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Altfranzösisches

Elementarbuch

Einführung in das historische Studium der französischen Sprachenbsp;und ihrer Mundarten

Von Leo Jordan

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E DONATIONS

A. G. van HAMEL

PROFESSORIvS ORDINARII INnbsp;ACADEMIAnbsp;RHENO-TRAIECTINAnbsp;1923-1946

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Die Handbibliothek des Philologen

Sammlung wissenschaftlicher Handbiicher fiir das Studium der altennbsp;und neueren Sprachen

Altfranzösisches Klementarbuch

Einführung in das historische Studium der französichen Sprachenbsp;und ihrer Mundarten

Bielefeld und Leipzig. 1923 Verlag von Velhagen amp; Klasing

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Altfranzösisches

Elementarbuch

Einführung in das historische Studium der französischen Sprachenbsp;und ihrer Mundarten

Von

Leo Jordan

Bielefeld und Leipzig. 1923 Verlag von Velhagen amp; Klasing

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Vorwort.

Dies Buch ist aus Vorlesungen und Übungen an der Münchener Universitat hervorgegangen. Elementar soil es der Lehrmethodenbsp;nach sein. — Es will nicht bloü gelesen und gelernt werden; es willnbsp;zu liebevollem Versenken in die altfranzösische Literatur, zu philolo-gischem Arbeiten und Denken führen. — Nicht ein konventionalisiertesnbsp;Altfranzösisch möchte der Verfasser lehren, sondern eine lautende,nbsp;lebendige, sich raumlich und zeitlich entwickelnde und vermischendenbsp;Sprache. — Die wichtigeren Erscheinungen werden darum bis zur neu-französischen Schriftsprache und den Mundarten verfolgt: Denn Neu-französisch und Altfranzösisch sind für den Verfasser untrennbar ver-bunden, keins erklart sich ohne das andere. Vor allem ist das Mund-artengemisch, das uns die französischen Handschriften des Mittelaltersnbsp;geben (das allein ist Altfranzösisch, ein anderes kennen wir ja nicht!),nbsp;ohne das Studium neuer Mundarten nicht zu entwirren. Aus diesernbsp;Definition des Altfranzösischen heraus wurde auf die meist ziemlichnbsp;willkürliche Scheidung in Alt- und Mittelfranzösisch verzichtet.

Fünf Namen muü der Verfasser an die Spitze dieses Buches stellen: W. Foerster (|), seinen akademischen Lehrer, dessen gediegener, stetsnbsp;physiologisch begründeter Unterricht ihm ein Vorbild blieb, und dessennbsp;gesprochenes Wort in manchem noch durchblickt; Adolf Tobler (f),nbsp;seinen langjahrigen vaterlichen Berater, der seine Jünger lehrte, demnbsp;Denkvorgang nachzugehen, der dem Sprechen zugrunde liegt, und vornbsp;allem bei diesem Gang Kritik zu üben; Heinrich Morf (f), der nichtnbsp;minder ihm in jüngeren Jahren Rat und Tat spendete und nicht müdenbsp;wurde, darauf hinzuweisen, daC die Zukunft im Studium neuer Mundarten liege; WilhelmMeyer-Lübke, dessen Französische Grammatik,nbsp;Einführung in die Rontanische Sprachwissenschaft und Romanischenbsp;Grammatik den Bliek des Lernenden auf die ganze Romania einstellen,nbsp;zu welchen Werken also dies Buch nur eine Propadeutik sein kann,nbsp;wie es denn etymologisch auf seinem Romanischen Etymologischen

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VI

Vorwort.

Wörterbuck fuöt; Dietrich Behrens, dessen Altfranzösische Gram-matik als stets zuverlassiger Berater auch den Schreibtisch unserer Schüler nicht verlassen wird.

Der Benutzer mache sich zuerst mit den Texten vertraut, lese die einleitenden, vor allem die lautphysiologischen Abschnitte, wobeinbsp;er sich einige Praxis im Lesen der Passyschen Lautschrift erwerbennbsp;wird. —

Zur Transskription des Altfranzösischen sei bemerkt, dafi die anglonormannische Graphie u für q nur im Vokalismus durch einnbsp;Hakchen (tf.) ausgezeichnet wurde, damit von da an der Lemendenbsp;selbstandig zwischen q und y zu unterscheiden lerne. — Zu den Etymologie n sei bemerkt, daC in den ersten Kapitein Langen und Kürzennbsp;so angegeben sind, wie sie das romanische Resultat vorraussetzen laCt;nbsp;von da an werden sie angegeben, wie sie überliefert sind. Die heran-gezogene altfranzösische Literatur verbreitert sich allmahlich, umnbsp;dem Lernenden die unerlafiliche Mitarbeit zu erleichtern. — Dienbsp;wissenschaftliche Literatur ist bis Ende 1921 verarbeitet. Dienbsp;im Ausland erscheinende Literatur ist seit 1914 nur zu einem kleinennbsp;Teil erhaltlich gewesen. Da6 auch sonst die Zeiten der Ausarbeitungnbsp;des lange durch Amtsgeschafte verzögerten Buches nicht günstig waren,nbsp;braucht nicht gesagt zu werden. Rat und gelegentliche Korrektur-hilfe spendeten die Herren Professoren und Kollegen Hilka, Leumann,nbsp;Neubert, Vollmer, wofür der Verfasser ihnen Dank schuldet.

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Inhaltsverzeichnis.

I. Texte.

Seite

I

B. Aus dem Münchener Brut

Seite

R. Aus der Münchener Handschrift des

Rosenromans........ 7

II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen. is

III. Lautlehre.

Kapitel 6. Kapitel 7.nbsp;Kapitel 8.nbsp;Kapitel g.nbsp;Kapitel 10.nbsp;Kapitel ri.nbsp;Kapitel 12.

Einleitung..........40

A. Vokalismus. Kapitel i. Allge-mein Phonetisches......45

a) nbsp;nbsp;nbsp;Vokalische Laute.....45

b) nbsp;nbsp;nbsp;Akzent.........49

Kapitel 2, Vokalismus des Vulgarlateins 51 Kapitel 3. Lehnworte ......nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;56

Kapitel 4. Vorbemerkungen zum französischen Vokalismus

a) nbsp;nbsp;nbsp;Entwicklung der freien Vokale 57

b) nbsp;nbsp;nbsp;Nasalierung.......60

c) nbsp;nbsp;nbsp;j und ij........61

d) nbsp;nbsp;nbsp;ï-Umlaut........64

e) nbsp;nbsp;nbsp;Nota bene!.......64

Kapitel 5. Haupttonig rlat. I ... nbsp;nbsp;nbsp;64

Haupttonig vlat. U ... nbsp;nbsp;nbsp;66

Haupttonig vlat. E ... nbsp;nbsp;nbsp;68

Haupttonig vlat. O . nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;77

Haupttonig vlat. E ... nbsp;nbsp;nbsp;84

Haupttonig vlat Q. nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;90

Haupttonig .vlat. AU . nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;96

Haupttonig vlat. A . nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;98

Kapiteli3. Unb e tont er Vokalismus.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Nebenton. a) Vor Konsonant . 108

b) Vor Vokal . nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.114

2. nbsp;nbsp;nbsp;Zwischenton und Panultima: Prin-

zipielles.........117

3. nbsp;nbsp;nbsp;Der Zwischenton; Einzelnes ,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. 122

4. nbsp;nbsp;nbsp;Die Ultima........124

B. Konsonantismus. Kapitel i.

Allgemein Phonetisches.....127

Kapitel 2. Vulgarlateinischer Konsonantismus .........12S

Kapitel 3. Griechische Konsonanten . 132 Kapitel 4. Germanische Konsonanten 133nbsp;Kapitel 5. Französischer Konsonantismus ...........133

Tafel der Rhythmus- und Tempo-

veranderungen.......139

Kapitel 6. Labiales: Orale VerschluC-

und Reibelaute .......138

Kapitel 7. Dentale Verschlufilaute . 145 Kapitel 8. Palatale Verschlufilaute . 151

1. nbsp;nbsp;nbsp;K,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Gnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;im Wortanlautnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.152

2. nbsp;nbsp;nbsp;K,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Gnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;intervokal .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.154

3. nbsp;nbsp;nbsp;K,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Gnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vor Konsonantnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.156

4. nbsp;nbsp;nbsp;K,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Gnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nach Konsonantnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.158

5. nbsp;nbsp;nbsp;K, G interkonsonantisch .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. 160

6. nbsp;nbsp;nbsp;K, G auslautend......161

7. nbsp;nbsp;nbsp;Knbsp;nbsp;nbsp;nbsp;-fnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;i .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.161

Kapitel 9. Palataler Reibelaut J . nbsp;nbsp;nbsp;.162

Kapitel 10. nbsp;nbsp;nbsp;S........163

Kapitel ii. nbsp;nbsp;nbsp;Rnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;........ 166

Kapitel 12. nbsp;nbsp;nbsp;L........170

Kapitel 13. nbsp;nbsp;nbsp;M,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;N.......174


IV. Formenlehre.

Einleitung. Entwicklungsbedingungen 178 A. Nomen. Kapitel i. Kasus .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. 181

Kapitel 2. Genus.......183

Kapitel 3. Vlat. Deklinationsklassen . 185 Kapitel 4. Altfrz. Deklinationssysteme 186nbsp;Kapitel 5* Stammauslaut und Endung 191nbsp;Kapitel 6. Das Ende der Zweikasus-flexion...........192

B. Adjektivum. Kapitel l. Klassen 195 Kapitel 2. Neutrum; Indeklinabila . 196nbsp;Kapitel 3. Stammausgleich . . . .197nbsp;Kapitel 4. Genusunterschied . . .198nbsp;. a) Das Aufgehen der zweiten Adj.-

Klasse in der ersten.....198

b) Verstarkung des Genusunterschiedes durch lautliche Vorgdnge .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. 199


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Inhaltsverzeichnis.

Seite

c) nbsp;nbsp;nbsp;Bildung des Genusunterschieds

durch Abstraktion eines e-losen Maskulins..... 200

d) nbsp;nbsp;nbsp;Aufhebung des Genusunterschieds

durch Entwicklung von Stütz-e im Maskulinum........201

e) nbsp;nbsp;nbsp;Aufhebung resp. Verringerung desnbsp;Genusunterschieds durch Ausgleich 201

C. nbsp;nbsp;nbsp;Adverbialneubildung . . .202

D. nbsp;nbsp;nbsp;Komparatloa des Adjektlvs

und Adverbs.......203

E. nbsp;nbsp;nbsp;Zahlwort........205

F. nbsp;nbsp;nbsp;Das Pronomen. Kapitel i . . 207nbsp;Kapitel 2. Pron., Pers. und Artikel . 208nbsp;Kapitel 3. Pronomen Possessivum . 213nbsp;Kapitel 4. Pronomen Demonstrativum 216nbsp;Kapitel 5. Relativum und Fragewort 219nbsp;Kapitel 6. Determinativa, Indefinita . 220

G. nbsp;nbsp;nbsp;Die Konjugation. Kapitel i.

Entwicklungstentenzen . nbsp;nbsp;nbsp;.

. . 222

a) Klassen und Infinitive

. , 222

b) Neubildungen.....

. nbsp;nbsp;nbsp;. 225

c) Simplex und Kompositum

. . 226

d) Formen.......

. nbsp;nbsp;nbsp;. 226

Seite

e) Abkommen einzelner Formen und

ganzer Verben.......231

Kapitel 2. Das Prasens.....232

a) nbsp;nbsp;nbsp;*essere esire........232

b) nbsp;nbsp;nbsp;habêre avoir.......2 34

c) nbsp;nbsp;nbsp;a-Konjugation.......235

d) nbsp;nbsp;nbsp;e-, i-Konjugation......238

e) nbsp;nbsp;nbsp;Modalverba, Vorton- und Affekt-

formen . nbsp;nbsp;nbsp; 241

f) nbsp;nbsp;nbsp;Ablaut.........244

g) nbsp;nbsp;nbsp;Ausgleichserscheinungen bei zwei-

und mehrsilbigen Stammen . nbsp;nbsp;nbsp;. 252

h) nbsp;nbsp;nbsp;Der konsonantische Stammauslaut 253nbsp;Kapitel 3. Partizipium und Gerundium

auf -ant ..........262

Kapitel 4. Der Imperativ .... 263 Kapitel 5. Das Imperfektum .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. 264

Kapitel 6. Das Perfekt. Vorbemerkung 268 Perfektklassen. A.EndbetonteFormen 273

B. Stammbetonte Perfekte . Kapitel 7. Partizipium auf -to .

A. nbsp;nbsp;nbsp;Endbetontes Partizip .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.

B. nbsp;nbsp;nbsp;Stammbetontes Partizip .nbsp;Kapitel 8. Konjunktiv Imperfektinbsp;Kapitel g. Futurum ....

276

282

282

284

284

286


V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre.

A, nbsp;nbsp;nbsp;Mehrfacher Satz.......289

1. nbsp;nbsp;nbsp;Beiordnung ........289

2. nbsp;nbsp;nbsp;Verknüpfung durch Orts- und Zeit-

adverbien.........290

3. nbsp;nbsp;nbsp;Verknüpfung durch beiordnende

Konjunktionen.......290

4. nbsp;nbsp;nbsp;Unterordnung durch Konjunktion 291

5. nbsp;nbsp;nbsp;Unterordnung durch Relativum . 293

6. nbsp;nbsp;nbsp;Zeitstufe und Aktionsart .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.296

7. nbsp;nbsp;nbsp;Modus..........299

B. nbsp;nbsp;nbsp;Einfacher Satz.......302

1. nbsp;nbsp;nbsp;Wortstellung.......302

2. nbsp;nbsp;nbsp;Substantiv und Artikel .... 305

a) nbsp;nbsp;nbsp;Unbestimmter Artikel .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. 305

b) nbsp;nbsp;nbsp;Teilungsform......306

c) nbsp;nbsp;nbsp;Bestimmter Artikel .... 309

3. nbsp;nbsp;nbsp;Adjektiv.........312

a) nbsp;nbsp;nbsp;Als Attribut. Stilistisches .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.312

b) nbsp;nbsp;nbsp;Stellung des attributiven Adjek-

tivs..........313

4. nbsp;nbsp;nbsp;Adverb.........314

5. nbsp;nbsp;nbsp;Steigerung und Einschriinkung . 315

6. nbsp;nbsp;nbsp;Pronomen Personale.....316

a) nbsp;nbsp;nbsp;Subjektspronomen.....316

b) nbsp;nbsp;nbsp;Obj.ektspronomen.....319

c) nbsp;nbsp;nbsp;Objektspronomina beim Infinitiv 321

d) nbsp;nbsp;nbsp;Objektspronomina beim Befehl 322

e) nbsp;nbsp;nbsp;Bemerkungen zum Objektspron, 323

7. nbsp;nbsp;nbsp;Subjekt und Verbum. Numerus . 324

8. nbsp;nbsp;nbsp;Genus Verbi . .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp; 324

9. nbsp;nbsp;nbsp;Umschreibung des Verbums .nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.327

a) nbsp;nbsp;nbsp;Tempus........327

b) nbsp;nbsp;nbsp;Gangart der Handlung oder

Aktionsart.......329

10. nbsp;nbsp;nbsp;Negation.........331

11. nbsp;nbsp;nbsp;Infinitiv..... 334

12. nbsp;nbsp;nbsp;Partizip und Gerundium .... 336

a) nbsp;nbsp;nbsp;NT-Partizip in pradikativem

Gebrauch........336

b) nbsp;nbsp;nbsp;Partizip in attributivem Gebrauch .........336

c) nbsp;nbsp;nbsp;TO-Partizip.......337

•Schlufibemerkung.......................33^

Glossar-Index.......................339

Abkürzungen aebst blbliographlsch-llterarischen Hlnweisen . . 35'

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Metrische Einführung in die altfranzösischen

Texte.

Der Vers der folgenden Dichtungen ist der Achtsilbler: Die romanische Dichtung ist nicht quantitierend, sondern silbenzahlend (vgl. S. 51): Vom Ein- bis zum Sechzehn-silbler etwa sind afrz. alle möglichen Verse oft belegt. lm Epos war ursprünglich dernbsp;Zehnsilbler mit Zasur nach der Vierten der volkstümlich beliebteste Vers: Roland inbsp;Carles li reis || nostre emperere magnes', der Zwölfsilbler (Alexandriner) mit Zasur nach dernbsp;Sechsten ist sein Konkurrent; Karlsreise i Un jt^r fa ICarlem[ainesJ al seint Denisnbsp;m^sl[i]er. Mit der geistigen Renaissance des XII. Jahrh. (vgl. S. 21 oben) wird dernbsp;Vers der lat. Hymnenpoesie, der zasurlose Achtsilbler (versus litterarias), der Modeversnbsp;der zum Les en bestimmten Dichtung.

Silbenziililung: Unbetontes Ultima-^ (sog. „weibliches lt;r“) wird am Versende (und in der Zasur, vgl. Krlsr. l) nicht gezahlt: Vgl. B 13, 14; R 3, 4 usw. Vor Vokalnbsp;wird es verschliffen: B 8 grainJre_ieri, 14 ensémbl^d. Nur betonter Vokal bildet regel-mafiig mit folgendem Vokal Hiat: B 10 eiss'i a, 31 fü al usw.‘). Dieser Brauch dürftenbsp;mit der afrz. Satzphonetik im Einklang gestanden sein: So wird der Vers zu einemnbsp;Kriterium der Sprachentwicklung (vgl. Hiat S. I14f.).

Bindnng: Die alte volkstümliche Dichtung besteht aus „Tiraden“ (== Strophen von unbestimmter Verszahl), die durch Gleichklang der versschliefienden Tonvokalenbsp;(,,Assonanz“) gebunden sind;

Rol. 139: Li empereres nbsp;nbsp;nbsp;en tint sqn ch[i]ef^) enclln,

De sa parole nbsp;nbsp;nbsp;ne fut mie hastlfs:

Sa cqstume est qu'il parole(t) 4 leislr.

Die alte gelehrte Dichtung dagegen ist strophisch und assoniert. Vgl. auf S. 34 das Bruchstück aus der Passion: Es bindet je 4 Verse zur Strophe, die nach dem Schemanbsp;aa, bb assonieren.

Mit der Kunstdichtung des XII. Jahrh. bürgern sich Reim und paarweise Bindung der Verse ein, wie sie in B und R vorliegen.

A. Tobler, Vom frz. Versbau alter und neuer Zeit, Leipzig 1910.

Der Brauch ist bei Monosyllabis oft mundartlich verschieden: Der Dichter von B braucht 176 l'isles — der Schreiber schreibt lï isles, apostrophiert den Artikel vornbsp;Vokal also nicht. Vgl. 313 la karaine, 315 de her be. — Bei nebentonig gebrauchlichennbsp;Einsilbigen findet sich Doppelbrauch; 132 Qu'il fussent plas guë il n'estoient. Vgl.nbsp;weiteres S. 209, 212*. — In jeder Handschrift finden sich auch Fiille von nicht elidiertemnbsp;weiblichem e: B 260 ciergë od; M. Brut bessert darum; 1180 cierge [ga’jot. Es scheintnbsp;mir richtiger, solche Falie nur zu bessern, wenn Textvergleichung es fordert.

*) Zu eckigen und runden Klammern vgl. S. 2'.

Jorda


Altfr.anaösischcs Elementarbuch.


II


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Errata und Nachtrage.

16. Dafi die Kelten die Trager der Bronze- oder Eisen-^Ziz-7ï»rJKuUur gewezen seien und aus dem O. kamen, wird heute bestritten; K. Schumacher, Siedelungs-und Kulturgesch. der Rheinlande I, 1921,8. log 121. Sie werden hier anscheinend als Mischung der Ureinwohner mit Ligurern und Iberern angesehen, also aus dem W. geholt. —nbsp;26 unten lies *tropatöre(m). — 27. Die wdrtschaftliche Abhangigkeit des Alpengebietsnbsp;vom Rhonetal ist uralt und wird schon von Caes. Bell. Gall. Ill zu Anfang, besprochen. —nbsp;29 unten: Komma nach: Akzent. — 30, 8. Lies: Die Lautung ë hat auch das Alt-normannische und die Wallonie. — 34, IZ. Lies: jnort staxt most, — 48, I4und 16.nbsp;Lies 0 statt c. —¦ 52, 64, Zu vi'ginti, tn'ginta; Einf. § 166, Jud in Festschrift Morf,nbsp;S. 233: Er fiihrt die romanischen Formen auf vigïnti, trigïnta zurück. — 66. Kap. 6, Zeilenbsp;9 lies Lautanalogie statt Lautassimilation. — 69 unten: statt Cristal 7401 lies 7211.—

92. nbsp;nbsp;nbsp;demörant gibt die Quantitat so an, wie sie Auler S. 71 postuliert; vgl. aber lat.nbsp;möra und S. 25,0; lies also Zeile 12 demuerent. — 92 Absatz 2, lies opus statt *öpus. —

93, nbsp;nbsp;nbsp;13 lies nach statt noch. — 99. Zu Absatz 4 latus lez vgl. Glossar. — 106. Abschn. 9:nbsp;estranglent géhötx. in Abschn. 10. — 109. Abs.5 (Bemerkung) lüge zu: vgl. aranea iregnenbsp;Bible G. 1871. — 110 unten: sanior ist besser durch Nasalierung erklart. — 111 unten;nbsp;M. Brut 955 schreibt cusint — 113, 6 lies *coidier, vgl. S. 251. — 122 o. Besser istnbsp;folgende Erklarung: merveillous, sermenter sind normal, wie (S. 123 e) parmentier;nbsp;ihnen folgen merveille msi, serment. E. Boil eau braucht noch serènunt neben sermenter. —nbsp;135. Zu ent: Schon Eracle 4592 ent : privéemcnt (ca. 1150 Arras). — 144. Zu trop:nbsp;Schon Oct. 533 hien, 1892 tro hele, aber 289 trop fait. — 146. espadle findet sichnbsp;auch in einer Variante des O. Ps. 90, 4. — 152h sossiel schon Ille 1325. — 157.nbsp;Lies soille und vgl. Index. .— 171. Zu pucelle: Das Problem der Etymologie diesesnbsp;Wortes wird durch zweimaliges puricellos im Martinsleben Gregor von Tours (IV, 29)nbsp;gelost: Es bedeutet „Kaufmannslehrlingquot; oder ,,Schifrsjunge“, vielleicht ,,Sklave“, ist alsonbsp;berufssprachlich. Die Langung von ü (püer-j-pürus?) erklart sich als Ersatzdehnung, pulcellanbsp;durch Assimilation. — 177. Zu estrange: M. Brut reimt 51 estraine : Bretaine, 904nbsp;estraine: cumpaine, der Fall liegt also wie bei mensonge, — 200. rus ist mifiverstandennbsp;worden; es bedeutet ,,rötlich“ roux, vgl. QLR 31 von David: e fud alques russed. —nbsp;201. T. Fischer zitiert aus Renart: la sale grant et larc; da es sich um ein Fem.nbsp;handelt, ist die Form fraglich. Ein sicheres Beispiel für Mask, larc: Turiner Rigomernbsp;904 im Reim mit are, im Versinnern aber, wie in Renart, larges 1004. — 203 oben;nbsp;Zu mestrement: adjektivisches mestre (B 152) geht voraus. — 205, Zeile 16 von untennbsp;,,afrz. immer mit Es gibt, wenn auch selten, Ausnahmen; Oct.5323 Au vint unime. —nbsp;212 Tabelle, lies: il a (verbunden). — 215. Zu Alex. tui füge auch isoliertes sui zu:nbsp;M. Brut 2090 Soi fil (vgl. 3018 si dut gendre, 3057 Si gendrè)\ sind diese Formen bessernbsp;als Latinismen oder als betonte Formen erklart? — 216‘ vgl. S. 350*. — 223, il vonnbsp;unten lies cupire. — 232 unten, lies Ou es-tu? — 233, 17 lies: *fuz. — 252, 3 lies:nbsp;comparat „kauft“, „zahltquot;. — 258, lo von unten lies: f'éent statt font. — 263, 6 vonnbsp;unten lies; gar statt gart. — 266, ii lies; in den Mundarten. — 269, 9 von untennbsp;lies: *crenvet statt *crienvet. — 271 f. lies crededit: Die Form ist in den merowingischennbsp;Konzilien fast konsequent. — 287, 5 von unten lies: (istre) statt (issir). — 297, 2nbsp;lies; als den. — 330, 31 lies; assassins.

Besserungen zu folgenden Texten.

B 72 mt/lt statt muit; 102, 138 lies stj.n; i6t lies Pi^r; 164 lies Ctfnseil; 259 tilge das Komma nach sanc: „Das frische Blut einer Hirschkuh mit weifiem Fell“; 313 ff. lies s't^eif.

R 99*: Die Anomalie liegt vielleicht eher auf Seiten von fleche, das nach ALF 581 heute in der Bretagne an zwei Punkten floej, fjoe:J lautet; in® tilge dieAnm.; 282 els:nbsp;lies el.

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1. Texte.

B. Aus dem Münchener Brut. (Cod. Gall. 2q) (ca. 1150.)

Vgl. die Ausgabe von K. Hofmann und K. VollmÖller Vers 1673 “tquot;! nbsp;nbsp;nbsp;Quelle;

Galfredus Monumetensis Historia Britonum, Buch I, 15. —• Ausgabe von J. A. Giles, London 1844.

f° 10. [L]i jors s’en vait, la nuiz si vint, Li rois Gaiffiers sun^) siege tint.nbsp;Corinëus se cunseilla;

Dist qu’i! par nuit fors end istra: 5 Sa genz el bos vuelt embuschiernbsp;Pur les Francheis adamagier.

De snn aguait fera sijcciirs Le jor quant g7'aindre^)iert li esturs.nbsp;Bien Tont loei Brutus e tuit.

10 Fors s’en eissi a mie nuit,

Od soi trois mil homes armeiz De bien cumbatre cqnreeiz.

El bois s’embusce, fuit la plaine. Ensemble od lui fiere cqmpaine.nbsp;16 Le jor atent li bqns vassaus,nbsp;Entre cent mil n’esteit uns taus!nbsp;Quant la nuiz out passei sim tur,nbsp;Et la clarteiz raiot de jqrnbsp;Que chantoient cil oiselun,

20 Par Tost se lievent cil barun. Brutus de sqn lit est leveiz,nbsp;Dinne se un poi, puis s’est armeiz.nbsp;Les suens si fait armer trestuz,nbsp;Puis est de sqn chastel eissuz.

25 Apres ordene sa bataille

Pqr defendre, s’est ki l’asaille. Quant li Francheis les aperciurent,nbsp;Innelepas cuntre cururent;

Sonent grailles, cors et buisines,

Les cumpaines tant pres voisines. 30 Quant venu fu al capleïz,

Grant noise i out et hui et criz!

II ne s’esparnent pas de rien,

Li Francheis ne li Troïen.

N’unt cure Franc ne Poetevin 35 Troïen soient lur voisin.

II n’i a tence ne manace;

Grant estur rendent en Ia place. f° lo. Cumbat se Mars, cumbat Pallas, ®nbsp;Ki voit cel dol claime soi las. 40nbsp;Maint chief i out lo jur trenchie,nbsp;Pluisur i pɒZ'dent pqin u pie.

Des le matin des qu’a la prime,

Que chauwe fu jus la rime,

De Iqr vies dis mil fqnt faille, 45 Tant end i pout urn met^^ en taille.nbsp;D’ambes parz sq«t acraventeinbsp;Dunt li cors gisent adentei.

De nule part ne recreoient

De Iqr bataille qu’il faisoient. 50

Cum plus cqw^batent pl«s s’avivent.

Et del ferir forment estrivent.

Ne seit nus d’els en cel estrif Füir, tant cmn il soient vif!

Un nevqd out li dus Brutus®) 56 Ki fu clameiz par num Tqrnus:


') 1} entspricht im allgeraeinen lat. ü, ö. Zum Lautwert vgl. die Reime 23, 24; 67, 68; u ist in der Mundart des Dichters nicht y.

Kursiv Gedrucktes entspricht Kürzung in der Handschrift, hier: gMndre. Erat ibi quidam Tros nomitte Turonus, Bruii nepos, quo fortior sive audaciornbsp;nullus excepto Corineo aderaU Hist, Rtg, Brit, I, 15.

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;I

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I. Texte. B.

Nul chevalier n’avoit en terre Meilor de lui pijr faire guerre,

Ki plus de lui eüst valur 60 Ne hardement en un estijr,

Fors seul: Corineus lo grant, Vers cui nus hum n’avoit garant.nbsp;Icil percha Franceis le jiirnbsp;Dis et ¦VIII- foiz en cel estur.

65 Maint en rua sanglent et mort Cui il venir fist a mal port.

Icil Tijrnus, par aventure De la presse eissi a male hiire,nbsp;Et volt par force la bataillenbsp;70 Derijw^pre et fraindre et metr^ anbsp;faille.

Mais des suens fu trop eslongiez. Puis en fu mult embesoigniez.

Oi Dews, d’un seul queil hardement,

Qu’il tant s’eslongna de sa gent! 75 Ci}»2e fqldres ciirt sur Franceis,nbsp;Et Franc, cqm il puent anchois,nbsp;Sqr lui se turnent fierement:

Cil se defent hardiement.

Uns rois lo voit ki fu de France, 80 Que Franceis meteit a pesance:nbsp;Cele part tome sun destrier,

De lui quide les sqns vengier. io.v°bVait le ferir, cil le receit,

Li reis n’i fist gaires d’esploit.

85 Turnus s esdrecha vers lo rei, Teil li dona sur sqn cqnreinbsp;Qu’il le fendi tresqu’en la sele.nbsp;Puis en plora sa femme bele.nbsp;Tqrnus s’est iriez mult forment,nbsp;90 Les Franceis met a grant torment.nbsp;En sa main tient nue s’espeie:nbsp;Mainte arme end a del cors sevreie.nbsp;El leu q est si entrepris,

Chier s’i vent, ainz qu’il seit ocisi 9.5 De bien ferir ne fu pas lenz:

Od s’espeie end ocist sis cenz.

Trop fu Tqrnus luign de s’eschiere!

Uns cevaliers li vint derriere.

Cosins a icel rei de France Qu’ocistTurnus, si ’nd out pesance. toonbsp;Li juvencels volt querre los:

Sun osberc out un poi desclos —

Il nel gari ses osbers blans.

Si lo feri parmi les flans!

Turnus regarde lo Franceis: nbsp;nbsp;nbsp;106

Desqu’al qmblil lo fent maneis,

Ne pot li cops coleir avant.

La force failli de[l] ferant.. . Ambedoi sunt a mort feru,

A terre en sunt li cors chau. 110 Tqrnur se gist a terre morz,

Als Tro'iiens est li duols forz.

Quant ot sis uncles la novele,

Sa gent rasemble et rapele.

Si cqw estranglent leu 1’aignel 116 Detrenche Brutus en cembel!

De sqn nevqd vent chier la mort,

Cine mil en vindrent a mal port.

Tant dementres cv^m cho fu fait, Corineus ist del agait:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;120

Treis mil hqw^mes out en s’eschiere, Franceis assalt als dos derriere.nbsp;Hardiement les envai.

Set mil en sqnt le jqr peri.

Il seuls end ocist mil lo jqr, 125 Mqlt fu criiels en cel estqr!

Quant icho virent li reial,

Ne porent sqffrir si grant mal. nbsp;nbsp;nbsp;ii.r“a

Le champ guerpissent en fuiant,

Li Troiien vqnt enchauchant, nbsp;nbsp;nbsp;130

Quar li reial tres bien quidoient Qu''A fussent plus que il n’estoient.nbsp;Troien les tuent par vigqr:

La victorie fu Iqr le jqr!

Troien repairent cqm vassals. nbsp;nbsp;nbsp;135

Guaifiers s’en fuit et mont et vals. Brutus fist sevelir ses corsnbsp;Dedenz sun chastel et defors.


') Mit [ ] bezeichnen wir Einfiigungen, mit () Ausmerzungen.

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I. Texte. B.

140 L’aveir parti als chevaleirs

Et a ses iveunes (1. juevnes) bacheleirs.

Puis s’asamblent tuit li barun Et viint a grand processiijn,

Si en portent en lur chastel 145 Lo cors de Turnus lo dunzel.nbsp;Del sevelir pristrent grant cure,nbsp;Firent li riehe sepijlture.nbsp;Colchierent lo en un sarchu,nbsp;Dessi|z un marbrin arcvolu:

150 Entaille i out bone et painture Ki la fu faite par nature,

A1 maistre us del tewple Apollin: „Tijrnus i gist, ki la prist fin.“nbsp;Certes cho [fu] duels 1) et damagenbsp;155 Que tant tost perid^) s^n edage!nbsp;De lui a num la citeiz Turs,

Li nums li remandra toz jurs.

[P]uis apres icele victorie.

Si cnm nos trovxin^) en 1’istorie, Brutes vit, n’i pooit remaindre 160nbsp;Pur Frans ki force avoient gmindre:nbsp;Quar liir force toz tans crois-soit.

La sue si amenuisoit.

Cunseil prist as(!) ses compaignuns,

Et il 1’unt tuit de cho sijmmuns: 165 De guerpir tote icele guerre,

Ailliirs aleir querre la terre,

Qu’en dormant li nuKcha Diane Cui promesse non est pas vane1).

Li dus Brutus lur conseil creit: 170 Od sa gent vait als neis totnbsp;dreit,

De grant richeise les charga,

Em meir se mist, plus n’i targa.


') Das Verbum hat der Schreiber ausgelassen. Das Nominativ-s von duels ist fast verwischt, aber noch deutlich erkennbar.

Vgl. B 124, es ist also ferdi zu lesen.

®) trouü.

Enttjr 1’auteil vait quatre foiz,

Quar einsi eirt costume et droiz®). El fu jeta lo sacrifisenbsp;Bt de la cierge a la pel prise:nbsp;Devant 1’auteil si I'estendi,

Sus se ci}lcha, si s'endormi1).

A la tierce hore de la nuit,

Quant dqlcem^«t se dorme«t tuit’), Diana voit, ce li est viere,

A lui parole en teil maniere: „Entend Brute,quot; dist la deuesse,nbsp;„Faire te vuel certe promesse:

265

270

1

Auf der Fahrt von Troia waren Brutus und die Seinen an eine Insel ge-kommen (f° 7 r° a. 1163) 250 Par ullages fu deserteiz. Spiiher werden ausgeschickt, finden einen Dianatempel mit prophezeihender Statue der Göttin und empfehlennbsp;Brutus, sie zu befragen. (Hist. Reg. Brit. III.)

7 r° b Brutus en creï ses barijns,

Maine od lui -XII- cijKpainijns 1) Et Gerijn sijn devineijr1),

Od lui en vait a grant homjr.

255 Od els portent lijr sacrifise®)

Que faire vuelent cn lijr guise . . . 7v° a Li dus devant 1’alteil s’en vint,

En sa main destre un vaissel ti«t; Plains fu de vin et de freis sane,nbsp;260 D’une cierge od lo poil blanc.

Sijn vis esdrece vers 1’image, S’orisijn fist de bon corage . . .1)

‘) duodecim maiores natu. — 1) Gerionem augurem. — 1) cum omnibus quae ad sacrificium necessaria erant. — 1) 257—263 fast wörtlich übersetzt. — ®) veterrimonbsp;ritu. — 1) fuditque vinum, quod tenebat, in focum: atque procubuit supra pellemnbsp;cervae, quam ante aram extenderat. — ’) Erat autem quasi kora tertia noctis; quanbsp;dulciore sopore mortales premuntur.

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I, Texte, B.

iirObLi venz est dreiz, bon’ est sa sort, 175 A Toteneise^) arrive al port:nbsp;Albion est l(i) isles nomeiz,nbsp;Selunc 1’escrit est veriteiz.

La terre est mijlt fructifiable Et totes parz bien gaeignable,

180 Les algues plaines de peissuns, Es forez ert la veneisuns;

Mais n’en pr^nnoit cure nuls hijm, N’i maneient se gaiant num^).nbsp;Mvilt lijr atalenta la terre,

185 Quar n’i troverent piiint de guerre. Brutus mena od soi sa gent,

Pijr espiier lo couenent:

Q^^zerent u mielz puissent re-maindre,

En queil leu la cijntreie achaindre. 190 Mais quant il vunt ensi vaiant®),nbsp;Encqntre els sordent li gaiant:nbsp;Tolir lur vuelent lo pais;

Mais Tronen de guerre apris,

Piir cqw«batre assemblei sunt:

195 Les gaianz chacent sur un munt.

Fuient*) es crues de la mqntaine, N’osent venir a la campaine.

En la gastine et el desert Tot li gaiant se sunt covert.

La terre unt Tronen conquise, 200 Puis va chasqun a sa divise®).

Et tuit s’espandent par la terre,

Ne truevent mais ki face guerre. Lors co?7«mencent a laboreirnbsp;Et a semeir, et a planteir,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;205

Mult se painent de gaïgnier Et de maisuns edifiier®);

Nus n’est ki s’i vuele targier,

Ciiw mielz puet de soi herbergier!

II faisoient bones maisqns nbsp;nbsp;nbsp;210

Et bones habitatiuns,

Et tantes viles et tanz burs,

I orent fait en pou (!) de jurs!

Ki lo veist, quidast tres bien Co;«mencie fust de tens ancien. 215nbsp;En brief tens orent bien popleienbsp;L’ille, ki fu deshabiteie.


q Totness in Siidwest-England, q se gaiant non ,,nur Gigantenquot;.

q wohl It. vagando, Galfr. I, i6 Peragratis . . . provinciis.

*) Das Subjekt wechselt unausgesprochen: Die Riesen fliehen. Galfr. I, i6; repertos gigantes ad cavernas montium fugant.

q Der Widerspruch schon bei Galfr,: Insula ... habitata Gigantibus olim, — Nunc deserta prophezeiht dort Diana (I, ii).

q Agros colere incipiunt, domos aedificare, ita at brevi tempore terram ab aevo inhabitatam censeres. I, l6.

France trespasse en Occident,

La guieras od toi ta gent:

Un ille i a plentiu*) et bon,

Cui la granz meirs clot en viron; Ja dis lo tindrent li gayant,

Mais or n’i a nuluj vivant.

Granz est la terre et gist en gast,


Piece a ne fu ki 1'abitast.

La poras bien ta genz meneir; V(u)ne terre est pur demoreir.nbsp;Roi fort venrynt de tijn linage,nbsp;Ki mult arijnt gj-ant senorage.nbsp;Poissance arijnt et grunt honor,nbsp;De tot lo munt ierent senor,quot;*)


275


285 7 v° 1


280


q Zur Au.ssprache vgl. die Reime V. 57 der Ausgabe: antiu antiquu(m): liu löcu(m), 4167 fuitiu (fugitivi): liu löcu(m). — Die Prophezeihung der Diana fastnbsp;wörtliche Übersetzung von 8 Hexametern,

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I. Texte. B.

Ses leis mist Brutwj la gent ^), iiyOaCil les reciurent bonement.

220 Sa gent garda a grant honor,

Lui servirent cu^me seignor. Parmaindre co;«manda justise,

Ne fust enfraite en nule guise, Et lt;\ue chasquns d’aus I’autrenbsp;amast,

226 Nus d’aus od autre ne strivast. Et quant cho out bien a fin trait,nbsp;Toz ses barqns venir a fait.

De sqn conseil lur dist le sqm: L’ille vuelt clameir de sun num^).nbsp;230 II li loent sa volentei,

A1 pais a sqn nqm donei Et vuelt qu’a. toz jqrs li remaigne:nbsp;Apres Brutus a nqm Bretaigne:

Quar toz dis vuelt estre en memorie

Par icel nqm, cqm dist I’estorie®). 236 Puis co»2mande que Iqr lengagenbsp;Claintqm „bretanz“tot Iqr edage^).nbsp;Puis departi Brutus la terrenbsp;A cels ki od lui firent guerre:nbsp;Corineus dona grant part,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;240

La q lui plot, al sqn esgart:

Des Thamer a la mer galeise,

En bois, en plain et en faleise. Corinëus s’en fist segnor,

Serviz en fu a grant honor. nbsp;nbsp;nbsp;246

Apres lui dist qm Cornewaille®), Selqnc lo livre, n’i faz faille!nbsp;y pqr cho qu’est une cornere®)

De cel pais qu’est la ariere.


(Das Zitat der Anmerkung auf Seite 3 ist mit Vers 250 weitergezahlt.)

Die Geburt des Romulus und Remus.

Mit Vers 3691 bricht der Dichter, oder ein Fortsetzer, die Bearbeitung der Historia regum Britonmn ab, da wo Galfriednbsp;(2, 15) bemerkt; Roma condita est ... a geminis fratribus Remo etnbsp;Romulo. Diese Bemerkung führt er aus und gibt eine Geschichtenbsp;der Griindung Roms:

21 rb nbsp;nbsp;nbsp;Parlei avum en queW. manierenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(Brut t. 3691)

290

Bruti^.r aquist cha en arriere Tote Bretaine et lo pais.

Puis qu’el bos out son pere ocis . . . Briement vos vuel dire la sq;«menbsp;De toz les rois d’Albe et de Rqme’).

') I, 18 Dedilque legem qua pacifice Iractarentur.

*) Denique Brutus de nomine suo insulam Briianniam sociosque suos Britones appelat. I, 16.

volebat enim ex derivatione nominis memoriam habere perpetuam. I, i6.

Unde postmodum loquela geniis, quae prius Trojana sive curvum Graecum nuncupabatur, Britannic a dicta est. I, 16.

’’) 240—245 sind Zufiigung. Galfr. schrieb (I, 16): Corineus fortionem regni quae sorti suae cesserat. ab appellatione sui fiominis Corineam vocat. War der Dichternbsp;des Brut interessiert, Cornwales als Lehn hinzustellen?

*) Galfr. I, § 16: maluit regionem illam quae nunc vel a cornu Britanniae, vel per corruptionem praedicti nominis (Corineus) Cornubia appellatur.

’) fiber u von Rume ein 0 korrigiert.

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I. Texte. B.

In diesem Zusammenhang erzahlt der Dichter nun die Ge-schichte der Rhea Silvia nach Ovids Fasten 3, ii ff.:

295 nbsp;nbsp;nbsp;Silvia^), — alquant la claiment Ylia^)

ist Vestalin geworden, da ihr Onkel Numitor ihre Nachkommen-schaft infolge einer Prophezeihung fiirchtet.

330

335

340

,350 23 V. a

22 r b Un jor avint qu’el temple Veste Durent faire ses nonains feste:nbsp;L’aigue failoit al sacrifisie,

La pulcele a sa chane prise ... 300 El est en un seiitier entreie*),

A la fontaine en est aleie.

Q^ant la parvint, si est assise®), Jus a terre a sa chane mise.

22 V. aAlques a chaut del tost aleir®), 305 Sqn sain desclot por aventeir^);nbsp;Pine sqn chief, ses crinz radrece®),nbsp;A un fil d’or les met en trece.nbsp;Lasseie fu la damoisele,

Sa main apuie a sa massele.

310 Lo chant escqlte des oiseaus,

Ki delitous li est et beaus.

Voit lo riu cleir de la fontaine®), Ki süeif cqrt desqr 1(a) haraine.nbsp;Mult estoit beaus li lius entor,

316 Bien eirt garniz d(e) herbe et de flor! Especie n’a tant bone en terrenbsp;Qu’qn ne I’i truist, s’qn I’i vaitnbsp;qwerre.

Arbres i out ki I’aqmbroient, y li oisel süeif chantoient... ^®)nbsp;320 Siet et escqlte la pulcele,

Sa mains li chiet de la massele^^), Quanque a faire a tot entroblie,nbsp;Por la dqlchor est endormie...^®)nbsp;22 V. b Atant evos un cevalier,

325 Ainc ne sist mieldres en destrier

D’icels ki a cel jor vivoient,

Et ki d’armes s’entremetoientl Mars out a nqw. Por sanbsp;beltei *®),

Por sa valor, por sa bqntei Quidierent li pluisor senz faillenbsp;Que il fust deus de la bataille.

Filz fu Jovis lo roi de Crete,

Si cqm nos dient li pöete.

IVIarz troeve soule la pulcele Ki avenanz estoit et bele.

Troveie I’a süeif dormant.

Vers li s’aproisme maintenant.

II nen a suin de faire noise.

Orient I’esveillier, por tant s’aquoise.

Entre ses braz süeif la prent,

A li s’acuinte bonement,

Süeif li baise et vis et buche,

Puis lo baisier süeif la tqche,

D’un giu privei a li s’acainte^*)

Que de •IL filz remeist enchainte. 345 Bien a menee Mars sa goie,

Partiz s’en est, si va sa voie.

Ne sai de fi si 1’esveilla,

Ne s’il a li se demostra.

La mescine s’est esveillie,

Al temple Veste est repairie Et porte o soi de la fontaine:

Mise en avoit sa chane plaine.


q Ovid V. 45. — ’“) V. II. — 3) V. 12, — ¦*) V. 13. — *) V. 15. — ®) V. 14, 15 fissa. — ’) V. 15 ventosque accepit aperto pectore. — v. i6 turbatas restiiuitquenbsp;comas. —nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;18 hvc murmur aquae. — *“) I? umbrosae salices, valueresque canorae. —

quot;) 20 Et cadit a mento languida facta manus. — ’*) Es folgt der bekannte Traum, der bei Ovid beschliefit, — *’) 21 Mars vidit Jianc. — '*) 21 visamque cupit, poti-turque cupitam.

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I. Texte. , B. R.

Gries et pesanz fu plwj qu’anceis^), 3B5 Et quant passeifurent-VIIII- meis:nbsp;De «II- enfans est delivreie®),nbsp;Mqlt en fu granz la renomeie ..

Nei sqnt li dui enfant gemel, Ainc ne nasquirent dui •plus bel;nbsp;360 L’ainz neiz out a num Romulus,nbsp;Et li altres apres Remus.

f^Sv. a „Brutus li dus des Troiens,

D’icels ki sunt remeis lung tens, Mande saluz Pandras lo roinbsp;365 Senz faintise et senz desroi“®).

Die Griechen:

A1 bois s’en vqnt par cqmpainie, Ni s’i gardoient de boisie; . ..

Brutus sali de sqn aguait,

Ad els ne tint fable ne plait, ...

De totes parz les qnt esclos, 370 Lo champ Iqr tolent et lo bos ...

Icil estqrs fu perillous,

Des Grius n’i escapa uns sous.

Der Riese Goemagog: nbsp;nbsp;nbsp;nv.a

Duze teises out de stature,

Merveille fist de lui nature: nbsp;nbsp;nbsp;375

N’a suz ciel caisne en bois n’e« plain

Qu’il n’esrajast a une main . ..

Mqlt par fu forz de faire guerre, Quant arbres esragoit de terre.


R. Aus der Miinchener Hs. des Rosenromans. (Gall. ly.)

Der Dichter Guillaume de Lorris erzahlt (ca. I23^_wie er mit 20 Jahren einen wonderbaren Traiim hatte: Bei einem Spazier-gange kommt er an einen, rings von hoher Mauer umschlossenennbsp;Garten. Die Mauer ist mit allegorischen Fresken bemalt. Endlichnbsp;findet er eine Pforte, ein reizendes Madchen ofifnet ihm. Tanzendenbsp;sind in dem Garten. Und hier lesen wir;

f° 7 v.° a nbsp;nbsp;nbsp;la division de la querole.

Miniatur: Fiinf Tanzende, drei Manner und zwei Frauen, die sich im Reihentanze an der Hand halten, die beiden Paare schauennbsp;sich an, der iiberzahlige Fiihrende hebt die Linke. Der mittlerenbsp;Rotgekleidete (Amor) hat eine rote Krone auf dem Kopf:

La querole, qui iert plaisant, Regardoie, et jusqu’a tantnbsp;Qu’(e) une dame mont envoisienbsp;Me tresvit: ce fu Courtoisie,

B-La vaillant et la de bonnaire, Que Diex^) deffende de contraire!nbsp;Courtoisie lors m’apela;

„Biaus amis! f^u-e faites vous la?“ Courtoisie, „ga venez,

10 Et ovecques nous vous prenez

A la querole, s’il vous piest,

Sanz demorance et sanz arrest.“ —

A la querole me sui pris.

Si ne fui pas irop entrepris.

Mes sachiez o^e mont m’agrea, 15 Done Courtoisie m’apela,

Et me dist (\ue ie kerolasse;

Car de keroler, se j(e)’osasse,

Estoie envieus et surpris.

A regarder lores me pris nbsp;nbsp;nbsp;20


25) Languida consurgit. — nbsp;nbsp;nbsp;45 Sylvia fit mater. — ®) Es folgen hier noch

ein Paar Bruchstiicke, die sprachlich Wichtiges enthalten. — *) x ist Sigel fur us.

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I, Texte. R.

fo 8

r. ° b

Leur tours, leur fagons et leur chieres,

Leur semblances et leur manieres Des genz qui avec queroloient,

Si vous diroi qui il estoient:

25 Deduiz fu biaus et lone (1) et droiz: James entre genz n’entmoiz,

Ou vous veez plus bel ho»«me! La face avoit comxas. une po»«me:nbsp;Vermeille et blanche tout entour,nbsp;30 Cointe fu et de bel atour.

Les ielz ot vairs, la bouche gente, Et le nes fait par grant entente.nbsp;Cheveus ot blans (!) *) recercelez,nbsp;Par espaules fut aaques lez,

35 Et grelle parmi la ceinture:

II resembloit une pointure,

Tant estoit biaus et acesmez Et de touz membres bien fourmez!nbsp;Remuanz fu et preuz^) et vistes,nbsp;40 Plus legier home ne veistesinbsp;Si n’avoit barbe ne guernon,

Se petiz peus folages non,

Car il iert iuennes damoisiaus! Son ceint tout pourtret a oisiausnbsp;45 Estoit, et tout a or batu,

Si estoit richement vestu:

Mont (ausgeschrieben) iert sa robe desguisee,

fo 8 Si iert en maint lieu encisee r-® a Et decoupee par cointise;

60 Chauciez refu de grant mestrise D’uns soulers decoupez a laz;nbsp;Par druerie et par soulaznbsp;Li ot s’amie fait chapelnbsp;De roses qui moKt li sist bel.

Et savez vous qui est s’amie? 55 Leesce, qui nu haioit mie,nbsp;L’envoisee (1), la bien chantanz,nbsp;Que, desqu’el n’avoit pas-X-anz,

De s'amour li donna I’otroi.

Deduit la tint parmi le doi oo A la kerole, et elle lui:

Bien se contienent ambedui,

Qu’il est biaus et elle estoit belle, Bien resembloit rose nouvelle,

Seur sa couleur, seur sa char 65 tendre,

Que Ten li peust toute fendre A une petitete ronce!

Le front ot poli, blanc, sanz fronce,

Les sourciz blons et enarchiez,

Les ielz gros et si envoisiez, 70 Qu’il rioient touz jours avantnbsp;Que la bouchete par couvent.

Je ne vous sai du nes que dire, L’en nel feist pas mielz de cire!nbsp;Elle ot la bouche petitetenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;75

Et pour besier son ami preste,

S’ot le chief blont et reluisant. — Que vous iroie je disant?

Bele fu et bien atournee: nbsp;nbsp;nbsp;80

D’un fil d’or estoit galonnee,

S’ot un chapel d’orfrais tout nuef.

Je qu’en ai veu vint et neuf,

A nul jour mes veu n’avoie Chapel si bien ouvrez de soiel 85nbsp;D’un samit, qui ert tout dorez,

Fu son corps vestu et parez De quoi ses amis avoit robe,

Si en estoit assez plus gobe.


Ihr gibt Gott Amor die Hand. Beschreibung seines Kleides, Bogens und der fünf Pfeile. Auf der anderen Seite tanzt Damenbsp;Rickesse und ihr Liebster Largece. Und schlieClich Franchise, die

p uz.

lies blons.

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I. Texte. R.

einen unbenannten Jüngling bei sich hat. Der Dichter lustwandelt im Garten und findet ein Rosenbeet von einem Hag umschlossen.nbsp;Eine Rosenknospe wahlt er, aber vor lauter Gestrüpp ist es un-möglich, sie zu erreichen. Da naht Amor;

fOi3r.ob Comment Amours trait a PamanL

Miniatur: Amor in rot-blauem Kleid und roter Krone zielt auf den blau gekleideten Amant, der die Hand nach einer von dreinbsp;Blumen streckt:

90 Li dieu d’amours, qui, I’arc tendu, Avoit toute jour atendunbsp;8° 13 [A] moi poursuivre et espier,

Si s’aresta lez figuier.

Et quant il ot ap^’rcëu 95 Que j’avoie ainsi esleu

Le bouton, qui mielz me plesoit Que nus des autres ne fesoit,

II a tantost prise une fleche: Quant la corde fu mise en coche^)nbsp;100 II entesa jusqu’a I’oreille

L’arc, qui estoit fort a m^rveille, Et traist a moi par tel devise,nbsp;Que par mi I’ueil m’a el cuer misenbsp;La saiete par grant redeur.

105 Et lors me prist une froideur

Dont je, dessouz chaut peligon,

Senti au cuer mainte frigon.

Ouant i’oi esté ainsi bersé,

A terre fui tantost versé:

Li cuer me faut (siieur me vient®), no Pasme jui®) illec longuem^wt.

Et quant je ving de pasmoison Et j’oi mon sens et ma raison,

Je fui mo«t vain et si cuidé Grant fes de sane avoir vuidé: ns,nbsp;Mes la saiete, qui me point,

Ne traist onqa^s sane de moi point!

Ainz fu la plaie toute sechel Je pris lors a • II ¦ mains la fleche ...


Allerdings vergebensl Amor aber sehieCt noch die vier anderen Pfeile auf ihn, und dann naht er, dem Besiegten den Lehnseidnbsp;abzunehmen. Der Dichter schickt sich an, die symbolische Huldi-gung zu leisten:

Je n’i laisse mie touchier Chascuw vilain, chascu;2 houchierlnbsp;Ainz doit estre courtois et fransnbsp;Li hons qu^' je ainsi aprenslnbsp;Sanz faille il a et poine et fesnbsp;En moi servir; mes je te fesnbsp;Honeur mont grant, et si doiz estrenbsp;Mont lié, quant tu as si bon mestre,nbsp;Et seigneur de si haut renon:nbsp;D’amour porte le co^^fanon,

De courtoisie et la banierel Et si sui de tele maniere

135-

120 Lors si me sui agenoillié, i5r.°aEt vouloie besier son pié.

Mes il m’a lors par la main pris Et me dist: ,,Je t’ains mo«t et pris,nbsp;Quant tu m’as respondu ainsi.

125 Onques tel parole n(e)’issi D’omwze vilain, mal enseighiélnbsp;Et si as itant gaaigné,

Que je vuil pour ton avantage Qw’orendroit me faces homwage:

130 Et me beseras en la bouche,

A qui nus hons vilain n’atouche.

*) wohl coiche (kwstja) dial, fiir franzisch cache. — I, H cars me ment. — nbsp;nbsp;nbsp;1. jui..

140-

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lO

I. Texte. R.

Si douz, si frans et si gentilx') 145 Que quico«ques est ententilx1)nbsp;A moi servir et honorer:

II ne puet en lui demorer Vilanie ne mesprison,

Ne nule mauvese aprison.quot;


Miniatur: Amant küfit den Liebesgott.

150 Atant deving ses hons mains joip^tes.

Et sachiez que mo«t me fis cointes,

Quant sa bouche besa la moie Ce fut ce done j(e)’oi greigneurnbsp;ioie! .. .

S.isv.aLors a de s’aumosniere traite 166 Une petite clef bien faite,

Qui fu de fin or esmeré:

„A ceste,“ fait il, „fermeré Ton cuer, je ne quier autre apiau:nbsp;Souz ceste clef sont mi joiau!

IQO (Plus petite est que mon doi meindre®)

Mes elle est de mon escu dame, Et si a mont grant pöosté.quot; —nbsp;Lors la me toucha au costé,

Et ferma mon cuer si souëf 165 Qu’a grant paine senti la clef.nbsp;Ainsi fis sa volenté toutelnbsp;Et quant je l’oi mis hors denbsp;doute,

Si li dis: „Sire talent e De fere vostre volente:

170 Mes mon servise recevez

En gre, foi que vous me devezl Ne[u] di pas pour recrëantise,nbsp;Car point ne dout vostre servise!nbsp;Mes serjant en vain se travaillenbsp;175 De fere servise qui vaille,

Se li service n’atalente Au seigneur, cui l’en Ie presente.quot; —

Amours respont: ,,Or ne t’es-moie!

Puis que mis t’es en ma manoie,

Ton servise metrai en gré, nbsp;nbsp;nbsp;iso

Et te metrai en haut degré,

Se mauvestié ne Ie te toult;

Mes, espoir, ce n’iert mie tosti Grant bien ne vient pas en poinbsp;d’eure,

II i convient poine et demeure: iss Adonc seras hors de tristrece,

Qui orendroit te nuist et blece.

Mes je sai bien par quel poison Tu seras traiz a garison;

Se tu te tiens en loiauté, nbsp;nbsp;nbsp;190

Je te douroi (!) tel diauté,

Qui de tes plaies te garra Mes, par mdn chief, or i parra,

Con tu de bon cuer serviras.

Et cowment tu acompliras nbsp;nbsp;nbsp;195

Nuit et jour les comr/andeme«z Que je commant as fins amanz!“... —

Li diex d’amours lors mV«charja Tout ausi com(me) vous orrez janbsp;Mot a mot ses comwandemenz, 200 'nbsp;Bien Ie devise cist row/manz.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;16

j1 O ^

Qui amer veut or i entende.

Car li ro7«manz des or amende!

Or Ie fait il bon escouter,

S’il est qui Ie sache conter, 205 Car la fin du livre est mo«t bele;

La matire en est nouvele!

Qui du livre la fin orra.

Je vous di bien que il porra


1

Schrullige etymologische, für ententilx analogische Schreibung; lies; genlis, entenlis. — Verlesen; lies: Meindre est que li miens doiz, par m'ame.

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I. Texte. R. 11

21Ü De bien et de mal mo«t ap;mdre, Pourqu’il y vueille hien entendre;nbsp;Mes face bien, et lest le mal,nbsp;Qu’il ara poine infernal!

Et quant j’espoing et enro»«mance

Du songe la senefiance,

La verité, qui est couv^^te,

Vous sera lores descouvifrte, Quant espondre [mj’orrez le songe,nbsp;Ou il n’a nul mot de mengonge.

215


Und nun folgen Amors Gebote, die wir gekiirzt wiedergeben;

220 „Vilanie pr^'mierementquot; ^),

Ce dist Amours, „vuil et cowzmant Que tu guerpisses sans repr^ndre,nbsp;Se tu ne veus vers moi mes-prendre ... —

Apres te garde de retraire 225 Chouse des genz, qui face a tere:nbsp;N’est pas proesce de mesdirelnbsp;A Keu le seneschau te mire,

Qui jadis pour son moqueiz Fu mal renom^wé et haiz:

230 Tant con Gauvain li hien apris Pour sa cortoisie ot de pris,nbsp;Autretant ot de blasme Keuz,

1 o i6 Pour ce qu’il fut fel et crueus... Après gardes ojie tu ne diesnbsp;235 Ces ors moz ne ces vilanies^);nbsp;la pour now2mer vilaine chosenbsp;Ne doit ta bouche estre des-close! ... —

1° i6 Hons qui pourchace druerie ^ Ne vaut noient sans cointerie®):nbsp;240 Cointise si n’est pas orguieulz!nbsp;Qui est cointes, il en vautnbsp;mieluz(!) ... —

Ne sueffre sur tci nule ordure^). Leve tes meins et tes denz cure^)!nbsp;S’en tes ongles a point de noir®),nbsp;245 Ne 1’i lesse pas remanoirl

Couz tes manches et ton chief piegne’).

Mes ne te farde ne ne guigne 1... —

Se tu ses nul biau deduit faire, ,6 Par quoi tu puisses as genz plaire, v, o bnbsp;Je te cow^mant que tu le faces: 250nbsp;Chascuw doit fere en toutes placesnbsp;Ce qu’il scet qui mielz li avient,...

Se tu as la voiz clere et saine®),

Tu ne doiz mie qume essoine De chanter, se Pen t’en semo«^, 255nbsp;Car bel chanter embelist mont 1... —

Or te vuil (vraieme^t) [lies: brie- 17r.a ment] recorder

Ce que t’ai dit pour reme7«brer,

Car la parole meins engrieve A retenir, qaant elle est brieve: 260nbsp;Qui d’amours veult fere son mestre,nbsp;Courtois et sans orguil doit estre;nbsp;Cointe se tiegne et envoisiez,

Et de largesce bien proisiez;

Ampres t’enjoing en penitance 265 Que nuit et iour sanz repe;«tancenbsp;En amours metes ton penser;

Ades y pense sanz cesser,

Et te membre de la douce heure.

Done la joie tant te demeure. 270 Et pour ce que fins amans soies,

Te pri et comw/aTzt que tu aies En • I • seul lieu tout ton cuer mis,

Si qu’il n’i soit mie demis,

Mes tout entier sanz tricherie 275 Car je n’ains pas metaerie.“


Das Folgende ist frei nach Ovids Ars Amatoria und dem Artusronian gestaltet, — *) Ars Am. II, 151: Este procul, lites, et amarae praelia linguae: —nbsp;Dulcibus est verbis mollis alendus amor. — I, 513 munditiae placeant. — I, 514nbsp;sine labe toga. — I, 515 Careant rubigine dentes. — ®) I, 519 Sint sine sordibus

ungues. — ’) Sit coma, sit docta barba resecta manu I, 518. ®) III, 315 res est blanda canor: discant cantare puellae etc.


Vgl. I, 505-


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12

I. Texte. R.

f0 28v. °b bricht die Dichtung Wilhelms ab; Comment mestre lehan de Meum (!) le pavfist a la regtieste Maistve G. de Lorris.nbsp;Eine Miniatur, die die beiden Dichter gegenüberstellt 1). Wilhelmnbsp;hatte oben angedeutet, wie er den Roman abschlieCen wollte undnbsp;man kann ihn so verstehen, dafi dieser Abschlufi nicht fern war.nbsp;Johann von Meung lafit den 4000 Versen seines Vorgangers übernbsp;18000 eigene folgen. Die Hindernisse wachsen, die Darstellung wirdnbsp;breiter, der Ton andert sich. Ratio (Raison) herrscht und zeigtnbsp;das logisch Haltlose der Romantik. Der Inhalt;

Amant ist mit seinem Los unzufrieden. Er schimpft auf die Liebe;

El n’est de nule riens certaine, El met les amans en grant paine,nbsp;Et se fet d’eus dame et mestrece,nbsp;280 Meins en degoit par sa promesse.

El permet tel chose souvent, Dont els ne tendra ja covent,

Si est peril, se diex m’ament, Quar en amer maint bon amantnbsp;285 Par lui se tiennent et tendrontnbsp;Que ja nul jour n’i avendront.. .


qui (trop)

aprisme,

Qu«r ele fet bien sillogimei Si doit on avoir grant paournbsp;(Que en conchie li pluisor^),nbsp;Qu’aucune fois I'a Ton veu,nbsp;S’en ont esté maint decëu. —nbsp;Et ne pourq«ant, si vodroit elenbsp;Que le meilleur de la querelenbsp;Eüst cil qui la tient o soi.

Si fui fox quant blasmer le soi®


For ce est fol


s en


290 29 r. a


295


So sammelt sich Amant und erinnert sich der Worte Amors:

29 V. a Atendre merci me coKvient!

Car il me dist, bien m’en souvient: „Ton servise pr^^ndroi en grénbsp;300 Et te metroi en haut degré.

Se mauvaistié ne le te tost Mes, espoir, ce n’ert mie tostl“...nbsp;[Ce sont si dit tout mot a mot,nbsp;Bien pert que tendrement m’a-mot1)].

Da erscheint Raison, und mit Kritik sucht sie in dreitausend Verse fiillender Diskussion Amant von seiner romantischen Liebes-vorstellung zu heilen. Kritik und Poesie, Wissenschaft und Kunstnbsp;hadern miteinander. Ein besonders charakteristischer Passus dienenbsp;zur Kennzeichnung dieser fiir die Geistesgeschichte bedeutsamennbsp;Partie: Amant verteidigt seinen Lehnsherrn:

47 T. a nbsp;nbsp;nbsp;L’Amant.

fis je, „ne peut autre

II me couvient mestre,

servir mon

„Damequot;

estre:

305

1

Jean de Meun (j- 1305) kannte Guillaume de Loiris gar nicht. Er schreibt selber, dafi er den Rosenroman 40 Jahre nach des ersten Dichters Todnbsp;vollendete. Die obige Darstellung ist eine Erlindung. Vgl. Langlois Ausgabenbsp;Bd. I, S. 8, 16. — 1) lies; Que n’en conclue le peer, ,,dafi sie nicht auf das Schlimmstenbsp;schliefie.quot; Vgl. 294 le meilleur. — lies: I’osai. — Liicke in der Hs., die ichnbsp;nach den Ausgaben ausfiille.

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I. Texte. R. 13

I. Texte. R. 13

Rayson respont a escient •!• petitet en souzriant:

„De noiant te mes en esmayl Seroies tu jalous de moy,

Que pechie en moi se meist? 340 Certain soies, se Diex m’a'ist,

Que ja n’i aras vilennie,

Qaafit de t’amour m’aras saisie.

Miex fust ma char livrée as lous,

Que tu fusses couls ne jalous, 345 Puis qu’a moi te seras donnez!“nbsp;„Dame de noiant sermonnezlnbsp;Mes euers ja n’est il pas a moi,

A Bel Acueil je le lessay ...

Si ne voudroie pas la rose nbsp;nbsp;nbsp;350

Changier a vous pour nulle chose:

La couviewt que mon propous voise!

Si ne vous tieing pas a courtoise, Quant ci m’avez coilles nom-mees1),

Qui ne sont pas bien reno;«- 365 mees

En bouche a courtoise pucelle.

Vous, qui tant estes sage et belle,

Ne sai comment no^wmer 1’osastes,

Au mains quant le mot ne glosastes

Par quelque courtoise parole, seo Si con prodefame parollel“

derbe, obscöne Worte zu

Q«z moult plus riche me fera,

•C' mille tans, quant li plaira;

Car la rose me doit bailler,

310 Se je m’en vueil bien travaillier;

Et se par lui la puis avoir,

Mestür n’aroie d’autre avoir 1 Je ne priseroie •III- chichesnbsp;315 Socrates,combien qu’ilfust riches^),

Ne plus n’en quier o'ir parler!

A mon mestre m'estuet aler,

Tenir li vueil ses couvenans.

Car il est droiz et avenans.

320 S’en enfer me devoit mener,

N’en puis je mon cuer refrener.

D’autre part, se je vous amoie,

D’autres amors avec la moie Voudriëz vous plus de -c- mille:

325 11 n’est home n’e« bourc n’ei2 ville.

Pour que tenir le peussiez,

Que vous ne le receussiez,

47r.b Et voudriez qu’il vous amast Et que s’amie vous damast^).

330 Trestout le monde ameriez,

Trop vous abandonnerïez!

Je ne vueil pas, ne vous anuie, Aproprier coi;2mune amie:

J’en vueil une tout(e) moie quite I “ —

335 Quant i’oi ceste parole dite,

Denn Amor hatte ihm ja verboten, brauchen. Aber Raison:

Chose, qui n’est se bonne non! Voire du mal sëurementnbsp;Puis je bien parler proprement:

Que de nulle riens nen ay honte, 370 Se n’est chose qu’a pechié montequot;...

47 V. a Lors se prist raison a souzrire,

En souzriant me prist a dire:

,,Biaus amis je puis bien nowimer 365 Sanz moi faire mal renowmer,nbsp;Ap^rtement par propre non

1

Raison hatte ihm unmittelbar vorher Sokrates als Beispiel vorgehalten; Er mied das Irrationale: Zt Dieu d’Amors one ne cremut, Ne por fortune ne se mutt —nbsp;Amor hatte Handwerker und Bauern ausgeschlossen, er ist Aristokrat. Raisonnbsp;ist Demokratin. — ®) Hs, changes. — 1) Dies liegt iiber 1000 Verse zuriick. Raisonnbsp;erzahlt da, wie Jupiter den Saturn entmannte, die coilles ins Meer warf, dont Venusnbsp;la dëesse issi.

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14

I. Texte. R.

Und wie Amant sie darob foie ribaude nennt:

48 r. a „Mes une chose te puis dire,

Sanz point de hai'ne ne d’ire: ... Trop mesprens, qui si te revelles,nbsp;375 (^ui folie ribaude m’apelle[s],

Et sanz deserte me ledenges! Quant mes peres, li rois desnbsp;anges,

48r.b Diex le courtois, sanz vilennie, De qui -vient toute courtoisie,

380 Qui m’a norrie el enseignie,

Ne me tient a mal enseignie Eingois m’aprist ceste maniere:nbsp;Par son gré sui je coustumierenbsp;385 De parler proprement*) desnbsp;choses,

Quant il me piest, sans metre gloses.

Et q«ant tu me veus opposer,

£t que me requiers de gloser, 390 Veus opposer, aingois m’opposes,nbsp;Que tout ait fait Diex toutesnbsp;choses.

Au mains ne fist il pas le non,

Je te respoing: espoir que non!

Celui au mains qa’elles ont ores!

Si les pot il bien now^mer lores, Quant il p^^mwement cri'a 395nbsp;Tout le monde et quanqu’il y a.

Mes il voult que non leur trovasse A mon plesir et les no»2massenbsp;Propreme«t et cowmunemewt.

Pour croistre nostre entendement 400 Et la parolle me donnanbsp;Ou moult tres precieus don a.

Et ce que ci t’ai raconté Pens trouver en auctorité^):

Que donnee nous fu parolle, 405 Ce lisoit Platon en escolle.nbsp;Pour faire noz voloirs entendre.

Pour enseigner et pour apr^ndre.

Ceste sentence ci rimée Trouveras escripte [en Tkime'e]^). 4i«


’) sensu proprio. — Autoritat = kïass. Quelle. — Der Abschreiber verlas: tt node. Gemeint ist Timaios, Platons Weltschöpfungshypothese.

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

In seiner Introduction a I’Histoire Universelle (Paris 1831, S. 71) bezeichnet Michelet, der Altmeister der französischen Geschichte,nbsp;Frankreich als das Sammelbecken der europaischen Rassen. Gehtnbsp;diese Charakterisierung auch von der veralteten Annahme aus, dafinbsp;sich alle Völkerwanderungen von Ost nach West bewegten, so diirftenbsp;sie doch im wesentlichen zutreffen. Die Ausgrabungen, die in dennbsp;letzten Jahrzehnten in Südwestfrankreich gemacht wurden, haben bewiesen, daC in prahistorischer Zeit sehr verschiedene Menschenrassennbsp;einander ablösten. Und da in historischer Zeit im Verlaufe einesnbsp;Jahrtausends drei solche Ablösungen beobachtet werden, zweimal mitnbsp;Sprachwechsel verbunden, so mag in der Vorgeschichte Einwanderung,nbsp;Herrschaftswechsel, Rassenmischung in Gallien sehr haufig vorge-kommen sein.

Freilich wissen wir dariiber nichts Bestimmtes, wie denn überhaupt das vorkeltische Gallien durchaus in Dunkel gehüllt ist. Nur dienbsp;Ortsnamenforschung gibt einige Anhaltspunkte: Den Alten galten dienbsp;Ligurer als Bewohner wenigstens des südlichen Galliens. In dernbsp;Schrift: Uber Unsprung und Bedeutung der französischen Ortsnamennbsp;(rom. Elementar- und Handbücher V, i) hat Hermann Gröhler allenbsp;jene Namen, die weder baskischer, phönizischer, griechischer, keltischernbsp;noch lateinischer Herkunft sind, als „ligurisch“ angesprochen, undnbsp;gelegentlich auch versucht, die Bedeutung der Namen zu bestimmen,nbsp;die beispielsweise bei der Vergleichung der Lage von Genf (Geneva)nbsp;und Genua (Genova) sicherlich als ,,Münden, Gemünd“ zu fassen ist.nbsp;Allein wir wissen nicht, wie lange die Ligurer in Gallien saGen, wennbsp;sie dabei verdrangten, ob sie nicht die Ortsnamen von vor ihnennbsp;Ansassigen übernahmen, die diese vielleicht selber einst übernommennbsp;hatten^). Besser wissen wir über den Südwesten Frankreichsnbsp;Bescheid: Iberer waren hier eingedrungen und hatten das Garonne-tal in Besitz genommen und auch wohl sprachlich erobert. Wie

*) Charakterisierung der vorkelt. Urbevölkerung und der Kelten durch H, Zimmer. Sitz. Ber. der Ak. W. Berlin 1910, S. 1073 ff. — Vgl. über die Ligurer den Artikelnbsp;im Rcallexikon der germ. Altertumskunde.

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i6

II. Einfühning in die Vorgeschichte des Französischen.

baskische Ortsnamen zeigen, hat ihr EinfluC bis in die Haute-Loire gereicht^); dem Gebiete zwischen den Pyrenaen und der Garonnenbsp;ist ihr Name als Bezeichnung geblieben: Gascogne, das „Vasconen-“,nbsp;das „Baskenland**. Heute ist diese einzige noch lebende vorlateinischenbsp;Sprache Galliens auf die Nordwestabhange des Gebirges beschrankt,nbsp;und nur in Spanien gehören diesem Sprachgebiet gröfiere Orte an.nbsp;Aber bis in die Landes hinein reicht ein eigener Geist, und „nous nenbsp;sommes pas franpais, nous sommes basques'' ist dort nicht unge-wöhnlich.

Über den Norden, das spatere Belgien, wissen wir nichts, dürfen aber annehmen, dafi ihn, wie spater in historischer Zeit, Unterschiedenbsp;in der Rassenmischung und der Sprache vom Süden trennten.

In dieses Land (nach Spanien und in die Poebene) dringen nun im V. und IV. Jahrh. v. Chr. von nach Westen ziehenden Germanennbsp;gestoGen, die Trager der Bronzekultur in Mitteleuropa: keltischenbsp;Stamme (Gallier) ein. Sie sprechen ein indogermanisches Idiom, wasnbsp;natürlich nicht für die gemeinsame Herkunft mit anderen indo-germanischen Vólkern als Beweis geiten kann, da der Sprachwechselnbsp;als typisches Charakteristikum der Urzeit anzusehen ist. Natürlichnbsp;geht Sprachwechsel Hand in Hand mit Blutmischung. Immerhinnbsp;werden die Kelten als rothaarig und groG gewachsen dargestellt, sonbsp;daG ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu den indogermanischennbsp;Vólkern arktischer Herkunft keinem Zweifel unterliegen dürften undnbsp;sie nun in Gallien in starkstem Gegensatz zu den kleinen, schwarzen,nbsp;untersetzten Mittelmeermischlingen Liguriens stehen.

Die hóhere keltische Kultur vernichtet die geringere in dem eroberten Lande angetroffene, die Keltisierung macht erst an dernbsp;Garonne vor der gleichwertigen, oder durch andere Umstande geschütztennbsp;' baskischen Kultur Halt. Die Eroberer dürfen wir wohl als eine dünnenbsp;Oberschicht in dem nun bis auf die Gascogne ihre Sprache redendennbsp;„Gallien** (wie es nun heiGt!) ansehen. In der Folge entstehen nochnbsp;einschneidendere Unterschiede zwischen dem Norden (Belgien) undnbsp;dem eigentlichen Gallien: Germanische Stamme dringen in Belgien einnbsp;und werden keltisiert.

So findet Caesar das Land bei seiner Eroberung: Gallia est omnis divisa in partes tres, qiiarum unam incolunt Belgae, aliamnbsp;Aquitani, te7-tiam qui ipsormn lingua Celtae, nostra Galli appellantur.nbsp;Hi omnes lingua, injstitutis, legibus inter se diffe^'unt. Gallos abnbsp;Aquitanis Garumna jlumen, a Belgis Mdtrona et Séquana dividit.

Da mit tritt Gallien ins Licht der Geschichte ein. Das Chaos vor-zeitlicher Besiedelung hat zu drei staatenartigen Gebilden geführt: dem

') H. Urtel, Zum Iberischen in Südfrankreich. B.Ak. W. igi?) 53°- L. BI. i8, 39.

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen,

keltischen Gallien; dem eigener Tradition nach von keltisierten Germanen beherrschten Belgien^), und schliefilich der baskischen Gascogne.

Nicht zu vergessen ist, dafi Caesar nur das neueroberte Land in dieser Weise einteilt, und er die südliche langst romanisiertenbsp;Provinz als vierten Teil nennt. Hierzu nun; In den Jahrennbsp;123—118 vor Chr. war die Provincia Narbonensis von Rom erobertnbsp;worden. Kulturell haben Phönizier und besonders Griechen an dernbsp;Mittelmeerkiiste vorgearbeitet. Nun ergieCt sich ein Strom vonnbsp;Kolonisten, „Kaufleuten, Steuerpachtern, Bauern und Viehzüchtern1'nbsp;(Cic. pro Fonteio) in das schone und reiche Land, das wirtschaftlichnbsp;für Rom die bedeutendste Kolonie wird. Alsbald ,,macht kein Galliernbsp;mehr ein Geschaft ohne Vermittlung eines Romers, jeder Pfennig, dernbsp;in Gallien aus einer Hand in die andere kommt, geht durch dienbsp;Rechnungsbiicher der romischen Biirger“. (Zitiert nach Mommsen,nbsp;Rom. Gesch. Ill, 225.) In den sechziger Jahren gibt es einen Prozefi,nbsp;in welchem der oberste Beamte der Provinz, M. Fonteius, der Be-stechlichkeit angeklagt wird. Die Klage geht von der unterdrücktennbsp;gallischen Landbevölkerung aus. Die grofien Stadte aber, Massilianbsp;und Narbonne, welch letztere Stadt Cicero in seiner Verteidigung:nbsp;specula populi romatii ac propugnaculum nennt, sind durchaus römischnbsp;gesinnt — Massilia noch ganz hellenisch, die übrigen romanisiertnbsp;(Mommsen 226). So ist es nicht zu verwundern, dafi das Schicksalnbsp;dieser Provinz kulturell wie spater auch linguïstisch von dem übrigennbsp;Gallien bis auf den heutigen Tag getrennt bleibt, und der groCenbsp;kiinstlerische Fortschritt des XI. und XII. Jahrhunderts gerade hiernbsp;seinen Ausgangspunkt nimmt (Troubadours).

Nun, nach Caesars Eroberung, erstreckt sich der Romanisierungs-prozefi über ganz Gallien, und wie das Land ein halbes Jahrtausend vorher seine Ursprachen vergafi, um von da ab Keltisch zu sprechen,nbsp;so verschwindet nun im Laufe einiger Jahrhunderte das gallischenbsp;Keltisch seinerseits vollkommen.

Liegen die Gründe hierfür in einer besonderen Pradisposition der Bevölkerung? . . . Ut est summae genus solertiae, atque ad omnianbsp;imitanda efjicienda quae a quoque tradantur, aptissimum, sagtnbsp;Caesar von den Galliern (VII, 22). Allein 500 Jahre spater ergeht esnbsp;den Franken als Eroberern nicht anders, als den keltischennbsp;Galliern als Besiegten; und 1000 Jahre spater haben die imnbsp;X. Jahrhundert in Frankreich eindringenden Normannen innerhalbnbsp;weniger Generationen die Sprache gewechselt und importieren 1066 innbsp;England nicht einen germanischen Dialekt, sondern — das Französische.

1

Bell. Gall. II., plerosque Belgas esse ortos a Germanis, Rhenumque antiquitus traductos.

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;2

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II. Einfühiung in die Vorgeschichte des Französischen.

Wir haben es also hier nicht mit der besonderen Geistesverfassung bestimmter Völker zu tun, sondern mit einem Gesetze; „Dafi dasnbsp;zum Staat entwickelte Volk die politisch unmündigen, das zivilisiertenbsp;die geistig unmündigen Nachbarn in sich auflöst“ (Mommsen,nbsp;Römische Gesch. III, S. 220). Einem Gesetze, das meiner Ansichtnbsp;nach in seiner Evidenz ein ganzes geschichtsphilosophisches Systemnbsp;begründen kann. — Von dem allmahlichen Absterben keltischernbsp;Sprache und keltischen Fühlens wissen wir nur wenig. Gesichertnbsp;scheinen folgende Beobachtungen: Da die Gallier des Schreibensnbsp;unkundig waren, wurde das Lateinische unmittelbar und dauerndnbsp;Schriftsprache und ist es über 1000 Jahre lang geblieben. Damitnbsp;ergab sich ein Zustand, wie wir ihn aus den rato-romanischen Talernnbsp;Tirols kennen, in denen das Volk Ladinisch spricht, alles Schrifttumnbsp;(Inschriften, Grabschriften usw.) aber, bis auf die seit kurzem er-scheinenden Kalender, Italienisch war. Die keltischen Inschriftennbsp;aus Oberitalien und Gallien sind im ganzen 30 an der Zahl!. Alsonbsp;durchaus vereinzelte Versuche.

Zimmer, in Kultur der Gegenwart I, XI, i, S. i ff. Die keltischen Literaturen: Einleitung.

John Rhys, The Celtic Inscript. of France and Italy (1907).

Weiter scheint mir festzustehen, daC, als die christliche Kirche in Gallien vordrang, das Keltische bereits stark geschwacht war; infolge-dessen bedienten sich die Missionare gegen ihre sonstige Anpassungs-fahigkeit des Lateinischen, und so mag die Christianisierung dienbsp;Romanisierung vollendet und dem Keltischen den Todesstofi versetztnbsp;haben.

Zeugnisse für das Fortbestehen des Keltischen bis in diese Periode, das IV. Jahrhundert, hat Brunot gesammelt (Hist. d. l. Langue frgse.,nbsp;I, 17 ff.). Wenn wir Zimmer (op. cit. S. 47) folgen, so redet nachnbsp;Vespasian (79 n. Chr.) ,,kein Schriftsteller von den Druiden als Zeit-genossen“. Immerhin ist, wenn auch der heidnische Glaube frühzeitignbsp;verhel, Bewufitsein und Sitte mindestens in der Erinnerung wach-geblieben. Noch im IV. Jahrhundert schreibt Ausonius in seinemnbsp;Gedichte an die Grammatici Burdigalenses u. a. (Mon. Germ. Auct.nbsp;Ant. V, 2, 63, 64). Nee reticebo senem — nomine Phoebicium, — Quinbsp;Beleni (keltische Gottheit) aedituus — nil opis inde tulit, — set tarnen,nbsp;ut placitum, — stirpe satiis Druidum, — gentis Arentoricae, — Burdi-galae cathedram ¦— nati opera obtinuit. Mindestens also wuGte mannbsp;noch in der Aremorica (= die spatere Bretagne!) von den Druidennbsp;und dies vor der Einwanderung der inselkeltischen Bretonen, die mannbsp;in das V. und VI. Jahrhundert verlegt. — Aus dem V. Jahrhundert habennbsp;wir weiterhin ein kleines galloromanisches Glossar, de nomimbus

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

gallicis. (Vgl. H. Zimmer, Zt. f. vgl.Sprfrschg. 32,230. nbsp;nbsp;nbsp;— Gregor von

Tours weilJ (I, 32), dafi die Leute der Umgebung von Clermont-Ferrand eine Tempelruine ,,gallisch“ Vasso Galate nennen. Noch also bestehtnbsp;wenigstens eine keltische Tradition, die nun wohl in der Völker-mischung des VI., VII. und VIII. Jahrhunderts erst völlig untergeht.

Wie man von vornherein in Gallien nur Latein schrieb, so lernte also das gallische Volk im Verlaufe der ersten nachchrlstlichen Jahr-hunderte auch Lateinisch reden; Verkehr in jeder Form, die Schulennbsp;und Hochschulen (z. B. Tac. Ann. Ill, 43 studia liberalia in Autun),nbsp;Theater und Auffiihrungen (Paris, Arles, Nlmes usw.), schliefilich dienbsp;christliche Kirche, waren die Vermittler.

Die in Gallien eingeführte Sprache war das Vulgarlatein, d. h. das gesprochene Latein, das sich wie jede gesprochene Sprache vonnbsp;Generation zu Generation veranderte (ca. 500 vor bis 500 n. Chr.).nbsp;Gallien beteiligt sich an dieser Entwicklung; in mancliem, wie wirnbsp;sehen werden, konservativer als die Metropole, so daC alsbald dernbsp;koloniale gallische Dialekt, wie dies übrigens oft der Fall ist, gewissenbsp;Archaïsmen aufweist. Natürlich enthalt das gallische Latein eine be-trachtliche Anzahl keltischer Worte, spezifisch gallische Gebrauchs-gegenstande, Produkte, MaCe usw. bezeichnend. Viele dieser Wortenbsp;verbreiten sich von hier oder dem einst ebenfalls keltischen Norditaliennbsp;liber Teile der Romania oder das ganze Reich, so daC sie zu Lehn-wörtern des Vulgarlatein werden. Das gallische Latein ist natürlichnbsp;am reichsten an solchen keltischen Lehnwörtern. Eine ganze Anzahlnbsp;finden wir auch im klassischen Latein oder in klassischen Autorennbsp;als gallische Bezeichnungen erwahnt. M. L. Einf., §§ 33—37.

Um hier begrifflich keine Lücke zu lassen, müssen wir uns auch eine Weile mit der lateinischen Schriftsprache beschaftigen, demnbsp;„klassischen Lateinquot;, wie man sie zu nennen pflegt. In den letztennbsp;vorchristlichen Jahrhunderten ausgebildet, bleibt sie in Orthographicnbsp;(vgl. das geschriebene Französisch) und Formen altertümlich und wirdnbsp;durch Literatur, Schule, Theater archaïsch erhalten. Stilistisch undnbsp;in der Folge auch syntaktisch geht sie, wie jede Schriftsprache, auchnbsp;die spatere französische, ihre eigenen Wege, die durch freien Vortragnbsp;(Eloquenz), zum Lesen bestimmte Prosa und Poesie, Übersetzungs-literatur bedingt werden. Wenn man das Schriftlatein als eine „erstarrtenbsp;Phasequot; des gesprochenen Lateins ansieht, so ist dies schon, wasnbsp;seine Entstehung betrifi't, cum grano salis zu nehmen. Wie alles

q Das Gallische ist latinisiert; vgl. 14 cambiare (nfrz. changer)', rem pro rem dare; die Bedeutung ist einmal auch keltisch und germanisch eiklarti ii caio (nfrz. quai)\nbsp;breialo (keltisch brogilo „Mainquot;); bigardo (,,Beigart“). Es sind 18 solche Glossen.

2*

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen,

Irdische ist auch es weiterhin standigem wenn auch langsamem Wechsel unterworfen. Und wie die gesprochene Sprache schriftsprachlichemnbsp;Einflufi dutch die Schule stets zuganglich ist, und desto mehr, je höhernbsp;die Klasse des Sprechenden steht, so steht auch die Schriftsprachenbsp;hinwiederum unter dem Einflufi des sich standig verandernden ge-sprochenen Lateins. Deshalb sinkt das Latein vom Standpunkt desnbsp;Puristen vom Goldenen zum Silbernen und schliefilich zum Kupfernen.

Schon Tacitus ist dieser „Dekadenz“ in seinem Gesprach: An sui saeculi oratores antiquis, (amp; quare concedant}' nachgegangen. Hier führtnbsp;Messala, einer der Interlokutoren, aus, dafi in erster Linie die Kinder-stube daran schuld sei. Nicht mehr die Eltern erzögen die Kinder,nbsp;sondern irgend eine griechische Magd, oder der lumpigste Sklave: Necnbsp;qtiisquam in tota domo pensi habet, quid coram infante domino, autnbsp;dicat, aut faciat. Bald ist des Knaben einziges Interesse der Mode-sport. Von ihm sind die Geister besessen: Histrionen, Gladiatoren,nbsp;Pferde: quotumquemque inveneris, qui domi quidquam aliud loquatur?nbsp;Dann aber expetimtur, quos Rhetores vacant, und die verderben, wasnbsp;zu verderben blieb.

In der Provinz, die iibrigens Tacitus in diesem Zusammenhang erwahnt, waren natürlich die Bildungsquellen weniger zahlreich, dienbsp;Entartung der Schriftsprache entsprechend gröfier. Und all diesnbsp;mufite dazu beitragen, die entstandene Spannung zwischen gesprochenernbsp;und geschriebener Sprache allmahlich zu verringern. Vollends wurdenbsp;dies der Fall, als das Christentum anting sich auszubreiten. Fandennbsp;die Missionen in den unteren Schichten den günstigsten Boden zurnbsp;Verbreitung des neuen Glaubens, so mufite sie auch der Diinkel dernbsp;romischen ,,Schriftgelehrten“ gegen die canina facundia, die ,,hündischenbsp;Beredsamkeit“ der Antiken stellen. Das vollstandigste Denkmal diesesnbsp;neuen Geistes sind die „Bekenntnisse“ Augustins. Klassisch bleibtnbsp;seine Geringschatzung der Dichter, des „angenehmsten Lügners Homer“nbsp;(I, 14), sein Ausspielen der Lehren des Neuen Testaments gegen dienbsp;Lehren der Grammatiker und Rhetoren (i, 18), sein Bekenntnis, unternbsp;dem Einflufi solcher Lehrer selber einst mehr auf Sprachfehler, alsnbsp;auf sittliche Verstöfie geachtet zu haben. Dieser altchristliche, kultur-feindliche Geist bleibt viele Jahrhunderte lang bestimmend. In dernbsp;Merowingerzeit heifit es in der Vita Eligii (Pertz, rer. mer. IV, 665):nbsp;Quid, inquam, Pythagoras, Socratis, Plato et Aristotilis nobis phylo-sophando consulunt? Quid sceleratorum (!) neniae poetarum, Omerinbsp;videlicet, Virgilii et Menandri, legentibus conferunti—Alle Heiden sindnbsp;gentiles, Romer, Saxen, Sarazenen, Basken. In der Predigt ist dienbsp;Quelle für die Tatsache, dafi die m. a. Dichter: Juppiter und Apoll,nbsp;Muhamed, Nero und — Plato als Heidengötter aufzahlen (beispielsweisenbsp;Roland 3473, Anseis 4591), und erst Karls des Gr. Palastschule hat den

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

Respekt mit der Kenntnis des geschriebenen Lateins wiedererweckt; das XII. Jahrhundert brachte schlieClich eine wahre Renaissance klassischernbsp;Studiën, und verhalf auch Plato wieder zu seinem Recht, (Vgl. R. 406 ff.)

In den fünf ersten christlichen Jahrhunderten hat auch das gallische Volkslatein unter dem trotz allem hemmenden EinfluG der sinkendennbsp;Latinitat gestanden. Zentripetale Krafte iiberwogen damals. Dienbsp;Sprache des Landmanns wird durch jene der Kreishauptstadt vor zunbsp;schneller Entwicklung bewahrt. In der Kreishauptstadt wirkten bereitsnbsp;Schule und Schrift, vor allem der Verkehr mit Provinz und Landes-hauptstadt. Und von hier wié von den kleineren Stadten schaute allesnbsp;nach Rom, der Metropole. Und daher ist die Sprachentwicklung innbsp;der ganzen Romania eine ungewöhnlich regelmaGige und gleichförmige’).nbsp;Früher nahm man an, das in Gallien gesprochene Latein sei vonnbsp;Ursprung an ,,gallisch ausgesprochenes Latein“ gewesen. DaG alsonbsp;beispielsweise der Übergang von lat. ü zu frz. (cüra gt; cure, spr. ky:r,nbsp;una gt; U7ie, spr. yn) darauf beruhe, daG die Gallier kein ü besaGennbsp;und durch Lautsubstitution ihr j/ dafiir setzten. Wie etwa der Siid-und Mitteldeutsche für das ihm nicht gelhufige y sein i, oder dernbsp;Englander fiir den gleichen Laut sein ju substituiert.

Heute wissen wir, daG alle spezifisch galloromanischen Laut-veranderungen des Lateinischen den Tochtersprachen, also dem Provenzalischen und Französischen angehören und daG beispielsweise der Übergang von u zu ^ im XI. Jahrhundert noch nicht abge-schlossen war. Nahmen doch die Normannen im Jahre 1066 das lat.nbsp;u als u mit nach England, reimten doch sie — und reimen dienbsp;Wallonen bis heute ü mit o! Vgl. B. 23, 24; 67, 68 und Herzog 1,12nbsp;Ernu (Arnoud): (= „reimt mit“) venu („gekommenquot;).

Wenn also das gallische Latein auch sicher kein „gallisch ausgesprochenes Latfeinquot; war, ebensowenig wie das Englisch oder Spanisch von im Ausland geborenen Deutschen i. A, ,,deutsches Englischquot; odernbsp;„deutsches Spanischquot; mehr ist, so diirfen wir doch als evident an-nehmen, daG es sich durch Akzent, Lautfarbung, Formen und Wort-wahl alsbald von dem Italischen unterschied, daG man den Gallier annbsp;dem jeweils starksten Charakteristikum einer Sprache, ihrem „Tonfallquot;,nbsp;erkennen konnte, wie wir heute einen Sachsen oder Rheinlander annbsp;demselben Merkmal erkennen. (Vgl. Consentius im V. Jahrhundertnbsp;über das Gallische: afrz. Üb. B. S. 233 ff.)

Und genau so ist es selbstverstandlich auch innerhalb der Grenzen Galliens gewesen, auch dort schieden sich die groGen, oft ethnologischnbsp;und kulturell verschiedenen Verwaltungsbezirke allmahlich in Akzent

’) Dies wird auch durch A. Ernout les elements dialectaux du vocabulaire latin, Paris 1909 (vgl, J. B. XU. I, 83) bestatigt.

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II, Einfühmng in die Vorgeschichte des Französischen.

und Einzelheiten voneinander, die Gemeinden durch Mundart. Aber wir wissen natürlich nichts darüber.

Das einzige, was wir feststellen können, ist, dafi noch ein Puls-schlag durch ganz Gallien geht, und gemeinsame sprachliche Ziige es gegen die übrige Romania stellen. Diese Züge sind hauptsachlichnbsp;konservativer Natur. Der Verkehr mit Rom ist nicht stark genug, umnbsp;gewisse dortige Veranderungen bis nach Gallien wirken zu lassen.

Vor allem zeigt das gallische Latein im Konsonantismus einen charakteristischen solchen Zug. Wahrend s im Auslaut im italischennbsp;(und Balkan-) Latein verstummt, halt es sich in Gallien (und Spanien).nbsp;Und diese lautliche Riickstandigkeit führt zu einer formal-syn-taktischen. Überall in der Romania sind in der Deklinabon Genetiv,nbsp;Dativ, Ablativ der bildhafteren Umschreibung mit Prapositionen zumnbsp;Opfer gefallen. Nominativ und Akkusativ aber fielen in Italien fastnbsp;durchaus, sonst zum grol3en Teile, lautlich zusammen. Durch dasnbsp;Verstummen des auslautenden m, einem der altesten Vorgange volks-lateinischer Entwicklung, war nom. femina = acc. femina(m). Durchnbsp;das Verstummen von -s und -m auch nom. muru(s) = acc. muru(m).nbsp;Das war der Tod der alten Deklination, und syntaktische Mittel muCtennbsp;helfen, wo die formalen versagten. Der einzige bleibende Kasus, dernbsp;Akkusativ, wurde durch Demonstrativa, Prapositionen und Stellung innbsp;seiAer Funktion verdeutlicht. Spanien ging hier mit Rom, obgleichnbsp;sein -j- heute noch lautet: Nom. Acc. los muros. Nur im gallischennbsp;Latein und spater in den romanischen Sprachen Frankreichs bliebennbsp;Subjektivus und Obliquus geschieden und durch das erhaltene s innbsp;einer Reihe von Fallen kenntlich: Murus dekliniert noch Altproven-zalisch und Altfranzösisch:

Sing.

Plur.

Subjektivus

murs

mur

Obliquus

mur

murs

Also genau der etymologischen Grundlage entsprechend. Aber auch hier exerziert Frankreich nach. Seit dem XII. Jahrhundert verstummt -s, und die „Zweikasusflexionquot; verfallt damit. Nun werden Subjektnbsp;und Objekt nicht mehr durch die Form, sondern durch die Stellungnbsp;gekennzeichnet: Subjekt vor dem Verbum, Objekt nach demselben.nbsp;Und so kommt das Franzosische zum Grundstein seines ,,klaren,nbsp;logischen Aufbau“, aus der Not ist eine Tugend geworden.

Dafi das lateinische Verstummen von -s und das italienisch-rumanische im Zusam-menhang stehen, wird von anderen bezweifelt. Vgl. M. L. Einf. § 86.

Kehren wir in die spatrömische Zeit Galliens zuriick. Das dortige Volkslatein unterscheidet sich in wesentlichen Ziigen von dem Italischen.nbsp;Auch im Innern dürfen wir dialektische, mundartliche Spaltung an-

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

nehmen. Doch überwiegen kraft des gemeinsamen Pulsschlags, des Verkehrs, zentripetale Krafte in der ganzen Romania. Das gallischenbsp;Latein ist ungewöhnlich einheitlich; das Gesamtlatein ist es, an dernbsp;RiesengröGe des Reiches gemessen, ebenfalls. Eine Sprache, die mitnbsp;gewissen das Verstandnis noch kaum erschwerenden Unterschiedennbsp;vom Balkan bis nach Portugal, von Nordafrika bis nach Südbritanniennbsp;verstanden wird. Da bricht der Damm, der gegen die östlich sitzendennbsp;Barbaren errichtet worden war, die Hauptlinien, Donau und Rheinnbsp;und der Limes als Verbindung, halten nicht mehr. Für Nordgalliennbsp;können wir ungefahr das Jahr 500, die Jahrtausendmitte, als die ent-scheidende Zeit ansetzen. Die Franken, aus dem jetzigen Hollandnbsp;kommend, brechen ein, überfluten das Land und bedecken es alsbaldnbsp;wie einst Iberer, dann Kelten, dann Romer, als eine dünne, herrschendenbsp;Oberschicht. Über die Urgeschichte dieses barbarischen und ungeheuernbsp;vitalen Stammes wissen wir nichts. Der Haar- und Augenfarbe nach,nbsp;die das französische Mittelalter hindurch Modefarbe bleibt (vgl. R. 33),nbsp;sind die Franken arktischer Herkunft, sprechen germanischen Dialekt.nbsp;Seit Jahrhunderten pochten sie an das gallische Tor. Das Verhaltnisnbsp;von Franci (Volksnanie?), Chatti, Ubii, Sugambri, Batavi, Chamavinbsp;(Stammesnamen?), Hugones (epischer Name? vgl, Huon aus Hügöne(m))nbsp;ist unbekannt. (Vgl. J. B. XIII, I, S, 60,)

Die Wirkung dieser Invasion ist für Verkehr hemmend, für Schule, Theater, Gesittung vernichtend. Alle Bande, die zwischen Gallien undnbsp;der übrigen Romania bestanden, sind zerschnitten. Zentrifugale Kraftenbsp;wirken nun allerorts. Alles ist im Schmelztiegel. Und so wird auchnbsp;für die Sprache der erste und wichtigste EinfluC dieser Revolution einnbsp;negativer gewesen sein. Alle die Entwicklung hemmenden Kultur-faktoren sind aufgehoben, der bisher langsame Gang der Sprach-entwicklung beschleunigt sich nun auCerordentlich.

Die Schriftsprache aber ist nicht mehr Hemmschuh, sondern wird ebenfalls, wenn auch naturgemaG in langsamem Tempo, mitgerissen.nbsp;Gregor von Tours (VI. Jahrh.) bekennt von der Grammatik, denbsp;qua adplerie non sum imbutus, kenne er nicht viel (Hist. Franc.nbsp;Exordium). Augustins zitierter Gedanke dient ihm als Entschuldigung.nbsp;So wie er schrieb, sprach er wohl auch, von seiner orthographischennbsp;Konvention natürlich abzusehen. Man darf seine Chronik als ein ungefahresnbsp;Zeugnis ansehen, wie gebildete Stadter des VI. Jahrhunderts redeten.nbsp;Und wenn wir die sogenannte Chronik des Fredegar als Zeugnis fürnbsp;das VIL, das Liber Historiae als solches für das VIII. nehmen, sonbsp;können wir an diesen immer unselbstandiger, immer kürzer und arm-licher, sprachlich immer unlateinischer werdenden Berichten das Sinkennbsp;der Kultur und den immer schneller sich vollziehenden Entwicklungs-prozeG der Sprache beobachten. Da schon Gregor die alte Grammatik

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

nur noch ungenau kennt, da klassische Autoren nicht mehr oder selten gelesen werden, merken nur wenige die Spannung zwischen demnbsp;modernen Latein und dem Geschriebenen von einst. Die.se wenigennbsp;miissen nun altere lateinische Texte praparieren. Es entstehennbsp;Glossare, — bald praparationsartig den Text, die Vulgata etwa, be-gleitend, — bald alphabetisch geordnet. So begleiten die Reichenauernbsp;Glossen (VII. oder VIII. Jahrh.)^) die Vulgata bis zum 150. Psalm,nbsp;brechen hier ab und lassen einen alphabetischen Teil folgen, der nachnbsp;Stalzer zur Benediktinerregel gehort. Vgl. Altfrz. Übungsbuch:

(Ende des Kom- ƒ 819 Bucellas; frustas panis (Ps. 147, 17) mentars):nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;\nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Cymbalis: cymblis (Ps. 150, 5)

(alphabet. Teil): nbsp;nbsp;nbsp;Aridam: sicam

Astutus: ingeniosus usw. alphabetisch.

Altes Latein, besser veraltetes Latein, wird durch modernes sehr verschiedener Farbung erklart; Das erste Wort ist nicht mehr imnbsp;Gebrauch und wird umschrieben. Im zweiten, einem Proparoxytononnbsp;(Akzent auf der drittletzten Silbe), ist die Panultima verstummt, aridusnbsp;ist vergessen, siccus (frz. sec) statt seiner gebrauchlich, ïngënium hatnbsp;Bedeutung gewechselt und hat den Sinn: „Listquot;.

Aber auch solche Glossen sind darunter, in denen zwar auch Latein durch Latein erlautert wird, die Erklarung aber nur latinisiertesnbsp;Germanisch ist:

874 Castro; heribergo,

930 galea: helmus,

285, 1047 pignus (Pfand): uuadius (wadian, heute „wettenquot;),

1150 Uuespes'; scrabrones uuapces.

Germanische Worte fur Wafifen und Kriegstechnisches: ,,Herberge“, bereits umgelautet; „Helmquot;; für Rechtsbrauch: wadius „Pfandquot;, wahrendnbsp;sich verwandte oder ahnlich aussehende Worte kreuzen: lat. vespanbsp;und germ, wepsa (vgl. oberbayer. und neuwallonisch weps).

Zu den germanischen Worten namlich, die vor 400 post Chr. ins Lateinische drangen und somit in alien oder wenigstens einem Teilnbsp;der romanischen Sprachen weiterleben^) (Kriterium ihrer Bestimmung!)nbsp;kommen nun in Gallien eine sehr bedeutende Zahl neuer Lehnworte.nbsp;Entstammten jene gemeinromanischen Entlehnungen der Sprachenbsp;niederer Stande, germanischenSklaven (fillo ,,Schinder“), germanischen

’) S. J B. XI, I, 83 ff., 117 ff. Sachliches und Ausgabe Stalzer, Sitz Ber. Wien. Ak. W. Phil.-Hist. 152. Die Karlsruher Handschrift ist das Original der Arbeit. Isidorsnbsp;Etymologien u. a. werden als Quellen nachgewiesen. — Sprachliches; Kurt Hetzer,nbsp;Die Reichenauer Glossen, Halle 1906. — J. Briich, Einflufi der germ. Sprache aufnbsp;das Vulgarlatein; in Sammlungen roman. Handbiicher. — M. L. Einf. §§ 38 — 44. E. Ulrixnbsp;De Germaanschen Elementen in de Romaansche Talen, Gent 1907.

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II. Einfiihrung in die Vorgeschichte des Französischen,

Kriegern und ihren Konkubinen (germ, siippa), Kaufleuten, die mit Germanen handelten (frk. marthar ,,Marder“, Pelzhandel) — sonbsp;stammen diese von der herrschenden Klasse und erstrecken sich aufnbsp;jeden Teil der menschlichen Wirtschaft.

