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Cilff
Geschichte
der
Rinderpest und ihrer Literatur.
Beitrag zur Geschichte der vergleichenden Pathologie
Dr. med. W. Dieckerhoff,
Professor an dor thiorilrztliclion Hochschule zu Berlin.
;.
1 - ^gflOtKjtf
Berlin 1890.
Vorlag1 von T h. Chr. Fr. E n s 1 i n. (Richard Schootz.)
Lutsenstrasso No. lift.
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Festgabe.
Der Köniaiichen tliierärztlicheu Hochschule
zu
Berlin
am Tage ihrer Hundertjahrfeier 31. Juli 1890
dargebracht
Verfasser.
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Vorwort.
Vollständige historische AbharuUuug'on über dio Krankheiten der IlausÜiioro sind bishor nicht bearbeitet worden. Die in einigen älteren Workon befindlichen Mittheilungen über die Geschichte der Thierkrauk-heiten bringen den Entwickelungsgang der wissensohaftliohen Arbeiten aus dem Gebiete der spcciellen Pathologie nicht genügend zur An­schauung.
Wenn der gegenwärtigen Generation nicht ohne eine gewisse Bo-rochtigung zum Vorwurf gemacht wird, an der Geschichte der Natur­wissenschaften und insbesondere auch an dem allmählich erfolgten Ausbau der Krankheitslehre, ihrer empirischen Begründung und den im Laufe der Zeit hervorgetretenen Wandlungen und Irrthümern in der Behandlung der wichtigsten Thierkrankheiten kein Interesse zu nehmen, so lässt sich nicht ohne Grund entgegnen, dass es an geeigneten histo­rischen Werken fehlt. Bei der mehrfach unternommenen compendiöseu Darstellung einer Geschichte der Thierhoilkundo haben die Verfasser entsprechend ihrem Arbeitsplan den theoretischen Zusammenhang zwischen den älteren und neueren Ansichten über die Natur der Krankheiten nicht erläutert. Einen praktischen Erfolg kann die Geschichte der speciellen Pathologie nur haben, wenn die Darstellung sich auf bestimmte Krankheiten beschränkt und deren wissenschaftliche Erforschung durch | die Autoren, sowie ihre nachtheiligen Folgen für die Volkswohlfahrt und die Versuche zu ihrer Bekämpfung in chronologischer Anordnung des Materials zum Vortrag bringt.
Keine zweite Krankheit der Hausthiere hat einen gleich grossen Einfluss auf die Begründung der thierärztlichen Wissenschaft gehabt, als die Rinderpest. Es lag daher nahe, die Geschichte dieser Seuche nach eingehenden Quellenstudien in der vorbezeiohneton Richtung einer Be­arbeitung zu unterziehen. Den äussoron Anlass zur Abfassung dos
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Buclios g'ab dor Fosttag der hiesigon tliiorärztlichün iloohschulo, woloho 100 Jahre hindurch in Ehren und mit Erfolgen dein Unterricht und dor Wissenschaft der Thierärzto, sowie der Veterinär-Vorwaltung dos Preussischen Staates gedient hat. Es gewährt mir eine besondere Be-iViedigung, der Hochschule, an deren Aufgaben ich mitzuwirken berufen bin, zu ihrem Ehrentage das Buch als ein Zeichen meiner Anhänglichkeit widmen zu können.
Dass ich in der historischen Behandlung der von den Autoren vertretenen Lehren die Gründe und Gegengründe abzuwägen verpflichtet war, ist nach der ganzen Anlage des Buches selbstvertiindlich. Aber ich habe nie übersehen, dass die in der Literatur hervorragenden Manner sich durch ihre verdienstvollen Arbeiten zur Erforschung der Rinderpest einen gerechten Anspruch auf Anerkennung erworben haben und dass die in ihren Werken vorkommenden Irrthümer durch die Unvollkommonheit der Wissenschaft und der staatlichen Einrichtungen mitversohuldet gewesen sind. Den Masstab für die historische Kritik darf nur die Wissenschaft in des Wortes bester Bedeutung abgeben.
Ich habe den Wunsch, dass das Buch, in welchem ich den leitenden Einfluss alter und neuer Theorien auf die Versuche zur Bekämpfung der Rinderpest anschaulich zu macheu und die wissenschaftlichen Ver­dienste der Autoren nachzuweisen bestrebt war, die Neigung zu geschicht­lichen Studien anregen und fördern möge. Auch für die Mitglieder dos thiorärztliohen Berufes ist die historische Behandlung der Krankheits­lehre ein Bildungsmittel von hervorragendem Werthe, Je eingehender die Thierärzte von den Arbeiten, welche den gegenwärtigen Standpunkt in der Beurtheilung und Behandlung der Seuchenkrankheiten und ins­besondere der Rinderpest vorbereitet und gesichert haben, Kenntniss nehmen, um so leichter werden sie in ihrem oft schwierigen Berufe einem Irrthum vorbeugen können.
Der Vorlagshandlung, welche dem Buche aus Anerkennung für die llochschulo, an deren Ehrentage die Ausgabe erfolgt, eine glänzende Aus­stattung gegeben hat, sage ich auch an dieser Stelle verbindlichen Dank.
Berlin, im Juli 1890.
Der Verfasser.
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Inhalt.
Seite
Einleitung........................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;1— (!
Litoraturvorzoichniss..................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;1
Erster Thoil:
Dio iiltoro Goschichto dor Rindorpost bis zum Beginn des 18. Jahr­hunderts .....................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;7—86
Litoraturvorzeichniss..................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;7
Zweiter Theil:
Geschiehte der Rinderpest von 1710—1816.........nbsp; nbsp; nbsp;41—181
Literaturvorzoichniss..................nbsp; nbsp; nbsp;37— 41
Dritter Theil:
Geschichte der Rinderpest von ISlfi—185Ü.........nbsp; nbsp; 182-195
Literaturverzeichniss..................nbsp; nbsp; 182
Vierter Thoil:
Geschichte der Rinderpost von 1850 bis zur Gogonwart ....nbsp; nbsp; 19G—202
Literaturverzeichniss..................nbsp; nbsp; 19ü
Sachliche Nachweisung'en.................nbsp; nbsp; 263
Namenregister......................nbsp; nbsp; 265
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Einleitung.
3.
4. 5.
Literatur.
J, G. Krünitz. Verzeichniss der vornehmsten Schriften von der Viehseuche. Leipzig 1767.
J. C. G. Henzon. Entwurf eines Verzeichnisses veterinärischer Bücher etc. Göttinnen und Stemlal 1781. Plank. Almanach. München 1834.
W. Engolmann. Bibliothoka veterinaria. Leipzig- 1843. G. B. Ercolani. Ricercho storico-analitiche sugli Scrittori di Veteri­naria. Torino 1851.
Die wenigen Autoren, welche die Geschichte der bei unseren Haus-thieren auftretenden Seuchen zum Gegenstande ihrer Untersuchungen gemacht haben, gelangen einmüthig zu dein Schlüsse, dass die Zeit des Ursprungs der Seuchenkrankheiten sehr wahrscheinlich mit der Ent­stehung der Hausthiore und ihrer Verbreitung auf der Erde zusammen­fällt, Uirectc Beweise für diese Annahme werden zwar niemals erbracht werden können, weil die erste Nutzbarmachung der Hausthiere im Dienste der menschlichen Kultur einer vorhistorischen Zeit augehört. Allein die vielen Versuche, die man an der Hand der medioinisohen Systeme ge­macht hat, um die Bildung der Contagien aus den Wirkungen physika­lischer und chemischer Kräfte abzuleiten, können nach den gegenwärtigen Resultaten der wissenschaftlichen Forschung als vollkommen gescheitert betrachtet werden. Die schon vor mehr als -200 Jahren ausgesprochene Vermuthung, dass die Contag'ien belebte Wesen seien, ist durch die vielen mühsamen Untersuchungen der neuem Zeit für die wichtigsten 'Thierseuohen fest begründet worden. Es ist unzulässig, für diese Seuchen­krankheiten, zu denen auch die Rinderpest gehört, eine Generatio spon-tanea der Contagien, d. h. eine Entstehung derselben aus der Wirkung physikalischer oder chemischer Kräfte auf den thierischen Organismus zu behaupten. Auch die Contagien haben ihre fortlaufende Generation und bei einer vorurtheilsfreien Beobachtung ihrer Wirkungen lässt sich nicht verkennen, dass sie nicht blos ihre characteristischen Eigenschaften fortpflanzen, sondern dass die auch innerhalb gewisser Grenzen einer
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g Variabilität dieser Eigenschaften analog1 den höher entwickelten Formen der orivanischen Schöpfung fähig sind. Hierin liegt es begründet, dass ein und dieselbe Scuohenkrankhoit in ihrem generellen Character während des Herrschens zu bestimmten Zeiten graduelle und quantitative Verschie­denheiten aufweisen kann. Die Contagien bilden als speoiflsche Ursachen die Einheit der Seuchenkrankheiten und niemals wird beobachtet, dass aus einer ansteckenden Krankheit durch besondere Metamorphose des Contagiums eine zweite Seuche entstände; etwa aus der Aphthonseuche die Rinderpest, wie im vorigen Jahrhundert irrthümlioher Weise oft be­hauptet worden ist.
Beurlheilt man den Ursprung der Rinderpest nach diesem empirischen Gesichtspunkt, so ist evident, dass bevor die Rinderpest an einem Orte ausbrechen konnte, zuerst ihre speeifische Ursache (das Contagium) entstanden sein musste. Das Contagium besteht aber aus einem belebten pflanzlichen Organismus und da bis jetzt durch die wissenschaftlichen Untersuchungen die spontane Entstehung selbst der einfachsten belebten Organismen (der Mikrokokken) noch nicht hat erweislich gemacht werden können, so ist wahrscheinlich das organische Substrat des Rinderpest-Contagiums schon gebildet gewesen, als die gegenwärtige Schöpfung auf der Erde ihren Abschluss fand. So gut wie heute das Contagium der Rinderpest aus der Fäulniss organischer Substanzen, aus chemischer oder physikalischer Kraft, aus kosmischen oder tellurischen Einflüssen nicht mehr entsteht, kann dasselbe auch vor 3000 Jahren nicht durch solche Factoren geschaffen sein.
Wenn hiernach die Rinderpest unzweifelhaft eine alte Krankheit ist, so sind uns doch aus der Geschichte der alten Kulturvölker keine sicheren Nachrichten von ihren Verheerungen überliefert worden. Es fehlte im Alterthum an jeder genauen Kenntniss der Symptome, durch welche sich die Seuchen und Heerdenkrankheiten der Hausthiere unterscheiden, und es war daher natürlich, dass jede Krankheit, durch welche eine grössere Zahl von Thieren zu Grunde ging, als Seuche (Pestilenz) gedeutet wurde. Hier­zu kommt, dass die Kulturvölker des Alterthums und des Mittelalters durch religiöse Vorurtheile und durch ihren tief eingewurzelten Hang an aber­gläubischen Vorstellungen von joder Erkenntniss der natürlichen Ursachen der Seuchen abgehalten wurden. Die schwere Schädigung des Wohl­standes durch derartige Krankheiten erschien den Völkern als ein unmittel­bares Eingreifen •#9632;•#9632;ler Gottheit und als eine Bestrafung für vermeintliche Sünden. Aus demselben Vorurtheil wurden die Untersuchungen kranker Thiere für unschicklich gehalten und die Sectionen menschlicher oder thierischer Leichen wie die schwersten Verbrechen geahndet. Kaum be­darf es einer Andeutung, dass unter solchen Verhältnissen die alten 1 listoriker durch eigene Anschauung ein Urtheil von der Natur der Seuchenkrankheiten nicht erlangt haben. Sie waren im Allgemeinen dar-
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auf angewiesen, die Polgen, welche die Verheerungen der Viehseuchen für den Volkswohlstand hatten, zu vermerken. Bedenkt man, dass in der alten Zeit noch mehr, als in der Gegenwart die Erlangung sicherer Thatsachen über die Natur der Seuchen ein zeitraubendes und mühevolles Geschäft sein musste, so wird man nicht fohl urtheilen in der Annahme, dass die spär­lichen Nachrichten, welche uns aus dem Alterthum über die Erschei­nungen der Seuchen überliefert sind, grösstontheils auf allgemeinen Mit-theilungen aus dem Volke beruhen. Hierdurch wird es erklärlich, dass in diesen Nachrichten Wahres mit Falschem vermischt ist und dass ins­besondere die Volkskrankheiten der Menschen und die Heerdenkrank-hoiten der Thiere oft als ein und dieselbe Seuche angesehen werden.
Aus der mehr als tausendjährigen Zeit des Mittelalters, in welcher bei den christlichen Völkern in Folge einer falschen religiösen Erziehung jede Neigung zu wissenschaftlichen Beschäftigungen gewaltsam unter­drückt wurde, sind über das Herrschen der Seuchenkraukheiten bei den Hausthieren nur wenige zuverlässige Andeutungen erhalten geblieben. Auch sie leiden im Allgemeinen an derselben Unklarheit, wie die Nach­richten aus dem Alterthum. Während die letzteren noch theilweise von der Theorie der grossen Philosophen und Aerzto des alten Griechenlands durchdrungen sind, ermangeln die Angaben aus dem Mittelalter aller Be­weise eines selbstbewussten Denkens der Verfasser. Die Geschichte der durch die Viehseuchen verursachten Verheerungen in der Zeit des Mittel­alters kann nicht studirt werden ohne die Empfindung eines gewissen Mit­leids darüber, dass die Autoren nicht im Stande gewesen sind, durch sorgfältige Beobachtung der Krankheitssymptome eine Trennung zwischen den zahlreichen und häufig vorgekommenen Heerdenkrankheiten zu be-Avirken. Aber in dieser traurigen Zeit des verblendeten Obscurantismus galten die Untersuchungen kranker, und mehr noch die Sectionen gestor­bener Thiere für ein unwürdiges Geschäft, durch dessen Vornahme Jedermann der Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft verlustig ging. Wahrscheinlich sind im Mittelalter die Invasionen der Rinderpest in die westeuropäischen Staaten häufiger und ihre Verheerungen weit bedeutender gewesen, als aus den Chroniken ersichtlich ist.
Durch die Arbeiten auf dem Gebiete der Medicin und der Natur­wissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Bahn zu einer neuen Zeit geebnet. Als zu Anfang des 18. Jahrhunderts die Kinderpest fast gleichzeitig in den österreichischen und preussischen Ländern, sowie in Italien zum Ausbruch kam, beeilten sich sofort die namhaftesten Aerzte, sich eine genauere Kenntniss von der Natur und dem Wesen der Seuche zu vorschaffen. Erst mit dieser Zeit beginnen die pathologischen Unter­suchungen über die llinderpest. Die vielen Kriege dos 18. Jahrhunderts und die mangelhafte Bekämpfung der Rinderpest waren die Veranlassung ihrer Ausbreitung über fast alle Staaten Europas. In den ungemein zahl-
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reichen Schriften, welche in dieser Zeit über die Rinderpest verfasst wurden, giebt sich das edelste Streben kund, wirksame Mittel ausfindig' zu machen, um die Nationen von der furchtbaren Gcissel zu befreien. Neben der irrthümlichen Meinung-, dass die Seuche mit den verschiedensten arzneilichen und chirurgischen Kuren präventiv und radikal geheilt werden könne, wird die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf die in Europa kaum be­kannt gewordene Thatsache gelenkt, dass durch die Einimpfung des Pocken-contagiums bei Menschen die Pockenseuche mit einem milderen Verlaufe und mit vollkommenem Schütze gegen eine neue Infection erzeugt werden kann. Zum Schulze gegen die Rinderpest wird die präventive Einimpfung des Contagiums bei gesunden Thieren empfohlen. Thierärztliche, ärztliche und landwirthschaftliche Sachverständige bemühen sich mit einer aner-kennenswerthen Ausdauer und mit einem nicht geringen Aufwände von Geldmitteln, in dieser Richtung Erfahrungen zu sammeln. Die Munificenz wohlwollender Fürsten und der Eifer pflichttreuer Regierungen begün­stigen die Gelehrten in ihren Untersuchungen über die Seuche. Ueborall werden Beobachtungen gemacht und Versuche angestellt, um eine bessere Einsicht in das Wesen der Krankheit und in die Bedingungen ihrer wirk­samen Bekämpfung zu erlangen. Zahlreiche Publikationen über die Rinder­pest bieten das Mittel zum Austausch der Gedanken: sowohl der strengquot; wissenschaftlich gehaltenen Gutachten als der trivialsten Meinungen. Für die Praxis resultirt aus derselben schliessiich nur die Erkonnlniss, dass die Localisirung der Seuche mit der Vernichtung- dos Ansteckungsstoffs das einzige Mittel zu ihrer Ausrottung ist. Mit der Beendigung der grossen europäischen Kriege im zweiten Decennium des 19. Jahrhunderts erlischt die Rinderpest momentan in den westeuropäischen Staaten, in denen sie über 100 Jahre geherrscht hatte und für die meisten Nationen, beson­ders aber für das deutsche Volk eine der furchtbarsten Landplagen ge­wesen ist.
Nachdem mit dem Abschluss des Friedens im Jahre 1815 und mit der Förderung der inländischen Viehzucht die Einfuhr von Rindvieh aus den südöstlichen Ländern Europas sich verringert hat, werden die Invasionen der Rinderpest seltener. Der preussische Staat hatte mit dem Schütze seiner langgestreckten östlichen Landesgrenze die Aufgabe übernommen, das ganze westliche Europa vor der Einschleppung der Rinderpest zu bewahren. Nicht umsonst sind für die pfliebtbewussto Regierung Preussens die Erfahrungen der Vergangenheit gemacht. Mit fester Hand überwacht sie die Einfuhr von ausländischem Rindvieh, welche von zuverlässigen Beamten beaufsichtigt wird. Dio schon im 18. Jahrhundert errichteten thierärztlichen Lehranstalten, denen jetzt eine erweiterte Fürsorge Seitens der Staats-Verwaltungen zu Theil wird, bewirken die Ausbildung geeig­neter thierärztlicher Sachverständiger. Von den letzteren wird durch die sorgfältige Beschreibung der wichtigsten, bei den Rindern vorkommenden
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inneren Krankheiten die Diagriostik und damit zugleich eine der wich­tigsten Bedingungen für die schnelle Unterdrückung der Kinderpest ge­fördert. Die Pathologie der Rinderpost erhält durch häufige Beobachtung dos Krankhoitsverlaufs wichtige Bereichorungon. Aber die Autoren be­finden sich unter dem Einflüsse der aprioristischen Voraussetzungen, welche die medicinischen Schulen und Systeme in der ersten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts beherrschen. Der Lehrsatz, dass es ohne „plastisches Exsudatquot; keine Entzündung der Gewebe gebe; die Phrase, dass die Rinderpest ein „Typhusquot; und mit dem Abdominaltyphus des Menschen identisch oder verwandt sei; endlich die Befriedigung, welche die modicinisehen Schulen in der blossen Umschreibung wissenschaftlicher Controverson finden: werfen ihre Schatten über die literarischen Pro-ductionen dieser Zeit und behindern die Fachmänner an der richtigen Fragestellung für ihre Untersuchungen.
Um die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts gelangen die Arbeiten Virchow's, die eine neue Richtung der Pathologie einleiten, schnell zur Anerkennung. Die Aufdeckung bisher unbekannter pathologischer Zu­stände, die kritische Sichtung des Materials und die Combination der Untersuclumgs-Ergebnisse zu fassbaren Theorien bedingen auf vielen Ge­bieten der Pathologie eine durchgreifende Reform. Fast beispiellos in der Geschichte der Medicin sind die Erfolge Virchow's als Lehrer und als Schriftsteller. Die grosse Zahl seiner Schüler und Zeitgenossen ist mit rastlosem Pleisse bemüht, den von ihm begründeten Ausbau der Pathologie zu einer selbständig-on Naturvvissenschafc zu fördern. Auch für die Thierkrankheiten wird eine bessere Einsicht in die pathologisch-anatomischen Prooesse durch thafsächliche Untersuchungen angebahnt. Die Gelegenkeit, die sich den thierärztlichen Autoren Russlands durch das fortdauernde Herrschen der Rinderpest und den westeuropäischen Fachmännern durch die folgenschweren Invasionen der Seuche bietet, wird zu Untersuchungen und Versuchen benutzt, um für die complicirten Proccsse der Pest einen sicheren empirischen Untergrund zu gewinnen.
Durch den Ausbau der Eisenbahn im russischen Reiche wird der schnelle Transport vom Rindvieh aus dem südlichen europäischen und asiatischen Russland erleichtert und die Gefahr einer Einschleppung der Seuche in die westeuropäischen Staaten vergrössort. Die Invasion der Rinderpest in England und Holland; der Skopticismus, mit welchem in diesen beiden Ländern die Erfahrungen des 18. Jahrhunderts beurthoilt werden und die Nichtbefolgung des Grundsatzes der Localisirung der Seuche sind die Ursache von ungeheuren Verlusten an Rindvieh. Noch einmal werden auf diese Weise und in einer nicht erwarteten Ausdehnung den civilisirten Nationen die schworen Nachtheile, welche die Rinderpest dem Privatvermögen der Viehbositzer und dem Nationalvermögen eines ganzen Volkes zufügen kann, zur Anschauung gebracht.
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Durch die schnelle BelörderuQg der Viehtransporte mittels der Eisen­bahnen erscheinen auch in Friedenszeiton die mittleren und westlichen Landestheilo Deutschlands, die sich bis dahin vollständig- sicher fühlten, der Gefahr einer Einschleppung der Rinderpest ausgesetzt. Im Gefolge des deutsch-französischen Krieges (1870 und 1871) und mehr noch des russisch-türkischen Krieges (1878) erlangt die Seuche wiederum eine grosse Verbreitung und von Neuem bestätigt sich die uralte Erfahrung, dass kein grosser und langer Krieg in Europa geführt werden kann, ohne dass mit dem Schlachtvieh für die Armeen auch die Rinderpest in Gebiete, denen sie fremd ist, verschleppt wird.
Aus den generellen Andeutungen die ich im Vorstehenden von der Literatur der Rinderpest gemacht habe, folgt, dass sich für die kritische Geschichte derselben zweckmiissig grössero Zeiträume unterscheiden lassen. Das Motiv für diese Trennung finde ich ausschlicsslich in der Tendenz der wichtigsten Schriften. Ich unterscheide hiernach in der Literatur-Geschichte der Rinderpest: I. die vorchristliche und nachchristliche Zeit bis zum Beginn des
18. Jahrhunderts; II. die Zeit des 18. Jahrhunderts, oder genauer von 1710 bis 1816;
III.nbsp; nbsp;die Zeit von 1816 bis 1850;
IV.nbsp; nbsp;die Zeit von 1850 bis zur Gegenwart.
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Erster Theil.
Die ältere GrescMcMe der Rinderpest bis zum Beginn des achtzehnten Jahrhunderts.
Literatur.
1.nbsp; nbsp; Lessen over de thans zweevcndo Voesteri'te, door Petr. Camper, te Leeuwarden 1769.
Vorlesungen über das heutige herumgehende Viehsterben von Peter Camper. Aus dem Holländischen übersetzt von J. C. Lange. Kopenhagen 1771.
2.nbsp; nbsp;Reclierches historiques et physiques sur les maladies cpiqootiques, avec les moyens d'y remedier dans tous les cas. Pnbliees par ordro du roi. Par Mr. Paulet, Doct. en medec. ä Paris 1775.
Beyträge zu einer Geschichte der Viehseuchen elc. Nach dem Französischen des Herrn Paulet, Doctors der Arzneikunde zu Mont­pellier. Mit Anmerk. und Zus. herausgegeben von Georg Ludwig Rum polt, Churf. sächs. Hofchirurgus. Dresden 1776.
3.nbsp; nbsp; Chronik der Seuchen, in Verbindung mit den gleichzeitigen Vorgängen in der physischen Welt und in der Geschichte der Menschen von Dr. Friedrich Schnurrer. 2 Theilo. Tübingen 1823 und 1825.
4.nbsp; nbsp; Untersuchungen über die Rinderpest von C. J. Lorinser. Berlin 1831.
5.nbsp; nbsp;Recherches de Pathologie compareo par Dr. Charles Frederic Heu singer. Cassel 1847.
Ob die Rinderpest im Orient während des zweiten Jahrtausends vor Christus geherrscht hat, liisst sich nicht feststollen. Die berühmte Stolle im zweiten Buch Moses, Kap. 9 V. 3 handelt von „einer schweren Pesti­lenz, die über Pferde, Esel, Kameele, Ochsen und Schafe kommen sollquot; und im 9. und 10. Verse heisst es, dass über ganz Egypten „böse, schwarze Blatternquot; an Menschen und Vieh aufgefahren seien. Von den Autoren ist diese Stolle oft dahin gedeutet worden, dass in Egypten der Milzbrand als eine sowohl über die Menschen wie über die verschiedenen Gattungen der Hausthiere gloichmässig verbreitete Seuche bekannt ge­wesen sei. Nach meiner Ansicht ist dies ebenso willkürlich, als die Auf-
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gäbe überhaupt müssig' ist, die Art der hier gemeinten Scucheiikrank-heiten zu bestimmen. Natürliche Gründe sprechen dafür, dass zu jenen Zeiten im Orient bei Menschen und Thieren mehrere raquo;Seuchen geherrscht haben und es ist nicht unwahrscheinlich, dass unter diesen die Pocken der Menschen und die Schaf'pocken (Ignis sacer der späteren Zeit) eine besondere Rolle spielten. Thatsächliob lässt sich indess aus den litera­rischen Quellen des alten Testaments kaum etwas mehr entnehmen, als dass die alten Kulturvölker geneigt waren, die Krankheiten der Haus-thiere mit den Krankheiten der Menschen in Vergleich zu bringen und dass die Thierseuchen neben den Krankheiten der Menschen, den grossen Heuschrecken-Schwärmen und der anhaltenden Dürre zu den grössten Heimsuchungen gezählt wurden.
Unter der Regierung des Königs Laomedon stellte sich in Troja eine Pest bei Menschen und Thieren ein. Die Beschreibung, die Seneca (Oedipus) von diesen Krankheiten giebt, beweist wenigstens — wie Heu-singer 1. c. Vol. II p. GXXIX meint — dass der Dichter eine gute Kennt-niss derselben hatte. Eine bestimmte Krankhoitsform ist aber aus der Rcschreibung nicht zu erkennen.
Mit Ausnahme von Aristoteles und Oolumell a erzählen die römischen und griechischen Schriftsteller aus dem ersten Jahrtausend vor Christi Geburt das Auftreten der Thierseuchen nicht mit der erforderlichen Ob-jectivitiit, um ihre Angaben auf die Rinderpest beziehen zu können. Die „Pestquot; (das „Sterbenquot;) der Menschen erscheint zu wiederholton Malen in Griechenland und Italien. Nichts ist natürlicher, als dass bei dem Mangel jeglichen anatomischen und physiologischen Wissens zwischen den zu der­selben Zeit in grösserer Verbreitung auftretenden Krankheiten der Haus-thiere und der Pest der Menschen eine Identität angenommen wird. Die Krankheitsursache hat nach der Meinung der Autoren eine flüchtige Natur imd verbreitet sich mit der atmosphärischen Luft auf die Menschen, die Ilausthiere und selbst auf die wilden Thiere. Von allen Thier-gattungen wird hervorgehoben, dass die Seuche einen perinciösen Ver­lauf genommen habe. Will man nicht annehmen, dass diese Mitthoilungen ohne einen thatsächlichen Anhalt gemacht sind — und hierzu hat Nie­mand ein Recht — so kann von den Hausthicren nur vorausgesetzt werden, dass dieselben von verschiedenen Seuchen befallen worden sind. Irrthümlioher Weise bat sieb in der thierärztlichen Literatur die Meinung eingebürgert, dass die Thierseuchen, von welchen die alten römischen Schriftsteller berichten, sämmtlich in dem Milzbrande und seinen ver­schiedenen Formen bestanden hätten. Stichhaltige Gründe giebt es für diese Ansicht nicht. Denn die Möglichkeit, dass der Milzbrand auf alle Hausthiergattungen übertragen werden kann, ist noch kein Beweis, dass dieselben sämmtlich zu ein und derselben Zeit vom Milzbrand heimge­sucht worden sind. Ich kann nicht einsehen, dass der Milzbrand im
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Altertliuin anders aufgetreten sein soll, als in der Gegenwart. Es fehlt daher an einem hinreichenden Grunde, um die in der vorchristlichen Zeit beobachteten Seuchenkrankheiten der Thiere ausschliesslich auf den Milzbrand zurückführen zu können.
Nach Pelagonlus1) war den alten Thierärzton bekannt, dass die Pferde von einer ansteckenden Seuche (Aoiao?, Pestfs, Lues pesti/era) befallen wurden. Es scheint die „afrikanische Pferdepestquot; gewesen zu sein.
Die Schafe gingen nachVorgil, Plinius, Celsus und Columella an der Räude und am „heiligen Feuerquot; (Igm's sacer) zu Grunde. Mit letzterem Namen scheinen mehrere Krankheiten der Schafe bezeichnet worden zu sein. Ich bin nicht der von Faulet zuerst vertretenen An­sicht, welcher die meisten späteren Autoren gefolgt sind, dass der „Ignis sacer^1' der römischen Scriptorcs rei rusticae in einer erysipelatösen Milzbrandform der Schafe bestanden habe. Denn der Milzbrand der Schafe ist, abgesehen von den Fällen einer Einimpfung, nicht von Schwellungen der Haut begleitet. Wahrscheinlich sind mit „ Ignis sacerquot; oft die Pocken der Schafe gemeint worden. Hierfür spricht auch folgende Bemerkung Golumella's.2)
Est etiam insanabilis sacer ignis. Das heilige Feuer ist auch eine un-
quam pusulam vocant pastores. Ea nisi compescitur intra primam pe-cudem, quao tali malo correpta est, Universum grogem contagione pro-sternit.
heilbare Krankheit, welche die Hir­ten Pusteln (Pusula) nennen. Wird dieselbe nicht beim ersten Stück, Avelches von einem solchen Uebel ergriffen ist, ausgerottet, so verbrei­
tet sie sich durch Ansteckung auf die ganze Heerde. Es würde mich von meinem Gegenstande zu weit entfernen, wenn ich diese Ansicht von der Natur des „Ignis sacerquot;- der Schafe noch weiter begründen wollte. Dass Columella die Krankheit als eine unheilbare bezeichnet, kann nicht weiter befremden; er hat auch die Heilbarkeit mancher anderen Krankheiten der Hausthiere nicht richtig beurtheilt.3)
Als Seuchen des Rindes können nur der Milzbrand und die Rinderpest in Betracht kommen. Da aber die wenigen bezüglich der
') Veterinariae medioiniae libri II. Job. Ruollio Suessionensl interprete. Parisiis 1530 ]). 9.
2)nbsp; Columella de ro rustica Lib. VII Cap.,1).
3)nbsp; Uebrlgens wurden im (!. Jahrhundert n, Chr. auch die Mensohenpooken unter dem Namen „Pusttlä1'' beschrioben. Gloichzoilig- war es üblich, eine ver­meintliche Gattung' von Pockonkrankhoiton mit dem Worte „Pusnla'1' zu be­zeichnen und das letztere in diesem Sinne gleiohbedoutend mit „Tgftis saccgt;M oder „fgttis Sti Antoniiquot; zu benutzen. Im MittolaltoI• nannte man die Kriebel-krankhoit (Ergotismus) der Menschen „Iffnis sacerquot;.
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Ochsen erwähnten Krankheitssyniptome viel mehr auf die Rinderpest, als auf den Milzbrand passen, so kann es nach meiner Meinung nicht streitig* sein, dass die Rinderpest in Griechenland und in Italien auch in der vor­christlichen Zeit zuweilen zum Ausbruch gokommen ist. In beiden Län­dern wurden die Ochsen in grosser Zahl zum Arbeiten benützt und Oolumella hat keinen Zweifel darüber gelassen, dass der Handel mit Arbeitsochsen im alten Rom recht lebhaft war. Nach Varro (116—27 v. Chr.) soll Italien seinen Namen von den vielen und schönen Ochsen (iTciao? = Stier) oder von einem Ochsen den Hercules aus Sicilien mit­brachte, erhalten haben.')
Im Jahre 753 herrschte nach Plutarch (Vita Romuli) zu Rom eine grosse Pest bei Menschen und Thioren und Livius (Hist. L. III) erwähnt aus dem Jahre 463 ebenfalls des Vorkommens einer Pest bei Menschen und Thieren.
Aristoteles, (384—322 v. Chr.), der die Ilausthiere ziemlich genau kannte und bei seinen vielen Reisen gowiss Gelegenheit hatte, sich über die Erkrankungen derselben zu orientiren, sagt von den Krankheiten des Rindes, welche die Gelehrten bis dahin noch gar nicht beachtet hatten, Folgendes:2)
Boves gregalos morbis duobusten-nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Die Ochsen, welche in Heerden
tantur: Podagra et Struma. Facit gehalten werden, sind von zwei podagra, ut pedibus intumesceant Krankheiten heimgesucht: „Podagraquot; et qua vis non intereant, tarnen un- und „Strumaquot;. Das Podagra ver-gulas admittant. Valent melins cor- ursacht eine Anschwellung an den nibus pice illitis calida. Evenit Gliedmassen, und wenn auch die struma, ut calidius frequentiusque Thiere nicht daran zu Grunde gehen, spiretur. Quod denique in homine so verlieren sie doch die Klauen, febris, idem in bove struma est. In- Sie bessern sich, wenn ihnen warmer dicium morbi, ut demissae aures Theer auf das Horn der Klauen auf-flacceant et wt comedere nequeant; getragen wird.
brevi moriuntur, adapertisque palmonbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Reim Eintritt der „Strumaquot; wird
inspicitur putris.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;die Athmungsluft heiss und das
Athmen häufiger. Was beim Men­schen das Fieber ist, das ist beim Ochsen die Struma. Es gilt als ein
!) Nam hos in pecuariraquo;, maxima debet esse auetoritate: praosertim in Italia, (]iiae a bubus nomen habere sit existimata. Graecia enim antiqua (ut scribit Timaeus) tauros vocabaut hilvji, a quorum multitudino ot pulchritudino et foetu vitulorum, Italiam dixerunt. Alii scripsorunt, quod o Sicilia Hercules persecutus sit co nobilem taurum, qui diceretur Italus. Hie socius hominum in rustico opero et Coreris minister. (M. Torentii Varronis do re rustica Lib. II c. ö).
2) Aristotelis stagiritao de Historia Animalium. Theodoro Gaza inter-preto. Lib. VIII Cap. 23.
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Kennzeichen der Krankheit, class die herabhängenden Ohren erschlaf­fen und dass die Ochsen nicht mehr im Stande sind, zu fressen. Sie sterben sehr bald und bei der Oeff-nung wird die Lunge in der Fäul-niss begriffen gefunden. Die Worte „Podagra'-'- (/, noSoiYplaquo;) und „Strumaquot; (-0 /paoxo?) haben in der Thierheilkundo des Alterthums eine ganz andere Bedeutung, als gegenwärtig. Aristoteles und die griechischen Uippiater verstehen unter „Podagraquot; bei Pferden fast alle erheblichen Krankheiten der Glied­massen mit Ausnahme der Verwundungen. Als „Podagraquot; der Ochsen scheint Aristoteles die Klauenseuche zu bezeichnen.
Von der „Strumaquot; (xpotSxo?) giebt Aristoteles selbst die Definition; man benannte mit diesem Worte das Fieber der Thiere. Ich muss aus den Angaben, dass die „Strumaquot; unter den heerdweise gehaltenen Ochsen auftrat, demnach unzweifelhaft als eine lieerdenkrankheit be­zeichnet werden soll, dass sie mit Fieber, mit beschleunigtem Athmon, mit Herabhängen und Erschlaffen der Ohren und mit Aufhören des Fressens verbunden war und dass sie in kurzer Zeit den Tod herbei­führte — den Schluss ziehen, dass diese Krankheit der Ochsen die Rinderpest gewesen ist. Es kann nicht auffallen, dass von den Sections-erscheinungen nur die krankhafte Beschaffenheit der Lungen erwähnt wird. In der alten Zeit war es nicht Sitte, die Organe gestorbener Thiere zu untersuchen und selbst noch im vorigen Jahrhundert hat man oft genug den Blutreichthum und andere Zustände der Lungen für eine brandige Entzündung oder Fäulniss (Faulung) und für die anatomische Grundlage der Rinderpest erklärt.
Die römischen Schriftsteller über die Landwirthschaft haben sich im Allgemeinen weniger mit der Beschreibung der Symptome und des Ver­laufs der Thierkrankhoiten, als mit dem Heilverfahren beschäftigt. Zahl­reiche Anpreisungen und Empfehlungen von Mitteln beweisen, wie sehr im römischen Volke der Aberglauben eingewurzelt war. Das auffälligste Beispiel hiervon findet sich bei dem berühmten Censor M. P. Cato (234—149 v. Chr.), der als eine Autorität der Landwirthschaft im alten Rom galt. In seiner Darstellung1) der praktischen Landwirthschaft, in welcher übrigens Alles planlos durcheinander geworfen ist, zeigt er sich durchweg als ein Gegner griechischer Bildung.
Indess will ich nicht unerwähnt lassen, dass der gelehrte Gessner,
') M. Porcius Cato de ro rustica ed. Job. Mattli. Gessnor (In: Scriptores roi rusticao vetores latini. 1787.).
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dor Herausgeber der römischen „Scriptoros rei ruslioaequot; der Meinung' ist, das Buch sei von Cato selbst nicht zusainmongestellt und Vieles möge von unborufenor Seite hinzugefüg't soin. Die Bemerkungen, welche sich in dem Buche über die Krankheiton der Ochsen finden, sind oft dahin ausgelegt worden, dass Cato die Empfänglichkeit der Ochsen für die Rinderpest und die vorheereudon Wirkungen der Seuche gekannt haben müsse. Da aber jede thatsächlicho Mittheilung über die Symptome der Krankheiten fehlt, so liisst sich die Richtigkeit dieser Annahme nicht darthun. Um zu zeigen, dass der grosso Staatsmann und Redner Cato ein ganz ungeeignetes Urtheil von den Krankheiten der Rinder hatte, will ich den Wortlaut eines Kapitels seines Buches unter Beifügung der Uebersetzunc hier folgen lassen.
Kap. 70.
Bubus medicamentum. Si morbum metues, sanis dato salis micas 3, Folia laurea 3, porri fibras 3, ulpici spicas 3, turis grana 3, herbae sabinae plantas 3, rufae folia 3, vitis albae caulos 3, fabulos albos 3, carbones vivos 3, vini S. 3. Haec omnia sublimiter legi, teri darique oportet. Jejuuns llet qui dabit. Tor triduura de ea potione unieuique bovi dato. Ita dividito, cum ter unieuique dederis, omnem absumas. Bosque ipsus et qui dabit, facito, ut uterque sublimiler stent. Vase liyneo dato.
Ein Medicament für die Ochsen. Wenn du eine Krankheit befürch­test, so gieb den gesunden Ochsen 3 Stückchen Salz, 3 Lorbeerblätter, 3 Porrezweige, 3 ulpische Zwiebeln, 3 Gran Weihrauch, 3 Sadebaum-zweige, 3 Rautenblätter, 3 Stengel Waldreben, 3 weisso Bohnen, 3 glühende Kohlen und 3 Sextar Wein. Alles dies muss stehend gesammelt, zerrieben und eingegeben werden. Wer das Eingeben bewirkt, muss nüchtern sein. Auf neun (3 mal 3) Tage ist jedem Ochsen von diesem
Trank zu geben. Theile den Trank so ein, dass du ihn ganz verbrauchst, wenn du jedem Ochsen 3 Mal da­von giebst. Der Ochse selbst und derjenige, welcher eingiebt, müssen aufrecht stehen. Gieb das Getränk mit einem hölzernen Gefässe ein. Das Kap. 71 enthält eine gleich abergläubische Vorschrift für das Eingeben eines.rohen Hühnereis bei einem Ochsen, welcher krank zu werden beginnt.
Das Kap. 83 verordnet ein Gelübde für die Ochsen, damit sie gesund bleiben. Das Gelübde wurde dem Mars Silvanus, dem Sclmtzgott über die Viehheerden, Wälder und Felder dargebracht. Nach den Kap. 131 und 132 wurde ausserdem noch zu der Zeit, wenn der Birnbaum blühte.
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dem Jupiter Dapalis ein Opfer für die Ochsen gewidmet. An diesem Tage waren Ochsen, Ochsenwärter und diejenigen, welche das Opfer brachten, von der Arbeit frei.
Aus dem Jahre 175 v. Chr. berichtet Livius (Lib. XLI Kap. 18 und 21) von einer Seuche, welche nur die Rinderheerden befiel (pestilentia tn/anris, qteae tarnen in armenta tantum grassata est). „Annentumquot; nennen die römischen Schriftsteller zwar im Allgemeinen eine Gross-vioh-Heorde, also Pferde und Rindvieh, zuweilen auch blos eine Ileerdo Rindvieh. Da aber Livius weiter sagt: Pestilentia, quae prioro anno in boves ingruerat, oo anno (176) vertit in hominum morbos . . . . , so kann nicht bezweifelt werden, dass zu jener Zeit eine Rinderseuche geherrscht, hat. Die Erzählung gewinnt dadurch an Interesse, dass die Rinderseuche dem Sterben der Menschen vorherging, während aus dein Altorthum meistens berichtet wird, dass die Seuchen der Ilausthiere entweder gleich­zeitig mit der Post der Menschen oder nach derselben sich zeigten.
Virgilius (richtiger Vergilius) Maro (70—19 v. Chr.) gedenkt in seiner klassischen Dichtung von der Landwirthschaft (Ceorgica) auch der Seuehenkrankheiton, vo.n welchen die Uausthiere befallen wurden. Die auf die Seuche des Rindviehs bezügliche Schilderung lautet nach der Ausgabe von Manso folgendermassen:1) Ecce autem duro l'umans sub vo- Sieh, der dampfende Stier fällt un-
mero taurus Concidit, et mixtum spumis vomit
ore oruorem, Extremosque ciet gemitus. It tristis
arrator, Moerentem abjungens fraterna morte
invencum: Atque opere in medio dextra re-
linquit aratra. Non umbra altorum nemorum, non
mollia possunt Prata morere animum, non, qui per
saxa volutus Putior electro campum petit amnis:
at ima Solvuntur latora, atque oculos stupor
urget inertes, Ad terramque fluit devexo ponders
cervix.
ter der Arbeit des harten Pflugs dahin und sprühet mit
Schaum vermischtes Geblüt aus. Jetzt ach! tönet sein Aecbzen zum
letzten male: bekümmert Geht der Pflüger, entjocht den ob
dem Verlust des Gehülfen Trauernden Stier, und verlässt den
Pflug in der Mitte der Furche. Diesen ergötzet nicht mehr der
Schatten hober Gebirge, Nicht das weiche Gefild, nicht der
Fluss, der reiner, als Silber Ueber Kiesel sich wälzend das Feld
sucht; abgewelkt hangen Seine Seiten dahin; Erstarrung fes­selt die blöden Augen, und niederwärts strebt mit
vollem Gewichte der Nacken.
') Qcoi'gicon Lib, III V. 61֗524 in: Virgil von dor Landwirtlischal't; vier Bücher metrisch übersetzt und mit Anmorkungon erläutert von J. C. F, Manso. Jona 1788.
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Im weiteren Verlaufe erhebt sich die Dichtung zu der Anschauung-, dass die Fische aus dem Meere als todto Körper an's Ufer gespült seien, dass die Schlangen in ihren Höhlen verendet und das Gefieder jählings aus der Luft todt herabgestürzt sei. Selbst der Wechsel der Weide habe nicht geholfen. Von dem gewalligon Brüllen der Rinder und dem Blöcken der Schafe hätten die Hügel, die Ströme und ihre Ufer ertönt. In den Ställen Maren die Körper der vom Pestgift getödteten Thiere zu Haufen aufgothümit gewesen, bis man sie schliesslich in Gruben verscharrt habe, weil sie mit Feuer nicht zu vortilgen gewesen seien.
Uie hier mitgetheiltcii Citate aus der Georgica sind bisher allgemein dahin ausgelegt worden, dass dem Dichter die verderblichen Wirkungen der Milzbrandkrankheit vorgeschwebt hätten. Dies kann unmöglich richtig sein. Vor Allem darf nicht übersehen werden, dass Vergil die Georgica nicht als Geschichte, sondern als Dichtung geschrieben hat. Ihm schwebt dio Pest der Menschen vor, von deren schrecklichen Folgen auch die ländliche Bevölkerung durchdrungen sein musste. Er betrachtet dieselbe mit den Festen der verschiedensten Thiere als eine Krankheit. Ob nun hierbei unter den Thierseuchen der Rinderpost hat gedacht werden sollen, lässt sich nicht entscheiden.
Zur Unterstützung dieser Ansicht will ich in Kürze noch einen nebensächlichen Punkt besprechen. Die Verse 560 bis 566 des 3. Buches der Georgica drücken die Vorstellung aus, dass die Schafwolle durch die Seuche verdorben sei und dass die Menschen sich durch das Tragen der aus solcher Wolle verfertigten Kleider brennende Beulen (ardentes papulae) zugezogen hätten. Die letzteren werden als das heilige Feuer (Ignis sacor) bezeichnet, welches unter üblem Geruch eine Zerstörung' der Haut und bald darauf den Tod herbeiführte. Hier ist offenbar die menschliche Pest gemeint, welche durch inficirte Kleidungsstücke sich verbreitete. Ich halte es für ganz unzulässig, diese Stelle auf die Infection eines Menschen durch den Milzbrand der Schafe zu beziehen. Es war auch in der römischen Literatur bereits gebräuchlich, die hämorrhagischen Schwellungen dor Haut, welche bei der Pest der Menschen beobachtet wurden, als „Ignis sacerquot; zu bezeichnen (Lucretius: de rerum natura Lib. VI).
Columella (geb. 42 n. Chr.) hat die Rinderpest gekannt. Auch er ist in seinem Buche über die Landwirthschaft') nicht frei von aber­gläubischen Vorstellungen und Anpreisungen. Sein Werk handelt aber von allen Schriften des Alterthums am ausführlichsten über die Rinder-Krankheiton. Aus dem nachstehend mitgethoilten 5. und auch aus einer Stolle im 9. Kapitel des VI. Buches muss gefolgert werden, dass die Rinderpest zur Zeit des Columella eine bekannte Krankheit war.
') L. Junii Modorati Columollao do ro rustica Libri XII (Scriptores rei rusticao votoros latini o reconsiono Jo. Malth. üessuori) 1787.
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Lib. VI Nullo autom tempore et mimine aestato utile est, boves in cursum concitari: nam ea res aut cit alvum, aut movet l'obrem. Cavendum quoquo est, ne ad praesepia sus aut gallina porrepat. Nam hoc, quod doeidit, immixtum pabulo,bubus altert nocem: et id praoeipue, quod egerit sus aegra, pestilentiam facere valet. Quae cum in gregom ineidit, confestim mutandus est coeli status et in plures partes distributo pecore long-inquae rogiones petendae sunt, atque ita segregandi a sanis morbidi, ne quis interveniat, qui contagione ootoros iabefaciat. Itaque cum ableg-abuntur, in ea loca perducendi sunt, quibus nullum impascitur pecus, ne ad-ventu suo etcain ill is tabom afferant. Evincendi sunt autein quamvis posti-feri morbi et exquisitis remediis propulsandi. Tunc panacis et eryn-gii radices foeniculi seminibus mis-cendae et cum dofruti ac moliti tritici farina candendique aqua con-spergondae; eoque medicamine sa-livandum aegrotum pecus. Turn paribus casiae, myrrhaeque et turis ponderibus, ac tantundem sangui-nis marinae testudinis miscetur potio cum vini veteris sextariis tribus et ita per nares infunditur. Sed ipsum medicamentum ponderis sexunciae divisum, portione aequa per triduum cum vino dedisse sat erit. Pracsens etiam remedium cognoviums radi-culao quam pastoros consiliginam vocant. Ea in Marsis inontibus plurima nascitur, omnique pecori maximao est salutaris. Laova manu el'foditur ante solis ortum. Sie onim leeta majorem vim creditur habore.
Kap. V.
Es ist niemals gut, am wenigsten aber im Sommer, wenn man die Ochsen zum Laufen antreibt. Denn es entsteht hieraus der Durchfall oder das Fieber. Auch ist zu ver­hüten, dass ein Schwein oder Huhn in ihre Stalle gelangt. Denn wenn ihre Excremento unter das Futter gerathen, so sterben die Ochsen. Besonders können die Excremente eines kranken Schweins eine Pesti­lenz unter ihnen herbeiführen. Wenn die Pestilenz in eine lleerde kommt, so muss unverzüglich die (Himmels-) Gegend vorändert und das Vieh in mehrere Haufen vertheilt werden. Dasselbe ist in entfernte Gegenden zu schicken und die kranken Thiere sind von den gesunden so zu trennen, dass zwischen die letzteren kein Stück kommt, welches die übrigen durch Ansteckung zu Grunde rich­ten könnte. Deshalb müssen die Thiere, wenn sie entfernt werden sollen, nach solchen Orten gebracht werden, an welchen kein anderes Vieh weidet, damit sie durch ihr Hinznkominen nicht auch diesem die Krankheit zubringen. So verderb­lich diese Krankheiten auch sind, so sind sie doch zu besiegen und mit auserlesenen Mitteln zu ver­treiben.
Man vermische die Wurzeln von Allzeit und Mannstreu mit Fenchel­samen, besprenge sie mit Most, Wei­zenmehl und kochendem Wasser. Mit diesem Mittel bringe man das kranke Vieh zum Speicheln. Hier­auf wird Cassia, Myrrhen und Weih­rauch zu gleichen Theilen genommen und mit ebensoviel Schildkrötenblut
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Usus ejus tradidir lalis. Aenea su-bula pars auriculae latissima circum-scribitur, ita ut mamante sanguine fanquam O literae ductus apparoat orbiculus. Hoc et intrinsecus et ex superioro parte auriculae cum fac-tum est, media pars desoripti orbi-culi eadem subula transuitur et facto l'oraiuini praedicla radicula inferi-lur; quaia cum recens plaga com-preheudit, ila continet, ut elabi non possit: in earn deinde auriculam om-nis vis morbi, pestilcnsque virus elioitur, doneo pars, quae subula circumscripta est, domortua excidit et minimae partis jactura caput con-servatur.
Cornelius Oelsus etiam visci folia cum vino trita per nares in-fundere jubet. Ilaec facicnda, si gregatim pecora laborant: illa doiu-ceps, si singula.
vcrmiscbt. Dies wird mit drei Sex-faren alten Wein Übergossen und dann (den Thieren) durch die Nasen­löcher eingegeben. Es genügt, wenn das nach einer Gowichtsmonge von sechs Unzen getheilte Medicament nach gleichem Verhältniss während eines Zeitraums von drei Tagen ge­geben wird.
Als ein wirksames Mittel kenne ich auch eine kleine Wurzel, welche die Hirten Nieswurzel boisscu. Sie wächst häufig auf den Marsischen Bergen und ist für alles Vieh sehr heilsam. Sie ist vor Sonnenaufgang mit der linken Hand auszugraben. Denn man glaubt, dass die auf diese Weise gesuchten Wurzeln eine grösscre Kraft hütton. Ihr Gebrauch ist folgender. Man umschreibt, den breitesten Theil des Ohres mit einer metallenen Ahle (Pfriemen), so dass nach Abfluss des Blutes eine kleine Scheibe hervortritt, gleichsam wie der Buchstabe O im Zusammen­hange. Nachdem dies an der inneren und oberen Seite des Obres ge­schehen ist, wird mit derselben Ahle der mittlere Theil der bezeichneten Scheibe durchstochen und die vor­gedachte Wurzel in das gemachte Loch gelegt. Wenn die frische Wunde die Wurzel umlassf, so wird sie derartig gehalten, dass sie nicht herausfallen kann. Von nun an wird alle Kraft und das bösartige Gift der Krankheit in die Wurzel gefördert, bis der Theil, welcher mit der Ahle umschrieben war, als ab­gestorbene Masse herausfällt. So wird das Leben durch die Einbusse eines sehr unbedeutenden Körper-theils erhalten.
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Cornolius Celsus schreibt vor, die IMätter der Mistel mit Wein zu zerreiben und (dem Vieh) durch die Nasenlöcher einzugiessen.
So ist zu verfahren, wenn das Vieh heerdenweise erkrankt; und in folgender Art, wenn einzelne Stücke erkranken. Die Hinweisung am Schlüsse bezieht sicli auf die sporadischen Krank­heiten, welche Columolla weiter beschreibt. Unter diesen wird im Kap. ü auch des „Fiebersquot; der Ochsen als einer besonderen Krankheit gedacht. Die von demselben angegebenen Krankheitszeichen passen aber viel mehr auf die Rinderpest, als auf ein anderes fieberhaftes Leiden, so dass ich es mir nicht versagen kann, die Stelle hier mitzutheilen.
Lib. VI Kap. IX.
iltg
eines vom Fieber befallenen (Ochsen) sind: Herab-fliessen der Thränen, Eingenommen­heit des Kopfes, Verschliessen der Augen, Speicheln aus dem Maule, heftiges, erschwertes, zuweilen auch mit Stöhnen verbundenes Athem-holen. Es ist eigenthümlich, dass die neueren Autoren, welche die Rinderpest wissenschaftlich bearbeiteten, der Darstellung dos Columella ebenso, wie der des Aristoteles nicht die gebührende Beachtung geschenkt haben. Heusinger, der in seinem classischen Werke (Recherches etc. 1847) die Resultate gründlichster Forschungen über die vergleichende Patho­logie des Alterlhums niedergelegt hat, müssen diese Quellen zufällig entgangen sein. Für viele andere Autoren sind die geschichtlichen An­gaben Paulet's und Camper's massgebend gewesen, welche die Schilderungen Columella's nicht im Zusammenhango wiedergegeben haben. Camper ist der Meinung, dass die im 6. Kap. des G. Buches von Columella erwähnte Cruditas (Unverdauliohkeil) der Ochsen mit den Symptomen dor Rinderpost Übereinstimmen. Ich kann dieser Ansicht nicht zustimmen, weil die Darstellung des Krankheitsbildes von dor Unverdau-lichkeit zu unvollständig ist. — In einem nicht unwichtigen Zusammenhange mit den späteren Ansichten über die Rinderpest stehen die Bemerkungen, welche Columella über die „Cor/agoquot; (Ilarthäutigkeit) dos Rindviehs mittheilt. Er sagt hierüber, nachdem er zuvor Mittel gegen die Krätze (Scabies) und gegen den Biss toller Hunde und Wölfe empfohlen hat, im
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Lib. VI Kap. 18.
.....Est et infesta pestis bubulonbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;.....Es giebt noch cine schiid-
pocori, ooriaginem rustici appellant, liehe Seuohonkrankheit dos Rind-cum pellis ita tcrgori adhaoret, ut viehs, wolclio die Landwirllio Hart-approhcnsa manibus doduci a costis hiiutigkcit (Coriago) iioiiuen. Yic'i non possit. Ea res 11011 aliter accidit, derselben sitzt die Haut auf dem quani si bus aut ex languore aliquo lliicken so fest, dass sie mit den ad maoicin perductus est; aut Sudans Händen nicht ergriffen und von den in opere faoiendo refrixit, aut si sub Kippen abgezogen werden kann. onere pluvia niadel'aclus est.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Diese Krankheit entsteht, wenn ein
Ochse von irgend einer Schwäche mager geworden ist, oder wenn er bei der Arbeitsleistung in vollem Schwoisso kalt oder wenn er bei der Arbeit vom Regen durchniisst wurde. Columella räth zur Heilung dieses Uebels örtliche Bähungen des Rückens mit einer Abkochung von Lorbeerblättern, darauf Einreibungen mit vielem Oel und Wein und Abziehen der Haut von den unterliegen­den Theilen an. Dasselbe Heilverfahren ist im 18. Jahrhundert sehr oft gegen die Kinderpest empfohlen worden. Mit der Thatsache, class bei der Kinderpest in dem Unterhautgewobe auf dem Rücken sich Luft an­sammeln kann, wurde im vorigen Jahrhundert von einigen Autoron die Vorstellung von dem Sitze der Krankheit in der Haut des Rückens und der Lendenpartie verbunden. #9632;— Im Uobrigen sind die Ansichten, denen der berühmte römische Landwirth Ausdruck gegeben hat, von grosser Tragweite für das Denken und Handeln späterer Zeiten gewesen. Seine Behauptung, dass der Ansteckungsstoff (Virus) der Rinderpest in ein auf der äussoren Haut applicirtes künstliches Geschwür geleitet und hierdurch aus dorn Organismus eliininirt werden könne, schliesst sich eng an die Lehre der inedicinischeu Schule von Kos (Hippokrates) an. Der vermeintliche Er­folg der von ihm vorgeschlagenen Mittel, eiuschliesslich des einpfohleuen abergläubischen Handelns ist im 18. Jahrhundort vielfach vortheidigt worden. Alanche von den mystischen Vorstellungen des Alterthuins sind auch durch Tradition in den nicht orientirten Schichten der christlichen Völker bis zur Gegenwart erhalten geblieben. Columella ist frei von dem Irrthum vieler seiner Zeitgenossen, dass die Pest der Menschen auf die Ilausthiere übergehe und auch sie zu Grunde richte. Schon diese eine Thatsache kann für sich allein als ein nicht unwichtiges Beweismoment dafür gelten, dass die unter dein Namen der „Pestilentia botd/tquot; beschriebene Seuche die wirkliche Rinderpest gewesen ist. Dass Columella eine genuine Entwickelung der Rinderpest annimmt und conform dem abergläubischen Character seiner Zeit die Ursache in einer Verunreinigung des Eutters
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durch Schweine sucht, ist für die in Rede stehende Beweisführung' ohne Belang. Es gereicht ihm aber zum besonderen Ruhm, dass er die An-steckungsfähig'keit der Rinderpest zutreffend beurtheilt und in der voll­ständigen Isolirung der kranken von den gesunden Thieren das richtige Mittel ihrer Tilgung erkennt,
Columella erzählt (1. o. VII 5) ferner von einer Seuche der Schafe, die unter ähnlichen Erscheinungen, wie die Seuche der Rinder auftreten soll. Da über die Symptome aber nichts erwähnt 1st, so liann die Stelle ebenso gut auf den Milz­brand oder die Pocken bezogen werden, und es ist nicht zu beweisen, dass im alten Rom die Rinderpest bei Schafen boobachtet sei. Interessant ist, dass Columella im Falle einer Iloerdoukrankhüit (si aegrotat Universum pecus) die sofortige Ueberfiihrung der Schafe in eine andere Gegend und die Trennung der­selben in kleinere Abtheilungen befürwortet. Hierdurch, so führt er weiter an, werde die Ausdünstung der kranken Thiore verringert und auch die Behandlung erleichtert.
Zur Zeit Columella's war auch eine Souchenkrankheit der Ziegen in Italien bekannt (1. c. VII 7). Haufenweise gingen die Tlüere zu Grunde (subito coneidunt volut aliqua ruina grogatim prosternantur). Die Ursache wird in der Verabreichung von gehaltreichem Futter gesucht. Adorlass und zum ausschliesslichon Getränk Regenwasser, welches auf die gepulverte Wurzel von Rohr (Arundo) und Weiss-dorn (Spina alba) gegossen wurde, sollten Anwendung finden. Wenn aber die Krankheit hierdurch nicht beseitigt werden konnte, so sollte man die Thiero ver­kaufen oder schlachten und das Fleisch einsalzen. Eist nach einer längeren Zeit (etwa einem halben Jahre) will Columella die Anschaffung einer neuen Heordo gestatten, (Mox, interposito spatio, convoniet alium gregom reparare, noc tarnen antequam pestilcns tempus anni, sive it fult hiemis, vertatur aestato, sivo autumni, vore mutetur.) Der lolzto Satz stützt sich augenscheinlich auf die Beobachtung, dass die vor dorn Erlöschen der Seuche neu beschafften gesunden Ziegen eben­falls in die Krankheit vorfielen. Da nun nach neueren Erfahrungen die Ziegen aussor der Rinderpest von keiner ansteckenden Krankheit hoerdenwoiso weg­gerafft werden, so ist anzunehmen, dass in Italien schon vor 2000 Jahren bei den Ziegen die Rinderpest zeitweise in gleicher Verbreitung vorgekommen ist, wie sie von 1SG3 bis ISOquot;) in Sicilien und Neapel geherrscht hat.
Wie werthlos sind gegenüber den Mittheilungen Columella's die Angaben der Historiker, dass im Jahre 125 v. Chr. aus der unermess-lichen Menge der gestorbenen und verfaulten Heuschrecken sich ein pest­artiger Geruch entwickelt habe, dass von solchen Dünsten die Pest bei Menschen entstanden und unter den Thieren eine so starke Seuche ver­ursacht sei, dass Vögel, kleine und grosso Thiero durch die verdorbene ' Luft zu Grunde gegangen wären (Grosius: histor. Lib. VI 0. 10 und 11), Ein gleiches Urlheil verdient die Behauptung, dass unter der Regierung des Kaisers Nero eine heftige Pest bei Menschen und Thieren gewüthet habe und dass in der grossen Epidemie der Menschen, welche in der Geschiciile der Mediciu den Namen der Antonin'sclien Post oder Pest dos Galen führt, die unter den kranken Menschen sich bewegenden Thiero zu Grunde gegangen seien. An solche, ohne thalsächliobe Unter­stützung gebliebene Erzählungen knüpft sich später der bis in die neuere
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Zeit festgehaltene Irrthum, dass die Rinderpest im Gefolge der Menschen­pest, der Heuschrecken-Schwärme, der Erdbeben, der Ausbrüche feuer­speiender Berge und anderer Natur-Ereignisse sich entwickele und ver­breite.
Bevor ich die Besprechung der Literatur der Rinderpest aus dieser Zeit, mit welcher eine wichtige Epoche der Wissenschaften abschliesst, verlasse, muss ich noch in Kürze der beiden grossen Aerzte des Alter-thums Hippo kr at es und Galenus gedenken. Ihre Bücher sind es besonders gewesen, mit deren Studium im 16. und 17. Jahrhundert das grosse Werk einer Reform der Pathologie eingeleitet wurde. Bis zum Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts geschieht fast in jeder grösseren pathologischen Darstellung der Lehrsätze dieser Altmeister der Medicin Erwähnung, selbst -wenn die Autoren in ihren Ansichten nicht mit ihnen übereinstimmen. Es ist daher erklärlich, dass ihre Krankheitslehre im 18. Jahrhundert der Aufstellung von Theorien über die Rinderpest viel­fach zur Richtschnur diente. Weder Hippokrates, noch Galen haben das Vorkommen der Rinderpest angedeutet, obwohl sie — wie aus mehreren Stellen ihrer Bücher hervorgeht — von einzelnen Thierkrank-heiten Kenntniss hatten. Dagegen ist von ihrer Terminologie und von ihrer Lehre der fieberhaften Krankheiten in der späteren Literatur der Rinderpest eine ausgedehnte Nutzanwendung gemacht worden. Ich kann nicht behaupten, dass dieser Einfluss stets ein günstiger gewesen sei. So nothwendig die Anknüpfung an die alte Medicin war, so konnte mit derselben begreiflicher Weise auch die Reproduction der ihr anhaftenden Irrthümer nicht vermieden werden. Gegen ein so logisch durchdachtes Lehrgebäude, wie es die Hippokratisch-Galenische Medicin darstellt, war nur mit thatsächlichen Gründen erfolgreich anzukämpfen. Solche Hessen sich aber von den Autoren des 18. Jahrhunderts nicht in dem Umfange beibringen, dass die abstracten Voraussetzungen der alten Medicin hätten entkräftet werden können. Ist es doch erst in den letzten Decennien gelungen, eine Reihe von Irrthümern der humoralpathologischen Schulen für immer zu beseitigen. Der besseren Erkenntniss der Rinderpest ist aus der alten Medicin besonders nachthoilig gewesen die von Hippo­krates begründete Lehre von der epidemischen Krankheitsconstitution, ferner die Deutung der Krankheiten als eine durch die gestörte Harmonie der Kräfte bedingte Aenderung in den Functionen des Organismus und endlich die Lehre von der kritischen Ausscheidung der krankmachenden Materie aus dem Körper. Hierauf beruht in letzter Instanz sowohl dio Meinung, dass die bei der Rinderpest zuweilen auftretende Hautkrankheit eine günstige Wirkung für das betreffende Thier mit sich bringe, als die irrthümliche Vorstellung, dass die Rinderpest mit Arzneimitteln erfolg­reich behandelt werden könne.
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Als die Kultur des Altertlnims bereits im Untergänge begriffen war und die Wissenschaft dem vollstiindig'en Vorfall entgegenging', welchen das Mittelalter bezeichnet, wurden — gegen Ende des 4. oder zu Anfang des 5. Jahrhunderts — noch die in vieler Hinsicht bomerkenswerthen Bücher des Vogetius1) über die Thierarznoikunde geschrieben. Im 111. Buche sind die Kinderkrankheiten allgehandelt, und zwar noch aus­führlicher, als bei Columolla. Die Darstellung fusst augenscheinlich nicht auf eigenen Beobachtungen, was dem Autor oft, aber mit Unrecht zum Vorwurf gemacht ist. Denn er sagt in der Vorrode ausdrücklich, dass er dem Wunsche seiner Freunde nachgebend das aus verschiedenen Werken Ausgewählte gesammelt und in einer einfachen Sprache zu einem Buche zusammengetragen habe („Cedens itaquo familiarium honestissimae voluntati, ex diversis auetoribus enucleata collcgi, pedestrique sermone in libellum contuliquot;).
Schon die griechischen Autoron hatten eine grössore Zahl von ge­fährlichen Thiorkrankheiton unter dem Gattungsnamen uoc/a?2) aufgestellt. Vegetius hat diese Begriffsbestimmung adoptirt, indem or das griechische Wort in das lateinische „Malleusquot; überträgt und unter demselben von Pferden und Rindern sieben verschiedene Arten der gefährlichen Krankheit beschreibt (Malleus humidus, siecus (arridus), articularis, subrenalis, farci-ininosus, subtercutaneus, elephantiasis). Von den Rindern wird sogar noch eine achte (Mania) hinzugefügt.
Alle diese Krankheiten der Rinder stellen bei ihm eine Einheit
(Malleus, Pestilentia) dar, von welcher er folgende Konnzeichen angiebt:
Ilic morbus bovem si quando Ein Ochse, der von dieser Krank-
tentaverit, istis agnoscitur signis: heit befallen wird, zeigt folgendes:
') Yegetii Reuatl Artls veterlnariae sive Mulomedioinae librilV (In: Scrlp-toros rei rusticao vetores latini o reconsiono Jo. Matth. Gossnori 1787). Die Bücher sind mit vielfacher, übrigens auch von dorn Autor selbst offen ausgesprochener Benutzung der thierärztlichon Arbeiten griechischer und römischer Schriftsteller vorfasst und liefern im Allgomeinon einen Inbegriff der alterlhiiinlichen Kennt­nisse von der Thiorheilkundo. Ueber die bürgerliche Stellung des Vogetius ist nichts Näheres bekannt. Da er von verschiedenen Pfordoracen spricht, so ist oft, aber nicht mit Recht angenommen worden, dass er Pfordohändlor gewesen sei. Es scheint mir mehr, als gewagt, einem Pfordohändlor dor damaligen Zeit die medicinischen Kenntnisse zusprechen zu wollen, welche Vogetius in seiner systematischen Bearbeitung der Thiorkrankheiten erkennen lässt. Sein Krank-hoitssystom beruht auf einer Compilation aus dor älteren thierärztlichen, landwirth-schaftlichen und ärztlichen Literatur.
2) Ich finde diese Bezeichnung zuerst bei Aristoteles (Hist. Animal.) für eine ansteckende Krankheit ([laquo;/t?) der Esel, welche nach der Beschreibung der Rotz gewesen ist. „Die Krankheit entsteht im Kopfe und bewirkt, dass aus den Nasenlöchern viel röthlicher Schleim abfliesst.quot; Der gelehrte Gaza, Uobersetzor von Aristoteles'Werken bildet aus „a^Xi;quot; das lateinische quot;Wort „Malida.quot; Der Gebrauch des letzteren hat sich indess nicht eingebürgert.
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orit pilo horridus ot tristis, stupon- Er wird rauh im Haar, traurig', hat tibus oculis, ccrvico dejecta, salivis einen stieren Blick und gesenkten assidue per os flüentibus, incessus Hals; der Speichel fliosst unablässig pigrior, spina rigidior, fastidium aus dem Maule; der Gang ist schlep-maximuni, pauca ruminatio.nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; pond, der Rücken steif; es besteht
ein grosser Widerwille (gegen die Aufnahme von Futter) und das Wiederkauen geschieht selten.
Die gegen diese Souciio empfohlenen Heilmittel sind den Büchern von Cato, Celsus undColumella entlehnt. Von letzterem hatVegetius auch das Wort „Pestilentiaquot; und die Meinung übernommen, dass die Seuche durch den Genuss der Darmexcremente des Schweines bei den Ochsen entstehe. Er folgt aussordem Columella in der Vorschrift, dass beim Ausbruch der Seuche alle, auch selbst die nur in leichtem Grade verdächtigen Rinder aus dem Bestände herausgenoininen und an Orten untergebracht werden sollen, an welchen kein Vieh weidet. (Qui cum semel in gregem vel armentorum vel domitorum incesserit jumentorum, statim omnia animalia, quae lovem suspicionem habuerunt, de posessione tollenda sunt et distribuenda Ulis locis, ubi iiullum pecus pascitur, ut nee sibi invicom, nee aliis noceant). Als selbständige Ansicht hat Vegetius noch hinzugefügt, dass die kranken Thiero das Gras, das Trinkwasser und die Klippen in den Ställen inficiren und dass die gesundesten Ochsen durch den ihnen entgegenwehenden Geruch der kranken zu Grunde gehen können. (Nam pascendo herbas inliciunt, bibendo fontes, stabulo praesepia et quamvis sani boves odore morbidorum afflante depereunt). Auch in der Vorschrift, den Ansteckungsstoff der seuchenkranken Rinder zu vernichten, geht Vegetius noch weiter, als Columella, indem er will, dass die Cadaver über die Grenzen des Gutes hinweggebracht und tief vergraben werden sollen, damit nicht durch Zufall gesunde Thiere angesteckt werden und in Folge dessen zu Grunde gehen, (Usque eo etiam mortua cadavera ultra fines villae projicienda sunt et altissime obruenda sunt sub terris, no forte ipsorum corporum interna sanorum contingantur et pereant.)
Auf die vollständigste Trennung der kranken von den gesunden Thieren legt er den grüssten Worth, weil sonst durch die Ansteckung für alle eine Gefahr entstehe und die Nachlässigkeit des Eigenthümers thörichter Weise als eine Strafe der erzürnten Gottheit angesehen werde, (ne oontagione sua omnibus perioulum generet et negligentia domini — sicut solet a stultis — divinae imputetur offensae).
Die Beschreibung der Unvordaulichkoit (Cruditas) und des Fiebers der Rinder hat Vegetius ganz dem 6. Buche Columella's über die Landwirthschaft entnommen.
Nach diesen Daten liisst sich schwer entscheiden, ob Vegetius
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das Vorkommen dor Rinderpest nach eigenen Beobaohtungen kunnto oder sich ausschliesslich aus literarischen Quollen unterrichtete. Jeden­falls muss ihm — wie ich gegenüber einem vielfach verbreiteten ab­sprechenden Urlheil ausdrücklich betone — das Anerkenntniss ver-hleiben, dass er die in der Ansteckung liegende Gefahr der Rinderpest vorurtheilsfrei beurlheilte und über die Vernichtung' des Oontagiums nach dem von Columella aufgestellten und von ihm erweiterten Plane richtige Vorschläge machte. Im Uebrigen konnte er über den Charakter der Hinderpest und die Art ihrer Ausbreitung quot;wohl oriontirt sein, weil er nach der Zeit des Einfalls der Hunnen in Europa (375) lebte und — wie er selbst angiebt — viele Reisen gemacht hatte.
Das Buch des Vegetius ist das letzte Denkmal einer, wenn auch unvollständigen wissenschaftlichen Arbeit über die Rinderpest aus dem Alterthum. Während des nun folgenden, mehr als zwölfhundert Jahre umfassenden Zeitraums findet die Pathologie der Seuche keine weitere Berücksichtigung. Nur ganz, aphoristische und zum Theil nicht sichere Nachrichten sind uns von den Chronisten über das zeitweise Herrschen und die verheerenden Wirkungen der Rinderpest im Mittelalter über­kommen.
Der Untergang des #9632;weströmischen Reiches wurde durch die Alles verwüstenden Kriegszüge, welche mit dorn Namen der Völkerwanderung bezeichnet werden, herbeigeführt. Da auch schon in jener Zeit das Rind die wichtigste Fleischnahrung für Menschen lieferte und deshalb in zahl­reichen Heerden gehalten wurde, so war die Gelegenheit zur Verschleppung der Rinderpest ausserordentlich günstig. Germanische Htiimme wurden von asiatischen Völkern aus ihren Wohnsitzen verdrängt. Das gewaltsame hosreissen von der Heimat halte auch eine umfangreiche Bewegung der Viehheerden, des bedeutendsten Theils des National-Vcrmögens bei den damaligen Völkern zur Folge. Es ist daher nach unserer gegenwärtigen Erfahrung, nach welcher die Rinderpest in Europa zu allen Zeiten eine fremde Seuche gewesen ist, erklärlich, dass durch die aus Asien nach­rückenden Rinderheerden die Rinderpest mitgebracht wurde. Wäre es nachweislich anders gewesen, so würden wir alle Veranlassung haben, an dem hohen Alter der Seuche zu zweifeln. So ausserordentlich dürftig indess auch die historischen Nachrichten sind, welche von den Drang­salen der menschlichen Gesellschaft während dieser schrecklichen, durch die wüstesten Rohheiten charactorisirten Zeit Kunde geben, so besitzen wir doch mehrere untrügliche Beweise von der Einsohleppung der Rinder­pest im Jahre 376 n. Chr. und ihrer Verbreitung' durch das ganze west­liche Europa. Der Kardinal Baronius (Annal. eccl. T. IV An, 37G) be­lichtet, dass im Jahre 37(5 zugleich mit einem grossen Sterben unter den Menschen eine Rinderseuche herrschte. Von dem heiligen Ambrosius (f 31*7), welcher seit dem Jahre 374 Bischof von Mailand war, wird
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(Coinment. iu Luc. I. IX. 0.21) ebonfalls erzählt, dass zur Zeit der Völker­wanderung' neben Hungersnoth und Post der Mcuschon eine Rinderseuche (Lues Boum) gewüthet habe. Der Dichter Severus Sanotus,1) welcher
aus Aquilanien stammte und zur Zeit der Völkerwanderung- in Rom lebte, hat in Form einer Unterhaltung'zwischen drei Hirten (Aegon, Bubulus und Tytirus), die gegenseitig ihr Unglück beklagen, das Herrschen der Rinderpest in Versen beschrieben. Seiner Tendenz nach hat dies Hirten­gedicht, das übrigens in schlechtem Latein verfasst ist, zur Ausbreitung dos christlichen Glaubens beitragen sollen. Hierdurch und durch die dichterische Form der Darstellung wird die Oberflächlichkeit, mit welcher der Erscheinungen und dos Verlaufs der Krankheit gedacht ist, erklärlich. Die Seuche verbreitete sich kriechend weiter; sie kam vor längerer Zeit nach Pannonien (Ungarn mit Niederösterrcich und einem Theile von Bosnien) drang auch in Illyrien (Dalmatieu und Albanien) sowie in Bel­gium (Belgien und der nördliche Theil Frankreichs) ein und bedrohte in ihrem weiteren Verlaufe auch das Geburtsland dos Autors (Aqnitanion im südlichen Frankreich). „Haec dira lues serporo dicitur — Pridem Pannonios, Illyricosque quoque — Et Beigas graviter stravit et impio — Oursu nos quoque mine petit.quot;
Es wird erwähnt, dass alle von der Krankheit ergriffenen Thiere zu Grunde gegangen seien, ohne vorher auffallende Zeichen erkennen zu lassen und dass es schien, als ob der Tod noch vor der Entwickolung tier Seuche eintrat (sie mors ante luem venit). Die Kühe verschmähten das Trinkwasser, frassen auch kein Gras und standen mit überknicken-don Gelenken (Ilic fontis renuens, graminis irameinor — Erat sueeiduo buoula poplito). Wie sehr auch die Laien die humoralpathologische Theorie auf die Spitze treiben konnten, beweist der Verfasser mit der Bemerkung, dass die milchenden Kühe nicht so geschwind gestorben seien, als ihre Kälber. Es war, als ob das Kalb der kranken Kuh die Soucho aus dem Euter herauszog' (pestem traxit ab ubere). Im 18. Jahr-htiudort, ist zunächst von Lancisi und später auch von anderen Autoren dieser Meinung irrthümlichor Weise eine thatsäohlicho Bedeutung beige­legt worden. Severus lässt den heidnischen Hirten Bubulus an den Christlichen Hirten Tytirus die Frage richten, wie es komme, dass er
') öorhardi Outhofii. Judioia Johovae Zobaotli. Grouingao 1721. Anhang.
Frühere Ausgaben; Severi Sancti,idostEndeloichi, Rhetorls, demortlbus boum Carmen, oditum aPotr. l'ithoco, cutn aliis opigrammatibus ot poümatibus. Parisiis 1590.
Sevori Sancti Endoleichi carraon bueolicum do mortibus boum, oxsacrae bibüotheoae Sanctorum Patrum sou soriptorum occlosiasticomm, divito Christia-iiorum, Poematum gaza instruetissimo et locuplotissimo, Tomo octavo por Mar-garinum de la Bigno. Parisiis 1589.
Ein Abdruck dos berühmten Hirtengedichts findet sich auch In Lau eis ii Dissort. liist.de bovilla posto. p. Ill (Op. omu. Gonovao 1718).
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vor dem Unglück bewahrt bliebe, da doch die Seuche (Pestis Pecudum) die Nachbargegenden vollkommen verwüstet habe. Tytirus antwortet darauf, dass Avenn das Zeichen des christlichen Kreuzes den Thieren mitten auf der Stirn angebracht würde, sämmtliches Vieh erhalten bliebe (Signum quod perhibent esse crucis Dei — Magnus qui colitur dolus in urbibus, — Christus perpetui gloria numinis. —#9632; Cujus filius unicus. — IIoo Signum mediis l'rontibus additnm, — Cunctai'um pecudum certa salus i'uit).
Die allmälige gi'osso Verbreitung der Seuche nach dem westlichen Europa; ihre Herkunft aus Ungarn und den benachbarten Ländern und der perniciose Krankhoitsverlauf ergeben unzweideutig, dass die von Scvorus Sanctus beschriebene Seuche die wirkliche Rinderpest war.
Die Jahre 569 und 581 waren durch das Herrschen einer Rinder-soucho in Frankreich ausgezeichnet (Gregor. Tur, de Mirac. S. Martin lllc. 18). Zur Tilgung der Seuche verfiel mau, ganz den abergläubischen Sitten der Zeit folgend, auf den Gebrauch, die Thiere mit Wasser und Ool aus der Kirche des heiligen Martin zu besprengen.1)
Nach den Ueberlicferungen der Chronik haben in den Jahren 569 und 570 die Pockenseuche des Menschen, welche mit Durchfall ver­bunden war, und die Rinderpest in Italien und Frankreich nebeneinander geherrscht. („Hoc anno — 569 — morbus validus, cum profluvio ventris et variola Italiam Galliamque afflixit; et animalia bubula per loca supra-scripta maxime interieruntquot; Marii Episcop. Chronicon). Einige englische Autoren haben an diese kurze historische Ueberlieferung die irrthümliche Meinung geknüpft, dass die menschlichen Pocken zu jener Zeit erst ent­standen seien und dass mit denselben zugleich die Kuhpocken als eine seuchenartigo und perniciose Krankheit sich beim Rinde verbreitet hätten.2) Die Mittheilung erklärt sich richtiger dadurch, dass der Chronist die Pockenseucho des Menschen und die Rinderpest irrlhiiinlich für identische Krankheiten gehalten hat.
Gregorius von Tours (Historiae Francorum Lib. IV. c. 81 und 44) erwähnt aus dem Jahre 583 einer verderblichen Viehseuche, welche in Frankreich nach vorhergegangenen Ueberscbwemmungen, Hagelschäden und Heuschreokonschwärmen sich einfand. Dieselbe ist wegen ihrer grossen Verheerungen unter den Rindern als die Rinderpest anzusehen. Es gingen so viele Thiere zu Grunde, dass es als eine Neuigkeit galt, wenn Jemand noch ein Arbeitsthier oder eine junge Kuh (Färse) zu
sehen bekam (Subsecutus est morbus pecorum.....ita ut vix unicum
remaneret, novumque esset, si aliquis aut jumentum videret, aut cerneret bueulam).
') Paulot 1. c. I. 8.43.
raquo;) Vcrgl. Schnurror 1. c. S. 138.
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Die Kriege, welche Karl der Grosso in Italien und im östlichen Europa führte, waren der Einsohleppung und Verbreitung der Rinderpest günstig'. Aus den ersten Jahren des 9. Jahrhunderts liegen bestimmte Angaben über ihre Wirkungen vor. Der Bischof Agobard von Lyon erzählt in einer Schrift, die gegen die abgeschmackte Meinung über den Hagel und Donner gerichtet ist („contra vuigi opinionem iusulsiim de grandino et tonitruisquot;), dass gelegentlich eines Rindviehsterbens (morta-litas boum) sich der Aberglaube verbreitet habe, der Herzog von Benevent habe Menschen mit bezauberten Pulvern ausgesandt, um sie auf die Felder, Berge, Wiesen und Quollen zu streuen, damit das Vieh davon zu Grunde gehen sollte. In der Geschichte der Rinderpest kehrt ein derartiger Irrthum oft wieder. Selbst gelehrte Aerzto des 18. Jahrhun­derts (Camper u. A.) haben sich gegenüber der in Rede stehenden Be­schuldigung zweifelnd geiiussert und es für möglich gehalten, dass die Seuche auf solche Art verbreitet werden könne. Leichtgläubige Be­sitzer, welche für die heftigen Wirkungen des Contagiuins kein rechtes Verstiindniss haben, sind noch gegenwärtig geneigt, als Ursache der zahlreichen Todesfälle eine böswillige Vergiftung anzunehmen. quot;
Die schweren Invasionen der Rinderpest aus dem Orient nach Deutsch­land machten sich besonders in den Jahren 809 und 810 bemerkbar, als Karl der Grosse die Normannen und Wilzen mit Krieg überzog. In den Fuldaischen Annalen (Annal. Fuldens. An. 810) werden die Ver­luste mit folgenden Worten geschildert:
Tanta fuit in ea expeditione boum Die Rinderseuche herrschte bei pestilentia, ut pone nullus tanto diesem Feldzuge so bedeutend, dass
exercitui superesset, quin omnia usque ad iminn interirent, et non solum ibi, sed etiam per omnes im-peratori subjeetas provinoias illius generis animaliuin mortal itas im-manissima grassata est.
im ganzen Heere fast kein Rind übrig blieb. Bis auf ein Stück starben alle und die schreckliche Sterblichkeit der Rinder verbreitete sieh nicht blos im Heere, sondern auch über alle, dem Kaiser unter­
gebenen Staaten.1)
Auch England wurde zu jener Zeit von der Rinderpest heimgesucht („Maxima mortalifas boum totam peno vastavit Europam, maxime Bri-tanniam,quot; Script, bist. brit. I. p. 252).
Das Jahr 820 zeigte von Neuem ein allgemeines Herrschen der Rinderpest neben einer verheerenden Epidemie der Menschen. Die
l) Zu dorselbon Zeit fand dor dem Kaiser Karl dorn Grossen im Jahre 802 vom König von Porsien goschonkte Elephant sciiion Tod (Fauchet. Antiquitös francaises). Dass mau damals auch diesen Fall mit der Hinderseucho in Verbin­dung brachte, kann nicht weiter befremden. Es mag hier indoss die Bemerkung nicht überflüssig sein, dass eine Uohertragung der Rinderpest auf Elephantcn bisher niemals beobachtet ist.
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Chronisten wiederholen die Ansicht, dass die Seuchen eine Folge von Missernten und Uehorschwemmiing'en seien (Annal. Fuldcns.).
Dagegen, sind die Angaben nicht ausreichend, um die, in den Jahren 850 und 870 in Frankreich und 878 in Deutschland, namentlich in der Rheingegend beobachteten grossen Verluste an Rindvieh aul' die Rinder­pest zurückführen zu können. Die Fuldaischen Annalen sprechen nur von einer grossen Sterblichkeit der Rinder (mortalitas s. postilentia houm).
Von 941 bis 943 erstreckte sich die Rinderpest über ganz Deutsch­land, Frankreich und Italien.1) Die Sterblichkeit war ungeheuer; in einzelnen Provinzen Frankreichs blieben nur wenige Haupt Rindvieh am Leben. Die Chronisten sind geneigt, zwischen dem im Herbst am west­lichen Theilo des Himmels sichtbar gewordenen Comoten und der im folgenden Jahre ausgebrochenen Rinderseuche einen ursächlichen Zu­sammenhang zu coustruiren. Als Entschuhligungsgrund für diesen im Mittelalter sieh immer wiederholenden Aberglauben kann nur die mystische Richtung der Zeit und der Mangel aller Kenntnisse von der Natur der ansteckenden Krankheiten angeführt werden.
Im südöstlichen Europa (der gegenwärtigen europäischen Türkei) herrschte 960 eine weit verbreitete Rinderseuche, welche mit dein Namen der Krabra (3 xpo(ßplaquo;) bezeiohnot wurde und zweifellos die Rinderpest gewesen ist. Es wird angeführt, dass die pestartige Krankheit (to ^oijuxov Tratloj) seit langer Zeit das Land der Römer (Italien) geschädigt und die Rinder weggerafft habe. Bemerkenswerth ist die abergläubische Mei­nung, mit welcher man im Orient den Ursprung der Seuche erklärte. Beim Bau eines Palastes wurde in der Nähe einer Cisterne der vor-steinerte Kopf eines Rindes gefunden, welchen die Finder zerschlugen und in einen Kalkofen warfen. Seit dieser Zeit horte in allen der römischen Herrschaft unterworfenen Ländern das Sterben der Rinder nicht auf.2)
England wurde in den Jahren 987 und 988 von einer Epidemie der Menschen und von einer Seuchenkrankheit der Thiere (Lues Aniinalium) heimgesucht, welche sich über das ganze Land verbreitete {Script, hist, angl.). In der englischen Volkssprache wurde die Viehseuche „Scittaquot; oder Sohitta (Fluxus interaneorum — Durchfall) genannt. Aus den beiden Daten, dass die Seuche sich über ganz England ausbreitete und mit Durchfall verbunden war, kann zwar noch keine sichere Diagnose abgeleitet werden. Immerhin ist es aber nicht unwahrscheinlich, dass die Mittheilung sich auf die Rinderpest bezieht.
Der berühmte Theologe und Historiker Cyriacus Spangenberg (geb. 1528, gest. 1604) berichtet In seinen Chroniken oft, dass während
i) Faulet 1. c. S. 48; Schnurrer 1. c 1. S. 188. 2) Vergl. Ho using er 1. c. H. CXLVI.
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dos Mittelaitors neben den verheerenden Krankheiten der Menschen auch in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter den Haustliioren verdorhlicho Seuchen herrschten. Leider sind die Angaben so aphoristisch, dass die Art der Thiersouchen nicht festgestellt worden kann. Da aber aus dem 11. und 12. Jahrhundert neben den Mitthoilungon von llungers-nöthen und Epidemien bei Menschen stets von den Seuchen der Haus-thiere und namentlich des Rindes (pestilentia bouin s. pestilcntia peou-dum) die Rede ist, so wird #9632;wahrscheinlich nicht selten die Rinderpest gemeint sein. Eine andere Thierseuche würde kaum mit gleich verderb­lichen Folgen in so weiter Verbreitung aufgetreten sein.
Im Jahro 992 fand sich in Sachsen und fast in ganz Deulschland nach vorhergegangenem kaltem und langem quot;Winter ein heftiges Vieh-sterben ein. Vom Jahre 1043 erzählt Spang-onborg: „Es starb sonsten auch dazumal hie herumb allenthalben ziemlich viel volks und regierte auch eine sonderliche seuche unter dem viehe.quot; (Mansfeldsche Chronik.)
Nach liagek von Libotschau (Böhmische Chronik) waren 109(1 in Böhmen bei den Menschen und boi den Hausthieron pestartige Krank­heiten sehr verbreitet. Kaum der zehnte Theil des Viehs blieb am Loben.
In den Chroniken wird ferner des Vorkommens von Seuchenkrank­heiten bei den Hausthieron (pestifera mortalitas animalium) in den Jahren 1102 und 1103 Erwähnung gothan (vergl. Sohnurrer 1. c. I. S. 229).
Als sicher nachgewiesen kann die Verbreitung der Rinderpest in Europa von 1223 bis 1225 gelten. Jao. Tvvinger von Koonigshofen zu Strasburg (geb. 13G0, gest. 1420), der Verfasser einer grossen deut­schen Chronik1) erzählt; „Do man zalte 1223 jor do was ein gross storbot unter dem viehe, und nüt inner den lüten und das werte drü gantzo jor, also das das more teil dos viohes starp.';
Das Auftreten der Seuche um diese Zeit war die Folge der furcht­baren Kriog'szüge der Mongolen, deren Oberhaupt Dschingis-Khan sich fast das ganze mittlere und nördliche Asien unterthiinig machte. Die Seuche kam aus dem Orient und nahm ihren Zug durch Ungarn und Oosterreich nach Italien, Deutschland und England. Sie tödtete das Vieh nicht blos vereinzelt, sondern heerdenwoise. Durch ihre Verheerungen entstanden Hungersnoth und Seucheukrankheiten bei den Menschen.2) „Pestilentia poeudum maxima fuit, ita ut non sigillatim, sed catervatim ruerent: quam secuta ost non parva fames et lues hominuin.quot;
Es scheint, dass die Rinderpest um jene Zeit viele Jahre hindurch im westlichen Europa geherrscht hat. In dem Charakter der Zeit mag es gelogen haben, dass über ihre verderblichen Wirkungen nur wenige Aufzeichnungen gemacht worden sind. Die öffentliche Aufmerksamkeit
') Horausgogoben von Joh. Seh 11 tor. Strasburg IG98. 3) Vergl. Sohnurrer I.e. Bd. I. S. 273.
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wurde durch die unter dem Namen der Kreuzzüge bekannton unglück­lichen religiös-politisclien Bewegungen der westeuropäischen Nationen nach anderen Richtungen in Anspruch genommen. Die Appenzeller Chronik berichtet Folgendes: „Indessen entstünde 1233 ein so entsetz­licher viehpresten, welcher in Ungarn angefangen und sich bis in unser Land und weiteres gezogen, dass fast alles vieh gefallen und man an kein kriegen mehr gedachte.quot;
Kurze Nachrichten über das Herrschen einer Viehseuche (pestis peeudum) in Italien und Deutschland finden sich aus den Jahren 1235 und 1238 mehrfach.1)
Ueber Deutschland und Holland verbreitete sich 1249 eine Thier-seuche, welche Ubbo Emmius (Rer. Fris. Hist. Lib. XI) beschreibt und welche als die Rinderpest anzusehen ist. Es blieben nur wenige Tbiero übrig und im folgenden Jahre stellton sich Hungersnoth und epidemisclie Krankheiten bei den Menschen ein.
Aus dem 14. und 15. Jahrhundert sind uns nur vereinzelte Notizou mit den Chroniken überkommen, welche von grösseren Verlusten beim Rindvieh berichten. Eine in Deutschland, Belgien und England ver­breitete Seuohenkrankheit der Hausthiero herrschte 1315 (Schnur­rer 1. c).
Mit dem Jahre 1347 begann für Europa jene furchtbare Pest der Menschen, welche in der Geschichte den Namen „Der schwarze Todquot; führt. Ihre Wirkungen waren so schrecklich, dass den christlichen Völkern vielfach das Bowusstsein von den Grundbedingungen der menschlichen Gesollscluift abhanden kam. Eine Wissenschaft in dem Sinne, der uns heute vorschwebt, gab es nicht. Scholastische und theologische Satzungen herrschten an ihrer Stelle. Kein Wunder, dass man die Entstehung der fürchterlichen Epidemie der Menschen aus der continuirlichcn Ansteckung nicht erkannte und die allein wirksame Tilgungsmassregel — die Isolirung der Kranken — gänzlich vernachlässigte. Während des Herrschens der menschlichen Pest sollen — wie vielfach angegeben wird — auch die Hausthiere in grosser Zahl zu Grunde gegangen sein. Indess ist über den Character der Thierkrankheiten Nichts nhtgetheilt und mir scheint, dass die Chronisten nicht nach eigenen Wahrnehmungen berichtet haben. Denn sie sprechen ähnlich wie die römischen Schriftsteller des Alter-thums stets davon, dass die Pest der Menschen sich auf die Thiere fort­gepflanzt habe, während nach allen sorgfältigeren Beobachtungen kein einziges Beispiel von der Uebertraguugslähigkeit der menschlichen Post auf die Hausthiere bekannt geworden ist. Die Ansicht, dass auch im 14. Jahrhundert in Europa die Rinderpest aufgetreten sei, lässt sich
') A'ergl. Sobnurrer I. c; Heusinger 1, o.
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domiiach mit thatsiiclilichcii Beweisen nicht unterstützen. Eine grössere Zahl von Citaten aus den Chroniken findet sich hei Heu singer 1, c.
Michael Saxo (Ohron. Caes.J und Spangenberg (Mansf. Chr.) berichten, dass im Jahre 1441 nach weiten Uebersohwemranngen in Folge anhaltenden Regens die Haustliiere in grosser Zahl zu Grunde gingen. Nach der Prager Chronik breitete sich 1442 in Böhmen eine tödtliche Rindviehseuche aus, nachdem vorher ein Comet am Himmel sichtbar ge-Avesen war, (Sydus simile cometae per quatuordeeim noctos visum est et immensa morfalitas bonm secuta est). Ich führe diese Nachricht nur der Vollständigkeit wegen an. Dass dieselbe für sich allein das Herrschen der Rinderpest nicht beweisen kann, gebe ich zu. Es ist sogar möglich, dass der Chronist nur den Cometen 14 Tage lang gesehen und sich •— verleitet durch den Aberglauben der damaligen Zeit —#9632; die Rindvieh­seuche als eine Folge desselben hinzugedacht luvt, zumal in der alten Zeit schon behauptet war, dass beide Ereignisse in einem Zusammen­hange ständen
Zu Anfang des 16. Jahrhunderts wurde in der Gegend des heutigen Fiirstenthums Lippe-Schaumburg eine verderbliche Krankheit bei Rindern und Schweinen wahrgenommen. Ich finde darüber in Spangenberg's Chronicon Schaumburg. d. 1600 Lib. V. cap. 35 p. '251 eine Andeutung, die ich hier anführen will, obschon dieselbe über die Natur der Seuche keine Aufklärung giebt. Es ist möglich, dass es sich nicht um die Rinderpest, sondern um andere Kränkelten gehandelt und dass der berühmte Chronist sich von dem Verlaufe derselben kein richtiges Urtheil gebildet hat. Die Stelle lautet: „Bey gedachtes Graffen Johan vnd seines Bruders zelten anno 1500 erhueb sich ein grawsames Viehsterben an Kühen und Schweinen, dergleichen kein lebondischer Mensch damalss sich erinnern können vnd solches bis ins zwelffte Jahr gewehret, ehe es allerding aufgehöretquot;. Die Krankheit der Schweine, von welcher Spangonborg erzählt, war jeden­falls die Rothlaufseuche, über welche derselbe Autor in der Mansf. Chron. aus dem Jahre 1504 mittheilt, dass sie nach einem sehr dürren Sommer, in welchem weder Heu noch Grummet gewonnen, auch das Getreide schlecht gerathen war, neben einer Epidemie der Menschen heftig ge-wüthet habe, „und daraus erfolgete eine schwere thewrunge, so starben die Schweine heufig hinweg, mancher hausvater trieb eine schöne herde zu morgends aus, die ihme den dritten Theil des abends nicht wieder anheim kamquot;.
Eine österreichische Chronik (Schnurrer 1. c. II. S.60) führt an, dass in Europa im Jahre 1508 auf einen regnerischen Sommer und auf Ueber-schwemmungeu bei Rindern und Schweinen eine Seuchenkrankheit — lues intercus pestilens — gefolgt sei. Nach der lateinischen Bezeichnung-der Seuche muss dieselbe mit einer Ilautafl'ection verbunden gewesen sein. Es ist wohl möglich, dass die Schweine an der Rolhlaufseucho
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und die Rinder an der Kinderpost zu Grunde gegangen sind, obgleich der Name allein selbstredend den Character der gemeinten Krankheit nicht erkennen lässt.
Von mehreren Autoren ist die von Fracastori') im Jahre 1514 in Oberitalien beobachtete Uinderseuche als Rinderpest angesehen worden. Die Seuche wurde aus Friaul zunächst in das Venetianischo Gebiet ver­schleppt und vorbreitete sich darauf nach den Gegenden um Verona. Sie war eine ungewühnliche ansteckende Krankheit (insolita contagio) und ergriff nur dfe Rinder. Symptome und Vorlauf werden von Fra­castori mit folgenden Worten beschrieben:
Abstinebat primo bos a cibo sinenbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Zuerst versagte der Ochse die
causa alia manilesta; spectantibus Futteraufnahme, ohne dass eine an-autem in era eorum bubulcis, aspe- dere Ursache zu erkennen war. ritas quaedam et parvae pustulae Wenn aber die Wärter das Maul pereipiebantur in palato et ore tote; untersuchten, so fanden sich eine sopararo protinus infectum oportebat gewisse Rauhheit und kleine Pusteln a reliquo armento, alioqui totum in- am Gaumen und im ganzen Maule, lioiebatur. Paulatim labes illa des- Die sofortige Absonderung des an-cendebat in armos, et inde ad pedes, gesteckten Thieres war für das ac quibus ea permutalio flebat, sa- übrige Vieh nützlich; sonst wurde nabantur fore omnes; quibus autem alles Vieh augesteckt. Nach und non flebat, plurima pars interibat. nach zog sich das Uebol auf die
Schultern und von da auf die Füsso Diejenigen Thiere, bei weichen diese Veränderung stattfand, genasen fast sämmtlich, während A'on denjenigen Thieren, bei welchen die Verände­rung nicht eintrat, der grüsste Theil zu Grunde ging. Bei der Unvollständigkeit der obigen Mittheilung ist die Frage, welche Rinderseuche Fracastori beobachtet habe, verschieden beantwortet wor­den. Aoltere Autoren glauben, dass eine Form dos Milzbrandes — (ilos-santhrax2) — vorhanden gewesen sei. Unzweifelhaft ist diese Ansicht unberechtigt. Denn eine Krankheit, die mit dem Milzbrande identisch, oder auch nur verwandt wäre, tritt nach der thalsächliehen Erfahrung niemals in allgemeiner Verbreitung als eine Zungenaffeotion auf.
Rumpelt (in der Uobersetzung von Paulot's Gesch. der Viehs.) meint, dass Fracastori wahrscheinlich die Manlseuche, welche im vorigen
') Fracastori us. Tract, de contagione el eonfagiosis morhis. Lib. I. cap. 12.
-) Das Wort „Glossantbraxquot; (Zungencarbunkol) ist zuerst von Sauvages (Xosologia methodloa. 1734. T. 11 p. 860) zur Bozoiclinung dor im Jahre 1731 in Frankreich aufgetretenen und von verschiedMion Seiten mit starker Uobortrei-bung Ihrer Gefahr geschilderten Maulseucho der Kinder gebraucht worden.
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Jahrhundert in Deutschland allgemein „Zungenkrebsquot; genannt wurde, beschriebou habe. Zu derselben Ansicht bekennt sich auch Schnurrer, sowie Heu singer, der in der Beschreibung eine bösartige Maulseuche — Stomatitis aphthosa inahgna — findet.
Ramazzini erklärte in seiner berühmten Rede, dass die von Fra­cas tori beschriebenen Symptome mit den Erscheinungen der im Jahre 1711 in Italien aufgetretenen Rinderpest übereinstimmten. Er deutet sogar an, dass die Rinderpest von 1711 ein Abkömmling der Fracastori'schen Seuche zu sein scheine (. . . . ut haec nostra — clades — illius soboles videatur). Auch Faulet (Gesch. d. Viehs.) meint, dass die Fracastori'sche Seuche „in. nichts anderem, als in einem pestilonzialischen exanthoma-tischen Fieber bestanden, das mit einem kritischen Ausschlag an den vorderen Theilen des Körpers endigtequot;. Entscheidend für die neueren Autoren war, dass auch Lorinser die Beschreibung auf die Rinderpest zurückführte, obschon er seine Auffassung nicht näher motivirt hat.
Die Frage, ob die Angaben Fracastori's sich auf die Rinderpest oder auf die Maul- und Klauenseuche beziehen, lässt sich bei dem Man­gel einer genaueren Beschreibung der Symptome nicht mit Bestimmtheit entscheiden. Da aber viele Thiere genesen sein sollen, so wird wahr­scheinlich die Maul- und Klauenseuche geherrscht haben, deren Gefahren übertrieben #9632;wurden.
Gegen Ende des IG. Jahrhunderts breitete sich die Rinderpest wiederum in Italien und im Deutschen Reiche aus. Ihre Quelle war, wie immer, der Orient. Seit vielen Jahrhunderten wurde aus den Stoppengebieten des südöstlichen Europas alljährlich eine ungeheure Zahl von Schlacht­ochsen nach Oesterroich, Deutschland und Italien getrieben. Ungarn allein lieferte im 16. Jahrhundert eine so reiche Fleischnahrung für den Westen, dass in einem Jahre blos auf dem Wege über Wien mehr, als 80 000 Ochsen nach Deutschland getrieben wurden, abgesehen davon, dass auch noch andere Wege für die Viehtransporte benutzt sind.1) Die Stadt Venedig und ihre Umgegend bezogen durch dalmatinische Händler das Schlachtvieh mit welchem die Seuche eingeschleppt wurde. Wahrscheinlich wird die Einschleppung viel häufiger gewesen sein, als aus der Geschichte nachgewiesen werden kann. Ramazzini er­zählt in seiner Rede (Op. omnia, Genevae 1717 p. 794), dass nach einer Mittheilung von Antonius Faccius in den handschriftlichen Büchern über die Schlächterkunst, welche zu Venedig aufbewahrt würden und glaubwürdig seien, im Jahre 1599 eine verheerende Seuche beim
') Peoua habet Hungaria copioslssimum, ut Italian, Bohemiao, Gormaniac affatim coinmunicaro queat adeo ut observatum sit uno anno in Gormaniam, idquo per solam viam Vicnnenscin, cum sint plures aliao viae, per qnas pecora invehantur, supra ootoginta millia boum aeta esse. Surii Comment. An. 1541.
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Rindvieh gewüthot habe. In Folge derselben habe sich der Senat zu Venedig- veratilasst gefunden, den Verkauf von Rindfleisch, sowie von frischem Käse, Butter und Milch von Kühen bei Todesstrafo zu verbieten. Der Verkauf von Ilainmelfloisoh sei gestattet worden. Das Verbot wurde aber nicht erlassen, um der Weiterverbroitung' der Rinderpest zu begegnen, wieLorinser und Alle, die ihm nachgeschrieben haben, annehmen. Es gründet sich vielmehr auf die Meinimg, dass die zu jener Zeit im Vene-tianischen auftretende epidemische Dysenterie der Menschen durch den Genuss des Fleisches von Rindern, welche an der unter den Erscheinungen eines heftigen Durchfalls verlaufenden Seuche krank waren, verursacht werde. In dieser Hinsicht berichtet Ramazzini (1. c. p. 795) aus jener Zeit von einer historisch interessanten Thatsache, durch welche die Inva­sion der Rinderpest zweifellos nachgewiesen wird. Er sagt, dass nach einer Angabe des Schriftstellers Thoodorious Schenkius zu Venedig und Padua zwischen Schlächtern und Einwohnern ein Streit entstanden sei, well die Schlächter die aus Ungarn gekommenen, gekauften oder geschenkten Ochsen auf dem Floischmarkte verkauft hätten, obschon die Bürger wussten, dass dieselben mit einer Seuche behaftet waren. Denn die meisten Ochsen gingen an einem blutigen Durchfall zu Grunde, nach­dem die Seuche unzweifelhaft von einem auf das andere Thier übertragen war. Die deshalb zu Rathe gezogenen Paduanischen Aerzte hätten ge­meint, das Fleisch sei für den Genuss unschädlich, weil es sich um eine eigenthümliche und specifische Seuchenkrankhoit des Rindes handele. Dagegen hätten die Venetianischen Aerzte die Ansicht gehabt, das Fleisch sei ansteckend und leichenähnlich. Ein Arzt aus Modena liabe versucht den Streit zu schlichten und seine Meinung dahin abgegeben, dass wenn eine zweifellose Nothwendigkeit vorliege, das Fleisch zu essen, es nütz­lich sei, dasselbe vorher mit Salz und Essig zu behandeln, die Eingeweide aber zu verworfen, weil diese der Sitz der Krankheit seien.
Während der Jahre 1598 und 1599 hat die Rinderpest auch grosso Verheerungen unter dem Rindvieh in ganz Deutschland und in den an­grenzenden Provinzen angerichtet. Sigismund Schnitzer, ein Arzt aus Nürnberg erklärte die Krankheit nach einem auf Befohl des Erzherzogs Mathias von dem Collcgio modico in Wien abgegebenen Gonsilium für ein anhaltendes bösartiges Pestfieber, welches sich durch An­steckung von einem Thioro auf das andere übertrage. (Vergl. Kanold, Hist. Rel. c. VII.)
Dass die damals herrschende Seuche die Rinderpest war, beweisen die in dem Gutachten des Wiener Collegium medicum angegebenen Symptome und der tödtliche Verlauf. Das Gonsilium ist mir im Original nicht zu­gänglich. Kanold (1. c.j hat aus demselben nachstehenden Passus mit-getheilt, dem ich eine deutsche Uebcrsotzung beifüge:
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Caput plane deorsum inclinant, Calor adest praeternaturalis, Sitis inexhausta et appetitus ad bibonduin tam avidus, ut obviatn venientes et aquam portantes homines cornubus feriant atque ad Terrain prosternant, ut hoc pacto aqua potiantur; prae-torea adest Pabuli nausea, auhelitus foetidus, indo ad Ten-am cadentos, quaedam citius, quaedam tardius iu-tereunt: In nonnullis alvi Proflu-vium phlegmaticae Materiel super-venit. In quibusdam Vaccis Vosica Fellis praeternaturalitor ex affluxu biliosl humoris adeo tumet, ut libras octo, aut novem etlam capere videa-tur. Ventriculus Phlegmate crasso, viscido, lento, tenaci, aperto Ca-davere, refertus invenitur: Tota car-nis substantia bilioso ictoricioliquore tinota conspicitur. Ex his Symto-matibus collig1! potest, hunc Armen-torum morbum esse Febrem con-linuam, malignam et pestilentem, quae ab uno Bruto animali ad aliud serpendo Contagium ipsis infert.
Sie (die kranken Thlere) senken den Kopf; es 1st eine widernatür­liche Hitze und ein unstillbarer Durst zugegen. Das Vorlangen zum Trinken ist so gierig, dass die Thlere selbst Menschen, welche ihnen ent­gegen kommen und Wasser tragen, mit den Hörnern stossen und zu Boden werfen, um auf solche Art Wasser zu trinken. Ausserdom be­steht Abscheu vor dem Futter und ein erschwertes Athmen mit üblem Geruch; die Thlere liegen am Bo­den; einige sterben schneller, andere langsamer. Zuweilen tritt Durch­fall einer schleimigen Materie ein. Bei einigen Kühen 1st die Gallen­blase in Folge des Zuflusses einer galligen Flüssigkeit strotzend voll, so dass sie 8 bis 9 Pfund zu fassen scheint. In dem geöffneten Cadaver wird der Magen mit einem dicken, klebrigen, zähen Schleim angefüllt gefunden. Die ganze Substanz des
Fleisches erscheint von einer galli­gen, gelblichen Flüssig'kelt gefärbt.
