ocr page 1
^ i
quot;^
amp; wgt;
^gt;
„• '0^..-
W6.
4.^^
f ^
^ #9632;.,*'
Vs.lt;
jl^:^'
ocr page 2
V ' *-i ' '% -nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;.'V .
: f/
ocr page 3
E
•V
5^
'plusmn;'^:
gt;^jXi KH
CR^i
V^.
ocr page 4
m^*m*m
^^^^s^^^^^^^mm
ocr page 5
ocr page 6
ocr page 7
H
'1
V
•'#9632;'f
HERINGS
OPERATIONSLEHRE.
iM
ocr page 8
•vs^^^—i^m
RIJKSUNIVERSITEIT TE UTRECHT
2671 478 6
ocr page 9
HERINGS
OPEEATIONSLEHKE
FÜR TIERÄRZTE.
(L^
sy? XJjr^:
VIERTE AUFLAGE.
VOLLSTÄNDIG NEU BEARBEITET
VON
DR EDUARD VOGEL,
PBOFBSSOB AN DER KÖNIGL. WÜUTT. TlKUAUZNBISOiniMü IN' SrTTjTGAli.f-KTg.
L
•
STUTTGART.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ..-'-^
VERLAG VON SCIIICKHAUDT amp; EBNER.
1885.
ocr page 10
f - 1^ .Ul^HK^Wi^i
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von Carl Hiuntnor in Stuttgart.
ocr page 11
Vorrede zur dritten Auflaffe.
Nur Wenigen ist von der Vorsehung das Glück bescliieden, nacli einer melir als ÖOjfthrigen, literarischen und praktischen Thfttig-keit nocli im Stande zu sein, die Herausgabe einer neuen, dritten Autlage eines vor 22 Jahren zum erstenmal erschienenen Werkes zu besorgen. Es setzt dies Kenntnis der Fortschritte voraus, welche der betreffende Zweig- der Tierheilkunde inzwischen gemacht hat; als Be­weis meiner Befähigung bitte ich meine (auch nach dem Rücktritt von der Redaktion) ununterbrochene Teilnahme an dem Repertörium der Tierheilkunde gelten zu lassen, in welchem ich u. A. besonders die Arbeiten der Kollegen ausserhalb des deutschen Reichs vertreten habe.
In der vorliegenden neuen Autlage sind teils zahlreiche Ver­besserungen in der Beschreibung einzelner Operationen, teils statistische Vergleichungen über den Erfolg verschiedener Methoden, und viele Fälle aus der Oasuistik am passenden Orte eingeschaltet worden, an welche sich 13 neue Holzschnitte, meist. Instrumente betreffend, anreihen.
Die Tierbeilkunde ist. in dem verflossenen Dezennium, mehr als bisher, sowohl von den öffentlichen Behörden, als von den einzelnen Besitzern eines wertvollen Yiehstandes, als ein berechtigtes Glied in der Kette der nützlichen Wissenschaften anerkannt worden. Als Opera­teur hat der Tierarzt zwar keinen genügenden Grund, den Epoche
ocr page 12
#9632;#9632;nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; — 1------JL.^laquo;^
VI
Vorwort.
machenden Fortschritten (lev menschlichen Chirurgie, teils in conser-vatlver BlutschMj teils in der dreisten Ausführung gewagter Operationen nachzufolgen: muss er sich doch stets erinnern, dass der rationelle Landwirt nicht nur verlangt, dass sein krankes Tier am Leben er­halten, sondern dass es „diensttüchtig wie zuvorquot; und dabei mit mög­lichst geringen Kosten hergestellt werde.
Mehrere In der Tierhellkunde gebräuchliche Operationen ent­sprechen vorzugsweise dieser Bedingung, während sie zugleich dem Operateur gestatten, dem Publikum den Wert seiner Leistungen dcut-llcher vor A.ugefi zu legen, als dies bei der Innerlichen Therapie der Fall Ist. Ja, nachdem die, Reichsgesetzgebung bereits auf den Stand­punkt des vorigen Jahrhunderts zurück datiert worden ist, wäre es wohl denkbar, dass die Zelt wieder käme, wo man statt Militär-Cordons „Elterbftnderquot; ziehen Hesse und statt des Todschiagens sich mit „Ader­lässenquot; hegnügte.
Möge das Studium des vorliegenden Werkes den angehenden, wie den älteren Tierärzten, wie bisher nützlich sein; mit diesem auf­richtigen Wunsche legt der Verfasser die lange und rüstig geführte Feder nieder.
Stuttgart, im März 1870.
Hering.
ocr page 13
Vorrede zur vierten Aufkioe.
Die allgemeine Anerkennung, welche sich die Operationslehre
von Hering (lurch drei Auflagen hindurch in weiten Kreisen erworben, raussten es der Verlagsbuchhandlung zur Pflicht machen, das geschätzte Buch nach dem Hinscheiden des Verfassers der Mitwelt zu erhalten und wenn ich den ehrenvollen Auftrag erhalten habe, die in so kurzer Zeit vergriffene III. Auflage neu zu bearbeiten, so war auch ich mir dieser Ehrenpflicht bewusst, nicht weniger aber auch der damit ver­bundenen Schwierigkeiten.
Als langjähriger Kliniker und als Schüler Bering's mit dessen An­schauungen wohl bekannt, konnte ich hoffen, das Buch in den Baupt-ziigen nach seinem Sinne zu überarbeiten eingedenk der Pietät, welcher kein Autor sich entziehen wird und kann, doppelt galt es daher, das wissenschaftliche Eigentum zu bewahren und die Ansichten des ver­ehrten Lehrers zu achten.
Zunächst habe ich die Einteilung der Operationen, sowie die An-ordmmg des Gesamtinhaltes durchaus beibehalten, wenn auch das Buch In anderem, handlicherem Format gehalten ist, doch sah Ich mich ge­nötigt, einzelne wenige Operationen, nämlich die der Augen, die Kx-stirpation des Hulknorpels und des Uterus der jetzt in so erwünschter Weise ausgebildeten Spezial-biteratur ZU überlassen, denn dieselben
ocr page 14
^=-!^HP!^|
vm
Vorwort.
erschienen hier zu sehr aus ihrem Zusammenhang herausgerissen, ausser-dem müssen die Augenoperationen einer berufeneren Hand überantwortet werden. Weitere Umänderungen ergaben sich dadurch, dass die viel-fachen Errungenschaften der letzten Jahre nachzutragen und die eminen­ten Fortschritte der heutigen Chirurgie zu berücksichtigen waren, von welch letzteren Notiz zu nehmen der Verblichene sich nicht mehr ent-SChüessen konnte, einzelne Kapitel sind daher vollständig neu bearbeitet, um dem derzeitigen Standpunkte der Veterinär-Wissenschaft sowohl, als der einheitlichen Gestaltung des Materials rückhaltlos Rechnung zu tragen. Wesentlich zu Gute kommen wird dem Buche auch die erheb­liche Vennehrung der Abbildungen, welche durch das bereitwillige Ent­gegenkommen der Verlagsbuchhandlung ermöglicht worden ist.
Möge der neuen Auflage dieselbe freundliche Aufnahme, wie den früheren entgegengebracht und der mit so manchen Schwierigkeiten ver­bundenen Arbeit, eine wohlwollende Beurteilung zu Teil werden.
Stuttgart, den 1. Januar 1885.
Vogel.
ocr page 15
Inhalts-Übersieht.
Allgemeiner Teil
Einleitung. Einteilung der Operationen 3. — Anzeigen und Gegenanzeigen i
—nbsp; Operationsplan 7. — Operationsinethodon 7. — Vorbereitung des Tieres 7. — Zeit der Operation 8. — Der Kranklieitsclmrakter 9. — Operationslokal 10, — Der Operateur und seine Gehilfen 10. — Üble Zufälle und Nachbehandlung 12.
Erste Haupt-Abteilung.
Untersuchung der Maulhöhle. Gerades Maulgitter 15. — Rundes englisches Maulgitter 15. — Maulsperrer von Weber 16. — Maulkeil für Pferde IG. — Be­wegliche Maulgitter 17. - Maulkeil für Hunde 19.
Beleuchtungs-Apparate 20. - Reflexspiegel 20. — Stomatoskopen 20. -Elektrisches Glühlicht 20.
Mittel zum Halten und Befestigen der Tiere.
Zwangsmittel für Pferde 22, — Trensen, Halfter, Ziiume 22. — Blenden 24. — Die Nasenbremsen 24. — Scheiikelbreinscn 2C. — Würgostrang 27.
Befestigung des stehenden Pferdes 27. — Befestigung des Vorder-fusses 29. — Befestigung des Hiuterfusses ÜO. — Das Spannen 31. — Notwändo 32.
—nbsp;#9632; Notstände 84.
Das Werfen, Niederlegen der Pferde 36, — Das Wurfzeug 37. — Die Wurfmethoden 41. — Ungarische Wurfmethode 42. — Russische Wnifmethode 43. — Französische Methode (Rohard) 43. — Berliner Wurfmethode 44. — Wiener Wurfmethode 4G. — Stuttgarter Wurfmethode 40. — Rückenlage 48. — Dänische Wurfmethode 50. — Methode nach Balassa 51. Methode nach Rarey 51. Beschädigung durch die Zwangsmittel 58,
Zwangsmittel fii'r Rinder*66, — Bremsen, Nasenringe 57. — Nieder­legen 61,
Zwangsmittel für die kleinereu Haustiere und das Geflügel 02.
Die chirurgische Auästhesierung (Narkose) 68,
Allgemeine chirurgische Instrumentenlehre.
Sonden 73. —#9632; Pinzetten 76. — Haken 78. — Bistouris 80. — Skalpelle 83.
—nbsp; nbsp;Lorheerblattmosser 83, Die Mosserführung 84. — Lanzetten 87. — Scheren
ocr page 16
—^
X
Inlialt.
H8. — Zangen 91. Scharfer Löffel 94. — Trokars 95. — Der Aspirator 98. — Die Spritzen 105. — Irrigation und Spray 107. — Drainage der quot;Wunden 110.
Uutorbindungsiustruincntc 100. — Einfache, perkutane und elastische Ligatur 100. - - Ecrascmont lineaire 102. — Gewebstrennung durch Sägen 104.
Verbandlehre. Desmologie.
Das Lister'scho Verfahren 112. — Die Desinfektionsmittel 114. — Das Verbandmaterial: Werg, Abwerg 119. — Jute, Wolle (Charpie) 120. — Gaze oder Mull 121. — Die Binden 122. — Technik des Verbindens 126. — Die Verbandtouren 129. — Adhäsiv- und Komprossiv-Verband 131. — Verbandwechsel, Abnehmen der Binden 134.
Litteratur über operative Chirurgie 13C.
Operationen, welche can verschiedenen Stellen des Körpers vorgenonimen werden können.
I. Der Aderlass 189. Operationsstellen 144. — Instrumente 147.— Aderlass bei Pferden 153. — Bei Rindern 150. — Bei Schweinen und Schafen 157. — Bei Hunden, Geflügel 158. — Ungünstige Folgen 158. Arteriotomie 161. II, Skarifikationen. Örtlicher Aderlass. Schröpfen 163.
III.nbsp; Bin tstfllung. Mechanische, chemische und thermische lliimostasie 108.
IV.nbsp; Blutüberführung. Transfusion 188. V. Infusion und Injektion 195.
VI. Das Impfen. Inokulation 200. VII. Das chirurgische Nähen 217. VIII. Öffnen von Geschwülsten. Onkotomie 233. IX. Öffnen der Gelenk- und Sehnenscheid cngallen 237. X. Entfernung der Geschwülste. Exstirpation 242. XI. Entfernung von Fremdkörpern, namentlich Geschossen 249. XII. Eiterbilnder. Fontanelle 257.
XIII.nbsp; Glüheisen. Brennen 268. — Ignipunktur 277. — Thermokauter 280.
—- Subkutanes Brennen 283. — Galvanokaustik 284.
XIV.nbsp; Akupunktur. El ektrizität 286.
Zweite Haupt-Abteilung.
Operationen, welche nur an bestimmten Teilen ausführbar sind.
I. Operationen am Kopfe.
XV. Von der Trepanation 290. XVI. Operationen an den Hörnern 300. XVII. Operationen an den Ohren 302.
ocr page 17
Inhalt.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; XI
XVill. Oporationcu an den Speiohelorganfin SOG. XIX. Operationen an den Kieferknochen 310. XX. Zahnoporationcn 312. XXI. Operationen an der Zunge 332.
II. Operationen am Halse. XXII. Eröffnung dor Luftsftoke 337.
XXIII.nbsp; Operationen an der Schilddrüse 343.
XXIV.nbsp; Operation der Aderfistel 347, der Venen- und Arterien-
geschwülste 353. XXV. Operationen am Kehlkopfe 354. XXVI. Operationen an der Luftröhre 358. XXVII. Operationen am Schlünde 374. XXVIII. Der Nack enbandscluii tt 387.
III. Operationen an der Brust und dem Bauche.
XXIX. Der Bruststich. Thorakozentese 304. XXX. Der Bauchstich. Gastrozentcse 404. XXXI. Der Darmstich. Enterozentese 407. XXXII. Der Pansensticli. Magenstich 412,
XXXIII.nbsp; Der Bauchschnitt. Laparotomic 419.
XXXIV.nbsp; Der Pansenschuitt. Gastrotomie 426.
XXXV. Der Darmschnitt. Entorotomie 430. — Die Darmnaht 434. XXXVI. Operation des inneren Bauchfellhruches (Überwurfes) 430. XXXVII. Operation der Nabelbrüche 445. XXXVIII. Operation der Bauelibrüche 458. XXXIX, Operation des Schenkel- und Mi ttelflei schhruches 459. XL. Operation des Leisten-IIodensackb ruches 402, XL1. Operationen an der Scheide und dem Euter 470,
IV. Operationen am After und Mastdarm.
XL1I. Operationen am Darmende. Mangel des Afters 477. —Mastdarm­vorfall 478. — Mastdannpoljpen und Strikturen 482. — Mastdarm-fisteln 483. XLIII. Myotomie des Schweifes 484. ' XLIV. Amputation des Schiveifes. Englisiorcn, Arabisiorcn 488.
V. Operationen an den Geschlechts- und Harnorganen.
XLV. Kastration männlicher Tiere. Orchcotomio 402.
Pferde: Djis Klopfen der Hoden 408. — Das Klopfen der Samen-Stränge 408. — Das Durchbrennen der Hoden 408. — Das Um­drehen des Samonstranges (Bistournagc) 408. — Subkutane Unter­bindung dos Samenstrangs 400. — Unterbindung des Hodensacks
500.nbsp; — Vcrkliippou des Hodonsacks 500. #9632;— Abreissen der Hoden
501.nbsp; — Abschaben dos Samonstranges 501. — Wegschneiden des Hodens 501. — Durchlirenneii des Samonstranges 502. — Kastration durch Abdrehen 502. — Kastration durch Ecrasoment 504. — Unterbindung des Samcnstrangs 504. — Kastration mit Kluppen 505,
:r
ocr page 18
*. ____IM^5^Ü
XU
Inhalt.
XL7I.
Kastnitiou der Stiere und Böcke 513. — Kastration der Eber 515. — Der Rüden 510. — Der Katze 516. — Der Kaninchen und Hähno 517. Kastration d er Kryptorchidcn 51i). Die Folgen der Kastration 523. Kastration der weiblichen Tiere. Ovariotomie. Kastration dor Kühe 531. — Kastration der Stute 540. --Kastration -weiblicher Schweine 541 — Kastration der Hündin 544. — Kastration der Hennen 545. Operation der Phimosis und der Paraphlmosls 54(5. Amputation der Ente 548. Au#9632;Wendung des Katheters 554. Der Harnröhr ensebnitt. Uretbrotomie 560. Der Blasensteinschnitt. Oystotomie 564. Der Blasenstich. Cystopara/.entesc 568. Amputation der Harnblase 570, Das Anstechen des Fruch tbälters 571.
XLVH.
XLVIII.
XL1X,
L
LI,
Lll,
LI1I,
Ll V
VI. Operationen an den Gliedmassen.
LV. Myotomie am Oberschenkel des Rindes 573. LVl. Operation des Hahnentrittes 570.
LVH. Yen dem Selinenschnitt. Tonotomia 579. — Sebnenscbnitt gegen Vorhügigkeit 580. — Gegen Stclzfuss und Überkötben 583. — Resek­tion des Ilufbeinbeugers 588. — Tonotomia des Flügels 58!). -Sehnennaht 591. LYIII. Operation des Spats 591. LIX. Der B einbaut schnitt. Periosteotomia 590.
LX. Operationen an den Nerven 598. — Die Nervendehnung 598. — Der Nervenschnitt (Neurotomia, Neurektomie) 600. — Die Nerven­naht 005. — Die Nerven-Implantation 606. LX1. Amputation der üliedraassen 606. — Exartikulationen 609. —-Amputation der Klauen 610. — Amputation des Flügels 011.
ocr page 19
Allgemeiner Teil.
Einleitung.
Don Tierärzten Ist vor allem die Aufgabe geworden, gesunde Tiere vor Krankheiten zu schützen, sie zu bestimmten, namentlich ökonomischen Zwecken brauchbarer zu machen oder kranke Tiere auf irgend eine Weise wiederherzustellen.
Zu diesem Zwecke stehen den Tierärzten eine Ileilic verschiedener Heilmittel zu Gebot, welche entweder hygienischer, diätetischer, pharma-kologischer oder mechanischer Art sind, meist erfordert jedoch die Wiederherstellung die Kombination mehrerer dieser Heilmittel, nament­lich wenn man es mit sog. äusserliclien Krankheiten zu thun hat; es trifft dies aber auch bei vielen innerlichen Krankheiten zu und liisst sich schon aus diesem Grunde jetzt auch keine Grenze mehr zwischen beiden ziehen, am allerwenigsten aber ein Gegensatz aufstellen, es ist vielmehr nur Gebrauch geworden, solche Krankheiten als äusserliche zu bezeichnen, deren Beseitigung v o r z u g s w e i s c durch mechanische, manuelle Einwirkungen ermöglicht ist und seit die Lehre von den ersteren, die Chirurgie und ihre Technik, eine grössere Vervoll­kommnung erreicht hat, ist sie auch mehr aus ihrem seitherigen Italnnen herausgetreten und insbesondere bestrebt, das ganze medizinische Wissen für sich zu verwerten. Dadurch sind nun alle Krankheiten im Laufe der Zeit gewissermassen mehr „chirurgischequot; geworden und konnte es nicht ausbleiben, dass die „äusserliclienquot; Krankheiten eine wesentliche Beschränkung erfuhren, so dass jetzt nur mehr jene Krankheiten streng genommen Anspruch auf diese Bezeichnung machen können, bei welchen die Rückkehr zur Norm ausschliesslich oder wenigstens am schnellsten und sichersten durch von aussei! kommende, meclianisch wirkende Potenzen erreicht werden kann.
IIoring's Opcrationslohro. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1
ocr page 20
Allgemeiner Teil.
Bel solchen im strengsten Sinne genommeneu handelt es sich hauptsilchlich um folgende Zwecke;
iiusscrliclien Krankheiten
Heilung von lokalen
1.
Regulierung des örtlichen Erniihrungsprozesses,
Entzündungen mit ihren Ausgängen.
2.nbsp; nbsp;Organische Wiedervereinigung getrennter Teile oder Trennung zusammen-hiingender Teile, beziehungsweise gänzliches Abscheiden derselben.
3.nbsp; nbsp;Ueseitigung von nicht liergehörendem Gewebe (Heterotopien).
4.nbsp; nbsp;Zerstörung eingedrungener fremder Stoffe an Ort und Stelle.
5.nbsp; nbsp;Einführen fremder Stoffe (Blut, Arzneien, Kontagien).
0. Erweiterung von Kanälen und Höhlen, beziehungsweise Beseitigung neu entstandener.
7.nbsp; nbsp;Entfernung von Krankheitsprodukten auf blutigem oder unblutigem Wege.
8.nbsp; nbsp;Herstellung der normalen Lage und Richtung einzelner Körperteile.
9.nbsp; nbsp;Verhinderung des Verlustes wichtiger Körperbestandteile und
10. Alteration der Nervenlcitung, beziehungsweise Steigerung und Erregung derselben.
Dass bei Erreichung der obigen Zwecke die Hand (ihq und Hqyov Werk, iHQovQyia, Chirurgie) eine wesentliche Rolle spielt, leuchtet ein, jede kunstgerechte Handwirkung auf den tierischen Körper, welche ein ausgesprochen ärztliches Gepräge an sich trügt, heisst desswogen speziell eine chirurgische, das manuelle Verfahren seihst Operation, die Anwendung rein mechanischer Mittel bildet sonach das eigentliche Wesen der operativen Chirurgie, d. h.:
Der Operationslehre.
Als rein mechanisch ist Indess bei den chirurgischen Heilmitteln nur die primäre Wirkung zu bezeichnen, denn es ist mit der mechanischen Berührung immer auch ein gewisser Druck, Zug, ein verwundender Eingriff, Blutung verbunden, wodurch es auch zu organischen, vitalen Veränderungen, d. h. zu sekundären Alterationen kommt, welche sich gewöhnlich nur auf die nächste Umgebung der Einwirkungs­stelle beschränken oder aber den ganzen Organismus in Mitleidenschaft ziehen. Meist bilden diese deuteropathischen Prozesse eine nicht beab­sichtigte Nebenwirkung, welche jedoch gewöhnlich ohne bleibenden Nach­teil wieder abläuft, unter Umständen jedoch den Tod des Tieres herbei­führen kann, immerhin ist daher eine sorgfältige Berücksichtigung dieser Wirkungen vor jeder Operation unerlässlich.
Die tierärztlichen Operationen sind zum geringsten Teile aus sich selbst entstanden, sondern wurden in der Mehrzahl der menschlichen Chirurgie nachgebildet, andernteils sind aber auch manche an Menschen ausgeführte Operationen zuvor an Tieren versucht und ein­geübt worden: jedenfalls sind zahlreiche, zum Teil wesentliche Ver­schiedenheiten in beiden Disziplinen zu finden und beruhen dieselben entweder auf Abweichungen in der Lage der Organe oder sind sie in dem Zwecke der Tierhaltung begründet, denn die Tierärzte unter­nehmen nicht blos Operationen zur Beseitigung krankhafter Zustände, sondern häutig auch um die landwirtschaftliche Utilität der Haustiere zu erhöhen; dort heilt daher die operative Chirurgie, hier verwundet sie oft absichtlich.
ocr page 21
i ß
Einleitung.
Einteilung der Operationen. Um einesteils über die vielen in der Tierheilkunde vorkommenden Operationen einen geordneten Über­blick zu gewinnen,. andernteils für den Unterricht eine auf System beruhende Zusammenstellung zu erhalten, hat man verschiedene Ein­teilungen getroffen, denn der Umfang der Operationslehre ist ein ziemlich bedeutender; wenn auch manche ältere Operationen jetzt kaum oder gar nicht mehr unternommen werden, so hat doch die Neuzeit mit ihrer vervollkommneten Technik und der in so hohem Grade wert­voll gewordenen Antiseptik manche operative Eingriffe ermöglicht, welche noch vor kurzer Zeit in der Tierheilkunde nicht zur Ausführung kamen.
Namontlich ist das Feld für die Thätigkeit des Messers ein ausgedehnteres geworden und werden nunmehr von den Tierärzten fast in ähnlicher Weise Laparo-tomien, Darmschnitte, Ovariotomien, Resektionen u. dgl. ausgeführt, wie in der Menschenheilkunde. Auf der andern Seite hat sich aher auch durch die Zunahme des Umfangs der Tierheilkunde eine gewisse Teilung der Arbeit, bezw. Speziali­sierung notwendig gemacht, so dass auch eine Beschränkung des Gebietes der Operationslehre eintreten kann und zwar gewiss nicht unzweckmässig in der Art, dass die rein geburtshilflichen, sowie die Huf- und Augenoperationeu füglich den betr. speziellen Lehrbüchern überlassen werden.
Bei der Einteilung der Operationen ist man von verschiedeneu Prinzipien ausgegangen, je nach der Itiicksichtsnahme auf die Art der Ausführung, auf die Zeit, den Zweck u. s. w. Die hieraus entstandenen Bezeichnungen für die verschiedenen Operationen sind meist ganz liber­flüssig, denn sie werden in der Praxis nicht gebraucht. So hat man
Einfache oder Elementar-Operationen, welche kurzweg z.B. in einem Stich oder Schnitt bestehen (Eröffnung eines Abszesses, Lupfen); aus ihnen bilden sich die meisten Operationen heraus, die also haupt­sächlich zusammengesetzte sind und deren einzelne Abschnitte als „Actequot; bezeichnet werden können.
Blutige Operationen sind solche, bei denen der Zusammenhang der organischen Teile in Frage kommt zum Unterschied von den un­blutigen, wobei Verletzungen von Gefässen nicht vorkommen wie bei Einrichtung von Luxationen, Reposition von Vorfällen, Hernien, Entfernen fremder Körper etc., die Hand also mit scharfen, spitzigen Instrumenten nicht bewaffnet ist.
Diese Einteilung ist wertlos und nicht einmal von theoretischem Interesse, denn auch die unblutigste Operation kann bei Tieren, die man nie ganz in die Gewalt bekommt, jeden Augenblick zu einer blutigen werden. Aus demselben Grunde sind auch die Bezeichnungen „Hämaturgiequot; und „Anämaturgiequot; bedeutungslos, desgleichen der früher für Operationslehre vielgebräuchlicho Ausdruck „Akiurgiequot; und für die Lehre von den chirurgischen Instrumenten „Akologiequot; (Akis, die Spitze). Auss'er den Instrumeutal-Operationen gibt es dann noch solche, bei denen die Instrumente durch die menschliche Hand ersetzt wird — Manual-Operationen oder das ganze chirurgische Verfahren in der Anlegung eines Ver­bandes besteht— Verband-Operationen, indessen ist auch diese Einteilung nicht streng dnrchzuftthren.
Palliativ-Operationen sind solche, bei denen nur ein Symptom
beseitigt wird, es sich also blos um Linderung des Leidens handeln kann, weil die, Indicatio ad causam proximam nicht vorliegt und man sich mit einem nur massigen Erfolge begnügt. In andern Fällen liegt
ocr page 22
raquo;-^us- laquo;. „ ^j^^mm
Allgemeiner Teil.
dagegen die Möglichkeit der vollständigen Ausrottung des Leidens vor und aus diesem Grunde gibt es auch Radikal-Operationen.
Je nach dem Zwecke gruppieren sich die Operationen ferner in notwendige, zum Unterschied von den Luxus-Operationen. Erstere teilen sich wieder in Gebrauchs-Operationen, durch welche die Tiere nur zu gewissen Dienstleistungen geeigneter gemacht werden sollen (Kastration) und daher aufsehiebbare sind, während von den dringen­den meist die Fortexistenz des Lehens abhängt (Blutstillung, Tracbeotomie, Transfusion, Urinverhaltung, Einklenunungen), Streng genominen ge­hören die Luxus-Operationen gar nicht hieher, denn sie werden meist nur zum Zwecke der (vermeintlichen) Verschönerung der Tiere unter­nommen (kosmetische Operationen z. B. Ohrenschneiden, Schweif-stutzen) oder sind sie Mode-Operationen, Ja selbst Betrugs-Operationen (Mallauchen, Exstirpation einer einseitigen Lymphdrüse, Ausschneiden eines Abzeichens).
Einen weiteren Einteilungsgrund gibt auch die anatomische Be­schaffenheit der bei der Operation beteiligten Gebilde und unterscheidet man hienach Operationen an den Knochen, Muskeln, Sehnen, Nerven u. s. w., eine Klassifikation, die sich, da meist verschiedene Gewebe unter das Messer kommen, konsequent nicht durchführen lässt, es hat daher seine Schwierigkeiten, in den Lehrbüchern über Operations­lehre den grossen Komplex von Operationen in geordneter und natur-gemässer Weise abzuteilen.
Am meisten hat sich jener Modus der Einteilung bewährt, welcher sämtliche Operationen in 2 Hauptabteilungen bringt, nämlich I. in solche, welche überall am Körper vorgenommen werden können (Aderlässen, Impfen, Haarseilziehen) und II. in solche, welche bestimmte Kür per­stellen betreffen (Zahnextraktion, Schlundschnitt, Cystotomie).
Wohl lassen sich auch an dieser Gruppierung Ausstellungen machen, indessen ist keine Einteilung frei von Mängeln und so mag die letztere, welche von Hering seither hefolgt worden ist, auch in dieser Auflage heihehalten werden.
Diagnose. Jeder Operation an kranken Tieren muss die genaue Untersuchung und Erkenntnis des örtlichen wie allgemeinen Zustandes vorhergehen und erst dann wird sich ergeben, welches operative Ein­greifen und ob überhaupt ein solches zu geschehen habe. Ulli jedoch zu einer richtigen Erkenntnis des Leidens sowie der richtigen Mittel gelangen zu können, sind viele Vorkenntnisse nötig, insbesondere aber histologische, physiologische, pathologische und therapeutische. Ausserdem muss jeder Operateur in der Anatomie bewandert sein, ohne die er selbst bei geringfügigen Operationen in Verlegenheiten geraten kann; es ist aber weniger die systematische, als vielmehr die chirurgische, d. h. topographische Anatomie nötig, welche man sich am besten durch Präparieren am Kadaver erwirbt.
Anzeigen. Die richtige Stellung der Anzeige ist nicht hlos die wichtigste, sondern vielfach auch die schwierigste Aufgabe, denn sie schliesst zugleich auch eine richtige Beurteilung der gesamten körper­lichen Individualität und namentlich auch der äusserlichen Verhältnisse
ocr page 23
Einleitung.
in sich, unter denen das betrettende Tier sicli befindet, .lede Operation kann (iet'ahr für das Tier mit sich bringen oder Nachteile für den Besitzer, es müssen daher auch diese Umstände in Berücksichtigung genommen werden und nicht selten bieten schon die Verhandlungen mit letzterein Schwierigkeiten, ausser technischen Kenntnissen ist daher auch eine gewisse Menschenkenntnis erforderlich, nin nachher, wenn nicht alle Wünsche der Beteiligten erfüllt worden sind, keinen Nach­reden ausgesetzt zu sein, trotzdem die Operation tadellos vor sich gegangen ist.
Die Schwierigkeit der Entscheidimg wächst natürlich mit der Bedeutung und Qemhriichkeit des operativen Eingriffs, während dessen man ausserdem mit Faktoren zu rechnen hat, die sich der Berechnung entziehen, kein Operateur wird sich daher verleiten lassen, bestimmte Versprechungen zu machen oder sich mit Gewissheit über den zu erhoffenden Schlusserfolg auszusprechen.
In andern Fällen liegt die Anzeige unzweifelhaft vor. denn sie ist ersichtlich das einzige Hilfsmittel (bei Neubildungen, Blasen­steinen, Scheidenpolypen, Atresie des Afters), es stellt sich daher dem Tierbesitzer die einfache Alternative, entweder Operation oder Fort­bestand des Übels, beziehungsweise Aufhören der Fortoxistenz (Indicatio vitalis). Ergibt sich dagegen die Anzeige als eine weniger klare und scharfe und bestehen namentlich bei dem Eigentümer, um dessen Geldbeutel es sich stets handelt, Zweifel, welche trotz der gegebenen Aufklärung nicht völlig sich zerstreuen lassen, so lässt man am besten, um aus dem Dllemma herauszukommen, entsprechende Heilversuche vorhergehen und stellt die Operation als letztes Auskunftsmittel hin, obwohl damit nicht selten die beste Zeit vertrödelt wird.
Das nicht zu früh und nicht zu spät ist oft recht schwierig ZU treffen, auch wenn die Anzeige oll'enhar vorliegt und es ist keine Frage, dass der verfehlte Ausgang manclier Oiierationen diesem Umstände zuznschrciheu ist: auf der andern fcJeite ist es oft wieder Sache der ZwecUmässigkeit, die Operation auf eine Zeit hinauszuschieben, welche den ökonomischen Verkältnissen des Besitzers mehr an­gemessen ist und derselbe dann auch dem Tiere hesseres Futter und bessere Pflege anbieten kann. Je mehr Erfahrung ein Chirurge hat. um so richtiger wird er aus den manchen oft schwer zu berechnendeu Umstünden den Zeitpunkt zur Operation treffen.
Ferner stehen diesen Anzeigen Momente gegenüber, welche es als geboten erscheinen lassen, die Operation besser nicht zu unternehmen.
Gegenanzeigen liegen vor bei Tieren , welche an und für sich wenig Wert repräsentieren. Fs darf nicht vergessen werden, dass die Behandlung von Krankheiten überhaupt nicht im Interesse des Tieres, sondern in dem des Desitzers geschieht, vorzunehmende Operationen dalier mehr für diesen, als für das Tier von Nutzen sein müssen und dass sie sich nur dann rentieren, wenn nachher das behandelte Objekt einen höheren Wert darstellt, als die Kur- und Futterkosten samt dem Wert desselben betragen. Tiere, deren Herstellung keine ökonomischen Vorteile verspricht, werden besser getötet. Ausiiabmen hievon machen nur Lieblingstiere, deren Behandlung unter allen Umständen einzuleiten ist.
1
ocr page 24
(i
Allgemeiner Teil.
Operationen werden besser unterlassen, wenn vorherzusehen ist, class den Tieren nachher nicht die nötige Ruhe und Pflege zu teil werden, oder bei bösartigen Tieren, wenn die nötigen Yorsichtsmass-regeln nicht vollauf getroffen werden können. Die Mitwirkenden riskieren im andern Falle ihre gesunden Glieder und es können gesetzlich Ersatz­ansprüche an den (allein verantwortlichen) Operateur gestellt, werden.
Wenn eine vollständige Heilung nicht zu erwarten steht oder letztere keine Dauer verspricht. Die meisten tierärztlichen Operationen gehören zu dieser Gruppe, wobei also die Erreichung des Zweckes nicht völlig gesichert ist.
Grosse Wahrscheinlichkeit der Wiederkehr des Übels in kürzerer oder längerer Zeit widerrät das Operieren gleichfalls, auch wenn ein unmittelbarer Erfolg zu erhoffen ist. Häufig kann Besserung entschieden in Aussicht gestellt werden, allein sie steht in keinem Ver­hältnis zu den Kosten und Gefahren der Operation.
Wenn gleichzeitig eine weitere Krankheit vorliegt, welche sich nicht wohl vorher beseitigen Iftsst, jetzt aber durch die Operation, durch ein Wundfieber aufgerüttelt wird und ein schlimmes Ende vorhersehen lässt. Häutig muss auch der jeweilige Kräftefonds in Erwägung gezogen werden.
Es steht zu befürchten, die Operation werde nicht vollendet werden können, ohne den Kranken dem Tode auszusetzen. Entdeckt man erst nach begonnener Operation die Unmöglichkeit der vollständigen Durch­führung, so steht man unter Darlegung der Gründe von der Fortsetzung ab und leitet ein anderes Heilverfahren ein.
Die Voraussicht des Operateurs, für seine Kunst und Mühe nicht bezahlt zu werden, kann nicht als Kontraindikation angesehen werden.
Ebenso wie das Renommee des Tierarztes auf dem Spiele steht, wenn er sich der Operation nicht gewachsen zeigt oder diese unglücklich ausgeht, kann er sich auch einen Ruf als Chirurge und Operateur erwerben und verbessert sich seine Stellung gegenüber der Konkurrenz wesentlich, wenn ihm (auch an und für sich geringfügige) Operationen gelingen. Freilich gehören zum Operieren auch persönliche Eigenschaften, sowie Glück und die Geschichte der Tierheilkunde erzählt viel davon, wie sehr Glück von Geschick sich entfernen kann und um­gekehrt. Indessen besitzen die Tierärzte vor den Menscheniirzten den grossen Vorteil der Alternative des Tötens, sowie die Möglichkeit, sich in der Praxis an der Leiche häufiger einüben zu können. Wenn auch manche Operation hier schwieriger ist, als am lebenden Tiere, au welchem man auf Arterien, Nerven reagieren kann u. s. w., so sind derartige Übungen doch von ausserordentlichem Nutzen, denn sie verschaffen dem Anfänger die nötige Handfertigkeit, das richtige Gefühl im Schneiden und der Berechnung der hiebe! aufzuwendenden Fingerkraft, woraus erst jene Eigenschaften resultieren, welche den Operateur auszeichnen, nämlich geübte Hand, sichere Führung, ein gewisses Selbstvertrauen, Entschlossenheit und Mut, schneller Überblick, persönliche Ruhe und Geistes­gegenwart.
Ängstlichkeit im Operieren deutet meist auf Mangel an Übung und topographischen Kenntnissen hin, wenn ihr nicht eine gewisse Scheu vor dem Messer zu Grunde liegt; es wird dann wo möglich dieses zu umgehen und durch Schmieren und Salben nachzuhelfen versucht, während Andere wieder durch Operieren sich hervorzuthun suchen. Gewöhnlich liegt letzterer Dreistigkeit Unwissenheit zu Grunde. Manuelle Geschicklichkeit steht übrigens nicht in erster Linie, sondern
ocr page 25
Einleitung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;7
die Würdigung des ganzen Falles vom chirurgischen Standpunkte aus, der Operateur muss daher vor allem ein guter Cliirurgc sein und die Hand ist nur, wie Percivall Pott sehr richtig gesagt hat, das AVerkzeug seines Geistes, die Oiieratiou nur das Mittel der Heilung, nicht der Zweck seihst.
Operationsplan. Hat inan sich zur Vornahme einer Operation entschlossen, so muss die Ausführung auch systematisch geschehen, d. h. der Operateur hat zunächst einen Plan zu entwerfen, nach welchem jene geschehen soll und müssen dabei auch solche Umstände und Even­tualitäten ins Auge gefasst werden, welche notwendig, zufällig oder unerwartet eintreten.
Es kommt häufig vor, dass man sich über die Beschaffenheit der kranken Teile in der Tiefe, ihre Ausdehnung und Lage vor der Operation keine hinreichend genaue Kenntnis verschaffen kann, man daher während derselben das Verfahren ändern muss. Bei dem Entwerfen eines solchen Operationsplanes hält man sich zunächst an die Erfahrung, d. h. an Operationen, welche zu gleichem Zwecke schon früher ausgeführt worden sind und deren Wesentliches in der Lehre von den Operationen niedergelegt ist.
Die meisten Operationen können nämlich auf mehr als eine AVeise ausgeführt werden, man hat daher verschiedene
Operationsmethoden und sucht sich dasjenige Verfahren ans, welches unter den im Spezialfalle gegebenen Umständen am sichersten und einfachsten die Erreichung des Zweckes in Aussicht stellt. Da ein und dieselbe Methode nicht für alle Fälle passt und jede ihre Vorzüge und Nachteile zu haben pflegt, so muss der Operateur sie alle kennen und zu würdigen wissen. Dabei kommt für Tierärzte besonders in 'Betracht, dass jene Methoden besondere Vorzüge haben, welche mit den einfachsten und am wenigsten kostspieligen Instrumenten ausgeführt werden können und die möglichst wenig Schmerzen verursachen, indem die Tiere dann am ruhigsten sich verhalten und auch am wenigsten Reaktion und Fieber nachfolgt. Nicht selten werden sie aber auch Rücksicht darauf nehmen müssen, welche der Methoden dem Eigen­tümer am meisten Vertrauen einflösst und in der (legend üblich ist.
Selten hat eine Operationsmethode alle Vorzüge vereint, es beruht daher meist auf Vorurteilen, wenn einzelne Operateure sich in eine bcstiminte Methode verfangen, sich von ihr nicht mehr loswinden können und dann andere bewährte Methoden für schlecht finden; es deutet dies gewöhnlich auf Halbwisserci hin, denn die Methode richtet sich nach dem gegebenen Falle und nicht selten müssen mehrere kombiniert werden. Je komplizierter sie ist, desto mehr erfordert sie persönliches Geschick und manuelle Dexterifät, aus einer nicht wesentlichen Ab-ünderung wird aber noch keine neue Methode, sondern man spricht dann von Modifikationen oder einem andern „Operationsverfahrenquot; und wo auch diese sich nicht ausführen lassen, wie es in den Büchern steht, so muss der Chirurg selbst erfinden.
Vorbereitung des Tieres. Diese richtet sich nach der Art des operativen Eingriffes und kann bei einfachen Operationen häutig ganz weg­fallen, bei dringenden ist sie nicht möglich. Je tiefer die Operation in den Organismus eingreift, desto mehr muss dafür Sorge getragen werden, dass dieser selbst möglichst wenig Störungen in seinen Funktionen erleidet, vor allem muss daher der Kriifteznstand reguliert und alles beseitigt werden, was auf den Wuudverlauf von aussen und innen ungünstig intluieren könnte.
ocr page 26
Iljl-
gt;s
Allgemeiner Teil.
Schwache Tiere sucht man vorher in einen besseren Ernlilirungs-zustand zu versetzen, kräftige, vollblütige werden in strenge diätetische Be­handlung genommen. Die Zeit liegt hinter uns, wo Aderlässe, um die „entzündliche Diathesequot; zu mindern, gemacht worden sind, eher indiziert können Entleerungen des Darmes durch Mittelsalze, Aloe, Kalomel, Klystiere sein; ebenso sucht man anderweitige somatische Störungen vorher zu beseitigen, keinesfalls darf aber mit der Vorbereitung eine „Herabstünmungquot; verbunden sein. Welche Massregeln vor dem Nieder­werfen der Tiere zu ergreifen sind, wird in einem späteren Kapitel besprochen werden.
Das Hauptgewicht muss auf die Einleitung einer entprechenden Diätetik gelegt werden. Der schlechte Verlauf der Wandheilung und der ungünstige Erfolg vieler Operationen ist hilntig dem Operateur in die Schuhe zu schiehen, weil er mangelhafte oder gar keine diätetischen Vorschriften gegehen hat: er mnss dabei inshesoudere an das Futter und Getränke denken, an die Anordming von Ruhe oder Bewegung, an die Arbeit der Tiere, ihre üescldechtsfnnktionen, au die llein-lieit und Frische der Sfallhift, die Streue, Jancheahtluss, Licht und Temperatur im Stalle, Reinigung der Haut, Bedecken der Tiere, Sorge für Aufhängevorrichtungen, llerrichtung der llufe und Klauen u. s. w.
Sonstige örtliche Vorbereitungen sind noch zu treffen, was Abwaschen, Aufweichen der Krusten, Abscheeren der Ilaare, Einflechten der Mähne und des Schweifes, llerrichtung von Schwämmen, Hand­tüchern, Binden u. s. w. betrifft,
Audi von dem Vorhandensein und dem guten Zustande der er­forderlichen Instrumente rauss man sich vorher überzeugen, um die Ausführung der Operation nicht zu verzögern oder zu stören, namentlich sollen auch solche chirurgische Mittel hergerichtet werden, welche man nur vielleicht, z. B. infolge eines Zwischenfalles, eines Irrtums in der Diagnose nötig hat.
Zeit der Operation. Diese bestimmt meistens die Natur und der Sitz des Übels und ist hienach schon oben bei den dringenden und aufschiebbaren Operationen die Rede gewesen. Weitaus in den meisten Fällen ist eine sofortige Ausführung einer notwendig gewordenen Operation nicht erforderlich, vielmehr kann dieselbe ohne Nachteil, ja selbst mit Vorteil auf später verschoben werden und hängt die Bestimmung dieser Zeit teils von dem Operateur selbst, teils aber auch von den ökonomischen Verhältnissen des Besitzers ab.
Das Alter kommt insoferne in Betracht, als die mit der Operation verbundene Gefährdung der Tiere in der Regel eine um so grössere ist, je jünger dieselben sind, d. b. sich noch in den ersten Lebens-monaten befinden, in denen auch die Aussicht auf Erfolg geringer ist, eine vorgeschrittenere körperliche Entwickelung ist daher erwünschter. Ebenso sucht man gewisse Evolutionsperiodeu (Sängen. Trächtigkeit. Brunst) zu vermeiden und alte Tiere werden nur in Notfällen operiert und soweit noch erheblicher Nutzen zu erwarten steht. Am meisten ertragen die Haustiere vor Beendigung ihres ersten Lebensjahres, be­ziehungsweise vor Beendigung des Wachstums, und stehen sie auch hier auf der Höhe ihrer Gesundheit und Nutzung, die auf operativem Wege
ocr page 27
Einleitung.
9
zu heilenden Krankheiten, dieselben m ii s s e u übl'igensohne II ü c k-sicht auf das Alter unternommen werden können, und nur wenige sind an bestimmte Altersperiüden gebunden, wie Nabelbrüche, Drehkrankheit, Ohrenschneiden.
Die Jahreszeiten üben schon auf gesunde Tiere einen unver­kennbaren Elnfluss aus, indem sie nicht blos eine bestimmte Disposition für gewisse Krankheiten schaffen, sondern solche auch unmittelbar nach sich ziehen. Häufige Temperatur- und Witterungswechsel, kaltes feuchtes Wetter üben teils direkt einen nachteiligen Einfiuss aus (Katarrh, Rheuma, Rotlauf), teils indirekt durch Verzögerung der quot;Wundheilung, der Genesung überhaupt. Grosse Hitze erzeugt reichliche Eiterung, Luxuriationen, Zersetzung und Fäulnis, strenge Kälte vermindert den Heiltrieb und steigert wohl auch die Neigung zu Entzündungstiebern, man sucht daher alle Witterungsextreme zu umgehen, ebenso jene Zeiten, mit welchen wichtige Geschlechtsfunktionen zusammenhängen.
Der Einfiuss dor Jahreszeiten, resp. der Witterung speziell auf die Wund-krankheiten ist noch nicht jfenau bekannt, bei Tieren indess, welche für diese keine prononzlerte Neigung zeigen, als nicht erbeblich zu bezeichnen. In den heissen Ländern sind WundKrankheiten bei Menschen und Tieren ungleich seltener, ja in den Tropenländern ist die hohe Temperatur einer raschen Wundheilung sogar günstig, in den Polargegendeu nmgekekrt. Häufig operiert man hei schönstem Wetter und muss mit der Wundheilung, welche meist mehrere Wochen in An­spruch nimmt, alle möglichen Witterungsphasen durchschreiten, ohne dabei eine ungünstige Beeinflussung wahrzunehmen, ebenso kann weder dem Frühling, noch dem Herbste oder einer andern Jahreszeit bei der Inconstanz der einzelnen Jahr-.gänge ein Vorzug oder besonderer Nachteil zugesprochen werden, Ausnahmen machen höchstens Myotomien, Aderlässe und Kastrationen, die Tierärzte beschrän­ken sich daher, nachdem exakte Untersuchungen nicht vorliegen, kurzweg darauf, die verschiedenen Temperatureinflüsse durch entsprechendes diätetisches Verhalten, llegelung der Stalltemperatur, passenden Verband möglichst auszugleichen. Im allgemeinen ist die bessere Jahreszeit insofern günstig, weil durch Ventilation besser für frische Luft gesorgt werden kann.
Der Krankheitscharakter (Genius morbi) verdient grössere Be­achtung, obwohl er ebenfalls an die Jahrgänge und Jahreszeiten gebunden ist (Genius annuus). Er ist aus dein Grunde von Wichtigkeit, weil zu gewissen Zeiten in gewissen Gegenden alle (oder bestimmte) Krank­heiten thatsächlicli einen eigentümlichen Charakter annehmen, welcher als bösartig bezeichnet wird, wenn zu solchen Zeiten die Bedingungen zur Entwicklung der pathogenen Mikroorganismen begünstigt worden sind (Kroup, Diphtherie, Erysipelas, l'yämie, Tetanus u. s. w.).
besonders Luxus- und Gebrauchsoperationen nuterlässt man zu Zeiten, in denen Wundfieber, Gangrän, Soptikämie, gastrische Fieber, Influenza, Typbus, Milz­brand, Starrkrampf auftreten, ganz und beschränkt auch die übrigen Operationen, denn selbst die geschicktesten Operateure erleiden dann trotz aller antiseptischen Cautelen Verluste, obwohl pyämische, septikämische Zustände eine dringende Ope­ration nicht contraindizieren, wenn sie nur nicht akuter Art sind. Nie dauern solche schlimme Zeiten lange an, es handelt sieh immer nur um Wochen oder einige Monate (Genius epidemicus), stets aber sei man bei schon vorhandenen Kachexien vorsichtig mit jedem chirurgischen Eingriff. Hat man Verdacht auf llämophilie oder ergibt sich diese anamnestisch, vielleicht auch aus ekehymoti-schen Schleimhäuten, so hütet man sich vor blutigen Operationen und zieht andre Methoden vor (Ligatur, Ecrasement, Galvanocaustik).
ocr page 28
IQnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Allgemeiner Teil.
Operationslokal. Die wesentlichsten Eigenschaften einer zum Operieren geeigneten Lokalität sind Luft und Raum. Die wenigsten Stallungen vereinigen diese Erfordernisse, sie, leiden häufiger Mangel an beiden, man tiuit daher am besten daran, ausserhalh derselben zu operieren, wenn nicht etwa der Zustand des Tieres das Verbringen an einen andern Ort verbietet oder der Kranke nicht auf die Beine zu bringen ist, wie bei Hufleiden, Geburten. In solchen Fällen sorgt man für entsprechende Streue und Befestigung des Tieres, in andern Fällen operiert man ausserbalb des Stalles, am besten in einem freien Hofe, auf einem Grasplatze, in geräumigen Scheunen, Schafstallungen, lleithäusern, Remisen u. s. w.
Solche Räumlichkeiten müssen möglichst dein Tageslichte zu­gänglich sein und erweist sich jenes am besten, welches von Norden kommt, und aus grossen oder hoch angebrachten Fenstern hinter dem Rücken und über dem Kopfe des Chirurgen reichlich einfällt, während reines von oben her einfallendes Licht, uuzweckmässig ist, Fehlt es an Licht oder ist man genötigt, bei Nacht zu operieren, so eignen sich die Laternen am wenigsten zur Herstellung einer künstlichen Beleuchtung, Wachslichter am besten, besonders wenn mehrere Stränge eines Wacbs-stockes strickförmig zusammengedreht werden. Können die Tiere stehen bleiben, so ist die Beschlagbrücke einer Schmiede am passendsten, nicht sowohl wegen der vorhandenen Einrichtungen zum Anbinden, sondern es ist auch liier meist ein geeignetes Personal zur Mithilfe zu treffen, sowie nötigenfalls Feuer.
Für die kleineren Hanstiere findet sich leichter eine geignete Stätte und müssen auch sie eine solche Lagerung haben, dass der zu operierende Teil volles Licht erhält und für die Hände und Instrumente leicht zugänglich ist; auch ist darauf besonders zu sehen, dass die Lage für den Kranken, wie für den Operateur eine möglichst bequeme sei, die Tiere können daher stehen, sitzen oder liegen. Ein Stuhl, ein Tisch, eine ausgehängte Thüre eignet sich hiezu ebenso, wie ein Schrägen, einige Bretter, Schafhürden, Holzkisten u. s.w., wenn man sich nicht besondere Operationstische eingerichtet hat. Zu bemerken ist, dass bei Operationen mit Eröffnung des Banchfellsackes das Lokal im Winter unter allen Umständen geheizt sein muss.
Gehilfen sind bei allen Operationen der Tiere ein unentbehrliches Bedürfnis, denn eine geeignete Befestigung der letzteren ist erste Be­dingung, die assistierenden Leute müssen daher das Tier, beziehungs­weise einzelne Teile desselben festhalten, andere den Operateur selbst unterstützen, ihm die Instrumente, Yerhandstücke reichen, das Operations­feld frei halten, für Reinigung sorgen u. s. w.
Bei langdauernden, schwierigen Operationen hängt sehr vieles von der Brauchbarkeit der Gehilfen ab, man muss daher bei der Wahl der­selben teils auf physische Kraft und Übung im Umgang mit Tieren, teils auf Intelligenz und Anstelligkeit Rücksicht nehmen, in besonders diffizilen Fällen thut man aber am besten, sich durch einen Kollegen assistieren zu lassen.
Nicht selten finden sich In den Ortschaften Leute, welche zu den hei kran­ken Tieren üblichen Hilfeleistungen besonders geschickt sind; sind solche nicht zu haben, bringt man sie entweder mit oder setzt den improvisierten Gehilfen den
1
ocr page 29
Einleitung.
II
Plan der Operation auseinander und gibt ihnen die nötigen Vorschriften, welche Hand in Hand mit direkter Demonstration gehen milssen und namentlich aucli enthalten, was nicht gethan werden darf, worauf eine Probe abgehalten wird. Wird auf diese quot;Weise jedem der Mitwirkenden seine Aufgabe klar zugewiesen, beschränkt sich jeder auf die pünktliche Erfüllung derselben und folgt schon eines leisen Wortes des Operateurs, so gewährt auch ein solches harmonisches Zu­sammenwirken die sicherste Bürgschaft für schnelle und glückliche technische Yollendung der Operation.
Die meisten Fehler werden dadurch begangen, dass z. B. der Scbwamm zur Entfernung des Blutes nicht erst gut ausgedrückt wird, dass mit demselben statt abgetupft, gewischt wird, schneidende, spitze Instrumente, scharfe Ilaken nicht mit dem Grin voran dem Operateur gereicht werden. Ferner ist auch darauf zu sehen, dass die Gehilfen sich nicht übereilen, hin- und herrennen, durch unnötiges Lär­men, Schreien, Fluchen und Befehlen einander verwirren oder durch rohe Strafen und Misshandlung den Widerstand des Operationsobjektes vermehren, es darf daher durchaus nichts geschehen, was nicht vom Operateur selbst angeordnet worden ist.
Die Stellung des Operateurs ist bei den einzelnen Operationen und deren Akte eine verschiedene und muss stets eine ungezwungene und so bequeme sein, dass ihm gestattet ist, nicht nur während der ganzen Daner ohne zu grosso Ermüdung auszuharren und sich frei be­wegen zu können, ohne die Assistenten zu stören oder das Operations­feld durch seine Hand zu verdunkeln, sondern auch alles frei zu über­sehen. 01) er dabei stehen, sitzen oder knicen soll, hängt von seiner eigenen Grosse und der des Tieres ab, ebenso von der Höhe der Lager­stätte, im allgemeinen ist es aber für den Operierenden am besten, wenn er stehen kann, weil er dabei am wenigsten in seineu Bewegungen quot;beschränkt ist.
Nach ähnlichen Grundsätzen ist auch bei der Aufstellung der Assistenten zu verfahren, von denen in der Kegel der beim Operieren selbst Behilfliche dem Operateur gegenüber an der andern Seite des Tieres steht oder knieet, während die übrigen Gehilfen je nach den ihnen zugeteilten Geschäften angestellt werden. Immer muss dafür gesorgt werden, dass Beschädigungen der mitwirkenden Personen nicht
vorkommen können unc
ist diese Sorge auch bei sonst
utmütigen
Tieren keineswegs überflüssig
Tageszeit. Operationen können selbstverständlich zu jeder Zeit des Tages oder der Nacht mit gleichem Erfolge vorgenommen werden, hat man jedoch die Wahl frei, so sind die Vormittagsstunden, wie leicht begreiflich, der vorgerückteren Tageszeit vorzuziehen, einesteils weil die Tiere morgens mehr gekräftigt sind, ausgeruht, haben (der Operateur auch), von Verdauungsgeschäften noch nicht belastet sind, andernteils man den ganzen Tag vor sich hat, Gehilfen, Arzneimittel und dgl. leichter zur Stelle schaffen kann, ungünstige Ereignisse, Nach­blutungen man eher und rechtzeitiger bemerkt, als bei Nacht.
Sollten die Verhältnisse nötigen, die Operation in den Nachmittags-stumlen, des Abends oder noch später vorzunehmen, so ist es geraten, einen Teil der Nacht selbst anwesend zu bleiben, für entsprechende Beleuchtung Sorge zu tragen, beziehungsweise die Pflege einer gut instruierten Wache anzuvertrauen.
ocr page 30
12
Allgemeiner Teil.
Ausführung der Operation.
Yerhaltungsregeln anzuführen, welche bei der Vornahme von Operationen eingehalten werden sollen, ist mir im allgemeinen möglich, im Speziellen wird darauf bei den einzelnen Operationen die Sprache kommen. Doch lassen sich darüber folgende quot;Winke und AndOutungen geben.
Neben sicherer Erreichung des Operationszweckes mnss das Ee-streben des Tierarztes auch darauf gerichtet sein, die Schmerzen des Tieres, ohne welche es einmal bei blutigen Eingriffen in den Körper trotz allen Chlorot'ormierens nicht abgeht, teils durch die quot;Wahl und Art der Ausführung der Operation so gering als möglieh zu machen, teils auch diese unvermeidlichen Schmerzen durch humane Behandlung des Tieres leichter überstehen zu lassen.
Zu diesem Behufe muss der Operateur stets untersclieiden, welche Teile getroffen werden sollen, welche zu vermeiden sind, Grundsatz ist daher, nichts zu verletzen, was nicht absolut notwendig ist und soviel zu schonen, als nur tlumlich. Alle schneidenden Instrumente müssen scharf geschliffen und abgezogen sein, die Schnitte sind in raschem Zuge durch die ganze Hautdicke auszuführen und darf niemals die Haut in schiefer, sondern in senkrechter lüchtung durchschnitten werden. Müssen die gleichen Nerven und Arterien voraussichtlich an mehreren Stellen getrennt werden, so bemüht man sich, die Trennung zuerst an der dem Centrum näher gelegenen Stelle vorzunehmen, um dem Tiere die Schmerzen an den peripherischen Teilen zu ersparen, ebenso werden Tiiicetten, Zangen, scharfe Haken an den weniger empfindlichen Stellen angelegt. Möglichste Schnelligkeit beim Operieren kürzt auch die Schmerzen ab, allein sie muss der Sicherung des Operationszweckes doch untergeordnet werden, Fertigkeit in Handhahung der In­strumente ist jedoch ohne geübte Hand nicht möglich, es muss daher durch öfteres Führen des Messers für die Aneignnng und Erhaltung einer solchen gesorgt werden, gleichwie für ein scharfes Auge, das insbesondere auch die feineren Bewegungen der Hand ebenso ruhig als sicher leitet.
Üble Zufälle kommen während der Operationen bei allen Haus­tieren vor und erheischen meist eine sofortige Berücksichtigung, so dass man nicht selten das Messer aus der Hand legen muss. Sie alle hier •aufzuzählen, würde zu weit führen, ausserdem ist ihre Behandlung Ge­genstand der speziellen Chirurgie oder wird sie bei den einzelnen Ope­rationen angegeben werden..
Zu den hauptsächlich bei letzteren vorkommenden ungünstigen Ereignissen zählen Nebenverletzungen, besonders von Nerven, Arterien, dann Blutungen, Eintritt von Luft in die Venen (nur bei den kleinen Tieren gefährlich), plötzliche starke Depression der Nervencentren, welche sich hie und da als Syncope oder Shok äussert (nicht aber bei Tieren in Form von Krämpfen), Zerreissungen innerer Organe, Brüche, Vor­fälle, Frakturen von Röhrenknochen, entstanden durch Anwendung von Zwangsmitteln und der eigenen Muskelkräfte u. s. w.
Ebenso gehören hieher die Hindernisse, welche durch Versagen der Instrumente entstehen (Abbrechen der Messerspitze auf einem Kno­chen, Verblegen der Branchen des Eerasenrs) oder durch eine falsche Diagnose erzengt wurden (Verletzen der Lunge bei Paracentese der Brusthöhle); am schlimmsten aber sind jene Fälle, welche während der
ocr page 31
Einleitung.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;13
Operation mit Tod abgehen (Niclitenvaclien aus der Narkose, Gehirn-apoplexie beim Pansensucb, Heruiotomie, Funktion des Darmes bei Wind-kolik).
Die Nachbehandlung ist. selbstverstündlieh so wichtig wie die Operation selbst und neben dein Lokalleiden wohl im Auge zu behalten, damit nicht Störungen in entfernten Organen auftreten, an welchen das Tier zu Grunde geht, während die Operationsstelle in bester Heilung begriffen ist (Pyiiraie, Septhämie , embolische Lungenentzündung, Peri­tonitis).
Erste Bedingung ist. Überwachen des Kranken unmittelbar nach blutigen Operationen, Überwachen des Wundflebers, der Operationswunde und ihrer Umgebung, um jede Veränderung rechtzeitig zu bemerken (Stockung des Wundsekrets, übler Geruch, Nachbluten in der Tiefe, Reissen der Nähte), Fernehalten aller Schädlichkeiten, welche auch das Allgemeinbefinden stören könnten (Ruhe, gutes Lager oder Aufbinden und Aufhängen in Gurten, frische Luft, Diät, nötigenfalls Abführen, Klystieren oder Anwendung von Kräftiglings- und Reizmitteln) u. s. w., lauter Dinge, wie sie die Pathologie und Chirurgie des näheren lehrt.
ocr page 32
Erste Haupt-Abteilung.
f
Die Untersuchung der zu operierenden Teile.
So wenig als sich die Tiere für gewöhnlich zu Operationen frei-willig hergehen, so #9632;wenig dulden sie häutig die so notwendige exakte Untersuchung jener Körperteile, welche einer chirurgischen Ope­ration unterzogen werden sollen und zwar verhalten sie sich desto wider­spenstiger, je mehr ihnen schon die Untersuchung selbst Schmerzen bereitet. Alle Tiere suchen sich mehr oder weniger der Berührung und Betastung zu entziehen, die Veterinärärzte sind daher darauf angewiesen, zu bestimmten Hilfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, um nicht allein die Untersuchung überhaupt ermöglichen zu können, sondern sie auch zu erleichtern.
Dabei handelt es sich insbesondere um näbore Inspektion auch der von aussen zugänglichen Korperhöhlen, sowie nötigenfalls um künstliche Beleuchtung derselben, desgleichen erfordert die Untersuchung der Hufe besondere Instrumente, #9632;welche wie die für die Augen in den betreffenden Spezial-Lehrbüchern näher ab­gehandelt werden. Dagegen müssen die zum Halten und Befestigen der Tiere not­wendigen Vorrichtungen hier abgehandelt worden und finden dieselben im nächsten Abschnitte unter den „Zwangsmittelnquot; ihre Besprechung.
Untersuchung der Maulhöhle.
Hiezu reichen entweder die Hände aus oder bedient man sich be­sonderer Vorrichtungen, welche als Maulgitter bekannt sind.
Im ersteren Falle werden l'ferde regelrecht aufgotrenst und in entsprechende Positur gebracht, worauf das Mundstück aus (lern Kopfgestcll entfernt und der Naseuriemen etwas gelockert wird, so dass der Öffnung der Maulspalte nichts im Wege liegt. Dann ergreift der Untersuchende mit der linken Hand die Zunge, nimmt sie in die Faust und stellt diese, mit den Fingerknöcheln einwärts gerichtet, zwischen den Laden senkrecht in der Maulhühle auf, indem der Daumen aufwärts gegen den harten Gaumen gestemmt wird. Die andre rechte Hand, welche in­zwischen das Tier am Backenstück des Kopfgestelles gehalten hatte, wird nun frei und steht die ganze Maulliöhle zur Besichtigung offen, wenn auch die Zunge nocli entsprechend gelagert wird; meist zieht man sie nach aussen oder zwischen eine Backzahnreihe, in welcher Stellung die freie Hand in ihren Manipulationen inner­halb der Maulhölile vor Beschädigungen am meisten gesichert ist.
ocr page 33
Untersucliung der Maulhölile
\l
Behufs der Inspektion der Maulböhle reicht dieses Verfahren aus, hat man jedoch mit der Hand oder Instrumenten in dieser zu arbeiten, so ist dies nur durch Vorrichtungen ermöglicht, welche die beiden Kiefer auseinander halten und so Schutz für die Hand oder die benützten In­strumente bieten.
Iliezu bedient man sich der Sperreisen, Maulgitter oder Maulschrauben, welche von verschiedener Form sein können und am besten in feststehende und bewegliche eingeteilt werden.
Zu den feststehenden Mauluntersuchungs-Instruinenten (Specula oris) gehören folgende:
Gerades feststehendes Maulgitter oder Maulgatter. Dasselbe ist von der einfachsten Art, besteht in einem leierförmigen Eisen und hat 2 Querstangen (Fig. 1), welche soweit (8—10cm) auseinanderstehen, dass die Hand nötigenfalls durchgreifen kann. Man schiebt dasselbe
t
l?i.
Fig. 1.
Fig. 2. flach in die Maulhöhle, bis die obere Querstange die ersten Backzähne erreicht und stellt es dann senkrecht auf die Längenachse des Kopfes so auf, dass der untere Stab quer auf die Lade des Unter­kiefers zu stellen kommt, während der andere oben den Gaumen trägt und das Kinn in dem untern (halbrunden) Baume zum Vorschein kommt.
Die Zunge kann zwischen den beiden Querstiiben hervortreten, wird aber gewöhnlich, falls sie dem Operateur hindernd in den Weg tritt, hinter dem Gitter zur Seite gezogen. Letzteres ist schon alt, stammt aus dem vorigen Jahrhundert und wird nur selten mehr angewendet.
Rundes englisches Maulgitter (Fig. 2). Dasselbe wird in ähnlicher Weise gehandhabt, bietet Jedoch der Rundung wegen etwas mehr Baum und besitzt statt der runden Querstäbe einen im Querschnitt flach ge­haltenen Bogen, um die Schleimhaut der Laden weniger zu verletzen.
ocr page 34
10 Erste Haupt-Abteilung: Die Untersuchung der zu operierenden Teile.
Aus letzterem Grunde werden die Lftdenspangen oft mit Werg oder Tuch umwickelt.
Beide obige Instrumente worden an dem Stiele mit der Hand durch einen Gehilfen gehalten, was deren Anwendung unsicher macht, weil das Gitter bei einer raschen unvermuteten Bewegung dt's Kopfes umschnappen kann und dann das Tier nicht mehr gehindert ist, die Kiefer zu schliessen. Um daher eine hie-durch ermöglichte Quetschung der Hand zu verhüten, muss ein Hauptaugenmerk darauf gerichtet werden, dass die obengenannte senkrechte Stellung unter allen Umstünden beibehalten wird.
Einen unvermeidlichen Nachteil haben diese feststellenden Maul­gitter immer, indem sie sich der Grosse des Kopfes nicht aecommodieren lassen, die beiden Kieler daher hei kleineren Tieren zu stark ausein­andergedrängt werden, man zieht daher jetzt die beweglichen Maul-sperrer oder Maulschrauben vor.
Statt der Lade können auch die Backzähne einer Seite als Basis zum Aufsperren der Maulhöhle benutzt werden, indem man ein ent­sprechend geformtes Instrument zwischen sie schiebt und es von aussen festhalten lässt. Hieher gehört der
Eiserne Maulsperrer von Weber.*) Die Kauflächen der Backzähne auf einer Backenseite werden in der Art als Unterstützungspunkte verwertet, dass das viereckige kleine Stück Eisen (Fig. 3) zwischen die Zähne binaufgeschoheu und an einein 45 cm langen flachen Stiele gehalten wird. Eine seitliche Verschiebung über die Backzähne hinaus wird auf der Zungenfläche durch einen an dem queren Eisenstück an­
H
gebrachten ovalen Ring und an der Backenfläche durch eitle Verbreiterung des obern Teiles der Handhabe verhindert.
Das im ganzen sehr primitiv gehaltene Mauleisen versperrt sehr wenig Platz, wird vielfach verwendet und als praktisch brauchbar be­zeichnet; auch sind bis jetzt keine Verletzungen der Backzähne bekannt geworden, trotzdem die Tiere auf dem Quereisen zu kauen versuchen.
Der Maulkeil von Bayer. Bei Operationen und Unter­suchungen in der Maulhöhle des Menschen wird ein Maulkeil (Fig. 4) angewendet, welchen Dr. Bayer**) derart modifiziert
Fig. 3.
r
bat, dass er für Pferde und l Jjcsäd ^s^-^.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hinder brauchbar wird (a Rück-
fläche, b Zahnfläche, c Stiel). Die beiden nach Art einer Haspel
leicht angehauenen, seitlich bei b nach aufwärts gebogenen Stahl­platten a kommen zwischen die
Ufzähne zu liegen, indem man Fiß- 4-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; das Instrument in der Art bei
dem (mit dem Keil parallel gestellten) Ringe e erfasst, dass der Daumen von aussen her durch denselben greift und die Zunge mit der andern
*) Adam, Wochenschrift für Tierärzte. **) Österreichische Monatsschrift für Tierheilkunde. 1884. 12.
ocr page 35
Untersuchung der Maulhöhle.
17
Hand aus dorn Maule herausgezogen wird; hierauf erfassen die den Binlaquo; bleÄÄ? ,mt Amm*™J** i)iquot;quot;quot;^'s, der an seinem Ä stäigennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ll1quot; 'S(gt; FixIen,n8 lt;lcK Instrumentes zu bemerk-
ÄToUr mhandener Zal,llspitzen aquot;f de'- sSÄ^taÄhtt
indem0!!! ^r*?110!1? ^i1^ sind zum Versclueben eingericbtet,
nirBe eSl U.? 'J f^' quot;quot;^'^ errSchrftube (Fi- 5) ^1 andern
hss ^ S ^ ü'vr entf?-m6T!? lüsst; quot;'^ llflt dftbel ^•'' Vorteil,
loL ' laquo;hlÄ ^ Fiereß (l1^ Iviefer welter raquo;laquo;seinander bringt, bei
kkineien aber naher beisammen lassen kann. Auch hier wird mau mt
Arbeit die Laden oft recht verletzen, mit Werg oder Tuch zu u.mvkkeln.
t,; .mm*
.,. ,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Fig. 6.
Flg. 5.
In dieser Weise ist auch das Maulgitter von Garagee konstruiert das zwei Querstäbe, jedoch mir eine und zwar bewegliche Seitenstanffe besitzt oder wurde an den Querstangen, wie dies bei dem Maulffitter von Günther*) der Fall ist, eine plattenartige Verbreiterung ZJ Auflegen aul die Schleimhäute angebracht, es sind jedoch diese Alt von Maulsperrer dadurch zu massiv, schwer und unbeholfen geworden als dass sie praktischen Wert beanspruchen könnten. Letzteren Übel-stand vermeidet vollständig die
Maulschraube von Brogniez, welche (Flg. 6) den weitern Vor­teil besitzt, dass sie selbst bei heftigem Sträuben des Tieres niemals umschnappen kann, man daher absolute Sicherheit für die Hand gewinnt Überdies gestattet das Instrument mehr Raum zum Operieren in der
*) Die Beurteilungslehre des Pferdes. Hannover 1859. S. 668.
Hcring's Oiicrationslolire. JV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; „
#9658; #9632; i
;k-
#9632; '' !
..raquo;.,
;
#9632;1
ocr page 36
I
ly Erste Hauptlaquo;Abteilung: Die üntörsuohung der zu operierenden Teile.
Maulhöhle, als die seither besprochenen Maulgltter und kann gelegentlich als Elnschüttzaum dienen, da es mit einem trensenfthnlichen Kopfgestell
vorsehen ist. Der in obenstellender Figur in der Mittellinie des Kopfes stellende OBogen ist auch nach den Seiten hin rechts und links beweglich.
Diese belgische Maulschraube mit ihren schnallbaren Maulrieraen ist vielfach im Gebrauche und hat sich gut bewährt, dass sie aber auch du sehr gefährliches Instrument sein kann, wie alle beweglichen Maul­gitter geht schon aus der Konstruktion hervor und kann, wenn die Schraube unvorsichtig angezogen und vom Operateur nicht selbst über­wacht oder gehänclhaht wird, sehr leicht eine Luxation, selbst ein Bruch des Kiefers hervorgerufen werden. Die öfihung des Maules braucht nicht weiter als 12 —15 cm zu geschehen.
Das Rueffscho Universal-Instrument wird ebenfalls nach Art eines Zaumes angelegt, wenn es als Manlgitter dienen soll, es mnss alicr zu diesem Behufe erst entsprechend zusammengestellt werden, denn es stellt, eine Kombination mehrerer Instrumente dar und kann als Kinschüttzaum, als Klystierrolir und Hufsondierzange dienen. Vermöge seines Gewichtes von nur 0,75 kg soll es in der Tasche nach­getragen werden können. Es ist abgebildet im Repertorium 1863. Preis 15 Mark.
Das Maulgitter von Mackel zeichnet sich durch grosse Leichtig­keit und Handlichkeit aus und bietet, mit Backen- und Kehlrienien ver­sehen, ebenfalls den Vorzug, dass es mit der Hand nicht fixiert zu werden braucht, also einen Gehilfen erspart, weder aus dem Maule herausfallen,
Fig. 7.
noch umkippen kann und der Operateur den Baum für seine Hand nach Belieben mittelst der beiden Schrauben regulieren kann; er muss sich indes hüten, beide Schrauben nicht unglelchmässig in Bewegung zu setzen, damit nicht Teile des Mundwinkels in die Schraubengänge rechts und links eingeklemmt werden. Ebenso ist dafür ZU sorgen, dass das Gitter stets senkrecht auf die Laden am Kopfe festgeschnallt werde (Fig. 7).*)
#9830;) Repertorium der Tierheilkunde 1880. S. 27.
ocr page 37
Untersuchung der Maiilliölile.
19
Das Maulgitter von Rogers. Der englische Tierarzt Rogers in Loudon-Brompton *) hat 18^2 ein neues Maulgitter konstruiert, das aus (nicht rostendem) Kanonemnetall gegossen ist, die Form eines ver­kehrt gestellten U hat, dessen Bogen also nach oben gerichtet ist und die beiden Schenkel nach abwärts verlaufen. Mit diesem U ist an der hintern, der Maulhöhle zugekehrten Fläche ein zweites U mit einem Zwischenraum von 5 cm verbunden und beide am untern Teil je mit einer Querstange verbunden, welche, mit Kautschuk überzogen, eine breite lksis zum Aufstellen auf die untere Lade bilden, das ümschnappen also verhindern sollen. Weiter oben ist eine weitere Querstange (unter dem Bogen des {'). welche sich mit 2 rechts und links durch den L' Bogen geilende Schrauben auf- und abwärts bewegen liisst. Die Ver­längerung der einen senkrechten Seitenstange nach unten dient als Hand­habe und das Ganze kann nach Art eines Zaumes mit Riemen am Kopte befestigt werden. Das Instrument kommt in seinen 'Wirkungen am meisten dem Mackel'schen Schraubengitter gleich, gewährt indessen da­durch mehr Kaum zum Operieren, dass die bewegliche Querstauge von oben herab geschraubt wird. Da beide Schrauben zugleich in Dewe-gung gesetzt werden müssen, erfordert die Handhabung einen Gehilfen und ziemlich viel Zeit zur Feststellung.
Es gibt noch weitere Varietäten von Maulsperrer, wie z. B. das Maulgittor von Hertwlg*), dessen 4 Stiibe behufs leichteren Transportes auseinander gelegt werden können; die Querstäbe sind an den Enden durchlöchert und lassen sich in die senkrechten Seitenstähe einschieben, um von aussei! mittelst einer Schrau­benmutter befestigt zu werden. Von ähnlicher Konstruktion ist das Manlgitter von-Fuchs**). Es ist gleichfalls zerlegbar und der obere Querstab lässt sich durch eine Stellschraube feststellen.
Andre Operiergebisse sind ungleich komplizierter und daher bei uns nicht im Gebrauch. Dahin gehört auch die von Devillier***) erfundene Maulschraube, die er als „Mors-specnlumquot; bezeichnet. Die Bewegung der beiden Ilauptslucke wird mit einer Kurbel durch gezähnte, mit einem Sperrkegel versehene Räder hervorgebracht und besitzt das Instrument zugleich eine Vorrichtung (Abaisse-langue) zum Ilinabdriicken der Zunge.
Der Maulkeil für Hunde von Davor (Fig. 8) ist dem bei Menschen angewendeten nachgebildet worden und soll sich nach Kon-häuser bei Operationen, besonders Entfernung steckengebliebener Fremd-
b
Fig. 8. körper im Maul bewähren. Seine Anwendung ist dieselbe, wie beim Maulkeil der Pferde (s. S. 24). Koch, Ost. Monatsschrift. 1884. Nr. 12.
*) The Veterinarian, Mai 1882. **) Gurlt u. Hertwigs Magazin 18S0. ***) liecueil de Med. vetörinaire 1844. pag. 217.
ocr page 38
20 Erste Hauptlaquo;Abteilung: Die Untersuchung der zu operierenden Teile.
Beleuchtungs-Apparate.
Um die Maul- und Nasenhöhle deutlich besichtigen zu können, reicht oft das gewöhnliche Tageslicht nicht aus, es muss daher öfter künstliches Licht zu Hilfe genonunen werden, was ja auch bei Opera­tionen, welche des Nachts vorzunehmen sind, notwendig wird (siehe Seite 18). Behufs Inspektion der Nasenhöhle würde ein vorgehaltenes Kerzenlicht durch den Atem erlöschen, man ist daher gezwungen, das Licht entfernter zu halten und durch Spiegel an den gewünschten Ort zu werfen. Als
Reflexfpiegel kann für gewöhnlich jeder Spiegel, am besten ein coneaver (Rasierspiegel) benutzt werden, wenn er nur mehrere Quadrat­zoll Flüche hat; verfügt man nicht über Sonnenlicht, so bleibt nichts anderes übrig, als seine Zuflucht zu einer (iasflanmie oder Petroleum­lampe zu nehmen (Rundbrenner). Auch gibt es einen
Stomatoskopen von Brogriez, der in einem konkaven Spiegel besteht, vor welchem eine Terpentinöllampe brennt, die nicht so leicht auslöscht, ihre Lichtstrahlen aber konzentriert in das Innere der Maul­höhle etc. wirft.
Viel einfacher und zweckmässiger lassen sich in neuerer Zeit jene Spiegel für Beleuchtungszwecke verwenden, welche nach Art des Augen­spiegels (Ophthalraoskopen) in der Mitte eine Öffnung zum Durch­blicken besitzen und sehr viel Licht von einer zur Seite stehenden Flamme werfen, wenn sie eine genügend grosse Spiegelfläche besitzen. Solche Reflektoren sind jetzt überall käuflich zu haben und können ganz wohl als Rhinoskope, wie als Stomatoskope Verwendung linden, wenn auch nicht zu läugnen ist, dass das hiedureh gewonnene Bild und da­mit auch die Sicherheit der Diagnose zu wünschen übrig liisst, beson­ders wenn die betreuende Flamme flackert und so das Bild gleichsam im Fluge erhascht werden muss. Einen sehr einfachen Reflektor kann mau sich auch dadurch improvisieren, dass man einen blanken (silbernen) Löffel an einen brennenden Wachsstock festbindet.
Der leidige Umstand, dass das Auge gezwungen wird, an der benutzten Flamme vorbeizuseben, fübrte in der letzten Zeit zur Verwendung von Gltlh-licbtern, welche dadurch erzeugt wurden, dass man einen Platiudrabt ins Glühen brachte und so die Beleuchtung versuchte, die ausstrahlende Hitze aber durch Umspttlung des Drahtes mit Wasser paralysierte. Später benutzte man dann das Koblenglühlicht, das sieb durch seine Intensität, Weisse, Gleichmässigkcit und Ruhe auszeichnet und mit dem man Reflektoren und Linsen vorband, sowie be­sondere Batferien zur Erzeugung des elektrischen Stromes (Trouvfi).
Prof. Dr. Bayer in Wien hat auf Grund der auf diesem Felde unläugbar gemachten Fortschritte versucht, das
Elektrische Glühlicht auch für die Tierheilkunde dienstbar zu machen und einen Apparat zu konstruieren, wie er in Figur I) abge­bildet ist.*) Im Zentrum eines parabolischen mit spiegelnder Fläche
*) Österreichische Monatsschrift f. Tierheilk. 1884. Seite 41.
.
ocr page 39
''#9632;#9632;
Beleuchtimgs-Apparate.
21
versehenen Reflektors It aus Silber befindet sicli ein erbsengrosses Glühlämpchen ^r, dessen beide Platin­drähte P durch eine önhung nach aussen gehen und in schlitzförmiffen Offnuneen zweier Metallstäbe St mit-
telst Schieber Sehdurchsetzt den HK in Verbindungzur Hälfte des (dem zweiten Kabhergestellt wird Akkumulator
Einer dieser Stäbe wird mit dem Kabel zweite geht nur bis die Verbindung mit federnden Drücker D Beide Kabel werden nun mit einem von der Orösse eines Zicarrenetuis
\
verbunden, der umgehängt oder in der Tasche getragen wird und geladen den elektrischen Strom liefert, der in einer Batterie zu Hause erzeugt wird.
Wird nun durch Druck auf die Feder des Hand­griffs der Strom geschlossen, so erglüht die Lampe sofort und leuchtet so lause, als man den Kontakt bestehen lässt, auch kann die Wirkung des Hetlektors durch eine starke plankonvexe Linse L noch verstärkt werden. Mittelst dieses kleinen in natürlicher Grosse gezeichneten) Instrumentes kann die Nasen- und Maul­höhle wie durch Sonnenlicht beleuchtet werden, ohne dass also die Gewebe in ibrer Farbe verändert werden, auch sieht das Auge nur 'die beleuchteten Teile und wird somit durch die Lichtquelle nicht gehlendet,
Die Glühlampe ist vorerst noch zu teuer, als dass sie allgemeine Verwendung finden könnte, auch ist sie noch, wie Bayer selbst zugiht, der Verbesserung fähig, -wie das ganze heutige elektrische Beleuchtungssystem auch. Ferner kann vorerst für eine längere Brenndauer als höchstens eine Stunde nicht garantiert werden, es ist daher rätlich, sich gleich ein
K
9.
zweites solches Mignonlämpchen anzuscharten, um im Falle des
Erlöschens sofort ein anderes einschalten zu können. Beim Gebranclie hat sich der Akkumulator als sehr empfindlich erwiesen und muss die Batterie regelmässig vor der Verwendung mit Säure nachgefüllt werden (Fröliner).
'm
Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
Widersetzen sich die Tiere schon bei der blossen Untersuchung und Berührung schmerzhafter Teile, umsoniebr werden sie sich Opera­tionen zu entziehen suchen, bei denen gewaltsame
Mittel zum Halten und Befestigen anzuwenden sind und durch welche ihnen oft weitere Schmerzen zugefügt werden, die Tierärzte sind daher nicht selten darauf angewiesen. Gewalt und Zwang zu brauchen, wo sie1 keinen freien Willen finden. Die Tiere gebrauchen ihre natür­lichen Waffen gegen den Operateur wie seine Gehilfen, und machen
ocr page 40
22
Kiste Hiiupt-Ablciliing: Die Zwangsmittel mul ihre Anwendung.
t
dadurch die Einleitung eines chirurgischen Verfahrens nicht 1)1lt;iss schwierig, sondern \m\t\g auch unsicher oder gar unausführbar; ausser-(k'in können dabei nicht bloss die Personen verletzt werden,, sondern suicli die Tiere selbst.
Von Zwangsinlttela steht eine gvosse Anzahl zur Verfügung und miisseii dieselben ganz der Tierart, dem Charakter des [ndlviduuins, der Operationsweise seihst, den gegebenen Hilfsmitteln und oft auch der Handfertigkeit des Operateurs aii^epusst werden. Immerhin ist Vorsicht mehr zu enipfelilen, als Xaciisieht üben /u wollen, denn wenn auch manche Zwangsmittel den Tieren aus Mitleid gerne erspart werden möchten, so ist doch zu beachten, class man bei entsprechender Befestigung dew Tieres weiter kommt, schneller und sicherer operieren kann und damit auch Nachsicht übt, insofern die Dauer des Schmerzes abgekürzt wird.
Ängstliche unerfahrene Tiere sticht man vor allem durch Geduld, riulie, sanftes Anreden, durch Güte und Sclnneicliehi für sich zu gewinnen, unfügsame, reizbare, renitente Subjekte aber müssen mit Strenge und Ernst behandelt werden. Das Pferd, als eines der intelligentesten unserer Haustiere, ist gleich empfilllglich für Dob und Tadel, für Lohn und Strafe, und keimt ebenso seinen AVohltliäter, als seinen Beleidiger. Erst redet man die Tiere mit lauter Stimme an, zeigt ihnen die Züchtigungsmitte] und sucht durch strengen Blick, YorliaIteu des Zeigefingers vor das Auge u. s. w. ihnen zu imponieren. Geht es in dieser Weise nicht, so bleiben immer noch scMrfere Mittel und Strafen übrig, zuletzt die An­wendung narkotisierender Störte, um das Bewusstsein auf kürzere oder längere Zeit aufzuheben.
In andern Fällen bringt man solche Tiere dadurch besser in seine Gewalt, (lass man sie einige Stunden, seihst einen Tag und noch länger hungern und dürsten lässt, das Kii-derliejen vor der Operation verhindert oder ihre Aufmerk­samkeit von letzterer dadurcli abwendet, dass man die Augen bedeckt, sie durch Herumführen im Kreise taumelig macht, einen fremden Körper z. U. eine Bleikugel in die Ohrmuschel bringt, sie au einer ungewöhnlichen Substanz riechen lässt (Terpentinöl, Petersilicniil) oder diese in das Nanl streicht. Auch kann man mit einem Schlüssel auf die Kopf höhlen, die Zähne Itlopfeu oder einen heftigen Schmerz an einer besonders empflndflchen Stelle des Körpers, z. H. der Oberlippe, der Nasen-sclieidenwand, dem Ilodensack, Uinterschenkel, Schweif U. 8, W. erzeugen, oft be-niliigen sich jedoch die Pferde schon, wenn sie mir eine bekannte Stimme hören oder ihnen ein anderes Pferd zur Gesellschaft beigegeben wird, sie gesattelt, au­geschirrt werden etc.
Bei den kleineren lianstieren braucht man in der Regel weniger Umstände zu machen, doch geht es auch liier für gewöhnlich ohne Zwang
nicht ab, von welchem weiter unten die Eede sein wird.
Zwangsmittel bei Pferden.
Um Pferde vollständig in die Gewalt zu bekommen, ist es vor allem nötig, ihnen eine regelrechte Trense aufzulegen, welche aus star­kem aber weichem Leder gefertigt sein muss und sich durch Schnallen gut dem Kopfe anpassen lässt; Reittreneen sind meist zu schwach, hesser erweisen sich gute Wischzäume und solche Koplgestelle, deren
ocr page 41
Zwangsmittel bei Pferden.
23
Mundstück, wie bei den Wiener Zäiinien, sich leicht und rascli entfernen liis.st, aus diesem Gründe lassen sich auch die starken (nicht zu weiten) Stallhalfter ina Notfalle verwenden oder jene Halfter, wie sie zum Be­schlagen, beziehungsweise Niederlegen der Pferde benutzt werden und können dabei die Ziigehvirkungen durch Anbringen von Hilfsstricken an den Nasenrieinen, Backenringen U. S, W. wesentlich verstärkt werden.
In andern Fällen macht man von der Trensenkette Gebrauch und nimmt eine möglichst starke (30 cm lange) Kette und befestigt an dem einen Ende einen Strick, am andern einen eisernen Knebel. Die Kette wird mit dem Knebel voran laquo;lern frei an der Trense gehaltenen Pferde von aussei! nach innen durch den Trensenring gesteckt, unten am Kinn vorbei durch den jenseitigen Elng von innen nach aussei! ge­schoben, nunmehr der Knebel vor den Hing gelegt und durch die Kette befestigt. Bei Widersetzlichkeiten kann nun dem mit der Trense ge­haltenen Pferd ein empfindlicher Schmerz dadurch bereitet werden, dass
man mit der rechten Hand am Stricke der Kette mehr
oder weniger
stark zieht; resp. zerrt.
Statt der Trense kann man auch den Kappzaum anlegen, d. h. einen gewöhnlichen starken Zaum, in dessen Nasenrieinen ein Eisenblech eingenäht ist und auf welchem 2—3 Ringe eingenietet sind zur Auf­nahme von Zügeln. Das Anziehen der letzteren bereitet dorn Pferde auf der änsserst empfindlichen Haut der Nasenbeine hochgradigen Schmerz, der Kappzaum ist daher ein änsserst wirksames Bändigungs­mittel, mit dem mau bei manchen Operationen für sich allein völlig auskommt, es ist aber einleuchtend, dass eine rohe Handhabung niemals geduldet werden darf, diese gefährlich ist und schon Brüche der Nasen­beine, Aufsteigen und l'berstürzen des Pferdes. Tod u. dergl. vorge­kommen sind!
Der Operateur liat auf die Anwendung dieses Instnnnentes sein besonderes Augenmerk zu richten und gleiclizeitij! dafür Sorge zu tragen, dass das Pferd bei Wohlverhalten auch entsprechend belohnt werde, mn Hirn so begreiflich zu machen, was es zu thun und zu lassen habe. Desgleichen darf beim Bändigen mutwilliger, widersetzlicher, stupider oder zorniger, bösartigei' Pferde das Einreden kinger Leute, Schreien, Flachen und Treten mit den Füsscn, Prügeln u. s. w, nicht ge­duldet werden, überhaupt durchaus nichts geschehen, was nicht, von dem alle Verantwortung tragenden Operateur angeordnet worden ist. Das nicht sel­ten übliche Aufbiegen des Schweifes gegen den Rücken, um gegen Aus­schlagen gesichert zu sein, ist eine rohe und deswegen verwerfliche Zwangsmethode, welche keineswegs den vermeintlichen Schutz bietet uiul deswegen wenigstens von den Tierärzten durch andre Mittel ersetzt, wird.
Pferden, welche zum Beissen geneigt sind, wird am besten ein Maulkorb angelegt, in Ermanglung eines solchen aber der Nasenriemen der Trense so stark zusammengeschnallt, dass das Offnen des Mauls nicht ermöglicht ist; solche Pferde erfordern dann meist die Anstellung eines besonderen Gehilfen.
Um sich und andere persönlich sicher zn stellen, hat man bei Pferden gewöhnlich hinten mehr zu fürchten, als vorne oder (wie beim Rinde) zur Seite, mau lässt daher durch kräftige Leute, welche ent­sprechend aufgestellt werden müssen, einen Hinterfuss aufheben und
ocr page 42
24
Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
den Kopf lioch halten; in andern Fällen genügt oft schon das Aufhalten einer Yoi'dergliedmamp;sse, keine der angegebenen Vorslchtsmassregeln schützt ab'er Unbedingt, sondern erschwert nur das Ausschlagen. Von dem abamp;olut sicheren Schütze wird weiter unten die Rede sein.
Blenden. Die meisten Pferde verhalten sich ruhiger, wenn sie am Sehen verhindert werden, eine Beobachtung, die übl'igens bei allen Haustieren gemacht werden kann. Am einfachsten geschieht das Ver­hüllen der Augen mittelst eines am Kopfgestell befestigten weichen Handtuches, das nötigenfalls, wie vor dem Niederwerfen mit einer Kom­presse, quot;Werg u. dergl. unterpolstert werden kann; ebenso kann das Kopfstück einer Halskappe benutzt werden oder hat man besondere aus Tuch oder Filz gefertigte Scheuklappen, welche eine Art Deckel bil­dend über beide Augen geschnallt werden und auf diesen eine kuppel-förmige Ausbuchtung zur freien Bewegung der Augenlider besitzen. Solche Elenden haben zugleich den Zweck, das Auge und die hervor­stehenden Knochenteile vor Beschädigung zu schützen, wenn auf dem
1
Boden operiert wird, im übrigen ist das Verbinden der
Augen hei gut-
mutigen Tieren meist überflüssig.
Die Nasenbremsen. Um die Aufmerksamkeit abzulenken, erzeugt man bei Pferden an irgend einer Stelle, welche mit der Operation nichts zu. thun hat. einen mehr oder weniger heftigen Schmerz und wählt dazu am bequemsten die sehr empfindliche Oberlippe, welche durch be­stimmte und leicht beschaffbare Instrumente, die man Bremsen nennt, gekneipt wird (Nasen- oder Lippenbremse); Die Unterlippe und die Ohren sind zwar ebenfalls empfindlich, sie eignen sich aber nicht wegen möglicher Zerreissung der betreffenden Muskeln zum „Bremsenquot; oder, wenn die Oberlippe aus irgend einem Grunde nicht zugänglich ist, nur
unter grosser
Vorsicht.
Man hat mehrere Arten von Nasenbremsen, weitaus die gebräuchlichsten von allen ist aber
Die Strick- oder Stockbremse, so genannt, weil sie aus einer Strickschleife besteht, die an einem rund­lichen, 30 cm langen Holz oder Stock mittelst zweier Löcher am obern Ende befestigt ist. Man streift die kurze Schleife über die zugespitzten Finger der Hand, fasst mit diesen den vordersten Teil der Oberlippe, zieht ihn möglicht hervor, lässt die Schleife sodann über die Finger hinaus auf den vorgezogenen Teil übergleiten und dreht den Stock so lange herum, bis dessen Schleife die gefasste Partie tüchtig zusammendrückt Au dem untern Stockende pflegt eine Schnur durchgezogen zu sein, mit welcher mau die Strickbremse seitlich an das Backenstück der Trense oder des Halfters anbinden kann und somit die Hand, welche sonst den Stock halten inüsste, frei bekommt.
Diese überall bekannte Pferde-üasenbremse ist ebenso einfacb als praktisch brauclibar, kann sofort improvisiert werden
Fig. 11.
ocr page 43
Zwangsmittel bei Pferden.
25
und erspart einen Gehilfen, was sehr wertvoll werden kann. Sie eignet sich jedoch nur für nicht allzulang dauernde Operationen, denn sie hat das Missliche, dass bei längerer Applikation die gepresste Oberlippe uncmpflndlich, stumpf wird, die Bremse daher wirkungslos bleibt, ein Nachteil, der bei der eisernen Bremse weg­fällt. Auch kommt es vor, dass nach nächtlichen oder im Stall vorgenommenen Operationen das Abnehmen der angebundenen Knebelbremse vergessen wird.
In Ermangelung einer Stockbremse behilft mau sich auch mit der einfachen Strickschleife, welche mau in der angegebenen Art über die Oberlippe anlegt und durch ein zwischen Schleife und Lippe durch-
Fig. U.
Fig. 12.
Fig. 13.
geschobenes Stück Holz (Fig. 12) zusammendreht. Der Strick wird häufig durch ein Pferdehaarseil ersetzt, zu dünne Stricke sind aber des starken Elnschneidens wegen verwerflich, sie müssen vielmehr 4—6mm dick sein. Die eiserne Bremse hat die Form einer Zange, Zangenbremse, oder eines Zirkels und besteht aus 2 rundlichen oder gedrehten Schenkeln von Eisen, die oben durch ein Cliarnier verbunden sind. Beim Anlegen dieses auch Zirkelbremse genannten Instrumentes fasst man mit der einen Hand die Oberlippe, zieht sie hervor, setzt hierauf mit der andern Hand die Bremse darauf und drückt die beiden Schenkel am untern Ende fest zusammen. Au diesem Teile ist oft ein Bieineu oder eine gekerbte Falle angebracht, wodurch das Instrument an der Nase hängen bleibt, man kann durch letztere Vorrichtung daher einen Gehilfen er­sparen. Indes kommt hiedurch gerade der Hauptvorteil dieser Bremse in Wegfall, der darin besteht, dass man die Schenkel mir dann stark zusammendrückt und Schmerzen bereitet, wenn das Pferd anfängt un­ruhig, widerspenstig zu werden, man kann dem Tiere somit dadurch andeuten und begreiflich machen, wie es sich zu verhalten hat und wird zugleich die Abstumpfung der Oberlippe ganz vermieden. In Notfällen kann man sich jeder Feuerzange oder der Schenkel einer Beisszange bedienen.
ocr page 44
2G
Erste Hauptgt;Abteilung! ]gt;ie Zwangsmittel und ihre Anwendung.
Die eiserne Bremse hat unstreitig Vorzüge, welche ineist unterschätzt wer­den, denn die iiuunterbrocheno Applikation eines Schmerzes litsst schliesslich das Pferd gleuiigiUtig und unterrichtet es nicht davon, was es thun soll, es muss viel­mehr gegenteilig belohnt werden, sobald es sich willig hergibt.
Erst dann, wenn die Operation beginnt, legt man die Bremsen an und nur ausnahmsweise oder wenn sicli z.U. die Pferde nicht fesseln lassen, geschieht es schon vor dem Niederwerfen; nachher pflegt man die Vorderlippe mit der flachen Hand leicht abzureiben, um gleichsam den angebracliten Schmerz zu zerteilen, was die Pferde in der Regel seihst (instinktmässig an irgend einem Gegenstand) thun.
Die polnische Bremse, mich ungarische Bremse genaünt (fftlschlich vonPeuch auch als deutsches Gebiss, Mors d'AUemagne bezeichnet), bestellt
ebenfalls aus einem Strick, welcher au dein einen Ende mit einer Schleife ver­sehen, hing genug ist, um durch das Maxi]
Über den Nacken geführt zu werden (Xacken-maulstrick). Man zieht mm entweder das spitze Ende des Stricks (lurch die Schleife und verkürzt dadurch beliebig den Strick, wodurch die Mauhvinkel und Backen in der schmerzhaftesten Weise nach oben ver­zogen niul komprimiert werden, oder man befestigt den Strick mit einein einfachen Knoten, steckt einen Stock hindurch und dreht mit diesem den Strick zusammen,
so dass er dieselbe Pressung auf den Lippen-
Fig. 15.
wiukel ausübt.
Die Maulbremse gehört zu den (iiialvollsten aller Zwangsmittel und sollte ihre Anwendung nur für Notfälle, auf wirklich bösartige Pferde beschränkt werden, für welche sie allerdings in der Praxis oft nicht entbehrt werden kann; auch hat sie schon starke und schwer heilbare Verletzungen, nach Hering sogar Mortitikation der heftig gequetschten Backe angerichtet, so dass Löcher in der­selben entstanden, durch welche das Futter beim Fressen herausfiel. Zürn*) be­zeichnet sie als ein wahres Marterinstrument, dessen Applikation höchst gefährlich ist und strenge geahndet werden sollte.
Die Schenkelbremse legt man ganz in der Art der polnischen Bremsen an, indem ein kurzer nicht zu dünner Strick handbreit über dem Sprunggelenk um die Achillesselme geschlungen und geknotet wird, um dann einen runden Holzstab zwischen Haut und Schleife durchzu­ziehen und diese nach Belieben umzudrehen, wodurch ebenfalls ein hef­tiger Schmerz an dem betr. HinterfllSS entsteht, der die Tiere in der Kegel veraulasst, sich ruhig zu verhalten, beziehungsweise die Glied­masse dem Operateur williger zu iilierlassen.
Sie findet Anwendung auch bei andern Tieren und kann ganz zweckmässig auch als Kompression gegen arterielle Blutungen dienen, wenn weiter unten, wie am Hufe, operiert wink Ausserdem ist sie ein wichtiges und kaum zu entbehrendes Hilfsmittel, um niedergelegte Pferde an dem heftigen Stemmen und Strecken des oben gelegenen Hinterfusses möglichst zu Verhindern, wodurch wie bekannt, nicht so selten Ober-schenkelfraktiiren oder Wirbelbrüche zu. stände koinmen.
*) Die Untugenden der Haustiere u. s. w. Weimar 1885. Seite 43.
ocr page 45
Zwangsmittel bei Pferden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 27
r
Der Würgestrang ist gleichfalls eine Art polnischer Stvickbremse, dor jedoch (besonders bei Rindern) um den Leib angelegt wird und in einer grösseren Schleife besteht, die nur mittelst eines hölzernen Knebels zusammengedreht zu werden braucht, um einen heftigen Schmerz und selbst Atemnot zu erzeugen. Der Strang soll besonders dazu dienen, das verderbliche Drängen bei Geburten, Vorfällen, llernien u. dgi. zu verbäten. 'nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;,
Befestigung des stehenden Pferdes.
Um am stehenden Pferde operieren /.n können, bedarf es ver­schiedener Vorsicbts- und Zwangsmassregeln, die, im allgemeinen sehr beachtenswert, doch selten genügend sind, um den Operateur vor Ver­letzung, den Gang der Operation vor Störung zu sichern; jedenfalls können nur kürzer dauernde, nicht sehr schmerzhafte Eingriffe bei nicht gerade bösartigen Pferden unternommen werden, es ist aber schon ausser-ordentlicb vjel dadurch gewonnen, dass weitere umständliche Zwangs­mittel oft erspart bleiben und die Tierärzte das Bestreben haben, das Niederwerfen, also die Befestigung auf dem Boden, soweit als nur tbun-lich ZU umgeben.
Die Positur des stehenden Pferdes kann so eingerichtet werden, dass es während der Operation wesentlich an Beweglichkeit einbüsst und sich so weniger sträuben kann. So wird z. B. bei hoch aufgehobenem Kopfe das Hinterteil ungleich stärker belastet, daher in seinen Bewe­gungen beschränkt, bei tief herabgezogenem Kopfe das Vorderteil; eine seitliche Krümmung des Kopfes und Halses nach links wirft mehr Last auf diese Körperseite und macht sie weniger frei in ihren Bewegungen, ebenso umgekehrt.
Befestigung des Kopfes. Beim Operieren am stehendeu Pferde entsteht zunächst die Frage, ob dasselbe angebunden oder frei gebalten werden soll. Mau kann über diese Krage kaum verschiedener Meinung sein, denn die Erfahrung lehrt, dass das Festlegen des Kopfes an lüemen oder Seile nur bei gutmütigen Tieren angebt, widerspenstige aber nur noch mehr gereizt, werden, so dass die Anbindevorrichtungen oft mit unglaublicher Kraft und Schnelligkeit zerrissen werden und die Pferde in der gefährlichsten Weise niederstürzen können.
Das Anbinden des Kopfes kann immer nur so geschehen, dass das an einem starken Halfter oder Halsriemen befestigte Seil durch einen oder besser mehrere in der Wand befestigte Ringe gebt und in dem letzten entweder angebunden oder dort von einem Gehilfen fest­gehalten wird, der allenfalls den heftigen Bewegungen des Pferdes durch entsprechendes Lockerhalten folgen kann und so Beschädigungen verhütet.
Niederbinden des Kopfes. Bei manchen Operationen genügt es. den Kopf der Tiere möglichst herunterzuziehen und ihn in dieser Stel­lung, falls es die. Art des operativen Eingriffes gestattet, bis zur Been­digung desselben zu erbalten. Das Verfahren schützt auch etwas gegen Steigen und Ausschlagen und ist der Operateur mehr gesichert, wenn
ocr page 46
2b
Eiste Haupt-Abteiluug: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
i
zugleich Kopf uiul Hals des Pferdes etwas nach der Seite des erstemi hingezogen werden.
Das Niederbinden erfordert einen langen starken Strick, der von dem Kinnstiick des Kopfgestells ausgeht und durch einen in der Brust­höhe des Pferdes angebrachten IJing durchgezogen wird, um dann von einem Gehilfen angezogen und in beliebiger Tiefe, gehalten zu werden. Eine zweite Art besteht darin, dass man denselben Strick vom Kinn aus zwischen den Yorderfiissen unter eine Bauchgurte hindurch leitet, dort umschlägt und ihn auf demselben Wege zurückführend, entweder (durch einen Ring an der Wand) halten lässt oder au das Halfter be­festigt. Das Verfahren ist ebenso einfach, als gefahrlos.
Niemals dürfen Pferde mit dem Kopfe zu kurz angebunden werden und stets muss die Schlinge derart beschaffen sein, dass sie, wenn nötig, mit einem kräftigen Zuge geöffnet werden kann. Die Ringe an Krippen, Barren, Stand-säulen sind gefährlich, weil nicht fest genug, diejenigen auf Heschlagbrücken zu­verlässiger, wie überhaupt letztere Lokalitäten immer vorzuziehen sind, da man einesteils geübtere Assistenten findet und die Pferde an jene gewöhnt sind, andernteils dem Operateur Feuer zu Gebote steht, falls er z. B. unvermutet eine Blutung u. dgl. zu bekämpfen hat. Das häufig vorkommende Anbinden an Ketten ist verwerflich.
Womöglich zieht man vor (und genügt es auch häufig), das Pferd frei a u den Trensenztigeln durch einen verständigen Mann halten zu lassen, der mit demselben zu sprechen, es zu schmeicheln und auch zu strafen weiss. Er spielt dabei mit den Zügeln durch Hin- und Her­bewegung des Gebisses, um die volle Aufmerksamkeit des Pferdes auf sich selbst abzulenken und kann zugleich plötzlichen, unvermuteten Be­wegungen folgen. Besonders beruhigend für ängstliche, junge, unwissende Pferde sind leise gesprochene, begütigende Worte und sanftes Streicheln mit der flachen Hand über (las Auge. Strafen durch Schläge können nur als ultima ratio gelten, auch darf Lob, Tadel, Strafe immer nur vom Kopfhalter ausgehen und hat dies rechtzeitig zu geschehen (je­doch ohne Hast) d.h. sofort, sobald Ungebührlichkeiten vorkommen oder zu erwarten stehen, was sich aus dem Blick, den Mienen und dem Ohren­spiel entnehmen lässt.
Gegen das Hauen mit den Yorder­fiissen schützt entweder das Aufhalten eines Vorderfusses durch ein oder zwei vertraute Männer oder das Zusammenbinden beider Beine, es darf dasselbe aber niemals an den Eesselbeinen (Weidefesseln) geschehen, 'weil beim Aufsteigen und ungeschickten Ankommen auf dein Boden schwere Verletzungen eintreten können, zweckmässiger ist daher das Zusam­menbinden über den Karpalgelenken (Knie­fessel) oder noch hesser das Anlegen einer Strick- oder Riemenschlinge um jeden Vorarm und Durchziehen derselben unter einer Bauch­gurte; jeder Versuch des Beugens im Knie pjg ionbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;scheitert in ungefährlichster Weise.
M
11*1
i
ocr page 47
Zwangsmittel bei Pferden.
2!)
Beim Operieren an dem frei an der Trense aufgestellten Pferd mnss häufig Rücksicht auf das Steigen desselben genommen werden oder treten die Tiere ent­weder vor oder zurück. Das Steigen ist oft nur Folge unvorsichtiger Zügel-fiihrung oder zu hohen Auflialtens einer Vordergliedmasse, hiiufig aber aucli das Bestreben, sich des Zwanges zu entledigen. Die Unart wird am besten dadurcli bekämpft, dass man das Pferd absichtlich durch Zerren an den Zügeln nach ab­wärts zum Steigen veranlasst und zwar solange, bis es die Lust daran verloren hat. In ähnlicher Weise verfährt man bei dem für den Operateur so lästigen öfteren Rückwärtsweichen, indem man das Pferd öfters zwangsweise nach rückwärts drängt, und was das plötzliche Vortreten oder „Vorvürtästürmenquot; betrifft, so bleibt nichts anders übrig, als solche Pferde durch kräftige Männer halten zu lassen. Ausserdem kommt noch vor, dass sich Pferde die Boshaftigkeit erlauben, niederzuliegen; in solchen Fällen schwerer Renitenz besteht die beste und nachhaltigste Strafe tiarin, sie nicht sobald wieder aufstehen zu lassen, zu welchem Behufe man einige Männer beordert, auf Kopf, Hals und Hüfte niedcr-zusitzen, bis heftiger Schweiss ausgebrochen ist. Das Sitzen auf dem Rippenkorb darf (auch bei Operationen auf dem Boden) nicht geduldet werden.
Es ist gefährlich, beim Vorführen oder Halten von ungestttmen Pferden die Zügel der Trense, beziehungsweise des Eappzaums oder der Longe um die Hand zu wickeln, um sicher in der Führung zu sein!
Befestigen eines Vorderfusses. Dasselbe kann dadurch geschehen, dass man den Fuss durch einen kräftigen geübten Manu wie zum Be­schlagen (nicht hoch) aufheben lässt oder um den Fessel einen Strick schlingt, denselben über den Widerrist auf die
andere Körperseite führt und dort bei aufgehobenem Fasse halten lässt. Der betreffende Gehilfe jenseits geniert diesseits den Operateur nicht und kann er bei unbändigen Individuen den unvermuteten Be­wegungen des Pferdes in der gefahrlosesten Weise folgen oder aber im Notfalle den Strick loslassen. Namentlich kommt es vor, dass Pferde bei einem aufgehobenen Fusse durch eine plötzliche Bewegung oder infolge Steigens, wenn sie ungeschickt mit nur einem Fusse auf dem Boden ankommen, nieder­stürzen und sich arg verletzen, es ist daher mög­lichst das Festbinden des aufgehobenen Fesseis an den Vorarm, wodurch mau aller­dings einen Mann erspart, zu umgehen (Fig. 16, Kniefesselung); dabei ist immer der Operateur ge­
Fig. 16.
sickerter, wenn der den Vorderfuss aufhaltende
Gehilfe auf des Ersteren Seite postiert ist. In neuester Zeit ist ein sehr einfaches Verfahren von Chelchowsky*) in Tirnova bekannt gegeben worden, das zugleich auch die Ilinterfüsse unschädlich macht; man bindet nämlich durch einen je im Fessel an­gelegten Strick den rechten Vorderfuss an den (diesem etwas genäherten) rechten Hinterfuss (Fig. 17), so dass sich beide nicht von einander entfernen lassen. Das Pferd ist hiedurch völlig hilflos gemacht, das bei uns bis jetzt unbekannt gewesene Zwangsmittel kann aber bei bös-
*) Österreichische Monatsschrift von Koch. 1881. Seite 50.
ocr page 48
i'!
30
Erste Haupt-Abteilung Die '.waiigsmittel uml Ihre Anwendung.
i'
artigen Pferden nicht Anwendung finden, denn bei jedem heftigen Ver­suche , sich dos Strickes oder Riemens zu entledigen, lauft es Gefahr, in der gefährlichsten Weise zu Stürzen, wenn es nicht etwa an einer Wand durch ein langes Seil befestigt wird, so dass es sich von dieser nicht entfernen kann.
./
K '
j.:
Fig. 17.
Befestigung eines Hinterfusses. Will man einen einzelnen Hinterfuss fixieren und reicht das gewöhnliche Aufhalten wie zum Huf­beschlag nicht aus, oder scheut man die von Chelchowsky oben an­gegebene Methode, so gibt es noch andere Zwangsmittel, von denen die wichtigsten hier angeführt werden sollen.
Zunächst versucht mau den Schweif zur Befestigung der iliuter-gliedmasse in der Art herbeizuziehen, dass man ein breites Band fest in den Schweif einknüpft und in dem in dem Bund enthaltenen eisernen King ein Seil befestigt, das vom Schweif weg durch den Bing am Fessel-riemen des aufgehobenen Hinterfusses geht und an seinem andern Ende von 2 Männern angezogen und gehalten wird. Das Verfahren hat den Nachteil, dass der Fuss gezogen wird und der Schweif durch Zerren notleiden kann, hesser ist es daher, den l'uss erst durch 1—2 Gehilfen aufheben und dann das Seil durch den Schweifring ziehen zu lassen oder ersteres an einem Wandring zu befestigen. Der Fuss wird dann nicht gezogen, sondern hauptsächlich gehoben und nach einigen Minuten des Striinbens und Hüpfens kommt das widersetzliche Pferd zu der Über­zeugung, dass es seinen AVillen unmöglich durchsetzen kann.
Hat das Pferd einen gestutzten Schweif oder ist dieser fein be­haart, so dass man das Einbinden eines Bandes mit Bing nicht riskieren will, so behält man nach Hahn zwar den r'esselriemen an dem aufge­hobenen Hinterfusse bei, befestigt jedoch das Zugseil an einem oben auf einer Bauchgurt befindlichen Binge, und lässt es von auf der Mittel­linie der Kruppe längs des Schweifes herablaufen, durch den Bing des Fesselriemens gehen und so anziehen: am Schweife sind in kurzen Ab­ständen mehrere Riemen zum Schnallen quer angebracht, durch welche dann das Seil hindurchgezogen wird.
Ein weiteres ähnliches Verfahren hat v. Chelchowsky beschrieben, das sich praktisch gut bewährt hat. ' Man legt die Schlinge eines Wurf­seils kummetartig auf die Schulter und lässt das längere Endstück längs des Rückens vom Widerrist in der Mitte nach hinten laufen, wo es um den Schweifansatz einmal geringelt und senkrecht nach unten um den Fessel des zuvor aufgehobenen Hinterfusses herumgeschluugen wird;
:t
mm
ocr page 49
Zwangsmittel bei Pferden.
81
ein bis zwei Männer halten dann lt;Iimi Hlnterfuss In der gewünschten Flexion fest. Das Pferd Ist am Kopf angebunden, so dass 1—2 Gehilfen ausreichen (Hufschmied. 1884).
In andern Fällen ist es wünschenswert, den Hlnterfuss statt nach hinten nach vorne zu ziehen, ZU welchem Zwecke man den Fessel mit einem langen Strick oder Wurfsell anschlingt und das freie Ende ent­weder durch einen unten an der Bauchgurte betindlichen Ring durch­ziehen und halten lässt oder in Ermanglung einer Bauchgurte das Seil des aufgehobenen Hiuterfusses zwischen den Vorderfüssen durchgleiten, über die entgegengesetzte Schulterseite nach dem Widerrist herauf und auf der (gefesselten) Seite an der Schulter wieder herab zieht, wo es ein Gehilfe anzieht und festhält.
Fig. 18.
Das Spannen der Hinterfüsse, wie es auch beim Probieren der #9632;Zuchtstuten gehandhabt wird, geschieht In ähnlicher Weise, wie das Vorwärtsziehen nur einer Hiatergliedmasse uml gibt darüber oben­stehende Zeichnung den besten AufschlllSS. Ehe die Fnden beider Seile am Widerrist in eine nötigenfalls schnell aufziehbare Schieile vereinigt werden, muss das Pferd etwas zurücktreten, damit beide Hinterfüsse mehr unter den Leih zu stehen kommen. Das Schlagen nach hinten ist damit verhindert, nicht aber das Ausstreichen eines Fusses nach der Seite. Es ist zweckmässiger, die Schlinge am Widerrist nicht, wie in Figur 18, auf der rechten Seite anzubringen, sondern auf
ocr page 50
32
Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
;!-
der entgegengesetzten, weil der die Zttgel haltende Gehilfe das Pferd auf der linken Seite stets besser beineistern kann. Diese Art des Spannens hat sich allseitig bewährt.
Die Spanmnethode des Grafen v. Keller ist ebenfalls wie obige beliebt geworden und geht aus Figur 19 eklatant hervor. ist iiusserst wirksam, dalier nur für renitente Pferde geeignet.
die
Sie Die
:'
Fig. 19.
beiden Leinen dürfen anfangs nicht spannen, sondern sind nur locker an dem Kopfe angeschnallt, so dass das Pferd Kopf und Hals beliebig drehen kann. Schlägt es in dieser Zwangsstellung aus, so fügt es sich je nach der Kraft, mit der das Ausschlagen vollführt wurde, den Schmerz selbst zu und dadurch, dass die iiusserst empfindliche Strafe der Unart unmittelbar auf dem Fusse folgt, untcrlässt es das Schlagen bald.
Ehe das Pferd diese höchst bedeutende Schmerzhaftigkeit nicht kennt, muss der Spannleine etwas Spielraum gelassen werden und zwar soviel, als die völlig gestreckte Stellung erheischt, das erste Schlagen daher nur leichte Strafe nach sich ziehen kann; später, bei Fortsetzung der Unart erst schnallt man die Leinen etwas kürzer. Diese Vorsicht ist aus dem Grunde notwendig, weil ein kräftiges Ausschlagen bei verkürzter Leine sogar einen Bruch der Nasenbeine zur. Folge haben könnte. Für gewöhnlich ist der Kappzaum übrigens gar nicht nötig und genügt crfahrungsgemäss ein gewöhnliches Ilalfter, in dessen Nasenriemen zwei Metallringe angebracht sind. Schon dadurch, dass bei jedem Schlag der Kopf mit grosser Gewalt nach unten und seitlich gezerrt, beziehungsweise an die Brust geschlagen wird, liegt Grund genug vor, dass das Pferd sein Benehmen ändere.
Notwände. Mit den oben genannten Vorrichtungen kann man bei leichteren, kurzdauernden Operationen wohl auskommen, wenn auch einzelne Bewegungen des Tieres nach vor-, seit- oder rückwärts nicht vollständig hintangehalten werden können. Sind diese letzteren jedoch
ocr page 51
Zwangsmittel bei Pferden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;33
nicht zulässig, so bleibt, um sicher zu geben, in der Regel nichts an­deres übrig, als die Pferde niederzulegen und geschieht dies auch gegen­wärtig meistenteils.
In früheren Zeiten hat man von dem Niederwerfen der Pferde weniger Gebrauch zu machen verstanden und daher alle möglichen Vor­richtungen ersonnen, um die Operationen am stehenden Tiere vorzu­nehmen. Aus diesen nicht sehr glücklichen Bestrebungen gingen die sog. Notwände hervor,-d. h. starke zwischen zwei Standsäulen ge­zimmerte Bretterwände, an welche die Tiere angelehnt und auf der frei zugänglichen Rückseite gebunden wurden; zu diesem Zwecke waren in der Wand, entsprechend den einzelnen Körperteilen, welche besonders fixiert werden sollten, Löcher zum Durchstecken von Stricken, Seilen, Gurten, Ketten u, s. w. und starke eiserne Binge angebracht, auch ist meist die Wand in ihrer ganzen Ausdehnung gepolstert worden (fest­stehende Notwämle).
Nicht selten wurden ferner mit der Notwand (spanischen Wand) Aufzugsapparate mit Bauchgurten zum Verhindern des Niederliegens in Verbindung gesetzt, Löcher und Ringe zum Anschnallen der Risse auch auf dem Boden angebracht oder die senkrechte Wand mit einer Achse verseilen, so dass sie samt dein angebundenen Tiere wagrecht umgelegt werden konnte und das Operationsobjekt wie auf einem Tische gelagert war (bewegliche Operationswand). Solche Vorrichtungen sind in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vielfach'nud in den verschiedensten Ländern (namentlich aber in Holland, Belgien, Frankreich, Spanien) oft init grossem Aufwand von Erfindungsgeist konstruiert worden und knüpfen sich dieselben besonders an die Namen Strauss, Ilördt, Schwab, Kersting, Tennecker, Rychner, Bourgelat, Gohier, Vial, Feugre, Lafosse, Brogiiiez, Gourdon, Douterligne u. s. w. In manchen Gegenden kamen sie allge­mein in Gebrauch, da sie auch zum Beschlagen verwendet wurden, bei uns sind sie meist nur das Privilegium von grösseren Beschlagsanstalten, Privatkliniken, Gestüten, Marställen, Kavallerie-Kasernen, Veterinär­anstalten geblieben.
Jetzt, nachdem zahlreiche und meist nur traurige Erfahrungen gemacht wurden, sind die Notwände fast allerwärts verlassen worden, ja beinahe in Ver­gessenheit geraten, deswegen auch nur mehr von historischem Interesse, eine nähere Beschreibung derselben ersclieint dalier wohl überflüssig. Nicht allein waren sie meist zu kompliziert und kostspielig, sondern der vielen damit verbundenen Umständlichkeiten wegen auch unpraktisch, und ja viele Operationen schwieriger an der Wand auszuführen, als am niedergelegten Tiere, abgesehen davon, dass durch die vielen Zerrungen und Quetschungen an den Gelenken, Seimen, Mus­keln etc. arge Verletzungen und Verstümmelungen vorkamen, die jetzt fast un­bekannt sind.
Sie müssen aber auch als vollständig entbehrlich bezeichnet werden und zwar hauptsächlich darum, weil In der grossen Masse der tierzuchttreibenden Be­völkerung infolge Zunahme der Zivilisation mehr Verständnis für die Pflege und den Umgang mit Tieren eingekehrt ist, die Zahl der schwer traktablen oder bös­artigen Pferde daher wesentlich abgenommen hat, andernteils auch Fortschritte in der Anwendung von Zwangsmitteln, insbesondere Verbesserungen in der tech­nischen Ausführung des Niederlegens der grossen Haustiere gemacht worden sind; ausserdem hat sich auch die Zahl der tierärztlichen Operationen namentlich in
Hering's Operatiouslohre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 3
ocr page 52
H #9632;
34
Kiste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
.,'#9632;#9632;
Deutscliland und Österreich nicht unerheblich verringert, und zwar gerade jener, wegen denen in früheren Jahren am häutigsten von den Not- und Beschlagwänden
Gebrauch gemacht wurde.
Notstände und Notställe sind solche Vorrichtungen, bei welchen Zinn Unterschied von der Kotwand die grossen Haustiere in eine Art
•r
I
quot;f'
Fig. 20.
Pferdestalld geführt werden, der ans 4 senkrechten Pfosten (Stand­säulen) besteht, Avelche durch Eiegel und andere Befestigungsmittel untereinander verbunden sind. Es gibt deren fast eine ebenso grosse Auswahl, wie bei den Notständen und gilt im allgemeinen auch durch-
ocr page 53
Zwangsmittel bei Pferden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;35
weg dasselbe, was von diesen betreffe der Brauchbarkeit und Notwendig­keit gesagt worden ist.
Im Ganzen sind sie ebenfalls entbehrlich, was sowohl Hufbeschlag, als Operationen betrifft, auch vom theoretischen oder humanistischen Standpunkte aus betrachtet, verwerflich, nicht aber vom praktischen und zwar hauptsächlich aus dein Grunde, weil einmal doch in vielen Fällen das Niederwerfen erspart werden kann, dieses keinesfalls etwa mit. weniger Gefahr verbunden ist und weil bedeutende Verbesserungen in neuerer Zeit angebracht worden sind, so dass kaum mehr, oder wie der neben abgebildete Notstand erwiesen hat, gar keine gefährlichen Zufälle vorkommen.
Nebenstehender Notstand ist von Beschlaglehrer Mayer*) nach einem Muster der Brüsseler Tierarzneisclmle in Stuttgart errichtet und seither mit wesentlichen Verbesserungen versehen worden (Fig. 20). Die Befestigung des Vorderfusses geschieht entweder durch Strecken desselben auf den eisernen Träger i oder durch Beugung auf dem Hacken des Seitenriegels f bei h. Der Hinterfuss wird auf die Rad­welle m durch die Kurbel / aufgezogen und können die gusseisernen Träger k durch Auf- und Abschrauben an den Standsänlen ah leicht der Grosse der betreffenden Tiere anbequemt werden.
Das Bückw ärts treten wird sowohl durch das Aufziehen des Hinterfusses als durch den starken Scbenkelricnien bei g verhindert, das Vorwärtsdrängen durch den versteckbaren Brustriegel e und das Niederliegen durch eine Leibgurte, welche ihre Befestigung bei laquo; und auf der Kammradwelle 0 findet. In neuerer Zeit ist mit dem Notstand ein Aufzugsapparat verbunden worden, der die quot;Welle 0 überflüssig macht.
Versuche zu steigen sind ganz erfolglos, denn die Widerrüstkette wird entsprechend angezogen, ebenso ist das Ausschlagen nicht bloss durch das Aufbinden des Hinterfusses unmöglich gemacht, sondern noch weiter durch ein Seil, das vom jenseitigen untern Seitenriegel ausgehend über ein auf den Lenden liegendes Bolster nach dem Seitenriegel/quot; läuft und unter demselben auf einer Bolle durchgezogen wird, um dann von einem Gehilfen angezogen, gehalten oder bei lt;/ befestigt zu werden. Durch dieses einfache Zugseil ist jede Aktion der Bückenmuskeln auf­gehoben und damit eine Reihe gefährlicher Bewegungen verhindert. Schlimm ist, wenn eine dor hintern Extremitäten bei heftigem Sträuben über die Seitenriegel bei f herausgerät, diese Eventualität vermeidet aber jetzt eine breite, je innerhalb der beiden hintern Standsäulen ange­brachte starke eichene Bohle. Der Zwischenraum der beiden anderen Standsäulen muss um 25 cm geringer sein, als der der hintern a l und alle 4 Pfosten sind in ein starkes Fundament tief eingemauert.
Der Stuttgarter Notstand hat unstreitig grosso Vorteile, denn die Tiere lassen sich in ungefährlicher Woiso befestigen und heftige Bewegungen können gar nicht ausgeführt werden; Ungliicksfiilie sind seit dorn 80jährigen Bestehen des Notstandes nicht vorgekommen. Als Scliatt enseit e kann die Un-möglichkeit bezeichnet werden, den Kopf entsiirechend zu befestigen, ebenso stehen
*) Lehrbuch der Hufbeschlagskunde von Gross. Stuttgart 1869. Seite 88.
ocr page 54
36nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
Hl
die Pfosten und Riegel dem Operateur vielfach im Wege, so dass manche Operationen sich nicht ausführen lassen. Die Entfernung der beiden vorderen Standsäulen beträgt im Lichten 58, der hintern 78 cm und die der beiden seitlichen je 138 cm; Höhe des Notstandes 3 m, Tiefe der Fundierung 1,35 m.
iiii'
Das Werfen oder Niederlegen der Pferde.
Sicherheit sowohl gegen die natürlichen Waffen der grösseren Tiere,
als gegen deren Widersetzlichkeit bei Operationen gewährt auch das
P1
Niederlegen oder das Abwerfen, es stehen jedoch diesen Vorteilen,
wie schon bei den Notständen angegeben wurde, nicht unbedeutende Nachteile gegenüber, denn das Werfen gehört nicht nur zn den um­ständlichsten Vorbereitungen beim Operieren und erfordert äusserst solide, daher mehr oder weniger kostspielige Vorrichtungen, sowie min­destens 3—4 Gehilfen, sondern es ist damit auch manchmal Gefahr ver­knüpft, ja man hat selbst tödliche Folgen gesehen.
Um die möglicherweise mit dem Niederstürzen und nacher mit dem Liegen am Boden verbundenen Verletzungen der Haut, sowie die Erschütterung des gan­zen Körpers zu vermeiden, bereitet man eine Streu aus 6—8 Bund Stroh (ä 7—8 Kilo), auf welche das Tier so gestellt wird, dass die Seite, auf welche es zu liegen kommen soll, besonders (Jicht mit Stroh belegt ist. Ein derartiges Strohlager richtet man auf nicht zu hartem, am besten mit Gras bewachsenem Boden her
#9632;
oder wählt hiezu, wie besonders in der Landpraxis, einen Düngerhaufen, welcher
sich durch grosse Elastizität auszeichnet und nur mit trockener Streu bedeckt zu werden braucht; ausserdem erleichtert die Höhe desselben das Umwerfen des dicht an denselben gestellten Tieres wesentlich, was für grosse oder schwere Pferde von erheblichem Nutzen ist. Manchmal kann selbst das Umwerfen insofern erspart werden, als man das an den Fesseln gebundene Pferd in schiefer Richtung an den Düngerhaufen anleimt und durch Beigurten allmälig unter Entfernen der obersten Schichten in die Seitenlage bringt. Im übrigen liegt auch die Erfahrung vor, dass auf Düngerhaufen niedergelegte Pferde der Nachgiebigkeit wegen am wenigsten der Gefahr eines Bein- oder Wirbelbruches ausgesetzt sind.
Ist die Operationsstätte in dieser Weise hergerichtet und nament­lich nicht zu klein bemessen, so legt man, wenn nötig, zuerst die Blende auf, beziehungsweise eine Bremse und hierauf die Fesselriemen und das Wurfseil, welches dazu bestimmt ist, dem Pferde die (zuvor einander möglichst genäherten) Füsse unter dem Leib so wegzuziehen, dass es den Schwerpunkt sogleich verliert und mit Hülfe der an dem Kopf, der Brust und dem Schweif ziehenden Gehilfen platt auf eine vorher zu be­stimmende Körperseite niederfällt. Je nach der Wurfmethode fällt das Pferd entweder platt auf den Boden oder wird es auf das Hinterteil niedergelassen und dann vollends umgelegt und umgekehrt oder es fällt zuerst mit der Schulter und dann einen Moment später mit dem Becken auf das Lager, um hier alsbald entsprechend gebunden zu werden.
Letztere Art des Fallens muss als Norm aufgestellt werden, denn sie bietet am meisten Gewähr gegen Beschädigungen aller Art.
Der zum Werfen nötige Apparat — das Wnrfzeug, ist verschieden konstruiert und kann mehr oder weniger einfach gehalten werden, wie aus den unten folgenden Wurfmethoden zu entnehmen ist; in neuerer
IKII'
ocr page 55
Zwangsmittel bei Pferden.
37
Zeit sind diese Vomchtungen von Hertwi^, Oblch, Hahn, Kalning, Dieckerhot'f u.a. nicht unwesentlich verbessert worden, so dass jetzt weniger mehr Unglücksfälle zu befürchten stehen, keines der vielen Wurfzeuge aber entspricht allen Anforderungen, obgleich jeder sein Ver­fahren für das beste hält, was daraus zu erklären ist, dass der Betref-
fende una seine Gehilfen in dessen Anwendung
mehr Übung und Rou-
tine besitzen.
Möglichste Schonung des Tieres vor Verletzungen und volle Ge­währ dafür, dass die Mitwirkenden in ihren Handlungen nicht gestört werden, sind die beiden Haupterfordernisse einer guten Wurfmethode.
Die Tierärzte haben die grösste Sorgfalt darauf zu verwenden, dass der Wurfapparat in gutem Zustande erhalten werde, denn es hängt davon Gesundheit und Leben von Mensch und Tier ab, wie denn überhaupt das Abwerfen der grösse-ren Haustiere zu den schwierigeren Aufgaben des praktischen Tierarztes gehört.
Es muss dabei mit vieler Sachkenntnis, praktischem Oeschick und Umsicht verfahren werden, auch ist häufig Geistesgegenwart und persönlicher Mut ein ab­solutes Erfordernis, im andern Falle kann die gegenwärtige Gesetzgebung leicht Anforderungen an den Geldbeutel des Operateurs stellen.
Das Wurfzeug besteht aus mehreren integrierenden Teilen und setzt sich wesentlich aus
einem Seile,
aus Fesselriemen und
aus Leib- und Beigurten zusanunen, wozu noch Blende, Bremse, Ausbindestricke, Longen u. dgl. kommen können, um am liegenden Tiere einzelne Körperteile besser zu befestigen oder zugänglicher zu machen.
1.nbsp; nbsp;Bas Wurfseil muss aus bestem desten 2 cm dick und für gewöhnlich 7 m einen Ende durch eine vom Seiler eingewir
Hanf gedreht sein, ist min­lang. Dasselbe ist an dem kte und abgenähte Öhse mit
einem Fesselriemen verbunden, während das andere Ende etwas spitz ausläuft und mit Kalbleder überzogen ist, um das Ausfranzeu zu ver­hüten. Es ist mehr auf die Qualität des Geflechtes zu sehen, als auf die Stärke des Querdurchmessers, denn zu dicke Seile sind schwer zu handhaben, plump und uugeschmeidig. In Notfällen kann in der Regel ein gutes Heuseil den Bleust versehen. Je nach der Wurfmethode sind 2 Seile notwendig.
2.nbsp; nbsp;Bio F-esselriemen sind 6—6 cm (2—3 Finger) breit, 40 bis 50 cm lang, von doppeltem aber geschmeidigem Leder und innen ge­polstert; sie haben ihren Namen davon, dass sie um das Fesselbein zu liegen kommen. An dem einen Ende sind sie mit einer starken Schnalle versehen, an dem andern mit mehreren je 8 cm voneinander entfernten Löchern zur Aufnahme des Borns, der den Verschluss bildet.. In der Nähe der Schnalle ist ein eiserner halbovaler oder Dförmiger Ring an der äussern Fläche befestigt, durch welchen das Wurfseil gezogen wird.
Mau braucht 4 solche Fesselriemen, die auch kurzweg als „ Fessel'' (nicht aber Fesselschellen) bezeichnet werden und worunter Einer sich befindet, in dessen DRing das Wurfseil befestigt ist. Dieser Riemen heisst der Hauptfessel.
ocr page 56
38nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Amvendung.
Die Fesselriemen haben ausserordentlich viel auszuhalteu, denn die Tiere suchen sich derselben oft unter Aufwand unglaublicher Muskelkraft zu entledigen, sie sind daher meist gar zu stark und deswegen plump augefertigt, auch nicht selten besonders für edle und junge Pferde zu lang, so dass sie bei heftigen Fuss-hewegungen abgestreift werden können. Desgleichen hindert nicht selten eine allzustaike Metallschnalle oder ein zu langer Dorn das Schliessen, beziehungsweise rasche Öffnen (in Notfällen), es müssen daher jedenfalls die Dornlöcher der Strippe oval (nicht rund) durchgeschlagen sein. Die Schnalle wird am Fusse nach aus­wärts gerichtet. Zu bemerken ist, dass beim Anlegen der Fesseln, überhaupt bei jeder Manipulation an den üliedmassen diese bei Pferden niemals zuerst an den untern Teilen mit der Hand berührt werden dürfen, sondern die Hand wird stets zuerst ganz oben (Schulter, Hüfte) angelegt und gleitet streichelnd all-raälig nach abwärts. Nicht selten muss dieses Verfahren dahin modillziert werden, dass das Streicheln schon am Kopfe zu heginnen hat.
,t1
gt;
Fig. 21.
Die Fesselschellen sind viel kürzere Riemen, welche keine Schnallen be­sitzen, sondern an beiden Enden halbovale Ringe, durch welche das Seil gezogen wird, das auch die um den Fessel gelegte Schelle schliesst; soll diese daher geöffnet werden, so muss das ganze Wurfseil ausgezogen werden, sie eignen sich sonach nur, wenn keines der Beine ausgebunden wird. Bequem sind die Fessel­schellen in letzterem Falle deswegen, weil nach der Operation bei dem Entfesseln nur der Hauptfessel ausgescbnallt zu werden braucht, worauf die Schellen der andern 8 Füssc von selbst fallen.
Die Befestigung der 4 Fasse unter sich geschieht lediglich (lurch das •Wurfseil und kann ein einzelner Fuss leicht aus der \'er-bindung dadurch gelöst werden, dass man den Fesselriemen desselben abschnallt. In Ermangelung von Fesselriemen kann auch das Wurfseil
ocr page 57
Zwangsmittel bei Pferden.
39
direkt um den Hauptfessel geschlungen und dann um die andern Glied­massen gewiekelt werden, wie dies bei der Wurfmethode Kohard's (s. Fig. ^1) der Fall ist. Um jedoch am liegenden Pferde mit der Befestigung der Beine schneller fertig zu werden, empfiehlt Clark, den
Fig. 22.
Anfang des quot;Wurfseils am Hauptfessel tlutcll eine Kette von fm Länge zu ersetzen und diese; durch eine Schraube an jenes zu befestigen. Sind die Füsse nun beim Werfen zusammengezogen, so steckt man einen starken eisernen Dorn (oder Ilaken) durch den ersten King der
Fig. 23.
Kette ausserhalb der DEinge und hält damit die Teile zusammen; beim Entfesseln braucht man nur die Schraube auszuziehen, um die einzelnen Füsse aus der Verbindung zu lösen. Jetzt könnten zwar die Tiere plötzlich aufspringen, allein diese Möglichkeit verhinderte Spooner dadurch, dass er an den Fesselriemen (mit Ausnahme des Hauptfesseis) die Schnalle wegliess, d. h. Fesselschellen anlegte.
ocr page 58
40nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
An diesem Wurfzeuge sind unterdessen noch weitere Yerbesserungen von Gloag angebracht worden, ebenso von Bouley und Prudhomme.*) Ersterer teilt nämlich jeden Fesselriemen in 2 Stücke (Fig. 24), von denen das mit der Schnalle versehene nur % der Länge des andern hat. An den Trennungsstellen befindet sich einerseits ein DRing, an­dererseits (am langen Stück) eine läng­lich viereckige Schnalle ohne Dorn,
in welche der DRing eingeschoben wird, an dessen Querstück die ge­nannte Schnalle ihren Stützpunkt hat; so zusammengesetzt bilden beide Stücke erst einen Fesselriemen mit gewöhn­licher Schnalle und durchlöcherter
SiSE^Scopy;
Strippe. Ferner hat an dem Haupt-
i'essel der DRing einen kurzen Fort-
satz, der 2 Löcher mit Gewinden be­sitzt, um eine Schraube aufzunehmen,
an welcher der erste 8 erförmige Ring
Fig. 24.
der oben genannten Kette festge-
;
halten wird. Vor dem Anlegen der Fesselriemen schnallt man die jedesmaligen zwei Stücke derselben so zusammen, wie sie der Umfang des Fesseis mit sich bringt, dann legt man den Hauptfessel an deraquo; Vorderfuss der obern Seite (zum Unter­schied von der unten am Boden gelegenen Körperseite), den zweiten derartigen Fesselriemen an den Hinterfuss derselben Seite, wobei jedoch zugleich das Seil durch dessen DRing gesteckt werden muss. Der dritte und vierte Riemen kommen auf gleiche Weise an die beiden untern Füsse und das rückkehrendo Seil geht zu dem Ring des Hauptfessels zurück, es bildet dieses somit ein Parallelogramm. Hat man durch Anziehen des Seiles das Pferd nun zu Boden gebracht, so werden die Füsse zusammengezogen und ein starker Federhaken (Fig. 24) in das erste Kettengelenk, das sich ausserhalb des Ringes des Hauptfessels befindet, eingezogen; beim Entfesseln darf man nur die Schraube an dem Zgt;Ring des Haupt­fessels herauswinden, und die Fesselriemen fallen, wenn das Seil hindurchgeschoben wird, von selbst ab. Dass jedoch letztere Verbesserung, welche uns aus Frank­reich überkommen ist, keine „Verbesserungquot; ist, wird bei dem Kapitel „Beschä­digungen durch die Zwangsmittelquot; nfther besprochen werden.
?gt;. Der Leibgurt ist 8—4 Finger breit und lang genug, um quer über den Rippenkorb angelegt zu werden. Er ist aus starkem, doppelten Kuhleder angefertigt und wird geschnallt; ausserdem enthält er an der Aussenseite (in der Nähe der Schnalle) einen oder zwei halbovale Ringe zum Durchziehen von Seilen, Leinen oder Stricken. Sowohl Ring als Schnalle kommen beim Abwerfen auf die äussere (im Liegen obere) Seite zu stehen, um nicht drücken oder verletzen zu können. Dieser Rauch- oder Leibgurt ist nicht immer notwendig, wohl aber wenn es sich um Operationen an dem Rauche oder den Extremitäten handelt und heisst auch
Rückengurt, wenn er über den Rücken in der Lendengegend umgelegt und bei Tieren angewendet wird, welche auf dem Rücken
'\
#9830;) Recueil de Migt;d. vitorinaire. 1844. S. 416.
ocr page 59
Zwangsmittel bei Pferden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 41
liegend operiert werden sollen. Für letzteren Zweck konstruiert man ihn am besten so, dass er nicht geschnallt ZU werden braucht, sondern an beiden Enden je einen halbovalen eisernen Ring enthält, durch welche Stricke zu den Fesselriemeu gehen und die dann auch die Gurte zu­sammenhalten. Der Rückcngurt muss so lang sein, dass er am stehenden Pferde bis in die Gegend der Kniescheibe herabreicht,
Beigurten sind solche, welche zum Befestigen verschiedenei' Teile z. B. des Halses, der Schulter, eines Fusses dienen; sie sind aus leinenem Gurtenzeug (hänfenen Bindfaden) geflochten, haben meist an einem Ende eine Schleife und sind 4—5 m lang, 3—5 cm breit, ähnlich denen, wie sie für geburtshilfliche Zwecke Verwendung finden. Häufiger und meist auch zweckmässiger benutzen die Praktiker Stricke von ähnlicher Beschaffenheit, die auch als Ausbindstricke bezeichnet werden, doch sind Gurten vorzuziehen, wenn ein ausgebundener Fuss in einer be­stimmten Lage fixiert werden soll. Man legt letzteren dann gewöhnlich auf 1 Bund Stroh und schleift die Gurte (Platelonge, Span nie ine) in ihrer Mitte um das Schienbein oder den Fessel; die beiden Enden werden nun in entgegengesetzter Richtung von je zwei Männern gehalten, während ein weiterer Gehilfe auf den Vorarm, beziehungsweise den Unterschenkel gesetzt wird, um durch sein Gewicht die Beweglichkeit der Extremität zu beschränken. Die Beigurten können ausserdem auch zum Niederziehen des Vorderteils beim Werfen der Pferde benützt werden (s. ungarische und Berliner Wurfmethode).
Des Spannstockes kann man sich ebenfalls bei Operationen an den Glied­massen mit Vorteil bedienen; derselbe ist ein runder glatter Holzstab von 0,5m Länge und 5 cm Dicke, welcher zum Auseinanderhalten eines Vorder- und Hinter-fusses einer Seite am liegenden Tiere benützt raquo;wird. Zu diesem Behufe sind an dem Spannstocke auf beiden Enden starke (durch ein Loch hindurchgezogene) . Schnüre oder mit Holzschrauben befestigte Riemen angebracht, welche um die Fessel geschnallt werden können, Hertwig hat den Stab daher auch Fessel­riemenstock genannt. Der Hinterfuss wird am zweckmässigsten über dem Sprunggelenk an den Stock geschnallt, wenn an einem Vorderfuss operiert werden soll. Ein ebenso beschaffener, jedoch über 1 m langer Stock wird auch zum Fixieren des Kopfes und Halses nicht selten benützt, indem man das eine Ende am Halfter, das andere an der Rückengurt befestigt; derselbe ist auch unter dem Namen Richtsparren bekannt.
Die einzelnen Wurfmethoden bei Pferden.
Die verschiedenen Arten, Pferde mit Hilfe von Seilen abzuwerfen, werden hauptsächlich nach den betr. Ländern, in denen sie besonders üblich sind, abgeteilt; so hat man deutsche, ungarische, russische, dä­nische, französische Wurfmethoden, welche alle ihre Vorzüge und Nach­teile haben, oft auch in einander übergehen oder bestimmten Modifi­kationen unterworfen werden.
Teils sind diese Wurfmethoden nichts weniger als kompliziert, recht primitiver Art und fast ohne Mithilfe anderer ausführbar, je nach­dem sich Pferde ankommen lassen, teils erfordern sie ein regelrechtes, systematisches Vorgehen, wobei man jedoch über eine grössere Summe von Hilfsmitteln verfügen muss, um möglichste Garantie gegen un­günstige Ereignisse zu gewinnen; auch müssen dann die assistierenden Leute vorher gut instruiert werden.
Im allgemeinen unterscheiden sich die in nachstehendem zu beschreibenden und zu illustrierenden Wurfarten hauptsächlich dadurch von einander, dass sie
ocr page 60
r
42nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
entweder ohne Fesseln oder Schellen ausgeführt werden oder mit solchen, sowie dass man Pferde mit nur einem AVnrfseile umwerfen und befestigen kann oder liiezu zwei Seile braucht, die hiezu notwendigen Leib- und Beigurten, die Aus-bindestiicke u, s. w. spielen dabei eine wesentliche Rolle, eine Einteilung der AVurfmethod en nach ersterera Gesichtspunkte lilsst sich jedoch nicht gut durch­führen, insoferne jede mit oder ohne Fesselriemen ausgeführt werden kann.
Praktischer ist die Einteilung der Wurfmethoden
1,nbsp; in solche, welche mit nur einem Wurfseile ausgeführt werden;
zu dieser gehören die ungarische, russische, französische und Berliner Methode: '
2.nbsp; in solche, bei welchen zwei, drei oder vier Wurfselle be­ziehungsweise Stricke das Wesentlichste der Methode bilden, wie bei
#9632;r:raquo;
der dänischen und Stuttgarter Methode, während die, Methode Rarey's
gar keines Wurfseils, sondern nur zweier Itieiuen und die [Methode von Balassa vier Stricke (oder Riemen) bedarf.
Wir folgen letzterer Einteilung, um die einfacheren Wurfarten den komplizierteren vorangehen lassen zu können und fügen ihr die Wurf-
,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; art des Rindes und der kleineren Haustiere unmittelbar an.
Die Vorbereitung zum Werfen besteht darin, dass aussei' den Gehilfen auch die nötigen Instrumente, das Verbandzeug, die Reinigungsmittel u. s. w. parat gehalten werden: ebenso ist es ein Gebot der Notwendigkeit, die Tiere vor dem Umwerfen eine Zeit lang fasten zu lassen. Die Erschütterung des Körpers beim Anprall auf dem Boden ist desto gefährlicher, wenn die Hinterleibscingeweide mit Futtermassen belastet sind, ausserdera sind ja häufig an diesen selbst Operationen vorzunehmen. Auch pflegen die Tiere sich fügsamer zu zeigen, wenn sie hungern und dürsten, nicht selten muss ihnen daher Futter und Getränke nicht blos kurze
I ,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Zeit vor dem Werfen, sondern sogar ein- bis zweimal 24 Stunden vorher entzogen
werden. Ebenso ist es häufig sehr dienlich, Pferde kürzere oder längere Zeit nicht niederliegen zu lassen.
I. Die ungarische Wurfmethode beschreibt Strauss als die beste und sicherste, wenn auch nicht kunstvollste. Ein Heuseil von 7—8 m Länge wird in zwei gleiche Hälften zusammengelegt und durch Schürzen eines einfachen Knotens eine unbewegliche Schlinge gebildet,
( gross genug, •um leicht nach Art eines Kummets über den Kopf ge­schoben zu werden, Nun kann das Werfen auf dreifache Weise voll­zogen werden:
1.nbsp; nbsp; Sind die Tiere so misstranisch, dass sie sich nicht an die Hinterfnsse ankommen lassen, so wird bloss ein Ende des am Halse angeschleiften Seiles in den Fesseln hinter dem Tiere herum und auf
f .jnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;der entgegengesetzten Seite au den Hals vorwärts gebracht, daselbst
11nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; durch die Schleife geführt und dann durch mehrere Männer in raschem
Zuge nach rückwärts (und zwar am Leihe hin, nicht auswärts vom Tiere weg) gezogen, wodurch dasselbe auf die Nachhand niedergesetzt und von dem Gehilfen am Kopfe durch Anziehen an der Mähne gleich­zeitig in die Seitenlage gewälzt wird.
2.nbsp; Sind die Tiere so zahm, dass sie sich an die Hinterfüsse an­kommen lassen,, so werden beide Enden des Seiles von der kummet­artigen Schleife des Halses ab zwischen den Vorder- und Hinterfüsseu hindurcligefülnt. jedes seinerseits um den Hinterfuss herum in der
ocr page 61
Zwangsmittel bei Pferden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 43
Fes selb enge nach vorwärts gebracht, (lurch die Ilalsschlingc geschleift und wie bei 1. in raschem Zuge nach rückwärts gezogen und so das Tier zum sanften Fall gebracht. Dass dabei die Haut der Hinterfessel wund gerieben werden kann, gibt Strauss seihst zu, man kann daher 3. an die Hinterbeine Fesselriemeu anbringen.
Das ungarische Wurfzeug wird vielfach In der Praxis angewendet, denn es zeichnet sich durch grosse Einfachheit aus und erfordert nur wenige Gehilfen; indes ist die Vorhand ganz aussei' Befestigung gelassen, es wird daher nicht hlos das Pferd In der Regel zuerst mit dem Hinterteil auf dein Boden ankommen, sondern auch die Befestigung sämtlicher Extrerniläten ist erst ermöglicht, wenn das Tier auf der Streu liegt. Ersteres ist prinzipiell zu -vermeiden, es muss daher jedenfalls der Beigurt behilflich sein.
Anwendung der Ecigurt. Dieser wird in der Art angelegt, dass man die Mitte eines längern Gurts oder Stricks zwischen die Vorderlusse durchzieht und beide Enden am Widerrist der äussern Seite verbindet; nun wird der Strick von einem Gehilfen (am stehenden Tier) auf der andern Seite zur selben Zeit mit dem Wurfseil angezogen, so dass der betreffende Gehilfe wesentlich dazu beiträgt, dass das Vorderteil zuerst den Boden berührt (Hertvvig). Ohne diesen Beiguit sollte kein Pferd geworfen werden, er kann aber auch als Halsschleife dienen oder statt um die auswendige Schulter aussen an den Kaucbgurt befestigt werden.
II.nbsp; Russische Wurfmethode. Sie wird nach der Angabe von Helper mit einem Seile oder Riemen ausgeführt, dessen Anfang eben­falls wie ein Kummet als Schleife am Hals liegt und dessen Ende, wie Fig. 25 zeigt, von nur einem Ma'nnß gehalten und gezogen wird. Der Werfende nimmt das Seil in die rechte Hand, die auf der Kruppe ruht (das Pferd in der Abbildung wird nach links geworfen) und richtet, mit der linken Hand die Trensenzügel fassend, den Kopf möglichst, gegen die rechte Schulter, um so bei aufgezogenem linken Hinterfuss den Schwerpunkt des Pferdes zu verrücken; hierauf zieht er das Seil und die Zügel gleichzeitig an und wirkt zugleich mit seinem eigenen Körpergewicht auf das Hinterteil, während ein am Kopfe befindlicher Gehilfe diesen gegen den Boden niederdrückt.
Am Boden wird mm das Seil zuerst noch einmal um den linken Hinterfessel, dann um den rechten geschlagen, durch den Hing gezogen und dort durch einen Umschlag befestigt. Hierauf geschieht dasselbe mit dem linken Vorderfessel und zuletzt mit dem rechten, worauf das Seilende einem Gehilfen zum Halten übergeben wird.
Das mit oder ohne Fcsselriemen geschehende Niederwerfen nach russischer Art, das ich selbst #9632;wenigstens im südlichen Russland nirgends zu sehen bekommen habe, soll dann Vorzüge haben, wenn nur ein Gehilfe zur Disposition steht, selbst­verständlich ist. es aber nur für gutmütige Pferde anwendbar, denn im andern Falle ist die Befestigung sämtlicher Füsse am Boden mit Schwierigkeiten ver­bunden. In Deutschland und Oesterreich-Ungarn wenig üblich.
III.nbsp; Französische Methode nach Rohard. Sie soll den Vorteil haben, dass ebenfalls ein .Mann im stände ist, ein Pferd niederzu­legen #9830;), das wenigstens 8 m lange Wurfseil liegt wiederum kuminet-älmlich um den Grund des Halses auf der Schulter, nmfasst, sodann beide Vorderlusse am Ellbogen und oeht dann an den Innern Hinter-
*) Recucil de Medecine vetürinairc. Tome VIII. S. 7 und 1844. S. 416.
ocr page 62
44
Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
fessel. Die Knoten dos Seils sind so geschürzt, dass sie einen Ring vorstellen und sieh Immer fester zuziehen. Fesselriemen sind nicht not­wendig und das übrige ist aus beiden Figuren 21 und 22 zu ersehen.
'i. .t. 11
t
Fig. 25.
Um schneller mit der Refestigung der Fessel beim niedergelegten Pferde fertig zu werden, als dies überhaupt mit Wurfsoilen möglich ist, welche wieder um einzelne Gliedmassen gewickelt oder durch Hinge gezogen werden müssen, hat Clark statt des quot;Wurfseiles am Hauptfessel die Kette und Gloag die in 2 Teile getrennten Fesselriemen (siehe Fig. 24) empfohlen, welche sowohl das Fesseln als Ansbinden wesentlich erleichtern, es ist jedoch darauf aufmerksam zu machen, dass dabei ein Anstemmen des einen Hinterfusses, wie bei der Befestigung mittels des russischen quot;Wurfzeuges ebenfalls sehr begünstigt wird, insbesondere hei Operationen an den Geschlechtsteilen, Unglücksfälle, Brüche des Oberschenkels daher vorkommen können. Schutz hingegen bilden die Massregeln, wie sie bei „Beschädigungen durcli die Zwangsmittelquot; unten angegeben sind.
IV. Berliner Wurfmethode. Dieterichs gibt ein Wurfzeug
an, zu welchem 4 Fesselriemen und ein 5 bis 5,5 m langes und 2 cm starkes Wuri'seil gehören. Soll das Pferd auf die rechte Seite zu liegen kommen, so schnallt man den Fesselriemen, an welchem sich das Wurf­seil befindet, um den linken Vorderfuss (Hauptfessel), legt an die andern Füsse die F'essel so an, dass stets die Schnallen nach auswärts, der King aber unter das Pferd zu stehen kommt, führt das freie Seilende von aussen nach innen durch den Ring des linken Hinterfusses, sodann von innen nach aussen durch den Ring des rechten Hinterfusses, von
f
ocr page 63
Zwangsmittel Lei Pferden.
45
hier von aussen nach innen durch den des rechten Vorderfusses und endlich zurück durch den Eing des linken Vorderfusses (von innen nach aussen), das Wurfseil hildet sonach ein rarallelogramm, das dadurch möglichst zu einem Quadrat geformt wird, dass man die Ilinterfüsse den vordem zu nähern sucht (Flg. 26).
Fig. 26.
Am Kopf und Schweif stehen Gehilfen, welche durch gleichzeitiges Niederziehen mit den am Seile ziehenden Männern das Pferd auf die rechte Seite fallen machen. Soll dies nach links geschehen, so kommt der Hauptfessel an den rechten Vorderfuss zu liegen, wie dies aus obiger Abbildung zu ersehen ist.
Ist in dieser Weise das Pferd gefesselt und gebremst, sowie der Kopf desselben durch einen vertrauten Manu mittels der Trense oder des Wurflialfters hochgehalten, so ergreifen einige Gehilfen das Wurf­seil, halten es möglichst in der Nähe des Kopfes in möglichst horizon­taler Richtung und ziehen auf das Kommando des Operateurs dem Tiere die Füsse unter dem Leib weg, indem sie rasch und glelchmässig in etwas diagonaler Richtung nach rückwärts treten. Der Mann, welcher am Schweif auf der „inwendigenquot; (nach liertwig dem Strohlager zuge­kehrten oder beim Liegen untern) Seite aufgestellt worden ist, hat die
ocr page 64
1
4G
Erste Hauiit-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
m
fi
Instruktion orlialten, mit dci' einen Hand den Schweif zu fassen, die andere an die innere Seite des Beckens zu lesen. Im Augenblick des Ziehens soll er das Becken zuerst etwas von sich wegstossen, unmittel­bar nachher aber es kräftig am Schweif gegen sich und auf den Duden niederziehen, während der au der Innern Seite des Kopfes po­stierte Mann angewiesen wurde, diesen Körperteil auf das Kommando nur gegen sich, also zur Erde niederzudrücken; zu diesem Bebufe be­finden sicli an den Wurfhalftern entsprechende Handgriffe von Leder, wie sich denn auch diese Kopfgestelle von andern nur dadurch, sowie durch grosso Solidität unterscheiden.
Die durch diese Hilfeleistungen angestrebte Absicht ist leicht zu erraten und geht dahin, das Pferd nicht gleichzeitig mit seiner ganzen Länge oder hauptsächlich mit dem Becken aufprallen zu lassen, weil die Erfahrung lehrt, dass hiedurch häufig eine zu starke Erschütterung des ohnedies schwerereu Hinterteils und damit Brüche der Becken-knochen, der Lendenwirbel und andere schwere Verletzungen entstellen, richtiger ist vielmehr, dass das Pferd zuerst mit dem leichteren Vorder­teil, der Schulter, auf dem Boden ankommt, einen Moment später erst mit Kopf und Becken.
Ausserdem kommt es vor, dass während der Sammlung der (ie-hilfen und des Anziehens des 'Wurfseiles das Pferd plötzlich einen Sprung in die Höhe macht und so recht unglücklich auf oder neben der Streue ankommt, um daher solche Eventualitäten möglichst zu be­schränken oder unmöglich zu machen, hat Hertwig den Beigurt zu Hilfe gezogen, welcher in der Weise mithelfen muss, dass (s. Seite 43) mittels desselben, nachdem er in seiner Mitte zwischen die Vorder­beine gelegt, die beiden Enden an der auswendigen Seite rechts und links an der Schultergräte zu einer Schleife geschlungen und oben am Widerrist über derselben hinweg nach der Seite des Strohlagers zu ge­zogen worden sind, ein 1—1,5 m vom Pferd wegstehender Gehilfe dieses auf das gegebene Zeichen ebenfalls kräftig niederzieht. Ausserdem hat es sich als sehr zweckmässig erwiesen, das Seilende nicht auch durch den Hauptfessel durchzuziehen, sondern diesen vorerst aus der Verbin­dung mit den andern 3 Fesselriemen wegzulassen und erst später zu befestigen.
Die Berliner Wurfmethode ist von allen bei uns die verbreite tste und gewäbrt auch ihrer Einfachheit wogen am meisten praktischen Nutzen, sowie ent­sprechende Garantie gegen ungünstige Ereignisse, sie kann daher für die tierärzt­liche Praxis am meisten empfohlen werden. In ähnlicher Weise wird auch an der Wiener Tierarzneischule das Werfen der Pferde ausgeführt, nur mit dem Unter­schied, dass statt der Beigurte an der Schulter ein von der Bauchgurte ausgehender Zugstrick zum Niederziehen des Vorderteils in Anwendung kommt. Forst er (Operationsichre, Wien 1867, S. 20) beschreibt diese
Wiener Wurfmethode, wie folgt: Nachdem das Pferd wie oben gebremst und ein Vorderfuss aufgehalten ist, wird ein gewöhnlicher Bauch- oder Bückengurt (Seite 40) über den Rippenkorb umgeschnallt und an der am geworfenen Tiere nach aufwärts gerichteten Seite ein Strang in einen neben der Schnalle der Bauchgurte befind-
'::
h
ocr page 65
Zwangsmittel bei Pferden.
47
liehen Ring festgeknüpft. Von hier wird der String ühoi; den Kücken weg nach der jenseitigen Seite gezogen und von einem Gehilfen dort ganz in derselben Weise gehandhabt, wie der Hertwig'sche Bei-gurt. Im übrigen unterscheiden sich die Berliner und Wiener Wurf­arten, welch beide auch als
Deutsche Wurfmethoden
bezeichnet werden, in keiner Weise, in ihren Wirkungen kommen sie daher vollständig miteinander überein, der Zugstrang der Eückeugurt muss jedoch nicht bloss seitlich, sondern auch etwas nach vorwärts und dann hauptsächlich nach abwärts (nach der Tiefe) gerichtet werden. Sollen Operationen an den Geschlechtstelleu oder den Extremitäten vor­genommen werden, so lässt sich der Bauchgurt besser verwerten, als der Beigurt; letzterer braucht übrigens nicht notwendig aus einer Schleife ZU bestehen, beide Enden können vielmehr am Widerrist zusammen-gefasst und bis zum Moment des Anziehens ziemlich straff gehalten werden.
Beim Liegen des Tieres soll das Genick fest gegen den Boden zu gehalten weiden, indem der Gehilfe teils auf dem Nacken, teils auf der Stlrne kniet, wodurch jeder Versuch zum Aufstehen unmöglich ge-macht werden kann. Die Trensenzügel werden kurz und lest am Kinn zusammengehalten, das Maul aber des Atmens wegen etwas erhoben. Um die am Wurfseil hängenden Füsse untereinander gehörig zusammen­halten zu können, schlägt man kurzweg das Seilende einmal zwischen Vorder- und Hinterfüsse herum, schlingt es dabei unter Zuhilfenahme eines Strohwisches und lässt es ziemlich straff angezogen halten.
Das Ausbinden eines zu operierenden Vorderfusses geschieht mittelst des Beigurts oder eines Strickes immer so, dass das Schien- oder Fesselbein dieses (nachher von den (ihrigen Gliedmassen loszuschnallenden) Vorderbeins auf das Schienbein des oben liegenden Ilinterfusses zu liegen kommt, umgekehrt, wenn der Hintcrfuss auszubinden ist: ebenso kann von dem Spannstock (S. 41) Gebrauch gemacht werden oder bindet man das Schienbein des ausgebundenen, gebeugten Fusses an einen dicken langen Bengel, indem 2 Gehilfen das vordere Ende des­selben gegen den Boden stemmen, das hintere aber auf ihrer Schulter tragen.
Die Entfesselung geschieht zuerst an den Extremitäten der untern Seite und hat die Aufstellung dabei so zu geschehen, dass keine Verletzungen der Leute bei unvermuteten Bewegungen erfolgen: sicher steht man nur ausserhalb der Tangente jenes Kreises, welchen die 4 Füssc beschreiben können. Selbstverständ­lich ist es, dass der den Kopf niederhaltende Gehilfe und jener, welcher durch sein eigenes Körpergewicht die Kruppe beschwert, nicht eher den Tosten verlassen dürfen, als alle Geschäfte beendet sind.
Die Brüsseler Wurfmethode ist (nach dem von Brogniez angegebenen Verfahren) mit der Berliner von Hertwig stammenden Methode übereinstimmend, Brogniez führt nur an, das betr. Pferd könne auch neben einem niederen, gepolsterten Rollwagen gefesselt und dann auf diesen umgeworfen werden, um dem Operateur eine be­quemere Stellung zu sichern; das Verfahren ist indess nicht nach-ahmenswert,
ocr page 66
t!
48nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
In iler Rückenlage können Pferde ebenfalls befestigt werden und geschiebt dies nicht selten bei Operationen an den Genitalien und dem Baucbe, au der Wiener Tierarzneischule ausschliessllch und zwar gewöhnlich unter Zuhilfenahme der Seite 40 beschriebenen Rückengurte.
; gt; t
Fig. 27.
In jedem der beiden Gmtringe ist einer der 4 Fesselstricke der einen Seite eingeschleift, während die zwei übrigen Stränge zur Vereinigung der Füsse der andern Seite verwendet werden. Zu diesem Zwecke schleift man nacli Forster die Schlinge eines Zugstranges an den Fessel des obern Vorderfusses, legt in dem Hinterfussc derselben Seite eine Fesselschelle (S. 38) ein, führt das Strangende von unten nach oben durch beide Kinge, zieht die Füsse bis zur Kreuzung ihrer Endteile bei oben liegendem Hinterhufe übereinander, hält den Strick mit der linken Hand, während man mit der rechten ihn um die Fessel beider gekreuzten Füsse herumschlingt, mit der linken Hand übergreift, die ümschlingung widerholt und den Strick zuletzt durch eine einfache Schleife um das hintere Schienbein befestigt. Das Ende dieses Stranges wird einem am Leibe des Pferdes kauernden Gehilfen übergeben und dann in derselben Weise zur Befestigung des Vorder- und Hinterfusses der andern Körperseite geschritten. Das Pferd befindet sich dabei je in der Seitenlage, muss also umgewälzt werden.
Sind alle 4 Füsse nach Art eines Knäuels gebunden, so wird ein Gurten­strang zusammengelegt, unter die Lende gesteckt, das Pferd auf den Rücken gewälzt und der Gurt mittelst des Strickes soweit hervorgezogen, dass er zu beiden Seiten des Leibes gleichweit vorsteht; hierauf werden die Strangenden von aussen nach innen über die Schienbeine der Hinterfüsse nach den Ringen hinab
•li
ocr page 67
Zwangsmittel bei Pfordeu.
4!)
(hier von innen nach ausson) durch dieselben geführt und diese Umschlingung wiederholt, worauf an beiden Stricken so lange beiderseits gleichmüssig angezogen wird, bis die vier Schienbeine eine wagerechte Stellung angenommen haben.
Um (Hose etwas umständliche Befestigungsweise bei Operationen am Bauche und den Geschlechtsteilen zu vereinfachen, eignet sich
V. Die Stuttgarter Wurfmethode, wie sie von llöidt in seinem Lehrbuch über Hufbeschlag beschrieben und abgebildet hat und wozu zwei Seile erforderlich werden, welche je 2 Füsse einer Körperseite in sich schllessen, während die Enden der beiden Seile beim Anziehen und Umwerfen sich kreuzen, wie dies aus nebenstehender Figur '21 her­vorgeht. Die Bauchgurte ist nur notwendig, wenn es sich um Opera­tionen am Bauch oder Fuss handelt, kann aber aucll einen Strick ent­halten, der nach Art der Hertwig'schen Beigurt zum Niederziehen der Vorhand beiträgt. Letzteres Hilfsmittel 1st aber absolut nötig, da ohnedies die Pferde bei dieser Methode gerne zuerst auf das Hinterteil fallen.
Fig. 28.
Der Hauptfessel (Seite 37) befindet sich, wenn das Pferd wie ge­wöhnlich auf die linke Seite umgeworfen werden soll, am linken Vorder-fusse für das auswendige (untere) Seil und für das obere am rechten Ilinterfuss, die Art des Abwerfens geht dann aus der Zeichnung von selbst hervor, es ist nur darauf zu sehen, dass das rechte Seil das obere, das linke das untere bleibt. Jedes Seil, an welchem 2—l! Mann kreuzweise ziehen, braucht nur um einen schwachen Meter verkürzt zu werden, um die Deine derselben Seite ganz nahe zusammenzubringen und darin liegt der hauptsächlichste Vorteil dieser deutschen Wurf­methode.
Die Befestigung der Füsse in der Seitenlage (Fig. 28) geschieht nun einfach durch Umwicklung des freien Seilendes um den Fessel des angeschleiften (vorne linken und hinten rechten) Fusses und kann auch bei widerspenstigen Tieren das Seil in der Form eines Achters noch einmal um das zusammengehörige Fusspaar ge­wickelt werden, so dass das Pferd, auch wenn selbst ein Fesselriemen bräche, doch nicht sogleich sich losmachen könnte.
Horin^'B Operutionslehro. IV. Aull.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 4
ocr page 68
60
Kiste Haupt-Abteilttng: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
\i
Auf diese quot;Weise kommt der Bauch mögliclist frei zu liegen und
kann überdies ein Gehilfe sieh so über (las Hinterteil des Pferdes stellen, dass er seinen linken Fuss in dem Eaum zwischen dem obenliegenden Hinterschenkel und dem Bauch des Tieres hat, der andere rechte Fuss aber an der Kruppe steht; mit den Händen hält er (nach rückwärts gegen den Operateur seilend) das rechte Sprunggelenk fest und ver­hindert dadurch den Stoss nach rückwärts.
Will man das Pferd auf die andere Seite wälzen, so geschieht dies einfacherweise durch Hinüherreichen der zusammengedrehten Seile gegen den Rücken des Tiers und Anziehen derselben, während zugleich der Kopf gewendet wird.
Soll das Pferd auf dem Bücken liegen, die Füsse möglichst auseinander haltend, wie behufs Bruchoperationen u. s. w., so kann dies in viel einfacherer Weise geschehen, als bei nur einem Wurfseil, indem mau nur das linke Fusspaar an den linkerseits befindlichen Bauchgurten-ring befestigt.
Aus diesen Darlegungen ergibt sich, dass die Berliner und die Stuttgarter Wurfmethoden Ihre Vor- undlTacbtelle haben. Die erstere hat den Nachteil, dass man an dem einen Seile eine bedeutende Länge, nämlich gerade 2 Meter, 7A\ ziehen hat, bis die Fusscndcn vereinigt sind, die ziehenden Männer müssen daher mehrere Schritte rasch rückwärts treten; ebenso führt das Zusammenfesseln aller 4 Füsse auf einen Knäuel die lukonvenienz nach, sich, dass leichter Beschä­digungen an den Fesseln und Kronen oder durch Anstemmen Schenkel- und Wirbel­brüche vorkommen können, als wenn nur zwei Fessel zu einem Pakete vereinigt werden.
Ersterer Nachteil des längern Ziehens ist fast ohne Bedeutung und der letztere kann teils durch die Kette (S. 30) beseitigt werden, teils durch jene Massnahmen, wie sie unten bei „Beschädigungen durch das Werfenquot; angegeben sind: dagegen bleibt die Umständlichkeit der Befestigung, wenn das zu operierende Tier in die Rückenlage gebracht werden soll.
Auf der andern Seite kommt der Stuttgarter Methode das Missliche zu, dass man zweier Seile bedarf, somit auch mehr Gehilfen braucht, die nicht immer zur Verfügung stehen, namentlich aber, dass beide Parteien durch die gekreuzten Seile an dem Tiere zerren, sobald sie nicht ganz plötzlich und gleich massig auf das Kommando anziehen. Dieser Nachteil fällt allerdings weg, sobald die mitwirkenden Personen in die Wurfmethode eingeüht sind, da jedoch diese Voraus­setzung in der gewöh nliehen Landpraxis wegfüllt, so ist für diese die Berliner oder Wiener Methode vorzuziehen.
Die jetzt zu besprechenden Wurfmethoden unterscheiden sich von den oben beschriebenen dadurch, dass sie mit zwei oder mehr Seilen. respektive Stricken ausgeführt werden müssen. Dabin gehört zunächst
VI. Die dänische Wurfmethode nach Abildgaard, Das Wurf­zeug besteht ans 3 Fesselriemeu. an deren jedem 1 Seil befestigt Ist, aus einem vierten Fessel ohne Seil, sowie aus einer Paucbgurt, welche 2 Hinge besitzt und geschnallt werden kann. Der vierte Fesselriemen ohne Seil kommt an den obeni Yorderfuss. ein Piemen mit Seil an den andern A'orderfuss. ein solcher an den oben liegenden llinterfuss und dor letzte an den unten liegenden, von wo das Seil durch den Ring des oben liegenden Vorderfusses gezogen wird (Fig. 29).
4
!
Ii
ocr page 69
Zwangsmittel bei Pferden.
51
Die Füsse worden beim Umwerfen hauptsächlich nach den beiden Ringen dor Baucbgurte hinaufgezogen, was eine für viele Operationen unnötige Vermehrung dos Zwangs ist.
VII. Wurfmethode nach Balassa. • Das bei uns weniger ge­bräuchliche, dagegen in den Ländern dos östlichen Europas vielfach verwendete Wurfzeug besteht aus einem starken RUokengurt, der an dem Bauchteile mit 4 starken Ringen verseilen ist und durch einen Schweif- und Brustriemen in seiner Lage erhalten wird.
Fig. 29.
Für die Vorderfüsse sind zwei Fesselriemen bestimmt, an deren Ringen die Zugstränge, durch die mittleren 2 Ringe des Gurtes geführt, von 2 Männern zu beiden Seiten angezogen werden und so unter gleich­zeitiger Nachhilfe an der Mähne (las Niederlegen des Pferdes erfolgt. Um die Hinterfüsse zu befestigen, wird der obere derselben mit einer Fesselschelle versehen und mit einem Zugstrange an dem äussorn Ringe des Rückengurtes festgebunden, das Pferd umgewendet und nun auf der andern Seite in gleicher Weise vorgegangen.
VIII. Wurfmethode nach Rarey. Die in den Jahren 1857 und 1858 durch den Amerikaner Rarey bekannt gewordene Art. wilde oder bösartige Pferde nicht allein zu bändigen, sondern auch niederzu­legen, muss ebenfalls unter die Zwangsmittel aufgenommen werden, denn sie eignet sich besonders für Pferde, welche sich auf keinerlei
ocr page 70
f
52
Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre An-Nvendung.
.' (
Weise an die HinterfÜSSe herankommen lassen und kann auch bei Ope­rationen am stellenden Pferde In Anwendung gezogen werden. Das lauge geheiingehalfene Verfahren beruht wesentlich auf Ermüdung und Erschöpfung des Pferdes.
Dem Pferde wird zunächst eine Trense aufgelegt, sowie ein Bauch­gurt; dann wird der linke Vorderiuss mittelst eines Riemens so au einen Ring der Gurte hinaufgehunden, dass sich das Schienbein dicht an den Vorarm anlegt; in dieser Weise wird das Pferd vorbereitet und einige Zeit auf 3 rüssen stehen gelassen, his es recht ermüdet ist. Dann wird der rechte Fuss an einem langen Riemen angelesselt, der unter der Brust durchgeht und von dem Operateur gehalten wird. Man treibt nun das Pferd zum Gehen an, zieht Ihm aber alsbald beim Vorwärts­schreiten diesen Fuss unter dem Leibe weg, so dass es auf die Kniee niederfällt und fast mit der Nase den Boden berührt. Das Aufrichten des Vorderteils mit nur einem Fusse ist nun überaus anstrengend, so dass die diesbezüglichen Versuche schon nach wenigen Minuten aufge­geben werden und das schweissende Pferd lieber auf den Knien liegen bleibt und so ohne Widerstand nach 5—10 Minuten auf die linke oder rechte Seite umgelegt werden kann, worauf die Fesselung leicht ge­schieht. Statt der Riemen für beide Vorderfüsse können auch Wurf­seile oder Stricke angebracht werden.
Gelingt, wie bei bösartigen Pferden, die Fesselung der Hinterbeine noch nicht, so wiederholt man die obigen Gehversuche mehrere Tage lang je ein bis 2mal und hört dann allerdings jeder fernere Widerstand regelmässig von selbst auf.
Die Methode Rarey's ist nicht ungefährlicli und hat deswegen auch allge­meinen Eingang nicht finden können; wie leicht erklärlich, kommen namentlich Verletzungen des Vordcrknie's vor und leiden die Pferde nicht unbedeutend au den Beinen not; forner wurde die Beobachtung gemacht, dass, -wenn auch häufig nachteilige Folgen ausbleiben, bei manchen Pferden doch durch die erschöpfenden Anstrengungen eine ungünstige Beeinflussung des Temperamentes stattfindet, ja es ist selbst nach Cart ledge durch das längere Aufbinden eines Vorderfusses anilmische Nekrose und Ausschuhen vorgekommen. Auf der andern Seite kann aber auch der Methode Rarey nachgerühmt werden, dass wegen der leichteren Fesselung auf dem Boden und der grossen Ermüdung jene Unglücksfälle weniger zu befürchten stellen, welche durch die eigenen heftigen Muskelkontraktionen zu stände kommen (Bruch des Femors und der Wirbel).
IX. Aufhängen nach Hering. Pferde, die entweder so miss-trauiscb sind. dass sie sich nicht auf die Streue führen oder fesseln lassen, ferner solche, denen die Erschütterung des Körpers beim Fallen besonders nachteilig sein könnte, liisst Hering in eine breite Gurte bringen, die durch ein Zugwerk gehoben werden kann, so dass das Tier kaum noch auf den Füssen steht.
Die Fesselriemen und Seile werden nun schnell angelegt, durch Anziehen derselben die Fasse weggezogen und ohne Verzug durch Zurück­drehen des Wellbaums der Gurte das Pferd auf den Boden herabge­lassen. Bei Versuchen des Aufspringens vor der Befestigung bleibt nichts anderes übrig, als das Tier durch Aufwinden rasch wieder auf die Beine zu bringen.
#9632;1.1 i
h
I
ocr page 71
Zwangsmittel bei Pferden.
53
Dieses Aufheben fuhrt eine nicht unbedeutende Pressung der Gurte auf Bauch und Brust nach sich, es muss daher jenes möglichst beschleunigt werden, auch wird hei dem kolossalen Gewichte der Pferde nur ausnahmsweise Gebrauch von solchen Schwehevorrichtungen gemacht werden können.
Beschädigungen durch die Zwangsmittel,
Wenn beim Knebeln, Fesseln und Niederwerfen trotz aller Vor-sichtsmassregeln hie und da doch die Pferde Schaden nehmen, so darf man .sich darüber nicht allzusehr wundern, nachdem man es mit so ver­schiedenen Charakteren und üusseren Schwierigkeiten zu schaffen hat, im ganzen sind jedoch ungünstige Ereignisse oder nachteilige Folgen im Verhältnis doch selten und ist dabei immer zu unterscheiden, ob un­glückselige Zufälle im Spiel waren, welche sieh bei aller Vorsicht nicht vermeiden Hessen, oder der Fehler an dem technischen Verfahren, an den Apparaten, Mangel au Umsicht und Sachkenntnis, an der Unge­schicklichkeit der Gehilfen u. s. w. gelegen ist.
Schon beim Stehen der Tiere treten während des FesselllS dem Operateur manchmal unvermutet Schwierigkeiten entgegen und während des Liegens hat man häutig gegen heftige Anstrengungen zu kämpfen, welche die Tiere machen, um ihrer Bande los zu werden. So kommt es vor, dass gebundene Pferde im Moment des Fallens plötzlich einen Spiling in die Höhe machen, unglücklich auf dem Boden ankommen, nicht auf die geMnschte Seite oder über das Strohlager hinausfallen, auf den Kopf stürzen und gar das Genick brechen; ein andermal werden sie allzuheftig auf den Boden geschleudert, so dass es nicht bloss Schür­fungen, Quetschungen an {Jen vorspringenden Körperteilen, den Fessel­beugen u. s. w. absetzt, sondern auch Brüche der Kopfkuochon. Rippen, Hüfte, Zerrungen der Muskeln, Sehnen und Bänder, Zerreissungen von Gefässen und Nerven. Lähmungen vorkommen.
Nicht so selten erfolgt ferner (lurch die allgemeine Körperer-schütterung eine Ruptur des Zwerchfells, Magens. Banns, der Harnblase, es dürfen daher keinesfalls letztere Organe in angefülltem Zustande sich befinden, wie auch das Niederwerfen, ja selbst schon ein erheblicher Zwang bei trächtigen Tieren oder solchen, welche psychisch gestört sind, an Wassersucht, Atmungsnot, an Beinbrüchen leiden, entweder nicht statthaft ist oder nur mit Aufwand aller Vorsicht geschehen darf. Das­selbe gilt insbesondere aucli, wenn die Tiere in hohem Grade krumm auf den Operationsplatz kommen und von einzelnen (lliedmassen gar keinen Gebrauch machen können, ferner wenn es an dem nötigen Baum gebricht, die Personen nicht ausweichen oder mit dem Seil nicht ausgiebig zurücktreten können, dasselbe in die Höhe ziehen müssen und so ein allzuheftiges Autprallen am Boden, Losreissung der Schulter vom Brust­korb u. s. \v. die Folge sein kann, die meisten Tierärzte beschrän­ken daher das Niederlegen der grossen Haustiere auf die allernotwendlgsten Fälle oder machen häufigeren Gebrauch von den Jetzt wesentlich verbesserten Notständen, denn keine Methode des Wer-
ocr page 72
if
54
Erste Ilaupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
.111
fens odor der zwangsweißen Befestigung sichert absolut vor Beschädi­gung, beziehungsweise vor Kegressansprüclien seitens der Tierbesitzer.
Allein auch abgesehen von der mit dem Akte des Werfens ver­bundenen Gefahr können die Tiere seihst ohne alles Zuthun der Mit­wirkenden durch Anwendung ihrer eigenen Muskelkraft gegen die, Fesseln und heftiges Drücken und Pressen auf die Baucheingeweide sich Schaden zufügen; Brüche der stärksten Röhrenknochen, Relssen der Bauchmuskeln, selbst der Leber, des Herzens, der Aorta und Hohlvene sind namentlich bei edleren Pferden nnd solchen von heftigem Tempera­ment, welche sich im Liegen in der ungeberdigsten. zornigsten Weise sträuben und wehren. voi'gekommen oder entstellen, wie bei schmerz­haften Operationen bei der oft unglaublichen Muskelkraft Vorfälle des Afters, der Scheide. Bauch- und llodensackbriiche u. s. w.
Damit ist die Reihe der schweren Verletzungen noch nicht er­schöpft, denn die Veterinär-Litteratur (besonders der neueren Zeit) weist aussei- den nicht so seltenen Frakturen des Oberschenkels auch Zer­trümmerungen der Wirbelsäule auf und sind jene nicht minder ab­solut tödlich, als diese, denn die Brüche am Rückgrat, welche fast regel-mässig die letzten und die ersten Lendenwirbel betreffen, sind ohne Ausnahme an dem das Rückenmark einschliessenden Körper derselben zu suchen.
Bei näherer Nachforschung der Ursachen dieser letzteren Läsionen ist man daraufgekommen, class sie zumeist den eigenen heftigen Muskel­kontraktionen zu verdanken sind, wie sie während des Liegens bei der Krümmung der Wirbelsäule nnd dem ausserordentlich starken Anstemmen gegen den Fuss der auswendigen Hintergliedmasse zu stände kommen. Aror allem muss somit darauf Bücksicht genommen werden, das beson­ders bei schmerzhaften und dann bei langdauernden Operationen in der Seitenlage das starke Herabbeugen des Kopfes und Halses, das Aufwärtskrümmen des Rückens (Katzenbuckel) und das damit ver­bundene stossweise Seitwärtskrümmen des Beckens und der Lenden­wirbel thunlichst vermieden werde.
Es ist keine Frage, durch das Gestreckthalten des Kopfes und Halses können ans anatomischen Gründen gefährliche Kontraktionen der Rückenmuskulatur nicht ausgeführt werden nnd könnte dadurch
'#9632; i
eines der Ilauptmoiueute für hrüche ausgeschalten werden, die genannten Körperteile in bestinstruierten und stärksten Begel plötzlich ausgeführte hintanzuhalten, es ist daher
die Ätiologie der Schenkel- und Wirbel­wenn es nicht praktisch so schwierig wäre, passender Lage zu erhalten. Selbst die Männer sind aussei' stände, eine in der heftige Flexion des Kopfes und Halses das neue Verfahren von Bernadot nnd
Blltel*) wohl ZU beachten, wonach die Erhaltung des Kopfes in der gewünschten Stellung in der umfassendsten Weise dadurch erstrebt, wird, dass man zwei starke, doppelte Lcdevneineu rechts und links am Bücken in die Hinge einer Bauchgurt befestigt, sie längs des
*) Archives veterinaires, 1881, Nr. 1,
ocr page 73
Zwangsmittel bei Pferden.
55
Halses gemeinschaftlich (lurch einen auf der Höhe des Nackens am Halfter befindlichen Ring hindurchlaufen lässt und zwischen die Ohren Über die Stirne zum Nasenband führt, wo sie bei gestrecktem Kopfe stramm festgeschnallt werden.
Was die Brüche des Oberschenkels und der Lendenwirbel betrifft, ist Dieckerhoff*) der Ansicht, dass sie vornehmlich in der Seitenlage und dadurch entstellen, dass der Fessel des auswendigen (obern) Hinterfusses nach dem Aushinden zu sehr gestreckt wird, indem man ihn an den Ellbogen oder Vorarm des Vorderfusses derselben Seite beziehungsweise an einen um den Brustkorb oder Hals angelegten Gurt befestigt. Die Gelenkwalzen werden so nach aussen gestellt und In dem angestrengten Bemühen des Tieres, sieh aus der unbehaglichen Zwangslage zu befreien, vollzieht es mit Vehemenz eine Streckung: hiehei wird der Oberschenkelkopf gegen die Gelenkpfanne des Beckens gepresst, während die gewaltsame Kontraktion der Kniescheibenmus-keln u. s. w. die untere Hälfte des Oberschenkels nach hinten und aussen zugleich treibt. Der Gelenkkopf kann nun dieser plötzlichen Drehung nicht folgen und zerbricht.
Um diese Eventualitilt zu vermeiden, hat sclion Gerlach den Rat peseLen, den Fessel des ausgebundenen Hinterfusses in keinem Falle über die Ellbogen­partie des Yorderscnenkels binaufzubinden, auch wenn dadurch die betreffende Operation einigermassen erschwert würde, sondern wo möglich Schienbein auf öehienbeiu festzuknüpfen, so dass die Gelenke des auswendigen Hinterfusses Während der ganzen Dauer der Operation in einer Flexionss t ellu ng erhalten werden können. Leider kann aber hiebei das Stemmen gegen den Vordermittelfuss nicht ganz verhindert werden und damit auch nicht das Aufwärtskrummen der Wirbelsäule. Dagegen können die llückenmuskeln dadurch unschädlicher gemacht werden, dass einige Männer das Hinterteil durch ihr eigenes Gewicht stark be­lasten, dass dem Rücken eine tiefere Lage auf dicker Streue gegeben werde und so die Gliedmassen höher zu liegen kommen.
Nach Hertwig ist es zweekmiissig, ein starkes Zusammenziehen der Extremitäten, d. h, eine allzuenge Vereinigung derselben, wie dies namentlich durch starkes Schliessen der Binge an der Kette (Seite 39) und ein in diese gelegtes Schloss zu geschehen pflegt, zu vermeiden, insoferne dadurch die Pferde Gelegenheit zu heftigem Gegen­stemmen finden, es ist daher anzuraten, die grössere Befestigung des Wurfseiles durch einen dazwischengesteckten starken Strohwisch an­zustreben, der die Hufe mehr zu isolieren geeignet ist.
Bei besonders unbändigen Exemplaren hilft oft auch das Narko­tisieren (s. (I.l am Boden oder nach Dieckerhoff die energische Applikation der Sclienkelbremse. wodurch die Beweglichkeit des Hin­terfusses, respektive eine ergiebige Streckung desselben Jedenfalls beein­trächtigt wird, sowie die Befestigung in der Bücken läge, wobei zwar ebenfalls nach aufwärts schnellende Bewegungen mit den Hinterfiissen ermöglicht sind, indess können diese Exkursionen nicht mit voller Kraft ausgeführt werden und ist dabei strenge darauf zu sehen, dass die Pferde senkrecht auf der Wirbelsäule liegen und somit ein die
*) Adam's Wochenschrift für Tierheilkunde. 1880. Seite 95.
ocr page 74
i:;-'
5(;nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendnng.
Lendomvirbol so sehr gefährdendes Seitwärtsbiegen dos Beckens nicht statthaben kann. Endlich ist iraquo; dor Btickenlage soviel als möglich jedes vorherige Ausbinden der hintern Extremitäten auf die vordem zu vermeiden.
Zwangsmittel beim Rindvieh.
#9632;
quot;
Boiin Rinde kommen im allgemeinen dieselben mechanischen Mass­regeln zur Anwendung, wie tlios beim Pferde angegeben wurde, nach­dem jedoch schon dor Umgang mit diesen Tieren vermöge dor Ijligen-artigkeit ihrer Naturalitftt, ihrer Waffen, dor geringen Intelligenz und Vielseitigkeit dos Gebrauchs, dor grösseren Indifferenz u. s, w. ein an­derer ist, erfahren die Zwangsmittel auch einige Modifikationen,
Die hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten bestellen darin, dass man vonie melir zu fürchten hat, die Rinder nicht nach hinten ausschlagen, sondern mit den Ilinterfilsscn nach seit- und vorwärts ausstreichen (mähen), dass sie sich beim Fesseln gerne niederlegen, oft schwer /um Aufstehen zu bewegen sind, der weniger empfindlichen Haut und des grossen Phlegmas wegen energischer gestraft werden müssen, den Menschen mit Vorliebe an die Wand drücken u. dgl.
Operationen im Stalle können im ganzen ungleich häufiger vorgenommen werden, einesteils weil diese vielfach im Steilen dor Tiere
ermöglicht sind, die unschwere Fixierung dos Kopfes weniger Anbinde­vorrichtungen nötig macht und desswegen manche Zwangsmittel weg­fallen können, andorntoils Rindvieh sieh im Stalle ruhiger vorhält, als wenn es an andere, ungewohnte Orte oder ins Freie gebracht wird; manche Rinder sind schon beunruhigt, wenn man sie nur an frische, kältere Luft, ja seihst schon auf andere Streu in selbem Stalle bringt.
Kurzes Anbinden, Befestigen an zwei Ketten oder Stricke, dichtes Aufstellen an die Stallwand ist oft allein schon ausreichend, um kürzer dauernde chirurgische Handlnngeu ausführen zu können. Hei den hiezu notwendigen Vorbereitungen ist zu beachten, dass die hetrclfenden Körperteile gewöhnlich erst geputzt und gewaschen, Saugkälber wenigstens '/gt; Tag lang vorher nicht an das Euter gelassen werden müssen, des Ausrutschens wogen für gute Streu zu sorgen ist, etwa im Stalle befindliche Karren vorher zu entfernen sind und da die Mägen bedeutende Fnttermnsseu enthalten, schon am Tage vorher das Futter zu entziehen ist oder Darmentloornngsmittol gereicht werden.
Die Befestigung des Kopfes, ist selbstverständlich von grosser Wichtigkeit und reicht oft an und für sieh schon ans, jeden,Wider­stand aufzuheben, sobald sich die Tiere von der Erfolglosigkeit desselben raquo;nur erst llberzeugt haben; die grössere Schreckhaftigkeit, Angst, auch Stupidität spielt dabei eine Rolle. Die Stirngegend rings um die Hörner wird durch das eine Ende eines Seils oder starken Stricks (nicht ahor Kette!) angeschleift und mit dem andern an einen festen Gegenstand, an eine Standsäule, an Pfosten, Ilaufo. Barren u. s. w.. im Freien womöglich an einen Baum so ange­bunden, dass der Kopf möglichst hoch zu stehen kommt und dicht an­liegt; damit hei den Befreiiingsversitcheu keine Beschädigung aufkommen kann, wird ein gedrehter Strohwisch dazwischen gebracht, auch kann man um Jede Lockerung dos Seiles ZU vermeiden, einen Knebel zum
ocr page 75
Zwangsmittel beim Rindvieh.
57
Zudrehen anbringen, immer aber Ist auch hier die Schleife so zu knü-pfen, dass sie im Notfälle, mit einem Zutf geöflhet ist.
Soll mehr der untere Teil des Kopfes fixiert werden, liisst man von der Hörnerschleife ans das Seil auf der Mitte der Stirne an dem Nasenrücken herablaufen, macht hier einen Umgang um die Backen und knüpft dann das Ende an den Pfosten. Bei entsprechender Befestigung einer Gliedmasse bedarf übrigens der Kopf nicht immer einer besonderen Anbindescbleife, es genügt vielmehr öfters, dafür /.u sorgen, dass der­selbe nicht zur Seite gewendet werden kann, was schon durch den /wischen den Vorderbeinen durchgehenden Spannstock (Fifj. 30) er­reicht werden kann.
r,!yMr7quot;r'quot;-'
Fig. 30.
Rindviehbremsen. Die Applikation eines Schmerzes an der Nase leistet bei Rindern dieselben guten Dienste, wie bei Pferden, mir ge­stattet die knorplige Beschaffenheit des Flotzmaules das Anlegen der
Pferdebremse nicht, man nimmt daher den untersten Teil de
ungemein
V uii/iimiiii mii . gt; ant. ii ru uviiiv naiMi /. m i i i i i inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;i i i m i imiiiii imraquo; i utiik ii #9632; v iiiv
empfindlichen Nasenscheidewand zu Hilfe und kann
lurch' einen
i-
Klemindrnck Schmerz ausüben und zwar sehr bedeutenden, di
bremsen sind daher Zangenbremsen.
Die Florentiner Nasenklemme Fig. 81, hat ein weites Maul nach Art eines Tastenzirkels, ihre Arme können daher leicht in die Nase eingeführt werden, auch lässt sie sich in Ermangelung eines (u1-hilfen, der sie wie die eiserne Pferdebremse Seite 26 handhabt, so mit '2 Stricken, welche von dem umgebogenen Ende der Schenkel kreuz­weise an die Hörner gehen, festbinden, dass sie im geschlossenen Zu­stande am Kopfe hängen bleibt. Sie ist die einfachste, wenn auch nicht wirksamste, kräftiger ist der Klemmdruek hei der französischen
ocr page 76
68
Erste Haupt-Abteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
Naseubremse Fig. 82, welche clurcli eine Stellfalle verschieden stark geschlossen werden kann. Man hat noch andere Arten, welche sich dadurch auszeichnen, daslaquo; die beiden Schenkel durch Schrauben zu-sanunengedrückt werden können, wie /.. Vgt;. die Rindviehbremse von Trautvetter, in Notfällen kann aber das Kneipen der Xasenselieido-wand auch schon mittelst der Finger vorgenommen werden oder lässt man sich eine Art Hufuntersuchungszange zurechtschmieden.
Alle Schraubenvorrichtungen, Stellringe u, s. w. müssen an der Bremse rasch geöffnet und geschlossen werden können, um bei reni­tenten Tieren keiner Gefahr ausgesetzt zu sein.
!
'I
Fig. 31.
Italien. Ochsenbremse.
Fig. 82. Franz. Ochsenbremse.
Die Schenkelbremse (Seite 26) spielt hei Rindern ebenfalls eine grosse Rollo und kann insbesondere bei Operationen an den Extremitäten keinesfalls entbehrt werden, ebenso
Der Würgestrang, wenn es sich darum handelt, die Tiere von dem so störenden Drängen und Pressen mit den Bauchmuskeln (Geburten, Vorfälle, Bruche u. s. w.) abzuhalten. Zu diesem Zwecke wird unmittelbar hinter der Schulter ein Strick um den Leib gebunden und mittelst eines Stockes nach Art der polnischen Bremse (S. 26) der Thorax zusammengeschnürt. Diese Leih­bremse kann auch viel zur Bändigung unartiger oder böswilliger gefährlicher Tiere beitragen.
Nasenringe. Ganz derselbe Schmerz kann durch Metallringe her­vorgebracht werden, weiche in der Nasenscheidewand hängen; um sie quer durchzuziehen, muss das Septum erst durchlöchert werden, wozu in Ermanglung einer Lochzange ein Messer oder Trokar benützt werden
ü
• '
ocr page 77
Zwangsmittel beim Rindvieh.
59
kann. Die Einge haben behufs Elnziehens ein Charaier, können also geöflhet und geschlossen werden. Gegenwärtig hat mau mir mehrNasen-rlnge (Flg. 83), deren beide Enden sich schief übereinander legen und so spitz und .schneidend sind, dass sie selbst perforieren und dann nur geschlossen ZU werden brauchen. Letzteres geschieht auf ver­schiedene Weise, teils durch einen stumpfen Nagel, der durch die. übereinander gelegten Enden geht und nur abgebrochen werden darf, teils durch eine Stellfeder, welche zugleich die beliebige Entfernung und Wiederbentitzung des Rings gestattet.
\ (X -^
Flg. 33.
Die Einge sind in der Hegel von poliertem oder vernickeltem Eisen, rund oder etwas länglich und von 55—60 nun Lichtweite. Sie sollen so angebracht werden, dass die Tiere beim Fressen nicht beläs­tigt sind, man benützt sie jedoch fast nur für Earreu (Stiere. Bullen), bei denen sie meist nicht entbehrt werden können, wenn sie einmal ge­schlechtlich entwickelt sind, es können aber diese Bullenringe als das beste Bändigungsmittel bezeichnet werden.
Nur selten wird man trotz dos Schmerzmittels über angriffslustige Farren Herr. In diesem Falle legt man einen zweiten King ein, befestigt in dem­selben einen Riemen und führt diesen nach aufwärts zwischen die llörner hindurch in einen an der Rückengiirte oben befindlichen Ring. Sobald das Tier Miene macht, mit den Hörnern loszugehen, senkt es den Kopf und fügt sich selbst den empfindlichsten Schmerz zu. /um Führen solcher Tiere braucht man, um sie vom Leibe halten zu können, einen starken Stock von gutem Holz, der durch einen Karabiner u. dgl. am Ring befestigt wird. Ilauptner in Berlin hat die besten derartigen Leitstähe oder Rullenführs töcke konstruiert.
Ringeln der Schweine. Eine dem Nasenringe der Earreu ähn­liche Vorrichtung benutzt man auch für Schweine, jedoch nur um sie am Wühlen in der Erde zu verhindern. Die Abbildung (Flg. 34) bedarf keiner weiteren Erklärung. Diese Eingelmethode ist von Bar-donnat als die sicherste und einfachste bezeichnet, worden.
ocr page 78
4
60
Erste Haupt-Abteilung! Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
i
#9632;i\.
Das Aufhalten eines Fusses geschieht vorne in derselben Weise, wie beim Pferde. Ein um den Fessel geschlungenes Seil, welches nach aufwärts über den Widerrist auf die andere Seite gezogen und dort ge­halten wird (Seite 29), erweist sieh bei fixiertem Kopfe als völlig aus­reichend und was den Jlinterfuss betrifft, so kann auf verschiedene Weise verfahren werden.
Vielfach wird die Befestigungsweise in derart ausgeführt, dass man das Rind bei angebundenem Kopf mit einer Körperseite an die Wand stellt und durch das Aufheben eines Hinterfusses zugleich verhindert, dass es sich von dieser entfernen kann; zu diesem Behufe fülu't man einen langen glatten Benge] oder Baum schief /wischen den llinter-füssen durch und benüzt ihn. mit dem kürzeren Ende auf den Boden .gestützt, als einarmigen liehe), um damit den Fuss in die Höhe zu halten; das längere Baumende hält der Gehilfe auf seiner Schulter und das untere kann auch des Ausgleitens halber in die Speichen eines Wagenrades eingebracht werden. Die Versuche des Tieres, den Fuss aus dieser Zwangslage zu befreien, werden durch Festbinden desselben am Baume vereitelt.
Ilcrtwig gibt ansserdem an, man soll einen möglichst langen Sack mit seiner Mitte hinten um Schienbein und Fessel anlegen, seine beiden Enden vorne am Fuss kreuzen und von zwei starken Männern über den Rücken des Tieres ziehen lassen, bis derselbe in der erforderlichen Höhe stehe; das Verfahren eigne sich besonders bei Operationen an dem Mastdarm, Mittelfleisch und den Klauen.
Hat man Ringe an einer Wand, so kann auch der Länge des Tieres nach ein Seil gezogen werden, das dasselbe an der Wand festhält. Ueabsichtigt man jedoch nur eine Fixierung der Extremitäten, wie bei Operationen am Rumpf, so geschieht dies am einfachsten durch Zusammenbinden der beiden Füsse einer Körperseite (S. 30), hezw. das Zusammenfesseln zweier Hinterbeine.
Sehr beliebt und auch bewährt ist die Methode des Zuhilfe-nehmens eines Leiterwagens, insoferne derselbe seiner ganzen Länge nach überall die beste und sicherste Gelegenheit zum Festhalten dar­bietet und auch überall zu haben ist. Man stellt das Tier in den Baum zwischen Vorder- und Hinterrad und befestigt zunächst den Kopf an die Sprossen der Wagenleiter, jedoch nur massig straff; sodann wird ein Wiesen- oder lieuhaum mit seinem dicken Ende auf die Nabe des Vorderrades zwischen Speichen und Stemmleiste durchgeschoben, das hintere am Boden liegende Baumende aber bringt man dicht an das Tier heran und nötigt letzteres zum Hinübertreten mit dem iinssern iiiuterfuss. Sobald dieses geschehen, lieben zwei Männer den Baum in die Höhe und befestigen denselben mit einer leichtaufziehbaren Schlinge am obern Leiterbaume und zwar so hoch, dass der andere (innere) Iiiuterfuss kaum noch den Boden berührt. In dieser Weise ist sowohl dem an dem Baume aufgezogenen llinterfuss, als dem Tiere seihst jede Freiheit in der einfachsten Weise entzogen, denn dieses ist der ganzen Fänge nach zwischen Baum und Wagen eingeklemmt, kann somit auch weder vor- noch rückwärts treten, wie bei der oben genannten Methode. Zwei Gehilfen sind ausreichend.
1
t
II
ocr page 79
Zwangsmittel beim Rindvieh.
(11
Niederlegen des Rindes. Zum Glück ist das umständliche Ali-werfen des Rindviehs weit seltener notwendig, als bei Pferden; die obigen Befestigungsmethoden sind in den meisten Fidlen ausreichend und kommen auch weniger Operationen vor; ausserdem sind die dabei Beschäftigten be­sonders am Hinterteil weniger einer Gefahr ausgesetzt und mit den kleineren Rindern. Kuben u. s. w. braucht man ohnedies nur kurzen Prozess zu machen.
Im übrigen können die grösseren Rimlviebstiicke (Ochsen, Farren) ganz wie das Pferd .niedergelegt und gebunden werden, nur soll Rück­sicht auf das Horn der betr. Seite genommen werden, obwohl die Er­schütterung des Körpers weit geringer ist, auch müssen meist der kurzen Fesseln wegen die Riemen um das untere Schienbeinende angeschnallt werden. Die Prozedur im Stalle vorzunehmen, falls derselbe geräumig genug ist, wäre vorzuziehen, der Kopf bleibt im Stande selbst an-sebunden.
Fig. 35. Niederschnuren.
Die Eigentümlichkeiten der Rinder, bei Anlegung von Zwangs­mitteln lieber gleich selbst niederzuliegen, gestattet ein einfacheres Verfahren und hat sieb das vonHertwig angegebene „Niederschnurenquot; am meisten Freunde erworben (Fig. 36). An dem Endstücke des Seiles ziehen 2 Männer, während ein dritter den Kopf hält, falls derselbe nicht angebunden wäre. Durch das kräftige Anziehen verengen sich alle 8 Schlingen und die Tiere scheu sieb fast ohne Ausnahme und schon in ganz kurzer Zeit veranlasst, allmählich und ruhig sich auf die Seite niederzulegen und die Beine von sieh zu strecken; beschleunigt wird das Geschäft besonders, wenn die Schlingen an den Kreuzungen mit, etwas Talg oder Seife geglättet werden. Möglichste Entleerung der Mägen und des Darms ist unerlässlich.
ocr page 80
I II
M
G2
Erste Haupt-Aliteilung: Die Zwangsmittel und ihre Anwendung.
Zwangsmittel bei den kleinen Haustieren.
Dieselben erfordern behufs ihrer Bemeisterung meist keine um­ständlicheren Vorbereitungen und können mit gewöhnlichen, aber weichen Stricken festgebunden werden. Bei Hunden und Katzen, sowie heim Schwein, das sich bekanntlich schwer erhaschen liisst, muss man sich vor demBeissen zu schützen suchen, was entweder dadurch geschieht, dass man das Maul mit einem Band, grösseren Tieren mit einem Strick oder Tuch (Fig. 36) zuschnürt oder ein geeignetes Holz zwischen die Kiefer bringt, wodurch ein Schliessen des Mauls und damit auch das Beissen unmöglich gemacht wird. Maulkörbe können ebenfalls verwendet werden, falls sie sicher konstruiert sind. Schmerzhafte Zwangsmittel müssen hier vermieden werden, an ihre Stelle treten vielmehr ernste Worte oder die, gewöhnlichen Strafen; die Gehilfen sollen die eigenen Leute sein und können keinesfalls entbehrt werden, wenn nicht etwa der Operateur das Tier zwischen seinen Beinen festzuhalten vermag, wie z. B. bei Schafen und Ziegen.
'!#9632;
Fig. 36.
raquo;I
tl
i
Letztere Tiere legt man mit Vorliebe auf eine Bank oder einen Tisch und bindet die linken und rechten Füsse je kreuzweise; sollen Operationen am Bauch oder Schweif vorgenommen werden, müssen die Vorder- und Hlnterfüsse paarweise auseinandergehalten und festgebunden werden.
Bei Katzehüllt daher diesso ein, dass nurrateure die Katzdie Hinterbeine umgekehrt; in
man Sack Ope-dann
durch die Strupfen zu ziehen und dort festzuhalten oder ersterem Falle muss selbstverständlich gehörig für At-
inungsluft gesorgt sein.
ocr page 81
Zwangsmittel bei den kleiuon Haustieren.
03
Beim Creflüge] sucht man sich zuvörderst der Flügel zu ver­sichern und benutzt hiezu am besten die von Voitellier empfohlenen Flttgelfesseln, welche auch das EJavonfliegen verhindern sollen, denn sie können ohne Nachteil dauernd von dem Hausgeflügel und den Zier­vögeln getragen werden.
Fig. 88. Gefesselter Flügel, von innen gesehen.
Der Flügelfessel (Flg. 37) besteht aus zwei Drahtkettenschlingen, von denen die untere, um uiebt zu drücken, grösstenteils mit Leder oder Sammt überzogen ist; beide sind in der Mitte durch einen Sperrhaken vereinigt, in welchen die ausserhalb des Leders liegenden Ringe (je nach der Grosse des Flügels) eingehackt werden können. Die obere Schlinge wird nun zunächst über das untere Ende eines Flügels, d. h. über die Schwungfedern desselben gelegt, während die mit Leder überzogene Schlinge so um den Flügel geschlungen wird, dass sie an dessen innerer
Fig. 37. Flügelt'essel.
Seite, wie Fig. 38 zeigt, an einem der 4 Ringe geschlossen werden kann. Die Vessel ist damit
unabstreifbar geworden, sie verhindert daher das Fliegen vollständig und kann so die Tenotomie der Streckmuskeln des Flügels bei allen Vögeln ganz entbehrlich machen, ohne diese zu belästigen.
Die chirurgische Anästhesierung,
Durch die Anwendung der oben besprochenen mechanisch wirkenden Zwangsmittel ist die Möglichkeit der Ausführung der meisten tierärzt­lichen Operationen gegeben, indessen gibt es auch solche, deren Gelingen in Frage gestellt wird, solange nicht gewisse Muskelbewegungen, die während der Operation äusserst hinderlich, ja gefährlich werden könnten, völlig ausgeschalten werden oder Jener Widerstand absolut gehrochen
ocr page 82
04
Erste Ilaupt-Abteilnng; Die chirurgische Anästhesierung.
I i
I r
whd. welchen auch die gebundenen und geknebelten Tiere auszuüben vermögen.
In solchen und tlhnlichen Ffillefl sind nun jene Mittel Indiziert, welche dem Tiere das Bewusstseln rauben und damit auch mein- oder weniger ünempfindlichkelt, A.naesthesle zuwege bringen; erst dann ist jene absolute Ruhe geschaffen, welche bei vielen Operationen in hohem Grade erwünscht ist und besonders auch Nebenverletzungen ver­meiden lässt.
Tieren schmerzhafte Empfindungen zn ersparen, hat /war nicht jene Bedeutung, wie beim Menschen, ihre Anästhesie 1st aber deswegen für den Tierarzt nicht weniger #9632;wünschenswert, insoferne es hauptsächlich die Schmerzen sind, welche den Widerstand der Tiere herausfordern, durch die völlige Passivität aber auch ein rascheres und sichereres Handeln ermöglicht wird. Allerdings könnte man sich auch mit jenem Zustande begnügen, in welchem äussere Potenzen, die sonst Schmerzen verursachen, nur Empfindungen geringeren Grades erzeugen, die nicht mehr als „Schmerzquot; gefühlt werden — Analgesic; indess sind die effektiv schmerzstillenden Mittel in der Regel zugleich auch das Be­wusstseln raubende, der Zustand der Analgesic geht daher unmerklich In den der allgemeinen Narkose über.
Noch vor wenigen Dezennien war man nicht im stände, durch die wenigen zu Gebot stehenden Anästhetica (Opium, die sog. narkotischen Extrakte) den zu Operationen erforderlichen Grad von Uliempfindlichkeit herzustellen, die Chirurgie ist daher der neueren Chemie zu ausserordentlichem Dank verpflichtet, dass sie ihr eine Reihe äusserst wirksamer Arzneimittel an die Hand gegeben, die chirur­gische Anästhesiernng gehört daher zu den wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Opcrationslehre. Erst in jüngster Zeit hat sie wieder so wertvolle Fortschritte gemacht, dass jetzt auch Mittel gefunden sind, durch welche sogar einzelne Körper­teile analgesiert werden können, ohne das gemeinschaftliche Sensorium in An­spruch nehmen zu müssen. Es fallen dadurch eine Snmmo von Gefahren weg, welche stets mit der allgemeinen Anästhesierung bei Mensch und Tier verbunden sind.
Um ünempfindlichkelt bei den Tieren hervorzubringen, können zwei Wege gewählt werden; man beschränkt sich entweder auf die zu operierende Körperstelle — lokale Anästhesie, oder sucht das Ob­jekt überhaupt gegen äussere Einwirkungen unempfindlich zu machen — allgemeine Anästhesie.
Die für beide Zwecke zur Disposition stehenden Arzneimittel sind: Opium, Äther, Chloroform, Chloralhydrat und die übrigen Alkene, Ethane und mehr­wertigen Kohlenwasserstoffe (Methylcnchlorid, Äthylen- und Äthylidendiclilorür, Bromoform, Uromalhydrat, Butylchloral und Kokain.)
Vorbereitung des Tieres. Die Anästhesiernng der Haustiere ist immer mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, erfordert daher grosse Vorsicht und Sachkenntnis. Sie wird am stehenden Tiere seltener vorgenommen und nur dann, wenn dasselbe zufolge seiner Gutmütigkeit zuverlässig genug ist, die Operation keinen grossen Zeitaufwand erfor­dert, und man sich des Tieres durch Gehilfen derart versichern kann, dass es im betäubten Zustande sich und andere nicht in irgend einer Weise beschädigen kann, man lässt es daher zu einer völligen Narkose nicht, kommen. Die noch fortbestehende Thätigkeit der Sinne und ge-
n
i
ocr page 83
I. Allgemeine Auäsiliesierung.
66
wisse Grade dos Empfindungsvenaögens können nämlich noch fortbe­stehen, das eigentliche Schmerzgefühl ist aber aufgehoben; auch lehrt die praktische Erfahrung, class sich viele tierärztliche Operationen schon im Zustande leidlicher Ämlgesle ausführen lassen (llaarseilziehen, Brennen, Kastration), immerhin aber wird man nur notgedrungen hlezu schreiten, denn die Gefahr jeder allgemeinen Narkose zwingt die Tierärzte zu thunlichster Einschränkung ihrer Indi­kationen.
In der Mehrzahl der Fälle wird man am liegenden Tiere erst die Anästlicsierung vornehmen, obwohl hie und da diese schon behufs des Niederwerfens nötig wird. Mit Schwierigkeiten ist dies stets verbunden, denn namentlich Pferde Itnicken oft unerwartet ein, taumeln, legen sich aber nicht immer nieder oder sie fallen plötzlich um, versuchen rascli aufzuspringen und verletzen sich dabei.
I. Allgemeine Anästhesierung.
Die Zulässigkeit derselben muss einesteils von der Intensität des Schmerzes und der Zeitdauer der Operation abhängig gemacht werden, ahdernteils tritt die A.usschliessung störender Muskelbewegungen in den Vordergrund, die Tierärzte müssen daher gewissermassen eine sensible und eine motorische Indikation der Narkose aufstellen. Kurze Daner des Schmerzes, auch wenn derselbe ein heftiger ist, gibt keineswegs eine zwingende Anzeige, der Praktiker muss sich vielmehr auf anderem Wege zu helfen wissen, was auch ganz wohl thunlich ist.
Ätherisation. Nachdem der Zahnarzt Morton in Massachusetts 1846 erstmals die. anästhesierenden Eigenschaften des Schwefeläthers kennen gelernt hatte, machte man ausgiebigen Gebrauch von diesem, so dass seine diesbezüglichen Wirkungen auch bei den Tieren zu den best­studierten in der Veterinärmedizin gehören und er nunmehr als unge­fährlich bezeichnet werden kann, wenn man nur die nötige Vorsicht ob­walten lässt.
Die gebräuchlichste und sicherste Anwendung ist wie die des Chloroforms durch die Lungen, denen beide flüchtige Stoffe durch die gewöhnlichen Atembewegungen in Dunstform zugeführt werden. Die Wirkungen treten nur bei gl'OSSen Gaben ein, bei kleinen sind sie (wie bei allen Alkoholen) erregender Alt für das (irosshirn. der initiale Ef­fekt besteht auch nur in einer leichteren oder schwereren Beunruhigung des Tieres, je nachdem dasselbe auch durch den (ieruch des Mittels irri­tiert wird — Excitationsstadium.
Ziehen allmählich grössere Mengen Äthers durch die Luugenkapil-laren in das Blut ein, so macht sich schon nach 5—10 Minuten eine leichte ümneblung des Gehirns bemerklich, der Kopf wird schwerer, die Augenlider senken sich, die Sinne fangen au ZU schwinden, die Em­pfindung wird schwächer und man bemerkt bald ein Schwanken und Taumeln; dabei treten die Tiere unwillkürlich rückwärts, knacken zeit­weise in den Gelenken und fallen nach 10—lö Minuten nieder, nach-
lie ring's Operationelclire. IV. Aull.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 5
ocr page 84
ilquot;
66
Erste Ilaiipt-Abtcilung: Die chirurgische Anästhesierung.
#9632;'i\
dem raquo;lie willkürliche Bewegung aufgeholt hat. Jetzt liegen sie regungs­los auf dem Boden, verharren in jeder Lage und ertragen Stiche und Schnitte in die Haut, ja selbst das Abschneiden von Nerven, ohne zu zucken, denn auch die Reflexihilität ist erloschen. Lassen die Tiere nun manchmal Klagetöne, Wimmern u. dgl. veraehmen, so dürfen diese nicht als Scliinerziiusserungen aufgefasst werden.
Sobald dieses Toleranzstadiuni eingetreten ist, d. h. auf llaut-stiebe keine Heaktion mehr erfolgt, pausiert man mit den Inhalationen, denn die Betäubung liisst nicht gleich nach, sondern nimmt im Gegen­teil noch etwas zu, die Rückkehr der Empfindung erfolgt erst, wenn etwa 5, höchstens aber 10 Minuten ausgesetzt wird. Vorzeitiges Er­wachen ist zwar nicht gleichbedeutend mit Wiedereintritt der Sensibili­tät, die Andauer einer gieichmiissigen Karkose ist jedoch erwünschter und können so die Tiere il'l—l Stunde ununterbrochen in völliger Be-WUSSÜOSigkeit erhalten werden.
Mit Gefahr ist diese heim Äther kaum verbunden, auch heim Menschen ist in 10000 Fällen nur 1 Unfall vorgekommen; Anhaltspunkte hat mau einesteils daran, dass mau die Menge des zu verbrauchenden Äthers mit hinlänglicher Ge­nauigkeit kennt, andernteils die Atmungs- und Kreislauf'organe es sind, -welche eine drohende Gefahr in der Regel rechtzeitig signalisieren, Respiration, l'uls-und Herzschlag sind daher vorsichtig im Auge zu behalten, um die ersten arhyth­mischen Bewegungen alsbald zu entdecken.
Eine individuelle Verschiedenheit in der Empfindlichkeit für Nar­kotika ist auch bei den Herbivoreu nicht zu verkennen, der Gang der Anästhesierung hängt daher hauptsächlich von der Menge des appli-zierten Mittels ab und wieviel verloren gegangen ist; die Qualität des Äthers und Chloroforms ist jetzt eine so tadellose, dass gegenüber frü­herer Zeiten manche Gefahr in Wegfall,gekommen ist. Für die grossen Haustiere hält man 80—160 Gramm Äther parat, für die kleineren 15—30 Gramm.
Nach der Operation erheben sich die Tiere, sind noch mehr oder weniger betroffen, wie aus einem Traume erwachend, sehen gähnend um sich und verraten noch kurze Zeit eine gewisse Unsicherheit in ihren Bewegungen, ähnlich wie ein Betrunkener, ein zu rasches Aufstehen vom Lager darf man daher nicht dulden und auch nachher müssen sie durch Führen und Halten unterstützt werden. Am längsten bleiben die Folgen der Betäubung in der Kachhand bemerklich.
Chloroformnarkose. Bei dem 1848 von Simpson in Edinburgh in die Chirurgie eingeführten Chloroform (Formyltrichlorür) findet dy­namisch keine andere Beeinflussung des Gehirns und verlängerten Markes statt, als bei dem Äthyloxyd, wenn es daher einen Unterschied zwischen beiden gibt, so bestellt er hauptsächlich darin, dass im ganzen das etwas teurere ITdrmylpräparat intensiver vorgeht, man daher geringerer Mengen bedarf. Je kleiner die Tiere, desto grosser muss die Acht-sainkeit sein und die Katze darf, wie bekannt, gar nicht chloroformiert werden.
Bei Pferden rufen ;!()—40 Gramm nur einen Schlummerzustand hervor, wie er etwa für den Starrkrampf ausreicht, für anästhetische Zwecke ist das doppelte Quantum nötig und hält man etwa 50—100 Gramm in Bereitschaft, für Hunde 5—15 Gramm. In Notfällen können
:|!
,.1 '
P
ocr page 85
I. Allgemeine Anilsthesiening.
67
die beiden Narkotika durcli Alkohol ersetzt werden, Pi'erde und 1!Inder erfordern aber erhebliche Gaben; erst 8/j—-1 Liter des gewöhnlichen Branntweins erzeugen einen solchen Rausch, wie er für chirurgische
Zwecke notwendig ist.
Eine grosse Anzahl von Versuchen und Beohachtungen an Tieren hat er­wiesen, dass beim Chloroform mehr Todesfälle zu registrieren sind, als beim Äther; dieser hat weniger paralysierenden Einfluss auf die herzbewegenden Centren, viele Chirurgen haben daher von dem Chloroform gänzlich Abstand genommen und wird auch bei uns gegenwärtig allgemein dieses selten mehr für sich allein angewendet, sondern mit Äther gemengt und zwar meist 1:3 mit 1 Alkohol, um joder gefährlichen Zersetzung des Ersteren zuvorzukommen. Mit dieser Wiener Mischung sind bei dem viel empfindlicheren Menschen dort 8000 Ope­rationen ohne einen einzigen Unfall ausgeführt worden. Künstliche Mischungen des Chloroforms mit komprimierter Luft (P, Lert) erfordern entsprechenden Apparat, sind daher unpraktisch.
Auch die Untersuchungen der jüngsten Zeit stellen es als sehr wahrscheinlich hin, dass Chloroform ein herzlähmendes Gift sei und wenn es nicht ganz mit Unrecht mehr gefürchtet wird, als Äther, so rührt dies auch daher, weil hie und da ein Todesfall durch Ilerzlähmung ganz plötzlich eintritt, ohne alle Vorboten; hiezu kommt der weitere Übelstfind, dass den Tierärzten gewöhnlich niemand zur Seite steht, dem Puls- und Herzschlag ruhig übergeben werden kann, der Operateur aber unmöglich seine volle Aufmerksamkeit den Vorgängen in der Blutbewegung zuwenden kann. Auf der andern Seite hat der Äther wieder die Schattenseite, dass er ungemein rasch aus dem Gefäss verdunstet, den Körper flüchtig durchdringt und so bei vielen Tieren oft schwer oder selbst gar nicht Anästhesie erzwungen werden kann. Auffallend ist, dass junge Tiere im allgemeinen weniger in Gefahr kommen, vielleicht aus dem Grunde, weil Herzkrankheiten mehr dem späteren Alter zukommen oder sie relativ grössere Ilerzkraft besitzen.
Aus diesen Betrachtungen ergibt sieh, dass die Lebensgefahr in jenem Stadium grosser ist. in welchem die Muskeln völlig erschlafft sind, jene Phase der Narkose sonach für die Operation vorzuziehen sein wird, in der diese Erschlafihng noch nicht eingetreten ist. Des­gleichen verringert bei länger dauernden Operationen das /uhilfeneinneu eines weiteren Narkotikums die Gefahr; mit Vorteil lässt man nämlich eine subkutane Injektion von Morphin der Narkose (5 Minuten) vor­hergehen, um geringere Chloroformmengen notwendig zu haben. Pferde erfordern durchschnittlich eine (labe von o.öü Gramm.
Andere Applikationsmethoden gibt es auch, sie verdienen jedoch keine Er­wähnung ; in neuerer Zeit ist eine frühere Verwendungsweise des Äthers (Pirogoff) wieder aufgenommen worden, nämlich die per rectum. Man erwärmt eine Flasche Äther in heissem Wasser von 45—50deg; C. und führt die Dämpfe durch ein Gnmmi-rohr kurzweg in den zuvor entleeiten Mastdarm. Der Effekt ist derselbe, wie bei der Einatmung, ein Vorzug bis jetzt nicht scharf genug hervorgetreten.
Die angedeuteten Mängel haben Veranlassung gegeben, nach immer weiteren Anästhesiermitteln zu suchen und sie medizinisch zu verwerten. Es sind wohl solche gefunden worden, wie der Methylenae th er, das Methylenbichlorid, Athy-lidcndi chl o r ür, das Promo form (Formyltrihromür), Bromalhy dra t, u. s. w., schon nach kurzer Zeit hat sich jedoch herausgestellt, dass sie gegenüber dem Chloroform irgendwelche besondere Vorzüge nicht haben, konnten daher diesem keine Konkurrenz machen.
Das Chloralhydrat. Die ausgezeichneten Wirkungen dieses durcli Schlaferzeugung berühmten Alkohols sind bekannt, sie lassen sich aber nicht so ohne weiteres für anästhetische Zwecke verwerten. Ein-
ocr page 86
08
Erste Haupt-Abteilung; Die chirurgische Anästhesierung.
r
mal biotot dor Chloralschlaf wenig Bürgschaft für den Eintritt dor nötigen ünempflndlichkelt und zum andern sind seine phlogogenen Kon-taktwirkungon so hervortretend, dass er sicii nur zur Applikation in don Mastdarm eignet und auch von hier aus bei den Haustieren bis jetzt, wenigstens niemals volle Anästhesie hervorzurufen vermochte, wohl aber tiefen Soldat'.
Die wertvollen Untersuchungen von Cadeac und Malet*) indoss haben ergehen, dass man an dem Chloralpräparate bei allen Haustieren ein ebenso zuverlässiges, als ungeföhrliches Anästbotikum besitzt, wenn es von dem narkotischen Effekt dos Opiums unterstützt wird. Durch diese Kombination bleibt nichtsdestoweniger die Anwendungsweise eine sehr einfache. Pferden wird das Chloralhydrat zu 30,0—80,0 (mit einem schleimigen Decoct 500,0) in don Mastdarm eingeführt und gleich­zeitig eine subkutane Morphin-Injektion von 0,80—1,00 gemacht; Hunde bedürfen von erstorem 3,00—20,0, von jenem 0,02—0.10. Immer gellt die Applikation des Morphins der dos Chlorals um 5—7 Minuten voran und sind nach der Versicherung der genannten Tierärzte, mit welcher auch die Beobachtungen anderer harmonieren, die Erfolge durchaus zufriedenstellend, es ist daher zu hoffen, dass dieser Methode die Zukunft gehört, insbesondere was die kleinen Haustiere betrifft. Das Morphinchlorid verhindert nicht allein das leidige Erbrechen oder macht es seltener, sondern bezweckt auch ein regolmässigos Stehen der Klystiere.
Die Wiederbelebungsmittel bei vorkommendem Collaps bestehen in Herbei­schaffen frischer Luft, starker Hautreize behufs reflektorischer Auslösung der Inspiration, künstlicher Atmung bei den kleinen Tieren, starker Kompression der falschen Rippen bei den grossen, Applikation von Reizmitteln, besonders subkutanen Kamphergaben, Hervorziehen der kollabierten Zungenwurzel u. s. w. Einatmung von Ammoniak und derartige Mittel sind unzuverlässig, am meisten Wert haben kalte Perfusionen, rasch auszuführende Tracheotomie und Einführen fristher Luft durch ein parat zu haltendes Gummirohr.
i
;
Inhalations-Vorrichtungen.
Diese können sehr einfacher Art sein, wenn nur den beiden Haupt-erfordernissen entsprochen wird, dass nämlich
1.nbsp; gleichzeitig genügend atmosphärische Luft mit in die Lunge kommt und
2.nbsp; möglichst wenig von den flüchtigen Stoffen verloren geht, um den Eintritt der Betäubung nicht allzusehr aufzuhalten.
Am einfachsten bedient man sich eines Schwämmes, welcher wiederholt getränkt in einen Maulkorb oder Euttorboutel gestockt wird; beide können da mit einoni Tuch leicht überdockt werden; den Schwamm (Wergbausch, Baumwollknäuel) kann man auch, wie das betr. offene Glas, vor die Nase halten, bezw. in ein oder zwei Nasenlöcher bringen, was jedoch woniger zu empfehlen ist, ebenso das Umhängen eines Tu­ches über den Kopf, das sich nicht alle Pferde gefallen lassen.
*) Revue vötörinaire. Toulouse. Juin. 1884.
i
ocr page 87
1. Allgemeine Anästhesicrung.
09
Andere legen den Schwamm in ein passendes Gefftss, in das auch der Kopf eingesteckt werden kann oder machen sich ein halbkllgelför-miges Drahtgestell zurecht, über welches ein wollenes Tuch gespannt wird und das gut um den Vorkopf passt (Flanell- laquo;der Ciiloro-formkorb).
Bei öfterem Gehrauche kann man sich auch besonderer Apparate bedienen, welche hesser verwahrt sind und das Tier nötigen, die Luft durch dieselben einzuatmen, es findet daher eine Krsparniss an nar­kotischem Material statt und auch die Anaesthesie wird desto früher eintreten müssen. Diese Vorrichtungen werden in der Regel halfterartig um den Kopf geschnallt.
Fig. 40.
Ein derartiger Apparat ist der Inhalationsbeutel von Eelsser
(Wien); er besteht aus einer hölzernen Tonne (Flg. 39) e, in welcher ein Schwamm d liegt, der durch die Öffnung C getränkt wird. Das Pferd wird durch die beiden dicht angelegten blechernen Nasenmuscheln a gezwungen, die Luft durch den ganzen Apparat hindurch ein- und aus­zuatmen, wobei der unten bei g offene Lederbeute] sich fortwährend auf- und abbewegt, zum Zeichen, dass das Atmen regehnässig vor sich gebt. Der Apparat ist nicht allzu kompliziert und arbeitet sehr prompt, ist jedoch für gewöhnlich entbehrlich.
ocr page 88
70
Erste Haupt Abteilung: Die chirurgische Anästhesierung.
'
Am kompliziertesten ist der von Delays im Journal bel^'. 1841, S. 123 beschriebene Apparat, welcher 1879 von Zangger*) vereinfacht worden ist (Fig. 40), Das Pferd atmet hier aus der den Schwamm enthal­tenden Flasche, in welche durch die zweite offene Bohre Luft genügend eintreten kann. Die kleine Blechtrommel an der aus Zeug oder Kautschuk angefertigten Maske hat oben einen Deckel, der sich nur beim Aus­atmen öffnet und somit die exhalierte Luft ausschaltet, während an der untern Wand der Trommel, also an der EinmUndungSStelle des Gummi­rohres ein /.weiter Deckel sich befindet, welcher von selbst beim Aus­atmen geschlossen wird. Der z. B. auch beim Starrkrampf verwendete Apparat soll gut funktionieren, vorausgesetzt, dass der Deckelmechanis­mus nicht mit der Zeit versagt.
Kleineren Haustieren hält man entweder ein Tuch, worauf Äther, Chloroform geschüttet werden, vor die Nase oder steckt ihnen
den Kopf
in ein trichterförmiges Gefäss, auf dessen Boden sich die
Flüssigkeit befindet.
.iii
II. Lokale Anästhesierung.
Von jeher hat man versucht, die zu operierende Stelle direkt un­empfindlich zu machen, das Gehirn aber ganz aussei' Mitleidenschaft zu lassen und -ist dieses auch mit mehr oder weniger Erfolg geschehen.
Die Versuche, auf mechanischem Wege durch Druck auf die Nervenstämme oder durch Konstriktion der betr. Nervenäste mittelst elastischer Kompressen (Esmarch) eine örtliche Unempfindlichkeit hervorzurufen, hat sich von sehr zweifelhaftem Nutzen erwiesen, denn die Einschnürung muss eine so feste sein, dass die Gefähr einer Lähmung bei Mensch und Tier nicht ausgeschlossen ist.
Von nicht sehr erheblichem Erfolge sind auch jene Versuche be­gleitet, durch die oben genannten Arzneimittel eine Lokalanästhesie hervorzurufen. In vorderster Beihe ist von jeher das Opium gestanden, das man namentlich bei den kleineren Haustieren in Anwendung zog, mit der Einführung des Äthers und Chloroforms seiner Gefährlichkeit und des hohen Preises wegen aber alsbald wieder verliess. Einiger­massen anders verhält es sich mit dem Alkaloid desselben, dem
Morphinum hydrochloricum, dessen Wirkungen und Dosen jetzt durch die vielfache Anwendung bei andern schmerzhaften Zuständen besser bekannt worden sind. Es kann hier nur von der subkutanen Anwendung die Bede sein, welche allerdings auch Allgemeinwirkungen nach sich zieht und sonach nicht eigentlich hieher gehört. Letztere werden indess nicht direkt bezweckt, obwohl die hypnotisierenden Eigen­schaften des Mittels vortrefflich dazu angethan sind, die Willenskraft widersetzlicher und bösartiger Tiere derartig abzustumpfen, dass sie ihren Widerstand aufgeben und jener Zustand eintritt, welcher den An-
h
*) Wochenschrift von Adam. 1879. Seite 1C5.
I
MMB
ocr page 89
II. Lokale Anasthesierung.
71
forderungen einer leidlichen Analgesie entspricht. Pferde bedürfen lür solche Zwecke einer hypodennatisehen Gabe von 0,5—1,0; Binder von 1.0—1,5 und Hunde von 0,08—0,12. Der anästhesierende Effekt tritt auch bei den Pflanzenfressern mit grosser Bestimmtheit auf, jedoch mit verschiedener Intensität, es reicht jedoch die einmalige Injektion des Chlorids in der Begel aus.
Dass auch Morphin nicht ganz ungefährlich ist, geht aus vielfachen Er­fahrungen hervor, es lässt sich jeiloch lt;lie Gcfaiir durch individuell eingeschränkte Gaben wesentlich vermindern, tio versichert Ahbt,*) das Mittel in den obigen Dosen bei der Kastration, hei Operation von Brüchen, Vorfällen u. dgl. bewährt gefunden zu haben; die Tiere verhalten sich ruhig und zwar die meisten so lange, bis die Operation vollendet ist; ebenso konnte er unbändige Hengste dadurch völlig in seine Hände bekommen. Bei Hunden ist der Eintritt von Muskclzucknngen, selbst Krämpfen oder der unwillkürliche Abgang von Kot und Urin nicht als eine gefährliche Erscheinung aufzufassen, letztere auch nicht als eine Lähmung der Sphinkteren, sondern nur als vorübergehende stärkere Aktion einzelner Muskel-gruppen, hezw. der lianchpresse. Das essigsaure Morphin taugt nicht, indem sich die Säure bald verflüchtigt und so das ausfallende Alkaloid eine subkutane Ver-schwärnng erzeugt.
Das Chloroform wird ebenfalls örtlich angewendet, entweder
\\\
U.
Form eines analgesierenden Sälbchens 1:5—8 Vaseline, Glycerin s. w. oder subkutan, Pferden zu I Gramm mit Spiritus verdünnt,
bei schmerzhaften Leiden, akuten Lahmheiten, Luxationen, für diagnos­tische Zwecke oder kleinere Operationen etc.
Der Äther, wenn er ähnlich wie Karbol in Form von Nebeln durch den Handspray (s. diesen) zerstäubt wird, erzeugt auf der Haut bei allen Haustieren eine derartige Kälte, dass die Haut stark blutleer wird und dadurch auch die Leitung in den Empfindungsnerven eine Unterbrechung erfährt. Leider hat dieses Verfahren die Hoffnungen, welche man bei den ersten Publikationen Bichardsons an dasselbe knüpfte, nicht erfüllt, denn der Athenegen anästhesiert nur die Haut, wirkt, also nicht in die Tiefe und wird jede Operation aus dem Grunde ungebührlich in die Länge gezogen, weil der Atherspray immer erst einige Zeit auf die blossgelegten, angeschnittenen Gewebe einwirken muss, bis sie unempfindlich geworden sind. Des Preises wegen wird stets der rohe Äther genommen.
Cocainum. In diesem erst seit 1885 näher bekanntgewordenen Arzneimittel hat die Operationslehre ohne Zweifel ein Anästhetikum gefunden, welches alle seither besprochenen Stoffe an Zuverlässigkeit übertrifft und dalier im Begriffe steht, andere lokale Anästhetika in den Hintergrund zu drängen, vielleicht auch die allgemeine Narkose ent­behrlich zu machen.
Versuche an Tieren und Menschen haben das höchst interessante Faktum ergeben, dass Cocain (lurch Aulpinseln oder bei sonstigem Kon­takt, mit dem Gewebe die sensiblen Nerven in ähnlicher Weise lähmt, wie Curare die motorischen und zwar so vollständig, dass z. B, die Hornhaut, die Schleimhaut der Zunge u. s. w. zerschnitten und zer-
*) Wochenschrift von Adam 1884. Nr. 52.
ocr page 90
I-I
72
Erste Haupt-Abteilung: Allgemeine Instrumentenlelire.
kratzt wei'den kann, ohne dass der geringste Schmerz entstellt, ja seihst elektrische Ströme nicht mehr empfunden werden; man hat in dieser Weise fast alle Scldeimlmutorgane in Anästhesie versetzt, wie weit je­doch das Mittel für operative Zwecke auch bei Tieren sich verwerten lässt. müssen erst weitere Versuche ergeben.
Zum Einpinseln der betreffenden Organe benützt man gegenwärtig allgemein die wässrigen oder Spirituosen Lösungen des
Cocainum hydrochloricum und zwar zu 2 — 10 Prozent, es können aber auch stärkere genommen werden. Die lokale Anästhesie tritt schon nach wenigen Minuten ein, dauert jedoch nur kurze Zeit an, die Applikation muss daher je nach Hodarf wiederholt werden.1
h1
Allgemeine Instrumentenlelire.
n
In der Veterinär-Chirurgie benutzt man im allgemeinen dieselben Instrumente, wie in der menschlichen, denn sie sind den letzteren meist nachgebildet, besonderes Handwerkzeug haben die Tierärzte nur für einzelne Operationen notwendig, wie z. 15. für solche an den /ahnen, dein Pansen, Schweif, Geschlechtsteilen, Huf; im ganzen kann in der Praxis mit ziemlich wenig chirurgischen Instrumenten ausgekommen werden und auch diese wenigen gehören nicht zu den komplizierten und teuren, an dieser Stelle kann Jedoch von dem lustruinentariuin nur im allgemeinen die Rede sein, die besondern Instrumente für die ein­zelnen Operationen werden bei diesen im speziellen Teile besprochen werden,
Behufs der systematischen Anordnung wurden verschiedene Einteilungen vorgenommen und hat man die Instrumente in einfache und zusainmengesetzte, schneidende, stumpfe, slecliendo, sägende, hobelnde unterschieden, nachdem jedoch eine derartige Klassifikation sich strenge gar nicht durchführen lässt und ausser-dem auch keinen praktischen Wert hätte, so sehen wir hier von einer bestimmten Gruppierung ab und lassen sie in ungebundener Reibe folgen.
Mit Rücksicht auf das Material, aus welchem die hieher gehörigen Werk­zeuge angefertigt werden, gibt es solche von Metall (Eisen, Stahl, Platin, Zinn, Messing, Kupfer, Nickel, Maillechort *) oder sind sie von Holz, Horn, Bein (Fisch­bein, Elfenbein), Kautschuk, Hartgummi, Lcder, Hanf; die meisten werden von den Messerschmieden, chirurgischen Instrumentenmachern angefertigt, viele aber auch in Fabriken, wie Zangen, Spritzen, Sägen, elektrogalvanischo Apparate u. s. W,
Eine wesentliche Kalamität für die Tierärzte besteht darin, dass schwierig gute, namentlich scharfe Instrumente zu bekommen sind, es fehlt häutig an der sorgfältigen Ausarbeitung, an der bandgerechten Form, seltener an der Qualität des Materials. Die Torrn ist aus dem (irund nicht selten unzweckmässig, weil viele Instnimenteimiacher der Meinung sind, es bedürfe einer Vergrösseruiiij der tierärztlichen Werk­zeuge in einem ähnlichen Verhältnis, als die betreffenden Tiere gegen-
V
i! 1
H:) Maillcchort ist eine zumal von französischen Instrumentenmachern beliebte Legierung von Kupfer, Zinn und Nickel,
1
i *
i
ocr page 91
Sonden (Sondos, Radioli).
73
llber dem Menschen grosser und stärker sind, es fallen daher jene meist ZU plump ans, während man doch mit einem kleinen Messer z. ]?. so gut sclmeiden kann, als mit einem grossen, ja je grosser das Instrument, um so schwieriger ist auch seine Handhabung.
Die solidesten und elegantesten Instrumente kamen früher aus England, wo auch das beste Material, insbesondere ein vorzüglicher schwedischer Stahl zur Verwendung kommt . die Fabrikation geschieht jetzt, aber auch bei uns in grüsserem Massstabe, was den Vorteil ge­währt, dass die einzelnen Arbeiter ausschliesslich mit bestimmten Ver­richtungen betraut werden und so grosse Routine sich zu eigen machen können, wie z. 15. im Schleifen, Härten, Polieren, Formen; die Fabrikate sind dann nicht zu weich, nicht spröde, scharten nicht, weiden nicht vor der Zeit stumpf, brechen nicht, sind handlich n. s. w.
Wenn man gute Instrumente hat, muss man sie aber auch rein und in dienstfähigein Zustande zu erhalten wissen, denn wie man jeden Handwerker an seinem Arbeitszeug erkennt, SO ist dies auch im ärzt­lichen lache der Fall: alle Werkzeuge, die metallenen nicht am wenigsten, sind der Verderbnis unterworfen, namentlich der Oxydation und als grüsster Feind derselben muss die Feuchtigkeit bezeichnet werden, sowie wegen seiner Hygroskopizität auch der Staub, man bat daher ver­schiedene Mittel vorgeschlagen, um sie zu konservieren. Die meisten derartigen Mittel sind jedoch unbrauchbar, wie z. 15. die Fette und deren Kombinationen gegen liost. erste Bedingung ist vielmehr, sie voll­kommen rein und trocken aus der Hand zu legen, sie nicht an feuchten Orten aufzubewahren und häufig nachzusehen, um jeden Mangel schon im Entstehen beseitigen zu können. Schneidende Werkzeuge schützt am besten eine gute Politur und jene Metallwerkzenge. welche nicht ge­schliffen werden, sind jetzt meist vernickelt, im übrigen verwahrt man sie am zweckmässigsten in gut zu schliesseudcn Etuis von Leder oder ausgetrocknetem Hartholz, jedes Füttern derselben aber mit Tuch. Sainmt, Seide u. dgl. ist vom Übel, denn je glatter die Oberfläche und sorg­fältiger der Verschlnss. desto besser.
Unter den durch solide Arbeit sich auszeiohnenden Verfertigern tierärztlicher Instrumente IrOnuen, soweit sie dem Verfasser bekannt geworden, folgende hier genannt werden: Hauptner in Berlin, Gharlottenstrasse 74; Leiter in Wien; Reiner ebendaselbst; F. Salles in Paris, Boulevard St. Martin 4; Oeltsch in Dresden; Katsch in München; Henger in Stuttgart, Schmid ebendaselbst.
Sonden (Sondes, Radioli).
Sonden sind verschieden lange Stäbchen, welche zur Unter­suchung solcher Teile dienen, die mittelst des Auges nicht erreicht werden können, also insbesondere von Wundkanälen, Fisteln, um deren Beschaffenheit, Richtung, Tiefe oder Durchgängigkeit auszukundschaften (Sucher, Sucheisen, Fühlstäbe).
Sie sind aus verschiedenem Material gefertigt, das beste ist jenes, welches nicht rostet, sich gut reinigen und biegen lässt, ohne zu
ocr page 92
1
i #9632;
74nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Erste Ilaupt-Abteiliuig: Allgemeine Instrumcntcnlehre.
brechen,'Sonden aus Stahl odor Eisen sind daher nur zu brauchen, wenn sie gut poliert und dünn genug sind; vorzüglich eignet sich hiezu Silber, das ausserdeni durch schwörzliches Anlaufen (Bildung von Ag, S) oft wertvolle diagnostische Anhaltspunkte liefert. Andere Sonden werden aus blankem Neusilber, Pakfond oder jetzt auch aus Nickelkupfer an­gefertigt — Metalhnischungen, welche sieh an der Luft nicht verändern, ausserordeiitlicii rein halten lassen und leicht wieder zurecht gebogen werden können; billiger sind die glatten glänzenden Hartguinmisonden, verwerflich aber die (Flüssigkeit ansaugenden) Fischbeinsondcn.
Es gibt noch weitern Sonden, welche aus Guttapercha, Kautschuk, Leder U. B, w. konstruiert sind und zur Untersuchunj; des Schlundes, Magens, der Harnröhre dienen; man nennt sie auch Katheter oder verwendet sie zugleich zum Einführen von Ligaturen, Urainagerühren, zum Anschrauben eingedrungener fremder Körper u. s. w.; ihre Besprechung finden sie im speziollen Teile des Buches.
}U
I
I
n •
Fig. 44.
Die Knopfsonde ist die gewöhnlichste von allen und an beiden Enden zu einem verschieden dicken, olivenförmigen Knöpfchen angeschwollen (Fig. 41). Die Sonden dieser Art sind verschieden lang, von der Dicke eines Ileuhahnes bis zu der einer Schreib­feder (1—8 nun).
Die Knopfsonde dient hauptsächlich diagnostischen Zwecken und ist oft, so fein, dass sie die Einführung seihst in den Stenonquot;-scheu Gang gestattet, Für gewöhnliche Wun­den, kürzere Fistelkanäle, Qelenkverletzungen bedient man sich ständiger Knopfsonden, die zu besserer Handhabung ein ring- oder
!'J
t
I
/it i*
Fig. 41. Fig. 42. Fig. 43.
grifl'eltönniges Ende haben, wie Fig. 42
und 48. In Notlallen greift, mau zu einem Drahte, einer Darinseite und stumpft die
Spitze mit einem Tröpfchen Sigellack ab, Haarsonden sind nur in der
Ophthalmiatrik gebräuchlich.
Die Myrthenblattsonde ist jene, welche an dem dem Knöpfchen
entgegengesetzten Ende eine herz- oder blattförmige Erbreiterung zeigt,
mittelst welcher man Wundöffnungen reinigen, Schorfe entfernen und
#9632;ü1
!,:
ocr page 93
w
Sonden (Sondes, Radioli),
75
Arzneimittel (Pulver) auftragen kann. Sie sind nur wenig mehr im Gebrauch.