Und wie der Einflufi der Franken sich negativ darin auCerte, da6 sie die Landessprache ihren natürlichen Bedingungen zurückgaben»nbsp;so zeigt er sich nun auch positiv darin, dafi die frankische Sprachenbsp;in Wettbewerb mit dem Lateinischen tritt. Einst war bei ahnlichemnbsp;Wettbewerb das Keltische, die Sprache der Besiegten, vor dem Lateinischen, der Sprache der Sieger, unterlegen. Armlich ist der Besitznbsp;an keltischen Lehnworten in der Romania, selbst in Frankreich. Nunnbsp;unterlag, dank der höheren Kultur, das Frankische, die Sprache dernbsp;Sieger, und ermöglichte spateres Wiederaufnehmen des Fortschritts:nbsp;Formen, Satzbau der Landessprache blieben romanisch. Nureinzelnenbsp;Worte, auch Prapositionen, Prafixe, Suffixe wurden germanisch.nbsp;Wie es mit den Lauten und dem Akzent wurde, wissen wir nicht.nbsp;Bei fremden germanischen Lauten beobachten wir die iibliche Substitution: So wird w zu gu, das eben erwahnte vespa unter demnbsp;EinfluC von wepsa zu guespe (nfrz. guêpé) statt des erwarteten vespe.nbsp;Immerhin ein starker germanischer Einschlag der Sprache, vermutlichnbsp;ein entsprechender in der Blutmischung.

Und so ist es nicht verwunderlich, dafi die Franken bald das ganze Land, bald einen Teil als Francia bezeichnen, — urspriinglich nurnbsp;die Mundart des Pariser Beckens, bald diejenige des ganzen Landesnbsp;franceis ~ ,,französisch“ nennen. Schon die Reichenauer Glossen, dienbsp;gewiC in Nordfrankreich (Hetzer, S. 136) entstanden sind, erklaren:

936 Gallia: frantia.

Die Beobachtung der erwahnten Lautsubstitution (germ, w gt;gt; gti) und ahnlicher Dinge veranlaCte Meyer-Liibke in seiner Rektoratsredenbsp;zu sagen; „Da drangt sich unwillkürlich der Gedanke auf, jene spezi-fischen Merkmale des Französischen, die sich etwa im VI. Jahrhundertnbsp;bemerkbar machen, könnten das Produkt von Frankisch und Lateinnbsp;sein, falls es sich überhaupt um ein Verschmelzungsprodukt handeltquot; 1).nbsp;Allein, wenn die germanischen Laute romanisiert wurden, so lag keinnbsp;Grund vor, die romanischen zu germanisieren. Doch ist eine An-naherung der Artikulationsgewohnheiten denkbar. Die weitere Ent-wicklung scheint mir folgendermaCen verstanden werden zu können:

Zentrifugale Krafte wirken nun auch im Innern Galliens und spalten das sich schnell fortentwickelnde gallische Latein in mehrerenbsp;groCe Dialektgruppen, von denen diejenige, die im Süden gesprochen

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Die Ziele der rom. Sprachwissenschaft. Inaugurationsrede, Wien 1906, S. 24.

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

wurde, sich von der im Norden gebrauchlichen Sprache derart differenziert, dal^ nach ein paar Jahrhunderten der Entwicklung vonnbsp;einer besonderen Sprache gesprochen werden darf, die von nun annbsp;als Sprech- und Schriftsprache selbstandig bleibt. Warum ist diesenbsp;Differenzierung so stark geworden.? A priori können wir urteilen: Weilnbsp;die Provence in der entscheidenden Zeit kultnrell oder wirtschaftlichnbsp;ein geschlossenes Gebiet darstellte. Und dies ist auch der Fall:

Die Provincia Narbonensis war in den Besitz der Goten ge-kommen, die das Kiistenland als Korridor zwischen ihren italischen und spanischen Besitzungen brauchten. Im Jahre 510 unterstand dasnbsp;. Land Theodorich dem GroCen, der seine Einrichtungen und seinenbsp;alte Kultur durchaus schonte. Jenseits der Durance begann frankischesnbsp;Land, und die Grenze zog sich „von den Westabhangen der Cevennennbsp;nach Bordeaux in einen sUdwarts geweiteten Bogen“. Doch warnbsp;Avignon nördlich der Durancemtindung in das Gotenreich einbezogen.

Fritz Kiener, Veifassungsgeschichte der Provence Leipzig 1900, S. I.

Im Jahre 536 traten die Goten das Land zwischen Durance und Rhone an die Merowinger ab. Man darf annehmen, daC schon dienbsp;gotische Besiedelung numerisch nicht sehr zahlreich war, und dafi auchnbsp;Franken nur in geringer Zahl nachrückten (op. cit. S. 27). Jedenfallsnbsp;zeigt sich im Rhonetal nicht der gleiche Niedergang wie im Norden.nbsp;Die allerdings altere und intensivere Kultur bleibt viel besser erhalten.nbsp;Und um die Mitte des VI. Jahrhunderts weigert sich nach Gregor VI. 9nbsp;der beatus Domnolus den Bischofssitz in Avignon zu iibernehmennbsp;mit der Begriindung: Nec permitteret (Clotkarius), simplicitatem illitisnbsp;inter senatores sophisticos ac indices philosophicos fatigari, adserens,nbsp;hunc locum humilitatis sibi esse potius quant honoris.

In gleicher Weise erhielten sich Gesittung und Lebensart in den auch spater noch von Goten besiedelten Teilen des Landes, demnbsp;Kiistenstriche und dem Garonnetal, so daC dieser Teil Frankreichs,nbsp;der vorgeschichtlich mindestens sprachlich getrennt gewesen zu seinnbsp;scheint (Küste und Rhonetal ligurisch, Garonne baskisch), nun kulturellnbsp;und sprachlich geeint aus dem Schmelztiegel der Merowinger-Zeitnbsp;heraustritt. In wesentlichen Ziigen scheidet es sich vom Französischen,nbsp;meist in konservativen. Die intervokalen Verschlufilaute rückennbsp;immer nur um eine Stufe vor, statt zu fallen oder zu vokalisieren:nbsp;Stimmloser VerschluClaut wird stimmhaft, urspriinglich stimmhafternbsp;Verschlufilaut wird Reibelaut: aprov trobador entspricht afrz. iroveournbsp;tropatöre(m); intervokales -p- rückte nur bis b, im Französ. bis v,nbsp;intervokales -t- bis -d-, -k- bis Laute, die im Französ. verstummtennbsp;Oder vokalisierten. — Der Tonvokalismus schlieGlich erhielt den

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französisclien.

vlat. Lautbestand so gut wie unverschoben, vgl. die Tafel in C. Appels Provenzalischer Lautlehre, Leipzig 1918, § 27.

Wie liegen nun die Sprachverhaltnisse im Norden der Provence, wie verstehen wir die Spracligrenze zwischen der Provence undnbsp;Frankreich? Im NO stiefi die Provence an Burg und. Hier warnbsp;ein dritter germanisclier Stamm schon ca. 450 von den Römernnbsp;durchaus friedlich angesiedelt worden. Sprachlich und kulturell warnbsp;er schnell romanisiert und unterlag daher alsbald der rücksichtslosennbsp;List und Kriegsführung der Franken. Das Land aber hat im Mittel-alter politisch fast durchweg ein Sonderieben geführt. Ungefahr decktnbsp;sich mit seinen Grenzen ein groCer französischer Dialekt, den mannbsp;mit „Frankoprovenzalisch“ bezeichnen kann^). Dieser Dialekt behandeltnbsp;die VerschluClaute wie im Französischen (s. oben); das haupt-tonige a aber konservativ wie im Provenzalischen. Nur wenn sichnbsp;dies a nach palatalem Verschlufi- oder Reibelaut findet, wird es wienbsp;im Französischen zu ié. Vgl. M. L. Einf. § 32. ALF 22 ala tsatjjénbsp;= aller chercher.

Nun steilte Morf fest, daG sich diese noch heute ungewöhnlich scharfe Dialektgrenze nicht mit dem Königreich Burgund decke. Wienbsp;sollte sie es auch, wo doch im Mittelalter „die politischen Grenzennbsp;unaufhörlich wankten und wechselten“. Wohl aber decke sich dienbsp;Grenze haarscharf für ^/s ihres Verlaufes mit dem Gebietnbsp;der alten Bistümer Lyon und Vienne, und nur im Osten gingennbsp;die soeben geschilderten frankoprovenzalischen Züge nach Savoyennbsp;und das Delphinat hinein^), wobei es sich doch wohl um linguistischenbsp;Eroberungen handeln dürfte.

Diese Feststellung eröffnet einen tiefen Einblick in die grund-legenden Faktoren der Sprach- und Kulturentwicklung Frankreichs im frühen Mittelalter. Die römische Verwaltung hatte die keltische,nbsp;vermutlich urgeschichtlich begründete Einteilung übernommen, dienbsp;kirchliche Einteilung übernahm die römische. In dem Chaos dernbsp;Völkerwanderung, der Merowingerzeit und des frühen Mittelalters bliebnbsp;die Kirche der ruhende Pol. Die Bistumsgrenzen wurden meist auchnbsp;Verkehrsgrenzen. Innerhalb ihrer wirkten zentripetale Krafte kon-vergierend nach dem Sitze des Episkopats hin. War der Bischofssitznbsp;zugleich ein groGes Handelszentrum, so eroberte er linguistisch die-jenigen Teile, die wirtschaftlich von ihm abhangig waren, wie wir dasnbsp;eben von dem östlich Lyon und Vienne benachbarten Bergland sahen.nbsp;Den Kern aber bildet das Episkopat, so daG Morf die mittelalterlichennbsp;Dialekte als ,,Kirchturmsprachen“ bezeichnen darf.

') Fast jeder Forscher hat dieser Mundartengruppe einen eigenen Namen gegeben. Ich. bleibe aus praktischen Gründen bei dem altesten dieser Namen. — Zur sprachl.nbsp;¦Gliederung Frankreichs, Berlin 1911, Abh. der Ak. der Wissensch.

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

Was aber war dann die Rolle der Burgunden, der Franken, der Goten, 500 Jahre früher diejenige der Romer, 1000 Jahre frühernbsp;diejenige der Kelten im sprachlichen Leben Galliens gewesenf Allenbsp;diese Völker batten dem eroberten Lande entweder ihre Sprache alsnbsp;Ganzes aufgedrtingt (Kelten, Romer) oder eine grofie Anzahl Lehn-wörter der Landessprache eingefügt (Germanen). Dadurch, daü dienbsp;Romer Schriftsprache, Schule, Theater und Verkehr bestimmten, battennbsp;sie die Sprachentwicklung gehemmt, die lokal wirkenden zentripetalennbsp;Krafte der Civitates, spater der Bistümer, geschwacht. Dadurch, dafinbsp;die Franken jene Kulturfaktoren zerstörten, batten sie die Sprachentwicklung gefördert, den zentripetalen Kraften der kleineren Gemein-schaften (Bistümer) die volle Wirkung zurückgegeben. Dadurch, daCnbsp;die Goten jene Kulturfaktoren schonten, batten sie ein Gebiet (Rhóne,nbsp;Küstenstrich und Garonne) sich kulturell und sprachlich vom übrigennbsp;Gallien trennen lassen, obgleich dieses ursprünglich weder ethnologischnbsp;noch linguïstisch ein einheitliches Gebiet dargestellt haben dürftenbsp;(Ligurien—Baskien).

Die Eroberer brachten also Sprachen oder Sprachgut und blieben für das Tempo der Entwicklung bestimmend.nbsp;Die Entwicklung selber aber folgt anderen Gesetzen; Nurnbsp;der Verkehr bestimmt sie, der seinerseits von vielen Faktorennbsp;abhangt, und im Grunde sind auch Provinzen oder Bistums-grenzen nur Schranken, die der Verkehr brechen und über-fluten kann.

Wo die Bistumsgrenzen Verkehrsgrenzen sind, decken sie sich mit den Dialektgrenzen. Wo eine wichtige Strafie, ein schiffbarernbsp;Flufi, alte Stammesverwandtschaft herausreicht, überschreitet dienbsp;„Kirchturmsprache“ die Grenze und wandert mit den Erzeugnissennbsp;des Landes. Und so ist vermutlich die.Grenze des Provenzalischen,nbsp;weniger als irgend eine in Frankreich, durch die kirchliche Gliederungnbsp;bestimmt, als durch den strahlenförmigen Handelsverkehr, dernbsp;von den alten Kaufmannszentren des Mittelmeers, Marseille, Nimes,nbsp;Narbonne, Toulouse ausgeht, rhóneaufwarts und garonneabwarts liefertnbsp;er 01, Wein und Fertigfabrikate und dringt bis tief ins Berglandnbsp;des Zentralmassivs vor. Bis hierher schützt es die konservativennbsp;Eigenheiten seiner Sprache, die eine Eigenheit weniger weit, dienbsp;andere weiter. Hier durchschneiden in Schlangenbögen, die sichnbsp;mannigfach kreuzen, die Grenzlinien der provenzalischen Charakteristikanbsp;das Zentralmassiv, um im Garonnetal zu enden. So wie Morf diesnbsp;auf der VII. Karte seiner genannten Veröffentlichung (vgl. C. Appelnbsp;auf der Karte seiner prov. Lautlehre) gezeigt. Am wenigsten weitnbsp;ist die Erhaltung von lat. -k- als -g- gelungen (sêcürum aprov. segur,

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II. Einführang in die Vorgeschichte des Französischen.

afrz. sëur', pacare ^ aprov. pagar, afrz. paiiei^. Tief ist hier der französische und frankoprovenzalische EinfluG rhoneabwarts gelangt,nbsp;hat im Massiv Teile des Limosinischen, in der Garonne den Médocnbsp;und Bordeaux erobert.

Weniger erfolgreich hingegen war der sprachlich soviel hemmungs-losere französische Norden mit seinen anderen fortschrittlichen Charak-teristiken: Mit sé'ur drang er im Rhonetal bis in die Gegend von Valence vor; mit seiner Lautung e fiir lateinisch freies Hauptton-anbsp;dagegen konnte er nur fiir a nach palatalen VerschluG- undnbsp;Reibelauten auf franko-provenzalischem Gebiete durchdringen, das,nbsp;seinem starken Verkehr rhoneabwarts entsprechend, weiter mit demnbsp;Siiden amar sprach oder aniar wieder einfiihrte, statt mit dem Nordennbsp;amer zu artikulieren.

In einzelnen Worten allerdings sind die Grenzen noch viel weiter gesetzt. Da findet sich provenzalischer Import in groGerer Zahl bisnbsp;zu einer Linie, die von der Loiremiindung zum SiidfuGe der Vogesennbsp;geht^). Aus dieser Darstellung lernen wir, daG es keine scharfennbsp;Dialektgrenzen gibt, sondern daG fiir jeden Lautvorgang, wennnbsp;wir phonetisch vorgehen, — fiir jedes Wort, wenn wir wortgeschichtlichnbsp;arbeiten, die Grenzen andere sein können. Die Grenze der Provencenbsp;nach Frankreich zu besteht aus einem Linienbiindel, das den Rhónenbsp;in einer Spannung von etwa hundert km um Valence überschreitet,nbsp;in Schlangenbögen durch die Haute Loire, am Puy de Dome vorbeinbsp;das Zentralmassiv durchschneidet, bei Limoges in die Ebene tritt undnbsp;nun sich süd- oder südwestwarts Bordeaux zuwendet, um dann in dernbsp;Hauptsache nordwestwarts der Gironde zu folgen. Bei zahlreichennbsp;Worten verlaufen die Grenzen noch weiter nördlich, von Lehnwortennbsp;der Reichssprache ganz abgesehen, die die Grenz^ wiederum nachnbsp;Siiden verlegen und bis zu den Pyrenaen und dem Mittelmeer verdringen. Vgl. Gauchat über Mundartgrenzen, Archiv CXI, 365.

Drei Jahrhunderte und gewiG darüber hinaus waren die politischen und wirtschaftlichen Krafte Nordfrankreichs paralysiert. Sonst hatte wohlnbsp;das Provenzalische überhaupt nicht so stark hinter dem Französischennbsp;zurückbleiben können. Wie bisher unter Rom ware das linguistischenbsp;Schicksal beider Lander èng miteinander verbunden geblieben.

Diese Paralyse und ihre Ursache, Verkehrshemmung, bedingt aber eine zweite Spaltung: Caesars dritter Teil der Gallia transalpina,nbsp;das alte Belgium, hat sich in einer Reihe von Bistümern fortgesetzt.nbsp;Mochten, wie ich oben vermutete, zu römischer Zeit ein besonderernbsp;Akzent gewisse Unterschiede in der Lautung diese Gegend vom übrigen

1) Vgl. L. BI. 1916, 120. Man nimmt an, dafi der prov. EinfluB früher bis hierher reichte und erst spater durch den französischen zurilckgedrangt wurde.

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30 II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

gallischen Latein trennen, so wird dieser Unterschied nun für eine Reihe von Ziigen sehr einschneidend. Und zwar handelt es sich auchnbsp;hier in der Hauptsache um' konservative Züge des „Pikardischen“nbsp;gegenüber dem ganz offenbar auch dieser Landschaft gegenübernbsp;hemmungsloseren Französischen. Welches sind diese Züge? lmnbsp;Vokalismus bleibt das nasalierte e als è und wird nicht wie imnbsp;Französischen zu a geöffnet; lat. ïn, vlat. en; pik. ê (sprich wie frz.nbsp;ain), frz. a. Die Lautung s hat auch die Wallonië.

Im Konsonantismus bleibt wie im Provenzalischen das anlautende lat. k unverandert, wie ja schon aus Ortsnamen leicht zu ersehen:nbsp;Cambray, Ie Cateau, vgl. zu letzterem Castelnaudary (provenzalisch)nbsp;gegen französisch Chdteau-Salins'-').

Das lat. k vor e, i aber bleibt nicht ^^-Laut mit tiefer Zungen-spitze. Die Zunge kesselt sich ein wie im Italienischen cera (sprich tfera), und wer im Krieg in der Pikardie war, wird sich daran erinnern,nbsp;dafi die Bevölkerung iji (sprich ichi) für frz. ici (sprich isi) sagt undnbsp;jtom für eet homnie. (Grund; mediopalatale Basis im Norden, wahrendnbsp;das Französische die vordere Muskulatur spannt.) Beide konsonantischenbsp;Lautungen teilt die Normandie mit der Pikardie, wahrend dienbsp;Wallonië mit dem Franzischen geht.

Wenn man nun solch einen pikardischen Satz nimmt; è dejè o kato

und ihn mit dem entsprechenden französischen vergleicht:

3 desa o jato (on descend au chateau)^ so sieht man, dafi beide Dialekte, den des eigentlichen Galliens und dennbsp;des alten Belgiens eine Schranke trennt, die sich in den vorliterarischennbsp;Jahrhunderten bhdete oder vertiefte. Nicht zufallig; Morf kann in dernbsp;angeführten Schrift sagen: ,,So tritt auch hier die ursprüngliche Einheitnbsp;des alten belgoromanischen Sprachgebiets hervor, das Wallonië,nbsp;Pik'ardie und Normandie umfaCt.“ Diese Einheit, urgeschichtlichnbsp;gewifi nicht bloG ethnologisch, sondern vor allem verkehrstechnischnbsp;begründet (die groGen StraGen Köln-Rouen, Trier-Rouen, das Meer!),nbsp;wird von den Römern, dann auch von der Kirche übernommen undnbsp;weckt zentripetale Krafte, die auch die frankische Einwanderung nicht

b In J. B. VIII, I, 175 hat Herzog den Morfschen Nachweisen mit einigen Vor-behalten zugestimmt. Er macht auf folgendes aufmerksam; Da frei a pik. zu e wird (mare mer) wie im Französischen, nach k aber auch wie im Französischen zu «V, caputnbsp;(vgl. schon Suchier, Zt. II, 295), so mufi k verschoben, aber die Verschiebungnbsp;rückgangig gemacht worden sein. Der SchluC ist nicht zwingend. Das i in kief istnbsp;Ubergangslaut aus der k- in die I-Stellung; dasjenige in chief aber Gleitlaut; Die Zungenbsp;wölbt sich nach tf stürker als e es verlangt. Da beide i also physiologisch verschiedennbsp;sind, können sie auch verschieden entstanden sein, wie i agn. vor a, o entsteht: chialtnbsp;(calidu(ra)) chiose (causa) usw. Lapidar, afrz. Übungsb. S. I74 ff.

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

zerstören kann, und die sich in einer Reihe von sehr charakteristischen, gegen das französische meist altertiimlichen Sprachzügen aufiert.nbsp;Natiirlich wirken auch zentrifugale Krafte im Innern dieses Bezirks,nbsp;und die Scheidung in drei Hauptdialekte Wallonisch, Pikardisch,nbsp;Normannisch^), die in der Wallonië durch die flamische undnbsp;lothringische Nachbarschaft, in der Normandie durch die normannischenbsp;Invasion (X. Jahrhundert) gefördert wird, ist sicherlich langst begründet.nbsp;Vermutlich erst mit der politischen Hegemonie, dem wirtschaftlichennbsp;Aufschwung, dem Ausbilden einer Schriftsprache, also mit demnbsp;X.—XII. Jahrhundert beginnt das linguistisch fortschrittliche Französischnbsp;des Pariser Beckens und der Champagne sich nach alien Seiten hinnbsp;auszubreiten, altertümliche Lautungen zu vernichten, bis zu der obennbsp;beschriebenen Grenze des Frankoprovenzalischen und Provenzalischennbsp;vorzudringen. Es erobert in vielen Zügen das ganze Loirebeckennbsp;und gelangt bis zur Dordogne und Garonne. Aber die drei obennbsp;genannten Provinzen gebieten ihm Halt, wenn es auch, und gewilJnbsp;schon vorliterarisch, vielfach über die Grenze dringt, sei es durchnbsp;das Seinetal, sei es die Oise entlang, und heute das Land mitnbsp;schriftsprachlichen Zügen oder Formen allerorts durchsetzt hat.nbsp;Dennoch hat das Zentralfranzösische das verhindert, was es in dernbsp;Provence nicht konnte; die Ausbildung (nicht die Entstehung, dennnbsp;bestanden hat sie im M. A.!) einer eigenen neu-pikardisch-nor-mannischen Schriftsprache.

Auch in diesem groGen, linguistich vom Pariser Becken abhangigen Seine-Loire-Gebiete bilden sich lokale Sprachzentren, zu denen dienbsp;wirtschaftlich abhiingige Umgegend zentripetal schaut, und Dialektenbsp;entstehen, die vorhistorisch bereits bedingt sein dürften, nun abernbsp;durch wirtschaftsgeographische und politisch-kirchliche Begrenzung innbsp;ihrer Sonderentwicklung gefördert werden. Vorab die Umgebung dernbsp;Hauptstadt mit dem bezeichnenden Namen lie de France — demnbsp;,,Herzen von Frankreich“, — Marne und Seine aufwarts: Troyes undnbsp;Reims, Hauptstadte der Champagne, — im östlichen Bergland; Metz,nbsp;Toul und Verdun, die Zentren Lothringens, —jenseits des Plateausnbsp;von Langres; Dijon als Herz von Burgund, — saoneaufwarts:nbsp;Besangon und die Freigrafschaft, — saoneabwarts aber: Lyonnbsp;und Vienne, die Zentren der Frankoprovence, die ihren Einflufinbsp;bis in die französische Schweiz erstrecken, — loireabwarts, um die

h Nach 1066 schliefit sich diesen drei Mundarten eine dritte, das Anglonor-mannische an, das aber der Nachbarschaft entsprechend auch pikardische Oder walionische Ziige aufweist, im XII. Jahrhundert eine literarische Bliitezeit erlebt undnbsp;seit dem XIII. Jahrhundert verfallt.

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22 nbsp;nbsp;nbsp;II- Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

alten Loiresiedelungen, Mundarten, die man als südliche (bis Orléans) und westliche bezeichnet. Schliefilich südlich der Loirenbsp;bis zur provenzalischen Grenze um Angoulêmes, Poitiers usw.nbsp;der Südwesten. In der Merowingerzeit wird aller Verkehr aufnbsp;Nachbarn beschrankt gewesen sein. Und so entstehen auch Beziehungennbsp;zwischen Norden und Zentrum.—So geht der französische Westennbsp;in manchem mit der Nordgruppe, — die nördlichen Seitentaler dernbsp;Loire banden Normandie und frz. Bretagne, Touraine, — wie dienbsp;Seine Normandie und lie de France. In der Nordgruppe stehtnbsp;durch die Maas in vielen Zügen die Wallonië dem südlichen Nachbarnbsp;(Lothringen) naher als dem westlichen (der Pikardie). Die ein-gekesselte Champagne zeigt im W. franzischen, im O. lothringischen,nbsp;im N. pikardischen Einflufi. Dem Südosten bringen die Saóne undnbsp;ihre Seitentaler, dem Südwesten die Ebene und die Fluötaler zwischennbsp;Garonne und Loire den provenzalischen Einschlag: Worte, Wort-gruppen, Lautungen. Ja, auch die Sprachgrenze wird überschritten:nbsp;Bueb sagt man heute in Lothringen für das verbrauchte fi (fïliu(m)),nbsp;das wohl (fïlia) zu nahe stand; geringe oder fehiende Palatalisierungnbsp;von n, Neigung an der ganzen Grenze für lallende Diphthonge erinnernnbsp;an germanische Gewohnheiten. Und so wird an der anderen Sprachgrenze, der Bretagne, ebenfalls sprachliche Contrebande die Grenzenbsp;überschreiten.

Man imterrichtet sich hieriiber weiterhin im ALF. und Herzog für die heutige Zeit, für das M. A. in Behrens, Materialien zur Einführung in das Stud, der frz.nbsp;Mundarten, III. Teil der afrz. Gram. Gut für alte und neue Zeit ist; R. Schönig,nbsp;Rom. vorkonsonant. L. Beiheft Zt. 45.

Diese Mundarten trennen und entwickeln sich zur Merowingerzeit, gruppieren sich, Stamm, Nachbarschaft und Verkehrsverhaltnissen ent-sprechend. Was geschrieben wurde, war ein Kompromifi zwischennbsp;Lateinisch und ihnen: lateinisch aufgeputzte Mundart, merowingischesnbsp;Latein. Manch ein Pionier mag schon damals die Begriffe geschieden haben,nbsp;die tote — und die lebende Sprache, — Mutter und Tochter, — Lateinischnbsp;und Romanisch. Manch ein Prediger mag sein Konzept auch damalsnbsp;schon in seiner Mundart abgefafit haben: Nichts Derartiges ist auf unsnbsp;gekommen. Die Schule hat den Unterschied erst festgestellt, alsnbsp;Karls des GroBen Palastschule das Latein wieder nach den Autorennbsp;und der klassischen Grammatik zu lemen begann. Die politischennbsp;Wirren und die Normanneneinfalle haben dann diesem ersten Vor-frühling formaler Renaissance ein jahes Ende gebracht, aber die Er-kenntnis, daC das P'ranzösische kein Latein mehr war, ist geblieben.

Früchte hat diese Erkenntnis nicht bloö für das Latein, sondern auch für das Französische alsbald gebracht. Die erste erhaltene

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II. Einfiihrung in die Vorgeschichte des Französischen. 33

stammt aus dem Jahre 842: Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche verblinden sich gegen ihren Bruder Lothar. Ludwignbsp;leistet einen französischen, Karl einen deutschen Eid, das Heervolknbsp;schwört ein jedes propria lingua) die Franzosen aber romana lingua.nbsp;(Vgl. Straüburger Eide, afrz. Übb.)*)

Si Ludovicus nbsp;nbsp;nbsp;sacramentum quern suumnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fratremnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Karolum iurat

Si lodkuvigs nbsp;nbsp;nbsp;sagrament que sonnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fradrenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Karlo iurat

conservat et Karolus meus senior de suam partem ilium sacramentum conservat, et Karlus, me os sendra, de suo part (n) lo sagramentnbsp;abneget, si ego retornare non ilium inde possum nec ego nec neullus cuinbsp;anit, si io returnar non I’int pois, ne io ne neuls cuinbsp;egonbsp;nbsp;nbsp;nbsp;retornare indenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;possum in nullam adjutamnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;contranbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Ludovicum non

eo nbsp;nbsp;nbsp;returnar intnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;pois, in nulla ajudhanbsp;nbsp;nbsp;nbsp;contranbsp;nbsp;nbsp;nbsp;lodhuuuic nun

illi ibi ero. li iu er. ¦

In dieser Form hat Nithart in seinen „drei Büchern Geschichte“ die Eide iiberliefert. Ich habe nur an einer Stelle Kürzungen auf-gelöst. n loftanit: Nicholson, Zt. ro. Ph. XL, 345 liest: in lonbsp;sagrament anit, was dem deutschen then er imo gefuor forbrihchit ent-spricht und mit seinem Konjunktiv syntaktisch befriedigt. Doch scheintnbsp;in unmoglich; n vermutlich irrig non. Über jedem Wort habe ichnbsp;das urspriingliche lateinische Etymon wiedergegeben, damit man dennbsp;Weg bemessen kann, den die Sprache zuriicklegte. — Der Dialekt istnbsp;bei der Kiirze des Denkmals unbestimmbar, doch würde die Annahme,nbsp;daft wir einen franko-provenzalischen Text vor uns haben, wohlnbsp;befriedigen.

Warum suchen wir in dem sparlichen Schrifttum der Zeit nach der Mundart? Verfiihre man nicht richtiger, wenn man annahme,nbsp;solche Schriftstiicke seien bereits in einer Art ,,iibermundartlichemnbsp;Französisch“ abgefaüt?

Allein bedenken wir wie die Dinge liegen: Noch ist alles Schrifttum latei nisch. Ein volkssprachlicher Eid ein Besonderes, das der Chronist als Kuriositat bucht. Der Verkehr noch gehemmt, durchnbsp;standige Kriege gestort, allerdings fiir die Soldateska auch wiedernbsp;gefördert! Die Dialekte noch nicht so stark voneinander differenziertnbsp;wie im XII. Jahrhundert; ein Übergewicht, und das ist das Ent-scheidende, hat keiner. Und so spricht jeder, wie ihm der Schnabelnbsp;gewachsen ist, Beeinflussung durch andere Dialekte besteht nur unter

r) Fiir die im Folgenden genannten „altesten Textequot; nehme man das afrz. Übb. zur Hand. Der Philologe soli sich gewöhnen, diese Denkmaler zu lesen, wie sie iiberliefert sind.

Jordan, AltfranzosUches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;^

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II. Einführung in die Vorgescliichte des Französischen.

Nachbardialekten, schriftsprachliche Beeinflussung aber ist ausschliefilich = Beinflussung durch das Lateinische.

Und so zeigen diese altesten Denkmaler gelegentlich in Formen, hauptsachlich in der Graphie, diesen letzteren, d. i. lateinischen EinfluG.nbsp;Alle aber zeigen sie auch mundartlich Eigenes: Die Eide freies haupt-toniges a, was kaum archaisch ist, da die Neigung des Stiickes zunbsp;Archaismen eine geringe scheint (fratrem gt; fradre afrz. fredre;nbsp;returnar afrz. retorner, wohl frkoprov.). Die um ein halbes Jahrhundertnbsp;jiingere Eulaliasequenz (Valenciennes) zeigt no. französische Züge;nbsp;manatee afrz. menace^ in Texten des NO. und O. (B 37) haufig; souuenbsp;(sua), afrz. soue^ wall, sowe (vgl. B 44 chauwe cad-Ota). Wogegen biernbsp;oratn (oramus) und post la most reine Latinismen sind.

Aber die mundartlichen Probleme dieser beiden altesten Texte sind einfach im Vergleich zu den folgenden: In einer Handschrift desnbsp;X. Jahrhunderts, die der Bibliothek von Clermont-Ferrand angehört,nbsp;befinden sich zwei sehr altertiimliche Dichtungen: Eine Passion undnbsp;eine Leodegatlegende. Beide zeigen eine seltsame Mischung fran-zösischer und provenzalischer Formen, die sich a priori aus einemnbsp;Grenzdialekt zur Not erklaren lieGe. Allerdings ist die Durchsetzungnbsp;mit provenzalischen Formen in der Passion weit starker als im Leodegar,nbsp;was gegen obige Annahme spricht. Eine deutliche Anspielung aufnbsp;das Weltende (das Jahr 1000!) bestimmt die Zeit der Abfassung dernbsp;Passion ‘), auch die Abschrift dürfte dem Urteil palaographischer Kennernbsp;nach noch insX. Jahrhundert zu verlegen sein. Sehen wir uns die erstennbsp;drei Strophen des Werkes an, die eine unten folgende „etymologisierendenbsp;Übersetzung“ dem Anfanger erklaren soil:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Hora vos die vera raizUnnbsp;De iesu christi passiUn

Los SOS affanz vol remembrar Per que cest mund tot a salvad.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Trenta tres ant et alques plusnbsp;Des que earn pres in terra fu;

Per tot obred que verus deus.

Per tot sosteg que horn carnals.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Peccad negun unque non fez.

Per eps los nostres fu aucis.

I. Hac hora vos dico veram rationem De Jesu Christi passionem Illos suos afann-os („Mühenquot;) volo rememorare Per quid ecceistumnbsp;mundum tottum habet salvatum. 2, Triginta tres annos et aliquid j-plus De ipso quod carnem presit in terra fuit Per tottum operavit

*) Str. 127 Quar finimunz (finis mundi) non es mult Ion — amp; rtgnum deu fortment es prob (pröpc).

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11. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

quid verus deus (sc. operai) Per tottum subtus tenuit quid homo carnalis. 3. Peccatum necunum unquam non fecit Per ipsos illosnbsp;nostros fuit occisus.

Bei oberflachlichem Zuschauen stellen wir eine ahnliche Sachlage fest wie in den Eiden: Französischer Grundcharakter, provenzalischenbsp;Schrei bung: raizun {p bezeichnet im Prov. stimmhaft s, u hiernbsp;geschlossenes 0, altprov. razo(n)), aber gleich darauf erhaltenes freiesnbsp;Ton-a: remembrar (frz. remembrer)\ salvad (afrz. sal've(t)), also einenbsp;prov. Lautung.

Aber das Problem ist doch komplizierter als in den Eiden. Die Passion ist assoniert (primitiver Reim): Die letzten Tonvokale (nurnbsp;diese und nicht auch die folgenden oder gar umgebenden Konsonantennbsp;wie im Reim) sind paarweis gleich. Wie aber kommen in Strophe 2

Str. 2 deus : carnals

zusammenf Und die ersten Verse von Strophe 3 assonieren auch nicht:

Str. 3 fez : aucis.

Sind diese Verse verderbt?

Eine Abschweifung soil die Methode weisen, solche verstümmelte Assonanzen (auch die Reime!) zu beurteilen. Nehmen wir ein bekanntesnbsp;bayerisches Lautenlied, das einst die besondere Gunst des Prinzregentennbsp;genossen haben soil:

Heut hat mir mei Schatz a Briefrl gschriebn,

Zwegn was i auf d’Nacht gar nimma kim.

Gschriebn kann aus lautphysiologischen Gründen nur gschriebm oder gschrim artikuliert werden. Der Reim ist tadellos. Nun denke mannbsp;sich einen Norddeutschen, der ohne Verstandnis fiir die Dialektformennbsp;kopiert: Da endet der erste Vers mit geschrieben, und im zweitennbsp;wird die Ablautform kim durch die vom Hochdeutschen angenommenenbsp;Form komme ersetzt. Einige Zeit darauf befaCt sich ein geschulternbsp;Philologe mit dem Gedicht und nimmt den verderbten Reim, dernbsp;nicht reimt, unter die Lupe:

geschrieben : komme.

Er kennt den bayerischen Dialekt und weiC, dafi man dort ab-lautet kim, keman. Gleich vermutet er bayerisches Original, hochdeutschen Abschreiber, und weitere in ahnlicher Weise verderbte Reime würden diese Vermutung evident machen.

Kehren wir zu unserer Passion zurück und setzen wir probeweise nordfranzösische Formen, wo provenzalische im Reim stehen:

Str. 2 deus : charnels.

Wir haben ins Schwarze getroffen, denn in Nordfrankreich assoniert deus mit seinem offenen e stets mit £ aus lat. freiem a I Der pro-

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen,

venzalische Abschreiber setzte sein charnals für charnels^ der ange-nommene norddeutsche Abschreiber sein komme fiir kimm. Aber deus konnte der Provenzale nicht iindern, da die Grundlage eine andere istnbsp;(lat. ë) und es auch im Provenzalischen deus lautet; und so verdarb er dienbsp;Assonanz. Und ebenso schrieb er in der dritten Strophe fez statt fist.

Fast jedes Sprachdenkmal der folgenden Zeit bietet dasselbe Problem. Die einzige Dichtung, die aus der Mitte des XL Jahrhundertsnbsp;erhalten ist, das Alexiusleben, wird einem Normannen aus Rouen zu-geschrieben. Samtliche erhaltenen Handschriften stammen aus Englandnbsp;und zeigen bis in die Assonanzen hinein grob anglonormannischenbsp;Dialektismen. Aus dem Ende des Jahrhunderts haben wir die Oxfordernbsp;Handschrift des Roland^'), durchaus anglonormannisch gefarbt — wahrendnbsp;die Assonanzen der Kernpartien der Nationaldichtung und ihr Geistnbsp;kontinentale, wenn nicht franzische Herkunft evident machen.

Analysieren wir einmal die Sachlage: i. bemerken wir, daC nun seit dem X. Jahrhundert Dichtungen in der Volkssprache abgeschriebennbsp;werden und sich in Abschriften verbreiten. Die einen gelangen vonnbsp;Nordfrankreich bis nach Clermont, die anderen von verschiedenennbsp;Stellen des Kontinents nach England. 2. Die Bedingungen für dienbsp;Erhaltung von Handschriften müssen in England besonders günstignbsp;gewesen sein, auf dem Kontinent aber besonders ungünstig. Es müfitenbsp;denn sein, daC Dichtungen wie Alexiuslied (Rouen?), Roland (Ile-de-France?), Karlsreise (St. Denis?) auf dem Kontinent langer von Mundnbsp;zu Mund gingen, wahrend in dem mehrsprachigen England (keltischnbsp;und englisch, nur die norm. Oberschicht französisch) das Bedürfnisnbsp;nach schriftlicher Fixierung eher erwachte. Letztere Annahme istnbsp;durchaus plausibel, beide Gründe können nebeneinander gewirkt haben.nbsp;3. Die Annahme, daö ein norddeutscher Abschreiber die zitierten ober-bayerischen Verse in der geschilderten Weise verhunzt, dürfte für dennbsp;heutigen Tag kaum realisierbar sein. Damals aber stand der Abschreibernbsp;der fremden Mundart ratios gegenüber, wahllos besserte er und merktenbsp;gar nicht, daü er die Assonanzen verdarb. Nur zwei feste Punktenbsp;galten für ihn: seine eigene Mundart und das Lateinische. Undnbsp;dies ist für uns die Grundfeststellung, welche das Problem,nbsp;Dialekt und Schriftsprache für die alteste Zeit bestimmt.nbsp;Dies Problem müssen wir nun folgendermaGen ansehen:

Mit dem geschilderten Aufkommen volkssprachlichen Schrifttums im X. Jahrhundert entwickeln sich vorab zahlreiche Schriftsprachen.nbsp;Ein jeder Dialekt entwickelt, soweit er überhaupt geschrieben wird,nbsp;seine eigene Schriftsprache und zwar im wesentlichen ungestört. Dienbsp;Störung wird einmal davon abhangen, ob der Schreiber oder Dichter

') Ausgabe der Bibliotheca Romanica.

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

zu Latinismen neigt, wie etwa Alberich von Besangon, der Ver-fasser der altesten Alexanderdichtung (afr. Übb., um i loo). Oder ob er viel herumgekommen ist und von fremden Mundarten beeinflufitnbsp;wurde. Mit dem XI. Jahrhundert andert sich die Sachlage:

Der Mensch ist fremder Lautfarbung und Diktion gegenüber empfindlich, und so wird er auch dem dialektischen Schrifttumnbsp;gegenüber intolerant.

Dazu kommt nun die politische und wirtschaftliche Bedeutung, die Paris erhalt, die soziale Bedeutung, die das erstarkende Königtum erwirbt.nbsp;Damals beginnen Aussprache und Formung der Hauptstadt Einflufinbsp;auszuüben: Man sehe unten unter frei o 4quot; Orales (S. 8o), wie sich dienbsp;zentrale Lautung schon im XI. Jahrh. im Seinetal durchsetzt. — Wienbsp;dem Rolandslied (XI. Jahrh.) sind auch Walther von Arras umnbsp;1167 die Francs de France Vorbilder des Rittertums: Beim Könignbsp;findet der verbannte Ille, der Held seines Romans Ille et Galeron,nbsp;Hilfe und Zuflucht (159, 260). Franzische Ritter helfen ihm sein Landnbsp;wiedererobern (vgl. 1997). Im Rolandslied schlofi man aus demnbsp;Lokalpatriotismus, der Dichter gehore selber ins Zentrum — Walthernbsp;aber ist aus Arras. Und wenn er auch tuit statt tgt, dui statt dpi fürnbsp;,,alle“ und „zwei“ wie ein Zentralfranzose sich angewöhnt hat, so reimt ernbsp;Ille 1489 carke (carr(i)ca) und marke{mavcai), die noch neupikardisch sonbsp;lauten, aber franzisch als charge und marcke gar nicht zu binden sind.nbsp;Und das originellste: In seiner alteren Dichtung sind der Pikardismennbsp;mehr, der Franzismen weniger, in der jüngeren hat er seine Sprachenbsp;,,verfeinert“. Und bei Christian von Troyes beobachtet man eben-falls, wie er in spateren Dichtungen bemüht ist, champagnische Reime,nbsp;die er früher brauchte, zu meiden. — Des Cuno von Béthune oftnbsp;zitiertes Lied schlieClich zeigt, wie weit die Dinge um 1200 schonnbsp;gediehen waren: „Von den Champagnern“, sagt er, „haben die Fran-zosen, der König und die Königin meine moz d'Artois, artesischenbsp;Mundartwörter, verspottet. Was kann ich dafürf Bin ich doch nichtnbsp;in Pontoise geboren!quot; Und er trumpft den Spöttern auf; „1st meinenbsp;Rede auch nicht franzisch, so kann man sie doch auf französisch wohlnbsp;verstehenlquot; Tatsachlich bleibt in manchen Zügen die Schrift dernbsp;Nord- und Westfranzosen bis ins XV. Jahrh. grobdialektisch. Vgl.nbsp;Brunot I, 328 ff. (Progrès du Francien), M. L. frz. Gramm., § 10;nbsp;Voüler, Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprache, S. 27 ff., „dienbsp;Einheit der Schriftsprachequot;.

Das Merkwürdige ist nun, dafi damit derjenige Dialekt vorbildlich wird, den wir am schlechtesten kennen. Sei es, daö geringe Neigungnbsp;zum Schreiben das franzische Schrifttum spater aufkommen lieB, seinbsp;es, dafJ politische Wirren das Entstandene rücksichtslos zerstörten, —nbsp;keiner von den altesten Texten ist (wie wir ja gesehen) in franzischer

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II. Einführung in die Vorgeschichte des Französischen.

Form erhalten, nach 1150 haben wir franzische Texte, doch sind diese nicht sicher lokalisierbar. Ca. 1200 bietet Guiot de Provinsnbsp;(unweit Paris) einigen Ersatz. Sein Französisch steht dem Rustebuefsnbsp;(Paris um 1250) sehr nahe. — Mit solcher Vorbildlichkeit dernbsp;Hauptstadt ist aber zugleich eine gesteigerte Empfanglich-keit verbunden; Es ist genau wie heute. DerwachsendenStadt bringennbsp;die Bauern der Beauce und der Brie, die Schiffer der Normandie, dienbsp;Produzenten der Champagne, der Bourgogne ihre Waren. Die natürlichenbsp;Lage macht Paris zu einem Sammelbecken der umliegenden Provinzennbsp;und ihrer Dialekte. Die seit ein paar Jahrhunderten an Bedeutung immernbsp;gewinnende Hochschule geht in ihrer Anziehungskraft noch weiter undnbsp;ebenso der Hof. Zentripetale Krafte wirken wie einst in Rom.nbsp;Nicht nur Dialektworte lernt der gelehrige Pariser und bringt sie innbsp;Kurs, sondern mit Wortgruppen dringen dialektische Lautfarbungennbsp;ein, halten sich in gewissen Gesellschaftsschichten, werden von anderennbsp;gemieden. So wie es Herzog für den Diphthong oi (noch heute twenbsp;neben twn und two!) nachwies.

(Vgl. Historische Sprachlehre des Neufranzosischen S. 32.)

So durchsetzt sich mit der Mundart auch die Schriftsprache des Zentrums ganz naturgemaC mit fremdmundartlichen Zügen; und wennnbsp;sie, wie das gelegentlich dargestellt wird, nun zu einer buntscheckigennbsp;Koiné sich entwickelt, so ist das nicht „konventioneller“ als irgendnbsp;etwas anderes im sprachlichen Leben, wo das Gültige, Bindende stetsnbsp;nur durch Konvention fesgelegt werden kann.

Aber auch die mundartlich gefarbten Schriftsprachen peripherer Dialekte wirken auf die zentrale, wie sie von ihr Einfliisse empfangennbsp;und allmahlich schwinden. Das beobachten wir seit der Mitte desnbsp;XII. Jahrh. an den Reimen. Wirtschaftliche Verhaltnisse sind daran schuld,nbsp;daC die altesten Kunstdichter (Eneas, Troja, Brut) Normannennbsp;sind. DaC mit dem Aufkommen der flandrischen Stadte die Pikardienbsp;ihre Nachbarin in der Bedeutung ihrer Dichtung ablost. Mit diesernbsp;Dichtung aber dringen Dialektformen der Nordgruppe, vor allemnbsp;charakteristische Reime, auch in die Schriftsprache, und verbleiben ihr.

G. Wacker, Ober das Verhaltnis von Dialekt und Schriftsprache im Altfranzösischen, Diss. Berlin 1916. Die Schrift ist in den Hauptpunkten sehr beherzigenswert, im ein-zelnen ist manches falsch; Dafi die Normannen des XII. Jahrhunderts mit ihren Reimennbsp;von gedeckt o und frei 0 franzisch schreiben, ist doch unhaltbar. Wenn auch Mischungennbsp;von en und an durch franzischen EinfluC bei alien Dialektdichtern vorkommen, so istnbsp;die Beobachtung dieser Mischung fiir die Dialektbestimmung absolut nicht wertlos.nbsp;Noch bei Froissart ist zu erkennen, wie scharf er en und an trennt, aber doch typischenbsp;Reime wie femme: ame (Mel. 1550) braucht. Und es ist etwas anderes, ob ein Dichternbsp;gelegentlich pikardische Formen wie lie (laeta) oder -ie (-ata) braucht (Beispiel R 3,nbsp;Ch. d’O.) Oder ob diese Formen durch die Reime alle paar Seiten belegt sind, wie innbsp;der Vénus oder bei Froissart (Mel. Ill, I95inbsp;nbsp;nbsp;nbsp;5^7 usw,). Die Wahrheit liegt

auch hier in der Mitte.

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II. Einführang in die Vorgeschichte des Französischen. 39

Was ist nun das Altfranzösische, das ich hier zu lehren habe.?' Es ist die Summe alles erhaltenen Schrifttums des französischen Mittel-alters. In den ersten Jahrhunderten seiner Entwicklung noch ohnenbsp;orthographische Konvention, so dafi der Rückschlufi von geschriebenennbsp;Buchstaben auf den einst gesprochenen Laut mit Hilfe unserer Kennt-nisse des Vulgarlateins, der heutigen Mundarten, der Assonanzen undnbsp;Reime ein relativ sicherer ist. Sind die Handschriften durch haufigesnbsp;Abschreiben auch mundartlich noch so buntscheckig geworden, sonbsp;sichern uns die Assonanzen und Reime der Dichtungen bei kritischernbsp;Behandlung exakte Beobachtungen über die Sprache der Dichter. Diesenbsp;ist natürlich stets ein KompromiC zwischen Schriftsprache und Mundarten. Es ist also unmöglich, Afrz. zu treiben, ohne neue Mundartennbsp;zu studieren.

Unsere Aufgabe ist es nicht, das mundartlich-schriftsprachlicheLeben der altesten Zeit, den Kampf des Franzischen mit den geschriebenennbsp;Mundarten der spateren Zeit in seiner Totalitat darzustellen. Ebensowenignbsp;den gesamten Sprachschatz lautlich, formal, bedeutungsgeschichtlich vor-zuführen. Das Ziel ist Erkennen, nicht bloGes Kennen. Was mannbsp;verstehen will, muG man entstehen sehen. Aber methodischnbsp;geniigt es jeweilig, das Entstehen an einzelnen Hauptpunkten verstandennbsp;zu haben, dann kann man die gewonnenen Beobachtungen jeweilig aufnbsp;neues Material, nicht nur französisches oder romanisches, iibertragen.

Daher werde ich mich auf die im Schrifttum wichtigsten Dialekte beschranken. Und auch in den Texten, deren Sprachmaterial ichnbsp;benutze, soil im allgemeinen nicht über eine engere Wahl hinaus-gegangen werden. Ich setze voraus, dafi der Benutzer dieses Lehr-buches neben der Theorie auch die Praxis übt und fleifiig best. Dienbsp;meisten angefiihrten Formen sind belegt worden, damit sie auch nach-geschlagen werden. Bei Zitaten aus B oder R soil der Anfanger diesnbsp;regelmafiig tun: Worte kommen in der Sprache selten isoliert vor,nbsp;sondern im Satze. Und im Satze soil man sie beobachten. An dennbsp;beigegebenen Texten kann der Leser seine ersten Ubungen machen. Sienbsp;fiihren ihn in das Denken und Dichten der zweiten Halite des XII. Jahr-hunderts, der ersten und der zweiten Halfte des XIII. ein. In dernbsp;Liste der Abkiirzungen hat er schliefilich eine SammIung von Textennbsp;und HilfsmitteIn, die ihn in der praktischen Kenntnis des Altfranzösischennbsp;wie im grammatischen Verstandnis fördern können. Das sind dieElemente.nbsp;Sie verstopfen jene Fehlerquellen, die fiir jeden flieCen, der sich ohnenbsp;elementar-grammatische Schulung an syntaktisch-stilistische oder annbsp;kultur- und literarhistorische Probleme machen sollte. Und selbstnbsp;der rein asthetisch Orientierte tappt bei einer fremden, noch dazunbsp;nicht mehr lautenden Sprache im DunkeIn, wenn er sie nicht auchnbsp;elementar beherrscht. Die Elemente aber sind Laut und Form.

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in. Lautlehre.

Einleitung.

Unter den Verstandigungsmittein, die dem Menschen zur Meinungs-und Willenskenntlichmachung gegeben sind, spielen seine Laute die vornehmste Rolle. Mit seinem Sprechapparat: Zwerchfell, Lunge, Luft-rohre, Kehle, dem so iiberaus beweglichen Mundraum, dem starrennbsp;aber schliefibaren Nasenraum; mit seinem Saiteninstrument, den imnbsp;Kehlkopf spannbaren Stimmbandern, vermag er unendlich viel ver-schiedene Laute mit unendlich vielen Nuancen hervorzubringen.

Alle Lautung ist wohl ursprünglich Lautnachahmung oder Lautgebarde. Erstere zur Bezeichnung aller Wesen oder Gegen-stande, die selber Laute von sich geben, Tiere, FluC, Donner; letzterenbsp;für menschliche Tatigkeiten; z. B. ,,Essen“, die Gebarde besteht imnbsp;Öffnen und SchlieCen des Mundes Lautgebarde: papap; odernbsp;„Trinkenquot;, inspiratorischer Lippenlaut.

Das Lautsymbol ist sekundar. In der Kindersprache bezeichnet etwa gagag „Enten“, dann „Vogelquot; allgemein, dann „Bilder, aufnbsp;denen Vogel sind“, dann ,,Bilder allgemeinquot;, dann alles „Buntequot;.nbsp;Durch analogisches Denken entwickelt sich offenbar die symbolischenbsp;Bedeutung des Wortes. 1st diese im Prinzip erreicht, so wird dienbsp;Benennung der Gegenstande meist auf individueller Erfindung (videnbsp;Kindersprache) und darauf beruhender genereller Konvention (Auswahlnbsp;unter konkurrierenden Bezeichnungen) fuCen.

Wie sich aber durch analogisches Denken im Individuum die Bedeutung eines Wortes verschieben kann, so verschiebt sie sich auchnbsp;innerhalb der Generationen. Meist wird hier ungenaue Bedeutungs-aufnahme durch die jüngere Generation, also Bedeutungsverschiebungnbsp;der Grund sein, wenn nicht der Gegenstand selber sich andert. Sonbsp;schwanken Grenzbegrifife wie „garquot;, in Norddeutschland = ,,bereit,nbsp;fertigquot;, im Süden = „nicht mehr verhanden, vergriffenquot; — „bereitsquot;, imnbsp;Norden = „schon, das Ziel ist überschrittenquot;, im Siiden = ,,beinahe“;nbsp;d. h. im Norden heifit „bereits 500“ — „500 und mehrquot;, im Siidennbsp;„beinahe 500“. — So bedeutet assez afrz. „sehr viel“, wie noch heutenbsp;im Italienischen assai; dann „zu vielquot; und infolge „genugquot;, assez! —nbsp;Natürlich geht solche Verschiebung nicht sprunghaft vor sich, wenn

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III. Lautlehre.

auch das schlieClich Erreichte fern ab zu liegen scheint: fallëre heifit lat. „tauschen“; metnoria fallit „das Gedachtnis enttauscht“, wasnbsp;„enttauscht“ = „setzt aus“, beginnt zu „fehlen“. Afrz. heifit il fautnbsp;noch = „setzt aus, hort auf“. Das Rolandslied schlieGt: Ci faut lanbsp;geste: „Hier schlieCt das Heldenliedquot;. Unser Rosenbruchstücknbsp;schreibt iio; Li cuer me fatit, „das Herz setzt aus“. Montereau heifitnbsp;noch heute Montereau-faut-Yonfie (spr. fotjon), weil hier die Yonne innbsp;die Seine miindet. Was „ausgehtquot;, das „fehlt“: il me faut 100 frs.,nbsp;was „fehlt“, das „braucht manquot;. So wurde fallit „es tauschtquot;, zu ilnbsp;faut „es mufiquot;, wahrend faillir, das sich gallorom. von fallëre faldrenbsp;trennte (Ausgangspunkt: i-Prasens, vgl. B 298 failoitnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;die afrz.

Bedeutung behielt: fai failli tomber = fai manqué de tomber. Ahneln also Worte Kasten, deren Inhalt Jahrtausende der gleiche seinnbsp;kann — ebensogut aber sich von Generation zu Generation verschiebennbsp;kann — so ist es auch ein haufiger Vorgang, dafi der „Kastenquot; selbernbsp;unbrauchbar wird. Ein Wort ist unbrauchbar, wenn es seinen Inhaltnbsp;nicht mehr verdeutlicht, sei es, dafi es mit einem andern Wort gleich-lautend wurde, oder ihm zu ahnlich sieht, sei es, dafi ein bildhafteresnbsp;Wort ihm Konkurrenz macht (oft beide Gründe), sei es, dafi (beim Verbum)nbsp;Formen zusammenfielen. Dann triumphiert der bildhafte Ausdruck (tëstanbsp;,,Scherbe“ gt; „Kopfquot;, wahrend capu(t) chief nïvz. nur noch abstraktnbsp;gebraucht wird); oder eine Verlegenheitsschöpfung erfolgt: mültu(m)nbsp;afrz. mout mu wird mit mehreren anderen Worten gleichlautend:nbsp;Man sagt im Z. beaucoup, im IHO. granment, im S. bien usw. ALF 120.

Wie sich die Bedeutung der Worte verschiebt, verschieben sich auch die Laute, vom Vater auf Sohn; schnell, wenn keinerlei Kulturnbsp;hemmt, langsam, wenn der geschriebene Buchstabe und die Schulenbsp;konservieren. Vollkommener Stillstand ist wohl immer nur scheinbar.nbsp;Die Sage vom Turmbau zu Babel und die Sprachverwirrung haben realennbsp;Hintergrund: Naturvölker, die einst zusammenhausten, verstehen sichnbsp;in wenigen Generationen nicht mehr.

Solche Verschiebungen gehen meist nicht sprunghaft vor sich, sondern bestehen vermutlich in einer generationsweisen kleinen Stellungs-anderung der Sprechwerkzeuge, die einmal eingeschlagene Richtungnbsp;dieser Anderungen wird in Generationen beibehalten, bis etwa einnbsp;extremer Punkt erreicht ist, der zur Richtungsanderung zwingt. Sonbsp;diphthongierte das lange lat. ë, wenn es silbenschliefiend war, ursprüng-lich zu éi: der Kieferwinkel schliefit sich vorzeitig, der Zungenriickennbsp;hat sich dadurch fiir die zweite Diphthonghalfte aus der if-Stellung bisnbsp;in die f-Stellung gehoben. Nun, mit i ist die Zunge an der Grenzenbsp;des Vokalischen angelangt. Eine geringe Hebung mehr bedingt einenbsp;Reibung = einen Reibelaut. Die Zunge blieb aber bei i stehen, undnbsp;der erste Teil des Diphthongs ei entfernte sich nun. Ob nach Akzent-

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42 III. Lautlehre.

quot;wechsel, bleibe dahingestellt. Jedenfalls ist der Akzent bei Diphthongen wenig stabil. Wenn man aber beobachtet, wie heute dialektisch dernbsp;Diphthong wa (roi) zu wo wird, ohne dafi der Diphthong seinennbsp;steigenden Charakter verandert, zweifelt man an dem Prinzip, dafi nurnbsp;der unbetonte Diphthongbestandteil sich verschieben kann. N«nnbsp;zieht sich bei dem e des Diphthongs ei die Zunge dissimilatorischnbsp;zurück, die Lippen runden sich. Ob erst die erste Bewegung ('^ ai),nbsp;dann die zweite oi), ob beide Bewegungen zusammen (ei gt; oi)nbsp;ist unentscheidbar. Und nun wird im Zentrum oi zu os, nach Akzent-wechsel oé zu wé, wé zu wa und schlieClich dialektisch auch zu wo.


Die Stellungsanderungen des Zungenrückens sind nach der Zeitfolge numeriert. Die Jahreszahl am Ende der Pfeile gibt den Zeitpunkt an,nbsp;an dem die Bewegung in einem Teil des Frz. vollzogen scheint.nbsp;I, 3, 5 sind Bewegungen des zweiten Diphthongbestandteils, 2, 4 desnbsp;ersten. Die Linie 5 geht direkt von we zu wa.

Über die Einzelheiten der Verschiebung besteben natiirlich Meinungsverschieden-heiten, Vgl. K. Weifi, Z, f, S. LXII. II, 241. — Zur Theorie der Verschiebung als Folgc des Generationswechsels; Abbé Rousselot, Patois de Cellefrouin. — Gauchat,nbsp;ünité phonét. dans le patois d’une commune, Festschr. Morf 1905, S. 175. — Herzog,nbsp;Streitfragen, 1904. — E. Wechssler, Gibt es Lautgesetzef {Festgabe Suchier.)

Die Tendenz ist also erblich und spontan, die Entwick-lung nicht beliebig, sondern die Marschroute durch die Grundbewegung so gut wie gebunden. Diese Grundbewegungnbsp;entspringt Anderungen der Artikulationsgewohnheit, des Rhythmus, desnbsp;Tempos usw. (spontane Verschiebung) oder sie entspringt der an- oder-abstolienden Kraft der umgebenden Laute (assoziative Veranderung);nbsp;die erstere ist mehr dem Vokalismus, letztere mehr dem Konsonantismusnbsp;eigen, der seiner Natur nach von Akzent und Artikulationsgewohnheitnbsp;weniger beeinflufit wird als der Vokal. Assoziative Veranderungen wirkennbsp;bald sprunghaft: *lüsciniolu(m) tossignol (Dissimilation), bald als allmah-liche Anpassung: spata espada, (t ^ d) espedhe (der Zungenverschlufinbsp;hat sich gelockert, dh ist Reibelaut 3), espée (völlige Assimilation an

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den umgebenden Vokalismus). — Wie die Worte absterben, so ver» stummen also auch Laute. Konsonanten aus assoziativennbsp;Griinden, wie wir eben sahen. Aber auch das Tempo verschleift:nbsp;Gnci Frau, sire aus alterem sendra (Eide) sind „Schnellsprechformenquot;.nbsp;In den Witzblattern spielte der Leutnant eine Rolle, der „königlichenbsp;Hoheit“ in einer Silbe sprechen konnte. Schnellsprechformen stehennbsp;als bedingte, gelegentliche Beschleunigungen neben volleren: gnddigenbsp;Frau neben gnd Frau, Monsieur neben /k/e, lat. dominus stand nebennbsp;domnus. — Aber auch unbedingtes Verstummen von Lauten gibtnbsp;es, das assoziative Griinde nicht erklaren: Vokale werden vor Vokalnbsp;unsilbig und verstummen, vor Konsonant geschwacht und verstummen.nbsp;Wie erklart sich dieser Vorgang?

Es ist leicht zu erkennen, daC es immer unbetonte Vokale sind,

die dies Schicksal trifft; amaritudinem gibt amertume. Nebenton ('quot;) und Hauptton (quot;) bleiben. — Vom Zwischenton ( ) bleibt a als e, dernbsp;Nachton ( ) lautet afrz. noch als e und ist dann verstummt. Deshalbnbsp;erklart man gern; Energischer, expiratorischer Akzent lafit minder-betonte Silben verstummen, verschleift Hiatusvokale. Ein solcher Akzentnbsp;braucht zu viel Druckstrom für die Neben- und Haupttonsilben, —nbsp;für Zwischenton und Nachton bleibt infolgedessen nicht genug übrig.nbsp;Ich glaube nicht, daC dies Rechenexempel stimmt. Zu gut ist dienbsp;Technik der Druckstromökonomie eingeübt, um aus einer individuellennbsp;Schwache eine generelle zu machen. Meiner Ansicht nach ist Unsilbig-werden oder Verstummen eines Vokals keine Folge der Energiever-haltnisse, sondern stets des Tempos oder besonderer Rhythmisierung:nbsp;Wie Beschleunigung unbetonte Hiatvokale verschleift, Diphthongenbsp;monophthongiert, zwischentonige Vokale synkopiert, werden wir beinbsp;Beobachtung des Vlat., ebenso im spateren Afrz. sehen. Die Zeit aber,nbsp;in der amaritudinem zu amertume wurde, ist die Zeit der eben be-sprochenen Diphthongierungen, also eine Periode gedehnten, geradenbsp;nicht beschleunigten Sprachtempos. All ein Ton und Nebentonnbsp;werden derart gedehnt, prellen derart hervor, dafi die umgebendenbsp;einfache Konsonanz sich ihnen anpaCt (vgl. oben spata espée) undnbsp;der zwischentonige Vokalismus zu ihren Gunsten reduziert resp.nbsp;synkopiert wird, und ein rhythmisches Alternieren zwischen Ton-und Nebentonsilben resp. zwei Nebentonsilben erfolgt. Musikalischnbsp;ausgedriickt heiCt das: Der Vorliebe für ®/4 Takt im Wortkörpernbsp;(Daktylus) folgt Abneigung gegen diesen und Vorliebe für Taktnbsp;(Jambus, Trochaus). Kurz: Bedingte Kurzungen sind Schnellsprechformen, unbedingte Kürzungen die Folge allgemeinnbsp;beschleunigten Tempos oder rhythmischer Verschleifung. —nbsp;Unbedingte Langungen sind die Folge einer Verlangsamung

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III. Lautlehre.

des Tempos. — Bedingte Langungen schlieGlich, dafi namlich ein Teil der Tonvokale sich langt, der andere nicht, wie beispielsweisenbsp;im Vulgarlatein und Neufranzösisch, sind die Folge neuernbsp;Rhythmisierung des Worts oder der Rede^).

Lautveranderungen, sei es spontane, sei es assoziative, erklaren, heiCt also ihren phonetischen Mechanismus aufdecken. Die Laut-physiologie gibt den Schlüssel der Dautentwicklung. Ohne sie ist dienbsp;Lautlehre toter und sinnloser Buchsta.benzauber! Versuche,nbsp;spontane Lautveranderungen direkt aus Verschiebungen der Kultur undnbsp;des Geisteszustandes der Spreekenden zu erklaren, sind mit Graphologienbsp;undHandlesekunst durchaus vergleichbar; sie beruhen aufungenügendemnbsp;Erfassen der lautphysiologischen Bedingungen und wohl auch auf einernbsp;romantischen Abstraktion des Volkscharakters. Kultur hat nicht aufnbsp;die Lautveranderungen als solche, sondern nur auf Artikulation,nbsp;Tempo usw. einen EinfluG^). Für sich steht, daG in Innenraumennbsp;das ursprüngliche Zungen-i? meist durch das weniger gerauschvollenbsp;Zapfehen-r ersetzt wird und die ganze Tendenz nach Dampfung geht.

*) Rhythmisiert kann die Rede in mannigfacher Weise werden: Das Neufran-zösische arlikuliert alle Silben nahezu gleich lang und langt nur die letzte Tonsilbe, so dafi zu einem Teil der Tonvokal (vor stimmhaften Reibelauten und r), zu einem Teilnbsp;der auslautende Konsonant gelangt werden; Voi/a la rose (ro:z vajo —), voila la pellenbsp;(psl:); ro:z und psl: haben gleiches Zeitmafi (Subjektiv!) wie auch die Kürzen. — Iranbsp;Vlat. wurden, wie wir sehen werden, freie Tonvokale gelangt, also auf die gleichenbsp;Lange gebracht, wie gedeckte Tonvokale (W. F.). Vermutlich also eine Wort-Rhythmisierung, die zwischen Liinge und halber Lange, — Hauptton und Nebenton ab-wechselte. (Vgl. ira übrigen die Tabelle ara Ende der Einleitung zura Konsonantisraus.)

^ Nur die allgemeinsten Lebensbedingungen können zu den Grundlagen der Sprache in Eeziehung gesetzt werden; Das Tempo hangt vora Lebensduktus ab. Schon Nietzschenbsp;hat beobachtet, wie der soldatische Geist in Norddeutschland auf Tempo und Akzentnbsp;wirkte. (In „Fröhliche Wissenschaftquot; Nr. 104. — Vgl. auch Einf. § 73.) — Dienbsp;Sprachmelodie hangt von der Artikulationsgewohnheit und dem musikalischen Sinnnbsp;ab, den Tradition und Klima bedingen. Die Artikulationsgewohnheit von Zweck-mafiigkeit und modischem Vorbild: Der Zwang, schreckhaft zu erscheinen, wird dienbsp;Artikulation nach hinten verschieben, um rauhen Klang zu erzielen, — soziale Erziehungnbsp;verschiebt nach vorn, um die Artikulation recht sichlbar und deutlich zu machen, .— allnbsp;das ist natürlich Maske, nicht Natur. — Die standige Spannung gewisser Muskelgruppennbsp;führt zu bestimmtem Gesichtsausdruck: Der Anthropologe müfite stets primare Merk-raale — und diese sekundaren, durch Artikulationsgewohnheit aquirierten trennen.nbsp;Jedenfalls führen alle diese Gewohnheiten weder zu Rasse noch zu Psyche, sondernnbsp;stets zu sozialen Konventionen.

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III. Lautlehre. nbsp;nbsp;nbsp;45

A. Vokalismus.

Kapitel i.

Allgemein Phonetisches.

a) Vokalische Laute‘).

Wahrend zur Bildung eines Konsonanten dutch die Artikulations-organe an irgend einer Stelle eine Hemmung (Enge oder VerschluG) des ausströmenden Luftstromes gebildet werden muG, erhalt der Vokalnbsp;seine charakteristische Farbung dutch die Gesamtformung des Mund-raumes (Forchhammer). Wie der Wind auf dem Wasser die ver-schiedenartigsten Wellen hervorbringt, so konnen wir dutch die Ver-anderung des so beweglichen Mundraums verschiedengeformte Luft-wellen hervorbringen, die von unserem Ohr als charakteristische Lautenbsp;aufgenommen werden.

Zahlreiche Muskeln dienen zur Formung des Mundraumes, die unzahlige Farbungen aller Vokale ermoglichen. Unzahlig sind dienbsp;Arten ihrer Spannungsmöglichkeiten, die mundartlich vorderen hellennbsp;Klang Oder hinteren, tiefen wie etwa in thüringischen Mundartennbsp;hervorbringen. Abgesehen von diesen Farbungen, die nicht nur mundartlich, sondern von Individuum zu Individuum verschieden sind,nbsp;werden die charakteristischen vokalischen Stellungen dutch korrespon-dierende Bewegungen der Lippen und des Zungenrückens hervor-gebracht.

Man kann sich diese beiden Organe wie die Griffbretter einer Ziehharmonika denken. Sie arbeiten gegeneinander, verkiirzen alsonbsp;den Zwischenraum; sie arbeiten auseinander und verlangern dennbsp;Zwischenraum; sie konnen schlieGlich nach einer Seite zusammennbsp;arbeiten, parallel gehen und zwar sowohl nach vorn wie nach hinten.

Diese vier Kombinationsmöglichkeiten beruhen auf je zwei Haupt-bewegungsmöglichkeiten der Organe. Der Zungenriicken kann sich nach dem vorderen (harten) Gaumen zu heben oder nach dem hinterennbsp;weichen (palatale bzw. velare Hebung). Die Lippen konnen sich vor-stiilpen, womit jeweilig eine Rundung verbunden ist, oder zurückziehen,nbsp;womit eine Spreizung verbunden ist.

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III. Lautlehre.

Wir sprechen infolge dieser physiologischen Bedingungen von palatalen Vokalen (mit vorderer Zungenhebung), velaren Vokalennbsp;(hinterer Zungenhebung); von offenen Vokalen (mit relativ tiefernbsp;Zungenhaltung, geringer Hebung), geschlossenen Vokalen (mit relativnbsp;hoher Zungenstellung); runden Vokalen (mit gerundeten, d. i. vor-gestiilpten Lippen); gespreizten Vokalen (mit gespreizten, zuriick-gezogenen Lippen). Sind diese Bewegungen zur Produktion vonnbsp;Vokalen allgemein menschlich, so lassen sie doch unzahlige Variantennbsp;zu, wie die starke Lippenarbeit des Neufranzösischen, die geringerenbsp;des Deutschen und die auf ein Minimum reduzierte des Englischennbsp;zeigt (Artikulationsgewohnheit).

Durch die Kombination der je zweifachen Bewegungsmöglichkeiten der Organe tassen sich vier Reihen vokalischer Laute artikulieren, ausnbsp;denen wir im allgemeinen jeweilig drei Nuancen vernehmen;

1. nbsp;nbsp;nbsp;Palatale Zungenhebung — Lippenspreizung (vorderenbsp;Vokale): Die Vokale sind da eingetragen, wo etwa der höchste Punkt

des Zungenriickens anzunehmen ist. Mit der Hebung der Zunge geht die Spreizungnbsp;der Lippen und die SchlieCung desnbsp;Kiefers zusammen. Da infolgedessen dernbsp;Resonanzraum zwischen Zungenriicken undnbsp;Lippen sich von £ zu i verkürzt, erhöhtnbsp;sich der Ton bei Isolierung dieser Laute.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Velare Zungenhebung — Lippenrundung (hintereVokale):

Mit der Hebung der Zunge geht hier Rundung und Vorstülpung der Lippen, der Kiefernbsp;schlieCt sich im gleichen MaCe.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Da sich

hier von o zu u der Resonanzraum immer er-weitert, vertieft sich der Ton bei Isolierung.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Palatale Zungenhebung — Lippenrundung (vordere ge-mischte Reihe): oe (wie in frz. c(eur), 0 (wie in deutsch hdre)^ y (wienbsp;in deutsch Twr). Die Benennung ,,gemischte Reihe“ soil folgendenbsp;Eigenart dieser Vokale benennen:

oe wird artikuliert: Zunge wie s, Lippen wie o

gt;» nbsp;nbsp;nbsp;nnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;O

u.

4. Velare Zungenhebung — Lippenspreizung (hintere ge-mischte Reihe): a (a, m kommen in romanischen Sprachen und imnbsp;Deutschen nicht vor).

a wird in den meisten Phonetiken irrig als flachster Zungenvokal gelehrt. In der Tat lafit sich auf diese Weise ein A artikulieren, dasnbsp;fiir den Halsarzt seine Bedeutung hat. Als theoretisch reiner Sprach-

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Ill, Lautlehre.

laut hat a die Lippenhaltung von s, was man feststellen kann, indem man ,,ware“ — „war“ nacheinander vor dem Spiegel artikuliertnbsp;(Riicken der Lichtquelle zudrehen) und dann zu isoliertem eaea iiber-geht. Und ebenso hat theoretisch reines a die Zungenhaltung von o,nbsp;was man feststellen kann, indem man etwa „Wort, wahr“ und dannnbsp;oaoa nacheinander artikuliert (Forchhammer). Grundbedingung fürnbsp;solche phonetischen Eigenexperimente ist natiirlich, daC man selbernbsp;einen sauberen, unverschobenen Vokalismus produzieren kannU) —nbsp;Die hintere gemischte Reihe ist also durch folgende Stellungennbsp;charakterisiert:

a: Zunge wie o. Lippen wie e,

[®' nbsp;nbsp;nbsp;gt;!nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;!Inbsp;nbsp;nbsp;nbsp;1gt;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;gt;)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;^

bi; nbsp;nbsp;nbsp;„nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;u, „nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;inbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(russ. mulo)].

Diese Vokale lassen sich schliefilich gemeinsam auf Grund der Zungenartikulation buchen:


Deutlich werden die verwandtschaftlichen Beziehungen am besten durch den Fochhammerschen Vokalkubus, der also den Mundraum innbsp;dreidimensionaler Weise als Kubus gibt, wobei die Verschiebung dernbsp;Artikulation auf einer der Linien die vierte Dimension gibt und daamp;nbsp;ganze durchaus modern „raumzeitlich“ durchdacht erscheint:

? hintwi (velar)

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UI. Lautlehre.

Verwandt erscheinen einmal die vier Saulen (senkrechte Linien) miteinander, die Laute sind nur nach dem Grade der Offenheit ver-schieden. Innerhalb der Saule können sie sich öffnen oder schlieCen,nbsp;ohne ihren Grundcharakter zu verandern.

Verwandt erscheinen weiterhin die gemischten Vokale der hinteren Saulen mit den ungemischten der vorderen: a verandert sich nach snbsp;zu durch eine Verschiebung der Zungenartikulation, a verandert sichnbsp;nach o zu durch eine Verschiebung der Lippenartikulation. — oe istnbsp;ein gerundetes e, £ ein entrundetes ce; o ein velares oe, oe ein pala-tales D usw.

lm ganzen kann man sagen, dafi im Vokalismus Lautverschiebungen nur innerhalb der Saulen und zwischen gemischten und ungemischtennbsp;Vokalen vorkommen, wahrend spontane Umstellung von Lippen- undnbsp;Zungenartikulation zugleich: e zu c, i zu u, nicht ohne Vermittlungnbsp;der gemischten Reihe vor sich gehen dürfte. Also: e zu a (Verschiebungnbsp;der Zunge), a zu c (Verschiebung der Lippen).

Folgende Angaben sollen des Lesers Vorstellung vom allgemeinen Vokalismus vervollstandigen:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Erstens und vor allem: Mit den oberen Punkten i, u, y, (u)nbsp;ist jeweilig die Grenze des Vokalischen erreicht: Einen Grad dernbsp;Schliefiung mehr und die Distanz Zungenrücken—Gaumen ist zunbsp;eng, um den Druckstrom hemmungslos entweichen zu lassen,nbsp;i wird j (i), u wird w (u), y wird q. Ein haufiger Lautübergang, dennbsp;wir im Vulgarlat. und der nfrz. Entwicklung der Diphthonge wieder-finden werden.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Den verschiedenen Raumgestaltungen, wie sie der Kubus gibt,nbsp;steht eine neutrale gegenüber, namlich diejenige, die wir dem Mund-raum vor dem Sprechakt zu geben pflegen und nach der wir wahrendnbsp;des Sprechakts als der Basis streben, wenn wir nicht betonen. Auchnbsp;ihr entspricht ein vokalischer Laut, Verlegenheitslaut, 3 geschrieben,nbsp;deutsch leicht gespreizt, französisch leicht gerundet; das Endergebnisnbsp;schwachtoniger Vokale und seinerseits zum Verstummen geneigt:nbsp;deutsch habe (haba), nfrz. mattre (msitra in gehobener Sprache, sonstnbsp;meitx, msit).

3. nbsp;nbsp;nbsp;Mit den Feststellungen des Vokalkubus ist nichts über dennbsp;oralen oder nasalen Charakter der Vokale gesagt. Theoretisch könnennbsp;sie alle genaselt (mit gesenktem Gaumensegel, das die Luft gleichzeitignbsp;durch die Nase entweichen lal3t) artikuliert werden. Starker nasaliertnbsp;werden nur die offenen Qualitaten, da Hebung des Zungenrückensnbsp;und gleichzeitige Senkung des Gaumensegels den Raum zu stark

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Ill, Lautlehre. 49

verengt. Die volle Nasalierung übt durch die Muskulatur eine Pression auf die Choanen aus (Forchhammer).

Diese Dinge miissen experiinentiert, durchdacht und begriffen sein, ehe man weiterliest; denn sie bilden in vielemnbsp;den Schlüssel zum Verstandnis des Folgenden.

Vgl. Forchhammer, Systematik der Sprachlaute. Archiv filr exper. und klin, Phonetik, 1914, S. 281.

b) Akzent,

Mit unsern Stimmbandern verfügen wir etwa iiber zwei Oktaven, von denen allerdings nur die Mittellage zur Akzentuierung gebrauchtnbsp;wird. C’est le ton qui fait la ntusiqtie! Lange vor dem erstennbsp;Wort macht das Kind seine Empfindungen: Freude, Gemütlichkeit,nbsp;Schmerz, Zorn, Wünschen, Begehren durch Tonfolgen kund. —nbsp;Tempo und Druck (für den die Quantitat der auf einen Hub aus-gestoCenen Luft, trotz aller Einwande einen Annaherungswert gibt)nbsp;entsprechen der Starke des Affekts. So ist es richtig, wenn Schopenhauer die Musik als Darstellung des menschlichen Willens faCt.nbsp;Sie ist ursprünglich nichts anders als Begleitung der Lautsprache undnbsp;deren Verdeutlichung. Als Begleitung der Sprache nennen wir sie-,nbsp;Akzent.

Die Akzentuierung wirkt also durch die Differenzen der Tonhohe, die Differenzen der Lange der Laute, die Differenzen des Drucks^).nbsp;Man beachte, wie wir im Deutschen an dem ganz neutralen; „Ich habenbsp;ihngesehnquot;, — jede der vier Worttonsilben je nach der Meinung durchnbsp;die drei Komponenten heben können. Das ist nun nicht in aliennbsp;Sprachen gleich, bald ist die Lange starker mit der Wortbedeutungnbsp;verbunden (etymologische Lange und Kiirze = Griechisch, Latein), baldnbsp;die Tonskala, Wir fragen mit steigender Tonskala, / sagen aus mitnbsp;sinkender Tonskala s. In Sprachen mit sogenanntem „musikalischemnbsp;Akzentquot; bedeutet das gleiche Wort im Frageton oder Ausrufetonnbsp;etwas anderes wie im Aussageton. Dagegen bleiben Tempo undnbsp;Druck wohl überall dem Affekt parallel.

') Man unterscheidet primaten Druck = die auf einen Hub ausgestoSene Luft und die Energie des Hubs, sekundSren Druck = Modifikationen des Druckstromsnbsp;durch Artikulationsgewohnheit und Organstellung. Es ist klar, dafi Stimmhaftigkeit einesnbsp;Lautes die Wirkung des primSreu Drucks erhoht, Widerstande durch Reibung odernbsp;Explosion ebenfalls die Wirkung vermehren. So stellen sich die Komponenten desnbsp;Akzents bei Selbstbeobachtung dar, Bei der Beobachtung anderer entsprichtnbsp;prirnSrer Druck etwa der Tonstarke, sekundSrer etwa der Schallfiille. Übernbsp;die Methoden der Untersuchung des Akzents besteht grofSe Unsicherheit. Ein absolutetnbsp;Standpunkt ist nicht zu gewinnen. Über das Unausgleichbare der möglichen Anschauungs-arten vgl. Otto Scherk, Über den frz. Akzent, Diss., Berlin 1912. Selbstbeobachtungnbsp;und Beschrankung auf die eigene Muttersprache scheint mir die Methode, welche Fehler-quellen am ehesten ausschliefit. Doch ist musikalisches Gefühl und Bildung Bedingung.

Jordan, Altfranzösisches Klementarbuch, nbsp;nbsp;nbsp;^

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III. Lautlehre.

Es ergibt sich hieraus, dafi eine Konkurrenz zwischen Wortton und Satzton besteht. Wie ist diese in den romanischen Sprachenf

Wortton: Die meisten Worte (Substantiva, Adjektiva, Verben, Adverbien) haben, wenn man sie isoliert, oder das Tempo langsamnbsp;ist, ihren Wortton, eine Silbe, die lang sein, darum diphthongierennbsp;kann; innerhalb des Wortes im allgemeinen die relativ gröCte Ton-höhe aufweist, wenn nicht der Satzakzent ein Zurücktreten diesernbsp;Akzentuierung zur Folge hat1 2); unter alien Umstanden im Wort dennbsp;starksten Druck aufweist. Vortonige und nachtonige Silben sind innbsp;der alteren afrz. Periode nie lang, diphthongieren also nie spontan, undnbsp;treten in Druck und Ton nach bestimmten Abstufungen zuriick. Mitnbsp;dem geringeren Druck geht naturgemafi geringere Anspannung dernbsp;Muskulatur zusammen. Andere Worte werden im Satze bald vortonig,nbsp;bald haupttonig verwandt, wie das ihrer Bedeutung entspricht, sonbsp;vor allem Pronomina, wahrend Prapositionen und Konjunktionen fastnbsp;immer schwachtonig sind, sich also dem Wortakzent eines anderennbsp;Wortes anschlieCend unterordnen.

Satzton^): Im heutigen Frz. (und in den meisten modernen Sprachen) sind Ton, Lange, Druck vor allem Satzakzent — resp.nbsp;Satzteilakzent-Kornponenten. Der Affekt wird die Komponenten abernbsp;überall souveran benutzen.

Der nfrz. Satz besteht bei ruhigem, affektlosem Reden aus tiner Reihe gleich langer Kiirzen, die taktweise einen leichten Iktus auf dernbsp;TaktschluCsilbe haben (Ton und Druck). Ton, Hochdruck undnbsp;Lange zeichnen die Satzultima aus:

cette feuille de papier fera I'afifaire set foej ^ papjd

1

^ nbsp;nbsp;nbsp;—\nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;— \ /\

*) Vgl. Ils sont partis pour Rtims, — Nous sommes partis.

2

Unter Satzton verstehe ich die sfarkste Hebung im Satze. Der Satz besteht aitikulatorisch aus einera (e'est Hen!) Oder mehreren Takten {c’est biént man ami). Zum Verhaltnis von Satz- und Taktakzent vgl E. Waiblinger, Beitrdge zurnbsp;Festsiellutig des 7'onfalls in den roman. Sprachen, Archiv f. d ges. P.sychol. 32 (1914),nbsp;S. 166. Cette feuilte de papier fera i’affaire hatte bei dem ersten Pariser drei Hebungennbsp;(== drei Takte), bei dem zweiten, der fera selbstandig betonte, vier Hebungen; dienbsp;Versuchsperson aus Nevers hob nur papier und affaire hervor (= zwei Takte). Unternbsp;den Taktlönen ist „die letzte Starktonsilbe . . . die wichtigste“ (S. 249). In Paris warenbsp;noch denkbar: affaire, wobei die Panultima den höheren Ton, die Ultima starkerennbsp;Druck und gröCere Lange aufwiese. Vor den Consonnes atlongeantcs kann die Panultimanbsp;heute durch höheren Ton und gröfiere Lange ausgezeichnet werden, der stkrkere Druck

bleibt auf der Ultima: Pain'; il e pari:3j§ (Parisismen). Auch im Deutschen ist die LSnge voiB Worttou gelegentlich unabhangig: fryjair, trinkliit.

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in, Lautlehre. 51

Der Satz ist also eigenartig, dem französischen Vers durchaus entsprechend rhythmisiert. Und es ist gar nicht verwunderlich, dafinbsp;so viele französische Redner in Versen zu sprechen scheinen.

Allerdings ist die Rhythmisierung des Satztons sehr kompliziert. Sie scheint mir foIgendermalSen zu sein: Der Satztonvokal wirdnbsp;gelangt vor den Consonnes allongeantes (stimmhafte Reibelaute nndnbsp;ungedeckt r), sonst wird der Schlufikonsonant gelangt. (Vgl. obennbsp;S. 44, Anm.) Unmittelbar auslautender Vokal aber ist im Zentruranbsp;(im Gegensatz zum ganzen Osten) kurz und abgestoCen, so daC hiernbsp;eine Pause das Mafi des Rhythmus erfiillen muC: Voila le pot (vwalanbsp;1 po’—), Auslautende nasale Vokale sind mindestens halblang. Imnbsp;Os ten sind Satztondiphthongierungen haufigst auch bei Gebildetennbsp;(Wallonië, Lothringen). Im Cauchois (Normandie) sagt man;nbsp;Vanné-passeye aber cette annêye (Urtel, J. B. XI, i, 231).

Vgl. M. L. ixz. Gram. § 32. — E. .Seifert, Aksent in dm gallorom, Mundarten, Archiy 134, 387. — Oxytonierung im Frankoprov. (Idna ln£), PrimMlbenbetonungnbsp;infolge Affekts s. Herzog, §2. — tjber musikal. Akzent vgl. Vox (Zeitschrift), 26,nbsp;126 ff., 135 ff.: Die Tondifferenzen werden im Affekt erweitert (165), bei Indifferenznbsp;verengt. Gefragt wird nicht mit steigendem Ton.

Kapitel 2.

Vokalismus des Yulg^lateins.

Im griechischen Wort hatte die Lange etymologischen Wert und war vom Wortton unabhangig: ^uixfjuxrfi (Soikrdtejs). Der Satz-akxent war vorwiegend „musikalisch“: vor allem die Tondifferenzennbsp;entsprachen der inneren Meinung, Erst in christlicher Zeit wurde dernbsp;Akzent „expiratorisch“ durch starkere Druckunterschiede neben dennbsp;Tonunterschieden gekennzeichnet. Doch darf man nicht annehmen,nbsp;dafi ein Akzent nur expiratorisch oder nur musikalisch sein könne.nbsp;Die Komponenten sind nie ganz unabhangig voneinander, absolutnbsp;monotone Diktion undenkbar, leichte und schwere Taktteile stetsnbsp;unterschieden.

Wie in den germanischen Sprachen war in der kelto-italischen Gruppe der Wortton ein vorwiegend „expiratorischerquot;, also durchnbsp;Druck ausgezeichneter. In historischer Zeit ist der lateinische Wortton von der Lange abhangig, die Lange ist also Worttonkomponente:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Einsilbige Worte = Oxytona (Ton auf der letzten),

2. nbsp;nbsp;nbsp;Zweisilbige Worte = Paroxytona (Ton auf der vorletzten),

3. nbsp;nbsp;nbsp;Mehrsilbige Worte:

a) nbsp;nbsp;nbsp;die vorletzte lang = Paroxytona (cantare),

b) nbsp;nbsp;nbsp;die vorletzte ist kurz = Proparoxytona (Ton aut dernbsp;drittletzten) fócëre, perficëre.

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52 III. Lautlehre.

Daö allerdings früher die Dinge anders lagen, zeigt perfi'cere mit seinem zu i geschwachten (= geschlossenen!) a, das also nur innbsp;pérficere entstehen konnte. Vgl. adhibeo und habeo, igitur aus agitur,nbsp;also entstanden aus „quid igitur?“ „Was gibt’s?“ So gehen dienbsp;romanischen Sprachen auf viginti, triginta zuriick^). Daraus ersehennbsp;wir, dafi der Wortton Veranderungen unterworfen war. Diese Ver-anderung ging vermutlich so vor sich: Bei mehrsilbigen nicht erstsilbignbsp;betonten Worten hat die Pritnsilbe immer eine leichte Hebung (\):nbsp;caballicare, Imperatorem. Diese Hebung (Nebenton) trat bei Kom-positen, Zehnerzahlen usw. starker vor (zur Verdeutlichung). Spaternbsp;trat dann der Akzent in Abhangigkeit von der etymologischennbsp;Quantitat, und die Unterstreichung des Nebentons ging zum Teilnbsp;verloren. Wo die Wirkungen des Akzents Simplex und Kompositumnbsp;getrennt hatten, wurde diese Wirkung durch „Rekomposition“ meistnbsp;wieder aufgehoben: perficere ist vlat. perfacere.

Dieser neue von der etymologischen Quantitat abhangige lateinische Akzent ist nun in den romanischen Sprachen bis heute geblieben,nbsp;wenn auch dialektisch Abweichungen vorkommen. (Neigung zurnbsp;ZurUckziehung an der deutschen Grenze, musikalische Paroxytonierungnbsp;im Pariser und anderen Dialekten.) Nur in zwei Fallen hat dasnbsp;Vlat. Proparoxytona zu Paroxytonen werden lassen:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Wenn auf die kurze Panultima Muta c. Liquida folgte, erhieltnbsp;sie den Ton: palpëbra gt; 1palpétra^), nfrz. paupi'ere; cathedra gt;•nbsp;cathédra, afrz. chaiere; integrum gt;• ïntégrum, afrz. entir.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Wenn geschlossener palataler Vokal der Antepanultima (Voder i)nbsp;mit der Panultima Hiatus bildete: Putéölis gt; Puteólis gt; Pozzuóli,nbsp;parictem wird pariétem (Inschriften parete).

Über diese Akzentverschiebungen vgl. M. L., Einf. § gi, gz; Cohn, S. 243 ff. Da der lat.-rom. Akzent sehr konservativ ist, dienbsp;Quantitat abet öfters Umwalzungen erlebte, nimmt man am bestennbsp;auch hier alte Quantitatsanderung (ohne Qualitatsanderung, vgl. unten)nbsp;als das Primare an: Langung der Panultima vor M. c. L. und imnbsp;Hiatus nach palataten Grenzvokalen. In der Tat macht M. c. L.

1

Consentius: siquis dlcens triginta priorem syllabam acuat. Afrz. Übb. S. 233. gt;lan hat die Verschiebung des Tons auf die Primsilbe auf etruskischen, das jiingerenbsp;Dreisilbengesetz auf griechischen Einflufi schiebeu wollen. LeUteres ist ganz un-glaubwiirdig, da der griechische Einflufi Schuleinflufi ist Ersteres ist wohl möglicli,nbsp;aber nicht notwendig. — Dagegen blieb der lateinische Akzent vora germanischennbsp;ganzlich unbeeinflufit, was zeigen diirfte, dafi eine solche Beeinflussung von Volk zunbsp;Volk mindestens nicht die Regel ist. Zum Primsilbenakzent vgl. Rydberg, S. 8. Ichnbsp;glaube nicht, dafi das ganze Wortmaterial primbetont war.

*) Dissimilation der drei labialen Verschliisse ?

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S3

III. Lautlehre.

vor Ennius keine „Position1, spater ja; arietibus milSt schon Statius (l. Jh. p.), muliéris: Dracontius (5. Jh. p.) (Vollmer).

Das Verschwinden der alten lateinischen Quantitatsunterschiede der Vokale ist chronologisch ein Problem. Grammatikerzeugnisse sindnbsp;spat (M. L., Einf. 93). Die Beobachtungen unsicher, da Lange undnbsp;Kürze ja graphisch nicht ausgedrückt werden. Immerhin ist das Folgendenbsp;von Gewicht: Der Diphthong ae wird monophthongiert. Nun aber2)nbsp;wird ebensogut ë wie ë falsch analogisch ae geschrieben. Diehl,nbsp;54 maea (ë), 55 aego (ë), 59 taerre (ë), 110 faecit (ë). Da nun aenbsp;hur eine Quantitat besafi, lang oder kurz, so kann die Mengung mitnbsp;beiden e als Zeugnis dafür genommen werden, daG hier die Quantitatsunterschiede nicht mehr bestanden. Vermutlich aber war die Aufhebungnbsp;derselben alter. Die altere Entwicklung des vlat. Konsonantismus wirdnbsp;mit seiner Verschleifung mehrfacher Konsonanz zeigen, dafi sich dasnbsp;römische Redetempo beschleunigt hatte. Die Hiatverschleifung (s. unten)nbsp;beruht auf gleicher Ursache (facïam, dreisilbig, facjam, zweisilbig),nbsp;Auch die Monophthongierung der Diphthonge kann so verstandennbsp;werden. So ist jedenfalls die einleuchtendste Annahme, dafi sich mitnbsp;der Beschleunigung des Redetempos auch die langen Vokale kiirztennbsp;und mit den kurzen zusammenfielen.

Dies Zusammenfallen betraf aber nur die Quantitat. Es ist eine phonetische Selbstverstandlichkeit, dafi der lange Vokal andere Muskel-spannungsverhaltnisse zeigt wie der kurze. Und zwar neigt der kurzenbsp;Vokal zu starkerer Spannung (offener Artikulation), der lange zunbsp;geringerer Spannung (geschlossener Artikulation). Vgl. deutsch;nbsp;e:r, berk, o;r, art. Natürlich wird auch der offene Vokal gelangt,nbsp;wo er unter die Bedingung einer Langungsgewohnheit (Affekt, Rhyth-misierung) fallt. — Nun verstarken sich die zu postulierenden altennbsp;Qualitatsunterschiede der friiheren vlat. Langen und Kiirzen, die altennbsp;Langen werden immer geschlossener, die alten Kürzen immer ofifener,nbsp;dabei fallen ë und ï (Diehl 140 sene statt sine usw.), ö und ü (App. 59nbsp;turma non torma) zusammen (Zeugnisse Diehl, S. 15 ff) 28 ff.), nur anbsp;dififerenziert sich in der Qualitat nicht, das gespreizte « (hintere gemischtenbsp;Reihe) lag der Artikulationsgewohnheit nicht. Das Resultat ist:

ë. a \/nbsp;a

o u \/nbsp;o

Klass. ï

u.

Vlat. 1

Dürfen wir also annehmen, dafi eine Zeitlang mit dem Wortakzent keinerlei Langung verbunden war (schnelles Tempo), diese dentnbsp;emphatischen, freien Satzakzent vorbehalten blieb, so zeigen die

1

ca. 230 p.

2

Der alteste datierbare Fait bei Diehl; Nr. 3 unter Alexander Severus,

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54

III. Lautlehre.

Diphthongierungen eines grofien Teils der romanischen Sprachen, dafi noch in romischer Zeit neue Langen in betonten Worten entstanden.nbsp;Und zwar wurde jeder silbenschliefiende (= freie) Tonvokalnbsp;gelangt. Das lat. Silbentrennungsgeselz ist: Einfacher Konsonantnbsp;schlagt sich der folgenden Silbe vor, auch satzphonetisch: pa-rem,nbsp;pa-r -|- Vokal; Doppelkonsonant wird geteilt: par-tem; M. c. L. wienbsp;einfacher Konsonant behandelt; pa-trem. Die Langung freier Ton-vokale beruht, wie wir oben sahen, auf einer Rhythmisierung dernbsp;Rede. Der freie Tonvokal wird auf dieselbe Lange gebracht, wienbsp;Tonvokal Konsonant. Das a in pa-rem soil gleich lang seinnbsp;wie ar in par-tem. Es ist möglich, daC auch silbenauslautendenbsp;Konsonanten gedehnt wurden (vgl. Nfrz.). — Nach M. L., Einf. § 96,nbsp;ware die Langung freier Tonvokale im VI. Jahrhundert erfolgt. Diesernbsp;Ansatz scheint reichlich spat, wenn man beobachtet, wie in demnbsp;griech.-lat. Glossar des IV. Jahrhunderts (Afrz. Übb., 5. Aufl., S. 247, 8)nbsp;spater diphthongiertes e und e als rj (azt^kag estoiles, cie[), gedeckt enbsp;aber als Epsilon wiedergegeben wird (^svrog vent, ei^eqvoq tver(n)).nbsp;In diesen vlat. Vokalismus batten sich die alten Diphthonge langstnbsp;eingereiht: de (aus ai), óe (aus oi) waren schon altlat. auf dem Wegenbsp;der Entdiphthongierung, der unbetonte Grenzvokal £ der lallendennbsp;Diphlhongen naherte sich dem ersten Bestandteil. Und so haben sichnbsp;die beiden Elemente in mittlerer Zungenlage vereint; ae in s (gelegent-lich e), oe in e. Das römische Volk sprach au wie o: Claudiusnbsp;Pulcher nannte sich Anno 58 a. Clodius und lieü sich von einem Plebejernbsp;adoptieren, um Tribun werden zu können. Weitere Teile der Romanianbsp;allerdings bleiben beim altvaterlichen au, so daö es auch die Haupt-stadt wieder einführt, eine Regression unter Einfluö der Schrift, wienbsp;sie Gauchat in der Festschrift zum 14.. Neuphilolozentaz (S.nbsp;studierte (vgl. J. B. XII, I, S. 13).

Dieser totalen Umgestaltung des lateinischen Tonvokalismus ent-sprachen in bescheidenem MaCe assoziative Veranderungen; eingreifender nur bei gerundeten Vokalen, die in der Umgebung von Lippenver-schluClauten und Lippenreibelauten sich öffneten wohl infolge geringerernbsp;Rundung; iüvenis wurde zu j9venis (Christ 1. Inschr. 323), övum zunbsp;9vum, plüvia zu pl9via, wie die romanischeEntwicklung zeigt (it. g’iovane,nbsp;uqvo, piqggia), coluber non colóber wamt die App. 177 (it. colobra, afrz.nbsp;coluevre), Wenn im übrigen jacto zu jécto (Pirson 44, 24 jecta) wurde,nbsp;so folgte es Formen, in denen a unbetont war, jectare, trajectum, undnbsp;wenn gravis nach Ifvis zu grfvis (^it.greve, s.ixz. grieft wird, so ist diesnbsp;keine Lautverschiebimg, sondern Angleichung verwandter Begriffe, ein imnbsp;Sprachleben alltaglicher, aber nicht immer so sicher feststellbarer Vorgang.

Bei den unbetonten Vokalen, der Entwicklung des Akzents und des Tempos entsprechen eingreifendere Veranderungen: Zwar der

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SS

III. Lautlehre.

Vorton bleibt im allgemeinen resistent^); nur aniautend au wird zu a, aber urspriinglich blofi, wenn ein Ton-u folgt (also Dissimilation):nbsp;Wahrend auricula zu oricola (App. 83) wird, ergibt augüstum gt; agosto,nbsp;afrz. adit, it. Aosta, span. Zaragossa (Caesaragpsta) — augürium gt;nbsp;agurio, afrz. dur. Vgl. Diehl 33, Agustorum.

Im Nachton verstummt die Panultima in Schnellsprechformen, neben denen unsynkopierte Formen satzphonetisch oder professoralnbsp;blieben1 2). Zahllose Inschriften zeigen solchen Schwund des Vokals innbsp;liquider Umgebung, gelegentlich auch zwischen anderen Konsonanten.nbsp;In der Appendix wird gewarnt vor 53 calda (calida), 54 fricdanbsp;(frigida), modus2), 130 tabla, 201 virdis usw. Solche Grammatiker-besserungen haben dann falsche Analogien zur Folge. Diehl 1554nbsp;tempuli, 203 omines mortales sumus, woraus ersichtlich ist, dafinbsp;(h)9mo und pmnis in den Obliquen zusammenfielen, weswegen qmnisnbsp;„allquot; zurückging und totus (tottus) dafiir einriickte.

SchlieClich wird Hiatus in folgender Weise, nun nicht etwa fakultativ, sondern durchaus verschliffen:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Zwei gleiche Vokale (kommt nach Verstummen von h odernbsp;zwischen Praposition und vokalischem Anlaut vor) ergeben einennbsp;einzigen langen: pre(h)endere ]gt; prendere (schon klassisch gebrauch-lich, beispielsweise Martial), co{h)ortemgt;- c9rte(Pirson 49, 36 curtem)',nbsp;codperio gt;• c0p(e)r(i)o (cóperit ist schon altlat., Vollmer).

2. nbsp;nbsp;nbsp;Unbetont e und i im Hiat mit betontem oder unbetontemnbsp;Vokal werden (e über i) zu j verengt, unbetont 9 und u im Hiat zu w.nbsp;Phonetisch heiCt das: Kieferwinkel schlieGt sich, Zunge hebt sich übernbsp;die Grenze des Vokalischen, i, u werden zu Reibelauten, die mannbsp;graphisch, wie oben, oder etymologisch als e, i, o, u wiedergibt. Imnbsp;beschleunigten Redetempo ist also die unbetonte Silbe verschliffen.

Siehe Consentius im Afrz. Übungsbuch: nonne videtur . . . barbarismum facere qui . .., ut dicat induruit, quod est tetrasyllabumnbsp;dicit indurvit, quod est trisyllabum? So warnt die Appendix Probinbsp;vor 14 vaqua statt vacua, 55 vinia statt vinea, die Inschriften schreibennbsp;iacio statt iaceo (Diehl 1128). In vortonigen Wörtern und nach

1

’) jacti'-e ^ jectire, kann von tr4jectu(m) herkoramen; in matutinus gt; mattinus steht der Zwischencon zwischen gleicher Konsonanz; janiiarius gt;¦ jenuanus zeigt dennbsp;zungenerhohenden Einflufi von j mit Sicherheit; mercitum gt;• marcatum (vgl. auchnbsp;Markt) u. a. zeigen Fernassimilation von nebentonig e an den Hauptlonvokal. Vgl.nbsp;Vokalismiis unter Nebenton.

’) Über lit Synkope vgl. Rydberg, S. 8 if. Er fiihrt sie, wie die meisten, auf starken expiratorischen Akzent zuriick und beriihrt Tempofragen nicht.

2

saeclum, periclum usw. sind altlateinische Formen mit dem Suffix -clum, (indog. -tlo) — culum ist Diminutivsuffix. Dieses wird nun natiirlich auch zu -clumnbsp;(Rydberg, S. i6).

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111. Lautlehre,

mehrfacher Konsonanz verstummen i und u sonderlich in Verbai-formen, haufig in der I. Person der i-Prasentia: mentio gt;• mento (so noch it., afrz. meni), durchaus in der 6, mentiunt gt; mentuntnbsp;(it. mentono, frz. mentent).

Vgl. auch hier die Warnung der Appendix vor febrarius (208 h. febraio). Die Inschriften schreiben: Diehl, 183 compatrbta 1083nbsp;nepta, 316 quattor (aus quattuor, Dissimil. der beiden u), quet (quinbsp;et, Diehl 298), mo (meo, Diehl 1145).

In gewissen Lautfolgen (M. L. Einf. § 141) und in Buchwörtern bleiben diese i und u silbig : süavem ist afrz. soéf (Q ¦^11), Christianus,nbsp;afrz. Crestïiens.

Wo weiterhin Vokale mit folgendem i oder u im Hiat zusammen-trafen, verbanden sie sich diphthongisch. So blieb neben unbetont mös: betont méus, neben tos; tüus, neben ti: tui; füï wurde zu ein-silbigem füi (Umlaut) usw. Einmal lehrt uns dieser Vorgang einigesnbsp;über die Natur der romanischen Diphthonge: Ihr ursprünglich schwach-toniger Bestandteil ist immer ein Grenzvokal i oder u. Das anderenbsp;Mal aber zeigt er die Anziehungskraft, die der energische expiratorischenbsp;Wortton auf Grenzvokale, lautphysiologisch ausgedrückt aufnbsp;extrem enge Zungenrückenhebungen, ausübt. Spater werdennbsp;wir sehen: Gallorom. bestand die Neigung, solche Zungenstellungennbsp;unmittelbar dem Tonvokal folgen, bzw. ihm vorausgehen zu lassen.nbsp;Der Nebenton hat gleiche Anziehungskraft. Man spricht hier gewohn-heitsmaCig von i-Element und u-Element, ohne dafi diese Namennbsp;rechten Sinn hatten. Denn der Vorgang versteht sich aus der obennbsp;dargestellten Rhythmisierung.

Kapitel 3.

Lehnworte.

