenken, wodurch oft tödtlich endende Secundärleiden entstehen. Nicht selten aber genesen die Thiere nach langem Siechthume.
Die Diagnose dieser Krankheit macht in der Regel keine Schwierigkeiten; unsicherer sind Prognose und Therapie. Letztere hat vorzugsweise das locale Uebel /.u berücksichtigen und eine Des-inf'cction des Nabels, ganz energische Waschungen und Ausspritzungen mit lOprocentiger, später mit 5procentiger Carbolsäurolösung sind täglich 2 bis !5mal vorzunehmen. Grössere Eiteransammlungen in der Nabelgegend müssen entleert und die Abscesshöhle mit der an­gegebenen Carbollösung täglich 2 bis 3mal ausgespritzt werden. Es empfiehlt sich, diese mit einer öprocentigen Lösung von Kali hyper-manganio. von Zeit zu Zeit zu vertauschen, um Vergif'tungszufällen vorzubeugen. Eine innerliche Behandlung ist meist unnütz; allenfalls könnte Chinin oder Antipyrin als fieberwidriges Mittel manchmal indicirt erscheinen.
Zuweilen treten Nabelentzündungen und secundäre Gelenk­krankheiten in grösseren Viehbeständen seuchenartig auf. In solchen Fällen lässt sich grösseren Verlusten in der Regel dadurch vor­beugen, dass man in der betreffenden Wirthschaft jedem neugeborenen Thiere sofort nach der Geburt die untere Partie des Nabels mit roher Carbolsäure einmal tüchtig bepinselt.
Ich habe nicht selten diese sogenannte (metastatische) Lähme, welche die neugeborenen Thiere bis dahin in grossen Prooenten befallen hatte, durch sorgfältigen Gebrauch des (von Frank und Anderen empfohlenen) Carbolsäureanstriches gehoben und die so be­handelten Lämmer und Kälber sämmtlich vor der Nabelvenenentzün­dung und der secundären Gelenkerkrankung geschützt.
3. Die Erkrankungen der Lymphgefässe.
Die Entzilndiing der Lyniphgefüsse, „Lympliangeitta, Lyniplian-goitis oder LympImi^Hisquot;, kommt hier vorzugsweise in Betracht. Dieselbe beschränkt sich entweder auf die Anfänge der Lymphgefässe, oder ergreift auch die grösseren Sammelröhren. Nur im letzteren Falle pflegt man von eigentlicher Lymphgefässentzündung zu sprechen, da bei jeder Bindegewebsentzündung die kleineren Lymphgefässe in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Lymphangitis kommt bei Pferden nicht selten und zuweilen auch bei Wiederkäuern, namentlich beim Rindvieh vor, während sie bei Hunden ganz zu fehlen scheint. Am häufigsten findet man die Lymphgefässe in i;nd unter der äusseren Haut entzündet, namentlich an den Vordergliedmassen, an der Schul­ter und Brust, am Bauche und an der Innenfläche der Hinterglied-
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Krankheiten der Lymphgefässe.
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massen. Die betr. Lymphgefässe sind angeschwollen, vermehrt warm, und ziehen sich als schmerzhafte, d. h. gegen Berührung empfindliche, ungleichmilssig dicke Stränge nach den benachbarten Lymphdrüsen hin. Letztere schwellen ebenfalls an, werden vermehrt warm und gegen Druck empfindlich (Lymphadenitis). Im Bereiche der ent­zündeten Lymphgefässe bilden sich ödematöse Anschwellungen und meist gesellt sich zu jeder bedeutenderen Lymphangitis Fieber hinzu. Wird eine Gliedmasse von Lymphangitis heimgesucht, so ist die Bewegung derselben auffallend behindert, die Patienten schieben oder ziehen das erkrankte Bein schleppend und steif nach vorn. Zu­weilen bilden sich im Verlaufe der entzündeten Lymphgefässe Knoten, welche in gutartigen Fällen durch Eesolution oder eiterigen Zerfall zur Ausheilung gelangen. Solche Fälle können leicht mit Hautrotz verwechselt werden. Der Krankheitsprozess bleibt nie auf die Lymph­gefässe allein beschränkt; immer wird das benachbarte Bindegewebe in Mitleidenschaft gezogen (Perilymphangitis). Die Infiltration des Bindegewebes kann zur Abscessbildung führen, wobei die dünn­wandigen Lymphgefässe mit zerfallen. Der eiterige Zerfall beschränkt sich entweder auf kleinere Partien, so dass linsen- bis wallnussgrosse Abscesse entstehen, die indess allmählig sich ausbreiten und zu-sammenfiiessen können, so dass die äussere Haut auf grössere Strecken unterminirt wird. Die Eiterherde öffnen sich manchmal spontan und bilden alsdann Geschwüre, die bald schnell, bald jedoch lang­sam vernarben. Dieselben können auch verkäsen und zur Bildung von Geschwüren mit aufgeworfenen Rändern und speckigem Grunde führen.
Die Ursachen der Lymphangitis sind nur ungenügend bekannt; dieselben scheinen vorzugsweise in der Aufnahme virulenter Stoffe zu liegen.
Die Behandlung an Lymphangitis leidender Tbiere erfordert vor allen Dingen Ruhe. Da nur die im Bereiche der ilusseren Körper­oberfläche auftretenden Lymphgefässent/.ündungen klinisch diagnosti-cirt und behandelt werden können, so ist die Therapie vorzugsweise eine chirurgische. Einreibungen eines Quecksilbcrlinimentes, welches aus gleichen Theilen grauer Salbe und Rüböl zusammengerieben wird, oder Einreibungen von grüner Seife und Terpentinöl 8 : 6 gut verrieben, denen man noch 1 Theil Pottasche zusetzen kann, leisten häufig gute Dienste. Die Patienten werden zunächst auf magere Diät gesetzt und bei wohlgenährten Thioren kann bei heftiger Lymphangitis auch ein Abführungsmittel verabreicht werden. Wo die Zertheilung innerhalb 8—14 Tagen nicht erzielt wird, da suche man die Eiterung zu fördern. Hierzu empfehlen sich Einreibungen von Altheesalbe mit Lorbeeröl zu gleichen Theilen mit einander ver­rieben, oder vorsichtig applicirte fouchtwannc Aufschläge. Die Ein­reibungen müssen täglich 2 bis 8mal gemacht und am dritten Tag mit warmem Seifenwasser wieder abgewaschen werden. Jede Gelegenheit zu Erkältungen ist möglichst ZU meiden.
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Krankheiten dor Verdauungsorgane.
Bei chronischer Lymphangitis kommt es stets zur Bindegewebs-neubildung in der Nachbarschaft der entzündeten Lymphgefässe, wodurch mehr oder weniger bedeutende Verdickungen entstehen, die selten wieder vollkommen sich verlieren. Manchmal sind die­selben von Eiter- oder Käse-Knoten durchsetzt. Die Behandlung dieser Zustünde richtet sich nach den Regeln der Chirurgie und verlangt Ausdauer.
Wenn Lymphangitis und Lymphadenitis im Gefolge unheilbarer Krankheiten (Kotz, Tuberculose etc.) auftreten, so ist jede Behandlung derselben unnütz. Bei bösartigen Tumoren kann die Exstirpation des primären Geschwulstknotens und der inficirten benachbarten Lymphdrüsenpackete nur in solchen Fällen allenfalls noch zu dauernder Genesung führen, wenn die Infection noch nicht über die erste Lymphdrüsenstation hinausgegangen ist.
Eine transitorische grosso Lymphdrüse der Pötalperiode ist be­kanntlich die Thymusdrilse, welche beim geborenen Thiere im Jugend­alter verfettet und resorbirt wird. Ausnahmsweise jedoch findet man bei älteren Thieren destruirte Ueberreste derselben, namentlich beim Rinde, bei dem nicht selten grosslaquo; knollige laquo;indegewebsge-schwlllste angetroffen werden, welche aus der Thymusdrüse hervor­gegangen sind.
Die Erkrankungen der Milz und der Gekrösdrüsen s. Inhalts-verzeichniss.
Die Krankheiten der Verdauungsorgane.
Die Verdauungsorgane können selbstständig erkranken, oder bei anderen (meist fieberhaften) Krankheiten sekundär in Mitleidenschaft gezogen werden. Am häufigsten kommen Verdauungsleiden bei Pflanzenfressern vor, welche von Natur auf voluminöse Nahrungs­mittel angewiesen sind. Bei den Wiederkäuern treten die Krank­heiten des Magens, beim Pferde die Darmleiden in den Vordergrund. Fleischfresser und Schweine erkranken weniger häufig als Pflanzen­fresser an Verdauungsstörungen, weil sie unverdauliche, oder schwer verdauliche Substanzen durch Erbrechen häufig frühzeitig aus den Verdauungsorganen wieder entfernen und dadurch weiteren Störungen vorbeugen. In Bezug auf die einzelnen Abschnitte des Verdauungs­apparates spielen Magen und Darm die Hauptrolle; denselben schliessen sich die Organe der Maul- und Rachenhöhle an. Die Krankheiten des Bauchfelles, sowie der in der Bauchhöhle gelegenen drüsigen Organe, welche zum Verdauungsgeschäfte in näherer Beziehung stehen, sind bei Thieren klinisch schwer oder gar nicht diagnosticirbar.
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Katarrh der Maulhöhle.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 417
Im Wesentlichen der topographischen Anordnung folgend, sollen die Krankheiten der Verdauungsorgane in nachstehender Reihenfolge hier besprochen werden:
1) Die Krankheiten der Maul- und Rachenhöhle, 2) die Krank­heiten des Magens und Darm can ales, 3) die Krankheiten der zu Magen und Darm in näherer Beziehung stehenden Drüsen und 4) die Krankheiten des Bauchfelles.
I. Die Krankheiten der Maulhöhle.
Aussei- den krankhaften Aifectionen der Maul- und Rachenhöhle, welche verschiedenen Infectionskrankheiten angehören, kommen noch folgende vor;
1. Entzündung der Manlhöhlen-ScMeiinhant.
a) Katarrh der Maul- und Rachenhöhle.
Diagnose. Im ersten Stadium erscheint die Maulschleimhaut trocken und intensiv hellroth, besonders an den Seitonrändern der Zunge und an der Innenfläche der Wangen, welche am lebenden Thiere der Adspection am meisten zugänglich sind. Später kommt es zur Secretion grösserer Mengen Schleims, wobei die Proliferation des Zungenepithels gesteigert ist. Die Oberfläche der Maul-Schleim-haut, besonders auf dem Rücken der Zunge, ist alsdann mit einem zunächst glasigen, allmählig mehr eiterähnlioh werdenden Schleime bedeckt. Die Empfindlichkeit der Maulschleimhaut ist besonders im ersten Stadium des Katarrhs erhöht. Zuweilen zersetzt sich ein Theil des katarrhalischen Exsudates der Maulschleimhaut, was durch üblen Geruch aus dem Maule des Patienten sich zu erkennen gibt.
Aetiologie. Ein solcher Katarrh kann durch äussere Reize, welche die Schleimhaut treffen, primär entstehen, oder die Folge von fieberhaften Krankheiten oder von Magenkatarrh sein.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig. Bei Vernachläs­sigung kann das Uebel chronisch und dann um so schwerer heilbar werden, je länger dasselbe bestanden und zu je bedeutenderen ana­tomischen Veränderungen der Schleimhaut (Verdickung, Schwellung der Follikel, Gefässerweiterung etc.) es bereits geführt hat.
Therapie. Bei einfachem acutem Maul- und Rachenkatarrh ist eine medicinische Behandlung entbehrlich; bei angemessener Diät verliert sich das üebel in 8—14 Tagen von selbst. Nur wenn ein übler Geruch im Maule vorhanden ist, empfiehlt es sich , dasselbe mit einer Iprocentigen Lösung von Carbolsäure oder Übermangan-saurem Kali täglich 2 — !5mal auszuspritzen. Ist der Katarrh der Maulhöhle die Folge anderer Krankheiten, so sind diese ihrer Natur nach entsprechend zu behandeln, wobei jener nur selten eine besondere Aufmerksamkeit erfordert.
Pütz, Compendium der Thlerheilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 27
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418nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Parencliymatöse Entzündung der Maul-Schleimhaut.
b) ParenchymatSso Entzündung dor Maul-Schleimhaut.
Diagnose. Die Entzündung beschränkt sich in diesem Falle nicht auf die oberfiilchlichen Schichten fraglicher Schleimhaut, son­dern dringt tiefere Schichten in diese ein. Röthe, Schwellung und Schmerzhaftigkeit, sowie Behinderung der Putteraufnahme sind dann in höherem Grade vorhanden, als beim einfachen Katarrh.
Bei Pferden kommt nicht selten eine seröse Infiltration (Oedem) des subinucösen Bindegewebes des harten Gaumens vor, wodurch besonders die unteren Gaumenstaffeln zuweilen so stark hervorgewölbt werden, dass sie die Reibeflächen der Schneidezähne überragen und so ein Hinderniss für die Putteraufnahme bilden. Dieser unter dem Namen „Ganmen^eschwulstquot; bekannte Zustand besteht meist ohne auffallende Entzündungserscheinungen lange Zeit hindurch fort.
Die Ursachen dieses Uebels sind nicht genau bekannt; am häufigsten findet sich diese chronische, wenig oder gar nicht schmerz­hafte Gaumengeschwulst bei alten heruntergekommenen Thieren.
Therapie. Solchen Patienten lasse man es namentlich an frischem reinem Wasser, dem man auf den Eimer 1 Esslöffel voll Salzsäure zusetzen kann, nicht fehlen, damit sie sich das Maul recht oft aus­spülen und anfeuchten können. Im üebrigen ist die Behandlung vorzugsweise eine diätetische, wie beim Katarrh. Schwellung des Zahnfleisches und des harten Gaumens, welche durch mechanische Verletzungen (grobstengeliges Heu u. s. w.), oder durch den Zahn­wechsel verursacht wird, ist mit auffallenderen entzündlichen Er­scheinungen verbunden und verlangt eine kühlende, reizmildernde Behandlung, während bei dem chronischen Gaumenödem Scarifi-cationen und adstringirende Einspritzungen neben einer kräftigen Diät angezeigt sind. Selbstverständlich muss bis zur Heilung der Scarificationswunden ein nahrhaftes Putter verabreicht werden, das örtlich möglichst wenig reizt. Zuweilen kommen bei herunterge­kommenen Pferden grössere Hlnscn auf der Maulsclileimliaut vor, welche die Putteraufnahme behindern. Nachdem dieselben geöffnet sind, können auch hier adstringirende Einspritzungen oder Bepinse­lungen vorgenommen werden. Man verwendet hierzu am besten ein Infusum von Salbeiblättern, indem man 1 Gewichtstheil dieser mit 12 bis 20 Theilen siedenden Wassers übergiesst und in einem ge­schlossenen Gefässe erkalten lässt. Der demnach durchgeseihten Flüssigkeit kann man etwas Honig und Essig zusetzen.
Zalinkrankheiten, sowie die verschiedenartigen Nenblldung'en, welche Im Hereiehe der Maul- und Itachenhölile vorkommen, ge­hören in das Gebiet der Chirurgie und müssen auf geeignete operative Weise beseitigt und weiter behandelt worden.
Brand der Maulschleimhaut ist in grösserer Ausbreitung von Damraann u. A. bei Kälbern beobachtet und als Diphtherie beschrieben worden; ich verweise hier auf das S. 282—243 hierüber Gesagte.
Mundfäule (Scorbni), Stomatitis ulcerosa, kommt zuweilen bei Hunden vor. Die Krankheit zeigt sich vorzugsweise am Zahnfleische,
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Hüls- oder Rachen-Kntzündung.
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welches fleckig geröthet, aufgelockert und später geschwürig zer­fallen erscheint. Der geöffneten Maulhöhle entweicht ein übler Ge­ruch, die Zälhne werden allmilhlig immer mehr gelockert und fallen schliesslich aus. Das Uebel ist in der Regel unheilbar. Vorüber­gehende Besserung pflegt /.war einzutreten, wenn Einspritzungen von vorhin erwähntem Salbeiaufgusse, oder von einer !?procentigen Lösung von Kali hypermanganicum täglich 4—5mal eine Zeit lang fortgesetzt werden.
In Folge von Missbrauch verschiedener Quecksilberpräparate, namentlich der grauen Salbe, entsteht eine Entzündung der Maul­schleimhaut, welche man als Stomatitis incrcurialis bezeichnet. Das Weitere hierüber ist bei der Quecksilbervergiftung nachzusehen.
2. Die Hals- oder Kaclien-Eiitzünduiig. Bräune, Angina.
Entzündliche Affectionen der Rachenhöhlenschleimhaut werden in der Veterinärpraxis collectiv als „Bräunequot; bezeichnet, da wir nicht im Stande sind, die in der Rachenhöhle vorkommenden Ent­zündungsprozesse am lebenden Thiere mit genügender Sicherheit zu unterscheiden. Jede Entzündung der Rachenhöhlenscbleimbaut ist mit mehr oder weniger auffallenden Schlingbeschwerden verbunden, so dass wir dadurch bei gleichzeitig vorhandenem Katarrh benachbarter Schleimhäute die Mitbetheiligung des Schlundkopfes erkennen können. Am häufigsten kommt die Bräune bei Pferden und Schweinen vor.
Diagnose. Zunächst stellen sich die Erscheinungen eines Maul-(und Rachen-) Katarrhs ein , dem Fiebererscheinungen vorangehen, oder folgen können. Die Schleimhaut des Gaumensegels ist miter­krankt und die Absonderung eines zähen Schleimes in der Regel reichlich, so dass lange Fäden desselben aus dem Maule herunter­hängen. Die Fresslust ist gewöhnlich nur in geringeren Graden vermindert, während der Durst vermehrt und das Schlingen in ver­schiedenem Masse erschwert ist; häufig kehren grössere Mengen der aufgenommenen Nahrungsmittel, sowohl Futter, als namentlich Ge­tränk durch die Nasenhöhle nach aussen zurück. Die Sahlundkopf-gegend zeigt sich gegen Druck empfindlich und in schwereren Fällen geschwollen, indem durch eine Infiltration in das benachbarte Binde­gewebe die Ohrspeicheldrüse hervorgodrängt wird. Das submucöse Bindegewebe des Gaumensegels ist ebenfalls häufig infiltrirt, was durch ein eigenthümlichos schlotterndes Geräusch beim Husten sich zu erkennen gibt. Da ein Kehlkopfkatarrh in der Regel mit der Rachenentzündung verbunden ist, so husten die Patienten gewöhnlich mehr oder weniger häufig; durch Druck auf den Kehlkopf von aussen kann der Husten meist leicht hervorgerufen werden. Durch denselben wird ein glasiger Schleim aus den Nasenhöhlen entleert. Die Patienten halten den Kopf häufig gesenkt und suchen jode Bewegung desselben möglichst zu vermeiden. Häufig folgt diesem Stadium der
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Hals- oder Rachon-Kntzündung.
Bräune Genesung, indem die Krunldieitserscheinungen immer mehr abnehmen und in 8—14 Tagen völlig verschwinden; dies ist bei entsprechender Pflege und Behandlung /iemlioh regelmässig dann der Fall, wenn der Entzündungsprozess auf die Schleimhaut sich beschrilnkt. Greift derselbe aber auf die tiefer gelegenen Gebilde über, so kommt es häufig zur Abscessbildung und in Folge dessen zu meist langwierigen Leiden (vergl. S. 16(3). In solchen Fällen er­reicht die Athemnoth nicht selten einen hohen Grad, namentlich dann, wenn auch die Luftsäcke durch eiterige Massen ausgedehnt sind, oder wenn ein Glottisödem sich gebildet hat. Die Füllung der Luft­säcke ist dadurch zu erkennen, dass durch Druck auf dieselben, z. B. durch Herannehmen des Kopfes gegen das Brustbein, periodisch ein stärkerer Ausfluss, meist von klümperigem, eiterigem Schleime durch die Nasenlöcher abfliesst. Nur selten kommt es zur Bildung von Groupmembranen (s. S. 364), jedoch ist die Möglichkeit nicht aus­geschlossen , dass auch dadurch bedeutende Athembeschwerden und selbst Erstickung eintreten kann. Nekrotische (oder diphtheritische) Zerstörungen in der Rachenhöhle sind stets von stärkerem Fieber und von grosser Hinfälligkeit, sowie von übelriechendem Athem begleitet; häufig tritt zu denselben eine Lungenentzündung hinzu. Bei Schweinen entsteht manchmal eine Entzündungsgeschwulst in der äusseren Haut, in Folge deren dann häufig mehrere getrennte Eiterherde sich bilden, die nach ihrer Entleerung ausheilen unter Hinterlassung einer schmerzlosen Anschwellung, die dauernde Athem­beschwerden verursachen kann.
Die Prognose richtet sich nach dem Grade der vorhandenen Erscheinungen und Complicationen. Eine einfache, nicht complicirte Entzündung der Raohenschleimhaut geht meist in 8 bis 14 Tagen in vollkommene Genesung über, während schwerere und complicirte Fälle manchmal mit Tod, oder mit unvollkommener Genesung enden.
Pathologische Anatomie. Der Sectionsbefund ist verschieden, je nach Beschaffenheit der vorangegangenen Entzündung und Compli­cation. Die Schleimhaut des Schlundkopfes ist gewöhnlich dunkelroth, ihre Follikel geschwellt, selten mit croupösem Exsudat belegt, häu­figer serös oder eiterig infiltrirt, oder stellenweise nekrotisch; im Bindegewebe um die Organe der Raohenhohle finden sich öfter Abs-oesse und in den Luftsäcken schleimig-eiterige Massen, Schleimhaut-verdickungen u. s. w. Das Gaumensegel ist häufig verdickt und, wie die Mandeldrüsen, von Eiterherden durchsetzt; seine Schleimdrüsen sind geschwellt. Je nachdem der Tod in Folge von Erstickung, Septicämie oder Pyämie eingetreten ist, finden sich die diesen Krankheiten zukommenden Leichenerscheinungen.
Die Ursachen der Hals- oder Rachen-Entzündung sind nicht näher bekannt; als solche werden im Allgemeinen beschuldigt: Er­kältung , die Einathmung reizender Substanzen und bis jetzt nicht näher definirbare Infectionsstoffe.
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Krankheiten der Speicheldrüsen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;421
Die Behandlung ist in den leichteren Fallen im Wesentlichen die nämliche, wie bei Kehlkopfkatarrh (s. S. 356), namentlich leisten ableitende Einreibungen in die Kehlkopfgegend auf die ilu.ssere Haut applicirt, Inhalationen von Wasserdämpfen (dem Wasser kann man etwas Kochsalz zusetzen) oft sehr prompte Dienste. Oefteres Aus­spritzen der Maulhöhle mit den beim Katarrh dieser Höhle angegebenen Flüssigkeiten, sowie die Gelegenheit für die Patienten, sich jederzeit das Maul ausspülen und Getränk aufnehmen zu können, sind auch hier von wesentlicher Bedeutung. Innerliche Arzneimittel sind in der Eegel zu entbehren und wegen des erschwerten Eingehens niemals ohne ganz bestimmte Indicationen anzuwenden. Die Patienten werden zweckmässig separirt und in einem massig warmen, zugfreien Stalle untergebracht. Die obere Partie des Halses und die Kinnlade müssen mit wollenen Lappen oder Pelzwerk umhüllt werden; dies ist be­sonders dann nothwendig, wenn vorhandene Eiterherde zur Eeife und zum Durchbruche, oder vorhandene Infiltrationen zur Resorption gebracht werden sollen. Reife Abscesse, oder eiterige Ansammlungen in den Luftsäcken sind rechtzeitig zu entleeren, damit es nicht zur Eindiokung kommt. Bei grösserer Athemnoth kann die unverzügliche Eröffnung der Luftröhre nothwendig werden; der Luftröhrenstich ist oft nicht ausreichend, indem die Ooffnungen in der troioart-ähnlichen Traehealcantile sich manchmal verstopfen und dadurch neuerdings Erstickungsgefahr, oder wirkliche Erstickung eintreten kann. Gegen zurückbleibende Verdicknngen und Athembeschwerden sind zunächst ableitende, später resorbirende Einreibungen in der Kehlkopfgegend zu appliciren. Statt der theuren Quecksilber- und Jod-Salben bediene ich mich fast ausnahmslos der Terpentinseife (01. tereb. und Kaliseife 1 : 2). Die Nahrung der Patienten muss aus wenig voluminösem, nicht reizendem Futter bestehen, leicht verdau­lich, aber gehaltreich sein. Mehl- und Kleiengeschkipp, oder weiches Grünfutter sind namentlich zu empfehlen; Ranhfuttor und ganze Körner sind zu meiden. Die Eeconvalescenz zieht sich bei den schweren Erkrankungen, wobei es zur Eiterung, Nekrose etc. ge­kommen ist, oft sehr in die Länge und zuweilen bleibt Schwerathmig-keit (Pfeiferdarapf) für immer zurück.
Die im Bereiche des Kopfes gelegenen Spciclieldrllson gehören bekanntlich zu denjenigen Verdauungsorganen, welche ihr Secret in die Maulhöhle ergiesseii. Erkrankungen derselben sind im Allge­meinen selten und nach den Regeln der Chirurgie zu behandeln. Alle Reize, welche die Maulschleimhaut treffen, wirken auf die Speicheldrüsen erregend ein, so dass entzündliche Affectionen der Maulschleimhaut mit vermehrter Speichelabsonderung auftreten. Bei Halsentzündung, Druse, mechanischen Insulten etc. kommt es auch zuweilen zur Entztliuinng' der Ohrspeicheldrüse, die in Eiterung, Verhärtung mit oder ohne Umfangsvermohrung, übergehen kann. Nicht selten worden Entzündungen der unter der Ohrspeicheldrüse gelegenen Gewebe mit eigentlicher Ohrspeicheldrüsen-Entzündung
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422nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schlundkrankheiten.
verwechselt, wus in Bezug auf therapeutische Massregeln gewöhnlich ohne Belang ist. Operative Eingriffe im Bereiche der Ohrdrüsen­gegend verlangen stets Vorsicht und genaue Kenntniss der gerade an dieser Stelle sehr complicirten anatomischen Verhältnisse,
Erweiterung des einen oder anderen Speichelganges ist entweder die Folge von Narbenbildung im Ausführungsgange, Stenose oder Obliteration des betreffenden Speichelgefilsses, oder die Folge einer Verstopfung des Canals durch irgend einen Fremdkörper, namentlich durch Speiohelsteine, (Bei einem i'ferde fand ich einmal eine enorme Erweiterung des Ausführungsganges der Ohrspeicheldrüse im Kehlgange und auf der Backe; das betreffende Thier war deshalb als rotzverdilchtig denuncirt worden.)
Speichelstoiiie scheinen ausschliesslich oder vorzugsweise bei Pflanzenfressern vorzukommen; sie entstehen in der Kegel durch das Eindringen eines Fremdkörpers (Haferkorns etc.) in den Speichel-canal, um welchen sich dann kohlensaurer und phosphorsaurer Kalk, sowie kohlensaure Magnesia ablagert. Die Wand des Speichelge-fasses wird zuweilen durch Druck zum Schwinden gebracht, wodurch der Speichelstein in's benachbarte Bindegewebe gelangt und dort gewöhnlich eingekapselt wird. Sind mehrere Speichelsteine in einem Speichelgange vorhanden, so liegen dieselben meist sohüsselförmig und so an einander, dass die Convexität des einen Steines stets in die Concavität des benachbarten eingebettet ist. Dieselben können nur auf operativem Wege entfernt werden.
3. Die Erkrankungen des Schlundes
sind nicht gerade selten, gehören aber meist dem Bereiche der Chirurgie an. Es sind namentlich Erweiterungen oder Verenge­rungen desselben, welche hier in Betracht kommen. Dieselben ver­ursachen Störungen im Schlingen, Brochanstrengungen und nicht selten wirkliches Erbrechen. Eine Verengerung (Stenose) des Schlundes besteht selten längere Zeit hindurch für sich allein, da der vor der verengerten Stelle gelegene Theil sich bald zu erweitern pflegt. Die Erweiterungen bestehen meist in sackförmigen Ausbuchtungen (l)ivertikcl) am Hals- oder Brusttheile des Schlundes; im ersteren Falle können dieselben bei einigem Umfange leicht erkannt, im zweiten Falle durch periodisch auftretende Brechneigung, oder wirk­liches Erbrochen vermuthet werden. Pferde, welche zeitweilig er­brochen , ohne anderweitige Krankheitserscheinungen zu zeigen, beherbergen meist ein Divertikel in der Brustportion des Schlundes und zwar gewöhnlich dicht vor dem Zwerchfelle. Derartige Zu­stände sind unheilbar.
Nenbildungcn im Schlnnde sind sehr selten; dieselben müssen eventuell operativ beseitigt werden. Fremdkörper im Schlünde ver­stopfen meist die ganze Lichtung desselben; am häufigsten bleiben solche beim Kindvieh stecken (s. Trommelsucht).
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Acuter Magon-Darmkatarrh.
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II. Die Kraukheiten des Magens und Darracanales.
Die Krankheiten des Verdauungstractus betreffen bald vorzugs­weise oder ausschliesslieh den einen oder anderen Abschnitt des in der Bauchhöhle gelegenen heutigen Eohres, bald erstrecken sich die­selben über mehrere Abschnitte und selbst über andere benachbarte Organe. Anatomisch könnte man füglich die Krankheiten des Magens, des Dünn- und Dickdarmes etc. von einander trennen; klinisch ist das jedoch nicht streng durch/uführen, da am kranken Thiere nicht mit genügender Sicherheit festgestellt werden kann, ob nur ein und welcher Abschnitt der Verdauungsorgane erkrankt ist. Deshalb werden Krankheiten des Magens and Darmcanales hier nur so weit getrennt besprochen werden, als sie am lebenden Thiere differentiell diagnosticirt werden können und zwar sollen wiederum die leichteren Erkrankungen zunächst und demnach die schwereren an die Reihe kommen.
1. Acuter Katarrk des Magens und Darmcanales, Catarrhus
gastricus.
Diagnose. Bei jedem acuten Magen- und Darmkatarrh pflegt ein Katarrh der Maul- (und Rachen-) Höhle nicht zu fehlen. Es sind aber noch andere Symptome vorhanden, welche eine tiefer sitzende Erkrankung der Verdauungsorgane bekunden. Die Patien­ten sind niedergeschlagen und zeigen nicht selten Erscheinungen, welche auf eine stärkere Eingenommenheit des Sensoriums schlies-sen lassen. Meist ist der Kothabsatz zunächst unterdrückt oder nur verzögert, die Excrementc sind von einem schleimigen Häut­chen umhüllt; später, nur selten schon von Anfang an, tritt weicheres Misten oder Durchfall ein. Die Bauchwandungen sind gewöhnlich gegen Druck in verschiedenem Grade empfindlich, die Darmbewegungen bald vermindert, bald (meist erst in späteren Stadien der Krankheit) vermehrt. Bei Wiederkäuern ist die Rumi­nation träge oder ganz unterdrückt und nicht selten stellt sich Trommelsucht ein, während bei Pferden manchmal Kolikerschei­nungen intercurriren. Hunde und Schweine liegen fast beständig auf dem Bauche; erstere geben bei höheren Graden des Leidens ihren Schmerzen durch Winseln, Pferde und Rinder durch Stöhnen und Schweine durch Grunzen zu erkennen. Die grösseren Hausthiere stehen meist, indem s'ie die Gliedmassen unter den Bauch schieben, um dadurch den Druck der Bauchwandungen auf die Baucheinge­weide zu mindern; Pferde legen sich nur selten und immer blos für kürzere Zeit nieder. Gelbfärbung der sichtbaren Schleimhäute lässt vormuthen, dass der Katarrh auch die Schleimhaut der Gallen-gänge mit ergriffen hat und dass durch Schwellung derselben der Abfluss der Galle nach dem Darm behindert oder aufgehoben ist. Im letzteren Falle pflegt auch die Zunge einen trockenen gelben Belag zu besitzen und die äussere Haut an nicht pigmentirten und
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424nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Acuter Magen-Darmkatanh.
wenig behaarten Stellen eine deutliche Gelbfärbung zu zeigen. Die höheren Grade eines jeden Magen-DarmkatarrheS sind in der Eegel von einem deutlich wahrnehmbaren Fieber begleitet; dieselben werden deshalb auch als „gastrisches Fieber (Pebris gastrica)quot; und wenn gleichzeitig eine auffallende Gelbfärbung der sichtbaren Schleimhilute vorhanden ist als „Gallenfieber (Febris biliosa)quot; bezeichnet.
Aetiologie. Der acute Magen-Dannkatarrh ist entweder eine primäre, oder eine seoundäre Krankheit. Im ersteren Falle werden verschiedene Witterungsverhältnisse und Diätfehler als Ursachen beschuldigt und sicher spielen dieselben, namentlich die letzteren in der Aetiologie der Krankheit eine Hauptrolle. Quantität und Qualität der Futtermittel kommen natürlich in Betracht, so z. B. zu hohe oder zu niedrige Temperatur (Magenerkältung), chemische Zer­setzung derselben, unregelmässigo Fütterung und verschiedene andere Dinge. Secundär tritt zu verschiedenen anderen Krankheiten, nament­lich zu chronischen Respirations- und Circulationsstörungen, sowie zu gewissen Infectionskrankheiten ein Magen- und Darmkatarrh hinzu.
Die Prognose ist verschieden. Leichtere Fälle gehen bei früh­zeitiger und zweokentsprechender Behandlung oft schnell in voll­ständige Genesung über; schwerere Fälle beanspruchen in der Eegel eine längere Keconvalescenz oder führen bei chronischem Verlaufe zu mehr oder weniger erheblichen Ernährungsstörungen und manch­mal sogar früher oder später zum Tode. Da auch leichtere Fälle zu Rückfällen disponiren und chronisch werden können, so erfordert die Prognose stets Vorsicht.
Pathologische Anatomie. Die Erscheinungen des Katarrhs finden sich bald an dieser, bald an jener Stelle des Verdauungs­rohres. Bei Wiederkäuern ist namentlich die Schleimhaut des Lab­magens mit einem glasigen, eiterähnlichen, zuweilen blutigen Schleime überzogen, unter welchem dieselbe geröthet erscheint. Die Labdrüsen sind geschwellt, das submucöse Bindegewebe, namentlich der Pylorus-gegend, serös infiltrirt. Auch im Dünndärme werden bei Rindvieh und ebenso bei Hunden ähnliche Sectionsbefunde angetroffen; hier ist das submucöse Bindegewebe ebenfalls häufig stellenweise serös infiltrirt; im Schleimhautgewebe finden sich öfter kleine Blutungen und an seiner Oberfläche katarrhalische Ulcerationen; die Peyer'schen Platten sind nicht selten areolirt, die Gekrösdrüsen succulent. Bei Pferden finden sich derartige Veränderungen meist im Dickdarme und in der Schlundportion des Magens.
Die Behandlung erfordert in erster Linie eine knappe Diät und einen gut ventilirten, nicht zu warmen, aber zugfreien Aufent­haltsort für die Patienten; kleine Portionen leicht verdaulicher, Stärkemehl- nnd schleimhaltiger Nahrungsmittel, schleimiges Getränk oder nicht ganz kaltes, aber frisches Wasser zum beliebigen Genüsse; letzteres soll nicht etwa durch längeres Stehen, sondern durch Zu­setzen von heissem Wasser etwas angewärmt werden. Fleischfressern
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Chronischer Magen-Darmkatarrh.
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und Schweinen verabreicht man, namentlich bei vorhandener Brech­neigung oder auch bei wirklichem Erbrechen ein Vomitiv, um zu­nächst den Magen von etwa vorhandenem schwer verdaulichem In­halte , sowie von angesammelten Schleimmassen zu befreien. Bei grossen Hausthieren sind öftere leichte Prottirungen des Bauches (Massage), wobei die ilussere Haut mit flüchtigen Reizmitteln, Spiritus mit Salmiakgeist oder Terpentinöl (4:1) befeuchtet werden kann. Im Trinkwasser verabreicht man den Patienten Salzsäure und zwar Pferden 10—15, Rindvieh 20—30, Schafen und Schweinen 2—5 gr täglich; tritt nach einigen Tagen keine Besserung ein, so ist das Mittel durch ein anderes zu ersetzen. Länger als 5—6 Tage darf die Salzsäure aber auch dann nicht verabreicht werden, wenn sich Besserung des gastrischen Leidens nach ihrem Gebrauche einstellt. Schweinen und Hunden gibt man die Salzsäure in der Regel erst dann, wenn der Magen durch ein Brechmittel entleert worden ist. Bei Magen-Darmkatarrh passt auch für diese Thierarten in der ersten Zeit stärkemehlhaltige schleimige Nahrung am besten. Bei hart­näckiger Verstopfung verabreiche man neben schleimigem Getränk (Suppen oder Kleiengeschlapp, je nach der Thierart) Abführungs­mittel, bei Durchfall Stärkemehlklystiere und (per os) einige Gaben Höllenstein. Gegen überschüssige Säure im Magen (Aufstossen, saurer Geruch der Excremente) ist Kalkwasser als Getränk zu geben. Bittere und aromatische Mittel sind erst dann indicirt, wenn der Katarrh beseitigt ist und es sich darum handelt, die durch diesen geschwächte Verdauung wieder zu kräftigen. Die Reconvalescenz erfordert eine noch längere Zeit hindurch fortgesetzte sorgfältige Regelung der Diät.
In Bezug auf die Vorbeuge sei bemerkt, dass alle verdorbenen Futtermittel möglichst zu meiden sind. Ebenso ist darauf zu halten, dass die Puttertrüge und Krippen, sowie die Bottiche und Eimer in sauberem Zustande und frei von allen Fäulniss- oder sonstigen Zersetzungsprozessen gehalten werden.
2. Chronischer Magen-Darmkatarrh, Catarrhus gastricus
chronicus. Aetiologie. Derselbe ist meist die Polge eines acuten Magen-Darmkatarrhes, der nicht mit der nöthigen Sorgfalt und Ausdauer behandelt worden ist. Eine fortgesetzt unzweckmässige Ernährung der Thiere , sei es mit verdorbenen Puttermitteln , sei es, dass die Thiere in unregelmässiger Weise gefüttert werden, so dass sie bald hungern, bald den Magen sich überladen, unregelmässig und unvor­sichtig getränkt, übermässig angestrengt werden u. dergl. m. Die in Folge von Respirations- und Circulations-Störungen etc. entstehen­den Magen-Darmkatarrhe verlaufen natürlich regelmässig chronisch, wenn das vorhandene Grundleidon nicht gehoben worden kann.
Diagnose. Die klinischen Erscheinungen des chronischen Magen-Darmkahirrhi's sind denen des acuten Mairen-Darmkatarrhes sehr
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426nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Chronischer Magen-Darmkatarrh.
ilhnlich, nur ist der Zustand meist fieberlos und verschiedenen periodischen Schwankungen unterworfen, so dass Besserung und Verschlimmerung mannigfach mit einander wechseln. Für die Dauer der letzteren stellt sich zuweilen Fieber ein. Die Patienten sind im späteren Verlaufe der Krankheit in Folge der chronischen Ver­dauungsstörungen meist abgemagert, matt und niedergeschlagen und gehen manchmal schliesslich an Entkräftung und Kachexie zu Grunde. Der Eintritt des Todes wird durch hartnäckige, radical nicht zu stillende Durchfälle beschleunigt. Nicht selten stellen sich von Zeit zu Zeit Kolikanfälle ein.
Am häutigsten kommen chronische Magen-Darmkatarrhe bei Pferden und Hunden, seltener bei Rindvieh vor. Verstopfung und Diarrhöe wechseln öfter mit einander ab.
Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, insofern voll­ständige und andauernde Genesung nur selten erzielt wird. An chronischem Magen-Darmkatarrh leidende Patienten verlangen fort­gesetzt eine sorgfältige Pflege und sind zu schwereren Dienstleistungen wenig geeignet; in der Eegel gehen sie, namentlich bei unange­messener Behandlung und Pflege, nach längerem Siechthum zu Grunde.
Pathologische Anatomie. Die Seotionserscheinungen sind im Wesentlichen die des chronischen Katarrhs, der bald diesen, bald jenen Abschnitt des Verdauungscanales vorzugsweise ergriffen hat. Im Bereiche des Dünndarmes findet man bei den grossen Haus-thieren die Peyer'schen Platten meist areolirt, die Schleimhaut be­deutend verdickt und mit eiterähnlichem Schleim bedeckt; zuweilen sind Wucherungen an ihrer Oberfläche vorhanden. Die Muskelhaut ist häufig ebenfalls verdickt und dadurch das Darmlumen verengert. Im Bereiche des Dickdarmes findet man bei Pferden und Eindvieh im Blind- und Grimmdarme, bei Hunden im Grimmdarme und im Allgemeinen nur selten im Mastdarme die Erscheinungen des chro­nischen Katarrhs. Die Schleimhaut der betreffenden Abschnitte erscheint nach Entfernung der oft bedeutenden Schleimmassen braun-roth gefärbt, stellenweise grau pigmentirt, bald verdickt, aber nur selten derb und resistent, sondern meist mürb und leicht zerreiss-lich. Die Follikel sind häufig geschwollen und ulcerirt, von einem braunen oder schiefergrauen Hofe umsäumt. Bei grosser Anzahl derartiger Ulcerationen confluiren zuweilen nahe beisammen liegende. Bei Pferden findet man im Grimmdarme nicht selten eingezogene Narben der Schleimbaut, welche von verheilten Folliculargeschwüren herrühren ; in seltenen Fällen ist es zur Maceration und Perforation der ganzen Darmwand gekommen, wo dann Darminhalt in der freien Bauchhöhle und die Erscheinungen einer Bauchfellentzündung zugegen sind.
Häufig findet man die Erscheinungen eines chronischen Magen-katarrhes entweder allein , oder mit denen des chronischen Dann-katarrhos verbunden. Bei Thieren mit einfachem Magen ist der
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Magen- und Darmuroup.
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Pförtnertheil desselben, bei Wiederkäuern der Labmagen der Sitz der Erkrankung. Die betreffende Schleimhaut ist gewöhnlich roth­braun, selten bleich gefärbt und schiefergrau piginentirt. An ihrer Oberfläche finden sich ziemlich constant verschieden grosse Wuche­rungen und loistenartige Wülste; letztere werden durch die Ver-diokung des submucösen Bindegewebes erzeugt. Erosionen, Polli-culargeschwüre u, s. w. finden sich ähnlich wie im Darme. In den früheren Stadien der Krankheit hypertrophiren die Labdrüsen, während dieselben später in Folge des Druckes von Seiten des wuchernden Bindegewebes atrophiren, fettig degeneriren und schwin­den. So erklärt es sich denn leicht, warum veraltete Magen-Darm-katarrho unheilbar sind.
Die Behandlung des chronischen Magen-Darmkatarrhs ist im Wesentlichen die nämliche, wie beim acuten Magen-Darmkatarrh. Die Patienten können jedoch während der Perioden, in denen das Leiden keinen hohen Grad besitzt, sagen wir zur Zeit der llemis-sionon, zu leichtem Dienst, aber auch nur zu solchem, unbeschadet verwendet werden, müssen aber gegen jede Gelegenheit zu Erkäl­tungen , namentlich vor Erkältung und üeborladung des Magens, gegen den Genuss verdorbener oder sonstwie ungeeigneter Futter­mittel sorgfältig geschützt werden. Sehr häufig kann diesen und anderen Anforderungen der Therapie in der Veterinärpraxis nicht entsprochen werden und liegt hierin mit ein Grund, weshalb der Ausgang fraglicher Krankheit in der Kegel ein ungünstiger ist. Bei Schlachtvieh ist die Verwerthung der Patienten für den Fleiscli-markt zu einer Zeit, wo die Abmagerung noch keine bedeutenden Fortschritte gemacht hat, jeder Behandlung im Allgemeinen vor­zuziehen.
3. Die flbrinöse oder croupöse Entzündung der Schleimhaut des Magens und Darmcanales.
Diagnose. Diese Entzündung bietet die Erscheinungen eines acuten Magcn-Darmkatarrhs und ist am lebenden Thiere nur dann zu unterscheiden, wenn croupöse Gerinnungen mit den Excre-menten entleert werden. Dies geschieht in der Kegel aber erst dann, wenn der croupöse Pro/.ess bereits abgelaufen ist, die Patien­ten sich somit auf dem Wege der lleconvalescenz befinden. Die croupöse Entzündung betrifft weit häufiger die Schleimhaut des Darmcanals, als die des Magens. Beim Rinde erlangt dieselbe manch­mal eine beträchtliche Ausbreitung, ohne dass die klinischen Er­scheinungen jedesmal eine dieser Ausbreitung des Ent/ündungspro-zesses entsprechende Höhe erlangen. Zuweilen werden 1—2 m lange schlauch- oder röhrenförmige Croupmembranen vom Rindvieh ab­gesetzt, welche nichts anderes sind, als complete Ausgüsse des ent­zündet gewesenen Darmstückes mit fibrinösem, später erstarrtem Exsudat. Vor vielen Jahren wurde mir von einem wenig bemit-
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Die Entzündung des Rectums.
telten Bauern in grosser Aufregung eine derartige Croupmembran überbrucht, weil der betreffende Viehbesitzer glaubte, diese Mem­bran sei ein so langes Stück Dann. Nach den mir damals ge­machten Mittheilungen soll die Kuh qu. vorher nur eine geringe Unpässlicbkeit gezeigt haben. Aehnliche Mittheilungen sind mir auch von anderer Seite gemacht worden. Es scheint demnach, dass beim Kinde Darmoroup, selbst in grösserem Umfange, keineswegs immer erhebliche Krankheitserscheinungen bedingt. Dagegen tritt beim Pferde und Hunde der Darmcroup stets unter den Erschei­nungen eines stärkeren acuten Magen-Darmkatarrhes auf. Beim Hausgeflügel kommt Darmcroup zuweilen in seuchenartiger Verbrei­tung vor und verläuft meist in wenigen Stunden tödtlich.
Pathologische Anatomie. Bei der Section findet man im Dünn­darme die Darmlichtung mit fibrinüsem Gerinnsel stellenweise ganz, ausgefüllt, die Schleimhaut stark geröthet, geschwellt und meist von zahlreichen kleinen Blutungen durchsetzt.
Die Ursachen des Darmcroups sind wenig gekannt; wir wissen nur, dass durch Anschoppung von Kothmassen, durch Ein­keilung von Conorementen (Haarballen, Darmsteinen oder anderen Fremdkörpern), durch Invagination, Incarceration und Verschlingung von Darmabschnitten etc. häufig eine begrenzte croupöse Darment­zündung entsteht, welche sich auf den nächsten Bereich derjenigen Partie zu beschränken pflegt, die für den Darminhalt nicht mehr passirbar ist oder war.
Die Prognose wird in der Regel wie beim acuten Magen-Darmkatarrh sich gestalten, da am lebenden Thiere die Differential-Diagnose nicht gestellt werden kann. Nur in solchen Pällen, wo die vorhin angegebenen Ursachen hartnäckige Verstopfung und eine schwere Kolik bedingen, wird ein ungünstiger Ausgang der Krank­heit als sehr wahrscheinlich vorhergesagt werden können.
Die Behandlung richtet sich nach den vorhandenen Erschei­nungen und wird entweder nach den für Magen-Darmkatarrh, oder für Verstopfungskolik geltenden Eegeln und Vorschriften sich zu gestalten haben. Von einer speeifischen Behandlung des Darmcroups kann aus verschiedenen Gründen keine Rede sein.
4. Die Entzündung des hinteren Mastdarmabschnittes, Proctitis.
Bei Pferden, Hunden und Schweinen kommt Entzündung des hinteren Mastdarinabschnittes (Rectums) nicht selten vor.
Die Ursachen sind traumatischer Natur, indem feste Koth­massen, welche bei Hunden häufig unverdaute Knochensplitter ent­halten , oder sonstige Fremdkörper (Bremsenlarven etc.) das Mast-darmende reizen oder direct verletzen. Solche Verletzungen können natürlich auch durch ungeschickte Manipulationen mit den Fingern, durch die Spitze von Klystierspritzen u. dergl. verursacht werden.
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Die Entzündung des Rectums.
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Man hüte sich aber, eine dieser letzteren Ursachen ohne ausreichen­den Beweis anzugeben, damit man nicht ungerechtfertigte Ver-muthungen und Beschuldigungen provocire.
Diagnose. Die betreffenden Thiere drängen unter starker Krüm­mung des Rückens und unter mehr oder weniger auffallender Schmerzilusserung auf die im hinteren Mastdarmabschnitte ange­häuften festen Kothmasson, wobei Hunde häufig winseln oder heulen. Der After schwillt an und die aussergewöhnlich starken Anstren­gungen bei der Kothentleerung verursachen öfter eine Ausstülpung der Schleimhaut des hinteren Mastdarmendes, das bei Schweinen häufig, seltener bei Hunden und Pferden (meist bei Füllen) zu einem eigentlichen Vorfalle (Prolapus ani) sich gestaltet. Die ge­nauere Untersuchung erfordert zunächst ein möglichst schonendes Ausräumen der im hinteren Mastdarmende (Rectum) angehäuften Massen; diese sind meist mit Schleim, zuweilen mit Blut oder Eiter umhüllt oder vermischt. Bei der darauf folgenden Untersuchung mit dem Finger, oder mit der ganzen Hand (beim Pferde) findet man die Schleimhaut vermehrt warm und häufig serös infiltrirt. Bei Pferden fühlt man nicht selten ödematöse Wülste in der meist beträchtlich ausgedehnten hinteren Partie des Mastdarmes. Diese Wülste sind entstanden durch eine stärkere seröse Infiltration des submucösen Bindegewebes der Schleimhautfalten in dem flaschen-förmigen Endstücke des Mastdarmes. Das Sohleimhautgewebe ist in der Regel erweicht und mürbe, so dass leicht Zerreissungen des­selben, sogar spontan, d. h. lediglich durch den Druck von Seiten der angehäuften Kothmassen, Knochensplitter etc. verursacht, zu Stande kommen. Dadurch entsteht bei Laien so häufig der meist unbegründete Verdacht, dass hier eine Gewalt von aussen einge­wirkt haben müsse und dass eine büswillige Verletzung der betref­fenden Patienten stattgefunden habe. Dies ist namentlich häufig hei Pferden mit solchen Zerreissungen der Mastdarmschleimhaut der Fall. Derartige Trennungen des Zusammenhanges der Mastdarm­schleimhaut können leicht zur Entzündung benachbarter Gewebe, zur Abscessbildung, Bauchfellentzündung u. s. w. führen. Auf diese Weise entstehen dann öfter entweder Nachkrankheiten, z. B. Mast­darm- oder Beckenfisteln, chronischer Mastdarmkatarrh u. dergl., oder das Uebel endet sogar mit dem Tode. Derartige Compli-cationen haben meist Fiebererscheinungen im Gefolge, während die einfache Entzündung der Schleimhaut des hinteren Mastdarinab­schnittes ohne Fieber zu verlaufen pflegt.
Der Sectionsbefund richtet sich im letzteren Falle wesentlich nach der tödtlich gewordenen Complication.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig; dennoch aber muss dieselbe mit Rücksicht auf die vorhin angegebenen Möglichkeiten mit Vorsicht gestellt werden.
Die Behandlung ist im Ganzen einfach, erfordert aber einige Sorgfalt und 'Vorsicht. Zunächst ist für eine gründliche und mög-
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430nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Die Kolik der Pferde.
liehst schonende Ausräumung des Mastdarmes zu sorgen. So lange der hintere Mastdnrmahschnitt bedeutend ausgedehnt, seine Musku­latur also übermilssig erschlafft ist, empfiehlt es sich, dessen Aus­räumung bei Pferden mit der tüchtig eingeölten Hand, bei Hunden und Schweinen mit dem geölton Zeigefinger, oder mittelst einer Drahtschlinge u. dergl. zu bewirken. Ist die Mastdarmschleimhaut verletzt, so sind fleissige Ausspritzungen mit einer Iprocentigen wässerigen Lösung von Carbolsäure oder übermangansaurem Kali angezeigt. Mastdarinvorfälle sind zu reponiren und nöthigenfalls operativ zu heilen. Während der ganzen Dauer der Kur sind Futter­mittel zu verabreichen, welche wenig unverdauliche Substanzen enthalten und nicht nur wenig, sondern auch weichen Koth liefern; nöthigenfalls ist ab und zu ein Abführmittel zu verabreichen.
5. Die Kolik der Pferde.
Mit dem Worte „Kolikquot; bezeichnet man im Allgemeinen jede auffallendere Schmerzäusserung, welche von den Eingeweiden der Bauch- und Beckenhöhle ausgehen. Somit ist der mit diesem Aus­drucke verbundene Begriff nicht an einen einzelnen bestimmten Krankheitsprozess gebunden; derselbe umfasst vielmehr verschiedene pathologische Zustände der Hinterleibsorgane, welche eine mehr oder weniger hochgradige Schmerzäusserung als auffallendstes Symptom miteinander gemein haben. In früheren Zeiten hielt man den Grimmdarm (Colon) für den Sitz der Leibschmerzen und nannte deshalb das Uebel auch „Bauchgrimmenquot; oder „Neuralgia colicaquot;, woher das Wort „Kolikquot; stammt.
Das Pferd hat eine ganz besondei'e Anlage, an Kolik zu er­kranken, weil sein Magen verhältnissmässig sehr klein und eine fast absolute Unmöglichkeit vorhanden ist, Ueberladungen desselben durch Erbrechen direct beseitigen zu können. Sodann bedingt das häufige Vorkommen von Wurm-Aneurysmen im Bereiche der Grekrösarterien häufig Störungen der Blutcirculation in den Darmwandungen und eine dadurch behinderte normale Thätigkeit seiner nicht ausreichend mit Blut versorgten Abschnitte. Hierdurch, sowie durch die Länge des Darmgekröses und durch die freie Lage des Blind- und Grimm­darmes werden einerseits der Eintritt von Darmverschlingungen und Einschiebungen, andererseits der Eintritt einer abnormen Lagerung gewisser Darmabschnitte und damit die Entstehung von Kolik begünstigt.
Je nachdem die Schmerzen von einem anderen Hinterleibsorgane, also nicht von einem Abschnitte des Verdauungsrohros (Magen und Darmcanal), namentlich von den Harn- oder Geschlechtswerkzeugen ausgehen, spricht man von „falschen Kolikenquot;, welche hier nicht weiter berücksichtigt, sondern an geeigneter Stelle ihre Erledigung finden werden.
Die wahren Koliken sind in ihrer Bedeutung für das Leben
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Krampfkolik des Pferdes.
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des Patienten sehr verschieden. Für die praotischen Zwecke unter­scheiden wir:
1)nbsp; Krampf- oder nervöse Koliken, welchen keine greifbaren pathologischen Veränderungen oder sonstigen Befunde zu Grunde liegen und in der Regel einer gewissen Disposition und einer vor­ausgegangenen Erkältung zugeschrieben werden;
2)nbsp; Koliken mit hartnilckiger Verstopfung;
3)nbsp; Koliken mit Durchfall. — Da der Vorboricht die Differential-diagnose oft wesentlich unterstützt, so muss man diesen zunächst einholen und demnach zur objectiven Untersuchung des Patienten übergehen. — Im Allgemeinen erkranken und sterben ältere Pferde in grösserer Anzahl an Kolik, als jüngere.
a) Die Krampfkolik, resp. nervöse Kolik.
Diagnose. Wie bei allen Formen der Kolik die Patienten einen sehr verschiedenen Grad von Schmerz bekunden , so ist dies auch bei der nervösen, resp. Krampfkolik der Fall. Stellt sich fragliches Leiden im Stalle ein, so treten die Thiere in ihrem Stande hin und her, sehen sich öfter nach dem Bauche um und schlagen mit den Hinterbeinen nach demselben, kratzen mit den Vorderhufen die Streu zurück, oder beschädigen gar das Pflaster, die Stallwände etc., peitschen mit dem Schweife, lehnen sich an die Wand an, legen sich nieder, oder werfen sich ungestüm an den Boden, wälzen sich auf diesem herum, indem sie mit den Beinen schlagen, oder sich auf den Rücken legen und zuweilen mit ange­zogenen Beinen eine kurze Zeit in dieser Lage verharren. Solche Anfälle wechseln in verschiedenen Perioden mit Intermissionen ab; während dieser zeigen die Thiere keine weiteren auffallenden Krank­heitserscheinungen, als für eine kurze Zeit nach Aufhören des An­falles eine mehr oder weniger bedeutende Beschleunigung des Pulses und des Athmens, sowie eine gesteigerte Hautausdünstung. All-mählig beruhigen sich auch diese Erscheinungen, die Thiere zeigen Neigung zur Futteraufnnhme, setzen zuweilen Koth und Harn in geringer Menge ab, so dass die Krankheit abgelaufen zu sein scheint. Meist jedoch ist diese Hoffnung eine trügerische, indem nur selten nach einem einzelnen Anfalle die Kolik ihren Abschluss erreicht hat. Gewöhnlich erscheint nach kürzerer oder längerer Zeit der Ruhe ein zweiter und später ein dritter, vierter Anfall u. s. w.
Auscultirt man zur Zeit einer Bemission die Bauchwandungen, so lassen sich bei einfacher Krampfkolik keine besonders auffallen­den Veränderungen in den Bewegungen des Darmes wahrnehmen, vorausgesetzt, dass keine Complicationen vorhanden sind. Dessen ungeachtet erreichen die Schmerzäusserungen bei Krampfkolik nicht selten einen sehr hohen Grad, so dass dadurch der Nichtkenner die Erkrankung für eine sehr gefährliche hält.
Verlauf und Prognose. Alle reinen Krampfkoliken, d. h. alle Koliken, bei welchen keine Veränderungen in der Lage der Finge-
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Knunpfkolik des Pferdes.
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weide, keine Ueberfüllung oder Entzündung dieser, sowie keine fremden Körper in denselben vorhanden sind, pflegen nach kürzerer oder längerer Dauer ohne jede ar/.neiliche Behandlung wieder zu verschwinden. Diese Form der Kolik kommt bei Militair- oder anderen Pferden, welche regelmässig gepflegt und nicht zu reichlich gefüttert werden, fast allein vor, d. h. die anderen Kolikarten sind bei fraglichen Pferden selten. Hieraus erklärt sich, warum Caval-lerieoffiziere vielfach an die Wirksamkeit homöopathischer Mittel gegen Kolik glauben. Werden diese aber in anderen Fällen gegen Ueberfütterungskoliken etc. versucht, so leisten sie natürlich nichts und verlieren dann sehr bald ihren unverdienten Ruf.
Bei der Krampfkolik ist die Vorhersage im Allgemeinen gün­stig, während sie bei anderen Koliken bedenklich, nicht selten sogar ungünstig ist.
Sectionserscheinungen und Aetiologie. Da reine Krampf­koliken ohne anderweitige Complicationen nicht tödtlich enden, so kann an dieser Stelle von einem positiven Sectionsbefunde keine Bede sein. Auch ist über die eigentliche nächste Ursache der Krampf­kolik nichts Bestimmtes bekannt; wir wissen nur, dass manche Pferde leicht und häufig, andere nur selten oder gar nicht an derselben erkranken. In grösseren Pferdebeständen, so z. B. unter Militär-pferden, tritt diese Verschiedenheit in der Disposition recht auf­fallend hervor, da trotz der gleichen Haltung und Pflege aller Stall­insassen es meist bestimmte Individuen sind, welche von Zeit zu Zeit an Krampfkolik leiden. Die beschuldigten Erkältungen scheinen demnach nur die Rolle einer Gelegenheitsursache zu spielen. Viel­leicht aber werden Koliken während des Lebens nicht selten für Krampfkoliken gehalten, die es in Wirklichkeit nicht sind, insofern denselben Thrombose und Embolie im Bereiche der Gekrösarterien, verursacht durch Strongylus armatus, zu Grunde liegen. Wenn es auch zu beklagen ist, dass die Differentialdiagnose oft erst nach dem Tode des Patienten genau und richtig gestellt werden kann, so hat dies im vorliegenden Falle auf die Therapie doch keinen nachtheiligen Einfluss.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung solcher Kolik­patienten ist eine sehr einfache, da die Genesung ohne den Gebrauch irgend eines Arzneimittels einzutreten pflegt. Man sorge vor allen Dingen für einen geeigneten, geräumigen Stall mit reichlicher, trockener und weicher Streu. Diese kann aus nicht zu langem Stroh, aus Sägemehl oder Eichenrinde (ausgelaugter Gerberrinde), Torfstreu etc. bestehen. Gegen Zugluft müssen die Patienten geschützt sein. Da Schafstillle häufig diesen Anforderungen ent­sprechen, so stehen dieselben an manchen Orten im unverdienten Rufe, gegen Koliken besonders wirksam zu sein. Reibungen der Bauch-wandungen mit Strohwischen, flüchtig reizende Einreibungen auf die Londengegcnd, in die Weichen und Planken bis zum Unter­bauche, können zur schnelleren Beseitigung der Schmerzen ange-
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Verstopfungskolik des Pferdes.
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wendet werden, sind jedoch keineswegs unentbehrlich. Ich bediene mich zu diesem Zwecke gewöhnlich eines Gemisches aus 100 gr Ter­pentinöl und 60 gr Salmiakgeist. Ein Aderlass, der früher bei der Behandlung aller Arten von Kolik eine bedeutende Kolle spielte, ist ganz entbehrlich und nur bei vollblütigen Thieren allenfalls zu­lässig, im Allgemeinen aber bei einfachen Krampfkoliken zu unter­lassen; letzteres gilt auch für jede innerliche Medication. Dagegen ist die einmalige Einspritzung von 0,2—0,5 salzsaurem Morph., je nach der Grosse des Pferdes in 1 bis 2 Theelöffel voll quot;Wassers ge­löst, unter die Haut des Patienten, namentlich bei lioehgradigen Schmerzäusserungen dringend zu empfehlen; nicht selten ereignet es sich, dass wenige Minuten nach der Application dieses Mittels die Krampfkolik ganz beseitigt ist. Wird dieser Erfolg nicht so schnell erzielt, so darf das Mittel weder zu schnell, noch öfter wieder­holt werden. Nach etwa 'h. Stunde kann nöthigenfalls eine gleich starke hypodermatische Morphiuminjection nochmals, dann aber weiter nicht mehr angewandt werden. Erkranken Pferde unterwegs an Kolik, so können dieselben mit der nöthigen Schonung weiter geritten oder gefahren werden. Werfen sie sich indess im Ge­schirr oder unter dem Reiter nieder, so bringe man dieselben so bald wie möglich in einen geeigneten Stall der Nachbarschaft. Im Stalle müssen die Patienten zunächst gut abgerieben und eingedeckt werden. Treten neue Kolikanfälle ein, wobei die Patienten sich niederlegen und wälzen, so nimmt man die Decken natürlich vorher ab. Das Wälzen kann man ruhig und unbesorgt geschehen lassen, da die Furcht, dass dadurch Darmverschlingungen entstehen, wohl kaum berechtigt ist. Weit gefährlicher ist das ungeschickte, plötz­liche Niederwerfen der Patienten, weil hierdurch Zerreissungen innerer Organe oder sonstige Beschädigungen zu Stande kommen können. Zieht man es aber vor, die Patienten sich nicht nieder­legen und wälzen zu lassen, so werden sie am besten eingedeckt und bei günstiger Witterung im Freien herumgeführt. Lässt sich aber hierbei das Niederlegen nur dadurch verhindern, dass die Thiere fortwährend mit der Peitsche angetrieben werden, so ist es vorzuziehen, dieselben in den Stall zu bringen und ihnen zu gestat­ten, dass sie auf einer weichen und guten Streu durch Wälzen und Strampeln mit den Beinen ihre Schmerzen zu verwinden suchen.
Um Krampfkoliken möglichst vorzubeugen, muss man die Pferde, namentlich solche, welche zu diesem Uebel besonders disponiren, vor Erkältungen möglichst zu bewahren suchen und auch auf deren Fütterung stets eine grössere Aufmerksamkeit verwenden.
b) Die Ycrstopfnngskollk.
Diese entsteht oft in Folge von Diätfehlern, kann aber auch durch andere Dinge, so z. B. durch Parasiten (Strongylus armatus, Spulwürmer etc.), durch Neubildungen am und im Darmcanale, durch eingeklemmte Darmbrüche u. dergl. m. verursacht werden.
Pütz, Cümpeudium dor Thierhoilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;28
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434nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Verstopfungskolik des Pferdes.
Die Diiltfehler können entweder in Aufnahme zu grosser Futter­mengen, oder in schlechter Beschaffenheit der aufgenommenen Fut­termittel zu suchen sein. Auch spielen hier die Disposition und andere Gelegenheitsursachen eine nicht zu unterschätzende Rolle. So sind z. B. Kopper und Krippensetzer im Allgemeinen sehr dis-ponirt, in Folge von Diätfehlern an Kolik zu erkranken. Manche Pferde besitzen eine besondere Geschicklichkeit, sich von der Half­ter etc. los zu machen, worauf sie an etwa im Stalle vorhandenen Futtervomlthen (Mehl u. dergl.) sich übernehmen. Die sohlechte Beschaffenheit des Putters kann durch verschiedene Dinge bedingt sein, durch Schimmelbildung, Selbsterhitzung u. dergl. m. Durch anhaltende Verabreichung erschlaffender Futterstoffe kann endlich die Verdauungskraft so erheblich geschwächt werden, dass dadurch Kolikanfälle herbeigeführt werden. Die Verstopfungskolik unter­scheidet sich klinisch von der Krampfkolik wesentlich dadurch, dass bestimmte Störungen im Gange des Verdauungsgeschäftes während des Lebens sich feststellen lassen. Zunächst tritt die Störung der Fresslust auffallender in den Vordergrund, indem die Patienten auch zur Zeit der Remission kein Futter aufzunehmen pflegen. Sodann ist meist eine vollständige Unterdrückung des Kothabsatzes (Ver­stopfung) vorhanden, wenngleich in der ersten Zeit der Erkrankung noch einigemal Koth, selbst in mehr oder weniger weicher und sogar von ziemlich dünner Beschaffenheit, abgesetzt werden sollte. (Fortbestehender Durchfall ist bei Kolik im Ganzen nicht häufig.) Die Schmerzäusserungen sind bei Verstopfungskoliken im Allgemeinen weniger heftig, als bei Krampfkoliken, die Remissionen weniger voll­kommen und weniger lange anhaltend. Bei der Auscultation der Bauchwandungen gewahrt man in der Regel eine bedeutende Ver­minderung der normalen Darmgeräusche. In Folge der darnieder liegenden Verdauungsthätigkeit geräth der Darminhalt in abnorme chemische Zersetzungsprozesse (Gährung), wodurch Gase in reich­licherem Masse entwickelt und dadurch die Bauchwandungen mehr gespannt werden. Die so entstehende Auftreibung des Hinterleibes kann einen sehr verschiedenen, manchmal bedenklichen Grad er­reichen, so dass dadurch für die Therapie eine bestimmte Indication gegeben wird. Bei geringer Spannung der Darmgase hört man bei Auscultation des Hinterleibes oft eigenthümlich kollernde Geräusche, während bei hoher Spannung ein eigenthümlich metallisches Klingen wahrgenommen wird. Der Grad der Spannung kann durch Per­cussion der Bauch wände und durch Druck mittelst der Hand auf jene näher festgestellt werden. Der Druck von Seiten der Gase auf das Zwerchfell und auf die grossen Gefässstämme in der Bauchhöhle, sowie auch auf die Darmgefässe, kann so bedeutend werden, dass in Folge dessen mehr oder weniger erhebliche Athmungs- und Oir-culationsstörungen im allgemeinen Kreislaufe sich einstellen. Im Darmcanale bilden sich oft Anhäufungen und Zusammenballungen von Darminhalt, welche die Lichtung des Dannrohres an der betref­fenden Stelle verschliessen und so die Entstehung einer Darment-
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Verstopfungskolik des Pferdes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 435
zündung begünstigen. Bei einer Untersuchung mittelst der vorher gut geölten Hand durch den Mastdarm, die bei jeder Kolik stets frühzeitig vorgenommen werden inuss, kann man im Darmcanale die Anschoppungen nicht selten erreichen. Bei kleineren Haus-thieren, namentlich bei Ziegen und Hunden, lassen sich solche Anschoppungen durch die Weichen meist leicht constatiren. Bei vorhandener Darmentzündung sind die Patienten gegen Druck von der Bauchwand aus häufig empfindlich, dies ist aber auch kurz nach Anwendung reizender Einreibungen der Fall. Der Arterien­puls wird mit der Ausbildung dieser Zustände allmählig immer frequenter und verliert mit dem Eintritt einer bedeutenderen Blut­stauung in den Gefässen des Darmcanales immer mehr seine nor­male Qualität, indem er statt voll und weich, leer und zusammen­gezogen (drahtförmig) wird. Es stellt sich Fieber ein und damit eine Steigerung des Durstes. Die Temperatur ist im Bereiche der äusseren Körperoberfläche ungleichmässig vertheilt, namentlich sind die peripher gelegenen Körpertheile (Ohren und die unteren Par­tien der Gliedmassen) ungleichmässig vermehrt warm, oder kalt, manchmal eisig anzufühlen. Tritt keine Wendung zum Besseren ein, so nehmen die Schmerzäusserungen allmählig ab, die Patienten werden ruhiger, stumpfsinniger, der Blick wird stier, kalte klebrige Schweisse treten zunächst an einzelnen Stellen der äusseren Haut (am Halse und in den Flanken) hervor und verbreiten sich von da aus zunehmend über die Körperoberfläche.
Verlauf und Vorhersage. Hat die Krankheit diesen Grad er­reicht, so pflegt der Tod in der Regel nach kurzer Zeit einzutreten. Früher aber kommt häufig eine Wendung zum Besseren vor, welche sich vorzugsweise dadurch zu erkennen gibt, dass Koth und Urin abgesetzt werden und die Fresslust wieder rege zu werden beginnt. Die Patienten werden munterer, der Blick wird freier, der Puls ruhiger und voller, das Athmen regelmässiger, der vermehrte Durst lässt nach und so kehren allmählig normale Verhältnisse wieder. Zuweilen aber treten Eückfälle ein, namentlich wenn ein Fehler in der Behandlung und Pflege des Patienten gemacht wird. Die Dauer der Krankheit beträgt 30 Stunden, aber auch zuweilen 1 bis 2 Wo­chen ; letzteres ist nur bei Anschoppung von weniger reizenden und gährenden Futtermitteln zuweilen der Fall, meist geht die Ver­stopfungskolik innerhalb einiger Tage in Genesung, Tod oder in eine Nachkrankheit über. Die Vorhersago muss bei Verstopfungs­koliken stets mit Vorsicht gestellt werden, obgleich bei einer früh­zeitigen und angemessenen Behandlung der Ausgang weitaus in der Mehrzahl der Fälle sich günstig gestaltet. So lange der Puls voll und weich ist, sind die Patienten noch in keiner unmittelbaren Gefahr; diese kann aber immer noch kommen und selbst dann noch, wenn bereits eine Wendung zum Besseren eingetreten war. Eine solche Besserung ist zuweilen eine trügerische, namentlich dann, wenn die Schmerzen nachlassen und etwas Neigung zur Futteraufnahme sich
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43(3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Veretopfungskolik des Pferdes.
wieder bemerkbar macht, ohne dass andere kritische Erscheinungen auftreten.
Zeigen sich Brechanstrengungen, oder tritt gar wirkliches Er­brechen ein, so ist dies bei Pferden stets ein bedenkliches Symptom, weil meist eine Magen- oder Darmzerreissung damit verbunden ist. Ebenso ist es ein übles Zeichen, wenn kolikkranke Pferde eine hunde-sitzige Stellung annehmen, oder ein schwaches Wiehern (Sohwanen-gesang) hören lassen. Sobald der Durst sehr rege, der Blick ver­stört und stier, der Puls klein und drnhtförmig wird und kalte Schweissausbrüche sich einstellen, gestaltet sich die Vorhersage durch­aus ungünstig, da der Tod fast ausnahmslos bald einzutreten pflegt. Gegen den tödtlichen Ausgang sinkt die allgemeine Körpertempe­ratur nicht selten unter das normale Mass, der Herzschlag wird pochend, es treten manchmal Krämpfe und Zuckungen, oder Zittern und hochgradige Athemnoth auf, wobei das aus der Ader gelassene Blut eine theerartige Beschaffenheit zeigt u. s. w. Wo derartige verbäiignissvolle Erscheinungen noch nicht vorhanden sind, da tritt indess noch manchmal Genesung ein, wenn bereits alle Hoffnung verloren zu sein schien. Im Allgemeinen ist die Dauer der Kolik für die Prognose von Bedeutung, insofern Thiere, welche bereits über 24 Stunden an derselben leiden, immer in grosser Lebensgefahr sich befinden. Ich habe aber selbst verschiedene Fälle behandelt, wo erst nach mehreren Tagen Koth abgesetzt und die Patienten gerettet wurden. Bei einem Bilckerpferde, das lange Zeit hindurch zu reichlich mit Kleien gefüttert worden war, ging erst nach 7 Tagen, während welchen das Thier nur gelinde Kolikerscheinungen zeigte, Koth ab, worauf Patient genas.
Sectionserscheinungen und Aetiologie. Bei Pferden, welche an Verstopfungskolik gestorben sind, findet man im Allgemeinen folgende Sectionserscheinungen; Entzündung verschiedener Abschnitte der Magen- und Darmwandungen, sowie' des Bauchfelles, welche letztere namentlich durch Erguss eines röthlich gefärbten Serums in die Bauchhöhle, durch faserstoffige Exsudatgerinnsel u. s. w. in die Erscheinung tritt. Zuweilen werden Verstopfung des Dann-rohres an einer Stelle durch zusammengeballte Puttermassen, durch Concremente oder Darmsteine, durch grosse Knäuel Spulwürmer, durch Darmeinschiebung, oder durch Darmverschlingungen, welche oft um gestielte Neubildungen (Lipome) des Darmgekröses sich bilden, oder auch Zerreissung der Magen- oder Darmwandungen, angetroffen. Der Eiss sitzt im ersteren Palle regelmässig am hinteren grossen Magenbogen, während Darmrisse meist im Bereiche des Blind- und Grimmdarmes sich finden. Ob eine derartige Zerreissung erst im Tode, oder einige Zeit vorher entstanden ist, lässt sich gewöhnlich leicht und sicher erkennen. Im letzteren Palle ist der in die Bauch­höhle ausgetretene Magen- oder Darminhalt weit über die gerissene Stelle hinaus in den Bnucheingeweiden ausgebreitet, was im ersteren Falle sich wesentlich anders zu verhalten pflegt, indem hier die
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Veistopfungskolik des Pferdes.
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Bedingungen einer weiteren Verschiebung fraglicher Massen fehlen, nämlich die Bewegung der Verdauungsorgane, des Zwerchfells und der Bauchdeeken. Auch werden Zerreissung des Gekröses, des Zwerch­fells, der Leber, verschiedene Lageveränderungen eines Abschnittes des Verduuungsschlauches und andere Abnormitäten zuweilen angetroffen. Sodann sind Blutüberfüllungen des Gehirns, Lungenödem und theer-ähnliche Beschaffenheit des Blutes (Kohlensäurevergiftung in Folge behinderter Respiration und Blutcirculation) nicht seltene Befunde.
Behandlung und Vorbeuge. Bei Verstopfungskoliken wird die Wahl der Mittel wesentlich boeinflusst durch das Ergebniss der Auscultation der Bauchwandungen, da die Darmgeriluscho uns sicherere Anhaltspunkte für die Thätigkeit, resp. Bewegung dos Darmcanales bieten, als die augenblicklich etwa vorhandene oder fehlende Darmentleerung. Dass die Patienten auch bei dieser Kolik­art in einem geeigneten Stalle untergebracht werden müssen, ist selbstverständlich. Bei verminderten oder gän/.lich unterdrückten Darmbewegungen verabreiche man in erster Linie ein Abführungs­mittel, deren es bekanntlich eine so grosse Zahl gibt, dass dieselben hier nicht einzeln aufgeführt werden können. Da ich einen Haupt­punkt der thierär/.tlichen Praxis, möglichste Einfachheit der Behand­lung nie aus den Augen verliere, so beschränke ich mich darauf, hier ZU bemerken, dass ich bei Verstopfung des Pferdes mit oder ohne Kolikerscheinungen meist folgendes Mittel anwende: Aloe 20 bis 30 gr (je nach der Grosse des Pferdes) und 2 gr Calomel mit gewöhnlicher Kaliseife (Schmierseife) zur Pillenmasse gemacht und auf einmal eingegeben. Wenn nach 18 bis 24 Stunden keine leb­haften Darmbewegungen und kein Kothabsatz erfolgt ist, so wieder­hole man fragliche Gabe.
Bei dieser Behandlung habe ich im Allgemeinen sehr befriedi­gende Kesultate erzielt und theile deshalb die Ansicht derer nicht, welche Aloe wegen ihrer drastischen Wirkung aus Furcht vor Ent­zündung des Darmes nicht anwenden. Ich habe die Ueberzeugung, dass die an einer Stelle des Darmcanales festliegenden Futtermassen einen sehr bedenklichen Entzündungsreiz bilden und dass deshalb die Aloe, welche diesen Reiz zu beseitigen im Stande ist, weit weniger gefährlich ist, als ein längeres Laviren mit arideren, weniger wirksamen Abführungsmitteln.
Inzwischen versäume man nicht, die Bauchwandungen öfter mit Strohwischen tüchtig frottiren zu lassen, da das hiermit verbundene Kneten (Massieren) des Bauches, sowie auch der verursachte Haut­reiz, auf die Thätigkeit der Verdauungsorgane anregend wirken. Kommt es zur stärkeren Auftreibung des Bauches und zu einem beschleunigten und erschwerten Athmen in Folge starker Spannung der Darmgase, so mache man ohne längeres Zaudern den Darmstich, der fast ohne jede Gefahr für den Patienten ist, falls er in geeig­neter Weise ausgeführt wird. Man kann denselben in der rechten Plankengegend, mit Vermeidung der oberen Weichengegend, bis zur
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438nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Vei'stopfungskolik des Pferdes.
unteren Bauchflilche überall ausführen, da mau hier stets eine Grimmdarm- oder Blinddarmpartie treffen wird, ohne ein anderes Organ zu verletzen. Am besten macht man denselben in der Mitte des Dreiecks, welches von dem iiusseren Darmbeinwinkel (Hüfte) von dem iiusseren Rande der Querfortsät/.e der Lendenwirbel und der letzten (falschen) Rippe gebildet wird, wo man in der Regel den Grund des Blinddarmes, seltener die rechte obere Lage des Grimmdarmes, also Abschnitte des Dickdarmes trifft, welche sich durch die Weite ihrer Lichtung besonders auszeichnen. Man bedient sich eines 10 bis 12 cm langen und etwa 4 mm im Querdurchmesser besitzenden runden Troiearts, dessen Spiess in der Nähe der Spitze einen Absatz besitzt, hinter welchem die mit Schlitz versehene, fensterlose Caniile sich genau anschliosst. Zur Canüle gehört noch ein zweiter genau passender, sogenannter Zapfenspiess, der an seinem unteren Ende flaou convex abgerundet ist. Das Instrument muss in allen seinen Theilen vor dem jedesmaligen Gebrauche in einer öprocent. Carbolsäurelösung gründlich dosiuficirt werden, nachdem es zuvor sorgfältig gereinigt worden ist. An der Operationsstelle werden zunächst die Haare im Umfange eines Zweimarkstückes ganz kurz abgeschoren, die betreffende Hautstelle sorgfältig gereinigt und demnach der Troicart in der Richtung von oben und aussei! nach unten und innen mit einem kurzen kräftigen Stosse durch die Bauch­wand in den Darmcanal eingeführt. Bei Pferden mit dicker fester Haut kann man diese an der Operationsstelle mit der Spitze einer schmalen Lanzette oder eines schmalen Messers vorher durchstossen, um so das Eindringen des Troiearts zu erleichtern; man hüte sich aber, die Hautwunde grosser zu machen, als zum Passiren der Troicarthülse nothwendig ist. Das Ausströmen des Gases unter­breche man einige Mal, indem man die äussere Oeffnung des Troi­earts mittelst des Fingers für kurze Zeit verschliesst; auf diese Weise wird für die Regulirung der Blutvertheilung in den Gefässen mehr Zeit gewonnen. Die Entfernung der Troicarthülse erfolgt nach völliger Entleerung der Gase, indem man zunächst den Zapfenspiess einführt, um dadurch etwa anhängende Partikelchen des Darm-iuhaltes von der Hülse loszumachen. Ist der Spiess vollständig eingedrungen, so zieht man den Troicart an der Hülsenplatte heraus, indem man zwei Finger um die Hülse herumschiebt und mit den­selben einen entsprechenden Druck auf die Bauchwand ausübt, damit diese nicht von der Darmwand abgehoben wird. Es ist rathsam, wenngleich nicht unbedingt nothwendig, die Troicartwunde mit irgend einem Klebemittel (dicken Terpentin oder Gollodium u. dergl.) zu verschliessen. Dieser operative Eingriff wird leider oft zu spät ausgeführt, oder ganz unterlassen, obgleich es kein anderes Mittel gibt, welches denselben bei starker Spannung von Darmgasen auch nur annähernd zu ersetzen im Stande ist. Nichts ist so geeignet, die durch starken Druck auf die sämmtlichen Bauchorgane und Bauchwandungen hervorgerufenen Circulations- und Respirations­störungen so schnell und sicher zu beseitigen, als der so leicht
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Verstopf'ungskolik des Pferdes.
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ausführbare und wenig gefährliche Darmstich. Derselbe stellt un­verzüglich eine sehr wesentliche Bedingung für die normale Thiltig-keit des Darmes, nilinlich die Möglichkeit einer geregelten Blut-cirouliition, sowie eines Ausgleichs der Respirationsstörungen wieder her. Indem der Druck auf das Zwerchfell beseitigt wird, gewinnen die Lungen wieder mehr Raum, sich auszudehnen und das ihnen zugeführte Blut aufnehmen zu können. Dadurch wird auch die Thiltigkeit des Herzens, des Gehirns u. s. w. wieder freier. Man lasse sich deshalb durch falsche Rücksichten auf Volksvorurtheile nicht irre leiten, d. h. nicht abhalten, ein sehr worthvolles Heil­mittel da anzuwenden, wo dasselbe geradezu unersetzlich ist.
Es sei hier noch bemerkt, dass alle zur chemischen Bindung der Gase empfohlenen Arzneimittel (Kalkwasser, Schwefelleber, Sal­miak u. s. w.) nichts nützen. Wenn nun auch die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen ist, dass durch den Darmstich eine tödtlich endende Peritonitis dadurch verursacht werden kann, dass bei Ent­fernung dos Troicarts trotz aller Vorsicht etwas Darminhalt in den freien Raum der Bauchhöhle gelangt, so kommt dieser Fall doch so selten vor, dass derselbe nicht in Betracht kommen kann gegen­über dem grossen Nutzen, welchen der zur rechten Zeit und in der rechten Weise ausgeführte Darmstioh fast ausnahmslos gewährt.
In neuerer Zeit ist die suboutane oder intravenöse Application des Eserins (resp. Physostigmins), eines Alkaloids der Calabarbohne, als ein die peristaltischen Bewegungen des Darmes in ausgezeich­netem Grade anregendes Mittel von Dieckerhoff gegen Kolik em­pfohlen worden. Gaben von 0,06—0,12 gr in 1 bis 2 Theelüffol voll mit, 1 Tropfen Salzsäure vermischton Wassers unter die Haut oder in die Jugularvono gespritzt, sollen nach etwa 20 Minuten ziem­lich regelnüissig nicht nur eine lebhafte Darmbewegung, sondern Kothentleerung und in Zeit von einer Stunde sogar Durchfall her­vorrufen können. Bei Fleischfressern und zuweilen auch bei Wieder­käuern stellt sich leicht Erbrechen ein.
Fragliches Mittel scheint nach den bis jetzt über daselbe ver­öffentlichten Erfahrungen seinen Ruf zu verdienen, somit bei Be­handlung von Verstopfungskoliken ganz vorzügliche Dienste leisten zu können. Dasselbe soll alle anderen, die Darmthätigkolt anregenden Arzneien an Sicherheit und Schnelligkeit der Wirkung meist über­treffen, auch die Thätigkeit des Herzens und Gehirns in keiner Weise stören, noch etwa eine entzündungerregende Wirkung auf den Darmcanal ausüben. Ausserdem hat es den Vorzug der Billigkeit und der bequemen und ungefährlichen Application (0,10 gr, d. i. etwa eine gewöhnliche Dosis, kostet 60 Pfg.).