Aus diesen Symptomen kann ge­folgert werden, dass die Krankheit des Rindviehs ein anhaltendes, bös­artiges und pestilentialisches Fieber ist, welches sein Contagium durch unvermerkte Ausbreitung von einem Thlere auf ein anderes überträgt. Es ist billiger Weise zu entschuldigen, dass die Beschreibung in jener Zeit nicht genauer ausgefallen ist. Die Wiener Aerzte stützten sich hierbei zweifellos nicht auf eigene Untersuchungen, sondern auf die Berichte aus dem Publikum und das letztere war damals noch nicht fähig, die einzelnen Krankheitserscheinungen zu unterscheiden. Die unrichtige Angabe über die Art und Welse, wie die kranken Rinder ihren Durst befriedigen sollen, scheint aus einer Ableitung von dem Verhalten der Menschen bei den wichtigsten acuten, fieberhaften Infectionskrankhelten entstanden zu sein. Als Ursache für die erste Entstehung der Seuche beschuldigen auch die Wiener Aerzte den Einfluss eines im Jahre 1597
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erschienenen Cometcn und ausserdem viele Nebel und Ueberschwem-mung-en.
Die historischen Nachrichten aus dem 17. Jahrhundert, welche des Auftretens von Thierseuchen erwähnen, sind ziemlich dürftig-. Nur aus wenigen Mitthcilungon kann das zeitweise Herrschen der Rinderpest an­genommen werden. Zu wiederholten Malen, namentlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundorts scheint die Aphthensouche (Maul- und Klauen­seuche) des Rindes eine grosso Verbreitung erlangt zu haben. In den Chroniken wird hervorgehoben, dass viele Thiere an der Seuchonkrankheit gestorben seien. Die Berichterstatter haben die Bedeutung der Aphthen­souche zu hoch veranschlagt; vielleicht hat auch neben der Aphthen-seuche zeitweise und in einzelnen- Gegenden die Rinderpest geherrscht. Bei dem mangelhaften technischen Wissen der damaligen Zeit lag es nahe, die Affectionen der Maulschleimhaut bei der Rinderpest und bei dor Aphthenseuche für identisch zu halten und zwischen beiden Seuchen eine Einheit zu behaupten. Unbegründet ist die Meinung der Autoren, dass die von den Chronisten erwähnten Seuchenkrankheiten des Rindes in einer bösartigen Bräune, oder in einer Form des Milzbrandes (Glossanthrax) oder in einer bösartigen Entzündung der Maulschleimhaut (Stomatitis maligna) bestanden haben sollen. Die Krankheit war die Maulseuche, welche sich in den Jahren 1609 und 1610 durch Süddeutsch-land und die Schweiz verbreitete. „Unter dem Vieh grassirte eine schäd­liche Seuche im Maul, dass viel dahin gefallen.quot; (Appenzeller Chronik.)
Ganz Oberitalien wurde 1630 von der Rinderpest heimgesucht.') Ramazzini (1. c. p. 794) sagt darüber, dass nach dem Mailänder Chro­nisten Ripamontius an beiden Ufern des Po zuerst eine bösartige Pest der Menschen und darauf die Rinderpest geherrscht habe. Von einer vorderblichen Rinderseucho ist ferner 1638 das Gebiet von Friaul be­troffen worden (Bottani 1. c).
In Sachsen grassirte 1643 eine Rinderseuche, welche die „niessende Pestquot; genannt wurde. An derselben starben viele Tausend Stück Vieh. Nur ein einziges Mittel zeigte sich wirksam: das Vieh wurde zu den Pferden gestellt. Geschah dies vor der Infection, so fand die letztere niemals statt (Heusinger 1. o. 1. p. 172). Das Wort „fliessendo Pestquot; • bedeutet, dass Durchfall das am meisten hervorragende Symptom der Seuche war. Berücksichtigt man hierbei die grosso Sterblichkeit, so kann die Rinderpest unmöglich verkannt werden.
Während der Jahre 1082 bis 1686 waren in Italien, Spanien, der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden Seuchenkrankheiten mit
l) Bottani. Dello onzozio osia dollo contagioso o non contagioso influirono nogli animalo domostici etc. Venez. 1811).
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einer Affection im Maule unter dem Rindvieh verbreitet.1) Die kurzen Bemerkungen über dieselben, insbesondere die Angaben über die Heil­barkeit der Krankheit durch Abkratzen der Blasen mittels eines silbernen Löffels müssen auf die Aphthenseuche zurückgeführt werden, deren Ge­fahr von den Borichterstattern übertrieben wird. Als Ursache wurde besonders in Italien und Spanien eine Bezauberung des Viehes angegeben.
'J G. Outhof. Judicia Jehevae Zebaoth. Groningae 1721. Faulet. Gesell. d. Viehs.
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Zweiter Theil.
GrescMchte der Rinderpest von 1710—1816. Literatur.
1.nbsp; nbsp;Vitet. Medecine veterinaire. T. III; I'Analyse des Auteurs, qui ont ecrit sur l'Art veterinaire depuis Vegece jusqu'a nos jours. ä Paris 1771.
2.nbsp; nbsp;Faulet. Recherohes historiques et physiques sur los maladies epi-zootiques etc. Paris 1775. Deutsch von Rumpelt. Dresden 1776.
3 Laubender. Seuchen der landwirthschaftlichen Hausthiere nebst Geschichte derselben. München und Burghausen 1811.
4.nbsp; nbsp;Dupuy. Traite historique et pratique sur les maladies epizootiques des betes ä cornos et ä laine. Paris 1836.
5.nbsp; nbsp;J. Kanold. Jahr-Historie von Viehseuchen von 1701 bis 1717. Budissin. 1721.
6.nbsp; nbsp;J. Kanold. Historische Relation von der Pestilenz des Hornviehes, welche Anno 1711 und 1712 in Schlesien, wie nicht weniger diese und das vorhergegangene 1710te Jahr in Moskau, Pohlen, Ungarn, Oesterreich, Siebenbürgen, Italien und anderen Ländern stark gras-siret. Breslau 1713.
7.nbsp; nbsp;B. Ramazzini. De contagiosa Epidemia, quae in Patavino Agro et tota fere Voneta Ditione in Boves irrepsit. Dissertatio habita in Pata­vino Lyceo die 9. Novembris 1711. Serenissimo Venetiarum Duci Joanni Cornelio dicata.
Abgedruckt in: B. Ramazzini. Opera omnia etc. Genevae 1717.
Deutsche Uebersotzungen der Bodo, die aber nicht ganz correct sind, finden sich in J. Knobloch. Sammlung der vorzügliclisten Schriften aus derThier-arzney. I. Bd. Prag 1785 und in den „Beiträgen zur Geschichte der Hornvieh­seuche in einigen Kreisen dor Altmark.quot; Stendal 1777.
8.nbsp; nbsp;J. M. Lancisi. Dissertatio historica de Bovilla Beste, ex Campa-niae finibus anno 1713 Latio importata etc.
Abgedruckt in: J. M. Lancisii Op. omnia Genevae 1718.
Einen ziemlich vollständigen Auszug von dieser Abhandlung hat Knob­loch in deutscher Sprache, aber in einer theilweise nicht sorgfältigen Uebor-setzung veröffentlicht in seiner Sammlung. II. Bd. Prag 1786.
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9. Tho. Bates. Abrief account of the contagious disease, -which raged among the Milk Cowes near London in tho year 1714; and of the methods, that were taken for suppressing it. In Philosoph. Transact. 1718
10.nbsp; nbsp;A. O. Goelicke. Diss. de lue coutagiosa, bouillum genus nuno de-populante. Resp. Jo. 0. Bruckner. Francofurti ad Viadrum 1730.
Kino doutscho Uoboraotzung1 dor Abhandl. onthält das Magazin der Vioh-arznoikunst. I. Bd. Wien und Leipzig 1784.
11.nbsp; nbsp; Go hl. Abhandlung von denen 1729, 1730 und 1731 in der Mittel­mark und desselben Ober- Barnimschen Kreises grassirenden Vieh­seuchen. In Gold's Medic, pract. clinica ct. forens. Lips. 1741.
12.nbsp; nbsp;Verhandeling van de tegenwordige Ziekto en Sterfte van het Rund-vee, met Warneiningen opgeheldoret door vier Geneesheeren etc. in's Hage 1745.
13.nbsp; nbsp;Veezorghorders klagt over de Runderpest. 1745.
14.nbsp; nbsp;B. D. Mau chart. De lue vaccarum Tubigensi. 1745.
15.nbsp; nbsp;de Courtivron. Observations sur la Maladie du gros betail etc. In Memoires de l'Acad. d. Sc. de Paris 1745.
16.nbsp; nbsp;de Courtivron. Journal sur la naissance, lo progres et le terme de la maladie contagieuse du gros betail ä Issurtille, ville du Buche de Bourgogne. Mem. de l'Acad. R. d. Sc. de Paris 1748.
17.nbsp; nbsp;de Sauvages. Memoire sur la. Maladie epidemique des Boeufs du Vivarais. ä Montpellier 1746.
18.nbsp; nbsp;Joh. Bemh. von Fischer. Liefländisches Landwirthschaftsbuch etc. Halle 1753. Neue Ausgabe. Riga und Leipzig 1772. Im ausführ­lichen Auszuge mitgetheilt von Paulet (2).
19.nbsp; nbsp;de Boetticher. De causis et remediis luis contagiosae boum. Hafniae 1746. Deutsch: Frankfurt 1747.
20.nbsp; nbsp;Mortimer. Some account of the distemper, raging among the Cow-kind in the Neighbourhoot of London etc. In Philos. Transact. 1745.
21.nbsp; nbsp;Layard. An Essay on the nature, causes and cure of the conta­gious distemper among the horned cattle. London 1751.
22.nbsp; nbsp;Layard. A discourse on the usefulness of inoculation of the horn­ed Cattle, tho prevent the contagious distemper among them. Lon­don 1757.
23.nbsp; nbsp;Versuch einer näheren Erklärung der Hornviehseuche nebst einigen Wahrnehmungen über die Einpfropfung derselben. Braunschweig 1763.
24.nbsp; nbsp;Plenciz. Additamentum ad tractatum de contagio, seu de lue bovina ad finem vergento anno 1761 epidemice grassante etc. Vindob. 1762.
25.nbsp; nbsp;Le Clerc. Essai sur les Maladies contagieuses du Betail. Paris 1766. Eine deutsche Uebers. der Abhandl. findet sich in Schreber's Neue Cameral-Schr. X. Leipzig 1768.
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26.nbsp; nbsp;Beytrag zur Gesohlohte der allgenieinen Viehseuche in der Mark Brandenburg'. hGipyAg 1767.
27.nbsp; nbsp; Gleditscb. Von der grossen Viehseuche, die in dem nördlichen Europa weit und breit das Rindvieh fast aufgerieben hat. — Ver-mischlo Anmerk. aus der Arzueiwisseusch. Leipzig 1768.
28.nbsp; nbsp;Jaonisch. Abhandlung von der in den Jahren 1766 und 1767 in Schlesien gehorrschlon llindviehseuche. Breslau 1768.
29.nbsp; nbsp;Koczian. Prüfung der Ursachen von der Ilornviohseuche etc. Wien 1769.
30.nbsp; nbsp; Camper. Lesson over de thans Zweevende Veostcrfte te Leeu-wardeu 1769. — Uoutsche Uebers. von J. C. Lange. Kopenhagen 1771.
31.nbsp; nbsp; Ueber das Anstecken der Viehseuche, die wahre und eigenthümliche Ursache derselben und die eigentlichen Vorbauungsmitfel darwider. Zwey von der Berlinischen Gesellschaft Xaturforschender Freunde gekrönte Preisschriflen, mit einigen Zusätzen. Von Herrn Petrus Camper und Herrn Dr. Weiss. Greifswald 1783.
32.nbsp; nbsp;Vink. Lessen over de herkauwing der runderen en deres woedendo Veeziekte te Rotterdam 1770. — Deutsche Uebersetzung Leipzig 1779.
33.nbsp; nbsp;Erxleben. Von den Viehseuchen. Im Hannover. Magazin 1770. — Die Abhandlung ist auch in desselben Verfassers „Prakt. Unterricht in der Vieharzneikunst.quot; Göttingen und Gotha 1771 abgedruckt.
34.nbsp; nbsp; Gallesky. Bemerkungen und Versuche über einig-e Ursachen des unter dem Hornvieh vorkommenden Viehsterbens. Königsberg 1772.
35.nbsp; nbsp;von Haller. Abhandlung von der Viehseuche. Born 1772 (in den Abhandl. und Beob. der oekonomischen Gesellsch. zu Bern). — Eine Separatausgabe erschien zu Bern 1773.
36.nbsp; nbsp;Tode. Geschichte der Einimpfungen der Hornviehseuche, welche in den Jahren 1770 bis 1772 in Dänemark auf Königliche Kosten angestellt worden. Kopenhagen 1775.
37.nbsp; nbsp;Vicq d'Azyr. Recueil d'observations sur las differentes Methodes proposees pour guerir la maladio epidemique, qui attaque les betes ä cornes etc. h Paris 1775.
38.nbsp; nbsp;Vicq d'Azyr. Second memoire instruetif sur l'execution du plan adopte par le roi, pour parvenir h detruire entierement la maladie qui s'est repandue sur les bestiaux dans les provinces meridionales de la France, h Paris 1775.
39.nbsp; nbsp;Vicq d'Azyr. Expose des moyens curatifs et preservativs, qui peuvent etre employes contre les maladies pestilentielles des betes ä cornes. ä Paris 1776.
Ausführliche Auszüge aus den Schriften von Vicq d'Azyr hat Dupuy (4) mitgetheilt.
40.nbsp; nbsp;Beiträge zur Geschichte der Ilornviehseuche in einigen Kreisen der Altmark. Stendal 1777.
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Marsehal. Goschichto dor Hornviehseuche. Nürnberg 1777. Genaue Beschreibung- der von dem Herrn Caimnerjunkor vonBülow auf Pratzen zuerst versuchten und nachher in den Aemtern Biitzow und Kühn mit dem besten Erfolge angewandten Inoculation der Hornviehseuche. Büzow und Wismar 1779.
von Oertzen. Oeffentliche Bekanntmachung der nunmehr sattsam erprobten und in Meklenburg allgemein gewordenen Inoculation der llindviehseuche. Hamburg 1779.
Abildgaard. Abhandlung über die allgemeine Rindviehseuche in vorzüglicher Hinsicht auf ihre Einfülle in Dänemark und die daselbst angestellten Iinpfversuche. 1779. — In's Deutsche übers, und mit An­merkungen begleitet von Erich Viborg; in dessen Sammlung von Abhandl. für Thierärzte und Oeconomen. I. Bd. Kopenhagen 1795.
Ad ami.- Bey träge zur Geschichte der Viehseuche in den kais. kön. Erbländern. Wien 1781.
Adami. Untersuchung und Geschichte der Viehseuchen in den kais. kön. Erbländern. Wien 1782.
Wo]stein. Anmerkungen über die Viehseuchen in Oestorroich etc. Wien 1782. Neue Aufl. 1798.
Schumacher. Die sichersten Mittel wider die Gefahr beym Ein­tritte der Rindviehseuche, aus Erfahrungen und Urkunden bestätigt und gesammelt. Berlin 1793.
von Hoven. Vorsuch über die gegenwärtig herrschende Rind Vieh­seuche. Tübingen 1797.
Ackermann. Nähere Aufschlüsse über die Natur der Rindvieh­seuche, die Ursachen ihrer Unheilbarkeit und die nothwendigen Folizeyanstalten gegen dieselbe. Frankfurt a. M. 1797.
Mezler. Bemerkungen über die Viehpest. Ulm 1798. Faust. Ueber die Rindvieh-Pest (Viehseuche, Löserdürre), die einzig und allein durch Ansteckung entsteht und die durch Unvorsichtig­keit von einem Orte zum anderen, von einem Lande zum anderen, vorzüglich vermittelst der Viehmärkte und des Viehhandels verbreitet wird. Leipzig 1797.
Buniva. Ragionamento sull' eeeidio d'ogni bovina sospetta ed infetta considerato siecome opportunissimo spediente per tosto troncare l'epizoozia tuttora dominante in Piemonte. Torino 1798. Fleischmann. Historia pestis bovillae. Erlangen 1800. In deutscher Ausgabe. Nürnberg 1801.
Pessina. Anleitung zur Heilung der Viehseuche mit der eisen­haltigen Salzsäure. Wien 1802.
Keck. Beyträgc zur Berichtigung der gangbaren Meinungen über die sogenannte Löserdürre oder Rindviehpest, Leipzig 1802.
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57.nbsp; nbsp;K e c k. Dor wahrscheinlichsto Weg, die Rindviolipest auszurotten. Leipzig 1803.
58.nbsp; nbsp;Lux. Wie ist die Rindviehpest in ihrem ersten Entstehen untrüg­lich zu erkennen und zu behandeln? etc. Leipzig1 1803.
59.nbsp; nbsp;Lux. Characteristik der Rindepidemie etc. Leipzig' 1803.
00. Lux. Beschreibung des epidemischen Norvonfiobers der Rinder und Methode, ihm Grenzen zu setzen. Leipzig 1815.
61.nbsp; nbsp;Walz. Untersuchungen über die Natur und Behandlungsweise der Rinderpest etc. Stuttgart 1803.
62.nbsp; nbsp; Kausch. Memorabilien der Heilkunde, Staatsarznoiwissonschaft und Thierheilkunst. I. und II. Bündchen. Züllichau 1813 und 1818.
63.nbsp; nbsp;Sick. Uober dio Natur der Rinderpest und die Gefahren, mit welchen ganz Deutschland von dieser verheerenden Pestseuche im Laufe des gegenwärtigen Krieges bedroht wird; nebst einem Vor­schlag zur Errichtung einer Anstalt, durch welche das ganze nörd­liche Deutschland vor solchen Verheerungen unfehlbar geschützt werden kann. Berlin 1813.
64.nbsp; nbsp;Rib be. Anleitung zur richtigen Erkenntniss der Rinderpest etc. nach dem Lehrsystem des Prof. Sick bearbeitet. Zerbst 1814.
65.nbsp; nbsp;Karsten. Prüfung der gegen die Rinderpest bisher empfohlenen und in Anwendung gebrachten Schutzmittel. Göttingen 1814.
66.nbsp; nbsp; Gohier. Memoire sur la maladie epizootipue, qui regne on ce moment (1814) sur les betes ä corne dans le depart, du Rhone et ailleurs. Lyon 1814.
67.nbsp; nbsp; Sick. Sendsohrift an die lloohlöblichen Regierungen etc. über die Gefahr der im Gefolge des gegenwärtigen Krieges sich allgemein zu verbreiten drohenden Rinderpest und die Mittel, den zu befürch­tenden Verheerungen vollständig vorzubeugen. Berlin, im Mai 1815.
68.nbsp; nbsp; Namsler. Die Rindviehpest etc. Breslau 1816.
69.nbsp; nbsp; Wal ding er. Abhandlung' über die gewöhnlichen Krankheiten des Rindviehes. Wien und Triest 1810. 11. Aufl. 1822.
70.nbsp; nbsp; Bojanus. Anleitung zur Kenntniss und Behandlung der wichtigsten Seuchen unter den llausthieren. Wilna 1810. II. Aufl. 1820.
Weit grosser, als in früheren Zeiten war das Interesse der Regie­rungen und der Völker in Europa bei den folgenschweren Invasionen der Rinderpest im 18. Jahrhundert betheiligt. Mit Eifer wurden überall Mittel aufgesucht, um die Landplage abzuwenden. Gewiss war es richtig, dass man zunächst von den Vertretern der Wissenschaft Rath erforderte. Denn das Studium der Medicin war seit länger als 100 Jahren an der Hand der griechischen und lateinischen Autoren wieder aufgenommen und durch wichtige Entdeckungen auf dem Gebiete der Physiologie in eine fruchtbringende Richtung geleitet worden. Indess standen auch jetzt
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noch dor Untersuchung krankor und gestorbener Thioro und einer um-fassenden Erhebung der Thatsaohen die unbereohtigsten Vorurtheile ent­gegen. Es kann daher nicht genug anerkannt werden, dass die nam­haftesten Aerzte sich um die bessere Erkenntniss der Rinderpest mit Eifer bemühten. Zuweilen kam hierbei aucli der richtige Gedanke zur Geltung, dass zuerst die Eigenschaften der Seuche klar ermittelt sein miisstou, bevor ein bestimmter Weg zu ihrer Ausrottung angegeben wer­den könne. Aber die meisten Fachmänner und besonders die grosso Majorität aller Viehbesitzer beschäftigten sich vorwaltend mit der Ent­deckung wirksamer Arzneimittel zur Heilung der von der Seuche be­fallenen Thiere. Die Uuvollständigkeit in den Mittheilungen der ärzt­lichen Autoren über die Rinderpest wird durch die Zeitvcrhältnisso ent­schuldigt. Es gab in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch keine wissenschaftlich gebildeten Thierärzte. Auch waren die Untersuchung und Beobachtung der kranken sowie die Section der gefallenen Thiere mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Vieles, was die Autoren über die Krankheitserscheinungen angeben, ist den Mittheilungen der Hirten, Schlächter, Abdecker etc. entnommen worden.
Ihren Anfang soll die Rinderpest nach der Versicherung des schle-sischen Arztes Kanold (6) an der asiatischen Grenze in der Gegend der Tartarei im Jahre 1709 genommen haben. Die bis vor wenigen Jahren viel umstrittene Frage, wo die Seuche ihre primäre Entstehung­finde, beschäftigte auch Kanold schon. Er spricht darüber befolgende Gedanken aus. „Ob nun aber an diesen Europäischen Winkeln die senche zuerst jung, oder aber aus Asien hierher gebracht worden, oder auch ob sie vielleicht in dieserlei Ländern, so wie die Mensohenpest in Egypten und Türkey ein Malum Endemmm sey, so wie etwan die Ulcera bei Kühen, Ochsen und anderem Vieh in gantz Westindien ein einheimisch-gemeines Uebel seyn sollen, solches kann ich wohl so ge-wiss nicht erörtern. Und beruhe ich demnach billig in Ansehung des ersten anfangs von dieser Grassation in diesem 1709ten'Jahre und in obbomeldten gegenden. Als wovon man aus denen, obzwar gar sparsam hierüber zu der zeit und von daher ausgefertigten Berichten zu ver­nehmen hatte, was massen sich dieses übel zuerst um Astrachan, an den Flüssen Don und Wolga hervorgethan, sich aber von hier aus als­bald nach Kasan und in die kleine Tartarey ja bis gegen Moscau fort­gezogen und in diesen gegenden eine grosse Ravage unter dem Horn-und Pferdevieh, vornehmlich aber unter dem ersteren gemacht haben. Von dem Indole der seuche selbst vermeldete man zu der zeit in specie nichts, ausser 1, dass man selbte auch bei ihrem ersten Ausbruche ausdrücklich für höchst contagiös ausgab, 2, dass sie das vieh in grosser Menge, 3, sehr plötzlich, 4, fast ohne halten getödtot, 5, und sich alsbald in viele Gegenden nach und nach erweitert habe, G, von daher sie in beständiger
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Suite und untor oincrloy hauptgestalt, in so vielen Jahren auf so viele Reiche und Lande bei diverser, auch der besten fütterung- und Witterung-fortgozog'en: bis man endlich in folgenden Zeiten und in eultivirten Kelchen den Indolem und das Wesen desselben deutlicher wahrzunehmen bemüht warquot;.
Die folgenschwere Invasion der Rinderpest in die europäischen Staaten fand im Jahre 1711 statt. So klar Kanold die Ansteckung' der Seuche als das Mittel ihrer Verbreitung erkannte, so kann er sich doch zunächst von dem Vorurtheil nicht ganz frei machen, dass die Natur-begobonheiten der Jahre 1709 und 1710 — grosso Kälte im Winter, Epi­demien der Menschen, Verheerungen durch Heuschrecken und Ueber-sehwemmungen, Dürre im Frühjahr 1811, Krankheiten der Fische und Vögel etc.) die Entwickelung der Rinderpest gezeitigt und ihre Verbrei­tung begünstigt hätten.
Der Einbruch in die westeuropäischen Staaten erfolgte im Frühjahr und Sommer 1711 von mehreren Stationen: von Russland nach Polen und Schlesien; ferner über Liefland und Curland nach Preussen, Pommern, Brandenburg, Mecklenburg und Holstein; von Ungarn nach Oesterreich, Bayern und Schwaben; von Dalmatien nach Ralien. Unaufhaltsam drang die Seuche in den nächsten drei Jahren einerseits durch Italien nach Frankreich und den Niederlanden, anderseits durch Deutschland nach Dänemark, sowie nach den Ostprovinzen Frankreichs und durch Tyrol nach Friaul und dem nördlichen Italien. Auch nach England fand, wie Bates (9) mittheilt, eine Verschleppung von Plolland aus statt. Schlesien verlor nach Kanold's Berechnung mehr, als 100 000 Stück Rindvieh an der Seuche. Für die Staaten des gegenwärtigen Königreichs Italien wird der Verlust auf etwa 300 000 Rinder veranschlagt. Die Niederlande haben nach der Schätzung von Bates mehr als 300 000 Haupt Rindvieh ein-gebüsst, davon die Provinz Holland allein 200 000 Haupt. In Ostfriess­land fielen 60 000 Haupt Rindvieh an der Rinderpest.
Faulet (2) hat berechnet, dass von 1711 bis 1714 in Europa 1 500 000 Haupt Rindvieh an der Rinderpest gestorben sind. Uebcrall folgten den directen Verheerung-en der Seuche Armnth und Elend in der Bevölke­rung, die in manchen Gegenden in völlige Verzweiflung gerioth und durch Slaatshilfe unterstützt werden musste.
Unbekannt mit den Eigenschaften der Seuche und ihres Contagiums und deshalb machtlos gegen das Unglück ergaben sich die Völker dem Myslicismus. In Deutschland machte sich dio Meinung breit, dass die Vorsehung beschlossen habe, das Volk nach Art einer egyptischen Plage heimzusuchen. Allenthalben erfolgte die Anordnung öffentlicher Gebete, durch welche die erzürnte Gottheit, die zur Züchtigung der Menschen wegen allerlei Sünden und Vergehungen das grosso Unglück verhängt habe, beschwichtigt werden sollte, damit die Landplage wieder aufhöre.
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Papst ClomonsXI. befahl am 4. September 1713 den Priestern, für die Abwendung der Seuche Gott zu bitten und bewilligte durch spätere An­ordnungen allen Gläubigen Ablässe für die Verrichtung der vorgeschrie­benen Gebete (Lanoisi I. c. V).
Unterdessen hatten die Kaiserlich Oeslerreichische und die Königlich Preussische Regierung gleich nach dem Einbruch der Rinderpest schon sehr richtig erkannt, dass der Landplage nur durch energische Polizei­massregeln erfolgreich begegnet werden könne. Das österreichische Edict vom 12. October 1711 ordnet in den von der Seuche noch ver­schont gebliebenen Landestheilen die strengsten Vorsichtsmassregeln an und das berühmte Preussische Seuchen-Edict vom 7. December 1811 scheibt für die Einfuhr von fremdem Vieh eine achttägige Quarantaine vor, verfügt auch, dass die Cadaver ohne Abhäutung „fünf Ellen tief mit Haut und Talgquot; vergraben und mit Kalk bedeckt, sowie dass vor Ablauf von drei Monaten keine Rinder aus der inflcirten Gegend verkauft werden sollen. Mit dem Eriass vortrefflicher Massregoln folgte 1712 der Churfürst von Sachsen und 1713 der Pabst Clemens XI. dessen berühmter Leib­arzt Lancisi vollkommen überzeugt war, dass die Tilgung der Seuche am zweckmässigsten durch Tödtung aller kranken und ansteckungsver­dächtigen Rinder bewirkt werden könne.
Der Kirchenstaat wurde von der Rinderpest Anfangs August 1713 heimgesucht. Schon am 16. August erliess das heilige Collegium (Sacra Consulta) ein Verbot der Viehmärkte und der Vieheinfuhr aus der Ge­gend des Meeres und aus Campanien. Die Strafen gegen die Verletzung des Verbots waren sehr strenge. Ein Laie verwirkte mit der Uebortre-tung des Verbots die Todesstrafe, ein Mitglied des geistlichen Standes die lebenslängliche Verweisung auf eine droiruderige Galeere (Lancisi I. Kap. IV). Der Verkauf von Häuten und Eleisch wurde untersagt; die Todesfälle mussten angezeigt, die Cadaver des gestorbenen Viehs bei Vermeidung der härtesten Strafen begraben und durften namentlich nicht in die Tiber geworfen werden. Daneben suchte man die Landwirthe (Pächter und Grundherren) zur Wiederaufnahme des Ackerbaus zu be­wegen und untersagte das Schlachten von Arbeitsochsen und weiblichen Kälbern, damit die Rindviehzucht von neuem gefördert werden könne. Lancisi machte den Vorschlag, sofort die kranken, sowie die ange­steckten und die der Ansteckung verdächtigen Thiere sämmtlich zu tödten. Allein die Mehrheit des Collegiums stimmte dem Vorschlage nicht zu, in der Hoffnung, dass noch ein Mittel zur Heilung der Krankheit ausfindig gemacht werden möge und weil nicht nothwendig alle erkrankten Thiere sterben müssten.
Neun Monate herrschte die Seuche im Kirchenstaat, bevor sie zum Erlöschen gebracht wurde. Der Verlust an gestorbenem Vieh betrug, soweit er zur Kenntniss der Behörden gelangte, 26 252 Stück. Dieselben
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vertheilen sich auf 84()() Arbeitsocbsen, 10 125 weissc Kühe, 2816 rotho Kühe, 108 Stiere, 427 junge Ochsen, 451 alte Ochsen, 2362 Kälber, 635 Büffelkälber und 802 erwachsene Büffel beiderlei Geschlechts. Ausscrdem mochten noch etwa 4000 Stück ohne amtliche Anzeige gefallen sein, so dass sich der Gesammtverlust auf 30 000 Haupt Vieh berechnet (Lancisi I. Kap. XV).
Die mittelbare Ursache der ausserordentlichen Verbreitung der Seuche im westlichen Europa liegt in dein Nordischen Kriege und in dem Spa­nischen Erbfolgekriege. Beide erforderten die Bewegung grosser Schlaoht-viehhoerden in den östlichen Staaten Europas. „Endlich, so hat von Polen aus, auf der anderen Seite gegen Norden zu, dieses Uebol ohne allen Zweifel auf gleiche Weise per Contagii Communicationem seinen Fortgang gehabt, und ist solches auch unter andern insonderheit durch die hin und wieder marchirende Moscovitische, Polnische und andere Trouppen, sowie die Menschenpest, weiter und weiter ausgebreitet worden. Denn so wurde aus Berlin vom 8. December 1711 avisiret, dass das Vieh in unbeschreiblicher Menge an denen Orten sterbe, wo die Moscoviter mit dem Polnischen Vieho im Monat Julio hingekommen, so dass in acht Tagen ganze Triften ausgestorben. Solchergestalt wurde von Warschau und anderen Orten im Herbst An. 1711 relationiret, dass das Vieh sel­biger Gegend an diesem grosson eingerissenen Vieh-Sterben häuffig drauff gehe, und an manchem Orte 60 und mehr Stücke dahin fallen. Und von Königsberg aus Preussen lieff vom 3. November 1711 Nachricht ein, dass auch dasiger Orten diese Contagion stark einzureissen beginne, so dass wer bisshero 2 oder 3 Schock Rindvieh auf seinem Gute ge­habt, anitzo nicht eine Klaue mehr übrig habe.quot; (K an old. Hist, llelat. S. 40).
Es ist nach Kanold's Jahr-Historie sehr wahrscheinlich, dass Ein­schleppungen der Rinderpest nach Deutschland innerhalb der Jahre 1711 bis 1716 zu wiederholten Malen durch ungarisches und russisches Schlacht­vieh stattgefunden haben. Daneben wurde aber schon in jener Zeit die Beobachtung gemacht, dass die Seuche durch ein einziges inficirtes Thier eingeschleppt und weit verbreitet werden kann. Namentlich erkannten scharfsinnige Beobachter, besonders die italienischen Aerzte, aus solcher Einschleppung die Ansteckung als die ursächliche Quelle der Seuche. Eine gewisse Berühmtheit hat der Fall beim Grafen Borromeo im Pa-duanischen erlangt, weil er als erster seiner Art zweifellos festgestellt werden konnte.
Am 27. Augnst 1711 wurdo eine Heordo Ungarischer Schlachtochsen, welche von Dahnatinischon Händlern nacli Italien gebracht und in Venedig ausgeschifft war, durch das Dorf Sermoola bei Padua gelrieben. Von dieser Heerdo wurde ein kranker Ochse, welcher unterwegs zurückblieb, gefunden, nach dem Gute des Grafen Borromeo gebracht und hier in einen Stall zu gesunden Ochsen gestellt.
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Acht Tage naclilior brach die Soucho bei den lotztoren aus, die sämmtlich zu Grunde gingen.1)
In der Darstellun^gt;• des Ganges der Seuche und ihrer Verbreitung' auf dem Wege der Ansteckung' hat Kanold Ausgezeichnetes geleistet. Seine Mittheilungen haben für die Geschichte der Rinderpest-Invasionen einen bleibenden Werth. Er erkannte, dass die Verbreitung der Seuche nur durch Ansteckung erfolgt und dass von allen angepriesenen Ilülfs-mitteln allein die Polizeimassrcgeln eine erfolgreiche Wirksamkeit ver­bürgen können.
Das Wesen der Seuche erblickt Kanold in einem specifischen Con-tagium. Deshalb bezeichnet er sie als Pest des Hornviehs (pestis boum) zum Unterschiede von anderen epidemischen Krankheiten des Rindes. Der Ansicht, dass dieselbe durch besondere Einflüsse der Himmelskörper, oder durch Nebel, Befallung des Futters und Ueborschwemmung-en, oder durch Zauberei verursacht worden sei, stellt Kanold stets den wissen­schaftlichen Beweisgrund entgegen, dass meistens die Verbreitung auf dem Wege der Ansteckung direct nachgewiesen und dass in den anderen Fällen die Entwickelung nicht ausreichend klar gestellt sei, um die un­mittelbare oder mittelbare Ansteckung von einem bereits erkrankten Thiere ausschliessen zu können. Mit grossem Recht findet er eine Be­günstigung für die schnelle Ausbreitung der Seuche in dem lebhaften Verkehr mit ausländischem Vieh und in der Thatsache: „dass man noch nicht überall so genau Achtung auf den Progressum dieses Uebels gegeben, weil selbiges dazumahl noch etwas neues und unbekanntes gewesen, auch mehr vor eine gemeine Seuche, als ansteckende Pestilentz gehalten worden.quot;
Nicht so glücklich, als in der Erkenntniss der Ursache der Rinder­pest, ist Kanold in der Beschreibung der Krankheitssymptome und der Sectionsbefunde. Mit der Offenheit, die seine Arbeit durchweg aus­zeichnet, bezieht er sich hierbei auch nicht auf eigene Wahrnehmungen, sondern auf Mittheilungen von den Landleuten und von einigen ungarischen Edelmännern, mit welchen er in Briefwechsel stand. Ausserdem war ihm die Rede Ramazzini's bekannt. Er erzählt irrthiunlicher Weise, dass die Thiere die erfolgte Infection sofort durch ein wildes und unge-berdiges Benehmen, Springen, Laufen, Brüllen, Stossen gegen die Erde etc. kundgeben sollen. Als die wichtigsten Zeichen, die den Eintritt und den Verlauf der Krankheit begleiten, führt er zutreffend an: Mattigkeit, Traurigkeit, Hängen des Kopfes, Zittern („welches ohnfohlbar Gelegen­heit gegeben hat, dass einige solches vor einen Horrorem oder Frost gehalten, welches aber vielmehr vor eine ängstliche und fürchterliche Motation anzusehen sein dürftequot;j, Verlust des Appetits und des Wieder-
') Kpistola do padre Borromoo, scritla ad un suo amico, nolla quäle oxamina lo cagioni della prosenta epidomia de luioi. Roma, 15. Dec. 1711. Vgl. Lancisil. c.
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kauons, grosso Hitze, keuchendes Athmcn, übler Geruch aus dem Maule, Versiegen der Milch, Geifern aus Naso und Maul, Diarrhöe, zuweilen blutige Excromente, Ausschlag („Blattern und Grindquot;) auf der äusseren Haut, sowie in der Maul- und Kachenhöhlo und Abortus bei tragenden Kühen. Den Ausschlag, sowie den Abortus hält er nach der damals herrschenden Theorie ebenso, wie die italienischen Aerzto für günstige Ereignisse.
Aus dem Sectionsergebnisso hebt er hervor: „starke Erweiterung und Anfüllung der Gallenblase, Brand der Eingeweide, besonders der Milz und Lober, schwarze und dicke Beschaffenheit des Blutes, sowie eine harte und steinigte Materie im dritten Magen.quot; Zur Heilung der Krankheit waren die verschiedensten Mittel ohne Erfolg versucht worden. Die Kritik derselben beschliosst Kanold mit dem auch heute noch voll­kommen zutreffenden Satze: „Inzwischen bloibets wohl derbey, dass unter allen menschlichen Subsidiis sowohl in der Menschen- als Viehpest kein gewisseres und kräfftigeres zu finden sey, als die politische Vorsorge wider die Einbringung dos Contagii.quot;
Der Verfasser hatte auch die Beobachtung gemacht, dass die wenigen Thiero, welche im Jahre 1711 die Seuche überstanden, im folgenden Jahre nicht mehr angestockt wurden. Durch dio Klarstellung der alleinigen Ursache der Rinderpest und durch die mit scharfer Logik aus dieser Erkenntniss gezogenen Consequenzen hat Kanold in seiner Schrift über die Pest des Hornviehs die Pathologie der Seuchen und ins­besondere der Rinderpest bedeutend gefördert. Die praktische Tendenz der in dieser Arbeit niedergelegten Gedanken verleiht derselben eine Eigenart vor der älteren Arbeit Ramazzini's. In der Theorie mit der der letzteren übereinstimmend erklärt Kanold die Rinderseuche für eine wahre Pest, die von einerlei Natur mit der monschlichon Pest sei und mit der letzteren die drei General-Eigenschaften (1. Propagationem per Contagium; 2. Mortes numerosissimas et repentinas; 3. Excretiones et Symptomata draslica et extraordinaria) gemeinsam habe. Mit der Menschen­pest eoinieidiro die Rinderpest auch in der Thatsache, dass in derselben viel und übel beschaffene Galle anzutreffen sei (1. c. Kap. IX). Von der Heilung der kranken Rinder verspricht sich Kanold nicht viel. Er empfiehlt, dieselben nach den Indicationen und mit den Mitteln, welche 'bei der Pest der Menschen angewendet wurden, zu behandeln. Der leitende Gesichtspunkt für die von ihm erörterte Kur liegt in der irr-thümlichen Ansicht, dass die Natur durch die krankhaften Ausflüsse und das Exanthem das Pestgift aus dem Körper auszuscheiden suche und hierin unterstützt werden müsse.
Werthvoller für die Wissenschaft von der Rinderpest und besonders für die Symptomatologie ist die Rede Ramazzini's (7). Es war in der da­maligen Zeit an sich schon ein bemerkenswerthes Ereigniss, dass der hoch-
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berühmte erste Professor der Medicin an der Universität zu Padua einen Vortrag' über eine Rindviehkrankheit hielt. Selbst die Lehrer der Pathologie betrachteten zu joner Zeit die Section von Thiercadavern nicht für eine angenehme und der medicinischen Philosophie würdig'e Aufgabe. Dass diese einem falschen Princip entlehnte Auffassung den Fortschritt in der Medicin mehr behindert hat, als viele andere ärztliche Vorurtheilo, kann hier nur angedeutet werden. Ramazzini entschuldigt sich vor seinen Zuhörern, dass er die Eröffnungsrede zu den Vorlesungen einem Gegen­stände entnehme, der von medicinischer Anmuth weit entfernt sei. Aber durch die Verwüstungen der Seuche seien die Einwohner im Venetianischen und Paduanischen von Furcht und Schrecken erfüllt. Traurig und un­schlüssig stehe der Landwirth vor seinem leeren Stalle und schaue auf die Grabstätten, welche die Stützen seines Wohlstandes deckten. Auch die Bürger der Städte und der Adel beklagten die Verluste und die daraus entspringende Theuerung. Der grosse llippokrates habe es nicht unwürdig gefunden, über die Krankheiten des Rindviehs zu sprechen. Die letzten Bedenken wurden aber erst dadurch überwunden, dass der Magistrat zu Venedig und schliesslioh der Doge selbst — dem auch die dem Druck übergebene Rede gewidmet ist — dem ärztlichen Collegium zu Padua den Auftrag ertheilten, die Ursachen der Seuche zu unter­suchen und die Ifülfsmitlel zu bestimmen, mit welchen dem täglich um-sichgreifendon Unglück Einhalt gethan werden könne.
Der wissenschaftlichen Ansicht, welche Ramazzini von der Natur der Rinderpest aufgestellt, liegt die Fieberlehro des Hippokrates zu Grunde. Schon der Nürnberger Arzt Sigismund Schnitzer (cf. S. 33) hatte die Krankheit ein anhaltendes bösartiges Pestfieber genannt. Auch Ramazzini ging zunächst von einer Vergleichung der Seuche mit der menschlichen Pest aus. Es musste auffallen, dass beiden Seuchen die grosse Ansteckungsfähigkeit, die kurze Entwickelungszeit nach der In­fection, der schnelle Krankheitsverlauf und die grosse Sterblichkeit ge­meinsam waren. Die von den Symptomen abgeleitete Theorie der Rinder­pest liegt in folgenden Sätzen (1. c. p. 787) ausgedrückt, an welche in der späteren Zeit oft angeknüpft worden ist.
Affectionis genus, quod Bubulo Aus der Kälte, der Steifheit, dem generi helium ad internecionem us- Gesträubtsein der Haare und der quo videtur indixisse, ex frigore, bald darauf eintretenden brennenden rigore, horripilatione, mox ex calori und heftigen, über den ganzen Kör-acri et vehementi per Universum per ausgebreiteten und mit Beschlou-Corpus diffuse, cum pulsus fre- nigung des Pulsos verbundenen quentia, febrem esse satis liquet, Hitze geht zur Genüge hervor, dass malignam vero, exitialem, postilen- diese Seuche, welche dem Rindvieh tiam etiam, si mavis, esse aperte einen völligen Vernichtungskrieg testantur,quaeillamcomitantursymp- angesagt zu haben scheint, ein bös-
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tomata; qualia suut, muirna auxietasnbsp; nbsp; nbsp;artiges, zum Untergänge führendes
et gravis anhelitus, etiam cum stör-nbsp; nbsp; nbsp;und pestilentialisches (ansteckondes)
tore, et in prlnoipio febris stupornbsp; nbsp; nbsp;Fieber ist. Dies beweisen auoii die
et species cpiaedam veterni, con-nbsp; nbsp; nbsp;Symptome, welche die Krankheit
linuus ox ore et naribus ffraveolen-nbsp; nbsp; nbsp;begleiten: orosse BeänffStiffUUfi1, er-
tis inateriao descensus, foetidissimanbsp; nbsp; nbsp;Schwertes, mit Stöhnen verbundenes
alvi proluvies, interdum etiam cru-nbsp; nbsp; nbsp;Athmen, Eingenommenheit und eine
enta, anorexia, et abolita penitusnbsp; nbsp; nbsp;Art Schläfrigkeit, anhaltender Aus-
rurainatio, pustulae quinta vol sextanbsp; nbsp; fluss von übelriechender Materie
die per totum corpus orumpentes, ac tubercula variolarum speciem re-ferentia, comnumis tandem omnium eo modo circa quintam et soptimam intoritus, cum Boves paucissiini eva-dant, iique forle potiusquadam, quam remediorum dynami.
aus Maul und Nase, Durchfall von stinkenden, zuweilen auch blutigen Massen, Appetitmangel und gänz­liches Aufhören des Wiederkauens. Am 5. oder 6. Tage brechen auf dem ganzen Körper Pusteln ans, welche Knoten von der Gestalt der
Pocken darstellen. Endlich sterben die Thiere sämmtlich auf gleiche Art gegen den 5. bis 7. Tag; nur wenige Rinder kommen durch, und zwar mehr durch Zufall, als durch die Kraft der Heilmittel. Das Citat ergiebt, das llamazzini die Rinderpest nicht als „Pocken-seuchequot; oder „Blatternseucho'- bezeichnet hat, was ihm von Paulet und vielen anderen Autoren bis in die neueste Zeit irrthümlich nachgesagt ist. Er hat nur das Rinderpest-Exanthem mit den menschlichen Pocken verglichen. Die Idee, dass die Rinderpest eine Pockenseuche und mit den Kuhpocken (Variola bovina) identisch sei, wurde von den italienischen Aerzten wohl besprochen aber nicht aeeeptirt. Die Bezeichnung „Pocken­seuchequot; ist, soweit ich bei meinen literarischen Studien habe ermitteln können, zuerst von den Genfer Aerzten ausgegangen1), welche die Krank­heit ^petitc-verole maligne et pestilentiellequot; nennen.
Nach den thatsächlichen Beobachtungen und auf induetivom Wege er­kannte Ramazzini, dass die Rinderpest nur durch Ansteckung entstehe; aber er vermuthet, dass sich das Contagium in Rindern, die an anderen Krankheiten leiden, bilden könne. Denn bei allen Nachforschungen müsse man schliesslich auf ein Thier kommen, in welchem der Krankheitsstoff ursprünglich erzeugt worden sei. Das Vorurtheil, duss die Seuche aus den Einflüssen der Gestirne, der Witterung und der Ernährung entstehe, hat Ramazzini energisch zurückgewiesen, Ihm ist die schnelle Ausbreitung
') Reiloxions dos inödooins do Gonövo sur la Maladio du gros betail. Genevo 1715.
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dor Seuche erklärlich durch die Ausdünstungen der kranken und gestorbe­nen Rinder, die Ställe und Weiden, die Hirten und ihre Kleidung (1. c. p. 789). Wenn der hierdurch entstehende giftig'e Dunst (aura venenaia subtilissima) ein gesundes Rind anwehe, so vereinige sich derselbe mit dem Lobensgeist und mit der wässerigen Flüssigkeit (spiritibus vitalibus et seroso latici se consocians). Darauf gelange er in die Circulation und störe die natürliche Beschaffenheit des Blutes, sowie die Verdauungs-Organe. Bas Rinderpestgil't gehöre in die Klasse jener Gifte, welclio das Blut mehr verdichten, als auflösen. Dies beweisen die Symptome und auch der Augenschein; denn die gestorbenen Oclisen, welche noch im warmen Zustande von den Schlächtern geöffnet wurden, enthielten wenig oder gar kein Blut. Durch die Verdickung des Blutes werde das Fieber zu einem anhaltenden. Sobald der gährungerregende und pestartige Zündstoff den ganzen Körper (Venen, Arterien und andere Kanäle) durch­drungen habe, breche er wie ein Feind aus seinem Hinterhalte, indem er ein bösartiges Fieber erzeuge, welches in 5 bis 7 Tagen ohne Unter­schied die Arbeitsochsen, Stiere, Kühe, Färsen und Kälber zu Grunde richte.
Sectionen gestorbener pestkranker Rinder scheint Ramazzini selbst nicht gemacht zu haben. Er bezieht sich auf die Professoren Molinetto undViscardo, welche solche Thiero häufig secirt und im Psalter einen harten und compacten, den Magenwänden fest anhängenden Körper von beträchtlicher Grosse und unangenehmem Geruch, an der Zungenwurzel Geschwüre und an den Seilen der Zunge mit Blut gefüllte Blasen ge­funden hätten. Das eingetrocknete Futter („den harten Körperquot;) im dritten Magen hält der Autor für das erste Product des contagiösen Miasma. Denn es sei nicht glaublich, dass dieser Körper in den wenigen Tagen nach der Erregung des Fiebers noch entstehen könne.
Ramazzini glaubt, dass durch weitere Beobachtungen der Natur ein specifisches Heilmittel gegen das Rinderpest - Contagium gefunden werden möge. So lange dies nicht bekannt sei, müsse die Seuche nach denselben Grundsätzen, wie die menschliche Pest oder das Pockenüeber der Kinder behandelt werden. Die Natur suche die kranke Materie in die Oberfläche der Haut zu treiben und durch Geschwüre, Pusteln und Knoten auszuscheiden. Hierin liege ein Fingerzeig, denn noch habe man keine Thiere genesen sehen, bei welchen auf der Haut keine Pusteln entstanden seien, aus denen viel dickliche und stinkende Materie abiloss. Auch habe er von keinem geheilten Thiere gehört, dass es zum zweiten Male befallen worden wäre. Zur Kur empfiehlt Ramazzini die Appli­cation der Nieswurzel nach Columella, ausserdem eine entsprechende diätetische Pflege, bedingungsweise den Aderlass und Mittel aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreich, besonders die Chinarinde, weil die Rinderpest als Boum febris contitiua et acuta von den anhaltenden
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Fiebern dor Menschen nicht verschieden sei. Als nützlich bezoichnot der Autor endlich die Uesinfoction der Ställe, in denen kranke Thiore gestanden, die gute Fütterung und Pflege der gesunden Ochsen und zur Erhaltung der Gesundheit die Application eines Eiterbandes unter dein Kinn, wozu die Haut mit einem glühenden Eisen durchbohrt werden könne.
Die Darstellung Ramazzini's hat mehr einen theoretischen, als prak­tischen Werth. Man kann ihr mit Recht den Vorwurf machen, dass die Bekämpfung der Seuche durch Isolirung und Vernichtung des Contagiums nicht berücksichtigt ist. In dieser Hinsicht steht der Autor seinen be­rühmten Zeitgenossen Kan old und Lancisi weit nach. Indess ist billigerweise nicht zu übersehen, dass die Erörterung don Character einer Eröffnungsrede zu den Vorträgen über Pathologie hat und dass wohl aus diesem Grunde die medicinisch-wissonschaftliche Untersuchung-der Seuche und ihres Contagiums neben der theoretischen Therapie in den Vordergrund gestellt sein mag. Die mit der Wirkung eines Dogmas vertretene uralte humoralpathologische Ansicht, dass der Organismus die Krankheitsmaterie aus dem Körper ausscheiden könne, veranlasste den Autor zu manchen fehlerhaften Schlüssen von der Heilbarkeit der Krank­heit und von den möglichen Erfolgen einer grösseren Zahl von Heil­mitteln. Ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Rede Ramazzini's besteht aber darin, dass zum ersten Male in der Literatur die wichtigsten Symptome der Rinderpest und einige Sectionsresultate (Verminderung der Blutmenge, Erosionen der Maulschleimhaut und trockene Beschaffen­heit des Futters im 3. Magen) mit Bestimmtheit festgestellt wurden.
Für die Beurtheilung der Schrift, welche der päpstliche Leibarzt und Professor Lancisi über die Rinderpest bearbeitet hat, ist es nicht ohne Interesse, dass dem Verfasser die Arbeiten Ramazzini's und Kanold's bekannt waren. Den hohen Werth, welchen diese Schrift für die Praxis beim Ausbruch der Rinderpest hat, habe ich schon betont. In theoretischer Hinsicht weicht der Standpunkt Lancisi's von den Aus­führungen Ramazzini's nicht wesentlich ab. Auch er hält die Krank­heit im Sinne des Hippokrates für eine wahre Pest, d. h. für ein Fieber, welches eine grössere Zahl von Individuen gemeinsam befällt und ver­derblich ist. In der neueren Literatur ist oft die Meinung aufgestellt worden, dass die Rinderpest nach den Angaben von Ramazzini und Lancisi in Italien 1711 und 1713 vorwaltend in der Form einer Aus­schlagskrankheit aufgetreten sei. Ich habe bei eingehenden Studien der von den genannten Autoren hinterlassenen Schriften diese Meinung nicht bestätigt gefunden. Ihre Betonung des Exanthems stützte sich blos auf eine theoretische Voraussetzung. Es erschien ihnen wichtig, dass bei den Eruptionen der menschlichen Pest, mit welcher sie die Rinderpest in Parallele stellten, analoge Zustände der Haut wahrgenommen waren. Be-
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weisend für diese Auffassung- dürfte folgende Stelle bei Lancisi (III c. 2) sein:
Praeterea quaoquam ob nimiam cutis crassitiem neque exanthemata, neque carbunculi in extormi boum superficie erumpcrcnt; singulis ta­rnen, ubi tcnerioros sunt mombranae, scilicet in ore et faucibus pblogoses, pustulae, ulcera et maculae appare-bant, Insuper plorique boves hoc male tentati peribant intra diem sep-timmn, quod in peste frequentissi-mum ost; pauci vero per abscessum, ac deeubitum, ut mox dioomus, eva-debant.
Wenn übrigens wegen zu grosser Dicke der Haut weder Ausschlag' noch Karbunkeln auf der üussereu Oberfläche der Thiere hervor­brechen, so erscheinen doch an einzelnen Stellen, an welchen die Häute zarter sind, wie im Maule und im Schlundkopf, Entzündungen, Pusteln, Geschwüre und Flecke, üeberdies gingen die meisten mit dem Uebel behafteten Rinder g'pgen den siebenten Tag zu Grunde, was auch bei der Pest sehr gewöhnlich
vorkommt. Wenige kamen aller­dings davon — wie wir erzählen werden — durch eine Ausscheidung-und Ablagerung (des Krankheits­stoffs). Die von Lancisi gelieferte Beschreibung der Symptome hat deshalb einen grossen historischen Werth, weil viele Autoren bis in die neuere Zeit seine irrthümlichen Mittheilungen thoils wörtlich, theils dem Sinne nach wiederholt haben. Er unterscheidet zwischen den häufiger vor­kommenden und den in seltenen Fällen beobachteten Krankheitszeichen und erklärt diese Differenzen in Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der alten griechischen und römischen Medicin durch die Annahme, dass nach der verschiedenen Mischung der flüssigen und nach der verschie­denen Zusammenfügung der festen Theile im Thierkörper aus ein und derselben Ursache besondere Zufälle entstehen sollen. (Quanqtiam vero seeundum variam in aniinalibus fltndüruin crasim ac solidorum tex-turam — quas simul aeeeptas temperamental') vacant Medici— variae qztoque affectiones ex una, eadvmqtie causa suboriri soleant. Pars III c. II). Nach Lancisi's Darstellung, die sich in diesem Punkte an die Angaben Kanold's anlehnt, sollen die ersten Anzeichen der Rinderpest bei einigen Thieren darin bestehen, dass dieselben die Flucht ergreifen, heulen und schnauben und sich auf mannigfache Weise geberden, als ob sie von einem plötzlichen Schrecken ergriffen wären. Er denkt sich, dass das Pestgift bei solchen Thieren krampfhafte Bewegungen der äusseren und inneren Theile herbeiführe. Die von Natur schwachen
') Das Wort „Tomporamciitquot; bodeutoto zu Lancisi's Zeit noch dieselbe all-gemoino Eigenschaft der Thiere, welche gegenwärtig als „Constitutionquot; oder als „constitutionolle Anlagequot; bezeichnet wird.
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Thiore sollen in seltenen Fällen durch einen schnellen Ted, gleichsam wie vom Blitze getroffen zu Grunde gegangon sein.
Offenbar können diese unrichtig'en Angaben nur auf Mittheilungen aus dem Publicum beruhen. Zu allen Zeiten hat es Personen gegeben, welche sich einbildeten, dass eine so furchtbare Seuche auch ein sehr auffälliges Benehmen der erkrankten Thiere verursachen müsse.
Als die häufiger vorkomtuenden Symptome benennt Lancisi die wichtigsten Zufälle der Rinderpest im Ganzen richtig. „Traurigkeit, Her­abhängen des Kopfes, Herablliessen von Thränen aus den halbge­schlossenen Augen, von Schleim und Speichel aus Nase und Maul, Fieber mit Frostschauer und Aufsträuben der Haare, anhaltendes Liegen; Ent­zündung, Pusteln, Blasen und Geschwüre mit grosser Hitze auf der Zunge und im Rachen. Anfangs tranken die Thiere viel; später verschmähten sie Getränk und Futter gänzlich, weil sie nicht schlucken und nicht wiederkäuen konnten; sie starben durch Hunger und Durst schneller, als durch die Gewalt der Krankheit geschehen sein würde, sehr oft unter Durchfall von übelriechenden, verschiedenfarbigen, zuweilen blutigen Massen. Fast alle Thiere starben in der ersten Woche, indem sie einen üblen Geruch verbreiteten, schwer athmeten und nicht selten auch husteten. Die wenigen Thiere, welche die zweite Woche erreichten, pflegten gesund zu werden.quot;
Lancisi hatte die Ansicht, dass das Seuohengift vorzugsweise von den flüssigen Theilen des Kürpers aufgenommen und dass von den letzteren bald nachher diese oder jene Organe nach Massgabe ihrer be­sonderen Beschaffenheit ergriffen würden. Er erklärt mit anerkennens-werther Offenheit, nur drei gefallene Stück secirt zu haben. Bei dem ersten, welches am dritten Tage der Krankheit gestorben war, fand sich im Psalter eine harte Heumasso und ein Haarball. •) Die übrigen Ein­geweide wichen nicht wesentlich vom gesunden Zustande ab. In dem zweiten waren ausserdom, weil es erst am sechsten Tage starb, sowohl die Leber und die Gedärme, als die Lungen von „Brandquot; ergriffen. In dem dritten erschienen auch noch das Herz und das Gehirn krankhaft erweicht.
Dio Wahrnehmung, dass nur die Rinder und keine anderen Thiere an der Seuche erkrankten, wird von Lancisi im Sinne des Hippo kr ates auf eine besondere Anlage der einzelnen Thiere für die verschiedenen Krankheitsursachen zurückgeführt. Die nach der Einverleibung des Con-tagiums im Thiorkörper sich entwickelnden Krankheitsprozesse beurtheilt er in einem naturphilosophischen Excurse als Gährungen. Dem Rinderpest-
!) Nach Lancisi sollen dio Haarbälle, dio schon Plinius kannte, dadurch entstehen, dass dio Dockhaaro mittels dor Zung'o abgeschabt, vorschluckt, darauf durch den Speichel verklebt und mit Hilfe der poristaltischon Dowogung in ihre Form gebracht worden.
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Contag'iuin worden die Wirkungen eines Permentkörpers zugoschriebon. Bei den jungen Thieren, welche durch reichliche Nahrung- und Ruhe fett geworden sind, soll die Seuche sich leichter einfinden und schneller tödtlich worden, als bei den alten durch die Arbeit mager g'ewordenon Ochsen. Die Ursache dieser Verschiedenheit wird in der grossoron oder geringeren Menge der Säfte und in den vorengten oder offenen Wegen des Körpers gesucht. Denn sobald das Seuchen-Ferment eine grosse Menge von Siiften durch seinen Eiufluss verdirbt, entsteht auch eine grosso Behinderung- in den Wogen des Körpers. Da das Ferment nun nicht nach aussen ablaufen und verdunsten kann, wirft es sich um so leichter auf das Blut und häng't sich den Lebenskräften und den Ein-g-eweiden an. Dies pflegt bei den fetten Thieren wegen ihres körper­lichen Zustandes gar oft einzutreten. Die mag-oren Thiere können zwar auch das Seuchengift aufnehmen und daran zu Grunde gehen; es ist aber nicht selten, dass sie das Gift durch die offenen Weg-e des Körpers aus­sondern und zersprengen (1. c. P. III. c. IV.).
Aus den hier mitg-etheilten Citaten ist leicht zu erkennen, dass Lancisi in seine Beschreibung manche Urtheile gemischt hat, die nicht durch thatsächliche Wahrnehmungen unterstützt sind. Die Möglichkeit einer Ausscheidung- des Uinderpost-Contagiums durch die Haut und die Secrete des Körpers beherrscht seine Vorstellung durchweg. Er wieder­holt auch — offenbar nach dem ihm bekannten Hirtengedicht des Severus Sanctus — dass von den milchenden Kühen, welche von der Pest be­fallen wurden, ein grosser Theil genesen sei* Nur die Zitzen der Euter begannen zu schwären. Die Kälber seien gestorben. Lancisi legt sich die Sache dahin zurecht, dass das Contagium aus dem Blute in die Milch gelange und von dem Kalbe mit verschluckt werde, weshalb das letztere, welches ohnehin noch schwach sei, leicht zu Grunde gehe. In consequenter Durchführung seiner Gedanken giebt er weiter an, dass die Kühe zuerst erkrankt seien und dann ihre Kälber inficirt hätten; ferner seien die unfruchtbaren Thiere häufiger der Seuche zum Opfer gefallen: „ohne Zweifel, weil sie weder Milch liefern, noch die Arbeitswagen ziehen; als gemästete Thiere nehmen sie das Gift leichter auf und da sie keine Milch geben, besitzen sie kein Sieb, um das Gift aus dem Körper auszuscheiden.quot;
Die ländliche Bevölkerung in Italien hatte sich #9632;während des Herr-schens der Rinderpest vielfach dem Glauben hingegeben, dass die Rinder auf den Weiden durch einen Käfer (Btiprestis) inficirt würden. Von an­deren Seiten wurde wegen der Depression des Bowusstseins bei der Rinderpest angenommen, dass ein Wurm sich in der Nasenhöhle fest­setze und zum Ausbruche der Seuche die Veranlassung gebe. Lancisi weist beide Meinungen zurück; er bestreitet auch die von seinen Zeit-
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jjconossen, den Professoren Oogroasi') und Valisniori-) vortrctono Ansicht, ilass die Kinderpest ähnlich wie die Krätze durch hesondoro kleine Würmer (Fecu/iares Venniculi) verursacht werde. Der zoologische Begriff der Würmer ninfasste zu jener Zeit noch eine weit grössore Zahl von Thlerspeoies, als in der Gegenwart. Es verhielt sich damit, wie mit den in der heutigen Zeit unter dem Namen der Pilze vielfach zusammon-gefassten belebten Krankheitsursachen und Valisniori, welcher hierhei einer älteren Theorie von der menschlichen Pest folgte, sprach die Vennuthnng aus, dass das Blut der pestkranken Rinder von solchen lebendigen Keimen (Würmer) durchdrungen werde; er meint, dass gegen dieselben vielleicht eine Injection wurmwidriger Mittel in die Venen nützlich sein könne. Lancisi entwickelt dagegen die Formenttheerie der Contagien, indem er sich auf eine Reihe von Voraussetzungen stützt, die wogen ihrer principiellen Bedeutung hier erwähnt zu worden verdienen. Er betont (I. c. Cap. VIII), class kein Thier anders, als durch Ansteckung erkrankt sei. Die Seuche wäre aber nicht blos durch die kranken Rinder unmittelbar, sondern oft durch Hirten, Hunde und andere Thiere, oder durch die blosse Nachbarschaft pestkranker Thiere übertragen worden. Zweitens schien das Seuchongift anfänglich seinen Sitz in der Nase, im Maul, in den Augen und in der Rachenhöhle aufzuschlagen, indem es daselbst reizend wirke und sich weiter verbreite. Darauf gelange es in den Magen, die Lungen, die Blutgefässe und Nerven. Drittens starben fast alle Thiere, welche zu Grunde gingen, weniger durch die Gluth des Fiebers, als in Folge der Behinderung des Kauens, Schluckens und Athmens. Daher wurden in den Cadavern die Zunge, der Rachen, die Lungen und die nächsten Verdauungsorgane durch Schwellung, Ge-schwürsbildung, Entzündung und Brand erkrankt gefunden. Viertens trat bei den wenigen Rindern, welche dem Tode entrannen, eine Aus­scheidung und Ablagerung1 (Abscessus ac Dcaibitus) in Form von Knoten, Ausschlag, Enthaarung oder von Schrunden an den Zitzen der Euter, oder von Erkrankung der Schenkel ein. Aus diesen Merkmalen schliesst Lancisi, dass das Contagium der Rinderpest ein schädliches Ferment (pestiferum fermentum) sei, welches ähnlich, wie ein kleines Stück­chen Ferment (Sauerteig) in einer Brodmasse oder der Schlangenbiss in gesunden Körpern wirke. Die Wirkung des Contagiums äussere sich zuerst in der Nase, im Maul und im Rachen, weil diese Organe offene Wege seien. Von hier gelange dasselbe in das Blut und die Nerven sowohl durch die Lungen, als durch den Magen: im ersteren Falle mit der Luft, im zweiten Falle mit der Nahrung und dein Getränk.
Lancisi constatirt, dass ein specifisches und sicher wirkendes Heil-
') Carl. Franc. Cogrossi, nnova idoa delMalo contagioso do'buoi. Milano 1714.
'-) Nuova idoa etc. Lcttera rospoiisiva dal Sigr. Valisniori. 1715.
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mittel trotz der vielen Versuche nicht entdockt wurde. Unter den an-g'owandton Mitteln waren nur wenige unschädlich, die moisten sogar ge­fährlich. Namentlich erwiesen sich die Laxirmittel und die Aderlässe als nachlheilig. Die besten und sichersten Massregeln, die man treffen konnte, bestanden in der Absonderung der erkrankten Thiere von den gesunden, in Regelung der Diät und in der Anordnung, dass die Wärter der kranken mit den gesunden Thieren nicht zusammen kamen. Es werden anssordem örtliche Mittel zur Behandlung der Maulhöhle und adstringirende Tränke zur Prophylaxis empfohlen. Von letzteren hat Lancisi die Vorstellung, dass sie die Oeffiumgen der (Lymph-) Gefässe, welche vom Rachen, dein Schlünde, dem Magen und den Gedärmen in die Chylus- und Hlutgefässe hineingehen, stärken sollen, damit das Seuchen-Miasma entweder gar nicht, oder doch nicht in erheblicher Menge in die Gefässe eindringen könne.
Zum Schlüsse empfiehlt Lancisi die bei einem Seuchenausbruoh von ihm für nützlich gehaltenen Polizeimassrogeln. Für die Desinfection stehen bei ihm die Räucherungen in hohem Ansehen. Der Stall, in welchem sich kranke Thiere befinden, soll beständig gesperrt gehalten werden und der Thierarzt, der die kranken Thiere untersucht, soll hier­bei jedesmal ein mit Wachs überstrichenes hänfenes Hemde anlegen und nach Erledigung seiner Geschäfte Gesicht und Hände mit Essig ab­waschen.
Durch die hier aus der Schrift Lanoisi's mitgetheüten Gedanken und Erfahrungen wird der reiche Inhalt derselben bezeugt. Sie ist voll­ständiger, als die Rede Ramazzini's und die Arbeit Kanold's. Alle drei haben aber an der Begründung' der Pathologie der Rinderpest einen gleichbedeutenden Antheil. Das Krankheitsbild der Seuche konnte jetzt als festgestellt gelten und man hatte wenigstens eine Vorstellung von der Natur der Krankheit und der Wirkung des Contagiums gewonnen. Merkwürdiger Weise ist die Arbeit Kanold's zwar in der späteren Literatur überall citirt, aber in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung weniger bekannt geworden. Den beiden grossen italienischen Aerzton wurde da­gegen mehr, als hundert Jahre hindurch in allen Fragen, welche die Rinderpest betrafen, eine so hervorragende Autorität beigelegt, dass auch ihre irrthümlichen Angaben als thatsächlich festgestellt betrachtet worden sind. Ich habe bereits gezeigt, dass die Ansicht, welche die genannten beiden Aerztc von der metastalisch-kritischen Bedeulung des Hautaus­schlags bei der Rinderpest hatten, nicht auf selbständigen Wahrnehmungen beruht, sondern von einer unrichtigen Hypothese über das Wesen der Krankheit abgeleitet ist. Sie wurde aber bis in die neueste Zeit von sehr vielen Autoren als eine thatsächlich fundirte betrachtet. Nicht minder wiederholt sich in der Rinderpest-Literatur beständig die irrthümliche Mittheilung, dass die postkranken Rinder zuweilen von Furcht und Angst
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befallen würden, zu entfliehen suchten oder laut brüllten und in einzelnen Füllen ohne wahrnehmbare Krankheltszeiohen apoplootisch zu Grunde gingen.
Die Verheerungen der Seuche in Italien während der Jahre 1711 bis 1714 veranlassten noch mehrere andere Aorzte, ihre Ansichten zu veröffentlichen. Ein Theil') dieser Schriften enthält indess keine er-wähnenswerthen Beiträge zur Konntniss der Binderpest. Von grösserer Bedeutung ist eine Arbeit des Professors Nigrisoli zu Ferrara.2) Der­selbe erklärt in Uebereinstimmung mit seinen berühmten Zeitgenossen dieKrankheit für ein hitziges, bösartiges, pestilontialisolics und ansteckendes Fieber. Die wichtigsten Symptome der Seuche beschreibt er präciser, als die anderen Autoren der damaligen Zeit. Dagegen hat er von der Aetiologie eine unrichtige Vorstellung. Nach seiner Meinung sollen in der Erde die Cadaver früher verscharrter Thioro sich zersetzen. Die Erde soll in Folge dessen eine dimstförmigo Substanz aushauchen, welche die Pflanzen imprägnirt und nachdem sie in den Körper der Rinder ge­langt ist, die rothen Bestaudtheile des Blutes und die in die Nerven ein-fliessende Lymphe zerstört. Der springende Punkt in der LehreNigrisoli's liegt in der Ansicht, dass die Luft inficirt sei. Er glaubt deshalb nicht, dass die Uebertragung der Krankheit von einem Lande in ein anderes verhindert werden könne. Von den Arzneimitteln hat er dieselbe An­sicht, wie Lancisi. Alles Heil liegt nach ihm in den Käucherungen der Ställe mit Wachholderstauden und Harzen. Ausserdom empfiehlt er an den für die Thiere abgephählten Orten Feuer anzuzünden und zu unterhalten.
Die Auffassung Nigrisoli's schliesst sich eng an die traditionelle Vorstellung von der Verbreitung der menschlichen Pest und von der vermeintlichen Nützlichkeit einer Desinfection der Luft durch Anzündung grosser Feuer gegen die menschlichen Epidimion. _ In ganz ähnlicher Weise dachte sich schon Lucretius (de Per. nat. Lib. 17) die Er­krankung von Menschen und Thioren, namentlich Hindern und Schafen an der Pest („Pestilitasquot;) in Folge der Einathmung oiner inficirten Luft. Nobel und Wolken sollten Träger des Virus sein. Das Publicum hat im vorigen Jahrhundert solchen Hypothesen oft zu viel Kaum gegeben und
'I Fantasti, do febro oontagiosa, quae in Vcroncnsi agro et toto foio Venota ditiono bovos solum et juvencas oxoereuit et oxeeroet, dissortalio otc. Venot. 1711. de Ferraris, narrazione sopra gli mali opidornici. Eimini 1711. Micliolotti, sopra la natura, oagioiio o romodi dollc informita rognanti nogli Animali bovini. Vonez. 1712. Gazola, origino, praesoi'vatio o romodio dol corronto contagio pesti-lenziale del buo etc. Verona 1712.
2) Francesco Maria Nigrisoli, iutorao alia corrento epidemia degli ani­mali bovini. Ferrara 1714. In's Deutsche übers, von Job. Adolph Provansal. Leipzig 1741).
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die besten Massregeln zur Bekämpfung tier Rinderpest darüber vernach-
lässigl
Von Norditalien verbreitete sich die Kinderpost 1714 nach der Schweiz1) und dem südlichen Frankreich. Die Republik Genf hatte unter den Verheerungen der Seuche schwer zu leiden und die Gesellschaft der Aerzte daselbst fand sich veranlasst, ihre Ansichten über die Natur der Seuche und über die Anwendung' von Heilmitteln öffentlich bekannt zu machen.-) Zum ersten Male wird hierbei die Rinderpest eine „Pocken-seuohe der Rinderquot; oneheissen. Nicht blos die knotonlormig'o Entzündung der Haut, auch die Erosionen in der Maul- und Schlundkopfs-Schleim-haut und die Entzündung des Mastdarms galten jenen Acrzten als ein Pockenexanthem. Die von ihnen empfohlene Therapie stützt sich auf die Urtheile Ramazzini's.
Das südliche Frankreich wurde von den Verheerungen der Rinder­pest so sehr geschädigt, dass die französische Regierung die angesehenen Pariser Aerzte Hennant und Drouin, sowie den Professor Guillo in Besannen zu einer Untersuchung in die heimgesuchten Gegenden ent­sandte. Die Berichte derselben, die im „Recueil dos medecins do Genevequot; abgedruckt sind, enthalten indess kaum etwas Erwähnenswerthes. Es sind in denselben nur die Ansichten Kanold's und der italienischen Aerzte wiedergegeben worden. Der Organismus soll die Seuche durch die Ausflüsse aus Nase, Maul und Augen, durch das Pockenexanthem und durch die Diarrhöe aus dem Körper herauszutreiben suchen und zur Heilung der Thiere müssten diese Krankheitsvorgiinge g-efördert werden. Die Abhandlungen der drei Sachverständigen wurden der medi-cinischen Facultät zu Paris zur Prüfung vorgelegt, welche in ihrem ver­öffentlichten Urtheil dieselben mit Rocht verwarf.11)
In Deutschland wüthete die Seuche von 1712—-1716 in Sachsen, Thüringen und Bayern mit grosser Heftigkeit. Sie wurde von ver­schiedenen Autoren4) beschrieben, deren Darstellungen indess einen weit
') C. N. Lange Beschreib, des Vlehpressens, so seither 1711 bis auf dieses Jahr 1714 in den vornehmsten Provinzen unserer werthon Christonheit entsetzlich gewütet hat etc. Luzorn 1714. — Joh. von Muralt. Präservativ oder Verwehrung-s-mittel wider die diesmaligen Viehpresten. Zürich 1714.
2) Reitexions sur la Maladio du ßetail par la Soc des Medec. de Geneve. 1715. — J. Jac. Manget. Observations sur la maladie, qui a commencö depuis quelquea annees ä attaquer le gros betail eil divers cudroils de l'Europe; par la Societö des medecins de Geneve, k Geneve 171fi. Neue Aull. Paris 174quot;).
•#9632;') Jugement de la Pacultö de Mödecino de Paris sur les Memoires, qui cou-rent touchant la mortalitö des Bßstiaux. Paris 1714.
4) ßernh. Arn. Nottelmann. Vorstellung, was eigentlich die jetzt herum vagironde Seuche sei. Nürnberg 1713. — A. V. Romeisen. Gründliche Unter­suchung der jetzo wütenden sehr gefährlichen Epidemischen Vieh-Seucho etc.
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g-ering'cren Worth haben, als die besprochenen Schriften Kanold's und der italionischen Aerzto. Das Streben der deutschen Regierungen, durch obrigkeitliche SpeiTinassregeln dem Vordringen der Seuche Einhalt zu thun, wurde nicht zum geringsten Theil vereitelt durch die Macht ab­stractor Theorien bei den Aerzten, wie bei den Laien. Trotz der treff­lichen Kritik Kanold's wurde immer noch eine verpestete Beschaffen­heit der Luft als Ursache der Seuche angesehen und die Uebertragung von Fall zu Fall unberücksichtigt gelassen. Jeder Autor glaubte ausser-dem, eine eigene Theorie von der spontanen Entstehung der Kinderpest formuliren und einen besonderen Kurplan zur lleilimg der kranken Thiere empfehlen zu müssen. Eine rühmliche Ausnahme hiervon macht Schroeck,1) welcher die Krankheit in der Gegend von Augsburg be­obachtet, und zu ihrer Bezeichnung den Namen der bösartigen Ruhr­seuche (Dysenteria maligna) in die Wissenschaft einführte. Er sagt wörtlich:
Circa finem aestatis et per antum-num lues ilia, quae bubulo generi per germaniam italiamque tarn in-festa fuit, postquam ex hungaria versus danubium sensim progressa, nbique luctuosa sui vestigia reliquit. #9632;— Quam non aeris ex vitio, sed Contagio per boves ex regno illo adductos exortam fuisso vel indo satis nobis innotuit, quod illa pri-mum loca, ubi pascuis frui illis ad-venis contigit, invaserit, armentis vero omnino pepercerit, ad quae illi, vel alii ab his infecti baud per-venerunt, atquo ubi consortium il-lorum, ad quod contaginm jam pe-notraverat, evitatum fuerat.
Gegen das Ende des Sommers und während des Herbstes (1711) ist die Seuche, von welcher das Rindvieh in Deutschland und Italien befallen wurde, allmälig aus Ungarn nach den an der Donau gelegenen Gegenden vorgerückt, wo sie die traurigsten Verheerungen zurück­gelassen hat. Dass die Seuche nicht aus einem Fehler der Luft, sondern durch Ansteckung von den einge­führten Ochsen verursucht war, liess sich daraus entnehmen, dass sie zuerst da ausbrach, wo die fremden Ochsen weideten und dass alles Rindvieh verschont blieb, welches mit den fremden, oder mit den von
ihnen angesteckten Thieren nicht in Gemeinschaft kam. Der als Begründer des mechanisch-dynamischen (jatrophysikalischen) Lehrsystems berühmte Professor der Medicin zu Halle, Fr. Hoffmann,2)
Würzburg 1713. — J. E. B. Salzer, Disp. medloa do Lue Vaccarum otc. Tubin-gao 1713.
') Schroeck. Do constitutiono opidomica bovilla (Aug. an. 1711).
') Fr. Hoffmann. Casus, cxliibons consilium do luo bourn, anno 1715—1716 grassanto ojus(|uo praosorvatione ot romodiis. — Derselbe; üründlicho Anleitung, woran man dio leider gar zu sehr eingerissene Krankheit des Viehes erkennen, das gesunde davor präserviron und das kranke genesen könne. Hallo 1716. —
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welcher die abnorme MIsohung der atmosphärischen Luft als eine der #9632;wichtigsten Ursachen der Krankheiten Überhaupt betrachtete, versuchte iilinlich, wie Nigrisoli die Entstehung1 der Seuche auf giftige Aus­dünstungen der Weideplätze zurückzuführen und empfahl die seiner systematischen Therapie entsprechenden Heilmittel zur Behandlung der kranken Thiere. Er spricht sich über die Natur der Rinderpest dahin aus: „dass die Krankheit des Viehes in so weit mit den Menschenblattern übereinkommt, als sie von einem äussorlichen subtilen Dampf herrührt, der sich in die äusserlichen, nervösen, festen Theile einziehet und her-uachmals vermittelst starker Circulation herausgetrieben wird, wie bei allen contagiöson Krankheiten, auch der Pest selbst zu geschehen pflegt.quot; Haarseile gelton Fr. Hoffmann ganz im Sinne Ramazzini's als sichere Präservativmittel. Auch glaubt er, dass wiederholtes Einreiben von Oleum animale foetidum auf den Kücken das Thier vor einer Ansteckung schütze. Im Uebrigen soll die Praecaution und Kur wie bei den Pocken der Menschen eingerichtet werden. Aderlässe, Purginnittel und erregende Mittel bezeichnet er als schädlich. In einer seiner späteren modicinischen Dissertationen ') hat Fr. Hoffmann die Säuren gegen alle putriden Krank­heiten (dem Begriffe nach unsere „acuten, fieberhaften Infectionskrank-heiteiv') gerühmt. Er sagt: „In morbis malignis, qui ex interna humorum putredine naseuntur, ab aeidis revera plus auxilii, quam ab ullo alio remedio exspeetare possumus, et quidem ob hanc causam, quia per putre-dinem gignitur alcali, provenit, quod cum protinus ab aeido recuretur, putredo sistitur.quot; Dieser therapeutische Lehrsalz hat die Ansichten über die Heilbarkeit der Rinderpest fast in demselben Umfange beeinflusst, wie die Theorie der Ausscheidung des Krankheitsstoffs durch die Haut. Von den meisten Autoron des vorigen Jahrhunderts werden die Säuron (saure Milch, Essig und Schwefelsäure, später Salzsäure) als wirksame Heilmittel gegen die Krankheit angepriesen.
Die Verheerungen der Seuche in Holland haben Oufhof (1. c.) und van der Voort näher geschildert.2) Im Sommer 1713 kam die Seuche in Holland zum Ausbruch. Am 27. November desselben Jahres wurde die Einfuhr von fremden Rindern nach den Niederlanden verboten. Die
Aufhebung dieses Verbotes erfolgte am 5. November 1721.
Vertfl.
Vink (32) S. 54 —.
Ein interessantes Beispiel von dem besten Vorfahren, die Rinderpost
Uorsclbo: Hoilsarao Vorschlii^'o, wio dor grassirondon Soucho untor doni Hornvieh vorzubeugen und was vor -Mitlol dazu dienlich; auf Gutbeflndon dos Collogii Sanitatis zu Hallo herausgegeben#9632; Hallo 171(5.
i) Fr. Hoffmann: Do salium medioruin oxoollonto in raodendo virtute.
2) Abrah. Saloin. van der Voort. Missive gesolirevou uit Luisduin atioonon Vrlendt, ooncerneerende de grasserende Storfto onder bot Ruudvoo ons liovo Vaterland: to Loidon 1716.
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zu tilgen, gab England 1714. Als dio Seuche heftig um sich griff, er-theilto die Regierung den Befehl, schnell alle kranken und angesteckten Kinder zu tüdlen. Bates (9) erhielt den Auftrag, in den von der Seuche heimgesuchten Gegenden (Midlessex, Essex und Surrey) die Tödtung ausführen zu lassen. Innerhalb einer Zeit von ungefähr drei Monaten wurden aus dieser Veranlassung 6000 Haupt Rindvieh gotödtet. Mit der Beendigung des Radicalverfahrens war die Krankheit in England erloschen und nicht ohne Grund verweist Bates auf die Geringfügigkeit des Verlustes gegenüber den grossen Verheerungen der Seuche in Hol­land, wo sie drei Jahro lang anhielt.
Die Provinz Ostpreussen hatte in Folge der Rinderpest im Jahre 1711 den grossten Theil ihres Rindviehstandes verloren. Für die Be­hörden war die Krankheit auch hier zunächst unbekannt. Das S. 44 bereits in Bezug genommene Edict König Friedrich I. vom 7. December 1711 enthielt zugleich die Anordnung, dass ein Fragebogen an alle von der Seuche heimgesuchten Orte zur Beantwortung durch die betreffenden Hausbesitzer und durch die Abdecker gesandt werden solle, damit die Natur der Krankheit und die gegen dieselbe anzuwendende Kur erkannt werden könne. In der amtlichen Sprache wurde die Krankheit „Con­tagionquot; oder „Viehseuchequot; oder ,,Viehsterbenquot; genannt. Von 1711 bis 1732 scheint die Seuche in Ostpreussen ununterbrochen geherrscht zu haben. Wie ich dem Werke von Stadelmann1) entnehme, erschienen Bekanntmachungen und Edicto über das Auftreten der Seuche in den Jahren 1712, 1713, 1714, 1716, 1717, 1720, 1721, 1722, 1724, 1726, 1729, 1730 und 1732. Im letzteren Jahre kam die Seuche zum Erlöschen, Von besonderem Interesse ist die Energie und die Fürsorge für die Erhaltung des Nationalwohlstandes, womit der König Friedrich Wilhelm I. persön­lich die Abwehr- und Tilgungsraassregeln festsetzte. Es gereicht der Einsicht dieses hervorragenden Fürsten aus der Hohenzollern-Dynastie zur besonderen Anerkennung, dass die unter seiner unmittelbaren An­leitung getroffenen Massregeln im Wesentlichen ganz dieselben sind, die noch heute auf Grund so vielfältiger Erfahrungen zur Anwendung kom­men und für alle Zeiten rationell bleiben werden. Als durch die achttägige Quarantaine für alles ausländische Vieh die Seuche nicht abgehalten worden konnte, wurde 1817 die Grenzsperre geg'en die infioirten Orte des Auslandes verfügt. Für die Absperrung der von der Seuche heim­gesuchten Ortschaften im Inlando war schon vorher durch die Allerh. Ordro vom 20. October 1716 militärische Hülfe zur Verfügung gestellt worden. Im Uebrigen sind Beobachtungen von wissenschaftlichem Werthe, welche bei dem langjährigen Herrschen der Seuche in Ost-
') Priedrioh Wilhelm I. in seiner Thätigkeit für die Landescultur Preussens von Dr. Rudolph Stadelmann, Leipzig 1.S78. Auch unter dem Titel: Publi-cationcii aus den K. Prcussiselicn Staatsarchiven It. Band.
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preussen hätten gemacht werden können, nicht veröffentlioht worden. Eine zu jener Zeit anonym erschienene Broschüre') hat keinen beson­deren Worth.
Während des 18. Jahrhunderts scheint die Seuche in Europa niemals vollkommon erloschen zu sein. Sie ist unzweifelhaft mit dorn Schlacht­vieh aus dem südöstlichen Europa oft von Neuem eingeschleppt worden. Nicht minder ist aber in den Besonderheiten des Contagiums eine Er­klärung dafür zu suchen, dass sie zeitweise erloschen zu sein schien und dann wieder mit grösserer Heftigkeit um sich griff. In dieser Hin­sicht unterscheidet sich die Rinderpest nicht von anderen contagiösen Krankheiten, bei welchen ähnliche Beobachtungen gemacht werden. Die Tilgung der Seuche stiess in jener Zeit auf grosse Schwierigkeiten. Denn die Organisation der Landespolizei-Behörden war zu unvollständig, um die obrigkeitlichen Anordnungen mit gleichem Erfolge, wie in England 1714 geschehen war, durchführen zu können. Hierzu kam, dass sich die Viehbesitzer der gewaltsamen Tödtung und Vergrabung kranker Thiere zu entziehen suchten, weil eine Entschädigung für die auf solche Art vernichtetenWerthe nicht stattfand. Auch gab es noch keine ausreichend informirten Sachverständigen, welche jeden Krankheitsfall bei Rindern mit Sicherheit hätten diagnosticiren können. Die häufigen Verwechse­lungen der Maulseuche, welche oft neben der Rinderpest in einer Gegend herrschte, mussten das Publicum nothwendig in dem Glauben bestärken, dass die bösartige Krankheit doch geheilt werden könne und dass die Tödtung oder gänzliche Isolirung der von der Seuche befallenen Vieh­bestände unnothig sei. Nicht ohne Berechtigung bemerkt Abildgaard (44), dass die Pest der Menschen mehr, als 2000 Jahre geherrscht habe, be­vor die Menschheit erkannte, dass sie sich durch Polizeimaassregeln vor derselben verwahren kann. Um so mehr ist bei dem Mangel einer Patho­logie der Rinderkrankheiten die Erfolglosigkeit der Polizeivorschriften gegen die Rinderpest im vorigen Jahrhundert zu entschuldigen.
Nach der vortrefflichen Darstellung des Professors Goelicke zu Frankfurt an der Oder (10) hat die Rinderpest von 1711 bis 1730 in Deutschland niemals ganz aufgehört. Vom Jahre 1723 an erschien die Seuche in Schlesien, in der Mark Brandenburg und im Magdoburgischen. Die Berichte in den Breslauer Sammlungen vom Jahre 1726 lauten dahin, dass dieselbe in Schlesien grosse Verheerungen angerichtet habe. In mehreren Kreisen der heutigen Provinz Brandenburg herrschte sie fast zehn Jahre hindurch, wie Gobi (11) berichtet. Von dem ungenannten Verfasser der Geschichte der allgemeinen Viehseuche in der Mark Bran­denburg (20 S. 3) wird über das Herrschen der Rinderpest folgende Angabe
') Hülfsmittol wider (Icis an vielen Orten sich abermals ereignende Hinfallen des Viehes, nobst dabey gefügten höclistnöthigon Erinnerungen von dessen Spei­sung und Vergrabung. Königsberg 17'20.
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gemacht. „In den Jahren 1717—23 und — 24 hatte die alte Mark vor an­dern das Unglück, 1728 die Ilinterkreise der Neumark; 1734 his 1737 zeigte sich diese Staupe hin und wieder noch in einzelnen Gegenden, his sie 1745 bis 1748 nach und nach allgemein wurde und mit der aller-grössten Heftigkeit wüthete, wie es damals zugleich in Mecklenburg, Pom­mern, Schleswig, Westfalen und Niedorsachsen überhaupt geschah. Von dieser unglücklichen Zeit an dauerte sie noch beim Ausgange des 1760. Jahres, bis mit der eingefallenen heftigen Kälte, im Anfange dos 1761. Jahres ein Stillstand erfolget ist, wozu weder monschlicho Sorgfalt, noch Arzneien das geringste beygetragen haben.quot;
Es hat sich in einzelnen Städten (Strausberg, Wriezen) der Provinz Brandenburg in der Einwohnerschaft, wie ich selbst noch vor 10 Jahren kennen gelernt habe, durch Tradition und durch Anmerkungen in den städtischen Chroniken die Kenntniss der zu jener Zeit von den Bürgern angewandten Prophylaxis erhalten. Nachdem die Unmöglichkeit einer er­folgreichen Behandlung der Seuche erkannt war, einigten sich die Bürger bei den wiederholten Ausbrüchen dahin, alles noch gesunde Rindvieh in die Forsten zu treiben und mit den Hirten 6 Wochen und selbst eine noch längere Zeit in denselben isolirt zu belassen. Inzwischen war die Seuche in den heimgesuchten Gehöften erloschen. Dasselbe Verfahren, welchem man später die Bezeichnung „Wald-Quarantainequot; beilegte, ist im 18. Jahrhundert in Deutschland an vielen Orten und wie sich nach den damaligen Verkehrsverhältnissen verstehen lässt, oft mit dem gewünschten Erfolge durchgeführt worden. Durch die von Erxleben (33) mitgetheilte Verordnung wurde 1756 für Hannover und Braunschweig-Lüneburg be­fohlen, dass wenn die Seuche in grossen Städten ausbreche, alles Vieh aus der Stadt weggebracht und an entlegenen Orten gewartet werden sollte. Nach einer königlich französischen Instruction aus dem Jahre 1775 sollten beim Ausbruch der Krankheit in viehreiohen Orten alle ge­sunden Rinder entweder geschlachtet, oder in eine gewisse Entfernung von den infleirten Orten getrieben werden und daselbst erforderlichen Falles Jahr und Tag verbleiben.
Geolicke (10) beschreibt die wichtigsten Symptome der Rinderpest sehr gut. Ich linde bei ihm zuerst die Kenntniss der Thatsache, dass der Regel nach die Excremente in den eisten zwei Tagen der offen­kundigen Erkrankung von fester Consistenz sind und dass am dritten Tage sich Durchfall einstollt. Um den Sitz der Krankheit zu ermitteln, secirte er zwei Ochsen und zwei Kühe, von welchen je ein Stück als pestkrank getödtet wurde bez. an der Seuche gefallen war. Aus dem Sectionsergebniss constatirt er im Ganzen nur die trockene Beschaffen­heit des Futters im Psalter, die stark erweiterte und gefüllte Gallenblase eine „schwarze und gleichsam brandigequot; Beschaffenheit der Gedärme und die Erosionen auf der Zunge. Nach seinen Wahrnehmungen kommt
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Goelickc zu einer ähnlichen Ansicht von der Natur der Krankheit, Avie Ramazzini und Lancisi dieselbe formulirt hatten. Er fasst die Seuche als ein „bösartiges Entzündungsfieberquot; auf, das sich durch Ansteckung erhält. Neben der unmittelbaren Ansteckung von Thior zu Thier sind ihm auch die mittelbaren Wege der Uobertra-gung durch die Kleider der Menschen, durch Hunde und Katzen, durch Blut, Heu, Stroh, Decken etc. bekannt. Die damals verbreitete Hypothese, dass die Viehweiden von einem bösen Thau befallen würden und dkss hierduroh die Seuche entstehe, bezeichnet er als irrlhümlich. Zur Til­gung der Seuche empfiehlt er die Trennung der gesunden von den kranken Thieren, Vergrabung der Cadaver und die Desinfection, wie sie schon Lancisi angegeben hatte, ausserdem die Behandlung der er­krankten Thiere mit kühlenden, antiseptischen und giftaustreibenden Mitteln. Er huldigt nach Massgabe der damals herrschenden medici-nischen Theorien der irrthiimlichen Ansicht, dass durch Anregung der Speichelsecretion das Contagium aus dem Körper eliminirt werden könne. — Wie sehr sich in den breitereu Schichten des Volkes abstruse Vor-Stcllungen von den Heilmitteln gegen die Seuche gebildet hatten, erhellt aus der Mittheilung Goelicke's, dass die zur Behandlung tragender pestkranker Kühe hinzugezogenen Schmiede den Thieren Mittel gegeben hätten, um einen Abortus herbeizuführen, nachdem sie gesehen hatten, dass einzelne, von der Seuche genesene tragende Kühe von einer Fehlgeburt betroffen wurden. Dieselbe Thatsache wird auch von Kanold (Jahr. Hist. S. 263) und von vielen anderen Autoren erwähnt. Als die Seuche nach dem siebenjährigen Kriege in Deutschland und Holland sich ver­breitet hatte, wurde nach den Mittheilungen von Camper und Vink zum Zwecke der Heilung tragender Kühe ein künstlicher Abortus dadurch herbeigeführt, dass man die Hand in die Scheide einführte und die Geburtstheile reizte.
Zahlreiche Besitzungen der deutschen Kronländer Oesterreichs waren in den Jahren 1729 und 1730 von der Rinderpest heimgesucht. Die von den Wirthschaftsbeamtcn erforderten amtlichen Berichte gaben Veranlassung, eine besondere Viehordnung1) zum Schütze gegen die Seuche vorzuschreiben. Dieselbe geht durchweg von ganz unrichtigen Voraussetzungen aus. Als Ursache wird der lang'e Winter von 1729 beschuldigt, in Folge dessen die Rinder mangelhaft ernährt seien und im Frühjahr auf den mit Nobel, Thau
') Oesterreiohische Vieh-Ordnung, aus denen von Herrschaftlichen quot;Wlrth-
schaftoron wogen anno 172!) und 171)0 grassirten Vielios-Umfall eingereichten Pe-richton gezogen und mit so wol Praeservier- als Curier-Mitteln eingerichtet, zum Nutzen deren Herrschaften und Unterthanen in künf'ftig sich ereignenden Seuchen oder sogenannten Vioh-Stftuppen zu gebrauchen. Von Einer Landes-Ftirstllchen hohen Obrigkeit herausgegeben. Wien 171)0.
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und Reif bedeck tenWoiden sich eine Affection des Magens zugezogen hätten. Hierzu sei der Einfluss eines hoissen Sommers und des schlechten Trink­wassers gekommen. Die Nahrungsmittel seien mit einem giftigen Keim (Semen verminosum) imprägnirt worden. Demnächst habe aber die Krankheit „in einem von fauler Ausdünstung, Alhom, Harn und Unflat des schon erkrankten Viehes ansteckenden, versauerten und scharfen Dampf,quot; welchen das gesunde Vieh mit der Respiration aufgenommen hätte, ihre Quelle gefunden. Dass verschiedene Orte mitten unter infi-cirten Dörfern frei geblieben seien, wird auf die geistlichen Andachten zurückgeführt. Zur Vorbauung wird in der amtlichen Schrift grösston-theils eine gute Ernährung mit tadellosem Futter, eine sorgfältige Reini­gung der Ställe und die Anwendung einer grossen Menge von Arznei­mitteln, unter welchen sich recht abgeschmackte befinden, empfohlen. Ader­lässe unter dem Schwänze, damit „das gleich in der goldenen Ader ver-dickerte und zu der Circulation oder Umlauf untüchtige Geblüt entleert werde,quot; Fontanelle und Räucherungen zur Desinfection der Luft werden als zweckmässigo Präservativ-Mittel betrachtet. Selbst ein zu jener Zeit hei dem unwissenden Publicum in hohem Ansehen stehendes abergläu­bisches Mittel, das ich der Curiosität wegen hier anführen will, galt der Oesterreichischen Behörde als werthvoll. Von einem an der Rinderpest gestorbenen Thiere wurden die Lungen, die gefüllte Gallenblase und andere kranke Organe herausgenommen, in einem Rauchfange getrocknet und nachher unter einem ., abgedörrtenquot; (abgestorbenen) Baume vergraben. Das unwissende Volk glaubte, dass das Verfahren sowohl zur Erhaltung des gesunden, als zur Besserung des kranken Viehs und zur schnelleren Beendigung der Seuche nützlich sein solle. Neben einer Vorschrift für die Behandlung der kranken Thiere verordnete die österreichische Regie­rung auch, die gesunden Rinder von den kranken vollständig zu trennen und in allen Fällen den Ausbruch der Seuche durch die aufmerksamste Beobachtung eines jeden Krankheitsfalles frühzeitig zu ermitteln. Für jede Gemeinde wurden deshalb Fleischbeschauer angestellt und für die Einführung von fremdem Vieh war die grösste Vorsicht angeordnet.
Aehnliche Ansichten von der Rinderpest hat Textor1) aufgestellt. Er gebraucht von derselben meistens den Namen der ansteckenden, giftigen (pestilenzialischen) Uebergälle, die in einer „Brand-Fäulniss der gallichten Theile, das ist der buchten und saizichten penetranten Theile des Geblüts und der Säfte ihren Anfang nimmt und mithin aus einem giftigen und faulenden Dunst, Schwaden oder subtilen Fermente besteht.quot;
'J Johann Nicolaus Textor, Badon-Durlachischer Hofralli und Lelbmedlol, Vernunft- und erfahrungsmässiger Bericht, wie dio giftig ansteckenden Vioh-Seuohen unter dem Hornvieh und Pferdten wohl erkannt, präservirt und curirot werden können otc. Auf Hochftirstl, gnädigsten Befehl aus zuvorl, und gedruckten Berichten zusammengetragen, Frankfurt und Leipzig 17;!iraquo;. Neue Aufl. 17G4.
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Die Darstellung Textor's characterisirt sich durch eine inhaltlose Phraseologie, welche der Absicht der Badenschen Regierung, mit der Arbeit des Verfassers der öffentlichen Wohlfahrt zu nützen, nicht im geringsten entsprochen hat. Freilich schliesst sich der Verfasser an die in der medicinischeu Literatur über die menschliche Pest ausge­sprochenen Gedanken ziemlich genau an, indem er sich zu der mystischen Vorstellung verirrt, dass die Seuchen von der Gottheit zur Bestrafung der Menschen verhängt würden. Daneben finden sich alle bisher gegen die Krankheit empfohlenen Recepte mitgetheilt. Selbst dem Jahrhunderte hindurch üblich gewesenen und als ein unfehlbares Mittel zur schleunigen Tilgung der Seuchen betrachteten abergläubischen Brauch, ein von der Pest befallenes aber noch lebendes Thior „entweder in dem Stall Selbsten, oder unter der Stallthür, oder mitten im Dorf, oder unter dem Thor des Orts, oder an einer Wegscheide, Kreuzweg oder dergleichen Ort, worüber das Vieh vielfältig gehen muss, annoch lebendig zu vergraben,quot; hat Text or noch einen Werth beigemessen. Er tadelt sogar, dass das grau­same Verfahren nicht häufiger angewandt werde. Wenn derartige Mei­nungen von einem in hoher Amtsstellung befindlichen Vertreter der Medicin kundgegeben wurden, dann kann der rohe Aberglauben in der unwissenden Menge sicher nicht hefremden.
Dass sich die ländlichen Viehbesitzer im vorigen Jahrhundert beim Herrschen der Rinderpost oft mit ganz verwerflichen Gedanken von der Wirksamkeit unnatürlicher Kräfte getragen hahen, berichtet Christoph Heinrich Klemm1) mit folgenden Worten: „In der Nachbarschaft eines gewissen (schwäbischen) Dorfes haben die Bauern die Gewohnheit — welche anderen Landleuten, die noch sehr abergläubisch sind und viel von der Behexung halten, sehr wohl gefällt — dass sie entweder einige Theile von einem angesteckten Ochsen, oder wohl gar eine ganze Kuh oder auch ein völlig gesundes Stück von der betreffenden Viehart auf einem Zehenden verscharren und glauben, dass ihr Vieh die Seuche nicht betreffe. Der Verlauf hat dies zwar bestätigt, allein die Bauern sind verklagt worden, weil sie die Seuche auf die Nachbarschaft brachton. Es hat sich bei ihnen die Meinung eingewurzelt, dass durch dieses Ver­fahren die Seuche in einem Dorfe aufhöre und in die angränzenden Oerter übergehe.'- Treffend fügt der Autor hinzu: „Das Letztere aber hat man
eher zu befürchten, als das Erste zu hoffenquot;......... „Als vor etlichen
zwanzig Jahren zu Lüstnau die Viehseuche wüthete, ist dieselbe dadurch vertrieben worden, dass man einen lebendigen und gesunden Gemoinde-ochsen begraben hat.quot;
M Disputatio posterior de Luo Vaccarum Tubigensi. 1745. — Sowohl diese, als die Dissertation von Mauchert (14) sind in Hallor's Disputat. modicopraet. Bd. V abgedruckt — Eine doutscho Ucborsctzung der Kl omm'sclien Schrift findet sich im „Magazin der Vieharzneikuustquot;. Frankfurt und Leipzig 1784. S. 153.
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Das hier erzählte abergläubische Verfahren ist uralt. Schon Colu-mella (de re rustica VII. 5) giebt an, dass der ogyptische Schriftsteller Bolus von Mendesien gegen das heilige Feuer (Pocken) der Schafe folgenden Rath ertheilt habe. „Wenn man in einer Heerde bei einem Schafe diese Krankheit findet, so muss man sogleich bei dem Eingange des Stalles eine Grube machen und das Schaf, welches das Feuer hat, lebendig auf dem Kücken liegend darin begraben, darauf die ganze Heerde über dasselbe gehen lassen. Dies soll die Krankheit von der ganzen Heerde abhalten.quot;
Klemm (1. c.) betrachtet die Seuche als ein anhaltendes, ent­zündliches Fieber. Er widerlegt den grosson medicinischen Syste­matiker Cr. E. Stahl in Halle, welcher behauptet hatte, dass die Thiere nur sehr selten und auch nur von sehr wenigen Fiebern befallen würden. Das käme daher, weil ihnen die Kraft fehle, über Dinge sowohl, als über die Verrichtungen zu urthoilon. Nach Stahl sollte bei den Thieren ein Wesen, das auf eine sittliche Art wirkt, nicht vorhanden sein. Er sah sich daher zur Aufrechthaltung seines Lchrsystems genüthigt, den Thieren das Fieber abzusprechen.
Die kriegerischen Ereignisse veranlassfen 17;)5 wiederum eine Ein­schleppung der Rinderpest nach Italien. Wie Bottani 1. c. erzählt, er­folgte die Invasion über Friaul, Verona, Brescia und Mantua. Die Seuche, welche 1737 die Umgegend von Piaconza und Lodi verwüstete, erreichte erst im Jahre 1739 in Italien ihr Ende.1)
Mit dein ersten Schlesischen Kriege erlangte 1740 die Rinderpest in Ungarn und Böhmen eine starke Verbreitung, Die langsame Entwicko-lung der Krankheitssymptome bei den infloirten Thieren war die Veran­lassung, dass zur Erklärung ihrer Entstehung die verschiedenartigsten Einflüsse beschuldigt werden konnten. Begünstigt durch die Truppen-Bewegungen und die längere Belagerung fester Plätze vollzog sich in den nächsten Jahren die Verschleppung der Seuche einerseits nach Sleyer-mark, Tyrol, Italien und dem südlichen Frankreich, anderseits durch ganz Deutschland nach Lothringen und dem nördlichen Frankreich, so­wie nach den Niederlanden. Qieiohzeitig breitete sich die Rinderpest über Polen, Liefland, Ourland, Ostpreussen, Pommern, Mecklenburg, Schweden und Dänemark aus. Auch England blieb nicht verschont. Die europäischen Staaten haben in dieser Zeit eine ungeheure Anzahl von Rindern durch die Rinderpest eingebüsst. Faulet (2) berechnet auf Grund seiner historischen Untersuchungen, dass in Europa innerhalb 10 Jahre gegen drei Millionen Rinder zu Grunde gegangen seien. In Preussisch-
') VergL Buniva. Memoiro contonant les plus ramp;narquables uoticos liisto-rlques, rölativos k l'^pizootie bos-hongraise otc. Im Roc. do mamp;noires sur I'^pizootie par Barberet Lyon 1808.
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Litthauen sind nach der Versicherung-von Gallesky (84) im Jahre 1750 mehr als 145 000 Rinder an der Rinderpest gefallen. Dänemark verlor nach Fischer (18) von 1745 bis 1749 nicht weniger als 285 162, Holland über 200 000 Rinder. Nach J. B. von Fischer1) starben 1746 in der schwedischen Landschaft Schonen 32 584 Rinder an der Rinderpest, auf der Insel Oesel 1750 und 1751 gegen 20 000 Rinder und auf der benach­barten Insel Runo der gesammte Rindviehstand. Ueber die ungeheuren Verluste an Rindern, welche Deutschland und Frankreich erlitten, linde ich in der Literatur keine bestimmte Zahlen angegeben. Aus den aller Orten erhobenen Klagen ist indess die bedrängte Lage der Viehbesitzer leicht zu beurtheilen. Die Sorge der Behörden um den Nothstand der Einwohner äusserto sich in besonderen Verordnungen, in welchen dem Landmann „Unterrichtquot; ertheilt wurde, wie er sich gegenüber der Vieh­seuche verhalten solle. Solche Verordnungen erschienen in Frankfurt a. O, 1746, in Cöthen 1751, in Nürnberg 1754, in Stade 1756.
Die Art der Verschleppung des Contagiums nach England, wo die Seuche 1745 ausbrach, ist nicht genaii festgestellt. Nach Mortimer und Layard (21) soll die Krankheit durch zwei weisso Kälber, welche ein in der Nähe von London wohnender Pächter aus Holland kommen liess, nach England gebracht sein. Eine andere Meinung, von welcher Layard Mittheilung macht, ging dahin, dass das Contagium aus Dänemark, und zwar aus Seeland durch eine Partie Rinderhäute, welche von pestkranken und trotz des Verbots der dänischen Regierung geschlachteten Thiere stammten, eingeschleppt sei. Der König Georg II. ernannte eine Com­mission von 8 Mitgliedern, welcher das Parlament die erforderlichen ge­setzlichen Vollmachten zur Unterdrückung der Seuche ertheilte. Im Jahre 1746 wurden 80 000 Rinder getödtet, was der englischen Regierung einen Kostenaufwand von 135 000 Pfund Sterling verursachte. Als die Krankheit ihre grösste Höhe erreichte, wurden monatlich 7000 Rinder getödtet. Im dritten Jahre hatten während eines sechsmonatlichen Zeit­raums die Grafschaft Chesbire einen Verlust von 30 000 Rindern, und Nottinghamshire einen Verlust von 40 000 Rindern. Lincolnshire verlor 1748 nicht weniger als 100 000 Rinder durch die Seuche. Die grösste Ausbreitung erlangte die Krankheit 1749, wo sie mit Ausnahme von 4 Grafschaften in ganz England herrschte. Erst im Jahre 1757 kam die Seuche allmälig zum Erlöschen. Die grossen Verheerungen derselben hatten einen so tiefen Eindruck auf das engliche Volk gemacht, dass 1759 im ganzen Lande wegen des Aufhörens der Rinderpest ein allgemeiner Dankgottesdienst gefeiert wurde.2)
Viele Länder wurden nach kürzeren oder längeren Zwischen-
gt;) Vergl. Paulot. Gesch. der Viehs. I. Bd. S. 288.
2) Vergl. Report on the Cattle Plague in Great Britain. London 1868 p. 231).
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zeiten wiederholt von der Calamitiit betroffen. Das Fürstenthum Coburg erlitt 1742 schwere Verluste.1) Es war dieselbe Seuche, welche 1730 und 1731 durch den Ankauf von iuficirten Rindern mittels des Markthandels in das Ooburger Land eingeschleppt war. Dr. Alb recht erklärt die Krankheit für „ein ansteckendos, zur Entzündung, Fäulniss und Ruhr geneigtes Fieber.'- Im Sächsischen waren besonders die Jahre 1745,—46,—40,—88,—58,—60 und 1701 durch das heftige Auftreten der Seuche ausgezeichnet.2) Ulmann hat dieselbe nach den Angaben seines Sohnes (in der 1700 bearbeiteten luaug. Dissert.) in der Gegend von Wittenberg 1751 und 1754 beobachtet.