Fremde Lautung andert die eigene Lautung eines Volkes nicht. Man übernimmt die fremden Laute, indem man einem jeden dennbsp;nachststehenden eigenen unterschiebt. Wenn der ungebildete Nord-deutsche frz. satin (saté) mit zAïdeq wiedergibt, ist jeder Laut starknbsp;verschoben, er ist es aber auch, allerdings weniger stark, wenn dernbsp;gebildete Deutsche korrekter ausspricht.

Ebenso werden die griechischen Laute der lateinischen Lautung angepafit. Bei der nahen Verwandtschaft der Sprachen handelt es sichnbsp;dabei meist um Nuancen. Nur v (Ypsilon) war den Römern fremd,nbsp;und es wurde ihm ü (= o) substituiert. Als dann v sich im Griech.nbsp;entrundete, entsprach ihm vlat. i besser. So wurde ncQqtvqa in alterernbsp;Zeit als purpura, in jüngerer Zeit als porfira übernommen. (Mannbsp;beachte auch die griech. Verschiebung von ph gt; f). In alterer Zeit

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III. Lautlehre. S7

sprach man xQvnta als gropta, wahrend der „Alteste“ der griechischen christlichen Gemeindenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;zu presbiter wurde^). — Entsprachen

die griech. Diphthonge den alten lateinischen, so kamen mit den frankischen Diphthongen Probleme. Zwar traf frk. au in Galliennbsp;noch den Diphthong au lautend, schlug sich also zu diesem. Abernbsp;dem frk. ai entsprach noch kein urfrz. ai, und es wurde einfachesnbsp;a substituiert. Dagegen entsprach frk. eu etwa der erwahnte neuenbsp;Diphthong in d?u(m), afrz. dieu, frk. 1speut „Spiesquot; afrz. espieu. Imnbsp;iibrigen schlugen sich die frankischen Langen zu den entsprechendennbsp;geschlossenen Vokalen, die Kürzen zu den offenen, frk. i ergalgt;nbsp;frk. Ü ergab o, frk. ö und ö zusammenfallend o.

Kapitel 4.

Vorbemerkungen zum französischen Vokalismus.

Unsere Erhebungen iiber das Vulgarlateinische geben uns bereits Einteilungsprinzipien. Wir miissen bei jedem Vokal den haupttonigennbsp;von neben-, zwischen- und nachtonigen scheiden. Beim haupttonigen haben wir zwei groGe Abschnitte: den freien, langennbsp;Vokal (frei = silbenschlieGend = vor lat. einfachem Konsonant odernbsp;Muta c. Liquida), den gedeckten kurzen Vokal (gedeckt = silben-inlautend = vor mehrfacher Konsonanz). Jeder Abschnitt muG Vokalenbsp;vor or alen von Vokalen vor nasalen Konsonanten scheiden. Kennennbsp;wir doch aus dem Nfrz. die Wirkung von m, n auf vorhergehendennbsp;Vokal. SchlieGlich werden wir uns bei jedem Vokal (neben- wienbsp;hauptionig) noch mit seiner Anziehungskraft auf extreme Zungen-rückenhebungen (i und u; ï) zu befassen haben. Vorab miissen wirnbsp;mehrere dieser Einteilungsprinzipien uns genauer ansehen.

a) Entwicklung der freien Vokale.

Diphthongierung.

Es ist eine natiirliche Eigenschaft langer Vokale, daG sie zum Detonieren neigen. Bald detoniert der Ton starker, der Laut nurnbsp;unmerklich. In z'is mr tss kdilt detoniert der Rheinlander das a umnbsp;etwa eine Quart nach der Tiefe; der Sachse singt auf ach gd:ri‘ einenbsp;kleine Phrase, die ab- und aufsteigt. Natiirlich hat der Tonwechselnbsp;auch Spannungsunterschiede (Qualitatsunterschiede) der Muskulaturnbsp;zur Folge.

1

Vgl. die Glossen der Appendix: i porphireticum marnwr non purpureticum marmor; 191 tymum non tumum; 195 myrta non murta (alterer Import); 48 iyzacenusnbsp;non bizacinus, wo auch griech. rj schon mit i wiedergegeben ist, usw. (jiingerer Import).

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58

III. Lautlehre.

Bei weniger musikalischem Akzent sind die Lautdetonierungen starker; vgl. das Englische. Man könnte sich vorstellen, daü dienbsp;ersten Individuen, die ein langes o nachlassig ou artikulierten, durchnbsp;diese Nachlassigkeit vorbildlich wurden. Aber gerade das Englischenbsp;mit seiner Artikulationsgewohnheit, den Unterkiefer vorzuschieben,nbsp;mahnt hier zur Vorsicht. Denn diese Gewohnheit schliefit lange, reinenbsp;Vokale aus, der vorgeschobene Kiefer zwingt immer wieder zu ge-schlossenster Artikulation (Streben nach der Artikulationsbasis), so daCnbsp;man zwar in der Artikulationsgewohnheit gewisse Beziehungen zumnbsp;modischen Ideal eines Volkes sehen kann (der Impassibelste in England = ruhigste Lippenhaltung, fallender Ton; der Expressivste, mimischnbsp;Suggestivste in Frankreich = starke Lippenarbeit, vordere Artikulation, Oxytonierung). Im übrigen hangt dann aber ein gewaltigernbsp;Teil der Entwicklung von dieser Artikulationsgewohnheit ab.

Da alles Diphthongieren gewifi auf unserem Gebiet ein Detonieren nach der Enge oder ein engeres Intonieren ist, das Detonieren alsonbsp;bspw. in einem allmahlichen Entspannen der Muskulatur und Schliefiennbsp;des Kieferwinkels besteht, so ist es klar, daü lange Grenzvokale imnbsp;allgemeinen nicht diphthongieren, sie müBten denn die Grenze, was vor-kommt, iiberschreiten: i zu y, u zu uw, y z\i yif, — oder die gespreiztennbsp;gerundet, die gerundeten gespreizt einsetzen (vgl. solcherlei imnbsp;Schwedischen: Vox, 1916, S. 28 ff). Dies spielt aber in der fran-zösischen Entwicklung keine Rolle: i und u haben nicht diphthongiert^),nbsp;und wenn u zu ƒ wurde, so ist dies nicht eine Folge der Lange, einnbsp;Detonieren, sondern, da jedes u, langes, kurzes, vortoniges, haupt-toniges sich verschiebt, ein Verschieben der Zungenartikulationnbsp;nach vorn entsprechend der franz. Artikulationsgewohnheit.nbsp;Die freien (= langen) e, d, e, o haben dagegen alle vier diphthongiert,nbsp;allerdings zu verschiedenen Zeiten.

£!, 0:: Ein grofier Teil der romanischen Sprachen zeigt hier ie und uj als Resultate. Wir schliefien daraus, dafi die Artikulationnbsp;dieser langen Vokale (und vielleicht aller langen Vokale?)'^) vlat. steigendnbsp;war; der Druck nahm zu und erreichte erst in der Mitte etwa seinennbsp;Höhepunkt. Dem folgt die Muskulatur mit bequemem Einsetzen, dernbsp;lange, steigende Vokal setzt detonierend ein (intoriiert geschlos.«ener).nbsp;Da e:; o: vlat. nicht detonierten, kann man wohl annehmen, dafi dienbsp;spat-vlat. und urfranzösischen Diphthonge etwa auf der Stufe es, oo

In der Wall, und Lothr. sind ij und uw als Satztondiphthonge heute ganz gewohnlich. Herzog verrautet (§ 17) ein ej im Osten, das denn aus ij dissimiliert ware, und postu-liert ein «« (uw) in der gleichen Gegend (§ 18).

“) Ira allgemeinen wird angenommen, dafi im Vlat. die offenen Vokale steigend, die geschlossenen lallend akzentuiert wurden.

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III. Lautlehre. 59

standen, ihre diphthongische Natur also nicht zu Bewuütsein kam. Teile der Romania, vor allem die Provence, machten diesen laxen Einsatznbsp;nicht mit, oder wenn er sich etwa eingebiirgert hatte, schwand ernbsp;wieder, d. h. hier blieben sólche Individuen vorbildlich, die ihrernbsp;Artikulationpgewohnheit entsprechend den Vokal rein einsetzten.

e:, oi. Erst in der Zeit der Sonderentwicklung des Französischen diphthongieren e: und o: zu ei (durchaus) und ou (im Zentrum) wie in sonbsp;vielen Sprachen und Dialekten (Ratoromanisch, norditalienische Dialekte,nbsp;frankische Mundarten, Englisch). Der Druck war also fallend, und danbsp;a, wo es diphthongiert auch zu ai wird (manu gt; main), ist wohl dernbsp;lange Vokalismus des Afrz. überhaupt fallend artikuliert worden, im

Gegensatz zum Latein. Und so noch heute: ra:3, re:v, nioir, oe:r usw. Der allmahlichen Druckminderung entspricht in Paris bei Isolierung desnbsp;Worts eine kleine Tonvertiefung (Vs bis ganzer Ton).

Die Lehre von den langen Tonvokalen des Französischen ware problemlos, wenn nicht freies a nur vor Nasalen zu ai (Eulalia;nbsp;maent = manet) diphthongierte, aber vor Oralen zu t wiirde (Eulalia;nbsp;spede spata). Das kann nicht Folge nach vorne strebender Artikulationnbsp;sein, die beispielsweise jedes u zu « (y) verschiebt. Denn nur langnbsp;(= frei) a vor Oralen wird e. Es scheint mir nicht nur evident, daC,nbsp;wenn frei (= lang) a sich überhaupt veranderte, es genau so detoniertenbsp;wie die anderen, sondern wichtige chronologische und physiolo-gische Gründe sprechen dafür. Dafi also frei a vor Nasalen wienbsp;Oralen zu ae detonierte, vor Nasal als Diphthong blieb, vor Oral abernbsp;vorliterarisch monophthongierte (vgl. frei a -|- Oral). Diese letztenbsp;Beobachtung (ai ]gt;• e) zeigt, daC der Periode der Langung undnbsp;Dipththongierung eine solche der Kürzung und Entdiphthon-gierung folgte, deren altestes Zeugnis die endliche Monophthongierungnbsp;von au 0 (jünger als die Entwicklung von ca gt; cha, vgl. caulemnbsp;chol), und deren weitere Spuren wir im Xll. und XIII. Jahrhundertnbsp;im einzelnen nachweisen werden. Wo nicht Monophthongierungnbsp;eintrat, ging das unbetonte Element des Diphthongs zu unbestimmternbsp;Zeit über die Grenze des Vokalischen und wurde nfrz. nach stimmrnbsp;losem Konsonant stimmlos; pois (pwa), ^i?/j(bwa); pierre (pxzit), bièrenbsp;(bjsir), /aw (pqi), (bqi). Vgl. M. L. frz. Gr. § 97^).

*) Silbigwerden des unbetonten Diphthongbestandteils widerspricht dieser Artikulations-gewobnheit. Wo dies doch der Fall ist, liegt falsche Analogie (irrtum) vor. Guillaume de Loiris reimt (Rose, Stuck im Bartsh 283)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;f™®tipsimus): essaïmes. Die

Bedeutung ist klar: essaim (exime(n)) ist die Abrichtung des Falken, bei der er abmagert; tssaimer bedeutet in logischer Verschiebung „abmagern“; ai spricht Guillaume als s:nbsp;Das Buchwort essaimer aus einem Jagdtraktat faCt er irrig als essaimer. Allerdings kaimnbsp;auch Suffixtausch vorliegen: Rabelais braucht eximi „abgemagert“ (II, 14).

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lil. Lantlehre.

b) Nasalierung.

Prefit sich das Gaumensegel an die hintere Rachenwand, so verhindert es den Austritt der Luft durch den Nasenkanal, der Laut wird

oral. Senkt sich das Gaumensegel in den Mundraum, so wird der Laut nasal. Fürnbsp;b und m einerseits, d und nnbsp;anderseits sind alle Artiku-lationen von Lippen zunbsp;Stimmbandern im wesent-lichen gleich, wie man annbsp;sich nachprüfe. Aber für b,nbsp;(an die hintere Rachenwand

d ist das Gaumensegel geschlossen gepreCt), für m,,n offen.

„Ein Vokal nasaliert vor folgendem m oder «“ heifit; Das Segel senkt sich zu früh, und die Luft entweicht wahrend der vokalischennbsp;Stellung durch Mund und Nase zugleich. Je nach dem Grade dernbsp;Senkung des Segels und dem Muiskeldruck, der auf den Nasenkanalnbsp;'ausgeübt wird, ist die Nasalierung stark oder schwach (blofies Naseinnbsp;gt; volle Nasalierung).

Da nun Hebung der Zunge und Senkung des Segels den verfüg-baren Platz einengen, ist es klar, dafi i. offene Vokale zu kraftigerer Nasalierung neigen und da6 2. stark nasalierte Vokale zum Öffnennbsp;(Nachgeben der Zungenartikulation) neigen.

Sp sind im Rolandslied e, e, a, o voll nasaliert, orale und nasale Vokale in den Assonanzen geschieden. Ja in e -f- n hat die Zungenbsp;nachgegeben und die velare mit geringerer Hebung verbundenenbsp;Stellung vorgezogen, en wird schon Sn gesprochen; Rollanz: fentnbsp;(fïndit), -393 recreant: chalengement: tant: gent. — Bei Diphthongennbsp;und i, o, u, y aber werden unbefangen Vokal -J- Oral: Vokal -J- Nasalnbsp;gebunden, die Nasalierung hat also den Vokal noch nicht wesentlichnbsp;verschoben; 24 paiens: chevaliers, 139 enclin: kastijs, 295 estoet:nbsp;prozdoem, gernun (^gvamp;nxi-önt{m) „Bart“): //wr/(plöret), 843 poürnbsp;(pavörem): traïsun. — Die nasalen Konsonanten sind dann im Afrz.nbsp;verstummt. Provins wird mhd. als Provis aufgenommen'), plênu(m)nbsp;im XIII. Jahrh. gelegentlich plin geschrieben (J. B. VI. I. 233), alsonbsp;in — ain (S) gesprochen, das n besonders in ö. Texten afrz. ausgelassen.

Das oben erklarte Gesetz: „Nasalierung öffnet“, hat sich dann sp ausgewirkt, dafi heute nur die vier offensten Vokalstellungen nasalenbsp;Varianten besitzen: lat. In endete bei Ê (finem fê, XIII. Jahrh. Rydberg),

*) Der Reim Bible G. 174 Princes: crevices (krebiz „Krebs“) laCt sich so erklaren.

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6i

III. JLautlehre.

ebenso der Diphthong ai [main mg, XIII. Jahrh.), lat. und ?n endeten mit an bei a (In afrz. ennbsp;nbsp;nbsp;nbsp;— mentem afrz. ment gt;

annum an (a); Onum un (yn) endete naturgemafi bei Ö6 (XIV. Jahrh. (?) J. B. VI. I. 233), on wie on bei 3.

Die Nasalierung trat auch ein, wenn ein Vokal auf den einfachen Nasal folgte. Da aber hier der Nasal gebunden war und nicht ver-stummte, ging die Nasalierung (vermutlich blofies Nasein) des Vokalsnbsp;wieder zurück, hat aber ihre Spuren hinterlassen: fëmina feme wurdenbsp;zu fame geöffnet, donne, ancienne halten ihr graphisches Doppel-«nbsp;vermutlich aus der Zeit der Nasalierung. In frz. Mundarten ist auchnbsp;diese Nasalierung zum Teil geblieben (Herzog, § 90 ff.).

Bemerkling. Es ist mit Suchier (frz, Gr. §9) und Uschakoff [Métti. Soc. Néopk., Helsingfors II, 19) anzunehmen, dafi alle Vokalenbsp;zugleich nasaliert wurden. Auch ist ihm zuzugeben, dafi die offenennbsp;Vokale in der Klangfarbe schon verandert waren, die geschlossenennbsp;nicht, daher die Unterschiede im Assonanzbrauch. Gerade diese Ver-anderung aber zeigt, dafi die Nasalitat der noch unverschobenen geschlossenen Vokale anfangs eine geringe war — lautphysiologisch einenbsp;Selbstverstandlichkeit. Vielleicht waren sie nur genaselt (das Segelnbsp;gesenkl), die offenen Qualitaten aber nasaliert (Muskeldruck auf dienbsp;Choanen).

c) i und u.

Die Neigung, eine extreme Zungenriickenhebung (Enge) un-mittelbar mit dem Tonvokal zu verbinden und dabei die Zunge so zu senken, dafi j (= i, Reibelaut) zu i, w (= u, Reibelaut) zu u vokali-sieren (Assimilation), ist ein Charakteristikum des Urfrz. Beginnennbsp;wir mit der palatalen Hebung. Sie stammt nicht nur von lat. j,nbsp;sondern ist auch das Produkt sich verschleifender palataler Verschlufi-laute: Palatale Verschlufilaute werden durch Schliefiung und Sprengungnbsp;des Verschlusses von Zungenriicken und Gaumen erzeugt:


Die Stellé des Verschlusses ist verschieden und korrespondiert vor allem mit der Zungenriickenhebung des folgenden Vokals, so dafinbsp;ke, ki vordere, ka, kau wechselnde, urfrz. im Zentrum z. B. mittlere, ko,nbsp;ku velare Verschlufistelle haben. Da aber auch die Zungenstellungnbsp;des vorhergehenden Vokals Einflufi hat und zu Kompromissen zwirigt,nbsp;so sind die Varianten sehr zahlreich. (Vgl. die „Palatogramme“ in

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62

III. Laatlehre.

Rousselots Précis dePrononciation 1903, S.69.) Wenn nun der palatale Verschlufi schlaff gebildet wird, die Muskulatur fiir einen Teil desnbsp;Verschlusses oder den ganzen Verschlufi zu geringe Pression ausiibt,nbsp;so entweicht der Druckstrom durch die Liicke, ein Reibelaut ist dasnbsp;Resultat, k ist kx oder g ist zu gj oder j geworden. Vgl. Gegend:nbsp;norddeutsch: gejnt, jejnt; Kind: Schweiz: k^int. Dieser selbe Prozefinbsp;ging im Urfranzösischen vor sich: pacare wurde zu *pajare, laxarenbsp;(= lacsare) zu *lajssare. Und dieses j, d. h. diese Zungenrückenhebung,nbsp;strebte zum Ton- oder Nebentonvokal, zwischen ihnen stehend zu beiden.nbsp;In Verbindung mit diesen Vokalen wurde j vokalisch und hatte somitnbsp;alle Stadiën der Assimilation eines Verschlufilautes an den umgebendennbsp;Vokalismus (assoziative Entwicklung) durchlaufen, und so ergaben:

pacare gt; *pajare gt; paiier,

lacsare gt; *lajssare gt; lalssie’r (ss ist stimmloses s).

Und (vorab) nur eins konnte solche Entwicklung hemmen: Ein Konsonant, der in seiner Weise Anziehungskraft auf das i besafi,nbsp;d. h. lautphysiologisch ein Konsonant, der mit palatal (i-artig) ge-hobenem Zungenriicken artikuliert werden kann. An und fiir sichnbsp;kann man jeden Konsonanten so produzieren, wenn man von R, s undnbsp;Zischlauten absieht (= palatalisieren, frz, mouiller). In den slavischennbsp;Sprachen palatalisiert e oder i jeden vorhergehenden palatalisierbarennbsp;Konsonanten (Assimilation). In den romanischen Sprachen neigen nnbsp;(ft, Tj) und I (i) zur Palatalisierung: it. bagno (barjo), span, paella (paéla).nbsp;Hier banjo oder paélja auszusprechen, ware grobe Lautsubstitution.nbsp;Es ist / mit starker Zungenrückenhebung, n mit Zungen-Gaumen-verschluG wie bei k, g.

Das I hat nun im Französischen eine höhere Anziehungskraft auf i als der Vokalismus, infolgedessen wird es in der Umgebung von inbsp;palatalisiert, der Tonvokal ist dadurch „gedecklquot;. Vgl.:

P9diu(m)(i) *puei';^put, aber; 9clum (j und 1) uei (und nicht *uil).

Dagegen scheint das Verhalten bei n verschieden zu sein, sowohl nach den Lauten wie nach den Mundarten, von denen die östlichennbsp;jene Konsonanten überhaupt nur schwach palatalisieren.

Sowohl der Übertritt von i in Ton- oder Nebentonsilbe, als wohl auch die Vokalisierung von k, g sind eine Begleiterscheinung der obennbsp;geschilderten Wort-Rhythmisierung: Leichte Taklteile losen sich aufnbsp;oder werden erleichtert — schwere Taktteile (Ton, Nebenton) werdennbsp;mchrbelastet. — Zur Theorie vgl. Appel, Prov. Lautlehre, § 33, S. 37*.

Bemerknng. Die afrz. Schreibungen sind für den Anfanger schwer zu verstehen, da für die palatalisierten Konsonanten Zeichen fehlennbsp;und man mit i, g nachhilft: ueil, montaigne u. a.

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III. Lautlehre. 63

Auch wo der palatale VerschluGIaut assibiliert wird (ce gt; tse: pacem gt; 1 2patsie gt;¦ pais) werden wir Enlwicklung eines i und Über-tritt in die Tonsilbe finden. — Nur wo sich Zischlaute entwickeln,nbsp;entsteht j nur beim Absetzen, nicht aber beim Einsetzen desnbsp;Zischlautes, weil der Zischlaut mit hoher Zungenspitze einsetzt (Kessel),nbsp;i aber tiefe Zungenspitze verlangt.

Anders hat sich die diphihongische Verbindung velarer Zungen-rückenhebung (w = u) mit vorhergehendem Tonvokal entwickelt. ScTion im Vlat. verband sich nachtoniges Hiatus-u mit dem Tonvokal di-

phthongisch: dëum wurde zu deum usw., vgl. S. 56. Dieser Prozefi wiederholt sich nun galloromanisch, indem palatale und labialenbsp;Verschluölaute intervokal fallen und neue Hiate zwischen Tonvokalnbsp;und u entstehen, die, genau wie Vlat., diphthongisch verschliflen werden:nbsp;löcu(m) gibt lou, jügu(m) jou, sëbu(m) 2seu (jgt; siu), sarcöph(ag)u(m)nbsp;sarcou. Bei lüpu{m) lou ist die vorliterarische Entwicklung darumnbsp;undurchsichtig, weil p, im Gegensatz zu b, v vor u, afrz. sonst nichtnbsp;schwindet, sondern zu v wird. Hier ware also ein „Übertrittquot; des u,nbsp;über p oder v hinweg, denkbar2). Wahrscheinlich ist aber Stimmingsnbsp;Annahme, daC auch lüpu(m) über lo(v)u(m) zu lou wurde, p alsonbsp;zwischen zwei gerundeten Vokalen mit b, v schwand.

Nun zeichnen sich fast alle diese Worte durch Doppelformen aus; Diphthongierte wie undiphthongierte: Neben afrz. deusnbsp;steht dieus, neben lou (löcu(m)) steht Heus (aus 2lueus), neben lounbsp;(lüpu(m)) steht leus (normaler Diphthong von frei o aus lopus). Dasnbsp;brachte Stimming^) vor kurzem zu der Vermutung, daC in diesernbsp;Doppelheit die Reste eines urfranzösischen vorliterarischen Zwei2nbsp;kasussystem zu sehen seien: Und zwar so, dafi unmittelbar aus-lautend -u sich hielt und Diphthongbestandteil wurde, wahrend innbsp;der Endung -us das u vor Verstummen der intervokalen c, g, b, v, fnbsp;fiel. Ich bringe zu dieser einleuchtenden Idee folgende Beleger lmnbsp;alteren Afrz. ist lou oft Prapositionalis oder Objekt, leus Subjektnbsp;(vgl. Intervokale labiale Verschlufilaute vor o, u); neben pïu(m)nbsp;afrz. pius, steht durch Reim gesichert pis (vgl. i -l2 u); auch -ïvu(m)nbsp;-iu, neben -ivus -i(f)s sei erwahnt (vgl. ebenda), doch können diesenbsp;Formen auch vom Fem. pïa pie, -iva -ive erklart werden. Diesenbsp;verschollene Deklination habe gelautet:

Subj. lüpus gt; leus nbsp;nbsp;nbsp;deus )gt; 2diesnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;plus pis

Obl. lüpu(m) gt; lou, nbsp;nbsp;nbsp;dëu(m) gt; deunbsp;nbsp;nbsp;nbsp;plu(m) piu.

1

‘) Dafi durch c, g, p, b, f das unmittelbar auslautende Endungs-u langer gehalten wurde (durch Lippen- oder Zungenrückenartikulation „verwandtequot; Laute) halte ich nichtnbsp;mehr für wahrscheinlich, wo doch diese Laute (mit Ausnahme von p) gerade vor u fielen.nbsp;Ihr Fall ist eben alter wie der Fall von ungedecktem Ultiiija-u.

2

Zt 39 ff-. «29 ff-

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€gt;4 III. Lautlehre; i Oral.

Analogie zerstörte dieses System bis auf Reste im Gebrauche von lüpus, und einzelne Formen der iibrigen, die sich meist vermischten:nbsp;dieus, deus (*dies deu).

d) I-Umlaut.

Vor einer extremen vokalischen palatalen Zungenrückenhebung (l) besteht in vielen Sprachen die Neigung, den Worttonvokal mitnbsp;erhöhter Zungenrückenhebung zu artikulieren, velare Tonvokale vor-zuschieben (Assimilation an das i): So wird feci zu fici (Pirson 520);nbsp;vïgintï zu vint, wahrend triginta trente ergibt; dül zu afrz. dui (dyi),nbsp;wahrend duos dpus ergibt.

e) NOTA BENE!

Im folgenden beherzige die Ratschlage der S. 39. — Aus-wendiglernen derGesetze ist zwecklos. Lautphysiologisches und chronologisches Versteken und Übung, dieses Ver-standnis analogisch auf andere afrz. Texte und Dialektenbsp;anzuwenden, spater auf andere Sprachen, ist das Ziel.

Kapitel 5.

Haupttonig vlat. I (Quellen: kl. lat. I, germ. i).

I. frei und gedeckt orales gt; afrz. i.

a) nbsp;nbsp;nbsp;frei: B i sic j/, 26 qui ki, 45 vitas vies, 53 germ, stritnbsp;estrif, 54 vlvu(m) vif, 160 vidit vit'.

b) nbsp;nbsp;nbsp;gedeckt: 4 dixit dist, ii mille mil, 177 scriptu(m) escrit,nbsp;i(n)sula gt; isla isle (B 176 isles, Masculin mit Nominativ-j).

c) nbsp;nbsp;nbsp;Suffixe^): -icius dient zur Bildung von Verbaladjektiven:nbsp;facticius, tracticius traitiz (langlich), moka (Schallwort REW) moquernbsp;„verspottenquot;, moquëiz „Spott“, R 228; afrz. postverbale Substantivanbsp;mit augmentativer Bedeutung: cappulare Reich. Gl. 78 „auf dienbsp;Kappe hauen“, vgl. ,,verwamsen“, „fesser“ usw., afrz. chapler gt;• linbsp;chaple „der Kampf“; da von: chapletz B 31 „Kampfgetümmelquot;; frk.nbsp;waskón „waschenquot;, afrz. guaschier, nfrz. gacher ,,pfuschen“, davon:nbsp;gdchis „Schmierereiquot;, „wassigere Sache“, „Pfuschereiquot;.

') Auch die Bedeutung der Suffixe verschiebt sich, doch hangt diese Ver-schiebung von dem Bedeutungswandel einzelner nait ihm gebildeter Worte ab. Hat dann das Suffix seine Bedeutung verschoben, so entstehen naturgemaS Neubildungen.nbsp;Vgl. Jaberg im Archiv 114 (1905I, S. 459. Semasiolog. Literatur fiber Suffixe istnbsp;noch sehr sparlich. Vgl. im einzelnen M. L. Ro. Gr. H und Cohn. Über -Iciusnbsp;S. M. Leumann, Glotta IX: Grundwort vermutlich novicius (aus novi-vicius?, vicusnbsp;= otxos „Haus-Neuling“), einiiges Wort mit -Icius (neben altem -Icius, Zuge-hörigkeit bezeichnend) bei dem urbanen Terenz. Bei Plautus, der seine Figurennbsp;gröber reden lafit, ist -Icius beliebt, also vulgar; erapllcius, ,,gekaufter Sklave“ usw.,nbsp;sodann Ausdrficke des Verkehrs, der Grammatik usw. Vgl. die Tabelle Glotta IX, S. 165;nbsp;JDiebl 454 filia atoptaticia, Reich. Gl. 829 avortetiz = *abortatIcius.

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65

III. Lautlehre: i -j- Nasal, i y.

-Ire (Infinitiv), B 52 ferire ferir, 54 fügire fair (Umlaut neben nichtumgelauteten afrz. foir).

-r(v)it gt;* -it (Perfekt), B 68 exi'(v)it eissi, B 87 fïnd-i(v)it fendi.

-ïtus (Partizip) B 124 periti peri.

-ïtis (2. Pluralis) in östl. afrz. Texten -is, sonst durch -es aus -atis ersetzt. Vgl. Konjugation.

-ÏSCO gt; -is germ, werpan „werfen“, guerpir „weg\verfen“, im Stich lassen, B izg guerpissent (werp — ïscunt). (Über -ïsco alsnbsp;Suffix Konjug. Einleitung.)

-ïvisset gt; 'ïsset (Plusquamperf.), B 214 vïdisset vè'ist.

R 144 gentilx (gen-tilis): ententilx ist: R 32 entente mit Suffix -is

aus -ivus.

-ïlis, an Adjektiven Zugehörigkeit bezeich-nend, vgl. i u

-Tvus, urspr. an Partizipien zur Bildung von Adjektiven, vgl. ï u

2. nbsp;nbsp;nbsp;i frei und gedeckt Nasal gt; afrz. %.

a) nbsp;nbsp;nbsp;frei; B 43 prima prime: rime (ahd. rim „Rauhreif”), B 153nbsp;fine(m) fin, B 259 vïnu(m) vin.

b) nbsp;nbsp;nbsp;gedeckt: quïnque cink, quindeci(m) quinze.

c) nbsp;nbsp;nbsp;Suffixe; -inus, -ina (Adjektivsuffix, die Herkunft bezeichnend);nbsp;B 149 marmor-ïnu(m) marbrin „marmorn“, fraxin-ïnu(m) fraisninnbsp;„eschernquot; (das üblicheEpitheton von lance). Substantiviert: 36*vecïnu(m)nbsp;voisin, 43 mat(u)tinu(m) matin, 99 co(n)sobrmu(m) gt; cosinu(m)nbsp;(Kurzform) cosin, 35 Pictavrnu(m) Poetevin.

got. -eins, vermutlich frk. -Ins, fem. -ina, wost („wüst“) -ina, gastine

(das a von vastare, vgl. M. L. Ro., Gr. II, § 453) B 198.

f-Imus (i. Pers. Plur.) vorliterar. durch -ümus aus sümus ersetzt.]

Nasalierung: Vor auslautendem und vorkonsonantischem « Nasa-iierung, die nach Verstummen des w den Vokal öffnet: nfrz. vin (vê). Über die Chronologie s. Einleitung S. 60, Entnasalierung S. 61.

3. nbsp;nbsp;nbsp;i -f- u: pïus afrz. pius; doch vgl. den Reim Bartsch 46, 26nbsp;pzs (pïus); pis (pëctus). Vermutlich liegt alter Kasusunterschied vor:nbsp;pius pis, piu(m) piu, worauf ein analogischer Subj. pius (S. 63, 96). —nbsp;Ebenso zeigt das Suffix -Ivus bald -iu, bald -is: M, Brut 4167 fuitiunbsp;(lOgitivi): liu (löcu(m)), B 277 plentiu, auch R 14 ententilx kann alsnbsp;ententius gefaüt werden. Alte Flexion -ivus -i(f)s, -ïvu(m) -iu dürftenbsp;zugrunde liegen. Vgl. noch B 312 rlvu(m) riu. — R 144 gentiusnbsp;zeigt, dafi in vielen französischen Mundarten (franzisch gentisf)

1 auch nach i zu « vokalisierte. Zwischen i und u entwickelte sich dann mundartlich ein Gleitlaut e: gentieus, fïlius fius gt;gt; fieus, vgl.

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;5

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66 III. Lautlehre: afrz. i aus anderen Quellen. — u ]gt; y.

M. L., frz. Gr. § 74. Da der Gleitlaut im Franzischen nicht nachweisbar ist, ist pius ]gt; nfrz. pieu „froinm“ besser mit Suffixtausch erklart*).

Altfrz. i stammt auch aus anderen Quellen, vgl. i ?, ? i, i -j- a 1gt; e I Umlaut.

Gelehrt bleibt Ï als v. nfrz. infirme (infirmus) neben ferme.

Vgl. s. 74.

Schreibung: Gelegentlich mit y: Rol. 2619 ydeles = idles Idola, griech. eidola. Ibi afrz. / B 32, nfrz. y. — i und j wechseln,nbsp;B 265 ieta^ nfrz. jeta.

Da I -|- i gt; 2 ergibt, ist kein Sonderkapitel nötig: arnica R 55 amie.

Kapitel 6.

Haupttonig vlat. u. (Quelle: kl. lat. 0, germ, ü.)

u ist in jeder Stellung zu y geworden, wobei die etymologische Schreibung blieb. Als im XII. Jahrhundert aus verschiedenen Quellennbsp;ein neues u entstand (vgl. gedeckt o, a u usw.) schrieb man es ou,nbsp;eine Schreibung, die bei dem Produkt u von a u, o I und au -|- 1nbsp;etymologisch berechtigt war (vgl. gedeckt o).

Da u durchaus zu y wird, haupttonig wie vortonig, so kann die Verschiebung weder eine Folge des Akzents, noch eine solche assoziativernbsp;Einfliisse sein (es ist an Umlaut gedacht worden, dem eine totalenbsp;Lautassimilation gefolgt ware). Sie kann nur die Folge der sich nachnbsp;vorne verschiebenden Artikulationsgewohnheit (Deutlichkeitsbestrebung)nbsp;sein, die, wo assoziative Einwirkung nicht stort (Nasalierungl), schonnbsp;flir das zentrale Afrz. charakteristisch ist und blieb. So hat sichnbsp;heute o fast zu oe, a fast zu s verschoben (Paris; Der Vorort Batignollesnbsp;wird betiTioel: ausgerufen).

Früher glaubte man es mit einer gall.-kelt. Lautsubstitution zu tun zu haben. Allein Normannen und Anglonormannen schreiben pnbsp;und u mit einem Zeichen (u), wahrend das Zeichen 0 nur d bedeutet.nbsp;(In B. ist diese Schreibgewohnheit, die natiirlich nie ganz konsequentnbsp;durchgefiihrt ist, zu finden.) Es standen sich also p und u mindestensnbsp;sehr nahe, und dies zeigen nun auch Reime bei agl., norm., pik. undnbsp;ostfranzösischen Dichtern. Vgl. B 23 trestuz (tra(n)s - tottos): eissuznbsp;(nfrz. issu, ex-ütus, vgl. Suffixe S. 67), B 67 aventure: Aure ((h)öra).nbsp;(Vgl. auch B 148 und dazu 9 u.)

‘) In Teilen der Pikardie wird -ins zu -iys. Das kann Assimilation des velaren « an das palatale » sein, da aber auch meljus über mitus zu viius, locus iiber lueus, Heusnbsp;zu Hus werden (vgl den erwahnten Reim B 277 Anm. antiu-. liu'), so ist auch hier wohlnbsp;-ieus Zwischenglied. Welche lautliche Grundlage im Afrz. hinter den no. Schreibungennbsp;iu, ieu steht, ist nie mit Bestimmtheit zu sagen: Es kann lu, ieu und iy dahinterstehen.

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67

III. Lautlehre: Frei und gedeckt u; u -}- I; u -|- i.

Noch heute hat ein Teil der Wallonië u erhalten, auch das Lothringische hielt es im Hiatus als 0. Ein Teil des NO. öffnet unbsp;vor n zu o; prone für prune (1 2prüna); daher L.ugudQnu(m), Ldpnnbsp;(afrz. Loun mit y, Rol. 2097, neben Loon^ Laón), die Nasalierung ist alsonbsp;hier alter als die Verschiebung von u gt; y. Und auch im Zentrumnbsp;gehort sie zu jiingeren Vorgangen.

Vgl. die Sammlungen2), Karten und die Tabelle S. 45 in E. Jacoby, Zur Gesc/i. des Wandels von u zu y. Diss., Berl, 1916. — M. L. in Z. f. S,, 44, 75; 45, 350;nbsp;oben S. 21.

1. nbsp;nbsp;nbsp;u frei und gedeckt -)- Orales gt; afrz. y, geschrieben u,

cüra cure B 35, plüs plus B $1, nüda nue B 91, tütant (tütari

„sich schützen“ gt; tütare, transitiv) tuent „sie töten“ B 133, sursum, vlat. süso sus B 268; nülla (aus ne ulla) (Eide neuls ne Ollus — nebennbsp;nul nüllu(m) und Eulalia ni ule zeigen Rekomposition), B 49 nule.

2. nbsp;nbsp;nbsp;u frei und gedeckt Nasales gt;• afrz. y, geschrieben u.

Onus uns B 16 una une, adlOminat alume. Die Nasalierung

öffnet zuoe: un, nfrz. öé, Entnasalierung ist vorausgegangen

3. nbsp;nbsp;nbsp;Suffixe. -ütus (Partizip; kl. minütus, tribütus usw., vlat. undnbsp;afrz. zuerst auf e-Verben, die ein u-Perfekt besaCen, übertragen, spaternbsp;auch auf andere), B 2^ eissuz, B 31 ven-ütu(m) venu, B 44 cad-ütanbsp;chaüwe (mit ostfranzös. hiatustilgendem w), B 110 chaü cad-üti. Vgl.

Ro., Gr. II §326.--üra, -türa (bilden Abstrakta von Partizipien und Ad-

jektiven): sepültus gt; sepultüra sepulture B 147, pïctüra painture (von paint „gemalt” neu gebildet, vgl. R 36) B 151, (cïnctu(m) ceintnbsp;davon:) ceinture R 35, (hörridu(m) ort, fem. orde') vgl. R 235, davon;nbsp;ordure „Schmutz“ R 242. -(t)üdine(m) bildet Abstrakta. Die laut-gesetzUche Form servi-tüdine(ni), afrz. servune, danach rancunenbsp;(rancöre(m)); die volkstümliche Form aber ist afrz. -urne (mit -Omennbsp;vermischt?) R264 consuetüdine(m) costume, amaritüdine(m) amertume,nbsp;von pesant „gewichtig'2 gt; pesantume (Dial. Greg.) u. a. m. Mit diesennbsp;geht ïncOdine(m) (kl. ïncude(m)) enclume^)\ nfrz. gratitude, plémtudenbsp;sind Latinismen; -Omen: legOme(n) afrz. lé'un, dann gelehrt nfrz. le'gume,nbsp;Vgl. Cohn 264, 273.

4. nbsp;nbsp;nbsp;u I. B 14 illüi lui, B 62 cüi cüi, füi R 74 fiii. Vgl. S. 56.nbsp;hui B 33 (Schallwort „in einem Hui!“, lat. hüc ist unwahrscheinlich)nbsp;„Larm“.

5. nbsp;nbsp;nbsp;u i. dïsdOcerenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„sich zerstreuen, unterhalten“gt;»R25

deduiz „Unterhaltungquot;, kl. östium gt; Ostiu(m) (Christl. Inschr. 39

5=^

1

*) Nicht sehr vollstandig. Es fehlen Venus, Cristal, M. Brut, Guerre Ste, (ckescon qulsque ünum, aleon), Osterspiel (Afrz. Übungsb.).

2

Zu enclume vgl. Mei. 22012 englume neuwall. eglynn; ?i-Formen (z, B. 927 êkténa) im O. und SO. ALF 457.

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68 III, Lautlehre: Diphthong ui; frei ? Oral.

ustiarius, it. uscid) uis {us B 152), jOniu(m) juin. Auch andere Quellen ergeben gleichen Diphthong: Umlaut o I; tuit, dui; 9inbsp;P9diu(m) pui (Puy-de-Dome) „Berg“; e -f- u të('g)ula tiule, Um-drehung ergibt wohl durch Vermischung mit dem haufigeren Diphthongnbsp;nfrz. tuile „Ziegel“.

Der Diphthong ist ursprünglich fallend wie die Schreibung us üstiu(m) B 152 und zahlreiche Assonanzen und Reime beweisen:nbsp;Roland 239 liii: plus', 1326 luisent (lücent); nue (nüda); Trist. Berolnbsp;1209 hus üstiu(m): lassus (iliac sQ{r)su(m)). — Wahrend im Ostennbsp;(Vorliebe fiir fallende Diphthonge, Akzentzurückziehung bei steigenden),nbsp;diese Betonung bleibt (Ostiu(m), ist im O. heute u:j, y;j usw., vgl. ALFnbsp;1062 und 14 „aiguillequot;''), strebt das Zentrum') zur Endbetonung. Vgl.nbsp;R 332 anuie (inodiat); amie (arnica). Daher nfrz.: früctu(m) fruit,nbsp;*acüc(u)la (kl. acücula) aiguille (egqiij), wahrend rügitu(m) afrz. ruit,nbsp;nfrz. rut (spr. ryt) „Brunst“ (Jagd = Ardennen .gt;), 1lucta afrz. luite,nbsp;nfrz. lutte, jene dialektische Entwicklung zeigen. — Nasaliert wirdnbsp;in franzisch ui auch i )gt; s: juin (spr. sql). — Im Anlaut wird dienbsp;Starke Reibung von n als Aspirierung empfunden- und geschrieben:nbsp;üstium huis, oleum huile, hodie hui.

In a(u)güriu(m) dur, ëür statt 'èüïr ist 'éui vermutlich vor der Tonverschiebung zu ëu geworden.

Kapitel 7.

Haupttonig vlat. E.

Quellen: kl. lat. é, Ï, oe (gelegentlich ae), germ, ê, Ï.

I. frei 9 -(¦ Orales afrz. ei. Die Ei de schreiben i: 1sapere savir ', *potire podir, debet (?) dift, sit sit. Man faCt dies als Unvermögen,nbsp;den neuen Diphthong graphisch zu fixieren. Dem widerspricht dienbsp;korrekte Wiedergabe von e -f i in directu(m) dreit. — Bereits Eulalianbsp;schreibt concrëdere concreidre; Jonas: habere haueir, -ê(b)atnbsp;saveiet usw.

Dieser Diphthong (mit dem sich erwahntes ei aus e i zusammen entwickelt, das wir darum diesem Abschnitt anschlieGen werden),nbsp;bleibt im Westfranzösischen und reimt nur mit sich selber (ruhigenbsp;Lippenhaltung?). Er monophthongiert zu e. Hier ergibt beispielsweise

1

Guiot V. Prorins spricht noch ui (um 1200): Bible G. 1208 murmure: licire (lucere), 2342 filuie (1plövia): rue (rütat). — Ebenso Rustebuef (um 1250),nbsp;Oi dres de Paris 127 droiture: luire; D'i% des Cordeliers 75 dure (diirat); conduire. Nurnbsp;cuide cSgitat: { (Bataille des vices eg) zeigt ui. Die Endbetonung charakterisiert heutenbsp;Seine- und Loiretal.

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III. Lautlehre; frei ? Oral. Diphthong oi. 69

das Suffix -ëtum -êta (= ,,Hain“): Les Aiibrais (Loire; élbaru(m) „Weifipappelquot;), Rabelais (aus Chinon: acerabulu(m) érable „Ahornquot;),nbsp;Ie Coudray (corylus ,,Haselstaude“ gt;gt; *colurus, afrz. coldre^).

Im Zentrum, NO. und O. (starke Lippenmimik) finden wir dagegen; Fresnoy (fraxinetu(m)) „Eschenhainquot; in verschiedenen Schreibungennbsp;(Jura, Ardennen, Aisne). Rouvroy (roborëtu(m)), it. Rovereto „Eichen-hainquot; (Ardennen, Aisne). Hier haben sich also die Elemente desnbsp;Diphthongs voneinander entfernt: ei ist dutch Velarisieren und Rundennbsp;von e zu oi geworden. Erstes Vorkommen bei vortonigem e -1- i-Jonas noieds (necatos) (X. Jahrh. Osten). — Nun ist B. wohl ur-sprünglich von einem Anglonormannen geschrieben, dann aber vonnbsp;einem Wallonen redigiert worden. Aus alterer Redaktion rühren folgendenbsp;Schreibungen her: 83 recipit receit, 86 con-redu(m) (germ., „Geratquot;)nbsp;cimrei, 106 mane ïpsu(m) maneis, 121 tres treis, 140 habêre aveir,nbsp;170 credit creit usw. Meist korrigiert' der Abschreiber ei in oi: B ilnbsp;së soi, tres trois, 40 vïdit voit, 260 pilum („Haarquot;) poll usw. Abernbsp;auch die Reime zeigen seltene Spuren eines Dichters^ der oinbsp;und nicht mehr ei sprach: 338 noise (nausea): aquoise (ad-qu(i)itiat),nbsp;346 gqie (gaudia): voie (via). Die Herausgeber, die den östl. Reimnbsp;344 übersahen (s. unten), konstatieren, dafi ei im Reim meist reinnbsp;ist, bis auf fiinf Falie {M. Brut, S. XXIX). Dutch das Vorbild schrift-sprachlicher Texte kommen Reime wie B 346 bei spat eren Anglonor-mannen allerdings vor. Doch sind sie nie sicher, und die ini Eneasnbsp;und Troia behaupteten Falie haben sich in der kritischen Ausgabenbsp;als unecht erwiesen. {Eneas ed. Salv. de Grave, S. XVII.) So sindnbsp;also die Verse 338—347 mit ihren durchaus östlichen Reimen ehernbsp;von einer fremden östlichen Hand, als etwa Franzisismen. Die ge-nannten beiden Reime sind überall möglich, aufier im NW. (unterenbsp;Loire, Normandie, England). Aber der seltene Reim B 344 acointenbsp;(ad-cögnit-at): enchainte (ïncïncta) ist im XII. Jahrh. wohl nur imnbsp;Osten (vgl. S. 70) möglich und keinesfalls als „typischer Reimquot; zunbsp;fassen.

In der Pikardie wird der Diphthong oi zw oi geöffnet, vgl. Ille 2911 pgi (pauco): moi (më). Der stark fallende Akzent laCtnbsp;dann i lautschwach werden und verstummen: Cristal 7401 tortnbsp;(törtu(m)): esploit (expllcitu(m)). Hier ist also oi sicher zu 9(i)

b Natiiilich findet sich schriftsprachliches oi in alien westlichen Schriftstücken. Vgl. E. Goerlich, Die siidw. Dialekte der Langue d'o'tl, Frz. Studiën 111, Heilbronnnbsp;1882, S. 6. Vgl. auch unten die Beobachtungen aus Brut Und so nehmen die heutigennbsp;Mundarten des W. haufig wa an. \'gl. ALF, Bl. 1200 savoir, Punkte 345 Sauwer, 378 usw.,

saywar mitten im Save(r)-Gebiet (Normandie); sawer, das sich im Z. viclfach findet {227 vor den Toren der Hauptstadt), ist aus savwer (217) assimiliert.

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70 III. Lautlehre: frei ? Oral, Diphthong oi.

geworden, wahrend umgekehrt im Zentrum 91 (joie, noise) zu oi gt; nfrz. wa wird, wogegen in der Champagne oi und pi afrz. saubernbsp;getrennt bleiben (Christian).

Die weitere Entwicklung von zentralem pi zeigen folgende Reime der Rose:

352 voise: courtoise.

voise, KonjunktiV'Pras, von vois vado, hat von jeher Diphthong oi gehabt; courtoise (-e(n)se(m)) ist also bei gleichem Resultat ange-langt; die spatere Entwicklung sichert den Lautwert pi, — Ein Gleichesnbsp;zeigen auch andere Reime des Romans (Langlois Rose, Bd. I, S. 200).nbsp;Aber sie sind nicht sehr zahlreich, und so könnte man sie auch alsnbsp;typisch schriftsprachliche Reime fassen. Weiterhin finden wir in Rnbsp;folgende charakteristische, B 344 verwandte Bindungen;

271 soies (sïas): aies ((h)a(b)eas (der Lautwert von aiistt, S. 103), 338 esmay (Verbalsubst. von esmaiier *ex-magare „nicht mehr

mögen“; a -f i): fnoy (më),

348 mói (më): lessay (laxa(v)i)

253 saine {yoeaa)\ essoine (germ, ex-sünnea).

(Vgl. Langlois Rose, I S. 196.) Wenn Reime wie 253 mit Q i nicht waren, so wiirde man westliche Entwicklung annehmen. So abernbsp;muC man diese Reime mit etwa gleichzeitigen Schreibungen dernbsp;Urkunden der mittleren Loire zusammenbringen: *sapere savoier^)\nbsp;vgl. Schwan-Behrens Materialien, 2. Aufl., Stiick LXVIII, aus Loches.

Was ist also vorgekommen? oi ist in einem Teile von Frankreich zu oé geworden. Wann und wo? Schon der M. Brut schreibt mehr-fach oe fiir oi: 276 recïpit rechoet 1345 débea(m) doevie Q), 4l57Tïberimnbsp;Toevre, vgl. B 35 pictavinu(m) Poetevin. Ahnlich Ezechiel. Danachnbsp;ware der Osten (Wallonië, Lothringen) vorangegangen, wie wir ja auchnbsp;in einem östlichen Text (Jonas) zuerst oLfiir ei fanden. Es folgt dasnbsp;Zentrum (Rustebuef) bis zur mittleren Loire. Über die Entwicklungnbsp;o£ gt; we )gt; wa vgl. oben S. 42. Der Humanist Henri Estiennenbsp;warnt(i582) davor, moas, foas, troas auszusprechen „comme le menunbsp;peuple parisienquot;. Zu diesen zwei Aussprachen des XVI. Jahrh, Gebildetenbsp;rwt, Volk: rwa kommt eine dritte: Aus der nur wenige km von dernbsp;Hauptstadt entfernten Normandie kommen Kaufleute, Schiffer, Adlige

‘) Langlois hat in seiner Ausgabe nur in den Reimen, in denen ei und oi (vgl.

352) gebunden sind, die Schreibung oi durchgefiihrt. Die Lautung der Dichter ist lür ihn ei oder ai. Reime wie Schrift stehen unter schriftsprachlichem Einflufi. Dochnbsp;habe er selber lange geschwankt, bis er sich fiir diese Uniformierung entschloiS (Rose,nbsp;Ld. I. S. 2n). — Interessant ist die Schreibung der Hs R 42 pilos peus, nfrz. poiU.nbsp;Hat 1 -|- Rons, die Diphthongierung aufgehalten? Wurde peils zu peusf S. untennbsp;S. 73 Suffix -Slis.

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71

III. Lautlehre: Diphthong oi. — ¥ -{- Oral i.

und bringen ihre Lautung: £. Ste sagen: crëta craie (normannische Kreidefelsen), falaise (germ, falïsa B 243 faleise: galeise (gallïsca)nbsp;faloise (Christian)), lampreda lampraie (Fischer), vielleicht auchnbsp;moneta monnaie. Die italienischen Fiirstinnen der Renaissancenbsp;(Katharina und Maria von Medici) ziehen die normannische Lautungnbsp;der für sie schwer sprechbaren franzischen vor, und ihre Umgebungnbsp;folgt ihnen: francais statt frangois, je chantais statt je chantois^).nbsp;So spricht der Hof in Verbalformen (Imperfekt, Konditional) s, wahrendnbsp;beim Nomen die Aussprache sich spaltet. Ob vorhergehender Kon-sonant die Entwicklung beeinflufite, erscheint bei den haufigennbsp;Doppelformen fraglich.

Herzog, Histor. Sprachlehre des Neufranzosischen, S. 32 fi.

Horning, Zt. 23, S. 481: e nach Liquiden, wa nach Labialen (?).

Erst im XVIII. Jahrh. folgt die Schrift und schreibt ai, wo £ aus-gesprochen wird, Voltaire trat dafiir ein. Zu den Mundarten vgl. Herzog Stiick 40 (St. Paul) mit Lautung w£, Stiick 41 (Lille) mit Lautung 0.nbsp;Suffixe und Bemerkungen zu dem Abschnitt S. 72, Nr. 6.

2. e Oral ï )gt; afrz. ei, das mit ei aus frei e -4- Oral zu oi wird und dessen weitere Entwicklung teilt.

Eiderfrï’rV, B6 francïscum francheis {nirz. Frangais nehenFrangois), B 85 rege(m) rei, 259 germ, frisk freis (nfrz. frais, wohl nach demnbsp;Fern.), 64 vïce(m) foiz, 84 explïcitu(m) esploit.

1 deckt den Tonvokal, doch zeigt die Entwicklung der Lautfolge -iliu auf einem groCen Teil des Gebiets Umlaut O -il), wahrendnbsp;-ilia im Z. normal zu -eille (= elo) wird: 1 2tniu(m) Linde (kl. tilia)nbsp;gibt im Osten und Norden den haufigen Ortsnamen le Til, im Westennbsp;le Teil. Dagegen ergibt tilia nfrz. teille „écorce du brin de chanvrequot;.nbsp;M. L. erklart: Silbenanlautendes i (te-h) laCt den Tonvokal unbe-einfluüt; silbenauslautendes i {tef) lautet den Tonvokal urn ('gt; til).nbsp;Ebenso entwickelt sich miliu(m) mil Hirse; cïliu(m) ctl kann auch zunbsp;folgendem Abschnitt gehören; conseil (nfrz. kös£:j, consiliu(m)) B 228nbsp;statt 2consil, ist also analogisch nach consiliat conseille. — Der Ostennbsp;hdX consoille und danach consoil (Jourd. B 285: pi), mervoille; in -iljanbsp;trat also i in die Tonsilbe über. Ebenso entwickelt sich -iclu: ö.nbsp;soloil gegen zentr. soleil (nfrz. sdIeiJ). Schwache Palatalisierung von nnbsp;und / werden wir im NO. und O. auch weiterhin feststellen, sodafi hiernbsp;die Artikulationsgewohnheit als Grund der Entwicklung anzunehmen ist2).

1

*) Horning (Zt. 23, 481) nimmt an, dafi vokalische Stamme hier vorangingen: priwe gt;¦ prie, noyais = nwew£ gt;¦ nwejs. Man vgl. aber Herzog, Stiick 40, 20,nbsp;puyijs; (pujwe in unserer Schrift), 28 vey»? (vejws) (— pouvait und voyait).

2

Vgl. auch den ostlichen oder agin. Reim B 13 plaine (plana): cutnpaine (2compania, nfrz. campagne kSpaii).

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;2

III. Lautlehre; j -)- frei ?; e -j- i; ? u; Suflixe,

Die Nahe der deutschen Grenze mag die Gewohnheit beeinfluöt haben, palatalisierte l und n sind ja der deutschen Artikulatiohnbsp;auch fremd.

Herzog, Zt. f. S. XXIII, r, 302. — M. L., frz. Gr. § 52.

Die weitere Entwicklung nach Vokalisierung von 1 -j- Kons. S. 75,76.

Bemerkung. k a der Ultima kann die vorhergehende Ton-silbe nicht palatalisieren, da sich bei seiner Entwicklung zum Zisch-laut (ch) die Zungenspitze hebt, nicht senkt, der Zungenrücken senkt (nachazu!), nicht hebt : frïskanbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nirz. fratche, mit falsch analog.

Schreibung.

3. nbsp;nbsp;nbsp;i frci ? ergab vermutlich *iei, wie die unten zu besprechen-den i a i, e ï- Dies *iei wurde vorliterarisch zu i, die kurzenbsp;Zungensenkung des e wurde immer kürzer und unterblieb schliefilichnbsp;ganz. Bemerkenswert ist, dafi das gleitlautartige i von sich nachnbsp;vorn verschiebendem c ê (gt;¦ tsie) nur vor freiem Tonvokal (cëranbsp;quot;^cieire gt;gt; cirè) blieb, vor gedecktem aber (ecce ïsta ceste) wiedernbsp;schwand. Vgl. t !•

Beispiele: Eulalia: mercêde(m) ?nercit:venir, B 192 pagê(n)se(m) pais (s. unten Suffix -ê(n)sis), R. 74 cëra cire: dire.

4. nbsp;nbsp;nbsp;^ i gt; afrz. durch Umlaut i: ïllï il, wogegen ïllos elsnbsp;ergibt, ecce isti eist, wogegen ecce istu(m) eest ergibt, *prësïnbsp;(Perf. von prëndere) Pirson S. 36, 29 proprisi pris, fëcl, ebenda

S. 5, 20 fici fis.

5. nbsp;nbsp;nbsp;e u wurde zu iu, e -f ui zu tii. Es sind also regelrecht;nbsp;*cëpu(i)t: M. Brut 1627 aperciut, B 219 reciurent, sëbu(m) ,,Talg“nbsp;siu — sodann die Buchwörter (Erhaltung der Panuitima über dennbsp;Fall von g vor u hinaus) tégula tiule, régula riule. Dagegen e -j- uï;nbsp;*cépui apergui, dëbui dui. Analogisch wird die 3. Person zu

M. Brut 2166 dut. Neben rilde finden wir reule rieule (QLR,, Dial. Greg.), franzisch Umdrehung zu ui (wohl Substitution desnbsp;haufigeren Diphthongen): siu gt;¦ suif, das ƒ analogisch (vgl. Benary,nbsp;94 ff.; ALF 1266 suif, 1343 tuile).

6. nbsp;nbsp;nbsp;Suffixe. frei ? Oral: -ëre (Inf.) habëre aveir ]gt; avoir. —

i ëre: lïcëre leisir, loisir, nöcëre nuisir, placëre plaisir, jaeëre

jesir, also ein Konjugationsübergang durch die Zufalle lautlicher Entwicklung bedingt. Da die übrigen Formen zur ï-Konjugation nicht passen, geht ein Teil der Infinitive wieder zur e-Konjugation: nuire,nbsp;plaire (nach conduire, faire), wahrend der substantivierte Infinitiv /lt;?nbsp;plaisir bleibt; loisir wurde defektiv und starb aus (Ie loisir), gésirnbsp;ist am Aussterben.

-ëtis -eis gt; ostafrz. -oiz. Vorliterarisch wurde diese Endung im Z. durch -es aus -atis ersetzt. Fiille wie Rol. 508 ameneis

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73

III. Lautlehre: frei e Oral; Suffixe.

(adminitis Konj. Pras.): deiz (digitos) sind unsicher; aveiz im Osten ist nicht *êtis, da hier frei a zu ei diphthongiert, vgl. die Schreibungennbsp;B II armatus armeiz, 91 spata espeie. Nur im Futur halt sich ~eiznbsp;-oiz neben analogischem -ez afrz. sehr lange: Rol. 79 ire (hab)êtisnbsp;ireiz: portare-ëtis portereiz'. rege(m) rei. Aber: 70 irez: 72 porterez:nbsp;75 asez (adsatis). — Noch R 26 droiz:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;. (ïntrare-ètis).

-ê(b)am (habè(b)am) dissimilierte nach labialen Stammen zii *-ëa(m), das sich allmahlich als Imperfektendung in allen Konjugationen durch-setzte: B 16 est-ë(a)t esteit B 19 cant-ëant chantoient.

-ëtu(m) „Pflanzung, Hain“, vgl. S. 68, 69 nfrz. -s, in östl. Dialekten -wa, worauf dann in Schriftsprache und Dialekten mannigfacher Ausgleich

(M. L. frz. Gr. § 84).--ë(n)sis tritt zu Ortsnamen (Eigen-, spater auch

Gattungsnamen) und bezeichnet die Bewohner. Hierzu kommt aus germ. Quelle -ïscus in gleicher Bedeutung. Sie ergeben namlichnbsp;beide lautgesetzlich -eis, -ois, nach i: -is,, nur ist -ë(n)sis, -eis, -oisnbsp;ursprünglich eingeschlechtig, wahrend -ïscus ein Fem. -ïsca, -eschènbsp;hat. Diese Feminina wurden dann durch analogisches -eise, -oise frühnbsp;ersetzt;

germ. bürg-ë(n)se(m) (it. -ese) borgeis gt; bourgeois „Burgbewohner“, germ. mark-ë(n)se(m) marchis „Markbewohner, Markgrafquot;, co(h)ort-ë(n)se(m) corteis gt; courtois „Hofbewohnerquot; )gt; „höfischquot;, gallïscus,nbsp;galeis, galesche-, 24,1, galeise: faleise, (falïsa); francïscus,nbsp;francesche (Zt. XVf. 244); aber schon Roland 396 par la fran-ceise gent; nfrz. frangais, frangaise neben Francois, Frangoisc.nbsp;Und so stehen Orléanais (neben denier orlénois, Cresson Olénois,nbsp;Alenois Rabelais III 50) Marseillais, Portugais neben Franc-Comtois, Ltllois, Bavarois. (Vgl. M. L. frz. Gr. § 84).

Seltenes -ëlis (modal von Adjektiven) ist mit dem gleichbedeutenden -alis zusammengegangen: G. de Provins, Bible 876 crüaux-. loiaux.nbsp;Dialekte zeigen etymologische Formen: Brandan 155 fèeil (fïdële(m)):nbsp;veil (vëlu(mj), Osten feoil; afrz. fëel, crüel zeigen -el aus -ale(m). Innbsp;R 232 Keuz (Eigenname, vermutlich Caius); crüeus könnte man,nbsp;wegen R 42 pens pilos (nfrz. poils), mundartliche Form aus crOdëlisnbsp;aimehmen. Doch ist crueus auch der Subjektiv des Zentrums, mitnbsp;einem Fem. crueuse (Christ, de Pisan Ballade 5, 25), zeigt alsonbsp;Suffixtausch (-ösus); nfrz. fiMe ist Latinismus. — Vgl Cohn S. 59.

Bemerkongen. Suffixtausch zeigen: complëta compile ,,Abend-liedquot; nach cornplir, Cohn, S. 225. (Brandan 518 chaiiterent compile), querëla, schon klass. querella R 294 querele, candëla chandelle nebennbsp;lautgesetzlich chandoile, Cohn 215; berbëce(m) M. Brut 866, berbiz,nbsp;brebiz, sorëce(m) soriz folgen dem haufigeren -lce(m), vgl. Reich. Gl.nbsp;1018 oves: berbices (Cohn S. 41). Buchwörter sind: arbïtriu(m)

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74 III. Lautlehre; frei g -f- Oral; Buchworter; frei ? -j- n.

arvire, vitiu(m) vice^), ïnvïdia envie; prophete (Rol. 2255): e., comète, de'cret (Bible G. 2436: £ aus a), secret (St. Thom, S. 14: e aus a),nbsp;B 333 pdete, R 334 quite (quieta): dite (neben volkst. afrz. wie nfrz.nbsp;coi qu(i)etu(m), vgl. Chr. Inschr. 10 requevit). Zum Suffix -ïtia:nbsp;afrz. -ece neben dialekt. -eise, gelehrt -ise vgl. unten t i.

7. frei % ci. 'pgt; ei 'P’ ai ï.

Ursprünglich ging also frei e Nasal mit frei e Oral und diphthongierte zu ei. Nun macht sich der Einflufi der beginnendennbsp;Nasalierung bemerkbar und öffnet ci gt;¦ «f. Auf dieser Stufe stehtnbsp;Roland, der -ein- mit gedeckt s n assoniert: 1788 entendentnbsp;(ïntëndunt): aleine (alena): peine (poena); feindre (fïngere): enseignenbsp;(ïnsïgna); gente (gënita).

Norm. Agin, monophthongiert dies -ün im XII. Jahrh. zu m, woraus sich Reime wie meins (minus): Troiains (= Troiiens) erklarennbsp;(Troja), — womit B 362 zu vergleichen ist. Im Pik. dagegen istnbsp;die Schreibung -ein im XII. Jahrh. ungewohnt, man schreibt -ain undnbsp;assoniert mit a. Dem entspricht, daC heute ein Teil des NO. d odernbsp;an hat (no. Diphthongkiirzung, Matzke, S. 664). — Im Osten wirdnbsp;-sin, wie der orale Diphthong, nach Labial zu -oin weiterentwickelt,nbsp;und hier haben wir heute vwên und v3n (p. Diphthongkiirzung) vena.nbsp;— Im Zentrum schliefilich wurde -sin zu -ain wie im Pik. von hiernbsp;aus aber nicht zu d, sondern zu è monophthongiert, beides dernbsp;Artikulationsgewohnheit entsprechend. Vgl. R 277 certaine: painenbsp;(poena), ALF 1356 veine.

John E. Matzke. Ai and ei in French before Nasals.

PMLA XXI 639.

Drei Worte mit labialem Konsonanten im Anlaut der Tonsilbe wandeln auch schriftsprachlich ein ^ oin wie im Osten; avena avoine,nbsp;fenu(m) foin, minus moms (auch minor moindre). Die Vorliebe dernbsp;Labialen für Rundung siegt iiber die Vorliebe des n fur gespreiztenbsp;Lippenhaltung. Alldrdings widerspricht dieser phonetisch einwand-freien Erklarung mïnat meinet (nfrz. inène) neben moins und venanbsp;veine neben avoine. Doch kann veine gelehrt sein (Arzte), und mainenbsp;(mïnat), poine (poena) kommen nicht nur im Osten haufig vor (R 136nbsp;poine und oft bei Christian), paine kami Latinismus sein, mine folgtnbsp;mener. — In Paris, der Pikardie, der Champagne sind avaine,nbsp;fain und mains die urspriinglichen Formen; Cristal7i33, Rustebuefnbsp;Mar. Eg. 455 mains (manus): mains (minus), auch R 392 mainsnbsp;(minus). — Wegen dieser dialektischen Spaltung ware man geneigt.

*) Dagegen entwickelt sich vltiatus „verschlagen“ volkstiimlich; R ^o envoisiez REW 9396.

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75

III. Lautlehre; frei nbsp;nbsp;nbsp;gedeckt ? -j- Oral.

nfrz. avoine, Join fiir avaine (so Rustebuef und Paris bis XVIII. Jahr-hundert), jain (£100456), aus dem Dialekt zu holen, der die Hauptstadt mit Futtermitteln versorgt (Burgund M. L.), doch kann moins kaum ausnbsp;einem Dialekt stammen'), und erklart sich durch Labialisierung, wienbsp;mundartlich aus jamais gt;gt; samwe, aus maison 'jgt; mwes3 wird. Vgknbsp;M. L. frz. Gr. § 99, Herzog, § 23.

Suffixe: -emus (2. Plur.) vorliterarisch durch -ümus (sümus) ersetzt. -ënu(m) in venënu(m), afrz. venin, velin zeigt Suffixtauschnbsp;O ïnu(m) S. 65); O. Ps. S. 246, 49 venim (vgl. nfrz. venimeux)nbsp;erklart sich am besten durch Dissimilation der beiden n (REW). —nbsp;Griech. -ënon dagegen wurde erst als -ïnon entlehnt. Vgl. A pp. 48nbsp;byzacenus non bizacinus, daher pergamënu(m)parckemin. Cohn, S. 219,

Bemerkung. fïmus „Mistquot;, vlat. *fëmus nach stërcus, vgl, Reich. Gl. 399, stercora; fem’ afrz. flens.

8. nbsp;nbsp;nbsp;i e 4- n hat sich nach der Diphthongierung in derselbennbsp;Weise von frei e -f- n getrennt, wie j -f- e von frei e -f- Oral; *-ieinnbsp;wurde zu -in monophthongiert. racimu(m) raisin, Saracênu(m) Sarasin.

9. nbsp;nbsp;nbsp;Gedeckt e -f Oral bleibt; B 46 mïttere metre, 90 mïttit met,nbsp;81 ecce lila cele, brïtto Bret usw. — lm Roland sind die Assonanzennbsp;auf £ aus gedeckt ë und i aus frei a von diesem e frei. Tirade 120nbsp;bindet nur Worte auf gedeckt e: 1562 epïsco(p)us evesques: mïssanbsp;messe'. prod-ïtias prüeces: tra(n)smïttat tramete: regrete ,,es dauertnbsp;mich“, welch letzteres also weder von requïritat noch regratat ab-geleitet werden kann. Etwa; regredi recrëdere afrz. recreire „dienbsp;Ansicht der Gegenpartei anerkennenquot; (Pirson 36, 14 recredidit velnbsp;recognovit) ^ *regrêditare. Schon im XII. Jahrh. wird dieses e ihnbsp;Mundarten offen und fallt mit gedeckt e zusammen; vgl. B 57, 166nbsp;usw.: *wïrra guerre: tërra terre (typischer Reim), B 320 pulcelenbsp;(-ëlla); massele (maxïlla), wahrend der NO, und O. beide e weiterhinnbsp;auseinanderhalten. (Aiol.)

Vgl. M. L., frz. Gr. § 95, J. Vising, Z. f. S. 39, i, S. l.

Vor u aus gedeckt 1 ist die Entwicklung mundartlich verschieden : Wahrend schriftsprachlich ïllos els )gt; eus, ecce ïllos cels gt;¦ ceus,nbsp;capïïlos chevels gt;• cheveus die übliche Monophthongierung von eu zu 0nbsp;zeigen, lassen Mundarten assimilierend eu )gt; au werden. Der Osten

Wahrend bei den übrigen Worten die dialekt. Verschiedenheit sich erhielt, ist jnwê heute fast durchgefiihrt. Der Norden zeigt nur Spuren von mS, der Oslen vonnbsp;ms und mwö, der Westen von mS. (ALF BI. 1356) Gilliéron nimmt an, dafi dasnbsp;Schicksal des Wortes durch die Nahe von main manum beeinflufit wurde (vgl. L.nbsp;BI. 19, 377); Sicher ist, dafi der Schuleinfluli sehr stark sein mufi. (Rechenunterricht.) —nbsp;Zur Rose vgl. Langlois I S. 195, 196.

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HI. Lautlehre: gedeckt e -4- Oral; -J1 2 Nasal.

eitlschliefilich Paris hat illos aus (resp. iaiis'. So Christian, Ruste^ buef Elisabeth 311 ; aniaus -ëllos); capïllus ist chevauz 3gt; chevoz,nbsp;capillu(m) aber chevel und erst analogisch nach chevoz: chevol. Sonbsp;Rustebuef: ebenda 1465 chevo/s (capillos): fobs (follis); 1491 chevolnbsp;(capïlli): fol. — 2Sölïc(u)lu(m) deklinieren Christian, Sermo denbsp;Sapientia S. 282 noch li solauz, resp. soloz — lo soldi, resp. soloil. —nbsp;Dagegen hat der W. els, eus; chevels, cheveiis, vgl. R 33 cheveus,nbsp;42 pens (pilos, frei e). Diese Formen reichen bis in die Westpikardie,nbsp;die zwischen eu, au, iau schvvankt; Aiol 230 ciaus (ecce ïllos), 241nbsp;ceus, 8276 cavex, 258 cons aus, Oh]. Sing, consel (7353) 2)-

Bemerkung. Der afrz. haufige Reim senestre (sinistra): destre (dëxtera) erklart sich aus bereits vlat. Vermischung beider Wörter. —nbsp;Stella war vlat. stela (11 )gt; 1 nach langem Vokal, vgl. ati^Xa desnbsp;griech.-lat. Glossars, afrz. Üb. B., S. 247) )gt; estoile, M, L., Ro. Gr. Tnbsp;§ 545- — inetipsimu(m) „selbst“ meesme athen mè'isme (if Rol. 1644).nbsp;Dies Nebeneinander ist nicht auf Frankreich beschrankt, weshalbnbsp;vlat. Alifektdehnung metipsitnus denkbar ist. ^— spissus ist afrz. laut-gesetzlich esp(s\ espois nach spissia espoisse.

Sinistre, saintisme, epistle, nfrz. épitre sind gelehrt, vierge vielleicht Mischform von gelehrtem virge und volkst. verge, doch vgl. S. 90,

10. Gedeckt e -(- Nasal )gt; afrz. §, a.

Der Beginn der Nasalierung hat ê zu i geöffnet, und auf dieser Stufe steht das Altnormannische und sind das Pikardische und Wallonischenbsp;bis heute stehen geblieben, soweit die Reichssprache nicht ihrenbsp;Lautung aufzwang. So bindet B 340 prfnt (pre(h)endit gt; prendit);nbsp;bonement (bona mënte), aber nie -en mit lat. -an^). Und so ist im NO.nbsp;noch heute s, vè (lat. ïn und lat. ventu(m)) von a (annu(m)) ge^nbsp;schieden^), wahrend alle drei im iibrigen französischen Gebiet a (bzw.nbsp;va) lauten. Dort ist namlich durch die Nasalierung die offene Zungen-artikulation nach hinten zu a verschoben worden, hiermit die nasalenbsp;Artikulation verstarkt worden, gleichsam alle Muskeltatigkeit auf dienbsp;Gegend des Gaumensegels konzentriert. Und so assonieren und reimen,nbsp;seit es eine franzische Dichtung gibt, die gleichlautenden -en und

1

’) In der West-Pikardie bleibt auch e i unverseboben, bëllus heus npik. bjo in der Reichssprache aber beaus\ Aiol 255 oisetts avi-cellus; auch a -j- u, au -)~ Unbsp;ergeben eu. Vgl. nun Schiirr. Sprachgeogr. Stud., Zt. 41, 131. Walter gehort demnbsp;Gebiet an, das eu aus ?1 und el nicht zu au werden lafit, oder braucht typische Reime;nbsp;Eracle preuz (prSdis): paretiz (parïculus 7gt;/uff/a) 2150 deus-, eus (Illos) usw.

2

B 186 covenent: gent ist Latinismus; covenent (conveniendo) steht stets neben covenant, wie escient (sciendo) neben esclant (R 282, 318, 336).

Vgl. ALF 1369 vent: Pik. und Wall, haben v§, das sich in der Normandie, von franzisch va verdrangt, nur noch sporadisch findet: Punkt 345, 358. Für en ist dasnbsp;Resultat ahnlich, vgl. ALF 1325 en travaillant.

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7-7

UI. Lautlehre: gedeckt g -j- nbsp;nbsp;nbsp;U fquot;quot;®' 9 'H Oral.

-an miteinander: Roland, Krslr., Christian, vgl. R 134 frans (francus):nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(apprëndo„unterrichte“), 283 ament {emévi6.ei^\ amant

(amantes Subj. Plur.), 376 nbsp;nbsp;nbsp;(laid-ïngas „beltidigst“): anges

(angelos). — Erstes Vokommen: Pirson 49, 28 langua (lïngua) ca. 850.;

II. Gedeckt e -f n i:

a) n ist silbenanlautend

b) n ist silbenauslautend

c) n durch Zischlaut gedeckt

dïgnat deigne(t)

vïncere veintre

laid-ïngat laidenge

insïgna enseigne

incincta enceinte

vmAëmiBLnin.vendange

nfrz. e, n ist palata-

fïngere feindre

frk. lausïnga losenge

lisiert

signum sein

(11 Ie 4197: prenge)

nfrz. è

nfrz. d

Wie immer gibt der Zischlaut (Zungenspitze hoch) kein j an. den Tonvokal (? entwickelt sich also wie gedeckt e vor n); siiben-anlautend n wurde durch i palatalisiert, vorhergehendes § blieb un-diphthongiert und gedeckt; deigne ist also phonetisch dsna und wird wienbsp;gedeckt e 4- stets afrz. offen (s. S. 76). — Silbenauslautend n abernbsp;war schwach palatalisiert, dafür trat i über. In veintre, enceintenbsp;ist ei afrz. Diphthong, und darum wohl finden wir ihn auch in dernbsp;Gruppe b vielfach zu weiterentwickelt. lm Osten foindre, foindantnbsp;(Dial. Greg.). Die Rose hat pointe (pïcta gt; pïncta nach pïngere),nbsp;das mit cointe (cögnita) reimt (nach Langlois I, S. 196), vgl. R 36nbsp;pointure.

Bemerkung. benïgnu(m) benin, malïgnu(m) malin sind analogische Mask, von den ursprünglich eingeschlechtigen benignCy 7naligne (Dial. Greg.) und gelehrt, vgl. Cohn 169: ebenso dignenbsp;(neben dïgnat deigne) usw.

Kapitel 8.

Haupttonig vlat. O. (Quellen: kl. ö, ü, germ, ü.)

I. Frei o Orales. Frei e diphthongierte vor Oralen, wie vor Nasalen. Frei o dagegen nur vor Oralen ^\l pu\ und auch hier findetnbsp;sich der Diphthong nur in Franzien durchgeführt, wahrend die afrz.nbsp;Dialekte teils überhaupt nicht, teils mit Einschrankungen diphthongierennbsp;Folgendes -R verhinderte vielfach (ursprünglich auch in Paris) dienbsp;Entwicklung zu pu, was sich aus dem flachen Zungenrücken desnbsp;Zungen-i? erklart, der der Hebung in die «-Stellung widerstrebte. —nbsp;Auch nachfolgendes -e verhindert die Diphthongierung, d. h. die Zungeprnbsp;stellung e verhinderte den Umweg über u.

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78 III. Lautlehre; Diphthongierung von frei 9 -|- Oral.

Betrachten wir die Dinge geographisch, so haben wir folgendes Bild:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Normannisch-Anglonormannisch und Westfrz. überhaupt unterbleibt die Diphthongierung i) bis auf duos und solusnbsp;(Eneas, Troja); 0 ist sehr geschlossen, wird meist u geschrieben undnbsp;reimt mit gedecktem p und mit u aus lat. 0, B 67 (frei), B 23 (gedeckt).nbsp;Gelegentliche Schreibungen mit ou (oder spaterem eu) sind schrift-sprachlich. Eneas hat also -orem -or, -osum -os, jalos, espos, cde,nbsp;(coda). Nur deus düos reimt 5415 mit eus (ïllos), und ebenso 7839nbsp;sens (solus). (Typische Reimef deus „zwei“ ist franzisches Lehnwort,nbsp;bei Zahlen ist der Schuleinflufi stets sehr stark.)

2. nbsp;nbsp;nbsp;Pikardisch entwickelt sich der Diphthong regelmafiig aufiernbsp;vor -R, in dieser Stellung reimt frei -pr mit gedeckt -pr; -pus (-osu(m))nbsp;wird frühzeitig (1150) zu -eus. Walther von Arras hat es bereits,nbsp;wenn auch oft ou geschrieben wird; Ille 151 preus (prödis): neveunbsp;(nepotem) 1024 orgillous (-ösus): sous (solus) 1465 seus (solus);nbsp;orgillex (1. orguilleus -ösus). Alle diese Schreibungen werden durchnbsp;folgende Reime als eu bestimmt; Eracle 1409 preuz (prödis); pareuznbsp;(paric(u)lus parels gt; pareus)', 1723 conseuz (consilium Obi. Plur.);nbsp;preuz (prödis) 2150 deus (düos); eus (illos). Ebenso Ille 5514-

3. nbsp;nbsp;nbsp;In der Wallonië dagegen bindet Venus (234) joios (-osus)nbsp;mit gedekt o; tps (töttos) und nos, die -pr Tiraden binden samtlichnbsp;frei und gedeckt 0, in denen auch u aus lat. ü vorkommt. — Dasnbsp;Poema Morale dagegen (Ro. F. 3, Zt. 39) bindet -ösus fast nur mitnbsp;sich selber und mit mehrdeutigem Ips (lüpus)^), auch die Reime aufnbsp;-öre(m) (96, 175: amurï) sind rein, und erst von Strophe 308 abnbsp;erscheint jpr mit -öre(m) gebunden (Str. 337, 362, 428, 453). Mitnbsp;diesen bis auf die Bindung mit jpr franzischen Reimen kontrastiertnbsp;die konsequente Graphie -or, -ur und -os.

4. nbsp;nbsp;nbsp;In Lothringen und Burgund haben wir durchaus Diphthongierung zu pu, die sich aber nicht zu eu entwickelt wie pikardisch-franzisch, sondern sich zu u monophthongiert, (Apfelstedt, Lothr.nbsp;Psalter § 46) oder diphthongisch bleibt. Vgl. ALF 1009, „peureuxquot;,nbsp;-ösus wird -u, sporadisch findet sich aber ow und ao^),

5- lu der Champagne bleibt p vor R undiphthongiert, auch folgendes -e halt die Diphthongierung auf, wo aber diphthongiert wird,nbsp;ist pu zu eu geworden; Christian hat also seul fern, sole, deus (düos)nbsp;aber cpe (cöda). Erec 3438 vos: dos (düos) wie im Wallonischen

1

Goerlich, Siidwestl. Dialekte, S. 60, XIII. Jahrh., 9 intakt.

2) Zu Str. 69, soh (solus); -ösus; dous (düos) vgl. unten S. 80.

’) Diese neulothr. Diphthonge sind auch schon fiir sekundar gehalten, die Diphthongierung von frei 9 im Lothr. fur problematisch erklSrt woiden. SchOnig, Zt. Beiheft 45, S. 115.

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III. Lautlehre: Diphthongierung von frei 9 -j- Oral. 79

zeigt das Schwanken der Champagne zwischen ostlichen und zentralen Mundarten.

6. Franzien bis zur Loire hat vermutlich den Diphthong in jeder Stellung (nur vor v nicht, M. L. frz. Gr. § 87) im XI. Jahrh.nbsp;zu eu entwickelt. Guiot von Provins geht hier mit dem Zentrumnbsp;und reimt: Bible 164 prou (prodis Subj. Plur.): fqu f9cu(m) (I), also wohlnbsp;preu: feu! Vgl. 382, 906, preu: leu (l9cu(m))^), ^44. malicieus (-ösus):nbsp;Heus (locus), 2386 preu: neti (nodum). Weiterhin bindet er -ösumnbsp;und -orem; 1080 aniiious (inodiösus): Prious^) (priores), das 1114 mitnbsp;seignor reimt. (r-f-Kons. ist lautschwach: ilt;^y2 gras (grassus); marsnbsp;(mar-cos)), solus mit -osus: 1348 souz (solus): irouz (irösus). Danbsp;frei -pr mit gedcckt -pr nie reimt, ist hier ausnahmslose Diphthongierung gesichert und offenbar dieStufe eu schon erreicht. Seltsamerweisenbsp;scheint dies noch um 1250 vor R in Paris nicht der Fall: Rustebuetnbsp;reimt haufig jpr mit -öre(m), geht also mit der Pikardie.

Das eu aus freiem 0 ist eins der Hauptcharakteristiken der franz. Schriftsprache und steht zu u aus sehr geschlossenem p im NW.,nbsp;und u aus pu im Osten im Kontrast. Schriftsprachl. époux, épousenbsp;(Walther immer espens, espeuse im Reim, vgl. noch Mél. 30161),nbsp;jalous (R 345), amour erklaren sich aus épousér, jalousér, amouréux,nbsp;wenn hier nicht die provenzalische Minnedichtung mitsprach. Nfrz.nbsp;ist der Osten sehr resistent, wahrend der NW. beispielsweise doenbsp;durchführt, und nur noch Reste von nevu (nepötem) (ALF 397, 907)nbsp;bewahrt. —

Das bisher nach dem Ort bestiinmte wollen wir nun an den uns gelaufigen Texten zeitlich bestimmen:

Die Eide schreiben u: amur, suo (süa), was als unvollkommene Wiedergabe des Diphthongs pu gedeutet wird. (?) — Eulalia hatnbsp;bellezour (*bellatiöre(m) „schonerquot;), soure (süpra), souue (süa), stammtnbsp;also aus einem Teil der Wallonië, der wie Lothringen durchaus di-phthongiert. — Alexius dagegen diphthongiert wohl nicht: bindetnbsp;-örem mit -önem (Str. 44 maison: dolur, vgl. 62, 66), -örem mit -ösumnbsp;(14 espus: precius: amur vgl. 66, 73). Da -örem, -ösum mit gedecktnbsp;ö -h n assonieren (66 plurus weinerlich: seinors: guaririint), ist es nurnbsp;ein Zufall, dafi kein Beispiel für frei p\ gedeckt p vorkommt®). —

‘) Vgl. Eracle 3540, deus (düos): leus (I9CUS); dous Igus reimen ja nicht.

Vgl. Prious priores, Dial. Greg. 80.

®) Assonanzen sind hier übrigens nicht beweisend, da ja fallender Diphthong mit einfachem Vokal assoniert ion-, o. So kann Karlsreise T. 27 beliebig aufgefafitnbsp;werden: 493 uos\ core (cürsum); sant: vi^or: dous (düos): Es ist unenischeidbar, obnbsp;vigor Oder vigour, ob dos oder dous zu lauten ist, vgl. Vers 573, S54. —Doch sind die

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8o

III. Lautlehre: Diphthongierung von frei p Oral.

Dagegen zeigt B Teildiphthongierung (anglonormannisch?): vor r reimt gedeckt p mit frei p\ 59 valur (-öre(m)): estur (stürm), vgl.nbsp;134, 314. Aber -ösus: 372 perillous (-ösus): sous (solus), wasnbsp;für diese beiden Diphthong ou festlegen dtirfte; vgl. noch M. Brutnbsp;2412 estiiz (stültus): priiz (prodis). Wenn hier Monophthong vorlage,nbsp;so wiirden die so bequemen Bindungen mit toz (töttos) nicht fehlennbsp;(vgl. gedeckt o Orales). — Die Schreibung der Hs. ist meist u,nbsp;was dem ostlichen Redaktor zugeschrieben werden kann, gelegent-lich des Dichters Lautung entsprechend: 311 delitous (vgl. Ausgabenbsp;S. XXIV). Schriftsprachlicher EinfluC in 61, 73 seul, aber fern. 334nbsp;soule, also ahnlich wie bei Christian.

Die Lautung eu findet sich schon im Domesday-Buch Wilhelms des Eroberers (1086) und zwar in Orts- und Familiennamen, die,nbsp;wie oft in diesem Buch, romanisch-latinisierte Form zeigen: D(u)r5cass(e)snbsp;Dreuues (Zt. VIII. 334, nfrz. Dreiix, Stadt in Eure-et-Loire)\ lüpu(m)nbsp;(analogisch nach lüpus, vgl. o u)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;den Familiennamen:

ebenda S. 336 Froisseleuu „Packdenwolfquot;, 344 vtsdeleuu ,,Wolfsgesicht“, wahrend 334 Culdelou „Wolfshinternquot; die alte Form von lupu(m)nbsp;zeigt, Oder normannisch ist. Mit ou aus o verschiebt sich noch:nbsp;au -}- u, 340 comes de Eo (Augu(m)). Die Verschiebung geht ver-mutlich vom Zentrum aus, wird in der Normandie zu kleinemnbsp;Teil (düos, solus), im Seinetal mindestens in Orts- und Familiennamen (1186), in der Westchampagne (G. de Provins) durchaus,nbsp;in der Ostchampagne (Christian), der Pikardie (W^alther), dernbsp;Loire (Rose) zum gröfieren Teil angenommen.

Der Parallelismus der Verschiebungen no )gt; ue (frei 9, s. dort) mit ou gt; eu hat annehmen lassen, daC wie ue im Zentrum yz war,nbsp;auch eu im Zentrum ey lautete. Weiter noch hat Gamillschegnbsp;diese Auffassung (Z. f. S. XLV, S. 341) ausgebaut und kühne chronologische Schlüsse daraus gezogen. Die Schreibungen des Domesday-buchs (Dreuues = Drewes, w velarlassen diese Deutung sehr un-wahrscheinlich erscheinen. Die typische Bindung illos düos deusnbsp;nicht minder, denn in eus ist u velar. Moderne Lautungen oey fürnbsp;eu: ALF 396, deux Punkt 315 (Sarthe), 296 (Pikardie) dürften sekundarnbsp;sein. — Das Domesdaybuch ist das alteste Dokument des Ein-flusses der Sprache des Zentrurns.

Assonanzen im Alexius i. A. nur zvvischen reinen Vokalen: nur deu assoniert mit e (18, 34), cointe (cognitus): 0 (43) duinst: q (54, 62, 66) apostoile: q (61). — Vgl. auchnbsp;Aucassin und Nic. 27, amorous-, parfont: amors: dox (dülcis): nous {nos)', jou (ego);nbsp;jor (djürnum): Sicher ist nur, daC, wenn der Aucassin-Dichter Diphthong sprach, ernbsp;noch ou (nicht eu!) lautete. Damit steht allerdings im VViderspruch, dafi le(“) (lupus):nbsp;E aus a assoniert (Auc. 17). Vgl. zu diesem Reim M. L., frz. Gr. § 86. Vermutlich warnbsp;leu für den Dichter ein Lehnwort aus der Reichssprache.

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81

III. Lautlehre; frei 9.

Die durchgeführte Schreibung eu treffen wir in R; 19 invïdiösus envïeus, 21 illöru(m) leur, 39 prödis65 supra seur, 65 colöre(m)nbsp;couleur, 104 redeur : froldeur. — Wie immer sind bei ou stehen ge-blieben:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;amour, 345 jalous {ztXbsw^'. (lüpos, S. 84). Die altere

Graphic kommt noch vor: 289 paour: pluisor. Nach Langlois (I S. 214) hat sich -öre(m) in der Sprache der Rosendichter nichtnbsp;verschoben, wie aus dem einmaligen Reim lors (hac höra,S.97): dolorsnbsp;zu ersehen sei. — Der Diphthong eu ist dann im Zentrum zu 0 gewordennbsp;(Zungenstellung des e, gemilderte Rundnng des ti) und dieses 0 vornbsp;Zungen-.^ und / geöffnet worden: -ö^VLiva) heureux (aicfi), -ösa. keureusenbsp;(oer0:z), coda quetie (ko), duo deux (dp), sölu(m) soel, -öre(m) seigneurnbsp;(ssT\oe:r). Wo -r verstummte, schlofi sich ce wieder: ro(e)üm se(n)iöre(m)nbsp;Monsieur (mosjp). Dieses 0 werden wir bei der Entwicklung von freinbsp;oral 9 wiedertreffen, das bei gleichem Resultat endet. Wo -ieu vor-liegt, wie in gaudi-ösus joieus, gracieus, treffen wir Bindungen mit yeusnbsp;(öclos), Dieus (9 u), mieus (mëlius), tieus (tales gt; Cels') usw.nbsp;Vgl. Chr. de Pisan, Rondeaux 22.

Bemerkungen: nos, vos (B 293), spater (R 10) nous, vous (kein Diphthong, vgl. gedeckt und nebentonig p!) haben sich vorverbal, alsonbsp;nebentonig, entwickelt; B 93 R 27 ou (übi) ist ebenfalls nebentonignbsp;entwickelt, wie auch B 161 pqr, R 76 pour (pro).

Erwahntes töttus (S. 55) entwickelt sich mit gedeckt p] i9vene(m) (kl. iüvenem), gvu(m) (kl. övum) mit frei 9, vgl. vlat. VokaleS. 54,nbsp;flüviu(m) afrz. flueve (flgviufm) ist altes Buchwort. Schon Casar brauchtnbsp;es nicht mehr. Das gelaufige Wort war flOme(n) afrz. flun.

Afrz. peur statt paor, paour pavöre(m), das mit mè'ur matüru(m), sëur secüru(m) reimt (Cristal, Fergus S. 78 mitNamurl), lautete wohlnbsp;nicht pè'yr, sondern entstammt Gegenden, in denen frei o nicht diphthon-gierte und lat. ü nicht zu y wurde. Die Bindung entspricht also dennbsp;oben S. 66 besprochenen Reimen. Anders Cohn, S. 177, Anm. i.

noble (nöbile(m)), das mit Constantinoble gebunden wird, doble düplu(m) sind Buchwörter, die die Diphthongierung nicht mitmachten.

R 246 couz cö(n)sue „nahel“ (erwartet queus) ist Analogieform, nach cosez, cousez und kus zu lesen.

2. Frei o -j- Nasal gt; afrz. 5. B 56 nöme(n) nqm, 75 quo-mo(do) et (vgl. Festschr. Vollm'óller, S. 61) cqme, 183 nön nqn, R 87 sum (suum) son, 140 re-nömen renon „Ruf“ (Prafix re- iterativnbsp;und frequentativ).

Suffixe: nbsp;nbsp;nbsp;-öne(m) (individualisierend gt;gt; augmentativ); B 19

avicell-önes (von avis) oiselun, 20 barones (germ, baro ,,Mann“) barifn, 207 ma(n)siönes maisqns . . ., R 21 factiönes fagons, 41 *grennöne(m)nbsp;(gall. *grënnos „Haarquot;) guernon ,,Schnurrbart“.

-ümus (von sümus) B 289 avtpn, afrz. nfrz. avons.

Jordan, Ahfranzosisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;6

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82

III, Lautlehre: frei 9 nbsp;nbsp;nbsp;1 2^1 gedeckt 9 Oral.

Frei o-fn assoniert afrz. von je mit frei und gedeckt o-[-Oral, mit gedeckt o-(-n, o n-f-i und undiphthongiertem 9 n. Vgl.

B 277 bo7t (bönu(m)): environ (-öne(m)), 293 si^mme (summa): Rome (Roma), R 27 home (höm(i)ne(m)): pome (pöma). Die voile Nasalierungnbsp;ist spat, wie die Assonanzen im Roland, Aucassin und vielen anderennbsp;zeigen2). Erst voile Nasalierung öffnet. Die Öffnung bleibt bei Ent-nasalierung: nfrz. comme (kom), pomme (pom). Mit o aus anderennbsp;Quellen ist auch dies o im Pariser Dialekt vorgeschoben (Artikulations-gewohnheit) und fast: kcem, poem. — Zu no. pume (pöma: Jeu denbsp;la Feuillée pume: plume') vgl. M. L. in Z. f. S. 44, 82.

3. Gedeckt o Oral bleibt .lt;?, wofiir norm, und agin. (NW.) u geschrieben und vermutlich auch artikuliert wird. (Vgl. lat. ü, S. 66.)

B I diurnus jors, 7 succürsu(m) si^ccurs, 8 germ, stürm esters, 23 tra(n)s-t5ttos trest^z (: eissuz ex-ütos, vgl. S. 66), 72 mültu(m)nbsp;75 fülgera-s fij,ldres, cürrit c^rt.

Dieses orale q wird (mit nebentonigem oralem p) wie im NW. schon im XI. Jahrh., im NO. und Z. im XII. Jahrh. zu u. Ftir diesennbsp;neuen Laut war der Buchstabe u im Z. nicht bezeichnend, da er dennbsp;Lautwert y hatte. Nun war aber in o 1 Kons. das / im NO. und Z.nbsp;zu u vokalisiert, der Diphthong ou früh monophthongierf^). Vgl. follisnbsp;fous, nfrz. fu, geschrieben fou. Da nun hier ou den Lautwert u hatte,nbsp;wurde auch für u aus gedeckt p (nebentonig p, vgl. S. in) seit demnbsp;XIII. Jahrh. in Hss. der Pik., der Champ, und der Seine (Behrens,nbsp;Materialien, S. i ff.) ou geschrieben. So in: R 38 töttu(m) tout,nbsp;71 djurnos jours, 75 bücca bouche, 106 sübtus dessouz usw.

Dieser Übergang von p u (geschrieben ou) drang nicht in peripherische Teile des Ostens; InDoon I’Allemant (lothr.) assoniertnbsp;gedeckt p mit gedeckt 9: tote (totta); come (c9rn(u)a) (vgl, Ro. F. 31,nbsp;S. 389, Mitteilung von Herrn Dr. W. Be nary). Entsprechend haben dernbsp;heutige SO. Cote d’Or, Vogesen usw. b, — Wall, und Lothr. nebentonignbsp;a erhalten. Vgl. ALPquot; 1320 tous les jours-, — sö. tu le sor statt to lenbsp;3or zeigt verschiedene Entwicklung von Haupt- und Nebenton odernbsp;Dissimilation. — Nach Walberg, Simon de Crépy, Lund 1909, S. 19,nbsp;ware dieser konservative Zug (Erhaltung von gedecktem p) afrz. auch

1

Das einzehie siehe unter gedeckt 9 -f2 ngt; S. 94.

2

Vgl. Walthers Reime: Ille 177, Eracle 5612 und sonst: stultus nbsp;nbsp;nbsp;tottos

touz, Ille 5610 colche: touche. Eracle 1035 vos vous (nie diphthongiertl: follis fous. Die Annahme, dafi in seinem Dialekt I nach 8 (wie ja nach ü allerorts) verstummte undnbsp;diese Reime lediglich o binden, erledigt sich dadurch, dafi auch a -j- U ™it der Cruppenbsp;geht: Eracle 5254 follis fous; clavus clous, so dafi hier Monophthongierung von ounbsp;gesichert ist. — Dagegen reimt Christian Erec 1225, 1251: fos (follU) unit los (laus)nbsp;und dies mit gros (grössi). Vgl. dazu S. 171.

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83

III. Lautlehre; gedeckt lt;?; o -|- 1-

nordwestlich: Er findet die Bindung gedeckt o: gedeckt 9 im Renart, Berte, Clef d’Amors, Rose.

Bemerkung. *n9ptias (kl. nüptias) noces, wohl auch gürga gorge zeigen vlat. oder urfranzös. Öffnung des o durch die umgebendenbsp;Konsonanz (vgl. S. 54). — R 242 suefre (süffërre) zu spfrir, haufigesnbsp;Diens sequeure (süccürrat) folgen analogisch Ablauten von Stammennbsp;mit frei o und mit frei.Égt;. Vgl. Konjugation, Ablaut. — R256mültu(m)nbsp;mont semont) ist aus molt nach maint und tant gebildet, vgl. Pr on.nbsp;Indefin. — Afrz. fourme (förma), R 38 fourmez, R 352 propousnbsp;(propösitu(m)) sind lautgesetzliche, nfrz. forme, propos gelehrte Formen.nbsp;Ebenso sind R 359 mot (*müttum, Rol. 2285: gedeckt o), Ördine(m)nbsp;ordre Buchworte; letzteres ist volkst. afrz. ourne.

4. nbsp;nbsp;nbsp;Gedeckt o n bleibt vorab geschlossen, wird im NW. mitnbsp;un wiedergegeben, dann durch volle Nasalierung geöffnet; o bleibtnbsp;bei Entnasalierung: sümma some, nfrz. som.

B 48 de ünde difnt, 69 si^nt, 177 secündu(m) löngu(m) sel^nc, WO unbestimmbar, ob ü oder ö zugrunde liegt, da auch gedeckt 9 nnbsp;urfranzösisch zu pn wurde. Vgl. oben S. 82 und unten S. 94. —nbsp;R 67 ahd. runza ronce: germ, hrunkja (REW, Reich. Gl. 1069nbsp;fruncetura ,,Runzel“) fronce.

5. nbsp;nbsp;nbsp;p i gt;- afrz. pi (der NW. schreibt ui), das in alterer Zeitnbsp;mit p assoniert und in Roland, Krlsr. usw. oral und nasal gebundennbsp;wird; Rol. 767 pügnu(m) pz^ign: plöret plt^rt. Der Diphthong ent-wickelt sich wie oi aus ei zu wë gt; wa; vöce(m) votz, nfrz. vwa (bzw. e;nbsp;*conoscere conoistre, nfrz. connaitre) und reimt in R mit e aus ai'.nbsp;R 253 frk. sunnea ,,Sühne“ essoine'. sana saine. — lm NO. und O. wirdnbsp;ói gt;gt; o (Kürzung fallender Diphthonge an der germ. Grenze): vgl. B 5nbsp;usw. *boscu(m) bos, B 243 bois, crüce(m) cros (frz. crois), Aiol 1897nbsp;crous (krus); Bartsch 46, 8 creus halte ich für überfranzisch, vgl.nbsp;ALF 363; beachte den Reim B 370 exclausos esclos: bos'').

9 4- n i. Vgl. e n i S. 77 und unten S. 95, 105.

a) n ist silbenanlautend

b) n ist silbenauslautend

be-sunnea besogne *gruniat grogne(t)nbsp;gall, trugna, nfrz. trogne

besoin

grüniu(m) „Schweinsrüssel“ groin cognitus cointes.

Zum Afrz. vgl.; Eneas 5779 frk. brunnia „Brünne“ broigne : loigne lumbga „Lende“, nfrz. longe; M. Brut 1479 beszfigne: tesmifigne, dienbsp;durch 194 menzonie: tesmonie als p bestimmt werden; Rustebuef

') Vgl. neupik. Herzog, 38, 7, bo „Holr“: do „Rücken“ (Beauvais), ALF 144 bois.

(,*

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84 HI. Lautlehre:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;9“l~y-

hinéet Elisabeth 1666 besoingne mit quenoille {cormclSi nirz. quenouille\ — aber Mar. Eg. 359 enjoin (jüngo): Jordain (wé : e). Und so ist auchnbsp;nfrz. in -ogne (sprich; -ot)) 0 rein, nur durch den Nasal geöffnet, wahrendnbsp;in ~oin (wl) normale Entwicklung des Diphthongs oi vor Nasal vor-liegt. — R 254 reimt essoine mit saine sana, spricht also eswsno;nbsp;Bartsch-Renart 39, 255 und Rustebuef Croisie' 117 reimen essoinenbsp;m\i moine „Mönchquot;: essoine folgt hierbei soin, wie nfrz. soigner.

Bemerkung. Durch sekundar interkonsonantisches dj aits ge werden «, I palata-lisiert; gibt dann an den Tonvokal ^ ab, so dafi die Entwicklung mit obiger iiber-einstimrat: pvingere poindre; t dagegen bindet fulger-as Rol. 1426, fuUdres\ Tor-konsonantisches t wird dann entpalatalisiert und vokalisiert: B 75 fuldres, nfrz, foudre; bei anderer Konsonanz fallt vgl. surgere sordre. — Zu meiisogt;ige vgl. n -}- i S. 177,

B 134 victorie, 234 memorie: estorie sind gelehrt, vielleicht auch nur graphisch für victoire usw., vgl. B 297 sacrifisie : prise.

6. nbsp;nbsp;nbsp;o Ï gt;gt; ui. Sichere Umlautfalle sind:

töttï tuit reimt B 9 mit nuit nöcte(m), wogegen töttos B 234 toz ergibt; düï dui (R 62: ltd illOi), wogegen duos dptis deus gibt.

Diese franzischen Umlaute sind den Mundarten des NO. zum Teil unbekannt; B 109 ambedoi, 199 tot (Subj. Plur.). — Kunstdichter wienbsp;Walter von Arras brauchen dui. tuit, als schriftfranzösischen Aufputz;nbsp;beide Formen sterben mit den Subjektiven aiis.

7. nbsp;nbsp;nbsp;o -f- y ^ Sichere Falie sind:

lupu(m) lou, ursprünglich wohl nur als Obliquus verwandt, vgl. S. 63 und 142: R 344 lous (lupos):nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;leu(s) stammt im Z. von lüpus, lüpi,

lüpos und zeigt die normale Entwicklung von frei p. Im NO. dagegen ergibt lüpu(m) leu, im O. la.'w (S. 142). — jügu(m) jou reimt (G. Ste. 731nbsp;mit lou (lüpu(m)). Beide sind heute loup, joug, der Diphthong hat sichnbsp;franzisch wie a u und au -j- u entwickelt.

Bemerkung. Das Buchwort diluviu(m) gibt déluge und delouve, beides wohl Mischformen, die ursprüngliche Entwicklung ist nicht er-kennbar.

Kapitel 9.

Haupttonig vlat. E (Quelle: lat. ë, ae, germ. ë).

I. e in freier Silbe Oral. Hier überkam bereits das Fran-zösische die Vorstufe des Diphthong (etwa eé) aus dem Vlat. Dies ié ist bis heute unverandert geblieben, nur ist der unbetonte erstenbsp;Bestandteil noch über die vokalische Grenze hinaus verengt und zumnbsp;Reibelaut geworden, der nach stimmlosen Konsonanten stimmlos wurde:nbsp;frk. bera „Bare“ biere, nfrz. bjsir, petra „Stein“ pie(d)re, nfrz. pze:r‘).

') über die Theorie, dafi ie urafrz. fallend war, vgl. M. L., Frz. Gr. § 54.

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III. Lautlehre; frei e -|- Oral. 85

Der Diphthong trifft sich afrz. mit dem aus i ^ entwickelten in (vgl. S. lOi): B 97 eschiere (germ, skara): derriere (de retro); und mitnbsp;dem Resultat des Suffixes -ariu(m) -ier (S. 104).' B 289 man-arianbsp;,,Handgriff“ gt; „Technik“ maniere: ad rëtro arriere.

Nach Zischlauten wird ie wieder zu e: Bei dem im Afrz. starker gewordenen Einrollen von ds und tj verstummte i naturgemaC. Bei ienbsp;aus i -f a gingen auGerdem alle Konjugationssuffixe (-iare, -iatus usw'.)nbsp;analogisch mit und wurden zu e, woriiber S. loi. Auch vcrhergehendenbsp;I Oder n haben nach Palatalisierung das i gebunden.