Ein anderes Mittel, welches die Fortbewegung des Darminhaltes fördern soll, sind die seit Alters her gebräuchlichen Klystiere. Diese erfüllen aber die früher vielfach auf sie gesetzten Erwartungen und Hoffnungen in der Regel nicht, obgleich dieselben bei fieberhaften Koliken durch Heruntersetzung der allgemeinen Körpertemperatur oft nützlich sein können. Die Erweichung irgend einer nennens-
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440nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Verstopfungskolik des Pferdes.
werthen Zusammenballung des Darminhaltes, wodurch das Darm­lumen verschlossen wird, bewirken sie nicht. Ich ziehe als aus­leerendes Mittel Seifenwasser oder Leinsamenschleim dem einfachen Brunnen- oder Flusswasser vor, weil jene Mittel die Darmwandungen bis zur verstopften Stelle schlüpfrig erhalten und das Weitcrgleiten der etwa in Bewegung gerathenden Puttermassen erleichtern. Statt der früher allgemein gebräuchlichen Klystierspritze bedient man sich jetzt mit Hecht fast nur noch eines einfachen Trichters (oder Irrigators) mit Gummischlaueh, an dessen vorderem Ende ein Ansatz­rohr von Holz, Metall oder Horn sich befindet. Die Füllung des Mastdarmes mit einer der genannten Flüssigkeiten muss öfter, etwa alle 1;4 bis 1h Stunde geschehen, wenn die Patienten die Klystiere bald wieder abdrängen; wo dies nicht geschieht, kann die Neu­füllung meist länger anstehen. Vorher gehe man stets mit der gut eingeölten Hand einmal in den Mastdarm ein, um dadurch die Darmthätigkeit ebenfalls anzuregen und etwa erreichbare Koth-massen heraus zu befördern.
Ein Aderlass ist nur bei vollblütigen Patienten angezeigt, wenn eine Blutüberfüllung des Darmes, oder eines anderen wichtigen Organcs vorhanden ist. Bei vorhandener Erstiokungsgefahr kann derselbe unbedingt nothwondig, oder doch sehr vortheilhaft sein; man sorge dann aber für eine ausreichend grosse Aderlasswunde und schnellen Abfiuss des Blutes; ein zur rechten Zeit vorgenom­mener Darmstich kann die Erstickungsgefahr abwenden, somit den Aderlass oft enthebrlich machen.
Den Gebrauch von Latwergen oder anderen innerliehen Arznei­mitteln, welche in öfter wiederholten Portionen verabreicht werden müssen, kann ich namentlich für die Privatpraxis nicht empfehlen, weil dieselben selten der Vorschrift entsprechend einverleibt, d. h. den Patienten meist nicht in den Magen gebracht werden. Vor allen Dingen aber widerrathe ich die Verordnung flüssiger Arznei­mittel bei Pferden überhaupt und insbesondere gegen Kolik, weil dieselben nicht selten statt in den Magen, in die Lungen gerathen und den Tod des Patienten ili Folge einer sogenannten Fremdkörper-pneumonie verursachen. Aus diesem Grunde verzichte ich hier darauf, die Mittelsalze und andere Abiührungsmittel zu besprechen.
Zuweilen sind schwerere, meist gefährliche operative Eingriife unerlässlich und allein im Stande, das Leben des Patienten zu er­halten, resp. Genesung herbeizuführen. Dies ist z. B. der Fall bei vorhandenen eingeklemmten Darmbrtichon, sowie bei Darmverschlin­gungen , grossen Darmsteinen und Darmconcrementen, bei Invagi-nationen (Darmeinsehiebungen) und manchen Lageveränderungen (Beckenflexur des Grimmdai-mes etc.).
Die Indicationen für die Bruchoperationen sind in der Regel bestimmt ausgesprochen; am häufigsten kommt ein Hodensaokdarm-bruch hier in Betracht. Eine Einklemmung solcher Brüche ist meist leicht zu erkennen, wenn der vorgefallene Darm bis in den Hoden­sack hinabgestiegen ist; der betreffende Abschnitt des Hodensaokes
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Kolik mit Durchfall beim Pferde.
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ist vergrössert, und fühlt sich meist sehr fest und hart an. Zunächst ist die Reposition der vorgelagerten und eingeklemmten Eingeweide auf unblutigem Wege zu versuchen, ohne indess zu lange bei un­fruchtbaren Versuchen zu beharren, oder gar gewaltsame Versuche in Anwendung zu bringen. Der blutigen Operation eines Hodensack-darmbruolies muss selbstverständlich die Castration (mindestens der betreffenden Seite) mit verdeckter Scheidenhaut unverzüglich folgen, um dadurch einen dauernden Verschluss des Leistencanales herbei­zuführen und Eocidiven vorzubeugen. Bei dieser Operation ist zu berücksichtigen, dass der Einklemmungspunkt nicht, wie man früher glaubte, an der oberen (Bauch-) Oeffmmg des Leistencanales, sondern ungefähr in der Mitte dieses, etwa 2 bis 3 cm unter der Abdominial-öffnung sich befindet. Hier, und zwar nach auswärts gegen den Schenkel zu, muss mit einem geraden geknöpftenTenotom ein seichter Einschnitt, der nur die seröse und die unter ihr liegende fibröse Haut durchdringt, gemacht werden. Es genügt, das flach eingeführte Messer an der betreffenden Stelle mit der Schneide gegen den Schenkel zu wenden und die Durchschneidung des Einklemmungspunktes von selbst geschehen zu lassen. Die Keposition etc. bietet demnach in der Eegel keine besonderen Schwierigkeiten mehr.
Wenn bei der Untersuchung durch den Mastdarm festgestellt werden kann, dass ein grosser Darmstein im Darme festgekeilt ist, so ist keine andere Wahl, als den Darmschnitt zu versuchen. Der­selbe ist in Frankreich bei Pferden (und an der Dresdener Thier-arzneisclmle bei Hunden) zu wiederholten Malen mit günstigem Ausgange gemacht worden.
c) Kolik mit Durchfall.
Krankheitsursachen. Als Ursache dieser Form von Kolik werden Erkältungen, oder Fehler in der Fütterung beschuldigt; auch können derselben Vergiftungen verschiedener Art zu Grunde liegen (Bleikolik u. s. w.).
Diagnose. Die Differentialdiagnosc ist durch weiche oder flüs­sige Kothentleerungen mit stark vermehrter Peristaltik des Darmes, bei vorhandenen Kolikerscheinungen, gesichert.
Der Verlauf und die Vorhersage sind unbestimmt und je nach den Ursachen verschieden.
Sectionserscheinungen. Bei der Section von Pferden, die an Kolik mit Durchfall zu Grunde gegangen sind, findet man meist Veränderungen an der Darmschleimhaut. Nekrose verschiedener Partien dieser, Geschwüre u. s. w.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Besteht diese in der Einwirkung eines bekannten Giftes, so ist eine entsprechende giftwidrige Behandlung einzuschlagen. Ist eine Erkältung als Ursache anzusehen, so sind neben Frottirungen des Körpers, guter Streu etc.. Stärke- oder Opiumklystiere angezeigt.
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442nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Kolik verschiedener Hausthiere.
Erstere bereitet man, indem man für jedes Klystier 15 bis 30 gr Stärke mit der 12- bis lOfachen Menge Wassers tüchtig abrührt, oder mit der 20- bis 25fachen Menge Wassers kocht. Jede halbe Stunde wird ein solches Klystier applicirt. Auch kann man 10 bis 20 gr Opium in witsserigweingcistiger Lösung (1 Theil Wasser und 1 Theil höchst rectiflcirter Weingeist) als Klystior, oder eine Einzel­gabe Opium von 10 bis t50 gr in derselben Lösung mit Schleim, oder Adstringentien, /,. B. Alaun oder Höllenstein, verabreichen.
Die Vorbeuge hat im Wesentlichen folgende Aufgaben zu er­füllen : Alle (lelegenheitsursachen, welche das Entstehen von Kolik-anfallen zu begünstigen im Stande sind, müssen möglichst von Pferden, namentlich von solchen fern gehalten werden, welche schon öfter an Kolik erkrankt waren, Besonders ist auch dafür zu sorgen, dass die Keconvalescenten noch eine Zeit lang vorsichtig gefüttert, vor Erkältungen geschützt und nur zu leichtem Dienste verwendet werden. Es ist dies um so nothwendiger, je schwerer die Erkrankung gewesen ist.
d) Die Kolik anderer Hausthiere.
Aetiologie. Hei Wiederkäuern spielt die Kolik eine weit ge­ringere Kolle als beim Pferde , weil bei jenen theils in der hervor­ragenden Entwicklung des Magens, theils in dem seltenen Vorkommen von Wurm-Aneurysmen im Bereiche der Gekrösarterien, sowie in der geringeren Empfindlichkeit der Darmschleimhaut und wegen der Seltenheit von Lageveränderungen der Gedärme ein gewisser Schutz gegen Koliken gegeben ist. In früheren Zeiten scheint, namentlich in der Schweiz, bei Ochsen eine Verschlingung der Gedärme öfter vorgekommen zu sein, welche durch einen Hiss in der Bauchfellfalte zu beiden Seiten des vorderen Beckeneinganges verursacht und von Anker als „Ueberwurf nüher beschrieben worden ist. Dieser Zu­stand ist von Kolikersoheinungen begleitet und mit Hülfe einer manuellen Untersuchung durch den Mastdarm leicht zu erkennen. Derselbe kommt indess gegenwärtig nur noch so ausnahmsweise vor, dass ich mich an dieser Stelle darauf beschränke, auf die Möglichkeit einer Znrückbringung der eingeschnürten Gedärme auf unblutigem Wege (nämlich durch den Mastdarm), eventuell auf die Notliwendig-keit des Plankenschnittes (rechterseits) aufmerksam zu machen. Eventuell wolle man in einer speciellen Chirurgie oder Operations­lehre das Nähere nachsehen.
Im Uebrigen werden vorzugsweise Erkältungen, namentlich solche, welche den Magen und Darmcanal treffen, sodann der Genuss schwer verdaulichen oder verdorbenen Putters als Ursache der Kolik bei Wiederkäuern beschuldigt.
Diagnose. Kolikkranke Wiederkäuer äussern ihre Schmerzen in ganz ähnlicher Weise wie kolikkranke Pferde. Die Patienten schlagen mit den Hinterbeinen nach dem Bauche, treten hin und her, legen sich nieder, jedoch ohne sich zu wälzen , oder sich auf
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Kolik verschiedener Hausthiero.
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den Rücken zu legen. Die Diagnose bietet im Allgemeinen auch hier keine Schwierigkeiten, da die objectiven Befunde ähnlich sind, wie bei kolikkranken Pferden; meist ist Verzögerung des Koth­absatzes , oder Verstopfung und Aufblähung vorhanden; Fresslust und Wiederkauen sind vermindert oder aufgehoben.
Therapie. Die Behandlung ist im Allgemeinen nach den für Pferde angegebenen Grundsätzen zu leiten. Mit Ri'ioksioht darauf, dass llindvieh weit besser als Pferde Beizmittel verträgt und dass flüssige Arzneimittel demselben ohne erhebliche Gefahr beigebracht werden können, verwendet man aromatische Aufgüsse in Verbindung mit den ttbriffen innerlich zu verabreichenden Mitteln.
Die Kolik der Sdnveiiie bietet ähnliehe Erscheinungen wie die Kolik des Rindes. Ihre Behandlung erfordert den Gebrauch be­ruhigender und abführender Mittel.
Die Kolik der Hunde ist entweder die Folge von Erkältungen oder von Anschoppung fester Puttormassen, besonders von Knoohen-resten , Darmsteinen , Haarballen , Eingeweidewürmern , oder von verschluckten Fremdkörpern.
Die Diagnose ist auch hier in Folge periodischer Schmerzlaquo; äusserungen meist leicht.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig; nur da, wo die Ur­sachen nicht beseitigt werden können, oder wo tödtliche Verletzungen des Darmes etc. vorhanden sind, ist sie ungünstig.
Die Therapie hat vorzugsweise fürRegulirung der Darmthätigkeit zu sorgen. Frottirungen, resp. Massage der Bauchwandungon, spiri-tuöso Einreibungen in diese, innerlich 1—2 Esslötfol voll Ricinusöl oder einige Decigramm Calomel, Klystioro u. s. w. leisten in der Regel gute Dienste.
Nach jeder Kolik sind die Reconvalesoenten noch eine Zeit lang vor Erkältungen und Diätfehlern sorgfältig zu bewahren, weil anderen­falls leicht Hückfälle vorkommen. Der Vorbeuge sind damit die Wege gezeigt.
Bei Wiederkäuern, namentlich beim Rinde, spielen die Krank­heiten der Verdauungsorgane unter den sporadischen Krankheiten weitaus die bedeutendste Rolle. Dieselben haben deshalb eine etwas eingehendere Würdigung zu beanspruchen, als ihnen in der Veterinär­pathologie seither zu Theil geworden ist. Gerade der praktische Thierarzt hat bei einer oinigermassen bedeutenden bujatrischen Praxis fast täglich Gelegenheit, die Mangelhaftigkeit unseres Könnens und Wissens auf diesem Gebiete der Thiermedicin zu empfinden. Bereits im Jahre 1876 hat Harms als Leiter der ambulatorischen Klinik der Thierarzneischule in Hannover die Nothwendigkeit einer Reform des thierärztlichen Unterrichtes betont, damit den Studirenden die Möglichkeit geboten werde, sich für die Rindviehpraxis besser vor­bereiten zu können. Harms hat ferner die unter dem Namen „Indl-
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444nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Magen- und Darmkatarrh der Wiederkäuer.
gestionquot; lind „Verstopfungquot; zusammengefassten verschiedenen Krank-heitszustände des Rindviehs (Zeitschrift f. Thiermedicin, Bd. II, S. 187 his 208) zu scheiden versucht und an deren Stelle die hier zunächst folgenden vier Krankheiten, sowie die Magen- und Darmentzündung beschrieben.
6. Magen- und Darmkatarrh, Gastroenteritis catarrialis der
Wiederkäuer.
Diagnose. Zu den wesentlichsten Erscheinungen gehören: Fieber, schleimige und alkalische Beschaffenheit der Excremente, Eingefallen­sein der linken Hungergrube, Anliegen der Pansenwand an dem Panseninhalte und das Nichtauftreten von Schmerzensäusserungen beim Drücken gegen die Bauchwandungen. Die Krankheit pflegt sich plötzlich einzustellen, so dass die betreffenden Thiere Abends noch ganz munter erscheinen, während Milchvieh bereits am nächstfolgenden Morgen nur die Hälfte oder ein Drittheil des gewöhnlichen Milch-quantums geben. Fresslust und Wiederkauen haben in bedeutendem Grade abgenommen oder sind ganz verschwunden; gewöhnlich ist auch die Vaginalschleimhaut geröthet. Bei angemessener Behandlung pflegt in nicht zu hochgradigen Fällen vollständige Genesung selbst dann sogar einzutreten, wenn das Uebel mit Bronchitis oder Vagi-nitis complicirt ist. Die Krankheit kann aber auch chronisch werden; die Fresslust kehrt dann zwar periodisch wieder, die Ernährung des Patienten bleibt aber eine mangelhafte, weshalb die rechtzeitige Schlachtung desselben rathsam erscheint. Nicht selten gelangen grobe Futtermassen vom Pansen aus in den Psalter und von da in den Labmagen und Darmcanal. In seltenen Fällen verstopft sich der Canal zwischen Haube und Psalter, oder dieser und Labmagen werden fast ganz mit nicht wiedergekautem Panseninhalte angefüllt. Auf diese Weise kann eine veritable Verstopfung des Magens zu Stande kommen ; unter Sistirung der Defäcation tritt Peritonitis und Erbrechen ein. In seltenen Fällen geht der Magen- und Darmkatarrh des Kindviehs in die plüegmonöse Magen- und Darmentzündung über.
Aetiologie. Der Magen- und Darmkatarrh des Rindviehs tritt sporadisch oder seuchenartig auf; im ersteren Falle beschuldigt Harms Erkältung, im anderen Falle ein Gift als Ursache.
Die Prognose ist bei frühzeitiger Behandlung bei nicht allzu hohen Graden des Leidens im Allgemeinen günstig; sie hat jedoch die Möglichkeit unwillkommener Ausgänge zu berücksichtigen.
Pathologische Anatomie. Die Schleimhaut des Verdauungs­canales ist vom Pansen bis zum Anus — allerdings nicht überall in gleichem Masse — geschwellt, streifig und fleckig, zuweilen sogar ziemlich gleichmässig geröthet. Im Pansen tritt die Eöthung erst erkennbar auf, wenn man das Epithel, namentlich da, wo die Schleim­haut die grossen Zotten besitzt, abgeschabt hat; sie verliert sich leicht
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Laljmagen-Zwölffingei'darmkatiirrh der Wiederkäuer.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 445
und rasch, z. B. schon dann, wenn man die rein gewaschene Schleim­haut zusammenklappt und liegen lässt. Die Haube ist stets nur in. geringem Grade affioirt, meist auch die Psalterschleimhaut. Der Psalterinhalt ist zuweilen stellenweise völlig ausgetrocknet, meist in der Nähe der freien Bänder der grössten Blätter viel zu grob. Labmagen und Darmcanal sind in der Regel in ihrer ganzen Länge afficirt und enthalten neben normalen auch grob zerkleinerte Massen.
Behandlung. Harms lilsst derartige Patienten in einen warmen, zugfreien, aber gut ventilirten Raum bringen, der reichlich mit Streu verschen ist. Der Bauch jener soll eingehüllt, jedes feste Nahrungs­mittel entzogen, dagegen reines Wasser, oder ein schleimiges Ge­tränk zur beliebigen Aufnahme vorgesetzt wei'den. Mit dieser ein­fachen diätetischen Behandlung kommt man in den leichteren Fällen zum Ziel, darf sich auf dieselbe aber nicht verlassen. Ist der Mist ziemlich consistent, so gebe man 750 gr Glaubersalz mit 100 bis 150 gr doppeltkohlensaurem Natron, alle 8 Stunden den dritten Thoil mit einer Flasche Wasser. Enthält der Koth grobe Massen und arbeitet der Pansen sehr wenig, so setze man der eben angegebenen Arznei 7'/s gr BrechWeinstein zu, oder mache eine hypodermatische Injection von 10 bis 12 cgr Veratrin. Nach geregeltem Kothabsatze gebe man zunächst täglich ümal, später 8mal je Tfa gr Salzsäure mit einer Flasche Wasser verdünnt. Gegen Durchfall gebe man eine Abkochung von Weidenrinde. In bedenklichen Fällen mache man nasse Einwicklungen des Leibes, oder reizende Einreibungen auf die äussere Haut der Bauchwandungon. Harms hat auch verschiedene Mal alle 0 Stunden 15 gr rohe Carbolsäure mit einer Flasche Wasser verabreicht und ist in allen derartig behandelten Fällen Genesung eingetreten.
7. Labmagen-Zwölfflngerdamkatarrli der Wiederkäuer.
Diagnose. Diese Krankheit ist nicht immer mit der wünschens-werthen Sicherheit festzustellen. Die wichtigsten Symptome sind folgende: Fieber mit geringer Temperatur- und Pulssteigerung, bedeutende Abnahme der Milchsecretion, verminderte oder unter­drückte Fresslust und Rumination. Die Kothentlecrung ist ver­zögert und vermindert, die abgehenden Exoremente sind indess meist normal von alkalischer Reaction und nur selten mit geringen Mengen grober Massen untermengt. Der Bauch ist an der linken Seite etwas eingefallen, der Pansen arbeitet nach der Futteraufnahme normal und sind über dem Inhalte desselben keine Gase angesammelt. Die Augenlidbindehaut ist in der Regel gelblich gefärbt, zuweilen nur geröthet oder ziegelfarbig. Ist der Krankheitspro/.ess ein inten­siverer , so äussern die Patienten beim Drucke auf die Labmagen­gegend Schmerzen, was sonst nicht der Fall ist. Beim Magen-Darm-katarrh ist die linke Hungergrube stärker eingefallen, der Pansen arbeitet weniger normal stark, das Fieber ist höher, die Augenlid-
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446nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Dyspepsie der Wiederkäuer.
bindehaut nicht gelb. Die Krankheit tritt plötzlich auf, der Appetit wechselt im Verlaufe derselben. Zieht sie sich in die Länge und zeigen sich Erscheinungen der Leoksucht, so ist die Diagnose auf chronischen Magen-Zwölffingerdarmkatarrh ziemlich sicher.
Prognose. Meist tritt bei zweckentsprechender Pflege und Be­handlung in einigen Tagen Besserung und Genesung ein; bei Ver­nachlässigung der Patienten wird das Uebel leicht chronisch, wobei die Verwerthung des Futters keine befriedigende ist; Heilung ist dann nicht immer leicht, noch sicher zu erzielen.
Als Ursachen werden Erkältung, verdorbenes Rauhfutter und Circulationsstörungen beschuldigt.
Pathologische Anatomie. Im Anfange der Krankheit ge­schlachtete Thiere bieten keine besonders erheblichen Sectionsbefunde. Die Schleimhaut des Labmagens und Zwölffingerdarmes ist mit Schleim belegt, hyperämisch und serös infiltrirt; später ist dieselbe dicker und fester, streifig punctirt, oder im Duodenum und im vorderen Abschnitte des Labmagens mehr gleichmässig geröthet; im hinteren Abschnitte dieses ist sie röthlichbraun und mit Schleim belegt.
Die Behandlung hat für eine gute Placirung und zunächst für gänzliche Entziehung der Nahrung, später für leicht verdauliches Futter in kleinen Quantitäten zu sorgen. Im Uebrigen empfiehlt Harms die nämlichen Arzneimittel in etwas schwächeren Gaben als beim Magen-Darmkatarrh. Gegen derartige chronische Katarrhe hat er auch das Karlsbader Salz täglich zu 100 bis 150 gr in einem Eimer Wasser bei 4wöchentlichem Gebrauche mit gutem Erfolge angewendet; unglaublich schöne Resultate hat er mit diesem beim Magenkatarrh des Pferdes erzielt.
8. Dyspepsie (Verdauungsscliwäche oder Alteration des Ver-dauungschemismus, Niemeyer) der Wiederkäuer.
Diese Krankheit ist nach Harms die bei Wiederkäuern am häufigsten vorkommende Form der Verdauungsstörungen und durch ganz bestimmte Symptome charakterisirt. Sie wird durch Diätfehler verursacht, namentlich durch Verabreichung schwer verdaulicher, leicht in Zersetzung übergehender Futtermittel. Alle Zustände, die gewöhnlich als Ueberfressen, Indigestion etc. bezeichnet werden, ge­hören hierhin.
Diagnose. Fresslust und Wiederkauen sind verschwunden, die Sauf lust ist gering, die Milchsecretion vermindert, die Augenlid­bindehaut häufig geröthet. Die linke Hungergrube erscheint aus­gefüllt, sogar in verschiedenem Grade vorgewölbt; zwischen der Wand und dem Inhalte des Pansens sind keine freie Gase vorhanden, weshalb die Hungergrube teigig sich anfühlt. Die Poristaltik des
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Ermüdung des Verdauungscanales der Wiederkäuer.
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Pansens ist vermindert, oder ganz sistirt; der Panseninhalt reagirt stets sauer und nur in seiner periphersten Schicht zuweilen alkalisch. Es kann dies durch Punction mittelst eines besonderen Troicarts, durch welchen Lackmuspapier mit eingeführt wird, festgestellt werden. Ist der Pansen in bedeutendem Grude ausgedehnt, so stöhnen die Patienten, namentlich wilhrend des Liegens, wobei die Itespiration beschleunigt ist. Der Koth riecht sauer und zeigt eine verschiedene Consistenz. Wenn bei Thieren mit einfachem Magen in Folge von Dyspepsie Abführen eintritt und weiter kein Futter verabreicht wird, so pflegt in der Kegel nach kurzer Zeit vollstilndige Genesung einzutreten; bei Wiederkiluern ist dies häufig nicht der Fall, weil manchmal in Zersetzung übergegangene Massen aus dem Pansen, ohne wiedergekäut worden zu sein, direct nach dem dritten und vierten Magen übertreten. Dadurch geht die Dyspepsie in Magen-Darmkatarrh über, mit dessen Entwicklung sich im Verlaufe von 24 bis 48 Standen Aufblähen einstellt. Diese Complication von Magen-Dannkatarrh mit Dyspepsie ist durch die saure Beschaffenheit des Kothes vom einfachen Magen-Darmkatarrh, bei welchem die Fäces neutral, resp. alkalisch reagiren, unterschieden.
Prognose. Bei entsprechender diätetischer und arzneilicher Behandlung tritt meist in etwa 8 Tagen Genesung ein, wobei allen­falls noch einige Zeit eine saure Keaction des Kothes fortbesteht. In Folge von Vernachlässigung kann aber chronischer Magen-Darm­katarrh und selbst eine tiefer greifende Darmentzündung den Tod des Patienten herbeiführen. Demgemilss gestaltet sich dann der Sectionsbefund.
Behandlung. Harms lässt bei ziemlicher Consistenz des Kothes 15 gr Brechweinstein mit 750 gr Glaubersalz, alle 8 Stunden den dritten Theil mit einer Flasche Wasser verabreichen. Bei fort­dauernder Unthätigkeit des Pansens macht er gewöhnlich eine Vera-trininjection, an deren Stelle jetzt wohl Pilocarpin oder Physostig-min zu setzen wäre; seltener gibt er kleine Gaben Brechweinstein. Bei starker Aufblähung macht er den Pansenschnitt, indem er ein nicht zu kurzes Messer in den Pansen (von der linken Hungergrube aus) einsenkt und so nach abwärts zieht, dass der Schnitt im Pansen 4 bis 5 , in den Bauchdecken 5 bis G cm lang wird. Die Entleerung des Pansens überlässt Harms der Natur; auch die Hel­lung der Wunde; diese wird höchstens mit Carbolsäure oder Theer bestrichen. Diese Operationsmethode soll bei Dyspepsie, bei welcher der Pansen völlig still liegt, sehr zu empfehlen sein.
Bei Behandlung dieser Krankheit müssen die Patienten anfangs Unbedingt hungern und später mit gutem Rauhfutter ernährt werden.
9. Die Ermüdung des Verdauungscanales der Wiederkäuer.
Diagnose. Bei dieser Verdauungsstörung ist nach Harms der Appetit und das Wiederkauen vermindert, der Koth dunkel gefärbt.
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448nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Ermüdung des Verdauungscanales der Wiederkäuer.
geringelt und an der Oberflilohe glänzend. Die linke Hungergrube ist ausgeglichen, die l'eristaltik des Pansens trüge, der Panseninhalt y,u fest, und über diesem stehen immer freie Gase. Die Krankheit entwickelt sich allmählig, wobei die Milchsecretion abnimmt. Wird der Zustand vernachlässigt, so pflegt schliesslich eine völlige Un-thiltigkeit des Pansens und in Folge einer hinzutretenden Magen­entzündung, oder in Folge von Erschöpfung, oder auch von Er­stickung (bei zu starkem Aufblähen) der Tod einzutreten. Dagegen folgt gewöhnlich vollständige Genesung, wenn rechtzeitig eine ge­eignete Behandlung eingeleitet und durchgeführt wird.
Die Prognose ist im Anfang der Krankheit günstig, da bei passender Behandlung regelmässig Heilung erzielt wird. In späteren Stadien, wenn der Panseninhalt bereits still liegt, was durch die Auscultation leicht ermittelt werden kann, ist die Prognose nur dann relativ günstig, wenn durch leichte Stösse auf die untere Partie des Pansens eine Thätigkeit in diesem hervorgerufen werden kann. Ist dies nicht der Fall, oder sind gar entzündliche Erscheinungen und Fieber vorhanden, so ist die Prognose bedenklich, resp. un­günstig. Es kommt hier namentlich auf den Grad der Schmerz-äusserung des Patienten an. Stöhnt derselbe bei der Exspiration, ohne dass ein Druck von aussen auf den Pansen angebracht wird, und nimmt das Stöhnen beim Drucke bedeutend zu, so ist der Aus­gang regelmässig ein letaler.
Pathologische Anatomie. Die Sectionserschoinungen sind je nach der Todesart verschieden, da die Parese selbst nicht unmittelbar den Tod bedingt.
Aetiologie. Am häufigsten tritt diese Krankheit auf bei plötz­lichem Uebergange von Grünfutter zu Trockenfutter, in den Marschen also im Herbst bis November. Trockene Futtermittel, die arm an Aroma und Nährstoffen, vielleicht gar auf dem Felde ausgelaugt sind und nach der Durchfeuchtung in Haufen oder Bündeln, erregen fragliche Krankheit. Gerstenstroh, Kaff- und Schlammheu sind in dieser Beziehung (nach Harms) am meisten anzuschuldigen.
Die Behandlung mit den früher angegebenen Dosen Brech­weinstein und Glaubersalz führt in der Regel Genesung herbei. Ist dies nicht der Fall, so werden in den nächsten Tagen nur geringe Mengen Rüben oder Kartoffel, und wenn nach den ersten Arznei­gaben keine genügende Wirkung eingetreten, d. h. wenn der Pansen noch unthätig ist, 2 Tage nach einander 3mal täglich 272 gr Brechweinstein mit einer Flasche Wasser verabreicht. Statt des Brechweinsteins können auch hypodermatisohe Injectionen von Veratrin (10 bis 14 egr) in 30 bis 45 egr Alkohol gelöst und mit etwas destillirtem Wasser verdünnt (oder in Glycerin gelöst) gemacht werden.
Ist der Panseninhalt sehr fest, so kann man etwas Gel und Glaubersalz mit grossen Mengen Wassers eingeben oder durch eine Troicarthülse in den Pansen einspritzen; behutsames Kneten des
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Acute Trommelsucht der Wiederkäuer.
449
Pansens muss in beiden Fällen die Wirkung unterstützen. — Werden die Patienten schwach, so dass der Erschöpfungstod möglicherweise eintreten könnte, dann gebe man Bier- und Brodsuppen.
10. Trommelsucht oder Blähsuclit der Wiederkäuer.
Das Aufblähen der Wiederkäuer kommt dadurch zu Stande, dass sich im Pansen derselben Gase entwickeln, was entweder ur­plötzlich und in hohem Masse, oder langsamer und in geringerem Grade geschehen kann. Demnach unterscheidet man eine „acutequot; und eine „chronischequot; Trommelsucht.
u) Die acute Trommelsucht der Wiederkäuer.
Krankheitsursachen. Der acuten Trommelsucht liegt eine Verdauungsstörung zu Grunde, die einerseits in einer krank­haften Disposition der Verdauungsorgane, andererseits in einem Diätfehler begründet sein kann, lleichliche und gierige Aufnahme mancher Füttermittel stehen namentlich in naher Beziehung zur Entstehung fraglichen Leidens. Als solche Futtermittel sind all­gemein bekannt: Junger Klee, Esparsette, Rübenblätter oder an­deres saftreiches Grünfutter, Gräser, Wicken, Kaps, Kohl u. dergl. m., besonders wenn sie im nassen oder bereiften Zustande, oder im Zu­stande der Selbsterhitzung (durch Aufeinanderliegen in Gebunden oder Haufen) verzehrt werden. Auch anderes verdorbenes oder giftiges Putter, z. B. faule Knollen- und Rübengewächse, Klatsch-rosen , Schierling u. s. w,, sodann gährendes Getränk, z. B. nicht ganz frisches Brühfutter, Schlempe u. s. w., endlich trockenes Mehl und andere kleisterige Puttennittel können, in grösseren Mengen genossen, Blähsucht erzeugen. Am nachtheiligsten wirken alle diese Futtermittel, wenn sie von den betreffenden Thieren sehr gierig und in den (hungrigen) nücl^ernen Magen aufgenommen werden, ganz be­sonders aber dann, wenn die Thiere an den Genuss fraglicher Futter­mittel noch nicht gewöhnt sind. Auch können Futterbissen oder andere Fremdkörper, welche im Schlünde irgendwo stecken geblieben sind, zu Trommelsucht Veranlassung geben.
Diagnose. Die acute Trommelsucht pflegt nach irgend einem der vorhin genannten Diätfehler plötzlich zu entstehen. In schwe­reren Fällen findet die Gasentwicklung bei derselben so stürmisch statt, dass in Folge der starken Auftreibung dos Bauches die Bauchwandungen einen hohen Spannungsgrad erreichen, das Zwerch­fell in Folge dessen nach vorn gegen die Lungen gepresst und dadurch die Respiration behindert wird. Die hierdurch bedingte Erstickungsgefahr wird noch dadurch erhöht, dass die Wandungen sämmtlicher Blutgefässe in der Bauchhöhle zusammengepresst und in Folge dessen Störungen in der Blutcirculation verursacht wer­den. Presslust und Wiederkauen sind in den höheren Graden des
Pütz, Conipemlium der Thierheilkumie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 29
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450nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Acute Trommelsucht der Wiederkäuer.
Leidens ganz verschwunden. Die Auftreibung des Bauches ist na­mentlich in der linken Hungergrube am deutlichsten zu erkennen, indem diese statt concav oder plan, mehr oder weniger stark nach oben gewölbt (convex) erscheint. Die Percussion mit den Fingern ergibt einen tympanitischen Ton; Mist- und Harnentleerung sind sistirt, zuweilen aber werden bei sehr starker Spannung der Gase, resp. der Bauchdecken, kleine Mengen Koth durch den After her-vorgepresst. In solchen Fällen sind die Patienten sehr unruhig, ihr Blick ist stier und verräth eine gewisse Aengstlichkeit, die Augen sind stärker hervorgetrieben und höher geröthet. Die Athem-beschwerden und Störungen in der Blutcirculation nehmen zu, der Puls wird sehr beschleunigt, klein und unregelmässig, die der Körper­peripherie nahe gelegenen Venen füllen sich stärker mit Blut und treten deshalb deutlicher hervor (Drosselvenen, Milchadern etc.), die Patienten zittern und stöhnen, und wenn nicht bald eine Wendung zum Besseren erfolgt, so tritt der Tod ein.
Aus diesen Erscheinungen (und aus dem Vorberichte) ist die Diagnose der Krankheit leicht und sicher.
Verlauf und Prognose. Der Verlauf dieser Krankheit ist im Allgemeinen ein sehr acuter, so dass in der Regel die Thiere ent­weder schnell genesen oder sterben. Genesung kann bei geringem Grade des Uebels und bei gänzlicher Futterentziehung für einige Stunden, unter Rülpsen und Darmentleerung sogar spontan eintreten, und selbst hochgradige Fälle pflegen bei passender Behandlung in kurzer Zeit wieder in Genesung überzugehen. Wo aber geeignete Hülfe fehlt oder zu spät kommt, kann der Patient bei hohem Grade von Trommelsucht bereits innerhalb einer halben Stunde sterben.
Obgleich demnach die Prognose bei frühzeitiger und angemessener Behandlung im Allgemeinen nicht ungünstig ist, so sind doch Todes­fälle auch selbst dann noch möglich. Wenn im Pansen grosse Massen gährender Futtermittel liegen, so dauert es immer längere Zeit, bis diese so weit verarbeitet sind, dass sie niqjit immer wieder von Neuem Gase entbinden und dadurch noch gefährlich werden können, wenn man das Uebel schon als gehoben betrachtet. Deshalb muss die Vorhersage immer mit einiger Vorsicht gestellt werden.
Sectionsbefund. Am Cadaver solcher Wiederkäuer, welche an acuter Trommelsucht gestorben sind, findet man stets die Erschei­nungen des Erstickungstodes. Ausserdem werden manchmal Zer-reissung des Pansens, oder Hämorrhagien, namentlich Gehirnblutung, angetroifen,
Behandlung und Vorbeuge. Wie bereits erwähnt wurde, heilen geringe Grade des Leidens unter Aufstossen von Gasen (Rülpsen) und Kothentleerung meist von selbst. Wo keine Arzneimittel noth-wendig sind, lasse man dieselben bei Seite, weil das Eingeben der­selben , zur Erzielung einer schnellen Wirkung, in flüssiger Form erfolgen muss und nie ganz ungefährlich ist. Dagegen sind fleissige
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Acute Trommelsucht der Wiederkäuer.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;451
Frottirungen des Bauches mit Strohwischen, besonders in der linken Weiche, sehr zu empfohlen, indem dadurch die Thätigkeit des Pansens und das Entweichen der in demselben angesammelten Gase gefördert wird. Dies geschieht auch durch Anwendung Ekel erregender Mittel, so z, B. durch Einbinden eines Strohbandes, das mit Theer oder stinkendem Thieröl bestrichen ist, durch das Maul; ein solches Band wird hinter den Hörnern im Genick gebunden. — Will man inner­liche Mittel anwenden, so sind solche angezeigt, welche die Thätigkeit der Magenwandungen anregen, wie z. B. aromatische Samen und Kräuter im Aufgusse, Abkochungen von Wermuth, Rainfarn oder Schafgarbe mit Kochsalz u. a. m. Steinöl, Terpentinöl, Salmiak­geist oder Seifenwasser sind bequeme und gebräuchliche Mittel. Ihre Wirkung ist jedoch eine zu wenig energische, als dass sie für höhere Grade der Biähsucht ausreichte; noch weniger aber leisten die sogenannten Absorbentia, wie Kalkwasser u. dergl., weil ihre die Darmgase bindenden Eigenschafton so gering sind, dass sie bei Trommelsucht nicht schwer in's Gewicht fallen.
Mehr als alle diese Mittel leistet das von Möller empfohlene Pilocarpinum hydrochloricum, welches die Thätigkeit des Magens der Wiederkäuer bedeutend anregt. Nach subcutaner Injection von 0,1 bis 0,2 gr für Binder, 0,05 bei Schafen und Ziegen, in etwas Wasser gelöst, sollen bereits nach 10 bis 15 Minuten die Pansen­bewegungen lebhafter werden, womit das Wiederkauen sich wieder einzustellen pflegt. Sollte sich demnach die Eespirations- und Herz-thätigkeit jemals in bedenklicher Weise steigern, so wäre dem durch subcutane Injection einer geringen Dosis Atropin (0,03 bis 0,06) sofort abzuhelfen.
Auch soll das schwefelsaure Physostigmin in Dosen von 0,10 bis 0,15 mit der 20 bis 50fachen Menge destillirten Wassers, sub-cutan angewendet, gute Dienste leisten. (Poser.)
Wo die Gase sich reichlicher entwickeln und eine so starke Spannung der Bauchwände verursachen, dass Athemnoth, oder gar Erstiokungsgefahr eintreten, da säume man nicht, den Pansonstich zu machen (s. S. 447). Am besten bedient man sich hierzu eines etwa 25 cm langen, reichlich gänsekieldicken Troicarts, dessen Stilet einen Absatz nahe hinter seiner Spitze hat, hinter welchem die nn-gefensterto, nur mit zwei Einschnitten versehene untere Oeffnung der Troicarthtilse dicht anschliesst. Die Ausführung der Operation ist allgemein bokaijnt und sehr leicht. Ist der Troicart applicirt und das Stilet aus der Hülse entfernt, so achte man sorgfältig darauf, dass die Hülse nicht durch aufbrausende Futtermasson des Pansens verstopft wird. Dies passirt nämlich nicht selten, weshalb die Hülse immer möglichst schnell wieder frei gemacht werden muss, was am einfachsten und bequemsten mittelst eines zur Hülse genau passenden, unten abgestumpften Stilets (Zapfenspiesses) geschieht. In Ermanglung eines solchen kann man sich eines geeigneten Holz-stäbehens oder Metalldrahtes bedienen. Die Troicarthtilse darf erst entfernt werden, wenn die Gasentwicklung im Pansen aufgehört hat.
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452nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Acute Trommelsucht der Wiederkäuer.
Es kann vorkommen, dass dennoch ein llückfall eintritt und der Troicartstich zum zweiten, selbst zum dritten Male gemacht werden muss, was ohne Bedenken geschehen kann. Die Entfernung des Troicarts muss in der S. 438 angegebenen Weise geschehen.
Es kommen Fälle vor, wo selbst der Troicartstich keine nach­haltige Hülfe gewährt, sondern der Pansen in grösserer Ausdehnung erööhet werden muss. Es ist dies namentlich dann der Fall, wenn im Pansen eine Übergrosse Menge gährender Futterstoffe vorhanden sind, welche die Magenwände anhaltend ausdehnen und so ihre Be­wegungen lähmen. Die in diesem Falle nothwendige Operation ist der sogenannte „Pansenschnittquot;. Derselbe wird in der linken Hunger­grube ausgeführt und ist hierbei auf zwei Dinge ganz vorzugsweise zu achten;
1)nbsp; Der Schnitt muss ungefähr in der Mitte der linken Hunger­grube etwas schräg und zwar in der Richtung von oben und hinten nach unten und vorn so ausgeführt werden, dass er sich mehr einem Perpendikel (Senkrechten) als einer Horizontalen (Wage­rechten) nähert. Dadurch werden die Wundränder später nicht von einander abgezogen, sondern einander genähert und so deren Wieder­vereinigung wesentlich begünstigt.
2)nbsp; Man sorge möglichst dafür, dass kein Futter, resp. Speisebrei aus dem Magen zwischen dessen Aussenwand und die Serosa der Bauchhöhle, d. i. in die Bauchhöhle, dringt. Dies sucht man dadurch zu verhüten, dass man nach Eröffnung der Bauchhöhle den Pansen vorsichtig einschneidet und dessen Wundränder möglichst nach aussen zieht und mit der äusseren Haut annäht. Demnach schreitet man zur Entleerung des Pansens, aus welchem man nach Bedürfniss einige Stalleimer Futterbrei mit der Hand herausholt und demnach die Wunde lege artis schliesst.
Die Operation wird um so sicherer und leichter ertragen, wenn man bei derselben bis zu einem gewissen Grade streng antiseptisch zu Werke geht. Hierzu gehört zunächst, dass man kurz vor der Operation die betreffende Hautstelle in entsprechendem Umfange gut rasirt, gründlich rein abwäscht und desinficirt, um dadurch die Wundränder der Haut, welche mit der Pansenwand vereinigt werden, von allen septischen Fermenten zu reinigen und so die ungestörte Verwachsung des Pansens mit den Wundrändern der Bauchwand möglichst zu sichern.
In der Ausführungsweise dieser Operation liegt der Grund der verschiedenen Urtheile, welche über den praktischen Werth derselben ausgesprochen worden sind.
Wo ein im Schlünde stecken gebliebener Bissen oder Fremd­körper Ursache der Trommelsucht ist, kann der Schlundschnitt dem Uebel abhelfen. Fragliche Operation kann nur dann mit Nutzen ausgeführt werden, wenn die Halsportion dos Schlundes verstopft ist und in einer anderen, weniger eingreifenden Weise der Zustand nicht beseitifft werden kann.
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Chronische Unverdaulichkeit der Wiederkäuer.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 453
b) Die chronische Trommelsnctat (Unverdaulichkeit) der Wieder-
kHaer.
Krankheitsursache. Alles, was eine Schwilchung der Verdau-ungsthätigkeit, namentlich der drei ersten Magenabtheilungen, zu be­wirken im Stande ist, kann als vorbereitende Ursache für die chronische Trommelsucht (Unverdaulichkeit) gelten, weshalb dieselbe nicht selten aus einer vernachlässigten oder sohlecht behandelten acuten Trommelsucht sich entwickelt. Anhaltende Fütterung mit erschlaf­fenden und schwer verdaulichen Nahrungsmitteln verursacht leicht einen chronischen Magen-Darmkatarrh, in Folge dessen ein perio­disches Aufblähen sich einstellt, das in den einzelnen Fällen dem Grade nach sehr verschieden sein kann.
Diagnose. Die Presslust und das Wiederkauen sind vermindert, oder ganz aufgehoben, der Kothabsatz ist unregelmässig, meist verzögert, indem Excremente von zäher Beschatt'cnheit und dunkler Farbe von Zeit zu Zeit spärlich abgesetzt werden. Zuweilen tritt eine vorübergehende Abnahme der Krankheitserscheinungen ein, welcher gewöhnlich bald wieder eine Zunahme derselben folgt. All-mählig wird dann der Zustand schlimmer, was namentlich durch eine grössere Abgeschlagenheit der Patienten , durch trockenes, rissiges Flotzmaul, durch pappiges Secret der Maulschleimhaut und durch Fiebererscheinungen docuinentirt wird. Tritt nunmehr keine Wen­dung zum Besseren ein, so gehen die Thiere zu Grunde.
Aus den vorstehend angegebenen Erscheinungen ist das Leiden leicht und sicher zu diagnosticiren.
Verlauf und Prognose. Die Krankheit ist nicht selten sehr hartnäckig und führt manchmal nach langer Dauer zum Tode. Die Prognose ist deshalb mit Vorsicht zu stellen; sie ist um so un­günstiger, je länger das Leiden schon bestanden hat.
Sectionsbefund. Am Cadaver solcher Thiere, welche in Folge chronischer Unverdaulichkeit gestorben sind, findet man aussei- den verschiedenen Graden der Abmagerung das Epithel der Schleimhaut meist der drei ersten Magenabtheilungen von der Schleimhautober­fläche losgelöst und dem Mageninhalte anhaftend. Der zwischen den Blättern des Psalters enthaltene Speisebrei ist meist fest und bildet kuchenförmige Platten. Der Darmcanal enthält viel zähen Schleim und gewöhnlich schwarze, mehr oder weniger feste Kothmassen. Es können auch noch andere pathologische Veränderungen vorhanden sein, die indess wenig beständig sind und deshalb hier nicht ange­führt werden.
Behandlung und Vorbeuge. Bei der chronischen Unverdau­lichkeit spielt die Fortschaffung des Mageninhaltes eine Hauptrolle. Dieselbe muss durch entsprechende Mittel in irgend einer Weise angestrebt werden. Ich habe mich zii diesem Zwecke mit Vortheil des auch von Anderen empfohlenen Veratrum album häufig mit Vortheil bedient, indem ich für Bindvieh bis 8 und für Schafe und
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454nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Magen-Darmentzündung.
Ziegen bis 5 gr dieses Mittels in Pulverform, mit Wasser vermischt, den Patienten eingeben und eventuell nach 6 Stunden dieselbe Dosis einmal wiederholen liess. Wo zwei Gaben nicht ausreichten, habe ich dieselben nach je einem freien Tage ein oder mehrere Mal wieder verabreichen lassen. Nicht selten tritt Erbrechen ein, wodurch die Entlastung des Magens am schnellsten erzielt wird. In neuerer Zeit ist das Pilooarpin (siehe S. 451) auch gegen chronische Unverdaulich-keit empfohlen worden.
Hat man die Thätigkeit des Magens wieder in Gang gebracht, so müssen die Patienten lungere Zeit hinduroh sehr vorsichtig und mit nur leicht verdaulichem Futter ernährt werden. Diätfehler führen zu leicht Kecidive herbei.
11. Die Magen-Darmentzündung, Gastroenteritis.
Diese Krankheit unterscheidet sich von einer einfachen katar­rhalischen Entzündung des Verdauungsrohres dadurch, dass neben der Schleimhaut mindestens auch die Muskelhaut und nicht selten auch die seröse Haut der betreffenden Abschnitte des Magens und Darmes entzündet sind.
Diagnose. Die Patienten liegen stöhnend mit unregelmässiger Haltung des Körpers, stehen nicht gern auf und können nur mit Mühe auf die Hinterbeine sich erheben. Ihr Gang ist schwankend und unsicher; im Wege liegende Hindernisse, z. li. Thürschwellen u. dergl., vermögen sie nicht zu überschreiten, ohne Gefahr, zusam-menzubrechen. Der Appetit ist ganz verschwunden, die Sauflust gewöhnlich in der ersten Zeit vorhanden, sogar gesteigert. Der Puls ist sehr frequent und gespannt, die innere Körpertempe­ratur erhöht, an der KörperoberHilche ungleichmässig vertheilt und wechselnd, das Euter schlaff, der Nasenspiegel meist trocken oder rissig. Die Augen liegen tief in ihren Höhlen und thränen, die Conjunctiva ist braunroth, ziegelfarbig, nicht selten auch die Schleim­haut des Genitalcanales. Die linke Hungergrube ist tief eingefallen, die Peristaltik des Pansens sistirt, der Koth ist fest und wird selten oder gar nicht abgesetzt und der Bauch ist gegen Druck sehr em­pfindlich. Diese Krankheit tritt entweder primär und dann plötz­lich auf, oder entwickelt sich im Gefolge einer der vorhin beschrie­benen Verdauungsleiden. Ihr Verlauf ist meist acut und führt oft schon innerhalb 12 Stunden zum Tode.
Pathologische Anatomie. Der Sectionsbefund ist verschieden, je nachdem die Krankheit primär oder seeundär entstanden ist. Im Wesentlichen findet man die bekannten Erscheinungen der Entzün­dung im Boreiche der Schleim- und Muskelhaut; die Serosa ist ent­weder intact, oder bietet ebenfalls Entzündungserscheinungen. Bei Wiederkäuern ist der Inhalt des Pansens, mehr noch der des Psal­ters, häufig zu trocken; in letzterem hängt derselbe manchmal zwi-
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Bauchfellentzündung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 455
sehen den Blättern wie ausgepresst. Häufig löst sich das Epithel mit dem Mageninhalte los; dies geschieht aber auch in anderen Fällen und namentlich dann, wenn die Section erst einige Zeit nach dem Tode vorgenommen wird.
Aetiologie. Als Ursachen werden Erkältungen, Diätfehler, sowie gewisse Thiergifte, /,. B. das Aphtlienseuchegift u. dergl., be­schuldigt. Die durch vegetabilische und mineralische Gifte ver­ursachten Entzündungen des Magens und Darmeanales sollen später besprochen werden.
Die Behandlung dieser Krankheit ist nach Harms unnütz; auch ich erinnere mich nicht, irgendwelche besondere Erfolge erzielt zu haben. Deshalb ist es rathsain, in allen Fällen, in welchen der Fleischgenuss zulässig erscheint, derartige Patienten möglichst früh­zeitig zu schlachten. Soll indess eine Behandlung eingeleitet werden, so versuche man die Einfüllung grösserer Mengen Wassers (bis zu 3 Eimern bei Rindvieh) in den Pansen mittelst einer von der Hun­gergrube aus eingeführten Troicartröhre. Diese muss gut festgehalten werden, weil durch das Einströmen des Wassers Contractionen des Pansens hervorgerufen werden, in Folge deren die Troicarthtilse herausgepresst werden kann. Sobald das Wasser nicht mehr gut einströmt, oder wenn der Pansen ziemlich angefüllt erscheint, muss die Troicartröhre entfernt und die Hautwunde nöthigenfalls mit einem antiseptischen Mittel bestrichen werden. Man kann auch Injectionen von Pilocarpin oder von Physostigmin (Eserin), sowie ableitende Einreibungen in die Bauchwandungen oder leichte, mög­lichst schonende Reibungen (Massage) derselben versuchen.
12. Die Bauchfellentzündung, Peritonitis.
Aetiologie. Diese Krankheit kommt bei allen Hausthiergat-tungen vor; sie entsteht zuweilen primär, weit häufiger indess seeun-där. Im ersteren Falle ist sie die Folge von Erkältung, Erschüt­terung oder traumatischer Verletzung und anderer directer Reize; im zweiten Falle kommt sie durch Metastasen, am häufigsten aber durch Uebergreifen des Entzündungsprozesses von benachbarten Ge­weben auf das Bauchfell zu Stande.
Diagnose. Die Entzündung kann über einen umschriebenen, wenig ausgebreiteten, oder über einen grösseren Abschnitt, oder gar über alle Partien des Bauchfelles sich ausbreiten. Im ersten Falle spricht man von einer „circumsoriptenquot;, im zweiten Falle von einer „allge­meinenquot; Bauchfellentzündung. Nur wenig ausgebreitete Bauchfell­entzündungen kommen häufig vor, ohne dass dieselben klinisch diagnosticirt werden können. In den meisten Thierleichen findet man bei genauer Section der Bauchhöhle im Bereiche des Bauch­felles an dieser oder jener Stelle entzündliche Neubildungen und nicht selten Verwachsungen, oder andere Folgen des vorausgegan-
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45Gnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Bauchfellentzündung, acute und chronische.
genen Entzündungsprozesses in bald grösserem, bald geringerem Umfange. Nur dann, wenn ersteres der Fall ist, sind wir im Stande, am lebenden Thiere eine Bauchfellentzündung mit mehr oder wenigerquot; Bestimmtheit diagnosticiren zu können. Je nach dem Verlaufe, resp. der Dauer der Krankheit unterscheidet man eine „acutequot; und eine „chronischequot; Bauchfellentzündung.
a)nbsp; Die acute l'eritonilis beginnt gewöhnlich mit Fieber und Schmerzäusserung an einer zunächst umschriebenen Stelle, welche zuweilen durch Druck gegen die Bauchwand ermittelt werden kann; am ehesten und sichersten ist dies bei den kleineren Hausthieren möglich, bei welchen die Palpation des Bauches in vollkommenerer Weise ausgeführt werden kann, als bei Pferden und Rindvieh. Bei beiden letzteren Thiergattungen, namentlich aber bei Pferden, pfle­gen periodisch massige und remittirende Kolikerscheinungon mehrere Tage lang, ferner Auftreibung des Hinterleibes und Verstopfung, zuweilen Durchfall aufzutreten. Bei Thieren, welche sich erbrechen können, ist Brechneigung oder wirkliches Erbrechen vorhanden, xmd selbst bei Pferden kann bei einer vorhandenen Lähmung der Magen­muskulatur Aufstossen oder wirkliches Erbrechen, letzteres meist nur unter Zerreissung des Magens, eintreten. Die Fresslust ist ganz verschwunden, der Durst gesteigert. Nachdem der Entzün-dungsprozess sich weiter ausgebreitet hat, sind die Patienten gegen jeden Druck auf die Bauch Wandungen von aussen sehr empfindlich; jede Ortsbewegung ist denselben unbequem, was sie durch eine mög­lichst ruhige Haltung des Hinterleibes ebenfalls zu erkennen geben. Dadurch werden selbst die Aeusserungen der Kolikschmerzen in der Regel abgeschwächt. Der Puls ist sehr frequent, klein und gespannt, drahtfönnig; die Temperatur an der Körperperipherie ist ungleich­massig vertheilt und wechselnd. Das Blut verliert, namentlich bei Pferden, im Verlaufe sehr acuter Bauchfell- (und Darm-) Entzün­dungen auffallend schnell die Fälligkeit, Kohlensäure abgeben und Sauerstoff aufnehmen zu können, wodurch compensatorisch die Athemfrequenz bedeutend gesteigert wird. Gelingt es nicht, auf diese Weise das Saucrstoffbedürfniss des Organismus wenigstens nothdürftig zu decken, so tritt bei einer ausgebreiteten Hinterleibs­entzündung oft schon nach wenigen Stunden der Tod ein. Die Athemnoth wird erheblich gesteigert, wenn der Bauch bedeutend aufgetrieben, oder wenn gar das Zwerchfell an dem Entzündungs­prozesse mit betheiligt ist. Das Athmen erfolgt dann unter ausser-gewöhnlich starker Bewegung der Brustwandungen.
b)nbsp; Die chronische Banchfellentzilndnng ist entweder eine durch ungünstige Verhältnisse in die Länge gezogene, ursprünglich acute Peritonitis, oder sie trägt von Anfang an mehr den Charakter der chronischen Entzündungen überhaupt, indem sie, ohne charakteri­stische Erscheinungen zu bieten, allmählig sich entwickelt und fort­schreitet. In diesem Falle sind die Patienten traurig, matt und magern bei verminderter Fresslust immer mehr ab, bis sie schliess-
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Bauchfellentzündung, acute und chronische.
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lieh in Folge von Entkräf'tung zu Grunde gehen. Diese Form der Bauchfellentzündung ist relativ selten und wird zuweilen bei Schafen beobachtet. Häufiger ist die chronische Bauchfellentzündung, welche durch Verzögerung der Kesorptionsvorgänge in Folge ungünstiger Beschaffenheit des Exsudates oder durch Fortbestehen des die Peri­tonitis verursachenden Primärleidens unterhalten wird. Solche Fälle kommen hei den verschiedenen Hausthiergattungen vor. Zuweilen kommt es in Folge von eiteriger Schmelzung oder von Verjauchung zur Perforation des Darmes, häufiger findet man Verkäsung und Verkalkung eiteriger Exsudate, namentlich bei Schweinen, Hunden und Schafen.
Die meisten Fälle von ausgebreiteter Bauchfellentzündung enden tödtlich oder, bei chronischem Verlaufe, mit längerem Siechthum. Bei eintretender Genesung bleibt gewöhnlich eine Neigung zu Reci-diven zurück.
Die Prognose ist demgemäss im Allgemeinen sehr ungünstig.
Pathologische Anatomie. Hyperämie und Trübung der betref­fenden Abschnitte der Bauohhaut, ein seröses oder plastisches Ex­sudat in verschiedener Menge sind die wesentlichsten Befunde nach einer tödtlich abgelaufenen acuten Peritonitis. Eine ramiforme In­jection der Blutgefässo, sowie eine versebiedengradige, mehr oder weniger gleichförmige, oder fleckige, streifige Röthung und nicht selten kleine Blutextravasate an der Bauchhaut sind nach sehr acu-tem Verlaufe regelmässig vorhanden; am stärksten pflegt die Röthung an incarcerirten Eingeweideabschnitton, namentlich von solchen Darmpartien, entwickelt zu sein. Bei weniger aoutem Verlaufe einer Peritonitis tritt die Röthung allmählig mehr zurück, die Trübung des Bauchfelles hingegen deutlich hervor; letzteres ist leicht abziehbarer, aber weniger resistent als sonst. Seine freie Oberfläche ist in verschiedenem Masse mit geronnenem fibrinösen Exsudate belegt, wodurch Verklebungen mit der Nachbarschaft be­dingt werden. Gewöhnlich ist ein seröses Exsudat vorhanden, dessen Menge und Beschaffenheit variirt.
Nach chronischer Peritonitis findet man gewöhnlich Verwach­sung verschiedener Eingeweide mit einander, oder mit dem Parietal-blatte des Bauchfelles, Exsudatüberreste in verschiedener Beschafi'enheit und Menge, frei oder abgekapselt, und in Folge von Schwartenbil­dung in der Serosa der Leber, Milz oder anderer Bauchorgane eine Atrophie des Parenohyms der betreffenden Organe u. s. w. Wo die Bauchfellentzündung ein secundilres Leiden war, findet man an der Leiche gewöhnlich auch noch Befunde, welche dem Primärleiden angehören. In allen Fällen aber findet man nach einer tödtlich abgelaufenen allgemeinen Bauchfellentzündung die von der entzün­deten Serosa überzogenen Dann abschnitte in ihren beiden anderen Häuten mehr oder weniger krankhaft verändert; dasselbe gilt auch für die Oberfläche anderer, von einem entzündeten Abschnitte der Bauchhaut überzogener Organe; diese benachbarten Gewebe sind
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. 458nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Bauchwassersucht.
serös infiltrirt, weicher und brüchiger als sonst; die Darmschleim-haut zeigt die Erscheinungen eines Katarrhs oder, wenn sie primür erkrankt war, deinentsprechende Befunde.
Die Therapie hat so weit als irgend möglich /unäohst die Ur­sachen der Peritonitis zu beseitigen, nach deren Entfernung eine • weitere arzneiliche Behandlung manchmal ganz entbehrt werden kann. So z. 13. ist bei einer durch Incarceration eines Darm­bruches entstandenen Peritonitis ohne Beseitigung der Einklemmung an Heilung nie zu denken; wo eine Päcalstase anderer Art Ur­sache einer vorhandenen Bauchfellentzündung ist, muss in geeigneter Weise für Wiederherstellung einer freien Passage im Darmcanale gesorgt werden u. s. w. Sodann ist ein möglichst ruhiges Verhalten der Patienten, sowie eine Ableitung auf die äussero Haut entweder durch Einreiben eines geeigneten Reizmittels oder durch Priess-nitz'sche Einhüllungen des Bauches anzustreben. Bei Unruhe der Patienten mache man eine subcutane Morphiuminjection. Sind die entzündlichen Erscheinungen beseitigt, während ein grösseres Ex­sudat vorhanden ist, dessen Resorption nicht in befriedigender Weise fortschreitet, so gebe man innerlich harntreibende Mittel und mache äusserlioh die Resorption anregende Einreibungen in die Bauch­wandungen; zu letzterem Zwecke eignet sich für die thierärztliche Praxis besonders die Terpentinseife mit Zusatz von so viel Spiritus, dass die Einreibung eine dickflüssige Consistenz erhält. Man nehme auf 4 Theile Seife ü Theile Terpentinöl und ebensoviel Spiritus, die recht sorgfaltig mit einander verrieben werden müssen. Nur bei Stubenthieren von Werth kann man statt derselben die graue Salbe, oder die Jodtinotur appliciren. Die Diät muss eine dem Kräfte-zustande des Patienten angemessene sein. Bei Hunden können auch warme Pottaschenbäder mit der nöthigen Vorsicht angewendet wer-
I den. Zuweilen ist die Punction von sehr gutem Erfolge, indem nach Entleerung des Exsudates bald völlige Heilung eintritt.
13. Bauchwassersucht, Ascites.
Aetiologie. Als Bauchwassersucht bezeichnet man die Ansamm­lung einer serumähnlichen Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Dieselbe ist nie eine für sich allein bestehende Krankheit, sondern hängt immer von einem anderen Leiden ab, wodurch Ciroulationsstörungen in den Blut- und Lyinphgefässen bedingt werden. Namentlich sind chronische Krankheiten des Herzens und der Lungen, der Leber, der Gekrösdriisen, der Milz und der Nieren, sowie eine wässerige Beschaffenheit des Blutes Ursache der Bauchwassersucht, und nur selten bleibt diese nach einer Bauchfellentzündung zurück. Bei Pferden scheint diese Krankheit gar nicht, oder doch nur sehr selten vorzukommen, während dieselbe bei Hunden, sowie auch bei Wieder­käuern manchmal vorkommt. Bei Schafen ist dieselbe als Folge der Leberegelseuche und anderer kachektischer Zustände sogar ziem-
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Bauchwassersucht.
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lieh hilufig und bei Hunden als Complication bösartiger Geschwülste im Bereiche der Bauchhaut öfter beobachtet worden.
Diagnose. Die Bauchwassersucht ist erst dann zu erkennen, wenn in Folge der Wasseransammlung eine wahrnehmbare ümfangs-vermohrung des Bauches vorhanden ist, wobei dieser vorzugsweise in seiner unteren Partie breiter wird. Bei einem stossweison Drucke mit der Hand gegen die unteren Abschnitte der Bauchwandungen lässt sich, besonders bei kleineren Hausthieren, ein mehr oder weni­ger deutliches Schwappen von Flüssigkeit wahrnehmen. Bei grossen Hausthieren lässt sich eine bedeutendere Wasseransammlung in der Bauchhöhle auch vom Mastdarm aus und bei weiblichen Thieren auch von der Mutturscheide aus durch Palpation feststellen. Wird diese Untersuchung am liegenden Thiere vorgenommen, so liefert dieselbe ein möglichst sicheres Ergobniss. Eine Verwechslung mit dem Schwappen des Fruchtwassers bei trächtigen Thieren wird dem Sachverstandigen bei einiger Sorgfalt kaum passiron können. In der Regel ist die Harnabsonderung und die Fresslust vermindert, sowie die Verdauung und Respiration gestört. Die Patienten zeigen sich schlaff und hinfallig, das Haar, resp. die Wolle ist glanzlos, die Haut trocken. Schliesslich pflegen sich ödematöse Anschwel­lungen an tief gelegenen Stellen verschiedener Körpertheile, nament­lich der Gliedmaassen, einzustellen und unter fortschreitender Ab­magerung der Patienten schliesslich Kachexio und Tod einzutreten. Nur in den seltenen Fällen, wo das Cirundleidon der Bauchwasser­sucht heilbar ist, kann radicale Heilung erzielt werden.
Die Prognose ist demnach im Allgemeinen sehr ungünstig.
Pathologische Anatomie. Die Cadaver der an Bauchwasser­sucht gestorbenen Thiere sind in der Regel sehr mager und blut­arm ; das Blut hat eine wässerige Besehaffenheit.
In der Bauchhöhle findet man entweder eine klare, oder eine trübe gelbliche oder grünliche Flüssigkeit in verschiedener Menge. Je grosser diese ist, um so stärker erscheint das Zwerchfell nach der Brusthöhle zu vorgewölbt und um so mehr ist diese verkleinert. Das Bauchfell ist gewöhnlich nicht auffallend verändert, allenfalls serös inflltrirt. Zuweilen jedoch findet man die Erscheinungen einer chronischen Bauchfellentzündung, oder Residuen einer solchen, Z. B. Verdickung und Schwartenbildung an dem einen oder anderen Abschnitte der Bauchhaut oder der Glisson'schen Leberkapsel. Ist diese indurirt oder retrahirt, so werden Pfortader und Gallengang coinprimirt, wodurch oinesthoils der Pfortaderkreislauf, andererseits die Entleerung der Galle gestaut wird. Die in der Bauchhöhle ge­lagerten Eingeweide erscheinen an ihrer Oberfläche bleich, wie ausgewaschen; die Gedärme sind häufig verengert. Zuweilen findet man Goschwülste in der Bauchhöhle, namentlich Leberkrebs; auch Cirrhose und andere Erkrankungen der Leber werden manchmal angetroffen. Ausserhalb des Bauchfellsackes gelegene Organe kom­men hier insofern in Betracht, als gewisse Erkrankungen derselben
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460nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Bauchwassersucht.
der Bauchwassersucht zu Grunde liegen können. Unter diesen nenne ich /.. B. die Krankheiten der Nieren, in Folge deren die Ausschei­dung des Urins längere Zeit liindureli behindert wurde; sodunn Klappenfehler und Verengerung der Ostien des Herzens, chronische Krankheiten der Lungen, durch welche die Blutcircuhition chronisch gestört wurde.
Die Behandlung der Bauchwassersucht ist meist von keinem dauernden Erfolge gekrönt. Hochgradige Beschwerden können na­mentlich durch die l'unction für kurze Zeit und nur ausnahmsweise dauernd beseitigt werden. Eine Heilung dieser Krankheit ist nur dann möglich, wenn deren Ursachen entfernt und fern gehalten werden können. Dies ist aber sehr selten der Fall; ja wir sind oft nicht einmal im Stande, am lebenden Thiere das der Bauch­wassersucht zu Grunde liegende Leiden zu diagnosticiren. Deshalb werden an dieser Krankheit leidende Schlachtthiere am besten mög­lichst bald getödtet, um das Fleisch derselben allenfalls noch ver-werthen zu können. Eine rationelle Behandlung ist nur dann durch­zuführen , wenn das Grundleiden festgestellt und mit Aussicht auf Erfolg angegriffen werden kann. Ist beides nicht der Fall, so fehlt der Therapie jede einigennasscn zuverlässige Indication und Direc­tive. Es sind zwar für solche Fälle harntreibende und roborirende Mittel vielfach empfohlen worden, im Ganzen aber ist deren An­wendung wenig lohnerid, da selbst die palliativen Erfolge meist geringe und wenig andauernde sind. Es ist deshalb auch hier am rathsamsten, auf die von Zeit zu Zeit wiederholte Function der Bauchhöhle sich zu beschränken und höchstens bei besonders werth-geschätzten Hunden auf ausdrücklichen Wunsch des von der Sach­lage vorher genau unterrichteten Besitzers eine arzneiliche Behand­lung anzuordnen.
III. Die Krankheiten der zu den Yerdaunngsorganen der Bauchhöhle in näherer Beziehung stehenden Drüsen.
Hierhin gehören die Enkrankungen der Leber und Bauchspeichel­drüse. Im Anschluss an dieselben sollen aber auch die Erkrankun­gen der Gekrösdrüsen und der Milz besprochen werden, obgleich diese zu den lymphoiden Organen gehören, die bekanntlich nicht zu den echten Drüsen gezählt werden. Die Gekrösdrüsen stehen zu den Krankheiten der Verdauungsorgane aus sehr erklärlichen Grün­den in innigster Beziehung. Namentlich sind es acute Schwellungen oder chronische Vergrösserungen der Gekrösdrüsen, Verkäsung und Knötchenbildung in denselben, welche öfter angetroffen werden. In exquisiter Weise ist dies bei Darmtuberculose, resp. bei der abdomi­nalen Perlsucht des Rindviehs und bei der Darrsucht des Pferdes
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Leberkrankheiten.
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(resp. der Füllen) der Fall. Nur die zuletzt erwähnte Krankheit soll hier mit besprochen werden, da die übrigen bei der Tubercu-lose u. a. alt; 0. bereits ihre Erledumnff gefunden baben.
1. Die Krankheiten der Leber.
Frerichs betont in seiner „Klinik der Leberkrankbeitenquot; (Braun­schweig 1858) auf Seite X der Vorrede die Schwierigkeiten, welche die Pathologie der Leber umschliesst, indem er unter anderem fol­gendes sagt: „Ein grosser Theil der die Leber betreffenden Anoma­lien veranlasst keine auffallenden Störungen der offen zu Tage lie­genden Vorgänge, sondern Abweichungen in der vegetativen Sphäre, welche erst, wenn sie eine gewisse Höhe erreichen, deutlicher sich kundgeben. Man erwarte daher nicht überall scharf gezeichnete Kranlcheitssymptome, wie sie bei Aifectionen des Herzens, der Lunge, des Hirns etc. vorzukommen pflegen.quot;
Diese Worte des gefeierten Klinikers gelten nicht nur für die Menschenheilkunde, sondern auch — und zwar in weit grösserem Umfange — für die Thierheilkunde. Beim Menschen ist jede etwas erhebliche topographische Abweichung der Leber durch die physi­kalische Untersuchung (Palpation und Percussion) von den äusseren Bauchwandungen her festzustellen, während solche bei grossen Haus-thieren (Pferd und Rind), selbst bei bedeutenden Anomalien, gar nicht und bei kleineren Hausthieren nur ungefähr ermittelt werden können. Hierzu kommt noch, dass der leberkranke Mensch seine subjeetiven Empfindungen dem Arzte mitzutheilen im Stande ist'; während Thiere dies nicht vermögen. Bei diesen treten etwa em­pfundene Leberschinerzen unter den gewöhnlichen Erscheinungen von Kolik auf und können somit nicht von Schmerzen an anderen Hinterleibsorganen unterschieden werden. Diese unbesiegbaren dia­gnostischen Hindernisse sind um so mehr zu beklagen, als gerade die Leber zu vielen wichtigen Körperorganen in bedeutungsvollem Wechselverkehr und mit mehreren wichtigen Nachbarorganen über­dies in räumlicher Verbindung steht. Dadurch werden fragliche Organe bei Erkrankungen der Leber in verschiedenen Graden in Mitleidenschaft gezogen, und umgekehrt wirken Erkrankungen dieser Organe auf die Leberfunctionen störend ein. Der histologische Bau dieser ganz eigenthürnlich zusammengesetzten Drüse bietet eine wei­tere Prädisposition zu Erkrankungen. Aussei- dem ganz besonderen Aufbau des Leberparenchyms ist namentlich die mächtige Entwick­lung, sowie die Eigenartigkeit des Gefässapparates der Leber von grosser Bedeutung. In den Beziehungen des Pfortaderkreislaufes zur Blutcirculation der Bauch- und Brustorgane liegt der Haupt­grund, warum zwischen der Leber und fraglichen wichtigen Körper­organen (Herz, Lungen, Verdauungscanal, Nieren etc.) so mannig­fache Wechselbeziehungen sich geltend machen; namentlich sind es primäre und seeundäre Oirculationsstörungen, welche im Stromgebiete
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462nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Gelbsucht (Icterus).
der Leber (Pfortader) so häufig zu Stande kommen. Die Functions-Störungen der Leber wirken aber nicht nur auf die bezüglichen consensuellen Organe, und ebenso wirken Punctionsstörungen dieser nicht nur auf jene, sondern es wird auch die Beschaffenheit des Blutes durch Anomalien in der Leberfunction alterirt, und ebenso wirkt umgekehrt eine Alteration des Blutes störend auf die Function der Leber.
Demnach kann es uns nicht wundern, dass wir bei Sectionen so häufig Leberkrankheiten vorfinden; zu bedauern ist es aber, dass wir so selten im iStande sind, dieselben während des Lebens bei unseren Hatisthieren erkennen zu können. Zwar werden von manchen Thierärzten nicht selten Leberleiden diagnosticirt, oft wo solche nicht vorhanden sind, und ebenso oft, oder noch öfter werden sie nicht einmal vermuthet, viel weniger erkannt, wo sie bestehen und erst durch die Section entdeckt werden. Deshalb werden die Leberkrank­heiten hier nur kurz und zwar nur so weit besprochen werden, als dies im Eahmen eines für die klinischen Zwecke geschriebenen Com-pendiums zweckmftssig und zulässig erscheint.
Specifische Krankheitserscbeinungen, aus denen man während des Lebens der Thiere auf die Gegenwart eines Leberleidens mit Sicherheit schliessen könnte, sind bei kleinen Hausthieren nur aus­nahmsweise, bei grossen kaum jemals vorhanden. In früheren Zeiten (und zum Theil geschieht dies auch jetzt noch) wurde vielfach die Gelbfärbung der sichtbaren Schleimhäute und der nicht pigmentirten äusseren Haut als ein Symptom für Leberleiden angesprochen. Die Erfahrung hat indess gelehrt, dass diese Erscheinung bald in einer Erkrankung der Leber bald aber des Blutes ihren Grund haben kann. Demnach unterscheidet man eine hepatogene und eine häma-togene Gelbsucht. Nur die erstere kommt hier in Betracht.
a) Gelbsucht, Icterus.
Diagnose. Unter den Begriif der hepatogenen Gelbsucht fallen alle Zustände, welche eine Resorption der bereits abgesonderten Galle bedingten. Die nächste Ursache ist in einer Behinderung des Abflusses der Galle in den Darm gegeben. Die Stauung ist aber bedingt entweder durch eine Verengerung des Lumens der Gallen­gänge in Folge (katarrhalischer) Schwellung der Wandung dieser, resp. deren Endabschnitte, oder, was seltener vorkommt, durch eine Schwellung der Leber selbst, durch die Anwesenheit von Gallen­steinen, Parasiten u. dergl. Die primären Ursachen der Gelbsucht sind verschieden, oft aber nicht nachweisbar; besonders sind Schäd­lichkeiten, welche Darmkatarrhe erzeugen und unterhalten, geeignet, seeundär Gelbsucht zu verursachen. Hierhin gehören namentlich verdorbene oder sonst ungeeignete Nahrungsmittel, und zwar Putter und Getränk, Erkältungen u. dergl.
Aussei- der Gelbfärbung fraglicher Häute findet man bei an Gelbsucht leidenden Thieren nicht selten eine gelbliche oder bräunliche
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Hyperämie und Entzündung der Leber.
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Färbung des Urins, Störungen im Verdauungsgesuhäfto, nament­lich verminderte oder wechselnde Fress- und Sauflust, träges oder unterdrücktes Wiederkäuen, meist verzögerten Absatz eines blass gefärbten, in der Regel lockeren, schleimigen, säuerlich oder faulig riechenden Kothes; Durchfall, oder Abgang fest geballten, mit einer Schleimhülle umzogenen Kothes sind selten. Bei längerem Fort­bestand der Gelbsucht pflegen Abmagerung und Verfall der Lebens­energie sich einzustellen, das Haar wird struppig und glanzlos, der Puls weich, nicht selten aussetzend. Bei Pferden stellen sich öfter, bei anderen Thierarten selten dummkollerähnliche Erscheinungen ein. Häufiger aber ist dies bei acutem fieberhaften Magen-Darmkatarrh mit biliösem Charakter (siehe diesen, resp. Gallcnfieber) der Fall. Von demselben unterscheidet sich die eigentliche Gelbsucht aber auch durch ihren Verlauf, der stets ein chronischer ist und sich über mehrere Wochen oder Monate erstreckt.
Die Prognose bei Gelbsucht ist unsicher, da wir gewöhnlich nicht im Stande sind, zu erkennen, ob ihre Ursachen entfernbar sind oder nicht. Widersteht dieselbe einer geeigneten Therapie hart­näckig, stellt sich Abmagerung ein, bei Wiederkäuern mit Bildung von Oedemen in der Körperperipherie, so ist ein tödtlicher Ausgang bald zu erwarten. Tritt andauernde Besserung bald nach einer geeigneten Behandlung ein, so ist die Prognose namentlich dann günstig, wenn die Ursachen bekannt sind und dauernd fern gehalten werden können. Ist dies nicht der Fall, so sind Rückfälle mit un­günstigem Ausgange zu befürchten.
Die Behandlung ist in der Regel darauf beschränkt, die Be­seitigung des vorhandenen Verdauungsleidens anzustreben, und ist somit eine rein symptomatische. , Die Prophylaxis hat die Aufgabe, die erkannten oder vermutheten Schädlichkeiten fern zu halten.
ib) HyperUmie lind Entziindniig: der Leber.
Beide Zustände können an lebenden Thieren nicht unterschieden werden.
Zunächst sei hier bemerkt, dass die Entzündung entweder das Parenchym oder das interstitielle Bindegewebe der Leber vorzugs­weise betrifft und dass man demgemäss eine interstitielle und eine parenehymatöse Leberentzündung unterscheidet. Wir sehen hier zunächst ab von derjenigen parenehymatösen Leberentzündung, welche in Folge der Aufnahme gewisser Futtermittel entstehen kann und in neuerer Zeit bei Schafen häufig als Heerdekrankheit grosse Verluste angerichtet hat. Diese sogenannte „Lupinosequot; wird später Gegen­stand einer besonderen Betrachtung sein. Im Uebrigen kommen Hyperämie und Entzündung der Leber als selbstständige Krankheits-zustände wahrscheinlich blos bei Pferden, aber auch bei diesen nur selten vor; dagegen treten sie im Gefolge anderer Krankheiten bei sämmtlichen Thierspecies munchmal auf. Am häufigsten werden gut
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Hyperämie und Kntzündung der Leber.
genährte Tliiore bei schwüler Witterung, namentlich bei schroffem Temperatnrweohsel von fraglichen Zuständen befallen. Stark er­hitzende, krtlftig nährende Futtermittel werden als mitwirkende Ursachen angegeben.
Diagnose. Die Krankheitserscheinungen sind so wenig charak­teristische, dass eine sichere Diagnose intra vitam kaum möglich ist. Im Allgemeinen sind es [die Erscheinungen eines sogenannten biliösen Darmkatarrhs mit massigem Fieber, welche im Gefolge von Hyperämie und Ent/.ündung der Leber auftreten. Eine grössere Empfindlichkeit oder Schmer/.haftigkeit bei Druck auf die Leber­gegend, sowie das Vermeiden des Niederlegens auf die rechte Körper­seite , welche von verschiedenen Autoren als Symptom fraglicher Leberleiden angegeben werden, sind besonders bei grossen Haus-thieren sehr unzuverlässige diagnostische Zeichen. Oft werden sie vermisst, wo Hyperämie oder Entzündung der Leber vorhanden sind, während sie nicht selten bei solchen Patienten, welche frei von Leberleiden sind, vorhanden zu sein scheinen. Bei kleinen Haus-thieren, wo die Leber im rechten Hypochondrium einigermassen pal-pabel ist, mögen manuelle Untersuchungen fraglicher Körperregion einen etwas grösseren Werth haben.
Der
Verlauf der
Leberentzündung ist entweder ein acuter ersteren Falle geht dieselbe meist inner-
oder ein chronischer; im
halb 8 bis 14 Tagen in Genesung über, während sie im letzteren Falle meist mit anderen chronischen Leiden, namentlich mit Herzkrank­heiten verbunden, oder von sonstigen nicht zu beseitigenden Ur­sachen (Parasiten, Neubildungen u. s. w.) abhängig ist und erst nach monate- oder jahrelangem Verlaufe tödtlich endet.
Die Prognose ist somit so lange zweifelhaft, bis die Differential-diagnose zwischen acuter und chronischer Leberentzündung sicher gestellt ist; im ersteren Falle lautet sie günstig, im letzteren Falle ungünstig.
Die Behandlung ist auch bei dieser Krankheit wesentlich eine symptomatische und richtet sich vorzugsweise nach der Beschaffen­heit der vorhandenen Verdauungsstörungen.
Da einfache acute Entzündungen der Leber keine Todesfälle zur Folge haben, so herziehen sich die Sectionsbefunde nur auf chro­nische Leberentzündung. Bei der Section von Tliieren, welche an letzterer gelitten haben, findet man die Leber entweder vergrössert oder geschrumpft. Die Vergrösserung beruht auf einer Wucherung des interstitiellen Bindegewebes, mit dessen späterer Ketraction die Schrumpfung des Organes gleichen Schritt hält. Diese Krankheit, welche auch „Lebercirrhosequot; genannt wird, kommt am häufigsten bei Hunden und Pferden vor und ist in manchen, besonders in sumpfigen Gegenden stationär. Bei Hunden gesellt sich ihr im späteren Verlaufe regelmässig Bauchwassersucht, indem wegen Hem­mung des Pfortadorkreislaufes Stauung in den Venen des Bauch-
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EntzUndunfl und Abscesse dor Lebor.
Mies otc. eintritt. Da das Leberparenohym durch neugebildetes Bindegewebe nach und nach verdrängt worden ist, so neigt sich die cirrhotischo Leber nach fortgeschrittener Schrumpfung ihres Binde­gewebes verkleinert, aber derb und relativ schwer. Die Serosa einer solchen Leber ist in der Regel getrübt und verdickt, besitzt eine feinhöckerige Oberfläche und meist verdünnte Ränder. Das Organ ist schwer zerreisslich, zuweilen knorpelhart und rcsistent gegen das Messer. Auf der Schnittfläche zeigt dasselbe ein grauröthliohes, aus Bindegewebe bestehendes dichtes Netzwerk, in dessen Maschen röth-liche oder gelbliche, körnige Reste des Leberparenchyms liegen.
c) Porihepatitis und partielle intorstitielle Lcberentüiindnn^.
Eine Entzündung des Bauchfelliibnrzuges der Leber kommt bei Bauchfellentzündung (Peritonitis) nicht selten vor. Eine partielle, resp. ciroumscripte Porihepatitis wird durch localisirto Entzündungs­prozesse des Leborgewebes im Bereiche seiner Peripherie öfter ver­ursacht; thierische Parasiten und andere zum Theil unbekannte Dinge können die Veranlassung hierzu geben. In Folge einer mul­tiplen partiellen Porihepatitis, verbunden mit multipler partieller intorstitieller Hepatitis, kann es zur Neubildung von Bindegewebe kommen, durch dessen spätere Retraction die Leberoberfläcbe grubig oder furchig eingezogen wird und dadurch in verscliiedeneni Maasse höckerig oder gelappt erscheint. Eine derartig „gelappte Leber' wurde zuweilen bei der Section an Hunden angetroffen. — Trübungen und circumseripto Verdickungen des serösen Leberüberzuges, zottige Bindegewebswuchorungon an seiner Oberfläche, Einschnürungen, resp. Narbencontractionen u. dergl. werden im Bereiche der Leber bei Soctionen der verschiedensten Hausthiero öfter vorgefunden , ohne dass sie während des Lebens der betreffenden Thiere Gesundheits­störungen verursachten, aus welchen man auf ihre Existenz hätte schliossen können.
d) Leber-Abscesse und -l'isteln.
Aussei- den auf motastatischoin Wege entstandenen, oder durch Echinokokken verursachten Eiterungen scheinen Leberabscesse äus-serst selten oder gar nicht vorzukommen. Dagegen ist in vereinzelten Fällen beim Rinde und Schweine Sand in grössercr Menge in der Leber angetroffen worden. Bei einer Kuh fand Angenheister (Mag. f. d. gos. Thierheilk., Berlin 185laquo;), S. 470) in der äusseren Bauchwand einen etwa l/s Zoll weiten Fistelcanal, der von der vor­deren Fläche des rechten Leberlappens ausging. In der Leber selbst hatte der Canal einen Durchmesser von etwa 1 '/j Zoll und war ganz mit Sand angefüllt. Dieser Canal erstreckte sich bis zum äussersten Rande dos linken Leberlappons. Stellenweise fanden sich in seinem Verlaufe sackartige Erweiterungen, die zum Theil bis zu 1 Quart Sand enthielten. Im Ganzen betrug die in der Leber vor-
Püt/,, Cumpondium ilor Thiorhoilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;3Q
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Leberblutung.
handene Sandmasse gegen 8 Quart. Der Lebergallengang hatte an seiner Mündung einen Durchmesser von ca. 1 Zoll. Im Verdauungs­rohre, sowie in der Gallenblase fand sich kein Sand. Das Canal-system in der Leber scheint zum grössten Theile oder durchweg aus erweiterten Gallengüngen bestanden zu haben und das Leber-parenchym nicht auffallend verändert gewesen zu sein.
e) Leberblutnng.
Aetiologie und pathologische Anatomie. Zerreissung der Blut-gefässe der Leber kommt bei Hausthieren im Ganzen nicht häufig vor. In der Regel ist sie die Folge pathologischer Veränderungen des Leberparenchyms, namentlich fettiger und arnyloider Degeneration. Bei fetten Thieren ist Pettleber nicht selten; diese wird aber auch bei anderen Gelegenheiten, so z. B. nach Phosphorvergifungen etc., angetroffen. Eine Zerreissung von Lebergefässen und Blutung aus letzteren kann spontan eintreten, oder in Folge mechanischer Insulte, welche eine heftige Erschütterung der Leber verursachen, z. B. Niederstürzen der betreffenden Thiere, kräftige Stösse gegen die Brust und Bauohwände u. dergl. Bei in gutem Nährzustande sich befindenden Lämmerheerden kommen Blutüberfüllungen der Hinter­leibsorgane nicht selten vor, und werden in solchen Leberblutungen manchmal in grösserer Häufigkeit beobachtet. Manchmal wird man durch den Befund einer Leberblutung insofern überrascht, als an dem betreffenden Thiere dieselbe während des Lebens nicht ver-muthet, resp. nicht diagnosticirt wurde.