Die Ohrsonde ist ebenfalls eine Knopfsonde, sie kann aber auch gleichmässig dick sein und besitzt an dem einen Ende ein längliches Oehr zum Durchziehen von Fäden, Schnüren, Bändchen, falls eine zweite Wund-Offnung vorbanden, im andern Falle treibt man das Knöpfchen möglichst weit vor und schneidet auf dasselbe von aussen eine Gegen­öffnung ein (Haarseilsonde), beziehungsweise sticht man mit dem spitzigen und schneidenden Ohrende vollends durch (Fig. 44 und 45). Mit letzterer Sonde lässt sich auch leicht ein Drainrohr einziehen oder dient sie, wenn biegsam genug, nach Art einer Unterbindungsnadel zum Unter­fangen von Gefässen beim Blutstillen; nicht, selten ist sie auch ge­krümmt, was namentlich bei Schusskanälen u. dgl. nötig ist, es haben jedoch dieselben wie auch die langen (zusammengeschraubten) Sonden das Missliche, dass man nicht fein genug fühlen kann, öfters stecken bleibt, einen falschen Weg bahnt oder unnötige Schmerzen bereitet.
Die Sondenschraube (Fig. 45) ist jene, an welcher das knopfförmige Ende in scharfen /f\nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;'\nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schraubengängen konisch ausläuft, um fremde
Ünbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Gegenstände, zusammengeballte Watte, AVerg-
1,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; pfröpfchen, Bleikugeln u. dgl. anbohren und extra-
hieren zu können; auf der andern Seite endet diese Sonde meist meisel- oder spatelförraig, sie heisst deswegen auch Meisel son de.
Die amerikanische Sonde (Fig. 46) dient zu speziellen Zwecken und zwar besonders für (länge von gewundenem, winkligem, geknicktem Verlauf, aus der Kanäle springt daher (nach Art eines Harnröhrenkatheters für Pferde) eine elas­
tische Sonde hervor, sobald die unten befind­liche Schraube entsprechend in Bewegung gesetzt wird. Die Sonde hat sich ungemein beliebt zu machen gewusst, dringt leicht seitwärts zwischen Muskeln, Sehnen, Aponeurosen ein und eignet
( -#9632; . sich daher besonders zum Aufsuchen verborgener /lnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Seitengänge.
4t^inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Die Hohlsonde besitzt ihrer ganzen Bange
quot;nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;nach eine Rinne (Fig. 42), in welcher ein schnei-
dendes Instrument mit seinem Bücken hingleitet
Fig. 45.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Fig. 46.
und so diesem als sicherer Leiter dient (Leit-somle, Furchensonde); man führt sie in Wund­kanäle ein, um sie von innen nach aussen durchzuschneiden. Das vordere Ende kann zu diesem Zwecke offen sein, es 1st jedoch zweckmässiger stumpf, jedoch fein genug, um zwischen (Jewebsschichten eingeschoben ZU werden. Die Hobisomleu bieten den Vorteil, dass man mit ihnen Bind­gewebe durchstossen und beim Einschneiden auf der Rinne sich immer
ocr page 94
76
Erste Haupt-Abteilung; Allgemeine Instrumcntenlelirc.
Überzeugen kann, ob nicht etwa ein Nerv, ein Blutgefäss unter das Messer kommt; auch ist das Schneiden dadurch erleichtert, dass das Messer in der Furche das Gewebe selbst vor sich herspannt, dieses daher nur aufgeschlitzt zu werden braucht. Am bequemsten ist dabei ein knopfförmiges Messer oder wenn der Fistelkanal schief verlauft, eine konkave Schneide (Bruchmesser); spitzige Hohlsonden können Übrigens dadurch schaden, dass sie unnötig weit vordringen oder sich im Gewebe verirren.
Das Sondieren ist keine so einfache Sache und will von sach­kundiger Hand ausgeführt werden; meist ist es schmerzhaft, häufig sogar gefährlich, man sondiert daher jetzt weit nicht mehr so häufig. Schon das Kindringen in die kutane Öffnung ist oft schwierig, man lässt daher die Sonde, welche leicht /wischen Daumen und Zeigefinger gehalten wird, hauptsächlich durch ihre eigene Schwere in die Wunde eindringen und sucht dann zu ermitteln, wohin die Vertiefung, Buchtung, der Kanal führt, ob dieser frei ist, ein Fremdkörper vorliegt, der Knochen entblösst ist u. s. w. Stosst die Sonde auf Hindernisse, so darf keinesfalls Gewalt •angewendet werden, man sucht vielmehr durch liehen. Senken oder leichtes Drehen der Kühlnadel an schwierigen Stellen vorbeizukommen, nötigenfalls dem Teile oder dem ganzen Tiere eine andere Lage, Stel­lung zu gehen, wie man auch je nach der aufgefundenen Krümmung mit der Sonde eine entsprechende Biegung vornimmt.
Je zarter die Handhabung, desto feiner das Gefühl in den Finger­spitzen und desto weniger kommen Irrtümer vor, die ohnedies vielfach schwer zu vermeiden sind, man beschränkt daher Heutigentags das Sondieren auf frische Wunden, Stich- und Schusskanäle, Gelenksver-letzungen hauptsächlich, um nach fremden Körpern zu fahnden oder Zustände zu erforchen, deren Erkenntnis auf anderem Wege nicht wohl möglich ist.
Die Sonde ist es nicht allein, welche Auskunft über die Stattgehabten Vor­gänge zu geben vermag, in zweifelhaften Fällen unterlBsst man daher das Sondieren ganz und üherliisst dem weiteren Wundverlauf die schliessliche Aufklärung, nament­lich laquo;riht die Art der Eiterung und Granulation wichtige Anhaltspunkte; ebenso ist es häufig zweckmässiger, die Eingangsöffnung ohne weiteres durch Einschneiden zu vergrösseru, um mit der hosten aller Sonden, dem Finger, vorgehen zu können. Nicht selten sind auch mit dem Sondieren Gehörswalirnehmungen, wenn auch nur .schwache verbunden, welche von grossem Werte sein können; um sie daher diag­nostisch besser ausnützen zu können, hat man sie in jüngster Zeit dadurch zu verstärken gesucht, dass man das eine Ende der Sonde mit einem Telephon in Kontakt bringt. Ein derartiges Instrument stellt das heutige Mikrophon dar.
:;i!
A
B #9632;
#9632;W
i
Pinzetten.
Die Pinzetten (kleine Klemmer) dienen nur zum Kassen kleinerer Gegenstände, für welche die Fingerspitzen zu stumpf sind, die beiden Schenkel oder Blätter sind daher zugespitzt, so dass selbst ein Haar vom Tische, aufgehoben werden kann (Haar- oder Insektenzangen).
. Am Kopfe sind die beiden Stahlblätter durch eine Messingschichte an einander gelötet, wodurch teilweise die Federkraft entsteht, wenn
i
äM
ocr page 95
Pinzetten.
77
die Schenkel mit den Fingern an einander gedrückt werden (doppelter einarmiger Hebel), erstere imiss aber so reguliert sein, dass die Finger nicht ermüden*, die Zange aber auch nicht zu schwacli schliesst und so der Hand leicht entfällt. Fine weitere. Notwendigkeit besteht darin, dass die Spitzen genau aneinander treten und nicht an einander vorbei­gleiten; je nach der Beschaffenheit der letzteren unterscheidet man daher zwei Arten von Pinzetten:
Die anatomische Pinzette; die Enden berühren sich entweder nur an der iiussersten Spitze oder schon einige Millimeter vorher, so dass eine grössere Fläche zum Fassen und Halten entstellt und kann
Flff. 47 und 48.
Fllaquo;. 49.
diese dann gekerbt werden; um das schiefe Begegnen der Spitzen unmöglich ZU machen, ist unter der etwas rauh gehaltenen breiteren Fingerfläche des einen Schenkels ein kleiner Zapfen angebracht, der in eine gegenüber befindliche Olfnung passt. Im übrigen ist diese Pinzette hinlänglich aus dem Präpariersaal her bekannt (Fig. 47).
Die chirurgische Pinzette unterscheidet sich von der gewöhn-liciien anatomischen nur dadurch, dass die Spitzen statt gekerbt ge-zähnelt sind, also schärfer festhalten (Hackenpinzette), diese Pinzette Sticht daher das Gewebe an und erweist sich so brauchbarer, sicherer, während die Verletzung durchaus unschädlich ist.
ocr page 96
.#9632;I
78
Erste Haupt-Abteilung: Allgomeino Instrumcntcnlclue.
II
Die Führung geschieht bei allen Pinzetten mit der linken Hand und die Haltung Ist die einer Schreibfeder. Des Röstens wegen werden sie meist aus Neusilber angefertigt.
Die Arterienpinzetten sind jene, welche das gefasste Gewebe, die Blutgefftsse u. s. w. dadurch festhalten, dass die Schenkel durch einen Mechanismus geschlossen werden und deswegen hängen bleiben. Die Art der Sperrvorrichtung ist eine verschiedene, die meisten sind aber Schieb er pinzetten (Fig. 48), das nähere s. Blutstillung, Flg. 49 stellt die Arterlenpinzette von Cavalllni dar, welche sich gut bewährt hat. Die Verschlussspange a darf nur gegen die Spitze vorgeschoben werden, um dort bei b durch die Stellschraube fixiert zu werden, sie umfasst dann auch den zweiten Schenkel.
Derartige Pinzetten können auch als Nadelhalter dienen, wenn sie an den Parallelflächen der Spitze eine Längsfurche zur Aufnahme einer Stecknadel besitzen.
Die gekreuzte Pinzette von Chaniöro wird (Ion obigen Pinzetten goRon-ülior gegenteilig gelnindhalit, denn die sicli kreuzenden Sohenkel stehen durch ihre •eigene Federkraft unter stetem Verschluss, der Fingerdruck schliosst sie daher nicht, sondern öffnet sie, ist indes in der Führung und Festhaltung des Gewebes nicht sehr sicher, daher entbehrlich.
Haken.
Die in der Chirurgie gebräuchlichen Ilaken schliessen sich un­mittelbar den Pinzetten an, denn sie dienen ebenfalls zum Fassen und sind entweder stumpf oder scharf.
Die stumpfen Haken werden gebraucht, um bei Untersuchungen die das Operationsfeld bedeckenden Teile auseinander zu halten und so dem Auge wie den Instrumenten freien Zugang zu verschaffen, ohne das betreffende Gewebe zu verletzen. Es gibt mannigfache Formen dieser Haken, durchaus bewährt sich namentlich aber der B runs'sehe Wundspatel, wegen seines löffelfönnigen Handstückes auch quot;NVund-lötfel genannt (Fig. 50), oder der Wundhaken von Langenbeck, welcher statt halbkreisförmig in einem rechten Winkel abgebogen ist, wodurch (las Anhaken schmerzloser ausgeführt werden kann (Flg. 51). Man setzt ihn so ein, dass er die Teile hinreichend umgreift und doch nicht, stärker drückt, als notwendig ist, ein tbelstand ist jedoch der, dass man hie und da ausgleitet und wiederholt eingreifen muss, die •Stumpfen Haken sind daher etwas in Misskredit gekommen.
Bequem sind die federnden Doppelhaken von Snowden, aus mehr oder weniger starkem Draht in verschiedener Grössc hergestellt; sie dienen bo-sondera zum Offenhallen von Wundspalten der Haut, der Muskeln odor natürlich getrennter Teile, um einen Gehilfen zu ersparen and wird ihre Brauchbarkeit da­durch besonders erhöht, wenn sie an den beiden Spitzen etwas geschärft werden. Unter erstere Kategorie von Drahthaken zählen auch die Augenlidhalter, die Schlundhaken und die (jetzt nicht mehr in der Tierheilkunde üblichen) Serre-fines.
Die scharfen Haken sind am änssersten Ende spitz, arbeiten daher sicherer als die stumpfen und werden auch meist vorgezogen.
--=-•#9632;
ocr page 97
w
Die Messer.
79
selbst wenn das damit vorletzte Gewebe nicht entfernt wird; der besseren Fixierung der Teile wegen ist das Eingreifen weniger schmerzhaft als selbst bei Pinzetten. Je kleiner die Kurve, desto besser hakt sie ein, desto vorsichtiger muss aber auch der Ilaken losgelassen werden und niemals darf mit ihm ein starker Zug ausgeübt werden.
^SSamp;^^ 1
...n
Fite.
Fia. 51.
Flg. 53. Fig. 54.
Es gibt viele Formen soldier Ilaken und bald sind sie grosser, bald kleiner, einfach oder doppelt (Fig. 58 und 54), auch geht schon aus ihrer Form hervor, dass sie sich namentlich auch zum Heranziehen von Arterien eignen (Arterienhaken), nicht minder auch zum Anziehen von Geschwülsten bei deren Exstirpation, um die Trennung vom ge­sunden Gewebe zu erleichtern.
Die Messer.
Wie alle Messer, so unterscheiden sich auch die chirurgischen in erster Linie dadurch, dass die Klinge entweder beweglich ist und dann in den Griff eingeschlagen werden kann oder nicht: jene Messer heissen Bistouris, diese Skalpell, der Unterschied ist somit kein wesentlicher;
#9632;
ocr page 98
gt;h
80
Erste Haupt*Abtei]ung; Allgemeine Instrumentenlelire.
,1
;
kann die Klinge in vollem Kreise bewegt werden, so heisst das Messer eine Lanzette.
Das Bistouri zerfällt in die Klinge und den Griff oder das Heft, die Verbindung zwischen beiden heisst die Ferse (Talon).
Die Klinge besteht aus Stahl und ist im Rücken am stärkston gehalten; die beiden Seitenflächen sind leicht ausgehöhlt, d. h. hohl geschliffen und gehen
konvergierend in die Schneide über, wel­che wie der Rücken verschieden geformt sein kann. Die Seil neide bildet für das Müsse Auge eine feine scharfe Linie,
i
#9632;i
iU=
bei 800 facher Vergrösserung Jedoch eine
Reihe von sägeförmig geformten Erhaben­heiten und Vertiefungen (Fig. 55), wel­che durch die Porosität des Stahles eut-
,'0
Fig. 55.
stehen, jeder chirurgische Schnitt kommt daher einer sägeartigen Zerreissung des Gewebes gleich, die jedoch völlig unschädlich ist.
r
:-'
gt;,ill
..Ml
58 und 50
I ilii
w
w w
Fig. 56 und 57.
Betreffs der Form der Klinge gibt es verschiedene Modifikationen, mit denen jedoch viel Spielerei getrieben worden ist; für die tierärzt­liche Praxis kommen nur folgende Formen in Betracht.
Das gehaUte Bistouri (Fig. 66) ist an der Schneide schwach konvex, also etwas bauchig, während der Kücken fast in gerader Linie
ocr page 99
Die Messer.
81
gegen die Spitze läuft, welche auch zum Einschneiden (lienen kann (Incisionsraesser). Dieses konvexe Bistouri wird bei Operationen am häufigsten verwendet, denn mit dem Bauche lässt sich am bequemsten schneiden und können namentlich lange Schnitte rein ausgeführt werden, es ist jedoch zu beachten, dass der Hauch sogleich und tief in das Ge­webe eindringt.
Das gerade Bistouri (Fig. 69) zeigt eine dem geballten ent­gegengesetzte Form, denn hier verlauft die Schneidelinie gerade, der Rücken aber ist nach vorne konvex, wodurch die Spitze schärfer her­vortritt und sich daher auch zum Stechen und Aufschlitzen eignet — Einstich- oder Spitzlnesser; soll es jedoch auf der Hoblsonde ver­wendet werden, so ist
das gerade geknüpfte Bistouri (Fig. 67) vorzuziehen und dient insbesondere zum Erweitern von Wunden in der Tiefe, Durch­schneiden von Eascien und dergl. Die Spitzmesser qualifizieren sich mehr nur für kürzere, vorsichtige Schnitte und der feineren Spitze wegen für Operationen, bei denen die Teile nach der Methodik der anatomischen Präparation zu trennen sind, wie z. B. bei der Exstii'pation der Ge­schwülste, bei Samenstrangflsteln.
Das krumme Bistouri (Fi,igt;-. 58). Schneide sowohl als Bücken sind nach abwärts gekrümmt, beide Linien treffen sich somit in einer noch schärferen Spitze. Mit diesem einer Sichel ähnlichen, konkav-schneidigen Messer lassen sich namentlich ausgiebige und tiefe Muskel­schnitte machen, es ist daher ein gefährliches Instrument, das auch entbehrt werden kann.
Fig, 00.
Verwandt mit ihm ist das gekrümmte Spitzmesser (Fig. 60) und das gekrümmte Knopfbistouri (Fig. 61), welche sich, wie
Fitt, 61.
später gezeigt werden wird, besonders für Muskel- und Sehnenschnitte, d. h. zum Schneiden von innen nach anssen eignen und je nach der Operationsmethode mit der Spitze durch ein Knöpfchen verwahrt sind oder nicht. Bei all den vorgenannten Bistouris muss der Bücken eine
Horing's Oiierntionslclirc. JV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; g
ocr page 100
82
Erste Hauptabteilung: Allgemeiue Instrumentenlehre.
der Länge und Breite der Klinge entsprechende Dicke haben und soll die Schneide nicht zu dünn ausgeschliffen sein, die stärksten Rücken aber besitzen jene Messer, mit welchen an Gelenken, Knorpeln und Knochen operiert wird (Knorpel- und Knochenmessor).
Der Griff oder das, Schaloulieft besteht aus 2 Platten von Ebenholz. Horn, Schildkrot oder Hartgummi, überhaupt einem recht platten, leicht zu reinigenden Material und sind beide Schalen oben und unten durch eine Niete zusammen­gehalten, so dass die Klinge frei aber geschützt dazwischen zu liefjen kommt.
Die Ferse oder der Talon kann in verschiedener Weise konstruiert -werden, um die Klinge während des Gebrauchs mit dem Griff möglichst unbeweglich fest­zustellen. Hauptsächlich sind es 3 Arten, jene bei dem gewöhnlichen Taschen­messer gebräuchliche Verbindung taugt nichts, indem sie zu wenig Sicherheit darbietet.
Fig. 65.
Flg. 62.
Fig. 63. Fig. 64.
Fig. 66.
1.nbsp; Ferse mit Hebfeder (Fig. 62). Letztere schnappt mit einem viereckigen Zapfen in einen Ausschnitt der Klinge (Fig. 63) ein und sichert so diese in ihrer Stellung, beim Scbliessen des offenen Bistouris muss raquo;daher die Stellfeder mit dem Daumennagel aus dem Ausschnitt des Talons erst emporgehoben werden; die1 Fixierung lässt hier nichts zu Wünschen übrig, wohl aber die Reinigung der Ver­bindungsstelle.
2.nbsp; Ferse mit Schubring. Erstere setzt sich unter der Nietoffnung in ein längliches, mit einem Vorsprung endigendes Stäbchen (Fig. 64) fort, das sich bei geöffneter Klinge gegen den Rücken des Grills anstemmt und hier mittels eines darüber hinweggeschobenen Metallringes (Fig. 65) feststellen lässt. Um den beweg­lichen Ring während der Messerführung unverrückbar zu machen, dient hiezu eben der erwähnte Vorsprnng, der jetzt unter dem Ring steht. Der Ringverschluss ist nicht sehr beliebt, die Finger müssen sich erst an ihn gewöhnen, auch wird dieraquo; Klinge schartig, wenn der Ring beim Einschlagen der Klinge nicht gehörig zurück­geschoben wird.
ocr page 101
Die Messer.
83
3. Ferse mit Scli ubknöpfchen. Diese Vorrichtung ist gegenwärtig die gebrftttohliobste und von üharriere konstruiert. Durch das runde Loch in der Ferse (Fiquot;-. 07) fielit die oberste Niete des Griffs und über und unter demselben hat die Platte je einen länglichen viereckigen Ausschnitt, in welchen der untere Knopf (Fig. 6G), der in einer länglichen Öffnung dos Griffs sich auf und ab bewegen lässt, hineingeschoben wird. Am untern Ende des Talons ist wieder ein kleiner Vorsprung, der leicht über den Griff hervorsieht und die eingeschlagene Klinge aus der Schale hervorholt, sobald auf diese gedrückt wird. Nunmehr wird die Klinge geradegestellt und das Knöpfchen nach oben geschoben, wodurch der Vcr-schluss geschieht, beim Zumachen wird umgekehrt verfahren, Das Charriere'-schc Bistouri leidet an dem Nachteil, dass das Heft an dem Ausschnitt des Schub-knöpfchens gerne abbricht.
Das Skalpell zeichnet sicli durch den feststehenden HandgriiT
I
aus,
sowie durch die grosse Länge desselben (doppelt so laug als die
Klinge); der Talon wird so In die
Handhabe eingefügt, dass er bis in die Mitte reicht oder seihst unten mit seinem scharfen Rand hervorragt, um zur Trennung lockeren Binde­gewebes zu dienen (Schabeisenheft).
Somit ist das Skalpell, für wel­ches wie beim Bistouri noch kein deutscher Name gefunden ist, wesent­lich einfacher zusammengesetzt, kann auch leichter gereinigt werden, ist solider, bequemer fühlbar und zu­gleich sicherer, leider aber weniger gut transportabel. die Arzte sind daher in praxi hauptsächlich auf das Bistouri angewiesen. Die Skalpelle sind entweder geballte .Messer oder Spitzmesser, andere rönnen können entbehrt werden.
Das Lorbeerblattmesser unter­scheidet sich von andern Bistouris hauptsächlich dadurch, dass es an der Spitze (der Fläche nach) auf­wärts gebogen ist (Fig. {gt;'.) B) und die Komi eines Lorbeerblattes hat, welches auf beiden Seiten scharf zu-geschliffen ist. in der Mitte daher eine dickere Gräte besitzt. Die Hand­habung mit dieser Doppelschneide ist etwas gefährlich, man zieht da­her das einschneidige Lorheer­blatt messer vor. von dem man
'
jedoch ein rechtes und linkes (Fig. (18 yl und 69^1) besitzen muss. Die Befestigung im Griff ge­schieht durch eine Feder, deren Vorsprung in eine dreieckige Vertiefung
ocr page 102
84
Erste Hauptabteilung: Allgemeine Instrumentenlebrei
des Talons einschnappt, die erstere muss sonach beim Auseinander-
nehmen erst gehoben werden.
Die Messerführung.
Die Frage, wie das Messer beim Ausführen der verschiedenen Schnitte gehalten werden soll, lässt sich kurz beantworten, denn mit wenigen Ausnahmen führt man das Messer entweder nach Art einer Schreibfeder oder eines gewöhnlichen Tischmessers, nur bei kräftigen Schnitten in derberem Gewebe, wie z. B. am Huf und zum Aufschlitzen bedarf es anderer Positionen der Hand, die sieli übrigens ganz von selbst verstehen.
/V
71 und 73.
Die Schreibfederhaltung ist jene, welche schon aus dem Präparier-
saal her bekannt ist und deswegen auch die anatomische Haltung genannt wird. Sie lässt betreffs der Genauigkeit und Bedächtigkeit des Schnittes nichts zu wünschen übrig, denn die Hand gewinnt dadurch wesentlich an Sicherheit, dass die beiden letzten Finger auf den Teil aufgelegt werden können und so die nötige Stütze für die Hand ab­geben. Die Direktion führt der Zeigefinger auf dem Talon (Fig. 70).
Die Tischmesserhaltung bedarf Keiner weiteren Beschreibung, das Griffende liegt dabei in der hohlen Hand und der Zeigefinger drückt auf den Rücken, es können daher kräftigere Schnitte ausgeführt werden, während die Schreibfederhaltung weniger Kraftentwicklung gestattet, in beiden Haltungen ist jedoch der Zeigefinger im stände, jedes Abirren der Messerspitze zu verhüten. Diese Haltung ist ebenfalls sehr ge­bräuchlich und wird auch die chirurgische genannt.
ocr page 103
m
Die Messer.
85
Eine Modifikation bestellt darin, dass die Schneide des Messers statt nach abwärts nach aufwärts gerichtet wird (Fig. 71), wenn an Stelle des Schneidens das Schlitzen der Gewebe treten soll. Die Hand in Vig. 71 stellt die Tisclimesserhaltung dar.
Die Fausthaltung erlaubt die grösste Kraftentfaltung, denn das Messer kommt in die volle, Faust zu liegen (Fig. 72), es tritt daher die ganze Muskulatur der Hand in IMtigkeit. Dass hiehei die Sicher­heit des Schnittes nur eine geringe sein kann, ist alsbald begreiflich: um daher der Hand eine gewisse Direktive zu gehen, stützt man den Daumen auf den betr. Teil (Fig. 78) und benützt ihn so als eine Art Hypomochlion; in dieser Weise führen auch die Gärtner ihre Okulier­messer. Bei allen obigen Messerführungen geschieht das Schneiden zu sich her.
Das Schneiden von innen nach aussen ist da notwendig, wo wegen ungenügender Anspannung der Haut von aussen nach innen nicht exakt genug getrennt werden kann, es muss llaher das Messer von unten nach oben schneiden und zu diesem Heliufe die Schneide aufwärts gerichtet werden.
Dieses Schneiden kommt dem Schlitzen gleich und erfordert eine Öffnung zum Einführen der Messerspitze, beziehungsweise eine Ilohl-sonde, falls die Leitung des Fingers nicht genügt, am besten eignet sich dann das gekrümmte Knopfbistouri (Fig. 61); bei Spitzmessern jedoch, -welche ohne Hohlsonde geführt werden sollen, inuss womöglich die Messerspitze auf den weichen Finger gelegt und dieser mit ein­geführt werden. Das Schneiden geschieht hier gewöhnlich von sich weg.
Die leichteste Ftthrong ist die nach Art eines Geigenbogens, wobei das Messer also nur von den Spitzen der 5 Finger gehalten wird; sie kann nur als Liebhaberei angesehen werden, wie überhaupt bei den einzelnen Operationen jedem die Wahl der Handgriffe überlassen bleiben muss; bei einer Herniotomie wird das Messer anders in die Hand genommen werden müssen, als wenn man mit der Messerspitze auf einen überfüllten Wanst lossteuert und wer beim Tranchieren eines Bratens das Tlschtnesser wie eine Schreibfeder führt, wird von niemand als ein gewiegter Chirurg angeschen werden.
Der Laie stellt sich das Vorgeben mit dem Messer in der Hand als die grösste Kunstfertigkeit des Tierarztes vor und beurteilt auch hienach die Befähigung desselben, jede selbstverschuldete Störung in dem Gange einer Operation oder un­geschickte Führung des Messers fällt dalier auch zu Lasten des letzteren, wie so­mit das Renommee des Tierarztes durch gewandte Handhabung des Messers wesent­lich gewinnt, kann es auch durch eine einzige Operation erheblich notleiden, wenn diese mangelhaft ausgeführt wird.
tnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Der Schnitt in die Cutis oder in die Lederhaut des Hufes ist bei
den Tieren wohl immer der schmerzhafteste Teil bei allen Operationen und kann dieser Schmerz für gewöhnlich im Interesse der Operation nur dadurch einigermassen gemildert werden, dass man die Schnitte auch kunstgerecht führt und sich nur gut abgezogener Messer bedient, der vielverbreitete Volksglaube, „je schärfer ein Messer, desto mehr thut es weh,quot; ist daher ein grosser Irrtum.
Auf die zuvor abgeschorne Haut muss das Messer senkrecht auf­gesetzt werden, nachdem sie mit den Fingern gut angespannt ist: hierauf
ocr page 104
86nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Erste Hauptabteilung; Allftomeino Iiistrumcutcnlehro.
wird die Haut in ihrer ganzen Dicke mit Einem kräftigen Zug durchgeschnitten. Verwerflich sind die durch schräges Ein­schneiden entstehenden spitzwinklich gegen die Hautoberflftche zulaufenden Wundecken, denn sie sind der Heilung auf erstem Wege hinderlich und nicht selten stirbt die dort nur angeschnittene Haut ab; nachdem jedoch die Messer differente Schflrfegrade besitzen, erfordert ein regelrechtes Durchschneiden der (quot;utis ein gewisses Gefühl in der Hand, welches dem Operateur den Grad des in jedem Einzelfall notwendigen Kraft­aufwandes angibt, der erste llautsclmitt bei einer Operation kann sonach schon als ein Gradmesser der Befähigung eines Chirurgen angesehen werden.
Beim Anspannen der Haut wird häufig der Fehler begangen, dass dieses nicht stramm genug oder nicht gleichmiissig geschieht, die Haut dann über jene Stelle unbemerkt weggeschoben wird, in welche man einschneiden wollte, wie z. 15. auf die Mitte der Luftröhre oder dass der Schnitt nachher eine schiefe Richtung zeigt. Ebenso ist es widerlich anzuseilen, wenn der Schnitt zaghaft, ängstlich angesetzt, öfter als nötig wiederholt und drückend statt ziehend weitergeführt wird. Ruhig aber dreist, couragiert muss bei bekannter Unterlage eingeschnitten werden, vorsichtig, delikat und schichtenweise, wenn unter der Haut Nerven, Arterien und dergl. vermutet werden.
Das Drückon beim Schneiden ist an sich wortlos und schon deswegen verwerflich; auch (las feinste Rasiermesser geht nicht in die Haut ein, wenn es nur auf sie angedrückt wird, es muss vielmehr frezogen werden und erst mit dem Zuge kann dann ein entsprechender Druck verbunden werden, welcher um so kräftiger sein darf, je mehr ihm die Gewehe ausweichen, wie namentlich elastische Gehilde, schlaffe Fasern, seimige Ausbreitungen.
Wo nicht besondere Umstände es hindern, führt man die Schnitte in der Richtung der Ilaare, der Faserung muskulöser Teile, parallel der Längenachse des Gliedes, der Gefässe, Nerven und Sehnen; es ist wertlos, Hautschnitte eher etwas kleiner zu bemessen, sie spannen dann nur mehr und grössere Wunden heilen so gut wie kleinere. Besondere Beachtung muss auch dem Ilautmnskel zu­gewendet werden, der bei den Haustieren unverhültnismässig stark entwickelt ist, die Tierärzte legen daher die ohnedies meist leichtbewegliche Haut mit Verliehe in eine Falte, richten sie empor und schneiden so in Einem kräftigen Zuge mittels des gehallten Messers die doppelte Länge samt dem Hautmuskel durch, welch letzterer in seinen Dickenverhältnissen übrigens sehr variiert. Auch diese Faltenhildung muss bemessen werden, im andern Fall fällt nachher der Schnitt ganz unerwartet gross, klaffend oder schief aus, die Vorteile desselben sind aber unverkennbar, wenn unter der Haut Gebilde liegen, deren Anschneiden unnötig oder gefährlich wäre.
Heim Vordringen des Messers in die Tiefe gehraucht man stets die Vorsicht, das Operationsfeld durch Auseinanderhalten der Wunde mit Hand oder Haken dem Auge möglichst zugänglich zu halten und durch einen Gehilfen das Blut abtupfen zu lassen; je gefährlicher die Umgehung, desto mehr ist es geraten, mit dem Zeigefinger nach Arterien zu fühlen, mit stumpfen Instrumenten lockeres Zellgewebe zu trennen oder die Gewehe nur zipfelweise in der Pinzette durchzutrennen.
ocr page 105
Die Lan/.etto,
87
Die Lanzette.
Die Lanzetten sind ebenfalls bistoill'iartlge .Messer, insofern eine feste Verbintl\mg /wischen Klinge and Schalenheft nicht hergestellt ist, erstere liisst sich vielmehr frei im Kreise herumdrehen und liegt zwischen llornschalen, welche nur am obem Teile vernietet sind.
Die Klinge zeichnet sich dadurch aus, class sic äusserst dünn ist und so ein scharfes Zuscbieifen auf beiden Seiten gestattet; notwendig ist daher, um mit ihr heim Einstechen die nötige Kraft ausühen zu können, die Verstärkung der Stahlpiatte, welche zu diesem Zwecke in der Mitte eine Längsgrllte besitzt: unter derselben ist das Blatt leicht gekerbt, um den Fingern mehr Halt zu geben (Fig. 74).
Die Führung geschieht in der Art, dass man die Klinge an der gekerbten Stelle mit dem etwas flektierten Daumen und Zeigefinger er-fasst, die Schalenhefte in einem rechten Winkel zurückschlägt und /.wischen den Fingern die Spitze nur soweit hervorsehen liisst, als die Tiefe der Incision es verlangt. Es ist leicht erklärlich, dass man mit diesem schwachen Instrument nur dünne Weichteile durchstechen kann, sie eignet sich daher fast nur für weiche, reife Abscesse, zum An­stechen oberflächlicher Venen bei dünner Haut. Impfen u. s. w.; bequem ist die Lanzette aber aus dem Grunde, weil man mit ihr stechen und heim Zurückziehen der Klinge auch schneiden kann.
Die Form der Spitze kamt verschieden gehalten werden und je nach der Art der Konvergenz beider Sclmeideriinder hat man sie in althergebrachter Weise mit dem dicken Gerstenkorn oder mit dem viel schlankeren und spitzigen llaferkorn verglichen, die gerstenkorn-förmige Lanzette wäre somit die breiteste, die haferkornförmige ungleich spitziger und noch mehr in die Länge gestreckt die pyra­midenförmige oder das Lanzenmesser (Fig. 70).
ocr page 106
88
Erste Hauptabteilung! Allgemeine Instrumenteulehre.
Weitere Modifikationen bestellen dann darin, dass man der gersten-komförmigen Lanzette nur auf der einen Seite eine konvexe .Schneide gegeben hat, auf der andern aber eine konkave — gftbelförmige Lanzette (Flg. 74), um beim Aus­ziehen der Klinge besser schlitzen, die Sticköffnung also erweitern zu können; eine noch stärkere Kon­kavität zeigt die geschultert e Lanzette (Fig. 75). Die englische Lanzette (Fig. 77) dient nur zum Aderlassen, es wird daher von ihr später die Rede sein.
Von den Lanzetten macht man gegenwärtig
nur mehr beschränkten Gebrauch, ja sie können
leicht ganz entbehrt werden. Die Klingen verbiegen
sich leicht, werden vorzeitig stumpf und quetschen
beim Durchstechen unvermeidlich, wenn die Haut
nicht in starke Spannung versetzt werden kann;
auch ist die Art der Eröffnung von Abscessen jetzt
eine andere geworden, indem man nicht mehr auf
Fig. 75.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Flg. 76. der Höhe einsticht, sondern mit dem spitzigen
Lanzenmesser, das vermöge der festen Handhabe
und des stärkeren Metalls an der Gräte besser zu handhaben ist, mehr
Kraft ausüben und deshalb unmöglich quetschen kann; man geht am
Fiff. 77.
Grunde ein und (Transfigierung, s
sticht horizontal Abscesse).
bis auf die andere Seite hinüber
Die Scheeren.
Häufig kann das Messer durch die Scheere ersetzt werden und ist die chirurgische Scheere nach denselben Prinzipien konstruiert, wie die gewöhnliche für den Hausgebrauch, nur sind bei jener die Schenkel etwas länger, wodurch die Kraftentwicklung eine grössere wird.
Man teilt die Scheere ein in den schneidenden Teil und in jenen, der zuf Handhabung dient; erstem hestelit aus den beiden Armen oder Schneide-Müttern, von denen das eine gewöhnlich schmäler, mehr oder weniger spitzig ist, um auch stechen und in enge Kanäle eingeführt werden zu können — gerade oder Incisionsscheere (Flg. 78). Den zweiten Teil bildet der Griff mit seinen beiden der Fingerhaltung entsprechend geformten Ringen und den Schenkeln, welche beim Schneiden als Hebel fungieren und daher verschieden lang und stark sein können. In der Mitte Hegt das Gelenk oder Schloss der Scheere, dem eine besondere Sorgfalt zugewendet werden muss, damit die Blätter sich während des Schneidens gleichmässig aneinanderfügen, weder klatten noch das Gewebe umbiegen,
1
ocr page 107
Dilaquo; Scheeren.
89
quetschen oder klemmou (Schränkuns der Sclieere), sobald daher das Gewinde des Schlosses gelockert ist, wird das Instrument unbrauchbar und es ist Im allgemeinen noch schwieriger, eine gute Scheere zu bekommen, als ein gutes Messer.
Für gewöhnlich genügt die gerade Incisionsscheere In Abwechslung mit dem Bistouri, obwohl man, weil nicht immer geradlinige Schnitte zu führen sind, auch nach der Kante (rechts oder links) gebogene Scheeren hat (Fig. 7!)), welche, wenn die Abschwenkung von der ge­raden Linie plötzlich in einem Winkel geschieht, als Knie scheeren (Fig. 83) bezeichnet werden, aber aus dem Grunde allmählich ganz ausser Gebrauch gekommen sind, weil eine scharfe Schränkung technisch
„
Fig. 80.
schwierig herzustellen ist und nach der Seite hin sich wendende Schnitte mit der geraden Scheere sich ebensogut ausführen lassen.
Anders verhält es sich, wenn mit Scheeren der Fläche nach ge­schnitten werden soll, wie z. 15. beim Abscheeren tier Haare oder wo überhaupt mit der Spitze keine Verletzung geschehen soll; zu diesem Behufe hat der englische Chirurg Cooper das Ende der Schneidelaquo; blatter nach aufwärts gebogen (Fig. 80 a, 81), so dass mit konvexer Scheerenflftche geschnitten wird oder sind die (iriffe nach aufwärts ge­bogen, wie bei der Brüsseler Scheere (Haarscheere, Fig. 82).
Das Schneiden mit Scheeren ist für den Chirurgen kein anderes, als für den Schneider; der Daumen spielt dabei die Hauptrolle, denn
ocr page 108
00
Erste Hauptabteilung: Allgemeine Instrumentenlelne.
das von ihm geführte Blatt ist der hauptsächlich schneidende Toil, während ila.s des Mittel- oder Ringfingers mehr unbeweglich steht, und um dabei nicht zu quetschen, muss der Schluss der Scheerenblfttter unter einer kräftigen Abduktlon der am meisten in Thätigkeit stellenden Beugemuskel des Daumens geschehen. ISei vorsichtig auszuführenden Schnitten iibernmimt der gestreckte Zeigefinger an dem ohern Blatte die Führung, während der Ring- und kleine Finger sich aufstützen und wenn die Scheere in der linken Hand geführt werden soll, so muss der Scheerenschluss in entgegengesetzter Richtung, d. h. durch Adduktion
Fllaquo;. 81.
Fig. 83
Filaquo;. 82.
des Daumens vollzogen werden, im andern Fall schneidet die linke Hand ganz schlecht, well die Blätter statt aneinander, eher voneinander ge­drängt werden.
Beim Schneiden mit der Scheere kann es übrigens niemals ganz vermieden werden, dass das Gewebe vor der Trennung etwas zwischen die Blätter eingeklemmt werde, es darf dies jedoch einer scharfen, gut schliessenden Scheere nicht zum Vorwurf gereichen, denn eben durch diese klemmende Aktion spannt sie die Teile vor sich her, um sie in ähnlicher Weise durchzuschneiden, wie dies bei den Messern der Fall ist, bei denen es ganz ohne Druck ebenfalls nicht abgeht, der Unter­schied besteht somit mir darin, dass bei letzteren das Gewehe unter
ocr page 109
Lie Zangen,
91
Spannung mittels der Hände, bei der Sclieere durch Einklemmen fest­gehalten wird, .der Schlusseffekt bleibt aber derselbe.
Hieraus folgt der praktische Wink, dass solche Teile, welche dem Messer ohnedies leicht entweichen und so von ihm gezerrt winden, vor­teilhafter mittels der Sclieere durchgeschnitten werden, wie /.. 15. Lappen und Fetzen der Haut, flottierendc Reste von diiimen, häutigen Gewehs­teilen, Muskelfasern, kleine, wenig pruininierende aber leicht bewegliche, clünnstielige Neubildungen. A.usserdem bietet die Scheere noch den weiteren Vorteil, dass sie immer nur das durchschneiden kann, was zwischen ihre Arme gebracht worden ist, gefährliche Teile daher leichter isoliert werden können und bei Schnitten in der Tiefe die Krümmung der Cooper'scheh Sclieere ein besseres Sehen des zu trennenden Ge­webes gestattet.
Die Zangen.
Die chirurgischen Zangen sind In ähnlicher quot;Weise konstruiert, wie die Scheeren, nur will man mit ihnen nicht schneiden, stechen, sondern fassen, festhalten, zerdrücken und abreissen, wozu man die Finger nicht brauchen kann oder will.
Auch die Zangen sind aus Metall gefertigt und bestellen ans den Blattern, die man jedoch richtigor Arme (Branchen) nennt, den Schenkeln, Qriffen und dem Schloss. Wie hei den Scheeren, so kann auch hier um so grosserlaquo; Kraft ausgeübt werden, je länger die Hebel, d. h. die Schenkel sind, je grosser also die Entfernung der Griffe vom Schloss ist. Ebenso können desto grös-sere Gegenstände gefasst werden, je länger die Branchen gehalten wurden, es erweitert sich dann alier auch um so mehr das Maul der Zange, wozu nicht überall Kaum genug vorhanden ist.
Es gibt verschiedene Arten und Formen von Zangen, je nachdem sie für spezielle Zwecke nach ^obigen Gesichtspunkten zu dienen haben; so hat man Nadel-. Kugelzangen, Zahn-, Schlund-und Luftröhrenzangen, Steinzangen, Kastrier­zangen u. s. w. Von diesen wird im speziellen Teile des Buches näher die Rede sein, hier in­teressieren uns mir folgende, welche in stumpfe und scharfe eingeteilt werden können.
Die Kornzange ist das gewöhnlichste stumpfe Instrument der angegebenen Art. man trifft diese Zange daher auch in allen Verband­etuis an: sie ist unentbehrlich, wenn irgendwo fremde Körper eingedrungen sind, die sich zum Ergreifen mit der Hand nicht eignen. Die scheerenartig sich öffnenden Arme sind ziemlich
stark gebaut, geradlinig, innen flach und auf 5—(i niTn Fänge an der
abgerundeten Spitze gekerbt (Fig. 84).
ocr page 110
i)'2
Erste Hauptabteilung: Allgemeine Insti'umentenlebre.
Die gelöffelte Zange (Fig. 85) unterscheidet sich von der vor­hergehenden Kornzange hauptsächlich dadurch, dass sie schlanker, lang-schenküg gebaut ist und nur kurze Arme a hat, deren Spitzen löffelartig enden, um bestimmte Objekte bequemer und sicherer erfassen, hervor­ziehen oder durch Drehen abreissen zu können.
Die Konkavität des Löffels b ist zu diesen Zwecken an den Seiten­rändern (vorne ringsum) gekerbt und liiiiitig auch durchlöchert, d. h. gefenstert, was die Aufnahme verhiütnisniässig grosser, weicher Gegenstände, wie z. B. von Polypen und anderen Tumoren wesentlich er­leichtert, sie kann aber auch ebensogut zur Entfernung eingedrungener Projektile (Schrote, Kugeln u. s. w.) benützt werden, sie ist deswegen
ocr page 111
Die Zangen.
93
auch unter dem Namen „Polypen- oder Kugelzange11 (Rlngheim) bekannt. Das'Branchenstück amp;, Fig. 86, ist In natürlicher (imsse ge-zeichnet und die Schenkel sind um % länger als die Anne.
Kompressionszange mit Stellhaken. Die von K ob eile und 1' e a n t konstruierte Zange ist an ihren platten, breiten Enden auf der Innen­fläche zackig und gefenstert und bat in der Nähe der Griffe zwei spitzwink-liche Hervorragungen, von denen die rechtsseitige mit einem Stellbaken verseben ist, welcher in die Ziibnelung des linken Hakens (Fig. 86) eingreift.
Diese Einrichtung gestattet einen äusserst festen Verschluss des erfassten Gegenstandes, so dass bei der erheblichen Länge der Schenkel ein bedeutender Druck ausgeübt und so mög­liebste Sicherheit erzielt werden kann, um den oft mühsam er­haschten Teil nicht wieder ent­wischen zu lassen. Diese Kom-pressionszange ist gegenwärtig die beliebteste und dient besonders auch zum Verscbliessen von Arte­rien, um deren Ligatur bei Blut­stillungen überflüssig zu machen.
Die Hakenzangen zeichnen sich von den seither besproche­nen Zangen dadurch aus, dass die beiden Arme in einwärts geboge­nen Spitzen auslaufen, welche entweder einfach oder mehrfach sind, in geschlossenem Zustande sieb decken, die Gewebe mög­lichst wenig verletzen und doch Flg. 80.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;ungemein sicher eingreifen: aus-
serdem erlauben die schlanken Branchen die Einführung auch in die Tiefe, in enge, Kanäle, es haben sich dieselben daher sehr beliebt zu machen gewusst. wenn es sich um Entfernung fremder Körper handelt.
Um das namentlich in der Kriegschirurgie viel benutzte Instrument, Fig. 87, welches auch als Polypenzange bekannt ist und ebenfalls in der Nähe des (iritles einen Stellbaken c besitzt, überallhin zu­gänglich zu machen, ist es äusserst grazil ausgeführt und in seinen Branchen so leicht gehalten, dass es nötigenfalls je nach der Krümmung des Kanals, in das es eindringen soll, mit der Hand gebogen werden kann (Hakenzange von Mliceux), Die einfache Ilakenzange, Flg. 88, ist amerikanischen Ursprungs und stellt die Ziemann'sehe Zange dar, welche sich namentlich in den letzten Feldzügen durch Brauchbar­keit hervorgethan hat.
ocr page 112
94
Erste HauptaLteilung: Allgemeine Instrumeutenlehre.
Die Knochenzangen dienen teils zum Fassen von Knochenstücken
und sind zu diesem Zwecke am Maul entsprechend geformt oder sie sind scheerenartig zum Schneiden eingerichtet; die ersteren linden nur .selten tierärztliche Anwendung oder sind durch andere Zangen, ins­besondere die Kornzangen zu ersetzen und was die Knochenscheere betrifft, so kann auch sie als ziemlich entbehrlich gelten, praktische Bedeutung hat sie eigentlich nur in der Veterinftr-Kriegschirurgle.
Die brauchbarste und zugleich auch stärkste ist die Knochen­scheere von List on (Fig. 89) und können mit ihr auch grössere Knochen-stiicke durchgeschnitten werden, wenn sich dieselben für die weiter unten zu beschreibenden Knochensägen nicht eignen. Die Branchen sind nur kurz, aber massiv im Rücken gearbeitet, die Schneide scharf und etwas konvex auf der untern Fläche gehalten, um mit den Spitzen weniger die Weichteile zu verletzen. Die ähnliche Lü er'sehe Knochenscheere schliesst sich beisszangenartig und sind die beiden Arme nach Art eines scharfen Kohlmeisels gearbeitet, so dass mit ihr mehr gekneift als ge­schnitten wird; das Schloss kann auch excentrisch gelegen sein.
Man nimmt diese Zangen in die volle Hand, drückt sie kräftig zusammen und lässt insbesondere den Spitzenteil einwirken, zu welchem Zwecke nötigenfalls die zweite Hand zu Hilfe kommt.
Der scharfe Löffel.
Eine glückliche Idee war es von Sedillot und von Bruns, die Heilung unreiner, ulceröser Flächen (statt der Natur die Abstossung kranker Gewebe zu überlassen) dadurch zu beschleunigen, dass man sie mit einem löffelartigen, scharfkantigen Instrument ab­schabt oder auskrazt und dann eine rasche Granulation einleitet. Der scharfe Löffel (Fig. 90) ist rund oder oval ge­formt und besitzt einen schneidenden Hand, das Instrument soll jedoch nur klein sein, um auch in enge Kanäle, Fisteln und dergi. eingeführt und nötigenfalls bis zu dem erkrankten Knochen vorgeschoben werden zu können. Man fährt so lange über die Fläche hin, bis die kranken Weichteile abgelöffelt sind, vermeidet aber dabei Gewalt anzuwenden, um gesunde Teile, die sich von kranken durch ihre ungleich festere Konsistenz hinlänglich unterscheiden, nicht zu verletzen, wie dies beim Messer und den Ätzmitteln mehr oder weniger der Fall ist. Wesentlich für die rasche Heilung ist die möglichst saubere Entfernung alles Krankhaften und gilt dies ebenso auch für Knochen, wobei seihst das kranke Mark samt den angefressenen Knochenlamellen ausgekratzt wird und oft nur noch eine dünne Hindenschicht zurückbleibt (Kvidement des os). Das Ver­fahren ist ganz ungefährlich und oft das einzige Mittel, weitere Nekrotisierung ZU verhüten, es kann daher manche Resektion,
ocr page 113
Trokat's,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 95
8011)81 Amputation erspart werden, die so entstandene Kxkavation heilt dann weniger durch die langsame Exfoliation als vielmehr durch Granu­lation, insbesondere wenn die Höhle reichlich mit Jodoform ausgefüllt wird. In dieser Weise geht man bei fungösen, exulcerierenden Kntzün-dungen vor, bei Osteomyelitis granulosa, Caries. Nekrose, Knochen- und Zalmfisteln, durch Schuss zertrümmerte Markknocheu u. s. w. und hat man namentlich die Bemerkung gemacht, dass der scharfe Löffel viel Heiltendenz zurtlcklässt; erste Bedingung ist jedoch das möglichst vollstiludige Auskratzen, sobald daher dieses sich nicht nach Wunsch erreichen lässt, muss das Glüheisen nachhelfen, am besten der Thermokauter. Die Operation geschieht auch bei den Tieren schmerz­los und kann in Ermanglung des Instruments auch ein geschärfter blecherner Löffel verwendet werden.
Trokars.
Um Flüssigkeiten aus der Tiefe der Gewebe oder aus Körper­höhlen nach ausseu zu entleeren, müssen diese angestochen werden, was durch Lanzetten, Spitzmesser nicht immer in ungefährlicher Weise ge­schehen kann man hat daher besondere spiessartige Instrumente hiezu konstruiert, die den angegebenen Zweck sicherer und zugleich bequemer erreichen lassen und Zapfspiesse oder Stachelpfriemen genannt worden sind.
Meist wird die Spitze dieser runden Spiesse durch ;•gt; schräg ab­geschliffene Flächen (Trois-quarts) gebildet und rührt daher der alt­hergebrachte Name Troisquart (1626), welcher später in Troiquart, Troikart, Trokart, Trokar (Acus triquetra) vereinfacht wurde. Das stechende Instrument wird aber auch schneidend hergestellt, indem der Zapfen flach gehalten und so unter der Spitze zweischneidig wird, man hat daher runde und flache Trokars und sind beide unentbehrliche Werkzeuge, welche in keiner tierärztlichen Verbandtasche fehlen.
Das Instrument besteht aus dem Metallstab oder Zapfen, der jetzt gewöhnlich als Stilet bezeichnet wird und in einer Röhre oder C'anide steckt, welche, wenn die Punktion durch das Stilet vollzogen ist, in dem Gewebe zurückbleibt, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen (Acus can-nulata).
Das Stilet ist bei dem runden Trokar ein gleichmdsslg dicker Stalilcylindei-mit dreikantiger S]iit/.e {Fiji. 91), bei dem flachen Trokar auf beiden Seiten zu­sammengedrückt, bikonvex und zweischneidigspitzig (Fig, G2), das hintere Ende beider trägt den verschieden geformten, meist hirnförmijren Handgriff von Ehenliolz.
Die Canüle oder Hülse ist von weissem Blech, vernickelt oder aus Js'en-silber angefertigt und utnschliesst das Stilet röhrenförmig und zwar, was wesent­lich ist, ringsum so genau an die Spitze sich anlegend, damit sie heim Einstechen nicht gegen die Weiohtelle sich anstemmt, der Stachel ist dalier his an den Grund der frei hervorsehenden Spitze um soviel dünner im Metall gehalten, als die Dicke der Hülse beträgt, welche sich federartig dicht anschliessen muss. FrUher hatte man zu diesem Zwecke oben an der Canüle einen feinen Spalt mit
ocr page 114
96
Erste Hauptabteilung: Allgcraeine Instrumentcnlclae.
einer seitlichen Öffnung angebracht (Fig. 91), derselbe hat sich aber als unpraktisch erwiesen, denn sobald die dadurch gesebatfene Federkraft nachlässt, ist das In­strument unbrauchbar; ausserdem hat man jetzt auch nur mehr gloichmässig dick
bis zur Spitze verlaufende Stilets, die Ver­dünnung zur Aufnahme der Canüle daher weggelassen und diese bei ilirem Anschluss an der Spitze stark verdünnt. Das hintere Ende liegt mit einer runden Scheibe (Metallschild) dem Handgriff unmittelbar auf und verhindert das Eingleiten in die Stieböffnung.
Bei den (lachen Trokars gilt dasselbe, alle seitliche Öffnungen, welche den Abfluss der Flüssigkeit oder den Austritt von Gasen beschleunigen sollen, sind auch hier verwerflich.
Das von Matliieu konstruierte „Trokarsystemquot; birgt 4 ineinan­der gesteckte und deswegen sich grudweise verdünnende Trokars, wel­che von einer gemeinschaftlichen Me-tallhüise behufs leichteren Mittragens in der Tasche umschlossen sind. Der kleine Apparat ist sehr handlich, kompendiös, für tierärztliche Zwecke aber ganz entbehrlich.
Der runde Trokar ist als Pro­totyp des Zapfspiesses anzusehen und am häufigsten in Gebrauch, besonders in der Hippiatrik, Seine Länge und Dicke, variiert sehr, je nach der In­dikation. Das Instrument ist auch unter dem Namen des g e r a d e n Trokars bekannt.
Der flache Trokar oder der Fig- 91-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fig- 92.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; zweischneidige wechselt ebenfalls
erheblich in seinen Dimensionen und ist hauptsächlich in der Rindviehpraxis gebräuchlich, denn die drei­kantige Spitze gelit ungleich schwerer durch die dicke Haut der Wieder­käuer als die zweischneidige, dagegen sticht, diese auch eher (iefässc und Nerven an, der flache Trokar ist daher gefährlicher, wenn in die Tiefe vorgegangen werden soll, um jedoch den ersteren Vorteil zu profitieren, stechen Viele mit dem flachen Instrumente nur die Haut durch, was jedoch auch mittels eines Spitzmessers oder einer Fliete ge­schehen kann und dringen dann mit (lern runden Trokar in die Tiefe.
Der gekrümmte Trokar beschreibt eine leichte Kurve und dient zu solchen Punktionen, bei denen von der geraden Linie abgewichen werden muss, wie z. B. bei der Eröffnung des Luftsacks oder wenn die Harnblase vom Mastdarm aus angestochen werden soll. Er geht am
ocr page 115
Trokars.
97
schwersten durch die Haut und gestattet überhaupt am wenigsten eine kraftvolle Führung, dagegen lassen sich mit ihm bequem Drainröhren In buchtige Wunden einführen.
Der Explorativtrokar dient hauptsächlich diagnostischen Zwecken, wie z. 15. zu Probeeinstichen in Geschwülste, Neubildungen, über deren Natur und Inhalt man sich ins Klare setzen will, das Instrument ist daher sehr dünn (1—2 min) gehalten und dreikantig.
Derartige Punktionen haben hftuflg nicht den gewünschten Erfolg, insoferne die engen Kanäle durch Blut, gallertige, zellenreiche Flüssig­keiten, Fibringerinnsel verstopft werden, die gesuchte Flüssigkeit daher nicht abfliessen kann oder sie gar nicht erkannt wird; für solche thera­peutische Einstiche eignet sich besser der Aspirator (S. unten) und wenn es sich darum handelt, kleine Gewebsteile zu mikroskopischen /wecken zu entnehmen, so taugt hiefür am besten der Bruns'sche Explorativ­trokar, der eine kleine Kinne besitzt (Furchennadel).
Filaquo;. 98.
Die Führung des Trokars geschieht in der obenbezeichneten Weise (Fig. !);•!) mit der vollen Hand nach Art eines Tischmessers, wobei jedoch der Zeigefinger auf die Hülse gelegt und nur soweit vorgeschoben wird, als man in das Gewebe einstechen will; ohne diese Markierung würde das Instrument zu tief vordringen, denn der Einstich muss mit Kraft ausgeführt werden, indem die derbe elastische Haut vor der drei­eckigen Spitze zurückweicht, an Stellen daher, wo das Gewebe genau bekannt ist, wie z. B. in der liimgergrube, wird das Instrument durch einen kurzen aber starken Schlag mit der linken Hand auf den Griff in die Haut und die untenliegemlfiji-SwiELeingesenkt.
Audi unter letzteren UmstMraair jiMb^ dwi/nutSfi Trokar an Arterlen vorbei, ohne sie zu verletzen; er setzt^iitv^nur ktiHne ^BHCßse Wunde, die sich selbst scliliesst, während die ÖtVnuu/uyi nveiscliinvidiiicn 'W(Jk^s oerne klafft und dann zu heften ist. Das Einölen laquo;nrerwerffllaquo;) md^m^idert lyrndfe Verldebung, ebenso sind drehende Kinstiehbeve/umfeii xii^cvmeidttijr'denn sja-lialicn stets Quetschung zur Folge. Nach geschehonnm^instidQa gt;^Famp;]^|lStilet xmuckgezogen, die Kanüle aber liegen gelassen, bis da£Sweck onyiö)^ Tst: las Atjjlessen geschieht nach dem bekannten hydrostatisWwii (iesötufV ^iiiKh die Aujmussöffnung der Hülse nicht niederer, sondern etVäilt li öbqivjMi raelran koni^'i/ soll, als die Einfluss-öffnung, im andern Falle wüwle Luft, ijaehti'/fojui \ nd dV-ffen Ahtlnss stören. Not­wendig ist grosse Roinlichlieit.^Ali^'ascIien upet Sek^ irWi tfet' Haut, Einlogen besonders
der Kanüle in antisentisclie
iis^isr iv. Ann.'-
kdltäc - :' /
Iloring's Oigt;erutioii8lehre.
ocr page 116
98
Erste Haupt-Abteilung: Allgemeine Insti-umentenlohrc.
Der Aspirator.
Um ileu schwierigen AMuss von Flüssigkeiten aus tiefer liegenden Geweben, mehrkaminerigen, buchtigen Höhlen, Gelenken, Sehnenscheiden zu erleichtern und zu sichern, (läse ans eingeklemmten Därmen zu entleeren oder um zu erfahren, oh z. 15. in Geschwülsten Flüssigkeiten
Fijj. 04. Aspirftteur von Dieulafoy.
u. dgl. enthalten sind, erweist sich, wie .schon oben erwähnt wurde, der gewöhnliche Trokar häufig nicht ausreichend, man war daher seither auf das Messer oder Haarseil angewiesen. In neuerer Zeit verfährt man in ungefährlicherer Weise in der Art. dass man feine Hohlnadeln in das Gewebe, in die betreffende Höhle steckt, das Verstopfen derselben alier dadurch vermeidet, dass man an sie ein Pumpwerk befestigt, welches die Flüssigkeit mittelst einer Sa ugvorricbtung kräftiger anzieht, d. h. durch Herstellung eines stark luftverdümiten Baumes aspiriert.
ocr page 117
Bei' Aspirator.
99
Von diesem Prinzipe ausgehend, den atanospliftvischen Luftdruck zur Entleerung von Flüssigkeiten und Gasen chirurgiscli zu veiiverten, hat man verschiedene sog. Aspirateure konstruiert. die brauchbarsten sind die von Dieulal'oy und von Potaln. Ersterer*) hat das Instrument schon 1873 angegeben, es steht aber auch das von i'otain in tier­ärztlichem Gebrauch.
Der Stempelstiel in rtom Glasoylinder liat bei A (Flg. 94) eine Kerbe, welche beim HerauszielieD des Ersteron nnten an der Schraube Bei H eingreift, so dass er durch eine kleine Drehung von links nach rechts hier fixiert werden kann. Auf dein Messiugknopf des ohern Deckels sitzen Yförmiff zwei hohle, mit Hahnen verschliesshare Ansätze, in welche je ein (inminischlauch aufgestülpt wird und von denen der rechtsseitige mit einer Hohlnadel versehen und in den betreffenden Teil eingestochen wird. Schliesst man jetzt beide Hähne und zieht den Stempel zurück, so wird alle Luft im Glascylinder ausgezogen, der Stempel geht daher nur unter Anwendung grösseror Kraft zurück und würde alsbald wieder vorschnappen, wenn er nicht hei B (oberhalb des Griffs) in der Kerbe festgehalten würde (Aspirateur ä encoche). Es ist nun leicht begreiflich, dass beim öffnen des rechtsseitigen Hahnens die Flüssigkeit aus dem betreffenden Gewehe oder der Höhle mit Macht via Nadel und Schlauch in den relativ luftleer gemachten Cylinder eingesogen wird, um von hier in den linksseitig eingebrachten Schlauch, nachdem dieser Hahn erst geöffnet und jener rechts geschlossen wurde, ausgespritzt zu werden; zu diesem /wecke dreht man den Griff in umgekehrter Richtung, draquo; h. von rechts nach links, um den Stempelstiel aus der Kerbe bei li zu befreien. Umgekehrt kann auch die Flüssigkeit von aussen links in den Cylinder eingesogen und von hier durch die Nadel in das Gewehe injiziert werden, es kommt also alles auf die richtige Stellung der Hähne au.
Eine Verbesserung dieses Aspirateurs ist in neuerer Zeit dadurch angebracht worden, dass statt der beiden Halme nur ein einziger Halm thätig ist, der aber eine doppelte Durchbohrung hat und beide Röhren reguliert.
Der Apparat, welchem mehrere verschieden dicke Hohlnadeln bei­gegeben sind, arbeitet sehr priizis und durchaus gefahrlos, so dass An­sammlungen auch zäher Flüssigkeiten, gleichviel in welchen Organen (Gelenken, Abszessen, Dann, Blase, Brust- und Bauchhöhle u. s. w.) und gleichviel, wie tief sie liegen, leicht entfernt werden und können auch die Hohlnadeln (Durchmesser von o.ö—2mm) für diagnostische Zwecke überall, selbst in Leber und Milz ohne Zagen eingestochen worden, es ist jedoch darauf aufmerksam zu machen, dass der Nadel-scldaucb nicht zu lang sein darf, damit er durch den äussern. sich stark fühlbar machenden Luftdruck nicht komprimiert werde: ebenso muss der aspiratorischeu Entleerung der betreffenden Höhle durch Druck von aussen mittelst der Hände Vorschub geleistet, bezw. bei Stockungen im Abtluss die Nadel geräumt oder etwas zurückgezogen werden. falls ihre Mündung der llöhlenwaml dicht anliegt.
Der Aspirateur von Dotain beruht auf demselben Prinzipe, nur münden die beiden GummischUluche statt in die Spritze in eine leere Glasflasche, welche durch eine an dem rechtsseitigen Schlauche ange­brachten Spritze zuvor luftleer gemacht ist. Für kleinere Abszesse. Ansammlungen von hydropisciien Flüssigkeiten bei Hunden, (lasan-
Dieulafoy, Traite de l'aspiratlon des liquides morbides. Paris 1881.
ocr page 118
100nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Hauptlt;Abteilung: Allgemeine InstnimentiMilolirc.
häufungen in einem Darme bei Brüchen u. s. w. kann übrigens auch ganz \yo1i1 eine gute Pravaz'sche SiJiitzc verwendet werden.
Üble Zufälle.quot; können dadurcli vorkommen, dass die Entlserang durcli beigemischte geformte Bestandteile, Fibringerinnscl, Gallerttiocken, nekrotisierte Gewebsfetzen illusoriscli gemacht wird, letztere in der Höhle zurückbleiben, Rezidive ' veranlassen, sowie dass, wie bei kräftiger Aspiration, Wutgefasse in der Wandung der Krankheitsherde bersten. Gute Erfolge sind bei Tieren bis jetzt haupt­sächlich hei Wassersuchten, Pleuritis, Gallen, eitriger Syuovitis u. s. \t, erzielt worden, denn nicht allein die Entleerung übler Sekrete ist von grösster Wichtigkeit bei Heilung der genannten Zustände, sondern auch die Ausspiuliug solcher Höhlen durch Injektion antiseptiseber Flüssigkeiten.
Trennung der Gewebe durch Ligatur.
Die Unterbindung, Ligatur, besteht Im Zusammenschnüren und Abbinden von Qewebs- oder Körperteilen, welchen mau durch Zer­quetschen der Gefässe (ecniser) die Nahrung entziehen will, um sie auf unblutigem Wege zu entfernen, d. h. mit SUimpf und Stiel auszurotten (exstirpare).
Sobald die Gefässe der Haut und der unter ihr liegenden pathologischen Gewehsinasse zusammengeschnürt werden, thr ein hosieren sie und sowohl der Zug als Ahtluss von Blut hört mehr oder weniger auf; die nächste Folge ist dann die Entstehung einer mechanischen Entzündung der ganzen Umgebung der Tren­nungslinie, welche sich jedoch bald demarkiert und Gangräneszen/ des betroffenen Gewebes (anämische Nekrose seitens der arteriellen Gefässe, venöse Aufstauung, globulöse Stase der Capillaren, Anhäufung von C02 im stehenden Blute, örtliche Asphyxie des Gewehes und progressive Fäulnis desselben) nach sich zieht. Ein solches Gewebe stosst sich dann durch die nachfolgende Eiterung ab und die jetzt eintretende Granulation führt zu einer regelrechten Vernarbnng der Exstirpations-stclle. Öfters wird jedoch einzig nur der Verschluss von Blutget'ässen beabsichtigt, ein Verfahren, das bei der Blutstillung speziell abgehandelt werden wird und zum Unterschied von dem Abbinden die Unterbindung genannt wird.
Das Ligaturmaterial besteht meistens aus Fäden von Hanf oder Seide, aus gewöhnlichen gewichsten Bindfäden oder Schnüren (Kastrierschnüren) und kommt viel auf die Dicke derselben an; dünne schneiden gerne in unerwünschter Weise ein. schnüren zu frühzeitig ab oder brechen und dicke Schnüre zielten die Nekrutisiennig allzusehr in die Länge, indem sie .sich nicht energisch genug tun die stark wider­standsfähige, elastische Haut anschliessea, je nach der Auswahl der Schnüre dauert daher die Trennung des Gewebes verschieden lang, in der Regel mindestens einige Tage, unter Umstünden auch mehrere Wochen. Ausserdem kann das Operationsmaterial auch aus Metall­schlingen oder elastischen Schnüren bestellen.
Abbinden mit Schnüren. Die Schlinge wird um den betreffenden
Teil dicht angelegt. die beiden Enden möglichst stark angezogen und dann mit den Fingern geknotet; hiezti wählt mau die einfache chirurgische Schlinge oder die sog. Kastrier.schlinge, welch beide aus der Chirurgie bekannt sind und sich dadurch auszeichnen, dass ein Nachlassen der einschnürenden Schlinge so lange verhindert wird, bis der Knoten ge­schürzt ist.
ocr page 119
Trennung der Gewolie durch Lifcatur.
101
Am einfachsten erfolgt dieses Abbinden, wenn der Teil nur geringen Ihnfang liat odor die Geschwulst gestielt ist. um jedoeb das Abfaulen zu beschleunigen und die nur schwach komprimierten Ge­lasse In der 'riefe in wirksamerer Weise zu erreichen, wird nach 1—2 Tagen eine zweite Schlinge in der Art in die Ttimie eingelegt und angezogen, dass die frühere Ligatur nunmehr locker wird. Manchmal ist die Geschwulst schwer mit den Fingern erreichbar, öfter auch gar nicht, man hat daher sog. Scliliugenfiih rer konstruiert, ähnlich wie in der Geburtshilfe, es sind dieselheu jedoch gegenwärtig nicht mehr im Gebrauch und durch den Ekraseur, bezw. die Kettensftge (s. diese) ersetzt worden.
Perkutane Ligatur. Die .Schlingen sind feiner zu wenig wirksam oder gar nicht bei breiter Basis des zu entfernenden Teiles, die auch zum Abgleiten der Schntlre Veranlassung gibt. In solchen Fällen muss entweder die Haut ringsum durchschnitten und die Schnur in das unten­liegende Gewebe eingeschleift werden — subkutanes Durchtrennen, oder man verhindert das Abgleiten dadurch, dass man erst Nadeln durch die Haut der Quere und Länge nach in den Teil einsticht und die Enden vorsehen liisst, unter welche dann die Schnüre zu liegen kommen. Die eigentliche perkutane Unterbindung bestellt indes darin, dass man die Neubildung in zwei Teile teilt und zu diesem Behufe eine doppelte Schnur mittelst einer Nadel mitten durchsticht und dann jede (Jeschwulsthälfte nach rechts und links für sich abbindet; in dieser Weise müssen selch broitbasige Gebilde oft drei- und vierfach ab­geteilt und umschnürt werden (Ligature en masse, künstliche Stielbildung),
Wesentlich bei iill diesen Ausrottungsarten ist os, den abzutrennenden Teil durch Haken oder Zangen stark von der Unterlage abzuziehen, am ihn so voll-stämlift als möftlicli unterfangen und ekrasieren xu können; nach kürzerer oder lamp;ngerer Zeit ist dann die Geschwulst in ihrem Innern je nach dem Vorschreiten der Thrombosierung abgestorben, so dass sie schliessiicli brevi manu vollends durchgeschnitten werden kann: immerhin dauert dieser Mortilikationsprozess lange Zeit und eben dieser Umstand, sowie die Jaucluuijx und der üble Geruch sind die Schattenseiten des Operationsverfahrens.
Elastische Ligatur. Die oben angegebenen Abbindungsmethoden
leiden an dem l'belstinide. dass die Ligaturen von Zeit zu Zeit neu angelegt und fester angezogen werden müssen, wodurch nicht allein viel Schmerzen bereitet werden, sondern auch unveiiiältnismässig viel Zeit beansprucht wird, man war du her von jeher bemüht, ein anderes Unter-biuduugsmaterial aufzufinden. Dies ist mm seit der Zeit gelungen, als
man verstanden machen, als blos wird daher jetzt
hat. von dem Kautschuk auch andern Gebrauch zu in der Form des Gummi elasticum zum Radieren-, es vielfach statt der HanfschnUre reiner Kautschuk in
Form von entsprechend starken Röhren oder soliden Sclinüren. sog. Gummipfriemen, wie sie allgemein im Handel sind, in Anwendung gezogen, Die elastischen Schnüre werden in derselben Weise umgebunden, jedoch in stark ausgedehntem Zustande und dann geknotet; die Ligatur zieht sich jetzt fortwährend zusammen, wirkt also nach und schneidet ihren Weg durch das Gewebe so lanffe, als ihre nrosse Elastizität vor-
ocr page 120
102
Erste Haupt-Abteilung: Allgemoine Instrumenlcnlelne.
hält. Hledurch wird die Trennung mit all ilnen Folgen wesentlich ver­einfacht und zugleich abgekürzt, das Verfahren hat sich daher besonders hei blutreichen Geschwülsten (und messerscheuen Tierärzten) beliebt gemacht und findet selbst bei der Exstirpation von festen Stollheuteln, bei der Kastration der Böcke U. S. w. Anwendung, denn es ist auch gefahrlos und kann mit ihm die antiseptische Methode leicht verbunden werden: immerhin freilich ist das Messer noch einfacher, es wird daher bei dem jetzt hölier ausgebildeten (iefässuntcrbindungsverfaliren im Ganzen nicht mehr so häufig durch Ligaturen getrennt, als dies noch vor kurzer Zeit der Fall war.
Ecraseur. Statt der Schnüre gebrauchen Manche auch gut ausgeglühte Metalldrähte (aus Eisen, Messing , Kupfer. Klaviersalten), welche sich zwar weniger gut knoten lassen, aber sehr energisch einschneiden und so das Verfahren ab­kürzen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sie sich indes nicht, insoferne gerade die letztere Eigen­schaft zu wenig Bürgschaft für vollständigen Ver-schluss der ISlutgeiasse bietet und somit leicht Blutungen eintreten.
Letzterer ('beistand lässt sich wesentlich dadurch korrigieren, dass die Schlingen aus dickerem Metall hergestellt werden, welches trotz­dem sich leicht biegen lässt, wenn nur kleine, kettenartige Glieder aneinander gefügt werden, die am innern Hand stumpf zngeschliffen sind, so dass die Trennung des Gewebes durch reines A.bqiietschen (Ecrasement) erfolgt, was erfah-ruiigsgemäss mit keiner Blutung verbunden ist; hledurch wird alter die Operation ganz bedeutend abgekürzt. denn was die obigen Ligaturen erst. in mehreren Tagen oder quot;Wochen zuwege bringen, geschieht hier fast in ebenso vielen Minuten oder Viertelstunden, das Ecrasement geschieht daher ununterbrochen, ex tempore.
Für diese Ligature extemporanee hat Chas-saignac 1855 ein besonderes Instrument ange­geben, welches, vom Instrumentenmacher Mathleu in Paris verfertigt, jetzt unter dem Namen ,. Kcrn-seurquot; vielfach im Gebrauch steht und sich auch bei den Tierärzten beliebt zu machen wusste.
DioKps Qiipisclnvork/.pug bestellt in einer gegliederten, Btfthlernen, stumpf-randlgen Kette, welche an eine runde StahlstfUlge SChleifenförmlg liefcstij't ist; letztere ist in einer langen Metallliülse untergebracht mul besitzt am untern Ende ein Schraubengewinde mit Flügclscbraube, welche, in Bewegung gesetzt, die Stange und damit auch die Kette in die Hülse zurückzieht und so die Schiinga gradatim verkürzt, die in dieselbe gebrachte Gescbwnlst also allmillig samt der Haut un­blutig durebquetsebt (Kcrasement circulaire).
ocr page 121
Trennung der Gewebe durch Ligatur.
108
Es gibt verschiedene Systeme von Ecraseurs, sie beruhen jedoch nlle auf dem­selben Prinzip, d. h, der allmftlig fortschrei­tenden Verkürzung der Kettenschlinge; sie gestatten alle eine bedeutende Kraftentwlck-lung, so dass auch relativ feste, fibröse Gewebe keinen quot;Widerstand leisten können, vielmehr hörbar brechen, nur darf die Ver­kürzung nainentlich gegen das Ende der Operation, wenn die Haupternährungsgefässe in der Tiefe an die Reihe kommen, nur langsam erfolgen, weil sonst die ruckweise und gleichsam schabende Kettemvirkung mehr eine schneidende, als quetschende würde und so der die Arterien komprimierende, hämostatische Effekt verloren ginge, je ge-fässreicher und weicher daher der zu ecra-slerende Teil ist. desto ruhiger und unter öfterem Aussetzen muss vorgegangen wer­den. Die Operation dehnt sich dabei auf wenige Minuten, oft aber auch auf l/i — Vj Stunde und länger aus, die Tiere werden daher häutig wegen der damit verbundenen (offen­bar heftigen) Schmerzen sehr beunruhigt. Der senkrecht auf die Hülse (nach links) stehende Hebel des Ecraseurs (Fig. 95) dient als Handhabe, Ein kräftiges Abheben der Geschwulst von ihrer Unterlage ist sehr zu empfehlen.
Am zweckmässigsten jässt sich der Ecra-seur für Neoplasinen aller Art. für schwer zugängliche Polypen der verschiedenen Schleimhautkanäle verwenden, sowie für Kröpfe, entartete Samenstränge, zur Ab­tragung des l'enis, der Clitoris (Amputation seche) u. s.w.; bei mehr massigen Teilen ist das vorherige Durchschneiden wenigstens der Haut sehr anzuraten, um den Trennungs-prozess sowohl, als die Schmerzen abzu­kürzen, ebenso können Blutungen nicht Immer ganz vermieden werden. wenn es sieh um grössere, d. ii. schon mittelgrosse Arterien handelt. Aus diesem Grunde hat sich das Kastrieren männlicher Tiere durch den Quetscher nicht bewährt, desto besser aber die Entfernung der Ovarien, auch liisst der Helltrieb der Quetschwunden merk-
Fig. 9G.
ocr page 122
104
Erste Haupt-Abteilung: Allgemeine Instrumentenlehre.
würdlgerwelse in der Regel nichts zu wünschen übrig, Dasselbe gilt von dein Konstrikteur Maisoneuve's und dem DrahtseU'Ecraseur l'ean's.
Das Instrument wälirend der Operation öfters 1—2 Minuten lang pausieren zu lassen, ist aus dem Grunde nötig, um den beiden zerrissenen Arterienhäuten Zeit zu lassen, sich gehörig umstülpen, zurückziehen und so das Luinen verstopfen zu können, Chassaignac selbst sagt daher gewiss mit Hecht, die meisten dabei vorkommenden Hämorrhagien seien auf Rechnung ungeduldiger Operateure zu schreiben, auch wird das Ecrasement dadurch nicht unerhcblicli erleichtert, wenn die Kette, von der mehrere und verschieden starke zur Verfügung stehen nnissen, zuvor eingeölt wird; hei Überwindung einer grösseren Masse kann diese erst in 2—3 Portionen geteilt werden, um sie dann je in eine besondere Kettenscblinge zu fassen.
Der Preis des jetzt solider konstruierten und neuerdings von Dogive für tierärztliche Zwecke verbesserten Instrumentes ist nur mehr ein massiger und sind seihst grosse (mit 2-3 Ketten) gegenwärtig schon um 30 Mark zu bekommen.
Trennung durch Sägen.
Hiebei kommen nur knöcherne Teile in Betracht, welche auf andere Weise kaum oder nur schwer in ihrer Kontinuität zu trennen sind, nachdem jedoch in der Veterinär-Chirurgie nur selten Knochenresektionen und Amputationen der Gliedmassen vor­kommen, su spielt auch die Knochensäge, geburtshilfliche Operationen ausgenommen, keine hervorragende Holle oder liisst sie sich unter Umständen durch einen gewöhnlichen Fuchsschwanz, wie ihn die Holzarbeiter benützen, ersetzen. Nur jugendliche Knochen lassen sich durch das Knochen-messer oder die Knocheuscheere (Seite 94) schneiden und ist dann stets die Nähe der Epiphysen vorzuziehen.
Von einer guten Knochensäge verlangt man, dass die gleichschenkligen oder rechtwinklige Dreiecke bildenden /ahne nicht zu lang oder schmal und deswegen schwach sind, die besten Sägen sind daher jene, welche kurze aber breite Zähne haben und die gleichmässig hoch auf der ganzen Schneidelinie steben, d. h. nicht über 3 und nicht unter 1 mm.
Die Stichsäge; bei der gewöhnlichen Stichsäge, welche die einfachste von allen ist und auch an die Stelle aller Bogensiigen treten kann, stehen die Zähne in doppelter Reihe (Kig. 91b) und ist das Blatt so schmal, dass man bequem selbst in engere Kanäle eingehen kann. Die Sägen wirken hauptsächlich durch Zug und nur mit geringem Druck, es findet daher auch nicht, wie hei den Weichgeoilden ein Auseinanderdrängen der zu trennenden Teilchen statt, es müssen jedoch die Zähne etwas breiter sein, als die Dicke des Wattes, um das Hin- und Herreiben des letzteren an der Furche oder gar ein Kinkleinmen der Säge zu verhindern: zu diesem Zwecke werden die Zahnspitzou leicht nach rechts und links auswärts ge­bogen, was man das „Schränkenquot; der Säge nennt.
Man fasst die Sägen wie ein Tischmesser, legt den Zeigefinger auf den Blattrücken und siifjt in kurzen gerad­linigen Zügen den Knochen kräftig durch, nachdem er von seinen Weichteilen und dem I'eriost entblösst worden ist.
ocr page 123
Trennung durch Sägen, Die Spritzen.
105
Die scharfkantigen, spitzigen Ziilnu' werden dabei in der Knochensubstanz hin und heiquot; gezogen und reissen oder schaben vielmehr fortwährend kleine Knochenpartikelchen ab, wodurch ein Substanzverlust in Form einer Furche entstellt.
Die Kettensäge (Fig. 08) ist jetzt wesentlich verbessert und daher ein sehr brauchbares und bequemes, allerdings seltener notwendiges Instrument. Sie lässt sich hei der grossen Beweglichkeit und der schmalen Kette Überall leicht anbringen und durchführen, wo für andere Sögen es an Raum gebricht. Ihre Kette setzt sich aus vielen kleinen, beweglich unter einander verbundenen Gliedern zusammen, welche aus dünnen und doch starken Stahlplatten bestehen und am untern Rande fein und dicht gezfthnelt sind.
XTSfc;
Flg. 08.
Sie dient ausser in der Geburtshilfe hauptsächlich zur Abtragung überzähliger Knochen, Entfernung gestielter und anderer Osteome, zu manchen Zahnoperationen, Amputation ganzer Gliedmassen oder einzelner Teile, Resektion einer Klaue, bei kariöser Zerstörung von Gelenken, Entfernung des Sornzapfens u. s. w.
Die Kreissägen gehören nicht hieher und werden bei der Tre­panation ihre besondere Besprechung finden.
Die Spritzen.
Chirurgischen Zwecken dienen verschiedene Spritzen, vor allem aber beabsichtigt man mit ihnen die Reinigung von Wlindflächen und Kanälen, um sie von Blut, Kiter, Jauche, Fremdkörpern u. s. w. frei zu halten.
Dieses Säubern geschieht auch durch Werg, Baumwolle, Schwämme, indem diese jene Stoffe an sich ziehen und SO entfernen, der unmittel­bare Kontakt aber, sowie das Abtupfen selbst veranlasst eine nicht beabsichtigte mechanische Heizung, welche dadurch aufgehoben oder
ocr page 124
106nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Erste Haupt-Abteilung: Allgemeine lustrumeutenlelue.
vernündert weiden kann, wenn nui' die reinigende Flüssigkeit für sich allein mit der Wunde in Berührung kommt.
Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, 1st man In der Chirurgie mehr und mehr auf das Be rie sellings system, die Irrigation gekommen und kann letztere entweder durch die Irrigatoren seihst oder durch besondere Spritzen ausgeführt werden, welch beide zugleich auch bis in die engsten Kanäle reichen, es handelt sich daher hier nur um solche Spritzen, welche der Wundbehandlung dienen, die Spritzen zu andern (hypodenuatischen, parenehymatösen u. s. w.) /wecken werden an ge­eignetem Orte abgehandelt werden.
Wundspritzen. Sie bestehen meistens aus Zinn, jedoch wird auch Bein, (llas verwendet, sowie Messing, Neusilber. Nickelkupfer, Maillechort und gegenwärtig vielfach auch das Hartgummi, welches leicht, dauerhaft, billig und ausserordentlich glatt ist, somit die sorgfältigste Reinigung gestattet und ausserdem selbst ätzenden Flüssigkeiten wider­steht; dasselbe ist mit (llas der Fall, das aber viel zu zerbrechlich ist. Wird dagegen der (dasevlinder an Schraube und Ansatz mit Hartgummi beschlagen (armiert), so hat man allen aussein Anforderungen einer guten Wundspritze Genüge geleistet.
Zusammciigpsct/t siml die Spritzen aus dem Cylinder (Schaft), dem Stempel und Ansatzrohr, Der Cylinder ist an beiden Enden mittelst Deckel geschlossen; auf dem vordem (nicht abnehmbaren) wird das Ansatzrohr befestigt, der hintere Decked ist verscliranhliar und lässt den Stempel durchtreten, welcher vorne den gut schliessenden Kolhen trägt: die Kolbenstange endet ausserhalh des hintern beckeis mit dem ring- oder knopfförmigen Griff. Besondere Sorgfalt muss dem Kolben des Stempels gewidmet werden, welcher sich, um den Cylinder luftdicht /u schliessen, möglichst innig der Innern Wand anschmiegen muss, er besteht daher aus gut elastischem Kork oder wird durch Umwickeln von Werg, Jute, Baumwolle oder Fäden, die etwas mit Oel, Fett oder Seife, am besten mit einem Sublimat-sälhchen leicht bestrichen werden, hergestellt,
Die heutigen Spritzen sind jetzt dahin verbessert worden, dass am Kolben y.wei Platten angebracht sind, zwischen denen eine aufquellende Substanz, meist Tuch, Filz, Leder, weicher Kautschuk, fest eingepresst wird. Ein guter Kolhen inuss so dicht seldiessen, dass der Stempel der leeren Spritze heim Herausziehen von selbst etwas zurückweicht, wenn die Mündung des Ansatzrohres mittelst des Fingers zugehalten worden ist; hei längerem Nichtgebrauch trocknet übrigens der Quellkörper ein und gebt dadurch die Sangkraft der Spritze verloren; um daher diesen Uhelstand zu beseitigen, umgibt man jetzt die Ansspritzöü'nung mit einer sclirauhharen Hülse, welche die Verdunstung der kleinen Menge zurückgelassener antiseptischer Flüssigkeit verhindert.
Das Ansatzrobr des Vorderdeckels hat verschiedene Form: meist läuft es konisch zu, verdünnt sich rasch und schwillt an dein geradlinigen oder ge­krümmten Ende zu einem (oft mehrfach durchlöcherten) Knöpfchen an, um nicht verletzen zu können. Bei den Tieren ist letzteres ausserdem auch aus dem Grunde leicht möglich, weil plötzliche Bewegungen nicht wohl hintangehalten werden können, es empfiehlt sich daher die Vorsicht zu gebrauchen, die andere Hand auf den be­treffenden Teil aufzustützen, somit nur mit, einer Hand zu irrigleren; aus diesem Grund hat der hintere Deckel zwei Ringe für den Zeige- und Mittelfinger, während der Daumen im Gritt'e steckt. Grössere Spritzen lassen sich schlecht dirigieren, die Wundsprilzen fassen daher im Maximum nicht mehr als 300—400 Gramm Flüssigkeit. Die Füllung geschieht mittelst Kinsangnng, die Entleerung durch gleichmässig langsames Vorschieben des Stempels, um durch sachtes Über­rieseln keine unnötige Wundreizung zu veranlassen.
ocr page 125
Die Spritzon. Irrigation. WunddonollOlaquo;nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 107
Ballonspritzen werden ebenfalls hie und da gebraucht und 1st lüer dor Cylinder durch eine Schweinsblase oder einen Kautschukbeute] von kugel- oder birnförioiger Gestalt ersetzt, der mit der vollen Hund nur ausgepresst zu werden braucht, während das Einsaugen dadurch geschieht, dass mau das Ansatzrohr des zusammengedrückten Ballons in die Flüssigkeit taucht und dann mit dem Druck nachlftsst.
Es sind verschiedene grosse und geformte Ballonspritzen im Handel und dienen sie sowohl in der Wundbehandlung, wie zum Ausspritzen der Augen, Ohren, als Klystierspritze u. s. w.; beliebt sind sie nicht trotz ihrer Einfachheit und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Kautschukhirne bald lahm wird.
Saugdruck-Spritzen sind jene Cylinderspritzen, welche zwei Gummischläuche führen, von denen der eine beim Zurückziehen des Stempels das auszuspritzende Wasser seihst und SO lange einzieht, als die Ausgussöffnung verschlossen bleibt, während durch den anderen Schlauch ausgespritzt wird, der Klappenapparat öffnet und schliesst daher entsprechend, je nachdem man Flüssigkeit holen oder abgeben will. Diese Spritzen sind sehr bequem, jedoch teuer, weil aus Metall solid gearbeitet; wünscht man statt, des Wasserstrahles einen liegen (Douche), so wird dies durch ein siebartig durchlöchertes Mundstück leicht ermöglicht.
Alle Spritzen machen eine sorgfältige Reinigung absolut erforderlich, ebenso eine zeitweise radikale Desinfektion, welche am sicheisten durch Einlegen der Glas- und Metallspritzen in Wasser erfolgt, das langsam
zum Kochen und nachher ebenso huiffsam zur Abkühlumr
öv
bracht wird.
Irrigation. Wimddouche.
Derselbe /weck wie durch die Spritzen wird noch einfacher dadurch erreicht, dass man ein blechernes Gefäss, an dessen Boden eine Öffnung mit röhrenförmigem Ansatz angebracht ist und über welchen mau ein Gummirohr anstülpt, das am andern Ende ein Mundstück mit feiner AusgUSSÖffimng besitzt, mit Wasser füllt und so die Wunde überrieselt. Dieser einfache Apparat ist unter dem Namen
Irrigateur, Irrigator bekannt und dadurch ausgezeichnet, dass die Flüssigkeit aus dein QefäSSe dureb ihre eigene Schwere aus­strömt ; gegenüber der Spritze wird mit dem Instrument der grosse Vorteil erreicht, dass man die abspülende Wirkung des Wasserstrahls je nach dem Tiefer- oder Höherhalten des (iefässes besser in seiner Gewalt hat und die Manipulation überhaupt einfacher ist, die Wund­spritzen sind daher durch die Irrigatoren beinahe entbehrlich und wohl auch mit Hecht nahezu verdrängt worden.
Dor olicn beschriebene Irrigateur, wie er von Esmaroh angegeben wonlcn, tinil auch zum Klysticren für Menstill und Tier benutzt wird, ist einer der ein-faelisten und jetzt fast überall im Gebrauch; er wird entweder von einem Gehilfen in der gewQnstihten Höhe geheilten oder auf einen erhöhten Gegenstand gestellt, um jenen ZU ersparen. Der Strahl kann im letzteren Falb? dadurch ehenfalls reguliert werden, dass man den hinivichend langen Gummischlaucli mehr oder
ocr page 126
108
Erste Hauptabteilung i Allgemeine Instrumenteulehre.
weniger krümmt, mit den Fingern zudrllokt oder mittels eines Hahnes ent-sprechend schliesst. In Ermanglung des Apparates kann man sich in der Land­praxis den Irrigator dadurch sofort improvisieren, dass durch einen gewöhnlichen irdenen Milchtopf am lioden ein kleines rundes Loch geschlagen wird; aus der nur 1—2mm weit gemachten Öffnung strömt die Flüssigkeit von seihst aus, welche entweder nur aus Wasser odor einer antiseptischen Lösung (Carholsäure, Salicyl-säure, Sublimat, üliormangansaures Kalium) besteht.
Der ausfliessencle feine Wasserstrahl dient einesteils zum Reinigen von Wunden, Geschwüren samt ihrer Umgebung und zum Einlaufen­lassen in Fistelgftnge, andernteils \Yill man damit zugleich auch die Wundfläche selbst abspülen, um sie von anhaftendem Blut, Kiter, Jauche, fremden Körpern, abgestorbenen (iewebsresten u. s. w. zu befreien. Diese Irrigation muss mit sachverständiger Hand ausgeführt werden, im andern Falle wird mehr geschadet, als genützt.
Insbesondere hat die Erfahrung bei der Ä.ntlseptik gelehrt, dass die Überrieselungen nur dann von Wert sind, wenn sie sich auf das Not wendigste beschränken und so sauft als möglich ge­schehen; dringt die Flüssigkeit in das Granulationsgewebe ein, wie bei öfterem Abspülen nicht anders möglich, so wird die Heilung ver­zögert, jenes Gewebe gerötet und geschwellt. Nur lockere Gerinnsel und der (sich bald zersetzende) Kiter brauchen weggespült zu werden, am wenigsten die dünne Decke des leicht infiltrierten, geronnenen Blutes, denn das aseptisch gehaltene (irannlationsgewebe dringt in diese ein und zwingt sie zur Resorption.
Eine aseptische Wundfläche erkennt man daran, dass auf der Wunde schon nach einigen Tagen sich lichtrosarote Fleischwärzchen entwickeln, welche mehr und meiir ein zusammenhängendes Stratum bilden, das von einer Plasmaschlcht bedeckt ist, welche nur spärliche emigrierte weisselllntzellen (Kiterkörperchen) enthalten und daher durch­scheinend sein soll, jede zellenreichere Sekretion darf nicht aufkommen oder muss ihr spontaner Abtiuss verschafft werden.
Nachdem die Sekretion bei jeder Wunde eine verschieden starke ist, kann auch nicht strikte angegeben werden, in welcher Zeit die Irrigation wiederholt werden muss, die betreifende Wimdfläche selbst gibt vielmehr die nötigen Anhaltspunkte. Wird nämlich die Plasmaschicht undurchsichtig oder gar gelblich, zeigen die Granulationen eine Miss­farbe, d. ii. stechen sie ins Graue oder Gelbe oder treten kleine (kapillare) lläinorrhagien auf. so hat man das beste Zeichen, dass nunmehr der aseptische Wundverlauf aufgehört und die Antiseptik von neuem zu beginnen hat.
Besonders ZU beachten sind dabei ferner alle Vertiefungen und Ausbuchtungen, welche dem AVundsekret heimlichen Aufenthalt gestatten und deswegen von dem Irrigationsstrome nicht getroffen werden, es muss somit auch mit dem Messer in der Hand reguliert und nachgeholfen werden, um keinerlei Sekretaufstauungen aufkommen zu lassen.
Der Handspray. Obwohl die besprochene Irrigation fast durch­weg in der Chirurgie ausreicht, benützen doch viele Tierärzte auch die Methode der Zerstäubung desinfizierender Flüssigkeiten, wodurch diese
ocr page 127
Irrigation. Wunddouoho.
109
In Form eines feinen Nebels, des sog. Spray's über die Wund­fläche sowohl, als die Hände des Operateurs, seine Instrumente und die umgebende Luft verbreitet werden.
Absolut notwendig ist ein solcher Spray allerdings nicht, doch vermag er vortreffliche Dienste zu leisten, wo es sich um frische Operationswunden, Aufrechthaltung der Asepsis und Erzi'elung einer Heilung auf erstem Wege handelt, seine Anwendung hat daher wenig Sinn, wo schon Eiterung und ihre Konsequenzen eingetreten sind, es reicht vielmehr hier die gewöhnliche Antlseptik völlig aus. Auch eine Vernichtung der pathogeneu Mikro-Organismen, wie sie überall in der atmosphärischen Luft enthalten sind (aber auch von innen her In die Wunden eindringen), erzielt man mit dem Spray nicht, denn hie/u gehört
Fig. 99.
nach den neueren Koch quot;sehen Untersuchungen eine viel längere Ein­wirkung und viel höhere Konzentration der betreffenden Lösungen: ausser-dem wird dadurch, dass die zerstäubte Flüssigkeit, sich in grossen Mengen thauförmig niederschlägt, die Wunde überschwemmt, während man bei der gegenwärtigen Behandlung Im Gegenteil eine gewisse Konsoli­dation der Wundfläche durch Trockenhaltung bei leichtem Druck anstrebt und dadurch die grösstmögliche Beschleunigung der Wundheilung erzielen kann.
Obenstehende Abbildung (Fig. 99) stellt den jetzt gebräuchlichsten und auch bewährten Spray-Apparat von 1! ichardson dar. der aus einer (ilastlasche mit antiseptischer Lösung und dem luftzuführenden Kautschukgebläse besteht.
Die Hand di'flckt alwechslnngsvelse den ersten ovalen, hinten offenen Kautschukballon des Qummlschlauchs zusammen und treibt so fortwährend Luft in die oberste, aus der Flasclio aufwilrtssteigeiulc Glasröhre, In welcher die Luft dann zum Teil nach oben, zum Teil aliwärts in die Flasche dringt und hier auf das Miveau der Flüssigkeit derart driiekt, dass diese durch die zweite (ein-
ocr page 128
no
Erste Hauptabteilung: Allgemeine Instrntnentenlelire.
getauchte) Bohre iraquo; lt;lio Hoho getrieben wird; die oben aus der Mündung hinausraquo; gedrängte Lösung wird nun von dem aufwärts getriebenen Teil der eingepumpten und an der Spil/e vorbeiströmenden Luft energisch gefasst und zu einem feinen Nebel zerstäubt (kalte Pulverisation des Wassers zum Unterscliied von der Zer­stäubung dureb beissen Dampf).
Der zweite runde liallon am Schlauch dient nur als Luftreservoir, um den Strahl gleicbmässig, kontinuierlich zu erhalten; dieser Windkessel muss jedoch (mit guten, am besten seideneu Bindfäden) netzartig umflochten sein, um keine excessive Ausdehnung und Berstung aufkommen zu lassen.
Drainage der Wunden.
Wie man in der Landwirtschaft feuchte Böden dadurch entwässert
und trocken legt, dass man ilem Boden- oder Tagwasser Gelegenheit
gibt, in die Öffnungen eingegrabener Thonröhren (Drainageröhren) cin-
zudringen und kontinuierlich abzulaufen, so hat Chassaignac 1851 eine
ähnliche Kanalisation in die Chirurgie eingeführt,
Ä quot;\ „nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;^s indem er hie/.u durchlöcherte Röhrchen aus Kautschuk
Inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; /w verwendete — Wund-Drainage.
Jnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; fffnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Die Löcher sind spiralförmig um die Röhren
(Drains) angebracht und gestatten so. wie ans Fig, 100 hervorgeht, ein allseitiges Eintreten von quot;Wundsekreten, damit jedoch die verschieden weiten Röhren nicht erweichen oder in der Wunde, dem Fistelkanale u, s. w. zusammengedrückt werden, sind sie aus etwas erhärtetem (vulkanisiertem) Kautschuk hergestellt. Röhren von andrem Material, (Has. Metall oder Markknochen von Vögeln, die. um resor­biert werden zu können, zuvor dekalciniert werden, sind entbehrlich, ja bei Tieren wertlos.
Man macht in der Tierheilkunde nur beschränk­ten Gebrauch von den (in starken Karbollösungen aufbewahrten) Drains und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil die meisten quot;Wunden, wenn möglich, orten behandelt werden, dem Abfluss des Eiters daher weniger Hilldernisse im Wege stehen oder diese letz­teren mittelst des Messers auf einfachere quot;Weise hinweggeräumt werden. je nach den hydrostatischen Verhältnissen der Wunde jedoch oder WO man es mit llöhlenwunden. Ausbuchtungen und andern Tief lagen zu tliun hat, beziehungsweise die Incision wegen der Qefässe und Nerven gefährlich ist und nicht gewagt werden will, reichliche Eiterung vorliegt, kann statt der früheren Haarseile u. dergl. das Einlegen von Röhren entschieden vorteilhaft sein.
Um den Abfluss zu erleichtern, schneidet man die Drains an den Enden erst schief ab (Fig. 100 ff) und sucht ihnen dann mittelst einer Sonde, eines Trokars u. dergl. Hahn in die Wunde zu brechen, worauf sie ruhig liegen bleiben, vorausgesetzt dass sie in ihrer Lage durch Nadeln, Hefte u. s. w. gesichert wurden. Die Reinigung geschieht,
ocr page 129
Voiliaiullclire. (Desmologie).
Ill
so oft es der Spe/.iall'all erfordert, sie können sieli jedoch wochenlang
aseptisch erhalten und gestatten ausserdem eine
regelnlässige Dwch-
rieselung bis an ihr innerstes Ende.
Ausser den Kautsclinkröiiren können auch andere Stoffe verwendet werden, weiche den Abtinss reichlicher Sekrete begünstigen; zu diesen gehört insbesondere ein Büschel fjut desinfizierter Rosshaare, deren Epithel nicht dachziegelförmig, sondern glatt ist, wodurch ihnen eine gi'osse Kapillarattraktion zukommt; mit der fortschreitenden Wundheilung werden sukzessive so lange einzelne Haare herausgenommen, his kein Ahtriiufeln mehr erfolgt.
Verbandlehre. (Desmologie.)
Von jeher war man bestrebt. Verletzungen und Wunden aller Art ZU umhüllen und ist der leitende Gedanke der gewesen, unmittelbar Stoffe aufzulegen, von welchen man eine heilsame Wirkung voraussetzte: diese Stoffe mussten dann auf der betreffenden Stelle durch einen Ver­band befestigt werden, der zugleich auch jene vor iiussereii schädlichen Einflüssen (Luft. Staub. Miasmen, Bakterien, fremden Körpern u. s. w.) schützt.
Diese Indikationen, zu denen noch Sicherung der Lage und Stellung des verwundeten Teiles kommt, sind bei der heutigen, wenn auch wesentlich veränderten Wundbehandlung doch dieselben geblieben, nur ist man gegenwärtig über die Natur dieser schädlichen Einflüsse besser aufgeklärt und so ist die Lehre von dem Verbinden der Wunden auch eine andere, rationellere geworden.
Die hauptsächlichsten Störenfriede der Wundheilung sind, wie man jetzt weiss. in jenen Bakterien zu suchen, wie sie überall in der Luft, im Wasser, an festen Gegenständen haften und daher notwendig in jede offene Wunde gelangen müssen, um hier Zersetzungsprozesse zu veranlassen, welche der Heilung nicht unbedeutende Hindernisse in den Weg legen. Dies geschieht um so sicherer, je jünger das Ent-wicklungsstadium dieser ubiquitären Mikroorganismen ist. zum Glück aber dauert dieses nicht lange, denn bald verlieren die Eindringlinge ihre schädlichen Eigenschaften von selbst, indem sielaquo; jenes chemische Gift nicht mehr zu erzeugen vermögen, dessen Resorption selbst tötlich auf den Tierkörper einwirken kann.
Durch diese Erkenntnis 1st die heutige Wundbehandlung insoferne wesentlich beeintiusst worden, als sie mit dem Verbände jetzt haupt­sächlich Schädlichkeiten vegetabilischer Alt abhalten oder, weil dieses nur unvollständlicii möglich und letztere sogar auch vom Innern des Körpers in die Wunde gelangen, sie wenigstens möglichst unschädlich, beziehungsweise wenn solche Einflüsse schon eingewirkt haben, wieder rückgängig machen will.
#9632;
ocr page 130
112nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Kiste Haupt-Abteilung: Vorbaiullchro. Desmologic.
Offenbar sind es verschiedene Formen von Hakterien, welche hier in Betracbt kommen, immer aber haben sie eine chemische Umwandlung der Wiindfliissigkeit in der Art zur Folge, dass Fäulnis (Sepsis, Bildung des basischen Körpers Sepsin) eintritt, deren Endprodukte der Heilung aus dem Grunde stets entgegenarbeiten, weil sie nicht blos ent/ündiingscrregend (phlogOgon) auf die ganze Umgebung, sondern auch fiebererzengend (pyrogon) auf den Uesamtorganismus -wirken. Wird diese septische Umwandlung auf der Wnndtiachc verbindert, so spricht man von aseptischem Wundverlauf, im andern Falle heisst man die Wunde eine septische und ist diese gegenüber der aseptischen daran kenntlich, dass sie einen scharfen riechenden Kiter secernierf, während der unzersetzte Kiter mild und geruchlos ist.
Streng genommen hat es sonach nur einen Sinn, Verbände anzu­legen, wenn durch sie auch in der That den prinzipiellen Ansprüchen der Aseptik Genüge gethan wird, nachdem man jedoch gefunden hat, dass dieser Zweck hei den Tieren auch ohne Verbände sich erreichen lässt, so hat man in der Veterinärchirurgie vielfach auch die aseptischen Wundverbände wieder fahren gelassen und begnügt sich mit der Aseptik der offenen Wundbehandlung, es gibt daher in heutiger Zeit zweierlei chirurgische Heilmethoden, die offene Behandlung und die okldusive, die früheren Verbandmethoden aber sind fast gänzlich verlassen worden.
Eine weitere Indikation kommt noch für die Tierärzte aus dem Grunde hinzu, weil diese häufig genötigt sind, Verbände anzulegen, um die Wunden vor Verunreinigung durch die eigenen Exkretionen der Tiere oder vor Reiben, Ablecken, Nagen u. s. w. zu schützen.
Das Lister'sche Verfahren. Die erste Anleitung zum antisep­tischen Wundverband hat, wie bekannt, der englische Chirurg Lister gegeben, indem er eine neue und wissenschaftlich wohl begründete Heil­methode geschaffen hat, welche von der seitherigen Wundbehandlung total verschieden ist, indem er neben einer sorgsameren Wundbedeckung auch Ungleich wirksamere chemische Kräfte zu Hilfe gezogen hat.
Man hat zwar vor Lister die Wunden ebenfalls geheilt, allein das neue, jetzt mannigfach modifizierte Verfahren bietet der Vorzüge so viele dar, dass nicht allein die Heilungen jetzt viel rascher und sicherer vor sich gehen, sondern zugleich auch mit ungleich weniger Gefahren für die Fortexistenz des Lebens der Tiere verbunden sind, so dass nicht allein die Sterbeprozente in der Chirurgie herabgedrückt worden sind, sondern jetzt, auch Operationen au Tieren gemacht werden, die vorher keine Chancen des Gelingens geboten haben (manche Laparo-tomien. die Enteroraphie u. dergl.); auch sind Heilungen auf erstem Wege in der Tierheilkunde fast unbekannt gewesen, jetzt aber unter Umständen ebenfalls zu erzielen, wie in der Menschenheilkunde.
Man hat lange gezweifelt und genörgelt, ob überhaupt das „Listernquot; in die Tierheilkunde sich übertragen lasse, nachdem es eines so grossen Aufwandes von keineswegs wohlfeilem Material bedarf und mit vielen peinlich zu beobachtenden Umständlichkeiten verknüpft ist; indessen hat sich durch die Masse der praktischen Erfahrungen, wie sie im ver­gangenen Dezennium in der ganzen zivilisierten Welt gemacht, wurden, herausgestellt, dass das Verfahren bedeutenden Vereinfachungen unter­kann, ohne im geringsten den Erfolg zu beeinträchtigen.
ocr page 131
V-
Das Vcrbaiulmaterial.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;j \ ß
Ebenso haben die Versuche, wie sie von den besten veteriiiiiriirztlielien Kräften, voran Siedamgrotzky u. A.. gemacht worden sind, denBeweis geliefert, dass sicli die Grundsätze Lister's ganz wohl auch bei den Tieren in der Hauptsache chirurgisch verwerten lassen, wenn auch nicht jene wunderbaren Heilerfolge erzielt werden konnten, wie sie die Menschenheilkunde zum (laquo;Kick aufzuweisen vermag.
Allerdings bat die Veterinär-Chirurgie mit eigenartigen Schwierig­keiten zu kämpfen, welche der ausgiebigen Anwendung einer skrupulös durchgeführten Antiseptik naturgeniiis Schranken auferlegen. Die nicht zu vermeidende Unruhe der Tiere, die häutig wahrzunehmende geringe Fügsamkeit, ja Widersetzlichkeit derselben bieten nicht wegzuläugnende Hindernisse, zu denen sich noch der Umstand gesellt, dass die Wohnung der Haustiere zugleich deren Abtritt ist und den Tierärzten in der Praxis nicht immer diejenige Mithilfe zu Gebot steht, die zu einer sorg­fältigen chirurgischen Pflege absolut notwendig ist.
Auf der anderen Seite hat man aber auch die Erfahrung gemacht, dass den in Frage stehenden Tieren bei Verwundungen aller Art (dem Menschen gegenüber) eine viel grössere Tenazitiit und Resistenzfähigkeit zukommt, insoferne sie eine unstreitig geringere Tendenz zu accidentellen Wundkrankheiten besitzen, der chirurgische Heilungsapparat daher ein einfacherer sein kann, als man von Anfang an geglaubt hat.
Im Übrigen wird für die Tierärzte die Lehre von den chirurgischen Verbänden, auch wenn mit ihnen recht erfreuliche aseptische Erfolge erzielt werden können, nie von jener Bedeutung werden, wie für die Arzte; ein regelrechtes Verbinden ist bei unseni Haustieren in vielen Fällen kaum ausführbar, in andern selbst unstatthaft, indem ab­gesehen von den oben schon angezogenen Gründen die Lage des zu behandelnden Körperteils, die Ungleichheiten in betreff der Form und Dicke desselben, die nicht zu beseitigende Beweglichkeit, die geringe Intelligenz mancher Behandlungsobjekte samt deren Besitzer, die Eigen­tümlichkeit ihrer Yerwendnngsart und gewöhnlich auch der leidige Kosten­punkt ewige Hemmnisse! abgeben werden.
Indoss wird die Kenntnis der nach den jetzigen Prinzipien applikablen Wundverbände, nachdem sich der grösste Teil der früher gebräuohllohen als un-zweokmftsgig erwiesen hat, für den Tierarzt doch aus dem Grunde von wirklichem Nutzen sein, als er dann in einem gegebenen Falle einen der Sachlapce angemes­senen Verband auszuwählen, denselben entsprechend zu modifizieren, beziehungs­weise zu improvisieren im stände sein wird, es soll daher der tierärztlichen Ver-handlehre, welche unserer Literatur seither so gut als gefehlt hat, nichtsdestoweniger doch ein entsprechender Raum hier gegönnt sein.
Das Verbandmaterial.
Zum Verbinden von Operations- und anderen Wunden braucht man eine Reihe verschiedener Gerätschaften, die meist schon im all­täglichen Leben Anwendung finden, in der Hand des Chirurgen jedoch als Verbandstücke bezeichnet werden und wenn sie kunstgerecht
IIoring's Oitcrationslchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;g
ocr page 132
114nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung! Verbandlehre, (Dosmologic).
zusammengefügt und an den Körper gelegt sind, Verband (Bandage) heissen.
In irülicror Zeit hatte man für desmologisebe /wecke eine Menge von Verbandzeug notwendig. Jetzt erst ist der Wundverscbluss (cbirur-glscbe Okklusion) so vereinfacht Avorden, dass nur wenig, aber zweck­entsprechenderes Material herbeizuschaffen ist; dasselbe muss sich zunächst den Umrissen des betreffenden Teils gehörig anfügen und auf allen Punkten gleiclnniissig anlegen lassen, erste Bedingung ist daher ein gewisser Grad von Elastizität und Weichheit, die sich mit Reinheit und Dauerhaftigkeit paaren muss.
Am zweckmässigsten teilt man schon der Übersichtlichkeit wegen das Ver­bandmaterial in solches ein, das
1,nbsp; unmittelbar auf die Wundfläche zu liegen kommt und deren Secrete in sich aufzunehmen hat — Aufsaugungsmaterial und
2.nbsp; in jenes, welches letzteres zu bedecken, ZU ftberpolstern und zugleich festzuhalten hat — Halt- oder Deckmaterial, Nachdem jedoch als oberster Grund­satz die aseptische Haltung der Wundfläche gilt, werden ausserdem in den meisten Fällen auch läulniswidrige Verbandmittel ZU Hilfe gezogen, es sollen daher diese der Besprechung des eigentlichen Deckmaterials vorangeschickt werden.
Desinfizierende Wundmittel. Wie das Verbinden selbst. so könnte auch durch die praktischen Erfahrungen der letzten Jahre die Anwendung der fi'uilniswidrigen wie der desinfizierenden Arzneistoffe bei den Tieren erheblich vereinfacht werden, seit man die Beobachtung machte, dass bei antiseptischer Reinigung der Wunden und ungestörtem Abfluss der Sekrete rasche Heilungen erfolgen, auch wenn die Deck­mittel selbst nicht besonders noch mit Desinfektionsstoffen behandelt wurden, das [mprägnieren des Verbandmaterials ist daher durchaus nicht absolut erforderlich, es kann vielmehr ganz wohl auf das notwendigste beschränkt werden, es ist dann aber auch um so mehr geboten, eine sorgfältigere Auswahl im Deckmaterial zu treffen, als seither; in dieser Beziehung spielt Jetzt die Baumwolle wegen ihrer grossen Filtrierfähig­keit für die atmosphtlrische Luft eine Hauptrolle auch in der Tierheil­kunde.
Man hat gegenwärtig eine grössere Summe vortrefflicher Des-infizientien der praktischen Chirurgie zur Verfügung gestellt, es ist aber hier nicht der Ort. sie alle zu besprechen. Als die wirksamsten haben sich seit den epochemachenden Untersuchungen 1raquo;. Koch's Sublimat. Chlor und Brom erwiesen, indem diese 3 Mittel als die einzigen sich herausgestellt haben, welche zugleich auch die ausserordentlich wider­standsfähigen Sporen und Keime der Pilze zu töten im stände sind. Für die Wundbehandlung haben indes die andern Jetzt ebenfalls ge­bräuchlichen Wundmittel an Bedeutung deshalb nicht verloren, denn sie rauben den Mikroben durch Zersetzung der Kiweisskörper in den Wundsekreten raquo;las hauptsächlichste Ernährungsraaterial, es bandelt sich daher bei den erstgenannten 8 Mitteln hauptsächlich nur um eine oder mehrmalige gründliche Desinfektion von nbelbeschatl'eneii, gangränes-zierenden Wunden. Geschwüren u. s. w.. überhaupt um Asepse zu schaffen. Die andern (naclibenaunteii) ArzneistoH'e haben ausserdem
ocr page 133
Das Verbandmaterial.
auch deswegen Anspruch auf gleiche Berechtigung, well jedes derselhen gewisse Elgentümlichkelteii besitzt, welche je nach dein Wundverlauf vortrefflich ausgenützt werden können.
Im ganzen bleibt es sich übrigens ziemlicb gleichgültig, welche Auswahl der einzelne Chirurg unter den jetzt gebrftuolllloheu, durch ihre erprobte Wirksamkeit ausgezeichneten Wundmitteln trifft, der Schwerpunkt liegt vielmehr in der al)so-luteniReinhaltung der verletzten Gewebe und in der Sorge, alle äusseren Schädlichkeiten möglichst ferne zu halten, eine Rolle spielt daher der Irrigateur (Seite 107), auch wenn mit seiner Anwendung nicht immer antiseptische Stoffe ver-liinuleu werden. Am meisten zu fürchten sind bei Operaticuswunden die Ansamm­lung des am reichlichsten Zersetznngsprodukte liefernden Blutes, sowie Stauungen der Wnndflttssigkeiten und am meisten verzögert wird die Wundheilung durch unterlassene oder unvollständige Wiedervereinigung getrennter Teile.
Für den praktischen Tierarzt würde sieli sonach im allgemeinen folgendes Vorgehen bei Behandlung von Operatlonswunden am meisten empfehlen:
i. Gründliche Keinlgung der Hände des Operateurs, der Instrumente
und der Verbandmittel (Karbollösung, 2,5—5 2. Reinigung der Wunde samt deren Umgebung
massiges Abspülen. (Sublimatlösung). .'i. Verschluss blutender (iefässe unter Vermeidu
üblichen Glüheisens.
4.nbsp; nbsp;Anlegen reichlicher Ligaturen, d. h. der Knopder Entspannungsnaht oder der jetzigen Zapfen
5.nbsp; Einlegen gut befestigter Drains (Seite 110),
Pro/.).
am besten durch
des seither
eventuell
bei
kopiösen Eiterungen, Ausbuchtungen und Kanälen.
6.nbsp; nbsp;Anlegen eines kunstgerechten, antiseptischen Wundverhandes, wenn möglich aber offene Wundbehandlung.
Sublimatlösungen 1 : 1000 oder 1 :2000. Ks kann eine eminente Verdünnung vorgenommen werden, das hillige Mittel gestattet daher die ausgiebigste Anwendung und ist so reizlos, dass es seihst bei offenen Gelenken, für empflndllche Schleimhäute, für die Harnblase, ja seihst zum Ausspülen der Bauchhöhle gebraucht werden kann, ohne dass es hei vernünftiger Anwendung zu Intoxikationen führt. Durch die lebhafte Einwirkung auf die Kiweisssuhstanzen des verwundeten Gewebes wird Sublimat zwar zu Quecksilberalbumlnat reduziert, allein auch dieses ist noch wirksam genug, indem es selbst bei I : 3000 noch keine Fäulnis aufkommen lässt; indes gibt dieser Umstand dem Chirurgen den-Wink. es bei reichlichen Absonderungen, die ja alle hauptsächlich elwelsslger Art sind, stets dem zugleich sekretionsheschränkenden Karbid unter­zuordnen, das also keineswegs durch das jetzt zu ausserordentliciiem Anseilen gelangte Sublimat verdrängt werden kann; ausserdem rühmt man dem Chlorid nach, dass unter seiner Einwirkung heim Menschen noch niemals Erysipel aufgetreten, was von keinem andern Wnndmittel gesagt werden kann.
Sublimat ist jetzt und gewiss mit Recht das Hauptmittel zur Einleitung der Asepse und zum Imprägnieren des Deckmaterials, ebenso zur Reinigung bei der offenen Behandlung; dagegen übt es verderblichen Einfluss auf die Instrumente aus, welche besser in 5 0/n Karhollösung gelegt werden. Zu warnen ist vor der
ocr page 134
116
Erste Haupt-Abteilung: Verbandlelire. (Dcsniologic.)
häufig vorkommenden allzu reichlichen Anwendung, indem jede rbersclmcmmung die Heilung verzögert (Quellung der in Organisation begriffenon Zellen).
Karbollösungen 2,5—5 Proz. Die Anwendung der wässrigen Lösung der Karbolsäure ist bekannt. Sie ist in der menschlichen Chirurgie etwas in Misskredit gekommen, da lokale wie allgemeine Schädlichkeiten auftreten, sobald grössere Mengen auf einmal oder kleine lange Zeit hiedurch in Gebrauch kommen (Karbolismus); ebenso hat das Kenonnne der Karbolsäure notgelitteu, seit man die Erfahrung machte, dass imKarbolöl sogar Pilze aufkommen und spirituöse Solu-tionen sieb ganz wenig wirksam zeigen. Dagegen ist der hervorragende antiseptische Effekt der wässrigen Lösungen über allen Zweifeln er­haben und ist dadurch dem Mittel die Zukunft gesichert.
Von besonderem Werte hat sieh Karbol bei reichlichen Eiterungen gezeigt, es muss aber sofort verlassen werden, sobald die Granulation das Niveau der Haut zu erreichen im Begriffe steht, da es den Narbungs-vorgang nicht günstig beeintlnsst, Karbol kann daher auch bei offener Behandlung entbehrt werden und sind ihm unter den angeführten Ver­hältnissen pulverige Desintizientieii vorzuziehen. Als Hauptreinigungs-mittel bei der Aerationsmethode taugt bei nur geringer Eiterung die Sublimattösung am besten.
Salieylsäure. Sie dient sowohl als vortreffliches Streupulver (verdünnt zu 1 auf 3 Eichenrinde, Kohlenpulver oder Alaun) bei offener Behandlung, als in Lösungen von 1:800 Wasser zum Reinigen und Verbinden. Für den Spray und zum Imprägnieren von Werg, Jute oder Watte gebraucht man 4—5 proz. Solutionen, da jedoch Karbol flüchtig ist, wird dieses für die Nebel vorgezogen.
Im übrigen wird von der Salicvlsäure überhaupt wenig (iehrauch gemacht und steht sie auch in ihrer antiseptischen Wirkung der Karbol­säure in der That nach; was aber doch an ihr hoch zu schätzen ist, besteht darin, dass sie die Wundflächen vortrefflich aseptisch erhält und falls sie resorbiert wird, nicht gefürchtet ZU werden braucht. Wo daher antiseptische Lösungen im Gewebe, in Körperhöhlen u. s. w. zurück­gehalten werden, bezw. nicht vollständig entfeint werden können und daher der Resorption anheimfallen (offene Gelenke, Brust- und Bauch­höhle, Darmwunden u. s. W.), eignet sie sich bei den Tieren am besten, wo ebenfalls durch Karbol sowohl, als durch Sublimat und Jodoform schon Intoxikationen vorgekommen sind (Hunde).
Chlorzink. Zum Reinigen und Imprägnieren hat er in den ge­bräuchlichen Losungen zu L—5 0/o den gehegten Erwartungen nicht entsprochen: erst bei 1 : 10 Wasser kmin man Ihn vorteilhaft verwenden und zeigt er sich dann als eines der vorzüglichsten Ätz- und llerstellnngs-inittel für üble Wnndflächen jeder Art. Ist letzlerer Zweck erfüllt, hat Chlorzink auch seine Schuldigkeit getlian und kann gehen.
Jodoform, das Modemittel der Jetztzeit. Es hat unstreitig ganz hervorragende Eigenschaften, die es zu einem Wundmittel ersten Ranges qualiflzieren, hervorragend deswegen, weil es das mildeste aller der­artigen Stoffe ist, ja selbst analgetisclie Wirkungen besitzt und weil es
ocr page 135
Das Verbandmaterial.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; IIJ
andauernd kräftig desinfiziert, indem fortwährend kleine Mengen Jod frei werden; um letzteres zu ermöglichen, müssen aber auch immer grössere Quantitäten des Pulvers auf die Wunde gebracht werden, was nicht allein häufig Sekretstockungen veranlasst, sondern auch, wie schon erwähnt, in der Hundepraxis nicht ganz ungefährlich ist; auch geht es viel zu trüge vor und ist so schwerlöslich, dass es wenigstens zu einer energischen Antiseptik nicht verwendet werden kann: wo es sich daher um unreine, Übelriechende, geschwürige Flüchen handelt, passen besser Chlor, Sublimat, Brom und Chlorzink.
Nichtsdestoweniger ist Jodoform für die Tierärzte von unschätz­barem Werte geworden und zwar gerade wegen seiner Schwerlöslich­keit, denn das Pulver ermöglicht eine völlige Trockenlegung der Wund­flächen . deren Sekretion zugleich eine andauernde Beschränkung er­fährt, Jodoform gestattet sonach, von der so sehr zu empfehlenden offenen Wundbehandlung wie von den sog. Pulververbänden den aus­giebigsten Gebrauch zu machen. Insoferne hat das Mittel eine völlige Reform in der Wundbehandlung bei den Tieren hervorgerufen, es ist jedoch zu bemerken, dass seine desinfizierenden Kräfte nur schwache genannt werden können, desto intensiver sind aber die fäulniswidrigen, sekretionsbeschränkenden, und steht es aus diesem Grunde zur Aufrecht­erhaltung der Asepsis noch höher da, als die Salicylsiiure.
Der liolio Preis stellt nicht selten hindernd im Wege und zwar umsoniolir, als viel Luxus mit ihm getrieben wird, es ist daher hier darauf aufmerksam zu machen, dass gewölinllohe aseptische Wunden auch ohne Jodoform heilen nnd ein Zusatz der billigen Borsäure 2—8 zu Jodoform 1 nicht nur nicht die Wirksamkeit verringert, sondern sie erhöht; ausserdem kann diese Mischung vorzüglich auch zum Einstrenen in Gaze (siehe unten) verwendet werden, Die Applikation geschieht am gleichmässigston durch eine Streuhüchse, d. h. ein Glas mit ziemlich weitem Halse, über welchen ein fein durchlöchertes Papier gespannt ist. Die vortrefflichen, zum Einfuhren in Stichwunden, Kistelkanäle n. s. w. dienenden Jodoformstit'te bereitet man sich für den speziellen Fall seihst, indem man Jodoform 8 mit Kakao­butter 2 zu entsprechend dicken Stäbchen formiert; auch empfiehlt sich Jodoform 1:9 Kollodium, um bei der olfenen Behandhutg aseptische Schorfe zu erzeugen, unter welchen die Eleilung nicht minder günstig vor sich geht, als bei einem reftel-rechten Verband. Ausserdem eignet sich zur offenen Wundtherapie auch sein- gut der l)illilt;re Borschleim oder das Borsälbohen (Acldum boricum je 1110).
Naphthalin, sehr billig, stark autiseptisch. passt besonders für schlechtheilende, unreine, ulcerierende Wunden als Pulver zum Ein­streuen in Mull oder direkt bei der Trockenbehandlung,
Zinkoxyd, ebenfalls billig, gut autiseptisch, gibt trockenen Schorf, unter welchem die Heilung prompt erfolgt. Das Streupulver passt nicht für Tiefwunden, welche mit Jodoforniniischung besser behandelt werden.
Basisches Aluminiumacetat ist in wässriger Lösung (mit 80/0 des Salzes) als Liquor Alnminii acetici offizinell und wird zu Irrigationen und zum Imprägnieren noch weiter verdünnt, so dass die Massigkeit nur 0,0—2 Proz. enthält Letztere ist gut fäulniswidrig, kräftig sekretions-beschränkend und desodorisierend zugleich. Die billige Solution wird von keinem andern Mittel übertroffen, wenn es sich um Verschwärungen. Phlegtnonen, Pseudoerysipelen, Verjauchungen und namentlich aus-
ocr page 136
118
Erste Hauptabteilung: Verbandlehre. (Dosmolottie).
gedehnten Eiterungsprozessen bandelt, sie wird daher insbesondere gerne zu permanenten Überrieselungen benutzt, um alsbald vorlassen zu werden, sobald die Fläche aseptisiert ist.
Die pulverigen Wundmittel müssen insgesamt in steter Be-rtthrung mit der Wunde bleiben, sind daher entsprechend nachzustreuen.
Kommt es zur Eiterung, so lösen sie sich allmälig auf, um auch in dieser Form noch ihre Schuldigkeit zu thun, obwohl eine Verminderung der Wirksamkeit eintritt; hieraus folgt, dass nur kleinere Flächen mit Pulvern behandelt werden sollen, grössere und besonders buchtige Wunden und Geschwüre aber zweckmässiger unter dem aseptischen (iaze- oder Juteverband zu halten sind, bis sie sich der Vernarbung nähern, worauf dann erst die Trockenbehandlung an die Reihe kommt.
Vernachlässigte Wunden mit Üblem Grunde und kallöseu Rändern ätzt man am besten vorher, wozu ein dicklicher Chlorkalkbrei, im Not­fall selbst pures Zinkchlorid besonders zu empfehlen 1st oder werden sie erst mit dem scharfen Löffel abgekratzt (s. Seite 94),
Im übrigen mnss jede Wunde reguliert werden, indem man zurück­bleibende stellen durch Reizmittel (Kampherschleim) #9632; anregt, hervor-wuchemde kräftig zurückhält (Höllenstein). Bei träger Heilung erweist sich insbesondere Kampherspiritus vorzüglich, auch muss häufig durch Messer, Scheere oder Haarseilnadel mechanisch nachgeholfen werden, mau sieht daher, jede einzelne Wunde will speziell behandelt sein, wenn man nicht blos sicher, sondern auch rasch heilen will, es ist daher der Vorteil, dass eine Reihe verschiedener Wundmittel zur Disposition steht, ungemein hoch anzuschlagen.
Die früher Üblichen Streupulver für Wunden (Tormentill, China, Aloe, Myrrhen u. dgl.) sind zu unschuldig und werden am besten bei Seite gelassen, energischer erweisen sich schon Alaun, Eichenrinde und Tannin, ehenso die Vitriole, welche wesentlich zur Einleitung der Cicatrisation passen, indess ist nicht aussei-Auge zu lassen, dass Verklebung der Wundränder und Eindeckung der Milche rasch auch an freier Luft erfolgt.
Heilung auf erstem Wege geht bei Tieren nur, wenn die Wunde frisch und nicht von fremden Stoffen, Blut u. s. w. verunreinigt ist. die Ränder nicht gequetscht wurden und möglichst innig vereinigt werden können. Die sieb bildende Verklebung, d. h. die anfangs breite, gefiiss-reiche, rötliche, dünn sich rasch retrahierende Zwischensubstanz schrumpft bald narbig ein und die Eindeckung erfolgt unter Verödung der Kapillaren gewöhnlich nach 8— 8 Tagen.
Alle andern Wunden, insbesondere solche, welche nicht die Haut mit ihrem Bindegewebe und die .Muskeln betreffen, sondern Sehnen, Bänder, Knochen und Knorpeln oder wobei Substanzverluste stattgefunden haben, müssen auf dem Wege der Eiterung heilen, wobei indessen nicht viel verloren ist, denn die organischen Vorgänge bleiben sich bei beiden Keimionen dieselben. Die Heilung vollzieht sich immer nur durch Vermittlung des Exsudats und durch die nachfolgende Bildung von Zwischengewebe und neuen (iefässchen. die aus den oiitnrierenden hervorwachsen, nur geschieht dies bei der prima intentio rascher, direkter.
nMi
ocr page 137
Das deckende Verbandmaterial.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;\\lt;}
während bei der secunda die Heilung erst unter massenhaftem Aus­treten von weissen Blutzellen aus den ueugebildeten Kapillaren er­folgen kann.
Das deckende Verbandmaterial.
Man kann das Verbandmaterial In solelies einteilen, welches un­mittelbar auf die Wunde zu liegen kommt und die Sekrete in sieh auf­zunehmen hat und in jenes, das dieses zu bedecken und gleichzeitig festzuhalten befähigt ist, man hat daher einen Deck- und einen Ilalt-verband aufgestellt. Praktisch ist diese Einteilung nicht eben, denn das Haltmaterial hat nicht viel Wert, wenn es zugleich nicht auch Ah-sorptionsvermögen besitzt, das Verbandzeug wird daher zweckmässiger in jener Reihenfolge besprochen, wie es in der tierärztlichen Praxis am häutigsten zur Verwendung kommt.
Im allgemeinen muss an ein gutes Verbandmaterial die An­forderung gestellt werden, dass es ansaugende Kräfte besitzt, um die Wunde möglichst trocken zu halten, es sind daher nur hydrophile Stoffe zum Wundverbancl brauchbar.
Relative Trockenheit bezweckt zunächst eine nur kiinnnerliche Er­nährung der kleinsten Lebewesen und unter solchen Umständen ist eine wesentliche Störung des Wundverlaufes nicht zu fürchten, denn solche Wunden heilen auch ohne medikamentöse Nachhilfe. Gute Saugkraft, d. h. die Fähigkeit, durcli llaarröhrchenanziehung Feuchtigkeit aufzu­nehmen und festzuhalten, lint das frühere Verbandmaterial in keineswegs hervorragendem Masse gehabt, man hat daher nach besseren Mitteln gesucht und diese auch gefunden, es lassen sich dieselben in der Tier­heilkunde jedoch nur dann anwenden, wenn ihr Kaufpreis nicht im Wege steht. Letzteres ist /um Glück bei keinem der jetzt gebräuchlichen Deckmaterialien der Fall.
Werg. Abwerg (Stuppa). Die spinnbare Bastfaser unseres Flachses oder Leins hat insofern nur wenig Ansangnugsverinögen. weil die groben Fasern fast massiv, sehr dickwandig sind und daher unter sich zu weit von einander abstehen, um eine lebhafte Attraktion auf Flüssigkeiten ausüben zu können: dies gilt besonders von dem lianfwerg, das auch weniger Weichheit besitzt, beide saugen sich daher bald voll und so kommt es, dass der Wergverhand öfter gewechselt werden inuss. was Immerhin eine Störung abgibt, denn rasche Heilungen lassen sieh um so eher erzielen, je weniger manipuliert werden muss.
Einigermassen günstiger gestaltet sich die Kapillarität bei feinem, Zartem, elastischem Flachswerg, das also gut durchgehechelt ist, so dass die Oberfläche der Fasern mehr oder weniger durch das Zersausen eine mehr wollige Beschaffenheit angenommen hat.
Dass alles Wer}; rein ausgeklopft und von allen liol/iu'en Resten befreit sein nmss, verstellt sich von selbst, ebenso dass man es vor der Anvondung desinfiziert, was kurzweg durch Einttmchen in antisoptlsche Lösungen und nachneriges Aus-
ocr page 138
^
120nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Erste Hauptabteilung: Verband lehre. (Desmologie).
drücken geschieht. Gewöhnliches rohes Werg taugt zur Antiseptik auch im tles-infi/ierten Zustande nicht.
Die Applikation erfolgt in Form von kleinen Wicken, Bauschen oder grösseren Kuchen, von denen oft mehrere von verschiedener G rosse aufeinander gelegt werden müssen (siehe unten Kompressen). Das Auftragen in parallelen Fasern ist nicht zweckmässig, je mehr verwirrt und gerollt das IMnmasseau ist, desto kleiner und zahlreicher die Zwischenräume, welche am meisten Ahsorptionsthätigkeit entfalten.
Jute. Die Bastfaser verschiedener in Bengalen kultivierter Tiliaceen der Gattung Corchorus, jetzt auch vielfach in dor textilen Industrie ähnlich wie Wolle verwendet, Jute ist besseres Werg, die Faser flachs­ähnlich, jedoch hohl, sie saugt daher besser; der Preis steht der tier­ärztlichen Anwendung jetzt nicht mein' entgegen, sie hat sieb daher schon recht beliebt gemacht und 1st auch überall erhältlich.
Im Handel ist auch Karboljute, Salicyljute und sind beide Säuren durch harzige Stoffe und Pai'affin in den Fasern fixiert; diese Jutesorten sind wesentlich teurer und durchaus entbehrlich, denn mit der Einverleibung von Karbol- oder Sublhnatlösung in der bei dem Werg angegebenen Weise erzielt man denselben Effekt, auch wird die Aufsaugungsfähigkeit nur erhöht, wenn die irisch ausgedrückten Jute­bauschen etwas feucht aufgelegt werden.
Charpie (Zupsel, Pflttksel, englisch: Lint). Sie stellt zerzupfte Leinwand dar, Linteum carptum, welche weich und geschmeidig sein soll, daher nur von öfter gewaschener Leinwand herstammt.
Sie ist früher allgemein Im Gebrauch gestanden, jetzt aber, obwohl sie vermöge des feinen Llaums. mit dem die wellenförmigen elastischen Fäden unter einander hangen bleiben, grosse Kapillaritätslcraft besitzt, gänzlich verlassen worden, weil sie von dem früheren Gebrauche der Leinwand her als stete Trägerin einer Menge von putriden Stoffen und Mikrozymen aller Art, die sich kaum von ihr trennen lassen, geradezu gegen alle antiseptischen Grundsätze verstosst.
Schwamm. Badeschwamm. Axis dem Grunde des Mittelmeeres geholt. Spongia marina, dient er zu Zwecken der Peinigung im Haus­halt, wird aber auch in derselben Weise chirurgisch verwendet und vermöge seiner grossen Porosität auf stark secernierende Wunden ge­bunden: die Erfahrung hat indes gelehrt, dass letztere gerne eine putiide Beschaffenheit annehmen, weil die Entfernung der von ihm angesogeneu Wundflüssigkeiten selbst durch Einlegen in Sublimatlösungen kaum je gelingt, trotzdem er gleich allen Seetieren eine nicht unbeträchtliche .Menge Jods enthält.
Holzwolle, durch Abschleifen auf Stein äusserst fein zerfasertes, astfreies Holz von Pinien. Nach P. Bl'UUS nimmt, sie das zwölffache ihres Gewichts Flüssigkeit auf, die ungemein zarte, lockere, schwammige Wolle entfaltet daher grosse Saugkraft schon in trockenem Zustande, noch mehr aber in feuchtem, sie gilt daher als ein treffliches und wohl­feiles Verbandmittel, das jedoch nicht frei, sondern in eine Leinwand-kompresse eingelegt angewendet wird. Aus der Fabrik in Heidenheim kommt sie mit 0,5 Proz. Sublimat und 5 Pl'OZ. Glyzerin getränkt schon etwas feucht in Handel, kann also ohne weiteres verwendet werden.
ocr page 139
Das deckendo Vcrlmndmatorial.
121
Baumwolle. Die präparierten luftbaltigen Samenhaare verschie­dener Malvaceen der Gattung Gossypium in den tropischen Ländern und Nordamerika.
•Die rohe Baumwolle oder (nicht geleimte) Watte ist schnee-weiss und durch Kartätschen gut aufgelockert, sowie durch grosse Weich­heit, Schmiegsamkeit, Elastizität, Gleichmässigkeit und Wohlfeilheit ausgezeichnet. Schon im rohen Zustande kommt ihr eine bedeutende Kapazität für Flüssigkeiten zu, sie ist daher ein Yerbandmittel ersten Ranges, obwohl sie langsamer anschluckt als Charpie, da sie wachsartige Substanzen enthält und so lange im Innern trocken bleibt, während hei reichlichem Eiter dieser unter ihr wegfliesst. Um sie hygroskopischer zu machen, wird sie jetzt in Natronlösungen oder durch Kochen in gewöhnlicher Aschenlauge entfettet und ist alsBruns'sche Verband­watte im Handel und seihst oftizineli unter dem Namen
Gossypium depuratum (Bombyx Gossypü, reine Cellulose). Un­gleich hrauchharer als Werg und .lute ist sie neheu der Gaze das promp­teste Aufsaugungsmaterial der ganzen Chirurgie und zugleich ein natür­liches Antiseptikura, das wie ein Luftfilter wirkt und die ubiquitären Kokken in ihren obersten Schichten aufhält. Man appliziert sie un­mittelbar auf die Wundfläche oder hesser, man legt ihr einen Streifen Baumwollgaze unter, um das Ankleben auf eiternden Stellen zu ver­hindern, während die rohe Baumwolle ein unübertroffenes Auspolsterungs­material abgibt.
Das bis vor kurzer Zeit noch bestandene Vortirteil gegen ihre chirurgische Verwendung, wonach sie' erhitzende, selbst giftige Eigenschaften haben soll, so dass nicht einmal mit Baumwollzusatz gefertigte Leinwand genommen werden durfte, ist jetzt vOllig geschwunden und wenn auch nicht geleugnet werden kann, dass sie leicht irritierende Wirkungen ansäht, so konimt dies hei Tieren doch keineswegs in Betracht; ausserdetn gut sie ja seihst gegen schmerzhafte Zustände, wie bei Verbrennungen, als eines der besten Frotektive.
Sallcylwatte, Karhol- und Benzoäwatte u. dergl. sind wie die medikamentöse Jute ebenfalls entbehrlich, desgleichen das Gossy­pium hämostaticum (mit Eisenchlorid getränkt); diese arzneilichen Mittel werden am besten seihst beigegeben werden, auch fällt z. 1!. die Salicylsäure gerne wieder im trockenen Zustande heraus.
Gaze oder Mull, ein locker gewehter Baumwollstoff, wie er zu Kutter. Ballkleidern, Fenstervorhängen verwendet wird und auch unter dem Namen Tüll, (Organtine, Kalikot) bekannt und überall sehr wohl­feil in zweierlei Sorten zu haben ist. nämlich
ungebleicht, ungestärkt (ohne Appretur), in welchem Zustande sie weich, elastisch, wollig, mehr oder weniger durchsichtig ist. grosses Absorptionsvermögen besitzt und beim Menschen auch zum unmittel­baren Verband auf schmerzhafte Hautstellen verwendet wird (Knochen­brüchen u. s. w.) oder
gestärkt (appretiert) und steif, ziemlich weitmaschig, gefenstert. auch zu Futterunterlagen für Kleider gebräuchlich, chirurgisch nur zu Binden verwendet.
Die weiche feinmaschige Daumwollgaze ist jetzt das beliebteste
M
ocr page 140
IN #9632;•
122
Erste Hauptabteilung! Yerbandlehre. {Dosmologio).
I
Verbandzeug, das (statt der früheren Charpie) unmittelbar auf die Wundflamp;che gelegt wird und auch die gefensterte Leinwand verdrängt hat. Bei Verletzungen mit Substanzverlust, Operationswunden oder solchen Lftsionen, welche wegen starker BetrakÜon der Weichteile'nicht mit Nähten vereinigt -weiden können, wo also a priori eine längere Eiterung zu erwarten steht, empfiehlt es sieh am meisten, ein Stückchen Gaze ein- oder zweimal zusammengelegt und von der Form und Grosse, dass sie die Stelle nach allen Richtungen hin etwas überragt, auf die desinfizierte Fläche aufzutragen und zur Verhütung nachteiligen An-klebens vorher anzufeuchten oder in Karbolöl, das sonst zu keinem andern Zwecke mehr sich gebrauchen lässt, einzutauchen; hierauf kommt dann erst das Verbandmaterial, welches den Hauptteil der Sekrete, auf­saugen und zugleich Unebenheiten polsterartig ausgleichen soll, also Werg, Jute, Holz- oder Baumwolle. Durch diese Organtinunterlage wird der Verbandwechsel ungemein erleichtert und darin liegt der Haupt­wert des weichen Gazezeuges,
('her das Aufsaugungs- und Polstermaterial kommt dann nur noch die Binde und der Wundverband ist, wie er bei den Tieren kaum ein­facher und hilliger gestaltet werden kann, nunmehr fertig. Je seltener er gewechselt wird (s. unten Verbandwechsel), desto besser und je früher er wegfallen kann, desto rascher die Heilung, die offene Wundbehandlung kann aber erst eintreten, wenn die Wunde mit Substanzverlust sich so verkleinert hat, dass man sich jetzt auf- die lietraktion des regelmässig vorschreitenden (iranulationsgewebes verlassen kann.
Um mit diesem Qaze-Juteverband auch Desinfekfionszwecke verbinden ZU können, bedient man sich vielfach der
Jodoformgaze, welche am einfachsten und wohlfeilsten dadurch hergestellt wird, dass man die Jodoformmischnng (Seite 117) in die wolligen Maschen des Qazestückes mittels der Finger einstreicht. Noch billiger ist das in neuerer Zeit beliebt gewordene
Torfmull, das man sicli ebenfalls in einfacher Weise dadurch seihst bereitet, dass man das heim Sägen des gewöhnlichen schwarzen Torfes gewonnene Pulver in Gaze einstreut oder in eine giösseve Qazekompresse einwickelt, wodurch häufig alles weitere Deck- und l'olstermaleiial entbehrlich gemacht werden kann. In­teressant ist, das Faktum, dass Torf, besonders wenn er hauptsächlich von Moosen (Sphagnum und Ilypnmn) gebildet wird, Im stände ist, für sich allein eine, Wunde aseptisch ZU halten, trotzdem er seihst ein Produkt der (feuchten) Zersetzung vege-tahilischer Stoli'e ist und von lebenden, entwicklungsfähigen Organismen wimmelt; ausserdem besitzt er bedeutende hygrophile Eigenschaften, welche merkwürdiger­weise besonders dann hervortreten, wenn er ungefähr 80—00% Feuchtigkeit ent­hält. Er ist jetzt allgemein im llimdcl, jedoch in ziemlich trockenem Zustande, man feuchtet ihn daher mit Suhlimatlosung an.
Die Binden. Fasciae.
Zur Befestigung des Aufsaug- und Polstermaterials sind die Binden unentbehrlich und müssen auch sie, wie jenes über die Wunde liinaus-greifen.
Man kann verschiedenes Zeug für die Binden wählen, am häutigsten dienen hiezu I.einwand- und Baumwollstoffe, Flanell oder (iaze (gesteifte)
ocr page 141
Die Binden. Fasciae.
123
und kommt es bei der Wahl hauptsächlich auf den Umfang des zu verbindenden Teils, den Grad des dabei hervortretenden Widerstandes an und ob man nur bedecken oder auch drücken und ziehen will (Deck-, Druck- und ZugverMnde); hienacb richtet sich auch die Stärke des Stoffs und die Breite der von diesem abgeschnittenen Streifen.
In gleicher Weise müssen aber auch die Binden je nach der Tier­gattung, dem Alter und der Empfindlichkeit der Tiere modifiziert werden und passen solche Verbände nur für Körperteile, an denen man sie als Umwicklung in gleichmässiger Lage anbringen kann. Solche Teile gibt es bei den Tieren nicht so viele, als beim .Menschen, dessen Körper mehr zylindrische Flächen darbietet, tierärztliche Verbände passen daher nur für die untern Partien der (iliedmassen, um einzelne Teile des Kopfes, um den Hals, die Brust und den Bauch, den Schweif.
Da ünverrückbarkelt und Sicherung des Verbandes in seiner ursprünglichen Lafio eine der Baupthedingungen zur Erzielnng eines guten Verbandes ist, wird man nicht seilen genötigt, so viel als tlmnlicli Stützpunkte ZU suchen, man bo-festigt daher manche Verbände z. li. am Kopfgestelli dem Ilalsriemen, am Kummet, dem Eintergeschirr, an der Rücken- und Baucbgurte, dem Schwanzriemen, oder improvisiert besondere den Teilen entsprechende Bandagen, wie man im Notfälle auch Sicherung des Verbaiules durch Anlegen einiger blutigen Xähte in die Haut zu erzielen trachtet.
Leinwand. Vom ganzen tierärztlichen Verbandmaterial findet die Leinwand die häufigste Verwendung, so dass man sie füglich als einen unentbehrlichen Bindenstoff bezeichnen kann. Man wählt in der Regel gebrauchte und deswegen öfter gewaschene raquo;altequot; Leinwand nicht zu grober Sorte, neue ungewaschene ist zu steif und legt sich schlecht an.quot; Man schneidet sie entweder aus dem Stück dem laden nach in Streifen von verschiedener Laune und Breite und schützt sie vor dem Abfasern an den Rändern durch lockeres Umstechen mit leichten Fäden oder bedient man sich der käuflichen, an den Rändern schon vom Weber gewirkten Linden, die zwar teurer aber viel dauerhafter sind und keine Nähte, drückende Säume u. dergl. haben.
Zwilch, Trilch, Segeltuch, Sackleinwand (ungebleicht) taugen für gewöhnlich nicht, obwohl der Stoff sehr haltbar, aber zu ungeschmeidig und rauh ist; Haupteigenschaft einer guten Linde ist ein gewisser Grad von Weichheit. Wenn von genannten Zeugen Anwendung gemacht wird. so geschieht dies nur für Huf- und Klauenverbände, hie und da auch zu Suspensorien für die Hoden, das Euter.
Leinene Linden dürfen nie trocken angelegt weiden, sondern wer­den erst als Rollen in Wasser gelegt und gut in diesem ausgedrückt, so dass dabei keiift1 Luftblasen mehr hervortreten. Nur feuchte Lin­den lassen sich innig anlegen, trockene bilden drückende Falten und wenn sie nachher feucht werden, ziehen sie sich zusammen, werden knapp und schnüren, der Verband muss dann wieder abgenommen oder gleich anfänglich lockerer angelegt werden, was alles durch vorheriges Anfeuchten vermieden werden kann.
Ebenso soll man leinene Linden nicht zu breit wählen, wie denn überhaupt breite Linden sich stets weniger glatt und passend
,fl
ii
ocr page 142
124
Erste Haupt-Abtoilung: VerLandlehre. (Desmologic).
anlegen lassen. Die Breite wechselt bei allen Binden von 2—Sem, die Länge von i—10 m; die meisten „breitenquot; Binden sind 8 Finger breit.
Baumwolltuch, Shirting wird ebenfalls viel verwendet und taugt auch ganz gut, denn es ist weich und doch dauerhaft, sowie dichter gewoben; ans letzterem Grunde ist der Shirting auch weniger dehnbar und daher mit Vorteil da anzuwenden, wo eine stärkere Kom­pression oder ein Zug gewünscht, beziehungsweise an abschüssigen Teilen ein knappes Anlegen notwendig wird und das Auftreten einer sekundären Entzündungsgeschwulst nicht zu befürchten steht. Die Wunde muss vorher gut eingedeckt sein, denn die mit feinen IJaumwollhärcheu besetzten Shirtingbinden kleben mit Vorliebe, auch ist bei diesem Ver­bandstoff ein leichtes Anfeuchten empfehlenswert, weil nach dem Verdunsten des Wassers die Fasern sich retrahieren, die Binde sich verkürzt und dann gleicluniissig, glatt, und innig anliegt.
Perkai, Madapolam, Cretonne können dieselbe Verwendung finden, Barchent ist zu dick und erwärmt stark, was nur der Zersetzung Vorschub leistet; früher war man der Ansicht, die Binden müssteil be­sonders Winters warm geben, was bei regelrechtem Verband durchaus nicht notwendig ist.
Flanell. Unter den schafwollenen Stoffen ist Flanell das gebräuch­lichste und hat auch er seine Vor- und Nachteile. Der Vorzug besteht insbesondere darin, dass Flauellbinden ungemein weich sind und ver­möge ihrer Elastizität sich besser anschmiegen als leinene und nament­lich auch sich nicht leicht verschieben. Weil sie infolge der feinen Rauhigkeit ihrer Oberfläche gleich von vorneherein fester sitzen; wo es sich darum handelt, dem betreffenden Körperteil einen gewissen Halt und Schutz zu gewähren oder einen andauernden, gleichmässigen, jedoch nicht starken Druck auszuüben, zumal wenn keine Durchnässmig zu befürchten ist, empfiehlt sicii Flanell, nicht aber weil er ein schlechter Wärmeleiter ist, also warm gibt Auf der andern Seite sind Flanell­binden teurer anzuschaffen und verlieren durch Waschen viel an der lt;iüte, sind daher im ganzen nicht sehr haltbar und zu eigentlichen Kompressivverbänden nicht zu gebrauchen.
Appretierte Gaze, d. h. durch Stärkekleister gesteifte, weit­maschige (iaze (Futtermull), gewöhnlich weiss. Ans diesem sehr billigen, auch zum Füttern von Kleidern (Steifgaze) verwendeten Baumwollenstufl' schneidet man sich die Binden selbst zurecht, und sind sie aus dem Grunde jetzt allgemein beliebt geworden, weil sie sehr gut halten und nicht festgebunden zu werden brauchen, denn nach dem Umlegen dürfen die Touren nur angefeuchtet werden, worauf sie Telel)ende Eigen­schaften annehmen und nach dem Trockenwerden eine Art von Kontentiv-verband bilden, wie er bei den Tieren, welche ohnedies häutig sich der Verbände zu entledigen trachten, insbesondere in der Ilnndepraxis nicht hoch genug anzuschlagen ist.
Elastische Binden sind in neuerer Zeit ebenfalls in Gebrauch gezogen worden und bestehen entweder aus reinem Kautschuk oder aus mit (iiimmifäden durchwehtem /engstott'e; sie haben die gewöhnliche
E •'
ocr page 143
Dio Binden. Fasciae.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;125
Länge mid Breite der übrigen Binden, schmiegen sieh aber der Form des Teils ausscrordentlieh dicht an und was die Hauptsache ist, sie folgen den Arerihidcrungen, wie sie bei der Bewegung und dem Abseliwellen des Teils vor sieb geben, sie werfen keine Falten, klaffen auf unebenen Stellen nicht, lassen sieb ohne Umsehlag anlegen, lokein sieb auch nicht, üben vielmehr einen nach allen Richtungen gleiclnnäs-sigen, stetigen Druck aus. Das sind grosse Vorzüge, die der Anwendung bei den Tieren noch mehr zu Gute kommen, als beim Menschen; leider haben sie auch Nachteile, die besonders darin bestehen, dass sie teuer sind, die Ausdünstung bindern und in der Wärme weich werden, man darf sie daher keineswegs lange liegen lassen und niemals unmittelbar auf die behaarte Haut der Tiere umlegen.
Für manche Zwecke, besonders da, wo andere A'erbi'imle der Ört-lichkeit wegen Stets rutschen, sind die elastischen Binden übrigens unersetzlich, die Vorteile daher überwiegende; im übrigen sind die Gummizeugstoffe billiger und bindern die Ausdünstung weniger, sie erfordern aber wie an abhängigen Stellen und an den Gelenken des Knies, Sprunggelenks ebenfalls eine ausgleichende Unterpolsterung von Werg, Jute oder Baumwolle, im andern Falle spannen sie an ein/elnen Stellen: vermöge ihrer grossen Elastizität wird man meist versucht, sie beim Anlegen etwas zu straff anzuspannen. die Binden liegen dann zu fest, was aber bald an der Bildung von Oedemen in der Nähe erkannt werden kann. All diese Binden dürfen nach dem Ablegen keine sicht­baren Linien auf der Haut zurücklassen.
J)u' Mart in'scliou Gummibinden, wie sie jetzt im Handel sind, können als die besten bezeichnet werden; sie bestehen ans purem Kantschnk, sind stark zwei Finger breit, d. Ii, 75 mm, 3 m lanj; und besitzen an dem einen Ende 2 an­genähte Bänder. Die Baumwollgammibinden können auch aus dem Stück go-sclmitten werden, wie man sie für den Spezlalfall braucht und werden sie dann nicht selten korsetteähnlicli zugeschnitten und zum Knöpfen eingerichtet.
Verstärkung der Verbände. Nicht selten ist man darauf an­gewiesen, dem zu verbindenden Teil der Unruhe mancher Tiere wegen eine bessere Fixation zu verschaffen oder leicht bewegliche, gelenkige Körperstellen mein- zu immobilisieren, ohne von den eigentlichen Kon-tentivverbänden mit regelraässigen Schienen, wie sie die Chirurgie lehrt, Gebrauch machen zu wollen.
Für solche Fälle schaltet man mit Vorteil bei den grösseren Haus­tieren zwischen die Bindetouren Streifen eines festeren Materials ein, das aus Hobelspähnen, Cigarrenkistchen, Feder- oder Papp­stücken, aus gewalzter Guttapercha, Strohladen u. dgl. bestellen kann, lauter Stoffe, welchen der nötige Grad von Elastizität und Festig­keit zugleich zukommt und die sich auch deswegen gut qualifizieren, weil sie leicht in der für den Spezialfall nötigen Dicke und Länge ZU beschaffen sind. Besonders die Pappe taugt gut, wenn man die Sciiienen-stücke vorher durch lieisses Wasser zieht, wodurch sie sich, wie auch der plastische Filz, noch genauer an die Flächen anschmiegen lassen, immer ist es Jedoch geboten, solche Toureneinlagen erst mit Werg oder (roher) Jute, welche beide der (zu leicht komprimierbaren) Watte in
ocr page 144
120nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Erste Haupt*Abteilung! Verbandlohrc. (Dcsmolofric.)
solchen Fällen vorzuziehen sind, gut einzupolstern. Für die kleineren Haustiere genügen meist schon enteprechende Lagen der gesteiften (ia/e-binden, welche unmittelbar vor ihrer Applikation durch heisses Wasser
gezogen werden.
Mau kann sicli dou aus EiUgland in den Handel gpkommonpn plastisclipn Filz (Poroplastio feit) selbst dadurch leiolit zubereiten, dass man (wie für Knochen-brüche) gewöhnlichen 5—8 nun dicken Einlagefllz mit einer Lösung von 1 Schellack und 1,5 Spiritus imprägniert. Der Filz nimmt das vierfache seines Gewichtes von dieser Solution in seine Poren auf und wird bei der Erwärmung (in beinahe siedendem Wasser) idastisch, d. h. ungemein leicht sich allen Unebenheiten an-schmiegend (P. Bruns). Dadurch, dass er bei gewöhnlicher Temperatur absolute Härte annimmt und mit dieser grosse Leichtigkeit verbindet, hat er sich in kurzer Zeit in praxi sehr beliebt zu machen {jowusst.
1'
Technik des Verbindens.
Ein jedesmaliges Herumführen der Binde (Ductus fasciae) um den Umfang eines Körperteils, wie es je /.tir Hälfte von der rechten zur linken Hand ausgeführt wird, lieisst ein (lang, Umgang oder eine T o u r.
Allgemeine Verbandregeln, Wenn bei Störungen der Kontinuität eines Gewebes Heilung eintreten soll, so müssen die betreffenden Teile
1.nbsp; möglichst einander genäliert und dann in dieser Lage er­halten werden: ist dieses wie häutig bei Operationswunden durch den Verband allein nicht in dem gewünschten Grade zu erreichen, so müssen ihm eine möglichst reichliche Anzahl von Nähten zu Hilfe kommen.
2.nbsp; Durch den Verband dürfen wichtige in der Nähe gelegene Ge­bilde in ihren Funktionen nicht beeinträchtigt werden, grossere (lefässe, natürliche Körperöffnungen müssen vor.Druck geschützt werden; nachfolgende Schmerzen, Anschwellungen, manchmal auch Farbenver­änderungen auf der Haut sind die /eichen, dass letzteres nicht ge­schehen ist. .Mit der Anzahl der Bindetouren wächst auch der damit ausgeübte Druck, wie stark man jedoch die Binden anziehen soll, lässt sich nicht angeben, sondern nur durch Übung und praktische Erfahrung bestimmen; Jedenfalls muss der Grad von Festigkeit mit der Empfindlichkeit der stelle parallel gehen.
3.nbsp; Mit dem Anlegen der Binden ist eine gewisse Dehnung ihres Gewebes verbunden, es kann daher nicht ausbleiben, dass sie dadurch etwas länger werden; jeder Wundverband (appretierte Gazebinden aus­genommen) nimmt somit in kurzer Zeit an Druckkraft ab und wird 10 C k e r e r.
4.nbsp; Das Gegenteil tritt ein, wenn die Binden feucht werden oder im feuchten Zustand angelegt werden: durch das Anschlucken von Wasser verkürzen sich voruelimlich die leinenen Binden, verlängern sich aber wieder mit dem Trocken werden, trocken angelegte Binden, welche zu locker ausgefallen sind, können somit durch nachträgliches Anfeuchten schliessender gemacht werden.
ocr page 145
I
Toclinik des Vorliiiulcns.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 127
5. Feueht gemachte Binden legen sicli /war inniger, glatter
an. lassen aber nachher beträchtlicher nach, sie müssen daher im ganzen stets etwas fester angezogen werden. Aus diesem (iiimde ist es vor­teilhafter, da wo Nässe im Verlauf einer Wundheilung nicht zu ver­meiden ist, lieber gleich die Binden feucht umzuwickeln.
G. Hienach üben trocken angelegte Binden einen geringeren aber länger andauernden und gleichmässigen Druck aus, während die Kompression nass applizierter Binden zwar stärker, aber ungleichmäs-siger ausfällt.
7.nbsp; Da wo man grösseren Widerstand unter der Binde fühlt, wie bei Fltissigkeitsansammlungen und andern Schwellungen, wickelt man einigemal mehr um oder lässt die einzelnen Umgänge selbst sich mehr decken.
8.nbsp; Sein' zu beachten ist die weitere allgemeine Regel, gegen welche auch von gewiegten Praktikern vielfach verstossen wird, dass alle Ver­bände von dem peripheren gegen das zentrale Knde der (ilied-masse fortgeführt werden müssen. Man muss stets der Richtung des Lymph- und Venenstromes folgen, im andern Fall bewirken die obern Bindengänge eine venöse oder lymphatische Stase, ehe noch die untern umgelegt sind. Dabei soll jeder isolierte Druck, jedes Schnüren ver­mieden werden. damit sich auch zwischen den einzelnen Touren eine Staining nicht geltend machen kann.
9.nbsp; Die Befestigung des Bindenendes geschieht entweder mit­tels angenähter Bändchen oder durch Klebmittel, Einstechen von Steck­nadeln, bezw. Sicherheitsnadeln u. s. w.. die Spitze der letzteren wird jedoch in der Tiefe unter den Bindetouren versteckt; ebenso kann die Festlegung sehr sicher auch durch einige Stiche mit gewöhnlicher Käh­nadel und Zwirnfaden geschehen und ist dies besonders da nötig, wo der Verband von den Tieren, wie z. B. Hunden, nicht in Buhe ge­lassen wird.
Das Ende wird dort hinverlegt, wo Druck am wenigsten schadet und kann man dies beliebig einrichten, indem man das freie Knde eine kürzere oder längere Strecke einschlägt.
Aufrollen der Binden. Um eine Binde kunstgerecht und sach-gemäSS anzulegen, muss sie erst zu einer Rolle aufgewickelt werden, sie heisst deswegen auch Bolle. Bollbinde oder weil sich die (länge dabei kreisförmig decken. Zirkelbinde.
Zunächst wickelt man mit beiden Bänden das den Kern der künf­tigen Bolle bildende Knde zu einem festen kleinen Cylinder auf. fasst diesen an beiden Enden mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und lässt den offenen Bindeteil zwischen dieselben Finger der andern Hand hindurchgleiten, indem man mit dem Daumen sanft auf den er­wähnten Teil der sich aufwickelnden Binde drückt, um so den Cylinder in rollende Bewegung um seine eigene Achse zu setzen. Bei diesem Aufrollen muss die Binde von Zeit zu Zeit samt dem Kndteil etwas fester angezogen werden, damit die einzelnen Kreisgänge dichter sich wickeln lassen (Fig. 101).
h
:
11
iii
ocr page 146
gt;
128
Erste Haupt-Abteilung: Verbandlehre, (l)esmologio.)
Eine gut gerollte Binde erkennt man daran, dass sie sich fest, derb und glatt anfühlen lässt und an beiden Seiten wie scharf abgeschnitten aussieht. Er­müden beim Aufwickeln z. B. sehr langer Binden die Hände, so dürfen sie nur gewechselt werden, das Bindenendc soll aber immer den obersten Teil der Rolle bilden.
An der offenen l?olll)iiHlo lassen sich 3 Teile unterscheiden, das innere und das iiusseie Ende, sowie die Mitte. Den durch einfaches Aufrollen von einem Ende zum andern gebildeten Cylinder (Walze) nennt man Bindenkopf oder einköpfige Binde und spricht man von einer zweiköpfigen, wenn jedes Ende für sich, jedoch nur his zur Mitte aufgewickelt wird, wodurch sich also von einem Streifen zwei Walzen bilden lassen, welche in entgegengesetzter Richtung um das betreffende Glied angelegt werden. Von dieser zweiköpfigen Bollbinde wird nur wenig praktischer Gebrauch gemacht, denn diese Verbandart erfordert viel grössere Übung und Fertigkeit in ihrer Technik, ohne irgend erhebliche Vorteile zu bieten.
Fig. 101.
Die Aufstellung des Chirurgen vor dem betreffenden Tier geschieht so, dass man in der Bewegung seiner Hände unbehindert ist; man fasst den Binde-kopf, wie bei seinem Aufrollen, jedoch muss er vom Kranken weggewendet sein und der beim Umgehen eines Körperteils notwendig werdende Händewechsel ge­schieht in der Mittellinie, vorne oder hinten.
Die Richtung der einzelnen Umgänge kann verschieden ein­gehalten werden, je nach der cviiiulrisclien oder kegelförmigen Form des zu verbindenden Teils: bald lässt man die Touren rechtwinklig zur Längenachse herumlaufen (Ductus circularis), bald in schräger Richtung an demselben auf- oder absteigen (Ductus ascendens und descendens), bald sich kreuzen in verschiedenen Winkeln oder umschlagen. Man hat diese verschiedenen Umgänge mit entsprechenden Namen belegt und diese auch zur Bezeichnung der ganzen Rinde benutzt, welch letzteres jedoch insofern nicht ganz passend erscheint, als in der tierärztlichen Operationslehre kaum ein einziger Bollbindenverband nur aus Touren von einer und derselben Art besteht. Anders verhält es sich in der Chirurgie beim einfachen Bandagieren der Extremitäten, wenn auf die unverletzte Haut nur ein Druck ausgeübt werden soll.
Für den Wuntlvcrband sollen hier nur die wichtigsten Methoden aufgeführt werden, die entbehrlichen aber der Kinfachheit wegen ganz wegfallen, sie finden doch keine praktische Anwendung und haben ausserdem auch keinen theoretischen Wert. Der tierär/tliche Verband findet ohnedies schon natuigemäss viele Schwierig­keiten, er kann daher nicht einfach genug vorgenommen werden; im andern
ii
ocr page 147
Technik des Veibinilens.
129
Falle würden die Tiere nicht blos sanz unnötigerweise beunruhigtj sondern die Erneuerung, die oft dem Eigentümer überlassen werden muss, miissto auch eine allzu zeitraubende werden. Wir führen sonach nur folgende Wundverbandarten auf.
Die Kreistour, Zirkeltour odor Rundgang. Sie 1st die ein­fachste und deswegen leichteste. Form des Verbindcns, denn die Binde (Fascia circularls) umgibt den Toil kreisförmig, es decken sich somit
sämtliche Unit
so dass nur die zuletzt gemachte sichtbar bleibt.
Mit diesem Kundgang beginnt man fast jeden Rollbindenverband und schllesst ihn auch.
Die Ilolle wird dabei zuerst ein wenig abgewickelt, einmal quer unigelegt und dann der Bindenteil so lange mit dem Daumen der linken Hand festgehalten, bis der Kopf einigemal herumgeführt ist und die Binde sich dadurch mehr konsolidiert hat; nachher ist dieses Fixieren nicht mehr notwendig.
In dieser Weise werden in der Regel nur Stellen von beschränk­tem Raum umwickelt, z. B. der Fessel, die Ohren, eine bestimmte Gegend des Rauches, Geschwüre, llernien u. s. w.
Spiraltour, Hobelspäntour (Ductus spiralis). Mit dem zirku­lären Abrollen der Binde kommt man nicht aus, sobald grössere Strecken zu verbinden sind oder der Teil in seinem Querdurchmesser sich ver­jüngt, es darf daher jede folgende Tour die vorhergegangene nur etwa um '/, zudecken. Uiedurch entstellt jene Schlangenform des Umgangs, die am meisten Ähnlichkeit hat mit den Spänen, wie sie unter einem Hobel hervorgehen (Hobelbin de, Dolabra).
Die Spiraltour ist die bei Tieren am meisten gebrauchte, denn hier kommen viel häutiger konisch ansteigende Partien zum Verbinden als z. B. beim Menschen. Bei zunehmender Dicke des Körperteils, wie etwa am Voi'arm der Tiere, müsste beim zirkulären Einwickeln jedes­mal der untere Bindenrand etwas abstehen, klaffen, der obere aber beim Anziehen der Rolle drücken, einschneiden; um daher ein gleiclimiissiges Adaptieren ZU erzielen, bleibt nur der Ausweg übrig, entweder die Touren so stark ansteigen zu lassen, dass die obere Bindetour den Band dor untern kaum oder gar nicht berührt, was jedoch keinen halt­baren Verband abgäbe oder, wie schon erwähnt, die einzelnen Gänge nur zu einem Dritteil zu bedecken; hiedurch wird zugleich dor Vorteil erzielt, dass die Haut zwischen den Touren nicht frei bleibt und so ein-
goklenmit werden
cönnte, wenn die Bolle nur eini,uermassen fest an-
gezogen wird.
Kriechende Tour, Schlau gen tour wobei die Haut oder der Verband teilweise regolmässig fortschreitende Umhüllung des passt daher nur dann, wenn ein reichlich
(Dolabra repens), ist jene, unbedeckt bleibt, also eine Teils nicht stattfindet, sie aufgelegtes Polstermaterial
nicht sehr befestigt zu werden braucht. Man deckt dabei die einzelnen (länge um so weniger, je geringer der Druck ausfallen soll.
Umgeschlagene Tour (Ductus reversus). Das Klaffen der Um­gänge an Körperstellen, wo jede höher oder oben gelegene Partie einen grössoren Querschnitt besitzt, kann auch dadurch vermieden worden.
Horing's OperationBlehro. JV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; f)
ocr page 148
130
Erste Hauptabteilung: Verbandlehro. (Desmologie.)
dass man mit der Itollo da, wo die sich eben abwickelnde Binde ani untern Itaud zu klaffen beginnt, eine Umdrehung vornimmt, so dass die innere Seite des Bindenteils zur iiussern, der obere Band zum untern geworden ist. Eine solche Wendung des Bindeskopfes nennt man des-mologisch einen Umschlag (Inversio, Renversö) und den so ausgeführten Gang die umgeschlagene Tour (Fascia reversa).
Um einen Umschlag, der immer nur dem dicker, nicht dem dünner werdenden Teile des Gliedes zu vorgenommen werden darf, zu bilden, setzt man einen oder zwei Finger auf den zuletzt angelegten Gang (Figur 102), um ihn festzuhalten. Solche Umschläge sind meist nicht
zu umgehen, wenn die Binde überall
gt;leic]imassig satt aufliegen soll.
Fig. 102.
selbst nicht an dem ziemlich cvlindrischen Metakarpus. ihre Technik erfordert aber sorgfältiges Einüben, denn man erkennt den geschulten Chirurgen alsbald an (lieser Verbandweise.
Sobald die Wendung der Rolle beginnt, hört auch das Ansteigen mit der Binde auf, dieselbe steigt vielmehr etwas ab, worauf sie dann wieder spiralförmig weiter geführt wird. Durch diese Manipulation ver­längert sich nämlich der obere Hand und dieser Vorgang ist es, welcher den Unterschied im Umfange des Körperteils ausgleicht.
Bri der Anlage der umgeschlagenen Tour besteht ein Vorteil darin, dass man vor dem Umschlag immer nur ein kurzes Sliick des Bindekopfes abwickelt, um sich mit der Rolle nicht zu sehr zu entfernen; ferner dass man den Umschlag ganz leicht und ohne Spannung des freien Stuckes der Binde vollzieht und erst dann den Kopf in der nötigen Stärke anzieht. Sauberkeit, Exaktheit, überhaupt ein gewisses ästhetisches Ansehen in dem Dessin dieser Tour erreicht man
ocr page 149
Technik des Verbindcns.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 131
vornehmlich dadurch, dass die einzelnen Renvei'sements in senkiochter Linie gleich-massig iibereiiiander angehracht worden, die sich deckenden Umgänge gleich breit bemessen und die umgeschlagenen Stellen jedesmal während der AVeiterführung der Rolle mit dem naumen der freien Hand gleichsam im Vorbeigehen hübsch glatt gestrichen werden.
Es ist diese Vorfahfungsweise nicht etwa Spielerei, denn nichts erregt bei Sachverständigen wie bei Laien mehr den Verdacht der Oberflächlichkeit und mangelhafter Technik, als eine nicht durchaus sachgemäss angelegte Umschlagtour und jede Machlässigkeit straft sich alsbald dadurch, dass jene entweder bald sich lockert, da oder dort absteht oder nach ihrer Entfernung der stärker angespannte Bindenrand sichtbare Linien und Furchen in der Haut zurücklässt und dadurch Schmerzen, Anschwellung und stetige Beunruhigung des Tieres erzeugt.
Auch diese Tour beginnt stets mit einem Rundgang'und schliesst mit ilmi und dass der Umschlag nicht gerade auf eine solche Stelle zu liegen kommt, welche mehr empfindlich ist oder überhaupt vor Druck geschont werden nmss, versteht, sich von selbst.
Achtertour (Ductus octiformis). Da wo Körperteile ihr Ende erreichen, wie am Hufe, den Klauen oder Gelenke durch ihi'e Knochen­prominenzen und Vertiefungen für das gleichmässige Fortschreiten der Umhüllung Schwierigkeiten bieten, z. B. am Sprunggelenk, nmss von dem oben entwickelten Prinzip, dass jeder Bindengang den obern Rand der vorausgehenden um ein Drittel docken soll, abgewichen werden, man lässt daher die Tonron sich kurzweg kreuzen, wodurch die Form eines arabischen 8ers gebildet wird.
Mau benutzt hiezu gerne eine zweiköpfige Binde (Seite 128), deren Walzen da, wo sie sich begegnen, jedesmal gekreuzt und überschhmgen werden, um sie dann je in derselben Weise wieder zurückzuführen, man kann daher diese Verhandmethode auch die
Kreuzbinde (Fascia cnicions) nennen. Man bedient sich ihrer vorzugsweise am Vorderknie, Tarsalgelenke, sowie regelmässig an den letzten /ehengliederu (Octiva ungulae). Der Kreuziingspiinkt an den Gelenken entspricht immer der kürzeren Seite, an der längeren (also der Strecktläche) divergieren die Tonren.
Winkelbinden sind solche, in deren Verlauf an der gewünschten Stolle ein oder zwei Streifen. die in einem senkrechten oder schiefen Winkel abgehen, angenftht werden und daher auch T-bindon heissen. Man kann sie hie und da gut am Kopf oder als Umlauf am Hinter­backen verwerten, ebenso am Kipponkorb und Daucli.
Adhäsiverband, Kle b e v o r 1) a n d. Wenn in der seither be­sprochenen Weise Haltbarkeit des Verbandes nicht erzielt worden kann, derselbe vielmehr immer wieder sich verrückt, zieht man zwar in der Regel die offene Behandlung vor, wäre jedoch eine Umhüllung der Operationswunde ans irgend einem Grunde, insbesondere behufs besserer Vereinigung der klaffenden Ränder erwünscht oder notwendig, so bleibt hie und da nichts anderes übrig, als zu den Klebmitteln (Agglutinantien) seine Zufluclit zu nehmen; so geschieht dies z.B. bei starker Retraktion der verletzten Teile am Vorarm, dem Oberschenkel, bei klaffenden Rauch-wunden, welche starken Innern Druck auszuhalten haben oder zum Ersatz der blutigen Naht, bezw. Unterstützung derselben.
ocr page 150
t ,-,
132
Erste Haupt-Abteilung: Verbandlehre. (Desmologie.)
Erforderlich ist hiczu starke Leinwand, Trilch oder Segeltuch, unter Umständen auch weiches Leder, sowie ein Klebestoff, wozu sicli hei Tieren Gummi, Hausenblase,.Kleister u. s.w. weniger gut eignet, als frisch gekochter guter Tischlerleim, mit dem die eine Seite des Tuches oder der entsprechend zugeschnittenen Binde dicht bestrichen wird, um dann mittels eines Gehilfen von allen Seiten her auf die Körperstelle nachhaltig angedrückt zu werden; dieser Agglutinativ-Y er band soll nicht nur an den Deckhaaren, sondern auch auf der Haut in grösserer Ausdehnung über die Wunde hinaus gut haften. Auf der Wunde selbst ist der Verband der Länge nach geschlitzt, das obere und untere Ende quer eingeschnitten, während die Bänder des Längs­schlitzes nach aussei! umgeschlagen und nach innen mit Jute unter-polstert werden. Um nun die klaffenden Wundlippen einander besser nähern zu können, werden an der Längsseite des Schlitzes /,. 15. Bänder durch hier angenähte Ringe gezogen und so die Wundränder durch wechselständig angebrachten, konvergierend wirkenden Druck aneinander gelagert, soweit es thunlich ist; selbstverständlich kann diese Annäherung erst nach erfolgtem Trocknen des Klebmittels geschehen.
Unruhige, empfindliche Tiere können den Erfolg dieser Verbandmethode in Frage stellen, im andern Falle ist er praktisch gut verwendbar und leistet sehr erspriessliche Dienste. Die Abnahme erfordert die Vorsicht, dass keine Zerrung stattfindet, was am besten durch nachhaltiges Aufweichen mittels heissen Wassers und unter Zuhilfenahme einer guten Scheere erzielt wird.
Was die eigentlichen Kontentivverbände, sowie die erhärtenden und kunst­gerechten Schienenverbände betrifft, so ist teilweise schon bei den Qazeverbänden von ersteren die Hede gewesen, teils gehören sie der speziellen Chirurgie an.
Tragbinden (Suspensoria) müssen ebenfalls hie und da angewendet werden, um namentlich bei Erkrankungen des Euters, der Hoden unter­stützend einzugreifen. Ihre Applikation richtet sich nach dem speziellen Falle und wird ebenfalls durch Tücher oder Binden eingeleitet, die teils nach vorne zu am Bauch hinauf, teils zwischen den Hinterschenkeln durchgezogen und oben auf dem Bücken an einen Schweifriemen ent­sprechend befestigt werden.
Kompressiv-Verband. Druck ist einer der wirksamsten Faktoren in der ganzen Wundbehandlung und macht man von ihm auch den aus­giebigsten Gebrauch, namentlich bei unreinen Traumen und Luxuriationen, strenggenommen soll aber jeder antiseptische Verband gleichzeitig ein Druck verband sein, denn er muss schon von vorneherein die Ansammlung von Sekreten verhindern und den möglichst innigen Kontakt der Wund­ränder vermitteln. Ausserdem kann schon aus dem Grunde kein ein­ziger Verband angelegt werden, der nicht in einem gewissen Grade einen mechanischen Druck auf die betreffende Stelle, ausübt, weil er sich im andern Falle alsbald lockern würde. Hier soll indes nur von solchen Druckverbänden die Bede sein, bei welchen der Druck der alleinige oder doch wenigstens wichtigste Zweck ist.
Kompressen. Unter einer Kompresse versteht man für gewöhn­lich ein 4—8fach zusammengelegtes, nach einwärts umgeschlagenes Stück Leinwand, Zwilch oder Elaneil (Drucktuch), das einen gleich-
ocr page 151
Technik des Verbindens.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 133
massigen, konzentrischen Druck auszuüben bestimmt ist; dieser erfolgt daher von der Oberfläche gegen die Tiefe.
Tierärztlich verfertigt man häufiger eine Kompresse in der Art, dass man Werg, Jute oder Watte zu einem verschieden grossen Pfropf formiert, der den Namen Wicke oder Tampon führt. Werden mehrere solcher Wicken, wie z. B. bei der Kompression blutender (iefässe so auf einander geschichtet, dass die kleinste die Spitze, die grösste aber die Basis eines Kegels bildet, so spricht man auch von graduierten Tampons oder, wenn ein zusammengeballter Baumwollknäuel behufs Gewinnung grösserer Festigkeit ausserdem noch mit einem Faden um­wickelt, oder in Leinwand, Leder eingenäht wird, von einer Pelotte. Diese Ballform der Kompresse benutzt man gewöhnlich, um einen an­haltenden Druck in Vertiefungen, Höhlen auszuüben oder verbindet man Pelotten mit anderen chirurgischen Verbänden und Instruinenten, wie dies z. B. bei den Tourniquets der Fall ist (s. Blutstillung).
Line andere Form von Druckbauschen sind jene, welche man sich von geordnetem Werg, Flachs oder besser den parallel liegenden Strängen von Jute dadurch anfertigt, dass man die Längsfasern mehr­fach über einander legt und zwischen den Händen zu einem gewöhnlich viereckigen, einem kleinen Flaumkissen ähnlichen Plumasseau (Pluma-ceolum) formiert. Der Bausch soll locker sein, denn er wird moist auf kleinere Wunden aufgelegt oder in diese eingesenkt, um die Ab-sonderung einzuschlucken, man kann ihn daher zugleich auch als Träger von Arzneistoffen benutzen. Reine entfettete Baumwolle, mit Sublinmt-iösung angefeuchtet, gibt für antiseptische Zwecke die brauchbarsten Plumasseaux.
Ausser den einfachen Leinwandkompressen gibt es auch solche, welche an den Seiten eingeschnitten sind, um sich besser den Ver­tiefungen anzuschmiegen — gespaltene Kompressen, oder werden mehrere einzelne Kompressen von gleicher Gestalt aber verschiedener Gl'ÖSSe pyramidenförmig über einander geschichtet und mit senkrecht durchgeführten Fäden unter einander verbunden. Letztere sind unter dem Namen graduierte Kompressen bekannt, während von den sog. Longuetten nur dann Gebrauch gemacht wird, wenn die Kompresse mehr der Länge nach wirken soll.
Aktive Kompressivmittel gibt es ebenfalls und unterscheiden sie sich von den oben besprochenen Druckgerätschaften dadurch, dass sie nicht blos in passiver Weise, d. h. durch ihre blosse Anwendung allein eine Wirkung ausüben, sondern selbstthätig dadurch eingreifen, dass sie sich bei ihrer Applikation im Wundverbande ausdehnen und so erweiternd wirken, man nennt, sie daher auch aktiv ausdehnende Druckmittel.
Dieselben finden in der Tierheilkunde nur beschränkte Anwendung, sind aber dann nicht zu entbehren, wenn es sich darum handelt, nicht blos Kanäle und Öffnungen des Körpers mechanisch offen zu halten — hiezu können auch die passiven Erweiterungsmittel dienen, wie z. B. Talg- oder Wachskerzen, Bougies von verschiedener Dicke, welche
ocr page 152
#9632;
134nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Erste Haupt-Abteilung: Verbaudlehro. (Desmologie.)
liiiutig mit einein Arzneimittel „armiertquot; werden, — sondern auch sie am Engerwerden zu verhindern oder durch mechanische Einwirkung eine zunehmende Erweiterung zu bewirken.
Die Mittel der letzteren Art (Rophetica dilatantia) verdanken ihre Wirkung, wie sie besonders zur Heilung von Fisteln in Anspruch ge­nommen wird, insbesondere der physikalischen Eigenschaft, Flüssigkeiten mit grosser Leichtigkeit zu imbibieren und dann ihr Volumen erheblich zu vermehren. Die besten hieber gehörigen Verbandmittel sind folgende:
l'ressscbwäinme, Spougiae compressae. Der gewöhnliche, jedoch feine poröse Badeschwamm wird in längliche Stücke, meist tingerlange Cylinder geschnitten und so fest als möglich in feuchtem Zustand mit Schnüren eingebunden; vor dem Gebrauch werden dann die trockenen Stücke von den Fäden befreit und in die bestimmte Stelle eingelegt, worauf sie stark aufquellen.
Noch bedeutender ist die Yolumvermehrung der Laminaria digi-tata oder richtiger Cloustoni, d.h. der Stiele des blattartigen Thallus eines skandinavischen Seetangs, welche als graubraune, verschieden lange, etwa 1 cm dicke Cylinder oftizinell sind, im Wasser um das 3 —4 fache aufquellen und vor andern Dilatatorien (z. 15. der Gentian-wurzel, den Darmsaiten, des Katgut) den Vorzug bieten, viel gleich-massiger anzuschwellen.
Das Abnehmen der Binden.
Vor der Entfernung der Binden hat man dafür Sorge zu tragen, dass sie, wenn ein Ankleben durch vertrocknete Flüssigkeiten, z. B. Blut, Eiter an der Haut und den Ilaaren stattgefunden, nicht abgerissen, sondern erst durch laues Wasser erweicht werden, so dass sie sich ohne Gewalt ablösen lassen.
Das Wegnehmen erfolgt in umgekehrter Reihenfolge der Touren, d. b. der zuletzt angelegte Bindenumgang wird zuerst entfernt und soll dabei der abgerollte und immer wieder in der Hand zusammengekuäuelte Teil von der einen Hand der andern überreicht oder dieser zugeworfen werden, ohne dass jedoch jemals ein Stück der Binde lose berum-baumelt. Bei sehr ausgedehnten Verklebungen der Binden kann auch der Irrigateur Anwendung finden oder stellt man das betreffende Glied in ein laues Wasserbad.
Der Verbandwechsel.
Die Notwendigkeit der Erneuerung des Verbandes tritt zunächst heran, sobald derselbe dem gewünschten Zweck nicht mehr entspricht und die offene Wundbehandlung jetzt rascher zum Ziel führt; letzteres tritt gewöhnlich ein, wenn die Wundränder soweit durch Granulation sich genähert haben, dass die weitere Vereinigung getrost der Narben-retraktion überlassen bleiben kann.
ocr page 153
Technik des Verbindens.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 135
Die Dui'cbfeuchtung der äusseren Verbandscblchten mit Wund-sekret In dem Grade, dass das Absorptionsmaterial dieses niebt mebr autzuiujinien vermag, die Wunde daher die Absonderungsflüssigkeit ab­laufen liisst, ist. eine weiten; Indikation zum Yerhandweehsel, denn das Sekret nimmt an der Oberfläche des Verbandes atmospMrische Luft auf und dann alsbald einen fauligen Cbarakter an; jeder Gerucb einer Wunde erfordert daher sofortige; Entfernung des Verbandes, falls es nicht gelingt, die nur äusserlieh auftretende Zersetzung durch Irrigation mit antiseptiseben Mitteln zu hintertreiben.
Letzterer Versuch kann immerhin gemacht werden, denn es ist einer der ersten Grundsätze der aseptischen Behandlung bei Tieren, nicht ohne Not die Binden zu entfernen, die Wunde also, so lange sie aseptisch heilt, ungestört zu lassen, sowie sobald als nur thunlich zur offenen Wundbehandlung überzugehen.
Eine direkte Aufforderung zum sofortigen Wechsel liegt weiter vor, sobald Schmerz eingetreten oder Anschwellung und Farbenver­änderung auf der Haut der Umgebung, ebenso ist ein Ansteigen der Körpertemperatur ein sicheres Zeichen, dass septische Prozesse ein­getreten sind.
Befolgt man die angegebenen Winke, so ist selbst bei grossen Operationen ein eintägiger Verbandwechsel nicht nötig, ein mehr­tägiger vielmehr die Kegel und kann dieser in der zweiten Woche meist zu einem fünf- bis achttägigen übergehen. Die Drains (Seite 110) dürfen immer früher schon entfernt werden, d. b. alsbald, sowie der Abfluss fferinarer wird oder sistiert.
ocr page 154
Litteratur über operative Chirurgie.
Im Verhältnis zu den übrigen Disziplinen der praktischen Veteri-närwissenschaft gibt es nur wenige Bücher, welche speziell über die tierärztliche Operationslehre handeln; es rührt dies einesteils dabor, dass in früherer Zeit meist nur ein/eine Operationen näher be­schrieben und dann in besonderen Schriften oder in der periodischen Litteratur abgehandelt wurden, andernteils wie In neuerer Zeit die tier­ärztlichen Operationen meist In den Werken über Veterinärchirurgie, einzelne derselben auch in den Büchern über Geburtshilfe, Augenheil­kunde und Hufbeschlag besprochen worden sind.
Am zahlreichsten sind die Monographien über einzelne be­sonders häufige chirurgische Operationen, wie z. B. über Aderlassen, Blutstillen, Kauterisieren, Zahnextraktionen, Pansenschnitt, Brüche, Tro-karieren. Kastrieren u. s. w. Dieselben haben wesentlich zum Aufbau der gesamten Operationslehre beigetragen oder haben sie wenigstens histo­risches Interesse, indem sie aus dem vorigen Jahrhundert stammen, werden daher an ihrem Orte citiert werden.
Ausschliesslich mit der gesamten Lehre über Operationen' in der Tierheilkunde haben sieh nur folgende (chronologisch geordnete) Werke befasst:
Schreger, Dr. Ch. R., Operationslehre für Tierärzte. Fiirth 1803. Enthält die Beschreibung vieler, aber auch jetzt völlig obsoleter Operationen. Verf. besass, wie es scheint, keine eigenen Erfahrungen.
Volpi, L., Trattato di Operazioni cbirnrgicbo per gli animal] domestici. Mi­lane 1823.
Dieterichs, J. F. C., llandbucb der Veterinär-Aklurgle oder die Lehre von den .wichtigsten, an Haustieren vorkommenden blutigen Operationen. Berlin 1842 und 1851. Das erste brauchbare Spezialwerk mit vielen Abb. von Instrumenten.
Gurlt amp; Hertwig, Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Tierärzte. Mit 10 Kupfertafeln. Berlin 1847. Ein durch Vollständigkeit und Sach­kenntnis ausgezeichnetes Werk mit instruktiven anatomischen Abbildungen. (Vergriffen. Sehr teuer.)
Falke, Dr. E., Die veterinär-chinugische Instrumenten-, Verband- und Operations­lehre. Leipzig 1848. Das Buch hat wenig Anklang gefunden, da es für Praktiker nur geringen Wert hat.
Hering, Dr. Ed., Ilandhnch der tierärztlichen Operationslehre. Mit vielen Holz­schnitten. Stuttgart 1857. 1865. 1879. Lange und heute noch das beste und auch verbreitotste Lehrbuch über Operationslehrc.
],J
IS''
ocr page 155
Litteratur über operative Chirurgie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;137
Forster, Dr. L., Kompendium der tierärztlichen Operationslelire. Wien 1864—1867. Besonders für die Wiener Schule bestimmt. Gut geschrieben, kurz ge­halten. Einteilung nach den Geweben. Die topographische Anatomie, sovie die geburtshilflichen und Hufoperationen sind weggelassen.
Forster, Dr. L., Tierärztliche Instrumenten-u. Verbandlehre. Wien 1860—1861.
Flemming, G., A Text-book of Operative Veterinary Surgery. London 1884. Bestes englisches Werk und sehr vollständig.
Nachstehende Werke enthalten die tierärztliche Operationslehre nur als einen Teil der Veterinär Chirurgie; sie sind ebenfalls chronologisch geordnet und his auf die neueste Zeit nachgetragen:
Wolstein, J. Th., Die Bücher der Wundarzney der Tiere. Wien 1784.
Toggia, F., Trattato delle malatie esterne. Vercelli 1786. Bologna 1835. In 'S Bänden.
Bourgelat, Cl., Essai sur les appareils et sur les bandages propres aux quadru-prdes. Paris 1813.
Tenneker, S. v., Lehrbuch der Veterinär-u. Wundarzneykunst. Trag 1819—1820. In 2 Teilen. Verf. war nicht Tierarzt, sondern Stallmeister, trotzdem zeugt das Buch von Sachkenntnis und grosser praktischer Erfahrung.
Dieterichs, J. F. C, Handbuch der Veterinär-Chirurgie. Berlin 1822. Das
Buch war lange Zeit das beste und enthält auf 100 Seiten die operative Chirurgie. Es ist in 6 Auflagen erschienen, die 6. ist ohne letztere. 1844 erschien ein Nachtrag zu obiger Aldurgie.
Leblanc et Trousseau, Atlas du Dictionairo de Mcdecine et Chirurgie vötcri-naires. Baris 1828. Enthält 30 von Tardieu in Kupfer gestochene, wert­volle topographisch-anatomische Tafeln. S. unten /iindel.
Rigot, F. J., Anatomie des regions du corps du cheval, consideive specialement dans ses rapports avec la Chirurgie et la Medecine operative. Baris 1829. Enthält 6 vortrefflich von R. seihst gezeichnete Tafeln in grösstem For­mat. Die Erklärung derselben bildet den ganzen Text.
With, G. C. Dr., Haaiulbog i Veterinair-Chirurgien. Kjöbcnbavn 1837—1839. Das Werk ist, wie dessen deutsche Übersetzung von Kreutzer (1846) unvollständig geblieben.
Roche et Sanson, Nouveaux ölements de pathologie medico-chirurgicale. Bruxelles 1837.
Brogniez, A. J., Traite de Chirurgie vrterinaire. Bruxelles 1839—1845. Verf. war ein vorzüglicher Chirurg und hatte viele brauchbare und unbrauch­bare Instrumente konstruiert.
Schüsselei, J., Veterinär-Chirurgie. Carlsruhe 1841. Verf. starb über der II. Auflage, welche sehr gut geworden wäre.
Rychner, J. J., Ilippiatrik und Bujatrik. Bern 1835. 1842. Enthält viele Ope­rationen bei Pferden und Bindern.
Mazza, J., Corso complete dl Chiiiugia veterinaria. Eirenze 1843. 4 Vol.
Angelis, de, Sezioni elementari di Chirurgia veterinaria. Koma 1843. 1. Band.
Strauss, G., Systematisches Handbuch der Veterinär-Cliirurgio. Wien 1845. Der 2. Teil umfasst die Opcrationslehre. Lange ein vortrell'lichcs Buch.
Bouley et Reynal, Dicfionnaire pratique de medecine, de Chirurgie et d'hygione vcterinaire. Paris. Seit 1866 im Kurs.
i
ocr page 156
:
138nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Litteratur iibor operative Cliirurgic.
Gourdon, J., Klements de Chirurgie veterinairo. Paris 1857. 2 starke Bände. Das erste und vollständigste französische Werk üher Chirurgie und Operationslohro.
Armbreoht, Dr. A., Lehrbuch der Veterinär-Chirurgie mit Benützung des Hand-buclis von G. Strauss. Wien 1862. Die Vollendung dieses Buches dauerte 17 Jahre.
Stockfleth, H. V., Haandbog i Veterinär Chirurgien. Kopenhagen 1870. Gutes Buch, aber mangelhafte pathologische Anatomie. Eine deutsche Über­setzung ist von Steffen begonnen, in neuerer Zeit aber nicht fortgesetzt worden.
Hurtrel-d'Arboval et Zündcl, A., Dictionnairc de medecine, de Chirurgie et d'hygiöne veterinaire. Baris 1874 — 1877. Das beste französische Buch dieser Art, nachdem es von Ziindel neu umgearbeitet wurde.
Peuch et Toussaint, Precis de Chirurgie veterinaire, comprenant l'anatomie chirurgicalo (Toussaint) et la mödecinc operatoire. 2 Bde. Paris 1876. Zu ausführlich und pedantisch gehalten, t'i'ir Deutsche nicht brauchbar.
Bouley, Sanson, Trasbot et Nocard, Nouvean dictionnairc pratique de Mede­cine, de Chirurgie et d'IIygiime veterinaires, Paris. Noch nicht vollendet, jedoch bis zum XIII. Bande (1884) vorgeschritten.
Degive, Manuel medecine operatoire veterinaire. Bruxclles 1880.
i.
ocr page 157
Operationen, welche an verschiedenen Stellen des Körpers vorgenommen werden können.
I, Der Aderlass, Das Blutlassen, Sanguinis detractio, Emissio sanguin 1 s.
Unter Aderlässen, Bhitlasson verstellt man die chirurgische Eröffnung von Blutgefässen (Angiotomie), um durch Entziehung einer bestimmten Menge Blutes Krankheiten zu heilen, besonders lebensge­fährliche Zufälle rasch zu beseitigen.
Schneidet man zu diesem Behufe Venen an, wie am häutigsten, so spricht man auch von Venaesection (Phlebotomia), wählt man je­doch Pulsadern, so heisst die Operation Arteriotomie und werden Kapillaren eröffnet — blutiges Schröpfen, Skariiication.
Geschichtliches. Das Aderlassen ist bei Menschen wie Tieren von jeher ein wichtiges Heilmittel gewesen und so alt, dass sich sein Ursprung bis tief in das graue Altertum verfolgen lilsst. Die ältesten Schriften der Perser, Chinesen und Brahminen (3000 Jahre vor Chr. Geb.) erzählen schon von dem allerdings noch unbestimmten Instinkte, der die Menschen zum Anzapfen von Blut trieb, zu welchem sie wahrscheinlich das Pferd verleitet hatte, das durch Aufbeissen von angeschwollenen Hautadern sich selbst Blut lilsst. Schon in den hippokratischeu Schriften war der Aderlass weit ausgebildet, je nach dem Culturzustandc der Völker und den herrschenden medizinischen Anschauungen wurde aber über den quot;Wert und die Schädlichkeit des Blutlassens fortwährend hin und her gestritten und ruht diese Frage heute noch nicht völlig, die Geschichte des Aderlasses kann daher auch die Geschichte der Medizin genannt werden und Hesse sich darüber ein ganzes Buch schreiben.
Im allgemeinen kann mau sagen, dass bis heute mehr Missbraucb mit der Operation getrieben worden ist, als dass sie Nutzen gestiftet hätte und hat mau diese Thatsache auch zeitweise wohl eingesehen, ist aber immer wieder in den alten Fehler znrUckgefallen oder wurde das Heilmittel ganz über Bord geworfen. Fast zu keiner Zeil erfuhr diese Operation eine ruhige, sachliche Beurteilung, hier wurde sie masslos gepriesen, dort in übertriebener Weise verurteilt, his sielraquo; schlicsslich die Menschen- und zuletzt auch die Tierärzte der Blutverschwendung sowohl, als des wahren Nutzens einer Blutentzieliung klar bewusst wurden, was aber erst um die Mitte des XIX. Jahrhunderts geschah. Am interessantesten in dieser Beziehung ist die Geschichte der Lungenentzündung.
ocr page 158
140 Erste Haupt-Abteilung: Oiicrationcn an verschiedenen Stellen des Körpers.
Wirkung. Der nächste Effekt einer Blutentziehung ist jedenfalls der, dass die Blutmenge indem geöffneten Getasse und den zuführen­den Aestcn vennindert wird und schliesslich auch die des üesannnt-körpers. Die direkte Folge ist dann weiter eine freiere Bewegung des zirkulierenden Blutes und gleichmässigere Verteilung der ganzen Blutmasse im Organismus, wodurch einesteils Fluxlonen nach bestimmten Organen, auf der andern Seite Blutaufstauungen gemässigt oder behin­dert werden können; nachdem jedoch damit die Ursachen letzterer nicht immer behoben sind und ausserdem das Blut von allen tierischen Geweben dasjenige ist, welches am schnellsten ersetzt wird, indem wenig­stens alle verfügbaren Säfte sofort wieder herangezogen werden, kann auch eine prompte Ausgleichung der gesetzten Zirkulationsstörungen nicht ohne Weiteres stattfinden. Die weissen Blutkörperchen regenerieren sich alsbald, nicht aber die roten.
Eine merkliche Änderung in der Zusammensetzung des Blutes kann nur durch starke Aderlässe zu Stande kommen, wenn nämlich das Oefäss-System so entspannt wird, dass nunmehr die Resorption ganz wesentlich erleichtert wird und reichliche Mengen seröser und lympha­tischer Flüssigkeiten in dasselbe hereintreten können, das Blut zeigt daher bald wieder die gleichen Quantitäten Eiweiss, Salze und selbst Faserstoff, ist aber dünner geworden und weil die Menge der roten Blutkörperchen ausserordentlich abgenommen, auch heller; hieraus erklärt sich die Abnahme des Ätmungsbedürfnisses und der auf das Nerven­system wirkenden Irritamente, die Verringerung der Blutwärme (ruhigeres Strömen der Blutzellen durch die Kapillaren), des Blutdrucks, der Puls­zahl, der nutritiven Vorgänge und namentlich auch der Energie, der Herzthätigkeit; ausserdem kommt die absolute Verminderung der Blut­menge auch der Herabsetzung des allgemeinen Beizzustandes im er­krankten Organismus gleich.
Meist sind nun diese an und für sich gewiss wohltbätigen Folgen zu sehr vorübergehender Art, als dass sie ohne weiteres inass-gebenden Eintluss auf die Krankheitserreger wie auf den pathologischen Prozess selbst ausüben könnten und so geht dieser seinen gewiesenen Gang weiter, so dass der Aderlass häufig ohne Schlusseffekt geblieben ist, wenn er nicht etwa geschadet hat. Diese transitorische Einwirkung bemerkt man auch bei gesunden Tieren, welche selbst sehr beträchtliche Blutverluste auffallend leicht ertragen, es folgt hieraus aber auch, dass sogar ungeschickt angebrachte Aderlässe bei kranken Tieren nicht jenen schrecklichen Nachteil haben, wie er von Manchen geschildert worden ist.
Anzeigen des Aderlasses. Durch die bessere Erkenntnis der ätiologischen und anatomischen Vorgänge besonders bei Kongestionen und fieberhaften Entzündungen treten nunmehr die wahren Indikationen des Aderlasses ungleich schärfer hervor, als früher, sie lassen sich daher jetzt auch ganz bedeutend einschränken; auch hat eine vor­urteilsfreie, nüchterere Beobachtung gezeigt, dass gewisse, selbst hohe Fiebergrade der natürliche Ausdruck des regulatorischen Hellbestrebens sind, dass weitaus die meisten Fieber schon einem gut geleiteten diä-
ocr page 159
!
I. Der Aderlass. Das Blutlassen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 141
tetischen, ja selbst negativen Verfahren weichen und in heftigen Füllen eine energische Kühlung und Desinfektion ausreicht, auf der andern Seite aber auch ein guter Diagnostiker durch einen Aderlass am rechten Orte uiid zur rechten Zeit lebensrettend eingreifen kann (Verhütung einer Tianssudation in das Gehirn, Beseitigifng eines kollateralen Lungen­ödems durch plötzliche Verminderung des arteriösen Blutdrucks u. s. w.)
Bei aktiven Hyperämien, Blutwallungen nach anderen Organen, in denen schon infolge Erschlaffung der Arterienmuskulatiir der gewöhn­liche Blutdruck eine starke Anschoppung in den Kapillaren erzeugt, kann einer bedenklichen ÜberflÜlung mit Blut dadurch zuvorgekommen werden, class die Gesandblutmenge verringert, dadurch der Seitendruck in den Gefiissen herabgesetzt und namentlich auch die erhöhte Aktions­kraft des Herzmuskels vermindert wird; in ähnlicher Weise werden, wenn auch selten.
Passive Blutstockungen, venöse Hyperflmien dadurch günstig beeinflusst, dass der Bücktluss des Blutes mechanisch erleichtert und die Aufstauung der Blutkörperchen verhindert wird, nur muss bei dieser Art von Stockung die Herzkraft und der (iefässtonus nachher durch Beizmittel gesteigert werden. Bei den Tieren trifft dies nun am häutigsten bei heftigen Fluxionen nach dem Gehirn und den Lungen, bezw. venösen Blutstockungen zu, es kann daher hie und da ein ergiebiger Aderlass (als ultiinum reiügium) den tötlichen Ausgang (Lähmung) hintan­halten. Ist man in dieser Weise den Widerständen in der Blutbahn kräftig entgegengetreten, so machen sich die wohltbätigen Wirkungen einesteils des verminderten llintlutens des Blutes, andernteils der Be­seitigung des Missverhältnisses zwischen der Triebkraft des Herzens und der Fortbewegung der Blutmasseu alsbald in sichtbarer Weise bemerklich und können einzig und allein hiedurch selbst schon ge­setzte Transsudate wieder rückgängig gemacht, neue aber hintangehalten werden.
Desgleichen können al)er auch cetcris parihus Aderlässe angezeipt sein hei andern Kongestionen und Entzündungen, wie z. B. der Hufe bei Rehe, hei En­teritis, Nierenentzündungen, Endokarditis mit ausgeprttgter Cyanose u. s. w., nur kommen diese woniger häufig vor, setzen nicht so gefahrvoll ein und tritt auch der günstige Heileffekt nicht so eklatant in die Krscheiniing. Unter den angegehe-nen Umständen ist eine Blutentziehung indiziert, gleichviel oh man es mit weniger gut oder kräftig genährten Individuen zu thnn hat, der Ernährungszustand kann daher unmöglich eine Gegenanzeige abgeben, denn die Indicatio vitalis schliesst alle derartigen theoretischen Unterscheidungen aus, der Ernährnngs- mul Kräfte-znstand kann dann nach der Blutentziehung unmittelbar in die therapeutische Rechnung genommen werden.
In ähnlicher Weise verhält es sich mit der sog. Plethora, welche von jeher eine grosse Bolle in der Geschichte der i'hlebotomie gespielt hat, sie aber eigentlich nicht verdient, insoferne erstere als reine Voll­blütigkeit (Polyeythftmia) äusserst selten, vielleicht gar nicht vorkommt oder nickt scharf genug sich zu erkennen gibt; ihr entgegengesetzt ist, die häufigere l'olyäinia serosa, welche Aderlässe nicht ertragen kann, wie denn überhaupt ausser den oben genannten akuten Erkrankungen weiter keine Indikationen mehr den Tierärzten vorliegen und ist dieser
ocr page 160
42 Kiste Haupt-Abteilung: Operationen an vorschiedenen Stellen des Körpers,
*:#9632;!lt;
aus der praktischen Erfahrung sich ergehende Umstand wohl auch der Grund, warum bei der immerhin scharf begrenzten Indikation der Ader­lässe, wie sie in der Praxis fast nur der Gehirn- und Lungenkongestion, den Blutstauungen der Lunge und der Uehe zukommt, im ganzen mit diesen eher geschadet all genützt wird.
Die Wirkung des Aderlasses muss sicii in der Verminderung jener Symptome manifestieren, welche den Anlass zur Wahl dieses Heilmittels gegeben haben; der günstige Effekt zeigt sich oft sehr rasch, sogar schon während der Operation, indem der harte Puls weicher, der unter­drückte fühlbarer, voller wird und der Spitzenstoss des Herzens wieder an die Brustwand herantritt; gewöhnlich jedoch lassen die Wirkungen o—6 Stunden auf sich warten. Um diese Zeit wird dann auch die Psyche, der Blick freier, der Kopf wieder gehohen, das beschwerliche Athmen ruhiger, die trockene Haut fängt an, zu duften, die Extreme des Körpers erwärmen sich u. s. w.
Die Gegenanzeigen ergeben sich nach dem oben Gesagten fast von selbst und müssen als solche zunächst aufgestellt werden die ver­schiedenen Arten der Oligämie, die Kacliexien, Dyskrasien und sonstige Zerrüttungen der Konstitution; ferner die exanthematischen Fieber und sämtliche akute Infektionskrankheiten, deren Bekämpfung jetzt mit ganz andern Mitteln anzustreben ist; wenn auch hie und da /.. B. beim Milzbrand ein zur Ader gelassenes Tier nicht stirbt, so ist doch die Pegel, dass eine Venaesektion das tötliche Ende beschleunigt. Besser steht es mit akuten Vergiftungen, wenn chemische Mittel nicht zur Hand sind; mit der Blutentziehung werden jedenfalls grössere Mengen von Giftteilchen aus dem Körper geschafft
Bei andern krankhaften Zuständen, gegen welche sonst ein Aderlass zur Pegel gehörte, wie bei apoplektischen Insulten des Gehirns und seiner Häute ist man gegenwärtig zweifelhaft geworden, wenn nicht alle Erscheinungen auf Hyperämie und excessiven Blutdruck (kräftiger Herz-stOSS, laute Herztöne, voller Puls, guter Nährzustand) als Ursache hin­weisen; aber auch dann kann nur ein aisbaldiger, massiger Aderlass Hilfe bringen, denn er ist ein zweischneidiges Schwert, das durch die geschaffene Plutverdümiung rasche seröse Imbibitionen nur allzuleicht begünstigt Ahnlich verhält es sich mit innerlichen Blutungen, die allerdings bisweilen zum Stehen kommen, wenn durch ein Aderlass eine erhebliche Herabsetzung des Seitendruckes in dem betreffenden Gcfäss-system zu stände gekommen ist. Starke Blutverluste verursachen zwar eine Pulsvermehrung, bei Pferden um das doppelte, jedoch zirkuliert das Blut langsamer (statt in lü—20 Sekunden in 25—,-!0, Hering), gewöhnliche Aderlässe haben aber keinen Einfluss auf die. Schnelligkeit des Blutumlaufs und kleine vermeinen den Fibringehalt
(irosse Vorsicht erlieischen ferner lilutcntziehunjren bei sehr jungen uiul alten Tieren, bei denen zum Glück die entgegengesetzten Mittel mehr einleuchten, und was die Gravidität betritt't, so kann diese an und für sich eine Kontra* Indikation nicht abgeben, bei dem grösseren Umsatz und Verbrauch von Säften und Kiweisskörpern muss nur hierauf bedacht genommen werden. Dass die Säuge­zeit keinen Aderlass erlaubt, verstellt sich von selbst.
j I
ocr page 161
I. Der Aderlass. Das Blutlasscn.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;143
Krankheiten durch Aderlässe prophylaktisch zu begegnen, wie dies eine noch nicht gar ferne Zeit lehrte, wäre jedenfalls verfehlt; normale Krankheits­anlagen entstehen durch den Gebrauch der Tiere, durch ihre Domestikation, Fütterung und Haltung, es kann daher solchen Dispositionen nur an der Hand der Hygiene entgegengetreten werden; Gewohnheitsaderlässe, wie sie unsere Väter noch kannten, Kernstechen u. s. w. gibt es jetzt glücklicherweise nicht mehr und auch jener Wahn, durch Aderlässe vor Operationen dem Wundfleber, Brand, Rot­lauf u. dgl. zuvorzukommen, ist verschwunden.
Die Frage, ob in einem gegebenen Fall eine Wiederholung des Aderlasses vorgenommen werden soll, beantwortet sich nach obigem von seihst. Ist dieser angezeigt gewesen, von dem gewünschten Erfolg aber nicht begleitet worden oder steigern sicli die Symptome nachher sogar, so wird unbedingt eine zweite Entleerung von Blut vorge­nommen; ob eine dritte, wie in den Büchern angegeben wird, ist sehr fraglich und darauf aufmerksam zu machen, dass schon bei zweimaligen ergiebigen Aderlässen (ausseiquot; andern Stoffverlusten) un-verhältnisniiissig viel Kali dem Blut entzogen wird, das Zentralorgan des Kreislaufs daher insbesondere gefährdet werden kann! Ansserdem werden öftere Wiederholungen auch aus dem Grunde unnötig werden, als die heutige Therapie neben dem Aderlass noch über weitere üusserst kräftige Fieberdejiressoren verfügt (insbesondere kalte Einhüllungen, Alkohol u. s. w.).
Schätzbare Anhaltspunkte für eine Wiederholung der Venensektion sowohl, als die Art der Entzündung und der Ernährung des Tieres liefert auch das Ver­halten des Ulutes nach der Operation, namentlich aber seiner Fibringeneratoren, Hört nämlich der Einfluss der lebenden Gefässwaud auf das Blut auf, so erstarrt es schon nach wenigen Minuten zu einem gallertigen, elastischen, roten Gerinnsel, das aus dem Blutkuchen (Fibrinfasern mit eingelagerten roten Blutkörperchen, welch letztere ihrer Schwere wegen sich senken), dem ohenschwimnienden schwach gelblichen Blutserum (Blutplasma ohne Fibrin) und der Speckbaut bestellt, die beim l'ferde zwischen beiden genannten Schichten ausgeschieden wird.
Entzündliche Zustände sind nun hauptsächlich dadurch charakterisiert, dass der Blutknchen nicht weich ist, nicht in dem Serum zerfliesst oder von einer gallertähnlichen Speckhaut belegt ist, sondern nur wenig und langsam Blutwasser ausscheidet. Bei den andern Tieren verhält sich dies anders. Das Blut des Rindes hat niemals eine Speckhaut, gerinnt normal nur langsam und scheidet erst nach Tagen ganz wenig Serum aus; bei Schafen erfolgt die Gerinnung zu einem festen Kuchen sehr schnell, immer aber ist, bei allen Tieren reichliches Austreten von Blutwasser ein den Aderlass kontraindizierendes Moment.
Über die Menge des abzulassenden Blutes herrschten lange Zeit die verschiedensten Ansichten, was nicht wundern darf, da man heute noch nicht genau die physiologische Blutmenge von Mensch und Tier kennt; man nimmt an, dieselbe betrage beiläufig den 14. Teil des Körpergewichts. Nach den bis jetzt besten Untersuchungen dieser Art hat es sich herausgestellt, dass das Huhn am meisten Blut besitzt ('/u). das Pferd am wenigsten ('/ir,)- Mensch, Hund und Schwein stünden in der Mitte. Anspruch auf praktischen Wert können diese Zahlen nicht machen, massgebender vielmehr ist die Qualität des Pulses, die Art der Erkrankung, der Ernährungszustand und Kräftefonds, auch hat die Er­fahrung die abzulassende Blutmenge mit genügender Genauigkeit an­gegeben und beträgt diese durchschnittlich beim
ocr page 162
144 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen dos Körpers.
Pferd 4—6 Liter Kind 5—8 „ Schwein 0,5—0,75 Liter
Schaf 0,3 Liter
Hund 0,25 „
Huhn 10—40 Gramm.
Im Altertum wagte man nicht, bei Pferden das Mass von 1,5 L, zu über­schreiten, während Lafosse, Ohabert u.a. schon die doppelte Menge abzapften. Nachdem die Lehre von Broussais und Rasori aufkam, verstiegen sich die da­maligen Tierärzte (Girard, d'Arboval, Vatel, Viborg, Ammon, Hayne) schon bis zu 5 und 8 L., ja selbst zu 10 L. und das Doppelte, während andere, wie Wolstein, Lau bender, sowie die Homöopathie in das andere Extrem verfielen und den Venenschnitt ganz verwarfen. Thatsache ist, dass im vorigen Jahrhundert bei Pferden durch wiederholte Aderlässe (in 2—3 Tagen) 50 und 60 Pfund Blut entleert wurde, sowie dass ein starkes gesundes Pferd ohne erheblichen Machteil in der That 25 L. Blut wohl auf einmal entbehren kann; auch bei kranken Pferden hat sich gezeigt, dass ein wohlindizierter, reichlicher Aderlass von 10—15 L. keine sehr wesentliche Schwächung erzeugt. Im allgemeinen besitzen die Tiere umso-mehr Blut, je mehr das absolute Körpergewicht beträgt, mit alleiniger Ausnahme fetter Tiere, welche viel Blut kapitalisieren.
Gegenwärtig überschreitet man die oben angegebenen Zahlen nicht oder mir ausnahmsweise, legt aber grosses Gewicht auf möglichst rasche Entfernung des Blutes; die Erfahrung hat gelehrt, dass das beschleunigte Ausfliessen einer bestimmten Blutmenge grösseren Effekt macht und namentlich der kalmierende Einfluss auf das gereizte Gefässnervensystem schärfer hervortritt. Ebenso hat sich gezeigt, dass ein ergiebiger Aderlass mehr Nutzen schafft als mehrere kleine, welche ausserdem eine merkliche Änderung in der Komposition des Blutes gar nicht erzeugen. Als Grundsatz muss daher aufgestellt werden, ent­weder die volle Menge Blutes aus grosser Venenöffnung abzulassen, oder die Venaesektion zu unterlassen und sie durch den übrigen antiphlogistischen Apparat zu ersetzen. Je früher beides geschieht, desto besser. Die stärksten Aderlässe, erfordern Ivongestiv/.ustände der Lunge und die Entzündung der Loderhaut des Hufes.
Operationsstellen zum Aderlassen. Um den obigen Anfor­derungen Genüge leisten zu können, wählt man jetzt nur mehr grosse und oberflächlich gelegene Blutgefässe, es empfehlen sich daher die Venen am meisten und nur wenn diese aus irgend einem Grund nicht zugänglich sind, wie oft bei Hautkrankheiten, Hautödemen, Liegen der Tiere etc. greift man nach den Arterien. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob das erkrankte, den Aderlass indizierende Organ in nächster Nähe sich befindet oder weit von der Operationsstelle ent­fernt ist, der rasche Kreislauf des Blutes lässt den Aderlass an jeder Stelle als eine Blutent/.iehung des Gesamtkörpers erscheinen. Im übrigen richtet man sich nach der Bequemlichkeit, sowie der Lage der be­treffenden (iefässe, welche bei den einzelnen Haustiergattmigen eine verschiedene ist.
Die Jugular-Vene, Vena jugluaris externa (äussere Drossel­vene, Halsader), erweist sich bei den grösseren Haustieren weitaus als die zweckmässigste, andere Venen werden jetzt gar nicht mehr benützt oder doch nur in Notfällen.
ocr page 163
I. Dor Adorlass. Das Blutlassen.
145
Die Juguliiris ist nicht bios weit und gross genug (IG—26nun weit, 25—85cm lang), um In kurzer Zeit sehr viel Blut liefern zu können, sondern sie liegt auch sehr nahe der Haut, ist nur von der sehr dünnen Fasele desHaishautmuskels (im untern Drittel vom fleischigen Teil desselben) und der Haut bedeckt, kann also sehr leicht getroffen werden und sind auch Nachblutungen selten und leicht zu beseitigen.
Flg. 103.
1 äusserc Kiiiiibackcnvene, '2 innere, 8 untere Gehiinvenc, 4 ilussere Drossel­vene mit den Muskel-, Schlund- und liUftrülirenzwcigen. Hinter ihr liegt die Karotis in der Tiefe der Kehlrinne, neben ihr Vagus und Sympathikus und noch tiefer der Schlund. Der Schulferbeinmuskel liegt nicht auf der Drossel­vene, sondern gebt in der Mitte des Halses schief zwischen ihr und der Karotis
hindurch.
Die ganze Länge von der Vereinigung der äussern und innern Kinnbackenvene bis last zum Gründe des Halses kann zum Aderlassen benützt werden, die bequemste und beste Operationsstelle ist aber jene, an welcher das obere Drittel in das mittlere übergeht (also etwas über der Mitte des Halses): durch Anschwellenlassen tritt die Vene auch hier stark hervor, bei edlen, mageren Hälsen besser als bei ge­meinen und reichlich genährten Tieren. J!ei ersteren ragen hie und da knotenförmige, leichte Erhabenheiten fühlbar hervor, welche die Klap-
Hering'a Operntionslehre. IV. Aufi.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 10
II
ocr page 164
f
H
#9632;..;; 1H
h
14(; Erste Hauptabteilung: Operationen an versobledeueu Stelleu des Körpers.
penpaare andeuten (Flg. 104), deren freie Rtader nach unten ge­kehrt sind.
Die äussere Brustvene, Vena thoracica externa (Brusthautvene, Sporader), lauft horizontal auf den Rippenknorpeln von hinten nach vorne, lu'jit ganz oberflächlich im Brusthautinuskel und mündet unter der Schulter in die Adiselvene. Man schlftgt nur den mittleren Teil
handbreit hinter dem Ellenbogen an, der
fast 2 cm Durchmesser hat und wählt den Zwischenraum der sichtbaren Klap­penpaare. Die Sporader liefert langsam fliessendes, spärliches Blut, man eröffnet daher am besten stets beide Venen. Ein Verschluss ist nicht nötig, dagegen muss man sich hüten, die Spitze des Instru­ments auf den Rippenknorpeln nicht ab­zubrechen.
Die vordere Vorarmvene, Vena radialis anterior, steigt an der medialen Seite des Yordert'usses herauf und ist handbreit über dem Vorderknie am ge­schicktesten zu treffen; sie ist hier nur von der Haut bedeckt und von keiner Arterie begleitet.
Die innere Schienbeinvene läuft mit (1er Schienbeinarterie am Innern Hand der Beugesehnen in die Höhe und geht durch .den Kniering.
Die innern und äussern Fesse'l-
lüg. 104. Geöffnete Vene mit Klappen.
1nbsp; Taschenförmigc Klappen.
2nbsp; Darstellung des Verschlusses der Venen durch 2 Klappen,
venen liegen dicht vor den dazu ge­hörigen Arterien, also zu beiden Seiten der Fesselbeine. Ganz oben am Fessel werden sie durch Umbinden eines Bandes
•#9632;#9632;
geschwellt und treten dann deutlich her­vor, sind aber nur federkieldick. Die Ent­leerung von Blut ist bei letztgenannten Venen des Yorderfusses recht mühsam, sie wurde früher besonders gegen Hufrehe vorgenommen.
.letzt umgeht man bei letzterer das Anschneiden der Kesselvcnen dadurch mit grossein Vorteil, dass man sie durch Massieren zu entleeren sucht, um das Nachrücken des Vencnhluts ans den letzten /clicngliedern zu erleichtern und zu beschleunigen: ein allgemeiner Aderlass ist aher dadurch niclit ausgeschlossen. Die Fesselvenen entleeren ein auffallend helles Blut, so dass man glanhen könnte, die Arterie gctrolVen zu haben.
Die Schrankader, Vena saphena magna, die grosste oberfläch­liche Blutader der Hintergliedmasse, geht aus der innern (medialen) Schienbeinvene hervor, läuft zwischen dem Griffelbein .und den Beuge­sehnen in die Höhe und .schränkt sich auf der Deugeseite des Sprung­gelenks etwas nach vorne, um sich auf der innern Seite des Unter­schenkels allmählich in der Tiefe nach oben zu verlieren. An der
ocr page 165
I. Der Adorlass. Das Blutlassen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;147
medialen Schenkelseite, flicht am Sprunggelenk, liegt sie ausserhalb der Schenkelfascie und ist somit nur von der dünnen Haut und der schwachen Aponourose des Hautmuskels bedeckt.
Begleitet wird sie von einer stricknadeldicken Ilautarterie, enthält auf stark Handbreite 5—7 Klappen und besitzt eine Weite von 10—18 mm, sie ist daher leicht zu entdecken und stets gefüllt. Man öffnet sie jetzt ebenfalls selten mehr, da sie sich leicht massieren lässt, die Eröffnung geschieht aber möglichst weit oben, da wo sie nicht unmittelbar dem Knochen aufliegt. Das Aderlassen an der Schrankader bat gerne Thrombosierungen zur Folge, man muss sich daher hüten (überhaupt an den Venen der Gliedmassen), einen zu festen Verband anzulegen. Bei nicht ganz frommen Tieren ist der Aderlass nicht ohne Gefahr.
Aderlassinstrumente.
Die Eröffnung der Vene kann entweder mit der Lanzette, mit der Fliete oder mit dem Aderlassschnäpper geschehen, am häufigsten bedient man sich der Fliete; ausserdem braucht man Gerätschaften zum Auf­fangen des Blutes, zur Schliessung der gemachten Hautwunde und hie und da auch zur Kompression der Ader.
In früheren Jahrhunderten waren die verschiedensten Aderlassinstrumente üblich, meist waren sie recht primitiver Art. So bedienten sich gar viele lleil-künstler ehemals ganz einfach eines zugespitzten Gemsliornes oder Hirschgeweihes, später eines geschärften Nagels, beziehungsweise scharfen Eisens, während Vege-tins in seinem Buche ,,de morbis animaliumquot; schon mit einem pfeilförmigen Messer, das wahrscheinlich eine Art Lanzette (Sagitta) darstellte, die Drosselvene eröffnete und dann das l'ferd 7 Tage und 7 Nächte in einen dunklen und wannen Stall stellen Hess. Columella schlug mit einem flietenähnlichen Instrumente besonders gerne Arterien an, ebenso empfahl Theomnestns in seiner Abhandlung „de sanguine abundantequot; die Schläfenarterie, bei Koller die Schcnkelvene, Hippe-kr at es gegen Starrkrampf die Sporader, Virgil das Skaritizieren bei Schafen u.s. w.
Die Ertiiulung der Fliete geschah durch Filet und fällt in das XII., der Aderlassschnäpper in das XVI. Jahrhundert. Die von Ap syrtns erstmals angegebene Adcrlassschimr wurde allgemein benützt und ist erst von Lafosse, Chabert, lübhe u. a. als für Pferde entbehrlich erklärt worden; Ersterer beschrieb auch den Aderlassschlegel, sowie die Schliessung der Aderlasswunde zuerst mittels der Naht, während dies früher gar nicht oder durch Aufbinden eines Kotballens von demselben Tiere, durch das Ferrum candens, geölte Vollbauschen, kleine hölzerne Schienen u. dgl. geschah.
Fig. 105.
Die Aderlasslanzette kann als das einfachste und zugleich be­quemste Instrument gelten, obwohl sie von den wenigsten Tierärzten in Gebrauch genommen wird. Am besten eignet sich die englische Aderlasslanzette, wie sie in Flg. 105 abgebildet ist. sie taugt indessen mir, wenn sie nicht zu lang' und nicht zu spitz, dagegen sehr scharf ist, im andern Falle Bellt sie nur sehr schwer durch die Haut oder etar
ocr page 166
11
148 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verseliiedenon Stellen des Korpers.
nicht. Dadurch, dass ihr Eindringen einen bestimmten Kraftaufwand erheischt, kann es kaum vermieden worden, dass die Vene nicht erheb­lich zusammengedrückt wird, die Lanzettenspitze verletzt daher hie und da die hintere Wand auch der gut geschwellten Vene und so kommt es. dass mit diesem Instrumente am ehesten auch die, Karotis ange­stochen wird.
Es ist keine Frage, der Aderlass kann gegenüber dem etwas roh aussehenden Draufsclilagen auf die Kliete mit der einfachen und billigen Lanzette am elegan­testen ausgeführt werden, sie erfordert aber gute topographische Kenntnis, eine gewandte Hand und hat das Missliche, dass sie nur bei feinhäutigen Tieren die Haut ohne Schwierigkeit spaltet, bei Rindern und manchen Pferden ist sie daher unbrauchbar; dagegen erweist sie sich zum Durchstechen als sehr brauchbar, wenn die Fliete oder der Schnäpper nicht bis in das Lumen der Vene eingedrungen sind; auch werden Pferde durch sie am wenigsten beunruhigt. Unentbehrlich ist die Lanzette, wenn an den Venen der Extremitäten zur Ader gelassen werden muss und sehr bequem für die kleineren Haustiere und bei kleinen, den Knochen aufliegenden Venen.
Fig. 106. Deutsche Fliete.
Fig. 107. Englische Fliete.
Die Fliete, Aderlassfliete (Venäsektor, Lasseisen, Phlebotoin der Veterinarärzte) ist ebenfalls eine Stahllanzette, jedoch an einen Stab als Handgriff angeschmiedet und muss durch einen Schlag in die Vene getrieben werden. Hau hat gewöhnlich 2—3 Mieten zusammen in einer Hülse von Metall, Horn oder Bein (Flietenstock), von denen die grösste bei Kindern, die mittlere bei gewöhnlichen Pferden, die kleinste bei Rassepferden, Fohlen, Schafen, Schweinen u. s. w. benüt/t wird. Die Breite und Höhe des lanzetteförmigen Flietenteiles ist gleich (die beiden Abbildungen sind natürliche GröSSC), doch darf die Hübe bis zur Spitze wegen des Abschleil'ens etwas grosser sein und geht in der Richtung nach dieser eine, kleine Gräte, welche dem Instrument mehr Stärke verleiht.
Man hat verschiedene Formen, die gebräuchlichste ist die deutsche Fliete (Fig. 106); sie hat einen „Anschlagquot;, d. h. der Stab reicht lamm und mehr über die Schneide hinaus und verhindert so ein zu tiefes Eindringen. Fig. 107 stellt eine Fliete (fälschlich englische
ocr page 167
I. Dor Adcrlass. Das Blutlassen.
149
genannt) dar, ohne Anschlag, welche deswegen tiefer eindringt und sich besonders für Binder und dickhäutige Pferde eignet, da jedoch der ganze obere Band mitschneidet und das Eck sehr scharf ist, kann sie gefähr­lich werden oder in der Vene hängen bleiben, sie gibt aber am meisten Blut in kürzester Zeit.
In der Mitte zwischen diesen Flieten steht die Brüsseler Fliete mit dem halben Anschlag (Fig. 108), sie ist daher der englischen Vor­zuziehen und überaus brauchbar für alle grosseu Haustiere.
Fig. 108.
In England haben die meisten Flieten kein (iehäuse, aber einen breiteren Bücken, um mit der Hand draufschlagen zu können. Fig. 100 hat zugleich auch einen lungeren Anschlag von 4—0 cm. um bei tiefer Lage der Vene sicherer die Fliete zu treffen. Sticker hat den Bücken etwas gebogen (Fig. 110 natüri. (irösse) und hinlänglich breit gemacht.
Alle Flieten von anderer Form und Grosso sind verwerflich, insbesondere aber die lierzförmigen, die hakenlaquo; oder liornförmigen: sie geben leiebt zu tief ein oder machen nur eine kleine ÖtVnung in Haut und Yene.
Zum Draufschlagen eignet sich aussei' der Hand ein rundes Stück Holz, etwa von der Form und Grosse eines Hammerstiels oder benützt man den sog. Aderlasssclilegel (Fig. 111). Frist 2;'raquo;—30 cm lang und von hartem Hol/, gewöhnlich aber zu leicht und ohne die
ocr page 168
] 50 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
nötige WllCht, von Vorteil ist es daher, den obern dickem Teil mit Blei auszugiessen. In diesem Falle kann der Schlägel ausgehöhlt werden, um einen Adertrichter und Nadeln unterzubringen.
Der Aderlassschlegel hat den quot;Vorteil, dass man genau die Kraft kennt, mit #9632;welcher aufgeschlagen werden muss, um nicht blos in prompter quot;Weise einen Blut-strahl zu erhalten, sondern auch die hintere Veuenwand nicht zu verletzen; der Schlag muss kurz, scharf sein und hauptsächlich mit dem Handgelenk ausgeführt
M
I
Fig. 111. Aderlassschlägel.
(Halbe Grosse.)
Fig. 109.
Fig. 110.
#9632;werden, er beunruhigt aber namentlich Pferde, es ist daher stets das betr. Augo geschlossen zu halten. Desgleichen muss darauf Bedacht genommen worden, dass der Schlegel die Fliete nicht schief trifft, diese nicht abgleitet, und die Luftröhre erwischt oder erstcrer an dem hervorragenden muskulösen Teil des Halses auf­prallt, die Fliete daher kaum getrotl'en wird. Ungeübte begeben meist den Fehler, die Kraft des Aufschiagens zu gering bemessen zu haben.
Der Äderlassschnäpper, zuerst von dem Holländer Pasch 1699 beschriehen, besteht wesentlich ebenfalls in einer Fliete, welche jedoch
ocr page 169
I. Der Aderlass. Das lilutlassen.
151
statt mit dei' Hand durch Federkraft in Bewegung geBetzt wird. Der Mechanismus befindet sich in einem metallenen Kästchen (Springstock), aus welchem die Fliete nach einem Druck hervorspringt. Zu dem
Apparate hat man ebenfalls 2—3 Flioten von verschiedener Grosse, die man mittels einer Schraube einsetzen kann. Es gibt Schnäpper mit einfacher /Sförmig gebogener Schnellfeder, die hinter dem Stab der Fliete befestigt ist und oben zum Aufziehen oder Spannen (Schnabel der Schlag­feder) hervorragt (Fig. 113); häufig ist auch vorne eine leichte Feder angebracht, um die Fliete besser zu fixieren. Der zurückschlagende
Fig. 112. (Ganze Grosse).
Flg, 113. (Va Grosse.)
Schnäpper hat nur die Bequemlichkeit, dass die Fliete nachher von selbst in ihre frühere Lage zurückschnellt. Sämtliche Bestandteile, ins­besondere die Hebelstange (Drücker oder Schneller), sowie der Feder­halter (raquo;der Steller müssen sehr solid gearbeitet sein, indem sie sonst gerne abspringen. Das Gehäuse kann durch einen Schubdeckel geöffnet werden, um zu dem Mechanismus zu gelangen.
Von allen Aderlassinstrumenten sind die Schnäpper die komplizier­testen und deswegen teuersten, werden jedoch in manchen Ländern, besonders Russland, Oesterreich, Ungarn, Türkei stark in Gebrauch
n
ocr page 170
152 Erste Ilanpt-Abteiliing: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
genommen, am wenigsten In den romanischen Ländern. Sio haben wie die andern Phlebotome ihre Vorzüge und Mängel und ist hiebei vor allem die Übung und die damit erlangte Handfertigkeit massgebeud.
Seine Vorzüge bestehen darin, dass die Klinge mit griisstcr Genauigkeit auf­gesetzt, das Instrument während der mit grosser Kraft und sehr rasch erfolgenden Bewegung ruhig gehalten werden kann und man das seichtere oder tiefere Ein­dringen in das Blutgefäss völlig in der Hand hat, je nachdem die Spitze angesetzt wird: auch sieht die Handhabung weniger ungeschickt aus und gibt dem Operateur wie bei der Lanzette das Ansehen grösserer technischer Fertigkeit. Durch die ersteren Eigenschaften des Schnäppers kommt es, dass man die Vene sicherer tritt't und die Öffnung immer gross genug wird; er eignet sich vornehmlich zum Ader­lassen beim Pferde, was sowohl die Drosselvene als die Sporader betrifft. Die Schattenseiten des Schnäppers sind das leichte Kindringen von Blut in das Gehäuse, die schwierigere Reinigung, das die Tiere beunruhigende Geräusch beim Loslassen der Springfeder und die Möglichkeit des Abspringens der Klinge; auch hat man die Bemerkung gemacht, dass die Schlagfcder beim Aderlassen an vielen Tieren hintereinander an Schnellkraft abnimmt. Ausserdem trifft man, wenn im Moment des Vorspringens der Lanzette die Hand zurückfährt, die Vene samt der Haut nicht und wer den Schnäpper zu fest aufsetzt, kann die hintere Venenwand an­schlagen.
I
Fig. IM. Patentschnäpper, ('/s Grosse.)
Um den ersteren t'beistand, das schwierigere Reinhalten ZU ver­meiden, hat man das Gehäuse ganz weggelassen, wodurch auch das Aus­einandernehmen der Bestandteile wesentlich erleichtert wird. Es gibt viele Arten solcher offener Schnupper, ohne dass dieselben jedoch einen andern Vorteil gewährten: sie sind auch ziemlich überflüssig und im ganzen mir wenig im Gebrauch. Als einer der brauchbarsten gilt der Patentschnäpper von quot;Weiss in London (Lig'. 114), dessen Lan­zette mehr oder weniger durch eine verstellbare Messingplatte sich
ocr page 171
I. Dor Aderlass. J)as lilutlasson.
1Ö3
hervortreiben lässt und wobei ein Schlag nicht stattfindet, was bei renitenten Pferden von Wert sein kann.
Von andern ollenen Sclmäppern ist zu erwähnen der ältere englische, der Berliner Schnapper von Jlertwig, der Stuttgarter von Gross u.a. hie unter­scheiden sich von einander durch die Art und Weise des Aufziehens der Klinge, des llereinnehmens der geschwollenen Ader in den Bereich der Lanzette und der gleichzeitigen Kompression der Vene unterhalb der Operationsstelle. Im ganzen kann ihnen nur mehr ein historischer Wert hoigemessen werden, indess müssen die Tierärzte den ganzen Venäsektionsapparat kennen, um von ihm am rechten Orte Gebrauch machen zu können, lieim Menschen wird jetzt nur mehr mittels der Lanzette zur Ader gelassen.
Die Aderlassschnur besteht aus einem 1,5—2 m langen Strick, welcher dem Tiere um den Hals angezogen wird. Au dem einen Ende ist eine Schleife {Vig. 115) angebracht, um das andere durchzuschlingen und so einen beliebigen Druck auf die Vene auszuüben, welche dadurch entsprechend angestaut wird. Die Öhse kann auch durch einen Metall-l'ing ersetzt werden oder bringt man an dem Stricke Pelotten an oder
verschiedene Knöpfe, welche am liiii,u-
oder der Schleife einen Anhaltspunkt finden und dadurch das Knüpfen dos Strickes unnötig machen.
Bei Pferden ist die Adeiiasssciinur ganz unnötig, beim Rindvieh aber wegen • der lockern, ungemein verschiebbaren Haut (Trie!) unentbehrlich. Das Zuschlei-fen geschieht auf der Seite des Operie­renden und immer so, dass die Schleife
mit Einem Zuge geöffnet 1st, da manche
Fig. 115.
Tiere (durch den gehinderten Abfluss des Venenblutes aus dem Gehirn) unruhig werden, seihst toben oder mit der gestauten Vene entwischen könnten. Heim Aderlässen an den Extremitäten werden die Venen durch ein oberhalb der Operationsstelle angelegtes Hand zum Anschwellen gebracht, wenn der Daumen der andern Hand nicht geniigen sollte.
Das Auffangen des Blutes durch ein Gefäss ist unter allen Umstünden nötig, schon darum, um die Quantität und Qualität beurteilen zu können, abgesehen von der Verunreinigung des Bodens, die z. B. beim Milzbrand sogar gefährlich wäre. Man bedient sich hiezu entweder eigener mensurierter Blcchgefässe oder anderer Behälter, deren Raumgehalt mau kennt, resp. eist misst. Meist dienen in der Praxis solche (iefässe auch gleichzeitig zum Anschwellen der Vene.
Aderlass beim Pferde.
Schon durch die obige Besprechung der zum Aderlassen notwen­digen Gerätschaften liisst sich unschwer entnehmen, dass die Technik der Venaesektionen sich nicht aus Büchern lernen lässt, es unterbleiben daher hier weitläufige Erörterungen derselben und sollen nur folgende Winke und Belehrungen gegeben werden.
ocr page 172
m
154 Erste Haupt*Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen dos KOrpers.
Aufstellung des Tieres. Gleichviel ob dem Pferd im Stall oder an einem andern Ort, im Freien u. s. av. zur Ader gelassen wird, ein regelrechtes Auftrensen ist stets gehoten. Dabei liisst man an beiden Zügeln den Kopf höher halten und vermeidet jede schiefe Richtung des­selben; gleichzeitig kann auch der Kopfhalter ein Auge zuhalten, #9632;was bei llngstlichen, unerfahrenen Tieren ohnedies notwendig ist. Unruhigen Pferden legt man eine Bremse auf oder liisst einen Vorderfuss auf­halten, was jedoch immer auf der dein Operateur entgegengesetzten Körperseite zu geschehen hat.
Operation. Bei Pferden bandelt es sieb wohl immer um die Drosselvene, es soll daher zunächst nur von dieser die Rede sein.
Beim Aderlassen mit der Lanzette stellt man sieb am be­quemsten auf die rechte Seite des Pferdes und zwar an die Schulter; mit den Fingern der linken Hand wird die Vene so geschwellt, dass eine rundliche elastische Geschwulst zum Vorschein kommt, ohne welche auch der geübte Operatem' der Vene nicht sicher ist. Hierauf l'asst man die Lanzette in die rechte Hand (Seite 87), liisst von ihrer Spitze nur soviel hervorstehen, als eingestossen werden nmss und eröffnet die Vene in der Mitte ihrer Längenachse, am besten im oberen Drittel des Halses, indem man die Klinge mit einem kräftigen Druck einsenkt und während des Znrückziehens den oberen Wundwinkel aufschlitzt. Jedes Tier führt dabei etwas zurück und nun hüte man sich, die die Vene anstauende Hand ebenfalls zurückzuziehen, denn diese muss so lange das Gefäss komprimieren, als man Blut ablaufen lassen will. Soll an der linken .lugnlaris mit der Lanzette operiert werden, so muss man entweder die Hände wechseln oder sieb vor das Pferd stellen.
Beim Aderlassen mit der Fliete stellt man sich hesser an die linke Schulter, komprimiert die Vene mit der linken Hand, in welcher zugleich die Fliete zwischen dem Daumen und Zeigefinger gehalten wird und treibt die Flietenspitze, ohne dass diese die Haut vorher berührt (ebenfalls in der Mitte des Halses und auf der höchsten Wölbung der geschwellten Vene), durch einen kurzen aber kräftigen Schlag mittels des Schlegels in Haut und Vene ein, worauf ein Blutstrahl zum Vor­schein kommt.
Mit dem Schnäpper Ader zu lassen, geht am bequemsten auf der rechten Seite, soll es aber links geschehen, so muss die Fliete statt nach auf- nach abwärts gehalten werden, wobei man noch den Vorteil gewinnt, dass Blut nicht in das Gehäuse eintreten kann. Je nachdem die Schnäpperfliete mehr oder weniger tief eindringen soll. wird der vordere (iehäuserand mehr oder weniger geneigt auf die Vene gesetzt. Der die gespannte Feder festhaltende Drücker umss leicht gehen, indem sonst heim Losdrücken die Richtung des Instruments verändert wird.
Ungeübte müssen ein Hauptgewicht auf gutes Schwellen der Vene legen und sollte diese nicht deutlich genug hervortreten, so feuchtet man die Haare an und streicht sie glatt, nur selten wird man mit der Flietenspitze über die stark gewölbte Vene hinabgleiten; bei diesem Schwellen ist darauf zu sehen, dass nicht auch die Vene der andern Seite eine Kompression erfahre. Der Kinschnitt ge­schieht stets auf der höchsten Höhe der Vene, meist parallel mit der I.iingsachse:
quot;f
h
m
w
III
ocr page 173
I. Der Aderlass. Das Blutlassen.
155
sollen jedoch reichliche Mengen Blutes rasch entleert werden, bo muss die Wunde mehr klaffen, zu welchem Behufe man das Instrument etwas schief anlegt. Gegen Nachblutungen helfen Nadeln sofort. Das Abscheeren der Haare ist selten nötig, eine Aderlassschnur gar nicht, wohl aber Reinigung der Haut und Desinfektion des Instruments.
Gelingt es nicht, wie häutig, auf das erstemal Blut zu erhalten, so wird die Wunde zum zweitenmal benützt (Lanzette) oder ein neuer Versuch gemacht; fliesst dagegen Blut, aber nicht reichlich genug, so ist entweder der Parallelismus beider Wunden nicht in Ordnung, die Öffnung zu klein, das Blut dickflüssig oder hat man eine Klappe getroffen, deren Zipfel sich vor die Veneuöffnung legt; durch Kauen­lassen oder Ahwftrtsstreichen mit der Hand kann nachgeholfen werden. Die Operation muss bei etwas gestreckten Armen geschehen, um nicht selbst bespritzt zu werden, ebenso muss man sich hüten, die Fliete beim Draufschlagen nicht schief zu treffen, indem sie sonst umkippt. Bei reichlichem Fettpolster sieht man oft nur undeutlich den etwas prall sich anfühlenden Venenstrang, es reicht jedoch meist ein öfteres An- und Abschwellen der Vene hin, um sie besser als solche zu erkennen; im andern Falle hilft man sich, wie bei Hengst- und Speck­hälsen dadurch, dass man sich in der Drosselrinne unter häufigem An- und Ab­schwellenlassen mittels eines Längssclinitfes in die Haut Bahn zur Vene bricht.
Die Verschliessung der Wunde geschieht. wenn die Blutung nicht spontan steht, wie bei den kleineren Venen, statt, mit Binden und Kom­pressen mittels einer durch beide Wundlefzen quer durch­gestochenen Stecknadel, um welche dann ein Bindfaden oder (i—8 Mähnenhaare in einer Achter- oder Kreistour (Fig. 116) geschlungen und geknüpft werden. Nur bei grossen oder starkklaffenden Hautwunden sind 2 Nadeln nötig, deren jede für sich um­wickelt wird. Die Venenwunde bleibt aussei' Verschluss, denn es bildet sich dort ein kleiner Pfropf, der sich rasch organi­siert, ohne jedoch die Vene undurchgängig zu machen, die Narbe kann daher unbedingt wieder benützt werden.
Die ümschlingung braucht
nur so fest angezogen zu werden, dass sich die Hautränder eben be­rühren, also nicht übereinander schieben, beim Anlegen genannter Naht muss man sich aber hüten, die Haut von der Vene stark abzuziehen, weil dies regelmässig zu Blutunterlaufungen führen würde. Sehr zweckmässig, aber nicht absolut notwendig ist es, wenn die Nadel leicht beölt wird, um sie des andern Tags ohne Zwang ausziehen zu können. Die Wunde verklebt längstens in 24 bis
ocr page 174
I 56 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
30 Stunden, so ferne man die Tiere (durch Aufbinden oder Verkebrtstellen im Stande) am Reiben verhindert, ^'ach dem Knüpfen der IS'aht muss jedenfalls die Wunde gereinigt werden, ebenso darf man nicht gleich füttern oder ein Kummet auflegen.
Bei sehr dicker Haut und weichen Nadeln ist das Durchstechen oft schwierig und für die Finger schmerzhaft, 6öurden hat dalier einen Nadelhalter (Fig. 117) konstruiert, in welchem die Stecknadel sowohl der Länge als Quere nach befestigt werden kann. Das Instrument ist unnötig, wenn man sich gute, recht spitzige Nadeln verschaffen kann. Die besten sind die Karlsbader Nadeln, welche lanzenförmig zu­gespitzt sind, also auch zugleich schneiden. Nachher wird die Spitze umgebogen oder abgekneipt, wozu eine Kneipscheere dienen kann. An den andern Venen, seihst an der Sporader, ist ein Yerschluss selten nötig oder genügt es, den Finger einige Minuten auf die Öffnung leicht anzudrücken; das sich etwa im Zellgewebe ansammelnde ülut braucht nicht weiter berücksichtigt zu werden, auch ist selbst ein Durchschlagen der kleineren Venen ungefährlich, zur Beruhigung des Tierbesitzers kann jedoch eine kleine Kompresse umgelegt werden.