Beispiele: B 20 lëvant(nfrz./i’Z'z’w/nach42 pëde(m) pie (nfrz. p^e, e im unmittelbaren Auslaut geschlossen), 188 quaeruntnbsp;quierent (lies kierent), 320 sëdet siet, 354 grëvis (nach lëvis) gries,nbsp;288 ërunt ierent, R 139 laetu(m) lié, R 259 ingrëvat (kl. ingravat)nbsp;engrieve: brëvis brieve (analogisches Fem.).

Bemerkung: B 181 ërat ert, 264, 315 eirt (entwickelt wie frei a im O, S. 100, also zuerst eiret gt; eirP) statt iert können als Versuchnbsp;angesehen werden, Futur und Imperfekt von esse (ërit, ërat) im Ton-vokal zu scheiden. Doch findet sich dies Bestreben nur gelegentlich,nbsp;andere Texte scheiden beide Formen nicht ^), was zu ihrem Aussterbennbsp;beitrug. — gëlat gielet gt; nfrz. gele ist lautgesetzlich, da chie- gie-aus angegebenem Grund zu che- ge- werden. — Gelehrt sind tenëbrasnbsp;tenebres (Rol. 1431), nfrz. célèbre, cedre usw. Ebenso nfrz. bref, breve,nbsp;grave. Nur brièvenient, grievenient bewahren den Diphthong analogischnbsp;im Nebenton.

Mundartlich (Pikardie, Wallonië, O., SO.) wird der Diphthong fallend (germ. EinfluG?) und reimt dann mit i: Venus 206 laeta lie:nbsp;pëde(m) pie: *compania compaignie: *altiata (i -j- a) hauchie. Solchenbsp;Reime werden dann auch auGerhalb ihrer Heimat übernommen: R 3nbsp;envoisie (*invitiata): cortoisle. Ja im Reime besonders haufige Pikar-dismen wie maisnie aus mais7iiée *ma(n)sionata, Ue laeta werden vonnbsp;der Reichssprache angenommen. Ch. d’O. reimt lie nur mit ie:nbsp;Ball. 87 jolie: Qui croiroit vostre chi'ere lie, „wer euerm frohen Antlitznbsp;traute“, vgl. nfrz. faire ch'ere lie „prassen“ mit Verwechslung vonnbsp;chair carne(m) (caro) und (cara xó^j;). (Vgl. J. Gilliéron, Etudenbsp;de géogr. Imgu. 1915 „chair et viande'quot;', L. BI. 1916, S. 238.) DaGnbsp;-iata -iée auch franzisch zu -ie geworden sei, lie, maisttie also nichtnbsp;Pikardismen waren, ist wegen der oxytonierenden Neigung der zen-tralen Dialekte unwahrscheinlich, wahrend Vorliebe für fallenden Akzentnbsp;im NO. und O. feststeht. (Vgl. S. 69, 83, 91, 103 und Schreibungennbsp;wie Pirres = Pierres, Dial. Greg., 7 ff. und falsch analogisch taisiebles

’) R ii 43 (ërat), 86 ert (ërat), 183 iert (ërit), 302 ert (ërit). — In heutigen Mundarten vgl. ere, Herzog, Stiick 44, Imperfekt und § 389.

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86 III. Lautlehre: frei s; gedeckt e -(- Oral.

= tac-ïbilis, ebenda 135). Das Gewicht der no.-frz. Dichter er-klart das Übrige: XII. Jahrh. Walter v. Arras, XIII. Jahrh. Raoul V. Houdenc, XIV. Jahrh. Guill. de Machaut, Froissart usw. —nbsp;Neupikardisch ist pede(m) Herzog, Dialekttexte 20 (Roubaix)nbsp;und § 206 für O. und SO. — Die Akzentzuriickziehung an der germ.nbsp;Grenze siehe übrigens auch im Ratischen: Gartner, Rat. Gr, § 34,nbsp;§ 189, Ratoroman. Spr. S. 151. — Zu -iata -iêe gt; {e vgl. M. L.,nbsp;frz. Gr. § 81.

2. nbsp;nbsp;nbsp;frei e n. Auch hier ist der Anfang der Diphthongierungnbsp;zu ii vlat., und das im Vorigen Gesagte gilt auch fur diesen Abschnitt.nbsp;Ursprünglich assoniert der Diphthong mit oralem is (Rol. 120 pied;nbsp;bien bene), ist also noch nicht durch Nasalierung getrübt’-). Wienbsp;orales is. mit is aus i -j- a, reimt auch -isn mit -isn aus i -f a -j- n;nbsp;B 213 bëne bien; ante-anu(m) ancien. — Zur Entnasalierung vgl.:nbsp;venit vient (vjl), ven(i)unt viennent (vjen). Zum j: tenet tient (t^e),nbsp;tënent tiennent (t;(en).

Beispiele; rëm (-m bleibt unmittelbar nach der Tonsilbel) B 33 rien: Troïen, afrz. als Subst. meist riens (j von res): R 277, 370;nbsp;gernit gient^ gemere giembre, *cremere (trëmere gall, crem) criembre.

Bemerkung: crient nfrz. craint, gient nfrz. geint gingen lautlich nach Endbetonten, graphisch nach den Verben auf -angere (plangitnbsp;plaint) und -ïngere (cïngit )gt; ceint), da -ie nach M. c. L. (nfrz. ouvrier),nbsp;-ien nach Zischlaut bleiben (nfrz. chien); — nfrz. bi für bien ist Kurz-form; no. bs, r§ dagegen stammen von bien, Hen.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Gedeckt e Oral bleibt e. Mit ihm trifft im XII. Jahrhundertnbsp;(nach /-Vokalisierung und spater als Roland) gedeckt e Oral zu-sammen. Vgl. den haufigen Reim B 57 terre: guerre und oben S. 75.nbsp;Gedeckt e -f Oral bleibt auch auslautend nfrz. offen; B 30 pressenbsp;pres nfrz. pre, B 181 forestis (J. B. XII, l, 85) forez nfrz. firs.

Beispiele: B42 nbsp;nbsp;nbsp;per dent, 68 pressa167 quaer(e)re

querre (so neben querir bis ins XVII. Jahrh.), 258 dextera desire.

e 1 Konsonant. B 87 bella bele: sëlla sele (nfrz. bsl, sel), B 115 agnellu(m) aignel: cymb-ellum cembel^).

Vor Flexions-J fallt 1 im O. (L. Ps. § 26); im Z., N. und W. vokalisiert 1 zu u, ~eus wird franzisch zu -eaus: B 310 oiseaus; beaus.nbsp;In zahlreichen Mundarten wird nun -eaus zu -iaus: R 158 apiaunbsp;(= apel): joiau (vgl. unten S. 100). Ebenso hat die Champagne,

Letztes Vorkommen wohl Venus, Strophe 107, ca. 1200, wenn wir vom Volks-epos absehen.

Das Suffix -éllus verdrëingte bereits vlat. andere AusgSnge (Cohn, S, 17 ff.).

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87

III. Lautlehre: gedeckt $.

Rustebuef, der N. -iaus^). Der W. (ruhige Lippenhaltung) bleibt bei -eus, das in alteren Texten meist -els geschrieben wird (Eneas);nbsp;reichssprachliches -iaus, -eaus dringt früh ein (Bartsch — Trojanbsp;28, 87 beaus). Konservativer sind untere Seine und W.-Pik.;nbsp;St. Thomas S. 8 oiseus, 13 chastens, meist beu, aber 13 beaus. Innbsp;der West-Pik. findet sich auch -ieus neben eus: Aiol 28 chastieusnbsp;(castellos), 255 oiseus avicellos, 2020 damoiseus (neben 56 biaus usw.).nbsp;Neupik. -ieu (Herzog, Stiick 38, 38 bieu (bjoe) „schön“) ist alsonbsp;nicht sekundar. Vgl. ALF 341 couteau. Das Nebeneinander von -ieusnbsp;und -eus erklart sich aus Mischung von altem -eus und dem -taus dernbsp;Nachbarn (vgl. S. 76, 97).

Bemerkung. In Teilen der Wallonië (vgl. Spanisch) diphthon-giert gedeckt e; bellu(m) biel, jpérdit piert, 1essere iestre; auch neben-tonig è: mèrcëde(m) miercit, bspsw. Bartsch 81 Jean de Condé. Vgl. zu neuen Mundarten: Herzog, § 53. — In Lothringen findet sich wohlnbsp;nur graphisches ei für gedeckt e: Apfelstedt, Lothr. Ps., § 24.

Vor -r und -I wird e in vielen Dialekten zu a, eine Folge der flachen Zunge bei R, 1. Vgl. Reime wie pardent (perdunt); gardent dernbsp;Boecius-Übersetzung, München, Gall. 31 (Pralognan in Savoyen, 1336),nbsp;Floov. 562 la bale ,,die Schöne“. In Paris und Umgebung: Cyranosnbsp;Bauer spricht; ferru(m) far, hibernu(m) hyvar, verme(m) (Wurm)nbsp;var, auch pëtra pierre gt; piare. — Daher in der Reichssprache écharpenbsp;(ahd. skerpa, afrz. escherpe), larme statt afrz. lairme lerme (a i),nbsp;wobei lacrima mithalf (schon Rustebuef), boulevard statt alteremnbsp;bouleverd usw., umgekehrt vielleicht chair (XV. Jahrh.) statt charnbsp;carne(m), germ, garba (Reich. Gl. 203) gerbe. Vgl. M. L. frz. Gr.nbsp;§ 100, Herzog, § 170, 172, Lothr. Ps. § 25 und unten S. 107.

4. 6 gedeckt Nasal (lat. e oft unbestimmter Quantitat). In der ganzen Nordgruppe werden s und e nasaliert, ohne ihren Charakternbsp;zu andern ë. Im ganzen Zentrum werden sie zu d velarisiert, dienbsp;nasale Artikulation dadurch verstarkt. Wo entnasaliert wird, bleibt a:nbsp;femina feme gt; fame, nfrz. fam.

Daher unterscheiden sich Aussprache und Reime der Zentral-gruppe und der Nordgruppe bis heute wesentlich (vgl. S. 30, 76). In B sind -ent und -ant geschieden, vgl. die Reime 61, 62; 73, 74;nbsp;77. 78; 89, 90; 95. 96; 99. 100; 103, 104; 107, 108; 129, 130;nbsp;186, 187 {covenent conven(i)endu(m), das wie escient sciendu(m) in dernbsp;Nordgruppe neben covenant bzw. esciant vorkommt); 190, 191; 218,nbsp;219; immer ist die lat. Grundlage des Reims entweder a oder e.

1

Wo sich -iaus findet, ist es normal in caelum -)~ s ciaus (Rust. Dit Nre. D. 41: biaus), mel s „Honigquot; miaus (Christian) aus dels und miels; es kann alsonbsp;fur -ellus -iaus Lautanalogie vorliegen.

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88

III. Lautlehre; gedeckt $ -j- nbsp;nbsp;nbsp;® “h i-

Anders im Zentrum; Roland mischt zaghaft, als ob die unreinen Reime getilgt waren oder von fremder Hand herruhrten: Tir. 19: rencnbsp;(brings) mit lanter ant, 22: Rollanz mit lanter -ent nnA-ent, 47; erstnbsp;5 Reime auf ant, dann 2 auf ent. — Die Krlsreise dagegen ist einnbsp;echtes Denkmal des Zentrums, vgl. Tirade 6, 19 usw. — Christiannbsp;schreibt schon nur noch an fiir en, er schreibt und reimt: fame, jamenbsp;(gemma), pranent (prendunt), sane (sgt;^nodu(m) und diese Reime werdennbsp;typisch. Und ebenso reimen G. de Provins 1546 luisanz'. genz,nbsp;1556 conimandent: amendentnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Rustebuef Theoph. 600 ante

(anima): nbsp;nbsp;nbsp;(sSminat). — Und schlieClich R 71 avant: convent {con-

ventum), 134(francus): nbsp;nbsp;nbsp;(apprëndo), 196 commandemenz

(Suffix -mentum): amanz (amantes), 200 commandemenz: rommanz (roman(i)ce, Adv. substantiviert, vgl. B 237 bretanz brïttann(i)ce),nbsp;22Q premierement: commant (commando), 283 ament (emendet, Konj.):nbsp;amant (Subj. Plur.) usw.

Suffixe: -mentum (bildet Verbalsubstantiva, Mittel (instrumentum) und Ziel (sedimentum) angebend, lat, konkret, franzosisch abstrakt.nbsp;M. Roediger, Bedeutung des Suffix ment, Diss., Berlin 1904), sacra-TnGn\.\im sagrament (Eiée), sairementnirz. serment; salva-mentumnbsp;salvament (Kidd), B60, 73 hardement {z\i germ, hardjan „hart machen“),nbsp;B 90 torment (tormentum).

-mente (von mens) Adverbialsuffix, erst bei menschl. Eigenschaften sanamente (Chr. Inschr. 3), dann iibertragen (vgl. Formenlehre, Adv.):nbsp;B 52 forment itorti mente), B 78 hardiement (hardjan: hard-Ita-mente).

S- e i. Im Provenzalischen resultiert ein Triphthong iei, entsprechend 9 i gt; uei aus zioi (S. 95); Vor i haben £, o detonierendnbsp;eingesetzt, eine umlautahnliche Erscheinung, die unabhangig von dernbsp;Diphthongierung von frei s, o ist. — ImFranzösischen haben wir fiirnbsp;e 4- i ™ Zentrum i, also die iibliche Reduktion von alterem iei; imnbsp;NW. bis in den NO. ie (R 246 pectinat piegne: i; vgl. B 306), dasnbsp;ebenso als Reduktion erklart werden kann. Im Osten und SW. aber et.nbsp;Ob hier eine Reduktion von iei vorliegt oder ei alt ist, ist unent-scheidbar. Fiir altes ei sprache, daC im Osten auch 9 -f- j un-diphthongiert of bleibt: Eide /ofj (*p9Ssio), Eulalia tow/(cpxit): tost.nbsp;Fiir moderne Mundarten vgl. Herzog, Dialekttexte § 186.

Beispiele: B 10 media mie (Osten: meie), 21 lectu(m) lit, 64 dëce(m) dis (erwartet diz)', dec(i)ma disme, dime, westl. dieme.

s -j- n i: venio, venia(m), teneo, tenea(m) ergeben in der Nord-gruppe vieng, vienc (O. Ps. 39, 10), viegne, vienge, Formen, die sich spater auch im Zentrum finden (vgl. R 353. 263). — Im Zentrum abernbsp;vaing, vaigne (Christian), die Rustebuef mit vain (vanu(m),nbsp;Seer. 725) und besoigne (e: w$, vgl. S. 84) reimt. Noch heute

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89

III. Lautlehre: £ i.

haben die Mundarten im siidlichen Bogen um Paris tè, vi, ter), vsri (ALF 1295 usw.).

Man erwartet venio vin wie ingenm(m) engin (Rol. 95): Silben-schliefiend t| hatte an den Diphthong i abgegeben (S. 77, 83) — venia(m) dagegen ergabe vierje, da rj silbenanlautend war. Da abernbsp;aprov. venk, venha keine Diphthongierung vor i zeigen, dürftennbsp;Christians und Rustebuefs Formen normal sein. — Der NO.nbsp;allerdings hat engien (Mél. 22011: Men = be? vgl. S. 86). Eraclenbsp;1597 tieng: engieng, aber Ille 306 taigne: Bretaigne, Schreibungen,nbsp;deren Charakter und Lautung schwer bestimmbar sind.

e 1 i- B 188 melius mieiz, 325 melior 7nieidres. Franzisch vokalisiert / ohne dafi sich der Diphthong verschiebt; mieuz. Dadurchnbsp;trifFt die Lautfolge mit dem Resultat von gedeckt 9 1 1 zusammen:nbsp;öc(u)los uelz gt; ueus gt; ieus: Vgl. R 240 mieuz: orguieuz (germ,nbsp;ürgölï) und noch nfrz. nach Monophthongierung: mieux: yeux.

In der Champagne aber wird diese Lautfolge ieu, sei es direkt, sei es über ieaii (eu zu eau, vgl. S. 87) zu iau, so daC nun miauznbsp;melius, iauz öc(u)los mit Maus bellus (gedeckt e 1) gleichen Triphthong zeigen: Bible G. 692 viauz (veclus): iauz (öc(u)los).

In der Pikardie weiterhin finden sich mieus und tttius und treffen mit i 1 Kons. zusammen: fïlius fius, fieus (franz. jis), Suffix -illsnbsp;-ieus und -ius (franz. -A); vgl. S. 66* und Mél. 509 sübtllis soubtieulz:nbsp;ieulx, 7556 mieulz: gentieulz.

AuCerhalb der Champagne reimen mit dieser Gruppe noch 9 u dieus usw., s. unten S.90, 9 u I9CUS Heus aus *lueus (S.96), schliefilichnbsp;plus pius gt; pieus (s. S. 66). — Im Os ten fallt I oder der aus ihmnbsp;entstandene Vokal: M. Brut 899 miez aus mieuz. Weiterverbreitetesnbsp;viez allerdings ist nicht veclus sondern vëtus.

Vgl. R. Schonig, Rom. vorkons. I, Beiheft, Zt. 45, S. 60, 78, 103.

Suffix: -eriu(m) (Abstrakta) ergabe also -ir: e^npire und empere (Ille 2006) aus imperiu(m), R 207 matire und matere (Mél.) ausnbsp;materia sind gelehrt. Volkstiimlich trat fiir -ir: -ier (ariu(m)) einnbsp;(vgl. Cohn 281 ff.), daher mï(ni)stëriu(m) R 313 mestier. — mati'ere kannnbsp;in gleicher Weise durch Suffixtausch oder Mischform (matire inatere)nbsp;erklart werden.

Bemerkung. Fine Wortgruppe mit der Entwicklung gedeckt E i gt; fe hat viel Kopfzerbrechen gemacht. Ich glaube folgendesnbsp;feststellen zu können: tertiu(m) tierz (vgl. B 269), nëptia niece, gall,nbsp;pettia (vgl. Zeumer 232, 25) piece B 282 zeigen die Diphthongierungnbsp;vor i, das aber nach deckender Konsonanz sekundar schwand und

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90

III. Lautlehrc: £ -|- j, s -4- ?}•

nicht in die Tonsilbe iibertrat. Vgl. S. 151. Genau so sind wohl kl. cerva, vlat. cervia, B 260 cierge, cereu(m) cierge, ferrea jierge zunbsp;verstehen: vi ergibt gemeinfranzösisch Zischlaut, i nach R mundart-lich R3 (vgl. R -f i)' Vorher war die Diphthongierung von e zu wnbsp;vor i erfolgt, das sich aber dem gedeckten Tondiphthongen nichtnbsp;anschloC, weshalb wie in mieiz, vieiz blieb; pers. ferz fierce „Schach-königinquot; (Eracle 4413 im Reim mit tierce, nfrz. la vierge!)\ feretru(m)nbsp;fiertre, Buchwort virgine(m) verge gt;gt; vierge werden von dieser Gruppenbsp;beeinfluCt.

B 316 specia (kl. species) especie, nfrz. esp'ece ist gelehrt, neben altem Buchwort espice, nfrz. épice „Spezereien“ (vgl. S. 151).

6. e -j- u- Hier steht afrz. diphthongierte neben undiphthongierter Form: dëus deus und dieus, Matheus Mdéus und Maie'us, nfrz. Mathieu\nbsp;gall, leuca „Meile“ letie, lieue, caecu(m) ceu^ cieu, Graecu(m) Greu,nbsp;B 373 Grius, Grieu (nfrz. Grec gelehrt), germ, feudu(m) „Lehen“ feu,nbsp;fieu, saeculu(m) Eulalia: seule. — Die undiphthongierten Formennbsp;reimen und assonieren mit ? aus frei a: Roland 428 Deu:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(sapit),

vgl. 66 Makeu; die diphthongierten in fe; Roland 472 (feudu(m)): 7ties (nepos). Das Nebeneinander diphthongierter und undiphthongierternbsp;Formen erklart sich vermutlich aus einer urfrz. Deklination, dennnbsp;se(q)uo(r) seu, siu wird franzisch wie e -|- u zu sui; vgl. auch S. 63.nbsp;Noch Rustebuef scheidetdas er mit Heus, deus{AnosCxo\?,ié‘lii)nbsp;reimt, vom Obi. in Cars Dé, das er mit £ aus a bindet. — -ieunbsp;wird pik. zu iy (dieus dius) vgl. S. 66 k

Kapitel lo.

Haupttonig vlat. 9. (Quellen: lat. o, frk. 5, 0.)

I. Frei o Oral: Die Diphthongierung zu uo (auch vor Nasal) reicht in ihrer Grundbedingung wie bei e in vlat. Zeit zurück. Diesernbsp;Diphthong findet sich noch unverschoben im altesten Afrz.: Eulalianbsp;rogat ruovet. Graphische Tradition halt ihn gelegentlich bis insnbsp;XII. Jahrh.: B 112 duals. Im allgemeinen aber linden wir seit demnbsp;XI. Jahrh. (Domesday-Buch Anno 1086)^) ue in der Schrift: B 5 vuelt,nbsp;154 duels, 196 gall, kros- (Zt. 1920, 516) crues, 209 pöte(s)t puet usw.nbsp;Die Artikulation des Diphthongs ist also nach vorn verschoben, undnbsp;u vermutlich mit ü zu y geworden (so Ascoli, M. L., vgl. Zt. f. S.nbsp;XLIV. S. 77). — Dagegen ist die agin. Schreibung: oe, B 334 troevenbsp;*tr9pat. Wie hier ü nicht zu y verschoben wurde, sondern sich nachnbsp;P zu öffnete, wird ue zu oe. — Etwas anderes ist es, wenn im Zentrum

Zt. VIII, 342 Raimbuedcurt („Rainb9dshof“), 343 Septnmeles (mSla) „Sieben-milhlsteinequot;.

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III. Lautlehre: frei o -)- Oral, 91

der anlautende Diphthong oe geschrieben wird: Christian reimt Yvain 3893 9vu(m) oef: nuef (növu(m)); der Unterschied ist alsonbsp;hier nur graphisch, die Schreibung oe soli Verwechselungen mit venbsp;(vgl. Alexius 9 uelz veclus, also ebenso geschrieben wie uelz oclos)nbsp;vermeiden (vgl. W. F. Cligès, 3. Aufl. 1910, S. LXXXV). Hinzu-kommt, dai3 die Schreiber bei diesem Diphthong den Augenreimnbsp;gern umgehen: Vgl. Ille 1295 suelent (solent): voelent, 134^ veutnbsp;(*völet): delt (dolet), 1349 duel: voel und so meist. Die Schreibungnbsp;oe im Zentrum diirfte also keine Schlüsse auf die Aussprache zu-lassen^). — Wieder anders ist es, wenn wir im foers föris (Jonas)nbsp;finden. Hier mogen Schrift und Laut übereinstimmen.

Die Entwicklung von oe und ye ist sehr verschiedengestaltig und schwierig. In der Nordgruppe ist die Monophthongierung von oe, uenbsp;früh nachweisbar: Alexius, Hs. L (XII. Jahrh.) schreibt meist 0 undnbsp;flickt in eine .o-Tirade (54) fiir verlesenes ligi^n (*lectj5ne(m) „schlechtesnbsp;Bettquot;, vgl. REW 4965) sinnstörendes lingol linteölu(m) „Leintuch“nbsp;(afrz. lenguel) ein. — In der Pikardie und Wallonië findet sich avoc,nbsp;aveuc (Auc.), avuc, vgl. B 76 puent fiir pueent (*pötent), B 40 dolnbsp;neben duol, duel. Neupik. finden wir avos(k), koeir Herzog 38, 40;nbsp;40, 50; 42, 81; vermutlich westpik. Formen. — Wall, avu dez u:nbsp;(„mit Eiern“, Herzog i, 25) entspricht lothr. evo (Herzog ii, 44;^nbsp;16, 12). Die Entwicklung entspricht also der von gt; ie: ué, oénbsp;wurden der Artikulationsgewohnheit entsprechend fallend zu üe, óenbsp;und auf dieser Basis gekürzt (vgl. S. 85, 86).

Anders im Westen; Hier sind Schreibungen wie quer (QLR), Reime wie cuer (cör); quier (quaero), muerent'. requierent an dernbsp;Tagesordnung und werden natürlich auch von pikardischen Dichternnbsp;nachgeahmt. Über diese Reime, die schon in Waces Brut, Eneas,nbsp;Troja zu finden sind, vgl. Simon de Crépy ed. Walberg, S. 18, 19.nbsp;Sie bleiben bis zum XIV. Jahrh. typisch: In einem Soldatenlied, dasnbsp;nach Froissart im Jahre 1375 im Nouveau Fort in Kimperlé (Bretagne)nbsp;entstand, reimen noch: germ, allód (Reich. Gl. 902 alodem) alues:nbsp;Qva-s oes: pötes pues usw. mit conquest (con-quaestu(m)) (Lerouxnbsp;de Lincy Chants historiques I, 253).

Diese Reime halt Gamillscheg für ausschlieClich westpik. und norm.; das Zentrum habe wie der Osten ye betont (Z. f. S. XLV,nbsp;34S). Dem widerspricht, dafi ad höc avuec franzisch zu avec (R 323),nbsp;illóc iluec zu illec (R iii) werden. Für die Rose legen auch die Reime

’) Gleichem Grund entstammt vielleicht Schreibung mit h\ Bible. G, 136, 220 opus huevre, 1682 hues „Eier“. Doch kann man auch das h wie in nfra. hui, huile,nbsp;huissier verstehen: vgl, S. 68. — QLR schreiben üelie und zeigen durch den Akzent, dafi,nbsp;aufgepaöt und nicht v gelesen werden soil.

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92

III. Lautlehre: frei o -1- Oral.

ue mit oi (nova nueve: recoeve recip(i)at Langlois Bd. I, S. 213) die Aussprache fest. — Rustebuef freilich reimt ue nur mit sich selber.

Am schwierigsten ist die Frage der Monophthongierung von ue zu ce in den zentralen Dialekten, in denen seit XV. Jahrh. die Produktenbsp;von frei 6 und frei ö reimen: cceuv. honneur. L. Jordan, Metrik undnbsp;Sprache Rustebuefs, Diss. Gött. 1888, halt S. 54 ue bei seinem Dichternbsp;(XIII. Jahrh.) „wohl schon ganz“ fiir „den heutigen Laut“. Beweisnbsp;fehlt. — F. M. Auler, der Dial, der Prov. Orléans und Perche imnbsp;XIII. Jahrh., Diss. StraUb. 1888, zitiert aus der Rose (S. 71): meurentnbsp;(mör(i)unt): demeurent (demorant) und geuent (1jocant): veuent (votant);nbsp;aber diese isolierten Reime sind nicht beweisend; Dort beeinflussennbsp;sich die Ablaute muirent mourir — demeurent demourer (siehe Kon-jugation), hier folgt jueent dem Subst. jöcu(m) (9 y)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;—

Wenn schlieClich Langlois (Rose I, 217) leur gént\ coeür gént („edles Herz“) als Doppelreime faCt, so kann er dies nur, wenn auchnbsp;leur und cceur miteinander reimen. Und dies ist meinen Beobachtungennbsp;nach erst im XV. Jahrh. (Ch. d’0., Villon usw.) der Fall. Nun tretennbsp;die Reime C(xur: honneur als einziges sicheres Kriterium desnbsp;Zusammenfalls von ue und eu massenhaft auf. — Lautphysio-logisch ist für beide Diphthonge ce ein KompromiC: Zungenstellungnbsp;des e, Rundung des ti. Wie die Monophthongierung im einzelnennbsp;erfolgte, bleibt Gegenstand der Spekulation. Nfrz. ist oe auslautendnbsp;geschlossen worden: cef aber 0 (ceufs).

Beispiele R43 ipvenis juennes, 107 cör cuer, 317 stüdeat-{-1opus estueP). R schreibt auch schon ue als eu und vermeidet damit Augen-reim (vgl. S. 91): 82 növu(m) nuef: neuf növe(m).

Frei d 1 in sekundar vorkonsonantischer Stellung ergab nach Vokalisierung von 1 den Triphthong ueu, der auch graphisch vorkommt,nbsp;aber alsbald zu ieu dissimilierte: sölet sieut, 1vöiet vieiit (bspsw. Aiol).nbsp;In den oben genannten Mundarten wurde dies ieu mit gedeckt e -f 1nbsp;(S. 87, vgl. S. 8f) zu iau (über ieau.^ vgl. Tr. B. 911 vieat, ausnbsp;vieaut 1völet): Christian viaut, das Rustebuef (Elisabeth 1095)nbsp;mit haut (altu(m)) reimt.

R 202 veut (vgl. 232 veus 1völes) kürzt vue(u)t nach vuelent und wohl auch nach puet (R 147), peut (R 305); vuet und reimennbsp;infolge dieser Analogie miteinander (vgl. Rustebuef, Bartsch 75, b87).nbsp;— Tr. B. 607 veut: Jseut zeigt vielleicht die Kürzung: v(u)eut.

Das Diminutiv-Suffix -eölu(m), vlat. -iólu, bleibt bei palatalisierten Stammen -uel: fili9lu(m) filluel, 1a(v)i9lu(m) aiuel — und wird sonst vonnbsp;dueil, ueilifi. 95) beeinfluGt: lmte9lu(m)/lt;?«fr?^^f/(nfrz.l£Soe:j), capre9lu(m)

1

Vgl. Pirson 4, 2 emendare stodiat „er soU zaWen“, JuristenwortI

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HI. Lautlehre: frei o -|- n; gedeckt o Oral. 93

chevrueil. Danach auch sarcöph(ag)u(m) sarcou (B 148), nfrz. cercueil. Vgl. S. 96 und Cohn, S. 243 fif., speziell S. 256.

Bemerkuilg. B 10 fors föris ist nebentonig entwickelt. —Gelehrt sind rosa rose (R 350: chose causa), schpla escole (it. scuola; R 305;nbsp;parole, para(b)ola).

2. nbsp;nbsp;nbsp;Frei 0 Nasal; Die Gruppe beschrankt sich auf wenigenbsp;Worte, die alle als Adjektivum oder Titel auch vortonig gebrauchtnbsp;werden, oder zu vortonigen Worten in Beziehung stehen. So daGnbsp;die diphthongierten Formen von Anfang neben undiphthongiertennbsp;mit Q standen und diesen schlieGlich durchaus Platz machten: Eulalianbsp;bona buona, sonum suon (wenn nicht suum). In spateren Denkmalernnbsp;stehen: buens neben bons, cuens (comes) neben cons (wohl nach demnbsp;Obi. conte), uem (homo) neben om (wohl noch home höm(i)ne(m)).nbsp;B. hat nur: 15 bt^ns, 29 sonent, 46 i^m (homo) und reimt 277 bon:nbsp;environ -öne(m). — Das Pronomen ott (B 317, homo) wird dialektisch zunbsp;en (vortonige Entrundung; R. 74 nasaliert an). — Entnasaliert ist o nfrz.nbsp;in Paris stark vorgeschoben: Fem. bon. Die pik. Form boin (bönu(m))nbsp;halte ich für das nö. und ö. Produkt von buen, das dort boè ergebennbsp;mufite. Vgl. Aiol 17, 77 Fem. boine, Lothr. Ps. § 41, neupik. masc.nbsp;boin fem. bonne, Herzog, Stück 38. Die Assonanz Roland 296nbsp;pruzd'oent: estoet bindet wie bei ie. orales und nasales ue.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Gedeckt o -f- Oral ist bis zum heutigen Tag unverandert ge-blieben und nur im unmittelbaren Auslaut geschlossen worden: B 20nbsp;höste(m) ost, 29 cprn-os cors, 48 cprpus cors, 65 mörtu(m) mort:nbsp;pörtu(m) port, 69 förtia force, 71 germ, tröppu(m) „Herde“ trop, 122nbsp;d9ssu(m) (aus dprsum) dos, 144 pörtant portent, 270 d9rm(i)untnbsp;dorment, 155 töstu(m) (Partizip von törrëre; „gar“) „bald“ tost. Innbsp;Paris ist gedecktes o heute fast oe: kor (corps), fors (force).

Bemerkung. Nfrz. do ,,Rücken“, to ,,bald“, o „Knochen“ (Plural neben l’os) — aber tro, welch letzteres den EinfluG von Zungen-R zeigennbsp;dürfte. — lm Gegensatz zu pörtare porter (S. 112) zeigt tornare tourner,nbsp;Ie tour (B 17 t^r) durchaus Beeinflussung durch die Endbetonten,nbsp;wahrend sich in dem selten gebrauchten mörlre mourir Endbetonte undnbsp;Stammbetonte (mörit muert meurt, mörtu(m) morf) unbeeinfluGtnbsp;nebeneinander halten.

Gedeckt 9 1. Wir haben S. 82^ gesehen, daG im NO. und Z. von Frankreich 9 1 Kons., 9 1 Kons. zusammengingen undnbsp;schon im XII. Jahrh. mit gedeckt p und a -f- 9 gebunden werden, wienbsp;dies noch heute franzisch der Fall'ist. Vgl. R. Schönig, Rom. vorkons. lnbsp;in den heutigen frz. Mundarten, Beiheft, Zt. 45, 1913. — In Teilen dernbsp;Piki scheiden sich gl und pl-, dieses wird o oder ou geschrieben, jenesnbsp;aber au: Aiol 17 dulce(m) fem. douce, aber: 55 voluit vaut, 337

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94 III, Lautlehre: gedeckt o -j- n.

töllit taut, 527 col(a)p(h)u(m) caup, 616 coll-os „Halse“ caus. Auch nebentonig: 495 söl(i)d-ata saudée, 96 recaupd, welch letztere Formnbsp;zeigt, daO, wenn auch afrz. coper „schneiden“ (nicht colperl) vonnbsp;cuppa herzuleiten ist und nicht von colaphu(m), es sich doch mitnbsp;diesem vermengte (vgl. L. Spitzer, Z. f. S. 43, 1915, 270). — Fallnbsp;von I nach 0 finden wir im O, wie im W. Vgl. B 107 cops, R 182nbsp;töllit toult: tost (töstu(m)), Lautwert: tot; vgl. S. 171.

4. Gedeckt o -f- Nasal: B 28 cqntTamp; centre, 136 mQnte(m) mont; zur Entnasalierung; B 11 homes, heute in Paris: fast cem. (Vorge-schobene Artikulation.)

Die lautliche Entwicklung von on ist keine gradlinige gewesen: Wir erinnern uns, daC gedeckt o n mit frei und gedeckt o nnbsp;und mit frei und gedeckt o Orales (vgl. S. 82) assoniert. Und sonbsp;bis ins XIII. Jahrh. Beispiele sollen dies belegen:

Alexius Xl.Jahrh.: T. 40 Roma nbsp;nbsp;nbsp;höm(i)nem/ww^; re-dübitat

redi^tet: recognoscant reci^ni^issent: in-cümulent enci^mbrent.

Roland T. 2 ümbra umbre: cóllocat ci^lchet: höm(i)nes hornes: com(i)tes ctpntes: dulce(m) di^lce. Und ebenso Wilhelmslied (ed.nbsp;Suchier) T, 73, Amis und Amiles, Vers 451 ff., Karlsreise T. 27nbsp;(also wohl auch im Franzischen!),

Aucassin XII./XIII. 27: -osus amorous: profündu(m) parfont: amöres amors: fronte(m) front: dulcis dous: nos nous: montes mons:nbsp;pikardisch also ein Gleiches.

Diese Reime stimmen zu den Schreibungen der Reich. GI. 642 spunte, iioi sumpnus usw. (vgl. Hetzer § 12, S. 69) und diesennbsp;entsprechen die agin. Schreibungen humes, cuntes, munt. Es erhelltnbsp;also, dafi gedeckt on in Nord-Frankreich früh zu pn wurde (hohernbsp;Zungenrücken bei n oder Analogie nach Endbetonten?) und erstnbsp;mit vorschreitender Nasalierung wieder geöffnet wurde.

Bemerkung. döminu(m), dömina dame (R 3) versteht man am besten als vortonige Entrundungen (Titel), doch mögen diese Formennbsp;volksetymologisch von damnum „Schadenquot; beeinflufit worden sein:nbsp;vgl. damn-aticum B 154 damage, damage S. 113. Zur Gruppe gehören:nbsp;dóminicëllus R 43 damoisiaus (Obi. damoiset), fern. B 308 damoisele,nbsp;nfrz. demoiselle mit Prafixtausch. Kurzformen sind: domnus danznbsp;(Alex. 48, M. Brut 475), Diminutiv: B 145 d^nzel; — *döminiariu(m)nbsp;„Herrschaftquot; schlieölich ist früh pejorisiert: Aiol 1485 sans danglernbsp;,,ohne Knausereiquot;, Ille 3689 malv'es dangier\ damnu(m) kann, brauchtnbsp;aber nicht im Spiel zu sein, da die Bedeutungsverschiebung sich ausnbsp;den sozialen Zustanden wohl versteht. — Die weitere Entwicklungnbsp;(„Gefahrquot;) vermittelt Dangier, der bauerische Hüter des Rosengartensnbsp;(Rose). Vgl. Villon, Grd. Test. 569: le grand dangier •— Otiquel

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95

III. Lautlehre: a -f- j; o -(- i}.

I’homme amoureux se boute, vgl. ebenda 113. (dangereuse heiCt im XV. Jahrh. „spröde“, wie auch schon précieuse „geziert“, beidenbsp;Ch. d’0., Rondell 106.) —

5. 3 i gt; uoi ui, also die gleiche umlautartige Diphthon-gierung vor i, die wir bei £ i beobachteten. Auch hier hat das Altprov. uei, der Osten aber undissimiliert: oi'. Eulalia (Wallonië)nbsp;assoniert: 19 tostum tgst mit cpxit „brannte“ cgist (frzisch. cuist).nbsp;Dazu stimmt: Eide /pA (*p9Ssio), sgi (süm *3910?), Venus 242 anoienbsp;(in9diat): ioie (gaudia). — Der Diphthong ui ist fallend und wird seitnbsp;dem XIl. Jahrh. (M. L., frz. Gr. § 93) steigend, wie schon bei O 1nbsp;(S. 68) gezeigt wurde, doch bleibt tii dialektisch; vgl. Pathelinnbsp;(XV. Jahrh.) 673 rude (rüde(m)): cüide (cpgitat). Heutige Mundartennbsp;zeigen noch sporadisch Triphthong (Herzog, Dialekttexte § 187). Dernbsp;Osten hat qi gegen die franzische Form gelegentlich erhalten, ebendanbsp;Stiick 10, 17 la troj, tröia ,,Sau“, vgl. Kass. Gl. 80, afrz. nfrz. truie;nbsp;aber ALE 1342 wall., lothr. trojj. Unsere Texte haben ui, vgl. dienbsp;Reime B. 269 nöcte(m) niiit: töttï tiiit, R 332 inpdiat anuie: arnicanbsp;amie, welch letzterer den besprochenen Tonwechsel belegt. Weiterenbsp;Beispiele: B 82 cpgitat (kl. cogitat) guide, 309 appodiat (von pödiu(m))nbsp;„steigt“ gt; ,,stützt“ apuie. Nach v fiel u; vocitus afrz. vuits vuide,nbsp;nfrz. vide. (Die Schreibungnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;noch im XVIII. Jahrh.; zum Vorgang

vgl. M. L., frz. Gr. § 93.)

3 1 I bindet die Zungenhebung: öclu(m) uel (R 103), nfrz. ceil (oeij), also als frei o -f- Oral normal entwickelt. — Vor ^ aber:nbsp;uels gt; ueus, das durch Dissimilation zu ieus wird. So ist R 31 ielznbsp;als ieuz zu fassen. Die weitere Entwicklung ist gleich der von freinbsp;o 1 Rons. (S. 92). Christian hat iauz; Rustebuef dagegennbsp;reimt eu (öclu(m)): leu (löcu(m)), hat also wohl ieu statt uei analogischnbsp;nach dem Plural ieus (Seer. 112).

Beinerkung: oleum gibt afrz. olie, uile, mit vlat. gelehrt erhaltener Panultima und infolgedessen erhaltenem Nachton e: plëufm). Dies istnbsp;vielleicht Schulaussprache nach dreisilbigem eZaiov (M. L.). Der Reimnbsp;Lapidar, afrz. Üb. B. 266 uile: moille (molliat) zeigt volkst. Entwicklung des I, QLR S. 18 uelie (— uele), ALF 702 NO., O. cel, oilnbsp;auch solche fiir den Tonvokal. — Suchier hat Reimpredigt XVI fiirnbsp;das Norm. Unterbleibung der Diphthongierung von d vor 1 -f- i an-genommen. Schreibungen wie oil (öclu(m)), R 257 vuil (*völeo, 318nbsp;vueil), R 262 orguil (*ürg9liu(m)) fallen im W. nach S. 91 auf.

3 -j- n j. longe gibt loin, nfrz. Iwè, silbenauslautendes n lieC i (*l9ndie nicht *l9nd5e!, vgl. S. 177) iibertreten; longus Ions statt *^loinsnbsp;ist also vermutlich nach longa longe (Zischlaut, also kein il) gebildet,nbsp;wie nfrz. éloigner nach loin. Vgl. S. 77, 83,.105.

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96

III. Lautlehre: a -)- u; au.

6. 9 -|- u. Diese Grundlage haben: locus, föcus, cocus, jöcus, sarcöph(ag)us. Die vorliterarische Entwicklung entwickelte vermutlichnbsp;verschiedene Formen für Subj. und Obi.: locus lue(c)s, löcu(m) lou;nbsp;*lueus gt; lieus ist Mischform (vgl. S. 63, 90). Bis auf locus Heus, jöcusnbsp;£-kus erhalten sich nur die Obl.-formen.

Obi. Formen: Eul. hat fou (föcu(m)), Alex.-Fragm. (löcu(m)). Roland hat 1817 cous, 2966 sarcou, ^lob fou im Versinnern. Dienbsp;9-Tiraden, in denen ou (a u) assoniert (1192, 1581, 2945) sind vonnbsp;diesen Worten frei, die also wohl nur untereinander assonieren. (1198nbsp;potuit pout ist also Analogieform nach habuit out). — Das ou ent-wickelt sich dann mit ou aus frei o z\x eu (S. 78 ff.): geu, feu, queu^).nbsp;Frühe Monophthongierung von ou im Osten ist gesichert dutch B 148nbsp;sarchif-: arcvolu{a.tz\x{va) volütu(m)), was dem Neulothr. serku (ALF 214)nbsp;entspricht (vgl. S. 93). — Rust, Elisabeth 1538 fu (föcu(m) : fu (fuit))nbsp;ist ein pik. Reim, der das Mundartgemisch der Hauptstadt enthüllt.

Subj. Formen, lieus und gieus (aus *lueus und *jueus) reimen mit alien bisher besprochenen -ieus: I Ui ? U. 9 1 (S.65, 90,92,95).nbsp;In Teilen der Pikardie werden sie mit diesen anderen Grundlagen zunbsp;iys. —Vgl. St. Thomas, S. 28: pius (i u): Gius (Jödéeos: Jüd9u(m)nbsp;fgt; juieu), (caecus): fitis (f^ud-os): Ihis (locus); Venus 205 gieu:nbsp;pieu (piu(m)); gentieu (gentlle(m)): sieu (së(q)uo(r)) Bible G. 744 lieusnbsp;(locus): malicieus] Rust. Croisié 29 jeus: deus (duos): Dieus usw.

Kapitel ii.

Haupttonig vlat. AU.

Lat, au hielt sich in Gallien sehr konservativ und ergab urfrz. erst 0 als das freie lat. ö langst diphthongiert hatte^). So ist 0 aus au un-diphthongiert geblieben und mit o aus gedeckt o zusammengefallen:nbsp;Vgl. Alexius 301 apostglie (gelehrt „Papst“): pauper-i povre: causanbsp;cose\ dis-confortat desconforte. Nfrz. hat sich dies 2 gespalten und istnbsp;vor stimmhaft z, v, also den consonnes allonge antes, aber nicht vor r,nbsp;geschlossen worden. Vgl. schon R 225 chouse causa nfrz. chose ((o:z),nbsp;pauvre (poivr), dagegen auru(m) or (oir), para(b)ola parole (parol) usw.

Beispiele. B ii a(p)ud od, B loi laus los\ clausu(m) clos, 113 audit ot, 197 ausant osent, 230 laudant loent, R 88 germ, raubanbsp;robe: (gob- nfrz. se gober) gobe „stolz“, 350 rose: chose, 385 chases:nbsp;gloses (griech. vlat. glpssas), 390 ob-pausas opposes: chases, 405 schplanbsp;e SCO lie: parolle.

9 Eracle 3541 Uus (locos): deus (duos), Yvain 3360 feus (focus): venimeus (-osus), Erec 2101 jeus (jöcus): deus (duos). — Zu -iau wird -uu also nur, wenn «nbsp;von 1 stammt; veclus viauz, oclus iauz (vgl. den Reim Bible G. 692).

®) Die Formulae Andecavenses scbreiben im VI, Jahrb. falsch analogisch: austes fiir hostes usw., J. B. XI. I. 85. — Zur Entwicklung von au vgl. M. L., Zt. XL., S, 78.

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III. Lautlehre; au.

Mit u aus gedeckt 1 ergibt sich wie bei gedeckt o der Diphthong ou: caulis ckous reinit mit follis fous (beispielsw. Fabliau Estula 21);nbsp;ou ist schon im XII. Jahrh. monophthongiert (S. 82^). — Im Hiat (vornbsp;Vokal; B 230 Bent) ist das afrz. Resultat schwer feststellbar, da Reimenbsp;selten sind. Bible G. 55 Ident (laudant): apeBient „nannten“ sprichtnbsp;für geschlossenes 0. Guiot reimt gelegentlich lallenden Diphthongnbsp;mit einfachem Vokal. Fiir die Rose bucht Langlois (Bd. I, 221) un-verschoben o. Feuillée reimt pik. vge (vostre): poe (frank, pautanbsp;„Pfote“). — Nfrz. ist u (geschr. ou) das Ergebnis: *gauta joue. Danbsp;hier afrz. keine endbetonte Form zur Seite steht, scheint lautgesetz-liche Entwicklung vorzuliegen. — Der N. und O. dagegen hat nochnbsp;vielfach 0 erhalten. So ist auca dort noch heute óe wie afrz., nebennbsp;owe mit Hiatus-w; vgU ALF 936 (Punkt 197 und Umgebung), — imnbsp;O. ój und uj (Hiatuswoher vielleicht schriftfranzösisches oie^ dal3nbsp;sich mit dem Diphthong oi zu wa entwickelt hat. Pathelin reimtnbsp;bald oe, bald oie. (Vgl. M. L. frz. Gr. § 96.)

Sekundar hat (h)a(c)(h)öra (vgl. hodie) gt; *aura ein au, daher nfrz. o:r, wahrend (h)öra eure ]gt; ce;r, geschrieben heure ergibt.

au i ergab oi, das im Roland (1584) und in der Krlsr. (T. 8) in 0 assoniert, spater mit pi aus o-f i reimt: Eneas 6055 bois: choisnbsp;(kausjan), und wo frei ê Oral und ê i gt;¦ pi wurde, mit diesemnbsp;zusammenfiel (S. 70): B 338 nausea „Seekrankheit“ ttoise „Larm“:nbsp;ad-qu(i)etiat aquoise, B 346 gaudia goie: via voie. Auch die weiterenbsp;Entwicklung geht gemeinsam, wie nfrz. joie (swa), noise (nwaiz) zeigen.

au -F u entwickelt sich mit a u (S. 106) zusammen. Im O. bleibt au, paucu(m) ist pau, *traucu(m) „Loch“ trau (Froissart,nbsp;Me'l. 28206, 15540), *caclagu(m) (griech. kachlax „Kiesel“) caillaunbsp;(M. Brut 646) — In der W.-Pik., die auch sonst Vorliebe für eu hatnbsp;(S. 76, 87), wird au zu eu (schon im Domesday-Buch s. S. 80):nbsp;Aiol hat pen, trett (,,Loch“ 736), aber 2767 caillau aus ö. Nachbar-mundart. — Das Zentrum aber assimiliert au zu ou und hat trou,nbsp;caillou (vgl. B 213 pou paucu(m)); ou monophthongiert schon imnbsp;Xn. Jahrh. zu u, vgl. Walters S. 82^ angeführte Reime.

Fiir paucu(m) zeigen die Mundarten noch andere Formen als die erwahnten-. Der NW. hat poi (B 22), wohl nach pois paucus (Rol. 1050: o), eine Form, die auch in pik,nbsp;und franz. Texte dringt und sich noch in der Vendee findet (ALF 1007). — O. und Z.nbsp;scheinen urspriinglich poc (Kurzform pauc’) gehabt zu haben, das afrz, in ö. Textennbsp;(Bartsch 38, 19, Lothr. Ps.) heute im O. und SO. vorvokalische Form ist, nebennbsp;vorkonsonantischem po (Herzog 2, 32; 5, 52 usw). In Loir-et-Cher sagt man nochnbsp;po:k „Kleinesquot; fiir ,,fiUe“ (ALF 570, P. 204, 306), Christians po (Bible G. 1377: tonbsp;laudo), Rustebuefs pou, das mit Pou (Paulu(m)) gebunden ist, also wohl pu lautet,nbsp;diirften poc entstammen. Die Kollision dieses po, poti mit anderen Worten fiihrte zumnbsp;Ersatz dutch das peu der Westpikardie. — Vgl. Schiirr, Sprachgeogr. Stud. Zt. 41,

117 ff. und unten S. 136.

Jordan, AltfranzösisoheB Elementarbucli, nbsp;nbsp;nbsp;7

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in. Lautlehre: frei a.

Kapitel 12.

Haupttonig vlat. A. (Quellen: lat. a, a, germ, a (ai)).

I. frei a Oral wird, soweit i weder vorausgeht, noch folgt, afrz. zu e. Dieses £ bleibt in Assonanzen und Reimen von e aus gedecktnbsp;lat. ë (und gedeckt ê, i) bis znm XIII. Jahrh.^) sauber getrennt und nurnbsp;ë 9 {den Makeu), er(e)t (= ërat oder ërit), und Gelehrtes wie secrénbsp;secrëtu{ni) (St.Thom.S. 14), decre(doS. 167) werden mit eaus a gebunden:

Alexius 16 patre(m) pedre: ërat eret: imperator emperere, 86 clvitate(m) ci(p)tet: para(b)olare purler: deu.

Roland, Krlsr. haben deu fast in jeder e aus a-Tirade. Dagegen kein ert, das also wohl als jert anzusetzen ist.

Da ert und Deu neben iert und Dieus stehen, darf man an-nehmen, dafi Deu und ert langes e hatten, und so diirfte auch e aus frei a lang gewesen sein. Die Frage der Entstehung des Vokals istnbsp;schwierig: Man niöchte sich von der Tatsache leiten lassen, daCnbsp;Frkoprov. k ï ^ zu ie wird, aber frei a als a bleibt (vgl. S. 27).nbsp;Hiernach ware jenes der altere Vorgang, den das Frkoprov. nochnbsp;mitmachte, — dies der jüngere, auf die Verkehrszerreissung zwischennbsp;N. und S. folgende Vorgang. Ja, a gt; e gehorte sogar zu den jiingstennbsp;Ereignissen der urafrz. Lautgeschichte, da die Frkoprov. die relativnbsp;junge Diphthongierung von frei e und o mitmacht. (Vgl. M. L. frz.nbsp;Gr. § 62.) Ein solches Urteil ware historisch durchaus glaubhaft,nbsp;denn der Gegensatz zwischen Frankreich und Burgund war zu Beginnnbsp;der Karolingerzeit (VIII. Jahrh.) sehr stark: Girart von Rossillon, dasnbsp;Heldenepos, welches jenen Konflikten gewidmet ist, sagt: 8242nbsp;Franceis a Borgignons non ont amor.

Lauthistorisch allerdings laGt sich Folgendes dagegen einwenden: DaG ka früh zu cha wurde und dies zu chie, lange bevor frei a zu enbsp;wurde und vor der Monophthongierung von au zu o (caule(m) ;gt; chot),nbsp;ist an sich glaubhaft. Aber man bedenke: Nebentoniges è wirdnbsp;franzisch nach Zischlaut zu e: caplllos chevels (R 33); pik. abernbsp;bleibt k und folglich auch a: Auc. 12, 19 caviaus. Hier ist also dienbsp;franzische Entwicklung a ^ nachwcisbar assoziativ. Da nun capu(t)nbsp;franzisch chief und auch pik. kief ergibt, ist hier der Einflufi dernbsp;k-Verschiebung auf die Entwicklung von a zu £ in Frage gestellt. Damitnbsp;ist aber auch in Frage gestellt, daC sich i a. k a einerseits undnbsp;frei a anderseits zu verschiedenen Zeiten entwickelten.

Die Liickingsche Theorie einer gemeinfranzösischen Diphthongierung von frei a lost diese Schwierigkeit. Für diese Diphthongierung spricht vieles: Einmal, daC frei a vor n diphihongiert (S. 104!.). Alle

Beispielsweise Amis 2517, Aiol 21B5 usw. Auch in R reimt ai ebensogut mit e aus a, wie aus gedeckt e (S. I03j.

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III. LauÜehrei frei a.

Tonvokale zeigeii gleichmaCige Entwicklung vor Oral wie vor Nasal. Nur 9 diphthongiert vor Nasal nicht zu om, n war also vorn artikuliert.nbsp;Wenn nun a n zu aen, ain wurde, fehlt eine Begründung dafür,nbsp;dais es vor Oral nicht auch zu ae, at wurde.

Zur gleichen Vermutung fiihrt Folgendes: cane(m) wird zu chiefly entwickelt sich also wie i a vor Oral (S. loi), manu(m) aber gibtnbsp;main. Folglich ware jenes der altere, dieses der jüngere Vorgang,nbsp;denn sonst hatte auch cane(m) *ckain geben müssen. Nun ist abernbsp;in Frage gestellt, daC e in chien eine Folge der k-Verschiebung ist;nbsp;Denn auch der NO. hat kien (AioI 8265, ALF 277). Folglich istnbsp;auch in Frage gestellt, daC die Entwicklungsprozesse in chien undnbsp;main zu verschiedenen Zeiten stattfanden, da nicht anzunehmen ist,nbsp;da6 eine spontane Veranderung des a durch die Nasalierung auf-gehalten worden ware, dann aber a vor n trotz der Nasalierungnbsp;diphthongiert hatte.

Schliefilich lalSt der O. frei a zu ei werden (S. 100), was sehr wohl eine Weiterentwicklung von alterem aCy ai sein kann. — In dernbsp;Periode der Entdiphthongierung ware also *aiy gleichzeitig mit au, imnbsp;Zentrum vor Oralen zu ë monophthongiert worden und daher die Lange;nbsp;*iai (*ckiairy *chiain) wurde entsprechend zu ii. — Im O. aber bleibtnbsp;ai als eiy im SO. wird ai zu a reduziert, oder *amair wird zu amarnbsp;provenzalisiert, wahrend tserchier vom prov. tsercar schon zu starknbsp;differenziert war, um ihm zu folgen.

E. Blankenstein, Zur Entwicklung des freien betonten A (Beiheft 6, Jahrbuch Hamburger wissensch. Anstalten 1915) sucht innbsp;modernen Dialekten noch die Etappen direkter Entwicklung von anbsp;zu e nachzuweisen, unterrichtet aber nie darüber, ob das Nachgewiesenenbsp;auch primar ist.

Beispiele: R 32 nasu(m) nes, 34, 93 latus lee;, 51 *sübtelares soulersy 155 clave(m) clef, 164 suave (Neutrum = Adverb) söuéf, 180nbsp;gratu(m) gre, 181 *degradu(m) degré, 253 clara clere.

Suffixe. Sie kommen, da j a ie ergibt, meist in Dubletten vor, die sich gegenseitig beeinflussen, worüber i a (S. lOi) zu vergleichen ist.

-are R 147 demorer, 267 penseVy cesser usw.

-atis chantez, R 347 sernionnez. Das Vorbild der „Uniformquot; der 5. Person: R 9, 10 venez, prenez.

-a(ve)runt (6. Person Perf.) B 185 troverent.

-atu(m) (Partizip) R 33 recercelez, 38 fourmeZy 47 desguisee (-ata). -ator (Berufsbezeichnung) imperator emperere. Über die Deklinationnbsp;des fruchtbaren mit -arium konkurrierenden Suffixes s. Deklination: 2. Mask.-KIasse, Akzentwechselnde.

-tate(m) (Adjektivabstrakta) R 162 p'óosté (potestate(m)), 169 volenté.

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lOO

HI, Lautlehre: frei a.

-ale(m) (Adjektiva, vgl. deutsch -licH) vlkst. -el, gelehrt (und mund-artlich) -al. R 213 infernal, vgl. nfrz. hotel und hopital (sub-stantiviertes Adjektiv: casa hospitalis).

-are(m) (lat. das gleiche Suffix wie -ale(m) nur bei l-Stammen zu -are(m) dissimiliert) *sübtelares „Schuhe“, R 51 soulers, sïngulare(m) „Eber“nbsp;sengler, nfrz. soulier, sanglier, durch Suffixtausch mit -ariu(m).

Bemerkung. Dem franzischen £ aus a entspricht im Osten ei: Ob es e voraussetzt, oder alteren gemeinfrz. Diphthong, ist un-entscheidbar. Gelegentliches ei der Pikardie (Aiol) und Agln. (St.nbsp;Thomas) ist wohl auf östlichen Einflufi zurückzuführen. In B istnbsp;ei fast konsequent durchgeführt; Lautanalogisch gehen mit frei a:nbsp;ërat eirt (B 315) und Gelehrtes wie mateire (M. Brut 205: eire ërat;nbsp;vgl. Dial. Greg. S. 287, 34). — Die Schreibung M. Brut 63 deirsnbsp;(clericos, die Ausgabe falschlich ders) zeigt, dafi der Abschreiber dersnbsp;der Vorlage für daros hielt und deirs schrieb; so dürfte die ganzenbsp;Hs. erst sekundar wallonisiert worden sein.

Beispiele: 9 loei, ii armeis, 18 clarteiz, 48 ad-dent-atu(m) (Reich. Gl. 43 pronus: qui a dent’ jacet) adentei, 53 sapit seit,nbsp;96 espeie, 156 citeiz, 167 amb(u)lare, (S. 175) aleir, 171 naves neis.

Monosyllaba. Einsilbige Worte stehen im Satz oft nebentonig. In dieser Stellung bleibt nun a (S. 113). Und so finden wir im Jonas 25;nbsp;de cel mêl (malu(m)), aber32: de mals christidnis. Und ebenso stehen:nbsp;él neben dl (al(i)u(m)), tél neben tal, kér neben car (quare). —nbsp;Wahrend valet valt, va(de) va, stat estd, *at (habet) a(t) und dienbsp;Pronomina ma, ta, sa, la (illam) nur nebentonige Formen besitzen;nbsp;les (ïllès) neben la zeigt nach- oder zwischentonige Entwicklung.

frei a -f 1: Nordfrankreich zerfallt in vier Gruppen: Der O. vcr-schiebt a vor 1 nicht, 1 wird zu u: tale(m) ist heute to (Herzog, § 160). B 16 taus talis ist wohl nebentonig entwickelt. Vgl. hauptonig: B 86nbsp;teil tale(m).

Das ö. Z. lafit 1 fallen: Christian, Parz. 6955 autretes (tales): nes (nasu(m)). Ebenso reimt Rustebuef (tale(m)), öj/*/(hospitale)nbsp;nur mit é, verschleift also / satzphonetisch und verallgemeinert dies.

N., W. und Z. vokalisieren 1: St. Thomas hat teu, queu vor Kons., der neue Diphthong eu schlagt sich zu ieu aus frei £ 1 (mieus), freinbsp;o 1 (ieus) usw.: talis tels gt; tieus, qualis quels gt; kieus, hospitalisnbsp;oste Isnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;ostieus. Chr. de Pisan reimt Rond. 63 mieus: tieus. Die

Reichssprache verallgemeinert die Pausaformen: tel, hotel.

Der Südwesten schliefilich verschiebt a vor 1 nicht (provenzal ischer Einflufi), vokalisiert 1 auch satzphonetisch und verallgemeinert dies: sal ist also heute sdo, sdu, sad; die Formen von natale(m) ent-sprechen. — R 158 jocale joiau (Subj. Plur.) hat das Suffix -ellus an-

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ni. Lautlehre: i a. lOI

genommen: Vgl. Rust. Secr. 321 joiaus : biatis, aber 319 osté (hos-pitale) ; osté (obstatu(m)).

2. i a gt;. ie (Bartschsches Gesetz). Wer, wie Bartsch, die altfranzösischen Assonanzen und Reime durchsieht, bemerkt bald, dafinbsp;lat. a sich gespalten hat, und bald e, bald ie ergab. Nehmen wir dienbsp;ersten Verse von B: 5 in-bosc-are entluschier: ad-damn-atic-arenbsp;adamagier, aber ii armatos armeiz'. con-rêd-atos ctinréeiz. — Odernbsp;R 309 bajulare bailler: *trïpaliare travaillier\ aber 316 para(b)olarenbsp;parler: aler. Die Worte, in denen a als ie wiedergegeben wirdnbsp;(gleichgültig ob dies i konsequent geschrieben ist oder nicht), reimennbsp;Oder assonieren in alterer Dichtung des Kontinents nie mit Worten,nbsp;in denen a gt;¦ ^ (resp. ei) ergibt. Wohl aber assonieren die ?gt;-Wortenbsp;mit ie aus frei lat. ë oder -arius: B 33 rëm rien: Trojani Troïen;nbsp;41 trüncatu(m) trenchie: pëde(m) pie usw. Zahlreiche Beispiele in R.nbsp;Geht man nun den Gründen dieser Spaltung von a nach, so findetnbsp;man alsbald, daC, wo es ie ergab, dem a ein i- oder k-Laut voraus-ging — (wenn nicht das Suffix -arius zu Grunde lag: Vgl, den Reimnbsp;B 81 dexter-ariu(m) „rechtes Handpferd“ destrier: vïndicare vengier.nbsp;Davon spater). — j a ergab also ie, das (auöer vor Nasal) spaternbsp;mit e aus a wieder zusammenfieD): Wir haben also nebeneinander:nbsp;lat. claru(m) afrz. dernbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nfrz. kleir (clair)

„ caru(m') nbsp;nbsp;nbsp;„ f ckier (tjisir)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„ Je:r (cker)

„ cane(m) nbsp;nbsp;nbsp;„ \ckien (tjiem)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(chien)

Beispiele: B 41 capu(t) chief, 97 germ, skara „Scharquot; eschiere, 321 cadit chiet usw., woraus zu ersehen ist, daC hier der Osten mitnbsp;der Schriftsprache ging, wenn sich auch Schreibungen mit iei findennbsp;(L. Ps.). Vgl. dagegen für -arius B 140 chevaleirs. — R 21 carasnbsp;(griech. m^rj) chieres, 120 ad-genuc(u)l-atu(m) agenoillié.

Suffixe: -iare: R76 basjare besier (aus baisier), R92 germ, spehon e spier (— espiier). — -iatu(m) B 41 trenchié, 71 eslongiez usw.

-iatis gt; -iez, (h)a(b)eatis aiiez, und danach R 326 pè'ussiez. (-ê(b)ainu3 ^ *-^janiUS -ïiens). | Der Schwund des b dissimilatorisch innbsp;-ë(b)atis ^ *-?jatis -ïiez, R 330. J habeba(m). Hiatus -j- an der Schwundstelle.nbsp;•ia(ve)runt B 148 colchierent (collocarunt), 330 cuidierent.

') Zum lautphysiol. Problem vgl. Einleitung S. 30' und unten S, 149, Dafi dann chier zu chir wurde, beruht auf dem starkeren Einrollen der Zungenspitre beim Zischlaut.nbsp;chien hat denn auch nfrz. weit tiefere Zungenspitze für ch (ƒ), Warum aber laissier gt;•nbsp;laisser, baisier gt;• iaiserf Das zeigt uns -ier aus -ariu(in): Es bleibt nfrz.: huissiernbsp;(üstiariul'm)), menuisier usw.; nur nach Zischlaut wird -ier aus angegebenem lautphysiolog.nbsp;Grund zu -er\ afrz, touchier )gt; nfz. toucher. Folglich sind laisser, vous laissez; baiser,nbsp;¦vous baiset usw. Analogieformen.

Auch n- und 1-Stamme gehen den gleichen lautgesetzl. Weg, indent der Stamm-konsonant palatalisiert, das i infolgedessen absorbiert wird. Vgl. deigner (dignare) mit denier (denariu(m)): dstié und duné; travailler mit chevalier-, travajé und Jvaté.

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102

III. Lautlehre: i a.

Wie die Verbalsuffixe Dubletten von i-losen Suffixen sind, so auch die Nominalsuffixe (vgl. S. 99):

-j-ator: judic-ator jugiere (S. 126), praedicator preechiere (gelehrt). -i-tatem: societate(m) soistié, dignitate(m) deintié Rol. 45 „Besitz“.nbsp;Von nialefatiu(m) mauvais wird R 182 mauves-tié gebildet. — Dasnbsp;-i-lose Suffix -té greift nun analogisch um sich, und so haben wirnbsp;Auc. 4, 22 soisté, inBartsch-Aliscansig, 16 1amicitate(m) amisténbsp;(statt amistié) in ^’-Assonanz. Fiir pi(e)tate(ni) steht umgekehrtnbsp;neben pit/ analogisches pitié (Aiol hat beide in Assonanz), dasnbsp;nfrz. obsiegt. Andere halten pitié für die Urform. Vgl. Cohn,nbsp;S. 271. Beide Formen sind gelehrt und von plus beeinfluGt.nbsp;'i-ale(m): regale(m) Eul. regiel, B 127 reial. — Dagegen fallt c innbsp;jocale j'óel lautgesetzlich (S. 154).

Monsyllabum: calet ergibt haupttonig chielt (Eulalia), neben-tonig: chalt (Rol.) )gt; ckaut.

Bemerkung. In der Schrift wird das Bartschsche Gesetz haufig vernachlassigt, sonderlich wo zwei i aufeinanderfolgen. In Assonanzennbsp;und Reimen aber ist vorab mir England nachlassig (etwa seit 1150nbsp;vgl. Vising, Z. f. S. XXXIX, S. ï ff.). NO. und O. lassen auchnbsp;dieses ié zu te werden (S. 85) und binden -iata mit -ita, Reime, dienbsp;sich wohl durch Nachahmung in vielen Dichtungen auch auGerhalbnbsp;des NO. finden;

Vgl. die Schreibungen B 350 esveillie statt esveilliée ex-vïgilata, 351 repairie repatriata; und den Reim: R 3 1invitiata envoisienbsp;« envoisiée franzisch); courtoisie.

Daher gingen im NO. a und i ^ ganz verschiedene Wege; stabat ist estevet, aber manducabat marjivet (Dial. Greg., S. 40, 41) undnbsp;genau so noch Neuwallonisch; tfantéve aber mariitve, die Infinitive:nbsp;tjantê, aber marii: (Herzog, Stück i, 28 und § 206).

GelegentlicheVernachlassigung des ^Vbei afrz. Kunstdichtern beruht meist auf Verderb: R 114 C9gita(v)i cuidai gt;• cuidé: 1vöcitatu(m)nbsp;vuidié (VmïV/geschrieben); doch seit dem XIII. Jahrh. beweisen VerstöGe,nbsp;daG in Verbalformen durch e ersetzt wird. Im XIV. Jahrh. zeigtnbsp;Christine de Pisan (Paris, Hof!) in der ii. Ballade, die auf demnbsp;Wechsel der Reime -ée (-ata) und -iée (-iata) beruht, wie scharf sienbsp;noch scheidet. Aber ein andermal (Rondeau 36) reimt sie e (habeo)nbsp;mit tongié commeatu(m). Reime wie amer: laissier sind regelmaGignbsp;erst bei Charles d’Orléans1).

1

Seibst im spaten Volksepos sind VerstöCe gegen das Bartschsche Gesetz relativ selten. Erst im Gaufrey enthalten die meisten e- (aus a-) Tiraden auch -ie. Vgl.nbsp;Tirade i, Vers 3 canter: A proisier (pretiare): 32 ester: 33 denier (denariu(m)). Dichternbsp;Oder Überarbeiter assonieren nachlSssig.

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103

III. Lautlehre; a -f- i.

3. a j ergab afrz. ai, das im Epos mit gedeckt a assoniert; Rol. 310 repatrie(m) repaire: contrariu(m) contraire: patraster parastres^).nbsp;Im XII. Jahrh. nahern sich die beiden der Zungenartikulation nachnbsp;kontraren Laute zuerst im Norden: Ph. de Thaon (ca. 1125, England)nbsp;reimt bereits paistre: beste, und so mag es auf agin. Einflufi beruhen,nbsp;wenn St. Thomas, S. 23, S. 34 usw. ahnliche Reime hat. Auf demnbsp;Kontinent reimt schon in Cligès 4902 maistre (magistru(m)) mitnbsp;estre (typischer Reim, vgl. R 138)^). Im XIII. Jahrh. ist ai franzischnbsp;durchaus e.

So haben wir in B (XII. Jahrh.) meist noch ai: 119 factu(m) fait: frank, wahten agait, 226 tractu(m) trait: fait. Aber B 271 viere:nbsp;maniere gegen M. Brut 3183 vïaire: faire. — In der Rose ist ai vonnbsp;£ aus gedeckt e oder frei a nicht mehr getrennt, und es reimen:nbsp;R II placet piest: Verbalsubst. von ad-resto arrest, 156 *exmeratusnbsp;(von merus ,,rein“) esmere: firmare *aio fermeré. 168 *aio ((h'a(b)eo)nbsp;e: volüntate(m) volenté usw. Das hat natürlich auch seine Wirkungnbsp;auf die Schrift, die zwischen ai und e schwankt: 224 *retrajere (S. 163)nbsp;retraire: tere „schweigen“. Dafi die Schriftsprache die etymologischenbsp;Schreibung beibehielt, sei erwahnt.

Schliefilich ermöglichte die Monophthongierung von ai gt; s die bereits S. 7Q erwahnten Reime mit ws: R 271 sïas soies (swéas): *aiasnbsp;aies (éos). — Im NO. und O. ist die Entwicklung anders; Wir habennbsp;die übliche Diphthongreduktion aifgt; a, vgl. S. 69, 85, 91, Veng. Rag.nbsp;§ I. Schon Floov. hat stets magis mas, factu(m), facit sind heutenbsp;lothr. fa, vgl. ALF 530, 533, 746 (lait), Herzog, Stiick i6a.

a 1 !• Wie immer hat / die Zungenhebung gebunden: B 25 batt(u)alia bataille: Konjunktiv *assaliat asaille nfrz. batdij,nbsp;asaij, das d erhalten und erst nfrz. in Paris eine Spur nach 0nbsp;hiniibergeschoben, j das Produkt von afrz. i. Vgl. R 174 *tripdliatnbsp;travaille: valeat vaille.

In -aciu(m), -acia, -atia bleibt a in Erbworten gedeckt, i ist also nach Assibilierung von c gefallen (-atsa), der übliche vlat. Schwundnbsp;nach mehrfacher Konsonanz. (Vgl. t igt; S. 150.)

Beispiele: B37 *mmaciat manace: platea place, R 28 facie(m) vlat. face, R 250 facias faces, B 247 facio faz, R 51 laq(u)eumnbsp;laz, R 52 solaciu(m) soulaz.

Andere Tiraden des Rolandslieds dagegen binden faire: estre \tëw. (Tirade 4, Repetitionsstrophe, T. 53 ungeschickter Einschub, 65, 75 usw.). Die gleiche Sachlagenbsp;werden wir bei frei a -)- n beobachten, wo auch Rol. 2264 main: pres (presse) assoniert. Diese Reime ai: s sind vermutlich Anglonormandismen Oder Normandismen.

2) Die Entwicklung von ai zu s ist nicht in jeder Stellung gleich schnell gewesen: Christian halt in der Schreibung -ai im unmittelbaren Auslaut (ferai), im Inlaut abernbsp;hat er e: fet (factu(m)) auSer vor -e: feite. Vgl. Cligès, 3. Aufl. S. LXXVIII.

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104

in. Lautlehre: Suffix -arius; i -f- a -f- jJ f1quot;®’ a n.

Suffix. -ARIUS bezeichnet den Produzenten (carpentarius), Verwalter (molinarius), Hüter (1berbecarius), als Neutr. und Fem. dennbsp;Behalter (panarius „Korb“, vgl. R 154 aumosniere ,,Almosentasche“),nbsp;wohl von da ausdenBetrieb (gall. 1meina „robes Metall“,

14 miniere „Grube“, perriere^ M. Brut 647 perires^ „Steinschleuder-maschinen“); von da aus formal übertragen ohne Bedeutungsverschiebung des Simplex; pülvus pons „Staub“ gt;¦ nfrz. poussi'ere „Staub“, pik.nbsp;pülver poure Alisc. Bartsch 43 pourire in gleicher Bedeutung usw. —nbsp;Adjektivisch gebraucht ist: R 384 costumiere fem. „gewohnt“.

Die formaleEntwicklung ist schwierig: Feste Punkte sind: Reich. Gl. 1096 sorcerus (aus 1sortiarius „Looswerfer“, „Zauberer1 ‘)undKarlsruhernbsp;Gl. 87 in paner (= panario) de virgis; -ariu(m) ist also zu 'eru(m)nbsp;geworden, ob durch Umlaut, ob über -airu(m) (vgl. Pirson 51,2 -airasnbsp;für -arias), ob von frk. •sru(m) verdrangt, 1st unentscheidbar. Letzteresnbsp;am plausibelsten. (Vgl. Eide, Lothariu(m) Ludher, Luhereni)

Nun finden wir auch im Prov. -ter: 1st dies nicht aus dem Frz. entlehnt, was unwahrscheinlich ist, so kann nur -?rius (das Prov. di-phthongiert s und o nur vor i) — oder -j?ru(m) die Grundlage sein.nbsp;-ieru(m) aus -iariu(m) (1bestiarius, 1sortiarius) hatte im Siiden umnbsp;sich gegriffen, und das Suffix uniformiert.

Schliefilich zeigt der Os ten -eir: Alexanderfragm. 76 cavalleyi\ B 140 ckevaleirs, neulothr. pmei, pmj (panier), im SO. panai. Vielleichtnbsp;liegt eine Verallgemeinerung von -iariu(m) vor, da, wie wir gleichnbsp;sehen werden, i -f a j im O. ergibt. — Der Lothr. Ps. hat oftnbsp;-ieir: I, 10 psaultieir (Mischform oder Urform?).

Die weitere Entwicklung von frz. -ier zeigt Spaltung; Nach Zisch-laut (R 133 touchier, nfrz. toucher), n und /, die palatalisiert wurden (pa-qe, pale), wird es monophthongiert (vgl. S. loi1). Im NO. wird -iernbsp;natürlich zu i(r), vgl. erwahntes pourire „Staub“, neupik. pani „Korb“.

Vgl. M. L., frz. Gr. § 187, Cohn, S. 274 ff., Ro. F. 26, S. 837. — Im Domesday-Buch (Zt. VIII, 359) hat -ariu(m) die Formen: -krnbsp;(franzisch) -er (normannisch) -eir (ostlich): Namen sichern dem Suffixnbsp;Starke Freiziigigkeit.

4- i a i gt; 1iiii gab wie 1iei aus ? -|- i: nbsp;nbsp;nbsp;B ill jacet gist.

Suffix -iacu(m) in Ortsnamen: Floriacu(m) Fleury; im O.: Fleurey (bei Dijon), Bucey (franzisch Bucy, pik. Buchy).

5. frei a -\- Nasal: Eulalia manet maent, afrz. maint. Im Epos assoniert dies di noch mit a (Krlsr, 286 manu(m) main: ambulandonbsp;amtlant: tëndit tent)^). Monophthongierung zu s wie bei a -(¦ i:

1

Rol. 2264 main: ait (habgat): prCs (presse) zeigt dasselbe Problem wie ai aus a -j- j im Roland. — Die Monophthongierung ist im Norden schon im XII. Jahrh.nbsp;vollzogen (vgl. S. 103»),

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III. Lautlehre: frei 105

B 40 clamat claime, 297 nonn-anes nonains. Der Diphthong reimt nur mit sich oder mit at aus a n j: B13 plana plaine\ *companianbsp;ctf.mpaine-, und ai aus ? n, vgl. 188 remanêre gt; ^remanerenbsp;remaindre: accingere achaindre, 353 fontana fontaine-. plena plaine.nbsp;In R ist ai bereits i: 253 sana saine (seno): ex-sunnea „Sühne“ gt;nbsp;„Entschuldigungquot; essoine (eswena) (vgl. R 277).

Suffixe: -ane(m) gt;» -ain, s. Formenlehre, 2. fern. Dekl.;--anu(m)

(adjektivisch, Zugehörigkeit), villanu(m) „Villenbewohnerquot; vilain „Bauer“ gt;gt; R 133 „Bauerquot; im pejorativen Sinne, schon Bible G.: 983nbsp;„schmutzigquot;. — Romanisch an Adjectiva (certu(m) certain). Adverbianbsp;und Prapositionen: de-retro dererain, vgl. S. 167. Zur Vermischung mitnbsp;-aneu(m) (sübitaneu(m) gt; sübit-anu(m) sodain) vgl. Cohn, S. 160 ff.

Bemei'kung. B 168 Diane-, vane sind Latinismen; volkst. ergibt vanu(m) vain, fem. vaine; exame(n) afrz. essain, nfrz. examen ist gelehrt. —nbsp;Suffix -amus wich vorliterarisch -ümus nach sumus. Eulalia oramnbsp;(oramus) ist Latinismus- — Freies und gedecktes a (auch vortoniges)nbsp;vor n wird agin, seit dem XIII. Jahrh. (J. B. XII. 1. 213) zu au: manu(m)nbsp;maun, cantat chaunte. Vgl. Krlsreise Hs. 16, 22 usw.

6. nbsp;nbsp;nbsp;i -j- frei a n. Wahrend frei a n gt;» ain wurde, ist i nbsp;a n zu -ien geworden. Vgl. Eulalia: *Maximijanu(m) Maximïien,nbsp;paganus paiiens, *Christijanu(m) chrestïien (i^iien), cane(m) chien. —-Der Diphthong reimt mit ien aus frei ë n: B 34 Trojanum Trdiennbsp;(= Troiien): rëm rien. Er bleibt als js, jen bis heute. — Anglonorman.nbsp;Vernachlassigung: B 362 Trotens: tens (tempus). Zur Entnasalierung:nbsp;payen, paye'nne (paje, pajen). — Suffix *ejamus S. lOl unten.

Bemerkung. pröpe-anu(m) afrz. prochien wird durch Suffixtausch zu prochain (Rou 2603).

7. nbsp;nbsp;nbsp;a n i.

a) n ist silben-anlautend

b) n silben-auslautend

c) n durch Zischlaut gedeckt

-anea: Bretagne, Champagne, Alleniagne, montagne assonierennbsp;in a und ai, dialek-tisch, wo n schwachnbsp;palatalisiert wird in e;nbsp;nfrz. a!

-aneus: nbsp;nbsp;nbsp;castaneu(m)

afrz. chastain, nfrz. chatainnbsp;plangit plaintnbsp;nfrz. £

lanea lange extraneu(m) estrange

Bemerkung. Planga(m) ist afrz, plagne, nfrz. plaigne richtet sich nach plaint, chataigne nach chatain. — John E. Matzke ai and ei ...nbsp;before Nasals P. M. L. A. 21, 1906, 676 ff. hat die Frage anders

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io6 III, Lautlehre; a n -j- j; a -f- y; gedeckt a.

beantwortet; Afrz. sei allgemein ai das Resultat, chataigne sei laut-gesetzlich und nfrz. -agne Latinismus und Italianismus. Man ver-gleiche aber das auf S. 77, 83, 89, 95 über andere Vokale in gleicher Stellung Gesagte. Einen Beleg für das hier Behauptete erbringt ALFnbsp;251 chataigne: Verbreitet sind im SO. und NW. Formen wie JataT\,nbsp;jatari, in der Wall. findet sich pikardisierendes kastari; — in der Pikardienbsp;aber katsn, also ê aus ai und dentales n. Der Reim B 13 plaine:nbsp;cumpaine (S. 105 oben) kann ebenso erklart werden.

8. nbsp;nbsp;nbsp;a -f u ergab wie au u (S. 97) vor der Entwicklung vonnbsp;frei a zu s; au, das im O. wie im Provenzal. bleibt: Pictavum Peitau,nbsp;im Z. zu -pu assimiliert wurde1): Peitpu gt; Poitou, Andecavu(m) Anjou.nbsp;Rol. 2945 assoniert es mit gedeckt p und wie S. 82^ gesagt, erscheintnbsp;OU schon im XII. Jahrh. als Monophthong {u, aber auch ol Rosenbsp;reimt fagus und clavus mit grossus, Langlois I, S. 212). Weiterenbsp;Beispiele: fagu(m) fow, cava choue (S. 158) nfrz. chouette. —

Die Vokalisierung von 1 -f Kons. zu u ergab aus al den Diphthong -au: B 15 vassaus (vassallus): taus (talis); für dies au gibt Meigretnbsp;noch die Aussprache ao an. Nfrz. Monophthongierung zu ö: alterumnbsp;autre (o:tr), im Auslaut kurz: chevaux (Jvo). Der Diphthong lautetnbsp;noch in Dialekten (Herzog, Dialekttexte § 163), vgl. M. L., frz. Gr.nbsp;§ 92 und frei a 1 S. 100.

9. nbsp;nbsp;nbsp;Gedeckt a -f Oral bleibt; B 12 combattere ci^nibatre, 33 germ.

*sparanjan nbsp;nbsp;nbsp;esparnent {vAxz. épargnent), passu(m) pas, 47 partes

parz, 105 re-wardat regarde, 115 strangulant estrang/ent, 263 quatt(u)or quatre usw. — Das sog. parasitische i östl. Texte, vgl. Bartsch,nbsp;Stück 46, 44 quairt (quartu(m)), tairt (tarde) usw. möchte ich sonbsp;verstehen: Gedeckt a wird lothr. nach vorn verschoben, s artikuliertnbsp;und ai geschrieben, wie ebenda 46, 10 für verrat: vairait geschriebennbsp;wird. — Aber auch bleibendes a wird so geschrieben, da sich dernbsp;Diphthong ai aus a -f i zu 0 reduziert. Neuzeitliche Beispiele für beidenbsp;Vorgange: Herzog, Stück 16. Spater wird auch im Z. a vorgeschoben.

^ 1) vgl. a u. — Suffixe: -aticu(m) „zum — gehorig'1 sïlvaticum vlat. salvéticu(m) salvage „Wildquot;. Der NO. hat -ache (vgl. S. 119);nbsp;-aige (ed53) kann nicht a -f- i sein, sondern zeigt den erwahntennbsp;Übergang von gedeckt «;gt; s: Vgl. Reime wie Pathelin 163: corpus-aticu(m) corsaige: neige „Schnee“, 443 formaticu(m) (Pirson 47, i)nbsp;froumaige'. aurai ge. Zur Verbreitung M. L. frz. Gr. § 102.

1

In der Westpik. heute in östl. Dial, ao, aw, ow, aw, vgl. ALF 304 „clouquot; und M. Brut 646 1caclagos „Steinequot; Caillaus, aber 1512 Petou. Aiol 8815 fannbsp;(fagu(m)). — Altestes Vorkommen von ow. Domesdaybuch, Zt, VIII, 33°, Belfounbsp;(fagu(in)).

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107

III. Lautlehre: gedeckt a.

-a(vi)sse(m) chantasse; im O. -aisse: Dial. Greg. 91, 21 dignasset (dignaretur im lat. Text) deniaist, Elie 332 portaissent: confesse.

-ard germ. Reginhard Renart (Tierfabel); aus der augmentativen Verwendung erklart sich die pejorative Bedeutungsverschiebung. Vgl.nbsp;Glaser, Le sens péjoratif du suffixe -ard en frgs. Ro. F., Bd. 27,nbsp;S. 936.

Bemerkling. Zu R 65 carne(m) char, nfrz. chair vgl. S. 87; doch kann auch Mundartform vorliegen.

spatula „Schulter“, aus griech. OTtccd^?] „Schwert“, afrz. espalle, ist Buchwort, da es volkst. mit vetulus usw. zu *spacla hatte werdennbsp;müssen (M. L., Einf. § 29), vgl. S. 146, 171.

aqua hat sich seit altester Zeit in mehreren verschiedenen Formen entwickelt: zu aigue (B 298) im O. und W., also a -j- i und Deckungnbsp;wie im Provenzalischen. — Andere Formen dagegen gehen auf *avanbsp;(qu Intervokal w),zuriick. Nach Schiirr Zt. 41, 117 entwickelt sichnbsp;*ava wie a u: O. aue, NO. cue, doch fehlt die zentrale Form oue.nbsp;Hiatus-w (O. auwe, nlothr. of), Gleitlaut (zentrales eue gt; eaue gt; iaué)nbsp;erschweren das Verstandnis. Dabei sichern Reime Formen mit v:nbsp;Rustebuef, Seer. 567 Azj^Eva; Pathelin873 flamisch Codes gave:nbsp;eaue, ein Nebeneinander, das an das afrz. Imperfekt erinnert. Die meistennbsp;Texte brauchen mehrere dieser Formen. Vgl. S. 157. — Die Wort-ausgange -abilis, -abolus, -abula sind meist gelehrt entwickelt:nbsp;fructifiable (B 178), diable, table usw. sind Buchwörter. tabula, vlt. *taulanbsp;gibt lautgesetzl. tole ,,Eisenblech“, wie parabolo gt; *paraulo gt; parol.nbsp;Aus semantischen Griinden tritt E. Staaff, Le développement phonétiquenbsp;des suffixes -abilis et -ibilis en frangais (Studier i Modern Sprakveten-skap V., S. 117), dafiir ein, dafi -ab(i)lis gt; -awle erbwörtlich entwickeltnbsp;sei; -able im Zentrum und Westen sei Lautanalogie (bilabial w b),nbsp;Vgl. Spitzer, L. Bl. 1915, 211. Östliche Formen s. Adam de lanbsp;Halle, Bartsch 76, b. 21 mUaule mütabile(m), 65 delitaule delecta-bile(m), vgl. Lothr. Ps. § 17. Das diaule der Eulalia ist heute djailnbsp;,,Teufel“, ALF 403; toil *taula; ALF 1273.

10. Gedeckt a Nasal ist früh nasaliert, der nasale Kons. spater verstummt; B 8 quando quant, 32 grande(m) grant, 47 ambas ambes,nbsp;62 germ, war-ant-e(m) garant, 103 germ, blank-us blans\ germ,nbsp;hlankos (?) flans, 130 incalciando enchauchant (franzisch enchaugant).

anima gibt entnasaliert nfrz. dme] afrz. nbsp;nbsp;nbsp;(B 92) hat Dissimilation

von anme arme.

Suffixe -antia (-entia) vom Partizip zur Bildung von Verbal-abstrakten: Alex. 13 cr'éance (cred-antia), chëance (cad-antia) „Würfel-fall“ )gt; „Hasardglück“, nfrz. chance, B 80 pesance. Zu gelehrt -ence neben -ance vgl. Cohn, S. 74 ff.

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io8 III. Lautlehre. Nebenton vor Konsonant:

Kapitel 13.

Unbetonter Vokalismus.

1. Nebenton.

a. Vor Konsonant.

Hat ein Wort vor dem Hauptton eine oder mehrere Silben, so batte die erste dieser Silben im Vlat. und Afrz. einen Nebenton (^).nbsp;Der nebentonige Vokal diphthongiert nicht spontan. Überhaupt sindnbsp;seine spontanen Veranderungen unmerkliche: So ist das a von (h)abërenbsp;noch heute a. Aber in Paris ist es stark nach e zu verschoben. Innbsp;anderen Gegenden ist auch in der Aussprache Gebildeter die flachenbsp;Zungenstellung geblieben, in anderen wieder eine leichte Lippen-rundung eingetreten.

Verstummen des Nebentons ist schriftsprachlich verhaltnismaCig selten, und auf zwischenkonsonantisch freies è beschrankt‘); anderenbsp;Vokale verstummen gelegentlich vor r und 1.

Überhaupt ist der EinfluI3 der Umgebung stark: Folgendes Zungen-R öffnet è zu a, gedecktes r schlieCt im Osten « gt; vor-hergehender Zischlaut schlieöt è zu è, ja in Dialekten zu z: Garümnanbsp;prov. Garonna, von den französischen Anwohnern Gironde genannt. —nbsp;Labiale Umgebung rundet. — Auch Dissimilationen vom Tonvokal,nbsp;Assimilationen an denselben, kommen hinzu. — Folgendes i verbindetnbsp;sich mit dem Nebenton diphthongisch. — In flektierenden Formen stehtnbsp;der Nebenton unter dem Einflufi stammbetonter Formen: So gabnbsp;amare amer aber unter dem EinfluC von amat aimet: aimer.

Vlat. I: B 89 ir-iatus iriez, B 156 civitate(m) -s citeiz.

Rundungdurch Labiales: affibul-are „mit der fibula ein Gewand schliefienquot; afubler, prïmariu(m) afrz. premier^), pik, wall, prumier,nbsp;Herzog, Stück 2, 31 prymi.

Dissimilation von Ton -i: B 30 vlcïnum vlat. 1 2vecinu divfnu(m) devin, vgl. B 252 devinè'tf-r divin-atöre(m); finïre, Pirsonnbsp;32,28 defenitum, ¦sS.tz.fenir neben analogischem und denominativemnbsp;finer\ vlat. dèm?dium (Diehl 455) statt dïmidium (M. Brut 239 diminbsp;Latinismus) demi ist Prafixtausch. Dissimilatorische Vorgange bei

1

*) Htvett (nv0), ferai, (fr®), MsUu (psj0) erklaren sich aus mon n(e)veu, je f(e)rai usw., vgl. mamsélle, „oui, ma c’sinequot; (Paris), „lè v’l'aquot;. In den Mundarten gehen solchenbsp;Kürzungen weiter. Vgl. Herzog, Dialekttexte, § 248 ff.

2

prïmariu(m) gt; premier wohl nicht Ferndissimilation (M. L., frz. Gr. § 22S) sondern Prafixtausch: 2praemariu(in). Zu premier neben lothr, promier vgl. prevostnbsp;neben provost und S. 143.; allerdings auch Flo. 271 pordu im perdu u. a.

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109

lU, Lautlehre. Nebenton vor Konsonant; ü, è.

vrcïnu(m) und divinu(m) werden angezweifelt und die Abweichung lat. mundartlich erklart. J. B. Xll. I. 94.

Vlat. Ü gt; afrz. Y: B 280 1nüllüi (nach cüi) nului\ ü -f- 1. B 29 büci'nas buisines, 42 plOs-iöres pluist^r (nfrz. plusbeurs ist Latinismus).

Bemerkuilg. Dialektische Abschwachung in liquider Umgebung, s. Eckardt, afrz. Vortonvokale, Diss. Heidelb. 1904, S. 137. —nbsp;M. L. hat Zt. 1911, 245 darauf aufmerksam gemacht, daB vortoniges ynbsp;in den meisten Fallen analogisch sein könnte (rua nach rüe, crüélnbsp;nach cru usw.). In mehreren Worten findet sich aber o für vor-tonig ü; früméntu(m) froment, jostise und ein paar andere. Darausnbsp;ergibt sich die Möglichkeit, daB die Entwicklung vortonig O unver-schoben lieB. Doch berührt M. L. die Frage nicht, ob nicht froment^nbsp;wenn lat. O vorliegt, aus einem der Dialekte stammen kann, die ü auchnbsp;unter dem Ton nicht verschieben. Beachte M. Brut 1032 furment.

Vlat. È. Beide lat. e fallen in eins zusammen, das inlautend, ungedeckt heute verstummt ist, sonst assoziativen Veranderungennbsp;besonders stark ausgesetzt ist.

a) Aniautend B 16 esteit, 33 esparnent, 71 eslongiez usw.; vor Nasal: B 5 embuschier, 14 ensemble, 93 entrepris) zur Entnasalierungnbsp;vgl. ennui (nfrz. anqi neben anqi).

Bemerkung. Èbóreus ,,ebenhölzern“, schonReich.Gl.896 eburneis: ivorgiis (g kann Zischlaut darstellen, vgl. S. 170) ivoire mit unerklartem,nbsp;vermutlich einer Wortkreuzung entstammenden i. Es handelt sich umnbsp;ein Buchwort. Vgl. Bartsch 48, 237 igal und vor r: Neben (h)eriternbsp;hèreditare steht afrz. ireter, ireta^e; 1haeresfa (haeresis) gibt iresienbsp;(beide Aiol). Ob 1erïciu(m) öne(m) tregon statt erigon (hérisson)nbsp;als Metathese zu fassen ist, scheint danach fraglich.

/ï) Inlautend lautet e nach und vor mehrfacher Konsonanz heute noch: B 233 Bretaigne (Brotari); 85 drecha, nfrz. dressa (dresa)nbsp;ist von Stammbetonten beeinfluBt. Vor Nasal; prenez (prané), vgl. nachnbsp;einfacher Konsonanz venez (vne), vor mehrfacher: prendrai. — Vornbsp;r -f- Kons.: B 63 percha, afrz., nfrz. per ga (psrsa), vor M. c. L. B 92nbsp;sevreie (sèparata) nfrz. sevrée ,,entwöhnt“ (savre). Vor Zischlaut;nbsp;*lèviariu(m), R 40 legier, nfrz. léger, siccare nfrz. sécher. — Zwischennbsp;einfachen Konsonanten ist e vor r vielfach schon afrz. stumm:nbsp;Pirson 9, 27 vèracius afrz, verais und vrais'^), dèréctu(m), B 171nbsp;dreit, facere aio ferai pik. wall. agln. frai^). Nfrz. ist vortonig e in

1

Auch das afrz. Verstumiuen ist eine Folge satzphonetisch zwischentoniger Stellung; Vgl. Aiol 731 vèrais savére „wahrer Ketterquot;, aber 773 Ie vrai savere. — Pathelinnbsp;jernibieu (Fluch) aus ego renëgo dëu(in) ;gt; je reni dieu. — M. Brut 1023 Je frainbsp;vostre comniandement, aber 1026 Quantque voldreiz afres ferai, wonach also ferai nebennbsp;je frai, rente neben jernie, wie oben verais neben Ie vrai standen.

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I lO III. Lautlehre. Nebenton vor Konsonant; è.

dieser Stellung stumm: B 55 nevtf,d nfrz. nv0, mïnére mener mne, jèctare jeter'. Jte mwa sa, aber sate sa o f0. Und so hangt die Synkopenbsp;vom Satzakzent und natürlich auch von der sozialen Stellung desnbsp;Redenden ab, von der Mundart ganz abzusehen. Darum behaltennbsp;auch Buchwörter volltönendes e\ B 104 fèrivit feri nfrz. férir (Veng.nbsp;Rag. 5453 frist fèrïsset), B 124 peri nfrz. périr, Aber auch dienbsp;Lautgestalt des Wortes kann die Synkope verhindern: Zwischen gleichernbsp;Konsonanz scheint der Vokal fester und die Aussprache von mémoirenbsp;braucht nicht gelehrten Charakter zu haben. Allerdings wird mannbsp;auch ddd für dedans horen (il e did’, mit langer Pause für dennbsp;Verschlufilaut)*) gleich üblichem d'sus, d’sous. (sens d’sus d'sousnbsp;„drunter und driiber“.) Aber immer sagt man: derrière (dErjeir); denbsp;retro, afrz. B 98, 122 derriere, immer mit zwei r. Hier liegt Be-einflussung von ad retro B 290 arriere (vgl. S. 146*) vor. Wo sichnbsp;sonst nfrz. dé- im Anlaut findet, ist entweder dis- die Grundlage:nbsp;déplaire, oder war de gedeckt: dé pit (dèspéctu(m)); — défendrenbsp;(dèféndere), déduire (dèdücere „abziehenquot;) sind also Buchwörter.

Will man sich schlieClich eine Vorstellung von den heutigen mundartlichen Verschiedenheiten machen, so nehme man BI. 907 desnbsp;ALF neveu. Vor allen sind Wall. und Schweiz in der Erhaltung desnbsp;Nebentons konservativ. Allerorts bis in die nachste Umgebung vonnbsp;Paris findet man navo-Gebiete.

Noch nicht betrachtet wurde der Einflufi umgebender Laute auf è\

È Oral i glBt wie unter dem Ton, im Osten und Zentrum oi, im Westen ei. B zeigt auch hier bald die östliche, bald die agln.nbsp;Schreibung: B 30 *vècinas voisines, 68 èxïvit eissi, 127 règales reial,nbsp;nfrz. royal, 180 peissifns usw. —

1 bindet i; B 58 meilor nfrz. msjceir, doch übt das \ EinfluC aus, und wir finden im Osten milleur, (Aiol, vgl. vor anderen palatalennbsp;Konsonanten und Zischlauten Herzog, Dialekttexte § 201, *lèviariumnbsp;ligier, Bartsch 46, 33). Zu Floov. 899 moilour, vgl. das Folgende.

Auch n bindet j: d'ignare deignier (dèrié), B221 sèniöre(m) seignor (sèr^oe'.r). Auch hier in Mundarten signeur (Aiol), aber auch soignornbsp;(Floov. 1, 182), donier (dènariu(m) 719), im Zwischenton; losoingiersnbsp;(laus-ing-arius 824) mit anscheinend normal entwickeltem Diphthong,nbsp;wenn nicht Rundung bewirkte. (Vgl. S. 113'.) Zu Dial. Greg. 78, 13nbsp;foindant fingéndo vgl. 9 -f ^ S. 77. Für sèniöre(m) hat diesernbsp;Text nur sanior und zeigt andere Wirkung schwach palatalisiertennbsp;östlichen «’s: Die flache «-Zunge wandelt vortonig e zu a. Und so

'¦') Beispiele in Herzog 7, 19 dda, mit mundartlicher Entnasalierung, ALF 381.

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III. Lautlehre, Nebenton vor Konsonant: è, ó.

vor alien / und R: zèlosus R 339 jalous, per gt;¦ par, Reich. Gl. 889 pagritia, das sich aus Prafixtausch pïgrïtia gt; pèrïtia versteht: nfrz.nbsp;paresse. In Dialekten ist diese Erscheinung viel weitergehend: Amisnbsp;63 harberge, mèrcëde(ni) Floov. 1183 marei; für moderne Mund-arten vgl. Herzog, § 170. Wobei zu bemerken ist, daü anders ge-artetes r (SO.) umgekehrt a z\x è wandelt, worüber unter a.

Labiale Umgebung rundet è: gèmélli, B 358 gemel gt;¦ afrz. jmnel, nfrz. jumeaux, fim-ariu(m) „Misthaufen“ QLR 6 femiernbsp;fumier, neben femus (Reich. Gl.) fiens^), bibatis bevez buvez\nbsp;firmdre fermer apik. frumer. Vgl. in neuen Mundarten; Herzognbsp;7, 3 pyrna {prenant gt;- pernant Champagne), 5, 39 pyrda (prenantnbsp;Wallonië).

Ton-a schlieGlich gleicht sich den Nebentonvokal gern an: Bereits vlat. sind: mèrcatu(m) vlat. 1 2marcatu(m) „Markt“ marchié; sïlvaticu(m)nbsp;vlat. salvaticu(m) (Reich. Gl. 463) salvage, mïnatiat gt; mundartlichnbsp;manatiat (Reich.Gl. 131), vgl. Eulalianbsp;nbsp;nbsp;nbsp;und B 37, z.ixz. menace,

gigantem gt; 2gagante(m), B 183 gaiant neben afrz. nfrz. géant, crèpantare gt; 2crapantare, B 47 acraventei, 2tripaliare )gt; 2trapaliarenbsp;R 310 travaillier, bilancia balance (Aiol 2200). Für nfrz. Mundartennbsp;vgl. Herzog, § 264.

Vlat. O. Beide Ton-é fielen in gedeckter Stellung als e zusammen (vgl. S. 75). Auch beide Nebenton-è sahen wir zusammenfallen. —nbsp;Dagegen fielen die gedeckten Ton-ó nicht zusammen: ö blieb offen,nbsp;wahrend ö im gröGten Teil von Nordfrankreich noch geschlossener zu unbsp;(geschr. oti) wurde (S. 82). Bei den nebentonigen beiden 0 ist esnbsp;darum schwer entscheidbar, ob sie lautgesetzlich (wie beide é) zusammen-fielen und u wurden, sich also die zahlreichen erhaltenen 0 aus vlat. 9nbsp;aus Systemzwang erklaren, — oder aber ob 9 nur in freier Stellungnbsp;mit Ö ging, in gedeckter aber blieb, wobei dann ein unerklarternbsp;Rest übrig ware: pörcu(m) pore (pair) aber pórcéllu(m) pourcel,nbsp;nfrz. pourceau^), törméntum, B 90 torment (nicht torment!) nfrz.nbsp;tourment. — Die mundartliche Entwicklung lost wohl die Frage: Im O.nbsp;bleibt nebentonig of meist als o (S. 82); W. und Z. dürften ö und önbsp;zu Ü haben werden lassen: B schreibt immer u, auGer in Formen,nbsp;die von Stammbetonten beeinfluGt sein können: 25 ordéne „ordnet“,nbsp;52 formént, 86 dona, 88 plord, 107 coléir, 159 trovi^n usw. Nur 59nbsp;cosins (nfrz. cousin) ist so nicht erklarbar und hat vielleicht ö. Form.nbsp;Ratselhaft bleibt, warum der ö. Schreiber gerade hier die agln. Schreibungnbsp;meist beibehielt und sonst so oft anderte.

1

1) Und fami, fêmje in neuer Mundart (Osten) Herzog § 223, ALF 618.

2

Der Unterschied kann sehr alt sein; Kass. Gl. 78 porciu, 82 pUrcelli,

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112

III. Lautlehre. Nebenton vor Konsonant; b.

Ó Oral: B 7 si^cci^rs nfrz. secours (dissimiliert wie B 165 sij.mm^ns zu afrz. semons), 28 cururent, loi jtpencels, 128 st^ffrir.nbsp;Beachte den Reim R 209 porra: orra (audire habet), nfrz. pourra.nbsp;R schreibt sonst stets ou, auch 38 fourmez, nfrz. gelehrt formé. Esnbsp;reimt also wohl pourra mit orra; tourment, pourcel sind im Z, normal.

Bemerkung. Sórörem gt; serore(m) (Diehl 242) afrz. sereur ist vlat. Dissimilation; soleil(neben lautgesetzl. souleil, O. souloil), R 6%poli,nbsp;nfrz. probable (neben prouvable von prouver') usw. sind gelehrt; orgueilnbsp;(R 240) zeigt Störung (durch R?). Im übrigen erklaren sich: B 52, 89nbsp;formént nach fort, R 42 folages nach fols, portér nach il porte,nbsp;B 323 endormie nach dort (dormit); ostér nach foste, R 242 ordurenbsp;nach 235 ors horridus, ostel nach oste usw.; ocire (B 100 ocist, prov.nbsp;aucire) geht auf *aucidere (Prafixtausch nach auferre') zuriick. Denn

0 aus au bleibt auch im Z. auCer vor Vokal unverandert:

gt; /

O aus AV: B 86 de aüratus dorez, R loi auricula oreille,

18 aiisa(vi)sse(m) osasse.

\

O L: Da nach Vokalisierung von I gedecktes Ton-o mit ou aus Ó1 schon im XII. Jahrh. zusammenfiel (S. 82^), ist ein Gleiches für dennbsp;Nebenton anzunehmen: 9: R 324 voudriëz, R49 decoupée, o: cültellu(ni)nbsp;coutel, pülsare pousser.

Bemerkung. Pikardisch wird auch nebentonig öl zu au (S. 94), wahrend nebentonig öl wie franzisch ou wird. So steht in Bartsch-Aliscans 49 pourire (vgl. S. 104) neben 87 daurai (dplere aio).

Ó -j- N. Wie unter dem Ton hat folgendes n die Verschiebung von o zvL u verhindert, was sich aus der Nasalierung erklart. Wienbsp;ó n mag es ursprünglich geschlossen, und dann durch die Nasalierung wieder geöffnet worden sein. lm NW. wird für den sehr ge-schlossenen Laut ti geschrieben:

B 106 umblil, 164 cunseil, 145 dumel, 165 summuns, 329 bunt ei. Der Mundart des Abschreibers entsprechend findet sich o: 254 honur,nbsp;219 bonement, 297 nonains, 301 fontaine. Das nfrz. Ergebnis ist 3nbsp;oder entnasaliert o, auch für au: honteux, hoHnir (got. haunjannbsp;„liöhnenquot;).