Diagnose. Kleine parenchymatöse Blutungen dieses Organs bieten keine äusserlich wahrnehmbaren Erscheinungen, während Zer­reissung zahlreicher kleiner oder einzelner grösserer Lebergefässe gewöhnlich den Tod bedingen. Eine Verblutung aus der Leber (oder aus einem anderen Hinterleibsorgane) ist mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, wenn ohne Fieber und anderweitige Krankheitserschei-nungen die Kräfte eines Thieres schnell abnehmen, der Puls stetig schwächer und die sichtbaren Schleimhäute stetig blasser werden, bis Ohnmachtanfälle und endlich der Tod sich einstellen. Es können aber auch die Erscheinungen eines fieberhaften Leberleidens und einer Bauchfellentzündung die Leberblutung begleiten; letztere ent­wickelt sich nämlich dann, wenn die Blutung nicht so ergiebig ist, dass sie bald den Tod herbeiführt, wenn aber der seröse Lebor-überzug zerreisst und das in die Bauchhöhle sich ergiessende Blut als Entzündungserreger wirkt.
Prognose, Behandlung und Vorbeuge. Die Vorhersage ist unsicher oder ungünstig, da von einer erfolgreichen Therapie keine Rede sein kann; überdiess werden die veranlassenden Ursachen aus wirthschaf'tlichen Rücksichten meist nicht fern gehalten werden können, so dass auch die Prophylaxis kaum etwas zu leisten vermag.
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Verschiedene pathologische Zustände der Leber.
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f) Neubildnngeii, Gestalt- und La^everänderungen im Bereiche der Leber. Degeneration derseiben.
Derartige Zustünde sind am lebenden Thiere nie, oder doch nur ganz ausnahmsweise mit Sicherheit zu diagnosticiren und des­halb für den Veterinär in klinischer Beziehung um so mehr von untergeordneter Bedeutung, als eine arzneiliche oder operative Be­handlung ohnehin kaum etwas zu leisten vermag. Die anatomische Diagnose fraglicher Zustände bietet an der Leiche keine besonderen Schwierigkeiten. Die wichtigsten der bis dahin beobachteten der­artigen Zustände sind folgende:
1)nbsp; nbsp;Leberkrebs. Derselbe kommt am häufigsten bei Hunden und zwar seeundär bei Brust- und Lymphdrüsenkrebs vor; er er­scheint gewöhnlich als sogenannter B Markschwammquot;. Die Leber ist von mehr oder weniger zahlreichen erbsen- bis haselnussgrossen, weichen, weissröthlichen, meist über die Oberfläche hervorwuchern­den Krebsknoten durchsetzt. In den wenig zahlreichen Fällen von Leberkrebs, welche bei Pferden beobachtet und mitgetheilt worden sind, wurden so bedeutende Wucherungen der Geschwulstmassen vorgefunden, dass die betreffende Leber ein Gewicht bis zu 50 Pfund erreicht hatte.
2)nbsp; nbsp;Sarcoine in der Leber sind bei unseren Hausthieren sehr selten angetroffen und beschrieben worden.
Diese, sowie Krebse der Leber verursachen schliesslich eine Bauchfellentzündung, welche bald ein tödtliches Ende herbeiführt.
3)nbsp; Tuberkel kommen in der Leber bei tuberculösen Thioren zuweilen vor.
4)nbsp; nbsp;Verschiedene Parasiten, z. B. Echinokokken, Cysticercus pisi-formis, C. tenuicollis, Leberegel, Psorospermien, Pentastomum denti-culatum, schmarotzen in der Leber oder an deren seröser Kapsel. Das Nähere hierüber findet man bei den betreffenden Invasionskrank­heiten angegeben.
5)nbsp; Cysten mit serösem oder galligem Inhalte können in der Leber durch Ausbuchtung der Gallengänge entstehen; bei Wieder­käuern sind solche zuweilen angetroffen worden. Sind dieselben in grösserer Menge vorhanden, so bedingen sie Schwund des Leber-parenehyms in erheblichem Masse.
Durch alle etwas erheblichen Pormveränderungen der Leber wird auch eine Veränderung ihrer Lage bedingt. Entsteht dadurch ein abnormer Druck auf benachbarte Organe, so können diese in ihrer Function in verschiedenem Grade beeinträchtigt werden. Es ist jedoch in der Pegel nicht möglich, aus den dadurch bedingten Symptomen am lebenden Thiere deren Ursache zu bestimmen. — Eine Veränderung der normalen Lage der Leber kann auch durch Verdrängung des Zwerchfelles, durch pathologische Zustände in der Brusthöhle, durch Zwerchfellrisse, durch Volumszunahme benach­barten- Bauchorgane u, dergl. verursacht worden. Aber alle der­artigen Zustände werden in der Pegel erst bei der Section und zwar
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Gallonsteine.
L
meist ungeahnt angetroffen und haben somit mehr ein wissenschaft­liches als praotisches Interesse, insofern wir an dieser Stelle von ihrer etwaigen forensischen Bedeutung absehen.
g) Gnllenstoine, Cholelithiasis.
In den G allengilngen der Leber, sowie im Duetus hepaticus und in der Gallenblase kommen bei unseren Hausthieren üoncretionen vor, deren Grüsse, Gonsisten/, und Form verschieden ist; ihre Farbe ist mannigfach nüancirt, stets mehr oder weniger auffallend grün­lich, bald mehr blass, bald mehr dniikolbräunlich oder gelblich. Auch ihre chemische Zusammensetzung variirt.
Während man in den feineren Gallengängen nur sogenaniiten nGallengriesquot; findet, kommen in den grösseren Gallengängen der Leber, namentlich aber im Duetus hepaticus und in der Gallenblase, Gallensteine von beträchtlicherem Umfange vor. Oft liegen mehrere solche Conoretionen beisammen; durch gegenseitiges Abschleifen erhalten sie dann meist facettirte Flächen. Beim Pferde wurden im Duetus hepaticus Gallensteine gefunden, welche die Grosse eines dicken Apfels erreicht hatten. Die Form dieser grossen Gallensteine des Pferdes ist meist uuregelmässig rund, ihre Oberfläche rauh, selten glatt und fast immer rissig; zuweilen dringen Spalten tief in's Innere, oder es finden sich an einzelnen Stellen Höhlen, in welchen Fett in Verbindung mit Alkalien und Erden angehäuft sind. Auf Durchschnitten zeigen diese Concretionen Schichtenlagerungen von verschiedener Stärke und Färbung.
Die Gallensteine des Rindes sind gewöhnlich durch einen Ge­ruch nach Moschus ausgezeichnet; ihre Farbe ist entweder dunkel­grün, gelblichgrün oder schmutzigweiss. Die weissen Gallensteine des Kindes sind meistens hohl und haben ganz die Gestalt der Gallengänge, die sie auskleiden. Die Festigkeit dieser Steine ist wegen des geringen Durchmessers ihrer Wände nicht bedeutend. Sie erreichen weder eine bedeutende Grosse, noch ein namhaftes Gewicht und kommen sehr selten vor; sie riechen nur sehr schwach nach Moschus. Die dunkel- und gelhlichgriinen Gallensteine des Rindes haben je nach ihrem Sitze eine verschiedene Form und Grosse. In der Gallenblase nehmen sie bei grössorem Umfang deren Gestalt an, während die in den Gallengängen vorkommenden sehr verschie­dene Formen zeigen; zuweilen bilden dieselben röhrenförmige Körper. Ihre Festigkeit ist ebenfalls verschieden, so dass einzelne sehr hart, andere sehr bröckelig sind. In der Gallenblase des Rindes findet sich in selteneren Fällen ein Sediment von breiiger Beschaffenheit, welches aus Schleim, Farbstoffen und etwas Fett besteht; im ge­trockneten Zustande verhält es sich ähnlich wie Gallensteine.
Auch bei Schweinen und Fleischfressern sind Galleusteine ge­funden worden; ob auch bei Schafen, ist mir nicht bekannt.
Obgleich diese Concretionen Erweiterung der Galleugänge und Gallonblase, sowie Verdickung deren Wandungen und Behinderung
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Fettleber. Wachs- oder Speckleber.
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des Abflusses der Galle, somit mehr oder weniger erhebliche Gesund­heitsstörungen verursachen können, so sind letztere doch nicht durch so bestimmte Symptome charakterisirt, dass aus denselben auf die Gegenwart von Gallensteinen während des Lebens der betreffenden Thiere geschlossen werden kann.
h) Fettleber, resp. Fettlnflltratlon der Leber.
Dieser Zustand besteht darin, dass die Leber/eilen aus dem Blute eine mehr oder weniger betrilchtliche Menge Fett aufnehmen und zurückhalten, so dass unter Umständen die Zellmembran von einem Fetttröpfchen ganz erfüllt sein kann. Immer aber bleibt die Membran erhalten, so dass die Gallensecretion fortbesteht und nach Re­sorption des Fettes eine Restitution der betreffenden Leberzellen erfolgt. Dadurch unterscheidet sich die Fettleber wesentlich von der fetligen Degeneration, d. i. von demjenigen pathologischen Zustande der Leber, bei welchem nicht nur der Leberzelleninhalt, sondern sohliess-lich auch die Zellmembran fettig degenerirt, so dass die betreffenden Leberzellen dabei zu Grunde gehen. Es kann in diesem Falle zum Zusammenfliessen mehrerer zerfallenen resp. fettig degenerirten Leber-zellen, somit zur Bildung „fettiger Abscessequot; in der erkrankten Leber kommen.
Die Bildung der Fettleber, oder mit anderen Worten gesagt, die Fettinfiltration der Leberzellen geht stets von der Peripherie der Leberläppchen ana und schreitet von da gegen deren Centrum vor, so dass dieses noch braunroth gefärbt erscheinen kann, während die Peripherie des betreffenden Läppchens bereits hellgelb entfärbt ist.
Makroskopisch ist die Fettleber dadurch erkennbar, dass ihr Volumen vergrössert, ihr Bauchfellüberzug glänzend , ihre Ränder dicker und abgerundet erscheinen. Dieselbe fühlt sich teigig an, so dass Fingereindrücke sich nur langsam wieder ausgleichen. Beim Durchschneiden einer Fettleber wird die Messerklinge von einer Schicht schmierigen Fettes überzogen; die Schnittfläche erscheint in der Regel hellgelb.
Die Pettleber kommt bei allgemeiner Fettsucht, also namentlich bei Mastvieh, häufig, aber auch im Gefolge verschiedener Krank­heiten vor; sie verursacht aber während dos Lebens keine besonderen Erscheinungen und wird kaum jemals Gegenstand weder einer Dura­tiven, noch einer prophylactischen Behandlung.
i) Amylolde Entartung: der Leber, Wachsleber oder Speckleber.
Dieser Zustand ist makroskopisch charakterisirt durch Volums-zunahme, Härte und Resistenz der degenerirten Loberabschnitte, ferner durch blassbraune oder graugelbliche, wachsähnliche, glänzende Durchschnittsflächen, bei deren Herstellung das benutzte Messer sich nicht mit Fett beschlägt, falls nicht gleichzeitig Fettleber vorhanden ist;
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470nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krankheiten der Milz.
auf diesen Schnittflilohen quillt ein klares Serum hervor. Der Bauch-fellüberzug bleibt glatt und glänzend, auch selbst dann, wenn die Volumsüunahme und Resistenz des Organs einen hohen Grad erreicht.
Die mikroskopische Untersuchung amyloider Leberstückchen lehrt, dass diese Degeneration in den Wandungen der kleinen Zweige der Arteria hepat. beginnt, wodurch diese Getasshilute in eine durch­scheinende homogene Masse umgewandelt und verdickt werden; letzteres hat eine Verengerung der betreifenden Gefilsslichtung zur Folge. Später setzt sich diese Degeneration auch auf die Leberzellen fort, wobei dieselben zunächst ihre körnige Besehaffonheit verlieren und sich trüben; der Zellkern und die Zellmembran verschwindet, indem die betreifenden Leberzollen in homogene, leicht glänzende Schollen umgewandelt werden. Die so entstehende waohsähnliche Masse ist der pflanzlichen Cellulose verwandt. Wenn man ein gut ausgewaschenes Schnittchen derselben mit Jodtinctur tränkt und auf einem Objeotträger ausbreitet und mit einem Deckgläsohen versieht, unter welches man einen Tropfen ooncentrirter Schwefelsäure lang­sam hinzutreten lässt, so stellt sich bald, zuweilen jedoch erst nach einigen Stunden, eine blaue Färbung ein.
Wassersucht und Gelbsucht werden durch die Wachsleber in der Kegel ebensowenig bedingt wie durch die Fettleber, da bei beiden Zuständen die Gefässbahnen der Pfortader, sowie die Gallen-gänge wegsam bleiben; als Complication kann Wassersucht allenfalls in Folge einer eingetretenen Dyscrasie, oder eines anderen zufälligen Umständelaquo; sich einfinden. Gelbsucht kann durch amyloide De­generation der in der Leberpforte gelegenen Lymphdrüsen entstehen, indem durch Volumsvermehrung derselben eine Compression der Gallengänge verursacht wird.
Da die Ursachen dieser Degeneration gänzlich unbekannt sind, letztere auch am lebenden Thiere nicht erkannt werden kann, so kommen weder curative, noch prophylactische Massregeln hier in Betracht.
2. Die Krankheiten der Milz.
Obgleich die Milz ein für die Blutbereitung wichtiges Organ zu. sein scheint, so bleiben uns dennoch ihre pathologischen Zustände bis nach dem Tode der betreffenden Individuen gänzlich unbekannt; selbst sehr bedeutende Veränderungen dieses Organes entziehen sich an lebenden Thieren der Wahrnehmung. Von einer Behandlung der Milzkrankheiten kann somit in der Veterinärpraxis keine Rede sein. Es mag deshalb genügen, an dieser Stolle die wesentlichsten seither an Thierleichen constatirten pathologischen Zustände der Milz kurz anzugeben.
1) Hyperämie der Milz gesellt sich öfter zu Circulationsstörungen in inneren Organen, namentlich bei Herz- und Leberkrankheiten, bei Milzbrand u. s. w. trifft man dieselbe. Die Bhitfülle kann das ganze Organ ziemlich gleichmässig oder mehr oder weniger ungleichmässig
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Krankheiten der Bauchspeicheldrüse.
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betreifen. Die durch acute Hyperämie bedingte Schwellung wird auch wohl als „acuter Milztumorquot; angesprochen. In Folge derselben kann es zur Grefiisszerreissung und zu Blutungen in das Milzgewebe kommen. Grössere derartige Blutungen können ebenso wie durch Erschütterung und Verwundung herbeigeführte Zerreissung der Milz den Tod des betreifenden Individuums durch Verblutung verursachen. Wenn acute Milzsohwellungen zur Eesorption gelangt sind, erscheint die Milzkapsel an der betreifenden Stelle schlaff und runzelig.
2)nbsp; Anämie der Milz kommt bei allgemeiner Blutarmuth vor.
3)nbsp; Hypertrophie der Milz bedingt die Entstehung „chronischer Milztumorenquot;. Dieselben erreichen zuweilen einen sehr bedeutenden Umfang. Ist die Hypertrophie mit amyloider Degeneration ver­bunden , so erscheint die betreffende Milzpartie auf dem Durch­schnitte glatt und wachsartig glänzend. Man bezeichnet diesen Zu­stand als „Spockmilzquot;.
4)nbsp; Atrophie der Milz wird als die Folge des Druckes von Seiten schrumpfender Exsudate und Bindogewebsneubildungen auf der Milz­kapsel beobachtet. Auch können anderweitige Neubildungen, sowie Echinoooccusblasen das Milzparenchym zum Schwinden bringen.
5)nbsp; Bindegewebsneubildungen kommen an der Oberfläche der Milz manchmal in grosser Ausbreitung und in ziemlicher Mächtigkeit vor; meist sind dieselben auf kleinere Abschnitte der Milzkapsel beschränkt. Zuweilen finden sich fibröse Stränge in der Milz, welche eine abnorme Lappenbildung derselben bedingen. Bei angeborener abnormer Lappung fehlen die fibrösen Bänder zwischen den Lappen.
6)nbsp; Gelegentlich finden sich auch andere Neubildungen in der Milz, z. B. Sareome, Carcinome, Tuberkel; sodann verschiedene Parasiten, namentlich Finnen bei Schweinen und Echinokokken bei Rindvieh.
Metastatische Abscosse kommen namentlich bei Pyämie nicht selten vor. Sie finden sich meist im Bereiche der Milzperipherie und bilden keilförmige Herde, deren Basis der Kapsel zugekehrt ist. Sie bilden sich aus anfangs dunkelvioletten und derben Ent­zündungsherden, welche wieder resorbirt werden können, bevor sie eiterig odor jauchig zerfallen.
Primäre Milzentzündung scheint nur bei Rindvieh auf trau­matischein Wege zu entstehen. Wenigstens sind bei Ochsen von starker Kapsel umschlossene Abscese zuweilen in der Milz gefunden worden, die eingedickten Eiter oder mortelähnliche Conoremente ent­hielten und wahrscheinlich einer circumscripten traumatischen Sple-nitis ihren Ursprung verdankten. Eberhardt (Fulda) fand einen sehr grosser Abscess in der Milz einer Kuh, dessen Beschaffenheit er nicht genauer beschreib^ (Mag. f. d. Thierheik. 18()3, S. 445).
3. Die Krankheiten der Bauchspeicheldrüse.
Auch hier kann nur von Sectionsbefunden die Rede sein, da durch pathologische Zustände des Pankreas keine specifischen Krank­heitserscheinungen bedingt werden.
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472nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Krankheiten der Gekrösdrüsen.
An Thierleichen wurden in der Bauchspeicheldrüse seither ge­funden : Carcinome, Sarcöme, und in den Ausführungsgilngen kleine runde oder facettirte Speichelsteine. Auch Tuberkel scheinen in diesem Organ secundär sich bilden zu können. Beim Pferde ist der Strongylus armatus zuweilen in der Bauchspeicheldrüse gefunden worden.
4. Die Kiankheiten der Gekrösdrüsen.
Wie alle Lymphdrüsen durch ihnen zugoführte deletilre Sub­stanzen in verschiedener Weise afficirt werden, so ist dies auch bei den Gekrösdrüsen der Fall. Bezüglich der Erkrankungen dieser im Allgemeinen wird deshalb auf die Krankheiten der Lymphdrüsen verwiesen.
Nur eine namentlich bei jungen Pferden (Füllen) manchmal vorkommende Krankheit soll hier besonders besprochen werden; es ist dies
die Darrsuclit, Scrophulosis mesaraica.
Pathologische Anatomie. Die wesentlichsten Veränderungen findet man bei dieser Krankheit in den Gekrösdrüsen, welche im Zustande der Hypertrophie und der käsigen Entzündung sich be­finden. Die hierdurch entstehenden Erweichungsherdc dringen nicht selten bis zum Bauchfelle vor und ziehen auch dieses in den Ent-zündungsprozess mit hinein. In Folge dessen werden die benach­barten Abschnitte des Verdauungsapparates zunächst durch Exsu­dat mit einander verklebt; im Laufe der Zeit aber entstehen meist weitverbreitete feste Verwachsungen im Bereiche der Baucheinge­weide. Der Eiter kann aber auch die Erweichungsherde durch­brechen und so entweder in die freie Bauchhöhle oder in das Ver­dauungsrohr gelangen; im ersten Falle pflegt derselbe eine tödtlich verlaufende Bauchfellentzündung zu verursachen, während er im anderen Falle mit den Excrementen nach aussen entleert und dadurch unschädlich gemacht wird. Die käsige Entzündung bleibt in der Regel nicht auf die Gekrösdrüsen beschränkt, sondern ergreift meis',, auch andere, zum Theil an der Körperperipherie gelagerte Lymph­drüsen; namentlich sind die Bronchial-, Lenden- und Achseldrüsen häufig in Mitleidenschaft gezogen. Auch gehören Metastasen an und in den Gelenken, in den Lungen und in anderen Organen zu den gewöhnlichen Sectionsbefunden. Die Darmsohleimhaut zeigt meist die Erscheinungen eines Katarrhs, oder der Follicularverschwärung.
Diagnose und Verlauf. Die Krankheitserscheinungen entwickeln sich in der Regel sehr allmählig; sie sind manchmal mit den Er­scheinungen einer protrahirten, sogenannten „verschlagenenquot; Drüse gepaart. Die betreffenden Thiere verlieren allmählig ihre frühere Lebhaftigkeit, die Lust zur Aufnahme von Nahrung wird unregel-mässig, das Deckhaar des Körpers glanzlos, struppig, der Leib auf-
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Darrsucht.
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geschürzt, der Blick matt und traurig; meist ist Nasenkatarrh, zu­weilen Anschwellung der Kehlgangslymphdrüsen, oder aber der Achsel- oder Leistendrüsen, oder irgend welcher anderer peripher gelagerter Lymphdrüsen vorhanden. Die Eespiration und Blutcircu-lation ist oft beschleunigt, und erstere mit vermehrter Bewegung der Flanken verbunden; der Koth ist bald trocken, bald weich und enthillt zuweilen eiterige oder geringe blutige Beimengungen.
Die Krankheit verläuft meist chronisch, indem sie durch all-mählig zunehmende Abmagerung (Schwindsucht) die Kräfte der Patienten immer mehr und mehr consumirt und schliesslicli den Tod durch Erschöpfung oder Blutvergiftung (Pyämie) herbeiführt. Zuweilen bleibt das Leiden lange latent; so kann es passiren, dass nach Eintritt der ersten auffallenden Krankheitserscheinungen, bei rapider Zunahme dieser der Tod bereits nach 8 bis 14 Tagen ein­tritt. Die Diagnose bietet oft lange Zeit hindurch am lebenden Thiere bedeutende Schwierigkeiten und kann nur dann mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, selten mit einiger Sicherheit gestellt werden, wenn die vorhin geschilderten Symptome der Mehr­zahl nach deutlich ausgeprägt und anderweitige Localleiden, nament­lich in den Lungen, nicht vorhanden sind. Bei erwachsenen Thieren habe ich selbst diese Krankheit nie gesehen; sie ist bei solchen jeden­falls sehr selten. Derartige Patienten sollen (nach Köll) bei fort­bestehender Eresslust abmagern und die Verdauungsstörungen durch unregelmässige, bald verzögerte, bald diarrhoische Darmentleerungen, sowie durch öftere Kolikanfälle in die Erscheinung treten.
Die Prognose ist stets ungünstig, indem alle an Darrsucht offen­bar erkrankten Patienten durch diese, wenn nicht durch eine andere intercurrirende Krankheit sicher zu Grunde gerichtet werden.
Therapie. Die Behandlung kann nur palliative Zwecke ver­folgen und bleibt deshalb auf die Bekämpfung der wichtigsten Symptome und Complicationen beschränkt. Sie besteht im Wesent­lichen in einer angemessenen Behandlung der im Bereiche der Körper­peripherie auftretenden Metastasen, im Eröffnen von Abscessen u. dergl., wobei selbstverständlich die Eröffnung von Gelenken möglichst ver­mieden werden muss. Innerlich sind solche Mittel zu verabreichen, welche eine normale Blutbildung begünstigen, die Verdauungsthätig-keit anregen, eine vorhandene Kothverhaltung oder Diarrhöe be­seitigen u. s. w. Man suche dies vorzugsweise durch eine ange­messene Diät, durch leicht verdauliche, nahrreiche Futtermittel, durch angemessene Stallung und Pflege, leichte Bewegung in frischer Luft etc. zu erzielen. Je nach Bedürfniss verabreiche man kleine Dosen Ferr. sulfuric, um die Blutbildung zu begünstigen, oder um vor­handenen Durchfall zu stillen; gegen letzteren verordne man in Nothfällen einige Gaben Höllenstein in frischer Lösung. Gegen etwaige Metastasen im Bereiche der äusseren Haut sind auf diese an der betreffenden Stelle ableitende Einreibungen angezeigt, und falls dadurch eine Resolution der vorhandenen metastatischen Ent-
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Krankheiten der Harnorgane.
ztindung nicht erzielt wird, erscheinen maturirende Mittel, wie z. B. Einreibungen von warmem Fett, Bedecken der Haut auf der entzündeten Körperstelle mit Pelz oder Wolle, Altheesalbe mit Lor-beeröl u. dergl., angezeigt. Warme Breiaufschlilge, mit der nöthigen Sorgfalt appuoirt, sind ebenfalls zweckentsprechend, verlangen aber zuverlässige Krankenwärter. Bei Verstopfung wende man lauwarme schleimige Flüssigkeiten oder Seifenlauge als Klystier an; im Noth-falle verabreiche man innerlich kleine oder mittelgrosse Salzgaben oder injioire hypodermatisch Esorin 0,05 bis 0,1 gr. Wenn die Diagnose gesichert ist, erscheint es in der Regel am rationellsten, die Patienten tödten zu lassen, sobald ihre Leistungen weniger werth sind, als die Koston ihrer Verpflegung ertragen.
Mehr Nutzen als von der curativen Behandlung der Darrsucht ist zu erwarten, wenn der Thierbesitzer durch eine den Anforde­rungen der Hygiene entsprechende Ernährung seiner Thiere von frühester Jugend an die gebührende Aufmerksamkeit schenkt. Wo diese Forderung nicht erfüllt werden kann, da sind überhaupt die Bedingungen einer gedeihlichen Aufzucht nicht vorhanden, so dass der Ersatz durch Ankauf erwachsener Thiere zu beschaffen ist.
Die Krankheiten der Harnorgane.
Die mikroskopische und chemische Untersuchung des Urins hat in neuerer Zeit auch in die thierärztliohe Praxis immer mehr Ein­gang gefunden, wodurch die Diagnose der Krankheiten der Harn­organe iinserer Hausthiere in erfreulicher Weise gefördert worden ist. Im Allgemeinen lassen sich aus den funotionellen Störungen der Harnausscheidung, sowie aus der Beschaffenheit und Menge des abgesetzten Urins unter Zuhülfenahmo manueller und anderer Unter­suchungsmittel so werthvolle Anhaltspunkte für die Diagnose go-winnen, dass diese dadurch nicht selten vollkominen sicher gestellt wird. Leider aber kommen auch heute noch Krankheiten im Be­reiche der Harnorgane vor, deren Diagnose erhebliche Schwierig­keiten macht, oder gar am lebenden Thiere überhaupt nicht gestellt werden kann. Bei den kleinen Wiederkäuern und bei Fleischfressern ist eine Palpation der Nieren und Hornblase durch die Bauch-decken (von dem vorderen Abschnitte der Hungergruben aus), bei den grossen Hausthieren durch den Mastdarm in beschränktem Masse möglich; dieselbe darf als diagnostisches Hülfsmittel nicht vernachlässigt werden. Für die thierärztliche Praxis haben die Krankheiten der Harnorgane aus verschiedenen Gründen eine grosse Bedeutnnff. Sie kommen ziemlich häufly vor und bereiten den
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Hyperämie der Nieron.
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betreffenden Patienten oft unmittelbare oder mittelbare Gefahren. Letztere werden vorzugsweise dadurch bedingt, dass bei den hierhin gehörigen Krankhoitszuständen dem Urin entweder Stoffe beigemengt werden, welche zum Aufbau des Körpers noch erforderlich und nützlich sind, oder aber dadurch, dass Stoffe im Körper zurückge­halten werden, welche zur Ausscheidung aus demselben mit dem Harn bestimmt waren. Manche der hierhin gehörigen Krankheiten können lange Zeit bestehen, ohne das Allgemeinbefinden des Patienten merklich zu stören, während in anderen Fällen dies sehr bald ge­schieht. Aus diesen Verschiedenheiten resultiren selbstverständlich für die Vorhersage sehr wichtige Anhaltspunkte. Auch die Lage und anatomische ISosohaffenheit des erkrankten Organes ist in dieser Hinsicht von grosser 'Bedeutung, insofern die Nieren und Harnleiter einer unmittelbaren Behandlung lauge nicht in dem Masse zugäng­lich sind wie die Harnblase, die lluthe mit der Harnröhre u. s. w.
I. Die Krankheiten der Nieren.
1. Hyperämie der Nierenkapsel und des Nierenparenchyms.
Aetiologie. Eine Hyperämie der Nieren kann im Verlaufe ver­schiedener Krankheiten sich einstellen, so namentlich im Gefolge von Herz- und Lungenkrankhoiten, Milzbrand u. s. w. Uobor das wechsel­seitige Abhängigkeitsverhältniss der Nieronkrankheiten zu den Herz-und Lungenkrankheiten sei hier folgendes gesagt:
Wenn der Abfluss des Blutes aus dem Herzen erschwert ist, entsteht zunächst eine Stauung in der Hohlvene und secundär auch in Venen der Nieren, Lober u. s. w. Ueberdies gelangt nur eine geringere Menge Blut in die Arterien, weshalb die Wandungen dieser nur unvollkommen gespannt werden. Indem somit eine Stauung in den Venen mit gleichzeitig vermindertem Seitendruck in den Ar­terien der Nieron (Leber etc.) entsteht, wird die Exsudation des Wassers aus den Glomerulis der Nierenarterien in die Malpighi'schen Kapseln vermindert. So erklärt es sich, warum bei sogenannter „passiver Nierenhyperämio', resp. bei „Stauungsnierequot; die Hnrnmenge gegen früher abnimmt. Und ebenso erklärlich ist es, dass und warum bei „congestlver Nierenhyperämiequot; die ausgeschiedene Harnmenge zunimmt, da durch den verstärkton Seitendruck in den arteriellen Gefässknäueln der Nieren die Exsudation von Wasser aus dem Blute begünstigt wird. Nierencongestion kommt nach Einwirkung scharfer Stoffe (Canthariden, Ranunculacoen, Terpentinöl, Fiohtensprossen etc.), aber auch bei verschiedenen Infectionskrankheiton vor.
Wie nun dor behinderte Abfluss des Blutes aus dem Herzen zur Stauungsniere führt, so kann auch umgekehrt durch eine aus anderen Ursachen entstehende (primäre) Nierenkrankheit eine Störung der Herzthätigkoit verursacht worden. Wenn in den Nieron irgend welche Hindernisse für die Ausscheidung von Wasser aus den
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Hypertlmie der Nieren.
Arterien, resp. den Gefilsskniluoln dieses Organes vorhanden sind, so entstellt zunächst eine bedeutende Spannung im ganzen arteriellen (Jefässsystem und in Folge dessen eine Stauung zunächst in der linken Herzhälfte, die sich von da durch die Lungen auf die rechte Herzhälfte, die Hohlvenen u. s. w. fortsetzt. Bei längerer Dauer eines solchen Zustandes entsteht schliesslich dilatative Hypertrophie des Herzens.
Diagnose. Auf diese Weohselbeziehungen zwischen Nierenkrank­heiten einerseits, Herz- und Lungenkrankheiten andererseits habe ich hier besonders deshalb aufmerksam gemacht, weil dieselben für die Praxis eine grosse Bedeutung haben. Dies ist auch für die Unterscheidung zwischen congestiver und passiver Nierenhyperämie, resp. zwischen „Nierencongestionquot; und „Stammgsniere' der Fall. Eine andere, für die Diagnose und Therapie wichtige Thatsache ist die, dass bei Stauungsniere der Urin zuweilen blutig und meist eiweisshaltig zu sein pflegt. Auf welche Weise hier die verschiedenen Eiweisskörper aus dem Blute in den Urin gelangen, ist zur Zeit noch dunkel. Aus dem Gehalte des Urins an Eiweiss kann man, wenn aussei' Circulations- und Bespirationsstörungen anderweitige Erschei­nungen fehlen, auf das Vorhandensein einer Stauungsniere schliessen. Zuweilen findet man bei mikroskopischer Untersuchung in massiger Menge auch Harncylinder im Urin; dieselben können bei genauer Betrachtung sogar vom blossen Auge erkannt werden. Durch Albuminurie werden dem Körper wichtige Nährstoffe entzogen und dadurch die Kräfte der betreffenden Thiere beeinträchtigt.
Pathologische Anatomie. An der Leiche sind diese Zustände durch folgende Befunde gekennzeichnet:
Bei Nierencongestion findet sich aussei- grosser Bhrtfülle, die bald circumscript nur auf die Binden- oder Marksubstanz sich er­streckt, bald diffus über die ganze Niere sich verbreitet hat, starke Schwellung der Nieren, Erweichung und leichte Zerreisslichkeit des Nierengewebes. Die Nierenkapsel ist leicht abziehbar, die Oberfläche der Nieren glatt und dunkel gefärbt.
Bei Stauungsniere 1st die Kapsel ebenfalls leicht abziehbar, die Niere selbst von fester, harter Consistenz; an ihrer glatten Ober­flüche, sowie auf Durchscliiiitten treten die Malpighi'schen Körperchei als rothe Pünktchen hervor, die Corticalsubstanz erscheint verdickt und roth gestreift, später grauroth oder graugelb. Die Marksub­stanz wird nach den Papillen zu blass, die Nierenvenen sind stark erweitert.
Die Prognose ist verschieden , je nachdem die Ursachen un­schädlich gemacht und fern gehalten werden können.
Therapie. Wo sie für sich allein vorhanden ist, verliert sich dieselbe mit Beseitigung der Ursachen bei angemessener knapper und reizloser Diät meist von selbst. Nöthigenfalls gebe man schleimige Mittel und leichte, die Nieren nicht reizende Abführmittel. Schwie­riger ist die Behandlung der Stauungsnierc, weil hier die Ursachen
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Nierenentzündung.
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meist nicht entfernbar sind. Man versuche zunächst Diuretioa, na­mentlich Digitalis in Verbindung mit Eisenvitriol. Wo diese Mittel nicht helfen, erweisen sich drastische Abführmittel, namentlich Aloii, zuweilen nützlich, falls dieselben nicht etwa durch grosse Schwäche, oder durch Verdauungsstörungen etc. oontraindicirt sind.
2. Die Entzündung des Nierenparenchyms (Nephritis), der Nieren­kapsel (Perinephritis und Paranephritis).
Von der Entzündung des Nierenparenchyms ist die Entzündung der Nierenkapseln klinisch nicht trennbar. Bei Nephritis betrifft der Entzündungsprozess am häufigsten vorwiegend die eigentliche Drüsensubstanz (die Harncanillchon), seltener das interstitielle Binde­gewebe. Es sei jedoch bemerkt, dass niemals dieser oder joner Theil des Nierengewebes ausschliosslich, d. h. ohne jede Botheiligung des anderen Thoiles sich entzündet, sondern dass die sogenannte „paren-chymatösequot; und die sogenannte „interstitiellequot; Nierenentzündung viel­fach in einander übergreifen, wobei jedoch die eine oder andere der beiden Formen meist deutlich priivalirt. Ausser den eben genannten näheren Bezeichnungen gibt es noch andere, welche theils auf ätio­logischen , theils auf anatomischen Verschiedenheiten beruhen. So z, B. unterscheidet man die metastatische, eiterige, croupöse, tuberculöse und rotzige Nephritis oder Nierenentzündung. Mit Eücksicht auf den Vorlauf der Krankheit unterscheidet man eine acute und eine chronische Nephritis. Die Entzündung der eigent­lichen Nierenkapsel bezeichnet man als „Perinephritisquot;, während die Entzündung der meist fettreichen Bindogewebskapsel, in welche die Niere eingebettet ist, als „ Paranephritisquot; angesprochen wird.
Aetiologie. Als Ursachen der Nierenentzündung werden nament­lich folgende Dinge beschuldigt: Mechanische Insulte der Nieren­gegend durch Stösse, heftige Erschütterungen und Verwundungen des Körpers, von denen die Nieren direct odor indirect mit betroffen werden, z. B. plötzliches Pariren, Uebersetzen über namhafte Hinder­nisse, übermässigo Anstrengungen beim Ziehen u. dergl. m. Ferner gehören hierhin scharfe und ätherisch-ölige Stoffe; so ist durch Weide­gang im Bereiche von Erlen, Nadelhölzern, Wachholderbeorsträuchen, verschiedenen Laubhöl/.ern, Eichen etc. so häufig Nephritis be­obachtet worden, dass dioso Entzündung als „Waldkrankheitquot; be­zeichnet worden ist. Auch wird der Genu.ss von Suinpf'wasser und sauren Gräsern, von verdorbenem, faulem oder schimmeligem, mit pflanzlichen oder thierischon Parasiten besetztem Futter als Ursache der Nephritis angegeben. Dass der Missbrauch verschiedener Arznei­mittel, so z. B. der Digitalis, der Canthariden, des Terpentinöls etc., Nierenentzündung verursachen kann , ist eine ebenso bekannte als beachtenswerthe Thatsache. Die Canthariden verlangen selbst bei äusserlicher Anwendung, d. h. als Einreibungen der Cantharidensalbe, eine gewisse Vorsicht. Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch die später zu besprechenden Nierensteine Nephritis verursachen können.
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478nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Nierenentzündung.
Diagnose. Die verschiedenen Formen der Nierenentzündung lassen sich meist erst mich dem Tode durch die Section, selten aber am lebenden Thiere unterscheiden. Die bezüglichen Unterscheidungs-momento sollen in Nachstehendem möglichst berücksichtigt, zunächst •aber die einheitlichen klinischen Momente der verschiedenen Formen der Nephritis hier besprochen werden.
Die wesentlichsten Erscheinungen der Nierenentzündung sind die nachstehend angegebenen; Im Stalle stehen die Patienten mit gespreizten und unter den Leib gestellten Hinterfüssen, trippeln öfter hin und her, bewegen sich aber ungern und beschwerlich von der Stelle. Lässt man dieselben von ihrem Standplatze wegführen, so gehen sie gespannt, schwankend und schleppend. Die Thiere liegen wenig und meist nur kurze Zeit; das Aufstehen scheint ihnen Schmerzen zu verursachen, oder die bereits vorhandenen Schmerzen zu steigern. Dass die Patienten in der Nierengegend bei vorhandener aouter Nephritis stets eine gesteigerte Empfindlichkeit besitzen, lässt sich durch Druck von aussen auf fragliche Körperpartie, sowie auch durch manuelle Untersuchung per rectum feststellen. Der Urin wird häufig, aber in kleineren Mengen und von abnormer Beschaffen­heit abgesetzt; derselbe ist zähflüssig, schleimig, bierbraun, dunkel-roth oder blutig. Zuweilen machen die Patienten Anstalten zum Uriniren, ohne indess Harn zu entleeren. Sodann ist jede acute Nephritis von Fieber begleitet, mit welchem Störungen in der Ver-dauungsthätigkeit, wie mangelhafter Appetit, verzögerter Kothab­satz etc., verbunden sind.
Schwere acute Nierenentzündungen enden in der Kegel inner­halb 3 Tagen tödtlich; leichtere Fälle gehen langsam in Genesung über, indem das Fieber abnimmt, die Stellung und Bewegung der Patienten freier und die Harnbeschwerden geringer werden. Die Patienten werden allmählig munterer und der Urin nimmt nach und nach seine frühere normale Beschaffenheit wieder an. Bei letalem Verlaufe werden die Patienten ruhiger, während der Puls klein, frequenter und schwerer fühlbar wird, bis nach Ausbruch kalter Schweisse der Tod in Polge von Urämie oder Erschöpfung eintritt.
Bei chronischer Nierentzündung sind die vorhin angegebenen Erscheinungen weniger ausgeprägt; dagegen wird der Urin in grösserer Menge und von dünnflüssigerer Beschaffenheit abgesetzt. Empfindlich­keit in der Lendengegend, Schwäche im Kreuz, sowie Fiebererschei­nungen fohlen im Anfange der Krankheit und treten oft erst vor dem Tode auf; Press- und Sauflust sind stets vermindert und wechselnd. In späteren Stadien der Krankheit bilden sich an ver­schiedenen Körperstellen Oedeme. Die chronische Nephritis kann aber auch aus einer acuten sich entwickeln und dann zunächst die Er­scheinungen dieser bieten.
Wichtig für die Diagnose der Nephritis ist eine genaue Unter­suchung des Harns. Derselbe enthält bei acuter Entzündung stets Eiweiss, meist auch feine, fadenförmige Gebilde (Harncylinder). Diese bestehen entweder aus zarten, durchscheinenden Gerinnseln, welche
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Niorenentüündung.
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Abgüsse der Nierencanälchen darstellen, oder aus kürzeren, dickeren, gelben, weniger biegsamen Epitheloylindern, Letztere enthalten das abgestosseno Epithel der Harncanilluhen selbst entweder unverändert oder granulirt. Ausserdem findet man bei mikroskopischer Unter­suchung rothe und weisse Blutkörperchen, sowie verschiedene Ge-webstrümmer u. s. w.
Bei chronischer Nierenentzündung enthält der dünnflüssige Harn mllssige Mengen Eiweiss, weisse Blutkörperchen, Nierenepithelien, aber nur selten Harncylinder.
Verschiedene Krankheiten der Hinterleibsorgane können mit Nephritis mehr oder weniger leicht verwechselt werden. In Bezug auf die Differentialdiagnose sei deshalb hier noch bemerkt, dass bei Harnverhaltung die Schmerzen in der Lendengegend fehlen und die Blase gefüllt ist, während diese bei Nierenentzündung leer ist. Auch bei Kolik und Darmentzündung fehlen die Schmerzen in der Nieren­gegend, sowie die Unbeholfenheit im Kreuz. Bei Kreuzlahme fehlt das Fieber, sowie die Abnormitäten in der Harnausscheidung. Gegen eine Verwechslung mit Binsen- und Grebürmutterentzündung schützt eine örtliche Untersuchung.
Pathologische Anatomie. Bei der Section von Thieren, welche an den Polgen einer Nierenentzündung, oder mit einer solchen behaftet an einer intercurrenten Krankheit gestorben sind, findet man im Wesent­lichen folgende Befunde: Je nach der Form und dem Stadium der Entzündung sind die vorhandenen anatomischen Veränderungen selbst­verständlich verschieden. Bei jeder acuten Nephritis findet man im Beginne der Entzündung die Erscheinungen einer Nierencongestion. Die Nierensubstanz ist bald weich, bald ziemlich derb, die fibröse Kapsel leicht abziehbar, aber succulent und etwas geschwellt. Auf der Schnitt­fläche erscheint die Grenze zwischen Cortical- und Tubularsubstanz verwischt. Später ist bei interstitieller Nierenentzündung die Schnitt­fläche weniger blutreich, braunroth, gelbbraun oder graulieh; das Nierengewebe ist resistenter, derber und trockener, was sich beim Durchschneiden an dem Widerstände gegen das Messer leicht wahr­nehmen lässt. Nicht selten finden sich Eiterinfiltrationen, welche zunächst als gelbliche oder graue Punkte auf der braunrothen Schnitt­fläche hervortreten; bei weiterer Ausbreitung eiteriger Schmelzung erscheint die Schnittfläche weich, gelblich, graulich oder grauröthlich. Durch Confluenz kann es zur Bildung kleinerer und grösserer Ab-scesse kommen. Ja es kann das Parenchym einer ganzen Niere in einen einzigen grossen Abscess verwandelt sein, der von der meist verdickten fibrösen Nierenkapsel eingeschlossen ist; die betreffende Niere hat dann einen grösseren Umfang als früher. Zuweilen wird aber auch die Kapsel durchbrochen und der Eiter ergiesst sich in die Fettkapsel, von wo aus sich derselbe gewöhnlich weitere Wege bahnt und im retroperitonäalen Bindegewebe Fistelgänge nach ver­schiedenen Richtungen hin bilden kann. Zuweilen bricht auch der Eiter in die Bauch- oder Brusthöhle, oder er perforirt den Darm oder das Nierenbecken. So kann eine eiterige Peritonitis oder Pleu-
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#9632;
480nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Nierenentzündung.
ritis zu Stciude kommen, oder Eiter mit dem Kothe oder Harn nach iiussen gelangen. Der Eiter kann aber auch in der Nieren­kapsel eintrocknen und verkalken, womit bei Integrität der andei'en Niero die Möglichkeit einer Genesung gegeben ist.
Die interstitielle Nephritis führt auch öfter zur Induration. Es ist leicht verständlich, dass bei etwas grösserer Intensität dieser Form der Nierenentzündung die Harncanälchen nicht intact bleiben können. Schon frühzeitig findet man Blutgerinnungen und Exsudate, oder zerfallene Epithelien in den Harncanälclum. Bei stärkerer Volumszunahme des interstitiellen Bindegewebes veröden die Harn­canälchen und (iefässknäuel. Die betreffende Niere schrumpft, wo­mit ihre Oberfläche höckerig und uneben wird. Eine solche Niero ist fest, zuweilen knorpolhart, atrophirt und die Grenze zwischen der Binden- und Markschicht verwischt. Die Schnittfläche ist meist nebelgrau, streifig.
Endlich sei noch erwähnt, dass auch Nekrose in Folge von inter.stitieller Nephritis eintreten kann. Indem die Brandjauche in die Nachbarschaft und in die Blutbahnen dringt, richtet sie ihre Verheerungen an, in Folge deren die Patienten bald zu Grunde gehen.
Die parenohymatöse Nephritis kommt mit acutem und chro­nischem Verlaufe bei unseren Hausthieren vor. Gewöhnlich sind beide Nieren von derselben ergriffen. Diese erscheinen zunächst volu­minöser, ihre fibröse Kapsel ist noch leicht abziehbar, die Nieren-oberflilche dunkelroth, die Substanz mürbe. Bei Durchschnitten zeigt sich, dass der Blutgehalt der Bindensubstanz grosser ist als der­jenige der Marksubstanz, während die Grenze zwischen beiden Sub­stanzen vorwischt ist. In nrsterer fallen die stark injieirten Glo-meruli deutlich auf. Durch Ueberstreichen mit dem Messer über die Schnittfläche erhält man eine Masse, in welcher längere und kürzere blasse oder gelbbraune Harn cylinder mit blossem Auge er­kannt werden können.
Das interstitielle Bindegewebe wird bei dieser Form dor Nephritis erst später in auffallende Mitleidenschaft gezogen. Mit dem Eintritt einer stärkeren Schwellung in demselben werden diejenigen Harn­canälchen , aus denen Exsudate fortgeschwemmt worden sind, was durch fettige Degeneration derselben erleichtert wird, oomprimirt. Auch die Glomoruli atrophiren, indem es im interstitiellen Binde­gewebe zur Exsudation und zur Neubildung kommt. Mit der Schrumpfung des neugebildeton Bindegewebes wird das Nierengowebe trockener und derber. Die Nierenoberfläche wird uneben, granulirt oder höckci'ig; die fibröse Nierenkapsel verdickt sich und verwächst theilweise mit der äusseren Peripherie der Corticalsubstanz, so dass diese bei Loslösung jener beschädigt wird. Im Bereiche der Corticalis finden sich nach Entfernung der Kapsel zuweilen gelbe Pünktchen bis erbsengrosso Knötchen, die aus fettig dogenerirten Massen bestehen , welche von einer Membran umschlossen sind, die wahr­scheinlich ein Ueberbleibsel der grösstentheils vorödeten Harncanäl­chen ist. Obgleich in solchen Nieren nicht selten der grössto Theil
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Nierentzundung.
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des normalen Drüsongewebes fehlt, so ist das betreffende Organ doch nicht immer verkleinert, sondern mnnohmal durch schichten­weise Bindegewebswucheriuigen voluminöser geworden. Auch zei­gen keineswegs alle Abschnitte der kranken Niere immer dasselbe Stadium der Erkrankung. Diese kann in den einzelnen Nieren-abschnitten zu verschiedenen Zeiten sich etabliren und so eine längere, nicht selten monatelange Dauer der Krankheit verursachen. Diese Nierenentzündung hat auch noch andere Namen erhalten; so be­zeichnet man dieselbe als desquamative, croupöse oder diffuse Nieren­entzündung, Morbns lirightii u. 8. W. In Bezug hierauf sei aber bemerkt, dass das Wesen und der Begriff des Morbus Brightii heute noch nicht sicher festgestellt ist. Da man häufig die Frage aufge­worfen hat (ich habe dies bereits im Jahre 1860 gelegentlich eines von mir behandelten Nierenleidens bei einer Kuh selbst gethan, Magaz. für d. ges. Thierheilk. Bd. 20, S. 457—4G0), ob Morbus Brightii des Menschen mit all seinen Eigenthümlichkeiten auch bei Thieren vor­komme, so sei hier die über die fragliche Krankheit in der Menschen­heilkunde gegenwärtig herrschende Auffassung (nach Kunze's Com­pendium der praktischen Medioin, 8. Auflage, Stuttgart 1884, S. 550) kurz mitgetheilt:
„lieber den Begriff und das Wesen des Morbus Brightii hat man sehr verschiedene Ansichten gehabt, und auch noch heute ist man darüber nicht in Uebereinstimmung. Nachdem zuerst Bright vor etwa 50 Jahren auf den Zusammenhang von Eiweiss im Harn und Wassersucht mit Erkrankungen der Nieren aufmerksam gemacht hatte, zählte man sowohl die Stauungsniere, die amyloide Degene­ration, die partiellen Nierenentzündungen (Pyelonephritis, embolische Nephritis), wie die entzündlichen Veränderungen am Parenchym (Epithelien) und im interstitiellen Bindegewebe der Nieren zu Morbus Brightii. Später schied man die Stauungsniere und amyloide De­generation aus dem Begriffe aus, da ihnen entzündliche Vorgänge nicht zu Grunde liegen, ebenso die partiellen Entzündungen, da sie einen anderen Ursprung und Verlauf haben. So blieben nur noch die parenchymatösen (epithelialen und interstitiellen) Veränderungen für den Begriff Morbus Brightii übrig, die sich stets auf beide Nieren zugleich und zwar in diffuser Verbreitung in denselben er­strecken. Die vielfach von einander verschiedenen anatomischen Veränderungen im Parenchym und in den Interstitien sah man für Stadien ein und desselben entzündlichen Leidens an. So (heilte Prerichs diese Nephritis in 3 Stadien: 1) Stadium der Schwellung, Hyperämie und Extravasation von Blut — acute Nephritis; 2)Stadium der trüben Schwellung und fettigen Degeneration des Parenchyms (der Epithelien) — parenchymatöse Nephritis; 3) Stadium der inter­stitiellen Bindegewebswucherung und -Schrumpfung — Schrumpf-niere, granulirte Niere. Diese Eintheilung galt eine Zeit lang. Da jedoch die klinischen Erfahrungen lehrten, dass es chronische Formen der Nephritis gibt, die nie einen acuten Anfang genommen, und diese Formen ihre wesentlichen Veränderungen im interstitiellen Pütz, Oompsndlum der Thlerhollkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; yi
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Nierenentximdung.
Gewebe zeigen, während andererseits die acut beginnenden und als solche ihren völligen Ablauf nehmenden ihre Veränderungen vor­zugsweise in dem epithelialen Parenchym darbieten, so trennte man die parenchymatöse streng von der interstitiellen Nephritis. Die Forschungen der neuesten Zeit, namentlich die bahnbrechende Arbeit Weigert's (No. 162 und lt53 der Volkmann'schen Sammlung), lassen keinen Zweifel darüber, dass diese Trennung mit den anatomischen Ergebnissen nicht übereinstimmt, sondern dass die parenchymatöse und interstitielle Nephritis ein und demselben Krankheitsprozesse angehören. Formen ein und desselben Krankheitsprozesses sind. Dieser entzündliche Krankheitsprozess ist stets mit Interstitial Veränderungen verbunden und gibt es keine entzündlichen Parenchymveränderungen ohne diese Interstitialveränderungen. Der Inhalt unseres heutigen Begriffs Morbus Brightii ist also diffuse, auf die Epithelien (das Parenchym) und das interstitielle Gewebe sich erstreckende Ent­zündung. Von diesem Begriffe sind alle parenchymatösen Degene­rationen ausgeschlossen, d. h. alle Nierenveränderungen, die in Trübungen und Verfettungen des Drüsen- (und Glomerulus-V)Epithels, resp. auch der Interstitien bestehen, bei denen jedoch die Wucherung des interstitiellen Gewebes, das Kriterium des entzündlichen Prozesses, fehlt. Die Ursachen dieser Degenerationen liegen in ganz anderen als in entzündlichen Verhältnissen; namentlich beobachtet man die Degenerationen bei vielen Infectionskrankheiten, und gehört ganz besonders die frische Scharlachniere und die eklamptische Niere hierher. Im Leben sind dieselben mit geringerer oder stärkerer Albuminurie und Bildung blasser Cylinder verbunden. Der Ausgang dieser parenchymatösen Degenerationen kann in Heilung sein, welche entweder dadurch zu Stande kommt, dass die Epithelien nicht voll­ständig zerstört sind und einfach auf den status quo ante zurück­kehren , oder dadurch, dass die vollkommen zerstörten Epithelien durch nachwachsende andere ersetzt werden. In anderen Fällen orfolgt der Tod durch Urilmie, in noch anderen schliesst sich an die Degeneration eine eigentliche Nephritis an, indem der Epithel­verlust durch eine Ablagerung von Zellen in den Interstitien er­setzt wird.
Aussei- den Degenerationen sind diejenigen Zustände von Morbus Brightii zu scheiden, in denen zwar Albuminurie vorkommt, ohne dass jedoch bis jetzt anatomische Veränderungen der feineren Nieren-bestandtheile (Epithelien, Interstitien und Glomeruli) haben -nach­gewiesen werden können. Hier kommt die Albuminurie entweder durch Veränderungen des Blutdrucks zu Stande (Sinken des arteriellen, Steigerung des venösen Druckes), oder durch noch unbekannte Vor­gänge in den Glomerulis und ihrem Epithel.'
Dass nach dieser Auffassung der Morbus Brightii auch bei Thieren vorkommt, kann nicht zweifelhaft sein. Obgleich nun nach der Weigert'sohen Darstellung eine neue Gruppirung der verschiedenen Formen der Nephritis in naher Aussicht steht und bereits aufgestellt worden ist, so habe ich doch geglaubt, vorläufig wenigstens an der
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Nierenentzündung.
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seither geltenden Eintheilung der Nierenentzündung festhalten zu sollen. Es bleibt mir deinnach noch übrig, die anatomischen Ver­hältnisse der metastatisohen Nephritis und der Perinephritis hier kurz zu schildern.
Die metastatische Nephritis kommt bei Thieren nicht selten vor. Nach Abnahme der fibrösen Nierenkapsel findet man manchmal nur einen, öfter aber einige oder mehrere metastatische Herde. Die vereinzelten Herde sind im Allgemeinen grosser als dio multiplen; letztere variiren zwischen der Grosse eines mit blossem Äugt; kaum wahrnehmbaren Punktes und einer Erbse. An der Nieren-oberfläche gewahrt man gelbliche Flecke, die gegen das Centrum hin gewöhnlich zugespitzt sind. Die meisten derartigen Keile liegen in der Rindenschicht und reichen nur selten tiefer in die Marksubstanz hinein. Sie sind im frischen Zustande, d. h. in der ersten Zeit nach ihrer Entstehung, ziemlich consistent, bald aber werden sie allmilhlig weicher, bis sie schliesslich in eine breiige, puriforme Masse sich umwandeln. In diesem Zustande können sie leicht mit miliaren Abscessen einer interstitiellen Nephritis verwechselt werden. Der schliesslich aus den Eiterinfiltrationen und dem Gewebszerfall ent­stehende fettig-eiweissartige Detritus kann resorbirt werden, und in­dem die betreuenden Stellen vernarben, wird die Nierenoberfläche etwas uneben (granulirt). Die Herde können aber auch verkalken. Ihre Peripherie ist längere Zeit hindurch hyperämisch, roth um­säumt. Wenn mehrere kleine derartige Abscesse confluiren, so kann es zur Losstossung grösserer oder kleinerer Nierenstüokchen kommen. So fand z. B. Leisering in der Leiche eines mit chronischem Lungen­katarrh behaftet gewesenen Pferdes, bei welchem während des Lebens mit dem blutig-eiterigen Urin Fetzen Nierengewebes abgegangen waren , die linke Niere mit einer puriformen Masse erfüllt, in der noch 3 grössere Nierenstücke lagen. — Endlich sei noch erwähnt, dass ebenso wie in anderen embolischen Herden, so auch in den der Nieren ein deletärer Zerfall einzutreten pflegt, wenn mit den Embolis Fäulnisserreger in die verstopften Gefässe eingeführt wurden.
Die der Perinephritis zukommenden anatomischen Yerände-rungen wurden bereits früher zum Theil angegeben. Ich werde mich deshalb hier recht kurz fassen. In Folge des Entzündungsprozesses wird die fibröse Nierenkapsel zunächst hyperämisch und saftreicher; ihre Oberfläche trübt sich und bedeckt sich in verschiedenem Um­fange mit Exsudat, später mit bindegewebigen Neubildungen. So können schwartige Verdickungen und Verwachsungen der Kapsel mit der Oberfläche des Nierenparenchyms zu Stande kommen. Ist die Fettkapsel an dem Entzündungsprozesse mit betheiligt, so ist neben der Perinephritis eine sogenannte Paraiiephritis vorhanden. Kommt es zur Bildung von Eiter und Nekrose und gelangt der Eiter oder Brandjauche in die Nachbarschaft, so können dieselben weitgehende Zerstörungen und den Tod zur Folge haben.
Die Entzündung der Nierenkapsel kann primär oder secundur und zwar sowohl in Folge einer Nephritis, als auch in Folge ver-
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484nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Nierenentzündung.
sohiedener anderer Krankheitszustilnde, innerhalb und ausserhalb der Bauchhöhle gelegener benachbarter Organe entstehen.
Die Prognose der Nephritis ist unsicher und muss stets mit Vorsicht gestellt werden. Selbst durch das Zurücktreten der auf­fallendsten acuten Erscheinungen lasse man sich nicht verleiten, der Gefahren zu vergessen, welche schleichende Eiterungen oder durch chronische Destruction andere Prozesse in den Nieren für den Pa­tienten im Gefolge haben. In solchen Fällen bleibt die gesteigerte Empfindlichkeit in der Nierengegend gewöhnlich fortbestehen; auch können andere Erscheinungen früher oder später sich zeigen, welche die vorhandene Gefahr deutlicher erkennen lassen. So z. B. kann Eiter mit dem Harn oder Kothe entleert werden, oder es können die Erscheinungen einer Peritonitis sich einstellen u. s. w.
Behandlung. Bei acuter Nephritis ist im Allgemeinen eine antiphlogistische Behandlung angezeigt, wobei solche Mittel, welche die Nieren reizen, sorgfältig gemieden werden müssen. Bei kräftigen (vollblütigen) Thieren mache man, namentlich bei heftigen Entzün­dungserscheinungen, zunächst einen allgemeinen Aderlass. Innerlich verordne man Abführmittel; solche verdienen den Vorzug, welche, ohne anderweitige Contraindication, durch ihre Verabreichung am wenigsten Mühe verursachen und die Patienten am wenigsten be­lästigen. Darum gebe ich bei Pferden eine Pille aus Calomel 2,0 mit 25,0 Aloii und grüner Seife in entsprechender Menge zur Pillen­masse. Bei Wiederkäuern aber verordne ich Glaubersalz für er­wachsene Thiere 600,0, mit Brochweinstein 80,0 sorgfältig gemischt und in 4 gleiche Theile getheilt, stündlich eine Gabe mit einer Woin-flasche (ca. 3/4 Liter) Gerstensohleim oder Leinsamenschloim. Der­artige schleimige Flüssigkeiten lasse ich den Patienten auch zum freiwilligen Genüsse in kleinen Mengen und in nicht verdorbener Beschaffenheit öfter des Tages anbieten. Local sind kalte Ueber-schläge äusserlich auf die Nierengegend, sowie grössere Mengen kalten Wassers per rectum zu appliciren. Im ersten Stadium der Krankheit können den innerlichen Mitteln Narkotica zugesetzt werden, wozu namentlich Extractum hyosciami empfohlen wird; für spätere Stadien sind erregende Mittel, besonders Kampher indicirt. Wo die Verhältnisse es gestatten, können auch Priossnitz'sohe Umschläge angewendet werden, um die Hautthätigkeit energisch anzuregen; man muss in der Privatpraxis aber auf dieselben verzichten, wenn das Personal keine Gewähr dafür bietet, dass diese Ein Wicklungen vorsichtig und gut gemacht werden. Wo die Garantie hierfür fehlt, verzichte man auf dieses Diaphoreticum und suche durch Frotti-rungen der Haut, Bespritzen derselben mit Spirituosen Mitteln, die auf die Nierengegend in grösserer Menge aufgetragen oder durch Senfteig, Crotonöl oder Brechweinsteinsalbo ersetzt werden können, derivatorisch zu wirken. Es sei noch erinnert, dass auch für den äusserlichen Gebrauch Canthariden, Terpentinöl und andere Nieren-reizmittel durchaus gemieden werden müssen.
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Nierenbluhmg.
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Bei chronischer Nephritis ist der Erfolg, den selbst die rationellsten Behandlungsmethoden bisher aufeuweisen haben, noch weniger be­friedigend als bei neuter Nephritis. Blutentziehungen, sowie Abführ­mittel sind möglichst zu meiden, weil sie die Körperkräfte zu sehr in Anspruch nehmen, was ja ohnehin in Folge der Albuminurie des Verlustes anderer werthvoller Substanzen in bedenklicher Weise ge­schieht. Aufgabe einer verstilndigen Therapie ist es selbstverständlich, dem rapiden Verfall der Kräfte möglichst zu steuern. Man strebe deshalb einerseits die Eisweissausscheidung zu beschrilnken, anderer­seits sorge man für genügenden Ersatz der mit dem Harn ausge­schiedenen Eiweisskörper. Für letztere Indication hat eine geeig7iete Ernährung der Patienten, sowie eine sorgfältige Ueberwachung ihrer Verdauungsthätigkeit zu sorgen. Gern lasse ich deshalb bei Pflanzen­fressern gerösteten Hafer (hei Wiederkäuern grob geschroten), mit etwas Strohhäckerling vermischt, sodann gutes Wiesenheu in ent­sprechenden Mengen und in öfteren kleineren Eationen den Patienten verabreichen. Um die Eiweissausscheidung zu beschränken, kann man Eerr. sulfurio. oxydulat. verordnen, das ich dem Plumb, acetic, sowie dem Tannin aus verschiedenen Gründen vorziehe. — An und für sich sind Priessnitz'sche Einwicklungen auch bei chronischer Nephritis indicirt, aber aus den bereits angegebenen Rücksichten nicht immer verwendbar. — Bei schwachem Pulse kann die Digitalis, mit der nöthigen Vorsicht angewendet, sich als nützlich erweisen; man verbinde dieselbe mit Borax oder kleinen Gaben Wachholder-beeren, da leichte Diuretica, namentlich bei hydropischen Erschei­nungen , sich nützlich erweisen können. Das in der Menschenheil­kunde für solche Fälle gebräuchliche Kalium acet. wird bei grossen Hausthieren seines höheren Preises halber selten, bei Hunden mehr angewendet. Auch können subeutane Injectionen von Pilooarpin als Diaphoreticum und Diureticurn versucht werden. Wenn Symptome von Urämie (Eingenommenheit des Sensoriums, Sopor etc.) sich ein­stellen, so sind Abführmittel nicht nur zulässig, sondern indicirt; gegen Krämpfe wende man subeutane Morphiuminjectionen an.
3. Nierenblutung.
Eine Blutung der Nieren kann durch verschiedene Dinge ver­ursacht werden, und zwar durch mechanische Verletzungen von aussen oder innen (Verwundungen durch Hieb, Stich, Schlag, Stoss, Nierensteine etc.), oder in Folge verschiedener Krankheits-zustände der Nieren (Entzündung, Carcinom), oder in Folge allge­meiner Blutkrankheiten, welche eine abnorme Brüchigkeit der Ge-fllsswände bedingen (Anthrax, Septicämie etc.).
Kleinere Niei-enblutungon entgehen während des Lebens in der Regel der Wahrnehmung; dagegen verursachen erheblichere Nieren-blutnngen gewöhnlich Bluthamen, wobei die Urinentleerung dem Patienten meist Schmerz zu verursachen scheint. Es bedarf kaum
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486nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Neubildungen und Harnconcretionen in den Nieren.
der besonderen Erwähnung, dass Blutungen auch aus anderen Ab­schnitten des Harnapparates (sowie des Genitalcanales) stattfinden und Blutharnen verursachen können. Aus praktischen Rücksichten sollen deshalb am Schlüsse dieses Hauptstückes über die Krankheiten der Harnorgane, alle Zustände, welche Blutharnen verursachen, im Zusammenhange besprochen werden, weshalb ich von einer weiteren Darstellung der Pathologie und Therapie der Niorenblutung an dieser Stelle abstehe.
4. Neubildungen und Harnconcretionen in den Nieren.
An Neubildungen kommen in den Nieren gelegentlich vor: . Carcinome, Pettgeschwülste, Tuberkel, Rot/neubildungen. Die Hyper­trophie des interstitiellen Bindegewebes lernten wir schon früher kennen. Es sei aber noch erwähnt, dass im Nierenbecken des Pfer­des kolbige Fibroide vorkommen, welche indess nie eine solche Grosse zu erreichen scheinen, dass durch sie der Abfluss des Urins behindert wird. Endlich sind hier noch die Cysten zu nennen, welche in den Nieren nicht selten angetroffen werden, deren Grössc zwischen der eines Hanfkornes und der einer Wallnuss wechselt. Häufig finden sich dieselben vereinzelt, zuweilen aber in solcher Menge und Grosse, dass das Nierenparenchym verdrängt wird, wobei indess das Volumen der Niere zunimmt und die Nierenoberfläche uneben wird. Dieser Zustund, den man mit dem Namen „Blason-nierequot; belegt hat, ist bei Rindvieh mehrfach zur Beobachtung gekommen; wahrscheinlich bilden sich die Cysten aus sackigen Er­weiterungen einzelner Harncanälchen oder aus erweiterten Malpighi-schen Kapseln. Vielleicht wird die Ausbuchtung der Harncanälchen durch Harngries verursacht.
Die Bildung von Harngries und von grössoreu Concrementen in den Nieren kommt nicht selten vor. Dieselbon bleiben entweder in den Nieren liegen, oder sie werden mit dem Harn fortgeschwemmt und gelangen so in's Nierenbecken, oder weiter bis zur Harnblase, oder nach aussen. Auf diesem Wege können sie an jeder Stelle des Harncanales, von den Harncanälchen an bis zur Mündung der Harnröhre, und selbst in der Vorhaut liegen bleiben. Die grösseten Concretionen, die sogenannten „Nierensteinequot;, liegen seltener im eigentlichen Parenchym der Niere, sondern meist in den Nieren­kelchen oder im Nierenbecken; im ersteren haben sie meist eine den Räucherkerzchen ähnliche, in letzterem eine warzige Form. Die grösseren Nierensteine klemmen sich da ein, wo die Harnleiter aus dem Nierenbecken hervorgehen. Dieselben unterscheiden sich bei den verschiedenen Thierspecies durch ihre Grosse, Form und che­mische Zusammensetzung mannigfach. Im Nierenbecken des Pferdes wurden Harnsteine bis zu 1380 gr Gewicht angetroffen; gewöhnlich aber sind sie beträchtlich kleiner.
Alle in den Nieren vorkommenden Neubildungen, sowie auch die Nierenoontractionen können am lebenden Thiere in der Regel
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Parasiten in den Nieren.
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nicht diagnostioirt werden. Pur die praktischen Zwecke ist dies nur insofern zu bedauern, als fragliche Zustände stets unheilbar sind und eine frühzeitige Erkennung derselben allenfalls vor frucht­losen Kurversuchen schützen würde, Tuberkel und Rotzknoten ent­stehen in den Nieren meist, laquo;wenn nicht immer, secundär.
5. Parasiten in den Nieren.
Im Parenchym der Nieren kommen bei Wiederkiluorn zuweilen Echinokokkenblason vor, welche Schwund der Drüsensubstanz in verschiedenem Grade verursachen können. Neben solchen Echino­kokken können gleichzeitig mit Concretionen erfüllte Cysten vor­kommen, welche entweder den früher besprochenen Ketentionscysten angehören, oder von zu Grunde gegangenen Echinokokken abstammen.
In den Nierenbecken des Pferdes, Eindes und Hundes ist der Riesenpalissadenwurm öfter angetroffen worden. Je nach seiner Grosse oder der Zahl der im Nierenbecken vorhandenen Exemplare verursacht dieser Parasit mehr oder weniger erhebliche Krankheits­erscheinungen, die mit Harnbeschwerden, Blutharnen etc. verbunden sein können. Entzündung des Nierenbeckens, Schwund der Niej^e in verschiedenem Grade etc. stellen sieh in Polge von Eeiz oder Druck nicht selten ein; zuweilen enthält die vordickte fibroide Nieren­kapsel nur noch eine eiterige oder blutige Flüssigkeit. So fand Greve bei der Section eines Stieres, welcher ein Jahr lang an Harn­beschwerden gelitten hatte, im Becken der linken Niere einen 11 Zoll langen Riesenpalissadenwurm und die betreffende Niere in eine mit Eiter angefüllte Cyste umgewandelt. Bei Hunden verursacht dieser Parasit zuweilen sehr erhebliche Erscheinungen; sie zeigen Harn­beschwerden und Blutharnen und schreien fast beständig. In anderen Fällen wurden bei der Section von Hundeloichen im Nierenbecken unerwartet Palissadenwürmer angetroffen, ohne dass die Thiere wäh­rend des Lebens je Erscheinungen gezeigt hatten, welche auf die Anwesenheit des Parasiten am angegebenen Orte irgendwie hätten schliessen lassen.
Pflug fand im Nierenbecken eines Schafes einen „Cysticercus tenuicollisquot;, der Pyelitis, Nephritis, Perinephritis, dann Atrophie des Nierenbeckens und des Nierenparenchyms, und endlich Perforation der dem Wurme anliegenden Gewebe verursacht hatte; eine grün­liche, etwas blutig schimmernde Flüssigkeit hatte sich von dem massig erweiterten Nierenbecken aus durch die abnorme Oeffhung zwischen Nierenkapsel und Niere ergossen und hier eine sackartige Ausbuch­tung der Kapsel verursacht.
Die Gegenwart von Parasiten in den Nieren ist am lebenden Thiere nicht zu erkennen, ausgenommen die bei Thieren gewiss iiusserst seltenen Pälle, wo kloine Echinokokkenblasen, oder Haken­kränze, oder sonstige specifische Trümmer des betreffenden Parasiten zufällig im Urin aufgefunden werden, so dass hierauf ein Schluss
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488nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Harnruhr (Diabetes insipidus).
auf die Anwesenheit von Würmern in den Nieren, resp. im Nieren­becken sich stützen könnte.
Von einer Behandlung derartiger Zustände kann somit in der Thierheilkunde nie die Rede sein.
Ob etwa pflanzliche Parasiten (Mikroorganismen) in den Nieren eine pathogene Rolle zu spielen vermögen, ist zur Zeit unbekannt. Es wird vermuthet, dass dies der Fall sei und dass namentlich diphthe-ritische und croupöse Erkrankungen des Nierenbeckens durch Spalt­pilze hervorgebracht werden können.
6. Die Harnruhr, Polyurie (Diabetes insipidus).
Diagnose, Als Harnruhr oder Lauterstall bezeichnet man eine bei Pferden häufiger, bei den übrigen Hausthieren seltener vorkommende Krankheit, bei welcher zunächst die vermehrte Absonderung und Ausscheidung eines fast geruchlosen, klaren, an festen Bestandtheilen armen, an Wasser reichen Urins, sowie ein dementsprechend ge­steigerter Durst die auffallendsten Symptome bilden. Die Patienten sind weniger lebhaft, ermüden leichter, ihre Haut ist trocken, das Maul warm und pappig. Die Fresslust nimmt in der Regel erst im späteren Verlaufe der Krankheit ab, während der Durst sich derart steigert, dass die Menge des aufgenommenen Wassers die Menge des abgesonderten Urins zuweilen beträchtlich übertrifft. In Ermangelung von geeignetem Getränke nehmen die Patienten jede beliebige erreichbare Flüssigkeit auf und verschmähen im Nothfalle selbst ihren eigenen Urin nicht. Die Bewegung der Nachhand er­scheint steif und gespannt, die Nierengegepd empfindlich und die Harnentleerung schmerzhaft. Der Zustand pflegt zunächst lange Zeit hindurch ohne Fieber zu bestehen; später aber treten erst leichte Fiebererscheinungen hinzu. Derselbe kann mehrere Monate hindurch, ja selbst über ein Jahr fortbestehen, bis endlich ein Zehr­fieber und eine auffällige Schwäche im Hintertheile sich einstellen, worauf der Tod meist nach kurzer Zeit den Patienten erlöst.
Der Verlauf der Harnruhr kann ein acuter oder ein chro­nischer sein, je nachdem die Krankheitsursachen kürzere oder län­gere Zeit einwirken und eine entsprechende Behandlung früher oder später eintritt.
Pathologische Anatomie. Bei der Section von Thieren, welche an Diabetes verendet sind, findet man die Nieren bald hypertrophirt, bald geschrumpft, bald erweicht mit glatter oder höckeriger Ober­fläche; das Nierenbecken ist zuweilen erweitert. Nicht selten ist ein Katarrh der Harnblase vorhanden und manchmal wurden die Häute der Harnblase verdickt und das Lumen dieser verkleinert angetroffen. Ziemlich regelmässig sind die Befunde eines chronischen Mngen-Darmkatarrhs und einer fortgeschrittenen Kachexie vorhanden.
Aetiologie. Diabetes entsteht am häufigsten in Folge des Ge­nusses von verdorbenem Futter, namentlich von multerigem, schim-
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Harnruhr (Diabetes insipidus).
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meligem Heu oder Hafer (Schiffshaler), oder aber von harntreibenden Vegetabilien (Asclepias vincetoxicum, Anemone, Adonis u. a. m.). Auch scheint die Harnruhr durch Erkilltung entstehen zu können; nasskalte quot;Witterung, sowie wasserreiches Futter steigern die Krank­heit, während diese bei trockenem, heiterem Wetter abnimmt. Ferner kann schlechtes Getränke, namentlich Sumpfwasser oder Wasser, welches reich an erdigen oder salzigen Bestandtheilen ist, Harnruhr verursachen. So sind mehrere Fälle beobachtet worden, wo diese Krankheit nach der Verabreichung von mit Meerwasser durchtränk-tem Futter auftrat.
Es sind also mancherlei verschiedene Dinge, welche Harnruhr zu erzeugen vermögen, und leider ist es uns bis heute nicht mög­lich, uns die bei der Entstehung dieser Krankheit in Betracht kom­menden physiologischen Vorgänge in befriedigender Weise erklären zu können. Die Thatsache, dass bestimmte Verletzungen des oberen Theiles des Bodens vom vierten Gehirnventrikel bei Thieren Harnruhr im Gefolge hat, stellt es fast aussei- Zweifel, dass bei Entstehung dieser Krankheit neuropathische Vorgänge eine wichtige Rolle spielen können. Wann und wie dies geschieht, wissen wir nicht.
Die Prognose gestaltet sich verschieden, je nach dem Alter und Grade der Krankheit. Bei frühzeitiger Erkennung und zweck-mässiger Behandlung der Harnruhr pflegt meist bald Genesung ein­zutreten, wenn die Ursachen bekannt sind und dauernd beseitigt werden. Wo dies nicht möglich ist oder versäumt wird, da wird die Prognose um so ungünstiger, je länger und intensiver die Ur­sachen einwirken und je hochgradiger die Krankheitserscheinungen auftreten. Ist die Krankheit weit vorgeschritten, so ist der Tod fast unabwendbar. Eine gewisse Vorsicht bei der Prognose ist immer zu empfehlen, da selbst leichte Fälle von Harnruhr bei un-regelmässiger oder unpassender Behandlung der Patienten von Seiten des Wartepersonals leicht sich verschlimmern und schliesslich mit Tod enden.
Die Behandlung der Harnruhr hat vor allen Dingen die an­dauernde Beseitigung der Krankheitsursachen zu bewirken. Eine entsprechende Regelung der Diät reicht bei erst vor Kurzem ent­standenem, nicht hochgradigem Diabetes oft allein aus, Heilung herbeizuführen. Neben gutem Futter und Getränk ist ein trockener, massig warmer Stall, Schutz gegen Erkältung und ungeeigneten Gebrauch der Patienten, öfteres Abreiben und Eindecken, überhaupt eine gute Hautpflege der Heilung förderlich. Die Anregung der Hautthätigkeit kann durch Aufspritzen von Spiritus oder Salmiak­geist vor dem Abreiben unterstützt werden; bei Hunden sind warme Bäder angezeigt, wenn nach denselben jede Erkältungsgefahr ver­mieden wird. Innerlich sind adstringirende Mittel (Ferr. sulf.. Plumb, acet. u. dergl.) in Verbindung mit bitteren Mitteln oft nützlich. Auch sollen Abfülimngsinittel sich manchmal bewährt haben.
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490 Zucker- oder Honigharnruhr. Entzündung des Nierenbeckens.
7. Zucker- oder Honigharnruhr (Diabetes mellitus).
Eine besondere Art der Harnruhr bildet der sogenannte „Dia­betes mellitus', bei welchem eine Polyurie besteht und Trauben­zucker in einigermassen erheblicher Menge im Harn vorkommt. Diese Krankheit ist einigemal bei Pferden und Hunden, auch ein­mal bei einem Affen beobachtet worden.
Die Krankheitsersoheinungen sind denen des Diabetes insipidus (sapidus, schmackhaft; insipidus, unschmackhaft) sehr ähnlich, jedoch characterisirt sich der Urin bei der Zuokerharnruhr durch seinen süssliohen Greschmack.
Der Sectionsbefund ist sehr inconstant und die Krankheits­ursachen unbekannt. Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig.
Die Behandlung ist im Wesentlichen die nämliche wie beim Diabetes insipidus.
8. Die Entzündung des Nierenbeckens (Pyelitis).
Aetiologie. Die Entzündung des Nierenbeckens kann primär, •oder als Folge einer Erkrankung dos Nierenpurenchyms, der Harn­leiter oder der Harnblase entstehen. Es kann aber auch umge­kehrt eine Nephritis etc. die Folge einer primären Entzündung des Nierenbeckens sein. Die Verbindung beider Zustände (Pyelitis und Nephritis) mit einander bezeichnet man als „Pyelo-Nephritisquot;. Diese Entzündung des Nierenbeckens ist fast ausnahmslos katarrhalischer Natur; nur ganz selten wurden Fälle von croupöser und diphtheri-tischer Pyelitis bei Thieren beobachtet. Dass Concremento, thierische und pflanzliche Parasiten in den Nierenkelchen, sowie im Nieren­becken eine Pyelitis verursachen können, wurde bereits im vorigen Kapitel gesagt. Ausserdcm sind noch andere Reize, z.B. derMissbrauoh scharfer Diuretica, namentlich aber Hindernisse für den Abfluss des Urins aus dem Nierenbecken, als Ursachen der Pyelitis zu nennen.
Diagnose. Die Entzündung des Nierenbeckens kann aout und chronisch verlaufen; letzteres pflegt der Fall zu sein, wenn dieselbe primär sich gebildet hat. Bei Pferden mit chronischem Katarrh des Nierenbeckens ist der entleerte Harn gewöhnlich sehr zäh und zeig , nach längerem Stehen einen reichlichen Bodensatz. Auch können Kolikerscheinungen, Schmerzhaftigkeit oder doch grössere Empfind­lichkeit in der Lendengegend zuweilen bei der Bewegung auffallen und durch Palpation von aussen oder per rectum nachgewiesen wer­den; auch Harnbeschwerdon oderBlutharnon sind zuweilen vorhanden, so dass wir aus diesen Erscheinungen allenfalls auf die Gegenwart eines Nierenleidens, nicht aber auf einen Katarrh des Nierenbeckens mit grösserer Wahrscheinlichkeit schliessen können. Ueber Prognose und Therapie ist demgemäss hier nichts Besonderes zu sagen.
Pathologische Anatomie. Die acuto Pyelitis kommt meist in Verbindung mit Nephritis vor; bei derselben ist die Schleimhaut des
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Blasenniere odor Hydronephrose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 401
Nierenbeckens hyperämisch und mit einer schleimig-eiterigen Masse bedeckt. Diese ist sehr zähflüssig und besteht aus einem katarrha­lischen Exsudat, dem reichlich im Zerfall begriffene Epithelien beigemengt sind. Bei höherem Grade der Entzündung kann es aber auch zur Eiterung und selbst zur Nekrose in der Schleimhaut des Nierenbeckens kommen.
Beim chronischen Katarrh des Nierenbeckens tritt die Hyper­ämie mehr in den Hintergrund. Das Nierenbecken ist in der Regel erweitert und seine Wandung verdickt. Im Innern desselben findet sich eine zähe eiterig-schleimige Masse, welche den ßaum des Nieren­beckens nicht selten ganz erfüllt. Bei Pferden kommt dieser Zu­stand wohl am häufigsten vor, und nicht selten findet man hier die Exsudatmasson mit kohlensaurem Kalk derartig durchsetzt, dass dieselben beim Zerreiben zwischen den Fingern sandig sich anfühlen. Ja selbst die Wandung des Nierenbeckens findet man zuweilen in-crustirt. In der Regel ist die Schleimhaut schmutzig bräunlich oder schieferfarbig und fleckig; sie 1st aufgelockert und zuweilen stellenweise ulcerirt oder gar perforirt; manchmal ist sie pigmentirt oder an ihrer Oberfläche mit bindegewebigen Neubildungen besetzt. Der katarrhalische Zustand erstreckt sich nicht selten über die Harn­leiter bis in die Blase; häufig ist die betreffende Niere in irgend einer Weise mit erkrankt.
0, Blasenniere oder Hydronephrose.
Mit diesem Namen bezeichnet man denjenigen Zustand, bei welchem das Nierenbecken in Folge andauernd behinderten ürin-abflusses nach der Harnblase zu allmählig immer mehr erweitert und dadurch die Nierensubstanz zum Schwinden gebracht wird. Sitzt das Hinderniss für den Abfluss des Urins hinter dem Harn­leiter, so wird dieser unter Verdickung seiner Wand mehr oder weniger beträchtlich erweitert, wobei er sich stärker winden und an verschiedenen Stellen einknicken kann. An Stolle dos geschwun­denen Nierenparenchyms befindet sich zunächst eine urinöse Flüssig­keit, welche schliesslich die erweiterte und verdickte fibrinöse Nieren­kapsel ganz erfüllt, so dass diese mit dem erweiterten Nierenbecken gewissormassen eine grosso Cyste bildet. Mit der fortschreitenden Verödung dos Nierenparenchyms nimmt die Harnabsonderung in der kranken Niere ab, bis schliesslich mit dessen völliger Atrophie von der nunmehrigen Cystenwand an deren Innenfläche eine schlei­mige Flüssigkeit abgesondert wird. Dadurch verliert der Inhalt einer derartigen Blasenniere nach und nach seine urinöse Beschaffen-heit immer mehr und stellt schliesslich eine klare, geruchlose Flüssig­keit dar. In Folge eingetretener Zorsetzungsprozesse kann indess die Beschaffenheit des Inhaltes einer Blasenniere auch anders sein. Meist leidet nur eine Niere an Hydronephrose, und tritt dann die andere Niere vicarirend ein. Die völlig obsolet gewordene Niere kann einen sehr bedeutenden Umfang erreichen, so dass sie zuweilen die Grosse eines Menschenkopfes noch übersteigt.
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#9632;
492nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hypeiämie, Katarrh und Entzündung der Harnblase.
Bei Schweinen und Eindvieh entwickelt sich die Blasenniere nicht selten von den Nierenkelchen aus, so da.ss dadurch zunächst eine fllcherige Cyste vom Nierenhilus aus entsteht.
Eine einseitige Hydronephrose verursacht meist keine wahrnehm­baren Störungen, so dass relativ sehr häufig bei der Section von geschlachteten oder an einer anderen Krankheit gestorbenen Thieren ganz zufällig, besonders häufig bei Schweinen, eine Blasenniere ge­funden wird. Eine beiderseitige progressive Hydronephrose hat im Laufe der Zeit stets den Untergang des Patienten zur Folge, indem eine meist lethale Nierenentzündung oder schliesslich Urämie sich beigesellt. Auch bei einseitiger Hydronephrose erkrankt die gesunde Niere nicht selten, wodurch der Zustand allemal sehr erschwert und ilusserst gefährlich wird.
Eine bestimmte Diagnose dieses Leidens kann am lebenden Thiere nicht gestellt werden, so dass höchstens einzelne hervor­stechende Symptome Indicationen für eine allerdings nur palliative Behandlung bieten können.
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II. Krankheiteu der Harnblase.
1. Harnblasenkatarrli (Cystitis catarrhalis), croupöse und diphthe-
ritische HarnblasenentzüDdung (Cystitis oder Urocystitis crouposa
et diphtberitica) imd Hyperämie der Harnblase.
Pathologische Anatomie. Die Entzündung der Harnblase ist meist katarrhalischer Natur und verläuft bald acut, bald chronisch und betrifft nur selten die ganze Blasenschleimhaut; meist ist sie auf verschiedene grosse Abschnitte dieser beschränkt, so z. B. nicht selten auf den Scheitel und noch häufiger auf den Hals der Blase. Bei acu-tern Blasenkatarrh findet man bei der Section die bptreffenden Schleim­hautpartien hyperämisch geschwellt und saftreich, ihre Gefässc sind stärker injicirt und an den Theilungsstellen dieser manchmal klei­nere oder grössere Extravasate vorhanden. Ihre Oberfläche ist von einer dünnen Exsudatschicht überzogen, der vorhandene Urin ist von Exsudat, Blasenschleimhautepithelien und Harnsedimenten ge­trübt und nicht selten durch beigemischtes Blut roth oder bierbraun gefärbt. Zuweilen ist die entzündete Schleimhaut au ihrer Ober-Hache mit einer fibrinösen, gelblich-bräunlichen, membranartigen Exsudatschicht belegt, die sich leicht und ohne erhebliche Beschä­digung der Schleimhaut abheben lässt (Urocystitis crouposa); auch findet man zuweilen inselartig ein gelblich-bräunliches, von einem rothen Hofe umsäumtes Exsudat, welches tiefer in das Schleimhaut­gewebe eingreift und aus diesem ohne Verletzung desselben nicht entfernt werden kann (Urocystitis diphtberitica).