Vollkommen ist die Rinderpest zwar bis gegen Ende des vorigen Jahr­hunderts nicht mehr erloschen. Es ist aber nicht zu bezweifeln, dass die Seuche im westlichen Europa nicht contiuuirlich herrschte. Offenbar haben wiederholte Einschleppungcn derselben aus dem Osten stattgefunden. Die Armuth wurde an vielen Orten in Folge der wiederholten Verluste des ge-sammten Rindviehstandes so gross, dass die bäuerlichen Besitzer sich einer dumpfen Verzweiflung überliessen und nur durch besondere Unter­stützungen dazu gebracht werden konnton, ihren Acker weiter zu bear­beiten. Die generelle Ursache des andauernden Herrsohens der Rinder­pest lag offenbar darin, dass man in Oostorrcich, Preussen und den an­deren deutschen Staaten, sowie in Italien und in Dänemark die Rindvieh­zucht nicht mit der nüthigon Einsieht und Ausdauer zu betreiben verstand und dass man sich allgemein der Ansicht hingab, das russische und ungarische Schlachtvieh zur Ernährung des Volkes, besonders aber zur Versorgung der im Kriege befindlichen Armeen nicht entbehren zu können.
Nach Kan old's Vorgang wurde die Einschleppimg des Contagiums durch russisches und ungarisches Rindvieh als die einzige Ursache den Rinderpest-Eruptionen in Europa richtig erkannt von den dänischen Aerz-ten;i), während französische und deutsche Autoren in dem Irrtluun befan­gen waren, dass die Krankheit bei der Belagerung von Prag (1744) spontan entstanden sei und sich gegen Osten nach Ungarn, sowie gegen Westen über Südddeulschland nach Italien, Frankreich und den Nieder­landen ausgebreitet habe.
In den breiteren Schichten des Volkes galt die originäre Entstehung der Rinderpest vielfach als selbstverständlich. Behörden und Fachmänner hielten sogar eine Ausrottung der Seuche nicht mehr für möglich. Hier­mit steht im Zusammenhange, dass in der Literatur jener Zeit, die übrigens
1) J. S. Albrocht. Untorr. von der Ilom-Vioh-Soucho. Coburg' 1749.
') Vergl. Hasen. Sammlung' vci'scliiodener ortlioilton Vorschriften thoils zu Abhaltung', theils zu Hebung der anjetzo beynahe überall, besonders auch in dem Bezirk dos Croyss-Amtes Wittenberg grassiroudon Rind-Vieh-Souche etc. Witten­berg 1764. S. 24.
3) Vergl, Acta Havnionsia, Tora. H Au. 174(J,
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viele gute Beobachtungen, über die Symptome und den Verlauf derSeuohe
enthält, das Bestreben vorwaltet, ein zweckmiissiges Hellverfahren zur Wiederherstellung' der erkrankten Thiere ausfindig' zu machen.
Das allgemeine Aufsehen, welches die Verheerungen der Seuche in Holland bewirkten, veranlasste vier jüngere Aerzte (Schüler Boer-have's): die Professoren Ouwens, van Velse, quot;Westerhof und den später nach Wien berufenen Professor de Haen zur Ausführung von Untersuchungen, um die Krankheit kennen zu lernen (12). Ihre Dar­stellung' ist frei von den landläufigen Vorurtheilen; sie ermittelten, dass der Genuss der Milch kranker Thiere den Menschen nicht nachtheilig sei. Der in damaliger Zeit sehr verbreiteten Annahme, dass die Seuche in einer Verstopfung des dritten Magens, auf welche Entzündung und Gangrän folge, bestehe und nicht ansteckend sei, treten die holländischen Aerzte mit Entschiedenheit entgegen. Die hauptsächlichsten Störungen fanden sie sehr richtig' im vierten Magren, welcher immer sehr roth und entzündet sei; ferner sollten in der Leber, welche niemals gesund, und in den Lungen, welche grösstentheils entzündet seien, krankhafte Verän­derungen bestehen. Dem Wesen nach sei die Krankheit ein hitziges Faulficber mit allgemeiner Entzündung der Eingeweide, welches seine alleinige Ursache in der Ansteckung finde und so lange, bis die Natur des Contagiums ergründet und ein sicheres Gegengift gefunden werde, nach symptomatischen Ileilanzeigen behandelt werden müsse.
Die dänischen Aerzte, welche die Seuche 1745 und 1746 studirt hatten, führen 1. c. die wichtigsten Symptome richtig an; sie begehen aber auch den früher von Kan old und anderen gemachten Fehler, dass sie zufällige Befunde, wie Echinokokken, Leberegel, Gallensteine etc. mit der Krankheit in Verbindung bringen. Die Trockenheit des Psalter-Inhalts erklären sie mit der Annahme, dass das verzehrte Heu durch die Hitze der Krankheit gekocht und verhärtet werde. Sie versprechen sich von der Behandlung der Thiere mit Salpeter, Kampher und Zinnober einigen Erfolg. Daneben sollten Räucherungen der Ställe und das Be­sprengen des Futters mit Weinessig, Salz und Schwefel nützlich sein. Die dänische Regierung verbot die Abhäutung der gefallenen Thiere und den Handel mit Fleisch. Auch mussten beim Ausbruch der Seuche die gesunden von den kranken Rindern sofort abgesondert werden.
Holberg1) erwähnt, dass auf Seeland vom Mai bis November 1745 in 65 adeligen Höfen, die speciell namhaft gemacht sind, die Rindvieh-bestände fast vollständig durch die Rinderpest zu Grunde gegangen seien. Da die Calamität zu der Zeit sich ereignete, als ein Comet erschien, so machte sich im Volke von Neuem der alte Aberglaube von der Bedeu-
!) Dos berühmten Herrn Ludwig Holberg's kurzes Bodenken über dio jetziger Zeit rogirendo Viehseuche. Aus dem Dänischen übers. Wismar 1746.
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tang dor Gestirne g'oltond. Hol borg' tritt dieser Unsitte und dor obonso verwerflichen Unterstellung, dass die durch die Seuche verursachten Ver­luste als oino von der Vorsehung- verbängte Bestrafung' und dass das Niohtauftreten der Krankheit auf einzelnen Gehöften als eine Belohnung für vermeintliche Verdienste anzusehen sei, nachdrücklich entgegen. Von dem Oontagium, welches als die ausschliessliche Ursache der Seuche an­erkannt wird, glaubt Holborg nach dem Vorgänge älterer Autoron, dass es in kleinen Organismen („giftigen Insectent;) bestehen müsse, welche wahrscheinlich in Asien ihre ursprüngliche Heimat hätten.
Als im Mai 1745 dio Rinderpest in Hamburg und dessen Umgegend grassirte, wurde Hannaeus1) mit der Untersuchung und Behandlung der Krankheit beauftragt. Derselbe hat seine Wahrnehmungen in einer kleinen Schrift niedergelegt, welche bei aller Unvollständigkeit wenigstens berichtigt hat, dass die in der Leber und in den Lungen angetroffenen Wasserblasen, Gewächse und Geschwüre der Seuche nicht angehören. Das Oontagium vergleicht der Verfasser mit den Fermenten, namentlich mit den Eigenschaften der Bierhefe. Eine sehr grosse Zahl von Arznei­mitteln fand Hannaeus bei seinen Versuchen unwirksam. Leider wur­den seine Angaben von den Zeitgenossen unberücksichtigt gelassen.
Auf den Character und die Heilbarkeit der Rinderpest beziehen sich noch einige kleinere Publicationen, zu denen die in Schleswig-Holstein 1745 und 174(1 erfolgten Seuchenausbrüche die Veranlassung gaben2). Die grosson Bedrückungen, welche das ganze Volk durch die Verhee­rungen der Rinderpost zu erdulden hatte, wurden auch in den dänischen Landen als eine Strafe des Himmels angesehen. Ein Königlicher Befehl bestimmte für ganz Dänemark den 9. April 1745 zu einem allgeineinon Buss- und Bettag, an welchem in allen Kirchen über Jonas IV, Vers 9 bis 11 mit Bezug auf die herrschende Viehseuche gepredigt werden musste. Eine hierdurch veranlasste ausführliche „Buss - Ermahnungquot;
') Historische Beschreibung der Viehseucho, welche seit dorn Jahre 1745 in den hiesigen Gegendon grassiret. Hamburg I74C,
2) Balth. Job. von Buch wald. Beretning hvad han angaaendo Ovaogsygon bar kündet obsorvero samt sine Betaenkninger an Sygdommens Oprindolse og Beskaffenhed etc. 1745. — H. Lackmaiin. Zeugnisse von aussorordentlichen Viehsterben aus alten und neuen Scribentcn zur Beurtheilung dor In Schleswig und Holstein unter dem Hornvieh eingerissonon Seuche etc. Kiel 174(5. — J. G. Lesser. Gedanken von der Viehseuche etc. Ploon 174ß. — G. H. Kannon-giessor. Unterr. v. d. im Holstein, grassirendon Viehseuche. Kiel 1745. — J. G. de Böttcher. Botaenkning an den grassorenden Sygdom in Holsten. Kiobenhavn 1745. Derselbe: Kurtze, doch gründliche Betrachtung und Erwegung über dio in denen Königliobon sowol dänischen, als teutschen Provinzen bishero und noch continuirondon Pest-Horn-Vieh-Seuche etc. Frankfurt 1747. — Spo-rauder. Betrachtung über die itzt grassironde Hornviehseucho etc. Hamburg 174C. — J. H. H. Ahrens. Entwurf von der Beschaffenheit und Abhelfung der im Holsteinischen wütenden Hornviehsouchc. Ploen 1745.
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wegen der Viehseuche hat der Prediger BruhuB1) dor Nachwelt über­liefert.
Aus einem, an sich sehr unbedeutenden Buche des Physikus IJückel-') zu Drossen geht hervor, dass im Jahre 1745 der gegenwärtige Regierungs­bezirk Frankfurt, namentlich der Stemberger Kreis von der Rinderpest erheblich zu leiden hatte.
Die Aerzte der medioinischen Facultät zu Paris widmeten 1745 der Krankheit eine besondere Aufmerksamkeit. Der Docan de l'Epine untersuchte selbst mit mehreren jüngeren Aerzten die kranken Thiere in der Nachbarschaft von Paris. Vergebens wurden tue ausgewähltesten Arzneien verabreicht. Man verfiel schliesslich wieder auf den alten Kurplan, Haarseile und Fontanelle an verschiedenen Körpertheilen zu appli-ciren und durch Reizmittel die Eiterung- möglichst ergiebig zu machen. Einer von den Pariser Aerzten, ChomeP) erklärte die Seuche für ein bösartiges, ansteckendes Fleckfieber (fievre maligne, pesti-lentielie et pourpreuse), welches in Böhmen während des Krieges entstanden sei. Die kranken Thiere, die sehr wohlfeil verkauft wurden, verbreiteten das Uebel mit grosser Schnelligkeit. Es war eine wahre Pest, welche von Provinz zu Provinz fortschreitend bis nach Paris ge­langte. Die Abwehrmassregeln, welche die Verwaltungs-Behörden dem Vordringen der Krankheit entgegenstellten, wurden durch die Gewinn­sucht und die Armuth der Bewohner vereitelt. Ohomel hat zur Sympto­matologie der Rinderpest nur wenig beigetragen. Die Erscheinung, dass das Epithel des dritten Magens beim Aufschneiden am Inhalt haften bleibt, erklärt er irrthiimlich Avie Viele Andere nach ihm, für „Brand der Magenhäute.quot; Dagegen hat er zuerst ausgesprochen, dass die Schleim­baut des 4. Magens purpurroth und oft mit bläulich rothen Flecken be­sät ist. Auch kannte er die Erscheinung, dass die Haut des Euters zu­weilen hämorrhagisohe Herde trägt, die er „taohes livides et pourpreuses'' nennt. Die von ihm vorgeschlagene Therapie unterscheidet sich nicht von den Ansichten älterer Autoren.
Um dieselbe Zeit veröffentlichte der Württembergische Professor Mauohard (14), zu Tübingen eine Abhandlung in welcher die Krank­heit als ein bösartiges, ansteckendes und entzündliches Fieber, begleitet von Ruhr und Lungenentzündung (Athembesohwerde) betrachtet wird. Die nächste Ursache ist in einer subtilen, sehr heftigen, ätzenden, putri-
l) Erdmann Bruhns. Heils. Arzuoy-Vorseht, wogen d. gegenw. klägl. Viehsterbens. Altona und Flensburg 174quot;).
-) B. L. Hückel's Abh. vom Hornvieh, nebst dessen abgostattoteu Boriohton und Gutachten von dor Horn-Vioh-Seuche. Cüstrin 1747.
•',) Lettro d'un mödioin do Paris ä un mödicin do province sur les maladies des bostiaux. Paris 1745. Da mir die Abhandlung im Original nicht zur Hand ist, so habe ich das Citat dem Buche von Dupuy (4) entnommen.
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den, dio Lymphe und überhaupt das Blut iuficirenden Substanz von alka­lischer Beschaffenheit zu denken. Der alkalische Character der Materia peccans soll durch das Aufbrausen, welches quot;hei der Vermisohung' der Galle mit Schwefelsäure entstehe, ferner durch die ätzenden Eigen­schaften der in den Baucheingeweiden enthaltenen Flüssigkeiten und durch die günstigen Wirkungen säuerlicher Getränke bewiesen werden. Abgesehen von diesen Meinungen, die in derselben Form oder auch mit einig-en Modificationen später häufig wiederkehren, bekennt sich der Ver­fasser gleich seinem Zeitgenossen Dr. Klemm (cf. S. GG) mit Entschie­denheit zur Lehre von der Contagiusität der Seuche, welche durch die Mittheilung thatsäohlicher Beobachtungen bewiesen wird. Hinsichtlich der Symptome geben dieselben an, class die Krankheit mit allgemeinem Frostschauer und darauf folgender Hitze beginne; der Frost trete ab­wechselnd wieder hervor. Fresslust und Rumination verschwänden und es entwickele sich eine Peripneumonie oder eine Dysenterie oder beides zugleich. Gewöhnlich ende die Krankheit vor dem 7. Tage mit dem Tode. Zur Kur wird nach allgemeinen Indicationen eine grosse Zahl von Arzneimitteln empfohlen, darunter vor Allem die säuerlichen Getränke mit aromatischen Zusätzen, ferner Weinstein, Salpeter, BrechWeinstein und Ipecacuanha etc.; ausserdem Waschungen des Mauls gegen die Geschwüre am Gaumen und an der Zunge, sowie Einreibung von Fett auf die mit Ausschlag behaftete Haut; Aderlässe aber nur im Anfange der Krankheit. Für die Vorbeugungs-Kur hat Mauchard die ziemlich allgemein be­nutzton Aderlässe und Haarseile als vverthlos erkannt. Eine gute Pflege der Thiere und die Verabreichung von Kochsalz schien ihm aber zweck-nüissig zu sein. Ausserdem adoptirt er die schon in der preussischen und in der österreichischen Verordnung vorgeschriebene tiefe Vergrabung der Cadaver ohne vorherige Abhäutung, sowie Strafandrohungen gegen ein fahrlässiges Benehmen der Viehhändler.
Die ganz unbegründete Ansicht, dass durch eine Einverleibung von Arzneimitteln die Rinder gegen das Seuchen-Contagium immun gemacht werden könnten, hat im vorigen Jahrhundert ziemlich allgemein geherrscht. Das Sanitäts-Collegium zu Stuttgart rieth nach Mauchard zum Gebrauche des nachstehenden Mittels, welches auch bei späteren Gelegenheiten von Renommisten als neu erfunden in öffentlichen Blättern angepriesen worden ist: Enzianswurzel, Eberwurzel, weisser Bolus ca. 4 Pfund, Salpeter 6 Pfund, Schwefel 2 Pfund, Leinsamen 4 Pfund; zu einem feinen Pulver bereitet und im Verlaufe mehrerer Tage einzugeben.
De Sauvages, Professor der Medicin zu Montpellier beschrieb (17) die Symptome der Krankheit, welche er 1745 im amtlichen Auftrage zu untersuchen hatte, ziemlich vollständig. Das Thränen der Augen, die Bildung einer förmlichen Rinne über die Backen durch die herab-fliessenden Thränen, dio erschwerte, mit Stöhnen verbundene Respiration,
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das Zittern dor Haut, der Verlust der Milch bei den Kühen, der Ausfluss aus der Nase und die Besonderheiten des Durchfalls, den er für das constantesfe und bemorkenswertheste Symptom erklärt, sind von ihm mit Saclikenuluiss hervorgehoben. Er wiederholt aber auch die irrthümlicho Angabe der älteren Autoren, dass die erkrankten Thiero von einem Schwindel befallen würden, welcher sie veranlasse, auf dem Felde um­herzulaufen. Der Verfasser giebt ferner an, dass viele kranke Thiero in der Nierengegend und im Rücken sehr enipfindlich gewesen und beim Druck mit der Hand in die Knie gesunken oder auch davon gesprungen seien. Er hat zuerst berichtet, dass zuweilen im Verlaufe der Krank-an den Flanken und an den Lenden Emphyseme entstanden, die eine sehr geringe Erhöhung gezeigt hätten und sehr schmerzhaft gewesen wären. Beim Einschneiden sei Luft aus denselben herausgetreten. Die Sections-Ergebnisse hat Sauvages nur zum Theil erkannt, so­weit sie die Magenabtheilungen, die Gallenblase und die Lungen be­treffen. Das interstitiello Lungen-Emphysem ist von ihm zuerst und richtig beschrieben worden: „l'air est aecumule entre les lobules.quot; In diagnostischer Hinsicht lehrte er den Milzbrand von der Rinderpest trennen. Das Sterblichkeits-Verhältniss bei der Seuche giebt er zu­treffend dahin an, dass von 20 kranken Thieren 19 zu Grunde gingen. Hunde und Schweine, welche herumspürten und an den Excrementen der kranken Ochsen lockten, wurden nicht angesteckt und auch die Menschen, welche an verschiedenen Orten das Fleisch solcher Ochsen gegessen haben, sind nicht krank geworden. Sauvages erklärt es für nutzlos, die Ursachen der Seuche in verdorbenen Weiden, in der Luft oder in verfaultem Wasser zu suchen, weil die Krankheit ersichtlich von Ort zu Ort sich nur auf solche Thiere verbreitete, welche mit den kranken in Berührung gekommen waren. Die Unterschiede der Jahreszeiten und der Witterung, sowie des Nährzustandes der Thiere hatten keinen wesent­lichen Einfluss auf den Verlauf der Krankheit. Endlich verdient noch bemerkt zu werden, dass Sauvagos auch das Blut mikroskopisch unter­sucht und festgestellt hat, dass die von den italienischen Aerzten vor­ausgesetzten kleinen Würmer sich im Blute der pestkranken Rinder nicht finden.
Aus Paulet's Geschichte der Viehseuchen I. Bd. S. 172 will ich, da ich mir das Original-Werk nicht verschaffen konnte, noch die Notiz ent­nehmen, dass Sauvages in seiner Nosolog. method. T. V p. 88 von der Uebertragung der Rinderpest auf Schafe und Ziegen berichtet hat. Die Krankheit, welche ebenso wie beim Rindvieh mit Durchfall und allen übrigen Zufällen eines oxanthematischen und pestilenzialischen Fiebers verbunden war, wurde von Sau vages zu derselben Zeit unter den Ziegen und Schafen in Languedoc beobachtet.
Von grossem historischen Interesse sind die Mittheilungen des
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Marquis de Courtivron (15, IG). Er beobacliloto 1745, class mitten In einem Dorfc, in welchem sämmtliche Rinder an der Seuche Holen, ein Gärtner seinen Viehbestand durch vollständige Absonderung vor der An­steckung1 bewahrte. Das negative Ergebniss eines Versuches, durch Be­deckung' eines gesunden Rindes mit der Haut eines pestkranken die An­steckung herbeizuführen, befestigte bei ihm die Ueberzeugung, dass die Verbreitung der Seuche in der Kegel durch unmittelbare Ansteckung von Thier zu Thier erfolgt. Der gewöhnlichste Weg für die Einverleibung des Contagimns sei der Digestionstractns, was durch folgenden Versuch dargethan werde. Einem Kalbe wurde mit Milch vermischt die einem pestkranken Rinde entnommene Galle eingegeben. Am 8, Tage nachher stellten sich schon Krankheitszufälle ein und am 8. Tage starb es. Ge-naiiG Beobachtungen des Verbreitungs-Modus der Seuche und des Ver­haltens inficirter Thiero brachten den Verfasser zu der Ansicht, dass die Entwickelungszeit der Krankheit nach der geschehenen Ansteckung nicht über 10 Tage dauern könne. Gewöhnlich zeigton die Thiere am 4. Tage nach der Ansteckung die ersten Symptome der Krankheit, welche am 9. Tage ihren höchsten Grad erreichte. In Issurtille, wohin die Seuche im Dezember 1747 durch Handelsvieh eingeschleppt wurde, erkrankten 175 Hinder, wovon nur 7 Thiero wieder gesund wurden. Nur 2 von den kranken Thieren zeigten Spuren eines Ausschlags, während der Verfasser 1745 bei einer grösscren Zahl von Thieren die Erkrankung der Haut wahrgenommen hatte. Nach den Angaben de Courtivron's ist die Seuche mit der im Juni 1743 aus Bayern nach dem Elsass zu­rückkehrenden französischen Armee nach Frankreich gebracht worden.
Als die Rinderpest sich 1745 dem damaligen Kurfürstenthum Sachsen näherte, wurden (wie Rum polt in der Hebers, von Paulet's Gesch. der Viehs, mittheilt) die älteren Verordnungen von 1712, 1716, 1724 und 1732 erneuert und ausserdem strenge Vorschriften gegen die Einfuhr von kranken Rindern erlassen. Alles Rindvieh durfte nur mit Gesund­heitspässen versehen über die Grenze eingelassen werden und musste ausserdem mindestens 8 Tage lang Quarantaine halten. Aehnlich wurde in Preussen und Dänemark verfahren. Auch in Frankreich wurde 1746 durch strenge Befehle der gesammte Handel mit Rindvieh unter amtliche Controle gestellt. Bio Provinz Lothringen schützte ihren Viehstand durch militärische Grenzwachen. Manche französische Städte blieben von der Seuche nur dadurch verschont, dass sie durch Wachen mit bewaffneter Hand die Einführung von Vieh und giftfangenden Sachen verhinderten.
Von wissenschaftlich richtigen Gesichtspunkten geht auch die „Ver­ordnung von demjenigen, was in den Königlich Grossbritannischen und Churfürstlichen Braunschweig-Lüneburgischen Landen wegen der Horn-viehseuche und zu deren Abwendung zu beobachten; Hannover den 14. Februar 1756quot; — aus, die Erxleben (33) mitgetheilt hat.
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Die Discussion über das Wesen der Rinderpest, dessen Feststellung zum Zwecke einer Ileilnnjraquo;- der Krankheit als eine wissenschaftliche Auf­gabe ersten Ranges betrachtet wurde, war in Frankreich am lebhaftesten. Interessant ist, dass die Aerzte ihre Ansichten in Fpnn von Briefen durch Zeitschriften veröffentlichten.1) Malouin, einer der Parlaments-Com-missäre zur Erforschung der Rinderpest und Mitglied der medicinischen Facultiit zu Paris meint, dass die Krankheit eine Art dos Skorbut sei, dessen Ursache sich in der Erde entwickele und von hier in die Luft, wie in das Wasser übertrete. Der Verlauf der Rinderpest als Ileerden-krankheit hatte ihn ausserdom zu dem Irrthum verleitet, dass dieser Skorbut im Frühjahr entstehe, im Sommer seine grösste Höhe erreiche und im Winter vollständig verschwinde, um im Frühjahr wiederzukehren. Es war ihm nicht klar geworden, dass im Winter der Verkehr mit Rindern eingeschränkt war und das Betreiben der Weiden unterblieb und dass hierin der Grund für das seltene Erscheinen der Seuche lag, obwohl auch er ihre Uobertragbarkeit anerkannte. — Ihre Vorschläge zur zweckmässigen Behandlung der Seuche stützten auch die französischen Aerzte auf ciie aii. gemeinen Grundsätze der Heilkunde. In einem Antwortschreiben von Norman wird ausführlich erörtert, dass das Contagium eine flüchtige, caustische Materie sei, nach Art des Virus bei den Pocken und anderen fieberhaften Krankheiten der Menschen. Der Verfasser bespricht die besten Heilmittel gegen die Krankheit und empfiehlt übereinstimmend mit vielen seiner Zeitgenossen die Säuren, besonders die Schwefelsäure. In der Begründung seiner Ansicht bezieht er sich auf den Ilippokratischen Grundsalz: „Extremis inorbis extrema remedia exquisite optima.quot; Im Uebrigcn war dem Verfasser, wie anderen Autoren seiner Zeit die Vor­stellung geläufig, dass eine Behandlung nur im ersten Stadio der Krank­heit mit Aussicht unternommen worden könne, dass dagegen nach der Entwickelung der entzündlichen Zustände der Tod der kranken Thiere unabwendbar sei.
Blendet, ein Arzt aus Montpellier beschuldigt in seiner Schrift2) als Ursachen der Krankheit, die er für ein hitziges, pestilenzialisohes Ausschlagsfieber ausgiebt, welches am 4. bis 6. Tage, zuweilen auch erst nach 3 Wochen zum Tode führe, besonders Ueberschwemmungen der Weiden, den Qenuss verdorbener oder giftiger Pflanzen und Witterungs­einflüsse. Ich würde indess wegen dieser Ansicht, die schon in der da­maligen Zeit nicht mehr berechtigt war, den Autor hier nicht citirt haben, wenn derselbe nicht ein zutreffendes Urtheil über die bisherig-en litera­rischen Leistungen der Aerzte ausgesprochen hätte. Er sagt, dass die Aerzte sich vergeblich bemüht hätten, eine klare Vorstellung von der
') Dor Briefwechsel ist ausführlich mitgotheilt von Dupuy (4 p. 119)..
2) Dissoration sur la maladio öpidümiquo dos bestiaux; par Mr. Blendet. Paris 1748.
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Krankheit und eine gute Methode zu ihrer Behandlung zu entwerfen. Joder Autor habe sich ein Lehrgebäude nach seiner Art zurechtgelegt; der eine behaupte, dass die thierisohen Flüssigkeiten sauer: der andere, dass sie alkalisch seien; der eine spreche sich für eine Dissolution, der andere für eine Congulation des Blutes aus. Wenn ein Thier nach der Benutzung eines Heilmittels gesund werde, so behaupte man, dass das Mittel immer liülfroich sei. Richtigor würde der Erfolg der Naturthätig-keit zugeschrieben, welche in solchen Fällen die Krankheit und das Heil­mittel besiege.
Die Provinz Westfalen verlor um die Mitte dos 18. Jahrhunderts den grösston Thoil ihres Viehstandcs. In den Familien kleiner und grösserer landwirthschaftlicher Besitzer der jetzt zum Regierungsbezirk Münster gehörigen Kreise und der Grafschaft Mark (Regierungsbezirk Arnsberg) hat sich durch Tradition bis zur Gegenwart ein lebhaftes Bild von der schwer bedrängten Lage der Besitzer erhalten. Es wurden in sehr vielen Orten kirchliche Gebete zur Abwendung des Unglücks angeordnet und dankbar für die Tröstungen und Versprechungen der Religion haben dio Gemeinden vieler Kirchen besondere jährliche Festtage bestimmt, an welchen gegenwärtig noch immer ein Dankgottesdienst abgehalten wird. Des Beispiels wegen will ich dio Mittheilung von Jansen1) über eine solche kirchliche Feier in Datteln (Kreis Reckling-hauson) hier wieder­geben:
„Zur Zeit dos Pastors Balthasar Engels von 174t—]7n2 wurde dio Gemeinde (und das ganze Vest) durch Krankheiten au Mensahon und Vieh schwor holm­gesucht. In den Jahren 174.1, 1747 und 1750 kropirto sehr viel Vieh an einer fremden Seuche; im ersten Jahre blieb kaum der zehnte Theil dos Hornviehes übrig. In Hornoburg begann die Seuche 1750 um Allerheiligen und innerhalb zwei Monaten kropirlen in dem kleinen Dorfo 116 Stück Vieh. Als die Vieh­seuche zuerst auftrat, nahm dio Gemeinde ihre Zullucht zu ihrem Patron, dem h. Amandus, und wie dio mündliche Tradition und schriftlieho Nachrichten sagen, hätte auf die Fürbitte des h. Amandus die Seuche nachgelassen. Aus Dankbar­keit oder auch in Folge eines Gelübdes feiert man bis auf den heutigen Tag vom Jahre 1740 an den ersten Freitag in den Faston als einen allgemeinen Festtag der ganzen Gemeinde, als Tag dos h. Amandus in der Kirche durch feierlichsten Gottesdienst und durch Enthaltung von knecbtlicher Arbeit. Unter dem 22. No­vember 1757 gewährte Papst Benedict XIV. für diesen Tag einen vollkommenen Ablass auf 7 Jahre. An den übrigen Feiertagen aber der h. Fastenzeit opfert die Gemeinde seitdem in 7 Abthoilungen 7 grosso quot;Wachskerzen zu Einen des h,
Amandus um Abwendung von Viehseuchen und alles Uobels.....quot; „Das Traota-
ment aber auf den ersten Freitag in den Fasten muss das Kirchspiel (dio Gemeinde) — wie es 174(i, wo solche angefangen worden, wegen der grassironden und gleich darnach gestillten Viehseuche versprochen — dorn Pastor vergüten.quot;
!) Die Gemeinde Datteln. Ein Beitrag zur Gosehichto des Vestos Reckling-hauson vom Pfarrer A. Jausen. 1881 S. 09. („Vestquot; bedeutet den Bezirk der ehemaligen Freien Reichs- und Staudes-lloi'rschaft.)
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Zu Oslerwik boi Halberstadt erschien die Rinderpest im September 1745. Naohdem die zur Untersuchung1 herbeigerufenen Aerzto dieselbe OOnstatirt hatten, #9632;wurde der Physikus Dr. Lioberkülm, der zugleich Bürgermeister von Halberstadt war, mit dein Dr. Abr, Ens zu einer Superrevision an Ort und Stelle entsandt. Wie der letztere in seiner kleinen und ganz unbedeutenden Schrift anführt, wurden 12 Thiere secirt. Aus den Befundangaben g'eht mit Bestimmtheit hervor, dass die Rinderpest vorhanden war. Trotzdem sucht der Verfasser mittels einer tendenziösen Polemik zu beweisen, class eine andere Krankheit vorliege, die durch den Genuss giftiger Pflanzen und durch Erkältungen beim Herrschen von Nachtfrösten und Nebeln hervorgebracht sei. Ich würde es nicht einmal der Mühe werth gefunden haben, auf die gehaltlose Arbeit von Ens') mit einer abweisenden Kritik zurückzukommen, wenn nicht Camper, Faulet und Andere derselben eine gewisse Bedeutung zugeschrieben hätten.
In England erhielt Layard (21) Gelegenheit, die Rinderpest zu studiren. Seine Beobachtungen und Ansichten, welche in der 1751 er­schienenen Abhandlung niedergelegt sind, stimmen im Wesentlichen mit den Angaben anderer Autoren überein. Auch er gewann die Ueher-zeugung, dass die Seuche nicht durch klimatische Einflüsse, durch schlechtes Futter und verdorbenes Trinkwasser, sondern nur durch An­steckung entstehe und ebenso, wie die menschliche Fest und die Pocken aus dem Orient nach Europa gebracht werde. Die Krankheit scheint ihm ein den menschlichen Pocken nahe verwandtes bösartiges Fieber mit Ausschlag zu sein, ähnlich wie die Genfer Aerzte 1715 behauptet hatten. Den Verlauf der Krankheit thoilt er in drei Stadien, welche be­ziehentlich die ersten 4 Tage der offenbaren Erkrankung, den Zeitraum vom 4. bis 7. Tag und das Ende umfassen. Den 7. Tag der Krankheit hält er für entscheidend. Wenn die Erscheinungen um diese Zeit nicht nachgelassen, so soll der Tod unabwendbar sein. Symptomatologie und Sectionsbefunde sind von ihm mit Sorgfalt erörtert worden. Den Ulce-rationen auf der Maulschleimhaut, die bisher nur angedeutet waren, legt er mit Hecht eine grosse diagnostische Bedeutung bei. Ein Irrthum, der dem Werthe seiner Darstellung Abbruch thut, liegt in der bedingungs­losen Annahme der alten Ansicht, dass die Krankheitsmaterie aus dem Körper nach der Haut ausgeschieden werde und dass es die nächste Aufgabe der Wissenschaft sei, ein zweckmässiges Heilverfahren aufzu­suchen. Die theoretische Grundlage seiner Therapie ist dieselbe, welche Ramazzini 50 Jahre früher aufgestellt hatte. Auch bei ihm hat das
') Abr. Ens. Dispuisitio anatomico-pathologica de Morbo Boum Ostorviccn-sium pro posto non liabondo. Halbcrsladt 1746. 8. Aull. Königsberg 17G4. Eine deutsohe Uebers. ist im Magazin der Vleharznolkunst I. Bd. Wien und Leipzig 1784 veröffentlicht worden.
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Exanthein eine kritische Bedeutung'. Er glaubt, dass ein pestkrankes Thier ohne Hautausschlag nicht genesen könne. Wenn die llörner im Verlaufe der Krankheit sehr heiss werden, so suche dio Natur durch dieselben einen Ausbruch, weshalb Layard die Anbohrung der Hörnor empfiehlt, damit der in demselben gedachte Eiter ausfliessen könne. Mit dem stolzen Worte des römischen Schriftstellers Celsus: „Morbi non eloquentia, sed remediis curanturquot; rechtfertigt er seine Emjifehlung einer grossen Zahl von Heilmitteln, deren Besprechung hier um so mehr gegenstandlos ist, als in den theoretischen Ausführungen nur die bereits bekannten Ansichten der älteren Autoren wiedergegeben sind.
Bevor ich auf die zweite Schrift Layard's, welche die Impfung der Rinderpest behandelt, eingehe, will ich in Kürze die Abhandlung des französischen Arztes Giere (25) besprechen, welcher die Seuche unter der Anleitung Boerhaave's in Holland 1744 bis 174(5 studirt halte. Seine Darstellung kommt an Bedeutung der Arbeit Layard's nicht gleich. Die relativ grosse Anerkennung, welche dieselbe im vorigen Jahrhundert fand, ist — wie mir scheint — mehr durch den äusseren Vorzug einer übersichtlichen Trennung des Stoffes in einzelne Kapitel bedingt gewesen. Im Uebrigen machen die Ausführungen des Verfassers den Eindruck, dass sie weniger auf persönlichen Beobachtungen beruhen, als unter ge­schickter Benutzung der Mittheilungen anderer Autoren, namentlich der Holländischen Aerzte zu Stande gebracht sind. Nach einer ziemlich all­gemein gehaltenen, im Uebrigen aber richtigen Besprechung der Krank­heitssymptome und Sectionsergebnisse bekennt er sich zu der auch von medicinischen Systematikern aufgestellten.Theorie, dass das pestilenzialischo Gift die Luft durchdringe und mit derselben in alle thierischen Tbeilo gelangen könne. Dasselbe soll als ein Theil des in der Natur allgemein verbreiteten phlogistischen oder Feuer-Princips gedacht werden, welches durch die Verbindung mit einem alkalischen Salze ein heftiges, sich sehr leicht mittheilendes Gift abgiebt, wovon die kleinste Quantität hinreicht, eine beissende Hitze, lebhafte Entzündung, Faulung, Brand und Tod zu erregen. In der Beschaffenheit der Körper, die das Gift aufnehmen, und in der natürlichen Neigung der thierischen Säfte zur Faulung soll die Erklärung der Krankheitserscheinungen gefunden werden. Auf Grund solcher abstracter Voraussetzungen rath Clorc zu einem weitläufigen Heilverfahren, bei welchen alle reizenden, scharfen, hitzigen und brennenden Mittel vermieden werden sollen. Beim Durchlesen des therapeutischen Theils der Schrift ist leicht zu erkennen, dass Giere selbst keine pest­kranken Rinder behandelt hat, was freilich von den meisten Autoren der damaligen Zeit gelten kann. Es klingt mehr als naiv, wenn der Ver­fasser sich über Mangel an Zutrauen zu dem von ihm empfohlenen Kur-plan beklagt. Von Vorurtheilen ist er ebensowenig frei, wie die meisten seiner Zeitgenossen. Die Thatsache, dass gesunde Kinder nicht in die
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Seuche verfielen, wenn sie in Pferdeställen untergebracht waren, hatte man mehrfach auf eine Präservativ-Wirkung1 des Pferdedüngers bezogen. Clerc sagt, dass er den Grund dieser Beobachtung nicht kenne, dass er dieselbe aber für richtig halte. Später hat Erxleben (33 S. 168) über die Empfehlung, in die Rinderställe einige Pferde zu bringen, seine Meinung dahin ausgesprochen, „dass das Verfahren nach den in den Niederlanden gemachten Erfahrungen wenigstens unschädlich sei, wenn es auch keinen Nutzen habe.quot;
Dass Menschen, Pferde, Schweine und Hunde von den rinderpest­kranken Rindern nicht angesteckt wurden, vorsicherten die angese­hensten Autoren ohne Bedenkon. Hinsichtlich der Schafe und Ziegen verhielt man sich zum Theil resorvirt. Die von Sau vages beobachtete Erkrankung der Schafe und Ziegen habe ich oben bereite angeführt. Clerc erzählt, dass er einen Hammel „mit einem Faden, der in den Eiter aus der Pestbeule eines jungen Stiers eingetaucht warquot; geimpft habe, dass aber hiervon eine Infection nicht entstanden sei. Er folgert aus diesem Versuche, dass die Krankheit den Hammeln nicht mitgetheilt werde oder dass wenigstens zu dieser Mittheilung eine besondere Disposition gehöre.
Mit Ausnahme des Marquis von Courtivron, welcher 1747 zu Issurtillo beobachtet haben will, dass einige von den im Jahre 1745 durch-geseuchten Rindern von Neuem von der Rinderpest befallen seien, sind die bedeutenderen Autoren jener Zeit bereits darüber einig, dass die von der Krankheit genesenen Thiere für das Contagium keine Empfänglichkeit mehr besitzen. Diese später vollkommen bestätigte Erfahrung und die Ansicht der Gelehrten, dass die Krankheit den menschlichen Pocken mindestens sehr nahe verwandt sei, führten bei der grossen Verbreitung der Rinderpost zu dem Versuche, durch künstliche Einimpfung des Contagiums bei gesunden Rindern die Krankheit mit einem günstigen Verlauf herbeizuführen und die Thiere vor einer weiteren In­fection zu sichern.
Die Vaccination der Menschen war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Um dem Ausbruche der natürlichen Pocken und einem bösartigen Ver­laufe derselben zuvorzukommen, impfte man gesunde Personen mit der Lymphe aus natürlichen menschlichen Pocken, gerade so, wie bei der Pockenimpfung der Schafe heute noch üblich ist. Der Erfolg einer solchen Schutzimpfung bei Menschen war relativ günstig. Nichts lag daher näher, als bei der Rinderpest, gegen welche die vorgeschlagenen Heilmittel nutzlos waren, ein analoges Verfahren zu versuchen. Nach Erxleben (33) ist die Rinderpest-Impfung 1740 im Herzogthum Braunschweig zuerst ausgeführt worden. Von 19 geimpften Thieren überstanden 9 die Seuche. Fast zehn Jahre später machten (nach den Angaben Camper's) Nose-
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mann, Kool und Tack in Holland auf eigene Kosten Versuche. Cainper füg-t hinzu, dass die Genannten dem Beispiele dos Engländers Dodson' gefolgt seien. Sie behielten von 17 geimpften Thieren mir 8, Prof. Schwenke in Haag impfte 1757 nach Camper's Mittheilung 6 ein-bis zweijährige Kinder, die sämmtlich erhalten blieben; aber Grashnis sah, dass ß Rinder, die versuchsweise geimpft waren, später in Folge der natürlichen Ansteckung von der Seuche befallen wurden, an welcher 4 derselben zu Grunde gingen. In Hicklingcn bei Hannover versuchte man 1755 die Einimpfung der Seuche ebenfalls ohne Nutzen {Hanno­verische nützliche Sammlungen 1755, St. 45). Von Beverwick in Holland wurde unterm 28. März 1755 geschrieben, dass die mit 17 Stück Rind­vieh angestellte Inoculalion der Viehseuche sehr schlecht ausgefallen sei (vergl. Sale how. Rindviehseuche. Berlin 1755. S. 63).
Layard (22) hebt hervor, dass die Impfung in Holland theils mit gutem, theils mit schlechtem Erfolge ausgeführt sei. Er ist geneigt, diese Verschiedenheit durch die besondere lieschuffenheit der eingeimpften Materie zu erklären. Der eiterige Inhalt der Ausschlags - Pusteln sei besser, als der Nasenschleim kranker Thiero. Auch sollen sich nach seiner Ansicht junge Thiere bosser zur Impfung eignen, als alte. Der Bischof von York liess 5 Rinder impfen, von welchen 4 die Krank­heit überstanden, darunter 2 tragende Kühe, die auch nicht abortirton. Der Wundarzt Bewley impfte 3 Thiere, die sämmtlich wieder gesund wurden. Layard empfiehlt die Impfung für diejenigen Heerden, in deren Nachbarschaft die Rinderpest ausbricht, Aveil der Besitzer durch dieselbe vor grösseren Nachtheilen geschützt werden könne. Die ge­impften Thiere sollen, wie auch vor ihm schon die holländischen Aerzte gerathen haben, diätetisch und arzneilich behandelt werden. Bei kräftigen Thieren sei zunächst ein Aderlass und die Verabreichung- von Abführ­mitteln nothwendig.
Das Verfahren selbst bestand darin, dass ein wollenes oder baum­wollenes Band, welches mit dem, das Contagium enthaltenden Vehikel getränkt war, nach Art eines Haarseils durch die Unterhaut in der Oberschenkel-Gegend oder an der Schultor oder auf dem Rippen-kürpor gezogen wurde und bis zum Eintritt der Krankheitserscheinungen oder selbst noch länger liegen blieb. Bei tragenden Kühen soll nach Layard eine von der Gebärmutter weit entfernte Körpergegend zur Ein­impfung gewählt werden.
Der Verfasser einer zu Braunschweig 17G3 erschienenen anonymen Abhandlung (23) empfiehlt die Impfung, die er theils aus eigener Veran­lassung, theils auf obrigkeitliche Anordnung einmal bei 6 Kühen, dann bei 4 Kühen, 1 Färse und 1 halbjährigen Kalbe und in einem dritten Falle bei 8 Färsen vorgenommen hatte. In allen drei Fällen ging die Hälfte der geimpften Thiero an der Pest zu Grunde. Die Impfung wurde
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thoils mit dem Nasonschlüini und thoils mit dom Blalo krankor Thiere bewirkt. Einem Thiere Hess der Verfasser die Milch einer kranken Kuh zu trinken geben, wodurch die Ansteckung mit todtlichem Krankheits­verlauf erfolgte. Zur Vorbereitung der Impflingo empfiehlt der Verfasser magere Diät, eine Purganz und den Adorlass.
Mit diesen Publikationen war die Impfung als ein Mittel zur Be-kiimpfung der Rinderpest theoretisch festgestellt. Die Aufgabe, ihren Worth als Tilgungs- und Schutzmassregel zu ermitteln, hat zu vielen Versuchen, besonders in Holland, Norddeutscliland und Dänemark Ver­anlassung gegeben, die thoils von einzelnen Besitzern, theils von ge­sellschaftlichen Verbänden im eigenen Interesse oder aus patriotischer Gesinnung angestellt wurden. Im Ganzen hat die Impfung den vielfach behaupteten Nutzen in den europäischen Staaten nicht gehabt. Dass die Seuche in mehreren Fällen einen günstigen Verlauf als Heerdoiikrank-heit nahm, war nicht in der Impfung, sondern in den zufälligen Eigen­schaften des Contagiums begründet. Die Empfehlung des Verfahrens durch einflussreicho Männer trägt aber nicht zum geringsten Theile die Schuld, dass die Krankheit in einzelnen Ländern nicht zum Erlöschen und dass die einzig wirksame Tilgungsmassregel: die schnelle und ener­gische Vernichtung des Contagiums nicht in dem erforderlichen Umfange zur Anwendung kam.
Die Königlich Preussische Regierung gab den Empfehlungen zur Rinderpost-Impfung zunächst keine Folge. Sie erliess unterm 18. Januar 1752 eine Instruction, welche durch einen Beriebt des Leib - Medicus Dr. Cothenius veranlasst war. Aus diesem Bericht erhellen die in jener Zeit massgebendon Urtheile von der Rinderpest und den Mitteln ihrer Bekämpfung, weshalb ich denselben hier wörtlich wiedergeben will:
„Auf Ew. Königl, Majestät allorgnadigstou Befehl habe icli nachstohendo An-morkungon allerimtorttüinigst üborgobon sollen, welche ich bei nouorlicher Unter­suchung der Viehseuche gemacht habe, die sich wieder mit grosser Heftigkeit und Geschwindigkeit an verschiedenen Orten ausbreitet.
Ich finde nehnilich, dass diejenige wohl ausgesonnene und gegründete Ver­ordnungen, -welche von dem Konigl. Gonoral-Directorio mit dem Gollegio Sanitatis gemacht, und von den Landräthcn veranstaltet worden, nicht genugsam beachtet werden.
Es kann diesem aber auf folgende Art abgeholfen, und dem schnellen Port-gange der Seuche abgowehrot worden: wenn in einer jeden Stadt oder Dorf Leute bestellet und vereidet worden, deren ihre Pflicht seyn muss, täglich alles Vieh durchzusehen, und wenn sio die geringste Spur von Seuche beobachton, solches alsofort der Obrigkeit und dorn Landrath zu outdocken.
Diesen Leuten aber müssen diejenige Zufälle bekannt gemacht worden, welche sich bei der Krankheit äussern, als da sind, insbesondere das Triefen dor Augen und Nase, das Zittern oder Schaudorn, das Herabhängen des Kopfe und der Ohren, welche auch kalt sind, imgloichon, dass dio Milch vorgehet, das Vieh nicht gut wiederkäuet, keichot, stöhnet, Durst hat, mit dem Maul oder Gelonkon knirschet, erstlich Verstopfung, uachhoro einen weit spritzenden stinkenden Durchfall be-
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kömmt. Alsdann muss dor Hof, dorn dioses Violi zugohürot, gloicli gesperret, das kranke Vieh ubor alsofort in einen andern Stall gebracht worden. Die Pferde aber könnon in don Kuhstall gezogen werden, Denn man hat beobachtet, dass die Ausdünstung dos Pfbrdeinistes dorn Miasmati entgegen wäre, welches zwar durch noch mehrere Erfahrung muss bestätiget worden.
Denn, wenn die Untortlianon so lange warten, bis dio spociollo Veranstaltung von den Landriitlien gemacht worden. Begehen schon ellicho Tage hin, in welcher Zeit die Souche schon weiter um sich greift.
Man muss aber dem ungeachtet don Landrilthon, sobald es möglich, was go-schohon ist, Bericht abstatten.
Dom kranken Vieh giobt man dio verordnete Mittel in der besten Ordnung. Dem übrigen gesunden Vieh aber lässt man zur Ador am Halse, da dann wenig­stens 1 Quart innss abgozapfet werden, und giobt darauf allsofort, auch nachhero einige Tage des Morgens 1 Dosin von folgenden priiservirendon Pulvern inWasser mit etwas Weinessig vermischt, und lasset das Vieh darauf stehen. Man nimmt goreinigten Salpeter 2 Pfund, gebranntes Hirschhorn ls/4 Pfund, Kampfer y2 Pfund,
Welches alles zu Pulver gerieben und vermischt wird ; die Dosis ist ein Loth.
Alle Abend giobet man den 8ton oder Gton Theil von einem Quart scharfen Biereasig1, oder noch besser Weinessig, mit einem Löffel voll Baumöhl.
Dieses kann man so lange continuiren, bis man von der Soucho nichts mehr spüret, dabei wird es Morgens und Abends fleissig gestriogolt,
Das kranke Vieh aber muss allemahl von dem gesunden jo weiter je besser abgesondert stehen, auch von besonderen Leuton gewartet worden.
Wenn man erkannt hat, dass es die wirkliche Seuche ist, so muss man nicht so lange warten, bis man alle Zufalle an dem Vieh bemerket, sondern man kann das Vieh allsofort, wenn es nur betrübet stehet, für krank annehmen, und das­selbe zur Ader lassen.
Denn da sich beim Aufhauen eine Inflammation aller Viscorum, der Lunge, Magen, Gedärme gezeigt hat, so ist die Adorlass zwar nöthig, aber sie muss beim ersten Anfang angeordnet worden, sonsten sio eher schädlich ist, gleichwie auch dio übrigen Mittel alsdann meistens fruchtlos sind, wenn dio Entzündung schon ihre ganze Kraft erreicht hat.
Man kann aber Morgens und Abends 1 Stück resolvirend Pulver geben, welches folgendos ist:
Man nimmt reinen Salpeter 83/lt; Pfund, Cromor Tartari l'/s Pfund, Kampfer 12 Loth, vermischt und zu einen feinen Pulver gemacht, die Dosis ist 6 Quentchen.
Man muss dorn Vieh, die ganze Krankheit durch, nichts zu fressen geben, sondern man kann eine gute Hand voll Hafer- oder Gerstongriitze mit 1 Kymer Wasser kochen, und davon laulicht, so viel es will, saufen lassen.
Des Mittags kann man don 4tcn oder fiton Theil Weinessig oder scharfen Bieressig mit 2 Löffel voll frischen Loin-Oehl geben, hätte man nicht kurz vorhero Präservative zur Ader gelassen, so lasset man allsofort zur Ador. Ks muss aber in dem allerersten Anfange wenigstens zu einem Quart geschehen.
Wenn das Vieh gleich anfangs verstopft ist, so giobet man 1 Loth gostossene Mönchs-Rhabarbar, welche wohlfeiler ist, und ein Loth Salpeter mit 8 oder 10 Löffel voll Lein- oder Baumöhl, und fähret nachgebonds auf obige Art fort. Es könnon dio Recepte zu obigen beiden Pulvern allen Apotheken communicirot
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worden, damit ein jeder diese Mittel, oder so viol Doses, als etwa nothig sind, ans der Apotheke nur fordern möge; gleichwie mau sio denn um einen wohlfeilen Preis haben kann.
Alle andere Arzeneion juiisson verbotheu seyn, indem die Vielheit allemahl schädlich ist, und öfters Dinge bei dieser Seuche angewandt werden, die gar nicht hieher gehören: Und muss sich ein jeder dieses bescheiden, dass bei so schwerer Krankheit, man sich durchgehends nicht bei allen eine gewisse Hülfe versprechen könne.
Es bleibet aber einem jeden, der die Vernunft dazu hat, die Freiheit übrig, Experimente anzustellen und zu erforschen, ob etwa ein speciflschos Mittel gegen die Viehseuche zu erfinden sei. Und wenn solches Mittel sich durch genügsame ohnfehlbare Proben bei der jetzigen Seuche gorechtfertiget hat, so wird das Pu­blikum dessen Mitthoilung allezeit als ein Verdienst ansehen. In Ansohung' des Räucherns der Ställe scheinet mir dieses, wie am kräftigsten, also auch am be­quemsten zu soyu, wenn man einen Topf mit Essig in den Stall setzet, und gliihoude Steine herein wirft, damit es dampfe. Denn nichts ist kräftiger der Faulung zu widerstehen, als die Säure: deswegen auch der innere Gebrauch des Essigs das beste Präsorvativmittol abgiobot.
Damit aber dieses alles wohl beobachtet werde, so müsse in jedem Kreise ein Feldscheerer angenommen werden, wie auch schon vom Collegio Sanitatis verordnet ist, der die Städte und Dörfer bereisete, wo die Seuche ist, und unter­suchte, ob von dem, was geordnet ist, auch nichts aus der Acht gelassen werde. Er muss, nachdem er zuvor selbst von den Physicis genugsam belehret worden, den Leuten Unterricht geben, auch selbst Hand anlegen, und vereidot werden, dass er sich, so lange als er bei den infleirten Orten zu verrichten hat, an keinem gesunden Orte wolle finden lassen, Und wenn die Seuche aufhöret, muss er seine Kleider eine lange Zeit auf dem obersten Boden in der Luft hängen lassen, selbige auch ausserdem mit Agtstein und Schwefel durch und durch räuchern. Es müssen diese Feldscheerer an die Landrätho und Physicos von allem und jeden lleissig berichten.
Das Abledern ist nur unter gewissen Bedingungen erlaubet worden. Wenn aber die Gärber, welche die Haut au den infleirten Oertern einkalken und bereiten, benebst den ihrigen ab- und zu- nach der Stadt gehen, so sind sie am allerge-schicktesten, den Seuchengift zu verschleppen. Sie müssen daher vereidot worden, so lange sie sich an den infleirten Oertern aufhalten, an keinen gesunden Ort zu gehen, auch dioserhalb für ihre Hausgenossen und Angehörigen stehen. Und wenn sio diese Arbeit verrichtet haben, müssen sie es mit ihren Kleidern eben so halten, wie den Foldscheerern befohlen ist.
Unter keiner andern Bedingung dürften Häute erhandelt und verarbeitet werden. In den Städten müssto kein einziger weder Fussgänger noch sonst jemand in don Thoren eingelassen werden, wo er nicht mit einem gültigen Ge-sundheitspass von dem Ort seines Aufenthalts, oder wo er herkommt, versohon ist.
Da es mir auch selbst begegnet ist, dass der Abdecker nicht zur bestimmten Zeit, ja gar nicht erschienen, ob er schon von dem Landrath zum Aufhauen roquirirt worden: hierdurch aber die Untersuchung verzögert wird, so müste dem Scharfrichter bei einer sehr nahmhafton Strafe, aufgegeben werden, im Fall der Knecht ausbliebe, selbst zu erscheinen und auszuhauen, welches ihm nicht prae-judiciren kann, da es den Bauersleuten anjetzo nicht zur Schande gereichet, wenn sio ihr Vieh selbst herausschleppen und ablodern.
Bei den Städten, wenn sio inficirt sind, hält es sehr schwer zu verhüten, dass es nicht von dar ins Land verschleppt würde: es sey denn durch die Spar-
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rung. Da aber solche mit gar zu violon Schaden der Einwohner und Untor-tlianen verknüpfet ist, so müste man lieber, wenn sich die Seuche äussert, alles Vieh vor dem Thor, weit von der Stadt und der Landstrasso in zwei dazu orbauete Schoppen bringen, welche jedoch aucli, weit von einander seyn, und keine un-mittelbare Conimunication haben müsten, In einen wird das gesunde, in den andern das kranke Vieh gebracht, und zwar auf die Art, dass in der Mitte dieser Schoppen oder Ställe, ein Pfahl eingeschlagen wird, an welchem das Vieh, so in dem nocli gesunden Stall krank geworden, angebunden wird, welches uachhero von den Leuten aus dem kranken Stalle abgeholet wird.
Auf diese Art behalten die Bürger ihre Ställe auch rein. In dem Stall, wo die kranken stehen, müssen vereidete Leute dieselbe warten, und sich nicht von ihrem Poston begeben, sondern beständig da bleiben.
Auch müste noch ein dritter Stall aufgerichtet werden, worinn das gesund gewordene Vieh die Quarantaino hält.
Wenn die Scheuren ledig, und so situiret sind, dass keine Landstrasse vor­beigehet, so sind solche auch bequem biezu.
Weil auch an vielen Orten das Vieh schon zum zweiten oder gar zum dritten-mahl ausstirbet, so wäre gut, dass man sich, eher Jahr und Tag vorbeigegangen kein Vieh anschaffe, denn eines theils ist das Stroll über den Ställen, worinn das kranke Vieh gestanden, wirklich inficiret, kann aber binnen solcher Zeit von andern Vieh, als Pferden und Schaafon, ohne Nachthoil aufgefuttert werden, andern theils wird das Vieh von solchen Arten gekauft, an welchen die Seuche schon wirklich, jedoch heimlich herum schleicht.
J. B. von Fischer (18) beobachtete die Rinderpest in Liefland und Curland, wo sie von 1748 bis 1753 ohne Unterbrechung- herrschte und grijssore Verluste, als bei den früheren Invasionen herbeiführte. Er nennt dieselbe zum Unterschiede von anderen Heerdenkrankhoiten „die Seuche mit dem Durchfallquot; und deutet sie als eine „ansteckende Ruhr.'-Den Ausschlag hält er nicht für kritisch. Als erste Zeichen der be-ginnenden Erkrankung' bei den Kühen erklärt er das Verschwinden der Milch und den Husten. Beide Symptome sind zwar schon von früheren Beobachtern angeführt; aber Fischer hat zuerst hervorgehoben, dass sie dem Auftreten ariderer Krankheitsorscheinungen vorhergehen. Von den übrigen Angaben über die Symptomatologie will ich nur noch folgende Bemerkungen hier wiedergeben. „Diejenigen Thiere, welche keine grosse Hitze im Maule hatten und bei welchen der Husten und der Durchfall abnahmen und der Abtluss des Harns stärker wurde, gaben Hoffnung zur Besserung, wenn sie auch noch nicht gleich frassen. Doch waren diese Zeichen nur dann sicher, wenn sie zwei Tage dauerten. Die Kühe welche genasen, verwarfen gemeiniglich nach acht Tagen ihrer Besserung, wenn sie auch keinen heftigen Durchfall gehabt und während der Krankheit noch einige Tropfen schleimiger Milch gegeben, aber nichts gefressen hatten. Einige bekamen nach der anscheinenden Besserung aufs Neue den Durchfall und starben. Es genasen gemeiniglich diejenigen, welche einen Ausschlag von Krätze am Halse und am übrigen Körper bekamen. Einige blieben wohl vier Wochen lang gesund, ehe sie erkrankten, wenn
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sie gleich beständig zwischen den kranken Thicren gestanden hatten, während viele — zu hundert und mehr •—#9632; in vierzehn Tagen wegstarben. Diejenigen Thiere, welche ein Jahr vorher die Krankheit gehabt, blieben gesund, obgleich sie unter den Kranken standen.quot;
So correct diese Angaben sind, so verfehlt ist die ätiologische Auffas­sung Fischer's. Wenn auf einen kalten Winter ein trockener Sommer folgt, so soll die Erde ungesunde Dünste aushauchen. Dass die Thiere in Folge dessen nicht zu gleicher Zeit krank würden, soll in der verschie­denen Fälligkeit zur Aufnahme des Giftes begründet sein. Anstatt die Ansteckung anzuerkennen und auf dieselbe die Thatsache zurückzuführen, dass die lieerden gesund blieben, die auf grossen Heiden oder in Wäl­dern isolirt wurden: glaubt der Verfasser, dass solche Gegenden eine gesunde Lage hätten und dass die Erde daselbst keine schädlichen Dünste aushauche. Er bemüht sich zugleich, seinen irrthümlichen Meinungen durch eine grössere Zahl von Beispielen und durch Witterungsverzeich­nisse eine thatsächliche Begründung zu geben.
Zu einer geradezu phantastischen Ausschmückung gestaltete SalchoAV ') die Theorie von der Ausdünstung der Erde. Er hatte im Auftrage der Königlich Preussischen Regierung 1755 wegen der Rinderpest in die Prlgnitz (gegenwärtig zwei landräthliche Kreise des Regierungsbezirks Potsdam) reisen müssen und wie er angiebt, zu Oldeslohe in Holstein 1745 die Seuche kennen gelernt. In der Beschreibung der Symptome und Sectionsbefunde sind nur relativ wenige Irrthümer enthalten, dagegen soll „die natürliche Ursachequot; der Seuche in einem „giftigen, scharf durch­dringenden, flüchtigen, beitzenden, in der Luft sich befindenden und vom Winde herumgetrieben on Dunstquot; bestehen, welcher nach dem Uebergange in den Thierkörper Gährung, Fäulung und Zerstörung herbeiführen soll. Im Gegensatze zu der Behauptung, dass das Krankheitsvirus alkalisch sei, entwickelt er, dass es „ein mineralischer, saurer und arsenicalisch giftiger Dunstquot; sei, der vielleicht von einem Ausbruch des Vesuv her­rühren könne; denn in Italien habe die Seuche ihren Ursprung. Die nähere Ausführung dieser Hypothese besteht in leeren Abstractionen. Ebenso werthlos ist die empfohlene arzneiliche Behandlung der Thiere, bei welcher Rhabarber, Salpeter, Weinstein und dgl. Anwendung finden sollen. Saldiow hat auch ein eigenes Heilmittel aus Eisenvitriol, Wrein-essig, Urin, Branntwein etc. präparirt. Auf ihn passt mehr, als auf manchen Anderen das Wort, mit welchem Cothenius2) die allgemeinen Bestrebungen bezüglich der Rinderpestkur characterisirte: „die Ruhm­sucht, der Erfinder eines wirksamen Mittels wider die Viehseuche zu sein, ist die Quelle vieler eitler Versuche gewesen und hat viele chimä-
') U. C. Salchow untersuoliet dio Riudviohsoucho aus Gründon dor Natur, Artzneylolire, Chemio und Erfahrung- etc. Borlin 1755.
2) Pons^cs sur la nocossitö d'uno öcole vötörinairo etc. Berlin 1768.
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rischo Mittel zum Vorschein gebracht, welche blos in dem leeren Golilrn eines Milzsiichtig'en ihren Grund haben.quot;
Es würde zwecklos sein, hier alle im vorigen Jahrhundert orschionenoii kleinen Schriften zu besprechen, in weichen die Aetiologle der Rinder­pest unrichtig beurtheilt ist. Eine Aufforderung zu abstracten Hotrach-tungen fanden die Aorzto in den herrschenden medicinisciien Schulen und Systemen. Und wie immer zu berücksichtigen ist, die Verfasser der Schriften hatten nur wenige eigene Beobachtungen der kranken Thiero hinter sieh. Am meisten wurde irrthümlichor Weise der Genuss verdor­benen Futters beschuldigt. Dieser Meinung hat auch Professor Langguth zu Wittenberg in einer von den damaligen Aerzton viel gelesenen Schrift1) Ausdruck gegeben.
Fast in allen europäischen Ländern hatte die Rinderpest eine be­deutende Einschränkung erfahren und in vielen Staaten war sie bereits vollkommen erloschen, als der Ausbruch des siebenjährigen Krieges (175ö) die Veranlassung zu erneuten Einschleppungen des Contagiuins und zur weitesten Verbreitung der Seuche wurde. Zunächst hatten die Preussischen Provinzen am meisten zu leiden. Das den russischen Armeen nachgetriebene ukrainische und podolischeSchlachtvieh brachte die Krank­heit in alle Gegenden, welche von russischen Truppen durchzogen wurden (26). 1758 herrschte die Seuche in Sachsen und im Coburgischen, wie Rumpelt in einer Anmerkung zu Paulet's Viehs. 1. S. 215 erzählt. Die in der Literatur aufbewahrten Berichte aus dieser Zeit leiden an grosser Unklarheit. Alle Krankheiton, die gleichzeitig eine grossere Zahl der Hausthiere befielen, galten als „Viehseuchequot; und mancher herumfahrende Heilkünstler gewann einen grossen Ruf, wenn bei seinem Knrverfahren eine Rinderheerdo die Maul- und Klauenseuche lobend überstand, während sein Nebenbuhler ein öffentliches Missfallen erregte, wenn tue Uinder-heerden trotz seiner Behandlung der Rinderpest erlagen. Nicht selten ereignete es sich, dass während der Zeit, in welcher die Rinderpest herrschte, in derselben Gegend die Pferde von der Druse oder von den Influenza-Krankheiten hefallen wurden und dass die Schafe an der Leber­egel-Seuche oder an anderen Krankheiten zu Grunde gingen. Solche Vorkommnisse verführten die öffentliche Meinung und eine nicht geringe Zahl von allerdings unbedeutenden Schriftstellern zu dem Glauben, dass eine verderbliche Viehseuche herrsche, welche sich von den früher auf­getretenen Seuchen dadurch unterscheide, dass sie mehrere Gattungen der Hausthiere befalle. Die Autoren erwecken überdies durch ihre un­klare Beschreibung der vermeintlichen „einen Viehseuchequot; den Verdacht, dsss sie die angeführten Krankheitssymptome selbst nicht gesehen, son-
l) Liingguthii. Progr. do moibi boum oontagiosl causii ot sanotione prolaquo;
babili, Vitomb. 1753.
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dorn den bereits bekannten Büchern entlelmt haben. Es lässt sich daher von einigen Seuchen-Eruptionen hei Rindern aus jener Zeit nicht mit Bestimmtheit nachweisen, dass sie der Rinderpest angehört haben. Dahin rechne ich die Krankheiten, welche 1760 in der Schweiz und in Frank­reich bei Pferden und Rindvieh aufgetreten sind. Die Beschreibung, welche Regnier darüber verfasst hat, ist von Vitet1) und Faulet (2) ausführlich reproduoirt worden. Zweifelhaft ist auch die Angabe von Faulet 1. c. S. 23'J, dass 1761 in der Normandie 400 Ochsen an der ..Zungenkrankheitquot; zu Grunde gegangen seien. War diese Krankheit die Maulseuche, so konnten derselben nicht 400 Thiere erliegen und war sie die Rinderpest, dann hätten noch andere erhebliche Symptome auffällig werden müssen. Ebensowenig liissl sich die Natur der Seuche feststollen, welche 176i] im Gouvernement Rochelie und in einigen anderen Gegen­den Frankreichs hei Rindern, Pferden und Schafen aufgetreten sein soll. Sie wurde sehr ungenau beschrieben von Dr. Nicolau, dessen Angaben Yitet (1, c.) mitgetheilt hat.
Dagegen kann nach der Darstellung von Plenciz (24) nicht be­zweifelt werden, dass 1761 die österreichischen Staaten von der Rinder­pest schwer heimgesucht waren. — Beim Eintritt der Krankheit ver­weigerten die Rinder die Nahrung; sie tranken gewöhnlich mit Begierde; der Blick war traurig; die Kühe gaben keine Milch mehr; Nase, Zunge, Rachenhöhlo und das ganze Innere des Mauls waren goschwürig; deshalb konnten die Thiere weder fressen, noch wiederkäuen; aus Nase und Maul flössen Schleim und Speichel vom üblen Geruch; der Rachen war heiss; die Zunge schwarz und streifig; die Respiration erschwert; der Tod machte allen diesen Leiden ein Ende. Ein Theil der Thiere starb nach Eintritt von Diarrhöe und Entleerung blutiger Massen; andere litten an Ver­stopfung mit Tympanitis; einige starben apoplektisch.
Der Verfasser glaubt, dass das Wesen der Krankheit in dem Fa-rasitismus von Würmern bestehe, deren Keime mit dem Futter oder beim Trinken auf der Weide verschluckt würden. Den Beweis für diese Hypo­these erblickt er in den Geschwüren, welche in Nase und Maul sowie in den Lungen und in den Organen der Bauchhöhle bestanden und in deren Inhalt bei der mikroskopischen Untersuchung eine belebte Wurm-Materie gefunden wurde. Es war selbstverständlich, dass Plenciz nach diesem Standpunkte die kräftigsten wurmwidrigen Mittel zur Be­handlung der kranken Thiere empfahl. Daneben erklärt er indoss die Krankheit für ansteckend und macht insbesondere auf die mittelbare Uebertra^'lln'', des Contasnums durch Menschen und Hunde aufmerksam.
#9632;) Vitot. Unterr. in dor Vieharzncykunst. Aus dem Französ. von Honno -herg. II. Theil I.Bd. Lemgo 1785.
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Dio Rinderpest verbroifeto sich vonOesterreioh nach Sachsen, Branden­burg und Pommern, In der letztgenannten Provinz betrugen die Verluste einige Tausend Rinder und manche Heerde, welche den Russen glücklich entgangen war, wurde nun von der Rinderpest aufgeriehen. Die Acinter Zaohan, Ravenstein, Göltzow u. a. Arerloren fast sämtntliohes Vieh. Pro­fessor Burner in Wittenberg ertheilte über die Krankheit ein Gutachten1), in welchem ihre Entstehung dem kalten Winter, Ueberschweinnnmgen und atmosphärischen Einflüssen zugeschrieben wird. — Zu einer auch für die damalige Zeit rocht sonderbaren Theorie bekannte sich der Physikus Kühnst zu Zeitz8), Er glaubte, dass der Anblick der kranken Thiere und besonders die oxspirirte Luft, sowie der Ausfluss aus Nase und Maul bei den gesunden Rindern Ekel und Abscheu erregen und dass die letzteren hierdurch erkranken müssten.
In Schweden und Dänemark herrschte 17G2 die Rinderpest sehr ver­breitet. Ein Bericht über dieselbe wurde an ein Mitglied der Ackerbau-Gesellsohaft ZU Paris geschickt. Vitot (1) und Paulet (2) veröffent­lichen den Inhalt desselben, soweit er auf die Symptome und Sections-befunde Bezug hat. Auf diese Invasion der Rinderpest in Dänemark be­ziehen sich auch einige kleinere, von dänischen Gelehrten herausgegebene Abhandlungen. :lj
von Westen hat eine Abhandlung über die Erscheinungen, den Verlauf und die Behandlung der Rinderpost 17G2 zu Otlienliausen in Dänemark verfasst und in den Nova Acta Phys. Med. T. III niedergelegt, Aus derselben ergiobt sich, dass man in Dänemark die Seuche für eine Art Pest erklärte, der ein contagioses Gift zu Grund liege, welches eine entzündliche Stasis und eine faulige Auflösung der thierischen Säfte hervorbringe, v. Westen betont, dass die Rinder nicht zum Schwitzen zu bringen seien, dass aber trotzdem die Ilautausscheidungen befördert werden konnten, worauf bei der Heilung der Krankheit das Meiste an­komme. Ellius1) äussert sich dahin, dass die Krankheit vorzugsweise durch die Ausdünstungen des Düngers kranker Thiere sich fortpflanze und dass deshalb der Mist aus den Krankenställen täglich entfernt werden müsse.
Die Preussisohon Provinzen, besonders Schlesien und Brandenburg
1)nbsp; Homer. Unvorgreifliches Gutachton, dio Abwendung und Kur dor in unsornGogondonabormals grassircndonllornviohsoucho betreffend otc. Leipzig 17(!1.
2)nbsp; nbsp;Kühnst. Modicin. Gutachton von dor sogenannten Rindviehsoucho etc. Leipzig 17G1.
a) J. P. Lesser. Bosynderligo Taukor era Qvaegsygen. Soroo 17()2. — D. P, Lazardo. Forsog om don smitsomme Sygo blandt Hornqvaeget. Kiobonhavn ]7()3. — Aaskov. Afhandling om Qvaegsygon. Kiobonhavn I7fi5.
4) Invostigationum Luis bovillao atcpio oxporimontoi'um circa earn jussu ac sumtu Daniao Majestatis Regiae clomentissimo, institutorum spoeiinen prinmin, publico oxponit O. P. Ellius. Havuiao 17G4.
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haben auch In don Jahren 1760 und 1701 durch die Rinderpest empfind­liche Verluste erfahren.
Nicht minder hatte Sachsen zu leiden, Avio sich aus den Nachrichten des Leipziger Intelligenz-Bl. vom Jahre 17G4 ergiebt.
Im Churi'ürstenthum Hannover herrschte die Krankheit seit 20 Jahren fast ununterbrochen, wie der ungenannte Verfasser eines Aufsatzes „von der anstockenden bösartigen Ilornviehseuchoquot; im Hannoverschen Magazin vom Jahre 1703 S. 342 versichert. Derselbe beobachtete die Seuche in einem aus drei Hüten bestehenden Dorl'c, in welchem 87 Rinder gehalten wurden. 49 derselben erlagen der Krankheit, 7 wurden als krank getödtet, 24 wurden gesund und 7 Rinder -wurden in einem kaum erkennbaren Grade affleirt. Den relativ gainstig'en Verlauf erklärt der Verfasser durch die wiederholte Absonderung der gesunden von don kranken Thieren. Die wesentlichsten Symptome der Seuche sind angegeben, so dass die Rich­tigkeit der Diagnose nicht bezweifelt worden kann. Die Genesung trat bei einem Thiere am 9., bei einem anderen am 11. Tage der offenbaren Krankheit ein; ein Thier starb erst am 14. Tage.
Nach den Angaben von Ulmann1) hat die Rinderpest 1760, 1761 und 1764 in Anhalt geherrscht. Der Verfasser hält das Uebel nicht für pest­artig, sondern für ein „bösartiges Paulfieberquot;, dessen nächste Ursachen die gehommto Verdauung und die unterdrückte Ausdünstung seien. Be­sonders werden kalte Ställe, schlechte Streu, nasskalte Witterung, schnelles Treiben in der Hitze, unreines Wasser etc. beschuldigt. Von einer sorg­fältigen und methodischen Behandlung der kranken Thiere vorspricht sich der Verfasser günstige Erfolge.
Auf Befehl des Fürston von Anhalt-Zerbst wurden unterm 1. Januar 1764 „Präservirmittel Avider die Hornviehseuche, Avelcho hiesigem Lande Avieder nahe kommtquot;, bekannt gemacht. Die wichtigste dieser Vorschriften lautet dahin, dass die Rinder zur Zeit der Seuche nicht ausgetrieben, sondern im Stalle behalten Averden sollen. Im Uebrigon wurden die Application von Haarsoilen, diätetische Pflege der Thiere, Ausräucherungen der Ställe, Verabreichung von Salz, Bestreichen der Lippen mit Theer etc. empfohlen. Vergl. Hannov. Mag. 1764 S. 135. In derselben Zeit­schrift S. 259 wird zum Zwecke einer rationellen Behandlung der Rin­derpest der physiologische Vorgang des Wiederkauens boschrieben, avo-durch das Publicum eine richtige Ansicht von der Wirksamkeit dor Arzneimittel erhalten sollte. Der Beschreibung ist eine kleine Abhand­lung von Struenseo „Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art, sie zu heilenquot; angeschlossen, Avelcho zunächst in den SchlesAvig-Holsteinischen Anzeigen vom Jahre 1764 publicirt Avar. Der Verfasser
!) Do morbf) boum adhuti epidomico grassantc. Praeside Langguth. Auctor Ulmami. Witeborgao 17G5.
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tadelt mit gutem Verständhisse das Bestreben, die Heilmittel einer Krank­heit festzustellen, bevor noch die Natur des Leidens erkannt sei. Aus den übrigen Ausführungen ist hier nur hervorzuheben, dass die Seucho mit einer widernatürlichen Hitze und einer Fäulniss dor Säfte verbunden sei, sowie dass dieselbe von einem Miasma verursacht werde, an dessen Erzeugung' vielleicht eine verdorbene Luft Antheil haben könne.
Dass bei solchen Ansichten ein Theil der Viehbesitzer gar nicht an die Ansteckung glauben wollte, sondern jeden Seuohenfall von allgemeinen Schädlichkeiten ableitete, braucht kaum bemerkt zu worden. Die Ver­wirrung wurde noch grosser, als 1764 neben der Kinderpost die Maul-und Klauenseuche in Deutschland herrschte. Selbstredend wurde auch die letztere schlechtweg als „die Viehseuchequot; angesehen und da die Thiere nach der Behandlung gesund wurden, so glaubte man endlich das richtige Heilmittel gefunden zu haben. Eine kurze Beschreibung der Aphthenseuche und ihrer Behandlung hat der „lloclifürstliche Pferde­arztquot; ,). A. Kersting in Cassel, der spätere Director der Thierarznei-schule zu Hannover im Hannov. Magaz. 1704 S. 1005 mitgetheilt. In demselben Bande und in dem folgenden Jahrgange befinden sich mehrere andere Nachrichten aus Königsberg- in l'reussen, aus Zürich und aus Thüringen, aus welchen die allgemeine Verbreitung der Aphthenseuche in der Schweiz, Frankreich und Deutschland hervorgeht. Auch die Sammlung von Vorschriften, welche der Churfürstl. Sachs. Commissions-rath Hasen zu Wittenberg 1704 veröffentlicht hat, ergiebt mit Sicher­heit, dass um diese Zeit die Aphthenseuche („Sabberseuchequot;) sehr ver­breitet war.
Vielfach machten sich Stimmen laut, dass alle Mittel bei der Vieh­seuche nicht nutzton und dass die Krankheit deshalb als eine Strafe Gottes anzusehen sei. Anderseits erlangten die Präservativmittel, selbst die absurdesten einen grossen Ruf, Da nach älteren Chroniken in Sachsen beim Herrschen der Rinderpest die Rinder mit gutem Erfolge in Pferde­ställen untergebracht waren, so kam man jetzt an vielen Orten auf den sonderbaren Brauch, täglich frischen Pferdemist in die Rindorställe zu bringen, um durch denselben eine Ansteckung zu verhüten. Verab­reichungen von Kochsalz mit dem Futter oder im Getränk, Waschungen der Zunge und der Lippen mit Salzwasser oder mit Essig oder mit Theerwasser, das Eingeben von Heringen, Knoblauch, Schwefel, Rüböl, Kamphor, Taback und dergl. standen zur Verhütung der Seuche bei den Viehbesitzern in hohem Ansehen. Selbst todte und lebendige Frösche und Kröten wurden von unwissenden Landloulen den Thioren eingegeben. (Vergl. Hasen 1. c. S. 29.) Als nach den Veröffentlichungen der Be­sitzer bekannt wurde, dass der Gebrauch der Präsorvativmittel nichts genutzt hatte, fand sich der Superintendent Münch veranlasst, die Bella-
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donna zu empfehlen, welche nach seiner Meinung- spccifische Heilwir­kungen gegen alle Krankheitsgifte besitzen sollte (llannov. Mag. 1708).
Auch für die Isopathisohe Heilmethode kann die Geschichte der Rinderpest Beiträge liefern. Wie Salchow (Rindviehseuche. Berlin 1755 S. 52) erzählt, wurde in Aschersleben 1754 „auf Zurathcn einer alten Hirtenfrau der Knochen eines Vortier- und eines Hinterbeins vom Knie bis an den Bug oder Hüfte eines an der Seuche verendeten Bindviehes zusammen zu Pulver gebrannt und vermischt, und davon einer Kuh 2 Löffel voll mit warmem Bier eingegeben und täglich wieder­holet. Dieses hat in wenig Tagen auch eine Kuh, aber nicht mehr von der Seuche befreit.quot; In der Vorrede zu Schreber's Samml. der in den Königl. Preuss. Landen ergangenen neuesten Verordn. etc. Halle 1745 findet sich folgende Vorschrift: „Man lasse Lunge, Leber, Milz und Herz eines an der Seuche verendeten Bindviehes, keineswegs aber die Ge­därme in einen grossen Topf und 3 bis 4 Hände voll Salz dazu thun und wohl verkleben, in ein starkes Feuer bringen und zu Pulver ver­brennen, wozu ohngefähr 12 Stunden erfordert werden. Nachdem dies also verbrannte Eingeweide im Mörser zerstossen und durch einen Durch­schlag gesiebet worden, so lasse man mit Theer Pillen daraus bereiten und einem jeden Haupt Vieh eine solche Pille von der Grosse eines Hühnereies eingeben.quot; Noch im Anfange des 19. Jahrhunderts wurde, wie Keck (56 S. 1GÜ) erzählt, im Kreisamt Wittenberg das „Pulver von einem verbrannten ungebornenen Kalbe einer an der Seuche crepirten Kuh und dito von einer vorbrannten Lunge derselben Artquot; zur Heilung pestkranker Thiore angewendet.
Die erfolglose Anwendung aller erdenkbaren Präservativ- und Heil­mittel bestärkte die unwissende Menge in dem Aberglauben, dass eine Bezauberung oder Behexung der Binder stattgefunden haben müsse.
Mit dem Beginn des Jahres 17G5 erfolgte von Osten ganz allmiihlig vordringend eine der schwersten Invasionen der Rinderpest, von welcher Europa jemals betroffen wurde. Der Kaiserlich östorreichisoho Com-mlssionsrath Koczian (29), dessen Angaben ich hier folge, hat den Gang der Seuche gut beschrieben. Dieselbe hatte sich aus der europäischen Türkei nach Ungarn geschlichen, wo sie im Februar 1765 ihre Verhee­rungen begann. Im März hatte sie sich schon über den grössten Theil des Landes ausgebreitet; im April erschien sie in der Gegend von Press­burg und im Mai bei Brück an der Leitha. Im Juli erreichte sie die Lausitz, von wo sie sich bald bis an die Nordsee ausdehnte. Koczian hat bezüglich der Rinderpest zuerst die später off geäusserte Muthmassung ausgesprochen, dass die Rinderpest ihre Laufbahn nach gewissen Ge­genden nehme, trotzdem in denselben die Fütterung und die Lebensweise der Thiero verschieden sei und dass der Seuchengang durch verborgene
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Ursachen soino Richtung' erhalte. Den Handelsverkehr mit Rindern lässt er ganz unberücksichtigt. Auf einem Gute bei Druck rettote er dreizehn Kälber die in einem Fasanengarten streng abgesperrt gehalten wurden, während die Seuche die älteren Rinder dos Gutes und das Rindvieh im nächsten Umkreise, im Ganzen 12 000 Haupt aufrieb. Auch fünf Büffel, die auf dem Gute sich befanden, erkrankten an der Seuche und da von denselben ein alter Stier und ein Kalb durchseuchten, so glaubt er, dass die Büffel gegenüber dieser Krankheit eine stärkere Natur hätten, als dio Rinder. Wie der Verfasser weifer erzählt, bosassen die Augustiner­mönche bei Brück in ihrem Klostergarten ein junges Rind (Kalb) und einen Hirsch. „Das Kalb starb an der Seuche und etliche Tage darauf auch der Hirsch, und man fand alle Kennzeichen der Seuche an dem­selben.quot; Meines Wissens ist dies die älteste Beobachtung von der Ueber-tragung der Rinderpest auf Hirsche. Aus der reichhaltigen Schrift will ich noch anführen, dass anchKoozian der massgebenden wissenschaft­lichen Lehre entsprechend neben der Ansteckung dio spontane Entstehung der Seuche zugab. Er beschuldigte als Ursache besonders den Genuss verdorbenen Futters. Die Vorbauungsmittol seien doshalb polizeiliche und ökonomische. Hinsichtlich der ersteren bekämpft er energisch die im vorigen Jahrhundert beim Ausbruch der Rinderpest allgemein übliche Absonderung der gesunden Rinder von den kranken, weil unter den gesunden das eine oder andere Thier doch bereits angesteckt sein könne und folglich die Krankheit länger unterhalten werde. Er empfiehlt mit Recht, den ganzen Viehstand, in welchem die Krankheit nachgewiesen werde, ungesäumt zu tödton. So lange die Eigenschaften der Seuche nicht besser, als bisher erkannt würden, seien alle Recepte überflüssig. Für die Beseitigung der Cadaver pestkranker Rinder sei es am besten — „wie die Ungarn thunquot; — sie im Stalle oder in dessen Nähe zu ver­graben. Jeder weite Transport der Cadaver sei gefährlich. Von der behaupteten Ausdünstung der vergrabenen Cadaver sei eine Gefahr nicht zu befürchten. Koczian beweist an mehreren Beispielen, dass dio Seuche durch strenge Absperrung der heimgesuchten Gehöfte oder Ort­schaften sicher getilgt werden kann.
In dem „Beitrag zur Gesch. der Viehs, in der Mark Brandenburgquot; (2G) wird die Krankheit als ein „ansteckendes und bösartiges Entzün­dungsfieberquot; bezeichnet, welches eine Viohpest genannt werden könne. Der Verfasser betont wiederholt, dass die Seuche durch das podolische Vieh eingeschleppt werde. Er ist der Meinung, dass das einheimische Landvieh gegenüber dem Souchongifte viel schwächer sei, als das fremde Vieh. Dass die Infection am leichtesten durch die Athmungsluft erfolgt, aber auch mit dem Futter geschoben kann, war ihm bekannt.
Für die Einführung zweckmässiger Tilgungsmassregeln, inbesondere für die Zurückweisung des fremden (polnischen) Rindviehs und für die
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Uobernahino des unmittelbaren Vtu'lustcs auf gemoinschaftlicho Vorsiche-rung'sverbiimlo spricht sich der unbekannte Verfasser eines kleinen Werkes1) aus, welches im Uehrigon ohne Worth ist.
Ob gleichzeitig mit dem Einbruch der Seuche von Ungarn und Oesterreioh in die westlichen Länder Kuropas auch aus Polen nach Ost-preussen eine Verschleppung stattgefunden hat, ist nicht klar zu erweisen. Mit Wahrscheinlichkeit ist indess anzunehmen, dass die Rinderpest nach Ostpreussen, wo sie in den nächsten Jahren grosso Verheerungen an­richtete, durch polnisches Vieh gebracht wurde, denn die Krankheit hatte in Polen, sowie in Liefland und Estland eine allgemeine Verbreitung ge­funden und die Handelswege, welche der Verkehr mit Rindern verfolgte, lagen damals, wie heute in der Richtung von Ost nach West. Es kann daher die Seuche nicht gut auf anderem Wege nach Ostpreussen einge­drungen sein. — Nachdem dieselbe in Schlesien und im Brandenburgischen eine grosse Verbreitung gefunden hatte, kam sie 1760 nach Holland, wo sie sich langsam, aber unaufhaltsam einwurzelte. Am schwersten wurden 1768 die Provinzen Groningen und Friesland betroffen. Mit dem Vieh-handel, der trotz aller Verbote nicht verhindert werden konnte und be­sonders durch den Markthandel verbreitete sich die Rinderpest in den folgonden Jahren von Holland aus nach Frankreich, nach dem oester-reichischen Flandern, nach England, nach dem Niederrhein, Westfalen, Lippe, Hessen, Hannover, Sachsen, Mecklenburg und Schleswig-Holstein. Bis zum Jahre 1781 hatten fast alle europäischen Staaten, einschliesslich Spanien, unter den Verheerungen der Rinderpest schwer zu leiden. — In Liefland und Estland wurden ganze Heerden aufgerieben; es sollen über 60 000 Rinder gefallen sein (Rumpelt in der Uebers. von Faulet 11. Bd. S. 2 Anmerk.). — Von 1769 bis 1778 starben blos in der Kurmark (welche den gegenwärtigen Regierungsbezirk Potsdam und einen Theil des Re­gierungsbezirks Magdeburg umfasst) 779 Bullen, 9302 Ochsen, 37756 Kühe und 18 094 Stück Jungvieh, im Ganzen also 65 931 Rinder an der Seuche.2) —#9632; Das kleine Bückeburgische Ländchen musste 1748 Rinder einbüssen; von einer Hcerdc, welche 108 Haupt zählte und den Bürgern der Stadt Bückeburg gehörte, starben 105 Rinder; nur 3 Thiere genasen; ausserdem verlor die Stadt noch mehr, als 100 Rinder, die sich in Ställen oder auf anderen Weiden befanden. •'') — In der Stadt Minden starben in den Jahren 1775 und 1776 bei einem Besitze von 1336 Rindern an der Rinderpest 848 Haupt (9 Ochsen, 680 Kühe, 140 Färsen, 19 Kälber); 48 genasen und 109 wurden geschlachtet. Die Stadt behielt demnach nur 331 Rinder
') Vier Schriften für den Silclisisclion Lamlwirtli, die jetzt grassirende Vioh-Beuche otc. betreffend, nebst Vorsehliigen zu einer freywilligen doch iuithorlsirton AssecuranzKooiotilt des Rindvielistandcs. Leipzig 176').
2) Vergi. Augustin. Preuss. Modoiu. Verf. II. Bd. 8.472. Anmerk.
:l) Vorgl. Paust (62 S. 30).
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übrig1. Geringer war der Verlust im Fiirsteuthmn Minden, in welchem die Seuche nach 35 Ortschaften, deren Viehbestand im Ganzen 9962 Hinder zählte, verschleppt wurde; 1738 Thiero gingen au der Pest zu Grunde, 249 seuchten durch und 252 wurden geschlachtet. Dass der Rest erhalten blieb, war nur den energischen Massregeln, welche die Behörden anord­neten, zu verdanken. — Die Stadt Wiesbaden und ihre Umgegend waren 17G7 und 1768 von der Rinderpest heimgesucht, wie aus der von Franquo1) nach den amtlichen Acten mitgetheilton Beschreibung der Krankheitssymptome hervorgeht. Die Krankheit wurde als eine an­steckende erkannt und mit polizeilichen Massregeln behandelt. Von 1775 bis 1778 herrschte die Seuche in der Mainebeno, in dem Rhein- und Lahnthale, sowie auf der Höhe des Taunus ununterbrochen und verur­sachte daselbst sehr beträchtliche Verluste.
Im Jahre 1769 starben in der holländischen Provinz Friesland 51022 Rinder an der Pest. Durchschnittlich gingen 75 Procent der erkrankten Thiere zu Grunde. Vom April 1769 bis Ende März 1770 fanden in der Provinz Holland 159 227 Rinder, im Durchschnitt 73 Procent der er­krankten Thiere ihren Tod durch die Seuche. Die Herzogthüiner Bremen und Verden verloren von 1770 bis 1772 im Ganzen 21 671 Rinder, im Durchschnitt 85 Procent der Erkrankten an der Pest (Faust 1. c. Vgl. auch Camper amp; Weiss — 31. S. 57). — Wie Rumpelt in der Ueber-setzung von Paulet's Gesch. der Viehs. (II. Bd. S. 47) angiebt, sind vom 1. October 1775 bis zum letzten Januar 1776 in Südholland 209 127 und in Nordholland 86 504 Rinder an der Pest gefallen. Nach einer genauen, auf die einzelnen Jahre und Monate berechneten statistischen Uebersichl, welche Weiss (31) mittheilt, sind vom 15. October 1769 bis zum letzten October 1781 im Ostfries- und Harlingorlande 116 277 Rinder (7730 Ochsen, 58 077 Kühe, 50 470 Haupt Jungvieh) an dor Rinderpest zu Grunde gegangen und 38 447 Rinder (3208 Ochsen, 16 366 Kühe, 18 873 Haupt Jungvieh) von der Krankheit genesen.
Im Oesterreichischen Flandern gelang es, durch energische Mass­regeln, namentlich durch die ungesäumte Tödtung aller inflcirton Rinder die Verluste auf 424 Thiere zu beschränken. Durch die Tödtung dieser Thiere blieb ein Viehstand von 111960 Rindern erhalten. Das günstige Resultat war dem Dr. Le Cat, Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia zu verdanken, welcher im amtlichen Auftrage die Krankheit zu unter­suchen und zu begutachten hatte.2)
Aus Frankreich sind von den grossen Verheerungen der Rinderpest zu jener Zeit nur wonige statistische Bemerkungen in der Literatur bo-
') Dr. J. li. Franquo Geschichto dor Souohon, welche im Herzogth. Nassau unter den Hausthleren geherrscht haben. Prankfurt am Main 1834. S. 101.
8) Vorgl. Taulet Gesch. d. Viehs. II. Bd. S. 10 der Uobors. und die Schrift über dio Viohsoucho (31. S. 59).
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kannt geworden. Das nördliche Frankreich war am sclnversten heim­gesucht. Die Picardie, in welche die Seuche durch eine einzige kranke Kuh eingeschleppt war, verlor G000 Rinder (vgl. Faulet II. Bd. S. 103). In Artois erkrankten von 1771 his 1775 im Ganzen 5300 Rinder, von welchen mehr als 4000 zu Grunde gingen.1)
In Spanien machte dor Komniandaut von Guipuscoa am 11. Juli 1774 die Behörden auf die Verheerungen der Viehseuche in den benachharten Districten Frankreichs aufmerksam. Es wurden zur Untersuchung- der Krankheit drei spanische Ober-Thieriirzte hinbeordert, welche die Töd-tung und Vergrabung der kranken und verdächtigen Thicre sowie die Entschädigung der Besitzer empfahlen. Trotzdem erfolgte die Ein­schleppung. In Andoin (Provinz Alava) ging der ganze Viehstand zu Grunde- Nicht viel geringer waren die Verluste in Navarra, Guipuscoa und Aragenien. Die Provinz Granada musste fast den ganzen Rindvieh-Bestand einbüsson.
Die Verluste in Schleswig und Holstein sollen zu jener Zeit 143 100 Rinder betragen haben. Jutland blieb in Folge eine strengen Absperrung verschont.
Im Herzogthum Holstein starben von 1777 bis 1779 nach Abild-gaard's (44. S. 29) detaillirter und auf amtlichen Berichten beruhender Zusammenstellung 34 314 Rinder, während 5946 Rinder die Krankheit überstanden. Abildgaard lässt aber selbst in seiner Darstellung durch­blicken, dass von manchen verseuchten Beständen keine Nachrichten ein­gegangen waren.
In Seeland, Fühnen, Laaland und Falster erlagen der Seuche 400 Rinder und es wurden zum Zwecke der Tilgung 2041 Rinder getödtet. Auf der kleinen Insel Langeland starben 4113 Rinder vom September 1778 bis zum 1. August 1779 an der Seuche. Als die Krankheit dem­nächst nur noch in zwei Dörfern herrschte, wurden letztere abgesperrt, und 21 Rinder getödtet. Durch diese Massregel gelang es, den auf der genannten Insel befindlichen Restbestand von 4G57 Rindern vor der An­steckung zu schützen (Abildgaard 1. c. S. 87).
Meklenburg war, wie von Gertzen in seiner 1781 herausgegebeneu Schrift (43) berichtet, ganz allgemein von der Landplage heimgesucht. Man glaubte, dass die Seuche durch menschliche Macht nicht mehr ab­gewendet werden könne. Es wurde ein öffentlicher allgemeiner Busstag ausgeschrieben, um die Hülfe der Vorsehung anzurufen.
Von den grossen Verlusten an Rindvieh in den österreichischen Kronländern hat Ad ami (45 S. 10) folgende Angaben gemacht. „Die Seuche wütete in Niederösterreich, ohne aufzuhören, vom Jahre 1765 bis
') Vergl, Opitz. Von der faulen und pestartigen Krankh. dos Viehes. A. d. Franz. 1776. S. 147.
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1771 und rieb alljährlich 4000 bis 6000 Rinder und darüber auf. Nur in einem Paar Kreisen des Horzog'lbuins Steiermark hat dieselbe binnen zwei Jahren über 20 000 Stücke aufgerieben.quot; Im Jahre 170G wurden in Böhmen 6244, in Mähren 9372, in Oesterreichisch-Schlesien 1188 und in Oesterreich unter der Ens 1070, zusammen also in diesen vier Län­dern 17 874 Rinder weggerafft. Der directe Verlust an Kindvieh stieg-1767 in den genannten Ländern auf 38 000 Stück; im Jahre 1768 be­trug derselbe noch 13 463 Stück. Adami berechnet den Werth eines Kindes für jene Zeit auf durchschnittlich 30 Gulden und den unmittelbaren Verlust, welchen die genannten Länder blos in dem unglücklichen Jahre 1767 zu erleiden hatten, auf mehr als ein und eine halbe Million Gulden. Nach seiner Darstellung, die sich auf die „Sanitätsacten und andere be­glaubigte Urkundenquot; stützt, hat die Rinderpest in den österreichischen Ländern von 1729 bis 1781 fast ununterbrochen geherrscht. Starke Ver­luste erlitten auch Ungarn und Kroatien von 1765 bis 1781; dieselben sind indess nicht in bestimmten Zahlen ausgedrückt worden.
Im Dezember 176!) kam die Rinderpost in England zum Ausbruch, wohin sie von Holland eingeschleppt war. Sie verbreitete sich von London nach Hampshire, wo sie indess bis Ende Januar 1770 getilgt war. Als der Graf von Northington benachrichtigt wurde, dass sich in der Nachbarschaft seines Landgutes in Hampshire die ansteckende Seuche unter dem Rindvieh zeigte, liess er gleich allen Besitzern anzeigen, dass er alles kranke Vieh bezahlen wollte, wenn sie dasselbe sogleich tödten und begraben würden. Der Graf gab auch von dieser Anordnung dem Königlichen Privy Council Nachricht, worauf aber der König von England erklärte, dass er diese Vergütung so lange auf sieh nehmen wolle, bis das Parlament für dieselbe sorgen würde. In Rücksicht dieses Versprechens sind in einem Bezirke von 10 Quadrat-Meilen mehr als 500 Rinder getöcltet worden, wodurch die Seuche erloschen war (vergl. Vink 32 S. 166 Anmerkung). Von England wurde die Rinderpest nach Schottland verschleppt; sie konnte aber auch hier bei den zweckmässigen Massregeln keine grosso Verbreitung erlangen und wurde noch im Jahre 1770 zum Erlöschen gebracht. König Georg II. forderte in der Thron­rede am 9. Januar 1770 vom Parlament die Bewilligung ausreichender Massregeln zur Bekämpfung der grossen Oalamität. Das Parlament ent­sprach der Forderung im ganzen Umfange. Nun wurden schleunigst die Rinder in den verseuchten Orten getödtet. An Entschädigung für die Tilgung der Seuche in England 1769 und in Schottland 1770 hatte die Staatskasse ungefähr 3000 Pfund Sterling zu zahlen. Vorzugsweise war der günstige Erfolg in der Ausrottung der Seuche den Bemühungen des Dr. Layard zu verdanken, welchem das Parlament doshalb 1772 eine ausserordentliche Schenkung von 500 Pfund Sterling votirte.1)
') Vergfl. Report on the Cattle Plague in Great Britain. London 18G8. S. 240
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Offenbar war diese Prämie besser motivirt, als die Versprechungen, welche die Ileg-iorung-on mehrerer continenfaler Staaten für die Aufflndung eines spocifischen Heilmittels gegen die Kinderpost machten. Die Kaiser­lich Oesterroichische Regierung hatte dein Erfinder eines solchen Mittels 30 000 Gulden zugesagt und die Kaiserin Maria Theresia verordnete nach dem siebenjährigen Kriege die Sammlung aller Heilmethoden und Rocepte, die gegen die Rinderpest empfohlen waren, durch eine Com­mission von Aorzten. Die Commission veröffentlichte die Sammlung in einem Buche,') über dessen Mängel kein Wort verloren zu werden braucht. — Die Königlich Preussische Regierung setzte unter dem 23. Juli 1766 einen Preis von 1000 Ducaten auf die Entdeckung eines wirksamen Heilmittels gegen die Krankheit. — Im Jahre 1776 wurde von den General-Staaten der Niederlande dem Erfinder eines Heilmittels ein Preis von 80 000 Gulden zugesichert.
Die grössten Aerzte aller Nationen haben keine Mühe gescheut, solchen Anerbietungon gerecht zu werden. Aber Niemand hat einen Preis verdienen können,
In den meisten europäischen Staaten wurden zur Isolirung der kranken Thiere und des Contagiums strenge gesetzliche Vorschriften er­lassen, mit denen aber grösstentheils der beabsichtigte Zweck nicht un­mittelbar erreicht werden konnte, weil sie nicht ausgeführt wurden. Das Ansehen der Gesetze war vor Allem dadurch beeinträchtigt, dass die Rinderpost nicht mit der nöthigen Sicherheit von anderen Rinderkrank­heiten unterschieden werden konnte. Ein Fehler lag ferner darin, dass zur Abwendung der Seuche eine gute Pflege der Thiere und lt;lie Be­handlung mit arzneilichen und anderen Präservativmitteln vorgeschrieben wurden. Man hatte noch nicht den Muth, die von namhaften Gelehrten vertretene Meinung, dass die Krankheit auch im Inlande durch die Zu-sammonwirkung mehrerer ursächlicher Einflüsse entstehen könne, direct abzuweisen. Selbst in Preussen, in welchem die Gesetzgebung zur Be­kämpfung dor Rinderpest stets am besten geordnet war, ist erst durch das an die Königliche Kurmärkischo Regierung gerichtete Ministerial-Rescript vom 8, November 1813 das vorgeschriebene präservative Ver­fahren ausser Anwendung gesetzt worden. Die Massregeln, welche die Preussische Regierung 1705, 1766 und 1769 anordnete, stützen sich ebenso, wie fridiere Instructionen (vergl. S. 82) vorzugsweise auf die Gutachton des berühmten Leibarztes Dr. Cothenius in Berlin. Es ist nicht ohne Interesse, die Mittel kennen zu lernen, mit welchen die Preussische Staats-Vorwaltung vor mehr, als 100 Jahren die Tilgung der Rinderpest
') In danknohniigst-pflichtmässiger Liobo immergönnend ontsprossonos vier­faches Kleeblatt, worin mit erwiesenen Beispielen bestätigte 8001 lülfsmittol während allergnädigst im Königreich Böhmen verordneten Untersuchung der allda go-wütheton Seuche etc. Deutsch, lateinisch und böhmisch vorfasset. 17Gf.
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zu bewirken suchte. Ich will deshalb den wesentlichsten Inhalt dieser Patente und Instruclionen hier folg-en lassen.l)
Als die Rinderpost im siobenjährigon Kriege eine allgomeiuo Verbreitung erlangt hatte und nach demselben noch in der Kurmark grassirte, erlioss das Collegium Sanitatis zu Berlin unter dem 5. December 17ß5 eine Instruction, in welcher unter entsprechenden Vorsichtsmassregeln die Abhäutung der an der Seuche ge­storbenen Thiero gestattet wurde. Am 4. Mai 176(5 erfolgte eine Bekanntmachung, worin Mangel und modrige Beschaffenheit des Wassers und Uobertreibung des Viehes im Staube für die hauptsächlichste Ursache der Seuche erklärt und Salz und Weinsteinrahm als die besten Präservative empfohlen werden. Dieselben Irrthümer finden sich zum Theil auch in „dem Patent und instruction, wie bei dem Viehsterben verfahren werden soll,quot; vom 18. April 17ßl). Doch waren zu diesem Edicte alle, der Viehseuche wogen seit 1711 ergangenen Edicte und Ver­ordnungen durch das Ober-Collegium Sanitatis rovidirt. Was sich als gut und sachdienlich herausgestellt hatte, wurde boibohalton, auch nach neuern Beobach­tungen und Erfahrungen verbessert und erläutert. Den Stadt- und Landobrig­keiten, Forstbedienton und Predigern war die Verfolgung des Edicts unter Straf­androhung eingeschärft. Von der Instruction enthält das erste Kapitel die, gegen benachbarte Lande, auch wegen des Treiboviehes zur Abwendung der Viehseuche zu nehmenden Vorsichtsraassregeln (Viehpässe, achttägige Quarantaine). Das zweite Kapitel verbreitet sich über die Vorschriften beim Ausbruch der Seuche im Inlande. Jeder auf dein Lande, dem ein Rind zu Grunde ging, war bei Strafe der Karre verpflichtet, solches sofort dem Schulzen des Orts (der letztere bei gleichmässiger Strafe dorn Landrathe dos Kreises) unverzüglich zu melden. Der Viehstand des Hofes, wo das Sterben angegangen, sollte getödtet und das todt-geschlagene Vieh aus dor Kreiskasso bezahlt werden, wenn der Viehstand nicht mehr, als 10 bis 12 Stück zählte. In grossen Vorwerken aber, oder beim Aus­brechen dos Sterbens in mehreren Höfen zugleich galt die Separation des gesunden Viehes vom kranken als das beste Mittel, allen üblen Folgen vorzubeugen. In den benachbarten Höfen mussten die Thiero in den Ställen behalten, und leztere fleissig durchgeräuchert werden. Greife die Seuche um sich, so sei das gesunde und kranke Vieh eiligst zu separiren und in besonderen Buchten unterzubringen. Kein Uiiterthan durfte bei Festungsstrafe krankes und verdächtiges Vieh ver­schweigen. Auch seien voroidoto Leute zu bestellen, die das Dorfvieh täglich durchsehen und auf die Kennzeichen der Seuche genau Acht haben müsston. Das kranke Vieh sei hinter dem Hofe, möglichst durch einen Schleichweg, nach den Buchten zu bringen und alles, was es an Mist fallen lasse, sorgfältig zu vergraben. Die Unterthanen dos inlicirten Dorfs sollton dasselbe nicht verlassen. Die Strasso sollte neben dem Dorfe angelegt, eine Dorfwaoht bestellt und die Posthäuser ver­legt werden. Prediger und Hebammen gesunder Orte durften nur mit grosser Vorsicht in das iuficirte Dorf gehen. Hofdionst- und Kriogsfuhren sollten cessiren; Gelage und Spinnerstubou sind verboten. Alles Schlachten und Einpökeln mussto unterbleiben. Wenn in einem Orto auch nur einiger Verdacht von Viehsterben sich äussore, müsse der Verkauf alles Viehes bei Festungsstrafo aufhören. Die Hunde in dem inlicirten und den benachbarten Orten sollen angelegt worden. Alle Reisende sollen Gesundheitspässe haben, — aller Viehhandel durch Aufkäufer und alle Viohmärkto sollen zur Zeit dos Viohstorbens eingestellt werden. Die dem Viohstorbeu benachbarten Orte sollen dorn inlicirten bei der Hiituug nicht zu naho kommen, selbst den von daher kommenden Wind vermeiden und ihre Ein-
i) Vergl. Augustin, Medicinal •Verfassung
Potsdam 1818. Art. Rinderpest.
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Käiigo mit Wachen besetzen, Boshafte Verbreltungf der Aric'liseiiclio solle mit dem Tode bestraft werden. Dio Hirten worden über ihre Obliegenheiten zur Vermei­dung der Infection belehrt und vereidigt. — Die für das kranke Vieh anzule­genden Buchten sollen die Unterthauon des inllcirten Dorfes einrichten und zwar: 1. eine für das mit dem erkrankten zusammengestandene gesunde Vieh; 2. für das kranke und wenn dessen viel ist, mehrere Krankenställo, die in 14 Tagen verbrannt und durch andere ersetzt worden müssen, li. für das durchgeseuchto Vieh, welches im Sommer auch in einer vorzäunten Hütung bleiben könne. Diese Buchten sollten entfernt vom Orte, am Wasser und auf erhabenen Sandstellen angelegt werden, im Winter bedeckt, mit einem Erdwall umgeben, im Sommer mit Reisern gedeckt sein, auch nach Beendigung der Seuche bei Windstille ver­brannt werden. Die für jede Bucht besonders anzunehmenden Wärter sollten so viol als möglich lederne, waohstuohene, oder leinene, und keine wollono Kleidung tragen, mit besonderem Geräthe zur Tränkung des Viehes versehen sein, in den Buchten bleiben und dazu vom Landrath vereidet werden. Ein vom Landrath und Kroisphysikus anzunehmender OhlrurgUS sollte alle Morgen vom Schulzen Nachricht einziehen, was für Vieh erkrankt sei, für die Separation desselben sorgen, auf die Buchten, Viehwärter, Dorfwachten und das Ablodern und Ver­scharren der Cadaver Acht geben, die Unterthanon zum vorschriftsmässigon Ver­fahren anhalten, vom Zustande der Seuche berichten, ein Journal halten, aber an keine gesunden Orte kommen, auch wo möglich loinono Kleider tragen, und diese oft waschen und lüften. — In den Städten muss beim Viehstorben eine eilige Separation der gesunden Thiere von den kranken vorgenommen, vereidigte Leute zur täglichen Visitation des Viehes bestellt, das Stadtvieh eingestallt, und den vom Lande kommenden Personen die verdächtigen Häuser namhaft gemacht werden, damit sie dort nicht einkehren. Zu schlachtendes Vieh sollte vor und nach dem Aufhauen von den dazu bestellten Sachverständigen besichtigt werden. Beim Einbringen des Schachtviehes in nicht inlicirte Städte sei die grösste Auf­merksamkeit in der Untersuchung zu beobachten, ob das Vieh am Horn gebrannt, mit Pässen versehen, und alles deren Inhalt gomäss sich befinde. Das gestorbene Vieh sollte auf einen besonderen, nachher zu verbrennenden, Schlitten wogge­bracht, dabei die allgemeine Strasso vermieden, tiefe Gruben gemacht, nicht zu viel Stücke in eine Grubo gescharrt und wenigstens joder Cadaver mit unge­löschtem Kalk beschüttet werden. Bei einem allgemeinen Viohstorben sollen nicht der Abdecker, sondern dazu besonders bestellte Leute und namentlich die Wärter das Eingraben etwas abwärts vom Dorfe, besorgen, und der Platz nachher mit Erde überkarrt, mit Weiden bepflanzt und mit Fichtensamen besät, aber nicht zur Hütung gebraucht werden. Land- und Steuerräthe und Physiker sollen fortdauernd über den Zustand der Seuche an die Kammern und das Ober-Colleg. mod. be­richten. Nach Beendigung des Viehsterbens sollen die Ställe, wo krankes Vieh gestanden, ausgemistet, der Mist tief vergraben, die Erde 2 Fuss tief ausgegraben und durch frische ersetzt, alles Holzwerk ausgerissen, gelüftet und mit Lauge ge­waschen, die Wände getüncht, das Ganze lange Zeit gelüftet und durchgeräuchert und Rindviehställe in Pferde- oder Schafställe verwandelt werden. Die gebrauchten Gefässo und Buchten sollen verbrannt worden, die Wärter ihre Kleider waschen und noch 14 Tage in der Quarantaine bleiben. Das auf den Böden der inficirten Ställe gelegene Heu und Stroh soll gelüftet und nur Pferden und Schafen gegeben, das durchgeseuchto Vieh geräuchert, die Haare angesengt und mit Essig gerieben werden, auch in den nächsten 8 Wochen den verschont gebliebenen Dörfern nicht zu nahe kommen. An- und Verkauf von Vieh im infloirt gewesenen Orte soll nur mit Genehmigung des Landraths geschehen. Diese und die Steuerrätho sollen Tabellen über den Verlust an Vieh den Kriegs- und Dom.-Kammern einreichen
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und wogen dor Stoiior-Naohlüsso Anträgo machon, Auch dio Prediger auf dorn Ijando sollon, besondors wo keine Obrigkeiten vorhanden sind, dio Aufsicht über-nohmon und Inhalts der Cabinotsordro vom '23. Febr. 1758 darauf sehen, dass alles dor Soucho wogen Verordnete ganau beobachtet werde.