Bemerkung. EinfluG der Umgebung ist besonders in den Mund-arten stark: n entrundet das o haufig: enotir, nasaliert: anour. Diese Formen finden sich in der Champagne (Christian) und sonst. Auchnbsp;homo on (Pronomen) wird zu en (R 177), non zu nen (R 370) mon zunbsp;men (Aiol), und ms, ts, sê sind heute die Formen des NO. (Herzog,nbsp;§ 517)- Zwischentonige Stellung mag oft der Ursprung sein: Biblenbsp;G. 2233 requen'éue und nun 105 quenoissent; trüncare, prov. trencar.

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II3

III. Lautlehre. Nebenton vor Konsonant; igt;, i.

afrz. trenchier (vgl. B 116) ist unerklart (REW)1). Über dangier, damoiselle, s. S. 94, vgl. dömesticu(m) damesche QLR 119. Beinbsp;choraula (.?) carole, R 1 querole sind Etymologie und Entwicklungnbsp;zweifelhaft.

Ö i. Hier gehen alle drei Laute zusammen: R 188 pötiéne(m) poison ,,Medizin“ gt;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(nfrz. gelehrt potion), cpgitare coidier

(cuidier nach cpgitat cuie ^ cuide), B 19 aücell-önes oiseltfn.

L, silbenanlautend n und Zischlaut binden i: dis-spoliare nfrz. dépouiller, üniöne(m) oignon (nfrz. orjo, joignons swai^o ist analogischnbsp;nach7ö2«j) pröpe-anum prochien, rvisz. prochain (0 statt ott na.ch proche).

VIat. A; Es bleibt in der Schriftsprache, von Beeinflussung durch vorhergehenden Zischlaut abgesehen, ist aber mit Ton-^r in Lothr.nbsp;und Z. heute stark nach s zu verschoben (schon Floov. 50 baichile'snbsp;= bacheliers, 99 chetiaus = ckastiaus). — In Teilen des Ostensnbsp;wird a vor gedeckt r zu s, gedeckt r hatte also tiefe Zungenspitze,nbsp;wenn nicht, wie heute, Zapfchen-z- vorlag. Es sind dieselben Gegenden,nbsp;die lautschwach r vor Konsonant aufweisen. Dial. Greg. 134 chergiernbsp;carricare; Bartsch 46, 32 merchiez (mèrcatus 1marcatus). —nbsp;Für moderne Dialekte vgl. Herzog, Dialekttexte § 172.

B 20 bari^n, 60 hardement, 106 mane ïpsu(m) maneis, 107 avant. Nasalierung vor gedeckt n: 6 Francheis, 109 ambedoi usw.

Nach Zischlaut wird d in freier Stellung zu e, der Zischlaut hob die flache Zungenstellung des a, war also noch nicht stark ein-gerollt. Folgte allerdings auf das a ein R oder /, so iiberwog dienbsp;senkende Wirkung dieser Laute:

Frei A nach Zischlaut: B 140 chevaleirs, R 33 cheveus nfrz. Jvalje, Jv0; jacere gesir, nfrz. sèziir mit gelehrtem Nebenton. Dagegennbsp;bleibt a vor R und 1: 1carónia „Aas“ charogne, calöre(m) chaleur,

Bemerkung. Nach unverschobenem k bleibt a in der Nord-gruppe: Auc. 2, 12 cdvidus, npik. kavce, Herzog 40, 52, wahrend Auc. 2, 24 cèvdl Mischform zwischen Franzisch (Rittersprache) undnbsp;Pikardisch ist; Aiol 2062 capfstru(m) kavestre\ vgl. S. 98.

Gedeckt A nach Zischlaut: B 139 chastel, 201 chasqun, R 53 chapel. —

damn-aticu(m) B 154 damages gt; afrz. (Christian) nfrz. dommage, Rundung durch m. Vgl. S. 94.

A i- B 2 Waiofarius Gaiffiers, 18 radiabat raiot, R 336 ratiöne(m) raison, racemu(m) raisin. Deckung vor n, 1 und Zisch-

1

Floov. 421 usw. troinche ist sekundar; vgl. 782 trainchant; oi diirfte sich dutch Rundung vor T| oder J erklaren (S. 110).

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;g

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114

lil. Lautlehre: Hiat.

laut; B 115 aignel (nfrz. ar\o), aliörsu(m) B 167 ailli^rs neben unerklartem ailleurs (nfrz. ajoeir), masticare maschier. — Diphthongkiirzung imnbsp;NO. und O: maxilla tnaisselle, B 309, 321 masselle,

Zu den Vortonvokalen vgl. S. Eckardt, Afrs. Vortonvokale.

Diss. Heidelberg 1904.

Bemerkung. Anlautende Vokale fallen nur irrtiimlich: So wird I'amie, m'amie (vgl. R 329) als la mie, nia mie getrennt. Dial. Greg,nbsp;schreiben veske für evesque, glise für église: Apharese durch Artikel,nbsp;wie sie noch heute in Volksfranzösisch und Mundarten bliiht. — R 86nbsp;samit (hexametu(m)) stammt bereits aus dem Italienischen: sciamito.

b) Vor Vokal. (Hiat.)

Im Afrz. gab es zahlreiche Falie von Hiat, d. h. der unmittel-baren Folge zweier (silbiger) Vokale. Hiat findet sich: In lateinischen Buchwörtern; pöéte (B 333), Trojanu(m) B 33 Tröïien, Christïanu(m)nbsp;Crestïien, und überall da, wo (meist zwischen Nebenton und Hauptton)nbsp;ein zvvischensilbiger Konsonant verstummt war; *vedlsti vHs, -e(b)amusnbsp;gt;¦ *-djamus -ziens

Im XII. Jahrh. ist dieser Hiat. noch tadellos erhalten, von Kurz-formen und Verschleifungen in Dialekten abgesehen. Unsere Texte liefern folgende Beispiele, die das Versmaü sichert:

I: B 187 espzie'r {nïrz. épier), 2oy edif Her nbsp;nbsp;nbsp;volkst; aigier),

276 guïeras; R 71 fioient (nfrz. rïaient), 92 espïer, 330 amerïiez.

U ]gt; y: B 65 riia] R 39 remilanz, 110 süeur, 233 criieus, 238 drüerie.

E; B 49 recreoient (nfrz. croyaient nach croit'e), I55 edage^ cage (age), 251 créi (crèd-I(v)it); R 74 feist (fit), 84‘vëu (vu), sëure-¦ment (sürement) usw.

Aus anderen Quellen stammt Hiatus-e in: B 31 caplëiz (-at-iciu(m)), 59 'éust (aus dust (h)abu(i)sset), 214 vëist (vïdïsset); R66 pëust (potu(i)sset) usw. — Nfrz. agréer {vgX.'R. 15) ist Buchwort.

O (aus ö, 5 und au) spater u (geschrieben ou): B 9 löez (loué), 160 pooit (nfrz. /öMonszV ist analogisch); R 162 pöosté^) (pótestate(m)nbsp;poes té), R 226 pr'óesce (prouesse), 316 'óir (ouir).

rc)tündu(m) dissimiliert vlat. zu rètündu(m), afrz. röond und rèond (rond), vgl. M. L. Einf. § 121; entsprechend rotündiarenbsp;r'öognier, rëognier, nfrz. rogner,

A: B 44 chduwe (cad-üta, franzisch chëue), iio chdu (cèd-ütu(m) chëu ]gt; nfrz. chu), B 231 pais, R 373 hdine.

Starke Spreizungen (i), starke Rundungen (y, u aus o) sind also im Hiat resistent: i verschmilzt nur mit folgendem i, schon im

‘) Zum Zwischenton vgl. Bible G, 358 Lótharingia L'óoregne.

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115

III. Lautlehre: Hiat,

XII. Jahrh. steht ameriez neben altem antefiies (vgl. Imperfektum). Spater wird i zum Diphthongbestandteil, schlieUlich zu j: viande (vjad)nbsp;iniette (mjst), nur in Verbalformen bleibt es silbig: rïaient, dochnbsp;verschleift auch hier schnelles Sprechen und Stellung: vous r'iez}, abernbsp;ne riez pas I

Auch bei u und y verschleift heute schnelles Sprechen den Hiat.: So wird man müet und mqs horen {La Muette, Schlööchen und Stationnbsp;in Paris, ausgerufen: la mqetl), jouer 3Üe und swe usw.

E ist folgendem Vokal assimiliert, 'é% wird zu e in règïna reine, nfrz. rsjn; nur in Verbalformen (Pras. und Impf.) schiitzt Analogie vor demnbsp;Einsilbigwerden. Für vëez (R 27) trifft man schon im XII. Jahrh. dienbsp;Kurzform vez. (Tr. Bér. 3794.)

A bereitet Schwierigkeiten: Zwar das ë der Verbalformen: 'éust statt dust, ch'éu statt chdu, wird man ohne Bedenken als analogischnbsp;nach é?-Stammen fassen: v'éti (R 84), das ja mit 'éu u. a. auch für dienbsp;Konsonanz vorbildlich ist: recïp-ütum hatte quot;^recevu ergeben müssen,nbsp;vgl. S. 141. Auch o-Stamme folgen diesem Systemzwang: R 66 pëustnbsp;aus pöust. — Ob aber der Wandel von Hiatus-a zu o analogisch ist,nbsp;fragt sich: Man kann öus für dus aus der i. Person oi (R 108, vgl. i. poi,nbsp;2. pods') erklaren. Dem folgte dann bëtis gt; böiis, dëus gt; döus. Dochnbsp;erscheint o auch aufierhalb der Konjugation, sei es, dafi ein o folgt,nbsp;pavöne(m) gt; pdon poon, pèvöre(m) paour gt;/óöwz'(beide nach pl),nbsp;sei es, daö a folgt: Nötalis für Natalis findet sich schon im VIII. Jahrh.nbsp;(M. L., Frz. Gr. § 228) (afrz. Ndel und N'óel)^), nótare für nètarenbsp;ebenda (Reich. Gl. 1131) (afrz. n'óer); satüll-are zeigt in den Dial.nbsp;Greg, folgende Formen: S. 102 soeleirent, 142 sooleir neben 108nbsp;seelhioient, also sich kreuzende Beeinflussungen von Nebenton,nbsp;Zwischenton und Hauptton (satüllat sdole)\ a(u)guriu(m) ist dur, dannnbsp;aber auch dur neben ëur, welch letzteres sich aus zwischentonigemnbsp;Gebrauch in b'on ëur, mal ëur (vgl. S. 122) erklart. So ist die Rundungnbsp;von Hiatus-» zu o eher als Assimilation (vor o) oder Dissimilationnbsp;(vor a) erklart, als daB man alle Falie auseinanderreifit und einzelnnbsp;deutet. Dialektisch findet sich auch Assimilation und Dissimilationnbsp;von Hiatus-^: aetate(m) f/wird zu de, aetat-icum zu dage, deretr-anu(m)nbsp;de(r)erain (vgl. S. 167) zu dderain usw. Überhaupt ist die Resistenznbsp;vortoniger Hiat-Vokale assoziativen Einflüssen gegenüber sehr gering.

Auch vor gespreiztem Tonvokal ist die Entwicklung von Hiatus-» nicht ganz durchsichtig: hdine gt;• haine (nfrz. em) scheint normal,nbsp;dann ist pègë(n)se(m) pdis, nfzr. pei und peji aus dem Bestreben zu

‘) Keltizismus, oder Anlehnung an novuB wurden behauptet. Vgl. M. L., Zt. 40, 1920, 601. Eckardt S. 59. ALF 914; s-Formen im O. und SO.

8*

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116 III. Lautlehre: Hiat.

erklaren, Stamm und Endung zu scheiden (Herzog 31, 46 pel), vgL nfrz. naif, envahir. Wie kaine entwickelt sich adiütet aiut )gt; aitnbsp;(R 341 nach aidier) )gt; aft. (Pathelin 56.) Die Entwicklung von B 206nbsp;gaignier (179 gdeignable) zu nfrz. gagner versteht sich aus stamm-betonten Formen: gadgne )gt; gagne. (Vgl. R 127 gaaigné)

Schrifteinflufi halt den Hiat bis heute in: ^(u)gdstum, nfrz. au neben u; (ALE 47), flagéllu(m) nivz. fléau (ALE 580, meist fló)\ die Mundartennbsp;des NO. und O. sind konservativ, tilgen den Hiat auch mit j resp. w(NO.nbsp;flajo, wall, flowe = jiéati). — Zum Hiatus-/ vgl. sagitta sdete, R 104nbsp;saiéte, aber 276 metaerk ,,Pachterei'‘ ]gt; ,,Elegelei“, nfrz. métairie (vonnbsp;nietëier med(ie)tat-ariu(m) „Mittlerquot;, „Pachterquot;) und S. 155, 163.

Bemerkungeil. Afrz. rdine (règïna) (O., Christian) neben rUne (M. Brut, Tr. Bér.) ist von roi beeinflufit. — Nfrz. Hesse, afrz. l'éessenbsp;(R 56) von laetus liez beeinflufit. — Der Reim R 395 crïa (crèavit):nbsp;y a zeigt eine Dissimilation, die in Lehnwörtern vorkommt: lèöne(m)nbsp;lion, pèdöne(m) pion. (M. L., Erz. Gr. § 138.) — Seltenes -dón wurdenbsp;zu a: pavöne(m) pdon gt; pa; LügudOnu(m) afrz. Loon Ldun, nfrz.nbsp;Laon (La).

Die allmahliche Kontraktion des Hiats konnen wir an Schreibungen und Versmafi verfolgen: B zeigt bald zweisilbiges (135) bald drei-silbiges (34) Troiien (Doppel-Hiat), viaire ,,Ansichtquot; ist B 271 zweisilbignbsp;(: maniere), M. Brut 3183 aber noch dreisilbig (: faire). Die un-bekannte Herkunft des Wortes verbietet Schliisse. Der erste Teil dernbsp;Rose verschleift den Hiat nie; der zweite sichert rond und andere.nbsp;Langlois I, S. 279. Bis ins XIV. Jahrh. hinein wird von den Kunst-dichtern Hiatus im allgemeinen gewahrt: Verschleifung ist noch beinbsp;Eroissart (Mél.) groGe Ausnahme.

Zu gleicher Zeit zeigt die Schreibung, daC die Verschleifung in den Mundarten in vollem Gange ist. Die Nordgruppe geht auch hiernbsp;voraus: QLR hat S. 28 jèjunavit junat für alteres fèunat, 127 rè-tündum riind statt r'éónd, 182 rècïpüisse(m) rechusse statt rec'èusse,nbsp;212 dèbuissent dussent statt d'éusseni usw. — Die grobdialektischenbsp;Venus zeigt ein gleiches, nun auch durch Versmafi gesichert: Str. 43nbsp;den Zehnsilbler: Quant a li pens, se ie le peusse vir — statt p'èussenbsp;vëir ,,wenn ich sie sehen konntequot;, sie schreibt und mifit Str. 184 recrantnbsp;für recréant (rècredénte(m)). Also immer è im Hiatus. Die Kunstdichternbsp;folgten vermutlich hier einer Tradition, mit der erst Charles d’Orléansnbsp;zu Anfang des XV. Jahrh. brach. Der Prinz, literarisch effenbar wenigernbsp;gebildet, weniger sorgfaltig reimend, wie beispielsweise der jüngerenbsp;Villon, verschleift den alten Hiat in der Mehrzahl der Falie, undnbsp;ebenso nun die dramatische Literatur seiner Zeit.

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117

III. Lautlehre; Zwischenton und Pïnaltima.

2. Zwischenton und Panultima: Prinzipielles.

A. Darmesteter (Ro. 5, 140) hat erkannt, dafi der zwischen Nebenton und Hauptton stehende Zwischenton ( ) im Frz. gleichen

Gesetzen folgt wie der Nachton(o): ala éle aniaritüdine(m) hmertume: a hatte zwischentonig wie als Ultima eine Hebung und blieb afrz. als e; silben-anlautende Konsonantengruppen (M. c. L.) stiitzen Zwischen- und Nachton:

00

patre(m) pére; bei daktylischem Rhythmus {—^) hat eine der unbe-tonten Silben eine starkere Hebung und bleibt afrz. als e: èntecessore(m)

nbsp;nbsp;nbsp;/ o onbsp;nbsp;nbsp;nbsp;o

ancessour, — pülice(m) nbsp;nbsp;nbsp;Der Rhythmus wird trochaisch.

Das Verstummen des Zwischentons wie dasjenige der Panultima (Synkope) entwickelt sich demnach parallel, zumal in der Konjugationnbsp;dieselbe Silbe bald zwischentonig, bald vorletzt ist: caballicare caballicat.

Diese Synkope zwischentoniger und nachtoniger Vokale fallt in die gleiche Periode wie das Stimmhaftwerden intervokaler VerschluClaute:nbsp;-ata wird galloromanisch zu -ada, die Stimmbander schwingen durch,nbsp;statt für t abgestellt zu werden. Ein Überwiegen der Dauer wie desnbsp;Drucks gehobener Silben bedingt die Schicksale intervokaler einfachernbsp;Konsonanten, wie zwischentoniger und nachtoniger Vokale. Diesenbsp;Entwicklung fallt also auch in die gleiche grol3e Periode wie die Langungnbsp;und Diphthongierung freier Tonvokale: Die Synkope der Panultimanbsp;ist im allgemeinen jiinger als die in ihren Anfangen ja noch vlat.nbsp;Diphthongierung von frei e und o: pedica piege (piedso), also:nbsp;pljdsjga gt; pied(3)ge, nicht pedjga (doch vgl. Ausnahmen M. L., Frz,nbsp;Gr. § 122); sie ist aber alter als die Diphthongierung von frei ? und onbsp;und die Entwicklung von a zu dëb(i)ta dete, düb(i)tat dptet,nbsp;sap(i)du(m) sade^ (und nicht deite, doutet, sede).

Nun war die Langung freier Tonvokale eine Folge neuer Rhyth-tnisierung des VVortakzents: pe in pejde|go war gelangt und gleicher Dauer wie deb:- in deb:|ta. Man sieht nun deutlicher, wie diese Rhyth-misierung vor sich ging: Sie verschlifif unbetonte Silben, um kurzenbsp;nebentonige mit langen haupttonigen Silben, resp. diese mit gestiitztemnbsp;Zwischen- oder Nachton, mit zwischentonigem Oder auslautendem anbsp;trochaisch oder jambisch alternieren zu lassen. Zeitweilige Ersatz-dehnung deckender Konsonanten wie im Nfrz. ist anzunehmen. Dernbsp;daktylische Rhythmus wurde dadurch auf P'ormen (chdnterïiéns),nbsp;Kompositen (èscolorgiér) und Buchwörter (Eul. èmpedeméntz, virgimtéi)nbsp;beschrankt. Zu èmperëóur vgl. M. L., Frz. Gr. § 130.

Die Anfange der Synkope der Panultima gehen ins Vlat. zuriick. Vgl. oben S. 55. Meist standen damals synkopierte und unsynkopiertenbsp;Formen nebeneinander, wie z. B. noch it. calmo (cal(a)mu(m)) neben

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lil. Lautlehre: Zwischenton und Panultima.

sp. ptg. cdlamo — afrz. colp, it. colpo (col(a)phu(m)) neben prov. colhe (p wurde also noch intervokal zu ó) stehen. Der Grund dieser Doppel-formen beruhte auf sozialer Schichtung; Gebildete (vgl. die Lehrennbsp;der Appendix) sprachen colapo, Ungebildete colpo. Aber auchnbsp;Tempo und Stellung wirkten mit, man sprach dominus und verschliffennbsp;domnus: vgl. im Deutschen: ,,Die Qual ist keine éwige“, aber „Bleibnbsp;du im ew’gen Lében“. Es handelt sich also bei calmu(m), colpu(m),nbsp;domnu(m) usw. nicht um Beispiele neuer Rhythmisierung, sondern umnbsp;Schnellsprechformen.

Gier ach, Synkope und Lautabstufung, Bh. Zt. 24, S. 14.

Gerhards, Synkope des Panultimavokals, Bh. Zt. 55, S. 56.

Die Synkope war also ein langsamer, aus mehreren Ursachen stammender, ein Jahrtausend und darüber dauernder ProzeG, bei demnbsp;nun weiterhin auch die lautliche Umgebung fördernd oder hemmendnbsp;gewirkt zu haben scheint: Diese Wirkungen hat vor allen Gierachnbsp;im oben genannten Werk studiert und Folgendes aufgestellt: i. Zwischennbsp;einfachen VerschluGlauten gleicher Artikulation ist die Synkope gemein-romanisch (§ 24): nitidu(m) it. netto, sp. neto, frz. prov. net (dochnbsp;vgl. REW). 2. Auch bei gleicher Lautstufe ist die Synkope gemein-romanisch (2 Stimmlose, 2 Stimmhafte, 2 Reibelaute), wenn der erstenbsp;Konsonant ein palataler oder labialer, der zweite ein dentaler Konsonantnbsp;ist (§ 32): cömp(u)tare it. contare, sp. ptg. prov. contar, frz. contcr.nbsp;3. SchlieGlich hatten M. L. (Ro. Gr. I, § 336) und Neumann (Zt. XIV.nbsp;560) schon vermutet, dafi vor auslautendem -a die Synkope vonnbsp;Panultima -i besonders früh war: cübitu(m) code, aber dëbita dete]nbsp;-aticu(m) -age, aber *natica nache. Wo ein voller Vokal im Aus-laut stand und ein schwacher in der Panultima, ware also trochaischernbsp;Rhythmus eher eingetreten wie bei -o oder -e. Doch ist diese Be-obachtung nicht streng beweisbar und hat starken Widerspruch ge-funden: Vgl. Bartsch, Renart 497 *naticas nages: gages-, es sind alsonbsp;auch mundartliche Verschiedenheiten vorhanden! (Vgl.M. L. Zt. VIII, 233.)

Aus dem Gesagten ergibt sich also, daG die F rage der Synkope untrennbar ist: Von der Frage der Stimmhaftwerdung intervokalernbsp;stimmloser VerschluGlaute. (Neumann-Gierach’s „Lautabstufungquot;.)nbsp;War die Synkope früh, so unterblieb die Sonorisierung. Stimm-losigkeit überwog dann, wie auch die Reiheiifolge der durch die Synkopenbsp;zusammentretenden Konsonanten war: *nat(i)ca nache, nïtida nete,nbsp;péd(i)tat pete (Gierach § ll, § 24). — War die Synkope spat, sonbsp;waren die intervokalen VerschluGlaute (vermutlich c zeitlich vor i}nbsp;bereits sonorisiert, in gewissen Stellungen verstummt^).

') Nachtonig -agu: Ricóm(ag)u(m) Itiom, sarcöpb(ag)u(m) sarcou..

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III. Lautlehre; Zwischenton und Panultima. 119

So kommt es zu dem eigenartigen Ergebnis, daC afrz. Lehnworte Sonorisierung oder gar Schwund von Konsonanten zeigen‘), Erbwortenbsp;mit gleicher Lautfolge aber nicht, — Nun hatte A. Horningnbsp;schon gezeigt, daö im Osten lautchronologisch-mundartliche Unter-schiede bei der Synkope mitwirkten ^). Diese Feststellung wurde vonnbsp;E. Seifert, Zur Entwicklung der Proparoxytona auf -^ite,

-'-ifu im Galloroni. (Diss. Berlin 1919) dahin erweitert, daö bei diesen Endungen wie bei denjenigen auf -^ice, -^ica, -‘icu prov. siidwest-französ. und frkoprov. „Synkope auf stimmhafter Basisquot; (spat), „frz.nbsp;auf stimmloserquot; (friih) stattfand. Und diese Feststellung legt die Vei-mutung nah, daft die Reihenfolge; Sonorisierung, Synkope —nbsp;Oder — Synkope, Sonorisierung — auch sonst dialektisch ver-schieden vor sich ging. — Deshalb ist Gierachs Zweifel an dernbsp;Regelmaöigkeit der Entwicklung -aticu(m) gt;gt; -adege )gt; frz. -age^), wegennbsp;frkoprov. -ajo, prov. -atge (§ 96, S. 136) unbegriindet, well diese Aus-gange offenbar chronologisch verschieden synkopierten. Aber auchnbsp;alt- und neupik. -ache riickt nun in ein anderes Licht: Man erklartenbsp;-age aus -aticu, -ache aus -at(i)ca. Aber frühe Synkope ergibt auchnbsp;aus -aticu gt;• -atge )gt; pik. ache^ wahrend gerade -atica pik. unver-schoben bleiben müfite, vgl. pertica perke (Horning, Zt. 27, 234).nbsp;Die Entwicklung kann etwa die folgende gewesen sein, wobei die spatenbsp;(gelehrte?) Synkope im Frz. auffallt:

-aticu(m)

atigu (c chronologisch vor t sonorisiert, M. L., frz. Gr. § 128)

Zentrale Gruppe

-adiau nbsp;nbsp;nbsp;.

” Mrkoprov. -adiu ^ ajo.


Periphere Gruppe


/prov. -at3e


-at(e)ge nbsp;nbsp;nbsp;7^

^ ^ \pik-at|e


Umgekehrt entsprechen franzisch stimmlosen Formen in Dialekten stimmhafte (vgl. tiage) Varianten: jatte (gab(a)ta) im Westen jad(e)nbsp;(Rabelais I 39 Jadeau)-, basocke (Basil(i)ca) im S. und W. basoge;nbsp;Diemenche (Dominica an dies angelehnt) entspricht im Osten dieniengenbsp;(Dial. Greg.); eradicate esrachier, B 377, 379 esrajier; aber *plüm-bicare ploftgier, O. plonchier (Po. Mo. 80a). Für die -t-Formen vgl. die

1) nbsp;nbsp;nbsp;principe(m) gt; *princi(b)e prince, sapi(d)u(m) mhe Oder sage (M. L,, Frz., Gr.nbsp;§ 119, 125) nebetr erbwortlichem sade, Vgl. Horning, Zt. 15, 493 ff. Die Erscheinungnbsp;ist in ostl. Dialekten weitergehend, tepi(d)u(ni) ergibt dort teve (erbwortlich ti'edi), male-habi(t)u(m) maleve usw. Siehe auch M. L. in Z. F. S. 44, 88.

2) nbsp;nbsp;nbsp;M. L. lafJt -adi(g)u ZU -adiu werden; aber frz. wird aus intervokal d i nienbsp;Zischlaut) sondern immer Reibelaut mit tiefer Zungenspitze. Vgl. das frkoprov. -ajo,nbsp;das auf -adiu beruhen diirfte. Gage ist also wadiu(m) (Reich. GI.), aber mit Anlehnungnbsp;an plege (germ, plewi ,,Haftung^‘), vgl. Bartsch 12, 17 ff. gwage ... plege nebeneinander-.

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III. Lautlehre: Zwischenton und Panultima.

gen. Dissertation von E. Seifert; zu den ö. Dialekten A. Horning, Die Behandlung des /at. Proparoxytona in den Vogesen und imnbsp;Wallonischen. Programm, Lyzeum, StrGbg. 1902 und Zt. 27, 233.

Ob das Urteil: chronologisch verschiedene Synkopierung infolge laut-licher Verschiedenheit und dialektischer Sonderentwicklung geniigt, urn alle Erscheinungen zu erklaren, bleibt Ansichtssache. Die noch vielfachnbsp;vertretene Anschauung, daft Konsonanten im Anlaut der Tonsilbenbsp;zur Stimmhaftigkeit, nach der Tonsilbe aber zur Stimmlosigkeitnbsp;neigen, würde sich aus der Rhythmisierung des Spatvulgarlateinischennbsp;und Galloromanischen versteken lassen; Die Tonvokale in freiernbsp;Silbe wurden gelangt. Deckende Konsonanten mochten also dernbsp;Lange des zweiten Diphthongbestandteils entsprechen: pi in pe-de-go,nbsp;deb:- in deb:|ta waren gleich lang (vgl. nfrz. ra:3 aber fad:). Nunnbsp;besteht ein Verschluftlaut aus: i. der Schlieftung der Organe,

2. nbsp;nbsp;nbsp;einer Pause, die naturgemafi bei Stimmhaften stimmschwach ist,

3. nbsp;nbsp;nbsp;der Explosion, d. i. der Lösung des Verschlusses. In debjta wurdennbsp;für b die Lippen geschlossen (Implosion), in stimmlos gewordenernbsp;Pause der t-Verschlu6 (Zunge, Zahne) gemacht und gesprengt: Dienbsp;Langung des b (nur eine Langung der Pause ist möglich) fiihrtenbsp;wie jede Pression bei Verschluftlauten zur Stimmlosigkeit. Diesenbsp;Langung trat aber nur nach der Tonsilbe ein, so daft dübitarenbsp;sehr wohl 1dobder, aber düb:tat 1dop:te ergeben mochten^). In einernbsp;spateren Periode (S. 139) wurden dann die deckenden Konsonanten

* verkiirzt und verschliffen (1dop:te gt;• dote), vermutlich eine Folge beschleunigten Tempos. Zwischen den konsonantisch ablautendennbsp;Formen wurde ausgeglichen: 1 doder wurde nach dote zu doter. Dernbsp;Ausgleich mag dialektisch verschieden gewesen sein, so daft zwarnbsp;afrz. venge : revenge oder venche : revenche reimen, aber nfrz. vengernbsp;neben revancher steht,

Eine Entscheidung, ob die Stellung zum Akzent in der geschilderten Weise mitwirkte, oder gar hervorragend an der Entwicklung beteiligtnbsp;war, ist nicht zu fallen. Man sieht nur, wie stark die treibenden

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Sonorisierte neben unsonorisierten Formen im gleiclien Schriftwerk sind mehrfach nachweisbar (Argument gegen die blofie Mundartentbeorie). So bat die Rose sübit-inu(m)nbsp;soudain, aber subit-as soutes, das mit langoutes reimt (Langlois I, S. 279). — Sie reimtnbsp;vengitr mit dangler, aber venche mit detrenche (ebenda S. 262, 3). Das Nebeneinandernbsp;kann sekundiir sein, als Resultat von Ausgleich zwischen Mundart und Schriftsprache,nbsp;zumal vengier isoliert neben zahlreichen stimmlosen Beispielen (venchicr und revenchUr)nbsp;steht. — Dagegen spricht Reich. Gl. 437 carcati (Latinismus ist unwahrscheinlich, danbsp;das Wort nicht klassisch ist) fiir dialektisch friihe Synkope: Noch heute lautet carricarenbsp;im NO. (der vermutlichen Heimat der Glossen) ksrké (ALF 239). — Für die Walloniënbsp;stimmen die erwahnten nage, diemenge, esragier gut zusammen und zeigen im O. spatenbsp;Synkope (vgl. die Horningschen Nachweise); plonchier (Po. Mo.) ist also Pikardismusnbsp;Oder uberfranzisch. — Das Zentrum ist seiner Lage entsprechend sehr uneinheitlich.

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I2I

III. Lautlehre: Zwischentoa und PSnultima.

Krafte in der letzten Kaiserzeit und der Merowingerzeit waren, und ahnt, daC das mundartlich so wechselvolle Bild von den Verkehrs--hemmungen jener Periode nicht unabhangig ist, eine ebenso interessantenbsp;wie im einzelnen unentwirrbare Sachlage.

Zur Chronologie: Nachton: vgl. Pirson, Ro. F. 26, 833, anno 617 Sequena fiir Sequana, VIII. Jahrh. Segna afrz. Seigne.nbsp;Reich. Gl. 845 aldipem (lat. alipem): alaves. Dies ist 1 2alapas (REW)nbsp;Rol. 1605 alves gleichsam „Sattelflügel“, 526 seperat (séparat), 821nbsp;cymbalis: cymblis, also Schwachung neben Schwund infolge vonnbsp;Tempo- Oder Stellungsunterschieden. — Zwischenton: Reich. Gl. 829nbsp;avortetiz (2abortatIcius) aber 1019 carcatus (aus carricatus). Vgl.nbsp;Hetzer, § 20 ff., § 25 If. —

Die Assibilierung und Dehnung von ce, ci gt; tsie, tsii bietet, wenn e, i zwischentonig oder vorletzt sind, das gleiche Problem;nbsp;fdcere faire u. a. werden gestützt durch cicer ceire (M. L. REW).nbsp;Fall der Panultima vor der Assibilierung scheint die einfachste Er-klarung: fac(e)re gt;gt; faire wie factum gt; fait. — facimus faimes,nbsp;facitis faites können dann analogisch aus 2faismes, 2fuistes erklartnbsp;werden, oder sind auch normal, Denn vor m ist das Alter dernbsp;Synkope ebenfalls fraglich, da fiir decima sowohl dime wie dismenbsp;vorkommen. Gierach erklart dime fiir sekundar und denkt nichtnbsp;daran, daC Ultima-a nach seiner Theorie die Synkope beschleunigtnbsp;haben kann, also sehr wohl dime lautgesetzlich neben 2faismes stehennbsp;konnte‘); disme erklarte sich dann nach dis dece(m). Dagegen ist vornbsp;n, 1 die Assibilierung sicher alter als die Synkope: cicinu(m) cistte,nbsp;gracile(m) graisle. — Halt man sich aber an die Chronologie, sonbsp;scheint die Annahme einer der Assibilierung von ce, ci vorausgehendennbsp;Synkope fraglich. Vgl. S. 156.

Neben ündeci(m) onze, d(u)odeci(m) (vgl. Reich. Gl. 696 domilia) B 374 di^ze steht (monasterium) scti. Jodoci St. fosse. M. L. nimmtnbsp;an, daG undecim onze lautgesetzlich ist^) und daG doze statt 2dossenbsp;(vgl. fosse) sich danach richtete. Vgl. Einf. § 26. In der Tat stehtnbsp;nach ALF 424, 943 usw. in einem groGen Teil des Languedoc: ünze,nbsp;khize, katorze neben dutse. Allerdings darf nicht vergessen werden,nbsp;daG zwei (die Einzigen?) Ortschaften St. fosse auf pik.-wall. Gebietnbsp;liegen, dort aber schon im Afrz. stimmhaft z und stimmlos s mit-einander verwechselt wurden®); heute aber der sekundare Auslaut

1

*) Gierachs Einschrankung der Wirkung des -a auf gewisse Konsonantengruppen {S. 171) ist doch wenig wahrscheinlich.

2

Vgl. B 145 dtfnzel fiir doncil, wenu nicht nach dameizelle.

3) Aiol 296 baisUs fiir balssia, 385 Hssant „lesendquot;, 554 dessirée fiir desiree, 718 fausee usw.

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122

III. Lautlehre-. Zwischenton.

durchaus stimmlos ist, und allerorts an der deutschen Grenze 3s und dus auch bei Gebildeten anzutrefifen sind! Doch dürfte rad(i)cïnanbsp;racine (afrz. also ratsine) M. L.’s Erklarung sichern.

5. Der Zwischenton: Binzelnes.

Wahrend die Panultima urfrz. (vgl. Appel, § 41a) bedingungslos verstummt, halt sich der Zwischenton in folgenden Fallen: Zwischen-tonig lat. a bleibt afrz. als e; M. c. L. stützt als silbenanlautendenbsp;Konsonanz den Zwischenton; folgende mehrfache Konsonanz deckt ihn;nbsp;von zwei zwischentonigen Vokalen ist der jeweilig schwachere gefallen.

Dies zwischentonige ^ wird vor i zu das sich mit betontem ei (auGer im W.) zu oi weiterentwickelt. Folgender palatalisierter Kon-sonant hebt e zu i\ i findet sich lautanalogisch auch sonst imnbsp;Zwischenton (B 262 orison, vgl. S. 123).

Beispiele: «) Lat. zwischentonig a gt; afrz. e-. B 35 Pictavïni Poetevin, 77 fèra-ménte fierement, 276 witare as gui'éras; in 253 divin-at5re(m) devinèor ist i statt e analogisch nach devin. — Dies e ist noch afrz.nbsp;verstummt: Ch. d’0. braucht bald dreisilbiges serement (sacraméntu(m)),nbsp;bald serment. B 93 sevreie (sèparata), 375 mïrabïUa merveille zeigennbsp;besonders friihes Verstummen; Bei sevrer kann Systemzwang mit-wirken, da das a in séparo als Panultima fiel, sevre also normal ist.nbsp;Doch ist der Schwund nicht urfrz., wie dreisilbiges severer (St. Thomas,nbsp;S. 182, V. 5154) sichert; marevalle kommt EzechielS. 13 vor.

§') Nach Muta c. L. Stütz-e: latrocïniu(m) larecin nfrz. larcin, *nütritüra norreture] nfrz. nourriture folgt nourrir. Da nun der tonsilben-anlautende Konsonant stimmlos blieb, nimmt man an, daü das Stiitz-^nbsp;sich spater entwickelte, und urspriinglich sonantisches rim Zwischenton stand; ladrtsin, nodrture. Doch kann in norrettire das Suffixnbsp;-ture (aventure) eingeführt worden sein; bei anderen blieb die Kom-position gefühlt. Vermutlich besteht die ganze Gruppe aus Buchwortennbsp;(larecin Justiz, norreture afrz. volkstümlich: viande). Zur Theorienbsp;sonantischer Liquida in Zwischen- und Nachton vgl. S. 126.

y) Folgende mehrfache Konsonanz deckt; R 169 volüntate(my voleiité; Floov. 99 velonté, nfrz. volonté ist Latinismus; cörruptiarenbsp;corecier; corocier folgt coroz; *süspectiöne(in) sospegon. Vgl. d: t -f- i.nbsp;Wo die Doppelkonsonanz verschliffen wird, verstummt dies e schonnbsp;afrz.: corcier findet sich Venus 81, vgl. nfrz. soupgon. — Vorher-gehende Konsonanz (auGer M. c. L.) hielt den Zwischenton nicht,nbsp;die Konsonanz wurde zur Nebentonsilbe gezogen und alsbald erleichtert:nbsp;*bèrbecariu(m) bergier^), bèrbeclle berzil O. Ps., Bartsch 13, 41.nbsp;frrmitate(m) ferté (fermeté nach ferme), tèstiméniu(m) tesmoin

St. Thomas Vers 97 bercher, NO. bsrkjs, bsrke (ALF 128).

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123,

III. Lautlehre: Zwischenton.

(vgl. gelehrt: testemonie: folie^ St. Thomas, S. loi); dömini-céllu(m) dhmeisél neben doncel erklart sich aus vlat. daktylischer Form nebe»nbsp;der alten Kurzform dómnicéllu(m), vgl. nfrz. mademoisélle und mdmzélle;nbsp;in esperon, esporon (sporon) entspricht o altem urfrz. Nebenton.

J) Vor folgendem Konsonanten i; Zwischenton vor -ti-fallt: pkvii.tiönQ{va) pargon; bleibt als e vor Kons. ti: *süspectiöne(m) sospegon, cum-in(i)tiare comencier; zwischentonig a wird ei: óratiönemnbsp;oreison, orison, B 181 veneis^ns, R 112 pasmoison: i trat also nurnbsp;liber einfache Konsonanz in freie Silbe iiber. .

-ci-: Códiciacu(m) Bible G.410 Cousi, Dómiciacu(m) Bible G. 44O' Donzi; nfrz. hérisson, afrz. erigon, iregoti stammt also von unbelegtemnbsp;*eriz *erlciu(m) und nicht von *ericiöne(m) (S. 109), menacer von menace.

-si-: öccasiöne(m) acheison, achoison, achison (Prafixtausch), pèrtusiavit perga (B 53 percha) (trotz per tuis).

-ri-: materianie(n): Pirson 26, 20 matriamen ,,Zimmerholz“ mairien (QLR).

-ni-: waidani-are B 206 gaignier, vgl. S. 116, campaniölu(m) champignuel, Suffixtausch ergibt nfrz. champignon. Champenois (Biblenbsp;G. 471) ist also altes Campaniscus und nicht von Champagne ausnbsp;gebildet. Bürgtlndiöne(m) Borgignon, Flaviniacu(m) Bible G. 407nbsp;Flavigny u. a. zeigen, daC n auch in dieser Stellung i bindet, undnbsp;hierdurch gelangt, den Zwischenton deckt. — d6m(i)niariu(m) dangler,nbsp;döm(i)niöne(m) donjon haben also der n-Palatalisierung vorausgehendenbsp;Synkope des Zwischentons; auch die Entwicklung yon mn gt; m mufinbsp;alter sein als die Entwicklung von mi, ni, da nur mi Zischlaut (n3)nbsp;gibt, ni aber i] (vgl. S. 175).

-li-: quot;'tripaliare travillier (R 310 travaillier nach travail), Castelliöne(m) Bible G. 369 Chasteillon, Chdtillon, papiliöne(m)nbsp;pavilion, -li deckt also wie -ni, im Gegensatz zu t, c, s, r -f i. ^nbsp;e) Zwei Zwischentonvokale (Daktylusverschleifung): para-

verëdu(m) palefroi^ cèballicare chevalchier {a nach chevalche),^ *auctori~

.. nbsp;nbsp;nbsp;..nbsp;nbsp;nbsp;nbsp; nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp; i-

care otreiier, otroiier; approximare aproismier; — antecessore(m)

ancessour, A(u)gustodünu(m) Ost'éun; ¦— *paramentariu(m) Rou 4337' parmentier.

Es weicht also; Der i. Vokal (aufier a) dem 2.; ungestiitzter Yokal (auch a) dem gestiitzten oder gedeckten. Zur Chronologie;nbsp;improm(u)t(u)are: Die Reich. Gl. 758 schreiben inpruntare emprunter.

Q Vor einfacher Konsonanz Synkope (vgl. d -ti- bis -ri-): B 206 sèminare semeir, finif-aio finrai, para(b)olare parler. —nbsp;ministériu(m) R 312 mestier, *mónistériu(m) mostier (nfrz. moütier)nbsp;gehen auf urfrz. Schnellsprechformen zuriik, in denen noch n vor a

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124

III. Lautlehre: Ultima.

schwand. Vgl. dagegen mïnisteriale(ni) afrz. menestrel „Spielmannquot;', aus dem prov. menestral; nfrz. ministère, monast'ere, B 137 sevelir usw.nbsp;sind Latinismen; finirai und andere Futura der i-Konj. folgen analogischnbsp;dem Infinitiv.

Bemerkimg. Der Zwischenton ist fast immer analogischen Ein-flüssen ausgesetzt. Vgl. bei villan-ïa: lautgesetzl. vileme{R 324), vilainie nach vilain, vilanie (R 220)-ist Latinismns, vilonie folgt felonie, simonie.

4. Die Ultima.

Auslautende vlat. u, ui, ï blieben als Diphthongbestandteile oft erhalten. Vgl. oben S. 56, 65, 67 usw.

Im iibrigen ist im Französischen die Ultima heute verstummt. Aber der Prozefi ist ein viel langsamerer gewesen als die Synkope dernbsp;'Panultima, und die südlichen Dialekte artikulieren das „e sourdl' heutenbsp;noch voll, Oder halten a: Vgl. die Karten von K, Tam sen, Auslautend anbsp;im Jahrbuch der Hamburger wissensch. Anstalten XXXII, 1914, 6. Bh.

Die Hauptstufen sind die folgenden: In den Reich. Gl. erscheint a schon haufig als e, gedeckt wie ungedeckt: 805 in gule (gula),nbsp;1122 anoget (g = j, inodiat), 1142 calves (calvas) sorices.

Die anderen Ultima-Vokale sind in Paroxytonis (auCer nach M. c. L. und Zischlaut) bereits verstummt: 829 avortetxa *abortati'cius; —nbsp;wo Vokal geschrieben wird, ist die Schreibung buntscheckig: e erscheintnbsp;als u Oder i, o als i usw.; sie lauten also nicht mehr und werdennbsp;falsch analogisch geschrieben.

Dagegen fehlt ein Zeichen nie, wo wir im Frz. ,,Stiitz-^“ finden (Hetzer, S. 77), aber Schwanken in der Wahl des Zeichens zeigt, daCnbsp;Schwachung eingetreten war: So in der 3. Plur.: persuadunt statt -ent,nbsp;consistent statt -unt. Ein solches Stütz-^ zeigt das Afrz. noch: i. innbsp;lat. Proparoxytonis: hómine(in) home, 2. nach M. c. L,: patre(m)nbsp;pe-dre, 3. nach Kons. Zischlaut: sororiu(m) ,,Schwager“ seror-ge,nbsp;.somniu(m) son-ge, 4. zum Teil nach Doppelliquida helmu(m) helme.

In den Eiden sind alle auslautenden Vokale bereits auch in der Schrift gefallen, auCer a und den genannten Ausnahmen: amur, xpiannbsp;{'= Christian), savir (*sapére) usw. Wie in den Reich. GI. schwankt dienbsp;Bezeichnung des Stiitz-?; fradre steht neben fradra, Karlo neben Karle.nbsp;Auch bei -a schwankt die Schreibung; dunat, a(d)judha, cadhuna stehennbsp;neben faz amp; (fazet) faciat, so daC man an der Lautung -a (vgl. fradra!)nbsp;zweifeln darf; e war wohl noch nicht erreicht und der Laut graphischnbsp;schwer fixierbar. Auch mag Absicht etymologisierender Schreibungnbsp;Xpoblo, Karlo) die Unsicherheit erhöht haben. — In der Eulalia schlieG-lich wird, von ein paar Latinismen abgesehen, nur noch e geschrieben,

Stütz-^ bleibt also nach M. c. L. Allerdings scheint die Vokali-sierung von c vor 1 — und g vor r alter zu sein als der Fall der

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125

III. Lautlelire: Ultima.

Ultima, der also durch M. c. L. nicht mehr verhindert werden konnte: intëgru(m) entir, nigru(m) R 244 noir\ veclu(m) vieil, -iclu(m) -eil,nbsp;penc(u)lu(m) R 283 peril, -aclu(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;— aire (R 5 de bonnaire)

ist also zwar agru(m) (REW, L. Bl. 20, 192) aber Buchwort; miracle, article sind Latinismen.

Auch Doppelliquida zeigt in ein paar Fallen Stiitz-e: Im: helmu(m) hehne, ülmu(m) ornie; In; alnu(m) „Erle“ alne. Dagegen ohne Stiitz-e:nbsp;rm: stürm estorn gt; estor (B 38); rn: diurnu(m) jorn 'igt; jor; mn -damnum dam, domnus danz (dame ist dóminu(m), damedieiisnbsp;dominedeus, also Proparoxytona). Ausnahmen: somnu(m) some,nbsp;scamnu(m) eschame. — Dafi Im, In die Ultima stützten, — rm, rn, mnnbsp;aber nicht, leuchtet schwer ein; die Silbentrennung war die gleiche:nbsp;1-m, r-n usw. und nur silbenanlautende Konsonanz stützt: pe-dre,nbsp;son-ge (dse). So drangt sich die Vermutung auf, daC Stiitz-e nachnbsp;Doppelliquida nicht von der vorhergehenden Konsonanz abhangignbsp;war, sondern von der folgenden, und engen Bindungen entstammt:nbsp;helme Ckarlon, olmes planter. Nun erst stiinde die Ultima mit demnbsp;Zwischenton auf einer Linie, denn auch dieser wird durch vorher-gehende Konsonanz nicht ,,gestützt“, sondern nur durch folgendenbsp;„gedecktquot; (S. 1227), die 6. Person des Verbums (dïcunt dient, vgl.nbsp;S. 126) zeigt iibrigens die gleiche Wirkung folgender Konsonanz.

In Proparoxytonis schlieClich hangt die Erhaltung der Ultima von der Synkope der Panultima ab: Fand diese friih statt (vor demnbsp;Fall der Ultima in Paroxytonis) fiel die Ultima: explïc(i)tum esploitnbsp;(B 84), cól(a)p(h)us cops (B 107), sarcóph(ag)u(m) sarchij. (B 148). — Fandnbsp;die Synkope spat statt, so wurde der Daktylus zum Trochaus um-rhythmisiert. Die Ultima hatte einen Nebenton (M. L„ Frz. Gr., § 120)nbsp;wie etwa heute in Neapel: Nabole,fkmena, und erhielt sich darum. Folgendenbsp;Gegeniiberstellung von Paroxytonis und Proparoxytonis mit gleichen Kon-sonantengruppen nach dem Ton soli das Gesagte yeranschaulichen:

Paroxytona

Proparoxytona

GR

nïgru(m) noir

Lïgerèm Loire lëgerè lire

frank, wóigarö, R 84 gaires

CL

veclu(m) vieil

grdcilès graisles, B 29 grailles

LV, NB

calvu(m) chalf

cdnnabè(m) chanve

NT

cantante(m) chantant

cómitè(m) conté

’) Gegen die Annahme, dafi neir, entir, vieil aus Mask. *neire, * entire, *vieille vom gleichlautenden Fern, differenziert worden seien, spricht die gleiche Entwicklung der no-minalen Suffixe -aclu -ail, -ïclu -eil. Auffallend ist allerdings dreisilbiges soloiles ,,Sonne“nbsp;im M. Brut 1390. Vermutlich liegt Analogie nach estoile vor. Dagegen ist fragile(m) frailnbsp;(Amis 2537: mail) vom Fem. differenziert und iibliches Mask, fraile (Alexius 9) normal.

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126

III. Lautlehre: Ultima.

In der 6. Person des Verbums bleiben -ant, -ent, -unt, -(i)unt afrz. als -ent, auch nach einfachem Konsonant oder Vokal: B 42 per dent,nbsp;49 recré'oient, 51 avivent. Vorbildlichem sont folgen ont (habent),nbsp;vont (va(d)unt), font (neben fëent Jonas). So wie in perdent bleibtnbsp;auch sonst die Stellung des lat. Vokals, der Quelle des Stütz-e, un-verschoben: B 11 hóminèsnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;patres peres. Nur wo es vor r, 1 stand,

tritt e ans Ende: B 14 in simul ensemble, 263 quattor quatre, 325 mëlior mieldres. Auch hier nimmt man an, daC die Umstellung sichnbsp;liber sonantisches /, r vollzog. Dagegen möchte ich einwenden, dafinbsp;für die Folge le, re resp. el, er an unbetonter Stelle auch sonstnbsp;Lautanalogie vorkommt: Satzphonetisch wird nfrz. Vokal -f- re fol-gendermafien getrennt; ^pe viens de le refaire — \^ï fe'.r. Daraus wirdnbsp;der Infinitiv arféir abstrahiert (NO.); der in die Ohren fallende Ton diesernbsp;Pikardismen ist in Paris wohlbekannt. In seiner Heimat aber dringtnbsp;er auch in Nebenton, Zwischenton und die Ultima: Herzog 40, 95nbsp;tersota = tressautdnt, 40, 96 sakordje = sacrediéu, 40, 90 mwedarnbsp;= moindre (vgl. S. 168). Ebenso kann einst der Tonfall der vielennbsp;Worte auf -tre, -ble usw. im Urfrz. vorbildlich gewesen sein.

Aus welcher Quelle -e auch immer stammte, wurde es früh-zeitig reduziert: a. (Basisvokal. Rydberg, Gesch. des a, I, S. 63 ff.) Satzphonetisch war es in Partikeln schon urfrz. gefallen; B 77 sj^rnbsp;supra neben soure, seure, R 178 or (S, 97). Mundartlich arrier,nbsp;derrier retro (Christian, Amis 438 usw.). Vor Vokal wurde ^ ver-schliffen: B 8 graindr(e) iert, 14 Ensembl(e) od usw, — Im XV. Jahrh.nbsp;verstummte 3 nach Vokal; Die Schrift blieb konservativ bis auf nach-vokalisches 3 im Imperfekt: chantoie 7gt; ckantois und eau aqua. Ch.nbsp;d’O. schreibt noch je povoie, aber eaus et fores. Zu heutigen Mund-arten vgl. Herzog, § 5 ff.

Bemerkung. B 3 Corinèus, 9 Brutus haben gelehrte Form und volkstiimliche Akzentuierung (nfrz. Jésus 3ssy); B 271 Diana, vgl.nbsp;168 Diane, sind gelehrte Formen.

Gelehrt sind weiterhin: signe (afrz. sein sïgnu(in)), juste, triste usw.; juge folgt jugier, die volkst. Form ist jugiere. Obi. jugëoürf (vgl.nbsp;S. 102). Auch somme somnu(m) (lothr. sö M. L. frz. Gr. § Il8) dürftenbsp;gelehrt sein, vgl. autumnu(m) automne (Mundarten otom ALF 75),nbsp;das sich als Latinismus (-t- bleibt, mn gt;gt; n) entwickelt^).

q Vgl. Rustebuef Aristotle 59 Juges qui prent n'est pas jugerres „Richter (Xitel I) der nimmt, ist kein Richterquot; (= „Gerechterquot;).

Herhst ist volkst. afrz. gain „Erntequot;; er ist ein Teil des Sommers, wie das Friihjahr; prin d'esti (Philomena 1463).

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127

Ill, Lautlehre.

B. Konsonantismus.

Kapitel i.

Allgemein Phonetisches.

Wahrend Vokale durch besondere Formung des gesamten Mund-raums produziert werden, sind Konsonanten an eine bestimmte Stelle des Sprechapparats gebunden (Forchhammer), An diesernbsp;Stelle wird entweder ein Verschlufi gebildet, so daG der Laut ausnbsp;dem Gerausche der SchlieGung, einer Pause, und der Sprengung desnbsp;Verschlusses besteht^); oder aber die Organe nehmen eine Enge-stellung ein, die Reibung des Druckstroms verursacht das fiir dennbsp;Laut charakteristische Gerausch.

Alle diese „Stellungslautequot; sind vorab ,,Konsonantenquot;. Theoretisch können sie alle sonantisch, d. h. silbentragend werden, vgl. pst!^nbsp;inspiriertes f bei Schmerz. Im Deutschen werden die Liquiden innbsp;bestimmten Stellungen sonantisch. In den romanischen Sprachennbsp;werden Konsonanten selten zu Sonanten.

Von alien Konsonanten gibt es vorab zwei Varianten, die durch Anteilnahme der Stimmbander resp. Nichtanteilnahme bestimmt werden:nbsp;Eine stimmlose (Stimmbander offen, auGer fiir h) — eine stimmhaftenbsp;{Stimmbander sind gespannt und schwingen). 1st auch (beispielsweisenbsp;fiir p und P) die Organstellung jeweilig die gleiche, so ist die Muskel-pression fiir die stimmlose Variante starker (p) als fiir die stimmhafte (b). Daher „hart /gt;“, „weich

Alle Konsonanten haben weiterhin orale und nasale Varianten. Doch sind im Französischen im allgemeinen nur die rein nasalen Variantennbsp;von pb^ d. i. m, von td d. i. «, und von kg, d. i. -q (frz. gn, span, n usw.)nbsp;gebrauchlich.

Von der möglichen Palatalisierung der Konsonanten wurde schon oben gesprochen. Das Französische palatalisiert / (f) und n (q),nbsp;welch letzteres hierdurch aus nasaliertem td zu nasaliertem kg wird.

Folgendes sind die Konsonanten, die wir von nun ab in der Geschichte des Französischen zu betrachten haben werden:

LippenverschluG: p; Stimme: b; nasal: na.

Lippenenge: -b- (span. Ponito).

Oberzahne — Unterlippenenge: f; Stimme: v.

ZungezahneverschluG^): t; Stimme: d; nasal: n.

*) Im Anlaut fehlt die erste, im Auslaut die dritte Komponente.

üer Verschlufi kann „apikal“ wic „dorsalquot; sein, und oberbalb der Alveolen bis zui k-Grenze gehen.

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128

III. Lautlehre.

Zungezahneenge (postdental): ï) (engl. tli)\ Stimme: d.

Zungenriicken-Gaumenverschlufi: k(geschriebenc); Stimme: g; nasal: t\.

Zungenriicken-Gaumenenge mit tiefer Zungenspitze: jr (deutsch icK)\ x (deutsch ac}i)\ Stimme: j (deutsch jè).

Zischlaute mit tiefer Zungenspitze und schmaler Zungen-rinne: s; Stimme: z.

Zischlaute mit hoher Zungenspitze und breiter Zungen-rinne (Zungenkessel): ƒ (deutsch sch)\ Stimme: 3 (frz. Jean).

Zitterlaute: Zungenspitze: R; Zapfchen: r; Zungenflügel: 1. (Stimmlos sind beide sehr lautschwach; vgl. nfrz. maitre =nbsp;faible = fsbl.)

Kehlkopfenge: h.

Kapitel 2.

yulgarlateinischer Kous ouaatismus.

Sehen wir uns Diehls Vulgarlat. Inschr. S. 21 ff. durch, so bemerken wir, dafi eine Reihe von Konsonanten zum Teil schon innbsp;republik. Zeit in bestimmten Stellungen verstummten, daü also dernbsp;Klang des Lateins von seinem Schriftbild wesentlich abwich. Baldnbsp;wird h geschrieben, bald nicht, — bald schreibt es der Schreiber, wonbsp;es nicht hingehört, best, herit. Ein h gab es nur noch in Schrift undnbsp;künstlicher Aussprache. — Ebenso oft fehlt auslautend m nach unbe-tontem Vokal. Die Schreibung in den Versen von 633: nisi molestust,nbsp;perlege, das mehrfach folgende moriendust lehren uns, daC unserenbsp;Aussprache auf der Schule: bonumst barbarisch war. Langst war mnbsp;in dieser Stellung verstummt, also bonust zu lesen. Wo aber m imnbsp;einsilbigen Worte betontem Vokal folgte und vor Dental odernbsp;Dentolabial stand, artikulierte man dental: 614 tan dulcis, felicen te -,nbsp;und nun auch 600 gun quen bixit. — Wie -m ist -s in freilichnbsp;spateren Inschriften im Auslaut stumm: sororibu, locu schreiben italischenbsp;Schreiber (777 ff., vgl. J. B. XII. I, 69). Gallien macht diese Entwicklungnbsp;nicht mit (vgl. oben S. 22). Wohl aber lafit es mit Rom vor einem s:nbsp;n durchaus und in mehreren Worten auch r verstummen. Zwei Vor-gange, die allerdings verschieden sind, beruht doch der erste, wienbsp;das Verstummen nasaler Konsonanten meist, vermutlich auf einernbsp;Nasalierung, die mit Langung des Vokals verbunden ist, der zweitenbsp;auf einer Assimilierung des r (R: Zungenspitze hoch) an das s (Zungenspitze tief), infolgedessen Langung des s. Nun heiCt es mesibus stattnbsp;mensibus (688), infas statt infans (692) und dossum statt dorsum.nbsp;Die Appendix schreibt vor: mensa non mesa, persica non pessica;nbsp;doch gehen Teile von Frankreich (SO., S., SW.) auf gelehrtes persicanbsp;zuriick: psrja, pre:t( usw. (ALE 987.)

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III. Lautlehre. 129

Erinnern wir uns weiterhin der Glosse vetulus non veclus der Appendix, so lehrt uns der Übergang von tl zu cl, dal3 1 nach Kons.nbsp;mit hohem Zungenrucken artikuliert wurde, also vorhergehendes t ausnbsp;der alveolaren in die palatale (k) Artikulationssphare verschob. Schliefilichnbsp;wurde langes 1 (11) nach langem Vokal gekiirzt; Vgl. das griech.-lat.nbsp;Glossar im afrz. Ubb. S. 247 OTrjlcig (= stellas) und Consentiusnbsp;(ebenda S. 233): siquis dicat vilam pro villam. Alle diese Ver-anderungen sind nicht fakultativ, ergeben keine Doppelformen, sindnbsp;also nicht gelegentliche Beschleunigungen, sondern zeigen eine allge-meineBeschleunigung desRedetempos, welcheKonsonanten an folgendennbsp;Konsonanten angleicht, auch satzphonetisch, — auslautende Konsonantennbsp;verschleift, die Worte also nicht isoliert, sondern im Satze eng bindet').nbsp;Dem gleichen Grunde entstammen schliefilich noch die folgenden Ver-anderungen: Auslautend t nach Konsonant verstummt in satzphonetischnbsp;vorkonsonantischer Stellung: pos multum (Diehl 430), deposits esnbsp;prie (= deposits est pridie, Chr, I. 156); der Name Quodvuldeusnbsp;(Chr. I. 146) zeigt ein Gleiches: pos bleibt die Grundform dernbsp;romanischen Sprachen, wahrend sie zwischen vorvokalischem est undnbsp;vorkonsonantischem es schwanken. —

Innerhalb dieser engen Bindungen klang anlautendes vorkonsonan-tisches s lang und scharf und setzte mit einem kurzen, vermutlich 3-artigen vokalischen Laut ein, der bald e bald i geschrieben wird;nbsp;iscols (Diehl 209), esponss (Chr. I. 245). Alte griech. Lehnwörternbsp;gingen mit: spaths espats; jüngere wurden dem weicheren griech.nbsp;s entsprechend s- los artikuliert: spasm-atus R ill pasmé.

Zu diesen Veranderungen, die meist den Einfliissen konsonan-tischer Nachbarschaft entstammen, kommen andere, in denen zwei f e r n stehende Konsonanten aufeinanderwirken: Zwei gleiche konsonan-tische Stellungen entfernen sich voneinander, bis zum Schwund desnbsp;einen: Zwei u: quattor (Diehl 316), cinquae (527); zwei r: frate (592nbsp;für frater, vgl. L. Bl. 1916, S. 16) propio (statt proprio, Chr. I. 151). —nbsp;Zwei verwandte konsonantische Stellungen nahren sich einander,nbsp;quiescit wird quiesquit geschrieben, von da aus wieder dissimiliert:nbsp;cesquit (Diehl 189, 464 usw.). — Besonders beliebt sind diese An-ziehungen und AbstoGungen bei Liquiden: fragrare ,,riechen“ wirdnbsp;bald zu flagrare (afrz. jlairier') bald zu fraglare, peregrinus zu pele-grinus (Pilgrim) usw. Im allgemeinen hat der spatere Laut ,,einenbsp;gewisse psychologische Dominanz“. Das beruht darauf, daG das innerenbsp;Sprechen dem artikulierten ,,vorauseilt“. Also auch hier beschleunigtesnbsp;Denken, beschleunigte Rede als Ursache des haufigen Vorgangs. Vgl.nbsp;E. Schopf, Die konsonant. Fernwirkungen, Gött. 1919, S. 30.

*) Diese Bindung bestand zur Zeit der Langung freier Tonvokale noch: tra(n)s ergab afrz. tres., a war also frei. Vgl. zum Vlat. S. 54.

Jordan, Altfranzosisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;n

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130

III. Lautlehre.

Auch die Umstellung von Vokal und ¥^onson3.nt (Metathese) darf so verstanden iverden, wo es sich um volkstiimliche Wörter handelt:nbsp;por se heiCt es in Grabschriften statt pro se (Diehl 173) und diesenbsp;wohl ursprünglich nur vorkons. Form bleibt in Teilen der Romanianbsp;(frz., span., port.). — Anders scheinen mir folgende Falie zu liegen;nbsp;Nach Quintilian Inst. Or. I, 5 tzdthe'Hovtens'wis precula pro pergula,nbsp;tadelt er selber tarsumennum pro trasumenno. — Auch Consentiusnbsp;bringt Material: (Afrz. Übb. 235) jiunt barbarismi: . . . ut siquisnbsp;perlum pro praelutn, reilquum pro reliquunt interpertor pro inter-pretor, coacla pro cloaca . . . protiuntiet. Das sind Buchwörter,nbsp;die sich der Halbgebildete mundgerecht macht. — Auch der ,,assi-milatorische Lautzuwachs“ betrifft hauptsachlich gelehrte Worte:nbsp;struprum fiir stuprum, frz. trésor aus thesaurum, deutsch Ritterkillnbsp;für réticule, Miskroskop fiir Mikroskop, refretour aus refectoriumnbsp;Bible G. 1681: Falie, in denen oft Volksetymologie mitspricht. Jeden-falls ist hier nicht Beschleunigung, sondern gerade die Absichtnbsp;recht schön zu sprechen, Ursache der Lautumstellung, des Laut-zuwachses oder der Wortmischung. Man wird darum auch in dernbsp;mittelalterlichen Sprache zahlreiche Beispiele fiir solches Irren odernbsp;Flicken an ungelaufigem Wortmaterial gerade bei Klerikern finden.

Auch Vokale iiben EinfluC auf umgebende Konsonanten aus: Die Lippenlaute gehen zeitlich voran: Intervokal und bilabial v (fe)nbsp;verstummt seiner Lautschwache entsprechend vor gerundeten Vokalen,nbsp;die Appendix bucht: avus non aus (Diehl 1084 ao), rivus nonnbsp;rius, pavor non paor. — Zwischen zwei i ist der Vorgang noch alter,nbsp;-ii statt -ivi im Perf. der i-Konjugation wird von der klass. Gram-matik toleriert, vulgar folgt -ai statt -avi: laborait Diehl 444.nbsp;Letztes ist ein analogischer Vorgang, denn lautgesetzlich waren avi nbsp;Kons., abu Rons, nach Vokalisierung von v, b zu au gekiirzt geworden; parabolare )gt; *paraulare, avicellus gt;¦ aucellus, laboravit gt;*nbsp;laborant. (Diehl 180, 181.)

Der VerschluC von b lockert sich: Seit Anfang der Kaiserzeit schwanken b und v in der Schreibung, anlautend und intervokal,nbsp;lauteten also gleich oder ahnlich: b war intervokal, satzphonetisch wienbsp;im einzelnen Worte, zum bilabialen Reibelaut h- geworden, vgl. dienbsp;Beispiele Diehl, S. 39 f. Die Suffixe -abilis, -ibilis sind -avilis -ivilisnbsp;(Diehl 408). — Die Appendix schreibt: tabes non tavis, baculus nonnbsp;vaclus. Letztere satzphonetische VerschluBlockerung (normal nur nachnbsp;Vokal, graphisch verallgemeinert) ging wieder zurück, wobei rebeilarenbsp;blieb, da bellum aufier Gebrauch kam (R 374 revelles), dagegen Wortenbsp;mit etymolog. v an der Regression teilnahmen(vervëce(m)gt;berbice(m)).

b Vgl. Diehl 861 lerinquas fiir relinquas.

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I3I

III. Lautlehre.

So dafi wir folgern dürfen, dafi dem schnellen, Wortausgange und Anfange gern verschleifenden Tempo eine langsamere, weniger ge-bundene Sprechweise folgte, die die nachkonsonantische Form vonnbsp;anlautend b auch nach Vokal wiederherstellte. — Dies zeigen vollendsnbsp;die nun folgenden Entwicklungsprozesse mit ihren konsonantischennbsp;Dehnungen: Auch die dentalen und palatalen Verschlufilautenbsp;(t, d; k, g) passen sich namlich der vokalischen Umgebung an: Amnbsp;altesten sind hier die Wirkungen eines folgenden i (Resultat einesnbsp;verschliffenen Hiatus-i, vgl. S. 55, 56): di wird zum stimmhaften Zisch-laut Oder Sibilanten mit d-Vorschlag, also ds oder dz, und trifft aufnbsp;dieser Stufe in den ersten nachchr. Jahrh.^) mit den Produkten vonnbsp;j, von g vor e oder i und von griech. ds (Q zusammen, eine ergibigenbsp;Quelle falsch analogischer Schreibungen: dies wird nun ies, zebusnbsp;geschrieben, vgl. Diehl 178 zanuario (januario), 174 codiugi, 175nbsp;congiugi, 176 Paris rex Troge. So lauten nun gleich an; diurnu(m),nbsp;ja(m), gente(m), zelosu(tn), vgl. it. giorno, gia, gente (d3), frz. jour,nbsp;déja, gent, jalotix. (3; der d-Vorschlag verstummte wahrend der afrz.nbsp;Periode; intervokal aber und nach n geht das Französ. nicht aufnbsp;Zischlaut d5, sondern Reibelaut j zurück: radiare raiier, Burgundianbsp;Borgogne).

Auch ti verschiebt sich früh: Vincentia wird Diehl 563 Vincentza geschrieben, tsi ist das Resultat, es bleibt meist bei der s-Rinne, dienbsp;Zunge kesselt sich nicht ein wie bei d3. Auch ist t nicht bloöernbsp;Vorschlag, sondern es deckt intervokal den Tonvokal, wie dienbsp;Entwicklung des Französischen zeigt: platea(m) place, und wie nochnbsp;heute das Italienische artikuliert: püteu(m) pozzo (pód|z:o).

Es folgt ci, das schon unter Alexander Severus (ca. 230 p.) mit ti im Suffix verwechselt wird (Diehl 565). In einzelnen Teilennbsp;der Romania gehen denn auch beideEntwicklungen zusammen: *mïnacianbsp;gibt im altesten afrz. manatee (Eulalia), ts aus ci war also ebenfallsnbsp;silbendeckend. — In anderen Teilen aber (Italien minaccia, facia(m)nbsp;faccia) vertieft sich die Rinne zum Kessel wie bei der Entwicklung vonnbsp;di, und ein Zischlaut resultiert. In frz. Mundarten ein Gleiches.

Auch vor palatalen Vokalen (e, i) verschieben sich silben-anlautende c, g: ge, gi vermischte sich mit d !gt; j und quot;Q-. Beispiele s. oben; ce, ci werden etwa im V. Jahrh., jedenfalls vor der frk. Ein-wanderung (S. 159), assibiliert.

Zur Entwicklung von ti, ci vgl. unten t -j” j. nbsp;nbsp;nbsp;den Datierungen vgl. M. L.,

frz. Gr, § 152, Pirson, J. B, XI, I, 81.

1) Diehl bucht die Schreibung z fiir di zuerst unter Severus Pertinax um 200 j)ost Chr. Nr. 542. Der Grand der Verschiebung: alveolares d bei anlautend di.

g *

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132

HI. Lautlehre.

Summieren wir: Beim vlat. Vokalismus fanden wir in der ersteit Periode überall Spuren einer Sprache, deren Tempo beschleunigt wird:nbsp;Vokalische Langen und Kürzen fielen zusammen, unbetonte Hiatus-vokale wurden unsilbig oder verstummten. — Dann foigte eine Neu-Rhythmisierung der Worte: Freie (silbenschlieCende) Tonvokalenbsp;wurden gelangt, vermutlich also auf die gleiche Lange gebracht wienbsp;silbeninlautende Vokale nebst ihren deckenden Konsonanten, welchnbsp;letztere vielleicht gelangt wurden. Bei den Konsonanten in alterernbsp;Zeit vor allem Verschleifungen, durch die Umgebung bedingt, alsonbsp;ebenfalls Wirkungen schnellen Tempos. In jiingerer Zeit abernbsp;Dehnungen, die silbendeckend wirkten; Eine partielle Verlangsamung,nbsp;die sich ebenfalls aus der Rhythmisierung der Worte versteken lalJt.

Hier liegt es nahe in der alten Entwicklung, diejenige des mili-tarischen Roms, in der jiingeren aber die Artikulation der dekadenten, energischer Handlung nicht mehr fahigen spateren Kaiserzeit zu sehen;nbsp;Man sucht rhetorische Effekte, es wird deklamiert. — Nun geht Galliennbsp;in dieser Entwicklung am weitesten, dem neuen Rhythmus fallennbsp;zwischentonige Silben zum Opfer (S. 117), zwischensilbige Konsonantennbsp;werden sonorisiert (S. 118), verstummen im Afrz. in vielen Fallen.nbsp;Der Sprache werden gleichsam die Knochen herausgenommen, sie wirdnbsp;marklos wie heute in Andalusien oder Siiditalien. — Da wir aber nichtnbsp;annehmen können, dafi die Franzosen im friihen Mittelalter dekadenternbsp;waren als die übrigen Romanen, so ergibt sich, dafi nur die vlat.nbsp;Rhythmisierung zur römischen Kultur in Beziehung gesetzt werdennbsp;kann. In der Folge wirkte sie sich da am starksten aus, wo dienbsp;hemmenden Kulturfaktoren am geringsten waren: in Nordgallien.

Kapitel 3.

Griechische Konsonanten.

Dafi sich griech. C volkstümlichen Worten zu d i schlug,. sahen wir bereits: vgl. baptidiata, Diehl, Chr. I. 2^). Doch ist dienbsp;Entwicklung dieses Wortes imFrz. gelehrt: afrz. bautisiernehcn normalemnbsp;batoiier; nfrz. batiser. — Griech. (ps) wurde zu s (psalteriu(m) afrz.nbsp;sautier), dem griech. k (ungehaucht) vlat. g substituiertnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;gt; gamba)..

Die gehauchten griech. Verschlufilaute wurden in der alteren Zeir als VerschluClaute, cp in der jiingeren Zeit als f iibernommen, wie esnbsp;der griech. Entwicklung entsprach. So ergab noQcpvQa einst purpura,nbsp;spater porfira;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;in der Schrift zwar colaphus, doch in der

Aussprache colapus (Reich. Gl. 612 colpis, afrz. colp) —• % ergab k (geschrieben c) und entwickelte sich mit diesem: ^gaxiojv )gt; bracium,nbsp;Christl. Inschr. 352 : bratius, afrz. braz,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;)gt; monicus (ebda. iii,.

*) Vgl. umgekehrt zacon (Chr. I. 134 usw.) ftir diaconus.

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133

III. Lautlehre.

Suffixtausch; vgl. canonicus). — Ebenso •d’: onad^r]'^ espata. — Vgl. die Glossen der Appendix: i porphireticum marmor non purpureticumnbsp;marmur, 46 theofilus non izofilus (1. ziofilus?), 227 amfora nonnbsp;ampora.

Kapitel 4.

Germanische Konsonanten.

Das germ, h wurde in germ. Worten als neuer Kehlkopfreibelaut aufgenommen (k aspiré). Durch Wortkrenzung drang es in romanischesnbsp;Gut ein: altu(m) hok gt;gt;/««//, nfrz. kaut. Auch dies h verstummte,nbsp;¦doch bleibt der Artikel vor ihm unelidiert ^).

Das germ, w (bilabialer Reibelaut, Lippen gerundet, Zungen-stellung höher wie bei u) wurde mit gu wiedergegeben: Die konsonantische Zungenstellung machte Schwierigkeiten und wurde mit velarem Ver-schlufi ertastet. Vgl. 1wïrra B 58 guerre. Auch hier Wortkreuzungen:nbsp;B 281 gast (vgl. 198 gastine Wildnis) ist postverbal von guaster =nbsp;vastare wöstjan. — Wie an der Schreibung gast zu sehen ist,nbsp;verstummte der labiale Reibelaut friihzeitig; vor e, i wurde u ausnbsp;graphischen Griinden weitergeschrieben: B 256 guise germ, wisanbsp;„Weise“. In der Wallonië und an der Ostgrenze blieb w ohnenbsp;..^-Vorschlag, wie der Provinzname zeigt. Namen wie Vuillaume,nbsp;Vautier (Walther) kommen hierher (vgl. ALF 672 guêpè).

Die frk. Aspiraten wurden in Namen ihrem Verschiebungsgrad ent-sprechend, aufgenommen: Chlodovechus Cl'óevis; unter den Karo-lingern wurde Hludovicus, Hlotharius geschrieben; vor 1 und r wurde diesen Aspiraten oft f substituiert: Chlodovinc Fldovent (Patronymikon),nbsp;hrokk froc „Mönchsrock“ ^). Schliefilich ergab (H)lodovlcus Ld'ovisnbsp;gt; Louis (Kurzform?). — Im übrigen wurde frank, bh zu v, th zu t;nbsp;ih entwickelte sich inlautend wie vlat. C; wahta guaite.

Kapitel 5,

Französischer Konsonantismtis.

Die rhythmischen Tendenzen des Spatvulgarlatein wurden im Urfranz. fortgesetzt: Die wort- und silbenanlautenden Konso-

1

Das germ, h lautet im Aprov. schon nicht mehr; Appel, Prov. Lautlehre, § 44b. Daher hat das Afrz. gelegentlich germ. Worte mit verstummtem h aus dem Provenzalischen.nbsp;Dazu kann gehoren, wenn fur halsberc Rol. 71i zwar Halbercs, abet 1022 osbercsnbsp;(vgl. B 102) steht. Immerhin ist die Monophthongierung von prov. au aus al seltsam,nbsp;Vermischung mit os „Knochenquot; wahrscheinlich. — Schon im XIII. Jahrh. wird germ, hnbsp;lautschwach: Aiol 1963 ardi (hardjan), 9535 aches (hapjas) usw. Andere Dialekte sindnbsp;konservativer und halten h bis heute. Herzog, § 293.

Vgl. Pirson Ro. F. 26, 921, Reich. Gi. 1069 ruga; fruncetura, Zugrunde liegt germ, hrunkja (REW) „Runzelquot;, davon hrunkjare „runzelnquot;, schliefilich hrunkjatüranbsp;„Runzelei'. Dies ergibt mit Übergang von hr zu fr und Schwachung des Zwischentonsnbsp;fruncetura. Vgl. hrunkja fronce R 68; B 104 flans germ, hlank?

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134 lil. Lautlehre.

nanten werden nur verschoben, wenn der folgende Vokal Einflufi ausübt: Vor sich nach vorne verschiebendem flachem a, au senkte sich hohernbsp;Zungenrücken: ka, ga wurden aufier im N. und NO. zu tja, dsa. —nbsp;Silbenauslautend (vorkonsonantiscli) dagegen werden die Konso-nanten im Afrz. zum gröfiten Teil verschliffen, die Silbendeckungnbsp;also aufgegeben; k, g und 1 vokalisieren oder fallen früh; dentale,nbsp;labiale VerschluClaute verstummen, sowies; m, n nasalieren vorher-gehenden Vokal und fallen; nur r bleibt silbendeckend, aufier im O. —nbsp;In der alteren Periode dürfen wir entsprechende Ersatzdehnung an-nehmen; „Der Konsonant geht im vorhergehenden Vokal auf, dernbsp;gelangt wird“ (M. L. frz. Gr. § 165). Vor i aus k, g erfolgt dabeinbsp;Diphthóngierung von e, o (S. 88, 95 lëctu(m) *isjt gt;gt; *lieit). Dasnbsp;rhythmische Prinzip stark vorprellender, ebenmafiiger Ton- bzw.nbsp;Nebentonsilben bleibt also herrschend. — Zwischensilbig (illter-vokal) zeigt die Sonorisierung der einfachen Konsonanten (ata gt; ada),nbsp;die Reibelautwerdung der Verschlufilaute (ada gt;gt; ada) mit ihrer Folge:nbsp;bald früherem, bald spaterem Vokalisieren oder Verstummen, die gleichenbsp;Dominanz der Ton- und Nebentonvokale. Die Silbengrenze ist durchnbsp;die Langung freier Vokale verwischt, fallt nicht mehr zwischen Vokalnbsp;und einfachen Konsonant wie im Lateinischen: pa-ca-re (vgl. S. 54).nbsp;Infolgedessen entwickelt sich der intervokale einfache Konsonant andersnbsp;als im Wortanlaut. Mit der afrz. erfolgenden Kürzung der langen Vokalenbsp;und Diphthonge wird auch die alte Silbentrennung sich wieder einstellen;nbsp;Vgl. S. 137 und nfrz. le-zel, das les alles oder les z'eles sein kann.

Der konsonantische Wortauslaiit schliefilich birgt, nebst Enklise und Proklise (S. 212), den Schlüssel für die satzphonetische Bindung;

1. nbsp;nbsp;nbsp;Alle stimmhaften oder vor dem Fall der Ultima sonorisiertennbsp;auslautenden Konsonanten W'erden im afrz. Auslaut stimmlos: vïride(m)nbsp;vert, capu(t) gt;gt; *cavo )gt; chief, longu(m) lonc. Es herrschte alsonbsp;auch vor Vokal Pausaform = lose Bindung, kein Hinüberziehennbsp;des Auslauts. Man rhythmisierte und isolierte die Worte.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Vor Beginn der Literaturperiode wird die Bindung enger:

F und P aus lat. pp bleiben vorab unbeeinflufit ^). Vg!. S. 144. Nur Proklitika schliefien an: übi ist in Alexius Hs. L vor Vokal fastnbsp;konsequent ov (geschrieben ovi), vor Kons. aber o] im XII. Jahrh. ist onbsp;nieist verallgemeinert (B 93, 188). — ïbi ist vor Vokal in den Eiden iv,nbsp;schon im Alexius ist i (das alierdings auch hic sein kann) verallgemeinert.

Gegenteilige Beobachtnngen kann S y s t e m z w a n g erklaren; Rustebuef reimt Secr. 339 cou (colaphu(m)) mit cou (coUu(m)), er dekliniert also cous, cou statt coup:nbsp;Hypocrisie 317 bindet er noi {nïve(m)) vait. noi (Verbalsubstantiv von noiier),nbsp;dekliniert also nois, noi statt noif. Ebenso reimt schon Christian Ertc Tiz fernbsp;(fërni(m)): eer (cervu(m)). Vgl. die Bemerkung S. 138.

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135

Ill, Lautlehre.

Einfacher Dental; Die Prap. ad ist in der Eulalia (IX. Jahrh.) a vor Kons., ad vor Vokal (21, 22); analogisch bildet gue dienbsp;Hiatform gued (14). Anderseits ist -t in Verbalformen zweimal nichtnbsp;mehr geschrieben, wo Dental folgt; 17 perdesse (perdédisset), 19 ardenbsp;(ard(e)at). — Im Alexius zeigt der Vergleich der Hs. L mit den Hss.nbsp;AP den Fortschritt der Verallgemeinerung kiirzerer vorkons.nbsp;Formen. Selbst das altertümliche L zeigt bereits stark entwickeltenbsp;Satzphonetik: i fut (AP fii), 3 at (A ad^ Y a) — aber: L 14 fud de,nbsp;31 fud baptizet, 50 ad a deu. Daü der Schreiber diese satzphonetischenbsp;Assimilation nicht konsequent durchfiihrt, ist selbstverstandlich. —nbsp;Sehr friih ist aut als o verallgemeinert: O. Ps. 29, 12 g vor Vokal.

Um 1150 sind iin Seine-Loire-Gebiet bereits allerorts die kürzeren Formen durchgeführt, man sagt fu, a (habet) auch vor Vokalnbsp;{a-t-il ist erst neufranzösisch nach est-iï), und nur bei gewissen Verbalformen dominiert die vorvokalische Form, wohl wegen besonderernbsp;Haufigkeit der Inversion; soit (wohl Pausaform), avoit, und so dasnbsp;Imperfekt und der Kondizional der 3. Person. Im O. dagegen bleibtnbsp;auslautend -t in der Pausaform resistent, und Venus (ca. 1200),nbsp;Str. 8, reimt noch dit (dictu(m) nachkonson. ,,festes“ /) mit critnbsp;(Verbalsubst. von crier). Auch B zeigt mehrfach ostlichen Brauch,nbsp;verallgemeinert vorvokalisches od a(p)ud (i i od soi, vgl. 96), nevudnbsp;(55, 117) und reimt; M. Brut 643nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(destrictu(m)); (sïti(m)),

1263 destroit: cunroit (con-red). — England ist als kolonialer Dialekt ebenfalls sehr konservativ (J. B. 12, i, 211).

Nachkonsonantischer (,,fester“) Dental; Im Zentrum ist vorliterarisch bei en mde, pren prende die vorkonsonanlisch ver-schliffene Form verallgemeinert worden (Alex. 74 dune en eissit).nbsp;Das int der Eide, ent der Eulalia kann dialektisch sein, im O.nbsp;bleiben namlich prent „nimm“ und ent „davon“ in Pausa und vornbsp;Vokal: Vgl. Venus 299 ent: present, also Pausaform ent. — B istnbsp;fast konsequent mit end als vorvokalischer Form (4, 46, 92, 96 usw.),nbsp;en als vorkonsonantischer (i, 65, 72 usw., Ausnahme; \o en eisst). —nbsp;Was sich bei en(t) und pren(t) vorliterarisch ergab; Bildung vonnbsp;Satzdoppelformen — zeigt sich im XII. Jahrh. bei jedem nachkonso-nantischen t: Alex. 29 de sain batesma, 67 raens de (redëmitnbsp;und im XIII. Jahrh. auch bei -t aus Doppeldental; Aiol 631 tou lenbsp;cemin, Elie 376 tou seul, Elie 153 de pu (patidu(m)) lin. Das istnbsp;der nfrz. Zustand, nur das die kurzen Formen spater auch Pausaformennbsp;werden; c’est tout (se tu). Im Gegensatz zu „einfachem -t“ bleibtnbsp;,,festes tquot; nfrz. in der engen Bindung; tout honime, tout-d-fait.

K. Nach gespreizten Vokalen ist -k in einer Reihe minderbetonter Worte schon vlat. gefallen; sic si, nec ne, iliac la; — die di lafit

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136

III, Lautlehre.

unbestimmt, ob bei starkerer Betonung sich k zu i verschliff; fac fai kann nach faiz facis analogisch sein.

Nach rundem Tonvokal aber bleibt -k: ad hoc avuec, illoc iluec, denen sich vermutlich noch pauc’ poc anschloC. Denn danbsp;paucu(m) pau resp. pou, peu ergibt (S. 97), poi aus pauc(u)s verstanden werden kann, so bleibt als Quelle für afrz. nfrz. poc nur dienbsp;Kurzform aus vorvokalischem pauc’ (vgl. ïlla el B 300 und S. 126),nbsp;die im O. und Z. (auch in der Provence.?) herrschte. Belegt ist sienbsp;afrz. nur in ostlichen Texten; Fred. Bernhs., Bartsch 38, 19,nbsp;Lothr. Ps. Prol. 3, 41; Psalm 8, 5 usw. Vermutlich ist schon damalsnbsp;poc vorvokalische und Pausaform, po vorkonsonantische Form, wenn auchnbsp;afrz. Hss. poc verallgemeinern. Vgl, neuwall. Herzog 2, 32 po;knbsp;apre (peu apres), 5, 52 5 poik, (Pausa), 5, 19; S, 52 o po vsj (zm peunbsp;voir). — In der Champagne, der Seine und Loire ist zentralernbsp;Beschleunigung entsprechend die vorkonsonantische Form po verall-gemeinert worden: Christian hat nur diese, Bible G. 1377 reimtnbsp;Pausaform po mit lo (laudo); po wird dann mit o (S. 82, 97) zu punbsp;(geschrieben poul), dies ist wohl die Form Rustebuefs, die er oft mitnbsp;Pou (Paulu(m)) reimt, das seinerseits mit lous (laus) gebunden wird').nbsp;los (laus) hat afrz. nie Diphthong gehabt; Pozis Paulus ist also bereitsnbsp;monophthongiert; vgl. S. 82^. — Die vollere Form poc resp. puc bleibtnbsp;mundartlich; Für die Champagne Herzog 8, 22; für die Loire vgl.nbsp;ALF 570 fUlCy wo Loir-et-Cher an zwei Punkten die Koseform (Pausaform) po:k („Kleinequot; pauc(a) oder „Kleinesquot; pauc(u)?) besitzt. — Iluecnbsp;zeigt diese Verallgemeinerung der kurzen Form nicht, weil hiernbsp;Pausaform dominiert; avtiec ist afrz. stets die seltenere unterstrichenenbsp;Form, a(p)ud o(d) die gewöhnliche; Vgl. R 10 ovecques, 23 adv., abernbsp;295 o soi. Dennoch muö sich auch avuec der Satzphonetik beugen;nbsp;In QLR ist od der standige Ausdruck für „mitquot;, selteneres avuec istnbsp;vor Kons. ove: S. 10 ove tei (Hs. M), 112 ove ki. Heutige Mundartennbsp;haben nach Schwund von 0 a(p)ud1 2) die vorkonsonantische Form avue(c)nbsp;verallgemeinert: Herzog i, 39 avu: (Pausa) im Reim mit Ernunbsp;(Arnoud). — Nach vortonig o schlieClich ist k bereits vorliterarischnbsp;gefallen: hoc c, vgl. hoc ïlll oil, eccehoc po. Hier wurde also dienbsp;vorkonsonantische Form früh verallgemeinert.

„Festesquot; -k folgt spater; Reime wie Joufrois 834 bore (burg-u(m)) ; tor (türri{m)) kann Systemzwang erklaren (S. 134'^). Aber schon

1

*) Im NO. bleibt sê-Po (Herzog 40, 3). Der alteste Reim der Art Sains-Pos: repos der Fortsetzung der Bible G. (A. Baudler, G. de Provins, Diss. Halle, 1902,nbsp;S. 59)- Ger Zusammenfall von Paulu(m) Po mit vorkonsonantischem pauc’ po fiihrtnbsp;Ezechiel S. 7 zu der Sebreibung Saint Poc.

2

0 bleibt .an ein paar Punkten der Bretagne, ALF 581, Herzog 30, 5.

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III. Lautlehre. 137

in O. Ps. und QLR ist done in der Frage; don ne; vgl, die Schreibung R 16, 153 done statt dont. — Der Name Béjart (Molières Frau) bestehtnbsp;aus; bee (gall, (beccu(m)) und jar/= „Ganseschnabelquot; vgl. nfrz. béjaunenbsp;„Gelbschnabel“, das Pathelin 349 noch bee jaune schreibt. — Da vielenbsp;Worte einsilbig sind, bleibt die Liaisonform oft herrschend, wahrendnbsp;mehrsilbige Lehnwörter tabac, estomae auch vor Vokal nur als taba,nbsp;estoma gebraucht werden. Der Osten halt k: Vgl. ALF 486, wo dienbsp;Wall, geschlossen stumak hat und auch Lothr. /^-Formen zeigt; 1272,nbsp;wo NO. und O. tabak sprechen. Vgl. M. L. frz. Gr. § 221.

Für S, R, L, M, N können wir auf die folgenden Kapitel verweisen: Die vorvokalische Bindung erhalt sie lange; vor Kons. und in Pausanbsp;verstummt n {m ist im Auslaut zu n geworden = Folge der Artikulations-gewohnheit) durch die Nasalierung, / vokalisiert oder fallt, j verstummtnbsp;seit dem XII. Jahrh., r seit dem XIII. und XIV. Jahrh., wohl zuerst imnbsp;O. (Lothr. Ps., § 87), — im einsilbigen Worte dominiert vorvokalischenbsp;Oder Pausaform, auch SchrifteinfluC wirkt vielfach erhaltend.

In Summa scheint enge Bindung mit verwischter Silben-grenze in der ersten Periode auf wenige einsilbige Worte beschrankt. — Spatestens im IX. Jahrh. (Eulalia) wird enge Bindung undnbsp;Hiniiberziehen haufiger: Dies tilgt vorkons. Kons., erhalt aber imnbsp;Gegensatz zur ersten Periode vorvokal. Kons. (Liaison): Denn ernbsp;wird nun als Anlaut des folgenden Worts artikuliert.

Seit dieser Zeit neigt das Zentrum zur Verallgemeinerung der kurzen vorkonsonantischen Formen: Für einfach -t undnbsp;einzelne Monosyllaba wird dies auch durchgeführt, vgl. die Verallgemeinerung a (Prap. oder habet), en(t), pren(t) und po (pauc’);nbsp;nfrz. ist diese Verallgemeinerung seltener, die Liaison resistenter. Dasnbsp;mag am immer starker werdenden SchrifteinfluC liegen. (Vgl. M. L.nbsp;frz. Gr. § 222 ff.)

Der Osten hat von jeher diese Verallgemeinerung nicht oder nur zögernd mitgemacht; Wie end' und en (inde) in B Satzdoppelformennbsp;sind, so noch in heutigen Mundarten; poe und po zeigt gleichen Sach-verhalt an der Ostgrenze, wenn auch nur punktweise (ALF 1007).nbsp;Es besteht im O. Neigung, die langeren Formen zu verallgemeinernnbsp;(so poe im lothr. Ps.); Darum dürfte es nicht zweifelhaft sein, daGnbsp;hier das Tempo bestimmend war, der wohlbekannte aceent trainantnbsp;de Vest zeigt sich in seinen Wirkungen.

Bemerkung 1. In der afrz. Schreibung des Auslants herrscht meist Tradition. Wenn aber der Lothr. Ps. {Prolog 2, lo) wardeit statt wardeir schreibt, Octaviannbsp;(pik., XIII. Jahrh.) 4612 verser mit a escrUs reimt, so ist ersichtlich, dafi auch in Pausanbsp;s, t und r stumm waren. Die Bindung scheint überhaupt im O. den Auslaut schlecht zunbsp;schützen, vgl. Lothr. Ps. 3, 40 mUs a mlca(m) ad, das 5 sicher nur graphisch (neulothr.nbsp;mi, m’). Dagegen ist strikte durchgeführt: verbundenes Pron. Poss. Mask, und Fern.

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138

III. Lautlehre.

vor Vok, mon, ton, son; Mask, vor’ Kons. aber mou, ton, sou: Psalm 2, 5 en son ire et en sou corrous. Apfelstedt bemerkt den Unterschied beim Mask, nicht und schreibt (§ 114)nbsp;„mon und mouquot; seien „ziemlich gleich haufig“. Hatte Apfelstedt den Text „unifor-miertquot;, ware eine wichtige Beobachtung vergraben worden. —Zum Nlothr. vgl. Herzognbsp;11, 21; sp Jfp son chesjal, aber n, 88 mpn 9m. r-Bindung nlothr. fast nur beim Artikelnbsp;und Pron,; vgl. 11, 74 dct oiksn te:t, nfrz. dans aucune tite. Diese losere Bindungnbsp;hangt vermutlich zusaramen mit geringerer Neigung zur Satzoxytonierung; So heifit esnbsp;in Pausa; li, 33 in le: d9t0 ; m = f/ ne les doutait pas; das mi (mica) hat sich an dasnbsp;Verbum inkliniert! Dieser unfranzösische Akzent zeigt sich allerorts auch in der Ent-wicklung der Diphthonge: du gt; a, ou 0, ói gt; 0; ié ^ ie ^ i, uo )gt; lie ^ it:nbsp;Langsames Tempo, geringere Bindung, fallender Akzent, infolgedessen geringere Neiguiignbsp;zur Hiatverschleifung charakterisieren NO. und O. (Rydberg, S. 89,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;182.) —

Es trennt sie die Artikulationsgewohnheit, die im O. vorgeschoben, im NO. mediopalatal ist,

Bemerkung 2. Besonders haufig sind in' der normalen Entwicklung des kon-SOliantischen AuslautS die Störungen durch Systemzwang (woriiber unter Deklination und Konjugation zu handeln ist), oder aber Störungen durchnbsp;Endungs(Suffix-)verwechslung Oder Tausch ; So ist intervokales t, das urfrz. sekundiirnbsp;in Auslaut trat, franzisch frilh verstummt, hielt sich aber im Osten (S. 135). quot;Wahrendnbsp;also sitis, slti(m) franzisch soiz, soi (Rustebuef) dekliniert, reimt der M. Brut 643nbsp;noch destroit (destrlctu(m)) mit faim et soit, 'Wenn nun sïti(m) als soif (Erec 2081,nbsp;Venus 253) zu finden ist, wird man nicht an Lautentwicklung auslautenden t’s libernbsp;Aspirata |) zu / denken (vgl. germ. Kons. S. 133), sondern sekundares soif etwanbsp;nach boif bibo erklaren, Oder in der Deklination von nix, nlve(m) nois, noif dasnbsp;Vorbild erkennen. Vgl. S. 134b Es bleibt dann Ansichtssache, ob man in germ.nbsp;Worten / fiir t ebenso erklaren will (B 53 strit estrif, Alex. Fragm. 13 estrit! Hs.nbsp;estric), oder hier an lautliche Entwicklung glaubt. P'iir letztere Annahme sprache, dafinbsp;sich bei germ. Worten / fast nut bei der etymologischen Grundlage t findet*).

Sicher festzustellen ist, wenn normal auf -ans auslautende Worter die Deklination von granz, grant annehmen: romin(i)ce ergibt romanz (vgl. B 237 bretanz brittdnice)nbsp;und substantiviert: Subj. li romanz (R 203), Obi. lo romant, nfrz. roniantique undnbsp;fem. romande (La Suisse romande, vgl. grande), Normannus dekliniert Normanz, Nor-mant; davon wird A'ormendie (vgl. Rou 68) und ein Fem. Normande abstrahiert.

Aber auch Tilgung des Auslauts kommt vor, freilich seltener: tres wird troi (M. Brut 165s) trois dekliniert, cursus cars, cor (Aiol 4173), weil dui, dous (Plural),nbsp;tors, tor (tornus) so deklinieren; das Suffix -ardus dekliniert -arz, -ar: Dial. Greg.nbsp;159, 5 nostre vielhar; tot li ner (ebenda: nervi), 163, 2 li Lumbar usw. Vgl. W. Benary,nbsp;Zur Gesch. des kons. Auslauts der Nomina im afrz. und nfrz., Diss. Heidelberg 1902,nbsp;S. 42, 87, 94.

Kapitel 6.

Labiales. Orale 'VerschluC- und Reibelaute (lat. p, b, f, v).

I. Alllautencl bleiben p, b, f, v: B 4 per par, 13 plana plaine, 5 *boscu(m) bos, 103 germ, blank blans, 4 foris fors, i venit vint. —nbsp;Germ, w im Anlaut wurde S. 133 besprochen.

Vgl. R. Gros, Keine Beitrage zur rom. Lautforschung, Diss. Heidelberg 1910 (Ro. F. 27, 606); nach ALF 783 ist soif offenbar die aus dem O. stammende Form dernbsp;Hauptstadt, die sich durch die Flufitaler ausbreitete.

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Tafel der Rhythmua- und TempoverRnderungen.

Tonvokale

UnbetonteVokale

Vorkons. Kons.

Intervok. Kons.

Auslautende Kons.

Altvlat.

Beschleunigung. Enge Bindung imnbsp;Satz.

Lange imd Kürze fallen zusammen

S. S3.

Monophthongierun-gen S. 54.

Hiatverschleifung von unbetont i und u

S. 55-

Synkope in Schnell-sprechformen S. 55.

rs ^ SS, ns ^ s, Stella ^ stëla

S. 128, 129. tl gt; cl S. 129.

avus noA aus; b b-avi nbsp;nbsp;nbsp;Kons. ^ au

tabula gt; taula.

S. 130.

-m, -s verstommen, -t in -st verstummt vornbsp;Konsonant.

S. 128, 129.

Jungvlat.

N eu-Rhy thmisierung des Wortakzents.

Eangung freier Tonvokale S. 54.

decken die Tonsilbe.

s. 54.

ti. cj gt; tsi ce, ci gt; tsie, tsii

S. 131.

Urfrz.

Dominanz der Ton-und Nebentonvokale. Weiterentwicklungnbsp;des vlat. Wort-Rhythmus.

Diphthongierung langer Tonvokale.

ilbertritt von in schwere To

Starker Nebenton: Synkope von Zwi-schenton u.Panultima.nbsp;Fall ungestützternbsp;Ultima.

i aus leichten asilben. S. 62.

gehen im vorher-gelienden Vokal auf:

S. 134.

Sonorisiert: S. iiSff.

k verstummt, bzw. vokalisiert; p, t, dnbsp;werden Reibelaute =nbsp;Angleichungen an dennbsp;Vokalismus. S. 134.

stimmhafter Auslaut wird stimmlos:nbsp;Keine Bindung, aufiernbsp;bei einzelnennbsp;Monosyllabis.

Afrz.

}Jeschleunigung.

Bindung.

Monophthongierun-gen S 59. Streben zur Satz-oxjtonierung im Z.

Hiatverschleifung

S. ti6 (auch satz-phonetisch). Weitere Synkopie-rungen S 122.

Weiteres Aufgeben silbendeckendernbsp;Kons.

Dental verstummt.

Verstommen vor Kons. Im Z. Ver-allgemeinerungnbsp;kurzer, im 0. langernbsp;Formen.

Engere Bindung, gröfiere Beschleunigung, weitergehenderenbsp;Oxytonierung im Z.nbsp;als im 0. S. 138.

Nfrz.

Neu-Rhythmisierung des Satzes.

S, 5°. 5«-

Satztonlangung (bzw. Diphthongierung innbsp;Mundarten).nbsp;Satzoxytonierung.

Streben nach Ein-silbigkeit von Wort-körper ohne Suffix und Prefix.

to

c:

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140 III. Lautlehre; p, b, f, v anUutend und intervokal.

Bemerkung: B 64 vice(m) foiz statt *voiz entstand wohl in Anlehnung an den meist stimmlosen Ausgang der Einerzahlen mitnbsp;Betonung der Zahl, — *dóus veiz dous feiz (Gierach: Stimm-losigkeit des einen Konsonanten bestimmt Stimmlosigkeit der Gruppe,nbsp;vgl. Zwischenton und Panultima S. I18). Deshalb schreiben Alexiusnbsp;L 292 treisfeiz, Krlsr. 71 treifeiz in einem Wort, In so. Dialektennbsp;blieb V erhalten: ALF 590.

2. Intervokal war b vlat. zu t geworden und wurde nun in ganz Gallien zu v, wahrend sich gleichzeitig p zu ^ verschob (VI. Jahrh.,nbsp;Pirson J. B. XI, i, 80), an der Stimmbanderschwingung der umgebendennbsp;Vokale also teilnahm. Dies ist der Zustand des Altprov.,^ wahrendnbsp;das Urfrz. nun auch b aus p zu (Lockerung des Verschlusses,nbsp;dento-labiale Enge) verschiebt *). Wie vlat. v vor u langst geschwundennbsp;war (App. 29 avus non aus), schwand nun auch v aus lat. b und vnbsp;vor gerundetem Vokal, dialektisch auch nach gerundetem Vokal.nbsp;Dagegen blieb jüngeres v aus p erhalten: sapöne(m) savon. Schliefi-lich wurde v im unmittelbaren Auslaut stimmlos, also zu ƒ (chief).

Beispiele: a) p, b, f, v intervokal vor a, e, i: B 47 ad-crepantatu(m) acraventei, 137 sepelire sevelir; 57 caball-ariu(m) chevalier, habere avoir; 21 levatus leveiz, 35 pictavini Poetevin;nbsp;malefatia R 149 mauvese. b) p, b, f, v im sekundaren Auslaut:nbsp;M. Brut 590 prope pruef, trabe(m) (Reich, Gl. 156 travis) trefnbsp;„Zelt“, B 216 brëve(m) brief. — Dagegen ergibt die Gruppe -aba,nbsp;-ava nur im O. und Z. -eve, im W. aber nach Vokalisierung von vnbsp;-oue -oe (a -f u, S. 106): Die Imperfektendung -aba(m) ist im O.nbsp;-eve, im W. -oue 'fgt; -oe; Gall, grava ist im Z. greve, im W, groue.nbsp;Vgl. aqua, S. 107, 158.

Bemerkungen: B 211 habitatiuns, B 207 edifiier, das volkstüm-lich entwickelt als aigier vorkommt, sind Buchwörter; — f kommt lateinisch intervokal nur in Zusammensetzungen oder Dialektwortennbsp;vor: *scrofellae (von scofa ,,Sau“, Lex Salica, J. B. XIII. 1, 108,nbsp;scrova, Kass. Gl. 81 scruva), nfrz. écrouelles zeigt dialektisches Ver-stummen von v nach gerundetem Vokal. — Die seltenen germ. Wortenbsp;mit intervokal p oder b erhalten diese Konsonanten, sind also nach dernbsp;Verschiebung aufgenommen: ags. skipan esquiper, frk. gripan „greifen“,nbsp;nfrz. gripper, rauba (Pirson S. 8, 26) ,,Raub“ (Rou 3453) gt; „Besitz“,nbsp;R 47 robe „Kleid“; ahd. hriba „Hure“ R 375 ribaude (ribalda). —nbsp;Dissimilation von Labialen hat mehrfach stattgefunden: *habea ausnbsp;habeba(m) entstammt vermutlich die Imperfektendung -éa(m) (vgl.

Reich. Gl. 1137 tugurium: caitanna (capanna; spateres frz. cabamie stammt aus dem Provenzalischen).

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I4I

III. Lautlehre: p, b, f, v intervokal.

App. 73 favilla non failla), die dann analogisch um sich griff; vivenda wurde zu viande. (Die geistvolle Etymologie vitanda, „dasnbsp;in der Fastenzeit zu vermeldendequot; = „Fleischquot;, scheitert daran, dafinbsp;viande afrz. noch ganz allgemein „Lebensmittelquot; heifit, Fleisch istnbsp;char. Vgl. Bartsch, O. Ps. 13, 41 li camp ne aporterunt viandenbsp;„die Felder werden keine Frucht tragenquot;.)