Der Ausgang der acuten Harnblasenentzündung ist verschieden; entweder tritt Genesung ein, oder es entwickelt sich aus derselben chronischer Blasenkatarrh, der mit reichlicherer Schleimabsondei'UDff
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Hyperämie, Katarrh und Entzündung der Harnblase.
4d'3
und mit Eiterbildung verbunden ist. Die Erscheinungen der Hyper-älmie treten mehr /urüok, die angeschwollene, serös durchfeuchtete Sehleimhaut wird schiefergrau und bedeckt sich an ihrer Oberfläche mit einer grösseren Menge gallertartigen Schleims oder Eiters. Die Muskelhaut der Harnblase ist in der ersten Zeit des chronischen Blasenkatarrhs nicht selten contrahirt, wodurch die Lichtung der Blase sehr vermindert wird. Der meist in geringer Menge vor­handene Urin ist bräunlich, schleimig oder eiterig und von bräun­licher Farbe. War seine Entleerung nach aussen behindert, was bei chronischem Blasenkatarrh in Folge Anstauung von grösseren Schleimklumpen im Blasenhalse oder in der Harnröhre nicht selten vorkommt, so findet man die Harnblase, namentlich nach sehr pro-trahirtem Verlaufe des Katarrhs, oft bedeutend erweitert, wobei die Blasenwandungen verdünnt, zuweilen geschwürig oder jauchig infiltrirt, oder an ihrer Oberfläche zerfetzt, zuweilen sogar ganz per-forirt angetroffen werden. Bei Brand der Harnblase sind die Häute dieser brüchig, weich oder trocken, dunkelroth oder bläulich mit grünlichen Flecken; der Blaseninhalt besteht in einer bräunlichen Flüssigkeit, oder in einer krümeligen Masse und besitzt oft einen üblen, stinkigen Geruch. Eine dunkle Röthe ohne die eben geschil­derten weiteren Veränderungen der Harnblase kommt auch bei inten­siver einfacher Hyperämie dieser vor; letztere darf deshalb nicht mit Brand der Blase verwechselt werden. Bei vorhandener Per­foration findet man in der Becken-, resp. Bauchhöhle die entspre­chenden consecutiven Zustände. Auch findet man manchmal die Blasenschleimhaut an ihrer Oberfläche incrustirt, oder mit fibrösen Neubildungen besetzt; zwischen den Häuten der Blasenwand kann es zu bindegewebigen Neubildungen kommen, während die Muskel­haut in Folge des Druckes atrophirt; so entwickelt sich allmählig eine Blasenlähmung mit ihren weiteren Folgen.
Als Ursachen der Blasenentzündung kommen verschiedene Reize in Betracht, welche die Harnblase direct oder indirect treffen. Hierhin gehören Parasiten (Strongylus gigas), Concremente oder andere Fremdkörper in der Harnblase, sowie mechanische Insulte dieser; ferner die Einverleibung verdorbenen, schimmeligen oder faulen Futters, Schlempe, gesäuerten Brühfutters, llübenblätter und Klee, namentlich wenn diese auf Haufen sich erhitzt haben, scharfer Pflanzen, ätherisch-öliger Stoffe, Canthariden u. dergl. m. Auch können Krankheitsprozesse in der Nachbarschaft, sowie jede länger andauernde Harnverhaltung und verschiedene Infectionsstoffe eine Cystitis im Gefolge haben.
Diagnose. Da Blasenentzündung oft die Folge einer Harn­verhaltung ist, so wird diese nicht selten eines der ersten Symptome jener sein, manchmal aber im weiteren Verlaufe der Krankheit erst sich einstellen. Die Patienten machen bei jeder Cystitis häufig An­stalten zum Uriniron, wobei indess nur wenig oder gar kein Urin entleert wird. Es ist dies aber eine Erscheinung, welche auch bei
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494nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hjpeiämio, Katarrh und Entzündung der Harnblase.
verschiedenen anderen Zuständen vorkommt und im Allgemeinen nur auf einen im Harnapparate irgendwo vorhandenen Reiz bezogen werden kann. Dieser setzt sich auch auf die Geschlechtsorgane fort. Bei Hengsten ist der Penis oft im Zustande der Erection; Stuten zeigen Erscheinungen der ßossigkeit u. s. w. Da die ent­zündete Blasensohleimluuit sehr empfindlich ist, so verursacht der aus den Harnleitern zufliessende Urin den fast permanenten Drang zum Uriniren. Wo diese Erscheinung vorhanden ist, da erscheint eine manuelle Untersuchung der Harnorgane angezeigt. Dieselbe muss sich natürlich auf die Harnblase mit erstrecken; diese kann bekanntlich bei den grossen Hausthieren durch den Mastdarm (und bei weiblichen Thieren auch durch die Mutterscheide), bei den kleinen Wiederkäuern und Fleischfressern durch die Bauchdecken palpiren. Handelt es sich um eine Cystitis, so zeigt sich die Harn­blase gegen Druck empfindlich, was die Patienten durch Unruhe, Stöhnen, Einbiegen des Rückens etc. zu erkennen geben. Bei dieser Exploration verfahre man deshalb möglichst schonend, versäume aber nicht, genau zu untersuchen, ob irgend welche greifbare Ur­sachen der Cystitis (Concremente etc.) zu ermitteln, resp. vorhanden sind. Dass hierbei die Blase leer, oder in verschiedenem Grade gefüllt angetroffen werden kann, ist leicht verständlich, da ja bei Blasenentzündung eine Harnverhaltung vorhanden sein, aber auch fehlen kann. Wo Urin entleert wird, da ist derselbe aufzufangen und näher zu untersuchen. Derselbe ist bei Cystitis trüb und reich an Sedimenten, namentlich enthält er nicht selten Eiter oder eine eiterähnliche Masse, in welcher bei mikroskopischer Untersuchung abgestossene geschichtete Plattenepithelien in grösserer Menge ange­troffen werden. Da derartige Epithelien auch das Nierenbecken auskleiden, so kann ihre Anwesenheit natürlich für sich allein keinen sicheren Schluss auf das Vorhandensein eines Blasenkatarrhs ge­statten. Zuweilen ist der Urin blutig, oder er enthält Petzen von croupöser oder anderer Beschaffenheit. Bei einfacher Cystitis ist j •nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;die Urinabsonderung nicht beeinträchtigt; nur die Harnentleerung
erfolgt unter abnormen Verhältnissen. Die Patienten trippeln häufig hin und her und peitschen viel mit dem Schweife; zuweilen stehen sie ruhig und niedergeschlagen in ihrem Stande. Der Grad des vorhandenen Fiebers ist meist vom Grade der Cystitis abhängig und ebenso die Fresslust. Mit Zunahme der Entzündung wird die
I Hafnblase empfindlicher und verliert ihre Contractilität. Es stellen sich schliesslich in Folge von Harnverhaltung Kolikerscheinungen ein. Bei eintretendem Harnblasenbrande wird der Puls klein, sehr frequent, kaum mehr fühlbar, der Urin färbt sich dunkler, nicht selten ist er übelriechend und reich an Bacterien. Schliesslich ver­fallen die Patienten in einen schlafsüchtigen Zustand, liegen viel und sterben endlich, nachdem kalte Schweisse sich eingestellt haben, an den Polgen einer Septicämie oder einer hinzugetretenen Pyelo-Nephritis. Tritt Genesung ein, so verlieren sich nach und nach die vor­handenen Krankheitserscheinungen. In geringeren Graden der Krank-
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Hyperämie, Katavvh und Entzündung der Harnblase.
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heit kann dies in einigen Tagen geschehen. Verlieren sich die Er­scheinungen des Blasenreizes schon nach 24 bis 48 Stunden oder in noch kürzerer Zeit, so hat es sich nicht um eine wirkliche! Cystitis, sondern nur um eine Hyperämie der Harnblase gehandelt. Nicht selten zieht sich die Krankheit in die Länge und geht so in chronischen Harnblasenkatarrh über, bei welchem die Krankheits­erscheinungen in geringerem Grade dann oft monatelang fortbestehen. Derartige Patienten magern allmählig ab; ihr Deckhaar wird glanz­los und struppig. Nicht selten stellen sich im Vorlaufe des chro­nischen Blasenkatarrhs Exacerbationen und Remissionen ein. Nach eingetretener Blasenruptur in Folge von Harnverhaltung werden die Patienten zunächst ruhiger und die vorher mit Urin gefüllte Harnblase erscheint leer, ohne dass der Urin auf natürlichem Wege, oder durch Katheterisiren, oder durch Punction der Harnblase nach aussen gelangt wäre. In Folge des Eintritts des Urins in die Bauch­höhle entsteht eine Peritonitis, die häufig keine diagnostischen Er­scheinungen bietet. Nicht selten jedoch tritt Fieber ein, der Bauch­umfang nimmt allmählig auffallend zu, obgleich die Patienten nur wenig Futter zu sich nehmen; bei stossweisem Drucke von aussen gegen die Bauchwandungen lässt sich ein ähnliches Schwappen (Wasserschwanken) wie bei Bauchwassersucht wahrnehmen. Die Ausdünstungen des Patienten nehmen einen urinösen Geruch an und beim Rinde erscheint das Plotzmaul trocken und rissig.
Manchmal tritt der Tod schon einige Stunden nach der Blasen­ruptur ein, während in anderen Fällen die Patienten nach längerer Zeit, in der Regel B bis 8 Tage, selten bis zu 14 Tagen und nur ausnahmsweise mehrere Wochen leben. Bei Rindvieh tritt nach einer Blasenruptur das lethale Ende nicht selten erst nach Verlauf von 8 Tagen ein. Vermuthet man, dass eine Blasenzerreissung ein­getreten sei, so kann man die Diagnose dadurch sichern, dass man sich Gewissheit darüber verschafft, ob der Urin in der Blase noch angesammelt und von Zeit zu Zeit auf natürlichem Wege entleert wird. Dies ist durch eine öfter wiederholte Exploration der Harn­blase, sowie durch Vorbinden eines Harnbeutels (und in Ermangelung dessen eines locker zusammengerollten grossen Leintuches) vor und unter die Mündung der Harnröhre leicht festzustellen.
Die Prognose ist bei dieser Krankheit sehr verschieden und hängt namentlich davon ab, ob die Ursachen derselben früh genug entfernt werden können. Ist dies nicht möglich oder versäumt worden, so tritt früher oder später der Tod ein oder es bleiben pathologische Veränderungen bestehen, welche verschiedene Nach­wehen und Recidive zur Folge haben können. Erscheinungen, welche auf eingetretene Nekrose oder Blasenruptur u. dergl. schliessen lassen, gestalten die Prognose absolut ungünstig.
Die Behandlung hat, wo es möglich ist, vor allen Dingen die Ursachen zu entfernen und fern zu halten, was zuweilen schon durch eine angemessene Diät zu erreichen ist. Eine vorhandene Harnver-
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496nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Blasensteine und Blasengries.
haltung ist durch Katheterisation oder Function der Harnblase zu beseitigen. Innerlich verabreiche man den Patienten schleimige Mittel, womöglich überlasse man ihnen diese als Getränk zum frei­willigen Genüsse; Hunden und Schweinen setze man Milch oder Molken oder auch Buttermilch vor. Man meide alle schädlichen Futtermittel, ferner den Gebrauch solcher Arzneimittel, welche die Harnwerk/.eugo speoifisch reizen, wie dies z. B. ganz besonders die Canthariden thun. Wo letztere etwa die Ursache der vorhandenen Cystitis sind, verabreiche man innerlich Kali carbonicum oder ge­brannte Magnesia, in 50 bis 100 Theilen Wasser gelöst. Bei sehr heftigem aouten Blasenkatarrh sind Abführmittel und selbst ein Aderlass angezeigt; auch Kaltwassereingüsse in den Mastdarm sind zu empfehlen. Unter den schleimigen Mitteln erfreuen sich beson­ders der Hanfsamenschleim und der Mohnsamenschleim eines beson­deren Rufes; erstorer wird in grösseren Quantitäten für Pferde und Wiederkäuer, letzterer in kleineren Mengen für Fleischfresser ver­ordnet. Aber auch der Leinsamenschleim kann jenen ersetzen. Diese reizmildernden Flüssigkeiten sind namentlich bei vorhandenem Harnzwang nützlich, gegen welchen auch hypodermatische Injectionen von Morphium gute Dienste leisten. Bei weiblichen Thieren kann man auch schleimig-narkotische Flüssigkeiten lauwarm durch die Harnröhre in die Blase einspritzen, was bei männlichen Thieren mit so viel Schwierigkeiten verbunden ist, dass man deshalb von diesem Applicationsverfahren Abstand nimmt.
Bei chronischem Blasenkatarrh verabreiche man ebenfalls inner­lich gereinigte Pottasche in Verbindung mit Kochsalz und Wach-holderbeeren, oder statt dessen Abkochungen von Fichtennadeln und Wachholderbeerzweigen; auch kann das Terpentinöl in Verbindung mit schleimigen Mitteln gegen chronischen Blasenkatarrh innerlich mit Nutzen angewendet werden. In sehr hartnäckigen Fällen ver­suche man, die Harnblase nach ihrer Entleerung, welche nöthigen Falls durch den Katheter zu bewerkstelligen ist, mit lauwarmem Wasser von Zeit zu Zeit recht sorgfältig auszuspülen und demnach zunächst mit schwach adstringirenden Flüssigkeiten auszuspritzen; zur Des-infection der Harnblase können erforderlichen Falls Injectionen ver­dünnter Lösungen von Carbol- oder Salicylsilure, oder von Sublimat verwendet werden.
2. Blasensteine und Blasengries.
Aetiologie. Es wurde schon früher erwähnt, dass din Bildung von Harnsand bereits in den Harncanälchen und die Bildung von dichteren und grösseren Concretionen in den Nierenkelchon, sowie im Nierenbecken vorkommen. Wir wissen auch, dass diese mit dem Urin häufig in die Harnblase fortgeschwemmt werden. Dass dem­nach viele der in der Harnblase angetroffenen Harnsteine in den Nieren entstehen, nach ihrem Uobortritt in die Harnblase aber in dieser sich vergrössern, kann demnach keinem Zweifel unterliegen. Ebenso-
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Blasensteine und Blasengries.
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wenig ist es zweifelhaft, dass in die Harnblase gelangte Fremdkörper (zu denen auch Blutgerinnsel etc. zählen) in dieser incrustirt werden können, wodurch Harnsteine, resp. Blasensteine entstehen. Weniger bestimmt ist es, ob auch eine abnorme Beschaffenheit des Blasen­schleims zur Entstehung von Blasensteinen die direote Veranlassung geben kann. Dass die Beschaffenheit des Putters ebenfalls einen Einfluss auf die Bildung von Harnsteinen ausübt, ist wohl sicher. Im üebrigen sind bereits im normalen Harn der verschiedenen Thiergattungen eine Menge von Bestandtheilen der bei den betref­fenden Species vorgefundenen Harnblasensteine vorhanden. Und dass auch diese dem Blute durch die Nahrung zugeführt werden, bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung.
In sehr vielen Fällen ist nur ein einzelner Stein in der Harn­blase vorhanden, der dann nicht selten eine beträchtliche Grosse zeigt. Kleinere Blasensteine kommen häufig in grosser Menge bei­sammen vor; ihre Oberfläche erscheint alsdann in der Regel glatt, oft glänzend, wie polirt. Solche kleine Blasensteine haben eine ge­wisse Aehnlichkeit mit Schrotkörnern, jedoch ist ihre Farbe eine andere. Diese variirt indess auch bei den Blasensteinen, ähnlich wie bei den Nierensteinen. Das Gewicht fraglicher Concremente ist je nach ihrer Grosse und Dichtigkeit sehr verschieden; es kommen solche im Gewicht von 1 bis 2000 und selbst bis 3500 gr vor. In der Sammlung der Turiner Thierarzneischule befindet sich sogar ein über 20 Pfund schwerer Blasenstein. Am häufigsten jedoch wiegen dieselben zwischen 10 bis 30 gr.
Harnsediment findet man ebenfalls nicht selten in grosser Menge in der Harnblase, namentlich bei Pferden und Schweinen. Bei letz­teren scheint dasselbe häufig seiner Hauptmasse nach aus phosphor­saurer Ammoniak-Magnesia zu bestehen. Es war dies wenigstens so in den mir selbst zur Untersuchung zugekommenen, sowie auch in anderen aus der Literatur mir bekannten Fällen. Gurlt fand ein­mal bei einem Pferde 18 Pfund und 12 Loth Harngries in der Blase.
Die chemische Zusammensetzung der Harnblasensteine ist je nach der Thierart verschieden, variirt aber auch bei ein und der­selben Thiergattung.
Die Diagnose der Harnblasensteine stützt sich im Wesentlichen auf Reizerscheinungen im Bereiche der Harnorgane, namentlich auf Harnbeschwerden (Harnstrenge oder Dysurie). Gesichert wird dieselbe erst durch den Nachweis eines festen, in der Harnblase verschiebbaren Körpers. Bei geringer Ansamm­lung von Urin in der Blase ist dies leichter möglich als bei ge­füllter Harnblase. Die Verschiebbarkeit des betreffenden Körpers durch den freien Baum der Harnblase schützt vor einer Verwechs­lung zwischen Blasenstein und Neubildung im Gewebe der Blasen­wand. Ich will hier an einem conereten Fall kurz zeigen, wie man zur Feststellung der Anwesenheit eines Concrcmentes in der Harn­blase gelangt.
Pütz, Compendimn der Thterheilkunflo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 32
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498nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Blasensteine und Blasengries.
Bei einem mir im August 1884 vorgeführten Pferde war seit längerer Zeit nach jeder auch nur wenig andauernden Bewegung in stärkerer Gangart der Abgang von blutigem Urin wahrgenommen worden. Im Uebrigen hatte das Thier keine Krankheitserscheinungen gezeigt; auch bei der in hiesiger Veterinärklinik vorgenommenen Untersuchung wurde das Pferd qu. weiter nicht krank befunden; selbst der Urin zeigte keine auffallenden Abnormitäten, ausser dass er reich an Sedimenten war. Nach einer nur einige Minuten lang andauern­den Bewegung im Trabe trat Blutharnen ein. Die sofort vorge­nommene mikroskopische Untersuchung des Urins ergab, dass der­selbe ausser den zelligen Elementen des Blutes viele Plattenepithelien, aber kein Cylinderepithel aus den Nieren enthielt. Die nunmehr vorgenommene manuelle Untersuchung per rectum Hess mich im Becken in der fast ganz entleerten Harnblase alsbald einen Fremd­körper von rundlicher Form und von derber Consistenz wahrnehmen, der sich hin und her schieben Hess. Ein etwas stärkerer Druck auf denselben war dem Patienten sichtlich unangenehm. Nach einigen Manipulationen war derselbe entschwunden; die fortgesetzte Untersuchung ergab indess, dass derselbe vor und unter dem vor­deren Rande des Schambeines sich befand. Weitere Versuche, den­selben wieder in die Beckenhöhle heraufzufördern, gelangen, und ich constatirte nun, dass sich der rundliche feste Körper, der etwa die Grosse einer Aprikose hatte, im Becken weit nach hinten, etwa bis zur Prostata, bequem verschieben Hess, dann aber festsass. Aus diesem Befunde scliloss ich auf die Anwesenheit eines Blasensteines, und wurde diese Diagnose durch den bald darauf von mir aus­geführten Blasensteinschnitt bestätigt. Der auf diese Weise ent­fernte Harnblasenstein hatte eine gelbliche Farbe und ein Gewicht von 57 gr, ferner eine poröse, ziemlich rauhe Oberfläche, so dass durch seine Verschiebung beim Trabe die Blasenschleimhaut wund gerieben wurde, wodurch das Blutharnen entstand. Patient wurde nach einigen Tagen aus der hiesigen Veterinärklinik entlassen, nach­dem die Operationswunde gesunde Granulationen zeigte und auch sonst keine Besorgniss erregenden Erscheinungen vorhanden waren. Kleinere Harnbinsensteine verursachen häufiger bedeutendere Harn­beschwerden als grössere, weil jene sich leichter im Blasenhalse (oder an irgend einer Stelle in der Harnröhre) festsetzen und den Abfluss des Urins verhindern. Wird die Harnverhaltung nicht bald beseitigt, so treten die Erscheinungen einer sogenannten Harnkolik ein. Die Patienten werden sehr unruhig und machen wiederholte Anstrengungen zur Harnentleerung, wobei indess nur einige Tropfen, oder gar kein Urin abgeht. So kann es geschehen, dass durch an­haltendes starkes Pressen schliesslich kleinere Harnsteine, welche sich eingekeilt hatten, nach aussen gelangen, was bei weiblichen Thieren natürlich häufiger und leichter als bei männlichen passirt. Gelingt dies nicht, so steigert sich die Unruhe bis zur Raserei und nimmt erst dann wieder ab, wenn die Patienten durch Kunst­hülfe , oder in Folge von Blasenzerreissung von ihren unsäglichen
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Lähmung und Krampf der Harnblase.
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Schmerzen befreit worden sind. Die Folgen dieses Ereignisses wurden bereits früher (im vorigen Abschnitt) geschildert.
Die Prognose ist zum grossen Theil von der Zahl und der Beschaffenheit der vorhandenen Concremente abhängig. Ist die Oberfläche eines aus der Harnblase operativ entfernten oder spontan abgegangenen Steines nicht glatt und zeigen sich an derselben keine Iteibeflächen, so ist meist nur ein Stein vorhanden und durch dessen Entfernung eine in der• Regel lange, oder für die ganze fernere Lebenszeit dauernde Heilung erzielt worden. Die Fälle sind indess keineswegs ausgeschlossen, dass auch unter den eben angegebenen Verhältnissen in kurzer Zeit neuerdings Blasensteine bei dem betref­fenden Thiere sich bilden. Die Prognose ist somit im Allgemeinen misslioh, namentlich wenn man berücksichtigt, dass auch die er­forderliche Operation mit nicht unerheblichen Nachwohen verbunden sein kann. Harniiifiltration im Bereiche der Operationswunde und dadurch, sowie durch andere ungünstige Einflüsse bedingte gefähr­liche Entzündungen können sich einstellen und den Untergang des Patienten oder langwierige Eiterungen, Verengerung der Harnröhre an der Operationsstelle etc. zur Folge haben. Zu berücksichtigen ist auch die Thatsache, dass Kindvieh die hier erforderlichen operativen Eingriffe im Allgemeinen besser verträgt als Pferde, Hunde und Ziegen.
Die Behandlung ist auf die Ausführung des Blasensteinschnittes beschränkt, da wir kein anderes Mittel zur Entfernung oder Un­schädlichmachung von Harnblasensteinen besitzen. Die Zertrüm­merung von Steinen in der Harnblase (Lithotripsie), welche früher in der Menschenheilkunde eine Zeit lang eines gewissen Bufes sich erfreute, hat für die thierärztliche Praxis keinen Werth und nie Beifall sich erworben. Bei der Behandhing von Schlachtthieren, welche an der Blasensteinkrankheit leiden, kann es rathsam erscheinen, die Patienten möglichst frühzeitig zu schlachten. Dies muss unbe­dingt geschehen, wenn der Steinschnitt nicht gemacht werden soll, damit einer Blasenzorreissung auf jeden Fall vorgebeugt wird. Ge­langt Urin in die Bauchhöhle, so nimmt das Fleisch sehr bald einen urinösen Geruch an und eignet sich dann nicht mehr als Nahrungs­mittel für den Menschen; selbst fleischfressende Thiere verschmähen dasselbe.
3. Die Lähmung der Harnblase (Cystoplegie) und der Blasen-krampf (Hyperkinesis s. Spasmus vesicae).
Aetiologie und Diagnose. Lähmung der Längs- und schrägen Muskelfasern der Harnblase (des Detrusor vesicae) bedingt Harnver­haltung und Ausdehnung der Blase durch den sich ansammelnden Urin (Ischoria s. Dysnria paralitica), während Lähmung der Kreis­fasern des Blasenhalses (des Sphincter vesicae) ein beständiges Ab-tröpfeln des Harns (Invontiuentia nrlnae 8. Ennresis) zur Folge hat. Später pflegen beide Zustände in einander überzugehen, so dass trotz
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500nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lähmung und Krampf dor Harnblase.
eines beständigen tropfenweisen Abflusses von Urin die Blase dennoch bedeutend ausgedehnt ist. Jeder länger anhaltende Krampl'mstand des Sphincter vesicae kann eine Lähmung des Dotrusors und eine hierdurch bedingte Harnverhaltung und Blasenausdelnmng zur Folge haben, indem bei längerem Fortbestande jenes Zustandelaquo; zunächst Ermüdung und endlich „Lähmung der Längs- und Schräg­muskulatur der Blasequot; eintritt. Wahrscheinlich kann in ähn­licher Weise auch ein zu langes Verhalten des Harns in Folge angestrengten, resp. zu anhaltenden Gebrauchs der Thiere, ohne dass denselben die zum Uriniren nöthige Zeit gelassen wird, Dysurie und Ischurie zur Folge haben. Ferner stellen sich bei Schwäche (besonders bei alten, heruntergekommenen, an Marasmus sonilis leidenden Thieren), bei degenerativen Zuständen der Blasenwand, Entzündung dieser etc., sowie im Gefolge einer Hyperämie des Rückenmarkes und verschiedener anderer Krankheiten manchmal Dysurie, resp. Ischurie ein.
Die Lähmung des Detrusors vesicae, resp. jede Harnverhaltung kann bei längerem Fortbestande wiederum eine Lähmung des Sphincters zur Folge haben, da bei anhaltender Füllung der Blase schliesslich entweder Blasenruptur oder Ermüdung und Lähmung des Schliessmuskels und damit Incontinentia urinae eintritt, wodurch letztere und Dysurie sich mit einander verbinden können. In diesem Falle kann die Harnblase wegen der fortbestehenden Lähmung des Detrusors vesicae nicht entleert werden, obgleich wegen der hinzu­getretenen Lähmung des Sphincters ein fortwährender tropfenweiser Harnabfluss besteht. Sphincterlähmung, resp. ein mangelhafter Verschluss des Blasenhalses kann aber auch durch mechanische Hindernisse, z. B. durch Entartung des Sphincters, Concremento oder Neubildungen im Blasenhalse, welche dessen Lumen nicht ganz ausfüllen, ferner zufolge permanenten Druckes auf die Harnblase durch benachbarte Geschwülste u. dergl. m. verursacht werden, oder im Gefolge von krankhaften Zuständen im Bereiche des Ccntral-nervensystems erscheinen.
Die Incontinentia urinae kann aber auch bedingt sein durch Blasenkrampf, wenn der Krampf die Muskelfasern dos Detrusors betrifft. Dieser Spasmus des Detrusors vesicae kommt häufig bei Blasensteinen und bei Blasenkatarrh vor, kann aber auch die Folge von Rückenmarksreizung sein. Derselbe äussert sich in häufigen Zusammenziehungen der Längs- und Schrägmuskelfasern dor Harn­blase , deren jede eine unwillkürliche stossweise Urinentleerung bewirkt.
Aus Vorstehendem ergibt sich:
a)nbsp; Lähmung des Sphincters, sowie Krampf des Detrusors der Harnblase haben Incontinentia urinae (Enuresis),
b)nbsp; nbsp;Krampf des Sphincters, sowie Lähmung des Detrusors haben Dysurie, resp. Ischurie zur Folge.
Da Lähmung und Krampf bald diesen, bald jenen Theil der Harnblase betrifft und je nachdem Harnverhaltung, oder Harnfluss
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Harnverhaltung.
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verursachen, so erschien es mir zweckmilssig, die Besprechung des Blasenkrampfes und der Blasenlähmung mit einander zu verbinden.
Die Diagnose von Lähmung, oder Krampf der Harnblase macht im Allgemeinen keine Schwierigkeiten, während die Feststellung der Ursache häufig nicht leicht, manchmal sogar unmöglich ist. Da entweder Harnverhaltung, oder Harnfluss diese Zustände begleiten, so sind diese beiden Hauptsymptome gewissermassen zum Range bestimmter Krankheiten avancirt, insofern wenigstens der Harn­verhaltung in den Lehrbüchern der speciellen Pathologie häufig ein besonderes Kapitel gewidmet wird, während dies nicht in demselben Umfange für den Harnfluss der Fall ist. Es mögen deshalb auch hier die in Rede stehenden beiden Krankheitserscheinungen eine etwas eingehendere Besprechung finden.
a) Die Harnverlialtiing kann eine unvollkommene (Harnstrenge, Harnschwere), oder eine vollkommene (Harnkolik) sein. Beide Grade der Harnverhaltung kommen am häufigsten beim Pferde und Rind­vieh und zwar gewöhnlich bei männlichen Thieren, höchst selten bei weiblichen Thieren vor. Dieselbe gibt sich kund: durch häufiges periodisches Drängen zum Uriniren, wobei die Harnentleerung ent­weder ganz unterdrückt, oder nur tropfenweise, unter starker An­strengung der Bauchpresse und unter Schmerzäusserung, möglich ist. Den Grund dieser kolikähnliclien Anfälle sucht man durch Einfüh­rung der gut eingeölten Hand in den Mastdarm näher zu ermitteln. Bei vollkommener Harnverhaltung erreichen die Schmerzäusserungen (Kolikanfälle) einen höheren Grad, die Harnblase ist prall gespannt, so dass sie die untere Wand des Mastdarmes nach oben drängt, wodurch die Lichtung des letzteren verlegt wird; gegen Druck auf die Harnblase sind die Patienten empfindlich. Bei unvollkommener Harnverhaltung findet man die Blase nicht gespannt, sondern nur massig gefüllt; dieselbe ist ganz leer, wenn sie bereits gerissen ist, obgleich dann eine vollkommene Harnverhaltung bis zum Tode des Patienten fortzubestehen pflegt.
Die nähere Ursache einer vorhandenen Harnverhaltung sucht man durch eine genaue Anamnese und objective Untersuchung des Patienten, resp. der Harnröhre und des Blasenhalses zu ermitteln, wozu beim Pferde eventuell die Einführung eines Katheters nützlich sein kann. — Bei Wiederkäuern (Rindvieh und Wollvieh) pflegen die Kolikanfälle weniger heftig aufzutreten als bei Pferden, jedoch wird bei Ochsen ein öfteres Schlagen mit den Hinterfüssen nach dem Bauche nicht selten beobachtet. Da bei Schafen die Harnblase einer manuellen Untersuchung nicht zugänglich ist, so bietet bei diesen Thieren die Diagnose einer Harnverhaltung im Allgemeinen grössere Schwierigkeiten als beim Rindvieh, besonders aber als beim Pferde. Eine öftere Besichtigung der Haarquaste an der Vorhaut der Wieder­käuer kann uns bald darüber belehren, ob Harn entleert wird oder nicht. Bleibt diese Haarquaste (Pinsel) stets trocken, so ist eine vollkommene Harnverhaltung vorhanden; zuweilen findet man in
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502nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Harnfluss.
derselben Harngries, was relativ häufig bei Schafen der Fall ist, und den Wahrsoheinliobkeitsschluss gestattet, dass die Ursache der Harnverhaltung in einer Conerementbildung gegeben ist.
Die Behandlung der Harnverhaltung richtet sich nach der ihr zu Grunde liegenden Ursache. Etwa vorhandene mechanische Hindernisse müssen kunstgerecht entfernt werden (Blasen- oder Harnröhren-Steinschnitt, Ausräumen der Vorhaut u. s. w.). Ist eine Lähmung des Detrusors die Ursache der Harnverhaltung, so empfiehlt sich eine zeitweise Entleerung der Blase durch Druck vom Mast­darme aus, bei kleinen Hausthieren von den Bauchwandungen aus. Innerlich gebe man harntreibende Mittel (Terpentinöl, Wachholder-beeren u. dergl.), äusserlich mache man Einreibungen von Terpen­tinöl in die Bauchdecken; Kaltwasserinjectionon in den Mastdarm können ebenfalls gute Dienste leisten. — Wo Krampf des Sphincters die Ursache der Harnverhaltung ist, da sind krampfstillende Mittel, namentlich lauwarme Einspritzungen von Kamillenthee oder Bilsen-krautdecoct, oder hypodermatische Injeotionen von Morphium ange­zeigt. Ist Gefahr einer Blasenruptur vorhanden, d. h. hat die Aus­dehnung und Spannung der Blasenwand einen hohen Grad erreicht, so muss die Function, oder die Katheterisirung der Harnblase ohne Verzug vorgenommen werden.
b) Der Harnfluss oder das Unvermögen, den Urin in der Blase nach Belieben bis zu einer bestimmten Zeit festhalten zu können, ist durch unwillkürliches Abtröpfeln des Urins, oder durch unwill­kürlichen Abgang des Urins bei der Kothentleerung oder beim Husten, oder aber durch häufiges Entleeren kleiner Mengen Urins leicht zu erkennen. Ergibt die Untersuchung der Blase per rectum, dass dieselbe massig gefüllt ist und dass sie durch einen sanften nachhaltigen Druck mittelst der Hand auf ihre obere Wand vom Mastdarme aus leicht entleert werden kann , so ist eine Lähmung des Schliessmuskels (Sphincters) und des Detrusors der Harnblase vorhanden. Findet man aber diese bei der manuellen Untersuchung stets leer, gegen Druck empfindlich, so ist Katarrh, oder irgend ein anderer Keizzustand der Harnblase die Ursache, dass in dieser der Urin nicht festgehalten werden kann. Ist die Harnblase leer, aber gegen Druck nicht empflndlicb, so ist der Harnfluss die Folge einer Lähmung des Sphincters, während der Detrusor nicht gelähmt ist.
Die Behandlung des Harnflusses, resp. der unwillkürlichen Harnentleerung verlangt bei vorhandener Lähmung des Schliess­muskels der Harnblase die Anwendung der gegen Blasenlähmung vorhin angegebenen Mittel; die Einreibung von Terpentinöl oder Cantharidentinctur in der Dammgegend ist hier noch besonders zu erwähnen. Wo Reizzustände der Harnblase (Katarrh, Concremente, Geschwülste etc.) die Ursache des Harnflusses sind, müssen dieselben entsprechend behandelt werden. Ich verweise deshalb hier auf das in den betreffenden Kapiteln bezüglich der Therapie Gesagte.
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Neubildungen und Parasiten in der Harnblase.
503
4. Neubildungen in der Harnblasenwand.
Am hilufigsten kommen bindegewebige Neubildungen in der Harnblasenwand vor, namentlich sind Fibrome in Form von schwie­ligen oder knotigen Geschwülsten in der Submucosa, sowie papillilre Fibrome (zottige Geschwülste) auf der Blasenschleimhaut nicht selten. Auch sind Knorpelgeschwülste und Myxome, sowie tuberoulöse und rotzige Neubildungen, Carcinome und Sarcome zuweilen in der Harnblase angetroffen worden. Gurlt beschreibt ein Lipom der Harnblase, das, von seinem Mutterboden losgelöst, frei in der Harn­blase lag und Ursache einer Dysurie gewesen war.
Die Diagnose solcher Neubildungen ist während des Lebens #9632;der betreffenden Thiere häufig unmöglich. Nur in solchen Fallen, wo dieselben Harnbeschwerden verursachen und durch manuelle Untersuchung greifbar sind, lilsst sich am lebenden Thiere allenfalls die Anwesenheit einer Neubildung, aber nicht die histologische, oder die anderweitig klinisch wichtige Beschaffenheit derselben erkennen.
Die Prognose aller Harnblasengeschwülste, welche erhebliche Beschwerden verursachen, ist ungünstig, im besten Falle unsicher, da die Patienten in der Regel nach monatelangen, oft Jahr und Tag andauernden Leiden zu Grunde gehen. Eine spontane Heilung tritt nur ganz ausnahmsweise ein und eine radicale Kunstheilung ist nur selten möglich, ohne das Leben des Patienten in höherem Grade zu gefährden. Dazu kommt noch, dass nach gelungener Ex-stirpation Recidive drohen.
Eine Behandlung würde nur in solchen seltenen Fällen etwas leisten können, wenn eine gestielte Geschwulst sich spontan los­gelöst hätte oder, mit einer Zange erfasst, ohne zu erhebliche Gefahr losgelöst und nach aussei! extrahirt werden könnte. Zum Abdrehen und Ausreissen derartiger Geschwülste könnte man allenfalls eine Kornzange oder eine Steinzange benutzen. Zum Abschneiden würde sich die Charlier'sche Scheere (zur Castration der Kühe) und zum Abquetschen ein Ketten- oder Drahtecraseur allenfalls eignen.
Nach Mogford (The Veterinarian 1843) soll es nicht besonders schwierig sein, einen Vorfall der Harnblase durch den Blasenhals und eine kunstgerecht angelegte Eröffnung der Harnröhre am Peri-näum zu Wege zu bringen, indem man vom Mastdarme aus eine Umstülpung der Harnblase bewerkstelligt. Wenn dies in der That leicht ausführbar sein sollte, so würde dadurch die Möglichkeit der Entfernung von Neubildungen u. s. w. im Bereiche der Harnblase sich erweitern, insofern dann auch Geschwülste mit breiterer Basis der Excision, gestielte Tumoren der Unterbindung etc. zugänglich gemacht werden könnten.
5. Parasiten in der Harnblase.
Zuweilen kommt der Riesenpalissadenwurm (Eustrongylus gigas) in der Harnblase bei Pferden, Rindern und Hunden vor und kann
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504nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Concremente der Harnröhre und Vorhaut.
hier eine beträchtliche Lange (bis zu 1 m und mehr) erreichen. Seine Anwesenheit kann am lebenden Thiere nicht diagnosticirt werden, selbst auch dann nicht, wenn er Harnbeschwerden verur­sacht. Somit kann blos eine symptomatische Behandlung hier in Betracht kommen.
In der Schleimhaut der verdickten Harnblase ist in vereinzelten Fällen „Oestrus haemorrhoidalis' angetroffen worden.
6. Lageveränderungen der Harnblase.
Blasen-Vorfillle und -Hernien sind im Ganzen selten und ge­hören in das Gebiet der Chirurgie. Die zuweilen beobachteten Leisten- und Schenkelbrüche, bei welchen die Harnblase incarcerirt war, hatten ausnahmslos den Tod der betreffenden Patienten zur Folge.
III. Krankheiten der Harnröhre und der Vorhaut.
1. Concremente in der Harnröhre und in der Vorhaut.
Diagnose und Prognose. Nicht selten gelangen kleinere Blasen­steine in die Harnröhre und setzen sich in dieser, namentlich an einer verengerten Stelle derselben, gelegentlich fest. Dies geschieht bei Ochsen und Widdern in der Regel in der Sf'örmigen Krümmung, bei Hunden über dem oberen Ende des Ruthenknochens. In Folge dessen stellen sich die Erscheinungen einer Harnverhaltung ein, bei welcher der obere Abschnitt der Harnröhre über der verstopften Stelle mit Urin gefüllt und dadurch ausgedehnt ist; die gefüllte Partie der Harnröhre lässt sich nicht selten durch Fluctuation und Umfangsvermehrung von der unterhalb gelegenen Partie deutlich ab, so dass in solchen Fällen der Sitz des Hindernisses für den Abfluss des Urins ohne Weiteres ermittelt werden kann. Wo dies nicht der Fall ist, wird bei Thieren, welche katheterisirt werden können (also bei Pferd und Hund), der Sitz eines Steines in der Harnröhre durch den Katheter leicht und sicher ermittelt werden können. Bei Ochsen besteht eine solche Harnverhaltung nicht selten mehrere Tage lang, bevor dieselbe auffallende Erscheinungen ver­ursacht. Dadurch wird die vorhandene Gefahr vom Thierbesitzer manchmal zu spät erkannt, so dass der Thierarzt nicht selten erst dann zu solchen Patienten kommt, wenn die Harnblase bereits zer­rissen ist. Wenn das Lumen der Harnröhre durch den eingekeilten Stein nicht ganz verlegt wird, so dass dadurch der Urin in schwa­chem Strome abfliesst und eine Zerreissung der Harnblase verhütet wird, so kann es zur Eiter- und Fistelbildung im Bereiche der ver­legten Stelle kommen und der Urin demnach durch eine oder mehrere Fistelgänge nach aussen abfliessen.
Auch im Vorhautsacke werden Harnconcretionen nicht ganz selten angetroffen. Bei Ochsen und Schafböcken setzen sich aus
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Raumschlauch.
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dem abtröpfelnden Urin an der Haarquaste des Präputiums öfter kleine Concremente an. Grössere Vorhautsteine kommen am häufig­sten bei Schweinen vor; dieselben können die Grosse ca. eines Hühner­eies erreichen.
Therapie. Sehr selten gelangen in der Harnröhre festsitzende Concremente nachträglich wieder in Fortgang und nach aussen; dieselben müssen in der Eegel durch den sogenannten Harnröhren-Steinschnitt entfernt werden. Kleinere Vorhautconcremente können durch einfaches Ausräumen des Präputialsackes mittelst des gut geölten Fingers, sonst aber nach Spaltung des Präputiums leicht entfernt werden. Hierüber, sowie über die Diagnose einer durch Verstopfung des Präputialsackes bedingte Harnverhaltung soll im folgenden Kapitel das Weitere angegeben werden.
2. Der Raumschlaucli, Seborrhoea praeputii.
Diagnose und Aetiologie, Mit diesem Namen bezeichnet man eine vermehrte Absonderung und Anhäufung des Hauttalges innerhalb des Präputialsackes. Letzterer kann dadurch so stark gefüllt weiden, dass die angesammelte Masse die Präputialöfl'nung vor der Ausmün-dung der Harnröhre verstopft und dem Abflüsse des Urins den Weg versperrt, so dass in Folge dessen „Harnverhaltungquot; verursacht wird. Am häufigsten ist dies der Fall bei Ochsen und Widdern, selten beim Schweine und noch seltener beim Pferde. Bei letzterer Thierspecies scheinen ausschliesslich, oder doch vorzugsweise sogenannte „Hosen-pisserquot;, d. h. solche Hengste und Wallachen von fraglichem Uebel heimgesucht zu werden, welche die Euthe nicht aus der Vorhaut her­vorstrecken (nicht ausschachten). Im Uebrigen scheint die vermehrte Absonderung des Präputialsecretes (Smegmas) von örtlichen Ver­hältnissen, namentlich von der Besohaflenheit des Futters wesentlich abhängig zu sein. In verschiedenen Gegenden kommt der Zustand besonders bei den genannten Wiederkäuern häufig vor, und zwar zur bestimmten Jahreszeit und nach einer bestimmten Fütterung, während derselbe in manchen anderen Gegenden fast unbekannt zu sein scheint. So sah ich denselbe in früheren Jahren (1861 —1869) im Kreise Waldbröl in Rheinpreussen bei Ochsen im Spätsommer und Herbste häufig nach reichlicher Grünfütterung (Klee).
Eine derartige Harnverhaltung ist leicht zu erkennen, indem die Harnrühre und der Präputialsack gefüllt sind (mehr oder weni­ger fluctuiren), während der Urin nur tropfenweise aus der Prä­putialöfl'nung abfliesst und die anderweitigen Erscheinungen einer Harnverhaltung zugegen sind. Eine manuelle Untersuchung des Harnapparates, wobei der gut geölte Zeigefinger durch die Prä-putialöffnung eingeführt werden muss, lässt das Hinderniss für den Harnabfluss leicht und sicher constatiren.
Prognose und Behandlung. Ebenso leicht und sicher kann das Uebel gehoben werden, indem bei Wiederkäuern und Schweinen eine
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506nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Blutharnen.
einfache Spaltung des Präputialsackes genügt, um diesen vollkommen ausräumen zu können, was bei Pferden ohnedies möglich ist. Hat die Verstopfung der Präputialöifnung längere Zeit hindurch bestanden, so findet man in Folge dessen auf der Innenfläche des Schlauches manchmal Erosionen oder Geschwüre, welche nach gründlicher Reini­gung des Präputialsackes meist ohne weitere Kunsthülfe heilen. Eine nachträgliche Vereinigung der Operationswunde suche man zu ver­hindern , damit die Präputialöffnung möglichst weit bleibt und in Zukunft weniger leicht verstopft werden kann. Am einfachsten ist dies zu erreichen, wenn man die Vorhaut möglichst in der Medianlinie des Körpers spaltet, damit die Wundränder durch den abfliessenden Urin etc. stets aus einander gedrängt werden. Da bei Ochsen das Ausräumen des Schlauches ohne Spaltung dieses am stehenden Thiere sehr beschwerlich, oft kaum möglich ist, so plage man sich mit solchen Patienten nicht erst lange ab, sondern nehme die kleine und leichte Operation vor, ehe das betreffende Thier durch langes Probiren, resp. Bohren in der engen Schlauchöffnung •erst widersetzlich geworden ist. Wo dies nicht der Pali ist, kann der erforderliche Schnitt mit einem Knopfbistouri, sowie das Reini­gen des Präputialsackes am stehenden Thiere ausgeführt werden. Ist dies ohne erhebliche Unbequemlichkeiten möglich, so verzichte man darauf, Ochsen niederzulfigen. Widder und Schweine aber werden zweokmässiger liegend operirt. Geschieht letzteres bei Wie­derkäuern und Schweinen, ohne die Präputialöffnung zu erweitern, so stellen sich später leicht Recidive ein, welche nach einer be­stehen bleibenden Erweiterung der Präputialöffnung seltener ein­treten. Durch lauwarmes Ausspritzen des Präputialsackes kann dessen Ausräumung, wie auch dessen Heilung befördert werden. Bei vorhandenen Geschwüren an dessen Innenwand können 2- bis 5procentige Carbolsäurelösungen ab und zu eingespritzt werden.
IV. Krankhafte Zustände des Urins.
1. Blutharnen, Hämaturie.
Im Allgemeinen bezeichnet man den Abgang eines blutähnlich gefärbten Urins schlechtweg als „Blutharnenquot;. Es handelt sich indess hierbei keineswegs immer um eine wesentlich gleichartige Alteration des Urins, sondern bald um den einen, bald um den anderen der nachstehend dargestellten Zustände.
1)nbsp; Es kann der blutähnlich gefärbte Urin Blut mit allen seinen Bestandtheilen (Blutkügelchen, Blutplasma u. s. w.) entweder in gelöstem, oder in geronnenem Zustande enthalten, somit das Blut­harnen die Folge einer Blutung an irgend einer Stelle des Harn­apparates sein.
2)nbsp; Der blutähnlich gefärbte Urin enthält nicht wirkliches Blut, sondern nur Blutfarbstoff, der in Folge einer Blutzersetzung sich
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Blutharnen.
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im Blutplasma gelöst hat und mit diesem in die Harncanalchen übergetreten ist. Streng genommen handelt es sich in diesem Falle eigentlich nicht um eine wirkliche „Hllmaturiequot;, sondern um eine „Hilmoglobinuriequot; oder „Hämatinuriequot;. Obgleich nun der Name „Blutharnenquot; keineswegs eine bestimmte einheitliche Krankheit be-zeichnet, sondern ein Colleotivname für verschiedene Krankheits-/ustiinde ist. so sind doch ausreichende Gründe vorhanden, diese Zustände hier im Zusammenhange zu besprechen.
Aetiologie. Bein Abgänge eines blutfarbigen Urins liegen häufig Ursachen v.u Grunde, welche bald eine Reizung der Harnorgane, bald eine Dissolution des Blutes nach sich ziehen, ohne dass uns die Bedingungen für die Verschiedenheit dieser Wirkungen genügend bekannt sind. Nicht selten tritt Blutharnen an gewissen Oertlich-keiten und zwar vorzugsweise beim quot;Weidegange als Herdekrankheit auf. Es gibt eine grosse Anzahl Vegetabilien, welche Blutharnen zu verursachen im Stande sind. Zu diesen gehören: verschiedene Laub- und Nadelhölzer, Ginster, Preissei- und Heidelbeerstauden, ferner zahlreiche, auf manchen Weiden häufig vorkommende Pflan­zen, z. B. Ranunkeln, Anemonen, saure Gräser u. s. w. Da diese und andere Ursachen des Blutharnens (z. B. Sumpfwasser) in manchen Gegenden auf Waldweiden häufig vorhanden sind, so hat der Volks-mund fraglichem Uebel auch den Namen „Wald- oder Holzkrank­heit' beigelegt. Es kommt aber zuweilen bei Woidevieh Blutharnen und sogar enzootisoh vor, wo alle vorhin genannten, oder sonst näher gekannten Ursachen fehlen. Die Beschaffenheit des Bodens, des Unter­grundes, der Düngung etc. spielt in der Aetiologie des Blutharnens jedenfalls eine leider noch sehr wenig gekannte Rolle. Als prä-disponirendes Moment kommen auch die Wittemngsverhältnisse in Betracht, indem einerseits nasskalto, andererseits schwüle Luft das Entstehen von Blutharnen begünstigen.
Bei Stallfütterung kommt Blutharnen vor nach dem Genüsse verdorbener, mit Schimmel bedeckter Futtermittel, angefaulter Kohl-und Rübenblätter, nach ausschliesslicher oder zu reichlicher Fütte­rung mit Maisschlempe, Zuckerrüben und mit verschiedenen anderen Vegetabilien. In erster Linie und in höherem Grade pflegen die betreffenden Schädlichkeiten bei noch nicht acclimatisirten, erst yor kurzer Zeit eingeführten Thieren sich geltend zu machen.
Die näheren Ursachen einer eigentlichen Blutung aus diesem oder jenem Abschnitte des Harnapparates sind bekanntlich: Hy­perämie, Entzündung, oder eine mechanische Verletzung und nur selten degenerative Prozesse. Dass scharfe Stoffe enthaltende Futter-und Arzneimittel die Harnorgano derart reizen können, dass dadurch Hyperämie, selbst Entzündung und Gefilsszerreissung entstehen, wurde bereits früher erwähnt.
Da alle hier angegebenen Schädlichkeiten zunächst mit den Ver­dauungsorganen in Berührung kommen, so kann es nicht befremden, dass Blutharnen nicht selten mit Verdauungsstörungen verbunden
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508nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Bluthamen.
ist und dass letztere sogar manchmal mehr in den Vordergrund treten. Hierin liegt der Grund, warum die sogenannte Waldkrank­heit von ßöll und Anderen den Verdauungskrankheiten angereiht worden ist.
Diagnose. Das massgebende Symptom ist die Entleerung eines bald heller, bald dunkler rothen Urins, dessen Entleerung in der Regel häufiger als sonst und unter mehr oder weniger auffallender Schmerzilusserung erfolgt. Erscheinungen eines Reizzustandes im Bereiche der Harnorgane fehlen nur selten, wenn überhaupt je; nur ist der Grad derselben in den Einzelfällen mannigfach ver­schieden. Häufig treten Verdauungsstörungen früher oder später auf und erlangen je nach der Beschaffenheit der Krankheitsursache eine grössere oder geringere Bedeutung. Die Ermittlung der Krank­heitsursachen und der Beschaffenheit des Urins sind für die Diffe­rentialdiagnose sehr wichtig. Es macht gewöhnlich keine besonderen Schwierigkeiten, festzustellen, ob es sich im concreten Falle um eine wirkliche Hämaturie, oder um eine Hämatinurie handelt. Schwieriger ist es aber, die Art und den Ort der Blutung ausfindig zu machen. Ob eine Blutung in Folge einer GefUsszerreissung, oder einer Durch­sickerung (Diapedesis) von Blut durch die nicht zerrissenen, aber erschlafften GefUsswände zu Stande kommt, ist selbstverständlich nicht gleichgültig. Leider aber ist hierüber, sowie über den Sitz der Blutung nicht immer Gewissheit zu erlangen.
Wenn eine Blutung des Nierenparenchyms vorhanden ist, so kann das in die Harncanälchen ergossene Blut gerinnen und dünne cylindrische Coagula bilden, welche mit dem Harn in die Blase und von da nach aussen gelangen. Wo solche Abgüsse der Harncanälchen im Urin vorhanden sind, da ist die Diagnose auf eine Nierenblutung gesichert; wo sie aber fehlen, da wird deshalb die Möglichkeit einer vorhandenen Nierenblutung keineswegs ausgeschlossen, weil ein in die Harncanälchen gesetztes Extravasat nicht nothwendig gerinnen muss, sondern auch flüssig bleiben kann. In solchen Fällen bleibt unsnichts anderes übrig, als andere Erscheinungen aufzusuchen, welche die Differentialdiagnose möglich machen. Es ist dann unter anderem zu beachten, dass bei Nierenblutungen das Blut inniger mit dem Urin vermischt zu sein pflegt, als bei Blutungen aus dem Nieren­becken . dem Harnleiter oder der Harnblase. Ergibt die mikro­skopische Untersuchung die Anwesenheit von Cylinderepithel aus den Nieren, so spricht dieser Befund mit für eine Nierenblutung.
Bei Blutungen aus der Harnröhre und aus dem Genitalapparate fliesst das Blut auch aussei- der Zeit der Harnentleerung ab; von Blutharnen kann hier eigentlich nicht die Rede sein, sondern von Harnrührenblutung u. s. w.
Bei Hämatinurie, resp. Hämoglobinurie hat der Urin eine gleich-massig dunkle, braun- oder schwarzrothe Farbe. Nur in den höheren Graden der betreffenden Bluterkrankung enthält derselbe Blutkörper­chen, und zwar im Zustande der bereits fortgeschrittenen Dissolution; Blutgerinnsel fehlen immer, weil das Blut seine Gerinnungsfähigkeit
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Bluthamen.
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in solchen Fällen verloren hat. Aber nicht jeder dunkel- oder roth­gefärbte Urin enthält Blut oder Hüraatin; die blutähnliche Fär­bung kann nämlich auch von Gallenfarbstoffen, oder vom Futter herrühren. So ist z. B. der Urin nach dem Genüsse von Bohnen­oder Erbsenstroh nicht selten blutähnlich gefärbt. Die mikro­skopische Untersuchung, sowie die Anamnese und die Symptome werden hier vor Fehldiagnosen schützen, namentlich wenn dieselben nöthigenfalls durch eine sachverständige chemische Analyse des Urins vervollständigt, resp. ergänzt worden. An dieser Stelle können natürlich nicht alle erforderlichen Untorsuchungsmethoden einzeln beschrieben, sondern muss dieserhalb, wo die eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten nicht ausreichen, auf die Hülfe anderer Sachver­ständiger oder geeigneter Anleitungen verwiesen werden. Zu diesem Zwecke verdient besonders empfohlen zu werden die „Anleitung zur mikroskopischen und chemischen Diagnostik der Krankheiten der Hausthiere für Thierär/.te und Landwirthe' von Siedamgrotzky und Hofmeister (2. Auflage. Dresden 1884. Siehe Harn, S. 82 u. flf.). Das gesammte Krankheitsbild ist bei Blutharnen verschieden, je nach der Natur des vorhandenen pathologischen Zustandes. Am häufigsten besteht dieser in einer Hyperämie oder Entzündung der Nieren, deren Symptome bereits früher geschildert wurden. Wo andere Zustände, z. B. Concremente etc., Ursache des Blutharnens sind, werden wir die Erscheinungen der Harnsteinkrankeiten finden u. s. w.
Die Prognose ist dem Vorhergehenden gemäss sehr verschieden und richtet sich vorzugsweise nach den Ursachen, dem Grade und Alter des Uebels. In den leichteren Fällen hellt sich bereits am zweiten oder dritten Tage der Urin wieder auf, wobei auch die Harnbeschwerden, sowie die anderweitigen Krankheitserschoinungen abnehmen und nach einigen Tagen wieder verschwinden. Dieser günstige Verlauf pflegt namentlich dann einzutreten, wenn das Lei­den frühzeitig erkannt und bei sonst entsprechender Behandlung die Ursachen sofort beseitigt werden. Wo letzteres nicht möglich ist, oder wo die Krankheit einen hohen Grad erreicht hat, da pflegt sich bald hochgradiges Fieber, sowie ein schneller Verfall der Kräfte einzustellen, so dass die Patienten nicht selten innerhalb 5 bis 8 Tagen an Erschöpfung zu Grunde gehen, [st der Blutverlust gering, oder tritt derselbe blos periodenweise auf, so kann die Krankheit lange Zeit hindurch fortbestehen und sohliosslich mit Genesung, odor aber mit Tod abschliessen.
Der Sectionsbefund ist je nach der Ursache des Blutharnens verschieden, bezieht sich somit bald auf ein Nieren- oder Blasen­leiden, bald auf eine allgemeine Blutkrankhoit und auf mancherlei Complicationen,
Die Behandlung hat vor allen Dingen auf die Ursachen Rück­sicht zu nehmen und dieselben, wo sie bekannt sind, wenn irgend möglich und so weit als thunlich zu beseitigen und fern zu halten.
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510nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hilmoglobinämie.
Je nach dem vorhandenen Zustande der Harn- und Verdauungs­organe, des Blutes, des Fiebers, der Körperkräfte u. s. w. ist dann hald eine entzündungswidrige, bald eine tonisirende, bald eine ope­rative Behandlung angezeigt. Bei KeizzustUnden sind im Allgemeinen schleimige Mittel, bei Erschlaffung Eisenvitriol oder Bleizucker, mit bitteren oder adstringirenden, bald mit narkotischen, bald mit er­regenden Mitteln (Bilsenkraut, Kampher etc.) verbunden, am Platze. Wenn das Blutharnen die Folge des Genusses von sauren Grilsei'n und dergleichen ist, werden Alkalien, z. B. Pottasche, von manchen Praktikern den Adstringentien vorgezogen.
Man versäume nicht, bei vorhandenem Blutharnen, besonders wenn dasselbe die Folge von schildlichem Futter ist, den Zustand der Verdauungsorgane stets genau im Auge zu behalten und ent­sprechend zu behandeln. Nicht selten gehen die Patienten an Krank-heitszuständen dieser Organe zu Grunde, nachdem das Blutharnen bereits beseitigt war.
2. Die sogenannte „schwarze Harnwindequot;, resp. „die Windrehequot;
oder „der Nervenschlagquot; des Pferdes. „Hämoglobinnriequot; oder
„Hämoglobinämiequot;.
Mit diesen verschiedenen Namen bezeichnet man eine häufig tödtlich endende Krankheit, welche vorzugsweise gut genährte Pferde befällt, und zwar meist nach einer mehrstündigen oder mehrtägigen Ruhe, namentlich in warmer Stallung, bald nach dem Einstellen der betreffenden Thiere in ihren gewöhnlichen Dienst plötzlich sich zu offenbaren pflegt. Erst in neuerer Zeit ist diese bis vor Kurzem rUthselhafte Krankheit genauer studirt und dadurch in pathogene-tischer und ätiologischer Beziehung genauer erkannt worden.
Diagnose. Die wesentlichsten Symptome dieser Krankheit sind folgende: Die Pferde erscheinen beim Herausnehmen aus dem Stalle unbeholfen, namentlich steif oder schwach in der Hintei-hand, in­dem sie manchmal in den Fesselgelenken einknicken. Meist nimmt die Unbeholfenheit oder Schwäche des Hintertheiles schnell zu, SO dass die Patienten plötzlich, wie vom Schlage getroffen, zusammen­brechen und mit dem Hinterkörper gar nicht, oder nur schwer wieder vom Boden sich zu erheben vermögen, während sie zuweilen über die SkcletmuSkulatur des Vorderkörpers noch in dem Masse verfügen, dass sie eine hundesitzige Stellung anzunehmen im Stande sind. Die Lähmung (Parese) der willkührlichen Muskulatur ist ein constantes und charakteristisches Symptom fraglicher Krankheit, und da dieselbe in der Kegel schlagähnlich eintritt, so kann die Bezeich­nung des Uebels als „Nervenschlagquot; bedingungsweise zugelassen werden. Zuweilen jedoch erreicht die Muskellähmung nur einen geringeren Grad, so dass die Patienten zwar unsicher auf den Beinen sind, sich indess auf diesen erhalten oder, wenn sie niederfallen, sich auf jene wieder erheben können.
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Hamostlobinamie.
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Die gelähmte Muskulatur erscheint stets gespannt, fast bretthart. Die Patienten zittern und gerathen in Schweiss; letzteres ist nament­lich dann der Fall, wenn sie einige Zeit am Boden gelegen haben und unruhig werden, indem sie durch Schlagen mit den Beinen ihr Lager in Unordnung bringen. Der Absatz von Koth und Harn ist gewöhnlich verzögert, die Darmperistaltik vermindert, die Harnblase nicht selten mit Urin erfüllt. Die am Boden liegenden Patienten pflegen sich an den hervorragenden Körperstellen selbst dann wund zu liegen, wenn sie auch öfter des Tages frisch gebettet und von der einen auf die andere Seite gewendet werden, falls nicht bald Genesung oder Tod eintritt. Die sichtbaren Schleimhäute sind meist diffus geröthet. Der Puls ist beschleunigt, während die Temperatur zunächst gar nicht oder nur unbedeutend (38—39deg; C.) erhöht ist; häufig, jedoch keineswegs immer, steigt später die Temperatur bis zu 41 und selbst 42deg; 0. Das Sensorium ist in der Regel vollkommen frei. Die Krankheit verläuft nicht selten ohne Piebererscheinungen, so dass die Presslust manchmal fast normal ist. Die Respiration zeigt keine constanten Veränderungen; meist ist dieselbe bereits frühzeitig etwas angestrengt und nach eingetretener Unruhe der Patienten oft sehr beschleunigt. Der von Zeit zu Zeit abgesetzte Urin reagirt bei schwerer Erkrankung manchmal sauer, zeigt ver­schiedene Flüssigkeitsgrade und enthält oft, jedoch nicht immer, Ei-weiss und gelösten Blutfarbstoff, aber keine oder nur wenig zahl­reich rothe Blutkörperchen. Die rothe Farbe des Urins ist somit kein constantes Symptom in Rede stehender Krankheit und hat des­halb nur eine untergeordnete diagnostische Bedeutung. Der Name ,schwarze Harnwindequot; erscheint demnach durchaus unpassend.
Der Krankheitsverlauf ist sehr verschieden; oft tritt innerhalb weniger Tage Genesung oder Tod ein, oft ist dies erst nach längerer Zeit der Fall. Bei sehr acutein Verlaufe kann bereits nach wenigen Stunden die Krankheit mit Tod oder Genesung enden. Letztere kann aber auch monatelang auf sich warten lassen, indem Lähmungs-zustände der einen oder anderen Gliedmaasse, meist einer Hinter-gliedmaasse, selbst über Jahr und Tag bestehen bleiben und im un­günstigen Falle die Patienten dauernd unbrauchbar machen.
Die Prognose ist demnach sehr unsicher; im Allgemeinen sterben an fraglicher Krankheit etwa 40 bis 70 Procent. Fast will es mir nach meinen Erfahrungen scheinen, als wenn die Krankheit häufiger in Genesung übergeht, wenn Hämoglobinurie vorhanden ist, als wenn diese bei gleich hochgradigen Lähmungs­und Fiebererscheinungen fehlt. Vielleicht kann die Ausscheidung des freien Hämoglobins durch die Nieren für die Hämoglobinämie eine kritische Bedeutung erlangen. Die Vorhersage hat forner noch zu berücksichtigen, dass öfter Recidive beobachtet worden sind. Ich selbst habe im Laufe der Zeit viele derartige Patienten gesehen und behandelt, ohne bei einem der geheilten Patienten jemals einen Rück­fall beobachtet zu haben. Es fragt sich, ob die Recidive bei einer
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Hämocrlobinämie.
verständigen Pflege fraglicher Pferde nicht ziemlich sicher verhütet werden können? Ich bin geneigt, diese Frage zu bejahen.
Bei der Section findet man im Wesentlichen folgende patho­logische Zustünde: Das Blut hat eine zilhflüssige Beschaffenheit und eine dunkelrothe Farbe; seine Gerinnbarkeit ist vermindert. Die Skeletmuskeln sind stellenweise, namentlich im Boreiche der Hinter­hand, abgeblasst und ödematös; der Herzmuskel ist mürb und sieht fast wie gekocht aus. Diese Veränderungen des Blutes und des Muskels bilden die constanten und wichtigsten Seotionsbefunde. Die Lungen, die Nieren und die Leber sind häufig sehr blutreich, und in verschiedenen Körpertheilen, namentlich im Bereiche seröser und mucöser Häute, kommen kleine Blutunterlaufungen vor. In den serösen Höhlen, sowie im Herzbeutel findet man öfter ein geröthetes Transsudat in massiger Menge. Die Nervencentren zeigen keine constanten makroskopischen Veränderungen; oft findet man die Rückenmarkshäute, vorzugsweise in der Lendengegend, hyperämisch und in ihrem Bereiche ein röthliches Serum. Das rothe Knochen­mark ist zuweilen intensiv dunkel (schwarz) gefärbt.
Das Wesen der Krankheit wurde bisher bald in einer Nieren­entzündung, bald in einer Hyperämie oder entzündlichen Affection des Eückenmarkes und seiner Häute, bald in einer rheumatischen Muskelaffection und endlich in einer Bluterkrankung gesucht. Es scheint mir unentschieden, ob es sich bei dieser Meinungsverschieden­heit stets um dieselbe Krankheit, oder nur um eine mehr oder weniger auffallende Uebereinstimmung in den Krankheitserschei-nungen handelt. Aus diesem Grunde habe ich S. 828 — 827 eine den Symptomen nach ähnliche Krankheit als „Hyperämie resp. Ent­zündung des Rückenmarkes und seiner Häutequot; besprochen. Hämo-globinämie, resp. eine gewisse Dissolution des Blutes kann von Hämoglobinurie (oder Pseudoblutharnen) begleitet sein. Das im Blute frei vorhandene Hämoglobin kann (nach Ponfick) aussei- durch die Nieren auch durch die Leber, die Milz und beim Pferde auch wahrscheinlich durch das rothe Knochenmark ausgeschieden werden. Wird dasselbe durch die Nieren eliminirt, so tritt natürlich Hämo­globinurie oder Pseudoblutharnen regelmässig auf. In solchen Pällyn kann es dann auch zur Verstopfung der Harncanälchen, sowie zur Epitheldesquaraation und endlich zu einer acuten Nephritis kommen. Der betreffende Sectionsbefund in den Nieren ist somit ein secundärer; letzteres gilt auch für Hyperämie etc. des Rückenmarkes und seiner Häute, der Leber, der Lungen und anderer Organe.
Die Aetiologie der Hämoglobinäraie des Pferdes ist noch nicht genügend klar gelegt; dieselbe ist jedenfalls verschieden von der­jenigen des sogenannten Blutharnons (Hämaturie) des Rindviehs, wo die Einwirkung ungeeigneter Futtermittel eine Hauptrolle spielt, während die Windrehe des Pferdes in der Regel bei ganz untadel-hafter Beschaffenheit des Futters auftritt. Ob und inwiefern bei dieser ähnliche Ursachen einwirken, wie bei der unter anderen
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Hämoglobinämie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 513
Thierarten beobachteten Hftmoglobinurie, muss noch näher ermittelt werden. Wie der Name „Windrehequot; andeutet, wurde der Eintritt dieser Krankheit gewöhnlich unter Umständen beobachtet, welche an eine Erkältung der betr. Pferde zunächst denken lässt. Siedam-grotzky glaubt, dass in solchen Fällen die rothen Blutkörperchen durch eine in den Geweben vorhandene abnorme Menge Harnstoff zersetzt würden. Welche Eolle hierbei der gute Ernährungszustand spielt, ist noch nicht genügend klar gestellt, obgleich die Thatsache längst bekannt ist, dass vorzugsweise oder aussohliesslich gut ge­nährte Pferde fraglicher Krankheit verfallen.
Die von Siedamgrotzky nachgewiesene abnorm hohe Harnstoff-production bei der Windrehe des Pferdes lässt auf einen vermehrten Stoffumsatz in den Muskeln schliessen, und dass dieser durch Reizung der sensiblen Nerven der Haut reflektorisch gesteigert werden kann, ist eine feststehende Thatsache. Demzufolge können schliesslich in den ergriffenen Muskeln degenerative Prozesse auftreten, wodurch das Muskelhämoglobin ausgewaschen wird; hiermit stimmen alle Veränderungen üborein, welche bei der Section der an Windrehe gefallenen Pferde in den Muskeln angetroffen werden. Warum aber die Vermehrung des Harnstoffes und der ihm nahestehenden Extractivstoffe im Blute bei verschiedenen anderen, namentlich bei fieberhaften Krankheiten keine Blutzersetzung, resp. Hämoglobinämie zur Folge hat, ist eine zur Zeit ungelöste Frage.
Die Thatsache, dass bei fraglicher Pferdekrankheit vorwiegend die Nachhand, d. h. die Muskeln der Kruppe und der Lendongegend ergriffen werden, findet nach Fröhner ihre naturgemässe Erklärung darin, dass bei der Bewegung des Pferdes die Muskeln der Nach-hand, so vor Allem die Kruppenmuskeln und die Lendenmuskeln die Hauptrolle spielen. Während die beiden Vordergliedmassen den Körper bei der Bewegung vorwiegend nur zu stützen haben, be­wegen ihn die Muskeln der hinteren Extremitäten nach bekannten Gesetzen vorwärts. Auf dieses Verhältniss deuten schon die gewaltig entwickelten Muskelmassen der Nachhand hin. Es ist aber wohl selbstverständlich, dass angestrengte Muskeln, im Vergleich zu ruhen­den oder weniger angestrengten, den oben beschriebenen Prozessen in erster Linie anheimfallen werden.
Die Therapie hat bei der Windrehe im Ganzen nur zweifel­hafte Erfolge aufzuweisen. Vor allen Dingen müssen die Patienten in einen zugfreien Stall gebracht und wenn dieselben nicht stehen können, auf reichlicher und guter Streu weich gebettet werden. Können die Patienten sich noch auf den Beinen erhalten, so bringe man sie in einen Unterstützungsgurt und lasse dieselben öfter mit Strohwischen abreiben. Die weitere Behandlung besteht vorzugs­weise in der Application ableitender Einreibungen auf die Lenden­gegend und auf das Kreuz, so wie in einem ausgiebigen Aderlasse und in der Einverleibung von Abführungsmitteln. Vielleicht kann statt dieser die subcutane Injection von Physostiginin mit Nutzen
Pütz, Compciidiuin der Thiorheilkuüde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 33
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514nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krankheiten des männlichen Genitalapparates.
verwendet werden; auch kann man Klystiere von kaltem Wassei-setzen lassen. Bei vorhandener Harnverhaltung sucht man die recht­zeitige Entleerung der Blase durch leichtes Drücken auf diese mit der Hand vom Mastdarme aus, oder durch Einführung eines Kathe­ters von der Harnröhre aus zu bewirken. Sobald die Patienten in die Höhe gebracht werden und sich auf die Beine stellen können, bringe man dieselben in einen Unterstützungsgurt. Zurückbleibende Lilhmungen werden mit ableitenden Einreibungen oder Haarseilen an der betreifenden Gliedmasse, oder auf der Kruppe etc. behandelt. Statt deren können auch spirituöse Einreibungen und öfteres Frottiren des gelähmten Körpertheiles versucht werden. Wollen die Läh­mungen diesen Mitteln nicht weichen, so mache man subcutane In-jectionen von Salpetersäuren! Strychnin 0,05 in 8 Gramm destillirten Wassers mit Zusatz einiger Tropfen Spiritus gelöst. Täglich mache man eine solche Injection, wobei man allmählig bis zu 0,10 Strychnin (in 6 Gramm Wasser) steigen kann, aber 1 — 2 Tage aussetzen muss,, wenn leichte Zuckungen nach dem Gebrauche des Mittels sich einstellen.
Der Krankheit wird am ehesten vorgebeugt, wenn die bekann­ten Ursachen möglichst vermieden werden. An Ruhetagen sorge man für eine frische, kühle, nicht zugige Luft im Stalle, setze die Pferde auf knappe Diät und lasse dieselben täglich im Schritt etwas bewegen.
Die Krankheiten der Geschlechtsorgane.
Obgleich der Genitalapparat vorzugsweise der Erhaltung der Art, resp. der Erzeugung neuer Individuen dient, so kann doch auch das Leben des Individuums durch Krankheiten der Geschlechts­organe gefährdet, selbst vernichtet werden.
Am häufigsten erkranken die Portpflanzungsorgane bei weib­lichen Thieren und zwar meist in Gefolge der Trächtigkeit oder des Geburtsgeschäftes. Ihrer grösseren praktischen Bedeutung halber sollenlaquo; dieselben etwas ausführlicher besprochen werden. Betrachten wir jedoch zunächst in Kürze
I. Die Krankheiten des männlichen Genitalapparates.
Die Erkrankungen, welche im Bereiche des männlichen Genital­apparates bei unsern Hausthieren vorkommen, gehören in das Gebiet der Chirurgie; dieselben betreffen hauptsächlich die Hoden, die Vorsteherdrüse und die Samenbläschen und sollen in dieser Reihen­folge hier ganz kurz besprochen werden.
1) Krankheiten des Hodens kommen nicht gerade häufig und meist einseitig vor. In Folge traumatischer Veranlassung, oder in
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Krankheiten dor männlichen Geschlechtsorgane.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;515
Kolge von Metastasen kommt zuweilen eine „Hodenentzündungquot; zu Stande; dieselbe geht entweder in Zertheilung, resp. Genesung über, oder sie macht andere Ausgilnge und hinterlässt Folgezustilnde, die mit Erhaltung des erkrankten Hodens in der Regel nicht entfernt werden können. Zur Behandlung eignen sich zertheilende und re-sorbirende Einreibungen in den Hodensack, deren Wirkung bei kräftigen T^ieren und sthenischer Entzündung durch Abführmittel unterstützt werden kann.
„Degeneration beider Hodenquot; bedingt Unfruchtbarkeit der be­treffenden Thiere. Eine derartige fettige Degeneration scheint bei Bastarden häufig vorzukommen; dieselbe wurde meinerseits in den Hoden verschiedener unfruchtbarer Yak-Bastarde des hiesigen land-wirthschaftlichen Institutes nach der Castration, nebst gänzlichem Fehlen von Samenfäden (Zoospermien), constatirt. Von einer Be­handlung solcher Zustände kann keine Rede sein.
„Neubildungen, resp. Geschwülstequot; in den Hoden, kommen bei unseren Hausthieren zwar selten, jedoch mannigfach verschieden in Bezug auf Grosse und histologische Beschaffenheit vor. Dieselben können nur durch die Castration, also mit Verlust des betreffenden Hodens, entfernt werden. In Folge dieser Operation entstehen zu­weilen Wucherungen, Eiterungen etc. im Bereiche der zurückge­bliebenen Abschnitte des Samenstranges, sogen. „Samenstrangfistelnquot;, welche meist operativ behandelt werden müssen, da eine radikale Heilung derselben durch Einreibungen u. s. w. nur selten gelingt.
Im Hodensacke sammelt sich zuweilen eine seröse Flüssigkeit an, wodurch derselbe mehr oder weniger bedeutend an Umfang zu­nimmt. Diesen Zustand nennt man „Wasserbruch resp. Hydrocelequot;. Wird derselbe operirt, so findet man die Scheidenhaut gewöhnlich verdickt, manchmal in grösserem oder geringerem Umfange ver­wachsen, oder mit bindegewebigen Filamenten besetzt. (Hodenback­darmbruch s. S. 440.)
2)nbsp; Entzündung, Hypertrophie und Degeneration der Vorsteher­drüse kommen am häufigsten bei Hunden vor und geben sich bei diesen zunächst dadurch zu erkennen, dass die Patienten öfter auf den Hinterleib drängen, oder auf dem Hinteren rutschen. Die ge­nauere Diagnose erfordert eine Untersuchung mit dem Finger per rectum. Bei stärkerer Zunahme des Umfanges der Prostata nehmen die Beschwerden bei der Harn- und Kothentleerung stets zu, bis endlich die Patienten an Abzehrung, oder an den Polgen der Harn­verhaltung sterben. Eine Behandlung ist nur bei entzündlichen Zuständen zu versuchen und nach den Regeln der Chirurgie zu leiten. Operative Eingriffe sind bei vorhandenen Geschwülsten im Bereiche der. Vorsteherdrüse in der Regel unnütz, da eine gründ­liche Exstirpation des vorhandenen Tumors nur ganz ausnahmsweise möglich sein dürfte.
3)nbsp; Die Samenbläscheii wurden bei der Section zuweilen ver-grössert angetroffen, während des Lebens indess keine darauf bezüg­lichen Gesundheitssförungen wahrgenommen.
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516nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Samenkollor des Pferdes.
4. Der Samenkoller des Pferdes.
Mit diesem Namen bezeichnet man einen dummkollorähnlichen Zustand, der durch abnorme Keizzustände im Genitalupparate ver­ursacht wird. Derselbe kommt am häufigsten bei Deckhengsten vor, wenn dieselben nicht mehr zum Sprunge zugelassen werden. Die wesentlichsten Erscheinungen dieser im Ganzen seltenen Krank­heit sind periodische Depression, seltener Reizung des Sensoriums, resp. Schlafsucht oder tobsüchtige l'araxysmen, wobei gleichzeitig eine abnorme Aufregung des Geschlechtstriebes vorhanden ist. Wird dieser befriedigt, oder werden derartige Patienten castrirt, so pflegt Heilung einzutreten. Es können aber auch kurz nach der Castration bei früheren Zuchthengsten die Erscheinungen des Sumenkollers noch hervortreten; dieselben verlieren sich dann aber nach einigen Wochen in der Regel von selbst.
II. Die Krankheiten des weiblichen Genital Apparates.
1. Die Krankheiten der Eierstöcke.
Eierstockskrankheiten spielen bei Thieren im Allgemeinen keine grosse Rolle. Am häufigsten noch werden solche bei Kühen Gegen­stand der thierärztlichen Praxis und zwar gilt dies besonders für diejenige Krankheit, welche tinter dem Namen
a) Stiersucht, Brillier- oder Brnminelkrankheit der Kilhe in
manchen Gegenden häufiger, in anderen Gegendon sehr selten vor­kommt.
Aetiologie und Diagnose. Dieser Krankheit liegt ein wasser­süchtiger Zustand eines, oder beider Eierstöcke zu Grunde, dessen Entstehungsursaohen nicht näher bekannt sind. Dieselbe macht sich zunächst durch unruhiges Benehmen der Thiere , Kratzen mit den Vorderbeinen am Boden im Stalle, Bespringen anderer Thiere im Freien, ferner durch ein eigenthümliches Brummen oder Brüllen bemerkbar. Mit zunehmender Unruhe und Geschlechtsaufregung nimmt die Futteraufnahme, sowie die Milchsecretiou ab, die Patienten werden mager, zu beiden Seiten der Schweifwurzel bildet sich zwi­schen dieser und den Kreuzsitzbeinbändern je eine tiefe Grube, ähn­lich wie bei tragenden Kühen, welche kurz vor der Geburt stehen. Gewöhnlich sind solche Thiere unfruchtbar; dies ist natürlich alle­mal dann der Fall, wenn beide Ovarien derart degonerirt sind, dass die Bildung entwicklungsfähiger Eier nicht mehr stattfindet.
Eierstockcysten sind in verschiedener Grosse auch bei anderen Thicrgattungen manchmal nach dem Tode gefunden worden, ohne besondere Krankheitserscheinungen verursacht zu haben; zuweilen jedoch wurde auch hier eine erhöhte Geschlechtsaufrogung beobachtet.
Prognose und Therapie. Die Krankheit kann meist geheilt werden und zwar durch Castration des Patienten. Ich habe diese
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Krankheiten der Eierstöcke.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;517
Operation seit 1857 nach dor von mir modificirten Methode (s. Maga­zin von Gurlt und Hertwig, Berlin 1858, S. 217—219) in einer sehr grossen Anzahl von Füllen ausgeführt und dadurch bei der soge­nannten Brüllerkrankheit stets Heilung erzielt. Die Patienten wur­den nach der Castration ruhig, nahmen alsbald wieder regelmässig ihr Putter zu sich und lieferten demgemäss ein grösseres Quantum Milch. Die Mast der Castrate ging leicht von statten, so dass die Verwerthung derselben als gute Fleisehwaare möglich war. Es sei indess hier ausdrücklich bemerkt, dass die Castration der Kühe nur bei Degeneration der Eierstücke empfohlen zu werden verdient, dass aber die Erwartungen sich nicht erfüllt haben, welche Chartier (bereits 1857 in Saarbrücken) bei gesunden frischmilchenden Kühen in Aussicht gestellt hatte. Dass ferner Stiersucht, welche in Folge anderer Krankheiten, z. B. in Folge von Perlsucht der Hinterleibs­organe , vorkommt, durch die Castration des betreffenden Thieres nicht geheilt werden kann, ist ebenso selbstverständlich, als dass nicht jede „Unfruchtbarkeit eines Mutterthieresquot; awi einer Degeneration der Ovarien beruht. Verschluss des Muttermundes, oder eines anderen Abschnittes des Genitalmales, kann ebenfalls Grund der Sterilität sein und manchmal operativ beseitigt werden, während eine dui'ch Degeneration der Ovarien bedingte Unfruchtbarkeit unheilbar ist. Ob die Thätigkeit fraglicher Organe überhaupt durch Arzneimittel, z. B. durch Cantharidentinctur u. s. w. derart angeregt werden kann, dass die Production entwicklungsfähiger Eichen dadurch gefördert wird, erscheint mir sehr zweifelhaft. Wenn auch die Begattungslust, resp. der Geschlechtsreiz durch diese und andere Mittel angeregt werden kann, so 1st doch die Möglichkeit einer fruchtbaren Begat­tung nur dann gegeben, wenn wenigstens ein Eierstock noch ein oder mehrere normale Eier besitzt.
b) Mntterkoller (Nymphomanie). Diagnose und Aetiologie.
Fraglicher Krankheits/.ustand kommt bei Stuten vor, und ist durch abnorme Geschlecbtsaufregung und dummkollerähnliche Erscheinungen charakterisirt. Vor Verwechslung mit eigentlichem Dummkoller kann man sich dadurch schützen, dass man das periodische Auftreten und Verschwinden der Krankheitserscheinungen, sowie die Combi­nation von Symptomen einer Punctionsstörung im Sensorium mit der gesteigerten Geschlechtsaufregung gebührend beachtet. Während des Bestehens der letzteren sind solche Stuten meist gegen Berührung des Hintertheiles sehr empfindlich, sie erschrecken leicht, beissen und schlagen gern, so dass der Verkehr mit denselben Vorsicht erheischt. Die Ursache dieses Krankheitszustandes liegt gewöhnlich in pathologischen Zuständen der Eierstöcke, manchmal jedoch sind solche bei der Section nicht nachzuweisen.
Behandlung und Prognose. Werden an Mutterkoller leidende Stuten fruchtbar begattet, so pflegen die Krankheitserscheinungen für die Dauer der Trächtigkeit zu verschwinden. Die Conception findet jedoch nur selten statt. Die Castration solcher Thiere ist
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Scheiden- und Gebärmutter-Vorfall.
ebenfalls unsicher und für das betreifende Thier mit einer nicht geringen Gefahr verbunden. Demnach ist die Prognose im Allge­meinen ungünstig.
c) Acute Eutzlindnug der Eierstöcke wurde in einzelnen Fallen bei Stuten beobachtet. Die betreffenden Thiere zeigten Geschlechts­aufregung , grosse Empfindlichkeit im Hintertheile und Tobsucht, welche mit grösserer oder geringerer Depression wechselte. Die Krankheit endet gewöhnlich mit dem Tode und vermag hieran eine arzneiliche Bebandlung nichts zu ändern.
Geschwülste kommen in den Eierstöcken unserer Hausthiere sehr selten vor. Kleinere Blutungen in die Höhle des geplatzten Graai-schen Pollikels sind etwas regelmässiges. Zuweilen kommen aber auch Verblutungen durch Zerrelssung von EierstocksgefUssen vor.
An den Eileitern werden bei der Section zuweilen ebenfalls pathologische Veränderungen angetroffen; dieselben sind jedoch während des Lebens nicht zu diagnosticiren.
2. Scheiden- und Gebärmutter-Vorfall, Prolapsus vaginae et uteri.
Nicht selten ereignet es sich, dass bald nach der Geburt die Mutterscheide und die Gebärmutter unter heftigem Dräiigen aus der Schamspalte nach aussen hervorgoprosst werden. Am häufigston kommt ein solcher Vorfall bei Kühen vor, bei welchen ein stärkeres Drängen auf die Nachgeburt relativ häufig ist; Mutterthiere mit weitem Becken und schlaffem Genitalapparate disponiren vorzugs­weise zu Scheiden- und Gebärmuttervorfall. Letztere ist nur mög­lich, so lange der Muttermund offen steht.
Die Diagnose dieses Zustandes kann leicht und sicher gestellt werden; bei Wiederkäuern ist die Gebärmutter namentlich leicht an den Cotyledonen der Schleimhaut zu erkennen.