Die für das ehemalige Kurfürstenthum Hannover und für die Braun­schweig'-Lüneburgischen Lande unter dem 14. Februar 1756 erlassene Verordnung ') macht in gleicher Weise, wie die älteren preussischen Vor­schriften allen Handel mit Vieh von der Mitführung besonderer Vieh­pässe (Ursprungssoheine) abhängig und bedroht jede Contravention mit den schwersten Strafen. Beim Ausbruch der Seuche sollte eine Posten­kette um das betr. Gehöft gestellt werden. Zur PosÜrung waren sämmt-liche Unterthanen der Reihe nach verpflichtet. Der Ausbleibende sollte zur Bezahlung des Stellvertreters und zu zweitägiger Gefängnissstraf'e bei Wasser und Brod verurtheilt werden. Als Präservativmittel werden namentlich der Aderlass und die Haarseile empfohlen. Auch sollte das Vieh nicht früh am Tage oder am späten Abend sich auf der Weide auf­halten. Nasse und verschlammte Weiden sollen möglichst vermieden werden. Zur Anzeige des Seuchenausbruchs an die Obrigkeit war jeder Besitzer „bei Vermeidung empfindlicher Leibes- und Karrenstrafequot; ver­pflichtet. „Wer es verhehlt, -wenn sein oder eines Anderen Vieh krank geworden und es gewusst oder hat wissen können, der soll seines Hofes entsetzt und drei Jahre zur Karre verdammt werden.quot; Die an der Pest erkrankten und die neben ihnen gestandenen Rinder sollten getödtet und von der Gemeinde vergütet werden. Wenn aber mehrere Gehöfte eines Ortes von der Seuche heimgesucht wurden, so musste das gesammte Rind­vieh des Ortes nach einer entlegenen Weide gebracht und daselbst be­wacht werden; zur Unterbringung der kranken Rinder konnten Nothställo auf der Weide erbaut werden. Die verseuchten Ortschaften wurden durch Wachen gegen jeden Verkehr gesperrt. Hunde mussten festgelegt oder getödtet, todte Rinder durften „ bei Leib- und Lebensstrafequot; nicht in's Wasser geworfen werden. Nach dem Aufhören der Seuche in einem Orte fand eine strenge Desinfection und für die giftfangenden Sachen (Heu, Stroh etc.) eine Nachsperre von 6 Monaten statt. Für die Städte wurde beim Ausbruch der Seuche in der Nachbarschaft das Fuhrwerk mit Zugochsen verboten und der Handel mit Kühen von der Ertheilung einer besonderen Erlaubniss abhängig gemacht. Der Bürgerschaft wurde empfohlen, dio Anzahl ihrer Kühe bei Zeiten zu vermindern. Jedes Rind, welches zum eigenen Gebrauche geschlachtet werden sollte, musste vor und nach dem Schlachten „hinlänglich besichtigtquot; werden. Alle krank befundenen Thiere mussten sofort mit Blut, Eingeweiden und Haut ver­graben werden. Selbst von den gesund befundenen Thioren sollte die Vergrabung von Blut und Eingeweiden und die sofortige Vorarbeitung
•) Vorgl. Erxloben (33) S. 173.
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dor Häute in den Gerbereien stattfinden. Beim Ausbruch der Seuche in grossen Städten sollte alles Vieh aus der Stadt weggebracht und an einem entlegenen Orte gewartet, das erkrankte sogleich getodtet und unabge-häutet eingescharrt werden. Die Souchengohöfte wurden durch Wachen gesperrt, die Seuchenställe von Mist und Stroh gereinigt und zwei Monate hindurch verschlossen gehalten, dann aber vor weiterem Gebrauche wohl ausgeräuchert und ausgelüftet. — Durch Verordnung vom 10. Februar 1770 wurden diese Massrogeln erneuert und durch Verbot jeder Vieh­einfuhr aus Westfalen, Oldenburg, Bremen etc. erweitert. Ausserdem wurde die fleissige Verabreichung von Kochsalz an die Rinder empfohlen, weil dasselbe „als ein zuverlässiges Präservativmittel in anderen Ländern von vorzüglichem Nutzen befunden ist.quot; Da es üblich war, durchge-seuchte Rinder mit höheren Preisen zu bezahlen und die Viehhändler die Thiere oft unbegründeter Weise für durchgeseuchte ausgaben, so wurden die Behörden zu einer strengen Untersuchung dieses Verhält­nisses angewiesen. Die betreffenden Thiere mussten an beiden Hörnern mit dein Amtseisen gebrannt werden.
Die kurfürstlich hannoverischen Verordnungen verlangten das acht bis zehn Fuss tiefe Vergraben der an der Seuche gestorbenen Rinder und ver­boten das Abhäuten der Cadaver. Auch in Prenssen, England, Dänemark und Frankreich war vorgeschrieben, die Cadaver unabgehäutet und nach­dem die Haut vorher durch Einschnitte unbrauchbar gemacht war, zu verscharren. In Mecklenburg und in den Niederlanden wurde die Ab-häutung und die Verwerthung der Felle gestattet. Nach den in der Literatur jener Zeit mitgetheilton Angaben soll zwar die Rinderpest in mehreren Fällen durch unvorsichtigen Verkehr mit den Häuten kranker Thiere verschleppt worden sein. Bei genauerer Prüfung der betreffenden Mittheilungen lässt sich aber unschwer erkennen, dass sie blos auf Meinungen und nicht auf thatsächlichen Feststellungen beruhen. Indess Hess sich das Verbot der Abhäutung schon nach allgemeinen Grund­sätzen rechtfertigen. Den politisciien Behörden war die Unterscheidung des Milzbrandes von der Rinderpest damals noch ganz unbekannt. In Frankreich, wo man mehrfach wahrgenommen hatte, dass beim Abhäuten der Cadaver milzbrandkranker Rinder sich Personen eine tödtlich ver­laufende Infection zugezogen hatten1), wurde deshalb durch eine Ver­fügung des Staatsraths vom 31. Januar 1771 der Vorsicht wegen be­stimmt, während des Herrsohens der „Viehseuchequot; alle gefallenen Thiero unabgehäutet zehn Fuss tief zu vorgraben.
Hinsichtlich der Quarantainc für die aus den benachbarten Staaten einzuführenden oder innerhalb des einheimischen Verkehrs an andere Besitzer abzugebenden Rinder konnte sich keine feste Meinung aus-
i) Vergl, Paulot (•gt;) Bd. 11 S. 82.
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bilden. Die preussischen Vurordnungcn hatten für das aus dem Aus­lande kommende Vieh eine Zeit von 8 Tagen festgestellt. In England wurde 1750 verordnet, dass Niemand ein Rind verkaufen oder vertauschen durfte, wenn er es nicht nachweislich 40 Tage lang im Besitze hatte. Die Regierung der Vereinigten Niederlande bestimmte 1753 diese Frist auf 8 Tage, 1762 auf 14 Tage und 1766 wieder auf 8 Tage (31 S. 46). von Haller (35) wollte erfahren haben, dass ein aus einem inficirten Stalle gekommenes Rind erst nach einem Monate von der Krankheit be­fallen sei; er verlangt deshalb ein Qnarantaine-Zeit von 42 Tagen.
Wie die angeführten gesetzlichen Vorschriften erkennen lassen, hatten die Behörden die Eigenschaften des Contagiums keineswegs unter­schätzt. Im Gegentheil ergiebt sich aus den Verordnungen, dass die Sperrmassregeln unverhältnissmässig weit gegriffen wurden. Bei vielen anderen Angelegenheiten mag der Grundsatz „Superflua non nocentquot; zu­treffen. Auf die Seuchengesetzgebung kann derselbe keine Anwendung finden. Je mehr die Einwohner durch dieselbe in ihrer persönlichen Freiheit und in ihrem materiellen Erwerbe benaohtheiligt werden, um so mehr werden die Ausbrüche der Seuche verheimlicht. Diese Erfahrung machte sich auch im vorigen Jahrhundert geltend. Wären die erlassenen Gesetze in jedem Falle durchgeführt, so hätte die Rinderpest keine all­gemeine Verbreitung finden können. In legislatorischer Hinsicht leiden die Bestimmungen an dem Mangel, dass sie den Interessen der Vieh­besitzer gegenüber den grossen national-ökonomischen Zielen nicht die gebührende Berücksichtigung zu Theil werden liessen. Es kann daher nicht auffallen, dass die grundsätzlich vorausgesetzte Bereitwilligkeit der Besitzer bei der Ausführung der gesetzlichen Vorschriften den Erwar­tungen nicht entsprach. Den Ortsbehörden fehlte oft die nöthige Ein­sicht zur erfolgreichen Durchführung der Bestimmungen. Geeignete Sachverständige g'ab es nirgend. So konnte es nicht fehlen, dass manche Fälle von Rinderpest nicht erkannt, sondern auf Rechnung von atmo­sphärischen und diätetischen Schädlichkeiten gesetzt wurden, während man andere Krankheitsfälle aus Irrthum der Rinderpest zugesellte. Eine erhebliche Schwierigkeit für die Tilgung der Seuche lag ferner darin, dass die Benutzung der Gemeiudeweiden einer grossen Zahl von Be­sitzern zustand und dass in Folge dessen die Krankheit leicht ver­schleppt werden konnte. In der Abhandlung des ungenannten Ver­fassers „von der Hornviehseuchequot; im Hannoverschen Magazin, 1771 S. 247 heisst es wörtlich: .,Eins der kräftigsten Vorbauungsmittel ist ohnstreitig die Aufhebung der gemeinen Hud und Weide, wenn sie anders thunlich wäre. Denn es ist unmöglich, dass sich die Seuche so sehr verbreiten und einen so grossen Schaden anrichten könne, wenn jeder sein Vieh im Stalle fütterte, weil auf diese Weise die Gemeinschaft
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unter dem Vieho aufgehoben würde.quot; — Bei dieser Sachlage war die schnelle Ausrottung der Soucho trotz; der strengen Gesetze nicht zu er­reichen. Die Beschriiukimg' der Krankheit blieb grösstontheils abhängig' von der Verringerung des Viehhandels im Winter und von der zu jener Zeit schon vielfach eingeführten Stallfütterung. Der König Friedrich der Grosse bemerkt wörtlich (Oeuvres Bd. V. S, 127): „Durch die Stallfütterung wurde das Viehsterben sichtbar geringer.quot;
Unter den litorarisehon Arbeiten, zu welchen die grossen Verheerungen der Rinderpest in jener Zeit Veranlassung gaben, zeichnen sich die Ab­handlungen der holländischen Aerzte aus. Der Professor der Medicin an der Universität Grüningen, P, Camper (30) hatte die Krankheit nach eige­nen Untersuchungen eingehend studirt. In der Meinung, dass dieselbe zu weit verbreitet sei, um vollständig' ausgerottet zu werden, dachte er, dass eine genaue Kenntniss der Anatomie und Physiologie des Rindes der Behand­lung kranker Thiero förderlich werden könne. Im Februar 1769 erliess er daher eine Einladung zu vier öffentlichen Vorlesungen über den Körperbau des Kindes und über die ansteckende Viehseuche (Pestis bovilla). Das grosse Interesse, mit welchem Professoren, Aerzte, Studenten und viele andere distinguirte Personen den Vorträgen beiwohnten, ver-anlasste ihn, dieselben zu veröffentlichen. Ich übergehe hier die drei ersten Vorlesungen, welche von der Anatomie des Rindes und sehr ausführlich vom Wiederkauen und von der Verdauung- handeln. Die vierte Vorlesung enthält eine bündige Darstellung der Rinderpest und ihrer Eigenthümlichkeiten. Der Verfasser hat seine Beschreibung mit einigen geschichtlichen Bemerkungen über die Invasionen der Seuche eingeleitet. Von den Arbeiten Kanold's hat er keine Kenntniss gehabt. Die Symptome und Sectionsergobnisse sind zwar nicht sehr genau, aber ausreichend erörtert, um die Krankheit diagnostioiren zu können. Nach Camper greift das Contagium entweder die Respirationsorgano oder die Baucheingeweide an. Im ersten Falle soll die Krankheit unter dem Bilde auftreten, welches einige französische Autoren und A. von Hall er (;35) Lungensucht (Pulmonie) nennen; im anderen Falle soll sich eine starke Gasentwickelung im ersten Magen mit Auftreibung des Bauches einstellen.') Vorboten der Krankheit giebt es nicht; letztere soll bei einigen Thieren schon nach 24 Stunden, gewöhnlich aber am dritten, vierten bis siebenten Tage und in seltenen Fällen erst am elften Tage zum Tode führen. Von der Bedeutung des Exanthems hat der Verfasser eine correctere Vorstellung, als seine Zeitgenossen. Im Gegen-
') Mit dor irrthümlichou Behauptung, dass die Rinderpest von Aufblähen dos Magens bogloitet soi, scheint der Verfasser den Angaben älterer Autoren, viel­leicht auch seiner eigonon Theorie von der Lähmung der Muskulatur dos Magens zu folgen.
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satz zu der Ansicht, dass der Ausschlag' ein günstiges Zeichen sei, he-tout er, dass Thiere, die einen sehr starken Ausschlag hatten, zu Grunde gegangen seien. Auch ist ihm bekannt, dass die Krankheit zuweilen gelinder auftritt, als in anderen Füllen. Bei Kälbern, welche noch mit Milch ernährt wurden, fand Camper im dritten Magen den Inhalt nicht ver­härtet. Im Uebrigon verhiolton sich die Sectious-Erscheinungon bei den Kälbern, wie bei den erwachsenen Thieren; die Gallenblase war immer sehr gross. Die bei der Section pestkranker Rinder oft bemerkbaren hämorrhagischeu Heerde und die Anfüllung der Lungen oder Theile derselben mit flüssigem Blute hält der Verfasser für Zeichen des kalten Brandes. Dagegen beurtheilt er zuerst die Ablösung des Magenepithels in den Cadavern und das Haften desselben an den genossenen Futter­stoffen richtig; er hatte gefunden, dass bei allen wiederkäuenden Thieren etwa 24 Stunden nach dem Tode „das innerste Häutchen des Magens sich von selbst löst.quot; Die beginnende Genesung der Thiere wird durch Futteraufnahme und Wiederkäuen angezeigt; andere Symptome giebt es für dieselbe nach Camper nicht und den Hautausschlag hat er als ein sehr unsicheres Zeichen befunden. Ebenso kann der Abortus nicht als ein Symptom der Besserung gelten; einige tragende Kühe seuchen durch, ohne zu verwerfen; die meisten „verlieren zuletzt noch das Kalb,quot; nach­dem sie bereits von der Krankheit genesen sind. Nach den Behaup­tungen des Pastors Elko Alta1) hatten die Besitzer in Friesland die Erfahrung gemacht und Camper schliesst sich derselben an, dass die Kälber, welche von durchgeseuchten Kühen geboren waren, später von der Seuche nur in einem leichten Grade befallen würden und deshalb eine grössere Hoffnung auf Genesung gewährten. Im Volke war auch die Ansicht verbreitet, dass der Verlust des Haarbüschels am Schwänze ein Zeichen der überstandenon Rinderpest sei; Camper tritt dieser Annahme entgegen. Alit grosser Klarheit ist die Aetiologie behandelt. Camper, der in seinen Ansichten durch die Correspondenz mit A. von Haller bestärkt wurde, hat mit sachlicher Kritik die Behauptungen widerleg!, dass die Seuche durch Mangel an Salz, durch grosse Kälte, schlechtes Futter, stagnirendes Wasser, Schimmelpilze, llonigthau und andere Ursachen spontan entstehen könne.
Indem er voraussetzt, dass die Krankheit aus unbekannten Gründen in Asien ihren Anfang genommen habe, erklärt er die Ansteckung für die alleinige Ursache ihres Herrschens in Europa. Die Entkräftiiug- der Ansicht, dass die Einwohner der Schweiz lediglich durch die Fütterung von Salz ihre Rinder gesund erhielten, stützt sich auch auf einen Brief Haller's, aus welchem folgende Stelle mitgetheilt wird: „Man giebt hier sicherlich den Thieren viel Salz zu lecken; aber ich glaube nicht, dass
!) Nodigo Baadgevlngen ovor de Vecstorfto du Anno 1700.
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man diesem Umstände ihre Erhaltung zuschreiben kann. Ich habe auch niemals bemerkt, dass Arzneien Viel Gutes dazu beigetragen haben. Aber wir tragen grosse Sorge vor einer Gemeinschaft mit krankem Vieh. Mehr, als einmal haben wir die Zufälle hier gesehen; aber dann hat man den Stall zugeschlossen und Acht gehabt, dass das Vieh nicht herausgekommen ist. Ja zuweilen hat man, um dieser ansteckenden Seuche vorzubeugen, alles Vieh von einem angesteckten Dorfo getödtet und auf diese Weise das übrige Vieh gesund erhalten.quot; Seine eigene Ueberzeugung drückt Camper in folgenden, nicht misszuverstehenden Worten aus. „So lange wir der Ansteckung nicht können zuvorkommen, so lange werden wir von dieser Plage heimgesucht werden, wenn wir auch im glücklichen Arabien wohnten und die klarsten Bäche unser Land durchschnitten, oder das Seesalz mit dem Grase aufwüchse.quot; Die pathologischen Prozesse der Rinderpest vergleicht er mit der „Faulungquot;, womit zu jener Zeit alle Arten der Gährung bezeichnet wurden. Die Krankheit, wie veränderlich sie auch nach dem Ansehen einiger äusserer Zeichen erscheint, ist die­selbe und sich allezeit selbst gleich; aber sie wüthet in dem einen Theil mehr, als in den anderen. Sie ist mit einer solchen Schwäche des ganzen Körpers und mit einer Lähmung der Muskeln, besonders der Eingeweide verbunden, dass die Functionen derselben aufhören. Das Futter wird nicht aus dem Pansen gebracht, daher sistirt das Wiederkauen; der Psalter wird nicht entleert, „daher backt, vertrocknet und verbrennt Alles, was darin ist.quot; Die Gallenblase erweitert sich, weil die Wandung ge­lähmt ist und die Gallensecretion fortdauert. Die Urinblaso soll sich in demselben Zustande befinden.
Camper erklärt ausdrücklich, dass die Seuche von den Pocken und Masern verschieden sei und als ein „Faulungsfieberquot; behandelt worden müsse. Seine Definition ist dem Wesen nach identisch mit der in der Gegenwart vielfach üblichen Deutung der ansteckenden Seuchen als „zymotische Krankheiten.quot; Es war in Holland allseitig festgestellt worden, dass sowohl junge, als alte Rinder, welche die Krankheit in einem ge­ringen oder hohen Grade überstanden hatten, niemals zum zweiten Male von derselben befallen wurden. Diese Thatsache, welche die Gedanken des Verfassers lebhaft beschäftigt, und der vielseitige Grenzverkehr Hollands mit den Nachbarstaaten, aus denen die Seuche stets von Neuem einge­schleppt Averden konnte, waren die Gründe, dass Camper sich von einer rationellen Behandlung der Krankheit, namentlich auch von der Impfung im allgemeinen Staats-Interesse einen Erfolg versprach und die ander­weitig mit grossem Vorthcil angewandte Tödtung der kranken und ver­dächtigen Thiere für Holland unzAveckmässig fand. Die Häute der pest­kranken Rinder fand er bei seinen Experimenten nicht so ansteckend, wie vielfach angenommen wurde. Indess will er seinen Versuchen eine massgebentle Bedeutung nicht beilegen und in seiner zweiten Schrift
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(31 S. 47) hat er dieselben durch die Angabe berichtigt, dass er die Krank­heit auf dem Wege der Impfung mittels eines Hautstückes von einem 8 Tage vorher an der Pest gestorbenen Thiore wirksam übertragen habe. Für die Behandlung der kranken Thiere wird die Chinarinde und da dieselbe sehr theuer sei, die Weidenrinde empfohlen. Die Mittel sollen der krankhaften Faulung im Körper der Thiere entgegenwirken, gerade so, wie frisches Fleisch, welches in ein Decoct der angegebenen Rinden ge­legt wird, der Fiiulniss lange Zeit widersteht. Alle übrigen Mittel (Opium, Mercurialien, Purganzen, Kiiucherungen mit Essigdämpfen, Schwefel, Taback, Schiesspulver, Theer, Horn etc.) haben sich, wie mit Recht be­tont wird, stets nutzlos gezeigt.
Die Berlinische Gesellschaft Naturforschender Freunde setzte im Jahre 1777 einen Preis von 20 Ducaten auf die beste Beantwortung der Frage: „Was ist überhaupt das Epidemische in den sogenannten Epide­mien?quot; Der Preis wurde dem Prof. Camper für eine Abhandlung (31) zuerkannt. Derselbe lehnte aber die Annahme mit dem Bemerken ab, class er mit der Ehre zufrieden sei und dass die Belohnung zu einer anderweitigen Preisaufgabe verwendet werden möge. Von der Gesell­schaft wurden nun fohlende Preisfragen ausgeschrieben: „1. Wie lange kann die Giftmaterie der Viehseuche bösartig und des Ansteckens wegen gefährlich sein? 2. Wie lange kann etwa diese Wirkung vor dem Aus­bruch der Seuche sich in dem thierischen Körper erhalten? 3. Welche Vorbauungsmittel sind während dieser Zeit zwischen dem Anstecken und dem Ausbruch der Krankheit mit sicherem Erfolge zu gebrauchen?quot; Die zur Beantwortung dieser Fragen von Dr. Weiss zu Leer in Ostfriess­land eingesandte Abhandlung (31) wurde priimiirt. Beide Aufsätze, welche Camper und Weiss im Jahre 1778 und 1779 bearbeitet hatten, wurden von der genannten Gesellschaft 1783 herausgegeben. Camper hat in dieser Arbeit nach dem Vorgänge Erxleben's (33) die einzelnen Seuchenkrank-heilen, namentlich „die schreckliche Rindviehseuchequot; von der Aphthen-seuche — „Zungenschwämme des Hornviehsquot; — mit Bestimmtheit unter­schieden und „jenen vortrefflichen Grundsalzquot; urgirt, dass alle diese Seuchen gerade so, wie die Pest der Menschen, nicht anders als durch die Berührung mitgetheilt und verbreitet werden. Versuche, die Seuche durch Verabreichung von Futter und Getränk, welches den Ansteckungsstoff enthielt, sowie durch Einimpfung auf Pferde, Schafe, Ziegen und dann Hirsche zu übertragen, hatten einen negativen Erfolg. Selbstredend bildete sich Camper hiernach die Ansicht, dass die Krankheit dem Rinde eigen-thümlich sei, was überdies allgemein angenommen wurde. Er bemerkt aber ausdrücklich, dass er von den Büffeln und Auerochsen, sowie von den anderen, namentlich den in Africa einheimischen Rindern keine Er­fahrung besitze. Bei den vielen Impfungen hatte er erfahren, dass ein unendlich kleiner Theil des Contagiums ein empfängliches Thier inficiren
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kann. Die g-ering-o Tonacitüt des Ansteckungsstoffs war ihm aber auch nicht entgangen! Er bemerkt wörtlich: „dass die ansteckende Materie nicht lang'o ihre Kraft behält, indem gemeiniglich innerhalb 14 Tage ihre Kraft verschwindet und erstirbt, die aber zuweilen 4 Wochen lang un­gestört geblieben ist. Dies habe ich besonders dann wahrgenommen, wenn ich diese Materie aufbewahren wollte, um Einimpfungen damit vorzu­nehmen. Und dieser Umstand, dass dieses schreckliche Gift sich nicht so lange aufbewahren lässt, als die Pockenmaterie, kommt denen, die sich mit der Einimpfung abgeben, gar nicht zu statten. Ich habe diese be­sondere Eigenschaft deshalb anführen wollen, weil sie den Nutzen be­weiset, welchen wir durch das Tödten und Verscharren des angesteckten Viehes erlangen können. Sobald das Thier zu genesen anfängt, verliert sowohl die Feuchtigkeit der Nase, als auch diejenige, welche aus den Augen fliesset, ihre ansteckende Kraft. Niemals habe ich mit dergleichen Materie durch die Einimpfung die Krankheit mittheilen können; niemals ist dies auch meinen Freunden geglückt, ohngeachtet wir solches oft ver­sucht haben.quot;
Bezüglich der Aetiologie der Seuchen hat Camper l.c.S.20 entgegen den Meinungen seiner Zeitgenossen den Grundsatz aufgestellt: „dass jede Art der ansteckenden und giftigen Seuchen des Viehes von einem besonderen Keime oder Grundstoff herkomme, welcher beständig eben dieselben Zufälle der Krankheit erzeugt und dass dieser Grundstoff durch die Luft als das allgemeine Fortführungsmittel (Vehiculura) überall verbreitet und durch das Einathmen oder vermittels der Lungen, bis­weilen auch mit dem Nasenschleim und mit dem Speichel, oder mit den Nahrungsmitteln genossen, in den Körper gebracht und mit dem Blute vermischt werde.quot; In einer trefflichen Kritik erörtert der Verfasser ferner, dass die erste Entstehung der den ansteckenden Seuchen zu Grunde liegenden Contagion unbekannt sei, dass dieselbe aber nicht in der atmosphärischen Luft, auch nicht in dem Thierkörper selbst stattfinde und ebensowenig durch Insekten oder Würmer veranlasst werde. Wie ich beiläufig bemerken will, hat Camper bereits die Selbstentwickelung der Rotzkrankheit des Pferdes in Abrede gestellt. Von einer Behandlung der pestkranken Rinder mit Arzneimitteln hat der Verfasser in seiner zweiten Schrift (31) in Uebereinstimmung mit den Empfehlungen v. Hallor's ab-gerathen. Rationell findet er nur die zwei Methoden: entweder die Thiere zu tödten und den Ansteckungsstoff zu vernichten, oder (sobald die Seuche über ein ganzes Land oder über mehrere Staaten verbreitet ist) die Impfung. Letztere soll bei Kälbern vorgenommen werden, weil dieselben billiger, als erwachsene Rinder seien und ausserdem von der Krankheit weniger heftig befallen würden. Indess verhehlt sich Camper die miss­lichen Seiten der Rinderpest-Impfung nicht. Behufs dauernder Lieferung von Iinpfstolf muss er sogar in sein System den Plan aufnehmen, dass auf
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Rechnung der Staatskasse in jedem Lande eine hinreichende Zahl von Färsen zu halten und nacheinander der Impfung zu unterwerfen seien. Wenn auch von diesen Impflingen nur die lliilfte die Krankheit mit gün­stigem Erfolge durchmachen sollte, so würde der Schaden nicht erheblich sein, weil diese Thiore nachher einen höheren Werth erlangten.
fn einem Zusätze zu seiner gekrönten Preisschrift hat der Verfasser auf die Lungenwünner-Seuche der Kälber und auf ihre Unterscheidung von der Rinderpost aufmerksam gemacht.
Camper hat sich durch seine beiden Schriften, aus welchen ich die wichtigsten Lehrsätze mitgotheilt habe, ein unvergängliches Verdienst um die Erkenntniss der Rinderpest erworben. Neben einer seltenen Gelehr­samkeit und einem sicheren Urtheil verfügte er über ein grosses und selbständiges Beobachlungsmatorial. Seine Abhandlungen, die noch heute mit Vortheil gelesen werden können, sind als ein Denkmal der Kennt­nisse zu betrachten, welche mit den wissenschaftlichen Hilfsmitteln des vorigen Jahrhunderts über die Rinderpest zu gewinnen waren. An that-säohliohem Werthe steht ihnen — vielleicht mit Ausnahme der Schriften von Vicq d'Azyr #9632;— keine andere Arbeit aus der damaligen Zeit eben­bürtig zur Seite. Trotzdem hatten die Publicationen nach keiner Rich­tung hin einen unmittelbaren Erfolg. Die von den Behörden erlassenen Tilgungs-Massregeln galten dem Publicum gewissermassen als principiello Forderungen und nützliche Empfehlungen. Um die strikte Ausführung derselben scheint sich kaum Jemand Sorge gemacht zu haben. Und wenn selbst in einer Gegend die Rinderpest durch rationelle Mittel mit Erfolgquot; getilgt oder abgewehrt wurde, so blieben in vielen anderen Gegenden die gesetzlichen Vorschriften ohne Beachtung. Was konnte unter diesen Umständen die richtige Erkenntniss und die beste Belehrung über die Eigenschaften der Seuche den Einwohnern nützen?
Wenn die Landleute an und für sich schon zur Unterstützung der Polizeibehörden nicht geneigt waren, so mussten sie durch die in ge­spreiztem Tone durch dieTagesliteratur verbreiteten Meinungen egoistischer Dilettanten in ihrem Widerstände noch mehr bestärkt werden. Boispiels-halber sprach der Amtmann Rösing zu Leer in einem Aufsatze1), der voll von irrthümlichen Behauptungen ist, folgenden Satz aus: „Das Hin-und Hertreiben des Viehes wird zwar an vielen Orten in Seuchezeiten verboten; alle Bauern aber wissen es besser, es ist ein wahres Präservir-mittel, wie ich mit vielen Exempeln beweisen kann; die Veränderung des Futters hilft ungemein viel, nur muss dass Vertreiben nicht von einem mageren zu einem fettern Ort geschehen.quot;
Hierzukommt, dass in der Zeit, in welcher Camper lebte, eineVor-
') Wahrnehmungen und Meinung von der Viehscucho. Im Hannover. Ma­gazin 1770. S. 834.
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liebe für wissenschaftliche Polemik bestand. Es ist daher erklärlich, dass seine Ansichten bei den Schriftstellern, namentlich bei den Dilettanten unter ihnen und bei solchen Gelehrten, die keine eig-enen Erfahrungen hinter sich hatten, auf vielfachen Widerspruch stiessen. Den schwächsten Theil seiner Lehren bildete die Meinung, dass die Impfung der Rinder­pest einen national-ökonomischen Nutzen haben könne. So oft die Noth-lage vieler Gegenden die Anwendung der Impfung voranlasst hat, so war es doch sachlich begründet, dass dieselbe nur eine kleine Zahl von An­hängern finden konnte.
Vink, Lehrer der Arzneikunde zu Rotterdam hat im October 1769 — wenige Monate nach dem Vorgange Camper's — ebenfalls Vor­lesungen über das Wiederkauen des Rindes und über die Viehseuche ge­halten und veröffentlicht (32). Die Abhandlung ist nicht ohne Werth, obwohl sie in ihrem wissenschaftlichen Theil nicht überall die wünschens-werthe Klarheit erkennen lässt. Dass die Beschreibung der Krankheit nicht ganz korrekt ausgefallen ist, kann bei dem Standpunkte des Ver­fassers nicht befremden. Er sagt S. 60 wörtlich: „Ich habe Alles ge­sammelt, was ich selbst gesehen, von verständigen und aufmerksamen Hauswirthen gehört und bei den besten Schriftstellern gelesen habe.quot; Der Ansicht, dass die Luft das Contagium aufweite Strecken verschleppen könne, tritt Vink (1. c. S. 87) unter Bezugnahme auf die thatsächlichen Erfahrungen bei der menschlichen Pest, bei den Pocken und bei der Viehseuche entgegen. Bei der ausführlichen Besprechungquot; der Frage, zu welcher Art von Krankheiten die Viehpest gehöre, gelangt der Ver­fasser zu dem bemerkenswerthen Schlüsse (1. c. S. 102), dass alle an­steckenden Krankheiten, jede in ihrem Ansteckungsstoffe, besondere Eigenschaften besitze und dass — wie jede Pflanze und jedes Thier aus ihrem Samen ihre besondere Frucht zeugen — auch das Pestgift die Pest, das Maserngift die Masern, das Pockengift die Pocken und das Gift der Viehseuche die letztere hervorbringe. Den grössten historischen Werth erhält aber die Schrift von Vink dadurch, dass der Verfasser die Be­rechtigung der Rinderpest-Impfung mit zutreffenden Gründen bekämpft. Camper und Munnicks1) hatten die Seuche bei 112 Haupt Jungvieh einimpfen lassen. Von diesen waren 45 Thiere durchgeseucht. Das Resultat war für ein günstiges ausgegeben worden. Vink führt nun, ge­stützt auf die thatsächliche Erfahrung, den Nachweis, dass, wenn die 112 Rinder der natürlichen Ansteckung ausgesetzt gewesen und nach­her zweckmässig gepflegt worden wären, wahrscheinlich eine gleich grosso Zahl derselben hätte genesen können. Ausserdom komme in Be­tracht, dass die geimpften Thiere nur dann vor einer zweiten Ansteckung geschützt seien, wenn sie eine schwere und lebensgefährliche Krankheit
') Camper. Voorloopor van Waarneomingcn to Loeuwardon 17ü9.
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durchgemacht hätten. Es habe sich als Irrthum erwiesen, von den nach der Impfung nur in leichtem Grade afficirten Thieren anzunehmen, dass sie g'eschutzt seien. Ferner sei es unthunlich, die Rinderpest-Impfung mit der Pocken-Impfung zu vergleichen. „Wäre es mit der letzteren nicht besser bestellt, so würde man nicht leicht Jemanden überreden, sich einer solchen Gefahr auszusetzen; ja wer würde wohl so kühn sein, sie anzurathen?quot; Vink spricht sich lobend über die Versuche aus, durch die Impfung das allgemeine Beste zu befördern. Bei näherer Prüfung ihrer Resultate sei er aber zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Impfung nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich gewesen sei. Von den Heil- und Vorbeugungsmitteln verspricht sich der Verfasser keine Yortheile; er hält es aber trotzdem für berechtigt, die Versuche mit der arzneilichen Behandlung kranker Thiere fortzusetzen. Mit besonderem Nachdruck empfiehlt er die Absonderung und Tödtung der kranken Thiere. Es sei zu beklagen, dass die Behörden in Holland diese Massregeln nicht ebenso anordnen wollten, wie in England und durch kaiserliches Edict vom 10. November 1769 für Brabant und Flandern geschehen sei. Der Verfasser erzählt, dass die bäuerlichen Besitzer die Empfehlung der Tödtung aller erkrankten Thiere mit Misstrauen aufnähmen. Einige trügen sich auch mit dem närrischen Vorurtheile, dass die Seuche ein Werk oder eine Strafe von Gottes Hand sei, der man nicht widerstehen dürfe.
Bevor Camper und Vink die Rinderpest studirten, hatte Engel-mann1) in Holland über dieselbe Beobachtungen gemacht. Er hat die Krankheit mit den Masern des Menschen in Parallele gestellt und an­genommen, dass sie durch den Hautausschlag geheilt werde. — Engel­mann war der Ansicht, dass die Thiere im Beginn der Krankheit so ansteckend nicht seien. Sobald aber der Durchfall eintrete, sei die An­steckung unvermeidlich. Mit grösserer Bestimmtheit behauptete Vink, dass die Ansteckung im ersten Stadium der offenbaren Erkrankung nicht zu befürchten sei. Später ist dieselbe Meinung von Ad ami, Sick und Anderen ausgesprochen worden. Sie scheint durch die nicht selten ge­machte Beobachtung, dass die Rinderpest durch die sofortige Tödtung des zuerst erkrankten Rindes in einem Viehbestände getilgt wurde, ent­standen zu sein. Anderseits liegt ihr der Gedanke zu Grunde, dass eine virulente Seuchenmatede erst durch die vorgeschrittene „Faulung'- des Körpers producirt werde.
Durch zutreffende Wahrnehmungen machte sich 1767 der ungenannte Verfasser der Beitrüge zur Geschichte der Viehseuche in der Mark Branden­burg (2G) berühmt. Er konstatirt, dass die Seuche seit 20 bis 30 Jahren sich stets in der Mark Brandenburg gezeigt habe, wenn polnische, ungarische und podolische Ochsen angekommen waren. In der Luft, in
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l) Nach den bei Vink (32) gemachten Anmerkungen citirt.
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der Beschaffonheit des Ilimniolsstriches, im Wasser und in den Nahrungs­mitteln lasse sich die Ursache nicht vermuthen. Der Recensent dieses Buches in der „Allgem. Deutschen Bibliothekquot; 1768 fügt hinzu, dass oft schon unterwegs von den Treibheerden einzelne Ochsen gestorben seien, obschon man zuverlässig gewusst habe, dass zur Zeit des Ankaufs der­selben in den betreffenden Ländern nicht eine Spur der Viehseuche be­standen habe. Hieraus wird mit grosser Wahrscheinlichkeit geschlossen, dass die lange Reise, welche die Thiero machen müssen, in ihrem fetten und schweren Körper die Säfte vorderbe, dass die Seuche hierdurch spontan entstehe und sich dann durch Ansteckung weiter verbreite. Diese Theorie hat später in Lorinser einen einflussreichen Vortreter und viele Anhänger gefunden.
Gleditsch (27) erklärte die Seuche für eine epidemische Peri-pneumonie, zu deren Heilung Aderlässe und Haarseile, sowie die Appli­kation des glühenden Eisens auf der äusseren Haut nützlich seien.
Die Abhandlung von Erxleben (33), der als Professor der Univer­sität Göttingen die Thierarzneikunde lehrte nnd auf einer im amtlichen Auftrage unternommenen Studienreise die Rinderpest in Holland kennen gelernt hatte, wurde in Deutschland viel gelesen. Im Wesentlichen schliesst sich der Verfasser indess bei der Beschreibung der Symptome und Sectionsergebnisse der Darstellung Camper's an. Mit grösserer Selbständigkeit sind die Abwehr- und Tilgungsmassregeln erörtert. Von Interesse ist die Bemerkung (1. c. S. 152), dass nach den gemachten Be­obachtungen Ziegen von der Krankheit angesteckt worden seien, dass aber die Impfung dieser Thiere die Seuche nicht hervorgebracht habe. Trotzdem Erxleben die Misserfolge aller bisherigen Kurversuche kennt, hält er sich doch verpflichtet, zu weiteren Versuchen eine grosse Zahl von Heilmitteln zu empfehlen.
In denselben Fehler verfiel der unbenannte Verfasser einer „Ab­handlung von der Hornviehseuchequot;, welche 1771 im Hannoverschen Magazin erschien und nach einer Angabe in Henzen's Entwurf von F. G. Meyer geschrieben ist. Derselbe definirt die Krankheit nach ihren Symptomen als ein „ansteckendes, bösartiges, epidemisches und faules Fieber, dessen Ursache eine scharfe, subtile, organische und laugenhafte Materie sei, welche in den inneren Theilen, die sie berührt, Entzündungen zuwege bringt, der ganzen Masse des Bluts mitgetheilt wird und derselben eine Fäulniss droht!quot; Der Verfasser bemüht sich, die Symptome der Seuche zu erklären und stützt sich hier­bei vorzugsweise auf die Ansichten Huxham's und Boerhaave's über die Krankheiten des Menschen. Erwiihnenswerth aus den Bemerkungen ist nur die Meinung, dass die Anfüllung der Gallenblase mit Galle durch eine Behinderung des Abflusses aus dem Ductus choledochus veranlasst werde. Im Uebrigen sollen die Krankheitszufälle theils durch Entzündung,
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thoils durch Krämpfe herbeigeführt werden. DieKur derSeuohe erfordert ein systeincalisches Verfahren und scheidet sich zunächst in: Vorbauung und Heilung. Hinsichtlich der Vorbauung verlangt der Verfasser einmal die durch obrigkeitliche Anordnung' zu bewirkende Abwehr der Seuche und zweitens die Behandlung der Rinder, welche der Ansteckung' ausgesetzt gewesen sind. Nach seiner Meinung kann die Aufnahme des Contagiums durch die Nase, das Maul und durch die äussero Haut geschehen. Auf diese drei Dinge muss besonders geachtet werden. Nase und Maul sind bei einer zu befürchtenden Seuche häufig auszuwaschen und zu reinigen, wozu Salz, Essig und Kampfer am besten, aber auch Weinessig, Sal­peter und Baumöl brauchbar sind. Diese Mittel, die zum Theil schon von Fr. Hoffmann empfohlen waren, wurden den Thieren auch einge­geben. Ausserdem sei die Ausdünstung der Haut zu erhalten und zu fördern, „wodurch die sich ansetzende giftige Materie beständig abge-stossen und folglich nicht eingesogen wird.quot; Zu diesem Zwecke soll das Vieh bei nebeliger Witterung oder früh Morgens und spät Abends im Stalle bleiben; der Stall muss vor Zugwind geschützt und möglichst warm sein und die Thiere müssen fleissig gestriegelt werden. Einen grossen Werth legt der Verfasser der Fütterung' von Kochsalz hei, welches in weiten Kreisen als das beste Schutzmittel gepriesen wurde. Für die Kur der kranken Thiere stellt er folgende Indicationen auf: 1. die in den Körper gekommenen scharfen, faulen und giftigen Theile auf das ge­schwindeste herauszuschaffen; 2. die Entzündungen in dem Blute und in den festen Theilen zu heben. Der erste Zweck soll durch Brechmittel und durch Erregung von Niesen mittels eines Pulvers, welches weisse Nieswurzel enthält, erzielt werden. Der zweiten Indication will der Ver­fasser durch Haarseile, sowie durch Verabreichung von Salpeter, Kampfer, Essig, Schiesspulver und anderen Mitteln genügen.
Ich habe die in dieser Abhandlung niedergelegten Gedanken deshalb ausführlich berücksichtigt, weil sie ein getreues Bild von den Ansichten enthalten, in welchen sowohl die Gelehrten, als die öffentliche Meinung Deutschlands befangen waren. Hat doch sogar der berühmte und in einflussreichen Aemtern befindliche erste Leibarzt Friedrichs des Grossen, Dr. Gothenius 1768 in seinem Plan zur Errichtung einer Thierarznei-schule in Berlin gemeint, dass es bei gründlicheren Studien in der Anatomie, Physiologie und Chemie gelingen müsse, eine wirksame Methode zur arzneilichen Behandlung pestkranker Rinder kennen zu lernen. Es würde unrecht sein, in der Kritik der zur Heilung der Krankheit gemachten Vorschläge den Masstab der gegenwärtigen Er­fahrung anzuwenden. Die Arzneimittel, welche die Autoren empfehlen, sind dieselben, die bei der menschlichen Pest und bei andern „putriden Fiebernquot; des Menschen von den berühmtesten Aerzten angewandt wurden. In der Motivirung ihrer Wirkungen aecomodirte man sich den wissen-
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schaftlichen Grundsätzen, die von den bedeutendsten Lehrern der Medicin vertreten waren. Hätte man die Rinderpest von anderen Krankheiten sicher unterscheiden können, so würde vielleicht die Nutzlosigkeit der Kurversuche allgemeiner erkannt worden sein. Bei dein Mangel einer faohwissenschaftlichen Bildung' war man indess sehr leicht versucht, an die Thatsache, dass von 10 kranken Thieren zuweilen 1 oder selbst 2 Stück g-esund wurden, die Folgerung' zu knüpfen, dass die Krankheit wohl heilbar sei, wenn nur erst das richtige Mittel oder das zweck-miissigste Verfahren aufgefunden sein würde. Der menschlichen Pest und den Pocken war eine gleich grosse Sterblichkeit eigenthümlich. Trotzdem wurden die Autoren der Medicin nicht müde, für die Behand­lung der kranken Personen wissenschaftliche Ileilindicationen aufzustellen. Schon des coinparativ-wissenschaftlichen Interesses wegen galt die Auf­suchung eines wirksamen Heilplans gegen die Rinderpest fast allen Fachmännern der damaligen Zeit als eine berechtigte Aufgabe. Die Majorität des Volkes hatte für die Schleichwege, auf denen die Krank­heit sich weiter verbreitete, kein Verständniss. Blieb ein einzelner Vieh­stand in einer verseuchten Ortschaft oder in einer von der Seuche heim­gesuchten Gegend von der Ansteckung verschont, so glaubte man, dass die benutzte Präservativkur einen günstigen Erfolg gehabt habe. Nur hierdurch ist es erklärlich, dass man 1769 und 1770 in Holland ganz allgemein als Vorbeugungsmittel gegen die Rinderpest eine Mischung von Meersalz und Thon gebrauchte, von welcher jedem Rinde täglich 30 Gramm eingegeben wurden. In Deutschland galt, die tägliche Ver­abreichung von Kochsalz noch immer als ein nützliches Präservativ-Mittel. Die Königlich Preussische Regierung empfahl öffentlich den Gebrauch des Steinsalzes, weil im Herzogthum Schlesien die Erfahrung gemacht sei, dass die verderbliche Viehseuche in Folge besserer Pflege des Viehes und der Verabreichung von Salz seltener geworden sei (Hannov. Magaz. 1772 S. 974). Need ham glaubte, dass weil das Salz die Infusorien tödte, es auch den Ansleckungsstoff der Viehseuche ver­nichten müsse und folglich ein Heilmittel gegen dieselbe sei (vergl. Faulet II. Bd. S. 15). Auch das Schwemmen oder die Begiessung der Rinder mit kaltem Wasser war ein beliebtes Verfahren, welches besonders in Friesland auf den Rath des Amtmanns Rösing zu Leer oft versucht wurde (Hannov. Magaz. 1772).
Eine sonderbare und nur durch die Leichtgläubigkeit des unter reli­giösen und politischen Vorurtheilen lebenden Volkes erklärliche Begrün­dung fand die in Frankreich und Deutschland weit verbreitete Anwen­dung des „Pestossigsquot; oder „Pestossigs der vier Räuber zu Marseillequot; zur Verhütung der Ansteckung. Als die Pest der Menschen in Marseille wüthete, hatten vier Räuber viele Häuser bostohlen und kranke Personen ermordet. Sie sollen unter dem Galgen bekannt haben, dass sie sich
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mit „Pestessigquot; die Hände, den Mund und die Naso gewaschen hätten und dann ganz sicher von IJaus zu Haus gegangen seien, ohne eine An­steckung zu bel'ürchten. Die Bereitung des Mittels — „Vinaigre dos quatro volours contre la pestoquot; — war nach dem Journal oeconomique, üeebr. 1754 folgende: Es wurden die Kräuter von Raute, Salbey, Krausemünze, Wer-muth und Lavendel, von jedem eine Handvoll mit 4 Quart Weinessig Übergossen und in einem verschlossenen Gefässe 4 Tage lang in heisser Asche digerirt. Die Colatur, welcher 4 Loth Kampher hinzugefügt wurden, war in gut verschlossenen Flaschen aufzubewahren. Zweifellos war der romantische Beigeschmack, den die Geschichte des Mittels hat, neben dem Rufe, welchen die Säuren überhaupt als Heilmittel bei den acuten Seuchen­krankheiten besassen, die Veranlassung, class zur Abwehr einer An­steckung durch das Rinderpest-Contagium vielfach den Rindern Nase und Maul mit diesen Mittel ausgewaschen wurden.
Dass man vor 100 Jahren zur Verhütung und Heilung der Rinder­pest auf ebenso sonderbare Mittel, wie im Alterthum verfiel, mag auch noch folgendes Verfahren beweisen, welches in Holland und Deutschland öffentlich in den gelesensten Zeitungen als wirksam gepriesen wurde. Man zog frische Zwiebeln von Allium Cepa L. auf eine Schnur und band einen solchen Kranz jedem Rinde um den Hals. Die Zwiebeln sollten den Krankheitsstoff in sich aufnehmen und dadurch am nächsten Tage wie halbgekocht aussehen. Es wurden den Thieren täglich frische Zwiebeln umgebunden und die gebrauchten sorgfältig vergraben, weil man glaubte, dass sie giftig seien und besonders dem Geflügel verderblich werden könnten. Von manchen Landwirthen wurden auch frische Zwiebeln in den Rinderställen aufgehängt.1) Die Veranlassung zu diesem Ver­fahren scheint darin zu beruhen, dass namhafte Aerzte den Gebrauch der Zwiebeln wegen ihrer „fäulnisswidrigenquot; Wirkung gegen acute Krankheiton des Menschen empfohlen hatten.
Der Stadtphysik us Sandifort in Haag schickte 1769 eine kurze Be­schreibung der in Holland herrschenden Viehseuche an die schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm. Die Arbeit steht durchweg auf dem Standpunkte, welchen Camper in seinen Vorlesungen entwickelt hatte. Auch die Impfung wird in der Abhandlung als ein geeignetes Mittel empfohlen. Es scheint aber nicht, dass man in Schweden, wo die Rinderpest bereits seit mehreren Jahren herrschte und namentlich in der Provinz Schonen grosse Verheerungen anrichtete, dieser Empfehlung gefolgt ist. Denn der Professor Borgius in Stockholm veröffentlicht in einem Zusatz zu der Abhandlung seine Bedenken gegen die Impfung, weil die Krankheit ihrem Wesen nach keine exanthematische sei, sondern in
') Vergl. Vinck (32) und Hannoverisches Magazin 1761 S. -223 und 1770 S. 767.
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manchen Eigenschaften eine grössero Verwandtschaft mit der mensch­lichen Pest bekunde.1)
Hu pol'-) hat die Rinderpest in Liefland und Estland heobachtet, wo sie von 1769 bis 1772 andauernd herrschte. Er bezeichnet sie als „Gallen­seuchequot; und vergleicht sie mit den menschlichen Pocken, wie andere Autoren vor ihm gethan hatten. Die Plaut des Rindes sei aber zu dick, um das Krankheitsgift bequem aus dem Körper ausscheiden zu lassen, daher falle dasselbe auf die inneren Organe (Darm, Leber, Lunge, Hals) und verursache Entzündung, Fäulniss, Brand etc. Hierdurch entständen verschiedene Arten von Seuchen, die aber eine gemeinschaftliche Ursache hätten. Zum Zwecke der Kur müsse das Krankheitsgift geschwächt und aus dem Körper ausgetrieben werden, wozu eine grössere Zahl von den damals üblichen Mitteln vorgeschlagen sind.
Dass vor 100 Jahren auch Aerzte auf gleich grosso Irrwege in der Beurtheilung der Rinderpest gerathen konnten, wie die Laien, beweist der Kreisphysikus Galle sky in Tilsit (34). Derselbe entzog einigen Ochsen versuchsweise bald das Getränk, bald das Futter, bald beides zugleich, bis sie starben. Die bei der Section gefundenen Veränderungen sollen der Rinderpest ähnlich gewesen sein und Gallesky bildete sich aus diesen Wahrnehmungen die Ansicht, dass Entbehrungen, namentlich Mangel an Getränk die Ursache der Seuche seien. Vielleicht ist die wenige Jahre früher von dem preussischen Ober-Collegium medicum aus­gesprochene Meinung (vergl. Seite 99) der Theorie des Verfassers förder­lich gewesen.
Von bestimmendem Einfluss auf die Ansichten vieler Autoren ist die kleine Abhandlung gewesen, welche A. v on Haller über die „Viehseuche'' verfasste (35). Sie wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Einen beson­deren pathologischen Werth hat die Arbeit nicht. Ich muss daher die grosso Anerkennung, welche sie thatsächlich gefunden hat, zunächst mit dem Ansehen motiviren, welches der berühmte Verfasser wegen seiner staunenswerthen Gelehrsamkeit und bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen allseitig genoss. Ausserdcm haben aber die Vorschläge des Verfassers eine grosse Bedeutung für die politischen Behörden gehabt, weil in denselben jode präservative und arzneiliche Behandlung der Thiere ausgeschlossen und auch bei einer grösseren Verbreitung der Seuche nur von der Tödtung resp. Abschlachtung der kranken und verdäch­tigen Thiere ein sicherer Erfolg in Aussicht gestellt wird. Dass v. Hall er selbst ein pestkrankes Rind gesehen oder secirt hätte, habe ich aus der Abhandlung nicht entnehmen können. Die mitgetheilten Symptome und
') Sandifort. Beschreibung der Viohseucho in Holland 176!) und Bergius. Bedonklichkeiton bei der Einimpfung der Viehseuche. Leipzig 1772.
2) Vergl. die Anmerk. v. Rumpelt in der Uebors. von Paul et's Gesch. d. Viehs. II. Bd. S. 2.
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Scctionsdata sind den An^iibou der Autoren entlohnt und nur zum kleinen Theil richtig. Französische Beobachter hatten dio Seuche als eine Lungen­krankheit (Puhnonie) angesehen; dieser Auffassung tritt der Verfasser bei. Zur Bezeichnung der Krankheit wird mehrfach das Wort „Lungensucht,quot; odor „Lungenprestonquot; oder „Lungensoucheli gebraucht. Wie es scheint, ist dies der Grund, aus wolcheiu viele neuere Autoren angenommen haben, Hallor hätte die Lungonsoucho mit der Rinderpest verwechselt. Diese Meinung ist aber nicht richtig. Denn die Behauptung, dass bei der Viehseuche die Lungen brandig, mit Eiterheerden und Wasserblasen durchsetzt und die Pleura entzündet und brandig befunden würden, rührt von anderen Schriftstellern her. v. Ilaller beging den Irrthum, dass er diese Angaben als thatsächlich festgestellte acoeptirto. Die prägnanten und sachgemässen Schlussfolgerungen des Verfassers, die auf die arznei­liche Behandlung und die Ausrottung der Seuche Bezug haben, sind seines berühmten Namens würdig. .,Vor allem Anderen muss man die Hoffnung ablegen, dass die Lungensucht keine ansteckende Krankheit sei.quot; Die Thatsache, dass ein einzelnes pestkrankes Rind den Viehstand eines ganzen Landes infleiren kann, fand im vorigen Jahrhundert erst eine allgemeine Anerkennung, nachdem der nachstehende Ausspruch v. Ilaller's bekannt geworden Avar. „So wie man das Schiff kennt, das von Süden die Pest nach Marseille gebracht hat, so kennt man den un­glücklichen Stier, der aus Ungarn ins Venetianische Anno 1711 gebracht worden und die grosse Viehseuche angezündet hat, von welcher Italien zuerst und nachher fast die Hälfte von Europa verheert worden ist.quot; Der Verfasser glaubt, dass die Seuche in den heisseren Ländern entstehe und in dem kühleren Europa nach und nach durch die Winterkälte erstickt werde. Er findet aber sehr richtig die unwiderleglichsten Beweise für die Ansteckung der Seuche in der Erfahrung, sie durch die Sperre und durch die Verhütung alles Umganges zwischen den angesteckten und den ge­sunden Viehständen bezwingen zu können. „Wäre es eine Krankheit, die von sich selber, wie bei den Menschen ein Fieber entstände, so würde man umsonst die angesteckten Ställe sperren, vergebens das Vieh in einem Dorfe erschlagen.quot; Die Luft kann nach seiner zutreffenden Ueber-zeugung das Contagium nicht auf eine grosse Entfernung übertragen. „Denn wenn die Luft sich in einer grossen Strecke anstecken Hesse, wenn sie in einem ganzen Dorfe mit dem Gifte der Seuche geschwängert wäre, so wären wiederum die Sperren und anderen Vorsorgen von keinem Nutzen. Auch hier ist die Aehnlichkeit mit der menschlichen Pest sichtbar. Die Nonnen zu Marseille und in anderen mit dieser furchtbaren Seuche angesteckten Städten blieben gesund, weil sie ihre Klöster fest ver­schlossen hielten. Und sehr oft haben wir die Viehseuche in einem oder in wenigen Ställen eingesperrt gehalten, ohne dass die übrigen Ställe in eben dem Dorfe angesteckt worden wären.quot;
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Eine piincipiello Stellung1 zur Goselzg'ebiin^ hat folgender Ausspruch: „Wenn wir nun einerseits wissen, dass das Uebol von der Ansteckung-herrührt und anderseits keine Zuversicht auf Arzneimittel gründen küiineu, so bleibt nichts übrig, als die Ansteckung zu verhindern und den Vorlust auf dio wenigen Rinder einzuschränken, die zuerst mit dem Gifte be-schmizt worden sind.quot; Der ausführliche Tilgungsplan, welchen v. Ilaller aufstellt, ist durchweg sachgemäss. Wie König Friedrich Wilhelm I. von Preussen schon anerkannt hatte, so verlangt auch er, dass onergischo Sperrmassregoln „ohne Verzug, Nachsicht und Schonung bewerkstelligtquot; und nothigenfalls mit militärischer Hülfe durchgeführt werden sollen. Dem holländischen Verfahren des Einimpfens der Seuche schenkt er kein Ver­trauen; er vermuthet aber, dass auch in Holland die Seuche ..endlich, wie die Pest selbst erlöschen werde.quot;
Die Einbusse, welche der Nationalwohlstand in den deutschen Staaten durch das anhaltende Herrschen der Rinderpest im vorigen Jahrhundert erlitt, machte sich auf das gesammte Volksleben in einer so empfindlichen Weise geltend, dass die Landes-Universitäten in grösserer Zahl darauf Bedacht nahmen, durch Errichtung einer Fachprofessur die bessere Er-kenntniss der Thierkrankheiten herbeizuführen. Diese Anordnung ist für die wissenschaftliche Begründung der Thierarzneikunde von einigem Werthe gewesen. Besondere Anerkennung fanden die literarischen Arbeiten des Professor Erxleben in Göttingen, der leider nur ein Alter von 33 Jahre erreichte.
Mit der Stiftung der thierärztlichen Lehranstalten stehen indess die Verheerungen der Rinderpest in einem viel loseren Zusammenhange, als oft behauptet ist und heute noch vielfach geglaubt wird. Allerdings hat Gothenius in der Abhandlung, welche er auf Veranlassung des König­lich Preussischen General-Directorii verfasste und in der Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 21. Januar 1768 vortrug, seinen Plan zu einer Thierarzneischule mit der Erwartung motivirt, dass durch gründliches Studium in der Anatomie und Physiologie der Thiero eine zweckmässige Methode zur Heilung pestkranker Rinder ermittelt werde. Allein der von Cothenius aufgestellte Plan ist niemals verwirk­licht worden. Die im Jahre 1790 erfolgte Gründung der Thierarznei­schule zu Berlin basirt ursprünglich auf anderen Motiven. In Dänemark erwirkte der Graf von Bernstorf 1763 aus Veranlassung der grossen Verherrungen, welche die Rinderpest angerichtet hatte, eine Ordro des Königs, nach welcher drei Aspiranten, unter ihnen Abildgaard bestimmt wurden, in Lyon die Thierarzneikunde zu studiren. Aber die Errichtung der Thierarzneischule in Kopenhagen erfolgte nach anderen Gesichfs-puneten. Ebenso sind die Institute zu Wien, Hannover, Dresden und München nicht direct durch die Rinderpest veranlasst worden. Bekannt-
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lieh hat die Im Jahre 17(J2 von Bourgelat zu Lyon errichtete erste Ecole veterinairo allen anderen thierärztlichon Lehranstalten als Vorhild gedient. Wie der Schöpfer des ersten thierärztiiehen Bildimgs-Instituts aber von der Idee geleitet wurde, seine Eleven vor Allem in der Kennt-niss und Behandlung' der Pferdekrankheiten zu unterricheen, so standen auch bei der Gründung der meisten jüngeren Institute die Kennlniss des Pferdes und das Studium der Pferde-Krankheiten im Vordergründe. Nachdem aber kaum eine nennenswerthe Zahl von Thieriirzten ausge­bildet war, machte sich alsbald die Nothwendigkeit ihrer Consultation bei den Rinderkrankheiten sowohl in ihrem eigenen, als im Interesse der Viehbesitzer und der Verwaltungs-Behörden geltend. Wenn zunächst auch die Angelegenheiten der Thierarzneischulen und des Veterinärwesens in Frankreich, Preussen, Dänemark und anderen Staaten nach den Inter­essen der Gestüt- und Militair-Behörden geleitet wurden, so nahm doch, theils früher, theils später als dritter Factor die Landwirthschafts-Ver-waltung an dem Ausbau derselben Theil und conform der Bedeutung ihres Interesses erhielt sie nach und nach überall eine dominirendo Stellung in denselben.
In Frankreich waren zuerst praktische Thierärzte, welche an den Thierarzneischulen ihre Studien absolvirt hatten, bei der Behandlung der Rinderpost betheiligt. Dass dieselben auf die Beschlussfassung der poli­tischen Behörden in Bezug auf Absperrung und Tödtung von Rindern im vorigen Jahrhundert einllusslos waren, bedarf keiner Ausführung. Im Uebrigen haben sich diese Thierärzte zur Hülfeleistung in der grossen Nothlage, in welche die französische Landwirlhschaft gerathen war, vor­trefflich bewährt.
Als 1770 die Rinderpest aus Holland oder dem österreichischen Flandern in die nördlichen Provinzen Frankreichs eingeschleppt wurde, er­forderte die Regierung ein Gutachten von dem Lehror-Collegium der Thier-arzneischule zu Alfort. In demselben1) wird nach Aufzählung der augen­fälligen Krankeitsfälle und Seotionshefunde die Seuche mit der „bösarti­gen oder brandigen Bräunequot; des Menschen, wie sie von Huxham beschrieben war, in Parallele gestellt. Die eigentlichen Ursachen der­selben seien unbekannt. Zu ihrer Verbreitung in Holland hätten besonders die Impfung, wobei nicht die nöthigo Sorgfalt beobachtet, ferner das blinde Zutrauen zu einem vermeintlichen speeifischen Mittel und endlich die mangelhafte Ausführung der polizeilichen Tilgungsmassrogeln Ver­anlassung gegeben. Die Mittel gegen die Seuche seien theils polizeiliche, theils arzneiliche. Für die polizeiliche Behandlung wird ein ausführlicher Plan nach richtigen Grundsätzen aufgestellt. Die arzneiliche Kur soll in die Prophylaxis und die eigentliche Heilung- der Krankheit getrennt
J) Vergl. Paulot (II. Bd, 8.4).
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werden. Für beide ist eine grosse Zahl von Mitteln namhaft gemacht, die beinahe den ganzen damals bekanntem Iloilapparat umfasst. Von historischem Interesse ist nur, dass der Kurplan der Theorie angepasst wurde und dass das wichtigsto Heilmittel in einem aus Canthariden, Euphorbium und Lorbeoröl zusammengesetzten Pflaster bestand, welches auf die Kehlkopfgegend applioirt werden sollte, nachdem zuvor die Haut von den Haaren befreit und mit dem glühenden Eisen gebrannt, war. Der Aderlass wurde als Priiservativmittel zugelassen, als Heilmittel dagegen verworfen.
Aus dem französischen Flandern gelangte die Seuche in die Picardie, wo sie von den Behörden nach dem von der Thierarzneischule zu Alfort erstatteten Gutachten mit Erfolg bekämpft wurde. Kaum batten Flandern und die Picardie sich von den Verlusten erholt, als die Seuche 1773 von Neuem aus Holland in das nördliche Frankreich eingeschleppt wurde und namentlich im Hennegau, Flandern, Lille, Soissons und Amiens eine grosse Zahl von Rindern zu Grunde richtete. Eine Beschreibung dieser Invasion der Rinderpest hat der Arzt Dufot zu Soissons verfasst1), der die Krankheit für ein Magenleiden erklärte. Einzelne Gehöfte und selbst grössere Dörfer behielten ihre Viehstände in Folge strenger Absperrung unversehrt, während ringsherum sämmtliche Rinder weggerafft wurden.
Der südwestliche Theil von Frankreich wurde im Juli 1774 von der Seuche heimgesucht. Muthmasslioh war die Einschleppung durch rohe Rinderhäute erfolgt, die aus Holland oder dein nördlichen Frankreich stammten und in Bayonne ausgeladen wurden. Die Verluste, welche diese Häute durch die Verbreitung der Rinderpest im südlichen Frank­reich herbeiführten, schätzt Faulet (2, 11. Bd. S. 1C3) auf fünfzehn Millionen Francs. Ueber das Verhalten der Krankheil wurden zahlreiche Berichte veröffentlicht. Doazan2), Bellerocq3) Bourgelat und der Professor de Beaufort4) haben die wichtigsten Zufälle der Seuche beschrie­ben. Wie Faulet (II. Bd. S. 90 der Uobers.) angiebt, hat ein Eleve der Thier-arzneischide, Guyot berichtet, „dass wenn man im Anfang der Krank­heit noch bevor sie ausgebrochen, die Hand in den Mastdarm steckte, so empfinde man eine grössere Hitze und heftigeres Schlagen der Arterien, als gewöhnlich sei.quot; Guyot hat wohl nicht geahnt, dass die Bestimmung der von ihm zuerst bei den pestkranken Rindern constatirten erhöhten Temperatur im Mastdarm 100 Jahre später ein sehr wichtiges diag­nostisches Hülfsmittcl abgeben werde.
Die medicinische Fakultät zu Montpellier erstattete über die Krank-
'J Mcmoiro pour presorver los bötes ä cornos do la Maludio dpizootiquo, qui regne dans la Oeneralite do Soissons par Dufot. Soissons 177.'!.
2) Memoiros sur la Maladio öpizootiquo rognautos ä Bourdeaux 1771.
:l) Rocliorches sur la Maladio öpizootique, k Bourdeaux 1774.
') Consultation sur la maladio opi/.oot. qui regne on Ouyenno 1774 — 1775.
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holt ein ausführliches Gutachten1), in welchem die Symptome ziemlich ^#9632;ut dargestellt sind. In demselben sind auch die nach dem Tode sich findenden anatomischen Veränderungen vollständiger, als in den meisten Abhandlungen joner Zeit beschrieben worden. Zum ersten Male wird ein besonderes Gewicht darauf gelegt, dass die ganze Vordauungs- Schleim­haut vom Schlünde bis zum Mastdarm von einer Entzündung botrolfen war. Der allgemeinen Strömung folgend müssen auch die Aorzte zu Montpellier in ihrem Gutachten die wahrscheinlichen und möglichen Heilmittel in breiten Ausführungen kritisiren. Sie empfehlen Skarificationen der Haut und Application des Glüheisens zu beiden Seiten der Wirbel­säule vom Becken bis an die Ohren und selbst noch um die Nase herum. Hierdurch soll ein Ausschlag hervorgebracht werden, dem eine heilsame Bedeutung beizulegen sei. Die meisten der von Anderen bereits em­pfohlenen Präservativ- und Heilmittel werden für nützlich gehalten, mit Ausnahme der Einreibung von Canthariden-Salbe. Eine gute Wir­kung wird auch von dem Einblason der gepulverten weissen Nioswurzel in die Nasenlöcher erwartet, wodurch die Thiere zum Ausprusten der schädlichen Materien veranlasst werden sollen.
Vom südlichen Frankreich vorbreitete sich die Rinderpest im Sommer 1774 auch nach Spanien. Ihre Tilgung scheint in kurzer Zeit und ohne erhebliche Verluste gelungen zu sein.'-1)
Gegen Ende des Jahres 1774 ersuchten die Provinzial-Behürden des südlichen Frankreichs die königliche Akademie der Wissenschaften zu Paris, Commissarien in die verseuchten Ortschaften zu entsenden. Der Minister Turgot war der Meinung, dass hierzu ein Naturforscher und ein Arzt bestimmt werden möchten. Allein die Akademie berichtet an den Minister, dass nach beiden Richtungen Vicq d'Azyr geeignet sei. Der letztere begab sich bald darauf nach dem südlichen Frankreich und er­zielte durch Anordnung wirksamer Polizeimassregeln eine erhebliche Einschränkung' der Seuche. Neue Ausbrüche veranlassten seine wieder­holte Entsendung in die bedrohten Gegenden. Bei diesen Amtsgeschäften hatte er manche Gelegenheit, die Eigenschaften der Seuche können zu lernen und zweifelhafte Momente durch Versuche zur Entscheidung zu bringen. Seine werthvollen Mittheilungen beweisen, dass er sich der Bekämpfung der Landplage mit grossein Eifer gewidmet und sich be­müht hat, für zukünftige Invasionen in die Behandlung der Seuche ein festes System zu bringen (37, 38 und 39). Von ihm ist die Forderung aufgestellt, dass in zweifelhaften Erkrankungsfallon die Thiere abzu­sperren seien, bis nach den Symptomen und Sectionsbofunden die Krank­heit erkannt worden könne. Er hatte beobachtet, dass der ungehinderte
!) Consultation do runivorsite do Mcdocino do Montpellier BUT la maladio eqidomiquo dos botes h, cornes, qui ruino la province do Laiiguodoc; Montpellier 1775. 2) Vorgl. Hoiisinger. Rcchorchos; 1847. I. Bd. p, 253.
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Verkehr mit den verdächtig erkrankten Hindern dio grössten Gefahren mit sich bringt. Die Symptonmlologie, welche Vicq d'Azyr von der Rinderpest entworfen hat, enthält zwar nichts Wesentliches, was nicht bereits bekannt war. Sie ist auch nicht frei von Trrthüniern. Aber die Darstellung' des Verfassers trägt der Aufeinanderfolge der Erschoinungen mehr Iloch-nung, als bis dahin g-eschehen war. Wegen dieses Vorzugs und wegen der reichhaltigen eigenen Erfahrung des Verfassers sind die Angaben des­selben auf die Schriften vieler späterer Autoren bis in die neuere Zeit nicht einflusslos gewesen. Ich bin doshalb genöthigt, ausführlicher auf dieselben einzugehen. Nachdem er vorausgeschickt hat, dass von An­deren eine ungewöhnlich hoho Temperatur im Mastdarm und ein stär­keres Pulsiren der durch die Mastdarmwände fühlbaren Arterien vor dem eigentlichen Ausbruch der Krankheit wahrgenommen sei, bemerkt er, dass während des 1. und 2. Tages der Krankheit folgende Symptome vorhanden seien: Verminderung desAppetits; Empfindlichkeit des Kückens beim leichten Kneifen mit den Fingern; Heben der Wirbelsäule beim Druck der Haut gegen den Schaufelknorpel des Brustbeins; Muskel­hüpfen; krampfhafte Bewegungen der Unterhaut an verschiedenen Körper-theilen, namentlich am Halse; Zühneknirschen; vereinzeltes Schütteln des ganzen Körpers, besonders nach den Entleerungen der Excremente und des Urins; zuweilen geringfügiges Husten; Kopfschütteln; Trockenheit des Mauls ; Senken der Ohren und der Hörner; Entzündung der Augen, welche in dieser Zeit oft lebhaft funkeln; Beschleunigung des Pulses, der oft unregelmässig ist; die Respiration und die Ausleerungen noch beinahe normal; zuweilen im Anfange kalte Hörner und plötzliche Hinfälligkeit; in einigen Fällen sieht man, dass eine von den Glied­massen langsamer und schwerfälliger bewegt wird, als die andere und dass die Thiero beim Gehen mit den hinteren Gliedmasson schwanken. Bei den Kühen verändert sich die Milch während der ersten beiden Tage kaum; aber das Euter wird welk und bedeckt sich zuweilen mit Knötchen (boutons). Die Kühe, welche viel Milch geben, sterben nicht so leicht, als die anderen. Am 3. und 4. Tage, zuweilen noch später hört das Wiederkauen auf. Oft verweigert das Rind jede Nahrung; das Haar sträubt sich empor; die Empfindlichkeit im Rücken wird geringer; das Fieber erlangt bestimmte Steigerungen, welche unterbrochen sind von einem Zustande von Schwäche, bei dem die Ohren und Hörner kalt werden; die Lippen hängen herab; aus Maul und Nase kommt ein übler Geruch; die Augen treten in ihre Höhlen zurück und verlieren ihren Glanz; das Athmen wird angestrengt; die Bauchmuskeln ziehen sich krampfhaft zusammen; gewöhnlich stellt sich Durchfall ein und die Lenden-Gegend erscheint an der linken Seite sehr hart. Nicht selten starben die Thiere am 4. Tage. Am 5. oder 6. Tage treten die Augen vollständig zurück; aus der Nase kommt eine dickflüssige und stinkende
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Materie; rler Puls wird hinsichtlich seiner Zahl und Stärke sehr unregel-mässig'; das Alhmen erfolgt mit zunehmender Anstrengung und unter starkem Stöhnen; dieZungo wird rauh, trocken und gelblich; Augen malt und triefend; oolliquative, blutige oder schleimige Ausleerungen; der Brand, welcher sich durch die mit den Dejoctionen entleerten schwärzlichen Petzen kundgiebt, macht Fortschritte in den Eingeweiden; die Empfind­lichkeit hört auf; das Zellgewebe, welches sich am Rücken entlang auf­bläht, lässt ein deutliches Knarren vernehmen; die Milch, welche schon vorher eine gelbliche Farbe angenommen hatte, verliert sich ganz; zu­weilen werden Lippen und Zunge exeoriirt oder mit Knötchcn (boutons) bedeckt; Hörner und Ohren sind kalt und das Thier legt sich, um nicht wieder aufzustehen. Am 7. bis 8. Tage verschlimmerten sich die ange­gebenen Symptome; die Nasenhöhlen waren nicht mehr wegsam; um athmen zu können, war das Thier genöthigt, das Maul aufzusperren; die Augen bedeckton sich mit eiterigen Massen und in den Augenwinkeln fanden sich lange und etwas abgeplattete Würmer.
Der Verfasser hat in der vorstehenden Beschreibung der Symptome, welche vollständiger ist, als bei allen früheren Autoren, vorzugsweise seine eigenen Wahrnehmungen, zum Theil aber auch die Angaben An­derer, niedergelegt. Er bezieht die Erscheinungen theils auf entzünd­liche, theils auf nervöse Affectionen. Die Sectionen scheint Vioq d'Azyr nicht gründlich gemacht zu haben.
Die Seuche hatte in einigen Districten, namentlich in der Gegend von Bordeaux einen sehr mörderischen Verlauf; Vicq d'Azyr erzählt, dass sich dieselbe mit dem Zungen-Anthrax („charbon h la languequot;; jedenfalls ist die Maulseucho gemeint) complicirt habe. In einzelnen Gegenden starben sämmtlicho Thiere, die krank wurden. Die Impfung hatte keinen Vortheil. Bei seiner ersten Reise sah der Verfasser von 12 geimpften Thieren nur eins am Leben bleiben. In der Folge verlief die Krankheit gutartiger, so dass von 10 geimpften Rindern 3 erhalten blieben. Aus diesen Beobachtungen wird die richtige Schlussfolgerung gezogen, dass durch die Impfung die Seuche nur verbreitet und die Zahl der Opfer nur vermehrt werde. Die Präparalion der zu impfenden Kühe durch magere Diät und Aderlass und der grössere oder geringere Milch-reichthum bei Kühen waren auf den Verlauf der Impfkrankheit ohne Einfluss. Durch blosses Stechen in die Haut mit einem in den Eiter der kranken Thioro eingetauchten Scalpel konnte die Krankheit nicht übertragen werden, auch wenn das Verfahren verschiedene Male wieder­holt wurde. Das Haar und die Härte der Haut waren, wie der Verfasser erklärend hinzufügt, dem weiteren Eindringen des Virus hinderlich. Ob die inficirte Charpie (des plumasseaux infectes) in eine, zwei oder drei Hautwunden gebracht wurde, war für den Eintritt und die Heftigkeit der
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Krankheit gleich. Die Wunden wurden immer schwarz, übelriechend und brandig.
Zur Entscheidung der vielumstrittenen Frage, ob das Contagium durch die Poren der Haut in den Organismus gelangen könne, Hess der Verfasser bei gesunden Rindern, welche mit kranken zusammengestanden hatten, die Haut mit Oel einreiben. Aber die Ansteckung wurde hier­durch nicht verhindert. Die Krankheit entwickelte sich ebenso schnell, wie in anderen Fällen. Von einer kloinen Quantität Heu, mit welcher der Rücken kranker Thiero gerieben war, wurde die Hälfte einem ge­sunden Ochsen zu fressen gegeben. Derselbe verfiel nach Vorlauf von einigen Tagen in die Krankheit. Versuchsweise stellte der Verfasser gesunde Ochsen vorübergehend zu kranken, um die Zeit zu bestimmen, in welcher die Seuche bei den angesteckton Thioren zum Ausbruch kommt. Ein gesundes Kalb wurde weit entfernt von den kranken Ochsen in demselben Stalle, und zwar in einen besonderen Holzverschlag auf­gestellt; der Wärter kam mit den kranken Thieren in keine Berührung; dem Kalbe wurden täglich mehrere Male das Maul und die Nase mit Essig gewaschen; ausser der Zeit der Futteraufnahme war ihm ein mit Terpentinöl eingeriebener Weidenkorb um die Naso geleg-t; das Kalb blieb gesund. Auf einem Besitzthum blieben die Ochsen von der Krank­heit verschont, trotzdem dieselbe ringsherum herrschte; der Verfasser ist geneigt, diese Beobachtung mit dem guten Nährzustande der Thiere zu erklären. Sobald die Krankheit in einem Gehöfte auftritt, werden fast immer sämmtliche Thiere von derselben ergriffen; doch ist diese Regel nicht ohne Ausnahme. Vicq d'Azjr ist der Ueberzeugung, dass Pferde, Maulthiere, Esel, Hunde, Katzen, Schweine, Schafe und Ziegen für die Rinderpest nicht empfänglich seien. Die vergrabenen Cadaver können lange Zeit ansteckungsfähig bleiben. Vicq d'Azyr impfte mit Stückchen Haut und Fleisch von den Cadavern pestkranker Rinder, welche länger als drei Monate verscharrt waren und bewirkte eine Ansteckung der Thiere. Hinsichtlich der frischen Häute pestkranker Thiere fand er die Angabe des Marquis de Courtivron bestätigt; bei 8 Kühen wurde das Auflegen von solchen Häuten auf den Rücken viermal wiederholt; aber die Thiere blieben gesund. Bei 6 gesunden Ochsen wurden versuchs­weise die von den Wärtern pestkranker Thiere gekauften Kleider auf den Rücken gebunden, worauf 3 derselben in die Krankheit verfielen. Vicq dAzyr machte auch Versuche mit dem contagiösen Dunst (Vapeurs vireuses), welcher in der Bauchhöhle und in den Eingeweiden aufgefangen und in Gcfässen verschlossen wurde; die Gefässe wurden in die Nasen­löcher gesteckt und dann geöffnet; nach 10, 12 und 15 Tagen erkrankten die Thiero an der Pest. Wasser, welches Contagium enthielt, und Brod, welches in Blut oder Galle postkranker Thiere getaucht war, brachte bei den Versuchslhieren nach 5, 6 und 8 Tagen die Krankheit hervor.
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Dagegen konnte eine Ansteckung' nicht herbeigeführt werden durch blosses Reiben der Haut mit den Händen, welche in ansteckungsfähige Flüssigkeiten getaucht waren, oder mit Heu oder mit Häuten von kranken Thieren; nur in einem Falle brach die Krankheit aus; der Verfasser glaubt aber, dass das Thier in anderer Weise mit dem Contagium be­haftet worden sei. Fast alle von Vicq d'Azjr geimpften Rinder sind zu Grunde gegangen; doch will er gleich Camper sich überzeugt haben, dass die Krankheit bei jungen Thieren einen milderen Verlauf nehme, als bei älteren. In Zeiten, in denen dieselbe einen bösartigen Character hat, ver­laufe die Impfung auch bösartig. Oegenüber den günstigeren Resultaten, welche in Holland mit der Impfung erzielt wurden, versichert Vicq d'Azyr ausdrücklich, dass er bei seinen Versuchen sich der grössten Vorsicht be-fleissigt habe. Tragende Kühe, welche von selbst abortirten, sind genesen; aber alle Kühe, bei welchen durch Entzündung erregende Mittel der Abortus hervorgebracht wurde, sind gestorben. Alle Rinder werden nur einmal von der Seuche befallen. Die Ansteckung erfolgt am sichersten und schnellsten, wenn das Contagium mit den Nahrungsmitteln oder dem Getränk verschluckt wird. Ebenso sicher, aber weniger schnell erfolgt die Infection von der Nase (auf dem Wege der Einathmung). Vicq d'Azyr hat auch viele Versuche zur Ermittelung der Wirksamkeit von Heilmitteln gegen die Seuche gemacht. Er errichtete förmliche Thier-spitäler, um die kranken Rinder zu behandeln. Die hierbei gemachten Erfahrungen haben aber nur bewiesen, dass die von anderen Seiten empfohlenen Mittel den erwarteten Nutzen nicht mit sich bringen. Die Verabreichung von Essig und Gel, letzteres zur Erweichung des harten Mageninhaltes schien einigermassen nützlich zu sein; auch der Aderlass wird gerühmt; nicht selten wurden aber die kranken Rinder ohne den­selben gesund. Bei manchen Thieren, die in der Genesung begriffen waren, stellte sich ein Rückfall mit tödtlicliem Ausgange ein.
Nach den weiteren Berichten von Vicq d'Azyr verlief die Seuche in der Gegend von Toulouse sehr gutartig. Einmal starb von 15 Rindern nur eins; zwei erkrankten gar nicht und die übrigen zwölf hatten blos am Durchfall gelitten, aber noch fortwährend Getränk zu sich genommen; sie wurden in einer Zeit von fünfzehn Tagen wieder gesund. Der Ver­fasser hat ausser diesem Falle noch eine grosse Zahl von Orten benannt, in welchen die Seuche einen ebenso milden Verlauf bekundet habe. In der Gegend von Tarbes trat die Seuche in vielen Wirthschaften sehr milde, in anderen sehr mörderisch auf. Mehrere Dörfer verloren bis auf wenige Haupt alle Rinder. In zwei Viehstiinden von 9 bez. 7 Haupt überstanden je 4 Thiere die Krankheit, während die anderen erlagen. Von einem Dorfe ist angegeben, dass 200 Rinder gestorben und 480 ge­nesen seien. Ob diese Beobachtungen sich in der That sämmtlich auf die Rinderpest oder auf mehrere Krankheiten beziehen, lässt sich aus den
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Beriohten des Verfassers nicht mit Sicherheit entscheiden. Ich finde indess keinen ausreichondeu Grund, die Richtigkeit der Angaben zu leugnen, zumal der Verfasser vermöge seiner reichen Erfahrung die Krank­heit sehr gut zu diagnosticiron verstand.
Vioq d'Azyr hat zur Bezeichnung der Krankheit die Namen der „Pockenseuchequot;(EpizootiovarioIeuse) und „Pockonpestquot; (Feste varioleuse) eingeführt. Wie frühere Autoron, so ist auch er in dem Vorurthoil befangen, dass der Hautausschlag und die Erosionen auf den Schleimhäuten eine kritische Bedeutung hätten.
Zvveckmässig war die vom Verfasser ausgegangene Aufstellung des heute noch richtigen Lehrsatzes, dass es für die Diagnose der „Pocken­pest der Rinderquot; kein pathognomisches Symptom gebe, dass vielmehr die Wissenschaft in der Reihenfolge und in der Verbindung verschie­dener Symptome, sowie in dem Ausgange der Krankheit die Mittel zur Feststellung der Seuche finden müsse. Er hat auch die Erscheinungen einer Reihe von Krankheiten besprochen, welche nach seiner Ansicht mit der Rinderpest verwechselt werden können. Er rechnet dazu; 1. ein „anhaltendes oder synochales Fieber;'- 2. die durch den Genuss einer übermässigen Menge von Futter entstehende „wahre Plethoraquot;; 3. die Folgen eines zu schnellen und zu lange fortgesetzten Treibens der Rinder; 4. die acute Blähsucht (Tympanitis); 5. ein plötzlich, namentlich in der heissen Jahreszeit auftretender Hautausschlag, der in wenigen Tagen wieder verschwinde; 6. die einfache Magen-und Darmentzündung; 7. die Ruhr (Dysenterie) der Rinder1); 8. eine grosse Schwäche nach dem Ge­bären; 9. die brandige Bräune; 10. die bei der brandigen Bräune vor­kommende Lungenaffection.
In den Jahren 1774 und 1776 erschien die Rinderpest auch in der Gegend von Amiens, wohin sie wahrscheinlich von Brabant eingeschleppt war. Von den Behörden wurde genau nach den von Vicq d'Azyr ge­gebenen Instructionen die Tödtung der Thiere und die Desinfection zur Ausführung gebracht, wodurch die Calamität in kurzer Zeit ihr Ende erreichte.
So werthvoll die Beiträge sind, mit welchen Vicq d'Azyr die Kenntniss der Rinderpest bereichert hat, so können doch seine irrthüm-lichen Mittheilungen hier nicht ganz übergangen werden. Er behauptete z. B., dass es nützlich sei, gesunde Rinder in Orte zu bringen, in welchen die Seuche vorher geherrscht habe und erloschen sei. Ferner empfahl er ähnlich wie in Holland und im westlichen Deutschland (vgl. S. 109) angerathen war, mit den gesunden Rindern einen öfteren Wechsel des
') Sehr walirscheinlich hat Vioq d'Azyr die moiston der von ihm hier be-liauptoten Krankheiten nicht nach eigenen Wahrnehmungen geschildert. Hin­sichtlich dor Ruhr drückt er sich vorsichtig aus. „II parait, qu' il sorait possible do coufondre I'dpiZOOtie avec la dysonterie dos bestiaux.quot;
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Standortes vorzunehmen. Von •fi'össerem Nachtheil war scino Ansicht, dass dio Krankheit durch verschiedene Heilmethoden mit Nutzen behandelt werden könne. Hierdurch wurden die ländlichen Besitzer immer von Neuem zu unfruchtbaren Kurversuchen verleitet. Er erzählt, dass bei dem perineiüsen Verlaufe der Seuche im Jahre 1774 ohne Behandlung-von 60 kranken Thieren kaum eins mit dem Leben davon gekommen und dass durch Befolgung1 dor besten Heilmethoden zuweilen der achte Theil, aber niemals mehr gerottet sei.
Als die Kinderpest im Juli 1779 sich von Neuem im nördlichen Frankreich, namentlich in der Picardie verbreitete, wurde Vicqd'Azyr wiederum mit der Anordnung der erforderlichen Massregeln beauftragt. In seiner Beschreibung1) der Seuche und ihres Verlaufes sind die Er­scheinungen der Rinderpest unzweideutig angegeben. Aber merkwürdiger Weise spricht sich der Verfasser dahin aus, dass die Krankheit nicht mit der von ihm 1774 und 1775 beobachteten Seuche identisch, sondern ein „ansteckendes Faulfieberquot; (fievre putride contagieuse) sei, dessen krankhafte Störungen sich gleichzeitig auf die Bauch- und Brust-organo erstreckten. Während bis dahin beim Herrschen der Rinderpest irrthümlicher Weise gewöhnlich viele andere Erkrankungsfälle der Seuche zugerechnet waren, wird hier dieselbe vollständig verkannt und für eine besondere Krankheit ausgegeben. Im Laufe des gegenwärtigen Jahr­hunderts haben sich zuweilen die massgebenden Sachverständigen des gleichen Irrthums schuldig gemacht. Vielleicht hat Vicq d'Azyr ebenso, wie diese, die zuerst untersuchten Krankheitsfälle unrichtig beurthoilt und später aus subjeetiven Gründen seine Ansicht nicht ändern wollen. Die Seuche soll durch Ueborschwemmungen, grosse Hitze und damit verbun­dene Austrocknung des Bodens, verdorbenes Futter etc. entstanden sein. Die Verbreitung derselben durch Uebertragung wird sehr genau erörtert.
In zehn Gemeinden (Paroisses) herrschte die Krankheit vom 10. Juli bis zum 7. September 1779. An derselben verendeten 385 Kinder; es wurden geheilt 263; es blieben als krank in Behandlung 68 und es wurden gar nicht befallen 821 Rinder. Strenge militärische Absperrung der verseuchten Ortschaften, Vergrabung der Cadaver auf 8 Fuss Tiefe und Desinfection der Ställe und Gehöfte unter Aufsicht von Thierärzten, deren Eifer und Geschick der Verfasser besonders belobt, brachten die Krankheit zum Erlöschen. Zur Behandlung der Rinder wurden ziemlich dieselben Präservativ- und Heilmittel benutzt, welche Vicq d'Azyr auch in seinen früheren Schriften empfohlen hat. Hunde und andere Thiere,
') Precis historiques de la maladie öpizootique, pui a rögnö dans La ffönöralite do Picardie on 1779; par Yicq d'Azyr. Mömoiros do la Society royalo do Me-docino, annöo 1779. Dio Abhandlung ist auch abgedruckt in: Instr. et obsorv. par Chabort, Flaudrin ol Hazard vom Jahre L' der Republik. S. 166 und bei Dupuy (4).
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#9632;welche die Krankheit verbreiten konnten, mussten festgelegt oder ge-tödtet werden. Der Dünger aus den Krankenställen wurde vergraben, das Stroh verbrannt und die Ställe mit kochend heissem Wasser gerei­nigt. Es bestand hiernach, wenn man von der Behandlung der kranken Rinder absieht, das Tilgungsverfahren in der Anwendung derselben Massregeln, die auch gegenwärtig vorgeschrieben werden müssen.
Der Vollständigkeit wegen muss ich hier noch eine correcte fran­zösische Arbeit aus jener Zeit besprechen, welche später fast vollständig-vergessen ist. Die medicinischc Gesollschaft zu Paris hatte in einer Preisaufgabe die Beantwortung folgender Fragen verlangt: 1. Lässt sich durch eine genaue Beschreibung der Symptome feststellen, zu welcher Krankheitsfamilie die von 1775 bis 1776 im nördlichen Frankreich auf-getreteneViohseuche gehört; 2. Wodurch unterscheidet sich diese Krank­heit von denjenigen dieser Familie, welche seit 10 Jahren geherrscht haben; 3. Worin kann die Ursache bestehen und auf welchem Wege wird die Krankheit verbreitet; 4. Giebt es festgestellte Thatsacben, welche beweisen, dass die Luft zur Verbreitung beiträgt; 5. Welche Heilmittel haben am meisten Erfolg gehabt?
Am 27. Januar 1775 wurde De Berg der Preis zuerkannt für eine Abhandlung, welche in den Memoires de la Societe roy. de Paris 1778 und im Auszüge von Dupuy (4) veröffentlicht ist. Der erste Theil der Arbeit enthält eine Beschreibung der Krankheit und ihrer Symptome. Bis zu 5 Tagen nach der Ansteckung zeigen die Thiero nichts Krankhaftes. Ein Rind kann, wenn es auch noch nicht offen­bar krank ist, gesunde oder nicht durchgeseuchte Rinder anstecken. Das Stcrblichkeits-Verhältniss ist nicht immer gleich. Die Heftigkeit der Krankheit scheint allmälig abzunehmen, aber die ansteckende Eigen­schaft derselben geht zu keiner Zeit verloren. Alle Rinder, die noch nicht durchgeseucht sind, werden angesteckt, wenn sie mit kranken in einem Stalle stehen. Es sterben gewöhnlich neun Zehntel, zuweilen aber nur drei Viertel oder zwei Drittel, einige Male selbst nur die Hälfte der Rinder eines Dorfes oder eines Kantons. Wie der Verfasser unter Bezugnahme auf eigene Erfahrungen nachweist, ist die Meinung ganz unbegründet, dass der relativ günstige Verlauf der Krankheit durch den Gebrauch von Arzneimitteln veranlasst werde. Er will aber wahrge­nommen haben, dass die Seuche in sumpfigen Niederungsgegenden bös­artiger aufgetreten sei, als in hochgelegenen, trockenen Ortschaften. Im Uebrigen starben von den Beständen, welche mit grosser Sorgfalt ärztlich behandelt wurden, zuweilen mehr Thiere, als von denjenigen Heerden, welche man gar nicht mit Arzneimitteln behandelte. Uebereinstimmend mit vielen älteren Autoren erklärt auch De Berg, dass ein von der Rinderpest genesenes Thier zum zweiten Male nicht angesteckt wird. Das Gegen theil hat er niemals beobachtet und er meint, dass, wenn der-
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artige Fiillo vorkämen, sie jedenfalls noch seltener sein würden, als bei den monschlichen Pocken. In den Kantonen, in welchen das Vieh auf den Weiden ist, verbreitet sich die Seuche sehr schnell. Mit dem Ende der Weidezeit hört sie auf. Wenn der Besitzer eines kranken Vieh­standes mit einem Besitzer, welcher in einem anderen Orte wohnt, ver­wandt ist, so wird die Krankheit in Folge dos Familien-Verkehrs sehr leicht verschleppt. Wer diese Verbreitungsweise nicht kennt, vorfällt leicht in den Irrthuni, class die Seuche sich sprungweise von Ort zu Ort verbreite. In den Kantonen, in welchen der Vielihandol nicht streng untersagt wird, macht die Krankheit grosso Fortschritte, weil die inficirten Rinder zu jedem Preise verkauft werden.
Dass die französischen Besitzer bei der allgemeinen Nothlage zum eigenen Schaden auch dem Aberglauben huldigten, geht aus einer Be­gebenheit hervor, welche De Berg initthoilt. In einem Dorfo im Ilenne-gau wurde das gesammto Rindvieh (2,'i3 Haupt) aus allen Ställen mit Ausnahme von 11 Rindern, welche in einem abgelegenen Stalle standen, auf den Kirchhof gebracht. Wie man in Frankreich vielfach glaubte, sollten die Thiere hierdurch vor einer Ansteckung gefestigt werden. Unter den zusammengebrachten Rindern befanden sich aber 3 oder 4 kranke. Obwohl die Gemeinschaft auf dem Kirchhofe nur eine Stunde gedauert hatte, so kam die Krankheit doch bei allen Rindern innerhalb einer Zeit von 4 Wochen zur Ausbildung. Nur die 11 in einem abge­legenen Stalle zurückbehaltenen Rinder blieben verschont.
In jener denkwürdigen Zeit der Rinderpest-Invasionen in Frankreich erschien das berühmte Werk von Pan let (2). Dasselbe enthält eine auf selbständige Studien gestützte kritische Darstellung der Thierseuchen und ihrer Verheerungen seit den ältesten Zeiten. Der Verfasser wurde zur Bearbeitung des Buches auf Anregung der königlich französischen Regierung bestimmt, welche durch dasselbe eine Klarheit in die Be-urtheilung der verderblichen Thierkrankhoiten zu bringen hoffte. Dass Faulet die vielen Invasionen der Rinderpest nicht sämmtlich als zu einer einzigen Krankheit gehörig erkannte, fällt weniger seiner persönlichen Einsicht, als der unfruchtbaren Richtung der Wissenschaft zur Last. Eigene Erfahrungen über die Rinderpest hatte der Verfasser wohl kaum. Seine Darstellung bezeugt aber durchweg, dass er die in der Literatur bekannt gewordenen thatsächlichen Beobachtungen Anderer mit wissen­schaftlichem Verständniss beurtheilte. Die Bemerkungen, mit welchen er die verschiedenen, über die Viehseuche ausgesprochenen Ansichten er­örterte, haben zur Beseitigung mancher Vonirtheile und incorrecter Theorien viel beigetragen. Von der Natur der Rinderpest und den Prin-eipien ihrer Bekämpfung hatte Faulet im Wesentlichen dieselben An­sichten, welche Vicq d'Azyr priieisirt hat. Für die spätere Literatur der Rinderpest ist sein Buch fast ausschliesslich die Quelle gewesen,
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aus welcher die Daten zur Aufstellung von historisohon Berichten über die Verheerungen der Seuche entnommen sind.
Einen nicht zu unterschätzenden Werth haben auch die Zusätze, welche Rumpelt der deutschen Uobersotzung' des Buches hinzufügte. Durch dieselben wurde die Arbeit von Paul et, sowohl in historischer, als in wissenschaftlicher Hinsicht vervollständigt. Nur wenige seiner Zeitgenossen verstanden es, wie Rumpelt, die Grenzen zwischen den sicher festgestellton Kenntnissen von der Rinderpest und den contro-verson, erst durch weitere thatsäcbliche Prüfung zu entscheidenden theoretischen Behauptungen zu bezeichnen.
Einige Verwirrung für die wissenschaftliebe Betrachtung der Rinder­pest erregte das systematische Werk über die Thierarzneikundo von Vitet,1) in welchem die bis dahin bekannt gewordenen Invasionen der Seuche generell als besondere Arten der Pest der Ilausthiere abgehandelt sind. Daneben ist aber die Rinderpest auch unter dem Namen der an­steckenden oder epidemischen Ruhr beschrieben worden. Das Kriterium der Ruhr findet Vitet in der Entleerung blutiger Excremente. Er unter­scheidet eine gutartige und eine ansteckende Ruhr (1. c. II. Thl. 2. Bd. S. 359). Durch die Darstellung Vitet's wurde die später allgemein verbreitete irrthümliche Meinung, dass es ausser der Rinderpost eine anstockende Ruhr bei Rindern gebe, angeregt. Für die Diagnose der Rinderpest ist diese Lehre lange Zeit hindurch ein erschwerendes Moment gewesen.
Trotz aller Verheerungen, welche die Rinderpest nachweislich durch Ansteckung herbeiführte, war der Gedanke von der Selbstentwickelung der Krankheit doch so bestrickend, dass immer von Neuem nach der vermeintlichen ersten Ursache derselben geforscht wurde. Der öster­reichische Physikus Sagar2) meinte, dass vorzugsweise der Genuss von befallenem Futter die Krankheit hervorrufe. Selbst der vorurtheilsfreie Anonymus, welcher den Verlauf der Rinderpest in einigen Kreisen der Altmark (Stendal, Tangermünde und Arneburg) erzählt (40), hat sich von der Vorstellung nicht befreien können, dass die Einflüsse schlechter Nahrungsmittel und einer ungeeigneten Luft zur Entstehung der Rinder­pest beitragen müssten. Diese Ansicht in der sonst nicht werthlosen Schrift knüpft an die Meinungen an, welche Lent in in einem kleinen Buche3) niedergelegt hatte. Eine von Lentin als Geheimmittel ver­triebene und zur Fornhaltung und Heilung der Seuche vom Publicum in Hannover und Thüringen während der Jahre 1775 und 1776 vielfach
') Medicine vöterinairo par Vitot. Lyon 1771. Deutsch von Henneborg 1785. 2) Abhandlung von dem Mohlthau als der grösston Ursache dor Hornvieh-souche. Wien 1775.
#9632;#9632;') Vorbauungskur gegen dio Ilornviohsoucho. Oültiiigon 1776.
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benutzte Arzneimischling bestand (verg'l. 41 S. 240) ans Quecksilber­sublimat, Zucker und Kampfer mit einem geringen Zusatz von Zinnober und llirschhornöl. Viol Zutrauen als Präservativ- und Heilmittel fand auch noch immer das Kochsalz, dessen Empfehlung sich von Hüpsch in einer besonderen Schrift') angelegen sein Hess. Vorurtheilsfreie Land-wirthe hatten indess schon festgestellt, dass der acht Wochen hindurch fortgesetzte Gebrauch von Kochsalz die Erkrankung an der Seuche nicht verhindern konnte.2) In einer Verordnung des Ober-Collegium medicura zu Berlin vom Jahre 1772 wurde der Rath ertheilt, den kranken Thieren saure (wilde) Aepfel zum Futter zu geben.
Die Nachtheile, welche die Rinderpest in der Altmark verursachte, hat ein ungenannter Verfasser, der dem ärztlichen Stande angehörte,3) ausführlich geschildert (40). Obwohl die Bestimmungen des Preussi-schen Seuchonedicts von 1769 überall angeordnet wurden, so verbrei­tete sich die Krankheit doch sehr bald, weil sie von den Besitzern, die sich sonst der freien Verfügung über ihre Thiere entäussert sahen, verheimlicht wurde. In den Orten Uchtorf, Mahlpfuhl und Brunkau wurden beim Ausbruch der Krankheit 280 Rinder nach vorheriger Abschätzung ihres AVerthos von der Behörde getödtet. Die Entschä­digung der Besitzer liess König Friedrich der Grosse aus seiner Schatulle bestreiten. In Stendal musste auf Anordnung des Magistrats die Behandlung der Rinder durch einen besonders berufenen Wund­arzt genau nach dem Viehseuchen-Patent ausgeführt werden. Meistens wurden Haarseile und saure Getränke angewandt. Wie überall so Avar auch hier die Behandlung erfolglos. Ein Theil der Eigenthümor folgerte aus dem Kopfschütteln der kranken Thiere, dass der Wundarzt dieselben vergeben (bezaubert) hätte. Die Besitzer in den ländlichen Ortschaften benutzten, trotzdem sie sich immer von Neuem in ihrer Er­wartung getäuscht sahen, die empfohlenen Arzneien in der blinden Zu­versicht, dass endlich ein heilbringendes Mittel durch einen glücklichen Zufall gefunden werden könne. Eine Arzneimiscluing, die aus 18 meistens pflanzlichen Ingredienzien zusammengesetzt war, besass grossen Ruf. Sogar dem betrügerischen Vorgeben, die Seuche mit sympathetischen Kuren abwenden zu können, schenkte ein Theil des Publicums Gehör.
Der ungenannte Verfasser hat seiner Schrift einige theoretische Be­trachtungen einverleibt. Er constatirt, dass der eigentliche Name, welche der Krankheit am besten gegeben werde, noch nicht vereinbart sei.
•) Freyherr von Hüpsch. Patriot. Vorsclil. die Ausbreitung' dor Hornvieh-souche auf eine leichte und wohlfeile Art zu verhindern etc. Frankfurt a. M. und Köln 1776.
-) Vergl. Anweis, zur Wartung dos Hornviehes in Absicht der Seuche. Von einem Landmann an der Nieder-Weser. Bremen 1772.
8) Nach Engelmaun's Bibl. veter. ist K. F. Udon der Verfasser.
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Wegen ihrer Aehnliclikoit mit den monsclilichen Pookou hält er dio Seuche für ein „Blatterfieber1'. Dio Ansichten anderer Autoren, welche die Krankheit thoils für ein .,l)ösartig'es Magenfieberquot;, theils für „ein bösartiges Flussfiobor (Catarrhalfieber)'1, theils für ein „Gallonfieberquot;, theils für eine Blutstockung (die Wirkung eines „ge-rinneninachenden Fermentsquot;) und theils für ein „Faulfieberquot; ausge­geben hatten, hat der Verfasser in längeren Ausführungen zu #9632;widerlegen gesucht.
In den Schriften über die Rinderpest Avar wiederholt betont worden, dass zur Erkrankung' an der Seuche eine besondere Empfänglichkeit er­forderlich sei. Nach der Anleitung dieses theoretisch richtigen Satzes verfiel man auf den unfruchtbaren Plan, die Rinder durch Stärkung ihrer constitutionellen Widerstandsfähigkeit für die Ansteckung unempfänglich zu machen. Am meisten ist in dieser Richtung das Schwemmen der Rinder und das wiederholte Hegiessen derselben mit Wasser empfohlen und angewandt worden. Die Königliche Ost-Preuss. Kriegs- und Domainen-kammer Hess das Verfahren als ein Präsorvativmittel gegen die Seuche unterm 6. October 1775 von Amtswegen bekannt machen. Einzelne Au­toren haben die angebliche Wirksamkeit des täglichen Schweiumens mit der Hypothese zu begründen gesucht, dass der Aufenthalt der Rinder in warmen Ställen die alleinige Ursache der Seuchenkrankheiten sei. Salchow, dessen Schriften über die Rinderpest durchweg einen Mangel an sachlicher Kritik ei'kennen lassen, erklärte nach den ihm von Laien gemachten Mittheilimgen, dass wenn die neugeborenen Kälber mindestens vier Wochen hindurch die frische Milch aus dem Euter der Mutterkühe tränken, „der balsamische Duft des Euters und der frischen Milch ver-muthlich die ganze Natur des jungen Kalbes dergestalt durchdringe, er­quicke und stärke, dass künftighin nie ein Gift der Rindviehseuche dem­selben schaden könne.quot;l) Diese naive Anschauung eines in amtlichen Stellungen befindlichen Arztes kann auch für die damaligen Zeitverhält-nisse kaum entschuldigt werden.
In Mecklenburg und Dänemark fand dio Einimpfung der Seuche ein­flussreiche Verthckliger. Wie S. 81 angegeben ist, war die Impfung­schon früher in Holland und England, sowie in einigen deutschon Ländern versucht worden. Dass dieselbe nicht immer eine ausreichende Er­krankung der Thiere herbeiführte, hatte schon Vink (32) in seiner Kritik hervorgehoben.
l) U. Chr. Salchow giobt oino kurze, jedoch hinlängliche Anweisung, wio der Riiidviehsoucho auf dio natürlicliBto Art abgeholfen worden könne. Ham­burg 1780.
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Der Pfarrer Elko Alia1) impfte zwei Rinder, welche am 6. Tage nachher leicht erkrankten und am 9. Tage sich wieder gesund zeigten. Als sie einen Monat später in einen inficirten Stall gebracht wurden, erkrankten sie bald darauf von Neuem an der Rinderpest. Camper, welcher der Impfung am meisten das Wort redete, hatte übrigens nicht verkannt, dass die Thiere, Avenn sie vor einer neuen Infection geschützt sein sollten, unter denselben Zufällen erkranken mussten, wie nach einer natürlichen Ansteckung. „Das Thier muss nicht bloss den 5. Tag nach der Einimpfung krank worden und aufhören, zu fressen und wiederzu­käuen. Sondern es muss am driften oder vierten Tage darauf, das ist am neunten oder zehnten Tage nach der Impfung die Nase auslaufen, die Augen roth und entzündet sein; selbst diese müssen mehr oder weniger auslaufen. Das Thier muss von selbst, und zwar etwas schwer, Durchfall bekommen, wenig oder gar keinen Urin lassen und die Scham­lippen müssen bei Kuhkälbern entzündet sein.'1 Camper rioth, den Thiercn vor der Impfung 3 bis 4 Pfund Blut abzulassen und abführende Salze, am 5. Tage nach der Operation wenig Futter und viel Getränk mit Leinsamonmehl zugeben. Erxleben hielt jede vorbereitende Arznei für unnothig. Das von Camper empfohlene Verfahren'2) bestand darin, dass 4 bis G baumwollene, sieben bis acht Zoll lange Fäden mit dem Nasenausflusse eines kranken Thieres durchtränkt und mittels einer Pack-nadel unter die Haut in der Oberschenkel-Gegend gebracht wurden. Camper war der Ansicht, dass junge Kälber und Färsen am leichtesten durchseuchten, während Erxleben sich dahin aussprach, dass nach neueren Erfahrungen die erwachsenen Kühe leichter davon kämen, als das zu junge Vieh. Camper, van Doevern und Münniks hatten 1709 in Groningen und Friesland eine grüssore Zahl von Rindern geimpft und es soll dort besonders die Impfung der Kälber üblich gewesen sein.
Für die Stellungquot;, welche Camper gegenüber der Rinderpest-Impfung einnahm, ist aussor den beiden grössoren Abhandlungen noch eine kleine Denkschrift3) von Interesse, welche er 1777 an die medicinische Gesell­schaft zu Paris einsandte. Camper erklärt, dass stets mehr, als die Hälfte der geimpften Thiere die Krankheit überstanden habe. Auch mit Fleisch, Blut und mit Stückchen Haut sei die Seuche mittels der Impfung von ihm auf gesunde Rinder übertragen worden.
Das köniflflioh dänische Oeconomie- und Commerce-Collog'ium Hess in
') Verhandelingen over do Natuurlyke oorzaken dor Ziokto onder't Rumlvee. to Louwardon 17GÖ. Bl. 155.
2) Vergl. To do (86) S, 6.