Bei zweifelhafter Etymologie gibt das Provenzalische den Aus-schlag: Es ist lautlich schwer anzunehmen, daG trover von türbare kommt, wegen trueve (B 334), das auf vlat. 9 beruht, obgleich esnbsp;durch Schuchardt begrifflich sehr wahrscheinlich gemacht wurde. Abernbsp;auch aprov. trobar zeigt, daC ein *tr9pare zugrunde lag oder sichnbsp;einmischte. — travaillier 310) kann nicht vón *trabaculare „Balkennbsp;schleppenquot; kommen wegen aprov. trébalhar. Also: *trïpaliare vonnbsp;trïpalium „Dreipfahlquot;, einem Marterwerkzeug (REW).

c) nbsp;nbsp;nbsp;p, b, f, v intei'vokal vor betoiiteni ü, ó. «) Lat. p: B 55nbsp;nepöte(m) nevtfd, sapöne(m) savon. — R 94 ad-percïp-ütu(m) apercëunbsp;ist also analogisch nach hab-ütu(m) êu gebildet; normal ware *apercevu,

/9) Lat. b, v: trïbütu(m) tré'u, pavöne(m) (Kass. Gl. 89 pao), pdon, nfrz. pa, pavöre(m) (App. 176 paor) paour. — Bei taböne(m)nbsp;taon (ALF 1281) gehen die östlichen und westlichen Formen tava,nbsp;ta:wD auf tabanu(m) zurück, und zeigen eine ahnliche Abgrenzungnbsp;gegen Z., N. und NO. wie die Entwicklung von inlervokal kw S. 158.

y) Lat. f: de foris, B 138 defors; f findet sich noch heute an der Ostgrenze (ALF 382 dfu:, dafo), in anderen Mundarten devors,nbsp;dehors (h lautet in Norm. und Bret.). — Von dehors aus ist forisnbsp;hors (neben fors) zu versteken. — Vgl. R. GroC Ro. F. 27, 623,nbsp;der das h in dehors als affektische Aspiration erklart.

Benierkung. avuec erklarte Diez aus apud höc, das machte Schwierigkeiten wegen a(p)ud gt; od; ab höc gt;gt; avuec ist unwahr-scheinlich wegen des erhaltenen v vor u. Vielleicht erhielt sich v,nbsp;weil die Komposition noch gefühlt wurde, zumal por-tiec, av-antnbsp;danebenstanden. Vgl. auch devant aus de ante nach avant abante,nbsp;weshalb ad höc für avuec (Herzog) befriedigt; ovtiec u. a. (R. 10)nbsp;zeigen Vermischung mit od. — labore laborat (B 204) ist Buchwort.

d) nbsp;nbsp;nbsp;p, h, f, V intervokal vor nachtonigem u, o: Lat. v warnbsp;in dieser Stellung vlat. gefallen: növus wurde zu *n9us, növu(m) zunbsp;npu (Diehl 450 noum). Aber daneben standen nova, növi; nebennbsp;9(v)u(m) stand pva, und so erklart sich die (vlat.!) Wiederherstellungnbsp;des Konsonanten in nuef, uef (it. nuovo, uovo) u. a., wahrend ri(v)u(m)nbsp;(App. 174 rius) B 312 riu (nfrz. Mundarten ry, ALF 1175) unbeein-fluGt bleibt, da es nur in der Einzahl alltaglich ist. — Lat. b innbsp;sëbu(m) ,,Talg“ zeigt naturgemaG jüngere, aber gleiche Entwicklung:

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142

III. Lautlehre; p, b, f, v intervokal und yor Kons.

siu (vgl. e -f y S. 72); ob scribo, bibo sich lautgesetzlich ebenso entwickelten (*escriu, *bm), ist unentscheidbar: escrif kann nachnbsp;escrivons gebildet sein. — Lat. p wird erst in urfrz. Zeit zu v, undnbsp;nun mag sich, solange das Ultima-?/ noch lautete, der gleiche Vorgangnbsp;wie im Vlat. wiederholt haben: capu(t) stand als *ca(v)u neben *cavi.nbsp;Analog nach letzterer Form ergab *ca(v)u statt *chou (vgl. a u)nbsp;chief, lüpu(m) aber Ipu (vgl. o -f u), trotzdem lüpi (frei o) leu wurdenbsp;(B 115); apud scheidet mit seinem auf sekundar au beruhenden o ausnbsp;(B 11 od), hier mu6 also eine urfrz. Kürzung zu aud vorliegen, danbsp;a -f u ja franzisch pu gt;gt; ti ergibt. Die Kürzung entspricht dernbsp;allg. vlat. von (h)abet zu *at und *(h)abunt gt;gt; *aunt gt;gt; ont.

Obiges Problem wurde zuletzt mit grofiem Scharfsinn vonStimming, Zt. 39, 129 ff. und M. L. ebenda S. 398 ff. behandelt. M. L. weistnbsp;nach, dafi Formen wie queu (Leod. i58)gt; Meu (Lap. afrz. Übb. 200,nbsp;auch nove(m) nou 323!) als kief resp. chief zu lesen sind, und glaubt,nbsp;daC leu und lou nicht dem Kasus nach, sondern der Mundart nachnbsp;zu scheiden seien. ALF 783 scheint ihm recht zu geben: Die Maasnbsp;hat la:w, der NO. und Wall. Ice, loe:q, I0, Z. und W. lu, die gleichenbsp;mundartliche Verteilung also wie bei a u, au u. Vgl. dazunbsp;oben S. 84 und Domesdaybuch, Zt. VIII, 336 Froisseleuu, 344nbsp;Visdeleuu, wahrend der 334 genannte Culdelou aus dem Z. oder W.nbsp;(vgl. R 344) stammen dürfte.

Auf S. 60 ist bemerkt worden, daö in einzelnen afrz. Texten letts Nominativ, lou Prapositionalis ist; G. Ste. 11223 plus irez quenbsp;leus: fevreus (-ösus); 731 fuient a lou: jou (jugu(m)). Vgl. auchnbsp;die Beispiele bei Godefroy. Daher auch wie C. D. Frank (vgl. J. B.nbsp;XII. I, 207) erkannt a la queue le leu „im Gansemarsch“ ursprünglichnbsp;Zuruf war: ,,An das Ende, der Wolfl“ (= li leus). So dürftenbsp;Stimming, trotz der Verdunkelung durch mundartliche Entwicklung,nbsp;richtig gesehen haben.

3. Vorkonsonantisch bleiben die Labiales silbenanlauted vor Liquida (M. c. L.); silbenschlieCend fallen sie.

a) nbsp;nbsp;nbsp;Vor 1 wird p stimmhaft, b, f bleiben, ohne ihren Charakternbsp;als Verschlufi- oder Reibelaute zu verandern:

Beispiele: düplu(m) doble (Buchwort vgl. S. 81), B 322 oblltat oblie] sifilare (vgl. App. 179 sibilus non sifilus) sifler.

Beilierkoilg: triple, pueple sind gelehrt; afrz. trible. Fide poblo, zdxz.pueble zeigen lautgesetzliche Entwicklung. Auch. diable, fable, table,nbsp;die Suffixe -able, -ible sind gelehrt; vgl. gedeckt a -f Oral, S. 107.

b) nbsp;nbsp;nbsp;Vor 1’ rücken die Labiale bis v. capra chievre, B 92 separatanbsp;sevreie, fabru(m) fevre, 356 deiiberata delivreie, vïvëre vivre. — Vor

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143

Ill, Lautlehre: p, b, f, v vor und nach Kons.

r Kons. vokalisiert dies v (wohl noch als t): fabrica forge (aus *faurge, vgl. den Familiennamen: Favergier fabricariu(m) ,,Schmidt“);nbsp;excollubricat escolorge (gegenüber lovergier lübricare, Tr. B 3955). —nbsp;Im satzunbetonten Worte fallt v: süpra, Eulalia 12 soitre, R 65 seur,nbsp;B 77 sur, nfrz. sur statt erwarteten *sour nach sus süsu(m).

Beinerkung: vibrare, nfrz. vibrer ist gelehrt wie alle Wörter, die nachvokalisches lat. pr, br unverschoben erhalten: propre propriu(m)nbsp;„eigen“ usw.; virer wird als vibrare gyrare (REW) erklart, dochnbsp;ware auch Ferndissimilation denkbar.

c) nbsp;nbsp;nbsp;Vor n halt das altere Afrz. noch v, das im XII. Jahrh. ver-stummt: B 141 juevnes jpvenis, R 43 juennes. (Dial, juevre mitnbsp;Suffix-r wie ordre, Londres erklart sich nach S. 168.)

d) nbsp;nbsp;nbsp;Vor anderen Kons. verstummten p, b, v urfrz.: B 156nbsp;clvitate(m) -|- s citeiz, 293 brevi-mente briement {briefment istnbsp;nach brief rekomponiert), 354 gravis gries, scribit escrit, 83 recïpitnbsp;receit; ipse: in ipsu(m) ïllu(m) passu(m) eneslepas, B 28 innelepasnbsp;(volksetymologisch an isnel ,,schnell“ gelehnt, S. 176), ante-ipse B 76nbsp;anchois, franzisch: angois, R 390 aingois nach ainz, mane-ipsu(m)nbsp;B 106 maneis gt; manois. Über tëpi(d)u(m) teve, malehabi(t)u(m)nbsp;maleve vgl. Zwischenton, S. 119k

pp; cappellum R 53 chapel, cappulare (vgl. S. 64) „hauen“ chapter B 31 capU'iz „Getümmel“.

bb: abbate(m) abet, nfrz. abbê mit etymolog. Schreibung.

Bemerkung: ostare für obstare, afrz. aster, ist sehr friih belegt, vgl. Glotta IX, 127; Reich. Gl. 491. — Alexius Hs. L 42 ciptetnbsp;ist falscher Latinismus. — Passion 10 eps (ipsu(m)), 15 ciutat sindnbsp;Provenzalismen.

4. Nachkonsonantisch bleiben die Labialen: B 14 cumpaine, 39 cumbat, 221 servirent, 356 enfans.

Bemerkung: Die vlat. intervokale Entwicklung von b O -fe- ist natiirlich alter als der galloromanische Schwund zwischentonigennbsp;Vokals und der Panultima: Darum ergeben cerebellu(m) cervel,nbsp;collibertu(m) (Domesdaybuch culibertus, afrz. culvert)', vgl. zu p:nbsp;cannapu(m) chanve gt; chanvre mit Suffix-r. — prevoire, provoirenbsp;(griech. nqsaiivi:eQOv) entstammt praebi'teru(m), *probiteru(m) nachnbsp;praepositu(m), .propositu(m) (beide Formen Pirson 3, 24; 3, 34),nbsp;afrz. prevost, provost, ,,Probst“, Diehl 1128; vgl. christl. I. 16 pros-biterum. — Prince aus principe(m), evesqtie aus episcopu(m) zeigennbsp;gelehrte Erhaltung der Panultima und Verstummen nachtonigennbsp;intervokalen Labials. Vgl. Zwischenton S. 119k — Pik. game für

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144 III. Lautlehre: p, b, f, v interkons., im Auslaut, vor i.

jambe (auch Paris: Complainte Rustebuef 54 janie im Reim mit amei Herzog 8, 9 Ste.-Ménéhould) ist in Frankreich heute auf dennbsp;NO. beschrankt, ALF 709; S. 153.

5- Interkonsonantiscli: „Sprunglaut“artig i) bleiben p, b vor r, 1, verstummen sonst: B 70 deriimpre, B 106 ümbilïculu(m) umblil (nfrz.nbsp;nombril aus rornblil hat zweimalige /-Dissimilation). B 152 temple,nbsp;319 arbres, aiimbroient, R 38 membres', — mundartlich verschiedenenbsp;Dissimilationen zeigt mëspilum „Mispel“: Im W., N., NO. afrz. mesplenbsp;(Elie 398), mesle (Rabelais II, l), heute msil, ALF 902. — Das Z.nbsp;geht von dem vlat. dissimilierten nespula (S. 174) aus. Elie 335nbsp;nesple, nfrz. n'ejle (nach triple}).

Vor anderen Rons, verstummt p: B 110 corpus cars, in R 87 corps ist p, wie heute, graphisch; R 205 computare conter. — B 107nbsp;cops folgt dem Obi. co(l)p.

6. nbsp;nbsp;nbsp;Auslaut. In der spateren Entwicklung bleibt -ƒ in einsilbigennbsp;Wörtern: chef (Jsf) aber chef d'ceuvre (je doe:vr), ceuf (mundartlichnbsp;racist 0, ALF 935); -p fallt in: trap (tro), galop (galó). Gelehrt sindnbsp;cap, -if in naïf, massif usw., wahrend joli (jol-Ivu(m) REW 4590)nbsp;normal ist, Benary, S. 27, 28. ALF 141 ,,ba’uf“: f lautet in Mund-arten nur noch an zwei aufiersten Punkten (196, 293) der Wallonië.

7. nbsp;nbsp;nbsp;p -F i: sapiatis, R 15 sachiez (vgl. Indikativ R 55 saveznbsp;sap-atis); b-|-i: savie, saive gelehrt (Roland) neben sage 1sabi(d)u(m)nbsp;(vgl. S. iigj, 1rabja rage-, v 4- j: cervia B 260 cierge.

Benierkung: m -f i geht ahnlichen Weg: sïmiu(m) singe (vgl. m i). — 1plö(v)ia pluie, vgl. REW 6620; die lautgesetzliche Formnbsp;ist ploge, Dial. Greg. S. lOi, 16, ALF 1039 so. pjceidj, neulothr.nbsp;pleuje {plcct'.j), Herzog 13, 5. Wall. pb:f ist analogisch nach nïve(m),nbsp;afrz. noif, Lothr. no:f gebildet (ALF 903, 1039).

Hiatus-w. Wie im Z. und W. j (palatale Zungenrückenhebung) den Hiatus tilgt, so im N. und O. (germ. Grenze) haufig w (velare Hebung)nbsp;nach Rundung. Vgl. S. 154 und B 44 cad-üta chauive. Nach W. F.nbsp;ist jocale Joel, in der wall. Form jowel als Juwel ins Deutschenbsp;importiert worden. Vgl. schon im merowingischen Latein: Pirson,nbsp;Ro. F. 26, 935 f.; Diehl, Chr. I. 349 evorum (= eorum) und S. 155.nbsp;Zum heutigen Zustand: ALF 926 noyau. Wall, nowé, nawe,nbsp;Lothr. novjl, 914 noel, NO. nowé, Lothr. noiwsj usw. Der Gebrauchnbsp;schwankt sehr stark, Punkte mit Hiat, Hiat-y und Hiat-zw liegen oftnbsp;unmittelbar nebeneinander.

1

Straff artikulierte Zitterlaute r, I setzen gern auf energische Verschliisse ein; Vgl. sr S. 164, mr, nl .S. 175; mundartliche Abweichungen S. 164®, i66, 167.

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III. Lautlehre: t, d anlautend und intervoka!. r4S

Kapitel 7.

Dentale VerschluBlaute (lat. t, d).

1. nbsp;nbsp;nbsp;Anlaut bleibt: B 2 tint^ n trois, 18 de, 40 dol. — dj istnbsp;schon vlat. ausgeschieden (S. 131): B i diurnus jors.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Illtervokal war im VI. Jahrh. -t- zu -d- geworden (S. 134).nbsp;Nun lockert sich der Verschlufi, und im altesten Afrz. wird d arti-kuliert; geschrieben wird bald d: Reich. Gl. 600, 1090 castradi,nbsp;Eulalia presentede -ata, spede spatha, bald dh: Eide cata ünanbsp;cadhmia, Lotarium Ludher neben *potëre podir. Auch etymolo-gislerendes th findet sich: Alexius (Hs. L = England); 20 cuntrethanbsp;^ata, neben 19 honurede -ata, 35 imperatöre(m) emperethur,nbsp;63 vita vithe. Die anderen Hss. haben emper'éor und vie. Wahrendnbsp;bei den Labialen v zum groUen Teil blieb (S. 140), ist d afrz. durchausnbsp;geschwunden*): B 12 *conredatos cunré'eis, 31 cappul-at-Iciumnbsp;caplêiz, 44 cadüta chdüwe (mit Hiatus-w an der zweiten Schwundstelle),nbsp;49 recredë(b)ant recrëoient, 65 rüta(v)it rua.

Archaisch blieb in B 155, 237; aet-aticu(m) edage (]gt; afrz. cage )gt; nfrz. age'). Vermutlich sprach der Dichter des M. Brut noch d.nbsp;Der östliche Abschreiber und Überarbeiter hat dann seiner Artikulationnbsp;entsprechend gebessert, aber edage stehen gelassen. In Englandnbsp;schreibt man auch sonst d, dh intervokal bis ins XIII. Jahrh. Vgl. J. B.nbsp;XII. I, 211. — In B 109 ambedoi, 184 atalenta, R 376 ledenges,nbsp;bleibt der Zusammenhang mit dui, talent, laid bewuGt, wahrend innbsp;benedictus Beneoiz, nfrz. Bénoit, béni, maledictus malëoiz die Wort-grenze nicht mehr gefiihlt wurde. — 21 Brutus, 282 abiiast usw. sindnbsp;gelehrt. — totus war vlat. tottus (Consentius: tottum pro toto).nbsp;Die Erklarung aus totus-totus „alle, allequot; ist denkbar. Interessantnbsp;auch: Als omne(m) „alle“ abkam, rückte das Buchwort totu(m) ein.nbsp;-t- war damals schon -d- (aber doch nicht in Italienl). -tt- schonnbsp;-t- (mïttat metat), zu letzterer Gruppe schlug sich das Buchwortnbsp;tötus (Haber 1, Zt. 34, S. 37). Allein war tötus Buchwort? Und kannnbsp;ein ,,erkranktes“ Pronomen (ömne(m) = (h)öm(i)ne(m), vgl. S. 55),nbsp;durch ein Buchwort ersetzt werden? Herzogs Erklarung: Affekt-dehnung (J. B. XII. i, 170) dürfte die einleuchtendste sein. Vgl. nochnbsp;brutus, it. brutto, frz. fem. brute^).

‘) Thomas bringt Ro. 1913, 87 die ersten Beispiele aus dem IX. Jahrh. Roofredus, Roobertus.

Verstarkung durch Reduplikation: feriferus, Pirson in J. B. XII, i, 71; Kinder-sprache; afrz. beaubd ,,Spielzeug“, REW 1027, bonbon usw.

Zur konsonantischen Affektdehnung vgl. den Scherz: „Ein Wetter, das man -eigentlich mit drei t schreiben müfite.“

Jordan, AltfranzSsisches Elcmentarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;jq

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146

III. Lautlehre: t, d -(- Konsonant.

3. Vor Konsonant: t, d fallen, doppelte Konsonanz bleibt als einfache: B 2$ ad pressu(m) apres, R 89 ad satis assez (ss bezeichnetnbsp;stimmloses, nicht langes j), B 166 totta tote, R 75 Diminutivsuffixnbsp;-itta petit-ete, 263 quattor (Diehl 316) quatre, zu nete, pütida piite,nbsp;vgl. S. 118. — Wo die Dentale aber Vorschlage waren, ist das Ver-stummen jiinger:

a) nbsp;nbsp;nbsp;t c. Suffix -aticu(m) (S. 119) -age = adso, vgl. neuenbsp;Mundarten (Herzog, § 286) und die heutige englische Aussprache;nbsp;nfrz. = a3, der ^f-Vorschlag ist verstummt. — pörticu(m) gt; *pórtegenbsp;porche (afrz. portja, nfrz. porj).

b) nbsp;nbsp;nbsp;t, d r. Die altesten Texte haben noch; Ei de fratre(m) fradre,

Eulalia 21 concrêdëre concreidre, Jonas h?dera nbsp;nbsp;nbsp;afrz. iere, nfrz.

mit irrig angewachsenem Artikel le lierre. Wo Alexius Hs. L noch pedre und medre (441 mezre) hat, schrieben die anderen Hss. pere undnbsp;7}tere. Es haben sich also t, d vor r wie intervokal entwickelt^). —nbsp;Gelehrt sind dtre (atriu(m)), afrz. aitre (QLR 121 ff.), cedre u. a.

c) nbsp;nbsp;nbsp;t 4- 1- tl scheidet in volkstümlichen Worten aus, da es schoanbsp;vlat. zu cl geworden war: Appendix vetulus non veclus. Buchwortenbsp;haben an dieser Entwicklung nicht teilgenommen: oder der Schul-einflufi steilte sie in etymologischer Form wieder her: rötulu(m) rodlenbsp;gt; rolle, role, *c(o)rötulare crodler gt; croller, croler. — In spatulanbsp;espadle (vgl. Rou 628) führte Metathese zu (QLR 17) espalde (England, Osten: Dial. Gregor), Assimilation zu M. Brut 1991 espalle,nbsp;franzisch espaule (R 34), vgl. S. 171 — Germ. Rotolandus auf Miinzennbsp;Rodlan, noch in der Guerre Ste. 4665 Rodland (ca. I200), (span.nbsp;Roldan), im Lied: Rollant. — utle ütile(m) (QLR 57) ist Latinismus.

d) nbsp;nbsp;nbsp;t, d -f n. platanu(m) plasne, *retina(m) (Ziigel), Rol. 1290nbsp;resne^), Rhodanus (Rol. 1583) Rosne. Vor n ist also d zm s gewordennbsp;(Heben oder wahrscheinlicher Senken der Zungenspitze aus interdentalernbsp;Lage in die bei n gewohnte Lage). Die agin. Schreibungen (QLR 6, 19).nbsp;podnêe adne, usw. (fur posnée post nata „Frechheit der Jüngeren“,nbsp;,,Fuchsenfrechheit“, asne) zeigen den umgekehrten Vorgang; s gt;• d,.nbsp;wenn sie nicht lediglich einen verstummten Laut für den anderennbsp;setzen, was QLR 65 throdnes thronus vermuten laCt; pudneis *pati-nasius (G. Ste. 554) statt pusnais (vgl. S. 176), redne (Rou) könnennbsp;ebenso verstanden werden.

Schreibungen mit zwei r haben im XII. Jahrh. nach dem Ton keine lauUiche Berechtigung. Vgl. Reime wie; M. Brut 3938 escore (excutere); hore (hora) undnbsp;B 97, 121, 290. Im Anlaut der Tonsilbe aber ist rr ungewohnlich konsequent:nbsp;Vgl, das S. no iiber arricre, derriere Gesagte und R 13 arrest (aber 93 aresta),nbsp;208 orra, 380 norrie usw.

'‘) Eracle 1425 aresne (*adrationat): resne (¦''retina); zum Wort Reich. Gl. 451 AOenas: retinacula iumentorum.

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147

III. Lautlehre; t, d nach Kons, und interkoiis.

e) t, d auslautend s gt; ts, geschrieben z. Im XII. Jahrh. ist z von s meist noch geschieden. Unser Brut zeigt nur reine Reime:nbsp;7 s, II z, 15 i', 22 z, ^i z, T,g s usw. Zu gleicher Zeit aber schreibennbsp;Pikarden schon s fiir z (Bartsch, Sti'ick 36, 37, 57; Walter). Esnbsp;verstummen dann beide zusammen, die graphische Tradition verhindertnbsp;eine gröCere Zahl von VerstöCen. Doch vgl. R 138, 254 doiz stattnbsp;dois, 338 mes mittis statt niez.

4. nbsp;nbsp;nbsp;Nacli Konsonant entwickeln sich t, d wie imAnlaut: B8nbsp;esturs, 16 esteit, 25 ordene, 38 rendent. — DaC prendunt nebennbsp;lautgesetzlich prenderlt (NO. noch neuwallon.) afrz., nfrz. prennent,nbsp;B 128 premioit (prend-ê(b)at) ergibt, stammt vermutlich von der Kurz-form pren (statt prent) des Imperativs. Vgl. S. 135.

In sekundar nachkonsonantischer Stellung finden wir bald Sonorisierung, bald nicht: dübitare doter steht neben afrz. cotenbsp;(cübitu(m)) und code, nfrz. coude (ALF 330). Dialektisch verschiedenernbsp;Ausgleich hat undurchsichtig gemacht, ob verschiedenes Alter dernbsp;Synkope aus lautlichen oder dialektischen Griinden, oder die wechselndenbsp;Stellung zum Ton die Verschiedenheit bedingte. Vgl. Zwischentonnbsp;und Panultima, S. Ii8ff. In digita gt; *dejeta deie, cpgitat (Rol. 395)nbsp;cuiet ist die Vokalisierung von j aus g alter als der Schwund dernbsp;der Panultima, so daC d intervokal fiel (M. L. frz. Gr. § 161); cuidenbsp;ist nach cpgitare cuidier umgestaltet: Der Schwund des Zwischentonsnbsp;war alter als die Vokalisierung von j aus lat. g.

Bemei’kuiig: syno(d)u(m) sane{Kxamp;c4022), palli(d)u(m)/«/^zeigen gelehrte Erhaltung der Panultima, infolgedessen intervokalen Fall des d.

5. nbsp;nbsp;nbsp;Interkonsonantisch. Die Dentale haben sich vor r sprung-lautartig (S. 144^) erhalten: B 8 grandior graindre, 16 inter entre, 252nbsp;dextera destre usw. Vor Zischlaut und i- blieben sie ebenfalls alsnbsp;Sprunglaut oder Vorschlag: ts wird z geschrieben und entwickelt sichnbsp;wie dieses; vor Zischlaut werden die Vorschlage nicht geschrieben, undnbsp;verstummen nach Ausweis englischer und deutscher Lehnwörter imnbsp;XIII. Jahrh. Im O. lauten sie noch heute: manducare, afrz. mangiernbsp;(mandsieir); Herzog, St. 45, 45 medzi (SO.), nfrz. manger (masé).

Beispiele: B 82 vengier (vênd3ier), 95 lenz (lentus): cenz (centu(m)); sts ergibt mit friihem Verstummen von vorkonsonantischemnbsp;^ gt; ts, geschrieben s: Christus Criz, füstis fuz, (h)östis „Feind“nbsp;gt; ,,Heer“ oz, forestes (J. B. XII, i, 8$) B l8i forez. Sonst sind dienbsp;Dentale interkonsonantisch früh gefallen. B 55 förti-ménte forment,nbsp;301 pectinat pine (= pigne, vgl. R 246), ördine(m) orne, Bartschnbsp;Renard 39, 496. Partizipialadverb: Dial. Greg. 122 desiranmentnbsp;desiderante mente; aus vaillan(t)ment (nasaliert) stammt nfrz.nbsp;vaillamment (entnasaliert; vgl. Tobler, Beitr. i, 14).

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148

in. Lautlehre: t, d auslautend und -j- i-

6. nbsp;nbsp;nbsp;Auslaut. Vgl. S. 135. — c9gito und digitum haben „ein-faches“ -t, da j aus g vor dem Fall der Panultima vokalisierte (S. 147),nbsp;ergeben also cui (Eneas 5010- und doi (R 60: otroi). Im O.,nbsp;wo einfach -t bleibt (S. 135), entsprechen cuit (cuic) und doit (Aiol);nbsp;ciiit im Z. (Erec 1034: miit) folgt cuidier.

7. nbsp;nbsp;nbsp;Dentale i.

a) nbsp;nbsp;nbsp;d 4- i ergab vlat. anlautend ds (Zischlaut mit rf-Vorschlag)nbsp;und fiel mit anlautend lat. g e, i, j und griech. f zusammen (S. 131). —nbsp;Inlautend blieb die Zungenspitze von i in Gallien tief, auüer (selbst-verstandlich) nach Zungen-i?. Vgl. Diehl, Chr. /. 175 (aus Vienne)nbsp;Euladia statt Eulalia, das, wie man es auch auffafit (= Eulaianbsp;Dissimilation.? = Euladia lautliche Entwicklung?), tiefe Zungenspitze,nbsp;hohen Zungenriicken für di voraussetzt. — Nun verstummt der d-Vor-schlag im Inlaut; Reich. Gl. 1122 tedet : anoget (= in9diat), das gnbsp;etwa nach damaligem rege, das re;je ausgesproclien wurde, j vokalisiert.

Beispiele: radiare ratter, radiu(m) rat, B 18 radiabat raiot, B 346 gaudia goie, R 19 invïdiösu(m) envieus. — Nach n: Burgundianbsp;Borgogne, *rötündiare röognier, vgl. n i. Nach R aber; (h)ordeu(m)nbsp;orge, viridiariu(m) vergier, vgl. R i.

b) nbsp;nbsp;nbsp;t 4 i ergab vlat. intervokal tsi; ci fiel galloromanisch mit ihmnbsp;zusammen, etwa wie in unserer Schulaussorache von ratiönem, faciam.nbsp;Von hier ab ist die Entwicklung problematisch: Es fragt sich vorab,nbsp;ob t wie ein Vorschlag artikuliert wurde, oder ob es die vorhergehendenbsp;Silbe deckte: platea place, Scotia Escoce (Froissart reimt es imnbsp;Méliador immer mit ot ce), capitium chevez, bei c 4 i *trichea B 307nbsp;trece zeigen, nebst anderen, Deckung des Tonvokals, also auch Konsonanz,nbsp;die die intervokale Sonorisierung nicht mitmachte. Allerdings könnennbsp;alle diese Worte Lehnwort-Charakter haben: platea, *trichea sind janbsp;Grazismen, Scotia Landschaftsname. Aber facia(m) face mufi dochnbsp;als lautgesetzlich angesehen werden und facio faz ebenfalls. Dasnbsp;wiirde dann dazu führen, dafi man beim Suffix -itia diejenigen Formennbsp;als lautgesetzlich ansieht, die -ece resp. -esse zeigen: afrz. Uesse, paressenbsp;usw. — Sarmatia Sermaise (stimmhaft j) kann dagegen als Land-name nicht ins Gewicht fallen, palatiu(m) palais statt *palaz kannnbsp;der Hofsprache angehören, pretium pris statt *prez, ein Buchwortnbsp;der Kaufmannssprache sein. Nach dem Tonvokal also zeigt dienbsp;Mehrzahl der Worte deckendes, infolgedessen auch nicht tonendnbsp;gewordenes ts.

Anders vor dem Ton: Hier wurde tsi offenbar zu iz (z = stimmhaft s! nicht ts!) vgl. oratiöne(m) oreison, B 262 orison, nfrz. orszo, R 188 potiöne(m) poison (nfrz. pwazo), vgl. raison (rezo) u. a. Undnbsp;hier hat das Lehnwort stimmlosen j-Laut: nation (nasjo). Vgl. potionnbsp;mit poison!

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149

III. Lautlehre: t i.

So scheint die Anschauung am widerspruchlosesten, die in der verschiedenen Behandlung von -tsi die Wirkung der Akzentlagenbsp;sieht.

Andere, vor alien Herzog in Streitfragen, gehen von der Ent-wicklung von vortonig ti gt; iz aus und sehen diese als normal an: t habe sich also als Vorschlag früh verschliffen, und wo es blieb, seinbsp;es analogisch erhalten, d. h. prëtium pris (R 123 pris (*pretio): prisnbsp;pre(n)su(m)) sei lautgesetzlich, vlteu(m) (von vltis „Rebe“) viznbsp;(„Schraube“, Mulomedicina vitia) sei nach vlte(m), *tapitiu(m) tapiznbsp;nach tapëtu(m) gebildet. (Vgl. Haberl, Zt. 34, 1910, S. 39.) Gewichtignbsp;ist vor allem die feine Bemerkung Herzogs zur Entwicklung desnbsp;Suffixes -itium: Neben erwahntem -esse (R 56, 186, 226) steht afrz.nbsp;-ise (B 222, R 173), afrz. reimt justise mit prise, nfrz. steht justicenbsp;neben justessel Nun ist -ise, -ice gelehrt (il). Aber in mehrerennbsp;Worten kommt eine dritte Form -eise 7gt; -oise vor: B 172 richeise,nbsp;im O.: richoise und pröoise, Formen, die allerdings dialektisch sindnbsp;(N. und O.). Schon Roland (vgl. S. 75) assoniert prüéces: messenbsp;(mïssa), R (westl. Z.) hat natürlich proesse. Nach Herzog ware dennnbsp;-oise die lautgesetzliche Form, die sich darum in den beiden Wortennbsp;hielt, w'eil ihnen kein lateinisches ric-itia oder prod-itia korrigierendnbsp;zur Seite stand. Gauchat pflichtet ihm (Archiv 116, S. 201) bei undnbsp;bringt einen weiteren südöstlichen Reflex von -oise in pareise (pigritia)nbsp;aus Greyerz. Wir v,:erden sehen, dal3 sich diese Beobachtung auchnbsp;anders verstehen laGt.

Ich gehe zur Erklarung von folgenden Beobachtungen aus: Das Resultat von ce, ci ist gallorom. bald ts (fads faiz), bald t (carcere(m)nbsp;chartre), bald s (placere plaisir), folglich war ts die urspriinglichenbsp;Stufe (vgl. Appel, S. 61). Wo nicht deckende Konsonanz dennbsp;Übertritt hindert (rad(i)cma raciné) finden wir afrz. auch die Spurennbsp;eines palatalen Reibelauts: Es entwickelte sich also urfrz. nach tsnbsp;ein i^): placere plaisir aus *plasieir, facis faiz, — folglich ist urfrz.nbsp;tsi das normale Produkt von ce, ci gewesen, vor wie nach dem Ton;nbsp;intervokal verstummte aber der dentale Vorschlag, wie im Aprov.,nbsp;wahrend er vor Konsonant und interkonsonantisch zum Teil blieb.

Noch eine Frage stellt sich: Entwickelte sich dies i auch vor gedeckt e und vor ?? ecce ista ceste beispielsweise zeigt keine Spurnbsp;davon! Allein crescente(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vascellu(m) z'rt/.fj//, dominicéllu(m)

damoisel belehren uns, daC die Qualitat des folgenden e für die Entwicklung des i keinen Unterschied macht. Vor gedecktem Ton-

’) Die offenbar starke Einketbung der Zunge fiir wild durch Starke tVölbung ausgeglichen.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;•

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ISO III. Lautlehre; t -|- i.

vokal schwand i, blieb aber vor freiem, also langem: ecce ïsta ceste, aber cëra ^ ^cieire cire; bei frei ? bewirkt das i keinennbsp;Unterschied des Diphthongs, da dieser ja mit i einsetzte: caelu(m) del.nbsp;Und nun ergibt sich weiterhin:

I. ti, ci entwickein sich nacheinander in einem Teil der Romania zu tsi, das nach dem Ton als mehrfache Konsonanz artikuliert wird,nbsp;die Tonsilbe also deckt: i fallt demnach in Erbworten. Vor demnbsp;Ton ist t Vorschlag und verstummt nach Vokal vor der Sonorisierungs-periode: i bleibt dementsprechend.

lm Anlaut freier Tonsilbe (i bleibt)

Nach dem Ton (i fallt)

Intervokal

obscrvasióne ClL. XIII 2405

platea place, facia(m) face

Lyon, Chr. I. 117 Anm.

-Itia -ece, facio faz

ratiöne(m) ^ ra(t)sione(m)

(it. piazza, aber faccia)

raisón

vlteu(m) viz

Nach Konsonant

cum-in(i)tjdre comencier

-antia -ance (S. 107)


Folgerungen: i trat nur in freieNebentonsilben über(*rai(t)sone(m)), wurde vokalisiert, s sonorisiert. — Über deckende Konsonanz trat esnbsp;nicht über; comencier (ntsi). — Innerhalb der Tonsilbe schwand es vornbsp;gerundeten Vokalen: raison, und blieb vor gespreizten: *adrationarenbsp;araisnier, comencier. — Über primar tsi vgl. S. 165. — Einnbsp;Rest von Buchwörtern blieb mit nachtonigem i. Vgl. Diehl,nbsp;Chr. I. 324 sapiénsie (s lies ts), pdssiins (patiens!), vgl. 325.

2. Auch ce, ci entwickelt sich in Frankreich zu tsie, tsii, doch ist t auch nach dem Ton Vorschlag, der die freie und bereitsnbsp;gelangte Tonsilbe frei laCt. Es tritt also auch nachtonig i in freienbsp;Tonsilben über; t fallt auch nach dem Ton in intervokal ts vor dernbsp;Sonorisierungsperiode: placëre plaisir und ebenso placent plaisent,nbsp;places plaiz. — Bei den nun entstehenden Konsonantenhaufungennbsp;schwand der dentale Vorschlag vor st, sl, sn [plai(t)st und S. 157),nbsp;blieb aber vor ss (places plaiz = plaits). Er schwand zwischen s—snbsp;(fasce(m) *faists gt; fais und vascéllu(m) vaissel), wahrend vor r wienbsp;immer t sprunglautartig blieb und s schwand. (*cartsiere chartre,nbsp;pastsiere paistrel) Zu stsi vgl. S. 1*58: SKE. — Für törq(u)ëre lassennbsp;sich die Zwischenstufen der von mir behaupteten Entwicklung belegen:nbsp;Infinitiv: Krlsr. 43 estorcer 1. estorcrequot;^), d. i. estortsre, vgl. prov.nbsp;torser; daraus afrz; estortre (G. Ste.) gt; estordre ist analogisch.nbsp;Prasens; Rol. 772 detoerst mit Diphthongierung vor i (^detprtsiet),

h Es handelt sich nicht um das seltene s'estorcier (Eneas ,,verweigern“), die Bedeutung ist ,,entwischen“. Zur Graphic vgl. Krlsr. 220 receivere statt receivre u. a.nbsp;Rol. 719 Sizer, M. Brut 2113 Katnber. — Vgl. auch charcre in W. F.’s Kristian-Lexikon,nbsp;das sicher nicht aus chartre verlesen ist.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.

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ISI

III. Lautlehre; t -)- i; k, g.

xdoch tritt i über die deckende Konsonanz nicht über. Aus torcre ,,kriimmen“ versteht sich das torceunerie „Krummheit“ des O. Ps.nbsp;Das e ist nur graphisch, heutiger Cedille entsprechend, vgl.: O. Ps. 48, 8nbsp;raenceun redemptiöne(m), 58, 14 menceunge *mentionia(m) und obigenbsp;Form der Krlsr. — Urspriinglich flektierte also die 4. *estorgons, dernbsp;Konjunktiv *estorce (torq(u)eat), vgl. aprov. estorza, Appel, Prov.nbsp;Chrestomathie 8, 65. — ALF 1316 zeigt im W. noch mehrfach toirtrnbsp;(Rabelais I, 3), im SW. und Provence tóirse, Haute-Garonne 752 tóirtse.

Was im Galloromanischen an Buchwörtern mit ti und ci noch bestand, entwickelte sich afrz. mit dieser Lautfolge:nbsp;pretiu(m) pris (aus ^prieis), palatiu(m) palais zeigen fiir i die gleichenbsp;Entwicklung, ihr ^ stammt, wie bei dis dece(m) (dis e uit B 64J,nbsp;aus satzphonetisch intervokaler Stellung: pris erklart sich nachnbsp;*pretiare preisier oder aus vorkonsonantischer Stellung, wie auchnbsp;palais le roi, vgl. gracile(m) graisle.

Das Suffix -ïtia ergab lautgesetzlich -ets(i)a -etse, im N. und NO. -eche, M. Brut 3772 proueche, Aiol 173 ivreche. Doch mag -etse frühnbsp;mit -esse (-laad) vermischt worden sein (Roland). In Buchwörternnbsp;entwickelte sich -ïtsia fiber -e(t)sia mundartlich zu -eise; altes -ece undnbsp;neues -eise treten bei Neubildungen in Konkurrenz, daher von richenbsp;B 172 richeise neben richesse.

angüstia angoisse, ustiu(m) kuis usw. zeigen gleiche Entwicklung wie fasce(m) fais, sind also wohl ebenfalls Buchwörter.

Nun löst sich wohl auch das Problem neptia, tërtiu(m), das wir S. 89 besprachen. Zu ihnen gesellt sich gall, pettia, Wie immernbsp;bewirkt i die besprochene Diphthongierung des e, tritt aber fibernbsp;die deckende Konsonanz; *neptsia^) usw. (ebenfalls wie immer)nbsp;nicht fiber. In pettia deckt die Konsonanz (piet-tsa) genau wie innbsp;duodeci(m) doze (dod-dze vgl. QLR S. 63 duzze) vor dem i-Übertritt,nbsp;wahrend *specia esptce buchwörtliche Erhaltung des i (vgl. B 305 especie)nbsp;und Übertritt in die freie Tonsilbe hat.

Kapitel 8.

Palatale Verschlufilaute (lat. k, g).

Palatale Verschifisse wechseln je nach der vokalischen Umgebung; Vor vorderen Vokalen ist die starkste Pression etwa in der Gaumen-mitte, vor hinteren Vokalen am Velum; auch vorhergehender

Auf ital. Boden halt sich die Form

Lix dem i vgl. auch nepti-éne(m) mcién. nstsa (ALF 911, Punkt 987),

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152

III. Lautlehre: k, g.

Vokal modifiziert die Haltung der Zunge und die Figur der Palato-gramme, die den vom Zungenrücken bedeckten Teil des Gaumens darstellen, wechselt mit jeder vokalischen Konstellation.

Vlat. war vorderes g ( e, i) zu ds geworden, wo aber die Umgebung das Einkesseln der Zunge verhinderte zu j (Reibelaut mitnbsp;tiefer Zungenspitze, vgl. norddeutsch gejnt, jejnt). Vorderes k wurdenbsp;in einem Teil der Romania zu tsi; die französische Entwicklung diesesnbsp;tsi haben wir bereits studiert (S. 150). Wo der dentale Vorschlagnbsp;blieb und mundartlich alveolar ausgesprochen wurde (mediopalatalenbsp;Artikulation), rollte sich s ein: ts wurde zu tj(Pikardie, Normandie).—nbsp;Im zentralen westl. und östl. Französischen verschob sich nun auchnbsp;mittleres k (-(- a, au), und zwar vor Monophthongierung von aunbsp;zu 0, zum Zischlaut tf; Vorschieben der Artikulation des k iiber dienbsp;t-Grenze, Ablösen und Senken (Einkesseln) des Zungenriickens vornbsp;dem flachen sich nach vorn verschiebenden Vokal, infolgedessennbsp;Zischlaut. — Frk. k e, i ging gleichen Weg: frk. skerran, afr.nbsp;eschirer. Die Zeit nach der Invasion diirfte also auch die Zeit diesernbsp;Verschiebung gewesen sein. Allerdings wissen wir über die Aussprachenbsp;des frk. k -f e, i nichts, gallorom. k a stand ihm eben am nachstennbsp;und lat. k e, i, das bereits zu (t)si verschoben war, kam bei dernbsp;Substitution nicht mehr in Frage. — Auch wort- und silbenanlautendnbsp;g -j- an verschiebt sich urfrz. im O., Z. und W. zu ds und falltnbsp;damit mit g e, i zusammen: Vgl. gente(m) gent, frk. gardo jartnbsp;gt;¦ jardin, gaudia joie (der Unterschied im Anlaut ist nur graphisch). —nbsp;Im übrigen halten sich die palatalen VerschluClaute wort- und silbenanlautend vor o, u, wortanlautend vor Konsonant, — und werdennbsp;intervokal und vor Konsonant (silbenauslautend) verschliffen. Zumnbsp;Wortauslaut vgl. S. 136.

1. K, G im Wortanlaut.

K -f E, I gt; TSI. Den lautenden GVorschlag belegt die Schreibung der Eulalia 21; ecce hoc czo, das i bleibt nur vor freiem Vokal, undnbsp;tritt nur vor e in Erscheinung, da frei £ sowieso zu ie wird (S. 150).nbsp;Spatere Schreibung meist c, das im Anlaut bis zum XIII. Jahrh. kaumnbsp;je mit s verwechselt wird^), also anders {1s) lautete: B 16 cent,nbsp;20 cil, 116 cymb-éllum cembel, 156 civitate(m) -j- s citeiz usw.

Im NO. und N. wird zu 1), vgl. B 119 ecce hoc cho, 290 ecce hac cha. Heute ohne Vorschlag: pik. ftom (cet homme), iji (ecce hic). —

1

Aiol hat immer 612 dessendu, desosiel (1656 desos del aus desoz del) und zeigt, da6 der r-Vorschlag im XIII. Jahrh. nach s zu verstummen anfing. Im Lothr. des XIII.,nbsp;XIV. Jahrh, werden s, e, z haufig verwechselt; Lothr. Ps. 2, i pencdt = pensc, 3, 5nbsp;ressut = rliu; vgl. auch R 252 sect slatt set.

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III. Lautlehre: k, g im Wortanlaut. 153

G E, I D3. Hier ist der Zischlaut gemeinfranzösisch. Der d?-Vorschlag hat sich in Mundarten (Herzog, § 289) und in englischennbsp;Lehnworten aus dem Französischen erhalten: engl. gemel (gemëlli),nbsp;gendarme. B 5 genz, 358 gemel, R 31 gente, 120 agenoillie.

KG a, au ergeben Zischlaute mit dentalem Vorschlag, wie sie in Mundarten (Herzog an gen. Stelle) und in englischen Lehnwörternnbsp;noch lauten: chivalry, joy'-). Phonetisch handelt es sich um ein Vor-schieben des mittleren k über die /-Grenze. Wahrend sich abernbsp;bei vorderem k vor e, i (franzisch) die Zungenspitze lost, damit dernbsp;Zungenriicken in die e, «-Lage kommen kann, lost sich vor demnbsp;flachen und vorriickenden a, au der Zungenriicken. Mit starkeremnbsp;Einkesseln des Zischlauts verstummen die Vorschlage naturgemaC,nbsp;der folgende Gleitlaut i (capu(t) chief) verschwindet. Daher istnbsp;heute ƒ in chef starker gekesselt wie in chien, wo i gebunden war.nbsp;In jiingeren Lehnworten, die nach dem XIII. Jahrh. aufgenommennbsp;wurden, hat das Englische den t-Vorschlag nicht mehr. Vgl. Engl.nbsp;Lexikon. — Der breiten, mittleren Artikulationsgewohnheit der Nord-gruppe (Pik. Norm, bis zu den Inseln einschlieGlich) bleibt a, bleibennbsp;mithin auch k, g, unverschoben. Bei ga sind die Grenzen heute nochnbsp;scharf; ALE 709 jambe (S. 144), pik. gam, norm, gab; 712 jardin,nbsp;pik. norm, garde, 715nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(gabata) pik. norm. ga:t. Bei ka greifen

die Formen oft stark auf wallon. Gebiet über (ALF 135). — In B findet sich meist Schreibung mit ch-, gelegentlich c--. B 24 chaste I, chief,nbsp;44 chdiiwe, 57 chevalier, — 31 caplciz, 98 cevaliers', — 183 gagant-inbsp;gaiant, 346 gaudia goie sind wohl etymologisierend geschrieben fürnbsp;d.jaiant, djoie und nicht Beispiele nordöstl. Lautung.

Bei spater aufgenommenen Worten verschiebt sich g auch in der Reichssprache nicht mehr; anord. gabb „Spott“ gap (Krlsr., Rounbsp;10566); unbekannter Herkunft: R 81 galoner ,,das Haar (mit Goldfaden)nbsp;durchziehen“ (Erec 1656, Eneas 1473, vgl. B 307).

KG -j- o, u bleiben unverschoben, velar, durch den Vokal gebunden: B 3 cunseilla, 28 cururent, 35 cure, 48 cars', gurgu(m) gort „Bucht“, gall, gob- „Mund“ (?), gober „den Mund voll nehmen“ )gt;nbsp;R 89 gobe „eitel“.

Anlautend KG Kons. bleiben i B 8 graindre, 18 clarteiz usw. — Bei qti wie bei gu hat sich der labiale Reibelaut verschliffen; qu bleibtnbsp;meist als etymolog. Schreibung:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;quant, 26ki (qui), 32 criz (quirïtos),

44 que, 131 quar. Für qtie, quant, quar finden sich oft Varianten mit k Oder c: Alexius 2 L quer (quare haupttonig) P car, A kar;nbsp;doch halt sich u im Osten lautend, vgl. ALF 1112 „quatre'‘, Herzog,

Vgl. auch mhd. tschastel, ischoie (joie gaudia^ neben schantieren (chanter), alle aus dem Tannhauser.

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IS4 III. Lautlehre: k, g im Anlaut; intervokal.

§ 322; I, 33 kusri = quérir (Wallon.) usw. — gu: B 2 Gaiffiers Waiofarius, 7 aguait, 58 guerre, 62 garant warjant. — Uber dienbsp;Erhaltung von germ, w im Wallonischen vgl. S. 133.

2. K, G intervokal.

Vokal K E, I gt;gt; TSI. a) Intervokal verstummt der t-Vorschlag, i tritt in die Nebentonsilbe über und wird vokalisiert, worauf s intervokal sonorisiert wird: placere plaisir. Über deckende Konsonanznbsp;tritt i nicht über. Zu der Entwicklung von vor- und interkonso-nantisch tsi vgl. S. 150, 151. — b) Sekundar auslautend bleibt z.

Beispiele. a) B 29 *bücïnas buisines, 30 *vecïnas voisines, placent plaisent. — b) B 64 vice(m) foiz, 237 brittanice bretanz.

Bemerkuilg. Zu B 64 dis statt diz, vgl. S. 151. Im NO. kommt heute dich vor (S. 161). pace(m) gibt paiz (Rou I797‘ factos)nbsp;neben pais nach apaisier. — Roland Sarrazins ist also Lehnworf,nbsp;Saracenos hatte lautgesetzl. *Sareisins ergeben. — nfrz. décembre, docilenbsp;sind Latinismen.

In Verbalformen hat Analogie die Entwicklung in sekundar vorkonsonantischer Stellung undurchsichtig gemacht:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fecitnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;istnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fist

aber facit fait! dixit dist aber dicit ditl nbsp;nbsp;nbsp;B ill jacetnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;gist,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Rnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;187

nocet nuist sind demnach lautgesetzlich, fait, dit nach den t-Parti-zipien zur Unterscheidung vom Perfekt umgestaltet. Denn zu gist, nuist lauteten die Perfekta unterscheidbar: jut (vgl. R iii), nut.

Vokal -j- G 4- i- Vgl. unten J, S. nbsp;nbsp;nbsp;162.

Vokal -f KG -f A, AV. Folgende nbsp;nbsp;nbsp;Aufstellung bestimmtnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;das

Problem:

a) nbsp;nbsp;nbsp;Nach gespreizten Vokalen: amica amie, nëcare und nëgarenbsp;neiier, nëcat und nëgat nie(t), pacare paiier, paganu(m) paiien.

b) nbsp;nbsp;nbsp;Nach gerimdeten Vokalen: exsucare essuer neben essuier;nbsp;manducat manjue, M. Brut 3166 manjuwe, ruga rue; jocare jöer,nbsp;Floov. 1489 y6izgt;r, jocale ,,Geschmeide“ joel, R 159 joiau (S. icxgt;),nbsp;Osten: jouuel gt;» ,.Juwel“; auca oe neben oie, Wall. (ALF 936) owe;nbsp;rauca Tr. B 3747 roe, O. Ps. 68, 4 rowes, Philomena 20 roie im Reimnbsp;mit joie (nach raucus *rois?)\ locare Rol. 133 Hier, O. Ps. 126, 4nbsp;luier. Dial. Greg. 158 lowier (ÜBersetzung von mercede).

Somit ist nach gespreizten Vokalen ka, ga zu ja geworden, das aber nicht wie j in gleicher Stellung fallt (pejöre(m) peóur, vgl.nbsp;S. 162). Der Fall von j in pejöre(m) ist also alter wie die Entwicklung von ka, ga gt; ja.

Nach gerundeten Vokalen aber fallen k, g vor a; hiatus-tilgendes j im W. (Zt. 36, 312 gibt die mundartliche Scheidung), dem im O. oft Hiatus-w entspricht, verdunkelt die Entwicklung.

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111. Lautlehre: k, g intervokal. IS5

Bemerkuiig. QLR S. i8 real, S. i6 seer sëcare, 32 g'éant (vgl. S. Ill), 57 leals zeigen, daC auch nach gespreizten Vokalennbsp;Schwund vorkam, wenn er nicht überhaupt in eca, ica, ega, iganbsp;urfrz. war. Für Hiatus-y in reial, (Eul. regiel) leial, neiier sprichtnbsp;folgende Erwagung: Buchwörter wie Christïanu(m) werden zm Crestïién,nbsp;also lag *Crestijanu(m) zugrunde; die Impf. Endung *-ëamusnbsp;(aus -êbamus, vgl. S. lOi) wird zu -ïie'ns, also lag *-ëjamus zugrunde.nbsp;Entsprechend: *sïamus (= sïmus) )gt; *sejamus seiiens. Ein Triensnbsp;von Amiens tragt die Inschrift AMBEGANES für Ambianis. Innbsp;Mélanges Wilmotte, Paris 1910, S. 526, gibt M. Prou weitere Bei-spiele. Das Hiatus-y zwischen i — a, e — a war also wohl gemein-französisch? Wie aber erklart sich sëcare sëer neben nëcare netierrnbsp;Es kann Systemzwang vorliegen, denn die stammbetonten Formennbsp;sëcat siet usw. haben kein j und dominieren. Daher denn auch der nfrz.nbsp;Ausgleich: scier (statt soier, wie es normal Tr. B. 3347 und heute innbsp;Mundarten lautet) — wogegen bel nëcare die Endbetonten dominieren. —nbsp;Allein im Rou findet man: 1171 nëcatos nëez, 1746 paganos paens,nbsp;2062 iliac ïntus leiens usw., und so mag der NW. mit ruhiger Lippen- undnbsp;Zungenhaltung Hiatus-j nicht entwickelt — oder sekundar getilgt haben.

figue, R 93 jiguier (ficus) ist Lehnwort, dem Importartikel entsprechend, nfrz. fugue (Musik), régal, local, amical sind Buchwörter.

OGA: rögare gibt rovér, rögat Eul. 24 ruovet. Man nimmt daher an, daG -oga- zu -ogua- labialisiert wurde. Da eine solchenbsp;Labialisierung vereinzelt ware, ist Analogie nach v-Stammen itrueve,nbsp;trover, prueve, prover, die die sonderbare Gestalt: *r'óer, rögo *rou,nbsp;rögat *ruee herausforderte, wahrscheinlich. Danach auch interrogarenbsp;entèrver, corrogata corvée ,,Frondienst“. — Bei der Entwicklungnbsp;von söcru(m) suevre und kukur „Köcher“ coivre, O. Ps., 10, 2nbsp;saietes en qiiivre, dürfte Volksetymologie im Spiel sein. Vgl. zunbsp;letzterem: Reich. Gl. 922 Faretra: cupra mit deutlicher Anlehnung annbsp;cyprum, vlat. *cöpru(m) (M. Brut 15 cuevre; zu cuivre vgl. Zt. 36, 230).nbsp;Zu suevre sei auf goth. svalhi'a ,,Schwager“ hingewiesen.

Vokal -f K, G -j- O, V. Die Verschlufilaute fallen hier vor ge-rundetem Vokal, wie oben danach: Reich. Gl. 436 teularum (tegularum), afrz. tiule, Agustu(m) Aóst, secüru(m) sétir. — aigu aiguille (acüc(u)lanbsp;afrz. agüille), secündu(m) B 177 selunc, (-f longu(m)), segont, Afrz. Übb.,nbsp;S. 178, Vers 88, sind Buchwörter, second Latinismus.

Vor Ultima-o, -u ist die Behandlung mundartlich verschieden; Frailkoproveiizal. bleibt Ultima-o zum Teil bis heute. (Vgl. dazunbsp;Zt. 39, S. 137, 405.) — Sonst fielen k, g vor dem Schwund vonnbsp;Ultima-u und -o: paucu(m) pgu, f9cu(ni) fgu, jügu(m) jou, vgl. S. 84,96;nbsp;prëco pri, paco pai, exsuco essui, nëgo ni, rögo ruis. erklaren sich

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1^6 III. Lautlehre; k, g intervokal und vor Kons^

durch Analogie nach precas pries usw.; poi folgt pauc(u)s poisS.gi. M. Brut 1249 „See“ ist von lac(u)s gt; lais abstrahiert; Beauvaisnbsp;ist Belvac(o)s, ami (ami(c)u(m)) ist von arms abstrahiert.

3. K, G vor Konsonant.

Die palatalen Verschlufilaute werden in dieser Stellung zu Reibe-lauten. Vor m war die Zungenrückenhebung vlat. velar, so daC resultierte: sagma wurde zu sauma, welch letzteres afrz. some (nfrz.nbsp;bete de somme) ergab; afrz. folgten secta seute, Bagdad Baudad usw.nbsp;Hierbei handelt es sich wohl ausschlieClich um Lehnworte und Gelehrtes.nbsp;In Erbwörtern ist bei k, g die Zungenrückenhebung palatal und i dasnbsp;Resultat. Diese Zungenrückenhebung wird meist als diphthongischernbsp;Vorschlag oder Nachschlag dem umgebenden Vokalismus angeschlossen;nbsp;I und silbenanlautendes n binden die Hebung als t und t(, vgl. S. 71, 77 usw.

K, G Kons. auCer L, N, in primar vorkons. Stellung gt; i: B I nöcte(m) s niiiz, 10 eksi(v)it eissi, 21 lectu(m) lit, 96 sex sis,nbsp;intégru(m) entir.

Bemerkungen: jectare gibt lautgesetzlich jetier (R0UÓ127); jeter (R0U6655) zeigt Dissimilation; dsjejtaregt;dsjetare(Herzog, Zt. 23, 361).nbsp;— Auffallend ist, daG acru(m) aigre^) (pnnaigre'^amp;inknlX.Vi’c), macru(m)nbsp;(Reich. Gl. 715 magriores) maigre (Kirche „Fastenquot;) sich nur alsnbsp;Buchworter (oder Mundartwörter.? Vgl. S. 157) erhielten. Vgl. dagegennbsp;sacramëntu(m) saireinent, nfrz. sernient ,,Eid“ neben dem Latinismusnbsp;Sacrement. — B SS dus dux folgt gelehrtem due duce(m) (erwartetnbsp;*diiiz). — B 134 victorie, 178 friictifïable (vgl. fruit) sind Buchworter.

K. In sekundar vorkons. Stellung (c(e)r, c(i)m, c(i)t). Das Problem wurde S. 121 aufgeworfen: Es fragt sich, ob die Assibilierungnbsp;von c alter ist, oder die Synkope. Da nun die Assibilierung vor dernbsp;frk. Invasion abgeschlossen war (S. 152), die Synkope der Panultimanbsp;aber nicht, ist Synkope der Panultima vor der Assibilierung unwahr-scheinlich. Auch törq(u)ëre tortre, pascere paistre (S. 150) beweisen,nbsp;daC die Assibilierung der altere Vorgang ist: t in paistre ist nichtnbsp;Sprunglaut zwischen s — r (S, 164), denn es findet sich auch in dennbsp;Mundarten, die keinen Sprunglaut haben: Es ist also der dentale Vorschlag des assibilierten c. Weiterhin kann cicer goire sehr wohl vonnbsp;*goisre stammen, denn s verstummte vor stimmhaften Konsonantennbsp;sehr früh. Rustebuef schreibt Mar. Eg. 995 cerre, das sich ausnbsp;westl. Form *ceisre erklaren dürfte. Die „Kichererbsenquot; wurden alsonbsp;vermutlich aus dem Westen nach Paris importiert. So haben faire,nbsp;dimes frühes Verstummen von s vor r, m, oder analogischen Schwundnbsp;wie faites nach fait factu(m). (Vgl. A. Zauner, Zt. 41, 210.)

') A. Tobler, Afrz. Wörterbuch belegt aire „sauer“ im NO. XIII. Jahrb.

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157

III. Lautlehre; k, g vor Konsonant.

K, G primar vor N: n wird palatalisiert und verstummt silben-schlieCend nach Nasalierung; i tritt über: pügnu(m) gt; B 42 puin', silbenanlautend bindet n das i (S. 83).

Sekundar vor N (c(i)n): Die Panultima fiel nach der Assibilierung; acinu(m) aisne, vlcinatu(m) „Nachbarschaftquot; visned Bartsch 12, 19.

K, G primar vor L: 1 wird palatalisiert und bindet ip. il ist graphische Darstellung von I: R 29 vermic(u)la vermeille, öclu(m)nbsp;ueil (nfrz. ce;j), vëclu(m) vieil, Vor -j- geht die Palatalisierung wiedernbsp;verloren und I vokalisiert; oclos uelz gt; tens (vgl. R 31 ielz), veclusnbsp;vielz gt; vieus.

Sekundar vor L (c(i)l): Zur Entwicklung vgl. t -j- i, S. 150: gracilis graisles, B 29 grailles, R 35 grelle, nfrz. grsd.

Bemerkung. Nfrz. facile ist Latinismus (Akzentwechsel). Wo .k, g sonst sekundar blieben, liegen Buchwörter vor: siècle (Eul. seule,nbsp;gelehrte Erhaltung der Panultima u über den Fall des C vor u hinaus,nbsp;sonst aber volkstümlich eritwickelt). Mundartlich verschiedene Entwicklung hat ALF 1211 seigle (secale), O. soil, sail, NO. swail, swsil,nbsp;die wohl alteres *soille voraussetzen, SW. seij, N. ssij, wahrend im Z.nbsp;ssigl herrscht (vgl. S. 156 aigre, maigre').

KW (qu) GW. Für diese Lautfolge enthüllt ALF 1267 suivre eine alte mundartliche Spaltung: Eine Gruppe geht auf ? -j- u, die anderenbsp;auf ? -p i zurück, d. h. kw wurde teils zu w, teils zu k.

Für die erste Gruppe ist severe für sëquëre (Pirson, S. 5, 8) gesichert. Der Infinitiv gibt siure und daraus suire (vgl. S. 90) (NO.nbsp;heute sqiir), afrz. nfrz. sivre, suivre sind nach sevens, suivons ge-bildet. Die v-Formen sind im NO. (Meuse P. 165 sjyir, Calvadosnbsp;sjyir) und Zentrum bodenstandig.

Für die zweite Gruppe ist *sek(e)re anzusetzen. Hier hat Lothr. seir, SB’S und bis in H.-Marne und Aube reichen g-Formen soeigr,nbsp;soigr (resp. soeidr, soeir). Der SW. hat seigr, die Bretagne sjceidr.nbsp;Dagegen hat die Wall, nur da siir, wo auch sëbu(m) ,,Talg“ aus siunbsp;zu si: wird; wall, siir kommt also sicher von alterem siure. — *sek(e)renbsp;zeigt also gleiche Entwicklung wie neuprov. séigre in einem Hufeisennbsp;um Zentrum, Pikardie und Wallonië, welch letztere auf severe zurück-gehen. Die Entwicklung von kwe zu ke ist natürlich jünger als dienbsp;Assibilierung von primarem -ke; k vokalisierte infolgedessen auch nicht,nbsp;sondern wurde zu g sonorisiert und dies mundartlich erhalten.

Viel schwerer ist aqua zu beurteilen: Einmal finden sich g-Formen auch in der Pik., Wall., Champ. (B 180 aigues, M. Brut 637 aiwes,nbsp;Aiol, G. d. Prov.j. Die gleiche Form kommt im W. vor (Rabelaisnbsp;I 24 vin aigué, Aiguebelles Sarthe). In Jourd. Bl. 1184 ff. assoniertnbsp;aigue mit a. Diphthong (a -f- i) ist also gesichert. Vermutlich liegt

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158 III. Lautlehre: k, g nach Konsonant.

eine Mischform vor. — Lothringen geht auf *ava zuriick; auzve (nlothr. o:f), dem im NO. ewe entspricht, also a u in normaler Ent-wicklung (S; 107). — equa ive neben egue (Westen: Rabelais) zeigt klarenbsp;Entwicklung: ? u in der severe-Gruppe (iwe), Deckung des Ton-vokals in der sekere-Gruppe; — aequale(m) iivel, antiqua antiwe sindnbsp;normale Formen im Z. und NO.; egal, antique sind gelehrt; — germ,nbsp;triuwa „Treue“, gall, leuca (leuva J. B. XII, i, 65) „Meile“ zeigen gleiclienbsp;Entwicklung: Rustebuef reimt: banlive „Bannmei!e“ und trive mit vivenbsp;(viva) (Bartsch 75, b, 17) — in der sekere-Gruppe lauten die Formennbsp;legue tregue. Die Grundlagen sind also tr^gua l?gua.

Das Schwanken zwischen w und v ist vermutlich mundartlich: Schon S. 107 wurde für aqua eve neben ewe auf den Parallelismusnbsp;mit dem Imperfekt hingewiesen: -aba(m) ist im O. -eve, im W. abernbsp;-oue (owe, S. 140). Rou, Bd. I, S. 58, reimt lieues, trieues mit Baieuesnbsp;(Bajöcas, vgl. S. 80). Rustebuef hat ö. Formen eve, live; ebenso dienbsp;heutige Reichssprache für grava gr'eve, treve, wahrend sie in eazi undnbsp;lieue „Meile“ w. Formen besitzen mag (M. L. frz. Gr. § 158).

Bemerkung. laqueus ist vlat. *lakeus, u ist vor i gefallen.

Clara Hürlimann, Entw. des lat. aqua, Diss. Zür. 1903.

Schürr, Sprachgeogr. Stud., Zt. 41, 117.

4. K. G nach Konsonant.

Silbenanlautend entwickeln sich die palatalen Verschlufilaute wie wortanlautend:

a) In lat. Stellung.

Rons. KE, KI ]gt; tsie, tsii: B 75 franceis^), R 33 recercelez (re-circell-atos) usw. Zur Ausprache des Lautes vgl. princi(p)e(m)nbsp;das deutsch als „Prinz“ aufgenommen wird. — Im NO. wird ts zunbsp;wie im Anlaut, d. h. das t war hier der Artikulationsgewohnheit ent-sprechend alveolar und erhöhte infolgedessen die Zungenspitze von j;nbsp;B 6 francheis, 130 enchauchant (incalciando aus pik.-norm. encauchantnbsp;und franzisch enchaugant gemischt)^). Primar tsi geht den gleichennbsp;Weg: pert(u)siavit, B 63 percha, siehe S. 165.

SKE dagegen ist auCer vor r über *-stsie schon galloromanisch zu -ssie geworden (vgl. S. 150), ergab also -is. Die Probe aufsnbsp;Exempel, dafi t interkonsonantisch zwischen s—s früh ver-stummte, sind die Formen des NO., die keinen Zischlautnbsp;zeigen: pisce(m) prov. urafrz. peis, davon B 180 peissuns, B 258

b Die Annahme, daft */rancis zu erwarten sei, ist unsicher, da c -j- gedeckt e -{- i vorliegt (franciscu(m)). Vgl. S. 150.

b Afrz. marchis mark - e(n)se(m) hat germ, k vor frei e ]gt; tjiei: *marchieis ^ marchis; marquis ist it. Lehnwort.

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159

III. Lautlehre: k, g nach Konsonant,

vascèilu(m) vaissel, R 136 ïas,zt{m) fais (geschrieben: fes). — Die Assibilierung von lat. ce, ci war mit der frk. Invasion bereits abge-schlossen, denn frk. ke, ki ging mit lat. ka und wurde im Zentrum zumnbsp;Zischlaut, blieb aber im NO. und N.: frk. skina „Schiene“, afrz.nbsp;eschine, Aiol 6832 eskine, skerran eschirer, Bartsch Renart 39, 450nbsp;descire nfrz. déchirer. Spater aufgenommenes ke ki verschiebt sich auchnbsp;im Z. nicht mehr: Vgl. Reich. Gl., Afrz. Übb., S. 36, Nr. 20;nbsp;Saraceni ¦m.isdnxn-aTn. mendicum vacant, B 350 mescine „armes Madchen“nbsp;(Kosename, vgl. it. poverina), nfrz. mesquin, wall, mesksn „Magd“,nbsp;Herzog, 2, 22. Ob das k in nfrz, équiper équipage (skip) ebenso zunbsp;erklaren ist (spatere Aufnahme) oder Lehnwort aus der Nordgruppenbsp;vorliegt (Rol. 1522 eschipre!) ist unentscheidbar.

Kons. GE, GI ]gt; dge, dji: angelu(m) R 377 ange, argentu(m) argent.

Kons. KA gt; nbsp;nbsp;nbsp;circare cerchier, durch Fernassimilation

nfrz. chercher (ALF 22), B 5 im-bosc-are cmbuschier. Im NO. bleibt k: B 13 embusce, circare ist pik. cherkier (Aiol).

Kons. GA entwickelt sich wie GE gt; dge: virga verge. Zum Alter vgl. gall, bulga ,,Sack“ Reich. Gl. 1098 buhia, afrz. bolge,nbsp;bouge. — Im NO. und N. ist unverschobenes longue longa normal, imnbsp;Z., O. und W. ist longue nach dem Mask, gebildet, longe ursprünglich.

Kons. KO, KU, GO, GU; K, G bleiben (vor velaren Vokalen) unverschoben: B 7 succurs, sarcöph(ag)u(m) sarcou. Die Schreibungnbsp;B 148 sarchu ist falsch analogisch; germ, ürgpli ,,Stolz“ orgueil (R 240).

Bemerkung. conois (cognosce) statt *conpsc nach cognoscis usw.; dois (discu(m)) statt *desc nach dots discus; lots (lüscu(m)) statt *lpscnbsp;nach lüscus; nfrz. louche nach dem fern, lüsca, afrz. Ipsche. DaGnbsp;die genannten Formen nicht analogisch, sondern lautgesetzlich seien,nbsp;SK also behandelt würde wie KS (Metathese), ist unwahrscheinlich,nbsp;zumal f7-esc (germ, frisk) Eneas 6388 vorkommt, und kein Grundnbsp;vorliegt, es vom Fern, fresche abzuleiten.

b) In galloromanischer nachkonsonantischer Stellung.

Die ursprünglich intervokalen palatalen VerschluGlaute sind sono-risiert worden, wenn die Synkope des Zwischentons oder der Panultima aus lautlichen oder mundartlichen Gründen spat eintrat, sonst blieben sie stimmlos. Ausgleich zwischen sonorisierten und nichtnbsp;sonorisierten P'ormen hat meist stattgefunden:

— KE, KI; onze, doze vielleicht aus *dotse, vgl. S. 121.

— KA: Zum Ausgleich vgl. B 172 charga: targa und R 198: Also carricare chargier, wahrend der NO. karkier hat, vgl. Reich.nbsp;Gl. 437 carcati und heute: Herzog, 39, 36 karks:z5, ALF 229

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i6o

UI. Lautlehre: k, g nach Kons, und interkons.

ksrké. — Wogegen collocavit B 268 cnlcha ergibt. Mehrfach findet sich (vielleicht lautgesetzliches) vïndicat venche neben nengier, ebensonbsp;revenche neben revengier. Nfrz. ist venger nach der einen, revanchei-nach der anderen Seite ausgeglichen. — Dialektische Unterschiedenbsp;liegen vermutlich vor bei dem Buchwort Dominica (-j- dies) diemenchenbsp;(Aiol), diemenge (Dial. Greg. S. 48); vgl. S. i2ok — B 377 esrajastnbsp;(eradica(vi)sset) ist vielleicht lautgesetzlich, arracher und andere end-betonte nach arrdche ausgeglichen; doch vgl. S. 119, 120'.

— KO. Bei -aticu franzisch -age (ad3e), pik. -ache^) sind dialektische Unterschiede der Entwicklung anzunehmen (S. 119). — Die ersten Personen des Verbums wurden zum Teil ausgeglichen; carriconbsp;charge (normal) neben colloco colche (nach colchet). Die Verschieden-heit bleibt nfrz. in 1pëdicu(m) piege neben imped(i)cat empêche,nbsp;das enipechier aus zu erwartendem '^empegier nach sich zieht, vgl.nbsp;Rabelais II, 3 souris empeigée; — mëdicu(m) miege (wenn auch Buch-n ort) entspricht piege, daneben findet sich inire, mirie, vgl. fecatu(m)nbsp;„Feigenleberquot;, Kass. Gl. 52 figido, feie und fïcatu(m) firie (REVV 8494),nbsp;worüber R i (S. 169) zu vergleichen.

Bemerkung. juge ist nicht jüdice(m), sondern postverbal von ju-gier, vgl. S. 126. — In anderen Buchworten ist durch gelehrtesnbsp;Erhalten der Panultima -k- geschwunden: Diehl, Chr. I. iii monicusnbsp;moines, canonicu(m) ckanoine, vgl. wall, lothr. dimèTj domini(c)anbsp;ALF 405. Auch das nicht palatalisierte n von moine, chanoinenbsp;(Rou, Aiol moignel) ist gelehrt wie in Antoniu(m) Antoine; moignenbsp;ist in heutigen Mundarten nicht mehr zu finden (ALF 865). —

5. k, g interkoiisonantiscli.

Hier sind mehrere Gruppen zu unterscheiden;

Primar interkonsonantisch wurde k zu i: B 185 pünctu(m) puint, B 150 pï[n]ctura painture. — Doch blieb k sprunglautartig (vgl.nbsp;S. 144^) vor R: cancru(m) chancre.

Sekundar interkonsonantisch blieb k nach Synkope von o, u vor R; ancora ancre (M. Brut 1321); blieben k, g zwischen n—1: B 65nbsp;sanguilëntu(m) sanglent, 113 a(v)unculus uncles, 115 strangulantnbsp;estranglent, fielen aber zwischen R—1, s—1, masculu(m) mask, gall,nbsp;margila marie, nfrz. marne; nk, ng gingen offenbar vor der Nasalierungnbsp;enge Verbindung ein^), wahrend R (Zungenrücken tief), s (Zungenrinne)nbsp;den palatalen VerschluG hinderten.

1

Beachte die halb pik., halb franzischen Reime wie Fl. und Bi. 71 rivache (rlp-aticu(m), franzisch rivage)-. vache (vacca, pik. vake).

Aber vgl. Aiol 130S eslraitler und ALF 498, wo NO. und O. g-!ose Formen

haben.

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i6t

III. Lautlehre: k, g interkons., auslautend, -|- i.

KE dagegen wurde vor der Synkope von e assibiliert: pascere zu *pastsiere gt;gt; paistre (vgl. oben t i, S. 150), carcere(m) charcrenbsp;gt; chartre, törq(u)ëre torcre gt; tortre, vgl. S. 150^, 151; vincerenbsp;veiiitre.

GE war vlat. zu die geworden, die Stellung verhinderte das Ein-rollen zum Zischlaut: B 70 frangëre *frandiere fraindre, jüngëre joindre, sürgëre sordre, davon B 191 sordent', B 75 fuldres ist alsonbsp;fulgere (aprov. folzer, nfrz. foudre) aus fulgure (M. L., Einf. § 161):nbsp;Rol. 1426 ftiildres zeigt, daC I vor der Vokalisierung palatalisiertnbsp;war, vgl. cöll(i)gere habet O. Ps. 128, 6 coildra, nfrz. koejra. —Auchnbsp;n war vor ke, ge palatalisiert und gab afrz. an gedeckten Vokal inbsp;ab; veintre, fraindre.

Beinerkuilg. Vor Flexions-s fielen interkonsonantische k, g; B 161 Francos Frans, 212 burg-os btirs: jurs. — In dem gelehrtennbsp;B 149 arcvolu ist die Wortgrenze gefiihlt, vgl. dagegen arcu(m)nbsp;voltu(m) arvolt, *arcuballista arbaleste ,,Armbrust“.

6. K, G auslautend.

a) nbsp;nbsp;nbsp;Primar auslautend nacli Vokal. Vgl. oben S. 136.

b) nbsp;nbsp;nbsp;Sekundar auslautend nacli Kousonant: k, g sind vor a,nbsp;afrz. nicht in den Auslaut getreten, — vor e, i vor Verstummen diesernbsp;Vokale assibiliert worden, — vor o, u aber als VerschluClaute in dennbsp;Auslaut getreten: In dieser Stellung sind sie heute verstummt undnbsp;nur in der Liaison lautend: pörcu(ni) pore (nfrz. po:r) aber porc-épic,nbsp;burgum (Pirson 26, 18) R 325 bourc (nfrz. bu:r), aber Bourg-en-Bresse\nbsp;— nfrz. arc, pare, cirque usw. sind gelehrt. — Doppelkonsonanz bleibtnbsp;als einfache; gall, beccu(m) bee, doch vgl. S. 137.

c) nbsp;nbsp;nbsp;Sekundar auslautend nach Vokal hat sich k verschiedennbsp;entwickelt: vor e wurde es zu -tsi, i trat in die freie Tonsilbe über,nbsp;die Ultima verstummte: nuce(m) 7ioiz, cruce(m) croiz. Afrz. statt -znbsp;erklart sich nach S. 151, 154. Zu dëce(m) dis vgl. npik. dick (Herzognbsp;42, 18 und 37, ALE 412), das primar sein kann. Beide, z und s, sindnbsp;auGer in dis (und anderen einsilbigen Zahlen, vgl. S. 165) verstummt.

7. K i.

Die vlat. Entwicklung geht mit t -f i zusammen: Inlautend: Eide fazcB, Eulalia manatee, B 203 face, 307 *trichea trece.nbsp;Auslautend: B 247 facio faz, R 51 laq(u)eus laz.

B 255 ff. sacrifise, judïciu(m) juise mit stimmhaft s reimend, zeigen die besprochene gelehrte Entwicklung von t i, c -f i. Zunbsp;316 especie vgl. S. 151.

Jordan, Altfranzosisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;II

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162

III. Lautlehre: J.

Kapitel g.

Palataler Reibelaut J. (Quellen: lat. j, di, gi, ge, gi-)

Alllautend fiel lat. j bereits vlat. mit d i und ge, gi (S. 131) zusammen, die Zungenspitze hob sich in Nordgallien bis zum alveo-laren d-Verschlu6: ja(m) gt; dsa; im Afrz. verstummte der ^/-Vorschlag,nbsp;nfrz. déja (desa). Zum Prov. vgl. Appel, S. 56.

Intervokal aber blieb gallorom. die Zungenspitze tief, und auch in dieser Stellung gehen di, gi, ge, gi mit j. Es ist dann urfrz. sehrnbsp;friih teils Vokalisierung, teils Schwund eingetreten: Man vgl. folgendenbsp;Aufstellung:

a) nbsp;nbsp;nbsp;j vor dem Ton: pejöre(m) pëour, doch kommt auch peior,nbsp;poior (Christian, Bible G. usw.) vor^). — jejunu(m) jeun; — O. Ps.nbsp;68, 13 jejunie, nfrz. majeur sind gelehrt.

b) nbsp;nbsp;nbsp;j liach dem Ton: péjor pire (also 1 2pieire), major make,nbsp;troia (Kass. GI. 80 troia) truie „Sau“.

c) nbsp;nbsp;nbsp;di, gi, ge, gi vor dem Ton: regina reïne, fugïrenbsp;sagïtta sdete und R 104 saiete^), flagellu(m) jldel: O. Ps. 37, 18,nbsp;und jlaiel: Leod. 236, nfrz. fiéau, Mundarten flo, page(n)se(m) paisnbsp;(aus 2paieis, Oder liegt Suffixtausch vor? prov. pdes), regiöne(m) reion,nbsp;roion'^) (Erbwort?), appodiare apuiier (nach pui?) usw.

d) nbsp;nbsp;nbsp;di, gi, ge, gi nach dem Ton: mediu(m) Osten mei, Zentrumnbsp;tni (aus 2miei), exagiu(m) essak), abnëget Eul. 6 raneiet, Eide anit,nbsp;digitu(m) dei, cpgitat cuie.

Sehen wir uris diese Aufstellung durch, so zeigt sich nach dem Ton durchweg urfrz. Vokalisierung des j. Vor dem Ton aber einnbsp;Schwanken, das sich am besten folgendermaCen erklart: j verstummte,nbsp;aus welcher Quelle es auch kam, wo es vorkommt, ist es analogischnbsp;Oder Hiatus-y.' saiete, jlaiel (das mundartlichem jiaiaus folgen kann),nbsp;nwall. flaijo und floiwe, nlothr. fjóvsij ALE 580, wahrend jeun,nbsp;sigillu(m) seel nie anders angetroffen werden. Hiate zwischen e — u,nbsp;e — é wurden normal verschliffen, Hiate zwischen a — /, e—ó mund-artlich durch j, resp. w getilgt.

Nach Konsonant: Vorhergehender Konsonant beeinflufit die Entwicklung des j folgendermaCen: i. Nach Konsonanten, die dernbsp;Zunge Bewegungsfreiheit lassen (Labiales S, 144), rollt sich j zumnbsp;Zischlaut ein. 2. Ebenso nach Konsonanten mit hoher Zungenspitze

1

*) Vgl. sp. ptg, peor, prov. rat. majöre(m) maor (Greden).

2

Afrz, sagitaire „Centaurequot; ist gelehrt, ebenso nfrz, fugitif, region usw.

orológiu(m) (App. 206) QLR 217 oriloges gelehrt (aus dem von der App. empfohlenen orilegium und lat.-griech. orologium gemischt). ALF 699 zeigt in vielennbsp;Mundarten Erbwortformen wie orloij.

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163

III. Lautlehre: S.

(mundartlich R, S. 169). 3. Konsonanten, die mit hohem Zungenriicken artikulierbar sind (/. n, S. 173, 176), werden palatalisierf. t bindetnbsp;dieZungenriickenhebung, ebenso silbenanlautendes 13; silbenauslautendesnbsp;13 dagegen gibt die Hebung (i) an den vorhergehenden gedecktennbsp;Tonvokal ab. (Vgl. S. 105 und sonst.) 4. Konsonanten mit tiefernbsp;Zungenspitze und lautphysiologischen Eigenschaften, die der Palatali-sierung widerstreben, lassen j, soweit es nicht nach mehrfacher Kon-sonanz vlat. fiel, in die freie Tonsilbe iibertreten. (S. 148 ff., 169.)

Hiatus-j bildete sich urfranzösisch:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Zwischen e—a, i—a, vgl. S. 155.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Zwischen a—e: tra(h)ere wird ini merowingischen Lat.nbsp;(Pirson 19®) tragere geschrieben; g ist falsche analogische Wiedergabenbsp;des Hiatus-j. Vgl. auch Pirson, Ro. F. 26, 935.

Im spateren Französischen ist Hiatus-y eine mundartliche Er-scheinung, der im Osten nach gerundeten Vokalen vielfach Hiatus-ze» entspricht. (S. 155.)

Kapitel 10.

S.

Von den S- und Zischlauten: i'| (allmahliches Aufrollen der Zungenspitze von der j-Rinne bis zum J-Kessel) besafi das Latein nurnbsp;stimmlos s.

Anlautend blieb es stimmlos: B i sic si, 2. suum sun, sedicare segier, Verbalsubst. siege. — Anlautend s -f Kons. hat urfrz. undnbsp;vlat. Prothese (S. 129) entwickelt: B 91 spatha espeie, B 8 germ,nbsp;stürm estors. Im Wallonischen fehlt die Prothese: Eulalia unenbsp;spede, B 225 ne strivast {estrivast, von estidf, S. 138), Venus 80 stuetnbsp;{estuet, S. 92^). — ALF 472, 486 usw.

Iiitervokal wurde s wie p, t, k sonorisiert: B 42 pluisur, nfrz. plyzjoeir, B 99 *cosmus (Kurzform von co(n)sobn'nus) cosins, nfrz.nbsp;kuzs, 256 germ, wisa ,,Weise“ guise. — Der Vorgang ist selbst-verstandlich jiinger als das vlat. Verstummen von n vor s: B 210nbsp;ma(n)siönes maisons, nfrz. msz3.

Bemerkung. In besoin (nfrz. bszwi) neben soin (swe) aus be-sunnia ,,Siihne“ (Pirson ii, 20®, germ, be- wie in besorgi) wirdnbsp;die Wortgrenze nicht mehr gefiihlt. Vgl. ff. nfrz. Buchwörter: designernbsp;(z) neben signe, aber dessiner. ¦— Im NO. wird schon im Afrz. inter-vokal s und z verwechselt, vgl. S. 121®.

Vor Konsonant: Langes, silbendeckendes lat. s (ss) blieb stimmlos; B 308 lassata lasseie. Vor anderen Kons. ist s im Afrz.

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104

III. Lautlelire; S.

alhr.ahlich verstummt: Zuerst in der Gruppe sts und vor stimni-haften Konsonanten: Rol. 598 hostes os, 295 praestus pres (QLR 14 usw. prests ist graphisch, oder nach Obi. prest rekomponiert).nbsp;B 22 *disiejunat gt; *dlsinat (wie disjacio gt; dfsicio nebst Prafixtausch,nbsp;falls nicht *dïcenat ,,verspeist“ zugrunde liegt) )gt; disne, dinne; gall.nbsp;*cassanu(m), B 376 caisne {ai nach fraisne fraxinu(m)). — B 2/7nbsp;insula ille, vgl. 176 isles', s aus ce, ci verstummt zu gleicher Zeit:nbsp;B 29 graciles grallies. — problesma statt problema in den Reich.nbsp;Gl. 410 spricht dafür, dafi der ProzeG ein sehr alter ist. Er ent-wickelte sich folgendermaCen weiter:

Von S vor stimmlosen Konsonanten scheint sf vorangegangen zu sein, wie falsch analogische Schreibungen im O. Rol. zeigen; 1623nbsp;narw-atu(m) nasfret, 1625 susfrir. Vor anderen stimniloseil Konsonanten verstummte es dann im XII. Jahrh. allgemein; Zungen-spannung und damit Rinnenbildung liefien nach, ein schwacher Hauch-laut war noch hörbar: Agin. Hss. geben ihn als d wieder (= d),nbsp;östliche als h: Dial. Greg. 128 ihle (insula), no. als r (pik. dirner)^).nbsp;Im XIII. Jahrh. ist v vor Kons. auGer im Wall, stumm, vgl. die Reimenbsp;R 75 petitete (-itta); preste (praesta), 182,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;301 totilt (tollit): tost

(töstu(m)). Die graphische Tradition halt v in der Schrift fest, bis im XVIII. Jahrh. die alte Ersatzdehnung durch a (tot) bezeichnet wird.nbsp;Rustebuef schreibt seinen Namen konsequent mit s, interpretiertnbsp;ihn aber als rudis bos (Secrestain, 753, Elisabeth 2134).

Die Gruppe sr entwickelt urfrz. den Sprunglaut (S. 144^) t oder d, je nachdem s stimmlos oder sonorisiert war. Im NO. und O. fehitnbsp;der Sprunglaut^): B 4 èxire (h)abet istra, B 146 pristrent preserunt,nbsp;erwartet prisdrent (Leodegar 61) nach ursprünglich intervokalem s'.nbsp;dfxerunt distrent ist vorbildlich. Diese plumpe Konsonantenhaufung strnbsp;(NO., O. prisrent, disrent) wird getilgt nach dem Vorbild: virentnbsp;vïderunt: nfrz. Us prirent; — andere Beispiele: B 234 *essere estre;nbsp;nfrz. être, có(n)suere cosdre, nfrz. coudre.

Beinerkung. Das allmahliche Verstummen von s -(- Kons, kann auch an englischen Lehnworten aus dem Französischen beobachtetnbsp;werden; Vor 1066 war ^ im Normannischen stumm oder am Verstummen in: to dine, dinner, male {mask masculu(m)), blame (blasme,nbsp;R 232 von blasphemare) to effray [esfré'er *exfridare), — dagegen:

') Wahrend d fiir s in agin. Hss. falsch analogische Schreibung sein diirfte, ist r fiir s in pik. Hss. lautend: Vgl. ALF 804 male (masculu(m)) NO. ma;rl; Herzog § 330nbsp;varlet. Dieser Übergang ist ausschliefilich pik.; In der Wall, verstummt r in diesernbsp;Stellung, wahrend s bleibt. Vgl. ALF 902 ncfle (mespilu(m)), NO. ms:rl (Punkt 299),nbsp;W all. mE:s.

Wo der Sprunglaut fehit, findet sich heute oft Zapfchen-r oder lautschwaches R!

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165

III. Lautlehre; S.

castle, esquire (von escuiér scütariu(m) mit nordfrz. Akzentzuriickziehung escuir), to espouse, escot „Steuer“ (afrz. escot „Zeche'‘, frk, skot).

Puisque, lorsque, jusque, presque standen einsilbigen Worten (^puis, lors usw.) mit lautendem -s gegeniiber. — In est bleibt snbsp;graphisch, im Wall, lautet es noch. —juste, le Christ neben 'jésus-Christnbsp;(kri), die Wörter auf -isme sind gelehrt, wohl auch re ster (restare)nbsp;neben oter (obstare O ostare). — Wallonisch lautet s vor t und knbsp;heute noch, vgl. Herzog, Nfrz. Dialekttexte, § 329, ALF 351, 374,nbsp;446 usw.

Nach Konsonailt: j bleibt wie im Anlaut: B 3 cunseiila, 15 vassaus. Auch nach Vokalisierung des vorhergehenden Konso-nanten bleibt s stimmlos: pülsare polser, nfrz. pousser, laxare laissier.nbsp;Weshalb afrz. dixisti desis (statt dessis, O. Ps. 89, 3) nicht lautgesetz-lich ist, sondern sich nach prësisti presis richtete.

Auslailtend entspricht die satzphonetische Entwicklung der des wortinlautenden s, ist aber, wie die enge Bindung im Satze überhaupt, jünger: Vor stimmhaften Konsonanten wird es zuerst laut-schwach gewesen sein, dann vor diesen wie vor Stimmlosen seit demnbsp;XIII. Jahrh. verstummt sein^). Vor Vokal dagegen wurde -s stimm-haft und blieb gerade durch die innige Verbindung (Silbentrennung,nbsp;S. 137) mit dem folgenden Wort erhalten: Artikel und Nomen, Zahl-wort und Nomen, Adjektiv und Nomen, Adverb oder Prapositionnbsp;und Adjektiv, Nomen oder Pronomen (tres utile, sans elle). Pronomennbsp;und Verb. Im einsilbigen Wort dagegen blieb vielfach auchnbsp;auCerhalb der Liaison lautend. (Vgl. ALF 953 os: s lautet im NO.,nbsp;O., SO., W.) — Nach Verstummen von auslautend -e blieb es nfrz.nbsp;stimmhaft: keureuse (cerpiz), in ostlichen Dialekten ist es meistnbsp;stimmlos (oerpis).

Beispiele: es ies, R 179 es (nfrz. e), ad satis R 89 assez, nfrz. ase, cantatis chantez, lassus las, pülsus ppls (nfrz. pu), fortesnbsp;forz usw. — Nach I, n aus nn, r aus rn findet sich vielfach z statt 5nbsp;(Gleitlaut); S. 173, 176. — Nfrz. erhalten ist s im starkbetonten Ausruf;nbsp;hélas (Interjektion hai lasse ,,ach Armer!“) neben las (spr. la), starknbsp;betontem, positivem phis und plus que; ours (ALF 960 urs, nur imnbsp;SO. j-lose Formen, wo es Baren gibt), moeurs (moers neben moeir),nbsp;dem Zahlwort 4V.V (vgl. dix), volkstümlich auch deusse (deux), troissenbsp;(trois); pis (fis) ist mundartlich auf Paris beschrankt.

S -}- i; j wird durch i nicht wesentlich beeinflufit. Nur in der Gruppe tsi fallt es mit dem S. 150 besprochenen tsi zusammen und wird im NO.nbsp;zum Zischlaut; B 63 perchd lt;lt; pèrt(u)siavit, neupik. psrfe, ALF 997.

‘) Aiol 171 laislek, 1070 laisiemi = laisies me.

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166

III. Lautlehre: R.

Kapitel ii.

R.

Die Zungenspitze hebt sich sprungartig, der Druckstrom, dem die Zungenmuskulatur entgegenwirkt, bringt sie in tremolierende Bewegung.nbsp;1st die Zungenhebung oder Spannung nicht geniigend, können Reibe-laute Oder stimmhafte Zischlaute aus r entstehen; auch / (Schwingennbsp;der Zungenfliigel), d (dentaler Zungenschlag), z (Zungenrinne) stehennbsp;nahe; rollt sich die Zungenspitze ein, sind ahnliche Entartungsproduktenbsp;möglich (England). Mundartlich substituiert das Bestreben zu dampfennbsp;dem Zungen-R gern Zapfchen-r: Die Muskulatur des Zapfchens spanntnbsp;dies so, daC es schwingt; der Rachen kann sich schliefilich verengennbsp;und einen x-artigen (wie im deutschen acJi), aber stimmhaften Reibe-laut produzieren, der in Paris und im Osten R ersetzt hat.

Im Anlaiit bleibt r unverandert: B 2 rois, 18 raiot.

Illtervokal ebenso: 20 barun, 35 cure. — Mundartlich ist r durch Zungenspitzensenkung in dieser Stellung zu z geworden (seit demnbsp;XIV. Jahrh. belegt, Paris, W.). Man sprach Pazi, peze, meze (pere, mere),nbsp;aber diese lautdampfende Entwicklung warde im XVII. Jahrh. (Salon,nbsp;Preziösen!) durch die entgegengesetzte aufgehoben; R wurde zu r undnbsp;ist es geblieben. Doch vor den Toren der Stadt schon beginnt R.nbsp;Von der alten Entwicklung verblieben der Sprache: cathedra chdiérenbsp;gt;»nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„Katheder** )gt;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;,,Stuhl“ und das veraltete besides ,,Brille“

(*berycula, von beryllus) (bezikl; Wallonië: berik, Herzog i, 45); z statt r in w. Mundarten vgl. Herzog, § 297, ALF 841 mere.

Vor Konsonant halt sich r als einziger fast in alien Mundarten silbendeckender Konsonant: B 10 fors, ii armeiz, 18 clarteiz. Indennbsp;Dialekten der Nordostgruppe aber war es afrz. hach dem Ton teilsnbsp;lautschwach (Zapfchen-r?), teils stumm: vgl. vor I norm., agin, palletnbsp;(parler), Illande (Mande). Zahllose meist ostliche Reime, die mannbsp;gern, aber falschlich, als ungenau bezeichnet: Cristal: 909 pert:nbsp;reliet (fèweC), 3509 fors: öj (össum), 4531 vairs {yzsio^-. (factos),nbsp;7211 tort: esploit, 8115 voirs: drois. Diesen Reimen entsprechennbsp;Schreibungen wie 785 potiers {^portiers), 8208 chieges (chierges). Vgl.nbsp;W. F. Richars li Biaus S. XI und Ulbrich, Zt. II, 545- Dazunbsp;ALF III ostwall. bo:p, ba:p (barbe); ALF 160 bourse, ostwall. buis,nbsp;auch sonst im O. ;'-lose Formen; ALF 213 eerde, wall, seik, auch NO.nbsp;und O. haben ^-lose Formen; ALF 325 corde, wall, kwaït, lothr. koit,nbsp;ku:t, aber ülmu(m) oirm, ALF 948. — Es sind dies dieselben Gegenden,nbsp;die vor r keinen Sprunglaut entwickeln: Vgl. ALF 879 moudre (mölëre),nbsp;WO NO., S.-Wall., Lothr. r^-lose Formen haben. Der SO. hat den

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167

III. Lautlehre; R.

Sprunglaut und halt r. — Nach ALF hat die Wallonië Zungen-R, Lothr. vielfach palatale Reibelaute (x) statt r.

Nach Konsoiiant ist r in starker Stellung und bleibt, soweit es nicht sekundar in Auslaut kommt: B 8 graindre, ii trois, 12 cumbatre.nbsp;In letzterer Stellung ist es heute im Zentrum und NO. meist ver-stummt, halt sich aber an der Peripherie. Vgl. ALF 374 cuivre, 373nbsp;pretre^ 380 décembre usw. — Zu den Sprunglauten vgl. S. 144k

In den Auslaut kam r im XI. Jahrli. nach Verstummen eines Konsonanten: diurnu(m) jorn, B 8 jor, nfrz. jour] — urfrz. nachnbsp;Verstummen des Ultimavokals: caru(m) chier, amaru(m) amer, dennbsp;Suffixen -öre(m) -eiir, -are -er, -ire -ir, -ëre -oir. In letzterem Fallnbsp;verstummt es zuerst im O. seit dem XIII. und XIV. Jahrh. Vgl. S. 137.nbsp;Lothr. Ps. § 87 oy (oir), lou (lour illöru(m)). Cyranos Bauer (Péd.nbsp;Joué II, 2) sagt: mangeux für mangeurs, Monsieu, médiseux (diseur),nbsp;aber im einsilbigen Worte: sosur. Ahnliche Beobachtungen lassen sichnbsp;fiber Maupassants normannische Bauern sammeln. Der Zusammenfallnbsp;von -öre(m) und -ösu(m) fördert analogische Feminina wie diseuse zunbsp;diseur. — Durch SchuleinfluC ging diese Entwicklung in Schrift-sprache und Mundarten (vor allem Z., NO.) zurfick, doch bleibt -r innbsp;der Infinitiv-Endung -er und Monsieur stumm. Auch gedeckt -r verstummt heute in vielen Mundarten; vgl. ALF 727 jour (lautet r-losnbsp;Wall., Lothr., Bret. Cotentin usw.).

Dissimilation: Von zwei r fallt eins: deretr-anu(m), afrz. dererain gt; dëerain dderain] dsrs bleibt im O. (Herzog 5, 34). Im NW. lautetnbsp;das Wort im XII. Jahrh. derrain (Reimpredigt 22) mit Verschleifungnbsp;des Zwischentons derrainement j)\ dernier premier (KLY 391).nbsp;— In Infinitiven und Futuren fallt das Stamm-r mundartlich (NO., O.,nbsp;England): M. Brut 620, Herzog 8, 44 penre (prendre), kerrai (croirainbsp;Aiol), enterrai (entrerai O. Ps. 5, 8). — Von zwei r wird eins zu 1:nbsp;gall, paraveredus (Pirson 14, lO viridos sive paraveridos ,,Pferdenbsp;Oder Handpferde“), afrz. palefroh, ein mundgerecht gemachtes Buch-wort. Im Amis ist diese Dissimilation Regel: r—r wird zu I—rnbsp;und dies zu u — r 572 aubre „Baum“, 319 usw. maubre „M'armor“,nbsp;2012 aubalestier von *arcuballista arbaleste — Auch ein einzelnes r falltnbsp;Oder wird zu /, vom Artikel dissimiliert oder an ihn angeglichen: Isaranbsp;I’Oise, tempora temple (Rol. 1764), nfrz. les tempos. Amis 573 lesnbsp;celises „Kirschen“. — Volksetymologie spielt mit hinein: tonïtru(m)nbsp;tonere. Dial. Greg. loi tonoile (nach estoile ste(l)la und soloilenbsp;,,Sonne“, S. 125^). — B 257 alteil altare(m) hat Suffixtausch.

Metathese: In der Gruppe Kons. -j- Vok. r stellen Zentrum und N. er, or gern zu re, ro um, womit die alte Metathese von Ultima-?-zu vergleichen ist (pater gt; pedre)\ kl. vervêce(m) „Hammel“,

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168

III. Lautlehre: R.

Reich. Gl. ioi8 oves: berbices (Suffixtausch nach perdlce(iii) u. a.), M. Brut 866 berbiz; afrz., nfrz. brebis ist auf Ile-de-France, Haute-Saóncnbsp;und einzelne Punkte beschriinkt (ALF 173); ebenso sagen nur diesenbsp;Gegenden bretelle „Hosentrager“, das iibrige Nordfrankreich bertellenbsp;(it. bretelle, bertelle'), weswegen die bisher vorgeschlagenen Etymologiennbsp;(J. B. 13, I, 228 braietelle) nicht befriedigen und das Wort vielleichtnbsp;zu REW 9251 *vertibëllum zu stellen ist (ALF 174). — Afrz. ist dienbsp;gleiche Metathese im NO. haufig: vergier pik. vregier; fermer pik.nbsp;frenter, frumer; ferté pik. freté. Fast ganz Frankreich hat formati-cu(m) (Pirson 47, 1) frontage {formage findet sich im NW. und S\V.,nbsp;sporadisch im Osten, ALF 613); ebenso ist formica fromi, frumi üblich,nbsp;und fast nur Z. und W. halten fourmi (ALF 605, wohl Latinismus).nbsp;Umdrehung nach der andern Seite ist seltener: pernezl fiir prenez hatnbsp;schon O. Ps. 2, 12 und heute Herzog 12, 1 (Metz); 5, 13 pyrdenbsp;„nehmen Sie“ (wall.) stammt von *perndez; crin-ütu(m) crenu, Amisnbsp;961 quernu u. a. entsprechen. RegelmaCig ist diese Umdrehung imnbsp;Neupik. für die Lautfolge -re-: ref air e ist in der Pik. srfeir, arfsir^nbsp;quatre-vingts ist katervê (ALF 1113) usw., aber auch léger el3enbsp;(ALF 756), demain edmè (ALF 386) vgl. S. r26.

Lautzuwachs: Buchworte doppeln r (S. 130): Reich. Gl. 637 filius tronitrui ,,Donnerskind“, Karlsruher Gl. 66 corcodrillus (vgl.nbsp;Varianten). Ratselhaft, da kein r verhanden, ist der Zuwachs in fundanbsp;„Schleuder'* )gt; „Kinderspiel“ )gt; „Hofkamarillaquot; frpnde^). — Besondersnbsp;haufig findet sich dies r nach dem Ton suffixartig nach monstrum u. a.:nbsp;So wird griech.-lat. encaustum „Tinte“ (J. B. XII, i, 71) zu encaustrumnbsp;(afrz. enque Alex. 281, encre, vgl. ALF 459); caelestis wird zu celestrenbsp;nach terrestre (St. Thomas, S. 18, Reim). Es folgen zahlreiche Buch-wörter: Nomina: Oben erwahntes arbakste gibt arbalestre, chartenbsp;f?- chartre, regèstB. registre, Pd\skor\ St.-fean-d'Acre; Adjektiva: tristenbsp;gt; tristre (R 186 tristrece'), rüsti(c)u(m) (buchwörtlich entwickelt!)nbsp;ruste (so noch Cyrano) gt; rustre. Bald nehmen Schriftsprache undnbsp;Mundarten solche Formen an, bald nicht; cannapu(m) chanvre hatnbsp;vor allem im O. r-lose P'ormen, ALF 234; coude ,,Ellbogen“ gt; coudrenbsp;resp. coutre: O. und norm. Inseln, ALF 330.

R T i- Ini landlaufigen Sinne ist R nicht palatalisierbar, flacher Riicken, hohe Spitze ist sein Charakteristikum. Nun kann sich R an inbsp;so angleichen, daC sich die R-Zungenspitze senkt, so wie etwa innbsp;südspanisch feria das R mit kurzem, alveolarem Zungenschlag (fastnbsp;fedia) artikuliert wird. Nennt man nun diese Zungenspitzensenkungnbsp;eine ,,Palatalisierung“, so. ware gerade ihr Heben eine Entpalatalisierungl

') Vielleicht Metathese aus '*fondre nach arbalestre statt fonde (QLR 34).

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III. Lautlehre; R. 169

Da das lautphysiologische Denken an diesem Punkte erschwert ist, so halte ich es fiir besser, bei der Definition: Palatalisierung =nbsp;Zungenriickenhebung zu bleiben und hier die Vorgange andersnbsp;zu benennen.

1st also auf der einen Seite in der Gruppe Ri Angleichung des R an das i (Zungenspitzensenkung) gelaufig, so kann auch umgekehrtnbsp;i an R sich angleichen, die i-Zungenspitze sich heben, sich also èin-kesseln. So die böhmischen nicht glücklich als „palatalisierte R“,nbsp;besser als „gezischte R“ bezeichneten Laute: Dvorak, kramdr

Beide Entwicklungsmöglichkeiten hat das Afrz. erlebt: DaC sich das R mundartlich dem i anglich (Zungenspitzensenkung), er-weist sich daraus, dafi eine Reihe von Buchworten init sekundarem dinbsp;mit Ri-VVorten (area ,,Tenne“ aire usw.) zusammengehen: Der dentalenbsp;(bzw. alveolare) Zungenschlag des d wurde ein wenig höher, und zwarnbsp;wie in area ausgeführt, und so wurden grammati(c)a *gramadia zünbsp;gramcCire, mëdi(c)u(m) '*mieidie zu mirie 'pgt; mire^) {yg\. firie ,,Leber“),nbsp;u. a. m. — P'ür R i gilt diese Entwicklung afrz. als die normale:nbsp;feria feire O foire, -oriu(m) -oir, mi(ni)st?riu(m) mestir, C9riu(m) ciiir,nbsp;paria paire: Das i ist über R in die freie Tonsilbe übergetreten undnbsp;wurde vokalisiert (vgl. J, S. 163).