Die Prognose frisch entstandener derartiger Vorfälle ist im All­gemeinen günstig, wenn diese nicht mit sonstigen schworen Uebelu complicirt sind. Unangenehmer als frische Scheiden vorfalle sind die, welche nicht alsbald nach der Geburt, sondern während der Trächtig­keit und zwar gewöhnlich erst in der zweiten Hälfte dieser vorzu­kommen pflegen. Wenngleich solche Vorfälle im Allgemeinen das Leben des Patienten nicht bedrohen, so sind dieselben doch immer sehr unangenehm und fast nie radical zu beseitigen.
Behandlung. Ein einfacher frisch entstandener Vorfall der Mutterscheide wird mit lauwarmem Wasser gereinigt, dann mit einem milden Pette (Ool) bestrichen und mit der Hand reponirt, was in der Regel keine besonderen Schwierigkeiten verursacht. Ein Recidiv sucht man in der nachher näher zu besprechenden Weise fern zu halten.
Die vorgefallene Gebärmutter legt man, nach gründlicher aber vorsichtiger Reinigung mit warmem Wasser auf eine saubere Unter-
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Scheiden- und Gebärmutter*Vorfall.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;519
läge, z. B. auf ein mit einem frischen, nicht zu groben Leinwand­lappen bedecktes Brett, das beim stehenden Thiere von zwei Gehülfen gehalten werden muss. Nunmehr löst man in schonender Weise die Nachgeburt oder deren Reste, reinigt nochmals sorgfältig die vorgefallenen Theile mit lauwarmem Wasser, befeuchtet dieselben zunilchst mit einer Iprocentigen Carbolsäurelösung und fettet sie demnach mit Leinsamen- oder Gerstensohleim, oder aber mit einem milden Oele reichlich ein. Alsdann beginnt man mit der Repo­sition und zwar an dem der Wurfspalte zunilchst gelegenen Theile des Vorfalles. Man benutzt jeden Moment, während dessen das Thier nicht presst, um die dislocirten Organe nach und nach wie­der zurückzubringen; sobald das Thier auf den Hinterleib drängt, sei man nur bemüht, das Herauspressen des bereits reponirten Vorfallabschnittes zu verhindern. Man darf sich hierbei einige Mühe nicht verdriessen lassen. Nachdem der Vorfall wieder ganz in den Beckenausgang zurückgeschoben ist, setze man die geballte Faust gegen dessen hintere Partie und schiebe die Gebärmutter so weit nach vorn, als dies möglich ist, um dadurch die vollständige Zurück-führung fraglichen Organs in seine normale Lage zu bewirken. So lange nämlich die Gebärmutter noch theilweise nach innen einge­faltet ist, dauert das Drängen auf den Hinterleib fort, so dass da­durch ein neuer Vorfall leicht herbeigeführt werden kann. Immer gebietet es die Vorsicht, dass man für die Dauer der ersten 24 Stun­den nach vollendeter Reposition des Vorfalles den Patienten in irgend einer geeigneten Weise verhindert, die Gebärmutter neuerdings wie­der herauszudrücken. Ob man dies durch Einlegen einer Rinds­oder Schweinsblase in den Scheidencanal, oder durch Einlegen von Ringen oder Heften durch die Schamlippen, oder in einer anderen Weise zu erreichen suchen will, bleibt dem Ermessen des Praktikers überlassen. Eine kräftige Zusammenziehung der kunstgerecht repo­nirten Gebärmutter findet in der Regel sehr bald statt, so dass da­durch manche Verletzungen dieses Organs, z. B. kleine Risse, welche die ganze Wand durchdringen , oder abgerissene Cotyledonen etc. eine chirurgische Behandlung nicht erfordern, aussei- einer sorg­fältigen Reinigung und Desinfection vor und nach der Reposition.
Bei grösseren derartigen oder anderen Schäden der vorgefallenen Gebärmutter muss eine entsprechende chirurgische Behandlung und im Nothfalle die Amputation des ganzen Uterus in der Nähe des Orificiums vorgenommen werden. Im Anfange der (JOger Jahre habe ich diese Operation (im Kreise Waldbroel in Rheinpreussen) sogar bei einer Kuh mit vorgefallener brandiger Gebärmutter noch mit günstigem Ausgange ausgeführt, obgleich bereits ein hochgradiges septisches Fieber vorhanden war.
Habituelle Scheidenvorfälle verlieren sich nach der Geburt in der Regel von selbst. Soll ein solcher während der Trächtigkeit behandelt werden, so sorge man zunächst dafür, dass das betreffende Thier mit dem Hintertheile nicht abschüssig steht und liegt, indem die Streu hinten immer thunlichst hoch gehalten wird. So oft die
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520nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Zurückbleiben der Nachgeburt.
Mutterscheide vorfilllt, muss dieselbe mit lauwarmem Wasser ge­reinigt, dann mit einer Abkochung von Weiden- oder Eichenrinde, unter Zusatz von etwas Eisenvitriol oder Alaun, reichlich befruchtet und demnach reponirt werden, Will man den Vorfall weiterhin verhüten, so lege man einige Metallringe in die Schamlippen.
3. Das Verhalten oder Zurückbleiben der Nachgeburt.
Diagnose und Prognose. Die Fruchthäute sollen innerhalb einiger Stunden nach erfolgter Geburt des Jungen abgehen; wo dies nicht geschieht, da haben wir es eigentlich mit einem pathologischen Zustande zu thun. Oft bleibt die Nachgeburt noch längere Zeit nach erfolgter Austreibung der Frucht mit der Gebärmutter verbunden und hängt dann mehr oder weniger lang aus der Schani hervor. Am häufigsten ist dies bei Kühen der Fall. Ist bei diesen die Nachgeburt bis zum dritten Tage nach der Geburt nicht abgegangen, so muss die Lösung derselben durch Kunsthülfe befördert werden. Bei Stuten und Fleischfressern ist dieser Zustand in weit höherem Grade gefährlich als bei den übrigen Hausthieren, namentlich bei der Kuh. Bei jenen treten sehr bald Erscheinungen von Blutvergiftung (Septi-cämie) ein, welche den Tod der Patienten in kurzer Zeit zur Folge haben, so dass hier möglichst bald nach der Geburt für den Ab­gang der Fruchthäute gesorgt werden muss.
Aetiologie. Das Zurückbleiben der Nachgeburt wird einerseits durch generelle anatomische Verhältnisse, andererseits durch indivi­duelle Zustände verursacht. Bei Wiederkäuern ist die Verbindung der Fruchthäute mit der Gebärmutter eine viel innigere als bei den übri­gen Hausthieren, ganz besonders gilt dies für die Kuh, bei welcher die Zottenbäumchen der Cotyledonen vielfach verästelt und stark entwickeLt sind. Wenn nun die Gebärmuttercontractionen nach der Geburt nicht kräftig genug sind, diese Verbindung zu lösen, so bleibt die Nachgeburt zurück, bis stärkere Nachwehen eintreten, oder die Fruchthäute macerirt werden. Hiergegen sind aber Pferde und Fleischfresser in hohem Grt.de empfindlich, so dass bei diesen Thiel--gattungen in solchen Fällen meist eine septische Blutvergiftung mit tödtlichem Ausgange eintritt.
Als entferntere Ursachen des Verhaltens der Fruchthäute gelten Ueberdehnung oder Uebermüdung der Gebärmutterrausculatur, ent­zündliche Zustände des Uterus u. s. w. Am häufigsten kommt das Uebel vor nach sehr schweren Geburten, sowie nach Abortus.
Therapie. Bei Wiederkäuern, welche gegen den Eintritt von Päulniss in den Eihäuten wenig empfindlich sind, wäre es ungerecht­fertigt, wenn man bereits am ersten Tage nach der Geburt energisch eingreifen wollte, da nicht selten am zweiten oder dritten Tage die Lösung der Nachgeburt von selbst erfolgt. Vorher kann man allen­falls versuchen, die Nachgeburt, welche manchmal nur noch locker an einzelnen Cotyledonen haftet, oder sogar blos im Gebärmutter-
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Zurückbleiben der Nachgeburt.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;521
halse eingeklemmt ist, durch einen leichten Zug an derselben zu entfernen. Wo dies nicht gelingt, die Fruchthäute aber aus der Scham so lang herunterhängen, dass das Thier beim Aufstehen oder Niederlegen an denselben stark zerren kann, da schürze man, um dies zu vermeiden, einen oder einige feste Knoten in den herunter­hängenden Theil, um diesen dadurch entsprechend zu verkürzen, ohne sein Gewicht zu vermindern. Dadurch wird nämlich die spon­tane Lösung der Fruchthäute von der Gebärmutter begünstigt. Erfolgt diese innerhalb der ersten 2 bis 3 Tage, so stellen sich keine weiteren Krankheitserscheinungen oder sonstige Nachtheile ein; bleiben die Fruchthäute über diese Zeit hinaus im Genitaloanale stecken, so tritt Fäulniss ein, und zwar bei warmer Witterung oder bei übersetzten, schlecht ventilirten Ställen etwas früher, als bei niedriger Stalltemperatur resp. bei kühler Witterung. Die da­durch gebotene Infectionsgefahr wird selbst bei der Kuh eine sehr erhebliche, falls im Genitaloanale eine frische, wenn auch nur kleine Verletzung, z. B. eine ganz oberflächliche Abschürfung des Epi­thels, vorhanden ist. Es kann dadurch eine acute oder chronische, allgemeine oder zunächst localisirte Krankheit entstehen, indem die Patienten entweder an einer septischen Blutvergiftung, oder an weissem Fluss mit nachfolgendem oft langwierigem Siechthume er­kranken und zu Grunde gehen können. Deshalb ist die Entfernung der Nachgeburt nunmehr dringend angezeigt. Bei grossen Haus-thieren kommt hier die Lösung jener mittelst der in die Gebär­mutter eingeführten gut eingeölten Hand in Betracht. Man kommt dadurch meist sicher und schnell zum Ziele, muss aber stets mit möglichster Vorsicht zu Werke gehen. Ist bei der Kuh die Aus-stossung der Fruchthäute 48 Stunden nach der Geburt von selbst nicht erfolgt, so kann man zur manuellen Entfernung derselben schreiten, wobei man die Käppchen der Fruchthäute behutsam und schonend mit dem Finger von den Cotyledonen der Gebärmutter einzeln loslöst, so weit dies nicht bereits spontan geschehen ist. Bei grossen Kühen kann man mit der Hand nicht bis zur äussersten Spitze des befruchtet gewesenen Gebärmutterhornes reichen. An dieser Stelle müssen deshalb die Fruchthäute in der Regel durch leichten Zug an denselben von den Cotyledonen getrennt werden. Es erfordert dies gewöhnlich keinen besonderen Kraftaufwand, da die Verbindung der Nachgeburt mit der Gebärmutter dort eine weniger feste ist, als am mittleren Theile des betreffenden Homes. Auch am nicht befruchteten Hörne ist die Verbindung der Eihäute mit den Cotyledonen eine leicht lösliche. Fragliche Operation kann so lange vorgenommen werden, als der Muttermund noch so weit geöffnet ist, dass man mit der Hand durch denselben hindurch in die Gebärmutter leicht eindringen kann; dieselbe ist jedoch immer mit einer gewissen Gefahr verbunden, sobald die Nachgeburt bereits in Fäulniss übergegangen ist, indem eine kloine Verletzung der Ober­fläche des Genitalcanales an irgend einer Stelle trotz aller Vorsicht zu Stande kommen kann. Diese Gefahr ist aber sehr gross, wenn
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522nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Acuter Gebärmutter- und Scheidcnkatarrh.
der Muttermund nicht mehr genügend weit geöffnet ist, so dass die Hand durch denselben nur durch dessen gewaltsame Dilatation in den Uterus eingeführt werden kann. Wenn nun auch diese Mani­pulationen von der Kuh nicht selten ohne Nachtheil ertragen werden, so sind docli die Fülle häufig genug vorgekommen , dass in Folge solcher Verletzungen die betreffenden Thiere an Septicämie erkrankt und verendet sind. Wo dessenungeachtet unter fraglichen Um­ständen die Nachgeburt mit der Hand gelöst und entfernt wird, da mu.ss der Operation stets eine gründliche Desinfection der Gebär­mutter folgen, nachdem dieselbe vorher mit 28—ISO0 C. warmem Wasser reichlich ausgespült worden ist. Eine solche Desinfection ist überhaupt für die nächstfolgende Zeit nach der Abnahme der Nachgeburt zu empfehlen, da nicht selten einzelne Zottenbäumchen der Pruchthäute in den Vertiefungen der Cotyledonen haften bleiben und noch nachträglich eine Infection bedingen, oder einen Katarrh der Gebürmutterschleimhaut verursachen und unterhalten können.
In neuerer Zeit wird die Entfernung der Nachgeburt weit seltener mit der Hand, sondern lediglich durch öfteres Ausspülen der Gebärmutter mit lauwarmem Wasser (nicht über 30deg; 0.) und nachfolgender Desinfection ausgeführt. Mit diesen Irrigationen kann schon einige Stunden nach der Geburt begonnen werden, da sie die Contractionen der Gebärmutterwandungen fördern.
Für den innerlichen Gebrauch sind viele Mittel empfohlen worden; dieselben können jedoch in der Regel ohne Nachtheil ent­behrt werden. Sabina, Mutterkorn und andere Emmenagoga, sowie verschiedene Tonica leisten jedoch manchmal gute Dienste; dies ist namentlich bei heruntergekommenen Thieren der Fall, wo es gilt, allgemein erregend und belebend zu wirken. In solchen Fällen müssen die Patienten mit leicht verdaulichen aber nahrhaften Futter­mitteln ausreichend versorgt werden. Die beiläufige Verabreichung von etwa 3 Flaschen 3'4 Liter) Leinsamenschleim täglich glaube ich aus eigener Erfahrung besonders empfehlen zu dürfen. Bevor wir den modernen Fortschritt der Desinfection bei diesem Zustand verwertheten, habe ich recht oft bei Kühen nach (ob in Folge ist natürlich schwer festzustellen) dieser einfachen diätetischen Behar.d-lung die Nachgeburt im Verlaufe von etwa 8 Tagen abgehen sehen, ohne dass die betreffenden Thiere irgend einen nennenswerthen Schaden genommen hatten.
4, Acute entzündliclie Zustände des Genitalcanales.
Aetiolologie und Diagnose. In Folge einer vorausgegangenen schweren Geburt oder eines Abortus, so wie in Folge einer zurück­gebliebenen Nachgeburt oder einer Erkältung entstehen nicht selten Entzündungen der Schleimhaut des Genitalcanales. Die katarrhalische Affection kann auf die Schleimhaut des Vorhofes und die Mutter­scheide sich beschränken, oder auch die Schleimhaut der Gebärmutter mit betreffen.
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Acuter Gebärmutter- und Scheiden-Katarrh.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;523
a)nbsp; nbsp;Die katarrhalische GebäriiintterentKüiidung, Eudometritis,
ist durch folgende Erscheiimngen oharacterisirt: im ersten Stadium der Krankheit treten leichte Kolikerscheinungen auf, verbunden mit etwas Harnzwang, jedoch ohne jede Spur einer Harnverhaltung. Die Schleimhaut des Genitalcanales bietet von den Schamlippen an die Erscheinungen einer gewöhnlichen, d. h. nicht septischen Entzündung. Die Bewegung der Patienten ist steif und gespannt, oder schwankend im Hintertheile; Fresslust und Munterkeit haben abgenommen, der Kothabsatz ist verzögert, die Milchsecretion vermindert und ein leichtes Fieber vorhanden. In der Regel stellt sich bereits nach etlichen Tagen ein weisslicher oder röthlicher Ausfluss aus der Schamspalte ein , der bis zu einem gewissen Grade allmählig reich­licher und schleimiger wird, dann aber wieder abnimmt und meist innerhalb einiger Wochen nach und nach sich vollständig wieder verliert. Zuweilen aber wird der Zustand chronisch und geht in den sogenannten „weissen Flussquot; über.
b)nbsp; In immchen Fällen betrifft der Katarrh blos die Schleim­haut des Vorhofes und der Mutterscheide (Viif!riraquo;it's). Die Erscheinungen, welche sich auf Störungen des Allgemeinbefindens beziehen, sind dann meist in geringerm Grade vorhanden; auch ist die Beweglichkeit solcher Patienten weniger beeinträchtigt.
Eine Verwechslung dieser Zustände mit einer septischen Gebär­mutter- oder Scheiden-Entzündung, oder mit dem Lochialflusse nach der Geburt, oder gar mit der vermehrten Schleimsecretion der Genitalschleimhaut bei regem Geschlechtstriebe ist nur bei ober­flächlicher Beobachtung möglich.
Die Prognose der katarrhalischen Gebärmutter- und Scheiden-Entzündung ist im Allgemeinen günstig, obgleich bei Vernachlässigung der betreffenden Patienten die Heilung sich sehr in die Länge ziehen, oder endlich der Tod des Patienten in Folge von Abmagerung und Oaohexie (Schwindsucht) eintreten kann.
Therapie. Bei einer entsprechenden Wartung und Pflege der­artiger Patienten führt eine einfache örtliche Behandlung i. d. R. bald zur Genesung. Täglich 2—8 Irrigationen des Genitalcanales mit lauwarmem Wasser, später mit aromatischen Brühen (mit gut filtrirteiu Heusnmenaufgusse, Camillenthee u. dergl.), oder mit einer Iprocentigen Garbolsäurelösung, reichen gewöhnlich aus, das Leiden bald zu beseitigen. Bei verzögertem Kothabsatze gebe man diä­tische , oder leicht abführende arzneiliche Mittel; zuweilen können aber auch adstringirende Mittel erforderlich werden. Es ist dies dann der Fall, wenn eine erhebliche Erschlaffung der Schleimhaut des Genitalcanales vorhanden ist. Besteht dieser Zustand mit all­gemeiner Erschlaffung oder mit Darmkatarrh, so sind auch innerlich adstringirende Mittel, namentlich Eisenvitriol in massigen Dosen, zu verordnen; in höheren Graden der Atonie des Genitalapparates kann eine Verbindung dieses Mittels mit Sahina sich nützlich erweisen.
Bei bestehendem (lebännutterkatarrh ist darauf zu achten, dass die Flüssigkeiten bis in die Gebärmutter eingeführt werden und auch
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524nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Metritis und vaginitis crouposa. Weisser Flusa.
deren obere Wand reichlich bespülen. Es ist dies in der bei Be­handlung der puerperalen Septicilmie angegebenen Weise leicht und sicher zu erreichen.
c) Metritis und Taginitis crouposa. Eine oroupöse Ent­zündung der Schleimhaut des Genitalcanales kommt bei unseren Hausthieren, wie es scheint, nicht häufig vor. Sie verursacht keine anderweitigen, namentlich keine schwereren Symptome, als die katarrhalische Metritis und Vaginitis. Bildet sich im hinteren Abschnitte des Genitalcanales ein croupöser Belag, so kann derselbe bereits früh constatirt werden, wilhrend dies in anderen Füllen erst dann möglich ist, wenn die Croupmembran sich gelöst hat und eliminirt wird. Prognose und Behandlung sind wie bei Endo-metritis catarrhalis.
5. Weisser Fluss, Leucorrhoea.. Pyometra und Hydrometra.
Diagnose und pathologische Anatomie. Ein chronischer Aus-fluss aus dem Genitalcanale, der seinen Grund gewöhnlich in einer veralteten Endometritis hat, kommt bei Kühen häufig vor, seltener bei Stuten und noch seltener bei kleineren Hausthieren; zuweilen ist die Schleimhaut der Gebärmutter nicht mit erkrankt, sondern eine chronische Vaginitis Ursache des Ausflusses. Letzterer ist ge­wöhnlich von eiterilhnlicher Beschaffenheit, in verschiedenem Ton weiss gefärbt und geruchlos; manchmal aber ist derselbe schmierig und übelriechend. Beim Uriniren oder bei abschüssiger Lage des betreffenden Thieres pflegt der Ausfluss stärker zu werden ; unter anderen Umständen kann derselbe auch eine Zeit lang aufhören. Periodische Pluctuationen in der Menge des Ausflusses können auch durch andere Einflüsse, z. B. durch ungünstige Witterung bei Aufent­halt im Freien, schlechte Pflege u. s. w., bedingt werden. Die Schleim­haut des Genitalcanales ist meist aufgelockert und schlaff, zuweilen geschwürig oder mit Granulationen oder bindegewebigen Neubildun­gen besetzt. Anderweitige Krankheitserscheinungen fehlen in der Regel, bis Abmagerung und schliesslich Schwindsucht sich einstellt, an welcher die Patienten, oft erst nach jahrelanger Dauer der Leucorrhoe, zu Grunde gehen.
Zuweilen verengt sich der Gebärmutterhals allmillilig, wobei es zum Verschlüsse des Muttermundes kommen kann. In Folge dessen sammeln sich die eiterigen Massen in der Gebärmutter an und dehnen diese in verschiedenem Grade aus. Je nach der Beschaffenheit der eingeschlossenen Flüssigkeit wird dieser Zustand „Hydrometraquot; oder „Pyometraquot; genannt. Ist der Muttermund vollkommen geschlossen, so pflegt die Flüssigkeit geruchlos, bei nicht ganz geschlossenem Muttermunde hingegen übelriechend und von schmutziger Beschaffen­heit zu sein. Dieser Zustand ist aber nicht immer die Folge einer chronischen Leucorrhoe, sondern kann auch ohne vorhergegangenen Ausfluss aus dem Genitalcanale, z. B. in Folge frühzeitigen Ab-sterbens einer Frucht im Mutterleibe und anderer unbekannter
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Woisser Fluss.
Ursachen entstehen und fortbestehen. Bei alten Stuten ist die An­sammlung einer wässerig-schleimigen oder eiterigen Flüssigkeit in der Gebärmutter, wobei die Wandungen dieser mehr oder weniger auffallend dünner werden, nicht ganz selten. Auch findet man zu­weilen neben allgemeiner Wassersucht Gebärmutterwassersucht.
Wenn die Anfüllung und Ausdehnung des Uterus einen höheren Grad erreicht hat, so ist der Bauchumfang dem entsprechend ver-grössert, wodurch man bei fehlendem Ausflusse aus dem Gonital-canale gewöhnlich zuerst dem Krankheitszustande auf die Spur kommt. Wo der Muttermund nicht völlig geschlossen ist und in Folge dessen ein periodischer Ausfluss, namentlich am liegenden Thiere, sich einstellt, wird man hierdurch zur weiteren Untersuchung veranlagst. Durch Druck mit der Hand gegen die äussere Bauch­wand (besonders rechterseits), sowie durch eine manuelle Exploration per rectum und per vaginam lässt sich eine Füllung des ausge­dehnten Uterus mit Flüssigkeit, wobei keine Fruchttheile wahr­zunehmen sind, feststellen. Die niedrigen Grade dieses Zustandes werden aber am lebenden Thiere meist nicht erkannt, und ganz besonders dann übersehen, wenn kein Ausfluss aus dem Genital-canale besteht. Lange Zeit hindurch zeigen die betreffenden Thiere zunächst keine weiteren Krankheitserscheinungen; erst später magern dieselben ab und siechen allmählig hin, wenn nicht rechtzeitig eine entsprechende Behandlung eingeleitet und consequent durchgeführt wird. Sind bereits Metastasen in den Lungen, oder in anderen wichtigen, der localen Behandlung nicht zugängigen Körperorganen eingetreten, so kommt jede Hülfe zu spät. In seltenen Fällen kommt bei Hydrometra und Pyometra eine Naturheilung dadurch zu Stande, dass Wehen sich einstellen, welche die Oeffnung des Muttermundes und demnach die Ausstossung des ganzen Gebärmutterinhaltes mit nachfolgender Heilung bewirken.
Die Prognose ist verschieden, je nach dem Alter, den Ursachen und dem Grade des Uebels. Jeder inveterirte weisso Fluss ist ein hartnäckiges Uebel, das nicht selten der zweckmässigsten Behand­lung lange Zeit oder dauernd widersteht. Die Prognose ist im Allgemeinen ungünstig, da Genesung selbst dann nicht immer ein­tritt, wenn mit Ausdauer und Sorgfalt die Patienten behandelt werden. Hydrometra oder Pyometra, welche ohne Ausfluss bestehen, pflegen quoad vitam eine relativ günstige Prognose zu gestatten.
Die Behandlung hat für eine gründliche Entleerung und Aus­spülung der Gebärmutter zunächst mit lauwarmem Wasser zu sorgen. Später werden täglich 1- bis 2mal Irrigationen mit einer 1 procentigen Lösung von Carbolsäure oder Alaun vorgenommen, denen zweck-mässig jedesmal eine Ausspülung des Genitalcanales mit lauwarmem, reinem Wasser vorausgeschickt wird. Heruntergekommene Thiere müssen gut gefüttert und gepflegt werden. Eine innerliche Behand­lung ist meist entbehrlich; zuweilen jedoch können tonische Mittel, namentlich solche, welche gleichzeitig Contractionen der Gebärmutter verursachen, mit Nutzen angewendet werden.
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52(5nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Das Auffressen der Nachgeburt und der Jungen.
6.nbsp; Das Auffressen der Nachgeburt und der neugeborenen Jungen.
Fleischfresser öffnen gewöhnlich den geschlossenen Amniossack (der Fmchthilute) mit den Zähnen und beissen auch den Nabel-strung ab, wobei sie in der Regel die Nachgeburt ganz oder theil-weise auffressen. Dasselbe sehen wir auch häufig bei Schweinen, welche dann aber auch regelmilssig ihre Jungen verzehren. Letz­teres habe ich einmal an einer mir gehörigen Katze beobachtet. Schweine, welche einmal ihre Ferkel aufgefressen haben, thun dies gewöhnlich auch bei den nachfolgenden Geburten, wenn sie nicht sehr sorgfältig gehütet werden. Wenn die Sau ihre Jungen aber einigemal gesäugt hat, greift sie dieselben nicht leicht mehr an. Am ehesten passirt dies unter den betreffenden Verhältnissen dann, wenn ein Ferkel gestorben oder von Ratten angenagt worden ist.
Das beste Mittel gegen diese fatale Untugend ist, die Geburt genau zu überwachen und das Fressen der Nachgeburt zu verhin­dern. Solche Sauen müssen so lange genau bewacht werden, bis sie die Ferkel zum Saugen angenommen haben. Das Waschen der Ferkel, sowie ihrer Mutter mit Branntwein ist (von Halm-Münster) als nützlich empfohlen worden.
Zuweilen verschlingen auch Kühe ihre eigene Nachgeburt, aber nicht die anderer Thiere; sie scheinen dies sogar ziemlich regel­milssig zu thun, wenn sie dieselbe erreichen können und sich selbst überlassen, d. h. ohne Aufsicht sind. Nicht selten werden dadurch erhebliche Verdauungsstörungen verursacht, welche gewöhnlich nach 8 bis 14 Tagen sich spontan wieder verlieren, nachdem die Nach­geburt in grösseren Fetzen oder im Zusammenhange durch den After wieder entleert worden ist. Eine Behandlung ist nicht nothwendig; allenfalls kann ein Abführungsmittel gegeben werden.
Schafe zeigen bedeutend weniger Neigung, ihre Nachgeburt zu verzehren, als das Rind; und noch weniger thun dies Stuten, von welchen die ihnen hierzu gebotenen Gelegenheiten nur äusserst selten benutzt werden, i,,
7.nbsp; Das Festliegen der Mutterthiere vor und nach der Geburt.
Zuweilen bleiben trächtige Mutterthiere kürzere oder längere Zeit vor oder nach der Geburt beständig liegen, was in verschie­denen Ursachen seinen Grund haben kann. Dies Uebel scheint nur bei Kühen vorzukommen.
a) Das Festliegen vor der Geburt. Aetiologie. Am häufigsten findet sich dies Uebel in solchen Wirthschaften, in welchen die Thiere schlecht gehalten, namentlich knapp gefüttert werden und wo somit in der Regel allgemeine Kraftlosigkeit und Schwäche des Mutterthieres die Ursache bildet. Aber auch bei fetten und schweren Stallktthen kommt dies Leiden vor, besonders wenn die Gebärmutter übermässig ausgedehnt, resp. der Bauchumfang sehr gross ist. In solchen Fällen sind die betreffenden Thiere in Folge einer vorhandenen Verfettung
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Das Festliegen der Mutterthiere.
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lt;ler Skeletmuskel in der Regel nicht im Stande, sich auf den Beinen zu erhalten, was ja bei fetten Schweinen sogar im nicht trächtigen Zustande sich zu zeigen pflegt; nur in seltenen Fällen mag durch Druck auf die Gebärmutternerven auch bei gut genährten, nicht an Muskelverfettung leidenden Mutterthieren eine reflectorische Läh­mung dem Leiden zu Grunde liegen.
Prognose. Bleiben die Thiere bereits mehrere (4—8) Wochen vor der Geburt liegen, so gehen sie nicht selten an Decubitus und seinen Folgen zu Grunde, während sie in der Regel bald nach der Geburt wieder aufstehen, wenn sie erst kurze Zeit (etwa einige Tage) vor der Geburt liegen geblieben sind.
Die Behandlung hat vorzugsweise für gute Streu und ein ent­sprechendes diätetisches Regime zu sorgen; unter Umständen kann die Einleitung und Durchführung einer künstlichen Frühgeburt indicirt sein, womit man sich indess weder übereilen, noch zu lange aufschieben darf. Einreibungen nützen bei diesem Zustande wenig oder gar nichts; gewaltsames Aufziehen und Hängen in einen Gurt beschleunigt sicher den Eintritt des Todes, wenn die Thiere nicht im Stande sind, sich ab und zu längere Zeit auf den Beinen zu erhalten und den Gurt nur gelegentlich für kürzere Zeit als blosses Ruhemittel zu benutzen.
b) Das Festliegen nach der Geburt. Aetiologio. Dieses Uebel kommt nicht selten nach schweren Geburten vor und ist gewöhnlich die Folge von Quetschung des Geburtscanales und der in demselben oberflächlich gelegenen grösseren Nerven. Vielleicht mag auch eine Lockerung der Verbindung beider Beckenbeine unter sich, oder mit dem Hüftbeine seiner Seite die Ursache des Festliegens nach der Geburt bilden können. Beim gewaltsamen Ausziehen schwerer Kälber habe ich öfter ein Knacken, wie ich glaube im Becken des Mutter-thieres, gehört, worauf letzteres eine Zeit lang (bis zu 8 Tagen und länger) nach der Geburt liegen blieb.
Diagnose. Eine wirkliche Lähmung der Nachhand ist aus der gestörten Bewegung der willkürlichen Muskulatur des Hintertheiles leicht zu erkennen. Im Uebrigen pflegen die betreifenden Mutterthiere gesund zu sein; Appetit und Milchsecretion sind meist normal, das Ausmelken des Euters ist indess, wie beim liegenden Thiere immer, sehr erschwert, so dass hier Melkrührchen zur Entleerung des Euters eine zweckmässige Verwendung finden können.
Die Vorhersage ist sehr unsicher, da sich der Grad und die Natur der vorhandenen Läsion nie sicher feststellen lilsst; die Dauer des Leidens variirt zwischen einigen Tagen bis zu einigen Wochen und verlängert sich zuweilen über mehrere Monate hinaus. Der schliessliche Ausgang ist meist vollkommene, selten unvollkommene Genesung und nur ganz ausnahmsweise der Tod.
Behandlung. Auch in diesem Falle ist zunächst für eine reich­liche und reine Streu zu sorgen. Aussei- der regelnüissig wieder-
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528nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Euterkrankheiten. Euterödem.
holten Application der Melkröhrchen sind öftere Reibungen der Gliedmassen (täglich 3- bis 4mal) mit Strohwischen, Einreibungen jener mit Spirituosen Mitteln, namentlich mit Campherspiritus, am gebräuchlichsten. Auch werden Einreibungen mit fraglichen Mitteln oder Scharfsalben auf die Kreuz- und Lendengegend häufig ange­wandt. Ich ziehe diese Einreibungen den von manchen Thierärzten angeordneten feuchten Ueberschlägen auf das Kreuz und die Lenden vor, weil diese bei nachlässiger oder unvorsichtiger Application oft mehr schaden als nützen. In neuerer Zeit hat man auch Ein­spritzungen von 2- bis öprocentigen Carbolsäurelösungen, täglich 2mal anzuwenden, empfohlen, um dadurch die Heilung im Genital-canale vorhandener Quetschungen zu fördern. Diese Einspritzungen sollen ausgesetzt werden, wenn die Mutterthiere nach deren An­wendung heftig drängen.
8. Die Krankheiten des Euters.
Die eigentliche Drüsensubstanz des Euters, sowie das dieselbe verbindende und umhüllende Bindegewebe werden nicht selten von pathologischen Vorgängen betroffen, unter welchen die entzündlichen Atfectionen mit ihren Ausgängen die Hauptrolle spielen. Diese sollen deshalb nachstehend zuerst besprochen werden.
a) Euterentziindung, Mastitis.
Je nach der vorzugsweisen Localisation des Entzündungsprozesses unterscheidet man;
die Entzündung der Umhüllung der Milchdrüsen;
die Entzündung des interstitiellen Bindegewebes und
die Entzündung des eigentlichen Drüsenparenchyms des Euters.
a) Die EntzUudun? der CmhHllnn^ der MilcIidrUsen. Diagnose.
Dieslaquo; Entzündung betrifft besonders die der Innenfläche der äusseren Haut dicht anliegende bindegewebige Membran, welche „Milchdrüsen-kapselquot; genannt wird. Je nach dem Grade der Entzündung breitet sich Schwellung in verschiedenem Umfange von dem Euter aus bis zur Nabelgegend und über diese hinaus; über und hinter dem Euter erstreckt sich dieselbe strangförmig nach oben, nicht selten bis zur Scham. Auch erscheint die ganze freie Euterfläohe geschwollen, jedoch in der Regel auf der einen Seite stärker als auf der anderen. Die Geschwulst ist in der Regel wenig oder gar nicht schmerzhaft; nur in denjenigen Fällen, wo die äussere Haut selbst mit entzündet ist (Erysipelas), zeigt sich die Geschwulst gegen Druck etc. empfind­licher. Diese hat bei der Entzündung der äusseren Umhüllungen des Euters eine teigige Beschaffenheit, so dass in dieselbe gemachte Eingereindrücke einige Zeit bestehen bleiben und nur langsam sich ausgleichen. Deshalb nennt man diese Form der Mastitis auch wohl „Euterödeinquot;. Wenn die Geschwulst umfangreicher und praller ist,
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Interstitielle Euterentzündung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;529
erscheint die sie bedeckende Partie der äusseren Haut mehr gespannt und glänzend, wilhrend sie in anderen Fällen, namentlich wenn sie selbst nicht mit entzündet ist, wenig oder gar nicht abnorm sich verhält. Das Allgemeinbefinden der betr. Thiere ist bei dieser Form der Euterentzündung nicht sichtbar gestört. Beim Ziehen an den Zitzen wird ein milchähnliches Colostrum entleert, das zuweilen von beigemengtem Blute gelb oder röthlich gefärbt ist, oder blutige Streifen oder Gerinnsel enthält. Es ist dies jedoch mir dann der Fall, wenn das interstitielle Bindegewebe des Euters mit entzündet ist. Ist dies in grösserem Umfange der Fall, so ist die Milchsecre-tion des vorzugsweise ergriffenen Euterviertels wesentlich vermindert.
Prognose. Das Euterödem entwickelt sich gewöhnlich kurz vor der Geburt und verliert sich, wenn keine Complicationen vor­handen sind, nach der Geburt alsbald von selbst. Bei trächtigen Kalbinen wird dasselbe als ein gutes Milchzeichen gedeutet, da die entzündlichen Affectionen der Umhüllungsgewebe des Euters mit einer regen Entwickelung und Ausbildung des ürüsenparenchyms selbst in engerem Zusammenhange zu stehen pflegen.
Therapie. Eine arzneiliohe Behandlung des Euterödems ist in der Eegel unnöthig; nur wenn die äussere Haut in auffälligerer Weise mit betheiligt ist, kann man deckende oder desinficirende Einreibungen mit Nutzen anwenden. Hierzu eignen sich einfache milde Fette oder 1 Theil Eisenvitriol mit 8 Theilen Schweinefett zur Salbe verrieben. Auch kann man 1 Theil Carbolsäure mit 20 bis 30 Theilen eines fetten Oeles zusammenmischen. Alsbald nach der Geburt muss das Euter sorgfältig und gründlich ausgemolken werden und zwar 8 bis 6 mal täglich; es muss dies schon vor der Geburt geschehen, wenn Quetschungen des Euters in Folge einer umfangreichen Geschwulst zu befürchten sind. Wo keine besonderen Indicationen für die Einreibungen von Fett oder fetten Salben vor­handen sind, da lasse man dieselben weg, da sie die Milchsecretion zu vermindern pflegen.
ß) Die EnfzUndnng des interstltiellen Bindegewebes des En­ters. Aetiologie und Diagnose. Diese Entzündung entwickelt sich öfter im Gefolge des Euterödems, kommt aber auch manch­mal ohne letzteres, also selbstständig vor. Diese Form der Euter­entzündung ist gewöhnlich auf nur ein Euterviertel beschränkt und besteht ohne auffallende Störung des Allgemeinbefindens. Wo dieselbe mit Euterüdem verbunden ist, pflegt sie länger als dieses fort zu bestehen. Das Secret des Euters erleidet in Folge dieser Entzündung quantitative und qualitative Veränderungen; dasselbe wird weniger reichlich und von ähnlichet Beschaffenheit abgesondert, wie bei der parenchymatösen Euterentzündung. Die abgemolkene Milch ist nämlich blutig und gerinnt beim Kochen. Das Blut ist in derselben entweder gelöst oder geronnen. Bei längerem Stehen hellt sich die obere Schicht jener auf, indem die in derselben ent-
Püt/,, Corapomltum der Thierhellkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 34
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530nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Parenchymatöse Euterentzündung.
haltenen Blutkörperchen und etwa schon gelösten Blutfarbenstoffe in der Flüssigkeit sich senken.
Die Prognose dieser Form der Euterentzündung ist im All­gemeinen ebenfalls eine günstige, da meist innerhalb 14 Tagen bei passender Behandlung vollständige Resolution und Genesung erzielt wird. Hierbei nimmt die Milch zunächst eine colostrumilhnliche Beschaffenheit, nach und nach aber erhält sie normale Eigenschaften. Bei Vernachlässigung oder unpassender Behandlung kann aus dieser Form der Euterentzündung die parenchymatöse Form sich entwickeln. Auch bleiben nicht selten Verdickungen und Verhärtungen in Folge entzündlicher Bindegewebsneubildung in den Interstitien der Milch­drüsen zurück, worüber bei den sogenannten Milchknoten näheres gesagt werden soll.
Die Behandlung der interstitiellen Euterentzündung hat ihren Schwerpunkt in recht fleissigem Ausmelken des Euters, besonders des erkrankten Abschnittes; ferner können die früher angegebenen fetthaltigen Einreibungen, oder statt dieser resorbirende Mittel an­gewendet werden, wie solche bei der Behandlung von Milchknoten angegeben sind. Durch eine knappe Diät und ein gelegentlich ver­verabreichtes Abführmittel kann die Resorption wesentlich unter­stützt werden. Bei vorhandener Complication der interstitiellen mit der parenchymatösen Euterentzündung muss die bei letzterer ange­gebene Behandlung durchgeführt werden.
y) Die parenchymatöse Enterentzilndnng. Diagnose. Bei die­ser Form der Mastitis handelt es sich um eine Entzündung des eigentlichen Parenchyms, der feineren Milchgänge und Drüsen­bläschen des Euters, so dass aus nahe liegenden Gründen das Drüsensecret (die Milch) wesentliche Veränderungen erleidet. Durch Verstopfung feinerer Milchgänge entstehen förmliche mit zersetzter Milch und mit Eiter gefüllte Retentionscysten. Im weiteren Ver­laufe pflanzt sich die Entzündung des Drüsenparenchyms auf das interstitielle Bindegewebe fort, wodurch in diesem Eiterungs­oder Wucherungs-Prozesse Indurationen oder Brand entstehen können. In der Regel wird nur ein Euterviertel und zwar meist ein Hinterviertel von dem Entzündungsprozesse ergriffen, indess können auch zwei und mehr Viertel in Mitleidenschaft gezogen werden. Der entzündete Euterabschnitt ist anfangs nur wenig geschwollen, indess hart und schmerzhaft; erst nach Mitbetheiligung des interstitiellen Bindegewebes nimmt die Geschwulst zu. Diese wird höckerig und nicht selten verdickt sich auch die äussere Haut unter der kranken Drtisenpartie. Der Appetit ist vermindert, oder für kurze Zeit ganz verschwunden, der Koth wird meist fester und seltener als gewöhnlich abgesetzt. Ueberhaupt sind alle Erschei­nungen von Fieber vorhanden. Werden die Patienten bewegt, so zeigt sich der Gang, namentlich mit der Gliedmasse neben der er­krankten Euterpartie, gespannt und schleppend. In Folge des Fiebers und Appetitmnngels nimmt die Milchergiebigkeit ab und zwar nicht
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Parcnchymatöse Euterentzündung.
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allein in der betreffenden entzündeten Euterpartie, sondern in der ganzen Milchdrüse. Aus jener wird zuweilen eine missfarbige übel­riechende Flüssigkeit abgemolken, die von Mikrokokken und Bac-terien wimmelt und infectiöser Natur ist, so dass durch Ueber-tragung derselben in das Canalsystem des Euters gesunder Milch-thiere ebenfalls eine parenchymatöse Entzündung hervorgerufen werden kann.
Eine vorzugsweise üble Bedeutung hat diese Euterentzündung beim Schafe, bei dem sie hiluflg als Herdekrankheit auftritt und fast regelmilssig in Brand übergeht. Im Allgemeinen sind ihre Ausgänge Zertheilung, Eiterung, Brand, oder Bindegewehsneubil-dungen in grösserem oder geringerem Umfange. Dieser letztere Ausgang tritt besonders dann ein, wenn die parenchymatöse Euter-entzündung von einer ausgebreiteteren Entzündung des interstitiellen Bindegewebes begleitet wird. Zuweilen stösst sich ein ganzes Euter­viertel durch Eiterung los.
Aetiologie. Die parenchymatöse Euterentztindung kommt fast ausschliesslioh nur wilhrend der Lactationsperiode, oder gegen das Ende der Trächtigkeit vor. Die Krankheit ist bei Kühen häufig, was ohne Zweifel in der künstlich erheblich gesteigerten und lange Zeit hindurch anhaltenden Thätigkeit des Euters beim Rindvieh seinen Grund hat. Als besondere Ursachen werden in der Regel mechanische Insulte, Erkältungen , nachlässiges Ausmelken, über-mässige Ausdehnung des Euters durch zu lange hinausgeschobenes Melken u. dergl. mehr beschuldigt. Obgleich alle diese Dinge als Hülfsursachen der parenchymatösen Euterentzündung mit betheiligt sein können, so dürfte die Entstehung dieser doch vorzugsweise auf eine putride oder septische Infection zurückzuführen sein. Durch Einspritzen fraglicher Gifte in einen Strichencanal kann wenigstens experimentell eine parenchymatöse Euterent/.ündung leicht erzeugt werden. Auch hat diese sich öfter entwickelt in Folge des Gebrauches von Melkröhrchen, namentlich dann, wenn dieselben vorher nicht sorgfältig desinficirt wurden. Da eins der ersten Symptome dieser Form der Mastitis eine Alteration der aus dem kranken Euterviertel abgemolkenen Milch ist, so liegt die Annahme nahe, dass das in den Milchräumen vorhandene Secret zunächst durch den von aussen eindringenden Infectionsstoff vergiftet wird. Dieser Annahme ent­spricht auch die Thatsache, dass nicht milchende (güste oder gelte) Kühe nur äusserst selten an fraglicher Euterkrankheit leiden. Auch bei anderen Infectionskrankheiten sehen wir ein ähnliches Verhalten. So z. B. entwickelt sich bei glisten Kühen, welche mit Maul- und Klauenseuche behaftet sind, fast niemals eine parenchymatöse Euter­entzündung , wenn auch Aphthen am Euter vorhanden sind; bei frischmelkenden Kühen aber entstellt unter solchen Umständen nicht selten eine parenchymatöse Euterentzündung mit recht üblem Ausgange.
, Die Vorhersage ist insofern ungünstig, als Zertheilung der Entzündung und vollständige Leistungsfähigkeit des Euters nur
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5B2nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Parenchymatöse Kutercntzündung.
selten in kurzer Zeit erzielt werden. Dies ist oft erst nach langer Zeit oder überhaupt nicht erreichbar und überdiess können selbst Gefahren für das Leben des Patienten eintreten, da verbreitete Eiterungsprozesse und Nekrose zuweilen den Tod des Thieres bedingen.
Therapie. Wird das kranke Euterviertel etwa stündlich aus­gemolken, so kann in der seoernirten Milch der Fermentationsprozess im Canalsysteme des Euters keinen hohen Grad erreichen, was das Weiterschreiten der Entzündung verhindert oder doch beschränkt und der Heilung der bereits erkrankten Gewebspartien forderlich ist. Wilhrend demnach ein häufiges und sorgfältiges Ausmelken des entzündeten Euterviertels unerlässlich ist, können die nicht er­krankten Viertel wie gewöhnlich ausgemolkon werden. Es empfiehlt sich jedoch auch in diesen die Milchsecretion für die Zeit der parenchymatösen Entzündung in einem anderen Abschnitte des Euters nicht anzuregen, diese vielmehr zu beschränken durch eine knappe, mehr trockene Diät, Abführmittel und bei vollblütigen Thieren durch einen reichlichen allgemeinen Aderlass. — Da das Ausmelken der erkrankten Euterabtheilung meist sehr schmerzhaft für die Patienten und deshalb dem Melker oft unbequem ist, so wird dasselbe ge­wöhnlich nicht mit der nöthigen Schonung und Gründlichkeit aus­geführt ; man hat deshalb die Anwendung der Melkröhrcben em­pfohlen. Ihr Gebrauch ist jedoch ganz zu vermeiden, oder nur mit äusserster Vorsicht zu gestatten; er ist wenig rationell, weil das zum Theil geronnene Milchdrüsensecret nur sehr unvollständig durch die Eöhrchen abfliessen kann. Die klümperigen Case'ingerinnsel können blos dadurch nach aussen befördert werden, dass sie durch Druck mit den Fingern aus der Milchcysterne durch den Strichen-oanal förmlich herausgepresst werden; deshalb muss beim Melken jeder Zug mit den Fingern möglichst hoch am Strichen, oder sogar etwas über diesem beginnen. Diese Manipulation kann durch die Melkröhrohen nie ersetzt werden, dagegen können diese eine weitere Ausbreitung der Krankheit leicht fördern, wenn sie nicht nach und vor jedem Gebrauche sehr sorgfältig desinficirt werden.
Nach dem Ausmelker zu den gewöhnlichen Tageszeiten spritze man die Milchcanäle des kranken Euterabschuittes von der Zitzen­mündung aus zunächst mit lauwarmem Wasser und nachdem das eingespritzte Wasser wieder ausgelaufen, resp. ausgetnolken ist, mit einer 2procentigen Carbolsäurelösung vorsichtig, aber gründlich aus; sodann beobachte man in der Pflege des Patienten die penibelste Reinlichkeit und meide jede Gelegenheit zu einer neuen Infection oder Erkältung. Die Streu, das Euter des Patienten, sowie die Hände des Melkers müssen möglichst rein gehalten und nöthigen-falls von Zeit zu Zeit desinficirt werden. Die für den örtlichen Ge­brauch sonst noch empfohlenen Mittel: kalte oder wanne Waschungen, Breiaufschläge, Lehm- und Glycerinanstriche, Mehlkleister, Watte­verband u. dergl., haben alle einen untergeordneten Werth und schaden zum Theil, namentlich bei unpassender oder nachlässiger Anwendung, manchmal mehr, als sie nützen.
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Milchsteine, Milchknoten und Fleischeutex*.
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Erfolgt bei dieser Behandlung die Zertheilung der Entzündung nicht, so sind Einreibungen eines milden Fettes, oder der Altheesalbe, mit Lorbeeröl am Platze. In diesem Falle können auch warme Bäder oder Bveiauf'schlilge gute Dienste leisten , wenn sie in geeig­neter Weise applicirt werden ; ist dies aber nicht der Fall, so können sie schaden, statt zu nützen. Die Eröffnung eines herangereiften Abscesses überlilsst man am besten der Natur, weil die operative Spaltung desselben zur Entstehung schwer heilbarer Milchfisteln führen kann. Ist indess die künstliche Eröffnung aus irgend einem gewichtigen Grunde erforderlich , so nehme man dieselbe stets an derjenigen Stelle vor, an welcher die Gewebsschmelmng der Euter-oberfiäche am nilchsten gerückt ist. Zur Operation bedient man sich am besten eines Troicarts, weil man mit demselben verhältniss-mässig die geringste Gewebsverletzung verursacht.1
2. iMilchsteine, Mllchknoten und FleiscLeuter.
Diagnose. Nicht selten finden sich an irgend einer Stelle im Euter knollige Verhärtungen , welche entweder aus verkilsten Ab-scessen oder aus Bindegewebswucherungen entstanden sind.
Die aus käsigen Herden entstehenden knolligen Verhärtungen erlangen in der Regel keinen sehr erheblichen Umfang, kommen aber nicht selten in grösserer Anzahl vor. In letzterem Falle lagern sich später Kalksalze in dieselben ab, wodurch die sogenannten „Milchsteinequot; entstehen. Grössere (meist baumnuss- bis hühnerei-grosse) derartige, oder aus Bindegewebswucherung entstandene nicht verkalkte Knollen werden „Milchknotenquot; genannt.
Erstreckt sich die Bindegewebswucherung im Innern der Milch­drüsen über grössere Abschnitte und erlangt dieselbe eine gewisse Mächtigkeit, so werden die Drtisenläppchen durch Druck zum Schwinden gebracht. Nimmt hierbei der Umfang des Euters zu, so entsteht secundär ein sogenanntes „Fleischeuterquot;.
Prognose und Therapie. Gegen ein ausgebildetes Fleischeuter, sowie gegen Milchsteine ist jede arzneiliche Behandlung fruchtlos; unter besonders günstigen Umständen können Milchsteine allenfalls operativ beseitigt werden. Gegen jüngere Milchknoten erweisen sich lösende und resorbirende Einreibungen häufig recht nützlich. Beson­ders zu empfehlen sind: Seifenspiritus (4 Theile Spiritus und 1 Theil gewöhnliche Kaliseife), Terpentinseife (4 Theile Terpentinöl und 5 Theile Seife); Jod- und Quecksilbermittel sind für die Veterinärpraxis etwas theuer und durch vorstehende Seifenpräparate gewöhnlich sehr gut zu ersetzen. Ausserdem werden Quecksilbermittel, namentlich die graue Salbe, von Rindvieh schlecht vertragen und deshalb bei dieser Thier-gattung am besten gar nicht angewendet. Eine recht wirksame zertheilende Einreibung wird folgendermassen bereitet: 100 Theile Schmierseife und 25 Theile Kampfer werden in 200 Theilen recti-ficirtem Weingeist gelöst und dieser Lösung 50 Theile Salmiakgeist
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534nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Verwachsung des Strichencanales. Milchf'ehler.
zugesetzt. Von dieser Flüssigkeit (Opodeldoc) wird täglich zwei- bis dreimal eingerieben und vor dem Gebrauche das Mittel jedesmal tüchtig umgeschüttelt. — Nicht selten verlieren sich vorhandene Milchknoten nach abgelaufener Lactation wUhrend der Ruhezeit des Euters, oder der nachfolgenden Trilchtigkeit, oder erst nach Eintritt der neuen Lactationsperiode von selbst, nachdem sie vielleicht vorher längere Zeit hindurch ohne den gewünschten Erfolg behandelt wurden. Die Resorption der Milchknoten wird durch häufiges und vorsich­tiges Kneten (Massage) dieser wesentlich gefördert.
3. Die Verwachsung des Strichencanales.
Diagnose. Nicht selten zeigt sich bei frischmilchenden Kühen ein Strichencanal in verschiedener Länge verschlossen. Dieser Zu­stand ist dadurch zu erkennen, dass das betreffende Euterviertel mit Drüsensecret (Colostrum) gefüllt ist, indess durch Melken nicht ent­leert werden kann. Sondirt man den Zitzencanal, so findet man denselben an irgend einer Stelle nicht passirbar.
Therapie und Prognose. Mittelst einer Stricknadel oder Sonde kann die Passage in der Regel zwar leicht erzwungen werden; schwierig aber ist es, dieselbe auf die Dauer offen zu erhalten. Man hat hierzu das Einlegen einer Darmseite oder eines dünnen Feder­kiels, eines Melkröhrohens etc. empfohlen; gewöhnlich aber stellt sich mit oder ohne Zuhülfenahme dieser Gegenstände eine Euter­entzündung mit ihren Folgen ein, so dass durch fragliche Operation nur selten das angestrebte Ziel erreicht wird. Will man aber die­selbe dennoch versuchen, so befeuchte man die in den geöffneten Canal einzuführenden Gegenstände mit einer 5procentigen Carbol-säurelösung, nehme dieselben behufs sorgfältiger Reinigung und wiederholter Desinfection öfter heraus, oder ersetze dieselben nöthigen-falls rechtzeitig durch andere Einlagen.
Ist nicht nur der Strichencanal, sondern auch das in die Milch-cysterne führende Canalsystem ganz oder zum Theil verstopft, so hat die Eröifnung des Zilzencanals selbstverständlich einen noch geringeren Werth.
Milchfehler.
Menge und Beschaffenheit der Milch können sich abnorm ver­halten. Der Grund für die Production eines zu geringen Quantums Milch liegt stets, für eine abnorme Beschaffenheit derselben häufig, entweder in einem Krankheitszustande, oder in einer unangemessenen Haltung und Pflege der betreffenden Milchthiere. Qualitative Milch­fehler können aber auch in einer ungeeigneten Beschaffenheit der Milchgefässe, sowie der Aufbewahrungsräume, oder in einer sonstwie fehlerhaften Behandlung der Milch ihren Grund haben.
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Milchmangel. Gelber Galt. Eutertuberculose.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;535
1. Milclimaiigel (Agalaotia).
In Folge zu geringer Entwicklung des Milchdrüsenparencliyms kommt besonders bei Erstgebärenden, bei Stuten häufiger als bei Kühen, ein Mangel an Milch vor. Das Euter ist in der Eegel klein und schlaff; beim Ziehen an den Zitzen kommen nur einige Tropfen einer gelblichen oder weisslichen wässerigen Flüssigkeit zum Vor­schein. In der Regel stellt sich bereits nach einigen Tagen eine reichlichere Milchabsonderung von selbst ein. Bis dahin müssen die Jungen natürlich in anderer Weise ernährt werden.
Inzwischen suche man die weitere Entwicklung des Euters durch öfteres Kneten desselben und durch Melken an den Strichen zu fördern und die Milohsecretion durch eine entsprechende Fütterung, namentlich durch Verabreichung eines geeigneten Getränkes anzu­regen. Aufgüsse von Fenchel- oder Anissamen und ähnlichen süss-aro-matischen Mitteln erfreuen sich in dieser Beziehung eines besonderen Rufes. Durch Kochsalz und andere Mittel kann die Verdauungsthätig-keit, namentlich die Aufnahme von Getränk leicht gesteigert werden.
Ein Mangel an Milch kann aber auch durch Functionsstörungen selbst im reichlich secernirenden Euter zu Stande kommen. In Italien soll bei Ziegen und Schafen eine ansteckende, nicht näher gekannte Krankheit vorkommen, deren wesentlichste Erscheinung das all-mählige Versiegen der Milch ist, wobei diese schon im frisch ab­gemolkenen Zustande sauer reagirt; die erkrankten Thiere sollen häufig hinken.
In der Schweiz kommt als sogenannter „gelber Galtquot; eine Krankheit bei Milchvieh vor, welche durch plötzliche Abnahme oder gänzliche Sistirung der Milchsecretion ausgezeichnet ist. Das Uebel soll ebenfalls ansteckend sein, aber ohne Allgemeinerkrankung ver­laufen; das Fleisch und Fett solcher Thiere soll auffallend gelb und das Euter auf der Schnittfläche marmorirt erscheinen. Wo die Milch nicht ganz versiegt ist, soll dieselbe Kindern schädlich sein.
Das Uebel ist unheilbar und verursacht somit da, wo es öfter vorkommt, grossen Schaden.
Milchmangel ist auch eine sichere Folge der #9632;.Kiitertnberculosequot;, welche nicht so ganz selten im Gefolge einer allgemeinen Tuberculose erscheint. Dieses Leiden ist stets mit Vergrüsserung und Verhärtung einer Euterhälfte oder des ganzen Euters gepaart; manchmal er­reichen dieselben einen so bedeutenden Grad, dass das tuberculose Euter ein Gewicht bis zu 15, selbst 20 kg erlangt. Mit der Ver-grösserung des Euters nimmt die Milchsecretion immer mehr ab, bis sie endlich ganz versiegt. Schon frühzeitig zeigt die Milch eine wässerige und schleimige Beschaffenheit.
Die erkrankten Euterpartien werden nach und nach steinhart und nicht selten höckerig, so dass die knotenförmigen Tuberkel­herde von aussen häufig durchgefühlt werden können. Solche Herde findet man bei der Section in den verschiedensten Entwicklungs­stadien in dem sclerotischen interstitiellen Bindegewebe zerstreut
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536nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Blutmelken.
eingelagert. Die grossen Lymphdrüsen der hinteren Euterflilche sind gewöhnlich mit erkrankt.
Die Prognose der Eutertuherculose ist stets ungünstig und jede Behandlung dieses Zustanderaquo; unnütz. Die Milch solcher Thiere ist von dem Consum durch Menschen oder Thiere auszusohliessen, wenn­gleich es mindestens noch fraglich erscheint, ob durch dieselbe beim Menschen Tüberculose verursacht werden kann.
Der in einer mangelhaften Ernährung des Melkviehs begründete Milchmangel kann hier nicht weiter berücksichtigt werden.
Qualitative Milchfehler.
Die Milch verlUsst in den hierhin gehörigen Fällen entweder das Euter in abnormer Beschaifenheit, oder sie erwirbt die fehler­hafte Beschaffenheit erst ausserhalb des Thierkörpers. Im ersteren Falle sind derselben entweder fremde Stoffe beigemengt, oder sie enthält die normalen Bestandtheile in abnormen Mengenverhältnissen, oder aber sie enthält die gewöhnlichen Bestandtheile in abnormer Beschaffenheit.
1. Fremde Beimengungen.
Aus den Putter- und Arzneimitteln können verschiedene fremde Stoffe (nichtgiftige und giftige) in die Milch übergehen, namentlich Farbstoffe, Riechstoffe, Bitterstoffe u. s. w. Hierdurch kann das Aussehen , der Geruch oder Geschmack des Eutersecretes mannig­fach verändert werden. Setzt man in solchen Fällen die Verab­reichung' der betreffenden Futter- oder Arzneimittel aus, so verliert sich die abnorme Beschaffenheit der Milch meist alsbald wieder von selbst. Namentlich gilt dies für Farbstoffe, welche aus den Futter­mitteln in die Milch übergehen. Dass auch die Butter in Bezug auf Farbe und Geschmack von der Beschaffenheit der verabreichten Nahrungsmittel wesentlich abhängig ist, lehrt die tägliche Erfahrung.
Zuweilen ist der Milch Blut beigemengt, welches derselben entweder aus zerrissenen Blutgefässen, oder per diapedesin im Euter zugeführt wird. Man bezeichnet diesen Zustand als „Blntmelkenquot; oder als „blutige Milchquot;. Derselbe ist nicht selten die Folge einer Hyperämie oder Entzündung des Euters, welche durch reizende Futter- oder Arzneimittel, sowie durch Insulte des Euters etc. ver­ursacht werden kann.
Die blutige Milch ist entweder gleichmässig röthlioh gefärbt, was gewöhnlich bei Durchsickerung des Blutes aus den Blutgefässen des Euters der Fall ist, oder sie ist streifig geröthet, was auf eine Gefässzerreissung schliessen lässt. Nach mechanischen Insulten kommt die blutige Milch häufig nur aus einem Strichen. Manchmal wird die blutige Beschaffenheit der Milch erst nach längerem Stehen erkannt, indem ein rother Bodensatz sich gebildet hat, der beim Kochen bräunlich wird. In zweifelhaften Fällen gibt die mikro­skopische Untersuchung der Milch, resp. des Bodensatzes bestimmten
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Abnorme Quantität reap, Qualität der Milchbestandtheile. 537
Aufschluss. Bei säugenden Thieren wird in der Regel durch ein blutiges Maul der Säuglinge oder durch deren abnormes Benehmen beim Saugen der erste Verdacht auf die Secretion einer blutigen Milch erregt. Meist verliert sich das Blutmelken in einigen Tagen von selbst, namentlich dann, wenn die Ursachen bekannt sind und beseitigt werden. Wo dies nicht möglich ist, bleibt der Ausgang zweifelhaft und hängt im Wesentlichen von den etwa begleitenden Complicationen ab. Bei Hyperämie und Entzündung des Euters sind diese für die Prognose und Behandlung des Blutmelkens mass-gebend; dasselbe gilt für andere schwere Complicationen, z, B. Wald­krankheit u. s. w., welche dem Blutmelken gegenüber in den Vorder­grund treten.
2. Abnorme Mengenverhältnisse der normalen Milchbestand-
theile.
Die hier in Betracht kommenden Milchfehler entstehen fast ausschliesslich in Folge einer unzweckmässigen Fütterung und War­tung des Milchviehs, wodurch der Milch entweder Wasser, Fett oder Salze in zu reichlicher Menge zugeführt werden. Hierhin gehören demnach:
a)nbsp; Eine '/u wasserreiche Milch , welche relativ arm an festen Bestandtheilen, namentlich an Butter, ist. Dieser Fehler wird einer­seits durch proteinarmes, die Verdauungsorgane erschlaffendes Futter und Getränk verursacht und kommt häufig bei heruntergekommenen Thieren vor. Andererseits haben auch gewisse Racen- und indivi­duelle Anlagen einen Einfluss auf den relativen Gehult der Milch an Wasser (oder Fett). So z. B. gibt Niederungsvieh im Allgemeinen eine wässerigere Milch als Gebirgsvieh.
Eine Beseitigung dieses Mangels ist nur da möglich , wo die Ursache entfernt, d. h. an Stelle einer gehaltlosen Fütterung eine entsprechende gute Diät und Pflege gesetzt werden kann.
b)nbsp; Eine an Fett zu gehaltreiche Milch kommt öfter bei Schafen vor, welche zu intensiv ernährt, z. B. reichlich mit Hülsenfrüchten, Körnern und anderen proteinreichen Stoffen gefüttert werden. Eine solche Milch kann bei Säuglingen Verdauungsstörungen und secundär andere Krankheiten verursachen.
Die Therapie verlangt eine entsprechende Aenderung in der Fütterung und Pflege der betreffenden Mutterthiere.
c)nbsp; Einen abnormen Gehalt an Kalksalzen erlangt die Milch durch den öfteren und reichlichen Genuss von sogennantem harten Trinkwasser, von Hülsenfrüchten und von anderen kalkreichen Nahrungsmitteln. Aber auch bei Lecksucht und Knochenbrüchig-keit, sowie bei Tuberculose des Rindviehs wird ein hoher Gehalt der Milch an Kalksalzen beobachtet.
Die Prognose und Behandlung richten sich nach den Ursachen.
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I
538nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Vorzeitiges Gerinnen der Milch.
3. Abnorme Beschaffenlieit der gewöhnliclien Milchbestandtheile.
Die hierhin gehörigen Milchfehler können bereits im Thierkörper oder, was seltener der Fall ist, ausserhalb desselben ihren nächsten Grund haben. Im ersteren Falle sind sie in der abgemolkenen Milch entweder schon wahrnehmbar vorhanden oder sie werden erst später deutlich erkennbar. — Im anderen Falle wird eine normale Milch secernirt und abgemolken, demnach aber nachträglich ausserhalb des Thierkörpers in irgend einer Weise inficirt, dass abnorme Um­setzungen in derselben eintreten. Die ursächliche Entstehung der verschiedenen Milchfehler dieser Art ist uns noch keineswegs genügend klar, um in allen Fällen eine auf bestimmte Causalindioationen sicher fundirte Behandlung anordnen und durchführen zu können. Was wir hierüber bis jetzt wissen, soll nachstehend seinem wesentlichsten Inhalte nach angegeben werden.
a) Vorzeitiges Gerinnen der Milch. Schwer- oder Xichtbuttern
derselben.
Aetiologie und Diagnose. Bei Entzündung, Hyperämie und anderen Krankheitszuständen des Euters, sowie in den letzten Stadien der Trächtigkeit gerinnt die Milch nicht selten schon im Euter bei alkalischer Reaction; in diesem Falle zeigt sich dieselbe bereits beim Abmelken flockig oder klümperig. In anderen Fällen aber erscheint die frisch abgemolkene Milch zunächst nicht auffallend verändert, aber es machen sich in derselben beim Erwärmen, Kochen oder sonstigem Aufbewahren innerhalb einiger Stunden nach dem Melken abnorme Veränderungen (vorzeitiges Gerinnen) wahrnehmbar. Frag­licher Milchfehler kommt als selhstständiges Uebel nur im Sommer vor, namentlich bei grosser Hitze und Gewitterschwüle, in heissen, dunstigen Ställen, oder nach stärkerem Erhitzen der Thiere beim Weidegange. Hieraus erklärt sich, warum die Abendmiloh häufiger vorzeitig gerinnt als die Morgeniniloh. Als weitere Ursache dieses Milchfehlers werden Futtermittel beschuldigt, welche eine Versäuerung oder anderweitige Erkrankung der Verdauungsorgane bedingen. Eine ungenügende Reinigung der Milchgefässe und Seihtücher, sowie zu hohe Temperatur der Milchkammer, Transport der Milch auf grössere Strecken an warmen Tagen u. s. w. können eine vorzeitige Ge­rinnung der Milch selbst dann zur Folge haben, wenn diese von normaler Beschaffenheit ausgemolken worden ist. Die Sahne scheidet sich unvollkommen aus und buttert schwer, was allerdings auch unter verschiedenen anderen Verhältnissen vorkommt.
Therapie. Mit Entfernung der Ursachen verliert sich frag­licher Milchfehler gewöhnlich von selbst. Ist derselbe die Folge einer Euterkrankheit, so bildet diese das Object der Therapie. Ist fortgeschrittene Trächtigkeit die Ursache des vorzeitigen Gerinnens der Milch, so ist für die weitere Trächtigkeitsdauer kaum auf eine dauernde und wesentliche Besseruncf des Zustandes zu hoffen. Man
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Bittere und ranzige Milch.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;539
kann versuchen, durch Zusatz von doppeltkohlensaurem Natron (etwa 2 gr auf 3 1) oder durch andere säurebindende Mittel zur frisch abgemolkenen Milch die vorzeitige Gerinnung derselben zu verhindern, oder doch zu beschrilnken. Die nämlichen Mittel sind auch bei etwaigen gastrischen Zuständen des Milchviehs anzuwenden und können dann mit bitteren und aromatischen Mitteln verbunden werden. Die Abkühlung der Milch in besonderen Apparaten ver­zögert deren Gerinnen. Wo die Einwirkung zu hoher Temperaturen auf Milchvieh Ursache fraglichen üebels ist, hat man ausser einem angemessenen kühlen Verhalten auch die Verabreichung von säuer­lichem Getränk, oder von 10 bis 15 gr Salz- oder Schwefelsäure, oder von 250 gr Essig mit Wasser, Morgens und Abends zu ver­abreichen, empfohlen. Auch Salpeter, täglich 3- bis 4mal in Gaben von 2 bis 4 gr in Wasser gelöst, mit dem Getränk verabreicht oder eingegeben, soll öfters gute Dienste leisten. Wenn nach diesen Mitteln das Schwer- oder Nichtbuttern der Milch fortbesteht, so versuche man rohen Alaun, von dem man täglich 3mal 8 gr im Getränke aufgelöst verabreicht. Auch sollen Schwefelspiessglanz, Fenchel, Kümmel, Anis, Wachholderbeeren und andere Mittel, welche im Rufe milchtreibender Wirkungen stehen, manchmal gute Dienste leisten.
b) Bittere nud rauzigre Milch.
Aus den Nahrungsmitteln gehen nicht selten Stoffe in die Milch über, welche dieser einen unangenehmen, meist bitteren oder ran-'/igen Geschmack und einen unangenehmen Geruch geben. So ist z.B. eine reichliche Fütterung mit Rübenblättern, oder mit weissen Rüben, mit Lupinen, Erbsenstroh, Baumlaub, faulen Kartoffeln und mit anderen verdorbenen Futtermitteln, nicht selten Ursache dieses Milchfehlers. Aber auch aus schlecht gereinigten Milchgefassen, so­wie aus schlecht ventilirten, stickigen Räumen, in welchen die Milch aufbewahrt wird, gehen öfter übel schmeckende und riechende Stoffe in die Milch über.
Werden die Ursachen gründlich und dauernd entfernt, so nimmt die Milch in der Regel ohne Weiteres wieder einen normalen Ge­schmack und Geruch an. Sind aber in Folge einer länger fortge­setzten Verabreichung schwer verdaulicher Futtermittel Verdauungs Störungen entstanden, so können diese eine entsprechende Behandlung erfordern. Machen wirthschaftliche Verhältnisse es unmöglich, die schädlichen Futtermittel ganz zu meiden, so suche man diese durch Anbrühen, Wässern u. s. w. möglichst geniessbar zu machen.
c) Infectioneu der abgemolkenen (normalen) Milch.
Wie ein bitterer oder ranziger Geschmack, ein unangenehmer Geruch, vorzeitiges Gerinnen und noch andere Fehler der Milch nicht nur durch Wartung und Pflege der Milchthiere, sondern auch durch Vernnreiniauna dieser mit von aussen hinzutretenden Per-
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540nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Infection der abgemolkenen Milch.
menten entstehen können, so sind verschiedene andere Milchfehler ansschliesslich die Folge einer Infection der Milch, welche meist, wenn nicht immer, ansserhalb des Thierkörpers zu Stande kommt. So ist dies der Fall bei der sogenannten blauen, gelben, rothen (nicht blutigen), fauligen, zälhen, resp. schleimig-langen Milch.
Diese Milchfehler werden duroh Spaltpilze verursacht, deren Uebertragung in jeder noch nicht geronnenen Milch den betreffen­den Zustand zu erzeugen vermag. Da dieser zunilchst nur in der Milch einer oder einzelner Kühe sich zeigt, allmählig aber immer mehr in der betreffenden Milchwirthschaft sich ausbreitet, bis schliess-lich alle in diese eingeführte, auch von fremdem Vieh abgemolkene, völlig tadellose Milch von fraglichem Umsetzungsprozesse befallen wird, so liegt die Vermuthung nahe, dass in solchen Fällen das Ferment zunächst am Körper (vielleicht am oder im Euter) des oder der bezüglichen Thiere haftet und von da aus beim Melken in die Milch gelangt. Später aber wird die weitere Ausbreitung der In­fection durch die Milcbgefilsse, Seihtücher u. s. w. vermittelt. Wird diese nicht frühzeitig durch ein entsprechendes Verfahren verhin­dert, so werden endlich die inficirten Milchgelasse von den Spalt­pilzen derart überwuchert, dass dieselben sogar mit dem Luftstrome fortgerissen und weiter geführt werden können. Die ursprüngliche Herkunft (Einschleppung) des Infectionsstoifes bleibt in der Kegel unermittelt; etwas genauer aber kennen wir die Bedingungen, welche seiner weiteren Entwicklung günstig sind. Feuchte Wärme, dumpfige oder dunstige, schlecht ventilirte Milchgelasse, kurz Verhältnisse, unter welchen fragliche Mikroorganismen überhaupt gedeihen, spielen hierbei die Haupti-olle. Nicht ohne Bedeutung, wenngleich weniger wichtig, ist die Thatsache, dass nicht jede scheinbar normale frisch abgemolkene Milch der Entwicklung fraglichen Fermentes gleich günstig ist; der Grund hierfür ist xmn nicht genügend bekannt.
Die Beseitigung des vorhandenen Uebels bietet anfangs weni­ger, später aber um so mehr Schwierigkeiten, je weiter die Infection sich in der betreifenden Milchwirthschaft ausgebreitet hat. Manch­mal verschwindet das Uebel von selbst, gewöhnlich nach Eintritt von kühler Witterung, nach Gewitterregen u. s. w.; am häufigsten passirt dies im Herbst. Immer aber ist dies nur dann der Fall, wenn der Witterungswechsel auch in den inficirten Milchgelassen genügend zur Geltung kommt.
Sobald die Infection in einer Milchwirthschaft sich zeigt, lasse man jede Kuh des betreffenden Viehbestandes in ein besonderes Ge-filss melken und diese einzeln wegstellen, um zu erfahren, welche Milch bereits inficirt ist. Wo es thunlich ist, lasse man die Kühe, von welchen fragliche Milch stammt, eine Zeit lang allein stellen und von Jemanden verpflegen und melken, der im Uebrigen mit der Milchwirthschaft nichts zu thun hat. Wo dies nicht ausführ­bar ist, lasse man die betreffenden Kühe stets zuletzt melken und die von ihnen gelieferte Milch sofort verbrauchen, oder kochen. Eine medicinische Behandlung dieser Thiere könnte höchstens die Absicht
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Blaue Milch. Gelbe, grüne, rothe Flecke der abgemolkenen Milch. 541
verfolgen, die Verdauungsthätigkeit derselben anzuregen und da­durch auf die Milchseoretion in der Weise einzuwirken, dass die Disposition der Milch für fragliche Infection herabgesetzt würde. Silmmtliche Milchgefässe müssen nach jedem Gebrauche sorgfaltig mit siedendem Wasser, Chlor, Soda etc. gereinigt und ganz beson­ders vorsichtig die Gefilsse behandelt werden, welche inficirte Milch enthalten haben; diese dürfen nur für die verdächtige Milch wieder benutzt werden. Die Orte, an welchen die Milch aufbewahrt wird, müssen öfter sorgfältig gelüftet und gereinigt, mit Kalkmilch oder Chlorkalkmilch geweisst und ausgeschwefelt werden. Der Zusatz von Buttermilch zur frisch abgemolkenen Milch (ca. 1 Theelöifel Buttermilch auf je 2 1 Milch) beschränkt die Wirkung des Infec-tionsstoffes, da durch Beschleunigung der natürlichen Säuerung die Vermehrung fraglicher Pilze verhindert wird.
Die blaue Milch wird durch einen Spaltpilz (Bacterium syn-cyaneum), der selbst nicht blau, sondern farblos ist, verursacht. Ob derselbe den Thierkörper passiren und von diesem aus in die Milch eindringen kann, ist fraglich; sicher ist, dass eine säuerliche Milch, sowie Milch, welche nach reichlicher Fütterung mit Hüben und Knollen gewonnen wird, weniger leicht infectionsfähig ist, als alkalisch reagirende und solche Milch, welche nach reichlichem Ge­nüsse von proteinreichen Nahrungsmitteln gewonnen wird.
Die Infection kommt, soweit der bestimmte Nachweis reicht, dadurch zu Stande, dass fraglicher Pilz von aussen in die abge­molkene Milch eindringt und in dieser sich vermehrt, wobei ein dem Anilinblau ähnlicher Farbstoff entsteht. Wird vollkommen normale Milch in ein mit Bacterium syncyaneum inficirtes Gefäss oder Local gebracht, oder durch ein inficirtes Seihtuch iiltrirt, so entstehen auf derselben nach Verlauf von etwa 24 bis 36 Stunden kleine, anfangs blass-, später indigoblaue Flecke, die bald mehr, bald weniger an ihrer ganzen Peripherie sich vergrössern. Zunächst sind diese Flecke auf die Sahne beschränkt, später aber verbreiten sie sich in verschiedenem Grade auch auf die geronnene Milch (Käse­stoff), so dass sogar Sahne und Käsestoff bis auf den Boden des Gefässes blau gefärbt werden können. Bei längerem Stehen tritt Fäulniss und eine Veränderung der blauen Farbe in graublau und schmutziggrau ein. Sind nur wenig blaue Flecke vorhanden, so üben dieselben auf die Beschaffenheit von Butter und Käse keinen Einfluss aus, indem der blaue Farbstoff in der Buttermilch, resp. in den Molken zurückbleibt. Anders verhält sich dies, wenn die Milch in bedeutendem Masse inficirt erscheint. Schädliche Wirkungen sind in Folge des Genusses von blauer Milch bei Menschen und Schweinen nur in sehr seltenen Fällen beobachtet worden; dieselben können durch vorheriges Kochen der Milch sicher verhütet werden.
Neben blauen Flecken, oder diesen vorausgehend, finden sich zuweilen gelbe Flecke anf der Milch, welche stets auf die Sahne beschränkt bleiben. Sie kommen häufiger auf gekochter als auf ungekochter Milch vor und werden durch einen Spaltpilz (Bacterium
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1'
542nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Faulige, schleiiuige oder zähe Milch,
xanthium) erzeugt, der bei seiner Vermehrung einen dem Anilin­gelb ilhnlichen Farbstoff erzeugt. Wenn blaue und gelbe Flecke gleichzeitig in einem Gefllsse mit Milch vorkommen, so entstehen an solchen Stellen, an welchen beiderlei Flecke zusammenstossen, zuweilen grüne Flecke; in anderen derartigen Fällen finden sich in der Sahne manchmal nur gelbe, in den tieferen Schichten nur blaue Flecke. Grüne Flecke können auch dadurch entstehen, dass die blauen Flecke allmählig in blaugrüne sich umsetzen.
In dunstigen Milchkammern kommen zuweilen auf den Wänden dieser, sowie auf der Milch in den Gefässen rothe Flecke vor, welche durch einen Spaltpilz von elliptischer Form (Bacteridium prodigiosum) verursacht werden. Auf der Milch erreichen dieselben keinen grösseren Umfang und bleiben stets auf die Sahne beschränkt. Solche rothe Flecke von geringerer Grosse sind auch neben blauen Flecken beobachtet worden.
Durch Eindringen von Fäulnissfermenten in die Milch kann diese vorzeitig Erscheinungen von Fäulniss zeigen, so dass am dritten Tage die oberste Sahnenschicht zu dünnen, fast durchsichtigen Blasen sich erhebt, welche schliesslich platzen, wobei an den betreffenden Stellen in der geronnenen Milch (Käsestoff) eine Höhle sichtbar wird. Diese Blasen entstehen in Folge einer fauligen Zersetzung der Milch, weshalb dieser Zustand mit dem Namen „faulige Milchquot; belegt worden ist. Da an Stelle der geplatzten Gasblase ein Defect in der Sahnenschicht sich zeigt, so hat man den Zustand auch als „Salme-schwindei]'4 bezeichnet. Die Sahne selbst erscheint um diese Zeit unrein gefärbt, gelbfleckig und bei höherem Grade der Zersetzung mit Fett­tropfen (Butterfett) besetzt. Der Geschmack der Milch ist verschieden, an einzelnen Stellen auffallend süss mit bitterem Nachgeschmack j daher hat sie die Bezeichnung „süss-blttere Milchquot; erhalten; später schmeckt sie ranzig, faulig. Derartige Milch buttert schwer oder gar nicht; gibt sie Butter, so ist diese nicht haltbar, ausserdem weich und von schlechtem Geschmack; auch der Käse ist von schlechter Qualität.
So lange dieser Fehler nur in geringem Grade vorhanden ist, kann die Milch nebst ihren Producten noch verwerthet werden, was bei hochgradiger Entwicklung des üebels unstatthaft ist. Auch im ersteren Falle empfiehlt es sich, die Verwerthung der Milch und ihrer Producte nicht lange hinauszuschieben, sondern möglichst früh­zeitig eintreten zu lassen, so dass das Absahnen zur rechten Zeit nicht versäumt werden darf.
Endlich bleibt uns noch die zähe, schleimige oder lange Milch hier zu besprechen. Dieser Milchfehler zeigt sich gewöhnlich erst beim Gerinnen der abgemolkenen Milch, indem dieser Umsetzungsprozess langsam und unvollkommen von Statten geht. Die Milch wird dabei zähe und bildet beim Ausgiessen in kleinem Strome keine Tropfen, sondern lange Fäden; ihr Geschmack ist schleimig-fad. Dieselbe scheidet nur wenig Sahne ab, die ebenfalls zäh und fadenziehend ist, nur schwer sich verbuttern lässt und schliesslich eine schmierige, nicht haltbare Butter von schlechtem Geschmacke liefert.
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Krankheiten neugeborener Hausthiere. Afterverschluss. 543
Dieser Fehler wird durch einen kleinen runden Mikrophyten verursacht, welcher aus dem Milchzucker eine dem Pflanzenschleim ähnliche Substanz abspaltet, wodurch die Milch zunächst dünn­schleimig, nach 24 bis 48 Stunden aber dickschleimig wird. Das üebel breitet sich in der betreffenden Milchwirthschaft schnell aus, so dass es den Anschein hat, als ob das Ferment nicht nur fix, sondern auch flüchtig sei. In Folge einer ungeeigneten Ernährung und Pflege können Verdauungsanomalien und dadurch die Secretion einer abnorm beschaffenen zähflüssigen, faden Milch bedingt werden. Ob aber der vorhin erwähnte Spaltpilz der Milch schon im Euter beigemengt werden kann, ist fraglich. Es stellt aber fest, dass gesunde Milch durch Zusatz von langer, schleimiger Milch sicher infioirt wird und dass somit fragliches Ferment seine Wirkungen entfaltet, wenn es von aussen in die Milch gelangt.
Da die Fermente, welche bei den vorstehend besprochenen Milch­fehlern eine Hauptrolle spielen, unter den bekannten Verhältnissen ihre Wirkungen am schnellsten und sichersten entfalten können, so ergibt sich die Behandlung dieser Zustände aus dem bisher Gesagten, unter Berücksichtigung des S. 537 die Beseitigung solcher Infectionen allgemein Betreffenden, von selbst.
Krankheiten der neugeborenen Hausthiere.
Dieselben bestehen zum Theil in mehr oder weniger erheblichen Missbildungen, welche die betreffenden Jungen mit zur Welt ge­bracht haben; zum anderen Theile werden sie erst während oder nach der Geburt erworben. Wir beginnen mit den ersteren, und zwar mit den angeborenen, d. h. vor der Geburt erworbenen.
1. Verschlnss des Afters (Aftersperre).
Zuweilen fehlt bei neugeborenen Thieren die Afteröffnung, öder­es ist eine Einstülpung der äusseren Haut an der betreffenden Stelle vorhanden, ohne dass zwischen dieser und dem hinteren Ende des Mastdarmes eine Communication besteht. In beiden Fällen haben wir es mit einer unvollendeten Entwicklung, einer sogenannten Bil­dungshemmung zu thun. Die Bedeutung dieses Mangels wird we­sentlich davon abhängen, ob etwas, resp. wie viel an der normalen Entwicklung des hinteren Mastdarmendes fehlt. Fehlt nur die After-Öffnung in der Haut, oder fehlt aussei- dieser nur ein kleineres Stück des hinteren Mastdarmendes, so zeigt sich bald nach der Ge­burt an der Stelle, wo die Mastdarmöffnung fehlt, eine deutliche Hervorwölbung der äusseren Haut, welche durch das bis zu dieser Stelle vorgedrungene Darmpech verursacht wird.
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544 Krankheiten neugeborener Hausthiere. Afterverschluss.
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Fehlt hingegen ein mehr oder weniger grosses Stück vom Beoken-theiie des Mastdarmes, so tritt die Stelle, wo der After sein sollte, selbst bei längerer Kothverhaltung wenig oder gar nicht hervor.
Bei lilngerem Bestehen einer solchen Kothverhaltung stellen sich Kolikerscheinungen, Erbrechen, selbst Kothbrechen (Miserere) ein und die Thiere gehen nach einigen Tagen zu Grunde, wenn nicht x-echt/.eitig Hülfe geschafft wird. Die Thiere können indess lange Zeit hindurch (3 und mehr Wochen lang) sich wohl befinden.
Die Prognose ist nur da günstig, wo nur die Oeffnung in der Haut, resp. die Communication zwischen dem hinteren Mastdarm­ende und der Aussenwelt fehlt; wo ein eigentlicher Defect des Mast­darmes vorhanden ist, gestaltet sich die Prognose um so ungünstiger, je grosser der Defect ist.
Die Behandlung besteht in der Anlegung eines künstlichen Afters. Wo die Exoremente bis zum hinteren Körperende vorgerückt sind, wird man mittelst eines entsprechend grossen Kreuzschnittes durch die Haut bis in das Darmrohr und durch nachfolgende Be­schneidung der 4 kleinen Hautlappen ohne Schwierigkeit eine After­öffnung, welche den Anforderungen ihrer Bestimmung mehr oder weniger vollkommen entspricht, künstlich herstellen können. Fehlt indess ein Stück des hinteren Mastdarmendes, so ist wenig oder gar keine Hoffnung, einen seiner Aufgabe genügenden After her­stellen zu können. Je kleiner indess der Defect des Mastdarmes ist, um so leichter wird eine Communication zwischen diesem und der Aussenwelt sich herstellen lassen, welche wenigstens annähernd ihrer physiologischen Bestimmung in befriedigender Weise entspricht.