:') Mömoiro SUT l'epizootie do la Hollando par Mr. Campor, Associö ötrangor do la Sooiot6 Royalo do Mödooinci ä Paris d. 12 Aout 1777. Eine doutsclio Uebers. dor kleinen Schrift ist im „Magazin dor Vioharznoykunst I. Bd. Wien und Leipzig
1784 S. 3(18 mltgetheilt.
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den drei Jahren von 1770 bis 1772 ImptVorsuohe auf der kleinen Insel Aunöo anstellen, worüber Tode (3ü) beriehtet hat. Man vorfuhr hierbei ziemlich genau nach der Anleitung- Camper's. Die Aufsicht hatte im ersten Jahre Prof. Oeder, in den beiden folgenden Jahren der Wundarzt Wither. 1770 wurden (51 liinder geimpft, von welchen 18 durchseuchten, 42 starben und 1 Thier nicht erkrankte. Von den im Jahre 1771 geimpften 160 Rin­dern wurden ül gesund, 1 geschlachtet und (58 erkrankten gar nicht. Das Ergebniss des im Jahre 1772 an 169 Rindern vorgenommenen Impfver­suches bestand darin, dass 123 durchseuchten, 2 starben und 44 Thiere nicht erkrankton. Tode versichert, dass die nicht erkrankten Thiero auch nach der zweiten Impfung' von der Krankheit nicht befallen seien. Die von Tode reproducirton Angaben Oedor's sind indess nicht ganz zuverlässig. Abildgaard (44 S. 57) erzählt, dass bei diesen Versuchen die meisten Thiere mit Impfmaterie, welche im Jahre vorher gewonnen war, geimpft und wahrscheinlich gar nicht erkrankt seien. Der Kammer­herr von Bnchwald auf Fresenburg in Holstein stellte demnächst Impf-versucho an, die angeblich guten Erfolg hatten. Auf den Gräflich Baudisin'schen Gütern sollen nach einer Angabe Abildgaard's 490 Rinder geimpft sein, von welchen nur 56 Thiero eingingen.
Reinders1) erörtert die Resultate seiner Impfversuche, die in der Haupt­sache mit den Angaben Camper's übereinstimmen. Oft erkrankten die ge­impften Thiere nicht. Sie verfielen dann später der natürlichen Ansteckung und gingen zu Grunde. Der Verfasser fand, dass der Nasenschleim am 2. bis 4. Tage der offenbaren Erkrankung eines Thieres am wirksamsten war. Bei Kälbern, die von durchgeseuchten Kühen stammten und im Alter von 4 bis 9 Wochen, bevor sie in die freie Luft gekommen waren, geimpft wurden, gelangen die Versuche am besten. Nach dem Plane, Avelchen Reinders aufgestellt hatte, bildete sich in Zwolle eine Gesell­schaft von 9 Mitgliedern, welche an Kälbern durchgoseuchter Kühe die Impfung vornehmen liessen. Zu dieser Gesellschaft gehörte der Stadt-medicus Dr. Stolto in Zwolle, von dessen Mittheilungen von Oertzen (43 S. 15) den hauptsächlichsten Theil wiedergegeben hat. Die mit dem Nasenschleim kranker Thiere getränkten Fäden wurden am Schenkel oder an der Hüfte, auf dem Kreuz, in den Ohren oder am unteren Ende des Schwanzes applicirt und am 3. bis 5. Tage wieder entfernt. Fand sich ein starke Geschwulst an der Impfstelle, so wurde dieselbe aufge­schnitten und mit Kalkwassor gewaschen. Von 120 geimpften Kälbern starben 20; von den übrigen erkrankten 12 schwer, 36 gelinde, 44 kaum wahrnehmbar und 8 gar nicht. Die Gesellschaft setzte einen Preis von 40 Ducaten aus für denjenigen, der die meisten von durchgeseuchten
') Wa.irnemingcu pn prooven nicest door inihitingo op hot rmulvoo gedaan. To Groningon 177(i. In doutsclior Uobers. Wesel 1777.
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Kühen geborenen und noch nicht an die freie Luft gekommenen Kälbern sreimnft habe. Der Preis wurde dem quot;'enannten Landmann -G-frrhard Reinders zIT'TiaWwerCiu Groningen, welcher die Operation bei 49U Kälbern mit bestem Erfolge vorgenommen hatte, zuerkannt. Dem Haus­mann Bezuyen, welcher auf eigene Rechnung 31 Kälber mit Erfolg ge­impft hatte, Hess die Gesellschaft 30 Ducaten als Prämie auszahlen.
Der königlich dänische Kammerjnnker von Bülow auf Pratzen be­richtet (42), dass 1777 die Seuche in dem Viehstande seines Ilauptgutes zum Ausbruch gekommen. Es stailben 90 Haupt und nur 7 Haupt ge­nasen. In mehreren Viehbeständen benachbarter Besitzer trat die Seuche viel gelinder auf. Auf dem Gute Niendorf im Amte Neubuokow war sie so gutartig, dass der grilsate Theil der Kinder erhalten blieb und die Nachbarn ihr Vieh dahin trieben, um es durchsouchen zu lassen, was auch mit relativ gutem Erfolge geschah. Durch diese Beobachtungen sah sich von Bülow veranlasst, nach und nach wieder Kindvieh anzu­kaufen und mit dem Rinderpest - Contagium zu impfen. Ein Theil der Versuche fiel recht ungünstig aus; doch wurden im Ganzen von 177 ge­impften Rindern 135 durchgebracht. In einem Falle, der in den vor­stehenden Zahlen nicht inbegriffen ist, wurden 30 „nicht mehr ganz jungequot; Kälber geimpft, die siimmtlich an der Krankheit verendeten. Der Verfasser erklärt diesen ungünstigen Verlauf damit, dass das Thier, von welchem der Impfstoff entnommen war, bösartig erkrankt gewesen sei.
von Gertzen erzählt (43), class in Mecklenburg während des Herr-schens der Rinderpest von 1704 bis 1769 an manchen Orten Proben mit der Einimpfung der Seuche gemacht seien. Zum Theil wurde hierbei ein mit dem Nasenschleim kranker Thiere getränkter Schwamm in eine bis unter die Haut reichende Wunde gelegt; zum Theil wurde das hollän­dische Verfahren angewandt, von Oertzen machte 1766 drei Versuche. Das erste Mal impfte er 2 zweijährige Kälber, von welchen 1 starb. Im zweiten Falle wurden 4 Kinder geimpft, von welchen 2 zu Grunde gingen und 2 durchseuchten. Das dritte Mal geschah die Impfung bei 10 Rin­dern, die sämmtlich an der Seucho verendeten. Ermuntert durch die relativ günstigen Erfolge von Billow's machte von Oertzen im Sommer 1778 auf seinen Besitzungen mehrere grössere Versuche. In einem Falle starben von 24 Haupt Jungvieh nach der Impfung nur 3 Thiere, im zweiten Falle von 24 Haupt Jungvieh aber 16 Thiere. Von 131 mit dem Rinderpest-Contagium geimpften Ochsen kamen 88 mit dem Leben davon, während 43 zu Grunde gingen. Mit diesen Thieren stan­den 20 seit kurzer Zeit tragende Kühe zusammen, die nicht geimpft wurden, aber in Folge der natürlichen Ansteckung erki'ankten. Von diesen 20 Kühen starben nur 5, während 15 wieder gesund wurden.
Die Herzoglich Mecklenburgische Regierung empfahl hiernach unterm 7. Mai 1778 die Rinderpost-Impfung, die demnächst oft ausgeführt wurde.
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Auch in Schwedisch Pomiiieni versuchte man dieselbe, von Oertzea ist der Ansicht, dass sich die Impfung bei Ochsen, bei nicht trächtigen Kühen und bei jungem guten Vieh mit der Aussicht auf günstigen Erfolg aus­führen lasse, dass dagegen hochtragende Kühe und Kälber unter einem halben Jahre ohne grosso Gefahr nicht geimpft werden könnten. Uio Operation, wie sie von Bülow eingeführt hatte, bestand darin, dass auf dem Rücken ein Einschnitt in die von Ilaaren befreite Haut gemacht und nach Sistirung der Blutung ein Faden oder ein Stück Papier mit dein inflcirlen Nasenschleim in die Wunde gelegt wurde, lieber die Wunde legte man ein Harzpflaster, damit das Thier den Impfstoff nicht ablecken konnte. Am 6. Tage nach der Impfung wurde die Wunde ge-Öffnet und der Faden herausgenommen. Wenn die Impfung nicht ge­haftet hatte, so sollte dieselbe wiederholt werden. Die Symptome der Impfkrankheit waren ganz dieselben, wie bei dem natürlichen Ausbruch der Seuche, aber in den meisten Fällen graduell geringer. Die schwer er­krankten Thiere wurden arzneilich behandelt. Bei starker Affection der Rachenhöhle Hess von Oertzen eine Mischung von Salpeter, Honig, Weinessig und Wasser in die Maulhöhle einspritzen. Dass die Impf­krankheit die eigentliche Rinderpest war und die durchgeseuchten Thiere vor einer weiteren Infection schützte, wird durch eine grössere Zahl von Beobachtungen thatsächlich nachgewiesen. Im Ganzen wurden nach von 0 er tzen zu jener Zeit in Mecklenburg 4075Rinder geimpft. Von denselben sind 3241 durchgeseucht und 438 gestorben. 290 Rinder waren zur Zeit der Berichterstattung noch krank und 106 erkrankten gar nicht oder kaum wahrnehmbar.
Dass die Rinderpest-Impfung in Mecklenburg viele Anhänger hatte, ergiebt sich aus der Abhandlung des Herzoglich Schwerinschen Amt­manns Schumacher (48), welcher die Methode genau und unter Bei­fügung' einer Abbildung beschrieben hat. Schumacher befürwortet, zur Impfung die Nasendejecte eines gutartig erkrankten Thieres zu ver­wenden. Die zahlreichen amtlichen Berichte, welche in dieser Schrift mitgetheilt sind, beweisen, dass 1778'und 1779 die Impfung auf vielen Gütern ausgeführt wurde. Während der Erfolg oft sehr günstig war, starben in anderen Fällen die meisten Impflinge. Es war nicht unbekannt, dass die geimpften Thiere im Stadium der Convaloscenz die Seuche ver­schleppen konnten. Durch die landesherrliche Verordnung des Herzogs Friedrich vom 10. December 1778 (48 S. 108) wurde daher für Mecklen­burg verboten, die Impfung in „gesunden Gegenden, wo auf zwo Meilen keine Seuche grassiret,quot; vorzunehmen; das geimpfte und durchgeseuchte Vieh durfte erst nach Ablauf der patentmässigen Frist aus den Inocu-lationsanstalten zurückgetrieben werden.
Auch in der Mark Brandenburg und besonders in der Prignitz wurden während des Jahres 1779 Impfversucho angestellt, obwohl das
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Königlich Proussische Ober-Collegium Sanitatis sich in dorn unterm 28. Februar 1778 abgeg-ebenon Gutachten dahin ausg-esproclien hatte: „dass die Inoculation der Viehseuche thoils sehr bedenklich, theils ganz unan­wendbar zu seyn scheint und class sie eher ab- als anzurathen ist.'- Das Genoral-Direcloriinn hatte durch Verfügung vom 14. Januar 1779 die Versuche erlaubt. Bei denselben soll zum Theil sammtliches Vieh durch­gekommen und in den anderen Fällen soll mir eine kleine Zahl der Thiere gestorben sein. Auch hier erwiesen sich die durchgeseuchten Thiere gegen eine weitere Ansteckung gesichert. Man konnte ihnen Wolle, welche mit dor aus Nase und Augen kranker Thiere abgesonder­ten schleimigen Masse getränkt war, in die Nasenlöoher bringen; sie blieben g-esund, während die neben ihnen stehenden nicht geimpften Rinder der natürlichen Ansteckung mit tödtlichem Ausgange verfielen.1)
Die Bürgerschaft zu Pritzwalk Hess in den Jahren 1780 und 1781 im Ganzen 124 Haupt Rindvieh mit dem Rinderpest-Conlagium impfen. Davon starben nur 15 Thiere. Die günstigen Berichte über das Ergeb-niss der Impfung bestimmten das General-Directorium, eine „Instruction für diejenigen, welche bei der gegenwärtig grassirenden Viehseuche ihre lleerden durch die Inoculation in Sicherheit setzen wollenquot;, d. d. Berlin, d. 11. April 1781 zu erlassen und den Besitzern, welche Vertrauen zu dem Verfahren hätten, die Impfung unter folgenden Bedingungen zu gestatten: 1. Sie durfte nur an solchen Orten, an welchen entweder die natürliche Seuche schon ausgebrochen sei oder welche an einen anderen inficirten Ort unmittelbar angrenzen, vorgenommen werden; 2. Während der Inoculation und noch sechs Wochen nachher sollte der ganze Ort gesperrt bleiben; 3. Die Plätze und Buchten, in denen die Impfung vor­genommen werde, sollton von den Grenzen unangestecktcr Feldmarken und von den Landstrassen entfernt gewählt werden.
Die Königliche Kurfürstliche Regierung zu Hannover hatte den Director der Tlherarzneischule, Ober-Hof-Rossarzt Kersting nach dem Mecklenburgischen und später nach Gartow, der Besitzung des Grafen von Bernstorf entsandt, um die Rinderpest-Impfung kennen zu lernen, Kersting, welcher nachher im Amte Sieke zu Schorlingkamp und im Amte Westen zu Rieda „Vieh von verschiedenem Alter und Geschlechtquot; impfte, hielt das Verfahren für nützlich. Seine „Anweisung, wie die Ein­impfung der Rindviehseuche zu verrichten und was bey der darauf er­folgenden Krankheit zu beachten sey,quot; scheint um das Jahr 1780 ge­schrieben zu sein.-) In derselben ist grösstentheils der Standpunkt
') Vorg'I. von Lamotto. Prakt. Boyträgo zur Karaerahvissonsclmft. IV. Bd. S. 411.
quot;) Ich fand den Bericht Kersting's in: Neue Abliaudl. und Nachr. dor Königl. Grossbr. Churfürstl. Brauusohw. Lüncburglsclion Landwirthsch. Gcsellsch.
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vertreten, welchen von Oertzen priicisirt hatte (vergl. S. 135). Kerstin,^ hebt hervor, dass Saugkälber die eingeimpfte Seuche selten überstehen und dass diejenigen Kühe, welche länger, als vier Monate tragend sind, während der Seuche oder bald nachher abortiren. Ganz fettes Vieh sei in Gefahr zu sterben und ganz mageres habe zu wenig Kräfte, der Krank­heit zu widerstehen. Am besten werde die Impf krankheit von zwei- und dreijährigen Rindern und von Kühen, die vor Kurzem gekalbt haben, überstanden. Von Kersting wird die Gegend der letzten Kippen vor der Hungergrube an der linken Seite als die zweckmiissigslo zum Ein­impfen dos Contagiums bezeichnet. Das ausführlich beschriebene Ver­fahren unterscheidet sich im Uobrigen nicht wesentlich von der Mecklen­burgischen Methode. Dem Nasenschleim wird der Vorzug vor den aus den Augenwinkeln abmessenden Massen gegeben. Der Verfasser erklärt ferner, dass der „Impfeiterquot; von einem leicht erkrankten Thiere genommen werden müsse. Am besten sei derselbe am dritten Tage nach seiner Ent­nahme zu gebrauchen. Doch lasse sich der „Impfeiterquot; bei kühler Witte­rung und zweokmässiger Aufbewahrung acht Tage und selbst drei Wochen wirksam erhalten.
In der ihm eigenen ruhmredigen Art beschrieb Salchow sein Impf­verfahren. ') Er erörtert zunächst die Meinung, dass den gesunden Rindern das Rinderpest-Contagium durch die Impfwunde einverleibt und dass darauf das Virus mittels der künstlich unterhaltenen Eiterung durch die Wunde wieder aus dem Körper herausbefördert werden müsse. Dieser Theorie entsprechend empfiehlt er die mit Nasenschleim oder mit der aus den Augen kranker Thiere abgesonderten Materie baumwollene Fäden zu tränken und in Form eines Haarseils („Impfsohnurquot;) auf dem Schulter­blatt an der linken Seite zu appliciren. Salchow hat von 25 Impfvor-suchen („Durohseuohungskurenquot;) an Rindern verschiedenen Alters die Krankheitsgesohichten mitgetheilt. Von diesen Rindern sind 12 nach der Impfung an der Rinderpest gestorben und 18 genesen. Während die meisten anderen Autoren bei den kranken Thieren eine Reinigung der Maul- und Rachenschleimhaut mit verdünnten Säuren für nützlich erklären, will Salchow von der Bepinselung der Zunge und der Rachen­schleimhaut mit Dleiwasser einen günstigen Erfolg beobachtet haben.
Weiss hat in seiner gekrönten Preisschrift (31) angeführt, dass im Jahre 1768 in verschiedenen holländischen Provinzen von der natürlichen
zu Cello. I, Bd. Hannover 1794. Dersclbo ist ausserdem von K. Günther im Magazin von Gurlt und Hortwig' Bd. 24. Berlin 1858 publicirt worden.
') Vergl. I. U. Chr. Salchow eröffnet seine erfundene, auf Vernunft ge­gründete Heilung und gänzliche Tilgung der Rindviehsoucho. Hamburg 1779 und 2. U. Chr. Salchow erläutert und bestätiget seine untrügliche Durchseuchungs­kur und zeiget zugleich die Richtschnur, nach welcher die Tilgung und gänzliche Ausrottung der Rindviehseucho bewirket worden könne. Bremen 1780.
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Seuche chirchschnittlioh nur 25 Procent, dagegen von der eingeimpften Seuche 40 Procent die Krankheit überstanden hätten. In Ostfrieslancl genasen bei der natürlichen Krankheit 15 und nach der Impfung' 38 Procent. Weiss inachte 1774 wiederum Versuche mit der Impfung', wobei von 100 Stück 49 gebessert wurden. In Folge der günstigen Berichte aus Mecklenburg Hessen auch die Landstände in Ostfriesland 1779 einige Versuche mit der Impfung anstellen. „Allein die zu dem Ende hierher gerufenen mecklenburgischen Inoculateurs waren hierin sehr unglüoklioh.quot; Weiss hat eine Beobachtung von der jahrelangen Wirksamkeit des Con-tagiums mitgethoilt, die ich hier wörtlich wiedergeben will, obschon mir die Richtigkeit derselben trotz der bestimmten Ausdrucksweiso des Ver­fassers zweifelhaft ist, Aus dem Jahre 1774 waren „einige mit Seuchen­materie getränkte Fädenquot; übrig geblieben und in einem verschlossenen Glase aufbewahrt worden. „Ich machte mit dieser, 8 Jahre alten Gift-raaterie, die nicht den geringsten Geruch hatte und völlig trocken war, die ersten Versuche. Am 19. November 1779 machte ich diese trockenen Fäden über den Dunst von hoissem Wasser feucht und zog selbe acht Faden dick zwei zweijährigen Stücken Hornvieh durch die Haut der einen Lende. Dieses Vieh Hess ich aus einer ganz gesunden Gegend holen und auf einen reinen Stall setzen, auf welchem in vielen Jahren kein Vieh gestanden. Am dritten Tage gewann die Impfstelle einige Härte, die in den folgenden Tagen, wie gewöhnlich, doch etwas #9632;weniger zunahm. Am siebenten Tage zog ich die Fäden heraus. Das Vieh blieb bis zum neunton Tage wohl. An diesem bekam es die gewöhnlichen Anfangszeichen der Seuche, nolnnlich es nahm nur halb so viel Getränk als sonst, hatte Rückenschmerzen, etwas trübes Ansehen und zog die hinteren Fussgelenko etwas grader. Am zehnten Tage hörte das Wieder­kauen auf, die Augen entzündeten sich und trieften nebst der Nase, der Husten meldete sich und am elften und zwölften Tage wurden beide Stücke weichleibig und hörton völlig auf, zu fressen. Am dreizehnten Tage nahmen beide etwas Stroh, das Rprützon Hess nach und am fünf­zehnten Tage zeigte sich die Besserung bei beiden merklich.quot; Zur Er­klärung- dieser Beobachtung bezieht sich der Verfasser auf ähnliche Wahrnehmungen bezüglich der Wirksamkeit des Contagiums der mensch­lichen Pocken und der Pest. Während Camper und andere Autoren angeben, class erst am 6. Tage nach der Impfung sich Krankheitser-scheinungon einstellten, hebt Weiss hervor, dass in vielen Fällen, schon am 4. Tage Zeichen der beginnenden Krankheit wahrgenommen seien. Einzelne Thiere vorweigerten am 5. Tage die Aufnahme von Futter und Getränk, während sie am 6. und 7. Tage wieder frasson. Der Verfasser hatte ferner beobachtet, dass der Character der Seuche nicht immer gleich bösartig war. Den Grund diesei* Verschiedenheit glaubt er in einer be­sonderen Körpor-Conslitulion der Thiere suchen zu müssen. Er meint,
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dass die Rinder, welche im Winter mit verdorbenem Futter ernährt würden und im folgenden Sommer last beständig' auf feuchter Erde liegen müssten, ATon der Krankheit weit bösartiger und allgemeiner belallen würden, als die besser ernährten Rinder. Die Rinderpest soll nach Weiss nicht, wie die meisten ansteckenden Krankheiten des Menschen, bei län-g-erem Herrschen gelinder werden. „Die Viehseuche bleibt in ihren Krankheitsfällen immer gleich bösartig, insonderheit zu den Jahreszeiten, wenn die Witterung dem Gesundheitszustände anhaltend nachtheilig ge­wesen.'' Auf diese Ansichten stützt der Verfasser seinen Vorschlag: in einer Zeit, in welcher der bösartige Character der Seuche zu befürchten sei, die Impfung nicht vorzunehmen. Es ist ihm auch nicht entgangen, dass wenn die Impfung nicht allgemein, sondern nur stellenweise durch­geführt werde, sehr viele Viehbestände der natürlichen Infection ausge­setzt seien. Ein besseres Mittel, als die Impfung, findet er in dem Ver­fahren, die Verbreitung der „Seuqhonmatoriequot; durch Isolirung und Tödtung der erkrankten Thiere zu verhindern. Dass das Rinderpest-Contagium durch die Einwirkung der atmosphärischen Luft leicht zerstört wird, hatte Weiss mit Sicherheit erkannt. „Wenn Provinzen und Gegenden durch breite Flüsse und Ströme abgesondert sind, geschieht die An­steckung nicht durch die Luft, sondern durch Verschleppung der Seuchenmaterio und es wird durchgängig nur ein Stück eines Stalles oder einer lleerde zuerst angesteckt.quot;
Abildgaard (44) hat die in Dänemark vielfach versuchte Impfung der Rinderpest eingehend beschrieben und seiner Darstellung eine kurze und im Allgemeinen zutreffende Oharactcristik der Seuche vorausgeschickt. Wie mehrere ältere Autoren, so glaubt auch er, dass der Mangel einer Ausscheidung von Serum aus dem beim Aderlass entleerten Blute, welches drei bis vier Stunden lang gestanden hatte, ein besonderes Merkmal der Rinderpest sei. Der Irrthum wird dadurch erklärlich, dass thatsächlich die Gerinnung des Blutes gesunder Rinder erst in der neueren Zeit all­gemeiner bekannt geworden ist. Nach den Angaben Abildgaard's erkrankten die Thiere zuweilen beim ersten Ausbruch der Seuche ge­linder, als gegen das Ende derselben. Zuweilen war aber das Verhältniss umgekehrt. Bei starkor Kälte und grosser Hitze soll die Krankheit hef­tiger, als bei milder und kühler Witterung gewesen sein. Sie soll sich leichter im Winter als im warmen Sommer verbreiten. Mit dieser Be­hauptung ist der Verfasser den Mittheilungen holländischer und franzö­sischer Fachmänner direct und meines Erachtens ohne Grund entgegen­getreten. Bei seinen Impfversuchen fand Abildgaard, dass wenn „die in Ansteckungsmaterie getauchten Fädenquot; zuvor bis auf 150 Grad Fahren-heid erwärmt wurden, die Impfung nicht haftete. Auch in Däne­mark hat man damals bei dem mehrjährigen Fortbestehen der Rinder­pest die Erfahrung gemacht, dass sich die Krankheit zuweilen durch
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einen relativ günstigen Verlauf ohamoterlsirt. Abildgaard erzählt, class in oinom Falle von V,\2 Haupt Jungvieh 80 durchseuchten; in einem zweiton Falle genasen von 49 kranken Kühen 22, in einem dritten Falle von 228 kranken Kühen 68 Haupt. Sehr oft war die Krankheit aber so heftig, dass von 100 Haupt nicht 8 gerettet wurden. Obwohl der Verfasser die mothodischo Behandlung der kranken Thiere schildert, so hat er zu dem Erfolge derselben doch wenig Vertrauen. Er glaubt, dass bei jeder Rindviehkrankheit, bei welcher das Wiederkauen aufhört, der Inhalt des dritten Magens eintrockne und dass hierdurch der Durchgang von Futter und Arzneimitteln aus den ersten Mayenabtheilungen ver-hindert werde. Versuchsweise hatte er den kranken Thieren pulverisirte Krappwurzel mit Wasser eingegeben und jedesmal einige Tage nachher bei der Section gefunden, dass die rothe Mischung grösstontheils im ersten Magen geblieben war. Nur eine geringe Menge war in die Haube gekommen. Im dritten Magen wurde Nichts von dem Alittel gefunden. Hieraus folgert der Verfasser, dass von den nach Aufhören der Rumi­nation angewandten Arzneimitteln eine* Wirkung nicht eintreten könne, weil dieselben im ersten Magen sich mit Futter und Wasser vermischten und unverändert verblichen.
Abildgaard beschreibt die Impfversuche, welche 1778 und 1779 auf den Inseln Langeland, Laaland und Seeland, sowie in einem Hol­steinischen Dorfe grösstentheils auf königliche Rechnung angestellt wurden. Von 1109 Rindern starben 581 und 38 erkrankten nach der Impfung gar nicht. Einige der letzteren vorfielen aber spater der natür­lichen Ansteckung. Der Verfasser hat wie andere Autoren vor ihm die Beobachtung gemacht, dass nicht selten einzelne Rinder zwischen den pestkranken Thieren sich befinden und gegen die Ansteckung ganz un­empfänglich bleiben, dass aber dieselben Rinder ein halbes Jahr nachher oder noch später von dem Contagium inücirt werden können. Den glück­lichen Erfolg der Impfung macht er vor Allem von der Auswahl guter Impfmaterio abhängig. Mit dein am zweiten oder dritten Tage der offen­baren Erkrankimg abfliessenden Nasenschleim oder mit der Tiiränen-llüssigkeit soll ein Büschel baumwollener oder gewöhnlicher Zwirnfäden getränkt werden. Diese Büschel seien in einem Glase zu verschllessen und an einem kühlen Orte aufzubewahren. Der Ansfeokungsstoff bleibe dann 8 bis 14 Tage wirksam. Im Sommer verliere derselbe seine Keim­fähigkeit schneller, als im Winter. In einzelnen Beispielen habe die Impfung mit Materie, die einen Monat alt war, noch gehaftet. Rinder, die 1 bis 4 Jahre alt sind und noch nicht gekalbt haben, überstehen die Krankheit am leichtesten. Bei tragenden Kühen sei die Impfung ge­fährlich. Abildgaard erklärt, dass an jeder beliebigen Stelle der Haut die Operation gemacht werden könne; die fleischigen Partien des Körpers seien aber die geeignetsten Stellen. Zuweilen beobachtete der Verfasser,
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dass die Thiere nach der Impfung zu der gewöhnlichen Zeit nur in leichtem Grade erkrankten, aber später — am 21. oder 22. Tage nach der Einimpfung' — eine heftige Affection der Seuche bekundeten. Er empfiehlt die Impfung nicht als das ausschliessliche Rettungsmittol gegen die Rinderpest; wenn aber die Seuche bei ihrer allgemeinen Verbreitung unvermeidlich sei, so erscheine die Impfung bei gleichzeitiger Anwendung der entsprechenden Vorsichtsmassregeln vortheilhaft.
Treffliche Urtheile über die Pathologie der Rinderpest und über die Massregeln zu ihrer Bekämpfung veröffentlichte der österreichische Physikus Dr. Adarai (45), welcher die Krankheit 1779 und 1780 in Steyennark vielfach beobachtet und auch einige Impfversuche angestellt hatte. Durch die Ergebnisse der letzteren wurde Adami in seiner Ueber-zeugung bestärkt, dass die Verschiedenheiten in den Symptomen und im Verlaufe der Krankheit nur auf zufälligen Eigenschaften des Contagiums beruhen und dass deshalb die nach dem Krankheitsoharaoter gewählten Benennungen der Autoren nicht berechtigt seien. Seine eigene, im Jahre 1771 ausgesprochene Meinung über das Vorkommen verschiedener Rindvieh-Seuchen (Entzündungsseuche, Fiiulungsseuche, hitziges Fluss­lieber, Lungenfäule) erklärte er für irrthümlich. „Sie ist immer eine und dieselbe Krankheit: die wahre Viehseuche oder die Rinderpest.quot; In einer zweiten Schrift des Verfassers (46) sind die wichtigsten Seuchenkrank-heiten der Ilausthiere einzeln dargestellt und die Symptome des Milz­brandes denen der Rinderpest zur besseren Begründung der Diagnose gegenübergestellt worden. Der Verfasser glaubt irrthümlich, dass der Milzbrand durch Impfung nicht übertragen werden könne. Für die Rinder­pest nimmt Adaini die Ansteckung als die alleinige Ursache in Anspruch. Wenn sie bei ihrem ersten Ausbruch nicht unterdrückt werde, so herrsche sie in der Regel längere Zeit, oft mehrere Jahre. In den Sommermonaten erfolge gewöhnlich der Ausbruch. Im Herbst sei die Krankheit am heftigsten, sie werde im Winter seltener und höre im Frühjahr oft ganz auf. Die Vorgänge, welche das Contagium ursprünglich erzeugen können, seien unbekannt. Die Mittel, welche die Verschleppung der Seuche be­günstigen können, und die Gefahren, des Viehhandels für die Verbreitung der Krankheit sind von Adami zutreffend beurtheilt. Entsprechend dieser Auffassung kommt er im Einklänge mit den besten Beobachtern der früheren Zeit zu dem Vorschlage, durch schnelle Isolirung und Tödtung der kranken und inficirten Rinder die Tilgung der Seuche zu bewirken. Nach seiner Meinung soll ein pestkrankes Rind in den ersten beiden Tagen der offenbaren Erkrankung noch nicht im Stande sein, ein ge­sundes Rind anzustecken. Erst mit dem 3. Krankheitstage soll sich der Ansteckungsstoff entwickeln. Wiederholt beklagt Adami, dass die mangel­hafte Durchführung der Polizeimassrogeln und die abergläubischen Vor­stellungen der Viehbesitzer der schnellen Unterdrückung der Rinderpest
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hinderlich seien. „Die Wallfahrten, welche die Landleute zur Abwendung1 der Seuche zu vorrichten pflegen, gleich als der Gebrauch der Anhäng'sel und Amulete, der Lukaszettel, des Walburg'is- und Mariazeller-Kauches, der Palmkätzchon, des Kajetanwassers, Franziskuswachses, Dominikus-gürtols u. dgl. sind unnütze und abergliiubiscbe Diuge, wobey der Bauer die besten natürlichen Mittel verachtet und bey Seite setzt.quot;
Gegen die praktische Yerwerthung der Rinderpest-Impfung sprachen sich in jener Zeit mehrere deutsche Autoren aus. Wo 1st ein (47) be­kämpfte dieselbe, freilich mehr nach theoretischen Gründen. Eigene Ver­suche hatte er nicht gemacht. Nach ihm ist die durch Impfung über­tragene Rinderpest nur dann von einem günstigeren Verlaufe, als die natürliche Krankheit, wenn die Jahreszeit gesund ist. Er ineint über­haupt, dass die grössere Verbreitung einer Seuchenkraukheit, wie schon die alte llippokratische Medicin behauptet hatte, von einer Constitutio annua abhängig sei.
Auch der ungenannte Herausgeber des „Magaz. der Vieharzneik.quot; (1784) erklärte sich gegen die Kinderpost-Impfung.
Für die Preussische Provinz Schlesien wurde in einer amtlichen In­struction1) die sofortige Todtung des von der Rinderpest zuerst befallenen Viehbestandes vorgeschrieben. Die Diagnose sollte von dem gleichzei­tigen Auftreten verschiedener der Seuche angehörender Krankheitszeichen bei einem Thiere abhängig sein. In zweifelhaften Fällen musste eine vorläufige Sperre des Gehöftes angeordnet werden. Wenn aber der drittle Theil dos Bestandes der Krankheit erlegen war, so sollte die unverzüg­liche Tödtung des Restes auf jeden Fall zur Ausführung kommen.
Nachdem die Rinderpest 1781 im westlichen Europa erloschen war, erfolgte schon im Jahre 1784 von Neuem eine Einschleppung nach Ober­italien durch Schlachtvieh, welches auf dem Seewege von Istrien und Dalmatien eingeführt war.2) Ihre Entstehung wurde auf die Unbilden des beschwerlichen Transportes zurückgeführt. Sie wurde erst nach zwei Jahren vollständig' getilgt.
Ueber die Verbreitung, welche die Rinderpest 1788 in Oesterreich erlangte, finde ich bei Sick (63 S. 17) die auf eigene Wahrnehmungen bei seinen Reisen gestützte Angabe, dass in dem genannten Jahre, als Kaiser Joseph II. mit einem Kriegsheere vor Belgrad stand, die Seuche durch den gewöhnlichen Viehhandelsverkehr aus der Wallachei in das Banat und nach Ungarn gelangt sei. Sie erschien Ende Juli in der Ge­bend von Temeswar und machte anfänidich nur g-ering'e Fortschritte.
') Instruction dor Sclilosisolion Kreis- und Stadt-Pliysikor wegen des Todt-schlagons des in der wirklichen Viohseucho erkrankton Viehes. Glogau 1783.
2) Vergl. Bongiovanni. Traltato storico crit. intorno all'male opidom. con-tagioso de buoi dol anno 1784. Vcnez. 1780.
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Bald darauf verbreitete sich die Krankheit aber längs der Militär- und gewöhnlichen Viehhandelsstrasse durch ganz Ungarn nach Oesterreioh und Mähren. Im October -war sie bis quot;Wien und in dessen ganze Um­gebung auf beiden Seiten der Donau vorgedrungen. Sie hatte überall einen beträchtlichen Schaden angerichtet.
In seinem Buche über die Pestkrankheiten (Berlin 1822, S. öl An-merk.) erzählt Sick ausführlich, dass nach seinen eigenen Wahr­nehmungen die österreichischen Behörden sich gegenüber den Verhee­rungen der Seuche sehr nachlässig verhielten.
Wo Istein1) gebrauchte zur Bezeichnung der Seuche neben den üblichen Worten „Löserdürrequot; und „Ruhrquot; den Namen „Magon-souchequot;, welcher später vielfach eine missverständlioho Anwendung ge­funden hat. Der berühmte Thierarzt hat in dem citirten kleinen Buche auch die Merkmale erörtert, durch welche die Rinderpest von dem Krank­heitsbilde der Lungenseuche zu unterscheiden sei.
Auf die Gefahr des Handels mit Podolischem oder Steppen-Vieh machte ein ungenannter Autor-) in der eindringlichsten Weise aufmerksam. Er hul­digt aber derselben inihümlichen Ansicht, die schon früher ausgesprochen war, dass die Podolischen Rinder in Folge des weiten Transportes und der hierbei stattfindenden Erhitzung, vor Allem aber durch den Mangel an Trinkwasser mit der Krankheit behaftet würden. Der Quarantaino legt der Verfasser keinen besonderen Werth bei, Aveil sie sehr leicht umgangen werde. Dagegen behauptet er, dass bei den Rindern, welche den Keim der Krankheit in sich trügen und selbst noch keine äusseren Erschei­nungen zeigten, die Gallenblase schon mit Gallo angefüllt sein soll. Ein geeignetes Schutzmittel sei deshalb darin zu suchen, dass dem Besitzer einer fremden Schlachtviehheerde beim Transport über die Grenze auf­gegeben werde, ein Thier schlachten und von dem diesseitigen beamteten Sachverständigen besichtigen zu lassen. Wenn hierbei die Gallenblase übernatürlich gross gefunden werde, so sei die Ileerde der Quarantaino zu unterworfen. Im anderen Falle könne die Einfuhr gestattet werden. Diese Meinung scheint im 0. Decenninm des vorigen Jahrhunderts sehr verbreitet gewesen zu sein. Der Verfasser der „Veterinariusquot; (Gotha 1780 II. Theil) hatte sich schon dahin ausgesprochen, dass wenn bei einem, aus einer verdächtigen Heerde geschlachteten Rinde die Gallenblase nicht angefüllt gefunden werde, Nichts zu befürchten sei. Wenn aber die Gallenblase abnorm gross sei, so dürfe das Vieh nicht in das Inland ein­gelassen werden. Aehnlich wollte später Faust (52 S. 15 Anmerk.) das
!) Wolstoin. Das Buch von Viehseuchen für Bauern. Pressburg 1789.
-) Erfahrungsmttsslge Abhandlung von den versohiedenen Souchon und Krankheiten des Rindviehes etc. Von dem Verfasser der Berliner Beitriigo zur Landwirthschaftswissenschaft. 2. Aufl. Berlin 17!iü.
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aus Ungarn und Polen eingeführte Rindvieh behandelt wissen, wenn bei einem gestorbenen Thioro verhärtetes Futter im Psalter gefunden werde.
Die im Jahre 1792 zwischen Frankreich und dem übrigen Europa beginnenden Kriege veranlassten die wiederholte Einschleppung der Rinderpest durch ungarisches und russisches Schlachtvieh und das an­haltende Herrschen der Seuche in Italien, in der Schweiz, Oesterreich, Deutschliind und Frankreich. Nach den Angaben Bu niva's (53) waren 17U4 die Verluste an Rindvieh in Italien sehr bedeutend. In Oberitalien starben 1795 gegen 40 000 Rinder an der Seuche. Nach Faust (52 S. .35) sollen 1790 in der Provinz Bologna 19 000 Rinder an der Pest zu Grunde gegangen sein. Die Schweiz und die deutschen Staaten wurden besonders von 1795 bis 1801 heimgesucht. Mit den Truppenzügen verbreitete sich die Krankheit in Westfalen, Hessen, Nassau, Kurmainz, im Elsass, in der Pfalz, Baden, Württemberg und Bayern. Die Stadt Giessen verlor durch die Rinderpost 101 Rinder; 39 Haupt seuchten durch.1)
Fran qua2) erwähnt, dass die von der Seuche im Nassauischen an­gerichteten Verheerungen sehr gross gewesen und dass im Jahre 1796 allein in fünfzehn Ortschaften dos Oberamtes Idstein 590 Rinder an der Pest gefallen seien. Walz (61) hat nach amtlichen Quellen berechnet, dass im Württembergischon innerhalb 6 Jahre 45 026 Rinder an der Pest erkrankt sind. Von diesen überstanden 4706 Rinder die Krankheit; 17 804 starben und 22 516 wurden getüdtet. Im Jahre 1796 erkrankten im Fürstonthum Ansbach 12 500 Rinder an der Pest, von welchen 3200 durchseuchten. Die Gegend von Dillingen verlor bei einem Bestände von 1400 Haupt 1360 Rinder an der Post. Erlangen und dessen nächste Umgebung erlitten in Folge der Seuche einen Verlust von 2940 Rindern. Im Fürstbisthum Würzburg erlagen 25 000 Rinder der Krankheit.
Wohl fehlte es nicht an Belehrungen, in welchen die Viehbesitzer vor jeder Gemeinschaft mit dem den Heeren nachgetriebenen Schlachtvieh go-warntwurdon. Auch die Regierungen der einzelnen Staaten crliessen strenge Massregeln gegen die Verbreitung der Krankheit. Aber es fanden sich überall Personen, welche die Polizeivorschriften umgingen, vonlloven (49) erklärte, dass unter den vielen und mannigfaltigen Liebeln, welche der Krieg über die deutschen Länder gebracht habe, die Hindviehseuche das grössto sei. In demselben Sinne sprechen sich Faust und andere Autoron aus, welche die Verheerungen der Seuche aus eigener Anschauung kennen gelernt hatten. Dor Resident von Schwarzkopf zu Frankfurt a. Main sagte: „diese durch donKrieg herboygobrachte Seuche ist verheeren­der, als der Krieg selbst, als alle Requisitionen, Brandsehatzungen, als
') Vergl, Nebel: DeNosologia brutortun cum hominum morbia oomparata.
Giessao 1798.
-j Gösch, dor Souchon im Ilorzogth. Nassau. 1884. S. 103.
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Fuhren, Eiiiquartiningon, als Pourag'iruiigoii, kurz als alles, was die moderne Kriegsart für Plagen, Uebel und Quälmethoden hervorgebracht hat.quot; (Faust 52 S. 3G.) — Mezler (51) bemerkt, dass von den unbe­schreiblichen Drangsalen, welche Deutschland in jener Zeit zu erdulden halte, die Rinderpost die drückendste gewesen sei. „Die ganze Khein-gegend, ganz Franken, die Oberpfalz, Bayern, Schwaben und Tyrol, auch ein Theil der Schweiz und Italiens lieferten die sohauorlichsten Bilder.quot;
........Man hatte vernünftige und schlechte Thierärzte gebraucht; in
anderen Fällen hat man nichts gebraucht: Alles starb bis auf das quot;Wenige, was die Natur gerettet hat. War ein krankes Thier im Stalle, so war man versichert, dass über lang oder kurz Alles krank wurde. Was konnten nun die Eigenthümer thun, um ihren ungeheuren Schaden einiger-massen zu ersetzen? Viele schlachteten ihr gesundes Vieh, verkauften es an die Metzger oder an ihre Nachbarn; andere — sobald sie merkten, dass die Krankheit in ihrem Stalle erschien — schlugen ihre Thiere todt, sobald sie nicht frassen oder wiederkauten und salzten und räucher­ten sich das Fleisch, womit sie ihre ganze Haushaltung den Winter über füttern konnten.quot;
Die Literatur der Rinderpest wurde in jener Zeit um eine grössere Zahl von Abhandlungen bereichert. Kausch1) sprach sich energisch gegen die präservative Anwendung von Arzneimitteln aus und wollte auch die Impfung nur dann als zulässig gelten lassen, wenn die Krank­heit ähnlich, wie die menschlichen Pocken, allgemein auftrete. Ohne besondere Genehmigung der Staatsbehörden sollte die Impfung überhaupt nicht erlaubt sein. Die schon früher angeregte Versicherung der Rind­viehbestände durch grössere Verbände fand auch in Kausch einen eifrigen Vertreter. — Busch-) lieferte im amtlichen Auftrage eine populäre Beschreibung der Seuche, welche von ihm „Ruhrpestquot; genannt wird. Der Verfasser warnt sehr richtig vor jedem Verkehr mit fremdem Vieh, glaubt aber, dass ausserdem eine zeitweise Desinfection der Luft mit Essig­dämpfen und anderen Mitteln, sowie eine reichliche Ernährung und gute Wahrung zur Vorbauung nützlich seien. Im Uobrigcn empfiehlt Busch strenge Polizeimassregeln und eine „Landassecuranzquot; zur Vergütung des unverschuldet erlittenen Verlustes. — Eine genaue Darstellung der Krankheitssymptome wurde von Haiborstädter,3) Reich1) und Anderen
*) Kamcralprinzipion über llindviolisterben cto. von J. J. Kausch. Berlin 179.'!.
-) Unterricht für den hessisohen Landmann, die gegenwärtig häufig grassirende Löserdürre oder Buhrpest des Rindviehs gründlich zu erkennen etc. von J. I), Busch. Marburg 1796.
#9632;'j Halborstädtor. Ucber die Rindviehpost etc. Würzburg' 179(i.
*) Reich. Richtige und gewissenhafte Belehrung für den Landmann über die Viehseuche und die Inoculation derselben. Zweite Aufl. Nürnberg 1798.
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veröffentlicht. Schon die früheren Autoren (Kauseh) hatten darauf auf­merksam gemacht, dass die Rinderpest sich nicht immer durch dasselbe Krankheitsbild zu erkennen gebe. Reich erklärte die Vorschiedenhoiten in dem Verhalten der Krankheit mit der richtigen Annahme, dass nicht alle Symptome, welche der Seuche eigen sind, bei jodein Thiero sich nothwendig ausbilden müssen. Die meisten Autoren verbreiteten sich ausführlich über die zwockmässigsto Behandlung der Krankheit, gegen welche thoils schleimige Mittel zur Erweichung des im dritten Magen befindlichen harten Futters, theils Sauren, namentlich Schwefelsäure und die Phosphorsäure angeralhen werden. Re i ch empfiehlt auch die Impfung, obschon er selbst nur wenig'e Versuche mit derselben gemacht hatte. Er schliesst sich der Ansicht älterer Autoron an, dass die Krankheit Aolmliehkoit mit den Pocken habe.
Der amerikanische Chemiker Mitch ill1) hatte die Hypothese auf­gestellt, dass die Contagion in besonderen Oxydationen des in der atmo­sphärischen Luft befindlichen Stickstoffs ihre Grundlage hätten und dass dio verschiedenen Souehonkrankhoiten lediglich auf verschiedenen Oxy-dationsstufen des Stickstoffs beruhten. Dieser Hypothese trat Reich be-züg'lioh der Rinderpest bei und wie sich an concrete Krankheitstheorien sehr leicht besondere Heilmethoden anknüpfen lassen, so empfahl auch er auf Grund der bezeichneten Hypothese fettes Gel zum Eingeben, zum Klystir und als Einreibung auf die Haut bei den kranken Thioren. Der Verfasser dachte sich, dass das Oel wegen seines Gehaltes an Wasser­stoff und Kohlenstoff die Wirkungen des oxydirten Stickstoffs verringern sollte. Nach Reich soll sich das Rinderpest-Miasma (der oxydirte Stick­stoff) nur im Orient von selbst entwickeln und von dort stets nach den westlichen Ländern verschleppt werden. Wenn auch diese Hypothese nicht stichhaltig ist, so war die Erklärung doch sehr zeitgemäss, dass joder Autor ein ziemlich übles Licht auf sich werfe, welcher nasse und ungesunde Weiden, schlechtes Futter, Mohlthau, Nobel und Witterung überhaupt. Raupen und andere Unreinlichkeiten für Ursachen dieser Seuche halte.
Gegen die noch immer verbreitete Meinung, dass die Rinder durch Verabreichung von Arzneimitteln vor der Behaftung mit dem Pestcontagium geschützt werden könnten, kämpfte Reich mit rationellen Gründen. Er erklärte wörtlich : „Ich kann es nicht oft genug wiederholen, dass es zu­verlässig kein sicheres Vorbeugungsmittcl der Viehseuche gebe, ausge­nommen die sorgfältigste Vermeidung aller Gelegenheit zur Ansteckung und dass das Vertrauen auf die von Thierärzten und Laien ausposaunten Präservativarzneien zur Verbreitung der Viehseuche am meisten mit bei-
') Remarks on the gaseous oxyd of azoto or of nitrogone and on the effects it produces when generated in the Stomach inhaled into the lungs and applied
to the skin. etc. By S. L, Mitohill. Prof, of Chirnistr.
Newyork 171)quot;). 10*
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trage.quot; Von einer zwockmiissigvii Behandlung kranker Thiere vorspricht sich auch Reich eine gute Wirkung, Allgemein wurde behauptet, class die Rinder im Anfange der Krankheit sehr gefrässig seien und das vor­gelegte Futter gierig verzehrten. Reich theilt diesen Irrthum und meint, dass Tausende von den kranken Thioren lediglich in Folge des Uober-frossens ihren Tod landen.
von Hoven (49) betrachtet die Krankheit als „ein hitziges Fieber von einer so gefährlichen und tödtlichen Beschaffenheit, dass sie mit Recht die Pest dos Rindviehs genannt wird.quot; Immer seien drei Zeit­räume im Krankheitsverlaufe zu unterscheiden: der Zeitraum der An­steckung (stadium infectionis), der Zeitraum des Fiebers (stadium febrile) und der Zeitraum der Schwäche und Fäulniss (stadium debilitatis et putre-factionis). Bei der Darstellung der Sectionsorgebnisse macht der Ver­fasser auf die Blutextravasate aufmerksam, welche sich an verschiedenen Körpertheilen und besonders in den Lungen fänden und nicht als Zeichen von Entzündung oder Brand angesehen werden dürften. Bezüglich dor Aetiologie hat von Hoven die schon früher ausgesprochene Ansicht wiederholt, dass sich bei dem ungarischen Rindvieh theils in Ungarn selbst, theils auf dem Transporte im westlichen Europa eine eigenthüra-liche Krankheit ursprünglich entwickele und dass im Verlaufe dieser Krankheit das Contagium erzeugt werde, welches im westlichen Europa die Rinder mit der Seuche behafte. Ueber die Verbreitungswege der Seuche und über die Misserfolge der von den Behörden, vorgeschriebenen Tilgungsmassregeln äussert sich von Hoven mit richtigem Verständniss. „Die Gesetze an sich sind vortrefflich; aber wenn es darauf ankommt, sie zu befolgen, dann fehlt es überall, nicht nur an denen, die sie be­folgen, sondern auch an denen, die für die Befolgung stehen sollten.'' Die Pathologie und Therapie der Rinderpest hat der Verfasser mit einem nicht gewöhnlichen Aufwände von Gelehrsamkeit erörtert und wenn die von ihm — wie er selbst gesteht — nach thooretischon Gründen aufge­stellten Heilimlicalionen auch nicht als thatsächlich berechtigt gelten können, so muss ich doch anerkennen, dass dieselben besser und voll­ständiger begründet worden sind, als in vielen anderen Abhandlungen jener Zeit.l)
1) Vergl. Eichhorn: Vorschi, die Tilg, der Hornviehs, hotr. Neustadt ITiH!. Köforlo: Anl. über die g-ogomv. Hornviehs. Ulm 17!)6. Graf: Abliandl. über die gegenw. Hornviehs. München I7!)fi. Vogler: Bemerkungen über die Vieh­pest. Ulm 1796, Schmiedercr: Thierihv.tl. Gutachten über d. Rindviehs. Frei­burg 179(i. Plouoquot: Aufmunterung zu Versuchen wirksamer Mittel gegen d. Hornviehs, Tübingen 179(!. Schwabe: Anl. zur einzig möglichen Verwahrung vor der gallicht-faulen Hornviehs. Giessen 17%. Vorschlag d. sogen. Uebergiille zu behandeln. Frankfurt 1790. Belehrung über die im Herzogth, Würtombeig herrschende Hornviehs. Stuttgart 179(!. Eckartshausen: Von der Nutzbarkeit der reinen Phosphorsiiuro bei jetzt grassirender Viehs. München 1797. Osiandor:
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Richtige Oonolüsionen onlhillt das Gutachten Graetoi^s, in welchom das Oontagium als die oiuzig'o Veranlassung' der Seuche angenommen und die Krankheit selbst für ein „g'allicht-ontzünclliches Faulfieber von eigener Artquot; ausgegeben wird. Den bisherigen Erfahrungen g'einäss erklärt Graeter allen Arzncigobrauch für unsicher und zwecklos. Doch stellt er in Aussicht, dass, wenn das Contaginm erst erkannt oder die Thierarznei-Wissenschaft weiter ausgebildet sei, ein wirksames Heil­verfahren sich finden werde. Vogler räth, alle angesteckten Rinder zu todten und jede Benutzung der Häute oder anderer Theile zu nntei-sagen. Den Präservativnüttoln glaubt auch er einen Nutzen zuschreiben zu müssen. Andere Autoren aus jener Zeit wiederholten die Ansicht, dass die Krankheit aus atmosphärischen Schädlichkeiten und schlechter Er­nährung spontan entstehen, mit ihrer Ausbildung einen Ansteckungsstoff entwickeln könne und sich durch den letzteren weiter verbreite. Diesem Standpunkte entsprach das Streben nach der Auffindung wirksamer Arznei­mittel. Von den Misserfolgen, welche schon früher Bates in England und alle späteren Autoren bei der arznoilichen Behandlung der Krankheit wahrgenommen hatten, nahm man keine Notiz. Daneben stand der Schwindel mit sympathetischen und Wunder - Kuren in vollster Bliithe. Ein ungenannterAutor jener Zeit') schreibt ausSüddeutschland: „Schmiede, Metzger, Bauern und sogar die alten Weiber glauben sich berechtigt, Kuren wider die Seuche anzugeben. Ein Metzger rieth einem Bauern, der noch eine einzige Kuh hatte, dass er von einem Ei das Weisse heraus­nehmen, dasselbe mit Pfeffer und Safran füllen und der Kuh in den Rachen drücken solle und es half. Ein anderer gab seinen drei Kühen Honig und sie überstanden die Krankheit. Wieder ein anderer verlobte eine wächserne Kuh und gab einem Geistlichen 30 Kreuzer für seine Andacht und seine Kühe wurden von der Seuche gar nicht befallen. Eine Gemeinde, die einen Kreuzgang seit einigen Jahren vernachlässigte, verlor all ihr Vieh. Die Nachbarn, welche klüger und gescheuter sein wollten, verlobten einen neuen Kreuzgang und ihr Vieh ging auch zu Grunde, weil die Verlobniss — sagt Meister Hans — zu spät gemacht worden ist. Wenn ein krankes Vieh, an dem man eine Kur vornahm, gesund wurde, so schrie man Wunder. Aber das Wunder geschah nicht durch die Arznei, sondern aus einem Zufall der Natur.quot;
Erinner, otc. dio Viehs, betr. Göttingon 17!)7. Albert: Diss. do luis bovillao origine et natura. Erlangen 1797. Graoter: Medizin. Gutachten übor dio Rind-Viehsoucho. Schwab. Hall. 171)7. Mooriko: Abh. über die Natur u. Heil, der gegomv. Hornviehs. Ludwigsburg 1797, Stell: Beob. über d. Rlndviehpest. Zürich 1800. AVill: Volksunterricht bei gegenw. ausgebr. wahrer Hornviehs. München 1800.
!) Briefe eines Landmannes über Seuchen und Krankheiten dos Hornviehs. Frankfurt am Main 1797. S. 54.
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Nicht besser, als das leichtgläubige Publicum, bourtlieilton inancho Aerzto die Krankheit. Als diesolbo im Jahre 1797 im Friaul herrschte, erhielt der bei der französischen Armee angestellte Wundarzt Larroy1) den Auftrag zur Untersuchung der Thiere und Anordnung der erforder­lichen Massregeln. Larroy übersah die Ansteckung vollständig und glaubte, class schlechtes Futter, sumpfige Weiden, übermässigo Hitze etc. die Seuche veranlasst hätten.
Ein ungenaiintor -württembergischer Arzt wiederholte in einer kleinen Abhandlung2) den von Vicqd'Azyr gebrauchton Namen der „Blatternlaquo; Seuche.quot; Er will, wie Ploucquet empfohlen halte, die Krankheit mit Quecksilbermitteln (Einreibungen von grauer Salbe auf die äussere Haut und innerlich Calomel) behandeln.
Mit grosser Sachkenntniss und nach richtigen Grundsätzen hat der Schaumburg-Lippesche Hofrath Dr. Faust die Rinderpest beschrieben (52). Er sieht die Krankheit als eine ausländische an, die in Deutschland nie­mals spontan entsteht und sich immer nur durch Ansteckung erhält. „Dass die Pest einzig und allein durch Ansteckung entsteht, kann man aus folgenden drei Punkten abnehmen: 1. Seit 1783 bis 1795 ist kein einziges Stück Rindvieh in ganz Deutschland an der Pest krank ge­wesen; 2. Man kann deutlich sehen, wie die Pest von einem Orte zum andern bei jeder Witterung und zu jeder Jahreszeit im Verhältniss zum Viehhandel und zu den Viehmärkten fortrückt und weiter gebracht wird; '3. Man kann der Rindviehpest durch Polizeianstalten Grenzen setzen.quot; Zur Bezeichnung der Krankheit wird die ausschliesslicho Benutzung des Wortes „Rindviehpestquot; empfohlen. Sehr genau und durchweg zutreffend ist die unmittelbare und die mittelbare Ucbertragung des Contagiums auf gesunde Thiere geschildert. Wie schon von anderen Autoren angegeben war, so behauptet auch Faust, dass die inficirten Rinder am ersten Tage der offenbaren Erkrankung noch nicht, oder doch nur in einem geringen Grade ansteckend seien. Der Verfasser hält die Annahme, dass die Ueber-tragung auf eine Entfernung von 20 Schritt und weiter durch Vermittelung der atmosphärischen Luft geschehen könne, für unrichtig. Arzneimittel, sowohl zur Vorbauung, als zur Heilung der Krankheit werden für nutzlos erklärt. In diesem Betracht urtheilte Faust genau so, wie vor ihm von Oertzen, welcher (43. S. 6) wörtlich erklärt hatte: „Kein Kraut) Pflaster und keine Salbe, keine Wurzel, Pulver und Tränke aus den häuslichen und künstlichen Apotheken sind unversucht geblieben; man hat ernstliche und lächerliche, kluge und widersinnige, abergläubische und vernünftige Mittel durcheinander gebraucht und alles vergebens. Man hat das Geld verschwendet und damit nur die traurige Gewissheit
') Vergl. Touffel's Magazin. Karlsruhe 1811. S. 381.
2) Entwurf eines wirternbergischeu Arztes, die gegenwärtig unter dem Rind­vieh herrschende Blattern-Seuche zu behandeln. Stuttgart 1707.
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erkauft: wenn ilio Seuclio wirklich ein Thicr ergriffen hat, so darf man sich auf gar keine Mittel mehr verlassen.quot; In nachdrücklichster und patriotischer Sprache forderte Faust die Gemeindebehörden auf, die polizeilichen Tilg'ungsmassregoln mit aller Strenge durchzuführen, zu #9632;welchem Zwecke in der Schrift sehr eingehende und sachgemässe Vor­schlage fonnulirt sind. Der Verfasser vorlangt, dass auch die Impfung verboten werde. Einige von ihm hervorgehobene Beispiele zeigen, dass die nach der Impfung in gelindem Grade erkrankten Rinder später in Folge der natürlichen Ansteckung wiodernm von der Krankheit, und zwar mit einem tüdtlichen Verlaufe befallen werden konnten.
II uzard und Des plat bereisten 1796 und 1797 die süddeutschen Staaten im Auftrage des französischen Directorii, um die Rinderpest zu studiren. Sie leugnen, dass die Seuche ansteckend sei und führen ihre Entstehung auf schlechtes Futter und körperliche Ermüdung zurück, wo­durch die Säfte eine abnorme Beschaffenheit erlangen sollen. Aehnlich urthoilte auch Beaumont1), welcher eine kurze Beschreibung von dem Auftreten der Rinderpest und den Bedingungen ihrer Verbreitung im Elsass herausgab. Die Schrift wurde auch in die deutsche Sprache über­setzt. Der Verfasser beklagt, dass die schwer betroffenen Besitzer oft zu widersinnigen und abergläubischen Mitteln griffen, um ihre Viehständo zu retten. Er empfiehlt, die Rinder sorgfältig zu behandeln und glaubte, dass ein grosser Theil der kranken Thiere geheilt werden könne.
Buniva (53) theilte mit Anderen die schon von Faulet geäusserto Ansicht, dass die Krankheit in Ungarn durch die vielen Sümpfe, von welchen die Rinder nicht fern gehalten werden könnten, ursprünglich entstehe und dass das ungarische Rindvieh stets der Träger des An­steckungsstoffs sei. Er bezeichnete die Krankheit deshalb als „un­garische Rindvieh seu ehe.quot;
Unter den deutschen Aerzten fanden die medicinischen Lchrsystemo von Cullen und Brown gegen Ende des vorigen Jahrhunderts viele Anhänger. Es war daher erklärlich, dass die Rinderpest alsbald nach den Grundsätzen des Brownianismus gedeutet und behandelt wurde. Ebenso erklärte der italienische Arzt Dr. Deho in Favia die Rinderpest in diesem Sinne für eine Krankheit der Schwäche, welche mit reizenden Mitteln zu behandeln sei.2)
Ackermann (50), welcher den Gang der Rinderpest im Rheingau
1)nbsp; Instruction sur los moyens ü employer pour prösorvor les bestiaux do l'dpizootio regnant dans les Departements dos Haut-et Bas-Rhin. Par Beaumont l'ainö. Strasbourg An. V (1797).
2)nbsp; Deho. Sulla malattia attualmente regnanto no'bovini o sulla scelta del metodo curativo. Deutsch von Woikard: Ueber die wirklich herrschende Rind-viehseuche und die Auswahl der besten Heilmittel nach der Brownschen Arznei­lehre. Frankfurt 1796.
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beobachtet hatte, stützte sich in seiner kleinen, aber viel gelesenen Ab­handlung' auf den Lehrsatz, „dass die Rindvichsoucho nicht durch einen Missbi'auch der iiusseron Dinge, auch nicht durch ein ungewohntes Ver-hältniss ihrer Kräfte, sondern durch einen fremden Ansteckungsstoff er­zeugt und verbreitet werde.'' Das wichtigste und erste Symptom bei den von der Pest befallenen Rindern sei eine ungewühnlicho Trägheit, welche bald in eine mehr und mehr zunehmende Beschwerde beim Gehen und Stehen ausarte. Schliosslich seien die Thiere nicht mehr zum Aufstehen zu bewegen. Das Contagium der Rinderpest soll nach Ackermann eine Verminderung der Lebenskräfte in den Muskeln und im Gefiiss-system bewirken. Hierdurch werde das Blut in den kleinen Gofäss-geflechten zurückgehalten und es müsse sich in Folge dessen durch die Eingeweide eine „unächte, von einem Mangel der Lebenskräfte ent­stehende Entzündungquot; verbreiten. Zur Heilung der Krankheit sollen stärkende und reizende Mittel angewendet werden. Dass auch bei diesem Verfahren ein glücklicher Erfolg gewöhnlich nicht erreicht wird, hat der Verfasser zugegeben und ähnlich, wie Camper mit der Annahme be­gründet, dass der Magen im Zustande der asthenischen Entzündung und zu keiner Bewegung fähig sei, deshalb auch die Arzneimittel nicht in den Darm fortschaffen könne. Hinsichtlich der Tilgung der Rinderpest stellt Ackermann den Grundsatz auf, dass die Krankheit nicht durch die Anwendung von Heilmitteln, sondern durch die Verminderung- und Tilgung des Ansteckungsstoffs bezwungen werde. Danebon glaubt er aber irrthümlich, dass zur Vorbeugung stärkende und gelind reizende Heilmittel nützlich seien, weil durch dieselben die Lebenskräfte vermehrt würden, wodurch das in den Körper aufgenommene Contagium bezwungen und unschädlich gemacht werden soll.
Der Medicinalrath von Schallern in Bayreuth sprach die Ansicht aus, dass die Krankheit als ein bösartiges, hitziges, asthenisoh es Nervenfieber oder als wahrer Typhus aufgefasst werden müsse und zweckmässig nach der reizend stärkenden Kurmethode behandelt werden könne.1)
In einer weitläufigen und nicht uninteressanten Erörterung hat der Hof-rath Dr. Mezler zu Sigmaringen (51) die Rinderpest abgehandelt und die Ansicht vertheidigt, dass dieselbe ein „Typhusquot; sei, welcher aus dem Zusammenfluss verschiedener Ursachen entstehe, ein Contagium entwickele und sich hierdurch einer grossen Zahl von Rindern mittheilen könne. Wegen der intensiven Anstcckuugsfähigkeit und des perineiöson Vorlaufs giebt auch er dem Worte „Rinderpostquot; vor den anderweitig benutzten Namen den Vorzug. Durch die Wirkungen der atmosphärischen Sohädlich-
l) von Sohallern, Versuch Ubor die roizond stärkende Kurmothode, als die durch dio Erfahrung boslätigto oinzigo Hoilart gegen die Viohpcst. Jena 1797.
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keiten, dor körperlichen Anstrengungen, der AustUinstungen der Erde, der Füulnissprozesso organischer Substanzen etc. soll die Gesundheit der Thiero im Sommor gestört werden; es sollen „Soinmerfieborquot; oder „Sornmer-seuchenquot; entstehen. Aus diesem abnormen Zustande der Rinder, welcher in einer Dyskrasie beruhe, soll unter der Mitwirkung des „oxydirten Stickstoffesquot; der Luft sich der Typhus ausbilden. Me zier deflnirt die Krankheit als „anstockenden Typhus des Rindviehs.quot; Diese Be­zeichnung hat sich bis zur Gegenwart erhalten und wird namentlich in der französischen Literatur angewandt. Mezlor ist kein Anhänger des Brownianismus, die Hippokratische Lehre erscheint ihm nmnnstösshch. Nach ihm soll die Rinderpest, so lange sie in dem Entwickelungsstadio eines „Sommerflobersquot; bestehe, mit Arzneimitteln behandelt und geheilt werden. Hat sich dieselbe aber zu einem ansteckenden Typhus aus­gebildet oder ist sie durch Ansteckung auf den Viehstand einer Ort­schaft oder eines Gehöftes übertragen, so sei die Calamität der Erfahrung gemäss nur durch Tödtung der Thiere und Beschränkung des Verkehrs zu bekämpfen.
Stell (1. c), welcher die Rinderpest 1796 in Giessen und dessen Umgegend beobachtete und im amtlichen Auftrage zu behandeln hatte, führt die Entstehung der Krankheit auf ein „Miasma contagiosum morgen-ländischen Ursprungsquot; zurück und unterscheidet im Krankheitsverlauf 4 Perioden. Dass die Krankheit entzündlicher Natur sei, wird in Abrede gestellt. Das Contagium soll in das Blut übergehen und einen „unge­wöhnlichen Orgasmus des Blutesquot; erzeugen. Hinter der von anderen Autoren angenommenen Diathesis phlogistica, die nur scheinbar bestehe, verberge sich „ein Synochus oder einfacher Typhus.quot; Mit der vollstän­digen Entwicklung- der Krankheit erscheine der niaskirte Typhus bald als ein sogenanntes Gallenfleber, bald als ein Faulfieber. Abgesehen von der Hautausdünstung sollen die Entleerungen der kranken Thiere keine kritische Bedeutung haben. Der Hautauschlag sei ein Product starker und anhaltender Ausdünstung. Hiernach glaubt Stell, dass durch Beförderung der Hautausdünstung und durch die Bekämpfung der wich­tigsten Krankheitszufälle nach symptomatischen Indicatiouen eine arznei-liohe Behandlung der kranken Thiere von Nutzen sei. In der erstbe-zeichneton Hinsicht soll neben massiger Wärme im Krankenstall, Rein­lichkeit und Reibungen der Haut die innerliche Anwendung von Schwefel in Verbindung mit Spiossglanz heilsam wirken.
Der Staatsrath Hufeland (vergd. Laubender 1. c.) glaubte, dass das Rinderpest-Contagium nach der Constitution der Rinder bald mehr die nervösen, bald die enlzündlichen oder die gastrischen Zufälle errege und dass demnach eine bestiminte, in allen Fällen zu beachtende Heil­methode nicht angegeben werden könne. Die Krankheit müsse viel­mehr stets nach ihrem besonderen Character beurtheilt und behandelt
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worden. Derselben Ansicht huldigt auch der Thiorarzt Schlumpf,1) welcher die Rinderpest 1800 im schweizerischen Kanton 'Zug zu behan­deln Gelegenheit hatte und als Entsteliungsursache derselben ausschlioss-lich die AüSteokung anerkennt, „wodurch, sie sich zu einer eigenen Gat­tung putrider Krankheiten gestalte.''
In bündiger Darstellung beschrieb Fleisch mann (54) die Rinder­pest und ihre Behandlung. Die Arbeit l'usst weniger auf eigenen Be­obachtungen, als auf den Mittheilungen der Autoren, welche der Verfasser mit sachlicher Kritik erörtert hat. Bis dahin war der Krankheit von den meisten Autoren theils ein entzündlicher, theils ein fauliger Character bei­gelegt worden. Zum Ausdruck der letztgomelnton Eigenschaft benutzt auch Pleischmann das Wort „Typhusquot;. Bezüglich der Impfung schliesst er sich der abfälligen Kritik Anderer an. Er erzählt, dass in Bayern, Sachsen und Franken die Impfung ohne Erfolg versucht worden sei. Das Con-tagium wird von dem Verfasser für die alleinige Ursache der Krankheit gehalten. Aber die Einflüsse der Lnft, der Nahrungsmittel und der An­strengung sollen begünstigend auf die Entwickehmg dorselhen wirken und ihren Verlauf verschlimmern.
Von 1790 bis 1800 machte Saut er in Baden eine grosso Zahl von Heilversuchen mit den verschiedensten Medicamenton bei pestkranken Rindern.2) Er gewann hierbei die Ansicht, dass Quecksilbormittel, namentlich Calomel mit Vortheil gebraucht werden könnten. Ursprünglich ein Anhänger der Lehre von der Selbstentwickehmg der Rinderpest musste er sich im Verlaufe seiner Beobachtungen überzeugen, dass die Krankheit stets durch Ansteckung entsteht. In dem Dorfe Liptingen er­krankten 500 Rinder, von welchen nur 4 gesund wurden. Sauter hat in seiner Schrift, die spnst keinen grossenWerth besitzt, ausgeführt, dass die Rinderpest eine eigenartige Krankheit sei, die weder als Entzündung, noch als Typhus aufgefasst werden könne. Das Verhalten des beim Aderlass entleerten Blutes kranker Thiere betrachtet er ebenso, wie vor ihm Abihlgaard als Zeichen einer der Rinderpest eigcnthümlichen und deshalb speeifisohen Veränderung- des Blutes. Merkwürdiger Weise ist er bei seinen Versuchen nicht auf den Gedanken gekoimnen, der Ver-gleichung wegen die Gerinnungs-Erscheinungen an dem Blute eines ge­sunden Rindes zu beobachten.
Die Verheerungen der Rinderpest in Württemberg von 1795 bis 1801 sind von Walz (61) übersichtlich geschildert. Mehrere von dem Ver­fasser mitgetheilte Beobachtungen über die Verschleppung des Con-tagiums durch frisches Fleisch, Häute und andere giftfangende Sachen
') Archiv für Thiorh. Von einer Gesollscli. schweizer. Thierärzto. I. Jahrg. Aarau 1816.
2) Beitriigo zur Kenntniss und Heilung der Eindviohseuche von Joli. Nep. Sau tor. Meersburg 1802.
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haben einen bleibenden Werth. Für fHo Länder, in wclclien die Rinder­pest eine fremde Krankheit ist, befürwortet Walz strenge polizeiliche Massregeln.
Bevor die Krankheit (1801) im westlichen Europa vorläufig1 zum Er­loschen kam, verbreitete sie sich von Neuem in Polen, in der damaligen Provinz Südpreusscn, sowie in quot;Westpreussen, Brandenburg, Schlesien und Sachsen. Sie begann 1799. Die Verluste erreichten 1800 und 1801 eine bedeutende Höhe. Ungarn war zu jener Zeit dauernd verseucht. Aber auch die deutsch-österreichischen Kronländer, namentlich Böhmen hatten durch die Krankheit schwer zu leiden. In Böhmen sollen von 1799 bis 1801 über 50 000 Rinder ein Opfer der Krankheit geworden sein. Auch in Russland wurden die fortwährenden grossen Verluste an Rindvieh allgemein fühlbar und die kaiserliche ökonomische Societät zu Petersburg setzte 1800 eine goldene Medaille im Werthe von 50 Dukaten aus für die beste Beantwortung der öffentlich ausgeschriebenen Preisfrage über die Ursachen und Beschaffenheit der Seuche, über die zuverlässigsten Mittel zu ihrer Verhütung und Heilung' und über den Nutzen der Rinder­pestimpfung. Laubender erwarb sich den Preis mit einer Abhandlung, deren Inhalt durch umfangreiche Mittheilungen aus der Literatur ergänzt und 1801 veröffentlicht wurde.1) In dieser Schrift wird ausgeführt, dass die Krankheit sich genuin entwickeln soll aus den Ursachen, die irrthümlich von vielen anderen Autoren bereits beschuldigt waren. Die Krankheits­beschreibung, sowie die Darstellung der Heilmethoden und der Tilgungs­massregeln basiren durchweg auf den Angaben der Autoren, von welchen Camper, Mezler, Reich und Stell am meisten berücksichtigt sind. Von Laubender wurde aber zuerst die neue Ansicht, dass das Con-tagium aus oxydirtem Stickstoff bestehe, für eine unerwieseno Hypothese erklärt, die nicht haltbar sei.
Der Professor der Thicrarzneikundo an der Universität zu Pesth, Tolnay-) verlegte die nächste Ursache der Rinderpest in „irgend eine auf den Löser abgesetzte Schürfe.quot; Die entfernten Ursachen sollen vor­zugsweise in Mangel an Futter und Getränk beruhen.
Die Leipziger ökonomische Gesellschaft schrieb 1801 eine Preis-aufgabe aus über die Rinderpest, ihre Vorbauung und beste Kurart. Als preiswürdig wurde 1802 eine werthlose Arbeit von J. T. G. Frenze! erkannt, in welcher erörtert ist, dass die Seuche aus dem Auslande mit dem eingeführten Schlachtvieh nicht nach Deutschland gebracht werden
') Laubondor. Das Ganze der Rindviehpest etc. Leipzig 1801.
-') Alex. Toln ay. Artis veterinariao compendium pathologicum. Do cog'-noscendis et curandis aninialium epidemico-conlfigiosis et praeeipuis sporadicis morbis. Pestini, Posonii et Lipsiao 171)9. Deutsche Uebois. unter dem Titel: Alexander Tolnay's Prakt. Handb. etc. von J. J. W. Lux. Leipzig. 1808.
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könne, weil dio mit der Pest behafteten Trelbbeerden früher zu Grunde gehen müssten. Die Ursache wird in ungünstiger Witterungquot; und mangel­hafter Pflege der Thiere gesucht.
Gleich interessant in culturgeschichtliclicr und pathologischer Hin­sicht ist die Monographie des Kreisplvysikus Dr. Frank,1) welcher die Krankheit in der ehemaligen Provinz Süd-Proussen (Polen) studirt hatte. Der Verfasser hat ein beachtenswerthes Bild von der Nachlässigkeit der polnischen Besitzer jener Zeit entworfen. Renitenz gegen die obrigkeit­lich angeordneten Massregeln, Verheimlichung dos Krankheitsausbruchs, schleuniger Verkauf inficirter Viehbestände Seitens der Besitzer, selbst böswillige Verschleppung des Ansteckungsstoffes zu dem Zwecke, im Unglück Leidensgenossen zu haben — waren die wichtigsten Bedingungen der allgemeinen Ausbreitung und der langen Dauer der Rinderpest.
Frank beklagt die Unkenntniss der Physici, welche als beamtete Sachverständige für die Veterinair-Polizei fungirton. „Ihr ganzer Schatz von Begriffen im Gebiet der Tlüerheilkundo ist gemeinhin nur aus dem Königlichen Patent über die Viehseuche geschöpft.quot; Da sie über die Natur der Krankheit sich gewöhnlich kein sicheres Urtheil zutrauten, so waren ihre Gutachten auf Schrauben gestellt und man liess in Folge dessen die Zeit nutzlos verstreichen, in welcher die Schutzmassregeln mit sicherem Erfolge hätten angewandt werden können. Der Verfasser rügt ferner, class die Polizeivorschriften nicht in ihrem ganzen Umfange realisirt würden; er verurtheilt mit bitterer, aber gerechter Kritik das Verfahren der polnischen Geistlichen jener Zeit, welche — „anstatt die Menschen vernunftgemäss zu unterrichten, dass die Rinderpost kein Product der moralischen, sondern der physischen Welt ist — Fasttage und Bussübungen bestimmen und feierliche Pro-oessionen anstellen, zu denen die umliegende Gegend wallfahrtet und sich das Gift der Pest holt. Anstatt zum Gebrauch der Rottungsmittel zu crmahnen, welche eine grossnüithige, väterlich sorgende Regierung ihnen anbietet, schmieden sie das Volk in die Fesseln des Aberglaubens noch fester, lassen das Vieh aus der Gegend zur Kirche treiben, um es mit geweihtem Wasser zu besprengen und so den bösen Dämon zu exor-ciren.quot;
Die nachtheiligen Consequenzen der vielen ungeeigneten Bezeich­nungen der Krankheit erkennend, macht Frank nach dem Vorgange anderer Autoren ebenfalls den Vorschlag, ausschliesslich den Namen der Rinderpest zu benutzen. Der Verfasser bekennt sich zum Brownianismus und hält die Rinderpest für eine „wahre Astlienie, ein offenbares Resul­tat der durch ein heftiges Incitament plötzlich geschwächten oder er-
') Dr. J. R, Frank. Uobor dio Rinderpest und die Mittel, sie zu heilen und auszurotten. Berlin 1802.
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schöpften Iiicitabiliüit dos Alimcntarkanals, welche VOD einem wütlienden Typhus bogleitet wird.quot; Sehr richtig war die Ansicht, dass nach der er­folgten Aufnaluno des Contagiuuis sich als erstes Kraukheitssymptom Fieber einstellt. Von der Genesis dos letzteren hatte sich der Verfasser folgende Meinung gebildet: „Diese febrilischon Erscheinungen sind das Resultat der allgemeinen Incitation dos Nervensystems, welche durch das Pestmiasma hervorgebracht wird. Der Grad dieser Incitation hängt weniger von der Empfänglichkeit des Körpers, als von der Virulenz des Contagiums ab. Kaum ist aber das Gift in den Körper übergegangen, so wird auch der Alimentarkanal vermögo seiner speeifischen Receptivität auf das Heftigste afficirt. Es entsteht eine asthenische Entzündung.quot; Von der Zeit, in welcher nach dor stattgehabten Infection der Rinder die ersten Krank-heitszeichon bemerkbar werden, sagt Frank, dass sie variabel sei, min­destens 172 un(l höchstens 10 Tage betrage. Indess lasse sich nicht mit Sicherheit behaupten, dass die Incubationszeit in einzelnen Fällen keine längere sei. Nach Verlauf von 15 Tagen käme die Krankheit aber nicht mehr zum Ausbruch.
Durch die vortreffliche Darstellung der Symptome und des Verlaufs der Krankheit und durch die Berichtigung irrthümlicher Angaben in der Literatur wird die Versicherung des Verfassers, dass er eine grosse Zahl von pestkranken Rindern selbst untersucht und secirt habe, bestätigt.
Das comparativ-pathologische Interesse, welches die Rinderpest besitzt, verleitete Frank, wie vor ihm Mezler zu einer systematischen Darstellung der Ansteckungs-Theorie. Er folgte der allgemeinen Strö­mung der damaligen Zeit, welche unter dem Einllusso der grossartigen Entdeckungen Priestley's und anderer Naturforscher stand und eine chemische Erklärung für die Genesis der ansteckenden Krankheiton forderte. Der Verfasser eignete sich die S. 147 erwähnte Hypothese Mitchill's über die Oxydation dos in der atmosphärischen Luft befind­lichen Stickstoffs an. „Es ist nur ein Contagium in der grosen weiten Natur, welches die veranlassende Ursache aller Fioberkrankheiten und den Grund aller Gefahr in denselben enthält. Dieses ist das oxydirte
Azot......Dasselbe ist ein wahres febrilisches Miasma, ein speeifiker
Fieberstoff, der jedesmal unter bestimmten Bedingungen auch bestimmte Arten dieses Krankheitsgcschlochts hervorbringt. Bei geringen Mengen von verbundenem Oxygen wirkt das Nitrogen als einfacher sporadischer Fieberstoff. Doch scheint es diese gutartige Eigenschaft nur so lange zu behalten, als das Vcrhältniss des ersteren zum letzteren 1 : 8 nicht überschreitot. Das Contagium erhält Virulenz und Anstockungsvermögen, wenn das quantitative Verhältniss des Oxygens zum Nitrogen grosser wird und sich von 25 : 75 bis zu 37: 63 oder noch hoher erhebt, insofern es nur nicht bis auf 08 : 32 kommt. In dieser Relation der Bestandtheile
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bildet sich ein salpetriges Gas, welches nicht mehr mit dem Character des Contagiums gestempelt ist.quot;
In logischer Consequenz dieser Hypothese muss Frank zugeben, dass die Solbstentwickelung der Rinderpest möglich sei. Er glaubt aber, dass dieselbe sehr selten, vielleicht in dem Zeitraum eines Jahrhunderts nur einmal stattfinde und dass deshalb als Regel bei jedem Krankheits-ausbruch die Infection von einem kranken Rinde vorausgesetzt werden müsse. Die Ukraine und Ungarn waren nach seiner Ueberzeugung in jener Zeit fortwährend verseucht und aus diesen Ländern wurde die Krankheit stets von Neuem eingeschleppt.
Zur Behandlung der kranken Rinder empfiehlt der Verfasser solche Mittel, welche die chemischen Eigenschaften des aus Stickstoff und Sauer­stoff bestehenden hypothetischen Krankheitsgiftes aufhoben sollten. Das Chlor — damals noch „oxygenirte Salzsäurequot; genannt — wird zu diesem Zwecke von dem Verfasser am meisten gerühmt. Wie Wolstein im Allgemeinen den Aderlass als nutzlos und meist schädlich für den Verlauf der Thierkrankheiten erklärt hatte, so eifert auch Frank gegen den widersinnigen Gebrauch, während des Ilerrschens der Seuche jedem gesunden Rinde zur Ader zu lassen. Gegen die Einschleppung der Rinder­pest soll eine zwölftägige Quarantaine an bestimmten Orten der Grenze für alles aus dem Auslande gebrachte Rindvieh den allein sicheren Schutz gewähren. Beim Ausbruch der Krankheit im Inlaude sollen strenge Massregeln Plalz greifen. Das Abhäuten der Rinderpest-Cadaver sei unter ausreichenden Vorsichtsmassregeln zu gestatten. Von dem Fett und dem Fleische der Cadaver soll aber die Benutzung streng verboten werden. Durch das strafwürdige Verfahren mancher Personen, welche das Fleisch der vergrabenen Cadaver sich aneigneten und als Nahrungs­mittel verwendeten, könne sich die Krankheit leicht verbreiten. Zur Ab­sperrung der verseuchten Ortschaften sei Militär zu requiriren. Jeder Verkehr der Einwohner mit anderen Orten — einschliesslich dos Kirchen-besuches — soll nicht geduldet und den Priestern soll die Abhaltung von Prozessionen, die Einsegnung und Bosprengung des Rindviehs mit Weihwasser, sowie die Anwendung von Amuleten und ähnlichen Char-latanerien ausdrücklich verboten werden.
Dass das Contagium der Rinderpest sehr leicht zu Grunde geht, wenn das Vehikel desselben der atmosphärischen Luft ausgesetzt wird, hatte schon Adami hervorgehoben. Frank wiederholte und bestätigte die Versuche desselben. Er fand ausserdem, dass das Contagium sehr schnell durch Chlor (oxygenirte Salzsäure) zerstört wird und empfahl dieses Mittel nach der von Guyton de Morveau angegebenen Berei-tungsmethode zur Desinfection der Ställe. Der Verfasser bekennt sich als Anhänger der Rinderpest-Impfung unter Bezugnahme auf die von Camper und Anderen gemachten Erfahrungen. Er selbst hatte die Impfung nie-
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mals vorgenommen, glaubt aber, dass sie in manchen Gegenden nicht entbohrt werden könne. Zur Entschädigung' der Besitzer für die durch die Impfung entstehenden Verluste und zur Bestreitung der Kosten, welche die Durchführung' der polizeilichen TilgungS-Massregeln erforder­lich macht, räth Frank ähnlich wie Kau seh und Andere, in jedem landräthlichon Kreise der östlichen Provinzen Preussens einen besonderen Fonds zu gründen, zu welchem alljiihrlich bestimmte, nach der Kopfzahl der Rinder zu repartirendo Beiträge von den Besitzern eingefordert werden sollen.
In den beiden von Keck (5G, 57) verfassten Schriften ist weitläufig erörtert Avordon, dass die Krankheit nicht als eine Pest zu betrachten, sondern am besten — wie Wolstein zuerst vorschlug #9632;— mit dem Namen der Magenseuche oder als „anstocke'nde Magenseuchoquot; zu bezeichnen sei. Ihrem Character nach sei die Krankheit ein asthenischer Typhus. Sie soll entweder spontan in allen Ländern durch den Genuss schlechter Nahrungsmittel und andere Schädlichkeiten oder durch Ansteckung ent­stehen. Keck hält die Namen „Löserdürrequot; und „Grossgallo14 für ungeeignet, weil die dieser Nomination zu Grunde gelegten Symptome bei der Rinderpest nicht constant seien. Die Beschreibung' der Symptome hat der Verfasser seinen eigenen Beobachtungen entlehnt. Sehr richtig bemerkt derselbe, dass die Krankheit nicht apoplektisch oder schon 24 Stunden nach ihrem offenbaren Hervortreten zum Tode führe und dass das von den Autoren behauptete rasende Benehmen — Brüllen und Stampfen etc. — nicht vorkomme. Das sicherste Merkmal für die Diag­nose sei bei der Untersuchung lebender Thiere der Durchfall und bei der Section die Entzündung des 4. Magens. Eine arzneiliche Behandlung postkranker Rinder hält Keck deshalb für angebracht, weil das Streben nicht aufhören solle, ein wirksames Heilmittel zu suchen. Daher scheint es ihm nicht zwockmässig, dass beim Ausbruch der Krankheit sofort alle gesunden Thiere, welche vielleicht angesteckt sein können, getödtet werden. Von der Rinderpest-Impfung kann er sich keinen erheblichen Erfolg versprechen, Zur Unterstützung dieser Ansicht, mit welcher er sich von der Meinung sehr einflussreicher Autoren trennte, bezieht er sich auf die Aussprüche von Havemann und Zwieriein1), welche sich ebenfalls gegen die Impfung ausgesprochen hatten. In der Kritik der polizeilichen Bekämpfungsmittel hat sich Keck den Forderungen angeschlossen, welche vor ihm von Stell (1. c.) dahin priieisirt waren, dass eine über-mässige Beschränkung des Personenverkehrs nicht vorgeschrieben werden solle. Durchgreifende Erfolge für die Prophylaxis erwartet der Verfasser in Uebereinstimmung mit den Vorschlägen älterer Autoren von der Auf-
') Erxlobons UntoiT. Götling'on 1798—1800.
in d. Violiarzn, Neu herausgeg, von Dr, Zwiorloin,
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hobung' der Gemeinde-Weiden und der allgemeinen Einführung dor Slall-füttorung'.
Die zweite Schrift von Keck (57) steht in ihrem ätiologischen Theile auf den von Mezler und Frank vertretenen Grundsätzen. Der Ver­fasser glaubt, class sich das Contagium (der oxydirto Stickstoff) im süd­lichen Russland, Ungarn etc. spontan erzeuge. Er verlangt daher die Anlegung einer hinlänglichen Zahl von Conturaazansfalten gegen die­jenigen Gegenden, Länder und Provinzen, in welchen die Selbsterzeugung' noch gewöhnlich sei. Das nördliche Russland soll sich auf diese Weise gegen die unbeschränkte Einfuhr von Rindern aus den südlichen Ge­bieten des Reiches schützen. Eine zehntägige Quarantaine, welcher aber säinmtliches eingeführte Rindvieh unterliegen soll, wird für ausreichend gehalten.
Eine italienische Arbeit von Gianverardo Zeviani1) nimmt die alte Vorstellung, dass alle ansteckenden Krankheiten durch Insecten verursacht würden, im Jahre 1802 von Neuem auf, um die Entstehung der Rinderpest auf die in der Leber gefundenen Würmer (Leberegel) zurückzuführen. Der Verfasser legte sich die Sache in seiner Phantasie dahin zurecht, dass in den Darmcxcrcmenton der fremden Ochsen der Same der Würmer enthalten sei und dass derselbe von den einheimischen Rindern durch Be­riechen der Excremente aufgenommen werde. Darauf sollen die Würmer in den Lungen und im ganzen Verdauungstractus Entzündung und Brand erregen und sich schliesslich nach ihrem natürlichen Wohnsitze, der Leber zurückziehen. Auf seine Hypothese stützt der Verfasser recht eingehende Vorschläge zur Prophylaxis und Heilung der Krankheit. Zur Verhütung der Ansteckung mittels der Excremente wird eine strenge Ab-sperrung der kranken Thiere für nothwendig erklärt.
Vielfache Anerkennung ist Pessina für eine kleine Schrift (55) zu Theil geworden, in welcher die eisenhaltige Salzsäure als ein vorzügliches Heilmittel gegen die Rinderpest gepriesen wird. Pessina beobachtete die Krankheit in Ungarn währed der Jahre 1800 und 1801. Den günstigen Verlauf einer grossen Zahl von Krankheitsfällen schreibt er auf Rech­nung der von ihm bewirkten arzneilichen Behandlung. Ich habe bereits mehrfach angeführt, dass die Säuren und namentlich die Mineral-Säuren im 18. Jahrhundert als Heilmittel für postkranke Rinder allgemein empfohlen wurden. Auch hatten schon viele Autoren nach theoretischen Voraussetzungen geltend gemacht, dass die Heilversuche stets nur im Be­ginn der offenbaren Erkrankung einen Erfolg erwarten Hessen und dass jede Kur nach der vollständigen Ausbildung der Krankheit aussichtslos sein müsse. Die g'leicho Ueberzeugung drängte sich Pessina auf. Er
') Sopra i Vermi pestilonziali doi Buoi momoria rocovuta il di 22. Nov. 1802. Im Auszüge publicirt von Laubonder: Seuchen II- S. 113.
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verlangte deshalb, dass man 1. die geschehene Ansteckung, 2. den Aus­bruch oder Anfang der Krankheit, 3. den mittleren Grad und 4. die höchste Stufe ihrer Ausbildung genau kennen lernen solle. Je mehr man die Krankheit wachsen und zunehmen lasse, desto schwieriger und Un­gewisser sei die Heilart. In 4 Pfund reiner Salzsäure soll ein Quentchen (4,0 Grm.) Eisenfeilo oder alcoholisirtes Eisenpulver bei offener Flasche aufgelöst werden, damit die hierbei entstehenden Gase entweichen könnten. Von diesem Präparat mussfe stündlich ein Loth (15,0 Grm.) in 1 Liter Wasser, und zwar nach der Grosso der Rinder 10 bis 20 mal in einem Tage eingegeben werden. Darauf wurde mit dem Medicament am zweiten Tage ausgesetzt. Waren am dritten Tage keine Zeichen der Besserung eingetreten, so wurden die Eingüsse wiederholt. Die eisenhaltige Salzsäure sollte gleichzeitig zu Waschungen des Körpers und Klystircn angewendet werden. Pessina versichert, dass bei rechtzeitigem Gebrauche dieses Mittels fast alle postkranken Rinder gesund geworden seien.
Dass die Mittheilungen Pessina's Aufseilen erregen mussten, ist selbstredend. Ohne Zeitversäumniss wurde das Heilmittel in zahlreichen Fällen versucht. Aber es entsprach den Erwartungen nicht. Prof. Steinhoff aus Schwerin berichtet (vergl. Karsten (65) S. 20): „Wenige Jahre hernach erschien die Seuche in derselben Gegend — Ungarn — wieder. Pessina begegnete ihr eilig mit seiner Salzsäure und hatte den Verdruss, diesmal ein entgegengesetztes Resultat zu erhalten, so dass er von 20 Thieren kaum eins am Leben erhielt. Im Sommer 1807 behan­delte ich nach der Pessina'schen Methode pestkrankes Vieh in Mähren und im Herbste desselben Jahres in Ungarn. Ich rettete in Mähren etwas mehr als die Hälfte und in Ungarn nicht völlig die Hälfte. Ueber beide Erfolge äusserte Pessina Freude, da er die Wirksamkeit der Salz­säure gegen die Viehpest schon aufgegeben hatte.quot; In Deutschland wurde das Mittel bei verschiedenen Invasionen der Rinderpest bis 1815 wieder­holt, aber ohne nennenswerthen Erfolg vorsucht. Mit scharfer, aber be­rechtigter Kritik verurtheilte Schmiederer1) die Schrift Pessina's.
Aus der kleinen Abhandlung Pessina's verdient noch hervor­gehoben zu werden, dass Dr. Schmid, Modicus der Königl. Kaiserl. Fa-milienherrschaft Eckartsau versuchsweise bei gesunden Kühen Kuh-pockenlympfe einimpfte, um festzustellen, ob die vaccinirten Rinder nach dem regelrechten Ablaufe der Pockenkrankheit vor der Ansteckung durch das Rinderpest-Contagium geschützt seien. Zwei Kühe Avurden, nachdem die durch Impfung herbeigeführte Pockenkrankheit abgeheilt war, zu pestkranken Rindern gestellt. Beide gingen an der Rinderpest zu Grunde. Schmid und Pessina folgern aus diesem Versuche zu­treffend, dass die Kuhpocken vor der Rinderpest nicht schützen.
'I Arch, schweizer. Thlerärzte I. Jahrs'. 181G.
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Um die Einführung einer elgenthümliohen Metliode der Rinderpest-Tilgung1 hat sich seit dem Jahre 1801 Sick bemülit. Ueborzeugt, dass die Incnbationszeit des Contag-iums höchstens 8 bis 10 Tage dauern könne und dass von den ans dem östlichen Auslande eingetriebenen Viehheerden zuerst immer nur ein oder zwei Haupt von der Krankheit befallen würden, verlangte er eine Begleitung der Iloerden durch Sachverständige (eine „Ge-leit-Quarantaineu). Die Sachverständigen sollten die zuerst erkranken­den Thiere sofort von der Treibheerdo trennen und entweder abschlachten oder zur Behandlung isoliren lassen. Durch die genaue Ausführung dieser Vorschrift seien —#9632; wie Sick glaubte — die anderen Rinder der betreffenden Ileerde vor der Ansteckung gesichert. Seine Ansichten hat Sick zunächst • in amtlichen Berichten andeutungsweise berührt, worüber sein Schüler Lux (58, 59) Mittheilung machte. Nach Sick soll die Rinderpest durch drei Eigenthümlichkeiten besonders characterisirt sein: 1, durch den „geographischen Zugquot; (die Verbreitung von einer Pro­vinz zur anderen); 2. durch den „contagiosen Lauf'1 (die Verbreitung von einem oder mehreren inficirten Rindviehbeständen — „Pestgiftdepotquot; — auf eine Nachbarschaft von mehreren Meilen im Umkreise); 3. durch den „Infectionsgangquot; (die Ansteckung in bestimmten Zwischenräumen von 8 zu 8 Tagen). Auf die von Sick veröffentlichten Abhandlungen werde ich noch zurückkommen. Die von ihm vertretenen Ansichten sind in einigen Verordnungen der Proussischen Regierung aus dem An­fange des 19. Jahrhunderts berücksichtigt worden. Mit grosser Ent­schiedenheit kämpfte er für die, zwar nicht mehr unbekannte aber von Vielen noch immer bezweifelte Thatsache, dass die Rinderpest „eine nie bei uns aus einheimischen Ursachen entstandene, noch je entstehende, sondern allezeit aus der Fremde hergebrachte positiv ansteckende oder contagiöse Krankheit sei.quot;
Lux, der sich unter der Leitung von Sick informirt hatte, besass eine genaue Kenntniss von den Eigenschaften der Seuche. Er würde mit seineu Abhandlungen (58, 59, 60) sicher mehr Anerkennung gefunden haben, wenn er in seine Darstellung weniger Selbstüberhebung hinein­gelegt hätte. Die Krankheit wurde von ihm anfangs als „Rindepidemiequot; bezeichnet.1) Später nannte er sie „ansteckendes Nervenfieber.quot; Er gehört zu den eifrigsten Vorkämpfern des Lehrsatzes, dass die Krank­heit stets nach Europa eingeschleppt wird und deshalb als eine fremde Contagion nur durch polizeiliche Mittel bekämpft werden könne.
') Der um (lio deutsche Sprachforschung verdiente Philologe J. Chr. Adelung ( 1800) hatte die Meinung ausgesprochen, dass von dorn Worte „Riadquot; der Plural „Rindequot; lauten müsse, analog der gohräuclilichon Sprechweise bei den Worten: Pferd, Schaf, Schwein etc. Nach dieser Orthographie, die indess trotz ihrer sprach­lichen Correctheit keinen Anklang gefunden hat, ist von Lux das Wort „Rind-Opldemiequot; gebildet worden.
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Pilger,1) auf dossea Beobachtungen in der späteren Zeit oft hin­gewiesen ist, glaubte, dass die Rinderpest aus verschiedenen Ursachen, sich ursprünglich entwickeln künno. Die fremdartige Ausdünstung von Rindern, welche einer fremden, in entfernton Hiinmolsstrichen einheimischen Race angehören, soll bei den in Deutschland vorkommenden Rindern die Krankheit hervorbringen. Zur Unterstützung dieser Hypothese bezieht sich Pilger auf einige Beobachtungen, welche indess nicht den Werth besitzen, den man ihnen später beigelogt hat, um zu beweisen, dass die Krankheit durchweg bei den podolischen Rindern milder verlaufe, als bei anderen Racen. Er sagt: „Im Jahre 1797 visitirte ich nach und nach 1500 Stück dieser Thiere (ungarische Ochsen) und fand nicht einen einzigen wahr­haft kranken, obgleich hier und da einer klagte. Allein ich sah kein einziges Zeichen der Seuche, sondern blos Kennzeichen der Ermüdung. Sie litten meistens nur an den Eüsson und dennoch brachten sie aut
ihrem ganzen Wege die Seuche in jeden Ort, wo sie übernachteten......
Im Jahre 1798 brach die Seuche in Bayern aller Orten aus, wo ungarisches Vieh durchgetrieben wurde und doch war keins dieser Thiere wirklich seuchekrank.quot; Der Verfasser will mit diesen Angaben nur die Meinung widerlegen, dass die Seuche eine „ursprüngliche imgarische Krankheitquot; sei. Die Hypothese, dass die Miasmen und Contagien aus einer Oxydation des in der atmosphärischen Luft befindlichen Stickstoffs hervorgehen sollen, ist unter Anderen auch von Pilger zurückgewiesen worden.
Durch die vielen Widersprüche in den Angaben der angesehensten Aerzte und besonders durch die Fiction von der originären Entstehung der Rinderpest und von dem Erfolge einer therapeutischen Behandlung der kranken Thiere wurde das Bestreben der Behörden, die Krankheit auszurotten, nachtheilig boeinflusst. Umfassende Vorschriften zur polizei­lichen Behandlung der Seuche enthält das Königlich Preussische „Patent und Instruction wegen Abwendung der Viehseuchen und an­derer ansteckender Krankheiten, imgleichen wie es bei ein­getretenem Viehsterben gebalten werden soll,quot; d. d. Berlin den 2. April 1803. Dieses Gesetz trägt dem in der damaligen Zeit üblichen Handel mit Rindvieh im ganzen Unifange Rechnung. Seine erheblichsten Unvollkommenheiten beruhen darin, dass es den Viehbesitzern und deren Dienstboten zu viele technische Verpflichtungen auferlegte, dass es ferner bei der damals noch recht mangelhaften Kcnntniss der Rinder-Krankheiten die gegen verschiedene Seuchen gerichteten Vorschriften nicht scharf auseinander halten konnte und dass es für die Entschädigung der auf obrigkeitliche Anordnung zu lödtenden Thiere die sachgemiisso Grund-
l) F. Pilger: Systematisches Handbbuch der thooretisch-prakt. Veterinär-Wisseiischaft. Giesson 1803.
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läge nicht fand. In Ernlang'elung, von Thierärzten konnte das Gesetz nur die Kreisphysiker zu Vetorinärbeainten ernennen, wodurch allein schon die an sich schwierige Diagnose der ersten Krankheitsfälle beim Aus­bruch der Seuche unsicher blieb.
Ungenügend war auch die Quarantaine, welche zum Theil im In-lande an den Orten, nach welchen die fremden Rinder gebracht wurden, stattfinden sollte. An den Grenzen gegen das östliche Ausland mussten Ursprungs- und Gesundheitsatteste über das einzuführende Rindvieh vor­gezeigt werden. Die Thiere selbst wurden an der Grenze 2 Tage und, sofern sie aus Polen kamen, 4 Tage hindurch beobachtet.l)
Die schon vorher gesetzlich eingeführte Anordnung, dass wenn die Krankheit in einem nicht über 10 Haupt umfassenden Viehbestande auf­trat, sämmtliche Rinder und in allen anderen Fällen nur die seuche­kranken Thiere getödtet werden sollten, wurde beibehalten. Von dem getödteten Vieh sollte das gesunde zum vollen Werthe, das kranke aber nur zum dritten Theile seines Werthes entschädigt werden. Bei der Tödtung kleinerer, nicht über 10 Haupt betragender Viehbestände hatte die Kroiskasse die Entschädigung der Besitzer zu übernehmen, während bei der grösseren Verbreitung der Seuche die Entschädigung durch einen auf allgemeine Beiträge der Viehbesitzer zu begründenden Versicherungs­verband geleistet werden sollte. So lange diese Versicherung noch nicht eingeführt war, blieb der Staatskasse die Verpflichtung zur Entschädigung auferlegt.
Die Organisation des Versicherungswesens stiess auf Schwierig­keiten. Aleist beschränkten sich die Behörden darauf, bei einzelnen Seuchenausbrüchen einen auf die Kopfzahl der Rinder repartirten Beitrag* zur Entschädigung für die auf polizeiliche Anordnung getödteten Rinder einzufordern. Zu dieser Massregel wurde die Königliche Kurmärkische Regierung durch die Allerh. Ordro vom 21. Februar 1811 ermächtigt. Erst 1841 und 1845 sind die in dem Patente principaliter anerkannten Versichorungsverbände durch Specialgesetzo für die einzelnen Regierungs­bezirke der Provinzen Schlesien, bzw. Ost- und Westpreussen ins Leben gerufen worden. Sie bestanden zu Recht bis 1869, haben aber wegen
!) Die UnzulUnglichkcit der in dem Patent vom 2. April 1803 vorgosehenon Quarantaine stellte sich in kurzer Zeit heraus. Schon unterm 21. Mai 1805 wurde eine Allerhöchste Declaration dahin erlassen; „dass das aus den Russischen und Ocsterreichischen Staaten in Ost-, Neuost- und Südpreussen eingehende Vieli einundzwanzig Tage Quarantaine auf dor Grenze hatten muss, dass dagegen die Provinzialquarantaino, auch beim Uoborgang aus letztgenannten Provinzen in andere diesseitige, auf viorundzwanzig Stunden festgesetzt wird.quot; Auch diese Vorschrift wurde 1810 wieder modifloirt durch die Anordnung einer polizeilichen Begleitung (Goleit-Quarantnino) dor aus dorn östlichen Auslando eingetriebenen Yiehheerdon.
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ihrer mangolhaften Organisation den gehegten Erwartungen nicht ent­sprochen.
Als Anlagen sind dem Patent vom 2. April 1803 eine Krankheits-beschreibung und die vermeintlich nützlichen „Vorbauungsmittel gegen die Viehpest und andere tödtlicho Krankheiton dos Rindviehsquot; beigegeben. In der Krankheitsbeschreibung wird die Rinderpest als „ein dem Rind­vieh nur allein eigenes, sehr heftiges Fieber mit Nervenzufiillen, welches durch Ansteckung sich verbreitet und durch in den kalten Brand über­gehende beträchtliche Entzündungen der Eingeweide (vorzüglich in den beiden letzton Magen und Gedärmen) tödtlich sich endigtquot; — deflnirt. Die Symptomatologie enthält eine vollständige, aber ohne kritische Sich­tung zusammengestellte Wiedergabe der von den bedeutendsten Autoren hervorgehobenen Krankheitszufälle und Sectionsdata. Ausserdom wird die Diagnose der Rinderpest gegenüber den Merkmalen des Milzbrandes, der Tollwuth und der Lungenseuche nach den in jener Zeit noch recht dürftigen Erfahrungen der Wissenschaft erörtert.
Dem von sachkundigen Gelehrten seit längerer Zeit schon befür­worteten Plan, durch Organisation von Gegenseitigkeits-Versicherungen der Viehbesitzer die theilweise Entschädigung der durch die Rinderpest bewirkten Verluste zu ermöglichen, zeigten sich ausser in Preussen die Behörden auch in verschiedenen anderen Staaten geneigt. Den Nutzen dieses Hilfsmittels erkannten die Behörden mit Recht nicht blos in der Ret­tung der von der Calamifät betroffenen Besitzer vor dem materiellen Ruin, sondern auch in der mit demselben verbundenen Erleichterung, die Seuche bei ihrem ersten Ausbruche schnell zu ermitteln und durch rücksichts­lose Tödtung der kranken und verdächtigen Thiere ohne Zeitverlust aus­zurotten. Unzweifelhaft würde der letztgedachto Zweck vollständiger er­reicht worden sein, wenn den Behörden in genügender Zahl gut informirto Sachverständige zur Seite gestanden hätten. Leider fehlte es aber an wissenschaftlich gebildeten Thierärzten und so wurde bei den meisten Seuchenausbrüchen die Diagnose der Krankheit vorzugsweise auf die grosso Zahl der Todesfälle basirt, so dass die Seuche oft schon vor ihrer Feststellung eine grössere Verbreitung erlangt hatte. Don Verwaltungs­behörden entging dieser wundo Punkt nicht. Sie sahen sich deshalb, um ihren Anordnungen einen thatsächlichen Erfolg zu sichern, zu der Be­stimmung genöthigt: dass „bei jedem bedenklichen Viehsterbenquot; die Ab­schätzung, Tödtung und Vergütung der kranken und verdächtigen Rinder stattlinden und dass erst, wenn die Krankheit als die Rinderpost oder Löser­dürre erkannt werde, die weiteren Verkehrsbesohränkungen und Desinfec-tionen eintreten sollten. So correct dies Verfahren vom legislatorischen Standpunkte erscheint, so war es doch für die Praxis ungenügend. Es konnte nach der einen Seite die missbräuchliche Ausnutzung des ge­botenen Vortheils nicht verhindern und nach der anderen Seite beim Aus-
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brucli dor Rinderpest für die unrichtige Deutung der ersten Krankheits­fälle einen Ersatz nicht schaffen.
In Holland wurde 1803 eine allgemeine Vieliversiclieriing' angeordnet und aus den zwangsweise erforderten Beiträgen siünmtliclior Rindvieh-besitzer ein Fonds zur Entschädigung der wegen Rinderpest getödteten Thiere gesammelt.
In gleicher Weise trafen die Fürsten von Anhalt-Dessau, -Bern­burg und -Köthen gemeinsam eine Vereinbarung,1) in welcher bestimmt war, dass den Führern von polnischen und ungarischen Ochsen beson­dere Lager- und Verkaufsplätze von der Polizei anzuweisen seien und dass beim Auftreten der Lüserdürre sämmtliches fremde Vieh ohne eine Vergütung der Besitzer getödtet werden solle. Von dem inländischen Vieh mussten „bei einer eintretenden Seuchequot; die gestorbenen und ge­tödteten Thiere vorher assecurirt und es sollte der Schaden auf sämmt-liche Rindviehbesitzer im Lande vortheilt und nach Verhiütniss vergütet werden. Die Verheimlichung des Uebels, sowie grobe Nachlässigkeit oder boshaftes Verschulden bei Veranlassung und Verbreitung der Vieh­seuche hatte neben anderen Strafen den Verlust der Vergütung zur Folge. Im Falle eines Krieges sollte die gemeinsame Viehassecuranz cessiren, weil die polizeilichen Tilgungsmassregeln nicht ausgeführt worden könnten.
Von 1803 bis 1807 blieben Deutschland und die anderen west­europäischen Reiche von der Rinderpest verschont. Auch in Oesterreich, wenigstens in den deutschen Kronländern zeigte sich die Seuche nicht. Veranlasst durch den zwischen Preusson und Frankreich geführten Krieg verbreitete sich die Rinderpost 1807 von Polen in die östlichen Pro­vinzen des Proussischen Staates. Die Verluste, welche Ost- und West-preussen erlitten, sind zwar zahlonmässig nicht festgestellt. Aber die Zeitgenossen bezeugen übereinstimmend sowohl in amtlichen Urkunden, als in gelegentlichen historischen Bemerkungen, dass von allen Drang­salen des Krieges die Rinderpest das grösste Unglück für die Landwirth-schaft gewesen ist. In Folge des Rückzugs der französischen Truppen wurde die Krankheit 1807 in Pommern und in die gegenwärtige Provinz Brandenburg eingeschleppt, woselbst sie im folgenden Jahre schreckliche Verheerungen unter dem Rindvieh herbeiführte und erst gegen Ende des Jahres 1809 zum Erlöschen kam. In der Neumark, welche den grössten Theil des gegenwärtigen Regierungsbezirks Frankfurt a. O. umfasst, sind gegen 10 000 Rinder dor Krankheit erlegen. Die Stadt Landsberg an der Warthe hatte hiervon allein einen Verlust von 1000 Haupt zu be­klagen.2)
') Vergl. Laubender. Seuchen 1811. 11. S. 133,
2) Vergl. Hering: Uober die Rinderpest. Berlin 1812.