Aber auch die zweite Entwicklungsmöglichkeit, die Zungen-spitzeneinkesselung des i ist belegt: Reich. Gl. 896 eburneis: ivorgiis wird von Hetzer (S. 79) als ivor3is gefaCt, gewil3 nicht mitnbsp;Unrecht, wenn auch ein paarmal in der Glossen g als j (palatalernbsp;Reibelaut, tiefe Zungenspitze: S, 148) zu fassen ist. Aber diesnbsp;eboreu(m) *ivorge entspricht genau söröriu(m), -a sororge, Bartsch —nbsp;Troja 28; 304, Aiol 102 serouges. Mit dieser Zischlautwerdung des inbsp;erlischt natürlich die Möglichkeit eines Übertritts in die Tonsilbe;nbsp;weiterhin stützt der Zischlaut die Ultima („Stütz-^“). Und nun werdennbsp;auch (wie S. 151 nëptia, tërtiu(m), pettia) schwierige Worte klar:nbsp;c?reu(m) cierge, fërreae fierge diphthongierten ihr 9 noch vor i;nbsp;*tsierie, *fierie (vgl. ? i, S. 88). Nun aber rollte sich i nach Rnbsp;assimilatorisch ein; es trat deshalb kein i in die Tonsilbe über, ienbsp;blieb also wie in nëptia usw. und wurde nicht wie sonst (mëdia —nbsp;*mieie mie) zu i; B 260 cervia cierge ist genau so entwickelt,nbsp;cir^e Mundartform.

Diese Substitution (Veitauschung naheliegender Laute) hat vermutlich im Munde Halbgebildeter stattgefunden; fisicïen ist das gelehrte, mire das Volkswort. Vgl. Biblenbsp;Guiot (Bartsch 48, 129) mires les name H conmns: „mires nennt sie das Volkquot;. —nbsp;Ebenso ist grammaticu(m) urspriinglich der „Belesenequot;, des ,,Zaubers Kundigequot;, vgl.nbsp;Eneas lioo li devin („Wahrsagerquot;) et li gramaire; gramaire grammatica ist also volks-tümlich das „magische Buchquot; gt; nfrz. grimoire (Anlehnung an gris^ ~ Labialisierung).

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170 III. Lautlehre: R, I.

Ob hier buch- oder erbwörtliche Entwicklung vorliegt, ist nicht entscheidbar. Volkstümliche Entwicklung ist jedenfalls sehr wohlnbsp;möglich, eine dialektische Spaltung des Ri ware eine befriedigendenbsp;Annahme. Und da ergibt sich denn eine weitere bisher schwer zunbsp;Verstehendes klarende Folgerung; In den nördlichen Dialekten habennbsp;wir Konjunktive des Pras., die ein Zischlaut charakterisiert; viengenbsp;venia(m) (lautgesetzlich vegne), alge von aler. Wo der Zischlaut laut-gesetzlich ware, findet man ihn meist nicht: Rol. 834 usw. planga(m)nbsp;plaigne, O. Ps. 40, 9 resürgat que il ressurdet, QLR 6 served (Konj.),nbsp;QLR 130 *plöveat plueve\ auch dormia(m), ardea(m) kommen nichtnbsp;in Frage, da ihr i nach mehrfacher Konsonanz schon vlat. schwand.nbsp;So wird wahrscheinlich, daC die -R-Stamme den Zischlaut mund-artlich vor i entwickelten: Rol. 1122 tnoerc morio, -^^gmoerge (möriat),nbsp;Alex. 297, O.Ps. 104, 43 reqiiergent; requiergent {QUR 131) entsprichtnbsp;dann genau cierge; muirgent (QLR 8) ist ein Kompromifi zwischennbsp;muergent und franzisch nmirent. Zu dieser Auffassung stimmt, daCnbsp;ivorgiis in den Reich. Gl. steht, also unter nordfranzösischem Sprach-gut (Hetzer, S. 136). Das von M. L., frz. Gr. § 162, nachgewiesenenbsp;St. Fergetix (Besangon) aus Ferreolus zeigt, dafi Teile des Ostens mitnbsp;dem Norden gingen; hordeu(m) orge (Bucnwort mit i nach mehrfachernbsp;Konsonanz), vir(i)diariu(m) vergier mogen ebenfalls dem nord- odernbsp;ostfranz. Gebiet angehören. — Der Konjunktiv Prasentis O. Ps. 136, 7nbsp;aerde wiirde schliefilich zeigen, daC adér(i)gat zugrunde liegt, undnbsp;adhaereat nur die Bedeutung des Worts beeinflufit hat, obgleichnbsp;derdre afrz. oft die Übersetzung von adhaerere, inhaerere ist (Dial.nbsp;Greg. 9, 17 usw.).

Kapitel 12.

L.

Bei / muB die Zunge so gespannt sein, dafi beide Zungenseiten (Fliigel) durch den Druckstrom in leise Schwingungen versetzt werden.nbsp;Auch einseitiges / kommt vor. Diese Spannung wird dadurch er-reicht, dal3 die Zungenspitze an Unter-, Oberzahnen oder nochnbsp;höher Kontakt findet, oder aber der Zungenriicken sich gewölbtnbsp;an den Gaumen preBt. Allerdings ist der Klang des apikalen undnbsp;dorsalen I verschieden. Zungenspitzen- und vorderes Zungenriicken-/nbsp;werden mit einer Zungenstellung produziert, die der /-Stellung ver-wandt ist, — hinteres dorsales / (rheinisch kalt, russisch /) steht dernbsp;?r-Stellung nahe. So kann I ein i entwickeln und schliefilich zu inbsp;vokalisieren: planu(m) it. piano (frz. Mundarten vgl. S. 173) oder unbsp;werden.' caballos afrz. chevatis.

Das lateinische 1 wird von Consentius (Afrz. Übb. S. 237, 238) bald als pinguius, bald als exilius bezeichnet. Vor Konsonant ist

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171

in. Lautlehre: 1.

es „fetterquot;, der Zungenriicken ist also stark gehoben, — im Anlaut, vor / und intervokal ist es „dünnerquot;, der Zungenriicken ist gesenkt.nbsp;Nachkonsonantische Stellung erwahnt der Autor nicht. Vgl. S. 172.

Im Anlaut bleibt /: B 9 loei, 21 lit. — Bei Lehnwörtern wird I gelegentlich als Artikel aufgefaCt: Vgl. I'Andegrave („Landgrafquot;)nbsp;der G. Ste.

Intervokal bleibt 1: B 68 male, 107 coleir.

Doppel-Z erhalt sich einfach; B 87 sella sele, 88 bella bele. Sekundares und daher silbendeckendes //, in spatula espalle (neuwall.nbsp;spa:l, ALF 472) ergibt im Z. espaule, vgl. S. 146. Auch in Buchwortennbsp;wird 11 zu ul: Gallia Gaule, danach auch M. Brut 2108 Wales: Gauleie.

V^or Konsonant: Die ersten Folgen der Vokalisierung reichen weit hinauf Vgl. J. B. XII, i, 68. Im einzelnen:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Geschwunden ist 1 fast im ganzen Französischen nach u:nbsp;Eul. I pulcella, B 299 pulcelle, R 356 pucele; u war also, als / voka-lisierte, noch velar. Nur der SW. hat pjoselo wie in Teilen dernbsp;Provence. Offenbar ist hier die Vokalisierung jiinger als das Palatali-sieren von u ^ y, aus dem dann durch Dissimilation i wurde.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Vielfach geschwunden scheint 1 nach o und 0, bald nachnbsp;beiden, bald nur nach o. Im O. wie im W. ist o das Resultat:nbsp;B 75 fuldres 89 midt, 101 zwlt, 148 colchierent, 268 culcka usw.,.nbsp;deren Lautwert bestimmt wird durch 107 cops (col(a)p(h)os); R 182nbsp;reimt toult : tost- Da j stumm ist, ist tgt für beide Worte anzusetzen.nbsp;Ob freilich /-Schwund vorliegt, oder friihe Monophthongierung vonnbsp;ou, ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Vgl. S. 82^, 93; Die Pikardienbsp;vokalisiert 51 zu ou und monophthongiert ou früh zu u, Ö1 dagegennbsp;wird zu au. — In der Wallonië und Lothringen kann 0 aus Ö1 aufnbsp;Diphthongkiirzung beruhen: B hat 5 bos (371 im Reim) statt bóis,nbsp;18 raiot statt raióit, illoc, avoc statt illóec, avóec gehören ebenfallsnbsp;in den NO. resp. O. Folglich kann ein ou aus ol ebenso früh zu onbsp;(resp. ti) monophthongiert worden sein. — Für die Rose entscheidetnbsp;Langlois (I S. 263), I sei zwischen 9 und Kons. gefallen. Aber auchnbsp;hier werden föllis fos, grössus gros und fagUS (a u) fos gebunden.nbsp;Da nun fagus gt;¦ fous gt;gt; fos sicher monophthongierte, ist Monophthongierung auch tür gl ou'ygt; o wahrscheinlich, und wohl auch fürnbsp;Christian anzunehmen.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Sicher ist, daC nach ï das l in den meisten Mundarten vokali-sierte; gerade im Z. (Christian) ist es hier geschwunden. Ein Blieknbsp;in ALF 572—573 zeigt die Verhaltnisse für fils: lm N., NO. findennbsp;sich Formen wie fjy:, fjo; wo l fallt, oder der Punkt die franzischenbsp;Formj'z annahm, wird diese gern durch andere Worte ersetzt: gargon,nbsp;gars, ga, an der deutschen Grenze bueb. (Beispiele: Herzog, Dialekt-

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172 III. Lautlehre: 1.

texte, Stück 15, 7; 18, i usw.) Vermutlich standen sich fi und fij (filia) zu nahe. — R 69 sourciz und die Bindung 144 genttls : enteritisnbsp;(aus ententifs) stellt Fall von / nach i auch im westl. Z. fast.

4. Gemeinfrz. nach a (S. 106), überall aufier in gewissen Gruppen im O. nach e (S. 87, 100), ie (89) wurde / zu u, und es ergaben sichnbsp;lautlich und dialektisch vielgestaltige und sich verschieden entwickelndenbsp;Diphthonge, deren wichtigste im Vokalismus besprochen wurden,

Mundartlich übt auch der folgende Konsonant einen EinfluB auf I aus: Zwischen a — m findet sich Schwund, für paumiers (palm-ariusnbsp;„Pilger**) wird pamier geschrieben (Aiol 1823). Da es sich um einenbsp;pik. Erscheinung handelt, kann auch hier Reduktion des Diphthongsnbsp;au a vorliegen. (Vgl. Schönig, Rom. vorkons. 1. Beiheft Zt. 45,nbsp;S. 72, mit Beispielen aus neuen Mundarten, ALF 980 paume, NO. pam.)

Auch satzphonetisch vokalisiert oder fallt I vor Konsonant, bei enger Bindung: Langlois (Rose I 263) schlieGt dies aus dem Reime;nbsp;chevau chier (caballu(m) caru(m)): chevauchier (caballicare). Dienbsp;Schreibungen unserer Hs. zeigen ein Gleiches: 56 nu — net (74), liesnbsp;neii, 73 du = del, 163 au coste usw., 227 seneschau te, 248 biau deduit;nbsp;solche Fornien werden dann generalisiert oder vom Plural (-ellos -iaus)nbsp;abstrahiert und finden sich auch in Pausa, vgl. den Reim 158 apiannbsp;,,Ruf“^): joiau (Subj. Plur. S. 100). Dagegen hat R immer chapel,nbsp;die Reichssprache heute chapeau. Diese satzphonetische Entwicklungnbsp;von / lafit sich seit dem XII. Jahrh. belegen; St. Thomas brauchtnbsp;beu vor Vokal, bel vor Rons, und in der Inversion apeu-jo (S. 63nbsp;„ich appellierequot;); Ezechiel schreibt Paulu(m) Saint Poc (obenS. 136');nbsp;Rustebuef braucht trossel vor Vokal und trossiau vor Kons. (Seer.nbsp;333 ff., 340), reimt Seer. 340 cou (collu(m)): cou (colaphu(m)). Seer. 112nbsp;eu (lies ieu, aus uei öclu(m)), mit lieu (löcu(m)). — Doppelformen bliebennbsp;bei Adjektiven und Artikel: a rhomme, au pere, — vieil homme, vieuxnbsp;pere] fol homme dagegen ist preziös, vgl. das alte: fou a Her.

Bemerkung. In quelque ist die Komposition geftihlt. Mundarten haben kjok und kok, kek: ALF 1116. — balcon stammt aus dem Ital., algebre aus dem Arab. usw. Zum Sprunglaut (S. 144’)nbsp;zwischen 1 — r vgl. melior B 12^ mieldres und molere S. 166, 7.

Nach Konsonant wurde / vlat. mit palataler Zungenriicken-hebung artikuliert, wie der Übergang von tl gt;gt; cl, vetlus gt; vecius verrat. Das Italienische (vecchio) vokalisiert dies / zu i. Französischnbsp;wird es wie aniautend oder intervOkal artikuliert, ist aber im sekun-daren Auslaut stimmlos geworden und heute meist verstummt. (Vgl.

') Venus 227 son d'apel ,,Tonen des Türklopfersquot;, Rabelais les appeauls gerichtl. Appell: „Ladung'*.

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173

in. Lautlehre: 1.

Auslaut.) Beispiele: B 13 plaine, 18 clarteiz, 31 caplé'iz; B 14 insimul ensemble. Zum Sprunglaut b zwischen m — I vgl. S. 175,

Bemerkung. Vor Auslautvokal wird nachkonsonantisches / in Buchworten haufig zu Suffix-r; epistola épitre, apostolu(m) apostrenbsp;(Christian), apotre, angelu(m) afrz. angle, angre, wahrend R 378 angesnbsp;(Reim), die schriftsprachliche Form, Dissimilation vom Artikel zeigt.nbsp;Auch in nfrz. Mundarten wird I nach Kons. gern palatalisiert und zu i:nbsp;vgl. Herzog, § 335, L. Haeberli, Zt. f. S. 33, 1908, S. i.

Auslaut. Afrz. intervokal, nfrz. sekundar auslautend ist -/ noch heute energisch artikuliert, gelangt, daher oft mit vokalischem, stimm-schwachem Nachlaut: fib, belb, hiiib. Nach Konsonant aber stimmlosnbsp;Oder stimmschwach, in -able, -ible, -acle u. a. Im afrz. Auslaut ist ein-fach / heute stumm*), wenn es auch die Schrift festhalt; gentil 3ati,nbsp;persil pèrsi. Die Schrift ging mit der Lautung in oui (afrz. oïl), nenninbsp;(afrz. nenil)', péril, die Worter auf -al, -el sind gelehrt, mal, vil, filnbsp;„Faden“, miel, del, sel, tel einsilbig. Auch bei den letztgenanntennbsp;weichen Mundarten ab. Vgl. S. 100. — ,,Er“ lautet volkssprachlich ilnbsp;vor Vokal (il_fi), i vor Kons. (i vient).

1 F Iti dieser Gruppe hob sich der Zungenrücken des I vlat. in die i-Stellung. Das Resultat ist also nicht Ij, sondern palatalisiertesnbsp;i, beim Ein- wie beim Abstellen der Zunge hort man die tonendennbsp;Übergangslaute; it. figlio erhalt die urspriingliche Lautung, span, hijonbsp;(ixo) verschiebt sie mit Aufgabe der /-Zungenspannung der Artiku-lationsgewohnheit entsprechend nach hinten; im Afrz. ist I noch un-verschoben, nfrz. ist die /-Spannung aufgegeben, von östlichen Mundarten abgesehen, und ein vorderer palataler Reibelaut j das Resultat.nbsp;Vor Konsonant wurde auch i vokalisiert: Vgl. S. 161 fuildre ]gt; foudre,nbsp;I lie 15 vaut (valet); travaut (*tripaliet).

Beispiele; B 25 batt(u)alia bataille, 58 meliöre(m) meilor; öclu(m) ueil nfrz. oe:j, aber vor Konsonant: nets gt; ieus'pgt; yeux (jo).nbsp;Die Schreibung ist I oder ll mit dem graphischen Hilfszeichen 7; innbsp;den Dial. Greg. Ig, Ih: 8, 22 selge sicla (situla „Eimer“) afrz. seille-,nbsp;9, 2 mervilhierent ¦, 10, i failhet *falliat. — Zwischen t und j entstandnbsp;ein Gleitlaut t: B 332 pilz, R 31 ielz.

Dissimilation und Weclisel. Wie r wechselt I gem Stelle; ALF 153 bouclé: Der ganze O. hat heute blu:k (Chev. II Esp. 3022),,nbsp;der NO. abluik (aus la bluik). In afrz. gelegentlichem perehnagenbsp;(statt pelerinagè) (Zt. I, 265 Pseudoturpin) tauscht es mit r. Zunbsp;spatula )gt; espalde vgl. S. 146. — / weicht einem anderen / im Worte;

b Schon Rustebuef reimt: ostel mit osté; loiauté mit tel usw. (Complaintt Roi de Navarre 23; 127.) Vgl. ALF 961 outil: Kein Punkt mit lautendem /.

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174

III. Lautlehre: 1, m, n.

ülüiare gt; ^ürülare urler (nfrz. hurler'), flebilis, Dial. Greg. io6 Jlotbes, Christian foible, Z. W. feible, nfrz. faible, libëllus „Wasser-wage“ nivels, 7iiveau-, I weicht dem Artikel; müla la mure.

Vor Vokalen wird der Artikel als Wortanlaut gefaCt: Lille, Langlois; h^dera ist beispielsweise im Jonas noch éedre, nfrz. le lierre,nbsp;vgl. le lendemain, afrz. I'endemain ïllu(m) mde mane. *ümbilïculu(m)nbsp;B io6 umblil ergibt nfrz. le nombril aus le lomblil mit angewachsenemnbsp;Artikel und zweifacher Dissimilation. ALF 921 zeigt im SO. nochnbsp;ömbr0, die Zwischenstufe lómbrè, lömbri(l) kommt noch vielfach vor.

Kapitel 13.

M, N.

M, n sind die nasalen Varianten von pb, td. In der Nachbarschaft eines i rückt n vlat. über die /§-Grenze (aufter vor ti, ci S. 177) undnbsp;wird zur nasalen Variante von kg: ,t] {n mit palatatem Zungenriicken-verschluC),

Im Anlaut bleiben m, n; B i nuiz, 10 media mie, ii mil, 32 nausea noise. — natte aus matta beruht auf vlat. Assimilation annbsp;dentale Artikulation, nappe aus mappe auf Dissimilation des doppeltennbsp;Lippenverschlusses; nappa ist bereits in lat. Glossen belegt. Vgl.nbsp;Niedermann, Contrib. a la Critique des Closes latines, Lpz. 1905,nbsp;S. 31. Ebenda S. 32 nespula fiir mespilu(m) „Mispel“, vgl. S. 144.

Intervokal bleiben m, n; B 13 ^Isina. plaine, 2g sonent, buisines, 40 claime, 43 prime. Afrz. nasalierten Vokale auch vor intervokalemnbsp;Nasal. Vgl. den Doppelreim R 401 donna : don a] das Doppel-i«nbsp;stellt die Nasalierung graphisch dar. Nach der zentralen Entnasalierungnbsp;blieb oft die Schreibung mit zwei m, n\ homme, femme-, sonne, per-sonne, ordonne, vgl. R 5 debonnaire, 28 pomme usw.

Beinerkung. örphan-ïna, Auc. 5, 14 orphenine'-) dissimiliert zu orpheline.

Vor Konsonant ist die Entwicklung je nach dem folgenden Kons. verschieden:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Silbendeckender Nasal erhielt sich einfach B 297 nonn-anesnbsp;nonains, 299 canna chane, R 142 frk. *bann-aria baniere, flammanbsp;flame (mundartlich. flambe findet sich Rol. 3093, bei Christian, innbsp;der Provence, im Loirebecken und im NO. ALF 579).

2. nbsp;nbsp;nbsp;nm und mn ergeben m vor der Entwicklung von mi, ninbsp;(S. 123) und nach der Synkope; für mn eine eigentümliche regressivenbsp;Assimilation: B 154 damn-aticum datnage, 11 höm(i)nes homes, 88

Heute findet sich orfano; nur noch im SO.: ALF 949.

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175

III. Lautlehre: m, n.

fem(i)na jevime, 176 nom(i)natus nomeiz, 205 sem(i)nare semeir; anima ame ist also normal, B 92 arme (Buchwort) zeigt Dissimilationnbsp;von nm, wie minima merme.

Bemerkung, Vor einem dentalen Konsonanten wird m aus mn wieder zu n. Also: B 145 domnicellu(m) dunzel, aber 308 damoisele.—nbsp;In gelehrten Worten wird mn zu n: autumnu(m) auto{m)ne (oton)nbsp;(otom kommt sporadisch im Wall., Norm., Lothr. vor, ALF 75),nbsp;columna colonne (Christian colome). — Auch mundartlich (O.) wirdnbsp;mn ^ n. Christian hatte urspr. fanne (femina) und nahm dannnbsp;zentrales fame an. Vgl. Herzog 46, 41, ALF 548.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Vor Dentalen wurde m O vor Labialen n gt; m. Infolgenbsp;der Nasalierung verstummten beide‘): B 237 clamat claint, 300nbsp;semit-ariu(m) sentier, 339 crëmit (trëmit) orient. Die Schrift ist beinbsp;n meist konservativ: enfes; gelegentlich ist sie phonetisch: amfantnbsp;(Alex. 22), enifes (Alex. 116, QLR 138 usw.).

4. nbsp;nbsp;nbsp;Vor 1, R entnasaliert die Pression des Lippen- oder Zungen-zahne-Verschlusses einen Teil von m zum „Sprunglaut“ b, einen Teilnbsp;von n zu d: B 114 1reassimulat rasemble, 157 remanere habetnbsp;remandra, 118 1vénerunt vindrent, 279 1ténerunt tindrent, R 258nbsp;remembrer, involare (Reich. Gl. 623 ,,stehlen“) embler. — Im NO., O.nbsp;fehlt dieser Sprunglaut, Zungen-7? war also mit tiefer Zungenspitze,nbsp;I weniger gespannt artikuliert. Vgl. B 285 venrunt. Nfrz. tinrent undnbsp;vinrent dagegen sind nicht etwa Dialektformen, sondern analogisch nachnbsp;tins, tinmes; der Dichter des Brut hatte den Gleitlaut: 188 remanerenbsp;remaindr-e: achaindre (ad-cmgere S. 161); auch G. de Lorris: R 65nbsp;tënere(m) tendre: fendre (findere). — 1genere(m) (gënus) genre istnbsp;gelehrt (Dial. Greg. 144).

Die Gruppe nl findet sich nur in: in illu(m), Eul., Joufrois 2114, 2130 enl; spater el (B 13); und wahrscheinlich zuerst in Kurzformennbsp;des Imperativs, dann in der ganzen Flexion von ambulare 1anler alernbsp;neben ambler ,,wandeln“. Auch ben(u)lum'gt;- bellu(m) (Passion 130nbsp;benlement) ist zu nennen. Wenilo Guenlesfgt; Guenes, Dial. Greg. S. Ill:nbsp;Vandalorum des Wenles neben Wandres haben Buchwortcharakter. —nbsp;Erwahnt sei auch alare (anlare.?) Reich. Gl. 1124, 1132, 1133.

5. nbsp;nbsp;nbsp;Mit folgenden unverschobenen k, g gehen die Nasales engenbsp;Verbindung ein (S. 160, B 35 Franc) und verstummen nach dernbsp;Nasalierung.

6. nbsp;nbsp;nbsp;n verstummt mit der Nachtonsilbe in der 6. Pers. B 255nbsp;portent, nfrz. port.

1

Vgl. S. 60. — Floov. schreibt iiifolgedessen: 54 metenant (maintenant), 510 maiz {tnainz „vielequot;), 751 Peace (France) usw.

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III. Lautlehre: m, n.

Nach Konsoiiant blieben m, n, von der besprochenen Gruppe mn abgesehen: B ii arnieiz, 22 dinne {ms alterem disne, vgl. S. 164).nbsp;Mundartlich ergibt sn über hn gt;¦ ri: QLR 6 maigniée (vgl. S. 85),nbsp;Fergus 152, 33 pugnais aus pusnais (S. 146), O. Ps, 6, 10 ignele-ment. Dial. Greg. 9, 14 enhelement (Übersetzung von lat. mox) ausnbsp;esnelement, Adv. zu afrz. isnel (germ, snel, i statt protethisch e istnbsp;vielleicht der Imperativ von ire, M. L.); mit diesem Worte mischte sichnbsp;B 28 innelepas ,,schnellen Schritts“, vgl. S. 143.

Bemerkimg. imagine(m) image pagina page usw. sind Buch-worte; ordre zeigt buchwortlichen Suffixtausch, ördine(ni) ergibt volkst. orne (Bartsch Renart 39, 496) gt;¦ ourne.

Interkoiisonantisch fallt m: firmus fers; M. Brut 3366 in-firmitate(m) enfertei. — Zwischen r—r bleibt es durch Druck entnasaliert als Sprunglaut: marmor marbre, B 149 marbrin. — QLR 113 cunfermt,nbsp;192 turnt sind analogisch nach den Indikativen ferme, tome gebildet,nbsp;Konsonantenhaufungen, die auf dem Kontinent nicht vorkommen.

Alislautend nach Vokal wird m im Afrz. zu n. Die Schreibung ist oft etymologisch: suum ist in den Eiden son, meum mean, abernbsp;homo om. In B ist auCer moji, ton, son, 33 rien fast immer mnbsp;geschrieben, die Angleichung B 173 eni mer (in mare) lieGe an satz-phonetische Vorgange denken, aber der Reim 183 hum: se gaiantnbsp;nuni (non!) zeigt, daft m blofi etymologisierende Schreibung ist. Esnbsp;sind also clamo clain, exame(n) essain, vgl. R 123 ains (amo mitnbsp;graphischem s) 140 renon (re-nömen): gonfanon, 291 I'on (homo),nbsp;366 no7t (nomen): non (non). — Satzphonetische Entwicklung vonnbsp;mon, ton, son im Lothr. s. oben S. 138; — non ist gallorom. vornbsp;Konsonant no (Rydberg, S. 212). In schwachtoniger Stellung wirdnbsp;afrz. ne verallgemeinert, doch bleibt no7i (B. 169, Wall., SO.), resp. ne7tnbsp;(O., Z., W., vgl. R 370) als betonte vorvokal. Form (Rydberg, S. 912).

Auslautend nach Konsonant haben die altesten Texte noch jorn (O. Ps. I, 2), ƒ(?;'«. (furnu(m)), Formen, die Tradition im NW.nbsp;erhalt; yve7'7t (hibernu(m), G. Ste.), das XII., XIII. Jahrh. bildet nachnbsp;den Subjektiven jorz, forz: B i jor, R 320 e7tfer (infernu(m)) usw.

Gleitlant: Zwischen nachkonsonantischem n und s Gleitlaut t: jor(n)z, for(n)z, R 58 am. Die Schreibung ist selten konsequentnbsp;(B I jars') und findet sich analogisch auch nach einfachem n: B 306nbsp;crinz, R 365 sanz.

M i entwickelt Zischlaut mit ^f-Vorschlag wie die übrigen labialen Konsonanten, die naturgemaC der Zunge Spielraum lassen:nbsp;slmiu(m) smge, vïndëmia ve7tdenge. Die Entwicklung ist alt, dernbsp;Vokal bleibt gedeckt, aber sie ist jiinger wie mn )gt; m, vgl. S. 123. —nbsp;M i dagegen wurde palatalisiert: i. Durch palatale VerschluGlaute,

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III. Lautlehre. 177

die zu i wurden (Beispiele S. 77). nbsp;nbsp;nbsp;2. Vor ce, ge: plangere plaindre,

vïncëre veintre. 3. Vor i und di (Beispiele S. 83, 105, 148). — laneu(m) lange, lineu(in) linge und ein paar andere Worte weichen gemein-französisch ab und scheinen nicht voikstümlich entwickelt, wenn mannbsp;vïnea vigne danebenstellt. Bei alien drei Worten möchte man annbsp;mundartliche Entwicklung denken. Allein nach ALF 773 ist linge innbsp;ganz Frankreich, nach 1392 virj ebenso alleinherrschend. So diirftennbsp;linge, lange wie extraneu(m) (App. 118) estrange Suffixtausch zeigen.nbsp;Gesichert scheint dieser in mentiDnia „Lüge“, das M. Brut 194 innbsp;lautgesetzliche Form als Jttensonie init tesmonie, 3928 aber, wie R 218,nbsp;analogisch als menzunge mit sunge (sömniu(m)) reimt. —

Dieses -4 aus n 1 bleibt intervokal. Die Schreibung ist ver-schieden; B 164 cumpaignuns, 179 gdeignable, B 74 eslongna; Dial. Greg. 34, 4 vinge vinea; zu enhelement S. 176. In B wirdnbsp;1] oft nicht bezeichnet: 288 setter gegen 244 segnor; 306 pectinatnbsp;pine gegen R 246 pi(e)gne. Reime zeigen, dafi auch der Dichternbsp;schwach palatalisierte: B 13 plana plains : cmnpaine (*compania).nbsp;Solcherlei kommt im N. wie im Osten vor: Afrz. Loheregne reimtnbsp;mit regne rëgnu(m) nfrz. Lorraine; vgl. Lothr. Ps., Prolog 13nbsp;laingue lorenne. Auch in Paris war die Palatalisierung von n, Inbsp;einst gering: Rustebuef reimt regne mit paine, cheval mit travailnbsp;(Theoph. 191, 439 und sonst), und daher versteht sich wohl auchnbsp;Sequana afrz. Seigne, nfrz. Seine'^'). — Silbenausiautend ging dienbsp;Palatalisierung durch Nasalierung verloren, vgl. R 35 ceinture, B 42nbsp;puin, dann verstummte n: Floov. 74 poig (= poing), R 265 enjoing;nbsp;vgl. dazu nfrz. setyir, pwe, asws. — Vor ti, ci schliefilich keinenbsp;Palatalisierung: cum-initiare comencier, Francia France.

Als Lautzuwachs kommen vi, n, 13 in Lelinworten vor b, d, g vor: Amis 2155 affumbUes affibulatas; Elie 901 indeles idola; Aiol 5579nbsp;ingal aequale(m).

Bemerkuitg. cognoscere conoistre entspricht it. conoscere, aprov. conoiser, span, conocér, also vlat. *conoscere nach noscere; — rëgnarenbsp;rener, assignare assener usw. sind Buchwörter (M. L., Einf. § 32).

») Villon reimt Seine mit Antoine, Pet, Test, 228.

Jordan, Altfranzosisches Elementarbuch. 12

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IV. Formenlehre,

Einleitung.

Entwicklungsbedingungen.

Wenn sich die Laute entwickeln: sich verandern, verstummen, — so können auch die Formen nicht stehen bleiben. Denn wo die Laut-entwicklung formale Elemente zerstörte oder unbrauchbar machte,nbsp;mufiten neue formale Elemente geschaffen werden: So verstummennbsp;galloromanisch die Ultima-Vokale von sümus und éstis. Das Altprov.nbsp;begnügt sich mit ungeschwanzten Formen und flektiert; 4. em, 5. ej,z.nbsp;Die nprov. Schriftsprache hat geschwanzte Formen; 4. si-dn, 5. si-ds^). — Schon die afrz. Schriftsprache braucht somes und estes, dienbsp;vermutlich faimes (facimus) und faites (facitis) nachgebildet sind.nbsp;Normales ez ist afrz. gar nicht erhalten^), nur sons kommt ziemlichnbsp;haufig vor®) und ist noch heute die übliche Form im S., O. und W.nbsp;der Hauptstadt, diese eingeschlossen (ALF 506). Der Singular undnbsp;die 6. Person des Verbum Finitum weiterhin hatten afrz. unterschied-liche Formen: i. chant, 2. chantes, 3. chante, 6. chantent: Nach demnbsp;Verstummen von -s und der Ultima lauten sie heute alle vier merk-mallos: fctt, und so wird das Aussetzen des Subjektpronomens zumnbsp;Zwang, auGer da, wo über die Person kein Zweifel besteht: Beimnbsp;Imperativ. — Die Lautentwicklung wirkt also witterungsahnlich; dienbsp;Spreekenden flicken das Scliadhafte aus. Die lat. erste Pluralisnbsp;aber war mit wenigen Ausnahmen endbetont, also zerstörenden Ein-flüssen gar nicht ausgesetzt. Und dennoch entspricht ihrer lat.nbsp;Vielheit schon afrz. gröGtenteils, nfrz. von mundartlichen Resten undnbsp;veralteten Perfektformen abgesehen durchaus Einheit; Statt -amus,nbsp;-ëmus, -ïmus -iamus usw., nfrz. -ons (resp. -ions). Natürlich ist eben-erwiihntes sons das Urbild dieser „Uniformquot; gewesen, ehe es selber,nbsp;als fast einzige schriftsprachliche Ausnahme, durch somes ersetzt wurde.

b Nach Koschwitz, Gramm, des Félibres 1894 § 90 entstammen sian, sias dem aprov. Konjunktiv: Sie warden indikativisch empfunden, weil ihre Endungen mit denennbsp;der a-Konjugation gleich lauteten, und waren obigen Monosyllabis formal überlegen.

vous ez kommt in Cótes d’Or, Doubs und Jura vor, ALF 507, vgl. Herzog 22, 2S. “) M. Brut, Rustebuef; somes war effenbar die Form der Nordgruppe.

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IV. Formenlehre. 179

Daraus lemen wir zwei Dinge: Ein Spezielles: Der eigenartige Typus hat eine gewisse vorbildliche Dominanz: Das Hilfszeitwort innbsp;seiner vereinsamenden Funktion entwickelt sich absonderlich, wirktnbsp;als Vorbild — um eine neue von der Uniform abweichende Gestaltnbsp;zu erhalten. — Und ein Allgemeines: Wo in der Flexion Vielheitnbsp;der Formen war, gelangte die heutige Sprache auf sehr verschiedenennbsp;Wegen vielfach zu Einheit.

Nun ist solche Vielheit nicht nur etymologisch bedingt wie in den genanntenEndungen: Lautliche Entwicklung zerstört Endungen —nbsp;und trenntStamm formen: Denn der Stamm ist naturgemafi wechselndennbsp;Tonverhaltnissen ausgesetzt, gelegentlich auch wechselnder lautlichernbsp;Umgebung. An paucu(m) haben wir gesehen, wie die verschiedenenbsp;Gestalt der Ultima und deren verschiedene Entwicklung trennendnbsp;wirkte (vgl. S. 97); bei Verben erzeugt der wechselnde Ton amnbsp;Stammvokal „Ablautquot;: lavo wird zu leve, aber in IWare bleibtnbsp;Stamm-a: laver. — Auch diese Verschiedenheit gleicht die Sprachenbsp;aus und gibt dem Stamm die Uniform zurück: pérfacere war ab-lautend zu pérficere geworden, das Vlat. rekomponierte zu perfacere;nbsp;leve folgte laver und wurde zu lave ausgeglichen. — Nicht andersnbsp;geschah dem Stammkon sonant en; mandücat ist '^mandue gewesen,nbsp;wahrend manducare mangier ergab. Erhalten ist afrz. halb aus-geglichenes manjüe; nfrz. il mange ist in jeder Beziehung (zweiternbsp;Stammvokal, konsonantischer Stammauslaut) nach mangier umgebildetnbsp;und ausgeglichen.

In unausgeglichener Gestalt stehen die Hilfs- und Modalverben (estre, avoir, vouloir, pouvoir usw.) und ein paar von ihnen beeinflufitenbsp;neben den finiten Verben. Und — da die Gegensatze sich berühren —nbsp;neben diesen alltaglichen Hilfsverben ebenso unausgeglichen, aber ausnbsp;anderem Grunde, die selten gebrauchten: je meurs mourir.

Dafi der Ausgleich, wie auch seine Unterlassung, mundartlich sehr verschieden sein kann, braucht nicht gesagt zu werden.

Aber nicht blofi die Verschiedenheit der Endungen verbaler Personen oder des Stammes einzelner Verben ergeben solchen Ausgleich — ganze Systeme fallen ihm zum Opfer: Haben zwei Wortsippen einnbsp;Gemeinsames, sei es in der Form, sei es in der Bedeutung, so wirdnbsp;dieses Gemeinsame zu einer Brücke, die eine Wortsippe Wort fürnbsp;Wort zur anderen überführen kann. So nimmt die 5- lat. Deklination,nbsp;die aus Femininen besteht, die Uniform der i. (Feminina!) an: glaciesnbsp;wird vlat. zu glacia; — die 4. lat. Deklination auf -us (Gen. -üs) fallt,nbsp;soweit es sich um Mask, handelt, mit der 2. auf -us Gen. -i) zu-sammen. — Das Neutrum aber verteilt seinen Besitz: Der Singular aufnbsp;-u(m) schlagt sich zum Mask., — ein Plural mit kollektivem Sinn auf

12*

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18o

IV. Formcnlehre.

-a zum fem. Sing., so dafi velu(m) afrz. voil, nfrz. le voile, vela (Neutr. Plur.!) aber la voile ergeben: Numerisch starke Systeme absorbierennbsp;die Schwacheren. In vielen Fallen aber ist es nicht eine der zahl-reichen Endungen, die iiber die anderen triumphiert, — sondern dienbsp;Uniform ist etwas Neuartiges, Bildhaftes und verdrangt alle farblosennbsp;etymologischen Endungen:

Umsclireibung ist dies Neue: Umschreibung mit den Prapositionen de und ad konkurrierte vlat. mit Genitiv und Dativ und zerstörte dienbsp;Deklination; Umschreibung mit plus oder magis verdrangte dienbsp;Komparation; to- Partizip mit habeo oder esse das Perfektum,nbsp;Plusquamperfekt und Passiv (z. T. schon klassisch; amatus sum);nbsp;Infinitiv und habere das Futur. Das Perfekt bleibt frz. neben dernbsp;umschreibenden Form {il chanta — il a chanté) und stirbt erst heutenbsp;aus. — Die alten Piusquamperfekta, Passiva, Futura aber (letzteresnbsp;abgesehen von ero; Einzig das Hilfszeitwort halt seine eigene Form!)nbsp;weichen einer plastischeren, Zeitstufe und Aktionsart scheidenden Umschreibung schon vlat. Das neue Futur cantare habeo bleibt nichtnbsp;als Kompositum; zwar heifit es noch im Alexanderfragm., Afrz. Übb.nbsp;S. 239, 25 contar vos ey „ich werde euch erzahlen“ und ahnlich innbsp;altprov. Mundarten, — aber der Umstand, dafi im vlat. Futur dasnbsp;Hilfszeitwort aus satzphonetischem Grunde ans Ende rückte, laGt hiernbsp;eine neue Flexion werden, und in conterai wird -ai lediglich alsnbsp;Endung empfunden. So erleben wir das Entstehen einer neuen Endung.

Warum nun solche Umschreibung? Die alten lateinischen Endungen waren einst ebenso aus Hilfswörtern, Postpositionen entstanden und verblafiten. Wurden die Formen darum umschrieben? In dernbsp;Tat findet sich heute im Nfrz. allerhand, womit das Futur neuerdingsnbsp;umschrieben wird: Die unmittelbare Zukunft, mit dem suggestiven jenbsp;vais partir, in der Franche-Comté entsprechend il veut falloirnbsp;(Herzog, § 560, vgl. B 5 vtielt embuschier, 293 vos vuel dire), sonbsp;dafi man meinen möchte, der ProzeG wiederholte sich. Da nachnbsp;heutiger endbetonender Satzphonetik aber das Futurum nicht mehrnbsp;mit nachgesetztem Hilfszeitwort gebildet wird, sondern wie in dennbsp;anderen europaischen Sprachen das Modale „gehen“, ,,wollenquot; (vgl. dasnbsp;Englische) voransteht, ware die Gefahr, dafi aus der Umschreibungnbsp;abermals Flexion entsteht, behoben, solange die Sprache das Modalenbsp;voran, das Sinn voile aber nachstellt: Diesen Unterschied in der Stellungnbsp;der Auxiliarien kann man nun folgendermafien verstehen: Elise Richternbsp;(Wortstellungslehre, Zt. 40) glaubt zu erkennen, dafi unsere Sprachennbsp;vom Subjektivriicksichtlosen (Individualistischen) zum Objektivriicksichts-vollen (Sozialen) sich entwickeln. Subjektiv oder emphatisch bringt

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IV. Formenlehre. Nomen: Kasus.

man das einem seelisch bedeutsam Scheinende zuerst, — objektiv bereitet man den Hörer darauf vor und bringt es am Schlusse; Innbsp;cantare habeo steht das Sinnvolle an der Spitze, das Erlauterndenbsp;(Modale) am Ende, — in je vais chantér ist die Stellung umgekehrt,nbsp;der Ton steigt.

Literatur und Prinzipielles findet sich in K. von Ettmayer, Vademecum f, d. Stud, der rom, Phil, 1919, § 20 ff.

A. Nomen.

Kapitel i.

Kasus.

Schon kl. lat. waren in jeder Deklination einzelne Kasus mit anderen gleichlautend: rosae war Gen. und Dat. Sing., Nom. Plur.;nbsp;hominibus war Dat. und Abl. Plur. — Mit Verstummen von -m fielennbsp;weitere Kasus zusammen: rosa war nun Nom., Akk. und Vok. Sing.,nbsp;spater auch gleich dem Abl. rosa. — Von jeher konkurrierten mitnbsp;den Kasusendungen Prapositionen, die das, was die Endung nur formalnbsp;ausdrückt, raumlich-sinnlich darstellten: ver a objurgandi causa sagtnbsp;Terenz (Andria I, i, 131) und d'erber: satis vehemens causa adnbsp;objurgandum (ebenda 123). Und wenn Plautus einen Miles seinernbsp;Schonen ein Geschenk mitbringen laöt, so sagt dieser plastisch: feronbsp;suppHcimn ad amicam ,,ich bringe der Liebsten eine BuCe“, wonbsp;Cicero vermutlich amicae sagen würde (Truc. V, Vers i).

In dem Mafie wie die Deutlichkeit der Kasusendungen abnimmt, mehrt sich der prapositionelle Gebrauch; SchlieMch verdrangen Um-schreibungen mit de, ad: Genetiv und Dativ, solche mit cum, in usw.nbsp;den Ablativ. Die Entwicklung ist latent, ihre einzige sichtbarenbsp;Aufierung vorab, daC nach den Prap. a, cum, de, in, pro, causa:nbsp;Akkusativ gesetzt wird, nach ad, post usw. aber falsch analogischnbsp;Ablativ. Beispiele für beides, s. Diehl, Index S. 166. Die haufignbsp;hier aufgeführten pos morte sind kaum als Ablative, sondern eher alsnbsp;Akkusative (mit verstummtem -m) zu fassen.

Die prapositionelle Umschreibung des Genetiv und Dativ ist in den heidnischen Inschriften sehr selten: Ein jahrhundertelangernbsp;type itnmobilisé hat hier das Eindringen dieses Vulgarismus verhindert.nbsp;Erst mit der Ersetzung des Typus durch einen neuen, den christ-lichen, haufen sich die Beispiele: Die christliche Terminologienbsp;zeigt oft Proposition für den Posssesiv; Der Kirchenvorleser heifitnbsp;meist lector de Pudentiana (Diehl, Chr. I. 32, vgl. 27, 28, 33),nbsp;seltener: lector sanctae aeclesiae (ebenda 34); Victor ist acolitus a

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IV. Formenlehre. Nomen: Kasus.

dominicu Clementis (ebenda 40)^), aber Guttus noch: agohtus see aedesiae (42). Ein gleiches für den Dativ: Eine Witwe setzt ihremnbsp;Gatten in den Callistkatakomben folgendes Denkmal: . . . iunctusnbsp;inihi . . . virgo ad virgine (28). — Vgl. M. L., Einf. § 195, 198.

In den romanischen Sprachen sind Genetiv, Dativ, Ablativ nicht mehr zu finden, die Praposition drückt stets aus, was sie einst nurnbsp;als freies Stilmittel ausdrückte, und nur in Formein halten sich diesenbsp;Kasus als type immobilisé: So der Genetiv in Woehentagsnamen:nbsp;lunae die(m) lundi (und nicht *lunedi aus luna die(in)); Volksnamen:nbsp;Rol. 1019 gent paienur (paganöru(m)), 1443 geste Francor (gestanbsp;Francoru(m) analogisches Spatlatein!)'^); Ortsnamen: Francorchamp u. a.nbsp;Entsprechend bleibt afrz. der fakultative, wohl aus der Gerichtssprachenbsp;stammende Brauch, bei Genetiven und Dativen von Eigennamennbsp;Obl, ohne Praposition zu setzen; Ei de sagrament que son fradrenbsp;Karlo jurat „Eid, den er seinem Bruder Karl schwor“, Eulalia 3nbsp;li deo inimi ,,die Gottesfeinde“, B 296 temple Veste = templum Vestae,nbsp;364 mande saluz Pandras ,,sendet dem P. GrüCe“ und so bis heutenbsp;in Namen und erstarrten Formein: de par Ie roi (vgl. Rou 740), mifi-verstanden aus de parte illius regis, Bar-le-Duc (namlich des loth-ringischen Herzogs zur Unterscheidung von Bar-sur-Aube), Chdteau-Renault, la St.-Charlemagne (festa Caroli Magni) usw.®).

Vgl. A. Westholm, . . . la construction, Li filz Ie rei. X899.

Der Ablativ schlieGlich blieb im Adverb (-mente, S. 202) und in Ortsnamen: Aquis Aix (sks).

Der Nominativ Sing, war in Rom merkmallos geworden: Da auslautend -s verstummte, fiel er in der Mehrzahl der Falie auch beimnbsp;Mask, mit dem Akk. zusammen, wie dies beim Fem. langst der Fallnbsp;war. Im Plural aber war es der Akkusativ, den das Verstummennbsp;von -s merkmallos machte, und da blieben die Nominative rosae,nbsp;muri als Einheitskasus.

Nun hat die West-Romania, Gallien und Spanien, auslautend -s nicht verstummen lassen (S. 22). Trotzdem macht Spanien die formalenbsp;Entwicklung mit, nur hat es, da die Akkusative des Plurals ihr Merkmalnbsp;behalten, diese: las rosas, los muros durchaus als Einheitskasus be-wahrt^).

’) CIL XV, 7192 Sklavenring aus konstantinischer Zeit, Italien.

^ Vgl. S. Thomas, S. 134: IFil ne cremi les Reis, l'Engleis — ne Ie Francor:... „Er (der Heilige) fürchtete die Könige nicht, weder den Englander, noch den der Franzosen.quot;nbsp;Der Dichter empfindet also Francor noch als Genetiv. Dagegen im Eneas 3537: Einnbsp;Hirsch ist de seize ramors — sedeci(in) ramoru(m) ,,Sechzehnender“. Die Bedeutung desnbsp;Suffixes ist verloren,

Mundartlich heute vielfach fete de Dicu, fète a Dieu für fète-Dieu ALF 557-*) Vgl. K. T. Ettmayer, Vademecum, S. 88 ff.

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IV. Formenlehre. Nomen: Kasüs, Genus.

Einzig Gallien bewahrt von den lat. Kasus: Nom. und Akk., die als Subj. und Obl. funktionieren. Kasusunterscheidung ist in dernbsp;Mehrzahl der Falie das noch lautende des Nom. Sing, und desnbsp;Akk. Plur., das -ï des Nom. Plur. hat in wenigen Fallen Umlaut er-geben (S. 84), das -u des Akk. Sing, der Mask, urfranz. gewisse Unter-schiede bedingt (S. 63). Starkere etymologische Verschiedenheitennbsp;zeigt der Sing, der Akzentwechselnden (imperator emperere, impera-töre(m) emperëour) und Ungleichsilbigen (homo uem, hömine(m) ome).

Mit dem Verstummen des -s (seit dem XII. Jahrhundert) verfallt dieses Zweikasussystem; Auch hier ist der bleibende Einheitskasus dernbsp;alte Akk., wo nicht der Nominativ als Appellativum Übergewicht besafinbsp;wie in fils (filius), suer (söror).

Kapitel 2.

Genus.

Von der alten Dreiheit der indogermanischen Geschlechter bleibt im Englischen nur das Maskulinum, wahrend das Deutsche Mask., Fem.nbsp;und Neutrum scheidet.

Im Vulgarlateinischen schwand das Neutrum, und die Genera wurden auf Maskulinum und Femininum reduziert. Formale Gründenbsp;sind hier entscheidend gewesen; Nach Verstummen des -m und des -snbsp;fielen Maskulina und Neutra der 2. Dekl. (und das Neutrum der 4.nbsp;cornu) zusammen; muro und templo waren in Rom in Nom. undnbsp;Akk., in Gallien und Spanien im Akk. gleich, und damit war dasnbsp;Schicksal dieser Klasse besiegelt. Nun heiCt es in Grabinschriften;nbsp;hic monimentus, hunc munimentum. Wenn aber der Steinmetz,nbsp;oder sein Auftraggeber, das Neutrum von der Schule her kennt, macht,nbsp;er aus einem Maskulin falsch analogisch ein Neutrum, da das Sprach-gefühl infolge der Merkmallosigkeit versagte. Und nun heiCt es;nbsp;titulum aeternale, simile titulum (Diehl 1018 ff.).

Der Plural der Neutra auf -a aber ging, wo kollektiver Sinn es vermittelte, zum fem. Sing, über; In altester Zeit finden sich für diesennbsp;Wechsel schon Beispiele; Unsicherheit griech. Lehnwörtern gegen-über tritt hinzu. Steinmetzen meiGeIn castram statt castra (Diehl 1034).nbsp;Man sagt Vico Castrae „Burgstrafiequot; statt Vico Castrorum (Appendixnbsp;136). — Vgl. B 69 par force = per suam fortiam, das sich in dernbsp;Lex Langob. findet (Appel), — B 69 la bataille = battualia quaenbsp;vulgo „battalia^'nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(Kassiodor nach Appel.). Oft bleibt der Sing,

als Mask., der Plural als Fem.: brachiu(m) ist bratius (Diehl, Chr. I. 352), afrz. U braz; brachia ist bracias (Diehl 851), afrz. la brace „dienbsp;Arme“ )gt; „der Klafter“, brace levée „mit erhobenen Armen“. Und

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IV. Formenlehre, Nomen: Genus.

so: cornu.cor(n)s, cor de ckasse ,Jagdhorn“ (B 29) — corn(u)a la come „das Gehörn“ gt; „das Horn“; vgl. B 70 fuldres, nfrz. le foudrenbsp;de guerre] afrz. nfrz. la foudre fulgera ,,BHtz“.

Bleiben die Neutra der dritten Deklination. Hier haben wir vorab eine -us-Klasse: tempus, pectus, corpus, opus. In Rom schlagt sienbsp;sich nach Verstummen von -s zu den Mask, der zweiten: tempo, corpo,nbsp;(vgl. Diehl, Chr. I. 200, 243); im Spanischen gleichfalls: tiempo,nbsp;cuerpo; aber der Übergang ist jung, aspan. Sing, pechos (pectus) er-halten (M. L. Ro. Gr. II, § 10). Im Französischen bleibt die Gruppenbsp;fiir sich, dem Geschlecht nach Maskulin, der Form nach neutral,nbsp;also indeklinabel: B 145 cars — Akk. corpus. Die iibrigen Neutra dernbsp;Dekl. gehen verschiedene Wege: fem. retis (kl. rete) findet sich schonnbsp;bei Varro (Appel), maris, marem (statt mare) s. Diehl 1028, nfrz.nbsp;la mer; fel, mel, cor bilden it., rum. analogische Akkusative nachnbsp;Mask, der 3. Dekl.: fele, mele, core, vgl. it. fiele, miele, cuore, afrz.nbsp;cuers, cuer. Lac geht den gleichen Weg; lactem findet sich schonnbsp;bei Plautus, Baccli. V, 2, 16, it. latte, afrz. laiz, lait. caput folgtnbsp;analog, der 2. Dekl.: capus (Diehl 1080) it. capo, afrz. chief, ossu(m)nbsp;(fiir os) kommt bei Aulus Gellius, vasus (fiir vas) bei Petroniusnbsp;vor (Appel). nome(n) ist erst galiorom. 7toms (B. 157).

Vgl. E. Appel De genere neutro intereunte in ling. lat. 1883. — Über -s-lose Nominative in den Psaltern: argent, del, s. M. L. Ro. Gram. II, § 8: Es sind Latinismen.nbsp;Ahnlich sind s-lose Pluralia zu beurteilen: Rol, 33, 1S6 cinquanle carré — carra. Vgl.nbsp;29 fedeilz services (servitia). — Rol. 444 I'espee — Cnnire dous deie I’ad del fteerrenbsp;geiee „zwei P'ingerquot; (digita, vgl. S. 147, M. L., Einf, § 155).

Genuswechsel ist schon im altesten Lateinischen nicht selten, wie wir gesehen. Im Französischen neigen die auf -e auslautendennbsp;Worte zum Fem. trotz des natiirlichen Geschlechts: got. *wida, afrz.nbsp;la guie „der Führer“, nfrz. la sentinelle (REW 7824). La profete,nbsp;la pape (St. Th., Vers 1041) kommen afrz. vor. Die alten Mask, lanbsp;com'ete, la plan'ete sind heute P'em. Umgekehrt: Dominica, afrz. lanbsp;diemenche, nfrz. le dimanche nach den iibrigen Tagen; quadragesima,nbsp;la caresme, nfrz. le carbne nach le batême. — Afrz, wie nfrz. sagt mannbsp;la patenostre (Ch. d’0.).

Die lat. Worte auf -or, -oris neigen, soweit sie nicht durch natür-liches Geschlecht gebunden sind, galiorom. zum Feminin: R 59, 323 s'aniour (it. il amore) 65 sa coideur, 110 siieur, nfrz. la sueur, 289nbsp;pdour, nfz. la peur. Das Schwanken bei amour kommt daher, dafinbsp;das Wort im Sing, auch den Liebesgott bezeichnen kann (R 178).nbsp;Ursache dieses Klasseniibergangs ist fraglich. Subjektive mit Stiitz-enbsp;*amre, *colre, chalre'), die den Übergang vermittelt haben konnten,

‘) Dial, Greg. S, 6o, i6 iibersetzt calor tentationis mit U chalres de temptation. 1st dies altes Sprachgut, Oder ad hoc gebildet? Vgl. den Latinismus 6, 19 de nton dolor.

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IV. Formenlehre. Nomen: Vlat. DeklinationsUIassen, 185

nicht erhalten, oder unsicher. Anderseits ist dolorem nefandam schon vlat. belegt: Diehl 1205. Der Hinweis auf soror, uxor wird durchnbsp;die vielen Maskulina auf -or entkraftet. Auch flos und mores werdennbsp;gallorom. Feminina (M. L. Ro. Gr. II, § 379). — Umgekehrt geht dasnbsp;fem. arbor zum Mask, über: it. il arboi'e, frz. un arbre. —

Die „Staaten“ bezeichnenden Wörter; comitatu(m) (4. Dekl, mask.) gt; afrz. conté, ducatu(m) gt; duchié, episcopatu(m), St. Thomas, S, 91nbsp;Tote l’archeveschié, gt;gt; nfrz. tm évêché, folgten in der alteren Sprachenbsp;im Geschlecht den Fem. auf -tate(m) (paupertatem, veritatem). Vgl.nbsp;noch nfrz. la Franche-Comté, aber sonst Ie comté, Ie ducké. Die Humanisten steilten das lat. Geschlecht wieder her. Vgl. Ménages, Requêtenbsp;des Dictionnaires ibqg:

Ils veulent, malgré la raison,

Qu’on dise aujourd’hui Ie poison,

Une Epitaphe, une Epigramme,

Une Navire, une Anagramme,

Une reproche, une Duché,

Une mensonge, une Eveschë.

Ménage „rationalisiert“ den Sprachgebrauch nach dein Lateinischen. — Auffallend sind schlieGlich: R 91 toute jour (so afrz. immer) nachnbsp;toute nuit; frictione(m) R 107 mainte frigon, nfrz. Ie frisson, vgl.nbsp;M. L. Ro. Gr. II, S. 420; sörte(m) sort ist B 174 Fem., M. Brut 654nbsp;wie nfrz. Mask.; ïnsula isle ist B 217 Fem. 176 Mask. Auch innbsp;G. Ste. und sonst ist das Wort bald Mask., bald Fem.

Kapitel 3.

Vlat. Deklinationsklassen.

Zwei Klassen, die 4. und 5., gehen in den anderen drei auf; Die vierte auf -us vermengt sich mit der zweiten, mit der die Mask,nbsp;cursus, fructus usw. im Sing, lautlich zusammenfallen; das Neutrumnbsp;cornu (zu corn(u)a vgl. S. 184) und das Fem. porticus werden dabeinbsp;zu Maskulinen; manus bewahrt sein Geschlecht, und in Gallien be-sondere Form; nurus wird zu nura (App. 169), socrus zu soeranbsp;(A pp. 170).

Die fiinfte vermischte sich trotz charakteristischer Gestalt in der Hauptsache mit der ersten: Klassisch schwankten schon materies —nbsp;materia; luxuries — luxuria; effigia fiir effigies braucht Plautus Rud.

2, nbsp;nbsp;nbsp;4, 7. Es folgt belegtes glacia (Einf. § 162), facia (Kass. Gl. lo),nbsp;*specia, *rabia; neben *dia bleibt dies (B 244 toz dis) als Mask.,nbsp;wahrend res Form und Geschlecht bewahrt.

Die afrz. Nomina wollen wir nun folgendermafien einteilen: Eine I. mask. Klasse umfaGt die lat. 2. Dekl. und erhielt Zuzug von der

3. nbsp;nbsp;nbsp;und 4. Eine 2. mask. Klasse enthalt die Mask, der lat. 3. Dekl.

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186 IV. Formenlehre. Nomen: .Altfranzösische Deklinationssysteme.

Die Feminina bilden eine i. Klasse, welche die Worte der lat. I. und 5. (und ein paar Worte der 4.) Dekl. beherbergt; eine 2. Klasse,nbsp;die in der Hauptsache aus den Fem. der lat. 3. (dazu manus, res undnbsp;Eigennamen der i.) besteht.

Auch das Adjektiv wollen wir so einteilen: i. Adj.-Klasse = lat. I. und 2. Dekl.; 2. Adj.-Klasse = lat. 3. Dekl.

In alien drei Gruppen hat die i. Klasse durch die Zahl ihrer Worte und die Art ihres Systems auf die Entwicklung der 2. EinfluC.

Kapitel 4.

Altfranzösische Deklinationssysteme.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Mask.-Klasse (lat. 2. Dekl.).

Sing. nbsp;nbsp;nbsp;Plur.

Subj. mürus nbsp;nbsp;nbsp;murs \ mürï mur

Obi. mOru(m) mur | müros murs Die Entwicklung ist lautlich ungestört: Kasusmerkmal ist dasnbsp;Endungs-s des Nom. Sing, und Akk. Plur. Solange dies s lautet,nbsp;bleibt die Deklination erhalten. Die Klasse wird für alle anderennbsp;Maskulina vorbildlich: Wir haben gesehen, daC schon vlat. die Neutranbsp;der 2. Dekl. mit ihr zusammengingen. Auch die wenigen Nominativenbsp;auf -er ordneten sich allmahlich ein: vgl. App. 139 aper non aprus,nbsp;Rol. 308 parastres (patraster, -i: -s ist also analogisch), aber normal:nbsp;743 fillastre (Subj.). Es folgten afrz. die gleichsilbigen Mask, dernbsp;3. Dekl., die im Nom. Sing, auf -s ausgehen (panis), Akzentwechselnde, dienbsp;urfrz. den Subj. verloren: (hospes) höspite(m), afrz. ostes, oste, — Neutranbsp;der 3. Dekl. (S. 184). Nominal gebrauchte Infinitive Schliefien sich an:nbsp;Alex. 190 li sons edrers „sein Reisenquot; (ïter-are), R 407 noz voloirs.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Mask.-Klasse (lat. 3. Dekl.).

a) Gleichsilbige (d. h. im Subj. und Obj. Gleichsilbige).

Soweit sie, wie panis, hostis, einen Subj. Sing, auf -s hatten, fielen sie mit der i. Klasse zusammen. Die Gleichsilbigen auf -er (pater gt;gt;nbsp;pedre )gt; pere, frater gt; frere usw.) flektieren:

pater pere | patres pere patre(m) pere | patres peres

D. h. die lautliche Entwicklung ist beim Subj. Plur. unter der Ein-wirkung von Klasse i (murï )gt; mur) gestort ‘). Dialektisch früh (N.) und spater ausgedehnter unterliegt auch der Subj. Sing, diesem Einflufi,nbsp;so daC auch die Gleichsilbigen der lat. 3. Dekl. allmahlich von der

Vgl. Reich. GI. 634 titrcs'. folU (für folies).

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IV. Formenlehre. Nomen: Altfranzösische Deklinationssysteme.

I. Klasse absorbiert werden: Alexius 52, Hs. L U pedres, Hs. P li per es, nur Hs. A li pere\ 36 L li pedre, P li peres, A li peres.

b) Ungleichsilbige mit festem Akzent.

(h)ömo^) uem | (h)öm(i)nes ome

(h)öm(i)ne(m) ome | (h)öm(i)nes omes

In (h)ömo war freies o die Grundlage, daher Diphthong. — In (h)ömine(m), (h)ömines schwand die Panultima vor der Diphthongierung.

Die Endung des Subj. Plur. zeigt dieselbe Analogie nach Klasse i wie pere. Und so auch das folgende Wort, das etymologisch einennbsp;Subj. Sing, auf -s hat:

cpmes (,,Begleiter“) cuens (quot;„Grafquot;) | C9m(i)tes conté

C9m(i)te(m)

conté

com(i)tes contes

c) Ungleichsilbige mit Akzentwechsel.

a) Ohne -.r im Subj. Sing.

imperator empere(d)re nbsp;nbsp;nbsp;\nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;imperatöres empere(d)our

imperatöre(m) empere(d)our nbsp;nbsp;nbsp;|nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;imperatöres empere(d)ours.

In dieser Weise deklinieren: Alle Berufsbezeichnungen auf -ator; sodann latro gt; lere, latröne(m) gt; laron] baro ]gt;» ber, baróne(m) gt;nbsp;baron (B 20); antecessor gt; ancestre, antecessöre(m) gt; ancessour;nbsp;présbyter prestre, praebiteru(m) (Prafixtausch, S. 143) prevoire^)\nbsp;fel, felon (R 233, S. 24) usw.

f) Mit -s im Subj. Sing.

abbas dbes nbsp;nbsp;nbsp;|nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;abbates abét

abbate(m) abét nbsp;nbsp;nbsp;jnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;abbates abéz.

Und so {nfa(n)s gt;gt; enfes, infante(m) gt;¦ enfant, nepos nies, nepötc(m) nevou; Car(o)lus gt;¦ Charles, Carlöne(m) (wie Catönem,nbsp;Nerönem; in den Chroniken Carlum : Odilonem, Waratonem u. a.nbsp;waren das Vorbild) Charlon; Wenilo Guen(l)e(s), Guenelon; Otto gt;nbsp;Otes, Oton; Hugo Hües Hüón.

Urfrz. ist auch bei den Ungleichsilbigen der Subj. Plur. nach Klasse l umgestaltet worden. Im Subj. Sing, haben mehrere etymologisch -s, denen sich die Eigennamen vielfach anschliefien. Aber

1) homo wird nebentonig zu on, das verallgemeinert wird und nun auch in Pausa steht: Alex 2I6 (Vokativ): maisort, Eneas 367 on {Ohl,): raison, B 182 (Subj.);nbsp;non „nein“. Analogie nach der i. Klasse ergibt: R 131, 135 H ons.

*) QLR dekliniert prestres, Obl. pruvoire; meist aber werden beide als voneinander unabhangige Worte behandelt.

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188 IV. Formenlehre. Nomen; Altfranzösische Deklinationssysteme.

auch die anderen nehmen alsbald das -s der Klasse i an; O. Rol. schreibt meist /«' empereres (96, 139 usw.), 125 li bers (baro); QLRnbsp;schreiben immer li bers, li sires; s-los bleibt Sire nur als Vokativ.

Viel früher als die Klasse i durch Verstummen von -j verfallt, setzt sich bei Akzentwechselnden der Obl. durch und verdrangt dennbsp;Subj., WO es sich nicht um Appellative handelt‘). Auch hier gehtnbsp;das Norm. Anglonorm. voran:

Rol. 222 Quant 50 vus mandet li reis Marsiliun (statt Marsilie)

1160 Sun cumpaignun (Subj.)“) apres Ie vait sivant.

1444 . . . vassals est li nostre emperëur B 253 Et Gerun sun devinëur (Subj., dessen alte Form devinere ist)

Od lui en vait a grant honur.

Diese Beispiele gehören, durch Versmafi oder Reim gebunden, den Dichtern an. Es zeigt sich also sehr früh das Bestreben, gröfierenbsp;Unterschiede des Kasus (Akzentwechsel, verschiedene Gestalt des urspr.nbsp;Stammvokals) auszugleichen. In R fallt 325 II n’est home statt uevinbsp;nicht mehr auf.

1. Fein.-Klasse (lat. 1. Dekl.).

Scheinbare \ rosa


rose rosae ros es


Entwicklung J rosa(m) rose | rosas roses

Die lautliche Entwicklung scheint gestort: rosae hatte *ros er-geben sollen. Da nun nicht das Bestreben der Sprechenden gewesen sein kann, Klassenunterschiede zu schaffen und die Deklination roses,nbsp;roses zu der von mur, murs in Gegensatz zu stellen, so erhellt, dabnbsp;obige Aufstellung falsch ist; Der Obliquus rosas verdrangte den Subj.nbsp;rosae, wie im Spanischen, ohne dab dies durch Lautentwicklungnbsp;bedingt war. Frankreich ging also beim Fem. i mit der übrigennbsp;Romania. Vermutlich bedingte die Flexionslosigkeit des Sing, auchnbsp;diejenige des Plurals. Vgl. die merowing. Formel: coniuncxerunt mihinbsp;necligencias (statt negligentiae') „Nachlassigkeiten kommen auf meinnbsp;Haupt“ (Pirson, S. i, 2 und aus anderen Teilen der Romania: Diehlnbsp;1422, 1427). So dab also diese Klasse galloromanisch wie Vlat. nurnbsp;noch Numerusunterschiede kennt, und eine entwicklungshistorischnbsp;richtige Aufstellung ist;

Sing. nbsp;nbsp;nbsp;Plur.

Subj. Obl. (Einheitskasus): rosa(m) rose j rosas roses.

‘) Bet Appellativen verdrangt umgekehrt der Subj. den Obl.: Alex. A 15S 1°^ ton sire, L: seinur, Rol. 94 mndrent a Charles, Rol. 294 si ai jo vastre soer.

’) *compiDio compains, nfrz. copain „Kumpanquot;; eompagnon war afrz. dazu Obl.

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IV. Formenlehre. Noïnen: Altfranzösische Deklinationssysteme.

2. Fein.-Klasse (lat. 3., 4., 5. Dekl.).

a) Mit -s im lat. Nom.

Die wichtigsten sind: pars, nöx, gens, mörs, navis, sïtis, nïx (vgl. S. 134^)1 das Suffix -tas, -tate(m); das schon kl. lat. als Fem.nbsp;vorkommende finis; maris (S. 184); manus (S. 185); res, famesnbsp;(App. 104 fames non famis)\ es schlieCen sich die lat. Fem. aufnbsp;-öne(m) und die gallorom. auf -öre(m) (S. 184) au.

Die zentralen Mundarten verallgemeinern -s, als Kennzeichen des Subj. Sing.: Christian hat es durchgehend, G. de Provins ebenfallsnbsp;(vgl. Reime der Bible G. 194, 2182, 2244). — Die übrigeii Mundarten schwanken: In der Passion überwiegt -s, O. Psalter hat 21nbsp;¦¦f gegen 207 F'alle ohne -s, O. Rol. schreibt nur noch sporadischnbsp;(W. F.). — lm Alexius ist -s ganz selten: 191 nef, 289 fin, 299 gent,nbsp;409 dolur, 440 pietet, 460 L ma fins^). QLR hat kein -s mehr.

Das -s dieser Femininklasse ist also ein Charakteristikum des Zentrums, dringt durch den EinfluC der Schriftsprache auch in dienbsp;anderen Mundarten, wird dort aber nicht konsequent durchgeführt.nbsp;B hat I nuiz, 18 clarteiz, 156 citeiz, veriteiz im Reim, 278 /anbsp;granz ineirs, 321 mains, — aber 174 bon' est sa sort (sors); al port.

Entspricht das -s dem lat. Nominativ-^? Nicht immer: B 5 genz ist gente(m) -[- s, citez ist civitate(m) -|- s, ntiia ist nöcte(m) -)- s, undnbsp;daher meist auch z] flors (flos!) ist flöre(m) s, riens (res!) rem -j- s;nbsp;erhaltene Nominative auf -tas sind stets -j-los (Einf. § 162) und habennbsp;Buchwortcharakter: Al ex. 294 poéste, 262 poverte, 452 iuventa, allenbsp;im Reim; zérz. pars, mors, sors, finsnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;primar sein, im Zentrum

waren ihnen dann die j-losen Feminina gefolgt, — wahrend in der Nordgruppe vorliterarisch auch in dieser Klasse die Subjektive fielennbsp;und -s wie in der 1. fem. Klasse lediglich Pluralzeichen war:

Zentrum und Schriftsprache

Nordgruppe

Jleurs

Jlctirs

flor

flors

jicur

fleurs


Mit Verstummen von erledigt sich der dial. Unterschied. Vgl. R 104 redeur (Obi.); froideur (Subj.), 182 mauvestié, 206 fin, 216nbsp;ver ité, 336 rayson, 340 pechiê.

b) Akzentwechselnde Feminina der lat. 3.

Wie beim Maskulinum das Prinzip der Kasusunterscheidung durch ~s {i. Klasse) dominiert, — so beimFeminin das Prinzip des Einheits

q Al ex. A. P. 403: 02 Rome la citez, statt la citet (L), ist falsch franzisiert.

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190 IV. Formenlehre. Nomen: Altfranzbsische Deklinationssysteme.

kasus. In der Nordgruppe fanden wir es bisher bereits durchgefiihrt, im Zentrum blieb ein kleiner Rest femininer s- Subj. des Sing.-Feminina der lat. 3. Dekl., die Stütz-^' entwickelten: matre(m) mere,nbsp;Buchworter wie imagine(m) image, virgine(m) vierge gingen ebenfallsnbsp;in der i. Klasse auf, — und nur ein akzentwechselndes Femininumnbsp;bildet den Urtypus einer besonderen Klasse;nbsp;sörornbsp;nbsp;nbsp;nbsp;suer

serores serours

serour

seröre(m)

Ein neuer Typus auf -a -anem schlieCt sich ihm an, dessen Ent-stehung hypothetisch ist: Dochweist dieTatsache, daC hier Frankreich mitRatien geht, das Altprov. aber diesen neuen Typus nicht besitztnbsp;und nur zwei akzentwechelnde Fem. hat, namlich; sgr, sergr und mólher,nbsp;molhér, — darauf, daft: i. der Vorgang ein jüngerer ist; 2. negativ odernbsp;positiv germanischer EinfluG vorliegen diirfte. Und so mogen germ.nbsp;Frauennamen den Anfang gemacht haben. Sie folgten der Flexionnbsp;von Carlo (Carlus), Carlonem und bildeten:

Bérta nbsp;nbsp;nbsp;Bertenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Guilenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Ide

Bertane(m) nbsp;nbsp;nbsp;Bertainnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Guilainnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Idain

Doch ist der Deklinationstyp beim Maskulin konsequenter als beim Feminin. Vgl. Roland 1720 ma gente sorur Aide.

Diesen germ. Eigennamen waren dann Nichtgermanische gefolgt; CIL III 10233 (Diehl, Chr. Inschr. 229 aus Sirmione) Fortunatanem.nbsp;Evanbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Evenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Marianbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Marie

Evane(m) Evdin nbsp;nbsp;nbsp;Mariane(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(H. Kap. 963).

Und den Eigennamen waren schlieGlich weibliche Personen-bezeichnungen gefolgt:

amita nbsp;nbsp;nbsp;ante

amitane(m) antain

i

püt(i)da nbsp;nbsp;nbsp;pute

püt(i)dane(m) putain

nëptia nbsp;nbsp;nbsp;niece

neptiane(m) nbsp;nbsp;nbsp;necien

(vgl.Diehl, nonnane(m) nonain (vgl. B 297)

Symptomatisch ist, dafi die fem. akzentwechselnde Klasse (auch prov. und rat.^)) nur weibliche Personenbezeichnungen enthalt, daCnbsp;es also kein Zufall sein diirfte, daG honor und calor als Feminina nichtnbsp;mehr flektieren, d. h. den Nom. verlieren, soror aber weiter flektiert.nbsp;Es muG also ein Grund bestanden haben, daG da eine fem.nbsp;Deklination gewahrt wurde, wo natiirliches Geschlecht vorlag.

Vgl. engl. aunt, tante versteht sicU aus Reduplikation der Kindersprache, vgl. die Formen des ALF 1279 tata, tata, tStin usw.

So in Greden: muta ,,Madchen,“ hat den Plur. mutdris-, ebenso gehen; oma ,,Mutter“, fena „Weibquot;, A'*nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;sor „Schwesterquot; ergibt im Plur. suraris.

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IV. Formenlehre. Nomen; Stammauslaut und Endung. 191

Mit der vlat. Flexion mannl. Personenbezeichnungen der a-Dekl.; Diehl, Chr. I. 368 cum burbane (barba Onkel), scriba )gt; scribane(m) gt;*nbsp;QLR 118 escrivain, nfrz. écrivain, *sacrista gt;¦ *sacristane(m) gt; afrz.nbsp;segrestain haben also diese Feminina nichts zu tun; doch zeigt dernbsp;Umstand, daC zweimal, unabhangig voneinander, die gleiche Formnbsp;aufnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;-ane(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;analogischnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nachnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;-o, -öne(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;entstand, wienbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nahenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;die

Analogie lag. — (J. Jud. Recherches sur la genèse et la diffusion des accusatifs en -ain, Diss. Zürich 1907. — Einführung § 163. — Afrik,nbsp;vlat. Mask, auf -a, -anis. Lit. BI. 1916, S. 16.)

Indeklinabilia.

Da von Ungleichsilbigen und Akzentwechselnden abgesehen, nur noch das -s Kasus- oder Numerusunterschiede bildete, waren indeklinabel:

«) nbsp;nbsp;nbsp;allenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;primarennbsp;nbsp;nbsp;nbsp;undnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;sekundarennbsp;nbsp;nbsp;nbsp;j-Stamme:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nasusnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nes,

cursus cors, sênsus sens; fascis fats, vöce(m) vois usw.;

§) nbsp;nbsp;nbsp;dienbsp;nbsp;nbsp;nbsp;lat. Neutra dernbsp;nbsp;nbsp;nbsp;3. auf -us;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;tëmpus tens,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;opusnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;ues,

corpus nbsp;nbsp;nbsp;corsnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(vgl. R 87,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;B 48,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;137, 215). —

Bei ö) wie §) macht sich sporadisch EinfluG der i. Mask. KI. bemerkbar; cursus bildet analog, den Obl. cor (Aiol 4173), corpusnbsp;ebenfalls cor (Dolopatos 5762) usw. Vgl. Benary S. 42. Doch istnbsp;sen „Sinn“ (QLR, Yvain 98 Reim) nicht sënsus, sondern germ. sin.

y) Schon in sehr alten Texten, lange vor Verstummen von -s, gehen einzelne Worte, Mask, und Fem., zu dieser indeklinabeln Klasse über;

Agin. fiz (filius, frz. fits 7gt; fis, pik. fius) ist wegen seiner Verwendung als Pa-tronymikon (Fizgerald, Fizwilliam) und als Appellativ in dieser Form srstarrt: Al ex. 28 un jih (Obl.); ebenso QLR Anfang Fiz fud Jeroboam, Ie fiz (Obl.) Heliüd, Ie fiz Than,nbsp;Ie fiz Suf.... usw. Aucb Subj. Plur.; I, l, 3 Fiz fur ent Fitly. Vgl. nfrz. auf Hauptstadtnbsp;und Umgebung beschranktes_/fj. ^—riens ist vielfach indeklinabel; Aucassin 6, 9 Ie riensnbsp;(Obl.); 6, 13 vos m'aves tolu la riens; vgl. R 277, 370 de nule riens; wogegen B 33nbsp;de rien mit Troïen reimt. — genz ist beim Abschreiber von B indeklinabel: 5, 283;nbsp;wahrend der Dichter 218 gent : bonenient (vgl. 276) reimt.

Kapitel 5.

Stammauslaut und Eudung.

Durch das Verstummen, resp. Vokalisieren des Stammes-End-konsonanten vor Flexions-i-, wurden die -j-Formen von den -5-losen Formen starker differenziert: Von früh auf werden diese Kasus-unterschiede gern ausgeglichen, in einzelnen Fallen bleiben sie nfrz.nbsp;als Numerusunterschiede: Labiale Stamine verlieren des Stammes-Endkonsonanten vor s: Also capus chies, Obl. chief, Qvu(m) ues, uef,nbsp;germ, gab gas, gap. In nix neis, mve(m) neif ist der Unterschied

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192

IV. Formenlehre. Nomen: Das Ende der Zweikasusflexion.

ini Stammauslaut bereits lateinisch. — Dieser Kasusunterschied bleibt analogischen Einflüssen gegenüber resistent, von den S. 134^ be-sprochenen Fallen und Schreibungen wie chiefs, uefs, gabs abzusehen.nbsp;Er ist vorbildlich z. B. für sïtis, das im XIII. Jahrh. sois, soif flektiertnbsp;(S. 138) und erhalt sich in nfrz. oef, 0, boef, b0.

Bei gedeckten dentalen Stammen entsprechen sich z und t: dreiz, dreitf, einfache dentale Stamme ergeben im o. denselbennbsp;Kasusunterschied; soiz, soit (sïti(in)), im Z. aber soiz, soi, vgl.nbsp;S. I3S, 138.

Palatale Stamme dagegen zeigen fast stets Ausgleich; saccus, Alex. 144 L sas (statt *sais), P sacs, beide nach dem Obl. sac; umge-kehrt folgt boscu(m) bois (statt bosc, vgl. S. 159) dem Subj. boscus undnbsp;wird damit indeklinabel. Germ, hrokk dekliniert fros, froc und analogisch fros, fro (Benary S. 10). Normal bleibt; B 103 ses osbers,nbsp;Obl. B 102 sun osberc; haufig findet sich aber auch analogischer Obl.nbsp;hauber, haubert.

In 1-Stammen vokalisieren / und i vor -s, und es ergeben sich Kasusverschiedenheiten, die z. T. heute als Numerusverschiedenheitennbsp;sich erhielten; filius scheidet schriftsprachlich aus, da / nach i schwand:nbsp;fs Obl. f/. Aber die Mundarten hatten meist fus, fiys, fieus nebennbsp;Obl. fil, vgl. S. 171 und ALF 622. — pïlus, pïlos ergibt peus (R 42,nbsp;vgl. S. 70^), pïlu(m), Tpili, peil poil (B 260); nfrz. Ie poil, les poils, abernbsp;norm. les peus, Herzog 36, 30. — capillus, capillos ergab w. cheveus,nbsp;ö. (inkl. Paris) chevaus )gt; chevos; Obl. chevel, im O. analogischnbsp;nach dem Subj. chevol (Rustebuef), nfrz. Ie cheveu, les cheveux; dasnbsp;Suffix-ïclus ergab im W. sohnis, im O. solaus solos, Obl. soleilnbsp;(S. 76); -ëllus ergab im W. -eus, im O. und Z. -eaus, -iaus (R 44),nbsp;-ëllu(m) -el vor Vokal, -e^l., -eau, -iau vor Kons. (S. 172); öclus ergabnbsp;im W. und Z. neus gt; ietis im O. iaus, Obl. uei, nfrz. oeil — yeuxnbsp;(S. 95). In den Mundarten finden sich vielfach noch zwei Formen,nbsp;haufig aber wurde ausgeglichen (ALF 269, 932).

Kapitel 6.

Das Ende der Zweikasusflexion.

Schon bevor -s verstummt, zeigen angloiiormaiinisclie Texte Unsicherheit in den Kasus. Der Oxforder Roland braucht bei dennbsp;Akzentwechselnden oft genug den einen Kasus für den anderen (S. 188).nbsp;Auch andere anglonorm. Texte zeigen sehr früh den Verfall der De-kl{nation. So QLR 4 Deu ineïmes escrist; 6 Ruis revint Ie serf Deïi usw.nbsp;Dagegen fand sich hier kein Deklinationsverstoö bei Akzentwechselnden.

9 Man beachte auch die Deklination der st-Stamme: höstis oz, höste(iii) ost, S. I47..

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193

IV. Formenlehre. Nomen: Das Ende der Zweikasusflexion.

Aber diese Unsicherheit ist nicht auf England beschrankt, auch die normannischen Texte zeigen sehr früh gleichen Zustand: Dernbsp;Dichter des Eneas reimt ca. zwanzigmal fehlerhaft und setzt Obl. stattnbsp;Subj. (ca. 1160, Normandie, vgl. J. Salverda de Grave, Eneas,nbsp;S. XIX).

Bei pik. und wall. Dichtern sind die Fehier der Zahl nach geringer, aber fehlerlos wird auch nicht durchgereinit: Walter schreibtnbsp;in nie und Galeron:

151 Por Ie pere qui si fu preus Le het Oiaus et si neveu[s]

braucht also nevens, den Obl. Plur., statt neven (Subj. Plur.). Und so enthalten auch Ille 3193 und 5883 DeklinationsverstöCe. — Urn 1200nbsp;zeigt der Dichter der Venus, daG sein -s verstummte und daC „vonnbsp;einer regelmaCigen Deklination deshalb nicht die Rede sein kann“nbsp;(W. F., S. 30 der Ausgabe). — Allein der gebildete Pikarde Audefroinbsp;le Bastart dekliniert um die gleiche Zeit tadellos (vgl. Cullmann,,nbsp;Die Lieder und Romanzen A. 1. B’s, Halle 1914, S. 39).

Hieraus dürfte sich ergeben, dafi damals die Deklination Lehr-gegenstand war, und ein Gleiches erhellt aus einem allerdings wohl jüngeren englischen Gedicht, in welchem die Verfasserin ihr Anglo-normannisch folgendermafien entschuldigt: Si joe (ego) l’ordre desnbsp;cases ne gart . . . Certes n’en dei estre reprise . . .; Qu’en Latin estnbsp;nominatif, — fi? frai ronianz acusatif. ,,Wenn ich die Regel dernbsp;Kasus nicht beachte . . ., So darf ich deswegen nicht getadelt werden . . .:nbsp;Was auf Latein Nominativ ist. Das mache ich französisch zum Akkusativ“nbsp;(vgl. J. B. XI. I. 253, beachte den Reim: reprise: guise, also einenbsp;Verfasserin. tonianz wird adverbial gebraucht).

lm Zentrum dagegen lautet -s um 1200 noch, und darum finden wir hier keine Verstöfie. Christian dekliniert tadellos, Guiot denbsp;Provins irrt einmai beim Partizip: Bible 2610 put (pütet): Ainz fussenbsp;je pris e batus, was verderbt sein kann.

Erst im XIII. Jahrh. beginnt auch im Z. die Entwicklung, die der Norden und Westen bereits durchgemacht: Wie dort nehmen -^-losenbsp;mask. Subjektive -s an: peres, maistres, bers; -s beginnt zu verstummennbsp;und die Deklination kommt ins Wanken. Aber noch lange wird sienbsp;bei den Kunstdichtern durch die Tradition gehalten, die von demnbsp;Umstand unterstützt wurde, daö -s vorVokal in der Bindung (liaison)nbsp;ja weiter lautete: lm XIV. Jahrh. war die Deklination in der ge-sprochenen Sprache langst verschwunden. In der Dichtung aber brauchtnbsp;Guillaume de Machaut (ca. 1300—1377) im allg. Subj. des Sing,nbsp;mit s, Subj. des Plur. ohne -s, aber er ist unsicher. Christine denbsp;Pisan (1364— ca. 1430) braucht in der Hauptsache nur noch als

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;I3

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194 IV. Formenlehre. Nomen: Das Ende der Zweikasusflexion.

Pluralzeichen. Wie lange allerdings die Tradition nachwirkt, ermesse man daran, dafi der wenig altere Froissart (1337 — ca. 1405) gegennbsp;Ende des Jahrh. in seinem Artusepos Méliador noch ziemlich tadellosnbsp;'dekliniert und hierin Christian nicht viel nachgibt (Zt. 23, 39).

Ganz anders wird das Bild, wenn man in die Hss. schaut. Zwar B ist ungewöhnlich sauber für ein nordfranzösisches Denkmal desnbsp;XII. Jahrh. Dafiir herrscht im Reim Lizenz: 135 cuvi vassals (Subj.nbsp;Plur. vgl. B 75),nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;154 damage statt damages, 161 graindre statt

graignour (S. 204). Die Obliqui 61, 240 Corinéus, 5, 283 genz (Sing, vgl. S. 191), 228 apres Brutus sind weitere Schwachen. In R abernbsp;ist die Obliquusform als Subjekt ganz gewöhnlich: 44 son ceint stattnbsp;sis ceinz, 60 Deduit statt Deduiz, 90 li Dieu statt li Dieus, iio linbsp;cuer statt cuers usw.

Damit ist nun aus der afrz. Zweikasusflexion das romanische Einkasussystem geworden. Das Resultat holt das nach, was dienbsp;meisten rornanischen Sprachen ein Jahrtausend vorher vorausgenommen:nbsp;Ein einziger Kasus bleibt, dessen Grundlage der lat. Akkusativ ist.nbsp;In der Mehrzahl der Falie ergab sich dies ganz von selber durchnbsp;Verstummen von -.r; murs, mur lauteten nun beide mur und vor-vokalisches ¦rn^lrs (li murs est) machte dem haufigeren mur Platz.nbsp;Das s aber wurde Pluralzeichen und — bis auf die Bindung: lesnbsp;murs^nt — natürlich graphisches Pluralzeichen.

Auch WO der Formenunterschied zwischen Subj. und Obl. sich nicht durch Lautentwicklung ausglich, wurde meist der Obl. gewahlt,nbsp;der Subj. fallen gelassen. Nur der Vokativ entschied gelegentlich fürnbsp;den alten Subj.: Bei gebrauchlichen Eigennamen immer: Charles, Eve,nbsp;Marie, aber Otkon, Huon; bei Personenbezeichnungen oft: ancêtre,nbsp;tante, sceur, fils usw.

Gelegentlich erhielten sich beide Formen in der Bedeutung differenziert: sire (Majestat), seigneur (Herr) (auch Monsieur = m(e)umnbsp;seniöre(m)); pdtre (pastor, Hirte), pasteur (pastöre(m) Buchwort prot.nbsp;Pfarrer); trouvère (*tropator „m. a. Lyriker Nordfrankreichs“), troubadournbsp;(*tropatöre(m)) aus dem aprov. trobadór (,,südfrz. Lyriker“); nonne,nbsp;nonnain (se dit en plaisentej'iel Diet, de 1’Académie); nonnainnbsp;wird heute als Diminutiv und pejorisierend empfunden.

Zu bleibenden Numerusunterschieden, die in den Mundarten seltener werden, vgl. S. 165, 192.

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195

IV. Formenlehre. Adjektivum ¦. Klassen.

B. Adjektivum.

Kapitel i.

Klassen.

Die Einteilung ist im wesentlichen dieselbe wie beim Nomen. Eine erste Klasse entspricht der afrz. i. Mask.- und i. Fem.-Klasse undnbsp;entstammt den lat. Adj. der i. und 2. Dekl. — Eine zweite Klassenbsp;entstammt der lat. 3. Dekl. und stekt afrz. unter dem Einflufi dernbsp;I. Adjektiv-Klasse, in der sie schlieGlich aufgeht:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Klasse.

Mask, durus durs durï dur Fem. dura(m) dure duras dures duru(m) ditr duros durs

Das Maskulin zeigt also ungestörte Entwicklung und Zweikasus-flexion. Das Feminin kat wie die entsprechende Nominalklasse keine Deklination mekr. Zu dieser Klasse gekören auCer den Adj. der lat.nbsp;I, 2, auck die Part. auf to: cantatus chantez, chantée.

Beim Mask, weicken in der Sckriftspracke des XII. Jakrhunderts nock tëner tendre, dexter destre, alter altre, prosper prospre durcknbsp;lautlick berecktigte s-lose Subj. Sing. ab. Die Entwicklung verlauftnbsp;wie bei père, ber usw. QLR 6 kat sckon Subj. Sing, altres. Dasnbsp;XIII. Jahrhundert gleicht den Unterschied allerorts aus. Wie nah dernbsp;Übergang lag, zeigt klassisch prosperus und App. 138 teter non teirus.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Klasse.

Mask. nbsp;nbsp;nbsp;Fem.

grandis j nbsp;nbsp;nbsp;grandes granz

grande(m) grant grandes granz

grandis granz grandes g7'ant

grande(m) grant grandes granz

Und so alle Adjektive der lat. 3. Dekl., und die Part. auf nt (cantante(m) chantant). Das Maskulinum ist also bereits ganz dennbsp;Maskulinen der 1. Klasse gleichgemacht worden, indem der Subj. Plur.nbsp;x-los gebildet wurde (*grandi, vgl. Reich. Gl. 194 maleforti stattnbsp;fortes). Die Adjektiva die Stütz-e entwickeln, flektieren ebenso: gracilisnbsp;graisles, gracile(m) graisle usw. — pauper, acer, tristis sind sckonnbsp;vlat. zur I. Klasse übergegangen, vgl. die Beispiele der App. untennbsp;S. 198 und Cligès 5355 Subj. Sing, povres] Yvain 2848 egres.

Das Femininum ist noch nicht nach der i. Klasse umgestaltet (grandel). Wie die Nomina der fem. 3. Deklination (Klasse 2 fleursnbsp;oder flor) schwankt der Subj. Sing, zwischen einem anscheinend un-gestörten Deklinationsrest, und der Deklinationslosigkeit der Femininanbsp;der Adj.-Klasse i:

13*

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196

IV, Formenlehre. Adjektivum: Neutrum.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Der ganze Norden eilt der Entwicklung voraus und hat auchnbsp;hier, wenige Reste ausgenommen, jede feminine Dekl. aufgegeben:nbsp;Alexius, Str. 82, 97, 107 si grant dolur . . . m’est aparude, 88 gonbsp;est grant merveile; und nur in einer Hs. L 89 (o est grans merveille.nbsp;(Vgl. noch Strophe 85, 104.) — QLR I, 2, 33 (S. 8) grant partienbsp;murrunt; IV. 15, 11 (S. 208) la grant ire nostre seignur vus estnbsp;sur les cols „der grofie Zorn unseres Herrn ist iiber euern Halsen“nbsp;usw. — Eneas dagegen hat (im kritischen Text) grans I 21 one nenbsp;fu tant granz ocise = „Niemals war ein so groGes Morden“.nbsp;59 granz genz s'en vait (bei Troja’s Zerstörung). Aber ist diesenbsp;Schreibung auch berechtigt? Durch Reim gebunden ist; 2437 Haecnbsp;esteit la presse grant. Und ebenso: 8509 n’as altre mal: N’estnbsp;giens enfermetez mortal. Allerdings 10134 Albe mist a sa cité nom\nbsp;Molt par fu riche molt fu grans: anz (annos). Der Dichter desnbsp;Eneas schwankt also in den Reimen: Bald bildet er den Subj. Sing,nbsp;fern, seiner Mundart entsprechend grant, bald der Schriftsprachenbsp;entsprechend granz. — Walter von Arras folgt, wie in den Formennbsp;meist, der Schriftsprache. Vgl. Ille 109 Mais se largece est si iresnbsp;grans: Que ses pöoirs est mains parans.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Der Subj. Sing. Fern, der Klasse 2 auf -s ist genau wie beinbsp;der nominalen Klasse 2 (fleurs oder flor) das Kennzeichen der Kunstdichter der Champagne und der Ile-de-France: Yvain 1986 esforz-.nbsp;„Dame nule force si fors — N’est . . .“, 2444 chascune estoit bele . . .nbsp;preus et sage usw. Und entsprechend bei Guiot de Provins innbsp;der Bible: 713 n’est nulle tant desloiaus im Reim; 740 Grans pechieznbsp;est, 1016 (H)uevre qui n’est loiaus ne saine usw. Und so nochnbsp;R 57, aber vgl. R 5. Die Handschriften weisen natüriich oft -j-losenbsp;Formen auf: Bible 859 la grant covoitise le fet.

Ebenso weisen die Handschriften der nördlichen Provinzen oft s-Formen auf: B 278 la grans meirs, 354 Gries e pesans fu (dasnbsp;Madchen), 357 Mult en fu grans la renomeie. Das Verstummen vonnbsp;-s gleicht auch hier alle Unterschiede aus.

Kapitel 2.

Neutrum.

In adjektivischem Sinne hat sich das Neutrum nicht erhalten, da es ja kein nominales Neutrum mehr gibt. Wohl aber im pradika-tiven und adverbialen Gebrauch: Hier steht es auf neutralesnbsp;Pronomen bezogen: Yvain 141 de rechief {„\Qn neuem“): „Certes, dame,nbsp;ce m’est mout grief’ und nicht gries. Oder es ist adverbial: B 312nbsp;lo riu ... ki sileif cur't ,,der Bach, der sanft flieGt“, vgl. R 164.

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197

IV. Formenlehre. Adjektivum: Stammau?gleic.li.

Indeklinabiiia.

Wie beim Nomen sind die Mask, der -j-Stamme indeklinabel; Die der i. Klasse (falsus fals, false, -ösus -ous, ouse) sind zwei-geschlechtig ohne die Möglichkeit neutraler Form, die der 2. ein-geschlechtig (-ë(n)sis -eis). Doch ist hier analogisches Feminin früh,nbsp;vgl. S. 198.

Indeklinabel ist weiterhin vëtus viez (Erec 407, Fergus S. 16, 15 Subj. Plur. fem. vies im Reim mit pies pëdes) seiner lat. Grundlagenbsp;entsprechend. Ein analog. Fem. viese (Aiol) ist selten: viez wird vonnbsp;vieilz verdrangt, bleibt wohl in den Vogesen ais vje, ALF 13871 Zt.nbsp;26, 668. — lm NW. ist proz indeklinabel: G. Ste 224 A sa proz gent.

Kapitel 3.

Stammausg-Ieich.

Labialstaiunie: növus wurde zu nous (S. 141), wahrend in növi das V blieb. Dieser Unterschied wurde noch vlat. ausgeglichen, urfrz.nbsp;lauten die Formen nuefs, nuef; f verstummt afrz. vor s (mies) undnbsp;nfrz. in Bindungen vor Konsonant: Neuf chateau (noe-) aber Chateauneufnbsp;(nosf). Nfrz. folgt der Plural dem Sing.: ils sont neufs (neef). Ebensonbsp;ist die Entwicklung von -ïvus: afrz. nais — niiif, nfrz. Sing, naïf,nbsp;Plur. naïfs (naif).

Dentalstamiue: Sie deklinieren: liez, lie(t) (S. 85); granz, grant. Mit Verstummen von z und t fallt der Unterschied, ^ wird Pluralzeichen.

Palatale Stamme: frisc-us freis, frisc-u(m) fresc (Eneas 6388); spaterer OhX. freis (B 259) folgt dem Subj. — siccus se{c)s (erwartet *seis)nbsp;folgt sïccu(m) sec. Nfrz. lautet der Plural nach dem Sing.: secs (ssk).

ST-Stainme: praestus prez, praestu(m) prest. Der Subj. Sing. QLR 14 prestz kann als graphische Analogie angesehen werden.nbsp;Da der konsonant. Auslaut verstummt (prs), verfallt der Unterschied.

L-Stainme: I vokalisiert vor Konsonant, in Mundarten auch satz-phonetisch; Also Subj. beaus (resp. w. beus, ö. biaus, R 25); Obl. bel ome, R 27 — beaiipere (resp. beu S. 172, biau, R 248). — Ebensonbsp;entwickeln sich mollis (moiis; mol — mou), föllis (R 296, 287), vëclusnbsp;(vieus; vieil—vieu).

-ïclus ergab afrz. w. pareus, ö. parans, -ïclu(m) pareil; die Schrift-sprache gleicht nach dem Sing, aus; ils sont pareils. Und ebenso bei dem gelehrten Suffixen -el (mortels), wahrend -al (loyal, loyaux)nbsp;nicht ausgleicht; gentil, gentils sind durch Lautentwicklung ausgeglichen.

M-Stamine: firmus fers, firmu(m) ferm (Rust. Asne 18). Aus-gleich nach dem Obl. und dem Fem. zu ferme, das im XIV. Jahrh. herrscht.

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198 nbsp;nbsp;nbsp;IV, Formenlehre. Adjektivuin : Genusunterschied.

Kapitel 4.

Genusunterschied.

Wenn man die Entwicklung überschaut, hat man nicht den Eindruck, als sei es das Bestreben der Spreekenden gewesen, dienbsp;formalen Unterschiede zwischen Maskulinum und Femininum zu er-halten oder gar zu vertiefen. Mehrfach ist analogisch der Unterschiednbsp;zwischen beiden aufgehoben worden; mehrfach hat er sich verstarkt:

a) Das Aufgehen der zweiten Adj.-Klasse in der ersten.

Da die 2. Klasse keinen Genusunterschied besitzt, in der i. Klasse das ,,weibliche“ -e charakteristisch war, so mag in vielen Fallen Deut-lichkeitsstreben der Grund fiir den Übergang des alten, lautlichnbsp;ungestörten grant zum analogischen grande^) gewesen sein, dasnbsp;darum auch an betonter Stelle zuerst auftritt.

Bei dieser Analogie war aber mitwirkend, wenn nicht ent-scheidend: Die iiberragende Anzahl der Adjektiva der i. Klasse. Und so bröckelten diejenigen der 2. Klasse Wort fiir Wort ab.

Das Abbröckeln der Dekl. beginnt schon vlat. Die App. korrigiert; 41 acre non acrum, 42 pauper mulier non paupera mulier; 56 tristisnbsp;non tristus, afrz. trist (Leod. 143), fern, triste^ Diesen schliefien sichnbsp;noch an; communis (Alex. 308 comune oraisun, vgl. R 333), dulcisnbsp;(Rol. 16 de France dulce, R 269), dolentus (Alex, 132 dolente sui),nbsp;follis und mollis {iem. foie, Yvain 1150 und sonst im Reim, R 375)-(Vgl. T. Fischer, S. 33, M. L. Ro. Gr. II, § 60.)

Urfranzös. fallen dann alle Adj. der 2. Klasse mit der 1. zusammen, die Stütz-^ entwickeln: gracilis graisle, sodann Buchwörter wie celeste,nbsp;die Adj. auf -able, -ible, flebilis feible. — Es folgt das Suffix -e(n)sisnbsp;~eis, bei dem ein normales Fern, -eis nicht belegt ist. Auch finenbsp;findet sich friih (Yvain 1488). Alle iibrigen bilden analogischenbsp;Femininformen zuerst in den Mundarten des Nordens, spater imnbsp;Zentrum. Das nachgestellte Feminin geht dem vorangestelltennbsp;in der Entwicklung voraus: brieve (R 260) und grieve setzen sich imnbsp;XV. Jahrh. durch. — fort: Alex. 441 hat fort aventure, Hs. Y. forte,nbsp;das Eneas 74ii 'in Reim braucht, Yvain 701 la meison fort : deport,nbsp;Bible G. 2640 as fors sauces. Im XV. Jahrhundert herrscht forte. —nbsp;grant: schon Rol. hat 302 ses grandes pels de martre. Zum pra-dikativen Gebrauch vgl. Alex. Str. 85 grant fu la noise (P, A), 104nbsp;granz est la presse (alle Hss.) aber 122 ne vus sai dire cum lur ledecenbsp;est grande (Assonanz). Vorausstehendes Fern, graait ist besonders

Also *granda.;’ Oder spater analogisch nach lourt, lourde u. a. gebildet?

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199

IV. Formenlehre. Adjektivum: Genusunterschied.

zah (R 278); grande setzt sich erst Ende des 16. Jahrhunderts durch. — preu: Yvain 2444 chascune estoit . . . preuz. Zum analog. Fem.nbsp;preude führte mifiverstandenes preu de feme (R 361) prode(m) de feminanbsp;neben proz d’ome (Rol. 26). Auch preuse und preue kommen vor.nbsp;Das Wort veraltete. — vert: Schon Rol. braucht verte\ daneben,nbsp;grande entsprechend, verde, das noch Rabelais 5, 8 braucht. lmnbsp;XVI. Jahrhundert verte, sporadisch in der Dichtung vert] die Ardennennbsp;halten verde, ALF 1376. — Die Adj. auf -aris, -alis, -ilis: Al ex. 63nbsp;la mortel vitlie, Bible G. 2302 escoles loiaus, vgl. R 213; für fem.nbsp;pare(m) per finden wir im XIV. Jahrhundert statt sa per: sa paire,nbsp;-elle für -ale(m) herrschen im XVI. Jahrhundert, -ale, -ile im XV. —nbsp;Partizipia auf ~ant: Yvain 923 porte colant, aber QLR 47 la Pierrenbsp;departante „der trennende Stein“, ebenda '^6 Les femmes ... vindrent...nbsp;cliarola7ites e . . . chantantes. Das XVI. Jahrhundert setzt -ante durch.

Grandm'ere, grandckose, seltenes grandrue, Rochefort, raifort (radice(m)forte(m)), das lettres royaux des XVIII. Jahrhunderts sindnbsp;erstarrte Reste des alten Feminins. (Vgl. Münch. Staatsbibl. Ms. Gall.nbsp;651, Hs. des XVII. Jahrhunderts; „Les Ordonnances Royaux tantnbsp;vieilles que nouvelles’’''.)

b) Verstarkuiig des Genusiinterschiedes durcli lautl. Vorgange.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Der Stammauslaut wird vor u, i, os anders entwickeltnbsp;als vor a;

sïccu(m) gt; sec; sïcca seclie. frisc-u(m) fresc, resp. freis 'fgt; frois (S. 197); frisca gt; fresche. franciscus ^ franceis; francisca ^nbsp;francesclie. longu(m) gt; lonc, longa ]gt; longe.

Diese Unterschiede, die für das Pik.-Norm. nicht bestehen', da ja ka-, ga- hier unverandert bleiben, halten sich zum Teil bis heute.nbsp;Das Suffix -isca -esche veraltet früh. Vereinzelte Beispiele findennbsp;sich bis ins XV. Jahrhundert. Zu francesclie vgl. S. 73; Yvain 191nbsp;reimt bretesche (brïtt-isca ,,Befestigung“) mit galesche (,,galisch“),nbsp;B 242 hat bereits analogisch galeise (,,galisch“) und reimt es mitnbsp;faleise. — Weiterer Ausgleich S. 201.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Der stimmhafte Stammendkonsonant wurde urfrz. iinnbsp;unmittelbaren Auslaut stimmlos:

vïvu(m) vif, vïva(m) vive. — Der Unterschied bleibt bei allen v-Stammen aufier joli(f) (S. 201) bestehen; afrz. schliefien sich an:nbsp;judaeus jueu gt; jiiiu, Judaea juiue gt; juive, wonach dann analog,nbsp;im XIII. Jahrhundert ein Mask, jiiif; und antiquu(m) antiu, antiquanbsp;antive, wonach dann antif. — vöcitu(m) vuit, vöcita vuide (S. 201).

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200

IV. Formenlehre, Adjektivum: Genusunterschied.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Der stammauslautende Konsonant verstummt irnnbsp;XIII. Jahrh. im Mask., bleibt aber im Fem. durch -e gedeckt:nbsp;Fester Dental: lüridu(m) lout't, lourde; cantante(m) chantant, chan-tante (S. 199), factu(m) fait, faite.

Einfacher Dental verstummt im Fem. intervokal, bleibt aber im Mask, bis ins XII. Jahrh., im O. langer: -atu(m) -et, -atanbsp;-ede ee; Frk. laid^ mask, lait, fem. laie (Eneas 687).

Durch das Verstummen der Endkonsonanten im Mask, entstehen nfrz. Quantitatsdifferenzen des Tonvokals:

-s: nbsp;nbsp;nbsp;-ösus gt; etisnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(nfrz.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;0)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;-ösa gt; eusenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(0:z)

-ësis ]gt; ois nbsp;nbsp;nbsp;(nfrz.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;wa, e)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;-ësis gt; oisenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(nfrz.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;waiz,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;s:z)

frisc-usgt; frois nbsp;nbsp;nbsp;(nfrz.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fre)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;frisc-agt;- freschenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(nfrz.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;frsij)

-g: longu(m) lonc, longa longe (Alex. 468), nfrz. 15, l3:g.