1
! r
Aderlassen beim Rinde.
Bei diesen Tieren wird ebenfalls die Drosselvene am häufigsten benutzt, seltener die Milchader und von den Aderlassinstrumenten kommt fast nur die Fliete in Betracht, die Aderlassschnur (s. Seite 153) ist nur bei sehr feiner Haut entbehrlich. Die Hautwunde nachher zu ver-schliessen ist nicht nötig, weil die leicht verschiebliche Haut nach der Entfernung des Stricks die Venenwunde von seihst überdeckt.
Das Tier wird an den Hörnern gehalten, der Kopf emporgerichtet und das Auge der betreffenden Seite verdeckt; Binder verhalten sich immer unruhiger als Pferde, die Operation seihst ist jedoch keineswegs schwieriger, im Gegenteil, denn die Drosselvene ist sehr weit und daher leicht zu treffen, nur muss die Fliete grosser sein und der Schlag mittels des Schlegels stärker ausgeführt werden. Der Chirurg stellt sich neben die Schulter (gewöhnlich der linken Seite) und hand­habt die Fliete, wie es schon heim Pferde Seite 154 angegeben wurde; bei kleineren Bindern kann man sich auch auf die entgegengesetzte Seite stellen und über den Hals hinüherbeugen, um die Vene zu öffnen. Zu bemerken ist, dass alle Kinder mit dem Hinterfuss jener Seite nach vorwärts hauen, auf welcher der Schlag geschieht.
Manche Tierärzte ziehen die Dauchhautvene bei abdominalen Krankheiten und Euterentzündungen vor, vielleicht auch weil sie bei guten Milchkühen sehr gross, die darüber liegende Haut feiner und dünner ist; dagegen ist die Stellung des Operateurs ungeschickter, er ist eher einem Schlage durch den betreffenden Hinterfuss ausgesetzt und überdies wird die Milchader von einer kleinen Arterie begleitet. Der grösseren Bequemlichkeit wegen operiert man hier besser mit der grossen Fliete eines starken Schnäppers.
IM
1 , I
I .
ocr page 175
I. Der Adorlass. Das Blutlassen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;157
Zu diesem Beliufe stellt man sich ziemlicli weit vorwärts an die Schulter, mit dem Gesicht nach rückwärts gewendet, um zugleich den oft unangenehm wer­denden Ilinterfuss im Auge behalten zu können. Ferner ist zu herücksichtigen, dass das Blut dieser (in das Gebiet der vorderen Hohlvene gehörenden) Vene vom Euter weg nacli vorwärts fliesst und die 5—8 Klappenpaare in ganz kurzen Distanzen auf einander folgen, mau wählt daher die bedeutendste der durch das Anstauen des Blutes entstandenen phlcliektatischen Stellen. Die Blutung hört nach dem Abscliwellcnlassen meist selbst auf, im andern Falle wird sie nicht durch Nadeln, sondern durch Druck mittels der Finger während einiger Minuten gestillt, ürössere Extravasate sind liier übrigens nicht selten, sie lassen sich aber chirur­gisch leicht bekämpfen und nur wenn die Heilung durch öfteres Aufreissen gestört wird, kommt es zu varikösen Entartungen oder purulenter Schmelzung der Blut­geschwulst.
Das Aderlässen beim Schaf ist zur Seltenheit geworden, seit­dem mau den Mil/brand auf ^an/. anderin Wege behandelt, bezw. die Schäfer das Geschäft des Aderlassens meist selbst besorgen, auch wäre es bei diesen Tieren häufiger nötig', Blut in die Venen ein- als abzu­lassen. Zum Aderlässen wird die Gesichtsbautvene unterhalb des Innern Augenwinkels In der Gegend der Wurzel des -t. Backenzahns kurzweg mit einem Taschenmesser quer durchgeschnitten und nachher durch eine Nadel wenn nötig verschlossen; die kleine Vene gibt nur wenig Blut ab, um sie daher nicht beiderseits abschneiden zu müssen, operiert man an der Drosseiveuc wie beim Binde, scheert jedoch erst die Wolle ab.
llertwig hat auch die Augenwinkelvene empfohlen und soll diese einige Centimeter über dem unteren Hinterkieferrande mit der Lanzette oder einem kleinen Schnäpper geöffnet werden, wo sie zwar weniger sichtbar ist, aber einen grösseren yncrdurchmesser besitzt und von keiner Arterie begleitet wird. Bei Böcken werden nicht selten auch beide Hörner abgesägt, die man his zur Selbststillung bluten lässt, wenn die Verunglimpfung nicht gescheut wird. Man nimmt die Schafe schleclitliin zwischen die Beine und lässt ihnen den Kopf gut festhalten.
Aderlassen beim Schweine. Die Operation kommt hier häufiger vor als bei Schafen und Ziegen, obwohl sie meist zweckmiissiger durch drastische Purgiermittel zu ersetzen wäre. Die Drosselvene ist ihrer Tieflage wegen mir schwer erreichbar, bei auch nur einlgermassen reich­lichem Panniculus aber gar nicht, man hält sich daher ebenfalls an die Kopfvenen (Kinnbackenvene am vorderen Rande desMasseters, hintere Ohrmuschelvene, ünterzungenvene unmittelbar vor dem Zungenhändchen) und sticht im geschwellten Zustand mit der Lanzette an; dasselbe ge­schieht mit der Hautvene des Hinterschenkels, nachdem sie (zwischen Knie- und Sprunggelenk) durch ein Band gestaut worden ist.
Mit grösserem Vorteil bemächtigt mau sich der reich mit Blut-gefässen versehenen und unverhttltnismftssig grossen Ohrmuschel dieser Tiere, deren beide Venen man (samt der hinteren Ohrarterie) kurzweg einsehneidet, wenn man nicht vorzieht, die Ohrmuscheln zu schlitzen oder, um noch kürzeren i'rozess zu machen, den Schwanz in seinem untern Drittel abzuschneiden. Die erhaltene Blutmenge ist bei all diesen Prozeduren keine bedeutende, desto grosser aber das Geschrei. (Die Befestigung der Tiere s. Zwangsmittel Seite 62.)
ocr page 176
158 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an versihiedenen Stellen des Körpers.
Bei Hunden und Katzen kann man nach vorherigem Abscheeren
der Haare die Drosselvene durch einen Stielt mit der Lanzette an­schneiden, sie tritt bei Druck mittels der Finger hervor, am deutlichsten am Grunde des Halses: ist dies nicht der Fall, wie bei gut genährten Hunden, so muss die Vene erst durch einen 1 lautschnitt aufgesucht und 'nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; hlossgelegt werden. Ebenso kann, jedoch nur bei Hunden, auch die
Hautvene innen am Schenkel mit der Lanzette angeschnitten werden, nachdem sie durch ein Hand gehörig zum Anschwellen gebracht ist.
I Bei den Karnivoren liegen mir ganz selten Indikationen zum Venenschnitt vor und gibt es viele starkbeschäftigte Praktiker, welche sich noch nie zum Ader­lässen bei Hunden veranlasst sahen, dasselbe vielmehr lediglich als Spielerei ansehen.
Das Aderlassen beim Geflügel unterlässt mau erfahrungsgemttss
5
n
lieber ganz und ersetzt es ebenfalls durch Purgiermittel und Diät. Wird
jedoch die Operation gewünscht, vielleicht auch notwendig, wie manch­mal bei Vergiftungen, Gehirnkongestionen u. s. w., so stehen die Drossel­venen und Armvenen zur Verfügung.
Behufs Aderlassens an der Jugularis lässt man sich den Kopf des Tieres gut festhalten, scheert die Federn zur Seite des Halses ab und sticht die beiden erst mit Daumen und Zeigefinger geschwellten Drosselvenen mittels einer Lanzette an, wobei zu bemerken ist, dass die Karotiden leicht getroffen werden können, da sie nicht in der Fossa jugularis liegen; die Blutstillung geschieht durch Anlegen eines leichten Wattverbandes.
Auch die Armvene, Ycna alatoria superior, kann benützt werden: sie liegt, wenn man am liegenden Tier die, Fitigel ausbreitet, an der innem Seite des Oberarms (ersten Llügelknochens) neben der Arm­arterie, wo sie ganz oben, nachdem sich letztere von ihr getrennt hat. mit der Lanzette erreicht und parallel mit ihrem Verlauf angeschnitten werden kann. Auch hier ist ein Kompressivverband notwendig, weil der starken Venemvandungen wegen leicht Nachblutungen erfolgen.
Wer derartige Operationen nicht zu unternehmen wagt, wie häufig aus Mangel an Anatomie, behilft sich mit Skarifikationen des Kamms oder der Kehl­lappen, soweit diese stark entwickelt sind und unterhalt die Blutung, wenn nötig, durch Kneten und warmes AVasser, bis die nötige Menge Blutes ausgetreten ist (Tauben 5 Gramm, Hühner 10—40 Gramm, Enten 20—40 Gramm, Gänse 40—60 Gramm). Die Heilung der Einschnitte erfolgt gefahrlos und sehr rasch, wenn antiseptische Reinigung vorhergegangen ist.
Ungünstige Ereignisse beim Aderlassen.
1. Nachblutungen sind nicht, selten und erfolgen entweder durch die nicht gehörig verschlossene, bezw. wieder geöffnete Hautwunde oder sie stammen von dem subkutan ergossenen Blute, das jedoch meist *nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; sofort gerinnt; auch erfolgt eine Nachblutung öfters nicht nach aussei).
| ;nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;sondern in das Zellgewebe. Die Ursachen sind meist ein ungenügender
'nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Verschlnss, stärkeres Klaffen der beiden Wunden, Durchstechen der
hintern Venenwand, grosse Unruhe der Tiere. Niederliegenlassen, Druck
l
ocr page 177
I. Der Ailerlass. Das Blutlassen.
159
II
unter {lor Aderlassstelle (Kummet, Halskette, Anlehnen an die Krippe, Reiben an der Wunde, Heraufnebmen des Kopfes beim Reiten, un­geschicktes Entfernen der Nadel, dünnes Blut u. s, w, Klappenläsionen sind unscliädlicli.
Behandlung: Beseitigung der Ursache, dichterer Verschluss der Wunde, Druck auf den /ufülirenden Teil der Vene, Bandage, kaltes Wasser, Bestreichen der Öffnung mit blutstillenden Lösungen (am besten 1 Kisencliloridlösung mit 5 Collodium elasticum). B lut extravasate erheischen gleichmässigen Druck, Zer-teilung durch feuchte Wanne, Umlegen von Guttaperchapapier, Einschnitt und antiseptische Behandlung.
2. Venen-Entzündung, Periphlebitis, Eiterung, Aderlass­fisteln entstehen gewöhnlich durch Misshandlung der Wunde, öfteres Einpicken der Vene durch Fehlschlagen, Quetschung durch zu heftiges Schlagen, am häufigsten aber durch Störungen der Wundheilung., Zer­setzung des subkutanen Blutergusses und unreine Instrumente. Weitere Folgen sind dann perniciöse Entzündungen (Phlegmone, Erysipelas, Lymphangitis), Thrombosierung, Verdickung des Venenstrangs, Anschwel­lung der zuführenden Venenäste, Eingenommenheit des Sensoriums, Ausgang in Abszedierung. Wenn nach 8—10 Tagen erst Nachblutungen erfolgen, sind sie sichere Anzeichen einer beginnenden (nicht ungefähr­lichen) Aderflstell
Sichere Mittel hei derartigen Zufällen sind: Desinfizierende Einspritzungen, Verhinderung des Organlsierens der Thromben und des Weltersohlelohens der Ent­zündung durch eine tüchtige Einreihung der verstärkten Kantharidensalhe, später Applikation des Glüheisens, zuletzt antiseptische Excision des obtnrierten Gefäss-stranges (siebe Aderlassfisteln).
.•!. Die Verletzung der Drosselarterie ist teils durch zu tiefes Findringen des Instrumentes, besonders der Lanzette, teils durch un­gewöhnliche Lage der Arterie veranlasst; entweder geht dann der Stich in die Karotis durch die Vene oder direkt, indem die Klinge an der Jugularenwölbung hinabgleitete. Der dunkle Dlntstrahl ist dann kräf­tiger, pulsierend und von hellroten streifen untermischt. Die Erscheinung darf nicht allzusehr erschrecken, die Arterie wird fast immer lilos angestochen oder handelt es sich gar nur um ein verletztes, zufällig über die Vene weglaufendes Arterienästcheii, indes sind auch schon tötliche Blutungen vorgekommen.
Vor allem gilt es bei ruhigem ISlute sofort eine Vorschliessung der Karotideiiötfnung dadurch anzustreben, dass man sie komprimiert, was ohne Verzug mit den Fingern zu geschehen hat: unterdessen sorgt man für Tampons und Binden, sowie für absolute Beruhigung des Tieres. Dringt nichtsdestoweniger Immer Mieder wieder hochrotes Blut zwischen den Fingern oder neben dem Kompressivverhand durch, so bleibt nichts anders (ihrig, als mutig und entschlossen mittels des Messers sich Bahn zur Arterie ZU brechen und sie zu unterbinden, was schon in 6 Minuten geschehen kann. Das rasche Auflindon dersolhen erfolgt mittels des Fingers. Als lihle Folgen dieser (iperation (s. Blutstillung) ist Aneurysma oder der Varix anen-rjsmatictis hauptsächlich zu bezeichnen.
4. Verletzung des Lungenmagen-Nerven ist äusserst selten und ohne weitere Bedeutung, auch wenn selbst eine l'ercision statt­gefunden hätte: es treten wold auffällige Symptome ein. wie plötzliches clyspnoötisches Atmen, Keuchen, Verminderung der Atemzüge bei Stei-
ocr page 178
1G0 Erste Ilaupt-Alitoilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
gerung der Herzschläge, Dysphagie, Erbrechen u. s. w., allein diese Gelürnerscheinungen Kind nur voiübergeliciider Art.
Um Vnrletzung anderer Nerven (Hautnorven) Lokünimert man sich nicht, auch gibt es keine Anhaltspunkte, um solche zu schonen, indem man ihre Lage nicht kennt und sie weder sieht noch fühlt.
5.nbsp; Verletzung der Luftröhre. Für sieh allein sind reine Schnitt­wunden der Trachea ungefährlich, Hilfe ist erst notwendig, wenn die Tiere schaumiges Blut aushusten, also Blut eindringen konnte (Hering sind zwei Todesfälle bekannt geworden, welche Ersatzansprüche zur Folge hatten). Zunächst muss weiteres Nachrücken von Blut durch Druck auf die Vene verhütet und die Entfernung des eingedrungenen Blutes durch Senken des Kopfes, Husten, Inhalationen u. s. w. begünstigt werden, die Trachealwunde heilt von selbst und entstandene Emphyseme verdienen gar keine Beachtung.
6.nbsp; Eindringen von Instrumenten in die Halsvene ist, wenn auch sehr selten, vorgekommen; so geriet Lehmann ein Adertrichter in die Jugularis und drang bis in die Pulmonalvene vor. Der Tod erfolgte in kurzer Zeit. In einem andern Falle gleitete eine abgebrochene Schnäpperklinge bis in die rechte Herzkammer, ohne jedoch zu schaden (Eümpel 1880).
7.nbsp; Eindringen von Luft in die Vene ist schon öfters bei allen Tieren beobachtet worden, häutiger bei Infusionen, als Aderlässen und wenn auch tötliche Fälle hauptsächlich nur bei den kleinen Haustieren vorkamen, sind sie doch auch bei Pferden nicht ausgeschlossen. Gewöhn­lich tritt Luft in dem Momente ein, in welchem der Druck auf die Vene aufhört, was sich durch ein gurgelndes, schlürfendes Geräusch zu erkennen gibt; offenbar hat hier eine Art Aspiration stattgefunden und die Tiere fangen nun an zu taumeln, heftig zu atmen, zu schwitzen oder niederzustürzen und bleibt es sich ziemlich gleichgültig, ob mehr oder weniger Luftblasen in den Venenstrom eingetreten sind. Oft ge­hören dazu viele Liter, oft nur winzige Mengen.
Der Tod erfolgt unter besonderen, noch nicht näher gekannten Umständen, doch scheint das meiste darauf anzukommen, in welchen Gefässgebieten sich die Luftblasen ansammeln und so eine plötzliche letale Druckverminderung (Asystole) erzeugen, beziehungsweise durch Spannung die Kontraktihilität des rechten Herzens aufheben. Am wenigsten schadet offenbar die in die Lungenarterie eingedrungene Luft, indem sie hier am ehesten der Zersetzung und Resorption unterliegt, dagegen scheint sie auch in das arterielle Gebiet überzutreten und durch Qasembollen schwere Störungen zu veranlassen. Der Tod erfolgt in kürzerer oder längerer Zeit, bei Pferden jedoch innerhalb heiläufig einer Stunde oder (wie gewöhnlich) gar nicht.
Sobald man jenes ominöse Geräusch an der Vene hört, muss sofort dafür gesorgt werden, dass nicht allein keine, Luft mehr nachtreten kann, sondern die eingedrungene wieder so viel als thunlich entleert wird: beide Zwecke erreicht man am besten durch Ausströmenlassen einer ziemlichen Menge lilutes (Kompression unterhalb der Wunde). Gegen die übrigen /ufillle, namentlich die asphvktischeu ist mit den bekannten Reizmitteln vorzugehen.
ocr page 179
laquo;Ill1
I. Der Aderlass. Das Blutlassen.
161
8. Ohnmächten nach dein Aderlässen kommen ebenfalls, wenn auch sein- selten bei den Tieren vor, häufiger bei Schafen, Hunden und dem Geflügel, als bei den grossen Pflanzenfressern. Kalte Perfusionen, Frottieren und analeptlsche Mittel beseitigen solche Nervenzufälle schnell.
Arteriotomie.
Schon im Altertum kannte mau das Anschneiden der Pulsadern lind benutzte man es besonders bei heftigen Orgasmen und Fluxionen nach dem Gehirn und den Lungen, um einen mehr direkten Einfluss auszuüben. Man war der Ansicht, in den Arterien zirkulieren die Lebens­geister, das Blut sei aktiver, feuriger, ein Verlust desselben wirke mehr beschränkend auf den plastischen Prozess und besonders günstig bei asphyktlschen Zuständen und Scheintoten, bei denen die Venen kein Blut mehr entleeren. Dass jedoch die Arteriotomie keinerlei Vorzüge vor der Phlebotomie hat, leuchtet nach obigen Auseinandersetzungen von selbst ein, ausserdem kommen durch die plötzliche Reizminderung häufiger Olimnachten selbst bei Pferden und Bindern vor und bieten die Arterien auch mehr technische Schwierigkeiten, welche besonders darin bestehen, dass sie
1.nbsp; tiefer liegen und kleiner sind, als die Venen, deswegen auch schwieliger zu finden und zu treffen sind;
2.nbsp; der Blutdruck ohne Vergleich stärker ist, das Lint stossweise hervortritt und daher Blutungen nicht so leicht zu stillen sind;
3.nbsp; sie gewöhnlich von Nerven hegleitet werden, diese also auch eher einer Verletzung ausgesetzt sind.
Indessen gibt es doch Fälle, in denen Arterien ausnahmsweise geöffnet werden müssen, wenn die Venen aus irgend einem Grunde eben nicht zugänglich sind, was namentlich bei Pferden und Schweinen hie und da zutrifft. Ks stehen dann verschiedene Arterien zur Verfügung, insbesondere die Schläfen- und (iaumenarterie, die hintere Ohrarterie und die Schweifarterien. Von all den genannten weiden jetzt nur mehr die ersfere, sowie die beiden letzteren be­nutzt, unter Umständen auch die Fesselarterien.
Die quer laufende Gesichts-Arterie (A. transversa faciei, fälschlich auch Schläfenarterie genannt) geht aus dem Stamme der letzteren hervor und schlägt sich unter dem Kiefergelenk, einen rechten Winkel bildend, auf die Angesichtstläche. Dieser Masseterialast liegt hier unter dem Jochbogen rabenkieldick, anfangs oberflächlich und nur vom Hautmuskel bedeckt, um dann weiter vorne unter dem Auge in die Tiefe des äussern Kaumuskels einzudringen. Begleitet wird er von Zweigen des Angesichtsnerven. jedoch mehr nach aufwärts am Packen. Man kann die Arterie hier sowohl pulsieren fühlen, als auch sehen.
Nach einem Parallelschnitt durch die Haut wird sie der Länge nach angeschnitten, da man sie aber bei unruhigen Tieren leicht ver­fehlen kann, sucht man sich ihrer erst durch Umstechen mit einer ein­gefädelten Wundnadel zu versichern. Die Blutung hört entweder von seihst auf, im andern Fall wird die Hautwunde sofort genäht. Das Kauen muss nachher vermieden werden.
Hering's OperutionsU'lire. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Jl
ocr page 180
1 (i2 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an versclüedcnpn Stellen des Körpers,
Die hintere Ohrarterie (Fig. 119c) ist nur stark genug zum Aderlässen bei der grossen Ohrmuschel des Bindes und Schweines.
Am deutlichsten tritt sie am Grunde der Ohrmuschel unter die Haut und ist hier sichtbar. Die Arteriotomie geschieht in der Art, dass man das Get'iiss entweder kurzweg quer durchschneidet und das Ausbluten begünstigt, weil man sonst zu wenig 151ut erhält, oder um letzteren Übelstand zu umgehen, es gleichfalls umsticht und anschlingt, wodurch das Zurückziehen der Arterienenden und damit auch das zu frühe Auf­hören der Blutung vermieden wird. Das Anlegen einer Ligatur sollte überhaupt bei keiner Arteriotomie unterlassen werden. Kleinere Arterien zieht man am besten über ein elastisches Drainrohr aus der Wunde hervor und niilit letzteres mit Karbolseide ein.
Fig. 118.
üesichtsai-terie und Acste der Innern Kiuiibackenarterie. Pferd, aa' hintere Kaumuskelarterie. amp; grosse Ohrarterie, c hintere, älaterale, c tiefe Ohrarterie: / Stamm der Schläfenarterie, fjo' querlaufende Gesichtsarterio, gquot; mittlere Masseterarterle, 7i'oborfläohllone Schlafenarteri^, ii' Angesichtsarterle, lil Arterien der Hinter- und Vorderlippe u. s. \v. (Leyh.)
Das Offnen der mittleren Schweifarterie bei Pferd und Kind geschieht in der Art. dass man das (iefäss ebenfalls quer durchschneidet und zwar im obern Drittteil der Schweifriibe. Auch bei dieser Operation erhält man zu wenig Klut. es muss daher oft 2- 3 mal eingeschnitten werden. Kin antiseptischer Verband ist hier leicht anzulegen.
Die Kesselartcrien liefern noch weniger Blut, nachdem jedoch gerade bei der liehe nur sehr ausgiebige Aderlässe Erfolg haben, ist das Anstechen dieser (iefässe ganz und gar unzweckmässig.
ocr page 181
II. öillkher A-derlass. Skariiizieren.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 103
IL Örtlicher Aderlass. Skarifizieren,
Um bei lokalen Blutübei'fülluiigen, Entzündungeu und Anschwel­lungen oine Blutentzieliung vorzunehmen oder andere Störte, welche sich an einem leicht zugtlnglichen Teile angesammelt haben, zu entfernen, macht mau nicht selten von einem Operationsverfahren Gebrauch, welches in mehrfachem Ein ritzen (scarifleare) der Haut oder der Schleim­häute, häufig auch in mehr oder weniger seichten Einschnitten be­stellt und zum Unterschied von grösseren, tieferen lucisionen als „Skarifikationquot; bezeichnet, wird.
Ausser zum Zwecke der örtlichen Entziehung von 151ut oder Ent­leerung von pathologischen Prochilcten (Exsudaten, Brandjauche, Gase) skai'ifiziert man ferner, um bestimmten Arzneimitteln die Aufnahme in das organische Gefttge zu erleichtern, sie kräftiger und tiefer in die absichtlich verwundete Haut einwirken zu lassen oder durch Schaffung neuer, frischer quot;NVundtliichen alte schneller der Heilung zuzuführen.
Die Anfänge tliescs Verfahrens reichen bis ins klassische Altertum und selicm Cclsus, Agina, Atius beschreiben es, hatten aber noch unklare Vorstellungen und ging es wie mit dem Aderlassen. Erst später gelaugte man zu derjenigen Auffassung, wie sie noch vor wenigelaquo; Dezennien bestand und in gewissem Grad noch heute besteht.
1. Skarifikation bei örtlichen Entzündungen an der Ober­fläche der Haut oder in den Schleimhäuten (Bindehaut, Scheide, Prä-imtium. After) werden vorgenommen, wenn zwar deren umfang kein bedeutender, allein die Geschwulst, die Spannung und der Schmerz trotz der Behandlung einen ungewölmlich hohen Grad erreicht haben, der erkrankte Teil eine dunkle, oft blaurote Färbung und eigentümlichen Glanz angenommen hat, schliesslich selbst unempfindlich geworden ist oder mit andern Worten der Eintritt von Brand zu befürchten steht. Durch das Anschneiden einer grösseren Menge von kutanen Haargefässen und die Entleerung des im Übermass angehäuften Blutes — Kapillar-Aderlass — werden die 8 genannten Kardinalsymptome der Entzündung rasch und in ungefährlicher Weise geinässigt, besonders wenn das ent­zündete Gebilde von straffem, wenig nachgiebigem, dichtem Gewebe umgeben ist. Man skarifiziert dann entweder die nächste Umgebung oder wie häufiger den erkrankten Teil selbst und müssen von Anfang bis zum Ende die Grundsätze der Antisepsis zur Geltung kommen.
Operation. Am einfachsten werden die kleinen multiplen Ein­schnitte in der nötigen Anzahl mit der Lanzette oder dem geballten Bistouri gemacht, indem man mit der linken Hand die Haut Spannt und etwa 1 Linie tief einschneidet; in andern Fällen wird die Haut durchgeschnitten, um aucll tiefere Teile zu erreichen, nur bei Amisarha darf dieses nicht geschehen, Die darauf folgende kapillare Blutung ist fast immer zu gerinff, indem das Blut bald oeiinnt und 1st dieser I'm-
ocr page 182
IC-i Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
stand eine der schwachen Seiten des Skaritizievens, da ohnedies bald (wie bei dem Aderlässen) ein Ausgleich stattfindet, es muss daher ein Hauptgewicht auf reichliches Xachblutenlassen gelegt werden, was am besten durch leichtes Massieren, passive Bewegungen des Teiles, Bähungen mit lauem Wasser erreicht werden kann. Nur ganz ausnahmsweise bedarf es einer Blutstillung mit einfachem kaltem Wasser.
Die Richtung der einzelnen Stiche oder Schnitte ist eine unter sich pa­rallele und wird der Richtung der Haare oder der Form und Kaserung des kranken Gebildes angepasst; die Tiefe hängt von dem zu erreichenden Zwecke sowie von dem betretfenden Organ ab. Während die Einschnitte z. B. an der Bindehaut des Auges nur 2—3 mm tief zu sein brauchen, können sie bei Karbunkeln, brandigem Phlegmone, an der Zunge um das 6—6 fache tiefer geführt werden. Da Skari-fikationen immer nur in hochgradigen Fällen und nachdem die gewöhnliche Be­handlung nicht ausreichte, zu unternehmen sind, müssen auch die Ritzungen energisch durchgeführt werden und namentlich nicht zu weit auseinanderstehen (höchstens 0,5—lern), wie dies früher gelehrt wurde, nur da wo ohnedies schon der Bestand des Gewebes bedroht ist, anämische Drucknekrose zu befürchten stellt, wie besonders bei heissen entzündlichen Oedemen, begnügt man sich mit weiten Einschnitten, um kein diffuses Absterben der Haut zu provozieren.
Viele Tierärzte ziehen dem Messer und der
S^
Lanzette die bis ins XVI. Jahrhundert herein all-
gemein üblich gewesene Fliete (Schröpfeisen) vor oder greift man in Notfällen zu einem Rasiermesser; behufs leichterer Ausführung der Incisionen und um bei unruhigen Tieren rascher zu stände zu kommen. hatman besondere Instrumente, sog. Skarifikatoren angefertigt, welche eine Anzahl Lanzettespitzen ((5—12)
k*(
enthalten und entweder durch einen Schlag mit dem
Instrument (Fig. 119) in die Haut eindringen oder nach Art der für Menschen gebräuchlichen Schröpf-schnäpper gehandhabt werden. Weiss in London hat einen derartigen Schnäpper aus Messing für die grossen Haustiere konstruiert, der aber so ungeheuer­lich, schwer und plump 1st (Fig. 120), dass er keine Anwendung verdient, wie denn besondere Skariti-kationswerkzeuge überhaupt in praxi gar nicht ge­braucht werden und auch völlig unnütz sind; die Art und Weise des Einschueidens muss sich nach den jeweiligen Umständen richten.
Skarifikationen an den Augenlidern wer­den nur bei heftigen Konjuuktiviten mit serotibrinöser oder hämorrhagischer Infiltration gemacht, wenn die angeschwollene Schleimhaut zwischen den Lidern hervorgedrängt und nicht wieder zurückgezogen wird. Senkrecht auf die letzteren werden dann mit der li'ü1nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;desinfizierten Lanzette mehrere seichte Einschnitte
gemacht, das intiltrat ausgedrückt und das Auge mit gelind adstrlngierenden Flüssigkeiten (1 proz. Zink-HO,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; vitriol- oder Tanninlösnngeii) gewaschen.
ocr page 183
^
ir. Örtlicher Adcrlass. Bkariflzler
105
i h^: . m ' nquot; (le^unraquo;t' Si^ wird bei lokaler Entzttndung der üeferen Muskellagen (Glossitis parenchymatosa) angewendet, wobei die Zunge he ss, schmerzhaft, violettrot und ho steif ist, dass sie unter .Speicheln prolabiert. Bei dieser zur Chronizitiit neigenden, schwer heil-
baren Erkrankung sind Einschnitte zu versuchen, welche an
J'lache von dem sulzlg infiltrierten Bändchen an nach der
untern Spitze zu in
einer Elongation von 5-6 cm und so tief gemacht werden (1,5—2cml um erhebliche /weise der Zungenarterien und Venen zu verletzen und
eine recht reichliche Blutung zu
erzeugen. Hernach nibt
mau
#9632; gt;
ocr page 184
166 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
kühlende, clesinflzievende Maulwässer (Salizylsäure, Borax, Essig) und Schlappfutter. Die Schnitte sind, frühzeitig unternommen, von anerkannt ausgezeichneter quot;Wirkung.
Die Froschgeschwulst (Banula, Entzündung resp. Obturation des Warthonischen Ganges) kommt zuweilen bei Rindern, seltener hei Hunden an der Seite des Bändcliens vor und leistet hier der örtliche Zungenaderlass ebenfalls ganz vortreffliche Dienste, weniger bei der Karbunkulose (Zungenanthrax, blasigem) oder der chronischen indu-rierenden Glossitis, die häutig der Aktinoinykosis angehört (Holz-zunge, Skirrhus), es können aber auch hier wie dort, da wo keine Knoten sind, tiefe Skaritikationen mit nachfolgenden Ausspritzungen von Karholwasser oder Sublimatlösungen (2 Proz.), Acetum aromatiöum u. s. w. versucht werden.
^Nach dem Abschwellen der Zunge fallt diese ein und auch tiefe Incisionen verschwinden beinahe, man darf daher diese keineswegs scheuen, ebensowenig stärkeres, nur gefährlich aussehendes llorvorstürzen des Blutes aus dem Maule, denn erfahrungsgemäss hiirt dasselbe eher zu früh (gewöhnlich nach 15—30 Minuten) auf; das Missliche besteht vielmehr darin, class sich die Tiere des Anfassens des äusserst schmerzhaften Organs mit Macht zu erwehren suchen. Kin Fehler wird nicht selten dadurch begangen, dass die Tiefschnitte nicht in einem Zuge und nicht kräftig genug ausgeführt werden, sondern das Messer öfter angesetzt wird, so da.ss nachher Ecken und Zipfel zum Vorschein kommen.
Skarifikationen am Euter wurden bei jener enzootischen Mastitis der Schafe als einziges Mittel von llertwig empfohlen, welche schon des andern Tages in Brand übergeht und rasch zu Blutvergiftung führt. Es werden nun In die kranken blauroten Stelleu des Euters mehrere tiefe, bis an die Grenze des gesunden Drüsenparenchyms reichende Einschnitte gemacht, die jedenfalls 5—6 cm lang sein müssen, um eines­teils das entmischte Blut und die Brandjauche zu entleeren, andernteils antiseptische Flüssigkeiten (Chlorkalksolutionen, Kampherspiritus, Jodo­formpulver, aromatische Injektionen) direkt einwirken zu lassen.
Skarifikationen des Mastdarms werden, wenn letzterer un­vollkommen vorgefallen ist und die stark infiltrierten, festen Schleim-hautwülste sich nicht zurückbilden wollen, hie und da besonders bei Schweinen nötig und sind ebenfalls von vortrefflicher Wirkung, wenn ihnen konzentrierte Alaunlösungen oder andere Adstringentien nachfolgen. Nicht selten kann dadurch das leidige Heften des Afters vermieden werden. Die Schnitte gehen bis in die Subnuikosa und hellen auf­fallend rasch.
Skarifikationen der Nasenscheidewand bei entzündliclien, typhösen Infiltrationen oder Entzündungen der oberen Luftwege, sowie Skarifikationen des Gaumens bei Pferden, wenn derselbe durch passive Blutanschopiiungen in dem starken, schwammigen Venenpolster tingerdick über die Schneidezähne her­vorragt, sind ebenfalls empfohlen worden (Gaumen- oder Kernstechen der älteren Schule); sie sind aber unnütz, letztere sogar verwerflich und gilt dasselbe von den Skarifikationen des Rückens gegen Starrkrampf oder gar der Hufsoble und Krone (Trepanation der Hornsoble) bei akuten Entzündungen.
II, Skarifikation bei Ödemen und Emphysemen. Um öde-matös Infiltrierten Geweben Wasser zu entziehen, dessen Resorption nicht
ocr page 185
II. Örtlicher Aderlass. Skaiifizioron.
167
zu erwarten steht, macht man ebenfalls hie und da Einstiche, welche teils blos die Haut selbst, häufiger alter das darunter liegende Zell­gewebe treffen und somit dem entzündlichen Produkte Ausfluss ver­schaffen. Nur bei sehr schmerzhaften und spannenden Anschwellungen wird hiedurch schnelle, aber nicht immer dauernde Erleichterung ver­schafft, es sind jedoch die Einstiche nicht selten absolut notwendig, weil sonst die Entzündung rapid zunimmt und Gangrän nachfolgen kann, sie dürfen nur, wie schon erwähnt, nicht ZU nahe nelien einander gemacht werden.
Ähnlich verhält es sich bei Kxtravasaten und Emphysemen im ühterhautzellstoff, wenn die Funktion anderer Organe wesentlich be­einträchtigt wird, Luftansammluugen traumatischer Art verschwinden dagegen, wenn auch langsam, von seihst, sobald neue Luft durch Ver-schwellung der Hautwunde nicht wieder eintreten kann. Bei gang­ränösen Windgeschwülsten wird wie oben verfahren.
Bei Anthrax und Rauschbrand können Einschnitte versucht werden, obwohl bis jetzt Erfolge nicht im geringsten erzielt wurden: in ähnlicher Weise verhält es sich mit jenen diffusen Geschwülsten, welche nur der äussere Ausdruck einer eigentümlichen schweren Blutdissolution sind, wie z. B. die des Typhus beim Pferde und sind dabei alle ver­wundenden Eingriffe besser zu unterlassen, indem sie last stets zu ausgedehntem Hautbrand führen.
Bei manchen Anschwelluiijren und Oedemen kann deren flüssiger Anteil, wenn multiple Einstiche oder Schnitte vermieden werden sollen, auch durch kleine Punktionen mittels Nudeln, am besten Insektennadeln, entleert werden, ein Ver­fahren, das in Frankreich vielfache Anwendung auch hei Tieren tindet. und unter dem Namen der „Moucheturesquot; bekannt ist; übrigens hat schon Hippokrates dasselbe gekannt.
Der sogen. Baunschcidtismus besteht ebenfalls in solchen Punktionen, man will jedoch nur ausgebreitete und starke Hautreize hervorrufen (l.ehcnswecker): zu diesem liehufe wird in die Stichöfihungen etwas verdünntes Krotouöl eingerieben.
III.nbsp; Einbringen von Arzneimitteln in Hautschnitte geschieht nur in bestimmten Fällen, um intensivere Wirkungen zu erzielen, nament­lich aber, um bei Infektionskrankheiten einen direkteren Effekt von hervorragenden antiseptischen und desinfizierenden Medikamenten her­vorzurufen. Ausserdem skaritiziert man die Haut bei manchen Krank­heiten, um von den Reizmitteln, Derivantien und scharfen Einreibungen eine mehr energische und zugleich raschere Wirkung zu haben, als es bei der unverletzten Haut der Fall wäre, so z. B. im Nacken bei akutem Koller, Gehirnentzündung, bei hartnäckigen Lahmheiten in den Hüften, der Schulter und konsekutiver Muskelatrophie u. S. w. Von besonderem Vorteile ist es dann, unter Annäherung eines (iliiheisens tüchtig ein­zureiben und nachher Priessnitzumschläge zu machen.
IV.nbsp; Skarifizieren kallöser Ränder und Fisteln geschieht ein­fach durch Querschnitte (Kerben), die man jederseits längs des Wund-randes mit dem Messer anbringt, um durch die neue Entzündung eine Verklebung herbeizuführen; noch zweckmKssiger ist es, gleich ganz den schwieligen Rand veralteter Wunden abzutragen.
ocr page 186
1G8 Erste Haupt-Abteiluug: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Ik'i HohlgeschwUren führt man entweder ein Keratlfs Bistouri auf der Hohlsonde oder ein Bistouri cuclie in den Kanal ein und schneidet damit von innen nach aussei! die kallöse Partie der Fistel nach ver­schiedenen Richtungen durch, um eine neue adhäsive Entzündung zu etablieren. Ein passender Verband wird die skariftzierte Fläche ent­sprechend zu vereinigen haben.
V. Schröpfen. Nachdem örtliche Blutentziehungen, wie oben dargethan wurde, in der Kegel zu wenig ergiebig sind, sucht man mit Saugapparaten nachzuhelfen und durch Aufsetzen von Schröpf köpfen (Cucurbitae), in denen die Luft verdünnt wurde, an bestimmten Haut­stellen rasch eine Ortliche Hyperämie zu erzeugen, ohne dabei Blut zu lassen — trockenes Schröpfen. Wird dagegen die künstlich hype-riimisierte llautstelle nachher auch noch eingeschnitten, so erhält man ungleich grössere Mengen Blutes, dieses blutige Schröpfen ist daher die Verbindung des multiplen Einschneidens mit dem unblutigen Schröpfen (Cucurbitae scariticatae).
Derselbe Zweck kann auch durch Blutegel (Discophora, Ilirudinea, Napf-wiirmer) erreicht worden, weil auch liier erst eingestochen und dann angesaugt wird. Man braucht meist viele derselben und da sie ziemlich kostspielig sind und nicht immer freiwillig ansetzen, hat man sie durch Zusammenstellung eines Skari-fikators mit einer kleinen Luftpumpe mechanisch zu ersetzen gesucht. Dieser künstliche Blutegel (Ileurteloup) heisst auch Blutsauger, Sangsne artificiello, und zeichnet sich von dem natürlichen dadurch ans, dass man mit ihm in viel kürzerer Zeit eine viel grössere Menge Blutes der Haut entziehen kann.
Weder die Schröpfköpfe, noch die Blutegel haben aus nahe liegenden Gründen in der praktischen Tierheilkunde Anwendung linden können, eine weitere Besprechung derselben kann daher füglich unterlassen wer­den. Auch in der Menschenheilkunde wird fast nur mehr von dem unblutigen Schröpfen Gebrauch gemacht und auch dann mir ausnahms­weise bei heftigen Lokalscbmerzen.
III. Blutstillung. Hämostasie,
Bei jeder Verwundung, gleichviel ob sie absichtlich oder zufällig geschieht, werden Blutgofässe bald teilweise, bald ganz getrennt, Blu­tungen sind daher hier eine gewöhnliche Erscheinung, die je nach Grad und Stärke ein verschieden gestaltetes chirurgisches Einschreiten nötig macht.
Bei kleineu, massigen Blutungen braucht man sich nicht zu beunruhigen, man macht auch kurzen Brozess mit ihnen, denn der er­fahrene Operateur weiss, dass sie meist von selbst sich stillen, bis die Operation vollendet ist, ja sie üben häutig besonders bei nachfolgenden Entzündungszustilnden sogar einen heilsamen Eintluss aus. Anders ver-iiält es sich schon, wenn solche Blutungen andauern oder wenn Blut hervorströmt, spritzt, es wird dann nicht nur das Operationsfeld
ocr page 187
III. Blutstillung. Hämostasie.
169
in der stöl'endsten Welse verdeckt, sondei'n es können dem Tiere auch nachteilige Folgen daraus erwachsen, obwohl die meisten Tiere viel grössere Blutungen besser ertragen, als man für gewöhnlich glaubt, es tritt aber auch hie und da einmal rascher Tod ein, man macht sich daher auch schon aus Bücksicht für die Tierbesitzer — Laien beurteilen alle Blutungen falsch — zur Regel, gegen alle nicht unerhebliche Blu­tungen, wie sie bei Operationen vorkommen, einzuschreiten, ja nicht selten schon vorher die nötigen Vorkehrungen zu treffen.
Bei den meisten tierärztlichen Operamp;tionen stehen grosse Blutungen nicht zu erwarten odor liegt, wie bei manchen Exstlrpationen mir die Gefahr einer solchen vor, die Vorkehrungen beschränken sich dalier meist auf das Zurecht­legen des nötigen Stillungsapparates; auch kann es sich nur um Ilämorrhagien handeln, deren Quelle von aussen zugänglich ist und besteht das einzige Mittel dagegen stets in der Unterbrechung des zu der Verwundung hinführenden Blut­stroms, Mittel, die allerdings in verschiedener Weise zur Anwendung gebracht werden können.
Im ganzen handelt es sich liienach bei Operationen am wenigsten darum, einen tötlicheu Ausgang, alsraquo; eine akute Verblutung abzuwenden, als vielmehr um die Sicherung des Erfolgs, um Freihaltung des Gesichts­feldes und Verbesserimg der Prognose der gemachten Verletzungen. Das ergossene, den Spaltpilzen und ihren Keimen einen so günstigen Ernährungsboden darbietende Blut stört den regelmiissigen Verlauf der Wundheilung ungemein und lässt auch keine prima intentio aufkommen, abgesehen davon, dass es die Wundriinder mechanisch auseinander drängt oder durch Fäulnis Resorptionsfleber u. dergl. hervorbringt, kurzum, die heutige Hämostasie ist ein ganz wesentlicher Bestandteil des asep­tischen Kurverfahrens geworden.
Man hat verschiedene Einteilungen der Blutung aufgestellt, für praktische Zwecke ist jedoch nur folgende festzuhalten: Die Blutstillungs­mittel sind entweder:
1.nbsp; nbsp;mechanischer,
2.nbsp; nbsp;chemischer oder 8. thermischer Art.
Geschichtliches.
sehr wahrscheinlich, das erwähnt ihrer als einer
Ein Blick in die Geschichte der Blutstillung macht es sie schon vor Ilippokratos ausgeübt wurde, denn er bekannten Sache, nur hat man und bis noch in dieses
Jahrhundert berein grosse Furcht vor Blutungen gehabt und sicli besonders auf arzneiliche Mittel verlassen, in denen man bestimmte Beziübungen zu dem Blute und dessen Kanalsystem vermutete.
Man hatte zwar den Kreislauf nicht gekannt, aber doch Blutungen gestillt, auch thut man den Alten Unrecht, wenn mau ihnen nachsagt, sie hätten geglaubt, in den Arterien sei Luft enthalten, sie hatten vielmehr nur irrige Ansichten von deren hellrothem Inhalt, den sie oft genug ausströmen sahen, „Arteriam locum esse sanguinis spiritualis notum est omnibusquot; sagte Cauliaco, aber auch schon Antyllus empfahl die Ligatur der Arterien und lässt die Venen als unerheblich ausscr Spiel, ebenso ist besonders von dem Glülieisen (iebraueb gemacht worden.
AVas dann die Tierärzte des Mittelalters betrifft, so gab vor 500 Jahren Jordanus Ruffus die Vorschrift, blutende Gefässe mit Seidefäden zu umschnüren, wie aucli damals häufig die A. temporalis gegen Mondbliudheit, die Karntis gegen Gehirnentzündung und Koller, die Fesselarterien gegen Hufkrebs (1419) unter* bunden wurden; man hatte nur keine Erfolge gehallt und so gerieten diese Mittel
ocr page 188
170 Erste ]fyuptlaquo;Abtellung! Operationen an versohledenen Stellen des Körpers.
in VergesBenheitlt; Die Drehung des mit einem scharfen Haken erfassten Gofässcs beschrieb bereits Galenas, doch sind Thierry mul Amussat (1829) die eigent­lichen Erfinder der beutigen Torsion, während Fricke, Köhler, llcniak, Gnrlt, Hertwig u.A. die Blutstillungsmittel durch Versuche an Tieren weiter studierten. Das Zuriloksohieben der Innern Arterienhäute stammt ebenfalls von Amussat, die Akupressur von Simpson in Edinburgh, die Qefässdurchschlingnng (1834) von Stilling.
Lagerung der Tiere. Die Blutstillung, obwohl sie oft längere Zeit in Ansprucn nehmen kann, wird bei den grossen Haustieven zumeist während des Stehens derselben ausgeführt, bei grössever Unruhe jedoch, sowie wenn schon ein erheblicher Blutverlust stattgefunden und Gefahr im Verzüge liegt, werden sie niedergelegt, denn möglichste Ruhe des Teils ist eine der Hauptvoraussetzungen erfolgreicher Blutstillung, es werden daher die kleineren Haustiere stets auf einem Bank oder Tisch festgehalten.
Spontane Blutstillung.
Bei jedem An- oder Durchschneiden von Gefässen ergiesst sich das Blut zunächst in das benachbarte Gewebe, drängt dessen Fasern auseinander und übt so durch Anstauung einen peripheren Druck aus, welcher der blutenden Stelle sehr zu gute kommt; der zirkuläre oder seitliche Druck wächst natürlich mit der .Menge des Extravasats, also auch mit der Dauer der Blutung und so kommt es, dass selbst grosse und tiefliegende Blutungen, denen ausserdem gar nicht anzu­kommen ist, von selbst zum .Stillstand kommen.
Hiezu treten noch weitere liämostasiereude Momente, die direkt von den Gewebseleinenten der Gefässwandungen ausgehen, es kommt aber viel darauf an, ob die (iefässe nur an- oder durchgeschnitten, beziehungsweise abgequetscht worden sind.
Bei Quertrennung der Arterien hört plötzlich jene. Spannung auf, in der sich alle Schlagadern (zwischen Herz und Kapillaren) an­dauernd befinden, die Längsfasem, wie sie besonders die Adventitia, luvt, bringen daher eine Verkürzung des Rohres (Retraktion), die zahlreichen elastischen und kontraktÜen Ringfaserzellen der Media aber, welche durch die Verwundung ausserdem gereizt wurden, eine erhebliche Verengerung der Lichtung zuwege, infolge deren die Stümpfe in die Umgebung zurückweichen, was durch das lockere paravaskuläre Bindegewebe, das den Arterien weit mehr zukommt, als den Venen, wesentlich erleichtert wird und wobei sich dasselbe über das Lumen herlegt und in Geraeinschaft mit den gerissenen innern, sich ebenfalls zurückziehenden Häuten obturierend einwirkt.
Bei angeschnittenen Arterien verhält sich das Rohr in gerade entgegengesetzter Weise, denn jetzt macht sich hauptsächlich die Re­traktion der nur einseitig getrennten Longitudinalfasern bemerklich, wodurch ein Klaffen der 'Wunde entsteht, das ungleich stärker zu sein ptlegt, als bei quergetrennten Arterien desselben Kalibers, man hilft
ocr page 189
III. Blutstillnng. Hämostasic.
171
sich (liihor gerne dadurcli, laquo;lass das verletzte Rohr vollends durchschnitten wird, natürlich erst nach vorhergegangener Unterbindung.
Ausserdcm ist os Erfahrungssache, dass manche selbst prösspre Qefässe bald spontan zu bluten aufhören würden, wenn dem nicht die Unruhe der Tiere entgegenstände, es rattssen daher /umeist auch an und für sich geringfügige Blu­tungen zum Stillstand gebracht werden, ehe die Tiere entlassen werden und kommt hiezu ausserdem noch der Umstand, dass manchmal sonst kräftige Tiere sich von Blutungen auffallend schlecht und langsam erholen oder ungewöhnlich nachbluten, offenbar kommt daher aucli bei ihnen eine besondere Neigung zum Bluten, beziehungsweise vermehrte Yulnerabilität der (Jefässe (hämorrhagische Diathese, Hämophille) vor.
Venenblutungen stillen sich, wenn auch nicht Immer, leichter spontan, trotzdem.die Wandungen weniger reich an konstriktionsfähigen Elementen sind, dafür tritt jedoch das äusserst günstige Moment ein, dass Venenhlut unter viel geringerem Drucke fliesst und die Wände unter Schrumpfen besonders der Intima kollabieren, was die Gerinnung des Inhalts nicht wenig begünstigt, Ausserdem darf nicht vergessen werden, dass bei Venenverletzungen gewöhnlich auch die gleichnamigen Arterien getrennt, werden, ans den Venen aber nicht wohl viel Blut austreten kann, wenn ihnen von den Kapillaren her keines mehr zu­kommt . sie bedürfen daher auch weniger des dritten blutstillenden .Momentes, nämlich des lateralen Druckes des in das paravaskuläre Gewebe einfliessenden Blutes.
Nur unter bestimmten Verhältnissen stosst man auf hartnäckige venöse Blutungen, wie z. B. bei gestörtem Rückflüsse, mangelhafter Respiration (s. unten Lllfteinsaugung), bei fortwährenden, nicht zu verhindernden Muskelbewegungen, grossen Venen, dünnem, schlechtem Blute, bei Verletzungen an den Gliedmasseu, wo der Inhalt der Schwere entgegen nach aufwärts sich fortbewegt, an der ge­trennten Stelle vorbeilanft und dann der Schwere nach am peripheren Venenende aus der Wunde hervortritt. Die Klappen können dabei wenig Ilindeiniss abgeben da sie nur ungenau schliessen.
Die Unterscheidung einer venösen Blutung von einer arteriellen ist zwar bekannt, denn sie stützt sich auf die Färbung des Blutes und auf das pulsatorische Ausströmen. indes kann sie ge­legentlich auf Schwierigkeiten stossen. Das dunkle Blut färbt sich an der atmosphärischen Luft teilweise hellrot, man entdeckt daher oft nuter einem lebhaft gefärbten Gerinnsel blos eine Vene und eine stoss-weise Entleerung des Blutes bemerkt mau eigentlich nur an den grösseren Arterien und auch da nur, wenn das Dlnt frei nach anssen ablaufen kann, was besonders bei Stichwunden Beachtung verdient.
Parenchymatöse Blutungen.
Hämorrhagien, welche aus zahlreichen, dicht neben einander liegen­den Gefässclien, d. h. Kapillaren, kleinen Venen und Arterien, die sich nicht zurückziehen können (wie in entzündetem, kavernösem Gewebe, manchen Neubildungen) stammen und kapillare oder Parencliyni-Blutungen helssen, hören meist nach kurzer Zeit von selbst auf,
ocr page 190
172 Erste Haupt-Abteilung; Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
wenn der Andrang des Blutes nachlässt und dasselbe an der Oberfläche koaguliert. Geschieht dies in Operationswunden, welche genäht werden können, so ist die blutige Naht bestes Häniüstaticum, ebenso dürfen einzelne fassbare Oef'ässchen nur einigemal um ihre Längenachse um­gedreht, torquiert werden.
In andern Fällen können solche I'arenchymblutungen recht ZU schalten machen, indem sie trotzig andauern und so erheblich schwächen; das Blut sickert in reichlicher Menge und tritt insbesondere bei Schnitt­wunden, die überhaupt stärker bluten, als andere, wie aus einem Schwamm an die Oberfläche hervor. Zunächst sollte dann irgend ein Druck aus­geübt werden, am besten die antiseptische Okkhisiou, ebenso kann hier der zugleich stark desinfizierende Thermokauter ausgezeichnete Dienste leisten oder greift umn zu den blutstillenden Arzneimitteln.
Chemische Hämostase. Es gibt eine Reihe medikamentöser Stoffe, welche durch ihre adstringierenden und das Eiweiss koagulie-renden Wirkungen auf die Gefftsse und deren Inhalt derart vorgehen, dass geöffnete (Jefässwandungen verstopft werden (S typ tic a). Es ist einleuchtend, dass diese Konstriktion nur eine geringfügige sein kann, da es sich um so dünne, schlaffe Häute handelt und dass auch nur bei leichten Gefässverletzungen ein Effekt erzielt werden kann. Dasselbe gilt von den spezifischen blutgefässkontrahierenden Arzneimitteln, wie sie gegen innere lläinorrhagien gereicht werden (Strychnin, Digitalis, Mutterkorn, Silbernitrat); für chirurgische Zwecke linden dieselben jetzt keine Anwendung mehr, man zieht die unsichere dynamische Wirkung des Arzneimittels der viel sichereren des mechanischen Mittels vor.
Wo es nicht anders geht, kann mau immerhin zu den styptischen Mitteln seine Zuflucht nehmen, sie sind besser, als wenn gar nichts geschähe, und greift man dann meist zu den adstringierenden Streu­pulvern oder solchen, welche mit dem Blute eine klebende Paste bilden; bieber gehören Eichenrinde, Tormentillwurzel, Gerbsäure, Vitriole, essigsaures Blei, Alaun, Höllenstein, sowie arabisches Gnnimi, Kolophon und der Feuerschwamm; von den flüssigen hämostatischen Mitteln kann Essig, Branntwein, Liquor Plumbi subacetici, Thedensches Wasser, Theerwasser, Aqua Binelli u. s. w. gebraucht werden, kräftiger sind Fix liquida, Kreosot, rohe Karbolsäure, Alkohol, Terpentinöl, welch beide letztere durch Heizung der kontraktilen Fasern der Gefässwandungen Dienste leisten. Man tränkt damit Jute, Watte u. dergl. und legt diese auf.
Gegenwärtig wird am häutigsten der Liquor Ferri sesquichlo-rati (1:8 Wasser) genommen und zwar, weil er äusserst kräftig konstringiert und seines Gehaltes an freier Salzsäure wegen zugleich einen leichten Ätzschorf bildet (Escharoticum). der um so sicherer die blutenden Gefässchen deckt, wenn ihm Mittel beigegeben werden, die das Wegschwemmen der Gerinsel verhindern oder porös genug sind, um sich mit Blut vollziisangon, das dann rasch gerinnt, das Collodium styptieum und die Eisenchloridwatte gelten daher jetzt für die besten derartigen Stoffe. Die desinfizierende Kraft beider ist indes
tm
ocr page 191
III. Blutstillunf,'. Hftmostasie.
178
nicht welt lier und auch zu bemerken, dass es dabei olme Eiterung nicht abgeht und man ohne diese Mittel mit einfachem leichtem Druck, der sich schliesslich überall anbringen lässt, entschieden weiter kommt, ja selbst erste Vereinigung erzielt werden kann (elastische Eimvicklung).
Thermische Hämostase. Sie ist noch einfacher, zugleich wirk­samer und besteht entweder in der Anwendung von Kälte, wodurch die Kontraktion der Arterienmuskulatur ungemein kräftig angeregt, wird (kaltes Wasser, Eiswasser, permanente Irrigationen desselben über Watte, noch besser Schnee 1 : .•! Chlornatrium) oder in der Applikation des Feuers (ülüheisen, Thermokauter).
Das letztere Mittel ist das mächtigste liioher {fehöroiule Hamostatikum, das auch hinsichtlich seiner Desinfektionskraft über jeden Zweifel erhaben dasteht, jedoch regelmässig Eiterung folgen lässt, was von seinem Antipoden, der Kälte nicht gesagt worden kann, es ist daher diese auch vorzuziehen und besonders zu empfehlen bei Blutungen aus den Körperhöhlen, z. B. der Nase, Scheide, dem Mastdarm, Uterus. Man tränkt reines Werg odor Jute, Baumwolle mit Eiswasser und ist diese Tomponade zugleich auch ein kräftiges Antiseptikum. Von dem Glüheisen wird in einem besonderen Abschnitte die Bede sein.
Blutstillung durch Kompression.
Mechanischer Druck ist von Alters her als ein äusserst wirk­sames Blutstillungsmittel erkannt worden und in der tierärztlichen Praxis um so höher zu schätzen, als Druckmittel meistens nichts kosten, sehr einfach sind und Überall beschafft werden können.
Digitalkompression. Sie gehört zu den einfachsten und zugleich am schnellsten wirkenden Bekämpfungsmittel alier Blutungen, sie ist daher äusserst brauchbar, allerdings aber nur so lange den Blutlauf hemmend, als die Finger aufgelegt werden, es genügt aber dieser Druck meist, bis andere detinitive Mittel in Tliätigkeit treten, die Rasch­heit der Hilfe ist ja häutig von entscheidender, ja lebensrettender De-deutung.
Der Operateur oder ein Gehilfe setzt den Finger unmittelbar auf die blutende Stelle oder auf den Verlauf des zuleitenden Teils des verletzten Gefässes und hindert so die Extravasation; am wirksamsten ist dieser digitale Druck da, wo das Blutgefäss auf einer mehr kom­pakten Unterlage wegläuft, z. 1gt;. auf einem Knochen, verlauft es jedoch in der Tiefe oder in welchen verschiebbaren Geweben, so reichen die Finger nicht aus, sie, würden auch bald ermüden, abgesehen davon, dass das Verfahren bei unruhigen Tieren erfolglos oder gar nicht aus­führbar ist.
Im übrigen hat die Erfahrung gezeigt, dass selbst gnissere Arterien, wie z. B. die Karotis, wenn sie für den Finger zugängiieb und nicht zu stark verletzt ist (z. 15. bei Wunden der Fänge nach, die den Arterien­durchmesser nicht übertreffen), durch einen l—'2 Stunden lang fort­gesetzten Digitaldruck ganz wohl gestillt, werden können, dass aber, wenn diese Voraussetzung nicht zutrifft, oder man mit Renitenz der
ocr page 192
174 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Tiere zu kämpfen hat, andere Mittel vorzuziehen sind. Man hilft sieh dann entweder durch die Ligatur oder durch Auftragen von Bauschen aus Wei'K, Jute und drückt diese mit den Fingern an, was besonders für Tiefwuiuleu und Höhlen gilt. Man nennt dieses Verfahren die
Tamponation, Tamponade und ist sie vornehmlich da am rechten Platze, wo man direkt der blutenden Stelle nicht ankommen kann, /. B. hei Existirpation wurzlicher Gewächse, in der Tiefe entarteter Samen­.stränge u. s, w.
Das Tamponieren ist nicht schwer ausführbar, leidet aber au dem Übelstande, dass ein fremder Körper längere Zeit in der Wunde zurückbleibt und beim Wegnehmen gerne hängen bleibt; ausserdem ist damit Reizung der Gewehe und Eiterung verbunden, auch müssen die einzelnen Tampons fest gewickelt sein (l'elotten, siehe Kompressiwerlaquo; band Seite IHO), um der Blutung mit Sicherheit Einhalt thun zu können. Ein weiterer Nachteil besteht ferner darin, dass unter der Einlage das Blut gerne fault und zwar trotz Anwendung von Karboljute, Salicylwatte u. dergl., keineswegs dürfen daher die Tampons länger als 1—8 Tage in der Wunde belassen werden. Einigermassen besser verhält sich die Sache nur, wenn reich mit Jodoform bestreute Gaze (Seite 122) unter­legt wird.
Die Tamponade wird in der Weise ausgeführt, dass man den ganzen Hohlraum mit gleich grossen Bauschen ausfüllt oder wenn die Blutung ans einem grösseren (iefiisse erfolgt, auf diesen Punkt einen kleinen besonders festen (gebundenen) Tampon anbringt, auf denselben einen zweiten grösseren legt und diesen Vorgang fortsetzt, bis die Höhlung gänzlich von den kegelförmig aufgebauten Wicken ausgefüllt ist; nachher wird eine Binde umgeführt oder wo dies nicht tliunlich. die Befestigung durch Nähte hergestellt.
Einen derartigen Verband lässt man einige Tage hübsch unberührt liegen, je nach Stärke der Blutung und lockert die Binde während der Zeit nur, um einen zu heftigen Druck auf die unterdessen angeschwol­lenen Gebilde zu mildern. Das Abnehmen hat mit Vorsicht zu ge­schehen und hilft man bei den letzten Tampons durch Aufweichou mittels heissen Wassers behutsam nach.
Wäre der betreffende Teil der Anlegung einer einfachen Zirkel­binde zugänglich, wie #9632;/.. IS. am Hals, an der Brust und den Glied-massen, so kann der Zutluss von Blut mit grossem Erfolg gehemmt werden, wenn zugleich ein Tampon untergelegt wird. Hierauf beruht die Wirkung des
Aderdrückers, den man sich rasch dadurch improvisieren kann, dass man ein doppelt und zirkulär umgelegtes Band, ein Taschentuch u. dergl. (lurch einen quer hindurch gesteckten Holzstah von der bei-läutigen Fontl eines Tmmmelschlägels zusammenschnürt, die Umgebung alter vor unnötiger (Quetschung durch Auspolstern bewahrt — Knebel-tourniquet. In ganz ähnlicher Weise wirkt auch die
Aderpresse, das Tourniquet (Compressorium), welches von Bl'Ogniez für Tiere erstmals konstruiert wurde (Adstrikteur) und aus
ocr page 193
III. Blutstillung. Ililmostasie.
175
einem ledernen Riemen besteht, der um den Teil geschnallt wird, eine verschiebbare Pelotte trägt und durch eine Flügelschraube fest ange-presst werden kann.
Dieses Eompressoi'ium fttr extremitale Teile ist von Petit, wie FiglU' 121 zeijit, verbessert worden und stellt das eigentliche Schrauben-Tourniquet dar, wie es heute in chirurgischeni Gebrauch steht, in der Tierheilkunde jedoch aus dem Grunde nur von geringem Werte ist, weil es sich durch die nicht ZU vermeidende Unruhe der Tiere leicht verrückt, lockert und überhaupt sich schwer oder oft gar nicht anlegen liisst. Ansserdem führen die Tourniquets die weitere Inkonvenienz mit sich, dass nicht nur das verletzte (iei'äss, sondern die ganze Umgebung,
Fig. 121. Petlt'sches Tourniquet.
Fllaquo;. 122.
also auch die Nerven, Venen, Lymphgefässe u. s. w. zusammengeschnürt werden müssen, es darf daher ein derartig wirkendes. hochgradige venöse Stauung notwendig mit sich führendes Instrument nur als Not­behelf und auch dann hlos für kurze Zeit Anwendung linden, im andern Falle kommt es zu globulöser Stase und seihst gangrftneszierender Ent­zündung, d. h. Fäulnis.
Um (liesnm l'bclsiaiulo auszuweichen, hat man in neuerer Zeil ein Tourniouet konstruiert, das den Teil nur zur Hälfte umeibt und den Druck blos auf das Gefäss seilist und die diesem entgegengesetzte Stelle des Fusses ausübt; die beiden auf­liegenden Polster sind dann durch ein halbkreisförmiges Stahlband mit einander verbunden, das an der Gefässpelolte die Schraube trägt. Dieses Bogentourniquet von Dnpuytren liisst /war die Venenzirkulation unbehelligt, ist aber ebenfalls zu leicht verrüclibar.
Elastische Kompression Esmarchs. Nicht so gefährlich und besser haltbar hat sich die Aderpresse des genannten Kieler Chirurgen erwiesen: sie bestellt darin, dass man dem zu operierenden Teil das
ocr page 194
17(1 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Blut dadurch absperrt, dass ein langer daumendicker Gummischlaucli in ausgedehntem Zustande einigemal umgelegt, fest angezogen und dann durch Ilaken und Olisen oder Einklemmen in eine halboffene Eiligplatte (Fig. 122) festgehalten wird. Vorher muss jedoch durch dichtes An­legen elastischer Binden alles Blut möglichst aus der Kxtremität hinaus­gedrängt werden, worauf die Touren wieder entfernt werden.
Dieses Verfahren, den zu operierenden Teil vorher thunliciist blut­leer zu machen (Ischeinie cliirurgicale), um einen Blutverlust zu er­sparen (Autotmnsfusion), ist auch in die Tierheilkunde eingeführt worden. Friedberger hat einige zufriedenstellende Versuche gemacht und hat sich dabei gezeigt, dass die vorherige elastische Eimvicklung der tilied-masse ganz wohl wegfallen kann.
Das Operationsverfahren ohne Blutung kann mit Vorteil eine prak­tische Anwendung finden bei grösseren Hufoperationen, wo häutig arg störende und starke parenehymatöse Blutungen der lluflederhaut einzutreten pflegen; schlimme Folgen stehen nicht zu erwarten, denn das Kautschukrohr kann nachher bald gelockert oder entfernt werden. Thatsache ist auch nach unsern Erfahrungen, dass die Operationen fast blutlos geschehen und daher mit denen verglichen werden können, wie sie am Kadaver vorgenommen werden, man muss sich aber sehr hüten, das Verfahren dann anzuwenden, wenn dabei Eiter oder Jauche mit in die Blutbaim gedrängt werden könnte.
In dieser Beziehung hat Jefremoff Versuche an Hunden gemacht, denen durch subkutane Injektion von Terpentinöl rein phlegmonöse Abszesse erzeugt worden sind; nach der Eiuwicklung des von Kiter strotzenden Fusses ging von 8 Hunden einer ein, von C andern Hunden, bei denen ichoröse Herde erzeugt wurden, starben 5 septisch.
Des weiteren hat Vogel die Beobachtung gemacht, dass nach Lösung des (für sich allein angelegten) Schlauches bei Pferden eine starke Nachblutung ein­trat, es hatte somit die Absperrung des Blutlaufs offenbar eine vasomotorische Parese nach sich gezogen, wobei wichtige Blutstillungsmomente wegfielen, d. h. eine genügende Retraktion und Verengerung der Gefiisswandungen.
Fig. 120.
Fig. 124.
Akupressur. Blutende (lefässe können auch durch Nadein in der Art komprimiert werden, dass man, wie Figur 128 angibt, eine hin­reichend lange Stecknadel durch die Haut einsticht, sie unter der Arterie durchführt und so wieder aussticht, dass letztere tlacii gepresst
ocr page 195
III. Blutstillung. Hömostasie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 177
wird und dadurch obllteriert. Diese von Simpson 1848 eingeführte Methode, passt natürlich mir für obert'lilchliclie Arterien, der Ab-seliluss der Lichtung erfolgt aber ebenso einl'ach als sicher, da der Federdruck ein ganz direkter ist und kann dieser noch dadurch erhöht werden, dass mau entweder eine Achterschlinge um die Nadel legt und entsprechend anzieht oder die Haut in 2 Falten zieht, also auch zwei­mal durchsticht (Fig. 124cd und ef.)
Würde die Nadel durch die Unruhe des Tieres oder durch grosse Beweglichkeit des Teils verrückt werden können, so vertauscht man die Stecknadel mit einer Wundnadel, zieht eine Fadenschlinge durch und windet deren Enden kreisförmig um jene (Akufilopressur).
Bei tiefer liegenden Arterien, wie sie tierärztlich fast nur bei Amputationen der Gliedmassen in Frage kommen, muss die Aku­pressur in der Art eine .Modifikation erfahren, dass man die Nadel erst anlegt, wenn das Messer ihr Bahn gehrochen hat und dann statt der Haut das nächste Gewebe, am hosten ein Knochen, zum Anpressen benutzt (Fig. 124).
Beide Kompressionsarten bieten gemeinsam den Vorteil grosser Einfachheit, sowie, dass man die Nadeln, ohne die Wunde zu öffnen, zu jeder beliebigen Zeit entfernen kann; da letzteres meist schon Innerhalb '24 Stunden ermöglicht ist, bringt es auch keinen Schaden, wenn der dicht daneben liegende Nerv mit an die Wand gedrückt wird, auch lässt sich die Akupressur gut mit der Antiseptik kombinieren. Jako-witz hat lS(iii Versuche mit solchen Nadeln angestellt, jedoch bei Pferden keine guten Erfolge und viel mit Eiterung zu kämpfen gehabt; letztere fällt jetzt weg oder wird doch auf ein Minimum reduziert.
Gefässunterbindung. Ligatur.
Während bei den oben besprochenen Blutstillungsmethoden der
Druck auf das Gefäss nur von einer Seite ausgeübt wurde, bietet die Unterbindung den nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil, dass das GefäSS, von allen Seiten umfangen, eine durchaus gleichmässige Kom­pression erfährt, der Kanal daher vollständig abgeschlossen wird. Ilic-durch wird das Ligaturverfahren zur sichersten Blutstillung bei spritzenden Arterien, die Einführung desselben in die (raquo;iterative Chirurgie (lölii) war deswegen auch eine der wesentlichen Grundlagen für die SO glänzende Weiterentwicklung.
Es kommt viel ilarauf an. ob dio Ligatur an das otVene freie Ende einer Arterie angelegt worden kann oder sie in der Kontinuität derselben zu geschehen bat, in beiden Fallen bleibt es sich jedoch ziemlich gleich, ob die Unterbindung eine unmittelbare ist, d. b. das Gefäss für sieb allein get'asst wird (isolierte Ligatur) oder eine mittelbare, das nächste umgebende Gewebe daher auch mit berein gebunden werden muss (Ligature en masse). Krstere, wenn ausführbar, ist natürlich einfacher, ohne Jedooli mehr Sicherheit zu bieten, denn es beteiligt sich bei letzterer nur das nötigste, in der Eile niebt entfernbare Naohbargewebe.
HoriiiK's Operationslehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 12
ocr page 196
17b Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Unterbindungs-Instrumente. Ehe sich die blutende Arterie iimschiiüren lässt, muss man ihrer erst habhaft werden und liiezn bedarf es in erster Linie der Pinzetten und Hacken.
Arterienpinzetten. Das Prototyp derselben ist die Schieber-pinzette, wie sie in Figur 48 (Seite 77) abgebildet worden ist; eine zweite l'orni ist die Arterienpinzette von ('harriere (Seite 78) mit ge­kreuzten Annen, welche sich beim Zudrücken öffnet, geschlossen daher an der Arterie hängen bleiben kann. Der Verschluss ist indes kein
sicherer, letzteres Instrument daher ziemlich entbehrlich,
Dasselbe gilt
von der Pinzette Cavailini (Figur 125).
Fig. 125,
l'ig. 126. Forzlpressnrzange.
Die hauptsächlichsten jn'z folgende:
Erfordernisse einer guten Ligaturpinzette sind
inigung nach dem Gebrauche, wie dies bei den jetzt
'quot;er der Fall ist. 2. Einfacher (von aussen erfolgender) Ver
üblichsten ans Neu
scbluss mit guter,Amussat und v. Q
elier etwas starken Federkraft, wie sie die Pinzetten von Fricke,
Sicherung vor de
eifen des 8tiftcs ii
Ubereinanderwegschieben
die gegenüber liegem
der Branchen, also regelmässige
s Eing
Öffnung. 4. Konische, glatte und stumpfe Branchenenden, um die Schlinge leic auf die Arterie Qbergleiten lassen zu können. Die Innenseite ist am besten i den Spitzen mit scharfer Querriffung versehen, wie bei der anatomischen Plnzetl nur etwas breiter; kleine Häkchen sind verwerflich) well sie zum Ausreissen vi Wandpartikelchen Veranlassung geben.
Forcipressurzange. Ähnlich wie die genannten hämostatlschen
die
#9632; ;#9632;
uau
ge von Köberlö und Tean in
Pinzetten ist in neuester Zeit
Hielte Stellhaken in der
Gebrauch gekommen (Figur 12(gt;), deren c
lezftl
Nllhe der Griffe eine so bedeutende Kompression der Arterie gestatten
„
ocr page 197
III. Blutstillung. Ilamobtasic.
179
(lass diese .prompt geschlossen bleibt (ForcipreSSlU'e rapide), das Anlegen einer Ligatur daher ttberflüssig gemacht werden soll.
Su erwünscht diese Ersparnis einer Mühe wäre, so ist man doch
nicht ganz sicher vor einer Nachblutung bei Tieren und gilt dies in-
smulerheit bei etwas griisseren Arterien, auch ist das Maul dieser Zange für manche Fälle zu breit und plump, nimmt daher viel Raum ein, wenn in der Tiefe eine spritzende Arterie aufgesucht werden soll, keines­falls kann daher die Zange Pinzetten ersetzen.
ocr page 198
180 Erste Haupt-Abfeilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Arterienhakeu sind für das Fassen voii tiefer liegenden (iefässen bequemer als Pinzetten, sie müssen aber scharf sein (siehe allgemeine Instrumentenlehre Seite 78), um mit ihnen anhacken und vorziehen zu können, stumpfe wählt mau daher nur, wo empfindliche Teile, Schleim­häute u. dergl. getroffen werden können.
/Aim Erfassen und Hervorholen von Arterien sind je nach der Art der Blutung verschiedene Formen von scharfen Haken im Gebrauch, für gewöhnlich kann man sich aber mit einem flachen und einem mehr oder weniger halbkreisförmig gebogenen begnügen, da im ganzen doch die Arterienpinzetten die Hauptrolle spielen und der Doppelhaken (Fig. 128) z.B. nur selten Anwendung tinden wird; für spezielle oder Notfälle kann man sich auch eine Stricknadel schärfen und am Lichte entsprechend biegen.
Stark gekrümmte Haken fassen zu fest, stechen oft ganz unerwartet in den Finger und lassen nicht gerne wieder los, wälirend bei leichter gekrümmten öfters die Arterie wieder entschlüpft, was sehr ärgerlich ist, wenn nacli langer Zeit mit schwerer Mühe endlich ein Gefass gefunden wurde und nun wieder verloren geht. Nicht selten wird auch nur eine Wand des Rohrs angehakt und dann /.ugoschniirt, so class das Lumen nach der Ligatur offen steht oder ist die Mühe umsonst ge­wesen, da man in der Eile die Hakenspitze mit eingebunden hat. Unentbehrlich sind die Haken jedenfalls nicht gerade, wohl aber ist dieses der Fall bei Kxstir-pation von Geschwülsten.
Wundnadeln zum Unterbinden sind nur dann nötig, wenn mit andern Mitteln, d. h. Pinzetten und Ilaken das spritzende (iefäss nicht erreichbar ist; man umsticht dann mit einer geeignet krummen eingefädelten Wundnadel dasselbe, zieht es an dem Bindfaden vor und legt nötigenfalls eine Hohlsonde oder dergl. unter; desgleichen ist das umstechen nötig geworden, wenn das (iefäss mir schlecht gefasst werden kann und immer wieder entwischt, Ein Übelstand ist dabei, dass oft ziemlich viel Nachbargewebe mit eingebunden werden muss, das nachher absterben würde, wenn nicht aseptisch verfahren wird (karbolisierte Seide!).
Unterbindimgsmaterial. Vor der antiseptischen Behandlung
bediente man sich zum Unterbinden des leinenen Fadens. Bindfadens, der Schnüre, Litzen oder Bändchen, auch nahm man Sehnenfasern, Dannsaiten, dünne Lederpfriemen oder Kautschukröbrchen. Nähseiden, s. w. Jetzt hat man diese Stoffe verlassen und macht nur mehr Gebrauch von der rohen Seide und dem Katgut.
Beide Stoffe, gut karbolisiert. entsprechen durchaus den neuen Lehrsätzen über die Entzündung und ihre Ausgänge, wonach jede tote Substanz, welche keine Schizomyzeten an sich trägt, in eine Wunde entzündungslos einheilen muss, also später nicht entfernt zu werden braucht, für den heutigen Chirurgen würde sonach das widerwärtige Geschäft wegfallen, das früher darin bestand, abzuwarten, bis die um­schnürten Gewebe liekrotisierten, die Ligaturen nach Ablauf von 8—II Tagen entfernt werden konnten oder sich durch eine demarkierende Eiterung selbst abstiessen.
Gegenwärtig legt man kurzweg die aseptischen Ligaturen um das
_.
ocr page 199
III. Blutstillung. Hiimostasie.
181
Gefiiss an,, sclmüi't gut zu, knüpft, schneidet die Fadenenden kurz ab, reinigt die Wunde samt ihrer Umgebung mit Süblimatlösung und niiiit WO möglich die Wundrftnder nach Einlegen eines Drains über diesem zusammen, Ist die blutige Naht und ein Verband nicht möglich, sei greift man zur offenen Behandlung (S. 114). Beim Katgut intiss die Vorsicht gebraucht werden, bei grösseren Arterien nur dickere Stränge zu wählen, denn dünne Nummern, wenn sie in das leitende Gewehe einheilen, d. h. in dasselbe hineinwachsen, können so schnell resorbiert werden, dass die anprallenden Blutwellen die jetzt noch sehr weiche EndothelverMebung trennen, der Kreislauf also wieder hergestellt wird und Nachblutungen erfolgen.
Nähere Untersuchungen hahen ergeben! dass nur selten Reste der aseptischen Unterbindungsschnttre im Gewolie liegen bleiben und diese auch die Wundheilung nicht im geringsten stören, sobald jedoch Eiterung eintritt, kommt es nicht zur Einbeilung, sondern zu purulenter Schmelzung der umschnürten Gewebsstücke und zur Abstossung der Fäden durch den Eiter.
Hierin liegt der praktische Wink, jetzt nur mehr mit gut asep-tisiertem Material zu unterbinden und hat sich in dieser Beziehung am besten
Robe Nähseide erwiesen, welche eine halbe Stunde lang in lOproz. wässrigor Karbollösung gekocht und dann in 3proz. Karhol­wasser aufbewahrt wird oder man nimmt das
Kat gut von List er in den verschiedenen Nummern, welches' aber nicht in dem seither gebräuchlichen Karbolöl zum Gebrauche vor­rätig gehalten werden darf, sondern in viel stärkerem, d. h. in 26—50 prozentigem. Beide Materialien unterscheiden sich dadurch von einander, dass Katgut sich nicht so leicht schlingen und knüpfen lässt und voll­ständig zur Resorption gelangt, die Seidefäden aber nur einwachsen, so dass also aus dem toten Gewebe ein lohendes, unschädliches, kon­solidierendes geworden ist. Ausserdem schneidet Seide hesser durch und veranlasst so eine raschere Proliferation in den beiden Arterien-häuten, Seide ist daher vorzuziehen und zugleich hilliger. Zum Unterbinden reicht meist ein Seidefaden nicht aus, man braucht daher deren mehrere, d. b. 2—10 Fäden.
Ligatur des offenen Gefässendes. Das zu unterbindende Ge-
fässende fasst man mit der Pinzette so, dass es zwischen den Zähnen derselben plattgedrückt erscheint, zieht es etwas vor und legt die Fäden am besten von unten her entweder um das Gefässende direkt oder um die Pinzette, macht eine einfache Schlinge, schiebt sie mit den Spitzen beider Zeigefinger möglichst weit auf das Gefäss hinauf und bringt nach dem Zuschnüren 2 Knoten an; gebricht es an Raum, so legt man vor­her die Schlinge auf der Pinzette zurecht, um sie dann nur von letzterer abstreifen zu dürfen oder man sticht mit dem Ilaken quer durch das Gefäss, zieht dieses thunlichst hervor und unterbindet; auch kann eine zweite Pinzette quer angelegt werden. Das Fassen des (iefässes In der Art, dass ein Arm in das Lumen eingreift, ist nur bei grös­seren Arterien anwendbar und hat man sich dabei zu hüten, dass
ocr page 200
182 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
nicht blos das vorgezogene quot;Wandstück eingebunden wird, sondern das ganze, Rohr.
Ein Geliilfe ist beim Unterbinden sehr erwünscht, steht jedoch ein solcher nicht ZU Gebot, so lässt man die geschlossene Schieberpinzette am Gefäss hängen, um so beide Hände für die Ligatur frei zu bekommen. Vor dem Abgleitenlassen der Schlinge von der Pinzette weg soll man diese — und darin liegt ein grosser Vorteil — immer auf die hohe Kante stellen, wodurch nämlich vermieden wird, dass die Schlinge während des Zuziehens in den Spalt zwischen die Branchen-enden hineingerät und eingeklemmt wird. Unter besonders schwierigen Umständen, namentlich wenn sich die Gefässe zu weit zurückgezogen haben, macht man übrigens kurzen Prozess und lässt die Pinzette ganz weg, um sie mit der Wund­nadel zu vertauschen, d. h. zur Ligature en masse zu schreiten, zu welchem Behufe es oft notwendig wird, eine Erweiterung der Wunde vorzunehmen, um ankommen zu können.
Alle blos angeschnittenen Qßfässe schneidet man nach an­gelegter Ligatur am besten vollends durch, damit die Enden sich zurück­ziehen können und durchschnittene Arterien, besonders solche, welche zahlreiche Anastomoseu haben, werden, um ebenfalls vor Nachblutungen gesichert zu sein, an beiden Enden unterbunden.
Ligatur in der Kontinuität des Gefftsses. Hie wird in ganz ähnlicher Weise vorgenommen, wie schon bei der Unterbindung des Gefössendes oben angegeben wurde, gewöhnlich muss auch ihr eine, gewisse Präparation vorhergehen. Man holt das Gefäss mit der Pinzette, dem Haken oder gekrümmtem Zeigefinger hervor und schiebt womöglich eine Sonde unter, um es thunlichst von dem anliegenden Gewebe (Nerven!) zu isolieren.
Im ganzen liegen in der Tierheilkunde nur selten Indikationen zur Unterbindung in continnitatem vor, am gewöhnlichsten hat man es dabei mit Hieb-, .Stielt- oder Quetschwunden, liie und da auch mit Schiesswunden zu thun, die Kontinuitätsligatur konkurriert daher mit der Unterbindung an der verletzten Stelle und ist diese immer sicherer, weil bei Jener die sieh erweiternden Kollateralen dem peripheren Ende immer schnell wieder Blut zuführen, meist ist daher die Kontinuitäts­ligatur im frischen Falle nur zulässig, wenn die Versuche, die blutende Stelle selbst aufzufinden, scheitern oder mittels des Messers durch grössere Verwundung erst Bahn zu dieser Stelle gebrochen werden müsste.
Allerdings bleibt es oft nicht erspart, grössere Gefässe an einer unverletzten Körperstelle unterbinden zu müssen, weil deren Verletzung bei Operationen, welche in der immittelbaren Nähe ausgeführt werden müssen, wahrscheinlich oder unabweislich ist, wie z. B. bei Exstirpation von Geschwülsten, Aderfisteln, um Blutungen aus der Jugularis externa vorzubeugen, bei Neubildungen, welche durch Hemmung der Blutzufuhr zum Schwinden gebracht werden sollen, bei der Kastration (Methode Martini). Sieiie unten Unterbindung der Karotis.
Bei den (übrigens überaus seltenen) Aneurysinen und ihrem Aualogon, den Varicen verfährt mau nicht anders, als oben gesagt worden, man löst die ganze Geschwulst vorsichtig aus und leitet eine antiseptische Behandlung ein. Die perkutane umstechung, wobei
ocr page 201
III. BliUstilliiDg. llamostasie.
183
man cine ki'umnie Nadel ülmc weitere Verletzung der Haut hinter der Arterle durchsticht und dann diese samt der Haut durch einen festen Knoten /iisainnieii]u'esst, 1st wegen Eintritts von Gangrän verwerflich.
Ülior den Grad der bei der Unterbindung anzuwendenden Kompression waren die Ansichten bis vor kurzem noch sehr abweichend. Einige behaupteten, man solle die Faden nur so stark zusammenziehen, dass das Gefiisslumen eben geschlossen sei, andere wollten beide Avterienhiiute, Media und Intima einschneiden und Hering war der Ansicht, man dürfe den Druck nicht so weit steigern. Richtig ist soviel, dass bei kleineren Arterien das Durchschnüren der beiden Membrane ganz ungefährlich ist und dass bei jeder Ligatur so stark zusammen­gezogen werden muss, dass nur noch die Adventitia Stand hält. Die Gründe biefür gehen aus nachstehender Betrachtung hervor.
Thrombosierung der Arterien und Venen.
quot;Wenn beide inneren Arterienliäute durchgeschntirt werden sollen, so fragt es sieh zunächst, ob man trotz der sich bildenden Blutpfröpfe innerhalb des Arterlenrohrs und wegen der nachfolgenden Losstossung
der Ligatur durch demarkierende
Eiterung genügende Sicherheit vor Nachblutungen gewinnt. Die l-'ra^e kann unbedingt bejaht, ja hinzu­gefügt werden, dass es einer Thi'ombenblldung gar nicht bedarf und ein Nekrotisleren der betr. Gewebsteile nicht vorkommen soll.
Nach der seitherigen Annahme genügte schon der Stillstand der Bhltsällle oder das nicht intakte Verhalten der Intima, um eine (ie-riunung des Blutes und Pfropfbil­dung hervorzurufen, auch fand man regelmässig an der ünterbindungs-Stelle einen Thrombus vor, der bei Pferden sich sogar schon nach 10—2() .Minuten bildet. Im wei­teren Verlaufe schwindet allmählich der Pfropf und an seine Stelle ist eine bindegeweblge Narbe getreten, der Thrombus hatte sich daher
„organisiertquot; und so einen ge-
Fig. 130.
regelten Verschluss herbeigeführt, der nicht einmal die Zirkulation erheblich störte, denn die seitlichen Qefässe (Flg. 180 coco) haben sich durch den vermehrten Blutandrang hinlänglich erweitert und so einen leid­lichen Kollateralbluttluss hergestellt; die beiden Thromben fr fr in der Figur gestatten somit den Weitertluss des Blutes, wie ihn die Pfeile anaeben.
ocr page 202
184 ErstO Haupt-Abteilung: Oiierationen an vorschiodencn Stelleu des Körpers,
Heute steht die Sache insoferne anders, als von einer Organisation der Pfropfe in dem Sinne keine Rede sein kann, dass sich ans den Fibrinfasern und den im Thrombus eingeschlossenen Leukocythen Binde­gewebe bilden könne, dasselbe geht vielmehr ans der innersten zahl­reichen Schicht der Gefftsswand (durch Wucherung des Endothels der lutima) hervor und wächst dann allerdings in das Blutkoagulum hinein, dessen Bestandteile alhnUhlich erdrückt und aufgelöst werden (Baum­garten), Diese Endothelwucherung ist somit eine einfache traumatisch angeregte Gewebshyperplasie, die etwa mit der Kallusbildung bei Frak­turen auf eine Linie gestellt werden kann und vor Nachblutungen um so mehr schützt, je weiter man mit der Ligatur von den Seitenästen der Arterie wegbleibt, je länger also die Thromben, die sich immer nur bis dorthin erstrecken, werden können.
Durch die oben besprochene aseptische Unterbindung ist die Grundlage des seitherigen Ligaturverfalirens insoferne wesentlich ver­schoben worden, als jetzt Entzündung und Eiterung ausgeschlossen bleibt oder doch nur ganz leicht eintritt und auch bei Tieren gut in der Hand behalten werden kann. Auch erfolgt die Einheilung der Ligatur sowohl, als der rasche bindegewebige Verschluss, ohne dass damit notwendig eine Thrombusbildung Hand in Hand geht; der Pfropf kann sich gar nicht immer bilden, denn nach der heutigen Physiologie kommt die Gerinnung nur zu stände, wenn eine fermentartige Substanz, die aber im Blute nicht immer vorhanden ist, auf das Fibiinogen des ISlut-plasmas und die fibrinoplastische Substanz der Blutkörperchen einwirkt (Bizzozero's Scheibenelemante?). Hienach ist auch erklärlich, wenn gar keine Thronibosiening eingetreten ist, jedenfalls aber muss sic hei der Wundheilung der Qefftsse als ein ganz irrelevanter Vorgang bezeichnet werden.
Die ungemein rasche Einheilung der aseptisclien Fäden beweist allein schon, dass diese, trotzdem sie Fremdkörper sind, nicht phlogogon wirken, so wenig als die leicht einheilenden Schrotkörner in Muskeln; dieses Einheilen wird auch nicht gestört, selbst wenn massige Eiterung, also ein unvollkommen aseptischer Verlauf eingetreten ist, wie er bei den Tieren fast Regel ist. Im l'brigen hat die Arterien­wand auch iiusserst wenig Tendenz für Eiterung, eine Beobachtung, die bei den Venen nicht, ja gegenteilig gemacht werden kann.
Unterbindung der Karotis,
Verletzung der Drosselarterie kommt hie und da vor, meistens jedoch heim Aderlässen, Sie ist häutig ungefährlich, kann aber auch je nach Grosse der Otfnung und Unruhe des Tieres den Tod durch akute Anämie oder Erstickung bedingen, wenn auch die Luftröhre ge­troffen worden ist. Ein lleilungsversucli ohne Unterbindung wird in der Art gemacht, dass mau schleunigst die Hautwunde verschliesst, einen graduierten Kompressiwerband darüber legt (Seite 188), tleissig kühlt und die Bewegung des Halses thunlichst zu verhüten sucht. Die Ver-heiluug erfolgt schon in 4—5 Tagen, Zögert jedoch diese und nimmt
ocr page 203
III. Blutstillung. Hümostasic.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 185
namentlich-trotz des Verbandes dasHärnatoin zu, dann Ist Lebensgefahr eingetreten und imiss zur Unterbindung geschritten werden.
Die Unterbindung erscheint ausserdein auch notwendig, wenn ein bedeutender Karotlszweig an einer Stelle blutet, an welche nicht anzukommen ist, wie z. B. in der Nase, im Rachen, am Gaumensegel, Zungengrund u. s. w,
Zuerst schneidet man die Haut auf 10—12 cm weit ein, ebenso den Hautmuskel, nötigenfalls selbst den vordem Hand des gemeinschaft­lichen Muskels des Kopfes und Halses und drückt das Zellgewebe der Drosselrinne mit dem Finger energisch auseinander und zwar so lange, bis man die Schlagader pulsieren fühlt. Nun wird sie mit einer Wunduadel und Seide umfangen und zugeschnürt. Die Hauptschwlerig-keit besteht nicht hierin, sondern in dem Auffinden des Rohrs, das von dichten Blutgerinseln bedeckt ist: dass der X. Hirnnerv und Sympathikus erst von der Arterie getrennt werden müssen, verstellt sieb von selbst.
Sollte die Ligatur oben am Halse gomaclit werden müssen, so kann erst in das lockere Zellgewebe, in welches die Karotis gebettet ist, eingedrungen werden, wenn der Schultormuskel des Zungenbeins durchsebnitten ist. Gewöhnlich wird der Fehler gemacht, dass die Haut- und Muskelschnitte zu klein ausgeführt werden, was nur die (obnedies mübsnme) Operation unnötig erschwert, denn grössere Wunden heilen aseptisch in derselben Zeit, wie kleinere. Die Hautöffnung wird alsbald zugenäht,
Die Unterbindung der Schienheinarterie oder der Fesselarterien unterscheidet sich von der der Karotis in nichts, beide erstere Gefä^se sind nur woniger bedeckt und daher leichter zu finden. Die Operation ist gegen Strahlkrebs empfohlen, indes gänzlich nutzlos, denn die Kollateralen übernehmen alsbald die Ernährung.
Blutstillung durch Serres-fines. Diese sind kleine federnde Klammern von verschiedener Gestalt, aus Neusilber verfertigt, welche in der Art angelegt werden, dass sie mit den breiten geziilmelten Branchen die Wundrftnder oberflächlich umfassen und diese durch ihre eigene Federkraft an einander halten. Da der Druck nur schwach ist, passen sie auch blos für leichte oberflächliche Hautwunden.
Bei den'J'ieren haben sich die Serres-fines nicht bewährt, mussten daher wieder vorlassen werden. Sclion bei geringer Bewegung dos Teils dislozieren sie sich und beunruhigen die Tiere ungewöhnlich, da sie ohne die scharfen, Schmerz erregenden Häkchen nicht haften würden. Da, wo sie indiziert wären, ist die einfache Knopfnabt vorzuziehen.
Herumdrehen der Gefässe. Tdrquieren.
Die Drehung der Arterien (Torsion) kann häufig an die Stelle der Unterbindung treten und basiert auf der Beobachtung, dass durch Drehen gequetschte Arterienwandungen zusammenfallen und nicht mehr bluten, wenn man daher mit einer liämostatischen Pinzette das durch­schnittene oder abgerissene Ende der Arterie fasst und mehrfach um seine Liingsaxe dreht, so reissen die innern weichen Häute, rollen sich auf und verstopfen die Lichtung.
Die Torsion (Arteriversio) ist ein ebenso bewährtes, als be­quemes Mittel, sich bei Operation der kleinen blutenden und deswegen
ocr page 204
1 Sfi Eiste Haupt-Abteilung: Operationen an verscliiedenen Stellen des Körpers.
arg störenden Arterien zu entledigen; auch bietet sie den Vorteil, dass ein fremder Körper in der Wunde nicht zurückbleibt, dagegen eignet sie sich nur für kleine Arterien, grössere winden sieli gerne auf und spritzen alsbald wieder. Das Verfahren erfordert eine 0—lOmalige üradrehung, bis eben das gefasste Endstückchen abbricht, was bei grös-seren Gelassen gefährlich wäre; wo man daher 12 Pinzetten brauchen würde, von denen die zweite weiter in der Tiefe quer fassen nüisstc, um das schraubenförmige Aufwinden nicht weiter fortschreiten zu lassen (doppelte Torsion), ist die Unterhindung vorzuziehen.
Mau hat versucht, die Wirkung der Torsion dadurch zu sichern, dass man mit der quer angelegten zweiten Pinzette die Innenhäute der Arterien zerquetschte (Mächure) und dann in die Höhe schob (Uefou-leiuent), es wird aber auch hiedurch ein zuverlässigerer Verschluss grösserer Arterien nicht erreicht.
Arteriendurchschlingung. Stilling zoigto 1834
an grösseren Arterien, dass man sie durch Vorziehen ihrer eigenen Gewebe ebenfalls verschliessen kann. Etwas oberhalb des isolierten und hervorgezogenen Gefiisscs schneidet man einen etwa lern langen Längsspalt ein und führt eine Pinzette durch, mit welcher mau das Arterienende fasst und in den Spalt zieht, eine Art Knoten mit dem Gefäss selbst bildend (Perplicatio).
Das Verfahren passt nicht für kleinere Arterien, ist ausserdem sehr schwor ausführbar und deswegen tier-ilrz.tlich ganz und gar unbrauchbar. Hering will das­selbe dabin verbessern, dass man kurzweg an ein solches
weit hervorziehbares Arterianendo einen Knopf bindet.
Fig. 131.
Unterbindung ist noch einfacher.
Ekrasement der Arterien. Die hämostatische Wirkung dos Ekraseurs (Seite 102) beruht auf der lang­samen Durchquetschnng dor Arterienwandungen, von denen die beiden innersten Häute ebenfalls zuerst reissen, ganz wie bei der Torsion durch die Schieberpinzetto, der Effekt ist daher durchaus derselbe, d. h. ebenfalls nicht zuverlässig, sobald es sich um grössere Schlagadern handelt,
Von dem Ekraseur wird für genannten Zweck in der Veterinärchirurgie nur selten Gebrauch gemacht, empfehlenswert ist er aber, wo man mit Pinzetten oder Umstechungsnadeln in der Tiefe nicht ankommen kann und zugleich eine Exstir-pation vorgenommen werden muss, wie z. B. in der Maul- und Nasenhöhle, in der Scheide, dem Mastdarm, es ist jedoch zu beachten, dass mit der wachsenden Grosse der Arterien auch die Langsamkeit des Ekrasements zunehmen muss, auch wird man gut tlinn, andere Blutstillungsmittel parat zu halten.
Venöse Hämostase. Wie schon oben Seite 171 erwähnt ist, besteht in dem mechanischen Verhalten der Venenwamlungen bei Ver­wundungen nur ein gradueller Unterschied gegenüber dem des arteriellen Hohres, indem es bei der geringeren Anzahl elastischer und kontrak-tiler Fasern nur ZU einer schwachen Itetraktion kommt; auf der anderen Seite kommen aber günstige Umstände hinzu, die bei Arterienblutungen nicht eintreten und besonders darin bestehen, dass der Druck, unter dem das Blut an der Verletzungsstelle vorbeikommt, nur ein schwacher ist, die Wandungen besonders bei durchschnittenen Blutadern völlig kollabieren und mit Venenblutungen meist auch arteriöse verbunden sind, der ZuflllSS zu den Venen daher vermindert worden ist.
ocr page 205
111. Bliitstillung. Hämostasie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 187
Blutungen aus kleineren Venen haben in dev Regel nichts Eo-unruhigendes an sich, wie denn die Pi'ognose venöser Hftmorrhagien eine bedeutend bessere ist; aber es jjibt Venen, welche, wenn sie foi't-bluten, durchaus nicht gleichgültig beurteilt werden dürfen, ja Blutungen aus grossen Venen sind stets lebensgefährlich, der Tod tritt aber erst später ein, meist infolge von Hydräraie und nervöser Erschöpfung. Ausserdem können Momente interkurrieren, welche denBlutfluss sehr begünstigen, wie manche Bluterkrankuugen (Dünnflüssigkeit, vermin­derte oder aufgehobene Koagulabilität, hämorrhagische Diathese), Stö­rungen des venösen Rückflusses nach dem Herzen, nicht zu verhindernde Muskelbewegungen bei den grösseren Haustieren, Chloroformnarkose, Respirationskrankheiten u. s. w.
Einatlimungen veranlassen einen aspiratoiischen Zug auf den Vononstiom, der sich besonders in dem Brustkorb und Hals nahe gelegenen Qefässen bemerklich
niaclit, das Blut ergiesst sich dalier reichlicher In das Herz; der Beweis wird dadurch geliefert, dass das Blut hier nicht in gleichmässig ununterbroolieiiem Strome iliesst und wahrend der Exsplratlon aus dem verletzten Vonenstamm hervor­quillt; auch wird hie und da heim Einatlmion atmosphärische Luft in offene Venen hörbar eingesaugt. In der Narkose sind die Inspirationen besonders schwach, worauf besondere Rücksicht zu nehmen ist.
Hat man es mit venöser Blutung zu schaffen, so schützen einst­weilen einige angehängte Pinzetten oder die Digitalkompression vor der Bedeckung des Sehfeldes mit Blut; nach der Operation kann mit Eis­wasser, hämostatischer Watte, Druckverband u. dergl. nachgeholfen werden; im andern Falle und bei grösseren Venen muss zugeklemmt, beziehungs­weise unterbunden werden, obwohl man sich vor Ligaturen in der Regel scheut und nicht ganz mit Unrecht, weil gerne Eiterung sowohl in den Wandungen als in den Thromben eintritt, die Antisoptik ist datier hier am wenigsten aussei' A.uge zu lassen.
Einseitig verletzte Venen unterbindet man wie Arterien mit •2 konvergent gestellten Schieberpinzetten (Seite 181) oder tritt die Forzipressurzange in Thätigkeit, wie /.. B. bei angeschnittenen, mit dem Gewebe von Geschwülsten fest verwachsenen Blutadern; desgleichen kann ein grüsserer Stamm mit schlitzförmigen Otfiningen ganz wohl auch durch die aseptische Naht geschlossen werden, die Stichkanäle bluten nur leicht und vorübergehend.
Sind Venen quer abgetrennt, so ist die Unterbindung nicht Idos am peripheren Ende, sondern auch am zentralen notwendig, eine doppelte Ligatur ist überhaupt bei Neuen, insbesondere varicösen zu empfehlen, hat aber oft Umständlichkeiten im Gefolge, insoferne das paravaskuläre Gewebe viel strammer, dichter und das Hervorholen der Stümpfe daher schwieriger ist und nicht selten sticht mau dabei mit den Haken In das Gefäss und verletzt es in ungeschickter Weise. In Notfällen bleibt nichts anderes übrig, als den entsprechenden Arterien-stanuu zu umschnüren.
Aspiration von Luft in die Vene kommt ebenfalls bei Tieren vor, wenn auch selten. Kleine Quantitäten im Momente der Verletzung oder während des Bhltens eingesaugter Luft werden übrigens ohne
ocr page 206
lyg Erste Ilaupt-Abtoilunff: Operationen an verscliiedennn Stellen des Körpers.
Schaden ertragen, grössere Mengen, wie sie vornehmlich an der Jugu-laris und den EriiHtliuiitvenen bei Pferden in den Venenstrom gelangen und mit einem eigentümlich zischenden, quirlenden oder schlürfenden Ger aus eil verbunden sind, können, wie die Veterinärlitterat ur lehrt, den Tod herbeiführen, der meist unmittelbar eintritt.
Die Luft gelangt zunächst in das rechte Herz und passiert, wie neuere Untersuchungen erwiesen haben, fast reselmässig ohne Schwierigkeiten oder er-hehliche Respirationsheschwerden den kleinen Kreislauf, um dann vom linken Ventrikel weiter geschickt zu werden; nur diejenigen Lüftblasen, welche reichlich in die Gefässe des Gehirns und der Medulla oblongata gelangen, können tötliclie Folgen nach sich ziehen, indem die Füllung einzelner Gefässe mit Luft statt mit Blut lebenswichtige Funktionen des Zentral-Nervensystems vernichtet und Zirkulation wie Athmung, plötzlich aufhören. Die Tiere stürzen dann wie apoplektisch zu­sammen und nur selten erfolgt in solchen Fällen Erholung.
Tröves hat in neuester Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass die Luftaspiration besonders erleichtert wird, wenn die Venenwand nur angeschnitten ist oder in infiltriertem Gewebe derart steckt, dass das Gefftss bei der Inspiration nicht zusammenfallen kann, sowie wenn Zerrungen z. B. au einer zu exstirpierenden Geschwulst das Klaffen des Lumens begünstigen; dagegen wird der Lufteintritt, was bisher ganz übersehen worden ist, verhindert, sobald die Flüche von Blut bedeckt ist, es sind daher hauptsächlich trockene quot;Wunden, welche Luft aspirieren und was das Aderlässen betrifft, so sollte das Nachlassen des Venendrucks nie plötzlich geschehen, damit das Gefttss möglichst mit Blut angefüllt bleibt. Die nächsten Ursachen sind hier übrigens nicht völlig aufgeklärt, offenbar spielt aber auch die Art der Eespiration eine Rolle.
Am meisten Schutz gegen derartige Gefahren bietet der Finger, welcher die Vene zwischen Herz und gefährdeter Stelle so lange an­drückt, bis die Wundtläciie mit Blut bedeckt ist; mit der schon ein­getretenen Luft ist nichts anzufangen, als sie möglicht wieder auszu­drücken.
IV. Transfusion,
Die Transfusion von Blut, d. h. das Übergiessen des Blutes aus einem gesunden Tier (Spender) in ein anderes erkranktes Tier (Empfänger) wird hauptsächlich unternommen, um eine durch grossen und schnellen Blutverlust entstandene Erschöpfung und die daraus resul­tierende Todesgefahr zu beseitigen (roborierende Transfusion), wenn auf anderem Wege nicht Hilfe mehr geschaffen werden kann.
Indikation. Die Gefahr des Erlöschens der Lebensgeister tritt regehniissig ein, wenn die Tiere l/j—Va des strömenden Blutes auf irgend eine Weise verloren haben, was am ehesten bei bedeutenden Verwundungen, Operationen, Geburten oder Innern llämorrhagien vor­kommt und sich durch grosse Schwäche, Blasse der Schleimhäute, kalte
ocr page 207
IV. Transfusion.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;180
Extremitäten, kalte Haut, namentlich aber Leerheit und Unftlhlbarkelt des Pulses und Herzschlages, Fehlen des systollschen Ventrikeltones, Bewusstloslgkeit und auffallendes Sinken der Ä.thenifrequenz zu er­kennen gibt.
Die Diagnose einer so schweren akuten Anämie ist meist nicht schwierig zu stellen, es kann sich nur um graduelle Verschiedenheit der Lebensgefahr han­deln, dagegen lilsst sich nicht immer die Grosse des Blutverlustes ermitteln , son­dern nur heiläutig aus der Art der Verletzung, Dauer der Blutung oder der etwa sichtbaren Blutmenge erschliessen, hei der oft schwierigen Bestimmung des Zeit­punktes daher, in welchem die Operation vorgenommen werden soll oder nicht, ist besonders massgebend die Zahl der Respirationszüge und das Verhalten des Sensorium commune.
Der Tod erfolgt in der Eegel nicht sogleich, wohl aber in kurzer Zeit, wenn nicht alsbald die gefährlichsten Symptome zum Schwinden kommen, oder das Tier bleibt zwar am Leben, vermag sich aber nicht zu erholen und verfallt in ein hydriimisches Siechtum.
Aussei1 dor hochgradigen Blutleere treten weitere zweifellose Anzeigen der Transfusion nicht evident hervor, denn andere krank­hafte Zustände, wie chronische Anämie, Chlorämie der Schafe, perniziöse Anämie des Pferdes. Milzbrand, Hämoglobinämie, Dyskrasien und sonstige Blutfehler, wobei namentlich die roten Blutkörperchen in ihrem chemischen Bestand, in der Form und Anzahl alteriert sind, lassen wohl eine vorüber­gehende Besserung durch Bluttransplantation zu, die Krankheit selbst wird aber nicht wesentlich beeintlusst.
Eher könnten Vergiftungen eine begründete Anzeige zur Operation abgeben, wie z. B. Kohlenoxydgasintoxikation bei Feuershrünsten oder Vergiftungen durch mineralische und pflanzliche Stoffe, die sich nicht näher eruieren lassen, um chemisch gegen sie vorgeben zu können. Durch frisches eingeführtes Blut nach vorausgegangenem Aderlass könnte Jedenfalls wenigstens eine nicht unbedeutende Verdünnung des Giftes in der Blutbalm geschaffen werden, es wäre daher eine dankbare Auf­gabe der experimentellen Pharmakologie, diejenigen Gifte namhaft zu machen, deren gefährlichste Wirkungen durch Blutinjektionen sich be­seitigen Hessen.
Geschichtliches. Im hohen Altertum ist die Transfusion begreiflicherweise nicht bekannt gewesen, erst nach der Entdeckung des Kreislaufes (1628) dachte man au Übertragung von Blut von Tier zu Mensch. Lower war der Erste, der Arterienblut in Venen von erschöpften Hunden goss und zwar mit Erfolg, worauf sich Experimente Schlag auf Schlag anreihten: namentlich wurde das Blut der verschiedenen Haustiere versucht, ungescliicktorweise jedoch gerade dem schwächsten Blute, dem der Schafe, sowie dem Arterienblut der Vorzug gegeben.
Im XIX. Jahrhundert waren es besonders Vih org in Kopenhagen, der zahl­reiche Uiitersuchungen anstellte, Helper daselbst erfand den Adertrichter, Scheele ebenfalls in Kopenhagen die Xransnisionsspritze. Weitere grosse Verdienste er­warben sich insbesondere Magendie, Orfila (1888), Nvsten, hieffenbach, dann Ilertwig, Brogniez, Hering u. A., später Larral, Grecchi, Bareggi, Affanassiew, Panum, Landois, Schmi d t-Mühlheim, Möller, llayem, Ellenhergor U. s. w. Besonders waren auch die Untersuchungen darauf gerichtet, um die lufektiositiit mancher Krankheiten, insbesondere des Rotzes zu studieren, wobei sich jedoch nur zeigte, dass eine Übertragung derselben wohl möglich, wie heim Kotz, zum Ausbruch der Krankheit aber eine subjektive Disposition absolut notwendig ist.
ocr page 208
100 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen dos Körpers.
Jedenfalls ist die Operation bis jetzt mehr an Versuchstiören aus­geführt worden, als gegen bestimmte Erkrankungen, deshalb hat auch die lange Zeit von 200 Jahren nicht vermocht, die Indikationen allseitig sicherer festzustellen. Bald wurde die Transfusion überschätzt, bald wieder in begreiflicher Reaktion gegen die Übertreibungen weit unter das Mass ihrer eigentlichen Leistungsfähigkeit herabgedrückt und heute findet sie für Heilzwecke nur äusserst selten tierärztliche Anwendung.
Das Transfusionsmaterial.
Zumeist benützte man irisches Aderlassblut derselben Tier­gattung, da man Jedoch häutig ungünstige Resultate erzielte, wurde auch das anderer Tiere genommen, z. Vgt;. Lammblut für den Menschen, Rinder­blut für Pferde und Hunde, ohne jedoch bessere Ergebnisse zu gewinnen. Am meisten zu Übelständen führte das während der Translation er­folgende Herausgerinnen einzelner Fibrinflocken, was natürlich zu gefährlichen Thrombosierungen, embolischen Pneumonien u. dergl. führt,
Aber auch defibriniertes Blut befriedigte nicht, denn die Tiere erkrankten oft recht und in ganz eigentümlicher Weise; sie verfielen in Athemnot, Diarrhöe, Tenesmus, Fieber, Hämoglobinurie und bei der Sektion fand man Erscheinungen, welche auf Zersetzungsprozesse in der ganzen Blutsphäre hinwiesen, namentlich aber hämorrhagische Trans-sudatlonen in den serösen Säcken. Als Ursache beschuldigte man an­fangs rasch entstandene Plethora mit mangelndem Faserstolfgehalt, dann die verschiedene Grosse der Blutzellen, das fremde Blut u. s. w.; später wuchs die Verwirrung, nachdem es sich zeigte, dass Hunde mit ihrem eigenen entfaserstotften Blute getötet werden können, bis endlich Alex. Schmidt den Schlüssel zu dem Räthsel in einem gift igen Ferment fand, das offenbar in detibriniertem Blute in grossen Mengen frei wird und mit diesem transfundiert, ausgedehnte Gerinnungen erzeugt. Der Gehalt daran ist bei den einzelnen Haustiergattungen ein verschiedener. oft fehlt sogar das Ferment, denn oft erfolgt gar keine Erkrankung, am meisten ist es aber im Blute des Rindes enthalten, auch scheint nach Köhler die Fennentintoxikation durch das Blut einer fremden Gattung intensiver aufzutreten, worauf die quot;Wechselversuche mit Hund-und Schafblut, welche noch vor kurzem soviel von sich reden machten. hindeuten. Die dlffevente Grosse der roten Blutkörperchen spielt dabei kaum eine Rolle, wenigstens nicht nach dem postmortalen Befunde der Bungen: die Blutkörperchen des Menschen sind erheblich grosser als die sämtlicher Haustiere, ohne dass sie aber bei diesen Passage-schwierigkeiten zu überwinden hätten, die Blutkörperchen der Ziege sind die kleinsten, die der übrigen Haustiere aber miteinander ziemlich gleich. Dagegen kommt es offenbar durch den fremden Bluteindringling zu einem singulären Zerfall der roten Blutscheibchen und Freiwerden des Farbstoffs, womit dann das Auftreteil von Hämoglobinurie erklärt Wäre, kurzum, mau ist heute bei Mensch und Tier von dem Trans-
ocr page 209
IV. Transfusion.
19]
fuüdiei'eai'defibriiiiei'tenBlutes melir und mehr abgekonunen und nimmt entweder frisches Blut (Hier irgend eine andere Flüssigkeit, welche den physiologischen Aufgaben der Blutsubstitution überhaupt zu entsprechen vermag.
Überzuführende Blutmenge. Wie viel Blut notwendig ist. das fliehende Leben zu erhalten, variiert sehr und liisst sich für die ein­zelnen Haustiere schwer angeben, in früherer Zeit scheute man sich vor grösseren Quantitäten und goss zu wenig frisches Blut ein, später verfiel man in das andere Extrem, nachdem es sich herausgestellt hatte.
dass bei gesunden Versuchstieren der (Jesamthlutineiige
ranz gut noch
'/,; mehr hinzugefügt werden könne, ohne dass häniodvuamische Störungen aufträten. .letzt weiss man, dass zur Wiederherstellung der Kranken etwa der '/raquo; Teil der Qesamtmenge dos Blutes unter allen Umständen hinreichend ist, für Pferde müssen sonach einige Pfunde, für Hunde einige Hektogramm gerechnet werden.
Unmittelbare Transfusion. Sie besteht darin, dass man von dem gesunden Tiere eine verschliessbarc elastische Röhre zu dem kranken je in die geöffnete Vene überführt und dann Blut einleitet. Das Verfahren ist sehr umständlich und bei der nicht zu vermeidenden Unruhe der Tiere kommt der Apparat leicht in Unordnung, auch befindet man sicli über die Beschaffenheit und Menge des über­laufenden Blutes völlig im Unklaren, man ist daher von dieser Operationsweise gänzlich zurückgekommen.
Noch weniger passend ist es, bei dem gesunden Tiere eine grössere Arterie zu öffnen und den Blntstrom gleichfalls durch einen (iummiscblauch in die Vene des Kranken Überzuleiten, denn erstercs Tier hätte unter der naebherigen Unter­bindung jedenfalls zu leiden, abgesehen von der grossen Umständlichkeit der Arteriotomie überhaupt,
Mittelbare Transfusion. Sie geschieht dadurch, dass man das Blut des gesunden Tieres in ein (iefäss auffasst und in die Vene des kranken infundiert, lliezu soll man nach 11 er twig eine zinnerne Spritze nehmen, die je nach der Tierart bis zu (1 Unzen fasst und deren (Jumnii-l'öhre zuerst In der Vene des kranken Tieres befestigt wird. Diese Methode leidet an dem Nachteil, dass man unbewusst auch Luft in die erwärmte Spritze bekommt, sie ist daher wieder verlassen worden.
Hering bediente sich zweckmässiger des umstellenden Messing­trichters (Fig. 132) mit einer Kapazität von etwa 80 Gramm, welcher in die Drosselvene eingesteckt und dann mit frischem Aderlassblut so­lange augefüllt wird, bis die hinreichende .Menge übergeführt ist. Der Eintritt von Luft, der sehr gefährlich werden kann (Seite 187), wird dadurch leicht verhindert, dass man den Trichter nie vollständig ent­leert, weil an der Oberfläche Luftblasen enthalten sind. Die Venen-wunden sind einfache Äxlerlaasöffnungen, auch können andere Venen ebenfalls benutz! werden: die Operationsmethode taugt indes nur beim Pferd und Rind.
Transfusions-Spritzen. In neuerer Zeit wird, wenn nicht von dem Helper'schen Adertrichter (s. nächstes Kapitel „Infusionquot;) Gebrauch gemacht werden will, mehr mit Injektions-Spritzen operiert, um den Vorteil zu gewinnen, die Phlehotomie wenigstens bei dem Empfänger
ocr page 210
192 Erste Hauptlaquo;Abtellung! Operationen an versohiedeneu Stellen des Körpers.
zu ersparen, eine Methode, welche von Colin stammt (1850), dessen Transfusionsspritze in Figur 133 abgebildet ist.
Dieselbe fasst, um leichter gehandhabt werden zu können, nur 25 (Jrannn und ist des bes­seren Verschlusses und der leich­teren Reinigung wegen mit Neu­silber oder Hartgummi armiert, der Cylinder aber (Seite 106) von (Has, um die sieh oben ansam­melnden Luftblasen gut im Auge behalten zu können. Die dünne abnehmbare und desinfizierte An­satzröhre wird nun für sich allein in eine blossgelegte Vene eingestochen und hier festge­bunden, worauf dann die ge­füllte Spritze in jene einzusetzen ist. um entleert zu werden. Ehe dies jedoch geschieht, muss ab­gewartet werden, bis das A'enen-blut erst in die Ansatzröhre ein­getreten ist und durch Über­laufen alle Luft verdrängt hat. In dieser Weise wird die asep­tisch gehaltene Spritze immer wieder gefüllt, in die eingebun­dene Kanüle eingeführt und zuletzt die Hautwunde wie eine Venäsektionsöfihung (durch ein­fache periphere Ligatur) ge­schlossen.
In neuester Zeit ist dieses für die kleineren Haustiere recht brauchbare Transfusions-Instru­ment dahin modifiziert, worden, dass die Ansatzröhren, von denen man mehrere von verschiedener Dicke braucht, unten an der
M
ü
Flg. 132.
(Halbe Grosse )
Hg. 13:3.
Transfusionssprltüi
von Colin.
Spitze eine kleine Verdickung erhalten, um zu verhindern, dass der letzte Einbindfaden nicht
Ausscrdciu wird gegenwärtig
vaz'scheil Spritze, wie sie für si allgemein verwendet wird (siehe i brauch gemacht und ist das Ver:
iilier die Spitze hinabgleitet, vielfach von der gewöhnlichen i'ra-ibklltane Injektionen bei Tieren jetzt las nächste Kapitel „Injektionquot;), Ge­fahren dadurch wesentlich vereinfacht
ocr page 211
IV. Transfusion.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 193
worden. Um die Pravazspritze auch für Pferde verwerten zu können, hat sie Möller (1877) in recht /wecknmssiger Weise vergrössert.
• Ersatz für Blut. Durch die zahlreichen in jüngster Zelt ge­machten Erfahrungen ist man zu der bedeutsamen Erkenntnis gelangt, dass es nicht das Blut an und für sich ist (am wenigsten die allerdings wichtigsten roten Blutkörperchen), welches den günstigen Erfolg der Transfusion realisiert, sondern dass die drohende Lebens­gefahr iu dem plötzlich in bedenklichem Grade gesunkenen Blut­druck zu suchen ist. Diese Annahme hat einen thatsiichlichen Unter­grund darin gefunden, dass jede andere Flüssigkeit es auch thut, wenn sie nur den normalen hiimostatischen Druck, unter dem einzig das Blut seinen Funktionen nachzukommen vermag, sowie den nötigen Füllungs­grad im Gefässsystem wiederherstellt.
Von dieser durch Tierexperimente gewonnenen Erfahrung geleitet, ist man jetzt mehr und mehr von der Transfusion mit Blut abgekommen und hat an seine Stelle eine andere inoffensive, blutähnliche Flüssigkeit gesetzt, welche am besten aus einer Lösung von Kochsalz und Natrium­karbonat oder Natronhydrat, noch besser nur aus Natriumchlorid allein besteht. Man bereitet die Solution sich einfach durch Auflösung von Kochsalz in destilliertem Wasser zu 0,0 Prozent (Kronccker, Sander u. A. 1880). Ausserdem kann als Transfusionsmaterial auch Blutserum verwendet werden. So hat v. Ott (1883) erschöpften Hunden einige hundert Gramm davon intravenös mit Erfolg beigebracht.
Wenn dieses neue Verfahren, wie es zufolge der vielen schon ge­machten Versuche an Tieren den Anschein hat, sich bewährt und wirk­lichen Ersatz des Transfusionsblutes bietet, so vereinfacht sich das seit­herige komplizierte Transfusionsgeschäft zu einer höchst simplen Infusion, es liegen indes der Erfahrungen noch nicht so viele vor, um ein dies­bezügliches Urteil abgeben zu können.
Oassolbo ffilt von dem Ergebnis jener Versuche, welche dahin abzielten, frisclies Blut durch Vermischen mit Peptonlüsungen (zu 1,0—1,5 Proz.) auf einige Zeit vor dem Gerinnen zu behüten und so eine Reihe der oben bezeichneten Gefaliron für das empfangende Tier abzuwenden. Die Versuche gingen von Af-fanassiew und Schmid t-Mnhlbe i m (1881) ans, sind aber noch nicht als ab­geschlossen zu betrachten. Ebenso hat Vigezzi 1882 filtrierte siisse Milch in die Jngularis von Hunden zu Ernährungszweckeii eingespritzt (15 Gramm pro dosi), jedoch keine Nachahmer gefunden.
Die genannte ('hlornatriumsolution wird erwärmt mit einer Pravaz'schen Spritze, deren Kanüle in eine Vene, wie oben beschrieben worden, eingebunden ist, injiziert und ist dabei das Hauptaugenmerk darauf zu richten, dass die Injektion laugsam und unter möglichst geringem Drucke geschehe, im andern Falle würde nicht nur der Gesamtblutdruck plötzlich zu sehr ansteigen, sondern es müsste auch durch die ankommenden Mengen der Kochsalzlösung der ohnedies ge­ringe Blutinhnlt der rechten Herzkammer verdrängt werden. Schon nach dem Einflössen von 100—800 Gramm der Flüssigkeit erholen sich Hunde sichtlich und nach 500 Gramm und mehr tritt wieder der Puls hervor, meist aber erscheint nach kurzer Zeit ein leichtes Transfusionsfieber
Hcring's OporatiuiiBlchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 13
ocr page 212
194 Erste Haupt-AI)teilungi Operationen au verschiedenen Stollen des Körpers.
odor komint os bei /arten Hunden mitunter zu vorübergehenden konvul­sivischen Bewegungen (akute QehirnaMmie), denen jedoch eine weitere Bedeutung nicht zukommt, doch sind auch liier Misserfolge zu registrieren, die indes auch von der Art und Weise der Infusion herrühren können.
Um in dieser Beziehung sicher zu gehenj hat Krouecker (188-1) einen oin-faclion Infusions-Apparat hergestellt, den man sich selbst zurichten kann. Mit einer GlasHasche, welche durch beiderseits aussen angeklebte Papierstreif'eu mit Linien für die Entfernung von je 25ccm graduiert ist, wird unten ein Gummi-schlauch verlumden, welcher an seinem andern Ende eine Kanüle zum Einführen in die Vene trägt; wenn nun das Gefäss in entsprechender Höhe gehalten wird, läuft die Flüssigkeit in der gewünschten und ablesbaren Menge ruhig von einem Strich zum andern in die Vene ab. Die obere Eingussött'nung der Flasche ist mit einem Wattepfropf geschlossen, um bei der allmälichen Entleerung nur bakterien­freie Luft eintreten zu lassen.
Subkutane Transfusion. Um mit den Neuen uiciits zu tliun zu haben, ist auch versucht worden, deflbriniertes Blut mittels der Pravazspritze in das Unterhautgewebe einzuführen und hat sich dabei gezeigt, dass die Resorption seihst der Blutkörperchen gut von statten geht und zwar schon innerhalb 20—30 Minuten, sowie dass das Ver­fahren ganz unschädlich ist, es taugt jedoch mehr für chronische Fälle und erfordert eine Wiederholung in Zwischenräumen von 5—10 Tagen: ausserdem sidelt hier das Blut auch die Rolle eines tonisie-renden Arzneimittels, wenn die Aufnahme von NahrungS- und Kräf­tigungsmitteln durch den Verdauungskanal erschwert oder unmöglich ist (Barreggi 1884).
Transfusion in die Bauchhöhle. Aus denselben Gründen wie oben bei der liypodermatischen Methode hat man auch Blut in den Bauchfellsaclc mittels der einfachen Pravazspritze zu injizieren versucht und ebenfalls mit Erfolg. Es findet meist gar keine Bauchfellreizung Statt und ein grossei' Teil der Blutkörperchen zieht ziemlich rasch in die Lymphbahnen des subserösen Zellstoffs ein, so dass eine Überraschend vollständige Aufsaugung erfolgt (Hayem 1874). In wie weit jedoch diese peritoneale Blutinfusion, welche ebenfalls den Vorzug der Einfachheit hat. praktische Erfolge aufzuweisen hat, ist zur Zeit noch nicht festgestellt.
Ein Urteil über diese neueren Transfusionsarten abzugeben, ist auch ans dem Grunde schwierig, weil sowohl das Blut, als jedes andere Ersatzmittel für den Empfänger als fremdartige Substanz einwirkt und so mehr oder weniger eine Allgcmeinreaktion des Körpers veranlasst, welche eine Katastrophe ebensogut be­schleunigen, als hinausziehen kann. Auch ist zu berücksichtigen, dass jede der­artige Operation, wenn sie Anwendung auf akut erkrankte Subjekte findet, nur für dringende desperate Fülle aufgespart wird, man sich daher nicht wundern darf, wenn der Tod zuweilen gar während der Operation schon eintritt, auf der anderen Seite aber ceteris paribus überraschend günstige Effekte zum Vorschein kommen.
:
ocr page 213
V. Infusion. Injoktion.
195
V. Infusion. Injektion.
Unter Infusion vorstellt man das Eingiessen von Flüssigkeiten, insbesondere aber von fltissigen Medikamenten in das Ulnt (Infusion im engeren Sinne), während als Injektion jede Einspritzung bezeichnet wird.
Erstgenannte Art der Infusion ist wie die Endermose, d. ii. das endermatische (intrakutane) Beibringen von Arzneimitteln, sowie jenes in Wunden und (iescliwüren fast ganz verlassen worden, indem die intravenöse Einspritzung oder noch besser die subkutane Applikation mit ungleich weniger Schwierigkeiten und Umständlichkeiten verknüpft ist. namentlich aber das kunstgerechte Aufschneiden von Venen ent­behrlich macht.
Die intravenöse Infusion.
Sie kann nur dann einigermassen Wert haben, wenn es sieh um vitale Indikationen handelt und eine energische Arzneiwirkung ohne Verzug eintreten soll, die auf einem andern Wege nicht wohl erreich­bar ist; die einzige gute Seite der Methode ist auch nur die, dass sich mit ihr am schnellsten ein zuverlässiger pharmakodynamischer Effekt in der denkbar kleinsten Dosis erzielen lässt.
Anzeigen. Das intravenöse Eingiessen von Arzneistoffen kann spezielle Anwendung finden, wenn neue Heilmittel von unbekannter Wirkung geprüft werden sollen, man ganz reine Wirkungen haben und von deren unmittelbaren Absorption überzeugt sein will; ausserdem liegt noch die Indikation vor. wenn bei ausgesprochener Torpidie von Seiten des Nervensystems kaum eine Reaktion zu erwarten steht oder überhaupt ein arzneilicher Eindruck bei der gewöhnlichen Applikation trotz aller Versuche nicht mehr erreicht werden konnte.
Die weiteren früher aufgestellten Anzeigen können füglich weg­fallen, wie z. 15. die Unmöglichkeit, die Arznei per os oder rectum bei­zubringen. völliges Darniederliegen der Verdauung. Resorption und Rumination u. s. w. In derartigen speziellen und verzweifelten Fällen (Gehirnkrankheiten, Starrkrampf, Lähmung. Halsentzündung, Fremdkörper im Schlund etc.) werden die Arzneimittel jetzt In das subkutane Gewebe oder in die Luftröhre gegeben oder in die Venen statt eingegossen eingespritzt (Intravenöse Injektion), die Methode der Injek­tion ist daher an die Stelle der Infusion getreten, dadurch aber letztere geradezu i ndikationslos geworden.
Ein weiterer grosser Missstand besteht darin, dass die meisten Arzneimittel intravenös gar nicht benutzt werden können, weil sie chemische Verbindungen mit den Dlutbestandteilen eingehen und dadurch
ocr page 214
^90 Erste Haupt-Abteilung: Oporationon an verschiedenen Stellen des Körpers.
Nebeuwirkungen der gefährlichsten Art hervorrufen, insbesondere Gerinnungen des Fibrins (Säuren, Metallsalze, Alkoholica, Naphthen);
ferner müssen sieh die Infusionsstoffe gleiclnniissig mit dem Blute mischen lassen, schleimige, fette, ätherisehölige. harzige, pulverige Arzneimittel sind unbrauchbar, es bleiben daher nur mehr Extraktiv­st otfe, in Wasser oder verdünntem Weingeiste lösliche Alkaloide, (ilv-koside, Tinkturen u. dergl. übrig, also ineist heftig wirkende, giftige Heilmaterien.
Dazu kommt noch, dass diese direkte Wirkung schwer zu bemessen ist, die Dosis für die einzelnen Gattungen und Individuen erst zu ex­perimentieren ist und ausserdem die Tiere gegen so drastische Mittel sich verschieden empfänglich zeigen. Ferner hat man mit gleichzeitigem Eintritt von Luft in die Vene zu kämpfen oder folgen oft phlebitische Reizungen, Eiterung, Thrombose, Blutgeschwülste U. S. w. nach. Alle diese Befürchtungen fallen bei der hypodermatisclien oder trachealen Einspritzung weg.
Die Gabe n b e s t i m m u n g hat von jeher grosso Schwierigkeiten bereitet und lässt sich auch heute nur ungenau angeben; im allgemeinen sind die Dosen etwa 4 mal geringer, als bei der subkutanen Injektion, oder darf nur llB der dosis interna ge­geben werden. Die Wirkung tritt schon in wenigen Minuten scharf hervor, geht aber auch ungemein rasch (in 20—40 Minuten) wenigstens in den auf­fälligsten Symptomen vorüber.
Die Operation (hauptsächlich von der Kopen­hagener Schule ausgehend) wird in der Art ausgeführt, dass man eine der grossen Venen blosslegt, sie anschneidet und in die Öffnung einen Adertrichter bringt, der zuvor in Karbolwasser gelegen ist. Der Helpersche Adertrichter eignet sich hiezu vor­züglich. Er ist von Horn, fasst 10 Gramm Flüssig­keit und ist die von dem Becher auslaufende Röhre statt mit einem Hahn durch ein Fischbeinstähchen geschlossen, das zugleich auch eine Verstopfung durch Blut nicht aufkommen lässt.
Statt des Blosslegens z. B. der Jugularvene begnügt
man sicli auch mit einer einfachen Aderlassöffnung, die
Schwierigkeit der Methode besteht mehr in der Einführung
der Röhre; am besten gelingt sie, wenn die Venäsektion
weiter ohen gemacht wird und man hei gut angestautem
Gefäss mit dem Trichter alsbald einzudringen sucht, sobald der
erste Blutstrom hervorquillt, der die Baut- und Venenwunde
stark klaffen macht. Bei vergeblichen Versuchen, wobei
mau gerne neben die Venen ins Zellgewehe kommt und die
#9632;n, ,„,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Tiere unruhig weiden, wird hesser eine neue I'hlebotomie
11 1 gt;!gt;'laquo; 1p- Ale- vorgenommen. Das beste Zeichen, dass das Instrument den
ueiper sciier Aoei* richtigen Weg genommen, ist das Hervortreten von etwas
tncnter^uan/cui.j. Blut am Gnm(1(! d(,s Bechers, das zugleich den Eintritt von
ocr page 215
V. Infusion. Injektion.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;107
Luft verhindert; jedenfalls darf niemals der Rest im Becher, der stets Luft­blaschen enthält, mit allaufen.
Es gibt auch noch andere Adertrichter, wie jene von Her twig und von Gourdon; sieraquo; sind mit einem Halm sddiessbar und entweder von Metall (Bleeh, Messing) oder Hartgummi. Andere Tierärzte ver­wenden statt des Trichters eine Spritze, wie Hertwig, Yiborg, Colin (s. Seite 192) und gegenwärtig wird nur mehr mittels der Pravaz-spritze infundiert und beschreibt Möller
Die intravenöse Injektion
in folgender Weise. Wenn die l'ravaz'sehe Spritze bis zur Spitze der Nadel mit Arzneilösung gefüllt ist, wobei man darauf achtet, dass letztere keine Luftblasen enthält, stösst man das Instrument durch die Haut in die angestaute Vene und drückt durch drehendes Nachschieben des Stempels die Flüssigkeit in das Lumen hinab. Man kann auf diese Weise bedeutende Quantitäten ohne Nachteil injizieren. Eine besondere Öffnung erst in die Maut zu machen, ist bei einer guten Injektionsspritze überflüssig.
Die subkutane Injektion.
Hierunter versteht man die Einspritzung einer medikamentösen
Flüssigkeit unter die Haut — hvpodermatische Methode, um sie von hier aus rasch und rein in den Kreislauf gelangen zu lassen.
Auf diesem Wege erreicht man ganz denselben Zweck, wie auf dem intravenösen, das Verfahren ist aber weit einfacher, da man mit Hlutgefässen nichts zu tliun hat und können ebenso allgemeine, entfernte Wirkungen erzielt werden, als örtliche (Kontaktwirkungen).
Geschichtliches. Merkwürdig ist, dass es Jahrhunderte bedurfte, bis man auf die Idee kam, die Arzneimittel auch kur/wes unter die Haut zu schiolien, da man doch die Absorptionsfähigkeit derSnbcutis gut kannte. Die Operation besteht erst seit 2 Dezennien und -wurde von England aus bekannt, wo sie 1853 von Rynd und Wood ausging.
Anders verhält es sich hei der Infusion, welche schon im hohen Altertum bekannt war und besonders von egyptischeu Priestern geübt worden sein soll. Erweislich geschah dies ührigeus erst durch Rittmeister Wahrendorf, welcher 1642 seinen Jagdhunden Wein oder Schnaps mittels Ilühnerknochen in eine Vene goss; später erst wurden dann auch Ar/.neistoil'e, insbesondere Opium, IJrech- und l'urgirmittel in dieser Weise ad sanguinem befördert, während die subkutane Methode, welche nur kleinere Mengen zu applizieren vermag, eigentlich erst dann allgemein aufgenommen werden konnte, nachdem es der Chemie gelungen war, die hauptslichlich wirksamen Stotl'e mehr und mehr ZU isolieren und so in ungemein kompendiüser Form darzustellen. Das Verfahren beschränkte sich im Anfange last ausschliesslich auf die Applikation von Morphium gegen Neuralgien und schmerzhafte Zustande Überhaupt, wurde aber immer mehr (insbesondere von Bertrand, v. Gräfe, Eiileuburg u. A.) kultiviert und verallgemeinert, bis es von Frankreich aus (Saunier, Tahourin 1860, früher schon von St. Cyr eben­falls in Lyon 1863) auch in die Tierbeilkunde überging und sich rasch ein be-
ocr page 216
I
19,S Erste Haupt-Abteilung: Oiiorationpiian vorscliioelenen Stellen des Körpers.
deutendes Terrain erwarb, Verdienste darum haben sieb bauptsiicblicb die Berliner Schule, voran Gerlach, erworben, ebensoEllenberger, Johne, Siedamgrotzky,
Zürn, b'riedberger. Feser, Adam und viele Andere.
Das Unterhautzellgewebe qualifiziert sich in mehrfacher Weise zur Beibringung reiner arzneUicher Wirkungen. Es ist fast an allen Körperstellen leicht erreichbar, kann vermöge seines lockeren, weit­maschigen Baues verMltnismässig viel aufnehmen und ist (lurch den grossen Reichtum an Lyinphgefässen ausgezeichnet, deren erste Anfänge in Form unzähliger kleiner wandloser Räume ein noch grösseres Ab­sorptionsvermögen besitzen, als die llaargefässchen. welche hier eine mehr untergeordnete (übrigens noch nicht näher bekannte) Rolle spielen. Dass dem so sei, geht daraus hervor, dass bei Injektion unreiner oder pathologischer Materien die Lymphgefässe und nächsten Drüsen zuerst und sehr rasch betroffen werden, man könnte daher die Methode ganz wohl auch die lymphatische Injektion heissen. Aber auch die hier passierenden kleinen Venenästchen beteiligen sich an der Auf­saugung und werden sie auch hie und da verletzt, von üblen Zufällen ist aber bei den Tieren nichts weiter bis jetzt bekannt geworden.
Instrumente. Von allen hieher gehörigen
Instrumenten hat sich die vonl'ravaz konstruierte Injektionsspritze am brauchbarsten erwiesen und sind jetzt alle übrigen von ihr verdrängt worden. Sie ist in der Menschenheilkunde gegen­wärtig allgemein im Gebrauch, ebenso in der Iliindepraxis, hat indes nur eine Kapazität von 1 Gramm, für die grösseren Haustiere sind jedoch l'ravazspritzen von 4—10 Gramm nötig und jetzt überall zu kaufen.
Der Cylinder (siehe Spritzen im allgemeinen S. lOö) ist von Glas, trägt eine Garnitur von Messing, Nickel oder hornisiertem Gummi und ist entweder die Kolbenstange oder das Glas graduiert. Die liier abgebildete Spritze fasst 10 Gramm und kann auch für Schweine (Rotlauf­seuche) benützt werden. Die lanzenförmigenNatlel-kanülen, von denen man mehrere von verschie­dener Stärke notwendig hat, dürfen nur auf den Ansatz der Spritze angesteckt werden, auch ist
der Spritze meist ein kleiner Trokar zum An­stechen von Gallen U. S. w. beigegeben.
Diese Spritzen sind jetzt sehr solid gearbeitet und
rauss besonders der Stempel gut scbliessen, was niclit
mehr der Fall ist, wenn er eintrocknet und schwindet.
r am besten in beissem Wasser anfgefrisebt und dann
100). Sehr zweckmässig ist die neue Einrichtung, wobei
Fig. 185.
1'ravaz'scbe subkutane
Injektionsspritze.
In solchem Falle wird
leicht eingefettet (Seite
zwei in der Mitte etwas eingezogene Lederplatten am Kolben angebracht sind, welche zwischen sich Oel enthalten (Selb st öl er). Die Spritzen kosten samt Etui oder Hi'icbse jetzt nur mehr ö—7 Mark, mit Trokar 2 M. mehr. An der Stahl-kaniile darf keine Naht sichtbar sein und wechselt der Durchmesser derselben von
I
ocr page 217
V. Jnfusion, Injektion.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;10!)
0,5—l,6inm. für die dicke Haut der Rinder sind die Niininiern 1 und 5 (1,4— 1,5nim) am zweckmäKsigsten. In Notfällen kann man sich auch eines dünnen 'J'rokars bedienen.
Die Operation geschieht in sehr einfacher Weise, indem man die Haut an nachgiebigen Stellen In eine lockere Falte legt und die Hohl­nadel in die 15asis derselben einsticht, um die Spritze in die Höhlung der Kanüle einzusetzen und hierauf zu entleeren.
Dass man mit der Nadelspitze in dem alveoliiien Zellstoff ange­kommen ist, bemerkt man an dem plötzlichen Aufhören des Widerstands in der Hand und nun wird der Stempel unter leicht rotierender lie-wegung niedergedrückt. Genügt eine Injektion nicht, so lässt man die Kanüle stecken und füllt die Spritze wieder durch Einsaugen, mehr als •2-—3 Wiederholungen an derselben Stelle werden jedoch besser ver­mieden.
Hat man die Wahl der Injektionsstelle, wie bei der Erzielung entfernter Wirkungen, so sucht man sich die am meisten dünne und locker aufsitzende Haut des Halses, der vorderen Grätengrube der Schulter oder die vordere untere Rippemvand aus; bei Hunden eignet sich der ganze Rumpf, bei Rindern und Schweinen namentlich auch der Grund der Ohrmuschel. Bei Entfaltung lokaler Wirkungen gilt es als Grundsatz, in möglichster Nähe des erkrankten Teiles einzustechen, was besonders für analgetische Zwecke notwendig ist. Der Schmerz sistiert rasch, wenn auch oft nur vorübergehend, man kann daher, wie Bouley vorgeschlagen, in Zweifelsfällen die Morphin-Injektion auch zur Erforschung des Sitzes einer Lahmheit verwerten.
Nichtgeübte wollen besonders beachten, dass die Spitze der Nadel gleich-mässig eindringen soll, nicht nickweise, dass man mit der Spritze nicht aus der Kanüle gerät, nicht auch die andere Seile der Ilautfalte durchstosst und weder im Korium selbst, noch in den unterliegenden Muskclsclucliteu stecken bleibt, auch muss die Kanüle vor ihrer Entleerung etwas zurückgezogen werden, damit sich die Spitze frei d. h. hin und her bewegen kann, /wischen Haut und llant-muskel ist kein Raum zum Injizieren, letzterer wird daher stets mit in die Falte hereingezogen. Das Herausnehmen der Röhre geschiebt unter drehenden Be­wegungen der rechten Hand, woliei ihr der linke Zeigefinger durch Fixieren der Haut assistiert. Schmerz ist mit der Operation nicht oder kaum verbunden, nur empfindliche Subjekte oder vorher schon erregte Tiere, #9632;/.. 1!. tetanisch erkrankte werden vorübergehend irritiert.
Der Apparat ist vor dem Weglegen gut zu reinigen, am besten durch Auspumpen in heissem oder in karholisiertem Wasser und dann zu trocknen; bat er bei infektiösen oder verdächtigen Kranken Dienste geleistet, empfiehlt es sich, die schwer zu reinigende Hohlnadel über einer Flammo ZU erhitzen und immer muss nachher ein Platin- oder Silberdraht, der dem Etui beigegeben ist, eingelegt werden. Im Notfalle verhindert auch eine desinfizierte Schweinsborste das Ver­stopfen oder Rosten des Kanals. Das Einölen der Hülse ist unnötig, selbst ver­werflich, da es nur die Verklebung der Wunde stört.
Die Absorption der injizierten Arzneilösung geschieht äusserst prompt, was besonders bei Hindern gilt und haben die. Versuche l'olli's, Demarquay's, besonders aber Kuienburgquot;s ergeben, dass z. 15. Jodkalium schon nach ö .Minuten im Speichel auftritt und die Wirkungen des Pilocarpins in 1, die des Amygdalins gar schon in l/j Minute zum Vorschein kommen, bei der inneren Medikation erst nach
ocr page 218
200 Erste llauiit-Abteilung: Oporationou an vorschiedonen Stellen des Körpers.
30 Minuten. Der Aufenthalt im Blute ist ein ausserordentlich kurzer, so rasch daher der Eintritt der Wirkung vor sich geht, so wenig an­haltend ist der Effekt, alle subkutanen Einspritzungen sind deswegen auch einer Wiederholung in kurzer Zeit bedürftig und dieser Umstand schadet der tierärztlichen Anwendung ungemein, insoferne man in praxi nicht immer soviel Zeit gewinnt, abzuwarten, um einesteils die Not­wendigkeit einer Repetition in jedem Einzelfalle zu bestimmen, andern-teils letztere selbst auszuführen, das Instrument aber nicht wobl dem Tierbesitzer überlassen werden kann.
Üble Zufälle können ebenfalls auftreten, insbesondere wenn nicht sachgemäss verfahren wird. Unreinlichkeit der Instrumente, der Haut und ihrer Ilaare, nicht vollständig gelöste und filtrierte Stoffe oder schwer lösliche, welche nach Aufsaugung eines Teils ihres Solutions­mittels sich niederschlagen und jetzt nicht wieder löslich sind (Kampher), sowie Arzneimittel, welche flüchtige Stoffe enthalten (essigsaures Morphin), reizende Eigenschaften besitzen, zu konzentriert genommen werden (die hypodennatische Qabenbestiramung kann sich nicht immer nach der dosis interna richten, sie wird daher in der Arzneimittellehre besonders angegeben) u, s. w., veranlassen an der Injektionsstelle Geschwulst, Ent­zündung, lymphatisches Odem, Phlegmone, Abszedierung, Gang­rän u. clergl.
Blutungen sind zwar im ganzen selten und wären, wenn Venen getroffen wurden, auch leicht durch Kompression zu stillen, sie er­heischen aber Vorsicht aus dem Grunde, weil durch direktes Einfuhren mancher Stoffe, wie z. B. Strychnin, Yeratrin, C'urarin in die Blutbahn leicht allzu heftige Wirkungen auftreten, das Hervorquellen eines Tropfen Blutes an der Kanüle oder Stichstelle nötigt daher zum Verlassen letz­terer. Häufiger werden mit der Hohlnadelspitze Nerven angestochen, ein nachfolgender Schmerz ist daher keine ungewöhnliche Neben­erscheinung, die auch schwer zu vermeiden ist, manche Tiere aber schwer belästigt.
Die Stlohöffnung verklebt rasch, geschieht dies jedoch in 1—2 Taj;eii niclit, muss chirurgisch nachgeholfen werden, da auch der Laie zu beurteilen ver­steht, dass Fehler oder Nachlässigkeiten in der Operation begangen wurden, wenn Verhärtung, Narben, haarlose Stellen, Eiterung oder gar Kxulceration und Jauchung eingetreten; aus diesem Grunde hütet man sich auch vor (unnötiger) Wiederbenützung derselben Injektionsstelle, vermeidet, dass die Tiere daran reihen und namentlich Pferde mit den Zähnen ankommen können.
Indikationen liegen vor, sobald es sich um Erkrankungen handelt, gegen welche mit energischen Mitteln vorgegangen werden muss und bei denen man auf präzise und namentlich rasche quot;Wirkungen der Arzneimittel sich verlassen will, also Gefahr im Verzüge liegt.
Unter diese Anzeigen fallen bei den Tieren insbesondere Koliken. Krämpfe, heftige Schmerzen, Operationen (Unterstützung der Chloroform-narkose), Typhus. Septikämie, Rotlauf, Fieber, Staupe. Brustseuche, Lungenseuche, Anthrax, hohe Fieber, Nachlassen der ller/.thätigkeit und Kollaps, Delirien, paroxysmales Auftreten bedenklicher Nervensymptome, Ohnmächten, innere Blutungen, Brechdurchfälle, Tenesmus, Verstopfungen,
L
ocr page 219
V. Infusion. Injektion.
201
andauerncle Koprostasen, slstlertes Wiederkauen, Trlsmus, Starrkrampf, Eklampsie der Hündinnen (Siedamgrotzky), heftige oder mangelnde Uterin-kontraktionen, Rehe, Brüche u. s. w.
Ferner treten Indikationen auf, wenn die Einführung von Arznei­mitteln aus irgend einem Grunde auf dem gewöhnlichen Digestionswege nicht möglich ist, die Wirkung von hier aus unsicher ist oder die zer­setzende Einwirkung der Verdauungssäfte umgangen werden möchte (Kurare, Opium hei Vögeln), die Absorption von den Schleimhäuten nicht zu erwarten steht, die Tliätigkeit des Nervensystems darniederliegt, die Tiere sich fortwährend erbrechen, schwer oder gar nicht eingehen lassen u. s. w.
Örtliche Effekte will man erzielen, um Lahmheiten aller Art zu bekämpfen, lokale Entzündungen und Gegenreize zu schaffen, Schmerzen zu lindern, eine Umstimnmng in den Ernährungsverhältnissen direkt unter der Haut gelegener Gebilde hervorzurufen oder will man aseptische Zwecke verfolgen, wie hei Wunderysipel, Plilegmone, Pustula maligna etc. Hiezu lassen sich nur wenige Arzneistoffe verwenden, wie z. 15. kaltes Wasser, Alkohol, Terpentinöl, Kampher, Kantharidentinktur, Karbolsäure (2—6 0/o)- Ammoniak bei Schlangenbissen u. s. w.
In neuerer Zeit sind namentlich die Karbolinjektionen in Auf­schwung gekommen (Hüter, Zürn) und werden dieselben zu 2—5 Proz. besonders angewendet entweder bei Gelenken iutraartikuliir) zu 2—3 %
oder gegen Lympligefässeiitzündung kulose, Erythem, Wundrose, u. dergl.,
und Adenitis infectiosa, Karhun-ebenso kommt jetzt auch Sublimat
an die Reihe.
Die Mittel der subkutanen Applikation, (legen die genannten Krankheitszustände lassen sich die verschiedensten Arzneistoffe ver­wenden, deren Besprechung und Dosierung nicht hieher gehört, als passende Injektionsmittel können Jedoch nur solche bezeichnet werden, welche
1.nbsp; nbsp;eine prononcierte oder spezifische Wirkung haben;
2.nbsp; nbsp;schon in kleinen (laben wirksam sind;
8. keine ausgesprochen örtliche Reizung erzeugen, wenn Allgemein-
wil'kungen beabsichtigt sind und welche 4. in möglichst indifferendeu Medien leicht löslich sind. Als Solutionsmitte] kann nur Wasser, Weingeist (bezw. destil­liertes Wasser und Spiritus zu gleichen Teilen) und höchstens noch Glyzerin verwendet werden. Schon hieraus ist ersichtlich, dass die bvpoderniiitische Methode. so beliebt, bequem und vorteilhaft sie auch ist. nur für bestimmte lalle anwendbar ist und keineswegs die gewöhnliche Einführung der Arznei­mittel per os in den Hintergrund schieben oder verdrängen kann. Zum Injizieren sind geeignet: Die Metallsalze und llalloide In ihren Lösungen (Sublimat, Silber. Kupfer, Eisen, Blei, Arsen. Jod, Brom), sodann viele Pflanzenstoffe, namentlich ihre Alkaloide. (ilykoside, Harze, Extrakte. Tinkturen, die aromatischen Verbindungen, Ethane. Xaphthen u. s. w. Von den Säuren eignet sich mir das Karhol und die Gerbsäure
ocr page 220
202 Erste Hnupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stelion des Körpers.
und fi'anz ausgeschlossen sind: die erst, in gvossen Gaben wirk­samen Alkalien, Mittelsalze, die meisten Kräutersäfte, die Mehrzahl der Brust-, Purgier- und harntreibenden Mittel, die ^nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Schleime, öle, Fette. Balsame, sowie die Scharfstoffe
und Caustica.
Da die verschiedensten Arzneimittelklassen zur Verwendung kommen, ist leicht ersichtlich, class auch die Intensität der Wirkung gegenüber der bei der infernen Vei'abreichung eine sehr differente ist, sie variiert um das zwei- his zehnfache und gegenüber der intravenösen Applikation erweisen sich die sub­kutanen Injektionsmittel um das 8—4 fache schwächer.
Die subkutane Implantation.
I'm eine grössere Auswahl unter den Arznei­mitteln treffen zu können, hat man auch feste. pulverige krystallinische Stoffe hypodermatisch zu ver­wenden gesucht und sie mit Gummischleim in die Form einer kleinen raste Kehracht, um sie dann in das Unter­hautbindegewebe zu schieben.
Iliezu bedarf es eines besonderen Instrumentes, das vonBruns hiezu konstruiert und mit dem Namen Implantationsnadel (Figur 136) belegt wurde. Sie, enthält einen verschiebbaren Drahtstift, der die stäbchen-fönnige Paste in die (durch die perkutan eingestossene Nadel geschaffene) Höhlung des subkutanen Zellgewebes vorschiebt. Iliezu hat man namentlich Morphin, Kairin, Antipyrin, Thaliin und Eisen versucht, Stoffe, welche allerdings in diesem Zustande zur Absorption kommen, indes bietet die Implantation weit nicht jene Vorteile, wie die hypodennatische Injektion, sie ist daher auch nie zur allgemeinen Anwendung gekommen, am wenigsten in der praktischen Tierheilkunde.
Die tracheale Injektion.
Ganz ähnliche Vorteile wie die Subkutis für die Absorption von flüssigen Arzneien bietet auch die Schleimhaut der Luftröhre und die kolossal aus­
Fig. 13G. Bruns'sche Implantationsnadc
gedehnten Flächen der Bronchien, nur hat man sich der örtlichen Reizung wegen vor Injektionen dieser Art lange gescheut, indem man gefährliche Dronchitiden
oder gar I'neumonien befürchtete. Erst Go hi er hat bei Pferden (1880) den Beweis geliefert, dass genannte Befürchtungen grundlos seien und sind seither eine grosse Menge Kontrolversnehe bei sämtlichen Tieren angestellt worden, die den hohen Wert dieser Apjilikations-
ocr page 221
V. Infusion. Injektion.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;208
mftthodu bestätigt lialuMi (Dclafond, Lcloiift, Lclilanc, Pcrosino u. A.): auch haben Levi und Colin Untersuchungen darüber angestellt, in welcher Weise die Arzneimittel via trachea alteriert werden.
Die Operation ist im ganzen von der bei der subkutanen Injek­tion angegebenen nicht verschieden und bedient nmn sieh auch desselben Instrumentes tl. h, der Pravaz'schen Spritze, die Ausführung ist daher ebenso einfach, leicht und gefahrlos, wie die jener.
Eei gestrecktem Halse wird mit der linken Hand die Luftröhre fixiert und mit der rechten Hand die Kanüle durch die Haut und das Zwischengewehe der Knorpelringe durchgestossen, ein vorheriger Ein­schnitt in die Haut, um den Zwischenraum zweier Ringe aufzusuchen. ist nicht notwendig, eine gute llohhiadol durchsticht seihst den Knorpel. Die Lösung fliesst an den Trachealwänden hinab, gelaugt in den Bron­chialbaum und dringt seihst his in die Lnngenalveoien vor. Dass der Transport in die Blutbahn mit grosser Beschleunigung vor sich geht, ist einleuchtend, wenn man sich erinnert, wie reich diese Schleimhäute an Kapillaren und Lymphgefftssanfängen sind, wie oberflächlich dieselben gelegen und das sie bedeckende Epithel ein ungemein zartes ist, auch kommen noch die kräftigen Saugwirkungen hinzu, welche die respira-torischen Bewegungen des Eippenkorbs auf den Lymph-und Venensti'om ausüben, man darf sich daher nicht wundern, wenn die Absorption noch rascher erfolgt, als bei der subkutanen Injektion,
Wie sein' aber auch die in Frage, stehenden Mukosen tolerant sind, geht daraus hervor, dass seihst ArzncistofTe wie Alkohol, Essig, .lod, Äther, Chloroform, Terpentinöl ohne weitere Beschwerden ertragen werden, als dass 10 Minuten lang die Athemfrequenz steigt, nachher aber sieh einige Zeit verlangsamt (SpezialWirkung).
Nur ausnahmsweise werden (namentlich Pferde) stärker beunruhigt oder steigen, wie bei flüchtigen Arzneimitteln, Dämpfe gegen den Kehl­kopf auf und veranlassen Husten.
Von Levi sind für die Trachealeinspritzung folgende Medikamente empfohlen worden:
Alkohol 10,0—30,0 pro dosl; Terpentinöl (mit Olivenöl ana) 5,0—15,0; Karhol (i0/,,) 10,0—30,0; Sublimat (1 %) 3 cg Hunde; Äther als Aniistheticnm pur 80,0 für Pferde; Chloroform (1:10 Al­kohol und 10 Aqua) his zur Narkose; Chloral für Hunde 0,50—10,0; Tinctura Opli 1,0—5,0; Akonittinktur 5,0 10,0 für Pferde; Atropinura sitlfuricum 0,005—0,03; Physostigminum sulfuricnm oder Pilokarpln 0,01; Strychninum sulfuricum 0,02—0,06. Jodum (2,0, Kai. jod. 10,0, Aqua dest. 100,0) 2,0 mit allmftlicher Steigerung his zu ;20,0; Digitalistinktur 5,0 -20,0; Ferrum phosph. cum Natrio citrico (1:6 Aq.) 1,0—2,0 für Hunde; Aloin (1:8 heisses Glyzerin) 2—4,0 pro dosi, mehrmals bis zur Wirkung. Ausserdem sind auch Infusionen und Dekocte geeignet, selbst 01 und Schleim ist resorhierhar und können /„ B. bei Pferden und Rindern mehrere hundert Gramm injiziert werden, Behufs Normierung der (iahe gilt als Hegel, den in, bis 20. Teil der dosis interna zu nehmen.
ocr page 222
204 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stollen des Körpers.
Im ganzen ist bis jetzt die Anzahl der nach dieser Richtung hin geprüften Medikamente noch keine sehr grosse, auch hat die Tracheal-injektiou in Deutschland noch ganz wenig allgemeine Aufnahme in der tierärztlichen Praxis gefunden und ist nur gegen wenige Krankheiten bis jetzt versucht worden, so gegen Influenza, hartnäckige, verschlagene oder verdächtige Druse, Bronchopneuraonie, chronische Bronchitis, Tracheal-croup, Bronchektasie, Lungenwurmkrankheit (Elöire benützte dabei Carhol 2,0,01. anim. 2,0, Oliven- und Terpentinöl ana 100,0) ;llotz u. s. W,
Die Ursache liegt wohl darin, dass bei uns die andere Art der Respirationstherapie, nämlich die Methode der Inhalation medikamentöser Dämpfe sich ungleich grösserer Beliebtheit erfreut und deswegen auch nicht blos eine ausgebreltetere Anwendung gefunden hat, sondern auch gegenüber der trachealen Einspritzung mehr ausgebildet ist, dagegen wird von den französischen und italienischen Tierärzten ausgiebiger Gebrauch von ihr gemacht.
Parenchymatöse Injektionen.
Die parenehymatösen Einspritzungen bestellen in der Injektion eines Arzneimittels in das Gewebe, um dessen Elemente zum Zerfall und zur Resorption oder Abstossung zu zwingen, man wendet sie daher hauptsächlich gegen pathologische Neubildungen aller Art an, die liiedurch eine Verkleinerung, Schrumpfung oder Vernarbimg (Schwund) erfahren sollen.
Geschichtliches. Thiersch hat zuerst (1854) die Anregung zu dieser Art von lokaler Behandlung der Gosclnviilste gegeben, indem er die Injektion gegen den Krebs vorschlug, wenn er nicht oxstirpiort werden kann oder will; später (1856) haben Simpson, dann Luton und Lücke (1863) den Beweis geliefert, dass auch andere Neoplasmen, namentlich hyperplastische Schwellungen der Schilddrüse, Myxome, fibröse Auswüchse u. s. w. durch Einspritzungen von Jod und andern desorganisierenden Stoffen mortifiziert werden können, ebenso empfahl Hueter die Karbolsäure In entzündete, granulierende und hyperplasierende Gewebe ein­zuspritzen, wählend liillroth bei bösartigen multiplen Sarkomen der Lymphdrüsen Arsenik örtlich und innerlich zugleich wirksam fand, nachdem man früher blos innerliche Mittel gegen derartige Prozesse in Anwendung zog, natürlich nur mit ungenügendem Erlolg.
Uegenwärtig ist man mit solchen indirekt vom Blut ausgehenden Wirkungen nicht mein- zufrieden, das Prinzip der Lokalbehandlung ist vielmehr die Signatur der heutigen Therapie und wenn auch die parenchymatöse Injektion noch eine ziemlich beschrankte, tierärztliche Anwendung findet, so nimmt ihre Verbreitung in der Chirurgie doch allmählich zu und bat sie in einzelnen Füllen so günstige Resultate ergeben, dass ihr sicherlich nocli eine grössere Zukunft vorbehalten ist.
Der Injektionsapparat ist derselbe, wie er auch für hypoder-matische Zwecke verwendet wird und auch die Operation bleibt sicli die gleiche, nur hat man grössere quot;Widerstände zu überwinden, man führt daher die Hohlnadel für sich allein senkrecht ein. sticht über die Subkutis hinaus und in das unterliegende Gewebe ein, wozu meist etwas längere Kanülen notwendig werden, es können diese in Ermanglung letzterer aber auch durch entsprechende kleine Tiefschnitte ersetzt
ocr page 223
V. Infusion. Injektion.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;20igt;
werden, in welche dann die Arzneimittel eingeflösst oder implantlei't werden.
Je fester das Gewebe, desto kräftiger müssen die Einstiche ge­schehen lind je grosser der Umfang und die Masse, desto mehr muss sie von verschiedenen Richtungen her in Angriff genommen werden und wartet man mit den Wiederholungen immer so lange, bis die Reaktions-erschelnungen der vorhergegangenen Einspritzung sich verloren haben. In dieser Weise können 10—20 und mehr Injektionen neben einander notwendig werden, die jedoch mehr oder weniger Sehmerzen ver­ursachen, was wohl zu beachten ist.
Die medikamentösen Injektionsmittel sind hauptsächlich Al­kohol, Jodtinktur, Sllbermtratlösungen, Essigsäure, Karbolsäure, Chroni-sfture, Überosminiusäure, Papain u. s. w. Je nach den verschiedenen Zwecken wird die Konzentration derselben auch verschieden sein; so greift man nur zu massigen Lösungen, um einen Zerfall mit Resorption der Gewebsteile herbeizuführen, wählt dagegen stärkere Solutlonen, wenn eine mehr vollständige Zerstörung vorgenommen werden soll, immer ist aber dabei die Möglichkeit einer Aufsaugung auch des Zerstörungs­mittels selbst ins Auge zu fassen.
Bei keinem der noch zu besprechenden, hieher gehörenden Arznei-substanzen ist bei den Haustieren eine grosse Reaktion zu erwarten. es bleibt vielmehr dieselbe gewöhnlich aus. wenn die nachfolgenden Schmerzen nicht als solche gelten sollen, ebenso kann auch eine etwa entstellende reaktive Entzündung keine bedeutende werden, insoferne dann die Injektionsmittel unbrauchbar wären. Eine Gefahr kann dagegen eintreten, wenn Gefässe verletzt werden, das Injektionsmittel in den Kreislauf gelangt und Gerinnungen, Embolien oder Intoxikations­erscheinungen, beziehungsweise Eiterungen, Brand u. dergl. nachfolgen.
Vor derartigen Konsequenzen muss man sich dadurch hUten, dass der Sticli-kanal alsbald vorlassen wird, sobald die Zeichen einer Blutung auftreten, dass man sich nur feiner dreikantiger Trokare bedient, nicht grosse Mengen einspritzt und den Ausgangen einer etwa bestehenden Entzündung Rechnung trägt, indem deren Produkten ein Weg nach aussen gebahnt und alsbald Antiseptik eingeleitet wird.
Alkohol entzieht dem Gewebe Wasser, koaguliert Kiweiss und steht dieser kaustische Effekt in einem direkten Verhältnis zu der Konzen­tration des Mittels. Es erzeugt bei allen Tieren Schmerz, diffuse Schorfbildung und Exfoliation des imprägnierten (lewebes, ist aber im ganzen auch Im absoluten Zustande schwach.
Jodtinktur. Sie wirkt ganz ähnlich, erregt verdünnt Entzündung, konzentriert Zerstörung des molekularen Gefüges durch Wasserstoff-entzlehung und Albumingerinnung, doch ist der korrodierende Effekt kräftiger als der des Alkohols und wird sie für parenchvmatöse Zwecke pur angewendet, es dürfen aber nur kleine Mengen je verwendet werden, im andern Falle entsteht Lebensgefahr.
Essigsäure ist.bekannt wegen ihrer die Epidermidalgebilde auf­lösenden Kräfte, auf das bindegewebige Stroma der Geschwülste Übt sie aber nur geringen Elnfluss aus, erzeugt dagegen grossen Scbmei'Zv
ocr page 224
200 Erste Haupt^Abteilungi Operfttionen an verschledonen Stellen des Körpers.
weshalb sie wieder verlassen worden musste. Dasselbe gilt auch von der Dichloressigsäure (Acidum chloroacetlcum). Karbolsfture ist vor­zuziehen.
Chromsfture ist ausgezeichnet durch ihre heftigen oxydierenden Eimvh'kungeu, sie koaguliert daher kräftig flüssige Stoffe, teste Gewebe werden (auch konzentriert) nur schwach getroffen, indem sie diese als-hald erhärtet.
(lierosmi innsii ure (Acidiun iiyperosniicuni) ist in neuester Zeit als Causticum vielfach versucht worden, hat aber die iu sie gesetzten Hoffnungen nur teilweise erfüllt und ist auch teuer, obwohl sie nur in 1—;i prozentigen Lösungen eingespritzt werden darf. Sie kommt der Chromsiinre am niichsten.
rapain, der gereinigte Milchsaft (Papayotin) eines tropischen Melonenbaums Carlen Papaya, hat die merkwürdige Eigenschaft, auf tierisches Gewebe noch stärker peptonisierend einzuwirken, als das Pepsin, ist jedoch noch nicht genügend untersucht und ebenfalls teuer. .Man verwendet eine Auflösung von 5 Teilen l'apain in 100 Teilen Salicylwasser, die Resorption ist nicht zu fürchten, wie bei den vor­genannten Mitteln.
Karbolsäure, das beste der hieher gehörenden Injektionsstoffe, ersetzt fast alle und ist jetzt auch am besten untersucht. Sie fällt ausser Eiweiss auch die Leimkörper, greift daher am entschiedensten das Gewebe an. indem sie ihm hauptsächlich alles Wasser entzieht, wodurch eine pergamentartige Schrumpfung eintritt, die auch Anästhesie zur Folge hat; sie mumifiziert mehr, als dass sie zerstört, man gelangt aber doch zum Ziele, wenn öftere Injektionen gemacht werden. Schlimm ist ihre enorme Giftigkeit und der Umstand, dass Karbol ausserordentlicli leicht resorbiert wird, sie ist daher das gefährlichste all dieser Mittel und zwar bei Tieren nicht etwa weniger, als beim Menschen, und aus diesem Grunde schon darf sie nur in ganz bestimmten Ver-dümiungsgraden injiziert werden. Als die beste bei öfterer Applikation ungemein wirksame Lösung für Mensch und Tier hat sich jetzt die 'Jprozentige herausgestellt, höchstens darf sie 5 0/o enthalten, wobei schon Nekrotisierung erfolgt, während schwächere als Sprozentige un­sicher sind oder nur Entzündung und Eiterung hervorrufen.
Ausserdem ist die Karbollösung In genannter Verdünnung jetzt auch das Injektionsmittel für limchsäcke. Kysten. Gelenke, llydarthrosen und Sehnenscheidengallen, von welchen später die Rede sein wird.
VL Das Impfen. Inooulatio,
Ais Impfung bezeichnet man im allgemeinen jenes operative Verfahren, mittels dessen die Produkte einer ansteckenden Krankheit auf ein gesundes Tier übertragen werden, um dieselbe Kränkelt, welcher der Impfstoff seine Entstehung verdankt, hervorzurufen.
ocr page 225
VI. Das Impfen. luoculatio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 207nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;gt;
Die Idee des Impfens ist aus der Beobachtung entsprungen, dass Tiere, welche eine bestimmte Krankheit Überstanden haben, einige Zeit lang gegen die spezifischen Erreger dieses Leidens unempfänglich (immun) werden, es gehen somit gewisse Änderungen im Zellenleben vor sich. wodurch eiuo natürliche Prftservatlon zu stände kommt. Wiese der Natur abgelauschte Thtitsache musste den Ärzten den Weg zeigen, um Menschen und Tiere gegen gewisse Krankheiten zu schützen und gab so Veranlassung zu künstlicher Übertragung gefürchteter Krankheiten, welche dann in milderer Form aufzutreten pflegen. Durch diese überaus wichtige Erkenntnis sind schon Tausende von Menschen- und Tierleben erhalten worden. Namentlich war es der Neuzeit vorbehalten. Mittel und quot;Wege zu finden, um selbst die geffthrllchsteu, tötlichen Gifte innbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;***
einer Weise zu isolieren und zu behandeln, dass sie eine ganz wesent-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;i
liehe Milderung erfuhren (Mitigation) und nunmehr unmittelbar über­tragen werden können.
Zweck der Impfung. Je nach der Eigentümlichkeit des Krank-heitsvirus (früher Kontagium genannt) können verschiedene Vorteile erreicht weiden:
1.nbsp; nbsp;um durch absichtliches Krankmachen wenigstens einen un­gefährlichen Verlauf der Infektionskiiinkheit zu sichern, wenn deren Weiterverbreitung nicht mehr verhindert werden kann, die Sterb­lichkeit also zu vermindern (Notimpfung);
2.nbsp; nbsp;um geftirchteten Seuchekrankheiten, die irgendwo in der Nahe ausgebrochen sind, zuvorzukommen (Schutz-oder Priiservativinipfung):
;!. um bei herrschenden Seuchen, die sich erfahrungsgemftss auf viele Wochen und Monate hinziehen, eine gleichzeitige Erkrankung aller der Gefahr ausgesetzten Tiere hervorzurufen, die Seuchendauer also abzukürzen und damit auch die grosse Belästigung und die mit den Polizeimassregeln verknüpfte Beeinträchtigung des Handels und Verkehrs zu mindern;
4.nbsp; nbsp;um Immunität zu schatten, d. h. die Tiere überhaupt gegen bestimmte Ansteckungskrankheiten möglichst seuchenfest zu machen, was jedoch bis jetzt, nur auf eine beschränkte Zeit hinaus ermöglicht ist:
5.nbsp; um die Infektiositftt einer Krankheit zu konstatieren.
Am meisten Vorteile bietet die Inokulation bei solchen Krkran-kungen. von denen die Tiere für gewöhnlich nur einmal im Leben befallen werden (Binderpest, Cholera, Pocken, Rauschbrand), am wenigsten wenn durch die künstliche Übertragung eine erhebliche Milderung nicht zu erzielen ist (Kroup, Diphtherie. Druse, iirustseuche, Pferdestaupe, infektiöse Pneumonie. Iliilmercholera. Pest, gelbes Fieber. Dysenterie. Erysipel, Maucke u. s. w.).
Zu den hieher gehörenden, also der Impfung zugänglichen Zoonosen gehören: liinderpest. Lotz. Tuberkulose. Typhus, Milzbrand, Rauschbrand, Rotlaufseuche, Lungenseuche, Maul- und Klauenseuche. Pocken. Wut, Hundestaupe; die Änsteckungsstoffe, gleichviel, ob sie fixer oder flüchtiger Art sind (diese Einteilung ist wertlos, da es weder rein tixe noch rein flüchtiffe ffibt) sind an bestimmte Materiennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; J
ocr page 226
208 Erste Haupt-Abteilung: Oiiorationen an vorscliiedencu Stellen des Körpers.
(Vehikel) hauptsächlich gebunden, wie an Speichel, Schleim, Wut, Exsudat, Eitel', Schorfe, Excrete u. dergl., welche in irgend einer Weise in succum et sanguinem übergeführt werden müssen, wenn sie dieselbe Erkrankung wiedererzeugen sollen, hiezu ist jedoch stets eine Disposition des Körpers zur Verarbeitung des Virus notwendig, im andern Falle erfolgt gar keine oder nur unwesentliche Keaktion.
Die Infektionsstoffe bestehen, iiachdom die neueste Zeit ihre Indenfiflzierung mit festen chemischen Giften oder nicht organisationsfähigen Fermenten beseitigt hat, gowissermassen aus Parasiten, ähnlich wie bei der Skabies, Flechte, Trichi­nose auch, und kommen von diesen hier nur die Schizoiiiyzcten (in Form von Stähchcn, Sporen oder kugelförmigen Spaltpilzen, Mikrokokken) in Betracht, die gegenwärtig durch Reinkulturen (Pasteur, R. Koch, Toussaint u. A.) bei Cholera, Rotz, Tuberculose, Schweineseuche, Milzbrand, Typhus, Staupe, Wut, Pocken, Lungeuseüche, Rinderpest, Diphtheritis, Rotlauf, Septichamp;mie mehr oder weniger isoliert, dann mitigiert (durch Erhitzung, atmosphärischen Sauerstoff, antiseptische Stoffe) und schliesslich inokuliert werden können, um die Tiere vor tötlicher Er­krankung zu bewahren,
Die tüedurch gewonnenen praktischen Impfresultate sind verschieden ausgefallen, was besonders daher rührt, dass die einzelnen Individuen für ein determiniertes Krankheitsgift in sehr variabler Weise empfftng-licb sind und zwar nicht blos bei den versebiedenen Gattungen, sondern auch den einzelnen Tierrassen.
Die Resorption erfolgt nach der Impfung im Falle des Gelingens sehr rasch, meist in wenigen Minuten und der Ausbruch der Krankheit nach einer bestimmten Inkubationszeit. Hauptsächlich massgebend hiebe! ist der Impfstoff, den man sich selbst bereiten muss und der bei den einzelnen Impfkrankheiten noch näher angegeben werden wird.
Die Impfinstrumente.
Mit der Hand geschieht das Impfen am einfachsten, es ist das­selbe jedoch nur bei wenigen Krankheiten tbunlich.
So genügt, um Druse oder Rotz auf ein anderes Pferd zu über­tragen, schon das Bestreichen der Schleimhaut der Nasenscheidewand mit Nasenschleim, ebenso das Einführen von Speichel in das Maul bei der Maul- und Klauenseuche, wenn er den virulenten Inhalt der aphthösen Eruptionen enthält, auch kann etwas Futter mit Maulschleim und Speichel bestrichen werden.
Wenn auch letztere Xotimpfung eine Milderung des Verlaufs keineswegs erzielt, so hat sie doch den ökonomisch hoch anzuschlagenden Nutzen einer gleich­zeitigen und rasch erfolgenden Durchseuchung aller Tiere in einem Gehöfte und erreicht man den weiteren Vorteil, das Leiden von den Klauen möglichst abzuhalten, da dieses gerade die schlimmsten und verlustreichsten Nach-krankheiteu im Gefolge hat. Bei Schafen verbreitet sich diese Seuche ganz von selbst, die Manipulation des Impfens ist daher unnötig, ebenso kann man sich eine direkte Übertragung des Blasenserums durch die Pravaz'sche Spritze ersparen. Der Ausbruch der Blasen an der Impfstelle erfolgt nach 48 Stunden.
Mit der Impflanzette (Figur 187) geschieht die Impfung eben­falls sehr einfach, indem man die in den Impfstoff getauchte Spitze an
i
ocr page 227
VI. Das Impfen. Inoculatio.
200
einer feinhttutigen Stulle horizontal oder etwas schief leicht in das Korium einsticht und damit die Lymphe kurzweg unter die Epidermis schiebt, ohne dabei eine Blutung zu erzeugen, in Ermanglung einer eigenen Impflanzette benutzt man eine einfache Lanzette (haferkorn-fönnlge, Seite 87), macht einige feine Hchnittchen, indem man nur die Oberhaut #9632;/.. 15. an den Lippen einritzt und die Impfinaterie mit den Fingern iii das Rete Malplghi leicht einreiht. Ein Tröpfchen Blut dabei schadet nicht.
Fig. 137. Impflanzette.
Impfnadeln. Aussei- der Impflanzette hat man besondere Impf­nadeln konstruiert, mit denen der Stoff bequemer und rascher abgesetzt werden kann, zum Impfen einer grösseren Anzahl von Tieren oder ganzer Herden sind sie geradezu unentbehrlich; das Geschäft des Impfens ist durch solche Nadeln gegenüber früherer Zeiten, wo man jedem ein­zelnen Stück mittels einer Wundnadel getränkte Wollfädeil unter die Haut durchzog, wesentlich vereinfacht und abgekürzt worden.
Die gegenwärtig im Gebrauch stehenden Impfnadeln sind aus feinem Stahl gearbeitet und bestehen aus der verschieden geformten Spitze, dem Stiel derselben und dem Handgriff. Der Stiel ist in letzterem eingelassen oder ein­geschraubt, so dass zu einer Handhabe mehrere Nadeln passen (Figur 140) oder kann die Nadel zwischen die Blätter des Griffes bistonriartig eingeschlagen werden (Figur 139). Der grösseren Einfachheit wegen hat man jetzt auch Impfnadeln, die schlechthin ans einem Stück Metall gearbeitet sind (Figur M2.)
Die Impfnadel von Kick (Figur 138) ist die älteste und jetzt mehrfach modifiziert worden; ihre Spitze läuft entweder lanzenlormig aus und hat eine länglich runde Vertiefung an der breitesten Fläche, oder sie endet löffelartig, um grössere Mengen Impfstoff aufnehmen zu können.
Die Impfnadel von Pcssina (Figur 189) ist sehr schlank ge­halten und besitzt eine ziemlich tiefe, gegen die Spitze zu sich von der Mitte aus allmälich verschmälernde Rinne, wodurch sie einer llohl-sonde ähnlich sieht. Die runden Nadeln sind jetzt nicht mehr im Gebrauch.
Die impfnadel von Kehl läuft glatt und lanzenförmig aus, zeigt aber 2—3mm von der Spitze eine runde, löffeiförmig vertiefte Aus­buchtung (Reservoir), mit der man jedoch gerne die Epidermis durch­bricht, sie ist daher verlassen worden.
II o ring's Oiierationsleliro. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; j,j
ocr page 228
210 Erste Hanpt-Abteilung: Operationen an vei'BOhiedonen Stellen des Körpers.
Die Impfnaclel für Schafe von Sick (Figur 140) gleicht in ihrer Spitze sowohl in Bezug auf Form und Grosse einem der Lttnge nach durchschnittenen Haferkorn und hat In der Mitte eine rinnen­artige Vertiefung. raquo;Sio ist fein genug, um die /arte Oberhaut der genannten Tiere zu schonen.
Fig. 138.
Side's Nadel.
(Nat. Gr.)
Fig. 130. l'essina's Nadel.
Fig. 140.
Sick'sche Nadel
für Schafe.
Die übrigen [mpfnadeln werden am besten bei den betreffenden Krank­heiten, bei welchen sie zur Anwendung gelangen, besprochen. Am besten sind die [mpfnadeln mit einer nur schwachen lönelartigen Höhlung und muss diese zugleich auch möglichst schmal, die Spitze fein und scharf sein; die breiten aber llachgehaltencn Nadeln sind wie die runden nicht zu empfehlen, im Kotfalle kann man auch mit einer Keissfeder impfen.
Wahl der Impfstelle. Man kann an verschiedenen Körperpartien impfen, die praktische Erfahrung hat aber gelehrt, dass gewisse Stellen namentlich ans anatomischen Gründen nicht zu empfehlen sind.
im allgemeinen siml unbehaarte Stellen von feiner, weicher Be­schaffenheit vorzuziehen, ausserdera sollen sie nicht gefäss- und nerven-reich sein, die Tiere auch nicht daran nagen und scheuern können.
ocr page 229
VI. Das [mpfen. [nooulatio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 211
Vortrefflich eignen sich das Ohr und der Schweif, weniger die innere allerdings zarthftutlge Seite der Hinter Schenkel; die dortige Fasele entzündet sich bei Verletzungen ungemein stark, auch liegen Lymph­drüsen In nächster Nähe und findet beim Gehen mehr oder weniger Beibung statt; ebenso ist der Vor der schenke] eine unpassende Fläche.
Der Triel in der Nähe des Kopfes ist leicht zugänglich und hat vieles lockeres Unterhautgewebe, das Ohr hat grosse Vorzüge besonders bei Schafen, die Haut 1st fein, zart und bequem erreichbar, die Impf­blasen bleiben aber klein und nicht selten ganz aus (wie bei kahlen, sog. Papierohren) oder geht ein Teil der Ohrmuschel, an welcher in manchen Schäferelen die Tiere gezeichnet werden, ulcei'ÖS verloren. Bei Schafen impft man am vorteilhaftesten in der Glitte der Innern Muschelfläche, bei Bindern ebenfalls oder am Grunde der aussein Bückenfläche des Ohrs.
Endlich ist es noch die untere unbehaarte und /arte Fläche der Schweifrübe oder das Ende derselben. Der Schwanz geniert betreffs seiner Blutgefässe und Nerven am wenigsten und kann wie bei der Lungenseuche nötigenfalls gefahrlos amputiert werden, auch ist er am handgerechtesten bei allen Tieren, besitzt dagegen viele L^nphräume, welche leicht und in ausgedehntem Masse in Entzündung, Eiterung und Brand versetzt werden. Das Euter und der Hoden sack sind zu empfindlich und werden nicht mehr zum Impfen benutzt.
Der Impfstoff. Er bestand früher liauptsächllcli in Eiter und dessen Schorfen, jetzt werden aussei' den schon genannten Sekreten besonders die Exsudate oder Beinkulturen zum Impfen verwendet. Je frischer der Stoff, desto besser, er kann aber auch in getrocknetem Zustande noch gut wirksam sein.
Frisch und flüssig ist der Impfstoff nicht immer zu haben, aus diesem Grund muss er häutig konserviert werden, was sehr zweck-mässig in der Weise geschieht, dass man ihn in feine kapillare Glas­röhrchen einziehen lässt und diese an den Enden über einer Flamme zuschmilzt; bei grösserem Bedarfe sind die Böhrchen in der Glitte aus­gebaucht (Glasphiolen); ausserdem hält sich der Stoff auch in kleinen cvlindrischen (ilastläschchen. wenn sie verkorkt und versiegelt sind oder zwischen 2 (ilasplatten, auf Elfenbeinbliittchen eingetrocknet und luft­dicht verschlossen u. s. w,, weniger gut auf Fischbeinlanzetten oder in Federkielen. Die grössten Feinde der Impflvmplie sind Luft und Licht, sowie Wärme. Kälte schadet nur in den höheren Graden. Die Auf­bewahrung geschieht an einem dunklen, kühlen Orte, am besten ver­schlossen in einem trockenen Kellerraum,
Das Impfen bei den einzelnen Krankheiten.
Schafpocken. Vor Einführung der Inokulation Idng man kurz­weg die Haut eines verendeten Schafes im Stalle auf. was selbstver­ständlich eine natürliche Infektion zur Folge hatte (Bourgelat ITC:!), später gebrauchte, man Blut, Pockeneiter und Schorfe, die aber schlechte
ocr page 230
•) l Q Eiste Haupt-Abteilung l Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Resultate lieferten, jetzt venvenclet man nur uiehr klare, einer reifen Pocke entnommene Lymphe, die entweder frisch übergeirapft odor wenn getrocknet, erst aufgeweicht wird. Sie ist für den Erfolg entscheidend, trübe, erst nach (i -8 Tagen der Blase entnommene Lymphe taugt nicht, eher darf sie vor voller Reife verwendet werden.
Die Schutzimpfung gegen Schalpocken gibt nur Veranlassung zu Verschleppungen in gesunde Herden, alljährlich die Lämmer zu impfen, ist jetzt auch verboten, man impft erst bei herannahender Gefahr; ebenso sind die früheren Impfmethoden, d. b. Einschieben von Schorfen oder geti'änkten Wollfäden in die Subkutls, endermatisches Einreiben U, dergl. verlassen worden.
Die beutige Operationsweise (Clavelisation) besteht darin, dass man die Haut mit den Fingern der einen Hand spannt, während man mit jenen der andern die imprägnierte Impfnadel (mit der Vertiefung nach aufwärts) unter die Epidermis ein- und soweit als das lanzette-förmige Ende der Nadel reicht, etwa 4 mm weit fortführt, sie dann um­dreht und unter leichtem Andrücken und Ausziehen den Stoff abstreift; zerreisst dabei die unterstochene Oberhaut, so wird der Irapfstich mit frisch gefülltem Stoff daneben wiederholt. Mehr als eine Stelle wird nicht angestochen.
Die beste Impfstelle ist die untere Schwanzfläche, jedoch 12 cm vom After weg; man legt die Tiere auf einen Hank und impft sitzend oder lagert sie auf einen Tisch, um sie hier gut festhalten zu lassen. Nicht minder geeignet ist aber auch die innere Fläche des Ohrs, etwa 1—2 Fingerbreit unter der Spitze; mau impft dann am stehenden Tiere, iässt hebnfs Bescbleuniguu^ des Geschäfts die einzelnen Stücke vor dem (sitzenden) Operateur vorbeigehen und durch einen gegenüberstehenden Oehilfen am Kopf und Hals, welch letzterer von diesem an den Schenkel fixiert wird, festhalten. 1st der Schwanz zu kurz, wie häufig oder das Ohr verstümmelt, impft man notgedrungen an der Innern Schenkelfläche, nie aber an andern Stellen, am wenigsten an der Bauchfläche, ebenso vermeide man tiefe Impfstiche, welche gerne bösartige Exulcerationen nach sich ziehen.
Das Variolagift haftet nicht bei allen Tieren der Herde und liegt darin manche Oefahr, es müssen daher alle solche Refraktäre ausgesucht und (10—12 Tage nach der Operation) nachgeimpft werden.
Kuhpocken. Sie sind zum Unterschied von den Schafpocken und den mit diesen nicht identischen Menschenpocken ein durchaus gutartiges Exanthem, das nur als eine lokale Krankheit aufzufassen ist und keinerlei Impfen nötig macht, wenn aber dieses doch geschieht, so will mau damit andere Zwecke verfolgen, nämlich die Kultur animaler Vaccine zum Schütze des Menschen.
Naohdern Jenner schon im vorigen Jahrhundert nachgewiesen, dass Menschen durch erfolgreich vorgenommene Inokulation mit Kuhpockenlymphe (Vaccine) voi­der Ansteckung durch die gefährlichen Menschenhlattern geschützt werden können, bediente man sich zu diesem Zwecke anfangs der originären , später der durch eine Reihe von Kindern durchgeführten, also humanisierten Vaccine.
Dies gab den Impfgegnern Veranlassung zu dem (grossenteils ungerechten)
ocr page 231
VF. Das Impfen. Inoculatio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;21.deg;)
Vorwurfe, dass dadurch die Scliutzkraft abnehmen und die Übertragung konstitu­tioneller Krankheiten (Schwindsucht, Skroplmlose, Syphilis) ermögliont w erde, man orlff daher wieder auf die originäre Kuhpockenlymphe zuriick und um diese bei dem kolossalen Bedarfe, wie er durch den Impfzwang entstanden ist, auch in der nötigen Menge zu beschatten, hat man jetzt in Deutschland (wie in ()sterreicli, Italien, Belgien, Holland) eigene Kälberimpfanstalten errichtet, so dass jetzt nicht mehr von Kind zu Kind, sondern nur mehr von Bind auf Kind geimpft wird: aussei' dem originären Impfstoff wird auch die durch Rückimpfmig humanisierter Vaccine auf Rinder entstandene Kuhpocke (Retrovaccination) verwendet.
Ziir Fortpflanzung (Kultur) der anhnalen Lymphe werden jetzt überall Kälber im Alter von ö—12 Wochen gebraucht und imiss bei deren Auswahl die grösste Aufmerksamkeit aid' vollkommene Gesundheit und guten Ernährungszustand gerichtet werden.
Die Operation geschieht In der Art, dass man die Kälber auf besonders lllezu konstruierten Tischen entsprechend befestigt und einen öTÖsseren Teil der hinteren Bauchfläche rasiert, reinigt und mittels 50
Fig. 141. Impflanzenmesser.
bis 100 Stiche oder seichter Einschnitte, welche mit dem Impflaiizen-messer (Figur 141) gemacht werden können, Impft; nach 5—lt;i Tagen entstehen helle, durchscheinende Knötchen, aus denen die Lymphe zum Weiterimpfen abgenommen wird und bedient man sich dazu einer Art nach der Kante gekrümmter Kleramplnzette, mit welcher die Basis der Pocken gefasst und durch Vorschieben des Sperrapparats gequetscht wird, worauf die Lymphe tropfenweise hervortritt; ebenso kann auch der von der geklemmten l'ocke abgeschabte Brei verwendet werden.
Ehe die so gewonnene Vaccine jedoch Kindern eingeimpft wird, muss das Kalb geschlachtet werden, um dessen völlige Gesundheit zu konstatieren, die Besorgnis daher, es könnte eine Übertragung von Perl­sucht (Tuberkelbaclllus) von den Kälbern, die, ja ohnedies nur selten an dieser Krankheit leiden, auf die menschlichen Impflinge erfolgen. entbehrt der tiiatsächlichen Begründung.
Die Aufbewahrung der Lymphe in zugesohmolzenen Qlasröhrohen hat baldige Unwirksamkeit zur Folge, besser ist das Eintrocknenlasaen auf Elfenheinplättchen; ebenso hat sich das l'issin'sche Verfahren, bestehend in Zusatz von salicylisiortem Glyzerin und die Methode Reissner's, die mit dem scharfen Lölfel (Seite '-'4) abgeschabte.Fockensubstanz auf Glasplatten zu bringen, im Exsiccator zu trocknen und in Pulverform aufzubewahren, vollständig bewährt; die Aufweichung erfolgt vor dem Gebrauch mittels eines Tropfens mit Wasser verdünnten (8fach gereinigten) Glyzerins. Die so konservierte Vaccine erhält sich einige Monate wirksam.
Das Impfen del* Pocken des Geflügels ist widersinnig, insoferne
es bei diesen Tieren nach den neueren Untersuchungen (d'Arbovai. Bolllnger, Csokor) gar keine Pocken gibt, diese vielmehr eine andere Erkrankung darstellen, welche jetzt als Kpitiielioma coutagiosum bezeichnet wird.
ocr page 232
21 1 Erste Haupt-Alrtellangl Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Lungenseuche. Ungeachtet die [mpfung dleseiquot; zu laquo;It'ii ver­heerendsten Rinderkranklieiten zählenden Seuche - sie datiert von dem Belgier Willems 1840 -- schon seit -1 Dezennien durchgeftlhrt worden ist. konnte doch noch keine übereinstimmende Ansicht über ihren Schutzwert erzielt werden, insoferne die Impfgegner geltend machen, die Seuche komme auch ohne Impfung ziun Stillstände und selbst bei solchen Tieren zum Ausbruch, welche anscheinend mit Erfolg geimpft wurden. So wie die Kontroverse heute stellt, haben übrigens
Flg. 142. Gerlaoh's
Impfnadcl.
Fig. 143.
LungensiHiche-Impfnadcl.
Flg. 144,
Sticker'sche Impfspritze
f'/j Grosse.)
die Erfahrungen im grossen gelehrt, dass die Inokulation nichtsdesto­weniger doch grossen volkswirtschaftlichen Nutzen stiftet, sie hat des­wegen gewiss ihre Berechtigung, wenn sie nur als Notimpfung aus­geführt wird. Die Tilgung geschieht auf diese Weise bei grösseren Viehbeständen am schnellsten.
Als Im pis to ff bedient man sich jetzt allgemein der Exsudat-flüssigkeit der hepatisierten Lungen aus solchen Partien, die ganz frisch erkrankt sind, also noch rotes Ansehen Italien (Rinder im tieberlosen Anfangsstadium); mau nimmt nur die aus den zerschnittenen Stückchen durch ein Tuch spontan abfliessende Lymphe, lässt (lurch Stellen das Gerinnsel abscheiden, filtriert noch einigemal und verwendet sie dann im frischen Zustande, wo sie wie klarer weisser Wein aussieht; jede
ocr page 233
VI, Das Impfen. (Inoculatio),
211
andere Lymphe, uimientlicli von bocllgl'adig erkrankten Stücken, ist gefälirllcli,
Als Instruinente bedient man sieh entweder des Irapflanzen-messers (Figur 141), einer gewölnilicheil selnnaien Lanzette, der Impf-uadeln oder besonderer Instrumente^
Gerlach (FifT. 142) liat liiezu cino gt;.'a(lel konstruiert (nat. Grosse), die sich als gut brauchbar erwiesen hat, doBgleioken auch dlo der Sick'schennacugebildeto Lungenseuohe-Impfnadel (Figur 143, nat. Grosse), welclie sehr gut eindringt.
Sehr zu empfehlen ist auch die Impfsprltzc von Sticker (Figur 144). tn dem hohlen Iiiuorn der hölzernen Handhabe ist ein elastisches Säckclien, das mit der Hohlnadel in Verbindung steht, untergebracht und darf dasselbe nur durch den seitlich hervorragenden Drucker ausgepresst werden, sobald die etwas gekrümmte scharfe Hohlnadelspitze in die Haut eingestochen ist. Sticker wollte damit den Vorteil erzielen, dass niclit, wie hei den [mpfnadeln, schon während des Elnsteohens der Impfstoll' abgestreift werden kann, ohne in die Wunde zu gelangen; je nach dem angebrachten Druck tritt der Impfstoff im rechten Augen­blick an der Spitze tropfenweise oder In einem kleinen Strahle hervor, während die Einsaugung dadurch geschieht, dass die Nadel hei zusammengedrücktem Kaut-schuksäckcuen eingetaucht wird und der Druck jetzt ^jifhort, wodurch die Flüssig­keit in den wieder sicli ausdehnenden liehälter nachtritt.
In ähnlicher Weise ist auch die Impfspritze von 0emier eingerichtet und können beide au einer Schraube mit einer Hülse behttfs leichteren Transportes ge­schlossen werden.
Operation. Weitaus die beste Stelle ist der Seliwanz an seinem Quastenende und nur wenn dieser nicht zugänglich, impi't man in die Subcutis des Triels: ungefillu'lich ist letzteres nicht, namentlich wenn die Hautfalte nicht reichlich entwickelt ist.
Drei Finger breit von der Schwanzspitze weg macht man. nachdem die Ilaare abgeschoren wurden, einen Schnitt bis in die Mitte der Haut­dicke, klafft diesen und bringt den Impfstoff ein: operiert man mit Nadeln, so wird entweder in die Haut oder unter dieselbe eingestochen und zwar immer an zwei Stellen, die jedoch .-i—4cm auseinander sein inüssen.quot; In Ermanglung geeigneter Instrumente zieht man an '2 Stellen imprägnierte Jgt;auniwolltaden mittels einer Wundnadel unter der Haut auf 1 —2 cm hindurch, was jedoch nicht ZU empfehlen ist.
Excesse der Impfwirkinig können auch dem geübten Praktiker vorkommen und sind sie hauptsächlich bedingt durch zu tiefe Einschnitte, Verunreinigung der Impfwunde, seidechte Lymphe, Unruhe des Schwanzes, viele Mücken u. s. w. Fieber tritt alsbald ein. sowie Anschwellnng, Lymphangitis, die sich immer mehr nach aufwärts fortpflanzt, auf den After, Mastdarm und die Beckenhöhle übergreift und durch Brand, Resorption der Jauche und Septikftinie zum Tode führen kann. Niemals darf weiter oben am Schwanz inokuliert werden und schon frühzeitig muss bei sich ausbreitender Phlegmone zur Amputation geschritten werden, die die Gefahr abwendet, am Triel aber nicht thunlich ist!
Würde in der 3. oder 4. Woche keine Impfwirkung (heftige Bindegewehs-i'ntzündung, starke Infiltration, Schmerz) zum Vorschein kommen, was hei etwa 10% der Impflinge gewöhnlich der Fall, so muss unhedingt zur Nachimpfung geschritten werden. Schwanzverluste treten zu 6—20% auf, Tod zu 1—'2ll/n, hei Trielimpfung amp;—100/0. Nach etwa 4 Wochen, d. h. mit Eintritt des vollen Impf-Ell'ektes hören die Erkrankungen im Viehstande auf.
i
r
k
ocr page 234
21 (j Erste Haupt-Abteilung! Operationen an verschiedenen Stellen dos Körpers
Milzbrand. Durch die epochemachenden Arbeiten Pasteur's ist es nunmehr gelungen, auch gegen Anthrax durch Impfung eine Prftservation zu erzielen, obwohl sich dieselbe nicht auf lange Zeit ei­streckt (8—11 Monate), Für die Zeit der Not kann das Verfahren immerhin praktische Bedeutung haben, das Impfen wird jedoch jetzt besser und wirksamer durch Entschädigung der Tierbesitzer ersetzt.
Die Operation ist kurz folgende. Die Rinder und Schafe müssen zweimal geimpft werden. Die erste Impfung geschieht nach Thuilller mit Anthraxpilzen, welche IM Tage bei einer Hitze von 42—430C. ab­geschwächt wurden (premier vaccin) und nur ein leichtes, übersehbares Fieber zuwege bringen; 12 Tage später erfolgt die zweite Impfung. jedoch mittels einer um die Hallte weniger mitigierten Reinkultur, welche also nur li' Tage der erwähnten Temperatur ausgesetzt war (deuxieme vaccin) und ein anhaltendes (nicht hmner ungefährliches) Infektionsfleber erzeugt, welches nach weiteren 12 Tagen abgelaufen sein und voll­kommenen Schutz bieten soll, es ist darunter aber nur eine relative Immunität zu verstehen.*
Das Impfen sellist geschieht einfach mittels der kleinen Pravaz'schen Spritze irgendwo am Körper, am Hals oder der Schulter. Für das Rind darf nur 0,5ccm, für ein Schaf l/sCCin des Spritzeninhaltos in das ünterhautzellgewebe ge­bracht werden, über den Wert und Erfolg dieser Impfungen fehlt es zur Zeit noch an gelingenden Erfahrungen, hoffentlich ist es aber der Zukunft vorbehalten, ein besseres Scbutzverfahren, namentlich eine weniger gefährlichere Impftliissigkeit kennen zu lernen, jedenfalls wird es sich noch nicht empfehlen, Milzbrandimpfungen in der Privatpraxis allgemein aufzunehmen oder sie (unter dem Schütze der Staats-antorität) zu verallgemeinern.
Rauschbrand. Die Impfung gegen diese nur ganz ausnahmsweise nicht tötliche Erkrankung ist jetzt mehr ausgebildet und basiert auf der Beobachtung, class genesene Tiere sich gegen eine wiederholte In­fektion immun erwiesen; dasselbe ist nunmehr der Fall, wenn sie ge­impft werden und hatArloing durch eine grosse Reihe von Versuchen das richtige Verfahren aufgefunden.
Der Impfstoff, d. h. die einer frischen IJauschbramlgeschwnlst ent­nommene und in ganz bestimmter Art abgeschwächte Flüssigkeit (s. Roll's Pathologie, V. Aufl. S. 699. I.) wird zu 2,5—3,0ccm in eine kleine Venenwunde, deren Ränder auseinander gehalten und gut von Blut freigehalten werden müssen, sorgfältig eingespritzt und dann die Aderlassstelle mit 2 Heften antiseptisch geschlossen.
Ein zweites Verfahren besteht darin, dass man eine auf andere Weise mitigierte Impfflüssigkeit, welche aus dem getrockneten Virus unter Verreiben mit 100 Teilen Wasser dargestellt wird, zu 1 cem pro Kind unter die Haut, 2 Handbreit von der Schwanzspitze entfernt, injiziert, worauf sich nur eine geringe Intumoscenz einstellt. Der frische Impfstoff wird sonach intravenös, der getrocknete Rauschbrandvirus subkutan geimpft.
Nacli Arloing, der mich beiden Methoden nahe an 1000 Tiere inokuliert hat, blieben die geimpften Tiere sämtlich vom Hauschbrand verschont, während alle nicht geimpfte, in denselben Lokalitäten unter-
ocr page 235
VII. Kühen. Die Naht. Sutura chirurgica.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;217
gebrachte starben, cs sind somit liier weit zufriedenstellendere Resultate erzielt worden, als heim Milzbrand, denn auch die Imnmnitiit erstreckt sieh auf viel längere Zeit, nämlich auf etwa anderthalb Jahre, die Vor­nahme der intrajugulären Einspritzungen bedarf aber geübter Operateure und verlässlicher Assistenten, wenn nicht durch Eindringen des Impf­stoffes in das paravaskultlre Gewebe Todesfälle in Masse geschehen sollen.
VII. Nähen. Die Naht. Sutura chirurgica.
^,
Unter Nähen oder Heften verstellt man das mechanische Zu-sannneufügen zweier Wundränder mittels Nadel und Faden. um die getrennten Teile solange an einander zu halten, his eine organische Wiedervereinigung (Reunioii) erfolgt ist.
,\usser dem Nähen gibt es noch andere Methoden der Qewebs-vereinigung, z. 1!. durch Binden oder Heftpflasterstreifen, ebenso lassen sich Bänder oder schmale Gazestreifen, welche rechts und links an der Wunde der Länge nach und quer über die vorher einander genäherten Wimdlefzen für sich allein oder zur Unterstützung der Nähte (Hefte) mit Kollodium (bezw. Jodoformkollodium) befestigt werden, anwenden. Alle diese Ersatzmittel haben tierärztlich nur wenig oder keinen Wert, die Unruhe der Tiere, die Behaarung der Haut, die Stärke des Haut-muskels, die Widerspenstigkeit gegen festes Binden stellen den Erfolg in Frage, das richtigste Verfahren in der Praxis bleibt immer die chirurgische Naht, welche auch bei den Tieren den Bedingungen für eine prima reunio entspricht, es sind daher in der neuen Ära der asep­tischen Veterinärchirurgie die Erfolge der Naht sehr viel bessere ge­worden, als sie noch vor kurzer Zeit waren, denn die nachfolgende Entzündung hält sich in den richtigen .Schranken, das verwundete (Je-wehe schwillt nicht wesentlich an und behält auch seine normalen Ernährungsverhältnisse.
Die Anwendung von Binden, zum Teil auch von Klobpflastern — also das was man früher in Vordrehung eines allgemeinen Sprachgebrauches trockene „Nahtquot; (unblutige Naht) nannte — ist indessen nicht ganz in der tierärztlichen Praxis y.n umgehen.
Wo zur Vereinigung gleichzeitig ein Druck in die Tiefe der verwundeten Teile erforderlich wird, wie bei klaffenden queren Muskelverletzungen, gelappten Wunden, Gelenkslftsiönen, Lederhautwunden des Hufs, Wunden an der Brust, dem Bauen und den Gliedmassen, ist die blutige Naht für sich allein nicht immer ausreichend oder würde ohne die die Vereinigung befördernden Binden dem /wecke nicht vollständig entsprechen, denn letztere sind ansserdem auch noch dazu bestimmt, eine Beschränkung der auf die Hellung so störend einwirkenden Bewegungen des Teils herbeizuführen, nicht selten muss sogar die Binde noch über die verwundete Stelle bis über die nächsten Gelenke hinausreichen. Manchmal werden auch die vereinigten Wundränder mit Kollodium bepinselt, dann mit einer Scliieht von Wergsohnitzeln bedeckt und nochmals mit Kollodium überstrichen u. s. w.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; f
ocr page 236
21b Erste Hiiupt-Abteilung: Operation™ an verschiedenen Stellen des Körpers.
Anzeigen der Naht. Bezüglich des ivin mechanischen Zweckes bietet kein Milderes von der Olieitliielie her wirkendes Mittel melir Sichor-lieit tiir die Erhaltung der 'Wundräiider in andaneriider Bei'Ührung, als die clünu'gische Naht, welche hiedurch allein schon der Hauptindikation nachkoinint, nämlich der Heilung durch schnelle Vereinigung ohne Eiterung; ausserdem wird ein weiterer nicht hoch genug anzuschlagender Vorteil erreicht, dass, nachdem die Naht ihre Stützpunkte in der eigenen Haut der Tiere findet, die Oberfläche unverhüllt bleibt, die offene Wund­behandlung ermöglicht wird, alle im weiteren Wundverlauf eintretenden Veränderungen gut beobachtet werden können und das Zurückbleiben einer möglichst kleinen Marke gewährleistet ist, was in der Pferdepraxis sowie bei Wunden des Lids, der Nasenflügel n. s. w. immerhin Bedeutung hat. Die Nahtlinien trocknen bald ein und der sich bildende Schorf schützt die Wunde vor Ausiedlung von Spaltpilzen.
Erste Vorbedingung der prima intentio ist einesteils die aseptische Reinigung der Wundfläche und ihrer Umgebung, sowie die Verwendung von desinfizierten Instrumenten und Materialien, andernteils dürfen keine Quetschungen, Ungleichheiten der Ränder, vertrocknete, abgestorbene (iewelisteile, grössere Substanzverluste u. s. w. vorhanden sein (Seite 118). Indes sind letztere Bedenken zum Glück häufig genug nur theoretischer Art, in 'der Praxis beseitigt man solche Hindernisse kurzweg, indem man mit der Scheere die Ungleichheiten, zackigen Ränder beseitigt, ältere kailöse Flächen auffrischt u. s. w.; auch ist nicht einmal die Bedingung, dass die verwundeten Teile noch in einem eriiidiriingsiaiiigen Zusammenhang mit dem Körper stellen müssen, so absolut aufzulassen, wie es in den Büchern stellt, es können selbst abgeschnittene Teile, wenn sie noch frisch genug sind, ganz wohl an­heilen, die Hauptbedingung des Gelingens liegt vielmehr darin, dass die Flächen genau und lange genug im Kontakte erhalten werden.
Ancli Quetschwunden kontraindizieien die Naht nicht und können selbst per primam heilen, sofernc damit nicht eine Ertötnng des Gewebes verknüpft ist; das gequetschte Gewebe heilt mit ein, denn die Antiseptik hält ja die Ent­zündung mit ihren nekrosierenden Folgen ferne, nur darf man dabei keine Sekrct-verlialtungen aufkommen lassen, was am besten durch Einheften vonDrains (Seite HO) geschieht. Am schlimmsten ist starkes Klaffen, das hantig eine wirkliche Gegen-auzeige darstellt, denn durch das stetige elastische Zurückweichen der Gewebe schneiden die Fäden und selbst Bändchen immer wieder ein, um schliesslieh durch-/.ureissen.
Aber auch bei nicht mehr frischen, also schon eiternden Wunden kann noch die Naht sich hilfreich erweisen, sie beschleunigt die Annäherung, nachdem die ganze Fläche aseptisiert und eine neue (adhäsive) Entzündung geschaffen worden ist.
Weitere Anzeigen der Naht sind gegeben, wenn eine gegründete Befürchtung vor Nachblutung vorhanden ist, sowie wenn zufällige oder natürliche Offnungen verschlossen werden müssen, wie bei Vorfällen, Brüchen (Ringeln der Scheide u. s. \v.); lassen sich dagegen nur die Ränder an der Oberfläche einander nähern und klafft die Wunde in der Tiefe oder kommt den Teilen eine grosse Beweglichkeit zu, wie /.. IS. dem Vorderknie, so nützen in der Regel die Hefte nichts und ist ihnen ein regelrechter Verband vorzuziehen.
ocr page 237
VII. Nähen. lgt;ie Naht. Satura chlrurglca.
21!raquo;
Unnötig i.st die Naht, wenn die Ränder obnedies sich aneinander legen, die Heilung doch auf dem langsamen Weg der Granulation ge­schehen muss oder die Besorgnis vorliegt, dass die Tiere sich nicht ruhig genug verhalten werden. Desgleichen kann man lüe und da wie bei Stichwunden das Heften dadurch ersparen, dass man eine adhftsive Entztlndung durch eine Scharfsalhe oder schorfmachende Mittel er/engt und dann einen Vorhand anlegt. Oft genügen aber auch lockere Hefte, um gewissennassen einen Verband ZU ersetzen, wo die Vereinigimg keine vollständige zu sein braucht, wie z. 1!. bei Sekretflsteln, Geschwürs­rändern.
Das tierärztliche Schneiderhandwerkszeug bestellt in Nadeln, N'ähmaterial (Faden, Bändchen, Katgut, Draht), nicht selten auch in Scliieberpinzetten und Nadelhaltern.
Die Wundnadeln.
Von den gewöhnlichen runden Nähnadeln, wie sie der Schneider hat, kann der Chirurge keinen Gebrauch machen, sie durchdringen das Gewebe schlecht, da sie nur stechen, gut dagegen, wenn sie zugleich auch schneiden, man läSSt daher die Spitze aller chirurgischen Näh­nadeln in zwei scharfe Kanten auslaufen (Fig. 115). so dass die Nadel die Form einer Lanze erhält.
Weiter unterscheidet sich die chirurgische Nadel von der gewöhn­lichen noch dadurch, dass sie selten gerade ist, denn man kann mit dieser nur an gewölbten (konvexen) Stellen und an planen blos ober­flächlich nähen, nicht auch in die Tiefe stechen, um mehr Masse zu fassen und so die Fäden am Ausschlitzcn zu verhindern; ausserdem vermag der Chiriirge das Gewebe nicht in Falten zu legen, wie der Schneider laquo;las Tuch, die chirurgische Nadel muss deswegen gekrümmt werden.
Die gerade Nadel wird mit dem Daumen auf der einen und mit dem Zeige- und Mittelfinger auf der andern Seite gefasst und gerad­linig von aussen nach innen durch beide M'undlippen geführt, nach Durchstechung des einen Randes senkt man jedoch das Öhrende etwas, damit die Nadelspitze in aufsteigender Richtung am jenseitigen Wund-rand austreten kann. Auf der Oberfläche der ebenen Haut ist dieses Senken gewöhnlich nicht möglich, die Nadel muss daher am vordem oder hintern lliindemTe aufwärts gerichtet sein.
Die krumme Wundnadel durchsticht das Gewebe entsprechend ihrer Knrvatur bogenförmig und kann um so tiefer greifen, je grosser der Halbmesser derselben ist. Als die zweckmässigste Krümmung hat sich die regelmässige Gestalt eines Kreissegmentes erwiesen, weil dabei der mittlere und hinten' Teil der Nadel genau denselben Weg geht, wie die Spitze.
Allerdings lassen sich stark gebogene Nadeln mit den Fingern schlecht fassen, man kann daher ganz wohl das Handstück in eine gerade
ocr page 238
220 Eiste Haupt-Abteilung: Operationen an verschicilencn Stellen des KOrperB.
IJiiie auslaufen lassen (Fig. 140), letzteres quetscht indessen etwas, da es in dein von der Spitze gebildeten halbkreisförmigen Stichkanal nicht so gut nachdringen kann, auch brechen solche Nadeln gerne und eignen sich nicht zum Durchstechen bei Tiefwunden, es wäre denn, dass das Ohr sich in der Nähe der Spitze befände (Tig. 145 c), diese also in demselben Kanäle wieder zurückkehren kann, nachdem sie eingetadelt worden ist.
Stark gekrümmte Nadeln brechen gerne, man hat sie daher im Metall durch eine In der Mitto angebrachte scharfe Uräte zu verstärken gesucht; solche drei-schneidige Nadeln nehmen übrigens mehr Platz im Gewebe in Anspruch, gehen
auch etwas schwerer vor und erzeugen einen dritten Wundwinkel, was jodoch bei den Tieren
nicht in Betracht kommt.
In der Nähe der Spitze soll der breiteste Teil der Nadel sich befinden, das Ende letzterer dringt dann mit den hier doppelt liegenden Fäden oder Bändchen besser nach; der mittlere Teil der Nadel, der Körper, ist cylindrisch oder zweckmässigor abgeplattet, damit er sich zwischen den Fingern nicht drehen kann und der hintere oder Öhr teil enthält das mit abgerundeten Rändern versehene Nadelöhr, welches entweder der Länge nach oder wie bei den Bauchheftnadcln der Quere nacli ge­stellt ist, um auch schmale Händchen, Litzen U. s. w. aufnehmen zu können. Hinter dem Öhr bildet die sog. Ferse den Schluss der Nadel, der ebenfalls abgerundet, sowie im Metall dünner gehalten ist, damit das Nähmaterial in dieser Vertiefung sich besser unterbringen lasse und beim Durchziehen in dem Stichkanal nicht cin-gepresst werde (Fig. 145 d).
Hinsichtlich der Grosse und Stärke herrscht unter den jetzt gebräuchlichen und käuflichen Nadeln eine grosse Mannigfaltigkeit, massgehond für den einzelnen P'all ist die Beschaffenheit und namentlich Dicke des ver­letzten Teils. Die kleinsten Nadeln, z. 1!. zum Heften der Augenlider sind halbkreisförmig und
nur 3 cm lang, die grössten dagegen 12—15 cm
Fig, 145,
Fig. 146,
lang, 5—10 mm breit und der Durchmesser des
Kreises variiert von 1—8cm; letzterer ent­spricht bei grösseren Nadeln nur einem Kreis­segment (u, Bogen.) Die Länge steht im Verhältnis zur Wunde und soll sie etwa das Doppelte von dem Weg betragen, den die Nadel Innerhalb des Gewelies zu durchlaufen hat und besteht hieliei häufig der Fehler, class die Spitze zu sehr in die Länge gezogen ist.
Die Wund- oder Heftnadeln sind alle aus feinem (gehärteten, aber nicht spröden) Stahl gearbeitet und verlangt man von ihnen in erster Linie, dass die Spitze scharf und fein und das ganze Instrument aufs beste poliert sei. Eine Anzahl von gleichen Nadeln zur Ver­fügung zu haben, ist zwar nicht absolut nötig, aber sehr bequem und beschleunigt das Geschäft wesentlich; ein Gehilfe fädelt fortwährend ein, während man selbst mit dem Heften ununterbrochen fortfährt, auch
ocr page 239
VII. Nahen. Die Naht. Satura cliirurgica.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;221
1st das Einfädeln mit blutigen Fingern nicht blos schwierig, sondern auch zeitmubend.
Zur Erleichterung dos Ein- und Ausfädeins hat man dem Ohr verschiedeuo Einrichtungen gegeben und dasselbe neuei'dings hauptsächlich an der Spitze anffebracht (v. Bruns), während der lüntere Teil in eine
^
Fig. 147. Nadlaquo;]
von Vogel.
Fig. 148.
•ig. 149.
Fig. 150.
feste Handhabe eingeschraubt und zugleich in dieser behufs besseren Mittragens untergebracht wird. Vogel hat eine, Modifikation In der Art angebracht, class das Ohr an der Seite offen gehalten ist und durch ein vorgeschobenes Stiftchen geschlossen werden kann, es dürfen aber die Ecken nicht kantig sein, wie in Figur 147, sondern seilen abgerundet
ocr page 240
Kiste Haupt-Abteilung: Oporatioueu an vei'Sobiddöuen Stellen des Körpers.
werden, um nlvgends einzuhacken; tier stiel ist lang und kann eut-spreclxeud gebogen werden.
Die Kratz'sche Patentheftnadel besitzt in tier Ferse einen Schlitz, der in das Ohr mündet, welch letzteres also aus 2 federnden Teilen besteht, wodurch das Einfädeln sehr bequem gemacht wird. Der Faden wird in den Ausschnitt der Ferse und von da durch den Schlitz in das Ohr gebracht, im übrigen zeigt die Patentnadel keine Abweichung.
Gestielte Nadeln. Der Widerstand der Haut besonders bei den Rindern ist dem einfachen Durchstechen der Wundnadeln oft recht hinderlich und besonders schwierig ist der Kinstich von aussei! nach innen, teils wegen der Dichtigkeit der Haut, teils aber auch wegen der Nachgiebigkeit der subkutanen Gebilde und der 'Widersetzlichkeit der Tiere, welche oft durch jeden Einzelstich provoziert wird, viele Tier­ärzte nähen daher wie vornehmlich bei Tiefwunden je von innen nach aussen, zu welchem Behufe an jedes Fadenende eine Nadel angebracht wird. Ausserdem hat man feststehende oder sog. gestielte Nadeln, welche bei den grösseren Haustieren nicht zu entbehren sind und ent­weder in einem handgerechten Holzgriff befestigt werden (Figur 148), oder sich bistouriartig in ein lieft einschlagen lassen, wie die Heister'sclie
Wundnadel, die durch ein Knöpfchen oder eine Feder (Seite 82) festgestellt werden kann (Figur 150). Da die Handhabe nicht mit durchgezogen werden kann, tragen diese Nadeln das Öhr an der Spitze und der Körper verlauft ein Stück weit geradlinig, um dann die notwendige Kurve zu be­schreiben.
Solche gestielte Nadeln sind nur für grössere Verletzungen bestimmt,
/
übertreffen daher in allen Dimensionen
die gewöhnlichen Wundnadeln, allein sie können, wie schon erwähnt, nicht entbehrt werden, wie z. B. beim Ab­nähen von Bruchsäcken, dem Flanken­schnitt bei Kühen; in neuester Zeit gibt es auch derartige Nadeln, welche in ihrem Ohre eine federnde, die Fäden festhaltende Spalte besitzen, die Feder­kraft lässt aber bald nach und ist die Nadel schwer zu reinigen.
Nadelhalter. Beim Gebrauche
151.
Fig. 152.
kleiner oder stark konkaver Nadeln,
Nadelhalter.
sowie beim Heften von Höhlen und solchen Stellen, die schwerer zu­gänglich sind und sehr resistentes (lewebe besitzen, schmerzen die Finger bald oder lassen sich schwer anbrhmen, man führt sie dann, wenn
ocr page 241
VII. Nähen. I)ie Naht. Satura chiiurgica.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;223
gestielte Nadeln für den betreffenden Fall nicht passen, mit eigenen klammerfönnigen Instrumenten, den sog. Nadelhaltern oder bedient sidi in Ermanglung solcher einer starken Schieberpinzette, bezw. der Korn­zange (Figur 168).
Zu den einfachsten Nadelhaltern gehören jene, die piuzettavtig sich durch einen vorzuschiebenden Ring schiiessen lassen oder zu diesem Behufe einen cvlindrisrhen Schieber (Figur 161) besitzen, die damit gefasste Wundnadel weicht jedoch gerne nach der Seite hin ans.
Ein anderer, praktisch gut brauchbarer Nadelhalter ist die sog. Plattzange (Figur 162) von Dieffenbach, welche geradlinige, kurze, kräftige Branchen und lange Hebel als (iritf besitzt. Koser hat zur Erleichterung der Handhabung unten einen Stellhaken angebracht und die Innenfläche mit Platten von Blei oder Zink gefttttei't, um der Nadel durch Eindrücken in das weiche Metall mehr Halt ZU verleihen.
Das Nähmaterial.
Zur Vereinigung getrennter Teile braucht man aussei' der Nadel einen Faden, den man meist doppelt oder mehrfach nimmt und welcher ans verschiedenem Material bestehen kann, wenn er nur die Entzündung nicht unterhält, weich, schmiegsam und doch fest ist, sich am Nadelöhr gut umbiegt und aidegt, sowie sich gut schlingen liisst.
In neuerer Zeit ist eine ganze Reihe von Substanzen zinn Nähen empfohlen worden, von denen die eine sich durch diese, die andere durch jene Eigenschaften auszeichnet, die Erfahrung hat aber jetzt fest­gestellt, dass rohe und ungefärbte Seide weitaus das beste Nähmaterial sei, übrigens von jeher gewesen ist: in zweiter Linie kommt dann Katgut und Bindfaden.
Rohseide in gedrillten feinen. Inndfadenälmlichen Strängen, wie sie aus England in den Handel kommt, wird jetzt allgemein auch in der Tierheilkunde verwendet, da ihr Preis nicht in Frage kommen kann.
Die gl'OSSen Vorzüge der Seide bestehen darin, dass sie von allem ähnlichen Material die grösste Haltbarkeit hat und sich am wenigsten von Wundsekreten imprägnieren lässt: ans letzterem Grunde braucht sie auch nicht gewichst zu werden, was den antiseptischen Grundsätzen zuwider läuft, wohl aber wird sie aseptisch gemacht und kann dies bei ihrer grossen Reinheit in viel einfacherer quot;Weise geschehen, als es von Elster angegeben wurde, es genügt nämlich, sie vor dem (lebrauche in 5 proz. Kartiollösung einzulegen.' Desgleichen können auch in der Art vorbereitete hänfene Bindfäden statt Seide tierärztliche Ver­wendung hmlen, da ja doch die seidenen Hefte meist nachher ebenfalls ausgezogen werden. Ms ist also nicht die Seide an und für sich, welche so zufriedenstellende Ergebnisse liefert, sondern die aseptischen Mass­regeln garantieren vor allem für eine rasche Heilung.
Seide wird nicht In der Wunde resorbiert, wie häufig angegeben wird, son­dern die Fäden Meiben in dein Jungen Oewebe (allerdings in ganz unschädlicher
ocr page 242
224 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Weise) liegen, wohl ist es aber das Katguf, das bei aseptischem Verlauf in dem Gnuuilatiousgewebe eingeschlossen wird, um dann zu verschwinden. Die Einheilung beider Nfthstoffe erfolgt übrigens auch hei jener Eiterung (also hei nicht voll­kommen aseptischem Verlaufe), welche in den Suturen hei Tieren gewöhnlich nicht ganz zu vermeiden ist, aber den regelrechten (lang der Wundheilung nicht stört und auch kaum verlangsamt und zwar aus dem Grunde, weil das aseptisch vor­bereitete Nähmaterial keinerlei andere Ausgänge der traumatischen Entzündung aufkommen liisst, als Verklebung.
Je (lüniuT und glatter laquo;lie Fiidcu sind, gleichviel von welchem Material, desto geringer ist die Entzündung und Eiterung der .Stieh-kanäle, feinere Fäden von Seide und selbst dickere von Katgut können daher ohne allen Nachteil /.. B. in der Bauchhöhle zurückgelassen werden. Rohe laquo;der wisse Seidenfäden (gefärbte reizen) werden in verschiedener Dicke gebraucht und sind, gut gedreht, so fest, dass eine Zerreissung nicht zu befürchten Steht, auch übertreffen sie alle übrigen Stoffe an Weiche und schneiden, was wohl zu beachten, selbst dünne Fäden nicht ein, es werden daher dickere gar nicht verwendet.
Katgut teilt im ganzen genommen die guten Seiten der Seide, ist aber viel weniger geschmeidig und liisst sich deswegen schlecht knoten; auch bedarf es einer viel sorgsanieren Desinfektion, es nmss erst gekocht und stets vor dein Gebrauch ans lOproz. Karbolöl entnommen werden, Katgut ist daher weniger beliebt als Seide und der Heilung bei Nullten aus dem (irunde oft sogar hinderlich, weil besonders die dünnste der 8 Sorten (Nro. 1) oft zu frühe von jungen Zellen infiltriert, er­weicht und so resorbiert wird, ehe eine feste Vereinigung der #9632;Wund­ränder stattgefunden hat
Entfernung der Fäden. Sie richtet sich ganz nach dem Einzel­lalle, d. h. nach der Verwachsung der Wundfläche, welche 5—7 Tage und mehr in Anspruch nehmen kann: man richtet sich hienach mit der Entfernung ein und lässt diejenigen Fäden am längsten liegen, welche noch Dienste leisten können. Sollten einzelne Hefte infolge der nicht zu vermeidenden Bewegungen der Tiere vor der Zeit nachlassen, sich lockern, so können ganz wohl auch neue durch die granulierende Wundfläche gezogen werden und sind solche sekundäre Nähte oft einzig dazu angethan, die schnelle Vereinigung zu garantieren.
Die Abnahme der Hefte geschieht gewöhnlich nicht auf einmal, da die Wunde wieder aufplatzen könnte, sondern in der Art, dass man irgendwo, meist dicht am Knoten, das stumpfe Blatt einer Scheere unter den Faden führt, den Knoten mit einer Pinzette fasst, durchschneidet und auszieht; um keine Zerrung zu veranlassen, muss man sich angewöhnen, die Extraktion in der Richtung gegen die Wundspalte hin zu vollziehen und nötigenfalls (wie bei der trockenen, olfenen Wundbehandlung] erst die Schorfe aufzuweichen. Jedenfalls können bei der an­tiseptischen Behandlung die Nähte viel länger ohne Schaden und ohne Eiterung liegen bleiben, als es früher der Fall war.
Metallfäden, gut geglühter feiner Eisendraht oder dickere Blei­drähte, werden ebenfalls in Gebrauch genommen, namentlich seit der Zeit, als man fand, dass Metall weniger reizt und deswegen länger liegen bleiben kann. In dieser Meinung unterzog mau sich den Un­bequemlichkeiten des Materials, dem Brechen der Fäden und der Schwierig-
ocr page 243
VII. Nähen. Die Xaht. Satura cliirurgica.
#9632;2'21
keit des Knotens. Feiner Draht von regulienischem Eisen liisst sich zwar zur Not zu einem gewöhnlichen Knoten schlingen, er passt jedoch nicht zu der Unruhe der Tiere und was stärkere Drähte betrifft, so können die Enden derselben nicht mehr geknüpft, sondern müssen schlingenartig aufgewunden und zusammengedreht werden (s. Schliugen-naht Figur 157). Auch bedarf man hiezu besonderer Nadeln, die hohl sind mid welche man zunächst ohne Draht durch die Wundränder sticht,
Fig. 153.
Fig. 154.
diesen dann durchschiebt, festhält und die Nadel über den Draht zurück­zieht (Figur 153a6c) oder fädelt man den Draht in eine gewöhnliche Heftnadel und knickt das kurze Ende am Öhr um, während mau bei Hohlnadeln eine Schlinge zieht, wie in Figur 154.
In der Tierheilkunde wird von derartigen Nähten jetzt kaum mehr (lebrauch gemacht, wohl aber hat sich die Bleidrahtnadel von Weiss in London praktisch gut bewährt und ist für manche Fälle, wo grosser Widerstand von Seiten des Gewebs bestellt, recht brauchbar.
Die Nadel zum Einziehen eines weichen, schmiegsamen Blei-drahts ist gerade, dreischneidig und besitzt statt des Öhrs eine Ver­tiefung an der Ferse mit einem Schraubengewinde (Figur 1495), in das der Bleidraht eingedreht und zugleich festgehalten wird; um dieses zu erleichtern, ist an beiden Seiten eine feine Spalte (beiß) angebracht. Hiedurch ist der Übelstand vieler Nadeln, dass nämlich der Faden oder das Bändchen am Öhr doppelt liegt und so das Durchziehen erschwert, beseitigt, keine Wundnadel durchdringt, auch das Gewebe so leicht, als die Welss'sche Bleidrahtnadel. Hauptsächlich Anwendung findet sie bei Vorfällen, After- und Mastdarmfisteln, wo die Enden aussei! nur umgelegt, jedoch täglich fester zugedreht werden.
Hering'B OperationBlehre. IV. Aufl.
15
ocr page 244
'220 Erste Haupt-Abteilung! Operationen an verschiedenen Stellen dos Körpers.
Allgemeine Regeln beim Nähen.
1.nbsp; nbsp;Nach der antiseptischen Reinigung worden die wunden Teile an einander gepasst, um einen Überblick über die mit einander zu vereinigenden und korrespondierenden Partien zu gewinnen; hierauf bestimmt man die einzelnen Stellen für die Hefte und verteilt sie nach Zahl und Tiefe.
2.nbsp; Mau teilt die Hefte so ein, dass die Wundrftnder In ihrer ganzen Ausdehnung sich eben und gleichmässig berühren, erstere dürfen daher nicht weiter von einander entfernt sein, als durchschnittlich lein: die heutige Wundbehandlung macht ein viel dichteres Schliessen der Wundlippen notwendig, als dies früher der Fall war.
;gt;. Der Einschnitt geschieht uugefälir so weit vom Wundraude weg. als die Nadel tief gehen soll und kommt diese immer in derselben Entfernung am jenseitigen Rande zum Vorschein: je tiefer die Wunde, desto mehr Gewebsmasse muss gefasst werden, desto stärker und breiter nuiss der Bindfaden sein und desto weiter entlernt geschieht der Ein-und Ausstich, dessen Winkel ein möglichst rechter sein soll, zu welchem Behufe die Haut immer senkrecht eingestochen werden muss.
4.nbsp; Die Hefte gehen alle hübsch parallel und quer über die Wundspalte weg und haben gleich weiten Abstand von einander (5—15 mm); dazwischen darf die Wunde nicht klaffen, noch eine Ealte oder in der Tiefe eine Höhle zur Ansammlung von Eiter bilden. Bei Tiefwunden, in denen die Hefte weiter in die Muskulatur hinabgeführt werden, krempen sich die Wundränder gerne stellenweise ein, während daneben die Ränder sich weniger gut berühren, es werden daher hier einzelne flach greifende Hefte eingelegt.
5.nbsp; Das erste Heft legt man immer da an, wo die Vereinigung am genauesten ausfallen soll, z. B. am freien Rande eines Nasenflügels oder Augenlides; im andern Falle kommen Verschiebungen zu stände: die Lage bei verzerrten Wunden hat ebenfalls das erste Heft zu be­richtigen und bei Lappenwunden legt man dasselbe durch das Eck, bei raehrlappigen in die Ecke des grössten Lappens.
(i. Die Ränder brauchen sich nur eben zu berühren, nicht mehr und nicht weniger; auch ist auf die nachfolgende leichte Entzündung Rücksicht zu nehmen, die immer die Ränder etwas nähert.
7.nbsp; Beim Knüpfen ninss ein Gehilfe die Ränder mit beiden Händen gleichmässig an einander drücken, was niemals durch die Hefte selbst geschehen darf.
8.nbsp; Ein höher stehender Hautrand wird dadurch in gleiches Niveau mit dem niedriger stehenden gebracht, dass man ihn entweder etwas herabzieht oder den letzteren hinauf.
9.nbsp; Die Fäden werden in der Regel erst dann geknüpft, wenn sie alle eingezogen sind, wo es aber auf exaktes Anlegen besonders
ocr page 245
VII. Nähen. Die Naht Satura cliirurgica.
227
ankommt, wird dort sogleich geknotet, an den am meisten sich retra-hierenden Steilen immer zuletzt. Bei Operationen am liegenden Tiere werden die Hefte in langen Füllen nur eingelegt und erst, nachdem das Tier aufgestanden ist, geknüpft.
10. Sämtliche Knöpfe werden nicht auf die Wundränder, sondern daneben gelegt und besser (wegen der abfliessenden Sekrete) an den obern Teil als den untern; auch sind die -Tiere nachher am Reiben und Nagen der Hefte zu verhindern.
Verschiedene Formen der Nähte. Man hat seit alten Zeiten eine Ueihe verschiedener Arten von Heften aufgestellt, als wichtigste von allen aber ist jetzt die einfache Knopfnaht anzusehen, die auch am häufigsten zur Anwendung kommt; seltener ist die umschlungene und die Zapfennaht, während alle übrigen nur mehr historisches Interesse in Anspruch nehmen können.
Die Knopfnaht. Satura entrecoupee.
Die Heftnadel wird, wie oben Seite 219 angegeben ist, Hand genommen (wobei die Fadenenden Über den Rücken der
m die Fincer
Fig. 155.
herabhängen) und hierauf durch beide Wundränder bogenförmig durch­gestochen. Die andere Hand greift dabei in der Art unterstützend ein, dass sie den einen Wundrand dicht an der zum Einstich bestimmten Stelle fixiert und spannt, bis durchgestochen ist und ihn dann behutsam etwas in die Höhe hebt, um die Nadel unter der Haut austreten zu sehen (Figur 155).
Hierauf fasst man den andern Rand — was wiederum mit der Hand oder eleganter mit einer chirurgischen Pinzette geschieht —. führt ihn der Nadelspitze entgegen und sticht ihn von innen nach ausscn durch; ehe jedoch dies geschiebt, müssen weit auseinander stehende Wundlefzen durch einen Gehilfen genähert werden und ist dabei zu beachten, dass sie nicht schräg verzogen werden, damit nachher nicht eine Falte oder ein Zipfel (wie bei einer schief zugeknöpften Weste) zum Vorschein kommt. Nachher wird ausgefädelt und soviel von dem Faden abgeschnitten, dass das zurückbleibende Stück gleich lailff zu
I
ocr page 246
228 Erste Haupt-Abteilung! Operationen an verschiedenon Stellen des Körpers.
beiden Seiten heraushängt und lang genug ist, um bequem einen Knoten schürzen zu können.
Letzterer ist ein chirurgischer Do pp elk not eni der sich nicht mein- spontan losen kann, bei dem aber liiinfig der Fehler gemacht wird, dass er zu fest geknüpft wird und so nicht allein stranguliert, sondern auch Veranlassung zu frühzeitiger Entzündung und Eiterung gibt, üchliesslich werden die Fadenenden dicht am Knopf abgeschnitten und die einzelnen Hefte hübsch parallel in Ordnung gelegt (Suture a points separes). AHcs übrige ist schon bei den allgemeinen Regeln an­gegeben worden.
Fig. 150. Knopfnaht.
Fig. 157. Schlingennaht,
Entspannungsnaht. Bei tieferen Wifnclen würden die gewöhn­lichen Hefte nicht weit genug nach abwärts das Gewebe vereinigen, dagegen bei der grossen Spannung die Wundränder allzusehr gegen-
'liPiamp;^liliiii^
Fig. 159.
Fig. 15S. Entspannungsnaht.
einander pressen, man legt daher neben diese, welche es hauptsächlich auf die Reunion der Hautränder abgesehen haben (Vereinigungs­nähte), eine zweite Art von Knopfnaht, die besser in die Tiefe greift und so die Oberfläche entlastet: man nennt letztere Entspanuungs-
ocr page 247
VII. Niilien. Die Naht. Satura chinirgica.
220
naht (Hilfsnaht, (Fij;-. 108). Beide Nahtreihen unterstützen sieh gegen­seitig In dem Bestreben, eine grössere Qleichmässigkeit In der An­näherung der gesamten Wundflftche herbeizuführen.
An solchen Stellen, an denen mehrere Wundspalten von mehr als einer Richtung her zusammentreffen, wie z. 15. bei dem T und Schnitt, hat man besonders darauf zu achten, dass die hervorragende Ecke des einen Bandes genau in den Winkel, welchen die gegenüber liegenden Wundränder bilden, hineingezogen wird, man legt daher am besten einen seidenen Bindfaden ein. der, wie Fig. löil zeigt, in Form einer Seidinge durch die ohern Bänder hindurchgezogen wird und diese gleich-massig umfasst.
Die Schlingennaht (Suture ä. anse) ist jene Modifikation der Knopfnaht, wobei die Fadenenden statt geknotet, je auf der ganzen Seite nur zusammen-geschlungen werden und dann aus der Wunde heraushängen, um nach dem Ver­kleben derselben jeden einzelnen Faden besonders ausziehen zu können (Figur 157).
Es versteht sich von selbst, dass hiedurch ein genaues andauerndes Au-einanderliegen der AVundränder niebt erzielt werden kann; die N'ahtforni war früher für Darmwunden bestimmt und Hess man die zusammengedrehten Schlingen aus der Bauchwundc heraushängen, um das Aufschneiden dor Knoten zu ersparen. Der Darm wird jetzt auf andere quot;Weise vernäht, die Schlingennaht ist daher ver­lassen, ebenso das Hindurchziehen nur eines Bindfadens durch sämtliche Stich­kanäle, um die Mühe dos wiederholten Einfädeins zu ersparen.
Die umschlungene Naht.
Diese Nahtform hat ihren Namen davon erhalten (Guy de Chanliac, Dieffenbach), dass man sie mit Nadeln ausführt, die in der Wunde bleiben und hier durch mngeschlungene Bindfäden fest­gehalten werden.
Fig. 160. Chirurgische Schlinge.
Fig. 161. Umschlungene Naht.
Man gebraucht hiezu gewöhnliche Stecknadeln oder weil diese blos stechen und schwer eingehen, die Insekten- oder Karls­bader na del n, welche, ans Takfong oder Messing gearbeitet, auf der einen Seite einen Knopf tragen und auf der andern platt geklopft sind, beiderseitig schneiden und lanzenförmig zugespitzt sind.
ocr page 248
'230 Erste Haupt-Abteilung! Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Man fasst die Lanzennadel am Stifte mit Daumen und Mittel­finger, setzt den Zeigefinger auf den Kopf und sticht sic quor (lurch die beiden Wundl'ftnder, der Druck ist aber genau in der Achse der Nadel zu führen, widrigenfalls sich die Nadel biegt und so unbrauchbar wird. .Jede ein/eine Nadel sieht rechts und links gleichweit vor und wird jetzt um Kopf und Spitze derselben Zwirn, Bindfäden u. dergl. geschlungen und zwar entweder in Form einer chirurgischen Schlinge (Figur 160) oder in gewöhnlicher OForm; auch kann der Faden auch um die andern Nähte fortgeführt werden, wodurch die 8 Form entsteht (Figur 161, Achternaht, Suture entortillee, ä tiges). Dieses Um­winden der Fäden (Umwundene Naht, Sutnra circumvolnta) veranlasst ein Aneinanderdrücken der Wundränder durch einen unregehnässigen Ring, die Schnure dürfen jedoch nur so fest angezogen werden, als zur Berührung der beiden AVundränder nötig ist, wobei sie aber meist, insbesondere an konkaven Stellen, wo die Nadeln federn, etwas heraus­gekehrt werden. Sind die Enden des Fadens zu einem Knoten geschürzt, so werden sie dicht davor abgeschnitten und die Nadelspitzen umgebogen oder abgekneift.
Die Bindläden verkleben bald mit Blut und tragen die dadurch entstandenen festen Borken ebenfalls zur Vereinigung bei, man entfernt sie daher wohlweislich erst nach vollendeter Heilung, während die Nadeln früher schon (vom 4. bis 5. Tage ab) ausgezogen werden können. Letzteres Geschäft erheischt Vorsicht, denn der dabei ausgeübte Zug kann nur in der Richtung geschehen, in welcher auch die Wundränder aus einander gedrängt werden, die frische Vereinigung wird daher leicht gefährdet und um dies möglichst zu vermeiden, muss die Nadel vor dem Ausziehen durch einige rotierende Bewegungen erst gelockert werden. Die anklebenden Fadenwülste lässt man am besten von selbst abfallen.
Die geraden Nadeln können nur dicht unter der Haut fortgeführt werden, der mechanische Effekt der umschlungenen Naht ist sonach nur ein oberflächlicher und pasgt diese auch nur für blosse Haut- oder Lappen-wunden und auch da nur bei dünner, schlaffer Haut, wie z. B. am Hals nach dem Aderlass (Seite 155); für tiefere Wunden oder wo viel Be­wegung und Zerrung stattfindet, hat sie nie zufriedenstellende Ergehnisse geliefert.
Schon die Einführung der Nadeln ist bei der stark resistenten dicken Haut der Tiere mülisam und geht häufig ohne Zuhilfenahme des Gourde n'sclien Xadel-haltcrs, der schon beim Aderlassen abgebildet wurde (Seite 155) nicht, auch ver­anlasst das Fortführen des langen Fadens von einer Nadel zur andern gerne Verzerrungen der Wundlippen, die ohnedies dabei eine starke Neigung zum Auf-vvärtsrollen zeigen; alle diese l beistände fallen hei der Knopfnaht weg und ver­dient diese auch der umschlungenen Naht durchaus vorgezogen zu werden, die jetzt tierärztlich fast ganz aussei- Gebrauch gekommen ist.
Gekreuzte Naht. Für mehr rundliche Wunden mit Substanzvorlnst, hei denen das Nebeneinanderlegen der Nähte keinen Zweck hätte, sticht man die Stecknadeln oder längere Metallstiftc in der Art ein, dass sie sich in der Wunde kreuzweise begegnen, worauf dann um die Enden der Nadeln Fadenschlingen zusammengezogen werden. Diese gekreuzte Naht lässt sich auch bei Kxstirpationen verwerten und ist davon schon Seite 101 die Rede gewesen.
ocr page 249
VII. Nähen. Uic ^aht. Satma cliimrgica.
231
^
laquo;;
Die Zapfennaht,
Uni bei gi'össereu, namentlich aber tiefen Wunden einen inehr
?leiclunässigen
Druck auf die Wundränder und deren unterliegende
Gebilde anzubringen und dadurch eine genaue Berührung in ihrer ganzen Elongation zu bewerkstelligen, hat man die Knopfnaht dahin modifiziert,
dass die Hefte derselben rechts und links an der Wundlinie durch je .'inen festen Körper unter einander verbunden werden.
Zu diesem Behufe wird stets ein doppeltes Fadenbändchen ge­nommen, dessen Enden zu beiden Seiten der Wunde über einen cylin-drischen Holzstab z. 15. ein Zimmermannsbleistift zusammengebunden
quot;•,
Fig. 162.
Zapfennaht, schematisch,
A A die Zapfen.
Fig. 103. Zapfennaht,
'
werden, die AVundlei'zen daher durch die beiden Stäbe ÄÄ oder Zapfen (Suture enchevillee) gleiclnnässig an einander gedrängt werden (Figur 162 und 163). Der mit einzubindende Zapfen kann, auch aus aufgerolltem Heftpflaster, aus Tampons von desinfizierter Watte oder Jute, aus einem langen starken Federkiel, aus einem Stück eines elas­tischen Harnröhrenkatheders u. s. w. bestehen, muss aber immer länger als die Wunde selbst sein und können die beiden Bftndchen ziemlich tief im Gründe der Wunde bogenförmig durchgezogen werden, denn es ist hauptsächlich auf die Vereinigung dort abgesehen und wird es aus diesem Grunde, falls die Oberfläche etwas klaffen würde, hie und da notwendig, einige flach greifende Knopfnähte dazwischen zu legen, also ein drittes Bändchen hinzuzunehmen (Knopf- und Zapfennaht.)
Diese Wundvereinigung ist im ganzen wenig gebräuchlich, kann aber für spezielle Fälle vortreffliche Dienste, leisten, denn die Naht trägt zur Heilung in der Tiefe wesentlich bei. liisst dort nicht leicht Sekretanstauungen aufkommen und die Nähte, reissen weniger, denn in ihrer Hauptwirkung kommt die Zapfennaht einer F,n t span nun gs-na ht gleich.
ocr page 250
'232 Erste Haupt-Abteilung: Operationen au versohiedeneu Stellen des Körpers.
Sonach passt sie besonders liei grosser Spannung und Zerrung, zum Heften dor Bauchdecken (Bauohnaht), boi grösseren, queren und klaffenden Muskel-wunden Oberhaupt. Namentlich schneiden auch bei unruhigen Tieren die Fäden weniger ein, doch können sie ebenfalls ausreissen, wenn die Tiere nach Operationen von Ihrem Lager sich erheben, die Mäht muss daher oft entweder erst beim Stehen geknüpft oder durch liinden unterstützt werden,
Uni letzteren Übelstand zu umgehen und an beweglichen Teilen der Naht mehr Sicherheit zu gewinnen, hat Degive 1S82 statt der Faden oder Litzen elastische Kautscliukhiindelien vorgeschlagen. Auf Jede Wundseite wird ein Streifen Heftpflaster aufgeklebt, der rechts und links bis an den Wundrand reicht und hier mehrfach durchlöchert ist; durch diese Öffnungen gehen die Gummibftndchen, die auf dem Heftpflaster an kleinen Zapfen befestigt sind — Suture elastique avec des bandes agglutinatives. Somit laufen die Bändchen, die bei jeder Bewegung des Tieres nachgeben, über die Wunde hinweg, es können die elastischen Fäden (getrennte Gummiringe) aber auch durch die Wunde selbst hindurchgezogen werden — Suture elastique e n c he V il 1 e e.
f '1
1! 1 |
if
rf is
IIY
4 1
i ^
M* '
y
. Uli'
lüg. 104. Zickzacknaht.
Fig. 165. Kürschnernaht.
Das Anlegen der Naht kann dadurch erleichtert werden, dass die Heftpflaster und elastischen Streifen vorher schon aneinander geheftet werden, um hierauf das ganze aufzukleben. Über die praktische Ver­wendbarkeit dieser elastischen Nahtform liegen zur Zeit noch keine hinreichenden Belege vor.