Man darf nämlich nicht vergessen, dass das hintere Ende des Mastdarmes durch seine kräftigen Längs- und Quermuskeln für die normale Kothentleerung von der wesentlichsten Bedeutung ist. Eine einfache Communication (oder Oeffnung) zwischen Darm und Haut genügt für diesen Zweck nicht; es muss vielmehr das hintere Ende des Darmrohres auch den erwähnten Muskelapparat entsprechend ausgebildet besitzen, wenn die physiologische Leistung des künst­lichen Afters der eines natürlichen (normalen) Afters annähernd oder vollkommen gleich sein soll. Wo demnach ein nennenswerther Defect der hinteren Mastdarrapartie vorhanden ist, wird man des­halb am besten auf jede Behandlung verzichten und das betreffende Individuum so bald und so gut als möglich in anderer Weise zu verwerthen suchen. Soll eine Behandlung eingeleitet werden, so kann dieselbe natürlich nur darin bestehen, dass man die äussere Haut an der richtigen Stelle durch einen Kreuzsohnitt trennt und sich mit dem Finger einen Weg zum hinteren Ende des Mastdarmes bahnt, welcher dann vermittelst eines starken Troicarts perfonrt wird. Den so gebildeten Weg erweitert man vermittelst einer Korn­zange oder eines anderen geeigneten Instrumentes; hierauf entfernt man die vorgelagerten Exoremente und sucht den neuwebildoton Canal durch Einführung eines Bougies, wozu man ganz zweckraässig
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Krankheiten neugeborener Hiiusthiere. Verschluss der Lippen etc. 545
ein Talglicht vorwenden kann, offen zu halten. Dieser Canal muss noch lilngero Zeit hindurch täglich einigemal mit einer fetten oder schleimigen Flüssigkeit ausgespritzt und demnach erweitert werden ; ferner muss der Kothabsatz je nach Bcdürfniss durch den Gehrauch von Klystieren oder durch manuelle Hülfe befördert werden.
In allen Fällen, wo das hintere Ende des Mastdarmes mit dem Finger nicht erreicht werden kann, wird man auf jede Behandlung verzichten müssen, wenn man nicht etwa durch Anlegung einer Kothfistol am Bauche das Aeusserste versuchen will, um möglicher­weise das Junge zu erhalten. Da ein solches Thier jedoch für die Aufzucht kaum einen Werth hat, so dürfte ein solcher Yersuch wohl nur ausnahmsweise gewünscht werden.
Verwandt mit der Atresie des Mastdarmes sind die Fälle, wo die Afteröffnung durch den Fortbestand eines früheren Entwicklungs­stadiums des Darmrohres gewissermassen ersetzt wird, wenn nämlich Darm- und Genitalcanal mit einer gemeinsamen Oeffnung nach aussen münden. Es ist hier die Entwicklung des Darmrohres auf der Stufe der Cloake stehen geblieben, eine Scheidung zwischen Darm- und Genitalcanal also nur theilweise erfolgt. Wenn in sol­chen Fällen eine ausreichend grosse gemeinsame Oeffnung nach aussen vorhanden ist, so kann das betreffende Individuum möglicher­weise am Leben bleiben.
Es kann nun auch vorkommen, dass die Afteröffnung und das hintere Ende des Mastdarmes (das Beckenstück desselben) ganz nor­mal entwickelt sind, dass indess der Bauchthcil des Mastdarmes nach vorn verschlossen ist, d. h. mit dem Grimmdarm nicht in Verbin­dung steht. Solche Fälle sind selbstverständlich absolut unheilbar und tödtlich, auch erst post mortem diagnosticirbar.
2. Verschluss oder Nichtspaltung der Lippen (Atretostomus).
Der Mangel einer Mundspalto ohne anderweitige erhebliche Miss­bildungen des Kopfes und einzelner seiner Organe kommt meines Wissens bei unseren Hausthieren nicht vor, während der Mangel einer Communication zwischen Mund- und llaohenhöhle mit gleich­zeitig vorhandenen anderweitigen Defecten keineswegs selten ist. Da solche neugeborenen Thiere für die Aufzucht nicht geeignet sind, so fällt die Betrachtung dieser Missbildungen nicht in unseren Bereich.
3. Atresie der Vagina, resp. Fehlen der Vulva
kommt sehr selten vor. In den vereinzelten bis jetzt beschriebenen Fällen waren noch anderweitige erhebliche Defocte im Urogenital­apparate vorhanden, so dass die betroffenden Thiere sich zur Auf­zucht nicht eigneten. An der Stelle, wo die Schamspalte sein sollte, fand sich eine Wulst, welclie am unteren Ende eine kleine Oeffnung besass, die zu einer grösseron Hohle führte, in welcher die Eichel des ganz regelmassigen Kitzlers lag. Diese Missbildung ist nicht
Pütz, Cumpcndium der Thlerhellkmule.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 35
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540nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krankheiten neugeborener Hausthiere. Nabelbruch,
als eine Hemmung im iiiitürliulien Entwicklungsgänge, sondern als eine wahrsclieinlicho Verwachsung der ursprünglich getrennten beiden Schamlippen anzusehen, wofür aussei- dem eben erwähnten Loche am unteren Ende des Wulstes auch die deutlich erkennbare Naht spricht. Das hintere Ende der Mutterscheide, das beim Fötus bis ZU einer gewissen Zeit geschlossen ist, hat sich, vielleicht in Folge ZU früh eingetretener Verwachsung der Schamspalte, nicht geöffnet.
4, Nabelbruch.
Diagnose. Dei jungen (neugeborenen) Thieren finden wir nicht selten in der Nabelgegend einen Defect in der unteren Bauchwand, so dass die ilussere Haut durch irgend einen vorgelagerten Darmtheil mehr oder weniger bcutelfürmig ausgebuchtet ist. Wir haben es in diesem Falle mit einem angeborenen Nabelbruche, einer Bildungs-heinmung zu thun, insofern die Bauchwandungen sich in der Nabel­gegend nicht vollkommen geschlossen haben. Solche Nabelbrüche sind an dem erwähnten Hautsacke und der subeutanen Bruchpforte in der Bauchwand an der betreffenden Stelle leicht und sicher y.u erkennen.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig. Nabelbrüche sind nieist von keiner besonderen Bedeutung, insofern sie keine erheb­lichen Störungen zu verursachen und leicht heilbar zu sein pflegen.
Nur durch eine etwaige Einklemmung des im Bruchringe vor­gelagerten Eingeweidetheiles kann der Zustand gefilhrlich werden.
Die Behandlung der angeborenen Nabelbrüche ist im Allge­meinen sehr einfach. Man bestreicht den Bruchsack mit einer ver­dünnten Mineralsäure, oder mit einem anderen gelinden Aetzmittel, bis eine Hautentzündung mit deutlicher Ausschwit/ung, oder ein lederartiges Eintrocknen der Haut sich bemerkbar macht. In Folge des eintretenden Druckes von Seiten des schrumpfenden Bruchsaokes wird der vorgelagerte Eingeweidetheil allmählig zurückgedrängt (reponirt) und in weiterer Folge des eingeleiteten Entznndungspro-zesses im subeutanen Bindegewebe bildet sich Narbengewebe, wel­ches die Verschliessung der Bruchpforte vermittelt.
Man muss das Aet/.mittel mit der nöthigen Vorsicht anwenJen, damit man die ilussere Haut, resp. den Bruchsack nicht zerstört, bevor die Bruchpforte geschlossen ist, weil sonst ja ein Vorfall (Prolapsus) entstehen und zu einem tödtlichen Ausgange führen würde. Bei einiger Umsicht ist dieses Heilverfahren ohne Gefahr und sicher wirksam, so dass ich dasselbe allen blutig operativen Eingriffen, der Unterbindung, dem Abnähen, der Anlegung von Kluppen u. s. w., vorziehe. Bei allen diesen operativen Eingriffen muss man sehr genau die Reposition des vorgelagerten Eingeweide­theiles besorgen, was bei einer Verwachsung desselben ohne Eröff­nung des Bruchsackes nicht thunlich ist. Wird beim Abnähen oder bei einem anderen operativen Verfahren zum Zwecke der Abquet-schnng des Bruchsackes das vorgelagerte Eingeweidestück mit ge-
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Kninkhoitou ncugob. Hausthieve. Hanifluss (lurch den Umclms. 547
fasst, so ist dor Tod des Thieres fast unvermeidlich. Auch koimneu nach meinen Erfahrungen weniger häufig ßecidive vor, wenn die Heilung durch Aezmittel bewirkt worden ist, als wenn sie auf opera­tivem Wege erfolgte, es sei denn, dass der Bruchring mittelst einer Naht geschlossen und dadurch eine radicale Heilung erzielt worden wilre. Diese wird nilmlich durch den Gebrauch der Aetzmittel in gewissem Sinne ziemlich regelmilssig erreicht, indem nilmlich der in der Haut angeregte Entzündungsprozess auf das Unterhautbinde-gowebe und die Bruchpforte sich fortsetzt, wodurch diese mit der ilusseren Haut verwächst, so dass eine Ausbuchtung der letzteren zu einem Bruclisacke dadurch für immer verhindert wird.
Zu den seltensten Vorkommnissen bei neugeborenen Thieren gehören die Nabelbliitiingcn; dieselben sind eventuell durch Unter­bindung zu stillen.
5. Abfluss des Harnes durch den Urachus.
Aetiologie und Diagnose. Um das Vorkommen des meisten-
theils tropfenweisen Ahfliessens des Urins aus dein Nabel nach der Geburt sich leicht erklären zu können, muss man sich daran erin­nern, dass der Urachus oder die Harnschnur in früheren Entwicklungs-stadien der Frucht gewissermassen einen Theil der Harnblase selbst ausmacht, der im weiteren Verlaufe der fötalen Entwicklung sich nicht erweitert, sondern strangartig gestaltet, indess bis zur Geburt für den Harn durchgängig bleibt. Während des Lebens der Frucht im Mutterleibe wird der Urin des Fötus durch don Canal der Harn­schnur in den Harnsack (Allantois) abgeführt.
Da bei Füllen der Urachus im Nabelringe festgewachsen ist, so kommt es namentlich bei diesen nicht selten vor, dass nach dem Abreissen des Nabelstranges noch einige Zeit nach der Geburt ein Theil des Harnes aus der Blase durch die Harnschnur zum Nabel­ringe und nach ausson geführt wird. Es geschieht dies namentlich dann, wenn der Nabelstrang dicht am Bauche abgerissen, oder wenn er glatt abgeschnitten worden ist. In den meisten Fällen tröpfelt der Urin aus dem Urachus ab, während der grösste Theil desselben auf dem natürlichen Wege durch die Harnröhre entleert wird. Nur selten besteht eine vollständige Atresie dieser, so dass der normale Weg für Harnausscheidung nach der Geburt gänzlich verlegt ist.
Bei Wiederkäuern kommt das Harntröpfeln aus dein Urachus sehr selten vor, weil derselbe hier innerhalb der Bauchhöhle ab/.u-reissen pflegt, so dass der vordere Theil der Harnblase mehr gegen das Becken sich zurückziehen kann.
Prognose und Behandlung. Das Uebel heilt in der Kegel innerhalb einiger Wochen von selbst, namentlich wenn noch ein Stück vom Nabelstrange vorhanden ist, das allmählig eintrocknet. Wo die Heilung beschleunigt oder Kunsthülfe angewandt werden soll, wird der Urachus unterbunden oder, wo dies nicht möglich ist, durch Cauterisation des Nabels ein Verschluss herbeizuführen
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548nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Nabelentzündung.
gesucht. Zu diesem Zwecke streut man pulverisirten Alaun oder Vitriol auf den Nabel, oder reizt diesen durch Terpentinöl, oder durch ein anderes scharfes Mittel.
Wo die Harnröhre verschlossen ist und aller Urin durch den Urachus abfliosst, da muss man auf jeden Heilversuch verzichten, wenn die Unwegsamkeit der Harnröhre nicht in einem zu beseitigen­den Hindernisse ihren Grund hat. Man sondire in solchen Fällen die Harnröhre mittelst eines geeigneten Katheters, um zu erfahren, ob etwa eine Verstopfung, resp. Verwachsung der Harnröhre sich vorfindet. Ist dies der Fall, so suche man womöglich die Per­foration mittelst des Katheters, oder in sonst geeigneter Weise zu erzielen. Ist diese nicht zu bezwecken, so darf man den Harnabfluss durch den Urachus und Nabel nicht unterdrücken, da in diesem Falle die Verschliessung des Urachus den Tod des betreffenden Individuums nach sich ziehen würde.
6. Die Nabelentzündung.
Diagnose und Prognose. Fragliche Krankheit kann dem Thierzüchter recht unbequem werden; dieselbe pttegt sich kurze Zeit nach der Geburt einzustellen. Während der Kest des Nabel-stranges in der Kegel eintrocknet, bleibt derselbe bei Eintritt einer Nabelentzündung feucht, wird derber und dicker, so dass er wie ein sehniger fester Strang sich anfühlt. Alsbald sickert aus dem­selben eine jauchige, stinkende Flüssigkeit, durch welche die Um­gegend des Nabels beschmutzt wird. Bei genauerer Untersuchung findet man, dass dem harten Zapfen die entzündete Nabelvene zu Grundp liegt, in welche man mit einer Sonde weit eindringen kann. — Die Berührung des Nabels ist schmerzhaft für den Patienten; dieser ist traurig, krümmt den Kücken, verliert den Appetit, liegt viel, fiebert und geht im ungünstigen Falle an Bauchfellentzündung, Eiterversetzung nach der Lober oder Lunge, oder an Sopticämie zu Grunde. Weitaus häufiger tritt allerdings Genesung ein, die jedoch meist langsam erfolgt, so dass es gewöhnlich mehrere Wochen dauert, bis die Thiere sich ordentlich erholen und gut gedeihen. Deshalb werden Kälber und andere Schlachtthiere meist besser frühzeitig zur Schlachtbank geführt, wenn sie für die Aufzucht nicht aus be­sonderen Gründon resorvirt werden sollen. (Vorgl. S. 97 u. 421.)
Die Erkennung der Nabclentzündung ist meist sehr leicht; nur dann, wenn eine grössero Eiteransammlung vorbanden ist, könnte bei oberflächlicher Untersuchung das Uebel mit einem Nabelbruche verwechselt werden. Nöthigenfalls kann hier eine Explorativpunc-tion den wahren Sachverhalt klarlegen.
Aetiologie, Als Ursachen der Nabolentzündung werden die verschiedensten Dinge beschuldigt: Zerrung, Quetschung, Keizung des Nabelstranges u. s. w. Wahrscheinlich wird das Eindringen eines Fermentes den wesentlichsten Antheil am Zustandekommen der
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Verkrümmungen und Schwäche neugeborener Thiere.
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Entzündung haben. Namentlich müssen die zu gewissen Zeiten fast seuchenartig in grossen Viehständen auftretenden Fälle von Nabel­entzündung bei neugeborenen Lämmern und Kälbern auf eine In­fection schliessen lassen. Warum die Krankheit bei Füllen verhält-nissmässig seltener vorkommt, ist vorläufig noch unbekannt. Sobald das Nabelstrangrudiment eingetrocknet ist, scheint eine Nabel­entzündung sich gar nicht mehr zu entwickeln.
Therapie. Die Behandlung kann sich meist auf örtliche Waschungen mit Abkochungen von Eichenrinde, mit Lösungen von Alaun, Oarbol- oder Salicylsäure etc. beschränken. Einspritzungen in die Nabelvene sind nicht zu empfehlen, -während die zeitweilige Auspinsolung derselben mittelst eines in 5prooentiger Carbolsäure-lösung getränkten Schwämmchens oder Leinwand-, resp. Plachsbäusch-oheus, das an einem Stäbchen befestigt ist, die Heilung begünstigt.
Bei seuchenartigem Auftreten der Nabelont/.ündung in grossen Viehständen dürfte sich als geeignete Präventivmassregel das Be­streichen des Nabelstrangrudiinentes aller neugeborenen Kälber und Lämmer mit concentrirter flüssiger Carbolsüure empfehlen, wobei jedoch nur der Nabelstrangstuinpf angestrichen werden darf, weil die Flüssigkeit bekanntlich in concentrirtem Zustande eine ätzende Wirkung hat.
In Folge einer Weiterverbreitung der Nabelentzündung auf die benachbarten Theile, oder in Folge von Abscessbildung etc. entsteht manchmal um den Nabelring herum eine kalte, teigige Geschwulst, ein sogenanntes Niibelödem. Dnsselbe ist nicht selten sehr hartnäckig und kann sogar, wenn es mit Bindegewebsneubil-dung gepaart ist, dauernd eine Verdickung hinterlassen. Gegen dieses Oedom sind zertheilendo und resorbirende Mittel angezeigt, besonders Seifenspiritus, Opodeldoc, Terpontinseife u. s. w. Dass ein vorhandener Abscess geöffnet, die Abscesshöhle ausgespritzt und desinfleirt werden muss, ist selbstverständlich.
7. Verkrümmungen und partielle Schwäche neugeborener Thiere.
Diagnose und Aetiologie. Nicht selten sind die neugeborenen Thiere ilusserst schwach und kraftlos, was selbstverständlich in sehr verschiedenen, theils entfernbaren, theils nicht entfernbaren Ursachen seinen Grund hat. Wir können hier nicht alle möglichen derartigen Fälle in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, sondern müssen uns damit begnügen, die nicht selten vorkommenden Schwächezustände der Gliedmassen zu besprechen. Oft ist nämlich der Streck- oder Beugeapparat erschlafft, so dass die Thiere nach vornüberknicken oder im Fesselgelenke zu stark durchtreten, oder es finden sich Verkürzungen und Verkrümmungen von Streck- oder Beugemuskeln und ihrer Sehnen an den Gliedmassen u. s. w.
Prognose und Therapie. Wenn die jungen Thiere sonst nor­mal entwickelt und gesund sind, so pflegt bei einer gut geregelten
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550 Erstickungsgefahr und Scheintod neugeborener Thiere,
Pfleyo und Ernährung meist allmilhlig Heilung einzutreten. Dieser Ausgang kann durch spirituöse Einreibungen, durch Streckung ver­kürzter Sehnen, Anlegen geeigneter Verbände oder Einwioklungen, durch Bewegung der Jungen im Freien u. s. w. gefordert werden.
Sind Missbildungen oder Defecte von grösserer Bedeutung Ur­sache des Schwächezustandes, oder ist das Junge im Allgemeinen nicht zur Reife gelangt, resp. ist dasselbe in seiner Entwicklung zurückgeblieben, so gestaltet sich die Prognose ungünstiger, be­sonders wenn die Neugeborenen keine oder zu wenig Nahrung zu sich nehmen , oder wenn sie selbige nicht verdauen und in Folge dessen an Arerdauungs- und Ernährungsstörungen leiden. Dass in solchen Fällen eine Milch von tadelloser Beschaffenheit den Patienten verabreicht werden muss, also nicht von einem kranken Mutterthiere genommen werden darf, liegt sehr nahe. Im üebrigen ist eine an­gemessene Pflege von wesentlichster Bedeutung, wenn überhaupt ein Versuch mit der Aufzucht solcher Thiere gemacht werden soll. Selbst wenn noch andere frischmilchendo Individuen derselben Species vor­handen sind, wird die Verabreichung der eigenen Muttermilch stets den Vorzug verdienen, insofern nicht etwa besondere Umstände (Krankheiton , Milchmangel, Tod etc.) dies verbieten oder unmög­lich machen.
Es ist allgemein bekannt, dass die Milch gesunder Mütter die beste Nahrung für die Neugeborenen ist. Dieselbe lässt sich durch kein Surrogat, selbst nicht durch die Milch einer anderen Thier-gattung, ja nicht einmal immer durch die Milch eines Individuums derselben Species vollständig ersetzen. Jede Thierart liefert eine Milch von besonderer Beschaffenheit, die nur den Individuen der­selben Species und Familie in Bezug auf Verdaulichkeit und Niihr-effect in allen Beziehungen mehr oder weniger vollkommen ent­spricht. Aber sogar die Milch der einzelnen Mutterthiere ein und derselben Familie bietet mancherlei Verschiedenheiten, die von der individuellen Organisation, der Pütterungsweise, der Dauer der Lacta­tion etc. abhängig sind, so dass sogar die Milch des einzelnen In­dividuums während der verschiedenen Lactationszeiten in Bezug auf (Qualität bedeutend differirt.
8. Erstickungsnothresp. -gefahr und Scheintodneugeborener Thiere.
Diagnose und Aetiologie. Nicht selten tritt bei verzögerten Geburten der Fall ein, dass die Jungen in Gefahr gerathen, zu ersticken, oder wirklich den Erstickungstod erleiden. Diese Gefahr ist jedoch nicht für alle Thierspecies und nicht für alle Geburts­lagen des Jungen gleich gross. Bekanntlich ist die Placentarathmung für die Frucht so lange ein absolutes Bedürfniss, bis diese im Stande ist, selbstständig athmen ZU können. Es begreift sich somit leicht, weshalb bei länger andauernder Sistirung des Placentarkreislaufes das Junge ersticken muss, so lange die Lungenathmung noch nicht stellvertretend wirkt. Durch welche Ursache die Placentarathmung
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Evstiokungsgefahr und Soheintod neuueboreueiquot; Thiero.
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unterbroclien Avird, ist in Bozug lt;iuf dio tödtliclien Folgen für das •hinge mehr oder weniger gleichgültig.
Wir sehen nun, dass namentlich Ferkel und junge Hunde bei verzögerter Geburt sehr schnell, meist schon innerhalb '/gt; Stunde absterben, wilhrend Kälber, namentlich in der Kopflage, meist lange Zeit, selbst einige Tage am Leben bleiben können. Die Erklärung dieser Thatsachen bietet keine Schwierigkeiten. Beim Kalbe dauert der Plaoentarkroislauf, resp. die Plaoentaratlunung in der Hegel fort, während dies bei jungen Hunden und Ferkeln, welche, wie man zu sagen pflegt, in der Geburt stehen, nicht der Fall ist. IJei diesen lösen sich die Fruohthäute leichter vom mütterlichen Boden los als bei Wiederkäuern, namentlich beim Kinde, wo die Verbindung derselben mit der Gebärmutter durch die vorhandenen Carunkeln eine sehr innige und feste; ist. Am frühesten erfolgt die Lösung der Fruchthäute bei allen Thiergattungen in der Nähe des Gebär­mutterhalses, woraus es sich erklärt, weshalb bei verzögerten Geburten multiparer Thiere, z. 13. bei Schweinen, das zuerst geborene Junge (namentlich bei Erstgebärenden, wo die Geburt sich stets etwas zu verzögern pflegt) so häufig todt zur Welt kommt. Am ehesten bleiben die dem erstgeborenen Jungen zunächst folgenden am Leben, während die am weitesten nach vorn im Uterus, resp. in den Hörnern gelagerten Jungen wieder leichter der Gefahr, zu ersticken, ausge­setzt sind, sobald die Geburt sich verzögert. Auch hierfür liegt der Grund sehr nahe. Wenn ein Junges aus der Spitze eines Gebär-mutterhornes die Geburtswege passiren soll, so muss entweder die Nabelschnur reissen oder die Loslösung der Fruchthilute von der Gebärmutter erfolgen, wodurch der Placentarkreislauf, resp. die l'lacentarathmung sistirt wird. Erfolgt nun die Ausstossung der Frucht nicht bald, wie dies bei normalen Geburten allerdings der Fall zu sein pflegt, so ist das Leben des Jungen um so mehr ge­fährdet , je länger die Verzögerung dauert. Bei den dem Genital-ausgange näher liegenden Jungen erfolgt die starke Anspannung und Zerreissung der Nabelschnur, resp. die Loslösung der Eihüllen erst dann , wenn die Geburt der Frucht gewöhnlich keine längere Verzögerung mehr erfährt, weshalb hier die Erstickungsgefahr meist geringer ist. — Für Füllen und Kälber ist dieselbe bei Steissgeburten grosser, als bei Geburten in der Kopflage, weil bei jenen der Nabel­strang am vorderen Bande der unteren Beckenwand zusammenge­drückt und dadurch der Placentarkreislauf, resp. die Placeutar-nthraung mehr oder weniger vollständig unterbrochen wird. Hieraus folgt, dass man bei Pferd und Bind weit mehr Veranlassung hat, die Geburt zu beschleunigen, sobald Pruchttheile in der Steisslage, als wenn dieselben in der Kopflage in die Geburtswege eingetreten sind.
Therapie und Prognose. Bei eintretender Erstickungsiioth machen die .Jungen bereits im Muttorleibe Versuche, durch die Lungen zu athmen, wobei dann Amnionflüssigkeit, welcher sich zuweilen in der Noth abgesetztes Darmpech beigemengt hat, mehr oder weniger tief in die Bespirationsorgane. selbst bis in die Lungen gelangen kann.
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552 Zurückbleiben des Darrapeohs bei neugeborenen Thieren.
Die Bauernregel bei neugeborenen Thieren, namentlich wenn dieselben röcheln oder husten oder scheintodt sind, mit der Hand oder mit einem Strohwisch durch das geöffnete Maul zu fahren, um dasselbe von Schleim etc. zu befreien, hat somit ihre volle Berechtigung. Denn nicht selten werden dadurch zähe Schleiminassen selbst aus der Luftröhre herausgezogen und die Athnmngswege so für den Luft­strom frei gemacht. Deshalb kann auch das Aussaugen (nicht aber das Einblasen) von Luft vermittelst eines guten Saugapparates, der in die Mund- oder Nasenhöhle angesetzt wird, recht nützlich werden. Auf die Unterhaltung, resp. Einleitung der Athmung ist namentlich Gewicht zu legen. Scheintodte Junge, bei welchen bei sorgfaltiger Untersuchung in der Kegel der Herzschlag noch wahrgenommen werden kann, werden am besten auf den Rücken gelegt, um durch abwechselnden Druck awi die Bauchmuskeln und llippenwandungen bei ihnen das Athmen in Gang zu bringen und zu unterhalten. Aeussero Hautreize, namentlich tüchtiges Prottiren der Haut des Jungen, leisten häufig sehr gute Dienste, da alle Hautreize das Athmungscentrum reflectorisch anregen. Das ziemlich allgemein gebräuchliche Besprengen neugeborener (Kinder und) Thiere, welche nicht kräftig athmen, mit kaltem Wasser, ebenso das Ablecken des Jungen durch das Mutterthier reichen für die geringeren Grade einer vorhandenen Insufficienz des Athmens nicht selten vollständig aus.
Indess manchmal gehen die Jungen, welche während der Geburt an Erstickungsgefahr (Asphyxie) litten , an den Polgen des in den Pruchthüllen versuchten Lungen athmens noch zu Grunde, wenngleich sie nach der Geburt sich scheinbar ganz erholt hatten. Der in die Re­spirationsorgane eingedrungene Schleim etc. verursacht, wenn er nicht bald vollständig ausgehustet, oder durch Kunsthülfe gänzlich entfernt wurde, eine Premdkörperlungenentzündung, an welcher die Neuge­borenen gewöhnlich zu Grunde gehen. Die bei diesen nicht so selten vorkommenden Lungenentzündungen dürften im Allgemeinen wohl häufiger in dem Eindringen fremder Substanzen in die Lungen als in den gewöhnlich beschuldigten Erkältungen ihren ursächlichen Grund haben.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass man scheintodten Neu­geborenen einige Tropfen Essig, Branntwein oder Schnupftabak in die Nasenlöcher bringen kann, um dadurch Niesen und Athmen hervorzurufen; auch leistet ein vor die Nase gehaltener, mit Sal­miakgeist befeuchteter Schwamm oder ein Pläschchen diesen Dienst. Lufteinblasen und Aderlässe sind zu meiden, weil dadurch sehr häufig geschadet, nie aber genützt wird.
9. Zurückbleiben des Darmpechs.
Diagnose und Aetiologie. Während der späteren Entwicklungs­und Lebensperioden der Prucht im Miitterleibe sammelt sich im Darmcanale jener das sogenannte „Darmpechquot; (Meoonium) an. Das­selbe ist ein Gemisch von Dannschleim, Galle, Anmionflüssigkeit und Hautschmiere. Letztere besteht aus Talgzellen, Petttröpfchen, Haaren
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Verdauungsstörungen neugeborener Thiere.
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und vorzugsweise aus Epidermisschuppen; sie ist ein Er/.eugniss der äusseren Haut des Fötus, überzieht diesen an seiner Aussenfläche und geht zu einem Tlieilo in das Sehafwasser über, von welchem von Zeit zu Zeit die Frucht im Mutterleibo kleinere Quantitäten verschluckt. Das Darmpech ist, wie der Name es ausdrückt, von klebriger Beschaffenheit und erfüllt während der letzten Perioden der Trächtigkeit den fötalen Dickdarm. Dasselbe muss nach aussen ab­gesetzt werden, bevor eine geregelte Verdauungsthiitigkeit bei den Neugeborenen in Gang kommen kann.
Therapie und Prognose. Dies soll vorzugsweise das „Colostrumquot; das ist die während der ersten Tage nach der Geburt von der Mutter gelieferte Milch, bewirken. Dieselbe ist nämlich von wesentlich anderer Beschaffenheit als die später abgesonderte Milch; sie ist leichter verdaulich und hat eine gelind abführende Wirkung, wes­halb sie ohne dringende Nothwondigkeit keinem Säuglinge entzogen werden soll. Nach und nach ändert sich die Beschaffenheit der Milch, so dass das Colostrum allmählig in gewöhnliche Milch sich umwandelt, die reicher an Fett ist und Käsestoff statt Albumin enthält. Sie wird dadurch schwerer verdaulich und verliert auch ihre gelind abführende Wirkung. Demnach sollte man glauben, dass die Verab­reichung des Colostrums an die Neugeborenen absolut nothwendig sei. Die Thatsachen lehren jedoch, dass die Neugeborenen auch ohne diese Vormilch gut gedeihen können. Es gibt Gegenden, wo dieselbe den Kälbern gar nicht verabreicht wird und wo letztere doch ganz gut fortkommen. Die Muttermilch kann durch kein Surrogat voll­ständig ersetzt werden, selbst nicht einmal sicher und immer durch Milch derselben, viel weniger aber einer verschiedenen Lactations-periode eines Mutterthieres der nämlichon Species.
Bei sehr schwächlichen Jungen, namentlich bei Fohlen, kommt es auch nicht so ganz selten vor, dass dieselben, selbst beim Genüsse des mütterlichen Colostrums, das Darmpech nicht abzusetzen ver­mögen. Sie krümmen den Rücken, drängen auf den Mastdarm, ver­lieren den Appetit, liegen viel, zeigen Kolikorscheinungen und können schliesslich zu Grunde gehen. Da hier das Meconium in der Regel im hinteren Stücke des Mastdarmes liegt, so kann dasselbe meist durch Klystiere und mit dem Finger oder einer etwas kräftigen Drahtschlinge herausgeschafft werden.
Innerliche Mittel sind zu meiden, weil dieselben leicht Durch­fall, Freradkörperpneumonie etc. nach sich ziehen.
10. VerdauungsstöruDgen neugeborener Thiere.
Aetiologie. Wir begegnen denselben am häufigsten bei solchen Neugeborenen, welche aus irgend einem Grunde künstlich ernährt werden müssen; aber auch bei solchen Jungen kommen sie vor, welche mit der Muttermilch gefüttert werden. Im letzteren Falle sind die Verdauungsstörungen meist die Folge einer unzweckmässigen
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554nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Verdauungsstörungen neugeborener Thicre.
Emilhrung des Muttertbieres. Die beiden am meisten beobachteten Erscheinungen sind Verstopfung und Durchfall.
Diagnose, a) Yerstopfung kommt nicht selten bei Säuglingen
vor. Sie verursacht Unruhe, öfteres Niederlegen und Wiederauf­stehen, Drängen auf den Hinterleib, wobei der Koth gar nicht oder spärlich in einzelnen festen, trockenen Ballen abgesetzt wird. Dabei bläht Patient zuweilen mehr oder weniger auf, verliert seine Munter­keit und die Lust zur Nahrungsaufnahme. Bei Fohlen soll es zu­weilen vorkommen, dass dieselben bereits einige Tage nach der Geburt von den Kothballen der Mutter fressen und dadurch eine Verstopfung sich zuziehen.
Prognose und Therapie. Jede längere Verzögerung dos Koth­absatzes begünstigt die Ausbildung einer Darmentzündung und ist somit mehr oder weniger gefährlich. Deshalb ist eine frühzeitige Behandlung des üebels nicht zu unterlassen. In vielen Fällen wird man durch Application von Seifenwasserklystieren, Oel etc. in Ver­bindung mit einer entsprechenden Pflege des Mutterthieres zum ge­wünschten Ziele gelangen. Sollen abführende Mittel innerlich ange­wendet werden, so verabreiche man dieselben dem Jungen direct nur in dringenden Fällen; dies kann nothwendig werden, wenn die Verstopfung nicht durch den Genuss der Milch entstanden ist. Wenn indess die Muttermilch die ausschliessliche Nahrung des Jungen ist, oder die Verstopfung verursacht hat, so wird eine passende Aenderung in der Ernährung der Mutter, nöthigenfalls unterstützt durch Verab­reichung eines Abführmittels an diese, die gewünschten Dienste leisten.
Ueberhaupt wird die diätetische Behandlung der Mutter und der Jungen bei Verdauungsstörungen dieser stets die Hauptrolle spielen.
Diagnose, b) Burchfall bekommen alle naturgemäss ernährten Säuglinge, wenigstens in leichterem Grade, zufolge der gelind ab­führenden Wirkung des ersten Nahrungsreizes. Da hierdurch das Darmpech fortgeschafft wird, so ist dieser Zustand weder unerwünscht noch abnorm, wenn er bestimmte Grenzen nicht überschreitet. Dauert derselbe länger als 2 oder 8 Tage, so darf er namentlich dann nicht unberücksichtigt bleiben, wenn die Ausleerungen vollständig flüssig, wässerig sind, weil sonst das Junge in seiner Ernährung, resp. Ent­wicklung beeinträchtigt wird und schliesslich zu Grunde gehen kann. Zuweilen gesellen sich zu dem Durchfalle Kolik- oder anderweitige Krankheitserscheinungen, durob welche die Prognose ineist ungün­stiger sich gestaltet.
Prognose und Therapie. Für sich allein ist der gewöhnliche Durchfall bei frühzeitiger Behandlung selten gefährlich, vielmehr in der Regel leicht und sicher heilbar, namentlich wenn die Ursache bekannt ist und beseitigt werden kann. Auch 'hier wird eine ent­sprechende Aenderung in der Fütterung des Mutterthieres häufig gute Dienste leisten. Haben sich die Jungen selbst direct übernommen, oder haben sie für ihre Organisation ungeeignete Substanzen auf­genommen, so regle man vor allen Dingen ihre diätetische Pflege.
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Mundschwämmc neufireborenei' Thiere.
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Von einer innerlichen Behandlung sieht man auch liier am besten ab. Nöthigenfalls gebe man Klystiere von Leimwasser mit Zusatz von einigen Tropfen Opiumtinctur; in sehr hartnäckigen Füllen kann man diese Verbindung auch innerlich esslöffelvveise, oder Höllenstein pro Dosi 0,2 mit 25 gr destillirten Wassers tilglich 4mal verab­reichen. Nicht zu verwechseln ist der gewöhnliche Durchfall mit der sogenannten „wcissen lluhrquot; (s. S. 227), welche hei den In-fectionskrankheiten besprochen worden ist.
11. Mundschwämme oder Aphthen (saugender) junger Thiere.
Aetiologie. Aphthen kommen am häufigsten bei Kälbern, sel­tener bei Ponlen und anderen Neugeborenen vor. Sie bestehen in kleinen weissen Bläschen oder rundlichen oberflächlichen Geschwüren, welche an verschiedenen Stellen der Mundschleimhaut (Zunge, Gaumen etc.) ihren Sitz haben. Irgend ein Ferment, vielleicht ein Zersetzungsproduot der als Nahrung dienenden Milch, scheint Ur­sache dieses Leidens zu sein. Dieselben können auch die Folge des Milchgenusses von Mutterthioren sein, welche an Maul- und Klauen­seuche leiden, was man zur Zeit des Herrschens dieser Seuche stets zu berücksichtigen hat.
Dasselbe tritt folgendermasson in die Erscheinung: Das junge Thier will nicht recht saufen; eigentliche Säuglinge suchen am Euter der Mutter herum, ohne indess regobnässig zu saugen. Untersucht man nun das Maul und findet in demselben die Erscheinungen der Sohleimhautentzündung oder bereits stellenweise blasige Erbebungen ihres Epithels, so leidet das Thier an Aphthen.
Prognose und Therapie. Besteht das Leiden in einer einfachen Stomatitis, so ist dessen Heilung leicht. Gründliche Beinigung der Tränkgeschirre mit siedendem Wasser und nöthigenfalls ein Wechsel in der verabreichten Milch oder sonstigen Nahrung, sowie fleissiges (täglich etwa (gt;- bis 8maliges) Ausspritzen oder Bepinseln der kranken Mundschleimhaut mit Essig und Wasser, wozu man etwas Honig mengt, bewirkt in der Kegel Heilung. In stärkeren Graden des Leidens nimmt man als Mundwasser ein Salboidecoct mit Essig und Honig. Sind wuchernde Geschwüre, Schwämme vorhanden, so be­diene man sich als Mundwasser einer Auflösung von Alaun oder Borax (1: 30 W. oder arom. Inf.). Beschränkt sich die Entzündung nicht auf die Schleimhaut des Maules, dringt dieselbe tiefer in die Verdauungsorgane bis zur Schleimhaut des Magens oder Darmcanales vor, wie dies nach dem Genüsse von Milch aphthenseuchekranker Thiere, namentlich wenn dieselben Aphthen am Euter haben, der Fall zu sein pflegt, so gehen die Patienten meist in kurzer Zeit, manchmal schon wenige Stunden nach ihrem offenbaren Erkranken, an den Folgen einer sogenannten Enteritis (Magen-Darment/.tindung) zu Grunde. Wo also Erscheinungen einer Verdauungsstörung (Durch­fall, Verstopfung, Aufblähung) den übrigen Krankheitserscheinungen sich beigesellen, da ist die Prognose sehr unsicher, ja ungünstig.
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55(3nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Die Lälime junger Thiere.
In tberapeutisoher Beziehung steht hier ein Wechsel in der zu verabreichenden Milch, ein Ersatz, der kranken durch gesunde Milch, in erster Linie. Ein rationeller Thierbesitzer wird überhaupt nur im ilussersten Nothl'alle rohe Milch von aphthenseuchekranken Thieren an die Aufzucht verfüttern lassen.
12. Die Lähme der Kälber, Lämmer, Füllen und anderer Thiere.
Aetiologie und Diagnose. Unter dem Namen der Lilhme sind verschiedene Krankheitszustilnde zusammengefasst, die theils der Ithachitis, theils embolischen oder anderen Prozessen angehören. So finden wir grade in Folge von Nabelentzündung nicht selten Meta­stasen nach verschiedenen Gelenken, namentlich nach dem Knie-und Sprunggelenke, sowie nach dem Vorderfusswurzelgelenko, sich bilden. Beide Zustände wollen wir hier kurz besprechen.
a) Mettistatiselie OolcnkentziiiHluiig'. Manchmal scheint bei jungen Thieren, welche an sogenannter Lähme leiden, der Nabel nicht sichtlich erkrankt, indem die Ocfi'nung in der Bauchwand ge­schlossen ist oder im Nabelringe eine kleine Oeft'nung mit scharfem Bande, aus welcher Eiter tropfenweise aussickert, sich vorfindet; durch Druck gegen die Bauchwand in der Nähe dieser Oeffnung wird der Eiterabfluss momentan vermehrt. Wenn Eiter über der Nabelgegend vorhanden ist, so ist ein solcher Druck schmerz­haft, mag nun der Nabelring offen oder geschlossen sein. Im letzteren Falle wird das Vorhandensein eines Abscesses, resp. einer Nabelvenenentzündung aus der Empfindlichkeit der betreffenden Stelle gegen Druck, sowie aus dem Vorhandensein einer kleinen rundlichen, oder länglichen Geschwulst, die unter Umständen Fluc­tuation zeigt, diagnosticirt werden können. Entwickeln sich früh­zeitig thrombotischc, ombolische oder metastatische Prozesse in Leber oder Lunge, oder eine eiterige Bauchfellentzündung, so sterben die Thiere häufig, ohne dass es zu eiterigen Gelenkentzün­dungen kommt.
Die entzündeten Gelenke sind sehr schmerzhaft und mehr oder weniger verdickt; zuweilen flnotuiren einzelne Stellen, oder es fliysst Eiter aus einer oder aus mehreren kleineren Oeffnungen, aus ober­flächlichen Fisteln; in anderen Fällen fühlt sich das Gelenk mehr oder weniger hart an. Stets ist auch die Umgebung des kranken Gelenkes stark entzündet, nicht selten stark verdickt, wo alsdann in den schwieligen Massen, sowie auch in den Sehnenscheiden häufig Eiteransammlungcn angetroffen werden. Sogar in der Gelenkhöhle selbst findet sich oft eine grössere oder geringere Menge Eiter.
Pathologische Anatomie. Bei der Section an fraglicher Krank­heit zu Grunde gegangener Thiere zeigen sich an der inneren Ober­fläche der Gelenkhöhle folgende Veränderungen: War die Gelenk­entzündung noch frisch, so zeigt sich die Synovialis höher geröthet, geschwellt, namentlich sind die Zotten bedeutend geröthet und
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Die Lähme junger Thiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;557
vergrössert. Hatten sich bereits schwielige Massen im Umfange des Gelenkes, ein sogenannter „Tumor albusquot;, gebildet, so ist die innere Oberfläche der Synovialis von Granulationen bedeckt. Wenn die Entzündung noch nicht lange bestanden hat, so ist der Gelonk-knorpel nur geti-üht, gelblich und manchmal etwas erweicht, oft fein, aber sehr dicht und dunkel punctirt. Hat die Entzündung länger bestanden, so zeigen sich die Golenkfiäohen auffallender krank. Der Knorpel ist dann stellenweise von Granulationen bedeckt, stellen­weise ganz verschwunden und durch mehr oder weniger festes Bindegewebe ersetzt, welches mit der spongiösen Knochensubstanz der Epiphyscn in directem Zusammenhang steht. Dieses Binde­gewebe verdrängt den Gelenkknorpel allmählig immer mehr und mehr, so dass bei längerem Bestehen der Entzündung nur noch zerstreute dünne Plättchen desselben übrig bleiben. Und auch diese verlieren sich schliesslich ganz, so dass dann die Gelenkflüche der Epiphysen von einem Polster jungen Bindegewebes überdeckt ist. Diese Neubildung pflegt ohne Eiterung und in verhältnissmässig kurzer Zeit zu Stande zu kommen , so dass sie zuweilen schon bei 4 Wochen alten Lämmern, die erst 2 bis li Wochen Erscheinungen von Schmerz an dem betreffenden Gelenke zeigten , in voller Aus­bildung und mit gleichzeitiger Ausbildung einer bindegewebigen Verdickung in der Umgebung des Gelenkes (Tumor albus) ange­troffen wird. Sind mehrere Gelenke afficirt, so pflegen die krank­haften Veränderungen in den einzelnen Gelenken in verschiedenem Grade entwickelt zu sein; dasselbe ist der Fall in den einzelnen Höhlen der zusammengesetzten Gelenke der Vorder- und Hinter-Pusswurzel. Auch in der nämlichen Gelenkhöhle ist die eine Gelenk-fläohe meist stärker afficirt als die andere gegenüberstehende. Die Granulationen gehen theils aus der Spongiosa, thoils aus den Bändern der Synovialmembran hervor. Die spongiösc Knochensubstanz der Epiphysen ist stets höher geröthet und hat an Festigkeit verloren.
Prognose. Die eiterige Gelenkentzündung geht in geringeren Graden bei passender Behandlung öfter in Genesung über, meist jedoch mit Hinterlassung der bereits zur Ausbildung gelangten Deformitäten an den Gelenken. Hat die Krankheit bereits einen höheren Grad erreicht, bevor eine geeignete Behandlung eintritt, so endet sie in der llegol mit dem Tode, indem die' betreffenden Individuen an Eitervergiftung etc. zu Grunde gehen. Manchmal er­folgt an einem Gelenke Besserung, während an einem anderen Gelenke das Leiden neu zum Ausbruche kommt.
Die Behandlung hat neben entsprechender Berücksichtigung des Gelenkleidens auch die Nabelentzfludung gebührendermassen zu
berücksichtigen. Wo diese etwa spontan geheilt ist oder überhaupt fehlte, wo die Gelenkmetastasen aus anderen Ursachen hervorge­gangen sind, müssen diese ihrer Natur nach behandelt werden. Vor-handene Absoesse, welche der äussercn Behandlung zugänglich sind, müssen geöffnet, gereinigt und desinficirt worden.
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558nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Osteomalaoie und Rhaohitis.
I)) Ostcomalacio iiihI lihachitis (Knochen- odor Bcinweicho).
Diagnose und pathologische Anatomie. Dieser Zustand ist vorzugsweise durch Anschwellung der Gelenkenden der Extreinitllten-knochen, durch Verhiegungen (selbst durch Infnictionen) dieser, beim Menschen und (nach Bruckmüller) auch bei jungen Schweinen durch Verhiegungen der Wirbelsäule charakterisirt. Franck gibt in seinem Lehrbuche der Geburtshülfe S. 4!)2 an, dass die angeborene Rhachitis bisher nur bei Kälbern und bei Füllen beobachtet worden sei. Ich selbst habe dieselbe in Bern bei mehreren jungen Hunden desselben Wurfes in ziemlich hohem Grade gesehen; die Gliedmassen waren verkürzt und an den Epiphysen bedeutend verdickt. Das Wesentliche der Rhachitis besteht in einer Bildungshemmung. näm­lich in dem Mangel des Eintritts einer normalen Ossification der betreffenden Skeletabschnitte. Rhachitis und Knochenerweichung sind also nicht vollkommen gleiche, sondern genetisch wesentlich ver­schiedene Prozesse. Bei letzterer fällt ein bereits fertiger Knochen der Erweichung (Malacie), d. h. einem regressivelaquo; Prozesse anheim, während bei ersterer eine Störung in der normalen Entwicklung, in der Umbildung des Knochenknorpels in Knochen, folglich eine Itnduiigsheiiiiiiiiii£ vorhanden ist.
Es ist hier nicht der Ort, um die erheblichen Verschiedenheiten bei Osteomalacie und Rhachitis ausführlicher zu besprechen. Es sei nur bemerkt, dass bei fraglichen Zuständen die betroffenen Knochen zwar sehr ähnlich erscheinen, dass aber der pathologische Vorgang und histologische Befund bei Osteomalacie und Rhachitis wesentlich verschieden sind. Bei ersterer besteht die kalkfreie Zone aus ent­kalktem altem Knochengewebe, bei Rhachitis aus neugebildetem osteo'idem Gewebe; der kalkhaltige Theil der Knochenbalken ist bei dieser theils alter, theils neugebildeter Knochen, bei Osteomalacie stets alter Knochen.
Auch bei erwachsenen Thieren, namentlich bei Rindvieh und Pferden, kommen Alterationen des normalen Stoffwechsels im Knochen­gewebe vor. Dies ist z. B. der Fall bei der sogenannten „Knochen-brüchigkeit des Rindesquot; bei der „Kleien- oder Krtisch-Krankheit (Osteomalacie) des Pferdesquot; u. s. w. Aussei- anl Skelet der Gl'.ed-inassen kommen auch häufig Ernährungsstörungen an anderen Skeletabschnitten vor. Bei Pferden erkranken häufig die Gelenkenden der Gliedmassen und die Knochen des Kopfes, wobei dieselben mehr oder weniger bedeutend anschwellen. Dies ist bei der Knochen-brüchigkeit des Rindes in der Regel nicht der Fall. Dagegen werden bei der „Schnuffelkrankheit des Schweinesquot; die Kopfknochen schliess-lich derart erweicht und durch Blndegewebswucherung verdrängt, dass die Kopflufthöhlen verlegt werden, so dass die Patienten schliess-lich ersticken.
Aetiologie. Die ursächlichen Verhältnisse dieser pathologischen Zustände sind nur mm Theil bekannt. Dass ein normales Knochen-wachsthum nur dann möglich ist, wenn dem betreffenden Organismus
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Hautkrankheiten,
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die /.um Aufbau von gesundem Knochengewebe erforderlichen Mate­rialien zugeführt werden, ist selbstverstilndlich. Ohnedies ist er zu fraglicher Leistung ebensowenig im Stande, als ein Baumeister ohne Ziegelsteine ein ziegelsteinenes Haus bauen kann. Dass somit durch Mangel oder gilnzlicho Entziehung von kalkhaltiger Nahrung Stö­rungen im Aufbau, resp. im Stoffwechsel des Knochengerüstes bedingt werden können und müssen, bedarf keines weiteren Beweises. Stö­rungen in der Bildung und Ernährung dos Knochengewebes können aber auch durch reichliche Ausscheidung von Kalksalzen, oder durch Störungen der Verdauung und Assimilation begünstigt werden.
Prognose und Behandlung. Bei angeborener ßhachitis sind die Missbildungen meist so bedeutend (die Gliedmassen sind ge­wöhnlich nur üossenähnliche Stummel), dass eine Behandlung gun/, unnütz und widersinnig erscheint. Tritt die Bildungshemmung erst nach der Geburt ein , so vermag, bei frühzeitiger Erkennung der­selben, eine geregelte Diät manchmal viel. Ja es sollen junge Schweine und andere Thiere nach einer entsprechenden Behandlung in kurzer Zeit selbst von hochgradiger Rhachitis genesen sein. Ich bezweifle indess, dass dies bei angeborener ßhachitis jemals der Fall gewesen sein wird, und halte nach meinen seitherigen eigenen Erfahrungen die Behandlung rhachitisch-neugeborenor Thiere, namentlich solcher, die später zu Arbeitsleistungen verwendet werden sollen, selbst dann nicht für rathsam, wenn die Deformitäten auch nicht gerade den höchsten Grad erreicht haben. Da seihst im günstigen Falle die angeborenen Missbildungen des Skeletes wohl nie ganz auswachsen, so dürften durch frühzeitiges Tödten der betreffenden Thiere die pecuniären Interessen des Besitzers in den meisten Fällen besser und sicherer gewahrt werden, als durch eine äusserst unsichere Be­handlung. Bei älteren Thieren ist bei frühzeitiger Erkennung des Leidens und seiner Ursachen, durch Entfernung des Leidens und durch eine angemessene Ernährung der Patienten manchmal Heilung möglich. Eine arzneiliche Behandlung ist nur dann am Platze, wenn durch dieselbe etwa vorhandene Verdauungsstörungen entfernt werden sollen und können.
XII. Die Krankheiten der ansseren Haut.
Die allgemeine Körperdecke dient dem Individiuum nicht nur zum Schütze gegen die verschiedenen Einwirkungen der Aussemveit auf die Körperoberfläche, sondern auch als Ausscheidungsorgau für gewisse Stoffweohselproducte, sowie als Sinnesorgan , indem sie der Hauptsitz des Tastorganes ist. Die abgeplatteten Zellen der Epi­dermis bilden, eine dünne schützende Decke, die für Gasarten leicht,
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560nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hautkrankheiten.
für tropfbare Flüssigkeiten -weniger durchdringbar ist und als schlechter Wärmeleiter im Verein mit den Haaren die Ausstrahlung der Körperwärme beschrilnkt. Die Epidermisplättchen schilfern aussen beständig in dem Masse ab , als sie von der Schleimschicht (Rete Malpighii) der Haut neu gebildet werden; durch Hautkrankheiten wird aber dieses Gleichgewicht häufig gestört. — Die Schweiss- und Talgdrüsen sind wichtige Ausscheidungsorgane für Flüssigkeiten und feste Stoffe; durch die Hautausdünstung wird dem Organismus oft mehr Wasser entzogen als durch die Harnausscheidung; mit dem Schweiss und Hauttalge werden aber auch Fette, flüchtige Säuren und andere Gase, sowie verschiedene feste Stoffwechselproducte ('m bis 2'j'i Procent) aus dem Körper entfernt. Es ist deshalb leicht verständlich, dass Hautkrankheiten für den Gesammtorganismus nicht ohne Bedeutung sind und dass umgekehrt die äussere Haut durch Funetionsstörungen verschiedener anderer Körperorgane leicht und häufig in Mitleidenschaft gezogen wird.
Steigerung der Körpertemperatur, reichliche Wasseraufnahme (Fieber), Körperbewegung, gewisse Nerveneinflüsse u. dergl. m. in-fluiren auf die Thiltigkeit der Haut, und manche Dinge, z. B. die Qualität der Nahrungsmittel, der Zustand der Verdauung und Assi­milation, sowie der Zustand verschiedener Ausscheidungsorgane etc., spiegeln sich zum Theil ab in der Beschaffenheit der äusseren Haut.
Die Krankheiten dieses Organes haben eine sehr verschiedene Bedeutung je nach ihrer Ausbreitung und Dauer; manche sind kaum beachtenswerthe, andere hingegen mehr oder minder erhebliche Zustände.
Die Hautkrankheiten parasitären Ursprunges wurden bereits bei den Invasionskrankheiten (Eäude) und bei den Infectionskrank-heiten (Rothlauf, Aphthenseuche, Pocken, Glatzflechte, Grind etc.) be­sprochen, weshalb hier auf diese keine weitere Rücksicht genommen wird; das über die entzündlichen Vorgänge in der Haut nachstehend Gesagte kann indess auch auf fragliche parasitäre Hautkrankheiten bezogen werden, bei welchen die betreffenden Schmarotzer als Ent-zündungsorreger wirken. Bei unseren sämmtlichen Hausthieren kommen Hautkrankheiten und zwar in Form einer entzündlichen Affection häufig vor; seltener in Form einer nicht entzündlichen Ernährungsstörung, welche nicht die Folge eines anderweitigen schweren Allgemeinleidens (Kachexie, Sopticämie etc.) ist.
Alle entzündlichen Hautkrankheiten treten in irgend einer der folgendem Formen äusserlich in die Erscheinung: Es zeigen sich an den kranken Stellen Flecke, Knötchen oder Knoten, Quaddeln, Bläschen und Pusteln, in deren Gefolge eine reichlichere Abschilfe­rung der Epidermis oder Abschürfungen dieser (Excoriationen, oder Hautgeschwüre), Porken und Schorfe, Schrunden (Jlhagades) auftreten.
Fleck nennt man jede begrenzte Veränderung der Hautfarbe, deren Colorit sehr verschieden sein kann. Dieselben können in Folge einer Hyperämie oder einer Blutung zu Stande kommen. Als Folge einer Circnmsci'ipten Hyperämie erscheinen rosarothe Flecke. Als
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Hautkninkheiten.
I]
solche unterscheidet man den rosigen kleinen Fleok (Roseola)*), den ringförmigen Hof, welcher andere Bildungen umsilumt und das ,Erythemquot;, welches die Haut über grössere Strecken röthet. — Bei diesen Flecken tritt die Hyperämie, resp. Hautröthe, bei Druck mit den Fingern auf die betreffenden Stellen momentan mriick, um nach aufgehobenem Drucke bald wiederzukehren. — Bei vorhandenen Blntungcii In laquo;las Huutgevfebe weicht die dunklere (mehr bläuliche) Färbung der Hautflecke dem Fingerdrucke nicht. Punktförmige Flecke von dieser Beschaffenheit werden „Petechienquot;, grössere „Ek-chymosenquot; genannt. Etwa linsengrosse derartige Flecke, welche ihre Farbe mit der Veränderung des Blutfarbstoffes verschiedentlich wechseln, hat man mit dem besonderen Namen „Purpuraquot; belegt und als „Ekchymosenquot; grössere diffuse Hautfärbungen bezeichnet. Als „Striemenquot; (Vibices) bezeichnet man solche Hautflecke, wenn sie streifenförmig sind. Befindet sich der Bluterguss unmittelbar unter der abgehobenen Epidermis, so bildet derselbe eine „Blutblasequot;.
Weisse Flecke werden durch Mangel an Pigment, schwarze und andere Flecke durch Einlagerung von Pigment, das aus verändertem Blutfarbstoff sich bilden kann, bedingt.
Aus looalen Hyperämien mit starker Spannung der Capillar-wände können Hautblutungen sich entwickeln. Diese können aber auch die Folge mechanischer Einwirkungen, sowie allgemeiner Con-stitutionsfehler, oder einer Ernährungsstörung der Gefässwände sein. Fragliche Zustände haben demnach eine sehr verschiedene (pro­gnostische) Bedeutung und erfordern eine ihren Ursachen entsprechende therapeutische Würdigung.
Knöt.chon oder Papeln heissen kleine, meist conische, über die Hautoberfläche prominirende, solide Körnchen von der Grosse einer Nadelspitze bis zu der eines Stecknadelkopfes. Dieselben sind sehr verschiedener Natur, bald das Product acut entzündlicher Vorgänge in der Haut, bald durch Anhäufung von Oberhautschüppchen, Haut­talg etc. entstanden. Sind solche Knötchen von einem Hofe um­säumt, so werden sie „Stippchen'' genannt. Grössere solide Er­hebungen über die Hautoberfläche bezeichnet man als „Knoten'*.
üie ({naddcl (Urtica oder Poniplins) bildet eine flache, breite, rundliche oder unregelmässige, verschieden grosse teigige Erhebung über das Niveau der benachbarten Hautpartien. Sie entsteht und verschwindet meist schnell. Fliessen mehrere Quaddeln zusammen, so bilden sich dementsprechend umfangreiche flache Anschwollungen. Sie sind die Folge seröser Ausschwitzungen in das Gewebe der Schleimschicht der Oberhaut und des Papillarkörpers der Cutis.
Als ISliisclicu (Vesiculac) bezeichnet man punktförmige bis linsen-
*) Als „Boseolaquot; bezeichnet man in der Menschenheilkunde kloine, mohnkorn- bis liusongros.se, hellrotho, runde oder ovale B'lecko, welche die Haut nicht üboi-rngen und entweder oino symptomatische Erkrankung, oder eine solbstständigo, meist bei Kindern vorkommende Krankhoit darstellen.
Pütz, (Jompondium der Thierlicilkundo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ^(J
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562nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hautkrankheiten,
grosse, kugelige odor coiükuIk! Erhebungen ties Hornblattes der Epi­dermis, welche durch seröse Ergüsse in das llete Mulpighii entstehen. Qrössero derartige Erhebringen werden Binsen (Vesicae oder Bnllae) genannt. Der Blaseninhalt ist /.untlchst klar, alsbald aber wird er milchig trüb, zuweilen blutig.
Pnstelu (l'nstiiluc) sind Eiterblasen der Haut von rundlicher flacher, selten von oonisoher Form. Dieselben haben eine graugelb­liche oder grüngelbliche Farbe und gehen entweder aus Knötchen oder Bläschen hervor. Führt die locale Hantent/.ündung zur circum-scripten Vereiterung des Fapillarkörpers, so dass diese nicht auf die Schleimsohiobt der Epidermis beschränkt bleibt, dann hinterlilsst die Pustel nach ihrer Abheilung im Hautgewebe eine eingezogene (vertiefte) Narbe.
Beisst bei Pusteln oder Blasen die Epidennisdecke, so entleert sich der flüssige Inhalt; es entstellt so eine Excoriation, aus der sich je nach Umständen ein Geschwür, oder ein Schorf bildet. Nie haben Hautblasen einen langen Bestand; falls sie nicht platzen, verwandeln sich dieselben schnell in Pusteln, oder vertrocknen.
Exonriationeii, d. h. Abschürfungen der Epidermis, können auch durch gewaltsame Einwirkungen an der bis dahin ganz ge­sunden Haut, entstehen. Zeigen dieselben keine Heiltendenz, greift vielmehr ein destructive!- localer Entzündungsprozess tiefer auf das Gewebe der (Jutis über, so entstehen „Hautgeschwüroquot; von ver­schiedener Form und Beschaffenheit, welche entweder langsam, oft sehr schwer oder gar nicht, heilen.
StiiriiiKlen (Ithairadeh) sind verschieden lange Risse in der Ober­haut, welche nicht selten bis in die (Jutis reichen. Je nach ihrer Tiefe und nach der Beschaffenheit der betreffenden Hautstellen nässen und bluten dieselben bald wenig oder gar nicht, bald in bedeuten-derem Masse; auch hier kann es zu Verschwärungsprozessen im Gewebe der (Jutis selbst kommen.
Die Heilung dieser pathologischen Zustände der äusseren Haut erfolgt entweder unter stärkerer Abschilfernng der Epidermis, oder unter Bildung von Borken und Schorfen. Kleine, kleien- oder mehl­artige, weisso oder weissgraue losgestossene Epidermisplilttchen nennt man „Schilfern oder Schuppen'*. Diese sind stets mit geronnenen oder eingetrockneten Hautsecreten (Hauttalg, Schweiss etc.) ver­mengt. Werden erstero durch grössere Mengen der letzteren oder durch entzündliche Exsudate zu dickeren und ausgebreiteteren Lagen zusammengeballt, so nennt man solche Conglomerate ..Borkenquot;. Bilden die Entzündungsproducte (Eiter, Serum, Blut u, s. w.) für sich zusammenhängende, mehr oder weniger umfangreiche einge­trocknete Massen, welche die exeoriirten Hautstellen überdecken, so nennen wir dieselben „Schorf oder Grind''. Je nach der Mächtig­keit und Ausbreitung dieser Exsudatklumpen unterscheidet man: Schorfknötchen, Schorfhlättchon, Krusten oder Körner­schorf. ,firiibchen- oder Poekenschorfquot; nennt mau einen festen dicken Schorf, der einem griibchenförmiyen Hautdefecte aufsitzt.
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Nesselfieber.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 5(}:{
Dieso vorhin gesohilderteu Zustände kommen in manuigfaoheiu Wechsel, sowie in verschiedener Verbindung mit einander und mit anderen Hautaffeotionen als sogenannte Aussoblagskrankheiten der tlusseren Haut vor. Diese sollen nunmehr zunächst hier besprochen werden.
Hautausschläge, Exantheme.
.Die Aussohlagskrankheiten der llusseren Haut können einen acuten oder einen chronischen Verlauf haben und demnach unter­schieden werden. Man hat auch die Form des Ausschlages der Eintheilung der Exantheme zu Grunde gelegt und demnach unter­schieden : Bläschenaussoblag, Knötchenausschlag u. s, w. Abgesehen davon, dass eine solche Eintheilung kaum durchführbar ist, weil die verschiedenen Formen sich so vielfach mit einander verbinden und in einander übergehen, erscheint mir auch die Eintheilung nach dem gewöhnlichen Verlaufe der betrettenden Hautkrankheiten am bequemsten und einfachsten, sowie den klinischen Zwecken am meisten entsprechend. Die einzelnen acuten, sowie die einzelnen chronischen Exantheme sind in Bezug auf Form, Localisation und Verbreitung mannigfach verschieden. Gemeinsam ist im Allgemeinen den acuten Hautausschlägen ein üeberlinfter, den chronischen ein liehcr-loser Verlauf. Scharfe Grenzen zwischen acuten und chronischen Hautkrankheiten sind indess nicht vorhanden.
I. Acute Hantkraiiklieiteii.
Zu den acuten nicht contagiösen Exanthemen gehören: das Nesselfieber, der Hitzausscblag, der Buchweizenausschlag, der Brand der weissen Abzeichen und die Kopf- oder Blatterrose der Schafe und verschiedene Ekzeme.
1. Das Nesselfleber, Urticaria.
Diese Hautkrankheit ist dadurch charakterisirt, dass plötzlich Quaddeln von verschiedenem Umfange und in verschiedener Menge auftreten, welche bei Pferden und Kindern gewöhnlich unter leichten Fiebererscheinungen (oder auch ohne solche) kommen und meist bald (innerhalb 12 bis 48 Stunden) wieder verschwinden, /uvveilen bleibt der Ausschlag ohne Fieber längen! Zeit hindurch bestehen (Nesselsucbt). Auch können bei Nesselfieber Reoidive, sowie auch Nachschübe vorkommen ; im ersteren Falle entstehen neuerdings Quaddeln, nachdem das Nesselfieber bereits verschwunden war; im zweiten Falle treten an einzelnen Stellen die Quaddeln zurück, während an anderen Stellen neue sich bilden. Ein Juckgefüh] scheint dieses Exanthem nur selten zu verursachen , zuweilen aber ist ein solches deutlich ausgesprochen und kann die Patienten sogar recht belästigen. Benachbarte Quaddeln können zusaminenfliessen und
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564nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Nesselfiüber.
dann grössere Wülste oder Stränge bilden , welche stets vormehrt warm und emptindlich sind, was bei einfachen Quaddeln nicht deut­lich wahrnehmbar wird. Zuweilen bilden sich auf den Quaddeln Bläschen, aus welchen beim Einreissen der Epidermis Flüssigkeit aussickert (Nesselblasen oder Nesselfriesol).
Das Nesselfieber kommt am häufigsten bei Pferden und Schweinen, seltener bei Rindvieh vor.
Bei Schweinen erreicht das Fieber stets einen höheren Grad, wobei die gastrischen und allgemeinen Störungen meist erhebliche sind; der Kothabsatz ist verzögert oder unterdrückt und zuweilen Brechneigung vorhanden. Die Patienten verkriechen sich gern in die Streu und stehen ungern auf; werden sie hierzu genöthigt, so gehen sie unruhig und mit tief gehaltenem Kopfe umher. Die ganze Körperoberttäche ist vermehrt warm und an weissen Hautpartien leicht geröthet; an verschiedenen Stellen zeigen sich intensivere rothe Flecken bis zur Grosse eines Markstückes, an welchen die Haut geschwellt ist. Diese Stellen heben sich als Quaddeln sichtbar ab, oder können beim Ueberstreiohen mit den Fingern als solche erkannt werden. Grössere Quaddeln verblassen manchmal ganz, oder er­scheinen zuweilen nur noch roth umsäumt, oder es verfärben sich die Quaddeln vom Centrum aus rothblati, violett oder schwarzbläu-lich. Auch kann an der Unterfläche der Brust und des Bauches ein verbreiteteres Erythem von dunkelrother Farbe sich bilden.
Meist tritt Genesung innerhalb '#9632;) bis 6 Tagen ein; zuweilen aber ist das Nesselfieber des Schweines der Vorläufer des Petechial-fiebers (Schweinetyphus). Beide Krankheitszustilnde scheinen über­haupt in einem nahen verwandtschaftlichen Verhältnisse zu einander zu stehen.
Zuweilen wird auch die Respirationssohleimhaut in Mitleiden­schaft gezogen, wodurch beim Schweine das Athmen erschwert und beschleunigt zu werden pflegt.
Die Prognose ist beim Pferde und Eindvieh günstig, indem selbst etwaige Nachschübe oder Kecidive ohne besondere Bedeutung sind. Bei Schweinen können die schwereren Erkrankungen tödtlich enden, während die leichteren bei angemessener Behandlung und Pflege ebenfalls in Genesung übergehen.
Aetiologie und Behandlung. Da die Krankheitsursachen un­bekannt sind, so fehlen bestimmte Oausalindioationen für die Therapie. Die Disposition ist nicht nur generell, sondern auch individuell ver­schieden. Ob aber gewisse Futtermittel (ähnlich wie beim Menschen verschiedene Genussmittel) bei Thieren einen Nesselausschlag zu er­zeugen vermögen, ist unbekannt. Bei Pferden und Bindvieh ist eine arzneiliche Behandlung nur selten erforderlich. Eine kühlende, magere, leicht abführende Diät, erforderliclienfalls ein Abführmittel und bei Nesselsucht ausserdem zertheilende Mittel (Salzwasser, Essig, Spiritus etc.) äusserlich applicirt, reichen für alle Pälle aus. — Auch bei Schweinen genügt für leichtere Fälle ein kühler, trockener Aixfent-
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Hitzausschlag unil Buchweizenausschlag.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;5C5
haltsort mit reichlicher Streu, nebst kühlendem, leicht abführendem Putter (Buttermilch, Molkon, Grünfutter etc.). Bei schwererer Er­krankung sind kalte Begiessungen des ganzen Körpers, Seifenzäpfchen oder Klystiere und selbst Blutentzielmngen (an den Ohren oder am Schwänze) erforderlich. Innerliche Arzneimittel sind nur im Noth-falle zu verordnen: Brach Weinstein, Glaubersalz oder Salpeter, Calo­mel ; letzteres bis 1,0 mit Syrup und 3 bis 4 gr Süssholzwurzelpulver zur Latwerge, tilglich eine bis zwei solcher Gaben. Die drei ersteren Salze wo möglich mit dem Getränk.
2. Der Hitzausschlag, Herpes labialis.
Diagnose und Aetiologie. Diese schnell und stets gutartig verlaufende Hautkrankheit der Pferde ist durch leichte Röthe und Schwellung der Haut mit bald nachfolgender Eruption dicht gedrängt stehender, etwa linsengrosser Bläschen, namentlich im Bereiche der Lippen und der Nase, charaktorisirt. Die Bläschen enthalten eine klare gelbliche Flüssigkeit, platzen entweder und secerniren dann einige Tage hindurch ein gelbliches Serum, oder aber sie trocknen direct zu braunen Schorfen ein, nach deren Abstossung hell pig-mentirte Flecke eine Zeit lang zurückbleiben. Oft sind gleichzeitig gastrische Störungen vorhanden, welche dem Hautausschlag entweder vorausgehen, oder mit demselben erscheinen. Die Ursachen dieser Krankheit sind unbekannt.
Prognose und Therapie. Arzneien sind selten erforderlich, da Heilung in der Eegel spontan zu erfolgen pflegt. Nur in sol­chen Fällen, wo die exeoriirten Hautstellen stark und längere Zeit hindurch nässen, sind austrocknende Mittel angezeigt; Bepinselungen mit Bleiwassor, oder mit einer Lösung von Zinkvitriol (1 : 100) täg­lich 2- bis ;3mal führen bei Peinlichkeit und passender Diät schnell zum Ziele. Die etwa vorhandenen gastrischen Störungen verlieren sich gewöhnlich bei einer entsprechend geregelten Diät von, selbst, so dass nur ausnahmsweise eine innerliche Behandlung indicirt erscheint.
3. Der Buchweizenausschlag, Erythema erysipelatoldes.
Aetiologie und Diagnose. Buchweizenfutter jeder Art kann bei weissgefleckten oder weissen Thieren eine oberflächliche Haut­entzündung mit serösem Erguss in das Hautgewebe verursachen. Je grosser das Quantum des mit einem Mal, oder längere Zeit hin­durch fortgesetzt aufgenommenen derartigen Futters (sei es grüner oder trockener Buchweizen, Körner oder Stroh) ist, um so sicherer und intensiver entwickelt sich fragliche Krankheit. Dabei spielt die Witterung eine wichtige Bolle, indem bei bedecktem Himmel und bei niedriger Temperatur, sowie beim Aufenthalt der betreffenden Thiere in nicht sonnigen Ställen nur ausnahmsweise und dann leichtere Fälle dieser Krankheit vorkommen , während die directo
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560nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Kopfrose der Schafe,
Einwirkung von Sonnenlicht auf Schecken oder Schimmel nach Buch-woi/.onfütterung den Ausbruch fraglicher Hautentzündung in holieni Grade begünstigt. Plötzlich erscheint eine rosige Röthe und Schwel­lung der weissen Haut, besonders am Kopfe und an vorhandenen weissen Abzeichen, gepaart mit Juckgefühl und gesteigerter localer Empfindlichkeit, sowie mit Fieber. Nicht selten gesellen sich die Erscheinungen einer Hyperämie des G-ehirns und der Respirations­organe hinzu. Diese rothlaufiilinliehe Hautaffection kommt vorzugs­weise bei Schafen und Schweinen, seltener beim Rindvieh vor.
Die leichteren Fülle dieses Erythems gehen nach Entfernung der Ursachen bald ohne weitere Behandlung in Genesung über, während schwerere Fälle zuweilen bereits in kurzer Zeit (innerhalb der ersten 24 Stunden) tödtlich enden.
Prognose und Therapie. Eine arzneiliche Behandlung ist
selten angezeigt. Befinden sich die erkrankten Thiere drausson, so werden sie dem Einflüsse des Sonnenlichtes entzogen, indem man dieselben in den Stall, oder an einen sonstigen schattigen Ort bringt. Handelt es sich um Thiere mit nur einzelnen weissen Hautstellen, so kann man diese in irgend einer Weise dunkel färben, wenn deren Unterbringung im Schatten etwa nicht thunlich ist. Wo die Buob-#9632;weizenfütterung noch nicht eingestellt war, soll dies mindestens bis nach eingetretener Genesung geschehen. Bei schwererer Erkrankung können leichte Abführmittel mit Nutzen angewendet werden.
4. Die Kopf rose oder Blatterrose der Schafe, Erythema pempugoides.
Aetiologie und Diagnose. Beim Weidegange (und zwar be­sonders beim Behüten von Buchweizenfeldern) erscheint zuweilen bei Schafen, jedoch fast nur bei veredelten Racen, am Kopfe, nament­lich im Gesicht, plötzlich eine massig warme, flach ausgebreitete Anschwellung der Haut, wobei diese geröthet und empfindlich ist. Auf derselben bilden sich Blasen von verschiedener Grosse, welche ein gelbliches Serum enthalten, das nach dem meist nach einigen Tagen eintretenden Platzen der Epidermis aussickert. Demnach erfolgt dann entweder bald Versohorfung und Abheilung, oder es dauert die Secretion längere Zeit, bis zu mehreren Wochen hindurch fort, indem die Excoriation der Haut durch Reiben und Kratzen der kranken Stellen unterhalten, oder gar verschlimmert wird. Ob und inwiefern gastrische Zustände und Erkältung zur Entstehung dieses üebels mit beitragen, ist nicht entschieden, da die Aetiologie desselben noch weniff gekannt ist.
Prognose und Therapie. Meist tritt spontane Heilung ein; dieselbe kann durch Eröffnen der grösseren Blasen und durch den Gebrauch austrocknender Mittel gefördert werden. Je nacli Bedürf-niss applioirt man diese in verschieden concentrirten Lösungen oder als feines Pulver zum Bepudem der oxcoriirten Hautstellen,
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Brand weisser Abzeichen, Brandmauke dos Pferdes.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 5()7
5. Brand der weissen Abzeichen, Erythema gangraenescens.
Aetiologie und Diagnose. In ähnlicher Weise wie Buchweizen können auch andere Futtermittel, namentlich solche, welche mit Pilzen besetzt oder sonst schädlich, resp. verdorben sind, gastrische Störungen und entzündliche Attectionen weisser Hautstellen verur­sachen. Aber auch ohne solche bestimmt nachweisbare Ursachen, aussei- der directen Einwirkung greller Sonnenstrahlen, können solche entzündliche Hautatt'ectionen entstehen, welche sich von jenen aller­dings etwas verschieden verhalten. Bei dem einfachen „Sonnen-brande* ei-scheinen die betreffenden Hautstellen dunkel geröthet, leicht geschwellt und schmerzhaft; die Epidermis zerklüftet sich und blättert in grösseren Platten oder Borken ab, welche stets durch neue Epidermis ersetzt werden. Im weiteren Verlaufe werden die betreffenden Hautstellen hart, unverschiebbar und rissig, so dass tiefere Schrunden (Bhagades) sich bilden künnen. Sind verdorbene oder sonst schädliche Futtermittel die Ursache dieser Hautaffection, so kommt es zunächst ebenfalls zu oberflächlicher Entzündung und demnach zur superficiellon Nekrose der Haut (resp. der Epidermis), indem diese pergamentartig eintrocknet. Allmilhlig beginnt dann die Exfoliation der abgestorbenen Oberhautschioht, indem diese von der Peripherie der nekrotisirten Partien her gegen das Centrum hin mit den Haaren sich loslöst. Die so blossgelegte Lederhaut nässt anfangs, wird aber bald trocken und vernarbt, indem unter Neubildung von Epidermis aus der erhaltenen Cutis gleichzeitig die Haare wieder hervorsprossen. — Bei Schweinen greift die Nekrose zuweilen etwas tiefer und erstreckt sich dann manchmal über grös-sere Hautabschnitte, besonders am Kücken. Bei Pferden werden am häufigsten die weissen Abzeichen am Kopf und an den Püssen ergriffen; in höheren Graden des Uebels bleiben indess auch andere weisse Körperstellen nicht verschont. Beim Binde kommt diese Hautkrankheit im Ganzen selten vor.
Prognose und Thex-apie. Genesung erfolgt stets, wenn auch manchmal etwas langsam; dieselbe kann durch Aufstreichen milder fetter Oele oder durch Bepinseln mit Glycerin, sowie durch Entfernung nekrotisoher Epithelfetzen mittelst Messer oder Soheere gefördert werden. Selbstverständlich sind die Krankheitsursachen zu meiden.
6. Die Brandmauke des Pferdes, Dermatitis gangraenosa.
Aetiologie und Diagnose. Am häutigsten im Winter beim Gebrauche der Pferde während anhaltend nasskalter Witterung, wobei die Thiere im Schnee oder Schneewasser oft tagelang mar-Schiren müssen, aber manchmal auch in anderen Jahreszeiten ohne besimmt nachweisbare Ursachen tritt bei Pferden plötzlich eine auf­fallende Lahmheit auf, welche durch grosso Sohmerzhaftigkeit einer umschriebenen entzündeten Hautstelle im Bereiche des Fesselgelenkes und zwar häufig an der Bengetiiiche. zuweilen aber auch an der
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568nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Panaritium.
einen oder anderen Seitenfläche oder Vorderflächo bedingt wird. Die betreffende Stelle erscheint meist schon nach 24 Stunden blilulich oder bleifarbig und beginnt alsbald gegen die Nachbarschaft durch eine Demarcationslinie sich abzugrenzen, worauf die Losstossung des nekrotisoh gewordenen Hautstückes erfolgt. Der hierbei produ-cirte Eiter ist von sohlechter Beschaffenheit, dünnflüssig und übel­riechend, und nach der vollendeten Elimination der brandigen Partie, welche in diesem Falle nicht bios die Epidermis, sondern auch die Lederhaut betrifft, ist zunilchst eine unreine Geschwürsfliiche vor­handen, welche ein übel riechendes, jauchiges Secret liefert. In der Regel ist bis zu dieser Zeit Fieber vorhanden, das mit eintretender gutartiger Eiterung und Granulationsbildung sich zu verlieren pflegt. Schmerz und Lahmheit lassen alsdann ebenfalls stets bedeutend nach. Die Nekrose betrifft bald nur ein kleineres, bald ein grösseres Haut­stück, und zwar bis zum ungefähren Durohmesser von einigen Centi-raeteru. Dieselbe beschränkt sich nicht immer auf die äussere Haut, sondern greift manchmal auf die unter ihr liegenden Sehnen, Kno­chen und Bänder über; selbst die Hufknorpel werden zuweilen in Mitleidenschaft gezogen.
Verlauf und Prognose. Die Heilung nimmt .selbst im günstig­sten Falle eine verhältnissmässig sehr lange Zeit in Anspruch, weil das verloren gegangene Hautstück durch Nai'bengewebe ersetzt und dieses von den Bändern der angrenzenden Haut aus mit neugebil­deter Epidermis überzogen werden muss, was immer recht langsam zu geschehen pflegt. Derartige Narben bleiben stets haarlos und erhalten nicht selten im Laufe der Zeit einen schwielig verdickten Epidermisüberzug. Bei ungünstigem Verlaufe kann die Zerstörung von Sehnen, Bändern, Knochen etc. langwierige Verschwärnngspro-zesse und schliesslich den Tod durch Blutvergiftung zur Folge haben.
Die Behandlung' der Brandmauke erfordert zunächst reizmil­dernde Mittel; feuchte Wärme, Kataplasmen, fette Oele, Glycerin u. dergl. können in den ersten 24 bis 48 Stunden angewendet werden. Nach, ja schon während der Abstossung des brandig gewordenen Hautstückes sind zunächst desinfioirende Mittel, namentlich täglich :!- bis 4mal wiederholte Berieselungen mit 2- bis JJprocentiger Oarbol-säurelösungen (in Branntwein oder sehr verdünntem Spiritus) vorzu­nehmen. Später ist die Geschwürsfläche nach den Kegeln der Chirurgie zu behandeln. Nicht völlig losgestossene nekrotische Gewebsfetzen können mittelst Messer oder Scheere entfernt werden , wobei man Jedoch Verletzungen des benachbarten nicht nekrotischen Gewebes möglichst zu vermeiden sucht.
7. Das Panaritium.
Zuweilen bildet sich in der Haut auf der Krone eine zur Eite­rung und Verschwärung neigende Entzündung (Dermatitis suppura-tivaj, welche sieh nicht selten bis auf die Huffleischwand fortsetzt
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Ekzema.
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und fast regelraiissig eine partielle oder sogar gilnzliche Losstossung des Hornsehuhes verursacht. Zunächst stellt sich Lahmgehen mit der betreffenden Gliedmaasse ein, wobei manchmal erst 2 bis 8 Tage spllter der Sitz der Schmerzen sich deutlicher offenbart. Etwa 5 bis 6 Tage nach dem Eintritt der Lahmheit pflegt sich auf der Krone eine eiterige Ausschwitzung zu zeigen. Tritt eine angemessene Be­handlung ein, so kann in 2 bis 3 Wochen vollkommene Genesung erzielt werden. Nicht selten aber werden durch (Jomplicationen schwere Zufälle verursacht, deren Beurtheilung in das Gebiet der Chirurgie fällt, die deshalb an dieser Stelle nicht ausführlich be­sprochen werden können. Es sei deshalb nur bemerkt, dass Nekrose der Haut, der benachbarten Sehnen, Kuochcncaries, Gelenkverjau­chung etc. eintreten und nicht nur die Heilung verzögern, sondern sogar das Leben des Patienten vernichten können.
8. Ekzema.
Diagnose. Mit diesem Collectivnamen bezeichnet man nach Ursache und Localisation mannigfach verschiedene Hautausschläge, welche bald acut, bald chronisch verlaufen. Dieselben stimmen darin mit einander überein, dass bei allen entzündliche Eöthe \md Schwel­lung der Haut vorhanden ist und dass auf diesem Boden meist zerstreut, oder dicht neben einander stehende Knötcheji, Bläsehen oder Pusteln auftreten, die keine eigentlichen Gruppen bilden; ferner verursachen alle Exantheme Juckreiz und zeigen stets eine gewisse Neigung, sich weiter auszubreiten.
Ein unerlässliches Desiderat des Ekzems ist somit eine „diffuse Dermatitis mit seröser Exsudationquot;. Die Bildung von Bläschen wird oft nicht wahrgenommen, oder kommt überhaupt nicht zu Stande. Ist das Exsudat sehr reichlich, so kann es möglicherweise die Epi­dermis auf einer grösseren entzündeten Hautstrecke abheben und an zahlreichen Stellen durchbrechen, ohne dass es vorher zur Blasen­bildung kommt. In anderen Fällen ist das Exsudat nicht reichlich genug, um Tröpfchen zu bilden und irgendwo die Epidermis abzu­heben oder zu durchbrechen. Es kommt dann nicht zur Exsudation auf die freie Oberfläche der Haut, sondern nur zur reichlicheren Abschuppung der Epidermis in Form kleienähnlicher Schillern (Kloienflcchte), oder in Form von grösseren Schuppen (Schuppen­flechte). Besteht nebenbei aber eine Exsudation, so bilden sich durch Verkleben mehrerer Schuppen mit einander Borken (Borken-f'lechte). Nicht häufig ist eine stets erneute Blasenbildung und fortgesetzte Exsudation von Flüssigkeit vorhanden.
Bei sämintlichen Hausthierspecies kommen Ekzeme vor , und zwar meist an gewissen bevorzugten Stollen, selten über den ganzen Körper verbreitet.
Aetiologie. Häufig sind Ekzeme die Folge von mangelhafter Hautpflege, indem zersetzte Hautsecrete und andere reizende Stoffe entzündungserregend auf die Haut wirken. Ausserdem spielt aber
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Einfaches Ekzem.
auch die Nahrung und der Zustand der Verdauungsthätigkeit, der Ernährungs/.ustand etc., sowie die Beschaffenheit der ilusseren Haut selbst bei Entstehung von Ekzemen eine bedeutende Rolle. Eine feine, zarte, weisse Haut, sowie mit langen und dichten Mähnen oder Köthcn/öpfen besetzte Hautabschnitte werden am häufigsten von Ekzemen befallen. Durch diese und andere wenig oder gar nicht gekannte Factoren entsteht eine generelle oder auch eine individuelle Prädisposition für Ekzeme, in Folge deren das Uebel zum chronischen Verlaufe, oder zu Iteoidiven neigt oder gar habi­tuell und unheilbar wird.
Prognose. Die meisten Ekzeme sind ungefährlich, oft jedoch in verschiedenem Grade lästig, je nachdem sie Juckgefühl oder Schmerzen verursachen. Bei entsprechender Behandlung können fast alle Ekzeme radical geheilt werden; viele heilen sogar spontan. Eine Ausnahme machen die in constitutioneller Disposition wurzeln­den Ekzeme.
Die Behandlung der verschiedenen Ekzeme erfordert zunächst Reinlichkeit, weshalb die kranken Hautstellen von Schmutz mög­lichst schonend befreit und rein gehalten werden müssen. Die Art der Reinigung richtet sich nach dem Zustande, in welchem das Uebel zur Behandlung kommt; dasselbe gilt für die etwa anzu­wendenden Arzneimittel.