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Im Jahro 1809 erfolgte eine neue Einsohleppung der Rinderpest nach Ostpreussen durch eine SO Haupt starke Heordo russischer Handels-ochsen, welche aus der Gegend von Warsohau aufgekauft und nach Chrlstburg1 gebracht waren. Mittels der vollständigen Isolirung- der er­krankten und verdächtigen Bestände, die zum Theil in den Wald getrieben wurden, gelang die Tilgung in wenigen Monaten (Ribbe G4 S. 15G).
Sick (63 S. 42) berichtet, dass das immerwährende Hin- und Her­ziehen der französischen Truppen, der Mangel an Beistand leistenden Personen, sowie an gehöriger Unterstützung Seitens der Obrigkeit, deren Wirkungskreise überall sehr beengt waren, ferner der allgemeine Mangel an Geld, welcher keine sichere Vorausbestimmung der Entschädigungen für das durch die Seuche geraubte Vieh erlaubte, die hieraus entstandenen Widersetzlichkeiten der Viehbesitzer gegen die erforderlichen Massregeln — die Tilgung überhaupt und besonders in den Städten Stettin, Stargardt und Pyritz sehr schwierig gemacht hätten. Nicht minder lag nach den thatsächlichen Ausführungen Bering's1) in der mangelhaften Sacbkennt-niss der Kreisphysiker die Veranlassung, dass die Seuche so grosse Opfer erforderte.
Schlesien und die deutsch-österreichischen Staaten waren auch dies­mal von der Seuche nicht verschont. Im Salzburgischen erreichte dieselbe nach Laubender (1. c.) erst im Frühjahr 1810 ihre Endschaft.
Als die Krankheit im October 1807 auf dem linken Ufer der Oder zum Ausbruch kam, erliess Sick an die Viohbesitzor des „Oderbruchquot; einen Aufruf2) zur Betheiligung an einer veterinairpolizeilichen Anstalt, welche von ihm selbst mit 8 bis 10 sachkundigen Gehülfen und unter Mitwirkung der Landräthe, der Kriegs- und Steuerräthe und der Kreis-physici geleitet werden sollte. Zur Deckung der Kosten wurde vorge­schlagen, nach der Kopfzahl der Rinder von jedem Besitzer monatlich pränumerando Beiträge durch die Ortsbehörden einziehen zu lassen. Der Plan, welcher auf den von Sick aeeeptirten Lehrsatz gestützt war, dass die Krankheit am ersten Tage ihres offenbaren Hcrvorlretens noch nicht ansteckend sei und deshalb durch schnelle Beseitigung der zunächst erkrankten Thiere unterdrückt werden könne, gelangte indoss nur theil-weiso zur Verwirklichung. Richtig war die Erklärung des Verfassers, dass die Krankheit in Europa nicht einheimisch sei, sondern stets durch Ansteckung entstehe, dass sie gewöhnlich durch das podolische Handels-vieh nach Deutschland verschleppt werde und dass die Anwendung aller, sowohl Curativ- als Präservativ-Mittel gänzlich zwecklos sei.
') Ueb. d. Rinderp, Berlin 1812 S. 163.
2) Etwas Weniges über den eigenthtimllohen Karakter der Rinderpest. Nebst einem Vorschlage, den Odorbruch und dessen nächste Umgebungen vor der AVutb dieser, in mehreren Provinzen der Königlich Preussischon Staaten grassirendon Seuche auf das Unfehlbarste zu schützen. Von G. P, Sick. Berlin 1807.
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Dagegen giny dio Unterstellung zu weit, dass die Ansteokung in regelmässigen Perioden von 10 zu 10 Tagen stattfinde. Gleichwohl blieben die Lehrsätze Side's, welcher häufig- Gelegenheit gehabt hatte, pestkranke Rinder zu sehen, nicht unbeachtet. Seine Auffassung gipfelt in folgenden Behauptungen: „Ein jedes von der Pest befallene Rind bleibt die ersten acht Tage nach dem Empfange des Giftes noch völlig gesund, so dass nicht das Mindeste von dem Dasein des Uebels zu spüren ist. Am neunten Tage aber bemerkt man die ersten Zeichen der Entwickelung desselben und am zehnten Tage erfolgt dann ein offenbares Erkranken des Thieres, nach welchem Tage auch dann die Ansteckungs­fähigkeit ihren Anfang nimmt. Eine Heerde sei so gross sie wolle, so wird doch zum ersten Anfange gemeiniglich nicht mehr, als ein einziges Stück Vieh von der Pest ergriffen. Aeusserst selten und gleichsam als eine Ausnahme von der Regel geschieht dies bei zwei oder drei. In der zweiten Ansteckungs- oder vielmehr Verbreitungsperiode, nohmlich zehn Tage nach der zuerst geschehenen Ansteckung, aber werden — wenn die Heerde etwa 50 Stück Vieh und darüber enthält — 3, 4 bis 5 Stück erkranken. Allein in der dritten Verbreitungsperiode und also abermal nach zehn Tagen greift das Uebel in drei- bis vierfacher Pro­gression um sich, so dass jetzt schon 15 bis 20 Stück Vieh eine Beute derselben werden. Und von nun an geht dasselbe unaufhaltsam fort, dergestalt, dass in einem Zeiträume von vier bis fünf Wochen der ganze Viehstand, er sei so gross er wolle, aufgerieben ist, indem von 30 bis 40 Stück im gewöhnlichen Gange der Pest kaum eins am Loben bleibt.quot;
Sick bemerkt (68 S. 21), dass ihm gegen Ende des Jahres 1807, nachdem schon viele Tausend Rinder an der Seuche gefallen waren, die Anordnung- der Tilgungsmassregeln in den Odergegenden, sowie in der Neumark und später in Pommern übertragen sei und dass er nach seinem Verfahren die Krankheit stets vollkommen unterdrückt und die nothwendigen Opfer auf eine kleine Zahl von Rindern beschränkt habe.
Gegen die Ansichten Sick's wandte sich der Arzt und ehemalige Kreisphysikus Rosorus mit einer grösstenthoiis polemisch gehaltenen Schrift,') welche viele unrichtige und ungereimte Behauptungen enthält. Es würde keine Veranlassung vorliegen, der abgeschmackten und ganz unwissenschaftlichen Ausführungen von Roser us hier zu gedenken, wenn dieselben nicht den nothwendigen Schatten geliefert hätten zu der glänzenden Kritik, welche der Landwirth Hering in einer vortrefflichen Abhandlung2) über die Rinderpost niedergelegt hat. Mit der thatsäch-
') Dio brandigo LungenentzUndllUg des Rindviehs, ihre Ursachen und Heilung1; von Dr. Roserus, praktischem Arzte zu Pyritz in Pommern, Stettin 1811.
2) K. L. Hering-. Uober die Rinderpest und deren Tilgung, besonders in Anwendung auf das Viehsterben zu Pyritz in Pomniern im Jahre 1808 und die darüber erschienene Abhandlung des Dr. Roserus. Nach den Grundsätzen des Prof. Sick dargestellt. Berlin ISl'i.
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lichen Rechtfertigung dor von Sick aufgestellten, bozw. verthoidig-ton Lehrsätze hat Hering, der ein Schüler von Sick war, nicht blos die Verdienste seines bewährten Lehrers öffentlich anerkannt, sondern auch den Verwaltungsbehörden ein reiches Material zur Verbesserung der Gesetzgebung an die Hand gegeben.
Nach dem Ergebnisse literarischer Studien ertheilte Tolberg1) den Landwirthen den Rath, im Falle der weiteren Ausbreitung der Rinderpest nach dem mittleren Deutschland die Impfung zu versuchen. Da die Krankheit aber im Oderbruch zum Erlöschen kam, so ist die kleine Schrift, die im Uebrigen auch keinen weiteren Werth hat, unbeachtet geblieben.
In Uebereinstimmung mit den Ansichten Sick's und in Folge der von ihm und seinen Schülern erstatteten Berichte aeeeptirte die Königlich Preussische Regierung den Grundsatz, statt der Grcnzquarantaine be­stimmte Einlassorte für den Eintrieb von Handelsvieh aus dem östlichen Auslande in den Preussischen Staat festzusetzen und an diesen Einlass­orten einige sachkundige Männer anzustellen, welche die Treibheerden zehn Tage lang begleiten, auf den Zustand derselben genau Acht geben nnd jedes erkrankende Thier absondern sollten. Die Allerhöchste Ge­nehmigung zu dieser Massregel erfolgte unterm 3. Mai 1810. Es wurde hierauf die Zahl der Einlassorte soweit beschränkt, als zum Betriebe des Viehhandels schlechterdings nothwendig erschien. Auch die Strassen, welche mit dem fremden Vieh betrieben werden durften, wurden be­stimmt. Unterm 16. Juli 1810 erfolgte die Anstellung eines besonderen Sachverständigen für jede östliche Grenzprovinz.
Nach den 1810 und 1811 in Schlesien genehmigten Erfahrungen erliess die Preussische Regierung detaillirte Bestimmungen über die polizeiliche Begleitung der Treibheerdon. Hierbei kam die ältere Vor­schrift wieder zur Geltung, dass zum sicheren Nachweise der Gesundheit der Rinder die Beobachtung 21 Tage lang- fortzusetzen sei.
Durch Podolische Ochsen, welche im Herbst 1810 auf den Viehmarkt zu Namslau gebracht waren, erfolgte die Einschleppung der Rinderpest nach Schlesien und ihre Verbreitung auf 150 Dörfer der Regierungs­bezirke Breslau und Lieg-nitz. Von Schlesien gelangte die Krankheit in die Kurmark, in welcher aber nur die beiden Aemter Rüdersdorf und Kienitz heimgesucht wurden. Auch in Wostpreussen trat nach Rib be (64) 1810 die Rinderpest auf. Die vollständige Tilgung der Seuche ge­lang erst im Frühjahr 1811. Die Bekämpfung' geschah fast überall nach dem System des Professors Sick.2) Im Verhältniss zu der umfang­reichen Verbreitung der Seuche war der Verlust an Rindern in Schlesien
') Uober das einzige Mittel, bei der sich jetzt nahenden Viehseuche das Rind­vieh zu retten. Von J. W. Tolberg. Magdeburg 1808. 2) Vorgl. Kau seh (02) und Ribbo (64),
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nach den Angaben von K aus oh nicht gross. Mitto September 1811 fand eine nouo Binsohleppung durch Podolischo Ochsen statt, mit welchen der Viehmarkt zu Brieg betrieben war. Diesmal wurde vorwaltend der Regierungsbezirk Llegnltz betroffen. Kausch, welcher die Verbreitung der Krankheit weitläufig erzählt hat, bezeichnet die ulcerösen Zustände in der Maulschleimhaut als „Erosionenu und erklärte, dass ausser ihnen ein charactcristisches Merkmal für die Diagnose der Rinderpest nicht aufgestellt werden könne. Schon seit langer Zeit waren die krank­haften Zustände der Maulschleimhaut bei der Rinderpost bekannt. Ihre diagnostische Bedeutung hatte Layard vollständig gewürdigt. Die Autoren halten sie für Ulcerationen, Brand oder auch für Blattern ausgegeben. Von Kausch wurden sie am besten beschrieben. Die von ihm zuerst1) angewandte Bezeichnung als „Erosionen11 hat sich bis zur Gegenwart er­halten. Dass die Erosionen der Maulschleimhaut bei einem pestkranken Rinde nur selten und stets nur in denjenigen Fällen fehlen, die nach einer kurzen Krankheitsdauer zum Tode führen, hatte der Verfasser richtig erkannt. Seine Erklärung derselben lautete dahin, dass sie als ein „theil-weises Absterben des Oberhäutchens- anzusehen seien. „Das Ober­häutchen wird bei verminderter Lebenskraft schon vor dem Eintritt der Lähmung, noch mehr aber nach demselben durch die Dampfwärme des Orts erweicht; bei der geringsten Berührung' löset sich, besonders um die Drüschen herum, im Maule das erweichte talgartige Häutchen los und es entstehen Anfressungen: Erosionenquot;. Ausserdem machte Kausch auf das Vorkommen von Erosionen in der Nasenschleimhaut und auf die ab­norme Röthung der Maulschleimhaut aufmerksam. Ihrem Wesen nach wird die Rinderpest von Kausch als eine acute Ausschlagskrankheit angesehen, welche in die Gattung der typhösen Krankheiten gehören soll. Gestützt auf viele sorgfältige Beobachtungen tritt er der Ansicht entgegen, dass die Krankheit stets innerhalb 10 Tage nach der An­steckung hervortrete. Die Incubationszeit könne sich bis zu 12 und 14 Tagen und selbst noch länger verzögern. Gegen die Auffassung von Sick hebt er hervor, dass Rinder schon zur Zeit des ersten Auftretens einzelner Symptome der Rinderpest bezw. bei scheinbarer Gesundheit eine Ansteckung herbeiführen können. Kein Autor hat die Tödtung der kranken und verdächtigen Rinder („die Anwendung der Keulequot;) mit grösserem Nachdruck empfohlen, als Kausch. „Es kommt nicht auf die Rettung von einem oder ein Paar Dutzend Stücken, sondern auf die sicherste und baldigste Ausrottung des Uebels an; jede kleinliche Massregel ist daher ein polizeilicher Missgriff.quot; Nach diesem Grundsatz wollte er bei der Tilgung verfahren wissen. In Ausnahmefällen sollte das kranke und verdächtige Vieh in denWald getrieben und unter „Waldquarantaine quot;
Vorgl. Hufeland und Himly. Journal Bd. I. St. 3. p. 114.
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gestellt werden. Das von Kn lisch in Vorschlag' gebrachte Heilmittel be­stand in einer Losung von Phosphor 0,60 in Oleum Olivar. 15,0 unter Zusatz von Gi Mimos. 15,0 und Aq. dest. t)5,0. Hiervon sollte ein halber Esslöffel voll mit 1 Quart Gorstcnschleim 3 bis 4 Mal täglich dem kranken Rinde eingegeben werden. Das Mittel ist von den Freunden des Ver­fassers später einige Male zur Anwendung gebracht, dann aber ebenso­gut, wie viele hundert andere Arzneimischungen der Vergessenheit anheim­gefallen.
Bei den namhaftesten Aerzten hatte sich im Anfange dos 19. Jahr­hunderts die Meinung befestigt, dass die Krankheiten blos ihrem allgemeinen Character entsprechend behandelt zu werden brauchten. Daher erklärt sich das Bestreben, eine grössere Zahl von einzelnen Krankheiten zu einer besonderen Familie oder Gattung zusammenfassen. Eine grosse Rollo spielte in dieser Art von Systematik der „Typhusquot; oder die „Familie der typhösen Krankheitonquot;, zu welcher die Rinderpost schon im vorigen Jahr­hundert gerechnet wurde. Der Wiener Arzt Valentin von Hilden­brand5) bemühte sich, die Uebereinstinnnung der Seuche mit dorn mensch­lichen Typhus nachzuweisen und es sind besonders seiner Anregung viele spätere Autoren in dem irrtbümlicben Glauben gefolgt, dass mit Hülfe dieser Theorie eine bessere Einsicht in das Wesen der Rinderpest gewonnen werden könne. Durch dieselbe sollte die angebliche Solbst-entwickelung der Krankheit in den Tiefebenen der Donauliinder und der südrussischon Steppengebiete begreiflich worden. Die meisten Autoren konnten sich von dieser Voraussetzung nicht befreien und Sick, der die spontane Entstehung leugnete und sich im Uebrigen genügen liess, die Rinderpest als eine eigenartige „Pestkrankheitquot; anzusehen, wie Oampor, Adami u. A. vor ihm gethan hatten, wurde von seinen zahl­reichen Gegnern stark angefeindet. Eine vermittelnde Stellung in dem Principienslreite nahm Viborg2) ein, der einmal die Seuche ebenfalls als eine im Südosten von Europa und in den weiter nach Osten gelegenen asiatischen Ländern einheimische und daher immer irgendwo herrschende Krankheit betrachtet, daneben aber auch glaubt, dass die podolischen Ochsen ihre Heimat gesund verlassen und unter Mitwirkung einer gerade dieser Race eigenthümlichon Anlage durch die Unbilden des Transportes in die Seuche verfallen könnten. Die originäre Entwickelung der Rinder­pest bei den westeuropäischen Rinder-Racen stellte Viborg in Abrede.
Nachdem die Rinderpest in Schlesien 1811 vollständig getilgt war, gab der grosse europäische Krieg von 1813 und 1814 von Neuem Ver­anlassung zu wiederholten Einscbleppungen und zur Verbreitung der
') Ucbor don anstockonden Typhus. 2. Aufl. Wien 1814.
2) Vcrgl. Vet. Selskabots Skrlfter, Anden Dool. Klobenhavn 1813.
S. G7.
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Seuohe über den grössten Thell Europas. Zu joner Zeit herrschte die Krankheit nicht blos im Innern Kusslands, sondern auch in den Donau-Fürstenthiiinern, in Ung-arn und Polen stationär. Es konnte daher kaum auffallon, dass mit den vielen Transporten von Schlachtochsen der grauen Kace, welche aus Bessarabien, dem gogenwärtig-en Rumänien und Ungarn stammten und den verbündeten Armeen nachgetrieben wurde, die Seuohe sich aller Orten einschlich. Beträchtliche Opfer hatten Schlesien, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Hannover, Hessen, Lippe, Westfalen, Holland, Süddeutschland, die Schweiz und vor Allem Frank­reich zu erleiden. Unter dem Drucke der Kriegsereignisso konnten die Staats-Verwaltungen die Schutzmassregoln gegen die Ausbreitung der Krankheit nicht überall mit gleichem Erfolge durchführen. Aber die Vieh­besitzer hatten im Allgemeinen von dem Misserfolge einer arzneilichen Behandlung und von der Thatsache, dass sie ihre Viehbestände durch strenge Absperrung schützen konnten, eine bessere Kenntniss, als in früheren Zeiten. Daher fanden die Behörden eine bereitwillige Unter­stützung für ihre Anordnungen. Hierzu kam der Befehl, welchen der Königlich Preussische Geheime Kriegsrath und Intendant der combinirten Nord-Armee in Deutschland, Crelinger unterm 24. November 1813 dahin erlicss, dass wenn unter dem Armee-Rindvieh die Pest ausbreche, welches durch Staffelten auf's allereiligste weit und breit den Landes-Regierungen bekannt zu machen sei, das Weitertreiben dieses Pestviehs nicht statt­finden oder geduldet werden solle. Die Truppen-Commandos sollten vielmehr das Schlachten aller von den betreffenden Viehtransporten noch nicht erkrankten Rinder und die Einpöckehing des Fleisches anordnen. Ausserdem kam die Belehrung der Besitzer durch einflussreiche Autoren, Prediger und andere distinguirte Personen den Verwaltungsbehörden zu Statten. Mustergültig ist der Aufruf von Paust.1)
Die schworen Verluste an Rindvieh, welche die grosso Pest-Invasion mit sich brachte, lassen sich durch zahlonmässige Belege aus der Literatur nicht feststellen.
Bevor von dem Auftreten der Seuche in Deutschland etwas bekannt war, erklärte Sick (63) mit aller Bestimmtheit, dass sie im Gefolge des Krieges nothwendig erscheinen werde. Er empfahl auch jetzt wieder mit patriotischer Wärme und grosser Uneigennützigkeit sein Tilgungsverfahren, nach welchem in jedem Seuchenorte ein Krankenstall zur schleunigen Isolirung der erkrankten Thiere errichtet werden sollte. Sowohl für die letzteren, als für die der Ansteckung verdächtigen Thiere musste die strengste Absperrung angeordnet werden. Ausserdem erklärte Sick die Bildung von drei Demarkationslinien in Deutschland, die Bestellung eines
') Guter Rath an Bürsor und Landleuto über Verhütung' der Viehseuche oder der Rindviehpost. 2. Aufl. Bückeburg 1813.
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ausreichenden Ilülfspersonals und die ordaungsmässige Ueberwachung-der fremden Viehtransporte mittels einer „Begd eit-Quarantainequot; für notlnvendig1. Der Verfasser versprach bei rog-elrechter Durchführung seines Verfahrens die Ausrottung;' der Seuche in jeder Ortschaft inner­halb 10 Tag-e. Das Verfahren ist auch 1813 und 1814 zwar nicht allge­mein, aber doch an vielen Orten von Sick und seinen Schülern (Ribbo u. A.) mit Erfolg zur Ausführung gebracht. An der Thatsache, dass sich die Seuche auf diese Art tilgen lässt, ist überhaupt nicht zu zweifeln. Der Verlauf der Rinderpest als Seuche gestaltet sich aber nicht immer in der von Sick angegebenen Eigenart. Das Verfahren war auch nicht in allen Ortschaften gleich gut ausführbar. Es erforderte bei einer allge­meinen Verbreitung der Krankheit, wenn der beabsichtigte Zweck erreicht werden sollte, eine grössere Unterstützung- seitens der Besitzer, mehr Ein­sicht, guten Willen und Diensteifer von dem Wärter- und Aufsichts­personal, als im Allgemeinen erwartet werden konnte. Ferner war die Zeit von 10 Tagen zu kurz bemessen. Ribbe, ein Schüler des Ver­fassers, verlangte für Ausnahmefülle eine Frist von 20 Tagen. Immer­hin hatte das Verfahren in der damaligen Zeit einige Berechtigung. Da die Entschädigung der Verluste, welche die Rinderpest verursachte, nicht sachgemäss geregelt war, so fanden wachsame Besitzer bei dem­selben ihre Interessen besser gewahrt, als bei der sofortigen Tüdtung der kranken und derjenigen Rinder, welche neben den kranken gestanden hatten. Die directen Verluste waren meist weniger gross, als bei anderen Tilgungsmethoden. Die zu ihrer Verhütung erforderlichen Beiträge be­rechneten sich für eine grössere Provinz auf 10 bis 20 Pfennig für jedes Rind.
Besser als die meisten seiner Zeitgenossen war Sick mit den Eigen­schaften der Rinderpest bekannt. Seine Abhandlungen haben ein weit grösseres historisches Interesse, als ihnen bisher von den Autoren zuge­schrieben ist. Vor Allem hat er darauf gedrungen, die Rinderpest nicht als einen ärztlichen Gegenstand, der sich zum Experimentiren mit Arznei­mitteln verwenden lasse, zu betrachten, sondern dieselbe Kraft Gesetzes für eine fremde (ausländische) Seuche zn erklären, die sich nur durch zweckmiissige Polizeianstalten besiegen lasse. Auch sprach er mit Be­stimmtheit aus, dass die Rinderpest bei dem in den asiatischen Steppen befindlichen Rindvieh eine einheimische Krankheit sei, welche theils dem Handelsverkehr, theils den Kriegszügen folgend, aber in der Richtung von Osten nach Westen in die europäischen Staaten eingeschleppt werde. Dass die Seuche nicht im Gefolge der Truppenzüge, welche die Richtung von Westen nach Osten innehalten, auftritt, hat er theils durch eigene Erfahrungen, theils aus der Geschichte mit Bestimmtheit erkannt. Aus richtiger Ueberzeugung und unter Bezugnahme auf thatsächliche Gründe widerlegte er ferner die damals sehr verbreitete Vorstellung, dass die
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Krankheit bei dem Sfeppenvieh in Folge heisser Witterung-, schlechten Futters und Getränkes etc. originär entstehen könne.
Die Erfahrungen Sick's über die Eigenthümlichkeiten der Rinder­pest und die von ihm aufgestellte Tilgungsmothodo haben eine sorgfältige Darstellungquot; durch Ribbo (64) gefunden, welcher zu wiederholten Malen von der Proussischen Regierung als Sachverständiger in verseuchte Di-stricte entsandt war. Die Abhandlung desselben ist auch heute noch von Interesse, da sie manche Special-Beobachtungen enthüllt und die von anderen Autoren aufgeworfene Streitfrage, ob die Seuche unter dem Steppenvieh dauernd herrschen könne, ohne dasselbe zu vernichten, durch eine zutreffende Erklärung erledigt.
Die grossen Schlachtviehheerden kamen im Spätsommer und Herbst sehr zahlreich nach dem westlichen Europa. Jede derselben zählte ge­wöhnlich 100 bis 150 Ochsen, zuweilen auch mehr, bis zu 500 Haupt und darüber. Sick (67) bemerkt, dass jährlich gegen 2000 Heerden über die deutsch-österreichische und preussische Grenze eingetrieben wurden und dass von diesen etwa 800 Heerden für die Preussischen Staaten bestimmt waren. Durch einzelne dieser Heerden erfolgte die Einsohleppung der Krankheit, Da während des Treibens immer nur we­nige gesunde Rinder von einem kranken angesteckt wurden und die er­fahrenen Händler stets für die schleunigste Absonderung der pestkranken Thiere Sorge trugen, so konnte eine Hoerde selbst 200 Meilen weit ge­trieben werden, ohne erhebliche Verluste zu erleiden. In dem Reste der scheinbar gesunden Ochsen befanden sich einige, welche mit dem Con-tagium behaftet waren und die Krankheit später verbreiteten. Dies Ver-hältniss ist zuerst von Sick und Ribbe klargestellt worden. Sie zeigten, dass die Feststellung der Rinderpest in einem Schlachtviehtransporle und die Verhängung der Quarantaine über den letzteren dem Viehhändler aus doppelten Gründen nachtheilig war. Einmal wurde derselbe zur Be­strafung gezogen und zweitens verlor er fast die ganze Heerde, weil die abgesperrten Thiere zusammen standen und hierdurch in kurzer Frist mit dem Contagium behaftet wurden.
Die Preussische Regierung konnte aus den vorhin angedeuteten Gründen die von Sick empfohlene Tilgungsmethode nicht vollständig aeeeptiren. Seine Erfahrungen haben aber in erster Linie erwirkt, dass die Mlnlsterial-Verfügung vom 8. November 1813 erlassen wurde, welche das Verbot der Anwendung von arzneilichen Präservativ- und Heilmitteln ausspricht. Sehr ziweokmässig bestimmt das Rescript, „dass Personen, welche Viehbesitzer zur Anwendung angeblich sicherer oder geheimer und abergläubischer Vorbauungs- und Heilmittel verleiten, als besonders gefährlich zur Untersuchung und Bestrafung zu ziehen seien.quot; Mit Recht wird in dem Rescript, und zwar gegen die Ansichten Sick's ferner an-
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geordnet, class in den von der Rinderpest heimgesuchten Orten die An­legung von Krankenställen und das Beobachten krankor Thiere nicht stattfinden solle, weil die sofortige Tödtung dieser Thiere zweckmässiger sei.
Während des Winters 1813/14 waren im Kreise Liegnitz 23 Orte von der Rinderpest heimgesucht. Der Kreisphysikus Be ling1) constatirte hierbei, dass der Verlauf der Krankheit nicht in jedem Orte oder Gehöfte gleich verderblich war. Zur Bekämpfung der Calamität verordnete er theils die Waldquarantaine (Unterbringung der kranken und verdächtigen Thiere in einer benachbarten Waldung bis zur Beendigung der Seuche), theils die sofortige Tödtung (.,die Keulequot;), theils die Parzellirung der Viehbestände eines Ortes in kleine Gruppen, theils die Sperre der ver­seuchten Gehöfte, theils die Sperre der nicht verseuchten Gehöfte zum Schütze vor einer Einschleppung. Das Ergebniss seiner Beobachtungen resümirt Beling dahin, dass jede dieser Massregeln wirksam sei, wenn sie den örtlichen Verhältnissen entspreche und ernsthaft ausgeführt werde, dass aber beim ersten Ausbruch der Seuche in einenraquo; Orte die „Keulequot; das schnellste und sicherste Tilgungsmittel sei.
Im November 1813 erschien die Rinderpest in Mecklenburg. Pro­fessor Karsten empfahl unter dem 24. December desselben Jahres in einer kleinen Schrift2) die Impfung, die früher schon in Mecklenburg versucht war. Da die Anregung keinen Erfolg hatte, so wiederholte der Verfasser dieselbe in einer vollständigen Abhandlung (65), welche durch ihre Kritik nicht ganz ohne Werth ist. Soweit ich indess aus der Literatur habe constatiren können, ist die Impfung bei dieser Invasion in Mecklen­burg nicht angewandt worden. Die Behörden schenkten derselben mit Recht kein Vertrauen mehr. Vom November 1813 bis zum 10. Februar 1814 waren in Mecklenburgquot; an der Pest 1809 Rinder erkrankt. Hiervon waren 1521 gestorben, 23 gelödtet, 22G durohgeseucht und 38 noch krank. Später waren Karsten, dessen Schrift ich diese Zahlen entnehme, keine officiellen Berichte mehr bekannt geworden. Aber am 0. März 1814 hatte das Sterben noch nicht aufgehört. Am 10. Februar 1814 erliess der Gross­herzog Friedrich Franz einen Befehl, nach welchem die Eigenlhümer für alle Rinder, welche zur Tilgung der Seuche auf obrigkeitliche Anordnung getödtet wurden, einen Ersatz erhalten sollten nach einem billigen Tarif, „und zwar aus einer Kasse, welche durch eine baldmöglichst auszu­schreibende, auf alles Hornvieh in unsern Landen zu legende Abgabe formirt werden soll.quot; Hiernach scheint die Tilgung der Seuche in Mecklen­burg im Wesentlichen durch die Tödtung der kranken und verdächtigen Rinder bewirkt zu sein. Professor Steinhoff erklärte in einer zeit-
*) Bemerkungen über die Rinderpest des Liegnitzschen Kreises in Schlesien etc. von Dr. M. Beling. In Kausch' Memorab. Zülliohau 1818. II. Bd. S. 77.
2) Wie sichern wir uns gegen die wiederkehrende Rindvieh-Pest? Von F. Chr. L. Karsten. Rostock und Schwerin 1814.
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gomässen kurzen Belehrung,1) (Uiss dio Bewahrung' der Thiere vor der Ansteckung- ein sicheres und das allein brauchbare Präservativmittel sei.
Nach Schleswig-Holstein gelangte tlie Rinderpest mit einem Truppen-Commando, welches am 5. Dezember 1813 die Stadt Lübeck besetzte und krankes Schlachtvieh mit sich führte. Sie verbreitete sich allmälig über 2 Städte, 4 Flecken, 7 adelige Güter und 38 Dörfer. Ihre Bekämpfung erfolgte nach Anleitung des dänischen Gesetzes vom 20. Februar 1801-) im Wesentlichen durch Tödtung der kranken und Absperrung der ver­dächtigen Rinder. Die auch jetzt wieder in grosser Zahl versuchten Arzneimittel wurden als wirkungslos erkannt. Zum vollständigen Er­löschen in Schleswig-Holstein kam die Krankheit in 6 Monaten. Im Ganzen waren durch dieselbe 1618 Rinder zu Grunde gegangen.'1)
Die Thierärzte beschäftigten sich zu jener Zeit viel mit einer von Wolstein, der damals in Altona lebte, ausgesprochenen Ansicht, nach welcher dio Aphthenseuche als Rinderpest in gelindem Grade und der In­halt der Aphthen als die geeignetste Materie zum Impfen gesunder Thiere betrachtet werden sollte.4) Soviel ich aus der Literatur habe entnehmen können, scheint diese irrthümliche Ansicht von vornherein einem grossen Zweifel begegnet zu sein. Wahrscheinlich ist die Einimpfung des Aphthen-seuche-Gontagiums zum Schütze gegen die Rinderpest nur in Holstein auf einzelnen Gehöften versucht worden.
Der Verlauf der Rinderpest im mittleren, südlichen und westlichen Deutschland lässt sich nach den literarischen Quellen nicht in ein über­sichtliches Bild zusammenfassen. Ausbrüche der Krankheit wurden in den verschiedensten Gegenden durch das kranke Schlachtvieh veranlagst, welches die Truppen mit sich führten. An der relativ schnellen Tilgung der Seuche hatte der strenge Winter von 1813 zu 1814, welcher den Verkehr beschränkte, einen nicht unerheblichen Antheil. In Baden wiederholten sich noch im Jahre 1815 die Krankheitsausbrücho.5) Von grossen Ver­lusten war auch das ehemalige Herzogthum Nassau betroffen, in welchem
1) Meoklenburgf-Sohwerinsohe Anzeigen. 1814. 4. Stück.
a) Ein Abdruck dieses Gesetzes findet sich in der „Sammlung- der das Me-dicinahveson in dem Herzogthum Holstein betr. Vorordn.quot; etc. Schleswig 1854. S. 274.
3)nbsp; nbsp;Vcrgl. E. Viborg. Bidrag til Qvaegsygons Historie og Eftoreitning om dens ßchandling i HarUigdommerno Slesvig og Holstein i Aarot 1814. In Veterinair-Solskabets Skriftor HI. Kiobenliavn 1818. Eine deutsche Uobers. dieser Abh. hat Hortwig im Mag. f. d. ges. Tliierh. 18(gt;(1 S. 1 veröffentlicht.
4)nbsp; Die Angabe findet sich in der kloinen Schrift: Bemerkungen über die Entstehung und Verbreitung des Botzea unter den Pferden und über die Ent-wiokelong anderer Seuchen und Festen der Menschen und Thiere; von J. G. Wolstein. Hamburg 1807. Vergl. auch die Mittheil, von Schrader in Busch; Teutsche Zeitschr. II. Bd. Cassel 1881. 1. Heft S. 10G.
5)nbsp; Vergl. Sohmicderer im Archiv Schweiz. Thierärzte I. Bd. 1816.
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die Seuche vom November 1813 bis zum Juli 1814 fast ununterbrochen herrschte. Später kamen noch hin und wieder oinzolno Krankheitsfalle vor und im August 1815 brach in der Stadt Höchst die Seuche noch­mals aus. Sobald dieselbe durch die Truppenzüg'o oingoschloppt war, erfolgte ihre Verbreitung' vorzugsweise durch die Nachlässigkeit der Ein­wohner und durch den Viehhandel. Indess wurde der grosso Nutzen einer strengen Absonderung und Todlung der kranken und verdächtigen Thiere mehrfach festgestellt. In sieben Orten des Amtes Wehen wurden 235 Rinder von der Seuche ergriffen. Von diesen fielen 152 und 83 seuchten durch. In sechszehn Orten des Amtes Atzbach erkrankten 317 Rinder, von welchen 202 zu Grunde gingen. Zwölf Orte des Amtes Weilburg verloren von 249 erkrankten Rindern 149. Im Oberamte Camberg fielen 157 und in dem damals oranisch-nassauischen Gebiete wurden 2166 Rinder von der Seuche weggerafft. In der Gemeinde Nieder-liederbach des Amtes Höchst starben mehrere Ställe aus. Vier Fünftel des ganzen Viehstandes wurden ein Opfer der Seuche.1)
Die Schweiz wurde besonders 1814 von der Rinderpest heimgesucht, gegen welche indess die zweckmässigsten Tilgungsmassregeln (Tödtuug der kranken Thiere, strenge Absperrung der Gehöfte und Ortschaften, sowie Verbot der Vieheinfuhr aus Württemberg und Baden) mit grosser Energie und durchgreifendem Erfolge angewandt wurden. Ueberall er­folgte die Einsohleppung durch ungarische Ochsen, welche zur Verpfle­gung der Truppen in einzelnen Ortschaften geschlachtet wurden. Mit Rücksicht hierauf erliess das Sanitätscollegium des Kantons Zürich den Befehl, das von den Truppen mitgeführte fremde Schlachtvieh an einem entlegenen Platze der Dorfschaft durch zuverlässige Wärtor verpflegen zu lassen.2)
Durch das, den verbündeten Armeen nachgetriehene Schlachtvieh ver­breitete sich die Seuche in Frankreich. Sie herrschte 1814 und 1815 in ver­schiedenen Departements und wurde vollständig erst 1816 getilgt. Unzweifel­haft sind in diesem Zeitraum sehr viele Rinder durch die Post in Frankreich zu Grunde gegangen. Die Zahl derselben ist aber aus der Literatur nicht festzustellen. Nach den Angaben Huzard's und Dupuy's sollen im Seine-Departement allein gegen 8000 Rinder durch die Pest umgekommen sein. Zur endlichen Tilgung derselben wurde unterm 27. Januar 1815 eine königliche Verordnung erlassen, welche die strenge Absperrung der verseuchten Gehöfte, sowie die Tödtung aller kranken Rinder und die Vergütung ihres Worthcs vorschreibt. AVio in Deutschland die meisten Autoren ohne Rücksicht auf frühere Erfahrungen ihre subjeetiven An-
i) Vergl. J. ß. Fran quo. Gesch. dor Souclion im Horzogthum Nassau. Prank­furt a. Main IS.'U. S. 101.
2) Vergl. Wirtii. Goscli. dor Souchen der HausthicrG im Kanton Zürich. Im Archiv schwoiz, Thioriirzto Dd. V.
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sichten von der Rinderpest entworfen hatten, so verfielen auch die fran­zösischen Thierärzte in denselben Fehler. Die Versuche zur Auffindung1 eines wirksamen Heilverfahrens hatten für sie den grössten Werth. Frei­lich machten die politischen Zustünde während des Krieges die schnelle Tilgung der Seuche an vielen Orten unmöglich.
Gohier (66) erklärte die Krankheit ihrem Wesen nach für einen acuten Katarrh säinmtlicher Schleimhäute des Körpers, insbesondere der inneren Haut des Alimentarkanals. Bei seinen Versuchen wurden Pferde, Esel, Schafe und Hunde nicht angesteckt. Aber auf zwei Ziegen über­trug sich die Krankheit und Gohier sohloss hieraus ganz richtig, dass die Ziegen durch Ansteckung mit der Seuche behaftet worden könnten. Zu derselben Zeit sprach Grognier in einem Berichte1) die Ansicht aus, dass die Krankheit dem Rinde eigenthümlich sei und in einem galligen Entzündungsfieber (Fievre bilioso-inflammatoire) bestehe.
Eine ausführliche Arbeit von Ilurtrel d'Arboral2) ist nicht von besonderem Werthe. Der Verfasser glaubt in Uebereinstimmung mit den Ansichten Buniva's, dass sich die Seuche in Ungarn spontan erzeuge und dass die ungarischen Ochsen das Contagium mehrere Wochen in sich tragen könnten, bevor sie in die Krankheit verfielen und dieselbe dem einheimischen Rinde mittheilten. Den im westlichen Europa befind­lichen Rinder-Racen wird eine grössere Empfänglichkeit für das Con­tagium zugeschrieben, weil die einheimischen Rinder schon wenige Tage nach der Anstckung erkrankten.
Aehnliche Meinungen tauchten in Frankreich mehrfach auf. Die Selbstentwickelung aus schlechtem Futter und atmosphärischen Schäd­lichkeiten wurde schon in Conscquonz massgebender medicinischer Lehrsätze zugegeben. Auch die Fäulniss der Thier-Cadaver, die wäh­rend des Krieges nicht sofort vergraben oder beseitigt seien, mussto als eine Ursache der Rinderpest gelton. Eigonthümlicher Weise sollten derartige Ursachen nur bei den fremden Rindern die Seuche hervor­bringen. Dass die einheimischou Rinder nur in Folge der Ansteckung erkrankten, war als Thatsache allgemein festgestellt. Die Unwirksamkeit der Arzneimittel hat Huzard^) scharf hervorgehoben. Er sagte ganz richtig, dass man gegen die Seuche nur Geld und Menschen nothwendig brauche: „de Fargent, pour payer les depenses qu'exigent les mesures de
') Rapport sur l'epizootie rogmuito h M. le Piefet du depart, du Rhone, par L. F. Grognier, Professeur a l'taole royale voter, do Lyon, le 17. Mai 1814.
quot;) Instruction sommaire sur l'öpizootie contagicuse, qui vient de se dßclaror parmi les betos ä, cornos dans le departemont du Pas-dc-Calais. Söcondo Edition. Paris 18 IG.
3) Rapports et observations sur l'öpi/ootio contagieuso regnant sur les betos a cornos de plusieurs döpartemonts de la France. Paris 1814.
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l'isolement, et des homines pour empocher la communication entre les animaux sains et malades, et pour faire executor les mesures sanitaires.quot; Guersent1) benutzte nach dem Vorgänge deutscher Autoren den Namen des ansteckenden Typhus (typhus contagieux des botes ä oornes) zur Bezeichnung der Krankheit, von der er glaubt, dass sie dorn Kriegs-Typhus der Menschen verwandt sei.
Gegen Ende des Jahres 1815 und zu Anfang 1816 machte Dupuy (4) mit der Einimpfung des Rinderpest-Contagiums bei gesunden Rindern einige Versuche in der Thierarzneischule zu Alfort, woselbst auch mehrere kranke Kühe genau beobachtet und behandelt wurden. Von diesen Thioren sind die Krankheitsgeschichten sorgfältig beschrieben worden. Sie enthalten indess Nichts, was hier besonders erwähnt werden müsste. Dupuy erblickt in der Rinderpest eine pockenartige Krankheit (Cachexie varioleuse). Das von ihm verfasste Buch, welches 1836 erschien, hat im Wesentlichen nur ein historisches Interesse, weil es von allen wichtigen französischen Originalarbeiten des vorig-en Jahr­hunderts ausführliche Auszüge und ausserdem die in Frankreich bis 1815 zur Bekämpfung der Seuche erlassenen gesetzlichen Verordnungen wörtlich anführt. Die Kritik, welche der Verfasser seinen Erzählungen beifügt, hat zur besseren Erkenntniss der Rinderpest Nichts beigetragen. Damit will ich dem Fleisse, welchen Dupuy auf seine Arbeit verwandt hat, die gebührende Anerkennung nicht versagen. Aber die ganze Ten­denz des Buches ist nicht praktisch.
In den deutschen Staaten wurde die Rinderpest grösstentheils schon im Jahre 1814 und an vereinzelten Orten des südwestlichen Deutschlands im Winter 1815 vollständig getilgt. Als die verbündeten Mächte 1815 von Neuem zum Kriege gegen Frankreich rüsteten, erliess Sick (67) ein Sendschreiben in deutscher und französischer Sprache zur Empfehlung seiner, S. 162 bereits besprocheneu Vorschläge. Sick hat in dieser Schrift seine Tilgungsmethode und den Handelsverkehr mit den fremden Schlachtviehheorden ausführlich beschrieben. Wegen der schnellen Be­endigung des Krieges blieb Deutschland indess von einer neuen Invasion der Rinderpest verschont.
Die Oesterreichischen Behörden gestatteten während der Kriegsjahre fast überall die arzneiliche Behandlung der pestkranken Rinder. Die Tilgung der Seuche musste sich hierdurch nothwendig verzögern Dazu kam, dass die Diagnose der Krankheit durch die von massgobenden Autoren aufgestellten unrichtigen Lehrsätze erschwert wurde. Nachdem Wolstein der Rinderpest den Namen „Magenseuchequot; gegeben und Keck irrthümlicher Weise versucht hatte, unter diesem Namen eine besondere Seuche des Rindes zu begreifen, beging Waldinger (69) den Fehler,
gt;) Essai sur les epizootics. Paris 1815.
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die Rinderpest und die Mag'enseuche als zwei sehr nahe verwandte aber dem Wesen nach verschiedene Krankheiten zu beschreiben. Nur die erstere sollte aus dem Orient stammen und in Europa stets durch Ansteckung1 erzeugt werden, während von der „Magenseuchoquot; behauptet wird, dass sie aus den mit anhaltenden Transporten verbundenen schädlichen Ein­flüssen spontan entstehen und mit ihrer weiteren Ausbildung zum Typhus ein Contagium erzeugen könne. Nach der Darstellung Walding er's sind die Symptome beider Krankheiten ganz gleich. Von der Magen­seuche sollen aber mehr Rinder genesen, als von der Rinderpest. Für die Behandlung der Magenseuche empfiehlt der Verfasser, vor Allem die erkrankten Thiere einer Heerde sofort abzusondern, damit nicht die gesunden von dem sich mit der Krankheitsentwickelung ausbildenden Contagium infleirt würden. Seine Vorschläge kommen im Wesentlichen auf das Verfahren hinaus, welches Sick für die Behandlung der Rinder­pest forderte.
Dem Vorgange Waldinger's folgte Bojanus (70), dessen Dar­stellung auf mich den Eindruck macht, als ob der Verfasser diejenige Krankheit, welche als „Magenseuche des Rindviehs oder Ruhrseuchequot; gelten soll, selbst niemals gesehen hat. Bojanus drückt sich über die Merkmale, welche die Magenseuche begleiten sollen, mit grosser Zurück­haltung aus. Er glaubt auch, dass sie nur selten vorkomme. Von der Rinderpest hat derselbe ein richtiges Bild entworfen. Während Wal-dinger sich mit unfruchtbaren pathologisch-chemischen Hypothesen über das Wesen der Rinderpest abmühte, beschränkt sich Bojanus darauf, den Anforderungen der Praxis gerecht zu werden. Gegenüber den An­sichten Sick's wird mit Recht betont, dass der Verlauf der Seuche sich nicht in allen Jahren gleich gestalte und dass die „Bogleit-Quarantaine-' bei der Einfuhr grosser und zahlreicher Viehheerden unmöglich durch­geführt werden könne.
Bojanus stellt dio spontane Entstehung der Seuche ausserhalb der Steppengegenden in Abrede und betrachtet für Deutschland alle ungarischen und polnischen Rinder schlechtweg als verdächtig. Deshalb proponirt er die Einfuhr derselben von einer zehntägigen strengen Quarantaine ab­hängig zu miichon. Eine längere Dauer der Quarantaine erscheint ihm nicht noting und deshalb unzulässig, weil durch dieselbe der Preis des Schlachtviehs und beziehungsweise die Fleischnahrung des Volkes ver-theuert werden müsse. Die arzneiliche Behandlung der kranken Rinder wird widerrathen. Er glaubt aber, dass mit der methodischen Anwen­dung der Salzsäure wohl zwei Drittheile der Kranken gerettet werden könnten.
Unter dem Einflüsse der von Waldinger aufgestellten Ansichten gelangten die üstorreichischen Thierärzto vielfach zu der Meinung, dass es neben der Rinderpest noch eine fieberhafte Seuchenkrankheit bei den
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Rindern gebe, welche als .,epizootisch6s Fieberquot; zu bezeichnen sei.1) Offenbar enthält diese Diagnose denselben Irrthum, dessen sich schon Vioq d'Azyr schuldig gemacht hatte. Die Beobachter hatten ganz über­sehen, dass auch die Rinderpest zuweilen einen aussergowöhnlich gün­stigen Vorlauf nimmt. Mit besserem quot;Verständniss hat Namsler2) die graduellen Verschiedenheiten der Krankheit in ihrer Abhängigkeit von den zufälligen Eigenschaften des Contagiums erkannt. Er unterschied eine schwere und eine leichte Form der Seuche. Irrthümlich war hierbei aber die Erklärung, dass der milde Verlauf von dem Fortbestehen der Ilautthätigkeit bedingt sei.
!) Vergl. Hauenschild. Uebor die Lösordürre. quot;Wien 1816. 2) Ueber die Rindvielipost und doron Behandlung etc. in den Jahren 1813—1814 von G. G. D. Namslor.
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Dritter Theil.
öesohichte der Rinderpest von 1816—1850.
Literatur.
1.nbsp; nbsp; Sick. Kritische Beleuchtung- und Würdigung- der europäischen Pest­krankheiten fremden Ursprungs nebst einer comparativen Zusammen­stellung' der orientalischen Rinder- und der occidentalischen Menschen­pest. Leipzig 1822.
2.nbsp; nbsp; Lorinser. Untersuchung-en über die Rinderpest. Berlin 1831.
3.nbsp; nbsp;Jessen. Die Rinderpest. Mit besonderer Beziehung auf Russland dargestellt. Berlin 1834.
4.nbsp; nbsp;Haupt. Ueber einige Seuchenkrankheiten in Sibirien und im süd­lichen europäischen Russland. Berlin 1845.
5.nbsp; nbsp; Spinola. Mittheilungen über die Rinderpest. Berlin 1846.
6.nbsp; nbsp; Seer. Ueber die Rinderpest der Jahre 1844—1845 in Böhmen. In der Zeitschr. von Dieterichs, Nebel und Vix. Bd. XIV. 1847.
Die gewaltigen Kriege, welche die grössten europäischen Mächte in ihren Grundfesten erschüttert hatten, waren zu Ende. Es folgte für das westliche Europa eine Zeit des Friedens: Hebung der Volkswohlfahrt und Förderung der Wissenschaften. Auch die Rinderpest war erloschen. Dessungeachtet blieb das wissenschaftliche Interesse, welches die verderb­liche Krankheit beansprucht, erhalten. Die umfangreiche Literatur, welche mehr, als 100 Jahre hindurch der Seuche gewidmet war, hatte ein be­friedigendes Ergebniss nicht geliefert. In praktischer Hinsicht war ge­lehrt worden, die Rinderpest zu bekämpfen: a) durch arzneiliche und diätetische Behandlung der kranken Thiere; b) durch Impfung; c) durch Aufrechthaltung der Vieheinfuhr aus dem östlichen Auslande über be­stimmte Einlassorte, amtliche Begleitung der Viehtransporte und schleu­nigste Isolirung der kranken Rinder beim Ausbruch der Seuche; d) durch energische Absperrung der verseuchten Gehöfte und Ortschaften, sofortige Tödtung und unschädliche Beseitigung aller kranken und verdächtigen Rinder, sowie durch Anordnung einer genügenden Contumaz oder eines Einfuhrverbots für die aus dem Auslande kommenden Rinder der grauen Race.
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Die Erörterungen dor Fachmänner und mehr noch die thatsächlichen Erfahrungen, welche sich den politischen Behörden bei der Tilgung der Seuche aufdrängten, hatten zur Evidenz herausgestellt, dass die Gesetz­gebung zur Abwendung und Bekämpfung der Rinderpest zweckmässig nur auf die sub d, angedeuteten Mittel basirt werden kann.
Grosse Controversen Hess dagegen die wissenschaftliche Discussion übrig. Obgleich die Symptomatologie von den besseren Autoren voll­ständig besprochen und die wichtigeren pathologisch-anatonüschen Ver­änderungen bekannt waren, so hatte doch die Frage nach dem Wesen der Krankheit nicht zu einem befriedigenden Abschlüsse gebracht werden können. Wohl hegten alle bedeutenden Fachmänner keinen Zweifel mehr, dass die Rinderpest immer ansteckend sei. Aber der Streit über die erste und beziehungsweise die fortdauernde spontane Entstehung derselben blieb bestehen. Sick hatte nach streng wissenschaftlichen und auf that-sächlicher Grundlage aulgebauten Argumentationen beharrlich gelehrt, dass die Rinderpest auch bei den ukrainischen, podolischen, ungarischen etc. Treibheerden immer nur aus einer Ansteckung hervorgehe. Allein er fand nur einen kleinen Kreis von Anhängern. Die grosse Mehrzahl der thierärztlichen und ärztlichen Autoren billigte die Anschauung, dass die Krankheit dem Kriegs- oder Lagertyphus des Menschen nahe verwandt sei und wie diese ansteckende Krankheit von einer originären Entstehung abgeleitet wurde, so glaubte man schon aus Vernunftgründen, der Rinder­pest ebenfalls die Möglichkeit einer Selbstontwickelung nicht absprechen zu können. Merkwürdiger Weise hat sich Niemand die Frage dahin klar gemacht, dass mit dem, von den englischen Systematikern Cullen und BroAvn in den medicinischen Sprachgebrauch neu eingeführten Begriff der „typhösen Krankheitenquot; nicht mehr bezeichnet werden konnte, als was die älteren Autoren unter dem Xamen der „fauligen Krankheitenquot; verstanden hatten. Die eine Theorie war gerade so unfruchtbar, als die andere.
Dass die Rinderpest bei den im westlichen Europa einheimischen Rindern niemals ohne Ansteckung hervorgebracht werde, musste unter dem Drucke der Thatsachen bedingungslos eingeräumt worden. Die Autoren beschränkten daher die Selbstentwickelung auf die podolische (graue) Race, ohne sich die geringste Rechenschaft darüber zu geben, Avarum die europäischen Rinder für die Mittheilung des Contagiums sehr empfänglich, für die Selbstentwickelung desselben aber ganz unempfäng­lich sein sollten.
Sick vertrat 1822 seinen Standpunkt von Neuem (1) in einer inter­essanten pathologischen Parallele zwischen der Rinderpost und dem gelben Fieber des Menschen. Der Verfasser erörtert in dieser Schrift, dass die Rinderpest, die Schafpocken, die menschlichen Pocken, die orientalische Pest und das gelbe Fieber der Menschen ausländische Krankheiten seien,
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die bei ihrem Auftreten im Inlande stets mit polizeilichen Massregeln, nicht aber mit der Impfung behandelt werden sollten.
Von weittragendem Einlluss auf die Ansichten der Thierärzte und der beamteten Aerzte ist die Abhandlung' über die Rinderpest gewesen, welche Joh. Emanuol Veith in seinem Handbuch der Vetorinairkunde 1818 niederlegte. Dem Verfasser standen eigene Erfahrungen über die Krankheit nicht zu Gebote. Seine Arbelt kennzeichnet sich vielmehr als eine übersichtliche und geschickte Darstellung der Lehren, welche von den besten Autoren bis dahin vortreten waren. Aus diesem Grunde kann es nicht befremden, dass in der Symptomatologie einige Irrthümer wiederkehren, die sich durch die ganze ältere Rinderpest-Literatur ver­folgen lassen. Wie die Autoren des vorigen Jahrhunderts, so Hess sich auch der Verfasser durch die hypothetischen Voraussetzungen von der Natur der Krankheit verleiten, der Symptomatologie und dem Verlaufe Eigenthümlichkeiten zuzuschreiben, welche in der thatsächlichen Er­fahrung nicht begründet sind. Eine specielle Kritik der Abhandlung von Veith würde mich hier zu weit führen. Der Verfasser glaubt mit Camper, Adami, Sick u. A., dass die Rinderpest von einem eigen-thümlichon Contagium abhängig sei. Er will sie aber ihrer Natur nach als „Typhusquot; anerkannt wissen. Auch aeeeptirt er die von Namsler aus­gegangene Trennung der Krankheit in eine schwere und leichte Form. Die Selbstontwickelung ist von ihm als eine offene Frage behandelt worden. Nach dem Vorgange Waldinger's hat auch Veith neben der Rinderpest die „Ruhrseuohequot; (Magensouche, Ruhr, Gedärmseuche, Dy-senteria epizootica) als eine besondere Seuchenkrankheit beschrieben.
Die russische Literatur über die Rinderpest hat vor der Veröffent­lichung der Abhandlung von Jessen (3) nur Bruchstücke und gelegent­liche Berichte aufzuweisen. Eine Ausnahme hiervon macht das Werk von Bojanus über die Seuchen. Dasselbe ist indess weniger für russische Leserkreise, als für das deutsche Publicum geschrieben. — In den Jahren 1810 und 1820 bis 1822 beobachtete Haupt das verbreitete Herrschen der Seuche in Sibirien. 1825 drang' sie in das nördliche europäische Russland. Nach den Angaben Jessen's wurde 1826 im Pskowschen Gouvernement der Rindviehstand fast gänzlich aufgerieben. In den beiden folgenden Jahren erschien die Krankheit in Liefland, Esth-land und Gurland. Der Hofrath Bidder1) hat aus den bei diesen Aus­brüchen gemachton Wahrnehmungen in Ueberoinstimmung mit Bojanus u. A. hervorgehoben, dass die Symptome der Krankheit sehr unbeständig seien und dass die Anfüllung des dritten Magens mit harten Futterstoffen kein pathognomisches Merkmal darstelle.
Während des russisch-türkischen Krieges von 1827 bis 1828 war
l) Henke's Zeitschrift für Staatsarzneikunde 1830. Ergänzungsh. 12.
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die Gelegenheit zur Ausbreitung1 der Seuche ausserordentlich günstig'. Sie wurde in den Donaulämlern und im südlichen Russland zu einer all­gemeinen Landos-Calamitiit. 1827 eri'olg'to die Einschleppung nach Oester-reich-Ungarn und nach Preussen. Die Bukowina, Galizien, Schlesien, Mähren und Böhmen, anderseits Ungarn, Illyrien und Steiermark wurden schwer heimg'esucht. Erst 1830 gelang die vollständige Tilgung in Oesterreich. Vcith (1. c. 3. Aufl.) bemerkt, class Ungarn von 1827 bis 1828 etwa 30 000, Mähren 'JOOO und Qallzien 12 000 Rinder eingebüsst hätten. Einzelne Gegenden wurden wiederholt heimgesucht. Prinz1) berichtet, dass die Krankheit in Böhmen seit 8 Monaten auf allen Punkten völlig getilgt, aber im October 1829 durch eine Heerde polnischer Ochsen von Neuem eingeschleppt worden sei.
Durch Einschwärzung von Podolischen Ochsen kam die Seuche im November 1827 nach Preussisch-Schlesien in 18 Ortschaften. Der Ge-sammt-Verlust betrug 460 Rinder. Nach 2 Monaten war die Krankheit durch zweökmässige Massregeln unterdrückt,-)
Im October 1829 passirte eine Heerde podolischer Ochsen, im Ganzen 177 Haupt, die Quarautaine-Anstalt in Podzanzo. Die während der Gontumaz an der Pest erkrankten Ochsen waren von den Eigen-thümern heimlich bei Seite geschafft und aus der Nachbarschaft durch Ankauf ersetzt. Hierdurch waren die controlirenden Beamten hinter­gangen, da die Zahl der Ochsen sich stets gleich blieb und das Signale­ment kein Unterscheidungsmerkmal lieferte.
Die Rinderpest verbreitete sich durch diese Heerde in die preussisch-schlesischen Kreise Wartenberg, Namslau und Brieg, Mittels strenger Handhabung der gesetzlichen Tilgungsmittel gelang die Unterdrückung bis Ende Januar, Der Kreisphysikus Hofrichter3), dem ich diese Daten entlehne, glaubt, dass durch die sofortige Impfung der grossen Viehbestände, in welchen die Seuche zum Ausbruch kam, das Tilgungs­geschäft nur halb so lange gedauert haben würde. Zu diesem Urtheil kam Hofrichter theils durch persönliche Vorliebe für die arzneiliche Behandlung der Thiere, theils durch die Vorschrift des Preussischen Viehsterbe-Patentes von 1803, nach welcher beim Ausbruch der Krank­heit in grösseren, mehr als 10 Haupt umfassenden Bestünden nur die kranken und die denselben zunächst stehenden Rinder getödtet wurden. Der Verfasser .beobachtete, dass von den podolischen Ochsen mehr Thiere verschont blieben, als von den einheimischen Rindern, Deshalb glaubt er, dass die Unterscheidung in eine schwere und leichte Eorm der Krank-
') Die Binderpest in einem Tliello von Böhmen im Jahre 1820 beobachtet. In Busch: Teulsoho Zoitschr, 111, Bd. 1, Heft S, 15.
2) Vergl. Lorinser (2),
:') Hofrichter. Einige Bemerkungen über die Rinderpest etc, in den Jahren 1829/1830. In Henke's Zeitschi', für die Staatsarzneik. Erlangen 1831.
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lioit nicht durch die Eigeuscluiften dos Contagiums, sondern durch die Viehracon bedingt sei.
Die Invasion dor Rinderpest in Schlesien im Jahre 1827 war für den Regiorungs-Modicinalrath Dr. Lorinsor die nächste Anregung zur Be­arbeitung seiner Monographie (2), welche fast drei Jahrzehnte hindurch in der Frage nach der Natur der Rinderpest eine massgebendo Stellung behauptet hat. Theils aus Bequemlichkeit, theils in Consequonz der medicinischen Doctrinon sind die neueren Autoren bis 1850 fast sämmt-lich den Ansichten Lorinser's gefolgt. Ich bin weit entfernt, der ge­schickt geschriebenen Abhandlung ihren Worth absprechen zu wollen. Aber ich kann nicht in das oft ausgesprochene Urtheil einstimmen, dass durch dieselbe für die Pathologie der Rinderpest dio erste wissenschaft­liche Grundlage geschaffen sei. Die Pathologie dor Rinderpest war längst begründet, bevor die Arbeit erschien. Das wosontlichsto Verdienst Lorinser's finde ich darin, dass er mit überzeugender Beweisführung und für die Preussischen Behörden mit durchschlagendem Erfolge die Nothwendigkeit der 21tägigen Quarantaine für das einzuführende Stoppen-vioh vertheidigt hat. Auf seine Autorität ist später oft Bezug genommen, wenn die Einschränkung der Quarantaine-Zoit im Interesse der Beschaffung einer billigen Fleischnahrung verlangt wurde. Vortrefflich ist ferner seine Erörterung der bereits durch die Erfahrung festg'ostellton Principien, nach welchen die Tilgung der Seuche im Inlando zu bewirken ist. Es wird immer ein beherzigonsworther Grundsalz sein: „dass die Gesetz­gebung den glücklichsten Erfolg erzielt, wenn sie sich auf das Noth-wendigo beschränkt, mit Ausschliessung aller blosson Rathschläge nur deutliche und bestimmte Befohle erthoilt und vor allen Dingen nicht ver-gisst, dass wo man zu viel verordnet, zu wenig' vollzogen wird.quot; Endlich war es zwar nicht mehr neu, aber durchaus zutreffend, die Quelle der Seuche in dem Steppenvieh zu suchen und zu vorsichern, dass bei den im westlichen Europa einheimischen Rindern die Krankheit nur durch Ansteckung erzeugt werde. Dagegen polemisirto der Verfasser mit Un­recht gegen die von Sick und seinen Schülern vertretene Ansicht, dass die Krankheit in Europa niemals von selbst entsteht. Die für die wissen­schaftliche Betrachtung der Rinderpest nachtheitig gewordenen Irrthümer Lorinser's gehen dahin: dass die Annahme von dem orientalischen Ur­sprung der Seuche weder den Gesetzen einer vernünftigen Analogie ent­spreche, noch durch bestimmte Erfahrungen festgestellt sei; ferner dass die Seuche kein beständiges Dasein führe, sondern zeitweise neu entstehe und verschwinde und dass sie von Zeit zu Zeit unter gewissen Verhält­nissen nicht allein in den Steppen, sondern auch in den ausgewanderten Ueerden der Steppenrace, also auch auf deutschem Gebiete sich ursprüng--lich entwickeln könne. In logischer Verfolgung dieser grundlegenden Gedanken brachte der Verfasser dio Entstehuug der Rinderpest mit
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abnormen Witterung'sverliältnisson und anderen atmosphärisch-tollurischen Einflüssen in Verbindung. Ihm erscheint die Aehnlichkeit, welche die Rinderpest mit dem Kriegs- und Lagertyphus und mit der anstockenden Ruhr des Menschen bietet, ausreichend, um ihre Selbstentwickelung zu behaupten.
Nach dieser Aehnlichkeit soll die Krankheit ihrem Wesen nach ein „bösartiges Ruhrfieberquot; — Typhus dysentericus boum — sein. Lorinser hat die schon von älteren Autoren geäusserte Meinung, dass die Krankheit bei dem podolischen oder Steppenvieh milder verlaufe, als bei den westouropäischen Racon, wieder aufgenommen. Diese Voraus­setzung führte ihn dazu, die „Magenseuchequot;, mit der in gelindem Grade auftretenden Rinderpest zu identificiren. Er unterstellte aber ganz irrthümlich, dass die ursprünglich sich ausbildende Rinderpest einen sehr milden Vorlauf nehme und dass sich die Beschreibung, welche Waldingor von der Magonseucho entworfen hatte, auf eine originäre Entwickelung der Rinderpest beziehe. Es war Lorinser ganz entgangen, dass auch nach einer längeren Dauer der Seuche zuweilen grössere Be­stände in einem sehr geringfügigen Grade befallen werden. Die Symp­tome und Sectionsbefunde hat der Verfasser ziemlich vollständig erörtert, ohne indess neue Gesichtspunkte für die Theorie der Krankheit zu ge­winnen. Sehr zweckmässig wird die ältere Erfahrung betont, dass es bei der Rinderpest kein Symptom gebe, welches für sich allein die Diagnose motiviren könne, dass aber auch bei keinem Rinde sich die Krankheit nur durch ein einziges Symptom äussere und dass jedes Symptom in Ver­bindung mit anderen seinen relativen Werth habe.
Angeblich nach den, beim Herrschen der Rinderpest in Böhmen 1828 und 1829 gemachten Beobachtungen schrieb Peterka eine sehr unbe­deutende Abhandlung1), in welcher das Wesen der Krankheit in eine Entzündung des dritten Magens (Omasitis putrida contagiosa s. Omasitis Pecoris cornuti) verlegt wird. Der Verfasser meint, dass die Rinderpest leicht heilbar sei. Der Salzsäure wird zur Behandlung der Krankheit eine warme Empfehlung zu Theil. Neben diesen Irrthümern kehrt auch die im vorigen Jahrhundert schon abgethane Hypothese wieder, dass durch eine Aenderung der Constitution des Rindes die Anlage zu der Ansteckung beseitigt werden könne. Sein Vorschlag, die neugeborenen Kälber vier Wochen hindurch an den Stuten saugen zu lassen, damit sie ihre Individualität ändern und die Empfänglichkeit für das Rinderpest-Gontagium verlieren sollten, ist zwai ernst gemeint, aber deshalb nicht weniger thöricht. Die Forderung war nicht einmal originell, sondern von Sale how (vergl. S. 132) entlehnt. Dem Verfasser hätte füglich be-
') Joh. Petorka. Versuch einer system. Darstellung der Rinderpest-Krank­heit etc. Leipzig 1833.
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kannt sohl müssen, dass so viele Menschen mit Thiormilch erzogen werden, ohne dadurch die Empl'iing'lichkeit für die den Menschen oigen-thümlichen Confagien zu verlieren.
Polen war 1831 und 1832 von der Rinderpest stark heimgesucht. Gleichzeitig verbreitete sich die Cholera über Russland und Polen nach Deutschland. So lange die von der Preussischon Regierung wegen der Cholera angeordnete militärische Bewachung der Grenze aufrecht erhalten wurde, fand eine Einschloppung der Rinderpest nach Preussen nicht statt. Nach Aufhebung dos Militär-Grenzcordons verseuchten in den Kreisen Inowrazlaw und Mogilno 21 Ortschaften, in welchen im Ganzen 2081 Rinder standen. Von diesen wurden 724 Haupt ein Opfer der Seuche. Er dt,1) welcher die Kranheitssymptome ausführlich geschildert hat, meinte irrthümlich, dass die atmosphärisohe Luft der vorwaltende Träger des Contagiums sei und dass dem letzteren eine chemische Natur zugeschrieben worden müsse.
Interessant durch specielle Mittheilungen über denVorlauf der Seuche in Russland ist dio 1834 herausgegebene Schrift von Jessen (3). Inder­seiben wird im Allgemeinen die von Lorinser entwickelte Theorie der Rinderpest beibehalten. Jessen drückt sich aber mit grosser Vorsicht über die Aetiologio aus. Er meint: „dass in der Steppenrace des süd­östlichen Russlands die Krankheit sich von selbst zu erzeugen scheine, dass sie wahrscheinlich dort öfter und fast alljährlich an verschiedenen Orten vorkomme, dass aber die Selbstentwickelung bei dem Steppen­vieh ausserhalb seiner Heimat noch durch gültigere Beweise bestätigt werden müsse.quot;
Die Meinung, dass beim Rinde neben der Rinderpest noch eine andere, iilmlich vorlaufende seuchenartige Krankheit vorkomme, hatte in­zwischen auch unter den russischen Thierärzten Anhänger gefunden. quot;Wie Jessen (Mag. von Gurlt und Hertwig IV. S. 283) angiobt, bezeichnete der Thierarzt Flo row diese vermeintliche besondere Krankheit mit dem kalmückischen Worte „Malikquot;, worunter ein „bösartiges oder hitziges Faulfieberquot; verstanden werden soll. Jessen bemerkt liierzu sehr richtig, dass er in diesem Worte nur einen neuen Namen für die Rinderpest finden könne. Ohne über die etymologische Bedeutung des Wortes „Malikquot; aburtheilen zu wollen, möchte ich betonen, dass dasselbe jeden­falls mit dem in gleichem Sinne von den alten Autoren gebrauchten griechischen Krankheitsnamen [j.aXi? zusammenhängt.
Für Deutschland blieben bis zur Vollendung der grüsseren Eisen­bahnen die Invasionen auf die Grenzgebiete des Preussischen Staates be­schränkt, woselbst die Seuche mit relativ geringen Verlusten in kurzer
') Mittheilungen über die Rinderpest der Jahre 1S31 und is;)2 in dem lleg.-Bez. Bromberg. In Gurlt und Hertwig Mag, 1. 1885. S. 43.
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Zeit getilgt worden ist. Spinola (5) erwähnt, class dieselbe im Re­gierungsbezirk Oppeln von 1827 bis 1845 sechsundzwanzig Mal zum Ausbruch gekommen, aber stets ohne nennenswertho Opfer zum Erlöschen gebracht sei. Zur wirksamen Abwehr der Seuche wurde in Ergänzung des Patents vom 2. April 1803 die Königliche Verordnung vom 27. März 1836 erlassen, nach welcher die Rinder der podolischen oder grauen Race immer nur nach einer Quarantaine von 21 Tagen und beim Aus­bruch der Seuche in dein benachbarten Auslande auch alle übrigen Rinder nur nach einer Quarantaine von gleicher Dauer in Preusson ein­geführt werden durften.
Die wissenschaftlicho Beurthoilung der Krankheit hatte in der Ab­handlung Lorinser's zwar keine allseitige Befriedigung, aber doch einen autoritativen Abschluss gefunden. Die Auffassung der Thierärzte jener Zeit haben Körb er1), Hertwig2) und Wirth11) übersichtlich ge­schildert. Auch die bis 1850 erschienenen thierärztlichen Handbücher der speciellen Pathologie und Therapie enthalten eine kurze Darstellung der theoretischen Gesichtspunkte, nach welchen die Rinderpest im Sinne der von Lorinser vertretenen Lehre beurtheilt wird.
Einige Aufmerksamkeit bei den Thierärzten erregte die 1845 veröffent­lichte Schrift von Haupt (4), welcher mit vielen seiner Zeitgenossen zweifelhaft war, ob nicht neben der Rinderpest noch eine ähnliche Souchen-krankheit als „bösartiges Fieberquot; der Rinder anzuerkennen sei. Aus der Beschreibung, welche Haupt von dieser Krankheit entworfen hat, kann nur geschlossen werden, dass sie die Rinderpest mit einem relativ gut­artigen Character gewesen ist. Die Beobachtungen des Verfassers im südlichen europäischen Russland datiren aus den Jahren 1824 bis 1830. Während dieser Zeit war ein grosser Theil des weiten russischen Reiches von der Rinderpest heimgesucht. Von Spinola (5) und Anderen sind die Bedenken, welche Haupt wegen der Natur des „bösartigen Fiebersquot; hatte, alsbald entkräftet worden. Auf die Ausführungen des Verfassers haben aber Spinola und andere einflussreiche Autoren Bezug genommen, um die irrthümliche Annahme zu unterstützen, dass die Rinderpest als eine miasmatisch-contagiöso Krankheit im südlichen Russland spontan entstehe.
Haupt theilt die unrichtige Meinung mehrerer älterer Autoren, dass die Krankheit aus atmosphärisch-telhirischon Agentien spontan entstehen könne und dass der „geographische Zugquot; der Seuche eine active Leistung derselben sei. Seine Abstraction über die Entstehung und Verbreitung der Seuche hat er 1. c. S, 286 dahin zusaminengefasst: 1. „dass
1) Handb, der Seuchen etc. Quedlinburg und Leipzig 1835. -) Artikel „Rinderpestquot; im Enoyolopädiaohen Wörterbuch der modicinischen Wissenschaften; 21). Bd. Berlin 1842.
3) Lehrbuch der Seuchen und nnstockonden Krankh, 2. Aufl. 18-lfi.
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die Rinderpest auf den kirg-isisclien und südlich westsibirischen Steppen, wie wahrscheinlich auch im europäischen Russland sich ursprünglich von selbst erzeugt, aber auch durch Ansteckung- weiter verbreitet; dass die Selbsterzeugung weder überall stattfindet, noch die Ansteckungsfähigkeit ohne Grenzen ist; dass beide einem verborgenen Leiter folgen; 2. dass sie einen oder gleichzeitig mehrere Aid'angspunkto im Osten ihrer geo­graphischen Grenzen braucht, um west- und nordwärts weiter zu gehen, von diesem Anfange jedoch gleich einem ersten Entzündungspunkte der erste Anstoss, die Möglichkeit gegeben sein muss, gleichsam eine un­sichtbare Strömung als Befähigungsbedingniss der Verbreitung; 3. dass die östliche Steppenlinie der Kirgisen und Kalmücken bis in das südliche Sibirien, nach Norden an den westlichen Seiten der Gebirgsrücken bis in den kleinen Altai als das Ursprungs- oder Quellenland der Rinderpest anzusehen ist, wo sie gleichsam ihre Wurzeln verbirgt, die nur in ge­wissen Zeiträumen ihre Triebe ausstossen; 4. dass zwar die Wege der Verbreitung aus der kirgisischen Steppe und aus Sibirien in das euro­päische Russland viele sind, aber dass dieselben hauptsächlich zwei Linien bilden: die sibirische West- und die orenburgische Grenze.quot;
Obgleich die Rinderpest in Russland dauernd herrschte, so erlangte sie doch nach den Angaben der Autoren nur zeitweise eine grössere Verbrei­tung. Auch Haupt (1. c. S. 230) betont, dass sie nach den besten Nach­richten nur alle 7 bis 10 Jahre allgemeine Verheerungen bewirke. In Podolien kamen 1834, 1838 und 1841 die Erkrankungen häufiger vor. Nach Spinola's Ermittelungen (5) soll die Einschleppung der Krankheit nach Podolien vorzugsweise durch die zum Salztransport von Odessa ver­wendeten Ochsen der Fuhrleute (Tschumaki) bewirkt werden. Authen­tische Nachrichten über die grössere Verbreitung der Seuche im südlichen Russland wurden in den Jahren 1844 bis 1848 bekannt. Unterberger ^ giobt an, dass nach einem Berichte des Dr. Thiele in Kasan 1845 die Rinderpest in 47 Gouvernements herrschte und dass 726 298 Stück Rind­vieh durch dieselbe zu Grunde gingen, welche einen Werth von mehr als 7 Millionen Rubel repräsentirten. Von den innerhalb der Jahre 1844 bis 1848 im Gouvernement Kasan allein ergriffenen 32 488 Rindern sind 28 204, also 7/8 gefallen und 4 224 durcligeseucht.
In Oesterroich-Ungarn wurde zu jener Zeit beim Ausbruch der Rinderpest das Tilgungsgeschäft weniger energisch betrieben, als in Preussen. Daher kam die Krankheit in Ungarn und den anderen öst­lichen Kronländern fast nie zum vollständigen Erlöschen und häufige Einschleppungen nach den westlichen Kronländern waren kaum noch auffallend. Durch podolische Mastochsen wurde 1844 eine schwere In­vasion der Seuche in Mähren und Böhmen bewirkt, deren Bekämpfung
') Vergl. Iloring'sJahrosbor. über dio Loistungon in dor Thiorhoilk. 18G0. 8.88.
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erst im folgenden Jahre gelang. Dio Regierungen Frankreichs und mehrerer deutschen Staaten entsandten Sachverständige zum Studium der Krankheit und der zweckmiissigsten Abwehr- und Tilgungsmassrogeln in die verseuchten Gegenden. Eine Verschleppung nach den angrenzenden deutschen Gebieten hat nicht stattgefunden. Allgemein war die Ansicht, dass die Krankheit bei den ausländischen Kindern durch den langen Transport originär entstehe. Die Deutung derselben als „Typhusquot; stand auch jetzt wieder der besseren Erkenntniss hindernd entgegen.
Die Contral-Veterinärschulo zu München hat sogar in einem, am 10. November 1844 erstatteten amtlichen Gutachten zur Verhütung des Ausbruchs der Seuche in Bayern noch die Anwendung von diätetischen Mitteln und desinfleirenden lläucherungen empfohlen.1)
Wohl glaubten viele Thierärzte, Landwirthe und Vorwaltungsbeamte in Böhmen zunächst nicht, dass die bösartige Seuche die Rinderpest sei. Weit verbreitete atmosphärische und diätetische Schädlichkeiten sollten die Krankheit herbeiführen. Mit dieser Unsicherheit mag die Anordnung des Protomedicus für Böhmen, Gubernialrath Nadherny zusammen­hängen, welche dahin ging, dass an einer grossen Zahl von gefallenen Rindern zur besseren Erkennung der Krankheit Sectionon gemacht werden sollten. Im Uebrigen hatten sich der Landosthierarzt Dr. Werner und der Director des Wiener Thierarznei-Instituts Dr. Eckel von vornherein dahin ausgesprochen, dass die Krankheit die Rinderpest sei.2)
Neben anderen Forschern hatte Dr. Franz Müller Gelegenheit zur Beobachtung dos Krankheitsverlaufs und zur Vornahme von Sectionon. Er lernte hierbei die Affection der Peyer'schen Haufen im Dünndarm kennen, von welcher in seiner Publication3) zum ersten Male eine correcte Beschreibung entworfen ist. Bei dem damaligen Standpuncte der Patho­logie finde ich es erklärlich, dass Müller durch seine Entdeckung zu der Annahme verleitet wurde, die von älteren Autoren behauptete Identität der Rinderpest mit dem Abdominaltyphus des Menschen aussei' Zweifel gestellt zu haben.
Die österreichische Regierung legte auf die Klarstellung- der Krank­heit einen besonderen Werth. Unter dem frischen Eindrucke der Erfolge, welche die pathologisch-anatomischen Arbeiten Ilokitanky's für die Medicin hatten, wurde der Professor der pathologischen Anatomie zu Prag, Dr. Bochdalek beauftragt, die Rinderpest zu sludiren. Derselbe secirte 32 Cadaver. In seinem Berichte4) hobt er hervor, dass er hierbei
1)nbsp; Vorgl. dio Boilago zur thiorarztl. Ztg. von Fuchs. No. fi von 1845.
2)nbsp; Vorgl. Thieriirztl. Ztg. von Fuchs. No. 32 von 1845.
#9632;') Prager Vierteljahresschr. Bd. Ill 184quot;). Vergl. auch thiorarztl. Ztg. von Fuchs No. 48 und 41) von 1845.
4) Prager Vierteljahresschr. Bd. Ill 1846. Vergl. thiorarztl. Ztg. von Fuchs No. 9 und 10 von 1847.
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die patholog'isch-unatomisohon Merkmale in 4 Graden oder Stadien und ausserdem in 2 mehr oder weniger von dem gewöhnlichen Typhus ab­weichenden Formen beobachtet habe. Ob die beiden letztg-emeinten Krankheitsfälle wirklich der Rinderpest angehören, kann ich aus den suminarischen Angaben nicht erkennen. Auch einige andere Bezeich­nungen der Befunde sind nicht zutreffend und die Erosionen in der Maul­schleimhaut sind dem Verfasser gar nicht bekannt geworden. Im Ganzen muss ich aber anerkennen, dass Bochdalok die krankhaften Verände­rungen der Magen- und Darmschleimhaut besser beschrieben hat, als bisher geschehen war. Er hat seine Ansicht dahin zusammengefasst: „dass die constanto katarrhalische Röthe der Schleimhaut des Labmagens und des Darmkanals völlig- dem ersten oder katarrhalischen Stadium des Typhus beim Menschen; die Verdickung und das Hervortreten der angeschwollenen Peyer'schen Drüsengruppen dem zweiten oder dem Stadium der Infiltralion —#9632; Stadium der Crudität; — die siebiormige Aroolirung', die verschiedenartige Schorfbildung und beginnende Ab-stossung genannter Drüsen und Schorfe dem dritten oder dem Stadium der Erweichung, Schorfbildung und Abstossung; und endlich die in seltenen Füllen angetroffenen Geschwürchen dem vierten Stadium oder dem der Geschwürsbildimg gleichkommen.quot; .... „Unter so bewandten Umständen fühlt man sich genölhigt, die Rinderpest mit dem Typhus abdominalis ho minis identisch oder wenigstens in dieselbe Krank-heitsfamilio gehörend zu erklären.quot;
Der fast allgemein angenommenen Ansicht von der typhösen Natur der Rinderpest trat der Director des Thierarznei-Instituts zu Wien, Dr. Eckel1) mit dem zutreffenden Einwände entgegen, dass die beobachteten ulcerösen Zustände der Darmschleimhaut von den Typhusgeschwüren des Menschen wesentlich verschieden seien. Nach dem Vorgänge älterer Autoren hält Eckel die Rinderpest für eine exanthematische Krankheit.
Obgleich die Mehrzahl der österreichischen Techniker sich von der Vorstellung, dass die Rinderpest im Inlando spontan entstehe, nicht los­machen konnte, so wurde doch von einzelnen Männern schon mit richtigem Griff das Mittel bezeichnet, durch welches allein sich die österreichisch-ungarische Monarchie vor den Verheerungen der Seuche schützen kann. Der Distriktsarzt Dr. Eberstallcr sprach in einem Aufsatze,-) Avelcher die national-ökonomische Seite der Rinderpest-Invasionen beleuchtet, den Satz aus: „Nur die gänzliche Aufhebung alles Schlachtvieh-Eintriobes aus Ländern, woher die Rinderpest droht, dürfte im Stande sein, diese Gefahr für immer zu beseitigen und den Landwirth anzuspornen, seine
') Zoilschr. dor K, K. Gesollsch. d. Aerzto zu Wien 1845 und Zoitsclir. von Diotorlchs, Nobel und Vix. Bd. XIV. S. 00.
'-) OestoiT. rnedic. quot;Woolienschr. 1845 und thlorärztl. Ztg. von Fuchs No. 49 und 50 von 1845.
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Betriebsmittel mehr der Hornviehzucht zuzuwenden, um sowohl dem Fleischbedarfe, als den Anforderungen der Bodenkultur entsprechen zu können.quot;
Der von der preussischen Regierung' an Ort und Stelle entsandte Kreisthierarzt Seer hat die Resultate seiner Studien in einer Abhandlung (6) veröffentlicht, welche später oft citirt worden ist. Wie schon Lorinser behauptet hatte, ist auch er der Meinung, dass die Erosionen der Maul-schloimhaut und die Emphyseme keine wesentlichen Merkmale bei der Rinderpest seien. Hinsichtlich der Sections-Ergebnisse legt er den grössten Werth auf die krankhaften Zustände im 4. Magen. Den mass-gebenden Autoren folgend betrachtet auch So er die Rinderpest als „ansteckenden Abdominaltyphusquot; und als eine dem Milzbrand verwandte Krankheit, welche bei dem Steppenvieh, auch bei den auf dem Transporte im Inlande befindlichen Rindern dieser Race ursprünglich sich entwickeln könne.
Von der preussischen Regierung wurden ausserdem Spinola und die Departementsthierärzte Ripke, Kuhlmann, La Notte und Richter zum Studium der Rinderpest nach Polen entsandt. Spinola dehnte seine Reise bis Bessarabien aus, woselbst er Gelegenheit zu Untersuchungen und Sectionen pestkranker Rinder fand. Die hierbei gemachten Wahr­nehmungen sind in einer besonderen Abhandlung (5) niedergelegt, welche eine sorgfältige Zusammenstellung der Krankheitssymptome enthält. Durch die Lehrthätigkeit des Verfassers ist die Schrift, die in ihrem theoretischen Theil sich an die Ausführungen Lorinser's anschliesst, von erheblichem Einfluss auf die Ansichten der Thierärzte gewesen. Indem Spinola die Rinderpest als Typhus gastricus, T. abdominalis contagiosus, T. pestilen-tialis — gelten lässt, glaubt er zugleich, dass das Wesen derselben in einer krankhaften Beschaffenheit des Blutes zu suchen sei. „Das Primäre ist die veränderte Blutkrase; mag diese auf dem Wege der spontanen Entwickelung durch gewisse Ausseneinflüsse (Miasmata) oder per Con-tagium zu Stande kommenquot; (1. c. S. 141). Irrthümlicher Weise dachte sich der Verfasser (I. c. S. 132), dass das Blut der pestkranken Rinder „ausserordontlich arm an Faserstoffquot; sei. Dasselbe soll „mit kohlen-stofflgen und wasserstofflgon Bestandthoilen überladenquot; sein. Da den letzteren eine lähmende Wirkung auf das Centralnervensystem zukomme, so sei aus ihrer Anhäufung im Blute der auffallende Collapsus Virium der kranken Thiere zu begreifen. Ganz auf den alten humoralen Vor­stellungen fussend, erklärt der Verfasser ferner, dass sich der Organismus gegen die krankhafte Blutbeschaffonhcit zur Reaction aufgefordert finde und dass die Localisirung des Allgemeinlcidens in der Schleimhaut der Verdauungswege — vorzugsweise des 4. Magens und dos Dünndarms — stattfinde. Da bei der Rinderpest in der Digestionsschleimhaut — wie Spinola richtig erkannte — keine plastischen Exsudate vorkommen und
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da die letzteren nach einer älteren, von dein Verfasser acceptirten medi-cinischen Doctrin ein wesentliches Erforderniss für den Begriff der Ent­zündung bildeten, so folgerte er weiter, dass die krankhaften Prozesse im 4. Magen und im Darmkanal nur auf einer Blutstase, und nicht auf entzündlichen Veränderungen beruhten. Bei diesen Ansichten, welche sich von den gegenwärtigen Grundlagen der Entzündungs-Lehre ziemlich weit entfernen, ist Spinola auch in seinem Handb. der spec. Pathologie stehen geblieben. Aus der Darstellung der Sections-Erscheinungen ist als historisch interessant noch hervorzuheben, dass der Verfasser (1. c. S. 119) zuerst die nicht selten vorkommende schwarze Färbung der Dünndarm-Schleimhaut schilderte. Er sagt, die Schleimhaut habe ein Aussehen, als wenn die Darmzotten mit schwarzem Staub (Kohlenstaub) bestreut wären. Departementsthierarzt Kuhlmann hatte, wie der Ver­fasser citirt, das Aussehen der Dünndarm-Schleimhaut mit einer „gekochten Aalhautquot; verglichen.
Die von den Sachverständigen nicht übereinstimmend versuchte theoretische Erklärung der Rinderpest konnte die öffentliche Meinung nicht befriedigen. Da ausserdom der preussische Staat bei der weiten Verbreitung der Seuche unmittelbar bedroht war, so erforderten das Ministerium der Medicinal-Angelegenheiten und das Directorium des Landes-Oeconomie-Collegiums zu Berlin im Jahre 1845 vom Regierungs-Medicinal-Rath Dr. Lorinser in Oppeln ein Gutachten über die wichtig­sten Beziehungen der Rinderpest. In diesem Gutachten1) sind zwar die­selben Ansichten vertreten, welche Lorinser 14 Jahre früher in seiner berühmten Monographie erörtert hatte. Interessant ist aber die schärfere Beleuchtung des Gedankens, dass die Rinderpest anders zu beurtheilen sei, als der Typhus des Menschen. „Ungeachtet aller einzelnen Er­scheinungen, welche diese Seuche mit verschiedenen Krankheiten gemein hat, besitzt sie im Ganzen eine so grosse Eigenthümlichkeit und zeigt sich so sehr sui generis, dass sie keiner anderen Thierkrankheit gleich und noch weniger mit irgend einem menschlichen Elend identisch ist.quot;
Zeitgemäss war die Forderung Lorinser's, dass der preussische Staat das Verbot jeder ärztlichen Behandlung der pestkranken Rinder aufrecht erhalten müsse, weil er das Steppenvieh entbehren könne. Für die österreichischen Staaten will er die Berechtigung zum Gebrauch von Heilmitteln zugestehen, weil dort den Besitzern durch allgemein schützende Vorkehrungen bis dahin eine sichere Hülfe nicht hatte geschaffen werden können. „Indessen bestehen hier, wie überall die wahren Mittel gegen die Rinderpest in der Verhütung und Vernichtung dos Contagiums.quot;
In den Donau-Fürstenthümern scheint die Seuche zu jener Zeit Jahre hindurch fortbestanden zu haben. Wenigstens berichtet Barrasch2) von
') Vorgl. Annaion der Landw. in den Könlgh Prcuss. Staaten. Bd. VII, 2) Wiener Mod. Woohenschr. I,
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einer allgemeinen Ausbreitung' der Krankheit in der Moldau während der Jahre 184G—1847. Angeblich soll zur Beküinpfung1 der Calamität die Impfung' nützlich gewesen sein.
Von 1842 bis 1845 herrschte die Rinderpest in Egypten. Nach einer Schilderung von Dr. F. Pruner1) nahm sie ihren Anfang unter den Ochsen, welche von Tarsus und Adana nach Egypten gebracht wurden. Sie verbreitete sich alsbald in Unteregypten, später in Oberegypten. In den ersten beiden Jahren starben 3/r) der vorhandenen Rinder, „viel weniger die Büffelquot;. Pruner kennt kein authentisches Beispiel, dass Karneole von der Krankheit befallen wären. Die Verschiedenheit der Race machte bei der Sterblichkeit keinen Unterschied. Die Kranken er­lagen sämmtlich. Oft starben die Kälber zugleich mit ihren Müttern. Die Verluste waren ganz enorm und alle Ileilversuche blieben erfolglos. In Kairo wurde ein dreitägiges Gebet veranstaltet, um den Zorn des Himmels zu besänftigen. Obwohl die Krankheit nie ganz aufhörte, so milderte sie sich doch zu verschiedenen Zeiten und verstärkte sich zeitweise wieder, namentlich vom März bis zum August. „Die Büffel waren nur sehr wenig dem Contagium zugänglich; man beobachtete unter ihnen im Sommer 1845 eine brandige Halsbräune.quot; Pruner hält die Seuche ihrer patho­logischen Natur nach für einen ansteckenden Typhus (Rindertyphus), der auch sponton aus schlechtem Futter, engen und unreinen Stallungen und aus dem Genüsse von verdorbenem Trinkwasser entstehen soll.
Nach den Angaben englischer Berichterstatter2) sollen im Jahre 1842 bei dieser Invasion der Rinderpest allein in Unteregypten 84 000 Ochsen zu Grunde gegangen sein.
Ueber den Verlauf der Seuche in Egypten hat auch Lessona3) nähere Mittheilungen gemacht.
*) Dio Krankheiton des Orients vom Standpunkte der vorgleicheuden Nosologie. Erlangen 1847. Referat in der thioriirztl. Zeitung von C. J. Fuchs. V. 1848. S. 22. s) The Veterinarian. XV. 1842. Novomber. p. G68. ä) Del tifo bovino in Egitto, 1842—1843. Torino 1844.
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Vierter Theil.
Geschiclite der Rinderpest von 1850 Ms zur Gegenwart.
Literatur.
1.nbsp; nbsp;Roll. Beitrag1 zur Pathologie der Rinderpest. In: Prager Viertel­jahresschrift. Bd. II 1851. Ref. von Bruckmüller in: Wiener Viertelj. I. 1851. S. 25.
2.nbsp; nbsp;Jessen. Die gänzliche Ausrottung der Rinderpest. Dorpat 1852.
3.nbsp; nbsp;Roll. Die rinderpestähnliche Krankheit der Schafe und Ziegen. Wien 1864.
4.nbsp; nbsp;Brau eil. Neue Untersuchungen, betr. die pathologische Anatomie der Rinderpost. Dorpat 1862.
5.nbsp; nbsp;Rawitsch. Neue Untersuchungen über die pathol. Anatomie der Rinderpest. Im Magaz. von Gurltamp; Hartwig. XXX; 1865; S. 313.
6.nbsp; nbsp;J. Gamgee. The Cattle Plague. London 1866.
7.nbsp; nbsp;Third Repord of the Commissioners, appointed to inquire into the Origin and Nature etc. oft the Cattle Plague. London 1866.
8.nbsp; nbsp;Report on the Cattle Plague in Great Britain during1 the Years 1865, 1866 and 1867 etc. Prepared by the Veterinary Department of the Privy Council Office.
9.nbsp; nbsp;A. C. Gor lach. Die Rinderpest. Nach eigenen Untersuchungen und unter kritischer Benutzung der alten Erfahrungen und neuen Beobachtungen. Hannover 1867.
10.nbsp; nbsp;M edwedsky. Zur Lehre vom Typus des Fiebers bei Erkrankung des Hornviehs an der Rinderpest. Dissert. St. Peterburg 1875. Aus dem Russischen übers, vom Stud. Veter. Nestoroff. — Ref. von Jessen in Adam's Wochenschr. XIX. 249.
11.nbsp; nbsp;E. Semmor. Ueber die pathologische Anatomie der Rinderpest. Dorpat 1875.
Die politischen Unruhen veranlassten 1849 von Neuem die Invasion der Rinderpest in die österreichischen Staaten. Nach dem Berichte Eckel's1) wurde die Seuche vonVolhynien nach Galizien eingeschleppt;
') Dr. Q-. Fr, Eckol. Zur Gosohiclito der jüngsten Rinderpest-Invasion in Oesterreich im Jahre 1849—185], Vierteljahressohr, von Müller und Roll. Bd, I. 1851.
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sie vorbreitete sich von dort über Siebenbürgen nach Ungarn und weiter nach Niederösterreich und Mähren. Als Ursachen dieser grosson Ver­breitung beschuldigt Eckel die Nothwendigkeit, Schlachtvieh aus den russischen und türkischen Ländern nach Oostorreich einzuführen, ferner den Mangel eines einheitlichen Systems von Schutzmassregeln an den Grenzen, den niedrigen Bildungsgrad der ländlichen Bevölkerung und das Nichtvorhandonsein beamteter Thierärzte. Die kriegerischen Ereignisse hatten die Verschleppung der Seuche wesentlich begünstigt. Erst im März 1852 erreichte sie in den österreichisch-ungarischen Ländern ihre Endschaft. Im Ganzen erkrankten während dieser Zeit an der Rinder­pest in Galizien, in Siebenbürgen, im Banat und derWoiwodina, in Ungarn, Niederösterreich, Mähren und Schlesien 296 517 Rinder.
Hayne1) und Andere empfehlen, zur Milderung der Seuche und zur Abkürzung ihrer Dauer die Impfung zu versuchen. Er meinte, dass wenn der Impfstoff von den mit einem Hautausschlag behafteten pest­kranken Rindern genommen würde, die Impfkrankheit nicht gefährlich sei. Abgesehen von einzelnen Versuchen ist indess diesen Vorschlägen, die schon nach den Erfahrungen des vorigen Jahrhunderts für Oester-reich nicht mehr berechtigt waren, keine Folge gegeben worden.
Die zahlreichen Krankheitsfälle in der Umgegend von Wien gaben Roll2) Gelegenheit zu eingehenden anatomischen Untersuchungen. Ent­gegen den Ansichten Anderer soll nach ihm die Diagnose der Krank­heit im Wesentlichen von dem Sectionsbefunde bestimmt werden. Er glaubt, den Prozessen in der Digestions-, der Respirations- und der Uro-genitalschleimhaut einen croupös-exsudativen Character beilegen zu sollen. Das Product des krankhaften Prozesses soll aus fibrinösem Exsudat und Eiterzellen bestehen, schliesslich aber zu einer aus Detritus und vielen Eiterzellen sich zusammensetzenden breiartigen Masse zerfallen, während die Schleimhaut selbst sich im Zustande einer speeifischen Entzündung befinde. Für jene Fälle, welche mit einer ausgedehnton Zerstörung der Schleimhaut einhergehen, nahm der Verfasser die Gegenwart eines diph-therischen Prozesses in Anspruch. In anatomischer Hinsicht unter­scheidet Roll drei Stadien: 1, das der Congestion oder des Katarrhs; 2. das der Exsudation und 3. das der Abstossung des Exsudats. Die erste Art der Erkrankung wird als croupös-eiterig, die zweite als aphthös bezeichnet. In Uebereinstimmung mit dieser Auffassung glaubte der Ver­fasser eine Analogie zwischen der Rinderpest und ähnlichen bei Pferden, Ziegen, Hunden und Geflügel gleichzeitig auftretenden Krankheiten fest­stellen zu können. Aus der Aehnlichkeit der pathologisch-anatomischen Prozesse bei den verschiedenen Thierarten wurde dann forner abgeleitet,
!) Viorteljahrschr. von Müller und Roll II. Bd. 1852. 3) Prager Viorteljahresschr. II. Bd.
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dass die Rinderpost nicht bios durch Einschleppung aus dem Auslande, sondern auch spontan durch andere (unbekannte) Ursachen entstehen könne.1)
Die Aufstellung der irrthümlichen Ansicht, dass bei den pestkranken Rindern ein croupüses (fibrinöses) Exsudat auf den Schleimhäuten zu Stande komme, scheint durch die in jener Zeit noch in weiten Kreisen anerkannte Entziindungslehre Rokitansky's beoinflusst zu sein. Aehn-lich urtheilte auch Weber,2) welcher nach den Veränderungen der Darm­schleimhaut zugleich die Identität der Rinderpest mit dem Typhus der Menschen bestätigen zu können vermeinte. „Die Rinderpest gleicht dem anomalen Typhus des Menschen. Ihr Uebergang in den normalen Typhus bildet den günstigeren Seuchenverlauf. Der croupöse Prozess ist von der Rinderpost verschieden, begleitet sie jedoch gewöhnlich zur Zeit ihres anomalen Verlaufs.quot;
Anerkennung verdient das patriotische Bemühen und der Eifer, womit Jessen3) unablässig den Plan verfolgte, durch methodische Impfung sämmtlicher Rinder in den Steppen-Heerden die Seuche allmälig auszu­rotten. Zunächst sollte erreicht werden, dass nur die nach der über-standenen Impfkrankheit vor einer weiteren Ansteckung geschützten Rinder in den Handel gelangen könnten. Es war bei diesem löblichen Gedanken nur übersehen, dass der obligatorischen Einführung der Impfung sämmtlicher Viehstände in den Steppengegenden unüberwindliche Schwie­rigkeiten entgegenstehen. Anderseits waren die Erfolge der Impfversuche auch wenig günstig. Die meisten russischen Sachverständigen standen unter dem weit verbreiteten wissenschaftlichen Vorurtheil, dass durch fortgesetzte Impfungen die Intensität des Contagiums gemildert werden könne. Zum Theil wurde diese Voraussetzung durch die Versuche direct widerlegt,4) welche auf Befehl des Kaisers Nikolaus im Jahre 1853 zur Ausführung kamen. Massgebend für diese Anordnung in Russland waren folgende von Jessen aufgestellte 6 Thesen:5)
1.nbsp; Wir erhalten im Norden und Westen Europas die Rinderpest immer aus den Steppenländern und durch das Steppenvieh;
2.nbsp; so lange wir die Rinderpest in den Steppenländern nicht auszurotten vermögen, sind der Norden und Westen Europas nie gegen ihr Ein­dringen gesichert, indem sie des dortigen Viehs bedürfen;
1)nbsp; Wionor Viortoljahresschr. I. Ref. von Ho ring in Canstatt's Jahresber. Würzburg 1853.
2)nbsp; Die Rinderpest in Kamionka, Woloska (Galizion) etc. von Ferdinand Weber. Prag 1852.
3)nbsp; Die gänzliche Ausrottung der Rinderpest. Dorpat 1802.
4)nbsp; Bericht über die in Nourussland angestellten Impfungen der Rinderpest. Von dem wissensohaftl. Comito der Roichsdomänen. Petersburg 1854. Ref. in Gurlt und Hör twig Magazin XXII S. 350.
5)nbsp; Vergl. Mag. f. d. gcs. Thierheilk. XXX S. 433.
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3.nbsp; wir kennen die eigentlichen Ursachen der Rinderpest in den Steppen nicht, daher können wir sie auch nicht verhüten. Ihr Umsichgreifen durch strenge polizeiliche Massrogeln zu verhindern, ist unausführbar. Es bleibt also als einzig-e Hoffnung nur die Impfung;
4.nbsp; jedes Stück Vieh, welches die natürliche oder künstliche Rinderpest einmal überstanden hat, ist für immer dagegen gesichert;
5.nbsp; die Rinderpest ist in den Steppen viel gutartiger, daher wird auch der Verlust durch die Impfung nur gering sein;
6.nbsp; ist erst in den Steppenländern die gehörige Anzahl geimpften und durohgeseuchten Viehs vorhanden, so wird kein Händler, kein Tschu-mack ungeimpfte Ochsen kaufen. Wird es erst bekannt, dass in den Impfanstalten die wahre Verhütung der Rinderpest gegeben ist, so werden auch Private bald ihr Vieh daselbst geimpft haben wollen.
Die Resultate der an den Veterinär-Anstalten in Dorpat, Charkow und an verschiedenen anderen Orten vorgenommenen Impfungen hat Roll aus den russischen Quellen zusammengestellt.1) Im Ganzen wieder­holte sich die schon im vorigen Jahrhundert bekannt gewordene That-sache, dass nach der Einimpfung die Seuche nicht selten von relativ grossen Rindviehbeständen leicht überwunden wird, dass aber häufig ein bösartiger Verlauf vorkommt. Jessen meinte, dass die Krankheit um so heftiger auftrete, je weiter sie von ihrer Heimat (den russischen Steppen­ländern) entfernt zum Ausbruch komme. — Die Grossfürstin Helene Pawlowna liess auf ihrem Gute Karlofka im Gouvernement Pultawa ein besonderes Impfinstitut einrichten und übertrug die Leitung desselben dem Veterinär M. Raupach. Vom 8. November 1857 bis zum 1. December 1861 wurden daselbst 719 Rinder geimpft. Es verfielen in die Impf­rinderpest 696, von Avelcher 657 genesen und 39 gestorben sind. Nicht angesteckt wurden 23 Rinder.2) Am günstigsten verliefen die von dem Charkowschen Veterinär-Institut vorgenommenen Versuche, bei welchen von 1059 geimpften Rindern nur 60 Haupt gestorben sind. Jessen hält nach den Verlustlisten für unwiderruflich bewiesen, dass durch die Impfung eine Mitigirung des Ansteckungsstoffes selbst dann möglich sei, wenn die Rinderpest bösartig auftrete.3)
Die russischen Veterinäre traten der Ansicht deutscher Autoren, dass die Rinderpest in den Steppenländern originär entstehe, entgegen. Ihre Kritik ist aber durchweg auf negative Argumento zugespitzt und scheint
') Vierteljahrcsschr. von Müller und Roll. 18G1. S. 1.
2) Dritter und vierter Bericht aus dem Irapfinstitute zu Karlofka etc. von M. Raup ach. Dorpat 18G1.
:!) „Uebor Impfung der Rinderpest in Russland.quot; In: Livländ. Jahrb. der Lamlw. 13. Bd. 8. Heft. Dorpat 1858. Ref. von Gurlt im Mag. für die ges. Thior-heilk. XXVI S. 101.
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von dem Wunsche unterstützt zu sein, dass die Hindernisse, welche die Einbringung von südrussischem Vieh nach Oesterreich und Deutschland erschwerten, beseitigt werden möchten. Neben Jessen war es besonders Haupt,1) der für diese Bestrebungen in einer ausführlichen Betrachtung und unter ausdrücklicher Bezugnahme auf seine persönliche Kenntniss von Land und Leuton eintrat. Haupt erklärte, dass eine einheitliche „Steppenracequot; in den europäischen und asiatischen Steppen Russlands überhaupt nicht existire. Deshalb könne auch nicht behauptet werden, dass die bestimmte Race die originäre Entstehung der Rinderpest ermög­liche. Einigermassen wahrscheinlich soll nach Haupt die Selbstent­wickelung der Krankheit in der Kirgisensteppe und im westlichen Sibirien sein. Auch vermuthet der Verfasser, dass schon durch das blosse Zu­sammenbringen von Rindern aus verschiedenen Racen eine Bedingung für die Erzeugung der Rinderpost geschaffen werden könne. Augen­scheinlich knüpft diese abstracto Vorstellung an eine alte Ansicht an, nach welcher der Hauch (die ausgeathmote Luft) eines fremden Thieres eine Erkrankung sollte hervorrufen können.
Erörterungen solcher Art konnten indess die Ueberzeugungen der massgebenden deutschen Fachmänner nicht mehr abändern. Nur zu häufig war in Deutschland, und besonders in Preussen die Ansteckung als die alleinige Ursache der Seuche festgestellt worden. Wenn sich auch wohl noch die Ansicht geltend machte, dass in den russischen Steppen unbekannte Ursachen für die spontane Entwickelung der Rinder­pest vorhanden sein könnten, so bestand doch darüber keine Meinungs­verschiedenheit mehr, dass jeder Ausbruch der Rinderpest in Deutsch­land auf eine Einschleppung aus Russland oder aus den Donaii-Ländern zurückzuführen sei.
Das österreichisch-ungarische Reich wurde in der Mitte des gegen­wärtigen Jahrhunderts alljährlich — bald mehr, bald weniger — von der Rinderpest heimgesucht. Vom October 1853 bis zum April 1854 waren in Galizien 30, in der Bukowina 2, Schlesien 13, Mähren 139, Böhmen 6, Niederösterreich 4 und Ungarn 21 Orte betroffen. Im Ganzen erkrankten 4292 Rinder, von welchen 834 genesen sind.2) Nach den Mittheilungen von Koch,3) welcher die Krankheit in der Umgegend von Brunn be­obachtete, variirte die Incubationszeit des Oontagiums von 5 bis 20 Tagen. Das Rinderpest-Exanthem wurde nur in zwei Fällen gesehen. Koch hat die Symptome und die Sectionsbufunde in einer ausführlichen Abhandlung
') „Das Stoppenvieh als Gegenstand der Thiorhoilkundo betrachtet.quot; In Gurlt und Hertwig Mag. XX. 129. 2) AVioner Viortolj. V. 74. •#9632;gt;) Wiener Viertelj. V. 18 und 83.
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g-csoliildert. Er unterschcidot nach dorn Vorgänge von Roll oino crou-pöse und eine aphthöse Form der Krankheit.
Um dieselbe Zeit veröffentlichte Zahn1) eine Abhandhing über die Rinderpest, zu welcher ebenfalls die in Mähren gemachten Beobachtungen das Material geliefert hatten. Zahn glaubt, bei der Krankheit zwei Formen: eine bösartige, schnell verlaufende und eine langsam verlaufende (croupöse) unterscheiden zu können. Bei der letzteren sollen vier Stadien (1. Katarrh, 2. Exsudation, 3. Abstossung des Exsudats, 4. Geschwürsbil­dung und Substanzverlust) angenommen werden können. Für die Diagnose wird in Anlehnung an die Publioationen Roll's das meiste Gewicht auf den Sectionsbefund gelegt. Der Verfasser macht in dieser Hinsicht be­sonders darauf aufmerksam, dass die krankhaften Veränderungen am intensivsten im vierten Magen und Dünndarm, dass sie aber auch an allen anderen Schleimhäuten (Maul, Luftröhre, Bronchien, Gallenblase, Scheide etc.) gefunden werden. Am wenigsten sei die Nasenschleimhaut, die Bindehaut der Augen und die Schleimhaut des Schlundes afficirt. Die Symptome sollen ein fieberhaftes, von der Erkrankung der Bauoh-organe ausgehendes Leiden darstellen. Der Impfung will Zahn nicht allen Werth absprechen, wenn es gelingen sollte, den Impfstoff zu miti-giren. Im Uebrigen drängt er auf die energische Anwendung von polizei­lichen Massregeln.
Gestützt auf die Angaben Roll's und anderer österreichischer Fach­männer erliess das Kaiserliche Ministerium in Wien eine amtliche „Be­lehrungquot; 2) über die pathologisch-anatomischen Veränderungen der Rinder­pest. In diesem Rescript ist ausdrücklich hervorgehoben worden, dass aus dem Sectionsergebniss ein sicherer Schluss auf das Vorhandensein der Seuche gemacht werden könne. Nach den Beschreibungen, welche die österreichischen Autoren über die Krankheit zu jener Zeit veröffent­lichten, war eine solche Forderung kaum berechtigt. Indess scheint damals keine Meinungsverschiedenheit über die von Roll ausgegangene Interpretation der pathologischen Prozesse bestanden zu haben. Auch Bruckmüller3) hat sich später öffentlich zu der Ansicht bekannt, dass die Rinderpest sich in einem katarrhalischen, croupösen oder selbst diph-theritischen Prozesse der Schleimhaut der Verdauungs- und Athmungs-organe äussere.