Die Zickzacknaht wird In der Weise durchgeführt, wie dies am besten Figur 104 demonstriert; die Hefte stehen rechtwinklig aufeinander, die Fäden laufen durch und werden je am Ende und Schluss geknüpft.
Die Kürschnernaht ist ebenfalls eine fortlaufende Naht, wobei jedoch die Fäden nach jedem Stich schräg über die Wunde weglaufen (rbenvendlingennaht).
Die Zeit, in der man den Faden durch sämtliche Stichkanäle hindnrehzerrt, ist vorüber, beide Mähte verdienen daher keine weitere Erwähnung und weiden am besten der Vergessenheit anbeim gegeben; auch stehen sie nur noch bei Sau-schneidern im Gebrauch.
Die Darmnaht ist im ganzen ebenfalls eine Knopfuaht, gehört indessen nicht hieher, sondern in den speziellen Teil.
ocr page 251
VIII. Ötl'neu der Abszesse und iilinliclier Geschwülste. Onkotomie. 233
S,
.V
VIIL Öffnen der Abszesse und ähnlicher Geschwülste,
Onkotomie,
Nicht selten kommt es vor, dass an der Oliertliielie des Körpers, unter der Haut im Zeilgewehe. Ansammlungen von Flüssigkeiten sich bilden, deren Entfernung am besten und schnellsten auf operativem quot;Wege erfolgt.
Solche Ansammlungsgesclnvülste. entstehen entweder von selbst, ohne bekannte Ursache und dringen offenbar von innen her gegen die Körper ob er fläche vor oder sie sind wie häutiger mechanischen, trau­matischen Ursprungs und entstehen aus akuten und schleichenden Ent­zündungen; sie enthalten dann entweder ülut, Serum. Lymphe. Exsudat, Kiter oder Jauche, sind daher von ganz verschiedener prognostischer Bedeutung. Solche Flüssigkeiten verschwinden oft wieder von selbst. werden im Zellgewebe verteilt, resorbiert oder sie drücken auf benach­barte Organe, zerfallen septisch und können so zu recht gefährlichen lokalen und allgemeinen selbst tötlichen Erkrankungen führen.
Blutgeschwülste. Flüssigkeitsbeulen.
Sie sind die Folgen von Entzüudungszuständen. welche auf­fällige Anschwellung, Ergüsse flüssiger Stoffe, Zerstörung subkutaner Weichteile nach sich ziehen und am häufigsten bei Pferden und Kindern, seltener bei Hunden vorkommen (Sattel- und (leschirrdruck, Stoss, Schlag, Tritt).
Es gibt auch (v)iietscluinp;södeme, die weich, teigartiff, wulstig von kaum merklicher Wärme sind zum Unterschied von jenen üesclnvülsten, die eine Quetschungsentzündung darstellen, vermehrt warm aber dabei derb, aespannt, mehr flach und schmerzliaft sind, während die Blutgeschwülste und andere l'lüssigkeitsheulen, namentlich aber Sugillationen gewöhnlich einen Hohlraum im Unterhanthindegewebe besitzen und sich dadurch von den vorgenannten Zu­ständen auszeichnen, dass die abgegrenzte Geschwulst kaum warm oder schmerz­haft, wohl aber elastisch gespannt und bald fluktuierend ist. Der gewöhnliche Ausgang ist entweder Zerteilung, allmälige Ausbildung einer IJindegowebsgescbwulsi oder vorwiegend Eiterung und Bildung einer Balggeschwulst, indem sich die Wände durch Anlagerung von verschiedenem organisationsfähigem Material schwielig um­wandeln und bindegewebig verdichten.
Bildung von Abszessen.
Die Grundlage bildet stets eine lokale Entzündung, welche auch weiter entfernt ihren Sitz haben kann und deswegen nicht einmal vermutet wird. bis es zu einer Eiterbeule in der Nähe der llautobertiäche gekommen ist.
ocr page 252
284 Erste Ilaupt-Abteiluiig : Operationen an verscliiedenen Stellen des Körpers.
Der Eiter enthält stets Spaltpilze, denen samt den emigiorten Leukozythcn aktive Beweglichkeit zukommt, er dringt daher von tiefer gelegenen Teilen oder (lurch die passiven lievvegniigen im Saft- und Lymphstrom von innen her gegen die Subkutis vor, deren lockerer Zellstoff ihm leichter Aufenthalt gestattet, als das interstitiellc (ievvehe. Nicht notwendig bildet sich hiehei eine begrenzte An­sammlung heraus, die eiterige Entzündung kann sich schnell über grössero Gewebs-Streoken bin verbreiten, in welchem Falle man (wie bei dem tliichenhafteu Fort­schreiten frischer Entzündungen] klinisch von Pblegmone spricht.
Während indessen der J'hlegmone immer der Charakter einer akuten Phlogose zukommt, ist der zeitliche Verlauf der eitrigen Ansammlungen Je nach dem Charakter der einwirkenden Noxen und der Entziindungsfäbigkeit des befallenen Gewehes ein sehr ditl'orenter. Man unterscheidet hienach heisse und kalte Abszesse. Bei dem heissen Abszesse verlauft die purnlente Zerstörung des Gewebes schnell, während der kalte Abszess (ohne Hyperämie der Umgehung) ein langsames Fort­schreiten der eitrigen Einscbmelzung darstellt.
Desgleichen entstehen ahszedierende Gewebsstellen durch äusserliche am häutigsten mechanische Einwirkungen, schon durch ganz leichte Verletzungen der Haut, von denen aus die Mikroorganismen sich in die Tiefe fortschieben und ent­weder Erysipelas erzeugen (Hüter) oder im Unterhautgewebe einen günstigen Boden für ihre Vermehrung und eine günstige Bahn für ihre Fortbewegung finden oder wird eine akute Entzündung phlegmonösen Charakters von einer Drüsen- und Lymphgcfässentzündung, wie insbesondere bei Pferden, begleitet, was den Beweis liefert, wie sehr der Lymphstrom geeignet ist, den Transport solcher Schädlich­keiten zu vermitteln.
Die nächste Folge der vorschreitenden Entzündung und Anhäufung von Eiterkörperchen, sowie Spaltpilzen in der Lymphe und den Wan­dungen der Lymphgefösse ist dann die Bildung von Lymphtromh.en, die sieii immer weiter fortsetzen und so Veranlassung zu Bildung von harten Strängen, Lymphaclenomen und Ausgang in suppurative Ent­zündung geben, wobei sieh nicht selten dunklere, schiefergraue Stellen bilden (McroCOCCUS pyoeyaneus). Aber auch durch noch weitere und zwar infektiöse Momente, die von aussei! auf irgend einem Wege eindringen, kommt es zu der genannten Entzündungsfonn und begrenzter Ansammlung von Eiter, wie /. 15. bei dem Panaritium, der Furunkulose, ivarbunkulose, bei der Lymphadenitis der Druse, dem gutartigen Wurm und sog. Einschuss am Hinterschenkel der Pferde und der chronischen Lymphangoitis ebendaseihst bei Rindern, bei den Lymphomen an der Ohrdrüse dieser Tiere (Igel- oder Ihlenkröpfe), den früher meist als „metastatische Abszessequot; bezeichneten Vorgängen u. s. w.
Weitere Stellen, wo solche jedoch den Traumen angehörende Eiter-geschwttlste bei den Tieren am häufigsten vorkommen, sind: der Schleim­beutel auf dem Atlas (Geiuckbeule. llalsbeule bei Ochsen), die Bl'USt-beinspitze, der Bug und Ellenbogen, die Schulter, der Bauch, die Leisten, der Mastdarm u. s. w.
Die Einteilung der hieher zählenden Geschwülste in reife und unreife, ihre Zerteilung und Behandlung u. s. w. gehört in die Chirurgie, hier kann es sich nur um operative Eröffnung derselben handeln.
#9632;:
Operation.
Oberflächliche Blutlaquo; oder Eiterbeulen, deren Härte von der Mitte aus sich zuerst verliert und bald einer eigentümlichen Spannung und
i:
ocr page 253
VIII. Öffnelaquo; der Abszesse und ähnlicher Geschwülste. Onkotomie.
^;ia
Fluktuation weicht, die der geübte Finger selbst in ziemlicher Tiefe unterscheideu kann, müssen grundsätzlich so früh als möglich durch Trennung der Haut geöffnet werden, um dem Fortschreiten der eitrigen (also septischen) Entzündung gründlich ein Ende zu machen und dadurch auch manche Gefahren (Fiterversenkimg. Lymphgefäss-entzündung, Athmungsbeschwerden, heftige Schmerzen. Gelenkperforation, l'väniie, Heptliiimie) zu vermeiden, von der Regel daher, wo möglich volle Reife der Eiterheule oder die spontane Öffnung abzuwarten, ist man heute gänzlich abgekommen, ebenso auch von der Eröffnung der­selben durch die Lanzetten.
Mit der Entleerung des Eiters allein ist es nicht gethan, .sondern die secernicrende Fläche nmss (statt mit unreinem Werg ausgestopft) offen behandelt und zerstört werden, wenn sie einer raschen Heilung zugeführt werden soll; dazu gehört zunächst die Verwandlung des Hohl-geschwürs in eine 'Wunde, Desinfektion oder selbst Ätzung derselben, Auskratzen mit dem scharfen Löffel (Seite 94), kurz Herstellung einer frischen, blutenden, gesunden quot;Wundfläehe, inn thnnlichst Verschliessung und prima intentio herbeizuführen. Jedenfalls darf sonach die Eröffnung nicht der „Naturquot; und ihrem Heilbestreben überlassen werden und auch die früher üblichen Atzmittel haben nur bedingten Wert.
Kleine. Abszesse, wie solche z. 15. an den Lynipligefässen aufzu­fahren pflegen, heilen meist von selbst, verseborfen in wenigen Tagen und können wohl sich selbst überlassen bleiben. Gefahren für den Ge-samtorganismus sind mit derartigen Eiterungen des Lympligefässsvstems, wie auch die i'fenlepraxis lehrt, nicht verbunden, die Lymphthromben (s. oben) versperren den Eiterzellen und Spaltpilzen den Weg zum grossen Kreislauf. Auch können kleine (oft schwer zu erkennende)
gt;
Fig. 166, Abszessspaltung.
Abszesse ganz wohl auch mittels der Lanzette eröffnet werden, wenn die Incision dabei gross genug ist, um offene antiseptische Behandlung einzuleiten und ebenso kann dann eine tüchtige Scharfsalbe rasch Hilfe schaffen, wie besonders bei harten, kalten,
torpiden Geschwülsten.
Fig. 167. Lanzenmesser.
Bei grösseren Abszessen begnügt man sich, wit' schon erwähnt, nicht mehr mit der einfachen Eröffnung und nachlierigen Einspritzung, man stiebt auch nicht an der untersten Stelle u. s. w. ein, sondern greift zum Lanzemnesser (Seite 88) oder einem spitzen Skalpell und schneidet die ganze
ocr page 254
1gt;[J(; El'Bte Hauptabteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Küipers.
liasis quer durch, also von einem Ende zum andern hinüber (Trans-flglerung) und zwar von innen nach aussen, um das elastische Zurückweichen der Haut vor der Klinge zu umgehen.
Die Erfahrungen der Neuzeit lehren, dass je energischer die Percision geschieht, desto mehr die Verheilung gefördert wird, denn nur dadurch ist ermöglicht, die Entzündungserreger und damit alle Hindernisse einer schnellen Vereinigung vollsttodig zu beseitigen; die Abszesswandungen legen sich in der ganzen Ausdehnung an einander und verkleben. Dieses Verfahren wird um so mehr notwendig, wenn das Granulationsgewebe der oft mehrkammerigen, buchtigen, mit einer Sekretionswand ausgekleideten oder mit fälschlich sog. pyogenen Mem­branen (Fibringerinnseln) tapezierten Abszesswandungen bereits eine Abweichung von der normalen Farbe*) erlitten hat und ist es um so erfolgreicher, wenn nachher durch einen Okklusiv-A'erband oder Kan-tharidensalbe jener Druck auf die getrennten Hautpartien ausgeübt wird, der so wesentlich eine Bürgschaft für die rasche Adhäsion bietet.
Bei umfangreichen Eitergeschwülsten und solchen, die an ge­fährlichen Stellen ihren Sitz haben oder bei denen mau eine vollständige Spaltung der nachfolgenden grossen Narbe wegen (wie bei Pferden und andern Gebrauchstieren) zu umgehen suchen muss, kann die Heilung modifiziert werden. Man leitet einzelne kunstgerechte luzisionen ein. macht Kontraöffnungen, zieht aseptische Haarseile durch, entfernt nur einzelne eitrig geschmolzene Hautpartien, erweitert spontan durch­gebrochene Stelleu mit dem geknüpften Bistouri, legt nach hydrostatischen Pegeln Drainageröhren ein, vorordnet antiseptische, selbst kaustische Einspritzungen u. s. w.
Was die Entleerung auf dem Wege der Aspiration betrifft, so ist davon schon Seite 98 die Pede gewesen; immerhin wird man von diesem Verfahren seltener oder nur bei sehr tiefen Abszessen Gebrauch machen, insofern dabei geformte krankhafte Materien (Fibrin- und Blut­gerinnsel, Flocken von Zellenhaufen, nekrotische Gewebsfetzen, die stets mit Eiterkörperchen und Mikroben durchsetzt sind) zurückgelassen werden, welche Rezidive zu schaffen geeignet sind. Das Glüheisen wird zur Eröffnung namentlich der Kehlgangsabszesse viel in Frankreich benützt und soll den Vorteil haben, dass die Öffnung nicht so bald verwachst.
Endlich ist noch darauf aufmerksam zu machen, dass htlufig auch die Ein-schnitte notwendig werden, um dem Auge oder fühlenden Finger Gelegenheit zu .gehen, Über den Zustand der Abszesshöhle Aufschluss zu verschaffen; ehenso ist oft der gefährlichen Nachbarschaft wegen ein schichtenweises, vorsichtiges Vor­gehen mittels des Trokars notwendig oder müssen unterminierte Hautpartien, welche ihres atrophischen Zustandes wegen unfähig sind, kräftige Granulationen ZU produzieren, häufig ganz abgetragen werden und gilt dies auch von dem hierauf zu Tage tretenden kallösen und sonst degenerierten Gewehe, os eröffnet sicii somit einem umsichtigen Operateur bei der früher für so einfach gehaltenen Ahszess-hehandlung ein grosses Feld der Anwendung chirurgischer Kenntnisse.
*) Der Eiter ist bei Pferden gelb, dicklich, rahinähnlich, bei Schafen, Hunden mehr lichtgraulich, dünn, serös.
-L
ocr page 255
VIII. öffnen der Abszesse und ähnlicher Gesclnviilstc. Onkotomio.
IX. Öffnen der Gelenk- und Sehnenscheidengallen.
Die krankhafte Erweiterung der Gelenkkapseln und Sehnenscheiden, wie sie durch eine exzessive AnMufung des Inhalts bedingt werden, hat man ihrer rundlichen Gestalt wegen von Alters her Gallen (Gallae) genannt. Sie kommen sehr häufig vor, man trifft sie jedoch, was sehr bezeichnend für ihre Atiologie ist, fast nur bei Pferden, Arbeitsochsen und Jagdhunden an.
Ausser einer individuellen Anlage verdanken die Gallen ihre Entstehung namentlich itusseren mechanischen Ursachen, wodurch sich eine kaum merkbare scbleicbende Synovitis serosa ausbildet und bestellt auch der Inhalt der dcittlicli abgegrenzten, elastisch gespannten Anschwellungen an den Glicdniassen aus einem wässrigen Krguss, bald mehr von seröser, bald mehr von synovialer Beschaffenheit (ebronischer Ilydartbros). Der Ausgang in Uesorption ist eine ziemlich seltene Erscheinung, zumeist bleiben die Gallen unverändert bestoben oder wechseln docli nur wenig in ihrem Bestände, nicht selten nehmen sie aber an Umfang zu, schmerzen und geben zu Lahmheiten Veranlassung, gegen welche die gewöhnlichen chirur­gischen Mittel oft nichts ausrichten. In solcbeu hallen erheischen die Gallon ein mehr kategorisches Verfahren, das nur in der Operation bestehen kann, von der auch allein hier die Rede sein soll.
Man sieht die Gallen am häufigsten am Fesselgelenke (runde Fessel-oder Flussgalle, Flussgalle der Sehnenscheide), am Sprunggelenke (durchgehende oder Kreuzgalle, Pfanngalle, Beuge- und Strecksebnengalle, Ferscngallo oder weiche Hasenhacke) und am Vorderfusswurzelgelenke (Vorderkniegalle, Kniebogen-iralle, Strecksebnengalle des Schienbeins oder als Knieschwamm bei Rindern): die (#9632;allen des Hinterknies sind sehr selten, dann aber die griissten von allen.
Beim chronischen Verlaufe der Gelenksgallen nehmen schliesslich immer auch die Wandungen der Kapsel Anteil an dem krankhaften Vorgang und findet man die Synovialis intima dann regelmässig nicht nur mit Faserstoffgerinnseln, zellenreichen Flocken gelatinöser Art (Syno­vitis seroflbrinosa) und dunklen, schiefergrauen Platten (Micrococcus pyoeyanogeneus) bedeckt, sondern auch mit bindegewebigen Vegetationen und /ottigen Wucherungen besonders an dem knorpligen Überzuge der Gelenkflächen (Chondritis pannosa und granulosa), die man früher als durch „Organisationquot; der Fibrinkoagula der Wandungen entstanden sich dachte, die aber nur als die Konsequenzen der andauernden, durch den Gebrauch der Tiere immer wiederkehrenden entzündlichen Reizung der die Synovialhöhle zusammensetzenden Gewebe anzusehen sind und meist als indurierte Gebilde sich durchfühlen lassen (kalte, verhärtete Hallen, hvperplasierende Synovitis). Bei starker Füllung und Spannung kommt es manchmal auch zu Gewebsrupturen, so dass auch die nächstgelegeneh Gebilde in den synovitischen Prozess hereingezogen werden, indem der intraartiknläre Inhalt austritt, sich dort ansammelt und so mehrere Geschwülste an demselben Gelenke entstehen.
%
ocr page 256
'i
quot;ioö Erste Haupt-Abteilung: Operationen au verscliiedeiicn Stellen des Körpers.
An den Sehnenscheiden tritt die chronische Synovitis in der­selben Weise auf, wie in den Gelenken und partizipieren schliesslich gerne auch die Seimen mehr oder weniger (Tendovaginitis), das oft un­gemein harte Anfühlen dieser Gallon rührt alier gemeinhin weniger von den (iranulationsgescliwiilsteu her, als vielmehr von der prallen Füllung des Sackes und der stark eingedickten Synovia, so dass jede Fluktuation verschwunden ist.
Die ohirurgisoben Mittel, welche je nach dem Stadium, Charakter und Grade der Ausdehnung hier zur Anwendung kommen, sind hauptsächlich Eesorptionsmittel (festes Einbinden, Druokvorband mit Qyps, Wasserglas, Kautschukbinden, Feuer), dann die Reizmittel wie Kantliarideusalbe, scharfes Pilaster, Jodquecksilher, Jod­tinktur und besonders auch, da man es ausserdem oft nur mit reinen Erschlatlungs-ZUStänden m\ thun haben kann, kräftige Adstringiermittel oder öftere Einreibungen mit Schwefelsäure (1: 2—5 Spiritus verdünnt).
Anzeigen der Operation. Solche liegen nur dann vor, wenn mit Gallen Lahmheiten verhunden, die entzündlichen Symptome aber bereits abgelaufen sind und man ausserdem noch nicht allzusehr degene­rierte Säcke vor sich hat. Hat man es mehr nur mit Schönheitsfehlern bei den Gallen zu thun, so enthalten sich die meisten Tierärzte jedweder Behandlung, selbst auch der blossen Einreibungen, die meist nichts weiter zu stände bringen, als (wie das Brenneisen auch) hässliche Narben oder haarlose Stellen, die der Schönheit mehr Eintrag thun, als das Leiden selbst.
Operation der Gallen.
In letzter Zeit hat die operative Entleerung der Gallen eine grössere Rolle gespielt, als jemals und sind deswegen auch verschiedene Operations­methoden aufgekommen, von denen jede ihre Vor- und Nachteile hat, im ganzen aber sind, vornehmlich was die Entleerung der Gelenksgallen betrifft, noch nicht durchweg zufriedenstellende Ergebnisse zu registrieren, obwohl auch diese Operation durch die moderne Antiseptik ganz wesent­lich gewonnen hat und Todesfälle jetzt kaum mehr vorkommen, wie noch vor kurzer Zeit.
Die Operation besteht entweder darin, dass man einen Einstich oder einen Einschnitt in den Synovialsack macht oder auch eine Art Haarseil durchzieht, ebenso wird von dem Gliiheisen Gebrauch gemacht.
Die Punktion der Gallen — es handelt sich vornehmlich um Sehnenscheidengallen — geschah früher in der Art, dass man nach dem Abscheeren der Ilaare und gründlicher Reinigung der Stelle mit einer pyramidenförmigen Lanzette, einem Spitzbistouri, Aderlassschnäpper oder einem feineren (Schaf-)Trokar die Kupselwand durchstach, um eine Entleerung des krankhaft sezernierten Inhaltes herbeizuführen. Schlimm war dabei der Eintritt von Luft und das Nachfolgen ungemein heftiger Entzündungen und grosser Schmerzen, man half sich daher dadurch, dass man nach JMirchstecliung der Haut das Instrument in der Subkutis weiterführte und weiter oben erst in die Synovialhöhle eindrang, die beiden Otl'iuuigen somit nicht auf einander passten. Der Inhalt wurde
ocr page 257
Yin. Offnen der Abszesse und alinlichei' Geschwülste. Onkotomie. 239
claim ausgedrückt, der Teil fest eingebunden und energisch gekühlt (Böttger, Hertwig).
In dieser Weise erreichte mau manche Heilungen, häufiger kam es aber zu üblen Folgen und Wiederansammlungen, man schritt daher /n
Incisionen der Galle, drang mit einem Spitzmesser, jedoch eben­falls nicht direkt ein, und suchte die Schnittstelle wie eine gewöhnliche quot;Wunde zn behandeln. Nachher griff man hauptsächlich zur Scharfsalbe, um eine Ableitung auf grössere Hautflächen zu erzielen. In dieser Weise operieren manche Tierärzte noch heute.
Das Einziehen eines Haarseiles mittels eines feinen Trokars wurde elien-falls versucht, zuerst von Garsault 1746, hatte aber ebenfalls venig günstige Erfolge aufzuweisen, doch will Pütz mittels Durcbziehens einer seidenen SchttUl' (durch Strecksehnengallen, Sprunggelenksgallen) stets geheilt haben; es tritt Eiterung ein und die Wunde bleibt so lange unter Verband liegen, bis die Höhle nach (gt;—8 Wochen ausgeheilt ist.
Andere Praktiker gingen weiter und suchten analog dem Verfahren beimMenschen (Velpeau) die krankhafte Sekretionsfläche „umzustimmenquot;, um so Rezidiven zuvorzukommen; man erreichte auch in der That bei Hydrocele durch Einführen von weissem Wein und später durch Jod­lösungen brillante Resultate und die Ausheilung erfolgte auf dem Wege einer adhäsiven Entzündung.
Die Injektion der Gallen wurde dann besonders von den fran­zösischen Tierärzten lebhaft aufgenommen und bediente man sich haupt­sächlich der Jodlösung 1:1—2 Weingeist; soviel als Synovia ausfloss, soviel liess man von ersterer durch eine Trokarhülse einlaufen, entfernte die Solution aber schon nach wenigen .Minuten durch sachtes Kneten (Thiery, Leblanc). Heftige und gefährliche, ja tötliche Entzündungen blieben auch hiebei nicht aus, Bouley Hess daher nicht alle Synovia ausfliessen, verteilte nur eine kleine Quantität der .Jodtinktur, verdünnte sie auf 1:10—12 und liess ebenfalls schon nach 2—3 Minuten aus-tliessen. Nachher wurde durch Eis und eine nachfolgende Kanthariden-salbe der Entzündung energisch entgegengetreten.
Die Grosse der Entzündungsgesclnvulst erreicht nachlicr gewöbnlicb den vorherigen Umfang wieder, ja übertrifft die Grosse der früheren (lalle häufig, sie nimmt aber nach etlichen Tagen allniiilig ab, und dauert lange fort, bis ein Erfolg etwa nach 4 — 0 Monaten zu bemerken ist. Der tierärztlichen Littcratur zufolge sind mit dieser Oiierationsweise glänzende Resultate erzielt worden, aber auch ebeusoviele Misserfolge, sie hat daher in der Praxis nie recht Anklang linden können. Bei Gelenkgallen waren die Ergebnisse absolut schlecht (viele Todesfälle), bei den Beugesebnongallen ein wenig besser, relativ am günstigsten bei Streck­sehnengallen.
Weiter wurden auch Heilungen versucht durch Acnpunktur (s. diese), durch Einstechen von Glühnadeln (s. Brennen) oder durch Elcktropuuktur. Nachberiges Bähen der Teile, Einreibungen von Scharf- oder Jodsalben, Druckverband auch mit elastischen Binden u. S. w. empfehlen sich am meisten.
Die heutige an ti septische Behandlung der (iallen hat die Operation, wie sich leicht denken last, wesentlich günstig heeintlusst, obwohl auch sie. den Erfolg keineswegs in allen Fällen sichert. Die Eröffnung der Synovialhöhlen bleibt immer eine delikate Sache, die Wandungen der-
ocr page 258
1
1)40 Erste Haupt-Abteilung: Operationon an versdiiedenen Stellen des Körpers.
selben sind anatomisch zu Entzündungen zu sehr disponiert und ihre lluldriiume ganz dazu angethan, dass die ersten EntzUndungsprodukte, welche in (lie Synovia gelangen, von ihr aus sich über die ganze Aus­dehnung der Höhle verbreiten, also eine anfänglich lokalisierte Ent­zündung schnell zu einer allgemeinen und zugleich heftigen wird.
Die Eröffnung und Entleerung der Gallen an und für sich kann unmöglich genügen, die krankhafte Sekretion dauert fort und hört erst dann auf, wenn eine ausgiebige synovitisclie Reaktion nachfolgt, welche dem ganzen Prozess dadurch ein Ende bereitet, dass es allseitig zu biudegewebigen Indurationen und Verwachsungen gekommen ist. IHese reaktive Entzündung hat der Operateur nicht immer in der Hand, sie wächst ihm häutig gleichsam über den Kopf. Die eintretende Luft, die so sehr auch bei anderen Arthropathien gefürchtet wird, ist es an und für sich auch nicht, welche den Erfolg der Gallenoperationen illu­sorisch macht, sondern lediglich der Umstand, dass sie stets entzündungs­erregende Spaltpilze enthält, das Überhandnehmen der traumatischen Entzündung wird auch in der That dadurch vermieden, dass, nachdem die Luft nie ganz abgehalten werden kann, unter Karbolnebeln operiert wird, was daher nicht unterlassen werden soll und um so eher geschehen kann, als der Spray in der Tierheilkunde eigentlich nur bei der Arthrotomie indiziert ist.
Ohne die .. Umstimmungquot; der Sekretionsfläche kann es gleichfalls nicht abgehen und eignet sich gewiss Jod hiezu am besten; es ist das kräftigste von allen Injektionsmitteln, zugleich aber auch das gewalt-thätigste und deswegen gefährlichste, das man auch bei durchaus kunst­gerecht ausgeführter Operation nicht sicher genug in seiner Gewalt hat, namentlich nicht, wenn es für sich allein mit Weingeist und Wasser verflüssigt wird, in welcher Lösung es gerne teilweise ausfällt und so (am ehesten in grösserer Verdünnung) zu Entzündungsexzessen Ver­anlassung gibt; letzterer ('beistand fällt alsbald weg, sobald Jodkalium bei Jodlösungen mitbeteiligt ist. Die quot;Wirkung bestellt einzig in der entzündlichen Reizung, wodurch es nicht allein zum Verschwinden der Produkte des krankhaften Vorganges in den Gallen kommt, sondern auch zu einer Verödung der Sekretionsfläche überhaupt und liegt darin fast ausschliesslich der Grund zu dauernder Heilung. In den Gelenken kommt dies alles viel schwieriger zu stände, es sind daher bei Gelenk­gallen bis jetzt auch nur ausnahmsweise vollständige quot;Wiederherstellungen zu verzeichnen.
Die antiseptische Punktion der Gallen.
Das heutige öffnen der Gallen geschieht fast nur mehr mittels der l'ravaz'schen Spritze, welche mit einem besonderen Trokar (Gallen-trokar) armiert wird, wie er ersterer meist ohnedies beigegeben wird und 1—1.5 mm weit ist. Seltener wird die Spritze mit dem Aspirateur vertauscht, der hier als überflüssig bezeichnet werden muss, die feinen Hohlnadeln lassen geformte krankhafte Stoffe (Fibrinflocken, Zellen-
ocr page 259
VIII. Offnen der Abszesse und iihnlicher Gescliwiilsto. Onkotomio. ^il
häufen) zurllck und machen so lt;lin Wirkung therapeutischer Punktionen Illusorisch.
Nach grüudlicheni Abscheeren der Haart1 und Reinigen der Galle in ihrer ganzen Umgebung, sowie der Hände mit Karbolwasser (8 %) entnimmt man letzterem den Trokar samt der Hülse und sticht Ihn an dor geeigneten .Stelle bei etwas nach aufwärts gezogener Haut kräftig in den gefüllten Synovialsack ein, zieht das Stilet aus. lässt die Flüssig­keit ablaufen und setzt dann in die Kanäle die Spritze ein, um die Jodlösung zu Injizieren. Die Entleerung letzterer hat nach 2—3 Minuten möglichst vollständig durch vorsichtiges Drücken mittels der Hand ZU geschehen, was aus dein Grunde nötig erscheint, weil jene nicht so leicht aus den Zotten, Buchten und Kammern der Synovialhöhle sich verdrängen lässt.
Nach dem Ausziehen dor Hülse verschiebt sich die Haut wieder nach ali-wilrts, die Luft lässt sich aher nicht ganz abhalten, der Karholspray daher nicht gut entbehren, am wenigsten heim Gallenschnitt. Das Trokarieren erleichtert man sieb wesentlich, wenn durch entsiirechendo Stellung des Gelenkes (am stellenden oder liegenden Pferde) der Inhalt der Galle nach der zu fungierenden Stolle hin­gedrängt, die Spannung der Haut und der Weicbteile dalier erhöht wird. In 3—5 Wochen soll die Heilung erfolgen, die selbst prima intentione geschehen kann, meist alier mit Obliteration verknüpft ist und sieb auf '/j Jahr ausdehnen kann. Als Injektionsfliissigkeit wählt man entweder die Jodlösung oder wie in neuerer Zeit 2—4prozentiges Karholwasser, mit -welchem nach der Entleerung reichlich ausgespült wird. Jod darf nicht zu schwach angewendet werden. Folgende Solutionen haben sich am meisten bewährt:
Jodum anglicum 1,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Jodnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;1,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Jodnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;1,0
Kalium jodatum 1,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Jodkaliumnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;2,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Jodkalium 1,0
Spiritusnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 10,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Dest. Wasser 30,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Wasser 5,0
Aqua dostillata 30,0nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; *,,
Injektionsllüssigkeit. Guibo urt. Lugol'sche Lösung. Hoffmann'sche Lösung. Letztere taugt besonders für schwerere Fälle oder wo man es mit eitriger Synovitis zu tbun bat; sie ist keineswegs zu stark, die Guibourt'sche eher zu schwach, für manche Fälle aber sehr sicher und doch milde vorgehend.
Antiseptische Incision der Gallen.
Schwierigkeiten bieten nicht selten die Zotten, Exkavationen und Anlötungen, welche ein direktes Ausräumen der Synovialhöhle notwendig machen, um auch da und dort liegende Gerinnsel entfernen zu können, was am besten durch den gekrümmten, aseptisch reinen Finger geschieht. Man vertauscht den Gallentrokar mit einem Spitzbistouri, legt das Tier nieder und bricht sich durch einen geeigneten Schnitt Bahn für den Finger.
Der operative Eingriff ist ein bedeutender und sollte nur unter Karbolnebel geschehen, obwohl auch ohne diese neuestens Heilungen gehmgen sind, desgleichen haben Lustig, Johne n. A. den Beweis geliefert, dass der lucisionsmethode nunmehr ein grösserer Spielraum in der Praxis eingeräumt werden kann.
Nach der Entleerung des krankhaften Inhaltes prüft der eingeführte Finger die Beschaffenheit der Intima, bricht nötigenfalls da oder dort
Hering's Opcrationslehre. IV. Aull.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 10
ocr page 260
242 Eiste Ilanpt-Abteiliing: Operationen an verschiedenen Stellen dos Körpers^
(lurch, führt delleicht eine desinflzievte Sperrplnzette, Kornzänge u. s. w. in die Sehnenscheide und sucht wenn nötig eine geeignete Stelle für eine Kontl'aöffuung auf. Nachher wird mit Karholwasser gut ausgespült, eine oder mehrere eingefädelte Draiiirülicchen eingelegt, diese samt der Schnittwunden dicht vernäht und nunmehr statt aller Scharfsalbenu. dergl. gelistert. Schon nach wenigen Tagen, da Entzündungszufftlle nicht eigent-licll eintreten, beginnt man mit dem Kumpressivverhand und der Iimuo-bilisierung, wozu sich die Martin'sche elastische Binde (S. 125) vorzüglich eignet.
X. Entfernung der Geschwülste. Exstirpatio.
i
Die praktische Veterinftrchirürgie hat es häutig mit Geschwülsten (Neubildungen, Neoplasmen, Aftergebilden) verschiedener Art zu tluin,
die auf keine andere Art unschädlich gemacht oder entfernt werden können, als auf dem operativen Wege.
Sie bieten namentlich in pathologisch-anatomischer Beziehung eine gropse Mannigfaltigkeit, ebenso in ihrer Bedeutung für den Gebrauch der Tiere und der Rückwirkung auf den Gesamtorganismus, alle aber bestehen aus demselben Gewehe, aus dem der Körper ebenfalls zusammengesetzt ist, sie repräsentieren daher die lilosse Wiederholung von Qewebsbildungen, die meist eine rundliche, umschriebene Form annehmen und iilier die Oberflache des Körpers hervorragen (histioide Gewächse). Massgehend für die Art eines solchen Tumors ist die Ursache seines Entstehens und der Mutterboden.
Von mehr praktischer Wichtigkeit ist die Art des Wachstums, ob die Neu­bildungen unverändert, solitär bleiben, sich vergrössern, weich, zellenreich oder fest, blndegewebig sind, sich in die gesunde Umgebung hineinschieben, das Nachbar­gewebe inliltrieren, Metamorphosen eingehen und dadurch bösartig werden, ob sie nur eine lokale Bedeutung haben oder aber in konstitutionellen Verhältnissen wurzeln, also ihre Entstehung einer spezifischen Krnährnngsanomalie verdanken, ob sie mit Vorliebe rezidivieren u. s. w. Wahrscheinlich gehen alle diese (iewebshypertropliien, wie man jetzt annimmt, von einer eigentümlichen Beschaffenheit der fötalen Keim­blätter aus und datieren so schon aus der Periode der sich differenzierenden Ei­zelle her, wobei es stellenweise zu einer Proliferation ohne physiologischen Abschluss gekommen ist (embryonale Anlage zu Exostosen, Melanomen, Krebsen).
Je nach der Lage, Grosse und Beschaffenheit einer Geschwulst kann die Operation zu den einfachen, aber auch zu den schwierigen gehören und ist aussei- den anatomischen Verhältnissen (Xiihc von Ge-fiissen. wichtigen Nerven, Lymphdrüsen) noch besonders der allgemeine Gesundheitszustand des Tieres in Berücksichtigung zu nehmen. Schwache Tiere kommen schon durch eine an und für sich ungefährliche Exstlrpation arg herab, andere verfallen nachher in ein förmliches Siechtum, bezw. durch die beständig zur Resorption gelangenden Zerfallsprodukte in eine Art Gesclnvulstkachexie (chronische Sepsis) und gehen, wie nament­lich die Hundepraxis lehrt, ohne weitere Veranlassung schnell zu Grunde. In andern Fällen gewinnen zum Unterschied von den auf den Ort, ihrer Entstehung sich beschränkenden Tumoren die diffusen eine weitere Bedeutung für den Organismus dadurch, dass in ihrer Umgebung sog.
.
ocr page 261
X. Entfernung der Geschwülste. Exstirpatio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 243
Tochter knoten zahlreich aufschlessen und so der Kreis des dor Tmnes-zenz verfalleneu Gewebes In Überraschender Weise erweitert wird, (Papillome beim Jimgvieb).
Unter andern Umständen können Geschwülste auch gar nicht operiert werden, #9632;wenn sie an schwer zugänglichen Orten vorkommen, wie z. ]gt;. im Rachen oder sind sie ganz unschädlich, bleiben besser unangetastet (Chondromc an der Schulter, den Rippen, im Enter der Hunde, Melanome) oder verschwinden von selbst, indem sie an ihrer Basis eintrocknen, schrumpfen und wegfallen (Warzen, zerklüftete bluraen-kohlähnliche Kondylome), Ausserdem müssen nicht selten Operationen aus dem Grund unterlassen werden, weil sie, grössere wunde Flächen hinterlassen, die sich schwer eindecken oder dass die Neubildungen flächenartig auftreten und so jeder Behandlung trotzen, vie insbesondere Fasergeschwülste an den hintern Extremitäten der Pferde.
Hienacli gestaltet sich die chirurgische Behandlung der Geschwülste sehr verschieden, am sichersten und schnellsten ist aher jedenfalls die Ausrottung' durch das Messer; medikamentöse Einreihungen, reizende Zerteilungsmittel, eiterhefor-dernde Substanzen u. dgl. sind einschliesslich der Ätzmittel nur Notbehelfe, die Wirkung in die Tiefe ist ungenügend oder kommt es zu noch üppigerem Wachstum. Doch sind Atzmittel tierärztlich nicht immer ganz zu entbehren, es eignen sich jedoch nur wenige; die rauchende Salpetersäure steht obenan und übertrifft selbst die Chromsäure durch ihre Aktion in die Tiefe, während am schnellsten von allen Kausticis das Kalihydrat vorgeht, die übrigen Mittel sind für die in Rede stehenden Zwecke (aussei' der Arsenikpaste) nicht brauchbar.
In ähnlicher Weise verhält es sich mit den früher vielfach in Anwendung gezogenen innerlichen Mitteln zur Beseitigung der Neubildungen, wie der Fowler'schen Lösung, dem Jodkalium, Spicssglanz, Schwefel, Seeale cornutum etc. und kann ihnen nur ein bedingter Wert zuerkannt weiden, oder greift man nur zu ihnen ut aliquid fiat.
Die verschiedenen Methoden der Beseitigung von Geschwülsten haben, wenn sie auch teilweise mir selten angewendet werden, doch ihre Berechtigung, da sie bei der grossen ManigMtigkeit der Neubil­dungen diesen je nach ihrer Art angepasst werden können. Im ganzen nimmt aber das Messer den ersten Hang ein und kann die Entfernung auf diesem (blutigen) Wege fast überall und immer geschehen, nur muss hiebet als oberster Grundsatz gelten, gutartige Tumoren unter möglichst weitgehender Schonung der Nachbarteile, bösartige dagegen mit Wegnahme breiter Schichten zu beseitigen.
1. Einschneiden der Geschwülste. Dicht unter der Haut liegende Afterbildungen, namentlich wenn sie einen Balg mit flüssigem, breiigen Inhalt, dem Produkte der epitheltragenden Innenfläche ent­halten (Balggeschwülste, Kystorae, Dermoidcysten) können, da sie gut­artiger Natur sind, mit dem gehallten Bistouri der Länge nach auf­geschnitten, entleert und dann mittels Druckverband zu heilen versucht werden; viel weniger empfiehlt sich das Idosse Anstechen mittels des Trokafs, denn der Balg füllt sich in kurzer Zeit wieder, man muss ihn daher zerstören.
Dies geschieht dadurch, dass mau mittels Punktion eine phlogogene Substanz injiziert (Jodtinktur) und ihn so zur Verödung zwingt. Das-
s
A
ocr page 262
'24-t Erste Kaupt-Abtellüng: Operationen an voi-schiedenen Stellen dos Körpers.
seihe kamt (luvcli ein llaarseil geschehen, durch Ausfüllen der Kyste mit Tampons, durch breite Eröffnimg der ganzen Geschwulst, bezw. ilnrs Sackes und Unterhaltung der Eiterung, dui'di Einfuhrung eines Gltiheisens bei weit auseinander gehaltenen Wundi'ftndern, sowie von Atzpasten. Desgleichen können Höhlen mittels des scharfen Löffels ausgekratzt werden, bis sie bluten, was besonders in jauchendem Ge­webe, karzinoiuatösen Geschwüren von Vorteil ist.
Ks folgt stets Entzttndung und Anseiterung nach, wodurch die Wftnde der Geschwulst zerstört und entfernt werden. Man kommt dadurch allerdings in lang­wieriger Weise zum Ziele, das Verfahren lässt sich aber nicht immer umgehen, wenn man das Ausschälen wegen der gefährlichen Nachharschaft scheut. Eine Hauptsache bleibt, die Einschnitte energisch auszuführen. In dieser Welse können auch Kummet-, Stell-, Brust- und Schleimbeutol bis auf den Grund eingeschnitten und dann ausserdem noch mit Kantharidensalbe ausgeschmiert werden.
Fig. 168.
Fig. 169.
2. Das Abbinden in seinen verschiedenen Formen hat bei den Geschwülsten einen grossen Wirkungsbereich, es eignen sich jedoch nur solche dazu, die mehr oder weniger gestielt sind oder sich künstlich stielen lassen, wie viele Papillome, Fibrome, Sarkome. Drüsengeschwülste, Polypen.
Bei kleineren Gewächsen geschieht die Ligatur durch einfache Zwirn- oder Seidefäden, gewichsten Spagat, Kastriersclmiire, Messing-dräiite. die man dicht um den dünnsten Geschwulstteil unter starkem Hervorziehen desselben umlegt, so fest als möglich, nötigenfalls unter
H
ocr page 263
X. EatferouDg der Gpsclnviilstf. Esstirpatio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;^.15
Zuhilfeuahme von Knebeln zusainmensclinüi't und iilsl)iil(l einen eliinn-gischen Knoten schlingt. Alles weitere besorgt die nachfolgende Eiterung, wenn mim nicht vorzieht, den Teil kui'zwog abzuschneiden. Letzteres kann Überhaupt bei vielen kleineren Neubildungen, insbesondere knotigen (bei Llpomen, Nervengeschwülstchen u. dergl.) ohne weiteres geschehen, der Blutung wird man schon Herr werden.
Betgrösseren, mehr breitbasigen Tumoren kommen die übrigen LigatUrformen an die Reihe, wie sie schon Seite 100 des näheren an­gegeben wurden. Insbesondere empfiehlt sieh auch die dort besprochene elastische Ligatur mit viereckigen Kaiitscliuk))friemen oder feinen englischen Gummiröhren, denen oft zur Stütze wie bei der perkutanen Unterbindung Metalistifte unterstochen werden. Zu bemerken ist dabei, dass die nachfolgende faulige Zersetzung (Gewebsverwesung) gefährlich werden kann, wenn in der Tiefe bei noch fortbestellender Blutzirkulation eine Aufsaugung erfolgt, man operiert daher nur mit Gummischnüren, wenn keine grosse Massen zu Überwinden sind und stets antiseptisch nachgeholfen werden kann.
8. Das Abdrehen, eine Art Torsion der Geschwülste, kann eben­falls Anwendung finden, es lassen sich aber nur gestielte und kleinere Neoplasmen mit der Hand so umdrehen, dass sie in ähnlicher Weise wie bei der Kastration wegfallen. Dabei leisten fibröse elastische (ie-webe, grössere Hautpartien grossen Widerstand,, man schneidet daher diese erst durch und legt eine eiserne Zange unter, um dann erst zu torquieren. Die beiden neben abgebildeten Zangen eignen sich zum Abdrehen besonders gut (Figur 168 und 169).
4. Das Abquetschen geschieht gegenwärtig am zweekmiissigsten durch den Ekraseur, der die meisten Vorteile bietet und namentlich bei messerscheuen Praktikern beliebt ist: ausserdem arbeitet das Instrument am schnellsten, denn es vollzieht die Ausrottung ex tempore oder ist man auf das Ecrasement lineaire förmlich angewiesen, wo es sich um reich vaskularisierte Geschwülste handelt, dieselben nicht gut mit der Hand zu erreichen sind, wie in der Nasenhöhle, Scheide u. s. w.: die Handhabung des Ekraseurs (siehe Seite 102).
Als Quetscher können auch Drahtekraseure verwendet werden, sowie die Bellecq'sche Uhrfederschlinge, die aber in der Tierheilkunde bis jetzt kaum Anwendung gefunden hat,
Die Polypen (meist reine Fibrome) kommen bei den Haustieren teils im Maul, teils in der Nase, Scheide und im Mastdarm vor: sie sind gewöhnlich birnförmig, gestielt, nicht selten aber auch von grösseren Blutgefässen durchzogen.
Bei ihnen kommen fast alle Ausrottungsmethoden an die Iteihe, sie können abgequetscht, ausgerissen, abgeschnitten, abgebrannt oder abgebunden werden und hat man hiefür besondere Zangen, wie sie in den Figuren 84, 85, 8fi Seite 91 und 1)2 abgebildet sind. Das blosse Abschneiden hat gerne ein Rezidiv zur Folge, ist aber oft das einzige Mittel.
Nasenpolypen erfordern hie und da das Aufschlitzen eines Nasen-
ocr page 264
I4G Erste Haupt-Abteiluug: Operationen au vurscliiedenon Stellen des Körpers.
i
loches und solche in dem Kehlkopf und der Lultröhre die Tmcheotoinie, In der Speiseröhre den Schlundschnitt und in den Kopfsinus, ayo sie liiiutig als Sarkome auch flftchenartlg fortwuchern und so inoperabel werden, die Trepanation; dasselbe ist hie und da der Fall am Zahn­fleisch bei Bindern und Hunden (Epulis). Für Polypen im Rektiun oder in der Scheide, denen meist leicht beizukommen ist, eignet sich am besten der Ekraseur oder die Ligatur mit Hanf.
Auch ein Abquetschen von Neubildungen an inneren Organen kommt vor, es bezieht sich jedoch nur auf Ovarieucysten, welche bei Kühen mit der Hand im Mastdarm erreicht und zerdrückt werden können (Stiersucht).
5.nbsp; Das Abbrennen. Das (laquo;lüheisen ist das älteste Exstirpations-mittel und sjuelt beute noch eine grosse Rolle in der tierärztlichen Praxis und auch mit Recht, denn es wirkt auf doppelte quot;Weise, indem es eine Kombination des Druckes mit Kauterisation darstellt (siehe Drennen).
15ei manchen Neubildungen ist das Glüheisen den andern Mitteln vorzuziehen (Sarkome, Krebse, Aktinomykome des Kinds, Pferdes oder Schweines) und hat sich hiebei vornehmlich das Platinmesser Paquelin's (s. Thermokauter) bewährt, während die galvonokaustische Schneide­schlinge Middeldorpfs in der Veterinärchirurgie noch wenig Anwendung bilden konnte. Dasselbe ist der Fall mit der Elektropunktur und der Elektrolyse, wodurch der flüssige Inhalt (bei cvstosen Geschwülsten, llämatomen, Angiomen) zum Gerinnen gebracht werden kann.
6,nbsp; Das Ausschälen, die Exstirpation im engeren Sinne, d. h, mit dem Messer in der Hand, ist die vorzüglichste Methode, denn sie führt rasch und sicher zum Ziele, knüpft sich aber an gewisse Bedingungen und hat ebenfalls ihre unangenehmen Seiten.
Vor allem ist notwendig, dass die zu entfernende ftewebsmasse sich scharf und deutlich von der Umgehung abgrenzt, um vollständig und rein abgetrennt und ausgehoben werden zu können. Im andern Falle, namentlich also bei diffuser Verbreitung, bei inniger Verwachsung mit der allgemeinen Decke oder wenn die Geschwülste gegen alles Ver­muten mit peripherem Wachstum tief in den Mutterboden eindringen und fortwurzeln, gelingt die Ausrottung gar nicht oder nur teilweise und bleiben dann Reste zurück, welche meist die Wiederholung der Geschwulst zur Folge haben. Auch ist das Ausschälen gewöhnlich mit der Widerwärtigkeit verbunden, dass die Tiere schon der Schmerzen halber abgeworfen werden müssen und sind auch schon schwere Zufälle dadurch vorgekommen, dass während der Operation, mit der ein Ab-heben der Geschwulst von ihrem Grunde verbunden ist, Luft in Blut-gefässe eindringt (Seite KJO).
Die Rezidivfäbigkeit der Geschwülste steht in direktem ätiologischem Zusammenhange mit dem genannten Fortwurzeln derselben in das Nachbargewebe; die jüngsten Ausläufer sind mikroskopischer Natur und bleiben selbstverständlich als Reste zurück, denn sie sind unsichtbar und nichts ist erklärbarer, dass auch die nächsten Gefässbahnen, namentlich jene, welche zu den Lymphdrüsen hinziehen, von den Geschwulstelemcnten zum Teil erfüllt sind und so an der Operationsstelle, oder in den betreffenden Lymphdrüsen durch Tochterzellcn neue Knoten ent-
11:; in
ocr page 265
X. Eutferuuilg der QesobwttlBte. Exstitpatio.
#9632;241
stelu'n (iBRioniires Rezidiv), AtiBSerdem lehrt die praktische Erfalinuig, dass es bei inaiicheu Tieren sowold eine allgemeine universelle (1 eschwulstdisposition ßibt, als es auch wahrscheinlicli ist, dass eine gewisse Inklination einer bestimmten Lokalität dem Re/Jdiveren ZU Grunds liegt oder durch Dissemination von Zellen der beim Operieren bamp;uflg zerrissenen Geschwülste eine Art von Veriinpfung auf die Wundflache geschehen kann.
Mittels des geballten Messers schneidet man auf dein erhabensten Teile der (Jeschwillst zuerst die Haut in der Löngerlchtung vollständig durch und verlängert dann den Schnitt entweder an seinen beiden Enden bis über den Geschwulstrand hinaus oder aber gibt dem Schnitt die Form eines -f- oder eines T; immerhin muss der Schnitt gross genug sein, um allenthalben mit dem Messer in der Subkutis bis auf den Grund ankommen und diesen umschneiden zu können.
Behufs Abkürzung der Operation und A'ermeidung unnötiger Seinnerzen präpariert man nicht die einzeln das Gewächs bedeckenden Schichten (Äponeurosen, Fascien, Muskeln) los, sondern schneidet bis auf die Geschwulst selbst ein. welche sich durch Ihre besondere Farbe und Festigkeit leicht von der Subkutis unterscheiden liisst. liier an­gekommen beginnt nun das Lospräparieren im Zellgewebe, in dem die Geschwulst eingebettet liegt, zuerst seitlich, dann gegen die Base hin, wobei das Hervorziehen mittels Haken oder Schlingen bezw. das Durchbrechen des subkutanen Zellstoffs mit einem stumpfen Instrument (Finger, Spatel) sehr fördernd in das Geschäft eingreift. Bluten einzelne Gefässe, so werden sie torquiert oder unterbunden.
Nicht selten ist die Geschwulst so gross, dass nach der Exstir-pation ein beutelartiges Hautstück zurückbleibt und als ein über­flüssiger Teil herabhängt; um denselben nicht besonders entfernen zu müssen, macht man statt des geraden Hautschnittes zwei halbmond­förmige O, wodurch dann das zwischen den beiden Kreisschnitten sitzende Hautstück auf der Geschwulst zurückbleibt und so mit dieser gleichzeitig entfernt wird; aber auch dann hängt nachher die Haut schlaff um die Operationsstelle herum, sie zieht sich aber bald stark zusammen und zwar bis zu einem Dritteil, eine Beobachtung, welche, der Berechnung der Grosse der beiden halbmondförmigen Schnitte zu
I
,,,
Grunde gelegt werden muss; sollte die Haut an einer Stelle entartet oder geschwürig sein, wie häutig, so thut man gut, dort die beiden letztgenannten Schnitte anzubringen, um auch jene mit entfernen zu können.
Andere abgestorbene llautstiicke, Brandflecke, kleine rundliche Balggeschwnlste, wie sie auf dem Rücken vom Druck des Sattels und Geschirrs vorkommen, werden zur Beschleunigung der Heilung, erstcre ringsum eingeschnitten und lospräpariert, letztere durch einen Längsschnitt blossgelegt, gespalten und herausgeschält. Warme aromatische Bähungen, noch besser die Einreibung einer Kantbaridensalbe am Rande der Brandflecken fördert die Loslösung wesentlich, der Heiltrieb ist jedoch gemeinhin ein mangelhafter und bleiben gerne plumpe, häss-licho Narben zurück.
7. Absägen, Abmeisseln kommt nur bei Osteomen vor, den härtesten, fast ausschliesslich vom Knochen ausgehenden, häutig scharf umschriebenen oder gestielten Geschwülsten. Dieselben bestehen zum
ocr page 266
248 Erste Ilaupt-Abteiking: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
1
Unterschied von den aus der osteogenen Periostitis hervorgegangenen Exostosen gewöhhlich mus rein spongiöser oder Elfenbeinsubstanz, treten daher selbständig auf, jedoch selten, und dann meist an den Kopfknochen der Haustiere. Im ganzen zählen Osteonre zu den seltenen Erschei­nungen, sind aber unzweifelhaft hereditärer Natur.
Obwohl ihr Wachstum sehr langsam geschieht und sie leicht zu-gttnglich sind, kommt man doch selten in die Lage, diese unschuldigen Neubildungen operativ anzugreifen, doeb genieren sie am Hinterkiefer oder beeinträchtigen (wie namentlich Enostosen der Muskeln und Sehnen, grosse aphophytische Überbeine) die Bewegung und Artikulation. Knochen­geschwülste werden am besten ausgeschält, die unmittelbar vom Knochen ausgehenden aber In der Art behandelt, dass man sich entweder mit
I
4.
der Bescl
ikuna ihres Wachstums und nachhericer Verkleinerung des
Volums, die durch einfache Spaltung des PeiiostS schon zu erzielen ist, begnügt, oder sie .schlechthin absägt oder abmeisselt.
Fig. 170. Knochen/.ange von Liston.
Das Absägen geschieht, nachdem sie blossgelegt sind, einfach durch einen Fuchsschwanz, durch eine besondere Knochenscheere, Kettensäge oder Knochenzange, wie sie in den Figuren 97 und 98 schon abgebildet wurden oder mittels eines Meisseis; ganz vorzüglich sind die gegenwärtig In England fabrizierten Knochenzangen, von denen die Llston'sche (Flg. 170) für unsere Zwecke am meisten geeignet ist.
Jn Ermanglung genannter Instrumente kann man sich auch eines guten Meisseis bedienen, wie ihn jeder Holz- oder Metallarbeiter be­sitzt; das Instrument eignet sich vorzüglich und wird auch in jüngster Zelt in der chirurgischen Praxis mehr und mehr bevorzugt; nachdem man jetzt die Handhabung besser versteht ids früher, steht der Meissel im Begriffe, sogar den Trepan (auch bei Operationen am Kopfe) zu verdrängen.
Man darf den Meissel weder zu fest, noch zu locker in der Hand halten, denn in ersterein Falle folgt er dem Schlage des Hammers nicht, in letzterem witscht, man gerne mit ihm aus und vorletzt die Umgebung, auch darf er niemals senkrecht auf den Knochen, sondern in sehr schiefem Einfallswinkel aufgesetzt werden, sonst dringt er gar nicht ein oder aber zerbricht er den Knochen, anstatt nur kleine Stücke abzutragen.
H
ocr page 267
XI. Entfernung von FremdkOrporn. namcutlicli von (beschossen. ')4i)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;S-
Parenchymatöse Injektionen Können unter Umständen ebenfalls zur Ver­ödung von Neubildungen in Anwendung gezogen werden, wenn aus irgend einem Grunde von den schon genannten Ausrottungs- oder Boschrankmigsinitteln ein Ge­brauch nicht gemacht werden kann oder will. Die Art und Weise des operativen Vorgehens ist schon Seite 204 näher angegeben worden.
Die Operation der Piephaken und ühnlicher Quetschgeschwülste (Hals-, iSrust- und WkleiTlstbeulen, Stollbeutel, Kniesclmamra), soferne sie Schlelinbeutel betreffen, ist ebenfalls hie und da vorzunehmen. Diese Geschwülste ähneln am meisten den Balggeschwülsten, sind ans rein mechanischer Ursache hervorgegangen und bestehen aus einer ali-mälig iudurierendeu Zellgewebshyperplasle mit Erguss von Flüssigkeit in einen neu entstandenen Hohlraum oder in den sich dadurch ver-grössernden Schleimbeutel — chronische Bursitis (Hydrops bursae). Die Diagnose kann nötigenfalls durch eine Explorativpunktion festgestellt werden.
Gemeinhin sucht man zunächst durch kniffige Jod- (ider Kantha-ridensalbe reichliche Exsudationen und damit Zerteilung zu bewirken, nur wird meist der Fehler begangen, dass die Einreibungen zu wenig wiederholt werden; gelangt man damit nicht zum Ziele und bleibt insbesondere eine Verdickung des Beutels zurück, so ist weniger das Ausschälen desselben anzuraten — auf dem Sprungbein namentlich bleiben die hässlichsten Narben zurück —, als vielmehr die subkutane Discision der Kapsel oder noch besser die Entleerung des Sackes mittels eines (ialleutrokars (Seite 240) und Ausspülung desselben mit einer reizenden Flüssigkeit, bestehend in Alkohol, Karbolsäure (10 I'roz.), noch zuverlässiger in Jodtinktur. Ebenso kann auch eine dünne Haar­seilschnur (einige seidene Fäden) durchgezogen werden, man hat jedoch die nachfolgende heftige Zellgewebsentzündung nicht sicher genug in der Hand.
XL Entfernung von Fremdkörpern, namentlich von G-escliossen.
Von den in das Gewebe eindringenden Fremdkörpern interessieren am meisten Kugeln und andere Geschosse, obwohl sie in Friedenszeiten selten vorkommen, sowie andere Fremdkörper, wie Holz­splitter, spitzige Metallstticke, Glasscherben u. dergl., welche eine iilm-iiche Behandlung bedürfen; dasselbe ist der Fall bei verschluckten Gegenständen, wie Nadeln, Nägel, wenn sie innere Organe durchbrochen haben und nunmehr von der Oberfläche des Körpers her für die Operation zugänglich werden.
Von dem Entfernen fremder Körper aus der Luftröhre, dem Schlünde, dem Pansen, Darme u. s. w. wird später bei diesen Organen die Rede sein; hier handelt es sich nur um Fremdkörper im Gewebe.
ocr page 268
1250 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
Die Geschosse der beutigen Handfeuerwaffen und Geschütze ver­anlassen Verletzungen des Körperslaquo; welche .sicli von andern Wunden mit Substanzverlust nur dadurch unterscheiden, dass sie zugleich stets Quetschwunden schwerer Art und jene von Spreugsttlcken herrührende Immer auch Rissquetschwunden sind; ausserdem müssen aussei1 dem eingedrungenen Projektile auch die mitgerissenen sonstigen Stott'e, wie Teile von dem Geschirr, raquo;Sattel, von der Schabrake, von den Kleidern des Reiters und seiner Equipierungsgegenstftnde, ferner Kugelpflaster, Papierpfröpfe, Erde, Knocbensplittter U. S. \v. extrahiert werden, um die Heilung zu vereinfachen und ZU beschleunigen.
Die meiste Gelegenheit zu derartigen Operationen bietet natürlich der Krieg, obwohl auch hier nur der kleinere Teil der schussverlet/ten Pferde in Behandlung gelangt, die Veteriniir-Kriegschirurgie hat daher noch keine grosse Ausbildung finden können und ist die diess-bezügliche Litteratur auch nur eine sehr magere.
quot;Wenn die betreffenden Gescliosso, von denen jetzt die Spitzkugeln und Ex-plosivgoscliosse (Granaten) die Hauptrolle spielen, nicht töten, richten sie Ver­letzungen an, welche gegenüber dem Menschen vcrliältnisniässig viel schwererer Art sind, weil beim Pferde hauptsächlich die Gliedmassen, also Knochen, Sehnen, Gelenke in Betracht kommen und die Wiederherstellung und spätere Brauchbarkeit ungleich mehr in Frage gestellt wird. Ausserdem kann den massenhaft verwun­deten Pferden bei dem raschen Gange der modernen Kriege unmöglich die nötige Pflege zukommen und Feldlazarethe vor dem Feinde sind untbunlich. Auch halten sich die Tiere nicht, verlieren die Geduld, ausreichende Okklusivverbände lassen sich nicht anlegen, Amputationen sind wertlos: ebenso lässt sich von der heutigen Antiseptik nur wenig profitieren, insoferne tiefere Verletzungen für sie nicht zu­gänglich sind. Aus diesem Grunde beobachtet man bei Schusswunden auch stets die ineisten schweren Zufälle, die sonst nur selten den Tierärzten zu Gesicht kommen, wie profuse, sekundäre Eiterungen, ausgebreitete Phlegmonen und Putresconzen in der Tiefe der Gewebe, heftige Nachblutungen, Frakturen, Brand, Erysipel, Ne-krose, Karies, Starrkrampf u. s. w.
Schrote, von Gewehren abgefeuert, sind bei der bedeutenden Resistenz der Haut der Tiere nicht so gefährlich und kommen fast nur auf der Jagd bei Hunden vor. Sie dringen nicht tief ein und bleiben zum grossten Teil in der dicken Haut oder unter derselben stecken, um hier entfernt werden zu können; in der Nähe (bei voller Rasanz) treffende Schrote können natürlich sehr schwere, selbst tötliche Ver­wundungen anrichten, die sieh besonders dadurch auszeichnen, dass sie ungewöhnlich heftige Entzündung, starke intramuskuläre Blutungen und Ausgang in Gangrän veranlassen.
In der Nähe deflagrierendes oder explodierendes Schiesspulver hat heftige Quetschung und Erschütterung zur Folge, selbst wenn die Tiere gar nicht getroffen werden (ähnlich wie bei unmittelbar vorbeisausenden Bomben, Granaten oder Voll-kugeln), es gibt daher Schussverletzungen ohne äusserliche Verwundung, es sind jedoch derartige Luftstreifschüsse viel seltener, als angegeben wird. Bei Pulverexplosionen kommt es ausserdem auch zu Verbrennungen und Eindringen ganzer Pulverkörner, die mittelst dos Spitzbistouris ausgegraben werden müssen.
Die Bleikugeln der heutigen Fetterwaffen (Pistolen, Revolver, Mauser- und anderer Gewehre, sowie der Shrapnels, Kartätschen und Mitrailleusen) sind meistens von Weichblei, jedoch nicht mehr rund,
ocr page 269
XI. Entfernung von Ficmdkörpern, nameutlich von Geschossen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;251
soudeni behufs leichteren Durchschneidens der Luft cyllndrlsch, vorne konisch abgerundet, elliptisch, elchelartig laquo;der hinten genutet.
Es kommt selbstverstiiiidlieli viel darauf an. mit welcher Abgaügs-gesohwlndlgkelt sie sieh bewegen und ob sie noch Innerhalb der Kernschussweite den Körper erreichen; In den Gewehr- oder Geschütz­läufen werden durch die dortigen Züge alle Projektile in rotierende Bewegung*gesetzt, die sie auch ausserhalb der Seele beibehalten, auch kommen sie jetzt mit viel grösserer Propulsivkraft an, als jemals, die SchuSSVerwundungen sind daher meist tiefere und wenn Weichblei ver­wendet wird, auch schwerere geworden, denn durch die grössere Flug­geschwindigkeit erfolgt stärkere Erhitzung des Metalls. die Kugeln kommen daher völlig weich an und weichen so den Organen weniger gut aus.
Die Erhitzung tier Geschosse ist viel bedeutender, als mau glaubt, Tyndall schätzte sie bei einer Triebkraft von 45 in pro Sekunde auf mindestens 300deg; C., es findet daher gleichzeitig auch eine Verbrennung statt und daher rührt es, dass hei Pferden der stark widerstaudsl'ähigen Haut wegen die Kugeln so sehr verunstaltet im Gewehe angetroffen und in den Schusskanälen Ähnliche Schorf-hiklungen gefunden werden, wie bei dem Glüheisen: letztere haben indes das Gute, dass hiedurch manche spontane Blutstillung zu stände kommt, dagegen vielfach Nachblutungen vorkommen, wenn nämlich nach einigen Tagen eine Losstossung des Schorfs durch Eiter eintritt. Endlich weist auf starke Erhitzung auch das Ge­schwärztsein der Eiutrittsöffnung hin, welches nicht allein auf den den Kugeln anhängenden l'ulverschlamm zurückgeführt werden kann.
Das Metall von Kugeln an und für sich ist es nicht, welches die Schusswunden ungünstig beeinflusst, ein abgeschossener Talgkerzen­stumpen veranlasst dieselbe Quetschung, wie z. Ii. eine Miniekugel, mehr massgebend für den Effekt ist die Reinheit der gesetzten Ver­wundung, ob andere fremde Stoffe mit eingedrungen sind, was übrigens bei der grossen Durchschlagskraft neuerdings viel seltener mehr vor­kommt, oder die Geschosse selbst mit entzündungserregenden Keimen von Spaltpilzen behaftet sind, die zum Glück an glatten Metallflilchen nicht gut haften, Schrote, Kugeln u. dcrgl. können daher durchaus aseptisch sich verhalten und wie bekannt völlig reizlos einheilen oder nur geringe sog. seröse Entzündung veranlassen, deren lymphatische Produkte sehr bald beseitigt sind.
Wenn letztere Beobachtung nicht häutiger gemacht wird, so rührt dies vornehmlich daher, dass jede Kugel im Schusskanal zermalmtes Gewebe vor sich hertreibt und binterlässt und dass diese Trümmer mit Vorliebe pntresziereu, je früher daher eine antiseptische Behandlung ein­geleitet, werden kann, desto günstiger die Prognose. Bei Pferden ist es 1870 vorgekommen, dass trotz der Quetschung und des Snbstanz-verlnstes Eleischschusswunden prima intentione, heilten, ein Deweis, dass die Fäulnisvorgänge innerhalb der Gewebe es hauptsächlich sind, welche die Entzündung unterhalten.
Prognose der Schusswunden. Bei grösseren namentlich explo­siven Geschossen und deren Sprengstücken sind natürlich die Chancen einer Heilung geringer und sind damit besonders stärkere Zerreissungen
ocr page 270
|
'252 Erste Haupt-Abteilung: Operfttlouen an verschiedenen Stellen des Körpers.
verknüpft, welclxe regelmfissig zu Eiterung führen; hiebe! ist das Haupt* bestreben darauf gerichtet, den Eiter möglichst aseptisch, also geruchlos zu halten, wie er denn durchaus nicht so gefürchtet zu werden braucht, für gewöhnlicli ist er sogar ein wesentliches Hilfsmittel, denn er demar­kiert die Fremdkörper von dem Gewebe und nachfolgende kröitige Granulationen heben, verrücken die ersteren, wodurch sie gegen die Ausgangsöffnung getrieben und ausgestossen werden; auch wird ja auf dem Wege der Eiterung das .Material zum Abkapseln geliefert und hat man vielfach die Bemerkung gemacht, dass trocken bleibende Schuss-wundeu oft die gefährlichsten, namentlich in hohem Grade schmerzhafte sind, so dass eine Überreizung des Nervensystems, Krämpfe, Tetanus und plötzlicher Tod auch bei Pferden eintritt.
Die Geschosse dringen entweder senkrecht in die Teile ein und gehen bei grosser Triebkraft auf dem kürzesten Wege wieder aus oder sie treffen den Körper in mehr schiefer Richtung, wodurch die Quetschung verstärkt wird; dabei verfolgen sie gerne eine ganz andere als die ur­sprüngliche Richtung, indem sie an den festeren Gebilden (Knochen. Knorpeln. Sehnen, selbst an der rundlichen Oberfläche von Muskeln) vorbeigleiteu und so den weniger Widerstand leistenden Geweben folgen; am schwersten durchdringen Kugeln Fasclen, Aponeurosen, weniger die starken Knochen und am ehesten weichen ihnen innere, in massiger Spannung befindliche Organe aus, Eingeweideschüsse sind daher auch weit nicht so gefährlich, als man anzunehmen geneigt ist.
Die Deviation der Kugeln ist oft eine überraschende, insbesondere in lockerem Bindegewebe, wie an der Brust und dem Bauch, nicht selten kehren sie daher selbst dahin zurück, wo sie hergekommen sind (Kontour-schtisse, Haarsellschüsse). Karte Knochen werden meistens tissuriert, häufig zertrümmert, in weicheren Partien, wie in den Eplphysen bleiben aber Kugeln gerne stecken. Mit Leichtigkeit weichen auch Arterien und Nervenstämme aus, sie werden aber dabei nicht selten doch ge­drückt und es entstehen dann andauernde, heftige Schmerzen oder die so häufigen Nachblutungen, wenn das betreifende Stück der Arterien­wand später abstirbt.
Die Ankunftsgeschwindigkeit ist deswegen von Bedeutung, weil matte Ku­geln in der Regel weniger Zerstörungen anrichten, indem die Gewebsfasern eher ausweichen können und dafür nur zusammengepresst werden; scharfe Kugeln sind immer gefährlicher, obwohl viel auf den Einfallswinkel ankommt. Senkrecht ankommende Geschosse dringen stets am tiefsten ein, während schiefkommende oder matte eher von der geraden Linie abweichen. Ähnlich verhält es sich mit jenen Kugeln, welche vorher an andern Gegenständen wie z. ii, an einem Baum, einer Mauer, Wand u. s. w. abprallen und dabei Teile derselben mitnehmen (Ilicochetir-schüsse).
Diagnose der Schusswunden. Liegt hei Schussverlotzungen nur eine Öffnung vor, so ist gewöhnlich zu schliesscn, dass das Geschoss irgendwo stecken geblieben, obwohl es auch herausgefallen sein kann; zwei Schusskanäle bedeuten vollständiges Durchschlagen. So gut indessen ein Tier von zwei Kugeln in fast dasselbe Loch ge­troffen sein kann, was bei Mitraillcusen und Kartätschen vorkommt oder
ocr page 271
XI. Entfernung von Fremdkörpern, namentlich von Ucscliospon, 253
bei zwei Öffnungen doch noch ein Geschoss zurückgeblieben sein kann, wenn es sich in der Tiefe geteilt hat, kann tiuch bei demselben Tiere, eine Kugel mehrere Verwundungen erzeugen; sie durchbohrt z. B. einen Hoden und bleibt im Hinterschenkel stecken oder verletzt beide VorderfÜSSe samt dem Brustbein, keinesfalls darf man sieb sonach durch die SchllSSÖffnurigen in der Diagnose irre führen bissen.
Als Unterscheidungsmerkmal für die Eingangs- und Ausgangs-offnung wird gewülmlich angegeben, da.ss letztere grosser sei, als ei'Stere, was jedoch gewöhnlich gegenteilig der Fall 1st und nur bei Schrotschüssen regelmftssig zutrifft.
Bei der giossen Kraft, mit der die Kugel ankommt, durchbohrt sie auch regelmässiger und krempt dabei die Wundrllnder ein, schwärzt und ecchymoslert sie, die Ausgangsöffnung dagegen ist gegenteilig erhaben, mehr gequetscht und gerissen, denn die elastische Haut vermag der ermatteten Kugel mehr Widerstand zu leisten und jene wird beutoliörmig nach auswärts gezogen, bis sie auf der Höhe der Ausbuchtung durchbricht: die so eingerissene Haut zieht sich dann zurück und die Austrittsöffnung is^ nicht grosser, sondern kleiner.
Allerdings sind diese Zeichen nicht immer so ausgeprägt (namentlich dasnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;,
erste Loch nicht immer rund), dass sie für die Diagnose beider Offnungen mit Sicherheit verwertet werden könnten, es müssen daher noch weitere Untersuchungen vorgenommen werden und wird man bei den Tieren insbesondere durch die An­wesenheit von Ilaaren auf die Eintrittsöffnung hingewiesen oder kommen dort später Wollfasern, Ledorstückchen u. s. f. zum Vorschein, es ist daher wichtig, auch die Beschirrung, das Sattelzeug auf seine Integrität zu untersuchen.
Sondieren der Schusskanäle. Die Frage, ob man frische Schuss­wunden sondieren dürfe, hat früher eine grosse Bolle gespielt, jetzt nicht mehr. Sie lässt sich am besten vom Standpunkte der allgemeinen chirurgischen Regeln beantworten, wonach man nur sondiert, wenn andere Explorativmittel ergebnislos geblieben sind und was speziell die Schuss-wunden betrifft, so hat sich ergeben, dass das Sondieren in den meisten Fällen gar nicht notwendig ist oder man ruhig die Eiterung (falls sie unvermeidlich ist) abwarten kann, dass es aber wenn notwendig, aseptisch geschehen müsse und es durchaus nicht so schädlich ist, selbst frische Schusswunden zu sondieren, wie man In früheren Zeiten behauptet hat.
Der Wert des Sondierens ist auch dadurch ein ziemlich beschränkter, dass man es meist mit krummgängigen Kanälen zu tbnn hat, welche mit gewöhnlichen Sonden nicht durchgesucht werden können und wenn dies auch ermöglicht ist, kommt man meist doch nicht zum gewünschten Ziele, denn es lässt sich nur unterscheiden, ob man es mit einem festen oder einem weichen Körper zu schallen hat; ob jedoch erstem' ein Knochenstück oder eine Kugel ist und letzterer ein Tuchfetzen oder ein Muskeltrümmer, ist unmöglich zu bestimmen, der weitere Wund­verlauf ist für die Kenntnis der Natur der Fremdkörper häutig viel mehr entscheidend.
Die Sförmige Kugclsonde (siehe Sonden im allgemeinen Seite 73) bietet vermöge ihrer Krümmung manche Vorteile, sie ist auch stark genug gebaut, um den fremden Körper hebeln oder sonst deplacieren zu können und der Ausstossung namentlich festsitzender Körper Vorschub zu leisten. Noch mehr beliebt gemacht hat sich die amerikanische Sonde zum Aufsuchen von Kugeln in gewundenen Kanälen; das elastische Sondenstäbchen springt beliebig hervor und tastet, je
M
ocr page 272
254 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpors.
nachdem man das untere Ende (Figur 172) vor- oder zurückzieht, und um nntcr-BOhelden zu können, von welcher Art der aufgefundene harte Körper ist, hat X6-latou in Paris die Sonde mit einem Porzellanknöpfchen (Figur 174) versehen, das sich heim Reiben an Bleikugeln schwärzt. In almlicher Weise können auch, was Knochenteile betrifft, bekanntlich silberne Sonden Verwerthung finden.
Weitere SondieiTegeln bestehen darin, dass man nur frische oder eiternde Wunden in der angegebenen Weise explorieren soll, nie aber (schon der grossen Schmerzen und der Schwellung der Teile wegen) entzündete und dass dann nicht blos in der natürlichen Position, sondern in verschiedenen Stellungen des betreffenden Körperteils die Sonde eingeführt werden muss.
Fig. 171.
S förmige
Kugelsonde.
Fig. 172.
Amerikanische
Fistelsonde.
Fig. 173. Sondenschrauhe für Bleikugeln.
Fig. 174. iSelaton's Kugelsonde.
Die beste aller Sonden ist selbstverständlich der Finger, leider ist er meist zu dick und zu kurz, die Militftrchirurgen empfehlen des­wegen, ohne weiteres in bestimmten lallen dem Finger durch das Messer Kahn zu brechen, es kommt nur darauf au, ob hiednreh nicht eine schwerere, folgenreichere Verwundung gesetzt wird, als durch das Projektil. So kommt es, dass man lange seichte Schusskaniile, eng-gewundene Fisteln aufschlitzt und tiefen Gängen eine mehr trichter­förmige (iestalt gibt, beziehungsweise auf der andern gegenüberstehenden Seite des kürzeren Weges halber eine Kontraöffnung anbringt, ein des­infiziertes Haarseil durchzieht u. s. w.
ocr page 273
XI. Entfernung von Frcmdkoi-pern, namentlich von Gescliossen.
255
Im übrigen bieten wie bekannt die Scbussvorletzungen so viele Varietäten dar, dass nur allgemeine üesichtspunkte sich aufstellen lassen und hiuilig genug von den oben gegebenen Regeln abgewichen werden muss; nicht ausser Auge zu lassen ist namentlich auch die Gefahr einer Nachblutung, welche öfters durch Son­dieren heraufbeschworen wird, auch müssen nicht selten noch andere Oiierationen mit der Untersuchung und Hehandluntr von öchusswunden verbunden werden, wie z. B. Trepanation, Tracheotomie, Laparotomie u. s. w.
Fig. 175. Ringheim'schc Kugelzange
Fig. 176.
Löft'elförmige Sonde.
(o '/a lt;''#9632;•)
Fig. 177.
Ansräumer.
Kürette.
Extraktion der Fremdkörper ans dem Gewebe. Wenn bei Schusswunden eine Kugel, ein Gfanatsplltter u. dergl. im Körper zurück­geblieben ist, so fragt es sich zuntlchst, ob eine Entfernung geboten erscheint oder die Eiuheilung versucht werden soll.
Leicht erreichbare Körper zieht mau am besten alsbald ans, weil sie meist septische Entzündungen veranlassen, tiefer liegende beurteilt
ocr page 274
2ö6 Erste Haupt-Abteilung: Opsrationen an versohledenen Stollen des Körpers.
iiiaii nach dem Grade ihrer Extraktlonsfilhlgkelt und da es doch ohne Eiterung meist nicht ahgeht, fordern sie auch keineswegs sofort zur Entfernung auf; auch wird man sich mit dem Messer in der Hand stets fragen müssen, ob weitere Verletzungen auch im Verhältnis zu dem erwarteten Nutzen stehen und welcher Zeitaufwand; welche Kosten mit der Weiterbehandlung verbunden sein werden.
In diffizilen Füllen ist es am gerathensten, sich auf die Eiterung ZU verlassen, welche manche Operationsverlegenheiten beseitigt, aber auch (wie die Extraktion selbst) Gefahren mit sich bringt, wenn sie nicht sorgfältig geleitet und überwacht wird. Die Anwesenheit, des Geschosses ist nicht so bedenklich, oft viel weniger als die anderer mit eingedrungener Fremdkörper, die viel eher mit Spaltpilzen durch­setzt sind. Ks kommt freilich viel auch auf die funktionelleii Störungen bestimmter Organe und die oft höchst bedeutenden Schmerzen an oder wartet man ab, bis etwa auftretende phlegmonöse Prozesse Gelegenheit zu Inclsionen geben.
Fig. 178. Tiemaim's amerikanische Kugelzange.
(Vj nah Grosse.) .
Für die genannten Aufgaben gibt es bestimmte Extraktions­instrumente, namentlich zangen- und löffelartige, von denen die gewöhn­lichen Kornzangen (Seite 91, Figur 84 und 86), sowie die Kugel­zangen, von denen Ringheim und Gemrig sehr brauchbare angegeben haben. Ebenso wurden von Thumassin und Charriere gute Zangen und Löffel konstruiert, die auch gekrümmt sein können oder deren Branchen auseinander genommen und eine Hälfte nach der andern eingeführt worden. Ebenso eignet sich für manche Fälle vortrefflich eine Ilakenzange, wie sie schon bei der allgemeinen Besprechung der Zangen (Seite 91 und Figur 87) angegeben wurde. Man braucht hauptsächlich aus dem Grunde verschiedene Zangen, weil sie häufig an dem Fremdkörper abgleiten und ihn noch mehr verschieben, oder ist man genötigt, solche Instrumente anzuwenden, welche von hinten nach vorne wirken. Die Weichheit des Bleies, aus dem jetzt, die meisten (ieschosse hergestellt sind, hat aussei' der S. 254 abgebildeten korkzieherartig eingreifenden Kugelschraube (Fig. 173), die ausgezeichnete Dienste zu leisten vermag, auch noch Ilakenzangen konstruieren lassen, welche die Bleikugel heranziehen. auch wenn diese, keine feste Unter­lage hat (gegenüber z. D. den Kugeln am Knochen).
ocr page 275
XII. Eiterlmndor. (Fontanelle.)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 257
Von solchen Hakenzangen ist die amerikanische von Tlemann (Flg. 178) die beste und hat sie sich 1870 von allen am meisten be-währt; sie ist sehr schlank und hält das (Jeschuss mit ihren Spitzen so fest, wie. kein anderes kriegschimrgisches Instrument: häufig sind Kugeln viel schwieriger zu ergreifen, als zu diagnostizieren.
Die Kürette (Figur 177) hat sich ebenfalls recht beliebt zu machen gewusst. Mit ihrem lötfei- oder napfförmlgen Ende liisst sich nicht blos die Kugel dislozieren und unterfangen, sondern auch der ganze Schusskanal ausräumen, ähnlich wie dies auch mit der Lötfei­sonde (Figur 17G) der Fall ist. Das andere Ende der Kürette ist sehr zweckmftssig zum Heben, Verrücken und Sondieren eingerichtet.
Was endlich das antiseptische Verfahren bei Schussverletzungen betrifft, so wird dasselbe (Seite 114 tf.) nur dann Dienste leisten können, wenn es alsbald eingeleitet wird und keine fremden Körper die septische Infektion der Wunde unterhalten; im andern Falle beschränkt man sich darauf, die Eiterung möglichst aseptisch (geruchlos) zu halten und die Kanäle regelmässig auszuspülen; diese Berieselungen haben auch die Bedeutung eines Extraktionsmittels, wenn sie unter entsprechendem Strahle geschehen. Zur gründlichen Desinfektion fauliger, brandiger Flächen eignen sich ganz besonders 8—lOproz. Chlorzinklüsungen und nachheriges reichliches Auftragen von Pulvern, insbesondere Jodoform mit Borsäure (Seite 11(1), nötigenfalls durch Einführen derselben mittels Tampons oder Bougies.
Im übrigen sind als wesentliches Erfordernis Gegenöffnungen und Drainage zu bezeichnen (Seite 110), die bei Schusskanälen von entscheidender Wichtigkeit werden können, es sind daher, nachdem diese Kanalisation den denkbar freiesten Abfluss der Wundsekrete ge­währleistet, jetzt auch viele Schusswunden, namentlich auch Schuss-frakturen bei den Tieren heilbar, die früher als inoperabel bezeichnet werden mussten.
XII. Eiterbänder. (Fontanelle.)
Unter einem Eiterband versteht man ein unter der Haut durch­gezogenes Band, welches in dem hiedurch gebildeten Wundkanal eine Entzündung mit Ausgang in Eiterung erzeugt und letztere solange unter­hält, als es liegen gelassen wird. Statt des Bandes hat man in früherer Zeit auch Schweinsborsten oder Bosshaare (Seta) zu einem Strange ge­flochten, woher der Name Haarseil, Setaceum rührt.
Denselben Zweck kann man auch durch Fontanelle erreichen, wobei ebenfalls ein fremder Körper unter die Haut gebracht, jedoch nicht durchgezogen, sondern blos eingelegt wird. In beiden Fällen wird reichlich Eiter produziert und tliesst auch derselbe kontinuierlich aus,
Hering's Operutionalehre. IV. A\ifl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;17
ocr page 276
258 Erste Ilaupt-Abteilimg; Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers,
was man nicht unpassend mit einer Quelle (Föns, Fonticulus, Fontaneila) verglichen hat.
Geschichtliches. Die Fontanelle war schon den Griechen bekannt und diente als Abzugsiiuclle für schlechte biifte; das llaarseil datiert erst seit Galen's Zeiten (200 n. Chr. Geh.), der es zuerst durch Geschwülste (Hydrocele, Struma cystica) zog, um sie durch Eiterung zu zerstören; später benutzte man es auch, um dem Eiter freien Abfluss zu verschaffen, normwidrig geschlossene Kanäle offen zu halten oder durch den anliallenden Heiz eine vermehrte Thätigkeit in dem kranken Gewebe anzuregen mul zu unterhalten.
Die älteren Tierärzte machten von beiden Operationen den ausgiebigsten Gebrauch und wurde früher kaum von Tierkrankheiten berichlet, ohne dass sie dabei nicht empfohlen wurden; jetzt ist das alte Rüstzeug wenig mehr im Gebrauch, es widerstrebt zusehr den Auffassungen der modernen Chirurgie namentlich in Bezug auf die Entzündung als dass es nicht durch die Antiseptik zwar nicht ver­drängt, aber eine wesentliche Einschränkung hätte erleiden müssen.
Therapeutische Bedeutung. Das llaarseil verdankt seinen Ur­sprung derselben Idee, aus welcher auch die äussern Ableitimgsnnttel hervorgegangen sind, man wollte durch Etablierung eines örtlichen Reizes eine Revulsion schaffen und zugleich einen umstimmenden Eintluss auf den Gesamtorganismus ausüben, indem der eingelegte fremde Körper in ein antagonistisches Verhältnis zu der Krankheit treten soll; ausser-dem war die Humoralpathologie der Ansicht, dass durch das gesetzte Irritament die Säfte und zwar hlos die „verdorbenen'• dorthin gelockt und ausgestossen würden. Zum Teil noch heute ist man sich darüber nicht ganz klar geworden, ob die günstige Wirkung mehr auf den Lokalreiz oder den damit verbundenen Säfteaustritt zurückzuführen sei, soviel galt aber als abgemachte Sache, dass auch die exzessive Plasti­zität des Blutes gemindert werde und jene Gefahren beseitigt würden, welche durch plötzliches Unterdrücken habituell gewordener Ausschei­dungen entstehen.
Das eigentliche Feld für die Fontanelle und Haarseile war das ganze Heer der chronischen Krankheiten einschliesslich der schleichenden Entzündungen innerer Organe, an akute Krankheiten wagte man sich aber nicht, da sich alsbald das Fieber samt dem Lokalleiden ver­schlimmerte oder griff man nur zu der Operation, wenn man glaubte, die Krankheit habe jetzt plötzlich eine Schwenkung nach inneren edleren Organen gemacht (verschlagene Druse, Rheumatismus, Metastasen); ebenso beeilte man sich, Haarseile zu ziehen, wenn Seuchen zum Aus­bruch kamen, um die Tiere vor Erkrankung zu bewahren.
Später trat dann mehr die derivatorische Heilmethode durch scharfe Mittel in den Vordergrund, welche heute noch ihre Anhänger hat und zwar nicht ganz mit unrecht, es ist nur viel Missbrauch mit den „ab­leitendenquot; Mitteln getrieben worden oder wurden sie wie von der Wiener Tierarzneischule ganz perhorresziert. Es finden bei der Revulsion auf die Haut gewisse Vorgänge statt, welche immerhin geeignet sind, sowohl akute als chronische Krankheitszustände günstig zu beeinflussen und hat man diese Influenz per analogiam auch den Eiterbändern vindiziert, wodurch sie wieder mehr in Schwung kamen, nachdem sie schon als nutzlos erschienen waren. Freilich kommt viel darauf an, mit welcher
ocr page 277
XII. Eiterbänder. (Fontanelle.)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 259
Intensität diese Hautreize einwirken, was lange Kiillzli('ll verkannt und erst neuerdings aufgeklärt worden ist.
Wie bekannt strahlen sclnvache Hautreize Ihre Wirkungen zunächst auf die peripherischen Arterien der UngebUDg aus und veranlassen liier eine Kaliber-verongentng, in deren Folge es dann zu erhölitem Blutdruck, Beschleunigung der /irkulation (merkwürdigerweise auch zu Verlangsamung der Respiration) kommt, während starke Hautreize das Gegenfeil nach sich ziehen, nämlich die Herz- und Gefässthätigkeit herabsetzen und den Blutumlauf verlangsamen. Erstere Wirkungen bemerkt man auch bei Ilaarseilen und sind sie praktisch gewiss verwertbar, wo man eine Steigerung der Thätigkeit im erkrankten Gewehe notwendig hat, nur kann der Effekt kein grosser genannt werden und hat man deswegen auch zu allen Zeiten gelehrt, derartige örtliche Reize nicht zu entfernt von dem kranken Teil anzubringen, sondern womöglich recht nahe. Da auch gleichzeitig eine Erregung der beteiligtennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;,
Hautnerven stattfindet, diese auf die zentralen Ganglien und von da nach den Nerveu-bahnen der Zirkulationsorgane fortgeleitet wird, lässt sich auch eine Änderung in den Spannungsverhältnissen der Gefässe nachweisen, es erleidet somit Bewegung, Druck und Verteilung des Blutes in dem dem Reize ausgesetzten Organe eine Alteration und damit auch die Ernährung und der Stoffwechsel desselben.
Ans diesen theoretischen, jedoch experimentell festgestellten Daten ergibt sieh, dass sowohl den starken Hautreizen bei akuten Erkrankungen, wie sie gegenwärtig besonders durch Sinapismen Installiert werden, als auch den Hautreizen der zuletzt genannten Art, WOZU auch die Haar­seile und Fontanelle gehören, wenn ihnen Beizmittel beigefügt werden, eine gewisse therapeutische Bedeutung nicht abgesprochen werden kann, wie geschehen ist und stimmt dies auch mit den prak­tischen Erfahrungen der Tierärzte iiberein, welche dahin gehen, dass die Haarseile, wenn sie auch in der menschlichen Chirurgie ganz und gar abgeschafft wurden, in der Tierheilkunde keineswegs ganz entbehrt werden können, sie erheischen nur eine schärfere Diagnose und prilzisere Indikation, als es seither der Fall gewesen.
Ihr Nutzen ergibt sich bei nüchterner und vorurteilsfreier Beobach­tung insbesondere bei schleichenden, hartnäckigen Entztindungszuständen der extreniitaleu Teile des Körpers, bei den verschiedenen Gelenkleiden und Lahmheiten der Pferde und anderer Arbeitstiere, sowie auch bei sich verschleppenden subakuten und chronischen Entzündungen innerer Organe, vornehmlich des Gehirns, Rückenmarks und der Luftwege, sowie der rheumatischen Affektionen, auf welche die Haarseile auch beschränkt werden müssen.
Bei anderen Krankheitszustänrtcn, gegen welche sie ebenfalls gerühmt werden, können Haarseite unmöglich Vorteile gewähren und müssen durch andere bessere Mittel ersetzt weiden, wie z. B. behufs „Ausscheidung von Krankbeitsstofi'en, Akri-monienquot; u. drgl., bei lymphatischen Krankheiten, Dyskrasien, Wassersuchten, Voll-bliitigkeit, Augenkrankheiten etc.; auch kann der heutigen Chirurgie nicht wohl mehr zugemutet werden, dass sie durch Eiterung pathologisches Gewebe, neopla­stische Vorgänge u. dgl. zerstören und beseitigen soll, nachdem es bessere Mittel hiefür gibt, es werden daher hier auch nur solche Applikationsstcllen für llaarseilo aufgeführt werden, welche sich als am geeignetsten zur Erzielung obiger Zwecke erwiesen und bewährt haben.
Die Fontanelle mit ihren stagnierenden Eiterherden entsprechen den genannten Anforderungen am wenigsten, denn sie erfordern eine sorgfältige Überwachung der Eiterung, während sich diese, bei den Haar-
ocr page 278
0(50 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
seilen ungleich leichter unterhalten lüsst, erstehe können daher als tierärztlich ahgethan betrachtet worden. Dass bei der Fontanelle nur eine Narbe sichtbar bleibt, kann nicht in Betracht kommen, denn auch sie täuscht das Kennerauge nicht über den stattgehabten Vorgang. Mit den obigen Betrachtungen stimmen die interessanten Versuche überein, wie sie Zuelzer an Kaninchen, Ferkeln und Hunden unter­nommen bat, um die anatomischen Veränderungen und Wirkungen der Haarseile zu studieren.
In der ganzen Umgebung der Applikationsstellen ergaben sieb regelmilssig greifbare Veränderungen, die immer durch den Befund an den korrespondierenden Teilen der andern nicht gereizten Körperseito verglichen und kontroliert wurden. Die reflektorische Beeinflussung der Zirknlationsorgane betraf allerdings nicht grosse Flächen, sondern erstreckte sich nur auf die Nachbarschaft, am weitesten ging sie vom Brustbein auf die Rippemvand und die Oberfläche der Lunge. Immer, nament­lich auch bei den Gelenken, kam es zu einer deutlichen Herabsetzung der Sensi­bilität, zu Schwund des dortigen Unterhautfettes und zu auffälliger Anämie der Muskulatur —Erscheinungen, aus denen sich klar ergibt, dass eine örtliche Stei­gerung der Kesorption und dadurch Begünstigung der Rückbildung exsudativer und In perplastischer Vorgänge die Folge des Haarseiles ist, andere. Effekte dürfen nicht erwartet werden.
Hienach wird man bei allen Krankbeitszuständen, bei denen schon erhebliche Gewehsdestruktionen stattgefunden haben, von den Eiter­bändern definitiv absehen müssen und zu stärkeren Reizmitteln, vie z. B. dem Glüheisen greifen müssen.
Die beste Illustration hiefür bietet z. B. die Behandlung der Hufgelenkslähme (deformierende Arthritis am Strahlbein) und der regelmässige Misserfolg des Ilaar-seiles, wenn schon eine Degeneration der Kapsel, der Sehnen und Bander und Ver­kleinerung des Hufes sich ausgebildet haben. Die hauptsächliche Wirkung ist somit in dem Zustandekommen der oben genannten Vorgänge zu suchen, nicht aber in Erzeugung und Unterhaltung einer Eiterung, die nur nicht vermieden werden kann, weil man durch den eingelegten Fremdkörper eine andauernde örtliche Reizung etablieren muss. Nachdem diese schliesslich auch durch entsprechend wiederholte Injektionen erreicht werden kann, steht zu erwarten, dass auch die Eiterbänder nicht mehr allzulange in der praktinchen Tierheilkunde standhalten werden.
Indikationen des Haarseils. Als Anzeigen zur Applikation von Eiterbändern sind seither angegeben worden:
1. Kongestionen und Entzündungen innerer Organe, wenn sie andauern oder sielt beharrlieh wiederholen, namentlich im Gehirn und seinen Häuten, Rückenmark und in den Luftwegen, aber auch in den Gelenken, Seimen, Knochen, Muskeln, Hufen und Klauen.
Bei all diesen Erkrankungen können günstige Ergebnisse in Aussicht gestellt werden, nicht alraquo;r bei jenen subinflammatorischen Zuständen, denen erfahrungs-gemass eine Neigung zur Sepsis oder nach heutigen klinischen Anschauungen eine parasitäre (mikrobische) Unterlage zukommt, wie z. B. dem Milzbrand, Typhus, Rotlauf, Tuberkulose, Rotz, Wurm, Pferde- und Hundestaupe, Brustseuche, Lungen-seuche, Druse, Starrkrampf, gegen welche nur mit zuverlässigen Desinfizientien vor­gegangen werden kann.
'2. Schutz gegen Infektion bei herrschenden Seuchen. Wie sehr hiebei jeder Anzeige des Haarseilziehens die natürliche Basis fehlt, braucht nach obigem nicht des näheren auseinandergesetzt zu werden.
ocr page 279
XII. Eiterbändor. (Fontanelle.)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 201
Eiterdepots an der Oberflttche des Körpers können nur nachteilig sein, denn sie bieten den Schi/omy/eten den günstigsten Erntlhrungsboden. ;•gt;. Habituell gewordene krankhafte Sekrete, wie z. B. bei chronischen nässenden Exanthemen, beim Strahlkrebs, bei maligner Maucke n. S, w. dürfen nicht rasch unterdrückt werden, es muss daher in der Nähe eine Eiterung unterhalten werden, im andern Falle entstellt Gefahr (Fieber, Eiterresorption, multiple Abszesse, Lungengangriln, Tod).
Allerdings entstellt Fiolitn- und schwöre Gefahr, wenn der Eiter plötzlich stockt und seine Bestandteile via Lyinyihwurzeln in die liluthahn geraten (pyämisches Fieber); durch die aufgenommonen Klüinpclicu von Kiterkorperchen und Fibrin-ilökchen entstehen kleine Thromben, von denen einzelne Teilchen abgeschwemmt, vom primären Herd weitergetragen und als Kmholi sammt den entzündungserregen­den Spaltpilzen in die Kapillaren verschiedener Organe eingeschoben werden, wo sie die sog. Metastasen mit sekundärer Abszessbildung an den verschiedensten Stellen darstellen (Pyämia multiplex). Für gewöhnlich geschieht dies nicht, denn die Eiterbildung ist ein Einigrations- und Aussonderungsprozess und zudem ist die Eiterungstläche von einer Masse kräftiger (iranulationen bedeckt, die keinen Eiter aufnehmen und fortschleppen können, weil sie keine Lymphgefässchen haben, wohl aber wenn sie da oder dort erweichen und zerfallen und die Eiterkörperchon so mit Lymphgefässwurzeln in Berührung kommen können. Daraus folgt, dass kein Import solch deletärer Stoli'e in die Bluthahn erfolgen kann, wenn nur für gesundes Granulationsgewebe und aseptischen Eiter gesorgt wird, die Antiseptik ist es daher und nicht das Haarseil, welche Gefahren für den Gesamtorganismus zu bannen ver­mag, die heutige Chirurgie kann somit jede Sekretion unbedenklich sistieren.
4.nbsp; Einleitung des Abflusses des Eiters aus Höhlen, Fisteln. Diese Indikation ist durch Haarseile nie vollständig' erfüllt worden, kann daher um so melir ganz wegfallen, als das Drainagesystem den dies­bezüglichen Anforderungen ungleich besser entspricht.
5.nbsp; Örtliche Atrophie, Muskelschwund, Lähmung fallen als Indikation ebenfalls weg, Haarseile schwächen noch mehr und winden zweckmässiger durch Anwendung, bezw. Injektion kräftiger und zuver­lässiger Reizmittel ersetzt (Terpentinöl, Ammoniak, Kampher, Veratrinu. s.w.)
G. Zerstörung von Neubildungen, heteroplastischen Geweben, kailösen Flächen durch Eiterung. Siehe Abschnitt X, Entfernung von Geschwülsten.
Die Haarseilnadeln.
Die Instrumente, um Fiterbänder zu ziehen, sind Nadeln von ver­schiedener Qrösse und Form, welche entweder durch den gemachten AVundkanal durchgezogen oder wenn sie behufs besserer Handhabung einen Gritt' besitzen, wieder zurückgezogen werden, nachdem an ihrer Spitze ein Band befestigt worden ist.
Die durchgehenden Haarseilnadeln sind im allgemeinen 20 bis 40 cm lang, an dem hintern Ende spateiförmig, am vorderen mit einem Öhr versehen und an ihrem Körper flach oder wenn sie zum Auseinander­schrauben gerichtet sind, rund. Sehr lange Nadeln, welche ein Mittel-stiiek zum Einschrauben brauchen, sind nicht zu empfehlen, mau zieht besser zwei Haarseile neben einander. Die Instrumente sind nicht von
:
ocr page 280
2(52 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verscliiedenen Stellen des Körpers.
Stuhl, sondern welchem Eisen und mir an Ahr Spitze gehärtet, dagegen müssen sie gut poliert sein.
Die deutsche Haarseilnadel ist an ihrer Seitenfläche wie an der Spitze nicht schneidend, durchbricht daher nur die Subkutis und verletzt
Fig. 179, 180. (Halbe Grosse.)
Fig. 181.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Fig. 182.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Fig. 183.
{'U Grosse.) ('/raquo; Grosse.) (Halbe Grosse.)
keine Gefässe. Das hintere Ende hat ein quer gestelltes Öhr und soll dieser Teil immer schmäler sein, als die spateiförmige Spitze (Figur 179). Die französische Haarseilnadel ist myrthenhlattförmig, gegen die Spitze zu aber scharf, schneidend, trennt daher leichter das Gewebe und durchstosst sogar die Haut, die beim Austritt mit der deutschen Nadel erst durchgeschnitten werden muss.
ocr page 281
XII. Eiterbändor. (Fontanelle.)
2G3
Die dänische Nadel'besitzt vorne ein Knöpfchen, das zu frühes Ausstechen verhindern soll, ist aber aussei- Gebrauch (Figur 179).
Das am Öhr doppelt liegende Band bindert das Durchziehen sehr, das Metall wird daher dort dünner gehalten oder ist die Nadel gespalten und klemmt das einfache Band durch einen Schubring ein (Figur 188). Stets ist das vordere Ende leicht aufwärts gebogen, um nicht zu tief zu stechen. Sehr bequem ist, wenn au beiden Enden ein Öhr angebracht ist, weil dann nötigenfalls das Instrument nicht durch-, sondern wieder zurückgezogen werden kann.
Die feststehenden Eiterbandnadeln besitzen eine Handhabe und sind am bequemsten, auch sind die kurz zugespitzten Ränder schneidend, die Spitze scharf, sie sticht daher gut durch die Maut. Die Handhabe ist entweder fest, wie bei der englischen Haarseilnadel (Figur 182) oder wird die Nadel in den hölzernen Handgriff eingeschoben und hier durch eine Stellschraube festgestellt (Nadel von Sewell, Figur 181, 184); in den Griff können auch Nadeln von anderer Form eingelegt werden.
Fig. 184. (Halbe Grosse)
In England sind auch solche Nadeln gebräuchlich, welche die Vor­teile der stumpfen und schneidenden in sich vereinigen, indem ein zweites schneidendes Blatt über das feststehende stumpfe auf und ab geschoben wird, beide Blätter (Figur 181) lassen sich aber schwer reinigen und bald auch schwer verschieben. Die Nadel ist bei uns nicht mehr im Gebrauch.
Für ungeübte Operateure und bei unruhigen Tieren ist eine wenigstens an der Spitze stumpfe Nadel sicherer, der geübte bedient sich lieber einer scharfen, denn er operiert prompter und das Tier wird weniger beunruhigt.
Die Operation.
Sie geschieht gewöhnlich am stehenden Pferde, das aufgetrenst und gebremst wird. Zuerst durchschneidet man mit dem geballten Bistouri die Haut quer, führt die Haarseilnadel in die Wunde, schiebt sachte und stets unter dem llautmuskel vor, mit den Fingern ihre Richtung verfolgend und die Biegung der Spitze nach aufwärts richtend; will man austreten, so wird kräftig durebgestossen, das Band eingelegt
ocr page 282
204 Kiste Haupt-Abteilung! Operationen an verschiedenen Stollen des Körpers.
und wieder rückwärts gezogen) um zu kuttpfenlaquo; Bei stumpfen Nadeln wird von aussei] auf ihre Spitze eingeschnitten, diesen Schnitt aber schon vorher anzubringen) ist nicht ratsam.
Die Folgen der Operation bestehen in entzündlicher Intiltration und Anschwellung, die sich nach der Empfindlichkeit des Teils und des Tieres richtet: anfangs tliesst rötliches Serum aus der Wunde, in Wenigen Tagen aber gutartiger Eiter, der an Menge eine Zeit lang zu-, dann aber wieder abninnnt, jedoch nicht aufhört, solange das Band liegt; letzteres ist entweder von Linnen oder Launnvolle.
Man hat darauf zu sehen, dass die Geschwulst und Eiterung den gehörigen Grad erreiche, was ohne Reizmittel nicht der Fall ist, man bestreicht daher das Band mit Terpentinöl, Lorbeeröl, Kauthariden-tinktnr oder Salbe, mit Niesswnrztinhtur oder Niesswnrzpulver und wiederholt dieses Verfahren, sobald die Reizung und damit auch die Eiterung nachliisst; nur bei sehr heftiger Geschwulst und Hitze wird eine Kühlung notwendig.
Nicht zu unterlassen ist ferner ein täglich mehrmaliges Hin- und Herziehen des Bandes, sowie regelmässige Entleerung und antiseptische Reinigung der Wunde. Die Entfernung geschieht je nach dein Erfolg nach 8—H Tagen oder noch später, nie darf aber das Band solange liegen bleiben, dass der Wundkanal verhärtet, kailös wird oder nach aussen da und dort durchbricht, besser wird ein neues Haarseil gezogen und sobald es mürbe geworden, durch ein neues ersetzt, das angenäht an das alte mit diesem durchgezogen wird. Die Heilung erfolgt bei Reinigung mittels Sublimatwasser schon wenige Tage nach Entfernung des Bandes.
Applikationsstellen. Wie schon erwähnt, muss jedes Haar-seil in der Nähe des leidenden Teils angebracht und in möglichst senkrechter Richtung gezogen werden; dabei ist es besser, die Nadel nach aufwärts zu stechen, um keine Blindsäcke zu scharten, wenn ein falscher Weg gebahnt wurde.
Am Halse bringt man mög­lichst nahe am Kopfe, also auf der Fläche des I. und II. Hals­wirbels oder längs des Kamm-randes (Figur 185) an beiden Seiten entsprechend lange Bänder an, die anämisierende Wirkung soll sich hauptsächlich auf subakute Gehirnentzündungen beziehen und lassen sich oft recht zufriedenstellende Resultate erzielen. Bei Augen­krankheiten sind Haarseile ganz unwirksam und daher, wie überhaupt am Kopfe, aussei1 Gebrauch gekommen.
ocr page 283
XII. Eitcibändor. (Fontanelle.
205
Die Haut ist am Halse (liinn. die Bänder niiisscu also bald (höchsteus in 14 Tagen) entfernt werden und damit sich'die Tiere in denselben nicht verfangen können, schneidet man sie an beiden Wunden, nachdem sie hier geknotet .sind, Kur/ ab oder bringt an beiden Enden Knebel an.
Die Brustbeinspitze wird besonders bei Pferden benutzt sowohl gegen Brnstkrankheiten, als auch „im allgemeinen ableitend und um­stimmendquot; zu wirken z. B. bei gestörter Druse, Steitigkeit der Tiisse, Strupiertsein. Die Steile eignet sich hauptsächlich wegen ihres Eeich-tunis an Zellgewebe und ihrer abhängigen Stelle, sie wurde daher früher auch als beste Applikationsstelle für Fontanelle bezeichnet.
Man faltet die Haut am Schwertknorpel der Länge nach, schneidet die Falte quer durch und führt die Nadel in der Mittellinie 20—25 cm weit nach abwärts, um mit ihr zwischen den Vorderbeinen auszustechen, wo der Eiter frei (ohne Beschmutzung der Haut) abtliessen kann. Das Band wird geknüpft und dann den Pferden eine Decke aufgelegt, um das Ausrcissen mit den /ahnen zu verhüten. Das Ziehen des Bandes nach aufwärts ist zu unbequem für den Operateur.
An der Rippenwand
werden in derselben M'eise jedoch meist 2 Eiterbänder gezogen und wählt man dazu entweder mehr die untere Partie, wo das Band unter der Sporader durchgezogen wird oder die mittlere, ge­wölbte; in beiden Fällen ist die Fläche schwierig zu unter-stechen und sollte Überhaupt diese Applikationsstelle ganz verlassen werden.
Auf den Lenden liegen die Bänder rechts und links von der Wirbelsäule gleich­weit entfernt und gleich lang (20—25 cm) auf der Gegend der Querfortsätze der Lenden­wirbel. Die Wirkung ist bei Schwäche des Kreuzes, Mus-kelatrophie der Kruppe häutig
eine eklatant günstige.
Fig. 186.
A n d e n (i e 1 e n k e n. Die Schulter ist eine der häufigsten Stellen und gibt die Gräte des Schulterblattes die Richtung der beiden Bänder au (Figur 18ßai), welche hier rechts und links bei Rheumatismen und jener komplexen Lahmheit, die als Bug- oder Schulter-lühme (mit ihren Folgen) bezeichnet wird, gezogen werden. Sie haben
ocr page 284
2(iG Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
meist eine Elongation von 20—HO cm, sind aber der Biegung wegen wesentlich kürzer, wenn sie auf das Armgelenk zn liegen kommen sollen (Figur 186 oft). In Frankreich werden hier Eiterbftnder gezogen, welche meterlang und wahrhaft monströser Art sind, in Deutschland aber nie Anklang gefunden haben.
An der Hüfte zieht man unmittelbar auf dem Gelenke ein kurzes senkrechtes, etwa 10 cm langes Band unmittelbar unter die Kaut und lässt es bei veralteten Hinkerelen 3—4 Wochen liegen. Um die Haut
Fig. 187. So well's Nadel. (Halbe Grosse.)
Flg. 188.
Nadel für Hunde.
(Xat. Grosse.)
vor Anätzung des abfliessenden Eiters zu bewahren, bedeckt man sie mit einer Schiebte von Lehm oder Ceratnm simplex. In derselben Weise verfährt man am Sprunggelenk unmittelbar auf der kranken Stelle, entfernt das Band aber längstens in 14 Tagen. Hauptbedingung eines Erfolges bleibt immer absolute Buhe während 2—4 Wochen. In den meisten Fällen wird das Pferd niedergeworfen werden müssen.
Durch den Strahl des Hufes wird ebenfalls hie und da bei chronischer Hufgelenkläbmc ein Band in der Art durchgezogen, dass die
ocr page 285
XII. Eitcrbändor. (Fontanelle.)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 207
eigens für diesen Zweck gebogene Stialilliaurseiliiadel zwischen den Ballen eingebt, die Weiditeile derselben durchdringt und im vordem Drittel des Ilornstrabls wieder zum Vorschein kommt, es mnss daher dem Instrument (Flg. 187) diese Richtung gegeben werden; eine 15e-fUrchtung, dass ZU tief gestochen werde, liegt nicht vor, höchstens kommen Ungeübte, zu früh, d. li. zu oberflächlich heraus, jedenfalls aber muss das Pferd niedergelegt und der Huf durch Erweichung und Aus­schneiden vorbereitet werden.
Die Operation hat nur Wert im Anfange des oben genannten Leidens und bedarf es einer energischen Reizung, das Band mnss daher jeden Tag öfter hin und her bewegt und täglich einmal mit einer reizenden Flüssigkeit getränkt werden; nach lü Tagen wird es entfernt.
Üble Zufälle. Blutige Extravasate erfordern ein alsbaldiges Einschreiten, um Fäulnisprozesse nicht aufkommen zu lassen; sie sind nicht bedeutend und lassen sich leicht durch adstringierende Antiseptica (Alaun, Eisen, Tannin) beseitigen. Erüher hatte man viel mit Gangrän zu kämpfen, was jetzt nicht mehr vorkommt, ebenso lässt man Ent­zündungen der Lymphgefftsse (wurmähnliche Stränge) und sonstige bindc-gewebige Indurationen nicht aufkommen; Hering macht darauf auf­merksam, etwa entstehende Nebenabszesse baldigst zu öffnen, um einer Eiterresorption, welche manchmal zur Entstehung von Botz führen soll, vorzubeugen.
Eiterbänder bei Rindvieh werden in derselben Weise ausgeführt, wie bei Pferden, nur ist die Haut dicker und weniger empfindlich, dagegen das subkutane Gewebe lockerer und leichter Versenkungen des Eiters zulassend.
Die geeignetste und häutigste Stelle ist der Triel, den man an seinem untern Teile quer durchsticht oder wird das Band auch der Länge nach abwärts eingezogen (30—35 cm lang). Meist ist die Stelle so reaktionslos, dass kaum eine Anschwellung oder Eiterung nachfolgt, wenn nicht einige Rhizomfasern der weissen Niesswurz auf das Band genäht werden; letztere ist bei Bindern absolut notwendig.
Eiterbänder bei Hunden. Die Subkutis ist hier so locker und verschiebbar, dass man das Band mit einem raschen Stiche durch eine Hautfalte bringt; das Band wird selbstverständlich doppelt länger, als die Höhe der gebildeten Balte beträgt, an deren Grund die Nadel (Figur 188) eingeführt wird.
Die meiste Veranlassung zum Haarseilziehen bei diesen Tieren sind lähmungsartige Zustände, wie sie entweder für sich oder im Ge­folge der Staupe auftreten, die Applikationsstelle richtet sich auch ganz nach der betroffenen Körperpartie und mnss immer das Band unmit­telbar auf die betreffende Stelle angebracht werden, gewöhnlich am Genick oder mehr an den hinteren Gegenden der Wirbelsäule. Manche Tierärzte ziehen in neuerer Zeit systematisch fortgesetzte Strychnin-oder Veratrininjektionen vor, Erfolge sind aber auch hier nicht häutig zu erzielen.
ocr page 286
2G8 Eiste Haupt-Abteilung: Operationen an versohledenen Stellen dos Körpers.
Um (las Ankommen mit den Zähnen zu verluiten, wird entweder ein Maul-liorb angelegt odor mit einem Tuch die Stolle hodeckt und dieses schahrackenartig angopasst und genäht. LMlnner, mehr graulichgolbor Eiter tritt reichlich zu Tage, die Tiere werden aber bald sehr gesclnvächt, die Bänder dürfen dukor nur 6—8 Tage liegen bleiben, um vielleicht später wiederholt eingezogen zu werden.
XIII, Brennen. G-lüheisen.
Bei der Anwendung des Glüheisens (Cauterium) will man höhere Hitzegrade in verschiedener Weise therapeutisch ausnützen und findet dabei eine Zerstörung des Gewebes durch Verkohlung statt (Kauteri-satioa), ähnlich wie beim Ätzen, nur töten die Ätzmittel das Molekulai'-gefüge auf chemischem, die Kauterisationsmittel auf physikalischem Wege, Erstere (Cauterla potentialia) verteilen sieh mehr in dem Gewebe und greifen auch dort um sich, wo man es nicht haben will, letztere dagegen lassen sich leicht auf ganz bestimmte Stellen beschränken, sind von ungleich grösserer quot;Wirksamkeit und entsprechen so den praktischen Anforderungen besser, weshalb sie auch ausgebreitetere Anwendung finden (Cauteria actuaiia).
Die Geschichte des Brennens ist unstreitig eine dor nltestcn und reicht bis in das graue Altertum zurück. Schon 2000 Jahre vor Christi Geburt stand das Brennen bei den Indern und Chinesen in grösstom Ansehen und spielt es heute noch im Orient die grössto Rolle; aber auch hei den Griechen und Römern war es hei Mensch und Tier ein hochgepriesenes Mittel und kaum wurde einer Krankheit Erwähnung gethan, wobei nicht das Glüheisen empfohlen worden wäre; es darf dies auch nicht wundern , da man aus Mangel an anatomischen Kenntnissen nur selten blutige Operationen vornahm. Besonders ausgiebigen Gebranch wurde bei Augen-und Gehirnentzündungen, bei Drüsengeschwülsten, quot;Wurm, Bug- und Ilüftlilhmo, Gallen, quot;Wassersüchten, Paralysen u s. w. gemacht und die Kastration ist fast nur durch Kauterisation ausgeführt worden. Hippokrates hatte schon ganz bestimmte Indikationen aufgestellt und kam zu dem bekannten Schlüsse: quaeounque non sanant medicamenta, ca ferrum sanat, quac forrum non sanat, ea insauabilia exi-stimaro opportot.
Erst später im XV. und XVI. Jahrhundert erwuchs dorn Glüheisen eine Kon­kurrenz, als die chemischen Atzmittel aufkamen; nachdem man jedocli die Uuzu-verlässigkeit und Einseitigkeit derselben orkanntc, erfuhr das Brennen am Schlüsse des vorigen Jahrhundorts eine abermalige Blütezeit und halten die Orientalen, be­sonders dio Araber und Perser heute noch dasselbe für eine Art Univcrsalmittcl bei den Pferden, welche auch gegen Innere Krankheiten und selbst prophylaktisch gebrannt werden und daher die ausgedehntesten Brandmale an sich tragen.
Wie in früheren Zeiten erfreut sich auch heute noch die Thermokaustik bei den Tierärzten aller Länder der grösston Beliebtheit, nachdem sie auf dem langen quot;Wege ihrer Geschichte so recht die Wandlungen menschlicher Anschauungen über das Wesen und dio Art ihrer Wirksamkeit durchmachen musste, ganz besonders sind es aber dio Tierärzte in Spanien, Frankreich und England, welche den ausgebrei-tetsten Gebrauch vom Brenneisen machen, mit demselben aber auch unstreitig besser umzugehen verstehen, als dies z. B. bei den deutschen Veterinären der Fall ist; sie führen es leichter, wenden es nur kirschrot an und ziehen es viel rascher aus dem Gewehe wieder zurück, erzeugen daher auch weniger Brandnarben, obwohl auch mancher Missbrauch getrieben wird. In neuester Zeit ist in vielen Fällen
ocr page 287
XIII. Bronnen. Glüheisen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 209
an die Stelle des BrenneiscriK das Platina getreten und werden lieide Metalle jetzt auch perkutan angewendet, um mehr direkt auf den leidenden Teil einwirken zu können, es sind jedoch die frülioren Brennmetboden dadurch nicht beeinträchtigt worden und nehmen sie auch in der Therapie der Gegenwart einen gesicherten Platz ein, denn das Kapitel der Anwendung des Feuers gehört zu den wichtigsten der ganzen praktischen Veterinärmedizin.
Als Vehikel der Glühhitze hat sich unter allen Metallen das Eisen den ersten Rang erobert und kann neben ihm nur noch Platin aufkommen.
Abgesehen davon, dass die den andern Metallen wie dem Stahl, Kupfer, Silber u. s. w. zugeschriebenen Vorteile (geringerer Schmerz, rasche Heilung der Brandwunden, Bildung glatterer Narben) nie bewiesen worden sind, empfiehlt sich das weiche, leicht zu beschaffende und zu bearbeitende Stabeisen schon durch seine grosseWohlfeilheit und die nicht hoch genug zu schätzende Eigenschaft, nicht nur bedeutende Wärmemengen in sich aufzunehmen und rasch wieder abzugeben, sondern auch die Höhe der letzteren durch Veränderung seiner Farbe eklatant zu erkennen zu geben.
Rötlich violett wird poliertes Eisen bei 3000C.;
Blau bei einer Erhitzung auf beiläufig 400deg;;
Dunkelbraunrot bei 500 0j
Braunrotglühend 600—700deg;;
Kirschrotglühend 700—800deg;;
Orangefarbig 800—900deg;;
Weissglühend IGOO—11000; der Schmelzpunkt liegt hei 20000C. Die früheren Angaben, wonach letzteres Eisen einem Hitzegrad von 5()000R entsprechen soll, basierten auf irrtümlichen Berechnungen. Weitaus am häutigsten kommt das Pilsen rotglühend (kirschrotglühend) zur Anwendung und wird, da es sich rasch abkühlt, orangefarbig aus dem Feuer genommen; nur ausnahmsweise benützt man es dunkelbraunrot und weissglühend blos zu thermokaustischer Trennung und Zerstörung der Gewebe.
Die Schattenseite des Eisens ist seine ausserordentlich grosso Oxydahilitiit, wodurch es sich rasch ahniitzt, blamp;ttert, splittrig, rissig und schlackig wird und daher vorher stets abgefeilt und geglättet -worden muss. Bei dem viel härteren Stahl, welcher sich nur durch den ganz hestimmt gehaltenen Beisatz von 0,5—2,0 Proz. Kohlenstoff vom Staheisen (0,1—0,5 Proz.) unterscheidet, würde sich der an­gegebene l'belstand vermeiden lassen, wenn jener nicht durch öfteres ülnhon bald wieder zu Eisen würde, das um das Vierfache weniger Kohlenstoii' besitzt (0,1—0,5 Proz.).
Zur Erbltzung dient entweder eine gewöhnliche Schmiedeesse odor eine Kohlenpfanne, oft auch ein ordinärer kleiner Spenglerofen; Holzkohlen erweisen sich immer besser, als Steinkohlen, welche das Eisen stark angreifen. Die fran­zösischen und englischen Tierärzte verwenden fast nur erstere. Kleinere Bronner, wie Stricknadeln, werden an der Spiritustiamme erhitzt.
Die Brenneisen. An jedem Brenneisen (Thermokauter) unter­scheidet man 3 Teile, den vorderen geformten, den mittleren als Schaft oder Stiel und den hintern als Handgriff.
Dor Stiel ist lange genug, um die Hitze möglichst fern von dor Hand zu halten und wird in den Griff oingolasson, welcher aus einem schlechten Wärme-
ocr page 288
270 Erste Hauptabteilung! Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
loiter, am besten aus weichem Holz besteht. Der Schaft geht nicht durch letzteren hindurch, da man sich sonst die Hand verbrennen kann. Der vordere Teil trägt an dem meist abgebogenen Ende den verschieden geformten Kanter, welcher Brcnnkolben heisst und vor allem in seinem Rücken so stark im Metall ge­balten werden muss, dass er möglichst viel Glühhitze zu fassen vermag.
Flg. 190.
Die hauptsächlichsten tierärztlichen Brennkolben sind folgende:
Mit der Schneide wirkend:
1.nbsp; nbsp;das prismatische oder keilförmige Brenneisen (Figur 189 a); besonders zum Strichfeuer verwendet.
2.nbsp; das bell- oder halbmondförmige zum Trennen der Gewebe (Figur 190 6).
ocr page 289
XIIF, Brennen. Gliilicisen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 271
3.nbsp; nbsp;das messerförmige, gewöhnlich das grösste Breuneiseu. ]gt;ic Schneide darf nur 1—8mm breit sein, der Kücken hat min­destens 1,5 cm (Figur l!)üc).
Mit der Spitze wirkend:
4.nbsp; das punktförmlge oder spitzkonische Brenneisen (Figur 18!) d).
5.nbsp; nbsp;das olivenförraige (Figur 189 e).
6.nbsp; nbsp;das abgestutzt kegelförmige (stumpfkonische, Figur l8Qf),
7.nbsp; nbsp;die Brennstifte oder (ilülinadein (s. unten Ignipunktur).
Mit der Fläche wirkend:
8.nbsp; nbsp;der birni'örmige Brennkolben (Figur Ibii^). !). der thalerlormige (Figur 190 Ä).
10.nbsp; der cylindrische (Figur 190 i); sämtlich für Gewebszerstörung,
11.nbsp; nbsp;der ringförmige (Figur 190Ä); zur Amputation des Schweifs.
12.nbsp; nbsp;die Markierbrenneisen mit Zahlen oder Buchstaben, zum Fin-brennen bestimmter Merkmale auf die Haut oder in das Horn, den Huf u. s. w. (Militär- und Gestütszeichen).
Man kann auch mit weniger als doraquo; hier aufgezählten Bminkollipnformen in der Praxis auskommen, wie auch liosondore Fälle noch andere Formen er-heisohen, die Übrigens leicht speziell hiel'ür seihst in einer Schmiede angefertigt werderaquo; kniinen. Eine Hauptbedingung bleibt die glatte Brennfläohe, um hässliche Narben hei Pferden zu vermeiden, welche den Wert der letzteren so sehr zu ver­ringern geeignet sind. Für andere Haustiere, so fllr Rinder und Hunde bedarf es meist keiner besonderen Kolben, abgesehen davon, dass es hier nur selten zur Applikation des Feuers kommt.
Wirkung des Brennens.
Der nächste Effekt des gewöhnlichen (rotglühenden) Brenneisens ist eine sofortige Zerstörung der Haare und des Gewebes der oberen Kutisschichtcn, in denen eine Verkohlung, d. h. Gerinnen des Eiweisses innerhalb der Zellen nebst der lutercellularsubstanz und Verflüchtigung des zu H und 0 zersetzten Wassers zu stände kommt, wodurch die Textur in einen trockenen Schorf umgewandelt wird, da ansserdem auch infolge der Koagulation die betreffenden Gefässe durch Throm-bosierung verlegt werden. Der trockene schwarze Brandschorf entspricht durchaus der Grosse und Form der Berührungsfläche des Brennkolbens und schon aus diesem Grunde ist der Gestaltung desselben in der Pferdepraxis die grösste Beachtung zuzuwenden, während die Schorfdicke teils von der Festigkeit des Aut'driickens und des mit dem Brenneisen ausgeübten Druckes, teils von der Toleranz der Haut für thermische Eingriffe abhängig ist.
Im Moment der Einwirkung nimmt man neben einem knisternden, prasselnden Geräusch einen eigentümlichen hrenzlichen Geruch und leichten Rauch wahr, auch schlügt zuweilen bei reichhaltigem Fettlager, wie z. B. bei dem subkutanen Kauteri-sieren der Hüfte bei Pferden, eine belle Flamme in die Höhe.
ocr page 290
272 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen dos Körpers.
Unter dev verbrannten Haut und im ganzen Umfange des Brand-seborfes entstellt eine entzündliche Hyperämie mit Schmerz und nur dicht am Schorfe kommt es zunächst zu einer förmlichen Kxsudation mit Bildung von kleinen A'esikeln (Erythema caloricum), welche eine (demarkierende) Entzündung zur Eolge hat und wodurch auch schliesslich die Abstossung des Schorfes spontan bewerkstelligt wird; den SchlüSS bildet die Formation von Granulations- und Narbengewebe. Nur bei sehr obertlächlichem Brennen oder unter aseptischen Kautelen (vorheriges und nachfolgendes Reinbalten der Fläche und deren Umgehung mit, Karbol- oder Sublimatwasser) kommt es gar nicht zur Entzündung und somit auch nicht zu Eiterung und haarlosen Stellen, sondern zu rascher Vernarbung unter dem Schorfe, was jedoch meist nicht gewünscht wird, denn durch die entzündliche Beizung und den Schmerz in der ganzen Umgebung soll ein tiefer gehender Beiz auf die betreffenden Gewebe hervorgerufen, eine Steigerung der Zellenthätigkeit, der Innervation und der Kontraktilität der Muskeln angeregt werden.
Die nächste Folge ist dann eine Kräftigung der Textur, Beseitigung von Erschlaffungszuständcn besonders in den sonst einer Reizung so schwer zugänglichen Bändern, Sehnen, Gelenkskapseln; ferner Ableitung und Beschränkung vorhandener schleichender Exsudationsprozesse, Be­förderung der Rückbildung und Resorption krankhafter Ausscheidungen und schon gebildeter neoplastischer Produkte. Ausserdem besteht noch eines der wesentlichsten Effekte des Glübeisens in dem gleichmässig anhaltenden Drucke, welcher durch das Granulationsgewebe sekundär entsteht, wenn es seinen regelmässigen Schrumpfungsprozess durchmacht und wodurch jene vortrefflichen Wirkungen zum Vorschein kommen, wie sie z. B. (lurch geeignete Kompressivverbände, die aber bei Tieren nicht möglich sind, beobachtet werden und deren Folgen ein Verschwinden selbst organisierter Entzündungsprodukte sind; aus diesen Gründen sind die Tierärzte auch viel mehr auf das Glüheisen angewiesen und werden es auch wohl für immer bleiben.
Eine noch reellere Basis kommt dem Ferrum candens zu, wenn es sich darum handelt, durch die Glühhitze pathologische Neubildungen zu entfernen, Flächenblutungen zu stillen, Abszesse zu eröffnen, gründ­liche Umstimmung in der Wundheihmg hervorzurufen oder jenes krank­hafte Gewebe auszurotten, welches etwa das Messer oder der scharfe Löffel zurückgelassen hat.
Eine Allgcmeinwirkung auf den Gesamtkörper findet nicht statt, wohl aber können sehr cmpfindlicho, insbesondere jugendliche Tiere, Fohlen edler Ab­kunft u. s. w. durch grossen Schmerz, wie or namentlich bei Applikation zu niederer, keine Krtötung des Gewebes, sondern nur ein Anbrennen nach sich ziehenden Hitzegrade entsteht, in ein Reizfieber verfallen und arg mitgenommen werden, wie auch niemals grössere Flächen (z. B. mehrere Fessel) zu gleicher Zeit gebrannt werden dürfen.
Kontraindikationen liegen vor bei sehr jungen sensiblen Indi­viduen oder bei herabgekommenen, sehr alten Tieren, ebenso wenn in der Nähe Organe liegen, welche von der ausstrahlenden Hitze und der dadurch hervorgerufenen entzündlichen Infiltration nachteilig beeinflusst
ocr page 291
XIII. Brennen. Olllhelsen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;273
winden, wie das Auge, das Gehit'll, gl'össere Arterien, Xei'venstämnie, Gelenke, Beugeflächen, die sehr empfindliche Krone der Hufe und Klauen; nicht selten ist man darauf angewieseUj derartige Stellen durch liedecken mit feucliten Lappen ZU schützen oder sie, mit dem Glüheisen leichter zu überfahren.
Wenn die Tiere nach dem Brennen wieder zu dem früheren Dienst verwendet werden müssen, unterlässt man die Operation besser, ebenso bei manchen malignen Geschwülsten (Karcinomen, Sarkomen, Melanomen), bei denen schon liäniig Infek-tionsrezldive vorgekooimen sind, welche von schlimmerer Bedeutung sein können, als das ursprüngliche Leiden. Endlich geschieht das Brennen oft schlendriamniissig, indem andere Mittel ganz ebenso, oft noch früher, zum Ziele führen. Das Brenn­eisen soll immer nur das Mittel letzter Instanz bilden.
Vorbereitung zur Kauterisation. Bei den gelinderen Graden des Brennens kann das Pferd durch die gewöhnlichen Mittel gezwungen werden, ruhig stehen zu bleiben; wo aber das Feuer in grösserer Ausdehnung und Tiefe, an sehr empfindlichen Tieren und Teilen des­selben, in der Nähe edlerer Organe angewendet werden soll, ist es für den Operateur sowohl als das Tier /weckmiissiger, wenn dieses nieder­gelegt wird. Die Operation kann mit viel grösserer Sicherheit und auch viel rascher ausgeführt werden, es muss aber dann dafür Sorge getragen werden, dass sich das Tier beim Liegen oder Aufstehen an den ge­brannten Stellen keine weiteren Verletzungen zuziehe.
Das Abscheeren der Haare ist bei edleren Hassen nicht not­wendig, wohl aber bei dichtem Wuchs, schmutziger Haut oder wenn vorher auf der betreffenden Stelle schon geschmiert und gesalbt wurde. Je mehr das Eisen durch die Kohle von Haaren und Schmutz Schorfe bildet, desto weniger dringen die Wärmemengen in die Tiefe, desto geringer ist der Erfolg und desto grosser fällt die. Narbe aus.
Zur regelrechten Ausführung des Brennens bedarf der Operateur eines Ge­hilfen, welcher das Feuer unterhält, für möglichst vollständige Verbrennung der Kohlen sorgt, damit die Eisen sicli nicht mit einer glasähnlichen, schlackigen Schichte überziehen und welcher die Instrumente in dem richtigen Hitzegrade der Reihe nach dem Operateur übergibt. Um reine glatte Glühllächen zu bekommen, werden die vorher gut abgefeilten Brennkolbeu am besten vorher auf Holz oder Stein abgerieben, rauhe oder zu dunkle, beziehungsweise zu sehr erhitzte Eisen aber zurückgewiesen.
Die Ausführung der Kauterisation.
In Beziehung auf die Art der Applikation des Glüheisens unter­scheidet man 1. das Distanzbrennen; 2. das mittelbare Brennen; 3. das unmittelbare Brennen; letzteres zerfällt wieder in das ober­flächliche und penetrierende (subkutane).
Betreffs des mehr oder weniger tiefen Eindringenlassens der Glüh­hitze richtet man sich ganz nach dem Zwecke, welcher durch das Brennen erreicht werden soll. Handelt es sich, wie in den meisten Fällen, um eine lokale Erhöhung der vitalen Thätigkeit in dem kranken Gewebe (bei gesunkener Sensibilität, Barese und Atrophie einzelner Muskelpartien), um Vermehrung der Resorption, entzündliche Erweichung
lie ring's Operationslclirc. IV. And.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;18
ocr page 292
HM
274 Kiste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellon des Körpers.
plastischer Exsudate, Erregung einer ableitenden Entzündung u. s. w., so bedarf man durchweg des kirschroten Isisens, dessen Effekte jetzt genau bei den Tieren studiert und erprobt sind.
Eine Gefahr des zu tiefen Eindringens der Hitze ist bei regelrechter Appli­kation ausgeschlossen, vie denn dieselbe (so auch in Betreu' des Aufbrennens der Hufeisen) übertrieben worden ist. Die sehr interessanten Versuche Ercolanis und Veil as haben ergeben, dass nur bei totem Gewebe die höheren Wärmegrade bis in die Subkutls reichen, das zirkulierende ISlut in den Gelassen aber der Aus­breitung der Hitze grossen Widerstand leistet, letztere dringt daher nur 2—8 mm unter die Epidermis ein; dadurch ist es ermöglicht, dass höchst bedeutende Wärme­einheiten einströmen können, ohne dass die Haut desorganisiert wird und Narben zurückbleiben, es muss aber das Brennen mit grosser Sachkenntnis geschehen, die, wie schon erwähnt, bei uns nicht allzuhäufig anzutreffen ist.
1.nbsp; Das Distanzfeuer (Feu par approche, feu objeetif) wird mit kirschrotem Eisen in der Art ausgeführt, dass man dasselbe mehrere Minuten in die Nähe hält, um die Hitze reichlich in den betrettenden Teil einströmen zu lassen, ohne jedoch die Haare zu versengen; es entstellt dadurch eine heftige Reizung, welche früher besonders für derivatorische Zwecke verwertet wurde, man hat jedoch den Grad dieser Yeiinennung zu wenig in der Hand und ist die. Haut der ein­zelnen Tiere so verschieden empfänglich, dass der Erfolg gegenüber dem Kontaktfeuer ein ganz unsicherer ist. (iaullet und Mercier haben zwar bestimmte Regeln angegeben, indessen ist die. Ausführung derselben schwierig, so dass man heute mit Recht ganz von dieser Art Kauterisation zurückgekommen ist.
2.nbsp; Das mittelbare Brennen besteht darin, dass man mit dem Glüheisen die Haut nicht direkt berührt, sondern eine Zwischenlage unterschiebt, als welche gewöhnlich eine Speckschwarte dient. Die hiedurch entstellende Verbrennung der Haut ist der starken Erhitzung des in der Schwarte enthaltenen Fettes zu verdanken und der Effekt, weil im Voraus nicht zu berechnen, ein ebenso unzuverlässiger, wie bei dem Objektivfeuer, beide Brennmethoden können daher höchstens An­spruch auf historisches Interesse erheben.
8. Das unmittelbare Brennen. Hiehei kommt das Glüheisen in wirkliche Berührung mit der Haut und richtet sich die Ausdehnung der Operation ganz nach dem Umfang des erkrankten Teiles, hat sich jedoch stets über diesen hinaus zu erstrecken. Man kann dabei mehrere Formen einhalten, am häutigsten wird in Form von Punkten oder Strichen oder von beiden zugleich gebrannt. Die Applikation sowie die Wirkung bleibt sich bei beiden die gleiche, ein Unterschied besteht nur in der räumlichen Ausdehnung.
Das Punktfeuer (Feu ä pointes) wird mit dem stumpfkonischen, punkt- oder olivenförmigen Br.eimkolben ausgeführt (Figur 1S9 (?, e,/',(/) und eignet es sich besonders für feinere Haut, kleinere Flächen, auf scharf umschriebene Stellen, wie z. B. kugelige Gelenkgallen, Exostosen, Spat, Leiste, abgesetzter Sehnenklapp u. s. w.
Die einzelnen Punkte werden in geordneter Form mit regelmässigem Dessin (im Kreise, in Reihen oder Rauten) eingebrannt, sollen stets glniclnvoit voneinander abstehen und unter sich gleichschenklige Dreiecke bilden. Die Entfernung beträgt
ocr page 293
XIII. Brennon. (ilüheisen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 275
(Inrchweg 10—15 mm, wobei die dazwisclien liegenden ITautpartion in ilirem Bostande niclit bedroht werden und nicht Gefahr laufen, von der später eintretenden Kite-rung unterminiert und abgestossen zu werden.
Das Strichfeuer (Feu transcurrent, en mies). Die einzelnen Striche werden mit dem keilföimigen Brenner (Figur 189 a) in paralleler Bichtung und in einer Distanz von ebenfalls 10—15 nun in die Haut eingebrannt, man braucht daher nicht mehr Platz, appliziert jedoch die Striche nur hei ausgedehnteren pathologischen Veränderungen, wie an den Beugesehnen oder grösseren Gelenken und Muskelfläcben.
Vor dem Brennen merkt man sich jene Stellen, welche besonders sorgfältig gebrannt werden sollen und zeichnet sich dann die Punkte oder Striche zunächst mit einem schwächer erhitzten (braunroten) Kisen vor, das wenig mehr als die Ilaare abbrennt; alle folgenden Brenner kommen orangerot aus dem Feuer, kirsch­rot zur Anwendung und genügt für gewöhnlich ein 5—6maligos Überfahren mit leichter Hand Niemals darf die Erhitzung soweit gehen, dass die benachbarten Ilaare in Flammen aufgehen. Die Striche dürfen nicht zu lang ausgezogen werden, weil sich unterdessen das Glüheisen zu sehr abkühlen würde (s. unten), man unter­bricht sie daher mit Vorteil oder untermischt sie mit Punkten.
Bei diesem gemischten Feuer (Feu mixte, von Prange) können sich die gehrannten Flächen sowold, als auch die Haut seihst hesser ausdehnen, wenn die entzündliche Anschwellung eintritt, man thut daher immer gut, einzelne Stellen ganz intakt zu lassen. Die Richtung der Striche soll der der dachziegelförmig über einander gestellten Ilaare folgen, damit jedoch später die letzteren über die Striche herabwachsen, können diese ganz wohl auch in schiefer Richtung gegen den Haarstrich eingehrannt werden.
Sollen die Striche unter irgend einem Winkel gegeneinander laufen, so dürfen sie sich gegenseitig nicht treffen, sondern es soll eine intakte Hautbriicke dazwischen gelassen werden ; die spitzigen Hautwinkel stülpen sich gerne durch die nachfolgende suppurative Dermatitis auf und gehen verloren, um Narben der hässlichsten Art zurückzulassen
Verschiedene Intensitätsgrade des Brennens. Beim Brennen in leichtem Grade, d. h. bei nur 5—6maligen) Überfahren des Bot­glüheisens wird die Haut auf beiläufig die Hälfte ihrer Dicke eingebrannt, was man daran erkennt, dass die Flächen der Punkte oder Striche eine braungelbe Färbung annehmen und nur wenig oder gar nicht schweissen. Dieser 1. Grad kommt hauptsächlich hei edleren Pferden, bei Pessel-verstauchungen, nicht sehr veralteten Hinkereien, weicheren Knochen­geschwülsten, Lähmungen, Muskelschwund u. dergl. zur Anwendung.
Bei is—10 maligem Überfahren mittels des rotglühenden Eisens kommt eine goldgelbe Farbe zum Vorschein und ist mit diesem II. Grade in der grossen Mehrzahl der Fälle der richtige Brenneifekt erzielt worden; die Fläche ist dabei völlig glatt, wie geplättet und be­sonders an den Rändern erfolgt eine Ausschwitzung in Form eines feinen Thaues.
In inveterierten, vernachlässigten oder hartnäckigen Fällen kann der Effekt noch weiter getrieben werden, bis nämlich die Brandfläche eine strohgelbe Nüanzierung angenommen hat. Die Punkte und Striche exsndiercn jetzt in Form kleiner rötlichgelber Tröpfchen, die dazwischen
ocr page 294
270 ErsteHaupt'Abtellung-! Operationen an verscliiedenen Stellen des Körpers.
liegende Haut ist stark geschwellt, infiltriert und die Epidermis gelockert. Nunmehr erbreitern sich die Striche, die Hautbrtlcken nehmen Runzeln an und fahren wohl auch kleine Brandblftschen auf, wodurch das Signal gegeben ist, dass jetzt jede weitere Fortsetzung vom (,'bel wäre.
Kiemals darf dieser III. Grad des Brennens durch quot;Weisgliilihitzo erzielt werden, solidem nur durch fortgesetzte Applikation des rotglühenden Brenners; dieselbe Regel gilt auch für das Glnheisen, wenn es bei Kindern (Arbcitsochsen) zur Anwendung kommt, deren Haut Sinai dicker als hei Pferden ist und daher wohl eines so starken Eingriffes bedarf, denn eine Ausschwitzung erfolgt erst in dem gewünschten reichlichen Grade, wenn die Striche oder Punkte das zweite Drittel der Hautdicke erreicht haben, also wenigstens 15mal überfahren worden sind.
Ein Durchbrennen der Haut beim Strichfeuer ist unter allen Umständen zu vermeiden, denn nicht allein stirbt ein grösseres Hautstück nekrotisch ab, son­dern die Aussicht auf einen günstigen Erfolg ist so gut wie vernichtet Überdies folgen die heftigsten Schmerzen, sowie langwierige Eiterungen bei Pferden nach, welche recht schlimm werden können, auf die verschiedene Dicke der Haut bei den verschiedenen Tieren muss daher stets Rücksicht genommen werden. Am besten lässt sich das gefährliche Durchbrennen in zweifelhaften Fällen vermeiden, wenn mit dorn Eotglüheisen nur solange vorgegangen wird, bis die goldgelbe Farbe hervorgetreten ist: wäre nachher der Effekt nicht ausreichend, kann mit grossom Vorteil eine Kantliaridensalbe oder Jodtinktur nachgerieben werden, sobald der Schorf abgefallen.
Brennregeln. Mit dem frischroten Glühelsen darf immer nur leicht und ohne einen Druck auszuüben, über die Fläche hin­gefahren werden, um alsbald dasselbe abzugeben, sobald es zu er­blassen beginnt. Das Weggleiten geschieht zuerst ziemlich rasch, mit dem Grade der Abkühlung aber langsamer und nur das eigene Gewicht des Eisens ist es, mit dem das Überfahren zu geschehen hat, jedes Nachdrücken der Hand am Griff ist also zu unterlassen. Die Haut soll so wenig als mögliüh eine Verbrennung erfahren und ihr Gewebe darf nur angegriffen werden, um so viel als möglich den Wärmerei/ ein­strömen zu lassen. Je schwerer somit der Brennkolben, desto mehr muss ihm die fühlende Hand das Gewicht abnehmen, ebenso muss die Führung um so leichter geschehen, je dicker, schwerer und heisser das Eisen, je feiner die Haut und je strammer sie über Hervorragungen, Gelenke und Knochenprominenzen gespannt ist. Im andern Falle ist der Effekt unzureichend und ist es unmöglich, bleibende Narben zu vermeiden. Um eine tlmnlichst leichte Handführung zu ermöglichen, ist es ein Haupterfordernis, dass die Ränder des Kolbens nicht scharf sind und die Brennfläche desselben behufs ununterbrochenen Weggleitens eine leicht konvexe Form habe.
In dieser Weise sind die Striche jetzt nur in die Kutis eingebrannt, ohne sie desorganisiert zu haben, sie kann daher umsomelir wieder zur Norm zurückkehren, als die nutritive, und sekretorische Aktion in ihrer ganzen Umgebung erhöht und die Energie des Blutumlaufes ver­stärkt worden ist.
Mit demselben kirschroten Glüheisen darf der Weg nicht zwei­mal über den Strich oder Punkt genlacht werden, es nmss dasselbe vielmehr nach dem einmaligen Überstreichen aus der Hand gelegt werden, Um das zweite erst dann zu applizieren, wenn der Strich sich ab-
ocr page 295
XIII. Riennen. Gliihcisnii.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 277
gektlhlt hat; nunraehr hat die fvelgewordene Wttrme Zeit, In die Tiefe zu dringen, hei dem sofortigen /.weiten Touchleren aber würde eine doppelte Menge Hitze einströmen und die Haut nicht nur überreizt und un­empfindlich gemacht werden, sondern sie müsste auch verbrennen, das Glüheisen erlangt somit erst dann seine volle Wirksamkeit, wenn die zweite Applikation auf die Jetzt wieder empfindlich gewordene Haut erfolgt.
Es ist somit von der grOsston Wichtigkeit, das Brennen nicht zu uber-eilon und das folgende Eisen erst zu wiederholen, wenn der Schmerz des vorher­gegangenen VOl'üLer ist. In England und Frankreich verwenden die Tierärzte auf ein Duf/.end Striche l/laquo;—'/raquo; Stunden und nicht zum wonigsten ist diesem Umstände zuzuschreiben, wenn dort so bedeutende, bei uns kaum gekannte Erfolge erreicht werden. Da das kirschrote Eisen nur einmal geführt wird und zwar von oben nach unten, so erfährt der obere Teil des Striches eine grössere Erhitzung, als der untere, der Effekt müsste daher ein ungleicher werden, wenn man nicht von oben her rascher und leichter wegfahren oder in der llichtung abwechseln würde; auch erfordert die Haut an Stellen, wo sie bei der Bewegung Falten bildet oder von früherer Behandlung her verdickt ist, nicht eine verstärkte Applikation des Gliiheisens, sondern Schonung und Nachbehandlung durch erweichende und zerteilende Salben.
Nach einigen Tagen erhöht sich der Schmerz, die Brandmale (Kauterome) vergrössern sich und nicht selten tritt jetzt ein Reizfieber ein; auch die Ausschwitzung dauert mehrere Tage1 an und vertrocknet dann zu braunen Krusten, welche samt dem Brandschorfe sich erst nach 1—2 Wochen abstossen, nachdem leichte Eiterung und Granulation eingetreten.
Die Wirkung lässt mehrere Wochen oder Monate auf sich warten, da das Granulationsgewebe sich nur allmälich zusammenzieht, wodurch auch die Narben immer kleiner werden und für gewöhnlich dem Auge sich entziehen sollen, wenn nicht eine stärkere Einwirkung notwendig war. Schmerz, Anschwellung und Krustenbildung, wenn sie massig waren, garantieren am ineisten den guten Erfolg, im andern Falle können die Striche oder Punkte entweder nach einiger Zeit wieder gebrannt werden oder wartet man 4—6 Wochen ab, um dann nötigenfalls mit Lorbeeröl oder einer Scharfsalbe nachzuhelfen.
Perkutanes Brennen. Ignipunktur.
An das oberflächliche 1 lautbrennen reiht sich das peuetrierende Brennen an, wobei das Glüheisen durch die Haut hindurch bis in die tiefer liegenden Gewebe eingeführt wird.
Der Gedanke, diejenigen Gebilde, deren Erkrankung zumeist Veranlassung zum Brennen gibt (Subkutis, Sehnen, Sehnenscheiden, Gelenkkapseln, Bänder, Mus­keln, Beinhaut, Knochen), direkt mit dem Glüheisen zu treffen, die Haut also nur als Mittel zum Zweck zu benutzen, wurde früher öfters aufgenommen, mau sträubte sich aber Jahrhunderte lang dagegen, da meist die heftigsten Entzündungen nach­folgten und Narben der hässlichsten Art entstanden.
Riebet war der erste, welcher das Verfahren (1863) dahin abänderte, dass er die spitzkouischen Brennkolhen mit solchen vertauschte, in welche feine Metall-stifle eingelassen waren (Cauteres amp; aiguille) und erreichte damit so gute Resultate, dass man bald anfing, die Gliihnadeln auch in Sehnen, deren Scheiden und selbst
ocr page 296
278 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
in Gelenkkapseln und Knochen ein/ubohren. Alsbald versuchten auch die Tier­ärzte in Frankreich von der neuen vielversprechenden Kauterisationsmethode Nutzen zu ziehen und empfahl insbesondere Leblanc (le pi're), mit glühenden Drahtstiften viele aber ganz feine Punkte in das Unterbautbindegewebe einzubrennen (1865). Grosse Erfolge wurden im Anfange nicht erzielt und hatte man vornehmlich mit Eindringen von Luft, Zurückbleiben von Metallschlacken und Schmerzen der hef­tigsten Art zu kämpfen, so dass Ausgang in Brand und seihst Tod häufig genug nachfolgte, der Nadelbrenner erfuhr daher die grössten Anfeindungen, bis auf Grund der gemachten Erfahrungen das Verfahren durch bedeutende Praktiker wie Foucher, Bianchi, Rossignol, Levadau, Bourguct u. a. verbessert wurde, worauf es auch bei den Tierärzten anderer Länder Nachnahme fand und jetzt allerwärts ge­übt wird, ohne jedoch den geliegten Erwartungen, namentlich in der Privatpraxis, ganz zu entsprechen, auch hat in letzter Zeit der Thermokauter der Eisennadel starke Konkurrenz gemacht. Die Ignipuuktur erfordert viele Sachkenntnis und die grösste Vorsicht, wenn nicht gefährliche Folgen eintreten sollen.
Die Glühnadeln. Die Herstellung praktisch brauchbarer Nadel-breimer bietet heute noch Schwierigkeiten, die besonders darin bestehen, dass, nachdem die Stifte nur wenige Millimeter dick sein dürfen, sie ausserordentlich rasch sich abkühlen und leicht verbiegen. Erstes Er­fordernis ist, dass die Nadel in einen stark in Metall gehaltenen Brenn-kolben befestigt wird, der grosse Mengen Glühhitze zu absorbieren vermag und dass sie aus einem Material besteht, welches durch die Erhitzung in keiner Weise angegriffen wird und die glatte Oberfläche verliert.
Letztere Schwierigkeit ist dadurch nicht unschwer zu beseitigen, dass Drahtstifte vom besten Eisen gewählt und nach dem Gebrauch durch neue ersetzt werden oder dass man sie aus einem edleren Metalle, das also nicht leicht oxydiert und schlackt, wie z. B. Kupfer, Silber oder Flatiu verfertigt. Der Hitzegrad wird durch den eisernen Brennkolben, der als Nadelträger dient, angezeigt. Ein weiteres Haupt­erfordernis ist ferner, dass die Nadel gleichniässig dick und nur an ihrem Ende zugespitzt sei, um einesteils dem Nachdringen von Luft in den jetzt gleichniässig weiten Stichkanal und dem Verbiegen möglichst zuvorzukommen, andernteils in festem Gewebe, in Knochen oder osteoiden Neubildungen mit der Nadelspitze nicht stecken zu bleiben (einzu-spiessen). Die Ignipunkturnadeln haben die bestimmte Dicke von 2,5 bis li,5 mm und je nach der Tiefe, in welche vorgedrungen werden muss, eine Länge von o bis 10 cm.
Die grössere Schwierigkeit, die auch beute noch nicht überwunden ist, besteht in der Kombination der Nadel mit ihrem Wärme­träger. Foucher hat die einfachste Konstruktion angegeben, indem er einen Platinstift in einen starken, massiven und stumpfkonischen Brenn­kolben, der beiläufig die Form des ringförmigen Kanters (Figur 190 Ä, Seite 270) hat, einschraubte. Die jüngste Zeit hat zahlreiche Ver­besserungen anzubringen gesucht, welche aber meist so kompliziert sind, dass sie gar nicht angeführt zu werden verdienen.
Behufs leichterer Einfügung und doch sicherer Fixation des Stiftes hat man an den Brennkolhen Federn, Riegel, Hacken oder Stellschrauben (Bei dez, Bour-guet, Lagarri(|ue, Reden u. a.) angebracht, welche sich bald abnützen, rosten und lahm werden. Eine der brauchbareren Nadeln stammt von Berdez; sie ist
I
ocr page 297
XIII, Brennen. Gliilieisen.
279
8 mm dick, wird durch die panzo Dicke des abgestumpft kegelförmigen Brcnnkolbens hindurchgesteckt und auf der obern Fläche des Lel/teicn durch einen Riegel fest­gehalten. Der Stift wird vorläufig nur zur Hälfte eingestossen, so dass seine Spitze verborgen bleibt und erst aus dem Kolben hervorgestossen wird, wenn dieser ins Glühen gebracht wurde. Der AVärmeträger behält die Hitze zum Brennen mehrere l'unkte, der Stift muss jedoch bei jeder Applikation aufs neue erhitzt werden. Sehr wünschenswert ist es, die Wärmequelle in unmittelbarer Mähe zu haben, man kann daher statt des Küchenherdes oder einer Schmiedeesse sich auch einer Löth-lampe, eines tragbaren Spenglerofcns u. s. w. bedienen.
Von Bellen stammt die originelle Idee, die Stahlnadel vorher in das be­treffende Gewebe einzusenken und dann erst an dem hervorstehenden Teile durch eine glühende Feuerzange zu erhitzen, nachdem die Haut durch eine aufgelegte Lederplatte vor der ausstrahlenden Hitze geschützt worden ist (1\\ ropunktur).
Die Applikation der Qlllhnadeln geschieht in der Art, dass sie rotglühend auf die Haut angesetzt und diese rasch und ohne Unter­brechung bis zu der gewünschten Tiefe durchgebrannt wird, um dann alsbald aber langsam zurückgezogen zu werden, um möglichst viel Hitze einströmen zu lassen. Die Stichkanäle können nur klein ausfallen, es werden aber desto mehr Punkte in regelmftssiger Zeichnung eingebrannt; doch dürfen diese weder ZU nahe noch zu weit abstellen, d. h. nicht mehr und nicht weniger als 10—15 mm und immer darf mit demselben Hitzegrade auch bei dem perkutanen Brennen nur einmal gebrannt werden. quot;Wie oft die Wiederholungen mit frischglühenden Nadeln zu geschehen habe, richtet sich nach dem Einzelfalle und kann im allgemeinen von den oben schon besprochenen Gesichtspunkten aus­gegangen werden; für gewöhnlich genügt das 5—10malige Einführen des Instrumentes in dieselbe Öffnung und empfehlen sich bei un­genügendem Effekte nachträgliche Einreibungen der verdünnten oder puren Jodtinktur (statt, der Scharfsalbe).
Für die Ignipunktur eignen sich vornehmlich chronische Infil­trationen, Anschwellungen, Verhärtungen der Suhkutis, der Sehnen, Gelenkknochen, dann Beinhautentzündungen, Ostitiden, Überbeine, Leisten, Schale, Spat, Rehbein, Hasenhaeke, Pikphacke, kleinere Tumoren, Lymphgefässent/.ündungen, lymphatische Ödeme, Adenome, ganz be­sonders aber weiche Geschwülste, Ilydarthrosen, kurzum die Folgen der chronischen seroflbrinösen Synovitls; die nachher entstehenden multiplen, dicht aufeinander stehenden Narben konstituieren eine Art Kompressiv-verband von andauernder Wirkung, wie er sich gleichmässiger aid' andere Weise nicht erzielen lässt und auch von ausgezeichnetem Effekte be­gleitet ist.
Das Brennen von Knochenneubildungen an Gelenken erfordert viele Vorsicht und sind hier die meisten Misselfolge, insbesondere beim Spat zu verzeichnen; fertige, schon vollständig ossitizierte Auftreibungen widerstehen auch der intraoste-alen Behandlung, während die übrigen Exostosen günstigere Objekte darstellen. Cirkumskripte Knochenauftreibungcn kommen durch die nachfolgende Osteosklerose zur Heilung. Besonders erweisen sich solche Stellen geeignet, an denen die Haut die nötige Ausdehnbarkeit besitzt, denn im andern Falle entstehen die hef­tigsten Schmerzen und entzündliche Zufälle, welche recht schlimm werden können.
Das intrasynoviale Brennen erfordert die Vorsicht, dass die grösste Reinlichkeit beobachtet wird, dass nur einzelne Stiche die
ocr page 298
280 Erste Haupt-Abteilung! Operationen an verscliiodonon Stellen des Körpers.
Scheiden- umt Qelenksftcke durchbohren dürfen, die Mehrzahl derselben daher nur in das Unterhautgewebe dringen sollen. Durch eretere wird die krankhaft ergossene Synovialflüssigkelt entleert uml dauert der Austluss oft 0—8 Tage; in einzelnen Fällen entstellen durch die Hitze verstopfende Coagula, welche erst durch den nachträglichen Entziindungs-(Iruck ausgepresst werden. Sind die Synovialhiiute stark induriert, so thut man wegen des Vorbiegens der Nadeln gut daran, die allgemeine Decke vorher mittels eines spitzigen (iliiheisens zu durchbohren. Die Heilung erfolgt durch kapsuliire Adhäsion. Bei exzessiv hohem Grade des entstandenen Erythema muss man sich hüten, Kisunischläge an­zuwenden , sie werden der .Schmerzen halber meist nicht ertragen, zweckmiissiger erweisen sich Priessnitz- oder Bleiwasserumschläge und später das (ilycerinum saturninum.
Der Thermokauter (Thermo-cautere)
ist ein von Paquelln in Paris 187C angegebener Platinbrennapparat, welcher auf der Eigentümlichkeit des Platinmetalls beruht, in sich kolossale Mengen von Gasen (mehr als 250 Volumteile) zu kondensieren, so dass, wenn es erhitzt wird, ausserordentlich grosse Wärmequantitäteu in sehr kleinem Räume erzeugt werden können.
Der Apparat besteht aus einem Gebläse (Figur Idlhd), welches Luft durch den Schlauch e in eine am besten mit reinem Petroleumbenzin nur zu einem Dritt­teil gefüllte Flasche a treibt, wodurch die Benzindilmpfe vermittelst des zweiten Gummirohres/quot; bis in den Platinbrenner { gejagt werden. Letzterer besitzt einen hölzernen Griff zum handhaben g und können an den Hohlc\ linder 7i h verschieden geformte, ebenfalls bohle Platinspitzen zum Brennen (him) aufgeschraubt werden; der hintere Teil ist gleichfalls hohl und enthält bei h im Innern eine sclnvammige Spirale von riatiudraht, in welcher die quot;Verdichtung des Glases geschieht.
Will man den Apparat gebrauchen, so wird zuerst die Platinspitze an einer beigegebenen Spiritusflamme erwärmt und hierauf mittels des Gebläses Benzindampf hineingepumpt; in dem erhitzten Platinbrenner entzündet sich dieser und bringt ihn zur Glühhitze, die so lange anhält, als Gas nachgepumpt wird; geschieht dies rasch, so geht die Erhitzung bis zur Weissgltihhltze, mau vermeidet aber diese, da sonst der Platin­schwamm bald schmilzt. quot;Während die linke Hand das Gebläse (wie beim Karbolzerstäuber Seite 109) regiert, führt die Hechte den Piatin-kauter und kann zu grösserer Bequemlichkeit der Kautschukhaiion auch durch einen am Boden zu tretenden Diasbalg ersetzt werden. Die Benzin­flasche trägt einen Haken, so dass sie au der Kleidung des Operateurs irgendwo eingehängt werden kann. Je langsamer und ruhiger der Ballon arbeitet, desto mehr hat man das Glühen in seiner Hand.
Ks ist einleuchtend, dass mit dem Piatina candens ganz dieselben Zwecke verfolgt werden können, wie mit. dein Ferrinn candens, man gewinnt aber den nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil, dass man keine Esse oder Kohlenpfanne notwendig hat und der Apparat sich Während der Applikation nicht abkühlt, vielmehr die Botglühhitze gerade dann gleichmässig andauert, wenn sie am notwendigsten ist, man kann
ocr page 299
Xlll. Brennen. QlUheUen.
281
somit den Hauptzweck des Brennens durch den Platinkauter am grttnd* liebsten erreichen, nämlich beliebig grosse Wärmemengen in die Tiefe der Gewebe anhaltend einzuführen, ohne die Kutls In ihrem Bestände zu gel'iilu'den; die Platlhaglut erreicht nicht ganz den Wärmegrad des
Fig. 191. Tlionnocautore von Fa^uelln.
kirschroten Eisens, es werden daher auch durch das Instrument die denkbar geringsten Brandnarben erzeugt und insoferne hat es für den Veterinärarzt noch viel mehr Wert, als für den Menschenarzt und würde länffSt dasselbe in keinem tierärztlichen Armamentarium
ocr page 300
282 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
fehlen, wenn der Preis nicht ein ziemlich holier wäre (75 Mark mit 8 Brouumi).
Besonders aehamp;tzenswert ist seine Anwendung zur Zerstörung von pathologlsohen Geweben, Geschwüren und Fisteln, Luxuriationen, zur Exstirpatioa von oiebt sehr Umfangreichen Tumoren (Karciuome, Papil-lome, Kystome, aufgeschnittene Piephaken, zum Blutstillen, perkutanen Brennen, Markieren von /eichen, wozu besondere Brenner und Zahlen erhältlich sind u. s. W.). Bei seiner Führung ist hauptsächlich zu be­achten, class sie eine ungemein leichte sein muss, dass kaum ein Druck ausgeübt werden darf und das Trennen von Gewebsschichten nur in Absätzen zu geschehen hat. Die ausstrahlende Hitze ist so gering, dass sie den Gebrauch der Hand dicht an der Operationsstelle gestattet, trotzdem ist die kalorische Macht des Thermokauters eine so bedeutende, dass die Platin spitze selbst noch unter Wasser fortglüht.
Zu benierken ist, dass der Apparat gerne den Dienst versagt, wenn er nicht sachgeinäss behandelt wird. Vor allem muss der Inhalt der Flasche hei jeder Anwendung erneuert werden, wobei jedes Licht oder Feuer vermieden werden muss, denn läenzin ist ausserordentlicli leicht entzündbar und explodiert. Die Benzinflasche darf nur die Temperatur der umgebenden Luft haben, soll daher nicht mit der Hand gehalten, sondern irgendwo aufgestellt worden, wo sie nicht umgeworfen wird; besondere Sorgfalt ist auch auf den Verschluss dos Gefasses zu richten und dass niemals ein Teil der Flüssigkeit in einen der beiden Schläuche geraten kann. Das Gebläse darf erst dann in Gang gesetzt werden, wenn der l'latinkauter an der Spiritnstlammo gut erwärmt worden ist und wird dann am häufigsten der Fehler begangen, dass zuviel und ununterbrochen gepumpt wird.
Die sclnvaclic Seite des Thermokauters besteht darin, dass die verkohlenden Blut- und Gcwebsmassen am Platinbrenner schnell haften und bald rings um denselben eine kohärente lilzige Schicht bilden, welche die Gliihwirkung beeinträchtigt. Am meisten tritt dies beim Wegschneiden von Geschwülsten ein, am geringsten und unbeschadet der Wirkung beim oberflächlichen Punktbrennen und der Ignipunktur. Das anhaftende Gewebe kommt indessen auch beim Ferrum candens vor und muss auf der Platinspitze durch Weiterglühen verbrannt und entfernt werden. In der menschlichen Chirurgie erfreut sich das Instrument, das in neuester Zeit auch manche Verbesserung erfahren, grosser Be­liebtheit und hat jetzt die weiteste Verbreitung gefunden.
Das Feuer als Hämostaticum.
Zur Blutstillung wird die Glühhitze auch in der Veterinärchirurgie nicht selten verwendet, jedoch nur bei lliimorrhagien aus Gefässen mitt­leren oder kleinen Kalibers, deren Ligatur umständlich wäre oder bei einzelnen tief in die Gewebe zurückgezogenen Arterien und an Stellen, WO neben der Hftmostase noch die Zerstörung einzelner Gewebsteile beabsichtigt wird. So brennt man den Grumt abgeschnittener Papil-lome u. dergl., das Zellgewebe um den Knorpel bei Hufoperationen, die Sclnveifiiiuskehi und ihre Gefässe beim Englisieren, die frische an­geschnittene Fläche bei Exstirpatlonen etc.
ocr page 301
XIII. Brennen. Glüheiscn.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;2b'4
Über die beste Art und Weise der Anwendung des liiimostasieremleu Brenneisens ist man bis heute noch nicht ganz im Klaren. Seither ist hauptsächlich das weissglühende Eisen (Incandescence) empfohlen worden, damit es schnell die touchiei'ten Gewebe in einen festen Schorf verwandle und diesen nicht mit sich wegnehme. Die zu intensive Hitze verwandelt jedoch das Blut und Gewebe schon in wenigen .Sekunden in Asche und bildet so einen wenig resistenten Schorf, der leicht von dem Blutstrom weggeschwemmt werden kann; auch liegt die Gefahr vor, weitere Blutgefässe aiiziiiitzen, man macht daher gegenwärtig keinen Gebrauch mehr von ihm.
Anders verhält es sich mit dem rotglühenden Metall, das die (iewebe nicht zu verhohlen vermag, sondern nur vertrocknet, da es durch das austliessemle Blut sich rasch abkühlt; durch den Wärmereiz wird das Getass zu Kontraktionen veranlasst und bilden sich feste Thromben, welche in Gemeinschaft mit den sich einstülpenden Innern Arterienhäuten einen festeren Verschluss bilden, als wenn diese zerstört würden, die allerdings solidere Kschara verklebt aber gerne mit dem Eisen oder Platin und bleibt häufig geradezu an demselben hängen.
In neuerer Zeit hat man beiden Übelständen dadurch abzuhelfen gesucht, dass man das weissglühende Metall nur momentan, aber öfters mit dem Gewebe in Berührung bringt, um dem Schorfe keine Zeit zum Adhärieren am Brenner zu lassen (Bardeleben), ebenso will Billroth die höchste Glühhitze anwenden, jedoch nicht per contactura, sondern nur in distans. Eine Schattenseite bleibt jedoch immer bestehen, nämlich die, dass auch ein guter, gewebsfester Schorf nur dann vor Nachblutungen schützen kann, wenn der Blutstrom ein ganz geringer ist.
In letzter Zeit hat man auch die gefässkontrahierenden Wirkungen dos licissen Wassers nalier Itonnen gelernt und diese nicht hloss bei üterinblutuugen, sondern auch für Operationszwecke zu verwerten gesucht. Der Effekt reicht in­dessen nur für kleine Gefasschen aus und so ist man heute darauf zurückgekommen, das Glüheisen überhaupt zum häinostatischen Gebrauch mehr und mehr einzu­schränken, beziehungsweise nur gegen parenehymatöse Fliichenblutungcn in Anwendung zu ziehen.
Das subkutane Brennen besteht zum Unterschied von dem perkutanen darin, dass die Haut von dem Glüheisen gar nicht betroffen, sondern letzteres in die Subcutis und die unter ihr liegende Muskulatur eingesenkt wird.
Diese Kauterisationsinethode findet nur Anwendung als derivatorisches Mittel bei Lahmheiten in Teilen, welche tiefer gelegen sind und durch oberflächliches Brennen der Haut schwer oder gar nicht beeintlusst würden, wie bei der liiiftgelenkslähme der Pferde und Arbeitsochsen, bei Bug- und Kreuzlahme, Rheumatismen, wenn andere Heilmittel fehl­geschlagen oder bereits Inaktivitiitsatroplne der betreffenden Muskeln eingetreten ist.
Zu diesem Behufe macht man unmittelbar auf dem Gelenke einen 10—15cm langen Hautsclmitt in der Richtung der Ilaare, lässt sich die Hautränder durch zwei stumpfe Haken gut auseinander halten und brennt mit dem rotglühenden olivenförmigen Brenneisen (Figur 18!)//)
ocr page 302
284 Erste Haupt-Abteihmg: Oiieralionen an verschiedenen Stellen des Körpers.
auf die subkutane Aponeurose iraquo;tler mehrere in gerader Linie neben einander liegende Punkte ein, welche 6—(gt; mal in der oben angegebenen Weise überfahren worden, bis man auf die Tiefe von höchstens 2cm angekommen ist.
Der Eingriff ist von mächtiger Wirkung und meist, auch von aus­gezeichnetem Erfolge, auch hat sich das Verfahren um deswillen beliebt, gemacht, weil die reine Schnittwunde in der Haut im AVrhältuis zu dem Umfange der gemachten Läsion eine unerwartet geringe Narbe zurücklässt. Die Operation ist schon iilteren Datums, schon Ruini, Solleysel, Bonrgelat erwähnen ihr, besonders wurde sie aber vor 30 Jahren von Prof. Nanzio In Neapel empfohlen (Cauterisation napolitaine).
Brenncylinder. Moxen. Beim Mensclien hat man früher gegen paralytische /ustäiule, veraltete Rlieumatismen, Lnxationen u. dgl. sogenannten Moxen ange­wendet, indem man ein oder mehrere Haufen Baumwolle zu einem Cylinder aufrollt, mit Fäden umbindet, auf der betreffenden Stelle abbrennt, nachdem sie mit. Wein­geist oder Terpentinöl imprägniert wurden. Diese Moxa (Moxibustio) wurde auch bei Pferden in hartnäckigen, desperaten Fällen angewendet und kann mit ihr ein aU88erordentlicher Reiz ausgeübt werden, so dass Nerven, welche schon längere Zeit paretisch geworden, wieder in Aktion treten können; trotz der oberflächlichen Applikation wirkt die Moxa sehr in die Tiefe, man nmss jedoch des nekrotischen Ausfallens eines grösseren Hautstückes und einer hässlichen, schwer verheilenden Narbe gewärtig sein.
In ähnlicher Weise hat man auch Weingeist oder Terpentinöl auf die Haut geträufelt und angezündet, ein Verfahren, das jedoch ebenso unzuverlässig als ge­fährlich ist und desswegen noch weniger angewendet zu werden verdient, als der Brenncylinder.
Galvanokaustik. Sie besteht darin, dass man eine Drahtschlinge von Eisen oder Platin mittels des Stromes einer starken clektrogalvauischen Batterie in das Glühen bringt und damit pathologisches Gewebe ab­trennt (Middeldorpf 1854).
Man hat dieses zugleich hämostasierende Verfahren, wobei der galvanische Strom nicht in den Körper selbst fortgeleitet wird, auch in die Voterinärchirurgio zu übertragen versucht, es ist jedoch umständlich und viel zu kostspielig, als dass es Nachahmung hätte finden können, auch sind die Versuche Armbrechts, welcher mit der galvanokaustischen Schueideschlinge Krebsgeschwülste, Samenstrangent­artungen u. dgl. oporirte, nicht danach ausgefallen, um zu weiterer Anwendung aufzufordern, Im übrigen kann der Thennokauter Faquelina durchweg die Schlinge ersetzen.
Üble Folgen des Brennens. Zu den ungünstigen Ereignissen während und nach der Operation gehören das Platzen der Haut, welches besonders beim Strichfeuer auf Stellen vorkommt, an denen die Haut sich zu wenig ausdehnen kann und wodurch höchst bedeutende Narben entstellen. Schuld ist gewöhnlich ein zu heisses Eisen, scharfer Hand desselben, zu tiefes Brennen, unerwartet feine Haut oder Mangel an Übung, Fertigkeit und Sicherheit in der Führung des Kanters.
Blutungen sind im allgemeinen selten, selbst bei tiefem Brennen und auch dann ohne Belang.
Langwierige Eiterungen und entstellende Narben können gut vermieden werden, wenn die oben gegebenen Verhaltungsregeln
ocr page 303
xiii. Brennen. Qlllbelsen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;2^5
Beachtung finden; sie entstehen meist tluroli zu frühes Losreissen der
Schorfe, Nagen und Reiben der Wunde, heftige Entzündungen und Schmerzen (besonders bei der Ignlpunktur, worauf ganze limitstücke, brandig absterben), mangelhafte Überwachung des Eiterungsprozesses, Unkenntnis der Antiseptik u. s. w, Solche Narben sind gewöhnlich nicht mehr zu beseitigen und kann das Bestreben mir dahin gerichtet sein, die Verdickung und Entartung der Haut mit ihrer Unterlage durch resolvierende und systematisch fortgesetzte Einreibungen von Queckpilber-und Jodsalben, später durch Kautharidensalhe oder englisches scharfes Pflaster möglichst hintanzuhalten.
Nachbehandlung. Nach der Operation bedürfen die Tiere ab­soluter Ruhe, was nickt blos für den leidenden Teil notwendig, sondern namentlich auch um die Schorfe in Ruhe zn lassen und die Granu-lationsbildung nicht zu stören; in dem regelmässigen Heilungs­vorgange der Wunden liegt die hauptsächlichste Bürgschaft für den Erfolg und nur dann ist jene Cikatrisation und Retraktion auf der zu hellenden Stelle in erwünschtem Grade zu erhoffen, welche, die Haupt­wirkung der Kauterisation ausmacht. Später, wenn die Schorfe ab-gestossen sind und die Granulationen vorgeschritten sind, wozu mehrere Wochen notwendig, ist eine tägliche leichte Bewegung (au der Trense) gestattet und selbst zuträglich, zur früheren Arbeit sollten die Patienten aber niemals vor Ablauf von 4—(i Wochen zurückkehren; ist dies nicht ermöglicht, so unterlassen die erfahrenen Praktiker die Operation lieber ganz.
Excessive Schmerz- und EntzttndungSgrade werden alsbald mit Priessnitz-umsclilftgen behandelt, ebenso sind lileiwassorumschliige, energisch fortgesetzt, recht nützlich, Eis ist jedoch nur dann anzuwenden, #9632;wenn es vom Kranken ertragen wird; auch kann bei sensiblen Subjekten ganz wohl ein Chloroform- oder Cocainsälbcheu eingerieben und später die Wunde mit dem milden Jodoform (nur zeitweise) be­streut werden. Eine innerliche (kühlende, diätetische) Behandlung ist selten not­wendig, wohl aber eine entsprechende Reduktion des Kutterquantums.
Für gewöhnlich ist eine tierärztliche Nachbehandlung ganz zu unterlassen, man lässt die topischo Wirkung des Kauteriums ungestört ihren Gang gehen und enthält sieb namentlich auch des Auftragens von Fett, das die Eiterung nur unter­hält und somit zur Bildung grösserer Narben beiträgt; Fett kann nur von Nutzen sein, wenn die in der Lösung begriffenen Brandschorfe in der regelmässigen Ab-stossung zögern. Später erscheint es nicht selten geboten, bei üppiger Granulation mit Adstringirpulvcrn nachzuhelfen.
Endlich ist noch dafür Sorge zu tragen, dass die Tiere in der Art überwacht werden, dass sie die Wiindheilung durch Reiben, Nagen und Beissen nicht stören, wozu sie besonders durch den Narbenreiz und des Sommers durch die sich um die eiternde Stelle versammelnden Fliegen vcranlasst werden. Das Anlegen eines Verbandes ist durchaus zu widerraten, zweckmiissiger das Auftragen empyroumatiscber Stoffe, am besten des flüssigen Theers.
Von der Nachhilfe bei trägem AVundverlaufe und bei ungenügend eintretendem Effekte ist sciion oben die Bede gewesen.
ocr page 304
286 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedenen Stellen des Körpers.
XIV. Akupunktur und Elektrizität.
Die uutoi' dein Namen Akupunktur oder Nadelstechen lu1-kannte Operation bestellt darin, dass man Nadeln durch die Haut in die Weichteile einsticht, um hier einen chemisch-physikalischen Heiz hervorzurufen; werden die Nadeln mit einem elektrogalvauischen Apparat In Verbindung gesetzt, so nennt man das Vorgehen Elcktro- oder Galvanopunktur.
Die Operation wird in China und Japan seit Jahrtausenden geübt und ist von dem holländisclicn Kolonicarzt Ton Ry uo 1683 nach Europa gebracht worden, wo sie besonders in Frankreich Anklang fand und in diesem Jahrhundert auch vielfach von Tierärzten ausgeführt (Girard, Bonley, Berlioz, Prevost, Hayno, Ilert-wig u. a.), jedoch immer wieder verlassen wurde. Auch in jüngster Zeit ist die Operation von einzelnen Praktikern und Klinikern mit oder ohne Elektrizität nament­lich auch in Belgien und Deutschland wieder aufgenommen worden, ohne dass auch jetzt befriedigende Resultate erzielt worden wären; es ist dies auch natürlich, die Irritation der Gewebe kann ohne Mithilfe der Elektrizität nur sehr gering ausfallen, während die Krankheiten, gegen welche angekämpft werden soll, zu den ohnedies schwer heilbaren gehören. Welch sonderbare Blüten die elektrische Beliandlungs-weise getrieben, geht auch daraus hervor, dass mau neuestens Indigestionen und Koliken dadurch zu heilen versuchte, dass der galvanische, Strom durch den Mastdarm ein und durch die Maulhöhle ausgeführt wurde (Laguerriere).
Die Wirkung des Einstechens metallener Nadeln in die Weichteile, namentlich in die subkutane Muskulatur ist wohl nur der Anwesenheit, eines fremden Körpers zuzu­schreiben, an welchen sich jedoch die Gewebe bald gewöhnen, ob auch Heize anderer, z. 13. galvanischer Art dabei zu stände kommen, ist sehr zweifelhaft, und nicht näher bekannt, dagegen kann der Galvanopunktur ein bestimmter Einfluss auf die kontraktile Faser, auf die Innervation und gewisse Stoffwechselvorgänge nicht, abgesprochen werden, wenn daher Heilversuche gegen Rheumatismen, Paresen, Muskelschwund, Lähmungen der Zunge, der lluthe, der Harnblase, des Afters, Impotenz der Hengste u. s. w. sowie andere neuropathische Vorgänge unternommen werden wollen, kann es sich nur um die zuletzt genannte Art der Akupunktur handeln.
Die Akupunkturnadeln bestehen jetzt nur mehr aus reinem, nicht zu sprödem Stahl und sind, um das Oxydieren hintanzuhalten, an ihrem fein zugespitzten Ende auf mehrere Centimeter galvanisch vergoldet; sie, haben am obern Ende die Dicke einer feinen Strick­nadel, sind entweder mit einem Glas- oder Boraxkopf versehen oder zur Aufnahme des Leitungsdrahtes ringförmig gebogen und besitzen
Fig. 192.
eine Länge von 3—10 cm; in die dicke Haut der grössern Haustiere
dringen sie um so leichter ein, je feiner sin sind. Sie müssen un­mittelbar an dem Sitze der Krankheit, z. B. in die Muskeln der
ocr page 305
XVI, Akupunktur und Kloktrizitiit.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 287
laquo;
Schulter, des Rückens. Beckens in entsprechender Anzahl (häufen- oder reihen­weise) perkutan mitlols der Hand oder besser mittels eines Holzes, Aderlass-eohlegels senkrecht eingestossen werden, was stets mit einer nicht anerheblichen Beunruhigung der Tiere verbunden ist.
Je zwei der 2—3 cm auseinander stehenden Nadeln werden hierauf an den Köpfen mit den beiden Konduktoren eines elektrogalvanlschen Induktionsapparates berührt, wobei mau den Strom ununterbrochen 5—10 Minuten lang eintreten liisst oder besser ihn durch zeitweises Entfernen eines Elektroden unterbricht; in ersterem Falle werden die zwischen den Nadeln befindlichen Muskelpartien in eine zitternde Be­wegung versetzt, in letzterem Falle durchströmen elektrische Schläge die Muskeln, welche abwechselnd kontrahiert und erschlafft werden (inkonstanter Strom).
Welche Wirkungen dabei zu stände kommen und worin die un-zweifelhaft vorgehenden Molekularveränderungen bestehen, ist nicht näher bekannt, sicher steht nur, dass gewisse chemische Zersetzungen der Gewebssäfte (Elektrolyse) vorgehen, der Effekt auf die nächste Nähe der Nadeln sich beschränkt und häutig, insbesondere aber wenn es sich um reine Innervationsstörungen handelt, eklatante Besserungen oder Heilungen erzielt werden können. Ausserdem sind aber auch vermöge. der elektrolytischen Vorgänge chronisch entzündliche Zustände wie z. B. apoplektische Lähmungen, Meningitis, Erkrankungen des Sehnerven der Heilung zugänglich, nur dürfen nicht schon Degenerativprozesse Platz gegriffen haben.
Die Tiere werden beim Eintreten des galvanischen Stromes nicht wenig überrascht, der Operateur muss daher auf die Unruhe des Tieres gefasst sein, wenn dasselbe nicht am Boden oder auf einem Tische befestigt und unschädlich gemacht ist, nanientlich mnss auch der Gehilfe und der Apparat vor Beschädigung gesohtttzt werden; schon auf schwache Strömungen erfolgen meist stärkere sphygmische Kon­traktionen der Muskeln, die einzelnen Tiere verhalten sich jedoch verschieden em­pfindlich und muss deswegen auch die Galvanopunktur je nach ihrer Wirkungs-intensität verschieden lang fortgesetzt werden.
Elektrizität ohne Nadeln. Jeder Nerve oder Muskel, wenn ein galvanischer Strom durcbgeleitet wird, verändert seine NervenleltuÄg (Elektrotonus) Und zwar wird die Eeituugsfähigkeit, d. h. der ursprüng­liche Nervenstrom verstärkt, wenn der galvanische Strom, als welcher die andauernde (statische) Elektrizität bezeichnet wird, in derselben [Richtung, als der Nerv geht, diesen dnrchlanli, dagegen geschwächt, wenn der von aussei! kommende Strom dem natürlichen Nervenstrom entgegenlauft.
Leitet mau den Strom ruhig, gleichmässig in die Muskelpartie ein, liisst mau ihn also stabil oder konstant durchtliessen, so bemerkt man bei den Tieren kaum eine Reaktion, sobald aber der Strom plötzlich aufhört und dann wiederkommt, tritt nervöse Erregung und Muskel­zucken ein, Schliessung und Öffnung des Stroms (inkonstante Strö­mung) bat daher grossen Eintluss und sind deswegen die jetzigen Induktionsapparate hienach eingei'Ichtet und besitzen zugleich Strom­wender. Am stärksten ist die Erregung nämlich, wenn die Stromrichtung
ocr page 306
288 Erste Haupt-Abteilung: Operationen an verschiedonen Stellen des Körpers.
I
umgekehrt wird, also der positive Strom des einen Elektroden (Anoden) plötzlich da einbricht, wo soeben der negative Pol (Kathode oder Zinkpol) angesetzt war.
Wo und welche Elektroden an dieser odor jener Körperstelle auf­zusetzen sind, ist derzeit noch eine kontroverse Frage, ebenso wie stark der Strom einwirken soll und ist man darauf angewiesen, bei den ein­zelnen durch die Elektrotherapie zu behandelnden Tierkrankbeiten ex­perimentell vorangehen. Eine Hauptregel besteht jedoch darin:
1.nbsp; den Strom nur allmählich in grösserer Stärke einbrechen zu lassen;
2.nbsp; nbsp;die Pole recht ruhig aufzusetzen und wenn stärkere Schmerzen geäussert werden, sie fest auf die Haut anzudrücken;
8. die Prozedur stets am Orte der Krankheit selbst vorzu­nehmen und
4. dort die Kathode hauptsächlich anzusetzen, wo man wie bei den Motilitätsneurosen die erregende Wirkung haben will; in einiger Entfernung von letzterer Stelle, die sich ganz nach der räumlichen Aus­dehnung des Leidens richtet, wird dann der positive Pol angedrückt, immer aber ist der Effekt am kräftigsten, wenn nicht blos fortwährende Schwankungen der Stromstärke angewendet, sondern auch die beiden Elektroden über der zu erregenden Hautstelle hin und her gestrichen werden (labile Behandlungsweise).
Beabsichtigt man dagegen, mittels des Induktionsapparates schmerz­stillende Wirkungen auszuüben, wie bei hartnäckigen rheumatischen und andern Lahmheiten, Neuralgien etc., so kommt die stabile Be­handlung an die Reihe und man wird die Anode bei nur massigem ununterbrochenem Strome auf die schmerzhafte Stelle ruhig und fest andrücken, während die Kathode gegen das Zentrum der betreffenden Nerven aufzusetzen ist. Ist man endlich, wie es bei Tieren häufig vorkommt, über die Art des Leidens und dessen Sitz nicht ganz im Klaren, so fährt mau am besten, entweder beide Pole am Zentrum oder bgide an der Peripherie anzubringen, beziehungsweise mit dem positiven und negativen Pole versuchsweise abzuwechseln und die Wirkung ab­zuwarten; hat man es dagegen mit chronisch entzündlichen Gebrechen, wie namentlich an den Extremitäten zu tlmn, so kommt insbesondere die Anode in Betracht, der man entzündungswidrige Wirkungen (Ver­engerung der kleinen Arterien, Beschleunigung der Zirkulation des (iefässbezirks, Verstärkung der Resorption) zuschreibt, ebenso setzt man dieselbe bei Bückenmarksleiden, Muskelatrophien auf die Rücken­muskeln, obwohl in einzelnen Fällen auch umgekehrt verfahren werden muss. Mikroskopisch zeigt die entfärbte Muskelsubstanz die gleichen Veränderungen, wie am gekochten Fleisch, es wird sich daher einesteils um Zersetzung des Wassers handeln, andernteils wohl auch um reflek­torische Beeinflussung der die Nerven ernährenden Gefässe.
Die Dauer der elektrischen Behandlung erstreckt sich immer auf eine längere Spanne Zeit, llis wirkliche Erfolge zu Tage treten, meist sind 5—6 Wochen, auch 2—3 Monate erforderlich: die Operation hat einige Zeit täglich zu geschehen und
ocr page 307
.\IV. AJcupunktur und Elektrizität.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;289
(lauert 5—15 Minuten, längei' in keinem Falle; später sind niehrtilfrigo Pausen sehr zu enipfehlon, weil sie die quot;Wirksamkeit notorisch erhöhen und manche Kranke, besonders Bunde, in Nervositäten verfallen.
Häufig werden Fehler dadurch begangen, dass man zu glauhen versucht wird, stärkere Strömungen seien von grösseror Wirksamkeit, was nur für chronische und hartnäckige Fälle gilt und dass die einzelnen Applikationen sohliessliob zu kurz dauern, weil sie den Operateur zuletzt langweilen. Endlich ist noch zu erwähnen, dass anderweitige entsprechende Behandlung neben der Elektrizität durchaus nicht ausgeschlossen ist und daher nicht vernachlässigt werden darf. Die behaarte Ober­fläche des Tierkörpers hindert die Anwendung der galvanischen Kette in keiner Weise, nur müssen die Haare durch einen feuchten Schwamm glatt auf die Haut angedrückt worden Kochsalzwasser erhöht die chemische und katalytische Wirkung in der Tiefe wesentlich.
Wie leicht ersichtlich, ist eile Elektrotherapie mit vielen Schwierig­kelten mid Umsttlndliclikeiten verknüpft und erfordert Ausdauer und Übung in der Anwendung, auch ist es häufig umnöghch, den IndukÜons-sü'oin bei den oft stark widerstrebenden Tieren mit der Regelmflssigkeit und Nachhaltigkeit in Anwendung zu bringen, wie es wünschenswert wäre; von der galvanischen Behandlungswelse wird auch im ganzen von den Veterinfträrzten nur sehr selten Gebrauch gemacht, obwohl sie neben den vielen Misserfolgen glänzende Resultate aufzuweisen hat. Ausserdem Hegt sie noch allzusehr in den Kinderschuhen, vermag daher so gut wie keine Litteratur aufzuweisen und können auch andere als die oben gegebenen erprobten Grundlagen für die Praxis nicht angegeben werden; im übrigen muss auf die Elektrophysiologie und die allgemeine Therapie verwiesen werden.
Instrumente. In neuester Zeit werden sowohl für ärztliche als tierärztliche Zwecke sehr vervollkommnete und vortreffliche Induktions­apparate angefertigt und steht auch eine grosse Auswahl zu Gebot, ohne dass der Preis der Anwendung entgegenstünde.
Die kleinen Batterien, wie sie die Arzte für galvanokaustische Zwecke be­sitzen, sind nicht verwendbar, weil zu schwach; am meisten werden gerühmt der Schlittenmagnet-Elektromotor von Duhois-Reymond, der jedoch der teuerste ist, sowie die leicht transportablen, in Mahagonikästen vcrschliesslmren Apparate von Neef, Frommhold, Gaiffe (25 Mark), Spamer (mit einem Haitgummielement 25 Mark, mit einem Glasoleinont 28 Mark), Rhumkorff (mit 2 Elementen 45 Mark für Pferde). Die Elektroden haben verschiedene Form, entweder sind sie Messing-cylinder, in deren offenen Hülsen ein Stückchen Badeschwamm gesteckt wird oder sind sie geschlossene Walzen, besitzen einen kugelförmigen Knopf U. S, w.; die besten sind gegenwärtig aus Kupfer gearbeitet, haben Platten von der Grosse eines Thalers und werden am hintern Ende die beiden mit Seide umschlungenen Leitungsdrähte festgeschraubt.
-lt;^ * . vcv
5 . #9632; - .lt;
Hering's Opcrationslehro. IV. Aufl. %_, ,' .nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;]9
ocr page 308
Zweite Haupt-Abteilung.
Operationen, welche nur an bestimmten Teilen ausführbar sind.
Die in die zweite Haupt-Abteilung gehörigen Operationen zerfallen nach den verschiedenen Körpergegenden in
1.nbsp; nbsp;Operationen am Kopfe.
2.nbsp; nbsp;Operationen am Halse.
8. Operationen an der Brust und dem Bauehe.
4.nbsp; nbsp;Operationen am Alter und Schweife.
5.nbsp; Operationen an den Geschlechts- und Harnorganen und in G. Operationen an den Extremitäten.
I. Operationen am Kopfe.
XV. Von der Trepanation.
Unter Trepanation versteht man im allgemeinen das Anbohren oder Aussägen eines Knochenstiickes, um eine pathologische Höhle zu eröffnen, nachdem jedoch gegenwärtig an die Stelle des Bohrens und Sägens auch vielfach das Ausmeissein getreten ist, fällt der Begritf der Trepanation (tginati) der Bohrer) mit der penetrierenden Resektion eines Knochens zusammen.
Im engern Sinne hat man seither in der Tierheilkunde unter „Trepanationquot; kurzweg das Aussägen eines kreisförmigen Stückes aus den Knochen des Kopfes verstanden, um eine der Höhlen desselben von aussen behufs einer direkten Behandlung zugänglich zu machen.
Geschichtliches. Keine chirurgische Operation hat nine so alte Geschichto, wie die Trepanation, ja aufgefundenen Schädeln zufolge ist sie schon prähistorischen Ursprungs. In dem üuclio des Ilippokrates „über die Kopfwundenquot; ist die Tre­panation schon wie eines ausgebildeten Verfahrens gedacht und spricht dieser Schrift­steller bereits von Trephinen und Liusonmcssern; tierärztlich genommen lässt sich
ocr page 309
XV. Von dor Trepanation.
291
dio Operation nicht über die Geschiclito der Entstehung der ersten 'J'iorarzneischule hinauf verfolfren , denn Lafosso (le perc) war der Erste, welcher bei Golegonheit seiner Untersuchungen über den Sitz des llotzca die Kopfhöhlen des Pferdes trepa­nierte (1749). Später macht ein Schüler desselben, Chabert, beim Uremsenschwindel ebenfalls Gebrauch von dem Trepan, bis allmählich die Operation allgemein in die Tierheilkunde aufgenommen wurde und zwar am häufigsten bei chronischen Aus-llüssen der Nase, bei denen sie auch die meiste Berechtigung bat. In dieser Ue-zieluing machten sich namentlich Waldinger, Dioterichs, Walz, Ilayne, Jlaubner u. a. bekannt.
Anzeigen der Trepanation. Das Verfahren findet hauptsächlich Anwendung am Kopfe, jedoch im ganzen auch hier selten und fast nur heim Pferde; durch die höhere Ausbildung der Veterinärmedizin sind eine Reihe früherer Indikationen weggefallen, wie z. 15. das Anbohren der Itieclinervenkolhen, um die dort angesammelten Serositäten (Dinnm-koller) ablaufen zu lassen, kranke Zähne von rückwärts aus ihren Al-veolen ZU extrahieren, suhskapuläre Abszesse zu eröffnen, Kugeln aus Knochen auszulösen, ein Stück Horn aus dem Hufe zu entfernen u. s. w. Aber auch bei Rindern und Schafen ist das Trepanieren recht selten ge­worden, so dass nur folgende Anzeigen näher zu besprechen sind:
Chronische Katarrhe bei Pferden;
Neubildungen und Parasiten in den Kopfhöhlen;
Eingedrungene Fremdkörper in letztere;
Frakturen der Kopfknochen;
Entfernung von pathologischen Produkten.
Instrumente zum Trepanieren.
Zu einem vollständigen Trepanations­apparate gehören; eine Haarscheere; ein geballtes Bistouri zum Hautschnitt; ein Schabelsen zur Entfernung des Periosts; Nadel und Faden zum Halten und Vernähen der Hautlappen; ein Hand- oder Bogentrepan; Knochen­schraube, Knochenhebel, Linsenmesser, Meissel und Hammer. Die meisten der genannten Instrumente können in­dessen füglich entbehrt werden, Ja es lässt sich für den Einzelfall selbst der Trepan durch einen gewöhnlichen Zen-trumbohrer, wie Ihn jeder Holzarbeiter besitzt, beziehungsweise durch einen guten Meissel ersetzen, so dass die meisten Praktiker gar kein Trepana-tionsetui haben.
Der Handtrepan, die Trephine (Figur
193) besteht aus dem quergestellten hölzernen
Handgriff^, aus dem metallenen Trepan-
pj„ ^ggnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;schaft und der Kreissäge n, welche als
Handtrepan Oder'Trephine.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Krone bezeichnet wird; letztere wird jetzt
1nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nur mehr cylimlnsch und glatt (nicht mehr
H
ocr page 310
292 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar.
gerippt) angefertigt und hat einen Durclunesser von 20 oder 23 mm. Die Zälino des Kreisrandes sind scharfe, gleichschenklige Dreiecke, zwischen denen einzelne grössere oder schlitzförmige (Ulnungen sich befinden zu besserer Aufnahme der Knocheuspilne. Im Zentrum der Krone ist ein Stift, die Pyramide 6 ange­bracht, welche mehr oder weniger durch eine Stellschranbe c vorgezogen oder ab­geschraubt werden hami, wozu dann ein besonderer Schraubenschlüssel dient. Um diesen Punkt dreht sich die Kreissäge, wenn sie mit der Hand in Bewegung gesetzt wird, indem die dreikantige Spitze zuerst in den Knochen eingedrückt wird und
tl
Fig. 195. ('/z Grosse.)
Fig. IDS. (Vi Grosse,)
Fig. 197. (Vj Grosse.)
Fig. 194. (Vj Grosse.)
dann die Siigezähnc eine runde Furche ziehen, welche zuletzt das in der Krone befindliche Knochonstück aus der Kontinuität löst. Um auch den Porforativtrcpan einsetzen zu können, hat Silvestrini nouestens eine entsprechende Modifikation angebracht, welche zugleich auch das Ansetzen eines Gummischlauches zum Ein­führen medikamentöser Flüssigkeiten gestattet. Die Trephine lässt sich nur in Kreissegmenten bewegen und muss mit der Hand immer wieder fricli angesetzt werden. Schneller arbeitet der nach Art der Spunden- oder Fassbohrer konstruierte Bogentrepan, welcher oben eine Drnckschcibe (Ballengriff) von Holz oder Horn besitzt, welche sich (Figur 194 (?) in einer Drehhülse oder Olive wie um eine
ocr page 311
XV. Von der Trepanation.
293
Achse so leicht bewegt, dass sie keine für die Hand hinderliche Reibung veranlagst. In das untere Ende .wird eine Krone mit abnehmbarer Pyramide eingeschraubt oder wie bei c durch eine Einfallfeder befestigt. Zum Drehen im Bogen dient der Handgriff c.
Will man hloss eine kleine Öffnung, eine Explorativtrepanation machen, um z B. Einsicht in die Kieferhöhle zu nehmen, sondieren oder ausspritzen ZU können, SO entfernt man aus dem Bogentrepan die Krone und setzt dafür eine vierseitige
Pyramide, das sog. Perforativ (Figur 19h) ein, dessen Ränder scharf sind und wollte man kranke Knochen nur abschaben, so bedient man sich einer Art Zentrumbohrers, d. h. des Exfoliativtrepans (Figur 108), welcher an der untern Flüche statt der Sägezahne eine glatte Schneide besitzt. Der untere Band dieses Schabtrcpans ist zur Hälfte nach rechts, zur Hälfte nach links zugeschärft und in der Mitte mit einer 2—8 mm langen Spitze zur Sicherheit des Laufes versehen (Zapfen-boiirer).
Zur bequemeren Herausnahme der Knochen-SCheibe schraubt man, nachdem während desSägens die Pyramide entbehrlich geworden und beseitigt wurde, in deren Öffnung eine kleine Knochen-schrauhc (Figur 197) für sich allein ein und lieht sie nachher samt der Knochenplatte mittelst des mit einer Handbeile versehenen Instrumentes heraus; man nennt letzteres den Bodenzieher oder Tire-fond.
Endlich gehören hierher noch das Linsen-messer (Figur 198), ein halbrundes, an beiden Rändern laquo;n schneidendes, unten mit einem stumpfen, linsenförmigen Ende 6 versehenes Instrument, welches dazu dient, die etwa am Baude der durch den Trepan bewirkten Öffnung hervorstehenden Knochensplitter abzuschneiden, ohne dass die Reste in die Trepanöffnnng fallen oder unterliegende Teile, #9632;/.. B. die Meningen verletzt werden,
Der Hebel (Figur 199) dient teils zur
Fig. 198. (V,Gr,)
Fig. 199. (V, Gr.)
Elevation eingedruckter Knochenstücko oder zum Herausheben und Losbrechen der Knochenscheihe,
wenn sie da oder dort in ihrem Umfange noch nicht völlig getrennt wäre,
Handhabung des Instrumentes. Nachdem du1 Haut an' der betreffenden Stolle in Form ein V, eines T oder durchschnitten, das den Knochen etwa bedeckende Zellgewebe samt dein Periost mit dem Bistouri entfernt worden ist, wird die Pyramide soweit vorgeschoben, dass sie 2—3 mm die Zahnspitzen der Krone überragt, um dann den Trepan, der mit der rechten Hand nach Art einer Selireibleder gehalten wird, senkrecht auf die entblösste Stelle aufzusetzen.
Nun wird der Handtrepan wie ein gewöhnlicher Bohrer in die Hand genommen und fortwährend in halben Kreisen vor- und zurück­gedreht, bis die Kuochenschoibe anfängt, locker zu werden; nun geht man behutsam weiter, um die Letztere nicht in die Tiefe zu drücken oder mit dem Instrumente unterliegende Teile zu beschädigen, bis die Scheibe in ihrem ganzen Umfange getrennt ist.
Benützt mau den Bogentrepan, der in derselben Weise aufge-
ocr page 312
204 Zweite Haiipt-Abteilung: Operationen, nur an beBtimmten Teilen ausführbar.
setzt wird, so wird die Palma der linken Hand auf die Druokscheibe ungelegt, das Instrument massig aufgedrückt und mittels der andern Hand der liegen (Figur 194 r) in Bewegung gesetzt und /war innner von rechts nach links, anfangs etwas langsam und erst rascher, wenn sich die Säge genügend Bahn in die Knochenrinde gehrochen hat; dabei setzt man hie und da ab, um die Furche und das Instrument von den Spänen zu reinigen. Sobald der anfangs helle Ton anfängt, etwas dumpfer zu werden, ist man in der Dlploä angekommen und nun sucht man überall glelchmässig die Dicke des Knochens zu durchsägen, was durch das Hinneigen der Krone nach jenen Stellen geschielit, an welchen die Furche noch am wenigstens eingedrungen ist. Stete Hand und ein passender Druck an der rechten Stelle ist ein Haupterfordernis.
Beim Tferde kann die Operation ganz wohl wahrend des Stehens desselben vorgenommen werden und nur ausnahmsweise wird das Niederwerfen notwendig werden; weder beim Hautschnitt noch Sägen seihst kann von Schmerzen die Rode sein, nach Aussage trepanierter Menschen verursacht nur das eigentümliche Rauschen der Säge ein widerwärtiges Gefühl. Dasselbe gilt von dem Ausmeissein eines Knochenstückes, das ausserdem sehr leicht vor sich geht und wobei je nach der Operationsstelle eine verschieden geformte Öffnung gemacht werden kann; man geht hier ganz nach jener Art vor, wie sie schon S. 248 besprochen worden ist und kann sowohl der flache als der Hohlmeissel sehr vorteilhaft verwendet werden.
Trepanation der Schädelhöhle.
Die Anwendung des Trepans an dem knöchernen Schildehlachc der Haustiere ist eine Seltenheit und kommt fast nur beim Menschen vor, dessen Kranium eine ungleich grössere Oberfläche äussern fiewaltthätig-keiten darbietet und mit Weichteilen fast gar nicht bedeckt ist; bei den grösseren Haustieren wird der Kopf hoch genug getragen, um nicht so leicht BescMdigungen ausgesetzt zu sein und der Schädel selbst ist von Muskeln bedeckt.
Indessen kommen beim Pferde hie und da durch Anrennen an feste Gegenstände Verwundungen der Hirnschalen, Einknickungen, De­pressionsfrakturen, Brüche der Angesichtsknochen (Stirn-, Nasen- und Kieferhöhle) vor. Dieselben sind in der liegel von Fissuren der um­gehenden Knochen, von Entzündungen, Kommotionen des Grosshirns mit Betäubung und intrakraniellen Blutungen hegleitet. Will man eine Behandlung versuchen, so sind nur die vorderen Teile der Yorderhaupts-beine für die Trepanation zugänglich, man beschränkt sich daher darauf, lose Teile, Splitter zu entfernen, einzelne Zacken abzukneifen, Knochen­wunden zu glätten, Extravasate, Coagula zu beseitigen, eingedrückte Schädelknochen durch Resektion zu heben, um den Gefahren des Gehirn-druckes zuvorzukommen. Energische Kühlungen, strenge Antiseptik folgen dann nach und wird letztere selbst von der blosslicgenden Dura gut vertragen. Bei den Versuchen Vogels reagierten Anatomiepferde auf EInplnselungen von 5 proz. Karhollösungen und später selbst auf lOproz. Chlorzinklösungen in absichtlich durchschnittene Meningien in
ocr page 313
XV. Von der Trepanation.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;295
keiner Weise, ebenso nicht, wenn die enviiiinten Solutionen in (ieiiirn-selmitte eingeträufelt winden.
Schwierig sind auch Impressionen und Sclimetterbniche der Stirn- und Nasenkuociien durch Trepanation zu korrigieren, man unterlässt daher nicht die Elevation derselben und nimmt nur weg, was lose ist; leichter sind die Brüche der Angeslchtsknochon der Heilung zugänglich, doch folgen gerne Entzündungen der Kopfsinus bei Pferden und Bindern nach. Wäre ein eingedrücktes Knochenstück durch Hebel­kraft nicht in seine frühere Lage zu versetzen, so kann man sich auch dadurch helfen, dass man es an seinem noch feststehenden Teile durch­sägt und dann vollständig entfernt. Endlich kann die Trepanation der Nasenbeine notwendig werden behufs Exstirpation von Poppen, ent­arteten Konchen, Untersuchung der obern Teile der Nasenhöhle auf Kotz u. s. \v.
Operative Entfernung des Gehirnblasenwurms. Sie wird bei Schafen und Hindern nur ganz selten mehr von den Tierärzten ausgeübt, da die Vorbauung ungleich bessere Resultate liefert und auch der völlige Operationserfolg kein nachhaltiger ist; die Besserung ist meist mir transi-torischer Art oder folgt Entzündung des Gehirns, hydrokephalische Erweichung, Abszedierung und Tod in kürzerer oder längerer Zeit nach, die Tiere werden daher bei feststehender Diagnose vorteilhafter getötet.
Soll eine Operation versucht werden, so besteht sie entweder in der Trokarirung oder Trepanation des Schädeldaches.
Das Anstechen mittels Trokars geschieht bei Schafen an der­jenigen Stelle des Schädels, an welcher der Knochen auf Druck mit dem Daumen sich etwas nachgiebig zeigt und wodurch Konvulsionen (Gehirn­krämpfe) ausgelöst werden. Die meisten Cönurusblasen liegen ober­flächlich, denn der Wurm bevorzugt diejenigen Teile, welche am gefäss-reichsten sind, sein Sitz ist daher meist in der nächsten Nähe der l'ia mater und der Gehirnrinde; aus demselben Grunde kann er aber auch tiefer, d. h. in den Plexen sitzen, die Operation bleibt daher stets un­sicher. Ist keine nachgiebige Stelle vorhanden, so muss der Sitz durch die Perkussion ermittelt werden, welche jedoch nur dann Anhaltspunkte liefert, wenn die Schafe beim Beklopfen der Stelle über der Blase in Zuckungen verfallen.
Hier sticht man einen kurzen etwa federkieldicken Trokar dem (auf einem Tische liegenden) Tiere durch die Haut und Scbädelknochen in das Hirn, zieht das Stilet aus und liisst bei Tiefhaltung des Kopfes den serösen Blaseninhalt auslaufen oder saugt die Flüssigkeit mit dem Munde aus. Dies ist das ältere jetzt verlassene Verfahren, denn die Blase selbst muss mit entfernt werden, was dadurch ermöglicht wird, dass man einen Saug trokar (wie er überall käuflich ist) anwendet; in die Hülse des Trokars wird nämlich eine Spritze eingesetzt und die ent­leerte Blase kräftig angesaugt, um dann mit Hilfe einer Pinzette oder eines Hakens vollends herausgezogen zu werden; hierauf braucht man nur die gemachte Wunde mit Kollodium zu scliliessen. Ein Drittel der Ope­rierton kann gerettet werden, vorausgesetzt, dass frühzeitig genug abge-
ocr page 314
206 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmton Teilen ausfübrliar.
zapft wird, hftuflg sitzt jcdocli tut' Blase gar nicht an dor vermeintlichen
Stolle.
Die Trepanation ist sicherer, weil sie die Entfernung der unver­letzten Blasen ermöglicht; zu diesem Behufe setzt mau die 12mm'weite Krone an, wie oben auseinandergesetzt wurde, odor eröffnet man in Ermanglung eines Sclmftrepans dio ScMdelhöhle mit Hilfe eines guten Messers, bezw, Hohlmeissels, welch letzterer bei Rindern entschieden vorzuziehen ist. die Dicke dos Knochens ist ohnedies schon stark redu­ziert worden. Bei zweifelhaftem Sitze bleibt nichts anderes übrig, als jene Stelle zu wählen, welche empirisch namentlich bei Seglern und ein­seitigen Drehern sieh als die vorteilhafteste herausgestellt hat, nämlich bei weiblichen Schafen 15—20 nun hinter dem Hornfortsatze, bei Böcken und Hammeln lem weniger, immer aber bleibt man mindestens 5 mm von der Mittellinie dos Kopfes weg und kann durchaus nicht angenommen worden, dass der Wurm auch auf jener Seite liegt, nach der das Drohen stattfindet, wie vielfach angegeben wird. Nach Wegnahme dos Knochon-stückes wird die Dura kreuzweise gespalten und mit der Pinzette nach der Blase gefahndet, selbstverständlich mit thunlichster Schonung der Gehirnsubstanz, die sich oft stark nach der Öffnung vordrängt und des­wegen zurückgehalten worden muss. Das gebräuchlichste Tropanations-Trokarbesteck ist das Zeden'sche, das 1 Trokar, 3 Spulen und 1 Spritze enthält.
Bei dein geringen Werte der Lämmer und Jährlinge und dem problematischen Erfolge wird weder das Trokarieren noch Trepanieren erheblichen Nutzen gewähren, daher auch, wie schon erwähnt, nur aus­nahmsweise angewendet werden.
Trepanation der Stirn- und Kieferhöhle.
In den Nebenhöhlen der Nase kommen teils seihständig, teils se­kundär Katarrhe vor, deren Produkte (wogen Verschwellung der engen Ausmiindungsstelle in die Nasenhöhle, Fig. 200/) häufig zurückgehalten worden, sich zersetzen und so den Prozess unterhalten und selbst un­heilbar inachen würden, wenn nicht durch operative Eröffnung eine direkte Behandlung der Sinus eingeleitet würde.
Die Diagnose ist meist nicht schwierig und untcrsclii'idet sich der cliro-nisclm Sinus-Katarrh besonders dadurch von ähnlichen Katarrhen der Nase, dass der Schleim bei tiefer Kopfhaltung schubweise abfliesst, weiss und wie gehackt aussieht, die Kioferhöhlengegend etwas stärker hervortritt, die Hautveuen leicht geschwellt sind und nicht selten der Porkussionston beim Vergleich mit der ge­sunden andern Seite gedämpft, selbst matt und leer erscheint, denn der Katarrh ist fast durchweg einseitig. Alle diese Erscheinungen können indessen trügen und fehlen häufig mehr oder weniger ganz, die Diagnose ist daher oft einzig nur durch Trepanation ermöglicht, welche um so notwendiger erscheint, als wegen des ein­seitigen Austlusscs und der einseitigen Anschwellung der Kehlgangslymplidrüse (her­vorgerufen durch Resorption saurer zersetzter Stoffe), Rotzverdacht entstanden ist. Die Operation selbst ist mit keinerlei Schwierigkeiten oder Gefahren verbunden.
Operation beim Pferde. Man wird in den meisten Fällen am besten thun, die gl'ÖSSte dieser Nebenhöhlen, die Kieferhöhle und
ocr page 315
XV. Von dor Trepanation.
297
zwar die obere grössere Hälfte an der untersten Stelle anzubohren, da wo sie durch eine knöcherne Zwischenwand von der untern kleinem Hälfte (Figur 200 helft') getrennt ist. Das SeptlUn schllessl hiev einesteils nicht Immer vollständig ab, anderntells kann der Schleim auch aus dem .Sinus frontalls liier abfllessen, weil beide Holden stets von a nach d
1111.
Fig, 200.
und c kommunizieren; vollständig- abgeschlossen dagegen sind die ge­nannten Höhlen der beiden Kopfhälften und die Stirnhöhle durch das knöcherne Septum bei h.
Die Operationsstelle der Stirnhöhle befindet sich bei b in Figur 201, d. h. einen Finger breit von der Mitte des Kopfes seitwärts und auf jener Querlinie, welche man sich von dem ohern. deutlich lüldbaren Rande eines Angenbogens zum andern zieht. In Figur 201 ist dieser Sinus bei a geölfnet, man operiert indessen nur sehr selten
ocr page 316
298 Zweite Haupt-Abteilung: Oiiorationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
hier, nachdem sich die Höhle auch von der eröfiheten Kieferhöhle aus erreichen lässt und die Erfahrung gelehrt hat, class der ermöglichte Abfluss der katarrhalischen Produkte eine Hauptrolle hei der Heilung der Sinuskatarrhe spielt.
Die Operationsstelle des Sinus maxillaiis superior (Figur 201c) ist anatomisch dadurch gegeben, class man von dem untern Orbitalrande soweit (fingerbreit) wegbleibt, um den Kreismuskel der Augenlider nicht zn verletzen, aber auch die Krone nicht zu weit nach unten ansetzt, WO der Muskelhauch des Aufhebers der Vorderlippe liegt,
die richtige Stelle ist somit die obere Hallte der Länge der Joch­
leiste, deren unmittelbare Nfthe man jedoch der stärkeren Knochenmasse wegen zu vermeiden sucht. Die (ihrigen Gebilde (iinsserer Wangen-muskel, Stirnmuskel der Oberlippe) kommen nicht in Betracht, wie sich denn Muskelpartien überhaupt leicht auf die Seite legen lassen und was die untere Hälfte der Kieferhöhle (Figur201 d!) betrifft, so befindet sich die Operationsstelle, im untern Drittel der Jochleiste, deren Tiefe der Wurzel des 8. und 4. Backzahns entspricht; man trepa­niert sie indessen nur selten, weil sie meist von der obern Abteilung völlig getrennt ist und daher meist leer angetroffen wird, hie und da Jedoch bildet das Septum nur eine unvollständige Scheidewand; in die­sem Falle ist sie übrigens (wie die Stirnhöhle) durch Einführen eines Gummischlauches, durch welchen
medikamentöse Flüssigkeiten ein-
Fig. 201.
gespritzt und pathologische ausge­saugt werden, erreichbar.
Zu bemerken ist, dass bei jungen, namentlich 2—3jiilirigeu Pferden der Maxillarsinus nur wenig entwickelt ist, denn die Wurzeln der bintern Backzfthne liegen hier, bei alten f'ferden dagegen ist er des Nacbrückens der Zäluic wegen um so geräumiger, der Knochen dünner und härter; sind Polypen vorbanden, so füllen sie meist die Sinusräume völlig aus und treiben selbst das Kieferbein nach aussen hervor; biebei kann es erforderlich werden, mehrere Trepantionen anzusetzen und die dazwischen liegenden Knochenhrücken mit Meissel und Hammer zu ent­fernen, denn werden einzelne Teile der Neubildung zurückgelassen, so rezidiviert diese in den meisten Fällen und kann sie schliesslich durch Druck zum Ausfallen der hinteren Mahlzäbne Veranlassung geben.
Ist die Hohle in der bei der Trepanation angegebenen Weise erOITnet, so überzeugt man sich von der Beschaffenheit der Schleimhäute, nachdem der Inhalt
ocr page 317
XV. Von dor Trepanation.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 29!)
aiisgcflosspn und vernäht die llautwnndo wieder, wenn der diagnostische Zweck erreicht ist. Die Heilung erfolgt prima intentione; die Knochcnöfl'ming schliesst sich allmählich mehr oder weniger durch ossificierendes liindegewehe, das Einheilen der Knochenscheihe ist daher ganz und gar unnötig.
Soll eine Behandlung der Höhlen eingeleitet werden, so kann dies erst nach einigen Tagen, d. li. nach Beseitigung der lokalen Entzündung geschehen und haben sich im Anfang lt;he leichteren Adstringentlen, am besten Einspritzungen von Zlnkvltrlol, gelöst in Theer- oder Kreosot­wasser (1 — 2 0/o Karbolwasser eignet sich #9632;weniger, da es nicht trocknet), später oder bei granulösen Verdickungen der Mukosa 2—4 pro/entige, Alaun- oder Tanninlösungen besonders bewährt; erst in hartnäckigen Fällen greift man zu dem Kupferalaun oder besser zu dem Villatschen Liquor. Die Öffnung wird am zweckmässigsten durch einen Kautschuk-pfropf geschlossen, später aber, wenn sie zu verwachsen beginnt, durch Circumcision des Qranulationsgewebes mittels des Linsenmessers die Offenhaltung angestrebt. Die Einspritzungen haben täglich 1-5—4 mal zu geschehen, um die Heilung nicht allzusehr in die Liinge zu ziehen.
Operation bei Schafen. Diese Tiere sind in manchen Gegenden stark durch Bremsen heimgesucht, deren Larven einen grossen Teil ihrer Lebenszeit in den Nebenhöhlen der Käse zubringen, insbesondere aber in den Stirnhöhlen, welche wie bei rundem mit den Höhlen des Hornzapfens kommunizieren.
Diese Östruslarven erzeugen durch ihre mechanische Anwesenheit eine peren­nierende Reizung der Schleimhäute und damit Kntziindung derselben, welche oft soweit geht, dass einzelne Tiere schwer erkranken, Sclnvindelanfällc, selbst Gehirn-krumpfe bekommen und rasch abmagern. Eine Verwechslung dieses Bremsen-schwindels (llornwurmkrankheit) mit der Drehkrankheit kann vorkommen, es lassen sich jedoch immer Sektionen machen, welche bald Klarheit verschaffen, ausserdem wird ein grösserer Teil der Larven im Juni oder Juli unter Husten und Prusten ausgeworfen und kommen die offenkundigsten Erkrankungen nur im Frühjahre vor und zwar stets in Begleitung eines Naseuausflusses mit gleichzeitiger deutlicher Benommenheit des Sensoriums.
Das Ausprusten wird gefördert entweder durch Einblasen von Schnupftabak oder Veratrumpnlver mittels eines Federkieles in die Nase, oder bei Erkrankung einer grösseren Anzahl durch Inhalationen empy-reumatischer Dämpfe, Diese Mittel sind indessen sehr unsicher, positive Hilfe schafft meist nur die Trepanation der Stirnhöhle, die in der Mittellinie des Kopfes ausgeführt wird, um nach beiden Seiten in die Höhlen gelangen zu können.
Hierauf werden Injektionen von larventötenden Mitteln gemacht, von Öl, Weingeist, Kalkwasser, Oleuni C. C. 1 :5 Schleim. Benzin u. dgl., am zweckmässigsten ist jedoch die, direkte Entfernung mittels der Pinzette. Durch Ilornabsägen kann man ebenfalls in die Stirnhöhlen gelangen, Schafe ertragen aber selbst kleine Blutverluste wie bekannt ganz schlecht, man schreitet daher zweckmiissiger zur Trepanation des Stirnfortsatzes (s. Seite 301).
ocr page 318
300 Zweite Haupt-Abteilung: Opcrationon, nur au Lostimmten Teilen ausführbar.
XVL Operationen an den Hörnern,
An den Hörnern der Wiederkäuer müssen, wenn auch selten, eben­falls Operationen vorgenoinnien werden und beschränken sich diese auf jene Zustände, wobei man es entweder auf die mit den Hörnern in Verbindung stellende Stirnhöhle abgesehen hat (Trepanation des Horn-fortsatzes des Stirnbeins), oder liegen Frakturen des letztern vor, welche die Amputation eines Hornes notwendig machen: ausserdem wird man hie und da tierärztlich in Anspruch genommen, wenn eines der Hörner oder beide schief gewachsen sind oder sonst eine abnorme Stellung angenommen haben.
Trepanation des Hornes. Wie schon oben bei dem Ansägen des Sinus frontalis der Schafe behufs Entfernung der Larven des Oestrus ovis, welche sich mit ihren hornigen Mundlmcken in die Schleimhaut einbohren, erwähnt wurde (Seite 2!)!)), ist die genannte Höhle von aussei! zugänglich, indem kurzweg das Horn abgesägt wird, worauf die in dem Knochenkegel enthaltene Hornzapfenhöhle zum Vorschein kommt (Sinus processus cornu). Die Hornscheide wird samt dem Stirnbeinfortsatz mit einer guten Knochensöge (Seite 104) nahe am Stirnhein abgetragen, die Larven aus ihrem Versteck hervorgezogen, die Höhle mit 01 oder Benzin ausgespritzt und die Wunde mit einem Verband versehen, welcher aus mit Theer oder dickem Terpentin bestrichener Leinwand besteht.
Mit dieser Amputation ist eine oft stärkere Blutung der gefäss-reichen Homledei'haut (Matrix) verbunden, die meisten Tierärzte und Schäfer ziehen daher die einfache Trepanation des knöchernen Hornfortsatzes heider Stirnbeine vor.
Am Grunde des letzteren wird die Haut bis auf den Knochen durchgeschnitten, auf die Seite präpariert und die Krone des Schaf-trepans aufgesetzt.
Amputation des Hornes. Sie wird nicht selten notwendig, wenn bei Rindern, Schafen oder Ziegen das Horn eine fehlerhafte Lichtung während des quot;Wachsens angenommen hat oder, was häutiger vorkommt, eine Lrakturierung vorliegt.
Letzterer Bruch kann in dreierlei Weise geschehen, es bricht nämlich 1) der Fortsatz schon an seiner Basis innerhalb des Stirnbeins, wo er sich mehr oder weniger beweglich zeigt, oder der knöcherne Zapfen selbst ist 2) auf einer Seite eingebrochen, so dass das Horn noch ziemlich festsitzt, beziehungsweise 8) er ist vollständig abgebrochen und hängt dann nur mehr an Knochenteilen oder der Haut, welche ebenfalls am Grunde des Hornes losgerissen ist; das Horn fällt dann meist von seihst weg oder ist leicht zu entfernen, immer jedoch ist die Blutung der Gefässhaut besonders bei Bindern nicht unerheblich, der
ocr page 319
#9632;raquo;
'1
XVI. Operationen an den Hörnern.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;801
Schmerz ein bedeutender und nicht selten eine Betäubung eingetreten, wenn durch den Bruch des Knochens das Gehirn gewaltsam erschüttert worden ist. Das in den Nebenhöhlen der Nase sich ansammelnde lilnt zersetzt sich bald und jiibt zu jauchigen Effluvien Anlass, ja es kann selbst gangränöse Uhinitis, Septhftmie und Tod die Folge sein, wenn nicht rechtzeitige llili'c gesucht wird.
Ist der Bruch im Stirnbeine frisch entstanden und die abnorme Beweglichkeit keine zu grosse, so kann die Amputation dadurch erspart werden, dass man die verschollenen iraktnrierten Knochenteile in ihre frühere Lage zurückbringt und sie in derselben fixiert. Letzteres ge­schieht, indem mau das gebrochene Horn mit dem gesunden durch eine breite und starke Holz schiene in Verbindung setzt, diese auf den Nacken oder die Stirn auflegt und mit Linden so befestigt, dass eine Verschiebung der gebrochenen Teile unmöglich wird.
Eine vollständige Heilung der Bruclistelle steht liier unter gewölinliclien Verhältnissen sclion in kurzer Zeit zu erwarten, wenn nur dafür gesorgt wird, dass das Tier gut isoliert wird, sich selbst nicht beschädigen kann und namentlich die Schiene nirgends hervorsteht, um nicht damit anstossen zu können. Vorhandene Splitter werden reponiert oder entfernt und einer zu heftigen Entzündung durch Kühlung mit Bleiwasser entgegengearheitet. Die Schwierigkeit des chirurgischen Verfahrens besteht nur darin, dass sich die Tiere gegen die Berührung des kranken Teiles auf das heftigste sträuben, sie müssen daher mit dem gesunden Horn au einen Pfosten, Baum u. s. w. mittels eines langen Seils, das zugleich auch um den Nasenrücken zu gehen hat, befestigt werden.
Ist der Bruch einfach, das Horn in seiner Lage erhalten und von der Haut nicht ganz losgetrennt, auch am Stirnbein keine Fraktur ein­getreten, so ist die Anheilnng dadurch ermöglicht, dass man daumen­breite, mit warmem Tischlerleim bestrichene Leinwandstreifen rings um die Bruchstelle in der Art anlegt, dass sie auf der ahgeschornen llaut-stellc der Stirn und des Nackens beginnen, über den Bruch hinweggehen und oberhalb desselben am Hörne enden. Zu noch grösserer Sicherheit wird entweder die oben erwähnte Holzschiene zu Hilfe gezogen oder das gegenüberliegende intakte Horn mit in den Verband hereingenommen.
Wäre der Stirnheinfortsatz völlig gebrochen, so bleibt nur die Amputation übrig, welche unterhalb der Bruchstelle mit einer scharfen Säge vorgenommen wird, nachdem zuerst die Hornkapsel ringsum und ohne Verletzung der empfindlichen Matrix getrennt worden ist; (las Durchsägen der letzteren samt dem Hornzapfen hat in raschen sichern Zügen zu geschehen.
Bei der Operation muss auf die Haltung des Kopfes Bücksicht genommen werden, damit das Blut nicht in die Stirnhöhle fliesse, die Blutstillung selbst gc-scliicht am besten durch Tampons von Jute, die in lOprozcntigeni Karbolöl aus­gedrückt wurden und worauf dann ein leichter Kompressivvcrbuml angelegt wird, welcher in Achtertouren (Seife 131) am gesunden Horn befestigt und auf das kranke Übergeführt wird.
Die ganze l'nigcbung wird mit Sublimatwasser gereinigt und dieses nötigen­falls auch In den Froutalsinus eingespritzt. Sollte der Druckverband nicht appli-knbel sein, so begnügt man sich mit einem Juloverhand, zu welchem Terpentin, Theer oder ein llarzptlaster verwendet und wobei ein Tampon auch in dem Sinus des Hornzapfens angeklebt wird. Um dem Tiere die nachfolgenden durch die
ocr page 320
302 Zweite Ilaupt-Ahtcilung. Operfttlonea, nur au bestimmten Teilen ausführbar.
entzündliche Anschwellung hervorgerufenen Schmerzen zu ersparen, empfiehlt es sich, vor der Amputation den Grund der liornkapsel so zu verdünnen, dass er nachgiebig geworden ist.
Die französische Methode, den Kälbern im Alter von 2—4 Monaten die Hörner zu amputieren oder vielmehr den kleinen Hornstumpf zu exstirpieren, um nach und nach hornlose Rassen zu scliaH'en, hat sich nicht bewährt und ist wieder verlassen worden.
Korrektion abnormer Hörner, Hie und
da tiitl't es sich, dass bei Kindern oder Zuclit-böcken (mit gewundenen Hörnern) ein oder beide Ilörner während des Wachstums und später noch eine ungewöhnliche Richtung annehmen in der
Art, dass sich die Spitze entweder vom Kopfe zu weit entfernt, so dass andere Tiere leicht ge-stossen und verletzt werden können, oder beide Ilörner eine fehlerhafte Direktion nach einwärts, also gegen den eigenen Kopf des Tieres nehmen, welches dadurch nicht unerheblich belästigt und verunstaltet wird.
Gegen diese Abnormität sind verschiedene Operationsmittel in Anwendung gezogen worden, |nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; j 'nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;welche alle zum Zwecke haben, durch eine mittels
J,üij i !inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;eines Schlüssels verschraubbarc Eisenstange,
ifniih inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;welche sich verlängern oder verkürzen lässt, die
| ||P i I1nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Hörner innerhalb der zur Hälfte abnehmbaren
Ringe (Figur 202) entweder voneinander zu ent­fernen oder einander zu nähern und kann der Metallstange zu diesem /wecke je nach dem Einzelfalle eine verschiedene Länge und Form gegeben werden.
Es bedarf wohl keiner weiteren Andeutung, dass die nicht ungefährliche Schraube methodisch und nur allmählich, ohne Schmerz zu verursachen,
/il
\|
in Bewegung gesetzt werden darf, man sich daher Zeit zur Korrektion lassen muss, sowie dass der Apparat um so weniger sich wirksam zeigt, je näher er am Grunde der Ilörner angelegt wird. Meist wird der Fehler begangen, dass das Instrument zu schwerfällig angefertigt wird, am besten eignen sich für die Ouorstange stählerne Gasröhren des kleinsten Kalibers.
XVII. Operationen an den Ohren.
An den Ohren kommt aussei- der operativen Behandlung der Ohr­fistel nur das Abschneiden der Ohrmuschel vor und zwar am häutigsten bei Hunden, sehr selten auch bei Pferden.
ocr page 321
XVII. Operationen an den Ohren.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 303
Amputation der Ohren beim Pferde. Früher, d. li. ZU Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts glaubte man, den Pferden, namentlich der kleineren Hasse, durch Verkleinerung der Ohr­muscheln ein mehr gefälliges Aussehen zu verleihen und fügte diesem Abschneiden des Obrränder, wobei jedoch die natürliche Form der Ohr­muschel nicht abgeändert wurde, die Verkürzimg der Schweifrübe und der Mähne bei.
Diese auf französische Modesucbt ziirnclmifi'ihronde Verirrunn; des Geschmacks, wie sie hesonders lange in England hei den Ponies geiiht wurde und hei uns unter dem Namen „Mäuselnquot; bekannt war, hat ein volles halbes Jahrhundert gedauert, ist aber jetzt glücklich in Vergessenheit gerathen; dagegen kann es vorkommen, dass ungewöhnlich lange Ohren hei manchen Pferden um ihrer Hässlichkeit willen beschnitten werden sollen.
Anders verhält es sich mit dem Abschneiden der Ohren bei Pferden für chirurgische Zwecke, wenn nämlich die Ohrmuschel aus irgend einem Grunde, z. B. durch pathologische Prozesse, Verletzungen, Exulzeration eine Verstümmelung erfahren hat oder durch Geschwülste (Fibrome, Mela-nome), Exantheme u. dgl. deformiert worden ist und sie durch Be­schneiden der Bänder der natürlichen Form wieder genähert werden soll.
Das Verfahren ist sehr einfach und geschieht mit einer guten Scheere, wobei man sich die andere intakte Ohrmuschel betreffs ihrer Form, die einer Verschönerung durch die Kunst nicht fähig ist, zum Muster nimmt. Soll die Beschneidung an beiden Ohren vorgenommen werden, thut man gut daran, sich eine Form oder Patrone von Karton oder Blech zurechtzuschneiden und sie auf den Kücken der Ohrmuschel anzulegen, damit die natürliche Kontour scharf eingehalten werden kann.
Zu beachten ist bei jeder Beschneidung der Ohrrändei', dass sich die behaarte Haut vermöge ihrer Elastizität regelmässig zurückzieht und so der Knorpelrand in der bässlichsten quot;Weise über den Hautschnitt hervorragt, um eine haarlose, entstellende Narbe zu hinterlassen. Diese Ketraktion der beiden Hautränder macht bei jeder Amputation ein wiederholtes Abschneiden des Ohrknorpels absolut notwendig, ebenso ist es geboten, schon beim ersten Schnitte die beiden Hautflächen möglichst zurückzuhalten und zu schonen, damit man nachher genügend Haut, zum Bedecken des Knorpels zur Verfügung habe; beide Wundränder, die der Haut und des Knorpels, decken sich dann von selbst.
Sollte es notwendig werden, die ganze Ohrmuschel bei den Haustieren zu amputieren, wie es z. B. bei Bindern und Schafen wegen Impferysipels und Verschwärung hie und da vorzukommen pflegt, so wird dieselbe an ihrer Basis über dem Schläfemuskel des 1 Unterkiefers durchgeschnitten, nachdem die Haut dort ebenfalls vorher möglichst zurückgezogen worden ist, um nachher die Wunde des RiUgknorpels (Kürass bei Pferden) bedeckt zu erhalten.
Bei den grossen Haustieren erscheint es geraten, erst die (iefässe zu unterbinden, wenigstens die (grössere) hintere oder Rückenarterle der Muschel sowie die laterale; ein Vernähen der Wunde ist nicht notwendig, wohl aber die Verwahrung des äussern Gehörganges durch einen Tampon von Baumwolle, um jede Ansammlung und Zersetzung von Blut im
ocr page 322
I
304 Zweite Haiipt-Abteilung: Operatioaen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Grunde des erstem bintenzuhaltea; elue Vernachlftsslgung genannter Vor­sicht hat frtlher Muflg zu heftigen Schmerzen, chronischer Entzündung, langwieriger Eiterung der Trommelhöhle, Karies und selbst zu Meningitis und Tod geführt (Brogniez, Douterligne). Endlich ist noch zu be­merken, diiss beim Pferde der Ringhnorpel mit der Muschel nur in sehr lockerem Zusammenhang steht, mit dem knöchernen Gehörgange aber fest verbunden ist.
Ohrfistel bei Pferden. Am (Irtindc des Eingknorpols kommt, wenn auch selten, eine rigentiimliclie FistelölVming vor, aus #9632;welcher zeitweise ein schleimiges Sekret aussickert und die durch Offenbleiben einer fötalen Kiemenspalte entstanden ist; merkwürdigerweise findet sich hier manchmal ein Zahn eingelagert, welcher sich hiehor verirrt hat und dann im Grunde dos gewöhnlich kleinlingerlangen Fistelkanals gelegen ist.
Obwohl diese auch als Halskiemonfistel bezeichnete Anomalie ganz un­schuldiger Natur ist und daher meist gar nicht zur Behandlung kommt, geniert doch hie und da die stete Absonderung und fordert zur Operation auf, die darin besteht, dass man die sezernierendc Membran kurzweg zerstört, was durch .Be­streichen mit purem Karbol oder Zinkchlorid am einfachsten geschieht, nachdem der oft einen Blindsack bildende Kanal vorher aufgeschlitzt oder erweitert worden ist; wird in demselben ein Zahn angetrott'en, so müsste derselbe mittels einer Zange abgekneipt werden.
Amputation der Ohren bei Hunden. Obwohl diese bei Hunden am häufigsten vorkommt, liegen doch selten chirurgische Indikationen vor, wie z. 15. ulzeröse Zerstörungen, Verletzungen durch Bisse, meist. will man kosmetische Zwecke mit der Operation verfolgen, indem lange, hängende Ohren bei manchen liassen der jeweils herrschenden Mode gemäss für unschön gehalten werden, wie z. B. bei glatthaarigen Pinschern, Rattenfängern, Hatzrüden und Boggen, bei andern Rassen aber, wie bei den Jagdhunden und Bernhardinern sie für eine grosse Zierde gelten; einigennassen gerechtfertigt erscheint diese Mode nur deswegen, weil gerade unter den genannten Hunden die meisten Raufereien vor­kommen, durch welche die. Ohren verstümmelt und nachher doch einer Operation unterzogen werden müssen, was dann meist in einem un­günstigen Alter zu geschehen hat.
Wenn durch das Beschneiden der Ohrriinder bei manchen Hunde­rassen eine Verschönerung bezweckt, werden will, so eignen sich mir junge und solche Exemplare hiefür, welche die Ohren nicht unmittelbar an der Kopfhaut schlaff herabhängen lassen, sondern dieselben schon a priori etwas in die Höhe tragen, bei zu jungen Hunden soll daher die Operation nicht vorgenommen werden, sondern erst nach 3—4 Monaten, je nach dem Ernfihrungs- und Kräftezustande. Als Muster schön ge­formter und getragener Ohren können die sog. Tulpenohren aufge­stellt werden, wie sie am regelmässigsten bei dem deutschen Schäfer­hunde vorzukommen pflegen, beziehungsweise beim Fuchs und Wolf. Dieselben stehen mit ihren beiden Rändern senkrecht nach oben und laufen von der Mitte an rasch In eine aufrechte, nicht zu feine Spitze zu.
Die Operation hat in neuerer Zeit an Bedeutung Insoferne ge­wonnen, als bei dem unvcrhältnisniässig Indien Werte, den viele Hunde repräsentieren, eine nicht unerhebliche Preisminderung eintritt, wenn das
ocr page 323
11
XVII. Operationen an don Obren.
10;
Abschneiden (ler Ohren nicht allen Anforderungen der Ästhetik und Regelmässigkeit entspricht. Die Amputation an und für sich bietet, keinerlei Schwierigkeiten, denn sie bestellt in dem einfachen Ab- oder Zuschneiden der Konchen, indessen müssen nachher, insbesondere nach vollendetem Wachstum, wenn die Ohrmnskebi Ihre volle Kraft entfalten, erstere hübsch aufrecht und beiderseits durchaus gleichmässig stehen, das Zu­schneiden aus freier liand erscheint daher nur bei grosser Dbung und gutem Augenmass thunlich, im andern Falle ist das Anlegen von Chablonen, welche die nachherige Form der Muschelfi garantieren, sehr zu empfehlen. Solche Modelle oder Muster sind gegenwärtig bei den chirurgischen Instrumenten­machern In Form von Kluppen aus Blech oder Gelbguss (Serre-oreille) überall käuflich und haben dreierlei Formen; entweder sind sie mehr gerade, geschweift oder karnissartig gekrümmt, d. h. sie besitzen sowohl unten am Grund der Muschel als oben gegen die Spitze zu eine leichte Biegung, wie sie aus der oben beigegebenen Figur 203 ersicht-Flg. 203nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;lieh ist. Die Auswald der Form wird am besten
Ohrenkluppe.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; dem Eigentümer des Tieres überlassen, um nach-
träglich Tadel und Ausstellungen zu umgehen. Bei der Operation, die übrigens mehr den Namen des Koupierens als des Amputierens verdient, wird die Ohrenkluppe auselnandergeschraübt und von oben her über die Muschel so herabgestreift, dass mir jene Teile über das Instrument hervorstehen. welche mittels einer guten Cooperschen oder eigenen Ohrenschere (mit beiderseits an den Enden abgerundeten Branchen) abgetragen werden soll.
Hiebei ist zu bemerken, dass die Kluppe in keiner Weise eine Richtung nach der Quere einnehmen darf, sondern sie muss nahezu senkrecht auf die in die Höhe ausgestreckte Muschel angelegt werden und soll nur leicht nach innen zu geneigt werden, damit der zurück­bleibende Teil den Gehörgang etwas überdecke, und ihn vor dem Ein­dringen des Regens schützen kann; auch ist darauf zu sehen, dass der unterste Ohrlappen ebenfalls mitgefasst werde, damit nachher dort kein hässlicher Eckzipfel zum Vorschein komme. Im ganzen genommen darf eher zu wenig weggenommen werden, als zu viel, denn stehende Ohren, wenn zu kurz, gelten nicht als schön.
Ist die Ohrkluppe in dieser Weise sorgsam angelegt, so wird die Schraube rechts und links, nachdem die Haut der Muschel geglättet und wie oben schon angegeben, leicht nach abwärts gestreift worden, fest angezogen und die Schere in Tliiitigkeit gesetzt. Das Abschneiden erfolgt möglichst rasch und dicht an der Chablone, Schmerz wird dabei nicht geäussert, ebenso nicht, wenn nachher der vorstehende Knorpel­rand in der schon angedeuteten Weise zum zweitenmale abgeschnitten wird. Das abgetrennte Stück wird nunmehr auf das andere Ohr an-
Hering'a Operationslelire. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 20
laquo; .
#9632;
ocr page 324
30() Zweite Haupt-Abtelluag) Operationen, mir au bestimmten Teilen aust'iilirbar.
gelegt, lt;lio zweite Kluppe dementsprechend aufgeschraubt und In gleicher Weise operiert, beide Muscheln erfahren dann eine durchaus gleichartige Beschneidung, was dadurch konstatiert werden kann, wenn vor dem Ablegen der Kluppen die Ohren en face betrachtet und mit einander verglichen werden.
Die Kluppen unmittelbar nachher abzulegen, ist einer möglichen Nachblutung wegen nicht ratsam, es werden vielmehr 'dieselben etwa 5—10 Minuten lang liegen gelassen, damit sich die nötige Throm-bosierung der Gefftsse ausbilden kann; hämostatische Mittel sind für gewöhnlich unnötig, selbst wenn auch nach dorn vorsichtigen Offnen der Chablone einzelne Bluttropfen zum Vorschein kommen, vorsichtshalber kann jedoch wie bei stark entwickelten Muscheln oder älteren Subjekten das Collodium Stypticum aufgepinselt werden. Andere Tierärzte über­fahren den Schnittrand mit einem (lliiheisen, was indes nnsern Er­fahrungen zufolge nur den ileilungsprozess am Knorpel in die Länge zieht.
Die Vernarbiing wird wesentlich dadurch gefördert, dass man nach Ent-femnng der Kluppe die Ührhaut etwas fiepen den Knorpelrand herzieht, um diesen zu bedecken, es erfolgt dann eine Yerklelmug, welche nachher das Auf- und Ab­streifen der Haut verhindert und wesentlich zur Bildung einer möglichst kleinen jS'arbenlinie beitrügt. Eine Nachbehandlung ist durchaus unnötig, selbst ver­werflich, die Elächen heilen sich selbst überlassen am raschesten und schönsten, auch sollte eine Reinigung erst dann geschehen, wenn sich die Schorfe spontan abgelöst haben.
Ungünstige Ereignisse kommen nicht eigentlich vor, es wäre denn, dass die Tiere während der Operation nicht sorgfältig genug (auf dem Tische) gebunden und verwahrt werden, in welchem Falle sie sich bei unvermuteten Bewegungen durch die Schere verletzen können, auch kommen dabei hie und da Zerrungen und Zerreissungen der Haut und der unterliegenden Ohrmuskeln vor.
Das Ausreissender Ohren besteht darin, dass man den Hund an beiden Ohren in die Höhe hebt, während der Körper mit seinem ganzen Gewicht um seine Längenachse geschleudert wird, bis die Ohr­muscheln in der Jland des „Operateursquot; bleiben. Das iiusserst rohe Verfahren wird hoffentlich nicht mehr geübt und verdient eigentlich gar keine Erwähnung.
XVIIL Operationen an den Speichelorganen,
Wenn die am Kopfe gelegenen Speicheldrüsen erkranken, so ge­schieht es am häutigsten an der grössten derselben, der Ohrspeicheldrüse und besteht die Erkrankung entweder in Entzündung mit ihren Aus­gängen und Folgen odor werden die Ausführungsgänge betroffen.
Die Parotitis, wie sie fast nur bei Pferden und Bindern auftritt, übrigens nicht selten mit Angina, Lymphomen oder Entzündung des unter der Drüse gelegenen Lvinphdrüsenpaketes verwechselt wird, geht
ocr page 325
XVIII. Operationen an den Speiclielorganeu.
307
/war meist in Zei'teüung Über, doch kommt es in hochgradigen Fällen zu Eiterungen besonders des iuterstitiellen Bindgewebes, wodurch da und dort Abszesse zu stände kommen, welche aufbrechen'und zu Er-öfftmng einzelner A-Usführungsgänge oder des Duktus Stenonlanus selbst Veranlassung laquo;eben können.
Aiisserdein entstellen solche Speichelfisteln bei zufälligen Ver­wundungen der Backen und des Kehlgangs, bei der Exstirpation der Lymphdrüsen des letztern (die wohl jetzt nicht mehr vorkommen wird), bei Abszedlerungen wahrend der Druse, bei der Luftsackoperation, durch eingekeilte und durchgebrochene Speichelsteine oder wurden sie durch Aufstauungen des .Speichels in dem Hauptgange erzeugt, wenn dessen Ausmündungsstelle wie nicht so selten durch irgend einen Fremdkörper verstopft worden ist, die meisten Speichelfisteln verdanken jedoch ihre Entstehung äusserlichen Verletzungen.
quot;t,
'.
Fig. 204.
Backen- und Ohrspeicheldrüse, aa Parotis. hb AnsfUhrungsgang;
c vordere, d hintere Backendrüse.
Solcho fistulöse Eröffnungen der Speichefniinge, die manchnial auch am VVhartonisclien Gange vorkommen, sind woniger nachteilig für die Tiere, als widrig für das Auge und zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Heilung durch das bei Joder Bewegung, insbesondere hei der Aktion der Kaumuskeln auslliessonde Sekret sehr erschwert, ja selbst nnmiiglich gemacht wird; ausserdem werden die Runder bald mit luxuriierendem (icwelie umgeben, das der Fistel ein hässliches Ansehen verleiht, dagegen gelingt die Vernarbung gut, sobald nur auf wenige Tage die Speichelabsonderung sistiert worden ist.