Zieht sich die Heilung in die Länge, so verdickt sich allmählig die Haut im Bereiche der von Anfang an entzündeten Stellen; die­selbe wird steif, weniger biegsam, an ihrer Oberfläche rauh, wobei sich Hisse und Schrunden bilden. Die Exsudation lässt bei chro­nischem Verlaufe in der Regel nach, womit eine stärkere Abschup­pung der Epidermis verbunden ist.
Man unterscheidet drei Hauptfbrmen des Ekzems, nämlich: das einfache Ekzem, das rothe Ekzem und das grindartige Ekzem.
n) Das einfache Ekzem (Ek/ema simplex).
Diagnose. Bei demselben schiessen auf massig entzündetem Boden kleine körnige Knötchen auf, welche sich in wenigen Stunden in wasserhelle Bläschen verwandeln. Diese treten meist zerstreut auf und nehmen vorzugsweise die Peripherie der afficirten Hautabschnitte ein. Sie trocknen zuweilen zu dünnen gelblichen Schuppen ein, unter denen die Epidermis sich regenerirt; häufiger aber platzen dieselben, wobei das aussickernde blassgelbliobo Serum die aus­fallenden Haare verklebt. Die Ausschwitzung aus der Haut dauert einige Zeit an (nässende Elechte), lässt dann nach, indem das Secret zu gelblichbraunen Schorfen eintrocknet (Sohorfflechte), unter welchen die exeoriirten Hantstellen verheilen. auf denen auch die Haare wieder hervorsprossen.
Das Exanthem kann so in kurzer Zeit sich wieder verlieren; es können aber auch Verzögerungen der Heilung eintreten, indem die ersten Eruptionen verschwinden, während an anderen Stellen
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Einfaches Ekzem.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;571
neue sich bilden; ebenso kann die Heilung sich verzögern, wenn die Patienten in Folge eines heftigen Juckgefühles die Haut wund reiben. Wird das Öebel vernachlilssigt, so nimmt dasselbe gern einen chronischen Verlauf und führt dann nach monate- oder jahre­langer Dauer zur Bildung von Schrunden, zur Wucherung der Haut und des suboutanen Bindegewebes, wobei die an der Hautoberfiache secernirte Flüssigkeit gewöhnlich einen penetranten üblen Geruch annimmt.
Die Prognose ist bei einfachem Ekzem im Allgemeinen günstig, da dasselbe bei einer entsprechenden Pflege und Behandlung der Patienten innerhalb 4 Wochen, bei frühzeitiger und zweckmässiger Behandlung nicht selten sogar innerhalb 8 Tagen abheilt. Anders jedoch gestaltet sich Ausgang und Verlauf bei Vernaohlilssigung, oder bei habitueller Prädisposition der Patienten ; nicht selten wider­steht in solchen Pillion das Uebel jeder Therapie, oder es treten Uecidive ein, welche sich manchmal immer wiederholen , wenn die Behandlung eine Zeit lang ausgesetzt wird.
Die Behandlung des einfachen Ekzems wird damit begonnen, dass die kranken Hautstellen von Schmutz möglichst schonend befreit und frei gehalten werden. Sind Schorfe, Borken oder Krusten etc. vorhanden, so lässt man dieselben mit lauwarmem Seifenwasser vorsichtig aufweichen und entfernen; nüthigenfalls werden dieselben 12 bis 24 Stunden vorher durch ein mildes Fett, Oel, oder durch GHyoerin bestrichen. Bei frisch entstandenem einfachen Ekzem ge­nügt es bei reiner Haut nicht selten, die kranken Stollen mit einer 1- bis 2procentigen Carbolsäurolösung zu irrigiren, um in kurzer Zeit Heilung zu erzielen; als Lösungsmittel ist für diese Fälle Branntwein, oder stark verdünnter Spiritus und eine 2- bis Smalige Application des Mittels täglich zu empfehlen. Statt in Lösung werden adstringirende Mittel auch in Salbenform oft mit gutem Erfolg angewendet, so z. B. Bleisalbe, Zinksalbe u. dergl. Manch­mal aber lassen derartige Lösungen und Salben im Stiche, während das Bepudern der kranken Hautstellen mit austrocknenden Mitteln, die natürlich fein pulverisirt sein müssen, sehr gute Dienste leistet. Ein billiges und recht wirksames Mittel ist für solche Fälle das aus Droguerien billig zu beziehende Zinkweiss (anstatt des theuren chemisch reinen Zinkoxyds): man wendet dasselbe in Verbindung mit adstringirenden Pflanzenpulvern, oder auch für sich allein an.
Schon während der ersten Stadien der entzündlichen Irritation kann man die kranken Hautstellen mit reizmildernden deckenden Pulvern bepudern, wozu Stärkemehl oder gewöhnliches Getreidemehl und Lycopodium sich besonders eignen ; denselben setzt man, sobald ein Nässen dos Exanthems sich eingestellt hat, adstringirende Pulver bis zu 10 Procent zu; Eichenrinde, Tannin, Zinkweiss, Bleizucker. Plumb, nitric, u. a. Adstringentien sind hier am Platze. Letztores Bleipräparat hat mir bei hartnäckigen veralteten Ekzemen vorzügliche Dienste geleistet, so namentlich bei zwei Pferden mit einem seit
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Das rothe und das grlndarlige Ekzem.
Jabr und Tag von vei'sobiedenen Thieriirzten fruchtlos behandelten Ekzem im Bereiche der Hinterfessel. Kings um fragliches Gelenk herum bestand eine bedeutende Aussclrwitzung, durch welche die Epidermis in einen stechend riechenden Brei verwandelt wurde. Dieser wurde mit Seifonwasser vorsichtig abgewaschen und die secer-nirende Flüche mit fein pulverisirtem Plumb, nitric, dick bestreut. Die Exsudation nahm vom Tage der Application an ab und in etwa 14 Tagen waren beide Pferde radical geheilt, nachdem ab und zu einzelne Stellen nochmals mit salpetersaurem Blei bepudert worden waren.
Wenn eine chronische trockene Abschilferung der Oberhaut in abnormem Grade fortbesteht, so ist nach dem Grade der vorhandenen Hautverdickung Terpentinseife, Opodeldoc, Seifenspiritus, Theerseife oder Holzessig in verschiedener Verdünnung einzureiben.
Eine innerliche Behandlung, sowie eine aussergewöhnliche Diät sind in der Kegel unnötliig, wenn keine Complication mit anderen Krankhcitszuständen vorhanden ist. Bei chronischen oder habituellen Ekzemen sind leichte Abführmittel (Aloö mit Calomel zn Pillen) in längeren Zwischenzeiten oder Diurotica eine Zeit lang fortgesetzt zu verabreichen. Auch kann man ein Pontan'oll vor die Brust legen, um zunächst eine vicarirende Absonderung an die Stelle der habi­tuell gewordenen Secretion der kranken Haut zu setzen.
1raquo;) Das rothe Ekzom (Ekzcina rubrum)
unterscheidet sich vom einfachen Ekzem durch eine heftigere Ent­zündung der Haut, wobei sehr schnell und dicht beisammen kleine Bläschen entstehen, die bald platzen, so dass die kranken Haut­stelleu demnach der Epidermis beraubt, geschwellt und geröthet er­scheinen ; an ihrer Oberfläche quillt unter Verlust der Haare eine gelbliche, klebrige Flüssigkeit hervor, welche sich fettig anfühlt (Fettfleohte) und später zu dicken bräunlichen Krusten eintrocknet, unter welchen die Heilung vor sich geht. Ein solches Ekzem kann nicht nur primär entstehen, sondern auch seeundär aus einem ein­fachen Ekzem unter ungünstigen Verhilltnissen sich entwickeln. Da die secernirte Flüssigkeit einen salzigen Geschmack hat, so hat der Volksmund dieses Ekzem als ^Snlzflnssquot; bezeichnet. Bei dieser Form des Ekzems wird die Bildung von Bläschen häufig nicht wahrgenommen und kann möglicherweise ganz fehlen.
c) Das grlndnrtig'c Ek/cm (Ek/einn impetiginoides)
ist dadurch charakterisirt, dass kleine Bläschen mit eiterigein, also nicht mit klarem, sondern mit trübem gelblichen Inhalte sich bilden. Die entzündliche Exsudation ist reichlich und verursacht eine partielle eiterige Schmelzung der Lederhaut, so dass in dieser Grübchen entstehen, welche auch nach Heilung des Ausschlages wahrnehmbar bleiben und weniger reichlich mit Haaren wieder bewachsen. Das eiterige Exsudat trocknet ein und bildet dicke
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Die Sohrundemnauke des Pferdes.
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gelbbraune bis dunkelbraune Krusten, unter welchen die unebene Hautflilche mit eiterigem Exsudat bedeckt ist. Allmählig lilsst unter entsprechenden Verhältnissen die Entzündung und Ausschwit/.ung an den kranken Hautstellen nach, womit Abheilung eintritt.
Prognose. Bei jüngeren Thioren können die grindartigen Ek/eme bedeutendere Störungen verursachen, und bei Schafen kommt der Grad des Wollverlustes in Betracht.
Die Behandlung des Ekzems erfordert zunächst Keinlichkeit. weshalb die kranken Hautstellen von Schmutz möglichst schonend gesäubert werden müssen.
Bei unseren Hausthieren kommen folgende Ekzeme vorzugs­weise in Betracht:
9. Die Schrunden- oder Fleclitenmauke des Pferdes.
Aetiologie. Dieses Uebel ist durch ein missendes Ekzem in der Fesselbeuge charakterisirt. Dasselbe kommt vorzugsweise bei gemeinen und unsauber gehaltenen Pferden vor, besonders wenn dieselben in schmutzigen Wegen oder im Stalle andauernden Verunreinigungen der Eüsse ausgesetzt sind, und wird deshalb auch „Schmutzmaukequot; genannt. Pferde mit langem Behang disponiren vorzugsweise zu fraglicher Hanterkrankung. In einem besonders hohen und hart­näckigen Grade werden namentlich die seit neuerer Zeit mehrfach in die Provinz Sachsen eingeführten Clydesdaler Pferde von einer bis gegen die Vorderfusswurzel hin an der Beugeseite der Glied-maassen sich ausbreitenden, stark nässenden Mauke befallen, deren radicale Heilung mir bis jetzt nicht hat gelingen wollen. Diese, sowie die gewöhnliche Mauke der Pferde ergreift häufiger die Hinter-lüsse als die Vorderfüsse.
Diagnose. Die gewöhnliche Pferdemauke beginnt mit entzünd­licher Schwellung der Haut in der Fessel beuge, wobei die Patienten den betreffenden Puss schonen, wodurch das Leiden gewöhnlich ent­deckt wird. Untersucht man nunmehr die kranke Gliedmaasse, so findet man die Haut an fraglicher Stelle geschwellt, vermehrt warm und empfindlich, sowie in Querfalten gelegt. Nach 24 Stunden bilden sich daselbst kleine Bläschen, welche sehr bald platzen und erst ein klares gelbliches klebriges, später ein trüberes Serum er-giessen. Zwischen den Querfaltcn und in deren Richtung entstehen Risse in der Haut, so dass dadurch das Uebel auch als „Schrunden-maukequot; bezeichnet wird. Die Haare fallen theils aus, anderontheils verkleben sie mit einander und sträuben sich. In der Regel bleibt der Ausschlag auf die Fesselbeuge beschränkt, zuweilen aber steigt er bis zum Fesselgelenko empor oder bis über dasselbe hinaus. Letzteres geschieht bei den Clydesdaler Pferden, soweit meine Er­fahrungen reichen, regelmässig. Im Uebrigen zeigen die Patienten keine auffallenden Gesundheitsstörungen; Fieber pflegt nur bei hef­tigerer und schmerzhafterer Entzündung der betroffenen Haut-
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.r)74nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Die Schrvuulenvnauke des Pferdes.
abschnitte, reap, bei tieier in diese eindringenden Hissen vorhanden HU sein, aber auch dann keinen hohen Grad zu erreichen.
Der Krankheitsverluuf ist einerseits von dem Zeitpunkte ab-lülngig, wann und unter welchen äusseren Verhältnissen eine zweck-mässlge Behandlung eintritt und durchgeführt wird; andererseits wird derselbe wesentlich beeinflusst durch die Beschaffenheit der Behaarung im Bereiche der hinteren Fläche des Fesselgelenkes. Unter günstigen Verhiiltnissen lilsst die abnorme Secretion der kranken Hautstellen bald nach; es bilden sich feste bräunliche Schorfe, unter welchen die Benarbuag der excoriirten Hautstellen und demnach die Losstossung der Schorfe erfolgt. Unter ungünsti­gen Verhältnissen dauert die Ausschwit/.ung an der kranken Haut-partie fort oder nimmt sogar zu und breitet sich weiter aus. All-mählig verdicken sich die Querwülste der Haut, die Epidermis ver­wandelt sich in einen schmierigen penetrant riechenden Brei, die Hautschrunden werden tiefer und breiten sich aus, wobei zunächst an den Bändern, später auch auf den Wülsten derselben üppige Granulationen hervorsprossen. Die verklebten Haare werden immer struppiger, so dass der Zustand nunmehr als „Straub- oder Igels-f'ussquot; angesprochen wird. Indem die Wucherung der Lederhaut und des suboutanen Bindegewebes zunimmt, bilden sich stärkere Haut­schwielen (Maukeschwielen), welche den betroffenden Fuss dauernd verunstalten, wenn auch die Ausschwitzung zum Stillstand gebracht wird. Im letzteren Falle bezeichnet man den Zustand als „trockenen Straub- oder Igelsfussquot;. An diesem schilfert die Epidermis beständig ab und der betroffene Fessel wird in seiner Gelenkigkeit dauernd beeinträchtigt. Bei einem solchen chronischen Verlaufe der Mauke bildet sich in Folge der damit verbundenen Circulationsstörungen, welche über die zuerst erkrankte Stelle hinaus sich fortsetzen, vor­erst Oedem und später eine speckige Verdiokung im subcutanen Bindegewebe der Nachbarschaft, unter deren Zunahme und Ver­dichtung der sogenannte „Elephantenfüssquot; sich entwickelt. Auch auf die Fleischhaut des Strahles kann der chronische Entzündungs-prozess überkriechen und zur Verschwärung des Strahles, resp. zur Entstehung des sogenannten „faulen Strahles1' führen.
Die Prognose ist im Allgemeinen günstig, da bei frühzeitiger angemessener Behandlung radicale Heilung bald erzielt zu werden pflegt. Nur bei Pferden mit langen Köthenzöpfen, namentlich bei solchen der Clydesdaler Race, sowie bei Vernachlässigung des Uebels nimmt dieses einen chronischen Verlauf an und vermindert dadurch die Brauchbarkeit der betreffenden Thiere schliesslich in mehr oder weniger bedeutendem Grade. Das Abscheeren des langen Behanges im Bereiche der hinteren Fläche des Fesselgelenkcs und der Beuge­sehnen des Kronen- und Hufbeins steigert eher das Uebel, resp. die Disposition für dasselbe, als dass es dasselbe mindert.
Therapie. Im Allgemeinen gelten für die Behandlung mauke­kranker Pferde die früher gegen Ekzeme angegebenen Vorschriften.
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Die Mauke und
ReaonfUule der Schafe.
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[m ersten Stadium der Hautentziuulung ist eine rei/.iuildornde 13e-liandlung (Bepudern mit indifferenten Pulvern, Anstriche mit Fett, milden fetten Oeleu, Glycerin u. dergl., Einwickhingeu in Watte, Jute oder Flachs etc., Fussbildern oder Waschmitteln) vorzuziehen. Gegen stark nässende Mauke werden die bekannten uusti'ocknenden Mittel und gegen Verdickungen die verschiedenen Präparate der Kaliseife angewendet. Werden Fussbilder von Seifenwasser oder Pottaschelösungen (1 : 2.r) bis 100) gemacht, so lasse man jedesmal sofort nach dem Bade die nasse Haut mittelst eines weichen wollenen Lappens fast trocken reiben, um dadurch einerseits Erkältungen vorzubeugen, andererseits die Resorption anzuregen. — Bei veralteter, sehr hartnäckiger nässender Mauke, namentlich bei sogenanntem „feuchten Straub- oder Igelsfussequot; kann folgende kräftig umstim­mende Behandlung versucht werden: Eine concentrirte Lösung von Kali causticum (1 : 2 Wasser) wird auf die zunächst gereinigte kranke Hautfläche energisch eingepinselt und demnach mit der nass ge­machten Hand tüchtig eingerieben, und zwar so lange, bis ein weisser Schaum sich bildet. Zunächst sickert demnach viel Flüssigkeit aus und eine starke entzündliche Reizung stellt sich ein. Diese bekämpft man durch wiederholte Irrigationen mit kaltem Wasser, wobei man die kranke Hautpartie mit der Hand leicht frottirt. Nachdem so die Aetzwirkung beseitigt ist, wird das Verfahren (Bepinselung mit derselben Aetzkalilösung etc.) wiederholt und dies etwa von 8 zu 8 Tagen fortgesetzt, bis Heilung eintritt. Es gibt überhaupt eine grosse Menge gegen fragliche Krankheit wirksamer Mittel; so z. B. kann auch das Sublimat in verschiedener Form und Concentration, rothes und weisses Präcipitat, die verschiedenen Vitriole, Alaun, Höllenstein u. s. w. gute Dienste leisten. Die richtige Wahl des für jeden Einzelfall passenden Mittels setzt eine gewisse Hebung in der praktischen Beurtheilung pathologischer Zustände, voraus.
Die innerliche Behandlung1 richtet sich nach den für Ekzeme früher angegebenen Vorschriften ; eine solche ist nur bei veralteten und hartnäckigen Fällen angezeigt.
10. Die Mauke der Schafe.
Ein ähnliches Ekzem soll auch im Bereiche der Fesseln bei fein­wolligen Schafen zuweilen vorkommen, wenn dieselben an feuchten Orten sich aufhalten. Die Therapie würde hier zunächst für Fern-haltnng der Ursachen zu sorgen haben und nöthigenfalls nach den für Mauke angegebenen Vorschriften einzurichten sein. Wichtiger ist
11. Die Regenfäule der Schafe.
Aetiologie und Diagnose. Bei schlecht genährten Schafen mit offenem Vliess kommt es beim Weidegange in Folge andauernden Regenwetters nicht selten zur Ekzembildung im Bereiche der oberen Körperabschnitte (quot;Kreuz. Kücken, Widerrist etc.), der vom Nacken
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576nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Maulgi'ind ueugeborenev Thiore.
bis zur Schweifwurzel sich zuweilen erstreckt. Die sich abhebende Epidermis (Bläschen) platzt sehr bald, worauf an den kranken Haut­stellen eine seröse Flüssigkeit aussickert. Die Haut ist an den be­treffenden Stellen entzündlich geschwellt, gesteigert empfindlich, von Bissen und Schrunden durchfurcht. Die Epidermis ist aufgequollen und losgestossen oder verschorft, die Wolle verklebt und gelockert. In Folge des vorhandenen Juckgefühles werden durch Kratzen und Scheuern der kranken Hautstellen die gelockerten Wollbüsohol zum grossen Theile entfernt. Dauern die schädlichen Einflüsse fort, so breitet sich das meist auf dem Kreuze und Rücken beginnende Ek­zem nach dem Halse und Kopfe zu aus, wobei die Patienten immer mehr abmagern und schliesslich an Entkräftung zu Grunde gehen. Werden dieselben aber den schädlichen Einflüssen nicht zu spät entzogen, so erfolgt stets spontane Abtrocknung und Heilung.
Die Therapie beschränkt sich darauf, die Patienten bei an­haltend nassem Wetter in einem trockenen Stalle unterzubringen und mit gutem Trockenfutter zu ernähren. Bei schönem, trockenem Wetter tritt auch ohnehin spontan Genesung ein.
12. Das Teigmal oder der Maulgrind der Kälber und anderer neugeborener Thiere.
Diagnose und Prognose. Diese Krankheit kommt bei Kälbern, Lämmern, Ziegen und Ferkeln vor und besteht in dem Auftreten von runden weissen Flecken um das Maul herum und an anderen Stellen des Kopfes, seltener am Halse und an anderen Körpertheilen. An den betreffenden Stellen bilden sich bald kleine Pusteln, welche schnell zu gelb- oder schwarzbraunen, zuweilen zusammenfliessenden Krusten eintrocknen. Unter diesen dauert der Eiterungsprozess fort, so dass nach Entfernung derselben immer wieder neue Borken sich bilden, die wie mit Mehl überstreut erscheinen; die Haare fallen an den betreffenden Stellen aus. Im günstigen Falle tritt nach einer mehrwöchentlichen Dauer des Leidens spontane Heilung ein, indem die Schorfe mit Hinterlassung einer Narbe abfallen. Nicht selten jedoch stellt sich bei mit Maulgrind behafteten Thioren ein Allgemein-leiden ein, in Folge dessen sie in ihrer Ernährung sehr zurück­gesetzt werden. Es erklärt sich leicht, dass dies wegen der Schmerzen, resp. Beeinträchtigung der Nahrungsaufnahme geschieht.
Aetiologie und Therapie. Dieses Exanthem soll durch einen Pilz (Trichophyton tonsurans) erzeugt werden. Die Behandlung hat zunächst für Aufweichen und vorsichtiges Entfernen der Schorfe zu sorgen. Demnach finden Quecksilberpräparate eine geeignete An­wendung: weisse Präcipitatsalbe 1:4, rothe Präcipitatsalbe 1:8: ferner Carbolsäuro mit Spiritus oder Glycerin (1 : 10—20); auch Carbolsäure mit Fett und Kaliseife (1 : 10 von jedem der letzteren).
Wegen der etwa möglichen Ansteckung gesunder Thiere ist die Trennung dieser von den Kranken rnthsam. (S. S. 245.)
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Russ der Ferkel. Raspe und Grind der Pferde.
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Das Dienstpersonal muss mau darauf aufmerksam machen, dass es sich bei Kälbern mit Maulgrind möglicherweise inficiren kann.
13.nbsp; nbsp;Der Russ der Ferkel.
Bei jungen Schweinen bilden sich zuweilen an verschiedenen Stellen der äusseren Haut, und /.war über sämmtliche Körpergegenden verbreitet, kleine Pusteln mit einem zähen klebrigen Inhalte, welche zu dicken schwarzen Schorfen (Pechräude) eintrocknen, unter welchen die Exsudation fortdauert. Die benachbarten Hautstellen fühlen sich fettig an, werden dicker und faltig. Obgleich die Patienten bei gutem Appetit zu sein scheinen, so werden sie doch an der Futteraufnahme durch den vorhandenen starken Juckreiz verhindert. Auch wird die Assimilation der Nahrungsmittel durch die anhal­tende Beunruhigung der Thiere durch Scheuern und Kratzen be­einträchtigt , so dass bei längerer Dauer des Leidens Abmagerung eintritt.
Die Ursache dieses Hautausschlages ist nicht näher gekannt, die Behandlung desselben die nämliche wie beim Teigmal der Kälber und Lämmer, oder der Glatzflechte.
14.nbsp; nbsp;Die Raspe der Pferde.
An der Beugeseite der Fusswurzelgelenke kommt bei Pferden zuweilen ein chronisches Ekzem vor, bei welchem die Haut sich verdickt, haarlos und faltig wird und sich stark abschuppt (Schuppen­flechte) oder mit grauen Borken sich besetzt (Borkenflechte). Das üebel verursacht ein Juckgefühl und in Folge dessen Scheuern und Kratzen der kranken Stellen durch die Patienten. Die Ursachen sind nicht genau bekannt, zum Theil aber wohl in mangelhafter Hautpflege gegeben. Die Behandlung richtet sich nach den allge­meinen Regeln ; sie ist um so eher von Erfolg, je frühzeitiger und pünktlicher sie durchgeführt wird. Im veralteten Zustande, nament­lich wenn bereits Entartungen der Haut sich gebildet haben, ist die Raspe ein hartnäckiges Üebel.
15. Der Grind der Pferde.
Dieses Exantbem kommt ausser als „Lippengrindquot; als „Mähnen-grindquot; und als „Schweifgrindquot; vor.
a)nbsp; Als Lippengrind findet man denselben bei Weidepferden mit weissem Maul, um welches herum auf der hyperämisohen, zuweilen rissigen Haut kleine, flache, gelbe Krusten meist dicht gedrängt beisammen stehen.
b)nbsp; Der Milliiicu- oder Halsgiind kommt bei unrein gehaltenen Pferden nicht selten vor. Längs des Kammrandes, sowie an den Seitenflächen des Halses und im Bereiche des Schopfes bilden sich etwa erbsengrosse Pusteln, welche platzen und ein eiteriges Exsudat
Pütz, Compomlium der ThlorhoilkundL1.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;37
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578nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hiuitjuoken,
liefern, dus die Haare verklebt. Durch Eintrocknung desselben ent­stehen gelbliche oder gelbbraune Schorfe, unter welchen die unebene Haut fortgesetzt ein eiteriges Exsudat liefert, das zur Verdickung der Schorfe das erforderliche Material liefert.
c) Der Schweifgrind besteht in einem ganz ilhnlichen Zustande der Haut an der Sohweifrübe. Mit demselben ist in der Regel ein bedeutender Juckreiz verbunden, durch welchen die grindigen Pferde veranlasst werden, die kranken Stellen energisch zu scheuern, wenn sich hierzu Gelegenheit bietet. In Folge dessen werden die Haare an den betreffenden Stellen abgerieben.
Der Lippengrind ist meist leicht zu heilen, wilhrend der Schvveif-und Mähnengrind oft i-echt hartnäckig sind und leicht recidiviren; dies ist namentlich dann der Fall, wenn nicht dauernd eine bessere Hautpflege eintritt. Die Behandlung richtet sich nach den gegebenen Vorschriften.
Aus vorstehender Darstellung der Ekzeme ergibt sich, dass die Eintheilung der Hautausschltlge in acute und chronische, wie unsere sämmtliohen künstlichen Classificirungen, ihre Milngel hat. Wir haben Exantheme kennen gelernt, welche bald acut, bald chronisch verlaufen, somit eine Mittelstellung in unserem Systeme einnehmen. Da indess der Verlauf derselben bei frühzeitiger sachgemilsser Be­handlung gewöhnlich ein acuter und nur unter besonderen un­günstigen Verhältnissen ein chronischer zu sein pflegt, so sind sie unter diejenigen Hautkrankheiten mit aufgenommen worden, welche gewöhnlich ihre Endschaft bald erreichen. Es gibt aber auch Haut­krankheiten, welche stets fieberlos und mehr oder weniger chronisch verlaufen, aber trotz der Uebereinstimmung in diesen Punkten in Bezug auf Form, Localisation und Ausbreitung über die Körperdecke sich sehr verschieden verhalten. Hierhin gehören:
II. Chronische Hautkrankheiten:
das Hautjucken, die Schiilknötchcn oder Schwindflechten und die Hitzknötchen des Pferdes.
1. Das Hautjucken, Prurigo.
Diagnose. Pferde und llindvieh bekunden öfter, bald auf ein­zelnen Körperstellen beschränkt, bald über mehrere Körperstellen verbreitet, ein starkes Juckgefühl, welches namentlich bei stäi'ker atigeregter Hautperspiration durch lebhaftes Scheuern und Ueiben sich zu erkennen gibt und gewöhnlich mit, seltener ohne Knötchen-bildung auftritt. Die Knötchen sind entweder sehr klein und weich, vereinzelt und dann schwer wahrnelunbar, oder sie sind etwas grosser, derber und flach gewölbt. Werden dieselben aufgescheuert, so be­decken sie sich mit einem nadelkopf- bis linsengrossen dünnen Schorfe, indem die betreffenden Hautstellen gereizt, niissend, wund oder gar blntiff werden. Dieser Zustand ist selbstverständlich verschieden von
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Schwindflochten.
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Hatitjucken, welches im Gefolge iinderer Krankheiten (Gnubbcrkrank-heit, Wollfressen der Schafe etc.), oder in Folge von anderen Exan-theinen, sowie von Haut- und Eingeweideparasiten (Würmer und Larven können After- und Nasenjuckon verursachen) auftritt. In Rede stehendes Hautjucken dauert mindestens einige Wochen oder Monate lang fort; besonders hartnäckig pflegt dasselbe zu sein, wenn die Knötohen grosser und über den Körper verbreitet, namentlich in der Sattellage und weiter über den Rumpf zerstreut sitzen. Ge­wöhnlich verschwindet dasselbe im Winter, kehrt aber spilter wieder und kann so Jahre lang remittiren und recidiviren. Die Haare werden im Laufe der Zeit abgerieben, stehen verworren und fallen sohliesslich aus.
Aetiologie. Die Ursachen sind nur sehr ungenügend erkannt. Beschuldigt werden verschiedene Dinge, so z. B. erhitzende Nahrungs­mittel, eine abnorme Beschaffenheit (Schärfe) des Blutes und der Hautausdünstung, Verdauungsstörungen u. dergl. m. Die wärmeren Jahreszeiten, der Eintritt des Harn wechseis, sowie jede Hyperämie und unreine Haltung der^Haut sind der Entstehung und Steigerung des Uebels förderlich.
Die Prognose ist insofern günstig, als das Leiden nie den Tod bedingt; immer aber belästigt dasselbe die Patienten und widersteht manchmal lange Zeit jeder Behandlung, weshalb insofern die Pro­gnose unsicher ist.
Die Behandlung ist eine rein empirische. Oeftere Reinigung der kranken Hautstellen mit Seifenwasser, Waschungen derselben mit Lösungen von Sublimat (1 : 200 bis 500) oder mit 1- bis 2pro-centiger Carbolsäure genügen oft für die geringeren Grade des üehels, während die höheren Grade ausserdem die Anwendung inner­licher Mittel erfordern. Zunächst ist eine Aloflpille (20 bis :?0 gr Alofi, 2 gr Calomel und die zur Pillenmasse erforderliche Menge Schmierseife) zu verabreichen und nach Bedürfniss von 8 zu 8 Tagen zu wiederholen. In den Zwischenzeiten verabreicht man Wachholder-beeren mit Kochsalz, unter das Kurzfutter gemischt. Auch Arsenik kann in Dosen von 0,5 gr einmal täglich mit dem Mittagsfutter etwa einen Monat lang verabreicht werden. An Stelle der Alo^pille kann man auch Breohweinstein mit dem Getränk verabreichen, und zwar für Pferde 8 gr, für Rindvieh 15 gr täglich. Tritt weiches Misten ein, so wird dies Mittel ausgesetzt. Nässende oder geschwürige Stellen worden nach den bekannten Vorschriften behandelt.
2. Die SchwiLdflechten.
Diagnose. Bei Wiederkäuern und Pferden, besonders bei jün­geren Thieren und bei solchen mit zarter Haut, stellt sich häufig zur Zeit des Haarwechsels eine Dermatitis ein, bei welcher sich in Gruppen stehende kleine Knötchen bilden, die nur unbedeutend nässen und allmählig wieder verschwinden. Das geringe Secret
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580nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hitzknötohen des Pferdes.
trocknet auf der Haut ein und bildet einen kleinen Schorf, der mit den Haaren sich löst und abfällt. Bei Schafen steigen an den be­treffenden Hautstellen Wollflöckchen in die Höhe, wodurch Verdacht auf Räude entstehen kann. Das Juckgefühl äussert sich aber bei der Schwindflechte in der Regel nur in der ersten Zeit dieser Hautkrankheit, oder gar nicht; nie reiben oder begnubbern sich die Patienten in bedeutenderem Masse. Die entstandenen linsen- bis erbsengrossen kahlen Hautstellen sind entweder trocken, leicht ge­ritzt und schilferig (Schilferflecke oder Schwindflechte), oder sie sind mit etwas Exsudat bedeckt, welches eintrocknet und nach seiner Losstossung eine weisse, zarte, zuweilen leicht geröthete Epidermis (Sehälknötchen) hinterlässt. Schilferflecke findet man bei Pferden zur Zeit des Haarwechsels sehr häufig, selten aber Sehälknötchen. Da diese meist schnell und zahlreich besonders am Halse entstehen, so machen dieselben leicht den Eindruck, als wenn die betreffenden Thiere mit einer weissen Flüssigkeit bespritzt worden wären. Im Verlaufe einiger Wochen tritt vollständige Heilung ein, indem die Haare, resp. Wolle wieder nachwachsen. Treten zunächst die Knöt-chen vereinzelt auf, so kommen gewöhnlich Nachschübe vor, was seltener der Fall ist, wenn sofort eine stärkere Eruption erfolgt.
Aetiologie. Die Ursachen sind nicht bekannt; Hyperämie der Haut, verursacht durch den Haarwechsel, oder durch erhitzende Arbeit im Sommer, durch heisse, dunstige Ställe im Winter, sind der Entstehung dieses Uebels günstig.
Prognose und Behandlung. Die Heilung erfolgt regelmässig, ohne dass eine besondere Behandlung nothwendig ist. Besondere nennenswerthe Unregelmässigkeiten im Verlaufe kommen bei dieser Hautkrankheit nicht vor; Arzneimittel können bei derselben ganz entbehrt werden. Allenfalls mögen Glycerin oder Vaseline bei Trockenheit der Haut oder gegen Schorfe applicirt werden.
3. Die Hitzknötohen des Pferdes.
Diagnose. Im Sommer kommt bei Pferden an allen Thoilen des Körpers, besonders aber am Halse, eine chronische Entzündung im Bereiche der Talgdrüsen und Hautfollikel vor, wodurch Knöt-chen sieh bilden, welche meist durch Verstopfung des Haarbalges, resp. des Ausführungsganges der Talgdrüsen, verursacht werden. Diese Knötchen sind linsen- bis erbsengross und sitzen entweder tiefer in der Haut, über welche sie sich nur flach hervorwölben, oder sie liegen oberflächlicher und bilden halbkugelförmige feste Erhabenheiten, die gewöhnlich gruppenweise beisammen, aber auch vereinzelt und zerstreut sich finden. Dieselbon verlieren sich mich längerer Zeit wieder, nachdem sie die eine oder andere der folgen­den Veränderungen erlitten haben. Gewöhnlich fallen in der Mitte des Knötchens einige Haare aus, wobei eine kloine, etwa nadelstich-grosse Oeffnung (die Talgdrüsenmündung) an demselben sichtbar
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Hitzknötohen der Schafe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 581
wird, aus welcher auf Druck eine talgähnliohe, zuweilen grützeähn­liche, selten eiterige Masse hervorquillt (Talgknötchen); wenn aus der Ooifnung etwas Blut oder Serum aussickert, so bildet sich aus diesem durch Eintrocknen ein kleiner Schorf, ein sogenanntes „Hitz-knötchenquot;. Die Knötchenbildung schützt vor Verwechslung mit der Baude des Pferdes, von welcher das Exanthcm selbstverstilndlich sich wesentlich unterscheidet, weshalb der Name „Sommerräudequot; unpassend ist und deshalb von Sachverständigen nicht gebraucht werden darf.
Wenn die unmittelbar an die Talgdrüse anstossendo Cutis mit in den Entzündungsprozess hineingezogen wird, so kommt es auf der Mitte des Knötchens im Bereiche des Ausführungsganges der Talgdrüse entweder zur Bildung eines Bläschens, oder einer kleinen Pustel (Pustelfinne oder Aknepustel), wodurch beim Eintrocknen ein Schorf entsteht, nach dessen Abfallen ein deutliches Grübchen sich zeigt, oder es bildet sich in Folge von Bindegewebswucherung in der Cutis ein hartes Knötchen, welches die Hautoberfläche über­ragt (Akne indurata oder Pseudotuberkel der Haut). Durch an­haltenden, öfter wiederkehrenden Druck auf solche Stellen von Seiten der Bekleidungsgegenstände der Reit- und Zugpferde etc. wird die Hautstelle schwielig (Schwielentuberkel). Auch können dadurch Eiterherde mit Entzündung der benachbarten Lymphgefässe, resp. sehr schmerzhafte Furunkel entstehen. Allmählig wird die betrof­fene Hautpartie in fortschreitender Ausbreitung enthaart, rauh und rissig, indem sie mit wei.ssgrauen Schilfern sich bedeckt.
Aetiologie. Als mitwirkende Pactoren bei Entstehung dieser Hautkrankheit werden beschuldigt: individuelle Disposition, jugend­liches Alter, trockenes, brüchiges Haar, guter Ernährungszustand, vernachlässigte Hautpflege, anstrengende Thätigkeit, besonders im Sommer, Grünfutter u. dergl.
Prognose und Therapie. Die Prognose ist günstig, insofern Heilung stets ohne bedenkliche Nebenzufälle eintritt; wenngleich bei der Knötchenflechte Juckgefühl sich bemerkbar machen kann, so gehört dieses Exanthcm doch zu denen, welche die Thiere im Allgemeinen wenig oder gar nicht belästigen. Eine Behandlung dieses Ausschlages tritt gewöhnlich nur dann ein, wenn derselbe in auffallenderem Masse sich entwickelt hat; einzelne Knötchen heilen stets spontan, wenngleich erst nach mehren Wochen oder Monaten. Ausdrücken der Zerfallsproducte, Entfernung der Schorfe, sowie der Gebrauch anregend zertheilender, oder kühlend zertheilender Ein­reibungen, nicht zu kräftige Diät und allenfalls ab und zu eine Aloepille sind die Mittel, durch welche die Abheilung dieses Exan-thems eventuell beschleunigt werden kann.
4, Die Hitzknötchen der Schafe.
Auch bei Schafen kommen Hitzknötchen vor, und zwar bei den Nearetti besonders die Talgknötchen, welche vorzugsweise die obere
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582nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Atrophie der Haare und Weichselzopf.
innere Schenkelflilclie, sowie die benachbarten Bauch- und Brust­partien einnehmen. Da dieselben keine auffallende Störungen ver­ursachen, so werden sie in der Regel nicht weiter beachtet.
5. Circumscripte Atrophie der Haare. Alopecia circumscripta
(Area Celsi).
Bei Pferden findet man zuweilen, besonders am Halse, scharf umschriebene, runde oder unregelmilssige haarlose Hautinseln, welche pigmentlos, oder aber dunkler pigmentirt, trocken und mit Epidermis-schüppchen besetzt, aber nicht verdickt sind. Bei stärkerem Juck­reiz kann es durch Reiben und Kratzen zur Bildung kleiner Schorfe oder Blutkrüstohen kommen; auch kann das Uebel allmählig weiter sich ausbreiten und schliesslich den grössten Theil der Körperober­fläche einnehmen. Von der eigentlichen Glatzflechte (Herpes ton-surans) unterscheidet sich diese Hautkrankheit durch den Mangel des betroffenden Pilzes (Trichophyton tonsurans), sowie durch Nicht-contagiositilt; auch fehlen an den kahlen Stellen die Haarstümpfe, welche bei der Glatzflechte die kahlen Stellen bedecken.
Das Uebel besteht in einer Ernährungsstörung der Haut, deren Ursachen nicht bekannt sind.
Bei eintretender Heilung bedecken sich die kahlen Stellen zu­nächst mit weichen, wolligen Haaren, die aber schliesslich eine nor­male Beschaffenheit annehmen.
Bestimmte Indicationon, oder empirisch erprobte Mittel gibt es für die Therapie nicht. Spirituöse Einreibungen oder andere, die Haut belebende Mittel können eventuell versucht werden; eine ordent­liche Hautpflege darf natürlich nicht vernachlässigt werden.
6. Der quot;Weichselzopf, Plica polonica.
Die Mähnen-, Schopf- und Schweifhaare werden bei Pferden zuweilen durch ein schmieriges, übel riechendes Secret zu verwirrten Strängen und Knäueln verklebt. Diese Krankheit kommt vorzugs­weise bei vernachlässigter Hautpflege in Polen (im Weichselgebiete), in Russland und in der Tartarei vor; ihr eigentliches Wesen ist noch nicht erkannt. Dieselbe kommt keineswegs ausschliesslich bei schlecht gereinigten Thieren vor, so dass eine unsaubere Hakung und vernachlässigte Hautpflege wohl als begünstigende Momente, keineswegs aber als eigentliche Ursache des Weiohselzopfes ange­sehen werden können. Diese glaubte Walther in einem Pilze ent­deckt zu haben, den er „Trichophyton sporuloidesquot; nannte. Von anderen, und zwar von namhaften Autoren (Skoda, Hebra), wird indess bestritten, dass dieser Pilz der eigentliche Krankheitserreger sei; sie betrachten denselben als etwasSecundäres und ganz Zufälliges.
Audi bei anderen Thieren (so wie beim Menschen) kommt in fraglichen Gegenden der Weichselzopf vor; beim Rindvieh an der Schwanzquaste, beim Hunde am Grunde des Ohres und beim Men­schen am Kopfhaar.
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Anomalien des Haarwechsels.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 583
Die Prognose ist ungünstig, insofern wir ein wirksames Mittel gegen dieses Uebel nicht kennen; dasselbe ist meist unheilbar, aber nicht lebensgeftlhrlich.
7. Anomalien des Haarwechsels.
Wie alle Körpergebilde, so werden auch die Haare beständig erneuert. Bei allen Thieren ist ein allmilhlig, aber ununterbrochen vor sich gehender Haarwechsel vorhanden; ausserdem tritt bei den meisten Hausthiergattungen gewöhnlich im Frühjahre noch ein perio­discher, in kurzer Zeit ablaufender Wechsel des ganzen Haarkleides auf, an welchem nur die langen Haart; des Schopfes, der Mähnen, des Schweifes etc. nicht Theil nehmen. Bei unseren Hansschafen kommt dieser periodische allgemeine Haarwechsel überhaupt nicht vor (während auf Island das Schaf im Juni den Pelz wechseln soll). Bei Schweinen und Hunden ist der periodische Haarwechsel weniger auffallend als beim Pferde und Binde, weshalb die Anomalien dieses Wechsels auch vorzugsweise bei den beiden Thiergattungen in Be­tracht kommen. Während des periodischen Haarwechsels ist die Disposition der betreifenden Thiere, an den Folgen sogenannter Er­kältungen zu erkranken, grosser als zu anderen Zeiten. Die Ab-härungszeit fällt in der Eegel in die Monate März und April und dauert gewöhnlich einige Wochen. Während dieser Zeit äussern die Thiere häufig ein Juckgefühl, indem sie die Haut benagen und scheuern. Hierdurch wird die Abstossung entwurzelter Haare be­fördert, was durch sorgfältiges Striegeln und Bürsten der Haut ebenfalls geschieht.
Nicht selten kommen im Haarwechsel Unregelmässigkeiten vor.
a)nbsp; Eine Verzögerung des Haarwechsels oder das unvollständige Abhären der Pferde oder Rinder im Frühjahre, sowie glanzloses und struppiges Haar zeugen für eine abnorme Hautthätigkeit. Dieser Anomalie können verschiedene Ursachen zu Grunde liegen, die be­kannt oder unbekannt, entfernhar oder nicht entfernbar sind. Hier­nach richtet sich Prognose und Behandlung, indem die Entfernung der Ursachen häufig auch die Wirkung dieser, resp. die Krankheit qu. sich von selbst verliert. Den Haarwechsel begünstigen fleissigos Putzen der Haut (Striegeln und Bürsten), Eindecken der betreffenden Thiere mit wollenen Decken und alle Mittel, welche die Thätigkeit der Haut, sei es direct oder indirect, anregen. Es kommen hier namentlich in Betracht: Wachholderbeeren, Brechweinstoin, Arsenik lind andere, die Verdauungsthätigkeit und Assimilation fördernde Arzneikörper und Nahrungsmittel. Eine angemessene Ernährung der betreffenden Thiere mit leicht verdaulichen, aber nahrhaften Futtermitteln unterstützt die Kur wesentlich.
b)nbsp; nbsp;lgt;as Ausfallen der Haare, resp. der Wolle über den ganzen Körper aussei- der Zeit des periodischen Haarwechsels und ohne sofortigen normalen Nachwuchs, resp. Ersatz des Haarkleides ist in Ernährungsstörungen der Haut bedingt, die gewöhnlich in schweren
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Vergiftungen.
inneren Allgemeinleiden ihren Grund haben. Die Behandlung hat sich nach diesen zu richten. Wo die Beschaffenheit der Haarbälge xmd deren Papille nicht wesentlich alterirt worden ist, wachsen nach Beseitigung der betreffenden Grundursache die Haare wieder. Sind aber jene Gebilde erheblicher verändert oder gar zerstört, so wird dadurch im ersteren Falle gewöhnlich der Verlust des Haarpigmentes und im letzteren Falle fortdauernde Haarlosigkeit der betreffenden Körperstellen bedingt.
8. Xenbildungen, resp. GreschwUIste kommen im Bereiche der äusseren Haut nicht selten vor; die Beseitigung derselben erfolgt meist auf operativem Wege. Warzen oder Papillome, Fibrome, Carcinome, Sarcome, Lipome u. s. w. kommen in der Haut mehr oder weniger häufig vor.
C. Vergiftungen.
Als Vergiftung bezeichnet man im Allgemeinen lebensgefährliche Krankheitszustände, welche durch Einverleibung zu grosser Mengen einer dem Organismus fremden Substanz verursacht worden sind. Der mit dem Worte „Giftquot; verbundene Begriff ist demnach ein sehr dehnbahrer und leicht können schätzbare Arzneikörper, selbst diäte­tische Mittel bei ungeeignetem Gebrauche derartige gefährliche Zu­stände im Gefolge haben. Gewöhnlich aber versteht man unter ,Giftquot; solche Substanzen, welche schon in kleinen Quantitäten dem Thierkörper einverleibt, in diesem lebensgefährliche oder tödtlicho Krankheiten hervorrufen.
Vergiftungen kommen bei unseren Hausthieren häufig und zwar in Folge sehr verschiedener Ursachen vor. Man kann die Gifte nach ihrer Natur in „belebte' und in „unbelebtequot; unterscheiden.
Die meisten Ansteckungsstoffe werden den belebten Giften zu­gezählt; so z. B. das Milzbrandgift, Pockengift, Kotzgift u. s. w.. welche wir bei Besprechung der sogen. Infectionskrankheiten bereits kennen gelernt haben. An dieser Stelle werden uns nur die unbe­lebten Gifte und die durch sie bedingten Krankheitszustände be­schäftigen. Die verschiedenen Substanzen , welche im Allgemeinen den unbelebten Giften zugezählt werden, sind nicht allen Thiergat-tungen in gleichem Maasse gefährlich, so dass die nämliche Substanz bei einer Gattung giftig, bei einer anderen weniger oder gar nicht giftig wirkt. Näheres hierüber lehrt die Toxicologie. Hier sollen und können nur die bei unseren Hausthieren am häufigsten vor­kommenden Vergiftungen kurz besprochen werden.
Die unbelebten Gifte sind entweder organische, oder unorga­nische. Die hierin gehörigen organischen Gifte stammen aus dem
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Lmpineiiki ankhoit.
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Pflanzen- und Thierreiche; die anorganischen aus dem Mineralreiche. Das Gift der Bienen, Wespen, Hornisse, verschiedener Schlangen und der Canthariden sind die uns interessirenden Thiergifte.
Die bei unseren Hausthieren #9632;vorkommenden Vergiftungen be­fallen nicht selten eine grössere Anzahl Thiere derselben Wirthschaft ziemlich gleichzeitig, so dass dadurch eine grosse Aehnlichkeit mit dem Auftreten gewisser Ortsseuchen sich zeigen kann. Es ist dies namentlich dann der Fall, wenn die Schädlichkeit in gar nicht, oder in schwer zu beseitigenden Dingen, z. B. in landwirthschaft-lichen Erzeugnissen , in gewerblichen Anlagen , in Bergwerken, in Hüttenbetrieb etc. gegeben ist. So sehen wir z. B. die Lupinose, die Schlempemauke, die Zellgewebswassersucht meist in grösserer Verbreitung unter den betroffenen Viehbeständen auftreten ; die Hüttenrauchskrankheiten, Bleivergiftungen und andere hierhin ge­hörige Intoxicationen kommen in manchen Gegenden stationär vor, wahrend sie an anderen Orten , wo die ursächlichen Momente für gewöhnlich fehlen, nur ausnahmsweise, oder gar nicht auftreten. Wir wollen die Vergiftungskrankheiten unserer Hausthiere mit Eücksicht auf die Herkunft der betreffenden Gifte nachstehend kurz besprechen.
I. Vergiftungen durch Substanzen vegetabilischer Her­kunft.
Manche Pflanzen enthalten scharfe, oder narkotische Stoffe, oder sogen. Alcaloide etc., welche Vergiftungszufillle zu verursachen im Stande sind. Zunächst mögen diejenigen Krankheiten hier ihre Stelle finden, welche durch gewisse pflanzliche, leider noch wenig oder gar nicht näher gekannte Gifte entstehen, die verschiedenen landwirthschaftlichen Producten häufig anhaften, so dass sie in manchen Wirthschaften oder Gegenden nicht selten bedeutende Verluste bedingen.
1. Die Lupinenkrankheit oder Lupinose der Schafe.
Bereits seit dem Anfange der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts ist man auf die Lupinenkrankheit der Schafe aufmerksam geworden. Etwa 10 Jahre später fing man in manchen Gegenden an, die Lu­pinen in grösserem Umfange anzubauen und in beträchtlicheren Mengen an Schafe zu verfüttern , wodurch unter diesen zeitweilig grosse Verluste verursacht worden sind. In Preussen sind es nament­lich die Provinzen Westpreussen, Pommern, Schlesien, Brandenburg und Sachsen, welche durch die Lupinenkrankheit viele Schafe ver­loren haben. Beispielsweise sei hier angeführt, dass in der Provinz Pommern ein Kreis von seinen 240,000 Schafen 14,PJ8 Stück an der Lupinenkrankheit im Verlaufe eines Jahres verloren hat, womit ein weiterer Verlust von 13,000 Lämmern, welche weniger als sonst zur Aufzucht kamen, verbunden war. Einzelne Wirthschaften haben in einem Jahre über die Hälfte, ja bis zu quot;/i ihres ganzen Schafbestandes
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Liipiuenkriinkheit.
durch die Lapinose eingebüssb. Uie ersten Masseiierkrankungen naoh Lupiuenfütterung wurden im Jahre 1872 in Schlesien beobachtet.
Aetiologie. Das schädliche Agens in den Lupinen ist zur Zeit noch nicht sicher ermittelt, so viel gilt indess als feststehend, dass dasselbe ein in den Lupinen unter gewissen (unbekannten) Um-stilnden sich bildendes chemisches Gift ist. Die Versuchung lay nahe, auch hier zunächst Pilze als Krankheitserreger zu beschuldigen. Diese Annahme verlor indess an Wahrscheinlichkeit, als man die Thatsache kennen lernte, dass nicht selten die Krankheit qu. nach der Aufnahme solcher Lupinen entstand, welche scheinbar von ganz tadelloser Beschaffenheit, namentlich trocken eingebracht worden waren und keine Spur von Pilzbefallung u. dorgl. zeigten: noch unhaltbarer wurde die Pilzhypothese dadurch, dass Lupinen, welche mit Pilzen befallen waren, die man als Krankheitserreger beschul­digt hat, sich meist insofern als unschädlich erwiesen, als die Schafe, welche selbige verzehrten, entweder ganz gesund, oder wenigstens frei von der Lupinenkrankheit blieben. Wenn nun auch erwiesen ist, dass Pilze nicht direct als Krankheitserreger hier in Betracht kommen, so kann doch die von Dammann, Kühn und Anderen aus­gesprochene Vermuthung, dass Pilze bei Entstehung des betreffenden chemischen Körpers irgend eine KolLe spielen, nicht ohne Weiteres von der Hand gewiesen werden. Wenn dies aber auch wirklich der Fall sein sollte, so würden Pilze doch immer nur als entferntere Krankheitsursache eine Kolle spielen, so dass die Lupinose nicht zu den eigentlichen „Mykosen oder Infectionskrankheiten' gehört.
Durch Roberts und Liebschers Versuche ist zuerst nachgewiesen worden, dass ein mittelst Glycerin aus giftigen Lupinen extrahir-barer fennentartiger Körper der eigentlichen Lupinonkrankheit ähn­liche , oder gleiche Erscheinungen zu erzeugen vermag; Kühn hat fraglichen Körper „Icterogenquot; genannt und gefunden, dass derselbe auch durch Wasser ausgezogen werden kann. Es hat dies inso­fern eine wichtige practische Bedeutung, als sich dadurch die von Schafbesitzern und Thierärzten öfter gemachte Wahrnehmung er­klärt, dass Lupinen, welche längere Zeit hindurch in kleineren Haufen im Felde gelegen hatten und öfter beregnet waren, keine Lupinose verursachten, während auf demselben Felde gewachsene und gleich­zeitig gemähte Lupinen , die gut getrocknet und ohne Regen ein­gebracht worden waren, oft in hohem Grade giftig wirkten, indem ihr Genuss die Lupinenkrankheit bald zur Folge hatte. Während doni-gemäss der giftige Körper durch liegen etc. ausgelaugt wird. Wird derselbe nach Kuhns Versuchen durch trockene Wärme nicht zerstört.
Scliliesslich sei noch bemerkt, dass nach den Mittheilungen von Reinemann und Jansen auch Erbsen und Bohnen, sowie Wicken­stroh, in einzelnen Fällen bei Schafen eine der Lupinose ganz ähn­liche, wenn auch weniger acute; Erkrankung verursacht haben.
Diagnose. Nachdem eine kürzere oder längere Zeit hindurch entweder nicht ganz reife, ungedroschene, getrocknete Lupinen
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Lupinenkrankheit.
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(Lupiiienheu), oder getrocknete Lupinenkörner und -Schalen gefüttert woraen sind, wobei dieses Putter für's Erste nicht selten gern, später aber ungern , eine Zeit lang (oft nur wenige Tage hindurch) ver­zehrt worden ist, verschmähen die betreffenden Schafe plötzlich das Futter, indem Verdauungsstörungen verschiedener Art, Athem-beschwerden, Gehirnerscheinungen und Fieber sich wahrnehmbar machen. Zuweilen sind die Patienten aufgeregt, nieist aber depri-mirt; sie stehen in der Regel stumpfsinnig in einer Ecke des Stalles, stützen den Kopf gegen die Wand, oder sie bewegen sich im Kreise, oder liegen theilnahmlos am Boden. Der Kothabsat/, ist bald ver­zögert, bald nicht; im ersteren Falle werden feste Kothmassen unter Schmerzen abgesetzt, während im anderen Falle die Excremente weicher, zuweilen blutig sind, und einen widerlichen Greruch ver­breiten; auch der meist in kleinen Quantitäten, aber häufig entleerte Urin ist zuweilen blutig gefärbt; derselbe enthält Eiweiss, Fibrin-cylinder, Grallensäureu und Gallenfarbstoff, sowie gelblich gefärbte Nierenepithelien. Die Bindehaut des Auges, sowie die äussere Haut zeigen meist eine bald mehr, bald weniger intensive Gelbfärbung; dieselbe ist zuweilen nur wenig oder gar nicht wahrnehmbar. Der Puls ist beschleunigt, die Temperatur massig erhöht (bis 41deg; C). Nach einer Krankheitsdauer von gewöhnlich etwa 3 bis 5 Tagen pflegt der Tod einzutreten, der nur dann etwa abgewendet werden kann, wenn die Lupinenfütterung sofort ausgesetzt wird, nachdem erst ein geringer Grad der Vergiftung eingetreten ist. Aber auch dann können noch nach längerer Zeit Todesfälle eintreten, indem die Krankheit einen schleichenden Verlauf annimmt. So z. B. secirtc ich am 18. Januar 1881 ein in der vorhergegangenen Nacht ver­endetes Versuchsschaf des hiesigen landwirthschaftlichen Institutes, das bis zum 27. December 1880 mit giftigen Lupinen, seitdem aber mit gesundem Futter ernährt worden war. Bei demselben fand ich bereits am 27. December die Augenlidbindehaut gelblich gefärbt und am Cadaver neben allgemeiner Gelbsucht die gewöhnlichen Erschei­nungen der Lupinose.
Prognose. Die Vorhersage bei der einmal zum Ausbruche gekommenen Lupinenkrankheit der Schafe ist im Allgemeinen un­günstig, insofern die meisten offenbar erkrankten Thiere sterben, wenn das Uebel nicht sofort erkannt und die Fütterung der schäd­lichen Lupinen unverzüglich ausgesetzt wird.
. Pathologisch-anatomischer Befund. Bei der Section an Lupi­nose verendeter Thiere findet man im Allgemeinen folgende Daten: Die Cadaver sind in der Eegel abgemagert. Beim Abziehen der äusseren Haut fliesst aus den durchschnittenen Blutgefässen des Unterhautbindegewebes dunked gefärbtes Blut ab. Die Erscheinungen der Gelbsucht beschränken sich nicht auf die Augenlidbbindehaut und die äussere Haut, sondern sind weit verbreitet und treten namentlich am abgehäuteten Cadaver an den Seitenflächen des Kopfes, des Brustgewölbes und der Gliedmaassen deutlifh hervor; aber auch
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588nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lupinenkrankheit.
die Bauohdeoken zeigen eine mehr oder weniger ausgeprägte Gelb-filrbung. #9632;— Die Leber ist meist auffallend gelb gefärbt und prall, an ihrer Oberfläche glatt, die Gallenblase massig ausgedehnt und mit einer dunklen, braungelben, wenig klebrigen Flüssigkeit erfüllt. Auf der Schnittfläche erscheint das Leberparenchym entweder gleich-massig gelb gefärbt oder stellenweise ziegelroth oder bläulich; die Gallengänge sind oifen und zeigen keine wahrnehmbaren Verände­rungen ; ebenso ist der nach dem Darm führende Gallenblasengang stets offen. Ein Hinderniss für den Abfluss der Galle nach dem Darm ist somit nicht vorhanden. Bei mikroskopischer Untersuchung ergibt sich, dass die Leberzellen destruirt, fettig und körnig entartet sind; das Bindegewebsgorüst enthält weisse Blutkörperchen in grosser Anzahl; die Leber ist häufig vergrössert, in der Regel blutarm, ihre Consistenz ist verschieden. Nach weniger acutem Verlaufe der Krank­heit findet man die Leber kleiner; es scheint dann im Verlaufe der Lupinose zur llesorptiou des in die Leber eingelagerten Fettes ge­kommen und eine „acute gelbe Leberatrophiequot; vorhanden zu sein (Schütz). Die Milz erscheint meist etwas geschwellt. Der Darm-canal zeigt weniger constante Veränderungen; derselbe ist manchmal in grösserer oder geringerer Ausbreitung fleckig geröthet oder bräun­lich verlärbt, und seine Blutgefässe, namentlich die des Dünndarmes, sind häufig stark gefüllt. Die Nieren sind bald braunroth, bald mehr bläulich; ihre Oberfläche ist glatt. Die fibröse Kapsel lässt sich stets leicht und ohne besondere Beschädigung der Rinden-subsanz ablösen; letztere erscheint fleckig oder streifig und zeigt häufig einen verschiedengradig gelben Ton. Das Nierenparenchym ist stark durchfeuchtet, zuweilen von kleineren Blutaustretungen durchsetzt. Auf der Schnittfläche ist die Grenze zwischen Rinden-und Marksubstanz rosuroth mit schmutziggelbem Ton; die Glome-ruli sind nicht zu erkennen. — Die Lungen sind stets sehr blut­reich, ödematös; die Bronchien mit blutigem Schaume erfüllt. — Der Herzbeutel zeigt häufig einen gelblichen Schimmer. Die Gefässe und die Hohlräume des Herzens sind meist mit Blut erfüllt und zwar enthält auch die linke Herzkammer manchmal einen dunklen, meist lockereu Blutpfropf. Ekchymosen finden sich bald hier, bald dort, namentlich zerstreut an verschiedenen Abschnitten der serösen Häute der Brust- und Baucheingeweide, zuweilen auch im Unter­hautbindegewebe. — Das Gehirn fand ich stets von normaler Con­sistenz; seine Blutgefässe stark injicirt, die Oberfläche sowie die Schnittfläche zeigten einen gelblichen Ton.
Behandlung und Vorbeuge. Mit arzneilichen Mitteln ist bis jetzt bei Lupinose kein Erfolg erzielt worden. Ob Abführungsmittel und Säuren, welche Roloff auf Grund der Thatsache vorgeschlagen hat, dass das betreffende Gift in alcaliscben Flüssigkeiten leicht, in sauren Flüssigkeiten hingegen schwer sich löst, in der Schafpraxis etwas leisten werden, ist noch unentschieden.
Wichtiger als jede medicinische Behandlung ist die sofortige Einstellung der Fütterung mit Lupinen, sobald diese bei dem einen
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Lupinenkrankheit.
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oder anderen Suhafe sich als schädlich erwiesen haben. Es dürfte sich empfehlen, mit frisch geernteten Lupinen zunilchst Probefütte­rungen bei einzelnen Schafen anzustellen, wobei zu berücksichtigen wäre, dass auf ein und derselben grösseren Parzelle giftige und nicht giftige Lupinen wachsen können.
Um die Gefahren der Lupinenfütterung zu beseitigen, hat Kühn folgendes einer näheren Erwägung und Prüfung anheimgegeben:
„Man lege den Schwerpunkt des Lupinenbaues in die Körner­gewinnung, weil die Heubereitung aus grünen Lupinen die grösste und am schwersten zu beseitigende Gefahr einschliesst. Dabei ist zu beachten, dass die früher empfohlene weisse römische Lupine bei der klimatischen Beschaifenheit von Mittel- und Nord-Deutschland keinerlei Vorzüge vor der gelben oder blauen Lupine bietet, sondern später und in minder günstigen Jahren nur sehr unvollkommen reift. Da die gelbe Lupine in Deutschland am meisten angebaut wird, so ist es leicht erklärlich, dass die Lupinose am häufigsten nach der Fütterung jener, nicht selten aber auch nach der Fütte­rung blauer oder weisser Lupinen beobachtet worden ist. Die Lupinenkörner sollen zur Sicherung vor jeder Gefahr niemals un-präparirt verabreicht werden. Wo nur ein gewöhnlicher Futter­dämpfapparat vorhanden ist, in welchem die Erwärmung nicht über 105quot; C. gesteigert werden kann, da wende man die von Dr. Oscar Kellner empfohlene Präparationsmethode an; 24stündiges Einquellen, einstündiges Dämpfen und zweitägiges Auslaugen unter öfterem Um­rühren und Erneuern des mit den aufgelösten Substanzen geschwänger­ten Wassers. Die Körner ergeben bei dieser Methode allerdings 15 bis 20quot;/raquo; Verlust an Trockensubstanz, welcher jedoch bei reifen Körnern die minder werthvollen stickstofffreien Extractstoffe betrifft. Diese Verluste an Nährstoffen werden aber reichlich aufgewogen durch eine gesteigerte Verdaulichkeit und eine vortheilhafte Ein­wirkung auf die Verdauung der in dem beigegebenen Rauhfutter enthaltenen Kohfaser.'
Bei den bezüglichen Versuchen Kuhns wurden die nach der Kellner'schen Methode behandelten Lupinenkörner von Schafen, Ziegen und Rindern sehr gern gefressen und selbst von Pferden und Eseln willig aufgenommen. — Bei Milchkühen wurde die Tagesgabe pro 1000 Pfund Lebendgewicht auf 3,5 Pfund gesteigert, ohne dass sich auch bei einer längere Zeit anhaltenden Fütterung irgend welche Störungen der Gesundheit ergaben. Die Milchseoretion war quan­titativ recht befriedigend und die Qualität von Milch und Butter ausgezeichnet gut.
Wo ein Dampfapparat fehlt, kann einstündiges Kochen anstatt dos einstündigen Dämpfens in Anwendung kommen. Inwiefern die Extraction des Giftes durch Auslaugen oder Dämpfen in den ver­schiedenen Fällen ausführbar erscheint, ist von den vorhandenen Wirthschaftsverhältnissen abhängig. Fehlen hierzu die erforderliehen Bedingungen, so muss die Fütterung der giftigen Lupinen entsprechend reducirt werden, wenn dieselbe nicht ganz vermieden werden kann.
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590nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Lvipinenkrankheit.
Das Luplnonstroh kann auch als Streumaterial in Pferde- und in Kühstillleii nicht ohne Gefahr verwendet werden, da durch das­selbe bei fraglichen Thieren Lupinose erzeugt worden ist. Giftiges Lupinenstroh dämpfe man mit 1 Atmosphilre Ueberdruck, oder setze es vor der Fütterung längere Zeit der Einwirkung des Kegens aus, indem man es in kleinen Häufchen, oder in dünner Lage im Freien ausbreitet. Ebenso verfahre man mit unreifen Lupinen, wenn solche verfüttert werden müssen.
Der mit langer Ackerlage und Auslaugen halbreifer Lupinen verbundene Stoffverlust ist stets erheblich; die im reifen Zustande geernteten Lupinen werden bei rationeller Behandlung immer eine höhere Bodenrente gewähren, selbst wenn das Stroh nur zum Streu-werthe veranschlagt wird.
Kühn ist der Ansicht, dass bei entsprechender Behandlung die Lupine von ihrem Anbauwerthe nichts verloren habe, sondern dass nur eine etwas grössere Vorsicht bei ihrer Cultur und Verwendung erforderlich sei. So bleibe sie nach wie vor eine der einträglichsten Nutzpflanzen des Sandbodens.
Wildt (Posen) empfiehlt Chlor oder unterchlorige Säure zur Entgiftung der Lupinen. Derselbe weicht die Lupinenkörner in salzsäurehaltigem Wasser ein und versetzt sie nachher mit Chlor­kalkwasser. Das sich bildende Chlorcalium entfernt er durch wieder­holtes Aufgiessen von Wasser.
In Bezug auf die giftige Wirkung schädlicher Lupinen bei an­deren Hautshieren sei hier zunächst bemerkt, dass Kreisthierarzt Wegener Pferde in Folge des Genusses von Lupinen in ähnlicher Weise wie Schafe erkranken sah. (Mittheilungen aus der thierärzt-lichen Praxis im preuss. Staate, 1879 S. 21 u. 1880 S. 27.) Die­selben taumelten im Stalle herum, stützten zeitweise den Kopf auf die Krippe, knirschten mit den Zähnen und benahmen sich ganz wie dumme Pferde. Der Puls war hart und 60- bis 04mal in der Minute zu fühlen. Das Athmen geschah ruhig, die Kothentleerung war verzögert. Die Augenlidbindehaut und die Maulschleimhaut zeigten eine auffallende Gelbfärbung; der Urin , welcher häufig in kleinen Portionen abgesetzt wurde, hatte eine dunkle Farbe. Die Pferde bekundeten eine auffallende Neigung, Streu, die von Urin durchtränkt war, zu verzehren.
Kalte Umschläge auf den Kopf, innerlich Calomel und Glauber­salz, sowie Klystiere von kaltem Wasser führten Genesung herbei, nachdem reichliche Darmentleerungen eingetreten waren.
Es scheint demnach die Gefahr für Pferde weniger gross zu sein, als für Schafe, da bei diesen Genesung von der Lupinenkrank-heit nur selten erfolgt, sobald Eingenommenheit des Kopfes sich deutlich bemerkbar macht. Wenn aber die Fütterung von Lupinen sofort ausgesetzt und ein anderes gesundes und geeignetes Futter verabreicht wird, sobald die ersten Erscheinungen der Krankheit sich zeigen, dann tritt auch bei Schafen häufig Genesung ein, ohne dass eine medioinisohe Behandlung eingeleitet wird.
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Schlempumauke.
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Bei einem '/-i Jahre alten Yak-Bastarde des landwirthschat't-liohen Institutes der Universität in Halle a. S., welcher neben ge­wöhnlichem Killberfutter abgenommene Milch von Kühen erhalten hatte, die durchschnittlich tilglich 8 Pfund gedämpfte Lupinenkörner empfingen, wurde am 5. Januar 1881 bemerkt, dnss derselbe Abends keine Presslust zeigte; am folgenden Morgen stand das Thielquot; mit gesenktem, gegen die Wand gestemmtem Kopfe im Stalle. Als man den Patienten von seinem Standorte wegschob, drilngte derselbe taumelnd nach vorwärts und rannte mit dem Kopfe gegen die Stall­wand ; bereits um 7 Uhr des nilchstfolgenden Morgens trat der Tod ein.
Bei der 4 Stunden nachher vorgenommenen Section fand ich im Wesentlichen folgendes:
Die Leber war an ihrer OberÜiiche und auf der Schnittfläche ziegelroth, nahm aber an der atmosphärischen Luft alsbald eine gelbe Parbe an. Alle übrigen Befunde waren ähnlich wie bei Schafen, welche an den Polgen der Lupinose zu Grunde gegangen sind. Auch hier habe ich einigemal bei Sectionen, welche bald nach Eintritt des Todes vorgenommen wurden, ähnliche Parbenverände-rungen an der Leber eintreten sehen.
Der mikroskopische Befund ergab die nämlichen Veränderungen des Leberparenchyms wie bei der Lupinenkrankheit der Schafe.
Unter ähnlichen Erscheinungen starb in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 1881 in demselben Stalle ein 10 Tage altes Kalb, das nur die Milch seiner Mutter verzehrt hatte. Letztere hatte täglich ein massiges Quantum gedämpfte Lupinen erhalten.
Bei der am 29. Januar, Vormittags 10 Uhr, vorgenommenen Section fand ich an der Oberfläche des Cadavers eine allgemein ver­breitete leichte Gelbfärbung. Die Leber war an ihrer ganzen Ober-rtäche, sowie auf den Schnittflächen deutlieh gelb gefärbt, das Leberparenchym mürb, die Leberzellen zum Theil hochgradig fettig degenerirt, zum Theil in einen körnigen Detritus zerfallen. Von einer acinösen Anordnung der Leberzellen war keine Spur mehr zu finden.
Diesen mikroskopischen Befund traf ich bei dem am (i. Januar secirten Yak-Bastard in sehr ausgeprägter Weise.
Eine Gefahr für den Menschen scheint durch den Genuss von Pleisch an Lupinose erkrankter Thiere nicht hervorgerufen zu werden. Wenn aber die Gelbfärbung einen hohen Grad erreicht und auch die Muskeln ihr gesundes Ansehen verloren haben, so ist das Pleisch ekelerregend und darum nicht bankfähig.
2. Die Schlempemauke des Rindviehs.
Diagnose. Diese Krankheit ist erst seit wenigen Jahrzehnten bekannt und hat namentlich seit Einführung einer reichlichen Pütte-mng mit Kartoffelschlempe eine grössere Verbreitung und Beach­tung gefunden. Dieselbe besteht in einer bald mehr oberflächlichen, bald tiefer gehenden Entzündung der äusseren Haut vorzugsweise an den Pussenden, weniger häufig und allgemein an anderen Körper-
l
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tr)92nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schlempeimiulie.
stellen; ihr Ausbruch ist nicht selten mit einem deutlich wahrnehm­baren Fieber verbunden. In der Eegel zeigen sich die localen Er­scheinungen zuerst an den hinteren Gliedmaassen, nur selten werden später auch die Vorderbeine mit ergriffen. Zuweilen aber erkranken diese zuerst oder sogar für sich allein. Das Leiden tritt nur in seltenen Fällen an allen Füssen gleichzeitig auf, auch fehlt es nur ausnahmsweise an allen Füssen, während in einer etwas modificirten Form die localen Prozesse an irgend einer anderen Körperstelle sich entwickeln. Die übrigen etwa zum Theil erkrankten Stallgenossen pflegen aber auch dann in der gewöhnlichen Weise von der Schlempe­mauke ergriffen zu sein.
Die betroffenen Stellen der Haut sind zunächst blutreich, ge­schwellt; bald nachher erscheinen sie, sowie auch das ihnen benach­barte Unterhautbindegewebe serös infiltrirt, worauf die Epidermis sich in Form von Bläschen abhebt. Nach dem Platzen dieser Bläschen besteht eine speeifisch muldrig riechende Ausschwitzung fort, welche nach einigen Tagen, raanclunal erst nach einigen Wochen zu Borken von verschiedener Dicke eintrocknet. Der Ausschlag, welcher an beschränkten Stellen über dem Hufe (bis über das Fussgelenk hinaus) zu beginnen pflegt, breitet sich von da aus langsam aus, ohne für gewöhnlich die Fusswurzelgelenke zu überschreiten. Derselbe er­regt namentlich zur Zeit der Bläscheneruption ein starkes Haut­jucken. Die Thiere logen sich nicht gern, kratzen oder reiben sich viel, treten unruhig hin und her etc. Wo Fieber vorhanden war, verliert sich dasselbe mit der Bläscheneruption. In hochgradigen Fällen kommt es zu brandigem Absterben einzelner entzündeter Hautpartien, zur Betheiligung der Lymphgefässe, zur Eiterbildung und zu Ablagerungen an verschiedenen Körperstellen. Eine der­artige Verschlimmerung des Leidens kann die Folge von anhalten­dem oder starkem Eeiben, Scheuern oder Benagen der kranken Hautstellen, oder von anderweitigen nachtheiligen Einflüssen sein. — Bei intensiver Schlompefütterung pflegt früher oder später Durch­fall einzutreten, der aber auch fehlen kann; in der Kegel jedoch sind die Excremente weicher als bei ganz gesunden Thieren.
Der Verlauf der Schlempemauke ist meist ein gutartiger; in günstigen Fällen lässt die Ausschwitzung unter den dünnen bräun­lichen Borken alsbald nach, so dass diese bereits in 8—14 Tagen abfallen mit Hinterlassung einer neu benarbten Haut. Nicht selten aber kommen auch hartnäckige und selbst tödtlich endende Fälle vor. Letztere stehen namentlich dann in Aussicht, wenn die Schlempe­fütterung selbst in höheren Graden des Leidens nicht aufgegeben, oder nicht auf ein Minimum beschränkt worden kann. Wo es zur Bildung von tieferen Hautgeschwüren, von Rissen und Schrunden kommt, wo namentlich grössere Quantitäten eines schlechten, übel riechenden, ätzenden Eiters sich bilden, da pflegt die Krankheit sich wochen-, selbst monatelang hinzuziehen, wobei die Patienten abmagern und in Folge von Blutvergiftung sogar zu Grunde gehen können.
Aetiologie. Eine gewisse individuelle Disposition ist hier, wie
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Schleinpemauki;.
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bei anderen Krankheiten, nicht zu verkennen; es geht dies daraus hervor, dass in ein und demselben Stalle bei ganz gleicher Fütte­rung und Pflege gewisse Thiere schwer, andere leicht und wieder andere gar nicht erkranken. Verhilltnissmässig häufig und schwer werden Bullen und Ochsen von der Sohlempemauke ergriffen, Ferner tritt in Viehbestilnden mit starkem Viehwechsel die Krank­heit im Allgemeinen häufiger und heftiger auf, weil die neu ange­kauften Thiere einestheils noch nicht an das Getränk gewöhnt sind, andernthoils weil ihnen dasselbe gewöhnlich sehr zusagt und sie in Folge dessen grosse Mengen desselben gierig aufnehmen.
Die Ursachen der Schlempemauke sind noch wenig erforscht; wir wissen nur, dass dieselben zur Fütterung von Kartoffeln, deren Kraut und besonders deren Branntweinschlempe in einer gewissen Beziehung stehen. Man hat auch die Verunreinigung der Fassenden mit Urin, Koth u. s. w. beschuldigt; diese Dinge mögen allenfalls die Bisposition erhöhen, können aber an und für sich die Krank­heit nicht erzeugen. Dass eine Beschmut/.ung der Beine etc. an und für sich nicht die Ursache dieses Ekzems ist, lehrt die That-Sache, dass dasselbe bei reichlichen Darniausleerungen nach längerer Fütterung von Klee, Rübenblättern u. s. w. nicht entsteht und selbst in solchen Ställen fehlen kann, wo neben starken Durchfällen in Folge von Kartoffel- oder Schlempefütterung die grösste Unrein-lichkeit, somit neben der inneren Schlempewirkung auch die Mög­lichkeit zur umfangreichsten Beschmutzung der Hinterbeine und anderer Körpertheile geboten ist. Andererseits kann dieselbe bei der grössten Reinlichkeit und bei reichlicher Streu in heftiger Weise auftreten. Auch verschont die Schlempemauke zuweilen jahrelang solche Stallungen, in welchen sie bis dahin herrschte, ohne dass in der Fütterung oder in anderweitigen diätetischen Dingen eine be-inerkenswerthe bekannte Aenderung eingetreten wäre. Wenn dem­nach die Sohlempemauke durch einfache Verunreinigungen der Beine nicht entsteht, so können diese indess möglicherweise eine Haut­entzündung im Bereiche der Fesseln, eine sogenannte „Schmutz­in aukequot; verursachen.
In neuerer Zeit wurde die Sohlempemauke für eine parasitäre Krankheit erklärt und einerseits Milben, andererseits Pilze als eigent­liche Krankheitserreger beschuldigt. Die zur Prüfung dieser beiden Ansichten angestellten Experimente sind nicht zu Gunsten der para­sitären Natur fraglicher Krankheit ausgefallen, insofern längere Zeit hindurch fortgesetzte, anhaltende Befeuchtung der Extremitäten mit Schlempe, welche die inficirendeu Pilze enthalten sollte, sowie Ueber-tragungen der betreffenden Milben die Krankheit nicht zu erzeugen vermochten. Die Beobachtung, dass die Krankheit am häufigsten und heftigsten gegen die Frühjahrszeit aufzutreten pflegt, lässt ver­muthon , dass der Keimungsprozess, resp. der grössero Gehalt der Kartoffel an Solanin oder an einem anderen Gifte zur Entstehung der Sohlempemauke wesentlich mit beiträgt. Weder nach irgend einer anderen Schlempe (Maisschlempe, Getreideschlempe u. s. w.)
Pütz, Oompondlum der Thlerhellkimdo.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;38
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594nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Schleiupeiiiauko.
noch nach irgend einem anderen Futtermittel entsteht in Rede stehendes Ekzem. (Vergl. S. 596.)
Der Umstand, dass in einem Stalle, in welchem die Schlempe-mauke herrscht, alle Rinder, welche keine Schlempe erhalten, ver­schont bleiben, .spricht ebensowohl gegen die Contagiositftt dieser Hautkrankheit, als für deren Abhängigkeit von der Schlempe- resp. Kartoft'elfntterung. Von hoher praktischer Bedeutung ist die Beob­achtung, dass die Milch von Kühen, welche mit rohen Kartoffeln oder mit Kartott'elsehlempe reichlich gefüttert werden, für Saug­kälber schädlich wirkt; ruhnlhiiliche Durchlalle sollen oft schnell den Tod fraglicher Thiere herbeiführen. Bei Ernährung inensch-licber Säuglinge mit Schlempemilch will man ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Professor Hennig in Leipzig gibt an (Jahrbuch für Kinderheilkunde, Bd. VTI, 1873), dass bei Kindern, welche mit Milch ernährt wurden, die von mit Kartoffelschlempe gefütterten Kühen stammte, unreine Haut, leichteres Wundwerden derselben bei reichlicher Urinausscheidung beobachtet worden sei.
Demnach scheint das schädliche Agens, was in den fraglichen Futtermitteln enthalten ist, löslich zu sein und mit der Milch zum Theil wieder aus dem Organismus des Melkviehs entfernt zu werden. Es dürfte hierin eine Erklärung für die bereits erwähnte Thatsache zu finden sein, dass Ochsen verhältnissmässig häufiger und schwerer erkranken als Kühe, und dass unter diesen die Milchkühe relativ wieder am seltensten und leichtesten von Schlempemauke befallen werden. Hochträchtige Thiere, sowie melkende Kühe sollten deshalb nur mit geringen Quantitäten, oder am besten gar nicht mit ge­nannten Mitteln gefüttert werden.
Die Frage, wie viel Rauhfutter zur Schlempe etc. verabreicht werden muss, um die nachtheiligen Wirkungen dieser fern zu halten, ist schwer zu beantworten. Sogar bei einer Verfütterung von nur ca. 50 Pfund Schlempe pro Stück und Tag kann die Schlempemauke in bösartiger Form auftreten, während in anderen Fällen selbst bei reichlichster Schlempefütternng die Krankheit nicht auftritt. Es scheint also auf eine zur Zeit noch unbekannte giftige Qualität der verabreichten Schlempe anzukommen, ob sie in Rede stehende Krank­heit zur Folge hat oder nicht.
Prognose. Die Prognose richtet sich vorzugsweise nach den ökonomischen Verhältnissen. Kanu die Fütterung mit schädlicher Schlempe aufgegeben oder bedeutend reducirt werden, so ist sie in der Regel günstig, sonst sehr unsicher oder ungünstig.
Pathologisch-anatomischer Befund. Da die Schlempemauke nicht direct, sondern immer nur indirect durch hinzugetretene Com-plicationen den Tod zur Folge hat, so bedingen diese zum Theil das Sectionsergebniss. Aussei- den durch die Schlempemauke ver­ursachten Veränderungen im Bereiche der afficirten Hautstellen finden sich die Erscheinungen einer Blutvergiftung. Letztere kann, aussei' durch dasSehlempegift, durch tiefer greifende Schlempemauke-
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Schlempoimiuko.
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gescliwüre, odei- aber durch brandige Herde in Folge von Dui'Oh-liegen der Patienten etc. herbeigeführt worden sein.
Behandlung und Vorbeuge. Die Behandlung der Schlempe-manke hat vor allen Dingen darauf Bedacht zu nehmen, die Fütte­rung zu ändern; wo es thunlich ist, wird die Schlempe etc. ganz, weggelassen oder möglichst spUrlich verabreicht. Die rohen Kar-t.oil'eln müssen vor ihrer Fütterung oder Einmaischung sorgfältig von allen Keimen befreit werden.
Verabreichung einer entsprechenden Menge llauhfutters, die Neutralisation saurer Schlempe, Reinlichkeit im Stalle, namentlich reine, trockene Streu, sind der Heilung förderlich, da der Krankheits­verlauf dadurch günstig beeinfiusst werden kann. Auch soll ein Zusatz von Maisschlempe die schädliche Wirkung der Kartoifel-schlempe zu mindern oder aufzuheben im Stande sein.
Die arzneiliche Behandlung wird nicht ohne Nutzen durch An­wendung feuchtwarmer Bähungen von Wasser, Schlempe, Heusamen-brtthe u. s. w. eingeleitet, namentlich wenn es sich um Milderung starker Schwellung und schmerzhafter Spannung der betreifenden Hautstellen handelt. Diese Mittel sind indess zu entbehren und werden wegen der Unbequemlichkeiten und möglichen Nachtheile, welche durch ihren Gebrauch bedingt sind, wenig mehr verordnet. Statt dieser Bähungen kann man die entzündeten Hautstellen mit einem milden Oele, oder mit (ilycerin bestreichen. Sobald Aus­schwitzung eingetreten ist, empfehlen sich austrocknende Mittel, z. B. Waschungen mit Bleiwasser, Eichenrindenabkochung, Carbolöl (1 Theil Carbolsäure in 15 bis 20 Theilen warmen Oels gelöst), oder spirituöse Carbolsäurelösungen (1 Theil roher Carbolsäure in 10—20 Theilen Branntwein). Gerühmt wird eine Auflösung von Bleizucker in Leinsamenschleim (1 : 10)V.
Die angegebenen eoncentrirten Lösungen finden bei stärkerer Ausschwitzung Anwendung, während sie gegen geringere Grade in entsprechenden Verdünnungen angewandt werden können. Ein billiges und wirksames Mittel ist eine 2 bis öprocentige Kupfervitriollösung. Alle diese Mittel können täglich 2 bis 3mal angewendet werden.
Die vorhandenen Borken lässt man ruhig sitzen, falls nicht etwa tiefer liegende Geschwüre oder die Behinderung der Beweglichkeit in den Gelenken ihre Lösung, resp. Entfernung erheischen. Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Schlempemauke milder zu verlaufen pflegt, wenn die Thiere eine angemessene Bewegung haben, als wenn sie ruhig im Stalle stehen bleiben; deshalb werden Mastochsen im Allgemeinen stärker von fraglichem Leiden heimgesucht als Arbeitsochsen.
Demgemäss dürfte es sich empfehlen, die an Schlempemauke erkrankten, oder besser noch, alle mit Schlempe gefütterten Thiere täglich einige Stunden in's Freie zu bringen, damit sie sich einige Bewegung verschaffen können. In manchen Fällen soll der Zusatz von phosphorsaurem Kalk, in noch anderen Fällen der Zusatz von fetthaltigen Substanzen zur Schlempe die schädliche Wirkung der­selben aufgehoben haben.
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39(3
Allgemeine Zellgewebswassersucht des Rindviehs.
3. Die allgemeine Zellgewebs- oder Bindegewebs-Wassersuclit des
Rindviehs.
Aetiologie. Diese Krankheit kommt fast ausschliesslich unter den Ochsen der Zuckeri'abrikwirthschuften vor und ist in den be­treffenden Districten fast jedem Tlüerar/.te aus eigener Anschauung bekannt. In manchen Jahrgängen herrscht, sie unter den betreffen­den Itindviehbeständen in grösserer, gewissennassen enzootischer Verbreitung. Bei Kühen kommt dieselbe selten und zwar nur dann vor, wenn sie die nämliche Diät und Pflege haben, wie der Oohsen-bestand der betreffenden Wirthschaft. Am seltensten werden Milch­kühe befallen, wahrscheinlich deshalb, weil dieselben mit der Milch einen Theil der schädlich wirkenden Substanz wieder abgeben, auch mag die anders geartete Pflege und Fütterung mit dazu beitragen, dass die Thiere qu. von fraglicher Krankheit verschont bleiben. Diese scheint von der Fütterung gewisser Abfälle der Zuckerfabriken, näm­lich der Eübenrückstände, abhängig zu sein und ist häufiger ge­worden, seit dem das Diffusionsverfahren bei der Zuckerfabrikation eingeführt worden ist. Wo keine Kübenrückstände gefüttert werden, oder wo überhaupt keine Zuckerfabriken existiren, da kommt Bindegewebswassersucht unter dem Rindvieh niemals in enzootischer Verbreitung, sondern höchstens ganz sporadisch vor.