Durch die Rüstungen zu dein Kriege zwischen Russland und der Türkei entwickelte sich 1855 eine lebhafte Viehbewegung in den russi­schen Steppenländern, die nach dem Ausbruche des Krieges noch zu­nahm. Hierdurch erklärt sich die weile Verbreitung, mit welcher die
!) Wiener Viortolj. V. 1. 2) Wiener Viortolj. V. 69, H) Wiener Viortolj. XVI. 77.
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Seucho während der nächstfolgenden Jahre in den verschiedensten Gou­vernements des russischen Reiches, in den Donau-Fürstenthümern, in der europäischen Türkei und in Oesterreich-Ungarn herrschte. In Polen er­langte die Rinderpest im Juli 1855 eine ungewöhnlich grosse Ausbrei­tung. Während der Dauer des Krieges hat sie in Polen nicht aufgehört. Der Kreis Konin verlor vom Juli bis December 1855 gegen 4000, der Kreis Wloclawek gegen 1900 und die Kreise Lensryco und Goslynin über 10 000 Haupt Rindvieh an der Seuche.1) Vom 9. Mai 1856 bis zum 29. März 1857 sollen In Polen gegen 20 000 Rinder ein Opfer der Rinderpest geworden sein. — Die französische Armee verlor im Krim­kriege von 17 500 Rinder 8000 Stück und die englische Armee hatte bei einem Bestände von 10000 Rindern einen Verlust von 4000 Haupt.2)
Trotz der strengen Abwehrmassregeln wurde die Seuche aus Polen und Galizien in mehrere Regierungsbezirke des Preussischen Staates ein­geschleppt, wo sie indess mit verhältnissmässig geringen Verlusten getilgt wurde. Während des Jahres 1855 waren 21 Ortschaften des Regierungs­bezirks Königsberg heimgesucht; der Gesammtverlust betrug aber nur 329 Rinder (Mittheil, aus der thierärztl. Praxis. IV. 61). Nach dem Be­richte des Departements - Thierarztes Dressler war der Ausbruch der Seuche in 4 Fällen durch kranke Rinder, in 15 Fällen durch Einbringung von Fleisch, in 1 Falle durch nicht desinficirte Häute und in 1 Falle in Folge einer nicht genügenden Desinfection des verseuchten Gehöftes ver­mittelt worden. — Im Regierungsbezirk Posen war ein Gutsbezirk betroffen, welcher einen Verlust vom 122 Haupt erlitt (ibidem S. 65). — Ueber das Auftreten der Seuche im Regierungsbezirk Bromberg, speciell im Kreise Inowrazlaw sowie in den benachbarten Kreisen des Königreichs Polen während der Jahre 1855 und 1856 hat C. Müller (1. c.) einen ausführlichen Bericht erstattet. Die Seuche wurde auf ein Dorf beschränkt; der Ver­lust betrug 22 Haupt. In den Kreisen Beuthen und Tost - Gleiwitz des Regierungsbezirks Oppeln waren 5 Ortschaften heimgesucht.
Wiederholte Invasionen der Seuche nach Preussen ereigneten sich 1856 und 1857. Besonders waren die Kreise Guhrau, Steinau und Wohlau des Regierungsbezirks Breslau und der Kreis Schrimm im Re­gierungsbezirk Posen betroffen. Die genannten drei Kreise des Re­gierungsbezirks Breslau verloren in Folge der Rinderpest 1066 Rinder (Preuss. Mittheil. V. 73). Dass die Krankheit sich an vielen Orten weit verbreiten konnte, führt Departementsthierarzt Dressler zutreffend auf den Mangel einer geeigneten Instruction für die Veterinär-Beamten zurück. Vor der amtlichen Feststellung der Seuche wurden pestkranke Rinder an mehreren Orten geschlachtet; von dem Fleische derselben gelangten
') C. Müll or. Die Rindorpost im Kreise Inowraclaw etc. während der Jahre 1855 und 185G. Im Mag. f. d. gos. Thiers. XXIII. 16ß.
') Vergl. den Bericht von Simonds. Ref. von Hering Repert. XX. 132.
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Stücko in entfernte Orte, wo das zum Abspülen des Fleisches benutzte Wasser mehrfach gesunden Rindern als Getränk gegeben wurde, wodurch die Uobertragung des Conlagiunis erfolgte. Dressler berichtet von einem Falle, in welchem das Contagium mit einer kloinen Quantität Heu aus Polen eingeschleppt war; ein Ochse vorzehrte das Heu und wurde in Folge dessen inficirt (1. c. S. 85). — Mit dem durch den russisch-türkischen Krieg bedingten anhaltenden Herrschen der Seuche in Polen steht endlich noch die im Jahre 1857 erfolgte Einschleppung der Seuche in den Re­gierungsbezirk Oppeln in Verbindung. Es gelang, die Krankheit auf ein Gehöft zu beschränken (Preuss. Mittheil. VI. 77).
Nach einer von Roll mitgetheilten') „Uebersicht der im Jahre 1856 in Oesterreich herrschend gewesenen Seuchenquot; ist die Rinderpest 1855 und 1856 in Ungarn, Galizien, Niederösterreich und in der Bukowina verbreitet gewesen. Roll glaubt nach den Verlustlisten die älteren An­gaben bestätigen zu können, dass das Vieh der grauen Race (Pusstenvieh) die Rinderpest im Verhältniss sehr leicht überstehe. In den drei un­garischen Statthalterei-Gebieten Kaschau, Grosswardein und Ofen erkrankten an der Seuche 32 993 Rinder, von welchen 78 Procent durchgeseucht sein sollen. Dagegen starben im Presburger Gebiete von den in 114 Ort­schaften erkrankten 15 760 Rindern 7845 Haupt. Bei einem späteren Ausbruch im Presburger Gebiete sind von 178 pestkranken Rindern 34 genesen. Für die letztgedachten beiden Fälle findet Roll „diebedeu­tende Mortalität dadurch erklärlich, dass das Hornvieh der Seuchenorte grösstentheils der deutschen Race angehört.quot; In Galizien erkrankten 8662 Rinder, von welchen 1906 (21,7 Procent) durchseuchten.
Bei den in drei Ortschaften Niederösterreichs vorgekommenen Aus­brüchen der Seuche fand Roll conform seiner bereits früher ausge­sprochenen Ueberzeugung, dass die Diagnose am besten auf eine um­sichtige Berücksichtigung der Sections-Daten gestützt und nicht von dem Nachweise der Einschleppung des Contagiums oder von dem Seuchen­gange abhängig gemacht werden könne.
Auch Franz Müller, der die Seuche zu jener Zeit in Ungarn be­obachtete, hat sich2) dahin ausgesprochen, dass die Sterblichkeit um so bedeutender sei, je mehr die Racen der Rinder sich von dem eigentlichen Pusstenvieh entfernen. Das echt ungarische Vieh werde nur in leichtem Grade befallen; alles dunkelharige Vieh erkranke schwerer: das Bastard­vieh (aus ungarischem und deutschem) werde weniger heftig ergriffen, als rein deutsches und unter dem letzteren leide am meisten das Schweizer Vieh, welches beim Ausbruch der Rinderpest beinahe ganz zu Grunde gehe. Diese Meinung steht zwar mit den Aussprüchen älterer Autoren
') Viertoljahresschr. von Müller und Roll IX. 35. 2J Wiener Viorteljahresschr. VIF. HO.
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im Einklänge. Trotzdem bleibt es auffallend, dass Roll und Müller derselben einen principiellen Ausdruck gegeben haben. Denn abgesehen von vielen anderen Angaben in der Literatur war nach der Schilderung Unterborger's1) bekannt, dass beim ersten Ausbruch der Seuche auch unter dem Stoppenvieh die Mortalität 90 bis 95 Procent betragen kann. Hiermit übereinstimmend hatte ausserdem Eckel2) schon beobachtet, dass die Sterblichkeit beim russischen Steppenvieh sich auf 75 Procent belief. F. Müller hat ferner in dem citirten Aufsatze den alten Irrthum wiederholt, dass das Auftreten des Hautausschlages der Rinderpest einen milderen Character verleihe und dass solche pestkranke Thiere zur Ent­nahme des Impfstoffs geeignet seien. Mit diesem Vorbehalt betrachtet er für die Verhältnisse in Ungarn, wo die Tödtung ganzer Viehbestände nicht angehe, die Impfung als eine nützliche Schutzmassregel.
Die englische Regierung hatte im Frühjahr 1857 den Professor Simonds und den Thierarzt Ernes in die von der Rinderpest heim­gesuchten Länder entsandt. Ueber die bei dieser Gelegenheit gemachten Studien hat Simonds einen umfassenden Bericht3) veröffentlicht, in welchem auch die Symptome und Sectionsergebnisse ausführlich darge­stellt sind.
„Ueber die Verbreitung der Rinderpest in Russland im Jahre 1858quot; hat Jessen4) eine sorgfältige, mit zahlreichen ätiologischen Bemerkungen ausgestattete Arbeit publicirt, nach welcher die Seuche in 47 Gouverne­ments aufgetreten ist. An derselben erkrankten 178 690 Rinder, von welchen 118 315 gestorben sind. In Wirklichkeit mag der Verlust wohl noch grosser gewesen sein. Verschleppung durch Treibheerden, Ver­heimlichung und mangelhafte Ausführung der Schutzmassregeln waren die wichtigsten ursächlichen Momente für die Ausbreitung der Krankheit.
Auf einer Einschleppung aus Oestorreich beruhte der Ausbruch der Seuche in den preussischen Regierungsbezirken Oppeln und Breslau im Plerbst 1859. Die Tilgung gelang erst im Winter 1860. Nach den hierbei gemachten Erfahrungen erklärt der Departementsthierarzt Lüthens die sofortige Tödtung sämmtlicher Rinder eines Gehöftes für nothwendig, sobald die Seuche ermittelt ist.5)
Oesterreich-Ungarn wurde 1860 wiederum von einer schweren In­vasion der Rinderpest betroffen. Die Seuche verbreitete sich über Ungarn, Siebenbürgen, die Bukowina, Galizien, Böhmen, Mähren und Nieder-
*) Mitlheil. aus dem Innern von Russland etc. Dorpat 1853. Vgl. Wiener Vierteljahresschr. V. 17. Anmork.
2) Wiener Viertelj. I.
raquo;) The Veterinarian. Vol. XXX, XXXI und XXXII. Ref. von Hering. Report. XIX; XX und XXI.
*) Mag. von Ourlt und Hortwig XXVI. 257.
s) Preuss. Mitthoil. von Hertwig 1861, 8, 137.
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osterreich; sie erreichte 1862 ihre Endschaft. Den Gosamintverlust an Rindern hat Roll1) auf 10 379 Haupt berechnet. In Böhmen machten Maresch und Dlaubry eingehende Untersuchungen über die Krankheit. Letzterer hat über die Resultate von 70 Sectionen berichtet.2) Grössten-theils stimmen die Mittheilungen von Dlaubry mit der Auffassung Roll's überein. Abweichend hiervon wird aber für die Diagnose gefordert, dass nicht blos die Sectionsergebnisse, sondern auch der Infectionsgang und die Krankheitssymptome berücksichtigt werden sollen,
Die am Thierarznei - Institut zu Wien seit mehr als 10 Jahren cultivirte Theorie der Rinderpest als fibrinösen Exsudationsprozess fand 1862 eine thatsächliche Bekämpfung durch Brau eil,3) welcher so­wohl bei den künstlich geimpften, als bei den nach gewöhnlicher An­steckung erkrankten Rindern eingehende Untersuchungnn anstellte. Brau eil bemerkt sehr richtig, dass ein fibrinöses Exsudat nicht gefunden werde. Nach ihm gehen die Veränderungen der Darmschleimhaut, der Respirationsschleimhaut und der äusseren Haut aus einer Desquamation des Exithels, Zellenwuchorung in den Schleim- und Schlauchdrüsen mit nachfolgendem Zerfall hervor. Ich muss mit Rawitsch und Jessen anerkennen, dass diese Arbeit eine neue Epoche in der Rinderpest-Lite­ratur einleitet.
Gleichzeitig wandte sich J. Rawitsch4) gegen die allgemein ver­breiteten beiden Ansichten, nach welchen die Rinderpest als ein typhöses Leiden oder als eine croupöse Exsudation gedeutet wurde. Er meinte, dass die Krankheit eine Typhoid genannt werden könne. Dieselbe Be­trachtung kehrt auch in einer späteren, 1864 publizirten ausführlichen Arbeit von Rawitsch5) wieder, welche auf eingehenden, pathologisch-histologischen Untersuchungen basirt. Der Verfasser behauptet insbesondere, dass die Rinderpest eine active Ernährungsstörung mit dostruetivem Character in dem lymphoiden Gewebe der Schleimhaut des Darmkanals sei. Dieses Hauptleiden sei, wie beim Typhus des Menschen von des-quamativen und parenehymatösen Entzündungen der Schleimhaut ver­schiedener Organe und von Wassererguss in die Hirnhöhlen begleitet. Die histologischen Ausführungen des Verfassers, welche sich zum Theil gegen Braue 11 wenden, enthalten keine wesentliche Bereicherung der
1)nbsp; Ucborsicht über die Verbreitung' der Rinderpest in dem österr. Kaisor-staato im Jahre 18Gl/(;2. Wiener Viortoljaluesschr. XVII. 188.
2)nbsp; Präger Viertel,]'. II. 7G. Ref. von Hering: Canst. Jahresber. 1868. S. 43.
:5) Neue Unters, betr. die pathologisohe Anatomie der Rinderpest. Dorpat 18G2. Ref. von F. Müller. Wiener Viertel]. XIX. und Rawitsch. Mag. f. d. gas. Th. XXX. 319.
4) Ueber die typhoiden Krankheiten der Hausthiero. Würzb. Med. Ztschr. II. Ref. von Werner. Wiener Viertelj. XVII. 121.
s) Mag. v. Gurlt u. Her twig XXX. 313.
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durch Letzteren gelieferten Nachweise. Werthvoll war die Beig-abe einer Tafel, durch welche die bei der Rinderpest vorkommende schwere Darm­entzündung mit der Erkrankung der Peyer'schen Haufen in naturgetreuer Färbung veranschaulicht ist. Eine Kritik dieser gleichzeitig in russischer Sprache verfassten Abhandlung hat Jessen1) bearbeitet.
Vom Landesthierarzt Maresch in Böhmen und vom Prof. Galambos in Ungarn wurde 1861 eine Infection der Schafe durch das Rinderpest-Contagium beobachtet. Schon vorher hatten Jessen und andere russische Veterinäre, sowie Roll die Erkrankung von Schafen und Ziegen an der Rinperpest in einzelnen Fälle gesehen. Auch war schon 1840 von dem österreichischen Kreisphysikus Dr. Avee2) beobachtet worden, dass nach der Ueberführung pestkranker Rinder in einen Schafstall 60 Schafe an der Rinderpest eingingen. Aber wie in der älteren Literatur den gleichen Wahrnehmungen eine richtige Deutung nicht gegeben war, so hatte man auch diesen Beoachtungen nicht die genügende Aufmerksamkeit geschenkt. Der erste Nachweis über die Identität der durch das Rinderpest-Contagium bei Schafen und resp. bei Rindern erzeugten Krankheit lieferten Galam-bos^) und Maresch,4) welche gleichzeitig und unabhängig von einander den Verlauf der Seuche in mehreren Schafheerden Ungarns und Böhmens beobachteten. Sie constatirten hierbei schon, dass das bei den kranken Schafen producirte Contagiura sich nicht blos den gesunden Schafen, sondern auch den Rindern mit voller Wirksamkeit mittheilen kann, dass aber die Krankheit bei Schafen im Allgemeinen einen weit milderen Ver­lauf hat, als bei Rindern und auch häufiger zur Genesung führt. Maresch sah ferner zwei Ziegen in einem Seuchenstall erkranken und sprach hier­nach die Vermuthung aus, dass auch diese Thiere von der Rinderpest befallen werden können. Dass diese Publicationen das allgemeinste Auf­sehen erregten, ist erklärlich. Bei der auf dem internationalen thierärzt-lichen Congress zu Hamburg 1863 angeregten Discussion machte Roll nähere Mittheilungen über die Rinderpest bei Schafen.5) Er constatirte, dass nach seinen Beobachtungen bei den kranken Schafen die Brust-al'fection vorherrschend gewesen sei und dass sich bei der Section neben den bekannten Zeichen der Rinderpest auch eine lobuläre Pneumonic ge­funden habe. Als die Seuche im Herbst 1863 in Bosnien und der
') Mag. f. d. ges. Thiorb. XXX. 472.
-) Nach einem Referat von Härtung. Vergl. Virchow-Hirsch Jahresb. IV. 1870.
8) „Gyogyaszatquot; No 4 und fi. — Januar und Februar 18fi2. Vergl. auch Ga­lambos: Geschiehtliolio Darstellung über die Constatirung der Schafpest in Un­garn etc. In der Wiener Viertoljahrosschr. XXX. 17G.
4) Ueber die Infection des Schafes durch das Rinderpest-Contagium. Wiener Viertel,]. 1868 S. 34.
#9632;'#9632;) Ref. von Hertwig. Mag. f. d. ges. Thiorh. XIX. 472.
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Herzegowina, sowie ia den deutsch-österreichilaquo;chon Kronliüideru herrschte und nach zuverlässigen Mittheilungen österreichischer Thieriirzte auch auf Schafe und Ziegen übergegangen war, machte Hüll mehrere Impf-versuohe bei Lämmern mit Erfolg (3).
Zu derselben Zeit beobachtete Bleiweiss1) in Krain die Massen-erkrankung von Schafen an der Rinderpest, worüber er eine sorgfältige Darstellung der Symptome und Sectionsergebnisse mitgetheilt hat. Nach den zu diesem Aufsatze von Roll2) gemachten Bemerkungen waren von 1084 erkrankten Schafen 442 genesen. Ende Juli 1863 hatten Bud-zsinski und Seifmann in Polen Gelegenheit, die Rinderpest bei Schafen zu studiren. Die kranken Schafe verbreiteten die Seuche so­wohl auf gesunde Schafe, als auf Rinder. Einige unter den Schafen be­findliche Ziegen erkrankten in gleicherweise. Von 6691 Schafen blieben 1703 von der Ansteckung verschont. Bei den kranken Thieren war der Verlauf in */8 der Fälle tödtlich, während •/„ gesund wurde. Den über diese Beobachtungen in polnischer Sprache verfassten Bericht hat II er twig in deutscher Uebersetzung veröffentlicht.3).
Dass die Erkrankung der Schafe und Ziegen an der Rinderpest auch in früherer Zeit vorgekommen ist, hat Roll besonders hervor­gehoben. Den Mangel literarischer Mittheilungen hierüber führt er mit Recht darauf zurück, dass diese Schafseuchen für selbständige „anthrax-artigequot; Krankheiten gehalten worden sind.
Im Frühjahr 1866 constatirte der Landesthierarzt Dr. Werner4) den Ausbruch der Rinderpest in einer Ileerde von 146 Schafen. Es erkrankten 64 Haupt, wovon 56 eingingen.
Die Kenntniss, dass das Contagium der Rinderpest auch bei anderen Wiederkäuern haftet, ist für die Pathologie der Seuche insofern frucht­bringend geworden, als durch zahlreiche Impfungen nicht blos die Ver­änderungen der Organe, sondern auch der Qesammtvorlauf der Krankheit genau studirt werden konnte. Die russischen Veterinäre haben sich diesen Aufgaben mit grossem Eifer gewidmet. Durch die in Dorpat an­gestellten Impfungen wurde ermittelt, dass die offenkundigen Symptome zuweilen schon am 3. und 4. Tage nach #9632; der Haftung des Contagiums sich zeigen und dass der Tod vom 2. bis zum 6. Tage der offenbaren Erkrankung eintritt.B)
Bei der weiten Verbreitung, welche die Seuche während des pol-
1) Wionor Viortolj. XXI. 1.
a) Wiener Modicinischo Wochcnschr. 1863. No. ÖS) u. 40. Ref. von Roloff. Mag. f. d. ges. Thiorh. XXX. 85.
#9632;#9632;') Mag. f. d. ges. Thiorh. XXX. 198.
') Uebor dio rindorpestiitmlicho Erkrankung dor Schafe. Wiener Viertol-jahrcsschr. XXVIII. 15.
•r') Ref. von Hering. Rop. XXIV. 188.
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nischen Aufstandes 1862 in Poleni) und in Russland gewann, erreichte dieselbe auch die südlichen Theile von Finnland. Der von der schwe­dischen Regierung zum Studium dorthin entsandte Prof. Lundberg hat eine Beschreibung der Krankheit und ihres Verlaufs mitgetheilt.2)
Auf demselben Wege, auf welchem 1711 die denkwürdige Invasion nach Italien sich ereignet hatte, erfolgte 1862 von Dalmatien aus die Einschleppung nach dem südlichen Italien; von hier breitete sieb die Seuche in die römische Campagna aus. Neben anderen Thierärzten hat Papi die Eigenschaften und den Verlauf der Seuche beschrieben.3) Er machte seine Untersuchungen in der Thierarznei-Schule zu Neapel und in einer benachbarten Meierei an 60 kranken Rindern. Ueber die Symptomatologie und die Sectionsbefimde werden die bekannten Merk­male wiederholt. Interessant ist, dass Papi die Verminderung des Serum-Gehaltes im Blute der rinderpestkranken Thiere feststellte. Das quan­titative Verhältniss des Serum im Blute kranker Rinder zu dem Serum des Blutes gesunder Rinder betrug 10 : 25. Nach der durch diesen Zu­stand bedingten relativen Vermehrung' der festen Bestandtheile des Blutes, namentlich des Fibrins glaubte Papi irrthümlich, dass im Anfange Ader­lässe, später die Verabreichung von Natrium subsulfurosum und Säuren zur Heilung der kranken Thiere nützlich seien. In Sicilien zeigte sich die Seuche an den Orten, wo die Rinder befallen wurden, auch bei den Ziegen. Sie wurde zunächst irrthümlich für eine durch anhaltende Trocken­heit entstandene Ruhr gehalten. Mehr als 6000 Ziegen waren bereits gestorben, bis die Identität der Seuche mit der Rinderpest anerkannt wurde. Um über die specielle Natur dieser Ziegenkraukheit Gewissheit zu erlangen, impfte Chicoli, der die Krankheit eingehend beschrieben hat,4) mit dem Nasenschleim pestkranker Rinder mehrere gesunde Ziegen, die alle angesteckc wurden. Die offenbare Erkrankung derselben erfolgte vom 6. bis 17. Tage nach der Impfung. Nach der natürlichen Infection soll das latente Stadium 2 bis 8 Wochen (?) gedauert haben. Drei Jahre herrschte die Krankheit auf Sicilien bei Rindern, Schafen und Ziegen.5)
Nach den Mittheilungen Papi's6) sind im Neapolitanischen vom 2. Januar bis 31. December 1863 nicht weniger als 15 222 Thiere (Rinder und Büffel) an der Rinderpest gefallen. Hiervon kommen allein auf die Provinz Velletri 8145 Rinder und 501 Büffel. Auf dem römischen
') Vcrgl. Hortwig. Mitthoil. aus dor thiorürztl. Praxis XI. 178.
2) Tldskrift for Voterinaror. 1862—G3. S, 142. Ref. von Hering. Rep. XX1T. 344.
laquo;) II Medico vetorinario. Vol. IV. 483. Ref. von Hering. Rcp. XXV. 167.
') Rof. von Hering. Rop. XXV. 343 und Zahn. Wiener Viertolj. XXIII. 44 und XXVIII. G2.
raquo;) Vcrgl. II Medico voterinario. VI. 538.
CJ Giornalo di Med. pract. o d'Agricolt. XIII. 1864 pag. 271.
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Territorium herrschte die Seuche vom 18. Februar bis 17. Juni 1863. Es erkrankten 3635 Kinder, von welchen 3099 eingingen und 318 Büffel, von welchen 308 starben.1)
Die durch die Calamitiit schwer bedrängten Landwirthe des römischen Gebiets wandten sich an eine Sachverständig-en-Commission mit dem Auftrage, die Krankheit wissenschaftlich zu untersuchen und hiernach die Hülfsmittel gegen dieselbe zu bezeichnen. Zu dieser Commission gehörten die Professoren der Veterinär-Medioin an der Universität zu Rom: Fauvet und Tamberliochi, der Physiologe Ponzi und der Arzt Bevilacqua. Es wurde eine besondere Versuchs-Anstalt einge­richtet, in welcher die Sachverständigen Impfungen bei Rindern, Schafen, Ziegen und Fohlen vornahmen. Hierbei erfolgte die Ansteckung nur bei Rindern, woraus die Commission irrthümlich folgerte, dass andere Wiederkäuer für das Contagium nicht empfänglich seien. Nach dem Vor­gange J es sen's kam die Commission auch zu der unrichtigen Behaup­tung, dass durch wiederholte Ansteckungen das Contagium eine Milderung seiner Intensität erfahre. Es wurde übersehen, dass der günstige Krank­heitsverlauf bei drei Thieron nicht ausreicht, um einen solchen Lehrsatz zu rechtfertigen.
Vergleichende Untersuchungen des Blutes gesunder und pestkranker Rinder machte der Chemiker Peretti, wobei sich herausstellte, dass das Blut bei der Rinderpest weniger Wasser und mehr Alkalien und ausser-dem noch Cyankalium und Schwefelverbindungen enthält, welche dem gesunden Rinderblute nicht zukommen. Ferner fanden sich Veränderungen des Faserstoffs und der übrigen Eiweiss-Verbindungen. Endlich behauptet Peretti, Entozoen aus der Familie der Filarien im Blute bei der Rin­derpest entdeckt zu haben. Seine Angaben werden vom Prof. Ponzi und von dem Zoologen Diario bestätigt. Aus den Bemerkungen ist nicht zu erkennen, welche Parasiten den genannten Gelehrten begegnet sind. Jedenfalls dürften dieselben für die Natur der Rinderpest nicht die Bedeutung haben, die man ermittelt zu haben glaubte.2)
Von Italien wurde die Seuche nach Egypten verschleppt, wie Papa3) mittheilt. Da die Behörden keine Massregeln gegen dieselbe anordneten, so erreichten die Verluste eine bedeutende Höhe. Nach Lemattre4) soll Egypten bei dieser Invasion über 80 000 Rinder, Tausende von Schafen und Ziegen und angeblich auf der Strasse von Damiette durch Syrien auch Kameele an der Rinderpest verloren haben.
•) Nach einem amtlichen Commissionsbericht an die Handelskammer zu Rom. Hof. von Nickerle. Wiener Viortoljahressohr. XXV. 97.
2) Vergl. das Referat von Nickerle. Wiener Vierteljahresschr. XXV. ') Giornale di Med. vet. prat. 18G4. pag. 425. *) Rcc. de Med. vötßrin. 1866. pag. 4^3.
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Auch in Indien hat 1864 und 1865 die Rinderpest geherrscht.1) Während des polnischen Aufstandes 1863 kam die Seuche in den preusslsoh-russischen Grenzländern nicht zum Erloschen. Trotz aller Vorsichtsinassrcgoln erfolgte im November und December 1863 die Ein-SOhleppung in die preussischon Kreise Olotzko und Goldap, woselbst die Tilgungraquo; indess sehr schnell und mit geringen Verlusten bewirkt wurde.2) Der Regierungsbezirk Gumbinnon war auch 1864 durch die in Polen herrschende Seuche bedroht, welche bis auf wenige Meilen sich der Grenze näherte. Durch die aufmerksamste Grenzsperre wurde die Ein­schleppung verhindert. Dagegen fand im August 1864 aus Oesterreich (Mähren) eine Invasion in den preussischen Kreis Ratibor statt, woselbst auf einem Gute 40 Rinder und in dem angrenzenden Dorfe 3 Rinder verloren gingen. Die Absperrung der verseuchten Gehöfte verhinderte jede weitere Verbreitung des Oontagiums.;j')
In Oesterreich-Ungarn herrschte die Seuche von 1863 bis 1865 in grosser Verbreitung.4) Sämmtlioho Kronländer wurden theils mehr, theils weniger heimgesucht. Abgesehen von Wien und Umgegend, woselbst die Krankheit wiederholt herrschte, waren 1863 in Niederösterreich 76 Ortschaften mit 525 Gehöften verseucht. Es erkrankten 1392 Rinder, von welchen nur 100 durchseuchten. Als verdächtig wurden ausserdem getödtet 733 Rinder. Hierzu kommen in 1864 und 1865 weitere 66 251 Krankheitsfälle, von welchen 14 838 in Ostgalizien, 127 in Oesterreich-Schlosien, 348 in Niederösterreich, 160 in Krain, 29 124 in Ungarn, 1786 in Kroatien und Slavonien, 671 in Dalraatien und 18 048 in der Militär­grenze ermittelt wurden. Selbst in Tirol, welches sich sonst bei seiner relativen Unzugänglichkeit für fremdes Vieh durch Selbstschutz verwahrte, kam die Seuche in einem Dorfe zum Ausbruch. #9632;r|) In Ungarn, Krain und dem District der Militärgrenze erkrankten mehrere Schafbestände an der Pest.
Die ausserordentlich zahlreichen Krankheitsfälle in Russland und Oesterreich gaben die Anregung zur Discussion der verschiedenen An­sichten, welche über die speciellen Eigenschaften der krankhaften Prozesse in den Schleimhäuten, sowie über die Aetiologie und Symtome der Seuche noch bestanden. Nachdem zuerst Brauell und darauf Rawitsch das Vorkommen von croupösen Exsudaten bestritten, versuchte Bruck-müller6) den Unterschied zwischen dieser und der von Roll und
') Vergl, Thakor und Palmer. Im „Veterinarianquot; 1866. S. 3, 112 und 496.
2) Vorgl. Mittheil, aus der th. Praxis XII. 119.
:l) Vorgl. den Bericht vonLüthena. Mittheil, aus der th. Praxis XIII. 88.
#9632;quot;) Bericht von F.Müller. Wiener Viorteljahrosschr. XXIII. 7 und XXVII. 1.
') Vergl. Zanggor. Archiv. Schweiz. Thiorärzto XVI. 342.
'') Wiener Viortolj. XXIII. 27.
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ihm vertretenen Auffassung auszugleichen, Rawitsoh hatte behauptet, dass die auf der Darmschleimhaut vürkommenden Platten aus Inter-cüllularsubstanz und lymphuidon Körperchen gebildet würden. Von Bruckmiiller wurde hierauf erwidert, dass diese Producte auch als croupöse bezeichnet werden könnten und dass demnach zwischen den beiden Ansichten nur eine nominelle Verschiedenheit existire. Es bedarf wohl kaum einer Erörterung, dass diese Deduction nicht zuliissig, ist. Denn unter croupösom Exsudat kann auch im Sinne Rokitansky's, welchem Bruckmüller beitrat, immer nur ein fibrinöses Product vor­standen werden. Und ein solches entsteht bei der Rinderpest nicht, wie Brauell zutreffend erörtert hatte. Gerade dieser Punct ist nicht bloss für die theoretische Interpretation, sondern mehr noch für die Diagnose der Rinderpest von der erheblichsten Bedeutung. Im Uebrigen vertrat Bruckmüller gegenüber Rawitsoh mit Recht den Standpunkt, dass zwischen der Rinderpest und dem Typhus der Menschen eine Analog'ie nicht angenommen werden könne.
Roloff1), welcher diese Discrepanz einer Besprechung unterzog, meinte, dass das Contagium bei der Rinderpest nicht durch Vermittelung des Blutes die Erkrankung der Schleimhäute herbeiführe, sondern dass dasselbe von aussen mit den Futtermitteln oder mit der Luft auf dieselben gelange und nur nach seiner Intensität und nach der Disposition des betr. Thieres bald einen leichten, bald einen schwereren Entzündungsprozess verursache. Hiermit zusammenhängend sollten auf den Schleimhäuten theils zellige, theils croupöse Exsudate und auch diphtherische Entartungen nebeneinander in verschiedenen Combinationen auftreten. Allein diese Meinung, die den Kern des Streits in suspense liess, fand schon deshalb keine Anerkennung, weil durch den Verlauf der Krankheit und durch die Erfolge der subeutan ausgeführten Impfungen bereits klar gestellt war, dass das Contagium auch durch die Blutcirculation in die Schleim­häute gebracht wird. Berechtigt war aber der Einwand Roloff's gegen die Lehre Roll's, dass der Krankheitsprozess in der Darmschleimhaut sich füglich nicht in bestimmte Stadien eintheilen lässt.
Die vielumstrittene Ansicht von der Selbstentwickehmg der Rinder­pest, welche in Oesterreich und Deutschland keine Anhänger mehr hatte, führte noch zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Jessen und Fr. Unterberger. Von Letzterem2) wurde hierbei mit triftigen Gründen dargethan, dass die so oft angenommene genuine Entstehung der Seuche beim Steppenvieh der grauen Race thatsächlich unerwiesen und auch nicht glaubhaft sei.
Aus den zahlreichen Berichten über die Rinderpest ergiebt sich
') Mag. f. d. gos. Thiorh. XXXI. 488.
-) Einige Worte über die Hoimath der Rinderpest und die Solbstentwickolung dieser Seuche beim russischen Steppcnvioli. Mag. f. d. gos. Thierli. XXXI. 301.
14raquo;
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ferner, dass die Ansichten der Fachmänner nicht blos in der Beur-theilung der Sectionsorgebnisso und der Aetiologie auseinandergingen. Auch von den Symptomen galt meist als festbegründete Ueberzeugung, dass die Krankhcitsbilder in den einzelnen Fällen sehr grosse Ver­schiedenheiten zeigen und dass zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gegenden nach der Gestaltung des Krankheitsbildes besondere Formen der Rinderpest unterschieden werden könnten. Diese Anschauung, welche seit mehr, als 100 Jahren mit einer einseitigen Uebertreibung thatsächiicher Vorkommnisse geltend gemacht war und welche die Diagnose der Krank­heit in zahlreichen Fällen ausserordentlich erschwert hat, erhielt durch einen historisch bemerkenswerthen Irrthum eine erneute Anerkennung. Gelegentlich des internationalen thierärztlichen Congresses zu Wien unter­nahmen mehrere Theilnehmer einen Ausflug nach Nickolsdorf in Ungarn, woselbst in einer Ocbsenheerde die Rinderpest zum Ausbruch gekommen war. Grösstentheils hatten diese Fachmänner bis dahin die Rinderpest noch nicht gesehen. Von 20 erkrankten Ochsen waren 9 bereits ge­storben und 6 getödtet worden. Die übrigen 5 kranken wurden genauer untersucht. Hierbei zeigten zwei mit der Krankheit in der ersten Ent-wickelung behaftete Ochsen ein aufgeregtes Benehmen, wiederholtes Brüllen und Niederwerfen. Einer derselben Hess sich überhaupt von Personen nicht anrühren. Aus dieser Wahrnehmung schlössen Gerlach (9), Reynal,1) Adam2) und andere Oongressmitglieder, dass die Rinder­pest von furibunden Symptomen begleitet sei und dass die Krankheits­fälle deshalb mit der Tollwuth verwechselt werden könnten. Ger lach meinte selbst später noch, nachdem er die Krankheit zu studiren Gelegen­heit gehabt hatte, dass nach dem besonderen Character der Seuche die Zufälle der Aufregung an den kranken Thieren allgemein hervortreten müssten und dass deshalb von der gewöhnlichen Gestaltung der Krank­heit eine selten vorkommende „nervöse Form der Rinderpestquot; besonders zu unterscheiden sei.
Dass diese Schlussfolgerungen nicht zulässig sind, ist durch neuere Beobachtungen zweifellos geworden. Auf Grund seiner anderweitigen Erfahrungen hat Adam später die gedachten Krankheitsfälle der Toll­wuth zugerechnet. Ich möchte indess aus mehr als einem Grunde Be­denken tragen, dieser Deutung beizutreten. Die Wahrnehmung in Nickels­dorf erklärt sich nach meiner Auffassung sehr einfach dadurch, dass die beiden Ochsen durch das Hinzutreten violer fremder Personen aufgeregt wurden und dies unter Brüllen, Scharren und Niederwerfen zu erkennen gaben. Ein derartiges Verhalten beobachtet man überall bei gesunden Ochsen, Kühen und Färsen, die in den Stallungen in ungewohnter Weise
') Police sanitairc. Paris 1872.
2) Wochenschr. für Thiorlieilk. etc. IX. 3I!7.
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von fremden Personen eine Zeitlang' betrachtet worden. Von den Congross-mitgliedern, die allerdings zum ersten Male die Rinderpest suchton, war nur übersehen worden, dass die Ochsen am ersten und zweiten Tage der offenbaren Erkrankung1 sehr häufig noch keine erhebliche Störung in ihrem Allgemeinbefinden kundgeben. Es konnten daher die beiden Ochsen sich sehr wohl in der beschriebenen Art benehmen, trotzdem die Rinderpest bei denselben in der Entwickelung begriffen und schon von äusserlich wahrnehmbaren Symptomen begleitet war. Wären diese Thatsachen von den Congressmitgliedern bei ihrem Besuche in Nickels­dorf genügend berücksichtigt worden, so würden in den letzten 15 Jahren den praktischen Thierärzten bei schwierigen Untersuchungen manche Zweifel erspart geblieben sein.
Der Mangel an Uebereinstimmung, welcher bei den Fachmännern hinsichtlich der Aetiologie und des Verlaufs der Rinderpest nicht be­seitigt werden konnte, musste nothwendig eine Unsicherheit in der Auf­stellung von technischen Grundlagen für die veterinärpolizeiliche Be­kämpfung der Seuche bedingen. Durch die preussisohe Gesetzgebung war eine Quarantaine von 21 Tagen für die Einfuhr von Rindvieh über die östliche Landesgrenze vorgeschrieben. Obschon diese Anordnung in ihren Wirkungen so ziemlich einem Einfuhrverbot gleichkam, so konnte doch Niemand in Abrede stellen, dass mit derselben ein effectiver Schutz gegen die Gefahren der Seuche zu erreichen war. Thatsächlich hatte die Preussische Verwaltung mit der strengen Durchführung der Abwehr- und Tilgungsmassregeln trotz der wiederholten Einbrüche der Rinderpest die Verluste auf ein geringes Mass beschränkt, während in Oesterreich-Un-garn die Landwirthschaft die schwerste Schädigung zu erleiden hatte. Nichtsdestoweniger meinten die russischen und österreichischen Fach­männer, welche sich selbständig mit der Untersuchung der Krankheit befasst hatten und deshalb einen autoritativen Standpunkt in Anspruch nehmen konnten, dass die Entwickelungszeit der Krankheit von der In­fection bis zum ersten Hervortreten offenkundiger Symptome eine Quaran­taine von 21 Tagen nicht rechtfertigen könnten. Hieraus resultirte das Bemühen, durch besondere Beschlüsse einflussreichor wissenschaftlicher Versammlungen eine Pression dahin zu üben, dass die Einfuhr von russischem Schlachtvieh nach Oesterreich und Preusson durch Herab­setzung der Quarantaine-Zeit erleichtert werden möge. Schon auf dem thierärztlichen Congress zu Hamburg 1863 hatte sich hierfür trotz der sachlichen Einwände, welche G erlach, Fuchs, Hortwig, Kühne u.A. erhoben, eine Majorität ausgesprochen. Bestimmter lautete der Beschluss dos thierärztlichen Congresses zu Wien im August 1865,') nach welchem die Verringerung der 21tiigigon Conturaaz-Zeit für alle Rinder aus
') Vergl. Wiener Viorteljalircsschr. XXIV, 193.
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Russland und den Donau-Fürstcnthümcrn auf 10 Tage empfohlen wurde. Vorbehalten war bei diesem Beschlüsse allerdings, dass die Massrogel der Contumaz sachgemäss eingerichtet und durchgeführt werden müsse. Auffallend ist bei diesen Verhandlungen, dass die österreichischen Veterinäre die Möglichkeit eines längeren Incubations-Stadiums der Krankheit unbe­achtet liessen. Mehr Befriedigung gewährt der Beschluss dos Congresses, mit welchem den Regierungen empfohlen wurde, die nöthigen Fonds zur Entschädigung der Viehbesitzer zu schaffen und dann die Tilgung der Seuchen-Ausbrüche durch schleunige Todtung aller kranken und verdäch­tigen Thiere zu bewirken.
Während Fachmänner und Behörden mit besonderer Lebhaftigkeit sich dem Gedanken-Austausch über die Natur der Rinderpest und über die zweckmässigsten Schutzmittel zu ihrer Bekämpfung widmeten, wurden England und Holland 1865 von einem Einbruch der Seuche förmlich überrascht. Auf einen solchen Feind war die Gesetzgebung in beiden Ländern gar nicht vorbereitet. Es fehlte deshalb zunächst an den geeig­neten Hülfsmitteln, welche die Behörden hätten benutzen können, wenn sie mit den wissenschaftlichen Principien einer sachg-emässen Rinderpest-Tilgung vertraut gewesen wären. Oft werden die Nachtheile, welche da­durch entstehen, dass die Fachmänner einer Nation den wissenschaftlichen Forschungen anderer Völker nicht folgen, übersehen. Aber in diesem Falle rächte sich die Unerfahrenheit der englischen Veterinäre und der Mangel einer vorsorglichen Ausstattung der Behörden mit geeigneten Machtbefugnissen durch sehr schwere Verluste. Das Verfahren, durch welches sich Preussen seit 50 Jahren mit Erfolg geschützt hatte, wurde nicht gewürdigt, trotzdem der hohe Werth und die ausschliessliche Be­rechtigung desselben durch die vergleichende Prüfung aller Tilgungs­mittel in einer Erfahrung von 150 Jahren ausser Zweifel gestellt war.
Ein neues, und wie ich anerkenne, sehr gründliches Studium der Krankheit wurde angeordnet. Durch dasselbe sollte die beste Behand­lungsmethode der Seuche ausfindig gemacht werden. Der quot;Wissenschaft hat die englische Staatsverwaltung mit diesen Anordnungen einen grossen Dienst erwiesen. Kaum jemals wird in Europa den Fachmännern ein so reiches Material zur unverkürzten Ausnutzung wieder zugänglich sein. Mit der Seuchentilgung durch schleunigste Vernichtung des Contagiums sind ausgedehnte Beobachtungen kranker Thiere und Ansteckungsver­suche nicht vereinbar. Wenn daher das Verhalten der englischen und holländischen Behörden gegenüber der Rinderpest-Invasion nach den Lehren der thierärztlichen Wissenschaft nicht mehr rationell war, so kann anderseits mit Genugthuung constatirt werden, dass dasselbe für die Pathologie der Rinderpest eine grosse Bereicherung an thatsächlich gesicherten Ermittelungen möglich gemacht hat.
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Ende Mai 1865 erfolgte die EinsohleppUUg der Soucho in England mit oinom Transport von 321 russischen Ochsen, welche im Hafen von Reval am 23. Mai verladen waren und mit dem Dampfer „Tonningquot; am 29. Mai in Hull ankamen. Ein Theil der Ochsen wurde hier geschlachtet, und ein anderer Theil gelangte am 31. Mai nach dem Markte zu Islington in London. Obwohl auch die nach Islington gebrachlen Ochsen inner­halb 2 Tage abgeschlachtet waren, so hatten dieselben doch bereits andere Rinder inficirt. Letztere sind aber nicht ermittelt worden. Auf dem Markte zu Islington am 19. Juni müssen mehrere kranke Rinder gestanden haben. Denn 8 bis 10 Tage später erkrankten in verschiedenen Be­zirken Londons Rinder, welche auf dem Markte gewesen waren. Da keine Tilgungsmassregeln ergriffen wurden, so verbreitete sich die Krankheit schon im Juli IBßo in London und au anderen Orten auf eine grosso Zahl von Gehöften. Diesen Entwickelungsgang der Seuche hat Prof. Gam gee (G) als thatsächlich zutreffend geschildert. Auch deutsche Autoren (Eürstenberg, Gerlach) haben nach näherer Prüfung der Sachlage denselben Ursprung der Seuche anerkannt. Dagegen wird von der durch die englische Regierung berufenen Untersuchungs-Gommission (8 u. 9) zweifelhaft gelassen, ob nicht die Krankheit durch österreichisch-ungarische Rinder nach Holland und von hier nach London durch holländische Kühe eingeschleppt sei. Ein ausreichender Grund konnte für diese Unterstellung nicht erbracht werden. Ende Juni 1865 gelangte ein Transport von 23 Ochsen von Rotterdam auf den Markt in London. Diese Thiere blieben ungefähr 10 Tage in London und kamen in dieser Zeit wiederholt auf dem Viehmarkte mit anderen Rindern in Berührung. Da dieselben nicht verkauft werden konnten, so wurden sie nach Rotter­dam zurückgeschickt, wo sie am 7. Juli wieder anlangten. Während des Aufenthalts in England war ein Theil dieser Ochsen inficirt worden. Durch ihren Rücktransport nach Rotterdam erfolgte die Einschleppung und die Verbreitung der Seuche in Holland.') Es ist hiernach die Krankheit von England nach Holland zuerst eingeschleppt worden; eine Verbreitung in umgekehrter Richtung hat erst Ende August, dann auch im September und October mit dem Transportdampfer „Raglanquot; von Rotterdam stattgefunden, nachdem in Holland zahlreiche Ortschaften von der Seuche betroffen waren.
Schon Ende Juni 1805 constatirte Prof. Simonds in einer unweit des Marktes zu Islington gelegenen Milcherei die Rinderpest. Allein der Ausspruch dieses Sachverständigen fand zunächst keine allgemeine Anerkennung. Ausser ihm, Prof. Gamgce und dem Thierarzt Ernes hatten die englischen Fachmänner die Krankheit nie yeseben. Noch
') Vergl. Fürstonborg. Die Rinderpest in England und Holland. Annaion der Landw. 1860.
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weniger waren mit ihrer Bedeutung die Viehbesitzer bekannt. Die Em­pfehlung' wirksamer Tilgung'smassreg'eln, namentlich der Beschränkung im Handel und Verkehr mit Rindern und thierischen Rohproducten be­gegnete einer heftigen Opposition. Zur Vertretung der letzteren bildete sich eine grosse Partei, welche in öffüntlichen Blättern die Meinung ver­breiten Hess, dass die Krankheit nicht aus dem Auslande eingeführt, sondern in England selbst aus diätetischen Schädlichkeiten entstanden sei. Da zunächst dieser irrthümlichen Behauptung in weiten Kreisen Glauben geschenkt wurde, so wird die Ausbreitung der Seuche über ganz England und Schottland erklärlich. Schon im August 1865 kam die Seuche nach Edinburgh und Umgegend. Dieselben Gelegenheitsursachen, welche zu allen Zeiten die Verschleppung des Contagiums begünstigt haben, finden sich auch hier wieder. Kaum war die verheerende Wirkung der Seuche erkannt, als die Besitzer beim ersten Auftreten verdächtiger Zeichen in dem Bestände sofort durch den Verkauf der Thiere sich vor #9632;weiteren Verlusten zu schützen suchten. Bevor die Gefahren eines solchen Verkehrs hinlängdich eingesehen wurden, war die Verbreitung der Seuche so allgemein, dass man vor einer gewaltsamen Unterdrückung derselben förmlich zurückschreckte. Die einfache Thatsache, dass unter den Be­sitzern das Bestreben vorwaltete, eine erfolgreiche arzneiliche Behandlung der kranken Thiere ausfindig zu machen und dass die Behörden diesen Bemühungen, wenigstens in der ersten Zeit Vorschub leisteten, erklärt zur Genüge, dass die Ausrottung der Seuche erst nach 2 Jahren möglich wurde. In grosser Zahl warfen die Industrieritter aus vielen Ländern ihre Empfehlungen auf den Markt. Bei der mystischen Denkungsweise mancher vermögender und einflussreicher Besitzer erhielten die Versuche zur arzneilichen Behandlung der kranken Thiere fortdauernd eine neue Anregung. Im December 1865 setzte Lord Leicester einen Preis von 100 Guineen aus für ein Heilmittel gegen die Rinderpest. Es war dabei ausbedungen, dass mindestens 30 pestkranke Thiere mit dem Mittel be­handelt und dass von diesem mindestens 18 geheilt werden müssten. Einem Homöopathen, welcher sich um diesen Preis bewarb, wurden nach längeren Verhandlungen 21 kranke Thiere überwiesen. Nachdem hiervon 20 Thiere gestorben waren, zog sich der Heilkünstler ohne Aufsehen zurück.
Obschon die Ausfuhr von Rindern aus England nach Irland unter­sagt war, so erfolgte doch schon im September 1865 angeblich durch einen Transport Schafe von Glasgow aus die Einschleppung der Krank­heit nach der Gegend von Belfast. Durch Isolirung der verseuchten Gehöfte gelang es indess, die weitere Ausbreitung der Krankheit zu ver-! lindern.
Grosses Auf'sohon erregte in England der Ausbruch der Rinderpest in einigen Schafheerden Norfolk's Ende September 1865. Die Infection
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erfolgte bei einer Heerde durch Berührung der Schafe mit pestkranken Hindern auf einem Markte, bei einer zweiten Heerdo durch gemeinsamen Weidegang mit kranken Kühen. Auch eine Rüokübertragung der Seuche von Schafen auf Rinder kam hierbei zur Beobachtung.
Durch diese Feststellungen fanden sich die Verwaltungsbehörden mit Recht veranlasst, die Schutzmassrogeln, welchen die Rinder unterworfen waren, auf Schafe und Ziegen auszudehnen. Bis zum Frühjahr 1866 zeigte sich nach einer Angabe von Crisp bei 23 Schafheerden, welche zusammen 3900 Haupt zählten, die Rinderpest. Von diesen erlagen der Krankheit 2260 Schafe. Die Heerden vertheilten sich auf mehrere Counties.
Es würde mich zu weit führen, die Verbreitungswege der Rinderpest in England während dieser denkwürdigen Invasion genauer zu verfolgen. Eine umfassende und sehr sorgfältig zusammengestellte Beschreibung der Seuchenausbrüche haben die Professoren Simonds und Brown (8) geliefert, worauf ich hier verweisen muss. Die zahlreichen Verfügungen, welche das Privy Council auf Grund der ihm ertheilten gesetzlichen Voll­macht erliess, konnten Anfangs das Fortschreiten der Seuche nicht verhindern, weil durch dieselben die der Ansteckung verdächtigen Rinder dem Ver­kehr nicht vollständig entzogen wurden. Namhafte deutsche und fran­zösische Fachmänner (Gerlach, Fürstenberg, Bouley u. A.), welche zum Studium der Krankheit nach England entsandt waren, empfahlen ver­geblich die Anordnung strengerer Unterdrückungsmassregeln.
Im englischen Volke hatte sich eine Agitation dafür geltend gemacht, dass, wenn die ärztliche Behandlung nicht allgemein concedirt werden könne, wenigstens grosse Hospitäler errichtet werden müssten, in welchen die erkrankten Thiere einem Kurverfahren zu unterworfen seien. Selbst viele Thierärzte unterstützten öffentlich diese Wünsche. Die thierärztlichen Professoren zu London und Edinburgh kämpften zunächst umsonst gegen die in solchen Plänen liegenden Gefahren. Die grosse Menge wollte von den in anderen Ländern gemachten Erfahrungen Nichts wissen. Es wurde sogar in einer Anwandlung krankhafter Sentimentalität öffentlich und nicht ohne Eindruck erklärt, dass die gewaltsame Tödtung der Hausthiere mit den religiös-sittlichen Anschauungen der Zeit nicht mehr vereinbar sei. Prof. Simonds hat das Verdienst, die englische Regierung zuerst darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass ohne Entschädigung der Be­sitzer die obrigkeitlich angeordneten Tilgungsmassregeln nicht den ge­wünschten Erfolg haben könnten.
Viele Monate vergingen, bevor bei den massgobenden Personen der englischen Nation die Ueberzeugung zum Durchbruch kam, dass die Rinderpest nothwendig nach national-ökonomischen Gesichtspunkten be­handelt werden muss und dass hierbei die persönlichen Wünsche einzelner Viehbesitzor keine Berücksichtigung finden können. Mit jeder Woche nahmen die Verheerungen unter den kostbaren Racen und Stämmen zu.
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Im Juli 1865 waren 8, im August weitere 22 und im September weitere 18 Counties von der Seuche hcimg-esucht. Es erkrankton nach abge­rundeten Zahlen von Mitte October 18G5 an wöchentlich 1700, 1800, 1700, 2500, 2000, 3G00, 3800, 5300, 6000, 6200, 7600, 9100,9200, 10 000, 11700, 9100, 11500 und 13 000 Rinder. Sehr viele Krankheitsfälle wurden aussordom den Inspectoron vorn „Veterinary Department of the Privy Councilquot; nicht angezeigt. Ihren Höhepunkt erreichte die Calamitiit im Februar 1866, wo innerhalb einer Woche 17 000 Rinder hinweggerafft wurden. Unter dem Eindrucke solcher Verluste entschlossen sich endlich die gesetzgebenden Körperschaften, durch ein neues Gesetz dem Privy Council und den Local-Behörden ausreichende Befugnisse zur Ausrottung des Contagiums bei jedem Ausbruche der Seuche zu ertheilen. Die Aus­führung dieses für England und Schottland erlassenen Gesetzes, welches vom 20. Februar 1866 datirt und „The Cattle Diseases Prevention Actquot; betitelt ist, erwirkte sofort eine Abnahme der Seuche. Während der letzten Woche im Februar 18G6 erkrankten in runder Zahl 11 000 Rinder, während des März in der ersten Woche 11000, in der zweiten 10 000, in der dritten 900O, in der vierten 8000 und im April in der ersten Woche nur 6500 Rinder. In der dritten Woche des Juni kamen im Ganzen noch 743 Erkrankungsfälle vor und Mitte Juli 1866 war die Seuche in Schottland getilgt. England verlor im September 1866 nur noch 80 bis 100 Rinder wöchentlich. Gegen Ende des Jahres war die Krankheit ganz erloschen. Im Februar fand eine neue Einschleppung statt, die aber keine allgemeine Bedeutung erlangte.
Von günstigem Erfolge war die Bekämpfung der Seuche in Irland in welchem vom April bis Juli 1866 in 4 Districten 9 Farms mit einem Bestände von 50 Rindern heimgesucht waren. Es erkrankten 29 Rinder und 21 wurden als gesund geschlachtet.
Nach officiellen Angaben waren in England von 221 454 Rindern 92 177 als pestkrank getödtet, 97 774 gestorben und 27 720 von der Krankheit genesen, während 3783 keine Empfänglichkeit für das Con-tagium hatten. Ausserdem waren 61 175 gesunde Rinder aus prophylak­tischen Gründen gesohlachtet worden.
In Schottland starben von 48 130 Rindern 29 108; es wurden 6742 getödtet und 11 273 überstanden die Krankheit; 1007 waren unempfänglich. Als gesund wurden daneben 15 033 geschlachtet.
In Wales sind von 9339 Rindern 6567 gefallen; 1261 getödtet, 1172 genesen und 339 als unempfänglich für das Rinderpest-Contagium gesund geblieben. Ausserdem mussten 721 Haupt aus Präventiv - Rücksichten geschlachtet werden.
Hiernach betrug der Gesammt-Vorlust, welchen Grossbritannien in den Jahren 1865 bis 1867 durch die Rinderpest erlitt: 335 952 Rinder. Es darf hierbei trotz der hohen Zahl nicht übersehen werden, dass viele
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Souchenausbrücho sich der Konntniss der Behörden entzogen haben. Nicht mit Unrecht mag deshalb Lord Cathcart auf einem Meeting der Ackerbau-Gesellschaft im März 1800 behauptet haben, dass den officiellen Verlust-Angaben noch mehr als 50 000 Rinder, welche durch Abschlaoh-tung der verseuchten Bestände beseitigt seien, hinzugerechnet werden könnten. Die unmittelbaren Nachtheile, welche die Besitzer erlitten, schätzt Alexander Williams (8, Vorrede) auf fünf Millionen Pfund Sterling.
Wenn den englischen Behörden der Vorwurf gemacht werden kann, dass sie die staatswirthschaftliche Bedeutung der Rinderpest nicht recht­zeitig erkannten, so muss anderseits rühmend hervorgehoben werden, dass sie die wissenschaftliche Erforschung der Krankheit sachgemäss ge­fördert haben. Die englischen Fachmänner stellten sich die Aufgabe, durch eigene Untersuchungen die Wissenschaft von der Rinderpest neu aufzubauen. Es ist anzuerkennen, dass das grosso Material, welches die zahlreichen Seuchenausbrüche lieferten, mit sachkundiger Einsicht ver-werthet worden ist.
Prof. John Gamgoe (0. p. 38) ermittelte gemeinschaftlich mit seinem Bruder Dr. Arthur Gamgee das Verhalten der Körperwärme bei den pestkranken Thieren durch thermometrische Untersuchungen. Die Appli­cation des Thermometers zur Feststellung der Bluttemperatur in fieber­haften Krankheiten war wenige Jahre vorher in der Medicin bei kranken Menschen in Aufnahme gekommen.
Auch hatten am Dorpater Veterinär-Institut 1861 bereits Bestim­mungen der Bluttemperatur bei pestkranken Rindern mittels thermome-trischer Untersuchungen stattgefunden.') Insofern ist die Empfehlung des Thermometers zu diagnostischen Untersuchungen bei der Rinderpest nicht als eine neue Entdeckung anzusehen. Aber nichtsdestoweniger bleibt Gamgee der Ruhm, die Bedeutung, welche die thennometrischen Bestimmungen der Blutteraperatur für die Erkenntniss der Krankheit hat, zuerst nach allen Richtungen erkannt und erschöpfend beschrieben zu haben. Auch im Uebrigen ist die Arbeit Gamgoe's durch Objectivität, Vollständigkeit und sachkundige Kritik der in der Fachliteratur enthal­tenen Mittheilungen ausgezeichnet. In der Darstellung der pathologisch-anatomischen Veränderungen findet sich dieselbe Auffassung, welche Brau eil drei Jahre früher vertheidigt hatte. Chemische Analysen des Blutes, der Milch und des Harns machte Dr. Arthur Gamgee (6. p. 70), welcher eine Verminderung des Blutserums bei relativer Vermehrung des Fibrins und der Blutkörper ermittelte.
Gleich nach dem Ausbruch und der Verbreitung1 der Seuche in
') Vergl. Jossen. Die Rinderpest in oiiior Hoordo von Steppenvieh auf dem Gute Schloss-Ncuhauson. Dorpat 1872.
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England erfolgte auf Befehl der Königin Victoria die Berufung einer Commission, welcher die Aufgabe gestellt wurde, die Entstehung und die Eigenschaften der Krankheit zu erforschen. In richtiger Beurtheilung des Gegenstandes trennte die Commission die Aufgabe in verschiedene Gebiete, mit deren Eruirung besondere Gelehrte beauftragt wurden. Hier­bei waren betheiligt:
Sanderson: für den allgemeinen Character, den Seuchengang, die Verbreitungswege und die Symptome der Krankheit;
Murchison: für die allgemeine Pathologie der Rinderpest und ihre Beziehung' zu den menschlichen Krankheiten;
Marcet: für die pathologische Chemie;
Brist owe: für die pathologische Anatomie;
Beale: für die mikroskopischen Untersuchungen;
Varnell und Pritchard: für die arzneiliche Behandlung der Krankheit;
Smith und Crookes: für die Desinfectionsmassregeln.
Die gründlichen Arbeiten dieser Männer sind in einem Bericht (7) niedergelegt, welcher am 1. Mai 1866 der Königin von England über­reicht wurde. Es giebt in der Literatur aller Länder keine zweite Arbeit über die Rinderpest, welche an thatsächllchem Gehalt und wissenschaft­lichem Werth diesem Werke gleichgestellt werden könnte. Dasselbe ist für Jeden, der sich mit dem Studium der Rinderpest befasst, eine reiche Fundgrube. Die Bedeutung dieser Arbeiten wird durch eine grosse Zahl vorzüglicher, farbiger Abbildungen über die wichtigsten pathologisch­anatomischen und mikroskopischen Befunde noch erhöht.
Mit Sorgfalt sind zunächst die Symptome der Krankheit vonSanderson beschrieben, welcher ebenso, wie Gamgee gefunden hatte, dass schon 36 bis 48 Stunden nach der Infection die krankhafte Erhöhung der Blut­temperatur eintritt. Störungen in den Funktionen des Gehirns und des Nervensystems hat Sanderson bei keinem Thiere gesehen. Die Natur der Rinderpest erklärte Murchison für ein eigenartiges Fieber, welches mit einigen acuten Exanthemen des Menschen (Pocken und Scharlach) verglichen werden könne. Da Murchison die Aehnlichkeit der Krank­heit mit den Pocken sehr gross schien, so empfahl er die Vaccination der gesunden Rinder versuchsweise als Schutzmittel in Anwendung zu bringen. Es war ihm unbekannt, dass schon Pessina (vergl. S. 161) die Nutzlosigkeit dieses Verfahrens festgestellt hatte. In England wurde die Pockenimpfung an vielen Rindern, selbstredend ohne den erwarteten Er­folg zur Ausführung gebracht. Nach den Berichten dor Commission sollen in Cheshire mehr als 27 000 Rinder mit der Vaccination behandelt sein. Die vermeintliche Sicherheit, welche die Besitzer hierdurch erlangt zu haben glaubten, war der Verbreitung der Seuche in hohem Grade förderlich.
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Bei der chemischen Untersuchung' gelaugte Marc et zu ähnlichen Ergebnissen, wie vor ihm Arthur Gamgeo. Mit der krankhaften Zunahme der Körpertemperatur soll im Harn eine Vermehrung' und mit der Abnahme der Temperatur eine Verminderung' des Harnstoffes eintreten.
VonBristowe sind die anatomischen Störungen naturgetreu geschildert worden. Bemerkt mag hierbei werden, class Bristowe mit Recht die Exsudation auf der Respirations- und Digestionsschleimhaut bei der Rinderpest nicht als identisch mit dem exsudativen Prozesse in der bei Menschen vorkommenden Rachendiphtherie betrachtet. Beale fand in den Capillargefässen und im Gewebe der Schleimhäute, sowie der äusseren Haut in grosser Menge Mikroorganismen, welchen er die summarische Bezeichnung „germinal matterquot; in dem Sinne gab, dass sie das Con-tagium der Rinderpest darstellen sollen. Die Erscheinungen der Krank­heit führt Beale auf die qualitative und quantitative Wirkung der lebendigen Krankheitskeime zurück. Mit ihrem Uebergango in das Blut entwickelt sich die Temperaturerhöhung und die Symptome in den Schleim­häuten sind nach seiner Darstellung theils von der Verstopfung der Capillargefässe, theils von der Reizung der Gewebe durch die „germinal matterquot; bedingt,
Varnell und Pritchard unterscheiden in der Ausbildung der Krankheitssymptome 4 Stadien, deren Feststellung nach den mitgetheilten Merkmalen indess nur bei dem regelmässigen Verlaufe möglich sein dürfte. Interessanter ist, dass die beiden Autoren zahlreiche Impfversuche bei Ziegen und Schafen machten und hierdurch die Eigenschaften der Rinderpest bei den kleinen Wiederkäuern feststellten. Die zu prophylak­tischen Zwecken versuchte Impfung hatte, wie ich hier auch in Kürze andeuten will, ebensowenig Erfolg, als die bei den kranken Thieren mit den verschiedensten Arzneisubstanzen angestellten therapeutischen Experi­mente.
Eine umfassende und werthvolle Arbeit über die Rinderpest in Gross­britannien haben auch die Professoren Simonds und Brown in einem Bericht (8) veröffentlicht, welcher dem englischen Parlament erstattet wurde. Mit Uebergehung der Specialgeschichte von der Verbreitung der Seuche und von den hiergegen ergriffenen Massregeln will ich nur auf den wissenschaftlichen Theil dieses Berichts hinweisen. Die genannten Autoren haben sich nicht damit begnügt, die Krankheit nach ihren Symptomen und Sectionsergebnissen unter Beifügung von Abbildungen zu beschreiben. Sie geben zugleich Auskunft über die Resultate zahlreicher Impfversuche und über die Wirkungen der verschiedensten Heilmittel. Durch die vorurtheilsfreie Erörterung der Ergebnisse ihrer Beobachtungen und Versuche fand die in Deutschland längst festgestellte Thatsache, dass die schnelle Ausrottung des ganzen Viehbestandes, in welchem sich die Krankheit zeigt und die Vernichtung aller Gegenstände, an welchen das
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Contag'iuin haften kann, von siunmtlichen Tilguiig-sinitteln das sicherste und zweckmässigsto ist — in England erst eine allgemeine Billigung.
Nach Holland erfolgte die Einschleppung der Rinderpest Anfangs August 1865 aus England.1) Die Krankheit wurde durch Professor llengoveld alsbald erkannt. Gleich darauf fand die Berufung einer Gominission statt, welche das angeordnete Tilgung-sgeschäft überwachen sollte. Allein mit den angeordneten Massregeln konnte an und für sich Nichts effectuirt werden. Denn es war den Besitzern überlassen, das Arbeits- und Milchvieh einer arzneilichen Behandlung zu unterwerfen. Nur das fette Vieh sollte im Falle der Erkrankung abgeschlachtet werden. Vergebens machte die Commission den Vorschlag, strengere Beschrän­kungen des Verkehrs zu verfügen. Zwar erhielt das Ministerium im October 1865 von der holländischen Landesvertretung die Befugniss zur Sistirung des Viehhandels und zur Absperrung der verseuchten Gegenden. Allein die hierauf eingeleiteten Massnahmen wurden vielfach umgangen.
Uebrigens darf bei der Beurtheilung des Seuchenverlaufs nicht ver­gessen werden, dass die Rinder in Holland während der Weidezeit nicht in die Ställe kommen und dass eine Absperrung der von schmalen Wassergräben durchschnittenen Weiden last unmöglich ist. Nachdem die Krankheit sich in Südholland erst allgemein verbreitet hatte, hielt die Commission die schnelle Unterdrückung derselben nach Art des preussischen Verfahrens nicht mehr für ausführbar. Es wurde daher die ganze Provinz Südholland durch Militär und bez. durch Kriegsschiffe abgesperrt. Innerhalb des Sperrbezirks fand eine obrigkeitliche Ein­wirkung auf den Verkehr zunächst nicht statt. Bei den Besitzern herrschte das Bestreben, ein Heilmittel gegen die Krankheit zu er­langen und da der Character der Rinderpest in Holland zeitweise sehr gutartig war, so dass 30 Procent und noch mehr von den kranken Rin­dern durchseuchten, so erklärt sich die Hartnäckigkeit, mit welcher die nicht orientirten Personen an die Wirksamkeit der Heilversuche glaubten. Wie im vorigen Jahrhundert, so drängten sich auch jetzt wieder zahl­reiche Speculanten vor, um durch marktschreierische Anpreisung ihrer angeblichen Kunst Geld zu. verdienen. Unter diesen Umständen konnte eine Einschränkung der Seuche erst in den Wintermonaten, als die Thiere von den Weiden in die Ställe zurückkehrten, möglich gemacht werden.
Die Anfangs auf Südholland beschränkten Ausbrüche verbreiteten sich auch auf Nordholland und Utrecht. In den Provinzen Nordbrabant,
') Vorg1!. Gramgee (6. p. 394) und dio Borichte von Fürstenberg1, sowie von Dammann, Annalon der Landw. in den königl. prouss. Staaten, 186quot;) und ]8ß7; von Leisering, Dresden I8fi.j; von Wehonkel, Notice sur io typhus con-tagieux etc. Bruxeilos 1865 und von Rueff in Horing's Repert. 1866. Bd. 27, S. 201 und 291.
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Seeland Oborysscl und Geldorland kamen nur vereinzelte Fälle vor. Bis zum 24. September 18G5 sind die Eruptionen nieht genau mityotbeilt worden. Seit dieser Zeit wurde bis zum 25. Juni 18G7 in einer beson­deren Zeitschrift1) eine wöchentliche Uobersicht über die Krankheilsfälle geliefert. Sowohl der Redacteur, als die Mitarbeiter dos Blattes, vor Allem Dr. Snellen haben durch die Besprochung' der Krankheit und durch die rücksichtslose Bekämpfung eingewurzelter Vorurlhoile sehr nützlich ge­wirkt. Auch die Professoren Ilengeveld und Ileckmeier haben einige bemerkonswertho Aufsätze über die Rinderpest in dieser Zeitschrift ver­öffentlicht.
Die Verbreitung der Seuche nahm bis zum Anfange des Jahres 1SG7 mehr und mehr zu und es erkrankten zuletzt wöchentlich 3000 bis 4000 Haupt.
Im Sommer 1867 erreichte die Calamität in Holland ihre Endschaft, nachdem die schweren wirthschaftlichon Schäden den Behörden und der Bevölkerung endlich die Nothwendigkeit strenger Sperrmassregeln zum Bewusstsein gebracht hatten. Vom 24. September 1865 bis zum 15. Juni 1867 sind in Holland 156 592 Rinder von der Rinderpest befallen; hier­von sind 78 110 gestorben, 36 919 geschlachtet und 51 565 genesen. An diesen Krankheitsfällen sind von den einzelnen Provinzen des König­reichs betheiligt: Südholland mit 96 705, Utrecht mit 50 413, Nordholland mit 8243, Gelderland mit 914, Nordbrabant mit 317 Rindern.
Im zoologischen Garten zu Rotterdam, in welchen das Contagium eingeschleppt war, sind 11 Antilopen an der Rinderpest erkrankt und gestorben.
Während des Herrschens der Rinderpest reisten viele deutsche und belgische Thierärzte nach Holland, um die Krankheit an Ort und Stelle zu studiren. Von ihnen sind zahlreiche Berichte erstattet worden, in welchen vorzugsweise die Ausbreitung der Seuche beschrieben und der allgemeine Character der Krankheit erörtert wird.
Auch die Darstellungen der Holländischen Veterinäre halten sich zum grössten Theil innerhalb dieser Grenzen. Wissenschaftlich inter­essant sind indess die Angaben über die sehr verschiedenartigen Ver-mittelungswoge, durch welche gesunde Rinder mit dem Contagium be­haftet wurden. Die Krankheitsorscheinungen und die makroskopischen Befunde bei der Section haben Leisering und Fürstenberg in ihren Berichten sehr gut geschildert. Von grösserem Werthe für die Wissen­schaft ist aber die Monographie, welche Ger lach (9j, vorzugsweise nach dem reichen Beobachtungsmaterial in Holland, bearbeitet hat.
Hokmeior veranlasste chemische Untersuchungen des Blutes pest­kranker Rinder durch Oudemans, wobei sich eine Vorminderung der
') De Runderpest, Bylago tot de Landbouw-Courant. Red. Dr. Mulder.
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Albuminate und der mineralischen Bcstandtheile ergab (vergl. De Runder­pest. No. 121 und 122). Wirtz1) untersuchte in Gemeinschaft mit Koster Thoile vom Darmkanal pestkranker Rinder, um die Natur der Prozosso an den Peyer'schen Haufen und an den solitliren Follikeln festzustellen. Nach dein Ergebnisse seiner Studien kommt Wirtz im Allgemeinen zu denselben Ansichten, welche von Rawitsch (5) vertreten waren. Zahl­reiche thermometrische Untersuchungen der Bluttemperatur bei kranken Thieren kamen an der Thierarzneischule in Utrecht zur Ausführung. Die Resultate stimmen im Allgemeinen mit den in England gemachten Wahrnehmungen überoin.2)
Nachdem die Rinderpest in England und Holland sich verallgemeinert, hatte, war man in Belgien eifrig auf die Abwehr derselben bedacht. Trotzdem erfolgte Ende August 1865 schon eine Invasion durch die Ein­fuhr von holländischem Vieh. Bei dem anhaltenden Fortbestehen der Seuche in Holland wiederholten sich die Einbrüche, so dass 1865 in Belgien 6 Provinzen mit 46 Gemeinden von der Calamitiit heimgesucht waren. Die Tilgung gelang regelmässig in kurzer Zeit, aber nur mit ver-hältnissmässig bedeutenden Opfern. Die Verluste betrugen in 1865 zu­sammen 455 Rinder und 8 Schafe; in 1866 zusammen 379 Rinder und 181 Schafe; in 1867 zusammen 1566 Rinder und 165 Schafe; in 1868 zusammen 59 Rinder. Im Ganzen hat hiernach die Seuche in Belgien durch die zahlreichen Invasionen an Opfern gefordert: 2459 Rinder und 354 Schafe.^)
Ueber die belgisch-französische Grenze kam die Krankheit Anfangs September 1865 nach Frankreich — Depart, du Nord und Pas de Calais #9632;—. Die Ausrottung geschah mittels sofortiger Tödtung von 43 kranken und verdächtigen Rindern in kurzer Zeit.
Eine vielbesprochene Invasion der Rinderpest erfolgte im November 1865 von England aus in dem Acclimatisationsgarten zu Paris durch zwei Gazellen, welche am 14. November von dem Thierhändler Jamrack in London gekauft und am folgenden Tage nach ihrem Bestimmungsorte versandt waren. In der Stallung des Jamrack, welche in der Nähe von Milchwirthschaften, in denen die Rinderpest herrschte, ihre Lage hatte, war kurz vor dem Verkaufe der fraglichen Thiere eine Gazelle gestorben. Die beiden nach Paris gebrachten Gazellen erkrankten am 19. bez. 25. und starben am 24. bez. 30. November. Am letztgedachten Tage zeigten sich schon 17 andere Thiere des Gartens erkrankt. Inflcirt wurden 1 Normannische Kuh, 4 Zebus, 8 Yaks, 2 Auerochsen, 4 Anti-
1)nbsp; Jets over do pathologisoho Histologie der Aandooningen van hot Darm-kanaal by de Zoogonaamde Veepcst. Noderl. Ann. voor Genees-en Natuurk. III.
2)nbsp; Vergl. Ph. Fuchs. Die Rinderpest in Holland etc. Reisebericht. Karls­ruhe 1867 S. 10.
3)nbsp; Vergl. das Referat von C. Müller. Im Magaz. f. d. ges. Thierh. XXXV. 448.
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lopon, 9 Ziegen, 3 ausländische Hirsche und 2 Zwerghirsche. Von den Dickhäutern sollen 2 Pekaris — südamerikanische Moschusschweine — von der Rinderpest befallen sein.1)
Mit dem einer kranken Gazolle entnommenen Impfstoff wurde die Krankheit auf ein Kalb übertragen. Nach der Todtung der kranken und verdächtigen Thiero und nach der Desinfection der Stallungen sind weitere Infectionen von Thieren nicht mehr eingetreten.2)
Dass die weite Verbreitung der Seuche und die mangelhafte Be­kämpfung derselben in Holland für den preussischen Staat die grössten Gefahren mit sich brachten, hatten die Verwaltungsbehörden keinen Augenblick verkannt. Die Bewachung der preussisch-holländischen Grenze wurde durch ausreichende militärische Kräfte bewirkt. Trotzdem konnte der Ausbruch der Krankheit in 6 Ortschaften des Regierungs­bezirks Düsseldorf und in 1 Ortschaft des Regierungsbezirks Münster nicht verhindert werden. In keinem Falle fand aber nach der amtlichen Feststellung eine weitere Verbreitung aus den inficirten Gehöften statt. Diese Eruptionen ereigneten sich vom 10. December 1866 bis zum 22. Februar 1867. Zur Tilgung der Krankheit mussten im Ganzen 130 Rinder, von welchen 18 erkrankt waren, getödtot worden. Ausserdem waren 3 Rinder der Krankheit erlegen.3)
Russland und die östlichen Donau-Länder einschliesslich Ungarn waren seit 1860 anhaltend und in erheblichem Umfange von der Rinder­pest heimgesucht. Bei dem Mangel an sicheren Nachrichten ist die ziffernmässigo Angabe der Verluste an Rindvieh in diesen Staaten nicht möglich. Nach einer literarischen Notiz4) soll vom 1. Januar bis zum 15. December 1866 in Russland die Rinderpest in 21 Gouvernements geherrscht haben. Es sollen in dieser Zeit im Ganzen 30 754 Rinder er­krankt sein, von welchen 10 790 durchseuchten und 17 932 erlagen. Inwieweit diese Zahlen zutreffen oder hinter der Wirklichkeit noch zu-
') Ob die Beobachtung bezüglich dor Pecaris ausreicht, um einen diagnosti­schen Irrthum auszuschlicssen, lässt sich bezweifeln. Bouloy bemerkt (Rec. de M, vöterin. 186G p. 117), dass bei einem Pecari durch die Section nur das Vor­handensein einer diffusen Darmentzündung ermittelt sei. Bei dorn zweiten erschien die Darmsohleimhaut wie die Haut eines an zusammonfliessondon Pocken erkrankten Schafes. Da die Soucho auf Schweine nicht übergeht, so wird wohl eine andere Krankheit vorgelegen haben.
2)nbsp; Vergl. Leblanc. Im Rec. deMöd. v6t. Docembre 1805. Ref. von Hering. Report. XXVII. S. 1 und von Müller. Mag. f. d. ges. Th. XXXII. 139.
3)nbsp; Vergl. C.Müller. Die Rinderp. in Holland etc. Im Mag. f. d. ges. Thierli. XXXIII. 305 und Ph. Fuchs. Dio Rinderpest in Holland und ihre neuesten Ein­brüche in Rheinpreussen. Reisebericht. Karlsruhe 1867.
4)nbsp; Mag. f. d, ges. Thierh. XXXIII. 203.
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rückbleiben, dürfte nicht zu controliren sein. F. Unterbergor und Andere berechnen den Goldwerth der Verluste, welche Russland um diese Zeit durch die Seuche erlitt, im Durchschnitt auf jährlich 10 Millionen Rubel.
Die g'rosson Verheerungen, welche die Seuche in Oesterreich von 1863 bis 18G5 herbeigeführt hatte, waren kaum überwunden, als der Aus­bruch des preussisch-östorreichischen Krieges 1866 von Neuem eine In­vasion in die deutsch-österreichischen Kronländer veranlasste. Zum grössten Theil bezog die österreichische Nordarmee ihre Schlachtvieh-heerden aus der Moldau und Ungarn. Seit Jahren war die Seuche in diesen Ländern nicht zum Aufhören gebracht worden. Es war daher selbstverständlich, dass sie sich überall verbreitete, wo das fremde Schlachtvieh hinkam. Schon während der Rüstungen im Juni 1866 con-statirte F. Müller unter den Rinderheerden bei der Nordarmee die Rinderpest. Die Massregehi, welche derselbe gegen die Ausbreitung der Krankheit empfahl, konnten bei der Schnelligkeit, mit welcher sich die kriegerischen Ereignisse drängten, keine Berücksichtigung finden. Erst nach der Auflösung der ärarischen Heerden im August und September konnte die Tilgung allmälig bewirkt werden. Zahlreiche Ausbrüche wurden von August bis November in Wien festgestellt, wo die Milch-wirthschaften 287 Kühe verloren. Nach einer Zusammenstellung von F. Müller,1) sind 1866 in Nioderösterreioh 400 Gehöfte verseucht gewesen, welche zusammen 1952 Rinder einbüssten. Ueber die Verschleppung des Contagiums durch Fleisch und Fleischwasser, durch Personen und deren Kleider, sowie durch Thiere hat Bruckmüllor2) interessante Beobachtungen mitgetheilt.
Wie leicht der ungehinderte Viehverkehr aus Oesterreich eine Ver­schleppung des Contagiums auf weite Entfernungen bewirken konnte, beweist die Invasion der Seuche in Vorarlberg und die Schweiz 1866. Eine auf dem Markte in Wien gekaufte Heerde Schlachtochsen, welche mittels der Eisenbahn direct nach Vorarlberg und der Schweiz gelangte, veranlasste den Ausbruch der Krankheit in Au, Chur und St. Gallen (Schweiz) mit einem Verluste von 79 Rindern, von welchen 37 erkrankt waren, und in Dornbirn, Klion und Bregenz (Vorarlberg) mit einem Ver­luste von 20 Rindern und 2 Ziegen.3)
Bei dem jahrelangen Herrschen der Rinderpest in Oesterreich-
') quot;Wiener Viortoljahrosschr. XXVIII. 147.
2)nbsp; Die Infectionswogo und die Incubationsdauer der Rinderpest. Wiener Viertcljahresschrift XXVII. 27.
3)nbsp; Vorgl. Zang-gor. „Die Rinderpest in der Schweiz.quot; Wochenschr. für Thierh. und Viehzucht, X. 357, und Kopatsohek „die Rinderpest in Vorarlbergquot; ibidem 389.
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Uagtirn, in England, Holland und Italien, sowie bei der grosson Gefahr, die hieraus für alle anderen europäischen Staaten resultirte, hielt sich hei den Thierärzten die Frage nach dem Wesen der Krankheit im Vorder­grunde dos wissenschaftlichen Interesses. Auch die Behörden und die öffentliche Meinung nahmen an derselben Thoil. Die doutsohon Regie­rungen hatten die vorzüglichsten Thierärzte in grosser Zahl nach England und Holland entsandt, um Erhebungen über die Natur der Krankheit an­zustellen. Nicht minder waren aus Begien und Frankreich namhafte Autoritäten der Thierarzneikunde mit dem Studium der Rinderpest in Holland befasst worden.
Dass die Deutung der Krankheit als Typhus von Roll und Anderen mit Erfolg bekämpft war und dass die von Ersterem begründete Lehre, nach welcher der pathologische Prozoss in den Schleimhäuten eine crou-pöse Exsudation sei, durch Braueil und Rawitsch, eine Widerlegung gefunden hatte, ist bereits angeführt. Roll behauptete später, und Roioff trat ihm darin bei, dass neben der Exsndation auch diphtherische Zu­stände sich ausbilden könnten. Dagegen wurde von Murchison die alto Ansicht wiederholt, nach welcher die Rinderpest eine exanthematischo Krankheit und mit den Pocken vorwandt sei. Fürstonborg, Leisoring und Rue ff sprachen sich auf Grund der in Holland gemachten Unter-suclmngon in ihren Berichten dahin aus, dass die pathologisch-anato­mischen Störungen der „Diphtheritisquot; anzuschliessen seien. Von Fürsten­berg wurden zugleich die Analogien der Rinderpest mit der Cholera des Menschen hervorgehoben. — Jede dieser Theorien besass ihre Anhänger unter den Thierärzten. Es war nicht gelungen, aus der wissenschaft­lichen Betrachtung die unberechtigten Motive zurückzudrängen und eine erfolgreiche Vormittolung zwischen den Meinungsverschiedenheiten her­zustellen.
Daneben voranlassten die Eigenschaften des Contagiums fortdauernd eine lebhafte Controvorse unter den Fachmännern. Die Hypothese von der Mitigation des Contagiums durch fortgesetzte Impfungen fand in Jessen1) trotz aller thatsächlichen Einwendung-en vor wie nach einen überzeugten Vertreter. Den Kernpunkt der Frage umgehend war Jessen bemüht, alle Beobachtungen von einem milden Verlaufe der Krankheit zur Rechtfertigung seiner Auffassung zu verwerthen. In gleicher Weise urtheilten viele hervorragende russische Veterinäre (Halitzki u. A.), welche für die Steppongouvernements in der Impfung das einzige hiilf-reiche Mittel erblickten, um einen bedeutenden Theil des Rindviehs vor
1) Immunität \ind Mitigation. Von Staatsrath Prof. Jessen in Dorpat. Wiener Vierteljahrcsschr. XXIV. 1865. S. 58, und
Vorschläge zur Erforschung der Binderpest auf interuationalom Woge. Von Jessen ibidem XXX. 18G8. S. 11.
Brief von Prof. Jossen an Dr. Willems in Wochonschr. f. Thiorhoilk. XX. 22.
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der Vernichtung' zu bewahren. Hierzu macht Jessen indess die prak­tische Bemerkung, dass ohne eine Vergütung des Verlustes die Impfung auch in den Steppen niemals dauernd reussiren werde.
Mit Ueherzeugung vertheidigte auch Max Raupach1) die Berech­tigung der Impfung. Nach seinen Angaben wurden vom 8. November 1857 bis 1. April 1865 in der Impfanstalt zu Karlofka 1417 Rinder geimpft, von welchen nur 77 in Folge der Impfung zu Grunde gingen.
Entgegen diesen befürwortenden Meinungen führte F. Unterberger2) an der Hand älterer und neuer Beobachtungen aus, dass die Versuche der Mitigation des Impfstoffs sich nicht bewährt hätten und dass die Schutzimpfung gegen die Rinderpest auch in Russland keine Zukunft habe.
Rawitsch hat in seinem amtlichen Bericht3) über die von 1860 bis 1863 zu Bondarewka und am Sälmysche ausgeführten Versuche die Frage der Zweckmässigkeit der Impfung für Russland nicht mit Bestimmtheit beantwortet. Nach den Resultaten dieser Versuche kann indess die Impfung als eine prophylaktische Massregel nicht allgemein vorgeschrie­ben werden. Auch behauptet Rawitsch, dass die Thiere welche nach der Impfung nur schwache Krankheitserscheinungen zeigten, nicht alle vor einer nochmaligen Krankheit an der Rinderpest geschützt gewesen seien. Eine Mitigirung des Contagiums Hess sich nach 11 Impfungs-Generationen noch nicht wahrnehmen.
Das vom Kaiser Alexander II. zur Verbesserung des Veterinär­wesens und zur Aufsuchung von Präservativmitteln gegen die Vieh­seuchen berufene Comite hat in seinem Berichte4), der sich im Uebrigcn durch reichen Inhalt vortheilhaft auszeichnet, ebenfalls die Impfung der Rinderpest zur allgemeinen Einführung nicht empfohlen.
Mit einer treffenden Wendung hatte Bruckmüller (1864) denWerth der Impfung negirt: „Sollte der Nachweis, dass ungeachtet einer fünfzig­jährigen Bemühung noch Niemand einen cultivirten Schafpocken-Impfstoff hervorgebracht hat, nicht auch der Jagd nach dem Phantom eines ge­milderten Impfstoffs bei der Rinderpest ein Ende machen?quot; Alle Em­pfehlungen der Impfung mussten bei vorurtheilsfreier Beurtheilung nach den Ergebnissen der in England ausgeführten Versuche hinfällig werden.
Fast von gleicher Energie und Dauer, als die Impfungsfrage war
1)nbsp; Max Raup ach. Bericht über die Impfung der Rinderpest in Karlofka. Adam's Wochenschr. 1866. S. 137.
2)nbsp; Ucbcr den Werth der Rinderpest-Impfung. Baltische Wochonschr. 1864 No. 16 und 17.
3)nbsp; Die Resultate dor Rinderpest-Impfungen in Bondarewka und am Salmyscho. Petersburg 18G5. Buchdruckerei der Kaiserl. Akad. d. Wissenschaften.
4)nbsp; Compto-rendu dos Experiences de ITnoculation de la Feste aux Betes ü Cornes. St. Petorsbourg 1866.
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der -wissenschaftliche Streit über die Zeit, welche von dor wirksamen In­fection bis zum offenkundigen Ausbruch der Krankheit vergeht. Die üsterroichischen und russischen Veterinäre hielten an ihrer Ueber-zeugung' fest, dass die Incubationszeit nicht über 10 Tage dauern könne, während in England und Holland Beobachtungen gemacht waren, welche die Mittheilungen der Autoren von der ausnahmsweise vorkömmenden Verlängerung des Stadium Incubationis bestätigten. Selbstredend musste dieser Punkt suf die gosotzliche Formulirung der Schutzmassregoln, ins­besondere auf die Anordnung der damals noch allgemein zugelassenen Quarantäne für den Import von russischem Stepponvieh eine massgebende Bedeutung haben.
Hierzu kam, dass die Rinderpest-Gesetzgebung der europäischen Staaten zum grossen Tboil noch den veralteten Verkehrsbedingungen ange-passt war.') Mit dem Ausbau der Eisenbahnnetze hatten sich die Schwierig­keiten des Transports von Rindern aus dem südlichen Russland und aus den Donauländern erheblich verringert. Die eigentlichen Heiinathstätten der Rinderpest Avaren den Staaten des westlichen Europas gewisserraassen näher gebracht worden. Trotz dieser Vergrössorung der Gefahren be­mühten sich russische und österreichische Veterinäre, eine internationale Vereinbarung über die Scbutzmassregeln herbeizuführen, durch welche der Handel mit Rindern aus den gefürchteten Seuchenbezirken erleichtert #9632;werden sollte.
Gegenüber diesen wissenschaftlichen und veterinärpolizeilichen Streit­fragen nahm Gerlach Stellung in einer Monographie (9), welche zu den besten Arbeiten g-ehört, die über die Rinderpest geschrieben sind. Die Pathogenese erklärt Gerlach übereinstimmend mit den Darstellungen von Branell, Bristowe, Simonds, Brown, Fürstenberg und An­deren. Auch die Ergebnisse der mikroskopischen Untersuchung differiren nicht wesentlich von den Beschreibungen der genannten Autoron. Nach dem Vorgange der englischen Gelehrten leugnet Gerlach, dass die patho­logischen Prozesse die Kriterien der Diphtherie an sich trügen. Verfehlt ist nach meiner Ansicht der Versuch dos Verfassers, in dem Character der Krankheit vier verschiedene Formen (dio nervöse, pneumonische, gastrische und exanthematische) aufzustellen. Dagegen befriedigt das Capitel über die Aetiologie durch die sichere und durchweg berechtigte Kritik, mit welcher die Verbreitungswege der Krankheit vom empirisch-wissenschaftlichen Standpunkte geschildert sind. In der Erörterung der Schutz- und Tilgungsmassregeln scheint Gorlach vorauszusetzen, dass aus wirthschaftspolitischen Gründen ein Verbot der Vieheinfuhr aus Russ-
') Vergli die „Kritik der bestehondon Gesetzgebung in Bezug auf Rinderpestquot; von Dr. H. Berg er, Magaz. f. d. ges. Thiorli. XXXII, 18(i(i. Dio iiusführliche Bosprocliung bezieht sich vorwaltend auf die proussischon Gesetze und Verord­nungen.
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laud und Oesterreich nicht statthaft sei. Gegen den Einbruch der Seuche in die deutschen Staaten und zur Tilgung' der Krankheit bei ihrem Auf­treten im Inlande hat der Verfasser mit sachkundiger Einsicht concise Vorschläge entworfen und motivirt. Was an Schutzmassregeln durch die praktische Erfahrung als nützlich erkannt war, hat in dem Buche Berück­sichtigung gefunden. Gerade dieser Theil der Arbeit hat zur Reform der Rinderpest-Gesetzgebung in Deutschland Vieles beigetragen.
Dass die Arbeit Gerlach's zeitgeinäss Avar, domonstrirte am besten der dritte internationale thierärztlichc Congress zu Zürich,') welcher im September 1807 zusammentrat und unter Anderem eine Resolution an­nahm, nach welcher die lOtägigo Contumaz für den Import von Rindvieh aus Russland festgesetzt, zugleich aber die russische Regierung von siimmtlichen Regierungen Europas bewegen werden solle, über seine Grenzen kein infleirtes oder krankes Vieh passiren zu lassen. Ich möchte gegenüber diesem Beschlüsse wohl die Frage aufwerfen, ob die zustim­menden Mitglieder der grossen Versammlung selbst an die Ausführbarkeit ihrer Forderung geglaubt haben. Es scheint, dass der Congress unter dem lebhaften Eindrucke der grossen Verbreitung der Krankheit und ihrer im Sommer 1867 erfolgten neuen Invasion in Deutschland stand und dass derselbe mehr einem frommen Wunsche, als einem roalisirbaren Antrage Ausdruck geben wollte.
Eine gewisse theoretische Berechtigung kann der Resolution des­selben Congresses beigelegt werden, welche folgenden Wortlaut hat: „Es ist die Kaiserlich Russische Regierung von Seiten des Congresses zu ersuchen, alle Regierungen zur Constituirung einer internationalen thier-ärztlichen Commission zu veranlassen, welche die Aufgabe hat, die Stätten und Ursachen der originären Entwickelung der Rinderpest aufzusuchen und allenfallsige andere im Interesse der Rinderpest liegende Beobach­tungen zu machen.quot; Dem Vorschlage ist zwar keine Folge gegeben worden. Es ist auch nicht abzusehen, dass eine internationale Commission mehr Glück bei der Aufsuchung der Bedingungen für die behauptete spontane Entstehung der Rinderpest gehabt haben würde, als die russischen Sachverständigen, welche während einer längeren Zeit die Steppen-Gebiete kennen gelernt hatten. Aber die Frage, ob das westliche Europa die Einfuhr von Rindern aus Russland und den östlichen Donau-Ländern entbehren könne, war 18G7 wenigstens noch berechtigt. Wie oft ist nicht behauptet worden, dass die Fleischnahrung möglichst billig sein und dass aus diesem Grunde die Concurrenz des russischen und ungarischen Schlachtviehs auf den deutschen Märkten zugelassen werden müsse. Bei diesem national-ökonomischen Princip hätte eine internationale Commission in den russischen Steppen-Districten nützlich werden können, obgleich
') Vergl. die Protokolle In: Wiener VierteJjahressohr. XXVIII. 227.
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nicht erwartet werden konnte, dass es ihr gelingen werde, die Entstellung-des Rinderpest-Contagiinns zu ermitteln. Im Uebrigen verkenne ich nicht, dass in den Steppen die Ausrottung der Rinderpest nicht in anderen1 Weise bewirkt worden kann, als im westlichen Europa. Und die Hinder­nisse, welche dort der Seuchen-Tilgung#9632; resp. der Einrichtung' einer ge­ordneten Polizeiverwaltung im Wege stehen, sind von den russischen Veterinären oft genug' erörtert worden. Hieran würde auch eine inter­nationale Commission kaum Etwas gebessert haben.
Der österreichische Staat war 1866 von der Rinderpest nicht voll­ständig befreit worden. Im Ganzen hatte die Seuche zwar eine erhebliche Einschränkung erfahren; sie blieb aber noch während der folgenden Jahre bald ingrössorer, bald in geringerer Verbreitung bestehen. Während des Jahres 1867 vorfqr die Stadt Wien durch das wiederholte Auftreten der Krankheit bei den Milohmeiern und im Schlachthause 76 Rinder und in Niederöstorreich, welches mit 15 Bezirken und 71 Gehöften be­troffen war, belief sich der Gesammtverlust auf 359 Rinder.1)
Durch den Fleisohbedarf Englands war 1867 in Oesterreich ein schwunghaftes Exportgeschäft mit Schlachtvieh der grauen Rinder-Race zur Entwickelung gekommen. In Extrazüg'en gingen die Viehtransporto per Eisenbahn durch Bayern und Thüringen bis Bremen. Hierdurch erfolgte Ende März 1867 die Einschleppung der Krankheit nach Franken und Thüringen. In den 6 betheiligten deutschen Staaten waren 143 Gehöfte betroffen. Der Gesammtverlust an Rindern beziffert sich auf 791 Haupt, von welchen 352 auf Sachsen-Meiningen, 231 auf Sachsen-Coburg, 159 auf Bayern, 37 auf Preussen, 6 auf Sachsen-Weimar und 6 auf Schwarzburg-Sondershausen entfallen. Die bei der Seuchentilgung bescliäftigten Sachverständigen'-) haben in ihren Berichten die Symptome der Krankheit vollständig beschrieben. Einen erwünschten Beitrag zur Beurtheilung der Krankheit lieferte Pflug, welcher mit Recht das Studiuni des bösartigen Katarrhalfiebers zur Diagnose der Rinderpest für unum­gänglich nothwendig erklärte. Wie Prietsoh3) und Gerlach (9), so machte auch Pflug darauf aufmerksam, dass die Trübung der Cornea beim bösartigen Katarrhalfieber stets vorkomme, bei der Rinderpest aber nicht beobachtet werde. AI brecht erörterte nach dem Ergehnisse seiner mikroskopischen Untersuchungen den krankhaften Prozess auf
') Bericht von F. Müller. In Oosterr. Viertoljahresschr. XXX. 144.
-) Vergl, C. Müller. Die Rinderpest in Thüringen und Franken im Jahre 18fi7 etc. Berlin ISfiH, Pflug. Beobacht. über die Binderp. in Bayern und Sachsen. In Wochenschr. f. Thierh. und Vlohz. XI. Jahrg. 18(17 S. 201. Hahn. Die Binderp. in Bayern im Jahre 18fi7 etc. München 18G8. Albrecht. Die Rin­derpest in der Gegend von Salzungen. Im Magazin f. d. ges. Thierh. XXXIII. löi).
a) lief, von Lei so ring. In Virchow-Hirsch Jahrcsber. 1868. I. 8, Abth. S. 612.
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den Schleimhäuten sehr eingehend und kam zu der Ansicht, dass der­selbe in einer mit Katarrh verbundenen Diphtherie beruhe.
Im August 1807 gelangten grössero Schlachtviehtransporte aus Ooster-reioh nach der Pfalz, wodurch daselbst eine Einsohlüppuug der Seuche bewirkt wurde, welche indess mit einem Verluste von 19 Rindern zum Erlöschen gebracht werden konnte.1)
Während die Rinderpest 1867 längere Zeit in Galizien und Oester-reichisch-Schlosien herrschte, erfolgte im September und October eine Invasion in die Kreise Pless, Rybnick und Ratibor der preussischen Provinz Schlesien. Der Verlust an Rindern in den genannten Kreisen betrug 1406 Haupt. 2)
Eine grössere Verbreitung hatte die Seuche 1868 in Galizien, während sie sich in Niederösterreich und Mähren, sowie in Wien und Umgegend mehr vereinzelt zeigte. Auch in der Bukowina und Ungai'n scheint sie, trotzdem ihr Aufhören wiederholt in amtlichen Publicationen angezeigt wurde, 1808 nicht ausgestorben zu sein. Ungarn und Siebenbürgen waren sogar im Herbst 1808 derartig heimgesucht, dass verschärfte Mass­regeln auf der Grenze gegen die Donaufürstenthümer angeordnet werden musston. In Wien kamen 1868 beinahe das ganze Jahr hindurch einzelne Fälle von Rinderpest vor, theils in den Ställen von Milcluneiern, theils in den städtischen Schlachthäusern. Bei den Milchmeiern verfielen 75 Rinder nachweislich in die Krankheit und 59 Rinder mussten als verdächtig getödtet werden. Gleichzeitig trat 1868 die Seuche in Nieder­österreich an 11 Ortschaften auf, welche zusammen 112 Rinder ein-büssten.8)
Mit wechselnder Heftigkeit und öfteren Unterbrechungen herrschte die Krankheit auch 1869 während des ganzen Jahres in Niederösterreich, Ungarn, Siebenbürgen, Bukowina und Galizien.4)
In Russland kam dieselbe ebenfalls während dieser Zeit nicht zum Erlöschen. Der Handel mit Steppenvieh bewirkte in Gegenden, wo sie aufhörte, oft neue Ausbrüche.
Die im Juli 1869 in Ostpreussen, in Westpreussen und in dem Re­gierungsbezirk Frankfurt a. Oder erfolgte Invasion der Rinderpest ist auf das andauernde Herrschen der Krankheit in Polen und zum grössten Theil auf einen aus Polen beschafften Transport inficirter Ochsen zurück­zuführen. Der Verlust betrug in Ostpreussen (Kreis Ortelsburg) 70, in
,) Nach Berichten von Werner und Göring. In Wochonschr. f. Tliiorh. und Viohz. XI. 326.
2) Vorgl. R. Hiirtmann. Die Rüidorpost in überschlcsion im Jahre 1867. Im Magazin f. d. gos. Thiorh. XXXV.
raquo;) Bericht von F. Müller. In Oostorr. Vierteljahrossohr. XXXII. 1869. S. 143.
') Vorgl. die Berichte in den Preuss. Annal. der Landw. 18G9.
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Westpreusson (Kreise: Rosenberg, Graudenz, Strassburg und Thorn) 491 Rinder und im Regierungsbezirk Frankfurt 369 Rinder und 77 Schafe.') Aus Polen erfolgte im November 1869 die Einschleppung der Rinder­pest in den Kreis Rybnik des Regierungsbezirks Oppuln. Neben den angekauften 6 Ochsen, bei welchen sich die Krankheit zuerst äusserte, fielen in 3 Gehöften 16 Rinder der Seuche zum Opfer. Wegen der starken Ausbreitung- der Rinderpest in Russland und bez. in Polen, so­wie in Oesterroich mussten die von den Preussischon Behörden ange­ordneten strengen Sperrmassregeln längere Zeit hindurch aufrecht er­halten werden.2)
Die Invasionen der Rinderpest in die deutschen Staaten hatten unter dem Eindrucke der schweren Verluste, von welchen England und Holland mehrere Jahre hinduroh betroffen worden, die öffentliche Meinung lebhaft beschäftigt. Nach den neueren Erfahrungen wurde in weiten Kreisen erkannt, class die in den einzelnen deutschen Staaten gesetzlich verord­neten Schutzmassregeln mit den berechtigten Ansprüchen der Viehbesitzer nicht im Einklänge standen. Die Landwirthschaft musste in den Be­zirken, in welchen die Seuche zum Ausbruch gelangte, durch die im all­gemeinen Staatsinteresse dringend gebotene energische Unterdrückung der Calamität eine schwere Benachtheiligung erleiden, die um so stärker drückte, als die bei der Tilgung der Krankheit vernichteten Werthe nur zum Theil aus Staats-Fonds ersetzt wurden. Von den Thierärzten war an zahlreichen Beispielen nachgewiesen worden, dass das alte System der Quarantaine-Anstalten an der östlichen Landesgrenzc gegen den Schmuggelhandel und die mit demselben verbundenen Gefahren der Ein­schleppung des Contagiums einen hinreichenden Schutz nicht mehr liefern konnte.
Die Bemühungen um eine Revision der Gesetzgebung gewannen an Aussicht, nachdem durch die 1867 festgestellte Verfassung des nord­deutschen Bundes die Massregeln der Veterinär-Polizei der Bundes­regierung unterstellt waren. Den umfassenden Vorarbeiten, welche das Preussische Ministerium veranlasst hatte, entspricht das „Gesetz, Mass­regeln gegen die Rinderpest betreffend,quot; vom 7. April 1869. Dasselbe hat vor allen älteren gesetzlichen Anordnungen den Vorzug, dass es die complicirte Materie nach grundlegenden Gesichtspunkten in wenigen Paragraphen regelt und die Bestimmung und Ausführung der speciellen
') Ein ausführlicher Bericht über den Seuchongang ist von C. Müller vor-öl'fcntlicht: „Annalen der Landwirthschaftquot; ISfii). Vergl. auch die Mitthoilungen in der Wochensclir. f. Thierh. und Violiz. XIII, und XIV. und die Berichte von Dressier, Winkler, Schlicht und Wolff in: Mittheil, aus der thierärztl. Praxis. 18. Jahrg. Berlin 1871.
2) Vergl. Annal, d. Landw. im preuss. Staate 1869,
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Vorschriften den Verwaltungsbehörden anheimstellt. In der Praxis hat sich das Gesetz, Avelches seit 1871 rosp. seit der Ausdehnung der Bundes­verfassung auf die süddeutschen Staaten für das ganze deutsche Reich Geltung besitzt, vortrefflich bewährt. Einen Commentar zu dem Gesetze hat Gerlach1) bearbeitet. Mit dem Tage, an welchem das Gesetz in Wirksamkeit trat, hörten die Quarantaine-Anstalten von der östlichen Landesgrenze des preussischon Staates auf. Ursprünglich gegen die Ab­wehr des russischen Steppenviehs errichtet, hatten sie bis zum Ausbau der Eisenbahnen ihrem hauptsächlichen Zwecke insofern entsprochen, als sie im Erfolge einem Einfuhr-Verbote beinahe gleichkamen. Von den Händlern wurden sie nur selten benutzt. Um so mehr begünstigten sie nach der Entwickelung des Eisenbahn-Viehtransporles den Schmuggel. Dazu kam, dass wenn die Rinderpest in einer Quarantaine-Anstalt sich zeigte, die gesunden Bestände, welche nur kurze Zeit in derselben zurück­behalten wurden, vor einer Infection kaum geschützt werden konnten. Es war daher ganz berechtigt, diese Anstalten in dem Gesetze nicht zu einer permanenten Massregel zu machen. Aber für ihren Ausfall hätte ohne Verzug durch das Verbot der Einfuhr von allem Rindvieh der grauen Race ein Ersatz geschaffen werden müssen. Dass dies weder durch das Gesetz selbst, noch durch die Ausführungs-Instruction ge­schehen war, hatte alsbald schwere Folgen.
Bei dem unerwarteten Ausbruch des deutsch-französischen Krieges im Juli 1870 war die Rinderpest der östlichen Reichsgrenze Deutschlands nicht in bedrohlicher Weise nahe gerückt. Die in grösster Eile erfolglo Mobilisirung der deutschen Armeen erforderte indess die beschleunigte Zufuhr von Schlachtviehheerden. Wie immer bei gleichen Veranlassungen in früheren Zeiten, so suchten auch jetzt die Händler für billige Preise die Rinder aus Russland und Oesterreich-Ungarn herbeizuschaffen. Den Mittelpunkt für diese Geschäfte bildete der Schlachtviehmarkt zu Berlin. Im Juli 1870 kam die Seuche mit einem Transport polnischer Ochsen nach Berlin. Niemand ahnte ihre Einschleppung. Daher fanden die Krankheitsfälle in der politisch aufgeregton Zeit zunächst keine Beach­tung. Erst Ende August wurde die Pest constatirt, welche bis zum De­cember 1870 sich auf 13 Gehöfte in der Stadt Berlin verbreitete. Ausser-dem ereigneten sich noch 8 verschiedene Invasionen auf dem Schlaoht-viehhof. Bevor die Seuche in Berlin constatirt war, hatte eine Verschleppung derselben nach 14 Ortschaften des Regierungsbezirks Potsdam und nach 1 Ortschaft des Regierungsbezirks Frankfurt a./O. stattgefunden.
Nach Pommern verbreitete sich die Rinderpost im August 1870 durch Ochsen, welche vom Berliner Viehhof nach Stralsund zur Verprovian-
') Massregeln zur Verhütung dor Rinderpest, Gesetz vom 7. April 18G9 etc.; durch Anmerk. erläutert. Berlin 187:.'.
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tirung der Festung' gebracht wurden. Von dem mit 385 Rindern besetzten Depot kam die Seuche in mehrere Stallungen der Stadt Stralsund und nach 4 benachbarten Gütern.
Die im August 1870 nach Mecklenburg-Schwerin erfolgte Einschlep­pung des Contagiums hat nicht genau festgestellt werden können. Es wurden nach und nach 20 Ortschaften heimgesucht.
Endlich kam Ende August 1870 die Krankheit vom Berliner Vieh­hof mit einem Rindvieh-Transport nach Dresden. Sie vorbreitete sich im Königreich Sachsen auf mehrere Ortschaften und hat bis zum October 1870 ausser dem Dresdener Schlachtviehraarkt im Ganzen 11 Gehöfte betroffen.
Die Verluste an Rindern beziffern sich für die Stadt Berlin auf 118, für den Regierungsbezirk Potsdam auf 621,') für den Regierungsbezirk Frankfurt auf 28, für den Regierungsbezirk Stralsund auf 340, für das Grossherzogthum Mecklenburg-Schwerin auf 205 und für das Königreich Sachsen auf 212 Haupt. Ausserdem erlitt die Militär-Verwaltung in dem Viehdepot zu Stralsund eine Einbusse von 366 Ochsen. Auf dem Gute Selchow bei Berlin wurde eine Schafheerde infleirt, von welcher ein grosser Theil zur schnelleren Beendigung der Seuche getödtet werden musste.
Eine übersichtliche Darstellung der Verbreitungswege bei dieser In­vasion enthält die Denkschrift, welche auf Anordnung des Reichskanzlers unterm 6. Mai 1872 dem deutschen Reichstage vorgelegt wurde. Die Ausbrüche in den preussischen Provinzen Brandenburg und Pommern sind auch von Her twig2) zusammengestellt. Die Verbreitung der Seuche im Königreich Sachsen hat Haubner;t) ausführlich beschrieben.