Operation der Speichelfisteln. Entweder hat man es mit Fistelöflnungen in den kleineren Seitengängen der Parotis selbst zu thun (Drtisenfisteln) oder, wenn der Speichel in grösseren Mengen zum Vor­schein kommt, mit Eröffnung des gemeinschaftlichen Ausführungsganges in seinem Verlaufe, wie er in Figur 204 bei hb angegeben ist. Die
ocr page 326
308 Zweite Hauiit-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Absonderung des Speichels geschiebt beim Pferde uie schon erwähnt, nur reflektorisch, also In der Kegel bloss bei der Futteraul'nalime, bei Rindern dagegen beständig, da die Reflexreizung vom Pansen her durch den Lungenmageimerven erfolgt, bei den Wiederkäuern heilen daher Speichelflsteln olmo Vernichtung der Parotidenfunktion äusserst schwierig oder gar nicht und werden alsbald Haut und Haare von dem abtliessenden Speichel angegriffen.
Der Verlauf des Hauptganges ist dem beim Pferde ganz älm-lieli, am Gefässausschnitt des Hinterkiefers biegt der StenonVhe Gang auf die Gesichtsfläche um und liegt hinter der dort zum Pulsfühlen dienenden Angesichtsarterie (früher iiussere Kinnbacken- oder Hinter­kieferarterie genannt), während die gleichnamige Vene die Arterie und den Gang deckt.
.
Fig. 205.
Kehlgang des Pferds.
cc Steuon'scher Gang, d Angesichtsvene, e Angesichtsarterie, f Lymphdrüse.
Die Heilung all dieser Fistelgänge kann nur in der Verwachsung der Geschwüröffliung gelegen sein und diese ist dadurch ermöglicht, dass eine frisch erzeugte Entzündung die Adhäsion und Verheilung einleitet; zu diesem Zweck trägt man entweder mittels des Messers die Geschwiirs-ränder ab oder benutzt hiezu Atzmittel, am besten reine Karbolsäure, Chlorzink oder Höllenstein; andere erreichen dasselbe Resultat, indem sie die Kistelränder durch das Gliiheisen kauterisieren und die Reunion unter dem aseptischen Schorf zu erzielen suchen. Noch radikaler ist das Vorgehen, wenn man, falls Kaum genug vorhanden, die blutige; Naht anlegt, nachdem die Ränder aufgefrischt wurden.
Meist reichen, wie die Erfahrung lehrt, die genannten Hilfsmittel nicht aus, auch wenn sie, was stets notwendig, durch eine in die nächste Umgebung applizierte Scharfsalbe nntersttttzt werden, dagegen leicht, wenn es gelingt, die Speichelsekretion auch nur auf 8—10 Tage zu unterdrücken; jedenfalls darf mehrere Tage (2—3) nicht gefüttert werden, im andern Falle reisst der fortwährend andrängende Speichel gewöhnlich sowohl den Brandscliorf als die Nähte los.
ocr page 327
XYIII. Operationen an den Spoichelorganen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 309
Um die Speichelsekretion slstietea zu laachen, muss eine künstliche Parotitis pavenchymatosa geschaffen werden und kann dies ebenfalls auf verschiedene Weise geschehen; am hftuflgsten begnügt mau sicli mit der Einreibung einer Kantliaridensalbe oder des Unguentum camphoratuin als Speziflcuraj der Erfolg ist nicht sicher und auch das erstere Mittel befriedigt nur, wenn die Salbe verstärkt und wiederholt eingerieben wird; noch wirksamer erweist sich das Punkt- und Stricli-feuer und nachherige Applikation der Scharfsalbe laquo;der die Ignipunktur (Seite 277), ebenso können entzündungserregende Mittel direkt in die Drüse selbst eingeführt werden, indem man Jodtinktur oder Salmiakgeist (verdünnt zu 5—10 Gramm) injiziert und bis in die kleinsten Gänge vortreibt; Haubner liisst letzteres Mittel 5 Minuten einwirken, um es dann zu entfernen.
Letztere Entzündungsmittel haben den gehegten Erwartungen nicht entsprochen und auch das Verfahren, die l'arotis von aussen her sekretions-unfähig zu machen, ist umständlich, ebenfalls sehr schmerzhaft und un­sicher aus dem Grunde, als man sowohl die Ausbreitung, als den Aus­gang der therapeutischen Adenitis zu wenig in der Hand hat, auch ist schon Tod durch Brand nachgefolgt.
Zuverlässiger erweist sich die Ligatur des Speichelganges, die in der Art ausgeführt wird, dass man zunächst hinter der Flstel-öffnung (der Drüse zu) den Stenon'schen Duktus auf eine Länge von 8—5 cm von der Umgebung lospräpariert, mit Seidefäden unterbindet und dann unter aseptischen Kautelen die Hautwunde vernäht.
Sehr zu empfehlen ist, unmittelbar nach der Unterbindung die l'istelstelle quer durchzuschneiden und noch rascher kommt man durch das G iiut hersche Verfahren zum /wecke, wenn nämlich der Gang ohne Unterbindung oberhalb der Fistel abgeschnitten und diese dann sich selbst überlassen wird; die nachfolgende traumatische Entzündung führt zur Obliteration des Ganges und schon nach 8 Wochen zur Verheilung, sobald nämlich die Drüse sklerotisch verödet ist. Während dieser Zeit müssen alle äussern Einflüsse entfernt gehalten werden, welche etwa störend auf den Vorgang der Obsolcszenz einwirken könnten.
Die Exstirpation der Ohrdrüse wurde früher als ultima ratio empfohlen, jodoch nur ganz selten ausgeführt. Sie gehört zu den blutigsten und zugleich schwierigsten Operationen dor gan/.en Yeterinärchirurgle und sind nachfolgende Lähmungen einzelner Muskelgruppen besonders im Lettungshezirke des Nervus i'acialis unvermeidlich. JoUt ist die Ausrottung der Parotis als iiherllüssig ganz, aussei- Gebrauch gekommen.
Operation der Speichelsteine. Sind die im ganzen nur selten vorkommenden Speichelsteine Gegenstand der Behandlung, so hat man die Haut und den Kanal an der Stelle, wo die schmerzlose, ver­schiebbare und harte Geschwulst im Verlaufe des grossen Speichelganges leicht durchgefühlt werden kann, zunächst der Länge nach einzuschneiden, die Konkretion herauszunehmen und die Wunde kurzweg durch die Knopf- oder umschlungene Naht zu schliesseu. Es versteht sich von selbst, dass die Vereinigung prima intentione schon in wenigen Tagen erfolgt,
Hl.
itl
ocr page 328
310 Zweite Haupt-Abtoilung I Operationen, nur an bestimmton Teilen ausführbar.
Als Nachbebandluag ist notwendig, dass der Andrang dos Speichels, welcher durch stetige Ausdehnung die Schliessung dos Kanals gefährdet und so zur Bildung einer Speichelfistel Veranlassung geben könnte, dadurch hintangehalten wird, dass mau 2—8 Tage lang fasten lässt oder doch nur Mehltränke gestattet, die keine Kanbeweguugen auslösen, ebenso muss das Tier isoliert werden, um auch andere Tiere nicht kauen zu hören.
Nicht zu unterlassen ist bei allen derartigen Kanalisatiousstönmgcn die Ausmüiidungsstelle, die häutig verlegt ist und so die einzige Ursache der erstereu bildet, zu sondieren und im Falle ihrer Ver­stopfung durch einen entsprechenden Trokar wieder frei zu machen. Ein dem Kaliber des Speichelganges angemessener Bleidraht erleichtert die Untersuchung wesentlich und eine zugespitzte Stricknadel vollendet die ganze Operation.
XIX. Operationen an den Kieferknochen.
Exostosen und andere Knochengeschwülste kommen an den Kiefer­knochen nicht selten vor, sie; gehören aber zu den denkbar gutartigsten Neubildungen und sind daher meist bedeutungslos oder kann ihrer weiteren Ausbreitung durch Scharfsalben, Jodmittel, durch das Glüh­eisen Einhalt gethan worden.
Ist jedoch in Spezialfällen eine Operation notwendig, wie z.B. bei scharf umschriebenen und weit vorstehenden Überbeinen, wenn sie das Kaugeschäft stören, so geschieht die Entfernung, nachdem die Haut gespalten und die Geschwulst biosgelegt wurde, sehr einfach entweder durch die Knochensäge (Figur 206) oder den Melssel und Hammer (Seite 248).
Geschwülste am Ober- oder Unterkiefer trifft man am häutigsten bei Rindern an und dass sie in dem Knochen ihren Ursprung nehmen, geht schon aus ihrer langsamen Entwicklung und dem brettharten An­fühlen hervor, man hat sie deswegen auch als Osteosarkom, Osteoporose (Haubner), noch früher als Winddorn,'Spina ventosa oder Knochen­krebs, Skirrhus, Knochenskropheln (Lafosse, Ayrault) bezeichnet, bis ihre wahre Natur 1877 von Bollinger und Harz als Strahlenpilz­geschwulst erkannt worden ist.
Hue Behandlung hat, durch diese Erkenntnis nicht eigentlich ge­wonnen, denn die infektiöse Grundlage war schon früher bekannt, obwohl Geschwülste am Hinterkiefer auch ohne solche Pilze vor­kommen, ebenfalls von den Alveolen der Backzähne ausgehen, in dem Knochen fortwuchern und schliesslich nach Jahr und Tag aufbrechen und jauchen.
Die Beseltiffun
dos Kioferaktinomykoms liegt
In der Zerstörung
.
ocr page 329
XIX, Operationen an den Kieferknochen.
311
der Pilzwucherung Innerhalb der aufgebltlbten Knochenscblchten, die mil' äussorliclic Bebandlung durch Zertellungsmlttel, Scharfsalben und das Glübelsen führt daher meist nicht zum Ziele, (loch kommt auch spontane Heilung vor. wie cs scheint, haupt­sächlich bei den ahs/edierendeu Formen, wobei eine aus­gesprochene Tendenz zu Verschrumpfung und Vernarbung beobachtet werden kann, nachdem die Ertötung der Pilze, durch kalkige, Infiltration vorhergegangen ist.
Die Operation der Geschwulst ist das sicherste Mittel und besteht sie in einfacher Exstlrpation, bei welcher das Messer und der scharfe Löifel, beziehungsweise auch Meisel und Hammer die Hauptrolle spielen, gleichviel ob ein Durchbruch der nieist knolligen Wucherungen durch Knochen und Haut erfolgt ist oder nicht; bei vorgeschrit­tenen Envelchungsprozessen und ichoröser Zerstörung der Gesclvwulstmasse leisten die Knochenbalken nur wenig Wider­stand, dagegen gelingt es nicht, mit den genannten Mitteln die Pilzlager gründlich zu vernichten oder zu entfernen, es muss daher immer ein ausgiebiger Gebrauch auch von den Atzmitteln (wozu sich am besten der Kupfervitriol, die unverdünnte Eisenchloridlösung, selbst raquo;Salz- und Salpeter­säure eignet) und vom weissgiülienden Eisen gemacht werden.
In wie weit im Anfange der Geschwulstbüdung, mit welcher offenbar höchst bedeutende Schmerzempflndungen verbunden sind, die energische Anwendung der Ignipnnktnr oder die perkntane Applikation des Thermokautcrs von Erfolg begleitet ist, muss erst die weitere Erfahrung lehren, Vogel hat in zwei mit Glühnadeln behandelten Fallen keinen durchschlagenden Effekt gesehen: möglich ist auch, dass im Anfange hei noch intakter Haut parenehymatösen
11Ü
Fig. 206. Knochensäg'
Injektionen der rohen Karbolsäure oder stärkerer Sublimatlösungen (1—2 0/n) eine abortive Bedeutung zukommt. Den Schluss der exstir-
patorischen Behandlung bildet die Einleitung einer regelrechten Eiterung durch Kampherschleim, harzige Tinkturen u. s. w.
Resektion des Unterkiefers. Die tierärztliche Litteratur zählt,
einige Fälle
auf, in denen beim Pferde der frakturierte Hinterkiefer
am Halse abgetrennt und die untern Schneidezähne mit dem Knochen entfernt wurden (Alfort); ebenso hat Keller die gebrocheneu Kiefer­beine eines Pferdes in der Art entfernt, dass er sie aus den Muskeln ablöste, die Blutung mit dem Ferrum camlens stillte und die Wunde schliesslich vernähte. In letzterem Falle wie bei der Amputation des 1 Unterkiefers konnte der Erfolg erzielt werden, dass die Pferde nachher wieder gut zu fressen im stände waren.
Heutzutage werden derartige Frakturen oder Xekrosen auf andere quot;Weise behandelt, die genannten Resektionen linden daher auch keine Nachahmung mehr. Die Fisteln der Kieferknochen werden hei den Zahnoperationen im nächsten Kapitel besprochen werden.
ocr page 330
312 Zweite iraupt-Abteilung: Oiierationcn, nur au bestimmten Teilen ausführbar.
XX. Zahnoperationen.
Zahnkrankheiten kommen lgt;ei den Haustieren nicht so selten vor, als man gemeinhin glaubt und sind es insbesondere Pferde in den vor­gerückteren Jahren, welche mit mancherlei Zahnleiden behaftet sind; vorwiegend werden die Backzähne betroffen und scheinen die des Ober­kiefers am meisten Krankheiten ausgesetzt zu sein.
Von den Zahnoperationen kommen nur vor: Unebenheiten, Verkürzen langer Zähne und das Zähne; mit letzterem steht auch die Behandlung
das Entfernen von Ausziehen kranker der Zahnflsteln In
direktem Zusammenhang.
Geschichtliches. Sieht man — sagt Förster in seiner Operatlonslehre — von dem seit langem gekannten und flelssig eettbteu „Maulräuinon odor Maulputzen'-, sowie von dem zur Erreichung gewisser llandelsvorthoilc ausgeführten Ausziehen der Milchschneidoziihne, dem Absagen zu langer Schneidezähne und (lern Nachahmen der Kunden ab, so datieren sämtliche Zahnoperationen aus dem laufenden Jahr­hundert.
Erst in diesem lernte man die Zahnkrankheiton unserer Haustiere und die Mittel zu deren Beseitigung genauer kennen und haben sich unstreitig die beiden Günther in Hannover die grössten Verdienste erworben. Obgleich verschiedene Tierärzte, •/.. B. Plasse, .Tonet, lirogniez, Wendenburg. Gowing, Traut­vetter, Pillwax, Prange, Schindler, Patellani u. a. Zalminstrumeute er­fanden, so werden jetzt vorzugsweise doch nur die Güuther'scheu in Anwendung gezogen und waren diese es auch, welche den Irrtum beseitigten, als seien die meisten Zahnextraktionen beim Pferde allzuschwierig oder unausführbar oder machten das tierqnäleriscbe Auskcilen ganz überllüssig. Auch das Plombieren holder (kariöser) Zähne ist vielfach geübt worden, ohne jedoch Nachahmung zu finden, dagegen ist eis eine brauchbare Neuerung die Einführung von Zahn-seh er n zu bezeichnen, wie sie zuerst von Mericant und Bassi konstruiert wurden, später aber von Moller, Johne 1S76 und 1878 und von Herz 1882 eine wesentliche Verbesserung erfuhren.
Operationen an den Schneidezähnen.
:
Anomalien der Schneidezähne trifft man nicht häufig an, doch kommen bei jungen Tieren vornehmlich 1 raquo;ei Fohlen Fälle zur Behandlung, in denen die durch die nachrückenden Ersatzzähne usurierten und des­wegen gelockerten Milchschneidezähne nicht rechtzeitig ausfallen, während erstere bereits über das Niveau des Zahnfleisches vorgeschoben worden. Die nächste Folge ist. dass die bleibenden Schneidezähne in eine un-regelmässige schiefe Stellung gedrängt oder die Milchzähne neben letzteren eingekeilt werden und so zu schmerzhaften Reizungen des Zahnfleisches, die den betreffenden Individuen das Aufnehmen von Futter erschweren oder entleiden. Veranlassung geben (Doppelgebisa, Figur 207).
ocr page 331
XX. Zahnoperationen.
313
* J
Extraktion der Schneidezähne. Sobald solche Milchzähne nicht zu rechter Zeit gewechselt werden, Ist es angezeigt, sie frühzeitig genug zu entfernen, ehe sie eine erhehllche Deviation des Ersatzzahnes zuwege gebracht haben und geschieht dies leicht, da sie niemals sehr fest sitzen.
Weitere I n d i 1lt; a t i o n e n
liegen vor, wenn der quot;Wechsel überhaupt sciiMieiig erfolgt und das Zahnfleisch durch die lose werdenden Zähne fortwährend gereizt und schliesslicli entzündet wird oder einzelne Schneidezähne gesprungen sind und Karies ein­getreten ist: häufig werden auch gesunde Milchschneidezähne aus­gezogen, um den Nachschul) des Ersatzes zu beschleunigen und das betreffende Tier scheinbar älter zu machen, als es ist. Die Schneidezähne haben
Fig. 207. Doppelgebiss bei Fohlen.
bei allen Haustieren eine ge-
Fig. 208. Schneidezahn-Zange.
krümmte Stellung und stehen besonders bei Pferden gedrängt
neben einander, können daher schon Schwierigkeiten beim Aus­ziehen bereiten; iiides handelt es sich dabei meist um Milchzähne, die niemals so festen Stand haben und bei Rindern sind selbst die Ersatz­zähne ziemlich locker eingefügt, so class in der Kegel eine gewöhnliche (schmale und nicht scharfe) Beisszange für die Operation genügt.
Ausserdem kann für die Schneidezähne oft auch die Kornzange, beziehungsweise eine starke Pinzette besonders bei kleineren Haus­tieren Anwendung finden oder bedient man sich jener Zahnzangen, welche in der Menschenheiikunde gebräuchlich sind und zu bequemerer Handhabung am Maule etwas gebogen sind, (Schnabelzange, Fig. 208j; ebenso steht auch noch die GKlnther'sche Schneidezahnzange oder der englische Schlüssel, von dem bei der Extraktion der Backzähne noch die Rede sein wird, im Gebrauch, es sind jedoch meist, alle diese Instrumente überflüssig.
Benützt man eine der genannten Zangen, so erfasst man. nachdem ein Maulgitter eingelegt und das Tier gut verwahrt ist, den betreffenden Zahn möglichst tief (dicht am Zahnfleisch), lockert ihn erst durch Be­wegungen nach vorn- und rückwärts in seiner Höhle und hebt ihn nach diesem Luxieren mit einem kräftigen Ruck heraus, wobei die in An­wendung kommende Zugkraft genau in der Verlängerung des Bogens zu geschehen hat, den der betreffende Schneidezahn in seiner Alveole beschreibt; geschieht die Hebung in der Richtung, In der der Zahn gewachsen und gelagert ist, so bietet die Operation keine Schwierigkeit und ist mit jeder entsprechenden Zange ausführbar, sogar mit dem
ocr page 332
314 Zweite Haupt-AliteihiDg: Operationen, nur an bestimmten Teilen austulubar.
Barte eines Hausschlüssels. Zu beeilen braucht man sieli dabei nicht, Im Gegenteil, denn das frei werdende Zahufach muss sieb, wie Günther angibt, notwendig während des Hebens erst mit Blut fidlen, wenn der /ahn der Zange gehörig folgen soll (s. Seite ;i21).
Will man die kleinere Form des Zabnscbltissels von Garengeot (Figur 214) ist die, grössere) in Anwendung bringen, so setzt man das Ende des gekrümmten Hakens an die äussere /ahnfliiebe. (an dem Rande des nötigenfalls mit einem Bistouri vorher losgelösten Zahn­fleisches) an, drückt den Bart des Schlüssels gegen die Zungenfläche des Zahnes, dreht den Stiel des Instrumentes am Griff um seine Achse von aussen nach innen, um so dem Ilaken und Hart mehr Halt am Zahn zu verschaffen und bebt ihn dann mit einer kräftigen Drehbewegung (ähnlich der beim Anfscbliessen eines Schlosses) aus der Alveole heraus. Die Hebelbewegung findet um das Hypomochlion des Bartes (Fletsche) statt oder vielmehr der Alvcolemvand, an welcher er anliegt. Die Kraft des Schlüssels ist bedeutender als die der Zange, dagegen die Quetschung der Alveolenwände stärker, es wird daher mehr ausgebrochen, als aus­gezogen und so kommt es, dass hie und da eine Zahnfachwand ein­bricht, was bei den jetzt viel mehr gebräuchlichen Zahnzangen nicht so leicht vorkommt. Die beste derselben ist die von Günther konstruierte und überall käufliche (einarmige) Sclmefdezabnzange.
Ungleiches Abreiben der Schneidezähne kommt seltener vor oder nur bei Pferden und auch hier kaum in einem Grade, dass das Ergreifen des Futters oder das Kauen durch das Hervorstehen der Krone beein­trächtigt würde. Wäre jedoch letzteres der Fall, so muss der vorragende Teil abgetragen werden, am besten durch eine scharfe Beisszange; nachher werden die scharfen Kanten und Ecken abgefeilt.
Als sog. Hungerzähne treten bei Saugferkeln nicht selten einzelne Milchlaquo; Schneidezähne so scharf und spitzig hervor, dass das Gesänge besonders bei fein-häutigen, enfflischen Muttertieren verletzt wird und sie nicht mehr saugen lassen; in solchen Fällen müssen die betreffenden Zähne stumpf abgefeilt werden oder nimmt man sie ganz heraus, was mit jeder Pinzette thunlicb ist.
Wolfszähne kommen bei Pfeiden vor und repräsentieren sich als kleine rudimentäre zahnähnliche Gebilde, welche dicht am vorderen Rande der beiden dritten Prämolaren (ersten Backzähne) hervorstehen; nur grassc Unkenntnis wäre es, sie als die Ursache schlechten Fressens beschuldigen zu wollen, sie sind viel­mehr durchaus bedeutungslos und fallen mit der Zeit von selbst aus.
Operationen an den Backzähnen.
Abnorme Abreibung. Die Reibeflächen der Backzähne zeigen oft eine fehlerhafte Abnützung in der Art, dass an ihrer Längsseite rauhe Ränder, scharfe Kanten und zackige Spitzen hervorstehen, ein Befund, der als Schieferzähne bezeichnet wird, jedoch nur bei Pferden und auch hier meist bloss bei älteren Subjekten vorkommt.
Die Ursachen liegen teils in der ungleichen Härte dor korrespondierenden Zahne oder passen die gleichen Zahnsubstanzen, namentlich die Schmelzfalten nicht aufeinander und bleiben dann die nicht abgeriebenen Stellen als glasartige Spitzen
,
ocr page 333
XX, Ziihnoperationen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 315
stehen, teils ist die Art der Fütterung schuld, namentlich wenn hei wcichom Futter wenig ausgiebige Kaubewegungen ausgeführt und die Zähne auch der Breite nach unvollständig und ungleich abgerieben werden: die Obertlüche bekommt dann all­mählich ein wellenförmiges Ansehen oder nützen sich die Reiheilächcn treppen-förmig ah. Sind einmal derartig schlechte Zähne vorhanden, so werden bald fast gar keine seitlichen Kieferhewegungen mehr gemacht und die ohnedies schon im physiologischen Zustande von innen nach aussen etwas schräg ahgedachten Kau-tlächen werden noch schräger, so dass am Unterkiefer innen und am Oberkiefer aussen und unten (an der Backenseite) sehr spitze quot;Winkel mit ungemein scharfen Rändern entstehen, was als Scherengehiss bezeichnet wird.
Die genannten Abnormitäten erschweren nicht allein die notwendige Zerkleinerung der Futterstoffe, sondern geben zu schmerzhaften Ver­letzungen der Backen, Zunge, des Zahnfleisches und damit auch zu Maulgeschwüren Veranlassung; ausserdem fällt hie und da ein durch septische Zersetzung der Futterreste schlecht oder hehl und spllttlig gewordener Backzahn ganz aus, wodurch der Antagonist nicht mehr ah-geiieben wird, vielmehr durch den allmählichen Nachschuh in der störend-sten Weise hervorragt, schliesslich sogar den Gaumen oder den gegen­überstehenden Kiefer erreicht und dort Quetschung, üsur u. s, w, zu stände bringt — lange Zähne, Weiteren Aufschluss gibt dann die Untersuchung der Mauihöhle (Seite 14), zu welcher man durch das eigentümliche Kauen, den dabei vernehmbaren klatschenden Ton, das Herausschaffen von Heuwischen, Abgang vieler ganzer Haferkörner, Ab­nahme des Ernährungszustandes etc, aufgefordert wird.
Die Tierärzte suchen das schlechte, zögernde Fressen, haldiges Schwitzen und Ermüden, Abmagern u. s. w gerne durch Erkrankung innerer Organe zu erklären, während die Besitzer, Kurpfuscher, Kutscher, besonders aber Schmiede in das an­dere Extrem verfallen und bei jedem schlcclit fiessenden Pferde Zabnfehler voraus­zusetzen versucht sind: es wird dann ein verkehrtes Verfahren eingeleitet, dem alljährlich grosse Verluste an Pferdernaterial zugeschrieben werden müssen. Die meisten Laien oder unerfahrene Veterinärärzte kennen die normalen Abreibungs-llächen der schmelzfaltigen Backzähne, an denen man sich ganz wohl die Hand verletzen kann, nicht genau, man muss sich daher angewöhnen, bei jedem Appetit­mangel (und nicht bloss bei älteren Pferden) eine Inspektion der Maulhöhle nicht zu unterlassen,
Befestigung der Tiere. Leider ist man zumeist bei den Zahn­operationen genötigt, die Tiere niederzulegen, nur bei Entfernung von Milchzähnen oder ohnedies schon gelockerten Backzähnen gelingt es bei einiger Gewandtheit und Sicherheit l'ferde im Stehen zu operieren, wobei man sie am besten in eine Ecke zu drängen sucht, jedoch stets mit dem Übelstande zu kämpfen hat, dass der Kopf nicht genügend fixiert werden kann, namentlich well vor dem Operieren der Zaum aus dem Maule ent­fernt werden muss und nicht immer die nötige Beleuchtung zu haben ist.
Auf dem Boden fixiert man den Kopf am einfachsten in der Weise, dass derselbe von einem kräftigen, auf dem Halse sitzenden Gehilfen zwischen beide Beine genommen und bei massig eingebogenem Genick mit beiden Armen auf einem Bund Stroh festgehalten wird, so dass die Schnauze nach aufwärts gerichtet ist. Sodann wird der Nasenriemen des Kopfgestells aufgeschnallt, das Maulgitter einge­stellt, die Zunge nach der der Operationsstelle entgegengesetzten Seite hervorgezogen und von einem besonderen Assistenten gehalten, llichei ist darauf Bedacht zu nehmen, dass das Maul nicht allzuweit aufgesperrt werde, weil dann die stark ge­spannte Packe sich zu straff an die Zähne anlegen würde.
ocr page 334
310 /weite Haupt-Abteilung! Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
\ :
Abraspeln der Zähne- Behufs Entfernung der oben genannten Zahnpromlnenzen bediente mau sich früher einer gewöhnlichen aber scharfen Hufrasp^l, welche man an den vorderen Ecken mit Tuch oder Werg umband, um nicht verletzen ZU können und dann zwischen die Backzahnreihe schob, um so lange auf ihr kauen zu lassen, bis die Zahn­spitzen und Kanten beseitigt waren. Das Verfahren ist natürlich nicht empfehlenswert, zweckmllsslger dagegen eine gute Zahnfeile oder Zahn-raspel, von der es mehrere Arten gibt.
Früher galt als die beste die englische fiacho oder leicht konkave Zahnraspel oder die französische, welche mit ihrer rechtwinkligen Ver­tiefung sich gut den vorstehenden Zahnriindern anpasst. Günther bedient sicli einer Hachrunden und einer ebenen Raspel und die Zabnfeile von Linden­berg hat eine stark konkave, jedoch nicht zahn- oder raspelartig gehauene, sondern nach Art der Feilen in Linien geschärfte Fläche, der aussen eine konvexe glatte entspricht.
Gegenwärtig gebraucht man am meisten die sehr brauchbaren amerikani­schen Zahnraspeln, welche auf beiden Seiten scharf und denen weitere Raspel­einsätze von verschiedener Form beigegeben sind oder bei denen an die Stelle des Raspeis ein Meissel eingeschalten wird (Kombination mit dem Zahnhobel), Diese Instrumente müssen aus härtestem Stahl gearbeitet, an den Rändern gut abgerundet sein und eine Raspelfläche von 12—15 cm Länge besitzen. Die Handhabe gleicht der eines Brenneisens. Die Aufbiegung des vorderen Endes hat sich nicht als gweckmässig erwiesen.
Das Ebnen der Spitzen mittels der Zahnraspeln geschieht in kurzen, aber energischen Zügen nach vor- und rückwärts und erheischt selbst bei einiger Übung Vorsicht, um besonders beim Überfahren der letzten Backenzähne keine schwer heilbaren Verletzungen der Schleimhaut zu erzeugen.
Absägen langer Zähne, Obwohl merkwürdigerweise Hering das Absägen vorstellender Molaren als unausführbar erklärte, geschieht es doch häutig in Ermanglung anderer Instrumente und zwar in un-sehwerer Weise und gefahrlos.
Man bedient sich zu diesem Zwecke entweder der gewöhnlichen Knochensäge, wie sie Figur 2Ü() Seite 311 schon abgebildet ist oder einer Säge, deren Sägeblatt und Spaimbogen jenem der gewöhnlichen (an einer Stange befestigten) liaumsäge gleichkommt. Ein Absägen des ganzen Zahnes wäre freilich mühsam und umständlich, das Haupt­geschäft besorgt vielmehr der Meissel, der den vorstehenden Teil ab­sprengt, nachdem er an den Ecken eingesägt worden ist (s. Seite 248). Strauss hat mit Hilfe dieser Zahnsäge auch vorragende Schneidezähne verkürzt, ausserdem kann aber auch jeder Fuchsschwanz von entsprechen­der Form, auch jede gute Loch- oder Knochensäge zu der genannten Operation verwendet werden, ebenso bedienen manche tierärztliche Prak­tiker zum Abschneiden der Zahnecken sich einer platten, scharfen Feile, da es sich meistens um die vordersten Backzähne handelt und die Feile die äussere Fmailsubstanz hesser durchdringt, als die Säge.
St euer sen hat 1880 eine neue Zahnsäge eingeführt, welche sehr leicht und rasch eindringt und die grösste Ähnlichkeit mit dem Fuchs­schwanz (Knochensäge) der Fleischer hat; das Sägeblatt ist 10cm lang.
ocr page 335
XX. Zahnoiierationon,
317
hat sehr feine, ein wenig schief gestellte Zähne, ist aber nach einmaligem
Gebrauche stumpf.
Abmeisseln der Zähne. Um
mit dem gewöhnlichen Melssel, namentlich wenn er nicht in gleicher Richtung mit der Länge der Reibefläche angesetzt wird, kein Unheil (Zersprengen eines Zahnes,selbst desKieferknochens) amieliten zu können, hat Bl'Og-niez einen eigenen Zahnmels-sel konstruiert — Ciseau odon-triteur, welcher sowohl lange Zähne als auch solche Spitzen u. s. w. entfernt, die der Zahn­raspel zu lange widerstehen würden.
Das Instrument, Figur 200, besteht aus 2 Stangen, deren eine f den Meissel c trägt, welcher gegen den in dein Hohlraum a untergebrachten Zahn in einer Rinne kräftig ange-stossen wird, während man das ganze Instrument an dem Griff gf der zweiten unbeweglichen Stange d festhält.
Statt des Hin- und Ilerhe-wegens des Meisseis können auch auf den Knopf Ä mit Hilfe eines Hammers kräftige Schläge ge­führt werden, bis der Zahn in horizontaler Richtung abspringt, um jedoch die. damit verbundene starke Erschütterung des Kiefers
zu vermindern, niuss mit einem zweiten Hammer bei;/ kräftig an­gestemmt werden. Dieses Brog-niez'sche Instrument hat das Unangenehme, dass es etwas zu schwer und schon vom 5. Back­zahn an (nach aufwärts) nicht
W
mehr anwendbar ist, bei den
Fig. 209. Zahnmeissel.
Fig. 210. Zahnhobel.
übrigen Backzähnen arbeitet es
jedoch in befriedigender Weise; (Brognioz.)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;*gt; wo indess wie bei Schieferzähnen
das Abraspeln möglich ist, muss es dem Abmeisseln vorgezogen werden, bei welchem neue scharfe Kanten entstehen, die doch abgeraspelt werden müssen. Ausserdem gibt es auch einfachere Meissel, welche die Breite der Backzähne haben und
ocr page 336
18 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar
eine dou Wlrkniessern iim/. fthnliclie Form besitzen; zu denselben ist ein llaiiniiLT zum A.ufschlagen erforderlich.
Abhobeln der Zahnspitzen. Aussei' dein Zahnmeissel hat Brog-niez ein weiteres ähnliches Instrument konstruiert, das er Zahnhobel (Rabat odontriteur) genannt hat und das in seinem Effekte dein des vor­genannten Instrumentes gleichkommt (Figur 210).
An einer langen eisernen Stange d befindet sieb vorne ein länglicber Ring a, in dessen Mitte eine \orne und liinten schneidende Plattebo eingesetzt ist, das Enden ist etwas aufgebogen. Am entgegengesetzten Ende befindet sich eine mes­singene Hülse;/ von 20 cm Länge, welche eine quergestellte cjlinderische Kapsel e trügt, die behufs stärkerer Wucht mit Sand, Schrot oder Bleikugeln gefüllt ist oder auch massiv sein kann. Mit diesem beweglichen Stücke stosst man durch Aus- und Einziehen in die Hülse jf auf die Meisselklinge fre, welche sowohl vor-als rückwärts auf die Zahnspitzen wirkt. Will mau das bewegliche Ende der Kapsel feststellen, so geschieht dies mit der seitlichen Stellschraube/'.
Die von Cbarlier und Mathieu angegebenen Veränderungen am Rabot können nicht als Verbesserungen gelten, dagegen hat Prange 3 verschiedene Klingen konstruiert, die bei bc eingeschraubt werden können, die eine zum Ebnen der Zahuränder, die beiden andern zum Ebnen der Reibefläche und statt des Quer-grilfse stosst man mit einer geraden Hülse.
Die Zahnscheren sind eigentümliche Instrumente, welche ihres-igleichen in der Menschenheilkunde nicht besit/on und erst in neuerer Zeit in die Veterinftrchirurgie eingeführt worden sind, in die Privatpraxis jedoch noch wenig Eingang gefunden haben,
Um hervorstehende Backzähne der grossen Haustiere mit einer Sciiere ohne weiteres abzuschneiden, bedarf es ungemein starkor Instru­mente, welche eine Hebelkraft entfalten müssen, wie sie nur durch be­stimmte mechanische Vorrichtungen geschaffen werden kann, die Branchen sind daher sehr kurz, verschieden geformt, desto länger aber die Schenkel. Merieant war der erste, welcher eine Zahnschere konstruierte, die jedoch bald von Bassi in der in Figur 211 angegebenen quot;Weise eine Verbesse­rung erfahren hat.
Das Instrument hat im ganzen die Form einer Coupierschere zum Englisieren und greift den Zahn in der Höhe der Naclibarzäbne mittels zweier scharfer und massiver Stahlprismen bei ce seitlich an, um ihn dann sofort abzuschneiden; zu diesem Zwecke gebt durch die Enden der Handhabe eine lange Schraubenspinclel, welche die beiden Schneiden mit grosser Kraft zu nähern im stände ist, wozu ein kleines Triebrad /; mit Griff bestimmt ist. Das Kronenende des Zahns springt mit einem klingenden Ton ab und ist alsbald mit der Hand zu entfernen, um nicht verschluckt zu werden. Das sonst einfache Instrument hat die Schattenseite, dass die Fassbranchen zu dick sind und zuviel Raum ein­nehmen, es können daher nur längere und vordere Backzähne operiert werden.
Die Zahnschere von Möller (1876) ist ähnlich, jedoch nach feinem englischen Prinzip eingerichtet und dahin verbessert worden, dass der schneidende Teil flacher gehalten ist, die Form einer Knochen-scheere hat und daher den Zahn besser umfasst; auch schneidet das Maul nur an der untern Fläche.
ocr page 337
XX. Zalinoperatioiien.
319
Hiediirch ist es ermöglicht, die Schere iiherall an hervorstehemlcn Back­zähnen anzulegen, also selbst an den letzten Molaren. Die beiden langen Schenkel laufen nicht gerade und parallel vom Schloss weg nach hinten, sondern divergieren stark und sind untereinander mit 2 Querstangen verbunden, durch welche in der Mittellinie eine starke Sohrauhe geht. Der untere Querstab trägt letztere mit der Kurbel, die den ohern Querstab an den Schenkeln auf- und abbewegt, wodurch die Schneide geöffnet und mit einer enormen Kraftentwicklung geschlossen werden kann, der Zahn wird also wie in einen Schraubstock gespannt und springt eben und glatt ab, wie wenn er mit einer Säge abgeschnitten worden wäre, auch soll ein Spalten oder Sprengen desselben in seiner Längerichtung nicht vorkommen, wie bei der Schere von Mericaut und Bassi.
Fig. 211. Zahnschere von Bassi.
Gewöhnlich vorhalten sich die Tiere ganz ruhig bei der Operation, so (lass man dieselbe oft am stellenden Pferde ausführen kann, bei wertvollen oder unruhigen Tieren dürfte es sieh jedoch empfehlen, die­selben niederzulegen, denn es könnten bei dem grossen Gewicht der Zange (4,75 Kilo) und der festen Verbindung der Fassbranchen mit dem /ahn durch heftige Bewegungen mit dem Kopfe möglicherweise Kiefer-brüche herbeigeführt werden. Das Instrument kostet 50 Mark.
Die Zahnschere von Johne (187!)) gleicht der genannten nach Maul und Schloss vollkommen, dagegen weicht die Richtung der Schenkel
ocr page 338
320 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
insoferne ab, als dieselben wie boi der Schere von Bassi gerade ver­laufen und die Schraubenspindel ebenfalls am Ende der Griffe quer angebracht ist, wodurch die höchst, bedeutende Reibung der Querspange bei der Möllerschen Zange in Wegfall kommt, der Kraftaufwand also wesentlich verringert werden kann.
Schon 3—5 volle Umdrehungen der seitlich angebrachten Kurbel gentigen und arbeitet die Schere in der That ungleich leichter und mit solcher Gewalt, dass der abspringende Zahn, wenn er nicht mit einem Tuch bedeckt würde, die gegenüberliegende Schleimhaut verletzen könnte.
Die Zahnschere von Herz (1882) weicht von den obigen in der Weise ab, dass sie nicht in Form eines zweiarmigen Hebels wirkt, und den Zahn von beiden Seiten her scherenmässig an­schneidet, sondern diesen von vorne und hinten zwischen zwei scharfe Keile a und h (Figur 212) nimmt, von denen der hintere a an der Stange B festsitzt, während der vordere der Stange.4 durch Schraubenkraft jenem genähert werden kann und
li
so den Zahn abschneidet.
I!
A
mk
Die Scbeidctläclu' bilden 2 keilförmige Stalilstüclie und das bewegende Element ist die Zahnscheibe C, welcbe schon nach einer halben Drehung mittels des Griffes J) die Keile miteinander in Berflhrung bringt; die beiden platten, starken Schenkel-Ui, von denen nur der letztere
beweglich ist, sind bei c zusammengehalten. Nach welcher Richtung die Rotation des Schraubenschlilssels D zu ge­schehen hat, richtet sich nach dem Sitz des Zahnes und erfolgt die Drehung beim Unterkiefer von rechts nach links und umgekehrt bei der Operation am Oberkiefer.
Der Preis des Instrumentes, über dessen Brauchbarkeit
Fig. 212. Zahnschere von Herz
noch zu wenig Erfahrungen vorliegen, ist lo Mark.
Bei den übrigen fehlerhaft abgeriebenen
Zähnen ist eine Abhilfe nicht möglich, wie z. B.
bei den sich glättenden Reibeflächen, man ist
daher darauf angewiesen, die Tiere, zu denen auch Kinder, namentlich
.Milchkühe zählen, mit Futterstoffen zu ernähren, bei denen sie möglichst
wenig (lebrauch von dem Kauapparat zu machen notwendig haben.
Extraktion der Backzähne.
Das Ausziehen der liackzälme gehört, obwohl in der letzten Zeit viele Verbesserungen an den Zahninstrumenten eingeführt worden sind, zu den wenigst angenehmen Verrichtungen der Tierärzte, denn das ope­rative Verfahren ist weder einfach noch leicht auszuführen, bedarf zahl­reicher Instrumente, eine sichere geübte Hand und viel Geduld. Dies gilt besonders von jenen Backzähnen, welche nicht schon durch patho­logische Vorgänge, z. 1!. Osteoporose, Aktlnomykose, Polypen der Kiefer­höhlen, Eiterung, Karies, Xekrose der betr. Knochen n. s. w. gelockert
]#9632;lt;#9632;
ocr page 339
XX. Zahnoperationen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 321
worden sind, oder wo es sich nicht um Milchzähne handelt, deren Wur­zeln der stetig vorsciireitenden Druckusur wegen selbst bei Pferden niemals sehr fest sitzen.
In der Praxis kommen im ganzen genommen Extraktionen der Backzähne nicht häufig vor oder mehr nur hei älteren und wertlosen I't'erden, es ist daher schwierig, sieh die erforderliche Übung anzueignen und zwar um so mehr, als Ver-suclie an toten Tieren regelmässig misslingen, weil beim liehen des auszuziehenden Zahnes unter der Wurzel im Alveolus ein luftleerer Raum entsteht und so der atmos­phärische Luftdruck von aussen mit grosser Macht auf den Zahn einzuwirken vermag.
Viel giinstiger gestaltet sich das Ausziehen, wenn eine Fistelöfi'nung die Kommunikation zwischen Zalmfach und Aussenwelt herstellt oder am lebenden Tier operiert wird, wo in den leer werdenden Raum sofort Blut aus den zerrissenen Gofässen nachrückt, der Hebelkraft daher kein Widerstand von aussen her ent­gegengesetzt wird. Der Irrtum, dass selbst am Kadaver, wie Hering bemerkt, schon schwierig zu operieren sei, hat besonders dazu beigetragen, dass die un­zweifelhaft bestehenden Schwierigkeiten im allgemeinen übertrieben worden sind; auch liegt die Ursache des Misslingens häufiger in der I'nkenntnis der topo­graphischen Verhältnisse, als in dem Mangel an operativer Fertigkeit, entsprechende Vorstudien über die Richtung und Lageverhältnisse der einzelnen Zähne sind daher unorlässlich, im andern Falle muss notwendig die llebellinic verfehlt und damit eine Pressung gegen die Nachbarschaft ausgeübt werden, welche die Lockerung, Lösung und Hebung des Zahnes erschweren oder ganz vereiteln muss.
Die hauptsächlichsten anatomischen Schwierigkeiten liegen in der grossen Länge der Backzähne, der uusserordentlith dicht ge­drängten Stellung, dem Kingreifen ihrer leistenartigen Längsvorsprünge in genau passende, Vertiefungen der Alveolarwände des Kiefers, in denen die Wurzeln wie eingekeilt und eingekittet liegen, sowie in dem geringen Räume zwischen den aufeinanderpassenden Zahnreihen jeder Kieferseite, wodurch alle auf die Entfernung eines Zahnes abzielenden Manipulationen erheblich behindert, besonders aber in ihrer Hebekraft abgeschwächt worden.
Die Backzähne des Pferdes sind bis zu 10 cm lang, wovon nur der dritte Teil über das Zahnfleisch hervorragt; wird das zweite Drittel in die Hidie gehohen und soll das dritte nachrücken, so stosst es bei den Hinterzähnen bald gegenüber an, denn das Aufsperren der Maulhöhle hat ganz bestimmte Grenzen: ausserdem ist der Kronenteil nach oben auch noch verschmälert und an einer (der iiussern) Seite immer niederer, als der andern, daher schwer mit der Zange zu fassen. Hiezu kommt noch die Befestigung der Wurzel durch das Alveolarperiost des Zahnfachs, ebenso die geringe Stärke der Seitentafeln, welche unter allen Umständen (behufs Lockerung) nach aussen gehobelt werden müssen und bei dieser Luxations-bewegnng gerne einbrcclien.
Was die Stellung und Richtung der einzelnen Backzähne betrifft, so steht im Oberkiefer
der III. Prämolare (Figur 218, 8') fast senkrecht und seine Wurzel ist nur ein wenig nach vorne gegen den Hackenzahn gerichtet, die Hebellinie der Zange ist somit keine durchaus vertikale;
der II. und I. Prämolare ('2', 1') neigen mit ihren Wurzeln schwach nach rückwärts,
der II. und III. Molare (2quot;, 3quot;) dagegen stark nach rück­wärts und
der I. Molare (1quot;) hat in der Kegel eine völlig senkrechte Stellung.
Horing's Operationslehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 21
ocr page 340
322 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfahrbar.
Im Unterkiefer neigt
(Ut III. Prämolare mit seiner Wurzel etwas nach vorne;
der
II. und 1. stellen senkrecht.
Die Wurzeln der 3 Molaren laufen
sämtlich stark nach rückwärts. Besonders gross ist der Abstand zwischen den Wurzeln des zweiten und dritten, denn er beträgt 2—4 cm.
Anzeigen der Extraktion. 1. Z a h n-karies gibt am häutigsten Veranlassung zum Ausziehen, denn sie erzeugt durch allmähliches Fortschreiten hohle Zähne. Sie beginnt bei allen Haustieren stets an der Kaufläche, selten seitlich nach Ahsplit-terung des .Schmelzes und frisst, nach und nach bis zur Wurzel um sich, wo sie dann weiteres Unheil anrichtet.
Bei solchen hohlen /ahnen soll mit der operativen Nachhilfe, wie Günther*) mit Recht hervorhebt, nicht lange gezögert wer­den, denn erstere werden immer mürber, zerbröckeln oder werden durch den Gegen-
h
zahn so tief ausgesclilitfen, dass sie. nur
Fig. 213. Zahnstelhmg im Oberkiefer.
1,1 Zangen-, 2,2 Mittel-, 3,3 Eckzähne, 4,4 Hakenzähne, 1', erster, 2',2' zweiter, 'S'fi' dritter Prämolar, 1quot;,!quot; erster, 2,,,2quot; zweiter, 3quot;,3quot; dritter Molar (Mahlzahu).
'
schwer oder gar nicht mehr zu fassen sind.
Die nächste Veranlassung zu Zahnkaries bildet wohl immer die septische Zersetzung zurück­bleibender Futterreste mit nachfolgender Säure-bildimg, wodurch zunächst unter getreuer Mithilfe von Pilzen, besonders des Leptothrix buccalis der Schmelz und die Zahnheinsubstanz der Krone ent­kalkt werden; hiezu disponieren manche Zähne
ganz besonders, namentlich jene von graulich-weisser Farbe, da sie weniger kompaktes Zahnbein besitzen, Karies ist daher auch wie bekannt bei den Tieren erblich. Mit dem fortschreitenden Substanzvorluste lagern sich immer mehr Fntterreste ein, welche gähron, faulen und üblen Geruch verbreiten, bis ein Teil des Zahnes zerstört ist, wodurch auch die Wurzel mit ihrem Periost angegriffen wird und eine Pnlpitis entsteht, welche meist eitrigen und gangränösen Ausgang nimmt und der Prozess, nachdem da und dort kleine subperiosteale Abszesse entstehen, auch auf den Alveolus selbst übergreift, in welchem sich bald unter Beihilfe von auch hier einnistenden Futtcrteilen (Einfuttern) und entzündungserregenden Spaltpilzen eine Wurzeljieriostitis und Alveolitis ausbilden.
2. /ahn fach er ent zündung. Sie nimmt bei den Tieren haupt­sächlich ihren Ursprung aus dem Einfüttern bei Zahnlüken oder aus zufälliger Ablösung des Zahnfleisches, das in suppurative Entzündung versetzt wurde, bezw. aus gewaltsamen äussern Einwirkungen auf die Knochen der Zahnfächer und macht ihre Ausgänge ebenfalls in Eiterung,
*) Lehre von den gesunden und kranken Zähnen; Anhang zu dem Buche; Die Beurteilungslehre des Pferdes. Hannover 1859.
ocr page 341
XX. Zalinoperationen.
323
die irgendwo In dein aufgetriebenen Knochen durchbricht und so Anlass zu Zahnfleischfisteln, sowie zu
8. Zahnfisteln gibt, nachdem eine eitrige Periostitis, subkutaner Abszess und Nekrose des Knochens vorhergegangen waren.
Bei der Untersuclumg des Fistelkanals stosst man meist mit der Sonde auf die nekrotisclieu Knochenteiie, Kortikalseciuester des Kiefers sowie auf die kranke Wurzel des zunächst liegenden Zahnes und mündet die Fistel entweder frei nach aussen oder in die Maulhöhle, nur hei Erkrankung der Molaren des Oberkiefers ist der Durchhruch nach fiussen nicht möglich, weil deren Alveoli sich innerhalb der Oberkioferhöhle befinden. Brechen Zabnfisteln hier durch, so entsteht Sinus-katarrh mit fötidem Nasonauslluss, Lymphadenitis im Kehlgang und Rotzverdacht. Solche Zahnfisteln bilden sicli wegen der leichteren Einfiitterung häufiger am Unter­kiefer aus und zwar besonders gerne an dem 2. und 1. Prämolaren. Werden sie mittels des Glüheisens ausgebrannt oder wird dor betr. Zahn entfernt, so verlieren sicli die übrigen Folgen, selbst die Knochenauftreibungen, nur in seltenen Fällen entwickeln sich in den Zahnfächorn mehr oder weniger ossitizierende Wucherungen, durch welche die Zahnwurzel derart festgehalten werden kann, dass die Extraktion nicht mehr ausführbar ist oder docli nur mittels Auskoilung, es kann daher diese nicht ganz entbehrt werden, so barbarisch sie auch aussieht.
Das Auslöffeln kariöser Zalmsubstanz und Desinfektion der Höhle mit Karbolsäure (10 Proz.) kann hie und da dem Leiden Einhalt thun, die Backzähne sind aber einer solchen Behandlung gewöhnlich nicht zugänglich und aus diesem Grunde ist auch das Plombleren (Ausfüllen mit einer künstlichen Masse) bei Tieren nicht durchführbar, obwohl 'Wulff und AVarsage dasselbe durch Einbringen von Mastixbaumwollo, erweichte Guttapercha u, s. w. vielfach ausgeübt haben, ohne jedoch Nachahmer !.u finden.
4.nbsp; Nehenziihne erheischen öfters das Ausziehen des Hauptzahnes, da jene sonst niclit gefasst werden könnten; sie begünstigen am meisten das Einfuttern und geben ausserdem durch unregelmftssiges Abreiben ihrer Krone Anlass zu fortwährenden Verletzungen der Schleimhäute.
5.nbsp; Endlich ist das Ausziehen noch indiziert bei lose gewordenen Zähnen, bei Spaltung und Splitterung derselben, wie sie durch mechanische Einwirkungen, z. li. zufälliges Beissen auf sehr harte Körper namentlich auch bei Schweinen entstehen, sowie hei einzelnen zulangen /älineu, wenn die Verkürzung weder durch Abmeisseln, Absägen oder Abscheren ermöglicht ist.
Die Entfernung der Backzähne kann auf zweifache Weise geschehen, es werden nämlich dieselben
A.nbsp; entweder von der Krone ans gefasst und ausgehoben oder
B.nbsp; von rückwärts her in Angriff genommen und (nach Eröffnung des Zahmfaches von aussen) in die Maulhöhle hereingeschlagen.
A. Extraktion durch den Stempel. Auskeilen.
Mese ältere Methode des Ausziehens von Backzähnen stammt von llavetiann und ist besonders von Viborg und später von Dieterichs näher/ angegeben worden. Sie besteht in dem Biossiegen des der kranken Zahmhirzel entsprechenden Teiles der änssern Fläche der Kieferknochen, so(lai|n in EntWiiung der die Wurzel bedeckenden Alveolarplatten und endlich in der Austreibung des Zahns mit einem stumpfen Stempel und eine/hi llammer.
ocr page 342
324 Zweite Haupt-Abteilungi Operationen, nur anlestimmten Teilen ausführbar.
|
Anzeigen liegen sein' selten und zunäclist nur vor, wenn ein kariöser Zahn an seiner Wurzel infolge der durch Entzündung des Alveolarperiostes entstandenen Knochenmicherung festgehalten wurde, dnrcli die gewöhnlichen Zahnzangen nicht entl'ernlmr ist, mit denselben nicht mehr gefasst werden kann, die Krone abgebrochen ist oder behufs Abflusses der Jauche ohnedies eine Kontraöffuung als notwendig sich herausgestellt hat; ausserdein findet der Stempel Anwendung, wenn aus irgend einem andern Grunde von der Zahnzange ein Gebrauch nicht gemacht werden kann.
Operationsstelle. AVäre schon eine Fistelöffnung vorhanden, so bildet jedenfalls diese den Angriffspunkt, auch wenn der Kieferknochen daselbst stark aufgetrieben wäre, im andern Falle ist von aussen genau zu bemessen, welche 1 lautstelle der Wurzel des zu extrahierenden Zahnes entspricht. Da die li Molaren des Oberkiefers mit ihren Wurzeln in dem Sinns maxillaris stecken, so kann man hier nur durch Eröffnung dieser Kopfhöhle beikommen und was die 8 hintersten Backzähne des Unterkiefers betrifft, so sind diese vom Masseter bedeckt und stehen die Wurzeln nicht parallel, sondern fächerförmig auseinander, so dass ihre Stelle von aussen nur schwer zu bezeichnen ist, es eignet sich sonach das Auskeilen nur für die vorderen 3—-f Backzähne jeder Reihe, wobei noch zu bemerken ist, dass bei Pferden höheren Alters die Zahn­wurzel um ein Drittel bis sogar die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge abgenommen hat.
Bei zu kurzen oder abgebrochenen Zahnkronen rät tüinther, mit der Be­seitigung solange zu -warten, bis der Zahn weit genug nachgeschebou wurde, um ihn mit der Zange fassen zu können, wie denn das Auskeilen, das stets mit nicht unbedeutenden Verletzungen, mit starker Erschütterung des Kopfts verknüpft ist und deswegen als ein Barbarismus bezeichnet wird, auf die dringendsten Fälle zu beschränken ist, wie schon erwähnt, aber in der Praxis nicht ganz umgangen werden kann.
Operation. . Am Oberkiefer wird zunächst der Hautschnitt gemacht und dann das subkutane Gewebe in der Umgebung losgetrennt, um die hier liegenden Muskeln der Lippen und Nase, die zum grössten Teile geschont werden können, durch stumpfe Haken nach oben zu schieben; noch mehr Rücksicht erheischen der aus dem obern Kieferloch hervortretende Nei'VUS supraorbitalis, sowie wenn die Operation den 8. obern Backzahn betrifft, die Verzweigungen der äussern Kiniibacken-arterie und Vene.
Am Hinterkiefer stosst man alsbald unter der Haut auf den schlanken Kiefermuskel der Hinterlippe, welcher bei Seite geschoben wird; dicht unter den Backzahnwurzeln lauft im Hinterkieferkanal der hintere Zahnnerve, dessen Endzweige durch das Kinnloch in die Hinter­lippe gehen, der Angriff des Knochens muss daher immer über dem genannten Kanal, somit seitlich von der Zahnwurzel unter Berücksich­tigung des Speichelganges geschehen, um die Zerquetschung des Zehn-nerven zu vermeiden.
Die Knochenplatte des betr. Kiefers wird entweder mit einem Meissel durchgestemmt oder besser trepaniert, die Platte ist jedoch
;
ocr page 343
XX. zabnoperationen.
m
ungleich dick und liiingt nach innen mit dem Zahn odor dor spongiösen Substanz des Kiefers zusammen, es ist daher neben dein Trepan der Meissel (S. Seite 248) nicht entbehrlich. Ist auf diese Weise die Wurzel blosgelegt, so dass Sie mit dem Finger gefühlt werden kann, bringt man ein keilförmiges Hol/stück zwischen die Zahnreihe, den kranken Zahn freilassend, setzt den Stempel auf die Wurzel und treibt durcli kurze kräftige Schläge auf das Eisen den Zahn aus seiner Alveole in die Maulhöhle herein, wo er mit der Hand alsbald in Empfang genommen wird. Die liiezu notwendigen Stempel sind von Eisen, fiiigersdick, liaben eine Länge von 15 cm und sind oben und unten rechtwinklig abgesclinitton; für den Hinterkiefer ist das Instrument gerade, für den Vorderkiefer doppelt gekniet, um möglichst senkrecht auf die Wurzel gestellt werden zu können, im andern Falle würde es Splitterungeu des Zahnfaches absetzen. Sobald der Zahn zu weichen beginnt, was um so leichter geschieht, Je stärker die Knochenauftrcibung am Kiefer ist, muss sein Erscheinen in der Maulhiihle kontroliert werden, damit er rechtzeitig mit den Fingern herausgenommen werden kann.
Nachher wird die Zahnlücke gereinigt, die Hautwunde vernäht und eine antiseptische Behandlung eingeleitet, welche namentlich auch in dem öfteren Ausspritzen der Maulhöhle mit desinfizierenden Flüssigkeiten zu bestehen hat.
B. Extraktion mit Zangen.
Das Ausziehen der Backzähne von der Krone aus hietet grössere Vorteile, indem es weit einfacher ist und weder Weichteile noch Knochen verletzt werden, das operative Verfahren be­
schränkt sich sonach ganz auf das zu entfernende Organ, bleibt aber immerhin eine schwierige Unternehmung.
Wie heim Menschen, so bedarf es auch hier bestimmter Instrumente, welche entweder die Form eines Schlüssels oder einer Zange haben und ob-schon das Zahnziehen in der Voteriiiärchirurgie durchaus keine lange Geschichte hinter sich hat, ist doch die Zahl der hiefür konstruierten Instru­mente keineswegs eine kleine, die meisten sind jedoch nicht mehr in Anwendung, weil geradezu unbrauchbar, eine Ausnahme machen fast nur die (iünther'schen Zangen.
Der englische Zahnschlüssel von Garen-geot war, bevor die zweckmässige Konstruktion der Zangen deren vorwiegenden Gebrauch sicherte,
das gebräuchlichste Extraktionsinstrument: alle übrigen Apparate verdienen jetzt keine Erwäh­nung mehr.
Schon beim Ausziehen der Schneidezähne ist dieses Schlüssels Erwähnung gethan worden (Seite 314); ein Hacken, Figur 211, wird über den Backzahn geworfen,
Fig. 214.
Zahnschlüssel von
ü a r e n g e o t.
ocr page 344
X
3^0 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar,
der Bart kommt au die seitliche Alveolenwand der andern Seite zu liegen und eine kräftige Drehbewegung hebt den Zahn aus dem Fache heraus. Die Kraft des Instrumentes ist sehr gross, auch die Handhabung einfach, wenn nur der Zahn möglichst tief an dem Halse gefasst wird; dagegen ist die Quetschung dor Alveolen-waud, welche das Hypomochlion des Hartes bildet, bedeutend, Alveolenbrilche können daher vorkommen, man wendet aber auch den Zalinschlüssel nur dann an, wenn es sich um Backzähne bei Pferden handelt, deren Wurzel sehr kurz ist (Milchzähne): letzteres trifft auch bei den Backzähnen dos Hundes zu, für welche das für den Menschen bestimmte Instrument sich am tauglichsten erweist. Ersteres hat eine Länge von 60 cm, letzteres von 20 cm. Bei sehr festsitzenden Zähnen ist der Erfolg nicht immer gesichert.
Die Zahnzangen, wenn sie Anspruch auf praktische Brauchbar­kelt machen wollen, stellen, je nachdem sie zum Ausziehen der vorderen odor hinteren Backzähne einer lieilie bestimmt sind, ein- oder zwei­armige Hebel dar und haben somit das Maul am Ende der Zange odor kurz vor demselben (Figur 220 a, b und c, d).
Nach Günther sind Haupterforclernisse:
1.) dass die ganze Länge des Mauls den Zahn am Grunde der Krone erfassen kann und
2.) dass bei angelegter Zange die Schenkelgriffe nur soweit von­einander abstellen, dass man sie beide zugleich bequem mit Einer Hand zu umfassen vermag.
Eine zu weite Zange gleitet, indem sie entweder gar nicht oder nur mit den vom Ruhepunkte entferntesten Teilen ihres Maules fasst und die Zangenschenkel sich bei Anwendung der nötigen Kraft aneinanderlegen, ab; bei einer zu engen Zange fassen nur die dem Kuhepunkte zunächst stehenden Kanton des Mauls den Zahn, welcher unter dem notwendigen Drucke leicht splittert, zugleich stehen auch die Schenkel so weit ab, dass man sie nur schwer oder gar nicht mit einer Hand umfassen kann.
Der Schwerpunkt der Extraktion liegt nicht in dem Herausreissen des Zahnes, sondern in dem Ausein an der heb ein der seitlichen Alveolarwände, um die Verbindung von Zahn und Zahnfach zu lockern; diese Lockerung darf niemals gegen die Nachbarzähne, also nach vorn und hinten geschehen, sondern nur nach rechts und links, weil hier die Fachwände am dünnsten sind. Je mehr die rauben Fass-branchen Zahnfläche packen, desto leichter folgt der Zahn dem Zuge des Instruments, im andern Falle bricht er ab, er darf aber auch nicht zu fest umklammert werden, denn die Zange soll nur ein hebelndes, kein kneifendes Instrument sein.
Wenn der Zahn nicht folgen will, führt der geübte Praktiker zwischen hinein dann und wann eine leicht rotierende Bewegung aus, denn sind nur einmal die Seitenwände etwas auseinandergedrängt, dann reicht das einfache Anziehen des Objektes in seiner Längenaxc aus und ist mit der Hebung stets ein zischendes Geräusch verbunden, das jedoch leise ist, vom Operateur aber nicht überhört werden sollte.
Audi die zum lieben zu verwendende Kraft braucht keine so grosso zu sein, wie man gewöhnlich zu glauben versucht ist, denn folgt der Zahn massiger Kraftanwendung nicht, so ist meist das Instru­ment für die Richtung des Zahns nicht entsprechend gewählt, beziehungs­weise die Fübrungslinic nicht korrekt eingehalten worden.
'I.
li
ocr page 345
XX. Zahnoperationen.
327
Die Zange von Wendenburg (1886) i.st charakterisiert durch den Sem langen Fortsatza (Figur 215), der auf den nächsthinternBack­zahn zu liegen kommt, worauf man die Zange als einarmigen Hebel
nach aufwärts wirken lässt, um den Zahn aus seiner Höhle zu heben. Beim letzten Back­zahn hätte man für den Fort­sat/ keine Unterlage, dieser fällt daher bei dem zweiten In­strumente Wendenburgs weg, dafür bekommt die Zange eine Unterlage an ihrem Schloss und zwar in Form der her­vorstehenden Niete und wirkt dann in entgegengesetzter Richtung (nach abwärts) als zweiarmiger Hebel; um dem als Hypomochlion dienenden Zahne nicht zu schaden, kann auch ein Stück Holz als Unter­lage dienen.
Die Zange ist nur wenig mehr im Gebrauche und bat auch das Misslicbe, dass bei der senkrech­ten Stellung Ihres Maules eine zu starke Depression auf die als An-lialtspunkto dienenden Zähne aus­geübt wird und der Fortsatz a bei dorn Umstände, dass die einzelnen Zähne unter sich in Form, Grosse und namentlich in der Richtung wesentlich von einander abweichen, unmöglich immer in die Mitte der Käufliche des hintern Zahnes auf­zuliegen kommen kann, sondern mitunter blos auf den Rand oder selbst schräg; das Instrument lie­fert wiederum den Beweis, dass man für die verschiedenen Zilhne auch verschieden geformte Zangen notwendig hat, eine und dieselbe Zange daher keineswegs ausreicht. Gewicht 4,5 Pfund.
Die Zange von Pillwax
Fig. 215.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Fig. 210.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; (1860). Statt des Fortsatzes
Zahnzange vonnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Zahnzange vonnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; besitzt diese Zange (Figur21())
Wendenburg.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Pillwax.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 0ino Triebplatte, welche auf
die Reibefläche des gesunden Nebenzalmes aufgestützt wird; hierauf wird die Zange, nachdem sie den Zahn gefasst, mit der einen Hand geschlossen gehalten, mit der andern aber der Quei'grlff um seine Axe gedreht, wodurch sich die
ocr page 346
#9632;'
328 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfuhrbar.
Triebplatte immer stärker gegen den Nebenzahn andrückt, der kranke Zahn aber gehoben wird.
Diese Zange kann nur für die Prä-molaren dienen, da der Schraubenteil der Platte auf der entgegengesetzton Seite so weit hervorragt, auch wenn der Zahn nur zur Hftlfte gehoben ist, dass er weiter hinten auf der Zahn-rcilie keinen liaum mehr findet. Das Instrument selbst ist nicht zu schwach, wie Haubner angegeben, sondern leidet, wie die Wendeiiburg'sche Zause auch, an dem Hauptmangel, dass der betreffende Zahn, gleichviel welche Form und Richtung seine quot;Wurzel hat, zumeist nur senkrecht gehoben werden kann und somit die Zange jenem Zuge des Zahnes nicht zu folgen vermag, welcher diesem durch seine Stellung in der Alveole anatomisch vorgeschrieben ist. Die Zange von Pillwax steht jetzt aussei- Gebrauch und hat nur Wert insofern, als sie ein Muster ab­gibt, wie Zahnzangen nicht beschaffen sein sollen. Gewicht 8 Pfund.
Die Zange von Brogniez (1842. Clef odontogogue, Fig. 217) ist das kolossalste aller derartiger Instrumente und von so unge­heuerlicher Art, dass sie gar keine nähere Beschreibung verdient und auch nicht länger in den Büchern fortgeschleppt werden sollte, sie
dient auch nur mehr als Kuriosum und Schaustück in dt'n chirur­gischen Instrumentarien der Tier-arzneischulen,
Die Zange hat eine Länge von PO cm und ein Gewicht von fast 10 Pfund, kein Wunder, wenn es vorkam, dass statt der kranke Zahn gehoben, der gesunde als Unterlage dienende aber geradezu zerdrückt wurde.
Die Z ange von Bouley (18 5 G)
Fig. 217. Zahnzange von Brogniez.
ist aus Figur 218 zu ersehen und ebenfalls nicht mehr im Gebrauch,
denn sie gibt allzuleicht Yeran-,.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;lassuilg zum Zerdrücken des er-
tassten Zahnes. Dasselbe ist der Fall mit der Zahnzange von Plasse (1832, Figur 210) und der der üoulevVhen ganz ähnlichen von Gowing (1851).
ocr page 347
XX. Zalinoperationcn.
829
Die Günthersclion Zahnzangen (1858). Für die Behandlung kranker Ziilino sowohl als namentlich das Ausziehen derselben haben Günther (Vater mid Sohn) in neuerer Zeit am meisten geleistet und sind jetzt auch die niiclibenamiten Zangen fast ausschliesslicli im Ge­brauch, denn sie sind die brauchbarsten, sofern sie nur mit Sachkenntnis gehandhabt werden.
Fig. 218. Zalmzange von Bouloy.
Fig. 210. Zahnzange von Plasse.
Wie schon erwähnt, kann ein und dieselbe Zange nicht zum Ziehen der in verschiedener Richtung in den Zahnfächern steckenden Backzähne (s. Seite 321) ausreichen, Günther erkannte daher die Notwendigkeit, verschiedene Zangen zu konstruieren; ein noch festsitzender JSackzalin ist nur dann prompt zu entfernen, wenn die Richtung des Zugs (die Führungslinie wie bei Geburten) genau der Richtung entspricht, welche der Zahn in seinem Alveolus einnimmt.
In Berücksichtigung dieser Voraussetzung hat (i. besondere Zangen für die Backzähne des Vorder- und Hinterkiefers, sowie für die vorne und hinten in der Reihe stehenden Zähne angefertigt. Sie zerfallen in '2 Grundformen,
1. in einarmige Hebelzangen, Figur 220laquo;, h für die Prftmolaren,
zweiarmige Hebelzangen c, d für die 3 letzten Backzähne
in
bestimmt.
ocr page 348
3;)0 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Ausserdem sind die Hinterkieferzangen und Vorderkieferzangen zu unter­scheiden, erstere sind im ganzen gerade, die zum Entfernen der 3 ersten Zähne im Vorderkiefer bestimmten Zangen aber in der Kilhe des Zangenmaulcs gebogen, d. h. gekröpft, um über die hindernd im ^Vegc stehenden Schneidezahne leichter
Fig. 220 a bis d. Günther'sche Zahnzangen.
himveggeführt werden zu können. Bei allen Zangen sind die Maulwangen immer so gestellt, dass sie mit ihren Innern gekerbten Flächen erst dann parallel stehen, wenn die Zange so weit geöffnet ist, dass sie den für ihre quot;Weite passenden Zahn in ihrem Maule aufnehmen kann, auch sind die Zangenarme oberhalb des Maules etwas ausgehöhlt, damit der gehobene Zahn mehr Raum zwischen ihnen finde.
I
ocr page 349
XX. Zalinoigt;cratioiH'n.
881
Dadurch, dass das Maul immer möglichst nahe am Unferstützungspunkt an­gebracht ist, gewinnt selhstverstiindlich die Kraft der ohnedies langen Schenkel (Hebelarme) ausserordentlich und ist es möglich, mit diesen verhältnismassig leichten, aber langen Zangen (50—80cm) einen eminenten Etiekt zu erzielen und zugleich eine den Zahn luxierende Bewegung auszuführen.
I.nbsp; nbsp;Für den Vorderkiefer braucht man 4 einarmige gekröpfte (z.B. Figur 2201) und 2 zweiarmige Hehelzangen ((7).
II.nbsp; Für den Hinterkiefer 4 einarmige (z. B. a) und 4 zweiarmige (z. B. Figur 221 und Fig. 220 o). Diese 14 Zangen anzuschatien ist nicht notwendig, man begnügt sich mit 4 der wichtigsten, 2 von der ersten Reihe, 2 von der letzteren.
Hiezu kommen 3 Schnabelzangen, deren Maul im rechten quot;Winkel gebogen ist und dazu dient, die Zahnsplitter aus den Zahnfiiehern herauszunehmen, was jedoch auch durch Pinzetten geschehen kann: feiner 1 Exporteur, ein nach Art der gewöhnlichen Schmiedezange konstruierte Zange, welche beim Extrahieren als Hilfsinstrument dienen soll (Accessorium).
Fig. 221. Hinterkieferzange von Günther nebst Untorlago.
Um bei der .Anwendung der Zangen den Druck, welchen der nebenstehende gesunde, als Stützpunkt benützte Zahn auszuhalten hat, zu vermindern oder auf mehrere Zähne zu verteilen, legt man ein Stück Holz unter, auch hat Günther besondere Unterlagen aus Eisen (Figur 221) empfohlen, welche je nach ihrer Form die Richtung der auf den Zahn einwirkenden Kraft bestimmen sollen; zu diesem Zwecke ist die an einem langen Stiel angebrachte Platte entweder plan oder konvex. Für die zweiarmigen Hebelzangen ist die Unterlage auf der einen Seite eben, auf der andern von 2 schiefen Ebenen (prismatisch) gebildet und für die einarmigen die Stange, welche sie trägt, im rechten Winkel abgebogen.
Die Räumer zum Eoslösen der in der Alveole festsitzenden Zahnsplitter sowie die Zahnstocher sind ebenfalls von Eisen, jedoch entbehrlich.
Ist das Maul der Zahnzange so um die Krone des auszuziehenden Zahnes gelegt, dass die Zangenlippen bis ans Zahnfleisch reichen, dann schliesst man das Instrument durch Zusammenpressen seiner Schenkel, schiebt die Unterlage mit der glatten Fläche nach unten vor und bebt unter entsprechender Ausnutzung der Hebelwirkung und Einhaltung der richtigen Zuglinie den Zahn langsam aus seinem Fache. Erfolgen un­erwartete Bewegungen seitens des Tieres, so muss die auf die Zange verwendete Kraft sofort unterbrochen werden. Hat der Zahn während des Hebens eine neue Lage angenommen, so ist die Hebelkraft der Zange erschöpft und diese muss den Zahn nachfassen, was bei ge-kriinnuten Wurzeln überhaupt mehrmals zu geschehen hat; unterlässt man dieses Nachfassen und setzt das Heben mit der ursprünglichen Zangenlage fort, so keilt sich der mehr und mehr freiwerdende Zahn
ocr page 350
y #9632;',2 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfiilirbar.
infolge tlcv ilnu aufgedrungenen sehnigen [Richtung zwischen seinen Nachbarn lest, bescMdigt deren Fach und kann entweder gar nicht herausgebracht werden oder er bricht ab.
Nach der Entfernung des Zahnes überlilsst man die Lücke sieh selbst, sie schliesst sich allmälig ohne weiteres Hinzuthun ziemlich voll­ständig, indem infoige der Alveolarperiostitis (Jranulationsgewebe sich bildet, das mit der Zeit mehr oder weniger einen osteoiden Charakter annimmt, doch wird der leere Raum nie ganz mit der porösen Knochen-masse ausgefüllt.
Blutungen nach der Extraktion sind nicht zu fürchten, denn sie weichen einer sachgemiissen Tamponade leicht und was die weitere Nachbehandlung betrifft, so beschränkt sich dieselbe auf zeitweiliges Reinigen und Ausspritzen der Maulhöhle oder blos der Zahnlücke mit desinfizierenden Lösungen, wozu sich der Alaun oder das borsaure Natrium am besten eignet.
Üble Zufälle, welche bei den Zahnoperationen vorkommen können oder denselben nachfolgen, sind: Erschütterungen des Kopfes beim Meissein und Äbstossen der Zähne, Abbrechen oder Splittern des Zahnes, Zertrümmerung eines Teiles dos Zahnfaches, ja selbst Bruch des Kiefer­astes, Lähmung der Lippen (beim Auskeilen), Verletzung von Gefiissen, des Stenon'schen Ganges, Beschädigung nebenstehender Zähne und der Schleimhäute, Eiterung und Karies, Entzündung des Antruin Ilighmori, Fortdauer der Zahnschmerzen besonders bei Fohlen etc.
All diese Zustände erfordern die Anwendung passender äusser-licher und innerlicher Mittel, wie auch die Fütterung der Tiere mit spezieller Rücksicht auf ihre Kauorgane anzuordnen ist. Todesfälle sind ebenfalls schon vorgekommen und zwar durch das stets vom Operateur verschuldete Verschlucken eines Zahnes.
XXI. Operationen an der Zunge.
Operationen an der Zunge kommen im ganzen nicht häutig vor und handelt es sich dabei fast immer nur um den vordem Teil (von der Spitze bis zum Bändchen) und auch blos um Pferde und Binder.
Pferde sind manchen Insulten durch die 'Wirkung scharfer Stangen und Trensen ausgesetzt oder erleiden sie durch das rohe Anbinden am Hinterkiefer Zungenverletzungen; ausserdein kommt es manchmal vor, dass sich ein Pferd wie bei encephalitischen Zuständen die Zunge durch-beisst oder wird Hilfe gesucht, weil manche Pferde aus übler Gewohn­heit oder infolge Lähmung die Zunge aus dem Maule heraushängen lassen, was gewöhnlich nur durch die Resektion der Spitze korrigiert werden kann. Was die Rinder betrifft, so sind Veranlassungen zum Operieren an der Zunge gewöhnlich in chronischen Entzünduugszustilnden
ocr page 351
XXI. Oporationon an der Zunge.
33!;
oder Neubildungen gelegen. Hunde und Schweine sind als verloren zu betrachten, wenn sie eine erhebliche Einbusse an dem genannten Organe erleiden, leichtere Verwundungen heilen von selbst.
Traumatische Entzündungen der Zunge. Sie entstehen aus verschiedenen Innern und äussern Ursachen, oft auch durch die eigene Schuld des Tieres und sind sie dafür bekannt, dass sie wohl recht schmerzhaft sind, aber leicht heilen, obwohl ein aseptischer Verlauf sich nicht gut erzielen liisst.
Die rein muskulöse Substanz der Zunge ist ebensowenig zn er­heblichen Entzündungen geneigt, wie ein anderer Muskel und eine phleg-inonose Verbreitung ist in dem ausserordentlich entwickelten (iitter-und Maschenwerk von Muskelflbrlllen anatomisch auch nicht wohl möglich, der phlogistische Prozess beschränkt sich daher meist auf seröse In-tiltrationeu, die sich dann leichter auf grosse Strecken ausbreiten und zu erheblichen ödematischen Anschwellungen des ganzen Zungen­körpers mit eigentümlicher Erstarrung desselben führen können. Letztere pflegen nichtsdestoweniger rasch, schon in wenigen Tagen sich zu resol-vieren, wenn nur dafür Sorge getragen wird, dass sich die Zungenwunde nicht immer wieder einfuttert, was nicht schwer zu verhindern ist; ausser-dem erfordern bedeutendere Intumeszenzen dreiste Einschnitte in die Tiefe des Zungenrückens, die 2—4 cm gehen müssen und welche, man reichlich nachbluten lassen muss.
In gleicherweise sind auch Blutungen der Zunge nicht eigent­lich gefürchtet, sie können jedoch wie bei tiefen Hisswunden recht er­heblich werden und erfordern dann eine direkte Unterbindung, jedoch nur des spritzenden Teiles des Hanptstammes, während die Seitenäste erfabrungsgemiiss bald spontan zum Stehen kommen; ist mit der Blutung eine Verletzung verbunden, hilft am besten die blutige Knopfnaht, die selbst hei sehr unregelmässigen Wunden zum gewünschten Ziele führt und dieVerheilung ungemein fördert; dagegen stellen sich in der Tiefe mit Vorliebe luxuriierende Granulationen ein mit reichlicher Eiterung, auch pflegen die Wundriinder gerne kailös zu werden und erheischen dann eine energische Ätzung durch Höllenstein oder durch einen Stift aus Kupfervitriol, worauf Vernarbung rasch eintritt, wenn nur tleissige wundreinigende Irrigationen (Salicylsäure, Borax, Kalihypermanganat) nicht versäumt werden.
Bei den Skarifikationo n der entzündeten Zunge vermeidet man wo­möglich die Seitenränder, an denen die grösseren Aste des Xervus lingualis liegen und sticht nur langsam mit dem Skalpell ein, damit die grösseren Aste der Zungen* arterio eher der Messerspitze ausweichen können. Im übrigen hat man nur Schwie­rigkeiten betreffs der tiefen Lage der Zunge und ihrer Beweglichkeit, sowie wegen der grossen Unruhe der Tiere, wenn das Maulgitter eingelegt, das schmerzhafte Organ ergriffen und fixiert werden soll. Meist wird der Fehler begangen, dass sowohl bei der Glossitis parenehymatosa als bei Eiterungen in der Tiefe die Ein­schnitte viel zu seicht gemacht werden.
Spitzige Körper z. B. Nadeln, Nägel, Holz- und Knochensplitter, Drahtstücke, Fischgräte bei Katzen u. s. w. dringen hie und da in die Zunge (ineist seitlich) ein, veranlassen, weil zuweilen schwer zn er-
ocr page 352
3o-l Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
kennen, tiefgehende Eiterungen, GeschwUrsblldung, Zungenfisteln und wird raquo;lit1 daraus resultierende Erschwerung des Schllngens gerne als das Symptom einer Halsentzündung genommen. Die Extraktion dieser Fremdkörper geschieht mit passenden Instrumenten und bietet weiter keine Schwierigkeiten, doch muss von dein Messer ausgiebiger Gebrauch gemacht werden, um die Eitergänge zu erreichen.
Skarifikationen der Zunge bei Rindern kommen vor, wenn eine fortdauernde schleichende Entzündung mit violetter Rötung der Zunge und Auftreibung der sublingualen Venen besteht, die Zunge all-miihlich an Umfang zunimmt, steif, schwer beweglich, bretthart wird (Holzzunge, Skirrhus) und scllliessllch durch knotige Erhabenheiten so verdickt wird, dass sie keinen Raum mehr in der Mauihöhle findet und nach oben wie umgebogen erscheint oder unter andauerndem Ab-fliessen von Geifer zum Maule heraushängt.
Diese schwere infektiöse Glossitis indurans, welche jetzt als A k t i n o in y k o s i s (früher Drüsenkrebs H e r i n g, Drüsentuberkel II aubne r) erkannt worden ist und auch zu Verhärtungen der benachbarten Speichel-und Lymphdrüsen (Lymphoinen der Ohrdrüse dos Rinds), sowie zu all-genieineni Siechtum führt, ist nur mehr heilbar, wenn frühzeitig genug Hilfe gesucht wird, d. h. so lange die Bildung der noch erbsengrossen, anfangs graugelben tuberkelfthnllchen Knoten und die bindegewebige Sklerosierung mit Muskelatrpphie noch nicht allzustark hervorgetreten ist.
Die Behandlung besteht nur in der energischen Aiiweiidiing des Messers und wird dadurch eingeleitet, dass man die Strahlenpilze zu vernichten sucht, indem kräftige baktericide Mittel mit ihnen in I3e-riihrung gebracht werden. Reide Zwecke erreicht man am besten durch Einführung von Terpentinöl oder lOproz. Lösungen der Borsäure in entsprechende Einschnitte, welche dicht neben den Filztumoren aus­geführt und öfters wiederholt werden, wenn nicht vorgezogen werden will, nach Feststellung der Diagnose das Tier bei der stark ausgeprägten geschwulstbildenden Tendenz, welche sich oft alsbald nach der Operation wieder zeigt, zu schlachten, ehe Abmagerung, Schlingbeschwerden {mykotische Infiltration des peripbaryngealen Gewebes) u. s. w. ein­getreten sind.
Sind einzelne dieser invcelogenen Granulationsgeschwülste für das Messer zugänglich, so müssen sie ohne weiteres exstirpiert werden, auch kann die Umgebung derselben, namentlich da, wo puriformer Zerfall eingetreten, mit dem scharfen Löffel (Seite 94) ausgekratzt oder weiter­hin eine parenchvinatöse Injektion (Seite 204) von lOproz. Karbolsäure vorgenommen werden, die nachfolgende bindegewebige Schrumpfung der Schnitte und Einstiche trägt ebenfalls zur Vernichtung und Verkalkung der Filzrasen bei.
Auf der Zunge kommen ferner bei Rindern auch lilasenkarbunkcl (Gloss-anthrax) vor, welche ebenfalls der Skarifikation bedürfen: nachher wird der Inhalt entleert und die wunde Fläche mit zuverlässigen Desinfektionsmitteln (Chlorkalk' milch, l/j proz. Sublimatlösungen) fleissig irriglert.
Durch Skarifikationen endlich behandelt man auch jene Zungengesclnvülsto bei Rindern, welche als Froschgcschwülstc (Ranula) bezeichnet werden und in
ocr page 353
XXI. Operationen an der Zunge.
335
einer clironischen Kntzimdiing, zirkumskriptpu gallertigen Anscliwellung und Ver-stoigt;t'iuig des Warthou'schen Speichelgunges bestellen; ausserdem trifft man liie und da cystenahnlichp Geschwülste an, welclie, gleichviel welcher Art sie sind, ein­geschnitten werden müssen und meist Parasiten (Cysticerken, Kchinokokken) oder kleine Futterkonvolute enthalten.
Exstirpation der Zunge. Wenn dor vordere Teil der Zunge so tief verletzt ist, dass eine Vereinigung .selbst durch Nähte keine Aussicht auf Erfolg mehr bietet oder wenn die ganze Zungenspitze durch Druck und Abscbnürung sphacelös geworden, so erscheint die gäuzliche Entfernung des Teils als geboten (Amputation).
Die Operation ist meist eine durchaus einfache, indem nichts anderes übrig bleibt, als die Zunge an der noch zusammenhängenden Partie mittels des geballten Bistouris abzutrennen. Da die Zunge be­deutende BlutgefftSSe besitzt, SO muss der Operateur zur Unterbindung
Fig. 222. Zungenarterie, l Uuterzungenarterle.
derselben, oder Blutstillung durch das Glüheisen gerüstet sein, obwohl es auch vorkommt, dass nach der Durchsclmeidung die Blutung eine unerwartet geringe ist.
Das Zuhilfenehmen des Thermokauters oder das Ekrasement des Zungenstückes bietet gegenüber der Exstirpation durch das Messer keine Vorteile, denn die hämostatische Wirkung ist bei dem erheblichen Kaliber der Zungenarteric, auch wenn die Kette des letzteren Instru­mentes (S. 102) nur sehr langsam schneidet, unsicher, die Ligatur des Stammes aber weiter mit keinen Schwierigkeiten verknüpft: die Blutung der Seitenäste der A. lingualis und sublingualis (Figur 1222, iil und I] erfordert meist kein direktes Einschreiten.
Die Behauptung, das Abschneiden der Zunge bei Pferden beraube diese der Fähigkeit, sich weiterhin zu ernähren, ist wie bekannt, keine Stichhaltige, indem dieses Organ gerade bei den genannten Tieren be-
ocr page 354
336 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
treffs dor Aufnahme von Futter und Getränke keine so wichtige Rolle spielt, wie z. 15. heim Binde und Hunde, welch erstere heim Ergreifen das Futter erst mit der Zunge umgreifen und letztere heim Trinken die Zunge als Löffel verwerten. Im Anfange ist hei Pferden allerdings die Beförderung der zu kauenden Masse zwischen die Backzähne und das Abschlingen erschwert, indessen vermindert sich die Funktions­störung mit der vorschreitenden Granulation immer mehr, indem merk­würdigerweise der allmähliche Narbenzug den Zungen stumpf nicht, wie man glauben sollte, verschmälert, sondern verbreitert.
Um nach der Exstirpation übrigens dem Rumpf der Zunge mehr Beweglichkeit zu sichern, wird man nicht versäumen, gleich nachher das Zungenbändchen durchzuschneiden, das ohnedies jetzt keinen Zweck mehr hat. Diese „Lösungquot; vollzieht man in der Art, dass die linke Hand die Zunge nach oben zieht, nm die Schleimhautduplikatur ZU spannen, während die rechte mit der Cooper'schen Scheere die Percision vornimmt, selbstverständlich nicht an der Zunge seihst, sondern in der Mitte des Frenuluins oder noch besser an der Insertionsstolle am Boden der Maidhöhle, um eine Verletzung der vom Kinnwinkel herkommenden, im Bändchen endigenden Unterzmigenarterie (nicht der A. ranula) zu umgehen.
ocr page 355
II. Operationen am Halse.
Der Hals kann als diejenige Partie des Körpers bezeichnet werden, an welcher wohl die meisten Operationen vorkommen und zwar haupt­sächlich an der vordem Seite, am Halsteil der Luftröhre und des Schlundes, sowie an den Geiassen der Kehlrinne. Weiter oben gegen den Kammrand dienen die Seitenflächen zur Anlegung von Haarseilen, auch kann das Nackenband und Fisteln desselben zu blutigem Eingreifen Veranlassung geben, seltener die Beugemuskelu oder die Luftsäcke, welche den Übergang vom Kopf zum Halse bilden.
XXIL Eröffnung der Luftsäcke.
Luftsackschnitt. Aerosaccotomia. Hyovertebrotomia.
Die Operation des Luftsackes hat zum Zwecke, die Entleerung der hier angesammelten pathologischen Produkte zu ermöglichen, was in unblutiger quot;Weise durch den Katheterismus desselben, in blutiger Weise aber nach verschiedener Art geschehen kann.
Geschichtliches. In früheren Jahrhunderten scheinen die Tierärzte nicht auf die Idee gekommen zu sein, die oft in dem Luftsack angesammelten katarrhalischen Sekrete nach aussen zu entleeren, was wohl daraus zu erklären ist, dass von jeher die Ohrdriisengegend als eine für das Messer gefährliche Körpergegend bei Tieren bekannt, andernteils aber auch die topographische Anatomie noch wenig ausgebildet war. Krst nach Gründung der Tierarzneischulen beschäftigte man sich mit dem Aufsuchen eines möglichst ungefährlichen Weges, um von aussen her in den Luft­sack zu gelangen und Chabert in Alfort war es, der erstmals 1779 die blutige Eröffnung beschrieb, nachdem sein Lehrer Lafossc schon früher von der Nase aus in die Eustachische Röhre vorzudringen versucht hatte.
Später 1833 gingllaync von dem Gedanken aus, die Ohrtrompete auch von der Maulhöhle aus zu erreichen, ohne jedoch zu der praktischen Ausführung zu gelangen, erst Günther (dem Vater) gelang es, ein brauchbares Instrument zu konstruieren, welches sich durch die obern Luftwege bis in den Luftsack vorschieben Hess, es wurde jedoch von demselben in der Praxis bis heute nur ganz wenig Gebrauch gemacht, dagegen fand die Operationsweise Chaborts dadurch eine weitere Ausbildung, dass auch noch ein zweiter Weg vonViborg aufgefunden wurde und später beide Methoden von Dicterichs (1822) kombiniert wurden, ein Verfahren, das namentlich in Frankreich von Eleouet, Lecoq u. a. Nachahmung fand und bis heute noch geübt wird, während der Versuch Girards (180G) von der Nase aus
He ring's Operatiouslchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 22
ocr page 356
338 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nui' an bestimmten Teilen ausführbar.
./'
ein Eiterband In den Luftsack zu fuhren und mit demselben neben dem Kehlkopf wieder zum Vorschein zu kommen, ebenso-w enig Nachahmer fand, als jene Methode, welche die Entleerung mittels eines von der Nase in den bchlundkopf geführten Trokars anstrebte (1810) oder wie Mazza von der Ohrdrüsengegend her ein Eiterband durch den Luftsack und die Nase zu ziehen lehrton. Die neueste Zeit hat in der Operation des Luftsackes keine nennenswerte Fortschritte zu bringen vermocht, es genügt wohl auch die Verfahrungsweise Chaberts und Viborgs, da sie zwar nicht gerade leicht, aber am kranken Tiere ohne Gefahr ausführbar ist, im übrigen liegt die Indikation auch nur ganz selten vor und so kommt es, dass es alte und vielbeschäftigte Praktiker gibt, welche niemals In die Lage gekommen sind, die Operation auszuführen.
Anzeigen der Operation. Im gesunden Zustande enthalten die sackförmigen Erweiterungen der Ohr­trompete nur Luft, sobald sie aber in Katarrhe ver­fallen, welche wohl nur von der Nase und Bachenhöhle her bei Strengel, Druse, Angina, chronischem Rachen­katarrh dorthin sich verschleppen, sammelt sich das Produkt als ein weisslicher, bald krUmlig werdender, zäher oder eitriger Schleim an, welcher später sich eindickt, eine käseähnliche Konsistenz annimmt und selbst zu festen rundlichen mörtelartigen Konkrementen, die früher als Chondroide bezeichnet wurden, verhärtet; die sich anstauende Masse nimmt bald eine saure Be­schaffenheit an, reizt fortwährend und unterhält so den Prozess, welcher schliesslich, wenn putride Zersetzungen eintreten, zu Anschwellung auch der Lymphdrüsen, Schling- und Athmungsbeschwerden, selbst zu Rotz­vordacht führt. Ebenso kann die Anwesenheit von Luft, Blut oder wie es neuestens vorgekommen, Futter im Luftsack Anlass zum Operieren geben, wie auch schon bei nicht rechtzeitiger operativer Hilfe Tod durch Erstickung eingetreten ist.
s
A. Katheterismus des Luftsackes.
Zum Sondieren des Luftsackes sowohl als zur Ent­leerung desselben oder nötigenfalls um Einspritzungen vorzunehmen, hat Günther sen. eine Röhre (Figur 223) konstruiert, welche, mit der gebogenen Spitze 5 nach unten und innen gerichtet, in den hintern Luftgang der Nase so hoch hinauf geführt wird, dass sie von der Bachenhöhle aus durch entsprechende Wendungen schliesslich in die Spalte der Eustachischen Röhre eintritt.
Fig. 223.
Luftsackkatheter von
Günthei'.
ocr page 357
XXII. Eröffnung der Lui'tsiicke.
339
Bevor man zur Operation sclireitot, wird die Röhre aussen zur Seite des Kopfes angelegt, um darüber einen Anhaltspunkt zu gewinnen, wie weit die Eustachische Röhre vom Rande des Nasenflügels entfernt ist; diese Entfernung beträgt nun genau soviel, als der laterale Augenwinkel vom genannten Nasenrande wegliegt, legt man daher die Katheterspitze an den Augenwinkel an und schiebt dann den Zeiger/'mit seiner Stellschraube (/ soweit herab, bis letztere genau am Flügelrand der Nase ansteht, so hat man auch den Massstab, wie tief das Instrument eingeführt werden muss.
Es ist einleuchtend, wie schwierig es sein wird, die ohnedies dicht und flach an der Kachemvaud anliegende Platte der Ohrtrompete glück­lich mit der Spit/.e zu überwinden, trotzdem die Richtung des Griffes C immer auch die der Spitze angibt und wie wenig sich Pferde ein der­artiges (iebahren gefallen lassen, die Entleerung von Schleim aber oder die Injektion medikamentöser Flüssigkeiten so oft zu geschehen hat, als die Heilung es erfordert. Forster hält es daher mit Hecht nur für einen günstigen Zufall, wenn man mit dem Katheter in den Luftsack gelangt; das Ende des Katheterisierens ist auch wirklich meistens ein Misserfolg, abgesehen davon, dass es praktisch undurchführbar ist, das Pferd immer wieder niederzulegen. Es wird auch von dem Instrument kaum mehr Gebrauch gemacht und könnte es höchstens zur Präzisierung der Diagnose Dienste leisten, indessen ist diese nicht so schwierig als gewöhnlich angegeben wird und ausserdem ist der Zugang zum Luftsack
häufig durch vertrocknete Schleimpfröpfe völli
versperrt, die blutige
Operation daher doch nicht zu umgehen.
Diagnose. Der Ausfluss findet nicht gleichmässig statt, sondern der Schleim sammelt sich erst an, um dann in grösserer Menge und besonders beim Tiefhalten des Kopfes oder Emporschnellen desselben abzulaufen. Schon diese Eigentümlichkeit sowie auch die Beschaffenheit des Schleims deuten darauf hin, dass derselbe irgendwo einige Zeit gelegen haben müsse, man untersucht daher auch die Kopfsiuus genau und trepaniert nötigenfalls mittels des Perforativs, wodurch es meist gelingt, eine Diagnose per exclusionem zu stellen. Ein plötzlicher kopiöser yVusfluss genannter Art findet oft auch während der Arbeit Statt, nachdem Druck auf den Kehlkopf und Atheinnot vorhergegangen oder tritt eine elastische oder fluktuierende Geschwulst an der Ohr­drüsengegend auf und lässt sich von liier aus durch Massage entleeren, ja der gefüllte Luftsack hängt dort oft so weit herab und drängt sich nach aussen vor, dass er wie unmittelbar (in dem Yiborg'schen Dreieck) unter der Haut gelegen zu sein scheint und auch oft ohne weiteres nach Art eines Abszesses geöffnet werden kann. Freilich gibt es Fälle, in denen die Schleimansammlung, welche oft Jahre lang andauert, gar nicht belästigt oder der Ausfluss lange sistiert, weil das chronisch katarrhalische Produkt eingedickt wurde, dann aber treten die örtlichen Erscheinungen in der Parotidengegend desto prägnanter hervor. Auf der andern Seite können rotropharyngeale Abszesse, d. h. die entzündeten, allmählich in Eiterung Übergehenden (hinter dem Schlundkopf gelegenen) Halslymphdrüsen eine Schleimaufstauung im Luftsack simulieren, es muss daher gewöhnlich eine öftere Untersuchung und fortgesetzte
ocr page 358
340 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Beobcichtung die Diagnose Sichern. Endlich lehrt auch die Erfahrung, dass Luftsackkatarrhe durch den täglichen Weidegang zu spontaner Heilung gelangen und dass fortgesetzte, namentlich während des Fressens applizierte Theerdftropfe eine auffallende Besserung schaffen,
Anatomisches. Die nur den Einhufern eigentümliche beutelfönnige Erwei­terung der Eustachischen in den Pharynx mündenden Röhre, welche bei andern Tieren nur einen engen gleichmässig weiten Kanal bildet, nimmt ihrer Länge nach den Raum ein zwischen dem ersten Halswirbel (Flügelgrube des Atlas) und der Schlundkopfwand und der Breite nach stosst der Luftsack aussen an die grossen Zungenbeinäste und die Parotis (oben an dem Griffelmuskel) an und innen in der Medianlinie des Körpers treffen sich beide Luftsäcke und sind nur oben durch die Kopfbeuger getrennt. Bläst man den gesunden Sack auf, so erreicht er fast die Grosse eines Kindskopfes, stosst allseitig an die genannten Teile an und lässt namentlich eine tiefe laterale Rinne erkennen, welche der grosse Zungenbeinast eingegraben hat.
Seitlich liegen die Äste des V. Nervenpaares, am o b e r n Ende die Karotis interim und das IX. bis XII. Nervenpaar dicht an, gefährlich betreffs des Messers ist sonach nur die obere und laterale Fläche; indessen kommt letztere bei der Operation gar nicht in Frage und die Karotis oben kann leicht dadurch um­gangen worden, dass das Messer sich den Weg zum Luftsack durch den Bauch des Griffelmuskels bahnt und so unmittelbar in die Höhle gelangt, weil deren obere Wand mit dem Muskel verwachsen ist. Soll endlich das Messer von unten her in den Luftsack ein- oder ausstechen, so stosst es hier weder auf Nerven noch Arterien, sondern nur auf die subkutan gelegene äussere Kimibackenvene, die sich aber, weil von aussen sichtbar, leicht vermeiden lässt, ja sogar einen Anhaltspunkt für die Operationsstolle abgibt.
B. Blutige Eröffnung des Luftsacks.
Um von aussen am Halse her in den Luftsack einzudringen, hat man 3 Methoden, entweder geschieht es 1. von oben her; 2. von unten her und 3. man dringt oben ein und unten aus.
Trotz der gefürchteten obern Halsgegend ist die blutige Operation nicht eigentlich mit Gefahr verbunden, nachdem die Wege des Instru­mentes so genau bekannt sind und auch die Technik selbst kann kaum eine schwierige genannt werden, denn der pathologisch gefüllte, pralle Sack kommt dem Messer gleichsam entgegen und drängt Nerven wie Gefässe zur Seite; schwierig ist eher die Operation an Versuchstieren und auch hier nur dann, wenn man mit der Topographie des Luftsackes nicht ganz im klaren wäre.
Lagerung des Tieres. Die frühere Behauptung, die Operation könne nur am liegenden Pferde vorgenommen werden, ist längst wider­legt worden, denn nur sehr empfindliche, unruhige oder überhaupt reni­tente Pferde erfordern das Niederwerfen; im übrigen operiert man am stehenden Pferde leichter und zugleich bequemer und ist in beiden Fällen das Hauptaugenmerk darauf zu richten, dass der Kopf leicht aber nicht zu sehr gestreckt werde. Hiedurch wird der Raum zwischen Hinterkiefer und Atlas erbreitert und gleichzeitig auch jene Spannung der betr. Teile erzielt, welche sie während des Vorgehens mit dem Messer vor Verschiebung sichern. Sollten dabei Erstickungszufälle
.
ocr page 359
XXII. Eröffnung der Luftsäcke.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 341
auftreten, so ist die sofortige Ausführung der Tracheotomie meist er­forderlich.
1.nbsp; Methode Chabert (1779). Eröffnung von oben. Da die Operation nicht dringend ist, wartet man ab, bis der kranke Luftsack gehörig vollgefüllt ist und macht dann nach dem Abscheren der Haarenbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;U „ einen 8—10 cm langen Hautschnitt längs des Randes vom Flügelfortsatz
des Atlas, bleibt jedoch eine Kleinfingerbreite vom genannten Rand weg, um den dort dicht vorbeistreichenden Ohrnerven nicht zu verletzen. Hierauf wird auch der Hautmuskel getrennt und nun sucht man sich den Zugang zu dem Griff'elinuskel des Hinterkiefers freizumachen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; v.
Von den^beiden Hautlappen braucht nur der hintere etwas weg­präpariert zu werden, worauf der Band der blassrötlichen Ohrdrüse zum Vorschein kommt, den man von seiner lockern Unterlage mit einem stumpfen Instrumente ablöst, nach vorne umlegt und jetzt in dem weit­maschigen Zellgewebe mit dem Finger sich bis zum (iritt'elnuiskel Bahn bricht, der unmittelbar unter der Ohrdriise liegt, zwar von reichlichem Bindegewebe bedeckt ist, jedoch vermöge seiner tiefroten Farbe durch­schimmert und auch leicht gefühlt werden kann, wenn der Kopf gebeugt und gestreckt wird. Da unmittelbar der Luftsack unterhalb angewachsen ist, braucht nur sein Muskelbauch in der Mitte und längs der Fasern mit einem Spitzbistouri (das Heft des Messers gegen den Flügelfortsatz geneigt) durchstochen zu werden, um mit der Spitze in der Luftsack-hühle anzukommen, was selbst auch mit dem Finger ermöglicht ist.
Nun dringt der flüssige Inhalt hervor und kann durch eine Spritze völlig ausgezogen werden, worauf die Desinfektion der ganzen Schleimhautfläche zu er­folgen hat und öfters zu wiederholen ist; mau hält sich die Wunde durch ein Gummirohr, das his auf den Grund reicht und nötigenfalls an einen Hautlappen angenäht worden kann, so lange offen, als nicht die krankhafte Sekretion durch Adstringirmittel (z. B. 2proz. Zinkvitriollösung in Karholwasser odor noch besser Theenvasser) sistiert ist. Das Gummirohr erlaubt ausserdem auch Einspritzungen, um verdickte Schleimmassen im Grunde des Sackes zu verdünnen und entfernhar zu machen; eine Spritze wird ausserhalb in das Rohr eingesetzt und nun die Flüssigkeit angezogen, es kann somit die gesamte Schleimhautfläche sowohl mit der arzneilichen Flüssigkeit in Berührung gebracht, als auch der Sack täglich voll­ständig entleert werden.
Der Chabertschen Methode macht man den Vorwurf, dass eine vollständige Entleerung wegen der Eröffnung am obersten Teile nicht stattfinden könne und eine Verletzung der Innern Kopfschlagader oder Nerven des 9. bis 12. Paares möglich sei. Letzterer Gefahr kann da­durch entgangen werden, dass man, wie oben angegeben wurde, das Messer nicht im untern Teil des Muskels, sondern in der Mitte ein­sticht und dasselbe nicht senkrecht, sondern schief von hinten nach vorne hält. Der erstere Einwand ist unbegründet.
2.nbsp; Methode Viborg (1802). Eröffnung von unten, um eine vollständigere Entleerung zu ermöglichen. Diese Operationsweise ist ebenfalls ungefährlich, denn Yiborg hat einen Weg gefunden, auf welchem weder Gefässe noch Nerven getroffen werden können und zwar hat der Einstich in jenem Dreieck zu geschehen, welches 1. von der Sehne
ocr page 360
342 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
des Brustbeinkiefermuskels, die sich beim Strecken des Kopfes gespannt anfühlen liisst; 2. von der Krümmung des Hinterkieferrandes und 8. von der iiusseni Kinnbackenvene gebildet wird, die man nur anschwellen lassen darf, um sie deutlich zu sehen.
In die Mitte dieses sog. Viborg'scbcn Dreiecks wird der Hautschnitt in der Richtung der Sehne gemacht, der Hautmuskel ebenfalls getrennt und nun mit dem Finger oder Skalpellhefte ein Weg bis zum Luftsack gebohrt, wobei fast nur Zellgewebe zu überwinden ist. Der Einstich in die untere Luft* sackwand geschieht mittels eines mit dem Finger hinaufgeschobenen Trokars und soll die Öffnung solange durch Einlegen eines Jutewisches offen gehalten werden, als die krankhafte Sekretion an­dauert.
8. Methode Dieterichs (1822)
Eröffnung
Fig. 224.
von unten und oben. Diese Methode bildet nur die Kombination der beiden vorherbesprochenen und hat Dieterichs die unwesentliche Modifikation an­gebracht, statt durch den Griffelmuskel hindurch neben demselben am hinteren Rande in den Euft-sack einzudringen; ist dieser eröffnet, so schiebt man eine englische Haarseilnadel (s. Seite 268) oder einen gekrümmten Trokar (Figur 224) von oben herab ein und durchsticht den Grund des Luftsacks und die Haut so, dass die Spitze im Viborg'schen Dreieck zum Vorschein kommt. Nach dem Aus­ziehen des Stilets führt man mittels einer Ohrsomle ein Band durch die Trokarhülse (nachdem zuvor die untere Öffnung erweitert worden ist) und liisst es nach Entfernung der Kanüle liegen.
Die Stelle, wo man von innen nach aussei! den Sack öffnet, wird in der Regel und mit Recht tiefer angegeben, als nach Dieterichs, nämlich unter der äussern Kinnbackenvcne, d. b. zwischen dieser und dem Kehlkopf, denn über dieser Vene würde die Öffnung durch die Ohrdrüse hindurch­gehen. Diese Stelle hat übrigens therapeutisch nur dann einigen Wert, wenn der Inhalt dick und käse-artig geworden, obwohl er auch von oben her er­weicht und ausgezogen werden kann oder benützt man sie, wenn harte Konkremente sich angesammelt haben, welche aus der untern (erweiterten) Öffnung durch die Pinzette entfernt werden sollen.
ocr page 361
'S
XXIII. Operationeu an der Schilddrüse.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 343nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;'f
M:
XXIII. Operationen an der Schilddrüse,
Wenn die Schilddrüse erkrankt, so können verschiedene patho­logische Prozesse vorgehen, immer ist jedoch damit eine auffallende Umfangsvermehrung verbunden und wenn eine Operation angezeigt ist, gewöhnlich auch eine erhebliche mechanische Beeinträchtigung der um­gebenden Organe. Meist handelt es sich um hypertrophische Vorgänge in dem der Schilddrüse eigentümlichen Gewebe und nur selten um heteroplastische Geschwülste (Sarkome, Krebse).
Der Kropf (Struma.) Bei dem gewöhnlichen Kropf der Tiere findet infolge nicht näher bekannter Gewebsreizung nicht nur eine auf Teilung beruhende starke Vermehrung der mikroskopisch kleinen Zellen der Follikel statt, welche sich zu Blasen vergrössern, sondern auch eine Wucherung und schliesslicho Sklerosierung des mit feinen Lyinph-gefässchen und elastischen Fasern reichlich durchsetzten interstitialen Bindgewebes, wodurch die initiale Form des Kropfes der Tiere, der Faserkropf (Struma hyperplastica) entstellt oder prävaliert dabei durch eine formative Beizung mehr die Neubildung und Entwicklung der ohnedies unverhältnismässig starken Gefässe der Thyreoidoa, indem sich besonders die die Drüsenbläschen reichlich umspinnenden Kapillarnetze, aber auch die Venen und Arterien, enorm erweitern und die ganze Drüse massenhaft durchziehen. Dadurch entstellt aus dem fibrösen Kropf der weiche Kropf (Struma vasculosa), bei dem die Summe der Gefässe über die übrige Substanz vorwiegt.
In einem andern (dritten) Falle macht sich In dem hyperplastischen Gewebe bei der ohnedies ausgesprochenen Tendenz desselben zu Um­wandlungen ein Zerfall bemerklich, wobei jene gallertige Substanz (Kolloidmasse), welche schon den normalen Inhalt der Drüsenzellen bildet, die Hauptrolle spielt (Struma gelatinosa); die. infiltrierten Follikel-haufen zerfallen da und dort und bilden kleine Hohlräume mit flüssigem honiggelbem oder weinhefeähnlichem Inhalte, weiche allmählich kon-fluieren und so in dem verdichteten Gewebe zu Bildung von Kolloid­bälgen Veranlassung geben — Balgkropf (Struma cystica), deren Wandungen im weiteren Verlaufe gerne fettige, kalkige und athero-matöse Metamorphosen eingeben.
Solche strumöse Geschwülste, welche unmittelbar unter dem Kehl-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; .'v1
köpf an der vordem Trachealwand ihren Sitz haben (siehe Figur 222, Seite 335) werden im ganzen bei den Haustieren nicht so häutig beobaejitet wie beim Menschen, am wenigsten bei Pferden, öfter bei Rindern und Schafen, namentlich aber bei Hunden, wo sie indes haupt­sächlich in der ersten Jugendzeit als fötale Adenome aufzutreten pflegen,
ocr page 362
344 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur au bestimmteu Teilen ausführbar.
von selbst verschwimlon oder mit der Zeit mehr oder weniger die ge-naimten Strukturformen des Kropfes durehmachen.
Die Behandlung ist in der Regel keine sehr lohnende, wenn sie nicht alsbald verlangt wird, denn sie nimmt längere Zeit in Anspruch, hat häufige Misserfolge aufzuweisen oder macht eine Operation notwendig, welche von den Tiorbesitzern nur mit Widerstreben gestattet wird und von den meisten Tierärzten (nicht mit Unrecht) gefürchtet ist. Die Diagnose der meist durchfühlbaren Drüsengeschwülste hat keine besondere Schwierigkeit; der immer zuerst sich ausbildende paronehy-matöse (fibröse) Kropf zeichnet sich durch ein festes und dabei gleichmässiges Anfühlen, der gallertige durch einzelne ziemlich weiche aber nicht fluktuierende Knollen aus und die Cyste erkennt man an der mehr kugeligen Gestalt und der Fluktuation. Was die am seltensten bei den Tieren vorkommende vaskulöse Struma betrifft, so ist dieselbe durch ihre Konsistenz und Kompressibilität ge­kennzeichnet.
Die chirurgische Behandlung tritt erst später in ihre Rechte, im Anfange der Kropfbildung und bei noch unerwachsenen Tieren namentlich jungen Hunden lässt ein entsprechendes medizinisches Vorgehen immerhin befriedigende Resultate erwarten, da man an dem Jod ein souveränes Mittel besitzt; dasselbe lässt nur dann im Stiche, sobald schon bindegewebige Imlurationen, kystöse und kalkige Umwandlungen u. s. f. Platz gegriffen haben.
In frischen Fällen reibt man am besten in die abgeschorne Haut die Jod­tinktur täglich einmal ein und setzt damit solange fort, bis entzündliche Reizung der Haut eintritt und die Tiere sich die Inunktionen nicht mehr gefallen lassen wollen; mit dem Jodglyzerin (1 Jod, 2 Jodkalium und 50 Glyzerin) kann die ausser-liche ßeliandlung ununterbrochen fortgesetzt werden und erweist sich das Mittel ungemein kräftig, da die Haut über dem Tumor sehr empfänglich und viel dünner ist, als in der ganzen Umgebung. Auch das bekannte Jodkaliumsälbchen (1: 8) ist, wenn es mit etwas Jodtinktur verstärkt wird, sowie das Unguentum jodoformiatum (1: 5 Fett) für mehr empfindliche Tiere ein zuverlässiges Kropfmittel und zwar um so mehr, wenn auch gleichzeitig innerlich Alkalien mit leichten Dosen von Jodkalium oder Jodtinktur verabreicht werden.
Das operative Verfahren ist angezeigt, sobald die medizinische Behandlung offenbar nicht zum Ziele führt, also bereits die genannten Degenerativprozesse angesetzt haben, die im Anfange nicht immer gut sich von aussen erkennen lassen; dasselbe besteht zunächst in der Injektion oder Punktion mit dem Trokar oder Aspirateur (Seite 98), später in den energischer vorgehenden Inzisionen und zuletzt bleibt noch die eigentliche Operation, die vollständige Abtrennung der ganzen Geschwulstmasse übrig.
Die parenehymatösen Injektionen werden bei nicht sehr vor­geschrittenen Fällen erfahrungsgeinäss am besten mit Jodtinktur (pur) in der Art ausgeführt, dass man die Halsgeschwulst erst gut mit der Hand fixiert, die Hohlnadel an mehreren Stellen, wo keine erweiterten Hautvenen getroffen werden können, vorsichtig in die Tiefe sticht und die Tinktur mittels der Pravazspritze (Seite 198) injiziert, immer dürfen aber nur kleine Mengen (höchstens bis zu 0,5—1,0) eingeführt werden, um sie schon nach 5—10 Minuten wieder auszudrücken.
Die Reaktion ist gewöhnlich keine starke, man entleert jedoch die Jodlösung nach etwa 10 Minuten, um keine unerwünschte, nicht
ocr page 363
XXIII. Operationen an der Scliilddiiise.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 345
(
immer ungefährliche Ausgänge der nachfolgenden trauinatischen Strumitis #9632;/.n veranlassen und fährt unter zeitweiligem Intermittieren mit den Einspritzungen solange fort, his der Kropf immer mehr sklerosiert, eine glelchmässige Härte annimmt und keine weichen Stellen für dienbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1
Injektion mehr übrig bleiben. Durch die eintretende hhulegewebige Betraktion erzielt man eine gradweis fortschreitende und andauernde Verkleinerung der Geschwulst und damit auch eine Erleichterung des Zustandes, wenn schon eine mechanische Beeinträchtigung der Funktion benachbarter Organe eingetreten wäre.
Inzisionen der Geschwulst haben grösseren Effekt und werden notwendig, einesteils um den Versuch zu machen, dem flüssigen Inhalt der Cysten freien Abtluss zu verschaffen und auf das desorganisierte Gewebe in grösserer Ausdehnung einzuwirken, andernteils die Fort­wucherung und stetige Vergrösserung des Strumas zu verhindern und die Drüse zur allmiihliclien Verödung zu zwingen; auch kann durch zweckmässige Einschnitte manchmal die immerhin schwierige und müh­same Exstirpation umgangen werden.
Durch das geballte Bistouri werden an verschiedenen namentlich weicheren Stellen herzhafte Einschnitte durch die Haut in die Tiefe und die erreichbaren Hohlräume gemacht, letztere entleert, nötigenfalls ein­zelne Balken oder Brücken (fibröse Septa des hyperpiastischen Inter-stitialgcwebes) durchschnitten und abgetragen, mit dem scharfen Düffel (S. 94) an den rauhen verdickten Cvstenwandungen tabula pura gemacht und dann mit Alkohol, lOproz. l'hlorzinklösung, Jodtinktur u. s. w. ausgewaschen.
Da oder dort kann auch je nach Beschaffenheit der Geschwulstmasse durch eine Einspritzung der genannten Tinktur oder namentlich auch der stärkeren Lugolschen LOsung (1 Jod, 1 Jodkalium, 2 Wasser, Solute iodure CAUStlcine) mittels des Trokars nachgeholfen werden, es muss aher auch hier die arzneiliche Flüssig­keit nachher immer-wieder mit den Fingern ausgedrückt werden. Blosse Punktionen der Kropfcysten reichen keinesfalls aus und sind nur ein palliatives oder explora-tives Mittel, ebenso genügen Entleerungen der Hohlräume für sich allein aus dem Grund nicht, weil dieselhen doch hald wieder sich füllen würden.
Die Inzisionen sind, wie auch Vogel bestätigen kann, von bedeu­tender Wirksamkeit, erfordern aber die grösste Vorsicht, nicht in ope­rativer Beziehung, sondern weil es ohne Blutungen nicht abgeht und sich in der Tiefe ohnedies gerne Zerfall und Verjauchungen einzustellen pflegen, welche bei dem grossen Gefässreichtum eine plötzliche Allgemein­erkrankung mit septischem Fieber nach sich ziehen können; die Gefahr lässt sich nur durch sorgfältigstes Entleeren der eitrigen oder ichorösen Flüssigkeit und durch ausgiebige Anwendung der Antiseptik vermeiden und kann insbesondere für letzteren Zweck und wenn grössere Hämor-rhagien erfolgten, der oftizinelle Liquor Ferri sesquichlorati unverdünnt gute Dienste leisten. Gebrauch von den eigentlichen Ätzmitteln zu machen, ist durchaus zu widerraten und seihst gefährlich, eher kann das Durchziehen eines Haarseiles oder das Drainieren der inzidierten Geschwulst, sowie die Applikation des rotglühenden Platinbrenners nützlich werden.
ocr page 364
34G Zweite Haupt-AbtOiluogi Oiiorationen, nur an bestimmten Teilen ausfuhrbar.
Exstirpation (Thyreoidektomie). Wenn die genannte Kropf-behcinclluug nicht zum Ziele führt, die Geschwulst ein schnelles bedroh­liches Wachstum zeigt, wie insbesondere beim SchilddrUsensarkom, Zirkulationsstörungen im Jugularengebiete (passive Gehirnhyperftmie, Schwindelanfftlle) auftreten odor dysphaglsche Beschwerden, Respirations­not infolge Drucks auf den Larynx, den Vagus, Stcnosierung der Luft­röhre mit Keuchen, konsekutivem Lungenemphysem (bei Hunden Heer­mann) zum Vorschein kommen, sowie wenn nach den Inzisionen die Geschwulst nicht einfällt, also Verkalkmu
Ausrottum
viel häutigere Anwendung fände, wenn sie nicht schwierig und zugleich auch gefährlich wäre, die tierärztliche Literatur weist daher nicht viele Operationen dieser Art auf.
Schwierig ist die Exstirpation hauptsächlich deswegen, weil sie viel Sachkenntnis und namentlich Übung im Blutstillen erfordert und weil schon bei Rindern und Hunden Todesfälle vorgekommen sind. Die Gefahr besteht darin, dass infolge anhaltender Dyspnoe sich hie und da eine rechtsseitige Herzerweiterung mit fettiger Entartung der Wan­dung einstellt und plötzlich Herzlälimung auftreten kann oder Erstickung infolge der schon bei der Operation einknickenden Luftröhre möglich ist; auch folgt nicht selten durch bindegewehige Atrophie der Knorpel­ringe eine derartige tracheale Striktur nach, dass zur Tötung geschritten werden muss.
Auch von seilen des Gehirns können Eventualitäten eintreten, welche Berücksichtigung verdienen und selbst eine Kontraindikation abgeben können.
Zesas bat bei einer Keilie von Tieren die Schilddrüse, hei einer andern Reihe die Milz oder beide Organe exstirpiert und dadurch neue und interessante Aufschlüsse erhalten. Die Beraubung der Milz wurde besonders von jungen Hunden gut ertragen, bei der der Schilddrüse zeigten sich dagegen ganz auffallende Er­scheinungen. Die Tiere verweigerten die Nahrung, wurden somnolent, taumelten und starben meist nach wenigen Wochen unter Kouvulsiouon: die Sektion ergab konstant hochgradige üligämie des Gehirns und Hypertrophie der Milz und vieler Lymphdrüsen. Wurden beide Organe entfernt, so folgte eino enorme Vermehrung der Lenkocythen nach, otfeubar vermag also die Schilddrüse nicht allein für die Milz vikariirend einzutreten, sondern sie spielt auch in Bezug auf die Blulzirkulation im Gehirn eine bedeutende und zwar regulierende Rolle. Diese Experimente stimmen auch mit den traurigen Folgen üherein, welche nach der Operation von Kröpfen beim Menschen manchmal im Boreicbo der Psyche eintreten.
In jenen Fällen, bei denen der Tumor ziemlich zirkumskript oder wie es ebenfalls vorkommt, gestielt ist, wird er wie andere Geschwülste exstirpiert (s. Seite 242), jedoch soll mehr mit dem Skalpellstiele oder der Cooper'schen Scheere vorgegangen werden, als mit dem Messer, auch kann entweder mit der elastischen Ligatür (siehe 101) unterbunden werden, oder geht man nach dem Hautschnitt und zurückgelegten Hals­muskeln dicht an der Trachea vorsichtig bis zu den grösseren Gefässen vor, unterbindet diese doppelt mit Seide und schneidet sie dann durch, während die zahlreichen übrigen aber kleineren Blutungen in dem substrumösen Zellgewebe in der gewöhnlichen Weise zum Stillen gebracht werden. Nachblutungen kommen wegen der Unruhe der Tiere
ocr page 365
XXIV. Operation der Aderfistcl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 347
leicht vor, auch geht die Heilung grösserer Exstirpationsflächen bei der grossen Beweglichkeit der Teile am Hals nur langsam und schwierig vor sich.
Bei Bindern operierte Coates häufig ziemlich bedeutende, an­scheinend oft durchaus nicht blutreiche, sondern fibröse Yergröserungen der Thyreoidea blos mit dem Messer, gab aber das Verfahren als zu gefährlich bald auf; auch das Ekraseinent ist nicht anzuraten, da die Gelasse sämtlich nicht blos enorm erweitert, sondern auch auffallend dünnwandig sind, von der Kette daher viel zu rasch angeschnitten werden und in ganz ausserordentlicher Weise (wenn auch nicht lange) bluten; aus demselben Grunde liefert auch das Piatina candens un­genügende Resultate.
Grössere Kröpfe, welche nach Brcvost bei Hunden bis zum .Sternum herabreichen können, manchmal aber mehr der Breite nach sich ausdehnen, werden mit grossem Vorteil an der Kommissur der Medianlinie im Zellgewebe (am besten mit einem stumpfen Instrument) durchgetrennt und dann in 2 Lappen besonders behandelt, wobei der Ekraseur versucht werden kann. Schmid in München operierte mit demselben den faustgrossen Kropf eines Pferdes, hatte jedoch, nachdem die Haut gespalten und die Drüse mit Haken hervorgezogen wurde, am Grunde der ein- und austretenden Gefässe eine Bindfadenschlinge angelegt.
Weitere Schwierigkeiten entstehen endlich dadurch, wenn be­deutende peritracheale Wucherungen mit entfernt werden müssen, um die Luftröhre vor gefährlicher Schrumpfung zu behüten, man hat es aber dabei nicht mit der eigentlichen Struma zu schaffen, welche mit der Umgebung nicht verwächst, wenn daher Schilddrüsengeschwülste bei den Tieren auf die benachbarte Textur übergreifen, so stellen sich dieselben bei näherer Untersuchung, wie Vogel öfter gefunden, meist als Krebse (Markschwamm), seltener als Schilddrüsensarkome heraus, welch beide sich durch höckerige Oberfläche und grosso Wachstumtendenz auszeichnen und deswegen auch meist eine erheblich grössere mechanische Beeinträchtigung der Umgebung nach sich ziehen, ihre operative Ent­fernung ist aber von der des Kropfes in keiner Weise verschieden.
^
XXIV. Operation der Aderfistel.
Aderfisteln kommen bei den Tieren ausser an der Drosselader des Pferdes und Rindes kaum irgendwo anders vor und auch hier in demselben Masse seltener, als weniger von dem Aderlassen, dem sie fast einzig ihre Entstellung verdanken, Gebrauch gemacht wird.
Als gewöhnlichste Ursache der Entstehung einer Entzündung und Eiterung der Venen müssen Blutextravasate zwischen der Haut und
ocr page 366
348 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
lt;lcr Adei'lasswumle dos (iefässes, sowie gewisse infektiöse Vorgänge be­zeichnet werden, denn ohne letztere sind solche Blntgeschwnlste von weiteren Folgen nicht hegleitet. Die Blutkörperchen werden erweicht, aufgelöst, im geronneneu Faserstoff tritt ein feinkörniger Zerfall ein und das ganze kommt fast ohne Rückstand zur Aufsaugung; nur selten veranlasst der Reiz des extravasierten Blutes eine hyperplasierende Wucherung des subkutanen Biiulgewehes, die aber der Heilung keine Schwierigkeiten entgegensetzt.
Anders verhält es sich, wenn dieser Lüsungs- und Aufsaugungs-prozess in dem Blutergusse in irgend einer Weise gestört wird, wie z. B. durch ungeschicktes Anbinden nach einem Aderhisse, zu frühes Auf­legen von Kummeten, fortwährendes Niederhalten des Kopfes heim Weiden, Einführen von pathogenen Mikroorganismen durch die zum Aderlassen verwendete Instruinente, Quetschung der Wunde durch den Aderlassschlägel, wiederholtes Einschlagen der Fliete in dieselbe Öffnung, klaffende zerrissene Venenwunde, zu feste Schlingennaht, Heften mit unreinen Haaren u. s. w. Schon wenige Tage nachher bemerkt man dann eine Schmcrzhaftigkeit der Anschwellung, die Bestandteile des Hämatoms gehen eine putride Zersetzung ein und es sickert aus der nicht verheilenden Hautwunde eine schmutzig rötliche Flüssigkeit aus, die vermöge des reichlichen Gehaltes an Fäulnisfermenten und entzündungserregenden Spaltpilzen von deletärer Natur ist und die üble Beschaffenheit beibehält, auch wenn sie später ein mehr eitriges oder vielmehr eiterähnliches Anseilen angenommen hat; charakteristisch ist dabei das wiederholte spontane Aufbrechen und Nachbluten der Venen-wunde, das am ehesten vorkommt, wenn letztere mehr unter der Klappe sich befindet.
Im weiteren Verlaufe findet von dem Extravasat her eine Ein-wanderung von pilzhaltigen Eiterkörperchen auch in die Venenwandungen selbst statt und dringen sie durch die entzündlich gereizten Gefässhäute bis zum Endothel vor, das jetzt aufgelockert, wulstig und rauh wird, es ist daher der infektiöse Prozess bis in die Lichtung der Vene herein­getragen worden, was natürlich auch in umgekehrter Richtung geschehen kann, wenn der entzündliche Vorgang an der Vene das Primäre ist. Die nächste Folge ist nunmehr die Bildung von intravenösen Blut­gerinnseln, welche mit leichten wandständigen Flocken beginnen, um allmählich immer grössere Pfropfe zu bilden, bis scliliesslich das Gefäss-rohr völlig mit solchen ausgefüllt ist; diese Thrombosierung kommt bei reinen Aderlasswuiulen nichtraquo;vor, bleibt aber hei septischem Wundverlauf niemals aus, sie muss also mit diesem In direkte Beziehung gebracht werden.
Eine gewisse Disposition zu Blutgerinnungen kann bei manchen Tieren nicht geleugnet werden, es hat aber diese mit der Entstehung von Aderlassfisteln, wie früher angegeben wurde, nichts gemein, denn dieselbe ist darauf zurückzuführen, ob im Blute mehr oder woniger fibrinbildendes Ferment vorhanden ist oder dieses überhaupt fehlt, in welch letzterem Falle ja selbst eine ruhende Blutsäule in der Vene nicht zum Gerinnen kommt. Indessen schaden unter gewöhnlichen Verhält­nissen selbst grössere Gerinnungen in den Gefässen nicht, denn sie verfallen bald
ocr page 367
XXIV. Operation der Aderfistel.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 34 lt;)
a
der Erweichung und es ist merkwürdig, wie rasch dann die Blutkörperchen zum
Verschwinden kommen, während die Eiweisskörper, voran der Faserstott', zu kleinen
l'arb- und formlosen Pünktchen, welche Ähnlichkeit mit Eiterzellen haben, zerfallen,
d.h. die pur if or m e Sclimelzung eingehen. Selbst wenn kleine Thromhusstiickchennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; \
losgelöst und weitergeschwemmt werden, hat es noch keine Gefahr; solche (gesunde)
Emholi bleiben in den feineren Passagen der Lungenarterie allerdings stecken,
sie werden hier aber gut vertragen, denn sie bleiben, wenn sie nur klein sind,
symptomlos.
Ganz anders verhält es sich, wenn septische Vorgänge im Spiele sind und pilzhaltige Eiterkörperciien sich der zerfallenen Thrombus* masse beimischen — purulente Schmelzung, wodurch nicht blos eine phlebitische Reizung zu Stande kommt, sondern es macht sich dann bald auch ein wirklich eitriger, selbst jauchiger Ausfluss bemerklich, was eben das Pathognostische der Aderlasstistel ausmacht.
Wenn nicht schon frühzeitig antiseptische Hilfe geschaffen wird, sind die Folgen einer derartigen Phlebitis stets zu fürchten und zwar in hohem Grade. Die nicht unbedeutenden örtlichen Kreislaufstörungen sind dabei das wenigste, denn die Kollateralen werden schon für die Weiter­zirkulation sorgen, indessen bröckeln jetzt Thrombusteilchen ab, welche entzündungserregende l'ilzsporen tragen und daher in jenen Organen, in denen sie sich einkeilen, venöse Stauungen, entzündliche Ödeme, Infarkte, hämorrhagische und metastatische Entzündungen, Pyämic u. s. w. erzeugen. Aber auch nach rückwärts gegen den Ursprung der Venen erstrecken sich die verderblichen Folgen, indem die Pfropfe in den Venen nicht blos bis zum nächsten Seitenaste sich fortsetzen, wie die der Arterien, sondern der geringeren Kraft des Kreislaufes wegen über das nächste Kollateralgebiet hinaus bis selbst in die Köpfvenen und die Gehirnsinus ausdehnen und somit nach vor- und rückwärts Tod und Verderben bringen können, auch wenn die eitrige Phlebitis auf die ursprüngliche Stelle beschränkt bleibt.
Nach aussen tritt, wenn nach dem Aderlass eine Infektion der angegebenen Art stattgefunden, der entzündliche l'rozess schon nachnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; |
5—6 Tagen in Form einer schmerzhaften Anschwellung in der Drossel-linne hervor, die sich derb anfühlen lässt und allmählich strangförmig gegen die Ohrdrüse sich fortsetzt, so dass die Jugularis sich nicht mehr anschwellen lässt, wenn wie bei der Venäsektion ein Druck auf sie ausgeübt wird. Damit und in Verbindung mit der gleichzeitig vor­schreitenden purulenten Schmelzung der ursprünglich erkrankten Stelle hat das Leiden schon den Charakter hochgradiger Gefahr angenommen und ist operative Hilfe schleunigst geboten. Die Anschwellung und Unwegsamkeit der Vene nimmt a priori schon einen schleichenden heim­tückischen Verlauf und die Thrombosierung bald grössere Dimensionen an, es treten entzündliche Ödeme auf, weitere Durchbrüche des Eiters erfolgen weiter oben an der äussern und Innern Kinnbackenvene, selbst an der untern Gehirnvene durch Nekrotisierung der morschen Venen­wand und nun folgen bald noch weitere eigentümliche Symptome nach, welche in erschwerter Beweglichkeit des Halses, Behinderung des Kauens, passiven Hyperämien und Eingenommenheit des Gehirns, Auftreten von
.
ocr page 368
350 Zweitlaquo; Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
kollerartigen Erscheinungen, HervorcMngen dos Augapfels u. s. w. be­stehen, wenn nicht vorher schon der Tod dui'Ch Apoplexie oder noch häufiger, wenn die gegen das Her/ zu gerichtete Thronibusspitze eben­falls abbröckelt, durch Pyäniia multiplex, metastatische Infarkte be­sonders der Lunge und Leber, einbolische Pneumouie, Icliorrhiimie u. s. w. eintritt. AVährend dieser Vorgänge hypertrophleren gewöhnlich auch die Media und Adventitia der Vene samt dem paravaskuläreu Binde­gewebe und die Gerinnsel hängen der entarteten Intima in Form von schmutzig entfärbten Fetzen an.
Die chirurgische Behandlung bietet im Anfang immer noch genügende Chancen einer Wiederherstellung und kommen hier selbst spontane Heilungen vor, wenn nämlich ober- und unterhalb der eiternden Sielle die Vene mit derben Gerinnseln verstopft wird und mit diesen die fistulöse Öffnung zu einem festen Strang verwächst. Her Eiter und die zerfallenen Coagula werden allmählich nach aussei! ent­leert und schliesslich bildet sich durch Verwachsung mit dem subkutanen Zellstoff eine fibröse Narbe.
In allen andern Fällen ist eine energische Behandlung gleich von Anfang an entschieden geboten und besteht sie zunächst in der Sorge, der fortschreitenden chronischen Phlebitis Schranken zu setzen und die Thromben von Eiterung frei zu halten oder wenn diese schon eingetreten, ihr Einhalt zu gebieten, beziehungsweise die erkrankte Partie aus­zurotten.
Die holte Gefahr der Fäulnis in den Blutextravasaten erfordert ein sorgfältiges aseptisches und nach entstandener Eiterung ein antisep­tisches Vorgehen. Man wird zunächst die Haut in der ganzen Umgebung mit Karbolwasser desinfizieren, die Fistel erweitern, deren Kanäle durch Irrigation tüchtig ausschwemmen und die Gerinnsel wegräumen; ist es möglich, eine Gegenöffnung anzubringen, darf dies nicht versäumt werden, auch kann jetzt die Einleitung einer Drainage nützlich sein und wird mau überhaupt sich bestreben, soviel als tliunlich, die Fistel in eine offene Wundfläche umzuwandeln, um sie mit kräftigen Desinfi-zientien zu imprägnieren, am besten etwa mit ICproz. Chlorzinklösuug oder 5 proz. Karbolwasser.
Letztores Mittel spielt dabei eine Hauptrolle, insoferne fortgesetzte Waschungen der Haut mit (lOproz.) Karbollösungon äusserst wirksam sind und die Kutis selbst zu durchdringen scheinen, also perkutan wirken, nachdem durch die Einreibungen die Epidermis aufgeweicht wurde. In früherer Zeit wurden die Scbarfsalbe und das Punktfeuer im Anfange hoch gerühmt und nicht mit Unrecht, beide revulsorische Mittel sollton der fortschreitenden Entzündung entgegenarbeiten und gleichsam die Parapblebitis in eine Dermatitis umwandeln; indessen liegt gewiss in der Ver­nichtung der ontzündungserregenden Spaltpilze die beste Gewähr für die Sistierung des Entzündungsvorganges sowohl als der schon eingetretenen Eiterung.
Auf den thrombosierteu Stellen wie in deren Umgebung schreitet man (statt der Schmiererei mit Scharf- oder Merkurialsalbc auf die Oberfläche der Haut) alsbald zu
Injektionen oder Inzisionen und werden erstere durch die Pravaz'sche Spritze ausgeführt und dazu 8 proz. Karbollösungon (täglich
ocr page 369
XXIV. Operation der Aderfistel.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 351
inehniials) verwendet und.zu letzteren greift mau, sobald es zu Fäulnis unter der Haut gekommen ist. In die Einschnitte wird dieselbe Solution eingebracht und können nunmehr leicht auch Drains eingelegt -werden, die man nötigenfalls in die Wundrällder bettet, wie jetzt auch Gelegen­heit gegeben ist, von dem riatinkauter Gebrauch zu machen.
GleicLzeitis' ist eine entsprechende Diätetik nicht aussei1 Auge zu lassen und wird man zuuächt dafür Sorge tragen, dass der Heilungspro/ess durch äussere Scliildliehkeitcu nicht gestört werde. Zu diesem Behüte lässt man nur #9632;weiches, leicht ZU kauendes Futter verabreichen, sucht die Bewegung des Halses und Kopfes möglichst zu beschränken, indem mau das Tier zwischen zwei Standsäulennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;*
aut'Mndot und liisst es nicht niederliogen, wie denn in vorgeschrittenen Fällen der­artige Patienten einer steten Fliege bedürfen und Tag und Nacht überwacht worden müssen. Dass von selten des behandelnden jedes Sondieren der Eitergänge unter­lassen werden muss, versteht sich von selbst, ebenso vermeldet man alles unnötige Hanthieren an dem Kranken, wie z. B. Reinigen, Waschen, Einreiben oder gar Umlegen eines Verbandes u. s w. Ganz tlieselbo PHege erfordern auch Rinder, bei denen das Aderlässen gegenwärtig häufigor vorkommt, als bei Pferden und die Vencnfistel sich dadurch auszeichnet, dass sie viel mehr zu Eiterung tendiert; auch muss hier selbstverständlich das übliche Anbinden am Halse unterlassen werden.
Die Operation der Aderfistel hat, wenn bereits eitrige. Destruk­tionen des Venenrohres eingetreten sind, weiter darin zu bestellen, dass man grössere Strecken desselben, namentlich wenn sich da oder dort einzelne Abszesse bilden, aufschlitzt oder nötigenfalls die kranke Partie ausschält.
Die Spaltung der Fistel geschieht am besten mit Hilfe der desinfizierten Hohlsonde, und eines Knopfbistouris und hat sich je nach Umständen bis unter die Parotls, manchmal auch von der Fistelstelle aus nach abwärts am Halse zu erstrecken. Man hat zwar auch die Alternative des Haarseiles, es ist jedoch das Aufschlitzen vorzuziehen, nur kann dieses dadurch gefährlich werden, dass sich bei dem Vordringen des Messers bis zu dem Ende des Stranges der hier kuppeiförmig ab­gegrenzte Thrombus lockern kann, eine heftige Blutung veranlasst und eine sofortige Unterbindung notwendig macht. Diese Eventualität lässtnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; jj,
sich dadurch vermeiden, dass man mit dem Knopfmesser nur soweit vorgeht, als es mit der verdickten Haut und entarteten Venenwand in Berührung bleibt, nachdem jedoch dabei ein Teil des Hohlganges un-eröffnet zurückbleiben, die Operation sonach das Weitergreifen der Eiterung nicht verhüten könnte, so ist die Spaltung auch nicht immer eine zuverlässige Operation, man entschliesst sich daher oft zu der allerdings viel mühsameren, schwierigeren und nicht ungefährlichen
Unterbindung der Vene, wozu das Tier jedenfalls niedergelegt werden muss. Die Ligatur geschieht an der oberu und untern Grenze und zwar ie an dem noch nicht entarteten Teile des Gefässes.
Der Übergang in die noch gesunde Partie der Vene ist nicht schwierig auf­zufinden, indem einesteils der fortgesetzte Thrombus hart und fest genug ist, um sich durchfühlen zu lassen, andornteils der kranke Teil auch nach aussei! durch infiltriertes oder schon verdicktes Zellgewehe abgegrenzt wird. Genannte Operation wird von den meisten Praktikern gefürchtet, sie ist aber bei schon eingetretener eitriger Venenentzündung nicht zu umgelieii, am allerwenigsten, wenn von Zeit zu Zeit Blutungen aus der Vene erfolgen.
ocr page 370
352 /weite Haupt-Abfeilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die seidenen Ligaturfilden werden in der Art angelegt, dass man erst durch einen Hautschnitt den Yenenstrang am obern Ende bloslegt, ihn mit einer stark gekrümmten Wundnadel umsticht und dann die Fäden anzieht und zuschlingt, jedoch nicht zu fest knüpft, um die (trotz der Verdickung der Häute mürbe gewordene) Venenwand nicht durch­zuschneiden. Wäre an der Ligaturstelle das Gefäss in entartetem ver­dicktem Bindegewebe eingebettet, so darf die Vene keinesfalls erst los-präparlert werden, sondern es wird ein Teil des hyperplastischen (meist speckigen) Zellgewebes mit in das Paket hereingenommen und kann statt der Fäden nunmehr ein karbolisiertes Bündchen genommen werden. Sache der Vorsicht ist es, nachher auch das untere zentralwärts gelegene Ende der Fistel zu unterbinden, worauf an den beiden nnterbundenen Stellen die Vene quer durchgeschnitten werden kann, falls eine Spannung oder Zerrung eingetreten wäre. Nunmehr beginnt die anti­septische Behandlung des isolierten Venenstückes und später wird die Haut durch Nähte vereinigt, um die Heilung zu vollenden.
Die Exstirpation der Vene zwischen den Ligaturen wird eben­falls empfohlen und soll in der Art ausgeführt werden, dass man die degenerierte Vene ausschält.
Letzteres Geschäft ist stets ein schwieriges, insoferne man es mit allseitig entartetem Gewebe zu thun hat und da und dort auf Seiten­äste stosst, die mehr oder weniger ebenfalls in den phlebitischen Prozess hereingezogen würden; auch ist die Exzision von Blutungen begleitet, welche nicht ungefährlich sind, man unterlässt daher diese Operations­weise lieber ganz und umsomehr, als die Antiscptik Mittel und Wege genug bietet, um das kranke Gefässstück unschädlich zu machen, d. h. der Obliteration entgegen zu führen. Zu bemerken ist, dass von einem Auskratzen des Venenstückes durch den scharfen Ltift'el wegen der Seitenäste keine Rede sein kann.
Durch die seitliche Unterbindung der Vene wird der gewünschte Zweck leider nicht immer erfüllt, da sie ihrerseits wieder Thrombosierungcn nach sich ziehen kann, wenn die Grenze nicht immer scharf genug festgestellt werden kann oder der Prozess in der Tiefe schon weiter gediehen ist, alsbald zu vermuten steht; auch stosst das Ausserdienstsetzen grösserer Venenpartien betreffs der Herstellung eines genügenden Seitenkreislaufes hie und da auf ernste Schwierigkeiten, denen gegenüber der Arzt machtlos dasteht, man wird daher in solchen Fällen gut thun, die Restitution als zweifelhaft hinzustellen. Thatsache ist, dass zur Blütezeit des Aderlassens auch bei ganz zweckmässigem Verfahren viele und unerwartete Todesfälle vorgekommen sind, welche bei der heutigen Antiseptik zwar entschieden verringert, aber keinesfalls ganz vermieden werden können. Wenn die antisep-tischen Kautelen einmal ins Fleisch und Blut der Tierärzte eingedrungen sein werden, wird man kaum hegreifen können, wie früher soviele Adcrlassfistcln vor­gekommen sind und dass es eine Zeit gab, in der man Aderlässe mit so vieler Sorglosigkeit und Ausserachtlassung der nötigsten Reinlichkeit unter­nehmen konnte, denn dass die Vernachlässigungen der letztgenannten Art als die hauptsächlichste Ursache der Infektion der Vene angesehen werden müssen und eine Menge kostbaren Pfordematerials zu Grunde richteten, darüber wird wohl heute ein Zweifel nicht aufkommen können.
ocr page 371
XXIV. Operation der Aderfistel.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 353
Venen- und Arteriengeschwülste.
An andern Blutgefässen kommen ebenfalls Erkrankungen vor und sind die häufigsten jene Geschwülste, welche In einer Erweiterung des Gefftssrohvs mit oder ohne Erkrankung der Wandungen bestehen. Sie sind im ganzen bei den Haustieren selten und können für unsere Zwecke auch nur in Betracht kommen, wenn sie von aussen zugänglich wären, was in der Regel nicht der Fall ist.
Die Blutader knoten, Varices bestehen in einer durch Hinder­nisse im venösen Kreislaufe entstandenen Erweiterung des Venenrohres, wobei die Wand entweder normal dick oder verdünnt ist und sich eine verschieden gestaltete Aussackung (l'hlebektasie) gebildet hat. Besonders entwickeln sich solche. „ Krainpl'aderknotenquot; an Körperteilen, deren Lage au und für sich der Fortbewegung des Venenblutes weniger günstig ist, wie an den Extremitäten, /.. B. am Sprunggelenk als Blut­spat (Varicocele), au der untern Bauchwand besonders bei Milchkühen, an den Samensträngen, den äussern Gefässen des Schlauches und andern Hautvenen.
Blutgerinnungen sind in solchen Hohlräumen regehniissig enthalten und füllen sie zuweilen den Sack vollständig aus; in andern Fällen sind die, ohnediess dünnen Wandungen durch die Ausdehnung so verdünnt, dass das umgebende Gewebe keinen Widerstand mehr zu leisten vermag und zeitweilig eine Bhexis erfolgt, welche operatives Einschreiten not­wendig macht.
Die Operation besteht kurzweg darin, dass man die abgeschorene Haut auf der phlebektatischen Stelle, nachdem die Vene geschwellt ist, der Länge nach einschneidet, das (Jefäss bioslegt und sowohl an dem einen als andern Ende die gesunde Vene mit einer Wundnadel um­sticht, seidene Fäden durchzieht und den Sack unterbindet, um Ihn dann Je dicht an den Ligaturen quer durchzuschneiden. Nachher wird das isolierte Gefässstück durch Ausdrücken entleert und sich selbst überlassen. Die Obliteration und Heilung der gehefteten Hautwunde geschieht nach antiseptischen Grundsätzen und erfolgt letztere prima Intentione schon in wenigen Tagen.
Die Pulsadergeschwülste, Aneurysmata, unterscheiden sich von den Varizen nur dadurch, dass infolge chronischer Entzündung der Intima sich nicht blos eine Arterieektase, sondern im weiteren Verlaufe auch eine, (atheromatöse) Entartung der Gefässwände ausbildet, au der sämtliche Häute teilnehmen können. Gefahr entsteht, aus dem Grunde häutig, weil bei längerem Bestände der Wanderkrankung die Media und selbst auch die Innenhaut der Atrophie anheimfällt und schllesslich nur mehr die Adventitia die Wand dos Arterienrohrs aus­macht.
Bering's Operationsichre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;23
ocr page 372
354 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Solche Anourysmoii kommen bei allen Haustieren vor, sind aber aus dein (irunde gewöhnlich nicht Gegenstand der Operation, weil sie mehr an den Innern und grossen Schlagadern (Lungenarterie, Bauchlaquo; aorta, Gekrösschlagadern, Arterien des Beckens und der Hinterglied-inassen der Pferde) vorzukommen pflegen und meist erscheinungslos bleiben. Die Thl'Omboslerung mid Obliteration der Schenkelarterie er­zeugt wie bekannt bei letzteren Tieren das intermittierende Hinken.
Sollte eine chirurgische Behandlung eingeleitet werden, so kann sie nur in der Exstlrpation bestehen und geschieht diese in ganz derselben Weise, wie es bei dem Varix angegeben wurde.
Zu bemerken ist, dass bei griissorer Ausdehnung die Haut nicht von einem Ende zum andern aufgeschnitten zu werden braucht, sondern nur an der Unter­bindungsstelle und dass dabei jedes Losprilparieren der erkrankten Arterie unter­lassen werden muss. Die Ligatur kommt ebenfalls auf die intakte quot;Wand zu liegen und können nachher zur Beschleunigung der Ohsoleszierung einige Tage intraarte­rielle Einspritzungen verdünnter Jodtinktur in das abgeschnürte Gefässstück unter­nommen werden.
XXV. Operationen am Kehlkopf.
Von den laryngealen Erkrankungen kommt hier nur jenes chronische Leiden in Betracht, wobei die Tiere — es handelt sich nur um Pferde und Rinder — in eine höchst auffallende Athembeschwerde verfallen, welche mit Schnarchen und Schnaufen oder mit einem giemenden, pfeifenden, wohl auch röhrenden und keuchenden Geräusche verbunden und unter dem Namen Pfeifer- oder Bohrerdampf (llartschnautigkeit) bekannt ist. Es entsteht im Kehlkopf selbst und bildet der Hohlraum der Nase den hauptsächlichsten Resonator.
Das Kehlkopfpfeifen stellt sich meist während der Bewegung, selten schon im Stande der Ruhe ein, ebenso tritt es nur beim Blin-athmen auf und ist erst in hochgradigen Fällen auch während der Exspiration weithin hörbar. Pferde, mit massigem Grade behaftet, sind noch zu leichteren Diensten verwendbar, bei weit gedieheneu Störungen dagegen zum Zug- und Beitdienst untauglich, denn es passiert bei nur einigerraassen gesteigertem resplratorischem Aufwände so wenig Luft den Kehlkopf, dass die Tiere in die heftigste Athemnot geraten, cyanotisch werden und selbst unter konvulsivischen Erstickungsanfällen nieder­stürzen. Da dies meist edle und wertvolle Pferde betrifft, so wird oft Hilfe gesucht und kann diese in vorgeschrittenen Bällen nur in einer (wenn auch meist erfolglosen) Operation bestehen, nämlich in dem Knorpelschnitt am Kehlkopf oder der Tracheotomie.
Untersucht man den Kehlkopf näher, so findet man als die Ursache der eigentümlichen Dvspnoe eine Lähmung des Stimmbandes der einen (merkwürdigerweise gewöhnlich der linken) Seite, welche in den
ocr page 373
XXV. Operationen am Kehlkoiif.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;355nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ll,
meisten Fällen durch cine Neurose des Kekuri'ens entstanden ist, unter dessen Herrschaft die Bewegungen der Hauptmuskeln des Larynx, naincnt-
licli aber der Dilatatoren der Stiminrit/e stehen (neurüpathisches Pfeifen) und findet man denselben auch zumeist entartet und atropbisoh; ebenso
'#9632;11
r.
kann durch Abschneiden dieses Sthnmnerven künstlich das Rohren er­zeugt werden. Die gewöhnliche Folge ist dann, dass auf der gelähmten Seite die Enveiteruugsmuskeln der Glottis, nämlich der hintere und seitliche Kinggiesskannemnuskel (Figur 22('gt;bc) sowie der quere Giess-kannenmuskel (Pyramidenmuskel a), in eine fettige Degeneration mit nachfolgendem Schwund verfallen; sie sind dann zu blass-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;\
gelbelaquo; dünnen Streifen atrophiert, während die gleichnamigen Muskeln der gesunden Seite gesättigt rot gefärbt und selbst hyperplastisch an­getroffen werden. Hiedurch entstellt beim Einatmen eine (einseitige) Beeinträchtigung der Ausdehnungsfähigkeit der Glottlsspalte, das pfeifende (ieräusch ist somit ein stenotisches, denn bei stärkerer Inspiration wird der Giesskannenknorpel (Figur 226 a) von dem Erweiterer der gesunden Seite herübergezogen und drückt so die Luftsäule auf den gelähmten Glottisteil, um in die ebenfalls verzogene Stimmtasche einzudringen und dadurch den genannten Knorpel noch mehr zu verschieben; ausser-dem kann jetzt der Knorpel nicht mehr in die Höhe gehoben werden, es erschlafft daher auch das betreffende Stimmband, wodurch der Ein­gang in die Kehlkopfhöhle wesentlich versperrt wird; es bleibt dann, wenn Hilfe geschaffen werden soll, kaum etwas anderes übrig, als soviel von dem Giesskannenknorpel wegzuschneiden, als notwendig ist, um diese Verlegung zu beseitigen (Günther, Sohn).
Nur ganz selten ist diese Lähmung der Kelilkopfmuskulatiu' eine primäre (myopathisclier Pfeiferdampf) und entsteht sie dann, wie die erstere Form auch, meist durch katarrhalische oder phlegmonöse Entzündung des benachbarten Schlund­kopfes und des Larynx seihst, sowie durch sich verschleppende Druse, Brustseuche, Pferdestaupe, Ansclnvellung und Druck der Ilalslymphdrüsen, Neubildungen U. s.v.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ,,
Gegen diese ursprüngliche Lähmung des untern Kehlkopfnerveu wie gegen die hesagte Muskelatrophie lässt sich schwer ankämpfen und Weihen meist die dies-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1
he/üglichen Heilversuche, bestehend in wiederholten Einreibungen von Scharf-salbe, Punktfeuer, Ziehen von Eiterhändern in die nächste Nähe dos Kehlkopfes erfolglos, so dass in solchen desperaten Fällen -wie gesagt nur mehr die Resektion des Pyramidenknorpels ührig hleiht, wenn nicht etwa das neuerdings von Reve vorgeschlagene Verfahren versucht werden will, nämlich das Rohren dadurch wenig­stens zu verringern, dass man die falschen Nasenlöcher durch Pelotten zusammen­drückt, welche an dem Xasenriemeu befestigt sind.
Anzeige der Operation. Wenn zu dem Messer geschritten werden soll, müssen bestimmte patiiognomonische Symptome vorliegen, welche das spezifische Kehlkopfleiden als unzweifelhaft erscheinen lassen, denn es giebt noch andere Zustände, welche ebenfalls Pfeiferdampf-symptome erzeugen können.
Die Diagnose basiert einesteils auf die schon oben genannten Erscheinungen, andernteils gründet sie sich auf die direkte Manual-Untersuchung; charakteristisch ist dabei, dass die kranke Seite bei gleichmässigem Druck auf die beiden lateralen Flächen des Kehl­kopfs sich weicher und nachgiebiger anfühlt und die dort ausgeübte
ocr page 374
35G Zweite Hauiit-Abtoilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Kompression eine Verstärkung des Pfeifens bei jedem Emathmen ver-anlasst; Schmerz ist damit nicht verbunden, wohl aber Hustenreiz und hat aucii der Husten etwas eigentümlich brummendes.
Aber auch andere Zustände können die keuchende Inspiration hervorrufen und muss man sich bei Pferden und 1!indem davon überzeugen, ob nicht Verdickungen der Schleimhaute (chronischer Laryngealkatarrh), Ödeme derselben, Neubildungen wie z. B. Cystome, Polypen vorliegen oder die Ursache in Abplattung, bezw. Ein-knickung einzelner Luftröhreniinge, trachealo Aftergebilde u. dgl. gelegen ist; auch starkes Beiziiumen bei Ganaschenz-wang, fest angelegte Kehlriemen, enge Kummete sind oft schuld oder muss nach der Fütterung gefragt werden, insoferne manche Futterarten, wie im Samen stellende Luzerne, Wicken, Kichererbsen, ebenfalls das Leiden erzeugen können, sowie chronische Bleivergiftungen. Nicht zu unterlassen ist auch die Untersuchung des exspiratorischeu Luftstromcs, ob derselbe aus beiden Öffnungen glcichmässig stark hervortritt.
Fig. 225.
Kehlkopf von oben gesehen:
aa Giesskannenknorpel; hh Stimmbänder; c der linke Stimmsack; d der Kehldeckel.
Fig. 226.
Ein TeildesGiesskannon-
knorpels ist entfernt:
a Quergiesskannen-
muskel; 6 hinterer,
c seitlicher Gicsskannen-
nmskel; ä Schildgicss-
kannenmuskel.
Fig. 227. Kehlkopf von oben ge­sehen: 1 Kehldeckel; 2 Giesskannenknorpel; 3 Platte des llingknorpels. c Quergiesskannenband; ä Ringgiesskannenge-lenk; laquo;Ringschildgelenk.
Laryngotomle. Sie wurde zuerst von Günther ausgeführt, derselbe hatte jedoch sein Verfahren nicht bekannt gegeben und was man darüber in Erfahrung brachte, waren meist sich widersprechende Dinge, indem bald sehr günstige Resultate erlangt worden sein sollen, bald gar keine Besserung sich erzielen liesse; erst Stockfleth hat
ocr page 375
XXV. Operationen am Kehlkopf.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;357
die Operation niiiier beschrieben und auch viele Pferde derselben unterzogen.
Nachdem das Pferd niedergeworfen und Kopf und Hals gestreckt worden ist, wird genau in der Medianlinie die Haut und die unmittelbar unter ihr liegenden Muskeln durchschnitten und der Schnitt mit dem Knopfbistouri nach oben bis zum sog. Adamsapfel, nach unten durch den Ringmuskel und die daneben liegenden 3 obersten Luftröhrenringe weiter geführt.
Die Iländer dieser grossen durch die ganze Länge des Kehlkopfes gehenden quot;Wunde werden mit 2 stumpfen Haken aus­einandergehalten, die Blutung mit kaltem Wasser gestillt und das in die Luftröhre hinabtliesseiule Blut mit einem an einem spanischen Bohr befestigten ebenfalls gut desintizierten Scliwämmchen aufgetupft, worauf man einen Einblick in das Innere gewinnt und gut beobachten kann, dass während das eine Stimmband der gelähmten Seite ruhig steht, das andere bei der Inspiration sich kräftig auf und ab bewegt.
Lie lie Sektion des G iess kann enknorp eis (Arytänodek-toinie) geschieht in der Art, dass man ihn zuerst mit Hilfe eines scharfen Ilakens herabziehen, das Stimmband mit einem stumpfen Baken zur Seite drücken lässt und jetzt einen senkrechten Schnitt durch denselben führt, ein weiterer horizontaler Schnitt an der Basis entfernt dann die Seitenwand in derselben Weise, wie dies in Figur 22G angegeben ist und nimmt man nur soviel Schleimhaut weg, als absolut notwendig ist. Der Günther'sche Laryngotom ist ein nach der Fläche gebogenes Knopfbistouri, dessen Spitze also etwas nach einwärts gegen die Kehl­kopfhöhle gerichtet ist; da die Klinge nur am konvexen Band schneidet, braucht man ein rechtes und linkes Messer.
Xacli der Operation wird das Pferd aufgebunden und erhält den ersten Tag nur Ubersohlagenes Wasser, später weiches Futter. Sollte durch die Entzündung der genähten Wunde eine Laryngitis nachfolgen, welche Atemnot erzeugt, was zwar hei der antiseptischen Behandlung kaum zu befürchten steht, so würde der Luft­rohrenstich notwendig werden. l)ie Heilung der äussern Wunde erforderte früher H—4 Wochen, die der Innern dagegen 6 Wochen; jetzt hat die Heilung ohne Eiterung zu erfolgen.
Als ühle Zufälle sind Fisteln vorgekommen, welche sich unter den seit­lichen Halsmuskeln nach abwärts erstreckten, ebenso kann Futter vom Pharynx aus in die Tasche des exzitierten Knorpels gelangen oder Wucherung an der Schnitt­fläche eintreten.
In der tierärztlichen Litteratur sind verschiedene Fälle von ge­lungener Heilung verzeichnet, noch mehr aber ungeheilt geblieben, was nicht wundern darf, da ja meist der Stimmnerv das primäre Leiden ist, das wohl auch in einer Beizung des Vagus und verlängerten Markes bestellen kann; ferner ist auffallend, dass der Ausgang so vieler der­artiger Operationen nicht angegeben worden ist.
Heutzutage wird der Knorpelschnitt kaum mehr ausgeführt, die meisten Praktiker begnügen sicii, wenn ein Heilversuch verlangt wird, mit dem Luftröhren schnitt und wird der Tracheotubus so lange liegen gelassen, als es den Umständen gemäss angeht; auch trifft es sich zuweilen, dass währenddem das keuchende Athmen sich ganz ver-
#9632;
ocr page 376
358 Zweite Haupt-Abteilung: Oiierationcn, nur au bestimmten Teilen ausfi'ilubar.
llert. Hienach stellt zu vermuten, dass oft nur vorübergehende funküonelle Störungen in der Nervenprovinz lies Rekurrens oder Vagus dem Übel zu Grunde liegen.
Wäre es bereits zu einem Lungenempliysem gekommen, so ist die Operation gegenangezeigt. Vogel maclite bei einer Kalbin mit Pfeitt'crdampf (retropharyn-geales Aktinomykom) die Trachcotomie und Hess dann mästen; der Fall hatte auch eklatant dargethan, dass die Intensität des Eohrens und Pfeifens nicht sowohl -von der Schnelligkeit des Atmens bei der Bewegung oder der Inspiratiousgrösse ab­hängig ist, denn das Tier röhrte im Stalle in derselben Weise wie Pferde nach schneller Bewegung, als vielmehr von dem Grade der Erschlaffung der Stimm­bänder, welcher vor der Operation stets wechselte, sobald aromatische Inhalationen angeordnet wurden.
XXVI. Operationen an der Luftröhre,
Nicht so selten kommen die Tierärzte in die Lage, eine kunst-gemiisse Erött'mmg der Luftwege (Bronchotomie) vornehmen zu müssen und wird hiezu ausschliesslich die Luftröhre gewählt, die Operation heisst daher Trachcotomie.
Sie kommt fast nur bei Pferden vor, selten bei Hunden und was die schlachtbaren Haustiere betrifft, so werden diese im ganzen weit weniger von Erstickungszufällen betroffen, abgesehen davon, dass hier dann meistens das Töten vorgezogen wird.
Geschichtliches. Im Altertum wurde der Luftrohrensclimtt nur ganz selten ausgeführt, denn er galt für lebensgefährlich und glaubte man, die Verwundungen der Luftröhre mit ihren Ringen seien schwer oder gar nicht heilbar, bis die Araber im XIII. Jahrhundert durch Versuche an Ziegen den letzteren Irrtum beseitigten; als Erfinder der Trachcotomie wird übrigens schon Asklepiades (100 Jahre v. Chr. G.) angegeben, allgemeiner aufgenommen wurde sie beim Menschen indessen erst im vorigen Jahrhundert und zwar durch Eröft'nung des Kehlkopfes (Krikothyreotomie und Krikotracheotomie), worauf dann auch die Tierärzte anfingen, die hohe Bedeu­tung der Operation und die Möglichkeit derselben auch bei den Haustieren einzu­sehen, dieselben Hessen jedoch den Kehlkopf ganz aussei- Spiel und erkannten bald, dass die lange, frei daliegende und wenig bedeckte Luftröhre sämtlicher Haustiere einer blutigen Eröffnung ungleich leichter zugänglich sei, als bei dem kurzen Halse des Menschen und der gefährlichen Nachbarschaft desselben. Bour-gelat (1748) eröffnete den Reigen und entwickelte zuerst die ausserordentlicben Vorteile der Operation, allein noch lange nach ihm hielten die Tierärzte letztere nicht blos für schwierig, sondern auch für gefährlich, selbst noch 1818 Kmm, Veith in Wien. Aus diesem Grunde scheuten sich auch bedeutende Chirurgen wie Lafosse, Chabert, Pilger, Richter, grössero Verletzungen anzurichten, man ging vielmehr mit äusserster Vorsicht zwischen 2 Luftröhrenringen ein, iiuetscbte aber diese mit grosser Gewalt auseinander, um eine Hülse einlegen zu können. Später wurde dann allerdings die Operation durch Barth6Iemy, Raynard (1820), Damoiseau, Prange, King u. a. weiter ausgebildet und schon Viborg hatte sich 1802 dazu verstiegen, selbst ein Loch auszuschneiden und dasselbe (wenigstens mit einem Flor) zu bedecken.
Später, nachdem die Heilungen prächtig gelungen, war das Bestreben dann hauptsächlich darauf gerichtet, brauchbare Metallröhren zu konstruieren, um das
ocr page 377
XXVI. Operationen an der Luftröhre.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;359nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;]'
Offenhalten der Trachea auf längere Zeit zu ermöglicheu und die Reinigung der Wunde zu vereinfachen. Die diesbezüglichen Bemiiliuiigen waren auch mit der Zeit immer mehr mit Erfolg gekrönt und haben sich besonders Verdienste erworben die Tierärzte L eblanc, Renauld, Günther, Brogniez, Dieterichs, Hert-wig, llayne u. s. w. In der neueren Zeit wurden dann weitere Vervollkommnungen eingeführt, welche sich jedoch hauptsächlich nur auf die Instrumente bezogen und zwar 1858 durch Thompson und Seor, welch letzterer die ersten brauchbaren lAiftröhrenhaken konstruierte, Wohl that, Peuch, Johne, v. Chelchovsky u. A.
Anzeigen der Tracheotomie. Die Operation hat 2 Haupt-Indikationen, nämlich sie wird vorgenommen:
1.nbsp; um EretlckungSgefahren zu beseitigen, wenn ans irgend einem Grunde die übern Luftwege, d. h. von der Nase bis au den Kehlkopf herab verlegt sind;
2.nbsp; nbsp;wenn fremde Körper aus den Luftwegen entfernt werden sollen, die Beseitigung aber auf andere Weise nicht möglich ist.
Ilienacb ist es stets die eminente Gefahr dos Luftabschlusses, der laryngealen Erstickung, gegen welche der Luftröhrenschnitt, gleich­viel welche Ursache vorliegt, das Souveräne Mittel ist und bierin liegt auch die ausserordentliebe Bedeutung desselben, er ist dalier nicht nur eine der dankbarsten Operationen der ganzen Tierheilkunde, sondern auch die am meisten lebensrettende, welche häutig dringend, ja sofort ohne alle Vorbereitung und mit dem nächsten besten Messer vorgenommen werden muss (Clto-Tracheotomie).
Im übrigen dient sie öfters auch prophylaktischen Zwecken, wenn im Verlaufe besonders akuter Erkrankungen, z. B. heim Pferdetyphus, Angina crouposa schwere dyspnotische Zustände zu befürchten stehen oder will man wie in der Rindvieh- und Pferdepraxis die wegen verschiedener Leiden mangelhaft gewordene Üiensttauglichkeit durch Liegenlassen einer kimstlichen Röhre in der Trachea für kürzere oder längere Zeit erhöhen.
Unter den Hindernissen des freien Luftzutrittes zu den Lungen ist beim Pferde die Anschwellung im Kehlgang, welche mit der Druse verbunden ist, die häutigste, dann folgen die Anschwellungen bei der Bräune und den Halsentzündungen überhaupt, sowie die des Pferde­typhus (brandiges Absterben von Scldeiinliautpartien in der Nase mit Ekchymosen oder Petechien). Ferner geben Veranlassung zur Operation Verdickungen und Auflockerungen der Nasenknochen, besonders der Konchen, Polypen, papilläre Wucherungen, Epitheliome der obern Luft­wege, infektiöse Katarrhe mit dem Charakter des Odems (Bachen und Kehlkopf), bösartige Kopfkrankheit des Binds, Lähmung der Kehlkopfs-erweiterer, Glottisödem, laryngealer Kroup, Diphtherie, Geschwüren, s.w., Insektenstiche an den Nasenflügeln u. s. w.
Gegenangezeigt ist der Lnftrühmisclmitt, wenn die Athenmot von krankhaften Veränderungen der Lunge und des Herzens herrührt oder wassersüchtige, meteoristisebe Zustände in der Brust- und Bauch­höhle bestehen; desgleichen beschleunigt die Operation bei schweren Infektionskrankheiten, Blutzersetzungen nur den Tod durch Hinzutreten von Gangrän, wie auch bei Lähmungen oder Verletzungen diesbezüglicher Nerven, des Vagus und Rekurrens, der Eintritt des Todes blos #9632;ver­zögert wird.
ocr page 378
300 /.weite Haupt-Abteilung: Operationen, nur au bestimmten Teilen aust'iilirbar.
Wäre der hefügen Dyspnoö nur oiuc Anschwellung der Nasen­öffnungen zu Grunde liegend und diese voraussichtlich transitorischer Art, so begnügt man sich entweder mit dem Aufschlitzen der Nüstern oder erweitert dieselben dadurch, dass man stumpfe breite Drahthaken einlegt und diese durch ein Band auf der Mittellinie des Nasenrückens so einander nähert, dass die Flügelknorpel gut auseinander gebalten werden.
Kompressionsstenosen am Kehlkopf und der Luftröhre bilden weitere Operationsanzeigen und bestehen diese zumeist in Quetschungen, Einknickungen, Karies oder Frakturen der betreffenden Knorpeln, Rup­turen der Interanmilarbiinder, in der Umgebung gelagerten Neubildungen, Druck im Schlünde steckengebliebener Bissen auf das tracheale Quer­band, in Schilddrüsengeschwülsten, grösseren Abszessen, Blutextravasaten, Knochensplittern, Kugeln u. s. w.
Stenose durch fremde Körper veranlassen ebenfalls zuweilen gefährliche Erstickungsanfälle, wenn sie sich im Rachen oder Larynx eingekeilt haben oder Blut, Eiter, Beste von Futterstoffen (beim Er­brechen, Wiederkauen) unter die Epiglottis geraten sind; nicht selten
Fig. 228. Luf'tröhrcnzangc von Gross.
dringen solche Fremdkörper, wozu auch Teile der angewendeten Instru­mente gehören, bis in die Luftröhre berein und fallen in diese hinab, um selbst noch weiter vorzudringen und die Bifurkationsstelle zu über­schreiten. Von da gelangen sie meist in den rechten Hauptbronclms, da dieser weiter ist als der linke. In solchen Fällen kann es weiter um diagnostische Schwierigkeiten betreffs der Bestimmung des Ortes und Sitzes des Fremdkörpers sich handeln, man eröffnet daher die Luft­röhre, an geeigneter Stelle, um mit dem Finger oder andern Extraktions­instrumenten nach demselben zu fahnden. Gross hat zu diesem Zwecke ein ganzes System von Sonden, Haken und Zangen konstruiert, von denen die in Figur 228 abgebildete Zange als am brauchbarsten sich gezeigt hat.
Bei den kleineren Haustieren und auch bei den Wiederkäuern ist. nicht zu vergessen, dass solche Gegenstände öfters auch von der Maulhöhle aus erreicht werden können und bei Hunden und Katzen reicht das Auge bis in die Kehlkopfventrikel hinab, die nötigenfalls durch künstliche Beleuchtung (Seite 20) näher ausgeforscht werden können. Zur Entfernung von solchen eingedrungenen Körpern reicht manchmal schon ein Brechmittel aus oder richtet man die Tiere
ocr page 379
XXVI. Operationen an der Luftröhre.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;JiGl
mit dorn Hinterteil nach aufwärts und stellt sie auf den Kopf, wo oft schon durch einen Hustenstoss erstere nach aussen tliegen.
Diagnose von Fremdkörpern. Hier ist die Art der Atemnot, das Keuchen und Würgen und der Übrige Symptomenkomplex inassf?el)end, ebenso werden In­spektion und Palpation, Schinerz und Geschwulst weitere Aufsclilüsse bringen; des-fileichen ist die Auskultation von hohem 'Werte, denn bei jeder Tradicalstouosc ist an einer bestimmten Stelle ein starkes pfeifendes Exspimtfonsgeräusoh vernehm­bar und wenn der Gegenstand weiter vorgedrungen ist, so atmet die betreffende Lunge gar nicht, während die andere verschärfte Vesikulargcräusche hören lässt. Hustenreiz ist damit in der Regel nicht verbunden, dieser entsteht erst wieder weiter hinten in den emptindlicheron Bronchiolen, dagegen kann hie und da ein subkutanes Emphysem in den untern Partien des Halses wahrgenommen werden und zwar ohne dass der Fremdkörper die Luftwege verletzt hätte; es bleibt in solchen Fällen nur die Annahme übrig, dass durch die ursprünglichen Krstickungs-zufälle und Hustenanstrenguugen ein interstitielles Lungenemphyseni entstand, welches sich längs der Bronchien in das Zellgewehe des Mediastinums ausbreitete und von da zwischen dem ersten Rippenpaar in die Subkutis des Halses hiuauf-wanderte.
}M
Operationsmethoden.
Für die Eröffnung der Luftröhre stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, welche sich je den einzelnen Fällen akkoinodleren lassen; für gewöhnlich sjialtet man einige Knorpelreifen vorne in der Mitte der Luftröhre aaf und hält die Offiiung durch Haken auseinander oder hält die Ränder durch eine Metallröhre von einander entfernt; das ältere Verfahren öffnete die Trachea von der Seite, es ist jedoch diese Methode jetzt gänzlich aussei' Gebrauch gekommen. Ein ähnliches Schicksal haben noch weitere Operationsarten erlitten, wie die Moditikationen von Richter, Bouchot, Gowing, Mai, Strauss, Mourray, Marty u. s. w., welche jetzt keine Erwähnung mehr verdienen.
Intratracheale Injektionen. Um Arzneimittel auch von der einer Resorption in hohem Grade zugänglichen Tracheaischleimhaut aus in die Blutbahn zu führen, ein Verfahren, das erst in neuerer Zeit auf­gekommen ist (Levi) und welches sicherlich Zukunft hat, wird die Luft­röhre mit der Pravaz'schen Spritze angestochen und die Flüssigkeit in den Respirationsschlauch injiziert. Das nähere betreffs dieser Ein­spritzungen ist schon Seite 202 angegeben worden.
Anatomie der Luftröhre. Die Trachea liegt vorne am Halse und geht in der Medianlinie des Körpers vom Kehlkopf aus nach abwärts, um am I. Rippen­paar in den Thorax einzutreten. Bedeckt ist sie aussei' von der Haut zunächst von dem nach oben sich stark verdünnenden Hautmuskel, gegen den Larynx zu etwas seitlich von den Enden der beiden Schulterzungenboinmuskeln, nach der Brusthöhle zu von dem Anfange der beiden Brustbeinkiefermuskoln. In der Mittellinie liegen unmittelbar auf ihr die beiden dünnen Muskeln des Zungen­beins und Schildknorpels, welche bis vom Brustbein heraufkommen und deren Paare vorne auf den Knorpeln beim Operieren nicht einmal voneinander getrennt, sondern nur auf die Seite gelegt zu werden brauchen.
Die Luftröhre seihst stellt bei Pferden einen grossen breiten, von vorn und hinten etwas abgeflachten Hohlcylinder dar, welcher der Operation eine sehr
ocr page 380
362 Zweite Haupt-Abteilung: Operation cn, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
bequeme Fläche darbietet (Figur 229), wÄhrcnd bei Rindern der Querschnitt ein mehr runder und viel kleinerer ist, weshalb auch die Tracheotomie eine schwierigere genannt werden muss, denn die Luftröhre ist hier ausserdem auch tiefer gelegen und von einer grossen Hautfalte, dem Triel bedeckt. Die einzelnen (hyalinen) Knorpelringe hängen unter sich durch an elastischen Fasern reichen Zwischen-knorpelbändern /.usammen, sind aber innen nur vom Perichondrium SZ* und der
Fig. 229.
Querschnitt durch die Luftröhre des Pferdes.
(Nat. Grosse.)
Schleimbaut00 bedeckt, die Wand lässt sich daher sehr leicht durchschneiden und nur bei alteren Sub­jekten sind die Ringe teilweise vorne verknöchert, weshalb man hier kein zu dünnes und schwaches Messer nehmen darf. Die Muskelhaut d gehört nur der hintern Wand an und beginnt erst bei d'd' vor dem (mehr fibrösen) Querband e. Der Kanal ist arm an Gefässen und Nerven, Blutungen sind nicht zu fürchten und auch die Empfindlichkeit ist fast gleich Null, das Organ daher wie zu Operationen geschahen; ausserdem fühlt man die Reifen gut durch und nur bei fettem, grobem oder krankhaft infiltriertem Halse (Typhus) liegt die Röhre mehrere Fingerbreit hinter der Haut.
Die tracheale Funktion nach Hayne.
/
Die Methode des Lu-ftröhrenstichs stammt
aus der Mensclieiiheilkumle, denn sclionDecker
hat sie 1G!)5 ausgeführt und zwar durch einen Trokar, den er in der Jüttellinie vorne einstach und die Hülse zurückliess.
Fig. 230.
H a y n e' s
Luftröhrentrokar.
(Va Grosse.)
Hayne in Wien führte (1844) seinen Luftröhrentrokar (Figur 230), der anfangs
einen runden, später aber behufs besseren Eindringens durch die Haut flachen Querschnitt bekam, seitlich und quer in horizontaler Dichtung ein, um Ihn auf der andern Seite auszustechen.
Als Operationsstelle eignet sich am besten die obere Hälfte des Halses und wird die Operation am stehenden Pferde vorgenoinmen, dessen Kopf man, um die Trachea stärker hervortreten zu lassen, massig
i
ocr page 381
XXVI. Operationen an der Lnl'trülire.
aGci
hoclistellen und strecken liisst. Unterhalb des Kehlkopfes umfasst der (an der linken Halsseite stehende) ChiriU'ge mit der linken Hand die Luftröhre, schiebt die anliegenden Gebilde möglichst nach rückwärts und schneidet zuvor mittels des Spitzmessers die Haut auf der Mitte der Seiteuwand der fixierten Luftröhre durch, um hierauf die Spitze c wagrecht zwischen 2 Hingen einzusetzen und beide Seitenwände nebst dem Schulterzungenbeinmuskel) mit einem energischen Huck samt der Kanüle a a durchzustechen.
Das Stilet b wird nunmehr entfernt und die Hülse so vorgeschoben, dass das Fenster/' in die Mitte der Trachea zu liegen kommt; hierauf fixiert man die Hülse in der Art, dass man beide Stellschrauben de nahe am Hals feststellt, jedoch nicht zu dicht, um einer nachfolgenden Anschwellung Kaum zu gönnen.
Die nur 1 cm weite und zudem abgeflachte Kanüle lässt nur ganz wenig Luft eintreten und verstopft sich auch bald mit Schleim, die Hayne'sche Luftröhrenpunktion kann daher niemals genügen, wenn die obern Luftwege ganz unwegsam geworden sind; ausserdem ist der Stich bei Speckhftlsen oder Anschwellungen schwer oder gar nicht ausführbar, abgesehen davon, dass sogar die Luftröhre nur angestochen, ja selbst ganz verfehlt und die Jugularis noch dazu getroffen werden kann. Die tägliche Reinigung geschieht mittels einer in Karbolwasser getauchten Federfahne.
Die tracheale Inzision nach
Thompson. Schneller und sicherer geschieht die Operation mit dem Tracheotomen von Thompson (1858), einem zangenähnlichen Dila-tatorium (Figur 231), das sich seit seiner Einführung au dem Wiener Tierarznei-Institut überall beliebt zu machen wusste, denn die An­wendung ist eine sehr einfache. Die Zange endet vorne in eine lanzette-förmige Schneide und entfernen sich durch Zusammendrücken der beiden Zangenarme die genau aneinander passenden Hälften der Spitze, um einen Zwischenraum zum Einführen
der Kanüle zu lassen.
Fig. 231.
Tracheotom von Thompson.
(Va Grosso.)
Bei der Operation wird zuerst vorne in der Mittellinie nahe am
Kehlkopf mittels eines Bistouris ein Hautschnitt ausgeführt und In denselben das aus Karbolwasser entnommene Instrument geschlossen eingebracht, um nicht blos ein Zwischenknorpelband einzustechen, sondern zugleich auch einen bis zwei Luftröhrenringe senkrecht nach unten durchzuschneiden, wozu die Lanzettespitze etwas nach abwärts gerichtet
ocr page 382
3G4 Zweite Haupt-Abteilung! Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar.
wird. Hierauf öffnet mau den Tradieotomeu, drängt dadurch die Wund? ränder der Lultrühremvautl auseinander und schiebt In die klaffende Öffnung die oben abgebildete Kanüle ein, worauf das Instrument zurück-gezogen wird.
Behufs der Reinigung der Hülse müsste diese immer wieder aus-und eingeführt werden, was bei dem Engerwerden der Öffnung stets eine mühsame Arbeit ist, man gebraucht daher jetzt allgemein die Doppelkanüle, welche aus 2 ineinander geschobenen Röhren besteht, von denen die äussere grösserc liegen bleibt und nur die innere heraus­gezogen wird. Die Sicherung in der Lage geschieht durch Bänder,
welche in
den seitlichen scheibenförmigen Schildern befestigt und um
den Hals gebunden werden.
Der Thompson'sche Tracbeotom ist dem vorgenannten Trokar entschieden vorzuziehen, obwohl auch er nur eine miissige Quantität Luft eintreten lässt, jedenfalls darf daher die Doppelkanüle am untern Ende nicht geschlossen und nur seitlich geöffnet sein, wie in Figur 231
angegeben ist, sondern sie muss völlig offen sein. Da alle derartigen Instrumente jetzt nicht mehr von dem leicht oxydierenden Weissblech angefertigt sind, sondern von besserem Metall (gewöhnlich Neusilber oder vernickeltem Messing), so können sie auch bei wöchentlich 2 maliger antiseptischer Reinigung ohne alle Folgen monatelang liegen bleiben. Bilden sich mit der Zeit üppige Granulationen, bindegewebige Ver­dickungen oder Knorpelwucherungen, so werden diese rechtzeitig mit einem Knopfbistouri abgetragen. Bei Bindern sind die Thompson'scheu Tuben, wie Vogel erfahren hat, nicht anwendbar, da sie zu leicht ausfallen.
Der Luftröhrenschnitt.
Die Eröffnung der Luftröhre mittels des Bistouris hat in allen jenen Lallen den Vorzug vor der blossen Punktion oder Inzision, ja muss unbedingt ausgeführt werden, in denen das bestehende Athmungs-hindernis längere Zeit persistiert oder überhaupt nicht beseitigt werden kann und wo man einen freien Zugang zu dem Kehlkopf oder der Luft­röhre sich bahnen muss.
Diese Operation bietet viele Variationen in der Ausführung nament­lich aber in den dazu verwendeten Instrumenten (Tuben) dar, es lassen sich aber dieselben im wesentlichen auf 2 Hauptarten zurückführen:
1.nbsp; auf die Operation mit Substanzverlust oder Ausschneiden eines Stückes der Luftröhre und
2.nbsp; ohne Substanz verlust, d. h. mit blosser Spaltung der Trachea. Tracheotomie mit Substanzverlust. Um den respiratoriseben
Bedürfnissen der grossen Haustiere Genüge zu leisten, genügt, wie besonders Viborg annahm, die blosse Spaltung mehrerer Knorpelringe nicht, sondern es müssen Metallröhren (Tracheotuben) eingeigt werden, welche behufs reichlichen Eintritts von atmosphärischer Luft einen
ocr page 383
XXVI. Operationen an der Luftröhrt!.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;3C5
grösseren Durchmesser besitzen und bedarf es da/u des Ausschneidens eines Stiiekes Luftröhre an der vordem Wand.
Die Operationsstelle ist bald mehr bald weniger über der Mitte des Kehlrandes vom Halse und stets unter dem Hindernis des Atbmeus, falls dasselbe seinen Sitz in der Luftröhre hätte; ganz selten wird in der untern Traclicalliälfte operiert und ganz oben in der Nfthe des Kehlkopfs nur in solchen Fällen, wobei man in dem Kehlkopf zu thun hat. Krieshaber hat zwar In jüngster Zeit vorgeschlagen, am ersten Luftröhrenring die Operation überhaupt zu machen und nur in dem Zwischengewebe einzugehen, um einesteils die Knorpel selbst nicht zu verletzen, andernteils das Verfahren auf den Gebrauch eines ein­fachen Bistouris zurückzuführen und die spätere Narbe besser verbergen zu können. Indessen reicht diese Beschränkung in sehr vielen Fällen nicht aus oder ist die Wunde hinderlich für den Kehlriemen, abgesehen davon, dass die Mukosa dort oben viel empfindlicher ist, am zweck-niässigsten und auch bequemsten für den Operateur hat sich daher die Gegend des 4. bis G. Luftröhrenringes erwiesen.
Meist wird die Operation, besonders wenn Erstickungsgefahr zu­gegen ist, am stellenden Tiere gemacht, dessen Kopf man in die Höhe iialten und dessen linken Vorderfuss (Seite 27) man aufheben lässt; nur in denjenigen Fällen, in denen die Tracheotomie blos den Vorakt einer andern Operation darstellt, wird das Tier und zwar auf die linke Seite niedergelegt werden müssen.
Ausführung der Operation. Nach dem (durch eine Querfalte gemachten) Schnitt in die Haut und ihren Hautmuskel trifft man auf lockeres Zellengewebe, nach dessen Beseitigung der Brustzungenbein-nnd Brustschildmuskel zum Vorschein kommen; sie anzuschneiden oder in der Mitte zu spalten, ist unnötig, man löst sie vielmehr nur etwas los, um sie dann nach links auf die Seite zu schieben. Hierauf sticht man mit einem starken aber nicht sehr breiten Skalpell quer zwischen 2 Knorpelreife bis in die Lichtung der Trachea, worauf sogleich die Luft mit Heftigkeit aus- und einströmt; nun erweitert man den Schnitt horizontal im Bandgewebe bis auf 3 cm, setzt das Messer in dem einen Wundwinkel mit der Schneide abwärts an und durchschneidet L' Knorpel-reifen. Dasselbe Verfahren wiederholt man am andern Wundwinkel, worauf der viereckige Lappen klappenartig herabhängt; derselbe wird mit der Pinzette oder den Fingern gefasst, und seine Befestigung am untern Zwischenknorpelligament durch einen Querschnitt abgelöst. Die Operation ist somit sehr einfach und hat man nur dafür zu sorgen, dass das abgeschnittene Knorpelstück nicht etwa bei den stets mit Energie erfolgenden Inspirationen in die Luftröhre hinabgleite.
Ist in dieser Weise eine viereckige Öffnung (TlgUl' 232 a) gemacht worden, so legt man eine metallene Bohre, z. B. den gewöhnlichen französischen Tracheotubus von Barthelemy (Figur 286) ein, welche vorne eine Scheibe oder Platte besitzt, damit sie nicht in die Öffnung der Luftröhre fallen kann; sie wird an genannter Scheibe mittels 2 oder 4 Riemen oder Bändern nach dem Nacken zu festgeknüpft, so
^i
ocr page 384
30(1 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
dass sie selbst bei dem Abwärtshalten des Kopfes nicht herausfallen kann (Figur 235). Diese Röhre ist heute noch die einfachste und wohl­feilste, auch in den meisten Fällen dem Zweck entsprechende, wenn der Schild der Rundung des Maises etwas angepasst wird und das
Flg. 232.
Fig. 233.
Flg. 234.
Herausfallen wegen grosser Unruhe des Tieres nicht zu befürchten steht. Dieser ursprüngliche cylindrische und knieförmig abgebogene, von Zink­blech konstruierte Tracheotubus hat im Verlaufe der Zeit viele Ab­änderungen erfahren und war man hauptsächlich bestrebt, einesteils
Fig. 235.
das Einführen und Herausnehmen dadurch zu erleichtern, dass man den Tubus in zwei Teile zerlegte, andernteils das Herausfallen der Röhre, welches bei der auch äusserlich zu sehr in die Augen fallenden und die Tiere verunstaltenden Defestigungsweise mit Riemen und Dändern
ocr page 385
XXVI. Operationen an der Luftröhre.
867
nicht ganz ausgeschlossen ist, unter allen Umständen zu verhindern, da die Tiere nicht ununterbrochen überwacht werden können.
Der Luftröhrentubus von Damoiseau war einer der ersten, welcher den oben genannten Anforderungen entsprach, indem ein Fortsatz des­selben nach oben in der Luftröhre verschiebbar war und letzterer auch den von oben herabfliessenden Schleim nach aussen abtliessen liess, das Herausnehmen war jedoch sehr erschwert und nicht selten machte das Vertrocknen des Schleims das llerabdrücken des beweglichen Fortsatzes unmöglich oder fiel bei einem gewaltsamen Versuche der Lösung derselbe in die Luftröhre hinab.
Fig. 236. Traclieotubus von Barthölemy.
Fig. 237. Tracheotubui von Leblanc.
Diese Damoiseau'sche Röhre wurde später dadurch verbessert, class man, wie Figur 237 zeigt, zwei senkrecht nach auf- und abgehende Fortsätze anbrachte, von denen der untere h eine Stellfalle bildet, die, wenn aussen losgeschraubt, durch die Röhre hindurch nach aussen um­gestülpt werden kann. Das Aus- imd Einführen ist hiedurch wesentlich erleichtert, das Herausfalien aber ganz unmöglich gemacht.
Dieser Erört'nungsmethode der Luftröhre wirft man vor, dass der an 2 oder 8 Knorpelreifen stattgefundene Substanzverlust Anlass geben kann, dass die Wundränder bei und nach der Heilung einschrumpfen, die durchgeschnittenen Ringe sich nach einwärts stülpen und so eine ringförmige Striktur der Luftröhre verursachen, welche nicht ohne er­hebliche Beeinträchtigung des Athmens bestehen kann.
Um diese möglichen Folgen zu vermeiden, hat man vorgeschlagen, keinen der 2 Knorpelreifen ganz zu trennen, sondern von jedem nur
ocr page 386
3G8 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
ein halbmondförmiges Stück auszuschneiden, so dass jo der obere und untere Rand unversehrt bleibt (Figur 234 c), sich daher nicht einbiegen kann.
Brogniez hat hiezu den Bronchotora (Figur 238) erfunden, der zugleich den Hautschnitt dadurch entbehrlich machen kann, dass man mit dem in die volle Hand gefassten Instrument durch die lanzette-förmige Schneide a die gespannte Haut zwischen 2 Ringen in querer Richtung einschneidet und die 4 Finger unter den Hebel c legt. Hierauf lässt man den Kopf des Tieres etwas in die Höhe beben, damit die
—P
Fig. 239.
Tracheotubus von Brogniez,
(1/2 Grosse.)
Fig. 238.
Bronchotom von Brogniez.
(Vs Grosse.)
Tracheairinge mehr auseinanderweichen, drückt dann das Instrument vollends zwischen den beiden Ringen in die Luftröhre ein, wobei jene durch ihre Elastizität in den Zwischenraum hereinfallen, welcher durch den Knopf a und das Mittelstück y (b (7) gebildet wird und dessen oberer Rand2) eine elliptische hohle Zwinge darstellt, die eine nach hinten gerichtete scharfe Schneide besitzt. Drückt man nun den Hebel e stark ZU, so schneidet dieser scharfe Hand der Zwinge ein elliptisches Stück aus den in den Zwischenraum eingeklemmten Knorpelreifen heraus und bleibt dasselbe beim Herausnehmen des Instrumentes in demselben stecken.
ocr page 387
XXVI. Operationen an der Luftröhre.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;309
In die derart gemachte Öffnung gehört ein besonderer Tracheo-tubua, der an seinem hintern Ende (Figur 239 Ä) zwei sich zusannnen-neigende Klappen aa besitzt, die durch tieferes Eindrücken der Köhre amp; auseinanderweichen und*so das Ausfallen verhüten sollen; zur Befestigung dieser Tubusklappen in der ausgespannten Richtung dienen 2 an der Vorderseite angebrachte Schieber c.
Dieser Brogniez'sche Bronchotom ist jetzt aussei' Gebrauch ge­kommen und hat nie seinem Zwecke völlig entsprechen können, obwohl die Heilung in keiner Weise eine Schrumpfung der Trachea nach sich ziehen kann. Die eingezwängte Luftröhrenwand wird stark gequetscht und nur unvollständig besonders in dem zellgewebigen Teile durch­schnitten; auch komplizieren die Klappen den Apparat und machen ihn sogar gefährlich, wenn eine oder die andere ihren Dienst versagt oder gar abbricht.
Gegenwärtig ist man von dem Ausschneiden eines Stückes der Trachealwand ganz abgekommen und zieht die
Spaltung der Luftröhre vor, wie sie schon von Damoiseau 1828 angegeben und später besonders auch von Dieterichs, Hertwig und andern Operateuren geübt und empfohlen worden ist, obwohl auch hiebei nachträgliche Stenosierungen der Luftröhre nicht ganz ausgeschlossen sind; die Spaltung bietet noch den weiteren Vorteil, dass die Wunde, wenn nach fremden Körpern gesucht werden soll, nach oben wie unten in der einfachsten Weise vergrössert werden kann.
Nach dem senkrecht in der Mitte der Vorderseite des Halses durch eine Querfalte gemachten Hautschnitt schiebt man die Muskeln des Zungenbeins und Schildknorpels zur Seite, sticht mit einem starken Skalpell, die Schneide nach unten gerichtet, zwischen 2 Knorpelreifen ein und durchschneidet nach abwärts so viele Luftröhrenringe (8—G), als der zur Tracheotomie verwendete Tubus erforderlich macht, um in den Längsspalt (Figur 2;-!36) eingeführt werden zu können, dessen beide Ränder mit den Fingern man nur auseinander zu halten braucht. Die betreffenden Tuben besitzen jetzt insgesamt entweder eine bewegliche Klappe zum Auf- und Abschieben oder sind sie zerlegbar und haben verschieden gebogene Fortsätze, welche (statt der abgeschafften Riemen und Bänder) jedes Herausfallen unmöglich machen.
Der Luftröhren-Doppelhaken von Seer (1850). Statt eines Tracheotuben oder in Ermanglung eines solchen können auch zum Aus­einanderhalten der Trachealwunde zwei stumpfe, einen 5/8 Kreisbogen beschreibende Wundhaken veiTve^t-^STif^^i^Ae man in das Lumen der Luftröhre eingreifen lässViti^' an dtjs Emh^Jlaquo; ein Band befestigt, das am Kammrand des HalsÄuKir gfjkm'iirf't^zu wiÖUen braucht (Sperr­haken).nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Mgt; # iQ ^/X
Das Verfahren IsthöoMl einfavh, erspart eineulehilfen und kann für Notfälle von jedem Praktiker ein derartigörDoppjijUken, wie er z. B. auch zum Auseinanderhalten der geschwolletien Jöfijenflügel bei dem Typhus des Pferdes verwendet wird, wenn das ^wpungslündernis nur hier seinen Sitz hat, aus entsprechend starkem Dttdit selbst hergestellt
Hering'raquo; dierationilehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;24
ocr page 388
370 Zweite Haupt-Abteilung: Operatioueu, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
werden. Freilich eignet er sich uui' für kurz (lauernde Erstick im gs-gefahr, wie sie am häufigsten bei akuten Hals- und Keidkopi-entzündungen oder durch eingedrungene fremde Körper zu entstehen pflegt; bei kleineren Haustieren kann man ganz zweckmiissig stärkere umgebogene Haarnadeln hiezu benutzen.
In der Menschenheilkunde ist dieser Doppelhaken ebenfalls ein beliebtes Instrument, das jedoch dadurch federnd gemacht wird, dass mau an jedem Haken ein 1—2 cm breites Gummiband anbringt, welches auf der andern Seite des Halses behufs besserer Akkomodation an die Halsdimensionen eine Patentschnalle zum Ivegulieren besitzt. Johne (1883) hat dieses erweiternde Halsband auch auf Tiere tibertragen und nennt es elastischen Doppelhaken. Die Spannung des Gummi­bandes muss stark genug sein, die Teile genügend zur Seite zu ziehen und jeden andern Gehilfen, als den einen zum Halten des Pferdes überattsäiß zu macheu.
i :
i i
Fig. 240. Tracheotubus von Leb laue.
(5/3 Grosse.)
Der Tracheotubus von Leblanc ist einer der ältesten und in der Tierheilkunde vielgebrauchtesten, welcher sich dadurch von dem in Figur 2;i7 abgebildeten vorteilhaft unterscheidet, dass die Röhre selbst in zwei Teile der Länge nach zerlegbar ist, die Fortsätze CC aber ebenfalls in einem rechten Winkel abgebogen sind. Die obere Hälfte greift mittels eines Falzes in die untere Hälfte unbeweglich ein, wozu die beiden Läppchen 6?' wesentlich beitragen und wenn die beiden
ocr page 389
XXVI. Operationen an der Luftröhre.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 371
4|
Hälften In der Luftröhre aneinander gelegt werden, so erhält das Instrument die Form eines T, woher es auch „Tube en Tquot; genannt wird. Der Verschluss erfolgt oben bei a durch einen federnden Ringnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;I
mit Charnier, der geöffnet um beide Röhrenhälften umgelegt (Stellring) und dann bei a an den beiden Leisten durch eine Stellschraube ge­schlossen wird. Die Rohrweitc beträgt 30 mm, die Rührlänge bis zur Biegung 54 nun. Am Ende der Röhre bei a stülpt sich der Rand etwas in Form eines schmirformigen Ringes um, damit der Stellring aussen am Halse sich vom Tubus nicht abstreifen kann.
v...
Ist die Luftröhre gespalten, so legt man zuerst die untere Hälfte der Röhre, mit dem rechtwinkligen Fortsatz voran und nach abwärts gerichtet, in den Wundwinkel ein und schiebt dann die obere (mit dem Fortsatz nach oben) in derselben Weise nach, um alsbald beide Teile durch den Stellring zu schliessen.
Der Vorteil dieses Leblanc'schen Tubus besteht darin, dass der­selbe, weil aus dünnem Neusilberblech oder vernickelt, sehr leicht ist, gut sich ein- und ausführen lässt, seine Reinigung daher keine Schwierig­keiten bereitet und er sich nicht verstopfen kann; ausserdem findet er Anwendung, ob die Luftröhre oberflächlich oder tief gelagert ist, nur müsste man in ersterem Falle, um den leeren Raum zwischen Haut und Stellring auszufüllen und so den Tubus besser zu fixieren, mit Lederringen nachhelfen, was dadurch wegfällt, wenn die Röhre ein Schraubengewinde besitzt und so der aus einem Stück gearbeitete Ring bis zur Haut vorgescliraubt werden kann.
Dass dieser Tracheotubus praktisch sehr brauchbar ist, geht auch daraus hervor, dass er wiederholt erfunden wurde (Urban); doch drängt er bei seiner grossen Lichtweite die Luftröhrenränder zu stark aus­einander, es genügt daher eine solche von nur 15—20 nun und um den Übelstand, den er übrigens mit allen ähnlichen Instrumenten teilt, zu beseitigen, welcher darin besteht, dass die Röhre bei längerem Liegen­lassen von der granulierenden Wunde zu fest umschlossen, gleichsam eingeklemmt wird, hat Johne. (1883) eine Verbesserung dahin an­gebracht, dass er, um die Röhre nicht bei jeder Reinigung entfernen zu müssen, sie ganz liegen lässt und eine zweite Röhre in sie ein­schiebt, welche durch ein kleines oben angebrachtes Flügelhäkchen fest­gehalten wird, sich also leicht ans- und einschieben lässt. Sonach eignen sich die genannten Tubusarten besonders für solche Fälle, in denen sie Wochen und Monate oder Jahre lang liegen bleiben sollen. Die sich dabei immer bildenden Luxuriationen und die nach (i—7 Monaten sich öfters ossifizierenden Knorpelwucherungen werden, sobald es nötig erscheint, kurzweg mit dem Knopfmesser abgetragen. Die Reinigung erfolgt von 8 zu 8 Tagen und wird dem Eigentümer überlassen.
Der Tubus von Chelchovsky (1884) weicht von dem Leblanc'schen System dadurch ab, dass die Röhre nur vorne einen Schild besitzt, gleich-massig weit ist und keine Fortsätze nach auf- und abwärts in die Luft­röhre abgibt; zwar ist die Röhre ebenfalls der Länge nach in zwei gleiche
ocr page 390
mm—i
372 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
Teile zerlegbar, das Verrücken der beiden Hüllten wird aber dadurch verhindert, class vom Rücken des Tubus quer durch die ganze Lichtung hindurch bis zum Boden hinab je vorne und hinten eine Schraube durch­geht, deren Enden, um nicht einzuhaken, oben und unten mit Ilachen Köpfen und Muttern versehen werden. Zu diesem Zwecke ist der Tubus in seiner Wand oben und unten (an der Schraube) bedeutend stärker, zu beiden Seiten aber dünner gehalten, so dass je nach dem stärkeren Anziehen der Schrauben die Wände sich biegen, etwas über einander weg sich verschieben und daher verschieden grossen Tieren angepasst werden können.
Über die Brauchbarkeit dieser Neuerung, welche sich jedenfalls durch Billigkeit auszeichnet, liegen noch keine weiteren Erfahrungen vor. Der Tubus von Peuch (1878), ursprünglich von Yachette und Imlin herrührend, besteht ebenfalls aus zwei Teilen, wovon die eine obere Hälfte den Schild mit dem elliptischen Loch allein trägt und dessen Fortsatz sich halbcylindrisch alsbald nach oben in die Luftröhre aufkrümmt, es braucht daher jetzt nur die zweite kleinere Hälfte mit dem nach abwärts gekrümmten Schnabel in den Tubus eingeschoben und aussen am Schild durch Drehung eines kleinen Riegels festgehalten zu werden.
Dieser aus Messingblech gearbeitete Tracheotubus kam aus Brüssel auch nach Deutschland und hat sich vortrefflich bewährt, so dass er den Dieterichs'schen Tubus (s. unten) vollständig zu verdrängen im
Begriffe steht. Die Öffnung der Röhre
ist jetzt wie bei allen besseren Tuben, nicht mehr kreisrund, sondern ellip­tisch (seitlich abgeflacht) und aufrecht stehend, so dass nur 8—4 Luftröhren-ringe gespalten zu werden brauchen; die Höhe der äussern Öffnung beträgt jezt nur mehr 3 cm, die Breite 2 cm. Seine Teile und Ränder sind durchaus gebogen, die Schleimhäute werden daher, besonders wenn das Instrument ver­nickelt ist, am wenigsten gereizt und so kann dasselbe, wie schon häufig ge­schehen, bei Pferden Jahre lang ge­tragen werden.
Der Tracheotubus vonDieterichs (1844) war lange das zweckmässigste Instrument (Figur 241), da es ein sehr geringes Gewicht hat, leicht heraus­
Fig. 241.
Tracheotubus von Dieterichs.
(Vs Grosse).
genommen werden kann und wegen seiner geringen Breite die Knorpelringe mir wenig auseinander drängt; von letzteren müssen 4—5 gespalten werden. Das Instrument ist 6 cm hoch, 2 cm
ocr page 391
¥*
XXVI. Operationeu an der Luftröhre.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 373
breit und 3,5 cm tief. Der Ausatz oben kommt zuerst in den Wund-vinkel und der untere Ansatz a kann während des Einführens in die Höhe geschoben werden, um nachher als Falle zu dienen und das Herausfallen zu verhindern, was gleichzeitig auch durch Bänder geschehen kann, welche an den Ötfnungen auf beiden Schildern der Vorderseite angebracht werden können.
Soll die Röhre ausgenommen oder gereinigt werden, so hebt man die Falle a mit dem Finger oder einer Sonde bei b in die Höhe und zieht den Tubus im untern Winkel zuerst aus, verfährt also umgekehrt wie bei dem Einbringen. Bei dem Dieterichs'schen Tubus muss man sich hüten, die Luftröhrenspaltung nicht zu gross vorzunehmen; letztere wird nach dem Entbehrlichwerden des Einsatzes nicht genäht, sondern nur die Hautwunde.
Endlich sind noch weitere Tracheotuben von verschiedenen Operateuren, so von Igt;e mi 11 y (Ärophjl), von Prange (Tube ä pingnon), llilmcr (ITaerotrache-otom), Murray (Guttaperchatubus), Degive, Pradal u. a. konstruiert worden, welche indessen eine praktische Bedeutung nicht gewonnen haben.
Üble Folgen. Hieher gehören insbesondere Hautemphyseme, Brand und Luftröhrenverengerungen, welche nicht so sehr selten vorkommen.
Wenn das den Luftröhrenschnitt umgebende Zellgewebe sehr locker ist und die Haut über die tracheale Öffnung herüberreicht, so sammelt sich hie und da die respirierte Luft im Unterhautbindegewebe an und treibt dieses auf, ein so entstandenes Hautemphysem bedarf jedoch keiner weiteren Behandlung, denn es verschwindet mit der vorschreitenden antiseptischen Wundheilung von selbst.
Abszesse können nur bei Vernachlässigung der Wunde zustande kommen und werden leicht chirurgisch beseitigt; dasselbe gilt von einem etwa auftretenden De cubit us der hintern Luftröhrenwand, wie er, wenn auch selten, durch ungeschickte Einführung, besonders des Peuch'schen Instrumentes, seitens des Eigentümers vorkommt.
In manohen Fällen, wie z. B. bei dem Petechialfieber, Anthrax, bei Septikämie u. s. w. Ist eine prononzierte Tendenz zu Gangrän und Phlegmone vorhanden und es kommt alsbald zu einer eigentümlichen Entfärbung der Wundfläche und fötidem Ausfluss. In solchen Fällen bietet schon die primäre Erkrankung wenig Chancen der Heilung, noch weniger die tracheale Spaltung, die gewöhnlich nur als ultima ratio noch ausgeführt wird und mit lOproz. Karbollösung weiter zu behandeln ist; die Hauptberücksichtigung verdient natürlich das Qinindleiden.
Strikturen der Trachea treten meist an der Wunde selbst oder unterhalb derselben auf und verdanken ihre Entstehung teils der Beizung der Metallröhre, teils der Kontraktur der durchschnittenen Knorpelreife, bezw. der Schrumpfung der bindegewebigen und entartenden Ausfüllung des trachealen Substanzverlustes. Dabei ist es selten, dass die Reife sich nach aussen in Form einer vorstehenden Gräte umbiegen und ist dann auch die daraus resultierende Dyspnoe keine so erhebliche, als wenn es zu einer Innern Tracheocele gekommen ist, welche schon zu Erstickung oder bleibender Stenose geführt hat; letzterer Zustand
#9632; *
ocr page 392
374 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
macht eine neue Luftrölirenerötfiunig weiter unten notwendig, ebenso ein pennanentes Tragen eines Tubus, allein häutig wiederholt sich auch jetzt die Verengerung und die Tiere gehen zu ürunde, wenn nicht die Dilatation durch stumpfe Instrumente, quer eingelegte, desinfizierte Korkstöpsel, Zangen mit gebogenen breiten Branchen (Trousseau) u. s. w. zum Ziele führt.
In der Regel bildet sich dabei im submukösen Bindegowebe eine ossifizierende Schichte, welche schwer zu durchschneiden ist; die Schleimhaut degeneriert kailös und verdickt sich immer mehr, wird mit wuchernden Granulationen besetzt und die Lichtung der Luftrühre durch chronische Pericbondritis, papillomatöse Tumoren so verengt und obstruiert, dass kaum ein Finger durchzubringen ist. Die Einführung eines Tubus reizt aufs neue, so dass eine bleibende Hilfe kaum zu erwarten steht. Immerhin versucht man durch Auslöflelung, Exzisionen und Kauterisation der endo-trachealen Wucherungen soviel als möglich nachzuhelfen, oder näht man einzelne Knorpelringo mit Blcidraht zusammen.
Völlige Obstruktion der Metallrölire oder das Herausfallen derselben, wie es des Nachts bei Pferden vorgekommen, können selbstverständlich ein jähes Ersticken des Patienten nach sich ziehen, sind jedoch nur als Folgen der Vernach­lässigung durch den Tierbesitzer anzusehen. Letztere Eventualität ist jetzt bei der vervollkommneten Konstruktion der Tracheotuben wohl nicht mehr möglich.
! nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; XXVII. Operationen am Schlund.
Wenn an der Speiseröhre der Haustiere eine chirurgische Operation notwendig wird, so bandelt es sich in der Ecgel um steckengebliebene Körper verschiedenster Art, sehr selten um eine organische Erkrankung des Schlundes selbst, von denen Verengerungen, Erweiterungen, zuweilen auch Rupturen oder Neubildungen vorkommen, auf welche weiter unten die Rede kommen soll.
Eingedrungene Fremdkörper. Die ziemlich gleichmässige Fütte­rung des Pferdes und die grössere Sorgfalt, welche dieses gegenüber den andern Haustieren dabei zu erfahren pflegt, gibt seltener Veran­lassung zu Manipulationen an genanntem Organ und die Fälle, dass Pferde während des Kauens plötzlich erschrecken und zufolge dessen ein Futter-bissen im Schlünde stecken bleibt, gehören zu den Raritäten; ausserdein kommen hie und da Lähmungen der Speiseröhre vor, wie z. B. im Ge­folge akuter und chronischer Gehirnkrankheiten, es macht jedoch hier das primäre Leiden fast regelmässig jeden operativen Einfluss überflüssig.
Hauptsächlich sind es die Wiederkäuer und von diesen die Rin­der, welche Normwidrigkeiten der Schlundpassage ausgesetzt sind, denn hier kommen die differentesten Futterarten zur Verwendung, wie Wur­zeln, Knollen, Früchte, Gemüserestc und andere Überbleibsel der mensch­lichen Nahrung; ausserdem sind diese Tiere häufig sehr gefrässig, durchaus nicht wählerisch bei der Aufnahme der Futtermittel, fressen hastig und verlassen sich auf die Rumination, so dass selbst auch bei diesem Ge­schäfte öfters Futterbissen „im Halsequot; zurückbehalten werden.
ocr page 393
XXVII. Operationen am Schlund.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;375
Ebenso werden auch ganz ungeniessbare Gegenstände aufgenommen, welche sich entweder zufällig im Futter befinden oder bei der Nasch­haftigkeit dieser Tiere nicht unwillkürlich verschluckt werden, so z. B. Nadeln, Nägel und andere spitzige Eisen, Metallgeräte, Glasscherben, Lederstücke, Holzsplitter, Kippenteile, Knochenstücke, Knorpehnassen in den Kiichenabiallen, Fischgräte u. s. w., auch haben schon Eier, rillen, verschluckte Backzähne, selbst Messer, Gabeln und dergleichen Fremd­körper Veranlassung zur Schlundoperation gegeben, wie denn auch regel-mässiges Futter, z. B. nicht ganz getrocknetes Gras oder Grummet innbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;.*
grossen Bissen nicht selten im Schlünde stecken bleibt.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;v'
Bei den Fleischfressern und Schweinen trägt in ähnlicher Weise wie bei den Wiederkäuern die Gefrässigkeit und Hast bei der Aufnahme von Futter dazu bei, dass die Speiseröhre verstopft wird und sind es meist zu grob gekaute Bissen festweicher Nahrungsmittel oder Knochenteile, welche vermöge ihrer Form unterwegs zum Magen irgendwo sich festkeilen.
Zum Glück ist bei diesen Tieren der Schlund sehr stark gebaut und zugleich viel reizbarer, so dass die Schwierigkeiten der Deglutitionnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Jraquo;.,
oft schon hiedurch allein überwunden werden können, wenn nicht auch Erbrechen hinzutritt; Fälle, in denen die Reizbarkeit bei besonders sensiblen, verzärtelten Individuen soweit geht, dass spastische Kontrak­tionen mit tetanoidenErscheinungen (üsophagismus) eintreten, kommen zwar vor, sind aber ausserordentlich selten und erheischen vor allem Berücksichtigung des Allgemeinzustandes.
Anatomisches. Der Schlund liegt anfangs, da er aus dem Pharynx hervor­geht, bei allen Haustieren in der Medianlinie des Halses und wendet sich erst im untern Drittel nach links {selten nach rechts), wo er die grösste Abweichung nach dieser Seite in der Nähe des ersten Rippenpaares erreicht. Von hier aus tritt er, zwischen Luftröhre und Wirbelsäule eingezwängt, in das Mittelfoll der Brusthöhle ein, verlauft dann fast horizontal und verlässt wieder etwas seine mediale Lage, indem er das mehr nach links gelegene Schlundloch im Zwerchfellpfeiler passiert, um in den linken Sack des Magens zu münden (Figur 242).
In der Kehlrinne des Halses liegt der Schlund hinter der Luftröhre in lockerem Zellgewebe reichlich eingebettet, durch das er hindurchschimmert und sich beim Anfühlen von ähnlichen Muskeln dadurch unterscheidet, dass durch Kompression der Schleimhautstrang über die Finger hinweggleitet. Soll er mittels des Messers erreicht werden, so muss auch der Ilautmuskel und weiter oben der Schultcrzungen-inuskel, der zwischen ihm und der Jugularvene hindurchgeht, durchschnitten worden, im übrigen hält man sich durchweg an den Armwirbelwarzenmuskel, der den Schlund etwas überragt. Die Karotis mit dem Vagus und Sympathikus liegt hinter ihm.
Der Schlund des Pferdes ist ein verhältnismässig sehr enger Kanal und befindet sich im leeren Zustand kein freier Raum in demselben, denn die Schleim­haut ist in zahlreiche dichte Längsfalten gelogt; in seinem Durchmesser bleibt er sich zwar im ganzen Verlaufe (1,20—l,50iTi) gleich, allein die Muskularis wird von der Ilerzbasis an immer dicker und ist am Magen um mehr als das vierfache stärker,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; k m
als an der Ccrvikalportion , was bei den Rumimmtien umgekehrt der Fall ist, d. h. der Schlund mündet trompetenförmig in die Mägen. Die Fleischfresser haben den weitesten und ausdelinbahrsten Ösophagus und Längsmuskelfasern sind hier keine vorhanden.
Diagnose der Fremdkörper. Die grössten Passageschwierigkeiten finden sich unzweifelhaft an der Kurvatur des I. Eippenpaares und bei
ocr page 394
376 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
Pferden in der Brustportion, doch bleiben ungeschickte Bissen sehr häufig schon weit vorher stecken, gar nicht selten schon gleich am Schlundkopf (Figur 242 a), während bei allen Wiederkäuern die Schwierig­keit als überwunden angesehen werden kann, sobald der betreffende Gegenstand das letzte Schlunddrittel erreicht hat.
Die in irgend einer Weise auf dem langen Marsche zum Magen irgendwo angehaltenen Körper wirken nun entweder mehr oder weniger obturierend auf den Schlund selbst ein oder komprimierend auf die Luftwege, ganz besonders aber, wenn sie weit oben stecken und den Zugang zur Glottis behindern oder selbst verlegen; sie können dann iiusserst gefährlich werden und kommen selbst plötzliche Erstickungs-fälle vor.
fr
Fig. 242. a Schlundkopf; b Halsportion des Schlundes; 6' Brustportion.
Die Tiere zeigen dann grosse Angst und Unruhe, strecken Kopf und Hals in auffallender Weise unter Würgen, Becken, Geifern und Aufsperren des Mauls. Binder brüllen nicht selten, liegen nieder, stürzen auch wohl zu Boden, erheben sich wieder und bald treten neue Beschwerden hinzu, welche die Gefahr erhöhen und in gasigen Auftreibungen des Pansens bestehen.
Bei nur partieller Verstopfung treten die angegebenen Symptome nicht so turbulent auf, es besteht aber ebenfalls Gurgeln, Würgen, Auf-stossen oder Vomiturition. Der Bissen oder Fremdkörper kann, wenn er im Bachen oder am Halsteil festgesessen, nicht blos gefühlt, sondern auch gesehen werden und Hunde oder Katzen, auch Schafe und Ziegen greifen in der grössten Unruhe mit den Pfoten und Klauen nach dem
;l
I
1
ocr page 395
XXVIt. Operationen am Schlund.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 377
Halse. Die Schlundgegend schwillt tlort wurstälinlicli an und gehen von diesem Tumor eigentiimliciie, undulatorischc Bewegungen aus, durch welche Flüssigkeiten, welche man für diagnostische Zwecke eingegeben hat, alsbald wieder durch Maul und Nase ausgeworfen werden; stellt sich dabei Hunger ein, so versuchen die Tiere zwar Futter ZU sich zu nehmen, vermögen es aber nicht abzuschlingen, während Getränk häufig noch durchgeht.
Alle diese Zufälle sind natürlich wesentlich abhängig von Umfang, 0rosse, Konsistenz und Gestalt des betreffenden Körpers, sie sind aber
ii..
auch heftiger, je näher der letztere seinen Sitz gegen den Pharynx hat; ausserdem ziehen solche Gegenstände oft Verwundungen des Organs und selbst seiner Nachbarschaft nach sich und geben Trennungen der Kontinuität, wenn sie nicht erreichbar sind, stets Veranlassung zum Töten der Tiere. Aber auch in ihrem sekundären Verhalten sind steckengebliebene Körper gefürchtet, indem sie zu Entzündung, Absze-dierung, Ulceration und Perforation führen oder vor der Striktur eine beträchtliche Schlunderweiterung in Form einer Hernie zuwege bringen, was um so eher geschehen kann, als die Muskelhant gerne einreisst und durch ungemein lockeres Zellgewebe mit der Schleimhaut verbunden , ist, daher wie aus einer Scheide herausgezogen werden kann (Divertikel-bildung).
#9632;
Ist der Gegenstand schon weiter gegen das Zwerchfell vorgerückt, so verrät er sich zwar nach aussen nicht direkt, lässt sich aber wohl aus dem übrigen Symptomenkomplex erschliessen, auch folgt bei den Hindern regelmässig ein völliges Sistieren der llejektion mit Meteoris­mus nach.
,gt;raquo;
Entfernung der Fremdkörper.
Sobald sich bei den Tieren Erscheinungen einstellen, welche das Vorhandensein einer Störung der Schlundpassage als unzweifelhaft er­scheinen, oder auch nur als wahrscheinlich annehmen lassen, so versucht man alsbald die Beseitigung anzustreben und kann dies auf mehrfache Weise geschehen. Man wird entweder
1.nbsp; den fremden Gegenstand aus dem Schlünde in die Rachenhöhle zurückdrängen oder ihn mittels bestimmter Instrumente herausziehen;
2.nbsp; ihn in den Magen hinabstossen oder 8. auf irgend eine quot;Weise zerkleinern (quetschen, /erschlagen,
zerschneiden) und so dessen Weiterrücken und Verschwinden aus dem Schlünde ermöglichen oder man kann ihn 4. durch eine künstlich im Schlünde angelegte Öffnung hervorholen (Schlund- und Kropfschnitt oder Stich).
Die Art und Weise der Hilfeleistung hängt ganz von dorn Sitze und derBe-schaffenheit der Krankheitsursache ab, ebenso von der Dringliclikeit des Falles; letztere liegt nur vor, wenn von selten des Respirationstraktes bedenldicbc Er-
ocr page 396
378 Zweite Haupt-ALteilung: Üperationeu, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar.
sclieinungen ausgehen, in allen andern Fällen wäre ein sofortiges operatives Ein­schreiten sogar verfehlt, indem die praktische Erfahrung lehrt, dass derartige Ver­stopfungen sich durch kürzeres oder längeres Verweilen des betr. Körpers, bezw. die eigene nicht unbedeutende Muskelkraft, von selbst oder durch jene einfache Nachhilfe heben, welche der gesunde Menschenverstand eingibt.
1. Zurückschieben in den Rachen. Am einfachsten gestiritet sich das Vorgehen dann, wenn es möglich ist, den Gegenstand in Be­wegung zu setzen und der kürzeste Weg der in den IMiarynx ist.
Um ersteres zu erreichen, giesst man zunächst Öl oder zerlassenes Fett ein und sucht dann den Körper von aussen her mit den Finger­spitzen vorwärts zu drängen. Zu diesem Behufe schiebt und drückt man mit dem Daumen der rechten Hand, während die Finger der linken Hand entgegenhalten. Durch dieses Drängen und Streifen gelingt die Entfernung häutig, wenn auch nach vielen Mühen und kann dann der Gegenstand schliesslich aus der Maulhöhle, welche verlier durch ein ent­sprechendes Instrument verwahrt wird (Seite 14), in Empfang genommen werden, wozu man eines Gehilfen bedarf. Zu bemerken ist, dass man bei allen Haustieren, das Pferd ausgenommen, mit der Hand ganz wohl bis in den Bachengrund vorgreifen kann, nur wird man sich bei kleineren Exemplaren der Hand eines Kindes bedienen müssen.
Bei Bindern lassen sich weitaus die meisten eingeklemmten Fremd­körper vom obern Halsteil aus manuell in die Maulhöhle drängen, wenn mau nicht versäumt, den Schlund regelrecht dadurch zu ent­spannen, dass der Kopf tüchtig gegen den Boden, d. h. bis an die Vorderkniee abgebogen und nötigenfalls dort festgebunden, nicht aber, wie es häufig geschieht, Kopf und Hals gestreckt wird, was seitens der Tiere nur aus dem Grunde geschieht, weil sie sich dadurch eine Erleichte­rung verschaffen.
Eine zweite Schwierigkeit entsteht bei dem Durchgang des Körpers zwischen den Pfeilern des Gaumensegels und ist diese am einfachsten dadurch zu überwinden, dass man mittels der flachen Hand den Zungen­grund kräftig nach abwärts drängt und die Zungenspitze gegen die Schneidezähne vorwärts treibt, worauf dann der Fremdkörper sofort aus dem Maule fällt.
Genügt die Kraft nicht, welche dadurch ausgeübt wird, dass man, auf der linken Seite stehend und den rechten Arm über den Kammrand des Halses biegend, mit beiden Daumen in der Drosselrinnc nach aufwärts arbeitet, so schlägt Martin vor, den Schlund durch die Einführung einer über einen halben Meter langen Kornzange zu erweitern und gleichzeitig den von aussen festgehaltenen Gegenstand (am niedergeworfenen Tiere) zu fassen. Für die Einklemmung solcher Fremdkörper schlägt Martin die Bezeichnung „Ösophagostasiequot; vor und erwähnt im Lyon. Journ. eines Falles, wobei or mittels der genannten Zange aus dem Schlünde einer Kuh das Armbein eines Kalbes extrahiert habe.
Das Zerdrücken und Zerschlagen ist nur anwendbar, wenn keine grössere Gewalt und kein allzu starkes Quetschen des betroffenen Teils damit verbunden ist, auch kann hiezu das Entgegenhalten eines festen Gegenstandes (auf der amiern Seite des Halses) und selbst ein hölzerner Hammer u. dcrgl. notwendig werden. Die Manipulation sieht zwar roh aus und sind dabei schon Zerreissungen der Karotis oder der
•'
ocr page 397
XXVII. Operationen am Schlund.
879
DrOSSelvene vorgekommen, allein die praktischen Tierärzte sind auf der­artige Hanthierungen angewiesen, indem die hieliir konstruierten Extrak-tionsinstrumente, insbesondere die Zangen sich schwierig oder gar nicht verwenden lassen und deswegen fast noch gar keine Verbreitung gefunden haben. Treten, wie bei Bindern, Schwierigkeiten auf, welche manuell nicht alsbald zu überwinden sind, so verliisst man sich gewöhnlich auf die Mithilfe der Zeit, wartet selbst 2—3 Tage ab und lässt auch solange die unvermeidliche Trokarhiilse liegen, denn die Komplikation der Aufblähung ist häufig das dringendste Symptom und mehr zu fürchten, als die Schlundverstopfung.
Weitere Hilfsmittel hat man noch daran, dass wiederholtes Hervor­holen der Zunge oft schon ein Deplacement des Fremdkörpers bewerk­stelligt oder dass, wenn das Hindernis an der Kurvatur des Brusteingangs gelegen, dem betreffenden Tier auf dem Boden eine durchaus gestreckte Lage des Kopfes und Halses gegeben wird und zwar mit der Richtung nach abwärts.
2. Hinabstossen des Körpers. Hat derselbe die obere Hälfte des
-
Halsteiles überschritten und ist er nicht eingekeilt, wohl aber von glatter Oberfläche und nicht zu fester Kon­sistenz, so fährt man in der Mehrzahl der Fidle am besten, ihn via recta i n den Magen hinabzustossen. Hiezu hat man besondere Instrumente, welche als Scblundstosser oder Schlundröhren (Schlundsonden) be­kannt sind und von denen die letz­teren am gebräuchlichsten sind.
Die Schiuhdstosser sind
früher mehr üblich gewesen und jetzt (mit Recht) fast in Vergessenheit ge­raten. Sie bestellen in einem langen biegsamen und fingersdicken Stab mit eigrossem Kopf aus Bein, Metali oder ist das Ende mit Werg, Lein­wand, Leder, einem Stück Bade­schwamm umgeben.
Beliebter sind die Schlundlaquo; röhren, da sie zugleich als Sonde oder zur Entleerung von Gasen aus dem Bansen dienen können und des­wegen auch bei keinem Praktiker oder grösseren Tierbesitzer vermisst werden. Es gibt zweierlei Arten, die gleich vorteilhaft, aber im Preise sehr verschieden sind.
Fig. 243.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Fig. 144.
Schlundzangc von Delvos.
ocr page 398
380 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die Schlundröhre von Monro (Schlund-katheter, Figur 245) ist eine 1,50m lange biegsame Röhre aus spiralförmig aufge­wundenem Metalldraht, welche aussen mit Kalbleder überzogen ist und auch einen Gummibezug haben kann; beide Enden sind mit einem Knopf von Horn, Bein oder Zinn versehen {A und cc), um nicht verletzen zu können und ein durchgestecktes Fischbein oder spanisches Rohr a, b gibt der Röhre die nötige Resistenz. Das untere Ende c, c ist birnförmig und hat mehrere kleine Öff­nungen zum Eintritt von Luft, wenn sie bei Blähsuchten bis in den I. Magen vorge­schoben wird, zum Hinabstossen fremder Körper ist es aber zweckmässiger, wenn dieses untere Ende etwas trichterförmig (konkav) ist.
o u
13 o
raquo;
I I
SÄ)
CO
sb
Fig. 247. Mundstück zur Schlundsonde.
l
Das Instrument ist in jeder Grosse zu haben, auch für Ziegen, Schafe und Hunde und kostet für Rinder mit Loderbezug 9 Mark, für Schafe und Hunde 6 Mark. Billiger sind die Röhren ohne Leder, sie halten sich aber schlecht und erst die in neuester Zeit (1885) konstruierte
Schlundröhre von Bild (Figur 246) ist dauerhafter, von galvanisiertem Stahldraht gewunden und lackiert. Man rühmt ihr nicht mit Unrecht nach, dass sie sehr solid gearbeitet ist, von den Tieren nicht zer­bissen werden kann und doch Schmiegsam-keit genug besitzt. An beiden Enden ist die Spiralröhre weniger dicht gewunden, um den Gasen besseren Aus- und Eintritt zu ge­statten und das Instrument an beiden Enden
ocr page 399
I
XXVII. Operationeu am Schlund.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;381
verwendbar zu machen; soll es zum Ilinabstossen von fremden Körpern im
Schlünde dienen, so geht das Ende mit der trichterförmigen Erweiterung voran.
Praktische Erfahrungen von grösserem Umfange liegen zur Zeit noch nicht
':
vor. Preis 3,5 Mark für grosse Wiederkäuer, 2 M. für Kälber und Schafe.
Das Einführen der Sclilnndrölireu geschieht in sehr einfacher Weise und wird auch von den Tierhesitzern selbst häufig genug vor-genommen.
Kopf und Hals muss durch Ziehen der Hörner nach hinten in eine gerade Linie gebracht und das Rohr durch die Mitte des Mauls nach dem Rachen geführt werden, von wo es zufolge seiner Geschmeidigkeit ganz von selbst den Weg über den Kehldeckel hinweg nach dem Schlünde findet, wenn nur die Mittellinie des Körpers gut eingehalten wird; vom Schlund aus dringt das Instrument ohne jede Schwierigkeit durch sanftes Schieben oder vielmehr Drehen in den Magen vor und kündigt sich die Ankunft daselbst durch Nachlassen des Widerstands an, auch ist nun­mehr fast die ganze Länge des Rohres eingedrungen. Hierauf wird das spanische Rohr ties Monro'schen Magenkatheters ausgezogen,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; j
worauf die Gase nachdringen, falls das untere Ende nicht durch Futter­teile verlegt wurde, das Entweichen der Pansenluft ist daher nicht immer gesichert, auch nicht, wenn das Tier mit dem Vorderteil so hoch gestellt wird, tlass sich das Rohr mehr dem oben) (die Gase enthalten­den) Inhalte des Magens nähert. Vor der Einführung des Instrumentes ist dasselbe stets mit Öl oder Fett zu bestreichen oder giesst man fettes Öl (200—300 Gramm) voraus.
Behufs Hinabstossens steckengebliebener Bissen wird die Röhre nicht anders eingebracht, doch erleichtert man sicli die Applikation wesentlich, wenn das höl­zerne Mundstück 2} (Figur 247) zuerst eingelegt und mittels des Strickes um die llörner befestigt wird; der mediale Fortsatz rf gibt der Röhre die Direktion und auch jetzt muss der Kopf fixiert und möglichst gestreckt werden.
Ist man mit dem Katheter an dem festsitzenden Fremdkörper an­gekommen, so stosst man zuerst sachte und dann allmählich etwas dreister denselben an, ohne jedoch bei grösserem Widerstände Gewalt zu brauchen, denn die Speiseröhre ist dort oft schon mürbe geworden und kann überhaupt leicht perforiert werden! Der Tod erfolgt dann
meist durch mediastiue Brustfellentzündung.
#9632;
Man wiederholt gewöhnlich die genannten Versuche öfter, lässt sich aber Zeit dazu, denn durch die halb- oder einstündigen Pausen ver­schwinden auch die häufig sich einstellenden, so sehr störenden, krampf­haften Schlundkontraktionen, welche den Gegenstand noch mehr einklemmen. Die Erfahrung hat gelehrt, dass die Entfernung ganz wohl auch 12—24 Stunden und selbst 2—8 Tage dauern kann. Das Mundstück kann ebenfalls längere Zeit (mehrere Stunden) im Maul belassen werden, denn es trägt durch die dabei erzeugten Bewegungen der Zunge und der Schlundkopfmuskeln zur Entleerung der Gase bei.
Bei Pferden steigert sich der Widerstand, je mehr der fremde Gegenstand an der Schhmdinsertion des Magens seinen Sitz hat, während bei den Ruminantien das Gegenteil stattfindet; im übrigen wird es meist schwierig sein, den Rachen des Pferdes zu erreichen, die gewöhnliche
ocr page 400
382 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestinunten Teilen ausführbar.
Hilfe bei diesen Tieren besteht daher, nachdem die Einführung der Sonde durch die Nasenhöhle sich nicht bewährt hat, in der blutigen Eröffnung der Speiseröhre, welche bei Rindern fast niemals nötig wird. Vogel sah sich in 30 Jahren niemals in die Notwendigkeit versetzt, die OsophagOtomie bei diesen Tieren vorzunehmen.
In Ermangelung einer Schlundrölue kann man bei dringender Not auch einen biegsamen Stock, z.B. ein langes spanisches Bohr, eine Hasclruthe, Weiden­gertc, ein starkes, festgedrehtes Seil von der Dicke eines Fingers, das vorher in kaltes Wasser eingetaucht wurde, venvomlen, es sind jedoch diese Surrogate, nament­lich wenn die Spitze nicht gut durch einen weichen Knopf verwahrt worden, in den Händen der Eigentümer und ihrer Knechte ein gefährliches Zeug, desgleichen auch bei Hunden, wo ein Fisclibeinstab die Stelle des Magenkatheters vertreten kann.
AVeniger feste Gegenstände, wie gekochte Kartoffeln, Rübenstücke, Eier, Pillen u. dergl. weichen gerne, bei mehr festen kommt man dagegen mit den ge­nannten Ersatzinstrumenten nicht immer aus und hat sich auch das von Bonnet konstruierte Werkzeug, das einem Nussknacker ganz ähnlich ist, nicht als brauch­bar erwiesen. Wiederholt muss darauf hingewiesen werden, dass es in solchen Fällen, wenn man es also nicht etwa mit Knochenstücken zu thun hat, zweckmässiger ist, das Weitere dem spontanen Erweicluingsprozesse, wie er durch die Wärme, das schleimige Sekret des Schlundes oder durch entsprechende Eingüsse eingeleitet wird, zu überlassen und dann erst künstlich nachzuhelfen. Das Eingiessen von Salzsäure oder Papayotin, Pepsinlösungen u. dergl. kann ebenfalls versucht werden.
8. Extraktion mittels Instrumenten. Gelingt in der vorge­nannten Weise die Entfernung nicht, hat sich der Körper eingeschnürt, ist er in die Schleimhaut eingedrungen oder hat er seinen Sitz in der Thorakalportlon, so bleibt aussei* dem Schlundschnitte kaum etwas anders übrig, als denselben mit Instrumenten zu fassen und gegen den Rachen herauszuziehen.
Den Schlundhaken kann mau sich nötigenfalls selbst dadurch improvisieren, dass man einen starken doppelten Eisendraht in einen spitzen Winkel umbiegt, es wird jedoch immerhin seine Schwierigkeit haben, in dem engen Räume den Gegenstand zu fassen, die Haken sind daher meist unbrauchbar.
Die Schhindzangen sind eher geeignet, mittels der Branchen den Fremdkörper von der Seite her zu packen, der Klappenapparat ver­sagt aber gerne und ist komplizierter Art, so dass auch diese Instru­mente In praxi kaum Eingang gefunden haben.
Die Schlundzange von Delvos (Figur 243) ist besonders von Ilertwig empfohlen worden und besteht in einem 1,5m langen Bohr, das 2 löffelartige be­wegliche Arme (Figur 244) hat, die durch eine Schraube im Innern der Bohre anseinandergesperrt werden können und zum Fassen bestimmt sind. Die Applika­tion geschieht bei Rindern durch das Maul, bei Pferden durch den Schlundschnitt. Solche Zangen eignen sich nur, wenn der Schlund durch unregelmässig gestaltete Körper nicht völlig verstopft ist, wie z. B, bei Knochenstücken.
Coculet beschreibt ebenfalls eine Zange, deren Maul sich durch einen Druck öffnet und mit einer Sclinnr wieder geschlossen werden kann; ein ähnlich konstru­iertes und kompliziertes Instrument hat auch Stockfleth abgebildet, das ebenfalls sich nicht einbürgern konnte.
Wegerers Schlundzangen, wie sie im Kepertorium der Tierheilkunde (Rand XVIII, S. 309) abgebildet sind, qualifizieren sich für manche Fälle besser, sind auch vielfach im Gebrauch und zwar in Form der Schlundzange, des Schhmd-bobrers und des Schlundmcssers.
ocr page 401
XXVII. Operationen am Schlund.
383
it #9632;
Die Schlundzange ähnelt der der Figur 244 am meisten, ist aber in einer hölzernen Hülse verborgen, aus welcher die beiden Branchen durch einen hesondern Draht hervorgezogen werden können; ebenso ist in einer solchen ein Bohrer an­gebracht, sowie ein kreisförmig schneidendes Messer zum Zorschnitzeln von Äpfeln, Kartoffeln, Rüben u, s. w.
Die 8 Instrumente (1,5 in lang) zeichnen sich durch grosse Ein­fachheit und Billigkeit aus, sowie auch dadurch, dass trotz der scharfen Waffen, welche sie enthalten, absolut keine Verletzung des Schlundes angerichtet werden kann, denn sowohl Zange, als Bohrer und Messer können beliebig aus- und eingezogen werden und sind von der den Schlund erweiternden, breiteren Hülse überragt. Sie kosten zusammen 20 Mark.
Bei den Fleischfressern und Schweinen wiederholen sich im ganzen dieselben Manipulationen, wie sie oben für die grossen Haustiere
beschrieben worden sind; auch hier sucht man
m
den Gegenstand vor allem mit den Händen zu entfernen, zunächst gegen die Wirbelsäule zu pressen und dort zu massieren, d. h. durch Kneten und Walken in eine Form zu bringen, die ihn zum Verschlucken oder Herausziehen geeigneter macht.
Letzteres wird am meisten durch lange Kornzangen, rolvpenzangen oder besser durch die a m e rik a n i s c h e S ch 1 un dz ang e (Fig. 240) ermöglicht, die man unter Leitung des linken Zeigefingers einführt und welche alle andern Instrumente an Brauchbarkeit übertrifft. Wenn es auch nicht gelingt, den Fremdkörper sofort auszuziehen, so kann es doch bei wiederholtem Anfassen möglich werden, Stücke desselben wenigstens abzureissen, so dass er schliesslich doch mobil gemacht werden kann; lässt sich der Körper trotz aller Versuche nicht extra­hieren, so bleibt auch jetzt nichts übrig, als
I
il
.nl
Ihn In irgend einer Weise, am besten durch
Fig. 248.
Schlund-
korb
für
Fig. 249.
Amerikanische
Schlundzange
Huiulo.
eine Schlundröhre oder den in Figur 248 abgebildeten Schlundstösser (unteres Ende) In den Magen zu drängen. Von Schlumlröhren
für Hunde sind sowold die von Monro als von Bild überall zu haben,
Bei
den genannten Tieren hat man es häufig mit Knochenstücken
zu thun, welche eine arge Beunruhigung erzeugen, so dass selbst Krämpfe und allgemeine Konvulsionen reflektorisch hervorgerufen werden: da das Hinabstossen häufig gefährlich ist, muss auch öfters hei Hunden zur Osophagotomie geschritten werden, namentlich wenn durch die verletzen­den Spitzen und scharfen Kanten schon Dekubitus der Speiseröhre, diffuse Eiterung oder Jauchung eingetreten ist.
Andere kleinere Gegenstände, wie Knochensplitter, Knorpelreife
ocr page 402
384 Zweite llaujit-Abteilung: Operationen, nur an bestimniten Teilen ausführbar.
einer verschluckten Luftröhre, Knüpfe, appoi'tierte Münzen u. s. w. können auch durch das Instrument, Figur 248, geholt werden, das an seinem obem Ende einen aus Rosshaaren gefügten Korb trägt, welcher in seinen Zwischenräumen derartige Gegenstände, namentlich auch Fisch­gräte aufnimmt und entfernt.
In andern Fällen sind auch Brechmittel dazu angethan, fremde Körper nach aufwärts zu befördern, ganz besonders wenn der Magen angefüllt war und dadurch die Stärke der Brechbewegungen verdoppelt wird; ist letzteres nicht der Fall und gehen noch flüssige Steile durch, was meist der Fall, wenn nicht durch festweiche Gegenstände, z. B. grosse Fleischstücke die ganze Lichtung des Schlundes ausgestopft ist, so überantwortet man am zweckmässigsten dem Magen eine ent­sprechende Quantität eines schleimigen Dekoktes und gibt dann eine subkutane Apomorphindose. Die wiederholt nach aufwärts getriebene, stossweise wirkende Flüssigkeitssäulo ist häufig völlig hinreichend, den Fremdkörper zu lockern, selbst wenn er eingespiesst ist, denn derselbe wird jetzt in einer dem Eindringen in den Schlund entgegengesetzten Richtung in Bewegung gesetzt und ausgetrieben. Ebenso können mit den kleineren Haustieron Bewegungen dos ganzen Körpers (auf einem Tische) ausgeführt werden, wodurch der Schlund Lageverändernngen erfährt, welche der Beseitigung des Fremdkörpers sehr förderlich sein können.
Der Schlundschnitt, (üsophagotomia.)
Die künstliche Eröffnung des Ösophagus mittels des Bistouris er­möglicht oft einzig die Entfernung des steckengebliebenen Körpers; auch wenn nicht unmittelbar auf diesen eingeschnitten werden kann, so gelingt es doch, demselben näher zu kommen und ihn mit den gewöhnlichen Instrumenten zu erreichen.
Man hat wohl auch für andere Zwecke die nicht besondere Schwierig­keiten bietende Schlundoperation ausgeführt, so namentlich, um die Auf­nahme von Nahrungsmitteln oder Arzneien zu ermöglichen (bei Gehirn­apoplexien, Starrkrampf u. s. w.), allein mit wenig Erfolg und geschieht gegenwärtig diese Applikation auf andern Wegen, dagegen kann die Operation auch unternommen werden müssen, um eine narbige Striktur, die allen Dilatationsversuchen trotzt, durch Spaltung wegsam zu machen.
Die Operationsstelle ist entweder der leere Schlund in der Mitte oder untern Hälfte des Halses oder die in der Drosselrinne fühlbare Geschwulst, auf deren Höhe unmittelbar eingeschnitten wird, nachdem die Haare abgeschoren sind und die Jugularis externa nach vorwärts gegen den Kehlrand des Halses geschoben wurde. Der Längsschnitt geschieht auch durch den Halshautmuskel und erstreckt sich ausserdem noch auf die vorderste Partie des Avmwirbelwarzenmuskels.
Nun geht man in dem lockern Zellgewebe hinter dem letztgenannten [Muskel (am besten mit dem Finger oder einem stumpfen Instrument) direkt auf die Speiseröhre los, welche sich durch ihre lichtrosarote Farbe kennzeichnet, während die gefährliche Nachbarschaft der Karotis sich durch die gelbe Farbe und Pulsation bemerklich macht. Der Einschnitt
ocr page 403
XXVII. Operationen am Schlund.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;385
in den Schlund selbst geschieht dann entweder von aussen nach innen, oder es wird nur eine Incision vorgenommen, hierauf ein Knopfbistouri eingeführt und der Schlund von innen nach aussen gespalten. Für lange Gegenstände braucht das Loch nicht viel weiter zu sein, als die Dicke des betreffenden Gegenstandes beträgt, während bei spitzigen oder feststeckenden Körpern die Öffnung so gemacht werden muss, dass man mit einem geeigneten Instrument eingeben kann.
Nach der Elimination muss die desinfizierte Wunde durch Seide so vernäht werden, dass sie nirgends klafft und sich namentlich keine Tasche zwischen den Schlundhäuten bildet, es muss daher stets auch die Schleimhaut mit in die Knopfnaht hereingenommen werden. In derselben Weise wird auch die Hautwunde durch Ligaturen geschlossen.
Bei der Nachbehandlung ist os wesentlich zu vermeiden, dass die Sclilund-wunde fortwährend durch das vorheiimssierende Futter und Getränke verunreinigt werde, es ist daher verfehlt, dein Tiere nur weiches Futter oder gar Mehltränke zu reichen, man lässt vielmehr 1—2 Tage gar keine Nahrung gemessen, sondern nur reines Wasser trinken und giht später blos zartes Heu, dessen Bissen am meisten die nötige Kohärenz besitzen. Hunde füttert man einige Tage mit klarer Douillon und gibt nachher rohes Fleisch in schluckgerechten Stücken. Im übrigen kann von einer strengen Antisepse hier koine Kode sein, es muss daher der Fort­gang der Eiterung überwacht werden.
Wird die Operation wegen einer Schlunderweiterung unter­nommen, so wird auf der Höhe des Divertikels eingeschnitten und müssen die Schlundränder in der Art einander genähert werden, dass die diktierte Stelle durch das Nähen möglichst beseitigt wird. Soll eine Schlundstriktur beseitigt werden, so öffnet man nur oberhalb derselben, dringt mit einer Hohlsonde ein, spaltet die stonosierte Stelle und exzidiert eventuell den Kallus ganz oder teilweise. Die Operation besteht hier eigentlich in der Bildung einer Schlundtistel und könnte als Ösophagostomie bezeichnet werden.
Sackartige Erweiterungen des Schlundes (Schlundbrüche) kommen häufiger bei Pferden und Hunden vor, als bei Rindern, sind meist leicht zu erkennen, denn sie werden.oft enorm gross; in andern Fällen sind sie schwierig zu cruipren, sitzen dann aber gewöhnlich dicht vor dem Zwerchfell und erregen selbst hei Pferden Brechreiz. Sie entstehen, wie es scheint, vornehmlich durch kleine Risse der Mus-kularis, in welche sich eine Schleimhautpartie eindrängt, die durch Ausfüllen mit Futtermasse dann allmählich sich beutelartig ausstülpt. Ein häufiges Symptom des Leidens ist auch eine nicht unerhebliche Atmungsbeschwerdc, wenn ein gleichzeitiger Druck auf die Trachea stattfindet.