Diese Krankheit unterscheidet sich von der Fäule (Leberegel­seuche) des Rindviehs, bei welcher es auch zu wassersüchtigen Zuständen kommt, ganz besonders dadurch, dass letztere nur bei Weidevieh, das anhaltend nasse Wiesen etc. beweidet hat, heerdeweise auftritt und ebensowohl Kühe wie Ochsen befällt.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein zu grosses Quantum der Diffusionsrückstände der Zuckerfabriken im Laufe der Zeit alle jene Erscheinungen zu verursachen im Stande ist, welche die Zellgewebs-wassersucht charakterisiren. Die Übergrosse Wassermenge wirkt bald erschlaffend auf die Verdauungsorgane ein, die Assimilation der ungenügend zugeführten eigentUchen Nährstoffe wird gestört. Die hieraus resultirende mangelhafte Ernährung aller Körpergewebe erstreckt sich auch auf das Blut, auf die Gefässwände und auf die Herzmuskulatur; ersteres wird wässerig, letztere schlaff. So ent­stehen alle erforderlichen Bedingungen für das Zustandekommen hydropischer Zustände. Ob der Kaligehalt der Diffusionsrückstände hierbei eine Rolle spielt, insofern derselbe lähmend auf die Herz-actionen einwirkt, ist nicht bestimmt entschieden. Es ist somit fraglich, ob an der Entstehung der allgemeinen Zellgewobswasser-sucht ein eigentliches Gift mit betheiligt, resp. ob diese Krankheit den Vergiftungen unbedingt anzureihen ist. Dasselbe gilt auch für die Schlempemauke. (Vergl. S. 594.)
Bereits im Jahre 1859 und 1860 haben Kroisthierarzt Jost und Departeinentsthierarzt Hildebrandt in den „Mittheilungen aus der thlerärztlichen Praxis im Preussischcn Staatequot; über eine „Neue (dyskratische) Krankheit der Ochsenquot; in den Zuckerfabrikwirthschaftcn
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Allgemeine Zellgeweliswassersucht des Rindviehs.
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des Kegierungsbezirkes Magdeburg berichtet. Diese Krankheit zeigte sich damals nach reichlicher Fütterung mit den Pressrtickständen aus den dortigen Zuckersiedereien, ohne vorher jemals beobachtet worden zu sein. In mehreren Viehbeständen der betreffenden Wirth-schaflen griff die Krankheit derart um sich, dass sie in kurzer Zeit 50 bis 00 Ochsen befiel und selbst in die Kuhställe eindrang. In Folge dessen sahen sich verschiedene Viehbesit/.er veranlasst, ihren ganzen Viehbestand mit 30 bis 50 Procent Verlust möglichst schnell als Schlachtwaare zu verwerthen. Damals erkrankten namentlich und zahlreich solche Ochsen, welche während der sogenannten Cam-pague angestrengt gebraucht und dann zur Mast aufgestellt worden waren. Seit der Zeit, wo man selbst während einer gewissen Putter-noth die Rübenrückstände mit mehr Vorsicht verfüttert hat, ist die Krankheit im Allgemeinen im Jost'schen Wirkungskreise weit sel­tener geworden. Wo die Zuckerfabrikrüekstände ausnahmsweise wieder einmal eine Zeit lang überreichlich gefüttert werden, ohne dass Heu, ja nicht einmal ein ausreichendes Quantum Stroh verabreicht wird, tritt die Krankheit imch in neuerer Zeit wieder auf. Bei recht­zeitiger Fütterung von gutem Heu in entsprechender Menge, pflegt Genesung einzutreten.
Diagnose. In der Hegel wird die Krankheit erst erkannt, nachdem das betreffende Thier bereits wochenlang afficirt ist. Das erste Stadium der Krankheit bietet so wenig auffällige Symptome, dass dasselbe leicht übersehen wird. Erst nach und nach sträuben sich die Haare, die Thiere werden matter und zeigen dadurch, dass sie nicht ganz gesund sind. Wo die Krankheit noch unbekannt ist, werden auch diese Erscheinungen nicht richtig gedeutet, sondern bald auf ungünstige Witterungseinfiüsse, bald auf ungenügendes Futter oder zu harte Arbeit zurückgeführt.
Mit der Zeit treten dann noch anderweitige Krankheitserschei-nungen auf. Allmählig gehen die Patienten in ihrem Ernährungs­zustande zurück, obgleich die Fresslust fortgesetzt rege ist, sich sogar bis zum Wolfshunger steigert, was durch häufiges Brüllen der Thiere nach Putter sich kund gibt. Die Patienten uriniren häufig und setzen einen wasserreichen, hellen Urin ab. Auch im Unter­hautbindegewebe und an anderen Orten ist nunmehr eine vermehrte Ausscheidung von Serum eingetreten. Die sichtbaren Schleimhäute werden immer blasser und zeigen nicht selten einen gelben Ton.
Werden die Patienten in diesem Stadium der Krankheit den schädlichen Einflüssen entzogen und zweckentsprechend ernährt, so kann noch Genesung eintreten. Bleiben aber die Verhältnisse die­selben , so nimmt die Abmagerung stetig zu, wobei Schwäche im Kreuze und gastrische Störungen allmählig deutlicher hervortreten; Verstopfung wechselt mit Durchfall ab, die Excremente stinken, der Bauch wird immer umfangreicher, endlich unförmlich dick. Aus dem Maule fliesst zäher Schleim ab, der in langen Fäden herunter­hängt. Die äussere Haut wird starrer, weniger auf ihrer Unterlagraquo;! verschiebbar; Oedeme treten auf, namentlich zunächst an den Glied-
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Allftemeine Zellsewobswassersucht des Rindviehs.
iruuisson. Mit Zunahme derselben wird die Locomotion in geradem Verhilltnisso unbeholfener. Mit der Zeit finden sich auch im Triel und unter dem Bauche Wassergeschwülste ein, womit das Bild der allgemeinen Zellgewebswassersucht immer deutlicher sich ausprilgt.
Nunmehr wird der Durchfall beständig, die Excremente nehmen an üblem Gerüche zu, die Kräfte verfallen um so schneller, als die Patienten nunmehr auch die Presslust verlieren; sie liegen jetzt meist, den Kopf bis zur Mitte des Bauches zurückgeschlagen.
Der Verlauf der Bindegewebswassersucht ist stets ein chronischer: nach 8quot; bis 6monatlicher oder nach längerer Krankheitsdauer tritt in der Regel der Tod ein, nachdem colliquative Durchfälle die gänz­liche Erschöpfung der kranken Thiere bewirkt haben. Fälle von Genesung kommen zuweilen, jedoch nur dann vor, wenn die Krank­heit frühzeitig erkannt und der Patient sofort den schädlichen Ein­flüssen entzogen wird.
Prognose. Die Prognose ist von dem Grade der Krankheit und der Zeit einer zweckentsprechenden Aenderung der Nahrungs­mittel vorzugsweise abhängig. Wo bereits Wassersucht in vorge­schrittenem Masse vorhanden ist, kann der Tod schwer oder gar nicht mehr abgewendet werden.
Pathologisch-anatomischer Befund. Die Section liefert die Erscheinungen allgemeiner Cachexie und Wassersucht. Die normale Todtenstarre fehlt, so dass mit Leichtigkeit die Gelenke sich biegen lassen. Beim Abhäuten findet man das Unterhautbindegewebe serös infiltrirt, ebenso das Bindegewebe zwischen den Muskeln u. s. w. Am stärksten haben sich die serösen Ergüsse an den tiefsten Körper­stelion (an den unteren Partien der Gliedmaassen und des Rumpfes) und in den grossen Körperhöhlen angesammelt. Bauch- und Brust­höhle enthalten oft enorme Wassermassen, die in denselben ge­lagerten Eingeweide erscheinen wie ausgewaschen, geschrumpft, frei von Fetteinhüllungen u. s. w. Das Blut ist dünnflüssig und nicht gerinnungsfähig; auch die Galle ist dünnflüssig, wässerig.
Die Schleimhaut des Verdauungscan ales ist gequollen und mit zähem, übelriechendem Schleime bedeckt. Das Herz ist schlaff und gewöhnlich blutleer; die Lungen sind bleich, die Luftröhre und ihre Verzweigungen enthalten oft Schaum, der stellenweise röthlich ge­färbt erscheint. — Das Gehirn ist stark durchfeuchtet und von bleicher Farbe; in den Kammern desselben ist mehr oder weniger Serum angesammelt. Alle willkürlichen Muskeln sind bleich, schlaff und stark durchfeuchtet; das Mark der Röhrenknochen ist dünnflüssig.
Behandlung. Die Therapie ergibt sich aus dem früher Ge­sagten von selbst. In erster Linie steht eine rechtzeitige Aenderung' der Fütterung; nöthigenfalls kann die Verdauungsthätigkeit durch entsprechende Mittel, Abkochungen von Wermuthkraut oder Rain­farnkraut u. dergl. angeregt werden. Selbstverständlich dürfen die kranken Thiere nicht zu anstrengender Arbeit verwendet und nicht den Einflüssen schädlicher Witterung ausgesetzt werden. Wo diese
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Vergiftungen durch vegetabilische Niircoticu.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 590
Massregeln nicht durchgeführt werden können, gehen die erkrankten Thieve zu Grunde. Man säume deshalb nicht, dieselben slaquo; früh­zeitig der Schlachtbank zuzuführen, dass sie noch als Fleisohwaare verwerthet werden können.
Die Vorbeugungsmassregeln bestehen in der Fernhaltung frag­licher Sohildlichkeiton.
4. Vergiftungen durch narkotisch wirkende vegetahilische
Substanzen.
Die meisten Pflanzenmittel, welche in angemessenen kleineren (laben eine beruhigende Wirkung haben, können in grossen Dosen Betilubung, Lähmung und selbst den Tod verursachen. Die Wirkung dieser Mittel ist im Allgemeinen auf das Gehirn gerichtet; dieselbe steht jedoch meist zu einem bestimmten Körperorgane in specifischer Beziehung. So z. B. wirkt das Opium und seine Alkaloide auf das Grosshirn, zunächst erregend, dann aber deprimirend; die Belladonna, resp. das Atropin, sowie das Bilsenkraut resp. Hyoscyamin, wirken auf die Vierhügel und auf die Innervation der Iris des Auges; der Eisenhut, resp. das Aconitin, sowie der Fingerhut, resp. das Digi-talin, wirken zunächst erregend auf das Vaguscentrum und dadurch hemmend auf die Bewegung des Herzens. Bei missbräuchlieher Anwendung dieser beiden Mittel tritt Üeberreizung und schliesslich Lähmung des Lungenmagennerven, bozw. seiner Herzfäden ein und damit Steigerung der Pulsfrequenz u. s. w. Das Eserin oder Physo-stigmin, das heute sehr gebräuchliche wesentlichste Alkaloid der Galaberbohne, zeigt auf die Iris des Auges eine entgegengesetzte Wirkung, als das Atropin und Hyoscyamin, indem jenes die Pupille stets verengt. — Es gibt auch narkotische Gifte, welche gleichzeitig oder in hervorragender Weise auf das Rückenmark wirken, z. B. Strychnin und Brucin, die beiden Alkaloide der Nux vomica, so dass derartige Vergiftungen durch clonische oder tetanische Krämpfe sich zu erkennen geben.
Diese und andere speeifische Wirkungen der verschiedenen Nar-cotioa bieten in manchen Fällen Anhaltspunkte für die Differential­diagnose bei Vergiftungszufällen an lebenden Thieren. Vollkommen sicher gestellt wird diese häufig durch das Bekanntsein der Verab­reichung, resp. des Genusses dieser oder jener Arznei- resp. Futter­mittel.
Die Vergiftungszufälle können acut und chronisch verlaufen, je nachdem grössere Quantitäten der giftig wirkenden Substanz in kurzer Zeit, oder allmählig im Organismus sich angehäuft haben. Bei hochgradigen Vergiftungserscheinungen ist die Prognose min­destens sehr bedenklich, wenn nicht ungünstig; vorsichtig muss dieselbe auch bei geringeren Zufällen gestellt werden. Bei Thieren, welche erbrechen können , ist bei allen acuten Vergiftungen ein Brechmittel in erster Linie indicirt, um das Gift, so viel als mög­lich, auf dem direotesten Wege wieder aus dem Körper zu entfernen.
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Vergiftungen (lurch scharfe Pflanzenstoffe.
Als Gegengift wird gegen Narcotica besonders die Gerbsäure em­pfohlen, ferner Essig und Kaffee. Gegen Krähenaugen (Nux vomioa und deren Alkaloide) soll Chloralhydrat den Vorzug verdienen.
An der Leiche von Thieren, welche in Folge einer acuten Narkose verendet sind, findet man in der Regel das Gehirn und seine Häute, manchmal auch das Rückenmark und seine Häute, mit Blut überfüllt.
Chloroform und Aether, welche in der thierilrztlichen Praxis zuweilen als Anästhetica verwendet werden, können leicht Gefahren für das Leben der betreffenden Thiere im Gefolge haben. Bei zu tiefer Narkose nehmen die Athembewegungen ab und hören schliess-lich ganz auf; die dadurch bedingte Erstickungsgefahr ist von liegurgitationen des Blutes in den Drosselvenen begleitet. In solchen Fällen muss das Athmen durch abwechselnden Druck auf die Brust-wände künstlich unterhalten werden. Bei grossen Hausthieren sucht man durch energische Reizung der Hautnerven das Athmungscentrum refiectorisch anzuregen. Zu diesem Zwecke frottire man die Haut tüchtig mit Strohwischen oder Bürsten, mache reizende Einreibungen in dieselbe oder applicire kräftige Douchen u. dergl. Auch können Riech- und Nieseraittel angewendet werden. Die Lage der Zunge muss controlirt und fixirt werden. In der vollen Narkose passiert es nämlich öfter, dass die Zunge sich nach hinten umschlägt und die Erstickungsgefahr erhöht. Deshalb lässt man dieselbe aus der Maulhöhle hervorziehen und festhalten.
5. Vergiftungen durch scharfe Pflanzenstoffe.
Die locale Einwirkung dieser Mittel ist eine ähnliche, wie bei ätzenden mineralischen Giften. Dass durch scharfe Pflanzenstoffe Reiz und EntzündungszustUnde der Verdauungs- und Harnorganc entstehen können, wurde bereits früher (s. Waldkrankheit) besprochen. Aber nicht nur durch die Futteraufnahme, sondern auch durch den unvorsichtigen Gebrauch gewisser Arzneimittel, z. B. der Ja-lape, des Crotons u. s. w. können Vergiftungszufälle entstehen. Gegen diese ist dieselbe Behandlung anzuordnen, wie sie bei Dann­entzündung indicirt ist.
Unter den scharfnarkotischen Pflanzen ist der Tabak ein nütz­liches, aber mit Vorsicht zu verwendendes Arzneimittel. Sein Nicotin­gehalt scheint diirch das Trocknen des Krautes sich zu mehren, da Irische Tabakblätter bedeutend weniger giftig wirken, als getrocknete. Als Gegenmittel werden empfohlen; Kampher, Wein und im Noth-falle schwarzer Kaffee; sonst auch Jodkalium und Tannin.
II, Vergiftungen durch Substanzen aus dem Thierreiche.
Die Zahl der Thiergifte, welche hier in Betracht kommen, ist keine grosse, da nur das Gift der Bienen, Wespen und Hornissen, sowie das Gift einiger Schlangen und der spanischen Fliege hier zu
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Vergiftungen durch lebende Thiere.
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berücksichtigen sind. Im Ganzen spielen diese Gifte in den nördlichen Climaten keine grosse Rolle, während dieselben in südlichen Landern häufiger und zahlreicher das Leben von Menschen nni Thieren bedrohen.
1. Vergiftungen durch Stiche von Bienen, Wespen und Hornissen.
Aetiologie. Werden unsere Hausthiere von einer grösseren Anzahl Bienen, Wespen oder Hornisse etc. überfallen und gestochen, so können dadurch derart erhebliche Intoxicationszufälle entstehen, dass in Folge derselben das Leben der betroffenen Thiere mehr oder weniger erheblich gefährdet wird.
Die Diagnose kann aus den vorhandenen zahlreichen schmerz­haften Beulen in der äusseren Haut, sowie durch die meist nach­weisbare Ursache in der Regel leicht und sicher gestellt werden. Die Prognose ist bei frühzeitiger entsprechender Behandlung, na­mentlich bei nicht allzu schweren Fällen günstig. Waschungen mit kaltem Wasser, mit Bleiwasser, oder mit verdünntem Salmiakgeist, führen gewöhnlich in kurzer Zeit Genesung herbei.
2. Vergiftungen durch Schlangenbiss.
Aetiologie. Nur da, wo Giftschlangen vorkommen, werden nach der Häufigkeit dieser verschieden oft Vergiftungszufälle durch Schlangenbiss bei Hausthieren beobachtet. In Europa sind nur verschiedene Arten der Ottern heimisch, welche, da sie lebendige Junge gebären, auch „Viperida (viviparus) lebendig gebärendquot; ge­nannt werden. Am verbrcitetsten ist die sogenannte „Kreuzotterquot; (Vipera oder Pelias berus), welche am häufigsten im Bereiche waldiger niedriger Berge lebt. Im südlichen Europa findet sich auch die „Redische Viperquot; (Vipera Redii), deren Gift stärker wirkt, als das der vorigen. Von den in Europa vorkommenden Gift­schlangen ist aber am gefährlichsten die „Sandviperquot; (Vipera ammo-dytes), welche durch ganz Europa bis in das südliche Schweden hinein verbreitet ist, am häufigsten aber in der Mittelmeerregion vorkommt. Diese Viper klettert auch auf Bäume und Sträucher, um junge Vögel aus den Nestern zu holen.
Die Wirkungen des Schlangengiftes verhalten sich bei den ein­zelnen Thiergattungen sehr verschieden, so z. B. scheinen Igel und Schweine für dieselben eine sehr geringe Empfänglichkeit zu besitzen. Aber auch bei ein und derselben Thierart ist der Biss ein und derselben Schlange nicht immer im gleichen Grade gefährlich, da sowohl die Quantität des in die Körpersäfte eindringenden Giftes, als auch die Beschaffenheit des verletzten Organes hierbei eine Rolle spielen. Selbstverständlich gilt dies auch für den Ursprung, reap. die Qualität des Schlangengiftes. Im Allgemeinen ist das Gift der in südlichen Ländern lebenden Giftschlangen, z. B. der Klapper­schlange in Amerika, der Brillenschlange in Ostindien, der Lanzen­schlange auf den Antillen, der Puffotter am Cap der guten Hoff­nung u. s. w. am srefährlichsten.
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Vergiftungen durch Schlangenbiss.
Diagnose. Derjenige Körpertheil, in welchen das Schlangengift '/iiuilchst eingedrungen ist, schwillt in der Kegel alsbald an; der Orad der Anschwellung ist in den einzelnen Filllen ein verschiedener, liei Bissen in die Lippen kann die Anschwellung über den ganzen Kopf bis auf den oberen Theil des Halses sich ausbreiten; Bisse in die Gliedmassen verursachen in der Regel starkes Lahmgehen, in­dem die Entzündungsgeschwulst bis zum Rumpfe hinauf sich aus­breitet. In schweren Fällen stellen sich Erscheinungen einer allge­meinen Blutvergiftung, Fieber , Erbrechen , Athemnoth , Krämpfe und nicht selten der Tod ein. Zu Heiligensee (bei Spandau) starben im Juli 1854 an den Folgen eines Schlangenbisses fünf Kühe nach 24 bis 80 Stunden; drei derselben waren an und über dem Fessel-gelenke, die beiden anderen an der äusseren Seite des Sprunggelenkes gebissen. Schon nach 6 Stunden war der Hinterkörper über die Schamgegeiid hinaus bis zur Kruppe und über einen Theil des Bauches angeschwollen. In den ersten Stunden waren die Patienten noch ganz munter, frassen und gaben das normale Quantum Milch; wenige Stunden später verlor sich die Milch, der Blick wurde stier und gläsern, es stellte sich Apathie und grosse Hinfälligkeit ein, so dass die Patienten nicht mehr aufstanden. Grosse Unruhe, Stöhnen, Zittern über den ganzen Körper, beschleunigtes und erschwertes Athmen, pochender Herzschlag, sehr beschleunigter, unzählbarer und sohliesslich unfühlbarer Puls gingen dem Eintritt des Todes voraus.
Pathologische Anatomie. Bei der Section fand sich ein Erguss von gelblicher Flüssigkeit in das subcutane Bindegewebe der ge­schwollenen Stellen, sowie zwischen die Muskeln und Sehnen , um Lymphgefässe und Lymphdrüsen, sowie Schwellung dieser, Injections-röthe des Bindegewebes und der sehnigen Gebilde. Das Fleisch erschien mürbe, wie gekocht, während die Muskeln der übrigen Körpertheile eine normale Beschaffenheit zeigten. Das Blut war dunkel, nicht ordentlich geronnen, mehr flüssig und am Dünndärme fanden sich viele kleine (erbsengrosse) Extravasate.
Die Prognose richtet sich nach der Schwere der Zufälle. Wie unsicher dieselbe a prior' ist, beweist folgende Mittheilung Fontana's: Der Biss einer schwarzen Viper in den Hinterfuss eines P':'erdes verursachte nur eine Geschwulst im Bereiche der Wunde und eine vorübergehende Schwäche, während ein Biss derselben Viper (und zwar am nämlichen Tage) in die Zunge eines anderen Pferdes bereits nach einer Stunde den Tod zur Folge hatte.
Therapie. Es soll sich empfehlen, eine längere Blutung der Bisswunde zu unterhalten, diese nachher tüchtig zu ätzen und inner-lich ein Brechmittel zu verabreichen. In Amerika will man bei Menschen durch die innerliche und äusserliche Anwendung grosser Dosen Salmiakgeist, selbst nach Bissen von Klapperschlangen, oft Heilung erzielt haben. In Alabama ist dies Mittel gegen Schlangen-biss ein allgemein gebräuchliches Hausmittel. In neuerer Zeit hat Dr. Lacerda in Uio de Janeiro in kurzen Zeiträumen wiederholte sub-
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Vergiftung durch Canthariden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;6(t3
cutane Einspritzungen frisch bereiteter Lösungen von übermaugmi-saurem Kali an verschiedenen Stellen des verletzten Körpertheiles gegen Schlangenbiss empfohlen. Die in den Vereinigten Staaten von Dr. Weir Mitchell angestellten Versuche bestätigen die Angaben Lacerda's. Misserfolge mit fraglichem Mittel, welche aus der Pro­vinz Minas gemeldet wurden, werden darauf zurückgeführt, dass durch den Biss eine Ader verletzt und so das Gift direct in den Blutstrom gelangt, oder die Einspritzung des Übermangansauren Kalis in zu geringer Menge oder zu spilt erfolgt, oder die Lösung zu alt, resp. zersetzt gewesen sei.
3. Vergiftung durch Canthariden.
Aetiologie. In allen Theilen einiger Küfer aus der Familie der Trachelophora (Halsktlfer) kommt neben einem iltzenden Oel ein scharfer Stoff vor, welcher „Cantharidinquot; genannt wird. Dasselbe ist in fetten Oelen, Aether, iltherhaltigem Weingeist und in heissem Alkohol löslich und ist in relativ grosser Menge in silmmtlichen Körpergeweben der spanischen Fliege (Lytta und Cantharis vesi-catoria) enthalten, welche in der medicinischen Praxis bekanntlich eine mannigfache Verwendung findet. Fragliches Insekt kommt in Spanien, Italien und Ungarn häufig, zuweilen aber auch in Deutsch­land und in anderen Ländern in grosser) Schwärmen vor. In manchen Jahrgängen fressen sie die von ihnen befallenen Laubhöker ganz kahl. Alle Theile der spanischen Fliege verursachen eine Entzündung zunächst in denjenigen Körpergeweben, mit welchen sie in andauernde innige Berührung treten. Ausserdem wirkt ihr Gift secundiir spe-elfisch reizend auf die Harnorgane, sobald es in grösserer Menge durch dieselben aus dem Körper entfernt wird.
Diagnose. Bei innerlichem Gebrauche der Canthariden be­stehen die ersten Vergiftungserscheinungen in einer entzündlichen Reizung der Verdauungsorganc, in vermehrter Speichelabsonderung, Erbrechen, Unruhe, Koliksymptomen und sogar in Entleerung blu­tigen Kothes unter Mastdarmzwang. Der Puls ist beschleunigt und drahtförmig, das Schlucken manchmal erschwert und in der Kegel Thränenfluss vorhanden.
Bei Vergiftungen in Folge äusserlicher Anwendung von Can­thariden zeigt sich neben der localen Wirkung am Applicationsorte ein häufig wiederkehrender Drang zum Uriniren , wobei ein sauer reagirender, eiweisshaltiger Harn abgeht; zuweilen ist der Geschlechts­trieb aufgeregt, der Gang wird schwankend und schliesslich ver­mögen die Patienten sich nicht mehr auf den Beinen zu erhalten. Diese Symptome pflegen zu fehlen oder modificirt aufzutreten, wenn der Verlauf der Krankheit ein sehr acuter ist und den Tod bereits nach 6 bis (i Stunden herbeiführt.
Pathologische Anatomie. Bei der Section sind meist Ent-zündungsbefunde an den mit den Canthariden in Berührung ge­kommenen Organen zu constatiren. Bei innerlicher Application des
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Vergiftungen durch Salze verschiedener Alkalien.
Cantharidenpulvers erkennt man die kleinen metallisch glilnzenden Partikelohen des Hautskeletes auf der Schleimhaut des Verdauungs-eanales in der Regel leicht, da dieselben so festsitzen, dass sie durch Wasser nicht abgespült werden können. Es ist hierauf um so mehr zu achten , als der Tod auch vor erfolgter Entwicklung einer Ent­zündung in den Verdauungs- und Harnorganen eintreten kann. Meist jedoch sind die Erscheinungen einer mehr oder weniger heftigen Entzündung fraglicher Organe, namentlich der Nieren und der Harn­blase vorhanden. Wo charakteristische Leichenerscheinungen fehlen, da ist die Diagnose durch den Sectionsbefund nicht sicher zu stellen, da der chemische Nachweis des Cantharidins in den Cadavern bis jetzt nicht gelungen ist.
Die Prognose richtet sich nach dem Grade der Vergiftungs-zufillle und muss stets mit Vorsicht gestellt werden, wenn Reiz­erscheinungen in den Verdauungs- oder Harnorganen deutlich vor­handen sind.
Die Behandlung ist auf die innerliche Verabreichung reizmil-dernder schleimiger Mittel, sowie auf gründliches Abwaschen der etwa an der KörperoberfUiohe noch aufsitzenden Cantharidenmittel beschränkt. Alle Substanzen, durch welche das Cantharidin gelöst und extrahirt wird, sind contraindicirt, die Verwendung fetter Oele als reizmilderndes Mittel ist deshalb bei Cantharidenvergiftung unstatthaft.
III. Vergiftungen durch Substanzen aus dem Mineral­reiche.
1. Vergiftungen durch Salze verschiedener Alkalien.
Kochsalzvergiftungen kommen bei Hausthieren, namentlich bei Schweinen nicht ganz selten und bei grossen Beständen zuweilen bei vielen Individuen gleichzeitig vor. Die wesentlichsten Symptome der Kochsalzvergiftung sind: Brechanstrengungen und bei Hunden wirkliches Erbrechen , KolikanfUlle, Magen-Darmentzündung und nicht selten blutiger, stinkender Durchfall, vermehrter Durst, Läh­mung der Hinterhand und bei ungünstigem Verlaufe tritt meist innerhalb 12 bis 72 Stunden der Tod ein. Dieser ist entweder die Folge der Magen-Darmentzündung, oder einer directen Blutvergiftung, durch welche Lähmung der Athmung oder des Herzens bedingt wird.
Bei an Kochsalzvergiftung leidendem Rindvieh, welches zu an­haltend tilglich eine zu grosse Dosis Kochsalz erhalten hatte, beob­achtete ich ein periodisch eintretendes, krampfhaftes Heben und Senken der Hungergruben mit starker Action der ganzen Bauchmuskulatur. Es genügte, die Salzgaben auszusetzen, um ein Nachlassen und allmilhliges Verschwinden der Vergiftungserscheinungen zu erzielen.
Das Blut von Thieren, welche einer Kochsalzvergiftung erlegen sind, ist dünn und hellroth, die Schleimhaut der Verdauungsorgane bald stark injicirt, braunroth, entzündet, oder angeiltzt, bald wenig
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Vergiftungen durch ätzende Alkalien und Mineralsäuren. 605
oder gar nicht erkennbar afficirt; letzteres pflegt der Fall zu sein. wenn der Tod schnell erfolgt ist. Aehnlich wie Kochsalz wirkt Salpeter und zwar das „Kalium nitricum', wie auch das „Natrium nitricumquot; (sogen. Chilisalpeter). Im Allgemeinen noch gefährlicher uls Kochsalz wirken Pökelbrilhe, Fischlake u. dergl. Schweine ver­tragen diese Flüssigkeiten in relativ grossen Mengen, bis zu '/^ Pfund und mehr; 1 Pfund soll jedoch stets tödtlich wirken, wenn dies Quantum mit einem Male vertilgt wird.
Als Gegenmittel bei fraglichen Vergiftungen werden empfohlen : Seifenwasser, Essig, saure Milch, ölige und schleimige Mittel, sowie ableitende Hautreize oder äusserliche Begiessungen mit kaltem Wasser. Gerlach bemerkt, dass Schweine, welchen fragliche Mittel eingegehen werden mussten, weil sie überhaupt kein Futter mehr zu sich nahmen, sämmtlich starben und dass bei der Section stets eine Verirrung der eingegebenen Mittel nach den Lungen angetroffen wurde. Diese Erfahrung kann man bei Schweinen auch bei anderen Gelegenheiten machen. Ich habe Kochsalzvergiftungen bei Handelsschweinen in grossein Maassstabe gesehen, ohne durch Behandlung derselben irgend welche positive Erfolge erzielt zu haben.
2.nbsp; nbsp;Vergiftungen durch ätzende Alkalien und Mineralsäuren.
Aetzende Alkalien und Mineralsäuren verursachen im concen-trirten Zustande Anätzung und Verschorfung der Gewebsschichten, mit welchen sie in directe Berührung kommen. Gelangen dieselben unverdünnt in den Körper, so hinterlassen sie fragliche Spuren ihrer Einverleibung. Anätzung der Schleimhaut von den Lippen bis in den Magen, Schlingbeschwerden und zuweilen Husten , Erbrechen, Koliksohmerzen und blutiger Durchfall sind die Hauptsymptome nach der Aufnahme fraglicher Gifte per os. Im verdünnten Zu­stande verschorfen sie die Gewebsoberflächen nicht, sondern erweichen dieselben. Gegen Mineralsäuren dienen schwach alkalische Flüssig­keiten , so z. B. Kalkwasser, Seifenwasser u. dergl., gegen ätzende Alkalien verdünnte Pflanzensäuren, Essig etc. als Gegenmittel, um die noch erreichbaren Aetzmittel zu neutralisiren. Die durch diese verursachten Entzündungen werden nach den allgemein gültigen Eegeln behandelt.
3.nbsp; Vergiftungen durch metallische Körper, besonders durch
Metallsalze.
Am häufigsten kommen bei unseren Hausthieren (Jnecksilber-vergiftiingeii vor; Wiederkäuer, namentlich Kinder, besitzen eine bedeutende Empfindlichkeit gegen Quecksilber. Calomel, Subli­mat und die graue Salbe sind diejenigen Quecksilberpräparate, welche in der thierärztlicheu Praxis am häufigsten angewendet und Ursache von Intoxicationen werden. Erkrankung der Maulschleimhaut, besonders des Zahnfleisches (Stomatitis mercurialis), Lockerworden #9632;der Zähne, Speichelfluss, Verdauungsstörungen, übel riechende, oft
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(JOGnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Vergiftungen durch Quecksilber- und Blei-Präpiirnte.
blutige Exoremente, übler Geruch aus dem Maule und schneller Verfall der Kräfte, sind die constanteston Symptome der Quecksilber­vergiftung (Hydrargyrosis oder Mercurialismus). Nicht selten bildet sich ein Hautausschlag, namentlich im Bereiche des Maules (Ekzema mercuriale). Bei Vergiftungen durch Calomel oder Sublimat treten Kolikerscheinungen, KrUmpfe und öfteres Uriniren ein. Sind die Erscheinungen des Mercurialismus in stärkerem Grade vorhanden, so pflegt nach kurzer Zeit der Tod einzutreten. Bei der Section finden sich gewöhnlich Aniltmng und Entzündung der Schleimhaut im Verdauungscan ale, zuweilen stellenweise Verschorfung derselben, Ekchymosen in den verschiedenen inneren Organen, sowie bedeutende Abnahme der Plasticität des Blutes. Als Gegenmittel werden em­pfohlen : Eiweiss , l'ttanzenschleim , Stilrkemehl, Schwefeleisen , im Nothfalle Milch oder Seifenwasser. Bei vorausgegangener Inunction der grauen Salbe müssen die betreffenden Hnutstellen mit Seifen­wasser gründlich abgewaschen werden, um jede weitere Quecksilber­resorption zu verhüten; für den innerlichen Gebrauch werden Jod-kalium und Sohwefelleber empfohlen.
Das Ekzema mercuriale wurde bisher nur beim liindvieh und zwar nach Inunction von grauer Quecksilbersalbe beobachtet. Das­selbe besteht in der Bildung von gruppenweise auftretenden kleinen, mit gelblicher Lymphe erfüllten Blilschen, welche von einem rothen Hofe umsäumt sind. Dasselbe kommt an verschiedenen Körper­stellen, besonders um die Maulwinkel herum, zuweilen auch auf den Schleimhiluten, vor; die betroffenen Hautstellen sind meist verdickt und rigid (pergamentartig). Die Blilschen platzen und hinterlassen nilssende Excoriationen, welche später verschorfen.
Bletpräparatc werden häufig zur Herstellung von Oelfarben benützt, die dann von Thieren zuweilen vor dem Trockenwerden abgeleckt, oder von zu früh benützten Gefässen dem Putter oder Getränke beigemischt werden , aber auch in anderer Weise in den Thierkörper gelangen können. Im Allgemeinen sind bei Bleiver­giftungen folgende Erscheinungen vorhanden: Verdauungsstörungen, indem Presslust und Wiederkäuen, sowie der Kothabsatz vermindert oder sistirt, die Excremente meist trocken, selten flüssig sind. Bald stellt sich Speicheln, Brechneigung oder wirkliches Erbrechen ein, gefolgt von Kolik, Aufblühen, Convulsionen und zeitweisem Schweisse, grosser Schwäche und selbst von Lähmung des Hintertheiles, von Schwindelanfällen und Störungen des Sehvermögens; diesen Erschei­nungen gesellt sich Verminderung der Milchsecretion und der Harn­ausscheidung und nicht selten auch Dyspnoe hinzu.
Im Bereiche von Bleibergwerken, sowie gewisser Etablissements, in welchen Bleipräparate gefertigt oder verarbeitet werden, kommen chronische Bleivergiftungen bei Menschen und Thieren manchmal in grösserer Anzahl vor. Dieselben können durch Inhalation blei­haltigen Staubes, oder durch den Genuss von bleihaltigem Getränke oder Putter zu Stunde kommen. Die Zufälle sind denen bei aouter
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Vorgit'tungen durch Kupfer-, Zink- um! Spiesslt;gt;;liinz-Prilpanite. 607
Bleivergiftung sehr ähnlich, nur treten dieselben weniger heftig und weniger schnell auf. Die Patienten magern bedeutend ab und werden unfruchtbar. In der preussischen Rheinprovinz, wo Bleivergiftungen, namentlich in der Gegend von Commern, früher lulufiger vorge­kommen sind, nennt man die Krankheit wegen des beim Rindvieh regelmilssig beobachteten Schaumkauens „Haukrankheitquot;. Dieselbe endet meist mit dem Tode; (renesung tritt eventuell nur langsam ein. Als Heilmittel werden verdünnte Schwefelsilure und schwefel­saure Sal/.e, namentlich Glauber- oder Bittersalz mit viel Leinsamen-schleim, im Nothfalle Eiweiss, Pflanzenschleim, Milch oder Seifen-wasser empfohlen.
Kupfer- und /inksalze, sowie andere corrosiv wirkende metal­lische Substanzen, z. B. Brechweinstein, /innoxyd u. s. w. bewirken ühnliche Vergiftungszufiille, wie die Bleipräparate. Gegen Zink- und Zinnpräparate, sowie gegen Hrcclnveiiistein, ist Tannin ein sicher wirkendes Gegengift, so lange jene im Verdauungscanale noch er­reichbar sind; gegen Kupfer- (und Zinn-) Präparate wende man die achtfache Menge gebrannte Magnesia an. Essigsäure ist bei Kupfer­vergiftungen streng zu meiden. Im Nothfalle werden gegen alle derartige Vergiftungen die bereits angegebenen einhttllenden Mittel verabreicht.
In Bezug auf den Befund am Cadaver sei im Allgemeinen noch bemerkt, dass nach Todesfällen durch corrosive Gifte in der Regel, aber keineswegs immer irgendwo im Verdauungscanale mehr oder weniger umfang- oder zahlreiche Anätzungen angetroffen werden.
Unter den corrosiven metalloiden Giften verdienen Arsenik und Phosphor noch besonders erwähnt zu werden, weil dieselben in der Veterinärpraxis als Arzneimittel innerlich und äusserlich zur Anwen­dung gelangen, und sowohl dadurch, als auch durch mancherlei Zu­fälligkeiten, Vergiftungen bei Thieren verursachen können. Die ersten und wesentlichsten Erscheinungen einer acuten Arsenikvergiftung sind die einer heftigen Magenentzündung, welche auch bei äusserlicher Appli­cation sich einstellen. Bei Wiederkäuern wird besonders der Lab­magen (seltener der Wanst) stark angeäzt, selbst perforirt. Bei weniger acutem Verlaufe, wie derselbe nach kleineren, öfteren Dosen Arsenik sich einzustellen pflegt, sind die Erscheinungen nach Qerlaoh im Wesentlichen folgende: Blässe der Schleimhäute, Abmagerung, grosse Schwäche, eine gewisse Unsicherheit und Steifigkeit in den Bewegungen, wobei gastrische Zufälle vorhanden sind. Bei Anätzung und Per­foration des Magens stellt sich bald Schmerzhaftigkeit und Geschwulst in der Gegend des Schaufelknorpels ein; früher oder später erfolgt Perforation der Bauchwand im Bereiche des Sohaufelknorpels, Ent­leerung von Mageninhalt und Verfall des Labmagens. Die Krankheit kann sich Wochen lang hinziehen und mit dem Tode, aber auch mit Genesung enden. Acute Arsenikvergiftungen verlaufen innerhalb einiger Stunden bis etlicher Tage.
In der Regel tödtet fein pulverisirter Arsenik von frischen Wunden aus sicherer, als nach innerlicher Einverleibung, so dass
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Vergiftungen durch Arsenik und Phosphor.
(nach Gerluch) bei Pferden und Hunden schon '/^i bei Schafen und Ziegen (wahrscheinlich auch bei Rindern) '/io und weniger der tödt-liehen inneren Dosis zur Vergiftung genügt. Pferde vertragen inner­lich in der Kegel eine Einzelgabe von 8—20 gr; dieselbe darf indess innerhalb der nächsten Wochen nicht wiederholt werden; es sind auch Fälle beobachtet worden, wo Pferde nach einer Gabe von 3 bis 8 gr starben , andererseits aber auch bis zu 30 und mehr Gramm ertrugen, ohne zu sterben. Rinder ertragen durchschnittlich mehr, Schafe und Ziegen etwa halb soviel als Pferde. Schweine starben schon nach 0,50, Menschen nach 0,20, Hunde und Katzen nach 0,10 bis 0,20 gr. Tritt nach der Aufnalipie grösserer Mengen Arsenik Erbrechen ein, so wird dadurch in der Regel der Vergiftung vor­gebeugt. Der eventuelle Nutzen eines Brechmittels bei frühzeitiger Behandlung einer Arsenikvergiftung liegt somit nahe. In anderen Fällen sind Mittel indicirt, welche mit dem im Darm, oder in Wunden noch vorhandenen Arsenik Verbindungen eingehen, die im Thierkörper unlöslich sind. So bildet Arsenik mit Eisenoxydrat arseniksaures Eisenoxyd, mit gebrannter Magnesia arsenigsaures Magnesiumoxyd, welche beide in den Körpersäften ziemlich unschädlich sind. Man kann deshalb als Gegenmittel bei Arsenikvergiftungen anwenden: 30 Th. Liquor ferri sesquiehlorati mit 7 Th. gebrannter Magnesia und 363 Th. Wasser, oder aber 3 Th. gebrannte Magnesia mit 25 Th. Wasser verrieben, welche in grossen Quantitäten innerlich verab­reicht, resp. äusserlich zum Abwaschen vergifteter Wunden verwendet werden. In Nothfällen wendet man Kalkwasser, Milch, Seifenwasser, aufgerührtes Löschwasser aus der Schmiede, oder Zuckerwasser als Gegenmittel bei Arsenikvergiftungen an.
Haubner hat die im Bereiche der Freiberger Schmelzhütten (Königreich Sachsen) öfter vorkommenden Siechkrankheiten des Rind­viehs (Archiv f. Thierheilkunde, Berlin 1878, S. 97) näher besehrieben und nachgewiesen, dass dieselben durch den Hüttenrauch verursacht werden. Dieser enthält arsenige und schwefelige Säure, von welchen die erstere vorzugsweise in Betracht kommt. Je nachdem dieselbe eingeathinet wird, oder mit dem Futter in den Verdauungsapparat gelangt, bewirkt sie in diesem, oder im Respirationsapparate Läsionen der Schleimhaut, wodurch in letzterem eine Desquamativ-Pneumonie, die zur Verkäsung der betreffenden Lungenläppchen führt (Sitdam-grotzky, fragl. Archiv 1. c. S. 401). Auf diesem Boden siedelt nach Johne der Tuberkelbacillus sich an und verursacht chronische Lungen-tuberculose. (S. S. 271).
Im Magazin für Thierheilkunde (Berlin 1850, S. 479 u. 482) berichten über Arsenikvergiftung durch grüne Tapeten Brabaender bei 9 Kühen, Eilert bei 5 Kühen.
Acute Vergiftungen durch Phosphor bieten ähnliche Krankheits-Symptome, wie die durch andere corrosive Gifte verursachten. Gele. Milch und Eier sind bei der Therapie zu meiden. Bei der Section findet man constant fettige Degeneration der Leber, der Nieren, des Herzens und der Skeletmuskeln.
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Nachtrag.
1.nbsp; nbsp;Veitstiuiz bei Schweinen. Prof. Hess in Bern sah fragliche
Krankheit bei den Nachkommen zweier verschiedener Mutterschweine desselben Besitzers. Bei 7 Ferkeln desselben Wurfes der einen Sau zeigten sieh clonische rhythmische Krämpfe an der ganzen Stammesmusculatur; bei zweien an den Halsmuskeln, bei den üb­rigen an den Muskeln des llückens und dos Beckens. Bie beiden ersteren Ferkel warfen den Kopf beständig von der einen Seite zur anderen, die anderen machten mit dem Hintertheile fortwährend Bewegungen, wobei sich fraglicher Körpertheil bald in der Luft, bald am Boden befand. Während des Schlafes trat völlige Buhe der Muskeln bei fraglichen Thieren ein. Fünf derselben waren nach 41 Tagen vollständig genesen; bei den mit Zuckungen der Halsmus-culatur behafteten Ferkeln trat erst nach mehreren Monaten Besse­rung ein. Die Therapie bestand in der innerlichen Anwendung von Kalium bromatum in wässeriger Lösung.
Ein von demselben Eber abstammender Wurf einer anderen Sau zeigte ganz ähnliche Erscheinungen. lieber die Aetiologie konnte nichts Bestimmtes ermittelt werden. Beide Sauen hatten früher wiederholt gesunde Ferkel geboren und auch der Vater der mit Veitstanz behafteten Nachkommen jener war gesund und stammte von gesunden Eltern. Hess vermuthet, dass es sich hier um einen Fall von sogenannter „collateraler Erblichkeitquot; handelt.
2.nbsp; Nach einem Auszuge aus (Schweizer, Archiv für Thierheil-kunde, 5. Heft 1884) dem Giornale dolla 11. Academie di Medioina di Torino, Heft 7, Juli 1883quot; constatirte Prof. Perroncito bei einem ca. 8 bis' 0 Jahre alten Reitpferde eine Actinoincesgeschwiilst, welche in Folge eines Traumas im Bereiche des Collum femoris sich gebildet hatte.
3.nbsp; Leberegclseiiclie. Perroncito verfolgte die von Ercolani vor langer Zeit gemachte Beobachtung, dnss leicht salziges Wasser auf die Cerearien tödtlich wirkt. Er stellte fest, dass eine 4- und selbst Sprocentige Kochsalzlösung fragliche Parasiten sehr schnell, eine 2procentige Lösung dieselben innerhalb 5 Minuten tödtet. In einer Iprocentigen Salzlösung bewegten sich die Cerearien während 1 bis zu 5 Minuten lebhaft) nach 2 bis 7 Minuten drehten sie sich um sich selbst, indem sie Contraotionen in verschiedener Weise zeigten. Ihre Bewegungen wurden langsamer und schwächer bis nach 20 bis 85 Minuten der Tod eintrat. Perroncito sah die Cerearien in
Pütz, Oompendlufti der Thlerhoilkunde.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;89
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010
Nachtrag.
einer 0,(J5proceiitigen Salzlösung nach etwa einer halben Stunde noch sterben, während sie in einer V^procentigen Lösung nach 20 Stunden noch lebten.
Perroncito stellte ferner experimentell fest, dass die Cerearien, Redien und Sporocysten durch Austrocknen absterben, und sich so­mit in diesem Punkte wesentlich anders verhalten als die Paden-würmer.
Diese Versuche zeigen, dass es unter günstigen Umständen mög­lich ist, durch Drainage, nöthigenfalls in Verbindung mit Salzdüngang der Leberegelseuche vorzubeugen.
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Register.
A.
Aaspocken 209. Abscess 13.
—nbsp; atheromatöser 411.
—nbsp; nbsp;der Leber 405.
—nbsp; fettiger-469. Acantliocephala 04. Acarus follloulorum 75. Achorion Schoenleinii 246. Aconit 409.
Aotlnomycespilz 249. 254. Actinomycom 250. 609. Actinomycose 248. Aeramie 316. Aetiologie 'S. Aftersperre 543.
—nbsp; versohluss 543. Agalactia 535. Aknepustel 581. Aloepille 294. 310. 579.
—nbsp; nbsp;für Rindvieh 317. 437. Amyloidlcber 469. Anamnese 2. Aneurysma 411. Angina 419.
—nbsp; nbsp;membranacea 356. Anomalien des Haarwechsels 583. Anthrax acutissimus 112.
—nbsp; nbsp;acntiis 112.
—nbsp; nbsp;bräune 115. Antipyrin 381.
Aphthen junger Thiere 555. Aphthensenched. Fleischfresser 206.
—nbsp; des Hausgeilügela 207.
—nbsp; nbsp;des Menschen 268.
—nbsp; nbsp;des Pferdes 207.
—nbsp; des Rindes 203.
Aphthenseuche des Schafes 264.
—nbsp; nbsp;des Schweines 266.
—nbsp; nbsp;der Ziege 264.
—nbsp; nbsp;wild lebender Thiere 268. Apnoea 342.
Apoplectische Herde 303. 307. Apoplexia meningea 301.
—nbsp; nbsp;nervosa 323.
—nbsp; nbsp;sangninea 301.
—nbsp; nbsp;serosa 292. Argas 85. Arsenik 579.
—nbsp; nbsp;Vergiftung 007. Arteriitis, atheromatöse 411.
—nbsp; nbsp;eiferige 410. Arthropoden 72. Ascarides 62. Ascites 458.
Aspergillus fmnigatus 165. Asphyxie 288.
Asthma 357. Atelectase 350. 369. Atresia ani 543.
—nbsp; nbsp;vaginae 545. Atretostomus 545. Atrophie 10. 12.
—nbsp; nbsp;der Haare 582.
—nbsp; nbsp;des Herzens 407. Auffressen der Nachgeburt und der
Jungen 526. Ausbrausen 341. Ausfallen der Haare 583.
—nbsp; nbsp;der Wolle 683.
B.
Bacterium syneeaneum 541.
—nbsp; nbsp;xanthium 542.
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612
Register.
Bandwürmer 24. Bandwurmseuche der Fasanen 43.
—nbsp; nbsp;der Katzen 44.
—nbsp; nbsp;der Lämmer 42. Basilarnieningitis 298. BauckfellentzUndnng 455. Bauchgrimmen 4Ü0. Bauchschlägigkeit 394. Bauchwassersucht 458. Beckenfisteln 429. Behandlung 3. Beinweiclie 558.
Beschälkrankhoit des Pferdes 277. Bienenstiche (JOl.
Biestliege 68. Bläschen 561. Bläschenausschlag dos Pferdes und
Rindes 282. Bläschenseuche 255. Blasengries 496.
—nbsp; nbsp;hernie 504.
—nbsp; nbsp;niere 491.
—nbsp; nbsp;steine 496.
—nbsp; nbsp;vort'all 504.
—nbsp; nbsp;würmer 24. Blatterrose der Schafe 566. Bleivergiftung 606. Bloizucker 595. Blntaderknoten 413. Blutarmuth, allgemeine 3.
—nbsp; locale 8. 10. Blutblase 561.
—nbsp; nbsp;harnen 506. Blutige Milch 586. Blutknoten 367.
—nbsp; nbsp;melken 536.
—nbsp; nbsp;sauger 69.
—nbsp; nbsp;schlnglluss 301.
—nbsp; nbsp;stäupe 115.
—nbsp; Stockung 7.
—nbsp; nbsp;iiberfiillung, allgemeine 3.
—nbsp; nbsp;— des Gehirns 291.
—nbsp; nbsp;— locale 5.
—nbsp; nbsp;wärme 18.
—nbsp; nbsp;wässrigkeit 8. Borax 555. Borken 562.
—nbsp; nbsp;flechte 577. Bradsot 115. Brand 13.
—nbsp; der weissen Abzeichen 567.
—nbsp; nbsp;blasen 14.
—nbsp; nbsp;mauke 567.
—nbsp; nbsp;pocken 209.
Bräune, diphtheritische 420.
—nbsp; nbsp;häutige 356.
—nbsp; nbsp;katarrhalische 419. Brausen der Pferde 341. Brecliweinsteinsalbe 295. Brechweinsteinvergiftiing 607. Bremsenlarven 65. 68. 428. Bremsenschwiudel 65. Bright'sche Nierenkrankheit 481. Bronchialkatarrh 349.
—nbsp; nbsp;chronischer 351. Bronchiectasie 351. Bronchitis 349.
—nbsp; nbsp;capillaris 350. Bronchopneumönle 360. 369. Briülerkrankheit d. Rindes 273. 516. Brummelkrankh. d. Rindes 273. 516. Brustfellentzündung 382.
—nbsp; nbsp;chronische 386. Brustseuche des Pferdes 139.
—nbsp; nbsp;Wassersucht 389. Buchweizenauschlag 565. Bullae 562.
c.
Calomel 294. 310. 565. 579. Cantharidensalbe 295.
—nbsp; tinetur 517.
—nbsp; nbsp;Vergiftung 603. Carbolsäure 414. 595. Carbonc 171. Carniflcatio 370. Castration 515. 517. Caverne 370. Cercarie 46. Cirsocele 413. Chloralhydrat 402. Chloroform 31deg;. Cholelithiasis 468. Chorea Sti. Viti 318. Cloake 545.
Coenurus cerebralis 28. Concremente im Darm 428.
—nbsp; nbsp;in der Harnblase 497.
—nbsp; in der Harnröhre 504.
—nbsp; nbsp;in der Vorhaut 504. Congestion 0.
Conus arteriosus 408.
Crotonoel 295.
Croup der Bronchien 357.
—nbsp; nbsp;des Geflügels 238.
—nbsp; nbsp;des Kehlkopfes 356.
—nbsp; der Respirationsorgane 354.
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Register.
013
Croup der Verdauungsorgane 427. Cystioercus fasciolaris 44.
—nbsp; nbsp;racemosus 27. Cystitis 492. Cystoplegie 499. Cystosarcora 250. Cytoleichus sarcoptoides 80.
D.
Dämpfigkeit ;394. Darmbruchoperation 440. Darmoroup 427. ÜarmentzLuidimg 454. 555.
—nbsp; incarceration 428.
—nbsp; nbsp;iuvagination 428. 4oG.
—nbsp; nbsp;itatarrh, acuter 423.
—nbsp; nbsp;— chronischer 425.
—nbsp; nbsp;schnitt 441.
—nbsp; nbsp;steine 428. 486.
—nbsp; nbsp;stich 487. Darrsucht 277. 472. Dasselbeulen 09. Dauersporen 98. 109. Degeneration der Hoden 515.
—nbsp; nbsp;der Leber 4(J9. Demodex 75. Uermanyssus avinm 81. Dermatitis gangraenosa 507. Dermatocoptes 76. Dermatomycose 243.
—nbsp; nbsp;phagus 75.
—nbsp; nbsp;phili 72.
Desinl'ection der Gebärmutter 522. Desinfectionsmittel 98. 289. Desquamativpneumonie 309. Diabetes insipidus 488.
—nbsp; nbsp;mellitus 490. Diagnose 2.
Digitalis purpurea 300. 388. 409. Dilatation des Herzens 400. Diphtherie 232.
—nbsp; des Gellügeis 238.
—nbsp; nbsp;der Kälber 234. Diphtheritis prol'unda 238. Distoma cirrigerum 49.
—nbsp; nbsp;echinatura 49.
—nbsp; nbsp;hepaticum 45.
—nbsp; nbsp;lanceolatum 45. Distomiden 45.
Divertikel des Schlundes 422. Doppelloch 46. Dreher 30. Drehkrankheit 28.
Drehkrankheit des Pferdes 30.
—nbsp; nbsp;des Rindes 35. Druse der Biill'el 171.
—nbsp; nbsp;des Pferdes 165.
—nbsp; nbsp;verdächtige 108. 178. 182. 189.
—nbsp; nbsp;verschlagene 107.
—nbsp; nbsp;wandernde 107. Dummkoller 293. 298. 806. Durchfall 423. 420. 441.
—nbsp; nbsp;neugeborener Thiere 554. Dyspepsie der Wiederkäuer 440. Dyspnoea 340.
Dysurie 497.
E.
Echinococcus mnltilocularis 3£
—nbsp; nbsp;polymorphus 37. Echinocockenkrankheit 30. Echinorrhynclms gigas 04. Egelseuche der Krebse 49. Eierstockcysteu 510. Einleitung 1. Einsiedlerbandwurm 24. Eitersecretion 13.
—nbsp; nbsp;Vergiftung 107. Ekchymosen 501. Eklampsie 318. Ekzema 569.
—nbsp; nbsp;mercuriale 000.
—nbsp; nbsp;impetiginodes 572.
—nbsp; nbsp;rubrum 572.
—nbsp; nbsp;Simplex 570. Elephantenfuss 574. Empyera 384.
—nbsp; nbsp;der Lungen 389. Encephalitis 290. Endarteriitis 410. Endocarditis 404. Endometritis 523. Endophlebitis 412. Engbrüstigkeit 394. Engouement 371. Entartung, atlieromatöse 411. Enteritis Junger Thiere 555. Entzündung 3. 10.
—nbsp; nbsp;des Mastdarmes 428.
—nbsp; nbsp;der Maulschleimhaut 418.
—nbsp; nbsp;der Speicheldrüsen 421. Enuresis 499.
Epilepsie 312. Epistaxis 305. Erbgrind 240.
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G14
Rearister.
Ermüdung der Verdauungsorgane
der Wiederkäuer 447. Erosionsgesehwüre :544. Erstlckungsnoth neugeb. Thlere 550. Erweichung, einfache 410.
—nbsp; nbsp;septische 410. Erweiterung des Herzens 400. Erythema 501.
—nbsp; nbsp;erysipelatodes 505.
—nbsp; nbsp;gangraenescens 507.
—nbsp; nbsp;pemphlgoides 506. Eserln 439. Eupnoea ;!40. Eustrongylus gigas 62. Euterkrankheiten 528.
—nbsp; nbsp;entzündung 528.
—nbsp; nbsp;— iufectiöse s. parencliymatöse.
—nbsp; nbsp;— interstitielle 529.
—nbsp; nbsp;— parencliymatöse 530.
—nbsp; ödem 528.
—nbsp; nbsp;tuberoulose 535. Exantlieme 503. Excoriationen 502.
F.
Farnkrautwurzel 43.
Fäule der Schafe 45. Fauler Strahl 574. Favus 240.
—nbsp; nbsp;Soutuhim 247. Febris biliosa 424.
—nbsp; nbsp;gastrlca 424. Federlinge 69.
Festliegen der Mutterthiere 526. Fette Franzosen 273. Fettleber 469.
Fettige Metamorphose der Arterien 411.
—nbsp; nbsp;Usur 412. Fettsehlauoh 280. Fieber 3. 17.
—nbsp; nbsp;gastrisches 424.
—nbsp; nbsp;typus 20.
Finnen der Schweine 24.
—nbsp; nbsp;des Kindes 27. Flechtenmauke 573. Fleck 500. Fleischeuter 533. Fliegendes Feuer 100. Flühe 69.
Folliculargesohwtire 420. Fünfloch, bamhvurmähiilicbcs 72.
—nbsp; nbsp;gezahntes 73.
G.
Gallenfieber 424. Gallensteine 408. Gape des Geflügels 55. Garapatas (oder Garapattos) 85. Gastrisches Fieber 424. Gastroenteritis 454. Gaumengeschwulst 418. Uebürmutterbraud der Schafe 103.
—nbsp; nbsp;entzündung 523.
—nbsp; nbsp;vorfall 518.
—nbsp; nbsp;Wassersucht 525. Gefasskrankhelten 409. Geflügelseuche 55. 238. Gehirnanämie 295.
—nbsp; nbsp;apoplexie 301.
—nbsp; nbsp;blutung 301.
—nbsp; nbsp;entzündung 290.
—nbsp; nbsp;erweichung 299.
—nbsp; nbsp;hyperämie 291.
—nbsp; nbsp;Wassersucht, acute 298.
—nbsp; nbsp;— chronische 309. Gelbsucht 402. Gelber Gall 535. Geräusch 100. Geschwülste der Haut 584. Geschwür 13.
—nbsp; nbsp;atheromatöses 411. Gift 584. Giftmilbe 85. Glatzflechte 243. Glossanthrax 114. Gnubbcrkranltheit 335. Grabmilben 75. Gregarinose 86. Grind 562.
—nbsp; nbsp;der Hühner 240.
—nbsp; nbsp;der Pferde 577. Grttbchenschorf 562. Gusanera 69.
H.
Haarbalgmilbe 75. 76. Uaarballen 428. Haarkopf 05. Haarlinge 70. Haarschlechtigkeit 395. Haarwechsel, abnormer 583. Haematopinus 69. 70. Hämaturie 506. Hämoglobinämie 510. Häiuoglobinurie 510. Htlmorrhaglsoher Herd 307.
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liegistcr.
611
Hahnenkammgrind 240. Halsgrlnd 577. Harnblasenentzündung 492.
—nbsp; katarrli 492.
—nbsp; nbsp;krampf 499.
—nbsp; nbsp;lähmung 499. Uarnoonoretionen 48(3.
—nbsp; nbsp;Ihm 502.
—nbsp; nbsp;— durch den Nabel 547.
—nbsp; nbsp;strenge 497.
—nbsp; verbaltung 501.
—nbsp; nbsp;winde (schwarze) 324. 510. Hartsohnaufen 392. Haubners Lecke 47. Hautausschläge 563.
—nbsp; geschvviilsto 584.
—nbsp; jucken 578.
—nbsp; krankheiten 559.
—nbsp; nbsp;— acute 503.
—nbsp; — chronische 578. Hautparasiten 72.
—nbsp; rotz 186. Hepatisation 372. Herpes circinatus 244.
—nbsp; nbsp;labialis 565.
—nbsp; nbsp;tonsurans 243. Ilerzaneurysma 402.
—nbsp; atrophie 407.
—nbsp; nbsp;bcutelentzündung 396.
—nbsp; nbsp;— Wassersucht 399.
—nbsp; nbsp;dilatation 406.
—nbsp; nbsp;echinococcus 40.
—nbsp; nbsp;evweichung 408.
—nbsp; nbsp;hypertrophie 406.
—nbsp; nbsp;klappen-Insuflicienz 404.
—nbsp; nbsp;klopfen, nervöses 401.
—nbsp; nbsp;missbildungen 409.
—nbsp; nbsp;muskelentzündung 402.
—nbsp; nbsp;ostien 408.
—nbsp; nbsp;scblägigkeit 394. 408.
—nbsp; nbsp;Stenose 404.
—nbsp; nbsp;Verfettung 402. Heupilz 110. Hippobosca equina 72. HirnhöblenWassersucht, acute 298.
—nbsp; nbsp;chronische 309. Hirnquese 28. Hirschkrankheit 331. Hitzausschlag 565.
—nbsp; nbsp;knötchen der Pferde 580.
--------der Schafe 580.
Hodenentzündung 515. Holzböcke 84.
—nbsp; nbsp;krankheit 507.
Ilolzzunge 250. 253. llornissstiche 601. Hühnercholera 88. Hülseiiblasenwurm 37. Hüttenrauchkrankbeiten 271. Hundestaupe 191. Hundsvvuth 197. Husten 340. Hydrämie 9. Hydrocele 515. Hydrocephalus aoutus 298. 308.
—nbsp; nbsp;chronicus 309.
—nbsp; nbsp;congenitns 301. Hydrometra 524.
—nbsp; nbsp;nephrose 491.
—nbsp; nbsp;pericardium 399.
—nbsp; thorax 389. Hyperämie 5. 6.
—nbsp; des Gehirns 291.
—nbsp; nbsp;der Leber 403.
—nbsp; nbsp;der Lungen 303.
—nbsp; nbsp;der Nieren 475. Hypertrophie des Herzens 400. Hypoderma bovis 08. Hypostase 7.
Jauche 14.
Icterogen 686.
Icterus 462.
Igelkröpfe 255.
Igelsl'uss 574.
Iblenkröpfe 255.
Incontinentia urinae 499.
Infectionskrnnkheiten 23.
Inllammatio 10.
Influenza 133.
Insufficieuz der Herzklappen 404.
Irrigator 15.
Ischämie 10.
Ischurie 499.
Ixodes 84.
K.
Kälbergrind 245.
Kalbeliebcr, paralytisches 100. 315.
—nbsp; nbsp;septisches 100. Kali causticum 575.
—nbsp; nbsp;hypermanganicum 414. Kalkbeine des Gellügeis 80. Kaltwassertherapie 22. Katalepsie 314.
Katarrh des Labmagens 444.
I
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616
Register.
Katarrh der Laftsäoke des Pferdes
345.
—nbsp; nbsp;des Magens 423.
—nbsp; nbsp;der Maulhölile 417.
—nbsp; der Mutterscheide 52!5.
—nbsp; nbsp;der Nasenschleimhaut 342.
—nbsp; nbsp;— chronischer 344.
—nbsp; nbsp;der Stirnhöhlen 344. KaUirrhallieber, bösartiges, des
Rindes 359. Katarrhalfieber, bösartiges, des
Schales 196. Kehlkopfspfeifen 392. Kinnbackenkrampf 330. Klauenseuche 258. Kleiderlaus 70. Klystlere 439.
—nbsp; von Stärkemehl 442. Knemidocoptes viviparns 80. Knisterrasseln 370. Knochenkrebs 249.
—nbsp; nbsp;rot/. 180. Knötchen 561. Knoten 661. Körnerschorf 562. Körperwärme 18. Kolik der Pferde 430. -------mit Durchfall 441.
—nbsp; nbsp;verschiedener Thiere 442. Koller 30G.
—nbsp; nbsp;erethischer 308.
—nbsp; nbsp;rasender 307. Kopfkrankheit des Pferdes 297.
—nbsp; nbsp;des Rindes 359. Kopflaus 70.
Kopfrose der Schafe 506.
—nbsp; nbsp;des Schweines 130. Koprophagen 27. Kothfresser 27. Krätze 74.
Krampfaderknoten 413. Krampf husten 258. Krampfkolik 431. Krankenexamen 2. Krankheiten der Arterion 409.
—nbsp; nbsp;der Bauchspeicheldrüse 471.
—nbsp; nbsp;der Blutgefässe 409.
—nbsp; nbsp;der Bronchien 349.
—nbsp; nbsp;der Eierstöcke 516.
—nbsp; nbsp;des Euters 528.
—nbsp; nbsp;des Gehirns 291.
—nbsp; der GekrösdrUsen 472.
—nbsp; nbsp;der Geschlechtsorgane 514,
—nbsp; nbsp;der Harnblase 492.
Krankheiten der Harnorgane 474.
—nbsp; nbsp;der Haut 559.
—nbsp; nbsp;der Hoden 514.
—nbsp; nbsp;des Kehlkopfes 342.
—nbsp; nbsp;der Leber 461.
—nbsp; nbsp;der Luftsäcke 345.
—nbsp; nbsp;der Lymphgefässe 414.
—nbsp; der Maulschleimhaut 417.
—nbsp; nbsp;der Milz 470.
—nbsp; der Nase und ihrer Nebenhöhlen 342.
—nbsp; der Nerven 328.
—nbsp; nbsp;neugeborener Thiere 543.
—nbsp; nbsp;der Nieren 475.
—nbsp; der Oberkieferhöhle 845.
—nbsp; nbsp;der Respirationsorgane 345.
—nbsp; nbsp;der Samenbläschen 515.
—nbsp; nbsp;der Thymusdrüse 416.
—nbsp; nbsp;der Venen 412.
—nbsp; nbsp;der Verdauungsorgane 428.
—nbsp; nbsp;der Vorsteherdrüse 515.
—nbsp; nbsp;nicht parasitäre 291. Krankheitsbegriff 1.
—nbsp; nbsp;eintheilung 3.
—nbsp; nbsp;erscheinungen 2.
—nbsp; nbsp;Ursachen 3. Kratzer 64. Krebspest 49. Kreuzdreher 30.
—nbsp; lähme, chronische 327. Krisis 20.
Krusten 562. Kuhpocken 213. Kupfervitriol 595. Kupfervergiftung 607.
L.
Lähme, metastatische 421.
—nbsp; nbsp;neugeborener Thiere 97. 421. 556.
Lähmung des Angesichtsnerven 328.
—nbsp; des Recurrens 328. 392.
—nbsp; nbsp;des Trigeminus 328. Lämmergrind 245. Laminoscoptes gallinarum 80. Lauschkoller 306.
Läuse 69. Lausfliegen 72. Leberabscesse 465.
—nbsp; nbsp;blutung 466.
—nbsp; nbsp;cirrhose 464.
—nbsp; egel 48.
—nbsp; entzündung 463. 405.
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Register.
617
Leberfistelu 465.
—nbsp; nbsp;krankheiten 461.
—nbsp; nbsp;egelseuche 45. 609. Lendenblut 117. Leucorrhoea 524. Lippengrind 577.
Lobarpneumonie des Pferdes 147. Luftrönrenkratzer 51. Lultsackkatan-Ii 345. Lungenacinus 368.
—nbsp; nbsp;alveolen 367.
—nbsp; bläsclien 367.
—nbsp; blutsolilag 366.
—nbsp; blutnng 366.
—nbsp; brand 374. 376.
—nbsp; oollapsns 390.
—nbsp; nbsp;emphysem 352. 389.
—nbsp; entzündung 367.
—nbsp; nbsp;— croupöse 371. -------lobäre 371.
—nbsp; — lobuläre 369.
—nbsp; infaret 366.
—nbsp; lappchen 368.
—nbsp; nekrose 374.
—nbsp; ödem 352.
—nbsp; rotz 182.
—nbsp; Schwindsucht 370.
—nbsp; seuche dos Rindes 153.
—nbsp; — Impfung 161.
—nbsp; steine 353.
—nbsp; wurmseuche 51. Lupinenkrankheit 585. Lupinose 585. Lymphadenitis 415.
—nbsp; angitis 414.
—nbsp; drüsenentzündung 415.
—nbsp; gefässentziindung 414. Lymphome 250. 252. Lysis 20.
Lyssa 197.
Massage 534. Mastdarmbremsc 68.
—nbsp; carbunkol 115. 117.
—nbsp; nbsp;entzündung 428.
—nbsp; nbsp;fisteln 429. Mastitis 528.
Mauke des Pferdes 573.
—nbsp; des Schafes 575. Maulgrind 245. 576.
—nbsp; seuche 250. Meconium 552.
Megnins llühnerfutter gegen Para­siten 55. Melophngus equinus 72. Meningitis 296. Meningitis basilaris 298.
—nbsp; grannlosa 298.
—nbsp; tnberculosa 298. Mesarteriitis 412. Mesophlebitis 412. Metritis catarrhalis 523,
—nbsp; crouposa 524. Miescher'sche Schläuche 86. Mikrocardie 407.
Milben 74. Milohfehler 534.
—nbsp; fisteln 533.
—nbsp; knoten 533.
—nbsp; mangel 535.
—nbsp; steine 533. Milzbrand 108.
#9632;— der Fleischfresser 117.
—nbsp; des Geflügels 117.
—nbsp; des Pferdes 118. 121.
—nbsp; des Rindes 117.
—nbsp; des Schweines 116.
—nbsp; der Ziege 116.
—nbsp; der wilden Thiere 116.
—nbsp; nbsp;hlutschlag 112.
—nbsp; fieber 112.
—nbsp; Impfung 121. Mil/.liober 117. Milztumoren 471. Missbildungen des Herzens 409. Morbus Brightii 481. Morphium 402. 433.
Mors npparens 304. Mundfäule 418.
Mundschwämme junger Thiere 555. Muskclrotz 186. '
—nbsp; trichinen 58. Mutterkoller 517. Myiasis 68. Myocarditis 402.
M.
Mähnengrind 577. Magenbremse 68.
—nbsp; entzündung 454. 555.
—nbsp; katarrh, acuter 423.
—nbsp; — chronischer 425.
—nbsp; nbsp;— der Wiederkäuer 444.
—nbsp; nbsp;seuche 227.
—nbsp; wurmseuche 56. Mallophagen 69. Marochetti'sche Bläschen 203.
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018
Register.
IS'.
KabolbluUingon 547.
—nbsp; nbsp;brucli 54().
—nbsp; nbsp;entzündiing 548.
—nbsp; nbsp;harnlluss 547.
—nbsp; Venenentzündung 413. Kaehbelmndlung 8. Narbengewebe 13. Nasenblutung 3Ö5.
—nbsp; bremse 68.
—nbsp; katarrh 342.
—nbsp; nbsp;— chronischer 344.
—nbsp; nbsp;rotz 181. Nekrose 14. Nephritis 477. Nervenkrankheiten 328.
—nbsp; nbsp;selling 323. 510. Nesselfieber 563.
—nbsp; nbsp;der Schweine 130. Nessel friesel 564. Neubildungen im Gehirn 812.
—nbsp; nbsp;in der Harnblase 503.
—nbsp; nbsp;in der Leber 467. Neuralgia colieu, 430.
Neurosen d.Respirationsorgane 357. Nierenbeokenentziindung 490.
—nbsp; nbsp;blutung 485.
—nbsp; nbsp;entzündiing 477. Niesen 341. Noma 237. Nymphomanie 517.
O.
Oberkieferhöhlenkatarrh 345. Obliteration 410. Oedema glottidis 359. Oedem des Kehldeckels 359. Oestrus auribarbis 68.
—nbsp; nbsp;bovis 68.
—nbsp; nbsp;haemorrhoidalis 504.
—nbsp; nbsp;ovis 05.
—nbsp; nbsp;pictus 68.
—nbsp; nbsp;trompe 08. Ohnmacht 295. 304. Ohrspeicheldrüsenentzündung 421. Oligämie 8.
Omphalltis 413. Opium 442. Opodeldoc 534. Osteomalasie 558. Osteo-Sarcom 249.
P.
FallisadenwUrmer 51. 56. Fanaritiuru 508. Pansenstich 451.
—nbsp; schnitt 452. Papeln 561. Paranephritis 477. Parasiten der Harnblase 487.
—nbsp; der Nieren 503.
Parese der Verdauungsorgane der
Wiederkäuer 448. Pechräude 577. Pedioulina 69.
—nbsp; nbsp;capitis 70.
—nbsp; nbsp;vestimenti 70. Peitschenwurm 65. Pelzfresser 69. Pentastoma 72. Periarteriitis (nodosa) 410. Peribronclutis 332. 308.
—nbsp; nodosa 353.
—nbsp; proliferans 353. Pericarditis 396. Perihepatitis 465. Perilympliangitis 415. Perinephritis 477. Periphlebitis 412. Peripneumonie 368. Peritonitis 439. 455. Perlknoten 269. Perlsucht 209. Pertussis 358. Pestblattern 414. Petechien 501. Pfeiferdampf 393. 421. Pferdescharlach 100. Pferdestanpe 133.
—nbsp; nbsp;typhus 121. Phenylspiritus 10. Philopterus 09. Phlebectasie 413. Phlebitis 412.
—nbsp; nbsp;hyperplastica 412. Phleboliten 413. Phvsostigmin 439. 447. 451. Pilooarpln 317. 447. 451. Plattwürmer 45. Pleurnschwarten 383. Pleuritis 382.
#9632;— fibrinosa 164. Pleuropneumonie 373. Pncumonie 367.
—nbsp; nbsp;croupöse 147. 371.
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Register.
(319
Pnoiimonie fibnnösc 371.
—nbsp; käsige 370.
—nbsp; lobftre 371.
—nbsp; nbsp;lolmläre 3(39.
—nbsp; nbsp;-Mikrokokken 147. 154. 374. Pneumono-Mycose 104. Pneumo-Perioardlutn 398.
—nbsp; -Pleuresle 373.
-----Thorax 374.
Pocken 204.
—nbsp; nbsp;des Geflügels 218.
—nbsp; nbsp;des Hundes 218.
—nbsp; nbsp;des Kaninchens 218. Pocken des Pferdes 21G.
—nbsp; nbsp;des Rindes 213.
—nbsp; nbsp;des Schafes 206.
—nbsp; nbsp;des Schweines 217.
—nbsp; nbsp;warzige 208.
—nbsp; nbsp;der Ziege 216. Pookensohorf 6(i2. Polyamie 5. Polypen 345. Polyurie 488. Pomphus 501. Pottasche 575. Präcipitatsalbe 570. Proctitis 428. Prognose 2. Prolapsus ani 429.
—nbsp; nbsp;uteri 518. Prophylaxis 3. Prurigo 578. Psorospermien 86.
—nbsp; nbsp;— katarrh 87. Puerperalfieber 100. Purpura 561. Pustula maligna 114. Pustel 562.
—nbsp; nbsp;finne 581. Pvamie 14. 90. 92. 107. Pyelitis 490. Pyometra 524. Pyopneumothorax 384. Pyothorax 384.
Q.
Quaddel 561. Quese 29. Quesenbandwurm 28.
R.
Rabies 197.
Rainey'sche Schläuche 86.
Randzecke 85. Rankkorn 110. Raspe der Pferde 577. Räude 74.
—nbsp; nbsp;milben 75.
—nbsp; nbsp;mittel 82. Rauinschlauch 505. Rauschbrand 104.
—nbsp; Impfung 107. Regenfäule der Schafe 575. Rhachitis 558. Rhagades 502. Riesenkratzer 64. Rinderpest 219.
—nbsp; nbsp;der Ziege und des Schafes 227. RingJlechte 244.
Roseola 561. Rothlauf 128.
—nbsp; nbsp;der Pferde 133.
—nbsp; der Schweine 130. Rotz 171.
#9632;— verschiedener Thiere n. d. M, 191.
—nbsp; nbsp;acuter 188.
—nbsp; nbsp;bubo 181.
—nbsp; nbsp;chronischer 180.
—nbsp; nbsp;contagium 172.
—nbsp; outaner 180.
—nbsp; nbsp;clephantiastische Form 180.
—nbsp; nbsp;exanthematische Form 180.
—nbsp; geschwüre 181.
—nbsp; nbsp;gewächse 176.
—nbsp; nbsp;Impfung 189.
—nbsp; nbsp;intermusculärer 177.
—nbsp; nbsp;katarrh 178.
—nbsp; nbsp;knotehen 172.
—nbsp; leprose Form 186.
—nbsp; nbsp;subcanter 177. 184.
—nbsp; nbsp;tuberkel 172. 174.
—nbsp; zellen 173. Rüokenblut 117. Rückeumarkskrankheilen 322. Ruhr 227.
—nbsp; nbsp;weisse der Kälber 284. Russ der Ferkel 577.
S.
Sahncsehwinden 542. Salicylsäure 121. Salmiakgeist 425. 439. Salziluss 572.
—nbsp; nbsp;säure 425. 439. 539. Samenkoller 516.
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(320
Register.
Samensh'Migfislel 515. Saugmilben 75.
—nbsp; nbsp;wiirmer 45. Sarooptee 75.
—nbsp; nbsp;mutans 81.
—nbsp; nidulnns 80.
—nbsp; squamirerus 79. Scalma des Ffercles 151, Searillcation 10. Schälknötchen 580. Schafpocken 206.
—nbsp; nbsp;Impfung 211. Sohafrotz 19(3. Schal'tocke 72. Sohafzeoke 72. Schaiikcrsenche 278. Scharlach des Pferdes 166.
—nbsp; nbsp;des Schweines 130.. Schlempemauke des Rindviehs 592. Scheidenvori'all 518.
Scheintod 304.
—nbsp; junger Thiere 550. Schilfern 562. Schlangenbiss 601. Schleuderkranklieit 65. 338. Schlunddivertikel 422.
—nbsp; nbsp;krankheiten 422. Schmutzmauke 593. Schnorchel der Tauben 240. Schnupfenfieber 87. Schorf 562.
—nbsp; nbsp;blattchen 562. ~ knötelicn 562. Schruekigsein 335. Schrunden 562.
—nbsp; mauke 573. Schuppen 562.
—nbsp; nbsp;flechte 577.
Schwäche neugeborener Thiere 549. Schwefelsäure 539. Schweifgrind 578. Schweineseuche 129. Schweiss, kalter 22.
—nbsp; nbsp;kritischer 22. Schwerathmigkeit 340. Schwindflechte 579. Scorbut 418. Scrophulosis 276.
—nbsp; nbsp;mesaraiea 472. Seborrhoea praeputii 505. Segler 80.
Sepsin 91. Septicämie 90.
—nbsp; nbsp;pucrperalc 100.
Seuchen 88. Shok 295. Seifenspiritus 533. Speckleber 409. Speckmilz 471. Spina ventosa 249. Spiritus 425. Spitzpocken 215. Splenisation 372. Sporadische Krankheiten 291. Spulwürmer 02. 433. Stärkemehlklystiere 442. Stätigkeit der Pferde 319. Starrkrampf 329.
—nbsp; nbsp;sucht 314. Staupe der Hunde 19.
—nbsp; nbsp;der Pferde 133. Steinpocken 208. 215. Steissräude 79.
Stenose der Herzostien 404. Sterilität männlicher Thiere 515.
—nbsp; weiblicher Thiere 517. Stiersucht 516. Stinkendes Thieröl 57. Stippchen 561. Stofl'wechselproducte 19. Stomatitis mercurialis 419.
—nbsp; pustulosa contagiosa 268.
—nbsp; nbsp;ulcerosa 418. Strahlenpilz 250. 254. 609. Strangschläger 321. Strnubfuss 574. Strengel 343.
Striemen 561.
Strongylus armatus 57. 432.
—nbsp; nbsp;contortus 56.
—nbsp; nbsp;fdaria 51.
—nbsp; nbsp;miorurus 53.
—nbsp; nbsp;paradoxus 54.
—nbsp; nbsp;trachealis 55. Schwielentuberkel 581. Sublimat 99. 579. Symbiotes 75. Syncope 304. Syngamus trachealis 55.
T.
Taenia coenurus 28.
—nbsp; nbsp;echinococcus 36.
—nbsp; nbsp;expansa 42.
—nbsp; nbsp;mediocanellata 27.
—nbsp; nbsp;saginata 27.
—nbsp; solium 24.
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Register.
621
Tauraler BO. Teigmaul 245. 576. Terpentinöl 425.
—nbsp; nbsp;seife 415. Tetanus 330. Texasfieber 127.
—nbsp; nbsp;senche 127. Thalerliecke 279. Therapie 3. Tinea vera 246.
—nbsp; nbsp;favosa 246. Traber 30. 66. 335. •— krankheit 335. Traeheilis 347. Trematoden 45. Trepanation 33. 67. 346. Trichinosis 58. Trichocephalns 65. Trichodeotes 70.
Trichophyton tonsurans 243. 576. Trismus 330.
Tromraelsucht der Wiederkäuer 449.
—nbsp; nbsp;chronische 453. Tnberkelbacillen 269. Tuberculose des Rindes 269.
—nbsp; nbsp;verschiedener Tiiiere 276. Tussis conviilsiva 358. Th3'niusdrüsengescliwulst 416.
ü.
Ueberwurt' 442. Ulcus 13.
Unfruchtbarkeit männlicher Thiere 515.
—nbsp; nbsp;weiblicher Thiere 517. Unverdaulichkeit, chronische, der
Wiederkäuer 453. Urocystitis 492. Urtica 561. Urticaria 663.
V.
VaginiUs 523.
—nbsp; crouposa 524. Varicocele 413. Variolae caprinae 216.
—nbsp; nbsp;equinae 216.
—nbsp; nbsp;ovinae 206.
—nbsp; nbsp;suillae 217.
—nbsp; vaccinae 213. Varix 413. Vasculitis 409.
Vaseline 580. Veitstanz 318. 609. Venenentzündung 412.
—nbsp; nbsp;steine 413. Veratrin 448. Verdauungsslörungen neugeborener
Thiere 553. Vergiftungen 584.
—nbsp; nbsp;durch Alkalien 605. --------Arsenik 607.
—nbsp; nbsp;— Rlei 660.
—nbsp; — Breohweinsteln 607.
—nbsp; nbsp;— Calomel 605.
—nbsp; nbsp;— Fischlake 605.
—nbsp; nbsp;— Kochsalz 605.
—nbsp; nbsp;— Kupferpräparate 607.
—nbsp; nbsp;— Mineralsäurcn 605. --------Phosphor 608.
—nbsp; nbsp;— Pökelbriihe 605.
—nbsp; — Qaeoksllberpramp;parate 605.
—nbsp; nbsp;— Salpeter 605.
—nbsp; nbsp;— Sublimat 605. --------Zinkoxyd 607.
—nbsp; nbsp;— Zinnoxyd 607. Verhalten der Nachgeburt 520. Verkalben, enzootisches 286. Verkrümmungen neugebor. Thiere
549. Verschluss des Afters 543.
—nbsp; der Lippen 545. Verschwärung 13. Verstopfungskolik 433. Verwachsung des (Slrichencanales
534. Verzögerung des Haarwechsels 583. Vesicnlae 561. Vlbioes 561. Vorbericht 2. Vorbeuge 3. Vorfall des Afters 429.
—nbsp; nbsp;der Mutterscheide und der Ge­bärmutter 518.
Vorhersage 2.
w.
Wabengrind 246. Waohholderbeeren 300. Wachsleber 469. Wärmequelle 18. Waldkrankheit 507. Wandernde Druse 167. Wanderrose 129. Warzenpocken 215.
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022
Register.
Wasserbruch 615. Wasserkrebs '237. Wiisserpocken 215. Wasserscheu 202. Weichselzopf 582. Weisse Borste 117. Weisser Fluss 524. Wespenstich 001. Wetzkrankheit 335. Winddorn 249. Windpocken 215. Windrehe 510. Wundstarrkrampf 329. Warm 177. 184.
—nbsp; aneurysma 430. 442.
-----Knoten 172.
Wuthkrankheit 197.
—nbsp; rasende 201.
! Wuthkrankheit stille 201.
—nbsp; verschiedener Thiere 201.
Z.
Zahnkrankheiten 418. Zecken 84.
Zellgcwebswassersucht 596. Zerrelssung des Verdauungsrohreraquo;
436. Zinoum sulfuricum 16. 565. Zinkvitriol 10. 565. Zungenantlirax 114. 116. Zungenbrand 114. Zangenfaule 114. Zangenkrebs 114. Zurückbleiben der Nachgebart 520.
—nbsp; des Darmpechs 552.
Druckfehler.
S. 439, Z. 14 von oben lies „Salmiakgeistquot; statt ,Salmiakquot;.
S. 23 fallen die Worte „Allgemeine Gtasundheitsstörungenquot; '/. 10 v, o. weg.
S. 23, Z. 12 lies „parasitärenquot; statt „prrasitärenquot;.
JJ/lf
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