Den zahlreichen Transporten von Schlachtviehheerden nach der Preussischen Rheinprovinz zur Versorgung der deutschen Armeen folgte die Rinderpest ohne Verzugquot;. Ein Theil dieser Heerden war bei dem kurzen Aufenthalte auf dem Berliner Schlachtviehmarkte mit dem Contagium der Pest behaftet worden. Grösstentheils hatte aber eine directe Beförderung der aus Russland und Oesterreich herbeigeschafften Schlachtthiere, unter welchen einzelne Stücke die Krankheit in sich trugen, nach dem Kriegs­schauplätze stattgefunden. Auf diese beiden Bezugsquellen ist die im August 1870 erfolgte Invasion der Seuche in die Rheinprovinz und in die Pfalz zurückzuführen. Da das Schlachtvieh beim Transporte grossen Beschwerden durch körperliche Ermüdung', schlechte Ernährung und atmosphärische Einflüsse ausgesetzt war, so verkannten die Sachverstän­digen die ersten Krankheitsfälle. Letztere wurden als Ruhr oder Typhus gedeutet. Viele kranke Thiere sollen in Coblenz und Umgegend an
1) Das im Kreise Neu-Ruppin gelegene Dorf Lo-vvonbcrg verlor seinen ganzen Bindviehbestand — 299 Stück —.
2} Mittheil, aus dor thiorilrztl. Praxis XIX. Berlin 1872.
a) Amtsbl. für die landw. Vereine. Von Koch und Richter 1871 No. 1, 2 u. 8.
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Fleischer verkauft sein. Nachdem die Seuche festgestellt war, fand vom 20. bis 24. August 1870 im Depot zu Ehrenbreitstein die Tödtung von 298 Rindern statt. Indess konnte die Verbreitung der Krankheit auf die Nachbarschaft hierdurch nicht mehr verhindert werden. Zugleich ver­mittelten die auf Landwegen den Truppen nachgetriebenen Heerden zahl­reiche Ausbrüche der Seuche in den Regierungsbezirken Coblenz und Trier. Erst Ende August 1870 übersahen die proussischen Behörden die Bedeutung der Seuche in ihrem ganzen Umfange. Die hierauf ungesäumt in Anwendung gebrachten Tilgungsmassregeln hatten den Erfolg, dass Ende September und resp. Ende October die Seuche in diesen Districten als erloschen betrachtet werden konnte. Vereinzelte Ausbrüche ereigneten sich noch im December 1870 und im Januar 1871. Ausser dem Schlacht­vieh, welches der Militärverwaltung gehörte, waren von der Seuche im Kreise Coblenz 15, in Kreuznach 2, in St. Goar 13, in Simmern 9, in Neuwied 1, in Zeil 5, in Mayen 1, in Bornkastei 16, in Bitburg 7, in Dann 3, in Merzig 8, in Ottweiler 6, in Prüm 2, in Saarbrücken 12, in Saarburg 2, in Saarlouis 11, in Trier 8 und in St. Wendel 6 Ortschaften betroffen.
In Verbindung mit dieser grossen Invasion steht die Einschleppung der Seuche in die Kreise Unter-Westerwald und Unter-Lahn des Re­gierungsbezirks Wiesbaden. Die Krankheit wurde hier auf 3 Ortschaften beschränkt. — Grosser war der Verlust im oldenburgischen Fürstonthum Birkenfeld, in welchem sich die Rinderpest vom August bis November 1870 auf 9 Ortschaften ausdehnte. In die preussischen Regierungsbezirke Köln, Düsseldorf und Münster fand im September und October 1870 der Einbruch der Rinderpest statt. Zum Theil konnte die Infection der Rinder durchVermittelung des Kölner Schlachtviehmarktes nachgewiesen werden. Von einzelnen Ausbrüchen der Krankheit war aber die Ent­stehungsgeschichte nicht zu ermitteln. Die Seuche erschien im Kreise Bergheim in 5, im Landkreise Köln in 14, Mülheim in 3, Duisburg in 1, Essen in 1, Grovenbroich in 1, Neuss in 1, Recklinghausen in 1 Ort­schaften. Durch Militär-Schlachtviehtransporto erfolgte im September 1870 der Einbruch der Rinderpest in das Grossherzogthum Hessen, in welchem 8 Ortschafton betroffen wurden. In Folge dieser Einschloppungen der Rinderpest entstand für die deutsche Militär-Verwaltung und bez. für die Lieferanten der Militär - Schlachtviehtransporte ein Verlust von 1612 Rindern.
Die Zahl der an der Krankheit gefallenen und der getödteten Rinder beläuft sich
im Regierungsbezirk Coblenz auf 1875
Triernbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;auf 3227
„nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;„nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Kölnnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;auf 347
„nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;,,nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Düssoldorf auf 169
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im Regierungsbezirk Münster auf 4 „nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;„nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;Wiesbaden auf 39
„ Fürstenlhumnbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; Birkenfeld auf 246
„ Grossherzogthum Hessennbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; auf 44.
Vorstehende Zahlen sind der dem deutschen Reichstag am 6. Mai 1872 vorgelegten Denkschrift über die Bekämpfung der Rinderpest entlehnt.
Die Bedingungen, unter welchen die Seuche in den Regierungs­bezirken Coblenz und Trier die geschilderte weite Verbreitung erlangen musste, haben C. Müller (Wochenschr. f.Thierh. XV.) und Köhne (ibidem) hervorgehoben. Eine umfassende Schilderung der Seuchenausbrüche in den preussischen Landestheilen findet sich in den „Mittheil, aus der thierärztlichen Praxis etc.quot; 19. Jahrg. 1872.
Die bayerische Pfalz wurde gleichzeitig mit der preussischen Rhein­provinz im August 1870 von der Rinderpest heimgesucht. Zuerst in Kaiserslautern und Homburg auftretend, verbreitete sich dieselbe bis zum October 1870 über 76 Ortschaften.1) Anfangs December schien die Seuche in sämmtlichen Gemeinden der Pfalz erloschen zu sein. Aber am 12. De­cember brach sie in der Gemeinde Medelsheim, welche bereits im October 18 Rinder an der Pest verloren hatte, von Neuem aus. Die vollständige Ausrottung war erst im Februar 1871 vollendet. Der Verlust an Rindern, welchen die Pfalz durch diese Invasion erlitt, betrug 2200 Haupt.2) Zu­gleich musste zur schnellen Tilgung der Seuche eine grössere Anzahl von Schafen und Ziegen getödtet werden.
Mehr, als die preussischen und bayerischen Bezirke, hatte Elsass-Lothringen von der Rinderpest 1870 und 1871 zu leiden. Schon im August 1870 kam die Krankheit nach Lothringen. Von dem Armee-Schlachtvieh mussten in der Umgegend von Motz auf Anordnung der deutschen General-Intendantur im September behufs Tilgung der Seuche mehrere grössere Rindviehbeständo getödtet werden. Zahlreiche Ort­schaften in Lothringen verloren einen Theil der Rinder, deren Ansteckung mehrfach durch kranke Schafe bewirkt worden ist. Einen grossen Um­fang gewann die Krankheit auch im Elsass, und zwar in dem ehemaligen niederrheinischen Departement, in welchem bis zum Schlüsse des Jahres 1870 mehr als 150 Gemeinden von der Pest heimgesucht waren. Mitto April 1871 kam die Krankheit auch im Ober-Elsass zum Ausbruch. Da dieselbe um diese Zeit in Frankreich eine grosso Verbreitung erreicht hatte, so wurde vielfach angenommen, dass die Einschleppung sich mit dem Rückmarsch der deutschen Heere aus Frankreich vollzogen habe.
') Vorgl. C. Hahn. Die Rinderpost im Königl. Bayerisclion Regiorungsbozirk der Pfalz 1870. In der Wochenschr. für Thiorh. etc. XIV. 385.
2) Nach oinor Notiz von Adam in der Woohensohr. für Thiorh. XVI. 200.
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Züudel1) behauptet jedoch, dass die Krankheit im April 1871 mit einem Transport von 1'20 Ochsen direct aus Oesterreich nach dem Elsass ein­geführt sei. Die Verluste an Rindern und Schafen in Elsass-Lothringen 1870 und 71 lassen sich nicht genau feststellen. Zündel2) schätzt die­selben auf 13 000 Rinder und 4000 Schafe. Sehr günstig wirkte dieVer-ordnung des kaiserlichen General-Gouvernements zu Strassburg vom 3. October 1870, womit die gleichen Massregeln, welche die deutschen Gesetze enthalten, für Elsass-Lothringen zur Einführung kamen.
Dass die Rinderpost während des Krieges in Frankreich eine be­deutende Ausbreitung gewann, ist zunächst durch die politischen Ereig­nisse, welche die Durchführung der Schutzmassregeln erschwerten, be­greiflich. Zum Theil erlitt aber das Tilgungsgeschäft durch die Heil­versuche der französischen Thierärzte eine Verzögerung. Bouley glaubte mit Carbolsäure günstige Erfolge erzielen zu können. Die Seuche herrschte l3/4 Jahre. Im Departement du Nord wurde der letzte Krank­heitsfall am 13. Juni 1872 constatirt. Die Verbreitung der Rinderpest erstreckte sich über 43 Departements. Am schwersten waren die De­partements du Nord, Meuse, Mayenne und Marne betroffen. Der Gesammt-verlust wird nach amtlichen Mittheilungen auf 56 533 Haupt Rindvieh im quot;Werthe von 15 346 345 Francs und 681 Schafe im Werthe von 27 064 Francs berechnet.3) Zündel bemerkt aber, dass der wirkliche Verlust an Rindern viel bedeutender, vielleicht doppelt so gross ge­wesen sei.
Als die Französische Ostarmee 1871 auf schweizerisches Gebiet über­trat, wurde die Seuche in den Kanton Neuenburg eingeschleppt. Ihre Feststellung erfolgte am 19. Februar und am 17. März konnte sie schon als erloschen erklärt werden. Es gingen 144 Rinder und 21 Schafe verloren.4)
Nach Belgien verbreitete sich die Rinderpest während des deutsch-französischen Krieges von 1870—1872 durch vier Einbrüche im Ganzen auf 88 Ställe in 41 Gemeinden. Die Tilgung wurde jedesmal in kurzer Frist bewirkt. Der Gesammtverlust betrug 529 Rinder und 12 Ziegen.5)
Aus den mitgetheilten Thatsachen lässt sich der grosse Nachtheil übersehen, welchen die Rinderpest-Invasion von 1870 über das westliche
') Dio llindorpost im Ober-Blsass. Wochonschr. für Thiorh. XV. 193. -) Rec. do M(5d. voter. Paris 187-2 p. 783. — Dictionnairo de Mod., do Chir. et d'Hygiöno vetör. Par A. Zundol. Paris 1877. Art.: „Poste bovino.quot;
3)nbsp; Rec. de Möd. vöt. 1872. Vergl. ferner dio „Nachr. über d. Auftreten der Rinderpest in versch. ourop. Ländern im Jahre 1872.quot; Im Mag. f. d. ges. Thierh. 39. Jahrg. 1873 und Zündel. Dictionnairo. Paris 1877. Art. „Peste bovine.quot;
4)nbsp; Vergl. die Notiz von Adam. Wochonschr. XV. 1871. S. 127. 5j Annales de Med. v6t. XXI.
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Europa herbeiführte. Die der deutschen Militür-Verwaltuu^ durch die Eruptionen der Seuche unter den Proviantheordon erwachsenen Schäden sind zwar nicht genauer festgestellt worden, erreichen aber zweifellos auch eine bedeutende Höhe.
Zur Abwehr weiterer Einbrüche der Seuche orlicssen die deutschen Regierungen im September 1870 das Verbot der Einfuhr von Steppenvieh über die östliche Grenze des deutschen Reiches und bald darauf ein allgemeines Verbot der Einfuhr von Rindvieh aus Russland. Hierdurch war der Einfuhr grösseror Schlachtviehheerden vorgebeugt und die wesentlichste Gefahr beseitigt. Von vielen landwirthschaftlichen Sach­verständigen wurde die dauernde Aufrechthaltung dieses Verbotes ge­fordert. l) Mehr Sympathie fand in der deutschen Landwirthschaft aber die Forderung, dass nicht bloss aus Russland, sondern auch aus Oesterreioh-Ungarn lebende Wiederkäuer überhaupt nicht eingelassen werden sollten. In der öffentlichen Besprechung brach sich schon um diese Zeit die Er-kenntniss Bahn, dass das deutsche Reich gross genug sei, um den eigenen Bedarf an Rindern selbst produciren zu können.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen über die Pathologie der Rinderpost, zu welchen die Beobachtung zahlreicher Krankheitsfälle von 1870—1872 auffordern musste, beschränken sich zum grössten Theil auf eine Kritik der bisherigen Lehren. Schon vor dieser Zeit hatte Prof. Oreste2) in seinen Vorlesungen die Krankheit nach den neueren An­schauungen eingehend geschildert. Von der belgischen Akademie der Medicin wurden zwei Preisschriften3) gekrönt, in welchen die Krankheit nach allgemeinverständlichen Gesichtspunkten sorgfältig dargestellt ist. Dem in Frankreich weit verbreiteten Irrthum, dass die schlechte Be­handlung der Schlachtviehheerden die Entstehung der Krankheit ver­ursachen könne, begegnete Bouley4) mit correcten Beweisführungen. In­teressant sind ferner die Erfahrungen, welche Anacker5) über die Diagnose und über die Wirksamkeit der Schutzmassrogeln mitgetheilt hat. Mit zutreffendem Urthoil besprachen auch Adam und Göring ge­legentlich der Versammlung bayerischer Thierärzte in München 1871 die veterinärpolizeilichenVorschriften und die Symptomatologie.6) Bellinger7)
l) Reuning. Die Abwehr der Rinderpest von den Grenzen Deutschlands. Dresden 1871.
'2) Oreste. Anatomia patologicä del tifo bovino. Lozioni raecolte dal Dr. D'Alessandre Ignazio. Giorn. di Med. vet. prat. Torino 18G9.
#9632;#9632;,) Wo Henkel. Symptomes, lesions anatomiquos, causes et nature du typhus contagious etc. Bruxelles 1870. Döle. Du typhus contagious: öpizootique. Bruxelles 1870.
4) De la peste bovine etc. Rec. de Mod. vet. 1871.
') Die Rinderpost des Jahres 1870. „Der Thierarztquot; X. 1871.
c) Adam. Wochenschr. XVI. 1872.
') Zur Konntniss dor Rinderpest. Schweiz. Archiv für Thierh. XXIV.
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stellte die Ansicht auf, class die Rinderpest ihrer Natur nach mit der putriden Infection übereinstimme, weil die parenchymatöse Entzündung — trübe Schwellung, körnige und fettige Entartung — der Nieren und Leber neben der Enteritis das constanteste und prägnanteste pathologisch-anatomische Symptom derselben sei. Derselbe Verfasser sprach sich') auf Grund der Beschreibung Beale's (7) dahin aus, dass das Rinderpestcon-tagium ebenso wie das Milzbrandcontagium eine parasitäre Natur besitze. Die pathologisch-anatomischen und -histologischen Veränderungen der Maul- und Darmschleimhaut wurden von Klebs2) nach Objecten beschrieben, welche ihm Prof. Pütz im Sommer 1871 von pestkranken Rindern aus den schweizerischen Cantonen Bern und Solothurn übermittelt hatte. Klebs vertritt in dieser Schrift die Ansicht, dass die Rinderpest eine exquisit parasitäre Affection, eine „Schistomycosequot; sei. Nach ihm soll die erste und daher wesentlichste Störung bei der Rinderpest auf dem Eindringen der Micrococcen von der Oberfläche der Schleimhaut her beruhen. „Wo dieselben im Gewebe, sei es im Epithel, sei es im Binde­gewebe, sich massenhaft anhäufen, bedingen sie entzündliche Proliferationen. Dass dies im Darm wegen der zarten Beschaffenheit dos Epithels in grösserem Umfange geschieht, ist ebenso beweisend für diese Deutung, wie die auf gewisse local begünstigte Stellen beschränkte Erkrankung der Mundschleimhaut. An allen erkrankten Stellen geht die Verbreitung dieser Körper im Gewebe der entzündlichen Neubildung voran .... Während die septischen Micrococcen erst einer bedeutenden Entwickelung an der Oberfläche bedürfen, bevor sie zerstörend in die Gewebe ein­dringen und auch innerhalb derselben vorzugsweise den leichter zugäng­lichen präformirten Bahnen folgen und die Hohlräume, z. B. des intra­muskulären Bindegewebes auf das Aeusserste dilatiren, verbreiten sich die Rinderpest-Micrococcen, nachdem sie einmal die epitheliale Schutz-decko durchbrochen haben, gleichmässig in das Bindegewebe und dringen von allen Seiten in die Blutgefässe ein.quot; Schon Beale (7) hatte sich von der Pathogenose der Rinderpest ähnliche Anschauungen gebildet und namentlich hervorgehoben, dass die von ihm in der Epithel-Schicht der Magen - Darmschleimhaut gefundenen kleinen pflanzlichen Gebilde (Germinal Matter) in die Capillargefässwände hineinwucherten und dann in die Blutcirculation gelangten. Wenn diese von Klebs erweiterte und vollständiger motivirte Ansicht richtig wäre, so müsste nothwendig die Digestionsschleimhaut zunächst erheblich erkranken. In der That erklärt Klebs, dass die Micrococcen mit den Futterstoffen auf die Maulschlehn-haut gelangen und sich in der Epithelschicht, namentlich an den Papilleu
*) Bollinger. Beiträge zur vergl, Pathologie II. Heft, Zur Path, dos Milz­brandes S. 144. München. 1872.
2) E. Klebs. Die patliol. Voränd. bei dor Rinderpest. Verhandl. der phys.-med. Gesellsch. zu Würzburg. N. F. IV. S. 81.
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colonisiron. Einer dorartigon Interpretation steht aber die Erfahrung' entgegen, dass die Erosionen der Maulschlelmhaut bei der Rinderpest stets einem vorgeschrittenen Stadium der Krankheit angohüron. Auch liisst sich nicht als thatsächlich erwiesen anerkennen, dass die von Klebs beschriebenen Rinderpest-Micrococcen von den bei vielen sporadischen Krankheiten in den Epithelion der Digestionsschleimhaut zu findenden Micrococcen verschieden sind.
Russland und Oesterreich-Ungarn blieben von I860 fortdauernd bald mehr, bald weniger von der Rinderpest heimgesucht. Aus der Literatur lässt sich indess über die Verbreitung der Seuche und die durch dieselbe herbeigeführten Verluste an Rindern in diesen Staaten eine genaue Kenntniss nicht gewinnen. Im Jahre 1872 erstreckte sich die Seuche über 28 russische Gouvernements, in welchen 20 091 Rinder erkrankten. Dazu kam Polen mit 16 Orten, in welchen 653 kranke und 075 der Ansteckung verdächtige Rinder verloren gingen. Auch in Finnland herrschte im August 1872 die Rinderpest.
In Oesterreich-Ungarn waren 1870/71 Wien und Umgegend schwer betroffen; 222 Rinder erlagen der Krankheit und 499 verdächtige Rinder wurden „der Keule unterzogen.quot;1) Während des Berichtjahres 1871/72 wurden in Wien und Umgegend 72 Krankheitsfälle constatirt. Dieselben vertheilen sich auf 19 Gehöfte. Der Krankheit erlagen 4 Rinder, während 68 kranke und 137 gesunde Rinder behufs Tilgung der Seuche getödtet wurden.2) Im Sommer 1872 hatten besonders Galizien, ausserdem aber Böhmen, Mähren, Ungarn, Slavonien, Dalmatien und die Bukowina schwer zu leiden.;i)
Die Frage, ob die Impfung der Krankheit als eine Präventivmass­regel in Russland vom ökonomischen Gesichtspunkte berechtigt sei, be­schäftigte die russischen Fachmänner unausgesetzt. Jossen vertheidigto nach Avie vor die Impfung als eine werthvolle Operation, weil die Thiere nachweislich nach der überstandenen Impfkrankheit gegen eine weitere Ansteckung für die ganze Lebenszeit geschützt seien. Allein bei einer unter dem Vorsitze von Middendorf's am 13. October 1809 in Peters­burg stattgefundenen amtlichen Berathung, bei welcher die erfahrensten Veterinäre Russlands betheiligt waren, konnte eine Ausgleichung der entgegenstehenden Meinungen nicht erreicht werden.4)
Vom 16. März bis 6. April 1872 tagte in Wien eine internationale Ver­sammlung, welcher die Aufgabe gestellt war, ein einheitliches und gleich-
') Oestorroich. Viertolj. XXXVIII. 140. -) Oesterreich. Viertolj. XL. 169.
;1) Nachrichten über das Auftrotoa der Rinderpest in verschiedenen europäi­schen Ländern im Jahre 1872. Im Mag. f. d. ges. Thierh. ;!8. Jahrg. 1872 S. 474. ') Vergl. den Bericht von Jessen in der Oosterr. Vierteljahrschr. XXXVII. 40.
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formig'es Verfahren zum Schütze gegen die Kinderpest unter den euro­päischen Staaten zu vereinbaren. An den Verhandlungen botheilig'ten sich 2G Delegirte: theils Veterinäre, theils VenvaUung'sboamto. Die Be-ralhungon derselben1) sind, wie nach der Natur der Sache nicht anders erwartet werden konnte, fast resultatlos geblieben. Da sie ausserdem irgend einen neuen Gesichtspunkt für die Bourtheiluug und Behandlung der Krankheit nicht enthalten, so können sie hier unerwähnt bleiben. Alles, was sich der Leistung dieser Versammlung nachrühmen lässt, be­schränkt sich darauf, dass auf ihre Anregung die europäischen Staaten beschlossen haben, sich gegenseitig von den Ausbrüchen der Seuche thnnlichst bald in Kenntniss zu setzen.
Dass die Rinderpest auch in den südostlichen Kelchen des asiatischen Welttheils sich ausbreitet, ist schon bei einer anderen Gelegenheit be­merkt worden. Im Sommer 1872 beobachtete Henderson2) das Herr­schen der Seuche in Shanghai (China). Offenbar war sie nach dort aus den Steppen des asiatischen Kusslands oder von den Ebenen des chine­sischen Kelches gebracht worden.
England erliess 1869 durch ein besonderes Gesetz (Contagious Diseases Act.) strenge Abwehr- und Schutzmassregoln gegen die bedeu­tendsten Seuchenkrankheiten der Hausthiere. Hiernach ist dem „Privy Councilquot; die Befugniss übertragen, gegen die Einschleppung und Ver­breitung der Seuchen die geeigneten Vorschriften anzuordnen. Die Ver­fügungen welche diese Behörde zunächst erliess, waren insoweit nicht correct, als Kussland mit Deutschland und anderen Staaten wegen der Rinderpest-Gefahr in eine Kategorie gebracht wurde. Durch die Anord­nung des Privy Council vom 20. Decbr. 1871 (Foreign Animals Ordre of 1871) war zwar die Einfuhr von Kindvieh nach England nur unter besonderen Vorsicbtsmassregeln erlaubt. Trotzdem erfolgte im Juli 1872 die Einschleppung der Seuche nach England. Mit 7 Schiffen kamen theils direct von Kronstadt, theils von Hamburg, wohin die Seuche kurz vorher durch russisches Kindvieh von Kronstadt gebracht war, Kindvieh­transporte nach mehreren englischen Hafenorten, Unter diesen Kindern war die Pest ausgebrochen. Bei dem auf einem anderen Schiffe befind­lichen Bestände liess sich die Krankheit nicht sicher feststellen. Von einem Transporte, welcher am 27. Juli 1872 im Hafen von Hull anlangte verbreitete sich die Seuche auf einheimische Rinder der Grafschaft Yorkshire. Vom 3. August bis zum 26. October erkrankton in 23 Gehöften 72 Kinder, von welchen 21 starben und 51 getödtet wurden. Zur schnellen
') Vergl. „Auszug aus den Verhandlungen dor Internationalen Conferenz zur Erzielung eines gleichförmigen Vorgehens gegen dio. Rinderpestquot; im Mag. f. d. gos. Tlüorh. üO. Jahrg. 1873.
-) Cattle Disease in China. In „The Veterinarianquot; XLVI. 35. Ref. von Bolliuger in Virchow-Hirsch. Jahrosber. VIII. 1, Bd.
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Ausrottung- der Soucho Hess die Behörde aussordem noch 171 der An­steckung' verdächtig'e Rinder tödten.
Seit dieser Zeit hat die englische Regierung' (The Privy Council) den Rindviehimport aus Russland nach England vollständig' verhüten, während die Einfuhr aus Deutschland nach besonderen englischen Hafen platzen, woselbst die sofortige Schlachtung' erfolgen muss, zunächst gestattet blieb
Derselbe Viehhändler, welcher mehrere Transporte von russischem Schlachtvieh auf dem Seewoge von Kronstadt nach England verschickt hatte, Hess am 12. Juli 1872 einen Posten von 50 Ochsen von Kronstadt über Lübeck nach Hamburg dirigiren.
Unzweifelhaft waren einige derselben angesteckt. Auf dem Ham­burger Markte am 22. Juli übertrugen sie die Rinderpest auf andere zum Export nach England bestimmte Ochsen. Es gelangten ausserdem von den fraglichen 50 Ochsen 40 Haupt nach England, woselbst beim Landen des Schiffes in Newcastle on Tyne die Rinderpest unter ihnen ermittelt wurde. Die übrigen 10 Haupt kamen zunächst in eine an der Grenze zwischen dem Uamburgischen Gebiete und dem holsteinischen Kreise Pianeberg gelegene Weide. Hier ist schon am 22. Juli ein Ochse ge­storben, worauf die übrigen 9 Haupt in Hamburg geschlachtet sind. Bei dieser Gelegenheit verbreitete sich die Rinderpest nach Lockstedt im Kreise Pinneberg, wo sie mit einem Verluste von 26 Rindern alsbald getilgt wurde.
Von Lockstedt kam die Rinderpest Anfangs August nach Eppendorf hei Hamburg und im September brach sie unter dem Rindviehstande eines Gehöftes in der Sladt Hamburg aus. Der Gesammtverlust, welcher auf Hamburgischem Staatsgebiet hierdurch herbeigeführt wurde, beläuft sich auf 103 Rinder — von welchen 17 erkrankt waren — und 15 Ziegen.1)
Ein Transport von 38 russischen Schlachtochsen, der von Kronstadt aus über Lübeck nach Berlin versandt war, traf daselbst am 30. Juli 1872 ein. Am folgenden Tage wurden an einem Ochsen die Rinderpest und an einigen anderen pestverdächtige Krankheitsersoheinungen constatirt, wo­rauf die Tödtung des ganzen Bestandes erfolgte.2).
Don Versuchen der Einschwärzung von Stoppenvieh konnte an der preussischen Grenze gegen Russland und Oesterreich nicht mit durch­greifendem Erfolge vorgebeugt werden. Händler sind immer darauf be­dacht, jede Gelegenheit zur Erwirkung eines Geschäftsgowinns auszu­nutzen. So kam im August 1873 nach Rossberg im Kreise Beuthen (Preuss. Schlesien) eine Heorde Steppenvieh, welche zwar alsbald von der preussischen Behörde zurückgewiesen wurde, aber inzwischen mit dem Zuchtstier eines Gehöftes zu Rossberg in Berührung gewesen war.
i) Vorgl. die Nachrichten über das Auftreten der Rinderpest in verschiedenen europäischen Ländern im Jahre 187:.'. Im Mag. f. d. ges. Tiorh. 39. Jahrg. 1873. 2) Mitthell, aus der thierärztl. Praxis. XXL S. 88.
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Dor Stier erkrankto bald darauf und starb am 22. August. Da demselben während der Krankheit mehrfach Kühe zugeführt waren, so erlangte die Seuche in kurzer Frist eine relativ grosse Verbreitung. Bis Ende Oktober erfolgten Eruptionen der Rinderpest in 7 Ortschaften der Kreise Beuthen und Kattowitz. Im Ganzen waren 87 Gehöfte betroffen. Es erkrankten an der Pest 154 und der Gesamintvorlust belief sich auf 633 Rinder.1)
Das Königreich Bayern war im November 1873 von der Rinderpest betroffen. Dieselbe kam in der Gemeinde Heindschlag — Kreis Nieder­bayern — zum Ausbruch und verbreitete sich bis Anfangs December auf vier andere Gemeinden desselben Kreises. 247 Rinder, 3 Schafe und 3 Ziegen fielen der Seuche zum Opfer. Davon waren vor der Fest­stellung 29 Rinder gestorben. -) Nach den amtlichen Erhebungen musste die Einschleppung der Seuche auf eine in Steiermark gekaufte und durch Ober-Oesterreich transportirte Rinderheerde zurückgeführt werden.
Grosse Verheerungen verursachte die Rinderpest während der Jahre 1873 und 1874 in Russland und in Oesterreich-Ungarn, y) Im Sommer 1873 hatte die Seuche innerhalb der Zeit von etwa einem Monate in den russischen Gouvernements Marchau, Lublin, Lomscha, Minsk, Bessarabien, Witebsk, Volhynien, Wiätka, Grodno, Kasan, Kaluga, Kuban, Kursk, Odessa, Pensa, Poltawa, Simbirsk, Taurien, Tambow, Twer, Tobolsk, Ural und Charkow gegen 18 000 und ausserdem in den Gouvernements Radom, Siedatz, Plotz, Astrachan, Nowgorod und Moskau gegen 2000 Rinder be­fallen. Hiervon sind gestorben oder getödtot gegen 14 000 Rinder. Im November 1873 herrschte die Seuche noch in 27 Gouvernements. Während des Winters erfolgte eine Abnahme. Nach der am 1. April 1874 publi-cirten Uebersicht trat sie nur in 17 Gouvernements auf. Aber gegen Ende des Jahres 1874 hatte sich die Calamität wieder über 26 Gouverne­ments ausgebreitet. Im Gouvernement Cherson sind im Jahre 1873 nicht weniger, als 90 000 Rinder an der Pest zu Grunde gegangen. Dieselben repräsentirten einen Geldwerth von 1500 000 Rubel. Unterberger4) ist der Meinung, dass die Seuche nur deshalb so grosse Verheerungen habe anrichten können, weil an gesunden Thieren ohne Erlaubniss und ohne Controle Impfungen vorgenommen seien.
In Ungarn erkrankten vom 5. September 1872 bis 18. März 1873 nach officiellen Angaben 5525 Rinder, von wTelchen 2890 genesen und
') Bericht des KreisthierarztesWolff. In Mittheil, aus der thierärztl. Praxis. XXII. 82.
Vergl. auch die dem deutschen Reichstage vorgelegte „Denkschrift über das Vorkommen der Rinderpest in Deutschland während der Jahre 1872 bis 1877 etc.quot;
2)nbsp; Vergl. Adam. Wochenschr. XVIII. 1874. S. 31.
3)nbsp; Vergl. die nach amtlichen Quellen mitgetheilten Notizen in Adam's Wochenschr. XVII. und XVIII. 1873 und 1874.
4)nbsp; Mag. f. d. gcs. Tliierh. 40. Jahrg. S. 482.
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2532 gestorben sind. 102 kranke und 279 verdächtigo Thiero wurden getüdtot. Die Stadt Wien und ihre nächste Umgebung gaben 1872/78 in dem Seuchenbezirke, welcher dem Kaiserlichen Thierai'znei - Institut zu­gewiesen ist, Gelegenheit, die Seuche in 54 Gehöften bei 100 Hindern festzustellen. Hiervon erlagen 3 Rinder, 106 kranke und 007 gesunde Rinder wurden zum Zwecke der Seuohentilgung getödtet.') Während der ersten Monate 1873 verbreitete sich die Krankheit über Galizien, Dalmatien, Kroatien, Slavonien und Steiermark. Im September trat sie im Bezirk Salzburg auf. Bald darauf herrschte sie in Galizien und der Bukowina in grosser Ausbreitung und im November erfolgte ihre Ein-schleppuug nach Ober-Oesterreich, woselbst sie in 35 Ortschaften zum Ausbruch kam. Auch Nieder-Oesterreich, Krain, Steiermark, Ungarn, Kroatien, Slavonien, Galizien und die Militärgränze waren gegen Ende des Jahres 1873 heimgesucht. Im März 1874 herrschte die Seuche in den Ländern der ungarischen Krone noch an 115 Ortschaften, während sie in den anderen Kronländern aufgehört hatte. Galizien war aber bald darauf von Neuem betroffen, so dass sich die Behörden zur strengen Durchführung wirksamer Tilgungsmassregeln endlich entschlossen, worauf die Krankheit alsbald ihr Ende fand. Allein die Länder der ungarischen Krone wurden von der Seuche nicht befreit und im October trat sie auch in den Contumaz-Anstalten Qaliziens und der Bukowina von Neuem auf.
In Kroatien fielen bei den fortdauernden Verheerungen der Seuche die Preise des Hornviehs so bedeutend, dass ein gewöhnlicher Ochse für 1 Ducaten und der beste Ochse für 2 Ducaten an Schinuggolhändler verkauft wurden.-)
Das ununterbrochene Herrschon der Rinderpest in Oesterreich hatte eine auffallende Verminderung des Viehstandes zur Folge. Aus der landwirthschaftlichen Bevölkerung wurde in Folge dessen bei der Re­gierung mit grösserem Nachdruck, als früher vorgestellt, dass es noth-wendig sei, die Ein- und Durchfuhr von Rindern aus Russland, Rumänien und Serbion zu verbieten und das gesammte Veterinärwesen in Oester-reich-Ungarn zu reformiren. Allgemein war die Uoberzeugung, dass das österreichische „Gesetz vom 29. Juni 1868, betreffend die Hintauhaltung und Unterdrückung der Rinderpestquot; den berechtigten Interessen der Landwirthschaft nicht genügen könne. Die Agitation stützte sich im Wesentlichen auf die günstigen Wirkungen der deutschen Gesetzgebung von 18G9. Da überdies allgemein erkannt werden rausste, dass im öster­reichisch-ungarischen Reiche jährlich fast eben so viele Rinder der Rinderpest zum Opfer fielen, als aus den Donauländern eingeführt wurden,
') Wiener Viortoljahrcssclir. XLIL 1IG.
2) J. Stark. Uober dio Einschleppung der Rinderpest von Kroatien nach Ungarn und Nioderösterroich im Jahre 1873 auf 1874. In Oesterreich. Viertel-jahresschr. XLII. 3G.
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so konnte die Herechtig'ung' der von don Landwirthen gestellten Forde-rungen nicht mehr bezweifelt werden. Es vergingen indess nochO Jahre, bevor für Oesterroich-CJngarn das neue — in seinen technischen Grund­lagen mit dem deutschen Gesetze vom 7. April 1869 übereinstimmende — Gesetz zur Bekämpfung1 dor Rinderpest erlassen werden konnte.
Im Jahre 1872 trat die Seuche in China auf. Henderson1) hat den Verlauf derselben in einem mit 38 Rindern besetzten Gehöfte zu Shanghai beschrieben und hierbei hervorgehoben, dass in den vorherge­gangenen Jahren die Krankheit gleichzeitig in den weiten Ebenen Chinas und in den Stoppen Russlands geherrscht habe.
Nach dem Bericht des englischen Veterinär-Departements pro 1873-) herrschte die Rinderpest im Jahre 1873 auch in Griechenland auf den Inseln Corfu, Andres, Naxos und Jos, ferner in der Türkei, Egypten, China und Japan.
Bei der weiten Verbreitung der Rinderpost im russischen Reiche konnten die leitenden Personen in der Regierung Russiands die Besorg-niss nicht beschwichtigen, dass die westeuropäischen Staaten die Einfuhr von Rindvieh aus Russland überhaupt untersagen würden. Desshalb wurden die Vorsuche der Impfung gesunder Thiere, welche seit 1869 ruhten, in dem Impfinstitut zu Karlofka 1872 von Neuem aufgenommen. Die im Frühjahr 1872 nach Wien berufene internationale Versammlung (vergl. S. 241) hatte die Impfung vom veterinärpolizeilichen Standpunkte als unzweckmässig bezeichnet. Unabänderlich war trotzdem die Uebor-zeugung Jossen's, dass die obligatorische und unter staatlicher Controle vorgenommene Impfung eine nützliche Massregel sei. Noch neuerdings hatte Jessen in einer kleinen Broschüre,3) in welcher der Verlauf der Rinderpost auf einem Gute in Livland beschrieben wird, der Impfung das Wort geredet. Wiederholt hatte er Gewicht darauf gelegt, dass die Tilgung der Seuche mittels Tödtung- der kranken und verdächtigen Rinder und Desinfection der giftfangenden Sachen in den russischen Steppen­gebieten nicht ausführbar sei. Eine motivirte Darstellung der Ansichten Jessen's über den Werth und die Ausführbarkeit der Rinderpest-Impfung in Russland ist in der Beilage zur Bait. Wochenschrift No. 13 und 14., Jahrg. 1875 veröffentlicht worden.
Ueber die 1872 und 1873 an der Impfanstalt zu Karlofka im Gou­vernement Poltawa ausgeführton Rinderpest-Impfungen giebt ein Bericht von Max und Kasimir Raupach Auskunft.4) In demselben liefert
') Tho Veterinarian. January 1873.
2) Vergl. Adam. AVochonschr. 1874 S. 427.
#9632;#9632;,) Die Rinderpest in einer Heorde von Stoppenvieh auf dem Gute Sclüoss-Neuhausen 1871 von P. Jossen. Dorpat 1872.
#9632;') Baltische Wochenschrift 1878 No. 48 und 49. Ref. in Wiener Viortoljahrosschr. XLI. und Adam, Wochensclir. XVIII.
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K. Kaupaoh zuniiclist oino Beschreibung' der Kranklieit nach den Merk­malen, welche sich bei der natürlichen Ansteckung' und nach der Impfung einfinden. Auffallend ist, class der Vorfassor zwischen der Rinderpest und der von Haupt beschriebenen Magenseucho noch einen Unterschied macht und die letztgedachte Krankheit als eine nicht ansteckende ansieht. Die Bedenken, welche dieser Auslegung entgegenstehen, habe ich S. 189 schon hervorgehoben. Hinsichtlich des Krankheitsvorlaufs soll ein katarrhalisches und ein typhöses Stadium unterschieden werden. Der Beginn des letzteren sei dann anzunehmen, wenn sich profuser Durchfall und grosse Hinfälligkeit neben den anderen bekannten Zeichen der schweren Affoctionen einstellen. Nach der natürlichen Ansteckung dauerte das Incubations-Stadium 7 bis ü Tage, solton mehr. Bei der Impfung trat die Erkrankung nach 4 bis 7 Tagen offenkundig hervor. Nur wenige von den geimpften Rindern verfielen in das typhöse Stadium und alle, welche das katarrhalische Stadium durchgemacht hatten, waren gegen jede weitere Erkrankung an der Rinderpest geschützt. Das katarrhalische Stadium soll die eigentliche Rinderpost repräsentiron, während der hin­zutretende Typhus nur Folgekrankheit sei. Auch soll nach den Be­hauptungen der beiden Raupach nur der im katarrhalischen Stadium abgenommene Impfstoff wirksam sein, während der Impfstoff aus dem typhösen Stadium unwirksam sei, oder Brand an der Impfstelle und Blut­vergiftung zur Eolge hat.
Die von Raup ach vorgenommenen Impfungen waren theils Präcau-tions- theils Nothimpfungen. Von 805 Rindern, bei welchen die Prä-cautionsimpfung ausgeführt war, sind 822 genesen und 43 gestorben; 699 von ihnen erkrankten leicht und unter diesen verlief nur 1 Fall tödtlich; 106 von ihnen erkrankten schwer und unter diesen nahmen 42 Fälle einen tödtlichen Ausgang. Die offenkundige Erkrankung erfolgte nach der Impfung bei 70 Rindern am 4., bei 227 am 5., bei 303 am 6., bei 208 am 7. und bei 57 am 8. Tage. Nothimpfungen vollführte Raupach bei 863 Rindern, von welchen 728 genesen und 135 gestorben sind.
Im Juni 1874 unterwarf eine technische Commission, zu welcher die Professoren Jessen und Rawitsch, der Gouvornements-Voterinär Med-wedski und die Veterinäre Max und Kasimir Raupach gehörten, zu Karlofka mehrere geimpfte Thiere einer Prüfung auf Immunität gegen das Rinderpestgift. Sie wurden nicht angesteckt, obschon mehrere Rinder nach der Impfung nur geringfügige Erscheinungen gezeigt hatten.1)
Trotz dieser günstigen Resultate verblieb Fr. Unterberger2) mit Recht bei der Ansicht, dass es ein Irrthum sei, durch fortgesetzte
') Kasimir R.iupaoh. Die Resultate der letzten Kindcrpost-Impfungen in dem Impfinstitute Karlofka. Inaug,-Dissert. Dorpat 187').
#9632;} Zur Frage über Nutzen und Nachtheil der Hindorpest-Impfung. Im Mag. f. d. ges. Thiorh. 40. Jahrg. S. 474.
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ImpfÜQgen dos Rindviehs ein mildwirkendes Pestgift zu erzielen, Er verlangt, dass in Zukunft alle IinpiVcrsuche der (irossgrundbesitzer im lauern des russischen Reiches nur mit Einwilligung und unter be­ständiger Oontrole der Behörden gestattet sein sullen.
An den Untersuchungen, welche die vorhin gedachte technische Commission im Gouvernement Poltawa 1874 anstellte, nahm auch Med-wedsky, Gouvernements-Veterinär zu Petersburg, theil. Derselbe machte theils allein, thoils in Verbindung mit Jessen, Rawitsch und beiden Raup ach zahlreiche therniometrischo Beobachtungen über den Vorlaui' des Fiebers bei der Rinderpest. Die Erhebungen sind in einer mit grosseni Fleisse durchgearbeiteten Schrift (10) niedergelegt, welche die bisherigen Angaben der Autoren mehrfach ergänzt und berichtigt hat. Bei 243 Messungen an gesunden Rindern schwankte die Bluttemporatur zwischen 38,0—39,9n C. Zwei kranke Thiere zeigten die höchste Blut-temperatur von 42,5deg; C. Eins derselben ist von der Rinderpest trotzdem ge­nesen. Der Verfasser hebt ferner hervor, dass die Rinderpest von einem anhaltenden Fieber begleitet sei und dass die Schwankungen zwischen der niedrigen Morgen- und der höheren Ahendtemperatur im Minimum 0,1deg; und im Maximum 1,9deg; betrugen. In leichten Krankheitsfällen tritt das Fieber atypisch auf. Bei letalem Ausgange findet sich in dem Ver­halten der Temperatur kein erheblicher Unterschied von dem Ausgange in Genesung. Die Fiebertemperatur war bei den pestkranken Rindern der grauen Steppcnrace im Allgemeinen niedriger, als bei anderen Racen.
Während der Thäfigkoit der mehrerwähnten Commission in Karlofka hatte E. Sommer Gelegenheit zur Vornahme von pathologisch-anatomischen Untersuchungen, deren Ergebnisse in einer besonderen Abhandlung (11) erörtert sind. Nach Recapitulation der in der neueren Literatur aus­gesprochenen Ansichten über die Natur der Rinderpest erläutert der Verfasser seine Befunde. Schon 3ö Stunden nach der Impfung konnten bei den Sectionen pathologische Veränderungen festgestellt werden, trotzdem die Thiere keine deutlichen Symptome der Krankheit bekundeten. Im Blute fand Sommer Kugelbacterien und in der Thränenflüssigkeit, sowie im Nasen- und Alaulschleim Kugel- und Kettenbaclerien. Auch in den Leberzellen und in den llarnkanälohen zeigten sich Bacterien. Der Verfasser ist der Ansicht, dass diese Bacterien, welche von ihm auf einer Tafel veranschaulicht sind, der Rinderpest eigenthiimlich zugehören, obschon sie mit anderen Bacterien scheinbar gleiche Formen besitzen. Gemeinsam mit früheren Autoren und entgegen der von Klebs ausge­sprochenen Meinung betont Seinmer, dass das Contagium der Rinder­pest immer zunächst eine Blutkrankheit und Fieber erzeuge, bevor es in den Schleimhäuten und Drüsen Veränderungen hervorrufe.
Ende 1874 und Anfangs 187*quot;) traten in der europäischen Türkei
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sBuchenartig-e Erkrankungen beim Rindvieh auf, welche der Rinderpest
angehörten. In Ungarn herrschte die Krankheil vom September 1874 bis Januar 1875, in welcher Zeit 1395 Rinder befallen wurden. Von den­selben sind 013 gestorben, C45 genesen und 137 getödtet.')
Dass im russischen Reiche die Seuche nicht zum Aufhören kam, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung. Mach den Angaben Kozio-rowski's2) grassirte 1874 die Krankheit im Gouvernement Warschau an 40 Orten. Es erkrankten 400 Rinder, während 025 als verdächtig getödtet werden mussfen. Während des folgenden Jahres kam die Krank­heit in demselben Gouvernement nur an G Orten zum Ausbruch. Sie befiel 47 Rinder, neben welchen noch 237 verdächtige Rinder getödtet wurden.
In Deutschland wurden 1875 zwei vereinzelte Eruptionen der Rinder­pest constatirt, bei welchen die Richtigkeit der Diagnose vielfach in Zweifel gestellt worden ist, weil die Einschleppung des Contagiums durch die amtlichen Erhobungen nicht ermittelt werden konnte. Einer von diesen Füllen ereignete sich im Januar 1875 auf einem Gute des Kreises Lyck (Ostpreussen). Es erkrankten daselbst von 20 Haupt Jungvieh 3 Thiere; die übrigen 17 wurden als gesund zur schnellen Tilgung der Seuche getödtet.3)
Der zweite Fall betraf ein Gehöft des Dorfes Kühren bei Würzen (Königreich Sachsen). Von dem 23 Haupt zählenden Bestände waren im April 1875 9 gestorben, worauf die übrigen 14 Rinder, unter welchen sich noch 5 krank zeigten, getödtet wurden. Haubner, der unter Mitwirkung Loisering's die Untersuchungs- und Sectionsbefunde erhob und auf Grund derselben die Krankheit als Rinderpest feststellte, hat von den Symptomen und Sectionsergebnissen eine vollständige Beschreibung veröffentlicht.4) Da Haubner auf das Urtheil der Fachmänner über die Natur der Krankheit in Kühren selbst provocirt hat, so kann ich an dieser Stelle nicht schweigend über die Frage hinweggehen, ob die er­krankten Rinder von der Rinderpest befallen gewesen sind, oder nicht. Mit dem Verfasser würde ich keinen entscheidenden Werth auf die That-sache legen, dass die Einschleppung des Contagiums nicht zu ermitteln war. Immerhin hat aber dies Moment eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, wenn — wie im Jahre 1875 — auf weite •Entfernungen von
') Vorg-1. Wohenkol. l\aiizootios parmi los animaux domestiquos otc. An­nales de möd. vöt. XXIV.
2) Bericht über die Thiorsouchon im Gouvernement quot;Warschau vom Jahre 187quot;). In Gazota lokarska No. 15—17. Ref. in Virchow-Hirsch Jahrosboricht. liorlin 1877. I. Bd. S. .WO.
B) Bericht des Deiiarlementsthierarztos Kiihnert in: Mittheil, aus der thier-Urztl. Praxis. Berlin 1876. S. 58.
4) Haubner. Die Binderpest in Rühren, In Gterlaoh's Archiv für wlssensoh. und prakt. Thierb. Berlin 1875.
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dorn frag'lichon Bezirke au keinem Orte die Seuche herrscht. Hierzu kommt, dass die Symptome, weiche die Rinder im Leben zeigten, nicht blos bei der Pest, sondern auch bei anderen Krankheiten und insbe­sondere beim bösartigen Katarrhalfieber vorkommen. Auch die Beschrei­bung' des Verlaufs und der Dauer der Krankheit passt sowohl auf die Pest, als auf das bösartige Katarrhalfieber. Durchschlagend ist für mein Urtheil aber der von Leisering in 2 Fällen aufgenommene Sections-befund, aus welchem hervorgeht, dass die oberen Luftwege von einer fibrinösen Entzündung befallen waren. Im Kohlkopf fand sich eine dicke Croupmembran, wie es in der Beschreibung heisst. Solche Veränderungen kommen durch die Rinderpost nicht zu Stande. Sie müssen vielmehr in Verbindung mit den im Danntractus festgestellten Sectionsergebnissen auf das bösartige Katarrhalfieber bezogen werden. Der Ausspruch Haubner's, dass diese Krankheit in einem Viehslande stets nur ver­einzelt auftrete, ist nicht berechtigt. Hiernach gelange ich bei der Prüfung dos Berichts zu der Ueberzeugung, dass die von Haubner und Leisering über die Natur der Krankheitsfälle in Kühren gewonnene Ansicht nicht zutrifft, dass die Rinder vielmehr an dem bösartigen Katarrhalfieber gelittten haben.
Russland war andauernd von der Rinderpest heimgesucht. Nach einer Zusammenstellung von S oh mule witsch1) kommen auf die vier Jahre yoii 1870 bis 1873 an gefallenen und getödteten Rindern in den Weichseldepartements 17 766 Haupt, auf die folgenden vier Jahre von 1874 bis 1877 dagegen nur 7556 Haupt.
Ein Bild von den Verheerungen der Rinderpost in Russland ergiebt sich aus den Mittheilungon Ucke's2), nach welchen die Seuche 1876 in grosser Ausbreitung herrschte. Nur die nördlichen und nordwestlichen Länder dos Reiches waren verschont, Amtlich wurden Ausbrüche der Rinderpest in 35 Gouvernements festgestellt. Am schwersten waren Now­gorod (in welchem 46 378 Rinder erkrankten), Samara, Charkoff, Oren­burg und Nischni-Nowgorod heimgesucht. Die von Ucke nach amtlichen Quellen aufgestellte Uebersicht ergiebt, dass in den von der Seuche be­troffenen 35 Gouvernoments während des Jahres 1876 im Ganzen 296 911 Rinder an der Pest erkrankt und dass von diesen 148 897 ge­fallen sind. Hierzu kommt noch eine grosse Zahl von Krankheitsfällen, welche nach den Bemerkungen des Verfassers von den Bauern verheim­licht und von den niederen Polizeibeamten, denen die Feststellung der Souchonausbriiche sowie der Krankheits- und Sterbefälle obliegt, nicht
') Ref. von Bollingor in Virohow-Hirsoh. Jahresber. Berlin 1871). I. Bd. S. G00.
•) Julius Ucke. Mittlicil. aus dorn Berichte dos medioinischon Departements des Ministoriums dos Innern in Eussland für das Jahr 1876. In Eulenberg's Viortuljahrossclu'. f. gorichtl. Medicin etc. XXXI. BS8.
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ermittelt wurden. Erwälmeiiswerth dürfte ausserdem sein, dass nach dem Berichte in 14 Gouvernements die „Uuhru bei den Rindern horrsolite. An derselben erkrankten 3475 Kinder, von welchen 1065 eingingen. Wahrscheinlich sind unter diesen Krankheitsfällen manche Ausbrüche der Kinderpest unerkannt geblieben. Aus drei Gouvernements wurde über das Auftreten der Kinderpest bei Schafen berichto't. Es erkrankten 1053 Schafo, von welchen 056 gestorben sind.
Intorossant für dio Bourtlioilung der Wog'O, auf wolchon sich die Rinderpest in Russland verbreitet, sind die Angaben Ucko's über die Transporte von Ilandels-vioh und über die Versuche der russischen Staatsregierung, die Viohbcsilzor für die durch Seuchenkrankheiton entstehenden Vorlusto zu ontschädigon. loh ent­nehme hierüber dem amtlichen Berichte Folgendes:
Die älteren, cultivirteren und dicht bevölkerten Thoilo des russischen Reiches liegen im Westen und Nordwesten desselben; der Handel mit den Rohproducteu hat darum seinen Wog von Osten und Süden. Auch mit der Floischversorgung hat es eine ähnliche Bewandniss. Die weiten grasroiehon Ebonon im Osten, SO. und S., geben bei einer unzureichenden Bevölkerung eine beständige und zwar eine bedeutende Uoborproduction anHausvioh, welche durch die dasselbe schrecklich deeimirenden Epizootion nicht aufgehoben wird. Da dor Localvorbrauch gering, die Nachfrage in den volkreichen Culturmittolpunkton aber bedeutend ist, werden grosse Heerden Vieh dorthin getrieben, und zwar aus weiten Entfernungen. Dio Wege, welche dio Troibheerden einhalten, haben durch Erfahrung und üowohn-heit gewisse Richtungen angenommen. Diesen Gowohnheitswegen hat die Re­gierung eine gesetzliche Breite von HO Faden (zu 7 Fuss) gogoben. Das ist Kron­land und soll durch die Breite den Hoordon zureichendos Futter bieten, wofür keine Abgabe erhoben wird. Natürlich benutzen dio umwohnenden Bauern dieses Land nach Möglichkeit, und dio Polizei hat beständig dabei abzuwehren. Dio grasreichen Stoppen im Osten, jenseits der Wolga, wo sich die Troibheerden schon im westlichen Sibirien zu bilden anfangen, dann die Steppen im Süden bis zum kaspischen Meere, dem Kaukasus, dem asowschen und schwarzen Meere ernähren eine ungeheure Menge Hornvieh, Schafo und Pferde. Hauptsächlich Hornvieh und Schafe werden von jenseits der Wolga nach W. und NW. getrieben, aus dem S. (der ganzen Schwarzerdegegend) nach N. und NW. Ausserdem gebt ein Troib-weg von Archangel nach Petersburg, welche letztere Stadt auch auf das Vieh in den Ostseeprovinzen eine solche Anziehungskralt ausübt, dass die Troibrichtung hauptsächlich dahin geht. Petersburg, Moskau und die proussischo Grenze bilden die drei wichtigsten Anziehungspunkte, welche die Treibrichtung bestimmen. Dio östlichsten Punkte, von denen man die Treibwego rechnet, sind Perm, Jekatorinen-burg, Troizk und Orenburg, im Süden der Fluss Don und die Meeresgrenze. Dio zahlreichsten Hoordon sind die der Schafo, denn solche von 40 000 bis (gt;0 000 Stück sind keine Seltenheit. Da diese Thiero eine weite Fussreiso nicht vortragen, so werden sie nur bis zu solchen Punkton getrieben, wo der Transport der Producto lohnend wird, also bis zu einem grösscren Fluss oder einer Eisenbahn. Der Talg und das Fell sind hierbei die Hauptsache, das Fleisch hat wenig Werth. Daher giobt es an der Wolga, Kama, am Don und auch sonst eine grosso Zahl Siedereien des Talges. Das Fleisch wird in grossen Bottichen, welcho 800—1200 Centner fassen, gesalzen, mit 2—3 Pfund Salz auf jede 40 Pfund Fleisch. Dieses Fleisch Wird für ein Billiges den Landarbeitern vorkauft, von denen Hunderttausende all­jährlich im Sommer zur Feldarbeit die Sclnvarzerdcstoppen aufsuchen, um im Herbst in ihre land- und arbeitsarme Hoimath zurückzukehren. Auch von den
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Rindern wird unterwegs ein Theil a'esehlachtpt, weniger wogen dos Local Verbrauches, als wogen des Fettes. Denn dor im Grossliamlol verkäufliche Talg ist immer eine Mischung von Rinds- und Schafstalg'. Da von don Brakern in Petersburg vom Talge gewisse üussoro Kigojischaftcn verlangt worden, dor orstoro weicher und gelblicher ist, der zweite bröoklich und weiss, dor Rindstalg aber höher gesehätzt wird, so setzt man der Mischung leider, um ihnen die erforderlichen Eigenschaften zu geben, etwas Gummi Uutti zu.
Vorn Jahre 1877 an ist die Assccuranz der Rindorhoordon vom modicinischen Departement eingeführt, und dio frühere Abgabe aufgehoben worden. Da das Vieh von vorschiodeneiu Wortho ist, das aus dorn Osten nicht gross, durch die grosso Production und leichte Ernährung billig, so ist der Preis für dasselbe ge­ringer angesetzt, als für das aus dem Südosten und Westen, Archangel und den üstseeprovinzen kommende. An vielen Orten, wie in don Ostseeprovinzen und in den polnischen wird dor quot;Worth desselben durch Mästung in den Branntwein­brennereien erhöht. Dazu ist die graue ukrainische und die kolmagorisohe Race gross von Wuchs. Es sind deshalb die Preise und Assecuranzen je nach den Troihwcgen verschieden festgestellt. Die Regierung hat eine Karte in 6 Blättern zur Bozoichnung der Treihwego herausgegeben. Auf dieser werden folgende 7 Wege unterschieden, dio wir aber je nach den Assccuranz-Ansätzen in 3 Gruppen zusammenfassen; Die erste Gruppe bilden der sibirische und muromische Weg; der letztere wurde von Jeher so von den Händlern genannt, weil er auf die Stadt Murom auslief. Alles Vieh, was nördlich von Orenburg und Samara von 0. nach W. getrieben wird, gehört zum sibirischen Wege; was jenseits der Wolga von Samara bis Saratoff sich sammelt und weiter nach NW. nach Murom im Gouverne­ment Wladimir getrieben wird, gehört zum zweiten Wogo. Die zweite Gruppe bilden 8 Wege; der erste derselben Tom Vieh gebildet, das vom Don getrieben wird; der zweito derselben ist der sogenannte altrussische, er ist wahrscheinlich der historisch älteste, er kommt aber aus dem ganzen westlichen Süden, aus dem ganzen Gebiete, wo dio Kleinrussen wohnen. Der dritte ist der weissrussische, aus den polonisirten Westprovinzen. Die dritte Gruppe bilden die beiden Wege, der ohstnischo aus den Ostsoeprovinzon nach Petersburg und der archangelsche, welcher kolmagorisches Vieh treibt, cbonfalls dahin. Die Assoouranz-Ansätze sind folgende: die sibirisohon und muromsohen Heerdon 2 Procont des Werthes, die vom Don, die alt- und weissrussischen 1 Procont und die ehslnischon und archangelsclion ^l2 Procent. Sobald bei einer Heerde, für wolcho die Abgabe be­zahlt ist, der „Typhusquot; ausbricht, wird alles, was krank und verdächtig ist, er­schlagen nnd der Botrag vom Departement dem Viehhändler ausgezahlt. Die Sache ist noch neu und über dio Resultate kann man noch nicht urtheilen. Die Preise dos Viehes sind folgenderinasson gestellt:
1. Vom Vieh, das auf dem ohstnischon Wege getrieben wird, a) mit Schlampe gemästetes, wird der Ochse mit 70 Rubel, dio Kuli mit GO Rubel und Jungvieh mit 50 Rubel und b) nicht gemästetes, der Ochse mit 30 Rubel, die Kuh mit 80 Rubel und Jungvieh mit 25 Rubel berechnet. 2. Auf dorn Treibwege von Archangel (kohnagorisclie Race, welche aus Holland stammt), wird ein Ochse mit (iO Rubel, eine Kuh mit 75 Rubel und Jungvieh mit 40 Rubol berechnet. 3. Auf dem donischen, kloin-altrussischen Wege ist der Preis des nicht gemästeten Ochsen #9632;10 Rubel, dos für Petersburg gemästeten SO Rubol, dio Kuh 25 Rubel und Jung­vieh 20 Rubel. 4. Vom Vieh, das über dio Grenze gehen soll, wird der Ochso 50 Rubel, dio Kuh 30 Rubel und Jungvieh 20 Rubol geschätzt. 5. Auf dem sibirischen und muromschon Wege wird der Ochso mit 30 Rubol, Racekühe (aus Jaroslaff bei Petersburg) mit 50 Rubel, gewöhnliche Küho mit 20 Rubel und Jung-
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vioh mit 18 Rubel berechnet. G. Das H'owölmliclio russischo Vieh (nicht von dor Steppe), das ZUrVerprovlantlrung der Haupt- und andoren Städte auf allen Wogen getrieben wird, hat eine besondere Schätzung: der Ochso 20 Rubel, die Kuh 15 Rubel und Jungvieh 10 Rubel. Diese letztere Bestimmung trifft offenbar den kleinen Vortriöb des lokalen Bauernviehs.
In Oesterroicli-Ungara herrschte im Januar 1875 die Seuche ziemlich allgemein. Nach officiellen Mittheilungen waren in Qalizien 2, in Dal-matien 1, im Küstenlande 1, in Krain 1, in Ungarn 2, in Kroation 21 und in der Militärgrenze 24 Gemeindon heimgesucht. Im Juni 1875 kam die Seuche im ganzen Reiche zum Erlöschen. Allein im October er­folgten neue Eruptionen in Galizien, Dalmation und der Militärgrenzo und auch im Jahre 187(5 gaben die Contumaz-Anstalton Galiziens Gelegenheit zu Einschloppungen der Seuche, die aber keine weitere Ausbreitung gewann.
Von schweren Verlusten durch die Rinderpest war das deutsche Reich 1877 betroffen. Ende December 187G erfolgte die Einschleppung aus Polen durch eingeschwärzto Ochsen nach dem Regierungsbezirk Oppeln. Obwohl die Krankheit am 7. Januar 1877 amtlich constatirt wurde, so hatte das Contagium doch inzwischen in mehrere Ortschaften Eingang getunden. Schon am 4. Januar 1877 gelangten pestkranke Ochsen auf den Viehmarkt zu Breslau, von wo die Seuche zunächst im Regierungsbezirk Breslau sich ausbreitete. Durch den Ankauf inficirter Rinder fand eine Verschleppung nach den Schlachtviohmärkten in Dresden, Berlin und Altona statt.
Rinder, welche im Januar auf dem Schlachtviehmarkte zu Dresden infleirt waren, verursachten eine Verbreitung der Seuche im Königreich Sachsen, in welchen die Kreishauptmannschaften Dresden, Zwickau, Bautzen und Leipzig heimgesucht wurden. Vom Markte zu Dresden erfolgte ausserdem mittels eines Eisenbahntransportes von Rindern die Ver­schleppung der Krankheit nach dem Schlachthofe in Köln und von da nach Nippes und Poll bei Köln. Endlich fand die Krankheit durch einen auf dem Dresdener Markte gestandenen und daselbst inficirten Stier Ein­gang in ein Gehöft zu Ilerzberg im Regierungsbezirk Merseburg.
Nach dem Viehmarkte zu Berlin kamen ebenfalls im Januar 1877 kranke Rinder vom Breslauer Markte. Der Ausbruch der Pest wurde daselbst am 18. Januar festgestellt. Inzwischen hatte sich die Krankheit durch inficirte Thiere, welche zum Export gekauft waren, vom Berliner Markte nach Prenzlau und Stahnsdorf im Regierungsbezirk Potsdam, nach Emden in der Landdrostei Aurioh und nach Gelsenkirchen im Re­gierungsbezirk Arnsberg verbreitet.
Der Ausbruch der Rinderpest in Altona, welcher am 14. Januar con­statirt wurde, ist auf einen Viehtransport zurückzuführen, der in Breslau
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auf dorn Markte gewesen und am 8. Januar vom Berliner Marklo geholt war. Bis Ende Januar waren mehrere andere Gehöfte in Altona und drei Orte des Kreises Pinneberg heimgesucht. Ausserdem verbreitete sich die Krankheit von Altona auch auf das Ilamburgische Gebiet, wo 5 Orte betroffen wurden.
In indireclem Zusammenhange mit dorn Berliner Schlachtviohmarkte stand ein Transport von 84 Schlachlochscn, welche per Extrazug am 20. Februar bei Barmen im Regierungsbezirk Düsseldorf eintrafen und wegen Ausbruchs der Rinderpest getödtet wurden. Wie in der Denk­schrift der deutschen Roichs-Regierung über das Auftreten der Rinder­pest in Deuschland (S. 36) schon mit Recht betont wird, ist nicht als festgestellt anzusehen, dass die unter diesen Schlachtochsen constatirte Krankheit die Rinderpest gewesen ist.
Nachdem der Ausbruch der Seuche, welche durch Vormittolung des Exporthandels sich äusserst schnell nach entfernten Orten vorbreitete, einmal erkannt war, erfolgte die Feststellung der einzelnen Seuchen­gehöfte in kurzer Frist. Mit der den deutschen Behörden eigenen Energie war auch das Tilgungsgeschäft bald erledigt. Am 1. April 1877 konnte die Seuche in Deutschland bereits für erloschen erklärt werden.
Es starben an der Rinderpest 111 Rinder. In Ausführung der Schutzmassregeln mussten theils als erkrankt, theils als der Ansteckung verdächtig 1253 Rinder getüdtet werden. Im Ganzen beträgt demnach der Verlust an Rindern 1304 Haupt. Hiervon kommen auf die proussischen Regierungsbezirke: Potsdam 59, Breslau 222, Oppeln 98, Merseburg 7, Schleswig 219, Aurich 138, Amsberg 18, Köln 78 und Düsseldorf 86; auf das Königreich Sachsen 268 und die freie Stadt Hamburg 175 Rinder.
Mit Ausnahme eines zweifelhaften Krankheitsfalles in Emden wurden Ansteckungen bei Schafen und Ziegen nicht beobachtet. Aus Präventiv-Rücksichten erfolgte die Tödtung von 335 Schafen und 4 Ziegen.
Die genauere Beschreibung der einzelnen Seuchenausbrücho liegt aussorhalb des Rahmens dieser Schrift. Eine specielle Aufzählung der Krankheitsfälle findet sich in der auf Anordnung des Reichskanzlers be­arbeiteten officiellen „Denkschrift über das Vorkommen der Rinderpest in Deutschland während der Jahre 1872 bis 1877 etc.quot;, welcher auch die obigen Angaben entnommen sind. Ich verweise ausserdem auf die Zusammenstellungen von C. Müller.1)
Im Juli 1877 ereignete sich eine neue Invasion der Rinderpest in den Kreisen Beuthen und Tarnowitz (Schlesien). Die Einschleppuug des Contagiums konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Jedenfalls war dieselbe durch eingeschmuggelte Rinder aus Polen bewirkt worden. Nach der amtlichen Festeilung der Krankheit gelang die Ausrottung in
') Mittheil, aus der thierärztl. Praxis. Berlin 1878. S. 71.
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weniger als 3 Wooheu. Es waren nur zwei Ortschal'lon betroffen, in welchen auf G Gehöften 17 Rinder und 4 Ziegen verloren gingen.
Zum dritten Male im Jahre 1877 fand im September eine Einschlep­pung der Seuche nach üoutschhind statt. Aus Oesterreich beschallte Schlachtochsen waren in den Regierungsbezirk Wiesbaden gebracht worden. Mit denselben hatte sich das Pestcontagium in die Ortschaften Geisonheim und Eibingen verbreitet. Die Krankheit wurde in der Stadt Geisenheim erst im October amtlich festgestellt, nachdem sie bereits auf eine grössere Zahl der dicht nebeneinander gelegenen Gehöfte über­tragen war. Durch die in Geisenheim übliche Benutzung der Kühe zum Arbeitsdienste war die Ausbreitung des Contagiums erheblich begünstigt worden, so dass in einem Theile der Stadt sämmlliche Wiederkäuer ge-tödtet werden musston. Der Verlust betrug 129 Rinder, 37 Ziegen und 2 Schafe.
Von Geisenheim hatte sich die Krankheit nach Eibingen übertragen. Wegen des frequenten Verkehrs der Einwohner mit den Nachbarorten liess sich eine vollständige Absperrung der Gehöfte nicht durchführen, weshalb zur schnellen Ausrottung der Seuche sämmtliche wiederkäuende Thiere (81 Rinder, lOö Ziegen und 3 Schafe) in Eibingen auf obrigkeit­liche Anordnung getödtet wurden.
Durch den dreimaligen Einbruch der Seuche in das deutsche Reich innerhalb eines Jahres war die Unzulänglichkeit der bisher an den öst­lichen Reichsgrenzen durchgeführten Abwehrmassregeln klar gestellt. In Folge dessen verfügte die Roichs-Regierung alsbald eine Verschärfung der Vorschriften dahin, dass die Einfuhr von Rindern auch über die österreichisch-deutsche Grenze verboten wurde. Aus Russland durften schon seit dem Jahre 1873 keine Rinder in deutsches Gebiet gebracht werden. Für die Tilgung der Seuche im Inlande hatte die erste Invasion von 1877 den Beweis geliefert, dass der Handel auf den Schlachtvieh­märkten der grosson Städte eine ausserordentlich günstige Gelegenheit zur Verpflanzung des Contagiums nach weit entfernten Orten bieten kann. Mit Recht wird daher in der amtlichen Denkschrift die Nothwendigkeit hervorgehoben, dass nach jedem Ausbruche der Seuche im deutschen Binnenlande die wichtigsten Sohlachtviehhöfe als gefährdete Bezirke zu betrachten und den gesetzlichen Vorschriften gemäss für die Dauer der Gefahr gegen den Abtrieb der wiederkäuenden Thiere zu sperren seien.
Nach England erfolgte im Januar 1877 die Einschleppnng der Seuche von Altona-Hamburg mittels Schlachtvieh, welches in London und Hull gelandet wurde. Bis zum Monat Mai wurden in verschiedenen Ortschaften Seuohenausbrüche ermittelt. Im Ganzen waren 22 Ortschaften betroffen. Der Verlust bezifferte sich auf 1198 Rinder. Von diesen hatte die Krank­heit 863 Haupt befallen, während 835 noch nicht erkrankte Rinder zur
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Tilgung der Seuche getöcltot wurden. Als eine Folge dieser Invasion kann die Umarbeitung des Thiersouchengesotzos für Grossbritannien und Irland angesehen worden. In der neuen Fassung wurde das Gesetz (Contagious Diseases [Animals] Act. 1878) unterm IG. August 1878 er­lassen. Dasselbe ertheilt dem Privy Council eine fast unbegrenzte Er­mächtigung zur Anordnung von Massregeln behufs der Abwehr und Tilgung von Viehseuchen.
Oestorreich-Ungarn blieb, nachdem Ende December 1876 die Seuche in den Contumaz-Anstalten Galiziens zum Aufhören kam, in der ersten Hälfte des Jahres 1877 von einer Invasion verschont. Im August fand aber schon von Neuem ein Einbruch der Krankheit in Galizien statt. Zu derselben Zeit trat die Seuche auch an 3 Orten der Bukowina im Bezirk Czernowitz auf. Sie verbreitete sich nach Mähren, Böhmen und Niedorösterreich. Den grössten Umfang erreichte sie in Galizien, woselbst im October noch 32 Orte heimgesucht waren. Während Mähren und Niederösterreich bald wieder seuchefrei wurden, kam in Böhmen die Krankheit auch im Jahre 1878 noch wiederholt zum Ausbruch. Im Fe­bruar 1878 herrschte dieselbe an 14 Orten der Bukowina, an 2 Orten Galiziens und in 3 Comitaten Ungarns; im April trat sie in Siebenbürgen auf. Böhmen konnte im März 1878 als seuchenfroi erklärt werden. Da­gegen kam die Rinderpest in den anderen Ländern das ganze Jahr hin­durch nicht zum Aufhören. Namentlich waren Ungarn, Dahnatien und die Militärgrenze von erheblichen Verlusten betroffen.
In Russland erlangte die Rinderpest 1877 eine weite Verbreitung, so dass sich die preussischo Regierung zur strengsten Ueberwachung des Grenzverkehrs genöthigt sah. Ausserordentlich wurde die Ver­schleppung des Rinderpost-Contagiums durch den russisch-türkischen Krieg 1878 begünstigt. Schwere Verluste an Rindern hatten Rumänien, Serbien und die europäische Türkei zu beklagen. Es bedarf keiner näheren Begründung, dass die Seuche während der Dauer des Krieges nicht zum Aufhören kam. Nach den „Veröffentlichungen des Kaiserl. deutschen Gesundheitsamtsquot; verbreitete sich die Pest von Saloniki bis Konstantinopel, sowie im Innern von Anatolien. Im Gouvernement Galli-poli soll der Rindviehstand durch die Verheerungen der Seuche um 90 Procent verringert worden sein. Ebenso wurde über erhebliche Ver­luste aus der Umgegend von Philippopel berichtet.
Im russischen Reiche erstreckte sich im Mai und Juni 1878 die Krankheit über 15 Gouvernements, von welchen Simbirsk, Cherson und Wladimir am meisten zu leiden hatten.1) Auch im Jahre 1879 erlangte die Seuche in Russland eine grosse Verbreitung; sie herrschte in 37 Gou­vernements.2)
') Vergl. „Veröffontlichungon des Kaiserl. Deutschen Gesundheitsamtes.quot; 1878. laquo;) Ibidem. 1879 S. 285.
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Nach den amtlichen Mitlhoilung'en der englischen Regierung1 ist im September 1878 die Rinderpest im Königreich Italien (Provinz Neapel) zum Ausbruch gekommen.
Magere Rinder, namentlich Ochsen hatten während der letzten Jahre in Preussen beständig einen weit höheren Preis, als in Russland. Es liegt auf der Hand, dass dieser Unterschied im Werthe eine unwidersteh­liche Anregung zur widerrechtlichen Einschwärzung von Rindern über die russisch-preussische Grenze sein nnisste. Trotz aller Präventiv-Mass-nahmen der preussischen Behörden konnte das Schmuggel-Geschäft nicht vollständig verhindert werden. Im November 1878 herrschte die Rinder­pest in den der preussischen Grenze benachbarten russischen Gebieten nicht. Es waren aber nach den amtlichen Erhebungen in verbetwidriger Weise Rinder nach Ostproussen aus russischen Landestheilen bezogen, welche ziemlich weit von der preussischen Grenze entfernt sind. Hier­durch kam die Seuche zunächst nach Stallupönen (Ostpreussen), wo sie am 28. November 1878 amtlich constafirt wurde. In Folge sofortiger Anwendung der gesetzlichen Schutzmassrogeln blieb die Krankheit auf die Stadt Stallupönen beschränkt, in welcher 8 Gehöfte betroffen wurden. Es starben 8 Rinder und 203 — von welchen oG erkrankt waren — wurden auf polizeiliche Anordnung getödtet1)
Zu derselben Zeit — am 19. November — erfolgte auf dem Bahn­hof Stallupönen die Verladung von 17 Rindern, welche aus mehreren Ortschaften in dem gleichnamigen Kreise aufgekauft waren. Diese Thiere, welche in Stallupönen den Ansteckungsstoff der Rinderpest in sich auf­genommen haften, kamen mittels der Eisenbahn am 21. November nach Vietz und Neudamm im Regierungsbezirk Frankfurt a. 0. Nachdem im letztgenannten Orte zwei Thiere veräussert waren, wurde der Rest behufs Vermittelung des Einzelverkaufs durch eine grössero Zahl von Ortschafton im Oderbruch getrieben. Die hiernach noch übrigen 12 Ochsen gelangten am 27. November auf den Viehmarkt zu Güstrin, woselbst sie mit 22 s^nnz unverdächtigen Ochsen zusammengebracht wurden. Theils durch die auf dein angedeuteten Fusstransport abgegebenen und theils durch die in Güstrin verkauften Thiere wurde eine weite Verbreitung der Seuche ver­ursacht. Im Regierungsbezirk Frankfurt trat dieselbe in 8 Kreisen auf; sie wurde in denselben an 56 Orten festgestellt und in 3 Orten erfolgte ausserdem die Tödtung von Rindern behufs Verhinderung der Ansteckung. Am meisten waren die Kreise Königsberg, Lebus und West-Sternberg des Frankfurter Bezirks heimgesucht.
Im Regierungsbezirk Potsdam ereigneten sich an 5 Orten dos Kreises Ober-Barnim und an 1 Orte des Kreises Nieder-Barnim Ausbrüche der Rinderpest.
') „Dritter Jahresboricht dorlvönigl. tochnischon Deput. für das Veterinärwcson über die Verbreitung ansteckender Thlerkrankheiten in Proussen.quot; Berlin 1871).
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Der liegiorung'sbozirk Merseburg ist bei dieser Invasion mit 3 Orten im Kreise Schweinitz und mit 2 Orten im Kreise Merseburg betheiligt.
Der Gesammtvorlust beziffert sich auf 88 an der Rinderpest gefallene und 2261 auf polizeiliche Anordnung getödtote Rinder. Von den letzteren waren 455 Haupt bereits offenkundig erkrankt. Den Regierungsbezirk Frankfurt traf ein Verlust von 1981 Rindern, während der Regierungsbezirk Potsdam 158 und der Regierungsbezirk Mersoburg 210 Rinder einbüssten.
Es mussten ausserdem aus voterinärpolizeiliohen Gründen 1326 Schafe und 395 Ziegen getodtet werden. Am 6. März 1879 war nach der Be­kanntmachung des Reichskanzlers die Seuche im ganzen Reichsgebiete erloschen. —
Hinsichtlich des speciellen Seuchenganges bei dieser denkwürdigen Invasion verweise ich auf den bereits citirten dritten Jahresbericht der technischen Deputation für das Veterinärwesen.
Die verbotwidrige Einführung von wiederkäuenden Thieren über die Landesgrenze war zwar nach den gesetzlichen Vorschriften in Deutsch­land mit schweren Strafen bedacht und mehrere bei dem vorerwähnten Rinderpest-Einbruch des Viehschmuggels überführte Personen wurden durch schwurgerichtliches Erkenntniss zu längeren Zuchthaus- oder Go-fängnissstrafen, sowie zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verur-theilt. Dessungeachtet fand die Landwirthschafts-Verwaltung in Preusson die erheblichen Interessen, welche bei der Invasion der Rinderpest auf dem Spiele stehen, durch die Strafgesotzgebung nicht genügend gewahrt. Namentlich erklärte das Landwirthschafts-Ministerium die Vorschrift im sect; 328 des Strafgesetzbuchs für das deutsche Reich deshalb für ungenü­gend, weil in derselben die Bestrafung davon abhängig gemacht ist, dass dem Beschuldigten das Bewusstsein von der Strafbarkeit seiner Handlung nachgewiesen wird. Zur Beseitigung der Unvollständigkeit in den straf­rechtlichen Vorschriften wurde das „Reichsgesotz, betreffend Zuwider­handlungen gegen die zur Abwehr der Rinderpest erlassenen Vieh-Ein­fuhrverbote'- vom 21. Mai 1878 erlassen.1)
Die aus Oesterreich-Ungarn im Januar 1879 publicirton officiellen Nachrichten ergeben, dass die Rinderpest an 18 Orten in Dalmatien und an einzelnen Orten in der Bukowina, Galizien, Ungarn und der Militär­grenze herrschte. Schon gegen Ende des Jahres 1878 hatte die Seuche in diesen Ländern eine grosse Verbreitung erlangt. Die Eruptionen der Krankheit vermehrten sich, besonders in Galizien, während der ersten Monate 1879. Auch Bosnien war in Folge des Krieges zu dieser Zeit
') Vorgl. Boy er. Roichsgesetzo und Proussische Landosgosotze über die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen etc. 2. Aufl. Berlin 1886. S. 259.
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schwor hoimg-esuoht und im April 1879 trat die Seuche wieder in Böhmen auf. Sie wurde hier zwar bald unterdrückt, erhielt sich aber bis Februar 1880 in Kroatien und der Militärgrenze. Durch Rinder, welche auf kroatischen Märkten gekauft waren, erfolgte im November 1879 die Ein­schleppung der Krankheit nach Krain und Steiermark. Nach amtlichen Mittheilungon waren zu jener Zeit in Krain 47 Ortschaften, in Steier­mark 16, im Küstenlande 1, in Kroatien und Slavonien 9 und in der Militärgrenze 14 Ortschaften betroffen. Ungarn dagegen war seuchefrei. Die Tilgung der Krankheit gelang erst, nachdem die österreichischen Behörden sich entschlossen hatten, die Tödtung aller kranken und der Ansteckung ausgesetzt gewesenen Rinder anzuordnen und diese Mass­regel mit rücksichtsloser Energie unter militärischer Beihülfe durchführen zu lassen.1)
Aus den Gebieten der Türkei erfolgte Anfangs 1879 die Einschleppung der Seuche einerseits nach Bulgarien und Serbien, woselbst die Tilgung erst im folgenden Jahre gelang, anderseits nach den Inseln Cypern, Rhodos und Mauritius.
Nachdem die Bukowina und Dalmatien 1880 von der Rinderpest in erheblichem Umfange heimgesucht waren, ereignete sich vom September bis November 1881 eine grössere Zahl von Ausbrüchen derselben in Niederösterreich.2) Die Verschleppung des Contagiums wurde durch den Schlachtviehmarkt zu Wien vermittelt. Den Gesammtverlust berechnet Werner nach amtlichen Feststellungen auf 3054 Rinder, 48 Schafe und 93 Ziegen. — Zu derselben Zeit wurde die Seuche auch in einigen Ort­schaften Ungarn's constatirt,;i)
Seitdem die Einfuhr von Rindvieh aus Russland und Rumänien in die österreichisch-ungarischen Länder 1882 verboten ist, hat sich die Gefahr der Rinderpest-Einschleppung wesentlich verringert. In Galizien waren 1882 drei Ortschaften und in der Bukowina 1883 ebenfalls nur drei Ortschaften betroffen.
Das deutsche Reich ist zuletzt im Jahre 1881 von einer Rinderpest-Invasion betroffen worden. Am 5. December 1881 wurde die Seuche in der Provinz Schlesien constatirt. Sie verbreitete sich auf 8 Ortschaften mit 17 Gehöften der Kreise Waidenburg, Landshut und Bolkenhayn. Ihre Tilgung gelang bis zum 21. Januar 1882. Die Einschleppung hat nicht aufgeklärt werden können. In Ermangelung eines bestimmten Anhaltes wurde die Einsohmuggelung von inficirtem Schlachtvieh aus
') Vorgl. Voröffentlichungon dos Kaiser!. Deutsch. Gesundheitsamtes III. Jahr­gang 1879.
2)nbsp; Vorgl. Womer. Die Rinderpest in Nieder-Oesterroich; in Koch, Oester-reich. Monatsschr. 1882 S. 53.
3)nbsp; Vergl. Krausz. Oestorroich. Monatsschr. 1882 S. !)0.
17raquo;
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Polen oder Oesterreich vormuthet. Der Gesammtverlust betrug 156 Stück Rindvieh, 2 Schafe und 14 Ziegen.1)
Ueber die relativ starke Verbreitung der Seuche in Niederl. Ostindien (auf den Inseln Java und Sumatra) hat Wirtz2) berichtet.
In Russland hat die Rinderpest von 1880 bis 1889 bald in sehr grosser, bald in geringer Verbreitung geherrscht und eine ungeheure Zahl von Rindern weggerafft.3) Nach amtlichen Angaben verendeten 1887 in den Gouvernements Irkutsk, Gherson, Baku, Astrachan und im Gebiete der Don'schen Kosaken 15 600 Thiere an der Seuche. Erst als die Tödtung der kranken und verdächtigen Rinder im europäischen Russ­land allgemeiner zur Anwendung kam, verminderten sich die Ausbrüche sichtlich. Zur Anordnung dieser Massregol sind die Behörden in Russ­land durch das Gesetz vom 3. Juni 1879 ermächtigt.
Obwohl die Verbreitung der Seuche durch Ansteckung nicht mehr in Frage steht, so sind die russischen Fachgelehrten über die Möglich­keit der originären Entstehung doch immer noch verschiedener Meinung. Semmer4) spricht sich nach Prüfung der erfahrungsgemäss festgestellten Verbreitungswoge dahin aus: „Somit deuten alle Quellen auf das Schwarz­erdegebiet des europäischen Russland als auf die Heimat der Rinderpest hin. In der That herrscht die Rinderpest dort beständig, fast ununter­brochen. Dass sie auch dort durch Ansteckung sich verbreitet, ist miss-verständlich und daher stammt die irrthümlicho Ansicht, sie entwickele sich auch dort nicht spontan.quot; Weiterhin erklärt Semmer sein Einver-ständniss mit der Anschauung von Sergejew, welcher sich, wie folgt, geäussert hat: „Das Rindorpostcontagium entwickelt sich im Boden der Schwarzerde (in Form kleiner mikroskopischer Agentien, Pilze), besonders nach reichlichem Regen, ähnlich wie die Sümpfe einiger Gegenden das Milzbrandcontagium zu entwickeln im Stande sind.quot;
Hiernach geht die Ansicht von Sergejew und Semmer dahin, class das Rinderpcstcontagium für die Schwarzerde-Districte ein facul-tativer Parasit ist. Meiner Meinung nach ist diese Hypothese in Er­mangelung bestimmter bacteriologischer Aufschlüsse und Culturversuche nicht annehmbar.
Semmer (1. c. S. 161) konnte seine Vermuthung, dass das Contagium der Rinderpost durch Erwärmung des Vehikels zu mildern sei, durch
') Vergl. dio Darstellung von C. Müller im Archiv für wissensollaftl. und prakt. Tlüerheilk. Bd. VIII. S. 195.
2) Jahresberichte von Ellenberger-Schütz von 1882—1889
8) Vorgl. die „Voröffontlichungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtesquot; zu Berlin — sowie die Referate in den Jahresborichten von Ellenbergor-Sohütz.
') Prof. E. Sommer. Die Rinderpest und das Rinderpost-Contagium. In Koch's Revue für Thiorhoilk. olo. 1881 S. 65.
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oxporimentello Feststellungen nicht zum Abschluss bringen, weil ihm die Mittel nicht bewilligt wurden. Er fand aber, dass das Contagium in einer bis auf 55,0deg; C. erwärmten Blutprobe seine Keimfähigkeit verloren hatte.
Die Frage, ob die Rinderpest sich analog der Milzbrand-Aotiologie unter dem Stoppenvieh in Russland spontan entwickeln könne, steht bei den russischen Veterinären auch jetzt noch im Vordergrunde. Feldt-mann in Moskau hat die Möglichkeit dieser Entstehung bejaht,1) ohne indoss Überzeugende Gründe beizubringen.
Für die Bekämpfung der Seuche empfiehlt derselbe, das europäische Russland durch eine Demarcationslinie in einen nördlichen und südlichen Theil zu trennen. In die nördliche Region soll Steppenvieh nur per Eisenbahn und nach einer zehntägigen Quarantaine eingelassen werden, während im südlichen Theil das Treiben der Heerden nur auf den obrig­keitlich angewiesenen Wegen zulässig sein soll. Ebenso seien Vieh-märklü und Weideplätze für grosse Steppenheerden ausschliesslich von der (iouvernements-Verwaltung zu bestimmen. — Bis jetzt ist die russische Regierung der Verwirklichung dieser Vorschläge nicht näher getreten.
Die bacteriologische Erforschung des Rinderpest-Contagiums, welche von mehreren Seiten in Angriff genominen wurde, ist zu einem endgültigen Ergebnisse bislang nicht gediehen. Ein diesen Gegenstand zusammen­fassendes Referat hat Zürn (die Schmarotzer etc. 2. Aufl. Theil 11. S. 637. Weimar 1889) mitgetheilt.
Klebs,2) der sich auf seine 1871 in der Schweiz gemachten Studien bezieht (vergl. S. 240), betrachtet einen durch die relativ bedeutende Grosse charaoterisirten „Mikroooccus pestis bovinaoquot; als die specifische Ursache. — S e in m e r , welcher bereits 1874 im Blute rinderpestkranker Thiere Mikrokokken fand, unternahm 1883 im Verein mit Archangelski Culturversuche. Es wurden Culturen des Micrococcus in Bouillon und Fleischextractlösung hergestellt; ein mit dieser Cultur geimpftes Kalb verendete 7 Tage später an der Rinderpest.3) Nach Saweljow4) ist der Mikroorganismus der Rinderpest ein aerober Bacillus mit Arthrosporen. Die von anderen Forschern beschriebenen Mikrokokken, Bacillen und Spirillen worden für verschiedene Entwiokolungsstufen des „Rinderpest-
') Vergl F. Feldtmann: Der gegenwärtige Standpunkt der Rinderpostfrage in Russland. In: Koch's Oesterroich. Monatsschr. l.SSfi S. 43.
2) Vergl. den Aufsatz „Zur Bekämpfung dor Rinderpest in Niedor-Oesterreichquot; von Prof. Dr. Klebs (Allgem. Wiener modicin. Ztg. 1881). — Rof. von Koch, Revue für Thierheilk. otc. 1881. 8. Ifi8.
•r) Vergl. das Referat in Ellonbergor-S chütz Jahrb. 188-1.
') Zur Morphologie der Rinderpestmikroben; im Petersburger Archiv f. Votorinärmodicin 188(j. — Rof. von Sommer im Jahrb. von Ellenborgor-Sohütz. 1887.
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bacillus- erklärt. Motschnikoff und Gamaleia1) fanden im Labmagen pestkranker Rinder reichliche Ansiedelung'en von mehr oder weniger kurzen Bacillon mit abgerundeten Enden, welche zu läng-eren leptothrix-artlgen Fäden auswaohsen können. Im Blute waren diese Baoillen auch nachzuweisen, aber nur spärlich und nicht constant. Auf künstlichen Nährböden sollen sich die Rinderpestbacillen ähnlich verhalten, wie die Baoillen des menschlichen Abdominaltyphus. Durch Uebertragung der reincultivirten Baoillen will Gamaleia bei Kälbern die Erscheinungen der Rinderpest hervorgerufen haben.
Im wissenschaftlichen Interesse ist die Fortsetzung der baoterio-logisohen Studien über das Rinderpestcontagium wünschenswerth. Für die Praxis in der Veterinärpolizei dürfte indess ein wesentlicher Gewinn von der Möglichkeit der künstlichen Cultur des Ansteckungsstoffos kaum zu erwarten sein. Vor wie nach liegt in der Geschichte der Rinderpest für die westeuropäischen Staaten die ernste Mahnung: allezeit durch strenge Prohibitiv-Massregeln dem Einbruch der Seuche die Landes­grenzen zu verschliessen und durch Förderung der Rindviehzucht im Inlande den Import von verdächtigem ausländischen Vieh entbehrlich zu machen.
!) Ref. von Baumgarten: Jahresbericht über die Fortschritte in der Lehre von den pathogonen Mikroorganismen. Bd. III. 1S88. S. 267.
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Sacliliche Nachweisunffen.
I. Zur Nomenclatur und Definition der Rinderpest. A. Generelle Bezeichnung der Krankheit als „Seuchequot;.
a) Deutsche Benennungen!
Viehseuche, geraeine V., grosse V., wahre V., #9632;wirkliche V. (holländisch: Veeziekte); Vichpresten; Yiehsterben, gemeines V. (holländisch: Vee-sterfte, Sterfte onder hot Rundvee); Viehumfall; Hinfallen des Viehs; Hornviehseucho; Rindviehseuche; Rinderseuche; Viehstaupe; Rindvioh-staupe; Viehpest; Rindviehpest; Rinderpest.
b) Lateinische Benennungen:
Contagio (Plenoiz).......................;i8
Contagion (König Friedrich I.)................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; (!1
Epidemia contagiosa boum (Ramazzini)..............iS
Krabra (ö y,fid(3plaquo;) — griechische Bezeichnung aus dorn 10. Jahrhundert . . II
Kraukos {-o xpaüxoj) — Aristoteles................ II
Lucs animalium (englische Autoren aus dem 10. Jahrhundert)......27
Lues contagiosa bouilla (Gölicke).................;{8
Lues boum (Fr. Hof fmann, de Boetticher) . . .......38. 59
Lues bovina (Plenciz)..........nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; .....nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; . 88
Lues vaccarum (Salzer. Manch ard).......nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; .....38. 59
Maladie epidömiquo des Booufs (de Sau vages)nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp;.........38
Morbus boum contagiosus (Langguth)......nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ........87
Mortalitas boum (Fuld. Ann.)..........nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ........27
Pestilentia infamis (Livius)..........• , .nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; .... 13
Pestilentia boum (Columella, Vegetius, Fuld. Ann.)......18. 22. 26
Pestis boum (Kanold).....................46
Postis bovilla (Lanzisi).................nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; . 51
Struma (Gaza in der Ueborsetzung von Aristoteles' Werken)......10
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Koite
B. Anatomische Benennuagon.
Grossgallo; Anstockonde postilonziiilischo Uoborg'iillo (Toxtor).....nbsp; nbsp; nbsp; (!.r)
Gallonsoucho (Hup el)......................nbsp; nbsp; 116
Gallonflobor..........................nbsp; nbsp; 132
Luiigensucht — Puhnonio —Lungensoucho, Lungonprosten (von Hiillor) 104.nbsp; 107
Epidemische Peripncumonio (Gloditsch)..............nbsp; nbsp; 112
Bösartige brandige Bräune (Lohror-Collegiuni zu Alfoi'tJ........nbsp; nbsp; 11!)
LöserdQrre (Wolstein).....................nbsp; nbsp; 144
Magenseucho (Wolstein)....................nbsp; nbsp; 144
Anstockoiule Magcusouclio (Keck)...... .........nbsp; nbsp; 159
Bösartiges Magenfieber.....................nbsp; nbsp; 132
C. Symptomatischo Bononnungen.
Acuter Katarrh der Schleimhäute (Go hi or).............nbsp; nbsp; 187
Ansteckende Ruhr (von Fischer, Vitet).............8.5.nbsp; 130
Bösartige Ruhrsouche (Schroeck).................nbsp; nbsp; nbsp; 51)
Bösartiges Ruhrfieber (Lorinser) .... ............nbsp; nbsp; 187
Dysenteria raaligna (Schroeck).....,......... . .nbsp; nbsp; nbsp; 69
Fliessende Pest (Sächsische Bezeichnung im 17. Jahrhundert) . ....nbsp; nbsp; nbsp; 35
Fluxus interanoorum (Englische Bezeichnung im 10. Jahrh.).......nbsp; nbsp; nbsp;27
Ruhrpest (Busch).......................nbsp; nbsp; 14(!
Seuche mit dem Durchfall (von Fischer).............nbsp; nbsp; nbsp;85
Soitta (Englische Bezeichnung im 10. Jahrhundort)..........nbsp; nbsp; nbsp;27
D. Deutung der Rinderpest als „Fieberquot;.
Anhaltendes bösartiges Pestfieber (Schnitzer)............nbsp; nbsp; nbsp;33
Pestilenzialischcs tödtliches Fieber (Ramazzini)...........nbsp; nbsp; nbsp;48
Gallioht-entzündliches Faulflober von eigener Art (Graoter) , . . . .nbsp; nbsp; 149
Galliges Entzündungsfiober (Grognier)...............nbsp; nbsp; 148
Bösartiges asthonischos Norvenfiober (von Schal lern)........nbsp; nbsp; 152
Bösartiges Faulfiebor (Ulmann)..................nbsp; nbsp; nbsp;90
Faule und pestartige Krankheit des Viehes (Opitz)..........nbsp; nbsp; nbsp;96
Faulungsfieber (Camper)....................nbsp; nbsp; 106
Ansteckendes bösartiges opidomischos und faules Fieber (P. G. Meyer) .nbsp; nbsp; 112
Ansteckendes Faulfieber (Vicq d'Azyr)..............nbsp; nbsp; 127
Bösartiges Entzündungs-Fiober (Goelicke) .nbsp; nbsp; nbsp; nbsp; ..........64. 93
Anhaltendes entzündliches Fieber (Klemm).............nbsp; nbsp; nbsp;67
Ansteckendes, zur Entzündung, Fäulniss und Ruhr geneigtes Fieber (J. S.
Albrecht).......................nbsp; nbsp; nbsp; 69
Bösartiges ansteckendes Flockfieber (Ohomel)............nbsp; nbsp; nbsp;72
Bösartiges anstockendes und entzündliches Fieber (Maucliard).....nbsp; nbsp; nbsp; 72
Hitziges pestilenzialisches Ausschlagfieber (Blendet).......#9632; .nbsp; nbsp; nbsp; 76
Bösartiges Fieber mit Ausschlag (Layard).............nbsp; nbsp; nbsp;78
E. Deutung der Rinderpest als Pocken.
Bösartige postilenzialischo Pocken (Potite-verolo maligne et postilentiollo)
— Gesollschaft der Aorzto zu Genf —............49. 58
Blatterfleber (Uden)......................nbsp; nbsp; 132
Pockenexanthem (Murchison)..................nbsp; nbsp; 227
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Seite
Pockenseucho — Epizootio variolouse — (Vicq d'Azyr)........126
Pockonpest — Pesto varioleuso — (Vicq d'Azyr) ..........120
Pockenartige Krankheit — Cachoxio varioleuse — (Dupuy)......179
F. Deutung1 der Rinderpest als Typhus.
Wahrer Typhus (von Sohallern).................152
Ansteckender Typhus des Rindviehs (Mozler, Guorsent).....153. 179
Typhus (Floischmann)....................154
Asthenischor Typhus (Kock)...................159
Typhus (von Hildonbrand, Veith, Bochdalek, B'ranz Müller) 171. 184.
191. 192
Typhus dysentericus boum (Lorinser)...............187
Typhus abdominalis contagiosus (Spinola).............193
G. Bezeichnung der Rinderpest nach dem Heimathlande. Ungarische Rindorseuche — Epizootio bos-hongraiso — (Buniva) .... C7
II. Uebertragung der Rinderpest:
auf Ziegen und Schafe..........19. 74. 178. 206. 207. 208. 209. 216
auf wildlebende Wiederkäuer in Thierparks..........93. 223. 224
III. Zur Symptomatologie und Pathogenese:
Emphysem der Haut......................74
Aalhaut...........................194
Erosionen der Maulschleimhaut..................170
Erhöhung der Körpertemperatur...............120. 219. 224
Erkrankung der Peyer'schen Haufen................191
Discussion über croupöse, diphthorische oder desquamative Prozesse in der
Magen- und Darmschleirahaut.......197. 201. 205. 210. 211. 227
IV. Zur Aetiologie:
Pathogone Mikroorganismen..............221. 240. 260. 261
V. Zur Massregel der Quarantaine:
Wald-Quarantaine....................63. 170. 175
Geleit-Quarantaine (Begloit-Quarantaine)............162. 173
Grenz-Quarantaine...........164. 186. 213. 214. 229. 230. 233. 234
Provinzial-Quarantaine.....................164
VI. Zur Frage der Rinderpest-Impfung:
80-82. HO. 115. 132-143. 147. 159. 175. 185. 187. 197. 199.204. 209. 220.
221. 227. 228. 241. 246. 247
VII. Zur Entschädigung der an der Pest gefallenen Rinder durch
Zwangs-Versicherung................165. 166
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Namenregister.
A.
Aaskov 89.
Abildgaard 40, 62, 96, 118, 134, 140.
Ackermann 40, 151.
Adam 212, 237, 238, 239, 244.
Adami 40, 96, 142.
Agobard 26.
Ahrens 71.
Albert 149.
Albrecht, C. 231.
Albrecht, J. S. 69.
Alexander II. 228.
(Kaiser.)
Alta s. Elko Alta.
Ambrosius 23.
Anacker 239.
d'Arboval s. Hurtrel d'Arboval.
Archangelski 261.
Aristoteles 8, 10, 21.
Augustin 94.
Avf5o 206.
d'Azyr s. Vicq. d'Azyr.
Bernstorf, Graf von 118.
Bevilacqua 209.
Bowley 81.
Beyer 258.
Bidder 184.
Bleiweiss 207.
Blendet 76.
Bochdalek 191.
Börner 89.
Boetticher, de 38.
Bojanus 41, 180.
Bollinger 239.
Bongiovauni 143.
Bottani 35, 67.
Bouley 217, 225, 238, 239.
Bourgelat 119, 120.
Braueil 196, 205, 227.
Brown 221.
Bruhns 72.
Bruckmüllor 201, 210, 226, 228.
Buchwald, von 71.
Budzsinski 207.
Bülow, von 40, 135, 136.
Buniva 40, 67, 145, 151.
Busch 146.
c.
Camper 7, 17, 26, 39, 64, 81, 95, 104,
107, HO, 133. Cat, Lo 95. Cathcart, Lord 219. Cato 11. Celsus 9, 16. Chicoli 208. Chomel 72.
B.
Baroniuraquo; 23. Barrasch 194. Bates 88, 43, 61. Bealo 220, 221. Beaufort, de 120. Beaumont 151. Beling 175. Bellerocq 120. Berg, de 128. Borger 229. Bergius 115.
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Clemens XL 44,
(Papst) Clerc, Le 38, 79. Cogrossi 55.
Columella 8, 9, 14, 50, G7. Cotheniua 82, 8G, 98, 113, 118. Courtivron, de 38, 75, 80. Crolinger 172. Crisp 217.
D.
Deho 151.
Desplat 151.
Dlaubry 205.
Doazan 120.
Dodson 81.
Doevern, van 133.
Dressier 202, 233.
Drouin 81.
Dufot 120.
Dupuy 37, 39, 177, 179.
E.
Eberstaller 192.
Eckartshausen 148.
Eokol 191, 192, 196, 204.
Eichhorn 148.
Elko Alta 105, 133.
Ellius 89.
Emmius 29.
Engelmann 111.
Ens 78.
l'Epine, de 72.
Ercolani 1.
Erdt 188.
Erxlebon 39, G3, 75,80, 101, 112, 118, 133.
Friedrich Wilholml.61,118. (Könifc'.)
Friedrich d. Grosse 104,131.
(König.)
Friedrich Franz 175.
(Giossherzog von Mocklenb.) Friedrich 13G.
(Herzog von Mocklenb.) Fuchs, Chr. J. 213. Fuchs, Ph. 224, 225. Fürstonberg 215, 217, 222, 223, 227.
G.
Galambos 206. CJalonus 20. Gallosky 39, 68, HG. Gamaleia 262. Gamgeo 106, 215, 219, 222. Gazola 57. Georg II. 68, 97. (König von England.)
Gerlach 196, 212, 213, 215, 217, 223, 229,
231, 234. Gessner 11. Gleditsch 39, 112. Goolicke 38, 62, 63. Göring 232, 239. Gohier 41, 178. Gohl 38, 62. Graetor 149. Graf 148. Grashuis 81.
Gregorius von Tours 25. Grognler 178. Guersont 179. Guillo 58. Guyot 120.
H.
Hagek von Libotschau 28.
Hahn 231, 237.
Halbcrstädter 146.
Halitzki 227.
Haller, von 39, 103, 104, 105, 116.
Hannaeus 71.
Hartmann 232.
Hasen 69, 91.
Haubner 235, 249.
Hauonschild 181.
Haupt 182, 184, 189, 200.
Haveraann 159.
Hay no 197.
Fantasti 57.
Paust 40, 94, 95, 144, 145, 150, 172.
Pauvet 209.
Peldtmann 261.
Porraris, de 57.
Pischer, von 38, 68, 85.
Fleisohmann 40, 154.
Plorow 188.
Pracastori 31.
Prank 156.
Pranquo 95, 145, 177.
Pronzol 155.
Priedrich I. 61.
(KönigO
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Heckmoier 22!!. Helene Pawlowna 199.
(Grossfürstin).
liend orson 242, 246.
Hengeveld 222, 223.
Henzen 1.
Hering 166, 167, 168.
Hornant 08.
Plortwig 189, 213, 235.
Heusinger 7, 17, 32, 85.
Hildenbrand, von 171.
Hippokrates 20.
Hoffmann, Fr. 59, 60, 118.
Hofrichter 185.
Holberg 70.
Hoven, von 40, 145, 148.
Hiickol 72.
Hiipsch, von 131.
Hufeland 153.
Hupol 116.
Hurtrol d'Arboval 178.
Huxham 119.
Huzard 151, 177, 178.
Lackmann 71.
Lamotto 137.
Lancisi 37, 44, 51.
Lange 58.
Langguth 87.
Laomedon 8.
Larrey 150.
Laubendor 37, 155, 167.
Layard 38, 68, 78, 81, 97.
Lazardo 89.
Leblano 225.
Leicester, Lord 216.
Leisoring 222, 223, 227, 231, 249.
Lemaitre 209.
Lentin 130.
Lessor 71, 89.
Lessona 195.
Liebcrkiihn 78.
Livius 10, 13.
Lorinser 33, 112, 182, 185, 186, 194.
Lucretius 57.
Lüthens 204.
Lundberg 208.
Lux 41, 162.
M.
Malouin 76. Mangel 58. Marcet 220. Maresch 206. Maria Theresia 98.
(Kjiiseriu.) Marschal 40. Mauchart 38, 72. Medwedsky 196, 247. Metschnikoff 262. Meyer, F. G. 112. Mazier 40, 146, 152. Micbolotti 57. Mitchill 117. Moorike 149. Molinetto 50. Mortimer 38, 68.
Müller, C. 202, 224, 225,231, 233,237, 254. Müller, Franz 191, 203, 226, 231, 232. Miinch 91. Münnicks 110, 133. Mulder 223. Muralt, von 58. Murchison 220.
Jaonisoh 39. Jansen 77.
Jessen 182, 184, 188, 196, 198, 204, 211, 227, 241, 246, 247.
K.
Kannengiossor 71.
Kanold 33, 37, 42, 45, 56, 58, G4.
Karsten 41, 161, 175.
Kausch 41, 146, 170.
Keck 10, 41, 92, 159, 160, 179.
Korsting 91, 137, 138.
Klebs 240, 261.
Klomm 66, 67, 73.
Koch 200.
Koczian 39, 92.
Kühne 213, 237.
Körber 189.
Kool 81.
Koziorowsky 249.
Krausz 259.
Kriinilz 1.
Kühnort 249.
Kühnst 89.
Kuhlmann 194.
ocr page 279
— 209 —
N.
Nadhorny 191. Namsler 41, 181. Needham 114. Nigrisoli 57. Normann 76. Northington, von 97. Nosemann 81. Nottelmann 58.
0.
Oertzen, von 40, 96, 134, 135. Oreste 239. Osiander 148. Outhof 36, 60. Ouwons 70.
Ripamontius 35.
Roll 196,1!)?, 201,203, 227.
Rösing 109, 114.
Roloff 211, 227.
Rosorus 168.
Ruoi'f 222, 227.
Rumpelt 31, 75, 87, 95,130.
S. Sagar 130.
Salchow 81, 86, 92, 132, 138, 187. Salzor 59. Sanderson 220. Sandifort 115. Sauter 154. Sauvages, do 38, 73. Saxo 30. Saweljew 261. Schallorn, von 152. Schonkius 33. Schlicht 233. Schlumpf 154. Schmid 161.
Schmiederer 148, 161, 176. Schmulewitsch 250. Schnitzer 33, 48. Sclmurrer 7, 28, 29, 30, 32. Schroock 59. Schumacher 40, 13G. Schwabo 148. Schwarzkopf, von 145. Schwenke 81. Seer 182. Seifmann 207. Semmor 196, 248, 260, 261. Sergejew 200. Severus Sanctus 24. Sick 41, 143, 144,162, 169, 173, 179, 182,
183. Simonds 204, 215, 217, 221. Snellon 223. Spangenberg 27, 28, 30. Sperander 71. Spinola 182, 189, 193. Stadelmann 61. Stahl 67. Stark 245. Steinhoff 161, 175. Stell 149, 153. Stolto 134. Struonsoo 90.
Palmer 210.
Papa 209.
Papi 208.
Paulet 7, 9, 32, 37, 43, 49, 67, 88, 89,129.
Pelagonius 9.
Peretti 209.
Pessina 40, 160.
Petorka 187.
Pllug 231.
Pilger 163.
Plank 1.
Plenoiz 38, 88.
Plinius 9.
Ploucquet 148.
Plutarch 10.
Ponzi 209.
Prietsch 231.
Prinz 185.
Pritohard 220.
Pruner 195.
Pütz 240.
11.
Ramazzlni 32, 33, 35, 37, 47, 48, 58.
Raupach 199, 228, 246, 247.
Rawitsch 196, 205, 206, 227, 228, 247.
Rognier 88.
Reich 146.
Roinders 134, 135.
Rouning 239.
Reynal 212.
Ribbe 41, 1S7, 173.
ocr page 280
270
T.
Tack 81.
Thakor 210.
Tamberlicchi 209.
Toxtor 65.
Tode 89.
Tolberg 1(19.
Tolnay 155.
Twinger von Koonigshofon 28.
r.
Ucke 250. Udon 131. Ulmann 69, 90.
Unterborgor 190, 211, 226, 228, 244, 247, 248.
T.
Valisnieri 55.
Varnell 220, 221.
Vcgetius 21.
Veith 184, 185.
Volse, van 70.
Vergil 9, 13.
Viborg 171, 176.
Vicq d'Azyr 39, 109, 121, 126.
Vink 39, 60, 64, 110, 132.
Virchow 5.
Viscardo 50.
Vitot 37, 88, 89, 130. Voglor 149. Voort, van der 60.
w.
Waldinger 41, 179, 180. Walz 41, 145, 154. Wohonkel 222. Weiss 39, 95, 107, 188. Werner 191, 207, 259.
(Laudosthiorarzt.) Wonior 232. Westen, von 89. Westerhof 70. Williams 219. Winkler 233. Wirth 177, 189. Wirtz 224, 260. Wolff 233, 244. AArolstein 40, 143, 144, 176, 179.
Y.
York, von 81.
Zahn 201. Zeviani 160. Ziindel 238. Zwiorlein 159.
Z.
Wilhelm Oronau'3 Buchdruckcroi, Borliu \V.
A Vf.
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