Die Stenosen des Schlundes sind meist noch schlimmer und zeichnen sich fast nur durch anhaltende Dysphagic aus und unmittelbar nach dem Schlingen ein­tretendes Würgen und Erbrechen. Sie verdanken ihre Entstehung bei den Tieren gewöhnlich einem Druck von Neubildungen (Melanomen bei Schimmeln), entarteten Lymphdrüsen, EnOOhenauftreibungen an den Halswirbeln (bei Hindern beobachtet), selten originären Hypertrophien der Muskelhaut. Häufig ist die Operation das ein­zige Mittel, um bei den beiden genannten Zuständen der allmähliclien Abmagerung und Entkräftung zuvorzukommen, denn die Versuche, durch fortgesetzte Erweiterung der verengten Stelle mit Hilfe von stumpfen Instrumenten, zeitweises Einlegen kurzer Katheter, Korkstöpsel u. dergl. Heilung zu erzielen, bleiben meist erfolglos, wie nicht selten die Operation auch. Velpean bat biefür besondere Stäbe ange­geben, welche an ihrem Ende in Absätzen mehrere verschieden grosse, eiförmige Kugeln von Bein besitzen.
Ilering's Operntionslplire. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 25
':
ocr page 404
38G Zweite Hauiit-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Schlundwiuulcn und Schlundfisteln, welch letztere Muflg aus Schlundrupturen hervorgehen, werden in keiner andern Weise behandelt und genäht, wie die Verwundungen anderer Organe, ihre Heilung bietet ebenfalls Schwierigkeiten besonders dadurch, dass die Wundtläche fortwährend durch Futterteile verunreinigt wird.
Subkutane Ösophagotomie. Wenn das Zerdrücken des Fremd­körpers oder Hinabstossen nicht angängig ist und die Geschwulst am Halse stark hervorgedrängt wird, so braucht nicht immer der Schlund durch eine offene Hautwunde blosgelegt zu werden, sondern es reicht zuweilen das direkte Eingehen mittels des Spitzbistouris bis in den Schlund aus, worauf man mit einem Knopfmesser den fremden Körper nach verschiedenen Richtungen durchschneidet und nur zu verhüten hat, dass nicht auch die Schlundwand verletzt wird. Nachher räumt man den Schlund aus, drückt die einzelnen Teile mit den Fingern auseinander oder sucht sie teils nach dem Maule, teils nach dem Magen weiter zu expedieren. Lafosse war der erste, welcher den offenen Schlundschnitt auf diese einfache Inzision reduziert hat.
Punktion des Schlundes. Bei Verstopfung der Speiseröhre kann man sich unter Umständen statt des Schnittes auch mit der Trokarierung begnügen, nachdem man den Schlund biosgelegt hatte. Lagarde und Martin schlagen vor, hierauf Wasser in die kleine Öffnung zu injizieren und das erweichte Futterkonglomerat mittels einer ein­geführten starken Sonde weiter zu schieben, wozu nur Zeit und Geduld gehört und können durch das angegebene Verfahren selbst auch feste und eingekeilte Körper gelockert und so nach oben oder unten fort-geschoben werden, wenn man sich die Sonde für den gegebenen Fall besonders zurichtet. Sowohl die subkutane Operation als auch die Trokarierung des Schlundes sind bis jetzt nur selten praktisch an­gewendet worden.
Das Einführen einer elastischen Röhre, um die Tiere un­mittelbar nach dem Schlundschnitte zu ernähren und so jede Verun­reinigung der Operationswunde hintanzuhalten, ist ebenfalls bei Pferden und Hunden versucht worden und nicht ohne Erfolg.
Der Schnitt auf den leeren Schlund wird immer da gemacht, wo derselbe sich schon stark nach links gewendet hat, also in der untern Hälfte, etwa eine Handbreit über der Dugspitze. Dabei ist zu beachten, dass der Schlund der Seiten-ästebon der Karotis und Jugularis wegen mit dem Finger aufgesucht werden soll, um ihn dann in die äussere Wunde hereinzuziehen, weshalb diese gross genug (10—12 cm) zu machen ist; unter den Schlund wird hierauf eine Sonde durchgelegt und da die Schleimhaut bei der Inzision vor dem Messer zurückweicht und gewöhn* Höh bei dem ersten Schnitt nicht durchgetrennt zu werden püegt, wölbt sie sich in die Wunde vor und wird dann am besten mit der Pinzette gefasst, um durch eine Scliere,eingeschnitten zu werden.
Der Kropfschnitt. Die Ösophagotomie beim Geflügel wird nicht selten notwendig, wenn sicli zu grosse Mengen trockenen Futters (Körner, Mais, Erbsen mit Sand, Steinchen u. s. w.) im Kröpfe anhäufen, eine Stagnation entsteht und (lurch die Unmöglichkeit des Vorrückens in den weitem Teil des Schlundes und den Vormagen eine faulige Zer-
ocr page 405
XXVIII, Operationen am Nackenband.
387
Setzung erfolj
t, welche alle Charaktere einer gefährlichen Indigestion
an sich trägt.
Der Kropf ist dabei stark ausgedehnt und prominiert in auffallender Weise; auch fühlt er sich derb an (harter Kropf) und aus der Schnabelötfnung und den Nasenlochern ergiesst sich eine schinutziggraue, saure und übelriechende Flüssigkeit. Durst und Appetit ist vollständig verschwunden und wenn nicht bald eingeschritten wird, erfolgt Abmagerung, Kollaps und Tod. Der harte Kropf entsteht manchmal aber auch durch eine Aufstauung verschluckter Fremdkörper, wie Nadeln, Nägel, Drahtstücko, grössere Steine, Knochen, Fischgräte etc., welche zuweilen mit der Spitze die Kropfwand verletzen und selbst die äussere Haut durchbohren.
In solchen Fällen, wie sie hei allem Hausgeflügel vorkommen, am seltensten jedoch bei Enten, versucht man erst durch mechanische Mittel, namentlich sanftes Drücken bei gehobenem Kopfe den Inhalt weiter in den Schlund überzuleiten und gegen die Unverdanlichkeit durch peptische Mittel (insbesondere Salzsäure) anzukämpfen: gelingt es nicht, auf diese Weise eine Besserung zu erzielen, so bleibt nur die Operation übrig, welche bei vorhandenen Fremdkörpern, die ohnedies keiner Massage zugänglich sind, unvermeidlich ist.
Operation. Man schert auf der Höhe des oft enorm ange­schwollenen Kropfes in der Ausdehnung von 3—4 cm die Federn ab, schneidet die in eine Querfalte gelegte Haut des auf den Rücken ge­legten und nötigenfalls gebundenen Tieres (Seite 63) oben auf den Tumor ein und verlängert den Längsschnitt bis etwas über die Mitte herab, um dann auch die Kropfwand selbst zu trennen und den jetzt sichtbar gewordenen Hohlraum zu entleeren; die fremden, namentlich in das Gewebe eingedrungenen Körper werden mit der Pinzette vor­sichtig ausgezogen und dann die Reinigung durch für die Schleimhäute geeignete Desinfektionsmittel (die offizinelle Aqua salicylisata) vorge­nommen. Nachher werden zuerst die Häute des Schlundes, wie schon oben bei der Ösophagotomie angegeben wurde, dicht mit Seide und einer möglichst feinen Wundnadel vernäht und zuletzt noch einige Hefte auch au die Kutis angelegt.
Diätetisch wird in der Art verfahren, dass am ersten Tage nur reines Trinkwasser und dann bis zur Heilung, welche eine Woche in Anspruch nimmt, ausschliesslich Weichfutter vorgesetzt. Der Kropf­schnitt wurde bis jetzt hauptsächlich bei Hühnern und Gänsen mit gutem Erfolg gemacht, soll aber nach Zürn bei den Tauben regelmässig tötliche Folgen nach sich ziehen.
XXVIII Operationen am Nackenband.
Auf einer, selten auf beiden Seiten des Genickes kommen (jedoch nur beim Pferde) entzündliche G e s c h w ü 1 s t e mit vorwiegender Tendenz zum Eitern vor, welche meist aus einer mechanischen Ursache (Quetschung, Zerrung der dortigen Muskeln und des Nackenbandes)
ocr page 406
388 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
hervorgehen, sein- bedenklich werden können und daher öfters zu Operationen Anlass geben.
Genickbeule. Im Anfang besteht die Geschwulst, welche ge­wöhnlich an dem obersten Teile des Kammrandes vom Halse (auf der Höhe des Atlas) ihren Sitz hat, aus einer Beule, welche durch Kxsn-dation in die dort befindlichen Gewebe, namentlich auch in die hier gelegenen oder durch Druck sich erst gebildeten Schlcimbeutel) verdich­tetes Bindegewebe mit Endothel der Innenfläche) schmerzhaft wird und sich vermehrt, warm anfühlen lässt; das Tier scheut sich dann, den Kopf aufzurichten, hält denselben in eigentümlicher Weise steif, ge­wöhnlich auch samt dem Hals schief und fiebert nicht selten, ehe der Ausgang in Eiterung eingetreten ist. Die oft aus ganz unbekannter Ursache und plötzlich über Nacht entstehende Beule ist gleich anfangs deutlich umschrieben, länglich rund (Maulwurfsgeschwulst), nicht be­sonders heiss, aber elastisch gespannt und stellt sich dann bald eine ausgesprochene Fluktuation ein, sobald die purulente Schmelzung der betroffenen Gewebe weiter vorschreitet, was schon nach 5—8 Tagen zu geschehen pflegt.
Um diese Zeit, solange also die Entzündung und Eiterung noch ganz frisch sind und noch keine Zerstörung und anderes Unheil in der Tiefe angerichtet wurde, bietet die Genickbeule noch Chancen einer raschen Heilung, später jedoch zieht sich diese sehr in die Länge und ist mit grossen Schwierigkeiten verbunden.
Punktion der Beule. Im Anfange wird energisch gekühlt und darf man unter keinen Umständen eine Ansammlung von flüssigen Ent­zündungsprodukten aufkommen lassen, mau führt daher bei dem ersten Auftauchen weicherer Stellen alsbald da und dort Funktionen mittels eines feinen Trokars aus oder benützt man den Aspirateur (Seite 98), welcher bis in die Tiefe des noch gesunden Gewebes unbedenklich ein­gestochen werden darf; ebenso kann man von der Pravaz'scben Spritze Gebrauch machen, durch deren Hohlnadel die exsudierte Flüssigkeit angesaugt wird und zwar so oft als nötig ist. Hierauf folgt die Ein­reibung einer kräftigen Kantharidensalbe, welche allenfalls zu wieder­holen ist und zur rechten Zeit appliziert von vorzüglichem Effekte begleitet sein wird.
Genick- oder Nackenfistel. Ist die Flüssigkeitsbeule schon weiter gediehen und bemerkt mau statt der Zerteilung ein stärkeres Vorwölben mit deutlicher Fluktuation, was übrigens in ganz unbestimmter Zeit, oft erst in 3—4 Wochen geschieht, so ist aus der Genickbeule eine Nackeufistel geworden, wodurch sich auf der einen oder andern Seite des Kammrandes ein mehr oder weniger grosser Hohlraum aus­bildet, in welchen verschiedene fistulöse Gänge münden, durch welche das Gewebe zwischen dem Nackenbandstrang und der oberu Fläche des 1. bis 8. Halswirbels ulcerös zerstört wird; damit ist eine ziemlich reichliche Absomleruug von Eiter verbunden, welch letzterer oft eine eigentümliche, mehr schleimige Beschaffenheit hat und dessen Folgen recht gefährlicher Art sein können.
ocr page 407
XXVIII. Operationen am Nackcuband.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;389
Die Fisteln erstrecken sich nach verschiedener Biohtung, nament­lich auch bis auf die iir der Tiefe der plattenförmlgen Fortsätze des Nackenbandes liegenden Sohlelmbeutel, wo sie die Qelenkflächen des I. und II. Halswirbels und diese selbst bedrohen oder weiter oben irgendwo nach aussen durchbrechen und auch das Gewebe des Nacken­bandes selbst in den Oesciiwürsprozess hereinziehen; in dem Ligamente beginnt dann der molekulare Zerfall in der Art, dass es in den iiussersten zellgewebigen Schichten stark aufgelockert wird, eine grauliciigriine Färbung annimmt und abzublättern beginnt, bis im weiteren Verlaufe geschwürige Fetzen herabhängen und die Nekrotisierung immer weitere Fortschritte macht.
Derartige Nackenfisteln gehören zu den hartnäckigsten Übeln, wenn sie nicht frühzeitig genug eine korrekte chirurgische Behandlung er­fahren, denn der exuleerative Vorgang schreitet unaufhaltsam vorwärts, da er durch die Erkrankung des Nackenbandes und das fortwährende Abstossen nekrotischer Gewebstelle unterhalten wird und der Strang selbst bei jeder Bewegung des Halses und Kopfes unausgesetzt die Geschwürsfläche reizt und reibt und so als fremder Körper wirkt, der keine Verheihmg im Grunde des Hohlraumes aufkommen lässt. Die conditlo sine qua non der Beseitigung schwerer Gefahren liegt in solchen Fällen stets in der Eröffnung des Geschwürs, Zerstörung alles kranken Gewebes, in der Ableitung der Sekrete und der Operation des die Heilung absolut verhindernden Nackenbandes.
Incision der Beule. Vor allem muss, auch wenn da oder dort ein spontaner Durchbruch erfolgt wäre, die Genickfistel in eine offene Wundfläche umgewandelt werden.
Zu diesem Belmfe macht man nach dem Abscheren der Haare und Mähne im ganzen Umfang der Beule zur Seite des Kammrandes eine entsprechend lange Inzision durch die Haut, um so das ganze Hohlgeschwüre frei zu legen. Dieser Einschnitt darf herzhaft aus­geführt werden und ohne Rücksicht auf etwa eintretende Blutungen, welche hier von keiner Bedeutung sein können, auch muss darauf auf­merksam gemacht werden, dass ohne gleichzeitiges Einschneiden auch der Fistelgänge, die zwar mit der Sonde nicht immer ganz erreicht werden können, die Heilung keineswegs gelingt, man braucht daher ein langes und dabei schmales Fistelmesser, von dem ausgiebiger Gebrauch ge­macht werden muss.
Nach sorgfältiger Entleerung der Exkavation schreitet mau am besten zu anhaltenden Irrigationen mit stark desinfizierenden Flüssig­keiten, wozu die Chlorkalkmilch oder eine lOproz. Zinkchloridlösung sich vorzüglich eignen und richtet dann das Bestreben dahin, nicht blos eine gutartige, sondern auch rasche Granulation einzuleiten, was mit Terpentin, Terpentinöl oder Kampherschleim zu erreichen ist.
Sollte nichtsdestoweniger, wie es bei der ausgesprochenen Torpidie des Geschwürs zu geschehen pflegt, die Eiterung durch fortwährenden Zerfall des Granulationsgewebes trotzig andauern, so empfiehlt sich besonders eine konzentrierte Lösung von Kupfervitriol in Kreosotwasser
m
ocr page 408
390 Zweite Haiiiit-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
oder von Kaliumbichi'oinat zu 5 Prozent in Wasser, -wie auch jetzt der bei Knochen- und Bandgeschwttren längst tierärztlich bewährte Liquor Villati am rechten Platze ist; da jedoch die Wundheilung durch die anhaltende IHirchsal'tung und Versenkung der Sekrete augenscheinlich hintertrieben wird und sich unmöglich feste gesunde Fleischwärzchen bilden können, um namentlich die engen Kanäle auszufüllen, so muss eine sachgemiissc Drainage eingeleitet und einige Zeit unterhalten werden (Seite 110), worauf man sich auf eine Tamponade mit Salicyl-wolle oder einfacher (feuchter) Jute bis zur Narbung beschränken kann.
Bei der sich immer #9632;wiedorliolenden und reichlich vor sich gehenden Ab-stossung der jauchig erweichten Zellgewobsmassen und der rasch erfolgenden Maceration der Muskelfasern an den Wänden des Geschwürs erzielt man eine möglichst rasche und gründliche Wundreinigung hauptsächlich auch durch den scharfen Löffel, dessen zeitweise Anwendung regelmässig von einer auilallend günstigen Umstimmung der ulcerösen und bald auch schwielig werdenden Fläche gefolgt wird, namentlich •weichen dann auch jene der Heilung hartnäckig wider­stehenden Stellen, welche sich durch die fortwährende Eeibung seitens des Nacken­bandes abgeglättet haben. Desgleichen ist das genannte Instrument nicht zu entbehren, um behufs der Vcrheilung etwa rauh gewordene Stellen an den Hals­wirbeln abzutragen. Aus all dem geht hervor, wie sehr es notwendig ist, das Messer nicht zu schonen, um auch dem Auge Einblick nach allen beiten des Hohl­raums zu gestatten.
Die Operation der Nackenbandflsteln beschränkt sich nicht blos auf Punktion und Inzision der Beule, sondern erstreckt sich in allen vorgeschrittenen Fällen auch auf das Nackenband selbst und besteht darin, dass dasselbe entweder durchgeschnitten wird oder der kranke Teil operativ entfernt werden muss.
Durchschneidung des Nackenbandes. Wie schon erwähnt, ist die Heilung bereits ausgebildeter Genicktisteln nicht zu erreichen, wenn nicht die hauptsächlichste Ursache der andauernden Verschwärung ent­fernt und das Nackenband dadurch unschädlich gemacht wird, dass einesteils seine Spannung und Reibung aufgehoben, anderntells dem fortwährenden Exfoliieren und Nekrotisieren ein Ende gemacht wird, die Operation des Nackenbandschnittes muss daher unter den an­gegebenen Umständen immer die erste Sorge des Chirurgen sein.
Sie kann unter den bekannten Kautelcn bei ruhigen Pferden ganz wohl stehend (bei herabgezogenem Kopfe) gemacht werden, auch nimmt sowohl die Perzision als Resektion des Nackenbandes keinen grossen Zeitaufwand in Anspruch und von Schmerz kann dabei keine Rede
sein,
dagegen erscheint es geratener, bei nicht zuverlässigen Tieren
zum Abwerfen zu schreiten
Die Operation besteht kurzweg darin, dass man, nachdem die Beule in der schon angegebenen Weise bis auf ihren Grund gespalten und von den die Fistelgänge bedeckenden Muskeln in der nächsten Nähe des Ligamentes biosgelegt worden ist, eine Hohlsonde oder besser den Finger in querer Richtung unter den Nackenstrang schiebt und hierauf denselben in seinen beiden Lagen mit einem gekrümmten Knopf-bistouri (Herniotom) quer durchschneidet; das Unterfangen hat aus dem
ocr page 409
XXVIII. Operationen am Nackenband.
391
Grunde meist keine Schwierigkeiten, weil das Nackenband ohnedies oft schon perforiert ist oder gar frei durch die Eiterhöhle liiuit.
Bei dieser Durciischneidnng von unten nach oben muss darauf BUcksicht genommen werden, dass nicht auch anderes Gewebe unnötig verletzt wird, es gilt daher als eine Hauptregel, dass die das Nacken­band bedeckende Haut absolut geschont wird, zu welchem Belmfe man während des Durchschneidens von aussei! her mit den Fingern genau den Gang und die Richtung des Messers verfolgt; dieselbe Vorsicht ist auch anzuwenden betreffs der Muskeln der andern Halsseitc und ist zugleich darauf zu sehen, dass sämtliche Fasern der beiden platt-runden Nackenbandstränge durchgeschnitten werden, damit nicht einzelne
1
Fig. 250. Halsportion des Nackenbandes vom Pferde.
Bündel die seitherige Spannung unterhalten. Die letzteren springen unter der Messerklinge alsbald zurück und erfolgt die Trennung mit einem eigentümlichen krachenden Geräusche, dessen Aufhören auch die vollständige Lösung der Kontinuität anzeigt; selbstverständlich ist es, dass vorher die abgestorbenen Partien abgetragen werden müssen. /.,
Dieser Nackcnbanilsclinitt ist zuerst von Lanfronbacher schon im Anfange dieses Jahrhunderts empfohlen worden, #9632;während Lafosse 1791 die subkutane Perzision aiiKeraton, nachdem er früher ebenfalls grosse Einschnitte gemacht hatte. Er drang subkutan an zwei Stellen ein und Hess den dazwischen liegenden Teil auseitern; nachher wurde ein Klebpflaster aus Pech und Terpentin aufgelegt. Das Vorfahren ist nicht nachahmungswert, nachdem ohnedies das völlige Freilegen der Geschwiirsfläche als oberster Grundsatz aufgestellt werden muss: dann allerdings kann, was den Nackenstrang selbst betrifft, die Operation subkutan geschehen.
ocr page 410
392 Zweite Haupt-Abteilung! Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die üperationssteile ist fast imiuci' das Hinterhaupt oder exterieuristisch genommen die oberste Stelle des Genicks, d. li. jene Hoho auf dem Nacken, WO der Bandstrang über den Atlas und Träger hinweggeht. Von dem Nackenfortsatz des Oberhauptbeines bleibt man der Vorsicht halber soviel als möglich entfernt und schneidet unter Umstünden auch soviel von den plattenförmigen Fortsätzen des Liga-mentes durch, als nötig ist. Mit der Haltung des Kopfes und Halses hat diese Perzision nichts zu Schäften, es erleidet daher diese nach der Operation keinerlei Beeinflussung, wie denn überhaupt die Operation, auch wenn sie mit einer Exzision verbunden ist, durchaus ungefährlich ist, denn das Nackenband vermag nur durch seine grosse Elastizität die Streckmuskeln des Halses in ihren Funktionen zu unter­stützen.
Die Resektion des Nackenbandes. Ist letzteres in seiner Textur ebenfalls krankhaft ergriffen und dem gangränösen Zerfall unterworfen, so genügt seine einfache Durchschneidung nicht, es muss vielmehr der affizierte Teil durch Umschneidung im gesunden Gewebe entfernt werden.
Schwierigkeiten sind damit nicht verbunden, auch wenn sich in der elastischen Substanz inkrustierte, kalkige oder ossifizierte Partien finden, erstes Erfordernis ist aber auch bei dieser Schlussoperation, dass zuvor die ganze Umgebung mittels des Messers frei gelegt werde.
Die Heilung solcher Geschwüre erfordert selbst bei ganz sacli-gemässer Behandlung stets viel Zeit, Wochen und Monate und sind auch Fälle bekannt gegeben worden, in denen eine Wiederherstellung gar nicht erfolgte. Audi in der Nachbehandlung gibt es noch Schwierig­keiten zu überwinden, vornehmlich zeigt das in der Heilung begriffene Gewebe eine auffallende Vulnerabilität. Die eigentümliche Rigidität desselben auch in der Umgebung behindert die Kontraktion der Ge-schwürsränder wesentlich, so dass die junge Narbe sich nur schwer verdichten kann, sie wird daher leicht wieder wund und ist zu Rezidiven sehr geneigt. Hieraus folgt, dass noch lange Zeit nachher jede Reizung der Stelle vermieden werden muss, was insbesondere Vorsicht im Auf­legen des Geschirrs erheischt. Bas Auftragen demulzieremler Mittel, insbesondere des äusserst milden Paraftinsälbchens, des Cold creams, oder einfachen Glycerins wirken der genannten Starrheit des Gewebs am raschesten entgegen.
ocr page 411
'
1
III. Operationen an der Brust und dem Bauche.
An der Seitenwaad beider genannten Höhlen kommt eine Reihe von tierärztlichen Operationen vor, welche sowohl zu den häufigeren als auch wichtigeren gehören und von denen (im allgemeinen Teil) schon mehrere aufgeführt worden sind, nämlich die Yenäsektion der Sporader
und Bauchhautvene, sowie die hier vorkommenden Fontanelle und J [aarseile.
Von Wichtigkeit sind die Operationen der Brust- und Bauchhöhle aus dem Grunde, weil sie Eingeweide enthalten, deren Erkrankung häufig die Fortexistenz des Lebens in Frage stellt und wobei ein operatives Vorgehen oft noch als einziges oder letztes Bettungsmittel dasteht und wenn auch nicht immer so glänzende Resultate erzielt zu werden pflegen, so muss doch wenigstens ein Versuch gemacht werden. Indessen hat die Neuzeit mit der antiseptischen Wunclhehandlung auch hier Fort­schritte aufzuweisen, die durchaus nicht als unerheblich bezeichnet werden können, denn namentlich der Peritonealsack ist jetzt Operationen viel mehr zugänglich geworden, welche in früherer Zeit zwar ebenfalls, jedoch meist mit ungünstigem Erfolg unternommen worden sind. In erster Linie sind hier der Darmschnitt und die Darmnaht, sowie die Bruch­operationen zu nennen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ^r
In topographisch-anatomischer Beziehung bieten die grossen Seitenwandungen der Brust- und Bauchkavität dem chirurgischen Ein­griffe sehr wenig Schwierigkeiten dar, denn es kommen hauptsächlich nur Muskeln in Betracht und wenn sich auch in der Haut und ihren unterliegenden Weichteilen zahlreiche Nerven und Blutget'ässe verzweigen, so können sie doch keine Bedeutung in Anspruch nehmen, wie dies z. B. bei den Operationen am Kopfe und Halse der Fall gewesen ist.
Der ganze vordere Teil der Brusthöhle, ist von der Schulter, dem Oberarm und den zur Bewegung des Buggelenkes dienenden grösseren Muskeln so bedeckt, dass die Brustwand bei allen Haustieren für den Operateur erst vom hintern Rande des grossen und des langen Schulter-Ellbogen-Muskels an zugänglich ist: ausserdem kommt das ganze obere Dach beider Körperhöhlen nicht in Betracht und was die seitlichen und unteren Drittel derselben betrifft, so werden die diesbezüglichen ana­tomischen Details, um Wiederholungen zu vermeiden, besser bei den einzelnen Operationen aufgeführt.
I
1
ocr page 412
394 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
XXIX. Der Bruststich. Thorakoparacentese.
Punctio thoracis. Thorakocentesis.
Unter Bruststich, Parazentese der Brusthöhle, verstellt man jenes operative Verfahren, wobei durch stechende Instrumente, gewöhnlich durch Trokare, Flüssigkeiten aus dem Thoraxraum entleert werden.
Geschichtliches. So viel schon in ilen hippokratischen Schriften von der Eröftnungsweise der Brusthöhle enthalten ist (die Diagnose der Pleuritis oder der Brustwassersucht sowohl als die Technik der Operation hatten schon damals einen hohen Grad der Entwicklung angenommen), so wenig findet sich davon in den älteren tierärztlichen Werken, es muss daher bezweifelt werden, oh die Operation früher an Tieren überhaupt vorgenommen worden ist, auch kamen die hiezu not­wendigen Instrumente, die als Zapfspiesse (Seite 95) bezeichnet worden sind, erst sehr spät auf, denn Sanctorius war der Erste (1020), welcher von ihnen spricht.
Der Bruststich selbst ist erstmals von Lafosse beschrieben worden, der ihn nur bei Brustfellontzündungon angewendet wissen wollte (1772), während Gohicr auch bei der Brustwassnrsucht nichts auf die Operation hielt, welche nur den Tod beschleunigte. Ganz so wie beim Menschen ist es dem Bruststich auch bei den Tieren ergangen, insoferne mit ihm mehr Misserfolge erzielt wurden als Heilungen, er geriet daher kurze Zeit ganz in Vergessenheit und auch im Anfang dieses Jahr­hunderts, wo die Veterinär-Akiurgie so grossen Aufschwung genommen und so aus­gezeichnete Repräsentanten aufzuweisen hatte, ist nur ein spärlicher Gebrauch von ihm gemacht worden. Teils war man zu ängstlich und fürchtete namentlich den Eintritt von Luft in die erkrankte Brusthöhle, weshalb man auch nicht direkt, sondern am Brustbein unten (zuerst durch die Bauchhöhle) eingestochen hatte, teils wurde mit der Operation zu lange gezögert, indem man sie nur als ultima ratio ansah und namentlich auch die nötigen Wiederholungen unterliess oder glaubte man, durch medikamentöse Einspritzungen eine Umstimmung in den serösen Platten erzielen zu können. Die Meister Chabert, Strauss, Brogniez, llayne, Die­terichs waren der Thorakozentesc nicht hold, ebenso bezeichneten sie Her twig und Hering als prekär und undankbar, auch waren deren Diagnosen nicht immer sehr präzise, wogegen Spinola, Renault u.A. ihre Zuflucht öfter zum Trokar nahmen, auch wenn sich die Krankheit nachher als reine Pneumonic erwies; letz­terer Kliniker unternahm die Operation in 19 Tagen 14 mal bei einem und dem­selben Tiere und Hess jedesmal 4—5 Liter abfliessen, bei Hydrops das doppelte. Holmes zapfte durch 9 malige Punktion in kurzer Zeit, d.h. bis der Tod erfolgte, 440 Pfund Serum ab, wie überhaupt die Menge der zu entfernenden Flüssigkeit bei den grossen Haustieren für gewöhnlich 50, selbst 80 Liter beträgt.
Später kamen dann die intrathorakalcn Einspritzungen (zuerst mit schleimigen Dekokten, dann mit Adstringentien und zuletzt mit Jod- oder Jodkaliumlösungen, Bassi, Prudhomma, Bouley, St. Cyr u.A.) mehr in Schwung, wurden aber bald als zwecklos wieder aufgegeben und hatten höchstens nur Wert beim Empyem. Eine rationellere Basis für die diesbezügliche Therapie wurde erst mit der Ein­führung der Auskultation und Perkussion in die Tierheilkunde durch Roll ge­schaffen, sowie mit der Entwicklung der pathologischen Zootomic, indem jetzt der konkrete Befund physikalisch schärfer festgestellt und namentlich auch eruiert wurde, worin jene das Leben oft so rasch vernichtenden Vorgänge bei den genannten Krankheiten eigentlich bestehen. Indessen auch jetzt (1850) war es fast nur die Indicatio vitalis, welche die Thorakozentese zuliess, während man heute sie viel häufiger und auch rechtzeitiger anzuwenden versteht und dadurch zu der wichtigen
ocr page 413
XXIX. Der Bruststich. Thorakoparacentese,
395
Erkenntnis gekommen ist, dass es sicli dabei nicht um eine Heilung, Bondern lediglich um Abwendung von Gefahren handeln könne, wie sie ganz be­sonders von dem Herzen und der Lunge her, /um Teil auch vom Gehirn aus drohen. Um für einzelne Fälle ganz sicher zu gehen, hat Vogel schon 1880 die Probepunktionen empfohlen, welche geeignet sind, auch über solche Vorgänge Licht zu verbreiten, die durch andere Untersuchungsmittol nicht erkannt werden können.
Anzeige des Bruststichs. Leichtere Fälle von Brustfellentztlndung (Bl'UStseuche, infektiöse Pneumonie) verlaufen meist rasch (in (i—8 Tagen) und enden hei der gewöhnlichen Behandlung in Genesung, ebenso zeigen viele rieuritiden mit kopiösen Exsudationen einen günstigen Verlauf, wenn auch für einige Zeit dyspnotische Zustände zurückbleiben. Auf der andern Seite giht es aber Fälle, welche zwar nicht stürmisch be­ginnen und auch nicht mit bedrohlichen Symptomen einsetzen, wobei jedoch Stockungen im Verlaufe eintreten oder die schon begonnene Resorption iilötzlich durch ein gefährliches Rezidiv (aus den neugebildeten zwischen der Serosa und den Schwarten gelegenen Kapillaren) unter­brochen wird.
Derartige Dekursstörungen nehmen meist eine schlimme Wendung. Die entzündliche Hyperämie dauert fort und so kommt es zu starken Fibrinauflagerungen, welche am meisten die Resorption durch Verlegung der pleuralen Lymphgefässe erschweren und deswegen auch der Operation wenig Chancen bieten, denn in letzterem Falle kommt es mehr auf energische Ableitung (örtliche Senfteige, heissc nasse Tücher über den ganzen Rumpf) an. Der Trokarstich kommt an die Reihe, hauptsächlich wenn es sich um Beseitigung von Erstickungsgefahr handelt, hervor­gerufen durch massenhafte Ergüsse und enormen Druck sowohl auf die in den Fundus des Brustkavums (nach innen und oben) verdrängten Lungen, als auch auf das Zwerchfell, wodurch weitere Gefahren ent­stehen, zunächst seröse Imbibitionen des letzteren Muskels, Lähmungen des subpleuralen Gewebes und schwere Beeinträchtigung der Atmung. Die Farazentese ist in solchen Fällen von sehr dubiösem quot;Werte, immer­hin aber geeignet, aussei' einer drohenden Asphyxie auch den bedroh­lichsten Folgen zuvorzukommen, nämlich der andauernden Schwarten­bildung, allzustarker Lungenretraktion und der Kompression und Ver­drängung der Nachbarorgane, von denen bei Pferden am meisten die stark prominierende Aorta in Betracht zu kommen scheint, deren Kom­pression bei verstärkter Thätigkeit des rechten Herzens notwendig zu Stauungen im ganzen Gebiet der Pulmonalvenen und dadurch auch zu perakutem Lungenödem führt.
Grosse Ausdehnung des leeren Perkussionsschalles selbst auf beiden Seiten kommt auch in Genesungsfällen vor, sie fordert aber stets zur Punktion auf, sobald der kolossale Wasserstand einige Tage unver­ändert persistiert und der Widerstand unter dem Plesshneter zunimmt.
Dasselbe gilt, wenn der Puls an Schwäche zunimmt und der erste (systolische) Ton ZU schwinden anfängt; wenn auch in derartigen Fällen nicht immer die Indicatio vitalis vorliegt und oft schon einige herzhafte Digitalisgaben Besserung schatten, so lehrt doch die Erfahrung, dass sich sehr erhebliche Kompressionsatelektasen der Lungen ausbilden
ocr page 414
306 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
können, welche nicht wieder rückgängig zu machen sind; die Tiere gehen dann nicht an der exsudativen Pleuritis selbst ein, .sondern einige Zeit nachher an den Folgen, von denen ausser den nüchstgelegenen vornehmlich auch chronische Entzündung und Entartung der Nieren mit Hydrops (zurückbleibende Herzschwäche) zu fürchten sind.
Aber auch bei massig grossen pleuralen Ergüssen tritt ein tötliches Ende gerne auf, wenn die Resorption zögert. Die längere Zeit an­dauernde Ausweitung des Eippenkorbes muss notwendig eine Erweiterung des rechten llerzventrikels nach sich ziehen und jede Erschwerung des Blutunilaufs wird bei der ohnedies oberflächlichen und insuffizienten Atmung auch eine Zögerung im Aufsaugungsgeschäfte nach sich ziehen. Wird nun der intrathorakale Druck in der Weise herabgesetzt, wie es durch den Bruststich geschieht, so folgt auch eine Entlastung des dortigen Gefässsystems, insbesondere die Lüftung der Haupt­resorptionsbahnen, nämlich der initialen Lymphgefässe in der ganzen Ausdehnung der Pleuraplatten nach. Tritt letzterer Effekt nicht ein, so kann selbstverständlich die Operation dafür nicht verantwortlich gemacht werden, sondern es liegt dann der Beweis vor, dass die Auf-saugnngswege durch Pseudonieiubranen verlegt sind, wenn nicht ein allgemeiner Kollaps daran Schuld trägt.
Nach allem dem sowie auch auf Grund der klinischen Erfahrungen lässt sich jedenfalls Koviol sagen, dass, nachdem die Parazentese der Brust an und für sich mit keinerlei Gefahr verbunden ist, wenn sie vorsichtig ausgeführt wird, dieselbe der Heilung grössere Chancen bietet, als wenn sie in jenen Fällen unterlassen wird, von denen oben die Rede war, man wird sich daher auch nicht mehr länger der Ansicht verschliessen können, dass die künstliche Entfernung der Flüssigkeitsmassen in sehr vielen, namentlich aber protrahierenden Fällen die einzig rationelle Methode ist. Die darüber aufkommenden MeinungsditVerenzen können sich mehr nur auf die Breite der Indikationen beziehen, insoferne sich der eine Praktiker mehr, der andere weniger von eigenen Anschauungen und Gewohnheiten leiten lassen wird; in ausgesprochenen Fällen, insbesondere aber, wenn jenes ominöse Knistern der Lunge aufzutreten beginnt, hören dann alle diesbezüglichen Bedenken auf, man wird aber auch in der Regel nunmehr zu spät gekommen sein.
Dass indessen der Bruststich niemals schaden könne, wie von begeisterten und deswegen übereifrigen Anhängern desselben behauptet wird, ist nicht ganz richtig, es kann nur dieser Schaden leicht vermieden werden und gewiss besteht er nicht darin, dass man den Körper durch Entziehung grösserer Mengen eiweisshaltiger Flüssigkeiten herabgestimmt habe. Abgesehen davon, dass dieser Verlust kein erheblicher genannt werden kann, ist es sehr die Frage, ob diese Albuminate überhaupt wieder zur Verwertung im Organismus gelangen und nicht vielmehr durch das Liegenbleiben sogar deletär werden können. Dagegen kann unstreitig der Kranke dann ungünstig beeinflusst werden, wenn eine Abzapfung der ergossenen Flüssigkeiten während der entzündlichen Fluxion erfolgen würde. Nicht allein müsste um diese Zeit durch den Nachlass des bedeutenden hydrostatischen Druckes auf die Gefässe der Pleurablätter der exsudatorische Vorgang gesteigert oder wenigstens begünstigt werden, sondern es kann auch nicht ausbleiben, dass die einander gegenüberstehenden entzündeten Blätter oder Pleura jetzt wieder
ocr page 415
XXIX. Der Bruststich. Tliorakoparacentese.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 3lt;J7
\
aneinander treten und durch Reiben bei jeder In- und Exspirations-bewegung den entzündlichen Reiz steigern.
Als Kontraanzeige dor Operation muss das entzündliche Stadium jeder pleuritischen Erkrankung aufgestellt werden und gibt sieh dieses letztere dadurch zu erkennen, dass die Horizontallinie noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat, gewisserraassen betreffs des Stelgens noch nicht zur Ilulie gekommen ist. Erst das mehrtägige Verharren auf dem be­kannten Zweidrittelniveau der Brustseite ist massgebend für das Ablaufen der entzündlichen Hyperämie und wird der Eintritt dieser Periode weniger durch den Puls, als vielmehr durch das Verhalten des Thermometers signalisiert; ebenso gibt um diese Zeit auch das Perimeterband die höchsten Zahlen an.
Die weitere Einrede, welche der Operation zuweilen entgegen­gehalten wird, dass durch sie doch nicht mehr die oft schon frühzeitig' auftretenden Folgen der Kompression (Verödung der Alveolen, Lungen-rirrhose, kollaterale Ödeme und Emphyseme der obern Lungenbezirke, Knickung grösserer Thoraxgefässe u. s. w.) korrigiert, werden können, ist ebenfalls eine unbegründete, da man die rechtzeitige Entleerung der Effusion ganz in der Hand hat, die Lungenelastizität übrigens gar nicht so rasch nachlässt. Allerdings lassen in manchen Fällen die Kriterien der Lungen- und der Brustfellentzündung an Sicherheit zu wünschen übrig, so dass man sich nicht im klaren darüber befinden kann, ob nicht vielleicht doch eine Pneumonie vorliege, ein diagnostischer Zweifel, der auch dem gewandtesten Praktiker (namentlich bei Rindern) auf­steigen kann, indessen spricht dies auch nicht gegen die Operation, denn solche Zweifel lassen sich alsbald durch eine Probepunktion beseitigen, welche zu jeder Zeit und in höchst einfacher Weise wie jede subkutane Injektion ausgeführt werden kann.
Die meisten Plenritiden treten einseitig auf, die bilateralen kommen indessen am häufigsten zur Punktion. Im ganzen genommen ist der Unterschied ein geringer,
wie auch die Ditt'erenzieruiig in akute und cliroiiische Brustfellentzündungen, in rheumafische und infektiöse praktisch /.iemlich wertlos ist, wohl aber muss im
:
allgemeinen den linksseitigen Ergüssen mehr der Charakter der Gefahr, resp. der Verschleppung zugemessen werden, •weil durch das mechanische Verdrängen vieler grosser Gefässe mehr schlimme Folgen entstehen können, welche gewöhnlich auf schwere oder unerwartet rasch eintretende Störungen im kleinen Kreislauf, d, h. auf die Ausbildung eines akuten Lungenödems hinauslaufen, sobald es zu einem gewissen Grade von Herzschwäche gekommen ist.
Brustwassersucht. Eine ähnliche Bewandnis hat es mit der
Eröffnung der Brusthöhle bei der Brustwassersueht; man nimmt hier für gewöhnlich seine Zuflucht zum Trokar mir, wenn es höhere Grade von Atemnot zu bekämpfen gibt; selbstverständlich ist hier Aussicht auf eine günstige Beeinflussung des Grundleidens viel weniger gegeben^ als hei phlogistischen Ergüssen, da es sich nur um eine Teil­erscheinung einer Krankheit handelt und meist auch Hydropisien anderer Kavitäten gleichzeitig vorliegen, die Anzeige der Operation 1st daher meist gleichbedeutend mit der Anzeige, der Tötung und sind hier ökonomische Rücksichten mehr massgebend, als therapeutische (iründe.
,
#9632;
ocr page 416
398 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur au bestimmten Teilen ausfübrbar.
Empyeme kommen bei den Tieren iinsserst selten vor und sind dabei wob! stets Infektionserreger von anssen eingewandert, wenn nicht infizierte Einboli der Lunge, gangränöse Herde u. dergl. im Spiele sind und eine Sepsis im rieuraergusse angeregt haben. Ohne Probepunktionen sind sie nicht y.n erkennen, im übrigen erfordern sie um so mehr die Operation, als deren längeres Bestehen die Gefahr einer Jauchung iu-volviert, weshalb sie auch fast ausnahmslos zum Tode führen. Aus­spülungen der Brusthöhle mit Sublimat- oder Karbolwasser, früher von Jod- oder Alaunlösungen, haben sich nicht bewährt.
Pneumothorax. Auch das Eintreten von Luft in die Pleura-säcke kann Veranlassung zum Bruststich geben, um einer tätlichen Atemnot oder schweren entzündlichen Komplikationen zuvorzukommen. Bei niederen Graden der Windbrust hebt sich diese entweder von selbst oder kann das Auspumpen mittels der Kanüle, in welche eine gute Wundspritze eingesetzt wird oder der Aspirateur versucht werden, schwerere Fälle sind alle lethaler Art.
Die richtige Zeit zur Operation datiert nach obigen Betrach­tungen von dem Nachweis des erreichten Fastigium morbi ab, also
1.nbsp; wenn die Exsudation einige Tage aufgehört hat zu steigen, gleichviel welche Höhe der Erguss erreicht bat, und wenn
2.nbsp; das Fieber nachgelassen hat oder verschwunden ist, was bei der ünstätigkeit des pleuritischen Pulses am besten durch das Thermometer eruiert werden kann.
In diesem Stadium kann die Operation zu jeder Zeit vorgenommen werden, es bleibt daher die Wahl derselben dem Behandelnden anheim gegeben.
Ein rascher Entschluss wird stets sicherer zu einem Erfolge führen, als ein dilatorisches Verfahren, auch darf man sich nicht durch jene Bedenken abhalten lassen, welche entstehen könnten, wenn abendliche Exazerbationen eintreten, welche nicht gegen das Ablaufen des ent­zündlichen Stadiums sprechen, vielmehr gewöhnlich nur die Konsequenz der nicht zu stände kommenden Resorption sind. Um diese Zeit ist am meisten noch Aussicht gegeben, dass nach der Operation eine Wieder­ansammlung von Flüssigkeiten nicht mehr eintrete, der Prozess also sistieren werde.
Sieht man sich In letzterer Hoffnung betrogen und fängt namentlich nachher die Exsudation wieder rasch zu steigen an, so ist zwar der Patient meist als verloren zu betrachten, man darf sich aber keineswegs verleiten lassen, die Punktion nicht so oft zu wiederholen, als es aus den angegebenen Gründen notwendig erscheint, im allgemeinen ist es daher gewiss richtig, möglichst frühzeitig zu pungieren, damit die Verhältnisse der Wiederausdehnung der kollabierten Lunge sich günstiger gestalten können. Ob die manchmal beobachtete coupierende Wirkung grosser Salicylsäuregaben bei beginnender exsudativer Pleuritis (rheumatischer oder mikrobischer Form) oder das Pilokarpin die Punktion entbehrlich machen können, ist noch nicht festgestellt und auch nicht wahrscheinlich.
ocr page 417
XXIX. Der Bniststich. Thorakoparacentose.
3!raquo;i)
Instrumente. Zur Thorakozentese benutzt man KOKcnwirt'r;' fest nur mehr den gewöhnlichen Bl'USttrokar, wie er in Figur '251 in natürlicher Grosse abgebildet ist; wesentlich ist, dnss die Kanüle etwas
federt oder an dem vorderen Bande zu-
geschärft ist, um sich genau an das Stilet (Seite 95) anzuschmiegen; das hintere Ende der Kanüle hat eine breite ovale Platte (Schild), um das Hineingleiten in den Brustlaquo; räum zu verhindern und kann an diese auch ein Ausgussschnabel angebracht sein, das einfache Instrument ist jedoch allen andern Modifikationen vorzuziehen.
Auch die weiteren Brusttrokare mit Sperrhalmen, um den Abtluss beliebig zu unterbrechen, sind durchaus entbehrlich, denn letzteres kann ebenso mit dem Kinger ge­schehen, es ist daher auch der mit einem durch Klappen verschliessbaren und mit Wasser gefüllten Trogapparate versehene Brusttrokar von Schuh, sowie das ein seit­liches Ausflussrohr besitzende Instrument von Fränkel oder Langdouci, an welch beide letztere eine Kautschukröhre angesetzt wird, mehr nur als eine Spielerei zu be­trachten, denn der Eintritt von Luft in die Brusthöhle kann durch den gewöhnlichen Brusttrokar ebenso sicher verhütet werden.
Um letzterem /wecke zu genügen, hat man auch die Kanüle ohne Schild hergestellt, um üher das aus der Brustwunde hervorsehende Ende ein Gummirohr zu stülpen, welches dann mit dem Stilet durchstochen, werden muss; beim Ausziehen des letzteren schliesst sich dann die kleine Öff­nung des Kautschukrohres von seihst und hält so die Luft ab. Ebenso gebrauchte man früher einen elastischen Kathoder, der durch die Brust-wunde bis auf den Grund der Brusthöhle ein­
geführt und an dessen äussero Mttndung eine genau HHIIHpFnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;passende Spritze angesetzl wurde, um das Ex- oder
^fflÜKre?nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Transsudat zu entleeren (Hering).
Fig. 251.
Gewöhnlicher Brusttrokar
(Ganze Grosse.)
Kür die verschiedenen Haustiere hat man auch verschieden grosse Trokare, die mittleren Kanülenweiten von 3 mm sind
am meisten zu empfehlen. Weite Bohren lassen zu grosse Kxsndatflocken eintreten und zu enge verstopfen sich allzu leicht, alle müssen jedoch zeitweise durch Einführen einer Sonde wieder durchgängig gemacht werden. Zu bemerken ist noch, dass gekrümmte Brusttrokare keinerlei Vorteile bieten und solche, welche seitliche Löcher am vorderen Röhrenende
i
ocr page 418
400 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
besitzen, sogar venverflicli .sind. Endlich ist noch zu enviihnen, dass auch der Asplrateur von Dieulafoy undFotalu für die Thorakozentese unter Umständen sein- vorteilhaft verwendet werden kann.
Ausführung der Parazentese. In früherer Zeit hat man zum Bruststiche kurzweg ein einfaches Spitzmesser verwendet, das man zwischen 2 Rippen mit abwärts gekehrter Schneide einstach, um nachher die Klinge der Breite nach umzuwenden und die Brustwunde klaffen zu machen. Diese Methode kann heute noch für Notfälle Anwendung linden.
Gegenwärtig benutzen die deutschen Tierärzte fast ausschliesslich den oben abgebildeten Brusttrokar und geschieht der Einstich in der Art, dass man entweder den Trokar wie eine Schreibfeder (Seite 97) in die Hand nimmt und die Spitze 8—5 cm weit über den Zeige­finger vorstehen lässt (Je nach der Dicke der Thorakalwand) oder aber das Instrument bei grösserer Dicke der Haut so hält, dass die hölzerne Handhabe sich in der Palma (hohlen Hand) anstemmt. Stets wird der Trokar senkrecht auf die Brustwand eingedrückt und fühlt man als­bald an dem Nachlassen des Widerstandes, dass die Spitze in dem Brustraum angekommen ist.
Fig. 252.
Nach der Punktion wird das Stilet alsbald zurückgezogen und der flüssige Inhalt der Brusthöhle in ein untergehaltenes GefäSS entleert. Selbstverständlich ist, dass die Operationsstelle erst abgeschoren, rein gewaschen, desinfiziert und das Instrument zuvor eine Viertelstunde in o proz. Karbolwasser gelegt wird.
Vor der Punktion erst einen Ilautschnitt durch ein Bistouri zu machen, wie es früher üblich war und besonders von Hering, Dieterichs geübt wurde, sowie von den französischen Vetcrinärärzten angeraten wird, ist meist überflüssig und zudem ulizweckmässig, indem die Wunde nur mehr klafft und deswegen sogar geheftet werden musste. Die kleine dreieckige Wunde scbliesst sich rasch selbst und braucht nur aseptisch gehalten zu werden, im übrigen verschlägt es der Operation weiter nichts, wenn die Haut bei ungewöhnlicher Dicke, bei groben, vier­schrötigen Pferden oder bei Rindern zuvor inzidiert wird und ist auch dann das oft noch übliche Auflegen von Heft- und Pechpflastern besser zu unterlassen (sihee Nachbehandlung.)
Die Einstichstelle liegt möglichst tief im untern Drittel der Brusthöhle, wo übrigens die Sporader die Operationsstelle vorschreibt; um nicht die Wand in ihrer grössten Dicke perforieren zu müssen,
ocr page 419
XXIX. l)er Bruststicli. Tliorakoparaceutese.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 401
bleibt mau oberhalb der genannten Vene, sticht Wer (lieht an derselben ein und wtthlt auch einen am hintern Schulterrand gelegenen Interkostal­raum, d. b. den der (J. bis 8. Kippe bei Pferden und Rindern. Strauss gab die Vorschrift, die dem hintern Winkel des Schulterblattknorpels zunächst gelegene Rippe so tief herab zn verfolgen, bis man ihre Ver­bindung mit dem Rippenknorpel wahrnimmt.
Bei Schweinen geschieht der Einstich zwischen der 7. und 8. Rippe oder 8. und !)., während bei Hunden ein grösserer Spielraum bleibt, nämlich der zwischen der 5, bis Iraquo;. Rippe. Man hält sich dabei stets von dem hintern Rande der Rippe möglichst entfernt, um eine Ver­letzung der ZwischenrippengefäSSe ZU vermeiden.
Auf welcher Brustseite die Parazentese vorgenommen werden soll, darüber entscheidet das Plessimeter; hat man es mit symmetrischen Ergüssen zu thun, so ziehen die meisten die Punktion der rechten Seite vor, wenn nicht beide Höhlen angestochen werden sollen; links ist auf die Lage des Herzmuskels Rücksicht zu nehmen und zwar um so mehr, als es am vorteilhaftesten ist, der Spitze des Trokars nach der Ankunft im Bnistraiunc ohnedies eine etwas schräge Richtungnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; •
nach vorne und oben zu geben.
Es ist durchaus nicht nötig, die ganze Menge der ergossenen Flüssigkeit ablaufen zu lassen, ja es ist sogar schädlich, weil der Austluss des .Serums dabei zu häutig unterbrochen und dann gerne Luft aspiriert wird, was gut dadurch vermieden werden kann, dass man die Kanüle mit dem Finger bedeckt, sobald das Ablaufen in's Stocken ge­raten ist, was gegen den Schluss hin oder bei sehr dünnem Strahle stets der Fall ist; aus obigem Grunde ist auch die ohnedies für den Operateur sehr unbequeme Kinstichstelle ganz unten zwischen Schaufelknorpel und Knorpel der letzten wahren Rippe jetzt weggefallen. Sich einzwängende Fibrinflocken werden mit einer dickköpfigen Sunde weggeräumt.
Der Abfluss des Serums muss langsam geschehen, um die komprimierte Lunge nicht zu rasch sich ausdehnen und wieder mit reichlichem Blute füllen zu lassen; die Zirkulationsverhältnisse müssen überhaupt Zeit haben, sich wieder auszugleichen, im andern Falle folgen häutig Überflutungen der einen Lunge nach, welche sogar tötlich werden können, wenn rasch eine Qehirnanämie dazu tritt, viele Praktiker be-fleissigen sich aus diesem Grunde der Vorsicht, nach Abfluss von einigen Litern 10—20 Minuten lang auszusetzen.
In andern Fällen hat man damit zu kämpfen, dass entweder nach dem Einstich gar keine Flüssigkeit nachströmt oder nur kleine -Mengen und auch diese unterbrochen abfliessen. Im ersteren Falle kann es sich um die Richtigkeit der Diagnose handeln, obwohl beim zufälligen Einstechen in dichte Schwarten und bindegewebige Adhäreuzen ebenfalls keine Flüssigkeit zu Tage tritt und ein zweiter Stielt an anderer Stelle notwendig wird; in letzterem Falle ist jener hydrostatische Druck, welcher durch die Höhe der Flüssigkeitssäule, durch die Elastizität der Lunge und die den ErgUSS umgebenden Rippenwand (inspiratorischer Zug dos Thorax) gebildet wird, ein zu geringer, weil ebenfalls zufällig ein solcher Raum getroffen worden ist, in welchem durch Verwachsungen
Hering'B Operationslehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 20
ocr page 420
402 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilenausfübrbar.
der Lunge mit der Kostalpleura das Exsudat abgesackt worden ist. Fälle von Pleuritis multiloeularis eignen sich wenig zur Punktion oder müssen mehrere Stellen angestochen werden, wozu sich dann am besten der Äspirateur von Dleulafoy oder Potain eignet (Seite 98).
Wiederholungen sind indiziert, sobald solche Zufälle aufzutreten heginnen, welche auch Veranlassung zur ersten Punktion gegeben haben. El'Stere dürfen nicht gescheut werden, denn sie dienen wesentlich zur Vervollständigung der Behandlung, wenn nicht etwa neue Komplikationen aufgetreten sind.
Die Operation wird nur am stehenden Tiere gemacht und reicht bei Pferden schon das Aufheben eines Vortlerfusses (Seite 27) jener Seite aus, an der operiert wird, obwohl auch dieses Hilfsmittel häutig überflüssig ist.
Die Probepunktionen werden, wie schon erwähnt, mittels der gewöhnlichen I'rava/.spritze in keiner andern Weise ausgeführt, als wie die subkutanen Injektionen (Seite 1!)7).
Sie haben vornehmlich den Zweck, die physikalische Diagnose zu kompletieren, welche darüber nicht immer aufklärt, ob man es mit einem hydropischen Transsudate, mit akuten Pleuraergüssen oder Schwarten­bildungen auf der leerscliallenden Fläche zu schatten hat; ebenso liegt oft bei letzterer eine mit Verringerung des Luftgehaltes einhergehende AJfektion der Lunge, beziehungsweise eine Komplikation der genannten Zustände vor.
Ausserdem gibt die Probepunktion darüber Aufschluss, ob das Exsudat ein seröses, serotibrinöses, eitriges, häiuorrhagisches oder jauchiges ist und hängt davon wesentlich die Prognose und das weitere therapeutische Verfahren ab, die genannte Exploration ist daher von grosser Wichtigkeit, aber noch wenig in praktischem Gebrauche. Schon das Ansaugen einer einzigen Spritze voll Flüssigkeit genügt in der Regel und pungiert man möglichst weit nuten, d. h. unter der äussern Brustvene, um auch allenfalls die sich niederschlagenden Bestandteile der Ausschwitzung kennen zu lernen.
Man verwendet hiezu nicht zu dünne Kanülen und lässt,, wenn grössere Quantitäten angesaugt werden sollen, jene in der Öttimng stecken. Nicht selten erreicht man durch dieses Vorgehen auch den sehr be­herzigenswerten Vorteil, dass nunmehr die zurückgedrängte Lunge an die Kostalwand herantritt und dann ihre Beschaffenheit, beziehungsweise Integrität näher erforscht werden kann.
Desgleichen prüft die Kanüle, je nachdem sie sich vor- oder zurück­schieben lässt oder mehr oder weniger frei beweglich ist, in welcher Art der Brustraum krankhaft ergriffen wurde und muss bier ausdrücklich bemerkt werden, dass ein allenfallsiges Treffen der Lunge mit der Spitze des Instrumentes, gleichviel ob man die Injektionsspritze oder den Brusttrokar eingeführt hatte, erfabrungsgemäss so wenig von nach­teiligen Folgen begleitet ist, als wenn beim Abzapfen kleine Mengen von Luft eintreten.
Endlich lässt sich durch die Explorativnadel auch die Diagnose
ocr page 421
XXIX. Der Bruststich. Thorakoparacentese.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 403
der Spontanresorption des Ergusses näher prii/.isieren, welche bei reichlichen Fibrimuiflagerungen durch Perkussion und Auskultation nicht gut festgestellt werden kann, für die klinische Beurteilung des Falles aber von grosser Wichtigkeit ist.
Nachbehandlung erfordert die Parazentese für sich selbst aussei' der nötigen Reinlichkeit nicht, höchstens kann im Hochsommer der Insekten wegen etwas (lOproz. Karbolöl), Fichtentheor oder Terpentin aufgetragen worden. Einer Ligatur bedarf es nicht, dagegen erfordert der Allgcmeinzustand Berücksichtigung des Appetites und der Verdauung, sowie ein roborierendos Verfahren (in erster Linie kräftige Kiweissnahrung, frische Luft, Gaben von Eisen, China, Leberthran, Wein u. dergl.). Tritt nach der Operation Husten ein, darf dies nicht beunruhigen, es beweist nur, dass jetzt wieder die Lunge mit frischer Luft gefüllt wird.
Ungünstige Zufälle kommen hie und da vor bei verfehlter Diagnose, Einstechen an ungeeigneter Stelle oder bei fehlerhafter Handhabung des Trokars und bestehen sie gewöhnlich in Verletzungen der Lunge, des Zwerchfells, Herz­beutels oder der Zwischenrippenarterie.
Alle diese Zufälle können gut vermieden werden, ebenso das Nachfolgen eines subkutanen Emphysems oder Ödems. Nicht unzweckmässig ist auch das leichte Verschieben der Haut an der Punktionsstelle vor dem Einstich, um die Wunde nachher durch erstcre einzudecken. Beim Herausziehen des Instrumentes wird die Haut mit den Fingern zurückgehalten.
Die perikardiale Punktion. Eine direkte Entleerung des krank­haften Inhaltes des Herzbeutels ist bis jetzt nur selten unternommen worden (Stockfleth, Lydtin, Richter), sie kann aber unter Umständen versucht werden, obwohl bis jetzt, soweit bekannt, regelmiissig Rezidive und Tod nachfolgten.
Im ganzen kommt die Herzbeutelentzündung bei den Tieren selten vor, am häufigsten noch die traumatische Form bei Bindern und die chronische bei Hunden, während die hydropischc Füllung des Perikardiums, wie sie bei kachektischen Rindern, namentlich aber Schafen (Heizwasser) nicht selten beobachtet wird, aus begreiflichen Gründen hier nicht in Frage kommen kann; dasselbe gilt übrigens in gleichem Masse auch von der durch spitzige Körper entstandenen Ent­zündung, bei welcher jede Uehandlung hoffnungslos ist, sobald das Leiden dia­gnostiziert ist.
Die Probepunktion zur Erlangung perikarditischen Exsudates kann unbedenklich mittels der P ra vaz'schen Spritze vorgenommen werden, denn man erreicht den Beutel leicht, wenn tief unten an dem vordem Rande der 5. bis 6. linken Rippe bei Pferden (mit der Richtung nach oben) eingestochen wird. Beim Rinde bezeichnet Stockfleth die 8. bis 9. Rippe und kann dabei auch der Herzschlag als Anhaltspunkt dienen.
Das Trokarieren kann ebenfalls an derselben Stelle vorgenommen werden, es empfiehlt sich aber auch das Brustbein, von wo aus eine Verletzung der Pleura nicht eintritt: zu diesem Behüte nüisste man bei Pferden und Rindern l—2 cm links von der Medianlinie des Sternums den hintersten Kern des Brustbeinknorpels durchbohren, um alsbald ohne Verletzung weiteren Gewebes in den Beutel einzudringen.
Was den Eingriff selbst betrifft, so würde derselbe der operativen Behand-lung des Leidens weiter nichts in den Weg stellen, es ist daher nur die Trost­losigkeit des letzteren selbst, welche die Punktion widerrät. Bei serofibrinösen Exsudaten und schwartigen Auflagerungen dürfte nach vorhergegangener Explorativ-punktion die Anwendung des gut desinfizierten Aspirateurs vorzuziehen sein
ocr page 422
404 Zweite Haupt-Aliteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausluhrbar,
und Hessen sich damit auch Einspritzungen von antiputriden Flüssigkeiten ver­binden oder solchen, welche vielleicht gar eine Radikalkur, d b. eine definitive Verwachsung der serösen Blätter (Lugol'sche Solution) einzuleiten geeignet sind; im übrigen wäre hei eitrigen, stationären oder fötiden Exsudaten wegen der längeren Dauer der Behandlung eine auf aseptischem Wege ott'en zu erhaltende Wunde oder die Aspirationsdrainage wohl vorzuziehen.
XXX. Der Bauchstich. Gastrocentese.
Punctio alvi. Paracentesis abdominis.
Der Bauclistich (Punktion des Hinterleibs, Cölioparacentesis) ist jene Operation, bei welcher man mittels eines Trokars die Bauchhöhle eröffnet, um daselbst angesammelte Flüssigkeiten zu entleeren. Er bildet einen Teil der Operation des Darmstidis bei Pferden und des Pansenstichs beim Kinde.
Geschichtliches, Das Anstechen der Bauchhöhle gehört zu den ältesten Operationen, denn es geschieht dieser einfachen Operation schon in den hippo-kratiseben Schriften Erwähnung und gab es schon damals ilhnlicb wie bei dem Bruststich Anhänger und Gegner; ebenso bat Aristoteles die antike Operationstechnik ausführlich angegeben und erfährt man aus seinen Werken, dass sie mit einem Messer ausgeführt worden ist. Vegetius empfahl das Spitzmesser, das 4 Finger breit hinter dem Nabel eingestochen werden soll. Erst im 17. Jahr­hundort kam der Trokar auf, mit welchem heute noch die Funktion ausgeführt wird, wie denn mit derselben bei der grosson Einfachheit nur wenige Veränderungen im Verlaufe der Zeit vorgegangen sind. Bei Schafen, wo allerdings auch die meisten Bauchwassersüchten vorkommen, scheint diese Parazentose in früherer Zeit am häufigsten vorgekommen zu sein, auch wurden damit Einspritzungen namentlich von aromatischen Mitteln und in der Neuzeit auch von Jodlösungen verbunden, die aber der Erfolglosigkeit wegen insgesamt wieder aufgegeben worden sind.
Anzeigen des Bauchstichs. Im wesentlichen wird die Operation unter denselben Umstämleii und mit denselben Mitteln vor^oiioiiimen, wie dies schon beim Brnststich näher angegeben wurde, doch bietet die akute Form der Entzündung der serösen Platten des Bauchfells ungleich weniger Veranlassung zum operativen Eingreifen, da die Bauch­fellentzündung gegenüber der Pleuritis ungleich seltener vorkommt und wenn sie zu bedeutenderen serösen Ergüssen führt, fast regelmässig in kurzer Zeit mit Tod endet. Bei Rindern dauert der peritonitisebe Prozess länger, indes ist er mit einem mehr oder weniger rasch vor-schreitenden Siechtum verknüpft, das viel eher zum Schlachten (bei Schafen regelmässig) auffordert, als zum Trokarieren.
Aber auch bei der chronischen Form sowie der eigentlichen Bauchwassersucht kommt die Punktion des Hinterleibs im ganzen selten vor, der allgemeine Znstand der Tiere bietet aus begreiflichen Gründen zu wenig Hoffnung auf Wiederherstellung, doch ist jede Operation von einer alsbaldigen Besserung begleitet und so kann der Trokar in
ocr page 423
1
if
XXX. Der Bauchstich. Gastvocentese.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;405
der Praxis nicht ganz entbehrt worden; im Übrigen kommen schleichende
Bauchfellentzündungen, die sich schliessllch von Ascites kaum mehr unterscheiden lassen, am häufigsten bei Rindern vor, bei Hunden mehr der für sich bestehende Hydrops.
Diagnose. Die Erscheinungen der Peritonitis wie der Bauch­wassersucht treten im Anfange nur in wenig charakteristischer Weise hervor, beide Prozesse sind auch nur Teilerscheinungen eines Grund-leidens, denn auch erstere Erkrankung kommt wohl nie für sich selbst-ständig vor. Auf Intraabdominale Wasseransammlungen wird man in der Regel erst aufmerksam durch die allmähliche Uinfangsvermehrung des Bauches, besonders durch das eigentümliche Hinabhängen desselben und die damit im Zusammenhang stehende Umfangsabnahme des übrigen Körpers.
Bei näherer Untersuchung macht sich dann im weiteren Verlaufe ein deutliches Schwappen bei Druck auf die Bauchwände bemerklich, ebenso leerer Perkussionsscliall, wo man sonst vollen oder tympanitischen Ton zu hören gewöhnt ist; ebenso hat man bei der Untersuchung per rectum das Gefühl von Flüssigkeit, an den abhängigen Körperteilen treten Wassergeschwülste auf und kommt es schliesslich zu erheblicher Erschwerung des Atmens, die eben die hauptsächlichste Veranlassung y.mu Abzapfen gibt.
Verwechslungen mit Bauchwassersucht können vorkommen durch vorgerückte Trächtigkeit, sie sind aber durch die Untersuchung des Uterus zu umgehen, ebenso kann Wassersucht des Fruchthälters oder der Eihiiute Ascites simulieren, während Trommelsuchten und Wind­koliken durch Perkussion und Palpation unterschieden werden können. Bei einer allmählichen Zunahme des Bauches infolge Degeneration der Leber, die bei Rindern manchmal eine enorme Ausdehnung erreicht, fehlt namentlich die Fluktuation, die jedoch ganz so wie bei Bauch­wassersucht vorhanden ist, wenn /.. \\. bei Ochsen die Blase geplatzt ist und der Inhalt sich in die Bauchhöhle ergiesst oder täuscht bei Hunden die starke Anhäufung von Harn bei Dysuricn, wobei sich die Blase ähnlich einer Kegelkugel als pralle Geschwulst an den Bauch-decken durchfühlen lässt.
Hauptmerkmale poritoncaler Ergüsse sind aussei- den schon onvähntcn Ödemen an der untern Fläche des Bauches, dem Euter, den (ienitalien und Hinter-gliedmassen auch die Veränderungen der Niveaulinie des Wassers, #9632;welche hei den grossen Haustieren hervortreten, je nachdem sie stehen oder liegen. Bei Hunden, welche betreffs der Punotlo alrina besonders in Betracht kommen, kann man durch Aufheben des Vorderteils die Ansammlung des Ergusses in der Becken-höhle förmlich sehen und umgekehrt bei der Aufrichtung des Hinterteils die Aus­dehnung des Rippenkorbes deutlich bemerken. Aus demselhen Grunde geraten auch diese Tiere in arge Respirationsnot, wenn sie eine Treppe hinabsteigen, währoiul das Hinaufgehen mit weniger Beschwerde verbunden ist; auch scheuen solche Hunde auf einen Stuhl zu springen oder auch nur über eine Lache auf der Strasse wegzusetzen.
Instrumente. Zur Vornahme des Bauchstiches ist ein besonderer Trokar nicht erforderlich; für gewöhnlich bedient man sich eines runden dünnen Trokars von derselben Form, wie er in Figur 251 abgebildet
ocr page 424
406 /weite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
ist; (loch hat man wegen des grösseren Dickendurobmessers der Bauch-wand gegenüber der Brustwand auch etwas längere Instrumente, im
übrigen gilt, aber dasselbe, was vom Brusttrokar, Seite 39!), gesagt worden ist.
Grössere Haustiere werden unbedingt im Stehen operiert, kleinere legt man auf einen Tisch und befestigt sie in der bekannten Weise.
Operation. Bei dieser sind es vornehmlich zwei Stellen am Hinterleib, welche sich zur Punktion eignen, nämlich eine obere in der Flanke und eine untere in der Nabelgegend, welch beide gleich bequem gelegen sind. Man hat:
1. Oberer Bauchstich, Flankenstich.
In dieser Bauchregion kann die Parazentese auf beiden Seiten vorgenommen werden, bei den Emninantien wählt man jedoch des Pansens wegen die rechte Seitenwand, bei Pferden die linke, um den Blinddarm vermeiden zu können, Der Spielraum ist auf beiden Seiten ein grosser, denn er erstredet sich von der Hüfte herab fast bis zum Nabel, man wird jedoch die Vorsicht gebrauchen, sich durch Perkussion und Palpation davon zu überzeugen, dass nicht an der gewühlten Operations-Stelle etwa eine Darmsdilinge der Bauchwand anliegt, obwohl meist die Eingeweide von dieser weit weggedrängt sind. Für gewöhnlich eignet sich die Mitte jener Horizontale am besten, welche von der Patella nach der letzten Rippe hingezogen wird.
Nachdem die Haare dort abgeschoren und die Stelle mit Sublimat­wasser ü. dergl. gewaschen ist, erfasst man den desinfizierten Trokar in der bekannten AVeise (Seite 97 und 400), spannt die Haut an der Stichstelle mit den Fingern der andern Hand und sticht langsam durch die Bauchmuskeln hindurch, bis der Widerstand nachlässt und die Spitze die Bauchhöhle erreicht hat.
Um sich gegen zu tiefes Eindringen zu sichern, wie es etwa bei unvermuteten Bewegungen seitens des Tieres geschehen könnte, benutzt mau wie beim Bruststicli die Vorsicht, den Zeigefinger so auf den Trokar anzulegen, dass nur soviel von demselben vorstellt, als etwa die Dicke der Bauchwand beträgt (bei Pferden gegen 6 cm, bei Bindern gegen 5 cm und bei den übrigen Haustieren etwa 2—3 cm).
Nach dem Ausziehen des Stilets fliesst das Transsiulat in vollem Strome nach und wird dieser durch passenden Druck an der Bauchwaml unterhalten; man darf den Abtluss sogar beschleunigen, da nicht zu befürchten stellt, dass bei der grossen Elastizität der Eingeweide und der Bauchmuskulatur durch den Nachlass des seitherigen Druckes Fluxionen nach den Hiuterleibsorganen entstehen, wohl aber ist es zweck-mässig namentlich bei den kleineren Haustieren, nachher den ausfallenden Druck durch einen Verband in der Art zu ersetzen, dass man die relaxierten Bauclnvände durch breite Binden oder (Jurten so lange unter­stützt, bis die Muskeln ihre infolge der andauernden Extension bedeutend verminderte Kontraktibilitiit wieder erlangt haben.
ocr page 425
XXXI. Der Darmstich.
407
i(
Zum Schlüsse wird die Kanüle rasch herausgezogen, #9632;während man mit den Fingern der linken Hand die Haut zurückhält. In gleicher Weise verfährt man, wenn am liegenden Tiere operiert wird.
Das Einstossen muss -wegen der grossen Resistenz der Haut mit Kraft und Energie geschehen, -wohei es zweckmässig ist, mit dem Instrumente eine leichte Rotation vorzunehmen. Sollte die allgemeine Decke starken Widerstand leisten oder das (ohnedies nicht schneidende) Instrument etwas stumpf sein, so kann auch ein kleiner Hantschnitt vorangehen, der nötigenfalls nachher eine Knopl'naht erhält; für gewohnlich vorschiebt man nur die Haut etwas vor dem Einstich, wodurch sie nach der Entfernung der Hülse die kleine AVunde von selbst überdeckt.
Nicht selten kommt, der Ausiluss ins Stocken oder nur in dünnem Strahle zum Vorschein, was in der Regel beweist, dass ein Darm an die Kanüle heran­getreten oder wie bei Hunden ein Teil des Netzes sich vorgelagert hat. Man hilft sich durch eine Hebung und Senkung des Instrumentes oder geht mit einer Sonde, einem elastischen Katheter u. dergl. ein und beseitigt das Hindernis, das auch in Flocken und andern Gerinnseln bestehen kann.
2. Unterer Bauchstich.
Die zweite Stelle für die Hinterleibspunktion ist die unterste Bauclifläche, welche hauptsächlich bei der Operation im Liegen und bei ihmden gewählt wird. Der Einstich geschieht liier in ganz derselben Weise, wie oben angegeben wurde und zwar entweder in der Linea alba selbst oder rechts und links in der Nähe ihres Verlaufs und hält man sich dabei zwischen Brust- und Schambein, also in der Umgebung des Nabels; liegt das Tier auf der linken Seite, so wird auch links 1—2 Finger breit unter der weissen Linie eingestochen.
Sind die Bauclulecken stark ödematos infiltriert, so machen manche Tierärzte vorher einen Schnitt durch die Haut, um dann erst mit dem Trokar einzustechen; dies ist nicht notwendig, ein gutes Instrument geht unbehindert vor, wenn man es nur herzhaft in die Hand nimmt, bei angefülltem Bauche- fällt die Besorgnis einer Verletzung von Ge-fässen oder abdomineller Organe weg oder gehört eine solche zu den grossten Seltenheiten, ebenso kann die Operation, von welcher ja nur vorübergehende Hilfe zu erwarten ist, bei einem und demselben Indi­viduum so oft vorgenommen werden, als Anzeigen hiefür vorliegen.
t]
-1
XXXI. Der Darmstich.
Enterocentesis.
Als Darmstich bezeichnet man jenes Operationsverfahren, wobei mittels eines Trokars der Dann angestochen wird, um daselbst in be­drohlicher Weise angesammelte Gase zu entleeren. Die Darmpunktion findet nur bei den Einhufern Anwendung.
ocr page 426
408 Zweite Haupt-Alitpilinic;: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfuhrbar;
w
Geschichtliches. Auch der Darmstich datiert schon aus sehr alter Zeit, wurde aber, weil ftet'iirchtet, viel seltener angewendet) als der Bauclistich. Die Anwendung scheint sich hauptsächlich nur auf Pferde beschränkt zu haben, doch spricht Riem (1775) auch von Schweinen, die man durch das Anstechen des Darmes zu retten versuchen könne, auch ist schon im vorigen Jahrhundert vielfach davon die llcde gewesen, man solle mit der Operation nicht zu lange zögern, während im Anfange dieses Jahrhunderts ein Rückschlag zu Ungunsten derselben eintrat, denn sowohl die Berliner als Wiener Schule hatte in den zwanziger Jahren noch die Verwundung des Darms als etwas gefährliches bezeichnet, bis allmühlicb mehr und mehr diese Ansicht als eine irrige sich herausstellte, was besonders den Klinikern der Wiener Schule (llayne u. A. 1830—1840) zu verdanken war. Als Einsticbstelle benutzte man hauptsächlich die Seitenwand und die unteren Partien der Bauchhöhle und als Instrument den rundon Trokar, der jedoch fehlerhaft konstruiert war, indem er weit herauf Seitenöffnungen besass, durch welche Futter­teile in den Bauchfellsack gelangen konnten.
In der II. Hälfte dieses Jahrhunderts machte der Darmschnitt insoferne Fortschritte, als durch die immer häutigere Anwendung die gänzliche Unge-fährlichkeit desselben konstatiert wurde, die Anlmnger mehrten sich daher und fänden ihren gewiegtesten Fürsprecher hauptsäeldich in Friedberger (1874), welcher sich durch seine vorlretlliohe Schrift über die Kolik grosse Verdienste erworben hat: von jetzt ah ging die Parazentese des Darms auch mehr in die Privatpraxis über, ohne aber auch heute noch jene Beachtung gefunden zu haben, die dem Verfahren unzweifelhaft gebührt; vielfach verlassen sich die Praktiker auf die Mnssenirrigation des Dickdarms, sowie auf die allerdings die Poristaltik kräftig und sicher anregenden Pliysostigminwirkungen, wie es offenbar auch noch einiger Zeit bedarf, bis sich die Pferdebesilzer von der Wirksamkeit und Unschäd-lichkeit des Darmstiches mehr und aus eigener Anschauung überzeugt haben.
Endlich ist in neuester Zeit von Föhringer (1880) versucht worden, die Punktion auch vom Mastdarm aus zu unternehmen, wie sie nach lluzard schon von Bourgelat und Chabert (1770) empfohlen worden ist, ohne dass jedoch hierüber etwas Zuverlässiges in die Ölfentlichkeit gedrungen wäre.
Anzeige des Darmstiches. Anschoppungs- und Windkoliken in den höheren Graden sind es hauptsächlich, welche zur Operation Ver­anlassung geben, wenn die übrigen Mittel, namentlich aber die Pur-gantien, das Eserin und die hydropathischen Mittel (Einführung grosser Mongon kaiton Wassers in den Mastdarm, kalte Perfusionen des ganzen Körpers) zu dem gewünschten Ziele nicht geführt haben, weil die enorme Ausdehnung dos Darmes durch Futter und Luft, die Kompression der Darmgefässe mit nachfolgender seröser Imbibition der Muskularis, Läh­mung einzelner Darmpartien und Verschiebung anderer nicht gelähmter Schlingen, Axomlrolmngon u. s. w. der Entleerung' der Gase nach aussen im Woge stehen und oft genug unüberwindliche Hindernisse abgeben.
Bei den Sterkoralkoliken dauert es längere Zeit, bis sich die gährenden Futterraassen und damit auch die (läse so aufgestaut haben, dass sich förmliche Koprostase einstellt, der Vorlauf solcher Koliken kann sich daher auf (!—7 Tage und länger ausdehnen, da anfangs immer noch wenn auch wenige Exkremente abgehen. Die Kolikzufälle sind dabei von massiger Heftigkeit, die Beängstigung und Entcralgie meist nur im Stehen hervortretend und wird dabei öfters eine gestreckte Stellung angenommen, weshalb Konfusionen mit Harnverhaltung so häufig entstehen. Zu vollständiger Darmokklusion kommt es erst später und bei der Einführung dos Armes in den Mastdarm lassen sich dann rcgcl- #9632; massig die angefüllten Darmabschnitte durchfühlen. Unter solchen
ocr page 427
I
!
XXXI. ])er Darmsticli.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 40!)
Umsttaden kommen alle betreffenden Hilfsmittel sehr langsam, häufig gar nicht mehr zur Wirkung und der Trokar bildet dann das letzte Expediens.
Anders verhält es sich mit dem Darmmeteorismus, denn die Auftreibung dos Hinterleibes erfolgt sehr rasch, der Verlauf ist stürmisch, Angst und Unruhe gross, und schnell tritt auch Dyspnoö unter starkem Schweiss hinzu.
Wenn auch derartige Windkoliken im ganzen weniger gefährlich •sind, als sie aussehen, denn es stehlen sich die Gase zwischen den blilhenden Futtermpgen im Blind- und Grimmdarm allmählich durch, so treten doch häufig Todesfälle ein, sobald durch starke Dehnung der Darnnvände die Energie der Peristaltik schwindet; Berstung des Darmes, ein lliss im Zwerchfell oder Erstickung ist dann die rasche Folge und nicht selten kommt man mit dem Trokar zu spät.
Schon die erste Beobachtung, dass der Mist- und Windabgang sistiert, ja schon das Verschwinden der Darmgeräusche und der Eintritt Jener stets Bedenken erregenden bellen aber ganz kurzen vibrierenden Darmtöne, welche von einem eigentümlichen Fremitus intestinalis be­gleitet sind, fordern zu einer energischen That auf. wenn auch die Schmerzensäusserungen nur gering sind; desgleichen ist mass-gebend für rasches operatives Einschreiten, wenn der nichttympanitische Schall auf der Bauchwand den akustischen Charakter des Tones bezw. eines trommelartigen Tönens angenommen hat und ist damit immer schon nicht blos ein kurzes beschleunigtes, sondern besonders auch ein angstvolles Schnaufen und Eckigwerden der Nüstern verbunden (Lungenödem). Die übrigen /eichen, auf welche sonst so viel Wert gelegt wird, wie Schmerz, schwacher Puls, Schweiss, Trockenwerden des Mauls können täuschen, weil sie variabel sind, man achte daher mehr auf die der Kolikart als solcher spezifisch zukommenden Zeichen und namentlich auf die Easchheit, mit der sie nacheinander auf-t reten.
Instrumente. Seit man den Trokar kennt, wird die Darm­punktion nur mit diesem Instrument ausgeführt, von dem aber ver­schiedene Arten und (irössen im Kurse sind. Gegenwärtig gehraucht man nur mehr den Itundtrokar von der Form des Drusttrokars (Figur 201); die Länge variiert von 10—15 ein und die Dicke beträgt :!—1 mm. Die längeren Trokare sind weniger gut zu handhaben und meist auch zu dünn, 3mm Kanülenweite sollte das Minimum sein; die Dannwunde fällt dann ergiebig genug aus, ohne heim Ausziehen der Hülse Darm­inhalt nachtreten zu lassen, denn auch die, seitlichen Offnungen sind jetzt strenge verpönt. Für Notfälle verwendet mau auch zweischneidige Trokare, z. B. das zum Pansenstich beim Kinde bestimmte Instrument, den Schaftrokar oder auch den gekrümmten Blasentrokar.
Enterotom von Brogniez. Um das Austreten von !#9632;'ntterteilen zu vor­hindern, suchte man früher die Darmwuiule diclit an die Hauclnvand heran/u-drängen. was durch die Klappen ii (Figur 25;i) geschehen kann, welche durch einige Unidrcluuigen der Schraube)raquo; rochtwinldig gestellt werden; die Gase ent-
ocr page 428
410 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur au bestimmten Teilen ausführbar.
ü
weichen dann tlurch die beiden Öffnungen unterhalb der zweischneidigen Trokar-spitze bei d und k, nachdem das Stilet e bei g abgeschraubt worden ist. Trotz der genialen Konstruktion entspricht das Entcrotom keineswegs dem Zwecke, ja es ist selbst gefährlich, denn die Spitze bleibt im Darrarohr zurück und wenn der Klappenrnechanismus (hdli) versagt, ist das Herausziehen entweder sehr erschwert oder unmöglich, das Instrument bildet daher nur mehr ein Kabinetsstiick der tierärzt­lichen Lehranstalten und zugleich ein Muster, wie Trokare nicht beschaffen sein sollen.
Operationsstelle. Beim Darmstich han­delt es sich vornehmlich um den Elind- und Grimmdarm, welche man zu treffen beabsichtigt, es liisst sich indessen bei dem ausserordentlich langen Gekröse des Pferdes und der leichten Verschiebbarkeit der Gedärme nicht mit Be­stimmtheit angeben, welche Darmpartie gerade einer gegebenen Stelle der Bauclnvand anliegt; nur der Grund des Cökums ist fixiert, weil
in der Gegend geheftet, wenn muss er in der
des rechten Darmbeins aii-man ihn daher troffen will, rechten Flanke aufgesucht
werden.
Was das Kolon betrifft, so liegt es schon seiner grossen Schwere wegen unten in der Bauchhöhle und ist hier von den Schlingen des Dünndarms bedeckt, um daher diese beiden Därme zu erreichen, soll man weiter unten hinter den vier letzten Bippen oder in der Gegend des Nabels einstechen.
Die untere Bauchseite ist als Operations-stelle wieder verlassen worden, indem hier möglicherweise ein Aussickern von Darminhalt stattfinden kann (was zwar stark zu bezweifeln Ist, weil die Därme unter allen Umständen dicht an einander liegen), am zweckmässigsten wird jetzt aligemein zwischen der letzten Bippe und dem äussern Darmbeinwinkel, also in der Mitte der rechten Flanke oder auch links am Bauche, überhaupt etwa in der Höhe der Kniefalte eingestochen, in specie aber an jener
Fig. 258, Entcrotom von Brogniez
Stelle, welche dem Eindrucke der Faust am meisten elastischen Widerstand entgegensetzt,
also auch am meisten Spannung und Auf­treibung zeigt. Bei der Perkussion erhält man an solchen Stellen je nach dem Fxtensionsgradc der Bauchwand niemals einen tvmpanitischen, sondern den nichttympanitischen Schall oder vollen Ton mit amphorischem Nachhall.
Operation. Nachdem die Haare aligeschoren, die Stelle gewaschen, gebürstet und samt dem Instrument desinfiziert worden ist, spaltet mau (am stehenden Pferde) die Haut mittels eines Lanzettestiches und treibt
ocr page 429
XXXI. Der Dannstich.
411
mit kfäfÜgei' Hand rasoli und ohne ZU drehen (lie Sjiitze des In die holde Hand genommenen Trokais 5—(i cm tief durch die Baucbwand. Das Instrument wird immer senkrecht auf letztere angesetzt und nimmt dann die Richtung nach dem Zentrum des Hinterleibs.
Nach dem Ausziehen des Stiletes dringen die Oase mit Vehemenz. unter zischendem Geräusch aus, werfen mitunter Futterteilchen in die Höhe und verbreiten einen eigentümlichen üblen Geruch, je nachdem sie hauptsächlich mit Kohlenwasserstoff- oder Schwefelwasserstoffgas ge­mengt sind. Geschieht die Gasausströmung gar zu heftig, so vermeidet man dies leicht durch zeitweiliges Zuhalten der Ivanülenmündung.
Kommen verhältnismässig nur geringe Luftmengen zum Vorschein oder hört das Ausströmen bald auf, so ist dies ein Zeichen, dass die' Spitze des Trokars an dem Dickdarm vorbeigleitete und eine Diinn-darmschlinge getroffen hat; in solchen Füllen zieht man das Instrument nur etwas zurück und sticht es wiederholt rasch und mutig, jedoch in etwas veränderter Richtung ein, wie man sich denn nicht scheuen darf, die Operation auch an einer andern Stelle und selbst mehrmals zu wiederholen, denn nicht sie ist es, welche Gefahr bringt, sondern ihre Ursache oder Unterlassung.
Tritt ein Todesfall ein, so hat man Mühe, die Einsticlistelle an dem weiten Darme zn finden, die Häute der kleinen ÖfVnung ziehen sich alsbald über einander zusammen und lassen sich nur als einen fiohsticliähnlichen Flecken erkennen, der oft vergeblich gesucht wird; manchmal ist selbst ein Diinndarmstück durchgestochen worden, ehe man das Kolon erreichte und Hayne hatte mit seinem 85cm langen Trokar selbst letzteres perforiert, ohne dass ein Kachteil eingetreten wäre. In andern Fällen hat der betreffende Darm bereits eine Verklebung eingegangen und zeigt sich überhaupt das Bauchfell gegen traumatische Eingriffe viel toleranter, als man früher annahm: selbstverständlich ist damit nicht ausgeschlossen, dass nicht aucli ausnahmsweise durch eingedrungene Futterpartikel eine schwere Ent­zündung nachfolgt, die sieher mit Tod endet, wenn keine Abkapslung zu stände kommt.
Eine Nachbehandlung erfordert der Darmstich nicht, die Wunde ver­klebt vielmehr schon in 2 — 8 Tagen; manchmal entstehen kleine Abszesse, welche sich nur auf Unreinlichkeit zurückführen lassen, viele pflegen daher alsbald ein PechpHaster oder etwas dicken Terpentin aufzulegen.
Rektale Punktion des Dickdarms. Bei manchem hochgradigen Meteorismus gelingt es nicht, die Gase in der oben bezeichneten Weise zu entleeren, wenn nämlich solche Darmpartien von der Aufblähung betroffen sind, welche entweder schon vorher in der Mitte der Bauch­höhle gelegen sind oder erst dahin verschoben worden sind, von aussen daher nicht erreichbar sind.
In solchen Fällen kann die Trokarierung vom Mastdarm aus vor­genommen werden und hat Föringer das Verdienst, hierauf aufmerksam gemacht zu haben.
Man führt ZU diesem Zwecke mit der beulten Hand einen kurzen geraden Kundtrokar unter Deckung der Spitze mittels des Fingers in das Rektum ein, verhält sich aber solange mit der Hand passiv,, bis allmählich ein Kontraktionsring nach dem andern sich über sie hinweggedrängt hat und man schliesslich in die vielfach gewundene
.
ocr page 430
412 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Bauchpoi'tion dos Mastdarms gelangt, wo dann die Hand nach allen Seiten hin frei untersuchen kann, um das betreffende Darmstttck auf­zufinden.
Sobald das heftige Drängen dos Tieres aufgehört hat, wird die Mastdarmsohleimhaut etwas geglättet, der Trokar rasch In die aus­gedehnte Darrapartle eingestochen, das Stilet zurückgezogen und in der Palma geborgen, während die Finger die Kanüle überwachen, bis keine Oase mehr zum Vorschein kommen. Sollte die Entleerung des Hinter­leibs nicht genügend ausgefallen sein, so wird au einer andern Stelle wiederholt pungiert.
Die Operationsmethode eignet sich nur für ganz spezielle Fälle und ist noch sehr wenig ausgeführt worden, über den praktischen Wert lässt sich daher ein Urteil vorerst noch nicht abgeben.
XXXIL Der Pansenstich.
Magenstich, Punctio ruminis. Punctio cardiaca.
Unter Pansenstich versteht man die Eröffnung des I. Magens der Wiederkäuer mittels eines Trokars, um die daselbst in gefahr­drohender Weise angesammelten Gase zu entleeren.
Geschichtliches. Ob scbon im Altertum die Operation unternommen worden ist, geht aus den Überlieferungen nicbt hervor, muss also bezweifelt werden, sichere Nachrichten stammen erst aus dem XVII. Jahrhundert und scheint das Messer zuerst in England fUr obige Zwecke bei Rindern angewendet worden zu sein. Erst später kam dann der Pansen-Trokar in üebrauch, der von einem Grobschmied Hauk in Handschuchsheim (bei Heidelberg) herstammen soll und hat damit erst­mals in Deutschland Erxleben, sowie Medicus (1771) die Punktion ausgeführt. Man war lange über das Wesen der Trommelsucht im Unklaren und befand sich besonders in dem Irrtum, die Luftarten entwickelten sich im Bauchkavnm oder würden erst von da in den Wanst imbibieren, man riet daher, ja den Magen nicht zu verletzen, bis die französischen Tierärzte, voran Goulin (1775) melir Auf­klärung in die Erkrankungsweise brachten. Hierauf wurde die Operation allgemein aufgenommen und war sie bis heute ihrer grossen Einfachheit wegen nur wenigen Modifikationen unterworfen.
In den ersten Jahrzehnten des laufenden Jahrhunderts wurde von ihr der ausgiebigste Gebrauch gemacht, jedoch nur von Tierärzten, sie popularisierte sich aber bald in einer Weise, dass sie auch von Laien ausgeführt wurde, bis man allmählich auf ihre schlimmen Nachwehen mehr und mehr aufmerksam geworden ist, so dass gegenwärtig ungleich seltener zum Pansentrokar gegriffen, vielmehr mit Recht ein grösserer Wert auf die Unterdrückung der Luftentwicldung und anderweitige Entfernung der Pansengase gelegt wird.
Anzeige des Pansenstichs. Die einzige Veranlassung zum Panzenstlch gibt das Aufblähen der Wiederkäuer, die sog. Trommel­sucht, wobei jedoch sehr zu unterscheiden ist, ob die Gasentwicklung rasch und massenhaft infolge gährenden Grünfutters u. dergl. geschieht
ocr page 431
XXXII. Der Pansensüch.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;4)3
(akutes aufblähen) odev sie langsani aber andauerad und bartntlckig infolge ünthfttigkeit der Mägen und Zersetzung liegen bleibender Futter-massen (schleichende Blähsucht) vor sieh geht.
Letztere Indigestion erfordert kein operatives Kingreifen und weicht einer entsprechenden Innerlichen Behandlung, besonders der Salzsiiure-uml Eserlntberaple, anders verhält es sieh mit der perakuten Form, wenn die äusserliehen und innerlichen Mittel vergebens angewendet wurden und eine plötzliche, raseh zunehinende und so heftige Auftreibuug des Hinterleibs eintritt, dass die Tiere schon in kurzer Zeit, d, h. nach l/j bis 1 Stunde zu ersticken drohen oder apoplektlsch niederstürzen.
Die Erscheinungen, welche die schleunige Einleitung der Punktion notwendig machen, bestellen in grosser Unruhe und Angst, Aufsperren der Nasenlöcher und des Mauls. Brüllen, leerem und zugleich unregel-mässigem Puls bei pochendem Herzschlag, schmerzhaftein .Stöhnen, cvanotischen Schleimhäuten und Anschwellen der Hautvenen, Hervor­treten des Bulbus, kalten Hörnern und Extremitäten, Zittern am ganzen Körper, Stampfen, Trippeln und Schwanken im Hinterteil.
Die Ursache des Todes ist meist eine Berstung des 1. Magens, Zerrelssung des Zwerchfells oder entsteht infolge der enormen Aus­dehnung des Pansens starke Beengung des Brustraums, Kompression der grossen Blutgefässe, Hemmung besonders des Venenkreislaufes, passive Hyperämie der Lungen, akutes Lungenödem, Kohlensäure­intoxikation, in manchen Fällen auch Stauungskongestion des Gehirns und seiner Häute mit kapillarer Apoplexie oder akuter hydrocephalischer Erweichung. Am gefährlichsten sind jene Fälle, wo zugleich grosse .Mengen gähreuder Futtermassen angehäuft sind und sich immer wieder aufs neue Gase entbinden, das Rülpsen aber zufolge der jetzt auf­gehobenen Kontraktibilität der Magenwandungen aufgehört hat, somit auch alle Pansengeräusche verschwunden sind.
Zur richtigen Diagnose der Trommelsucht dient besonders auch der Befund der Hungergrube, welche nicht blos ausgefüllt, sondern links auch stark hervorgewölbt ist und beim Perkutieren einen vollen und hellen Schall oder vielmehr trommelartigen Ton mit metallischem Klin­geln (Tintement argentin) gibt. Die mit der Hand ausgeführte Palpation ergibt anfangs noch volle Elastizität, bald aber ist der Widerstand ein so bedeutender, dass die Faust nur mit Gewalt eine Impression zu stände bringt und diese sofort sich wieder ausgleicht (die Gase dehnen sich auch in die übrigen Mägen und den Dünndarm aus).
Sind nur Futteranhftufuugen im Spiele, so fühlt sich dor aufgetriebene Leib mehr teigartig, unelastisch an und hei einer Komplikation heider Zustände macht sich heim Einpressen der Hand zuerst die elastische Luft hemerklich und dann erst die festweiche Futtermasse. Da alles, was die liejektion hindert, eine Stag­nation in den ersten Mägen mit Gährung veranlasst, muss auch untersucht werden, oh nicht andere Ursachen jene sistiert haben, insbesondere retropharyngeale Ge­schwülste, etwa im Schlund Steckengebliebene Körper, degenerierte und vergrösserte Mittelfelldrttsen u. dergl.; ausserdem sind auch gefahrliche Aufblähungen oft nur Xehensymptomo von andern schweren Erkrankungen, wie der Ruin-, dem Mil/.-hrand u, s. w. und können sie dann als Vorläufer eines tötlichen Ausganges sclhst-verständlich eine Veranlassung zum Trokarieren nicht gehen.
'
ocr page 432
%
414 Zweite Haupt-Abteilung : Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Häufig ist das Aufblähen einzig nur einer unvernünftigen Fütterung zuzu­schreiben, es erkranken daher viele Tiere eines Stalles oder einer Herde gleich­zeitig, was die Diagnose wesentlich vereinfacht, aber auch die Gefahr vermehrt, insbesondere wenn die Erkrankung in abgelegenen Gehöften, auf freier Weide ™nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; erfolgt.
Die Vorbehandlung hat wie die Operation möglichst rasche Ent­leerung der Gase, jedoch auf natürlichem Wege zur Aufgabe, es sind daher keine Anstrengungen zu scheuen, um ganz besonders das Aut-stossen von Luft zu begünstigen; erfolgt nämlich dieses Rülpsen von ynbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; selbst, so hat man die sicherste Gewähr, dass die nicht ganz unbedenk-
hnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; liehe Operation unterlassen werden kann; die Gase entleeren sich zwar
langsam, es ist aber dabei Lebensgefahr ausgeschlossen.
Die Hausmittel und die mechanischen Hülfsmittel spielen zunächst die Hauptrolle, nicht blos weil sie sofort und überall zur Hand sind, sondern weil sie auch zu den wirksamsten gehören, was von den absorbierenden und gasverdichtenden Arzneimitteln nicht eben gesagt werden kann. Diese Hausmittel sind von der grössten Wichtigkeit, weil sie es hauptsächlich sind, durch welche sich das Operieren ersparen lässt.
Zu den allbekannten und bewährten Mitteln zählt das sog. Auf­zäumen mit einem Strick oder Strohbande, wodurch namentlich, wenn ain Reizmittel aufgestreut wird (Salz, Pfeffer, Essig, Wagenschmiere, Teer, Schnupftabak, Koth u. s. w., was schnell zur Hand ist), reichliches Speicheln entsteht, jedes Abschlucken aber von einer Erweiterung der Schlundinsertion des Magens gefolgt wird; ferner öfteres Herausziehen der Zunge, Einblasen von Tabakqualm in Nase und Maul, Umberjagen der Tiere womöglich bergan, Aufstellen des Vorderteils auf einen Dung-haufen bei Rindern, senkrechtes Stellen auf die Hinterfüsse bei Schafen. Eintreiben in kaltes Wasser, namentlich aber reflektorische Erregung #9632;der Magennerven durch kräftige Hautreize, wozu in erster Linie kaltes Wasser und tüchtiges Frottieren mit rauben Gegenständen gehört. Hiezu kommt noch die Massage mit beiden gekreuzten Fäusten, welche von besonderer Wirksamkeit ist, wenn damit eine subkutane Physostigmin-gabe, kalte Begiessungen, Überdecken des Körpers mit nasskalten Tüchern, Ausräumen des Mastdarms, hydraulische Masseninjektionen des Mast­darms verbunden und konsequent wiederholt werden, bis Einsinken der Flanken und Defäkation eingetreten ist.
Viel weniger ist von dem Pansenkatheter und den Arznei­mitteln zu halten, da sie nur unzuverlässig vorgehen, namentlich aber viel zu langsam, doch können sie, \vie die aromatischen Infuse, Terpen­tinöl, Erdöl, Schnaps, Salmiakgeist, Ätzkalk, Aschenlauge, konzentriertes Seifenwasser, Potasche, Soda, Chlorkalk, Kochsalz, untersclnvefligsaures Natron und dergl. immerhin wenigstens als Adjuvantien der obigen mechanischen oder physikalischen Mittel Dienste leisten, nur darf man sich auf sie nicht verlassen oder gar ihnen, wie es häufig geschieht, die Hauptrolle vindiziereu.
Das Schlimmste ist, dass man mit ihnen kostbare Zeit verliert und dass einzelnen der angegebenen chemischen Mitteln gar keine Wirkung zukommt, wie z. B, dem vielgerühmten Natrium subsulfurosum, das sein allerdings stark gährungs-
ocr page 433
XXXII. Der Pansensticli,
415
widriges H?
Sj Oj erst durch Einwirkung des sauren Labsokretcs abgibt, im Panseu
daher gar keinen Eft'ekt ausübt, während man mit anhaltender und gloichraässiger Klankenmassage, ausgeführt durch zwei kräftige Männer in 10—20 Minuten eine solche Entleerung des Wanstes erzielen kann, dass alle Gefahr gebannt ist, es steht daher mit Sicherheit zu erwarten, dass das Kneten beider Hungergruben den Magenstich zu einem viel selteneren Vorkommnis machen werde, als dies heutzutage noch der Fall ist und kann dies als eine der wertvollsten Errungen­schaften der Neuzeit in der Rindviehpraxis angesehen werden, wenn man näher untersucht, wie viele Tiere '/j Jahr nach der Punktion der Schlachtung anheimfallen! Das Entweichen der Pansenluft beginnt schon nach wenigen Minuten, steigert sich allmählich und kann das genannte Druckgeschäft bis zur gänzlichen Ent­leerung fortgesetzt weiden, wobei grössere Mengen auch nach hinten unter kräf­tigen Detonationen abgesetzt werden.
In wie weit die Massage auch bei den Schafen von ähnlichen positiven Erfolgen begleitet wird, vermag Vogel nicht anzugeben; zu wünschen wäre es in hohem Grade, nachdem diese Tiere die Folgen einer adhäsiven Peritonitis weit weniger überstehen, als die Rinder.
Instrumente. Das zum Pan-
senstlcli allgemein verwendete Ope­rationswerkzeug ist der Pansen-trokar, von welchem es jedoch verschiedene Formen und Grossen jjiht; nur in Notfällen wird die Punk­tion auch mit dem nächsten besten Tasch enmesser vollzogen, das jedoch spitzig und nicht zu breit sein sollte. Man durchsticht mit demselben nach einander Haut, Bauclnnuskulatur, Bauchfell und Magenwand und dreht es dann auf die Breitseite, um die wenigstens 3 cm lange Flankenwunde klaffen zu machen.
Die für Rindvieh gebräuch­lichen Trokare sind entweder rund, dreischneidig, mit einer vorne ein­mal gefensterten Hülse versehen, jetzt nur mehr 12—1quot;) cm lang und 5—10mm dick (Figur 254), oder flach, zweischneidig platt, mit höchstens lOmin breitem Stilet und von gleicher Länge wie die runden (Figur 255). Jedem Trokar sind 2 lir.lseu beigegeben, um mehrere Tiere zu gleicher Zeit operieren zu können. Die meisten Trokare sind viel zu lang und zu (lick. It öl)
Fig. 254.
Fig. 266.
spricht sogar von einem Pansen-trokar, der 2(l(,m lang und 14 mm breit ist: auch kommen in neuerer
ocr page 434
416 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, mir an bestimmten Teilen ausführbar.
Zeit viele derartige Instrumente aus England zu uns, welche zwar vor­trefflich gearbeitet, aber ebenfalls zu plump tuul deswegen nicht sehr brauchbar sind, denn die Magenwunde klafft bedeutend und die grosseu Anlöthungsl'lilclien, welche nachtriiglich am Pansen entstehen und vielleicht auch teilweise von ausgetretenen Futterpartikeln herrühren, geben, wie Vogel häutig zu konstatieren Gelegenheit hatte, Ver­anlassungen zu vielfachen Klagen der Kigentüiner, dass ihre Tiere seit, der Operation ihre frühere Produktivität eingebüsst hätten, an perodlschen Digestionsstörungen leiden und im Ernährungszustande ent­weder nicht vorwärts kommen oder zurückgehen, es ist daher dringend zu raten, nur Pansentrokare der kürzeren uiul schlankeren Sorte zu verwenden und auch nur solche anzuschaffen, welche gar keine Seiten­öffnungen haben, denn auch jene, verstopfen sich zeitweise und müssen freigelegt werden. Im Übrigen hat die raschere Entleerung der Gase durch gefensterten Kanülen keinen Wert, im Gegenteil muss dieselbe mit Vorsicht geschehen, um nicht jene Folgen heraufzubeschwören, welche schon bei der Thorakozentese (S. 401) mit lüicksicht auf das eilige llin-tluteu der Blutmasse nach vorher komprimierten Organen besprochen worden sind.
Der flache Trokar hat unstreitig den Vorteil, mit grösserer Leichtigkeit die unter seine Schneide geratenden Weichteile zu durch­dringen, allein er setzt auch eine ungleich grössere und namentlich klaffende Wunde, wie häufig bei Sektionen festgestellt werden kann, es sollte daher von dem platten Trokar gänzlich Abstand genommen werden.
Der Rundtrokar ist allerdings nicht durch die. Haut des rundes durchzubringen, indess ist gewiss die Mühe des Einschneidens der Haut mittels einer Eliete, Lanzette oder eines Spitzbistouris keine grosse oder zeitraubende und erhält man dafür eine ungleich kleinere, nicht klaf­fende und desswegen auch schneller heilende, weniger adhärierende Wunde, deren Narbe bis jetzt zu wenig Würdigung gefunden hat.
Spinola hat schon 1850 die Seitenöirmingon wegen der nachfolgenden zu grossen Ausbreitung der Bauchfellentzündung, die insbesondere auch durch die fortwährenden Pausenbewegungen begünstigt wird, verworfen, die Warnung wurde aber nicht beachtet. Hertwig bemerkt ausdrücklich, dass die Furcht vor einer gefahrbringenden Peritonitis durch die Erfahrung nicht begründet sei und Hering sagt noch in der letzten Auflage dieses Werkes, dass die trokarierto Stelle zwar etwa handgross mit der Uauchtiäcbe verwachse, jedoch „keine üblen Folgen nach sich ziehen ptiege.quot;
Für Schafe und Ziegen sind kleinere, Trokare käuflich, welche stets rund sein müssen. Die Hülsen sind ohne Fenster. Reichen die vorhandenen Kanülen nicht aus, so steckt man irgend eine, andere Röhre ein; z. 15. einen Federkiel, ein Schilfrohr, ein entmarktes llollunder-rohr u. s. w., durch welche man, um das zu tiefe Eindringen zu verhindern, eine Nadel, einen Nagel u. s. w. quer durchsteckt.
Operation. Sie wird womöglich am stehenden Tiere vorge­nommen und selbstverständlich in der linken Hungergrube; nur dann, wenn das Tier liegt und keine Zeit zum Auftreiben mehr vorhanden.
ocr page 435
XXXII. Der Pansenstich.
417
nimmt man die ruuktion im Liegen vor und eröffnet jene Körperseite, welche gerade zugänglich ist.
Die meisten Operateure stellen sich, nachdem der Kopf verwahrt ist, auf die linke Seite der Brust mit nach rückwärts gerlolltetem Ge­sicht ; da jedoch die Tiere regelmässig mit jenem llinteriusse nach vor­wärts schlagen, auf dessen Seite der Ihuitstich gemacht wird, so muss man sich vorher der hinteren Gliedmassen versichern oder aber sich rechts aufstellen und über den Bücken auf die linke Flanke herüber-creifen.
Flg, 250. e zurückgelegte Bauclrwand; /quot;Pansen; (//t Uterus.
Der Pansen ist bei allen Wiederkäuern so gross, dass er Droiviertoile der ganzen Bauclihölilc ausfüllt und linkerseits überall unmittelbar an der Bauchseite anliegt, nur seine obere sich nacli roclits wendende Fläche, mit welcher er an die Bauclnvand befestigt ist, wird von dünnen und dicken Gedärmen bedeckt, die aneli dem oliern rechten Sack aufliegen, wollte man dalier den Pansen auf der rechten Seite treffen, so muss dies in der rechten Unterripp en­ge gond, wo er {als sog. Nebenpansen) wieder unmittelbar der Dauchwaud anliegt, geschehen; der in Figur 25(i in die Höhe gezogene Uterus gh mit dem Eierstock k kommt hier nicht in Betracht und darf bei der Indikation des Pansenstiches durch­aus nicht befürchtet werden, dass in der ganzen linken Bauchgegend oder in dem
Hcring'B Opcrationslehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 27
ocr page 436
t
'i
418 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
rechten Ilypochondrium etwa der Darm verletzt werden könnte, es geschieht dies bei der Trommelsucht selbst nicht auf der rechten Flanke, denn jetzt sind aucli liier die Gedärme grösstenteils verdrängt.
Die Operationsstelle ergibt sich nach obigem von selbst und hat man in der linken Hungergrube, die aber jetzt nach aussei! gewölbt erscheint, Spielraum genug, man hält sich jedoch in der Mitte derselben zwischen Hüfte und letzter Rippe oder eine Handbreit vom äussern Bande der Querfortsätze des Lendenwirbels weg und ebensoweit von dem äussern Darmbeinwinkel; ob mau etwas weiter vorne oder hinten, oben oder unten einsticht, bleibt sich gleich, man trifft überall den Pausen, wichtiger ist die Richtung, welche dem Trokar zu geben ist und soll dieselbe dor Diagonale des Bauches in der Art folgen, dass die Ver­längerung des Instrumentes in der Gegend des Ellbogens der andern Seite zum Vorschein käme; würde nämlich der Stich von der Hunger­grube aus senkrecht nach abwärts gemacht, so könnte es kommen, dass der Trokar an der gewölbten Wanstfläche abgleitet, den Magen daher nicht durchsticht, und wäre die Direktion des Instrumentes eine mehr horizontale, so könnte dasselbe an der obern Fläche geschehen, viel­leicht auch die Niere oder ihre Umgebung verletzt werden.
Ist der desinfizierte Rundtrokar in der genannten Diagonale und Richtung in die Hautwunde der Flanke so eingesetzt, dass die Spitze nicht über die Kanüle hervorragt, so führt man mit der flachen Palmar-flächc der rechten Hand einen kräftigen Schlag auf die Handhabe, um so mit Einemmale die Bauchmuskulatur und Pansenwand, welche dem Trokar förmlich entgegenkommen, durchzustechen.
Wollte man den zweischneidigen Trokar verwenden, so ist die Manipulation keine andere, der kleine Hautschnitt jedoch überflüssig. Von Nichtgeübten wird dabei gewöhnlich der Fehler begangen, dass mit der Hand nicht stark und kouragiert genug aufgeschlagen wird.
Wird jetzt das Stilet ausgezogen, so dringt mit Vehemenz und unter zischendem oder pfeifendem Geräusch die Luft (nach Reiset fast immer 3/i Kohlensäure und '/t Grubengas mit Stickstoff) hervor und schleudert nicht selten Flüssigkeits- und Futterteilchen hoch in die Luft.
Die Hülse lässt man in der quot;Wunde stecken, schliesst sie aber mit einem Korke ab und haben sich nach '/*—1 Stunde, in welcher Zeit auch die gegebenen Arzneimittel zur Wirkung gelangen, nicht neue Gasauftreibungen gebildet, so kann sie unbedingt entfernt werden. Andere lassen die Kanüle auch mehrere Stunden oder so lange liegen, als Gas ausströmt und kann auch, jedoch nur während des Inspirations­aktes, ein Arzneimittel durch die Hülse eingeflösst werden, z. B. Äther, Ammoniak, Karbolsäure, Salzsäure, Veratrum- oder Aloe-Tinktur; ausser-dem kann es bisweilen notwendig werden, an einem und demselben Stücke die Parazentese wiederholt (jedoch niemals an derselben Stelle) vorzunehmen, was aber nicht ohne üble Narhwehen bleiben kann.
Das Herausnehmen der Kanüle hat mit Vorsicht zu geschehen und um das Verschleppen von Futterteilchen in die Bauchhöhle zu ver-
.
ocr page 437
XXXIII. Der Bauchsclmitt. Laparotomie.
419
meiden, muss die Hülse in ähnlichem Masse tiefer in die Wunde ge­schoben werden, als der Hinterleib einfüllt. Man spült die Scheide erst mit reinem Wasser aus, steckt den Stachel wieder ein und zieht dann das ganze Instrument sachte und ohne zu drehen aus.
Hie innere Wunde bleibt der Naturhilfe überlassen, die Haut­wunde aber bedarf weiter keiner Behandlung, wenn sie mit Karbol­wasser gereinigt wird; sollte sie klaffen, so muss sie mit einem Hefte vereinigt werden, um keine Abszesse oder Hautemphyseme aufkommen zu lassen.
XXXIII. Der Bauchschnitt, Laparotomie,
Als Bauchschnitt wird jenes operative Verfahren bezeichnet, wobei der Bauchfellsack mittels des Messers erofthet wird, um in dem­selben gelagerte Organe einer direkten Behandlung unterziehen zu können.
Man nennt die Operation gegenwärtig allgemein Laparotomie, obwohl das Wort kandglaquo; nur die Weiche oder Flanke (Ilia) bezeichnet, der Bauch aber yaartjQ heisst; nach dem Sprachgebrauch bezieht man das Wort „Gastrotomiequot; indes immer auf die chirurgische Eröffnung des Magens, während man unter Laparotomie kurzweg die Eröffnung der Bauchhöhle verstanden wissen will, gleichviel ob diese von den Flanken oder irgend einer andern Stelle des Hinterleibs aus vollzogen wird. Am bezeichnendsten hiefür wäre der Ausdruck Peritoneotomie.
Geschichtliches. Es würde schwer halten, die Zeit anzugehen, in welcher der erste Bauchschnitt ausgeführt worden ist, jedenfalls aher fällt derselbe mit der erstmaligen Ausführung solcher Operationen zusammen, denen er notwendiger­weise vorhergehen muss und scheint von diesen die Ovariotomie die erste gewesen zu sein. Thomas Bartolini berichtet, das schon 1641 die Dänen sowohl weib­lichen Schweinen und Schafen als selbst Kühen und Stuten in der linken Flanke einen Einstich machten und die Eierstöcke hervorzogen und abschnitten. Der Pansensclmitt ist zwar eine häufige Operation, allein sicher ist er viel später auf­gekommen, nachweislich erst um das Jahr 1792 und was die Manipulationen am Darme betrifft, so datieren diese erst aus dem laufenden Jahrhundert.
Bei Pferden ist der Eingriff der grösseren Empfindlichkeit des Bauchfells wegen ein viel gewagterer, man hat sich daher von jeher gescheut, die Bauchhöhle für therapeutische Zwecke einzuschneiden; indes hat man allmählich mehr und mehr die Erfahrung gemacht, dass die Gefahr nicht so bedeutend ist, als man wähnte, dass die Bauchhöhle bei manchen Tieren wie z. B. den Rindern und Hunden sogar sehr tolerant ist, die Tiere daher im ganzen gut aushalten, wenn nur sachgomäss vorgegangen wird, denn die Entzündungen des Peritonäums heilen, wenn traumatischer Art, im ganzen gut, indem sie zirkumskript bleiben und selbst auch bei Pferden nehmen sie günstigen Verlauf, wenn sie nur aseptisch gehalten werden.
Namentlich waren es die französischen Tierärzte, welche ZU Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts an Pferden häufig die Laparotomie ausführten und vielfach mit Erfolg, namentlich waren es Brüche, welche auch bei den übrigen Haustieren Veranlassung zur Eröffnung der Bauchhöhle gaben. Barascon in
ocr page 438
420 Zweite Haupt-Abteilung; Operfttloiion, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
P
Lyon unternahm 1810 die Laiiarotomie hei einem Hunde und nahm sogar verhärtete Kotmassen aus dem Darme heraus, ebenso ist die Ausführung der Retorsion des FruchtMltors von der rechten Flanke aus seit längerer Zeit bekannt. In gleicher Weise führte Luscan 1841 den Flankenschnitt bei einer Kalbin mit Erfolg aus und legte einen Volvulus zurecht, Noiret 1843 bei einem Hunde, ebenso Fally 1845. Seit 18G4 wird die OperatiGn besonders häufig auch in Üeutschland geübt und weiss man jetzt, dass selbst bei Pferden der Eingriff sogar in den Harm gut ermöglicht ist und fast weniger zu bedeuten hat, als der Flankenschnitt.
Der Baucbschnitt kann als eine Operation sui juris nicht ange­sehen werden, er bildet vielmehr nur das Mittel zum Eintritt in den Peritonealsack; sonach kann er blos als der Vorakt anderer Operationen angesehen werden und soll aus diesem Grunde seine Beschreibung der der letzteren vorhergehen, um Wiederholungen zu vermeiden.
Anzeigen des Bauchschnitts. Veranlassung zur Laparotomie
geben einzelne Organe des Hinterleibs, wie /. B. der Magen, Darm, Uterus, wenn sie in bestimmter Weise erkrankt sind und als letztes Mittel eine Operation erheischen. Letztere geht in der Kegel ohne technische Schwierigkeiten nicht ganz ab, während der Baucbschnitt selbst zu den einfachsten chirurgischen Verrichtungen zu zählen ist; ebenso kann man im Allgemeinen die These aufstellen, dass er bei den Haustieren auch nicht besonders gefährlich ist und liefern hiezu nament­lich die klinischen Erfahrungen der letzten Dezennien die Belege. Nichts­destoweniger wird die Operation auch heute noch verhältnismässig sehr wenig ausgeführt und gilt sie immer noch nach altem Herkommen für einen höchst bedeutenden Eingriff, was sie an und für sich gewiss nicht, ist, was aber die Laparotomie in Misskredit bringen kann, sind haupt­sächlich Operationsfehler, ein ungünstiger Gesundheitszustand der Opera­tionstiere und ungünstige hygienische Bedingungen, unter denen letztere unmittelbar nach der Operation sich befinden. Unter allen Umständen muss auch hier die Operation frühzeitig, d. ii. so bald vorgenommen werden, als die Kräfte des Individuums sieli noch nicht, erschöpft haben und das afflzierte Organ noch keine erhebliche Struktur­veränderungen eingegangen hat.
Einen integrierenden Bestandteil des operativen Vorgehens bildet, der Bauchschnitt bei dem
Pansenschnitt der Widerkäuer (Laparo-Qastrotomie),
bei der Eröffnung oder Vernähung des Darms (Enterotomie,
Enterorhaphie), Kastration der Spitzhengste (iiitraperitoneale Orclieotomie), Kastration der weiblichen Tiere (Laparo-Ovariotomie), Exstirpation von Bauchtumoren, Extraktion stagnierender Kotmassen oder Fremdkörper aus dem
Dann (Kolotomie), Lösung von Darmeinschiebungen (Desinvagination), Ausschneiden einer Darmpartic (Resection, Enterektomie), Umwälzung des Tragsackes (intraabdominelle Retorsion), Bauch-Fruchthälterschiiitt (Laparohysterotomie, Kaiserschnitt), Innere Brüche (Herniotoinie) u. s. w.
ocr page 439
XXXIII. Der Bauclisclmitt. Laparotomie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;421
Der Indikationen für den Bauclisclmitt gibt es noeli weitere, denn nicht selten bildet dieser auch den Yorakt für manche physiologische oder pathologische Experimente, so z. B. bei der Splenotomie, Inzision des Magens, Anlegen von Magen- und Darmfisteln (Gastrostomie, Enterostomie), SobaffUDg eines Anus präter-naturalis u. s. w., gt;vie denn in dieser Beziehung gegenwärtig auch in der Tierbeil­kunde operative Eingriffe von der kühnsten Konzeption vorkommen, auch kann es als eine Signatur unserer Zeit gelten, dass explorative Laparotomien aus­geführt werden, wenn #9632;/.. B. Einschnürungen, Lageveranderungen des Darms ver­mutet werden und ein letzter Heilversuch unternommen werden soll; selbst bei Pferden ist der FlankerfScbnitt oft noch auszuführen, wenn in desperaten Fällen alle andern Mittel im Stiche gelassen haben,
AVas die obigen Anzeigen betrifft, so bildet ein Teil derselben einen besonderen Abschnitt in diesem Buche, wie der Pansen- und Darm-schnitt, die Kastration, ein anderer Teil gehört der speziellen Besprech­img in der Geburtshilfe an, da die diesbezüglichen Operationen mir im Zusammenhang mit den übrigen Hilfeleistungen zweckmässig erörtert werden können.
Was die Darmeinschiebungen betrifft, so ist eine direkte Operation, soweit bekannt geworden, bis jetzt nur bei Bindern und Hunden versucht worden, so z. B. von Meyer, Luscan, Degive w. A.; die Invagination besteht entweder in dem Eindringen einer Portion des Diiimdarmes in den Blinddarm oder in dem (partiellen selbst totalen) Hineinschlüpfen des Cökums in das Kolon, während das Eintreten der invaginierten Partie in das ovale Loch zu den Seltenheiten gehört. Die Diagnose wird bei kleinen Tieren durch die Palpation der Bauch­wandungen, bei den grösseren durch die Hand im Bektum gemacht, wo man den Volvulus als eine längliche, kompressible aber elastische und schmerzhafte, mehr oder weniger mobile Geschwulst durchfühlt, welche das Charakteristische besitzt, dass ihre Konsistenz immer wech­selt, wodurch sie besonders von andern ähnlichen Tumoren unterschieden werden kann, namentlich sind schon Verwechslungen mit der Niere, besonders der linken, vorgekommen, welche oft geschwulstähnlich in der Mitte der Bauchhöhle angetroffen wird.
Operationsstelle. Die Laparotomie kann in verschiedenen Gegenden vorgenommen werden und richtet sich dies ganz nach der Lage der betr. Hinterleibsorgane, welche erreicht werden sollen.
Man hat bei den Tieren hauptsächlich ;-i Operationsstellen:
1.nbsp; in der oberen Flanke, der sog. Hungergrube;
2.nbsp; in der unteren Flanke, dem eigentlichen Hvpochondrium und
3.nbsp; in der untern Medianlinie des Hinterleibs; diese drei Bauch­gegenden schliessen indes andere Operationsstellen des Abdomens nicht ans, denn es eignet sich die ganze Ausdehnung der Bauchfläche fast gleich gut zum Einschnitt.
Die Operation wird bei den grossen Haustieren womöglich im Stehen unter den bekannten Kautelen gemacht, die kleinen Tiere werden ausnahmslos liegend auf einem Tische laparotomiert. Besondere Sorgfalt ist auf das Reinigen, Abbürsten und Desinfizieren der abge-schornen Hautstelle zu verwenden und darf beim Baucbscbnitt in keinem Falle irgend eine Nachlässigkeit aufkommen.
' :'1
ocr page 440
422 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar.
1. Bauchschnitt in der obern Flanke (Weiche). Die Operation in der Hungergrube wird in der Regel .ils die weniger schwierige oder gefährliche Methode vorgezogen und auch am häufigsten ausgeführt, insoferne der Pansenschnitt meist die Veranlassung hie/u bietet. Da die Eingeweide, den Gesetzen der Gravität folgend, nach abwärts drücken, ist bei der oberen Laparotomie das gefttrehtete heftige Hervordrängen derselben nicht wohl zu erwarten, bei den Ruminatien noch weniger als bei den übrigen Haustieren, weil sowohl rechtslaquo;*ds links der Pansen fast überall der Bauchwand unmittelbar anliegt.
Die Operation wird In der Mitte zwischen dem äussern DaVm-beinwinkel und der letzten Rippe, 2—3 Finger breit unterhalb der Querfortsätze der Lendenwirbel gemacht, wo mau eine mehrere Zenti­meter breite und 15—20 cm lange Strecke nach abwärts abschert, denn die Richtung des Bauchschnittes ist eine senkrechte; letzterer erhält eine solche Länge, dass mit dem Arm (nötigenfalls mit dem eines Kindes von etwa 10 Jahren) bequem in die Peritonealhöhle eingegangen werden kann (10—15 cm.)
Die Haut ist bier durch lockeres Bindegewebe mit den darunter liegenden Fascien verbunden. Die erste Schichte, welche durchschnitten wird, gehört dem äussern Rippenbauchmuskel (M. obliqnus externus) an und ist dünn, hierauf folgen die lockern Bündel der obern Portion des Obliquus internus, welche fächerförmig von der Hüfte nach vor- und abwärts gehen und in denen zuweilen ein Ast der umgebogenen Darmbeinarterie (A. circumflexa ilei) verletzt werden kann; die Blutung ist unbedeutend und kann schon durch Torsion gestillt werden. Die innerste Schicht bildet der innere Rippenbauchmuskel (M. transversus abdominis), dessen dünne Muskelbündel senkrecht von oben nach abwärts laufen, somit bei einem senkrechten Schnitte mehr getrennt als geschnitten werden.
Nachdem der Hautschnitt gemacht ist, geschieht das Durch-trennen der Bauchdecken mittels des geballten Bistouris senkrecht und schichtweise, wobei die einzelnen Lagen rasch unter dem Messer zurückweichen und braucht man nicht auf die Richtung der Faserung, wohl aber darauf Rücksicht zu nehmen, dass man das Bauchfell als solches erkennt, ehe es durchgeschnitten wird, man geht daher unbeirrt bis zu dem Stratum suhserosum vor, in welchem stets mehr oder weniger Fett liegt, und das die unmittelbare Nähe des Peritonäums ankündigt. Dieses erkennt man an seiner blassen gelblichen Farbe und daran, dass es meist die Eingeweide durchschimmern lässt. Letztere liegen dicht an, man gebraucht daher die Vorsicht, um sie nicht zu verletzen, die genannte Serosa für sich durchzutrennen und geschieht dies entweder von aussen nach innen oder umgekehrt, indem man mit der Pinzette eine Falte erhebt, die an ihrem Grunde angeschnitten wird und durch deren Lücke man eine Hohlsonde einschiebt, um den Schnitt auf dieser zu erweitern, wenn man nicht den Schenkel der Pinzette zum Auf­schlitzen verwenden will. Zu bemerken ist noch, dass bei starker Aus­dehnung des Abdomens die muskulöse und aponeurotische Decke des­selben oft so dünn ist, dass man gegen Erwartung plötzlich mit dem Messer vor dem Peritonäum angekommen ist oder eine Verletzung an­gerichtet hat.
ocr page 441
XXXIII. Der Bauchschnitt. Laparotomie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 423
Von dem Iliiftwinkcl muss man eine Handbreit wegbleiben, denn je näher man den Sclinitt dort macht, um so stärkere Muskolmasscn müssen durchsclmittCQ werden. Um nachher die Wiedervereinigung der letzteren durch Nähte zu er­sparen, will De give die einzelnen Bauchmuskeln je nach dem Verlaufe ihrer Fasern in der Art durchtrennen, dass man fast ohne Beihilfe eines Messers das interstitielle Zellgewebe mit dem Finger durchbohrt und die senkrecht, quer und schief laufenden Muskeln auseinander reisst. Bei stärkerer Spannung des Leibes reisst oft vorzeitig das Bauchfell nach abwärts, oder lässt es sich mit dem eingeführten Finger leicht zerreissen, um sich dann stark zurückzuziehen; letzteres hat weiter nichts zu bedeuten, denn die Tierärzte pflegen bei dem Ver­nähen der Flankenwunde das Bauchfell nicht mitzufassen, wie dies in der Menschen-licilkunde als Regel gilt.
Nach Eröffnung des Peritonilalsackes drängen zuweilen die Gedärme stark vor und hat mau oft Mühe, sie mit feuchten Tüchern, Kompressen oder desinfizierten Schwämmen zurückzuhalten; durch An­drücken solcher Tücher das Eindringen von Luft in das Bauchcavum zu verhindern, wäre aus dem Grunde vergebliche Mühe, weil der Operateur mit dem Arm in dem letzteren zu schaffen hat, die Luft mit ihren ubiquitären Infektionskeimen daher doch nicht abgehalten werden kann. Aus diesem Grunde befleissigt man sich möglichster Eile und grosser Reinlichkeit, und hat dabei die Erfahrung gelehrt, dass die Teile nicht so empfindlich sind, auch wird ja von den desinfizierenden Mit­teln fortwährend Gebrauch gemacht, statt des Karbolwassers (2 ü/o) be­nutzt man jedoch vorteilhafter die Sublimatlösungen (1:1000—2000), wodurch auch der Spray entbehrlich gemacht werden kann.
Eine weitere Bedingung ist, alles Blut, alle Sekrete, namentlich pathologische Flüssigkeiten vor der Schliessung der Wunde mit einem Schwämme, wo sie erreichbar sind, aufzutauchen. Namentlich befleis-sigen sich die Menschenärzte in dieser Beziehung der allergrössten Sorgfalt und verdanken sie auch dieser skrupulös durchgeführten „Toi­lette des Peritonftumsquot; einen grossen Teil ihrer brillanten Erfolge. Bei Tieren, die absichtlich vor der Operation diät gehalten wurden, sinkt nach dem Durchtrennen des Bauchfells der Bansen infolge des nun einwirkenden atmosphärischen Druckes stark ein und wird dadurch der obere Teil der Bauchhöhle fast handhoch von Luft erfüllt.
2. Bauchschnitt in der untern Flanke. Von der Hungergrube weiter nach unten zu kommen sowohl rechts als links ebenfalls Opera­tionen vor, je nachdem man mit bestimmten Organen zu thun hat, wie namentlich mit dem Dickdarm und Uterus.
Das Einschneiden geschieht liier in keiner andern Weise, als es schon bei der Laparotomie in der obern Weichengegend angegeben worden ist, es weicht nur die Richtung des Schnittes insoferne ab, als diese hier keine senkrechte ist, sondern handbreit unter der Hüfte an­fangend mit den falschen Rippen parallel geht, die Wunde ver­läuft daher schief von oben nach unten und vorwärts.
Die Grosse derselben variiert sehr und steigt z. B. bei der Laparo-hysterotomic bis zu 30 cm und mehr, während sie sonst nicht soweit gemacht wird, d. h. bei den grossen Haustieren nur 12—15, bei den kleineren 10—12 cm oder reicht man in andern Fällen mit einer Öffnung
ocr page 442
\
424 Zweite Haupt-Abteilung: Operatiouon, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
aus, welche nur so gross ist, um mit einem Instrumente eingehen zu können (Ovanotomie).
Wird die Operation wegen der Unmüglidikeit zu gehilreu vor­genommen (Kaiserschnitt), so hat man sich zuerst durch das Gefühl zu überzeugen, an welcher Stelle der Bauchwand das Junge am deut­lichsten gefühlt wird und kann dies entweder wie gewöhnlich auf der rechten oder auch linken Seite sein; dort trennt man sofort nach ge­machtem Hautschnitt (meist in der Mitte zwischen Kniegelenk und den letzten Knorpeln der falschen Kippen) die Bauchdecken in der oben angegebenen liiehtung, schneidet das Bauchfell, das sich dabei oft stark verwölbt und deswegen von Unerfahrnen zu ihrem Schrecken für eine vorliegende Dünndarmschlinge gehalten wird, vorsichtig ein und erweitert die ütfnung bis zu 125 und 35 cm, d. h. soweit, dass Hand und Ann durch die Wunde eintreten können, ohne dass diese gedrückt und ge­quetscht wird. Unmittelbar nach der Trennung ziehen sich die Muskeln im Verhältnis ihrer mehr oder weniger queren Durchschneidung zurück und bedingen ein stärkeres oder geringeres Klaffen der Wunde, daher es auch angezeigt ist, den Schnitt mehr in der Richtung der dickeren Muskellagen der betreffenden Bauchgegend (nach hinten zu) zu bewerk­stelligen.
Sollten dabei Arterienzweige (von dor A. epigastrica) getroffen worden sein, müssen sie torquiert oder unterbunden werden.
Die Desinvagination des Darmes erfordert bei den Widerkiiuern die Inzislon da, wo man den Sitz des Hindernisses vermutet (s. oben), jene Stelle ist gewöhnlich die rechte Seite dos Bauches, beim Pferde die linke Flanke, während sie bei den kleineren Haustieren ganz unbe­stimmt ist. Hat man mit der Hand die Darmpartie erreicht, so führt man sie nach aussen und legt sie auf ein reines mit lauem Sublimat­wasser getränktes Tuch, wo das Auseinanderziehen der eingeschobenen Portion weiter keine Schwierigkeiten bietet, solange eine Entzündung noch nicht eingetreten; bemerkt man jedoch Ausschwitzungen oder gar Agglutinationen zwischen den porösen Oberflächen innerhalb der ompor-gehaltenen Scheide, so lassen sich dieselben nicht wohl mit dem Messer, sondern zweckmässiger durch sanftes Massieren (leichtes Reiben, nachher Dehnen und Zerren) lösen, worauf der desinfizierte Dann partienweise mit den Fingern durch die Wunde reponiert wird. Heine, staubfreie Luft und aseptische Hände auch des Gehilfen ist eine Hauptbedingung eines guten Erfolges.
3. Der Bauchschnitt in der Linea alba. Diese wird wie be­kannt durch die Vereinigung der Aponeurose des Obliquus externus der einen Seite mit der der anderseitigen in der Medianlinie (vom hintern Brustbeinende bis zum Schambein) gebildet und schneidet man hier, da weder Nerven noch Gelasse vorhanden, am ungefährlichsten und fast ausschliesslich in fibrösem Gewebe.
Der regelrechte Bauchschnitt in der woissen Linie kann nur bei den kleineren Haustieren vorgenommen werden, bei den grösseren wäre diese Stelle aus dem Grunde eine ganz ungeeignete, weil beim
ocr page 443
XXXIII. Der Bauchscliiiitt, Lapai-otomic.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 425
Liegen die Tiere direkt auf der'Wuiide nilien und diesell)e veninreinigeu oder beim Stellen die ganze Last der Eingeweide auf die Nähte in der nachteiligsten Weise einwirken würde.
Zu der Operation wird das Tier auf einen Tisch in die Rückenlaquo; läge gebracht, worauf die Füsse jeder Seite rechts und links an die Seitenwand des Bauches hinaufgezogen werden, wenn man nicht vor­zieht, die Yorderfüsse von einem Gehilfen zusammenhalten zu lassen, während die hintern Extremitäten von einem weiteren Manne stark aus­einander gehalten werden. Nun wird hinter dem Nabel mit dem ge­ballten Bistouri in der Mittellinie ein kleiner Einschnitt so vorsichtig gemacht, dass keine Bauchorgane verletzt werden und schneidet man jetzt auf das Bauchfell ein, um es dann von innen nach aussen durch Einlegen des breiten Blattes einer Inzisionsschere vollends durchzu­schneiden, in der Hegel wird es jedoch von der Bauclipresse selbst gesprengt, sobald der Rectus abdominis durchschnitten worden ist. Der .Schnitt wird bis zu den Geschlechtsteilen oder zur Mama, nach Be­dürfnis auch zwischen den Milchdrüsen hindurch verlängert, um bequem in die Bauchhöhle eindringen namentlich aber zum Lruchthälter gelangen zu können. Die betr. Eingeweide werden nun auf ein aseptisches Tuch, wie schon oben angegeben, herausgezogen und weiter behandelt.
Das Anlegen der Bauchnaht bietet nur Schwierigkeiten, wenn meteoristische Zustände auftreten oder die Tiere drängen und pressen, wesshalb diese besser vorher narkotisiert werden.
Bei der oberen Laparotomie legt man bei Pferden und Bindern 6—8 Knopfnähte ein, verwendet aber hiezu statt der seidenen Läden besser schmale, leinene, gut desinfizierte Bändchen, baumwollene Litzen oder starken Katgut; andere Tierärzte ziehen die Kiirschnernaht (S. 232) vor. Zuletzt wird mit Jodoform gepudert und das Tier sorgfältig be­deckt, damit es sich nicht mit den Zähnen, Hörnern u. dergi. beschädigen kann oder von Fliegen, Insekten beunruhigt wird.
Den meisten Praktikern genügt es, bei der obern Flankenwunde nur die allgemeine Decke in die Knopfhefte zu fassen, andere dagegen halten es für richtiger, auch die Muskeln in die Naht herein­zunehmen, indem sie mit einer gekrümmten Stielnadel von innen nach aussen die Bauchwand durchstechen und dann die Bändchen nachziehen. Es muss dies dem Ermessen des Operateurs bei dem einzelnen Lalle überlassen werden, immerhin aber lehrt die praktische Erfahrung, dass üble Nachwehen (besonders mangelhafte Ernährung, S. 416) um so eher eintreten, je grosser die Adhäsionsflächc zwischen den Eingeweiden und der unter der Haut klaffenden Wunde ausgefallen ist: jedenfalls kann wenigstens der parietale Teil des Bauchfells aussei' Spiel gelassen werden.
Bei dem lateralen Bauchschnitte und der Operation in der weissen Linie ist es ohne Frage nicht zweckinässig, blos die Haut zu vernähen, es müssen vielmehr stets auch die Muskeln gleichzeitig in die Hautnaht hereingenommen werden, um desto sicherer dem Aus­brechen der Eingeweide, beziehungsweise dem Zustandekommen eines Bauchbruches vorzubeugen und sich Vorwürfe zu ersparen; ebenso
ocr page 444
420 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
müssen auch ilie einzelnen Hefte näher aneinander gerückt und weiter von dem Wundrande weg durchgeführt werden.
Wäre im weiteren Wundverlaufe ein stärkerer Druck zu befürchten, so empfiehlt sich das Anlegen der Zapfennaht (S. 231), welche hier besomlers angezeigt ist und muss ausserdem noch, was in keinem Falle zu unterlassen ist, zur Sicherung der Naht eine breite Binde um den Bauch angelegt werden, welche das Gewicht der Eingeweide tragen hilft. Bei den kleineren Tieren wird auf die Bauchwunde eine ent­sprechend breite und lange Kompresse von Jute oder zusammen­gefalteter Leinwand gelegt, welche mit Karbolwasser getränkt und durch besondere Gazebinden in der Lage erhalten wird (Seite 124).
Die Nachbehandlung sowohl der Bauchwunde als des Tieres selbst erfordert grosse Aufmerksamkeit, öftere Besuche und vorsichtige Regelung der Fütterung und Pflege, auch sollte das Tier hinten etwas hoher gestellt und der Abgang von Mist und Harn durch Klystiere er­leichtert werden. Das Weitere wird beim Dannschnitt angegeben werden.
XXXIV. Der Pansenschnitt. Gastrotomie.
Der Pansen schnitt ist jenes operative Verfahren, Avobei der I. Magen der Wiederkäuer angeschnitten wird, um das in zu grossen Massen angesammelte Futter nach ausseu entleeren zu können. Die Operation kommt fast nur bei den grossen Buminantien und den Ziegen vor, die Schafe werden meist geschlachtet, da sie die Operation ungleich schlechter überstehen.
Geschichtliches. Über das vorige Sakulum hinaus lässt sich die Operation nicht verfolgen, sie scheint aber in letzterem schon vollständig bekannt gewesen und auch von Laien ausgeübt worden zu sein, wie dies heute noch vielfach ge­schieht, denn sowohl der Pansenstich als der Pansenschnitt gehören nicht zu den chirurgischen Kunststücken der Tierheilkunde.
Huzard (1789) war es hauptsächlich, sowie Bourgelat und Chabert, welche die Operation erstmals wissenschaftlich beschrieben haben; auchGiesecke erwähnt des Pansenschnittes, als eines in Holstein von Hirten nicht selten geübten Verfahrens, über dessen Erfolge jedoch man bis in die dreissiger Jahre dieses Jahrhunderts sehr geteilter Ansicht war, Strauss vindizierte demselben keine Zukunft, Schwab hielt es geradezu für widersinnig, Ryebner, der bedeutendste Bujatriker jener Zeit, für entbehrlich, Brosche u. A. für nicht empfehlenswert, während der vielbeschäftigte Rib be den Pansenschnitt „als eine der merkwürdigsten Entdeckungen im Gebiete der höheren Veterinäi'wissenschaft und oft das einzige Rettungsmittclquot; bezeichnete. Besonders häufig wurde die Operation auch von der Brüsseler Schule ausgeführt und konstruierte Brogniez ein ähnliches Instrument, wie für den Darmstich (siehe Figur 253), das er Gastrotomc evacuateur d'alimens nannte und welches sowohl schneidende Klappen für den Magenschnitt, als stumpfe sich rechtwinklich ausbreitende Klappen zum Andrängen der Pansenwand an die Bauchwand besitzt, jedoch so kompliziert ist, dass es eigentlich niemals in Gebrauch gekommen ist, daher höchstens ein historisches Interesse in Anspruch nehmen kann.
ocr page 445
XXXIV. Der Pansensclmitt. Gastrotoinie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 427
In Deutschland kam die Operation ebenfalls in den dreissiger Jahren stark in Aufschwung und gehört sie bis heute noch, da sie in der That häufig das einzige Rettungsmittol darstellt, zu den landläufigen Operationen; der Pansensclmitt dient ausserdem auch dazu, verschluckte Fremdkörper oder giftige Substanzen direkt herauszuschaffen, ist aber ebenfalls mit jenen Nachteilen für das spätere Wohlbefinden der Tiere verknüpft, welche schon bei dem PanBenstich näher an­gegeben worden sind, es fragt sich daher, ob nicht, da es nur schlachtbare Tiere betrifft, die Tötung vorzuziehen sei. Gute Erfolge sind nur dann zu erzielen, wenn der Magenschnitt frühzeitig genug gemacht wird, er ist jedoch an und für sich keineswegs gefährlich und wenn nichtsdestoweniger doch häufig Todesfälle nachfolgen, so liegt die Schuld stets in dem Grundleiden selbst.
Anzeigen des Pansenschnittes liegen vor bei sehr starker An-füllung der Vormagen mit festeren Futterstoffen, wobei die peptiseben Arzneimittel sowohl als auch die Punktion nicht mehr zum Ziele führen, man hat daher immer jene Symptomengl'uppe vor sich, welche die Folge des unterdrückten Ruminierens ist und in Schwäche und Unthiitigkeit der 3 ersten Mägen bei Überladung derselben besteht, sowie in Stag­nation und falscher Gährung im Pansen und dem Buche, Anschoppung und Austrocknung des in Zersetzung übergehenden Inhaltes des Psalters, (Löserverstopfung) und akutem Darmkatarrh mit Vertrocknung der Kotmassen, die nicht mehr in Flaten, sondern nur in dunklen, übel­riechenden Ballen abgehen oder abwechslungsweise diarrhoisch entleert werden.
Das schwere Leiden, das mit öfterem Zähneknirschen, schmerz­haftem Stöhnen, Ächzen und häufigem Umschauen nach dem Hinterleib verbunden ist, führt schliesslich zur Entzündung des Magens, völliger Dannokklusion, grosser Hinfälligkeit, Erschöpfung bei anhaltendem Liegen, bis nach 2—3 Wochen und später der Tod unter Konvulsionen eintritt.
Direkte Kennzeichen dieser auch als chronisch bezeichneten Unverdaulichkeit sind (wegen der schweren Störung des Wiederkauens): geringe oder gar keine Bewegung in der Hungergrube, Schmerz bei Druck auf beiden Flanken, teigiges oder bretthartes Anfühlen des Leibes, massiges sog. stilles Aufblähen mit periodischem Nachlass, völliges, namentlich andauerndes Fehlen der Kontraktionsgeräusche des Pansens und mehr oder weniger beengtes Atmen bei mattem, trübem, grosse Beängstigung ausdrückendem Blicke.
Vorbehandlung. Die Hauptaufgabe derselben besteht 1. in Wiederherstellung des Eejektionsgeschäftes, um eine Entleerung der beiden ersten Mägen anzustreben; 2. in Unterdrückung der Gährung In den Futtermassen und ;!. in Eröffnung des Darmkanals.
Es ist verfehlt, das Wiederkauen durch die Eetlexibilität anregender Beizmittel wieder in Gang bringen zu wollen, ehe die stagnierenden und ausnehmend trocken gewordenen Futtermassen sämtlicher 3 Mägen nicht einigermassen erweicht und dadurch mobiler gemacht worden sind. Am nächsten liegt die Einfuhr grösscrer Mengen dünner schleimiger Flüssigkeiten und zwar umsomehr, als die Tiere leider das Getränke meist ganz verschmähen, indes lehrt die praktische Erfahrung, dass Schleime den hochgradigen Erschlaffungszustand eher noch vermehren, zur
l, 'i.
ocr page 446
w
I ft.
%
Inbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;428 Zweite Haupt-Abteilung! Operationen, nur au bestimmten Teilen ausführbar.
Eröft'nung der Kur erweisen sich daher grosse Mengen gelöster Mittel-salze am nützlichsten (2—i Pfund Glaubersalz pro die), denen man später Brechweinstein beigibt; kommen dabei nicht in 2—3 Tagen er­giebige Ausleerungen zu Stande und besteht namentlich ein abendliches Febrizitieren bei sehr trockenen heissen Schleimhäuten, so schickt man sehr zweckmässig 2—3 herzhafte Kalomelgaben nach und verordnet hydraulische Einspritzungen in den Mastdarm, welche anhaltend fort­gesetzt und mit täglich 5—Gmaligen energischen Durchknetungen der beiderseitigen Eauclnvände abgewechselt werden müssen.
Kommen jetzt einigermassen Ausleerungen zu Stande und zeigen sich die ersten leisen Zeichen der wiederkehrenden Kontraktionskraft des Pansens, so beginnt man mit der Salzsäuretherapie, versucht zu­gleich mit Verabreichung von Grog oder Glühwein nachzuhelfen und geht dann mit einer vorsichtigen Physostignün- oder Pilokarpindose vor (0,05—0,10), deren Wirkung jedoch überwacht werden muss, denn so­bald noch keine Reaktionsfähigkeit der Mägen vorhanden ist, verursacht sie die grösste Beunruhigung und anhaltenden Schmerz, es dürfen daher beide genannte heftige, zugleich aber der Entzündung vorbeugende Perturbationsmittel erst wiederholt werden, wenn die Salzsiiurewirkimgen deutlicher hervorgetreten sind.
Erreicht man auch dann keine Effekte und kommt wohl ein Iluctus oder eine Laxierwirkung im Darme zu Stande, jedoch keine Rumi-nationsbewegung, so säume mau nicht, wenn das Schlachten ver­mieden werden soll, den Pansen durch direktes Entleeren zu entlasten und dann erst die Behandlung weiter fortzusetzen.
Operation. Sie wird am stehenden Tiere ausgeführt, indem man dasselbe in der bekannten Weise an eine Wand, ('inen Wagen (S. 00) stellt und hier befestigt. Die Operationsstelle ist die Mitte der linken Hungergrube, möglichst oben, 2—3 Finger breit von den Querfortsätzen der Lendenwirbel entfernt und von da nach abwärts sich erstreckend.
Schnitt von innen nach aussen. Die Haut wird an genannter Stelle abgeschoren, mit warmem Seifenwasser abgebürstet und dann mit Karbolwasser vollends gereinigt. Hierauf sticht man mit einem guten desinfizierten Spitzmesser, das auch vorne zweischneidig sein kann, kräftig durch die Haut bis in den Pansen und verlängert die Stich­wunde in senkrechter Richtung nach abwärts und zwar auf 10—15 cm, bei Schafen und Ziegen auf 8—10 cm. Hicdurch entstellt eine Öffnung. gross genug, um mit dein Arme einen Teil der Futtermasse herauszu­schaffen; es kann aber die Schnittwunde auch kleiner ausfallen, wenn der Arm eines Kindes verwendet wird. Nicht selten bildet den Anfang dieser Operation der Pansenstich, wenn sich nachträglich seine Unzu­länglichkeit herausstellt.
Der Schnitt von aussen nach innen ist etwas umständlicher und geschieht in der Art, dass man zuerst die Haut mit dem geballten Bistouri auf die gewünschte Länge durchschneidet, sodann die Bauch­muskeln, welche dabei schichtenweise zurücktreten und zuletzt das Bauchfell, weiches samt der durchschimmernden Pansenwand erst ange-
ocr page 447
XXXIV. Der Pansenschnitt. Gastrotomio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;42!)
stochen und hierauf nach abwärts aufgeschlitzt wird. (Siehe.Bauch-schnitt (Seite 422).
Das Herausschaffen des Futters beginnt alsbald, sobald das Ausströmen der Gase, das sich schon während der Schnlttftlhrung be­merklich gemacht hat, aufhört und erstreckt sich dasselbe, um keinen Kollaps der Magenwämle herbeizuführen, nur auf einen Teil des In­haltes, etwa ein Drittel, worauf der Magen erheblich einfüllt insbesondere, wenn auch. Gase in die Bauchhöhle eingetreten sind und von hier auf die Pansenwand drücken.
Bei der Entfernung des Futters hat man besondere Sorgfalt darauf zu verwenden, dass nicht Teile desselben oder Flüssigkeiten neben der Wunde in das Bauchkavum geraten, wo sie fast regelmiissig eine tötliche (eitrige) Peritonitis erzeugen, man trifft daher die Vor-sichtsmassregel, entweder die Pansenwand über die Hautwunde umzu­stülpen und sie in dieser Lage festhalten zu lassen oder sie provisorisch mit Bändchen an diese anzuheften; auch hilft man sich dadurch, dass man ein Handtuch zur Hälfte in den Magen einschlägt und die andere Hälfte einer Schürze ähnlich im untern Wundwinkel heraushängen lässt. Für alle diese Fälle ist es notwendig, dass die Hautwunde nach unten zu etwas länger ausfalle, als die innere Pansenwunde.
Nicht selten dient die Bauchötfnuug auch dazu, um fremde Körper, verschluckte Gegenstände aller Art herausnehmen zu können und geht die Hand selbst in die Haube ein, um sie hier aufzusuchen, nötigenfalls unter Zuhilfenahme des Messers.
Der Yerschluss der Wunde geschieht zuerst am Pansen, es brauchen jedoch die Knopfnähte nicht sehr dicht neben einander gelegt zu werden; die Muskel- und Hautwunde wird auf die gewöhnliche Weise ebenso vereinigt, auf das Bauchfell aber weiter keine Rücksicht ge­nommen, wie denn das Nähen auch ganz unterlassen werden kann. Viele Praktiker überwachen nur die Eiterung und auch Haubner fand, dass das Anlegen von Heften unnütz sei, da die reingehaltene Wunde überaus schnell sich verkleinert und heilt, da jedoch die antiseptische Vereinigung mit wenig Umständlichkeiten verbunden ist, wird man der Sicherheit wegen besser daran thun, dieselbe nicht zu unterlassen.
Als ungünstige Folge hat man, wenn auch sehr selten, die Entstehung einer Magenfistel beobachtet, welche hie und da auch nach schnell auf einander folgender, ungeschickter Trokarierung entstellt und stets Indigestion oder chronisches Aufblähen mit sich bringt. Nach gründlicher Desinfektion der eiternden Stelle werden die Bänder zunächst aufgeschnitten und augefrischt und kommt man dann am schnellsten zu stände, wenn nunmehr frisch geheftet wird und alle jene Teile in den Bereich der Nähte hereinzieht, welche an der fistulösen Entartung teilgenommen haben; letzteres gilt insbesondere von der angewachsenen Stelle des Pansens.
ocr page 448
430 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
XXXV. Der Darmschnitt. Enterotomie.
J
Unter Darm schnitt verstellt man die Eröffnung eines Darmes, #9632;wenn aus demselben fremde Körper, Konkremente, stagnierende Kot-massen etc. entfernt werden sollen oder wenn wie bei Brüchen, Innern Darmeinklemmungen, Einschnürungen, gangränösen Hernien ein Stück des Darmes ausgeschnitten werden soll — Darmresektion, Enterek-tomie; nachher muss die Darmwunde wieder verschlossen werden, was nur durch die kunstgerecht auszuführende Darm naht (Enterorhaphie) geschehen kann, welche sonach den II. Akt des Darmschnittes bildet, wenn nicht vorher schon eine Verwundung des Darmrohrs vorliegt.
Geschichtliches. Die Enterotomie bei den Haustieren gehört zu den Operationen der Neuzeit und liegen keine Anhaltspunkte vor, dass sie schon in früheren Zeiten ausgeführt worden ist, obwohl operative Eröffnungen der Bauch­höhle (siehe Laparotoraie) schon seit lange bekannt sind, sich jedoch hauptsächlich nur auf die Kastration weiblicher Tiere bezogen, namentlich der Schweine.
Wenn man schon den Einschnitt in die Bauchhöhle, wie überhaupt jede Verwundung der serösen Austapezierung derselben für lebensgefährlich hielt, war dies um so mehr der Fall bei Inangriffnahme des viseeralen Blattes des Bauch­fells oder gar des Darmes selbst, man dachte auch erst an das Einschneiden des letzteren, nachdem man beim Menschen, nocli ehe die Lister'sche Antiseptik auf­kam, zu der Erkenntnis gelangte, dass das Bauchfell und damit auch die Darm­wand vulneriereude Eingriffe viel besser ertragen, als man früher wähnte und dass die traumatischen Entzündungen, wenn keine Infektion des peritonealen Kavums stattgefunden, keinen absolut gefährlichen Verlauf nehmen, ja sogar grosse Tendenz zu Heilung (auf dem Wege der Vcrklobung) an den Tag legen. Nachdem beim Menschen im Verlaufe der letzten Jahrzehnte recht zufriedenstellende, selbst glänzende Resultate erzielt worden sind, versuchte man da und dort auch bei den Tieren den Darmschnitt auszuführen, beschränkte sich aber fast nur auf Hunde und die Wiederkäuer, obwohl schon in den dreissiger Jahren französische Tier­ärzte den Bauchschnitt auch bei Pferden mit vielem Glück unternahmen, um (durch Exploration per rectum konstatierte) Darmsteine zu entfernen. Ebenso wurde schon 181C in Lyon bei einem Hunde die Kolotomie gemacht und 4 Pfund knochen­erdige Exkremente herausgenommen.
Meyer in Birkenfeld führte erstmals 1801 bei zwei Kühen die zirkuläre Darmresektion aus und erzielte in beiden Fällen Heilung nach 5—6 Wochen. Er vermutete eine Darminvagination, schnitt rechts in die Bauchhöhle ein, zog die eingeschobene Darmpartie hervor und da sie sicli nicht lösen liess, schnitt er sie los. Die Darmenden wurden nach innen umgebogen, auf einem Papiercylinder auf einander gepasst und durch die Knopfnaht vereinigt, nachdem die Gekrös-gefässe unterbunden waren.
Um fremd e Körper, wenn sie zu erheblicher Stenosierung, beziehungsweise Okklusion des Darmes führten, in ähnlicher Weise zu entfernen, wie Darmsteine, Haar- und Futterballen, ist die Laparo-Enterotomie ebenfalls versucht worden und liegen Fälle In der Litteratur vor, wo sie wie z. B. bei verschluckten Steinen, Münzen, Pfropfen u. s. w. mit Glück unternommen wurde. Faly zog 1843 durch den Flankendarmschnitt bei einem Hunde eine G Zoll lange eiserne Schnalle aus und Xoiret ebenfalls bei einem Hund sogar eine Tischgabel, welche das Tier schon 3 Monate früher verschluckt hatte; in beiden Fällen trat Heilung ein.
!-!
I
II i
ocr page 449
XXXV. Der Darmschnitt. Euterotomie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;431
Felizet machte dieselbe Operation verschledenemalbel Hunden und einmal auch hei einem Pferde mit Glück; er praktizierte den Flankenschnitt bald linker-, bald rechterselts und führte die Darmpartie, welche den fremden Körper enthielt, vorsichtig nach aussei), eröft'nete dann den Darm und vereinigte zuletzt die Darm-väiuler durch die Kürschnernaht. In dieser Welse entfernte er 1877 (jedoch nicht zum erstenmale, wie angegeben wird) einen kindskopfgrossen Darmstein aus dem Kolon eines Pferdes, nachdem er kurz zuvor zwei Hunde ebenfalls in derselben Weise hergestellt hatte, welche Korkstöpsel beim Apporticren verschluckt hatten. Der Kliniker Degive in Brüssel hatte schon früher (1870) ähnliche Operationen beinbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; t**-
Kühen und Hunden ausgeführt und veröffentlicht, wie sich derselbe überhaupt auch um die näheren Details bei der Enterotoraie sehr verdient gemacht hat, ebenso St. Cyr.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; /#9632;'#9632;
In der letzton Zeit operierte Taccoen (1880) bei einer Kuh eine Darm-iuvagination, indem er das schon in Gangränescenz begriffene 10 cm lange Darmsttick resezierte und nach der Denans'schen Methode vernähte. Pütz enterotomierte schon früher versuchsweise ein Pferd und machte die Beobachtung, dass auch bei diesen Tieren die Operation nicht hlos gut ausführbar ist, sondern der Darmschnitt fast noch weniger zu bedeuten hat, als der Flankenschnitt.
Siedamgrotzky hat die Knterotomie schon 1877 und dann wieder 1880 sowie 1882 zweimal bei Hunden vorgenommen, welche Steine verschluckt hatten, die sich im Darme einkeilten. Das so gefährliche Abtliessen von Darrainhalt in die Bauchhöhle verhütete er durch Digitatkompression und schloss die Darmwunde nach der Methode Czerny mit karbolisiertor Seide. Der Verlauf war fleberlos. Heilung schon in 8 Tagen.
Mathieu führte 1884 den zweiten Fall einer Entercktomie bei einem Schweine aus, das seit 2 Tagen an einem eingeklemmton Inguinalhruche litt und bei dem er genötigt war, nach Entleerung des fötiden Inhaltes ein 16 cm langes Dünndarm­stück, welches schon vom Brande ergriffen war, herauszuschneiden. Die Vereinigung geschah nicht durch die Darmnaht, sondern durch die umschlungene Naht und mit gewöhnlichen Nadeln. Heilung nach 8 Tagen. Bei der späteren Schlachtung des gemästeten Tieres zeigte sich nichts als eine schmale zirkuläre Verengerung von weisslicher Farbe (Narbenstriktur).
Anzeigen des Darmschnitts. Sie sind, wie schon aus der historischen Übersicht der Operation hervorgeht, in der Regel ziemlich scharf gegeben und lassen sich auf jene Fälle beschränken, in denen entweder Unwegsamkeiten vorliegen oder anatomische Destruktionen.
Vor allem sind es jene Krankheitsxustände, deren hervorstechendstesnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; :
Symptom Verstopfung, d. h. Sis tier ung der Darmentleerung ist, welche, wenn die gewöhnlichen Mittel (grössere Laxierdosen von Rizinusöl oder der salinischen rurgantien, Aloe, schwefelsaures Eserinnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;
oder salzsaures Pilokarpin, Kalomel in Ölmixtur, Bauchmassage mit kalten Irrigationen, Tahakrauchklystiere, hydraulische Mastdarmiiijektionen u. s. w.) resultatlos gehliehen, als letztes Zufluchtsmittel nur mehr das Messer übrig lässt, denn die eigentliche Verstopfung (Darmokklusion zum Unterschied von der Obstipation, Ilartleihigkeit) kann nur kurze Zeit, bei Pferden und Wiederkäuern nur wenige Tage andauern, wenn sie nicht ein letales Ende nehmet soll.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; i
Die nächsten Folgen sind mechanische Aufstauung des Darm-Inhaltes, Darmerweiterung mit Lähmung der Muskularis, Axendrehung der hinter der stenosierten Stelle liegenden leereu Darmpartie, starke Zerrung der Darmwand, hochgradige Enteralgic, mechanische lilutüher-ftlllung, örtliche Entzündung mit Stase, Verklebung der betreffenden Darmschlingen untereinander, nekrotisches Absterben der Schleimhaut, Leistung mit sekundärer tötlicher Peritonitis und Ichorrhämie.
I
ocr page 450
432 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Entweder liegen in solchen schweren Fällen als Ursache mecha­nische Hindernisse vor, wie Darmsteine, Futterhallen, Haarhallen, quot;Wurnikonvolute, Knochenreste, trockene erdige Konkremente, verschluckte Fremdkörper aller Art, Neubildungen, Gewächse (besonders gestielte Lipome, Melanosen, Krebse) oder organische Veränderungen, z. B. innere Hernien, gangränöse Brüche, Darmeinklemmungen, Invagi-nationen, Kompressionsstenosen, Strikturen nach Geschwüren, embolische Paralysen infolge eines Wurmaneurysmas und dergl. Was speziell die häutiger vorkommende Dariniuvagination betrifft, so ist hierüber schon bei der Laparotomie (Seite 424) näher die Rede gewesen.
Die Diagnose der Unwegsamkeit des Dannrohrs hat häufig mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, es treten indessen bald so gefähr­liche Zufälle auf, wie z. B. zunehmende Auftreibung des Leibes, livide Färbung der Schleimhäute, kalte Körperextreme, heftige remittierende, Koliken, periodische Raserei (bei Huiulen), auffällige Stellungen und Fugen wie Becken, Niedersitzen nach Art der Hunde (bei Pferden und Bindern), Herablassen auf die Yorderkniee bei aufrechter Hinterhand, Bückenlage mit angezogenen Beinen, plötzliche unheimliche Buhe des Kranken (Brand) u. s. w., dass mau nicht lange im Zweifel sein kann oder schon die blosse Mutmassung genügt, um zum Messer als ultimum refugium zu greifen. In andern Fällen gelangt man schon durch die anemnestische Erhebung ins klare oder gibt die Palpation und Unter­suchung des Mastdarms mit dem Arme den gewünschten Aufschluss, auch wenn noch kein Fieber, keine Schmeizensäusserung aufgetreten ist.
Eine seltenere Anzeige ist die Komplikation mit Verletzung der Bauchwand oder penetrierender Verwundung der Bauchhöhle, an welcher auch der Dann teilnehmen kann und dann die Darmnaht notwendig macht.
Derartige Läsionen sind besonders wegen der mit der Luft ein­dringenden Fäulniskeime und Ent/.ündungserreger oder des Austrittes von Darminhalt in hohem Grade gefährlich, doch nicht unbedingt töt-lich, wie gewöhnlich angenommen wird, sie bedürfen nur antiseptische Reinigung, möglichst frühzeitige Reposition und operative Nachhilfe; völlige Wiederherstellung ist in solchen Fällen bei Rindern und Hunden, selbst bei Pferden schon öfters dagewesen, auch wenn sogar Därme auf dem Boden nachgeschleppt wurden.
Hyperämisehe und selbst an der Luft vertrocknete Därme erholen sich nach der Reposition meist vollständig, nur darf nicht viel Zeit darüber hingegangen sein und muss man sich gegenwärtig halten, dass der zuletzt herausgefallene Darm immer auch zuerst zurückzu­bringen, vorher aber unmittelbar an der Bauchwunde mittels leichten Drucks etwas zu entleeren ist; die Grosse der Ventralwunde kommt wenig in Betracht, denn es sind bei Tieren schon Laparatomiewunden gemacht worden, die an die Eröfthung der Bauchhöhle auf dem Sektions­platze erinnern.
Kleinere Trennungen des Zusammenhangs der Darmwand, Stichwunden derselben pflegen spontan zu heilen, wenn sie bei den
ocr page 451
XXXV. Der Dannschnitt. Enterotoinie.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;433
grösseren Haustieren die Ausdehnung von i cm, bei den kleineren die
von '/j cm nicht überschreiten; die Häute schieben sich übereinander
weg und verkleben alsbald, ohne dass es dabei zu einem Kotaustritt
kommt, namentlich wenn solche Darmstücke zugleich auch prohibiert
sind, es kann daher unter solchen Umständen der verwundete Darm
sofort reponlert werden. Aber auch grössere Darmwunden bellen, selbst
wenn etwas KotergUSS Stattgefunden, indem sich eine zirkumskriptnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; fquot;
bleibende Peritonitis mit Absackung ausbildet oder direkt eine Kot-
flstel, ein Anus praeternaturalis zu stände kommt, was jedoch bei den
Tieren, wie es scheint, zu den grössten Seltenheiten gehört. Grössere
Mengen Intraperltoneal angesammelten Kotes sind freilich von der
schlimmsten Vorbedeutung, denn sie erzeugen wie auch Blutergüsse
eine sofortige ausgebreitete Infektion des Bauchfelles, die absolut töt-
licher Art ist, wenn nicht eine alsbaldige Asepse ermöglicht ist; aus
diesem Grunde erheischt auch jede Blutung innerhalb der Peritoneal-
höhle, selbst die kleinste, eine sofortige Behandlung resp, Stillung.
Sollten bei Gelegenheit der Vornahme des Darmschnittes oder der Darmnaht entzündliche Vorgänge, angetroffen werden, so darf man an der Wiederherstellung noch nicht verzweifeln, auch solche Darmstücke erholen sich, falls ein stärkerer Erweichungsprozess noch nicht eingetreten, merkwürdig bald, wenn das Organ wieder in seine natürliche Lage zurückversetzt wurde. Ilvperäniisierte hochrot gefärbte Darmpartien, selbst noch blaurote, dürfen nicht erschrecken, dagegen gelingt die Ausgleichung gewöhnlich nicht mehr, wenn man es mit blauschwarzen Stellen oder solchen zu schaffen hat, in denen schon Spuren eines Zerfalles oder kleine Gasbläschen aufgetreten sind, es dürfen daher solche Därme unter keinen Umständen ohne Resektion in die Bauchhöhle zurückgebracht werden.
Der Darmscbnitt bezieht sich entweder nur auf einen Teil der
l
I
Darmwand (laterale Resektion) oder erstreckt sich auf den ganzen Umfang eines Stückes, das völlig herausgenommen werden muss, wo­durch zwei freie Darmenden entstehen (Enterektomie, zirkuläre Resektion). In beiden Fällen geschieht der Schnitt immer nur in der gesunden Grenze, eine Beschränkung in der Ausdehnung der Enter­otoinie nach dieser Richtung gibt es nicht, auch wenn selbst Darm­partien von ungleichem Kaliber aneinander geheftet werden müssten.
Die Operationsstelle ist in jedem Falle durch den Prozess selbst vorgeschrieben, der zur Laparotomie die Veranlassung gegeben hat; sie ist auch leicht als solche aufzufinden, indem die operative Behand­lung des Darmes immer nur ein extraperitoneale sein kann.
Der betreffende Darmabsclmitt wird samt seinem Gekrösteile aus der Bauchöffnimg hervorgezogen und auf ein in Sublimatwasser aus-gerungenes reines Tuch gelegt: etwa sich hervordrängende andere Darm­teile müssen mit einem desinfizierten Schwämme oder Tuche von einem Gehilfen zurückgehalten werden, der gleichzeitig auch dafür Sorge trägt, dass durch Bedecken der Bauchöffnung mit Kompressen möglichst wenig Luft in das Kavum eintreten, beziehungsweise eine Verkühlung
Hering's Operutionslehre. IV. Araquo;H.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;28
ä
ocr page 452
I
434 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
nicht aul'konmien kann. Ist dieses Bedecken der Umstände halber nicht zu erreichen, so empfiehlt sich die provisorische Naht der Bauchdecken, die auch dann nicht unterlassen werden sollte, wenn die quot;nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Manipulationen am Darme, wie z. B. Lösung eines Volvulus, Entleerung,
[Reinigung und Vernähung grösserer Darmpartien auch einen grösseren Zeitaufwand erforderlich machen.
Der Damsclmitt an und für sich ist eine höchst simple Prozedur und wird wie jede andere Inzision mit Messer und Schere ausgeführt; bei präexistierenden Wunden beschränkt sich die Enterotomie auf die
Vt.
einfache Regulierung der Wundlefzen durch die Schere.
Hat man es mit Dannsteinen, Küttumoren, wulstigen Auftreibungen infolge eingekeilter Fremdkörper U. dergl. zu schatten, schneidet man mit dem Bistouri auf der Höhe der Yorwölbung die Darmwand mit einem Zuge durch und führt dann das stumpfe Blatt einer Inzisions-schere ein, um von der kleinen Öffnung aus nach vor- und rückwärts (am besten auf der weniger gefässreichen, dem Gekrösansatz gegen­überliegenden Seite der Darmwand) die Wunde zu verlängern; das Ausströmen von Gas kündigt dem Operateur an, dass er sich wirklich in der Darmhöhle befindet.
Hat man auf den leeren Dann einzuschneiden, so muss für ge­hörige Fixierung desselben gesorgt werden und geht man jetzt zweck-mässiger mit der Inzisionsschere ein, die Wunde wird dann mit dem Knopfbistouri erweitert und immer hinlänglich gross gemacht, damit z. B. bei der Extraktion eines Fremdkörpers die Wundlippen keine unnötige Quetschung oder Zerreissung erfahren.
Ein weiteres Geschäft besteht dann darin, die Darmhöhle auf eine grössere Strecke zu entleeren, den Zutritt des Darminhaltes einst­weilen durch Umbinden mittels einer Schnur (oben und unten) abzu­halten, reichlich mit Wasser auszuspülen und zuletzt die Schleimhaut mit 2prozentlger Karbollösung zu irrigieren, um sie vor der Darmnaht möglichst aseptisch zu machen. Von der Beobachtung der grössten Reinlichkeit und der Befolgung des angegebenen Verfahrens hängt hauptsächlich der Erfolg ab, denn sowohl der Darmschnitt als die Darm­naht sind für sich selbst ungefährlich.
Die Darmnaht, Enterorhaphie.
Man hat verschiedene Methoden für die Vereinigung von Darm­wunden angegeben, alle aber basieren auf dem Prinzip, die ungemeine Tendenz des Bauchfells zu adhäsiven Entzündungen entsprechend zu verwerten, die Naht wird daher immer so ausgeführt, dass durch sie zugleich auch die serösen Flächen der Wundlippen aneinander zu stehen kommen. Eine Vereinigung der Schleimhautflächen unter sich findet bei Darmwunden nicht statt.
Man hat nun eine ganze Reihe von Nähraethoden, welche aus-schliesslich nur am Darme zur Anwendung kommen und zum Teil recht
ocr page 453
XXXV. Der Darmschnitt. Enterotomie.
435
scharfsinnig ausgedacht worden sind, durch die Erfahrungen der letzten Jahre sind sie jedoch auf wenige reduziert worden.
Die Nadeln für die Darmnaht. Im ganzen können für die Darmnaht die gewöhnlichen gekrümmten quot;VVundnadeln dienen, wie sie für kleinere Wunden in Organen, die nur wenig Gewebe den Heften darbieten, z. B. bei den Augenlidern benutzt werden; sie müssen hauptsächlich aus dem Grunde von der feinsten Art sein, weil nur die dünne Muskelhaut und die Serosa gefasst wird, die Schleimhaut daher, wie schon erwähnt, mit der Naht nichts zu schatten hat; das Einstechen bis in die Lichtung würde den Fäulniskeimen und Entzündungserregern nur Ge­legenheit bieten, von der Darmhöhle aus in die Stichkanäle einzuwandern und hier Eiterung, Nachlassen und Ausreissea der Nähte erzeugen.
Die Menschenärzte benutzen für die Darmnaht meist jene feine Wundnadeln, welche zur Perlnaht gewöhnlich angewendet werden und in verschiedenen Grossen und Formen käuflich sind; die Perl na dein von Nr. 10 bis 12 taugen am besten.
rquot;
Fig. 257.
Fig. 258.
L embert'sche Darmnaht.
Das Mähmaterial besteht wie jetzt fast durchweg bei allen Nähten aus karbolisierter Seide (Seite 223); Katgut eignet sich weniger gut, nicht weil das Knüpfen der vielen kleinen Hefte schwieriger ist, sondern weil es gerne vor der Zeit erweicht und so nicht immer genügend Sicherheit vor Austritt des Darm­inhaltes gegeben ist. Feiner Silberdraht wird ebenfalls verwendet und hat sich gut bewährt; auch hiebei worden die einzelnen Nähte dicht neben einander gelegt, was umsomehr der Fall sein muss, jo grosser die Ausdehnung der Längswunden ist, denn gerade bei diesen wird hie und da ein Aussickern des Darminhaltes beobachtet.
Methode nach Lemhert. Sie ist die einfachste von allen und daher gegenwärtig nächst der Methode von Czerny die gebräuchlichste, wenn es sich um Längswundeu handelt. Bei Qnerwunden des Darmes ist sie ebenfalls sehr belieht, vorausgesetzt, dass dieselben nur partielle sind, bei völliger Quertrennung dagegen wird die Methode Jobert (Figur 262) vorgezogen.
Eine kleine Strecke vom Wundrand entfernt sticht man die Pei'l-nadel in die Serosa ein, führt sie ein Stückchen weit in der Muskularis
ocr page 454
436 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfUhrliar.
gegen den Wumlnuul hin, sticht aber noch vor diesem wieder ans, um auf dem andern Wundrande in analoger Weise zu verfahren, wie dies ohne weitere Beschreibung aus der Figur 257 und dem Querschnitt, Figur 258, hervorgeht
In dieser Weise schafft man den Seldefäden rechts und links je eine kleine Brücke, um ihnen mehr Halt zu gewähren, wenn sie an­gezogen werden, wodurch sich beide Bänder, falls immer gleichweit von diesen eingestochen wurde, durchaus gleichmässig gegen das Darm­lumen einstülpen und so die Serosatlächen agglutimieren können. Der Yerschluss der Fäden geschieht, wie das Profil angibt, ganz nach Art der gewöhnlichen Knopfnaht.
Diese Heftart des Darmes ist von dem französischen Arzte Lembert im Jahre 1826 zuerst angegeben worden und hat sich gut bewährt; auch hat man es ganz in der Hand, wie viel von den Wundlippen eingeschlagen werden soll, da jedoch letztere selbst frei in die Darmlichtung hereinragen, müssen auch zur Sicherung des Verschlusses die einzelnen Hefte, wie schon erwähnt, dicht an einander, d.h. auf 2—3mm an einander gelegt werden. Nach dem Knüpfen der Ligaturen soll die Wunde keine Längsfalten bilden.
Methode Jobert. Dieses Näh-
verfahren des Darmes unterscheidet sich von dem Lemberts nur dadurch, dass die Nadel beim ersten Einstich die ganze Dicke der Dannwand durchdringt, also in die Dannlicbtung eingeht (Figur 25!raquo;) und von hier aus die beiden Wundlippen an ihrem Schnittrande ebenfalls in die Schlinge hereinzieht.
Jobert wollte damit erzielen, dass einesteils die Fäden, wenn sie seiner Zeit ausfallen, nicht in die Bauchhöhle ge­raten, sondern in das Darmlumen aus­geschieden werden, andernteils die freien
Fig. 259. Jobert'sche Darmnaht.
in die Darmhöhle hereinragenden Schnitt-ränder nicht lose an einander stehen,
sondern durch die quer hindurchziehenden Fäden an einander gezogen werden. Die erstere Verbesserung betreffs der Ausschaltung des Seidefadcns in die Darmhöhle ist unwesentlich, dagegen bietet die Vereinigung der Wundlippen auch an ihrem Rande einigen Vorteil, welcher aber dadurch wieder verloren geht, dass die Stichkanäle bis in das Lumen hereinreichen und so gleichsam eine Kommuni­kation mit der Peritonealhöhle herstellen, welche hesser unterbleiben sollte, um eine Eiterung der Stichöft'nungen auszuschliessen, das Jobert'sche Verfahren hat sich daher in der Praxis nicht halten können und findet jetzt nur mehr selten Anwendung.
Methode nach Czerny. Sie will den wasserdichten Yerschluss der Wundspalte noch mein- dadurch Sicherheit gewähren, dass sie erst eine Knopfnaht nach Lembert oben in die Wundränder legt und dann eine zweite in die Umbiegungsstelle unterhalb der ersteren, die beiden Nähte bestehen daher für sich selbständig.
ocr page 455
XXXV. Der Darmschnitt. Enterotomie.
437
Dieses Verfahren ist zwar etwas umständlicher, hat jedoch viele Anhänger auch in der Tierheilkunde gefunden. Die Fäden werden zuerst an beiden genannten Stellen der Länge nach eingelegt und dann die obem je für sich etwas angezogen, um nunmehr die untern zu knüpfen, die Vereinigung der klaffenden Schnittränder erfolgt daher vor der der obern Umbiegungsstelle und passt die Czerny'sche Naht sowohl für partielle Querwunden als auch für die Längswunden des Darmes. Sie ist auch unter dem Namen „doppelseitige Darmnahtquot; bekannt.
Methode Gussenbauer. Letzterer hat eine ähnliche Darmnaht angegeben, sie aber insoferne vereinfacht, als er nach dem Ausstich ä la Lembert sofort wieder an den Schnitträndern unten einsticht, um auch diese mit in die Schlinge hereinzunehmen, welche sonach ebenfalls eine doppelseitige Darmnaht darstellt; dabei werden beide Nähte nicht besonders geknüpft, sondern der Faden lauft achterförmig durch, man bezeichnet diese Naht daher auch als achterförmige Darmnaht.
Die Methode Gussenbauer leidet an dem Nachteil, dass die Seidenfäden ähnlich wie bei der Zickzacknaht oder Kürschnernaht durch sämtliche vier Stich­kanäle unter der Serosa durchgezogen werden müssen, wodurch diese notwendig etwas maltraitiert werden, sie hat sich daher nicht derjenigen licliebtheit zu er­freuen, wie die Methode von Lembert und Czerny, um welche es sich gegenwärtig nur mehr allein handelt.
Methode Gely. Dieses
Verfahren wird auf folgende Weise ausgeführt. Jedes der beiden Enden eines Seidefadens wird je in eine feine Wundnadel ein­gefädelt, worauf man die Naht etwas oberhalb des Wundwinkels beginnt (Figur 2()0). Die Nadel wird tief in die glatte Muskel­haut eingestochen und parallel zum Wundrande etwa (gt; mm weit nach abwärts geführt und da aus­gestochen. Mit der zweiten Nadel
am andern Wundrande wird in
Fig. 200.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fig. 2G1.
Darmnaht nach Gely.
derselben Weise verfahren. Nun
werden die Nadeln gewechselt; die rechte wird in den Ausstichs­punkt der linken, die linke In jenen der rechten eingestochen, jede wiederum parallel dem Wundrande geführt und Omm weiter abwärts ausgestochen und so fort.
Nun werden die einzelnen Abschnitte der Naht mit der Pinzette angezogen und wird den Wundrändern beim Einstülpen gegen die Darm­höhle nachgeholfen, worauf die Enden des Fadens unten geknüpft und wie bei den oben schon genannten Nähten kurz am Knoten abgeschnitten werden; die Gely'sehe Darmnaht bietet dann das Ansehen, wie es in Figur 2G1 wiedergegeben ist.
I I
ocr page 456
*
438 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Es ist leicht einzusehen, dass diese VerfahrunKsweise der einfachen Lem-bert'schen Knopfnaht des Darmes gegenüber einen positiven Nachteil besitzt, indem wiederum die beiden Seidefäden (oder wie Gely will, Katgutfäden, die sich auch den Experimenten Rydygier's an Lapins zufolge schon so lange halten sollen, bis eine bindegewebige Anlötung sich herausgebildet hat) durch sämtliche Sticli-kanäle sowohl der Länge nach im submukösen Bindegewebe als auch qnor herüber durchgezogen werden müssen, wodurch beim Anziehen der Fäden notwendig eine Zerrung und Verkürzung der Darmwunde entstehen muss.
Es gibt auch noch andere Vereinigungsaiten, wie z. B. die Naht von Berenger-Ferand, welch letztere die eingestülpten Ränder durch (mittels Nadeln eingestochener) Prismen von Korkholz aneinander hält und die von Pean; letzterer bedient sich zur Schliessung der Darmwunde ganz eigener, sehr feiner Serres-fines, die vom Darmlumen aus in die umgestülpten Känder der quot;Wunde einbeissen, es haben dieselben jedoch jetzt nur mehr historisches Interesse.
Bei Vereinigung des quer durchschnittenen Darm es, nach­dem eine zirkuläre Resektion statt­gefunden, kann die Adhäsionstendenz der Serosa nur dadurch zur Geltung kommen, dass man den einen Teil des Darmes in den andern auf eine kurze Strecke invaginiert, nach­dem der Wundrand des aufnehmen­den Bohres (mit der Serosa nach dem Lumen einwärts zu) umgestülpt worden ist.
In einfachster und vollkommen genügender Weise wird dann die Vereinigung mittels der Naht von
Fig. 262. Darmnaht voh Jobert bei Querwunden
Johert hergestellt, wie dies aus
der Figur 2fgt;2 unzweideutig hervor-
geht. Da der Darm durch die Ein­stülpung des einen freien Röhrendes eine kleine Verkürzung erfährt, würde der betreffende Gekrösteil eine leichte Falte werfen, was jedoch durch Einschneiden in denselben bis zur Darmwand und durch Herausschneiden eines dreieckigen Stückes vom Mesenterium in einfacher Weise vermieden werden kann.
In den Annales de mödecine veterinaire (Bruxelles) hat De give drei der oben genannten Darmnähte schon 1878 beschrieben, es gibt aber noch weitere, welche, was die vollständigen Querwänden betriil't, auch dadurch eine Modifikation erfuhren, dass man als Unterlage der Quernaht ein gerolltes Kartenblatt, früher auch (bei Rindern und Hunden) ein Stück Luftröhre von einem Kalbe oder wie Dedans Ringe von Silber oder Zinn benützte. Von diesen Hilfsmitteln ist man jetzt wieder abgekommen, sie bedürfen daher keiner weiteren Beschreibung.
Nachbehandlung. Dieselbe muss sicli sowohl auf die Bauch-und Darmwunde als auch auf den Allgemeinzustand des laparotomierten Tieres beziehen und erfordert grosse Aufmerksamkeit und namentlich vorsichtige Regelung der Fütterung und Pflege.
In diätischer Beziehung gilt als Regel, dass man in den ersten 24 Stunden nur klares frisches Getränke gestattet und dann leichte
ocr page 457
XXXVI. Operation des innern Bauchfellbruclis.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 439
Kost anordnet, bei den rtlan/onfrossoni Grüiifuttor, Wur/clweik, Knollen und Bttben mit etwas Mehl, Kleie oder auch massige Portionen zarten Heues; bei den kleineren erlaubt mau zuerst nur Mileh oder Fleisth-suppe, festere Nahrung erst nach ö—o Tagen, wonach die Verklebung als vollzogen betrachtet werden kann.
Nieht selten erbrechen Hunde oder zeigen doch grossc Neigung iiiezu, was bekämpft werden muss. Entweder entzieht man ihnen solange alles Getränke oder wird etwas Eis eingegeben, solange der Reiz an­hält; kommt man damit nicht aus, empfehlen sich subkutane Morphin-einspritzungen. Stellt sich wie häutig Drang zum Misten oder Obsti­pation ein, muss alsbald mit Fett oder Öl nachgeholfen werden, drastische Mittel sind natürlich nicht erlaubt, im Falle der Not kann nur das Rizinusöl nicht schaden, falls der Hegar'sche Schlauch keine Entleerung schafft; dabei verstellt es sich von selbst, dass die hydraulische Infusion unter keinem erhöhten Druck geschehen kann. Sehr vorteilhaft ist es, letztere auch bei allenfallsiger lästiger Flatulenz oder Diarrhöe anzu­wenden und dann einige Kotoingaben mit Malzextrakt u. dergl. zu ordinieren. Kalomel wird am besten vermieden, im übrigen pflegt der Eintritt von Durchfall von übler Vorbedeutung zu sein, indem er häufig als erstes Zeichen einer septischen Infektion auftritt, sobald damit auch ein Steigen des Thermometers im Mastdarm verbunden ist.
Die cliinirgische Behandlung der Bauclinaht ist schon bei der Laparotomic, Seite 426, angegeben worden; der Vorsuch, die Naht zu drainieren, falls die Stich-kanille reichlicher zu eitern beginnen, wird von verschiedenen Seiten widerraten, die Heilung soll besser durch Trockenbehandlung (Bepudem mit Tannin, Alaun mit Salicylsäure, Jodoform 1 mit Acidum boricum 3 u. s. w.) vor sich gehen. Alles Nachgehen der Bauchnähte muss durch Einziehen frischer Hefte beantwortet werden, im andern Falle tritt alsbald ein bruchäbnliches Hervortreten der üaueb-wunde zu Tage (Ventralhernio).
XXXVI. Operation des innern Bauchfellbruchs,
Überwurf. Verschnüren. Hernia peritonealis boum.
Der innere Bauchbruch oder hesser Bauchfellbruch des Ochsen (Hernia interna boum) besteht wie bekannt darin, dass eine Darmschlinge in den zufällig entstandenen Iliss einer Bauchfellfalte, am häufigsten in den Riss jener Bauchfellfalte eintritt, welche an den in der Bauchhöhle liegenden Samenstrang geht, dann sich mehr oder weniger füllt und scliliesslich nicht, mehr zurückkehren kann.
Die nächste Folge ist eine Darmeinklemmung, der sog. Überwurf stellt somit eine jeuer Bruchformen dar, welche als „innere Hernienquot; bezeichnet werden.
ocr page 458
V
440 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Ähnliche Dünndameinklemmuugen können auch dadurch entstehen, dass eine Darmschlinge durch den Riss einer andern Uauchfellspalte eintritt und festgehalten wird, z, B. in die Winslow'sche Spalte, in ein Loch des Gekröses, des breiten Mutterbandes oder in die Bauchfellfalte des Harnleiters, indes gehören die Ilernien dieser Art zu den grossen Seltenheiten bei den Wiederkäuern, was von dem genannten Lauchfellbruch des Ochsen nicht gerade gesagt werden kann.
Geschichtliches. Der Überwurf ist schon lauge von den Tierärzten sowohl als von Medikastern und zwar in verschiedener Weise operiert worden, die Reposition des Darmes unter Zuhilfenahme der Laparotomie datiert jedoch erst aus diesem Jahrhundert und wurde besonders von den schweizerischen und oberbayerischen Tierärzten, sowie von denen Englands und des südlichen Frankreichs beschrieben, ein Beweis, dass das Leiden hauptsächlich in gebirgigen Gegenden zur Behandlung kommt.
Hie erste ausfuhrliche, wenn auch nicht wissenschaftliche Darstellung des Bauchfellhruches stammt von Österlon (1810), welcher von der intrarektalen Lösung der Uruchstelle nichts wissen wollte, sondern alsbald den Flankenschnitt auszuführen empfiehlt; indessen scheint derselbe das Leiden aus eigener Anschauung nicht gekannt zu haben, da nicht nur die Krankheitssymptome mit der 'Wirklich­keit nicht harmonieren, sondern auch das Operationsverfahren selbst ganz unklar beschrieben worden ist. Eine brauchbare Darstellung des letzteren stammt dagegen von Anker, welcher schon seit 1815 viele Brüche bei Ochsen operiert hatte und seine zahlreichen Erfahrungen, die heute noch leitend sind, in einer Monographie (Bern 1824) verötVcntlichte.
Ebenso beschreibt auch der Bujatriker Ryohner dii1 Operation vom Mast­darm aus, ohne jedoch merkwürdigerweise von der Absprengung des Samenstranges ein Wort zu erwähnen, das doch behufs der Taxis so nahe liegt, ja selbst unum­gänglich ist. Später hat auch Böhm im Repertorium (1840), sowie Müller (im Schweizerischen Archiv 184;!) über den Innern Bruch geschrieben und folgen jetzt von allen Seiten her eine Menge von kasuistischen Mitteilungen des Verfahrens, dasselbe lauft indes auf dieselben Methoden hinaus, wie sie heute noch praktisch ausgeführt und weiter unten näher angegeben werden.
Diagnose des Bauchfellbruches. Die Erkennung dos Leidens bietet meist keine besonderen Schwierigkeiten, denn die Folgen jeder Darraeinklenunung sind stets Kolikzufälle, welche, wenn sie bei Ocbsen vorkommen, regelinässig das pathognomonische Symptom einer Dann­entzündung, einer Darminvagination oder eines Darmbauchfellbruches sind.
Um letztere pathologischen Zustände auseinanderhalten zu können, ist die Untersuchung per rectum entscheidend, wobei nämlich die tastende Hand, wenn sie innen dicht am Runde des Beckeneinganges vom Kreuz­bein oben bis zum Bauchring herabgeht, eine Apfel bis zwei Faust grosse anfangs weiche, teigige und dabei schmerzhafte Geschwulst, die auch als Knopf bezeichnet wird, fühlt, welche von einer gespannten Schnur, dem Samenstrang festgehalten wird und so charakteristisch ist, dass eine Verwechslung mit den obgenannten Zuständen nicht aufkommen kann; auch ist dieser Knopf fast immer rechtsseitig anzutreffen, wo mehr Gedärme liegen, als im linken Hypogastrium. Nur selten ist die eingeschnürte Geschwulst beiderseitig, noch seltener auch bei andern männlichen Rindern vorkommend, nämlich bei den Farren.
Die Kolikzufälle äussern sich bei den Ochsen dadurch, dass sie auf einmal In grosse Unruhe geraten, stampfen, im Stalle oder am Wagen hin- und herspringen oder sich öfter niederlegen, unter Schweif­wedeln mit dem Hinterfusse der leidenden Seite in der zornigsten Weise nach dem Bauche schlagen u. s. w. Nach einiger Zeit lassen die Schmerzen
ocr page 459
XXXVI. Operation des innern Bauchfellbruclis.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 441
iii\cli, um jedoch wiederzukehren, die Kolik remittiert daher und 1st noch weiter dadurch gekennzeichnet, dass zwar anfangs noch Mistabsatz stattfindet solange eben noch Koth im Dann (his zu der inkarzerierten Steile) vorliegt, nach 18—24 Stunden hört jedoch jede Exkrementition auf und es gehen nur mehr seltene mit Biut tingierte Schleimklttmpchen unter anhaltendem Drang ab; jetzt stehen auch die Klystierc nicht mehr, sondern gehen ah, so rein, als sie gesetzt worden sind.
Eigentümlich ist ferner der örtliche Schmerz in der Flanke der betreffenden Körperseite, das häutige Hinliegen nur auf die kranke Flüche und das auffallende Hinausstrecken des Hinterfusses nach rück­wärts, was weder hei der Dannentzündung noch bei einem Volvulus vorkommt; ausserdem beobachtet man den Bauchfellbruch nur in be­stimmten Gegenden, ohne dass hiefür ein bestimmter Grund angegeben werden konnte. Meist wird die regionale Kastrationsweise laquo;der kou-piertes Terrain beschuldigt.
Später wird die teigige Geschwulst in der Bauchhöhle immer fester, derber und schliesslicli, wenn keine Hilfe kommt, hört auch der Schmerz auf; die fiebernden Tiere beruhigen sich und verfallen in grosse Apathie. Diese Ruhe ist ausseist verdächtig und gewölmlicli des Signal des jetzt eingetretenen Brandes. In jeder eingeklemmten Üarmpartie entwickelt sich bald eine immer zunehmende mechanische Hyperämie mit Stase, denn die arteriellen Gofässe führen, weil sie vermöge ihrer dicken Wandungen nicht gleich vollständig zusammengedrückt werden, der ein-geklemmten Stelle immer noch Blut zu, die venösen komprimierten Gefässe aber koines mehr ab, wodurch schon in wenigen (meist nach 4—6) Tagen der Entzündung notwendig Nekrose mit Tod nachfolgen muss, dem oft noch Perforation des Darmes vorhergeht.
Bei der Sektion trifft man die inkarzerierte Stelle regelmässig in der Nähe des Bauchrings an, etwa handbreit von diesem entfernt oder an jener Falte des Bauchfells, welche den Samenleiter gegen die Harnblase hin begleitet. Die Ge­schwulst selbst ist blauschwarz, aufgetrieben, zirkumskript, oft schon mit peri-tonitischem Exsudate belegt und die Häute immer mehr oder weniger brüchig.
Aussei' der genannten Ursache (einem Eiss oder Loch in der Bauchfellfalte) kann auch ein weiterer Grund der Einklemmung vor­liegen, nämlich der Samenstrangstumpf, der bei der Kastration infolge seiner grossen Elastizität stark zurückschnellt, In die Bauchhöhle gelangt, hier mit seinem frisch verwundeten Ende an das Bauchfell anklebt und so einen Raum unter sich freilässt, in welchen ein Darm eintreten, nach seiner Füllung aber nicht wieder zuriickgleiten kann; ausserdem kommt es häufig vor, dass das freie Samenstrangrudiment vor seiner Agglutination zufällig sich um einen Dünndarm schlingt und diesen alsbald wie eine Ligatur einschnürt d. h. stranguliert. Diese letztgenannte Art des Bauchfellbruchs kursiert unter dem Namen „Ver­schnürenquot;, während die erstere Hernie unter der vulgären Bezeich-ming Überwurf bekannt ist.
Hilfe ist meist nur durch ein operatives Verfahren möglich und besteht dieses darin, dass man
1. vom Mastdarm aus den Darm zu erreichen und aus seiner Gefangenschaft zu befreien sucht oder wenn dies nicht gelingt, dass man ihn
ocr page 460
442 Zweite Ilaiiigt;t-Abtcilung: Operationen, mir an bestimmten Teilen ausführbar.
2. In der Bauchliöhlc aufsuclit und zu dieseiu Zwecke die Laparotomie vornimmt.
Beide Operationsarten stehen nunmehr allgemein im Gebrauch und erfreuen sich eines bewährten Rufes.
In ganz frischen Fällen, solange noch Blut und Danninhalt innerhall) der Ilernie einigennassen zirkulieren, kann man öfters auch ohne manuelle Nachhilfe auskommen und versucht man das Zurück­gleiten der Darmschlinge dadurch zu bewerkstelligen, dass man dem Körper dieses Tieres eine solche Stellung gibt, in welcher der einge­tretene Darm vermöge seiner eigenen Schwere aus der Klennnstelle herauschlüpfen kann; zu diesem Bebufe macht man den A'ersiich und liisst das Tier in schneller Gangweise bergab treiben.
Gelingt genanntes Experiment nicht, so nuiss operiert werden und ist der Erfolg um so sicherer, je frühzeitiger es geschieht; zu spät. kommt man mit der Operation in der Eegel noch nicht, wenn auch schon einige Tage hingegangen sind, indessen ist der Verlauf zuweilen ein ungewöhnlich rascher, so dass alsbald Gefahr eintritt und der Tod schon am 8. Tage erfolgt, für gewöhnlich jedoch erst später, am 5. bis 8. Tage.
1. Reposition per anum.
Dieses unblutige Verfahren wird immer zuerst versucht und ge­lingt die Befreiung des Darmes mit Hilfe der Hand häutig sehr leicht, zuweilen aber auch schwer oder gar nicht, je nachdem das betr. Ein­geweide festgehalten ist.
Bei der Verschnürung geht man mit der geölten Hand, nach­dem das Tier mit dem Vorderteil recht niedrig gestellt wurde, in den Mastdarm ein (mit der linken Hand, wenn der Bruch rechts ist und umgekehrt), sucht den Bruch auf und drängt demnächst das gefangene Darmstück nach derjenigen Seite sachte zurück, von welcher es in die Klemmstelle hereingetreten, somit immer nach vorne (von der Becken­höhle weg) und zugleich in der Bichtung nach oben. In diesem Bestreben wird der Operateur wesentlich unterstützt, wenn ein Gehilfe zu gleicher Zeit einen Druck auf die Lenden ausübt, etwa mit einem quer heriibergehobenen Stock, um dadurch eine Erschlaffung des Samen-Strangs herbeizuführen.
Mit dieser Manipulation kommt man immer gut aus und ist der Schaden schon in wenigen Minuten repariert, vorausgesetzt dass der Darm nicht sehr angefüllt, nur einfach durchgefallen, nicht aber von der Schnur des Samenstrangs fest umschlungen (verschnürt) ist; in letzterem Falle oder wenn schon adhäsive Entzündung zwischen dem eingehängten Darm und der Umgebung stattgefunden hat, sind die Schwierigkeiten grosser.
Dass die Reposition gelungen, erkannt man einesteils aus dem Umstände, dass das Darmstück an der früheren Stelle nicht mehr zu finden ist, anderntcils aus dem Eintritt eines lebhaften Polterns im Leibe und dem bald erfolgenden Abgang von Exkrementen; dauern nichtsdestoweniger die Krankbeitssymptome an,
ocr page 461
XXXVI. Operation des ionern Bauchfellbruchs.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 443
so ist dies meist ein Zeichen, dass nocli eine andere Einklemmung vorliegt, welche gewöhnlich in einer Darminvagination zu bestehen pflegt und eine schlcunigo Laparotomie notwendig macht.
Die intrarektale Beseitigung der Einklenunung kann immer nur als ein Palllativiüittel angesehen werden, das jene Ursache, welche den Bruch herbeigeführt hat, zurttcklässt, es können daher stets Rezi­dive eintreten und um diese zu vermeiden, muss die oben beschriebene Manipulation sich auch auf die Beseitigung der Ursache erstrecken, d. h. die Bauchfellspalte zerreisseu oder den Samenstrang-stumpf von seiner Anheftungsstelle wegreissen.
Bei diesem Aufschnüren verfährt, man in folgender Weise. Die Hand, über die Blase weg in den Beckeneingang vorgehend, sucht hier nach der gespannten Schnur und fährt an dieser nach abwärts, wo man die schmerzhafte Geschwulst stets antrifft, die jetzt in die Höhe zu drücken ist, um sie unter Mithilfe der Schwere der vorne liegenden Gedtoie in die Bauchhöhle zurückfallen zu machen; ebenso kann die Befreiung des Darmes wesentlich dadurch erleichtert werden, wenn es gelingt, den Samen st rang selbst wenigstens etwas in die Höhe zu lüpfen, falls das Abreissen nicht angeht.
Die Art und Weise des Abreissens des Samenstrangstum-mels findet sich in der Litteratur in zahllosen Fällen angegeben, ergibt sich jedoch aus dem Einzelfalle meist von selbst. Die Einen suchen die Schnur auf den Zeigefinger zu bringen, um sie solange anzuziehen, bis die Lostrennung erfolgt ist, während Andere mit einigen schnellen, mehr stossenden als ziehenden Zügen nach vor-, rückwärts und unten noch rascher zum Ziele kommen oder mit der Hand einen Halbkreis beschreiben; auch kann man das Rudiment, wie Qierer angibt, mit dem Daumen, der fest von hinten und möglichst gegen die Bauchwand hin an die Schnur angesetzt wird, durch immer stärkeres Drücken von der Anheftungsstelle losreissen. Vogel ist immer, wenn die Operation per anum ausreichte, damit ausgekommen, dass die Hand den angespannten Strang kurzweg nach auf- und vorwärts drückte, wozu 4—5 Minuten hinreichen.
So prompt das Verfahren häufig ist, so erfolglos bleibt es auch oft und kann auch nicht immer ganz ohne Gefahr ausgeführt werden; ausserdem ist das Aufschnüren im Mastdarm nicht selten gar nicht ausführbar, weil der letztere (wie bei noch nicht einjährigen Tieren) nicht geräumig genug für die Manipulation ist oder seine Wand oft so stramm angespannt ist, dass man, wie Feser sehr richtig bemerkt, einesteils den Bruch nur sehr schwierig durchfühlen kann, andernteils die Wand bei Anwendung von Gewalt durchzubrechen droht, wie auch sonst häufig Beschädigungen des Bektums, Entzündung, Brand oder Ruptur vorkommen, viele Praktiker eutschliessen sich daher eher zum Flankenschnitt, sobald sie im Mastdarm nicht ohne besondere Gewalt zu reüssieren glauben. Ausserdem ist man nicht immer darüber ge­nügend versichert, ob der Strang auch in der That abgerissen und nicht etwa blos stark gedehnt, das Übel also nicht radikal beseitigt wurde.
ocr page 462
444 Zweite Haupt-Aliteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
2. Herniotomie des Überwurfs.
Dieses zweite blutige Vorgehen ist die Iladikaloperatkm, denn sie schneidet die eiukleinmeiide Stelle unmittelbar durch, beseitigt also die Ursache in der gründlichsten Weise und lässt niemals im Stiche, wenn sie nur frühzeitig genug unternommen worden ist.
Diesem Durchschneiden geht die Eröffnung der Bauchhöhle voran und kann diese in jenen Fällen ohnedies nicht umgangen werden, wenn es schon zu festeren Adhäsionen gekommen ist, eine Umschlingung stattgefunden hat oder zu gleicher Zeit eine Darminvagination vorliegt. Wie schon aus der Beschreibung der Laparotomie hervorgeht, ist diese weder schwer ausführbar, noch gefährlich oder zeitraubend und daher sehr zu empfehlen.
Die Herniotomie bei Ochsen wurde zuerst von Anker ausführlich be­schrieben, welcher sehr viel Erfahrung hatte, merkwtirdigerweisq aber das Zurück­bringen des Bauchfellbruches vom Mastdarm aus für unausführbar erklärte. Auch bat derselbe ein eigenes recht brauchbares Instrument (llerniotom oder Kber-#9632;wur finess er) konstruiert, das die Form eines langen schmalen Knopfhistouris hat, dabei aber vorne hakenförmig ausläuft.
Nach knnstgemässer Eröffnung der Bauchhöhle (Seite 423) ent­weder in der rechten oder linken Flanke, je nachdem der Bruch seinen Sitz hat, führt man den mit Terpentinöl gewaschenen und mit Subliinat-wasser desinfizierten Arm bis zum Beckeneingang hinab, zerreisst das Netz, um an die blossen Gedärme zu kommen, sucht dann die Bruch­stelle auf, führt sofort das Bistouri, mit dem Zeigefinger bedeckt, an die Einschnürung, legt es an den gespannten Samenstrang oder besser unter der eingeklemmten Darmpartie an und schneidet jenen nach dem gegenübergehaltenen Daumen zu durch.
Die betr. Dünndarmpartie wird nun entweder durch ihre eigene Schwere frei oder mit der Hand vollends gelost und an ihre frühere Stelle zurückgebracht, worauf man auch die andere Bauchseite und den übrigen Darm hinsichtlich ihrer Integrität untersucht und dann die Bauchhöhle schliesst.
In Ermanglung eines geeigneten Bistouris kann man sich auch damit helfen, lt;lass der Samenstrang kurzweg aus dem Bauchring herausgezogen, mit Seide unterbunden und abgetragen wird; findet man sonstige peritonitische An-lötungen, so werden auch diese gleichzeitig gelöst.
Das Durchstossen des Mastdarms mittels eines Trokars und das Durch­schneiden des Samenstrangs mit Hilfe eines durch die Trokarhülse in die Bauch­höhle eingeführten Knopfbistouris, wie es Schmidt angegeben, ist nicht zu laquo;mpfehlen, weil viel zu unsicher, es ist daher diese Methode mit Kecht aussei-Gebrauch gekommen.
Die Flanken wunde wird in der schon angegebenen Weise durch die Kopfnaht geschlossen und das Tier in weitere diätische Be-liaudlung genommen (Seite 420).
Sollten bei der Operation Spuren einer bereits stattgefundenen Infektion des Bauchfells wahrffenommen worden sein, was sich durch
ocr page 463
XXXVII. Operation der Nabelbrüche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;445
ein übel aussehendes, trübes, flockiges, seröses Exsudat kundgibt, so ist ein günstiger Erfolg sehr problematisch geworden und statt der Schliessung der Bauchwunde das Schlachten vorzuziehen.
XXXVII Operation der Nabelbrüche.
Wenn die beiden Seitenliiilltcn der Baucliwand am Nabelrlng sich nach der Geburt nicht in normaler Weise vereinigen, können Bauch-eingewelde in die Öffnung, welche nur zum Durchtritt der Nabelgefässe und des Urachus bestimmt ist. hereintreten und so eine Geschwulst bilden, deren untere Wand von dem Bauchfell, der Suhkutis und allgemeinen Decke gebildet wird.
Dieser Nabelbruch (Hernia umbilicalis, Omphalocele, Exomphalus) kommt meist bei Neugebornen vor, wird aber erst beim Absterben der Nabelschur bemerkt, noch häutiger entsteht er erst einige Monate nach der Geburt, selten bei schon erwachsenen Tieren; seine Grosse ist eine sehr verschiedene und variiert von der einer Wallnuss bis zu der eines Kindskopfes, man kann ihn aber bei allen Haustieren beobachten, nur kommt er bei Fohlen und Hunden am häutigsten zur chirurgischen Behandlung,
Wegen der meist ungewöhnlich dünnen Haut lässt sich die Hernie gut durchfühlen und kann man, um die Form der Bruchpforte zu untersuchen, einen oder mehrere Finger durch die Haut in letztere eindrücken: sie ist entweder rund oder mehr länglich, hie und da auch an dem einen Ende rund, am andern mehr in die Länge gestreckt und was den Inhalt des Bruchsackes betrifft, so ist meist eine Dünn­darmschlinge (Enterokele umbilicalis) oder das Netz (Epiplokele) in demselben anzutreffen, häutig sind auch beide Organe enthalten oder hie und da ein Teil des Blind- oder Grimmdarms.
Die örtliche Untersuchung des Bruchbeutels gibt Anhaltspunkte über den Inhalt: der Darm verrät sich dadurch, dass die Grosse der Geschwulst je nach der Füllung desselben wechselt und fühlt sich jener bald elastisch, bald teigig an, wenn nämlich mehr Luft oder Futter, beziehungsweise ein Netzstück enthalten ist, auch gibt eine gashaltige Schlinge tympanitischen oder vollen Schall. Das Netz für sich allein fühlt sich immer teigig an und lässt sich weniger gut vorschieben.
Beim Einschneiden in die Geschwulst ist die Haut nur mit kurzem Bind­gewebe an das innere Blatt des Bauchsackes geheftet und scheint letzteres, nämlich das Bauchfell, öfters zu fehlen, es ist jedoch meist dann mit dem Bruchinhalt verwachsen.
Da die Tiere den Bauch in horizontaler Richtung tragen, drängen sich die Eingeweide ihrer eigenen Schwere nach durch den Nabelring in den Brnchsack herein, sobald sie jedoch auf den Bücken gelegt werden, treten die Gedärme entweder von selbst in die Bauchhöhle zurück oder sie können schon durch leichtes Massieren wieder in ihre
ocr page 464
44G Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
physiologische Lage gebracht worden; ziehen sie dabei auch den Brucii-sack nach sich, so ist die (lewissheit gegeben, dass der Inhalt bereits eine Anlötuiig an das Bauchfell erfahren hat.
Diejenigen Nabelbrüche, welche schon bei der Geburt des Tieres bemerkt werden, haben wenig chirurgische Bedeutung, weil die Erfahrung lehrt, dass sie meist von selbst verschwinden; wenn dagegen zu jener Zeit der Nabelring nur mit laxem Gewebe bedeckt ist, das dem Druck des Darmes nicht genügend 'Widerstand leisten kann, so scheint der Bruch erst einige Wochen nach der Geburt zu entstehen, um dann allmählich an Grosse zuzunehmen. Auch diese Brüche, welche wie schon erwähnt die Mehrzahl bilden, pflegen nach einigen Lebens­monaten, wenn die Därme durch festere Nahrung an Umfang zuge­nommen haben, mehr und mehr kleiner zu werden und so spontan zur Heilung zu gelangen. Das auf der untern Bauchwand liegende Kolon besitzt bald zu viel Durchmesser, um die Bruchotfnung passieren zu können, die dünnen Därme aber ziehen sich in den obern Fundus der Bauchhöhle zurück und es bleibt nur eine geringe Menge seröser Flüssigkeit zurück, welche dann samt dem Beutel bald zum Verschwinden kommt.
Als Ursache der Hernienhildung am Nabel muss zunächst eine hereditäre Disposition beschuldigt weiden, wie sie in einzelnen Pferde- und llundefamilien auch schon nachgewiesen wurde, im übrigen liegt gewöhnlich eine Laxität der Gewebe zu Grunde; wenigstens sieht man bei jungen Tieren, insbesondere Saug­fohlen, derartige Brüche ganz von seihst heilen, sobald durch eine geeignete hygienische Behandlung, insbesondere durch ein tonifizierendes Regimen in Bezug auf die Ernährungsweise die Texturfaser eine grössere Straffheit erlangt hat, es wäre daher ein verfehltes Beginnen, wenn schon gleich im Anfange der Entstehung der Ilornie eine chirurgische Behandlung eingeleitet werden wollte. Letztere ist bei Nabelbrüchen am allerwenigsten eine dringliche, denn dieselben klemmen sich nur selten ein, offenbar weil der Nabelring sich sehr leicht erweitert und mit der Zeit seine Starrheit verliert.
Als Gelegenheitsursach e kann das Zerren und gewaltsame Abreisseu des Urachus beschuldigt werden und ist nur einmal die Anlage zu einem Bruche gegeben, so kann alles, was den abdominellen Druck vormehrt, z. B. anstrengende Arbeit, Laufen und Springen oder was eine Ausdehnung des Hinterleibs bewirkt, wässriges blähendes Futter, Drängen zur Kotentleerung u. s. w., zur Vorgrösserung des Nabelbruchs beitragen.
Das Allgemeinbefinden ist bei den Bauchbrüchen ungestört und nur dann tritt eine Beeinträchtigung desselben auf, wenn durch äussere ungünstige Einwirkungen entzündliche Reizungen entstehen, welche übrigens ein sofortiges Einschreiten notwendig machen, insbe­sondere wenn dabei Einkleinmungen mit ihren bekannten Erscheinungen zu stände kommen, was jedoch im ganzen selten ist.
Die Therapie der Nabelbrüche ist durch grosso Mannigfaltigkeit der zu Gebot stehenden Hilfsmittel ausgezeichnet, je nachdem man nämlich mehr oder weniger radikal zu Werke gehen will, im ganzen sind aber aJlc Nabelbrüche heilbar. Die Behandlung besteht
1. in einer andauernden Kompression des Bruchsackes, um durch Zurückhaltung dos Inhaltes der Öffnung Gelegenheit zum Verscliliessen zu geben;
ocr page 465
XXXVII. Operation der Nabelbrüche.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 447
2. in der Vernichtung des Bruchsaokes, um dem Darm oder Netz den Kaum zum Vorfallen zu versperren und
8, in der definitiven Verscbliessung der Bruchpforte (Radi­kalkur, blutige Operation, Keliotomie).
Diät. Jede Behaiidluug eines Bruches wird durch ein entsprechendes liygienisches Verfahren eingeleitet, man wird daher zunächst die Futterquantitilt zu reduzieren suchen und nur leichtverdauliche, wenig voluminöse, gelind eröffnende Xahrung in kleinen Portionen geben lassen, den Tieren volle Ruhe gönnen und alle äusseren Einwirkungen abhalten, welche der Heilung störend entgegen treten könnten. Zur Verminderung des Bauchumt'angs können zeitweise leichte (saliniscbe) Laxanzen recht nützlich werden.
Äusserliche Arzneimittel.
Nur selten kommt man in die Lage, örtliche Entziiiidiingszustiinde bekämpfen zu müssen und reicht man dabei schon mit den gewöhnlichen Kiddungsmitteln (Kiswasser, Bleiwasser, Essig, Lehmbrei u. s. w.) gut aus; wenn nicht, so liegen alle Anzeigen eines operativen Einschreitens vor.
Scharfe Einreibungen des Bruchbeutels. Zur Kanthariden-salhe greifen die meisten Praktiker zuerst und hat man an derselben auch ein vortreffliches Mittel, wenn es sachgemiiss administriert wird, es soll jedoch gleich bemerkt werden, dass die Salbe nur dann von Erfolg sein kann, wenn man es mit kleinen Brüchen zu tliun hat; bei grosseren, in deren Ring man mehr als zwei Finger eindrücken kann, lehrt die Erfahrung, dass die Salbe zu schwach ist und man auch durch Wiederholungen nicht zum Ziele kommt, vielmehr nichts weiter erreichen wird, als eine Verdickung der Haut, welche die spätere An­wendung anderer besserer Mittel nur erschwert und keineswegs ver­hindert, dass der Bruch nachher sogar noch grosser wird.
Eine Hauptbedingung ist, dass das genannte Vesikans auch über die Bruchstelle hinaus und dass es nur in den höheren Stiirke-graden zur Anwendung kommt; man schert zuerst die Haare ab, reibt den fixierten Beutel gut ein und trägt dann noch reichlich von der Salbe auf, um die Stelle mit einem Werktampon zu bedecken, der durch einen Leibgurt festgehalten wird. Hierauf wird die (ieschwulst 2—;! Wochen unberührt gelassen und dann das Mittel so oft wiederholt, als es für nötig erachtet wird.
Es muss eine heftige Entzündung der Haut und Subkutis, sowie der Umgebung nachfolgen, um Eiterung und Granulation herbeizuführen, alles weitere besorgt dann die Schrumpfung des (irannlationsgewebs und die Narbenretraktion, welche jedoch nur allniählig eine Verklei­nerung bewirkt. Tritt schon die erste Entzündungsgeschwulst nicht so energisch auf, dass sie den Brucbiulialt vollständig zurückdrängt, so ist in keinem Falle auf Erfolg zu rechnen; eine etwa zu starke Wirkung ist nicht zu erwarten und hätte ausserdem bei der Zuverlässigkeit der reinen Kantharidensalbe nichts zu bedeuten, als dass die Haare aus­bleiben, was an dieser Stelle keinen Schaden bringt.
ocr page 466
448 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen aus fahrbar.
Andere Tierärzte ziehen das Blisteru vor oder nehmen ihre Zuflucht zum Chromsälb ch en, bestehend aus saurem chromsaurom Kali 1:0 bis 8 Fett oder neutralem ebromsaurem Kali 1:3 Fett; die Wirkung ist auch hier obwohl eine sehr schmerzhafte, doch keine allzuheftige, trotzdem die Haut über dem Bruch sehr dünn ist, die Nachwirkung wird aber geradezu verdoppelt, wenn glcichzeitif; ein Kompressivverband angelegt wird, was sehr zu empfehlen ist. Ebenso erzielt man mit dem Kantharidenkollodium nach den Erfahrungen Vogels einen ausgezeichneten Eft'ekt, das Präparat muss jedoch in der Apotheke in doppelter Stärke verlangt werden.
Konzentrierte Schwefelsäure ist ebenfalls ein bewährtes Mittel, von welchem besonders die deutschen und österreichischen Tierärzte Gebrauch machen, -während die Salpetersäure (Dayot) von den fran­zösischen Veterinären vorgezogen wird.
Durch das ausgiebige Ätzen mit der erstgenannten Mineralsäure entsteht eine heftige Dermatitis und Phlegmone der nächsten Umgebung, deren Geschwulst alsbald den Bruchinhalt analog einer Bruchbinde zurückdrängt, worauf (wiederum sehr langsam) aus der Granulation in der Tiefe der Haut reichliches Narbengewebe entstellt, das den Nabel­ring verstopft, nachdem der oberflächliche Atzschorf längst abgefallen ist.
Im ganzen kommt man mit letzterem Schlusseffekt etwas rascher zu stände, als mit dem Kantliaridenmittel, denn die Wirkung ist an­dauernder, es können daher auch etwas grössere Nabelbrüche mit der Säure in Angriff genommen werden, doch empfiehlt es sich auch hier dringend, lieber zur Operation zu schreiten, sobald 3 Finger in die Bruchüffnuiig eingeführt werden können, denn es ist, wenn auch nur selten, vorgekommen, dass empfindliche Tiere an Peritonitis eingegangen sind; in keinem Falle darf mit der Applikation der Säure eine Enuh-bandage verbunden werden. In andern Fällen hat man wieder die Beobachtung gemacht, dass der Bruch hartnäckig der Säure widersteht und zum Schluss selbst eine Yergrosserung erfahren hat, während kleinere Brüche bei vorsichtiger Behandlung rcgelmässig nach 6—8 Wochen vollständig heilen, vornehmlich auch wenn die Scharfsalbe sich als unzureichend erwiesen hat.
Bei der Applikation des offizineilen Acidum sulfuricum crudum (Anglikum) verfährt man in der Art, dass man kurzweg mit einem Holz-spahn die ganze Bruchgeschwulst in einzelnen Strichen überfährt und zwar mehrere Tage je einmal, bis sich eine genügend feste braune Eschara gebildet hat.
Andere Tierärzte modifizieren das Verfahren dahin, dass sie die konzentrierte Säure mit einem an einem Stabe befestigten Werkbauschen auftragen, jedoch in einzelnen je 1 cm entfernten Streifen, und des an­dern Tages in gleicher Weise die freigebliebenen Zwischenräume be­handeln oder in den ersten 2 Tagen des morgens und abends die ganze Fläche bepinseln, am 8. und 4. Tage nur je einmal; indessen wird man individualisieren müssen und ein zartes Fohlen anders traktieren, als ein dickhäutiges Kalb, in allen Fällen genügt es aber vollständig, wenn ein adhärenter leder- oder pergamentartiger Schorf durch mindestens 3—tmaliges Bestreichen in ebensoviel Tagen zu stände gekommen ist.
ocr page 467
xxxvii. Operation der Nabelbruchesnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 440
Perselbe lallt längstens in der 3. quot;Woche ab, worauf man nilii^- der lleiliing entgegensehen kann, denn es folgt eine gutartige Eiterung nach.
Zu heftige Wirkungen sind bei dem angegebenen Verfahren nicht zu befürchten, die Säure ist in ihrem kaustischen Vorgehen genau bekannt und Jetzt gut studiert, auch erweist sie sich sehr /nverliissig und setzt namentlich einen trockenen und dabei kontrahierenden Schorf, was alles von der konzentrierten Salpetersäure, welche zu gewaltthätig vorgeht und deren Aktion nur schwer zu berechnen ist, nicht gesagt werden kann, man zieht Ihr daher besser die .Schwefel­säure vor-.
Sollte die Haut nach dem Abfallen des Ätzschorfes ungewöhnlich nässen, so hilft schon ein mehrtägiges liestreuen mit Tanninpulver oder Gypsteer und würde dabei selbst ein JHirchbruch bei dünner zarter Haut stattfinden, wie es besonders bei Hunden vorkommen kann, so braucht man aus dein Grunde keine Befürchtungen zu hegen, weil unter­dessen sich reichlich Bindegewebe entwickelt hat, welches die Bruch­öffnung bedeckt. Sache der Vorsicht ist es, vor dem Bepinseln die Nachbarschaft durch reichliches Auftragen von Fett vor unnötiger Korrosion zu bewahren und nachher die Wundfläche durch Watte und Binde zu schützen. Hat man es mit sehr jungen Tieren zu tlmn oder Grund, ein vorzeitiges (eitriges) Abfallen des Schorfes, resp. brandiges Absterben der Haut zu befürchten und will man nichts destoweniger aus dieser ebenso einfachen als wirksamen Behandlungsweise Nutzen ziehen, so kann in derselben Weise auch das oftizinelle Acid um sul-l'uricum dilutum verwendet werden. Für einen mittelgrosseu Bruch reichen lü—15 Gramm der Säure hin. Die ganze Kur dauert (i—8 Wochen und weist die tierärztliche Literatur eine grosse Menge prompter Heilungen auf.
Emplastrum Picis. Bei Saugtieren, kleinen Brüchen, sowie bei Hunden und Kätzchen reicht gewöhnlich schon ein dickgestrichonos Pechpflaster aus, es muss jedoch gross genug sein und gut halten; letzteres ist hilutig nicht der fall und kann man dann mit giossem Vorteil von einem zwar schon alteren, aber zuverlässigen Pechmittel (iebrauch machen, das von dem bolgisclien Tierarzt üuilmot (1844) angegeben worden ist.
Man siedet 2 Teile schwarzes Pech mit 3 Teilen dickem Terpentin und 6 Teilen Burgunder Pech, taucht einen Wergbausch in das noch kochende Gemenge und befestigt es mit einer Bruchbinde um den Leib. Nach 15—20 Tagen soll die Heilung erfolgt sein, wenn niimlich das Pflaster von selbst abgefallen ist.
Subkutane Injektionen solcher Mittel, welche ebenfalls eine narbenbildende, schrumpfende, sklerosierende Wirkung besitzen, wie z. B, die Karbolsäure und der Alkohol, sind in der neuesten Zeit eben­falls zur Heilung von Nabelbrüchen versucht worden und zwar zuerst von Schwalbe (1882) bei Kindern, nachher von Andre auch bei Hunden, es liegen jedoch noch zu wenig Erfahrungen vor, ids dass sich ein Urteil über die praktische Brauchbarkeit schon jetzt bilden Hesse.
Man injiziert mit der Pravaz'schen Spritze 1 — 2 cem etwa zu gleichen Teilen mit Wasser verdünnten Alkohol oder eine 2,5—3pro-zeutige Karbollösung in das Unterhautbindegewebe rings um den Bruch-
Hering's Oiieralionsleliro. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 20
ocr page 468
450 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an liestimmten Teilen ausfiiliil)ar.
ring UDgefähl' 2 cm von dem Rande desselben entfernt und wiederholt die Einspritzung jeden andern Tag, wobei immer der Brucliinlialt vorher reponieit und das Bauchfell geschont wird, die Nadel darf daher nicht tiefer in die gebildete Hautfalte eingehen, als in die Suhkutis.
Die Injektionen müssen solange fortgesetzt werden, bis der Bruch-bcntel geschrumpft und eine bindegewebige Verwachsung eingetreten ist, was 2—3 Monate lang auf sich warten lassen kann.
Die chirurgische Behandlung.
Sie hat zunächst die Eeposition des vorgefallenen Darmes im Auge und sucht dann entweder den Bruchsack zu vernichten oder denselben zn öti'nen und den Nabelring zu verniiheii.
Im ersteren Falle ist eine vollständige Beseitigung der Ilcrnie selbstverständlich so wenig zu erreichen, wie mit Hilfe der obengenannten chemischen Mittel, denn die Öffnung in der Bauchwandung bleibt nach wie vor bestehen, es kann indessen durch die nachfolgende Entzündung und Narbenretraktion nichts destoweniger ein völliger Verschluss erzielt werden, den diesbezüglichen Mitteln kann daher keineswegs eine hohe Wirksamkeit abgesprochen werden.
Sie bestehen in dem Abbinden des Druchsackes, in dem Abnähen oder Abklappen desselben und in der Kompressivbinde.
Die Reduktion des Bruches geschieht am besten in der Rücken­lage des Tieres, das zu diesem Zweck stets niedergelegt werden nuiss. Die Extremitäten werden in der bekannten Weise gebunden und bei Fohlen vielleicht auch eine Stange quer durch die Fesseln geführt; die Möglichkeit des Umwendens in die Seltenlage wird durch 2 rechts und links an den Rumpf geschobene Strohbündel verhindert, dann wird der Bruchinhalt unter Hebung des Bruchbeutels durch Drücken and Kneten zurückgebracht und erst wenn man sich überzeugt hat, dass es voll­ständig geschehen, kann zur Operation geschritten werden.
Chloroformieren ist nur nötig, wenn die Tiere fortwährend durch gewaltsame Kontraktionen des Zwerchfells und der Bauchmuskulatur den Repositlonsversuchen Schwierigkeiten bereiten und die Eingeweide beharrlich hervordrängen, ebenso wenn der Bruchsack geöffnet ist und reponiert werden soll.
1. Kompressiv-Verband. Die Brachbandagen sind in neuerer Zeit bei den Tieren wieder mehr in Aufschwung gekommen und gewiss mit. Recht, denn sie gehören, richtig angewendet, zu den wirksamsten Iletentioiismitteln bei allen nur massig grossen Ventralhernion, ganz besonders aber wenn mit der rein mechanischen Wirkung zugleich auch eine Verklebung und Verwachsung der Bauchöffnung angestrebt wird, Bruchbinden dürfen daher nicht angelegt werden, ohne dass zuvor der Bruchsack in Entzündung versetzt worden wäre. Bedingung ist dabei, dass die Beteutionsbinde zum mindesten eine Woche liegen bleibt.
ocr page 469
XXXVII. Operation der Nabelbrüche.
451
Bei frisch entstandenen oder auf andere Weise in Entzündung
vorsetzten Nabelbrüchen triflt die genannte Voraussetzung ohnedies zu, bei allen andern (älteren oder schmerzlosen) Brüchen muss eine Scharl-salbe oder das Rotglüheisen vorangeben, wie sich auch die obengenannten Chromverbindungen in der That bewährt haben.
Was die Bruchbinde selbst betrifft, so kann sie nur dann den praktischen Anforderungen entsprechen, wenn sie möglichst einfacher Art ist und sich billig beschaffen lässt, auch darf sie bei so jungen Tieren nicht zulange anliegen, höchstens 3—4 Wochen, im andern Falle ist sie unbrauchbar.
Am zweckmässigsten erweist sich ein gewöhnlicher breiter Sattel­gurt, welcher eine Vorrichtung tragen muss, die so beschaffen ist, dass sie einen unmittelbaren Brück bis in den Bruchring auszuüben vermag.
Für gewöhnlich kann au dem Gurt ein Tampon, eine Pelotte, ein nach oben konvexes Bosshaarpolster, Lederkissen u. s. w, angebracht werden, nur muss die Bauchöffming völlig verschlossen werden.
Fig. 268.
Die Martin'sche Bandage hat sich gleichfalls gut bewährt; sie trägt eine der Bauchrundung entsprechend gebogene Zinkplatte, welche an ihrer obern Fläche eine in den Bruchring passende kuppeiförmige Erhabenheit besitzt; je nach der Dicke der Haut lässt man sie 4—8 Tage an dem frisch entzündeten Bruche liegen, während welcher Zeit sich ein ausgebreitetes Ödem rings um die Blatte bildet; nun wird die Entzündung durch das Qlüheisen oder eine Scharfsalbe aufgefrischt und statt der kuppeiförmig erhabenen Blatte eine Leinwandkompresse unter­gelegt, welche sich leicht immer wieder zurechtlegen lässt, falls die Bandage etwas verrückt würde. In dieser Weise bleibt die Binde im Ganzen 3 Wochen liegen, während welcher Zeit der entzündete Bruchsack sonach einem perennierenden Drucke ausgesetzt war. Die Kur ist in dieser Zeit gewöhnlich beendet.
Manche Tierärzte scheuen sich, von der Brucbgurte Überhaupt Gebrauch zu machen, in der Befttrchtung, dass ein anhaltend gleichniässiger Druck sich doch nicht in praxi er/ieleu lasse. Für gewöhnlich allerdings nicht, wohl aber, wenn
ocr page 470
452 Zweite Ilauiit-Abteilung: Operationen) nur au bestimmten Teilen ausführbar.
das Tier sorgsam beaufsichtigt und der Leibgurt richtig konstruiert ist. Zunächst muss sehr rcgelmössig gefüttert und je nach der Darm-Entleerung orsterer nach-geschnallt werden, jedoch immer mir in massigem Grade; ebenso muss jedes Ver­rücken der Binde dadurch hintangehalten werden, dass vom Rücken aus Riemen oder Gurten nach vorne und hinten ausgeben, wie dies bei dem Sielengeschirre der Fall ist und in Figur 268 angedeutet wurde.
2. Kompression durch Klammern. Hiebe! ist es in erster
Linie auf die Ertötung des Bruchbeutels abgesehen, denn derselbe wird zwischen zwei Flächen eingeklemmt, bis sein Gewebe durch anii-mische Nekrose nach 1—2 Wochen wegfällt, worauf die Heilung durch Granulation und Narbenbildung erfolgt.
Die Kompression kann entweder durch die gewöhnliche Kastrations­kluppe oder durch andere besondere Klemmen erzielt werden und sind dieselben besonders indiziert bei grösseren Brüchen, da der Druck auf die beiden Seitenflächen der Hautfalte In der Kluppe am gleich­förmigsten verteilt ist und gleichmässiger andauert, als z. B. bei der Druckbinde und selbst auch bei der Ligatur durch Hanf oder Kautschuck,
Man legt die Kluppe, deren Länge stets den Bruchsack über­ragen muss, in der Längenrichtung so fest als möglich an und schneidet entweder den vorstehenden Hautbeutel kurzweg ab oder lässt ihn besser zurück, bis er mit der Kluppe gleichzeitig wegfällt. Zu vermeiden ist, dass Letztere durch ihre Länge den Schlauch bei männlichen Tieren geniere.
Die hölzernen Kluppen müssen wie alle andern auch so hoch angelegt werden, dass sie möglichst viel Bruchsack fassen und sich zugleich der Rundung des Bauches anschmiegen, auch sollen sie so stark sein, um nicht zu biegen und namentfich auch in ihrer ganzen Elongation gleichmässig zu drücken und nicht etwa blos an den Kanten, die dann zu frühe durchschnitten würden. Diesen Hauptbedingungen, zu welchen noch die Unmöglichkeit des Abgleitens kommt, entsprechen mm diese Holzklammem in der Regel nicht, auch wenn sie mit der Kluppenschraube zusamraengepresst werden, viele legen daher zwei Kluppen etagenweise unter einander und bringen in querer Richtung Löcher in dieselben an, um durch sie das Rutschen verhindernde Knopf-nähte einzuziehen; diese Durchbohrungen können schliesslich auch weg­bleiben, wenn die Kluppen in ihrer Mitte mittels einfachen Bindfadens in die Haut eingenäht oder noch einfacher 1—2 Stahlnadeln unterhalb durch den Bruchbeutel gezogen werden. Bei faustgrossen Brüchen bedarf es für die Kluppen einer beiläufigen Länge von 20—25 cm und eines Durchmessers von 3,5—4 cm.
Für genannte Zwecke sind auch eiserne Kluppen konstruiert worden und zwar in mehrfacher Form; sie werden ebensolange liegen gelassen, bis sie samt der Haut von selbst abfallen, was etwa 8—14 Tage dauert.
Die Kluppe von Bordonnat (Figur 204) ist von Eisen und sind an der Innern Fläche der einen Hälfte hervorsehende Spitzen angebracht, welche in entsprechende Vertiefungen der entgegengesetzten Hälfte passen, so dass die Hautfalte des l'ruclisacks wie mit einem Rechen oder Kamm
ocr page 471
XXXVII. Operation der Nabelbrüche.
453
laquo;hirclistoclieu wird und so die Kluppe mehr als genügend vor dem Abgleiten geschützt ist. AucbScbraubenkIuppen(FigUl'd66) werden zu letzterem Zwecke angelegt, die allerdings so fest ungezogen werden können, dass sie sich nicht von der Stelle verrücken und damit auch eine Bauchbinde überflüssig machen, wenn diese nicht zum Schutz gegen Abreissen an­gebracht werden wollte.
Nicht empfehlenswert ist die Charnierkl uppe mit nur einer Schraube (Figur 265), da sie nicht fileichmässigen Druck auszuüben pflegt und gelenkige Verbindungen niemals zuverlässig sein können, wie denn die Kluppen überhaupt den grossen Nachteil besitzen, dass sie die Tiere als fremder Körper am Leihe oft arg belästigen und sie stets eine Zugkraft nach unten und /war um so mehr ausüben, je grosser ihr Eigengewicht ist und je bedeutender die Anschwellung oberhalb der Kluppe sich entwickelt, von den eisernen Klammern sollte daher ganz Umgang genommen werden und was die hölzernen betrifft, so sind sie bei grösseren Brüchen mehr nur als ein Auskmiftsmittel zu betrachten, um sich die blutige Operation zu ersparen. Ebenso sind schon beim Abkluppen von Brüchen Starrkrampffälle (wie beim Abbinden auch) beobachtet worden; mir sind selbst derartige Fälle bei Eembouillet-Bocklämniern (1800) vorgekommen,
Fig. 264,
Fig. 265.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Fig. 266,
Schraubenkluppe, ('/z Gr.)
Nach dem Abfallen der Kluppe muss der Brach völlig verschwunden sein, doch bemerkt man häutig, dass die Heilung nicht so vollständig erzielt worden ist, wie man Wünschen sollte, der Bruch kommt daher später nicht selten wieder zum Vorschein und greift man dann zu einer andern Behandlung, ebenso wie man umgekehrt sich zur Kluppe ent-schliesst, wenn andere Methoden im Stiche gelassen haben.
Das Abbinden des Bruchsackes. Eines der gebräuchlichsten Palliativmittel bei Brüchen ist die Ligatur derselben und bietet sie neben grosser Einfachheit den Vorteil, dass damit keine Beschwerung
ocr page 472
454 Zweite Haupt-Abtollnngi Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
des Brucbsackes verbunden ist und die Tiere fast gar nicht belästigt Werden, WO daher Letzteren wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden kann, ist das Abbinden oder Abnähen eine beliebte Heilmethode.
Viele Praktiker chloroformieren in der Rückenlage, lassen dabei das Hinterteil mit Hilfe des Wurfseiles, das durch einen an der Decke befindlichen King gezogen wird, etwas in die Höhe ziehen und knieen dann an der linken Seite des Tieres nieder; mit der linken Hand wird dann der Bruch erfasst, in die Höhe gezogen und mit der anderen Hand der Inhalt in die Bauchhöhle geschoben. Hierauf legt man eine starke, nicht zu dünne Kastrierschnur als chirurgische Schlinge um den leeren Beutel und zieht sie dicht an der Bauclnvand so fest als möglich zusammen, um dann zu knüpfen; damit die Ligatur nicht abgleite, kann unterhalb der Schlinge ein Stift oder eine Stahlnadel durchgestochen werden.
Hering lässt das innere Bruchsackblatt ausserhalb der Schlinge (was nicht immer thunlich) und wickelt die Schnur mehrmals in der Art um, dass man an der entferntesten Stelle anfängt und so der Beutel die Gestalt eines Pistills erhält. Der untere Teil des abgeschnürten Sackes schwillt stark an und stirbt nach 10—12 Tagen ab, während die zunächst am Bauche befindliche Partie sich entzündet und eitert, wodurch allmählig die Pforte durch Narbengewebe verschlossen wird.
Sollte die Wirkung der Ligatur nicht genügend stark sein, so legt man nach etlichen Tagen eine neue Schlinge dicht über die erste au und wiederholt nötigenfalls, wenn man nicht vorzieht, eine Kautschuck­röhre (elastische Ligatur Seite 101) zu verwenden. Ist jedoch der Bruchbeutel zu gross, um in eine einzige Schlinge genommen zu werden, so macht man von der perkutanen Ligatur Gebrauch, wie sie Seite 101 näher angegeben worden ist.
Das Abnähen des Bruchsackes empfiehlt sich besonders bei grösseren Hernien, die mehr eine längliche Gestalt haben und bei denen das Abbinden daher nicht gut angeht.
Der leere Bruchbeutel wird am besten mittels der Schusternaht abgenäht und ist es sehr bequem, den Sack erst in eine flache etwas gebogene Zange (Figur 207) zu fassen und tüchtig einzuklemmen, ebenso ist die Kuhn'sche Nadel (statt gewöhnlicher Wundnadeln) sehr brauchbar biezu oder eine Nadel mit hölzernem Heft (Figur 2G8) bezw. die sog. Brustheftnadel und statt der gewöhnlichen Fäden benützt man mit grossem Vorteil eine feste Schnur, wie sie die Schuster beim Ab­nähen der Stiefelsohlen benützen (Schusterdraht, Pechdraht).
Die Schusternaht wird in der Weise angelegt, dass man zwei Hcftnadeln einfädelt, sie gleichzeitig aber in entgegengesetzter Richtung durch ein und das­selbe Stichloch einführt und dann die einzelnen Stiche fest anzieht; wenn der Sack in dieser AVoise durch eine Keihe zusammenhängender Ligaturen abgenäht ist, braucht man sich um ihn nicht mehr zu bekümmern, er fällt in 6- 8 Tagen schon ab.
Statt der Zange lässt sich noch vorteilhafter eine viereckige Blech- oder Bleiplatte benützen, wie sie z.B. Mangot angegeben hat. Dieselbe fügt sich der Rundung des Bauches an und besitzt in
ocr page 473
XXXVII. Operation der Nabelbrüche.
455
der Mitte eine schlitzförmige Öffnung, durch weiche der leere Brucli-beutel zum Abnähen hervorgezogen wird; die Befestigung der Platte geschieht durch 4 Bänder, welche von den 4 Löchern an den Ecken aus um den Bauch angelegt werden oder können auch unter ihr einige Drahtstifte durch die Haut gestochen werden, llamont hat statt der Stifte eine Zapfennaht angebracht und versichert von 300 operierten Fühlen (meist 3—4 Monate alt) nur 4 am Starrkrampf verloren zu
r
#9632;:
Fig. 267. Altcrc deutsche Zange.
Fig. 268.
i
haben; dieser trat erst ein, nachdem das Ilautstück abgefallen war und die Wunde nichts zu wünschen übrig liess. Chedliomme modifiziert das Mangot'sche Verfahren dahin, dass er unter der Bieiplatte eine elastische Ligatur anlegt, worauf der Bruchsack schon am !). oder 10. Tage abfallen soll.
Die angegebene Platte hat sich in der Praxis gut bewährt und ist durchaus zu empfehlen; das Verfahren ist sehr einfach und namentlich auch sicher, denn
ocr page 474
45() Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen aust'übrbar.
das Blocli vertritt die Stelle einer Bruchbaiulage und ist ebenso leicht für den Einzelfall zu beschatten, als auch je nach der Ausdehnung des Bauches (au den Baadern auf den Biicken) naebzukniipfen.
Herniotomie und Naht des Bruchrings. Die Operation wd besonders bei grossen BrUchen, bei Verwachsungen dos Bi'jtchsackes, Einkletninungen oder solchen Hernien ausgeführt, welche sonst irre-duktibel wären oder wo die oben beschriebenen Methoden ohne Erfolg- ge­blieben waren, sie ist daher die Kadikaloperation und ultima ratio zugleich.
Die Haut des Bruchsackes wird erst rasiert, gut abgewaschen mit Sublimatwasser und dann (bei auf dem Rücken liegenden Tiere) der
Fig. 270.
Länge nach eingeschnitten, um zunächst den Bruclu'ing frei zu legen und seine Beschaffenheit näher prüfen zu können; ineist eignet dieser sich nicht zum sofortigen Verschllessen durch Nähte und zwar sowohl hinsichtlich seiner Gestalt, als seiner Ränder. Letztere sind meist von sehniger kallöser, strangartiger Beschaffenheit und würden so nicht agghitinieren, wenn sie nicht durch Skariflkation angefrischt oder hesser der Länge nach mittels des Knopfbistouris abgetragen würden, um eine ganz frische quot;Wundtläche zu erhalten.
Auch der Bruch ring seihst muss gewöhnlich wegen seiner rundlichen Form mit Hilfe des desinfi­zierten Ilerniotomes in der Art aufgeschnitten werden,
Fig. 209.
dass man ihn in eine besser zu vereinigende Längswuude
umgestaltet, indem man das Bruchmesser (Figur 269) in der in der Abbildung wiedergegebenen Weise in die Bauchhöhle einführt und einige Centimeter der Länge nach einschneidet; entstehen dabei Ecken, so werden sie kurzweg entfernt, um sofort zum Anlegen der Knopfnähte zu schreiten, wozu starke rohe Seide oder Fadenbändchen, welche in 5 prozentiger Karhollösung '/i Stunde gekocht wurden, zu verwenden sind. Die Hefte müssen tief und dicht neben einander gelegt werden (ohne dass sie das Bauchfell berühren), im andern Falle reissen einzelne Hefte aus. Zuletzt wird die Haut in der bekannten Weise geheftet und vor dem Aufstehen des Tieres eine passende Leibbinde umgelegt.
ocr page 475
XXXVII. Operation der Nabelbrüche.
457
Die Bruch naht kommt nicht hiiuiig zur Auwenduog) wie denn unter den Tierärzten auch grosse Scheu vor der blutigen Eröffnung der liauclihöhle liostelit; indessen bietet die Operation auch gewisse Schwierigkeiten und ist nicht ganz ungetahrlich, denn es sind selbst bei strenger Antlseptik in letzter Zeit Bauch-felientzttndungen mit tötlichem Ausgang vorgekommen, sie muss daher heute noch als eine lebensgefährliche Unternehmung bezeichnet und sonach auf die notwendigsten Fälle heschränkt werden, auch ist dabei der Karbolspray sehr zu empfehlen, der noch am ehesten eine Infektion des Bauchfells abhalten kann. Dcgive hat durch die Bruchnaht viele Heilungen erzielt, mit Sicherheit jedoch nur bei Hunden, bei Fohlen eignet sich die Operation seiner Erfahrung nach blos für massig grosse Hriiche, grössere werden besser mit der scharfen Einreibung unter der liandage behandelt.
Zur Verhütung des Hervorpressens dor Eingeweide gebraucht man die Vorsicht, das Tier zu chloroformieren, auch empfiehlt es sich nur die äussere Haut zu spalten, unter welcher bei fast allen Nabelbrüchen alsbald der Bauchfellsack geschlossen hervortritt: dieser wird nun am besten von seiner nächsten Umgebung sachte abgelöst und ungeöffnet in die Bauchhöhle eingestülpt (Hering). Zuletzt wird die genähte Hautwunde mit Jodoform eingepudert und unter der Binde weiter anti­septisch behandelt. Die Nachbehandlung ist dieselbe, wie sie bei der Diät oben angegeben worden ist.
Sind Verwachsungen zwischen Bruchinhalt und Bruchsack zu stände gekommen, so ist jeder Repositionsversuch vergebheh, es bleibt also nichts anderes übrig, als die Adhäsion vorsichtig zu lösen, was die Prognose wesentlich verschlimmert, denn in diesem Falle kann das Bauchfell nicht umgangen werden, man erwägt daher, ob nicht die mit der Operation verbundene Gefahr grosser ist, als jene, welche durch das Vorhandensein des Bruches bedingt wird.
Die Ablösung geschieht am vorteilhaftesten mittels des Fingers oder Skalpellheftes, wenn es aber ohne Zerreissung nicht abgehen würde, man es also mit einer schon fertigen bindegewebigen Verwachsung zu thun hat, so greift man unter den bekannten antiseptischen Kautelen zum Bistouri und reponiert alsbald. Der Karbolspray kann sich sowohl hier als bei der Kelotomie überhaupt (wie schon erwähnt) sehr nützlich erweisen.
Bei Einklemmungen des Bruchinhalts kommt es vor allem darauf an, die vorgefallenen Teile zurückzubringen und für die nächste Zeit auch zurückzuhalten. Soll weiter nichts erzielt werden, als die Beseitigung der durch die Einklemmung hervorgerufenen üblen Zufälle, so braucht man den Bruchsack nicht zu offnen, versucht vielmehr durch vorsichtiges Drücken und Streichen mit den Fingerspitzen den Inhalt in die Bauchhöhle hinabzudrücken, wobei man sich jedoch sehr hüten muss, den ohnedies leicht brüchigen Darm gewaltsam zu behandeln; die Hand im Mastdarm kann dabei nachhelfen, ebenso ist es oft nötig, bei starker Anfüllung der eingeklemmten Darmschlingen Punktionen mit der Pravaz'schen Spritze vorzunehmen.
Gelingt die lleduktion in dieser quot;Weise nicht und steht das Leben des Tieres in Gefahr, dann hat die Heruiotomie zu erfolgen, wie sie oben an­gegeben wurde. Schon vorhandene Entzündungen des Bruchinhalts und Aus-fliessen einer trüben serösen Flüssigkeit sind Anzeichen der schlimmsten Art.
ocr page 476
458 Zweite Haupt-Abteilung: Oiierationeii, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
XXXVIIL Operation der Bauchbrüche,
Als Bauch brach (Hernia abdominalis, s. vcntralis) bezeichnet man jedes Heraustreten von Baucheingeweiden durch eine pathologische Öffnung der Bauchwand unter die allgemeine Decke, gleichviel an welcher Stelle des Hinterleibs dieses geschieht, die Bauchbrüche sind daher dadurch charakterisiert, dass deren Bruchpforte keiner typischen Öffnung entspricht, wie dies bei dem ebenfalls an der Bauchwand vorkommenden Nabel- oder Leistenbruch der Fall ist.
Sie kommen vorzugsweise an der untern Bauchfläche vor, die weiter oben entstehenden werden auch als Flankenbrüche bezeichnet und sind denselben besonders Pferde und Binder ausgesetzt.
Veranlassung zu ihrer Entstehung geben fast nur iiussere mechanische Insulte, wie z. B. Hufschlägc, Stösse mit den Hörnern, Sturz auf hervorragende Körper, Reiten auf Latiibäumen, manchmal auch Trächtigkeit, Wassersucht etc.; die allgemeine Decke gibt vermöge ihrer grossen Elastizität nicht nach, wohl aber zerreissen die weichen Hauchdccken, es gibt daher sehr grosse liauchbriiche, welche sich vom Euter bis zu den Rippen erstrecken und bis auf den Boden herabreichen können. Da sie meist plötzlich durch eine starke äussere Gewaltthätigkeit entstanden sind, zerreisst meist auch das Bauchfell, es fehlt ihnen daher häutig die innnere Auskleidung und den Bruchsack bildet dann nur die Haut mit ihrem Zellgewebe,
Der Inhalt ist ein verschiedener, in den meisten Fällen ist jedoch ein Teil des Dick- oder Dünndarms, der Bansen oder das Netz hervor­gefallen, hie und da auch die Leber, Harnblase oder der Fruchthälter, in dem auch ein Fötus enthalten sein kann; mit Sicherheit lässt sich indes der Bruchinhalt nicht bestimmen, es kommen daher manchmal auch falsche Diagnosen vor, indem eine Yentralhernic mit einer Flüssigkeitsbeule, mit einem kalten Abscesse, festem Blutextravasat, einer Balggeschwulst u. s. w. verwechselt wird. Zur Sicherung der Er­kennung führt man teils den Arm in den Mastdarm ein, teils den Explorativtrokar in die Geschwulst selbst oder macht man in den obern Band derselben eine kleine Inzision, um mit dem Auge oder den Fingern prüfen zu können; der Schnitt wird alsbald wieder vernäht.
Chirurgische Behandlung. Weitaus die meisten Bauchbrüche lassen sich, vornehmlich wenn sie nur massig gross und beweglich sind, leicht und sicher heilen, Schwierigkeiten können nur aus deren Grosse und längerer Bauer erwachsen, grosse Brüche deshalb unheilbar sein; häutig sind sie mehr nur Schönheitsfehler und bleiben, da sie die Ge-brauchsfähigkeit des Tieres gewöhnlich nicht beeinträchtigen, besser unangetastet, auch wenn sie wie bei Kühen sehr gross sind.
Frische Bauchbrüche werden mit kühlenden Mitteln (Eiswasser, kalte Umschläge, Bleiwasser, adstringierende Waschungen) behandelt, jedoch empfehlen sich diese nur dann, wenn die entzündlichen Er-
ocr page 477
XXXIX. Operation des Schenkel- und MittelHelschbruches.
4Ö9
scheinungen in hohem Grade auftreten, im andern Falle sind sie liöclist Überflüssig, denn die konsekutive Anschwellung trägt viel zum Zuiüek-drftngen der Eingeweide bei, es ist daher häutig angezeigt, erstore sogar durch reizende Mittel noch zu verstärken.
Nachher versucht man, mittels eines Druckverbandes die mit der Hand reduzierten Eingeweide zurückzuhalten, da aber Leibgurten bald locker werden oder des Tags über häufig nachgeschnallt werden müssen, wenn man keine breite Kautsciiukbinden (Seite 124) verwenden will, so greift man auch liier, wie schon im vorigen Kapitel gezeigt wurde, zu dem Pecbpflaster, den Scharfstoffen und Mineralsäuren, welche indessen eine energische Anwendung erheischen; insbesondere wird von den Prak­tikern allgemein auch das chromsaure Kaliumsälbclien 1; 8 gerühmt.
Im übrigen unterscheidet sich die operative Behandlung in keiner Weise von der der Nabelbrüche, es gilt daher hier alles, was dort gesagt worden ist. Schwierig ist die Behandlung nur bei jenen Brüchen, welche weit hinten am Bauche, in der Scham- und Leisten­gegend vorkommen und auch hier nur aus dem Grunde, weil man mit den betrettenden Heilmitteln schwer und ungenügend ankommen kann.
Lebensgefährlich sind die Lauchbrücbc nur dann, wenn sie ein­geklemmt werden, es kommt dies aber äusserst selten vor und auch dann nur bei Brüchen an der weissen Linie (Diastase der Bauchmuskeln); am allerwenigsten sind grosse Brüche der Inkarzeration ausgesetzt, denn sie besitzen keinen Hals und sind sogar da am weitesten, wo sonst die Bruchpforte ihren Sitz hat.
XXXIX. Operation des Schenkel- und Mittelfleischbruches.
Der Schenkelbruch (Hernia cruralis, Bubonokele) entsteht, wenn das Poupart'sche Band zerreisst und eine Darmschlinge oder das Netz aus dem Cruralring hervorbrechen kann und so unter die Schenkel-binde (Fascia lata, Fortsetzung der Aponeurose des Obliquus externus) zu liegen kommt, der Schenkelbruch ist somit eine Art Bauchbruch, der jedoch nicht blos von der Haut, sondern auch von der Aponeurose des Hinterschenkels bedeckt ist und der Darm liegt jetzt an einer Stelle in dem Schenkelring, wo sonst nur Blutgefässe aus- und eintreten. Das Bauchfell ist mit in den Schenkelkanal hereingetreten, die Hernie ist daher von diesem umschlossen.
Kruralbrüche sind bei unsern Haustieren äusserst selten, so dass man deren Vorkommen lange geläugnet bat, beim Menschen dagegen häufiger, weil der Schenkelkanal eine senkrechte Richtung hat, ein Darm daher bei starker Pressung leicht seiner Schwere nach abwärts
' ;
ocr page 478
400 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur au bestimmten Teilen ausfühibar.
gedrängt worden kann; diese Prftdlsposltioil fällt bei den Tieren wegen der horizontalen Lage dieses Qemsskauales weg, und sind deswegen in der tierärztlichen Litteratur nur wenig Brüche dieser Art verzeichnet und zwar his jetzt nur heim Pferd, dem Esel und dem Hunde, bei letzterem häutiger, als bei ersterem und mehr wie es scheint bei weib­lichen Tieren, als bei männlichen.
Lei neugebornen Tieren sclieiut das Durcbpressou der Eingeweide In den Kruralring am ehesten während schwerer Geburten, bei denen das Hinterteil des Fötus fest im Becken stecken bleibt, vorzukommen, bei filteren Tieren soll dagegen Anstrengung im Zug, Ausglitschen, Fehltritte, Auseinanderspreizen der Hinterbeine u. dergl. Veranlassung zum Schenkelbruch geben. Hier und da wird auch das Bauch­fell zerrissen, meist ist es aber als geschlossener Sack anzutretlen, der sich zwischen dem Ponpartsohen Bande und dem diinncn Kinwärtszieher des Schenkels (innerer Darmschenkelbeinmuskel, M. sartorius) befindet, jedoch nur wenig in die Augen fällt.
Fig. 271.
Leistengegend des Hengstes 4 abgesebnittenes und zurückgelegtes Pou-
partschos Band. 5 Linea alba a Cruralring und Austrittsstelle der Cruralarterie
und Vene. 6 innere Öffnung dos Schenkelkanals, c Kruralarterie. d Kruralvene.
ff Schamschenkelportion des Poupartschen Bandes, h Leistenkanal.
Diagnose. Die kleine Geschwulst tritt hoch oben in der Leiste, am Schambein und an der Innern Fläche des Oberschenkels, also dicht am Becken und hinter dem Bauchring hervor, ist flach, weich, teigig und kaum schmerzhalt; sie verschwindet, wenn das Tier auf den Rücken gelegt wird, im Stehen aber lässt sich die Geschwulst gegen den Bauch hinaufschieben.
Der Bruch geniert das Tier beim Gehen, denn der betreffende Hlnterfuss folgt schwieriger und man bemerkt gespannten Gang oder Lahmheit, es kommt jedoch viel auf die (laquo;rosse des Bruehinhaltes an;
ocr page 479
XXXIX. Operation des Schenkel- und MittelHeifclibruclies.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 4(11
dieser kann wie bei allen Brüchen ebenfalls eingeklemmt werden und dann treten alle Erscheinungen einer Verstopfung, Kolik, Darmentzündung und des Brandes auf. Bei der Untersuchung der Bauchhöhle durch das Rektum kann man sich von dem Vorhandensein einer Schenkel-liernle dann überzeugen, wenn man eine Darmschlinge in der Öffnung am Rande des Schambeins, wo sie hinaustreten kann, durchfühlt und sie hin- und herziehen kann.
Operation des Schenkelbruchs. Die chirurgische Behandlung unterscheidet sich ans begreiflichen Gründen wenig von der anderer Brüche, es kommen daher die meisten der dort besprochenen Mittel (siehe Nabelbruch) auch hiev zur Anwendung.
Lafosse (1772) giht die Operation folgendermassen an. Mau soll, wenn das Tier auf den Rücken gelegt ist, den Bruch durch Drücken mit der Hand zurückbringen, sodann die Haut einschneiden und das Poupart'sche Band mit dem Innern Dannschenkelbein-Muskel in ähnlicher Weise zusammenheften, wie bei Bauchwunden; zuletzt wird der leere Bruchsack mit einer Kantharidensalbe eingerieben.
Wenn die Hefte nach etwa 14 Tagen heransgcfallen sind, wird das Tier erst leicht bewegt und noch einige Zeit vor Anstrongung bewahrt. Die Operation ist von Lat'osse wiederholt gemacht worden, jedoch nicht immer mit günstigem Er­gebnis, ebenso von Girard fils und Seon, wie denn diese Hmchform in Frankreich (it'ter vorzukommen scheint, als bei uns. Sevrier bemerkt ansdriieklieb, Schenkcl-briiclio seien liäufig bei Pferden und Eselstuten und Dandrieu hat selbst die Harnblase bei einer Kuh In dem Schenkelring gefunden, wohin sie während einer schweren Geburt gedrängt worden ist.
Der Mittelfellbruch. Hernia perinäalis.
Der Mittelfleischbruch besteht in der Vorlagerung eines Teils des Dünndarms durch eine Spalte des Hebers des Afters unter die Haut und bemerkt man dann eine verschieden grosso Geschwulst am Pei'inäum unmittelbar unter der Scham, deren unterster Teil eben­falls etwas vorgedrängt erscheint.
Die Bruchpforte kann von aussen als eine Querspalto leicht durch­gefühlt werden und liisst sich der Darm gut repouieren, kommt, aber immer wieder zum Vorschein; eine Verwechslung mit einem kalten Äbscesse kommt hie und da vor, denn der Bruch ist äusserst selten und bemerkt man ihn nur an Kühen und beim Hunde, weniger bei Mutterschafen und der Hündin. Als Ursache werden Pressungen bei Geburten und Darmverstopfungen angegeben.
Die Prognose ist im allgemeinen günstig, wenn der Bruchinhalt aus einem Darme besteht, denn er beunruhigt die Tiere nicht, es wird daher auch meist keine chirurgische Hilfe gesucht, nur bei Hunden entstehen Schwierigkeiten, wenn die Harnblase sich vorgelagert, hat, die dann eine Unibiegung erführt.
Behandlung. Soll eine Heilung versucht werden, so ist dieselbe nicht schwierig zu erreichen, da der Bruch leicht zuüänglich und des-
#9632;' ' i
i
ocr page 480
402 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
wegen auch gut mluktibel ist. Am meisten bewährt sicli das Abbinden des Bruchsackes, das Abnähen durch die Schusternaht (Seite 454) oder die sachgemässe Einreibung des Chromsälbchens, wie es Seite 448 an­gegeben worden ist; eine adhäsivc Entzündung folgt regehniissig nach und ist damit auch eine radikale Heilung erfolgt.
XL, Operation des Leisten-Hodensackbruches.
Als Leistenbruch (Hernia inguinalls) bezeichnet man jenen Zu­stand, wobei ein Baucheingeweide durch den Bauchring in den Leisten­kanal herabtritt; geht diese Verirriing noch weiter und fällt ein Darm oder das Netz bis in die Hodensackhöhle herab, so heisst die Hernie Hodensackbruch (Hernia scrotalis, bezw. Epiplokele inguinalis sive scrotalls).
Die Brüchpforte wird bei dieser Art von Hernien von dem Bauch­ring, der Bruchsack von den drei Skrotalhäuten gebildet, beim Leisten­bruch zunächst von der Scheidenhaut und ihrer Suhserosa. In der letzteren sind ebenfalls schon Eingeweide angetroffen worden und ge­langten dieselben durch einen Itiss oder eine Spalte, welche neben dem Innern Bruch- oder Leistenring entstand, hieher, sie sind daher nicht von der Tunica vaginalis umschlossen — falscher Leistenbruch (Hernia inguinalis interstitialis).
Sie kommen selbstverständlich nur bei männlichen Tieren vor. obwohl es auch einen Leistenbruch bei der Hündin gibt, wenn nämlich das runde Mutterband durch den Bauchring in den Leistenkanal herab­fällt und ein Darm oder seihst der Uterus nachfolgt. Der Bruchsack wird dann von einer scheidenförmigen Verlängerung des Bauchfells (Prosessus vaginalis) gebildet. Dieser Bruch wird bei uns nur sehr selten beobachtet.
Am häufigsten beobachtet man den Bruch bei Hengsten und Ehern (Brucheber), bei Bindern und Schafen selten, bei Kastraten nur ganz ausnahmsweise; meist tritt er einseitig (gewöhnlich links, wohl wegen der Linkslage beim Kastrieren) auf, seltener doppelseitig, sehr selten zugleich mit dem falschen Bruch (Hernia inguinalis multilocularis), und als Inhalt trifft man in der Kegel eine Dünndarmschlinge oder das Netz an, zuweilen auch beide.
Anatomisches, lieclits und links auf der unteren Beckenhöhlenwand bemerkt man je eine spaltförmiae Öffnung (Figur 272ne, Bauchring), durch welche früher die beiden Hoden in das Skrotuni hinabstiegen und das Bauchfell samt dem Samen-strang mitnahmen; beide Löcher liegen beim Pferde 15—16 cm weit auseinander und sind nur so gross, dass man kaum mit einem Finger, wenn abnorm gross, aber mit 3—i Fingern eintreten kann. Da beide spaltbinnige Öffnungen lebenslänglich offen bleiben und in 2 konvergierende senkrechte Kanäle {Leistenkanal) auslaufen, die in den Ilodensack münden, so ist es leicht möglich, dass ein Eingeweide infolge
ocr page 481
'#9632;*#9632;;.
XL, Operation des Leistcn-Hodensackbi'udies.
4(13
starker abdomineller PressunR in sie liereiufallt, niclitsdestoweniger kommen Leisten-liriiche wegen der horizontalen Lage des liauclies (zum Unterschied vom Menschen) doch selten vor, werden aber dann hier und da eingeklemmt und zwar entweder in dem Bauohring oder 2 Finger breit weiter unten im Kanal, wo sich dieser plötzlich verengert, um dann wieder weiter zu werden, der (beim Pferde etwa 10—12 cm lauge) Leistenkanal ist daher keineswegs ein gieichmässig sich nach unten konisch erweiternder Gang, sondern hat nach Houley die Form einer Sand-urne; letzterer bezeichnet die Einenguug untcrlialh des Uaucluinges als „Colletquot; und bildet sie auch in dor That ebenso häufig die Eiuklemmungsstelle, als der liauchring selbst, der immer erweitert ist, sobald es zu einem Inguinalbruch kommt. In der Figur 272 stellt a die Beckenhöhle dar, hh den Sameustrang, c die Samen-artcrie, ddi die Samenleiter, f die Bauclideckenarterie(A. epigastrica), gg die Bauch-(leckenvcnen, hh das Hauchfell.
i
quot;IM.
Fig. 272.
Diagnose. Ist die Hernie eine kongenitale, so bemerkt mau bei Neugeborenen nichts weiter als eine unuatürlidie Urösse des Skrotums, bei älteren Tieren ist der Bruch sehr beweglich, in seinen Grössen-vorhiiltnissen sehr veriinderlicli und wird daher gerne Übersehen oder erst bei der Kastration entdeckt. Er bildet gewöhnlich eine wnrst-förmige Geschwulst zwischen dem Hodensack und dem Schenkel und beim Eingehen mit der Hand in den Mastdarm fühlt man, dass der liauchring nicht frei, sondern verstopft ist.
ocr page 482
4Gi Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Ist ein Stück Netz im Hodensack, so fühlt es sich als eine weiche teigige Masse an, die oft schwer von einei' krankhaften Verdickung des Samenstrangs ZU unterscheiden ist, liegt ein Stück Dünndarm (selten Mastdarm oder kleines Kolon) vor, so ist der liodensack jener Seite ungewöhnlich grosser oder aber, wenn die Schlinge leer ist, schwer zu erkennen; indessen füllt er sich periodisch und fühlt sich dann teigig an oder wenn Gase enthalten sind, elastisch und zeigt tympanitischen Schall heim l'erkutieren; von dem Xetz unterscheidet er sich dadurch, dass die Geschwulst an Grosse fortwährend wechselt, eine peristaltische Bewegung wahrnehmen lässt oder hie und da einen gurrenden, gurgelnden, kollernden Ton. Bei längerem Fasten ist die Geschwulst neben dein Hoden kleiner, ebenso in der Buhe und Winters, grosser im Sommer, bei der Arbeit und nach dem Füttern.
Weitere Kennzeichen sind häutiges Auf- und Abbewegen der Hoden, eine Art Furche am Hodensack, zeitweises Schwitzen desselben, häufiges Strecken des Leibes, Wechseln der Stellung der Hinterextremitäten u s. w.; ausserdem lässt sich der Hoden fixieren, der Bruchinhalt aber verschieben oder vom Mastdarm aus in die Höhe ziehen und nicht selten ist der Gang ein gespannter oder gespreizter, auch fällt zuweilen auf, dass das Tier bei der Ergreifung des betreifenden Hodens ihn nicht anzieht.
Eine falsche Diagnose kann durch unächte Brüche entstehen, die viel Ähnlichkeit mit den wahren haben. Von der interstitiellen Bruchform kann der ächte dadurch auseinandergehalten werden, dass jener oben breiter ist, man keinen eigentlichen Hals findet, der Darm während des Stehens irreduktibel ist, beim Liegen auf dem Bücken aber sich leicht zurückschieben lässt; auch fühlt man den Bruchring als eine verschieden grosse Öffnung vor dem Leisteuringe.
Eine Verwechslung kann ferner mit dem Hodenfleischbruch (Sarkocele) stattfinden, bei dem jedoch der Testikel vergrössort, verhärtet, hokerig ist; beim AVassorbruch (llydrocele) lässt sich die Flüssigkeit fühlen und in eigentümlicher Weise dislozieren. Entzündliche Anschwellungen des Samenstrangs sind schmerzhaft, Auftreibungen der Venen (Varikocele) teigig, ungleich, unverschiebbar u. s. w. In Zweifelsfällen darf niemals versäumt weiden, den Mastdarm wiederholt zu untersuchen, namentlich auch, wenn 1 oder 2 Futterzeiten Übergängen worden sind.
Bei Wallachen fehlt die Skrotalhöhle und hat sich der Leisten­kanal nicht blos verengt, sondern auch verkürzt, das Herabgleiten eines Eingeweides ist daher wesentlich erschwert worden; doch kommt bei normwidriger Erweiterung des Bauchrings hie und da ebenfalls eine Inguinalhernie vor, die dann selbst einen Hoden simulieren kann, denn der Leistenkanal dehnt sich allmählich stark aus und es tritt eine lioden-älmliche Geschwulst hervor. Meist ist dieser Bruch ein Netzbruch, der sich im Stehen des Tieres niemals ganz reponieren lässt, wie dies bei dem bald teigigen bald elastischen Darmbruche der Fall ist.
Hat eine Einklemmung stattgefunden, so treten alsbald schwere Allgemeinzufälle auf, während ohne diese das Gesamtbetinden nichts ZU wünschen übrig lässt; insbesondere sind es Koliken, durch welche die Tiere in höchstem Grade beunruhigt werden und selbst ausser Fassung kommen können.
ocr page 483
XL. Operation des Leisten-Hodensackbrnches,
405
Bei näherer Untersuchung ist die Geschwulst samt ilem Samen-Strang schmerzhaft, gespannt, hart, die Peristaltik unterdrückt, der Inhalt unbeweglich und plötzlich Verstopfung eingetreten. Bas Tier krümmt den Bücken, geht gespreizt, die Fresslust ist sistiert, Fieber eingetreten und selbst der Rauch jetzt, emptimilicli. Vom Mastdarm aus fühlt man den Barm am Bauchring festsitzend, dieser selbst ist ver­stopft, der der andern Seite aber frei und liisst sich ausserdem ein eigentümlicher Strang konstatieren, der von hier gegen die Lenden aufsteigt und von einem Teil des straff angezogenen Mesenterimns ge­bildet wird. Jede Berührune der betreffenden Teile ist mehr oder
Flg. 273.
weniger schmerzhaft, sobald jedoch die gefangene Baniipartie befreit wird, tritt sofort Buhe ein, das.,^iör,:uriniert,,, mistet, schaut sich nach Futter um und alles ist wiedürtn Ordi/uhg! Jju o.beiistehender Figur 273 ist die Einklemmung im recJitpi'Biug/bei (? mit iW vorgefallenen Barm-schlinge cf angegeben zim^^nt^^fMcWwn dttifi-'poimalen Bauchring der linken Seite bei c. fnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;(-*:*
Behandlung. An^eboreiuxLeist^ftlbrücltHisiiid fast durchweg ungefährlich und kann faüh dabei sie]raquo; durchaus ^xspektativ verhalten, bis die Tiere mehr beratigewacbs'en sliid.kräftigeF quot;werden und stram­meren Faserbau erlangen, quot;denn die gewöhnliche UrV.iche ist eine gewisse
#9632;
Hering'g Operationslehre. IV. Aufl.
80
y
ocr page 484
4C6 /weite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Laxitiit des Gewebes, solche mit auf die Welt gebrachte oder bald nachher erworbene Hernien bessern sich mit dem Vorschreiten des Ernährungszustandes und sind erfahrungsgemäss mit dem Ablaufe des ersten Lebensjahres verschwunden, von Operationen bei Saugfoblen z. B. nimmt mau sonach gänzlich Abstand, ebenso kann das Anlegen von Bandagen unterbleiben, da dieselben ohnedies teuer und unpraktisch sind.
In gleicher Weise lässt man bei erwachsenen Tieren auch schon längere Zeit bestehende Urüchc gewöhnlich unberührt, es wäre denn, dass sie beunruhigen oder dem Gebrauch hindernd entgegenstehen, schlimm sind solche Kingewcidebrüche nur deswegen, weil die Tiere stets der Gefahr einer Einkleiumung ausgesetzt sind; namentlich sind frische und lilcine Brüche zu fürchten, wenn sie den Darm be­treffen, Netzlnüche am wenigsten gefährlich, indes hat die Herstellung immer ihre Schwierigkeiten und eine gründliche Heilung ist nur durch eine Operation zu er­zielen, welche nicht immer ohne lebensgefährliche Zufälle abläuft. Allerdings kann eine der grössten Gefahren, nämlich das Herausdrängen der Gedärme während der Operation (durch die Pression der Bauchnmskulatnr) als beseitigt angesehen werden (Narkose); dagegen sind solche chronische Hernien oft mit der Scheidenhaut ver­wachsen oder ist der Samenstrang erkrankt, es folgt eine Bauchfellentzündung, ein Prolaps, Starrkrampf n, dergl. nach, man wird daher heim Kastrieren solcher Hengste imiuerhin wohl daran thnn, den Besitzer auf die damit verbundene Gefahr aufmerksam zu machen.
Reduktion des Leistenbruches. Ohne Niederlegen des Tiers geht es bei dein Zurückbringen nie ab, meist auch nicht ohne Chloro­form-Narkose, welcher hier eine besonders wichtige Bedeutung zukommt. Der Hinterfuss wird an der kranken Seite ausgebunden und nach vor­wärts oder seitlich gezogen, beziehungsweise an einen festen Gegenstand fixiert, die übrigen drei Füsse in ein Paket vereinigt.
Das einfachste Verfahren besteht darin, durch passenden Druck von anssen, unterstützt von der in das Rektum eingeführten Hand, den Darm in die Bauchhöhle zurückzuschieben; das Tier liegt dabei auf dem Bücken und wurde das Hinterteil in eine erhöhte Lage gebracht. Dann wird der Hoden samt Skrotum angezogen und unter zeitweiligem Nach­lassen durch sanftes Massieren das Eingeweide in Bewegung gesetzt.
Gelingt das Beponieren in dieser quot;Weise, so bleibt Patient am besten noch eine viertel Stunde auf dem Bücken liegen, um dem Darm Gelegenheit zu gehen, sich vollständig in seine physiologische Lage zurückzuziehen, da jedoch die Bruchpforte zurückbleibt, eine Wieder­holung daher nicht ausgeschlossen ist, so verbinden die meisten Prak­tiker mit der Taxis zu gleicher Zeit die Kastration und zwar am zweckumssigsten (lurch Kluppen, welche man wohlweisslich nicht blos sehr hoch anlegt (was sich durch gebogene Holzkluppen am gründlichsten erreichen lässt), sondern auch auf die uneröffnete Scheidenhaut (ohne Ätzmittel) anbringt und der Sicherheit halber 2—8 Tage ruhig liegen lässt.
Durch die nachfolgende Anschwellung des sich am Trauma ent­zündenden Samenstrangs wird der Leistenkanal ausgefüllt, während die Kluppe den Baum versperrt, in welchem der Darm seine Lage hatte; später geht der Stumpf mit der Scheidenhaut eine bindegewebige Ver­bindung ein und der Kanal retrahiert sich bald so, dass die Gefahr eines Rezidivs so gut als beseitigt ist.
ocr page 485
XL. Operation des Leisten-Hodcnsackbruches.
407
Leider ist damit auch der Verlust der Zeugungsfaiiigkcit verbunden, wenn der Bruch ein symmetrischer war, auch wird dieselbe erfahrungsgemäss vermindert, wenn nur ein Hoden zurückbleibt, Vogel rät daher, nach gelungener Reposition das Anheften dos Scheidenhauttcilcs vom Samenstrang an die öcheidenhaut des Leistenkanals oberhalb der Hoden durch einige subkutane Nähte mit karbolisierter Seide zu versuchen, nachdem es ihm in einem Kalle gelungen ist, den Hoden da­durch zu erhalten, man muss sich aber hüten, den Samenleiter mit in die Ligatur zu legen. Die Verklebung erfolgt schon in wenigen Tagen.
Zur Erleichterung des Jtorückbringens dos Darmes haben Bagge und Grunwald in neuerer Zeit empfohlen, den Hodensack mit Werg zu bedecken, dieses mit Chloroform ZU übergiessen und dann fest an­zudrücken, um das Gewebe zu erschlaffen; vorher wird der Mastdarm ausgeleert und ein Klystier von Chloralhydrat und Morphium gesetzt. Weiter wird ein 5 cm breites Tuchband möglichst hoch um beide Hamen­stränge fest gewickelt, das 12 Stunden liegen bleibend durch die ein­tretende Schwellung der Hoden die Zurückhaltung des Darmes unterstützen soll. Andere pflegen zu letzterem Zwecke einen Schwamm in die ge­öffnete Scheidenhaut ZU legen und ihn bis au den oheru Leistenring hinauf zuschieben; es versteht sich von selbst, dass, wenn dies alles nicht streng antiseptisch geschieht, durch Infektion des Bauchfells eine tötliche Entzündung erfolgt.
Fig. 274.
Herniotomie des Leistenbruchs. Die Operation besteht in der Erweiterung, d. h. in dem Einschneiden des einklemmenden Teils und ist sie das letzte Mittel, wenn die Reduktion in der oben angegebenen Weise nicht gelungen ist.
Zunächst schneidet man die äussere Haut des Skrotums samt der Dartos durch und schiebt beide Häute so hoch als möglich gegen den Bauchring hinauf, -letzt erst wird auch die Scheidenhaut eröffnet, um ein langes geknöpftes Bistouri einzubringen, man macht daher nur eine kleine luzision und zwar an der äusseni, dem Schenkel zugekehrten Fläche; hierauf bringt man das Instrument in den Leistenkanal, führt es vorsichtig an dem inkarzerierten Darme vorüber und schneidet den engsten Teil der Kleininstelle, d. h. entweder das Collet oder den obern Bauchring nach aussen zu ein, um die an der Innern Seite liegenden Bauchdeckengefässe nicht zu verletzen. Audi hier genügt eine kleine Inzision der sichelförmigen Falte, die nur bis in das interstitielle Binde­gewebe der Scheidenhaut geht, der hier liegende Kremaster verhindert ein zu tiefes Einschneiden in die Bauchmuskeln.
Zu dieser Operation kann auch ein besonderer Herniotoin (Bruch­messer, Bistouri cache) verwendet werden, der besonders bei grossen Pferden sich brauchbar erwiesen hat und die Inzision hoch oben wesent-
ocr page 486
408 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
lieh erleichtert, denn ein offenes Messer liisst sich in dem langen engen Kanal Lei der grossen Spannung dos eingeklemmten Darmes nur schwierig gebrauchen.
Die Klinge a wird im kritischen Augenblick aus ihrer vorne stumpfen Scheide dadurch hervortreten, dass man auf die Klappe drückt, der Schnitt geschieht dann während des langsamen Zurückziehens des Instrumentes von oben nach unten. Fröre Cosme hat hierfür ein Bistouri cache konstruiert, welches einer geschlossenen Scheerc ähnlich ist und deren Klinge mit Hilfe einer Schraube hervortritt. Letz­teres Instrument ist bei uns nur wenig im Gebrauch.
Nachdem die Einklemmung in dieser Weise gehoben ist, wird der Darm leicht zurückgleiten, ist er jedoch stark aufgetrieben, so sticht man ihn entweder mit einer Pravaz'schen Hohlnadel an und saugt
Gase und Flüssigkeit aus oder pungiert
man ihn leicht mit einer desinfizierten Wund-nadel; wären grössere Mengen Futterbrei enthalten, welche auch jetzt noch die Re­position verhindern, so knetet mau so lange mit den Fingerspitzen, als nötig ist, im andern Falle bleibt nur der Trokarstich oder Darmschnitt übrig (Seite 433). Den Schluss bildet die Kastration, welche sich von der gewöhnlichen Kastration in der oben an­gegebenen Art unterscheidet, aber auch jedoch weniger gut durch eine Ligatur aus­geführt werden kann. James empfiehlt den Hodensack ebenfalls in die Kluppe herein-
zunenmen
und diese
-4 Tage liegen zu
lassen.
Indessen gelingt es manchmal, sowohl das Trokarieren und Inzidicren des Darms, als auch das Kastrieren zu umgehen und geschieht ersteres dadurch, dass man nach gehörig blossgelegtem Darm die grosse Span­nung desselben dadurch mindert, dass die Darmschlinge c, wie sie in Figur 275 bild­lich dargestellt ist, etwas hervorgezogen wird, um den angeschoppten Inhalt auf
Fig. 275.
eine grössere Fläche verteilen zu können,
wobei etwas Karbolöl in den Leistengang gebracht wird. Stanley (Ostindien) und Siegen ersparen sich die Kastration dadurch, dass sie nach Sarciron einen Einschnitt auf der äussern Fläche des Bruchhaltes (in nächster Nähe des Leistenrings) durch den Kremaster bis auf die Scheidenhaut in der Ausdehnung von 3—4 cm machen, die Scheidenhaut auf der gespannten Geschwulst ebenfalls durch­schneiden und jetzt mit dem Bistouri das Collet oder die sichelförmige Verdopplung des Peritoneums (Bauchring) ebenfalls in der Bichtung nach aussei! und etwas nach vorne zu einschneiden, wozu man sogar
ocr page 487
Hfl
XL. Operation des Leisten-Hodensackbruches.
469
ein Federmesser benutzeo kann, das auf den Zeigefinger wie bei Figur 270 aufgelegt wird. Das nacbherige Aufbeben des Hodens und die An­spannung des Samenstrangs muss dann bei gleichzeitiger Nachhilfe vom Mastdarm aus die Reduktion vervollständigen.
Trifft man bei der Operation die eingeklemmte Partie stark entzündet oder gar schon des Brandes verdächtig an, was man weniger an der Farbe als der Mürbheit der Darmhäute erkennt (siehe Seite 433), so hilft erstere nichts mehr; entzündete Darmstiicke ent­zünden sich nach der Reposition erfahrungsgeinäss noch mehr, es wird daher der Eintritt von Gangrän nur beschleunigt; dieser sowohl, als Bauchfellentzündungen sind die gewöhnlichen Vorgänge, wenn die Operation ein to tl ich es Ende nimmt.
Die Verlustfälle berechnen sich auf '20—30 Prozent und können wesentlich zurückgeführt werden, wenn hei Eröffnung der Scheidenhaut von dem Karholspray Gebrauch gemacht und ausserdem die Narkose nicht unterlassen wird.
Wenn gleichzeitig ein Netz im Darme angetroffen wird, macht man kurzen Prozess, zieht dasselbe etwas hervor, schneidet so viel als thunlich weg und wartet dann ab, ob eine Blutung erfolgt, in welchem Falle dann nur die Gei'ässe mittels einer Pinzette zugedreht zu werden brauchen, was der Ligatur mit Seide vorzuziehen ist.
Hie und da liegt der Schwierigkeit der Reduktion des Inhaltes eine peritonitische Adhäsion im Leistenkanale zu Grunde, welche die Prognose verschlimmert, jedoch dadurch am ehesten unschädlich gemacht werden kann, wenn die Ablösung, die mit einem stumpfen Instrument (Finger, Skalpellheft) oder mit Hilfe des Messers geschiebt, unter Sublimatspray erfolgt. Mit dem Zurückbringen darf hierauf in keinem Falle gezögert werden.
Bei starker Dilatation des Bruchrings und Kanals hat Hering ein sehr empfehlenswertes Verfahren angegeben, nämlich die Torsion der Scheidenhaut; zu diesem Behufe wird dieselbe zwei oder mchreremal um ihre Längenaxe gedreht und dann, um das Aufwinden zu verhüten, durch einige Hefte hinten und vorne am Hodensacke befestigt, worauf erst die Kluppe angelegt wird. Selbstverständlich ist es, dass man sich vor der Applikation derselben genau Überzeugt, dass die Repohierung vollständig bewirkt sei, ebenso ist es nötig, ehe das Tier aus den Fesseln entlassen wird, sich darüber Gewissheit zu verschaffen, ob auch der L'eistenkanal der andern Seite in Ordnung sei.
Das Abnähen des Bauchrings an seiner obersten spaltförmigen Mündung stammt von Her twig und wird hie und da als Prophylacticum gegen Rezidive angewendet; nach vorheriger Unterbindung der Samen­arterie und Zurückschieben des Samenstrangs in die Bauchhöhle werden einige Knopfnähte angelegt, was in dem langen Kanäle eine sehr müh­same Arbeit ist, zum Glück aber meist überflüssig ist.
Operation von der Flanke aus. Es sind Fälle vorgekommen, in welchen die Reposition des Darmes durch den Bruchring nicht aus­zuführen war, teils weil die Häute desselben geschwollen waren und
;f*1
I
i
M
ocr page 488
470 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
eine Erweiterung des Leistenrings notwendig geworden wäre, was ein Ausschütten der Gedärme zur Folge gehabt hätte, teils weil der Operateur die zum Bauchschnitte erforderlichen Instrumente nicht zur Hand hatte.
Das Verfahren, laquo;lern der Flankenschnitt (siehe Seite 422) vorher­gehen muss, ist im ganzen ein einfaches und bietet auch keine tech­nischen Schwierigkeiten. Die Hand sucht den Bruchring auf und zieht die betreuende Darmschlinge in die Bauchhöhle sachte herein, indem der Inhalt weiter gestreift wird. Nachher wird die Flankenwunde vereinigt.
Beim Pferde ist das Verfahren mit schweren Gefahren verbunden, bei den übrigen Haustieren dagegen liegen Heilungen von Skrotalhernien vom Flankenschnitt aus ziemlich zahlreich vor.
XLI. Operationen an der Scheide und dem Euter,
Die Scheide ist nur selten Erkrankungen ausgesetzt, welche einer operativen Hilfe bedürfen und zählen hieher die Atresie, die Verwun­dungen, die Fisteln, die Polypen und der Vorfall.
Die Verschliessung der Scheide. Die Atresie ist entweder angeboren oder erworben, beide Zustände kommen indessen nur selten zur Beobachtung und werden nach allgemeinen chirurgischen Pegeln behandelt.
Der erworbenen Atresie, welche gewöhnlich keine vollständige ist, liegt meist Verletzung, Entzündung oder schwere Geburt als Ursache zu Grunde und wird sie entweder durch methodisches Tamponieren oder besser durch Eröffnung des Hindernisses mittels eines Trokars und Erweiterung der Öffnung durch das geknöpfte Bistouri beseitigt; nicht selten tritt zugleich aus letzterer eine im submukösen Bindegewebe angesammelte pathologische Flüssigkeit hervor, welche die Ursache der Verschliessung war. Die Wunde braucht nachher nur antiseptisch durch Injektionen behandelt zu werden, um zu heilen.
Bei angebornen Atresien beseitigt man das betreffende Hindernis, das in der Regel seinen Sitz vor oder hinter der Einmündung (Klappe) der Harnröhre hat, in derselben Weise durch Trokar und Messer.
Das sog. Ringeln des Wurfs besteht in dem Durchziehen eines oder mehrerer Drahthefte durch die Schamlefzen, um diese so zu verschlicssen, dass eine Begattung nicht stattfinden kann. Zu diesem Behufe bedient mau sich ent­weder des Uleidrahtes und der Bleinadcl, deren Anwendung schon Seite 225 be­sprochen worden ist, oder gebraucht man den Draht selbst als Nadel, indem ein entsprechend starker Messingdraht an beiden Enden zugespitzt wird, um die Wurf­lippen damit von innen nach aussen durchstechen zu können; wenn dies geschehen, werden beide Drahtenden zusammengeführt und umgebogen.
Zum Ringeln hat Adam eine besondere nach englischer Art konstruierte Nadel angegeben, an deren Ende ebenfalls ein Bleidraht angebracht wird. (Siehe unten Scheidenvorfall).
ocr page 489
XLI. Operationen an der Scheide und dem Euter.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;471
Verwundungen der Scheide, Fistelbildungen U. dei'gl. werden in keiner andern Weise behandelt, als die anderer Organe, die Nadel spielt dabei eine Hauptrolle und bei Fisteln die Zerstörung des Ge­schwürsgrundes, sowie Herstellung einer offenen Qranulationsnäche.
Vorfall der Scheide. Kommt am häufigsten bei fein gebauten, sehr milchreichen Kühen vor, sowie bei älteren schlaffen Subjekten, die schon oft geboren haben und tritt dann die Vaginalschleinihaut in Form einer verschieden grossen Geschwulst aus der Schamspalte hervor, jedoch meist nur gegen das Ende der Gravidität, selten nach der Ge­burt und noch seltener in nicht trächtigem Zustande.
Der Vorfall erfordert kaum eine blutige Operation, höchstens das Zusammennähen der Wurflippen, welches mit ,•!—4 Knopfnähten in der Art geschieht, dass mau die karbolisieiten Bändchen tief durch die Schamlefzen oder hesser durch die behaarte Haut zur Seite der Lippen (am Sitzbein) hindurchführt, damit sie beim Drängen der Tiere nicht ausreissen. Unten wird selbstverständlich eine Öffnung zur Entleerung des Urins gelassen und sind bei herannahender Geburt die Hefte oder Drähte zu entfernen. Ebenso kann auch der Scheidenring von Sau­berg Anwendung finden, der nur durch beide Wurflippen durchgezogen und geschlossen werden darf.
Der Verschluss kann auch in der Art geschehen, dass man Messing­oder Aluminiumdrähte (von der Dicke einer Stricknadel) quer oben und unten durch die Lippen stosst, das spitze Ende zu einer Öse um­biegt und durch diese je ein ähnliches Drahtstück rechts und links senkrecht nach abwärts steckt, um an den Enden ebenfalls eine Öse anzubringen; immer muss auch hier viel Masse in die Naht gefasst werden, man sticht daher jedenfalls 4—ücin weit von der Wurfspalte weg ein und benützt mit Vorteil feste Lederstückchen als Unterlage jeder Stichöfthung.
Aussei' der Knopfualit vonvenden manche Praktiker auch die Zapfennaht mit Unterlegung von Holzstähclien, Blechstreifen oder Drahtstiften; rnnde Fäden sind nicht zu brauchen, am besten leinene Händchen (Litzen), ebenso taust die (nur von Mcdikastern noch gebrauchte) Kiirschnernaht wenig, wohl aber die Kreuz­naht, die auch mit zwei schmalen Lcderstreifen so aiifrclegt wird, dass diese immer von einer Seite nach der andern herübergenommen worden und sich auf der Scham-spaltc kreuzen.
Polypen der Scheide werden am häufigsten bei Kühen und Hündinnen beobachtet und genieren nicht sowohl durch ihre Grosse, als auch dadurch, dass sie fortwährend zur Harnentleerung drängen, die Tiere sich reiben, scheuern, einen katarrhalischen, oft blutigen Aus-tluss bekommen oder dass die Neubildung manchmal sehr blutreich ist, erweicht oder exulzeriert.
Die operative Entfernung solcher aus der Submnkosa hervor­gebender und nicht selten den Wurf verschiebender Tumoren (meist fibröser oder karzinomatöser Art) bietet keinerlei technische Schwierigkeiten, da man stets gut mit den Exstirpationsinstrumeuten ankommen kann,
Hiebei kommen alle möglichen Ausrottungsmethoden in Gebrauch, je nach Form und Grosse der Neubildung. Hat diese ihren Sitz tief
i
i
ocr page 490
472 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
gegen den Cervi\ des Fruchtliidters zu, so führt man am besten, indem mau sie mittels der Kette des Ekraseurs zu erreichen sucht, ebenso kann auch eine Uiiterhiudungsschnur oder Polypenzange verwendet werden (Seite 91) oder geschieht die Entfernung durch Abdrehen. Sind solche Polypen mehr nach vorne zu gelagert, so können sie auch je nach der Stielung kurzweg abgeschnitten, torquiert oder aus­gerissen werden, die Unterbindung ist aber am meisten zu em­pfehlen und können namentlich auch elastische Ligaturen (Seite 101) hiezu verwendet werden.
Operationen am Euter.
An der Milchdrüse können verschiedene pathologische Zustände zu operativen Eingriffen Anlass geben und sind von diesen zu erwähnen: manche Ausgänge der Euterentzündimg, Neubildungen in der Drüsen­substanz oder den Ausführungskanälen, verwachsene Zitzen u. s. w.: als letztes Auskunftsmittel ist die Exstirpatlon des Euters zu erwähnen.
Inzisionen in das kranke Enter werden notwendig bei Eintritt von Gangrän, wie dies besonders bei Schafen vorzukommen pflegt und gerne zu Blutvergiftungen schon in kurzer Zeit führt. Die Einschnitte sind notwendig, um Blut, Jauche u. s. w. zu entleeren, die äusserst schmerz­hafte Spannung zu mindern und den Arzneimitteln Bahn zu besserer Einwirkung zu brechen, wo es daher nur immer thunlich, skaritiziert man und bringt bis nahe an die Grenzen des gesunden Gewebes die Einstiche oder Einschnitte an, um dann aromatische, desinfizierende Mittel (Chlorkalk, Karbol, Kainpherspiritus) anwenden zu können, auch muss alles, was brandig, zerstört und abgestorben ist, mit dem Messer oder scharfen Löffel entfernt werden, damit für frische Granulationen gesorgt werden kann.
Erste Bedingung bei allen Formen der Mastitis ist Entleerung des krankhaften Sekretes, durch dessen Anhäufung stets die Entzündung vermehrt wird; hiezu dient häufiges und dabei vollständiges, aber behutsames Ausmelken, wenn auch die Tiere sich widersetzen. Man kann dabei auch den Milchkatheter einführen, er muss jedoch gut desinfiziert sein; leider verstopft sich die Röhre
270.
bald durch klümprige Milch, Ftirstenberlaquo; bat daher
neben den Ösen (Figur 270) zum
Befestigen
mit Bändern
(um den Leib) noch eine kleine Sonde mit der Melkröhre verbunden. Ebenso ist meist die Applikation eines Suspensoriums (am besten ein mit Werg ausgefüttertes Bettleintuch) nicht zu umgehen.
Verwundungen des Euters und der Zitzen bedürfen eine be­sondere Berücksichtigung, wenn damit ein abnormer Ausfluss von Milch
ocr page 491
XLI. Operationen an der Scheide und dem Euter.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;473
verbunden ist, Milchflsteln entstanden sind und leicht infektiöse Mastitis nachfolgt.
Man muss vor allem eine schnelle Vereinigung der Verletzung ZU erstreben suchen und geschieht dies am zweckmässigsten durch die umschlungene Naht, über welche eine reichliche Kollodiiimschicht an­gebracht wird oder legt mau einige Knopfnäiite an, desinfiziert gut und erreicht so prima intentio; gelingt diese nicht oder Hegt ein Substanz­verlust vor, so applizlert man zunächst das (ilüheisen und befördert die Granulation unter Regulierung der eiternden Fläche mit Hilfe des Höllensteinstifts.
In dieser Weise sind Milchfisteln, wenn sie die Driiseiisnbstanz betreffen, rasch zu heilen, namentlich zur Zeit, wenn das Tier trocken steht; schwieriger gellt es schon bei Zitzen fisteln ab und erfolgt die Herstellung gewöhnlich nur, indem man das betreffende Euterviertel zur Verödung bringt, was durch Einspritzung von Alkohol oder Lugol'scher Lösung am ehesten zu erreichen ist.
Verwachsung des Zitzenganges. Dieser Zustand ist selten an­geboren, sondern gewöhnlich nach einer vorausgegangenen (meist mecha­nischen) Entzündung eines Striches entstanden, wobei es zu allmählichem Verschlüsse der äusseren Mündung desselben kommt; anfangs fliesst in dünnem Strahle noch Milch ab, später nicht mehr, worauf das Euter­viertel verödet, stellt sich jedoch bei einer neuen Laktationsperiode die Milchabsonderung aufs neue ein, so schwillt die Zitze, selbst der ganze Euterteil sehr stark an und treten grosse Schmerzen auf, welche die operative Eröffnung schleunigst notwendig machen.
Letztere besteht darin, dass man mittels eines feinen gut des­infizierten Trokars oder in Ermanglung eines solchen mit einer zugespitzten Stahlsonde oder gewöhnlichen Stricknadel an dem untersten Teile der Zitze, nachdem diese gut angezogen wird, einsticht und das Instrument weiter nach oben führt, bis Milch nacbtliesst; der Strichkanal ist hie und da nur ganz oberflächlich verwachsen, unter Umständen aber er­streckt sich der bindegewebige Verschlnss selbst auf 5—(i cm hinauf, in welchem Falle da die Nadel manchem zu gefährlich erscheint, man auch den Zitzenkanal seitlich anschneiden kann, um ihn dann von oben her zu eröffnen und nachher die Wunde mitteis einer Knopfnaht zu verschliessen. In dieser Weise entfernt man auch Milchsteine oder andere Konkremente und hat Hering einen zu weit nach oben gedrungenen und nicht mehr erreichbaren Federkiel so ausgeschnitten.
Die zweite Sorge besteht dann in der Offenhaltung des Zitzen­kanals, wozu sich am besten die Darmsaiten einer Bassgeige eignen, welche, wenn sie von entsprechender Dicke sind, ganz von selbst halten, aber nur dann mit Sicherheit eine neue Verwachsung verhüten, wenn sie 8—10 Tage lang (bis zur Vernarbung) liegen bleiben, blos beim Melken entfernt und regelmässig mit einem Borsälbchen, Salicylglycerlll oder dem offizinellen Karbolöl bestrichen werden.
Auswüchse im Milchgange der Striche geben sich dadurch zu erkennen, dass die Milch in auffallend dünnem Strahle abtliesst und
i
J
ocr page 492
474 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
plötzlich stockt, denn die Neubildung wirkt oft wie eine Klappe, liisst sich übrigens auch beim llerabstreichen mit der Hand durchfühlen oder mit einer (desinfizierten) Sonde leicht erreichen.
Die Entfernung bietet immerhin einige Schwierigkeit und wird teils durch ein besonderes Instrument vorgenoinmeu, das au der Spitze mit einer Kappe versehen ist, welche im Zurückziehen den Auswuchs abschneiden soll, teils durch eine einfache Raben- oder Taubenfeder, deren Spule quer abgeschnitten und mit dem offenen Ende in die straff angespannte Zitze eingeführt wird, um vielleicht die Neubildung ab-zustossen. Gelingt letzterer Versuch nicht, oder hat mau es mit Milch-konkrementeu zu thuu, so bleibt in der Regel nichts anderes übrig, als seitlich an der Zitze auf den Tumor einzuschneiden und den Milch­kanal zu eröffnen, was auch mit Hilfe einer Hohlsonde von dem Kanal aus geschehen kann (Fig. 217ah); nach dem Hervorziehen des Aus­wuchses und seiner Exzision wird die Wunde (von der Schleimhaut aus)
Fig. 277.
Fig. 278.
geheftet und das Melken so lange unterlassen, bis die Vereinigung er­folgt ist, die Milch liisst man daher einige Tage lang durch ein in 5proz. Karbolwasser liegendes Melkröhrclien zur Melkzeit abfliessen, wie dies z. B. auch dann zu geschehen hat, wenn die Zitzen infolge entzündlicher Anschwellung aufspringen oder selbst bersten (Fig. 27laquo;).
Die meisten derartigen Manipulationen lassen sieb die Tiere niebt lange gefallen, man bat daher viele Widenvärtigkeiten zu beluimpfen und liisst sich zur Operation auch das Kiedorschniiren fast niemals umgehen; desgleichen muss nach der Operation zur Verhütung einer biudcgewehigen Obturation des Milchkanales nach jeder Entfernung der Milch eine karholisicrte Darmsaite in der oben ange­gebenen Weise eingelegt werden. Im Notfalle schreiten manche Tierärzte kurzweg zur Amputation der Zitze, nachdem man sie zwischen der Handhabe einer Schere komprimiert hat; einer Nachbehandlung ausser der antiseptischen Reinigung bedarf es in diesem Falle nicht, die Milch tröpfelt nur kurze Zeit ab, bis sich die Wunde immer mehr verengt und schliesst.
ocr page 493
XL1. Operationen an der Scheide und dem Euter.
475
Resektion der Mamma. Die Entfernung eines oder mehrerer Euterviertel oder der ganzen Milchdrüse wird hie und da notwendig, wenn grössere Neubildungen, wie namentlich bei Hunden krebsige Ge-sckwulste, ul/eröse Degenerationen, Ausgang der imrendnmatosen Euter-eutzündung in Vereiterung und Brand, infektiöse und gangräneszierende Entzündung (besonders bei Schafen), Eistelgeschwüre, tiefliegende intra-mammäre Abszesse, hartnäckige Ketentionsmastitiden u. s. w. vorliegen.
Die Operation ist als letztes Zufluchtsmittel schon vielfach aus­geführt worden und bietet weiter keine Schwierigkeiten; bei den zur Zucht und Milchnutzung verwendeten Tieren sucht man einen thunlichst grossen Teil des Euters zu erhalten, ohne jedoch von dem Grundsatz abzuweichen, dass die Resektion immer nur in völlig gesunder Substanz
Fig. 279.
Euter, a gelbe Banohhaut: b Drüsensubstanz; cc Aut'liängoband; ä geöffneter Milclibehältcr; e Zitze (Stute).
•T
geschehen darf normalen Zitze
und der zurückbleibende Teil möglichst mit einer in Verbindung bleibe. Bei den multiparen Tieren
handelt es sich stets um völlige Abtragung (Amputation) eines Euters (Milchdrüsenkomplexes) samt der sie überziehenden Haut, gleichviel, ob diese erkrankt ist oder nicht.
Bei der partiellen Exstirpation durchschneidet man, nachdem das Tier auf den Rücken gelegt und die Brustdrüse samt ihrer Um­gebung mit Sublimatwasser gründlich gereinigt wurde, die Haut in der ganzen Länge der entarteten Partie samt ihrer gelben elastischen Mem-hran kreisförmig mit dem geballten, Bistouri, präpariert nach Hertwig die Hautränder von der Drüse los, zieht diese mittels eines Hakens.
ocr page 494
470 Zweite Haupt-Abteilung! Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar.
oder einer durchgezogenen Schnur hervor und schneidet sie in dem sparsamen Bindegewebe der noch gesunden Lobuli heraus; in letzterem verlaufen die grösseren Gefässe, welche unterbunden werden, während die kleineren zu torquieren sind. Die degenerierten Teile müssen'voll­ständig ausgeschnitten werden, um keine Rezidive befürchten zu müssen, worauf man die Ränder der Hautwunde heftet, nachdem der Substanz­verlust mit Karboljute ausgefüllt ist. Den Schluss bildet das Umbinden des Euters mit einem Bctttuch.
Bei der totalen Exstirpation der Drüse verfährt man in der­selben Weise, der Schnitt geschieht jedoch in jenem Bindegewebe, mit welchem das Euter an die gelbe Aponeurose des geraden Bauchmnskels geheftet ist und erstreckt er sich sonach besonders auch auf die Auf­hängebänder des Euters (Figur 27!) cc).
Bei der Stute wird jede der 2 Milclidrüseu von einer diinnon elastisclien Membran nmlmllt, welche von der gelben Bauchbaut stammt und zwischen beiden ])rüsen eine Verdoppelung als Septum bildet, welch letzteres auch als Ligamentuni Suspensorium bezeichnet wird. Bei Euteraniputationen beginnt man dicht an der gelben Bauchhaut und lassen sich von hier aus auch die Grenzen der beiden Driisen-hälften bei Stuten oder der 4 grossen Driisenkomplexe (Enterviertel) bei Kühen gut unterscheiden; zu bemerken ist nur, dass die zwei einseitigen Euterviortel bei letzteren Tieren sehr innig miteinander verbunden sind, das Kanalwerk beider Uriisen daher nur durch sehr spärliches (aber dennoch deutliches) Bindegewebe getrennt ist.
ocr page 495
IV. Operationen am Alter und Schwelt:
i\,
XLII. Operationen am After und Mastdarm.
Die krankhaften Zustünde am After und Mastdarm, welche durch
Operation geheilt werden können, sind: der Mangel des Afters, der Vorfall des Mastdarms, Polypen im Mastdarm, Fisteln und Strikturen desselben. ,
Der Mangel des Afters (Agenesia. siehe Atresia ani).
Er kommt besonders bei Ferkeln und Kälbern als angeborene Bildungshemmung vor, welche in mehreren Formen auftritt.
1.nbsp; Atresia ani. Das blinde Ende des Mastdarms reicht nach hinten bis zu der Stelle, wo sonst der After liegen soll, aber es ist keine anale Öffnung da, die Haut zieht vielmehr glatt vorbei oder bildet eine leichte Restriktion, es ist daher jene Einstülpung der Cutis unter­blieben, welche die Bildung der Analportion des Rektums bedingt; die Sphinkteren pflegen mehr oder weniger entwickelt zu sein.
2.nbsp; nbsp;Atresia recti et ani. Der Mastdarm ist wie oben ver­schlossen, reicht aber gar nicht bis zur Haut vor, welche ebenfalls nicht eingestülpt ist und endet in einen Blindsack, der mehrere Centi­meter weit von der normalen Ausmündungsstelle entfernt ist; der Zwischenraum ist durch ein fibrozelluläres Gewebe ausgefüllt und es fehlt jede Andeutung der Afteröffnung, höchstens bildet sich dort wie bei der ersten Form auch eine Wulst hervor, wenn sich Kot ange­sammelt hat.
3.nbsp; nbsp;Atresia ani vesicalis. Der Mastdarm mündet statt nach aussen in die Harnblase oder auch in die Harnröhre, hie und da selbst in die Scheide, Atresia ani urethralis und vaginalis. In diesen letzteren Fällen ptlegt die pathologische Kommunikation so eng zu sein, dass sich bald ein völliger Darmverschluss einstellt, die mit derartigen kongenitalen Kloakenbildungen behafteten Tiere werden daher getötet; die ersteren beiden Formen sind heilbar.
I
ocr page 496
478 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Operation. Fühlt man den Inhalt des Rektunis unmittelbar unter der Haut, ist also der Mastdarm nur durch die Haut verschlossen, so wird diese kurzweg mit einem Spitzmesser kreuzweise eingestochen und dann dor Einstich nach den vier Seiten entsprechend erweitert. Die dadurch gebildeten Hautlappen können je an den Ecken mit der Schere etwas abgeschnitten werden, worauf sich der Finger in das Lumen des Mastdarms einbohrt, um den Inhalt zu entleeren.
Nach der Operation wird dafür Sorge getragen, dass die Wund-ränder sich nicht wieder vereinigen, was am besten durch das Einführen eines mit Karbolöl getränkten Wergpfropfens oder Einbinden einer Talg­kerze geschehen kann; nachher bestreicht man vorteilhaft die Ränder mit einem die Yernarbung und Trocknung beschleunigenden Rleisälbchen und hilft durch Klystiere nach.
Im zweiten Falle sticht man bei dem vorne hoher gelegten Tiere an der Stelle, wo sich der After befinden sollte, mit einem zwei­schneidigen oder Spitzbistouri eine kreuzförmige öffliung durch die Haut in die Subkutis, dringt mit dem Finger in letztere ein, bis man den in der Regel stark mit Darmpech angefüllten Darm fühlt, führt nachher unter Leitung des Zeigefingers einen dicken Trokar bis an das Rektum und sticht dasselbe an. Es findet dann alsbald eine Defäkation statt und das in der Tiefe gelagerte Mastdarmende wird nach und nach gegen die künstliche Öffnung herangedrängt, um in kurzer Zeit mit demselben zu verwachsen; bis letzteres geschieht, können (namentlich bei Fohlen) auch mit Fett bestrichene Bougies eingelegt werden. Wegen der Gefahr der Zellgewebsinfiltration dürfen selbstverständlich Klystiere keine gesetzt, wohl aber kann den jungen Tieren, wenn nötig, etwas Rizinusöl eiu-geflÖSSt werden.
Wäre der Darm mit dem Finger nicht zu erreichen, so gelingt die Heilung (der stetigen Kloakcnbildung im Zellgewebe wegen) nicht und da es sich wohl immer um schlachtbare Haustiere bandelt, wird das Schlachtmesser vorzuziehen sein.
Der Vorfall des Mastdarmes.
Infolge heftigen oder anhaltenden Drängens bei Geburten, Ver­stopfungen des Dickdarms, bei-Tenesmus, Diarrhöen, dann infolge von Schwäche und Erschlaffung der Gewebe entsteht häutig ein Mastdarm­vorfall, dem besonders Mutterschweine und Ferkel, aber auch Hunde und Pferde ausgesetzt sind, sehr selten die Wiederkäuer, und sind dann entweder nur einzelne Teile der Analportion des Rektums prolabiert oder ein Stück desselben in toto, man unterscheidet daher:
1.nbsp; nbsp;den Prolapsus mueosae ani, wenn nur die Schleimhaut in Form einer Wulst am After hervorgetreten ist (unvollkommener Vor­fall) oder
2,nbsp; nbsp;den Prolapsus recti, wobei ein Stück Darm (samt der Muskel-liaut, ähnlich der Rose beim Pferd während des Mistens) mehr oder
ocr page 497
XLII. Operationen am After und Mastdarm.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 47j)
weniger lang heraushängt und ein hochrotes, meist #9632;wurstfönniges An-soht'ii hat (vollkommener Vorfall).
Findet die Umstttlpung schon tiefer im Becken statt und schiebt sich dann der Dann in zwei Lagen, einer inneren und iiusseren hervor, so kann man zwischen dein röhrenförmigen, durch Blutstauung ge­schwellten und hochgeröteten Danuteil und dem Alter mit einer Sonde (hie und da selbst dem Finger) mehr oder weniger weit vordringen, was nicht der Fall ist, wenn sich der Prolaps dicht vor dem Anus ent­wickelt hat; jedenfalls ist dabei der Sphinkter erlahmt und vermag keinen Widerstand mehr zu leisten.
Taxis. Bei kleineren Vorfällen ist es nicht schwierig, die Eeposition vorzunehmen, nachdem die Schleimhaut gereinigt, mit Fett bestrichen und das Tier mit den Hinterbeinen in die Höhe gehoben worden ist; gelingt dies nicht, so helfen adstringierende Waschungen oder kleine Skaritikationen der Mukosa nach. Zuletzt geht man mit den Fingern oder der Hand ein, glättet die Falten und beseitigt etwa noch vor­liegende invagiuierte Stellen, um wiederholtes Drängen zu vermeiden. Das Chloroformieren kann unter Umständen nötig werden.
Sind vorher Blntuntnrlaut'migcn eingetreten oder ist ein Teil vertrocknet, so hat dies nicht viel zu bedeuten, die Sclileinihaut korrigiert sich rasch selbst, wenn sie nur kurze Zeit (mehrere Stunden) in ihre normale Lage zurückgekehrt ist; auch weiss man aus Erfahrung, dass solche Vorfälle selbst einige Wochen ohne Schaden bestehen können, denn sie ziehen sich zeitweilig spontan zurück, verschwinden von selbst oder kann sogar das prolabierte Darmstiick brandig absterben und wegfallen, worauf dann die beiden Darmlagen am Grunde des Afters unter einander ver­wachsen, Gefahr droht nur, wenn die Tiere fortwährend drängen und pressen, der Scbliessmuskel den Teil einklemmt und sich eine proktitische Infiltration mit Stase und Gangrän einstellt.
Für die Zuriickerhaltung des Darmes sorgt man in der Art, dass man den Tieren leicht eröfihende Mittel, entsprechende Nahrung reicht und nötigenfalls, wenn das Nachdrängen und Fressen nicht auf­hört, den After der kleineren Haustiere einige Zeit mit den Fingern zuhalten lässt, grössere Tiere mit dem Hinterteil in eine erhöhte Stellung bringt und fortwährend kleine Eisstücke einlegt oder selbst einen Sack mit Saud auf den Bücken legen lässt; auch muss das Rektum häutig manuell entleert werden, bis die Kotentleerungen von selbst und leicht erfolgen.
Druckbinden, Bandagen lassen sich nur bei grössereu Tieren anwenden und sind mittels eines Schwanzriemens leicht selbst zu im­provisieren, jedoch meist unpraktisch, ebenso die vielfach empfohlenen Zapfen, aufgeblasene Darmstücke, welche eingeführt werden sollen, doch hat Vogel durch einen aufgebundenen Gummiball ein Fohlen hergestellt, das operiert werden sollte.
Operation des Mastdarmvorfalls. Gelingt durch die angegebenen Mittel die Heilung nicht, so bleibt nur die Operation übrig und besteht diese in Inzisiouen und Exzisionen der Schleimhaut, in dem Abbinden, Abnähen, Umstechen, in der Amputation und Kauterisation des vor­gefallenen Darmstückes.
t
ocr page 498
480 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Inzisionen. Manchmal, besonders bei Pferden besteht der ganze Vorfall blos in einer Infiltration der Mastdannsclileinibant, welche dicht ansserbalb des Afters eine glänzende, dnnkelrote, faustgrosse (Jesehwulst darstellt, welche durch multiple Einschnitte (bis in die Suhmukosa) beseitigt #9632;werden kann; nachher verordnet man Injektionen von 3 proz. Alaun- oder Taiminlösungen, tupft mit Eiswasser ab und reponiert.
Strenge Diät ist sehr wesentlich und muss diese schon der Operation vorhergeheili ebenso sind Klystiere nicht zu unterlassen; für die kleineren Haus-tirre empfiehlt sich besonders die Verabreichung von Molken, Buttermilch, sauro Milch, für die grösscien Schlappen von Leinsamen, Mehl, Kleie, dann Grüufutter, Wurzelwerk, rohe Kartoffeln. Drängen die Tiere nichtsdestoweniger nach und ist die Untersuchung des Beckenteils vom Mastdarm negativ ausgefallen, so muss man an eine Invagiuatio n des Darmes weiter vorne denken. Tod ist meist durch Enteritis und Bauchfellentzündung die Folge, wenn nicht rechtzeitig zur Laparo-tomie geschritten weiden will oder kann.
Exzisionen der Mastdarmschleimhaut. Um die Geschwulst einfallen zu machen und die Reduktion zu erleichtern, können mittels der Cooperquot;sehen Schere einzelne besonders hervorragende Schleimhaut­falten bis auf die Suhmukosa abgetragen werden; der Mastdarm erträgt derartige operative Eingriffe im ganzen sehr gut, wenn sie nur nicht zu spät unternommen werden, auch sind die Blutungen nicht von grosser Bedeutung oder können in der bekannten Weise bemeistert werden.
Bei einem grossen Mutterschweinc heilte Vogel den Vorfall dadurch, dass er, nachdem die Taxis nicht zu erzwingen war, an der oberen Seite sowie rechts und links an der wurstförmig heraushängenden Geschwulst je ein keilförmiges Stück (mit der Spitze nach vorne und einer Basis von 3 cm) mit Hilfe des Spitzbistouris ausschnitt und dann die Bänder mit der Knopfuaht vereinigte; nachher wurde Opium verabreicht. Die Blutung war nicht unbedeutend, die Wiederheistellung aber eine gründliche. Bei dem Schlachten zwei Jahre später entdeckte man nur kleine un-regelmässige weisse Narben.
Lecouturier trögt die ganze Schleimhaut ab, macht zu diesem Behufe zuerst einen Zirkel, schnitt bis auf die Muskelhaut, schneidet dann auch senk­recht in der Witte die Schleimhaut durch und schält diese zuletzt ab. Die Blutung ist ziemlich stark, es soll aber bald Vernarbung folgen.
Das Abschneiden ist besonders bei Ferkeln versucht, worden, wenn der Darm von andern Schweinen angefressen, zerrissen oder sonst beschädigt ist, das lieponieren also nicht angeht. Der Vorfall wird leicht vom After weggezogen, mittels eines geballten Bistouris quer durchgeschnitten und dann die Ränder in den After eingeschoben. Die Methode hat sich im ganzen als ungefährlich erwiesen, denn es folgt rasch eine adhäsive Entzündung nach und die Blutung stillt sich durch Retraktion der Qefässe von. selbst; Opium erweist sich auch hier sehr nützlich.
Das Ahbindcn der Geschwulst geschieht in der Art, dass man eine Ilollunderröhre oder Blechröhre (mit vorstehendem Bande) in die zentrale Öffnung einschiebt, um den Abgang der Exkremente zu sichern und dann auf derselben dicht am After eine Kastrierschlinge umlegt und unterbindet, worauf das umgeschnürte Stück abfällt, es kann aber auch das hinter der Ligatur befindliche Darmende alsbald weggeschnitten werden.
ocr page 499
XLII. Operational am After und Mastdarm.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;48]
Nacli 2—8 Tagen wird die Sclmw entfernt, ebenso die Röhre, worauf eine Verwachsung mit Narbenretraktion nachfolgt.
Das Abnähen kann in mehrfacher Weise geschehen, Haubner empfahl, den umgestülpten Darm bei Schweinen nach dem Ausräumen mit einem Dändchen zu umbinden und dasselbe, wenn sich hinter ihm Mist angehäuft hat, ZU öffnen, um diesem den Austritt zu ge­statten, sodann aber die Ligatur nach Art eines Schurzbandes wieder zu schliessen.
Der Vorfall soll nach 24—36 Stunden verschwinden, das Band dalier weggenommen werden können, es ist aber in hartnäckigen Fällen schon häutig Tod eingetreten.
In den gelinderen Graden reicht schon, nachdem der Dann regel­recht zurückgebracht ist, eine Naht des Afters aus, indem nämlich mit zwei Nadelstichen letzterer kreuzweise geheftet wird.
Das Umstechen erfolgt von innen nach aussen mittels der ein­gefädelten Nadel in mehreren Abteilungen, so dass der Vorfall in seiner ganzen Dicke völlig unterbunden wird, ohne selbstverständlich die Lich­tung des Darines zu veischliessen. Die einzelnen Hefte werden von der zentralen Öffnung aus nach dem Rande des Afters in Zwischen­räumen von 1,5 cm angelegt und ringsum jedes Heft für sich geknüpft, worauf man abwartet, bis die Geschwulst von selbst wegfällt und der Mastdannstumpf sich hinter den After zurückzieht.
Die Nähte können am zweiten Tage auch aufgeschnitten und weg­genommen werden, es sind aber auch hier schon Todesfälle vorgekommen, und zwar durch Darmentzündung, Bauchfellentzündung, perirektale Abszesse, Verjauchung, Pyamie und Septikämie.
Das Umstechen kann auch nach Art der Schustornaht geschehen (mit Gegenstichen, wie heim Annähen der Stiefelsohlon, s. S. 464), die Hefte müssen nber stark augezogen werden, worauf man den vorgefallenen Teil unhedenklich wegschneiden kann. Das Nähen erleichtert man sicli wesentlich durch Spalten der Geschwulst in ihrer Mitte. Andre empfiehlt dieses Umstechen des Afters nach Art des Zuges an einem Tabaksheutel und soll hier bis zur Heilung ein künstlicher Schlicssmuskel gebildet werden. Todesfälle sind beim Umstechen nicht sehr selten, sie komnicu aber auch bei den andern Methoden zuweilen vor und zwar ob man es mit frischen odor älteren Fällen zu thun hat, denn au jeder fortschreitenden Proktitis beteiligt sich alsbald das Peritoneum.
Das Kauterisieren ist in neuerer Zeit in Schwung gekommen und besonders angezeigt bei vernachlässigten, inveterierten Vorfällen der kleineren Haustiere und wenn man zugleich mit Infiltrationen, Sugillationen, Verletzungen, nektrotischen Stellen, Paralysen u. dergl. zu kämpfen hat. Dabei hat sich gezeigt, dass jene Mittel die zweck-mässigsten sind, welche die Ertötung des prohibierten Gewebes am vollständigsten und raschesten erzielen, was der Erfahrung zufolge vor­nehmlich bei der Salpetersäure und dem Glüheisen zutrifft.
Die rauchende Salpetersäure wird mit einem Wergbauscb, welcher durch eine Pinzette gehalten wird, .so aufgetragen, dass die ganze Fläche, namentlich auch die Vertiefungen zwischen den quot;Wülsten und Schleimhautfalten, gleichmässig imbibiert wird. Der nun auf-
Horing's GiionitionBlehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 31
;
ocr page 500
482 Zweite Haupt-Abteilung: Oiierationon, nur au bestimmten Teilen ausfiihrbar.
trctoiulon adhftsiven Entzündung folgt In wenigen Tagen eine Verlötung und Verwachsung der beiden ineinander geschobenen Darmlagen nach, die Ätzung nmss jedoch in einem Akte geschehen sein.
Die Umgebung wird sorgfältig geschützt, der Schmerz ist mit­unter ein heftiger, jedoch nicht andauernder. Die übrigen Kaustika müssen wiederholt appllzlert werden und sind nicht zu empfehlen.
Das stark r o t g 1 ü h e n d c Eisen oder das w e i s s e P1 a t i n a c a n d e n s (Seite 280) ist noch wirksamer, da eine sofortige und viel weniger schmerzende Gewebsertötung erfolgt, es hat sich daher in neuerer Zeit auch beim Mastdarmvorfall des Menschen, insbesondere der paralytischen Form, wobei es das einzig wirksame Mittel sein soll, sehr gut bewährt, insbesondere, nachdem bis jetzt keine Todesfälle ge­meldet worden sind.
Mau setzt das Glüheisen auf die vorgefallenen Teile in der Art, auf, dass auch die Vertiefungen gleichmässig betroffen werden und be­streicht die Fläche langsam und so lange, bis alles vollkommen verkohlt, lederartig hart und namentlich trocken wird.
Ergotin-Injektionen sind beim Menschen versucht und von Dammann auch bei Tieren (Ferkeln) angewendet worden.
Man löst 2,0—2,5 Ergotin (Extractum Seealis cornuti bispuri-fteatum, fast reine Sklerotinsäure) in 7,5 Aqua destillata mit 1—2 Tropfen Karbolsäure auf und spritzt die Quantität unmittelbar am After auf 4 mal in ebensoviel Tagen unter die Haut. Es soll eine lUick-bildung und Schrumpfung eintreten, der Effekt ist jedoch meist ein ungenügender.
Strikturen des Mastdarmes sind nur ganz selten kongenitale, wohl aber hie und da erworbene und zwar infolge der Operation des Vorfalles; sie sind dann narbiger, kallöser' Art und entstehen zuweilen auch durch Verletzungen des Afters oder der Analportion des Mastdarms.
Ihre Beseitigung kann durch stumpfe Dilatation, wobei der Finger, wenn er sich einführen lässt, als bestes Instrument gelten kann, es lassen sich jedoch auch dicke Bassgeigensaiten, elastische Bougies u. dergl. verwenden.
Gelingt diese methodische, jeden Tag mehrmals zu wiederholende Erweiterung nicht, so kann nur noch die Operation helfen, die in einer blutigen Erweiterung besteht, jedoch nicht durch einen oder mehrere Einschnitte bewerkstelligt werden darf, sondern nur durch eine Eeilie von kleinen seichten Einkerbungen, welche mit einem Knopfbistouri auszuführen und antiseptisch zu behandeln sind.
Mastdarmpolypen sind bei allen Haustieren beobachtet worden, Sie treten entweder gar nicht oder nur bei der Defalcation hervor, ohne besondere üble Zufälle zu veranlassen, erst bei zunehmender Grosse werden sie den Tieren unbequem, verzögern den Mistabsatz oder erregen häufiges Drängen zur Koteiitleeruug.
Die Operation bietet keinerlei Schwierigkeiten, sofern die Ge­schwülste, was fast regelmässig der Fall ist, mit der Hand erreicht werden können, auch ist ihre Exstirpation wesentlich dadurch erleichtert.
ocr page 501
XLII. Operationen am After und Mastdarm.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 483
class sie meist eine dünne Basis, selbst blos einen Stiel besitzen, der sich entweder unterbinden, abdrehen oder auch ausreissen liisst. Menu nötig unter lierausstiilpen dos Rektums.
Da der Grund dieser Neubildungen nur wenig gelasshaitig zu sein ptlegt, ist es auch unbedenklich, sie kurzweg abzuschneiden, am meisten empfehlenswert ist jedoch das Abbinden mit einem Bindfaden oder das Ekrasement lineaire (Seite 102).
Operation der Mastdarmfisteln. Man beobachtet Fistelgeschwtire
des Afters nur sehr selten bei den Tieren und sind sie dann von zweierlei Art.
Entweder ist der (Jang 1. durch eine eindringende Wunde ent­standen und beginnt aussei! neben dem After, um sich in dem Zell­gewebe neben dem Bektum fortzusetzen und irgendwo z. B. an den Beckenknochen oder in den Muskeln und Bändern des Mastdarms blind zu endigen — iiussere Mastdarmfiste], oder 2. die Mastdarmhöhle ist verwundet, z. B. durch die Klystierspitze, ungeschickte Manipula­tionen etc. und der Gang mündet ebenfalls in besagtem Zellgewebe — innere Eistel. Eine 3. Form besteht darin, dass z. B. ein perirek­taler Abszess einerseits in den Mastdarm, andererseits nach aussen mündet, wobei die flüssigen und gasförmigen Darmkontenta einen ab­normen Nebenweg nach aussen finden können — komplete Fistel. Die erstere Form ist die häufigste.
Der Fistelgang ist häufig geradlinig, so dass ihn die Sonde schon auf den ersten Versuch hin durchsetzt, zuweilen ist er aber auch ausgehuchtet, gewunden oder in seinem Verlaufe geknickt und mehr oder weniger kallös entartet; auch kariöses Ergritiensein der benachbarten Knochen ist schon angetroffen worden, sowie als Ursache die Exulceration eines Karzinoines (Vogel).
Die Operation geschieht hauptsächlich durch das Messer und durch (die Verlieilung einleitende) Ätzmittel; sie ist im ganzen einfach, kommt aber nur langsam zu stände, wegen der fortwährenden Ver­unreinigung, oft gar nicht und zwar um so eher, je tiefer der Hohlgang ist und das blinde Ende durch Knochen oder seimige Gebilde be­grenzt ist.
Erste Bedingung ist, die dem Rektum zugekehrte Wand der Fistel zu spalten, den Grund in eine offene quot;Wunde umzugestalten und die Bildung von Granulationen (etwa durch lOproz. Karbolöl) zu begünstigen, nachdem die Fläche erst gründlich umgestimmt, d. h. geätzt worden ist (dick mit Chlorkalk bestrichener Wergtampon u. s, w.).
Bei der inneren Fistel muss zunächst die Mastdarmöffnung zur Heilung gebracht werden, was am besten durch tleissiges Ausspritzen und Touchieren mit Silbernitrat geschieht; zugleich öffnet man den Blindsack von aussen durch ein Spitzmesser und bildet so einen offenen Fistelgang, der dann in derselben Weise behandelt wird; auch das Botglüheisen bat sich dabei bewährt.
Bei der durchgehenden Afterfisfel, welche man zu spalten nicht getraut, kann auch ein Ätzbougie oder ein Haarseil eingelegt werden oder zieht man einen Bieidrahf durch beide Offnunaren, vereint dessen
ocr page 502
484 Zweite Haupt-Abteilung: Oiicrationnn, mu'an bestimmten Teilen ausführbar.
Enden aussei) und dreht sie joden Tag etwas mehr zu, his endlich der fistulöse Kanal durchgeschnitten worden Ist, worauf die Heilung meist nicht lange auf sich warten lässt. Statt des Bleidrahts kann man vor­teilhafter eine elastische Ligatur verwenden, welche keine Blutung aufkommen liisst, aber nur langsam wirkt.
Bei einl'aehen Fisteln ist die Exstirpation der kallösen Umgelmng nicht notwendig, aber auch nicht uuzweckmiissig, komplexe erfordern dagegen ein ener­gisches Einschreiten, im andern Falle kommt man nicht zu Stande. Man spaltet zunächst den Ilauptgang, dann die Nebengänge nud verwandelt somit das System der llohlgiinge in ein System von Rinnen, macht also ausgiebigen Gebrauch von dem auf der HohlBondo eingeführten Knopfl/istouri und exstirpiert zugleich alle schwieligen Stelleu, Gowehsbriickeu und unterminierte Ränder.
Die Mastdarmscheidenfistel entsteht hie und da bei Stuten oder Kühen infolge Perforation der Vaginalhöhle hei schweren Geburten, besonders Rückenlagen und kann recht unangenehm werden, wenn da­durch eine grössere Öffnung entstanden ist, sich also auch eine grössere Kloake bilden kann, während kleinere Scheidentisteln weiter von keinen nachteiligen Folgen begleitet werden, denn sie kommen bald spontan zur Heilung.
Soll eine solche unternommen werden, so müsste sie am einfachsten im Vernähen der Perforationswunde bestehen, was auch mit Hilfe eines Scheidenspekulums nicht thunUch wäre, es bleibt somit nichts übrig, als häutig reinigende Ausspritzungen zu machen und vielleicht durch Einführen eines an einer entsprechend langen Federspule befestigten Höllensteinstiftes teils die Granulation zu befördern (leichtes Touchieren), teils die kallösen Bänder auszuätzen.
XLIII. Die Myotomie des Schweifs. Englisieren.
Wenn Pferde nicht wie gewöhnlich den Schweif geradeaus (hori­zontal) tragen, sondern mehr oder weniger hängen lassen, also die Wirkung der Depressoren gegenüber der der Hebemuskeln eine über­wiegende ist, SO kann eine Operation nötig werden, welche darin be­stellt, dass die Niederzieher dos Schweifes durch Abschneiden mehr oder weniger aussei- Thätigkeit gesetzt werden.
Dieser Muskelschnitt des Schweifes war bei den Tierärzten noch vor 30—40 Jahren eine der häufigsten Operationen und stammt aus England, weshalb er allgemein auch unter dem Namen „Englisierenquot; bekannt ist; gegenwärtig gehört er zu den grossen Seltenheiten, denn die Veredlung der Pferde ist soweit vorgeschritten, dass diese den Schweif selbst in der gewünschten Weise tragen. Nur zuweilen trifft es sich, dass z. B. das Nebenpferd zu nieder trägt und aus diesem Grunde operative Hilfe gesucht wird oder ein Pferd den Schweif seit­wärts abbiegt. _nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ,
ocr page 503
XLIII. Die Myotomie des Schweifs. Englisieren.
485
Nicht selten liegt die Schuld des Hängenlassens des Schweifes namentlich bei starken Pferden einzig an der natttrlichen Schwere desselben, der Fehler kann daher öfters schon durch die Verkürzung der Schweifrübe (Courtieren, Coupieren) korrigiert werden oder nmss diese mit der Myotomie verbunden werden, wenn sie sich nicht als ausreichend erwiesen hat.
Der Schweifmuskelschnitt kann auf zweierlei Art ausgeführt werden und hat man eine offene und eine subkutane Methode.
Fig. 280. Offener Sdnveifmuskelschnitt.
I.nbsp; Der offene Schnitt ist die ältere Operationsweise, wobei ein so grosser Hautschnitt entweder der Quere oder der Länge nach oder nach beiden Richtungen, beziehungsweise T förmig (wie Figur 2b0 zeigt), gemacht wurde, als notwendig war, tun die Muskeln durchzuschneiden oder ein Stück derselben zu entfernen. Die Methode ist jetzt gänzlich verlassen worden, sie hat seiner Zeit viele Opfer gekostet.
II.nbsp; Subkutanes Englisieren. Der Vorzug dieser Methode, bei welcher behufs Einführung des Myotoms nur ein Stich in die Haut ge­macht zu werden braucht, besteht namentlich darin, dass die Technik eine weit einfachere, ist und die Heilung ganz wesentlich dadurch be­schleunigt wird, dass keine offene Wunde zurückbleibt, wodurch auch die Nachbehandlung sehr vereinfacht ist.
Anatomisches. Die Muskeln, um die es sich einzig handelt, sind die beiden Niederzieher des Schweifs (rechter und linker unterer Krenzbeinmuskel des Schweifs, M. depressor caudae, Ahaisseur), welche ihre Lage unten und zugleich seitlich an der Schweifrübe haben und in der Mittellinie zusammeustossen, nur ge-
ocr page 504
486 Zweite llaupt-Ahteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
trennt von einer Arterie, quot;Vene, und dem Afterrutenband des Schweifs; beide Mus­keln sind weniger kräftig, als die oben liegenden Lcvatoren, ziehen aber den Schweif energisch abwärts, bei einseitiger Wirkung zugleich seitlich, es kommt ihnen daher fast dieselbe Wirkung zu, wie den beiden sich an die Querfortsiltzo der Schweif­wirbel anheftenden Seitwärtszicher, au denen die lateralen Gefässe und Nerven verlaufen. Sämtliche Muskeln sind von einer starken fibrösen Scheide (Scbweif-fascie) umwickelt und dann von der Kant bedeckt.
Was die Blutgefässe betrifft, so ist keines von ihnen so stark, um eine gefährliche Blutung veranlassen zu können, ausserdem wird ohnedies ein antisep­tischer Verband angelegt.
Obgleich dasEnglisieren ganz wohl am .stehenden Pferde ausgeführt werden kann, wird es sich doch empfehlen, dasselbe zu legen und zwar entweder auf die Unke Seite oder denEücken; mau kann dabei mit mehr Sicherheit operieren und kommt auch rascher zu Stande. Die Haare lässt man sich zur Seite legen oder flechten.
Von Instrumenten braucht man ein Spitzbistouri für den Hautstich und einen Myo- oder Tenotomen, welcher (Figur 281) nur sehr schmal ist und etwas gekrümmt sein muss, eine seuseuförmige Gestalt hat und vorne stumpf ist; er darf mir an der vorderen I jIHnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Hälfte der Klinge schneiden.
' 'illnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; An der ventralen Fläche der Schweifrübe, 8—4
Finger breit vom After entfernt und dicht am be­haarten Bande sticht man nach geschehener Waschung durch Sublimatwasser mit dem desinfizierten Spitzmesser die Haut durch, führt demnächst den Tenotomen flach in die kleine Otfnung ein, schiebt ihn, mit dem Finger der linken Hand fühlend, in dem subkutanen Gewebe bis zur Medianlinie des Schweifes vor und wendet dann das Messer auf die Schneide, um den Niederzieher in kurzen kräftigen Zügen durchzuschneiden, bis das Instrument durch den Widerstand, den es trifft, an­zeigt, dass es an dem Wirbelknocben augekommen ist. Fig. 281.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Man erleichtert sich diesen subkutanen Schnitt wesentlich,
Mvotenotom.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;wenn der Schweif dabei gut zuriickgebogen und so der Muskel
stramm angespannt wird; unter dem angelegten Finger der andern Hand fühlt man gut das unter Krachen erfolgende Zurückweichen der getrennten Muskelbündel und der sehnigen Teile, deren voll­ständige Perzision sehr wesentlich ist und welche sich durch eine grosso und tiefe Lücke unter dor Haut zu erkennen gibt. Man muss siih hüten, den Teno­tomen zu weit nach der Mitte vorzuschieben, um die dort liegende Arterie nicht zu treffen, was nicht schwierig ist, insofern sich diese durchfühlen lässt.
Auf der andern S'eitc wird der Niederzieher in derselben Weise durchschnitten und kann hiezn das Pferd auf der Streu auf die rechte Seite überwälzt werden. Ein zweiter subkutaner Schnitt, etwa 8 Finger breit vom ersten entfernt (gegen die Schweifspitze zu), ist für gewöhnlich nicht nötig und ist der erste Muskelsclinitt am wirksamsten, wenn er möglichst nahe am Schweifansatz gemacht wird.
ocr page 505
XLUI. Die Myotomie des Schweifs. Eiifrlisieren.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 487
i *•
l)ic hier aligegebene üpenitionswoise hat einige Modifikationen citii 1 iron, die jedoch nicht nacbahmenswUrdig sind. Binige geben an, man solle den Depressor von der Mitte nach aussen durchschneiden, um die mediale Arterie besser vermeiden zu können, es wird jedoch hiebei gerne die Haut verletzt, da die Schneide gegen sie gerichtet ist oder man soll, um das t'benväl/en zu ersparen, nur einen Ilautstich machen, mit dem Tenotomen über die Mitte hinweg bis zum jenseitigen Rand greifen und dann beide Muskeln samt den medialen (iefässen abschneiden.
/um Schluss werden beide Stichkanäle, falls sie bluten, leicht ausgedrückt und wird dann ein einfacher Watte verband mit Jodoform umgelegt, der erst nach 2—3 Tagen gelöst und erneuert zu werden braucht.
Seitliche Myotomie des Schweifs. Wenn der Schweif namentlich während der Bewegung des Tieres schief zur Seite getragen wird, was dem Auge in hohem Grade missfiillt, hat man empfohlen, den seitlichen Muskel der eingebogenen Seite beziehungsweise den am meisten gespannten Muskel in derselben Weise unwirksam zu machen, wie dies bei dem Niederzieher angegeben wurde und nachher den Schweif auf die entgegengesetzte Seite aufzubinden, um die schnelle Vereinigung der durchschnittenen Teile zu verhindern.
Diese Operation ist durchaus zu widerraten, denn die Erfahrung hat gelehrt, dass der erhoffte Erfolg nicht hlos nicht eintritt, sondern der Schweif nachher auf der anderen Seite schief getragen wird, ausserdem kommt man nie ganz in das klare, ob der Niederzieher oder Seitwärts-zieher operiert werden soll, beide zugleich aber keineswegs durch­schnitten werden dürfen, ebenso ist es meist unvermeidlich, die Seiten­nerven zu lädieren und wohl ist dies die Ursache des früher hiebei so oft aufgetretenen Starrkrampfes, welcher sich überhaupt als ein häufiger Begleiter der Myotomien erwiesen hat.
In ähnlicher Weise misslingt fast regehuässig die Operation dann, wenn nur die Spitze des Schweifes von der regelmassigen Richtung abweicht und entweder zu hoch oder schief nach der Seite getragen wird; der Schnitt soll dann einige Zentimeter vor der be­treffenden Stelle gemacht werden. Aus diesem Grunde geben sich die meisten Tierärzte nicht dazu her, den Schweifmuskclsclmitt auch bei Hunden auszuführen, bei denen die Anzeige hiefür so häufig ge­geben ist.
Als schlimme Folgen des Englisierens wurden früher haupt­sächlich Starrkrampf und Brand aufgeführt, ebenso Blutungen, Fisteln und Schweifbrüche.
ocr page 506
488 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
XLIV. Das Abschneiden des Schwanzes.
Amputation des Schweifs. Coupieren. Schweifstutzen.
Die Amputation des Schweifes ist in den meisten Fällen eine LUXUS- oder Mudcoperation, bei Pferden auch eine Ergänzung der durch das Englisieren beabsichtigten Verschönerung, denn die wenigsten Pferde würden nach dem Englisieren ohne sie den Schweif in der gewünschten AVeise tragen; dagegen genügt das Schweifabschlagen bei edlen Pferden schon für sich allein, um den Schweif so zu erleichtern, dass er schön im Bogen getragen werden kann (Arahisieren.)
In andern Fällen hat das Abnehmen der Schweifrübe bei allen Haustieren auch eine pathologische Indication, wie bei Brand. Karies der Schweifwirbel, Geschwüren der Schweifspitze, Eistelgängen, phlegmonöse Entzündung, Erysipelas, Neubildungen (besonders Carci-nome, Melanome) oder liegen Zweckniässigkeitsgründe für die Operation vor bei Verkrümmungen der Schweifspitze, Strangschlägern, kitzligen Stuten, weiblichen Schafen u. S. w. Der Wunsch des Eigen­tümers oder der Sitz der Krankheit bestimmt die Operationsstelle und ist in letzterer Beziehung chirurgisch vorgeschrieben, den Schnitt stets im noch gesunden Gewehe zu machen.
Das Arabisieren, d, h. Absclilagen nur der Spitze wird meist bei Fohlen oder bei dor Aufstalluug drei- bis vierjähriger Pferde vorgenommen; die Schweif-haaro bleiben dabei angeschnitten und reichen bei natürlicher Haltung des Schweifs bis zum Sprunggelenk herab, das Verfahren eignet sich aber nur für die jetzt immer seltener werdende arabische oder damit nahe verwandte Kasse. Edlen norddeutschen, französischen, englischen, nordamerikanischen l'ferden pflegt man der herrschenden Mode gemäss die Haare mehr oder weniger nahe an der Schweifspitze quer abzu­schneiden, wodurch der Schweif einem Jiesen ähnlich wird (Queue eu balai); bei Halbblutpferden, Karossiers u. dergl. Pferden wird die Rübe etwa um die Hälfte verkürzt (kourtiert) und hat die Mode früher noch ein kürzeres Abschlagen er­heischt (Schweif hi la Uadogan), was jedoch als gefährlich bezeichnet werden muss, wie das Englisieren und Koupieren ebenfalls,-wenn es zu gleicher Zeit vor­genommen weiden wollte.
Operationsstelle. Als Hegel gilt, die Trennung nicht in dem Körper des Schweifwirbels vorzunehmen, sondern in der Zwischen­knorpelscheibe, welche sich, wenn der Schweif nicht sehr muskulös ist oder nicht sehr kurz abgeschlagen werden soll, durch ihre grössere Flexibilität mit ziemlicher Sicherheit bestimmen lässt, auch ist die Stelle durch die Auftreibung gekennzeichnet, welche durch die Zitzenfortsätze gebildet werden und die sich dicht an dem Zusamiuenstoss zweier Schweifwirbel befinden, Trifft das Messer diese selbst, so verzögert sich die quot;Wundheihmg dadurch etwas, dass die der Luft ausgesetzte Fläche erst exfoliiert werden muss, um vernarben zu können.
ocr page 507
XUV. Das Absclmeiden des Sclnvaiues.
489
Zum Coupieren wird dem stehenden Pferd ein Fuss aufflehoben und eine Bremse angelegt, nicht sichere Pferde werden gesZnt ?sflte81? An der Operatlonsstele werden hierauf die SHnvoiflunbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;a , f
und abwärts gescheitelt und .lie zurückbleibenden S-ö cm obSb der rrennungsstelle mittels eines starken Bandes fest zusarLenffebundeS au er dem gieren der Haare ^rd noch dor wdte o /w #9632; ^ u ' Stillung erreicht odor diese doch wenigstens gefördert- dlrzÄmi dem abwärts hängenden Haarbüschel muss von cn.um, (Vol i ö,, ritro von. Pferde wog) gehalten werden, wenn die oTeSon begquot;laquo;^
Instrumente. Die Operation selbst kann auf verschiedene Weise vorgenommen werden, je nachdem Instrumente zur VerfÄrstehen
£erTuÄbir8Ä^^
„tun und dabei starken Messer mit breitem Rücken besteht odor
die sog. Kouplerschere (Figur 282) mit zwei an dem einen Ende
282, Couplerschere.
ein Chaiiiier bildende Schenkel von 50-60 cm Länge; der untere Schenkel hat nach vorne eine halbmondförmige Aushöhlungen weS die Schweif
Schmiede besitzt, vorausgesetzt, dass es die Breite der SchweiÄe üTertrifftJ
auch vn! ^SfÄ? SOl,,St iSt eiUe ii,,SS,#9632;,•s, einfache und kiquot;1quot; schliessUch aueb von jedem Laien vorgenommen worden, insbesondere wenn eine Koupierschere hiezu verwendet worden kann.
Mit dein Amputationsmesser verfährt man in dor Art, dass del wagerecht von einem Gehüfen gehaltene Schweif auf einen Holz-
ocr page 508
490 Zweite natipt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
pflock gölegt, das Messer auf die obere Seite des Schweifs aufgesetzt und durch den Schlag eines hölzernen Hammers an der betreffenden Stelle durch den Schweif getrieben wird. Nicht selten bleibt jedoch das Messer in dem knöchernen Körper des quot;Wirbels, falls dieser getroffen worden ist, stecken, was eine Wiederholung des Hamraerschlags not­wendig macht, die Operation
mit der Koupierschere ist daher vorzuziehen und auch weit zweckmiissiger, als die mit dem AVirkmesser. Letztere Operation wird in derselben Art, wie oben angegeben wurde, ausgeführt, nur versieht in diesem Falle die Stelle des llolzptlocks das Wirkmesser, wenn man nicht dieses ganz nach Art des Ainputationsmessers benutzen will.
Der Operateur legt den Schweif in die Vertiefung der geöffneten Englisierschere, richtet die Operationsstelle genau in die Furche, in welche das Scherenblatt eingreift, und drückt mit der rechten Hand rasch den obern Schenkel herab, wodurch hei der bedeutenden Hebelkraft des (ursprünglich aus England) stammenden Instrumentes auch der Wirbelkörper mit grosser Leichtigkeit durchschnitten wird, es bedarf daher durchaus keines grossen Kraftaufwandes.
Nach der Operation spritzen sämtliche Schweifarterien, ein Beweis, dass das oben angelegte Band nur eine geringe iiämostatische Wirkung auszuüben vermochte; indess könnte man ganz wohl die Blu­tung sich selbst überlassen, sie dauert jedoch in einer für den Laien erschreckenden Weise an, da sie durch die Bewegungen des Schwanzes unterhalten wird, um daher nicht blos die Bildung und Fixierung der Thromben zu begünstigen, sondern auch mit der Häuiostasie ein anti­septisches Wundmittel zu verbinden, erweist sich das Glüheisen am vorteilhaftesten, welches jedoch ausgehöhlt sein sollte, um blos die ringförmge Umgehung des Schweifwirbels zu treffen (siehe den Ring­brenner Seite 270 Figur 190 h.)
Stobt ein geeignetes Glübeiscn nicht zur Verfügung, so trägt man entweder ein Stvptisches Klobmittel (S. 172) auf oder lässt man das Sehniirband liegen und die Wundflamp;che mit der Hand eine Viertelstunde zuhalten oder, was vorzuziehen ist, werden die blutenden Stellen des Rumpfes mit einem Punkteisen kautorisiert. Die Weissglühhitze qualifiziert sich am besten, es darf aber nur leicht und höchstens eine Sekunde lang, dagegen öfters angedrückt werden, ein Hängenbleiben des Brandschorfes am Kanter erfolgt dann nicht, was gerne zu geschehen pflegt, inso-ferne die Arterion sich prompt zurückziehen und auf kleiner Fläche Verhältnis-massig viel Gewebe verschorft werden muss. Nach dem Brennen kann das Band gelöst und abgenommen werden.
Die Heilung der an sich einfachen, und ausserdem durch das Glüheisen aseptisierten Wunde braucht nichtsdestoweniger unverhält-nismiissig lange Zeit, einesteils weil sich die der Luft ausgesetzten Fläche des Wirbelkörpers oder der Knorpelscheihe wie schon erwähnt abblättern muss, andernteils die Wunde feich an einer äusserst beweglichen Stelle, die zudem der Besudelung und septischen Infektion stark exponiert ist, befindet.
Letzterer Umstand erklärt wohl auch das Faktum des ungewöhnlich häufigen Auftretens des Starrkrampfes, der mit dem Koupieren und Englisieren des Schweifes geradezu in direkten Causalnexus gebracht worden ist und in der vor-
ocr page 509
XLIV. Das Abschneiden des Schwanzes.
491
listorischen Zeit auffallend viele üpfcr gekostet hatte. Die Operation' als solche kann bei der wohl unzweifelhaft mikrobischen Natur des Tetanus unmöglich hiefiir in Anspruch genommen werden, vielmehr hauptsächlich die angegebenen Mo­mente, wozu noch die häufige Xertrümmorung des Wirbels kommt, welche eine langwierige Eiterung im Gefolge hat und so eine narbige Verschliesstmg sehr in die Länge zieht.
Die Amputationswunde bedarf keines Verbandes, wohl aber einer regelrechten Pflege und Reinlichkeit; ist diese nicht gewährleistet, empfiehlt Hering das Bestreichen mit Teer, um auch gegen ungünstige atmosphärische Einflüsse, Fliegen und andere Insekten Schutz bieten zu können.
Bei Rindern ist das Abschlagen des Schwanzes durch die bei der Lungenseuche geübte Impfung nicht selten notwendig (Seite 215), um der nach aufwärts vorschreitenden Phlegmone, bezw. gangränösen Zer­störung mit einem Schlage Einhalt zu thnn. Die Operation ist keine andere, als die oben angegebene und völlig gefahrlos.
Bei Ilunden kommt das Koupieren weitaus am häufigsten vor und wird gewölmlich mit dem Ohrenschneiden verbunden; die Operation ist bei dem geringen Durchmesser der Ituthe ebenso einfach als unbe­denklich, in gleicher Weise, wenn die Amputation wegen fressender Geschwüre, wie sie an der Schwanzspitze häutig aufzutreten pflegen, notwendig geworden ist. Die Trennung geschieht im gesunden Teile und muss der Stumpf sowohl als der übrige Teil des Schwanzes strenge antiseptisch behandelt werden, damit keine Wiederholung des Übels erfolgt. Das Glüheisen empfiehlt, sieb auch hier, sobald das Exanthem sich zu zeigen beginnt, das auch bei langgeschwänzten Allen vorzukommen pflegt.
Die Schäfer schlagen den weiblichen Lämmern, wenn sie etliche Wochen oder Monate alt sind, den Schwanz bis auf einen lingerlangen Stumpf ab, damit später das Euter weniger verunreinigt werden kann und die jungen Tiere nicht daran saugen können. Dieses Stutzen wird in der Kegel gleichzeitig mit der Ka­stration der Bocklämmer vorgenommen. Audi bei Schweinen kommt die Ope­ration vor, jedoch nur um damit einen Aderlass vorzunehmen (Seite 157).
Nachteilige Folgen der Schweifamputation kommen fast nur bei Pferden vor und bestehen in lange andauernder Blutung, wie sie besonders bei sehr irritablen Individuen beobachtet wird, welche sich nicht mehr ankommen lassen; ferner trifft es sich, dass eine infektiöse Entzündung (Lympho-Phlebitis, Rothlauf) nachfolgt, die Haare aus­fallen, das Wirbelstück nur sehr langsam auseitert oder nach einigen Wochen Starrkrampf eintritt.
ocr page 510
V. Operationen an den Geschlechts-und Harnorganen.
XLV. Kastration männliclier Tiere.
Orcheotomia.
Unter Kastration (castrarc, cliätror entmannen, verschneiden) verstellt man jene Operation, durch welche die Funktionen der Geschlechts­drüsen aufgehohen werden sollen, um sowohl therapeutische als ökono­mische Zwecke zu verfolgen.
Geschichtliches. Die Kastration ist nicht hloss eine der häufigsten tier­ärztlichen Operationen, sondern sie gehört unstreitig auch zu den ältesten, denn schon Moses envälint ihrer (Bibel, III. Buch, Kap. 22, Vers 24), ja ihre Geschichte reicht bis ins höchste Altertum zurück. Die Israeliten lernten sie von den Ägyp­tern und diese von den Assyriern und Äthiopiern kennen, und nach Ilesiod war die Operation auch den Griechen schon von Alters her bekannt, nach Xenophon ebenso den Persern und spricht dieser wie Homer von dein Verschneiden der Pferde, Stiere und Hunde, Aristoteles von dem Kastrieren weiblicher Kamele, Mutterschweine und selbst Vögel, Die Uömer dehnten die Operation auf alle männ­lichen Haustiere aus, sowie selbst auf Fische und Mago der Karthager (II. Jahrb. v. Chr.) ist der erste, welcher der Kluppen (Klammern) erwähnt. Varro und Pli-n ins sprechen über das günstigste Alter, Apsyrtus vom Abbrennen der Hoden, Vegetius (zur selben Zeit, 350 n.Chr.) von nachfolgendem Starrkrampf, Ruffus {1220) von Hodensackbrüchen, Estienne (1565) vom Abschneiden und Busius hielt das Kastrieren mit dem Messer für sehr gefährlich, riet daher das Klopfen an und bei Rindern das Abdrehen.
Die Deutschen kannten die Operation ebenfalls schon sehr lange und zwar laquo;he das Wort „Wallachequot; auftritt, denn diesc^ kam nur durch die vielen ver­schnittenen Pferde auf, welche aus der Wrallachei eingeführt wurden. In Frank­reich, wo die kastrierten Pferde „cheval liongrequot; heissen, war dies ähnlich der Fall. Im Mittelalter wurde indes wenig mehr kastriert, denn für den Edelmann galt es als unwürdig, auf einem Wallachen zu reiten und die mit Eisen gepanzerten Männer
I nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;bedurften der schwersten Hengste: erst mit dem Verfalle des Rittertums und der
Erfindung des Scbiesspulvers kamen allerwärts wieder leichtere kastrierte Pferde in Gebrauch. Heutzutage hält man Hengste fast nur für Zuchtzwecke und wird von dem Kastrieren auch hei den übrigen Haustieren ausgiebiger Gebrauch gemacht, ohne dass aber wesentlich neue Operationsmethoden aufgekommen wären, nur das Verschneiden der Kryptorchiden und die Ovariotomie haben nennenswerte Ände­rungen erfahren, da durch die antiseptische Wundbehandlung die blutigen Eingriffe namentlich in die Bauchhöhle weniger gefährlich geworden sind. Ausserdem kamen lt;gt;ine Reihe von früheren Kastrationsweisen ganz in Wegfall und können diese jetzt mir mehr Anspruch auf historisches Interesse beanspruchen.
ocr page 511
Vquot;
XIjV. Kastration mannliclier Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 4f);{.
Anzeigen der Operation. Nur selten Ist das Kastrieren durch
allgemeine oder lokale krankhafte Zustünde indiziert und liegen solche gewöhnlich nur heim Leistenbruch, Hydro- und Sarkokele, bei rheuina-tischer HodenentzUndung, Skrotalabscessen, Neubildungen (Krebs) u. s. w. vor, noch seltener bei innerlichen Erkrankungen, wie bei Gehirnent­zündung, Samen- und Mutterkoller, Epilepsie, habituelle Kongestionen, Stiersucht, Starrkrampf, Lähmungen, Onanie und nachfolgende paralytische Zustände (bei Lüden und Hengstfohlen beobachtet.)
Überwiegend sind die ökonomischen Vorteile, welche sieb erzielen lassen und besonders in erhöhter Diensttüchtigkeit und gestei­gerter Produktivität bestehen, denn der Effekt ist nicht, blos ein örtlicher, sondern macht sich im gesainmten Organismus bemerklich.
Frühzeitig kastrierte männliche Tiere nähern sich in den somatischen Verhältnissen mehr dem weiblichen Geschlechte, besonders nehmen die hintern Körperpartien an Masse zu und wird dadurch eine grössere Harmonie in den Propotionen zwischen Vorder- und Hinterteil gebracht; der ganze Habitus verliert seine eckigen Konturen, der Typus wird leichter, feiner, graziler, die Gestalt runder, weicher, und selbst die Stimme verändert sich. Weitere Utilitätszwecke werden ferner dadurch erreicht, dass die Tiere ruhiger, dienstwilliger werden, das namentlich zur Zeit der Brunst heftige Naturell ruhiger wird, die Neigung zum Gebrauche der natürlichen Waffen (Stossen, Schlagen, Beissen) verloren geht und an ihre Stelle ein gewisser Grad von Trägheit und Schlaffheit tritt, welcher mit der vermehrten Neigung zu Fettbildung zusammenhängt; am auffallendsten zeigt sich dies bei Hengsten, deren Übersprudelnde Kraft, ausgelassener Mut, Energie und heftiges Tem­perament sich mässigt, wodurch sie leichter bezähmbar, zugänglicher und auch verträglicher gegen andere Tiere werden, dagegen läuft man Gefahr, dass das vorhandene angenehme Temperament nach der Operation verloren geht und gewöhnlich einem unbezwingbaren Phlegma weicht.
Altere Tiere verlieren nachher an Naturell weit mehr als jüngere,. auch ist es insbesondere die Form und Grosse des Kopfes, des Halses, der Hörner, welche nur durch frühzeitiges Kastrieren abgeändert wird, wie auch bei Tieren mit einer speeiüschen Absonderung (Ziegenböcke, Eber) diese aufhört und dadurch das Fleisch geniessharerwird. Ausserdem liegen noch weitere Indikationen darin, dass man solche Tiere überhaupt, von der Zucht ausschliessen will, dass (wie in manchen Ländern) gewisse polizeiliche Vorschriften bestehen, Skandale auf der Strasse vermieden werden, Pferde in Wirtsstallungen gefahrlos eingestellt werden oder beide Geschlechter gemeinsam auf die Weide getrieben werden können, die Mastfähigkeit und Wolleproduktion gesteigert, grössere Schmackhaftigkeit des Fleisches erzielt wird u. s. w.
Kontraindikationen sind gegeben bei herrschenden Seuchen, insbesondere der Staupe des Pferdes, Brustseuche, Typhus, Lauschbrand, Anthrax, Diphtherie des Geflügels u. s. w., ferner wenn Starrkrampf vorkommt, hei Tieren, die an Druse und andern Katarrhen leiden, eben im Zahnen sichtlieh begriffen und zu jung sind, wenn sie struppige
ocr page 512
404 Zweite Haupt-Abteilunf;: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfahrbar.
Haare besitzen, die Kippen zeigen u. s. w. Endlich kastriert man nicht, wenn extreme Witteningsznstände bestellen, da ja die Operation keine dringende ist, auch verzögert man sie bei Fohlen und Eullenkälbeni VOö besserer Abkunft, weil sie sich später Oft unenvartet günstig ent­wickeln und dann als Zuchttiere einen ungleich höheren Wert reprä­sentieren.
Zeit der Kastration. Die Operation muss in jedem Alter vorgenommen werden können, im andern Falle ist sie gar nicht indiziert; alte Hengste und Farren werden zwar stark mitgenommen, allein sie sollen das Kastrieren gefahrlos überstehen, was auch bei sachgemässer Vorbereitung und Ausführung der Fall ist; im übrigen richtet sich die Operationszeit hauptsächlich danach, dass sie dem Eigentümer am meisten in seine wirtschaftliche Verhältnisse passt.
Speziell bei Pferden ist die Frage des besten Kastrationsalters noch zum Teil eine kontroverse, denn einige wollen die Operation gleich nach dem Abstoss der Fohlen vorgenommen wissen, andere bis nach Ablauf des eisten Lehensjahres oder noch länger zuwarten. Jüngere Tiere ertragen den Immerhin nicht unerheblichen Eingriff in den Gesamt­organismus jedenfalls leichter, als ältere, auch ist ein allenfallsiger Verlust des Tieres leichter zu verschmerzen, es hat noch keine Begat­tung stattgefunden, ebenso kein Blutandrang nach den Genitalien; da­gegen bleibt, wenn zu jung kastriert wird, regelmässig die Vorhand, namentlich der Wiederrist in der Entwicklung zurück. In manchen, Pferdezucht treibenden Ländern, wie z. B. in Frankreich, kastrierte man früher nur 4—öjährige Pferde, jetzt geschieht dies schon mit 12—18 Monaten, insbesondere bei Luxus- und Militärpferden, hei schwereren Zugpferden ein halbes Jahr später, im Ganzen kann jedoch das zweite Lebensjahr als das geeignetste bezeichnet werden; das Weitere ist Sache der Besprechung in der Tierproduktionslehre.
Von den Jahreszeiten sind wohl das Frühjahr und der Herbst am geeignetsten, in denen die wenigsten Witterungsextreme herrschen, obwohl die anderen Jahreszeiten durchaus nicht ausgeschlossen sind, nur muss Rücksicht auf die Brunstzeit genommen werden, ebenso bei Weidetieren, welche immer (wie die Arbeitstiere auch) die Operation am besten überstehen, auf die Zeit der Einstallung.
Am sclilimnisten sind schwüle, heisse Tage, gewitterreiche Zeiten oder trockene kalte Nordostwinde, die Tauzeit und kalte Nebel, im übrigen bekümmern sich die Praktiker mit Recht nicht um die Witterung, da schlimme Ausgänge auch bei der günstigsten Jahreszeit vorkommen können, Pedanterien daher wegfallen müssen. In der li o issen Saison kommen gerne Zersetzungen, üble Eiterungen vor, bei sehr kaltem Wetter zögert die Eiterung und Heilung, im übrigen können geschlossene Räume, gute Stallungen die meisten ungünstigen Einflüsse abhalten, schlimm ist nur, wenn nach der Kastration die Tiere im freien nicht bewogt werden können, ebenso wenn die frisch operierten Pferde jähen Witterungswechseln aus­gesetzt sind.
Die Tageszeit richtet sich am besten nach der Bequemlichkeit und den übrigen Berufsgeschäften des Operateurs, die Morgenstunden sind natürlich die besten, wo die Tiere frisch gekräftigt und von Ver-
ocr page 513
XLV. Kastration milnnlichcr Tiere.
495
dauungSgeschäftea raquo;och nicht belastet sind, auch spielt die Art der Kastration eine Bolle, Menu dadurch am selben Tag z. 1). ein zweiter Besuch notwendig' wird.
Anatomisches. Die Hoden befinden sicli zur Zeit der Geburt am Bauch-ringo oder selbst schon im bkrotum, so dass man die meisten Haustiere schon we-nif;o Tage nachher kastrieren konnte. Beim Herabsteigen hat der Hoden das Bauch­fell mitgenommen, das also auch den Samenstrang überzieht, ebenso die innerste Haut des Hodensacks und des Leistenkanals bildet. Am hintern und äussern Rande der zuletzt genannten serösen Membran legt sich der (äussere) Hodenmuskel (Kre­master, Figur 283 b] an, dessen Ursprung bis zum Darmbein bei e hinaufreicht, wo er einen iU-on Punkt hat und somit die SScheidenhaut wie den Testikel in die Höhe ziehen kann.
Fig. 283.
Schneidet man den Ho den sack a durch, so kommen folgende drei Häute in Betracht. 1. Die iiussorc Haut a' ist dünn, sehr elastisch, bei Pferden meist schwarz und fast haarlos, bei Schweinen und Kaninchen nackt, bei Wiederkäuern und Fleischfressern fein behaart, bei einigen Schafrassen mit Wolle bedeckt: die Medianlinie wird durch eine Naht, die sog. Raphe angedeutet. — 2. Die /.weite Haut aquot;, die rötliche kontraktile Fleischhaut (Dartos), ist besonders bei den Rumi-nantien gut entwickelt und zieht den llodensack in kleine Runzeln; in der Median­ebene trifft sie mit der der andern Seite des Skrotums zusammen und verläuft als Septum in die Höhe, teilt also den llodensack in zwei für sich bestehende Säcke. Weiter nach innen kommt die 8. Hülle, bestehend aus fibrösem Gewebe, die allgemeine Sclieidenhaut zwischen dieser und der Dartos ist eine reichliche lockere Bindegewebsschicht, welche das Zurückschieben sehr erleichtert und die aus der Querbauchbinde entspringt, und anssen seitlich vom Kremaster überzogen wird. Die innere Fläche dieser Tunica vaginalis ist dann erst von einer Fortsetzung
ocr page 514
490 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfuhrbar.
des Bauchfells (Parietalblatt der besonderen Scheidenhaut) überzogen, springt in der Höhe des Schweifs des Nebenlindeiis, welcher mit dem entsprechenden Teil der allgemeinen Scheidenhaut durch kurzes straffes Zellgewebe verbunden ist, auf den Nebenhoden über und breitet sich über denselben, den Hoden und Sumenstrang als Viszeralblatt der besonderen Scheidenhaut aus. Die eben beschriebene aus straii'em Bindegewebe bestehende Verbindung des Xehenhodens wird von den meisten Tier­ärzten fälschlich als Nebenbodenband bezeichnet, das jedoch nur an das hintere Ende des Hodens geht.
Der Samenstrang (Figur 284 (2) wird gebildet durch die doppolt liegende Scheidenhaut, in welcher die innere Samenarterie f und Vene zahlreiche Anastomosen bildet, während der Samenleiter c, eine Fortsetzung des quer über dem Hoden a liegenden Nebenhodens hV, am hintern Rande des Samenstrangos in einer besonderen serösen Falte, begleitet von einer kleinen Arterie, nach dem Bauchringe hinaufsteigt und sich durch denselben in die Beckenhöhle begibt, um in die Harnröhre zu münden.
In der Figur 283 ist c der Samenleiter, c' dessen Ampulle, d das Samenbläschen, e die Vorsteherdrüse, f die Cowpersche Drüse, p die Bauchhautfalte für die Hoden-gefässe, r die Harnblase, s der Mastdarm.
Die Verbindung zwischen der Bauchhöhle und Skrotal-böhlc ist offen und der Leistenkanal, in welchem der Samen­strang frei liegt und den grössten Teil ausfüllt, hat selbst nur eine Weite, dass mau kaum mit einein Finger eindringen kann; bei den kleineren Haustieren schliesst sich wie hei dem Menschen in der Regel der Bauchring, so dass keine Kommunikation mehr mit der Bauchhöhle besteht oder wenigstens der vordere Rand des Samenstranges nicht durchgängig frei ist. Beim Pferd, Hund und Schwein hängt der Hoden in seinem Sacke quer, so dass der konvexe Rand nach unten (oder hinten), der konkave nach oben (oder vorne) sieht, bei den quot;Wiederkäuern dagegen steht die Längsaxe vertikal. Der Hodensack selbst liegt nicht immer in der Schamgegend, bei den Herbivoren zwi­schen den Hinterbeinen, bei den Omnivoren und Karnivoren weiter rückwärts und oben, unterhalb des hinteren Sitzbeinausschnittes. Bei Pferden sind die Hoden ungleich in der Grosse, der linke meist entwickelter; jeder wiegt bei zweijährigen Fohlen 150—200 Gramm, der eine gewöhnlich 15—30 Gramm mehr.
Von den Bintgefässen, welche in Betracht kommen, ist es zunächst die innere Samenarterie, welche die Hoden versorgt und am vordem Rande des Samen-straugs das rankenförmige Gefässgellecht (Plexus pampiniformis) bildet, um in die Samcuvenen überzugeben. Dieser vordere Teil des Samenstrangs ist das wichtigste Gebilde bei der Operation, er enthält auch noch glatte (schwache) Muskelfasern, die als innerer Kremaster bezeichnet werden, sowie die Nerven; der hintere Teil bildet nur eine Duplikatur der Serosa mit dem Samenleiter, der liier von feinen Nervchen des Samen- und Beckengetlechtes bogleitet wird; diese Üaplikatur kann ganz ohne Blutung durchgeschnitten werden, was beim Gefässteil des Samenstrangs natürlich nicht der Fall ist. Der Raum zwischen e und f, Figur 284, heisst das vordere Septum und wird, wie schon erwähnt, am Nebenhoden bei l' fälschlich als Jfebenhodenband bezeichnet, während als solches nur die Verbindung des Neben- und Haupttestikels c gelten kann; h ist der Kopf des Nebenhodens, l' der (hinten gelegene) Schweif desselben.
Die verschiedenen Kastrationsmethoden.
Keine tierärztliche Operation bietet so viele Verscliieilcn-lieiteu in dor technischen Ausführung dar, als die Kastration und sind
ocr page 515
XLV. Kastration miimilicher Tiore.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;4lt;)7
die meisten derselben so alt, wie sie selbst, ein Deweis des grossen Raffinements, mit dem der Mensch von jeher bestrebt war, die Haustiere sich nutzbarer zu machen.
Ein weiterer (Iruud dieser grossen Mannigfaltigkeit liegt aber auch in den vielen Abweichungen, welche die Haustiere in Beziehung auf anatomische Beschaffenheit der Geschlechtswerkzeuge darbieten, in der differenten Vitalität und Reaktionsfälligkeit, sowie In individuellen Ver­hältnissen, namentlich dem Lebensalter, daher kann eine Methode, bei einer Haustierart günstige, bei der andern ungünstige Resultate liefern. Dessgleichen sind nicht alle Methoden von gleicher Bedeutung, viele sogar als un/weckmiissig, gefährlich und grausam zu bezeichnen, dess-wegen schon aus ethischen Gründen nicht mein- im Gebrauch, abgesehen davon, dass viele auch von dem heutigen Standpunkte der Chirurgie sich nicht mehr rechtfertigen lassen.
Im allgemeinen hängt der günstige Effekt der Operation weniger von der Methode ab, als vielmehr, wie Hering gewiss sehr richtig bemerkt, von der Sorgfalt und Sicherheit, mit, welcher sie ausgeführt wird und sind es hiehei anseheinend unbedeutende Momente (gewisse Vorteile, Handgriffe), welche grosse Wichtigkeit haben. Daher kommt es, dass jeder Operateur für seine Methode eingenommen ist und bei einer andern weniger reüssiert, weil er dieselbe Routine in ihr nicht, besitzt, er muss aber alle kennen, um sie im rechten Augenblick dem einzelnen Individuum anpassen zu können; hiedurch unterscheidet er sich hauptsächlich von den Medikastern, Kastrieren! und Viehschneidern, welche nur Eine Schablone besitzen und diese allerdings häutig mit grosster Dexterität anwenden.
Möglichste Vereinfachung der Operation und der hiezu dienenden Instrumente, rasche Ausführung, Sicherheit, gegen mögliche Folgen, Ver­meidung heftiger, unnötiger Schmerzen, einfache Nachbehandlung sind die wesentlichsten Momente, von denen man bei der Wahl einer Kastra-tionsmethode auszugehen hat.
Einteilung der Methoden. Um mehr System und Übersicht in die grosse Anzahl der Kastrationsmethoden zu bringen, kann man sie in zwei Hauptabteilungen bringen, je nachdem die Hoden entfernt werden, oder nicht; letztere Abteilung enthält meist Operationsarten, welche wieder verlassen worden sind.
A. Mit Beibehaltung der Hoden:
1.nbsp; Das Klopfen der Hoden.
2.nbsp; Das Klopfen der Samenstränge.
3.nbsp; Brennen mit Durchstechung der Hoden.
4.nbsp; Umdrehen des Samenstranges (Bistournage.)
5.nbsp; Subkutane Ligatur des Samenstrangs oder nur der Samen­arterie für sich.
Hering's Operjitionelehre. IV, Aull.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 32
ocr page 516
498 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
B. Mit Entfernung der Hoden:
(i.nbsp; Abbinden des ganzen Ilodensacks mit Hanf.
7.nbsp; nbsp;Abbinden des ganzen Hodensackes mit Holz oder Eisen.
8.nbsp; Abreissen der Hoden.
9.nbsp; nbsp;Abschaben des Samenstrangs.
10.nbsp; Einfaches Abschneiden der Hoden.
11.nbsp; Durchbrennen des Samenstranges.
12.nbsp; nbsp;Abdrehen des Samenstranges.
13.nbsp; Unterbindung des Samenstranges.
14.nbsp; Kompression mit Kluppen (Verkluppen).
Es gibt wohl noch andere Kastrationsverfahren, wie z B. das Ekrasement des Hodens, die jedoch eine praktische Bedeutung nicht in Anspruch nehmen können; auch ist zu bemerken, dass gewöhnlich nur eine oder zwei Methoden in einer ge­wissen Gegend üblich sind, ebenso bei den einzelnen Tiergattungen nur eine oder höchstens zwei ausgeführt werden. Bei der Wahl der Methode richtet man sich am besten nach dem in der Gegend herrschenden Gebrauche, der gewöhnlich durch den sicheren Erfolg sanktioniert ist und da, wo z. B. nur wenig Tiere überhaupt zur Operation kommen, bestimmt selbstverständlich der betreuende Operateur die Kastrationsweise.
1.nbsp; Das Klopfen der Hoden. Es soll früher bei Hengsten und Stieren in der Art ausgeführt worden sein, dass der obere Teil des Hodensacks mit einer Klamme gefasst und der dadurch im untern Teil des Skrotums fixierte Hoden mit einem hölzernen Hammer auf einem Holzblocke so geklopft wurde, dass seine Struktur verloren geht. Man wollte damit die Zeugungskraft vernichten und doch zugleich dem Pferde das iiussere Ansehen eines Hengstes bewahren. Solche Pferde hiessen „ Klopfhengste.quot;
2.nbsp; Das Klopfen der Samenstränge geschah unter Zuhilfenahme einer Zange oder zweier Hölzer, zwischen welche der Samenstrang gelegt und dann mit einem hölzernen Hammer (1 Minute lang) total schlalf geklopft wurde.
Beide Methoden sind hauptsächlich in wärmeren Ländern (Spanien, Indien) üblich und werden sie heute noch in Frankreich bei Stieren geübt; sie sollen den (zweifelhaften) Vorteil gewähren, dass keine Wunde notwendig wird, der Erfolg ist aber nie sicher, da keine Garantie dafür geboten wird, dass nachher alle Teile völlig zur Atrophie gelangen. Der unverletzte Hodensack füllt sich nach der teil­weisen Resorption der Testikel bei Masttieren mit Fett, was von den Fleischern als „Griffquot; bezeichnet wird. Bei uns sind beide Kastrationsarten niemals im Ge­brauch gewesen, in andern Ländern der Quälerei wegen polizeilich verboten.
3.nbsp; Brennen mit Durchstechen der Hoden. Eine glühende Nadel wurde wiederholt durch die Hoden gestochen und dadurch eine degenerative Entzündung vcranlasst, wobei jedoch statt der beabsich­tigten Resorption häufige Eiterung und Fistelbildung nachfolgte. Das Verfahren ist längst nicht mehr üblich.
4.nbsp; Bistournage. Das Umdrehen des Samenstranges und des Hodens im intakt bleibenden Skrotum ist in einem grossen Teile Frank­reichs die gebräuchlichste Kastrationsmethode bei Stieren, welche ebenso einfach als ungefährlich sein soll.
ocr page 517
XLV. Kastration männlicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 499
Der Operateur stellt sich dabei hinter das nur am Kopfe befestigte Tier und lockert durch starkes Hinauf- und Ilinabschieben der Hoden die Skrotalbäutc; hierauf drängt er, um Raum zu gewinnen, vorerst den einen Hoden gegen den Leistenring hinauf und bearbeitet den andern mit den Händen so, dass der Kopf desselben nach unten umgewälzt wird und der grosse Bogen des Testikels nach hinten zu liegen kommt. Hierauf wird der Samenstrang 2—4mal um den umgewendeten Hoden gedreht, wodurch sich dieser nach aufwärts windet und samt dem andern ebenso behandelten, gegen den Bauchring angedrückt wird; das leere Skrotum wird dann abgeschnürt, um das Zurückdrehen des Samenstrangs zu verhindern. Das Ligaturband wird nach 1—2 Tagen entfernt.
Die Bistournage erheischt eine gewisse Fertigkeit und ist schwierig, wenn der Hoden lang und kurz aufgehängt ist, sie eignet sicli daher mehr für kleinere Wiederkäuer und scheint bei älteren Schaf- und Ziegenböcken am wenigsten ge­fährlich zu sein. Ältere Farren können in dieser Weise nicht kastriert werden. Die Scheidenhaut muss von der Dartos losgerissen werden, denn der Hoden wird dabei immer von ersterer begleitet und das Umstülpen findet nicht, wie man glauben könnte, innerhalb der allgemeinen Scheidenhaut statt.
5. Subkutane Unterbindung des Samenstrangs. Eine auf verschiedene Weise, d. h. bald unter der Haut, bald unter der Tunica vaginalis durchgeführte Ligatur soll durch Unterbrechung der Blut­zirkulation in der inneren Samenarterie den Hoden zur Atrophie zwingen.
Die Operation ist sehr einfach und kann namentlich bei grossen Bullen in Anwendung kommen. Zu diesem Zwecke wird der hintere Fuss der zu operierenden Seite mittels einer Spannleine nach vorne gezogen, während der Operateur hinter das Tier niederkniet. Der Hoden wird nun fest gel'asst und durch Spannung des Samenstrangs dieser auf den gestreckten linken Zeigefinger gelegt, worauf eine mit Seide eingefädelte Wundnadel am vorderen Bande des Samenstranges zwischen demselben und der Innern Wand der allgemeinen Scheidewand einge­stochen wird. Die Nadel wird so weit geführt, dass der Gefässteil des Samenstrangs überschritten, dann nach aussen durchgestossen und durch die gleiche Öffnung, diesmal an der äusseren Seite des Samenstrangs, durch die erste Einstichsöft'nung herausgenommen wird. Die Ligatur muss jetzt angezogen und dann geknüpft werden.
Das von Serres angegebene Verfahren, wonach die Kadel nur einmal durch eine einzige Ein- und Ausstichöttnung geführt wird, lässt sich, wie Berdez ganz richtig angibt, trotz der wiederholten Erwähnung in der tierärztlichen Litteratur, nicht ausführen, ohne dass die krumme Wumlnadel vollständig eingestochen und dann subkutan weitergeführt wird, was gegenüber dem erzielten unbedeutenden Vorteile, nur eine Stichöfi'nung zu erzeugen, zu schwierig und gefährlich erscheint. Eine Modifikation Martini's, dahin gehend, mittelst zweier Nadeln den ganzen Samenstrang in die Ligatur zu nehmen, ist nicht nachahmungswürdig, weil sie den Samenleiterteil ganz unnötig hereinnimmt und grosse Schmerzen bereitet; ebenso läuft die Methode Dentler, den Samenstrang mit einem schmalen Fistelmesser subkutan abzuschneiden, den heutigen Grundsätzen der Chirurgie schnur­stracks entgegen, ist daher ebenfalls nicht empfehlenswert.
Die Vorteile der subkutanen Unterbindung sollen hauptsächlich in der Vermeidung einer grösseren Hodensackwunde bestehen, sind also nicht erheblich und werden dadurch aufgewogen, dass die Ligatur oft
#9632;
ocr page 518
500 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
lange forteitert und schliesslich Contraöffnungcn notwendig macht; im übrigen ist die Methode leicht ausführbar und einfach, empfiehlt sich aber nur für Kälber, Lämmer und Bocke.
Die Kastration mit Eiitt'eriiung der Hoden hat zwei Varietäten, entweder wird der Ilodensack geöffnet oder nicht; zu der letzteren Abteilung gehört nur das Abbinden und Verkluppen des Skrotnms.
(1. Die skrotale Ligatur wird häutig ausgeführt, da jedoch viel Masse in die Kastrierschlinge kommt, kann sie nur bei Widdern, Ziegen­böcken und jungen Bullen Anwendung finden; sie soll tauch, weil eine Verwundung nicht stattfindet, am meisten Gewähr gegen Starrkrampf bieten und ist so einfach, dass sie häutig von den Landwirten selbst unternommen wird, denn weder Instrumente noch anatomische Kennt­nisse sind notwendig.
Die Kastrierschnur (Figur 285), welche des Einschneidens wegen nicht zu dünn, d. h. nicht über 2—3 mm dick sein darf, wird über den Hals des Hodensackes angelegt und nachdem zwei Holzknebel oder
Schlüssel an die Enden geknüpft wurden, stark angezogen und geknotet; Haupt­bedingung ist möglichst starkes Zusam­menschnüren der Schlinge, um keine Eesorption von Jauche von den brandig absterbenden Teilen aus aufkommen zu lassen, mit dem Vorschreiten der Nekrose sinkt aber die Schnur ein, jede Hanf­ligatur muss daher täglich erneuert und Fl8- 285-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; über die alte nachgezogen werden, bis
Kastrierschlinge.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;entweder der Hodensack samt Hoden
abfällt oder ohne Gefahr der Blutung
vollends abgeschnitten werden kann.
Um diesen Übelstand zu vermeiden, wendet man gegenwärtig nur
mehr die elastische Ligatur an, welche nie locker wird,, wenn hiezu
Kautschukfäden von 2—2l/2mni Dicke verwendet werden (s. S. 101).
7. Verkluppen des Hodensackes. Es wird manchmal bei älteren
Earren und Zuchtböcken angewendet und soll den Vorteil bieten, dass
die Kompression nach Bedarf verstärkt werden kann, was bei grösserer
Masse absolut notwendig ist.
Eine starke, gewöhnlich eiserne Kluppe mit Charnier an dem einen Ende und einer Schraube am andern, oder einer Schraube an beiden Enden wird der Länge nach am obern engeren Teile des Skrotnms angelegt und fest zugeschraubt. Der untere Teil schwillt wie bei dem Abbinden an, wird blau und schwarz, kalt, unempfindlich und stirbt nach kürzerer oder längerer Zeit ab, was durch zeitweise festeres Schrauben beschleunigt werden kann. Die Kluppen brauchen meist 14 Tage, bis sie von selbst abfallen, bei kleinen Wiederkäuern kann jedoch der Hodensack schon nach 3—4 Tagen entfernt werden. Zu bemerken ist, dass die Klemmfläche der Kluppen nicht zu breit sein darf, da sonst die Ertötung der Weichteile sehr mangelhaft wäre.
ocr page 519
XLV. Kastration mänulidier Tiere.
501
Beide Methoden, die Unterbindung des Hodensacks mit Schnüren odor mit Kluppen fehlen darin, dass sie einen zu grossen Teil dos Kkrotums entfernen (was nicht erforderlich ist), dass sie unnötige Schmerzen verursachen und ein ekelhaftes Abfaulen der eingeschnürten Partie zur Folge haben. Um beiden Ubelständen ab­zuhelfen, hat man vorgeschlagen, die am moisten Schmerzen erzeugende Haut erst zirkulär einzuschneiden und dann die Schlinge oder Kluppe anzulegen, welche in diesem Falle auf den noch von der Scheidenhaut bedeckten Samenstrang zu liegen käme.
8. Das Abreissen der Hoden, Kappen, ist eine der ältesten Methoden, wird besonders hei Kälbern und Lämmern angewendet und ist über ganz Europa verbreitet.
Das zu kastrierende Tier wird dem sitzenden Operateur von einem (stellenden) Gehilfen von der Bauchseite präsentiert. Erstem' fasst dann das ilusserste Ende des Skrotalsaekes, drängt die beiden Hoden zurück und schneidet von der untersten Ilodensackspitze mittels eines Messers je einen Zipfel (Kappe) quer ab. Die von der allgemeinen Scheidenhaut bedeckten Hoden springen nun hervor, werden mit den Zähnen gefasst und abgerissen, wobei die Samenstranggelasse stark in die Länge gezogen werden, bis sie au derjenigen Stelle brechen, wo man die Einger fest an den Samenstrang angedrückt hatte.
Die Methode ist sehr beliebt und wird besonders von Schäfern ausgeführt, hat aber auch ihre Schattenseiten. Bei einiger Unvorsichtigkeit roisst die Samen­arterie vorzeitig ah oder schnellt der blutende Samenstrangstumpf in die Bauch­höhle hinauf und verursacht Entzündung, welche nicht selten letal ist; auch gibt diese Methode offenbar häufige Veranlassung zum Bauclifellbruchc des Ochsen.
!). Das Abschaben des Samenstranges ist eine bei allen jungen (einige Monate alten) Haustieren, insbesondere Kälbern, Lämmern und Ferkeln allenvärts beliebte Kastrationsmethode, welche sich durch ihre grosso Einfachheit auszeichnet.
Tritt der Hoden nach Eröffnung seiner skrotalen Hülle frei zu Tage, so nimmt man ihn in die linke Hand, legt den Samenstrang auf den Zeigefinger derselben und schabt mit einem wonig scharfen Bande eines beinahe senkrecht zu dem angespannten Samenstrang gestellten Messers den Gefässteil schichtenweise durch. worauf die seröse Dupli-katur mit dem Samenleiter einfach durchschnitten wird. Das Messer schabt dabei von unten nach oben, die Sedmeide darf aber nicht auf­drücken und das Instrument nicht gezogen werden; es reissen dabei zuerst die beiden Innern Häute der Gelasse, um sich in des Lumen des Rohres zurückzuziehen, eine Blutung wird daher vermieden, da jedoch auch die Adventitia mehr oder weniger stark zertrümmert wird, ist man gegen erstere nicht in der Welse gesichert, wie z. 15. durch das Ab­binden, das Bluten ist aber sehr gering und wird weiter nicht beachtet. Zuletzt streicht man etwas Fett auf den Stumpf und schiebt ihn hinter die Skrotalhäute zurück. In einer halben Minute ist alles geschehen.
10. Einfaches quot;Wegschneiden der Hoden oberhalb des ent-blössten Nebenhodens (quer über den Samenstrang) wäre die einfachste Methode, das Zeuglingsvermögen sicher zu vernichten, wenn nicht die Blutung gescheut würde, welche jedoch vielfachen Versuchen zufolge nicht tötlich, meistens sogar nicht einmal gefährlich ist. Dieses Ab-
ocr page 520
502 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
schneiden ist In manchen Gegenden sehr ühlich, jedoch nur bei 4—6 Wochen alten Ferkeln.
11.nbsp; Durchbrennen des Samenstranges. Nachdem der Hoden entblösst ist, fasst man den Samenstrang einige Centimeter über dem Nebenhoden in eine eiserne Klammer, zieht den Hoden etwas an und brennt dicht oberhalb des Nebenhodens und fingerbreit unter der Klammer mit dem rotglühenden messerl'örmigen Eisen in langsamen Zügen durch. Die Klammer muss dabei stets gegen den Bauchring gehalten werden, das Wie wird welter unten beim Abdrehen näher angegeben werden; nach dem Durchbrennen wird erstere vorsichtig gelüftet und entfernt, sollte jedoch eine Blutung nachfolgen, so muss die Zange höher gelegt und noch einmal gebrannt werden.
Diese Methode wurde früher mehr geübt, als jetzt, besonders bei älteren Hengsten und bei Farren mit dicken Samensträngen. Sie ist durchweg zu empfehlen und wird von den betreffenden Praktikern über­einstimmend gerühmt. Das Brennen hat den Vorteil, dass nachher kein fremder Körper zurückbleibt und man wegen der aseptischen Fläche des Samenstrangstumpfes keine üble Folgen zu befürchten hat, nur die Anschwellung ist hie und da bedeutender.
Hering machte besonders dann von dem Durchbrennen Gebrauch, wenn er glaxibte, Hengste werden sich das Kluppenabnehmen nicht gefallen lassen; er Hess einen Streifen des Gefässteils vom Samenstrang zurück und brannte diesen mit der Seitenfläche des Glüheisens, ebenso Hess er den Samenstrang, um mehr Masse dem letzteren zu bieten, vorher einigemal um seine Achse drehen.
Vogel kastrierte Stiere in Russland nach der dort üblichen Methode, welche darin besteht, dass der uneröft'nete Hodensack mit einer starken eisernen Klammer zugeklemmt wird, bis Nekrose eingetreten ist, worauf dann unter der Zange durch­gebrannt wird. Die Kastrationsweise passt besonders, wenn man die Tiere nicht mehr zu Gesicht bekommt; von üblen Folgen ist nichts bekannt.
12.nbsp; Kastration durch Abdrehen. Dieselbe ist eine der ältesten
Methoden und ist auch gegenwärtig noch ausserordentlich häufig im Gebrauch und zwar bei allen Haustieren in jedem Alter, bei Pferden sogar im Stehen — ein Beweis, dass das Verfahren sich allerwärts praktisch erprobt hat.
Die Blutstillung geschieht hier durch Torsion der Gefässe des entblössten Samenstrangs und wird zu diesem Behufe die linke Hand einige Centimeter oberhalb des Nebenhodens fest (namentlich mit dem Daumennagel) angelegt, während die rechte Hand den Hoden umfasst und so lange herumdreht, bis er abbricht; um dieses Abdrehen zu be­schleunigen, wird erst das Nebenbodcnband nebst dem Samenleiterteil des Samenstrangs durchgeschnitten.
Bei grösseren Tieren ist die Hand zu schwach, der Samenstrang könnte sich daher über diese hinaus nach oben ebenfalls zudrehen, man benützt daher eine der hier abgebildeten Zangen, von denen die TögTsche von den deutschen Tierärzten am meisten gebraucht wird.
Nachdem das Tier seitwärts oder auf den Rücken gelegt wurde, verfährt man in derselben Weise wie oben, legt jedoch den Samenstrang 2—3 cm über dem Nebenhoden in die Zange und lässt diese nicht blos
ocr page 521
XLV. Kastration männlicher Tiere.
503
so fest als möglich zudrücken, sondem zugleich gegen den liauchring drücken, um bei unvermuteten Bewegungen des Tieres ja keine Samen-strangzerrung aufkommen zu lassen, der Gehilfe muss also zuverlässig sein und das Instrument namentlich auch ruhig halten.
Das Drehen des Hodens bei Pferden und Rindern geschieht, indem man mit beiden Händen abwechselt und dabei die Vorsicht ge­braucht, an dem Hoden nicht zu ziehen, um kein vorzeitiges Abreissen zu veranlassen, dagegen empfiehlt es sich, den Strang etwas zu strecken, nachdem er fest zugeschnürt ist, indem man die Zange leicht auseinander hält; diese Manipulation erleichtert nicht nur die Ruptur, sondern auch das prompte Zurückziehen der Media und Intima der Gefässe und damit auch eine rasche Obliteration.
Fig. 28(1. Englische Zange.
Fig. 287. Altere deutsche Zange.
Fig. 288. Tögl'sche Zange.
Nach der Trennung wird die Zange langsam und vorsichtig gcöft'net; stellt sich eine Blutung ein, kann man sie entweder (weil ungefährlich) sich selbst überlassen oder den Samenstrang weiter oben fassen und die Operation wiederholen, jedoch langsamer ausführen. Andere unter­binden den Stumpf, man begibt sich aber dadurch des Hauptvorteils der Methode, dass nämlich kein fremder Körper in der 'Wunde zurückbleibt.
Bei dieser Art Torsion kommt sehr viel auf die Übung des Technikers an. Wird die Zange sehr nahe am Nehenhoden angelegt, so bricht der Strang zu hald ab und es blutet nach, oder aber es bleibt ein zu langer Stumpf zurück, der gerne nachher prolabiert, -ffährend ein zu kurzer Samenstrangrest leicht in die
ocr page 522
504 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar,
Baucbbüblc liinaufsclilüpft und dort blutet, später anwachst und zu llernien Ver­anlassung geben kann.
Als besonders nachteilig ist zu bezeichnen, wenn das Maul der Zange zu kurz ist oder nicht fest genug quetscht, wie z.B. das Tögl'sche Instrument, wenn dessen Anno sich an der inneren KlommMche berühren, es nuisseu daher letztere stets etwa 1 mm voneinander abstehen; ebenso dürfen die Känder der Branchen nicht scharf sein, denn sie quetschen dann zu stark und der Strang bricht vor­zeitig. Noch schliminer ware, wenn hei lockerem Zangenschluss der Samenstrang auch hinter dem Instrument gedreht würde.
Das Abquetschen des Sainenstrangs mit dem Ecraseur ist ebenfalls vielfach versucht worden, die Resultate sind aber so wenig zufriedenstellend ausgefallen, dass letzterer als Kastrationsinstniment für Pferde und Binder ganz aufgegeben werden nuisste.
IP). Die Unterbindung des Samenstrangs mit einer Schnur bietet der Vorteile sehr viele, denn sie ist sehr einfach, leicht auszu­führen und erfordert weder Instrumente noch eine Nachbehandlung, viele Tierärzte bedienen sich daher dieser Methode, welche zugleich auch die grösste Sicherheit vor Blutungen bietet; sie hat indessen auch Nachteile, so dass gerade die vielbeschäftigsten Operateure sie wieder aufzugeben sich veranlasst gesehen haben.
Die Operation wird am liegenden Tiere vorgenommen und nach zurückgestreifter Scheidenhaut und dem Abschneiden des Nebenhoden­bandes (um den Samenstrang zugänglicher zu machen) eine starke gewichste Schnur um letzteren gelegt und zugeschnürt. Nachher wird ein Fingerbreit unterhalb der Ligatur der Samenstrang abgeschnitten, worauf sich der Stumpf in die Scheidenhaut zurückzieht.
Strenggenommen braucht man nur den Gefässteil zu unterbinden, man lässt daher besser den Samenleiterteil ganz aussei- Spiel und zieht die Schnur durch ein Loch im hinteren Septum.
Aber auch hier werden Nerven in die Ligatur genommen und schreibt man diesem Umstände das nicht seltene Yorkonnnen von Starr­krampf zu, man wollte daher blos die vordere Gefässpartie unterbinden, was sich jedoch als eine Verbesserung nicht erwiesen hat, da die Nerven im Samenstrang ein förmliches Geflecht bilden und somit selbst die blosse Unterbindung der Samenarterie (durch Umstechen derselben mit einer gekrümmten Wundnadel) nicht viel bessere Resultate gibt. Ziegen­böcke ertragen die Methode am wenigsten und bei den grosseren Haus­tieren bekommt man eine zu grosso Masse in das Ligaturpacket, das Verfahren eignet sich daher höchstens zum Kastrieren der kleineren Haustiere und hat sich bei Hunden und Katern auch ganz wohl bewährt. Beim Menschen geschieht die Exstirpation des Hodens jetzt allgemein durch isoliertes Unterbinden der Samenstranggefässe.
Die Biirchner'sche Modifikation, die Schnur erst in lOprozentiges Sublimatkollodium zu legen und dann trocknen zu lassen, um das Ab­sterben der Teile zu begünstigen, hat wenig Anklang gefunden und gilt dasselbe von andern ähnlichen Abänderungen.
Um das zu frühe Vorschliesscn der skrotalen Wunde zu verhüten, ist es zweckmiissig, nach der Unterbindung etwas reines Fett oder ein Karbolsälhchen einzustreichen, im andern Falle könnte es kommen, dass die frühzeitig verklebte
ocr page 523
XLV. Kastration männlicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;505
Wunde mit dem Finger wieder geött'net werden müsste, um dem an der Ligatinstelle sich bildenden Eiter Ausfluss zu verschatlcn und llodensackabszesse zu vermeiden. Elastische Ligatur. Au Stolle der Unterbindung durch eine Schnur die durch Kautschuk zu setzen, hat die giossen HolVnungon arg getäuscht, welche allseitig in diese Ligatur gesetzt worden sind und was die Umschinirung des ganzen Ilodcnsackos mit Kautschuk betrifft, so hat sich diese nur bei jungen Tieren als brauchbar erwiesen, ältere verfallen hie und da in Starrkrampf. Man nimmt am besten Pfriemen (oderRiihrchen) von nicht unter 2,5—:i min Dicke und müssen sich dieselben um das 4—5fache ausdehnen lassen, ohne dabei zu bersten.
14. Kastration mit Kluppen. Das Kastrieren mit Kluppen (Verkluppen, Unterbindung mit Holz) wird gegenwärtig, was Pferde be­trifft, ziemlicii allgemein als die zweckmässigste Methode anerkannt, wenigstens ist sie in Europa weitaus die verbreitetste und wird in Deutschland, Frankreich, England und Italien auch für iiltere Farren vorgezogen.
Der Hauptuutzen der Kluppen bestellt ohne Zweifel darin, dass die Kompression auf einer breiten Fläche geschieht, somit der Druck ein weit gleichmässigerer und schnellerer ist, als bei der Unterbindung mit Hanf und ist offenbar diesem Umstände auch zuzuschreiben, dass fast gar keine üble Zufälle nachfolgen.
Der Nachteil besteht darin, dass durch die Kluppen der Samen­strang mehr herabgezogen und bei geöffneter Vaginalhaut einige Zeit der Luft ausgesetzt ist, wodurch Neigung zu Verhärtungen, Fisteln und Champignons'cntstehen soll. Obwohl nun letzteres keinesfalls bewiesen ist, steht doch fest, dass die Kluppen auch durch ihre eigene Schwere wirken, indessen lässt, sich dieser Umstand durch entsprechende Holzkluppen erfahnmgsgeiniiss völlig vermeiden und wird auch aus diesem Grunde von den schweren eisernen Kluppen jetzt gar kein Gebrauch mehr gemacht.
Hienach bleibt als einzige Schattenseite nur die Unbequemlich­keit übrig, die ohne Frage darin besteht, dass der Operateur einen zweiten Besuch zur Abnahme der Kluppen zu machen hat, was für die Landpraxis zeitraubend ist. Die Gewohnheit, die Entfernung der Kluppen dem Eigentümer zu überlassen, lässt sich nicht rechtfertigen.
Im übrigen kann keine Kastrationsmetliodc alle Vorteile in sich vereinigen, schon aus dem Grunde nicht, weil zuviel von der persönlichen Erfahrung, Geschick­lichkeit und Routine des Operateurs abhängt.
Das Abdrehen macht der Kluppenmethodo noch am meisten Konkurrenz und liefert ebenfalls vortreffliche Resultate, ehe es aber allgemein an die Stelle des Ver-kluppons gesetzt werden kann, müssen noch weit reichere Erfahrungen vorliegen und erst dann wird es sich herausstellen, ob das Abdrehen als ein dem Kastrieren mit Kluppen ebenbürtiges Verfahren angesehen werden kann. Das Unterbinden wäre weitaus die einfachste Methode und hat sich auch bei Fohlen und den klei­neren Haustieren in der ersten Jugendzeit gut bewährt, indessen fehlt auch hier noch die fortgesetzte Erfahrung.
Bei der Ausführung der Kluppenmethode gibt es mehrere Modifi­kationen, von denen die bedeutendste darin besteht, dass die Kluppen entweder auf den blosgelegten Samenstrang angelegt werden (ä testicule decouvert) oder auf die ungeöffnete Scheiden haut (ä testicule convert).
ocr page 524
1
SOG Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Letzteres Verfahren ist in Frankreich vielfach üblich und wird wegen der Vermeidung einer Zerrung des Samenstrangs (da die allge­meine Scheideuhaut die Kluppen trägt) und Verhinderung des Luft­zutritts dem andern vorgezogen; die Luft übt übrigens einen nachweis­baren Nachteil nicht aus, auch können Zerrungen des Samenstranges ganz gut auch bei der offenen Methode verhütet werden, das Kastrieren bei bedecktem Hoden hat sich daher bei uns nie einbürgern können, abgesehen davon, dass man hiebei nie ganz sicher ist, ob nicht ein leeres Eingeweide sich unter der Scheidenhaut versteckt hat.
Lagerung des Kastranten. Die Exstirpation der Hoden und das Anlegen der Kluppen kann bei Pferden und Rindern auch im Stehen des Tieres aus­geführt werden, es braucht nur ein Vorderfuss aufgehoben zu werden, es ist jedoch dieses Verfahren trotz aller angeblichen Vorteile nicht zu empfehlen, da ungün­stige Ereignisse bei der unsicliern Stellung häutig die Folge sind.
Die gewöhnliche Befestigungsweisc des niedergelegten Pferdes besteht darin, dass zunächst der rechte Hinterfuss über dem Fessel mit einer Spannleine (Plate-longe) versehen wird; diese wird über die uusserc Fläche der Schulter bis zum Kammrande, von dort unter dem Hals, dann über die Vorderhrigt;st unter dem rechten Unterschenkel (hinter der Achillessehne) an die äussere Schenkelfläche geführt und das Ende einem hinter dem Rücken des Tieres niederknieenden Gehilfen übergeben. Hierauf wird der so befestigte Hinterfuss aus dem Fesselriemen gezogen und unter Ziehen der Plate-longe bis in die Höhe des Buggelenks (bei älteren Tieren etwas weniger hoch) gebracht. Das Ende derselben wird dann zwischen ihr und dem obern Teil des Schienbeins durchgezogen und das Schienbein und der Fessel mit einigen Touren umwickelt. Durch eine solche Lagerung wird die Leistengegend des Pferdes möglichst abgedeckt und kann die Operation mit vollkommenster Sicherheit ausgeführt werden (Berdez).
Eine andere Lagerungsmethode hat Hering angegeben, bei welcher der rechte Hinterfuss mittelst des Seiles an einem mit einem Ring versehenen Gurt festgehalten wird; ein Geliilfe stellt sich quer über das Pferd, indem er das Ge­sicht nach rückwärts wendet und seinen linken Fuss zwischen den Bauch und den rechten Hinterfuss des Pferdes stellt, welch letzteren er über und unter dem Sprung­gelenk festhält, so dass dadurch die Schenkel etwas auseinander gezogen und zu­gleich das heftige Stossen nach rückwärts verhindert wird. Das Weitere, namentlich um Unglücksfälle zu vermeiden, ist schon bei dem Niederwerfen (S. 49 ff.) ange­geben worden.
Die Kluppen. Es stehen mehrere Arten von Holz-Kluppen im Gebrauch, es sollen jedoch hier nur die praktisch bewährten aufgeführt werden.
Es sind 2 habeylindrische Hölzer von 15 cm Länge, welche aus Buchs-, Eschen- oder quot;Weissbuchenholz, noch besser aus Birkenholz in der Art gedreht werden, dass wenn beide genau aufeinander passende Hälften zusammengelegt werden, die Kluppe einen kreisrunden Quer­schnitt von 3 bis höchstens 3,5 cm Durchmesser darstellt. Die auf den bedeckten Samenstrang angelegten Kluppen und die für grösserc Pferde dienenden haben eine Länge von 18 cm.
Die innere Klemmfläche ist glatt und fasst auf der ebenen Fläche den Samenstrang so gleicbmässig, dass er schon in wenigen Stunden vollständig ertötet ist; verfehlt wäre es, wenn die Kanten eine stärkere Kompression ausübten, als die mittlere Fläche, man unterlässt daher jedes Anbringen von Vertiefungen, um etwa ein Ätzmittel einzulegen; wenn von einem solchen Gebrauch gemacht werden will.
ocr page 525
XLV. Kastration männlicher Tiere.
507
so trägt man es zwoxkinilssiger mit arabischem Gummi auf und lässt den dünnen Überzug (Kupfervitriol, rother Präzipitat oder Sublimat) erst trocknen, um den Samenstrang damit nicht zu verschmieren.
Streng genommen ist ein solches Kastriorjiulver enthehrlich, denn eine regelrecht angelegte Kluppe wirkt durch Kompression völlig sicher, indessen voll­endet es das Absterben des Samenstranges für den Fall, dass die Kluppen etwas nachgeben sollten, was bei Schnüren durch die Feuchtigkeit oder Dehnung wohl vorkommen kann, diejenigen Techniker aber, welche gut passende Kluppen mit einer Zange oder noch besser Kluppenschraube anzulegen gewöhnt sind, bedürfen erfahrungsgemäss eines Atzmittels nicht.
Fig. 289.
Fig. 200. (Va Grosse.^
Fig. 291.
Etwas von beiden Enden entfernt, befindet sich an der Kluppe je eine ringförmige Kinne zur Aufnahme der Kastrierschlinge und kann sehr zweckmiissig behufs leichteren Durchschneidens der letzteren bei der Kluppenabnahme ein Einschnitt (Figur 290 a) augebracht werden. Die Ligatur geschieht mit starken, aber nicht zu dicken Schnüren, von denen die eine schon vor der Operation angebracht wird, so dass man diese einseitig gebundene Kluppe nur über den Samenstrang (von vorne nach hinten) hineinzuschieben braucht, um nachher auch die zweite chirur­gische Schlinge (Kastrierschlinge Seite 500) anzulegen, es kann jedoch hiebei durch das Aufsperren der Kluppe die schon anliegende Schlinge gelockert werden.
Bei der Auswahl der Kluppen, welche meist geradlinig, selten gekrümmt sind (Figur 290, um höher hinauf am Samenstrang zu wirken, wie bei Skrotalhernien), muss die Grosse des Tieres resp. die Stärke des Samenstrangs In Berücksichtigung kommen, damit einesteils der
ocr page 526
508 Zweite Ilaupt-Abtoilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
gehörige Grad dor Kompression ausgeübt werden kann, andernteils aber auch die Tiere durch zu schwere Kluppen nicht belästigt werden.
Man hat auch Kluppen mit einem Charniere, wobei ein eisernes Gelenk die beiden Hölzer an dem einen Ende verbindet (Figur 291), wodurch man eine Schlinge ersparen will; indessen haben die Charniere zu viel Pression auszuhalten und werden durch Ätzmittel, Host u. dergl. bald angegriffen, so dass sie niemals die nötige Sicherheit bieten.
Fig. 292. Schraubenkluppe,
Fig. 293.
Fig. 294.
Andere Kluppen sollen beide Kastrierschnüre entbehrlich machen, wie die Schraiibenlduppe, die an dem einen Ende ein Charnier, an dem andern eine Schraube besitzt (Figur 292). Die Kluppe von Bouillard ist aus 2 ilachen Holz­stücken zusammengesetzt, welche sich durch ihre mit Hohlrinne versehenen Kanten berühren; das vordere Ende ist charnicrartig mit Draht befestigt (!), das andere Ende wird gebunden. Die Kluppe von quot;Werner, an dem einen Ende ebenfalls mit einem Charnier (von Messing) versehen, an dem andern mit einer Schraube, besitzt auf der einen Kluppenhälfte eine in das Holz eingelassene Spiralfeder, wodurch sie sich beim Abnehmen von selbst öffnet.
In England werden Kluppen verwendet, welche von Rueff auch bei uns eingeführt wurden und sich sehr brauchbar erwiesen haben, namentlich wird sowohl das Anlegen als Abnehmen wesentlich erleichtert. Das eine untere Ende (Figur 294) braucht nur in den vorstehenden Metallring eingeschoben zu werden, während das andere ebenfalls mit
ocr page 527
XLV. Kastration männlicher Tiero.
50!)
einem Ring geschlossen wird, welcher an einer Sclmur htlngt und kurz­weg über die beiden koniscii auslaufenden Kluppenhälften gestreift und eingezwängt wird (Figur 2!)3); der grosse Druck, dem die Kluppe durch den eingeklemmten Samenstrang ausgesetzt ist, gibt diesem Ringe den nötigen Halt und wird dieser noch dadurch erhöht, dass der Ring an seiner inneren Flüche kantig ist und in Querrinnen des Konus eingreift, um nicht zurückgleiten zu können.
Mit diesen Kluppen hat Vogel über 2o0 Hengste ohne jeden Unfall kastriert, die Sicherheit kann daher wohl als eine absolute gelten; die innere Klemnilläche ist durchaus glatt gehalten und komprimiert so zuverlässig, dass Atzmittel ganz überflüssig werden. Nur einmal hatte sich der eingestroifte King 1 Stunde nach der Operation losgemacht, so dass die Kluppe auf dieser Seite herahhing; dabei
Fig. 205. Kluppenzango.
Fig. 296. Kluppenscbraube.
zeigte sich, dass der Samenstrang schon in dieser kurzen Zeit völlig erstorben war und deswegen auch nicht blutete, es wurden aber von jetzt ab nur Ringe mit scharfer Innenkante angewendet und zugleich für mehr ängstliche Tierärzte eine zweite Kluppe (Figur 294) konstruiert, die an dem konischen Ende gebunden werden kann, also nur den feststehenden Hing trägt. Diese beiden Kluppenformcu werden gegen­wärtig sehr häufig in Süddeutschland in Gebrauch genommen.
Da die Holzkluppen durch den öfteren Gebrauch sowohl als durch das Einlegen in Karbolwasser sich verbiegen und dann nicht mehr glelchmftssig komprimieren, werden beide Hälften nach Berdez vor dem Kochen, das 10 Minuten zu geschehen hat, sehr zweckmiissig durch 3 mm dicke Ilolzplättchen an beiden Enden auseinander gehalten und in der Mitte fest zusammengebunden, wodurch sie sich wieder
ocr page 528
510 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
gerade strecken. Vor dem Gebrauch werden die gekochten Kluppen abgewaschen und mit Karbol- oder Sublimatwasser desinfiziert.
Kluppenzangen. Kluppenschrauben. Nachdem es beim An­legen jeder Kluppe Hauptbedingung ist, dass der Samenstrang so fest als nur möglich zusammengedrückt wird, die chirurgische Schlinge aber hiezu nicht ausreicht, bedarf man einer besonderen Kluppenzange, mit welcher der Operateur das offene Kluppeuende solange komprimiert, bis der Gehilfe die Schlinge gebunden hat; hiezu genügt eine gewöhn­liche Feuerzange der Schmiede, bequemer ist die Kastrierzange (Fig. 205) mit abgerundetem (innen leicht gezähneltem) Maul und noch wirksamer ist die Kluppen schraube (Fig. 296), wie sie von Ob ich vorgeschlagen wurde, um zugleich einen Gehilfen zu ersparen und die Kluppen schon nach wenigen Stunden (4—(i) abnehmen zu können.
Die mit einem starken Qucrgrift' versehene Kluppenschraiibe ist flach­laufig, zweigiingig, 12 mm im Durchmesser stark und mit dem einen Ende in einen Bogen eingefügt, dessen beide abgesetzte Seiten genau in die Fenster der beiden Sei ten spangen passen, um hier auf- und abgleiten zu können. Eine neuere Modifikation erleichtert letzteres wesentlich dadurch, dass eine der Seitenspangen ganz wegfällt.
Der Kluppenöffner stammt vonBettinger und Sclunid und soll das Ab­nehmen erleichtern, indem er zugleich die Schnur durchschneidet; das Instrument hat gekreuzte Doppelhebel und wird der eine Hebel durch die scharfe Klinge, lt;ler zweite durch die Gabel gebildet, in welche die Kluppe gelegt wird. Das Instrument ist unnötig und kann durch jedes spitzige und scharfe Messer ersetzt #9632;werden.
Das Anlegen der Kluppen. Wenn das Pferd in die gewünschte Lage gebracht ist, kniet der Operateur etwas rechts an den Hinter­backen des Tieres, reinigt den Hodensack mit einem nur feuchten Schwamm (Abwaschen erzeugt Kontraktion der Dartos und Zurückziehen der Hoden in den Inguinalkanal) und greift den Hodensack durch, ob keine pathologischen Zustände vorhanden, welche den Operationsmodus abändern könnten.
Das Erfassen des Hodens geschieht mit der linken Hand, die man dicht am Schlauch von vorne nach hinten schiebt, so dass der Samen­strang in die Lücke zwischen Daumen und Zeigefinger zu liegen kommt; dann spannt man den Hodensack möglichst fest an und schneidet die allgemeine Decke samt der Dartos parallel mit der Eaphe (am untern Hoden) durch und zwar vom vordem bis zum hintern Ende desselben. Die klaffende Wunde lässt durch das vorliegende lockere Bindegewebe jetzt die allgemeine Scheidenhaut durchblicken, die meist im Zellgewebe etwas angeschnitten werden inuss, um die Wundränder gegen den Bauch­ring zurückschieben zu können, worauf der äussere Kremaster zum Vorschein kommt. Nun schiebt man bei der Kastration a testicule convert die an einem Ende zugebundene in Form eines V geöffnete Kluppe von vorne nach hinten über die allgemeine Scheidenhaut und den Hodenmuskel so hoch als thunlich vor, schliesst sie mit der Zange und knüpft die Schnur. Die Hoden werden dann entweder bis zum spontanen Abfallen (nach 10—20 Tagen) hängen gelassen oder
ocr page 529
XLV. Kastration männlicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 511
iiJ (wie häufiger) alsbald weggeschnitten und die Kluppen nach 3—i Tagen entfernt.
Bei der Kastration mit unbedeckten T es tike In trifft der Skrotalsclinitt alle drei Haute wenn möglich zugleich, so dass der Hoden frei zu Tage tritt, etwas klares Serum nachtliesst und die Wundenbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;l'11
reichlich gross ausfüllt, um nicht zu frühe zu verkleben. Der so abgedeckte Nebenhoden hängt durch straffes Bindegewebe mit der allgemeinen Scheidenhaut zusammen und wird von manchen Praktikern durchgeschnitten, wodurch allerdings der innere Hodenmuskel aussei' Thätigkeit gesetzt wird und der Samenstrang ohne grosse Mühe weit herausgezogen werden kann, es ist dies aber nicht blos unnötig, sondern auch der Erschlaffung wegen nachteilig. Hierauf wird die Kluppe ganz so, wie oben schon beschrieben, über den nackten, der Fläche nach gleichmässig ausgebreiteten Samenstrang angelegt, gebunden oder mit dem Eing geschlossen und zuletzt der Hoden 1—2 cm weit unter der Kluppe quer abgeschnitten. Viele Praktiker zwicken jetzt auch mit der Schere den stark gespannten Kopf des Nebenhoden.
Schliesslich überzeugt man sich, ob die Kluppe richtig liegt, von den Skrotalhäuteu nichts eingeklemmt worden und operiert dann den andern (oben liegenden) Hoden in der gleichen Weise. Den Schluss bildet das Abwaschen der Wunde mit einem in Sublimatwaseer aus­gedrückten Schwamm und das Einträufeln von etwas Karbolöl, um eine zu rasche Verklebung zu verhindern, worauf das Tier entfesselt wird. Nachher werden die Kastraten diät gehalten und dürfen nicht liegen, bis die Kluppen entfernt sind. Ein Aufschwänzen nach der Kastration ist unerlässlich, ebenso kurzes Anbinden.
Damit die Kluppen den Samenstrang weniger belasten, empfiehlt sieb bei schlaffem Gewebe, die allgemeine Scheidenhaut zum Tragen der Kluppen in der Weise heranzuziehen, dass man sie teilweise d. b. oberhalb ihrer Verbindung mit dem Schweif des Nebenhodens mitnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;I
in die Kluppe fasst, wodurch das laxe Herabhängen des Samenstrangs vollständig vermieden wird und derselbe nachher grösstenteils von den Skrotalhäuteu bedeckt bleibt.
Sollte man Grund haben, das Vorfallen von Eingeweiden zu be-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ,\\
fürchten oder ist der Leistenkanal sehr weit, was jedoch erst bemerkt werden kann, wenn die allgemeine Scheidenhaut schon aufgeschnitten ist, so bedient man sich dervonDegive angegebenen Kastrationsweise mit grösstem Vorteil, indem man nämlich die allgemeine Scheidenhaut an ihrem vorderen hinaufgezogenen Teile fasst und die Kluppe über sie anlegt (Kastration ä testicule convert und unbedecktem Samen­strang). Üble Folgen sind bei dieser Mitbeteiligung der Vaginalhaut bis jetzt nicht beobachtet worden.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ^;
Dass die Kluppen regelrecht llegon, erkennt man bei dem Stehen des Tieres daran, dass sie nicht parallel nebeneinander hängen, sondern nach hinten konvergieren, ohne die Wundränder des Ilodonsacks zu drücken. Liegen dieselben zu hoch, so macht sich dies durch grosse ötelligkeit in den Lenden sowie auf­fallende Spannung beim Geben des Tieres bemerklich und wenn die Kluppen zu weit herabhängen, wie besonders bei schlatlen Tieren, so muss, da sich nun-
ocr page 530
I'
512 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
mein- die Samenstiänge unter sehr ungünstigen, d. h. septischen Bedingungen be-tinden, in dor Art nachgeholten werden, dass man entweder, wie Uerdez angibt, eine zweite Kluppe über die erste anlegt und dann sofort die erste (untere) Kluppe durch Abschneiden dos Sanionstranges entfernt oder alsbald nach der Kastration mit einer kleinen Hoftnadel einen Bindfaden durch den aussoren Wundrand zieht und ihn auf der Mitte der Kluppe so bindet, dass diese auf der Knopfnaht ruht, wodurch der Samenstrangvorfall unschädlich gemacht werden kann. Bei der Kluppen-abnalime wird dann das Heft durchschnitten, aus der Skrotalwunde hervorgezogen und der Samenstrangstnmpf nach oben zurückgeschoben.
Das Abnehmen der Kluppen kann erst dann erfolgen, wenn dor Kompressionsschorf lies Samenstrangs vollständig gebildet ist, was bei der Anwendung der Eluppenschraube erfabrungsgemäss schon nach 4—G Stunden der Fall ist, eine Nachblutung daher nicht eintritt; unter andern Umständen vornehmlich aber bei starken Sanienstriingen löst man die Kluppen erst nach 10—12 Stunden oder des andern Tages, bei Fohlen oder sehr jungen Farren schon nach 6—8 Stunden.
Das Hängenlassen der Kluppen oder gar der Hoden während mehrerer Tage ist ganz verwerflich, ebenso das Heraushftngenlassen der Samenstränge nach der Kluppenabnahme; will man diese nicht zurück­schieben oder duldet es das Tier nicht, so lässt man es etwas traben, wodurch ein spontanes Zurückgleiten erfolgt. Das Bespritzen des Skro-tums zum selben Zwecke wird besser unterlassen.
Zum Khippenabnohmen stellt sich der Operateur, nachdem das Pferd ge­bremst und ein Voiderfuss aufgehoben ist, entweder an die Seite des'L'iers, das Gesicht rückwärts gewendet, oder hinten an das Tier, man ist jedoch im letzteren Falle auch nach dem Aufheben eines Hintorfusses weniger gesichert, die Stellung aber laquo;ine bequemere. Verwendet mau Charnierkluppen, so muss man sich hinter das Tier stellen, weil diese am hinteren Ende gebunden sind.
Zuerst werden die unter der Kluppe hängenden Keste des Samen­strangs mit einer Cooper'schen Schere dicht am Holze weggeschnitten, sodann die Kluppe unter mögliebster Vermeidung jeder Zerrung am Sameustrang geöffnet und zuletzt die Wunde, nachdem der Samenstrang mit dem desinfizierten Zeigefinger von seiner Umgebung gelöst und in die Scheidenhaut (nicht blos in die Hautwunde) hinaufgeschoben wurde, mit einem in Sublimatwasser desinfizierten Schwamm gereinigt. Das dabei hervorstürzende heisse Serum, das sich innerhalb der Wunde an­gesammelt hatte, ist ganz ohne Bedeutung. Der Stumpf, wenn auch etwas geschwellt, lässt sich leicht weiter oben verwahren und schliess-lich wird etwas Jodoform- oder Karholsalbe (1:20 Fett) in die Wunde gestrichen, um auch wegen der nachfolgenden Eiterung ein zu frühes Verkleben zu verhindern. Ein oder zwei Hefte durch die Hodensack-haut zu ziehen, ist ganz unnötig.
Nach Entfernung der beiden Kluppen wird das betreffende Tier eine Viertel- bis halbe Stunde im Schritt bewegt und noch einige Tage diät gehalten. Diese tägliche Bewegung ist von der grössten Wichtig­keit, alles Baden, Waschen, Einspritzen oder gar Einlegen eines Drains dagegen überflüssig, ja selbst schädlich, wie das nachherige Einführen eines Fingers, um sicli von dem Zustande des Samenstranges zu über­zeugen, ebenfalls, dagegen mnss die von Eiter beschmutzte Wunde
ocr page 531
XLV. Kastration männlicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;513
täglich mit einem leuchten Schwamm oder Bauschen von reinem Werg, beziehungsweise befeuchteter Karbolwatte vorsichtig und unter Ver­meidung alles Reibens gereinigt (nicht gewaschen) werden. Die Heilung der Skrotalwunde erfolgt in 3^4, manchmal auch erst in 5—6 Wochen.
Viele Praktiker legen einen Wort darauf, die drei Skrotahäute in einem Zuge durclizmjchneiden, was jedoch aus dem Grunde unnötig erscheint, weil möglicher­weise ein unter der dritten Haut verstecktes Darm- oder Netzstück verletzt werden könnte, ebenso ist das Vorzeichnen des Schnittes mit Kreide oder einzelnen kleinennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; , .i,laquo;
Schnitten, um den Parallelismus mit der Ilodcnsacknaht einzuhalten, eine Pedanterie oder Spielerei. Andere Offnen die Scheidenhaut mit einem kleinen Schnitt und erweitern ihn dann mit der Schere oder einem Knopfhistouri, um ja den Hoden, der ohnedies alsbald entfernt wird, nicht zu verletzen; die Operation wird dadurch nur verzögert.
Tritt der Hoden nach Eröffnung der allgemeinen Scheidenhaut nicht frei zunbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; '
Tage, so liegt eine Adhäsion mit letzterer vor, welche man entweder mit dem Finger oder einem Skalpellsticl löst oder, wenn die angewachsene Stelle zu gross wäre, liegen lässt, um die Scheidenhaut weiter oben aufzusclinciden; die betr. Partie wird dann samt dem Hoden nacli der Schliessung der Kluppe weggenommen.
Hat man bei bedecktem Hoden zu kastrieren (siehe oben), so bleibt die ebenfalls über dem Nebenhoden angelegte Kluppe samt dem Hoden einige Tage liegen; in der Mehrzahl der Fälle werden gegen­wärtig die Kluppen, nachdem die Hoden unmittelbar darunter mit einernbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1 Schere abgelöst sind, nach 8—4 Tagen entfernt, denn das spontane Abfallen würde 2—8 Wochen Zeit erfordern.
Diese späte Abnahme der Kluppen erklärt sich daraus, dass ein ungleich grösseres Paket in der Kluppe enthalten ist, der Druck daher kein so penetranter sein kann; nach Eröffnung der Scheidenhaut ent­leert sich gewöhnlich viel Serum, das häufig eine üble Beschaffenheit angenommen hat, wie denn die derart kastrierten Pferde weit mehr unter der Operation zu leiden haben, als bei der Exstirpation des un­bedeckten Hodens.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; I
Kastration der Stiere und Böcke.
Die Kastration kann bei den männlichen Wiederkäuern nach jeder der bereits beschriebenen Methoden vorgenommen werden, doch eignet sich je nach der Beschaffenheit der Organe oder dem Alter des Tieres diese oder jene besser, immer aber zeigen sich diese Tiere weniger empfindlich gegen den operativen Eingriff, als Pferde.
Als die einfachsten Kastrationsmethoden sind die des Abschabens oder Abdrehen des Samenstrangs zu bezeichnen und kommen diese auch am häufigsten zur Anwendung; bei jungen Tieren wird vielfach der Samenstrang nur unterbunden, bei älteren dagegen und solchen mit. ungewöhnlich starken Samensträngen, namentlich aber bei Zuchtfarrcn empfiehlt sich am meisten das Anlegen von Kluppen, das in analoger Weise geschieht, wie bei dem Pferde.
Bei der subkutanen Unterbindung, die hei Ziegenböcken sich besonders beliebt gemacht hat, wird der Hodensack möglichst nach rück-
Uering's Oporutionslchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;33
Ü
ocr page 532
I'
512 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
mein- die Samenstiänge unter sehr ungünstigen, d. h. septischen Bedingungen be-tinden, in dor Art nachgeholten werden, dass man entweder, wie Uerdez angibt, eine zweite Kluppe über die erste anlegt und dann sofort die erste (untere) Kluppe durch Abschneiden dos Sanionstranges entfernt oder alsbald nach der Kastration mit einer kleinen Hoftnadel einen Bindfaden durch den aussoren Wundrand zieht und ihn auf der Mitte der Kluppe so bindet, dass diese auf der Knopfnaht ruht, wodurch der Samenstrangvorfall unschädlich gemacht werden kann. Bei der Kluppen-abnalime wird dann das Heft durchschnitten, aus der Skrotalwunde hervorgezogen und der Samenstrangstnmpf nach oben zurückgeschoben.
Das Abnehmen der Kluppen kann erst dann erfolgen, wenn dor Kompressionsschorf lies Samenstrangs vollständig gebildet ist, was bei der Anwendung der Eluppenschraube erfabrungsgemäss schon nach 4—G Stunden der Fall ist, eine Nachblutung daher nicht eintritt; unter andern Umständen vornehmlich aber bei starken Sanienstriingen löst man die Kluppen erst nach 10—12 Stunden oder des andern Tages, bei Fohlen oder sehr jungen Farren schon nach 6—8 Stunden.
Das Hängenlassen der Kluppen oder gar der Hoden während mehrerer Tage ist ganz verwerflich, ebenso das Heraushftngenlassen der Samenstränge nach der Kluppenabnahme; will man diese nicht zurück­schieben oder duldet es das Tier nicht, so lässt man es etwas traben, wodurch ein spontanes Zurückgleiten erfolgt. Das Bespritzen des Skro-tums zum selben Zwecke wird besser unterlassen.
Zum Khippenabnohmen stellt sich der Operateur, nachdem das Pferd ge­bremst und ein Voiderfuss aufgehoben ist, entweder an die Seite des'L'iers, das Gesicht rückwärts gewendet, oder hinten an das Tier, man ist jedoch im letzteren Falle auch nach dem Aufheben eines Hintorfusses weniger gesichert, die Stellung aber laquo;ine bequemere. Verwendet mau Charnierkluppen, so muss man sich hinter das Tier stellen, weil diese am hinteren Ende gebunden sind.
Zuerst werden die unter der Kluppe hängenden Keste des Samen­strangs mit einer Cooper'schen Schere dicht am Holze weggeschnitten, sodann die Kluppe unter mögliebster Vermeidung jeder Zerrung am Sameustrang geöffnet und zuletzt die Wunde, nachdem der Samenstrang mit dem desinfizierten Zeigefinger von seiner Umgebung gelöst und in die Scheidenhaut (nicht blos in die Hautwunde) hinaufgeschoben wurde, mit einem in Sublimatwasser desinfizierten Schwamm gereinigt. Das dabei hervorstürzende heisse Serum, das sich innerhalb der Wunde an­gesammelt hatte, ist ganz ohne Bedeutung. Der Stumpf, wenn auch etwas geschwellt, lässt sich leicht weiter oben verwahren und schliess-lich wird etwas Jodoform- oder Karholsalbe (1:20 Fett) in die Wunde gestrichen, um auch wegen der nachfolgenden Eiterung ein zu frühes Verkleben zu verhindern. Ein oder zwei Hefte durch die Hodensack-haut zu ziehen, ist ganz unnötig.
Nach Entfernung der beiden Kluppen wird das betreffende Tier eine Viertel- bis halbe Stunde im Schritt bewegt und noch einige Tage diät gehalten. Diese tägliche Bewegung ist von der grössten Wichtig­keit, alles Baden, Waschen, Einspritzen oder gar Einlegen eines Drains dagegen überflüssig, ja selbst schädlich, wie das nachherige Einführen eines Fingers, um sicli von dem Zustande des Samenstranges zu über­zeugen, ebenfalls, dagegen mnss die von Eiter beschmutzte Wunde
ocr page 533
XLV. Kastration männlicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;513
täglich mit einem leuchten Schwamm oder Bauschen von reinem Werg, beziehungsweise befeuchteter Karbolwatte vorsichtig und unter Ver­meidung alles Reibens gereinigt (nicht gewaschen) werden. Die Heilung der Skrotalwunde erfolgt in 3^4, manchmal auch erst in 5—6 Wochen.
Viele Praktiker legen einen Wort darauf, die drei Skrotahäute in einem Zuge durclizmjchneiden, was jedoch aus dem Grunde unnötig erscheint, weil möglicher­weise ein unter der dritten Haut verstecktes Darm- oder Netzstück verletzt werden könnte, ebenso ist das Vorzeichnen des Schnittes mit Kreide oder einzelnen kleinennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; , .i,laquo;
Schnitten, um den Parallelismus mit der Ilodcnsacknaht einzuhalten, eine Pedanterie oder Spielerei. Andere Offnen die Scheidenhaut mit einem kleinen Schnitt und erweitern ihn dann mit der Schere oder einem Knopfhistouri, um ja den Hoden, der ohnedies alsbald entfernt wird, nicht zu verletzen; die Operation wird dadurch nur verzögert.
Tritt der Hoden nach Eröffnung der allgemeinen Scheidenhaut nicht frei zunbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; '
Tage, so liegt eine Adhäsion mit letzterer vor, welche man entweder mit dem Finger oder einem Skalpellsticl löst oder, wenn die angewachsene Stelle zu gross wäre, liegen lässt, um die Scheidenhaut weiter oben aufzusclinciden; die betr. Partie wird dann samt dem Hoden nacli der Schliessung der Kluppe weggenommen.
Hat man bei bedecktem Hoden zu kastrieren (siehe oben), so bleibt die ebenfalls über dem Nebenhoden angelegte Kluppe samt dem Hoden einige Tage liegen; in der Mehrzahl der Fälle werden gegen­wärtig die Kluppen, nachdem die Hoden unmittelbar darunter mit einernbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1 Schere abgelöst sind, nach 8—4 Tagen entfernt, denn das spontane Abfallen würde 2—8 Wochen Zeit erfordern.
Diese späte Abnahme der Kluppen erklärt sich daraus, dass ein ungleich grösseres Paket in der Kluppe enthalten ist, der Druck daher kein so penetranter sein kann; nach Eröffnung der Scheidenhaut ent­leert sich gewöhnlich viel Serum, das häufig eine üble Beschaffenheit angenommen hat, wie denn die derart kastrierten Pferde weit mehr unter der Operation zu leiden haben, als bei der Exstirpation des un­bedeckten Hodens.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; I
Kastration der Stiere und Böcke.
Die Kastration kann bei den männlichen Wiederkäuern nach jeder der bereits beschriebenen Methoden vorgenommen werden, doch eignet sich je nach der Beschaffenheit der Organe oder dem Alter des Tieres diese oder jene besser, immer aber zeigen sich diese Tiere weniger empfindlich gegen den operativen Eingriff, als Pferde.
Als die einfachsten Kastrationsmethoden sind die des Abschabens oder Abdrehen des Samenstrangs zu bezeichnen und kommen diese auch am häufigsten zur Anwendung; bei jungen Tieren wird vielfach der Samenstrang nur unterbunden, bei älteren dagegen und solchen mit. ungewöhnlich starken Samensträngen, namentlich aber bei Zuchtfarrcn empfiehlt sich am meisten das Anlegen von Kluppen, das in analoger Weise geschieht, wie bei dem Pferde.
Bei der subkutanen Unterbindung, die hei Ziegenböcken sich besonders beliebt gemacht hat, wird der Hodensack möglichst nach rück-
Uering's Oporutionslchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;33
Ü
ocr page 534
I'
512 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
mein- die Samenstiänge unter sehr ungünstigen, d. h. septischen Bedingungen be-tinden, in dor Art nachgeholten werden, dass man entweder, wie Uerdez angibt, eine zweite Kluppe über die erste anlegt und dann sofort die erste (untere) Kluppe durch Abschneiden dos Sanionstranges entfernt oder alsbald nach der Kastration mit einer kleinen Hoftnadel einen Bindfaden durch den aussoren Wundrand zieht und ihn auf der Mitte der Kluppe so bindet, dass diese auf der Knopfnaht ruht, wodurch der Samenstrangvorfall unschädlich gemacht werden kann. Bei der Kluppen-abnalime wird dann das Heft durchschnitten, aus der Skrotalwunde hervorgezogen und der Samenstrangstnmpf nach oben zurückgeschoben.
Das Abnehmen der Kluppen kann erst dann erfolgen, wenn dor Kompressionsschorf lies Samenstrangs vollständig gebildet ist, was bei der Anwendung der Eluppenschraube erfabrungsgemäss schon nach 4—G Stunden der Fall ist, eine Nachblutung daher nicht eintritt; unter andern Umständen vornehmlich aber bei starken Sanienstriingen löst man die Kluppen erst nach 10—12 Stunden oder des andern Tages, bei Fohlen oder sehr jungen Farren schon nach 6—8 Stunden.
Das Hängenlassen der Kluppen oder gar der Hoden während mehrerer Tage ist ganz verwerflich, ebenso das Heraushftngenlassen der Samenstränge nach der Kluppenabnahme; will man diese nicht zurück­schieben oder duldet es das Tier nicht, so lässt man es etwas traben, wodurch ein spontanes Zurückgleiten erfolgt. Das Bespritzen des Skro-tums zum selben Zwecke wird besser unterlassen.
Zum Khippenabnohmen stellt sich der Operateur, nachdem das Pferd ge­bremst und ein Voiderfuss aufgehoben ist, entweder an die Seite des'L'iers, das Gesicht rückwärts gewendet, oder hinten an das Tier, man ist jedoch im letzteren Falle auch nach dem Aufheben eines Hintorfusses weniger gesichert, die Stellung aber laquo;ine bequemere. Verwendet mau Charnierkluppen, so muss man sich hinter das Tier stellen, weil diese am hinteren Ende gebunden sind.
Zuerst werden die unter der Kluppe hängenden Keste des Samen­strangs mit einer Cooper'schen Schere dicht am Holze weggeschnitten, sodann die Kluppe unter mögliebster Vermeidung jeder Zerrung am Sameustrang geöffnet und zuletzt die Wunde, nachdem der Samenstrang mit dem desinfizierten Zeigefinger von seiner Umgebung gelöst und in die Scheidenhaut (nicht blos in die Hautwunde) hinaufgeschoben wurde, mit einem in Sublimatwasser desinfizierten Schwamm gereinigt. Das dabei hervorstürzende heisse Serum, das sich innerhalb der Wunde an­gesammelt hatte, ist ganz ohne Bedeutung. Der Stumpf, wenn auch etwas geschwellt, lässt sich leicht weiter oben verwahren und schliess-lich wird etwas Jodoform- oder Karholsalbe (1:20 Fett) in die Wunde gestrichen, um auch wegen der nachfolgenden Eiterung ein zu frühes Verkleben zu verhindern. Ein oder zwei Hefte durch die Hodensack-haut zu ziehen, ist ganz unnötig.
Nach Entfernung der beiden Kluppen wird das betreffende Tier eine Viertel- bis halbe Stunde im Schritt bewegt und noch einige Tage diät gehalten. Diese tägliche Bewegung ist von der grössten Wichtig­keit, alles Baden, Waschen, Einspritzen oder gar Einlegen eines Drains dagegen überflüssig, ja selbst schädlich, wie das nachherige Einführen eines Fingers, um sicli von dem Zustande des Samenstranges zu über­zeugen, ebenfalls, dagegen mnss die von Eiter beschmutzte Wunde
ocr page 535
XLV. Kastration männlicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;513
täglich mit einem leuchten Schwamm oder Bauschen von reinem Werg, beziehungsweise befeuchteter Karbolwatte vorsichtig und unter Ver­meidung alles Reibens gereinigt (nicht gewaschen) werden. Die Heilung der Skrotalwunde erfolgt in 3^4, manchmal auch erst in 5—6 Wochen.
Viele Praktiker legen einen Wort darauf, die drei Skrotahäute in einem Zuge durclizmjchneiden, was jedoch aus dem Grunde unnötig erscheint, weil möglicher­weise ein unter der dritten Haut verstecktes Darm- oder Netzstück verletzt werden könnte, ebenso ist das Vorzeichnen des Schnittes mit Kreide oder einzelnen kleinennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; , .i,laquo;
Schnitten, um den Parallelismus mit der Ilodcnsacknaht einzuhalten, eine Pedanterie oder Spielerei. Andere Offnen die Scheidenhaut mit einem kleinen Schnitt und erweitern ihn dann mit der Schere oder einem Knopfhistouri, um ja den Hoden, der ohnedies alsbald entfernt wird, nicht zu verletzen; die Operation wird dadurch nur verzögert.
Tritt der Hoden nach Eröffnung der allgemeinen Scheidenhaut nicht frei zunbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; '
Tage, so liegt eine Adhäsion mit letzterer vor, welche man entweder mit dem Finger oder einem Skalpellsticl löst oder, wenn die angewachsene Stelle zu gross wäre, liegen lässt, um die Scheidenhaut weiter oben aufzusclinciden; die betr. Partie wird dann samt dem Hoden nacli der Schliessung der Kluppe weggenommen.
Hat man bei bedecktem Hoden zu kastrieren (siehe oben), so bleibt die ebenfalls über dem Nebenhoden angelegte Kluppe samt dem Hoden einige Tage liegen; in der Mehrzahl der Fälle werden gegen­wärtig die Kluppen, nachdem die Hoden unmittelbar darunter mit einernbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 1 Schere abgelöst sind, nach 8—4 Tagen entfernt, denn das spontane Abfallen würde 2—8 Wochen Zeit erfordern.
Diese späte Abnahme der Kluppen erklärt sich daraus, dass ein ungleich grösseres Paket in der Kluppe enthalten ist, der Druck daher kein so penetranter sein kann; nach Eröffnung der Scheidenhaut ent­leert sich gewöhnlich viel Serum, das häufig eine üble Beschaffenheit angenommen hat, wie denn die derart kastrierten Pferde weit mehr unter der Operation zu leiden haben, als bei der Exstirpation des un­bedeckten Hodens.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; I
Kastration der Stiere und Böcke.
Die Kastration kann bei den männlichen Wiederkäuern nach jeder der bereits beschriebenen Methoden vorgenommen werden, doch eignet sich je nach der Beschaffenheit der Organe oder dem Alter des Tieres diese oder jene besser, immer aber zeigen sich diese Tiere weniger empfindlich gegen den operativen Eingriff, als Pferde.
Als die einfachsten Kastrationsmethoden sind die des Abschabens oder Abdrehen des Samenstrangs zu bezeichnen und kommen diese auch am häufigsten zur Anwendung; bei jungen Tieren wird vielfach der Samenstrang nur unterbunden, bei älteren dagegen und solchen mit. ungewöhnlich starken Samensträngen, namentlich aber bei Zuchtfarrcn empfiehlt sich am meisten das Anlegen von Kluppen, das in analoger Weise geschieht, wie bei dem Pferde.
Bei der subkutanen Unterbindung, die hei Ziegenböcken sich besonders beliebt gemacht hat, wird der Hodensack möglichst nach rück-
Uering's Oporutionslchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;33
Ü
ocr page 536
518 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
will, dass man die männlichen Exemplare gar nie mit weiblichen in Berührung bringt, um keine Geschlechtslust aufkommen zu lassen. Die Kapaunen erreichen ein Gewicht von 2—8 kg und darüber und repräsentieren somit einen Marktwert von 4—7 Mark, es wäre daher sehr zu wünschen, wenn die Operation, nachdem die Nachfrage iiach Mastgeflügel alljährlich grosser wird, auch ausserhalb Frank­reichs eine grössere Verbreitung finden würde, es soll daher die Kastration der Vögel hier des näheren aufgeführt werden und folgen wir hiebei den Angaben des oben genannten Klinikers.
Der Operateur lullt den Hahn an den
laquo; '
Flissen, den Kopf dessell)en iinter den Arm nehmend und zwar so, dass der Rücken nach unten gerichtet ist, für Ungeübte ist jedoch die Verwendung eines Gehilfen an­zuraten. Der letztere sitzt auf einem hohen Stuhle oder hesser auf einem Tische und hält den zu operierenden Hahn so, dass dessen Rücken auf seinen Knieen ruht und das Hinterteil gegen den Operateur ge­wendet ist.
Zunächst werden rechts und links in
der
Gegend zwischen dem hintern Ende
des Brustbeins und dem After die Federn einzeln ausgerupft, dann eine Hautfalte zwischen diesen Punkten angelegt und vor­läufig ein Hautschnitt von 2,5 cm in dieser Richtung gemacht, worauf die Muskulatur und dann das Bauchfell zum Vorschein kommt. Das letztere wird hierauf mit einer Pinzette gefasst, etwas in die Höhe gehoben und eingeschnitten. Die so erzeugte kleine Öffnung wird jetzt erweitert und auf diese
Weise der seitliche Luftsack, dessen Wan-
Fig. 298 b.
3 Aorta, 4 Hohlvene, 5 Psoas,
aa Hoden, bb Samenleiter,
cc Nebennieren, dd Nieren,
cc Harnleiter.
dungen bei jedem Atemzuge aus und ein bewegt werden, abgedeckt.
Wenn die Operation in der rechten Flanke ausgeführt wird, kann der Luftsack
unbedenklich angeschnitten werden, insofern er sich dann unmittelbar vor die Öffnung lagert und auch nicht zur Seite geschoben werden kann. Nun wird der eingeölte rechte Zeigefinger durch die klaffende Wunde in das Bauchkavum bis zur Wirbelsäule eingeführt und der rechte Testikel als ein 12—18 mm langes und 8—12 mm breites bolmenförmiges Ge­bilde von derber Konsistenz gefühlt, worauf derselbe mit etwas ab­gebogener Fingerspitze nach ab- und auswärts von seinen Adliärenzen befreit und schliesslich völlig frei gemacht wird. Der so abgelöste Hoden wird sofort längs der Bauchwand mittels der etwas gebeugten dritten Phalanx nach aussei! gezogen, wobei derselbe vor der Öffnung dem Finger ausweicht und unter die Darmschlingen gelangt. 1st dieses
ocr page 537
XLV. Kastration männliclicr Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 519
„ P geschelien, so verliere man keine Zeit mit dem Wiederautfimlen des
Testikels, denn abgesehen von der Verlängerung der Operation wird dabei das Bauchfell in unnötiger Weise gereizt und sehr häutig auch verletzt.
Der linke Hoden wird auf gleiche Weise wie der rechte aufge­sucht und sachte mittels des Fingers an die Wirbelkörper gepresst, I wobei es eine Hauptsache ist, nur die Pulpa des Fingers zu gebrauchen; ist auch dieser Hoden abgelöst, so wird die äussere Wunde vernäht. Das Liegenlassen des Hodens in der Bauchhöhle bringt nicht den ge­ringsten Nachteil, es pfropft sich derselbe vielmehr an irgend einer Stelle ein und wird in sehr kurzer Zeit grösstenteils resorbiert. Bei einiger Übung dauert die ganze Prozedur nur 3—4 Minuten und damit der Kastrat von anderem Geflügel unterschieden werden kann, wird der Kamm durch eine Inzision gekennzeichnet.
Lässt der Kastrat nach der Operation die Flügel hängen oder vermag er sich kaum auf den Beinen zu erhalten und hält die Augen halb verschlossen, so verzichtet man vorteilhafter auf die geringen Chancen eines günstigen Ausganges und tötet das Tier sofort, um es wenigstens als Supiiengoflügel zu verwenden. Die Nahtligatur wird von seihst eliminiert und nach wonigen Tagen können die jungen Kapaunen ins Freie gelassen werden. Am ersten und zweiten Tage be­kommen sie in Milch aufgeweichtes Brod und werden Abends in trockenen, vor Luftzug geschützten Räumen untergebracht.
In Frankreich gibt es Frauen, welche in der Kastration der Hähne solche Fertigkeit besitzen, dass sie kaum 1—2 Prozent verlieren und zur Operation auch nicht mehr Zeit brauchen als 2 Minuten; im ganzen rechnet man durchschnittlich 4—5 Sterbeprozente, was in Anbetracht des geringen Wertes und der noch benutz­baren Missglückten als ein günstiges Resultat bezeichnet werden kann. Zu be­merken ist noch, dass die Hauptursache des tötlichen Ausganges in einer Verletzung der äusserst zarten Nieren gelegen ist, welche mit ihrem vorderen Rande unmitttel-bar an die beiden Hoden stossen. Wesentlich ist auch, dass man die Kastraten von unkastrierten Hähnen trennt und sie in einen Raum bringt, in welchem sie nicht auffliegen können, was die Vernarbung der Wunde in hohem Grade stören würde.
Kastration der Kryptorchiden.
Bei Pferden sowie auch bei anderen Haustieren beobachtet man hie und da die Anomalie, dass einer oder der andere Hoden oder beide (selbst drei Hoden) in der Bauchhöhle zurückbleiben; solche Pferde werden als Spitzhengste (nicht Klopfhengste) bezeichnet und sind dieselben meist geschlcchtslustiger und aufgeregter, als die übrigen, werden daher häufig zum Kastrieren angemeldet, da sie auch dem Menschen und anderen Pferden gefährlich werden. Jene Hengste dagegen, bei denen der eine oder beide Hoden zwar die Bauchhöhle verlassen haben, aber irgendwo im Leistenkanal stecken geblieben sind, heissen falsche Spitzhengste.
Ursprünglich liegen diese Geschlechtsdrüsen wie bekannt in der Bauch­höhle, in der Nähe der Nieren an einer Bauchfellduplikatur aufgehängt und steigen vor oder nach der Geburt durch den inneren Baucliring und den Lcistenkanal in die Skrotalhöhle herab, indem sie durch das Gubernaculum Hunteri, welches an sie und an die hintere Wand des Hodensackes angeheftet ist und sich allmählich
ocr page 538
520 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
immer mehr verkürzt, nach abwärts in ihre natürliche Passage herabgezogen werden. Auf dieser Wanderung kommt es nun vor, dass der eine Hoden wegen ungenügonder oder fehlender Öffnung des Bauohriogs oder aus einem andern Grunde oberhalb desselben zurückbleibt (Monorchidie) oder in dem obern Teil des Leistenkanals verharrt (Ektopia testis inguinalis; inguinale einseitige Kryptorchidic), hie und da auch keiner der beiden Testikel herabgleiten kann (abdominaler beider­seitiger Kryptorchidismus), es muss daher der Hoden an einem andern Orte gesucht werden, als in der Ilodensackhöhle.
Solche zuvttckgebUebene Hoden sind häufig atrophlscb und zugleich entartet, welcher und deswegen auch nicht immer zeugungsfähig, ihre anomale Lage liisst sich jedoch in der Hegel von aussei! bestimmen, in der Leistengegend durchfühlen oder durch die rektale Palpation fest­stellen. Bei der Exstirpation kann dann entweder ein solcher Testikel in der Nähe des Bauchrings fixiert werden, um auf ihn einzuschneiden oder liisst er sich vom Mastdarm aus in den Leistenkanal herabdrücken; gelingt dies nicht, so bleibt allerdings nichts anderes übrig, als sich mittels der Hand oder durch Instrumente Eingang in den Leistenkanal oder den Bauchling zu erzwingen oder aber den Hoden durch die Laparotomie (von unten oder oben) aufzusuchen, welche bei Pferden wegen der Gefahr einer Bauchfellentzündung zwar als eine gewagte Unternehmung be­zeichnet werden muss, in der neuesten Zeit indes von französischen, belgischen und dänischen Tierärzten, welche sich um die Kastration insbesondere der ächten Spitzhengste sehr verdient gemacht haben, in vielen Fällen mit vollkommenem Erfolge ausgeführt worden ist. Es sind nur etwa 30 Sterbeprozente zu verzeichnen.
Untersuchung der Kryptorchiden. Falsche Spitzhengste können schon im Stehen als solche erkannt werden, wenn der betreffende Hinterfuss etwas nach aussen gestellt wird und die Untersuchung nicht durch ein grösseres Fettlager oder viel grobes Bindegewebe, in welche die Leistendrüsen eingewickelt sind, erschwert ist; sitzt dagegen der Hoden sehr hoch, noch oberhalb des Collets, dicht am inneren Bauch­ring, so lässt er sich nur dadurch eruieren, dass man mit einer Hand in das Bektuin eingeht, während die andere von aussen die Leiste am Schambein sorgfältig durchsucht; meist wird man dabei, um keiner persönlichen Gefahr ausgesetzt zu sein, das Pferd niederlegen müssen, denn alle derartige in ihrem Descensus verunglückten Testikel zeigen eine abnorme Empfindlichkeit, welche auch das Aufsuchen derselben unter den Eingeweiden in der Bauchhöhle wesentlich erleichtert.
Die Untersuchung hat via rectum häufig einige Schwierigkeiten und gelingt zuweilen auch gar nicht, trotzdem das Tier alle Charaktere und Kaprizen eines Kryptorchiden zeigt und selbst Hodensacknarben tragen kann, doch ist der Hoden fast immer ganz in der Nähe des Innern Bauch rings (am vorderen Rande des Schambeins) anzutreffen, nur sehr selten weiter oben in der Lendengegend. Ein sicheres Explorationsresultat ist absolut notwendig und zwar um so mehr, wenn es sich darum handelt, auf welcher Körperseite die Laparotomie vorzu­nehmen sei.
Vor der Operation müssen die Tiere diätetisch gut vor­bereitet sein, was namentlich für Individuen mit viel Fettgewebe gilt, welche dann ein mehr intensiv nährendes Futter erhalten, denn eine
ocr page 539
XLV. Kastration männlicher Tiero.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;521
Schwächung darf mit der Vorkuv nicht verbunden sein, dagegen ist ein­tägiges Fasten vor der Kastration, sowie Ausräumen des Mastdarms unerlässlich, ebenso sollte immer die wärmere Jahreszeit ausgewählt werden.
Die Lagerung auf dem Boden bleibt sieb dieselbe, die Hinterhand soll jedoch mit Stroh unterpolstert werden. Hand und Arm sowie die Leistengegend sind, um keine Infektion des Bauchfells zu erzeugen, gut einzuseifen, reichlich abzuwaschen und mit Sublimatwasser zu desinfizieren, ebenso muss für Chloro­form gesorgt sein, falls eine Narkose notwendig wird, die oft die schwierige Unternebmung einzig ermöglicht.
Operation im Leistenkanal. Je nach der Lage des zu ent­fernenden Hodens geht die Kastration vom leeren Hodensack aus, indem man die äussere Haut zu einer Falte emporhebt, mit dem Bistouri wie sonst durchtrennt, die Dartos ebenfalls und dann in dem reich­lichen subvaginalen Bindegewebe mit der zugespitzt gehaltenen ein­geölten Hand gegen den Bauchring vorgeht, um auf den im Leisten­kanal irgendwo liegenden Hoden einschneiden zu können. Zu diesem Behufe hebt man die allgemeine Scheidenhaut in eine Falte und er­weitert die Wunde, um den in der Regel verkümmerten Testikel am Schweife des Nebenhodens, welcher wie der Samenleiter gewöhnlich eine abnorme Lage oder Richtung nicht zeigt, zu fassen und hervorzuziehen; gelingt letzteres nicht, so kann hiezu nach Degive mit Vorteil eine gelöffelte Steinzange verwendet werden.
Ein zweites Operationsverfahren eröffnet den Leistenkanal zur Seite welter oben, dicht vor dem Rande des Schambeins und ziemlich nahe gegen den Schenkel hin an der Stelle, WO sich die Bauch­wand am dünnsten durchfühlen lässt, indem hier ein etwa 10 cm langer Schnitt in die Hautfalte ausgeführt wird, worauf man (in derselben Weise wie oben) schichtenweise das Gewebe trennt, bis man auf den Hoden beziehungsweise Leistenkanal einschneiden kann, um von hier aus nach ersterein zu fahnden. Jede eintretende Blutung wird alsbald durch Torsion oder Ligatur gestillt und das Blut sorgfältig aufgetaucht.
Nach der Extraktion des Hodens wird entweder das Gefässteil des Samenstrangs mit Seide unterbunden, der Hoden abgeschnitten und der Samenstrang in die Tiefe der Wunde versenkt oder man legt bei grösseren Hoden eine gekrümmte Holzkluppe (Figur 290) ohne Ätz­mittel an, welche eine halbe Stunde lang im Wasser gekocht worden ist; desgleichen kann die Entfernung des Hodens auch durch Abdrehen geschehen, Degive zieht die lineare Abquetschung vor. Nielsen, welcher derartige Operationen schon vielfach gemacht hat, heftet die Hautwunde durch eine tiefe Knopfnaht vor und hinter der Kluppe und nimmt diese samt den Nähten nach 24 Stunden ab. Fieber tritt regel-mässig auf und erreicht am dritten Tage seinen Höhepunkt, die Heilung erfolgt nach 8—5 Wochen. Folgt ein Todesfall, so geschieht er stets infolge eitriger Peritonitis. Karbolspray hat bis jetzt auf den Erfolg keinerlei nachweisbaren Eintluss auszuüben vermocht.
Eröffnung der Bauchhöhle. Liegt die Gewissheit vor, dass der Hoden in der Bauchhöhle gesucht werden muss, so bleibt nichts
ocr page 540
522 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
anderes übrig, als bis in diese einzugehen. Dieses geschieht nun besser von der Leistengegend aus, als von der Flanke, wenn es nicbt etwa gelingt, die Hand durch den Leistenkanal hindurch zu zwingen, was nach Degive mit vieler Geduld möglich ist.
Zu diesem Behufe macht man den Hautschnitt an derselben Stelle der Leistengegend, wie oben schon angegeben, geht dann mit beiden Zeigefingern in die Subkutis, spaltet das Bindegewebe bis zur Bauch­wand und durchbohrt schliesslich auch die Bauchmuskeln (was trotz der gelben Bauchhaut keine Schwierigkeiten bereitet), um nunmehr auch das Bauchfell rasch so durchzustossen, dass es nicht von den Muskeln losgerissen wird. In dieser Weise bohrt man sich mit zwei Fingern einen möglichst regclmässigen und geradlinigen Wundkanal bis in das Bauchkavum hinein und mündet jener etwas innerhalb des Bauchrings (gegen die Medianlinie zu). Die eindringenden Finger fahnden nun nach dem Hoden und suchen ihn in den Wundkanal herein zu ziehen, wo seine Entfernung in der oben angegebenen Weise erfolgt.
Die Manipulation i st umständlich und schwierig, da nur sein- wenig Raum für die Finger übrig bleibt, je kleiner aber der künstlich ge­schaffene Kanal, desto geringer die Gefahr und rät Stockfleth, dabei immer auch den Bauchring zu untersuchen und möglichst zu eruieren, ob nicht jenseits der Mittellinie ein zweiter Hoden verborgen liegt, unter Umständen kann es daher kommen, dass mit der ganzen Hand in die Bauchhöhle eingegangen werden muss. Ein parat gehaltener Schwamm verhindert möglichst den Eintritt von Luft und sorgt für als­baldige Entfernung der auslaufenden Serositäten und des Blutes.
Bei dem Herumsuchen nach dem Hoden haben Jensen und Petcrsen die Beobachtung gemacht, dass man den Darm, das Netz, die Harnleiter u. s. w. be­rühren kann, ohne dass das Pferd reagiert, wohl aber geschieht dies, sobald die Finger den Hoden oder Samenleiter berühren. Nielsen operierte in der obigen Weise 14 Hengste, von denen nur 2 eingingen, Stockfleth, welcher auch durch den Bauchring operierte, verlor 33 Prozent, bei der Laparotomie von der Flanke aus jedoch 60 Prozent, er glaubt daher mit Degive, welcher über 150 Spitzhengste kastriert hat, dass die Kastration der abdominalen Spitzhengste durch den Flanken­schnitt als abgetlian betrachtet werden müsse. Von andern Tierärzten wie z. B. von Bassi ist auch versucht worden, die Laparotomie dadurch zu umgehen, dass man durch blutige Erweiterung des Leistenkanals sich den Eingang in die Bauchhöhle mit der ganzen Hand erzwingt.
Bei jüngeren Monorchiden (2—4 jährige Fohlen) entfernt man zunächst den intraskrotalen Testikel und wartet ab, ob hiedurch der verborgene nicht durch Zunahme seiner Schwere in den Hodensack herabkommt, was aber nur der Fall ist, wenn er in dem Inguinalkanal seine Lage hat; dass ein bei Fohlen noch innerhalb der Bauchhöhle liegender Hoden später in den Leistenkanal oder Hodensack herab­getreten wäre, davon ist in der tierärztlichen Litteratur, soviel bekannt, nichts verlautbar geworden, wohl aber, dass ein in dem Leistenkanal befindlicher Hoden bei Fohlen wieder in die Bauchhöhle zurückgezogen worden ist — eine Erscheinung, welche bei Ebern und Kaninchen häutig beobachtet werden kann. Endlich ist noch zu erwähnen, dass bei Mo­norchiden niemals beide Hoden zu gleicher Zeit exstirpiert werden dürfen.
ocr page 541
:
XLV. Kastration männlicher Tiere.
523
Auch hei Schafen und Schweinen kommt Kryptorchidismus vor und he-richtet Auceze von 6 durcli den Flankenschnitt geheilten Lämmern; bei 4 derselben wurden beide Hoden im Bauche angetroffen und musste eine beiderseitige Laparo-tomie gemacht werden, bei den übrigen 2 Lämmern lag je ein Hoden in der Lendengegend. Derselbe wurde mit dem Finger aus der Wunde hervorgezogenraquo; der Samenstrang unterbunden, abgeschnitten und letzterer in die Bauchhöhle zurück­gebracht. Die Heilung war bei allen Tieren eine vollständige.
Die Folgen der Kastration.
Nach der Operation treten regelnlässig- krankhafte Zustünde auf, welche als gewöhnliche und mit derselben unzertrennliche an­gesehen werden können, wie Eintritt von Schweiss, Wundtieber, Unruhe, ödematöse entzündliche Anschwellungen, Entzündung des Samenstrangs, Ausgang der Entzündung in Eiterung; andere Konsequenzen, als die genannten gehören jedoch zu den ungewöhnlichen Erscheinungen und erfordern, obwohl sie der Pathologie und Chirurgie angehören, eine besondere kurze Besprechung.
1.nbsp; Entzündliches Ödem der Skrotalgegend, des Schlauches und selbst des Bauches ist die Eolge der traumatischen Entzündung und Anschwellung, wodurch zugleich auch ein Druck auf die Venen (Scham­vene) ausgeübt wird oder hat gleichzeitig eine Korrossion durch Ver­schmieren des Ätzmittels auf den Kluppen stattgefunden, wie auch mangelhafte Bewegung in den ersten Tagen, Stallmiasmen, heisse Wit­terung u. dergl. beschuldigt werden müssen, desgleichen unvernünftiges Reiten in den ersten Tagen.
Die Erscheinung ist vorübergehend, nimmt bei passender Diät und täglich mehrmaliger Bewegung im Schritt vom 5. bis 0. Tag an ab und verliert sich im Laufe der Wundheilung allmählich ganz. Doch kann damit eine Störung der Harnemission verbunden sein oder nimmt bei dem reichlichen lockern Bindegewebe der dortigen Gegend die Anschwellung ungewöhnlich grosso Dimensionen an, wo­gegen feuchtwarme Umschläge mit Guttaperchapapier, Unterstützung der schwer herabhängenden Teile durch eine Binde, Einreibung verdünnter Merkurialsalbe, eine Laxanz von Glaubersalz mit Erfolg ankämpfen. Skarifikationen (Seite 163) solcher Phlegmonen sind gegenangezeigt, bei mehr serösen Infiltrationen aber zweck-mässig. Ödeme, welche später, erst in der zweiten und dritten Woche auftreten, sind als Zeichen einer Samenstrangentzündung aufzufassen (siehe unten).
2.nbsp; Wundfieber tritt für gewöhnlich kaum oder nur in leichtem Grade (am ersten Abend) ein und wird gewöhnlich nicht beachtet. Nimmt es grössere Umrisse an, so tritt es meist mit deutlichen Remis­sionen auf, wird aber kontinuierlich, wenn es die Eolge einer infektiösen Peritonitis ist.
Das einfache Kastrationsfieber erfordert keine andere als streng diätetische Behandlung, das peritonitische oder septische Wundtieber da­gegen eine Untersuchung der verwundeten Teile, Aufbähen der ver­klebten Wundränder, Sorge für Abfluss der Sekrete, Desinfektion, frische Luft, hydropathische Umschläge des ganzen Rumpfes, einige Karbol-und Kamphergaben, Einreibungen der ganzen untern Bauchtläche mit
ocr page 542
524 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Quecksilbersalbe, kalte Klystiere u. s. w. Bei eintretendem Brand spielt die Desinfektion ebenfalls die Hauptrolle, desgleichen das Messer und (ilüheisen.
Von 190 auf der Münchner Schule kastrierten Pferden waren nur 27 Prozent ganz fieberfrei, 49,4 bekamen ein massiges, 18 Prozent ein mittelhohes, 5,0 Prozent ein sehr hohes Fieber. Fröhner beschuldigt teils zu kleine Skrotalschnitte, teils Zurückhalten des Eiters, hohes Anlegen der Kluppen, Verschmieren des Ätzmittels am Samenstrang, unreine Stallluft, gefüllte Jauchegruben, Stallmiasmen u. s. w. Sicher steht, dass bei dem autiseptischen Kastrationsverfahren solche Fieber viel seltener und niedergradiger auftreten.
8. Frühzeitiges Verkleben der Skrotalwunde kommt bei Tieren vor, denen zu wenig Bewegung gestattet wird oder diese wegen schlechten Wetters nicht ermöglicht ist; das Blut, die Sekrete sammeln sich an und gehen eine putride Zersetzung ein; dies ist häufig auch bei Farren, sowie den kleineren Tieren der Fall und erfordert ein Offnen der Wunde, Reinigung derselben und Einstreichen eines Sälbchens von Borsäure oder Jodoform; alles weitere Eingreifen selbst des desinfizierten Fingers ist bei allen Kastraten gefährlich und streng zu vermeiden.
4.nbsp; Nachbluten kommt hie und da und bei allen Kastrations­methoden vor, am häufigsten nach dem Verkluppen; es ist, selbst in höheren Graden, wenn primärer Art, nicht gefährlich, erfordert aber schon des Tierbesitzers wegen ein Einschreiten. Am sichersten ist die Unterbindung des blutenden Samenstrangstumpfes, das als ungefährlich bezeichnet werden kann; Blutungen der Hodensackwunde sind uner­heblich.
Scheut man die Ligatur oder das Anlegen einer Kluppe, so wird Kälte versucht oder wendet man Adstringirmittel an, Tamponade mit Karboljute, Eisenchloridwatte, Heften der Hodensackwunde, das Glüh­eisen u. s. w.; selten dauert die Hämorrhagie an und erfordert ein Niederwerfen, was übrigens nicht ganz ungefährlich, wie die Blutung auch ist und sind selbst schon Todesfälle vorgekommen.
Als Ursachen müssen beschuldigt werden Zerrungen und Zerreissungen des Samenstrangs, grosse Unruhe des Tieres, Unterlassung einer entsprechenden Aufstallung oder des Aufschwänzens, Belecken der Wunde oder Rutschen auf dem Hinterteile, Nagen am Samenstrang, Schlagen nach demselben mit den Hufen, mangelhafte Aufsicht, dünnes Blut und ungenügende Thrombosierung, Hämophilie, Nachlassen des Kluppendruckes u. s. w. Wenn häufige Blutungen dem Kluppen­abnehmen nachfolgen, fährt man am besten, das Loslösen des Samenstranges mit dorn Finger zu unterlassen und dasselbe durch sofortige Bewegung des Tieres in scharfem Schritte zu ersetzen.
5,nbsp; Eindringen von Luft kommt nur bei weitem Leistenkanal vor und kann deswegen öfters vorhergesagt werden, namentlich wird beim Aufstehen des Tieres von dem Operationslager oder im Stalle Luft aspiriert und vernimmt man dabei einen eigentümlichen Ton. Das Vor­kommnis ist meist von üblen Folgen nicht begleitet, doch ist auch schon Bauchfellentzündung und selbst Tod (wenn auch äusserst selten) vor­gekommen. Später beobachtet man die Luftaspiration nicht mehr, sobald nämlich der Samenstrang anzuschwellen beginnt.
ocr page 543
XLV. Kastration männlicher Tiere.
525
Die Hilfe bestellt in dem einfachen Zuhalten der Hodensackwunde mit der Hand oder Andrücken letzterer gegen den Leistenkanal von missen her und Überwachen des Tieres im Stalle.
6.nbsp; Hodensack-Abszesse entstehen bei zu schneller Heilung der äussern Wunde, während innen noch Eiterung, Abstossen nekrotischer Teile, Ligaturen u. dergl. bestehen; sie kommen bei Pferden, noch häutiger bei Hunden vor und lassen sich einfach durch Spalten und Desinfizieren der Fläche (lOproz. Zinkchloridlosung) beseitigen.
Auch in der Inguinalgegend, in der unteren Flanke und selbst im Becken kommen phlegmonöse Ahszedierungen vor, welche dieselbe Behandlung erheischen.
7.nbsp; Vorfallen des Darmes oder Netzes ist eines der unan­genehmsten Ereignisse, das schon während der Operation oder unmittelbar nachher vorkommen kann und zwar am häufigsten bei Schweinen, am seltensten bei den Wiederkäuern. Solche Darmbrüche müssen sogleich zurückgebracht werden oder erfordern sie eine besondere Operation, wie sie bei dem Hotlensackdarmbruch näher angegeben wurde (Seite 4(it)).
Netzstücke können nur bei sehr weitem Bauchring reponiert werden, einfacher werden sie etwas hervorgezogen, desinfiziert und quer abgeschnitten; allenfallsiges Bluten wird durch Torsion gestillt, Unter­binden mit Seide ist überflüssig.
8.nbsp; Kastrationskolik stellt sich am Operationstage oder später hie und da ein, sie verschwindet aber gewöhnlich von selbst, weil sie niedergradig vorkommt; bedeutendere Koliken kommen bei Darmein-klemmungen vor (siehe diese bei Hodensackdarmbruch).
Umherführen des Patienten, Abreibungen des ganzen Körpers mit Kampherspiritus, Klystierc von warmem Kamillenthee, ein salinisches Laxans, nötigenfalls eine Morphin-Injektion sind die geeignetsten Mittel.
•J. Bauchfellentzündung ist neben dem Starrkrampf die schlimmste Folge, denn beide enden gewöhnlich mit Tod, sobald sie in höherem Grade auftreten. Die ersten peritonitischen /eichen manifestieren sich
schon nach 2—3
Tagen und erreicht die Entzündung rasch ihr Akme,
nachdem jede Wundsekretion aufgehört hat
Die Behandlung, wie sie die spezielle Therapie lehrt, ist innerlich vorzugsweise eine antiseptische, jedoch selten von Erfolg (siehe oben Wundfieber).
10.nbsp; Starrkrampf kommt erst nach 8—10 Tagen zum Vorschein und setzt (abgesehen von fehlerhaftem Verfahren, unzureichendem Druck auf die betreffenden Teile) Erkältung oder Diätfehler als Gelegenheits­ursache voraus, indessen wirken hier verschiedene Potenzen zusammen, insbesondere die Individualität und eine gewisse Witterungskonstitution, welche beide nicht zu ändern sind. Zum Glück kommt der Starrkrampf nicht häutig und dann nur zu gewissen Zeiten vor, wobei dann ver­schiedene Tiere erkranken.
11.nbsp; nbsp;Samenstrangvorfall. Er kommt nach gewaltsamem An­ziehen des Samenstrangs oder des Hodens und besonders bei schlaffem
ocr page 544
Ö26 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
langem Samenstrang vor und kennzeichnet sich durch Hervortreten des Stumpfes.
Kurz nach der Kastration lässt sicli der Fehler durch Hinauf­schiehen mit dem Finger, beziehungsweise Herabziehen der Hodensack­haut oft leicht beseitigen, später jedoch muss das vorstehende Ende desinfiziert, unterbunden und abgeschnitten werden, wenn keine Fistel daraus werden soll (Zapfenschiessenlassen). Werden solche schlaffe Samenstrilnge schon beim Kastrieren selbst entdeckt, so bietet das hohe Anlegen der Kluppen die beste Prophylaxe, auch muss der Stumpf nachher gut in die Scheidenhaut (nicht blos Skrotalhaut) hinaufgeschoben und dort verwahrt werden.
12. Samenstrangfisteln. Nach jeder Kastration, besonders aber nach dem Yerkluppen schwillt der Samenstrang an, verdickt sich auf eine ziemliche Höhe und fühlt sich dann hart, fest und schmerzhaft an; diese Schwellung lässt aber nach 6—8 Tagen nach und zuletzt ist der Stumpf, wenn er mit der Vaginalis verwachsen ist, dünner als zuvor.
Bildet sich die Anschwellung nicht zurück und bleibt sie längere Zeit, d. h. mehrere Wochen oder Monate bestehen, so muss man nach der Ursache forschen und diese entfernen, worauf durch Einreibungen der Quecksilbersalbe das Übel sich gewöhnlich rasch beseitigen lässt, im andern Falle dauert die Eiterung an und es kommt zu entzündlichen Neubildungen und fistulösen Zerstörungen, welche .nur durch eine Operation radikale Heilung finden.
Die Ursachen dieser Verhärtung und Fistelbildung sind vielfacher Art und bestehen gewöhnlich in ungenügender Abtötung des Samen­strangs, mangelhaftem Verschluss der Kluppe oder Ligatur, nachlässiger Verwahrung des Stumpfes, allgemeiner Laxität der Gewebe, Zerren bei der Kluppenabnahme, Nichtlösen von Adhärenzen, Retention des Eiters, niederem Verkluppen u. s. w.; hie und da liegen auch unbekannte ätio­logische Momente vor und sicher auch häufig bakeritische Entzündungs­erreger (Infektionsstoffe, schlechte Stallluft). Merkwürdig ist, dass sich diese Fistelgeschwüre oft erst nach Jahr und Tag entwickeln, obwohl sie allerdings vielfach übersehen werden, wenn die Eiterung nur wenig Sekret nach aussen liefert, die Verhärtung kann aber auch Jahre lang bestehen bleiben, ohne die Gebrauchstähigkeit des Tieres zu beein­trächtigen; erst' wenn grössere Mengen Eiters sich entleeren, die Ent­artung an Grosse stark zunimmt und ein Krummgehen veranlasst, wird dann das Leiden erkannt oder Hilfe gesucht; die Degeneration hat sich dann oft schon über den Bauchring hinaus erstreckt und kann selbst bis in die Gegend der Harnblase und noch weiter hinauf vorschreiten.
Im Anfang behilft man sich mit Erweiterung der Wunde, stellt den Eiterabfluss wieder her und verordnet zerteilende Einreibungen, warme Bähungen und Bandagen, welche an den Schwanzriemen geführt werden; jedenfalls müssen zuvor alle Adhärenzen mit dem Finger oder Messer gelöst werden, mit den Schmierereien darf man sich aber nicht zu lange aufhalten, um das wirksamste Mittel, die Operation nicht un­möglich zu machen.
ocr page 545
XLVI. Kastration der weiblicher Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;527
Bilden sich am Sainenstrangstumpfe, an der Hodensackwunde oder im Leistenkanal bei der grossen Neigung zu Zellgewebswucherungen pilzähnliche, gefässreichc, mehr profuse oder fleischwarzige Auswüchse, zapl'enfönnige Luxuriationen, wie sie unter dem Namen Champignons bekannt sind, so müssen diese abgeschnürt und dann mit Karbolsäure, Zinkchlorid, vielleicht auch mit der Wiener Ätzpaste korrodiert, bezw. mit dem weissglühenden Brenner zerstört werden; ebenso behandeln viele Praktiker, insbesondere messerscheue, auch den entarteten Samen­strang wochenlang mit Ätzmitteln (besonders essigsaurem Kupferoxyd) und lassen das zerstörte Gewebe immer wieder entfernen, es sind jedoch diese Mittel von unsicherem Erfolg.
Bei der Operation der auf den Bücken gelegten Tiere will man eine Radikalheilung durch Ausschälen der ganzen Geschwulstmasse er­zielen, zu welchem Behufe man die Geschwürsfläche zunächst durch zwei halbmondförmige herzhafte Schnitte umschneidet und diese dann ausreichend verlängert. Des Weiteren sucht man unter Hervorziehen der geschwürigen Masse durch Haken oder durch mittels der Nadel ein­gestochene Schnüre das periphere lockere Bindegewebe des ebenfalls bindegewebig wuchernden Leistenkanales mit dem Spitzmesser zu er­reichen und so durch Lospräparieren die Ausschälung zu be­wirken.
Im gesunden Teile des Samenstrangs oder wenigstens so hoch wie möglich legt man dann entweder eine gebogene Holzkluppe, eiserne Kluppe mit Schrauben (Figur 297) oder besser eine starke chirurgische Schlinge an und schneidet mit dem Messer den entarteten Teil durch, um ihn nachher mit dem weissglühenden Eisen zu brennen, was wegen der oft gefährlichen Blutungen besonders gute Dienste leistet (und vom Ekraseur nicht gesagt werden kann). Nachher pudert man die Wunde mit Borsäure oder Jodoform aus, tamponiert mit Jute oder Werg und heftet. Den Schluss bildet die Sorge für gute Granulation und Eiterung.
Erstreckt sich die Geschwulst sehr hoch gegen den Bauchring, wodurch dieser erweitert wird, oder überschreitet diesen die Entartung, so fragt es sich, ob man die Operation ausführen soll, denn sie ist in hohem Grade lebensgefährlich und zieht auch häufig genug eine letale Bauchfellentzündung nach sich.
f
XLVI. Kastration der weiblichen Tiere.
Ovariotomia. Gophorektomia.
Auch bei den weiblichen Tieren wird die Operation des Kastrierens und zwar bei allen Haustiergattungen, wenn auch seltener, vorgenommen, es muss jedoch, da die ebenfalls gepaarten Geschlechtsdrüsen in der
ocr page 546
528 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar,
Baucliliöhle gelegen sind, in diese eingedrungen werden, womit immerhin ein etwas grösseres Risiko verbunden ist, als bei den männ­lichen Tieren.
Geschichtliches. Die Ovariotomie ist nicht etwa neueren Ursprungs, sondern lässt sieli weit in das Altertum zurückverl'olgen, denn schon Aristoteles erwähnt (380 v. Chr.) der Operation (Historia animalium, Liber IX. Kap. 37) und führt an, dass man Menschen, vierfüssige Tiere und Vögel kastrieren könne; speziell spricht er auch von der Operation weiblicher Kälber und in Kap. 50 von der weib­licher Schweine; ebenso gab Plinius der ältere im Jahre 35 nach Chr. das Ver­fahren der Kastration des weiblichen Kameeis und Schweines an, später auch Galen (180 n. Chr.}.
Die in früherer Zeit gleichfalls bekannt gewesene Operation bei den Kühen geriet im Anfange dieses Jahrhunderts in Vergessenheit und ist auf sie erst 1831 wieder von Winn in Louisiana und 1832 von Levrat in Lausanne die Aufmerksamkeit gerichtet worden, bis sie 1850 stark in Aufnahme kam, wo der französische Tierarzt Charlier erstmals ein neues, mehr ungefährliches Verfahren (von der Scheide aus) angegeben hatte, das auch eine andauernde Milchsekrotion garantieren sollte; er war von den Vorzügen seiner Kastrationsweise so eingenommen, dass er allen Ernstes anriet, selbst die Stuten bei den berittenen Regimentern zu kastrieren, nachdem er einige solche, welche •wegen Bösartigkeit geradezu un­brauchbar wurden, mit viel Glück operiert hatte. In Frankreich (Regere 1834, Putot 1838, Lorin 1841, Aubin 1845, Rey 1847, Prange 1850, Colin 1868)U.S.W. wurde überhaupt früher viel mehr kastriert, denn eine Verordnung schon vom Jahre 1717 hatte die Ovariotomie der Fohlen polizeilich untersagt; ebenso stammt die Kastration dor weiblichen Hühner (Poulardisieren) aus Frankreich und hatte Ahlwick 1860 eine Preisschrift darüber veröffentlicht, ja selbst bei Fischen wird in Frankreich die Operation heute noch gemacht. Mariot Didieux be­schrieb dieselbe erstmals genauer und sagt, die Römer hätten schon Fische kastriert, um den Ertrag in den Teichen durch schnellere Zunahme des Gewichts und grössere Schmackhaftigkeit des Fleisches zu erhöhen; auch in England werden neuerdings wieder Fische (Milchner und Rogner) vielfach der Operation unterworfen.
Anzeige der Operation. Die Ovariotomie wird teils in der Absicht unternommen, Krankheiten zu heilen, den Geschlechtstrieb, wenn er sich in exzessiver Weise äussert (Nymphonanie, Stiersucht, Mutterkoller), zu vernichten, teils um ökonomische Vorteile zu er­zielen, di h. grössere Mastfähigkeit, schmackhafteres Fleisch zu gewinnen und zugleich die Laktationsperiode zu verlängern. Auch gegen habituell gewordene Scheidenvorfälle und das Verkalben hat man die Kastration der Kühe angeraten, die hiedurch erreichten Vorteile haben jedoch durch­weg den gesetzten Erwartungen nicht entsprochen, so dass gegenwärtig die Operation weit nicht mehr in dem Umfange geübt wird, wie dies noch in den sechziger Jahren der Fall war.
Bei Stuten kann die Exstirpation der Eierstöcke nur eine Heil­operation und hier oft von zweifelhaftem Erfolg sein und bei Kühen gibt es eine Menge von Fällen, wobei sogar eine Abnahme der Milch­sekretion eintrat. In ähnlicher Weise nimmt auch die Kastration bei weiblichen Schweinen ab, nachdem jetzt sehr frühreife und ausserordent-lich mastfähige Bässen gezüchtet werden und was die weihlichen Hunde betrifft, SO wird von den Besitzern die Ovariotomie nur ausnahmsweise verlangt, um das für sie so lästige Läufigsein und das Zulaufen fremder Hunde zu verhüten.
ocr page 547
XLVI. Kastration der weiblichen Tiere.
529
Anatomisches. Im allgemeinen sind die weiblichen Geschlechtsorgane nach dem gleichen Typus zusammengesetzt wie die männlichen, nur etwas komplizierter
t^
Fig. 29!)
und umfangreicher; sie bestehen aus den Eierstöcken, den Fallopischen Rohron, der Gebärmuttor samt ihren Hörnern und der Scheide und kommen bei der Ovariotomie alle diese Teile mehr oder weniger in Betracht.
Flg. 300. Eiorstocktasche und Eierstockfranse. Eierstock und dessen Band. (Stute)
Die Ovarien (Figur 200 tl) hängen am Ende der Hörner und sind bei Stuten und Kühen selten grosser als eine Kastanie oder welsche Nuss, erreichen aber bei Erkrankungen zuweilen die Grosse einer Faust, immer aber sind sie bei den Wieder-
Hering'a Operutioiislchre. 1Y. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;34
ocr page 548
530 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
käuern viol kloiuor, als beim Pferde. Sie liegen in der Lendcngogcnd und sind hier durch das breite Mutterband frei aufgehängt; bei Schweinen und Hunden sind sie am hintern Rand der Niere zu suchen und liegen in einer sie ganz um­hüllenden Eierstocktasche, die hei Stuten (Figur 300, /'Eierstock, d Eierstocktasche, h hinterer Rand derselben, h Eingang in den Eileiter, n Eingang In das Horn, g Fimhrien des Eileiters, gquot; Eierstocksfranse) teilweise offen ist.
Am meisten interessiert das Eierstockband (Figur 300, e), welches ab­geschnitten oder abgerissen werden muss und nur eine strangförmige Duplikatur der beiden serösen Platten des breiten Mutterbandes darstellt, in welcher starke Muskolzüge eingebettet liegen. Die Arterien stammen von der Innern Samen-arterio (Eierstockarterie) und sind im Bande nicht von Bedeutung) doch kommen besonders bei Erkrankungen der Ovarien durch die Operation hio und da Blutungen mit letalem Ende vor. Dieses Ligament erstreckt sich vom vorderen Eierstocks-endo bei gquot; bis zur Spitze des Gebärmuttcrhornes bei a. Ganz in dessen Nähe befindet sich die trichterförmige Muttertromp o te mit ihren Fransen und dem Eingang in den goschlängelten Eileiter ee'. Die den Hörnern eines Widders ähnlich gekrümmton Bohlauohförmigen Uterushörner (Figur 290, c) divergieren nach vorn und aussen. werden durch die breiten Bänder samt dem Uterus in ihrer Lage ge­sichert und münden durch den Muttermund in die Scheide b, welche unter dem Mastdarm a und auf der Harnblase e gelegen und mit diesen durch lockeres Binde­gewebe verbunden ist. Von Wichtigkeit ist, dass nur der vorderste Schoidenteil vom Bauchfell überzogen ist und da, wo dieses denselben verlässt, um den Mast­darm zu überziehen, entsteht eine Ausbuchtung (Excavatio recto-uterina), ebenso zwischen der Scheide und der Blase am Muttennund die Blasentragsackexkavation; weiter rückwärts ist die Scheide in losem weitmaschigem Bindegewebe gelagert.
Bei der Hündin sind die Hörner sehr lang und heim Schwein sogar darm­ähnlich gewunden, auch fehlt letzterem der Muttermund.
Vorbereitung. Um das Vordrängen der Eingeweide zu verhindern und die Ovarien leichter auffinden und fassen zu können, ist es nötig, die Tiere zur Operation durch Entziehung der Nahrung entsprechend vorzubereiten.
Die grösseren Haustiere können an eine Wand befestigt und somit stehend (von der Elanke oder von der Scheide aus) operiert werden; ausserdem wird auch die Operation liegend und zwar entweder seitlich beim Flankenschnitt oder auf dem Rücken gemacht, wenn von der weissen Linie aus vorgegangen werden soll.
Methoden. Es gibt verschiedene Kastrationsarten, bei allen müssen aber die Eierstöcke auf irgend einem Wege aus der Bauchhöhle heraus­genommen werden. In letztere kann nun auf vierfache Weise ein­gedrungen werden und zwar
1.nbsp; durch die Flanke oder
2.nbsp; durch die weisse Linie (Laparo-Ovariotomie); 8. durch die Scheide (Intravaginale Kastration); 4. durch den Mastdarm (Intrarektale Kastration).
Von allen ist die Flankenmethode die älteste, welche auch bei allen Haustieren angewendet werden kann, die zweite Methode kann nur bei kleineren Tieren zur Ausführung kommen und was die dritte und vierte betrifft, so müssen beide Organe weit genug sein, um mit der Hand eindringen zu können, diese letzteren Operationsarten sind daher nur bei Stuten und Kühen möglich.
ocr page 549
XLVI. Kastration der weiblichen Tiere.
531
Kastration der Kühe.
Bei den grösseren Haustieren hat die Ovariotomie der Kuli am meisten Bedeutung, es soll daher diese hier vorangestellt werden.
Wie schon erwähnt, hat die Operation keineswegs einen modernen Ursprung, sie war schon vor mehreren Jahrhunderten in Frankreich (Olivier de Serres, 1608) bekannt und ist auch besonders im vorigen Siiculum in England (Delabere-Blain 1803), nach Retzius in Schweden vielfach ausgeübt worden, ebenso ist das Kastrieren der einjährigen Rinder (Kalbinnen) in Obersclnvaben nachDentler eine sehr alte Operation, welche schon im Schwünge war, ehe sie von Levrat und von Nord-Amerika aus bekannt wurde, nur wurde dort ausschliesslich wegen Eierstockerkrankungen und behufs Erzielung grösserer Mastfäbigkeit und zarteren Fleisches verschnitten, da man von einer holieren Milchergiebigkeit noch nichts wusste.
m
Anzeige der Operation.
Wochen nach dem Kalben (also kastriert werden, mehrere Jahre
Die Angabe, dass Kühe, welche 5—6 in der besten Mildmutzungsperiode) lang fortfahren, gleichviel und gute,
selbst bessere Milch zu geben, ist keine begründete; bei zweckmässiger Fütterung dauert allerdings die Milchabsonderung nach der Operation 1—2 Jahre allmählich abnehmend fort, während welcher Zeit die Tiere dann anfangen fett zu werden und beim Schlachten häufig eine unerwartete Quantität Fett sowohl in den Körperhöhlen, als im interstitiellen Gewebe liefern, indes sind die Ovariotomisten jetzt darüber einig, dass die Er­zielung eines andauernden Milchertrages nicht mehr als Indikation des Kastrierens der Kühe gelten kann, ja es lässt sich selbst nicht immer eine höhere Mastfähigkeit nachweisen, als bei demselben Futter bei nicht kastrierten Kühen; ausserdem ist auch die Operation keineswegs so ungefährlich, als sie vielfach hingestellt wird.
Nach den heutigen Erfahrungen findet die Kastration der Kühe eine zweckmässige Anwendung nur bei Eier Stockerkrankungen. Stiersüchtige Kühe haben nur sehr geringen Wert, können aber durch die Operation vollständig wieder nutzbar gemacht, also geheilt werden und das damit verbundene Risiko fällt aus dem Grunde nicht ins (ie-wicht, als sie in nicht kastriertem Zustande dem Schlächter um jeden Preis überlassen werden müssten. Zu diesen ökonomischen Vorteilen kommt noch der weitere Nutzen, dass solche Kühe, welche durch ihr aufgeregtes Wesen eine fortwährende Beunruhigung für die andern sind, einen regelmässigeu fruchtbringenden Weidegang in hohem Grade be­einträchtigen, ja selbst diesen wie z. B. auf den Gebirgen und Alpen gefährlich machen, nachher wieder den übrigen beigesellt werden können.
Die Erkrankung der Eierstöcke besteht in cystischer De­generation der Eizellen, wodurch entweder solitäre mit serösem oder kolloiden Inhalte gelullte, mitunter faustgrosse Geschwülste (Follikular-cysten) entstehen oder noch häufiger werden die Ovariencysten durch eigentliche Kystome, d. h. einfache Cysten und multiple t'ystoide
repräsentiert, welche sich nicht aus den fettigen Follikeln, sondern
dem
eigentlich drüsigen
Teile,
den epitheltragenden Eischläuchen entwickeln
ocr page 550
532 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen) nur an Lestimmten Teilen ausführbar.
I
und kolossal auswaclisen. Von solchen Tumoren kommen mir Fibrome oder Cystosarkome vor, Indessen ausserordentlich seiton, wie die Dennoid-cysten auch.
Diese cystösen, cystoiden, nielir oder weniger hydropischen Eierstöcke ver­anlassen eine krankhafte Reizung, #9632;welche sieh im Gesamtorganismus in verschiedener AVeise äussert. Entweder ist damit ein ganz ungewöhnlich erhöhter Geschlechts­trieb (Stiersucht, Monatreitorei) verbunden oder dieser ist fast gar nicht rege, dagegen toben solche Tiere zeitweise und fangen ein farrenitlmliches Brüllen an (l)rüllerkrankheit, Stillochsigkeit).
Später folgen dann Appetitmangel und Abmagerung, nicht selten auch Perl-sucht; das Euter schwindet, die Milch verändert sich krankhaft und es stellt sich ein stierähnliches Ansehen (dicke Haut, dicker Hals) ein, seihst das Fleisch wird unappetitlich, dem Stierfleisch ähnlich, immer aber ist mit joder derartigen üvarial-erkrankung jenes die Diagnose der Nymphomanie wesentlich erleichternde Ein­fallen am Kreuze verbunden, welches durch Erschlaffung der Kreuzsitzbeinbänder bedingt ist und wodurch der Schwanz selbst bei noch vortrefilichem Ernährungs­zustand höher aufgerichtet erscheint. Nicht selten treten auch oft schon vor der Abmagerung zeitweise spasmodischo Zuckungen auf, welche sicli besonders am Halse und an den Bauchmuskeln bemerkUch machen (hysterische KrämpfeV), ge­wöhnlich aber übersehen werden.
Kastration durch die Flanke. Sie ist
die ältere, namentlich von Levrat, Prinz an der linken, später von Putot, Desbans, Eey, Charlier u. A. an der rechten Flanke ausgeübte Methode, welche bis zum Jahre 1850 die ge­wöhnliche war, von du ab von den Tierärzten jedoch nicht mehr ausgeführt wurde, indem eine neuere Methode dadurch weit günstigere Resultate lieferte, dass man nicht direkt in die Bauchhöhle eingeht, sondern von der Scheide aus, wobei das gefährlichste Moment, nämlich die durch das Ein­dringen von Luft ermöglichte Infektion des Bauch­fells fast gänzlich in Wegfall kommt.
Die meisten Ovariotomisten machten die Laparotomio (siehe Seite 422) in der Art, dass sie die Bauchwand schichtenweise in schiefer Richtung vom Hüftwinkel weg parallel mit der Richtung der letzten Rippe bis zum Peritonäum durchschnitten, so dass die Wunde eine bei­läufige Länge von 12—15 cm erhielt. Dann wurde der Arm bis zu den Ovarien eingeführt und diese durch Ausschälen oder Torsion entfernt oder man schabte und kneipte mit dem Daumennagel, beziehungsweise einem metallenen Fingerhut das Eierstockband ab, während andere es vorzogen, den Eierstock in die änssere Wunde hcreinzuzerren, um ihn hier abzudrehen, zu unterbinden oder wegzuschneiden. Ging letzteres Hervorziehen wegen der Erkrankung des Ovariums nicht an, so bediente man sich der geschweiften Eierstockzange von Dittweiler (Figur 301), mit welcher man zuerst den entfernter liegenden Eierstock fasste und dann mit der andern Hand abdrehte. Die äusserc Wunde wurde dann mit der Zapfen- oder Kürschnernaht geschlossen.
Unter den üblen Folgen der Operation war die Fig. 301.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Bauchfellentzündung die häufigste, denn die in der Bauch-
ocr page 551
XLVI. Kastration der weililiehen Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 533
r
liiihlc zuriickbloibeiide liuft vcrsclnvaiul nur selir langsam; ausserdem kamen Todes­fälle vor durcli Blutungen in den Peritonealsack oder eitrif;n Peritonitis. Der Pansen verwachst bei dieser Kastratioiismetbode regelmässig auf einer mehrere Hand grossen Stelle an die Bauchwiuule.
Kastration der Kühe durch die Scheide. Tierarzt Oharlier in Rheims liattc die obige Flankenmethode früher in zahlreichen lallen unternommen, kam aber 1860 beim Untersuchen von stlerstichtigen Kühen per rectnni, wobei er die Eierstöcke immer leicht diircliliilileiinbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;iquot;
konnte, auf die Idee, dieselben auf dem luiclisteu Woge, d. h. von dem Scheidenkanal aus zu exstirpieren. Seinen fortgesetzten Bemühungen gelang es, diese Vaginalmethode zu einem hohen Grade von Sicherheit auszubilden; die Vorteile sind gegenüber der Flankenmethode so gross, dass diese, wie schon erwähnt, jetzt gar nicht mehr zur Ausführung kommt, denn die Charliersclic Kastrationsweise ist auch sehr einfach, leicht vorzunehmen und daher keineswegs ein chirurgisches Meisterstück, ebenso auch keine gewagte Unternehmung, als welche sie heute noch vielfach von jenen Tierärzten angesehen wird, welche noch nicht in die Lage kamen, sie auszuführen.
Es kommen allerdings liie und da auch totliche Ausgänge vor, indessen müssen diese fast durchweg auf die Operationsweise des betr. Technikers zurückgeführt werden, denn bei einiger Übung und unter Beobachtung der nötigen antiseptischen Kautelen kann die Operation kaum mit Gefahr verbunden sein, selbst nicht bei den Stuten.
Allerdings dürfen nicht alle Kühe, welche nicht mehr zur Nach­zucht verwendet werden, ohne weiteres kastriert werden, der Operateur muss daher schon in der richtigen Auswahl der Tiere Sachkenntnis an den Tag legen; namentlich dürfen nicht alte, kachelet is ehe, phthisische Subjekte operiert werden, deren Ovarien etwa schon in vor­geschrittenem Grade degeneriert sind, was übrigens leicht durch die Mastdarmuntersuchung eruiert werden kann. Solche Exemplare können unmöglich durch die Ovariotomie gebeilt, sondern nur dadurch hergestellt werden, dass die Eierstöcke mit der Hand intrarektal zersprengt werden. Auch müssen alle Operationsobjekte mindestens fi Wochen vorher gekalbt haben, dürfen weder brünstig noch trächtig sein und miissen erst einer Behandlung unterzogen werden, falls akute oder chronische Blennorrhöen u. dergi. vorliegen. Ebenso ist stets Gefahr verbunden, sobald man es mit Individuen zu tlmn hat, welche an ver­breiteter Tuberkulose leiden, die Operation, welche als radikales Heilmittel der meisten Stiersuchtfornien von weittragender national-ökonomischer Bedeutung ist, erfordert somit eine eingehende sachgemässe Voruntersuchung des betreifenden Tieres.
Vorbereitung. Zunächst darf das Tier des Abends mir knapp, am Operations-morgen aber gar nicht gefüttert worden und entleert man entweder den Mastdarm vorher {was durch den Arm des Operateurs natürlich nicht geschehen darf) oder lässt man das Tier sich kurze Zeit im Freien bewegen.
Befestigung. Die Operation wird nur am stehenden Tiere ausgeführt und am besten im gutgeliifteten Stalle selbst, wo die Tiere besser ausharren, als wo anders.
ocr page 552
534 Zweite Hauiit-Abteilung i Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die Befestigung ist eine sehr einfache, denn der Kopf braucht nur gut an der Krippe fixiert zu werden, während zwei kräftige Männer rechts und links sicli an der Hüfte aufstellen und der eine den Schwanz festhält. Ein dritter Mann beschäftigt das Tier am Kopfe, auch lassen manche Operateure von den beiden Männern je einen starken liengel kreuzweise unter dem Bauche und neben den Flauken des Tieres halten. Genannte Befestigungsweise ist für den Chirurgen bequemer, als wenn man durch ein von der Schulter bis zum llinterschenkel
Fig. 303.
Fig. 304.
Fig. 302.
horizontal herübergehendes Seil die Kuh an eine mitRingen versehene Wand drückt und das Nicderliegen durch einen von oben unter dem Brustbein hinduroh-gehenden Strick verhindert.
Nun erfolgt die antiseptischc Reinigung des Wurfs und der Scheide mit Sublimatwasser (1:1000) und werden alle nötigen Instrumente in leichtes Karbolwasser (20/o) gelegt. Hierauf reinigt der Operateur Hände und Arme mit Terpentinöl und wascht sie ebenfalls mit letzterer Lösung, worauf sie mit Fett oder Öl überstrichen werden.
ocr page 553
XLVI. Kastration der weiblichen Tiere.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 535
Methode Charlier. Nach der Angabe Clmvliers sind verschiedene Instrumente notwendig, welche dessen Verfahren etwas kompliziert machen, nämlich
1,nbsp; nbsp;ein Scheidenspanner (eine Art Vaginalspeculum),
2.nbsp; nbsp;ein Bistouri cache in Form eines llackenmessers, 8. eine Eierstockzange zum Abdrehen und
4, ein metallener Fingerhut.
Der Scheidenspanner bestellt aus einem Instrument (Figur 302), an dem sich zwei Stahlbänder hb' befinden, welche sich oben ausbauchen und so den Scheidonkanal ausweiten, wenn sie an der aus der Handhabe a hervorgehenden Schraube c in Bewegung gesetzt werden. Das vorderste Ende geht in den Fort­satz d aus, welcher, um das Instrument zu fixieren, in den Muttermund gesteckt wird und das Fenster e kommt so nach oben in die Scheide zu liegen, dass durch dasselbe dicht am Orificium in die Mute dos Scheidengewölbes eingeschnitten werden kann,
Fig. 307.
Fig. 308.
Das verborgene Bistouri {Figur 303), einem Gartenmesser ähnlich, lässt sich durch den Knopf a in der beweglichen Schale b vorwärts schieben und zurück­ziehen, die Klinge braucht aber nicht länger als höchstens 4 cm zu sein.
Die Torsionszange für das Ovarium (Figur 304) hat eine Feder a zum Aufdrücken, einen gozähnelten Stab b zum Schliessen und zwei gefensterte, ein­gekerbte Enden zum Fassen des Eierstocks. Später hat Charlier behufs ein­facheren Verschlusses die Branchen gleichmässig rund (cylindrisch) gehalten und sie mit einer etwas konisch erweiterten röhrenförmigen Hülse, welche über die beiden federnden Arme hinaufgeschoben werden, verschlossen.
Der Fingerhut (Figur 305) hat die Form eines solchen, ist am obern Ende b geschlitzt und bei a eingekerbt, um die Eierstockbänder ahzukneipen, falls sie nach 15—20 Drehungen nicht brechen sollten; das kleine metallene Instrument bildet somit einen künstlichen Daumennagel.
Bei der Operation wird zunächst mit der linken Hand der ge­schlossene Scheidenspanner eingeführt, am Orificium externum fixiert und dann aufgespannt, worauf die Hand ausgeht; nun geht der Operateur mit der rechten Hand ein. In welcher er das Bistouri cache hält, unter-
#9632;#9632; 4
ocr page 554
536 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bostimintcii Teilen ausfillirbar.
V
sucht zuerst, ob das Sdioidengewölbc imieiiialb des Fensters ü])eii ge-nügend gespannt ist, schiebt dann mit dem Daumen die Klinge vor und schneidet unter der Leitung des ausgestreckten Zeigefingers (Figur 300j die obere .Sclieidenwand im Fenster der Länge nach auf ߗ0 cm ein, um jetzt das Messer samt-dem Speculum zurückzuziehen. Die Blutung ist ohne Bedeutung. Der Schnitt geschieht gegen den Operateur.
Hierauf prüft der Zeigefinger die gemachte Wunde und wiederholt die Inzision, wenn das Bauchfell nicht völlig durchschnitten sein sollte und muss dies geschehen, so lange der Spanner noch in der Vagina sich befindet. Nun geht der rechte Zeige- und Mittelfinger in die Bauch­höhle ein, sucht den hier ohne Mühe zu findenden an seinem Bande frei herabhängenden linken Eierstock auf und zieht ihn sachte in die Scheide herein. Nun wird die Zange eingeführt, welche den Eierstock fasst und zwar fingerbreit von seinem Bande entfernt; zu diesem Behufe hält die linke Hand das Band fest, während die rechte die Zange aussei) öfters umdreht, bis jenes hörbar abreisst. Um sicher zu gehen, torquiert man die Gefässpartie des Stumpfes mit der Zange wiederholt (12—20 mal) oder bearbeitet die sich verlängernden Gelasse mit dem Fingerhut
^
Fig. 300.
Die Exstirpation kann auch mit der Eierstockschere (Figur 311) geschehen, mittels welcher der dick anzufühlende untere Teil des Band­apparats eingeschnitten wird; hierauf hält man das Ovarium immer noch fest, entfernt aber die Schere, fasst es mit der obigen Zange und dreht in der genannten Weise die Gefässpartie mit oder ohne Finger­hut ab.
Der etwas weiter rechts liegende, unmittelbar seitlich am inneren Rand der Scheidenöffnung befindliche andere Eierstock wird mit der linken Hand in der gleichen Weise in die Scheide gezerrt und hier exstirpiert. Der Best der abgerissenen Bänder geht leiclit in die Bauch­höhle zurück, worauf man das etwa in der Vagina angesammelte Blut entfernt und diese mit Karbolwasser reinigt.
Statt des komplizierten und deswegen teuren Scheidenspanners hat Charlier in der letzten Zeit einen einfacheren Scheidenbalter (Fixateur du vagin, Figur BO!)) gebraucht, welcher das Fenster zum Einschnitt oberhalb des zur Dilatation dienenden Bogens trägt. Ebenso haben Hanns und Billings das Speculum und Colin und Harms die Eier­stockzange etwas abgeändert, jedoch keineswegs in nennenswerter Weise, dagegen ist das oben angegebene Charlier'sehe Kastrationsverfahren
ocr page 555
XLVL Kastration der vrelbllohen Tiere.
i37
der Külic im Laufe der Zeit manigfach modifiziert wurden und zwar hauptsächlich von Colin, Busse, Bösenroth, Prangt, Kicliter, Wallraffj Bubendorf U, A., es soll daher von diesen Abänderungnn weiter unten ebenfalls kurz die Rede sein.
Bei sehr grossen Kiihen kann das Speculum auch ganz entbehrt werden, denn es können beide Arme eingeführt werden, die linke Hand spannt dabei die Scheide und drückt abwärts; dagegen ist bei Kalbinnon der Vaginalkanal oft nicht geräumig genug, um das Speculum ausspreizen zu können, man lässt es daher in der Scheide zusammengelegt liegen und fahrt so den Schnitt durch das Fenster.
Auch zum Abdrehen der Ovarien braucht man nicht absolut die Zange, doch erleichtert sowohl sie als der vereinfachte Scheidenspanner die Operation sehr. Die Torsion geht leicht vor sich, denn der Eierstock hängt nicht am breiten Mutterhande selbst, sondern nur an einem besonderen Appendix desselben, keines­falls darf man aber dieses Ligament eher drehen, als man sich nicht überzeugt hat, dass die Drüse ganz in der Zange sich befindet und diese gut auf dem Halse des Eierstockes aufliegt. Ebenso darf man die Handgefässe nicht torquleren, bevor man sie durch die Zerrcissung des Bandes selbst gut isoliert und aufs neue mit der Zange gefasst hat; die halben Drohungen gehen dann langsam vor sich und wird das Jiaud bei joder Rotation etwas angezogen, um so die Media und Intima der Gefässe ungefährlich und allmählich zu zerreissen, auch darf, um das so gefürchtete Nachbluten in die Bauchhöhle sicher zu verhindern, das Ahkneipen mittels des Fingers erst dann statt linden, nachdem wenigstens ein Dutzend Drehungen ausgeführt worden sind.
Wenn die Tiere während der Operation stark drängen, den Rücken dabei wölben u. dergl., so sucht man diese das Geschäft erheblich störenden Muskel-aktionen dadurch zu paralysieren, dass man die Lumbargegend kräftig eindrücken lässt, was entweder mit der Hand oder einem Querholz geschehen kann.
Methode Colin (Alfort). Colin hat sich ein Verdienst um die Kastration der Kühe hauptsächlich dadurch erworben, dass er das In-stnnnentariuin vereinfachte.
Zu seiner Methode braucht man mir ein konvexes Bistouri mit verschiebbarem (stumpfem) Sclmeidedecker, die oben angegebene Eier­stockzange mit der röhrenförmigen Hülse und statt des Fingerhuts eine Charnierklammer zum Halten des Eierstockbandes während der Torsion, der Scheidenspanner bleibt daher ganz weg. Diese drei Instrumente kosten samt dem eleganten Etui nur 50 Tranes und sind jetzt das ge­bräuchlichste Kastrierzeug für Kühe und Stuten. Die Klammer Ist von etwas geringerer Wirkung, als der Fingerhut.
Ausserdem hat Colin mit Becht Wert darauf gelegt, mit dem Scheidenschnitt, nicht zu weit vom Muttenmmd wegzubleiben, sondern das Vaginalgewölbe unmittelbar am Muttermund zu eröffnen: den Schnitt nimmt man erst vor, wenn die Scheide, welche die Tiere regelmiissig stark zusammenziehen, sobald man mit dem Anne ein­gegangen ist, wieder erschlafft ist. Neben dem Arm dringt Luft ein, welche den Kanal genügend ausdehnt, ob es aber zweckmässiger ist, den Vaginalschnitt von hinten nach vorwärts zu machen, bleibt, zweifel-kaft, ebenso ihn soweit auszudehnen, dass die ganze Hand in das Bauch-bavum eindringen kann (Bassi).
Nach der Colin'schen Methode, bei welcher der Scheidenschnitt auch ohne Spanner durchaus gefahrlos bewerkstelligt werden kann, kastriert auch Wallraff (Chur), welcher zahlreiche Erfahrungen sammeln konnte; er verfährt kurzweg so,
lflaquo;!:J
ocr page 556
538 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, mir an bestimmten Teilen ausfülubar.
dass er den Scheidenschnitt nur mit einem gewöhnlichen Bistouri macht und den Eierstock einfach mit dem Daumennagcl aus seiner Verbindung löst. Nach Peetz und Seh mid kann auch letzteres wegfallen, denn beide schnitten ohne Nachteil die Eierstöcke ab, während Busse und Weber sie mit grosser Sorgfalt mittels des Kkraseurs ablosen und Prange das Eierstockband erst unterbindet und dann abschneidet. Die Ligatur darf keinesfalls nach ausson hängen, da sie sonst die Wundheilung wesentlich verzögert, im übrigen kann die antiseptische Unterbindung mit Katgut (Kniisel, Luzern) nur als ein Fortschritt der Prange'schen Methode bezeichnet weiden.
,.
Eig. 310. Zange.
Fig. 311. Schere.
Methode Richter (Schweinfurt). Die Instrumente Richters haben den Vorteil grosser Einfachheit für sich und bestellen in einer Eier-Stockzange (Figur ,'UO) und in einer 35 cm langen, der Kante nach gebogenen Kastrationsschere (Figur 311), mit welcher das Scheiden­gewölbe oben durchschnitten wird, nachdem in der Mittellinie eine Quer­falte gebildet worden ist, statt dieser Schere kann indes auch ein Bistouri dieselben Dienste leisten. Das Bauchfell muss nachher mit dem Finger dnrehstossen und die Öffnung mit den Fingern erweitert werden, um den Eierstock in die Scheide hereinzuziehen, wo er mit der ebenfalls gebogenen Kastrationszange (Figur 810) gefasst und abgedreht wird. Sollte das Band zum Torquieren sich als zu hart erweisen, so
ocr page 557
XLVI. Kastration der weibliclien Tiere.
589
#9632;wird es mit (lein einer Trogscharre ähnlichen Messer (Figur 307) vollends abgeschabt.
Richter (Blschoffshelm) bildet ebenfalls eine Querfalte, die von ihrer Basis aus mittels eines eingeführten (geraden) Bistouris durchstochen und nach abwärts durchgeschnitten wird, währendBösenro th in der Scheiden­wand eine Längsfalte macht und diese mit einer der Fläche nach gebogenen Schere einschneidet, die Inzlslon hat daher eine quere Richtung. Beide Kastrationsvarianten schliessen Ne­benverletzungen benachbarter Organe nicht ganz aus.
Methode Walther, Dieses Ver­fahren bestellt darin, dass ein ge-fensterter Scheidenhalter eingebracht wird, um den Schnitt nach Cliarlier auszuführen. Beim Hereinziehen na­mentlich vergrösserter Ovarien in den Scheidenkanal wird die Wand des­selben mittels der Richter'schen Zange gehalten, worauf dann das Abdrehen mit der Hand erfolgt.
Nicht uninteressant ist die Me­thode von Trachsler, welcher mit* der Hand tief im Mastdarm die Eier­stöcke auf unblutigem Wege in der
Art fasst, dass er jedes Ovarium für sich gegen das Lumen des Mast­darms herzieht und hier samt der Darmwand mit einer Ligatur umgibt, welche mit Hilfe eines Schlingen-trägers eingebracht wird und nach 10—U Tagen wieder abfällt.
Ebenso soll der Kuriosität wegen die Metiiode Bubendorf angeführt werden, welche sich übrigens schon vielfach praktisch bewährt hat, wäh­rend das Trachsler'sche Verfahren bis jetzt nur versuchsweise geübt wurde.
r.:
Bubendorf verbindet mit seinem
Fig. 312.
Instrumente (Figur 312rf) bei c eine Art
Luftpumpe, nämlicb die Saugspritze f und
aspiriert in die Öffnung a die obere Wand
der Scheide, um sie liier durch ein tlietenähnlichcs Messer mitten durchzuschneideu,
das in der Nähe verborgen liegt und durch eine Springvorrichtung bei h nur los-
ocr page 558
h
540 Zweite Ilaupt-Abteilung: Oiicrationen, nur au bostimmteu Teilen ausführbar.
gelassen werden darf; da bei dem Ansaugen auch die untere Mastdarrawand mit in das l'aket bei a hereingezogen würde, muss diese mittels der in das llektum eingeführten Hand zurückgehalten #9632;werden. Ist in dieser Weise die Bauchhöhle dicht am Muttermunde eröffnet, so weiden die Eierstöcke nacheinander in die Scheide hereingezogen und hier mittels eines eigenen Ekraseurs exstirpiert. Letz­teres Instrument hat vieles für sich, namentlich vermeidet es Zerrungen der Händer, dagegen erheischt die Abdrehung viel Zeit, im andern Ealle erfolgt gerne eine arterielle Nachblutung.
Aus diesen vielfachen Abänderungen, wie sie mit dem ursprüng­lichen Verfahren Charliers vorgenonunen worden sind, lässt sieh unschwer entnehmen, dass die Technik der Ovariotoroie hei den Tieren immer noch Verbesserungen fähig und bedürftig ist; die hiebei gemachten praktischen Erfahrungen lassen sich in folgenden Sätzen resümieren.
Operationsregeln. Auf die Reinigung sowohl des Mastdarms, als der betreffenden Geschlechtsteile und der Hände des Operateurs ist strenge Bedacht ZU nehmen.
Der Scheidenschnitt muss unmittelbar über dem äusseren Mutter­mund in der Medianlinie angebracht werden und zwar durch sämtliche Häute, so dass das Bauchfell durch die eindringenden Finger nicht von seiner Umgebung abgelöst wird.
Der Scheidenschnitt wird wesentlich erleichtert, wenn dabei die Rückenmuskeln des Tieres etwas gestreckt erhalten werden und beim Einschneiden des Eierstockbandes soll die mediale (innere kürzere) Seite zuerst durchgeschnitten werden.
Bei dem Abdrehen muss man sich hüten, dass die Rotations­bewegungen sowohl als die Zerrung sich nicht auch auf das breite Mutterband fortpflanzen, ebenso darf man nicht etwa eine starke Auf­treibung eines (iraaf'scheu Eollikels oder eines Corpus luteum für den Eierstock selbst halten oder einen Teil seines Stromas zurücklassen, da sonst die Tiere wieder brünstig werden könnten.
Nachbehandlung. Hei allen erheblichen operativen Eingriffen pflegen die Wiederkäuer in ihrem regelmässigen Rejektionsgeschäfte mehr oder weniger (wenn auch meist nur auf kurze Zeit) altoriert zu werden, man gebraucht daher die Vorsicht, wie früher schon öfter angegeben wurde, in den ersten Tagen mehr flüssige als feste Aalirung zu reichen, um keine Indigestionen aufkommen zulassen; Rüben, Wurzelwerk, Kartoffel, Mehltränke mit Glauber- und Kochsalz, etwas zartos, aromatisches Heu sind am meisten gedeihlich, auch richtet man sich beim llbcr-gang zur früheren Ernährungsweise nach dem Wiedererscheinen der früheren Milchmenge und dem Verhalten des Thermometers, das aber auch in den nächsten Tagen noch steigen kann; im übrigen darf man sich bei auftretenden leichten Kolikäusserungen nicht beunruhigen lassen, sie gehören bei kastrierten Kühen fast zur Norm, sind aber meist sehr gering und pflegen nicht lange anzudauern.
Die Milchsekrction erhält sich für gewöhnlich ein Jahr lang, selbst 18—20 Monate, es richtet sich diese aber durchaus danach, in welchem Masse die Tendenz für Fettansatz in den Vordergrund tritt.
Kastration der Stute.
Bei Stuten liegen im ganzen nur selten Indikationen für das Kastrieren vor und können dieselben auch nur pathologischer Art sein.
ocr page 559
XLVI. Kastration dor weiblichen Tiere.
541
Für gevölinlich ist die Operation das letzte Auskuiiftsniittei, wenn solche Pferde wegen andauernder Überreizung der Geschlechtsorgane (Nymphomanie, Mutterkoller, Furor uterhms) nicht allein unbrauchbar, sondern auch gefährlich für Menschen und andere Haustiere geworden sind. Die Operation kann dann, obwohl sie der grösseren Empfindlich­keit des Bauchfells wegen mehr Gefahren involviert, als bei allen andern Haustieren, unbedingt vorgenommen werden, denn derartige Tiere haben geringen oder gar keinen Marktwert.
Man operiert im allgemeinen, wie dies bei der Ovariotomic der Kühe angegeben worden ist, nur kann von dem Flankenschnitte heutzutage keine Rede sein.
Auch hier geschieht die Kastration am leichtesten und heiiuemstcn am stehenden Tiere, nötigenfalls in einem Notstande oder hei untergelegter Gurte, um das Nicdcrliegen zu verhindern. Grosse Schwierigkeiten, viel grössorc als die Operation selbst hietet, können dadurch entstehen, dass die betreffende Stute sicli nicht ankommen liisst, es muss daher nicht selten am liegenden Tiere unter voraus­gegangener Chloroformnarkose ovariotoniicrt werden und ist nachher nicht immer Garantie geboten, dass das Pferd wieder zum Dienste verwendet werden kann.
Ein Unterschied gegenüber dein Verfahren bei Kühen besteht zunächst in den anatomischen Verhältnissen der in Frage kommenden Geschlechtsorgane und liegt der gewichtigste darin, dass die Ovarien in der schon oben genannten als Eierstockstasche bezeichneten ISauch-fellduplikatur (Seite 530) versteckt liegen und auch aus dem Grunde schwieriger zu erhaschen sind, weil sie von dem Scheidengewölbe am Muttermund weiter entfernt sind, nur an sehr kurzen festen Bändern hängen und ausserdem vermöge ihres reichlichen Bindegewebslagers so gross sind, dass mit der ganzen Hand in die Hauchhöhle eingegangen werden muss, der Scheidenschnitt ist daher auf eine Länge von 8—10 cm auszudehnen. Ein Hereinziehen in den Scheidenkanal ist wegen der Fibrosität des Ligamentes nicht ermöglicht oder nur durch Zerrungen, welche den Erfolg sehr in Frage stellen müssten.
Die nächsten Folgen der Kastration treten bei der Stute stets mit grösserer Intensität auf und erfordern eine sorgfältige Berücksich­tigung; sie bestehen meist in starker Depression, welche mit Unruhe und Kolikerscheinungen abwechselt. Tod erfolgt am häufigsten durch Peritonitis, Abszessbildung im subrektalen Bindegewebe, Proktitis oder durch innere Hämorrhagie, namentlich wenn der Ekraseur als Exstir-pationsmittel zur Anwendung kommt und nicht sehr vorsichtig an­gewendet wird. Ausserdem kommen auch peritonitische Adhäsionen am Mastdarm vor, welche, wie ein Fall Hoffmann's (Ludwigshurg) bewies, nachträglich zu Stenosierung, selbst völliger Darmokklusion führen können.
Kastration weiblicher Schweine.
Die Operation ist bei diesen Tieren früher viel häutiger gemacht worden, als gegenwärtig und liegt der Grund darin, dass jetzt frühreife Passen von grosser Mastfähigkeit viel mehr Verbreitung gefunden haben
ocr page 560
542 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfülirbar.
und die fmhoren gemeinen Sclrweincschlägc bei uns kaum mehr an­getroffen werden.
Indessen werden immer noch eine Menge weiblicher Schweine jnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; kastriert, sowold kleine Ferkel, als Frischlinge und ältere ausgediente
Sauen; die Kastration ist in keinem Alter mit Gefahr verbunden, wenn nur eine diätetische Vorbereitung geschieht und immer der völlige Ah­lauf der Brunst abgewartet wird, man hat daher vorgeschlagen, um 1nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ganz sicher zu gehen, die Tiere erst belegen zu lassen und dann in
tier 3. bis 4. quot;Woche die Operation vorzunehmen.
Das günstigste Alter für die jungen Tiere ist dasjenige des zweiten und dritten Lebensmonates (5—10 Wochen), das der Mutterschweine 5—6 Wochen nach der Geburt. Gegenwärtig wird, nachdem der Handel mit Schweinen mehr im Grossen betrieben wird, viel in besonderen Etablissements kastriert, so dass den Tierärzten mancher Gegenden ein Teil ihres Verdienstes entzogen bleibt; im Übrigen wird das Verschneiden vielfach auch von Kastrierern besorgt, welche in der Kegel grosse Routine besitzen.
Die Z eugungsorfianc des Schweins sind insofern von denen der übrigen Haustiere verschieden, als die Ovarien besonders hei älteren Subjekten höckerig, die Mutterbänder und der Fruchthälter ungewöhnlich lang sind und letzterer darm­ähnlich aufgewundene llörner besitzt. Der Muttermund ist so verstrichen, dass man fast unmittelbar von der Scheide aus in den Uterus gelangen kann, was in-soferne von Wichtigkeit ist, als bei jungen Tieren die Ovarien ausserordentlich klein sind (von der Grosse eines Apfelkerns oder höchstens einer halben Erbse), das Auffinden wird alier dadurch wesentlich erleichtert, dass man eine Kautschuk­sonde gut bis in die Kallopische Röhre vorschieben kann.
Die Operation kann nach zweierlei Methoden ausgeführt werden:
1.nbsp; durch den Flankenschnitt (häufigere Kastrationsweise);
2,nbsp; an der weissen Linie der Bauchwand (Chinesische Methode).
Der Flankenschnitt. Das zuvor etwas diät gehaltene Tier wird entweder von dem Operateur so vor sich auf die Beine genommen, dass die linke Flanke oben ist; zweckmässiger legt man jedoch das Tier auf eine Bank, einen Tisch oder Schrägen und liisst es durch einen Gehilfen festhalten. Widerwärtig ist dabei das Geschrei, das auch wegen der dabei stattfindenden stossweisen Kontraktion der Bauchmuskeln störend einwirkt; besonders ist darauf Bedacht zu nehmen, die Tiere weich zu legen und nur sanft an den Beinen zu halten.
Zum Flankenschnitt verwendet man ein geballtes Bistouri oder auch ein besonderes kurzes Messer (Figur 313), mit welchem nach der Reinigung der Haut und Abscheren der Borsten einige Centimeter vom äussern Darmbeinwinkel in schiefer Richtung nach vorn und unten in der Ausdehnung von 3—3,5cm eingeschnitten wird. Man trennt blos die Haut und das Zellgewebe, die Bauchmuskeln werden mit dem gestreckten Zeigefinger durchgestossen, was jedoch rasch und unter bohrender Bewegung zu geschehen hat, um das Bauchfell nicht von seiner Unterlage loszureissen: stosst man bei der Muskeltrennung auf Schwierigkeiten, so bedient man sich statt des Messers auch mit Vorteil des Stieles eines blechernen Löffels.
ocr page 561
XLVI. Kastration der weiblichen Tiere.
343
Nun sucht der eingeführte Zeigefinger den linken Eierstock und bringt ihn spielend an die Hautwunde, wo er gefasst und samt dem dazu gehörigen Uterushorn hervorgezogen wird; letzteres benützt man als Leitung, um neuerdings mit dem Finger einzugehen, welcher dadurch auch zum rechten Horn und Eierstock geführt wird. Jetzt weiden beide Eierstöcke an der Wunde abgekneipt oder abgeschnitten und scheuen sich geübte Operateure auch nicht, ein Stück Uterushorn mit weg­zunehmen.
Das Aufsuchen der Eierstöcke licsonders des jenseitigen bietet Schwierigkeiten) welche nur durch Übung zu über­winden sind; der Anfänger thut gut, sicli stets der Füldnadel zu bedienen, er kann aber auch hier durch die vielen Win­dungen des Darms und Uterus irre werden. Hiebei ist es eine Hauptbedingung, eine oder auch mehrere Windungen hervorzuziehen, sie aber immer mit der andern Hand fest­zuhalten, der kleine drüseniilinliche Eierstock nuiss dann alsbald erscheinen; freilich soll man dabei diese Windungen In der Hand so gut als möglich versteckt halten, da die quot;\ \\nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Leute sie für den vorgezogenen Darm halten und leicht er-
schrecken.
Gerne worden ferner Anfänger verleitet, den Flanken-schnitt zu hoch oben oder zu weit hinten (wie hei Hündinnen) zu machen, in welch beiden Fällen die Ovarien kaum oder gar nicht herauszubringen sind, auch darf man die Flanken-wunde nicht zu kloin machen, um das Anspreizen der Ovarion vor der Öffnung zu verhüten. Bei grösseren Schweinen kommt es auch vor, dass die Eierstocke nicht gleich gefunden werden, man soll daher entweder mehr nach vorwärts suchen, wohin man übrigens durch die Lage und Dicke des Uterus geführt wird oder weiter zurück gegen das Becken, wobei man sich mit dem Finger an die Harnblase halten muss. Am schwierigsten sind junge und dabei schon fette Exemplare zu verschneiden, da die noch unverhältnismässig kleinen Eierstöcke aussordem in der Eierstocktasche versteckt liegen und beim Aufsuchen oder Anspannen dos Uterus dieser zu­weilen abreiset.
Nach der Entfernung der Eierstöcke schiebt man die Uterushörner in die Bauchhöhle zurück und
Fig. 313.
Es gibt viele Viele machen den
heftet die Bauchwunde mit einigen Nadelstichen zu; die Laien bedienen sich dabei fast ausschliesslich der Kürschnernaht,
Modifikationen in der Ausführung dieser Operation. Schnitt in der rechten Flanke, andere schneiden
kurzweg die Hörner des Fruchthälters ab oder reissen einen Teil der­selben heraus, ohne lange nach den Eierstöcken zu suchen u. s. w. Man sieht hieraus, dass diese Tiere nicht sehr empfindlich sind und in der That betreffs des Peritoneums auch ausserordentlicli viel aus­halten; kommen nichtsdestoweniger häutig Todesfälle vor, so sind diese meist auf Rechnung der eingetretenen Eiterung und diese gewiss nur auf Rechnung nicht gehörig beachteter Reinlichkeit zu schreiben; ansserdem werden noch Netz- und Darmbrüche an der Wunde be­obachtet (weil die Bauchmuskeln nicht genäht werden), sowie Yer-
ocr page 562
544 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
letzungen des Darmes, wenn dieser in der Eile für den Uterus ge­lullten wird.
Schnitt in der weissen Linie. Diese zweite Methode wird gegenwärtig wenig mehr ausgeführt und ist auch nicht einzusehen, warum die Medianlinie des Bauches gewählt wird, von welcher die Eierstöcke jedenfalls weiter entfernt sind, als vom Ileum; daher kommt es auch, dass die Operateure fast regelmiissig die Sonde einführen, sobald der laparotomische Schnitt gemacht ist.
Zum bequemen Operieren werden die Ferkel ähnlich wie beim Sohlachten an den Hinterbeinen aufgehängt, was sich mehr empfiehlt, als das Niederlegen auf den Rücken, indem dann die Baucheingeweide der Operationsöti'nung am wenigsten anliegen.
Die Bauchwand wird dann genau in der Mittellinie zwischen den Zitzen, G—8cm vom Schambeinrand entfernt, in der Ausdehnung von 3—4 cm geöffnet, mit dem Finger nach der Sonde gefahndet und die Eierstöcke nach einander wie beim Flankenschnitt, jedoch mit einem stumpfen Haken hervorgezogen.
Kastration der Hündin.
Die Operation kommt im allgemeinen nicht häufig vor und wird von den Besitzern nur aus dem Grunde verlangt, um das Zulaufen fremder Hunde zu verhüten, indes ist ersteren in der Regel bekannt, dass nach der Operation die Tiere bald in unerwünschtem Grade an Korpulenz zunehmen und alles Temperament verlieren.
Die Hündinnen werden in jedem Alter kastriert und überstellen im Ganzen die Operation auch recht gut, sobald sie nur diätetisch entsprechend vorbereitet werden, sich völlig gesund (staupefrei) erweisen, die Brunst abgelaufen ist und das Kastrieren unter antiseptischen Kau-telen geschieht.
Die Operation wird in keiner andern Weise vorgenommen, als dies schon oben bei der Ovariotomie der weiblichen Schweine angegeben worden ist und wird auch bei diesen Tieren der Flankenschnitt vor­gezogen, nur ist dabei wohl zu beachten, dass in allen Fällen zur Operationsstelle mehr die obere als untere Lendengegend ge­wählt werden muss, da sonst das Auftinden des jenseitigen Eierstocks nicht gelingt; dasselbe ist ohnedies schwierig genug, da die Uterus-hörner sehr straff, wenig dehnbar und die breiten Mutterbänder ungleich kürzer sind, als bei andern Haustieren, nicht selten ist daher, wie vornehmlich bei grossen, starkknochigen Exemplaren, ein zweiter Fliinkenschnitt auf der andern Seite notwendig, der aber der Vorsicht wegen erst 2—3 Wochen nachher gemacht werden sollte.
Stosst man beim Aufsuchen der am hintern Ende der Nieren in Fett eingewickelt liegenden, länglich runden Eierstöcke! auf Schwierig­keiten, so darf man sich nur erinnern, dass bei Hunden die beiden üebiinnutterhörner sich leicht in ihren Formen herausfühlen lassen,
ocr page 563
XI/VI. Kastration der weiblichen Tiere.
man Mit sich daher mit dem Finger an diese, auch kann eine Sonde eingeführt werden, sie passiert indessen den Muttermund nur dann, wenn sie mit der etwas aufgebogenen Seite, gegen das Kreuzbein ge­wendet wird. An dem einen Horn zieht man vorsichtig das andere! (nötigenfalls samt dem Uteruskörper) In die Wunde herein, sucht den Eierstock ebenfalls dorthin zu ziehen und kneipt oder schneidet ihn
am Eierstock-Nierenband kurzweg ab. Die dann zurückgebracht und die Hautwunde
vorgefallenen Teile weiden mit einigen Knopfnähten
vereinigt,
Sollten dabei, wie es öfters Ungeübten vorkommt, die Ovaiien den beiden vorgezogenen Hörnern nicht folgen, jene also nicht zu erreichen sein, so müht man sich nicht zu lange ah, sondern hebt die Verbindung zwischen ihnen und den leichter zu erhaschenden Hörnern dadurch auf, dass letztere quer durchschnitten werden; die Hörner sind um so leichter als rundliche derbe oft nur rabenkieldicke Streifen zu finden, wenn das Tier einige Wochen vorher geboren hat. Der (bläulich­rot aussehende) Eierstock ist nur von der üriisse einer Erbse oder kleinen nieren-förmigen Bohne und muss der Schnitt stets vorne zuerst gemacht werden, damit er L-ich nicht durch den bandartigen Streifen, mit dem er mit der Niere verbunden ist, in die Bauchhöhle zurückziehen kann; ausserdom darf der woniger Geübte die Vorsicht nicht aussei- acht lassen, das eine Horn nicht aus der linken Hand zu lassen, bis das andere gefunden ist.
Friedbergcr, welcher über 200 Hündinnon mit kaum 1 Prozent Verlust kastriert hat, macht darauf aufmerksam, dass eigentlich die grössto Schwierigkeit darin bestellt, bei der aussorordcntlich verschiedenen Grosse der Hunde und der nach Rassen wechselnden Länge der Lenden die Einschnittstelle genau zu bezeichnen, diese aber am meisten massgebend ist für das leichte Gelingen der Operation oder die zu erhoffenden Schwierigkeiten. Legt man nämlich die Wunde in der linken Flanke zu weit nach vorne an, so kommt man zwar leicht zum linken Eierstock, aber schwer zur Bifurkation des Uterus, umgekehrt ist diese leicht zu finden, aber die Eierstöcke sind schwer beizubringen. Im allgemeinen ist mass­gebend der Verlauf der letzten falschen Rippe und der vordere Rand des (nicht gestreckten) Oberschenkels; in der Mitte dieses Raumes soll der 4 era lange Schnitt angelegt werden und zwar in der Richtung des äussern Rippenbauchmuskels, so dass der obere Wundwinkel ungefähr zwei Fingerbreit von den Enden der Quer-fortsätzo der Lendenwirbel entfernt bleibt. Diese eben angedeutete Schnittrichtung (von hinten nach unten und vorne) hält Friedbergcr für unbedingt notwendig, weil so vom ohern Wundwinkel aus leicht zum Eierstock der linken Seite und vom untern Winkel leicht zur Bifurkationsstelle des Fruchthiilters und dadurch auch zum anderscitigen Hörne zu gelangen ist.
Die weisse Linie eignet sich nur dann zur Operation, wenn das Gesäuge funktionsfrei und wenig entwickelt ist, die Tiere jung genug und nicht gross sind, die Uterushörner also noch nicht ausgedehnt und die Flanken kurz sind. In solchen Fällen bietet diese Stelle immerhin Vorteile, denn der Uterus beziehungsweise seine Teilung ist ganz un-
schwer aufzufinden und wunde entfernt.
beide Ovarien sind ideicliweit von der Bauch-
Kastration der Hennen.
Über die Ovariotomie des Hausgeflügels ist bis jetzt nur wenig be­kannt geworden, doch soll nach Dillon in einigen Gegenden Frankreichs, wo hauptsächlich die bekannten Poularden gezogen werden, bei den
Ileriiig's Operatiouslehre. IV. Anil.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;J35
ocr page 564
54G Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
1
Hühnern Statt der elgeatUohen Kastration die Bursa Fabricii exzidiert, beziehungsweise der zwischen Kreuzbein und Mastdarm gelegene Ovi-duktus quer durchschnitten werden.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass weibliche Hühner heute noch in dieser Weise kastriert worden, denn die Operation wäre nicht blos sehr schwierig, sondern uiicli selbst bei ('hloroforraierten Tieren viel zu gefährlich, es liegt daher auch nirgends eine Littoratur hierüber vor und was man gegenwärtig als „Poulardenquot; bezeichnet, sind junge Hühner, die, um keinen Geschlechtsreiz aufkommen zu lassen, vollständig vom andern Geschlecht getrennt sind, nicht einmal Hahnen krähen hören und in sehr rationeller Weise gemästet werden.
XLVII. Operation der Phimosis und der Paraphimosis.
Wenn die Mündung der Vorhaut oder des Schlauches (FrSputiuin) sicli akut oder chronisch entzündet und die innere den Übergang zu einer Schleimhaut bildende Auskleidung verschwärt, so kann der Schlauch Über die Eichel nicht zurückgeschoben werden, das Tier also die Hute nicht mehr ausschachten und es entsteht rings um den freien Präputial-rand eine heisse schmerzhafte, teigige und deswegen stets Fingereindrücke behaltende Geschwulst, welche beim Menschen eine blasenförmige Aufblähung darstellt und deshalb als Phimosis bezeichnet worden ist.
Die Phimose kommt fast ausschlicsslich nur bei kastrierten Tieren, namentlich den Wiederkäuern vor, da dieselben die Rute oft unzureichend hervorstrecken und so durch den scharfen Urin und die sich zersetzende Talgdrüsenschmiere ein Reiz im Innern des Schlauchs vcranlasst wird, welcher Anätzung, Entzündung, Verschwärung und Brand nach sich zieht und wenn nicht Hilfe geleistet wird, durch Umsichgreifen des letzteren in die Rute, Harnblase und das Becken selbst der Tod die Folge ist.
Die entzündliche Vorhautverengerung kommt in verschiedenen Graden vor und kann auch chronisch werden, wobei sich stets eine phlegmonöse Verhärtung herausbildet. Bei Pferden ist die Geschwulst im Anfange mehr diffus (Zellgewebsentzündung), derb oder massig ge­spannt, bei Rindern zirkumskript, von der Grosse einer Mannsfaust (Raumschlauch, Schmierschlauch, böser Nabel), beim Schafe von der einer Wallnuss und sich immer mehr nach hinten fortsetzend, während der freie Rand mit den ansitzenden Haaren nach innen umgestülpt wird. Im Innern der Vorhaut bilden sich im weiteren Verlauf Falten und demnächst Schrunden, Erosionen und jauchige Fetzen zerstörter Innen­haut, so dass das Harnen schmerzhaft und behindert ist, ja der Schlauch völlig atresiert erscheint. Bei Schweinen (namentlich englischer Kasse) kommt es in der Regel hinter der Mündung des Schlauchs zu einer blasigen Erweiterung, in welcher sich Talgschmiere und viel Urin an­sammelt (Wassersack) oder liegen Vorhautsteine in dem bei diesen
ocr page 565
XLVII, Operation der Pliimosis und der Paraphimosls.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 547
Tieren vorkommenden Präputlalanhange, was gewöhnlich als Nabelbeütel bezeichnet wird.
Behandlung. Die Verschwellung und Schlauchvereugerung muss ganz nach ihrem entzündlichen Charakter und dem Stadium behandelt werden, erste Bedingung aber ist Reinigung der Innenfläche und Sorge für freien Abfluss des Harns, im Notfalle bleibt die Operation übrig, welche im Aufspalten besteht.
Die Reinigung hat vornelimlich lieim Rinde ihre Schwierigkeiten, da man den Schlauch schwer zurückbringt oder nur unter Schmerzen und dann fast immer Zwangsmassregcln angewendet werben müssen. Beim Pferde erheischt das parictale Blatt des Präputiums der Innern Vorhautfalten und der zitzenförmigen Kervor-ragungen eine besondere Berücksichtigung bei der Reinigung, ebenso darf die Fossa navicularis nicht vergessen werden.
Man kühlt zuerst mit Blciwasser, ordiniert dann warme Bähungen, drückt die SchlauchöfFnung sachte aus und reinigt dann mit lauem Seifenwassor, um zuletzt ein leichtes Karbolöl einzubringen.
Am sichersten hilft schon im Anfang das Messer, welches in Form eines Knopfbistouris die Vorhaut erweitert oder führt man wie bei kleineren Tieren das stumpfe Blatt einer Inzisionsschere ein und schneidet die abschnürende Mündung der Vorhaut durch, jedoch wegen der nach­herigen Verunreinigung durch den abfliessenden Harn nicht durch die untere Wand, sondern die seitliche und zwar so weit als die ringförmige Geschwulst sich erstreckt. Bei weit vorgeschrittenem Übel ist die Spaltung in keinem Falle zu umgehen und kann es selbst nötig werden, die angefaulte Ente abzunehmen, was wie bei den Wiederkäuern durchaus ungefährlich ist.
Hat man es mit chronischen Vorhautverengerungen zu schaffen, so kann dauernde Hilfe nur ein Schnitt schaffen, der gross genug ist, dass nicht doch wieder eine Verengung nachfolgt und entfernt man zugleich auch die verdickten Falten, Entartungen und die in der Vertiefung liegenden Fetzen und schichtemveise aufliegenden kautschuk-oder fleischähnlichen Massen. Nachher sorgt man für Reinigung, Des­infektion und möglichst rasche Vernarbung, was am besten durch täglich mehrmaliges Einstreuen eines Pulvers aus gleichen Teilen Jodoform und schwefelsaurem Kupfer oder aus sulfokarbolsaurem Zink und nach-herigem Auftragen des tanninsauren Bleisälbchens geschieht.
Die Paraphimosis, in einem gewissen Sinne der Plumose ent­gegengesetzt, besteht darin, dass der hinter das Butenende zurück­gezogene Schlauch nicht mehr über die Eichel hervorgeschoben werden kann, der Penis daher verhindert ist, in die Vorhaut zurückzukehren.
Dieser Situs kommt entweder infolge von Phimosis zu stände oder häufiger durch Anschwellung des vorgefallenen Penis. Derselbe hängt dann mehr oder weniger hervor, ist zuweilen nach rückwärts gebogen, dunkelrot, mit oberflächlichen Schrunden besetzt und kann scldiesslich der Nekrose anheimfallen.
Die Therapie besteht in der Bekämpfung der Ursache, in der Reposition oder der Anwendung des Messers.
Vor allem ist eine gründliche Reinigung vorzunehmen und muss
ocr page 566
54G Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
1
Hühnern Statt der elgeatUohen Kastration die Bursa Fabricii exzidiert, beziehungsweise der zwischen Kreuzbein und Mastdarm gelegene Ovi-duktus quer durchschnitten werden.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass weibliche Hühner heute noch in dieser Weise kastriert worden, denn die Operation wäre nicht blos sehr schwierig, sondern uiicli selbst bei ('hloroforraierten Tieren viel zu gefährlich, es liegt daher auch nirgends eine Littoratur hierüber vor und was man gegenwärtig als „Poulardenquot; bezeichnet, sind junge Hühner, die, um keinen Geschlechtsreiz aufkommen zu lassen, vollständig vom andern Geschlecht getrennt sind, nicht einmal Hahnen krähen hören und in sehr rationeller Weise gemästet werden.
XLVII. Operation der Phimosis und der Paraphimosis.
Wenn die Mündung der Vorhaut oder des Schlauches (FrSputiuin) sicli akut oder chronisch entzündet und die innere den Übergang zu einer Schleimhaut bildende Auskleidung verschwärt, so kann der Schlauch Über die Eichel nicht zurückgeschoben werden, das Tier also die Hute nicht mehr ausschachten und es entsteht rings um den freien Präputial-rand eine heisse schmerzhafte, teigige und deswegen stets Fingereindrücke behaltende Geschwulst, welche beim Menschen eine blasenförmige Aufblähung darstellt und deshalb als Phimosis bezeichnet worden ist.
Die Phimose kommt fast ausschlicsslich nur bei kastrierten Tieren, namentlich den Wiederkäuern vor, da dieselben die Rute oft unzureichend hervorstrecken und so durch den scharfen Urin und die sich zersetzende Talgdrüsenschmiere ein Reiz im Innern des Schlauchs vcranlasst wird, welcher Anätzung, Entzündung, Verschwärung und Brand nach sich zieht und wenn nicht Hilfe geleistet wird, durch Umsichgreifen des letzteren in die Rute, Harnblase und das Becken selbst der Tod die Folge ist.
Die entzündliche Vorhautverengerung kommt in verschiedenen Graden vor und kann auch chronisch werden, wobei sich stets eine phlegmonöse Verhärtung herausbildet. Bei Pferden ist die Geschwulst im Anfange mehr diffus (Zellgewebsentzündung), derb oder massig ge­spannt, bei Rindern zirkumskript, von der Grosse einer Mannsfaust (Raumschlauch, Schmierschlauch, böser Nabel), beim Schafe von der einer Wallnuss und sich immer mehr nach hinten fortsetzend, während der freie Rand mit den ansitzenden Haaren nach innen umgestülpt wird. Im Innern der Vorhaut bilden sich im weiteren Verlauf Falten und demnächst Schrunden, Erosionen und jauchige Fetzen zerstörter Innen­haut, so dass das Harnen schmerzhaft und behindert ist, ja der Schlauch völlig atresiert erscheint. Bei Schweinen (namentlich englischer Kasse) kommt es in der Regel hinter der Mündung des Schlauchs zu einer blasigen Erweiterung, in welcher sich Talgschmiere und viel Urin an­sammelt (Wassersack) oder liegen Vorhautsteine in dem bei diesen
ocr page 567
XLVII, Operation der Pliimosis und der Paraphimosls.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 547
Tieren vorkommenden Präputlalanhange, was gewöhnlich als Nabelbeütel bezeichnet wird.
Behandlung. Die Verschwellung und Schlauchvereugerung muss ganz nach ihrem entzündlichen Charakter und dem Stadium behandelt werden, erste Bedingung aber ist Reinigung der Innenfläche und Sorge für freien Abfluss des Harns, im Notfalle bleibt die Operation übrig, welche im Aufspalten besteht.
Die Reinigung hat vornelimlich lieim Rinde ihre Schwierigkeiten, da man den Schlauch schwer zurückbringt oder nur unter Schmerzen und dann fast immer Zwangsmassregcln angewendet werben müssen. Beim Pferde erheischt das parictale Blatt des Präputiums der Innern Vorhautfalten und der zitzenförmigen Kervor-ragungen eine besondere Berücksichtigung bei der Reinigung, ebenso darf die Fossa navicularis nicht vergessen werden.
Man kühlt zuerst mit Blciwasser, ordiniert dann warme Bähungen, drückt die SchlauchöfFnung sachte aus und reinigt dann mit lauem Seifenwassor, um zuletzt ein leichtes Karbolöl einzubringen.
Am sichersten hilft schon im Anfang das Messer, welches in Form eines Knopfbistouris die Vorhaut erweitert oder führt man wie bei kleineren Tieren das stumpfe Blatt einer Inzisionsschere ein und schneidet die abschnürende Mündung der Vorhaut durch, jedoch wegen der nach­herigen Verunreinigung durch den abfliessenden Harn nicht durch die untere Wand, sondern die seitliche und zwar so weit als die ringförmige Geschwulst sich erstreckt. Bei weit vorgeschrittenem Übel ist die Spaltung in keinem Falle zu umgehen und kann es selbst nötig werden, die angefaulte Ente abzunehmen, was wie bei den Wiederkäuern durchaus ungefährlich ist.
Hat man es mit chronischen Vorhautverengerungen zu schaffen, so kann dauernde Hilfe nur ein Schnitt schaffen, der gross genug ist, dass nicht doch wieder eine Verengung nachfolgt und entfernt man zugleich auch die verdickten Falten, Entartungen und die in der Vertiefung liegenden Fetzen und schichtemveise aufliegenden kautschuk-oder fleischähnlichen Massen. Nachher sorgt man für Reinigung, Des­infektion und möglichst rasche Vernarbung, was am besten durch täglich mehrmaliges Einstreuen eines Pulvers aus gleichen Teilen Jodoform und schwefelsaurem Kupfer oder aus sulfokarbolsaurem Zink und nach-herigem Auftragen des tanninsauren Bleisälbchens geschieht.
Die Paraphimosis, in einem gewissen Sinne der Plumose ent­gegengesetzt, besteht darin, dass der hinter das Butenende zurück­gezogene Schlauch nicht mehr über die Eichel hervorgeschoben werden kann, der Penis daher verhindert ist, in die Vorhaut zurückzukehren.
Dieser Situs kommt entweder infolge von Phimosis zu stände oder häufiger durch Anschwellung des vorgefallenen Penis. Derselbe hängt dann mehr oder weniger hervor, ist zuweilen nach rückwärts gebogen, dunkelrot, mit oberflächlichen Schrunden besetzt und kann scldiesslich der Nekrose anheimfallen.
Die Therapie besteht in der Bekämpfung der Ursache, in der Reposition oder der Anwendung des Messers.
Vor allem ist eine gründliche Reinigung vorzunehmen und muss
ocr page 568
54G Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
1
Hühnern Statt der elgeatUohen Kastration die Bursa Fabricii exzidiert, beziehungsweise der zwischen Kreuzbein und Mastdarm gelegene Ovi-duktus quer durchschnitten werden.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass weibliche Hühner heute noch in dieser Weise kastriert worden, denn die Operation wäre nicht blos sehr schwierig, sondern uiicli selbst bei ('hloroforraierten Tieren viel zu gefährlich, es liegt daher auch nirgends eine Littoratur hierüber vor und was man gegenwärtig als „Poulardenquot; bezeichnet, sind junge Hühner, die, um keinen Geschlechtsreiz aufkommen zu lassen, vollständig vom andern Geschlecht getrennt sind, nicht einmal Hahnen krähen hören und in sehr rationeller Weise gemästet werden.
XLVII. Operation der Phimosis und der Paraphimosis.
Wenn die Mündung der Vorhaut oder des Schlauches (FrSputiuin) sicli akut oder chronisch entzündet und die innere den Übergang zu einer Schleimhaut bildende Auskleidung verschwärt, so kann der Schlauch Über die Eichel nicht zurückgeschoben werden, das Tier also die Hute nicht mehr ausschachten und es entsteht rings um den freien Präputial-rand eine heisse schmerzhafte, teigige und deswegen stets Fingereindrücke behaltende Geschwulst, welche beim Menschen eine blasenförmige Aufblähung darstellt und deshalb als Phimosis bezeichnet worden ist.
Die Phimose kommt fast ausschlicsslich nur bei kastrierten Tieren, namentlich den Wiederkäuern vor, da dieselben die Rute oft unzureichend hervorstrecken und so durch den scharfen Urin und die sich zersetzende Talgdrüsenschmiere ein Reiz im Innern des Schlauchs vcranlasst wird, welcher Anätzung, Entzündung, Verschwärung und Brand nach sich zieht und wenn nicht Hilfe geleistet wird, durch Umsichgreifen des letzteren in die Rute, Harnblase und das Becken selbst der Tod die Folge ist.
Die entzündliche Vorhautverengerung kommt in verschiedenen Graden vor und kann auch chronisch werden, wobei sich stets eine phlegmonöse Verhärtung herausbildet. Bei Pferden ist die Geschwulst im Anfange mehr diffus (Zellgewebsentzündung), derb oder massig ge­spannt, bei Rindern zirkumskript, von der Grosse einer Mannsfaust (Raumschlauch, Schmierschlauch, böser Nabel), beim Schafe von der einer Wallnuss und sich immer mehr nach hinten fortsetzend, während der freie Rand mit den ansitzenden Haaren nach innen umgestülpt wird. Im Innern der Vorhaut bilden sich im weiteren Verlauf Falten und demnächst Schrunden, Erosionen und jauchige Fetzen zerstörter Innen­haut, so dass das Harnen schmerzhaft und behindert ist, ja der Schlauch völlig atresiert erscheint. Bei Schweinen (namentlich englischer Kasse) kommt es in der Regel hinter der Mündung des Schlauchs zu einer blasigen Erweiterung, in welcher sich Talgschmiere und viel Urin an­sammelt (Wassersack) oder liegen Vorhautsteine in dem bei diesen
ocr page 569
XLVII, Operation der Pliimosis und der Paraphimosls.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 547
Tieren vorkommenden Präputlalanhange, was gewöhnlich als Nabelbeütel bezeichnet wird.
Behandlung. Die Verschwellung und Schlauchvereugerung muss ganz nach ihrem entzündlichen Charakter und dem Stadium behandelt werden, erste Bedingung aber ist Reinigung der Innenfläche und Sorge für freien Abfluss des Harns, im Notfalle bleibt die Operation übrig, welche im Aufspalten besteht.
Die Reinigung hat vornelimlich lieim Rinde ihre Schwierigkeiten, da man den Schlauch schwer zurückbringt oder nur unter Schmerzen und dann fast immer Zwangsmassregcln angewendet werben müssen. Beim Pferde erheischt das parictale Blatt des Präputiums der Innern Vorhautfalten und der zitzenförmigen Kervor-ragungen eine besondere Berücksichtigung bei der Reinigung, ebenso darf die Fossa navicularis nicht vergessen werden.
Man kühlt zuerst mit Blciwasser, ordiniert dann warme Bähungen, drückt die SchlauchöfFnung sachte aus und reinigt dann mit lauem Seifenwassor, um zuletzt ein leichtes Karbolöl einzubringen.
Am sichersten hilft schon im Anfang das Messer, welches in Form eines Knopfbistouris die Vorhaut erweitert oder führt man wie bei kleineren Tieren das stumpfe Blatt einer Inzisionsschere ein und schneidet die abschnürende Mündung der Vorhaut durch, jedoch wegen der nach­herigen Verunreinigung durch den abfliessenden Harn nicht durch die untere Wand, sondern die seitliche und zwar so weit als die ringförmige Geschwulst sich erstreckt. Bei weit vorgeschrittenem Übel ist die Spaltung in keinem Falle zu umgehen und kann es selbst nötig werden, die angefaulte Ente abzunehmen, was wie bei den Wiederkäuern durchaus ungefährlich ist.
Hat man es mit chronischen Vorhautverengerungen zu schaffen, so kann dauernde Hilfe nur ein Schnitt schaffen, der gross genug ist, dass nicht doch wieder eine Verengung nachfolgt und entfernt man zugleich auch die verdickten Falten, Entartungen und die in der Vertiefung liegenden Fetzen und schichtemveise aufliegenden kautschuk-oder fleischähnlichen Massen. Nachher sorgt man für Reinigung, Des­infektion und möglichst rasche Vernarbung, was am besten durch täglich mehrmaliges Einstreuen eines Pulvers aus gleichen Teilen Jodoform und schwefelsaurem Kupfer oder aus sulfokarbolsaurem Zink und nach-herigem Auftragen des tanninsauren Bleisälbchens geschieht.
Die Paraphimosis, in einem gewissen Sinne der Plumose ent­gegengesetzt, besteht darin, dass der hinter das Butenende zurück­gezogene Schlauch nicht mehr über die Eichel hervorgeschoben werden kann, der Penis daher verhindert ist, in die Vorhaut zurückzukehren.
Dieser Situs kommt entweder infolge von Phimosis zu stände oder häufiger durch Anschwellung des vorgefallenen Penis. Derselbe hängt dann mehr oder weniger hervor, ist zuweilen nach rückwärts gebogen, dunkelrot, mit oberflächlichen Schrunden besetzt und kann scldiesslich der Nekrose anheimfallen.
Die Therapie besteht in der Bekämpfung der Ursache, in der Reposition oder der Anwendung des Messers.
Vor allem ist eine gründliche Reinigung vorzunehmen und muss
ocr page 570
552 Zweite Haupt-Abteiluug: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
u
hiezu konstruiert, welcher eine gezähnelte Kette besitzt, die fest um den Teil angelegt wird und mehrere Tage lang fortwirkt, indem sie nach Massgabe der vorschreitenden Quetschung täglich mebreremal
mitteis eines Schlüssels fester angezogen werden kann, bis die Rute vollständig getrennt ist. Audi hier muss die Harnröhre für sich be­sonders behandelt werden und kann das Abquetschen nur ganz langsam und mit fünfininutigen Interstitien geschehen.
Bei einem verwundeten starken Kürassiorpfcrde unternahm Vogel 1870 die Operation mit dem Ekraseur von Mathieu, musste sie aber unterbrechen und die ausserordentlich derbe Albuginca erst zirkulär durchschneiden, um die Kette direkt auf den Schwellkörper anzulegen; allein auch jetzt noch traten Schwierig­keiten beim Abquetschen jener starken fibrösen Hülle auf, #9632;welche den kavernösen Körper des Penis von dem der Harnröhre in querer Itichtung (Septum der beiden Schwammkörper) trennt und von sehr dichtem Balkenwerk der Tunica propria umgehen ist. Das sonst vorzüglich arbeitende Instrument hatte diese Teile nicht in einer Ebene getrennt, sondern die festeren Bindegewebszüge zerrissen sehr ungleich, wurden teilweise zwischen die Kettenglieder geklemmt und zuletzt gar noch in die Metallhülse hineingezerrt, ohne abgequetscht zu werden. Der Schmerz war ausserordentlich und die Blutsüllung nur eine ungenügende.
4. Abschneiden der Rute, lliebei wird die Rute ebenfalls mit zwei Bandschleifen gefasst und beginnt man beim Durchschneiden zwischen denselben an der Dorsalfläche des Penis und unterbindet zuerst die beiden Arterien rechts und links, führt den Schnitt weiter in den Schwellkörper und torquiert, was unbequem spritzt. An der Harnröhre angekommen, präpariert man diese 1—2 cm lang gegen die Eichel zu los und durchschneidet auch sie herzhaft und zwar so, dass sie um die angegebene Länge über den Stumpf des Rutenkörpors hervor­ragt. Das Einbringen einer Metallhülse ist wegen einer möglichen Harn­röhrenverengerung während der Narbenretraktion immer ratsam, wenn auch allerdings nicht absolut notwendig.
Dem Gesagten zufolge ist der Gang dieser Operationsmetbode ein sehr ein­facher, denn er erfordert nur eine Übung im Unterbinden, welche mit den jetzigen Pinzetten ja wesentlich erleichtert ist. Die Amputation mittels des gehallten Bistouris dauert, höchstens 20 Minuten und sichert völlig gegen Nachblutung, die Methode muss daher, wie schon erwähnt, allen obigen vorgezogen werden, auch eignet sie sich besonders für jene Fälle, wobei die Rute sehr stark entwickelt ist. Verdickungen und sonstige Entartungen bestehen und zu befürchten ist, dass man mit den Übrigen Amputationsmethoden nur schwierig zu stände kommen werde. Für ängstliche Operateure empfiehlt es sich, Brenneisen parat zu halten, obwohl schon Irrigationen mit einer kräftigen Karhollösung (10 Prozent) für die (mehr lästigen) Blutungen des Schwellkörpers völlig ausreichen und sich sogar vorteil­hafter erweisen, als der Liquor Ferri sesquichlorati.
Das Abschaben der Rute mit einem Messer, wodurch eine Minderung der Blutung erreicht werden soll, ist eine verwerfliche Methode und verdient weiter keine Erwähnung.
j!
:'#9632;
Bei den übrigen Haustieren
erleidet die Amputation, der differenten Struktur der Rute wegen (siehe oben Seite 540), einige Modifikationen.
Beim Rinde und den übrigen Wiederkäuern ist der weit weniger voluminösen Gefässe halber von Blutungen nichts zu fürchten, denn
ocr page 571
XLVIII. Amputation der Rute.
553
die Unterbindung lässt sich leicht ausführen, man wählt daher auch hier am besten die Methode des Absclineidens, da sie ausserdem am wenigsten Nachbehandlung erfordert. Die Schwellkörper sind klein und finden sich nur an der Peripherie, das /entrinn wird hlos von starkem dichtem sehnigem Gewehe gebildet, in welchem die Arteria profunda und weiter unten die kleine Urethralis gelegen ist, dagegen sind die abführenden Venen ziemlich zahlreich, aber ungefährlich.
Beim Hunde muss die Amputation wegen des Rutenknochens einigermassen modifiziert werden und zwar kann derselbe entweder durchgesägt oder abgezwickt und dann von der
Urethra getrennt werden, wenn man nicht vor­zieht, die Exstirpation hinter ihm auszuführen. Auch hier wird die Operation am zweckinässigsten durch das Bistouri vorgenommen.
Unmittelbar hinter der kranken Stelle wird der Penis zunächst zirkulär eingeschnitten, bis man auf den Schwcllknoten des hohlsonden-förmigen Os priapi stosst; hierauf trennt man die Iiute mit einer desinfizierten Ketten- oder Uhrfedersäge oder besser, man schneidet den Knochen mit der Liston'schen Schere (Figur 315) durch, was mit einem kräftigen Drucke geschehen kann und keine Splitterung zur Folge hat, wie dies gerne beim Abzwicken durch andere Zangen oder Knochenscheren der Fall ist. Anzuraten ist, schon vorher den Schwellkörper der Harnröhre
völlig
bulbosa zu unterbinden. Die lleilun;.
die Arteria
erfolgt nach
5—6 Tagen prima intentione.
Die Nachbehandlung ist eine sehr ein­fache und erstreckt sich teils auf die Wundheilung, Vermeidung der Eiterung und Nachblutung, teils auch auf die Reinigung und Desinfektion der Kanüle. Eine nicht so seltene Folge der Ruten­
Fig. 315.
amputation bei allen Haustieren ist die
traumatische Harnröhrenstriktur, welche zuweilen in einem Grade, auftritt, dass eine Nach­behandlung notwendig wird; sie besteht in dem Ausschneiden der das Orifizium bedeckenden Granulationen, Einbinden eines elastischen Katheters und künstliche Erweiterung oder Spaltung der Narbe. Am zweckinässigsten schneidet man die obere Wand der Urethra 1—'2 cm weit nach hinten ein und vernäht entlang diesem Erweiterungsschnitte die Schleimhaut mit der äussern Haut der l!ute.
Exstirpation der Klitoris. Der Kitzler, dio Wiederholung des männlichen Gliedes bei dem andern Geschlecht, ist hie und da ähnlichen Krkrankunpen aus­gesetzt, wie die Rute, wird daher auch in derselben quot;Weise oxstirpiert, d. h. mit einem Haken hervorgezogen und ausgeschnitten. Die nachfolgende Blutung bietet keine Schwierigkeiten, das Glüheisen ist daher entbehrlich.
ocr page 572
•l
554 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Jquot;
XLIX, Anwendung des Katheters.
Katheterismus.
i
Unter Katlietcrisierou vorstellt man das Einführen einer Röhre (Katheter) in die Harnröhre, nm den harnausführenden Apparat näher zu untersuchen oder den Harn zu entleeren.
Geschichtliches. Im Altertum seheint die Harnröhre bei den Tieren nicht zum Gegenstand hesomlorer Untersuchung gemacht worden zu sein, obwohl schon Hippokrates vielfach von Röhroninstrumenten spricht; hei ihm bedeutet xaäm'w jedoch jedes Werkzeug, das in eine Höhle eingeführt wird, sei es um Heilmittel einzuführen oder um Flüssigkeiten abzulassen und auch noch im Mittelalter be­zeichnete man den Katheterismus als „Ars mingendi per fistulasquot;. Nachweislich wurde hei Tieren das Harnröhreniustrumont erst seit dem vorigen Jahrhundort angewendet, wo Vitet (1771) erstmals das Katheterisieren bei weiblichen Tieren erwähnt, bei männlichen wurde nur von Sonden Gebrauch gemacht. Taylor ver­suchte 1774 zuerst eine hohle Bleisonde, konnte sie aber nur mit Mühe wieder herausbringen, er ersetzte sin daher durch eine massive und auch ühab art (1780) benützte noch statt einer Röhre eine vorne bewegliche Kette, welche bis zum Sitzhein sich vorschieben lioss. Erst später wurden hohle Katheter konstruiert, von denen Schreger (1803) sagt, sie müssten von Metall oder besser von Feder­harz (Gummi elasticum) sein. Auch Gosau (1808) machte sich ein ähnliches aus spiral aufgerolltem Eisendraht gefertigtes Instrument zurecht, um in die Blase gelangen zu können, Swanström spater aus Messingdraht, während Schmiederer (1811) einen Knopf aus Zinn anbrachte und Kersting eingeölte Darmsaiten ge­hrauchte, welche vorne ein Sigellackknöpfchen trugen.
In den droissiger Jahren erst kamen die heutigen elastischen Katheter zur Verwendung, dieselben haben jedoch erst in der letzten Zeit von einzelnen Kaut­schukfabriken eine wesentliche Verbesserung erfahren. Dasselbe gilt von den Kathetern aus Metall (Messing, Pakfong oder Neusilber) und stammt der brauch­barste für Pferde von Brogniez (1845). Das Einschieben des elastischen Katheters hat erstmals Dieterichs (1822) beschrieben und bemerkt er dabei, dass in Frank­reich auch später noch diese Instrumente nicht bekannt gewesen seien, während die Tierarzneischule in Berlin sie schon seit 1813 gekannt habe. Ganz dünne Katheter für Hunde hat Mayhew (1849) hergestellt, es lassen sich dieselben aber bei diesen Tieren nicht anwenden.
Anzeige des Katheterisierens. Diese besteht vornehmlich in jener Behinderung der ürinentleeruhg, welche als dynamische oder mechanische Harnverhaltung (Hamstrenge, Harnkolik,Dysurie,Ischurie)
bekannt ist und hauptsächlich nur bei männlichen Tieren, am häutigsten beim Rind und Pferd vorkommt.
Gewöhnlich entstellt die Harnverhaltung nicht durch Hindernisse in der Blase oder Harnröhre selbst (Blut- und Eiweissgerinnsel, Harn­steine, kranke Prostata, Polypen), eher durch Ansammlung von Sinegma, erdigen Sedimenten u. s. w. im Schlauche, besonders der Fossa navi-cularls oder in der wurmförmigen Verlängerung der Urethra bei Hammel, am häufigsten liegen der Ischuric jedoch Krumpfe des Schliessinuskels und Detrusors der Blase zu Grunde, welche besonders bei Pferden die
ocr page 573
XL1X. Anwendung des Katheters.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 555
bekannten Symptome hervorrufen. Ausserdem kann auch durch zu starke Ausdehnung der Blase ein läbmungsartiger Zustand derselben eingetreten sein, während allerdings bei Farren und Ochsen Harnsteine nicht selten die ein/ige Ursache abgeben. Unruhe, Beängstigung, kolik-ähnliche Symptome, öfterer Drang zum Urinieren, wobei entweder gar kein Urin oder nur wenig, tropfenweise und mit Anstrengung und Schmerz entleert wird, ferner Trockenheit der Haarquaste am l'räputinm der Ochsen, stossweise Bewegung der Harnröhre am I'erinaum sind die äussern Erscheinungen, strati' gespannte, empfindliche Blase die Zeichen bei der Innern Untersuchung.
Jedenfalls muss dem Einführen des Katheters eine genaue Diagnose und deswegen eine Untersuchung durch den Mastdarm vorhergehen. Ist die Blase stark angefüllt, so versucht man sie zuerst durch sanftes Massieren mit der flachen Hand bei ausgespreizten Fingern zur teil­weisen Entleerung zu bringen; Gefahr ist bei Pferden selten vorhanden, denn die meisten Harnverhaltungen weichen durch krampfstillende, nar­kotische Mittel, ja es genügt oft schon, das Pferd in einen Stall und auf frisch ausgebreitete Streu zu stellen oder das Beiben mit der Hand vor dem Schlauche und längs der Harnröhre.
Sind mechanische Hindernisse zugegen, so ist die nächste Aufgabe, sie aufzusuchen und zu beseitigen, die Anwendung des Katheter kann dann zur Sicherung der Diagnose oder zur augenblicklichen Erleichterung des ZuStandes dienen, bei jeder Harnkolik aber die Harnröbrensonde in Tbätigkeit zu setzen, wäre nicht allein überflüssig, sondern auch ver­werflich, weil man mit dem Instrument leicht die Urethralschleimhaut aftizieren und selbst verletzen kann. In dringenden Fällen und wenn der Katheter nicht ausreicht oder anwendbar ist, man einen solchen gar nicht besitzt, muss der Harn stets operativ entleert werden und zwar entweder durch den Blasenstieh oder den Hanmibrenschnitt.
Namentlich hei Pferden kommt zuweilen ein öfteres Drängen zur Harnent­leerung vor, das nicht mit den oben genannten Zuständen verwechselt werden darf, denn es besteht nur in einer krankhaft erhöhten Irritabilität der Ilarnwege, veranlagst durch Druck der überfüllten Dickdarmschlingen auf die Blase, durch liauchfellentziindung, Perimetritis, Blasenkatarrh oder Harm-öbronentzündung. Die Blase ist dabei leer oder nur wenig gefüllt, der Harn kann auch unbehindert ab-Hiessen, doch besteht das Drängen periodisch fort, es muss daher das Grundlciden nach seiner Art behandelt und beseitigt werden. Hei den kleineren Haustieren kommen Schwierigkeiten der manuellen und instrumentcllen Untersuchung insoferne vor, weil hauptsächlich nur von aussen exploriert werden kann, eine direkte Unter­suchung der Binse aber z. B. bei Schafen und Ziegen gar nicht möglich ist: zum Glück kommen bei Ihnen Dysurien nur selten vor und bei den weiblichen Tieren gehören sie überhaupt zu den grossen Raritäten.
Die verschiedenen Katheter. Die Katheter sind gerade oder vorne gekrüminte Bohren, welche In Betreff der Länge und Weite immer der Harnröhre des betreffenden Tieres akkoimnodiert werden müssen; man hat entweder metallene (unbiegsame) oder elastische Katheter, die jetzt überall von den Instrumentenmacheru zu beziehen sind.
Die Metallkatheter (.Messing und vernickelt, Neusilber. Zinn, Silber) sind an dem mehr oder weniger gekrümmten Ende abgerundet.
ocr page 574
550 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfiibrbar.
P
also geschlossen und in der Nähe rechts und links gefenstert, man kauft sie gegenwärtig auch aus Hartgummi gefertigt. Das hintere Ende, welches der Operateur in der Hand hat, ist hie und da {zum Injizieren arzneilicher Flüssigkeiten) trichterförmig erweitert oder hat
zwei kleine seitliche Ringe
beziehungsweise
flügeiförmige Fortsätze, welche Vorrichtungen man als Pavillons bezeichnet; letztere können auch mit einem sperrbaren Hahnen verseilen sein. Diese unbiegsamen Katheter lassen sich als Steinsonden verwerten, zum Ahlassen von Urin bei männlichen Tieren können sie aber nur Dienste leisten, indem sie durch einen
I
Fig. 316.
Katheter von Brogniez
mit Urahtdilatator.
Fig. 317.
C/j Grosse.)
künstlichen Einschnitt in die obere Urethra eingeführt werden, denn der Schlauch der Tiere gestattet nicht, die Eute vom Leib abzuziehen oder umzubiegen, wie dies beim Menschen möglich ist, sie finden daher nur eine sehr beschränkte Anwendung.
Für weibliche Tiere lassen sich metallene Katheter leicht anwenden; sie sind von Zinn (Zinnblockkatheter) oder härterem Metall, gerad­linig oder besser schwach gekrümmt, vorne geschlossen, olivenfürmig angeschwollen und mit kleinen Öffnungen verseilen. Diese Katheter (30 cm lang und 1 cm dick, in der Mitte zu­weilen verschraubbar, am Pavillon offen) stehen
ocr page 575
XL1X. Anwendung des Katheters.
bei Stuten und Kühen im Gebrauch. stehen
Diesen starren Instrumenten mehrere
die elastischen Katheter gegenüber, von denen man Arten besitzt.
Die für männliche Pferde bestimmten elastischen Katheter, welche aus einem mit Kautschuklösung überzogenen dichten Gewebe bestellen und hinreichend fest sein müssen, um bei Biegungen der Harnröhre nicht einzuknicken, haben bei einer Länge von Im eine Weite von 2—3 mm, sind vorne abgerundet, geschlossen und besitzen hinter dem vordem Ende zwei längliche Fenster; das Handende ist offen, gerade abgestutzt oder trichterförmig und in der Röhre selbst liegt ein Fisch­beinstab, um dem Instrumente die nötige Festigkeit zu verleihen, bei den neueren englischen Pferdekathetern ist letzteres nicht mehr not­wendig. Diese Katheter empfehlen sich wegen ihrer Glätte und Bieg­samkeit, ihr Preis ist aber wegen der bedeutenden Länge ziemlich hoch und die glatte Oberflüche wird gerne klebrig oder erweichen die Katheter, wenn sie einige Zeit in der Harnröhre gelegen sind.
Einen recht brauchbaren Katheter für Pferde hat Brognicz konstruiert (Figur 310), welcher eine Kombination des metallenen mit dem elastischen bildet. Er stellt eine 45 cm lange messingene Röhre von 8 mm Durchmesser a a dar, auf welche eine aus einem spiral auf­gewundenen Eisendraht bestehende, mit einer Kautschukhnlle umgebene elastische Röhre bh angesetzt ist, die vorne einen starken mehrfach durchbohrten olivenförmigen Kopf e von Horn, Zinn oder Kupfer trägt.
Im Innern des elastischen Teiles ist eine der Länge nach ver­laufende Stahlfeder angebracht, welche nach dem Herausziehen des mit einer Handhabe versehenen Stilets d an dem elastischen Stücke eine halbkreisförmige Krümmung erzeugt und so das Einführen in die Blase wesentlich erleichtert, weil die Krümmung der Urethra am Sitz­bein ebenfalls einem Halbkreis entspricht. Wegen der grossen Nach­giebigkeit des engsten Teiles der Harnröhre am Oriticinm externum gelingt es nicht, den Metallknopf in die Mündung einzuführen, Brogniez bringt daher zuerst den leicht induktiblen Drahtkorb (Figur 317) ein und steckt durch diesen Trichter das vordere Katheterende in die Harn­röhre ein.
Die anatomischen Verhältnisse und grossen Verschiedenheiten der Rute bei den andern Haustieren sind schon im vorigen Kapitel erwähnt worden und ergibt sicli daraus, dass die Anwendung des Katheters in der Absicht, in die Blase einzudringen. In der Regel auf das Pferd beschränkt werden nuiss. Indessen gelingt es unter allen Umständen auch bei den übrigen Tieren, in die Blase einzudringen, nachdem vorher im Mittelfleisch die Harnröhre, künstlich eröffnet worden ist und wendet man hiezu besondere Katheter an.
Von den kürzeren elastischen Kathetern hat man zweierlei Arten. Die englischen (roten) Katheter sind ans einem textilcn in eine erstarrende Masse getauchten Stoffe verfertigt: die Art der Herstellung ist Geheimnis einer Londoner Firma. Wenn man einen solchen Katheter reiht oder in warmes Wasser taucht, wird er ungemein biegsam, auch kann man ihm mittels eines in das Lumen ge-
ocr page 576
558 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
IIm
brachten Drahtes jede beliebige Krümmung gehen. Für Hunde taugen letztere besonders gut und ist am Pavillon ein kleines Tricbtenhen augebracht. Je nach der Grosse des lluteuknochens hat man sechs Nummern, welche eingeölt sehr leicht und beliebig weit vordringen,
Analog sind die französischen (schwarzen) Katheter verfertigt, aber nicht so dauerhaft. Vollständig weich, elastisch dehnbar, ja in einen Knoten sclulrzbar, sind die aus Gummi verfertigten Katheter von Nelaton.
Katheterisieren beim Pferde. Man kann den Katheter sowohl am stehenden als am liegenden Pferde einführen, selbstverständlich darf es nicht geworfen werden, wenn die Blase stark gefüllt ist, sondern man wartet ab, bis sich das Tier seihst legt, um es dann rasch zn fesseln. Steht das Tier, so stellt sich der Operateur an eine Seite desselben, am bequemsten an die rechte, liegt es dagegen, so nimmt er seinen Platz in der Mitte seitlich am Pferde und neigt sich über den Leib desselben.
Der Operateur greift nun mit der einen Hand in den Schlauch und fasst die Eichel, welche er sachte ziehend zum Vorschein zu bringen sucht, nachdem der Schlauch und die vordere Partie der Hute nötigen­falls vorher gereinigt worden sind. Dann führt er den Brogniez'schen Trichter und demnächst den beölten Katheter (Figur 3IG) in die Harn­röhrenmündung durch einen sanften Druck ein und sucht das Instrument in der Urethra spielend vorwärts zu schieben. Dies geht ohne Schwierig­keit, bis der Katheter an den Sitzbeinausschnitt gelangt ist, wo sich die Harnröhre plötzlich in einem Bogen nach innen wendet und unter den Mastdarm tritt. Man muss hier jede Gewalt vermeiden, sondern nunmehr die Stahlfeder des Instrumentes wirken lassen und mit dem Finger die Spitze desselben von aussei! verfolgend, letzterem durch ge­linden Druck die Richtung nach der Beckenhöhle zu geben suchen. Auch ein gekrümmtes mit einer Biime versehenes Holzstück, aussen auf die schwierige Stelle angelegt, kann nützlich werden und thut man gut, mit der Hand vom Mastdarm aus das Vorschreiten des Instrumentes zu verfolgen, wenn der Sitzbeinausschnitt überwunden worden ist.
Dass der Katheter in der Blase angekommen, wird teils aus der Länge des eingeführten Teiles entnommen, teils vom Bektum aus ge­fühlt, auch ist das jetzt wieder ungehinderte Vordringen des Katheters, wenn er den Blasenhals überwunden hat, ein Zeichen der Ankunft in der Blase.
Nach dem Ausziehen des Stilets fliesst Harn nach, im andern Falle saugt man diesen mit einer Spritze an oder lässt laues Wasser einfliessen, da oft die Öffnungen an der Mündung des Metallknopfes durch Schleim, Blutgerinnsel u. dergi. verstopft sind. Besitzt man keinen Katheter der genannten Art, so wird eines der kurzen elastischen In­strumente durch eine künstlich angelegte Harnröhrenwunde (unter dein After) eingeführt.
Katheterisieren bei den übrigen Tieren. Bei Ochsen ist die Einführung auch nur einer Sonde, Bassgeigensaite u. dergl. äusserst schwierig, denn einesteils ist schon die Schlauchöffnung so enge, dass der Penis gar nicht gefasst werden kann, also eine Öffnung seitlich
jr i
ocr page 577
XL1X. Anwendung dos Katheters.
J9
rf
und aussen am Schlauch eingeschnitten werden muss, andernteils steht die Sförraige Krümmung der Harnröhre (Figur 810) hindernd im Wege, es müsste daher diese erst (lurch llervorzielieu der Rute gerade gestreckt werden. Unter solchen Umständen und bei der bedeutenden Länge und Enge der Harnröhre liisst sich kein Katheter bis in die Blase schieben, man wird sich daher begnügen, vorerst das Hutenstiick der Harnröhre zu sondieren und nachher die Wunde am Schlauch mit der Kuopfnabt ZU vereinigen. Weiter oben geschieht das Katheterisiercn stets erst, nachdem der Harnröhrenschnitt ausgeführt worden ist; von hieher bietet dann das Sondieren nach Harnsteinen keine Schwierig­keiten mehr und sind liiezu die oben angegebenen kurzen elastischen Katheter sehr bequem.
Dieselbe Schwierigkeit liegt bei Schweinen vor, während bei Hunden der üutenknochen das Hindernis abgibt, es müsste daher auch hier die Urethrotomie vorhergehen.
Fig. 318.
Das Katheterisieren bei weiblichen Tieren kommt, wie schon erwähnt, nur selten vor, doch ist öfters eine Untersuchung der Blase für diagnostische Zwecke nötig, was keinerlei Schwierigkeiten bietet.
Man stellt sich bei Stuten und Kühen hinter das gehörig befestigte Tier, lässt sich den Schweif zur Seite halten und führt, nachdem man mit der linken Hand die Schamlippen eröffnet hat, den oben schon er­wähnten leicht gekrümmten Metallkatheter für Stuten und Kühe über die Klitoris (Figur 318(7) im untern Scheidenwinkel hinweg in die Harnröhre und Blase ein.
Bei Stuten ist die Harnröhre e nur 7 cm lang und im ganzen Verlaufe gleich weit, so dass das Instrument an der untern Scheiden­wand dicht hinter der Vorhofsklappe bei C, welche als kleine ringförmige Wulst nicht im geringsten geniert, fast von selbst in die Blase d ge­langt, bei nur etwas Übung braucht man daher nicht einmal die Scham­lippen auseinander zu halten, denn schon im Vorhof der Scheide be-
ocr page 578
5G0 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
findet sich eine Rinne (Metit urinaire). welche als eine Fortsetzung der Urethra in die Scheide angesehen werden kann und besonders bei KUhen entwickelt ist.
Bei Kühen kommen zuweilen paralystlsche Enuresen und (wie beim l'uerperaltieber) auch Harnverhaltungen vor, welche eine Unter­suchung, beziehungsweise Entleerung der Blase nötig machen und kann der Zweck schon durch den eingeführten Finger oder die zinnerne Röhre einer Klystierspritze erreicht werden, es ist jedoch auf die Klappe zwischen der Scheide a und dein Vorhof h bei c Rücksicht zu nehmen.
Die umstellende Figur stellt einen Mediansclinitt durch den Sclieidenvorhof 6 und die Blase d bei der Kuh dar und gibt das Hindernis für die Einführung des Katheters an. Dicht an der Einmündung der Harnröhre an der untern Scheiden­wand liegt die Klappe, deren freier Band nach rückwärts gerichtet ist und unter welcher der kleine Divertikel f liegt, in welchen der Katheter geraten kann, man hält sich daher bei Kühen mit der Katheterspitze möglichst an die obere Ilarn-röhremvand. Dieselbe Eigentümlichkeit liegt auch bei Schweinen vor, während bei den Fleischfressern die Passage in die Blase ganz frei ist und selbst die Klappe fehlt. Zu bemerken ist, dass man bei Rindvieh längere Katheter braucht, denn die Urethra der Kühe ist fast um die Hälfte länger (11—12 cm) als jene der Stute, ebenso ist auch der quot;Wilson'sche Muskel h' ungleich stärker, von welchem wie bei dem Dotrusor manche motorische Störungen herrühren.
L. Der Harnröhrenschnitt. Urethrotomia,
I i
Anzeige. Die blutige Eröffnung der Harnröhre an irgend einer Stelle ist notwendig geworden, wenn man in die Blase eindringen will, einen hinreichend langen Katheter nicht besitzt oder wie gewöhnlich ein fremder Körper (Schleim, Blutgerinnsel, Pseudomembrane, Polypen und andere Neubildungen, am häutigsten Harnsteine) dem Abgange des Harns im Wege steht.
Am meisten kommen Harnsteine bei Rindern vor und sind sie bei Ochsen oft in ungeheurer Menge vorhanden, jedoch meist nur von der Grosse der Schrotkörner oder liegt mehr nur eine erdige, sandige oder schlammige Masse in der Blase. Im übrigen gehen nur kleine und rundliche Steinchen von selbst ab, grössere bleiben beim Pferde gerne am Anfange des Rutenstückes der Harnröhre stecken, beim Rinde dagegen an einer der beiden Krümmungen (Figur 319) ganz in der Nähe des Skrotums und noch grössere überschreiten gewöhnlich die Blase, den Blaseuhals oder den Sitzbeinausschnitt nicht.
Bei Schweinen und Hunden kommt es selten zu Steinbildung, eher noch bei Schafen und findet man den Stein dann meist an der II. Krümmung, bei Hunden am hintern Ende des Rutenknochens.
Eine weitere Anzeige liegt vor, wenn behufs der Herausnahme oder Zertrümmerung eines Steines Instrumente in die Blase eingeführt werden müssen, die Urethrotomie ist daher entweder eine selbst-
11
ocr page 579
L, Der Harnrölirensclmitt. Urcthrotomia.
501
Ständige Operation oder nur der Vorakt einer andern operativen Unternehmung.
Diagnose. Die Konkremente, als häufigste Ursache des llarn-röhrensclmittes, lassen sich von aussen durch die Haut längs des Peri-näums bis zur Mündung der Harnröhre durchfühlen oder stosst man wenigstens auf empfindliche, schmerzhafte Stellen, im übrigen sichert
Fig. 319.
die manuelle Untersuchung der Blase und ihres Beckenstückes die Diagnose hinlänglich. Findet man gar keinen Stein und zeigen sich doch alle Erscheinungen der Lithiasis, so verschafft mau sich einen der im vorigen Kapitel besprochenen Katheter und sondiert die ganze Harn­röhre von oben oder unten, auch muss man daran denken, dass auch eine mechanische Verstopfung schon in den Uretheren vorkommen kann.
Uering's Operationslehre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 36
ocr page 580
W'
502 Zweite Ilaupt-Abtcilaiig: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die Operationsstelle ist stets da, wo der fremde Körper seinen Sitz hat, in Zweifelsfällen wird der Harnröbrenschnitt irgendwo an den unten beschriebenen Stellen versuchsweise gemacht oder setzt man voraus, ersteren an der Doppelkurvatur anzutrert'en. Steckt er unterhalb des Sitzbeinausschnittes, so ist die Harnröhre leer, ist diese aber voll, so deutet dies auf den Sitz des Fremdkörpers an der Krümmungsstelle hin. Handelt es sich um Blasensteine, so wird der lüasenschnitt (siehe nächstes Kapitel) ausgeführt und was die Harnröhrensteine betrifft, so hat man vier Operationsstellen.
11
a.
Am Sitzbeinausschnitt, also unter dem After. Im Mittelfleisch, d. h. hinter dem Hodcnsack. Vor dem Hodcnsack. Dicht hinter der llarnröhrenmiindung.
Bei ruhigen Pferden, insbesondere aber bei Ochsen kann die Operation ganz wohl stehend ausgeführt werden, was mit Rücksicht auf die volle Blase natürlich sehr erwünscht ist, im andern Falle sind die Tiere vorsichtig (z. B. au eine Dungstätte gelehnt) niederzulegen oder fesselt man sie erst, wenn sie sich ohnedies gelogt haben. Der oben liegende Hinterfuss wird nach vorwärts auf den Verarm gebunden. Stehende Ochsen lohnt man am besten an eine Wand, bindet den Vorderfuss an einem Ilorne auf und führt vom änssern Hinterfessel ein Seil zwischen den Vorderbeinen ebenfalls an das Horn, während der Kopf hoch auf­gebunden wird.
1. Urethrotomie am Sitzbein. Im Mittelfleisch, unmittelbar
wo man nuter dem After den Sitzbeinausschnitt durchfühlt, ist die Operationsstelle, von wo mau in gerader Horizontallinie in die Blase zur Prostata oder nach abwärts behufs Aufsuchung eines Harnsteins sondieren kann.
In der Medianlinie durchschneidet man die sehr dünne Haut auf 3—5 cm Länge und geht dann mit dem geballten Bistouri durch das Zellgewebe, um die nebeneinander liegenden beiden Afterrutenbänder (Figur .Tl'J, 14) zu trennen. Hierauf stösst mau unmittelbar auf den Schwellkörper der Harnröhre, die in der Mitte desselben gelegen ist, bei Pferden kommt aber vorher der Harnröhremmiskel, der ebenfalls in seiner Mitte durchgeschnitten wird.
Bis hieher ist die Blutung fast gleich Null, aber auch im Corpus cavernosum unbedeutend, weil nur venöser Art. Nun wird die Harn­röhre eingestochen und von innen her der Stich mittels eines Knopf-bistouris aufgeschlitzt; diese Inzision auf die leere Urethra ist etwas schwierig, sehr einfach aber, wenn man auf eine Sonde den Stein selbst einschneiden kann oder die Harnröhre vorher mit Wasser gefüllt wurde.
Ist der Zweck erreicht, so schliesst man die Wunde mit einigen Heften, indem man entweder die Urethra für sich bindet und nachher die Haut oder aber beide zugleich in die Knopfnaht nimmt. Häutig werden nach Beseitigung des Leidens die Binder wegen möglicher Rezidive zur Mast aufgestellt, in welchem Falle man das Vernähen der Wunde sich ganz wohl ersparen kann, die Harnfistel besteht in dieser Weise oft ein Jahr und länger, ohne das Tier zu belästigen. Im übrigen bekämpft man die Harninfiltrationen an den verschiedenen Urethro-
ocr page 581
L, Der Harnröhrensclinitt. Urethrotoraia.
öGc
tomiestellen gleich im Anfang am besten durch sorgfältiges inniges Veiniilien der Schleimhaut samt dem Schwellkörper, sowie durch Er-zielung der schnellen Vereinigung.
2. Urethrotomie an der Doppelkurve, der gewöhnlichen Stelle bei Ochsen. Ist die Haut und ihr Zellgewebe handbreit hinter dem Hodensach getrennt, so bohrt sich der Zeigefinger unter die Rute und zieht von ihr einen Teil (bis zu 30 cm) hervor. Man fühlt hierauf längs der in dieser Weise gestreckten Harnröhre nach dem Sitz des Steins, der sich als ein Knoten erweist und mm möglichst nach ausson hervorgedrängt wird; ein rascher Schnitt auf diese Stelle üli'net die Harnröhre und liisst den Stein hervortreten oder mit der Pinzette herausziehen.
Vor dem 'Wundverschluss darf man nicht versäumen, die Harn­röhre noch weiter nach oben und unten auszuforschen, ob nicht weitere Konkremente vorliegen; hierauf wird die l!ute an ihre Stelle zurück­gebracht und in der oben angegebenen Weise die Öffnung vernäht.
Zu bemerken ist, dass man besser etwas unterhalb des Steins die Inzision macht und sich beim Kähen hütet, dass im untern Winkel eine Tasche zur An-sammlunR von Harn gebildet wird; um letztere zu vermeiden, kann auch deröchiiitt seitlich durch das Corpus cavernosum der Rute (statt der Harnröhre) geschehen und ist das Heften nicht immer notwendig, denn infolge der entzündlichen An­schwellung schliesst sich die wenig klalfendo Wunde der Rute und der Harn geht durch die Harnröhre in normaler Weise ab. Endlich ist noch darauf aufmerksam zu machen, dass die weiter hinten liegende Kurvatur eine raschere Biegung macht, als die erste, der Stein passiert daher häufig jene ganz gut und liegt deswegen öfter in dieser, auch ist es wegen der tieferen Lage der ersten Biegung absolut nötig, den Rutenstrang etwa '/j—1 Fuss weit aus der Hautwunde herauszuzerren. Hat man mit der Operation Eile, um einer Rlasenruptur vorzubeugen, kann auch die Harnröhre kurzweg ciuer abgeschnitten werden.
8. Inzisionen vor dem Hodensack. Da die erste Rutenkrüm­mung des Ochsen nach vorwärts sieht und der vorderen Hodensack-tläche näher steht, als der hintern, so lässt sich die Operation auch vor dem (leeren) Hodensack ausführen und macht man zu diesem Zwecke eine bedeutend längere Wunde (12—15 cm). Hierauf sucht man die Ente auf und zieht sie so weit zu Tage, dass die Harnröhre gestreckt erscheint. Die Blutung ist bedeutungslos und das nachherige Einsickern von Harn in das hier spärliche Zellgewebe so gering, dass mau die Wunde unbedenklich sich selbst überlassen kann.
4. Inzisionen hinter dem Schlauchende. Diese Operations-stelle kommt fast nur bei Pferden und Hunden in Frage, bei denen wegen der starken Verengerung der Harnröhre au ihrer Mündung Steine gerne hier stecken bleiben und so mehr Harnbeschwerden als Anurese veranlassen. Da sich die Eichel bei beiden Tieren leicht hervorziehen lässt und der Stein unschwer durchgefühlt werden kann, darf man von aussen nur auf ihn einschneiden, ohne die Mündung zu spalten.
Urethrotomie bei weiblichen Tieren. Sie wird wohl nur ganz selten vorkommen und kann sie dann jedenfalls keine technischen Schwierigkeiten bereiten. Würde die unblutige und allmähliche Er-
ocr page 582
504 Zweite Haupt-Abteilung: Oiicrationcn, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Weiterung nicht genügen oder wäre die Extraktion mit einer Kornzange vergeblich versucht worden, so bliebe nur die Spaltung mittels eines Knopfblstouris übrig, die bei kleinereu Tieren auf einer Hohlsonde aus­geführt werden kann, bei den grösseren auf zwei in den Kanal ein­geführten Fingern.
Es ist selbstverständlich, dass das Aufschlitzen nacli oben zu geschehen hat und zwar in einer Ausdehnung, dass der zu extrahierende Stein keine Quetschung der Harnröhrenschnittwunde erzeugen kann, deren Heilung durch erste Vereinigung erfolgt.
LI. Der Blasensteinschnitt. Oystotomia.
Anzeige. Grössere Steine, welche sich in der Blase befinden, bleiben gerne, nachdem sie zu Harnbeschwerden mehr oder weniger oft Anlass gegeben haben, in dem Blasenhalse stecken, dessen krampfhafte Zusammenziehung neben der Harnverhaltung Schmerz verursacht; seltener tröpfelt der Harn unwillkürlich ab. Die Tiere leiden überdies bei längerer Anwesenheit eines solchen Steins an einer chronischen Reizung der Blasenschlehnhaut und magern nicht selten dabei ab. Sollte der Stein in das Beckenstück der Harnröhre getreten sein, so ist blos der erste Teil der Cystotomie erforderlich.
Diagnose. Zur Sicherstellung derselben ist die Untersuchung durch den Mastdarm unerlässlich; sie muss über den Sitz, die Grosse und Beweglichkeit des Steins Aufschluss geben; sehr selten geschieht es, dass ein Stein in einer Tasche der Schleimhaut oder in einem An­hängsel der Harnblase eingeschlossen ist, somit nicht frei liegt.
Anatomisches. Die Blase liegt auf der obern Fläche der Schambeine und reicht, wenn sie sehr angefüllt ist, in die Bauchhöhle hinein (heim Ochsen wird dies durch den Pansen verhindert); sie fühlt sich vom Mastdarm aus wie eine Kugel an, ist jedoch elastisch; das hintere Drittteil der Blase (Hals) ist nicht vom Bauchfell überzogen, sondern hängt durch Zellgewebe mit dem Mastdarm u. s. w. zusammen; im krankhaften Zustande sind die Häute der Blase manchmal sehr verdickt. Die Stolle, an welcher der Stein liegt (Hals oder Anfang der Harnröhre) ist durch die Härte und die vermehrte Empfindlichkeit kenntlich; nicht selten ist auch vermehrte Wärme im Mastdarm bemerklich. Polypöse Geschwülste der Blasenschleimhaut, Verhärtungen in der Prostata und den Samenblasen könnten mit Blasensteinen verwechselt werden.
Der Blasenhals (Figur 319) setzt sich in das Beckenstück der Harnröhre fort, welches beim Pferde 15—IC cm lang, jedoch ziemlicher Erweiterung fähig ist. Von oben münden die Samenbläschen 0 und Samenleiter 5, etwas mehr seitlich die Vorsteher- und Cowper'schen Drüsen !) in das Beckenstück der Harnröhre, das von einer (besonders heim Ochsen) starken Muskelschichte quer bedeckt ist. Die untere Fläche dieser Partie der Harnröhre liegt zunächst auf der Vereinigung der Scham- und Sitzbeine, an deren Ausschnitt das Rutenstück der Harnröhre 11 (durch Hinzutreten der kavernösen Körper) beginnt. 7 ist das vom Wilson'schen Muskel umgebene Beckons'tück der Harnröhre, 8 ein Teil der Prostata, 10 der Harnschneller, 13 die geöffnete Vorhaut mit der Eichel des Ochsen. II. 1 vorderes Penisende, 2 cichelartige Wulst, 3 Harnröhrenfortsatz, wurmförmiger.
ocr page 583
LI, Der Blasenstciusclinitt. Cystotomia.
5G5
Vorbereitung. Nachdem das Pferd für die Operation vorbereitet worden, wird diese entweder am stellenden Tiere oder liegend vor­genommen; ersteres ist bequemer, besonders wenn durch das Stellen in eine Gurte das Niederliegen während der Operation verhindert werden kann; sehr empfindliche Tiere müssen auf den Rücken gelegt und
die Füsse jeder Seite nach dem Bauche hinaufgezogen werden. Es wird zuerst der Mastdarm entleert und in die Harnröhre entweder eine Sonde oder ein Katheter bis zum Sitzbeinausschnitt eingeführt; in Er­manglung dieser Instrumente kann man die Harnröhre mit Wasser oder einem schleimigen Dekokt anfüllen, muss aber dann die Rute an der Eichel mit einem breiten Rande unter­binden, damit die Flüssigkeit nicht sogleich wieder zurückfliessen kann. Instrumente. Die zur Ope­ration erforderlichen Instrumente sind teils allgemein übliche, wie ein geballtes und ein gerades, oder ein Knopfbistouri, eine gerinnte (Hohl-) Sonde, die jedoch alle die erforder­liche Länge besitzen müssen, um bis in den Blasenhals zu reichen, teils sind besondere Instrumente zum Bla-sensteinschnitt empfohlen worden.
Sehr zweckmässig ist das Bis­touri oder Lithotome cache (siehe Figur 320), dessen schmale Klinge in einer tiefen Rinne verborgen ist und durch eine Feder beliebig weit hervorgedrückt werden kann; man schneidet mit demselben im Zurück­oder Herausziehen.
Endlich ist eine löffelähn-liche Zange zum Fassen des Steins
Fig. 320. Bistouri,
Fig. 321.
Doppelt gebogene
Steinzange.
nötig (Figur 321), sie ist 45 cm lang, schmal, am vordem Ende löft'elähn-
lich konkav und innen gekerbt, mit
einfachem Charnier etwa 15 cm hinter dem Maul, am hintern Ende mit zwei Ringen zum Einstecken des Daumen und Mittelfingers. Figur 322 ist eine ähnliche Steinzange, ebenfalls von Beuch und Figur 323 Bouley's Steinzertrüm-merer.
Die Grosse des Schnitts richtet sich nach dem Umfange des Steins;
ocr page 584
ÖGG Zweite Ilaupt-Alitoiluiig: Operationen, nur au bestimmten Teilen ausführbar.
B
die Operation erfordert: 1. die Öftnnng der Harnrölire unterhalb des Alters; 2. die blutige Erweiterung des Beckenstücks der Harnröhre und des Biasenhalses; 3. das Fassen und Ausziehen des Steins.
Operation. 1. Um die Harnröhre zu öffnen, wird unter dem After auf dieselbe eingeschnitten und zwar entweder gerade abwärts in der Mittellinie, oder schräg von oben nach unten und von links nach rechts (am stehenden Tiere); der Schnitt wird mit dem geballten Bistouri 6 cm lang durch die feine Haut, die dünne Perinäal-Aponeurose, die Afterrutenmuskeln, den Hamröhrenmuskel, den kavernösen Körper der
R)l!
Ifquot; II
Fig. 322. Löft'elförmige Steinzange.
Fig. 323. Bouley's Zange zur Lithotritie.
I 1
Harnröhre und die Schleimhaut derselben geführt; die Klinge berührt entweder den eingeführten Katheter oder es fliesst die in der Urethra angehäufte Flüssigkeit aus. Wenn der Stein im Beckenstück der Harn­röhre steckt, so ist biemit fler blutige Teil der Operation beendigt.
2. In die gemachte Öffiumg der Harnröhre wird eine Hohlsonde bis in den Blasenhals eingeführt, die Rinne nach oben gekehrt; auf derselben schiebt man entweder ein langes, gerades Bistouri oder ein Knopfbistouri ein und schneidet mit demselben teils im Hinein-, teils im Herausziehen das Beckenstück der Harnröhre und den Blasen­hals ein. Hat man ein Lithotome cache, so braucht man keine Hohl-
ocr page 585
LI. Dor Blasonstoinschnitt, Cystotomia.
C67
sonclc zum Einführen; es wird geschlossen auf die gehörige Tiefe eingeführt, sodann mit dem Drücker die Klinge mehr oder weniger hervorgedrückt und Im Herausziehen der Blasenhals und die Harnröhre aufgeschlitzt. Die Richtung dieses Schnitts geht entweder gerade nach aufwärts (in der Mittellinie, gegen den Mastdarm zu) oder schief nach einer Seite, links oder rechts, am Mastdarm vorhei.
Das letztere Verfahren eignet sich vorzugsweise bei grossen Steinen, weil dio bedeutende Erweiterung der Wunde den Mastdarm tieften könnte; die Richtung des Messers ist bei dem schrägen Schnitte gegen die Sitzbeinbeule gerichtet. Da hiebei jedenfalls die Vorsteherdrüse und die Mündung der Samen-Leiter und -Blasen der einen Seite ver­letzt werden, so kann die Brauchbarkeit zur Zucht durch die Operation leiden; indessen ist diese Rücksicht unerheblich, da die grosse Mehrzahl der operierten Tiere Wallachen sind. Wichtiger ist, dass (nach Girard) bei dem schrägen Schnitte Verletzungen der Arterie der Harnröhren­zwiebel und der Afterrutenbänder vermieden werden, welche Teile bei dem Schnitte in der Mittellinie immer (?) getroffen werden sollen.
Es ist #9632;wesentlich, den Schnitt in die Harnröhre so hoch oben als möglich und ihn nach unten in den äussereu Teilen etwas länger zu machen, um die In­filtration mit Harn daselbst zu vermeiden. Das Kindringen des Messers in den Blasenhals ist durch das Abtliessen des in der Blase angesammelten Harns be­zeichnet; von diesem Momente an muss die Operation möglichst besohlennlgt werden, weil die gänzliche Entleerung der Blase das Fassen des Steins erschwert.,
3. Man kann während des Aufschlitzens der Harnröhre und des Blaseinhalses die Hohlsonde in der Wunde lassen, um neben ihr (da sie die Verschiebung der kollabierten Teile verhindert) die Steinzange einzuführen.
Um den Stein damit ZU fassen, ist das Einbringen der linken Hand in den Mastdarm rätlich; man schiebt damit den Stein in den Blasenhals, sucht ihm die Längenrichtung zu geben und ihn in dieser mit der Zange zu fassen; ja es ist möglich, den Stein vom Mastdarm aus soweit rückwärts zu schieben, dass er mit den Fingern der andern Hand in der Wunde erreicht und hervorgezogen werden kann.
Bof dem Fasson und Ausziehen des Steins mit der Zange innss man sich hüten, ihn zu zerdrücken oder die Teile zu quetschen. Auch kann es vorkommen, dass die Zange zugleich Weichteile packt und dadurch dio Extraktion des Steins gehindert wird. Sollten kleine Stücke des Steins zurückbleiben, so sucht mau sie durch Einspritzen von Wasser oder mit einem Löllcl u. dergl. herauszubringen; ebenso verfährt man mit dem teigähnlichcn Satze, der sich manchmal in der Blase der Pferde angehäuft hat,
Nachbehandlung. Nach der vollständigen Kntleerung der Blase wird die Wunde gereinigt und sich seihst überlassen; der Harn fliesst längere Zeit teils durch die Wunde, teils durch die Harnröhre ab; jene verengt sich allmählich und kann durch passende chirurgische Bohandlung bald zur Heilung gebracht werden; der innere Zustand des operierten Tiers erfordert die gehörige Rücksicht.
Sollte bei der Operation ein bedeutenderes Blutgefäss verletzt worden sein, so wird es entweder unterbunden oder durch Druck (Tampon) verschlossen; in der Regel ist die Blutung nicht gefährlich, eher die Infiltration dos Bluts in das Zellgewebe des Beckens. Zu den schlimmeren Folgen gehört aber die Ilarn-infiltration, welcher indessen durch das Einlegen einer Guttapercha-Röhre vor­gebeugt werden kann.
ocr page 586
508 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
i #9632;
F
Rektaler Schnitt. Bei sehr grossen Steinen könnte der Schnitt in die Blase vom Mastdarm aus unternommen werden; die Operation ist einfach, indem der Schnitt in der Mitte der untern Wand des Ivcktums in den Blasenhals geführt und der Stein mit der Hand gefasst und durch den After entfernt würde. Es ist jedoch hiehei einesteils die Verletzung des Bauchfells, andernteils eine Mastdarm-Blasenfistel zu befürchten. In solchen Fällen ist es daher anzuraten, einfach den Harnröhrensclmitt (siehe den vorhergehenden Abschnitt) an der Sitzheinfuge zu machen, durch die mehr als fingersweite Harnröhre die erforderlichen Instrumente zur Zertrümmerung des Steins einzu­führen und den Stein in Stücken auszuziehen.
LIL Der Blasenstich. Oystoparacentesis.
Anzeige. Die Punktion der Harnblase ist weder schwierig, noch gefährlich, allein sie hilft meist blos palliativ. Die Indikation liegt vor, wenn die Blase bis zum Zerspringen angefüllt ist, somit Gefahr auf dem Verzüge steht und die Badikalhülfe (z. B. Entfernung eines Harn­röhren- oder Blasensteins) im Augenblicke nicht ausführbar ist.
Die genaue Untersuchung des Zustancls der Harnblase vom Mast­darm aus muss der Operation vorangehen; beim Ochsen dehnt sich die Blase mehr nach den Seiten und nicht gegen die Bauchhöhle aus; sie überschreitet selten den vordem Band der Schambeine; beim Pferde ist dies leichter möglich, immer aber bleibt die Blase bei beiden Tieren von der Bauchwand entfernt; beim Schwein und Hunde findet das Gegenteil statt, die stark angefüllte Blase liegt ganz in der Bauchhöhle.
Man kennt drei Methoden dieser Operation: 1. vom Damme ans; 2. vom Mastdarm aus, 3. durch die Bauchwand. Die dazu, nötigen Instrumente sind zu 1. ein langer gerader Trokar; zu 2. eingekrümmter Trokar, beide nur 2—3mm im Durchmesser; zu 3. kann jeder dünne Trokar benützt werden.
Die Operation wird bei grösseren Tieren am besten stehend, bei kleineren im Liegen vorgenommen.
Operation, 1. Damm-Blasenstich. Man durchschneidet mit dem geballten Bistouri unter dem After und seitlich von der Harn­röhre, rechts oder links, senkrecht oder etwas schräge, die äussere Haut und das darunter liegende Zellgewebe und bahnt sich teils mit dem Finger, teils mit dem Messer einen Weg bis ZU dem Blasenhalse; hierauf schiebt man einen geraden Trokar (ohne Öffnungen an den Seiten, Figur 324) mit zurückgezogener Spitze bis zur Blase, lässt dann die Spitze vortreten und drückt das Instrument rasch in die Blase. Nach dem Zurückziehen des Stilets tliesst der Harn aus und wenn dies
#9632; #9632;
ocr page 587
LII. Der Blasenstich. Cystoparacentesis.
569
geschehen, zieht man (nach vorher wieder eingebrachtem Stilet) den Trokar ZUrttok und heftet die äussere Wunde mit 1—2 Stichen.
Ks ist otVenbar unnötig und selbst nachteilig, dem Trokar auf die eben be­schriebene Weise einen Weg zu bahnen; man kann dies nach dem Ilautschnitte mit einer Ilohlsonde oder mit dem Trokar selbst thun, um so mehr, als der Finger selten bis zum Blasenhalse reichen wird. Der Trokar läuft neben dem Becken­stück der Harnröhre hin bis zur Blase und kann auf diesem Woge die Vor­steherdrüse oder die Samenblase ver­letzen, was jedoch bei kastrierten Tieren ohne Wert ist. Damit die Blase beim Einstechen nicht ausweicht, ist es zweck-mässig, sie vom Mastdarm aus mit der eingebrachten Hand zu fixieren. Sollte nach dieser Operation Harn in den vom Trokar gemachten Kanal eindringen, so ist eine Harnfistel zu erwarten. Handelt es sich darum, ein zur Schlachtbank bestimmtes Tier noch kurze Zeit zu er­halten, so kann die Röhre des Trokars 36 Stunden und länger in der Wunde liegen bleiben.
2.nbsp; nbsp;Mastdarm-Blasenstich.
Er ist nur bei den grossen Haus­tieren anwendbar und wird mit einem leicht gekrümmten (F lour an t'sehen) Trokar (Figur 325) in der Art aus­geführt, dass mau denselben mit zurückgezogener Spitze, gedeckt von der rechten Hand, in den .Mastdarm einführt und durch die untere Wand des Darms beinahe senkrecht 5—fi cm tief in die Blase einstösst, so nahe als möglich am 1 lals der Blase, damit dasBauchfell unvorletzt bleibe. Nach dem Abtliessen des Harns, welches allmählich stattfinden soll, damit die Blase Zeit habe, sich zusammenzuziehen, wird der Trokar zurückgezogen und die punktlonnige Verletzung sich selbst überlassen.
3.nbsp; nbsp;Der Stich durch die Bauchwand wird nur beim Schwein und Hunde nötig, weil ihr Mast­darm zu enge ist für die Hand und
Fig. 324. (Halbe Grosse.)
Fig. 325. (Halbe Grosse.)
ocr page 588
#9632;
f)70 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
die gefüllte Blase keinen Eaum in der Beckenliöhle hat, dalier ganz in der Bauchhöhle liegt, wo sie wie eine Kugel zu ftthlen ist Die Lage (im hintern Teile des Bauchs), die elastische Spannung und die runde Form der Blase lassen sie von andern Geschwülsten im Bauche, An­schoppung harter Exkremente u. s. w. wohl unterscheiden.
Man legt das Tier auf die Seite und sticht einen dünnen Trokar (nach gemachtem Stiche in die iiussere Haut) auf den gespanntesten Teil der Geschwulst in der untern Flankengegend ein; der Harn fliesst in einem Bogen, dampfend und stark riechend, aus; er wird mit Unter­brechungen von einigen Minuten abgelassen, während man den Körper des Tiers so neigt, dass der Harn leichter ausfliessen kann. Es ist weder notwendig noch thunlich, die Blase vollständig zu entleeren; es wird daher der Trokar, nachdem der grössere Teil des Blaseninhalts aus­gelassen ist, mit Vorsicht zurückgezogen. Ich habe bei zwei Hühner­hunden durch dieses Verfahren nicht bios palliative, sondern bleibende Beseitigung der Harnverhaltung erreicht. Die Funktion der Blase ist ganz gefahrlos, wenn man einen feinen Trokar anwendet und diesen bis zur Entleerung der Blase liegen lässt.
Wenn bei weiblichen Tieren die Harnröhre nicht zugänglich wäre (z. B. durch polypöse Auswüchse u. dergl.), so könnte die Harn­blase von der Scheide aus angestochen und entleert werden.
LIII. Amputation der Harnblase.
raquo;.if*
Anzeige. Diese Operation kommt höchst selten und auch dann nur bei weiblichen Tieren (Stute, Kuh) vor und setzt eine Umstülpung (Vorfall der Blase) voraus; fast immer ist eine Geburt unmittelbar vor­hergegangen und es ist durch den heftigen Drang nach dem Becken der Blasenhals so sehr ausgedehnt worden, dass die Harnblase sich umstülpen konnte; sie hängt im untern Winkel des Wurfs heraus und hat die Gestalt einer umgekehrten Bouteille.
Ihre Oberfläche ist teils gerötet, teils schrundig und schorfig oder verletzt, die Häute sind sehr verdickt, am Grunde sind die beiden Mündungen der Harnleiter zu finden, durch welche der Harn entweder anhaltend herauströpfelt oder in einzelnen Stössen hervorgespritzt wird. Um nicht den Vorfall der Blase mit einem Vorfall der Scheide, des Uterus (womit er übrigens kompliziert sein kann) oder selbst mit den Eihäuten zu verwechseln, muss man die Mündung der Uretheren auf­suchen. Nicht selten prolabiert auch die Blase durch einen Scheidenriss.
Man wird zuerst die Reposition der Blase nach den gewöhn­lichen Vorschriften versuchen und erst dann, wenn jene unmöglich oder die Blase durch vorherige Misshandlungen des Tiers tief verletzt worden oder sogar geborsten ist und brandig zu werden droht, die Amputation
r*!
ocr page 589
LIV. Das Anstechen des Fruchthaltcrs.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 57]
als letztes Mittel ausführen. Die vollsttlndige Reposition gelingt oft erst nach Wochen und Monaten.
Amputation. Es dient hiezu die Unterbindung der vorgefallenen Elase am Übergang des Körpers derselben in den Hals, so dass jeden­falls die Mündungen der Harnleiter frei bleiben; die (einfache oder doppelte) Schlinge wird zwischen diesen Mündungen und dem Grunde der Blase fest angelegt und täglich 1—2 mal nachgezogen, oder eine neue Ligatur dicht über der ersten angebracht oder besser, es wird mit einem Kautschuk-Streifen unterbunden.
Infolgt! hlevon wird die hinter der Ligatur befindliche Partie der Blase anschwellen, später blaurot und übelriechend werden und nach einigen Tagen entweder von selbst abfallen oder leicht mit dem Messer vollends entfernt werden können. Ba die Ligatur sich gerne nach vor­wärts verschiebt und die Uretheren verschliesst, so kann man genötigt werden, sie mittels einer Wundnadel durch die Blase liindurclizuführen und diese dadurch in zwei Portionen zu teilen.
Bie mit dieser Operation verbundenen örtlichen und allgemeinen Zufälle müssen nach ihrem Charakter behandelt werden, namentlich ist es oft nötig, Klystiere anzuwenden, selbst ein streng antiphlogistisches Verfahren einzuleiten.
Nach der Entfernung der Harnblase zieht sich der Blasenhals in die Scheide zurück, allein der Harn iiiesst öfter und selbst manchmal ununterbrochen aus dem untern Winkel des Wurfs und an den llinterfiissen hinab, deren Haut davon an­gegriffen wird; man hat dagegen das Einlegen einer Blechröhre versucht, welche an den Lippen des Wurfs befestigt wird und den Harn weiter rückwärts abfiiessen lässt. Bei einer Scheidenruptur muss nach der Blasenreduktion die Vagina jeden­falls geheftet werden, wenn sich die Ränder nicht von selbst schliessen.
LIV. Das Anstechen des Fruchthälters,
(Parazentese des Uterus.)
Eine Ansammlung von Flüssigkeiten im Fruchthälter kommt be­sonders bei Kühen nicht selten vor; auch bei Stuten und den kleineren Haustieren ist sie beobachtet, die Tiere können dabei trächtig sein oder nicht. Manchmal ist die abnorme Menge des Wassers in den Eihäuten des Fötus enthalten (Hvdramnios oder Wassersucht des Kies). Bie Flüssigkeit selbst ist bald schleimig, bald eiterig, geruchlos und milde, oder aber stinkend und scharf; die innere Haut des Uterus katarrhalisch krank, oder auch geschwürig.
Diagnose. Meist werden die Tiere für trächtig gehalten, allein das Übergehen der Gebnrtszeit, die fortdauernde Vergrösserung des Bauchs (selbst bis zur Zerreissung der Bauchmuskeln) und besonders die Untersuchung durch die Scheide und den Mastdarm dienen zur Sicherherstellung der Diagnose.
.1
ocr page 590
I
57 2 Zweite Ilaupt-ALteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die Entleerung des Uterus findet entweder 1. durch den Muttermund, oder 2. von der Baucliwand aus statt.
Operation. 1. Mau führt einen langen, dünnen Trokar unter den gewöhnlichen Vorsichtsmassregeln durch die Scheitle bis an den Muttermund, sodann durch diesen in den Frnchthältcr selbst ein, zieht dann das Stilet zurück und liisst den Inhalt des Uterus ausfüessen.
Erforderlichen Falles können Einspritzungen teils zur Verdün­nung der krankhaft angesammelten Flüssigkeit, teils um auf die sezer-nierende Fläche des Uterus zu wirken, auf demselben Wege angewendet werden. In dieser Beziehung ist es zweckinässiger, den Muttermund mit dem Finger zu erweitern, eine Gummiröhre einzuführen, welche nach hinten einige Fuss hervorstellt und, indem sie abwärts geneigt wird, als lieber wirkt, um die Flüssigkeit selbst aus dem tiefer gelegenen Teile des Fruchthälters auszuleeren. Ist Wassersucht des Eies zu­gegen, so müssen die Eihäute mit dem Trokar durchstochen werden.
2. Wenn man wegen Enge der Scheide, veränderter Lage des Fruchthälters oder Verschliessung des Muttermunds durch diesen nicht beikommen kann, so wendet man den Trokar von der Bauch wand aus an.
Die Operationsstelle wird durch die Lage des Uterus bestimmt und meist in der rechten Flanke (selten in der weisseu Linie) sein. Bei kleineren Haustieren lässt sich die Lage des angefüllten Uterus durch Veränderimg der Körperlage nach Umständen abändern. An der tiefsten Stelle, an welcher man den Fruchthälter von aussen dicht an der Bauchwand anliegen fühlt, sticht man einen geraden, dreischneidigen Trokar von 20—25 cm Länge durch die Haut, die Bauchmuskeln und die Wand des Uterus ein und lässt dessen Inhalt durch die Röhre allmählich abtliessen. Nach der Entleerung der Flüssigkeit zieht man die Trokarröbrc aus und üherlässt die kleine Wunde sich selbst.
Das Anstechen des Uterus vom Mastdarm aus, welches Cart-wright erwähnt, könnte nur bei einer Rückenlage des Tiers mit Erfolg vorgenommen werden. Die Wassersucht des Eies (Schafwasser) wird sich am lebenden Tiere nicht von der Wassersucht des Uterus unter­scheiden lassen.
Die Menge der angesainmelton Flüssigkeit ist oft sehr gross; Haycock fand bei einem Scbwein 30 Pfd., Lindenborg bei einer Kub 120 Mass; und in der Berliner Sammlung ist der Fruchthälter einer Kuh erwähnt, der 200 Quart Schleim enthalten hatte.
Cartwright stach den Trokar in der Mitte zwischen der letzten rechten Rippe und dem llinterknie in den Uterus einer Kuh und entleerte 250 Pfd. Flüssig­keit, während noch 50—100 Pfd. zurückblieben.
ff
#9632;#9632;#9632;•#9632;
!#9632; pa,
P
i
ocr page 591
I _
! I
VI. Operationen an den Gliedmassen.
LV. Myotomie am Oberschenkel des Rindes,
Beim Rinde kommt hie und da eine eigentümliche Verschiebung einer Muskelpartie in der Hiiftge'gend vor, welche sich zwar selbst korrigieren kann, gerne aber wiederkehrt und so Veranlassung zu einer Operation gibt, welche von sofortigem und bleibendem Erfolge be­gleitet wird.
Es handelt sich hier um die Dislokation des äussern Kreuz­sitzbeinmuskels, welcher zuweilen über den Trochanter, auf dem er liegt, nach hinten hinabgleitet und dort gefangen bleibt. Die Eadikal-hilfc bestellt in der subkutanen Durchschneidung der abgewichenen und nun stark gespannten Muskelpartie.
Die Operation ist hauptsächlich von französischen Tierärzten be­schrieben worden und zeigt manche, jedoch nicht erhebliche Verschieden­heit. Dorfeuillc gab 1811 eine ausführliche Belehrung des als „Myotose cruralequot; bezeichneten Leidens; er zog mit einem Gemshorn den Muskel nach aussen und schnitt ihn hier ab. Andere, wie Carriere 1849, be­schreiben das eigentümliche Krumnigehen als eine Luxation der Aponeu-rose des Muscle ischio-tibiale externe, Serillon und Dcynaud als Deviation des Auswiirtsziehers des Schenkels u. s. w. Die Operation wurde früher bei offenem Schnitte vorgenommen und bei nicht dis­loziertem Muskel, jetzt ist sie, und darin besteht die wesentlichste Ver­schiedenheit, nur mehr eine subkutane und zeichnet sich dadurch aus, class sie sehr leicht ausführbar ist.
Anatomisches. Die Muskulatur der Kruppe und des Schenkels zeigt beim Rinde wesentliche Verschiedenheiten von der des Pferdes; insbesondere ist dies der Fall mit dem vordem oder äussern Kreuz-Sitzbein-Muskel des Schenkels (langer und mittlerer Auswilrtszieher, M. abductor femoris G.); die obere Portion (Figur 826p) bedeckt den grossen und mittlern Darmbein-Umdreher-M. (M. glutaeus) ganz, geht nach unten über den Umdroher des Oberschenkelbeins •weg und verbindet sich mit einer zweiten, weit stärkeren Portion (h), welche vom Sitzbein kommt und nach abwärts sich in zwei Aste spaltet. Dieser Muskel hat am Umdreher (laquo;) und am Gclcnkkopf des Oberschcnkelhcins einen Schleimbcutel; die obere Portion {g) des Muskels ist locker mit den darunter liegenden Muskeln verbunden, nach innen hat sie eine starke Aponeuroso, die nach hinten dicker und fester wird, so dass sie bei der Operation nicht ausgelassen werden kann.
ocr page 592
^1
I
#9632;#9632;t'-i
;;#9632; '#9632; ill
574 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Diagnose. Die obere Portion des Muskels (denn nur um diese handelt es sieh) kann sich durch Ausglitschen oder Zurückbleiben des Hinterfusses von den benachbarten Muskeln ablösen, so dass sie nur noch an ihren Enden befestigt ist, sofort über den Umdreherfortsatz wegglitscht und hinter demselben wie gefangen liegt (siehe die punktierte Linüe zwischen g und n). Zu dieser Dislokation haben magere Tiere mit spitzem Hinterteil und abhängiger Kruppe, wenig vorstehender Ge-lenkpfaime, aber hohem Trochanter, eine besondere Neigung; auch kommt in gebirgigen Gegenden das Übel häutiger vor.
Fig. 32G.
Wenn bei der genannten Form der Kruppe schon im gesunden Zustande der Muskel bei jedem Tritt hin und her schnappt, so bleibt er endlich ganz hinter dem Trochanter liegen und verursacht nun ein eigentümliches Hinken; der Fuss bleibt zurück und wird mähend (nach aussen) bewegt, so dass er mit der Spitze der Klauen den Boden streift; während der Bewegung ist eine Vertiefung vom Anfange des Muskels .bis zu seiner Insertion bemerklich, welche von dem hinter dem
ocr page 593
LV. Myotomio am Oberschenkel des Rindes,
070
Trocbafiter Zurückgebliebenen Muskel herrührt, der einem gespannten Stricke gleicht, welcher vom Hüftgelenk mich der Kniescheibe hin in schiefer Richtung lauft, Man fühlt den Knochen blos noch von der Haut bedeckt, während hinter dem Uuidreher eine Verdickung (der Muskel selbst) sich zeigt.
Nicht selten geht der Muskel von selbst in seine normale Lage zurück und das Hinken scheint dann periodisch aufzutreten; manche Tiere zeigen blos einen beschwerlichen Gang, besonders bergauf.
Eine Anschwellung des Schleimbeutels auf dem Trochanter könnte mit dem Ausweichen des Kreuz-Sitzbein-Mnskels verwechselt werden, allein in diesem Falle fühlt man letzteren noch den Umdreher bedecken, weil er noch auf und nicht hinter dem Trochanter liegt. Hingegen kann das Anstechen der Bursa und das Brennen mit Tunkten erforder­lich worden.
Offener Schnitt, Die Operation bestellt in dem Durchschneiden der gespannten Muskelpartie; sie wird entweder am stehenden oder liegenden Tiere vorgenommen. Im ersten Falle zieht man den gesunden Fuss etwas vorwärts, der Operateur stellt sich au der kranken Seite etwas nach vorne und schneidet etwa 2 Zoll unter und vor dem Trochanter die Haut l1/laquo; Zoll lang, in der Richtung des gespannten Muskels (bei­nahe senkrecht) durch; hierauf trennt man mit dem Finger oder Skalpel-heft die Haut vom vordem Rande des Muskels, ebenso die Verbindung desselben mit der Schenkelaponeurose, hebt den Muskel in die Höhe und führt zuerst eine Hohlsonde, dann ein konvexes Bistouri unter denselben, dessen Schneide man sofort nach aussei! und abwärts richtet und den Muskel in dieser Richtung in einer ziemlichen Ausdehnung durchschneidet. Hierauf untersucht man teils mit dem Finger, teils durch Bewegungen mit dem Schenkel, ob der Muskel hinreichend ab­geschnitten ist, und vervollständigt im andern Falle die Operation durch weitere Schnitte.
Subkutaner Schnitt, Bei dieser Methode, welche besonders von Bresque, Cruzel, Winkler u. A. ausgeführt wurde, wird der Ein­schnitt in die gut desinfizierte Haut nicht ganz 1 Zoll lang (2—3 cm) gemacht und zwar zwischen dem vordem Rande des dislozierten Muskels und der hintern Fläche des Oberschenkelknochens, also am untern Teil der gebildeten Muskelrinne und handbreit unterhalb des Trochauters. Ist auch die Schenkelaponeurose durchgeschnitten, so bohrt sich der Zeigefinger zwischen den Muskeln und der hintern Fläche des genannten Knochen ein, führt dann mit der andern Hand den Mvotomen (ein langes starkes und konkaves Knopfbistouri) wenigstens 3 Fingerbreit (6—9 cm) zwischen dem Finger und dem sehnigen Muskelteil ein und schneidet dessen sehnige Portion bei etwas nach vorwärts gehaltener (rliedmasse durch. Castex Hess das Tier währenddem etwas vorwärts schreiten, wodurch der Muskel gleichsam von seihst abgeschnitten wurde. Jedenfalls muss das Tier nachher bewegt werden und wieder normalen Gang zeigen, im andern Falle sind nicht alle sehnigen Fasern durch­schnitten worden.
ocr page 594
h,
B
570 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die laquo;anze Nachbehandlung besteht in dem Einlegen eines karboli-sierten WatteMusdichens, bis sich die Wunde geschlossen hat.
Reposition. Will man die Reposition versuchen, welche aber selten von bleibendem Nutzen ist, so streckt man zunächst, den Fuss stark nach rückwärts, bis das Backbein mit dem vorderen Rande des in Frage stehenden Muskels parallel steht, worauf man nur die Glied­masse nach aussen und dann nach vorne ziehen darf, damit der Trochanter Gelegenheit liiulct, unter den Muskelrand zu gleiten. Es ist selbst­verständlich, dass der Muskel sehr stark erschlafft sein muss, um über­haupt eine derartige Deviation einzugehen und liegt hierin auch haupt­sächlich die Ursache des ungenügenden Erfolges der Reposition.
Alle subkutanen Schnitte erfordern eine antiseptische Nachbehandlung, um keine verborgene Eiterung und Jauchung aufkommen zu lassen, welche wie z. B, bei der vorliegenden Operation und bei der des Hahnentritts schon Tod zur Folge gehabt hat.
LVL Operation des Hahnentritts.
Die zuckende Bewegung, mit welcher manche Pferde einen oder beide Hinterlüsse in die Höhe heben, wird wie bekannt als Hahnen­tritt oder Zuckfuss bezeichnet, die eigentümliche oft sehr komisch aussehende Bewegung tritt jedoch in sehr verschiedenem Grade auf.
Oft ist das Zucken nur im Anfang der Bewegung vorhanden oder es geschieht mit Unterbrechung; manche Pferde zucken mehr im Schritt, andere nur im Trabe, meist lässt jedoch die auffällige Bewegung nach, sobald die Tiere einige Zeit gelaufen sind und in noch andern Fällen tritt sie bei jedem Schritte hervor und bessert sich nur bei lange fort­gesetztem Gehen oder Springen. Im Ganzen wird die Gebrauchstüchtig­keit nicht wesentlich beeinträchtigt und man hat es mehr mit einem Schönheitsfehler zu schaffen, nur bei sehr hohem gleichsam krampf­haftem Heben des betreffenden Fusses kann es nicht ausbleiben, dass eine frühere Ermüdung eintritt.
Ursache. Die eigentliche Veranlassung des Leidens ist heute noch nicht mit Sicherheit bekannt; da von einem Krämpfe der be­treffenden Muskeln keine Rede sein kann, hat man eine Reihe von Ursachen aufgestellt, ohne dafür Beweise vorbringen zu können, denn bis jetzt war es nicht möglich, irgend welche anatomische Veränderungen an den Muskeln, Aponeurosen, Seltnen oder Nerven aufzufinden. Ausser-dem ist es auch nicht möglich, dass das Leiden, bei welchem die Ge­samtbewegung des Schenkels eine Störung erlitten, von der Erkrankung einzelner Muskeln oder Nerven herrühre, wie man bis vor kurzem angenommen, es muss vielmehr das Grundleiden in dem be­treffenden motorischen Zentrum gesucht werden und ist es auch als feststehend anzusehen, dass die genannten zuckenden Bewegungen vom
\ gt;$
ocr page 595
LVI. Operation des llahnciitritts.
Rückenmark ausgelöst werden; welche Verftnderungeu jedoch In dem­selben vorgehen, üb man es mit einer krankhaft erhöhten Irritabilität zu schaffen habe oder die Auslösung nur reflektorisch geschieht, durch örtlichen Schmer/, abnorme Spannung, periphere Reizungen u. s. w. ver-anlasst wird, darüber herrscht noch yöfilges Dunkel.
Dieckerhoff, welcher viele diesbezügliche Untersuchungen gemacht und auch zahlreiche ope­rative Heilungen versucht hat, ist geneigt, den Zuck-fuss auf eine eigentümliche Steilheit beziehungsweise Schrumpfung der sehnigen Aponeurose, welche von der vordem Fläche des Unterschenkels und Sprung­gelenks herabgeht und sich mit der Seime des langen (vordem) Zehenstreckers (Backbeinmuskel des Fessel-, Krön- und Hufbeins, Extensor digitorum pedis longus, M. femoro-prephalangien, Figur 'V21 h) vorne am Schienbein verbindet, zurückzuführen. Durch die Retraktion genannter Faszie soll nämlich dieBeugung des Unterfusses beim Autheben verhindert werden und der Schenkel deshalb durch stärkere Anspannung
fl
der Beugesehnen dies auszugleichen sm in n
Das ätiologische Moment der Schrumpfung sucht Dieckerhoff in einer abnorm starken Belastung des betreffenden Fusses bei schmerzhaften Affektionen an andern Füsseu oder aber in längerer Entlastung infolge Schönens des zuckenden Fusses; desgleichen beschuldigt er eine konsekutiv auftretende akkommo-dative Verkürzung der betreffenden akzessorischen Beugemuskeln.
Auch andere Faszien können ähnliche Erschei­nungen hei der Bewegung veranlassen, wie z. B. die Retrak­tion der Bocken- und Ubcrschonkelaiioneurose oder die der Unterschenkeltaszie in der ehern (medialen) Partie, welche die Breitstellung der llintorgliedmasscn, sowie die allgemeine Steifheit der Unterschonkelfaszie mit vonvaltender Betei­ligung der äussern Seite und die als „Streu krampfquot; bekannte Bewegungsanomalic gewisser Pferde bedingt, wobei dieselhon nach längerem Stehen einen Ilinterfuss hoch auf­heben und dann wieder langsam aufsetzen,
In gleicher Weisekomnien wie beim Hahnentritt zuckende Bewegungen zu stände durch schmerzhafte Entzündungen der Sehnen oder Muskelinsertionen, durch Phlegmone und besonders hei Kronentritten odor llasenhacke, Spat (Ilahnen-spat), ein derartiger /uckfuss darf daher nicht mit Hahnen-Fiquot;. 027nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; tl''tt verwechselt weiden, denn er ist, weil symptomatisch,
von transitorischor Art und wird deswegen auch falscher Hahnentritt genannt.
Operation. Nachdem man über den eigentlichen Sitz des Leidens sowohl, als das Wesen desselben häufig im Unklaren sich befindet, darf es auch nicht wundern, wenn so viele Operationen resultatlos verlaufen, doch haben sich jene tenotomischen Kingriffe noch am besten erwiesen,
Horing's Operationslehre. IV. Aull.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;37
ocr page 596
quot;51
it
hi
578 Zweite Haupt-Abteiluag: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
welche sich auf die Faszieii dos laugen schon ohen genaunton und dann des mittleren Zehenstreckers (SchenkeHjeinmuskel des Fessel-, Krön- und Ilufheins, auch Seitenstrecker genannt, M. peroneo-prephalangien, FigVU' 327 c) beziehen, Vielleicht ist auch die in neuester Zeit aufgekommene Nervendehnung geeignet, Heilung oder Besserung zu erzielen, es liegen aber diesbezügliche Versuche noch nicht vor.
In erster Linie handelt es sich dabei um Durchschneidung der betreifenden Faszien oder Sehnen (Tenotomie), welche einzig den Folgen einer abnormen Kontraktion entgegen zu arbeiten vermag und kann diese in allen Fällen subkutan geschehen; im übrigen bietet die Operation des Hahnentritts keinerlei technische Schwierigkeiten.
1.nbsp; Tenotomie der Aponeurose des Unterschenkels. Dieselbe ist schon vielfach mit Erfolg bei Verkürzung des Seitenstreckers unter­nommen worden. Der Einschnitt in die Haut geschieht oben an der vordem und iiussern Seite, 3—4cm unter dem Sprunggelenk, worauf dann der zu Tage tretende Schenkel der Aponeurose durchgeschnitten wird, soweit er auf der Sehne des langen Zehenstreckers gelegen ist. Die Operationsstelle wäre sonach etwas oberhalb des untern Querbandes bei f (Dieckerhoff).
2.nbsp; Tenotomie des Seitenstreckers (c der obigen Figur). Unter dein Sprunggelenk mehr seitlich d. h. äusserlich wird, nachdem der Unterschenkel durch eine Fussbremse oder festes Zusammenschnüren mittels eines Guinmischlauchs blutleer gemacht worden ist, die vorher gut desinfizierte Haut unmittelbar auf der gespannten Sehne eingestochen und diese selbst durchgeschnitten, unmittelbar oberhalb jener Stelle, wo sie sich mit der Sehne des langen Zehenstreckers vereinigt, nämlich bei amp; (Boccar).
3.nbsp; Tenotomie der Faszie und Sehne. Nicht selten beobachtet man, dass sowohl der Faszienschnitt für sich, als auch die Tenotomie allein einen genügenden Erfolg nicht aufweisen, (eine Erfahrung, die auch von Bassi gemacht wurde), Dieckerhoff hat daher seit einigen Jahren letztere Operation mit der ersteren vereinigt, indem er dicht unter dem Sprunggelenk an der lateralen Seite die Haut auf der Sehne des mittleren Zehenstreckers c mit dem Spitzmesser durchsticht und mittels eines in die Wunde eingeführten langen, vorne abgerundeten Tenotomen den obgenannten Faszienschenkel durchschneidet, um dem­nächst ein spitzes Tenotom unter die Sehne zu schieben und sie quer durchzuschneiden. Bei diesem Verfahren ist sonach die Operationsstelle etwas höher gelegen, als bei der vorgenannten und ist die Spannung der Seime massgebend für die Wahl der Stelle.
Nachbehandlung. Der subkutane Schnitt wird nach der Operation, welche Dieckerhoff unter massiger Chloroformnarhose ausführt, antiseptisch verbunden, das Pferd aber 3—4 Wochen ruhig im Stalle belassen. Die Heilung der einfachen Wunde tritt rasch ein, die des Hahnentritts, wenn eine solche überhaupt nach­folgt, erfordert 4—8 Wochen. Von 19 auf diese Weise operierten Pferden wurden von dem erwähnten Kliniker 14 vollständig gebeilt, 5 mehr oder -weniger ge­bessert.
k1
hh
ocr page 597
LVII. Von dem SehneuscliQitt, Tonotomia.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;579
4. Operation der Fascia lata. Der Spanner der breiten Schen-kelbinde, der iiussere Dannbeinsclienkehiuiskel, (Tensor fasciae latae) wird ebenfalls beschuldigt, den Zuckfuss zu verursachen, daher einer ähnlichen Operation unterworfen, insbesondere, wenn er sicii ge­spannt anfühlen lässt. Er liegt unmittelbar unter der Haut und breitet sich fächerförmig am vorderen Bande des Oberschenkels und dem äus-seren Hüftbeimvinkel bis zur Kniescheibe herab aus.
Die Operation ist von Her twig angegeben worden und besteht in einem 4—5 cm langen Hautschnitt, welcher am äussern Rande der genannten Faszie, 8—9 cm unter dem äussern Dannbeinwinkel gemacht wird. Hierauf führt man eine etwas gebogene Hohlsonde quer unter die sehnige Ausbreitung gegen den inuern Band und durchschneidet sie mit einem Knopfbistouri von innen nach aussen. Die Myotomie wird dadurch erleichtert, dass man den llinterschenkel zum Einführen der Hohlsondc etwas beugt, den Muskel also erschlafft, während des Schnittes aber ersteren streckt.
Die meisten durch diesen offenen Schnitt hehandelten Fälle bleiben uu-geheilt, die sub 3. genannte Operation ist jedenfalls vorzuziehen, denn bessere Heilungsmethodengibt es nicht. An der Dresdener Schule wurden viele diesbezügliche Versuche angestellt, insbesondere auch subkutane Injektionen von Morphiu und Veratrin, der induzierte elektrische Strom, das Abschneiden der Innern Sehne des Schienbeinbeugers, der Sehnen des seitlichen Zehenstreckers u. s. f. augewendet/ jedoch ganz ohne Erfolg.
LVII. Von dem Sehnenschnitt. Tenotomia.
Die Verkürzung der Sehnen und Muskeln, sei sie angeboren oder eine Folge von Entzündung und A'erdickung, oder endlich durch mangelnde Ausdehnung entstanden, äussert sich durch eine abnorme Stellung der Teile, verbunden mit einer auffallenden Spannung der ver­kürzten Sehne. Eine solche Abnormität kann aber auch durch Lähmung der antagonistischen Muskeln hervorgebracht und alsdann nicht durch das Abschneiden der noch wirksamen Muskelpartie beseitigt werden. Wenn z. B. die Vorderlippe durch halbseitige Lähmung der rechten Hälfte des Kopfs nach der linken Seite gezogen ist, würde das Ab­schneiden des Aufhebemuskels dieser Seite jene Lähmung nicht auf­heben, sondern auch die linke Seite der Willkür entziehen.
Geschichtliches. Das Abschneiden verkürzter Muskeln und Sehnen ist schon längst in der Tierheilkunde bekannt, obwohl es mehr niissbräuchlich au­gewendet wurde, 7.. B. als sogenanntes Mäuscln oder Abreissen der Sehne des Aufhebemuskels der Überlippe u. dergl.; indessen findet man schon bei Solleysel (1G54) den Sehnenschnitt gegen das Übcrköthen und bei Lafosse (1802) gegen die vorbiigige Stellung der Pferde erwähnt; dieser riot die Operation auch bei Menschen an, wo sie jedoch erst 1810 durch Michaelis und 1812 durch Sartorius ausgeführt wurde. Die Methode des subkutanen Absdineidens kam erst später auf
ocr page 598
k 1
580 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
und wurde zuerst von Bernard 1832 beschrieben, die Resektion des Hufbein­beugers von Fleurus 1853.
In neuerer Zeit hat man hei schiefer Richtung der Ober- und Unterlippe, gegen schiefe Stellung des Halses und Kopfes, Schieftragen des Schweifs u. s. w. teils die muskulöse, teils die sehnige Partie der gespannten Muskel durchschnitten und dadurch in einigen Palleu die betreuenden Teile in die normale Richtung
f*
zurückgebracht.
An den Gliedmassen sind es vorzugsweise zwei,Stellen, an welchen
eine fehlerhafte Richtung durch den Sehnenschnitt verbessert und selbst ganz geheilt werden kann, nämlich 1. am untern Teile des Vorarms bei der vorbügigen Stellung und 2. au der hintern Seite des' Schienbeins gegen Überküthen und Stelzfuss.
Operationsmethoden. Man unterscheidet zwei Methoden, welche im allgemeinen für die Myo- und Tenotomie anwendbar sind, nämlich a. den offenen Schnitt und b. den Schnitt unter der Haut (subkutan).
Der offene Schnitt eignet sich nur für Fälle, wo die durchzu­schneidenden Teile krankhaft mit der Umgebung verwachsen, verdickt, in ihrer Form und Lage ungewöhnlich abgeändert sind. Der offene Schnitt führt in der Regel zu einer langwierigen Eiterung und oft zu einer hässlichen Narbe, er wird daher nur selten mehr ausgeführt.
Die subkutane Methode (besonders durch die Chirurgen Stro­me yer, Diefenbach und Bouvier kultiviert und von den Tierärzten Günther (1830), Hertwig, Dieterichs, Bernard u. A. frühzeitig ausgeführt) hat den grossen Vorzug der Einfachheit, der Vermeidung einer Eiterung und Narbenbildung auf der Haut. ,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Die Erfahrung hat gelehrt, dass durch die Ausschliessung der Luft
von der unter der Haut bewirkten Sehnenwunde die Heilung rasch und meist ohne alle Eiterbildung vor sich geht und dass das ergossene Blut teils durch Resorption verschwindet, teils durch die gelieferten plastischen Stoffe zur Ausfüllung der entstandenen Lücke wesentlich beiträgt; es ,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;ist daher die Verletzung von Blutgefässen beim Subkutanschnitt weit
weniger zu fürchten, als in einer offenen Wunde. Diese grossen Vor­teile der subkutanen Methode haben ihr allgemein den Vorzug vor dem offenen Schnitt verschafft, allein sie sind nur bei genauer anatomischer '•lnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Kenntnis des zu operierenden Teils zu erreichen.
I. Sehnenschnitt gegen Vorbügigkeit.
Anzeige. Die fehlerhafte Stellung der Pferde, welche vorbügig, bockbeinig, in den Knieen stehend genannt wird, besteht in einer Ab­weichung des Carpus von der senkrechten Linie nach vorne; solche Pferde sind meist strapaziert, schwach und unsicher auf den Vorder-ftissen, daher zum Reitdienst wenig geeignet; in höheren Graden ist die Neigung, nach vorwärts zu fallen, selbst am Wagen dem Gebrauche hinderlich. Wenn das Leiden, besonders an beiden Vorderfüssen zu­gleich, von Schwäche der Streckmuskel herrührt, kann eine Operation nichts fruchten, allein wenn (meist an einem Fusse) eine abnorme
ocr page 599
LVII. Von dem Selinensclmitt. Tenotomia.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;581
Spannimg der Beugemuskcl dos VordtTknies, selten des Voranns zu Grunde liegt, dann ist die Operation, naehdem die leichteren Mittel ihre Hülfe versagt haben, angezeigt, wenn auch nicht immer von Erfolg begleitet.
Anatomisches. Es sind meist die beiden Beuger des Knies, der iiussero und der innere Arm-Hakenbeinmuskel (Flexor carpi ulnaris externus et intennts), welchen mau die Wirkung zuschreibt, das Knie nach vorwärts zu drücken, obgleich auch die Beugemuskeln dos Unterfussos dazu beizutragen im stände sind.
l)er äussere (laterale) Arm-Ilakenboinmuskel (Figur 328 i) liegt unter der Haut aussei) am Vorarm und bildet den hintern Rand desselben; sein unteres Ende ist stark sehnig und befestigt sich hauptsächlich am Ilakenbein, gibt aber auch eine schlanke Sehne ab, die in einer besonderen Scheide aussen am Ilakenbein herab bis zum Kopfe des äussern Gritleibeins reicht. Die Operationsstclle ist über dem Abgang der eben genannten schlanken Sehne; hinter oder unter der An-heftungsstelle des äussern Arm-llakenboinmuskels läuft die äussere Schienbein­arterie, jedoch so, dass die Wahrscheinlichkeit ihrer Verletzung nicht gross ist. Dagegen liegt dicht hinter der Operationsstelle die grosse Sehnenscheide des Knie-bogens, deren Eröffnung möglichst zu vermeiden wäre.
Der innere (mediale) Arm-IIakenbeinmuskel (Figur 329/quot;) liegt mit seinem untern Ende dicht neben und innen am aussein Arm-llakenbeinmuskel und be­festigt sich am obern Range des Ilakenbeins mit einer breiten Sehne.
Die Operation wird auf verschiedene Weise ausgeführt, nämlich 1. blos an dem äussern Arm-Hakenbeinmuskel, 2. an dem Innern, 3. an beiden zugleich.
1.nbsp; Tenotomie am äussern Arm-Hakenbeinmuskel. Nachdem das Pferd auf den Boden gelegt und der zu operierende Vorderfuss ausgebunden und auf einen Bund Stroh gelegt ist, wird ein kleiner Einstich durch die Haut etwa 5—Sem über dem Vorderknie und dicht am vordem Rande der Sehne des Muskels gemacht, welche man daselbst unter der Haut deutlich fühlen kann. Man bringt sodann ein schmales, etwas gekrümmtes, vorne stumpfes Tenotom (siehe die Ab­bildung beim Schweifmuskclsclmitt) unter der Haut nach hinten, soweit die Sehne reicht und schneidet nach einwärts dieselbe in Zügen durch, während durch die Gehilfen das Knie möglichst gestreckt wird. Das Abschneiden der Sehne gibt sich durch das Aufhören des Widerstands und die plötzliche Streckung des Fusses, manchmal auch durch ein krachendes Geräusch zu erkennen.
Man kann auch das Tenotom unter die Sehne führen und dieselbe von innen nach aussen durchschneiden, wobei man jedoch bei einiger Unruhe des Tiers die Verletzung der Haut und somit eine grössere offene Wunde zu be­fürchten hat.
Nach der Operation drückt man das etwa in der Wunde befindliche Blut aus, legt einen Wergbausch darauf und befestigt ihn mit einer Zirkelbinde. Die Wunde heilt ohne Eiterung.
2.nbsp; Tenotomie am Innern Arm-Hakenbeinmuskel. Da dieser Muskel weniger kräftig wirkt, so ist die Operation hier von geringerem Erfolge; will man sich also mit einem Muskel begnügen, so ist der äussere vorzuziehen.
Die Operationsstelle ist 5—8 cm über dem Hakenbein, zwischen der Anheftung der beiden Arm-Hakenbeinmuskeln, also am hintern Rande dieser Partie; man macht daselbst einen Stich in die Haut,
ocr page 600
582 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur au bestimmten Teilen ausführbar.
#,
J, iq
Fig. 328. Besondere Muskeln der vordem Extremität vom Pferde, laterale Seite, a vorderer, fthinterer Grätenmuskel, c grosser Schulter-Umdreher-muskel, rfe Köpfe des vierkopfigen Ellenbogen­streckers (d dicker, e äussercr Ellenbogen­strecker), f gerader Vorarmbeinbeugcr, g ge­rader Schienbeinstrecker, h gewund. Schien­beinstrecker, i later. Arm-Ilakenbeinmuskel, /danger Zehenstrecker, ft'dessen Sehne,/kurzer Zehenstrecker, l' dessen Sehne. (Leyh.)
Fig. 320. Besondere Muskeln der vordem Ex­tremität vom Pferde, mediale Seite. a Unterschulterblattmuskel, b gros­ser Schulter-Armbeinmuskel, c Ra-benschnabelmuskel, d langer Elleu-hogenstrecker, e Arm-Griffelbein-muskel, / medialer Arm-Ilakenbein­muskel, g medialer Kopf des Ellen-hogenstreckers. (Leyh.)
M;
I':;i
ocr page 601
LVII. Von dem Sehnenschnitt. Tcnotomia.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;583
schiebt dann laquo;las stumpfe Tenotom flach zwischen der Sehne und der Maut gegen die innere Seite des Fusses hin, bis die Spitze des In­struments den Hand der Sehne überreicht; man wendet sofort die Scheide gegen die Sehne und schneidet dieselbe, wie bereits angegeben, von aussen nach innen durch,
8. Tenotomie an beiden Armhakenbeinmuskeln. Sollte der Erfolg der Operation nicht genügend sein, so kann man den noch ganz gebliebenen Muskel durchschneiden. Dieterichs rät zuerst den Innern und sodann den äussern Ann-IIakenbeinmiiskel durchzuschneiden und zwar letztem durch dieselbe Öffnung, durch welche der innere Muskel abgeschnitten wurde, wobei das Messer nach vorne und aussen geschoben wird, um die Sehne zu umfassen und abschneiden zu können.
Zweckmässiger scheint es D., statt der Sehne den äussern Muskel selbst abzuschneiden und zwar etwa 4 Zoll höher, also am untern Dritteil des Vorarms; diese Operation soll wo müglicli stehend ausgeführt und dor llautschnitt neben dem vordem Rande des äussern Arm-Hakenbeinmuskels gemacht werden; das Tenotom wird dann nach rückwärts unter die Haut gebracht und der Muskelbauch von aussen nach innen ganz oder wenigstens so weit durchschnitten, bis sich eine merkliche Besserung in der Stellung des Knies gezeigt hat.
Hering liat diese Tenotomie mehrmals und meist mit vollständigem Erfolge gemacht, jedoch nie mehr als den äussern Arm-Hakenbeinmuskel (eigentlich Sehne) abzuschneiden für nötig gefunden. Ein 1843 operiertes Kutschenpferd stand nachher wieder senkrecht im Knie und wurde stark gebraucht; die Folge davon war, dass es ein Jahr später wieder bockbeinig und zugleich überstützig war; H. schnitt die Sehne des äussern Arm-Hakenbeinmuskels zum zweitenmale ab, jedoch mit geringerem Erfolg, weshalb die Sehne des Hufbeinbeugers am Schienbein sub­kutan abgeschnitten wurde; hierauf wurde die Stellung des Knies gerade, aber im Fessel trat das Tier etwas zu stark durch. Später wurde das Tier zur Anatomie gekauft und seciert; die Operationsstelle am Arm-Hakenbeinmuskel war kaum ver­dickt, die getrennten Sehnenenden waren fest verwachsen, die Spur des Schnitts kaum zu finden.
II. Sehnenschnitt gegen Stelzfuss und Überköthen. Tenotomia plantaris.
Das Überköthen (Kötbenschüssigkeit, überstützig) besteht in einer fehlerhaften Kichtung des Fesselgelenks, welches statt nach hinten (gegen die Trachte) sich zu senken, nach vorne (gegen die Zehe) überschnappt; eine Schwäche des Gelenks, der Bänder und der Streck-Sebnen, seltener eine unvollkommene Verrenkung, liegen zu Grunde: in den gelinderen Graden des Übels ist es erst bei der Bewegung sichtbar oder kommt nur zeitweise dabei vor; in den höheren Graden hat der Fessel die fehlerhafte Stellung und Bewegung sowohl in der Ruhe, als beim Ge­brauche,
Sehnen-Stelzfuss. Schmerz in den Gliedinassen und besonders dem Hufe, sowie das eben genannte Überköthen veranlassen das Pferd, den Unterfuss soviel möglich gebeugt zu halten und nicht gehörig auf-und durchzutreten. Es verkürzen sich hiebe! die Beugesehnen des Fessel-, Krön- und Hufbeins infolge m a n g e Inder A n s d e h n u n g
jW
!gt;
ocr page 602
584 Zweite Haupt-Abteilung; Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
(inyogeue oder tendogene Koutraktur); In andern Füllen ist diese Ver­kürzung Folge von Entzündung der Beuge sehnen und ihrer Scheide (Sebneuklapp). Der Fessel steht anfangs mehr gerade auf dem Kron­bein, später beugen sieh beide Knochen nach vorne, der Huf berührt den Boden nur mit der Spitze der Zehe, ja im höhern Grade läuft das Tier auf der Zehenwand, statt aid' der Sohle.
In der Absicht, die Tiere zu erleichtern, lüsst man häufig die Trachten hoch und macht hohe Stollen an das Hufeisen; allein hiedurch wird die fehlerhafte Stellung des Fusses immer bedeutender. Diesen Zustand nennt man Stelzfuss und näher bezeichnet Sehnen-Stelzfuss, zum Unterschied von dem Knochen-Stelzfuss, der aufrechten oder überköthenden Stellung, die von KnochenauswUchsen, Verwachsung der Gelenke u. dei'gl. bedingt und durch eine Operation nicht zu ändern ist. Ebensowenig ist von derselben bei Tieren zu erwarten, welche neben dem Sehnen-Stelzfuss noch an bedeutenden Formver­änderungen des Hornschuhes, an Knorpelfisteln, Steingallen u. s. w. leiden.
Anatomisches. Die bei dem Selmenscbnitt beteiligten Organe sind die ücugeselinen des Fesseis, des Krön- und llufbcins; sie liegen an der hintern Seite dos Sohieubeins und hedecken dieselbe seiner ganzen Länge nach; dicht am ge­nannten Knochen und zwischen beiden Griffelbeinen liegt das sog. Aufhänge-oder gabelförmige Band (Schienbein-Fesselbcinmuskcl nach Schwab, oberes Gleichbeinband, Figur 331 n), welches von den Knioknochon bis zu den Gleich-beinen reicht, über welchen es sich gabelähnlich spaltet; hinter demselben, d. h. zwischen dem Band und dem Schienbein, lauft eine Vene (tiefe Schienbeinvene) nach aufwärts, auch liegen die zwei sehr kleinen Griffelarterien am Innern Rande dieser Knochen; erst am untern Dritteil des Schienbeins tritt dieses Band an beiden Seiten sichtbar hervor. Auf demselben liegt in gleicher Richtung die ziemlich runde, starke Sehne des Beugcmuskels des Hufheins (Arm-Vorarmbeinmuskel des II., Flexor digitorum profundus s. perforans, Figur 330, c Sehne, c' cquot; Muskel­köpfe, c'quot; Verstärkungssehne), welche an der obern Hälfte des Schienbeins durch eine starke Sehne von dem hintern Knicbogonbaudc c'quot; verstärkt wird.
Auf jener Sehne, parallel mit ihr und blos von der Haut bedeckt, lauft die Sehne des Kronh einbeugers (Arm-Kronheinmuskel, Flexor digit, sublimis s. porforatus, Figur 330, h Muskel, h' Sehne, hquot; b'quot; oberes und unteres Band der Seime), welche platt, im Durchschnitt heinahe halbmondförmig und etwas mehr nach der Innern Seite verschoben ist.
Die bedeutenderen Blutgefässe und Nerven laufen am Vorderschienbein auf der Innern Seite, dicht an der Sehne des Hufbeinbeugers oder zwischen dieser und dem Rande des obern Gleichheinbandes. Die vom Kniebogen herrührende grosse Sehnenscheide reicht oberflächlich bis einen Zoll über das obere Ende des Schienbeins herab, die tiefere Partie aber bis in die Mitte des Schienbeins; die Sehnenscheide des Sesambogens (Figur 331 c) steigt bis über das Köpfchen des Innern Griffelbelns hinauf, so dass für die Operation nur ein starker Zoll bleibt, wenn man sicher sein will, die Sehnenscheide zu vermeiden.
Befestigung. Es ist im allgemeinen nicht ratsam, am stehenden Tiere zu operieren; in diesem Falle wird der entgegengesetzte Vorder-fuss aufgehoben, damit der kranke möglichst gespannt ist; der Operateur kniet aussen an denselben und verrichtet den Schnitt auf die nachher zu beschreibende Weise.
Am liegenden Tiere werden die drei gesunden Füsse gehörig befestigt, der kranke aber ausgebunden, auf einen Bund Stroh gelegt und ein Spitzstrang um den Fessel in der Art geschlungen, dass zwei
ocr page 603
liVII. Von dem Sehiienschnitt. 'J'enotomia.
585
Gehilfen das eine Ende nach vorwärts, das andere nach rückwärts halten können; überdies drücken sie den Fuss auf den Strohbund und spannen im gehörigen Zeltpunkt die durchzuschneidende Partie an. Wird an der Innern Seite des Schienbeins operiert, so liegt der betreffende Fuss unten, auf der Streu, während die beiden oben liegenden Füsse an die Bauchgurte hinaufgezogen werden, um nicht zu hindern.
Fig. 331. Linker Vordei-fiiss d. Pferdes von hinten, a Aufhängeband, h Sesam­beine, b b unteres Band derselben, c sog. Ringband (dasselbe hält die Sehnen in der Lage), d d hintere liänder d. Krongelenks, ce Strahl-Fesselbeinbändcr, f unt, Strahl­beinband. (Leyh.)
Fig. 330.
Die Bestimmung, ob man die Seime des Hufbeinbeugers oder die des Kronbeugers durchschneiden soll, hängt teils von dem Grade der Spannung derselben, teils von der Beschaffenheit der fehlerhaften Stellung ab. Gegen blosses tlberköthen, bei flachem Auftreten mit
ocr page 604
580 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfübrbar.
t '.#9632;
der Sohle, kann die Tenotomie am Kronbeinbeuger hinreichen; wo aber die Verkürzung so stark ist, dass das Fesselgelenk anhaltend vorwärts steht oder das Tier gar nicht mehr durchtritt, sondern blos auf der Zehenspitze geht, ist die Durchschneidung des llulbeinbeugers angezeigt, ja es kann sich bei der Operation ergeben, dass sie nicht genügt und sofort die Sehne des Kronbeinbeugers in demselben Akte abgeschnitten werden muss. Auch die bedeutende Verwachsung und Verdickung dieser manchmal kaum mehr von einander zu unterscheidenden Sehnen kann zur Tenotomie beider nötigen.
Das Durchschneiden des obern Gleicbbeinbandes ist selten anzu­raten; es folgt allzu starkes Durchtreten darauf; noch weniger ist die Durchschneidung aller drei Sehnen zu unternehmen.
Instrumente. Aussei- einem spitzen Bistouri oder einer schmalen Lanzette zum Hautschnitt oder Stich braucht man ein schmales Knopt'bistouri, welches einen starken Rücken haben und etwas ge­krümmt sein muss, zum Abschneiden der Sehne; man hat ausserdem gewöhnlich zwei sog. Tenotome, nämlich ein an der Spitze stumpfes und ein zugespitztes (Figur 281). Erogniez hat die Form dieser Instrumente verbessert, indem er
|.,./
ihre Klinge kürzer und etwas breiter
machte; das eine derselben (Fig. 332) ist zum Hautstich, das andere (Fig. 333) zum Abschneiden der Sehne bestimmt, wenn aber die Tenotomie offen gemacht wird, kann man sich gewöhnlicher Bis­touris dazu bedienen.
Mau hat zwei Methoden, den Sehnen-sebnitt an der Bcugosebne auszuführen, 1. den ott'enen Schnitt, oder die ältere Methode, 2. den subkutanen Schnitt. Die Yorzüge und Nach­teile sind im Anfange dieses Abschnitts er­örtert. Die letztere Methode ist beinahe aus-schliosslicb im Gebrauche.
1. Offener Schnitt. Ungefähr in
^
Fig. 332.
Fig. 333.
der Mitte des Schienbeins, an seinem
hintern Eandc, wird auf der äussern Seite nach der Sehne des Hufbeinbeugers gefühlt; an ihrem Rande schneidet man, nach Abscheren der Haare, mit dem geballten Bistouri die Haut etwa 3—5 cm lang nach abwärts durch und präpariert nach vorne und hinten die Haut von der darunter liegenden Beugesehne los, während der Fuss massig gebeugt ist. Nach­dem man die Sehne des Hufbeinbeugers blossgelegt hat, trennt man sie auch in der Tiefe von den benachbarten Teilen, führt das schmale Knopfbistouri oder das Tenotom entweder an der vordem Seite oder
W'.'i
ocr page 605
LVII. Von dem SehnenBchnitt. Tenotomia.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 587
zwischen beiden Beugesehnen ein, wendet dessen Schneide nach dem Hufbeinbeuger und durchschneidet, teils wiegend, teils ziehend, in ein­zelnen Schnitten dessen Sehne in die Quere, wobei es gleichgiltig ist, ob sie von hinten nach vorne oder umgekehrt durchschnitten wird.
Während des Aktes der Durclischneidiing müssen die Gehilfen den Fuss möglichst strecken, denn die erschlaffte Sehne ist schwieriger ahzuschneiden. Die gänzliche Trennung der Sehne gibt sich durch ein krachendes Geräusch und das Auseinanderweichen der Enden zu erkennen; letzteres kann bei fester Verwachsung mit der Umgebung vielleicht wenig betragen, ausserdem aber bleibt gewöhnlich eine Lücke von 3—0 cm und darüber. Wenn auch die Sehne nicht weit auseinander springt, so kann die Operation doch genügen, da durch das nachherige Auftreten des Tiers die Enden sich noch weiter von einander entfernen.
Die Wunde wird von Blut gereinigt, mit Werg und einer Zirkelbinde ver­bunden und später durch Eiterung geheilt, wozu meist einige Wochen erforderlich sind, während welcher das Tier sehr geschont werden muss. Gegen die gerne nach dieser Methode zurückbleibende Vcrdickuug (Waden) kann man Einreibungen von Quecksilber — später Jodsalbe, endlich das Feuer versuchen.
2. Subkutaner Schnitt an der üusseren Seite. Für denselben sprach sich Dieterichs aus, widirend Ilertwig geltend macht, dass man an der innern Seite leichter die Gefässe und Nerven vermeiden könne, was allerdings für einen minder geübten Operateur bestimmend sein kann; ausserdem aber ist die Operation von beiden Seiten gleich leicht zu machen, denn dass die Narbe an der innern Seite weniger sichtbar sein werde, ist unerheblich, weil in der Kegel eine solche nicht entsteht.
Am liegenden Tiere und am Vor der fuss operierend, fasst man mit der linken Hand das Schienbein, so dass der Daumen oben ist, der Rest der Finger unten; au der schon bezeichneten Stelle sticht man das Spitzmesser (Figur 332) so in die Haut ein, dass die Schneide ab­wärts (dem Hufe zu) sieht, führt es dann im Zellgewebe dicht am vordem Bande 'der Hufbeinbeugesehne hinab, bis man auf der innern Seite mit den dort angelegten Fingern die Spitze des Messers unter der Haut fühlt; man zieht nun das Instrument in gleicher Richtung zurück und vertauscht es mit dem Tenotom (Figur 333), welches ganz ebenso in die ihm bereitete Lücke eingesenkt wird, bis man auf der entgegengesetzten Seite seine stumpfe Spitze fühlen kann; hierauf wendet man die Schneide nach rückwärts und schneidet (an dem jetzt stark gespannten Fusse) die Sehne in einzelnen Zügen durch, bis sie krachend aus einander weicht.
Müsste auch die Kronbein-Iieugeselme durchschnitten werden, so führt man das Tenotom noch einmal ein und schneidet die genannte Sehne durch, mit der Vorsicht, die Haut und die zunächst unter ihr liegende Nervenschlinge nicht zu verletzen. Man fühlt dabei mit den Fingern der linken Hand stets, wie weit das Messer gedrungen ist.
Das Einstechen zwischen beiden Beugesehnen und das Abschneiden des Huf­beinbeugers von hinten nach vorwärts hat keinen erheblichen Vorteil und ist bei Verwachsung beider Sehnen sogar unausführbar. Dagegen ist zu bemerken, dass, wenn man an der innern Seite des Vorderfusses operiert, das Einstechen nicht in dem Zwischenraum zwischen den Beugesehnen und dem obern Gleichbeinbande, sondern dicht an der Hufbeinbeugesehne zu geschehen hat, weil in jenem Zwischen-
ocr page 606
5S8 Zweite Ilaupt-Abtelluug: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
räum die Arterie und der Nerve liegen (letzter obcrllächlieher); operiert man dagegen an der aussein Seite des Schienbeins, dann kann man in jenen Zwischen­raum einstechen, weil dort nichts zu verletzen ist.
In der Regel ist die Blutung äusserst gering (oft kaum etliche Tropfen); es wird die Lücke zwischen den Sehnenenden etwas ausgedrückt, trockene Jute auf die kleine Wunde gelegt und eine Zirkelbinde darüber befestigt, die man den folgenden oder zweiten Tag lockert, weil meist der Unterfuss durch die Störung des Kreislaufs etwas anschwillt.
Die operierten Tiere gehen anfangs sehr unsicher, sie fürchten das Auftreten und schleudern den Fuss, wie wenn er blos an den Weich­teilen hinge, allein nach kurzer Zeit stellt sich das Vertrauen wieder ein, der Fuss wird auf den Boden gestellt u. s. w. Es ist anzuraten, die Tiere einige Tage ruhig im Stalle stehen zu lassen und nur all­mählich wieder in Bewegung zu setzen. Die Operationsstelle bleibt oft lange für Berührung und Druck empfindlich.
Nachbehandlung. Im Verlauf der Heilung kann es nötig werden, durch passenden Beschlag (der kranke Fuss wird vor der Operation gehörig nieder-geschnitten), teils ohne Stollen oder mit einem Schnabel die Herstellung der nor­malen Richtung des Fesseis zu unterstützen. In nicht wenigen Fällen ist der Eil'ekt der Operation nur vorübergehend; die Eigentümer brauchen die scheinbar ganz hergestellten Tiere ohne Rücksicht auf die vorausgegangene Operation; es entsteht aufs neue eine Kontraktion der lieugesehnen und nach '/,—1 Jahr steht der Fuss wieder so fehlerhaft als zuvor. Aus dieser Tendenz zur Kontraktion der Narbensubstanz erklärt sich auch, weshalb das zu starke Durchtreten nach der Operation allmählich sich vermindert, ohne dass etwas angewendet wird.
III. Resektion des Hufbeinbeugers.
Zuweilen kommen hei Nageltritten und andern Entzündungen des Hufes, wenn ein Übergang in Eiterung stattgefunden, purulente oder nekrotische Zerstörungen jener fächerartigen Ausbreitung des Hufbeinbeugers vor, mit welcher derselbe an der hintern Sohlen­fläche des. Hufbeins endet und die nur dadurch zur Heilung gelangen können, wenn die erkrankte Partie ausgeschnitten wird, was eine Er­öffnung des Hornschuhs an der Sohle notwendig macht.
Zu diesem Behufe wird die Hornsohle durchaus stark verdünnt und das Pferd im Liegen in der oben angegebenen Weise befestigt; da die Blutung nicht unbedeutend ist, gebraucht man die Vorsicht, das untere Ende des Schienbeins oder des Fesseis mittels eines Bandes stark zu umschnüren oder einen Esmarch'schen Schlauch anzulegen. Hierauf werden nach Entfernung der Hornsohle zu beiden Seiten des Fleisch-strahls von der Strahlspitze aus Einschnitte gemacht, um ersteren vom Strahlpolster aus soweit nach hinten loszulösen, dass der Fleischstrahl zurückgeschlagen und das Strahlkissen samt der Endigung der Hufbein-beugesehne exzidiert werden kann; liiezu muss nötigenfalls der scharfe Löffel verwendet werden.
Ehe der zurückgeschlagene Fleischstrahl wieder in seine frühere Lage zurückgebracht wird, muss eine Desinfektion ausgeführt werden, worauf man einen antiseptischen Kompressivverband anlegt. Die. Heilung laquo;lauert 5—G Wochen und bedarf einer sorgfältigen chirurgischen Kontrole.
ocr page 607
LVII. Von dem Seimenschnitt. Tcnotomia.
58!gt;
Diese Resektion ist von Andre de Fleurus 1853 zuerst an­gegeben und seitdem oft mit mehr oder weniger Erfolg ausgeführt worden, auch Pütz hat in letzter Zeit eine Heilung dadurch erzielt.
IV. Tenotomie des Streckmuskels des Flügels bei Vögeln.
Um das Entweichen von Vögeln, die zur Zierde in den Parks oder zur Belehrung in den zoologischen Gärten gehalten werden, zu verhindern, hatte man bisher teils das Abschneiden (Stutzen) der Schwung-
Fig. 384. Linker Flügel (Vorarm) eines Pfau. (Natih-l. Grosse.)
federn, teils das Knicken des Handwurzel-Gelenks vorgenommen. Has erste Verfahren beraubt die Vögel ihres Schmucks und muss, da die Federn nachwachsen, von Zeit zu Zeit wiederholt werden; bei dem Knicken ist es schwer, das rechte Mass zu treffen, im gelinden Fall erholt sich die geknickte Stelle und das Tier kann wieder fliegen; im Falle das Handwurzel-Gelenk allzu stark geknickt worden ist, hiingt der Flügel herab und das Tier ist entstellt.
Die Idee lag nahe, durch Tenotomie der Flügelmuskel das Fliegen, besonders in die Höhe, zu verhindern; Voigtländer in Dresden hat das Verdienst, diese Idee zuerst ausgeführt zu haben. Während das
ocr page 608
51)0 Zweite Hauptgt;Abteiluug! Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Tier von einem Gehilfen gelullten und der Flügel ausgestreckt wird, wird durch Entfernung einiger Federn vor und oberhalb des Hand­wurzel-Gelenks am untern Ende und an der vordem Fläche der Speiche die Haut eine kleine Stelle blossgelegt. Dadurch kommen die Sehnen des langen und kurzen Mittelhandstreckers (Figur 334 oi) durch die dünne Haut schon zu Gesicht. Ein kleiner Längenschnitt legt dieselbe frei, worauf man sie mit einer Pinzette erfasst und l/j cm davon aus­schneidet. Auf ganz dieselbe Weise wird mit den andern beiden Mus­keln der Fingerstrecker c d verfahren, deren Lage auf der obern Fläche des Flügels am untern Ende zwischen Speiche- und Ellbogenbeiu zu suchen ist; beide Operationsstellen sind also oberhalb des Handwurzel-Gelenks in gleicher Querrichtung neben einander. Die Operation an beiden Flügeln kostet den Tieren kaum einen Tropfen Blut und in 2—3 Tagen sind die Wunden durch schnelle Vereinigung wieder geheilt.
Nach Hering's Untersuchungen beim Storchen, Pfau, Raben u. s. w. genügt es in der Regel, die Sehne der beiden Strecker der Mittelhand (a und h) in der Nähe des Buchstaben h subkutan durchzuschneiden, und es ist das Abschneiden der Sehnen des langen Fingerstreckers (c) und des Ellbogen-Streckers der Mittelhand entbehrlich; bei Vögeln mit sehr kräftigem Fluge, mag es erforderlich sein, sämtliche 4 Sehnen durch­zuschneiden. Beim Pfau (und vielleicht bei andern grössern Gallinaceen) befindet sich eine breite, etliche Linien lange, platte Knochenlamelle (bei h) in der Sehne des langen Speichen-Mittelhandstreckers, wodurch das Durchschneiden erschwert wird, es ist demnach ein wenig weiter vorne vorzunehmen. Beim Storchen fehlt diese Knochenplatte.
Ausscr den oben erwähnten Vorteilen dieser Tenotomie vor dem bisher üblichen Verfahren ist noch anzuführen, dass solche operierte Vögel dennoch ihre Flügel, z. B. beim Begattungsakte, um sich damit anzuhalten oder sebwingend zu erhalten, gebrauchen können.
Ein anderes Mittel, um das Davonfliegen zu verhindern, ohne jedoch zu operieren, ist schon Seite 63 angegeben worden.
Lenglen schneidet mit einer starken Schere mit einemmal das äusserste Ende des Flügels, l'/jCm von dem Handwurzel-Gelenk ab, und kauterisiert die Wunde mit Silber-Salpeter oder Eisenchlorid. Berion gibt ein Verfahren an, durch welches hei Luxus-Vögeln auch der Knochen durchschnitten, die Hautwunde aber so gross wird, dass man sie durch Hefte schlicssen muss.
Wolff rät das Flügelstutzen bei einjährigen Schwanen im Frühjahr, nicht im Herbst (wegen des Mauserns) vorzunehmen (nur an einem Flügel); die Federn in der Nähe des Gelenks werden ausgerupft, der Flügel gespannt, die Flughaut unterhalb des Gelenks durchgeschnitten; unter Biegen des Flügels durchschneidet er auf dem Rande des abzunehmenden Gelenks die Haut und das Gelenksband bis auf den Knochen, immer dem Rande desselben mit dem (Lorbeer-) Messer folgend und dem Flügel entsprechend, wendend.
Her Vorgang der Heilung tenotomischer Wunden ist ein sehr ein­facher, besteht aber nicht, wie man irrtümlich annahm, darin, dass das ergossene lilut durch seinen Crnor zur Organisation jener bindegewebigen Masse beiträgt, durch welche der leere Raum zwischen den abgeschnittenen Sehnenenden in Form eines narbigen Sehnenstücks ausgefüllt wird, sondern dass das zarte peritendinöse Bindegewehe anfängt zu wuchern und ähnlich (wie das Perimysium und Periost) in die Fasern des Sehnenstumpfes hineinwächst. Das paratendinöse Zellcngewebe,
ocr page 609
LVIII. Operation des Spats.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;591
das die lieugeselinen unter sicli verbindet, beteiligt sich bei der Neubildung nicht oder kaum und so kommt es, dass nach der subkutanen Tenotomic eine Störung in der Bewegung dieser Sehnen unter sich nicht eintritt.
Die Sehnennaht. Audi die Sehneu können, wenn sie durch verwundende Eingriffe getrennt worden sind, durch die Naht wieder-vereinigt werden und bestellt dabei nur die Schwierigkeit, dass das mit dem Muskel zusammenhängende (zentrale) Endstück in der Begel sich stark zurückzieht und dann erst (nötigenfalls aus seiner Sehnenscheide, nachdem sie geöfthet worden) hervorgeholt worden muss.
Mit Rücksicht auf diese ausgesprochene Betraktionstendenz ver­spricht die Sehnennaht nur einen dauernden Halt, wenn die zu ver­einigenden Sehnenteile nicht zu entfernt liegen und die Naht viel Substanz fasst. Diese selbst wird in keiner andern Weise ausgeführt, als andere Nähte; als Material dienten früher Sehnenfasern, jetzt nur mehr starke Seide. Ein sehr genaues Aneinanderpassen der Bänder ist nicht absolut erforderlich, wie schon aus dem oben auseinandergesetzten Verhalten des Feritendineums hervorgeht.
LVIII. Operation des Spats,
Der Spat, wie er am häufigsten bei Pferden, seltener bei Arbeits-ochsen vorkommt, besteht in einer chronischen Arthritis der unteren Knochen der medialen Sprunggelenksseite und nistet die Entzündung besonders zwischen dem kleinen und grossen Kahnbeine, dann am Pyra­miden-, Schien- und Grifl'elbeine.
Die Entzündung der Gelenksflächen führt in der Mehrzahl der Eälle zur Zerstörung der knorplichen Überzüge und führt schliesslich zur Anchylosierung der erkrankten Gelenke unter gleichzeitiger Osteo-phytbildung, nur sehr selten reduziert sich die entzündliche Reizung auf den medialen Sehnenast des Schienbeinbeugers (Figur 327 aquot;) oder die Bänder, dagegen breitet sich nicht selten die Knochenauflagerung bis zum Bollbein fort.
Anfangs ist der Knochenauswuchs sehr gering, kaum in die Augen fallend, weil sich verflachend, allmählich nimmt er jedoch an Umfang und Höhe zu, grenzt sich von der Umgebung ah und ist dann unverkennbar. Klinisch genommen, wird er als sichtbarer Spat bezeichnet, zum Unterschied von dem okkulten, beide stehen jedoch mit der Spatlahmheit in keinem Zusammenhange, denn diese wird einzig von dem vorhandenen Knt/.üudungszustande der betroffenen Gelenkflächen vcranlasst und kann sich dieser ebensogut nach innen zwischen die Sprunggelenks­knochen (unsichtbar) ausbreiten, wie nach aussen und deswegen richtet sich das Lahmgehen auch durchaus nicht nach dem Umfange und der ürösse der sich aus­bildenden porösen Ostoophytmasse, wohl aber nach der Dauer und dem jeweiligen Stadium des arthritischen Prozesses.
Die Diagnose des Spats ist nicht immer leicht und erfordert im Beginne des Leidens ein scharfes Auge, das man sich nur durch
ocr page 610
592 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, mir an bestimmten Teilen ausführbar.
Übung und genaue Vergleichung der beiden Gelenke verschaffen kann. Man stellt (wie Haubner angibt) das Herd „gerade auf die Fiissequot;, diese in gleiches Licht und nimmt dann mehrere Positionen ein, von wo aus die innere Seite des Tarsus geprüft wird und zwar eine seitliche vor der Schulter, eine mittlere zwischen beiden Schultern und nötigen­falls eine hintere in der Medianlinie des Körpers. Von allen ist der vordere Standpunkt in der Mitte der wichtigste und von den Unter-SUChungsmitteln jenes, wobei der verdächtige Fuss einige Zeit auf­gehoben wird, um dann das Pferd rasch im Trabe von sich weg in gerader Linie abgehen zu lassen. Im übrigen sind die pathognostischen Zeichen der Spatiahmheit bekannt genug, um liier nicht weiter an­gegeben zu werden.
Stark „abgesetzte oder markiertequot; Sprunggelenke, wie sie besonders bei rassigen Pferden anzutreffen sind, werden den Kenner nicht irre führen, ebenso wird man sich hüten, das Hinken des Spates für Hilft lahm he i t zu nehmen, weil bereits eine Muskelatrophie am Oberschenkel sich ausgebildet hat. In gleicher Weise können auch andere Sprunggelenksleiden, wie der Blutspat, weiche Spat, Wasserspat, das Hygrom der Sehnenscheide des innern Sehnenastes dos Schicnbcin-beugers (Figur 327 bei nquot;), der Zellgewebsspat u. s. w. mit dem Knochenspat kon­fundiert worden.
Arzneiliche Behandlung. Der Spat wird nur einer Operation unterzogen, wenn die übrigen Mittel, nämlich die entzündungswidrigen und epispastischen ohne Erfolg zur Anwendung gekommen sind.
Im Anfang wird anhaltend gekühlt, später aber versprechen nur energische ableitende Mittel eine Besserung oder Beseitigung des Hinkens, von radikaler Heilung kann aus dem Grunde ja keine Eede sein, weil die über mehr oder weniger Gelenke ausgebreitete Entzündung natur-gemäss zur Anchylose führen muss, letztere daher sogar beschleunigt werden soll, denn in die Entartung der betreffenden Knochen werden auch die sich hier verzweigenden Nerven hereingezogen und verliert die erkrankte Stelle so ihre Sensibilität.
Von den hier in Frage kommenden Heilmitteln stehen am häufigsten in Gebrauch die Quecksilbersalbe, die grüne Seife mit (eng­lischem) Jod, die rote Quecksilbcrjodidsalbe, die verschiedenen Kan-tharidensalben, das Emplastrum Anglicum acre und das rotglühende Eisen.
Die vorgenannten chemischen Agentien sind trotz ihrer grossen Wirksamkeit nicht etwa absolute Spatmittel, sondern sie dürfen nur als Versuchsmittel gelten, welche zwar häufig zum Ziele führen, aber auch sämtlich im Stiche lassen können, von einem sicheren Effekte ist daher durchaus keine Rede, als hervor­stechendstes Heilmittel ist vielmehr nur das Ferrum candens zu bezeichnen, welches sich auch von allen, selbst den operativen Spatmitteln der griissten Beliebtheit zu erfreuen hat und auch gewiss mit Recht. Alle andern Mittel können nur eine Bedeutung in Anspruch nehmen, wenn es sich um leichtere F'älle bandelt. Bei dem äusserst schleppenden Verlaufe des arthritischen Vorganges sind meist Wieder­holungen der genannten Mittel unumgänglich und führen sie oft auch nur dadurch einen Erfolg herbei,
ocr page 611
LV1II. Operation des Spats.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 593
Operative Behandlung.
Die verschiedenen Operationsarten, wie sie gegen Spat und die mit ihm verwandten chirurgischen Gehreste (Rehspat, Rehhein, lateraler Spat, Hasenspat, llasenliacke) zur Anwendung kommen, sind nach dem oben Gesagten das letzte Zufluchtsmittel, aber ebenfalls von ganz differentem Erfolge. Es werden folgende Yerfabrungsweisen vorgeschlagen:
Das Abschneiden des Innern Astes des Backschenkelbeinmuskels des Schienbeins, das Wegmeissein der Knochenauflagerungen, das Durch­schneiden der Beinhaut, der Nervenschnitt, die Eröffnung des Schleim-beutels der medialen Sehne des obgenannten Muskels, das kutane Brennen, die Ignipunktur, die subkutane Applikation der Scharfsalbe, das Ziehen von Haarsellen und das Ausschalen der varikösen Schrankader.
Die Mehrzahl dieser Operationen ist von mehr als zweifel­haftem Werte, daher veraltet, wie die Tenotomie der inneren End­sehne des genannten M. tibialis anticus, der Spatschnitt in Form der Osteotomie, Periosteotomie, Neurotomie und des subkutanen Durch­schneidens der Weichteile bis zum Knochenauswuchse in Form eines Gänsefusses; es verdienen dieselben daher keine weitere Erwähnung, wohl aber muss hier auf die übrigen Operationen näher eingegangen werden.
1. Kutanes Brennen. Das wirksamste aller genannten Ver-fahrungsweisen, aber auch das Mittel letzter Instanz will mit Sach­kenntnis angewendet werden, wenn es den Vorzug vor allen übrigen erhalten soll.
Man wählt entweder das Strich- oder das Punktfeuer, letzteres hat sich erfahrungsgemäss als zweckmiissiger erwiesen, da sich die ein­zelnen Punkte ganz nach Massgabe der osteophytischen Ausbreitung im einzelnen Falle anordnen und verteilen lassen, auch hat man die Inten­sität der einströmenden Hitze sehr gut in der Hand und kann in hart­näckigen Fällen dieselbe entsprechend steigern, ohne eine Desorganisation der Kutis herbeizuführen, also sichtbare Narben zurückzulassen. Das rotglühende Eisen darf nur leicht geführt werden und jedes Nachdrücken mit der Hand ist zu unterlassen, je schwerer daher der Kanter, desto mehr muss ihm die fühlende Hand das Gewicht abnehmen, ebenso muss das Touchieren um so vorsichtiger geschehen, je feiner die Haut und je strammer sie über die rauhen knochigen Prominenzen hergezogen ist. Das kirschrote Glüheisen darf nur ein- oder höchstens zwei­mal denselben Punkt berühren, um alsbald abgegeben zu werden und kann es erst wieder appliziert werden, nachdem die punktierte Stelle abgekühlt ist. Die Wiederholung geschieht so oft, bis die Punkte eine goldgelbe Farbe angenommen haben.
Zum regelrecliten lirennen (auch kleiner Spatstellen) muss man sich liienach Zeit nehmen, denn es soll ausserdem recht viel Hitze allmählich in die Haut einstrahlen, was durch die auch leichte Führung des Brennkolbens keines-
Horing'8 Operationslohre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;38
ocr page 612
594 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
wegs verliimlert wird, die frei gewordene Wärme braucht aber Zoit, in die Tiefe ZU dringen und dort einen direkten Heiz auszuüben. Jede Übereilung straft sich durch Narbenbildung, während doch keine Besserung erfolgt. Auf der andern Seite ist, wenn es dem Operateur bei wertvollen Tieren um Vermeidung sichtbar bleibender Punkte besonders zu thun ist, darauf aufmerksam zu machen, dass die Punkte möglichst fein anzubringen sind und man mit der Intensität des lirenn-grades eher etwas zurückhält, als rüde vorgebt, denn wenn auch nachher der EÖ'ekt etwas stärker hätte ausfallen können, bleibt noch das ungemein wirksame Aus­kunftsmittel übrig, nach einigen Tagen mit einer einfachen Kantharidonsalbo oder dem Auflegen eines scharfen Pflasters nachzuhelfen. (Siehe Kauterisation pag. 273).
2.nbsp; Perkutanes Brennen. Dasselbe ist begreiflicherweise noch wirksamer, weil direkter eingreifend, erfordert aber Übung und einige praktische Erfahrung, wenn nicht heftige Entzündungen, bedeutende Schmerzen und gefährliche Zufälle nachfolgen sollen, keinesfalls dürfen daher sämtliche Punkte durchgebrannt werden, sondern nur wenige solche, auf welche man besonderen Wert zu legen veranlasst wird. Diese Kauterisationsweise eignet sich vornehmlich bei trotzigem Andauern des Lahmgehens, vernachlässigten Fällen und bei Knochcnauftreibungen von grösserem Umfange.
Dabei vermeide man die Glüh nadeln, sie tragen zu rasch und zu wenig die Wärme in die Tiefe und sind doch gefährlich, indem sie arthritische Zufälle der heftigsten Art erzeugen können; ein einfaches konisch zugespitztes Brenneisen ist vorzuziehen, darf aber nicht schlacken. Eine Beaufsichtigung der nachfolgenden Entzündung, um rechtzeitig einschreiten zu können, sowie eine Überwachung des Erfolges ist notwendig (siehe Ignipunktur pag. 277).
3.nbsp; Subkutane Anwendung der Scharfsalbe. Professor Bassi hatte weder mit der Kantliaridensalbe, noch mit der Dieckerhottquot;sehen Eröffnung des Schleimbeutels hinreichende Erfolge, verfiel daher 1880 auf die Idee, die sonst vortreffliche Scharf salbe mehr unmittelbar mit dem Locus affectus in Berührung zu bringen, um einesteils die Anchy-losierung zu beschleunigen, andcrnteils möglichst alle Spuren der Spatbehandlung zu vermeiden, wie sie besonders nach dem Brennen zurückbleiben.
An dem niedergelegten Pferde werden auf der Spatstelle 2—8 Inzisionen bis auf die Subkutis gemacht, die oben am Tarsus beginnen und bis an die untere Spatgrenze herabreichen. Der vorderste Ilaut-schnitt beginnt am Malleolus interims der Tibia, 2 cm von ihm weg, und ebensoweit ist der zweite und dritte vom ersten entfernt, die Schnitte laufen jedoch nicht parallel, sondern konvergieren nach unten, man muss sich daher vor Verletzung der V. saphena in acht nehmen. Nun wird die Haut rechts und links etwas unterminiert, doch nicht so, dass die einzelnen Schnitte im Zellgewebe kommunizieren und jetzt, nachdem die leichte Blutung mit kaltem Wasser aufgetupft ist, werden die Ein­schnitte mit gewöhnlicher Kantliaridensalbe ausgefüllt.
Die Entzündung wird eine starke, doch keine zu heftige, denn die Salbe kann in einigen Tagen notigonfalls wiederholt werden, selbst 3—4 mal im Laufe von einigen Wochen. Nachbehandlung ist nicht not.vendig. In neuerer Zeit sind viele vortreffliche Wirkungen bekannt gegeben worden, Erfahrungen im Grossen liegen indes noch nicht vor; jodenfalls ist das Verfahren sehr einfach, leicht aus-
ocr page 613
LVIII. Operation des Spats.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;595
filhrbar und ungefährlich, lässt sich aher leider im Stehen des Tieres gewöhnlich nicht ausfuhren.
4.nbsp; Durchziehen eines Haarseiles. Eitei'Mnder sind in früherer Zeit viel häufiger ein Spatbebandlungsmittel gewesen, als gegenwärtig, obwohl sie sich hinsichtlich des Effektes unmittelbar dem Gliiheisen anreihen und als sehr wirksam bezeichnet werden können.
Für gewöhnlich sind zwei Haarseile ausreichend, welche senkrecht gezogen und längstens nach 12—14 Tagen entfernt werden, das Bestreichen derselben mit Lorbeeröl oder Kantharidcntinktur ist notwendig. Auch sie haben das Missliche, dass zumeist das Pferd abgeworfen werden muss, ausserdem entstehen recht häss-liche Wundinale, wenn sich die Tiere scheuern. (Siehe Seite 266.)
5.nbsp; Öffnung des Schleimbeutels. Auch diese Operation ist ein
Mittel letzter Instanz und von Dieckerhoff als das wirksamste gegen Spat empfohlen worden (1875).
Nach seiner Ansicht gellt der Spat wesentlich von der Sehnen­scheide am fächerförmigen Insertionsschenkel des Schienbeinbeugers aus, es soll daher die Ursache des Leidens dadurch beseitigt werden, dass man den Schleimbeutel an der innern Seite des Sprunggelenks eröffnet, in Entzündung versetzt und durch bindegewebige Verödung unschädlich macht. Die mit der Inzision der genannten Bursa gleichzeitig vor­genommene Tenotomie der Endsehne des Tibialis anticus ist für die Heilung der Spatlahmheit ohne besondere Bedeutung.
Das Pferd braucht nicht niedergelegt zu werden, sondern wird gut gebremst, mit der kranken Seite an eine Wand gestellt und der andere Hinterfuss möglichst aufgehoben und nach hinten gezogen. Die Klinge eines Bistouris wird nach Art einer Schreibfeder in die Hand genommen, der vierte und fünfte Finger fest auf das obere Ende des Metatarsus aufgestützt und dann das Messer schnell in den untern Abschnitt des Schleimbeutels (zwischen der medialen Emisehne des genannten Beugers Figur 327 aquot; und der untern Begrenzung) eingedrückt und sogleich wieder zurückgezogen. Sollte der Schnitt nicht tief genug eingedrungen sein, kann er sogleich wiederholt werden, selbst bis auf den Knochen. Die Blutung ist bedeutungslos, wenn die Schrankader vermieden wird, die Eröffnung kann aber auch mit einem knopfförmigeu weissglühen-den Eisen geschehen, welches mehrmals aufgedrückt wird, bis sich ein fester Schorf gebildet hat, das geballte Bistouri ist jedoch vorzuziehen.
Es folgt ein ziemlicher Grad von traumatischer Entzündung nach, manchmal auch Eiterung, die andauert und durch Silbersalpeter unterdrückt werden muss, eine Narbe, wenn auch nur kleine, bleibt öfters zurück, verwischt sich aber gerne, ebenso die nachfolgende Verdickung. Die Heilung erfordert beiläufig drei quot;Wochen. Das Verfahren hat im Verhältnis zu den Vorteilen, welche ihm von Berlin aus vindiziert werden, noch nicht viele Nachahmer gefunden, obwohl zahlreiche Hei­lungen, freilich auch Misserfolge verzeichnet sind. Indes ist es nicht möglich, dass die Operation regelmässig Hilfe bringen kann, denn gewiss ist nicht durchweg die kleine Bursa des Sehnenschenkels die hauptsächlichste oder einzige Ursache der Spatlähme.
6.nbsp; Operation des Blutspats. Der Blutspat, die Varicocele des Sprunggelenks bei Pferden und Arbeitsochsen, au der Grenze der innern und vordem Gelenkfläche gelegen, ist, falls sie überhaupt beseitigt
ocr page 614
59G Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
werden wollte, hauptsächlich mir operativ entfernbar und zwar dadurch, dass mau die Schrankader (Vena saphena) in der erforderlichen Länge durch einen Hautschuitt bioslegt, mit einer eingefädelten Wundnadel umfängt und oben wie unten fest zubindet. Nachher würde oben und unten die Vene innerhalb der antiseptisclicn Ligatur durchgeschnitten werden, um sie der Obliteration zu überantworten, einer Ausschälung des abgebundenen Venenstückes bedarf es nicht.
Tn Anbetracht des Unistandes, dass diese Phlebektasie recht selten vorkommt, nur eine unschmerzbafte (unschwer von einer Pfannengalle zu unterscheidende) Ge­schwulst darstellt und daher eine Beeinträchtigung der JMensttüchtigkeit nicht mit sich bringt, sondern nur die Profillinie des Tarsalgelenkes stört, erscheint es ge-rathener, die Unterbindung oder gar Exzision der Vene zu unterlassen und zwar um so mehr, als der Schönheitsfehler meist noch erhöht wird, wenn sich nachher eine wüste Narbe herausbildet; zudem ist die Operation ohne Nutzen und lässt sie sich zuweilen durch den anhaltendon Gebrauch von Adstringirmittcln, besonders durch eine jodhaltige Galläpfeltinktur bedeutend reduzieren.
Nachbehandlung. Eine ununterbrochene 3—5 wöchentlicheEuhe des Tieres ist bei jedem Heilversuche conditio sine qua non, um die Verwachsung der erkrankten Gelenkflächen nicht zu stören und auch nachher ist ein schonender Gebrauch dringend zu empfehlen; die Nichtbeachtung dieser unerlässlichen Bedingungen ist häufig die Schuld an Misserfolgen oder wird dadurch gesündigt, dass zwar dem Operierten absolute Ruhe zu teil wird, derselbe aber während dieser Unthätigkcit in allzuviel Stallmut verfällt und so den günstigen Ausgang der Be­handlung problematisch macht. Fördernd für letzteren ist insbesondere auch das Aufschlagen von Hufeisen mit etwas erhöhten Stollen auf beide Hintergliedmassen.
LIX. Der Beinhautschnitt. (Peristeotomia.)
Anzeigen. Diese Operation gründet sich auf die Ansicht, dass hei der Bildung von sog. Überbeinen (Exostosen), namentlich am Schien­bein der Pferde, die Spannung der Beinhaut infolge des subperiostealen Exsudats Schmerz und Hinken veranlasse.
Um diese Spannung zu beseitigen, schlug Sewell in London 1835 vor, die Beinhaut subkutan zu spalten; hiedurch muss sie sich aus einander ziehen und das Exsudat, so lange es nicht ossifiziert ist, kann entfernt werden. Die meist an den Vorderfüssen, zwischen Schien­bein und innerem (jriffelbein, mehr oder weniger nahe beim Knie vor­kommenden Exostosen sind besonders zur Operation geeignet, ebenso aber auch die spontanen Überheine, wie sie (infolge exzessiver An­spannung des Faszicnschenkels des Schienbeinbeugcrs) hauptsächlich an der lateralen Seite des Metatarsus der Hintergliedmassen bei Pferden und Zugochsen vorzukommen pflegen, während den an der hintern Fläche
ocr page 615
LIX. Der Beinhautschnitt. (reiisteotomia).
597
des Schienbeins (unter dem Aufhiingeband) vorkommenden Überbeinen Hirer tiefen Lage und Verborgenheit wegen nicht beizukommen ist.
Es ist selbstverständlich, lt;lass die neu entstandenen Überbeine, welche bei Berührung auffallend schmerzhaft sind, zuerst durch kalte Umschläge u. s. w, behandelt werden müssen und folgen diesen in den meisten Fällen die Anwendung scharfer Salben und des Feuers nach.
Operation. Das von Scwellzu der Operation bestimmte Pcriosteotom (Figur 335) bat eine schmale, säbelförmige Klinge von 6—10cm Länge, ist an der Spitze stumpf oder geknöpft und am Rücken ziemlich stark; für Überbeine von verschie­dener Länge und Höhe hat man 2—8 solche In­strumente von verschiedener Länge und Biegung. I /nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Die Operation ist sehr einfach, da die Exostoscn
am Schienbein blos von der allgemeinen Decke be­deckt sind; man macht an dem stehenden oder auf der kranken Seite liegenden Tiere an der Innern Seite des Schienbeins dicht unter der Exostose einen kleinen senkrechten 5—8 mm langen Haut schnitt, führt das eben beschriebene Messer platt zwischen Haut und Überbein im Zellgewebe hinauf, richtet die Schneide sodann nach dem Knochen und schneidet im Herausziehen mit Kraft die verdickte Beinhaut durch.
Haubner rät, nach dem Hautschnitt das Zell-
i
gewebe zuerst mit einer llaarseilnadel abzulösen und dadurch dem stumpfen Messer den Weg zu bahnen, ferner mit dem Daumen der linken Hand, welche das Schienbein umfasst, beim Zurückziehen des Messers auf dessen Bücken zu drücken. Ausser-dem kann es bei sehr erhabenem Überbein nötig werden, über der Exostose den Hautscbnitt zu wieder­holen und die Beinhaut auf der obern Hälfte des Überbeins nach aufwärts durchzuschneiden. Dies kann auch durch einen Schnitt auf der Höhe der Exostose erreicht werden, indem man das Messer zuerst nach aufwärts führt und hierauf es umgekehrt nach abwärts einbringt und beidemal beim Heraus­ziehen kräftig in die Exostose einschneidet; die Er­
Fig.
fahrunghat gezeigt, dass dieser Schnitt wenig Schmerz
verursacht.
Eine Nachbehandlung ist nicht erforderlich oder auf kalte Umschläge zu heschränken. Sewell will dem Pferd noch ein Ahführungsmittel reichen und nötigenfalls ein Eiterband am Schienhein lierah ziehen. (!)
Die Operation hat manchmal plötzliches Aufhören des Hinkens zur Folge (besonders wenn das Überbein noch in der Entwicklung be­griffen war), da sich das gespannte Perlost seitlich zurückzieht und die
ocr page 616
598 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Exostose nicht mehl' bedeckt; in antlern Füllen verlor sich das Hinken erst nach 8—14 Tagen unter der Anwendung zerteilender Mittel; und endlich ist die Operation auch inanchinal erfolglos gewesen, besonders bei sehr alten und harten Exostosen, welche übrigens besser gar nicht behandelt werden, da sie in der Kegel kein Hinken mehr veranlassen. Als ein rationelles Verfahren kann der Beinhautschnitt in keinem Falle gelten, denn die Ansicht, dass das Lahmgehen lediglich durch die Ausdehnung und Anspannung des Periostes hervorgerufen werde, ist keine stichhaltige und wurde bei der Aufstellung dieser Theorie ganz übersehen, dass auch im Knochengewebe selbst neoplastische Prozesse vor sich gehen, welche zur Zeit ihrer Ausbildung, also im entzündlichen Stadium, nicht schmerzlos ablaufen, dieser Schmerz hört aber alsbald auf, sobald die Exsudationsprodukte (tibröses Gewebe) der regressiven Umwandlung anheimgefallen sind, womit auch eine Obsolcszenz der betreffenden Nervenfasern verbunden ist. Es ist nun leicht einzusehen, dass der letztere günstige Ausgang viel mehr durch eine einfache aber kräftige Kantharidensalbe (oder Brennen, Massage) gefördert wird, als durch die symptomatische Behandlung mittels des Periosteotomen.
LX. Operationen an den Nerven.
Bei den Haustieren kommen im Ganzen chirurgische Eingriffe an den Nerven nicht häufig vor und bestehen dieselben in der Durch-schneidung (Neurotomie) und in der Wiedervereinigung derselben, der Nervennaht.
In neuester Zeit ist die Nervendehnung hinzugekommen und obwohl sie noch wenig bei den Tieren unternommen worden ist, ver­dient sie doch für den Fall, dass sie eine Bolle auch in der Zootherapie spielen könnte, eine kurze Besprechung.
I. Die Nervendehnung.
Diese Operation datiert erst aus dem Jahre 1870, wo v. Nuss-baum bei einer Operation, wobei ein Nerv auf die Seite gelegt und dabei gedehnt wurde, die Bemerkung machte, dass die vorher bestan­denen tonischen Krämpfe jetzt nicht mehr wiederkehrten. Billroth führte die Operation zum erstenmale aus und seitdem ist sie durch weitere Ausbildung in der Menschenheilkunde zu einem wichtigen Heil­mittel geworden, dessen
Indikationen aber noch weit davon entfernt sind, bestimmt und sicher abgegrenzt zu sein. Man hat die Tensiom zunächst auf die noch
ocr page 617
LX. Operationen an den Nerven.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;599
am meisten rilthselhaften Neurosen ausgedehnt, wie sie unter dem komplexen Namen der Neuritis sowie auch der motorisclieu Reizungen (bezieliungs-weise Neuralgien) zusammengefasst werden können. Ilieher gehören ferner manche Krampfzustihule namentlich tonischer Art, Paresen, lUicken-marksatt'ektionen mit tahetischen Symptomen (I'seudotabes dorsalis), Polymyelitis, Ischias, Exantheme u. s. w.; insbesondere aber handelt es sich um Erkrankungen, welche von bestimmten Nervenstämmen an den Körperextremen ausgehen, in denen ja motorische und sensible Äste vereint laufen.
Der Effekt der Dehnung ist ein ausgesprochen traumatischer, denn es ist jetzt nachgewiesen, dass damit Gei'ässdilatationen, Gefilss-zerreissungcn und Extravasationen im peri- und paraneurotiscben Binde­gewebe stattfinden, man wird also annehmen dürfen, dass die Ernährung der betreffenden Nerven eine wesentliche Alteration erfährt, wodurch in vielen Fällen ein ungemein günstiger Eintluss auf die Funktion der gedehnten Nerven ausgeübt wird.
Inwieweit die Nervensubstanz selbst dabei in Mitleidenschaft kommt, ist noch unbekannt und harrt es namentlich noch der Erklärung, wie es komme, dass die Operation bei ganz verschiedenen Erkrankungen Erfolge aufzuweisen hat, wie z. B. gleichmässig sowohl bei Neuralgie als Tetanus und dass das einemal Heilung erfolgt, das anderemal kaum oder nicht.
Operation. Zunächst wird der Nervenstamm aufgesucht, bios­gelegt und dann mittels des Fingers oder eines stumpfen Hakens aus seinem Eager kräftig hervorgezogen, um hierauf das ihn umgehende Bindegewebe abzustreifen. Das Hervorziehen muss sowohl in centri-petaler als centrifugaler Richtung geschehen und soll man, was von Wichtigkeit ist, dabei nicht allzusachte vorgehen, nämlich in der Art, als ob man den Nerven vom Rückenmark abreissen oder seine Äste aus der- Extremität herausziehen wollte (v. Nussbaum).
Der Kraftaufwand muss hicnach ein ziemlich bedeutender sein und sind die Nervenstämme in der That auch so fest, dass sie selbst unter einem sehr kräftigen Zuge nicht reissen, ja nicht einmal eine Störumg in ihrem Elektrotonus erleiden; ausserdem muss sich ja der Etfekt bis zum Uiickenmark fortsetzen. Das äusserste Mass der anzuwendenden Kraft wird einmal durch die Rücksicht auf die Stärke und Haltbarkeit der Nerven und dann durch allenfallsige jetzt auftretende Reflexerscheinungen bestimmt, wie z. B. Störungen der Atmung, der Herzaktion, Erweiterung der Pupille.
Als Hauptangriffspunkt, um das krankhaft ergriffene Rückenmark unter den Eintluss einer solchen Nervendelmung zu bringen, wird der Plexus brachialis oder der N. ischiadiens ausgewählt und bleibt es sich gleich, ob man dabei etwas näher oder entfernter vom spinalen Zen­trum wegbleibt.
Selbstverständlich sind bei der grossen Verschiedenheit der betreuenden Nervenkrankheiten auch Misserfolge nach der Operation zu verzeichnen und hat sich namentlich die anfänglich gute Wirkung bei den Neuralgien als häutig nicht nachhaltig erwiesen; vereinzelt sind auch dauernde Lähmungen zurückgeblieben, wie denn die neueren Nachrichten weniger gut lauten, was übrigens begroitiieh ist,
ocr page 618
(100 Zweite Ilaupf-Abtcilung: Opei-ationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
denn die erfolglosen Falle bieten weniger Interesse, als glänzend gelungene, sie werden daher aucli nicht so schnell veröllentlicbt, als jene.
In wie weit nun in der Pferde- und besonders Hundepraxis sicli diese moderne Operation praktisch verwerten lässt, darüber können nur diesbezügliche Versuche entscheiden. Geeignete Krankheitszustände liegen immerhin vor, wie z. B. die Krampffonnen, Zuckungen, Eklam­psie, l'nresen, Lahmheiten, Zuckfuss, selbst Neuralgie des Trigeminus ist bei Tieren beobachtet worden (Mattliieu); Anacker schlägt sogar die Epilepsie als Angriffspunkt vor, obwohl nicht abzusehen ist, auf welchem Wege das Grossliirn erreicht werden sollte.
Die Nachbehandlung erfordert wie die Operation selbstverständlich strenge Aseptik und zwar um so mehr, als schon ein recht ungünstiger Wundverlauf beobachtet worden ist.
II. Nervenschnitt. Neurotomie. Neurektomie.
Die Neurotomie als einfache Durchschneidung eines Nerven kommt nur bei zum Hufe laufenden Nerven, also nur bei Pferden vor, um den Schmerz des Krimimgchens zu beseitigen, wenn dies auf an­derem Wege nicht möglich war.
Anzeigen. Die krankhaften Zustände, gegen welche die Ope­ration teils am Pessel, teils am Schienbein (niederer, hoher Nerven-schnitt) als Mittel letzter Instanz vorgenommen werden kann, sind solche, welche in den letzten Zehengliedern ihren Sitz haben und von einer andauernden Scliinerzhaftigkeit gefolgt sind. Derartige Krank­heiten sind die
Chronische Ilufgelenkslähme, Fussrollenentzündung (Podotroch-
litis); Zwanghufe; Ilornsiiulen, Hornbrliche des Hufes. Knochenneubildungen, wie Leist, Ringbein, Schale. Die Folgen geheilter Brüche des Krön- und Ilufheins und der
Nagcltritte. Yerknöcherung der Hufknorpel.
Wenig oder nichts ist von der Operation zu erwarten, wenn schon Desorganisationen vorliegen, welche auch nach der Ope­ration die Bewegungsfäiiigkcit stören müssen, Avie Platt-, Voll- und Knollhufe, Anchylosienmg der Gelenke, wobei also der Gebrauch des Tieres aus mechanischen Gründen beeinträchtigt wird und da diese im Hufe nicht entfernbar sind, auch gestört bleibt. Ferner ist bei Eiierungs-prozesseu, Huffisteln u. dcrgl, beim Wundstarrkrampf die Neurotomie ebenfalls empfohlen worden und ist Letzterer, der häufig von Ver­letzungen der letzten Zehenglieder herrührt, auch schon geheilt worden, im Ganzen sind es aber meist verzweifelte Fälle, was jedoch von der Operation nicht abhalten darf, denn es bietet diese immer noch Chancen der Heilung.
Geschichtliches. Die llauptindikation bildet unstreitig der Zwanghuf und die Hufgelenkslfthme, welch letztere besonders bei edlen englischen Pferden vor­kommt, die Neurotomie ist (laber auch englischen Ursprungs. Moorcroft (1800)
ocr page 619
LX. Operationen an den Kerven.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;(J01
gibt an, sie zuerst gemacht zu haben und Youatt erkennt ihm die Triorität zu, #9632;welche auch Colomann beanspruchte, nach Spoon era Angabe war es übrigens hauptsächlich bewell, welcher den Kcrvonschnitt praktisch ausfiilirtu und dann näher beschrieb, nachdem die Operation kurz vorher beim Menschen aufgekommen war. Später wurde sie durch die iS'eurektomie verbessert, durch zahlreiche Miss­erfolge kam sie jedoch arg in Verrat' und hat erst in letzter Zeit durch bessere Feststellung der Indikationen ihre berechtigte Stellung in dcrAkiurgie wieder ein­genommen. Der Schmerz lüsst sich mit grosser Siclierheit beseitigen, es fragt sich nachher nur, ob die betreffenden Teile dann auch leistungsfähig genug sind, um die Brauchbarkeit des Operierten zu gewährleisten, die üblen Folgen des cbirur-giseben Eingriffes selbst sind am wenigsten zu fürchten.
Üble Folgen. Die in Frage kommenden Nerven (Schienbein­nerven) besitzen fast sar keine motorischen Fasern, sondern haupt­sächlich sensible, die Bewegungsföhlgkeit wird daher nicht gestört, wohl aber die Eiupfindiicbkeit in den peripherisclien Bezirken völlig auf­gehoben. Nur ausnahmsweise will man nachher unsichern gespannten Gang, harten Trab bei Reitpferden etc. bemerkt haben, indessen liegen Fälle genug vor, in denen die Tiere in ihrer Diensttüchtigkeit nicht im geringsten beeinträchtigt wurden, selbst Heimen, Manöver u. dergl. mitgemacht haben. Ebenso ausnahmsweise kommt es vor, dass der Schmerz und damit das Lahmen mehr oder weniger wiederkehrt, wenn auch erst oft in mehreren Jahren und liegt die Ursache meist in dem Ausschneiden eines zu kleinen XervonStückes, wodurch mit der Zeit eine Reproduktion der Leitung entsteht; allerdings kann ein solches Recidiyieren auch auf Narbenkonstriktion des zentralen Nerven­stumpfes bezogen werden, in welchem seltenen Falle durch Ausschneiden eines weiteren Stückes desselben nachgeholfeil werden müsste.
Aussei1 den sensiblen Fasern führen die genannten Nervenäste zahlreiche vasomotorische, es folgt daher aussei' der Gefühllosigkeit regelmässig eine Lähmung und Erweiterung der Hufgefässe nach, deren Folgen sich zunächst durch Temperatursteigerung und Erhöhung der nutritiven Tiüitigkeit, verstärktes Transsudieren von Blutplasma und weissen Blutkörperchen äussern, wesshalb auch nicht selten eine ge­wisse Tendenz zu Eiterung hervortritt, namentlich wenn beide Seiten-nerven der Extremität zu gleicher Zeit abgeschnitten wurden. In der grossen Mehrzahl der Fälle findet indessen bald eine Selbstkorrektur statt und wenn hie und da allerdings bemerkt worden ist, dass eine stärkere Dnrclisaftung besonders der Huf beuge sehnen aufgetreten oder gar die Ernährungsstörung soweit ging, dass ein Äusschuhen oder Gangrän nachfolgte, so waren die betr. Gewebe zumeist vorher schon in ihrem normalen Bestände alteriert oder bestanden noch schleichende von aussen schwer emirbare phlogistische Reizungen, zu Folge deren die Operation überhaupt nicht augezeigt war; ausserdem sind, wie un­schwer aus der vorliegenden Litteratur zu ersehen ist, die schlimmen neurektomiseben Folgen vielfach übertrieben worden.
Der hauptsächlicbste t'belstaml bestellt ohne Frage darin, dass das der Empfindung beraubte Tier durch Lalungeheii nicht zu er­kennen giebt, dass Prellungen, Verletzungen, Brüche der Knochen im Hufe mit ihren Folgen stattgefunden haben, also nicht rechtzeitig Hilfe
ocr page 620
002 Zweite Hauiit-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
geschaffen werden kann. Auch diese Inhonvenienz liisst sich verhüten, wenn dem Tiere eine sorgfältige llufpflege zu Teil wird, was nach einer derartigen Operation Übrigens eine selbstverständliche Sache ist.
Anatomisches. Bei der Neurotomie kommen nur die beiden Schienbeinportionen des Mittelnerven (N. medianus), des stärksten Astes aus dem Brachialgeflecht, in Betracht, nämlich der Ramus internus und extemus, d. h. der mediale und der laterale Schienhein nerv. An der Kothe teilen sich beide in die Seitennerven der Zehe (Fcssel-nerven) und verhält sich dies gleich am Vorderfuss wie am liinterfuss, dagegen kommen betreffs der Operationsstelle einige Verschieden­heiten vor.
Fig. 330. Vorderfuss rechter, innere Seite.
Fig. 337. Vorderfuss rechter, äusserc Seite.
Vorderfuss. Der innere (grössere) Schienbeinnerv (Nervus volaris, Figur 33C, rechter Vorderfuss von innen gesehen, r) begleitet die grosse Schien­beinarterie, der äussere Schienbeinnerv die äusscre Arterie. Ersterer liegt längs des Schienbeins hinter der innern Arterie und zwischen dieser und der Hufbein-beugesehne, welche sich von aussen wie das pulsierende Gefäss gut durchfühlen lässt, er muss daher am vordem Rande genannter Ilufsehne gesucht werden. (In der Figur ist q der äussere Schienbeinnerv, welcher sich am Kniebogen nach der lateralen Seite wendet, s der tiefe Ast des Ulnaris, s' Ilautast desselben, t Ver­bindung mit dem äussern Schienbeinnerven, v medialer Fesselnerv oder Seitennerv der Zehe). Die Schienbeinvene liegt mehr vorne am Gritielbcin.
ocr page 621
LX. Operationen an den Nerven.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;003
Der äussere Schienbeinnerv (Figur 337/quot;) ist kleiner und liegt am obern Teil des Metatarsus etwas hinter der llufbeinsehne d versteckt, erst am untern Schienbeindrittel tritt er neben dieselbe,
Der Verbindungsast zwischen innerem und ausserem Schienbeinnerven (Figur 337 (?) liegt in der Höhe des üriHelboiuknOiifcbens, also etwa in der Mitte der hintern Schienbeinseite (b ist das Grifielbein, c oberes Gleichbeinband, d Huf-beinbeuger).
Hinterfuss. Der Schienbcinnerv (N. plantaris) der Innern Seite ist hier ebenfalls grosser als der äussere und liegt dicht am inneren Rande der Beugesehne und gibt erst am untern Scbienbeindrittel den Verbindungsast mit dem iiussern ab, er liegt daher tiefer als der vordere. Die grosse Schienbeinarterie liegt auf der äussern Seite und entfernt vom Nerven.
Am Fesselgelenk teilen sich die innern und äussern Scbienbeinnerven beider Gliedmassen je in zwei Fesselnerven, von denen der grössere hintere die Fessel­arterie (hinter der Zehe liegend) bis zum Hufbcin begleitet, der vordere kleinere aber teils zwischen der Arterie und Vene des Fesseis, teils vor der Vene gegen den vordem Teil der Krone und in die Zehe des Hufes lauft.
Wahl der Nerven. An welchem der genannten Nerven die Durchsdincidung zu geschehen habe, hängt von dein Unistande ab, oh die Empfindlichkeit am ganzen Hufe oder nur an einer Seite desselben aufzuheben ist und gilt es als Hegel, nur denjenigen Nerven durch­zuschneiden, welcher sich in den schmerzhaften Teil ausbreitet.
Leidet blos der hintere Teil des Hufes, begnügt man sich mit dem Abschneiden des hinteren Fesselnerven (Fig. 33G bei v) und hat das t'bel die ganze Hälfte des Fusses ergriffen, wird hesser der betr. Schienenbeiimerve operiert, sobald jedoch dasselbe die Mittellinie über­schreitet oder die Grenze sich gar nicht genau erkennen lässt, wie z. B. bei der Hufgelenkslähme, beini Ringbein, Zwanghuf, so werden beide Velaren bezw. Plantaren in ihrer Leitung unterbrochen, niemals darf jedoch der innere und äussere Schienbeinnerv eines und desselben Fusses gleichzeitig abgeschnitten werden, es muss dies vielmehr in einem Zwischenraum geschehen, der sich auf einige Wochen zu er­strecken hat.
Neurektomie. Ausserdem hat die Erfahrung ergeben, dass blos getrennte Nerven durch Wiedervereinigung in kurzer Zeit wieder funk­tionstüchtig werden, es inuss daher unter allen Umständen ein Sub­stanzverlust durch Ausschneiden eines kleinen Nervenstückes, das zum wenigsten die Länge von 5 cm haben muss, hervorgebracht wer­den, die Neurotomie wird daher stets durch die Neurektomie komple-tiert. Den Nerven nur einfach zu durchschneiden, um den Tieren Schmerzen bei Hufoperationen zu ersparen, ist zum Glück längst ver­lassen worden.
1. Operation am innern Volaris. Das Pferd liegt auf der kranken Seite, der untere Vorderfuss wird ausgebunden und besonders befestigt oder durch zwei Gehilfen gehalten, wie beim Sehnenschnitt. In ähn­licher Weise wird es auch bei der Operation an der äussern Seite des Vorder- oder Hinterfusses gehalten.
Der Hautschnitt erfolgt, nachdem die Haare abgeschoren sind, dicht am vorderen Rande der Hufbeinbeugesehne, 4 Finger­breit (G—7 cm) über dem Gelenk auf eine Länge, dass 5 cm des
ocr page 622
604 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar,
Nerven excitliert werden können. Nun sucht man in der auseinander-gehaltenen Wunde den Nerven, welcher unmittelbar hinter der Arterie, zwischen dieser und dem Ilut'beinheuger im Zellgewebe eingewickelt liegt, indessen so obertlilchlich, dass nur eine sehr dünne Schichte des Letzteren mit der Cooperschen Scheere wegpräpariert werden darf, um den Nerven hervortreten zu lassen.
Nun wird derselbe etwas von seiner Unterlage losgetrennt, um ihn mit einer Hohlsonde oder Scheere unterfangen zu können, worauf er im obern Wundwinkel abgeschnitten wird; hiebei macht jedes Tier eine plötzliche zuckende Bewegung. Jetzt wird das obligate Nerven-stiiek im untern Winkel abgeschnitten. Den Schluss bildet das An­legen einiger Knopfnahte und eines antiseptischen Verbandes mittels eines einfachen Bäuschchens von Karbolwolle, um die erste Vereinigung zu erzielen.
Ungeübte baben oft Mühe, den scbmalen Nervenstreifen, der die Farbe mit seinem Bindcgcwcbslager teilt, aufzufinden, weil sie ihn meist zu tief suchen oder derselbe bei nicht scharfer Einhaltung der Opeiationsstelle an der inneren Fläche des Wundrandes liegt Er macht sich kenntlich durch die Parallol-anordmmg seiner weissen kaum ins gelbliche streifenden Fasern und um sicher zu sein, dass man nicht etwa einen Längsstreifon Zellgewebe statt des Nerven mit der Pinzette gofasst hat, kann man versuchsweise mit der Messerspitze nach ihm stechen, worauf das Tier sofort reagiert. Die Arterie ist leicht zu vermeiden, da sie unter der Fingerspitze lebhaft pulsiert, ausserdem gelblich durchschimmert. Die bläuliche Vene kommt, weil mehr vorne gelegen, nicht in Betracht, mit der Operation ist also so gut wie keine Blutung verbunden. Zum Fassen und Hervor­ziehen des Nervenstrangs kann auch eine Fadenschlinge verwendet werden.
2.nbsp; Operation am äussern Volaris. Das Verfahren bleibt sich hier durchaus dasselbe und findet nur dadurch eine Abweichung statt, dass der Schnitt weiter unten gegen die Köthe gemacht werden muss, denn auch der Verbindungsast liegt tiefer, der Nerven wird daher auf dem obersten Teile der Fesselgelenkskapsel aufgesucht und hält man sich dabei an die hier liegende Seitenvene der Zehe, welche vor dem Nerven gelegen ist.
Es ist leicht einzusehen, dass die Neurektomie unterhalb des Verbinlaquo; dungsastes beider Schienheinnerven gemacht werden muss, weil sonst die Leitung der Empfindung auf dieser Seite nicht unterbrochen würde, sondern nach dem andern Schienbeinnervon stattfände und so gar kein Effekt zu Tage träte. Der Erfolg der Operation ist unmittelbar nachher schon sichtbar.
3.nbsp; Operation beider Volaren. Wie schon erwähnt, dürfen beide Nerven, wenn die Unterbrechung ihrer Leitung notwendig geworden, nicht zu gleicher Zeit abgeschnitten werden, man operiert daher an derjenigen Seite, welche am meisten erkrankt ist. Die Fälle, in denen die gleichzeitige Operation keinen Schaden gebracht, können nicht mass-gebend sein.
4.nbsp; Operation der Plantarnerven. Dieselbe kommt nur selten vor und bietet gegenüber der der Schienbeinnerven des Vorderfusses lediglich anatomische Verschiedenheiten.
Im Ganzen wird stets etwas weiter unten neurotomiert, nämlich an der äussern Seite in dem Baume von dem äussern Griffelbein-
ocr page 623
LX. Operation an den Nerven.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; 005
köpfchen bis zum Fesselgelenk, an der ionern Seite aber so, dass das Griffelbeinköpfchen in gleicher Höbe mit der Mitte des Hautschnitts
steht, also 3 cm über und ebensoviel unter dem Köpfchen.
Die grosse Scliienbeinarteiie kommt nicht in Frage, sie liegt zu entfernt und zwar am Knochen selbst und da man am Hinterfuss überhaupt näher an der Köthe den Ilautschnitt macht, ist auch auf die Sehnenscheide sowie die Geleuks-kapsel des Fosselbeins lliicksicht zu nehmen.
5. Operation der Fesselnerven. Soll der hintere Fesselnerv, d. b. die Verlängerung des Schienbeinnerven bis au das Fesselbein (Fig. 330 v.) abgeschnitten werden, so bat der Ilautscbnitt dicht hinter der Arterie zu geschehen, welche man gut pulsieren fühlt, die Be­stimmung der Operationsstelle kann daher keine Schwierigkeiten bieten, soll dagegen der vordere Ast an das Messer kommen, so wird die Haut vor der Arterie eingeschnitten. Betreffs der Höbe der Incision hält mau sieb Daumenbreit vom Fesselgelenk abwärts.
Die Neurektomie wird an dieser Stelle niebt so häufig ausgeführt, als am Schienbein, weil die Krankbeitszustiinde meist schon länger be­standen und daher eine grösserc Ausbreitung erlangt haben, als dass sie sich auf den Bereich des einen oder andern Fesselnerven beschränken Hessen. Würde der vordere Fesselnerve abgeschnitten und der Erfolg nicht zufrieden stellen, so handelt es sich darum, ob nicht auch der hintere operiert werden soll und zuletzt würde man doch zu der dritten Operation, d. h. zum hohen Nervenschnitte greifen müssen.
Der tiefe Nervenschnitt ist etwas schwieriger auszuführen, weniger wegen der Nähe der Blutgefässo, als vielmehr der jetzt schon durch Teilung stark verschmälerten Nerven; auch liegt die viel dickere Haut hier sehr stramm an und hat ungemein dichtes Unterhautzellgewebo. Die Wundründer müssen beim Suchen gut auseinandergehalten werden, denn es sind auch die dicht am Nerven und selbst über ihn weglaufenden Blutgefässe hinderlich.
Der hintere (grössere) Fesselnerve ist am leichtesten am oberu Drittel des Fesselbeins in einer Vertiefung zwischen der Beugeseime des Hufbeins und dem Knochen zu finden, der vordere dagegen etwas weiter oben, nämlich beinahe am Gelenk selbst; gleich unter dieser Stelle gehen schon kleine Zweige nach vorne ab, die man beim Ope­rieren weiter unten nicht mehr treffen würde.
III. Die Nervennaht.
Die Nervennaht findet nur selten Anwendung und dann gewöhn­lich nur zur Vereinigung von Hieb- oder Schnittwunden der Nerven, hie und da auch zur Herstellung der Kontinuität derselben nach Ex­cision von Nerveugescbwülsten, welche bei den Tieren jedoch zu den grossen Seltenheiten gehören.
Die von Nelaton und Langier angegebene Naht wird in der Art ausgeführt, dass man die beiden Schnittenden, welche bei der ge­ringen Elasticität der Nervenstränge in der Regel nicht weit auseinander­gewichen sind, ohne Rücksicht auf ihre Verletzung mit einer feinen
ocr page 624
COC Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Nadel (lurclisticht und mit einet' genügend Nervensubstanz fassenden Knopfnaht vereinigt; mehr als ein Heft kann für gewöhnlich nicht Platz finden. Das beste Nahtniaterial ist Katgut der kleinsten Nunnner und stehen jetzt auch die etwas seitlich abgeplatteten Nervennadeln Hage­dorns zur Verfügung.
Um die Nervenbündel durch die Nadolsticho nicht zu verletzen, hat Hüter die paraneurotische Naht empfohlen, welche nur das lockere Bindegewebe, das alle Nerven umgiebt, in die Knopfnaht hereinnimmt. Die Filden werden vor dem Knoten so angezogen, dass die Ränder und Enden gleichmässig agglutinieren können. Für empfindliche Tiere, besonders Hunde, wo oft grössere Verletzungen vorkommen, kann diese Naht ebenfalls angewendet worden. Antiseptische Weiter­behandlung ist absolut geboten.
Nervenimplantation. Hat ein grösserer Verlust vonNerven-substanz stattgefunden, so ist man in neuester Zeit auch durch Im­plantation eines fremden Nervenstückes vorgegangen, um den Defekt auszufüllen.
Gluck hat durch zahlreiche Tierversuche den Beweis geliefert, dass der Verlust eines Nervenstiickes durch Einnähen eines solchen von einem andern Tiere sehr gut ersetzt werden kann (Neuroplastik) und geschieht die Vereinigung durch die einfache Nervennaht, prima intentio ist aber Bedingung.
Es treten zunächst ganglide Zellen auf, welche schon nach drei Tagen den Axencylinder des zentralen Nervenstumpfes mit dem periphereu verbinden; in 8—10 Tagen erfolgt die Umwandlung in junge Nervenfasern und nach wenigen weiteren Tagen die Wiederherstellung der Leitung. Dabei bleibt es für das Ge­lingen des Nervenersatzes durchaus gleichgültig, ob das zu implantierende Stück nach oben oder unten gekehrt zum Einnähen kommt und bestätigt auch diese interessante Beobachtung, dass die Nervenfasern ein zweifaches Leitungsvermögen besitzen.
LXL Amputation der Grliedmassen,
Obgleich die Amputation (Abnahme eines Gliedes vom Rumpfe samt der knöchernen Grundlage) bei den Haustieren durchaus nicht schwierig auszuführen ist, so kommt dieselbe doch verhiiltnismässig nur sehr selten zur Ausführung, und man wird besonders bei den grösscren Haustieren seine Zuflucht zu dieser Operation blos in solchen Fällen nehmen, in denen die Erhaltung des Lebens für eine weitere Spanne Zeit aus ökonomischen Gründen wünschenswert erscheint.
Anzeigen. Die häufigste Veranlassung geben Quetschungen, starke Verletzungen an den Gliedmassen, Schusswunden, komplicierte Frakturen, besonders Splitterbrüchc und Zerrcissungen der Muskeln und Sehnen, geschwiirige Zerstörungen durch Eiterung und .Tauchung, seltener Brand, bösartige Knochenneubildungen, Erfrierungen, Verbren­nungen, überzählige Gliedmassen.
ocr page 625
LXL. Amputation der Gliedmassen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;007
Bei Pferden, welche bauptsächliob durch ihre Bewegungsorgane nützen, wird die Operation nur sehr geringen Wert haben oder nur speziellen wie bei wertvollen Zuchtstuten, wo sie auch heute noch geübt wird. In ähnlicher Weise verhält es sich auch bei den schlachtbaren Wiederkäuern, bei denen die Tötung der längeren Behandlung vor­zuziehen ist, wenn man es nicht etwa mit wertvollen Zuchttieren zu thun hat; im Übrigen kommen auch Amputationen eines Klauens vor, wodurch die Tiere wieder vollkommen leistungsfähig werden können, was namentlich aucb von Ziegen und Schafen gilt. Am meisten Vor­teile bietet endlich die Operation bei Hunden und Hauskatzen, ebenso bei dem Hausgeflügel und den Tieren in Parks, zoologischen Gärten u. s. w.
Geschichtliches. Die tierärztliche Littoratur weist eine grossero Menge gelungener Fälle und zwar bei sämtlichen Haustiergattungen auf und hat man dabei die Bemerkung gemacht, dass die Heilungen ungemein rasch und anstandslos vor sich gehen, bei Hunden und Kätzchen schon in wenigen Tagen, sowie dass die Tiere auffallend gut eine der Extremitäten entbehren können, was namentlich auch beim Getlügel zutrifft. In früheren Zeiten bat man von den Amputationen keinen Gebrauch gemacht, 1792 wurde die erste Beschreibung der Amputation des Vorder-fusses hei einer Kuh von Chaumontel veröffentlicht; erst in diesem Jahrhundert kam die Operation mehr in Aufschwung und Hess man sogar Stelzfüsse für die Amputierten anfertigen.
Die Amputation kann entweder in der Kontinuität eines Teiles vorgenommen werden, wobei die betr. Knochen durchgesägt werden müssen — Amputationen im engeren Sinn, oder es findet die Los-trennung in der Kontiguität statt, d. h. in einem Gelenke — Desarti-kulation, Enukleation. Letztere Methode widersteht der Heilung stets länger, denn bei den Kontinuitiilstrennungen lässt sich der Stumpf besser verwahren und auch rascher vernarben. Am meisten ist die Ab­trennung des Knochens nahe an den Epiphysen zu empfehlen.
Instrumente. Zu den Amputationen, welche in drei Akte, in die Ablösung, Blutstillung und Wiedervereinigung zerfällt, braucht man keine besonderen In­strumente, namentlich lassen sich die beim Menschen für die fleischigen starken Extremitäten gebräuchlichen langen und zweischneidigen Amputationsmosser ganz gut durch jedes stärkere Bistouri oder Skalpell ersetzen, dagegen ist ein Lorheerblattmesser sehr zweckmässig, für die Exartikulationen der letzten Zehenglieder seihst unentbehrlich. Ausserdem müssen bereit gebalten werden eine Knochensäge, der hämostatisebe Apparat (Pinzetten, Wundnadeln, Seide, Torsions­zange), Verbandzeug, verschieden grosse Plumasseaux 11. s. w.
Zur Vermeidung einer Blutung wird vor allem ein starkes Band, eine elastische Binde oder ein kräftiger Gummiscidauch fest um die Extremität gebunden, nachdem das Venenblut vorher mit den Händen gegen den Rumpf thunlicbst ausgepresst wurde. Grössere Gefässe, deren Lage der Operateur kennen muss, werden unterbunden, kleinere torquiert; findet man einzelne Gefässe nicht, da sie sich unmittelbar hinter dem Messer zurückziehen, so lüftet man leicht die äussere Kom-pressivschlinge, um dem jetzt stärker hervortretenden Blut nachgehen zu können. Bei den kleineren Tieren reicht der Handdruck oder die Digitalkompression völlig aus.
ocr page 626
308 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausführbar.
Die Operationsstelle richtet sicli ganz nach der Amputationslaquo; anzeige und golit man, wenn Qewebszerstörungen stattgeAinden haben, von (lein Prin zip aus, class der Stumpf so lang als möglich ausfalle und der Schnitt von der gesunden Stelle ausgehe; im Übrigen müssen Weich­teile hinreichend vorhanden sein, um den Knochen zu decken.
In den meisten Fällen wird man es mit der untern Hälfte der Gliedmassen zu thun haben, wo nur wenige oder keine Muskeln mehr vorhanden sind, und die Operation auch am leichtesten vollzogen werden kann. Chloroformnarkosen sind nur ausnahmsweise und bei ausge­sprochener Renitenz nötig, Hauptbedingung bleibt eine sichere Fixierung des zu trennenden Teils, sowie die nötige Assistenz.
Je nach der Operationsstelle und der zur Verfügung stehenden Haut zur nachherigen Bedeckung des Stumpfes hat man 3 Amputa-tionsmethoden, den Zirkelscbnitt, den Lappenschnitt und den ovalären Schnitt. Bei den Exartikulationen richtet man sich nach den besonderen Eigentümlichkeiten der betr. Gelenksverbindung.
Der zirkuläre Schnitt. Der die Extremität mit beiden Händen umgreifende Gehilfe muss die Haut zunächst stark zurückziehen, um nachher genügendes Deckmaterial zu besitzen. Nunmehr wird alsbald die Haut mit dem in die volle Faust gefassten Skalpell in einem Kreiszuge durchgeschnitten, ebenso die etwa noch anhängenden Teile der mit der Haut in Verbindung stellenden Faszien, so dass die darunter liegenden Muskeln und Sehnen frei zu Tage treten und am Bande der zurückgezogenen Haut jetzt ebenfalls und zwar durch einen tieferen Schnitt getrennt werden, worauf sie sich stark zurückziehen. Zuletzt wird tier Knochen möglichst tief in der Schnittstelle abgesägt, nachdem das Periost kreisförmig eingeschnitten worden ist (S. 104).
Nach dem Absägen lässt man die zurückgehaltenen Weichteile los, welche nunmehr eine trichterförmige Vertiefung bilden, in deren Grunde man die Sägefläche bemerkt und deren Bänder nach geschehener Beinigung und Desinfektion zur Bedeckung des Knochenstumpfes ein­geschlagen, aneinander gelegt und vernäht werden. Den Schluss bildet das Anlegen eines schützenden Verbandes.
Trotz der einfachen Beschaffenheit der Wunde kommt bei den Tieren die erste Vereinigung doch nur selten zu Stande, was indessen der Heilung keinen Eintrag thut, es muss jedoch der Eiterungs-prozess überwacht werden, um es nicht zu schlimmen Komplikationen (Eiterabsackung, Jauchebildung, Karies, Sequestrierung, Brand, Septi-ki'unie, Tetanus) konimcn zu lassen, die Behandlung geschieht daher streng antiseptisch. Drainierung ist bei richtig angelegten Nähten, wobei sich keine Taschen bilden können, ganz unnötig.
In dieser Weise können alle Amputationen bei den Tieren mit Leichtigkeit ausgeführt werden. Die Heilung wird wesentlich gefördert, wenn man dafür Sorge trägt, dass der Knochcustnmpf rasch durch Bindegewebskallus eingedeckt werden kann, zu welchem Zwecke man vermeidet, vor dem Absägen den Knochen von den ihn umgebenden Weichteilen loszutrennen, auch muss die Amputationsfläche stets die angegebene Trichterform zeigen. An der Haut selbst möglichst viel Weichteile zu lassen, um, wie man glaubt, einen gepolsterten Stumpf zu erhalten,
ocr page 627
LXI. Amputation der Gliedmasson.
609
ist ohne Wert, denn die Muskulatur (auch hei der Lapponamputation) atrophiert alshald. Em llaupterfordernis hei jeder Amputation ist ein SOharfsohneKilflea nicht zu Iturzes Messer.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; -
Der Lappenschnitt besteht darin, dass man, statt die Haut kreisförmig zu umschneiden, die untere Partie stellen lässt und aus ihr einen Lappen ausschneidet, gross genug, um mit ihm den Stumpf be­decken m können. Mau sticht daher an jeuer Stelle der Extreinitiit. an der der Knochen später durchgesägt werden soll, senkrecht in die Tiefe dicht an dem Knochen vorbei, worauf dann so nach abwärts und unter dem Knochen (angenommen bei wagerecht gehaltenem Messer) nach auswärts geschnitten wird, dass die untere Hautpartie stehen bleibt und zu einem Lappen formiert wird, dessen Ende nicht zu dünn, sondern stumpf sein soll.
Diese Amputationsmetliode cipnet sich inshesondere hei mehr muskulösen Teilen und kann auch durch Bildung zweier Lappen aus­geführt werden, welche sich sehr leicht und innig durch die Knopfnaht vereinigen lassen. liei antiscptisclien Kautelen kann der llaut-lappen von jeder heliehigen Seite am Fuss ge­nommen und vor dorn Annähen so zugeschnitten werden, dass er die Wundflftohe ringsum gleich-massig bedeckt.
Der ovale Schnitt unterscheidet sich von dem zirkulären und Lappen-schnitt dadurch, dass man da, wo später der Knochen abgesägt werden soll, nicht senkrecht in die. Tiefe sticht, sondern rechts und links unter einem spitzigen Winkel schief die Haut nach aussen und abwärts durchtrennt, so dass nachher deren Wundränder eine eiförmige Gestalt zeigen. Das Vernähen ist sehr leicht auszuführen und bilden dabei die ver­einigten Wundränder eine senkrechte ge­rade Linie.
Die Exartikulation wird ganz in derselben Weise vorgenommen, wie beim Zirkelschnitt angegeben wurde, nur müs­sen erst die Gelenkbänder mit dem Lor-Anbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;bnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;beerblattmesser, welches der nach
Fig. 338.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; der Fläche gekrümmten Schneide wegen
(Figur 338 y(. und B, siehe auch Seite 83) leichter zwischen die Gelenksenden ein­dringt, durchgeschnitten werden. Nachher werden die umgebenden Weich-teile ebenfalls über den Stumpf hergezogen und teils durch Knopfnfthte, teils durch Binden befestigt, wenn sich letztere anbringen lassen. Der Verband wird alle 2—3 Tage gewechselt.
Hering'laquo; Oponvtionslchre. IV. Aufl.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;oq
ocr page 628
010 Zweite Haupt-Abteilung: Operationen, nur an bestimmten Teilen ausfi'ilirbar.
Nach Yollendeter Heilung kann man den verloren gegangenen Teil der Ex-tremitiit durch einen je nach dem Einzelfalle improvisierten (hölzernen) Stelzfuss zu ersetzen versuchen, wie dies wiederholt mit gutem Erfolge geschehen ist.
Amputation einer Klaue. Bei der aplitliösou Klauenseuclio der Itiiuler sowohl, als dem rauaritiuiu dieser Tiere, der Klauonspalt-entzündung und der bösartigen Klauenseuche, wie sie besonders bei (veredelten) Schafen vorkommt, treten phlegmonöse, um sich fressende Entzündungen der Weiclltelle auf, die nicht blos zur Lockerung und Untermiiuerung der Klauen führen können, sondern auch zu jauchigen und brandigen Zerstörungen der Bänder und Knochen, sowie zu Er­öffnung der Gelenke, wenn das Übel vernachlässigt, nicht von sach­kundiger Hand in Behandlung genommen und namentlich wenn nicht von dem Messer frühzeitig ausgiebiger, schonungsloser Gebrauch ge­macht wird.
Die genannten Exulcerationsprozesse kommen seltener zwischen den Klauen oder am Ballen vor, zumeist vorne am Klauenspalt, auf der Krone (Zehenpanaritium) und ist die Verschwörung der von der Klaue eingeschlossenen Weichteile öfters schon eingetreten, bevor sie i\m Klauenspalte in die äussere Erscheinung tritt, häutig bleibt daher nichts anderes mehr übrig, als zur Amputation der betr. Klaue zu schreiten. Auf diese Weise gelingt es, die Tiere nicht nur am Leben zu erhalten, sondern sie auch zu Milch-, Mast-, Zug- und Zuchtzwecke weiter brauchhar zu machen.
Die Operation besteht je nach den vorgeschrittenen Gewebs-zerstörungen teils in der Exartikulation im Krön- oder Klauenbein-gelenk, teils in der Abtragung des betreffenden Fessclbeins.
Häufig lässt sich der Operationsmodus erst nach dem Entfernen des Horns, dem Einschneiden der Haut oder eines Gelenks naber feststellen und kann auch hienach das weitere Vorgehen schwierig werden, immer muss jedoch alles kranke Gewebe gründlich beseitigt und zunächst, wenn die Klaue unterminiert ist, der ganze Hornschuh abgetragen werden und gilt es als Grundsatz, vom gesunden Horn eher zu viel abzulösen, als von dem kranken etwas stehen zu lassen, die Repro­duktion erfolgt immer sehr rasch. Ist freilich die Krankheit weit vorgeschritten und leiden mehrere Füsse oder sind die Tiere schon sehr heruntergekommen, ist es vorteilhafter, auf jede radikale Heilung zu verzichten und das Schlachten vor-zuziehen. Die Amputation ist schon in zahlreichen Fällen (insbesondere auch bei Schafen und in Norddeutschland) mit Erfolg ausgeführt worden und verdankt man in erster Linie Harms ausführlichen Mitteilungen über dieselbe.
Wenn nur das Klauenbein betroffen ist, so schneidet man, nachdem das Horn unterhalb der Krone entfernt worden, auf die Klauen­iederhaut ein, eröffnet das Gelenk und nimmt die Dcsartikulation in der Weise vor, das soviel als thunlich der Ballen erhalten wird. Die Bedeckung der Wundtläche erfolgt lediglich durch einen Theerverband, der erst nach 1 —2 Wochen öfters erneuert zu werden braucht und die weitere Heilung erfahrungsgemäss ganz für sich allein besorgt.
Ist die Erkrankung bereits bis zur Eröffnung des obern zweiten Gelenks vorgeschritten, so schreitet man unbedingt zur Am­putation, bei welcher die Haut am Fessel zur Bedeckung des Stumpfes heranzuziehen ist.
ocr page 629
LXI. Amputation der üliedmassen.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Oil
Mit Rücksicht hierauf wird die Haut auf der dem Klauenspalt gegenüber liegenden Seite von der Krone ab bis über das Fesselgelenk hinauf gespalten und in entsprechendem Umfang von der Knochenunter­lage abgehoben. Dann sägt man das l'esselbein in schräger Richtung von oben nach unten nach dem Klauenspalt ZU durch, schneidet mit der Scheere alles lose Gewebe weg, heftet die Haut mittelst Knopfnaht und entfernt zuletzt die etwa vorstehenden Ränder.
Der Verband geschieht ebenfalls sehr zweckmiissig durch flüssigen Birkentheer, denn er braucht erst nach 14 Tagen entfernt zu werden und vollzieht sich die Heilung, wenn von jetzt ab die Wunde möglichst aseptisch gehalten wird, fast ganz ohne Eiterung überraschend schnell.
Amputation des Flügels. Bei dem Hausgeflügel oder bei Schmuck- und Parkvögeln kommen hie und da chirurgische Erkrankungen am Flügel vor, wie namentlich Gelenkentzündungen eitriger oder gich­tischer Art, Verletzungen, Paresen und vollständige Lähmungen, welche in letzter Instanz die Amputation oder Auslösung eines Teils des Flügels in einem Gelenke notwendig machen.
Die Exartikulation tindet in einem der Flügelgelenke statt, meist in der Verbindung des Ellenbogenbeins mit dem Mittelhandknochen, also im Karpealgelenke, selten zwischen Arm- und Vorarmbein weiter oben. Nach dem Zirkelschnitt werden die Sehnen und Bänder mit der Kapsel eingeschnitten, die vorher zurückgehaltene Haut wird über den Knochenstumpf hergezogen und mit der Knopfnaht vereinigt.
Die Amputation erfolgt ebenfalls in keiner andern Weise, als wie bei den Vierfüsslern. Adam trennte bei Schwänen, welche an hereditärer Flügellähmung litten, die Mittelhandknochen etwas unterhalb des Karpealgelenkes, indem er nach dem zirkulären Einschnitt und der Trennung der Seimen die hier vereinigten Metakarpalien mittelst einer Knochensäge abtrug und nachher einen Verband mit Karboljutebauschen anlegte. l3ie Blutung ist ohne Bedeutung.
—S-HHh-
,-
ocr page 630
ocr page 631
ocr page 632
quot;ü
o $ $ J.
#9632;
ocr page 633
.
ocr page 634
ocr page 635
gt;*
ocr page 636
^-.
gt; *#9632;% ,
^ 1
^,.^
^V':-
gt;'
•^^ f ^,
* ,*r
, ^
^ ^V