-r: leviariu(m) legier, fem. legiere, nfrz. lese, le3£:r. In einsilbigen Worten dagegen bleibt r: fier, fiere; dur, dure.

4. nbsp;nbsp;nbsp;Den Stammauslaut bildet lat. einfach n. Mask, undnbsp;Fem. nasalieren, aber das Fem. wird wieder entnasaliert:

bonu(m) bon; bona bonne. Suffix -anu(m) -ain; -ana -aine. Germ, brüns brun; brune. plënu(m) plein; pleine usw.

5. nbsp;nbsp;nbsp;1 vokalisiert vorkonsonantisch im Mask., bleibt aber

im Fem.: bellu(m) W. beu, Z., O. beau, biau; bella bele; nfrz. moii, niolle; vieux, vieille. Dieser Unterschied bleibt bestehen, wahrend ernbsp;bei den gelehrten Suffixen -el (mortel, -elle), -al (loyal, -ale) sichnbsp;nicht ausbildete, zumal die Fem. jüngere Bildungen sind. Bei -ïle(m)nbsp;entsprechen sich im 'L^rAmm genti (geschriebennbsp;nbsp;nbsp;nbsp;und analogisches

gentile (nfrz. gentille nach fille.^) — in den Mundarten gentiu, gentieu — gentilè.'

c) Bildung des Gemisunterscliieds durch Abstraktioii eines

e-loseii Maskulins.

In vereinzelten Fallen wird von Adjektiven mit Stütz-^’ ein neues ^-loses Maskulinum differenziert: Zu fragile(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;statt fraile,

vgl. S. 125^; put pütidu(m) (M. Brut 1437) dürfte ebenfalls von p7ite (S. 190) abstrahiert sein. — St. Thomas schreibt Vers 97 von David:nbsp;uns rus vablet (lies vadlet, vgl. S. 164) berchier; rus ist aus rüsti(c)usnbsp;ruistes vom Fem. ruiste differenziert, entspricht also einem franzischennbsp;*ruis. — Auch in spaterer Zeit kommen solche Differenzierungennbsp;vor: Zu den filteren eingeschlechtigen Buchworten malignu(m) maligne,nbsp;benignu(m) benigne findet sich seit dem XIV. Jahrh. auch malin undnbsp;bénin; vïduu(m) ist auch im Mask. afrz. ve(d)ve, nfrz. aber vezif.

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VI. Formenlehre. Adjektivum; Genusunterschied.

veuve, mit labialisiertem Tonvokal; cógnitu(m) ergibt auch im Mask. ¦cointe (R 30), einsilbiges Mask, coint findet sich erst im XIV. Jahrli.nbsp;Das Wort stirbt mit dem XVII. Jahrh. aus. In den Vogesen bleibtnbsp;das Fem. cointe gebrauchlich.

d) nbsp;nbsp;nbsp;Anfhebmig des Gennsiinterscliieds dureh Entwicklung

von Stiitz-e iin Mask.

Die Falie der zweiten Klasse wurden erwahnt (S. 198). Zur er sten: tëner iendre, rapidu(m)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;rübeu(ni) Suffix-aticu(m)

-age. Es finden sich keinerlei Beispiele der Differenzierung des Maskulins.

e) nbsp;nbsp;nbsp;Aufhebung resp. Verringeruiig des Geniisunterschieds

durch Ausgleich.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Nach dein Maskulm: lonc, lo^tge gleicht zu lonc, longue aus.nbsp;Der S.-O. bewahrt longe (Herzog § 483); lait, laie zu lai(t), laidenbsp;(Christian); joli(f) (S. 144), jolive zm. joli, jolie (Chastelaine 135).

2. nbsp;nbsp;nbsp;Nacli dera Feminin (das Maskulin ist stets einsilbig);

Labialstaiimie: calvus ckaus (Charles li Chaus)] schon Cligès 4772 findet sich mask, chative. Die Haufigkeit der Wendung la têtenbsp;chauve (Herzog, J. B. XIII. i. 188) hat dazu beigetragen, diese Formnbsp;zu verallgemeinern. — falvus (germ. „falb“) ist für beide Geschlechternbsp;stets yhaz'iT (Cligès 4770). curvus: Guillelme al curb nes .'K.mmm-nase“ des Wilhelmslieds wird schon inAIiscans als cort nes „Kmvz-nase“ miCverstanden. Das Fem. ist (Aio 1 8787). Vom XIV. Jahrh.nbsp;ab ist mask, courbe nachgewiesen. crïspus *cresps )gt; cres, Obl. crespnbsp;(Alex. Fragm. 61); urn 1200 ist mask, crespe nachgewiesen.

Dentalstiinirae: vöcitus vuiz, fem. vuide; mask, vtdde gt; nfrz. vide findet sich seit dem XV. Jahrh. und herrscht alsbald allein.

rïgidus roiz, fem. roide; ein Mask, reide findet sich schon Troia 16361; seit dem XV. Jahrh. herrscht roide, spater roide neben raide.nbsp;(Umgekehrt findet sich fem. roite nach dem Mask.; Joinville, S. 208.)

Palatalstainme: lüscus lois, fem. lüsca losche: Schon Anfang des XIII. Jahrh. findet sich mask, louche, und lois scheint alsbald gefallennbsp;zu sein. Selten ist fois füscus, das in den Lexiken fehlt; Tr. Bé rolnbsp;3490 Ja ne m’en tienge lois ne fois: foiz (vïce(m)) „Er halte mlchnbsp;weder für schielend noch für bös.“ — Wie lotiche verhalten sichnbsp;vermutlich germ. *lasc-us lasche, bei dem lautgesetzl. Mask. *lais bishernbsp;nicht nachgewiesen wurde, largus large iflars nicht nachgewiesen),nbsp;germ, riccus (R 307, 315) riches (*m nicht nachgewiesen). frisc-us

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IV, Formenlehre. Adverbialneubildung.

freis gt; frois, fresche zeigt nur im Stammvokal Ausgleich; Erec 620 Subj. fres. Zu raucus vgl. S. 154.

Vgl. Toni Fischer, Ausgleichserscheinungen in der Genusbildung des frz, Adj, Diss. Heidelberg 1912, der ein Teil der Bsp, und Daten entnoramen wurden.

C. Adverbialneubildung.

Neben den Uradverbien kann auch das Eigenschaftswort a!s modale, temporale oder lokale Bestimmung zum Verbum treten.nbsp;Lateinisch tat es dies als Neutrum (verum), als Ablativ (multo), alsnbsp;Akkusativ (certas). Jede Deklination batte besondere Adverbialformen:nbsp;Auf -e die i. Klasse, auf -iter die 3.

-iter hinterliefi in den ro. Sprachen keine Spuren. In afrz., nfrz. certes kann man certas sehen, von -e-Formen blieben: b?ne bien,nbsp;male mal, lönge loing, tarde tart, romanice romanz (vgl. S. 138, 193),nbsp;vëre voir\ R 368 voire ist vëra.

Vlat. trat neben diese organischen Formen; Die bildhafte Um-schreibung mit Ablativ -mente ,,Sinnes“, urspr. bei menschlichen Eigenschaften: Diehl, Christl. Inschr. 3 sana mente, 9 devota mente.nbsp;Doch wird -mente alsbald reines Adverbialsuffix, wenn es auch stetsnbsp;weiter mit dein Fem. des Adj. verbunden wird (vgl. B 77, 78, 89;nbsp;sXxz. granment, Mél. 789 und nfrz. grandement!) und ursprünglich beinbsp;mehreren Adverbien nur beim letzten zu stehen braucht: Rol. 1163nbsp;humle et dulcement.

Die Entwicklung im Französischen ist die Folgende; -iter wird in den Reich. Gl. nicht mehr verstanden; 1120 singulariter; sola-mente. — Die poëtische Sprache der alteren Zeit ist natürlich armnbsp;an Adverbien wie an Adjektiven: Die Gründe sind stilistischer Natur.nbsp;Es überwiegen adv. Wendungen Adverbien aus Prapositionen usw.,nbsp;unter diesen zahlreiche mit etymologisch -s im Ausgang:

B; 4 fors (föris, S. 93), 28 innelepas (S. 143), 106 maneis (mane ïpsu(m) sofort), 139 dedenz (dedeïntus), 167 aillurs (aliörsum), 234 lozdis (töttos dies), 279 jadisnbsp;(ja(m)dies). — Diesen etymologischen r-Adverbien, folgen analogisch: 84 gairesnbsp;(germ, waigaro O -(-r)* dementres (dum interi(m)-|-s). Adverbia auf -mentnbsp;stehen fast nur im Reim: 77, 78, 89, 123 (nicht im Reim) usw.

R: Die analog. Adv. auf -s haben stark zugenommen: R 34 auques (aliquid s, ok in modernen Mundarten), 10 ovecques (.S. 141), 105 und sonst, tors (illa(h)a(c)ora -f- s),nbsp;125 onques (ümqua(in)-j-s) usw. Wenig Adv. auf -ment. — Die Fortsetzung Jean denbsp;Meungs aber voller Adv. auf -ment: R 304, 358, 366, 368, 369, 385, 395, 399.

Die Adverbien auf -ment sind Stilmittel der Übersetzung und der gelehrten Prosa: Vgl. schon QLR: Von Adjektiven: .S, 4 tendretnent, amerement, ts flenierement (plen-aria mente), 7 acceptablement, reddement (rïgida mente), 8 finablement, 36 maimementnbsp;(maxima-mente), 69 baldement von frk. bald ,,kühn“. — Von Partizipien; S. 4

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IV. Formenlehre. Komparation des Adjekt. und Adv.

noméemmt, acustuméement, und daher die heutigen Adverbien auf -intent., das zwischen-tonige -e- verstummte im XV. Jahrh. — Vom nt- Partizip; QLR 36 erranment, Wilhelmslied 502 plurantmint („weinerlich“): Daher die nfrz. prudemnient, vaillamment,nbsp;vgl, t interkons. S. 147. —Vom Nomen: QLR 66 felenessement (felon, fem. felonesse). —nbsp;Gui de Provins, Bible 1937 mestrenient (,,meisterhaft“). — Und von Adverbien:nbsp;QLR 9 malement, 5 ensement (aeque sic mmts ~\-ainz), und allerorts: comment (comonbsp;mente), confaitement (como facta mente).

In haufig gebrauchten Adv. auf -tnent ist das zwischentonige e friih stumra; Rou 1079 ignielment statt isnelement, vgl. S. 176, das aber auch nach den Adj. dernbsp;2. Klasse auf -el verstanden werden kann; QLR 9 rehnent — rara mente.

Meyer-Liibke, Ro. Gr. II, § 619; Tobler Beitr. i, 14.

D. Komparation des Adjekt. und Adv.

Das Aussterben der organischen Komparation ist ein vlat. Vorgang. Durch das Kaiserl. Titelwesen wurden Komparativ und Superlativnbsp;entwertet: invictissimus konnte nicht mehr sein als invictus, seniornbsp;war nicht mehr als senex, maiores, maior, prior wurden ganz natur-gemaC als Positive gefafit; vgl. auch Diehl, Chr. I. 3, 5) lOj lö usw.

Von steigernden Adverbien wurden magis und plus zur Um-schreibung der nicht mehr deutlichen Komparation gebraucht. Wo magis Adversativum wurde (it. wa, Reich. Gl. 970 immo: magis,nbsp;frz. mais „aber“), wurde plus zum Steigerungsv.ort'). Schon beinbsp;Sidonius Apollinaris (Gallien, V. Jahrh.) wird p,lus ungewohnlichnbsp;haufig gebraucht.

Urspriinglich mag der Superlativ, den Komparativen mit magis Oder plus entsprechend, mit maxime und plurimum umschriebennbsp;worden sein; Tertullian schreibt plurimum dulcibus. Aber diesenbsp;Superlative waren ja entwertet! Und so bezeichnete nun mit best immtem Artikel eingeleiteter (R 294), oder affektisch betonternbsp;(R 153, Haase § 29) Komparativ, alles was einen höchsten Gradnbsp;erreicht, also einzig in seiner Art, „bestimmt“ ist. (E. Wölfflin,nbsp;Lat. und rom. Kompar., Erlangen 1879, S. 30, 34, 82 ff.)

In den Reichenauer Glossen ist jedes Gefühl für die Bedeutung des organischen Superlativs geschwunden;

55 optimum: valde bonum, 576 optimos; meliores.

Und wie der org. Komparativ aufgefaCt wird, zeigen Glossen wie:

940 inferior; subtus, vgl. 945; 1118 saniore: meliore: plus sano. Doch haben alle romanischen Sprachen Reste des organ. Komparativsnbsp;erhalten, die natürlich allmahlich abbröckeln:

maior maire; majöre(m) maour (vgl. J, S, 162); magis mais.

*) Andere Umschreibungen: Alex. 20 des melz genlils ,,der Edelsten“; QLR 194 les miclz vaillans „die Wackerstenquot;; Diese Umschreibung ist agin.

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IV. Formenlelire. Koniparation des Adjekt. und Adv.

Bemerkuiig: Roland 1784 Terre Major ist nicht, wie es beispiels-weise G. Paris in seinen Extraits de la chanson de Roland im Index angibt, = majorem grande terre'', sondern gelehrtes terra majorumnbsp;„das Land der Vater“. Heute ist major nur noch Titel; maire Bürger-meister; majorem bleibt in inajor Major (aus dem Italien.), majeurnbsp;groCjahrig. (Juristensprache.)

minor niendre (R 160), minöre(m) menour, heute gelehrt rnineur „minderjahrig“. — minus meins, moins bleibt als Adv.

grandior graindre, graignour. (B 8, 161, vgl. S. 194, R 153.)

Reich. Gl. 691 iuvenior iuenvre, ioveignour^).

Afrz. waren auCerdem gebrauchlich; Eulalia 2, M. Brut 3944 bellezour 1bellatiore(m) ,,schonerquot;, Roland 1017 destir un pui halgournbsp;(altiore(m) = „hoch“); Eneas 5342 Ie noaillor (= Ie pire), QLR 94nbsp;Ie nualz de ttiz les mals gehören zu nügalis ,,wertlos“; sordois istnbsp;sordïdius (Tr. Bér. 386 = pis) und danach ampleis: O. Ps. 89, iinbsp;,,darüber hinaus“, zu amplus.

Erhalten haben sich nfrz. folgende Komparative; minornbsp;nbsp;nbsp;nbsp;moindre {^tsxtmendrenach.moins) minus moins

mëlior (afrz. Subj. 7nieldre) meillour gt; meilleur mëlius 77iielz gt; mieiix

P?Jus pis.

plüriöres wurde zur Zeit der Entwertung des Komparativs von plüres aus gebildet, wie bei Seneca proximior aus proximusnbsp;(Wölfflin, S. 45), oder in den Reich. Gl. 999 ultissimus. Plüriöresnbsp;findet sich bei Fulgentius. Das Französische hat es dann mit plusnbsp;vermischt:

*plüsiöres 7gt; B 42 pluisur, nfrz. plusieurs (Renaissance-Latinismus).

Beilierkung. Die Deklination folgt Klasse 2; QLR 3 ourent li plusur (1plusiori) muillers plusurs. — Analogische Feminina findennbsp;sich früh: QLR 135, 7 greignure asez est ta sapience, QLR 167, 13nbsp;viles plusures. Im XV. Jahrh. setzen sich die analogischen Femininanbsp;durch; plusieurs bleibt schriftsprachlich unverandert.

Von Superlative!! blieben teils zu Positiven entwertet, teils gelehrt als Superlative: ïpsimus (vgl. Plautus, Trin. IV. 2, 146nbsp;„Ipsusne es?“ — „Ipsisstmitis'j in metipsimu(m) mees^ne, mëismenbsp;„selbstquot;, pëssimus, Rol. 56 pesmes „schlechtquot;, QLR 30 un tun prusnienbsp;pröximu(m). Jonas grandesmes, QLR 89 il sunt bonime vassal usw.

Ein entwerteter Komparativ ist vermutlich auch ver ais, vrais: veracu(m) genügt namlich für das aprov. verais nicht. Deshalb setzt

1

XVI. Jahrh. i. d. Gerichtssprache: Noël du Fail, Contes VI, gegen Ende: un . oueigmur ou fnané.

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IV. Formenlehre. Zahlwort.

M. L., REW 9214 *veraius an. Etymon ist wohl veracius (veratius scimus, Pirson 9, 27), woraus sich auch die it. Formen wie altveron.nbsp;vsrasio erklaren. Die Entwicklung ist gelehrt, afrz. verais statt *veraznbsp;entspricht palais statt *palaz. Vgl. S. 151.

E. Zahlwort.

Die lat. Flexion von Onus, düo, trés wird vlat. nur durch Er-setzung des Duals düo durch den Plural düï verandert. Und so nehmen diese drei Zahlwörter afrz. an der Zweikasusflexion teil; Onus uns, unenbsp;wie ein Adj. der l. Klasse. Auch der Plural kommt vor, bedeutet ,,einnbsp;paar“ oder „einige“; R 51 (Puns soulers ,,mit einem Paar Schuhe“.nbsp;düo flektiert mundartlich verschieden: lm Z. Mask, dui (R 62, Umlautnbsp;vgl. S. 84), Obl. deus\ Fem., Subj. und Obl. deus. — lm O. doinbsp;(B 109, Mél. 1613), Obl. dous, dos; ein Fem. doues (düas) kommt imnbsp;O. und SO. vor: Flo. 250 an doue parties „in zwei Teile“ (-s ist vornbsp;Konsonant verstummt). — Der W. hat franzische Formen: dui, deusnbsp;(Eneas), Oder halbfranzische; dou (von dous abstrahiert, neben seltenennbsp;dezi, dui), Obj. deus (G. Ste.); — ambo dui flektiert andui, ansdeus,nbsp;resp. ambedui (R 62; B 109: ambedoi), ambedeus. Fem. ambesnbsp;(ambas) B 47.

trés bildet eine neue mask. Subj.-Form wie die Adjektiva 2. Klasse: Mask. Subj. trei Pf troi ¥qvcv. treh'igt; trois Neutr.trïa,afrz.

Obl. trei:'pgt; trois nbsp;nbsp;nbsp;fem. „Würfeldrei“.

Für die Zahlen von 4 bis 16 sind die Probleme rein lautlicher Natur. Von da ab wird rom. addiert und zwar afrz. immer mit et: Vgl.nbsp;B 64 Dis et - VIII' foiz, R 83 vint et neuf. Noch in der Renaissancenbsp;wird so gezahit; Des Périers, Nouv. Recr. 2, Triboulet et Caillettenbsp;étoient fols d vingt et cinq karaz, doiit les vingt et quatre font Ie tout.nbsp;Vgl. Haase § 55. Das et bleibt dann vor dem vokalischen Anlautnbsp;in 21, 31, 41, 51, 61, 71. Seine Spur fmdet sich in der nfrz. Liaisonnbsp;von vingt-deux (viddo lange Konsonanz), vingt-trois (vèttrwa), vingt-quatre (vètkat) usw. Im SO. sagt man noch vitado.

Die Probleme der Zehnerzahlen von 20 bis 50 sind ebenfalls Akzent- oder Lautprobleme, vgl. S. 52, Von 70 ab konkurrierennbsp;F'ormen des Vigesimalsystems mit solchen des Dezimalsystems: Dafürnbsp;hat man das Keltische, spiiter germanischen Einflufi ver-antwortlich gemacht, Auch das Baskische zahlt nach dem Vigesimal-system. Doch ist glaubhaft gemacht worden, dafi vigesimale Aus-driicke für 70, 80, 90 usw. sich erst seit dem XII. Jahrh. in Frankreichnbsp;einbürgerten (M. Rosier, Das Vigesimalsysteni, Zt. Bh. 26, S. 198)

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IV. Formenlehre, Zahlwort.

und auch die Karten des ALF zeigen das Bild schriftsprachlicher Aus-breitung: quatre-vingt hat sich bis auf Spuren von ottante durchgesetzt, settante und 7ionante halten sich noch an der Peripherie. Altfranzösischnbsp;waren auGerdem gebrauchlich: 6o treis vinz, 70 treis vinz et disnbsp;(neben seisante, setante und der nfrz. Mischform soixante-dix), 120 sisnbsp;vinz, 140 set vinz, nfrz. hopital des quinze-vingts = das Parisernbsp;Blindenspital mit 300 Betten^).

In Belgien und der Schweiz sagen oft auch die Gebildeten settante, ottante, nonante. Vgl. M. Donnay, Oiseaux de Passage,nbsp;I. Akt, 2. Sz., WO eine Schweizerin zum Gaudium der Pariser- la guerrenbsp;de septante sagt. — Mehrfaches von vint und cent haben im Obl.nbsp;Plural-i': Vgl. B 96 sis cenz (Reim: lenz lëntus). — In der Liaisonnbsp;vor Hauptwort blieb -s lautend und wird darum auch noch geschrieben.

Mille ergibt mil, mn(i)a ]gt; mik; milie (so stets QLR) ist gelehrt. Bei den Kunstdichtern wird oft sauber zwischen Sing, und Plur. geschieden. Vgl. Walter: Ille 5909 de la vile im Reim mit: •HIPnbsp;mik; S919 plus de 'M- (1. mil): ce cuide iP). Die vollere Form siegtnbsp;bei der Konkurrenz, bis sie das Verstummen von -e gleich macht.nbsp;Mil nfrz. in der Jahreszahl ist eine graphische Schrulle.

Ordinalia flektieren wie Adj. der i. Klasse. Durch Annahme eines uniformen Suffixes -i'enie (aus d?cimu(m)^)) sind die Genus-unterschiede in der nfrz. Schriftsprache aufgehoben bis auf premiernbsp;und second (spr. zg3); tierz (tiers), tierce; quart, quarte; quint, quintenbsp;halten sich bis zur Renaissance; tiers, quart als Bruchzahlen bis heute.nbsp;Die Medizinsprache braucht fi'evre quarte, quinte viertag., fünftag.nbsp;Fieber. — Die übrigen Ordinalia ergaben afrz.: sëxtu(m) fem.nbsp;siste, auch mask, siste nach sëptimu(m) sedme, weich letzteres auchnbsp;für öctavu(m) oidme, nönu(m) nueftne Vorbild ist. Die beiden letztennbsp;sind oft: oitime, novime nach dëcimu(m) di(s)me. Vgl. Erec 1692 ff.nbsp;Nach onze ergab ündëcimu(m) onzime statt *ondime usw.^).

') Vgl. Villon, Grd. Test 1728: Quinze Vings, — Qu'autant vauldroit nommer trois cens.

B hat mil als Sing, und Plur. il, 16, 124, 125; QLR mil Sing., milie Plural. Schon Alexius 595 findet sich mil als Plural.

Nach Erik Staaf; Le .Suffixe -ime, -i'eme: Studier i modern sprakvetenshap I, (1898) loi ff. lage in -ime ^ -ieme normale Lautentwicklung (Öffnung) vor, die vorüber-gehende Nasalierung bewirkte (?); diesme, vintiesme sind die Formen des Rou (4724,nbsp;7189), der e -j- i konsequent ie schreibt. — Christian braucht bereits gantiesmenbsp;(Erec 642), aber sonst -isme, Erec 1685 f., 1699, — Rust. braucht disiesme undnbsp;cinquieme. (Vie dou Monde 62, Ste. Egl. 40.)

*) Zu -anus als Ordinalsuffix (nhz. pèvre quartaine) vgl. Hetzer, S. 159, Reich, Gl. 708 quartana die; Bartsch-Troja ii bataille novaine — „9. Schlachtquot; und wohlnbsp;nicht ,,neuntagige“ wie im Index ubersetzt.

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207

IV. Formenlehr.e, Das Pronomen.

Zu den Distribntiven Vgl. Reich. Gl. 8 binas: duas et duas; zu den MllltipUkativen ebenda bei Hetzer, S. 159 decuplum: decemnbsp;tantum: M. Brut 1655 troi tant, „dreimal so viel“, R 232 autretant,nbsp;308 -C- (lies cent) mille tans „hunderttausendmalquot; ^).

F. Das Pronomen.

Kapitel i.

Beim Pronomen erhalten sich Genetiv- und Dativformen: cuï cui wird afrz. als Genetiv, Dativ und als Prapositionalis gebrauchtnbsp;(nfrz. avec qui), — illöru(m) leur fungiert als Pron. Pers, afrz., nfrz.nbsp;dativisch (mundartlich als Prapositional), — als Pron. Poss. genetivisch. —nbsp;Auch Neutralformen sind vielfach erhalten.

Für die Genetiv- und Dativformen des Sing, war vlat. das Relativum vorbildlich; klassischem cüius folgte analogisches illüius, cuï O illuï. Spater verlor das Relativ diesen Gen. cüius, das Fem, quae undnbsp;das Neutr. quod — eine Vereinfachung, die den Weg zur Konjunktionnbsp;weist, wie denn in afrz. und nfrz. Mundarten das Relativum mit dernbsp;Konjunktion que, bald in dieser Form, bald in der Form des Relativsnbsp;qui, haufig zusammenfallt.

Substantivisches ille entwickelt sich vlat. zum Pron. Pers. der 3. Person, adjektivisches zum Artikel; als Demonstrativa fungierennbsp;ecce ille, ecce iste („jener“, „dieserquot;). Der Distanzunterschied istnbsp;afrz. nicht scharf, ecce ille neigt afrz. zu unterstreichendem Branch —nbsp;ecce iste zu Vortonigem.

Personale und Possessivum werden bald unbetont, bald betont gebraucht; Da ihre Vokale sich unter dem Ton urfrz. anders ent-wickelten als proklitisch oder enklitisch — ergaben sich Doppelformennbsp;(Satzdubletten). Spater wurde aus den Tonformen des Possessivs undnbsp;ecce ille das nfrz. Substantivpronomen — aus den Unbetonten undnbsp;ecce iste das nfrz. Adjektivpronomen.

Vgl. W. Menshausen, Die Verwendung der betonten und unbetonten Formen des Personal- und Poss.-Pron., Diss. Halle 1912, S. 30 ff., 60.

*) HSufiger ist afrz. troi doble: Ges. Wilh., Bartsch 12, 53 tf. ^ treis dubU, O. Ps. 7^1 gt;3 ö duble, Cligès 215, 840 und E. Metis, Z. f. S. 44, S. 115, der dienbsp;Redewei.se aus mifiverstandenem centuplum herleitet. — Davon dann auch Rol. 996nbsp;dobler en treis ,,verdreifachen“; doch kann trei doble auch hiervon postverbal sein

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2o8 IV. Formenlehre. Pron., Pers. und Artikel.

Kapitel 2.

Pron., Pers. und Artikel.

lm Lat., wie noch heute in den rom. Sprachen, die noch lautende Endungen in der Konjugation haben (It., Span.), ist das Pron. Pers.nbsp;als Subj, beim Verbum freies Stilmittel; Vgl. den Anfang der Adelphinbsp;des Terenz:

Akt. I, I, 10 Ego, quia non reuiit filius quae cogito!

Quibus nunc sollicitor rebus! ne aut ille alserit,

Aut uspiam ceciderit . . .

ego steht wegen der Voranstellung des Satzes mit quia (M, L.„ Sy. § 334); ille weist auf filius zurück, um deutlich zu machen, wernbsp;frieren oder fallen kann. So tritt das Demonstrativum (auch hic, is,nbsp;ipse) für den fehlenden Subj. von sui, sibi, se ein, als Vertretungnbsp;ebengenannten oder selbstverstandlichen Nomens, auch ohne dafi einnbsp;Hinweis nötig sei, also wie ein Pron. Pers. (Neuere Literator hierzunbsp;siehe L. BI. 1920, S. 186.)

1. und 2. Person.

Ego wurde vlat. zu so und afrz. zu gié, je, jo'^): Der Zischlaut dürfte satzphonetisch enger Bindung mit et entstammen: Vgl. Rydberg,nbsp;S. 242, 243 und Kasseier Gl. 215, 218 etego; i oder ie mit Reibelautnbsp;im Anlaut bleiben in Mundarten des SO. und SVV., Herzog, § 494.nbsp;Die Eide haben zweimal eo und zweimal io. Auch in der Bejahungnbsp;bleibt afrz. Reibelaut in Anlehnung an hoc: oie (hoc e(g)o), das Eraclenbsp;537, aber weder bei Christian noch bei Rustebuef, mit -oie gebundennbsp;wird. Nach Rydberg, S. 623 ff. ist jo, spater jou die Form des N., —nbsp;wahrend im Z. gié vortonig zu (dse) und dies zu wirdnbsp;(Ile-de-France und angrenzende Gebiete bis Lothr. und Loire., S. 652 ff.).nbsp;Wo die Nordgruppe je braucht, haben wir es mit schriftsprachlichemnbsp;Einflufi zu tun. Andere Formen wie joe (agln. S. 193), jei (lothr.),nbsp;ju (walk), jen (Norm. verallgemeinerte vornasale Form) erklaren sichnbsp;aus dem Lautstand der Mundarten,

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209

IV. Formenlehre. Pron. Pers. und Artikel.

Die Objektive des Sing, më, tê entwickein Doppelformen: Betont: téi gt; tói (B 276), unbetont: t'e (B 274); im NO. und O.nbsp;lauten die betonten Formen mi, ti: Nach Rydberg (S. 578) liegt nichtnbsp;mïhi, tïbi zugrunde, sondern më, të wurden im Hiat. zu mi, ti undnbsp;in dieser Form verallgemeinert. — Die Objektive des Plur. entwickein sich urfrz. nebentonig. (Vgl. S. 81.) Sie wurden mit ipsenbsp;(Formulae Andecavenses 20, 16 nos ipsi, 12, 29 de nus ipsis,nbsp;24, 9 ex nus ipsis; aber stets inter nus) und alter unterstrichen.

Lat. nbsp;nbsp;nbsp;a1rz. betont

afrz. unbetont

Lat.

afrz. betont

afrz. unbetont

y N. gié (BartschS, 115) \ Z. gié

N. jo ^ jou Z. je gt; ja

tu

tu

/ NO. 0. mi ' Z. raei gt; mot

me ^ m9

té lt;

NO., 0. ti

Z. tei ]gt; toi

te ;gt; ta

nös —

nos ^ nous

VÖS

—

VOS ^ VOUS

Seit dem XII. Jahrh., gleichzeitig mit dem Aussterben der nominalen Subjektive, treten moi, toi, zuerst bei Koordination zweiernbsp;Subjekte ^S. 211), für die betonten Subjektive ein; je (R83), tu bleibennbsp;bis ins XVI. Jahrh. unverbunden brauchbar (Haase, § i). — Dienbsp;mit e endenden Pron., volkssprachlich auch tu, werden vor Vokalnbsp;apostrophiert, vgl. S. 212; vous verschleift mundartlich den Anlaut,nbsp;und nun apostrophieren ce, se und que (s'ous, qu'ous) davor (Bartsch-Troja 97, 400; Tobler, Beitrage I, 38).

3. Person,

Das Pron. Demonstr. ille ist in allen romanischen Sprachen zum Personale der 3., in den meisten auch zum Artikel geworden. Da esnbsp;durch diese Entwicklung seine deiktische Bedeutung verlor, erhielt esnbsp;diese (nebst iste) durch Zusatz von ecce wieder und funktionierte innbsp;dieser Weise verstarkt weiter als Demonstrativ; ecce illu(m) gt; cel.

Klassisch hatte es ein Neutrum illud, das zu illu(m) (Vulgata, vgl. Chr. I. 253 sepulchru istum) wurde, und mit dem Akk., Sing.,nbsp;Mask, zusammenfiel. Die Genetive, Dative, Sing, illius, illi waren kl. fürnbsp;alle Geschlechter gleich, ebenso der Dativ-Pluralis illis, wahrend Gen.nbsp;Plur. Fem. illarum sich vom Mask, illörum schied.

Den Singular gestaltete das Vorbild von qui (-f-bic) ganzlich um: Den Subjektiv zu illi (Pirson, II, lo), haufig im merowingischennbsp;Latein, in manchen Hss. konsequent (Rydberg I, S. 246, 247). —nbsp;Schon Plautus betont bald ille, bald illé (Rydberg S. ii, Skutsch,nbsp;Glotta I, 311). Wechselnde Enklise und Proklise fördert Akzent-schwanken im spateren Vlat. — Nach dem Vorbild cOius, cuï werdennbsp;die Gen. und Dat. umgebildet: illuiüs (Einf. § 20), fem. *illaeius, vgl,

Jordan, Altfrantösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;I4

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210 IV. Formenlehre. Pron. Pers. und Artikel.

filius ipseius, Chr. I. 287. Die Dative illui, illaei sind ebenfalls belegt und ergeben enklitisch bereits in den merowingischen Fornielnnbsp;(Rydberg I, 281 ff.) lui und lei (Pirson 18, 15; 36, 14). Wahrendnbsp;im Sing, der Dativ formal weiterlebt und der Genetiv verschwindet, —nbsp;halt der Plural die vollere Form illöru(m) für beide Ge.schlechter, undnbsp;zwar funktionell als Dativ (R 397). Beim Possessivum werden wirnbsp;diesen Genetiv in seiner alten Funktion: suus pater = illörum paternbsp;(B 36) wiederfinden.

Auch die unbetonten Dativ- und Objektformen verloren durch vorwiegend enklitischen Gebrauch den Anlautvokal. —Der Artikelnbsp;ist afrz. stets enklitisch entwickelt, was sich satzphonetisch (veéz(e)lbnbsp;pêre) oder aus lat. Nachstellung (pater illi) erklart. Illi ergibt alsnbsp;Pron. in beiden Subjektiven Umlautformen (vgl. S. 72): il („er“),nbsp;il („sie“ Plur.); im Artikel bleibt die zweite Silbe: li („der“), linbsp;(„die“ Plur.). — Lour gt; leur hat den ëlteren angestammten Dativnbsp;*lis (aus illïs), der als les im NO. bis Froissart vorkommt, verdrangt.nbsp;(Tobler, Beitr. I, 13, Anm. i.)

Mask.

Fem.

Pronomen

Artikel

Pronomen

Artikel

Singular

betont

unbetont

betont nbsp;nbsp;nbsp;unbetont

Subj.

il

—

li

ele nbsp;nbsp;nbsp;—

la 1'

Dat.

lui

li (R 53 ff)

—

li‘) nbsp;nbsp;nbsp;li (R 66)

—

Obj.

„ (R 61)

lo, Ie, 1'

I9, Ie, 1'

„ (B 337) la 1’

la 1’

Plural

Subj.

il

—

li

eles nbsp;nbsp;nbsp;—

les

D at.

lour nbsp;nbsp;nbsp;leur

—

—

lour gt; leur —

—

Obj.

els (vg. S. 75) les

les

eles nbsp;nbsp;nbsp;les

les

Neutrum; el gt; z7; Obj. lo.

Reflexiv: betont sei )gt; soi (B 186), unbetont se.

I. Betrachten wir diese Tabelle, so fallt beim betonten Mask.-Pron. die Lücke beim Obj.-Sillg. auf: lui ist Dativ, Prapositionalis und Objektiv. Wogegen im Plural lour Dativ, els Prapositional undnbsp;Objektiv ist; Vgl. B 254, 255. Zwar heifit es sporadisch afrz. avuecnbsp;lour (Krlsr. 671) nach avuec lui, allein bis ins Nfrz. bleiben leur undnbsp;eux funktionell getrennt, leur auf den Dativ beschrankt. Warum wurde

*) Eul. 13 II li inortet, dont lei nonque chielt: Sind dies Doppelformenf illaei ^ *lUi ergab wie ^ i (S. 88) im Z. Li, im O. lei (Dial. Greg, celei), im W. lie (Tr. B.,nbsp;R0US099); lei ist also ö. Tonform, li Hiatus- oder Nebentonform, da reichssprachlichernbsp;EinfluC in so früher Zeit unannehmbar scheint.

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IV. Formenlehre. Pron. Pers. und Artikel. 2II

nun *el urfrz. durch lui ersetzt? Wohl weil es mit el (al(i)u(d)), vielleicht auch schon mit el (in illu(m)) gleichlautete. Entsprechendnbsp;weicht fem. Obl. ele dem Dativ li: B 337 vers li.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Seit dem XII. Jahrh. fallt die mask. Tonform lui in Mund-arten mit mask. fem. li zusammen: QLR S. 10 ovec li (namlichnbsp;Samuel), Rol. 780 Dunez li l’arc, vgl. 767 Dunez mei l’arc. Schrift-einflufi stellt lui wieder her, falsch analogisch aber nun auch für dasnbsp;Feminin: R 285 Par lui. Da der korrespondierende Plural par ellesnbsp;lautet, wird im XIV. Jahrh. auch im Sing, analogisch par elle (vgl.nbsp;Bartsch 84, b 29) gesagt, und fem. /«f wird auf den Dativ beschrankt.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Entsprechend mei (moi), tei (toï) werden auch die betontennbsp;Obj. lui, li und eux seit dem XII. Jahrh. als be'tonte Subjektive ge-braucht. —Philomena 1160 heiüt es: Un jor estoit a la fenestre —nbsp;De la maison li et sa mestre ,,sie und ihre Meisterin'*; nach Ebelingnbsp;Probl. der ro. Sp. I, 162 ging prapositionelles entre li et sa mestrenbsp;(vgl. Pirson 18, 20 inter aurum et argentum „zusammen Gold undnbsp;Silber“) voraus.

4. nbsp;nbsp;nbsp;Eulalia hat für unbetonte Obj.-Pron. und Artikel im Sing,nbsp;/ö^), la, im Plural aber les: Jene haben sich also nebentonig entwickelt,nbsp;diese nach- oder zwischentonig. Rydberg ist der Ansicht, daü sichnbsp;lo, la vor Entwicklung der Ultima zu s aus der Enklise losten (Ent-wicklung zum steigenden Akzent), wahrend *los, *las über dieSchwachungnbsp;der Ultima hinaus enklitisch blieben. Nur der NO. macht Ausnahme:nbsp;Er bleibt auch sonst bei fallendem Akzent, und so werden auch lonbsp;und la enklitisch zu Ie, was Zusammenfall der beiden Geschlechter fürnbsp;den Artikel bedingt: Auch im Subj. heiCt es nun pik. li pucele.

Die Mundarten des W. und O. bleiben bei lo, la (vgl. B 41, 61, 79, aber 83 usw.), wahrend die Mundarten der Z. lo zu Ie schwachen,nbsp;aber la halten (R 32, 68, 96, 177). (Rydberg, 485—498).

5. nbsp;nbsp;nbsp;Die Subj. des Artikels schwinden wie beim Nomen seit demnbsp;XII. Jahrh.: QLR S. 49, I, 25, 10 ki est Ie piz Ysai? R 378 Diex Ienbsp;courtois; QLR S. 7 les jiz Hely furent fiz Belial.

6. nbsp;nbsp;nbsp;Neben ele, eles stehen Kurzformen: el (B 300, R 58 usw.) undnbsp;els gt; eus (Roland 639, Bible G. 874, Veng. Rag. 4641 Reim);nbsp;entweder ging vorvokalisches el(e) voraus, wurde auch vor Konsonantnbsp;verwandt, el(e)s folgte analogisch; oder e fiel zwischentonig. In Eneas,nbsp;G. Ste. sind el, els die üblichen, ele, eles die selteneren Formen.

7. nbsp;nbsp;nbsp;Der neutrale Subj. el (illu(m)) findet sich im W. Da diesnbsp;Wort mit anderen gleich lautete, die Obj. des Neutr. und Mask, beide

‘) Mask. Pron. lo steht wohl irrigerweise statt la.

14^

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212

IV. Formenlehre, Pron. Pers. und Artikel.

lp, resp. Ie waren, warden auch die Subjektive gleichgesetzt, so daft im Z. und O. das Neutrum wie das Mask.: Subj. il (B 37), Obl. lonbsp;(B 79) dekliniert. Die alte Neutralform el findet sich haufiger in hoenbsp;illu(m) „ja“ als oal (QLR S. 46 I, 23, 12) und ol (QLR S. 31 I, 16,nbsp;5 und II) wahrend das Maskulin hoe illi: oïl ergibt. Auch neutralesnbsp;nenal (vgl. Veng. Rag. 588 und Anmerkung) kommt neben mask, nenilnbsp;vor. Reste des Neutrums in modernen Mundarten, Herzog § 502.

Der Endpunkt der Entwicklung im Nfrz. ist also:

Mask.

F em.

Singular

betont nbsp;nbsp;nbsp;unbetont

betont

unbetont

Subj.

Dat.

lui (unverbunden) nbsp;nbsp;nbsp;il a verbunden)

— nbsp;nbsp;nbsp;je lui dis‘)

elle

elle a

je lui ai dit‘)

Obl.

avec lui') nbsp;nbsp;nbsp;je Ie (1') vois

avec elle

je la (1’) vois

Plural

Subj.

Dat.

eux (unverbunden) ils ont (verbunden) —nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;je leur dis

elles

elles ont je leur dis

Obl.

avec eux nbsp;nbsp;nbsp;je les vois

avec elles

je les vois

Artikel; Sing. Ie, la, P; Plural les.

homo wird als on unbestimmtes Personalpronomen. Zur Form vgl. S. 112, 187^

Mit de lui, d’elle, a lui, a elle, Genetiven und Dativen, kon-kurrieren Ortsadverbia, die in der Schriftsprache heute nicht mehr auf Personen bezogen werden dürfen: Auc. 3, 3 De Nicole . . . nusnbsp;hom ne l’en puet retrain: „Keiner kann ihn von ihr lösen“; 4, 10nbsp;il i va, . . . il i vient . . . il i parole: „er kommt zu ihr, . . . sprichtnbsp;mit ihr“. Vgl. Haase § 10 und zum Nfrz. Barbusse: Voila lesnbsp;ouvrières, causez-y.

Afrz. Proklise und Enklise.

Proklitisch verlieren die vokalisch auslautenden unbetonten Pronomina und der Artikel v'or Vokal ihren Vokal; das jo dernbsp;Nordgruppe, li (Artikel) sind nie1 2), li (Dativ des Pron.) meist nurnbsp;vor en. (Rol. 873, 879, Cligès 2220, haufig in Guerre Ste., vgl. dortnbsp;S. XIX) verschliffen.

1

*) Volkssprachl. avec li, je li dis.

2

Wo wie B 176 li isles als fisles zu lesen ist, ist li schon durch Ie ersetzt. Man sieht: der ostfranzös. Schreiber führt sein li konsequent durch, der agln. Dichternbsp;aber brauchte maskulines fisles. Im Plural bildet li Hiat.; B 329 lï oisel, bis es durchnbsp;les ersetzt wird. — Altpik. und heute volkssprachlich apostrophiert auch tu.

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213

IV. Formenlehre. Pronomen Pössessivum.

Enklitisch lehnen sich an die Pronomina je, tu, das Relativ ki, altre, die Konjunktionen si, que usw., die Negation ne als Tontragernbsp;folgende Pronomina an: me, te, se, lo, Ie, li, les, en (inde). An ne (nee),nbsp;o (aut) wird afrz. nicht inkliniert, sie waren also tonschwach.

Beispiele: jel, jol (ego illu(m)); jes, jos (ego illos); jon (ego inde); tul (tu illu(na) QLR), turn (Alex.), tus\ kil (qui illu(m)), kis (qui illos,nbsp;qui se, Rol. 3882, 3854); — Rol. 1760 s'altreV desist „hatte es einnbsp;anderer gesagt“. — sim (sic me), sil (sic illu(m), sic illui Alex. 28),nbsp;sis (sic illos), sind (sic inde, B loo). — sem (si me), sel (si illu(m));nbsp;quel, ques, puisquel (Rol. 300), porqoil (Tr. Ber. 270), nel, nes, olnbsp;(übi illu(m), Alex.), jat (jam te, Alex. 453).

lm XII. Jahrh. inklinieren meist nur noch Ie und les. — Me, te, se haben sich aus der Enklise gelost und werden proklitisch gebraucht.nbsp;Das XIII. kennt nur noch: nel, sil, jel; nes, sis, jes, die im XIV.nbsp;schwinden. Wo l satzphonetisch vor Kons. vokalisiert, wird nel (B 103)nbsp;zu neu ]gt;¦ nou, nu, R 56 (vgl. das Folgende), sel zu seu, jel und jeu.

Enklise des Artikels: An de: del (B 52), des (R 23); del wird zu deu vor Kons.; das Z. assimiliert es zu dou; die nw. Mundartennbsp;zu du (R 73), das in die Schriftsprache dringt und obsiegt; des (R 23)nbsp;aus 1dels folgte les.

An ad: al, als (B 31, 140); l vokalisiert im Singular: au (R 163); als wird nach des zu as, R 197. Erst im XIII. Jahrh. wird as zu ausnbsp;nach dem Sing, au; as bleibt im N. und Wall. (ALF 76).

An en: Eulalia enl (in illu(m)) gt;gt; f’/ (B 265); gt; NW. eu, Z. ou, vgl. deu, dou; ou fallt mit au zusammen (R 107). Der Plural els ]gt; esnbsp;(B 181) halt sich nfrz. in erstarrten Formeln (bachelier 'es-lettres,nbsp;Haase § 126, 2). Rabelais und der W. brauchen is statt reichs-sprachl. aux; dagegen ist lothr. es aus as entstanden (ALF 76).

Rydberg II, 433 ff. Schwan-Behrens, Gr. des Afrz. § 325.

Kapitel 3.

Pronomen Pössessivum.

Prinzipieller noch wie beim Personale ist die Wirkung des Akzent beim Possessiv: Méin Vater und mein Vdter sind auch deutsch lautlichnbsp;verschieden. So blieben vlat. die Possessiva haupttonig unverandert,nbsp;wahrend sie sich vortonig verkürzten: meus pater wurde zu mus péter ^),

1

Oder pitermeus zu pdtermus; j fiel nach mehrfacher Konsonanz.

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214

IV. Formenlehre. Pronomen Possessivum,

mum patre(m), m^ matre(m) zu ma métre, wie neofitus zu nofitus (Diehl, Chr. I. 13, 15) und Neapolis zu Napoli. Mo fürnbsp;m^ siehe Diehl 1145: coniugi mo aus CIL XI; turn für tuum:nbsp;Diehl, Chr. I. 286. Dafi mum, tum, sum auslautend -m erhielten,nbsp;mam aber zu ma wurde, kann satzphonetische Gründe haben:nbsp;ma(m)matre(m), ma(n)soróre(m), aber mumpatre(m), mum fratre(m).

lm Plural dagegen waren die Unterschiede zwischen betontem und unbetontem nöster, resp. vlat. voster, (9 und o) graphisch nicht dar-stellbar. Süus wurde bei Mehrzahl der Besitzer („ihr“) durch illörumnbsp;in beiden Geschlechtern ersetzt, doch erhalten sich in den ro. Spr.nbsp;Beispiele für süus als Besitzerplural: Tobler 2, 12; nfrz. Mundartennbsp;J. B., XI. I. 234 sou vzin = leurs voisms.

Schon im altesten Afrz., lange vor Nomen und Adj., verschwanden beim betonten Possessiv die Subjektive des Singulars, beim Mask, ehernbsp;als bei Fem., die Flexion wurde von den mask. Obl.-Formen neunbsp;aufgebaut: Von etymologischen Subjektivformen sind erhalten:nbsp;Ei de meos sendra, Eul. 29 par souue dementia, also süa gt; sowe mitnbsp;wallon. Hiatus-Z£/. Wahrend nun die etymologische Mask.-Subj.-Formnbsp;der Eide isoliert bleibt, halt sich in den Dialekten des Z. das betontenbsp;Fem. von mask. Einflüssen frei, also in etymologischer Gestalt: meanbsp;wird meie gt; moie (R 152); tüa toue-, •süz. soue (B 163 sue). Nun erstnbsp;folgen die 2. und 3. Personen der i. moie und ergeben toie, soie.nbsp;Vom XIII. Jahrh. ab (E. Boileau siene) weichen sie dann Analogie-formen nach dem Mask, mien und ergeben mienne, tienne, sienne.

Der Obl. des Mask, lautet in den Eiden: meon'). Zwischen diesem Schriftwerk (842) und dem Alexius (ca. 1050) sind die mask.nbsp;Subjektive von den Obl. verdrangt worden: Alex. 418, L: icel biennbsp;ki toen (tüum statt tüus) döust estre.

Die Existenz der verschwundenen Subj.-Formen meos'') usw. ist uns auCer durch die Eide noch dadurch bezeugt, daG im Pik. die Femininanbsp;einem Mask, mius folgten, ehe es ausstarb: miue, tiue, siue sind dienbsp;Formen des Au cas sin. So ist also das Resultat dieses vorzeitigennbsp;Ausgleichs nach den Obliquen das Folgende:

meos, meon werden meist mieos, mieon gelesen. Das halte icli nach S. 90 für unrichtig; sëquo, in dessen Flexion u nicht fallen konnte, ergibt in keiner Formnbsp;Diphthong; sieu, sieus sind Mundartformen, welche Gleitlaut zwischen i—» entwickelten;nbsp;siu, sius, im Z. sui, suis sind die normalen Formen. Ebenso wird meos im NO. zunbsp;*mius und danach miue; mien dagegen ist nach Fall von u diphthongiert, oder stammtnbsp;von meon wie toen von toon. Die grofie Verschiedenheit aller Formen erklart dennbsp;frühen Ausgleich.

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215

IV. Formenlehre. Pronomen Possessivum.

Betontes Possessivum.

(Die definitiven Formen sind im Besitzersingular durch Sperrdruck hervorgehoben.)

Mask.


besitzersingular


Fem.

Subj.

Obl.

Subj., Obl.

Etym.

Analogisch

Etym.

Analog.

Etymologi.sch

Analogisch

Pik.

XüI.Jh.

I. Pers.

meos

miens

mien

meie ^ moie

miue

mienne

(E i d e)

2. gt;.

*tous

toens nbsp;nbsp;nbsp;tiens

toen

tien

toue )gt; teue

toie

tiue

tienn e

(tor«rnachr«^) ^

(tuen)

1

¥

V

3* )»

*sous

SQens nbsp;nbsp;nbsp;siens

soen

sien

soue ^ seue

soie

siue

sienne

(suens nach tuens

(suen)


Deklination: miens, mienne usw. deklinieren wie Adj. der i. KI. besitzerplural: nostre \nostre{Ft.m..-s)'^ vost re \ vostre (Fem. lour ^ leur (R 21)nbsp;nostre j nostresnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;|| vostre \ vostresnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;jj (indeklinabel).

Unbetontes Possessivum.

Besitzersinsular

Ma^^k. Subj.

Mi

sk. Obl.

Fem. Subj., Obl.

Analog. Fem.

I.

Pers.

mes (R 348), mis

mon

(NO. men)

ma (pik. me) m’

vor Vok. mon

2.

tes, tis

ton

( .. ten)

ta ( „ te) t’

„ nbsp;nbsp;nbsp;„ ton

3*

ses (R 88), sis (B 112)

son

( nbsp;nbsp;nbsp;sen)

sa ( ,, se) s’

» nbsp;nbsp;nbsp;,, son

Plural

I.

Pers.

mi

mes

mes

2.

ti (Alex. L 412 tui)

tes

tes

3-

si (R 303)

ses

ses

Besitzerplural: Er entspricht obigen Formen des betonten Poss. Nur nostres, vostres ergeben die Kurzformen noz, voz, die vortonig entstanden (Alex. 523nbsp;de noz aveirs, vgl. R 407), in Assonanz mit 9 gebunden (Rol. 2286) werden.

Bemerkungen. Das betonte Poss. ist also im Besitzersingular für alle Personen und beide Genera nach mien mfum uniformiert. Der Besitzerplural hat sich ungestört entwickelt, ab-gesehen von analogischem -s im Subj.-Sing. des Mask.: nostres (nöster)nbsp;vostres (voster) und im Plur. von illöru(m), dessen genetivische Bedeutungnbsp;sich verlor: Vgl. QLR 26 as lurs „den Ihrigen“ (gleich darauf korrektnbsp;as lur'). Nfrz. les leurs^). Nfrz. wurde das betonte Pron. zumnbsp;Substantivpron.: Ie notre, Ie votre, les notres, les vótres.

“) tuens und suens sind die Formen der alteren Schriftsprache. Vgl. B 23, 71, M. Brut 1097 tuens ; suens; Rou 11435 quens : soens. Die Lautung dürfte im N. undnbsp;NO. s'óens, im Z. syens gewesen sein. — Auch tiens, stens kommen im M. Brut vor.nbsp;Rustebuef reimt Conte de Poitiers 38 siens ; biens.

“) lou mit verstummtem r schon Lothr. Ps., vgl. oben S. 167.

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2I6 IV. Formenlehre. Pronomen Demonstrativum.

Beim nnbetonten Poss. ist urfrz. 1mos wie 1los (S. 2ii) zwischen-tonig oder enklitisch zu mes geworden, {tos, sos in Passion und Leodegar sind als Provenzalismen anzusehen.) Dial, mis (Rol. 136nbsp;mis, 318 mes und so meist im N.) folgte wohl dem Plural mi. Zunbsp;den entrundeten men, ten, sen vgl. S. 112. ma, ta, sa vor Vokalnbsp;m’, f, s' (R 154) wurden in dieser Stellung durch das Mask, verdrangt:nbsp;m'amie (vgl. R 329; nfrz. wurde m'amie nicht mehr verstanden undnbsp;falsch getrennt) wurde zu mon amie Lothr. Ps., § I14. Voretzsch hatnbsp;darauf gewiesen, daü viele dieser vokalisch anlautenden Femininanbsp;mask. Doppelganger hatten: Mask, mon amour, mon enfant, monnbsp;affaire bestimmte fem. m' amour, m' enfant usw. (Zt. 36, 491)1).

Früh erscheinen die mask. Obl.-Formen als Subjekte; QLR 4 si fust tun plaisir, vgl. R 44, 87. — Ein gleiches beim Besitzerplural:nbsp;QLR 22 voz ancestres (Subj.), 11 les noz . . . s'en sunt fuiz. — Vonnbsp;hier aus formal ungestörte Entwicklung zum nfrz. Adjektivpronomennbsp;notre père (m'ere), nos p'eres (mères).

Mundartlich greifen die Pluralkurzformen noz (nöstros, nostras), voz in den Singular über und ergeben alt- (wie neu-) pik. ein neuesnbsp;Possessiv:

Mask.

Sing.

Plur.

F em.

Sing.

Plur.

Subj.

(pik. ist

quot;OS

no

noe

noes

Obl.

no

nos

Adam d’Arras reimt Ie voe „die Eure“ mit poe pauta. Doch sind die Formen des Fem. meist dem Mask, gleich oder franzisch: Auc. 4, 15nbsp;vostre volentés, 6, 22 vo arme (anima). Vgl. Herzog § 521. —

Kapitel 4.

Pronomen Demonstrativum.

Da ille seinen deiktischen Sinn verlor, wurde es, wie schon stilfrei von alters her (nach Rydberg mit Unterbrechung, was wohl nur fürnbsp;die lat. Schriftsprache gilt), durch ecce wieder hinweisend gemacht.nbsp;Is ist ausgestorben (Körperlosigkeit), hic bis auf das Neutrum (Be-jahung S. 208, ecce hoe, pro hoe, ad hoe) ebenfalls, iste findet sichnbsp;noch in den Eiden: d'ist di en avant; zugleich aber wird es schon

1

Dagegen sieht Risop in mon amie für m’amie, Zt. 41, 96, Systemzwang: fiel aus dem System heraus, die Ersetzung durch mon war die einzige Langungsmöglichkeit.nbsp;Die lothr. satzphonet. Entwicklung gibt ihm wohl recht. Wie hier mou, ma vorkons.,nbsp;aber mon in Mask, wie Fem. vorvok. Formen sind, wurde S. 138 gezeigt.

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217

IV. Formenlehre. Pronomen Demonstrativnm.

nach Analogie von ecce ille mit ecce verstarkt: eist meon fradre. Die formale Entwicklung 1ecist zu eist zeigt die übliche enklitischenbsp;Verschleifung. Ebenso wird 1ecil zu cil.

Die Verteilung ist: eist dieser, cil jener. Cest jor ist „heute“, cel jor ein verflossener Tag. Doch geht das Gefühl für den Distanz-unterschied bis auf feste Formeln früh verloren. Das Gleiche wirdnbsp;bald mit dem einen, bald mit dem anderen bezeichnet 1). Die /-Formennbsp;aber neigen zu betonter, die ^-Formen zu unbetonter Verwendung.nbsp;D. h. das Prinzip der Tondoppelform, das sonst beim Pronomennbsp;herrscht, zerstört dasjenige des Distanzunterschieds, das dasnbsp;Demonstrativnm beherrscht. Daher sind in der pathetischen Schilderungnbsp;des M. Brut die ^-Formen selten; in B kommen sie nicht vor. Dienbsp;Tondoppelform wird dann im Zentrum zur syntaktischen Doppel-form: Die /-Formen behaupten “ den Platz als Substantiva, dienbsp;/-Formen als Adjektiva (Rustebuef).

Beiden Pronominibus wird unterstreichend (Satzanfang, nach Konjunkt. und Prap., J. B. XI. I. 392, B 127, 235, 326, 372) ein inbsp;vorgeschlagen, dessen Herkunft unbekannt ist. (Rydberg, S. 756.)nbsp;Es ist aber wohl nur ein deiktisch unterstreichender Vokal; i fürnbsp;Nahes, a für Femes, vgl. prov. aco, Appel S. 40, 41. — Alle übrigennbsp;Probleme liegen wie beim Pcrsonale der 3.

Mask

Fem.

Mask,

Fem.

ecce iih cil ,, illüi celui

ecce illdei celi

ecce ibti cisl yt istui cestui

ecce istaei cesti

„ iliuim) cel

„ illa(m) cele

,, istu(m) cest

„ istafm) ceste

ecce jlil cil „ illöru(m) celour^)

ecce illas celes

ecce isti eist ( „ istöru.m) cestour)

ecce istas cestes:

„ il.os cels

„ istos cez

SO., W. u. England; Z. u. NO.; cez

Neutra: ecce illu(d) ctl (Tr. B. 185) ecce istu(^d) cest (Tr. B. 1181),

, nbsp;nbsp;nbsp;/ betont: cou ^ ceu

ecce hoe lt; nbsp;nbsp;nbsp;,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;^

N unbetont: N. cAa, Z. ce.

Weitere Entwicklung: Die Subj. des Sing, nehmen analogisch -s an: etls, woraus mundartlich eius, ckius, Z.: ciz, das cils und cistsnbsp;entstammt; cels wird zu ceus, im Z. und O. zu gaus, ciaus. —

1

Christian unterscheidet oft cil „jener“, eist „dieserquot;, aber vgl. Erec 753 ff. Dagegen Eracle 4780 Entrer i pueent cil e cil; QLR 43 gue cil alast la e cil la,nbsp;151 cil ki vaii ne cil ki vient, ebenso Eneas 5617. An anderen Stellen (im Reimtnbsp;Eneas 8619) wird natürlich auch abgewechselt. Meist aber entspricht; cil . . . cil,nbsp;celui . . . celui; Rustebuef Mar. Eg. 124 celui et celui abeli „es gefiel diesem undnbsp;jenem“.

celour im Jonas und modernen Dialekten, in-letzteren auch siou aus 1eestour Herzog § 527. M. L. hiilt auch das celour des Jonas für sekundiir (nach lour).

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2I8

IV. Formenlehre. Pronomen Demonstrativum.

Die Obl. cel, eest wurden im XIII. Jahrh. (eest gt; eet) vor-konsonantisch zu ce (ce père), vor Vokal verdrangte eet ome in der 2. Halfte des XIII. Jahrh. cel ome-, die /-Formen werden adjektivischnbsp;monopolisiert. Nur die Pik. halt adjektivisches chel: Vgl. ALF 44nbsp;cette année. Auch die Neutra cel, eest, go ergeben alle drei cenbsp;(R 153), doch zeigen die Mundarten für ecce hoe abweichende Formen,nbsp;worüber am Schlusse eine Bemerkung.

Zwischen diesen vielgestaltigen Formen erfolgt früher und mdartlich verschiedener Ausgleich: lm Westen verdrangen celui, cestui, dienbsp;kürzeren Sing.-Formen (cil, cel, eist, eest) im XIII. Jahrh. (Rydberg,nbsp;S. 791—798.) — Ahnlich im Osten (S. 816). Auch beim Fem. wirdnbsp;celi Obl.- und Subj.-Tonform1^). — Umgekehrt verdrangen an der unterennbsp;Seine die kürzeren Formen (cil, cel, cele, S. 798) die langen. — Dasnbsp;Zentrum schlieölich ist konservativ, die ui- und ^-Formen bleibennbsp;auf Dativ und betonten Obliquus (R 393, vgl. 159, 295, 383) beschrankt,nbsp;In der 2. Halfte des XIII. Jahrh. erhalt das zentrale Pronomennbsp;einen anderen Charakter; Beim /-Pron. wird im Sing, des Mask, celuinbsp;generalisiert, nach Rydberg westl. EinfluB folgend (S. 842); cil (Subj.,nbsp;Sing.) verschwindet, bleibt aber in gehobener Sprache bis ins XVI. Jahrh.nbsp;(Amyot). Beim Fem. wird cele, beim Mask.-Plur. cels gt; ceus (die westl.nbsp;Form; Rustebuef hat ciaus) generalisiert: Audi hier verschwindet cil.

Das /-Pronomen geht den umgekehrten Weg; lm Sing, des Mask, wird ce(s)t generalisiert, cestui halt sich als erstarrte Form bis insnbsp;XVII. Jahrh. (Flaase § 32). Beim Sing.-Fem. bleibt nur ce(s)te; imnbsp;Plural ces (R 235) aus cez für beide Geschlechter,

In dieser Weise braucht schon Rustebuef das Demonstrativum: Die /-Formen sind Substantiva bis auf gelegentliches cil Diexnbsp;(Theoph. 99), en cele flame (Iheo-^\i. 114), die sich durch das Pathosnbsp;erklaren; die /-Formen sind fast nur Adjektiva. Er sagt de eest chetif,nbsp;nicht mehr de cestui chetif (Theoph. 392). Das nfrz. Resultat ist:

Sabstantivpronomen

Adjektivpronomen

Mask.

Fem.

Mask.

Fem.

Sing.

celui

celle

ce (-p Kons) cet (-p Vokal)

cette

Plur.

ceux

celles

ces

Bemerkung. Ecce hoe ergibt verschiedene Mundartformen, die sich im wesentlichen wie ego verhaken, mit ihm auch oft reimen:

1

Resp. celei (S. 2101); vgl. Dial. Greg. 195, 7 responderat; „celui et celeiquot; — respondebit: „illum atque illam“; auch adjektivisch; 195, 10 celui pere, celei mere. —nbsp;lm NO. fallen celui und celi wie lui und li im Z. (S. 2Ji) zusammen. Hier kann einenbsp;Frau von sich sagen; je sui celui (Mort Artu S. 20 statt je sui cele).

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219

IV. Formenlehre. Relativum nnd Fragewort.

Ille 5592 ciê: gié (Rydberg, S. 769 f.); in der Nordgruppe ent-sprechen sich co, resp. cho (B 127, 154): jo. Texte, die ieo haben, schreiben auch stets ceo (Al ex. P). — Doch besitzt der ganze Südennbsp;und Südwesten; von der Charente über die Vienne, Yonne, südlich dernbsp;Aube, Doubs bis zur deutschen Grenze als neutr. Demonstrativum:nbsp;ceu. Dies kann aus cel vokalisiert sein; da es aber auch Christiannbsp;im Yvain braucht, ohne aber unmittelbar auslautend / sonst zu vokali-sieren (ebenso Ezechiel), darf man es als die normale Entwicklungnbsp;von diphthongiertem, haupttonigen go O gou gt; ceu fassen (Rydberg,nbsp;S. 779 ff). — Das t^-Gebiet schlieClich (R) deckt sich mit demnbsp;y^-Gebiet und ergibt schriftsprachlich ce, c’ aus ce.

Kapitel 5.

Relativum und Fragewort.

Das lat. Relativum hat sich aus dem Fragewort entwickelt. Zwischen diesen beiden Gruppen und zwischen den unbestimmtennbsp;Fürwörtern bestehen etymologische Zusammenhange (qui, quis,nbsp;aliquis). Aber auch die metsten Konjunktionen entstammen diesernbsp;Quelle (quod, quia, postquam). — Vgl. W. Kroll, Glotta III, l. Dernbsp;lat. Relativsatz.

Im spateren Vlat. fielen quis und qui als qui zusammen und auch das Fem. nahm gleiche Form an, Sing, wie Plur. Vgl. Diehl, Chr. I.nbsp;qui statt quae 38, lOl, 107; quem statt quam 235, 321; qui stattnbsp;quis 237. — Quod machte quïd allmahlich Platz: Verwechselungennbsp;zwischen beiden hat es schon von je gegeben. Vgl. Rydberg, 8.352. —nbsp;Die Entwicklung des Relativums ist so verschieden von der des übrigennbsp;Pronomens, dafi ersichtlich ist: Das Relativ wird als eine Art Kon-junktion gefafit und vereinfacht. Afrz. geht diese Vereinfachung weiter:nbsp;Eine grofie Dialektgruppe gleicht qui dem Neutrum an (Lothringennbsp;und von da aus bis England ausstrahlend, heute noch weiter gehend,nbsp;Herzog, § $31), so dafi das Relativum für alle Geschlechter‘) quenbsp;lautet: Rol. 179 Ie cunseill(l) que mal prist „der Rat, der schief ging“,nbsp;Bartsch, Troja 138, 218, 248, R 58, — und nur nach Praposition einenbsp;besondere Form für Mask. Fem. cui und für Neutr. coi bleibt^). — Dasnbsp;Z. gleicht das Neutrum im Subj. dem mask. fem. qui an, so dafi auchnbsp;hier qui für alle Geschlechter Subj. wird; que ist Objektiv, qui (aus cui)nbsp;ist mask. fem. Prapositionalis, coi neutr. Prapositionalis: Rydbergnbsp;S. 998 ff.

ojene,

*) Afrz. oft nur bei Fem. und Sachen (Alex 237 la pulceh quet li ert. . .): Aber auch beim Mask.: St. Th om. 13 Henris ke . , . ad; 15 Ceus . , . ke ourent losnbsp;die Lob verdienten.“

Wall. und SO. verallgemeinern que auch nach Prap. Rydberg 1024.

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220

IV. Formenlehre. Indefinita.

1 nbsp;nbsp;nbsp;Osten, Westen

Zentrum

qui

que

qui

cui

cui

qui (verschlifFen aus cui)

que(m)

que

que

/ betont; coi; W. quti

coi

\ unbetont; que

\ 1 Subj. qui

J Obj. que.

Das Fragewort, das immer betont ist, hat Subj. qui, Prap., Obj. cui, die zusammenfallen. — Neutrum que; betont (Absolut undnbsp;nach Praposition) quoi.

Bemerkungen.

1. nbsp;nbsp;nbsp;cui ist Prapositionalis: B 62 vers cui] bei Personen Genetiv:nbsp;B 169 cui promesse „deren Versprechen“; Dativ: R 177; betonternbsp;Obliquus: B 66, 278. Da es früh entlabialisiert wird (QLR de ki),nbsp;wird die Praposition unentbehrlich (R 131), und frühzeitig findet sichnbsp;Umschreibung mit dont (de ünde) Alex. 87, B 48.

2. nbsp;nbsp;nbsp;coi (quid) ist beim Neutrum Prapositionalis. Als solcher konntenbsp;es afrz. auf Sachen (R 88) und Tiere bezogen werden: Auc. 10, 5 li cevausnbsp;sor quoi il sist; gelegentlich auch auf Personen: Trist. Bér. 1003 linbsp;troi felon . . . par quoi 'st destruite Yseut „die drei Schufte, durchnbsp;die Isolde bedrangt wird“ ist wohl despektierlich (Rydberg 1029).nbsp;lm XV. Jahrh. schreibt Martial d’Auvergne (Aresta Amorumnbsp;1544, S. 24) la cause pour quoy Ven requeroit; und dies bleibt bisnbsp;ins XVII. Jahrh. möglich, vgl. Haase § 34.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Apostrophiert wird der Subj. ursprünglich nur auf dem que~nbsp;Gebiet, doch greift dann die Apostrophierung weiter um sich. — B 249nbsp;qu'est (== qui est) kann alte Enklise qui'st sein; R 83 fe qu'en ai vëu.

Kapitel 6.

Determinativa, Indefinita.

Sic sind vor allem wortgeschichtlich interessant, weil sie sich schnell verbrauchen und standig vermischen:

1. nbsp;nbsp;nbsp;Vlat. spielten bei der Erneuerung griech. meta und cata einenbsp;Rolle: cata Onus gab QLR chduns, ché'uns, vgl. Eide cadkuna, dasnbsp;sich mit quïsque Onus zu chescuns (O. Ps. 38, 8 usw.), chascuns (R 133,nbsp;251) vermischte; von substantivischem chascun wird adj, c/ia(s)quenbsp;(Cligès 3326) abstrahiert, das Malherbe fordert (Haase § 47). —nbsp;Zu met-ïpsimu(m) „selbst“, mé'esme )gt; nfz. même, vgl. S. 76.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Weitere Verschmelzungen zeigen: lat. aliquantu(m), B 295nbsp;alquant^ alique(m) ünu(m) alcun (R 291), das in positivem Sinn

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221

IV. Fonnenlehre. Indefinita.

nfrz. durch quelque (R 360) ersetzt wird (Haase § 50); ne ïpse ünu(m) nessun\ magnu(m) tantu(m) maint, afrz. gern mit tant verstarkt;nbsp;tant maint\ mültu(m) mplt (B 72) tant gt;• mont (R 256).

3. nbsp;nbsp;nbsp;Die Mengeausdrücke sind ursprünglich in Verbindung mitnbsp;Substantiven mit Vorliebe adjektivisch, spater subst. gebraucht: B 92nbsp;mainte arme, R 107 mainte frigon; B 212 tantes villes-, mainte testenbsp;entsprechend sagt man tante teste „so viel Köpfe“; und wohl maintesnbsp;fois nach tantes fois; aber auch subst.: Rou 1917 maint de sesnbsp;compaignons. — Nfrz. entsprechen substantivische Ausdrücke: tant de,nbsp;beaucoup de, bien des, bis auf plusieurs, das adj. und subst. gebrauchtnbsp;wird. Afrz. kommt auch plusurs des terres (Rou 220), les plusorsnbsp;(Lanz. 6023) vor; vgl. Reimpredigt 26 assez des enfans. — Dagegennbsp;sind adjektivisches pou und molt afrz. auf Passion 213 und westfrz.nbsp;Texte beschrankt: O. Ps. 67,12 par molte vertut, G. Ste. 6646 en un poinbsp;espace. Sonst sind sie schon afrz. substantiviert: pou de jurs (B 213),nbsp;oder adverbial gebraucht: un poi (B 102), muit fu cruels (B 126).

4. nbsp;nbsp;nbsp;Ihrer Einsilbigkeit entsprechend, stoCen Indefinita haufig mitnbsp;anderen Wörtern zusammen und werden dadurch undeutlich: Zentralesnbsp;pou wird vermutlich deshalb durch eindeutiges peu ersetzt (vgl.

S. 97), mou (mplt) bleibt nur in Mundarten als Adverb (auCer einzelnennbsp;Punkten der Ardennen, wo es auch als Subst. bleibt) und wird im Z.nbsp;durch beauco7ip^), im NO. durch gramS (afrz. gramment, Rou 8758, beinbsp;Froissart mit mout alternierend: Mél. 22162, 22167 im Reim, vgl.nbsp;S. 202), im O. durch tu plê u. a. ersetzt (ALF 120). Auch adj. quantnbsp;„wie viel“ collidiert mit quant h, quand', schon Christian fragtnbsp;con bien (Cligès 2604), noch Rabelais, Amyot quants.

5. nbsp;nbsp;nbsp;nul nullu(m) erhalt durch volkstümliche Doppelnegation posi-tiven Sinn: B 53 ne seit nus d'els füir „keiner kann (nicht) fliehenquot; =nbsp;„Nicht irgend einerkann fliehen“. Schon in denF ormulaeAndecavensesnbsp;heiCt es (Zeumer 20, 2) nulla calomnia (,,Forderung“) habere nonnbsp;dtbeas. Und nun kann man auch sagen: R 96 Mielz me plesoit quenbsp;nus des autres, „besser gefiel er mir als irgend einer der anderenquot;nbsp;(vgl. R 248). Negatives nul ohne ne (Haase § 52) ist wohl Latinismus.

Die Deklination der Indefinita folgt je nach der lat. Grundlage der I. oder 2. KI. der Adjektiva. Zu toz vgl. S. 84; zu plusieurs S. 204;nbsp;nach cui, lui bilden nul, aucun, autre die Obl.-Tonformen B 280 nului,nbsp;aucunui, autrui: Mort Rust. D’autrin chatel „von fremdem Kapitalquot;;nbsp;zu tel, quel vgl. S. loo; auch die Fem. lauten tel, quel (B 272, R 188,nbsp;281); analogisches Fem. tele kommt schon im Gormunt vor (R 143),nbsp;tele und quele überwiegen im XV. Jahrh. (Toni Fischer op. cit. S. 69).

') Vielleicht aus der Kaufmannssprache; vgl. auch Chev. II. Esp. 11418 En aventure gist biaus cops „lm Hasard liegt Erfolg“.

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222 nbsp;nbsp;nbsp;IV. Formenlehre. Die Konjugation.

G. Die Konjugation.

Kapitel i.

Bntwicklungstendenzen. a) Klassen und Infinitive.

Konjngationsklassen. Die vier lat. Klassen: -a-, -i-, endbetonte und stammbetonte -e-Klasse (cantére, partire, habëre, facëre) erhaltennbsp;sich, aber ihre Vitalitat ist verschieden. Wahrend -a- bis heute, undnbsp;-i- afrz., noch Zuzug von neuen Verben erhalten, bleiben die -e-Klassennbsp;und nfrz. auch -i- auf ihren Besitzstand beschrankt, resp. vermindernnbsp;ihn; nfrz. entsprechen über 4000 Verben auf -er, ca. 480 auf -ir, ca. 38nbsp;auf -oir, ca. 150 auf -re. So in der Schriftsprache i).

Ein paarmal hat sich durch Lautentwicklung ein neuer Klassen-unterschied gebildet. a) Bei der a-Klasse fördern Unterschiede des Stammes afrz. zwei Unterabteilungen des Prasens;

Ind. nbsp;nbsp;nbsp;Konj.

cantat chantet nbsp;nbsp;nbsp;cantet chant

dübitat dotet nbsp;nbsp;nbsp;dübitet dotet (Stütz-el).

Dieser Unterschied wurde durchweg ausgeglichen.

/J) Beim Infinitiv der a-Klasse bildeten palatale Stamme nach Bartschschem Gesetz die Endung -ier, so dafi nebeneinander stehen:nbsp;cantare chanter — manducare mangier. Auch dieser Unterschiednbsp;wurde ausgeglichen (S. loi^). Nur im N. und O., wo über \e zu inbsp;wird, entstand auf diese Weise eine neue i-Klasse: Herzog i, 28nbsp;marii (wall.); 34, 90 mangi (= mangé Norm.); 42, 168 arrachi (ab-radicatu(m) arraché Pik.); vgl. Herzog, Zt. 23, 356.

y) Bei der -i-Klasse wurde im Pras. durch das Infix -ïsc-(1fin-ïsc-o Frankreich, Norditalien, Mittelitalien, Rumanien, Einf. § 170) eine allmahliche Zustandsanderung ausgedrückt. (Vgl. D. Barbelenetnbsp;de l'Aspect Verbal en Latin Ancien, Thèse, Paris 1913, S. 214 ff.)

Das Infix verlor seine Bedeutung, wurde als reines Formelement auf andere Verben der -i-Klasse, früh auch auf germ. Verben ausge-dehnt, drang in das Imperfekt. Beispiele: Passion 80 trad-ïscantnbsp;tradissant. Passion 165, B 129 guerpissent. Rol. I13 escremissentnbsp;(germ, skïrmjan „schirmen“); mundartlich folgt auchRol. 3529nbsp;partissent (= ils partent). — In der nfrz. Schriftsprache haben dienbsp;meisten Verben der i-Klasse -issais und nur 14 Gebrauchlichere nebstnbsp;Kompositen -ais im Impf. Mannigfacher Ausgleich in den Mundarten.nbsp;Lothr. fehlt das Suffix zum Teil. Vgl. Herzog § 409 und Zt. 23, 379jnbsp;ALF 1144 je remplis lautet an ein paar Punkte reip, meist aber rapli,

1

Gezahlt nach Diet, des Rimes von F. M orandini D’Eccatage, Paris 1886.

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223

IV. Formenlehre. Die Konjugation.

vielfach mit Stammbetonung; 1146 remplissais zeigt auch hier fast nur -isco-Fornien.

Innerhalb der Klassen (= Infinitivtypen) besteht Freizügig-keit, die bald lautliche, bald analogische Gründe hat:

a) Lautentwicklung ergibt placèreplaisir, tacëre tazsir{0.'Ps. 82,1)1 nocëre noisir (O. Ps. 88, 22), licëre loisir^) usw., vgl. S. 72. Diesenbsp;Gruppe, der sich noch lucire luisir anschliefit, unterliegt schon afrz.nbsp;der Anziehungskraft haufiger Verben wie faire und -duire (conduire,nbsp;produire): lüire reimt Bible G. 1209 mit murmure, Christian brauchtnbsp;in den Jugendwerken taisir, aber Parz. 3212 taire; nuire: siehe St. Th.nbsp;S. 15; plaistr, loisir bleiben als Substantiva, die seltenen moisir undnbsp;gésir als Infinitive, doch kommt, girai (S. 252) folgend, auch girenbsp;(jacëre, Mél 11705, Meigret S. 112) vor (Herzog Zt. 24, 89/90; taisirnbsp;bleibt als tezi auf Punkt 417 im W., ALF 1277).

f) Weiterhin ist Klassentausch eine Folge der Anziehungskraft vorbildlicher Verben wie facere, dücere, di'cere: Schon lat. zogen diesenbsp;Verben andere Verben der -ë-Klasse gern zu sich; zahlreiche Doppel-formen sind das Resultat, kl., vlat. wie afrz.: ardëre ardoir nebennbsp;ardere ardre (Zt. 24, 97), manëre manoir: R 245 remanoir, nebennbsp;B 160 remaindre (nach plaindre? vgl. S. 260, 262). Der umgekehrtenbsp;Vorgang ist vlat. auf capëre, *sapëre, cadëre beschrankt, und afrz.nbsp;selten: recïpëre regoivre (M. Brut 728, vgl. Herzog § 414) nebennbsp;analog, afrz. nfrz. recevoir. Die Anziehungskraft der ë-Klasse bleibtnbsp;trotz vëoir, savoir, avoir gering, wahrend sie im Span. und Port. dienbsp;beiden -e-Klassen vereint: facere gt; span. hacér, port. fazér.

M. L. Einf. § 169, Herzog Zt. 24, 98, ALF 1034 pleuvoir (plövëre): Der gröfite Teil von Frankreich hat plu:r, ploeivr u. a.; plyvwaïr ist nur im NO. verbreiteter.

Vor allem aber fördert eine innerhalb des Verbums haufige oder charakteristische Form einen anderen Infinitivtypus: Einnbsp;i-Prasens hat stets Verben der -e-Klasse zu i geführt: morire (Plautusnbsp;moriri), cupire, fodire, fugire (Reich. Gl. 272, 378). — florire (floreo)nbsp;*pütire, pütrire u. a. gehören den meisten rom. Spr. an, salio ergibt afrz.nbsp;sail (sad, S. 103) und danach salire saillir, aprov. und nfrz. mit palata-lisiertem /; *failio (kl. fallo, vgl. *fallia ,,Fehler“, REW 3168) ergibtnbsp;Jail und danach faillir (kl. fallere), aprov. falhir. Bleibendes afrz.nbsp;faudre erklart sich als Buchwort oder als Abstraktion aus dem Futurnbsp;faudrai fallere habeo. Die frk. Verben auf -jan gehen den gleichennbsp;Weg: *werpjan gt; werpire (Zeumer 88, 25) guerpir, sazjan gt;gt; sacirenbsp;(Pirson 20, 30) saisir.

Ein ï-Perfekt führt gleichen Weg: fugire kann nach fugi verstanden werden; colligere coillir folgt coilhs (vgl. S. 278); tënêre gab

‘) licëre loisoir kommt vor! (Dial. Greg. 61, 12.) Es ist wohl ein Latinismus.

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IV. Formenlehre. Die Konjugation.

das seiner Klasse entsprechende vlat. Partizip 1 2tenütus an venire; *venütus; im Perfekt aber richtete es sich im Z. nach vêni undnbsp;ergab 2têni (statt tenui). Und so folgte auch der Infinitiv: tenir.nbsp;Wo aber tenui blieb und tenve ergab (Wallonië), blieb naturgeniafinbsp;auch der Infinitiv (Leod. 93 tener : aver, provenzalisiert aus tenoir: avoir,nbsp;Aiol 3433 maintenoir) als Probe aufs Exempel.

Die Pikardismen vè’ir, keïr, seïr^) folgen dem Perfekt cdi. Daü caeir, vè'eir usw. lautgesetzlich zu cdir, v'éir geworden seien (Herzog,nbsp;Zt 24, 93), scheint mir fraglich: Denn wo das Perfekt 2cddui chuinbsp;gebrauchlich ist (O ), bleibt ché'oir, und damit sind auch vé’otr undnbsp;sé'oir gebunden (S. 272). — Das Afrz bildete einen neuen Infinitiv nachnbsp;dem Futur: Da chantera zu chanter gehort, schliefit das Wall. vonnbsp;fera auf ein fer (Venus 18, im Reim mit anier, Herzog 2, 4 fe).nbsp;Alexanderfragm. 39 und Neupik. di{r) zeigt gleiche Analogie^). —nbsp;lm NW. NO, ergibt das Futur von mener : merrai aus menrai. Darausnbsp;wird ein neuer Infinitiv merrer erschlossen, der inG. Ste. auf die Redensartnbsp;merrer son dueil „trauern“ beschrankt bleibt (Herzog § 411).

Ein haufiger Imperativ führt ebenfalls zu Abstraktionen: asseyez-vous ergibt im SO. asseyer (Jaberg, Archiv 126, 380); taisez-vous im S. und SW. taiser (ALF 1277, Zt. 23, 372). Auch süccütëre, afrz. secourrenbsp;(mundartlich skoer, Herzog §414), nfrz. secouer (secouez-nioi kannnbsp;so verstanden werden. Allerdings untersiehen vokalische Stamme dernbsp;e- und i-Klasse, der Anziehungskraft von muer, tuer, nouer, vgl. Herzognbsp;Zt. 23. 369, 376: So ergibt putëre, afrz. putr (puteo), nfrz. puer. —nbsp;Von früh auf sind Infinitivtypen unbeliebt gewesen, bei denen Stammnbsp;und Endung verschmolzen. Die Rekompositionen esse zu 2essere,nbsp;posse zu 2potêre (Zeumer 24, 26 potemmus'), veile zu 2volêre sindnbsp;gemeinromanisch. Die Komposita von fërre sind afrz. ofrir, sofrir,nbsp;und so in den meisten rom. Spr., afrz. oferre, soferre sind Latinismennbsp;oder von den Futuren oferrai, soferrai (S. 288) abstrahiert. Afrz. werdennbsp;currere corre zu corir, quaerere querre (B 167) zu querir (Amis 191,nbsp;XIII. Jahrh.); courre „laufen“ macht aber erst im XVII. Jahrh. endgültignbsp;Platz. (Rest; chasse d courre „Hetzjagd“, Jagersprache; Mundarten be-wahren kur ,,laufen“, ker ,,fordern“, Herzog § 414.) Auch Infinitive wienbsp;ra(i)embre (redïmëre), criembre (trëmëre), priembre (prëmëre), giembre

1

') Auch Rustebuef reimt (Mar. Eg. 86l) viir : btniir. — Heute ist virr (so bereits Venus 43) nur pik. und westwall. (ALF 1408), die O.-Wall. hat vsij nebstnbsp;Derivaten. P. Marchot Z. f. S. 41, 246, Herzog § 418 leiten vs;j von vtjir ab. Dasnbsp;wird aber unwahrscheinlich, wenn man ALF 62 sieht, wie asiir fast geschlossen innbsp;Wall., Pik. und Norm. bleibt. Ich halte ve:j für ein Futurabstrakt (verrat gt; Inf. 2ve(r)nbsp;mit Satztondiphthong vsj).

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K irsch S. 10. — Marchot leitet Z. f. S. 41, 245 wall, fer von fare (Kurzform) ab; dann bleibt di(r) unerklïrt; Herzog § 415 sieht in fe(r), di(r) Analogie nach -are, -ire.

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IV. Formenlehre. Die Konjugation.

(gëmere) schienen absonderlich; Mundartlich finden wir afrz. cremeir, cremoir und creniir, vgl. S. 269. Sonst überwiegt die Anziehungskraftnbsp;der Verben auf -angere, -ïngere; Denn plaindre, feindre und „fürchtenquot;,nbsp;„klagen“, „heucheln“ steben sich begrifflich nahe; giembre und plaindrenbsp;decken sich fast: M. Brut 853 giement grief et plainent; Bartsch,nbsp;Eneas 27, 71 giendre, plaindre. — lm Eneas ist nur der Infinitivnbsp;giendre (statt giembre') an plaindre angeglichen, der Kondizional lautetnbsp;noch ebenda 271 criembreie. — lm Rol. (257), O. Ps., Rou folgt dasnbsp;Futurum crendrai dem Infinitiv, aber die übrigen Formen criement,nbsp;crenions, cremant sind noch etymologisch. Mundartlich folgen sie dennbsp;w3-Infinitiven:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;102 raïmbez-nous „befreit uns“, stdXt raïmez.

Schriftsprachlich aber folgen sie plaindre und feindre: craignons, geignons-, Belege aus dem XIV. Jahrh. Kirsch S. 74.

Interessant ist schlieGlich, daC nicht nur volkstümliche Infinitive solche Irrungen kennen, sondern gerade solche, die vor allemnbsp;im Munde der Geistlichen leb en: benedicere hatte *bendire, viel-leicht *bendistre ergeben sollen. In der Tat finden wir benëistre^),nbsp;der Zwischenton ist gelehrt erhalten, der Anlaut von dicere ungelehrtnbsp;gefallen. Vermutlich war diesmal keine Verbal form der Grund zurnbsp;Umformung: benedictione(m) wurde zu benëifon; ihm stand kein *digonnbsp;dictione(m) korrigierend zur Seite: Und dies in der Predigt alltaglichenbsp;beneïgon förderte das ebenso alltagliche je beneis „segne“ usw.; viel-leicht ging ihm noch das Partizip bene'issanz (benedicente(m) ergibtnbsp;benëissant) voraus. Und nun wird konjugiert: l. beneis, 4. benëissons,nbsp;5. ben'éissez, Imperativ beneis! Also gerade wie ein Verbum auf-ïsco.nbsp;Vorlaufig allerdings stehen (im O. Ps. beispielsweise) die genanntennbsp;Formen neben dem to-Partizipium ben'éeit, 134, 21 gar benedeiznbsp;(benedictu(m)), und dem Konjunktiv O. Ps. 127, 6, 133, 4 benedie,nbsp;113, 27 benedimns (nur 144, 10 bene'ient). Spater folgen auch diesenbsp;Formen: que je bénisse, ja, der Infinitiv wird durch die Pseudo-ïsco-Endung zu benèir, bénir, wie Herzog Zt. 24, 78 gezeigt.

Wir lemen daraus, dafi am Konjugationswechsel auch gelehrte Stande mit beteiligt sind, und das manches von dem Obengenanntennbsp;buchwörtlicher Entwicklung seinen Ursprung verdanken mag. So wienbsp;dies sicher für vïncere veintre vaincre (Latinismus mit Unter-stützung des Perfekts) der Fall ist: vaincre überwiegt im XIV. Jahrh.nbsp;Beispiele s.K. Arns, Beitr.zurfrz. IVortgescPiehte, Diss.,Münster igio, 6g.

b) Neubildungen.

Bei Neubildungen kommen wie gesagt frz. nur -er und -ir in Frage: Denominativa werden gewöhnlich auf -er gebildet: So neben fenir

') Das Futur beneïstrai (O. Ps.) setzt ihn voraus und nicht umgekehrt; ein -isco-Futur (Kirsch S. 12) vpare im O. Ps., und wohl auch sonst, isoliert.

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;I5

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IV. Formenlehre. Die Konjugation.

„endenquot;, von fin (noch XV. Jahrh. Martial d’Auvergne); ist Mischform (vgl. S. io8). In neuester Zeit bildete man bolchéviser. —nbsp;Deadjektiva wurden afrz. meist auf -ir geformt: vieillir von vieilnbsp;„altern“, viezir in gleicher Bedeutung von viez vëtus (Rou 134, O. Ps.,nbsp;Dial. Greg.), assechir von sec (O. Ps. loi, 12), saintir von saintnbsp;(St. Thom. 4), R 256 embelir von bel usw. Heute dient fast nur nochnbsp;-er zu Neubildungen. Vgl. A. Chr. Thorn Etude sur les verbesnbsp;dénominatifs en francais, Lund 1907.

c) Simplex und Komposituni.

Wo altlat. Primsilbenbetonung (S. 52) den Stamm von Simplex und Kompositum differenziert hatte, wurde vlat. nach Wiederher-stellung der Stammbetonung „rekomponiertquot;: pérficere wurde wiedernbsp;zu perfacere. In einzelnen Fallen aber blieb die Primsilbenbetonung: calefacit wurde gallorom. zu *calfat, der Inf. *calfare zunbsp;chaufer; có(n)s(u)o ,,nahe“: Inf. có(n)suere gt; cosdre, nfrz. coudre;nbsp;adérigo: Inf. adérigere aerdre (S. 170); vgl. condirgere aus condi'rigerenbsp;im Merowingerlatein Ro. F. 26, 882. — Betonung der Praposition imnbsp;Pras. bei endbetontem Inf halten: cólloco colche (colchier),\m^\{e.)oemplenbsp;(emplir), cólligo cueil (collir), cómputo conté (conter), Involo (imbolat,nbsp;vgl. Pirson Mélanges Wilmotte 503) emble (embler „stehlenquot;). Es brauchtnbsp;nicht gesagt zu werden, daG die Primsilbenbetonung blieb, weil dasnbsp;Simplex gefallen war, oder der Zusammenhang nicht mehr erkannt wurde.

d) Formen.

Gehen wir nun zum Verbum finitum über, so beobachten wir allerorts Vereinfachung des Formenreichtums (schon das kl. Lateinnbsp;hatte Optativ, Medium und Aorist aufgegeben), Neigung zur Um-schreibung (schon kl. amatus sum),, einzelsprachliche Uniformierungnbsp;der Endungen, Stainmrekomposition.

Von den Formen fallen vlat. ohne Ersatz: hnperativ auf -to, Partisip des Futurs, Inf. des Perfekts, Supinum und Gerundivum.nbsp;Vom Gerundium bleibt der Ablativ gebrauchlich zur Bezeichnungnbsp;einer Begleithandlung: it cantando „er geht, indem er (zugleich)nbsp;singt“. Formal fallt frz. das Gerundium mit dem nt-Partizip cantante(m)nbsp;chantant zusammen. — Vom hnperativ bleibt nur die 2. Sing, canta;nbsp;cantate fallt gallorom. mit cantatis zusammen, oder wird durch diesenbsp;P'orm ersetzt. —

Von den Genera Verbi verschwindet der formale Rest des Mediums: das Deponens. Plautus braucht cunctare für cunctari,nbsp;sagt aggredias für aggrediaris; vgl. Reich. Gl. 15 mandi: manducarenbsp;131 minatur : manatiat. — Das Passiv macht der Umschreibung mitnbsp;esse Platz: Kl. flektierte das Pras.: amor, das Perf: amatus sum;nbsp;vlat. das Pras.: amatus sum, Impf: -eram, Perfekt: -fui.

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IV, Formenlèhre, Die Konjugation.

Beim Tempus sind alle Arten und Grade der Veranderungen zu beobachten, welche die Konkurrenz flektierender und umschreibendernbsp;Formen hervorbringen kann; Beim Plusquamperfektum entwertetnbsp;cantatu(m) habeba(m) das weniger anschauliche cantavera(m), dasnbsp;dadurch mit seinem Konjunktiv zur einfachen Vergangenheit herabsinkt.nbsp;Damit treten gleichbedeutend miteinander in Konkurrenz: cantaba(m)nbsp;und cantavera(m) — cantare(m) und cantavisse(tn); nun stehen sichnbsp;canta(ve)ra(m) und cantare(m) alsbald lautlich zu nahe und fallennbsp;beide; cantare(m) urfrz., canta(ve)ra(m) findet sich noch im altestennbsp;Afrz.: Eulalia 2 auret (h)a(b)uerat, 3 voldrent vól(u)erant odernbsp;vóluerunt, vgl. S. 276^ 9 pouret pótuerat, Alex. 125 Hs. L firetnbsp;fecerat, das Hs. P durch fist ersetzt; vgl. Reich. Gl. 1132 trans-fretavit: transalaret (= alaverat): Das Plusquamperf. Ind. fiel alsnbsp;Luxusform der literarischen Erzahlung.

Vgl. Gamillscheg, Stud, zur Vorgesch. einer rom. Teropuslehre, Sitz. Ber. Ak. W. Wien 1913» § 172 ff. Beispiele für afrz. Plusquamperf. Ind.; § 167 Zusammenstofinbsp;von canta(ve)rat und cantaret.

So bleiben im Indikativ der einfachen Vergangenheit: cantaba(in), im Konjunktiv cantavisse(m); die Vorvergangenheit wird umschrieben.

Wieder anders beim Perfekt: Hier steht die Luxusform: can-tatu(m) habeo ohne Störung neben cantavi, und bis ins Nfrz. halten sich Passé simple und Passé Composé, Afrz. ohne besondere Bedeutungs-unterschiede. Erst nfrz. stirbt cantavi aus, und nun ergeben sichnbsp;schriftsprachliche Unterschiede, die im wesentlichen cantavi aufnbsp;literarischen Gebrauch (Perf. Historicum) beschranken. Gilt dies fürnbsp;Paris und das Seinebecken (vgl. Herzog, Stück 9, Marne), so haltennbsp;die Mundarten vielfach noch cantavi (Herzog § 448 ff), wenigstensnbsp;einzelne Formen davon, doch werden diese Reste der Lacherlichkeit,nbsp;die absterbenden Formen anhaftef wohl alsbald zum Opfer fallen. —nbsp;Das Futurum, I macht der Umschreibung cantare habeo durchausnbsp;Platz, nur ëro bleibt im Afrz. Das Futurum II weicht cantarenbsp;habeba(m). — Wie das nachgestellte Hilfszeitwort zur neuen Endungnbsp;wird, haben wir S. 180 beobachtet. Das mag der Grund sein, dafinbsp;nach neuen, der Sinn-Oxytonierung besser dienenden Umschreibungennbsp;gegriffen wird; So wird zuerst agln., vielleicht nach dem Engl., dannnbsp;auch sonst vouloir mit Inf. Luxusform für das Futur: B 5 genznbsp;vuelt embuschier ,,er wird seine Leute im Wald verstecken“, stehtnbsp;zwischen drei Futuren; istra, fera, iert. Ahnlich B 229, 232, wo abernbsp;ein volebat zugrunde liegt (235 Anm.), und 293: vos vuel dire „will

') V. Ettmeyer lekrt (Vademecum S. 62), dafi cantare habeo erst im IX. Jahrh. von Süden her durch Vermittlung des Kirchenlateins nach Frankreich kam. Dem wider-spricht, dafi Fredegar I, 62 den Emporkömmling Justinian, auf das „non daboquot; desnbsp;Perserkönigs, „darasquot; „du wirst’s geben!“ antworten laCt.

IS*

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228 IV. Formenlehre. Die Konjugation.

ich euch erzahlen“. (Vgl. S. i8o; A. Schwake vouloir Inf., Diss., Gött 1915, S. 95, 194.)

Beitn Modus ist ein Abnehmen und Zusammenschrumpfen des Konjunktivs zu bemerken. Er verliert frz. die irrealen Bedingungs-satze: Das Nfrz. macht si habebam (R 320) zur Regel, vgl. R 18nbsp;se j’osasse gt;gt; nfrz. si j’osais. In Mundarten geht dieser Abbau weiternbsp;(Herzog § 559, ALF $76 je veux . . . que ga finisse usw.).

Vor allem aber werden beide Konjunktive in den Mundarten auf einen reduziert, wobei meist dieFormen eines der Konj. vorbildlichnbsp;sind (vgl. lothr. Ps. § 123, Herzog § 467 ff., unten S. 286). Ursachenbsp;ist wohl, dafi, wenn die Zeitstufe einmal ausgedrückt ist, sie nichtnbsp;wiederholt wird wie in der Schriftsprache: je veux — que tu viennes;nbsp;je voulais ¦— que tu vinsses. Infolgedessen sind im Z. die Formen desnbsp;Impf. Konj. heute nicht mehr gebrauchlich und werden nicht mehrnbsp;verstanden. Man empfindet sie als lacherlich oder gar als beleidigend:nbsp;-asse, -isse'NQtden pejorativ empfunden; vgl.rêvasser, finasser, rapetisser.nbsp;So sagt A. Hermant in Les grands Bourgeois (Kap. VII): „Cetnbsp;imparfait du subjonctif (travaillassiez) lui parut une des parolesnbsp;les plus ridiculesquot; . . . Ein Barbier schmeifit einen Kunden heraus,nbsp;der das Ansinnen an ihn gestellt; „je voudrais que vous me coupassieznbsp;la barbelquot; mit der Riposte: „Ici on ne coupasse pas!quot; Zahllos sindnbsp;die Scherze, mit denen der Franzose das Frangais de professeurnbsp;verulkt, dessen Hauptcharakteristiken Passé Simple, Subjonctif denbsp;l'imparfait, Inversionsfragen, preziöse Bindungen usw. sind. Sprach-wissenschaftlich eine höchst interessante Tendenz, die an Kun o vonnbsp;Béthunes Erfahrungen im XII. und XIII. Jahrh. gemahnt (vgl. S. 37).

Bei den Eudungen ist nur das Verstummen von i nach mehr-facher Konsonanz (vgl. S. 56), und danach analogisch oft auch nach einfacher, ein vlat. Vorgang. Der Schwund ist alter als die Assibi-lierung von ti, wie *mento, *sento aus mentio, sentio u. a. zeigen.nbsp;Dagegen blieb i nach einfacher Konsonanz in facio faz, sapia(m)nbsp;sache, der Kurzform *aio (habeo) ai usw.

In der 6. Plur. Ind. ist i auch nach einfacher Konsonanz durch-aus geschwunden: faciunt wird vor der Assibilierung zu *facunt. Vgl. S. 126, 233.

Im übrigen aber sind die Uniformierungen der Endungen einzel-sprachlich und weichen (nicht nur im Frz.) von Mundart zu Mundart ab. Bei diesen Uniformierungen beobachten wir vorab folgende allge-meine Erscheinung:

Hilfsseitwörter und Modalverben bilden eine Klasse für sich, die sich der Uniform gern entzieht — aber für die Uniform des

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IV. Formenlehre. Die Konjugation.

Verbum Finitums oft vorbildlich wird: So wird sümus sons zum Vorbild für die Uniform der 4. Person: avons, chantons. Nun ergibtnbsp;es selber somes (S. 178), worauf diese Form mundartlich wiederumnbsp;vorbildlich wird und analogïsches avomes, c/tantotnesnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Christian,

vgl. S. 234^) nach sich zieht.

lm übrigen verhalten sich die Endungen folgendermaCen;

1. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Da-o meist verstummte (auCer frkoprov.), sind dernbsp;Ind. Pras. und der Konjunktiv Pras. der lt;z-Klasse ungeschwanzt, wonbsp;nicht Stütz-if Endung bildet. Infolgedessen ist hier das Bestreben dernbsp;Sprechenden, die Formen durch analogische Endungen zu verdeutlichen:nbsp;In der a-Konjugation sind Stütz-é'-Verben vorbildlich: Nach caballiconbsp;chevalche u. a. wird canto chant afrz. fakultativ zu chante- in dennbsp;anderen Konjugationen dominieren Formen auf -s (finis) oder -z (faz),nbsp;und so reimt R 135 aprens statt aprent] vgl. S. 239.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Das für sie charakteristische Endungs-j wird auchnbsp;in der Perfektendung -asti (-dvisti) eingeführt: chantas. Das Aprov.nbsp;bleibt bei cantest stehen.

Die 3. Person endet auf t, das nach Vokal seit dem XII., nach Kons. seit dem XIII. Jahrh. verstummt.

Bemerkung. Das durchgehende Verstummen dieser alten und neuen Endungen hat als syntaktische Folge, das bis auf wenige Restenbsp;(n'importe, sais pas) unbedingte Aussetzen des Subjektspronomens.

Die 4. Person wird auf -ons, resp. -ions, -iens (S. 234f., 238 f., 267) uniformiert; afrz. sind nur somes, faimes, dimes, ermes und dienbsp;Perfektendungen stammbetont, nfrz. nur die Perfektendungen undnbsp;sommes. Mundarten gehen andere Wege^).

Die 5. Person folgt -atis, resp. -iatis und wird auf -ez, resp, -iez uniformiert — estcs, faites, dites, seltenes traites (Erec 4030), dasnbsp;Perfekt (R 40) bleiben unausgeglichen. Auch hier weichen Mundarten ab^).

Die 6. Person entwickelt sich normal (S. 126): -ent ergibt ent-nasaliert -et (Meigret S. 103); t bleibt in /Ier Bindung lautend

’) Die stamrabetonten Indikativformen standen neben endbetonten Konjunktivformen: So dürfte QLR lo fachuin „laCt uns machen“ faciémus sein. Das ware ein Latinismus!nbsp;Der Hortativ ist frz. meist Indikativ; vgl. Eul. tuit oram, Ro. Gr. III, § Il8. Mannbsp;erwartet also faimes. — lm Westen wird die Endung -ons zu -on (Normandie und Teilenbsp;der Pikardie; B 289 avuni)-. -s wurde also als Kennzeichen der 2. resp. $. Personnbsp;empfunden und in der 4. getilgt, wie -t in der 2. des Perfekts. — Wenn in nö. undnbsp;ö. Texten alle Formen auf -ons Nebenformen auf -omes (NO., Erec 43, 898), allenbsp;auf -iens solche auf -iemes (Lanz. 2382 veignijmes (Konj. PrSs.), 5176 venïiemesnbsp;(Imperfekt), Eracle 4635 seriemes) entwickeln, so möchte ich darin wiederum Beein-flussung von sons, somes sehen. Doch vgl. M. L. Z. f. S. 44, 92.

“) Über Erhaltung stammbetonter 5. Person in Mundarten Herzog, § 429.

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IV. Formenlehre. Die Konjugation.

(chantent-ils, wonach nfrz. auch 3. chante-t-il). In den Mundarten aber findet sich vielfach Endbetonung: ils chantont (vgl. Passion 80, 174);nbsp;volksfrz. fallt die 6. und 3. zusammen, wie dies in der a-Konjugationnbsp;normal ist (M. L., Frz. Gr. § 294 ils boivent wird zu ils boii).

In Summa bewahren die Endungen Unterschiede der Konjugations-klassen im Prasens und Perfekt. Nur die 4. und 5. des Prasens hat analogisch Uniform angelegt, die 6. durch Lautentwicklung. Imnbsp;Imperfektum dagegen bewahren nur Mundarten Reste der Klassen-verschiedenheit, wahrend das Z. nach -ê(b)a(m) (habë(b)a(m)) urfrz.nbsp;uniformierte. Die Klassenunterschiede des Futurums beschrankennbsp;sich naturgemaÜ auf die Infinitivendung, die hier zwischentonig istnbsp;(1cantaraio, 1partiraio). «/-Partizipien und Gerundien werdennbsp;auf -ant (-ante(m), -ando) uniformiert.

Was schliefilich den Stamm anbetrifft, so ist der Ausgleich der Verschiedenheiten stammauslautender Konsonanten im allgemeinennbsp;urfrz. (S. Zwischenton und Panultima S. 117 ff.) — Der vokalischenbsp;Ablaut aber ist im XII. Jahrh. noch so gut wie rein erhalten, undnbsp;erst dann mehren sich die Ausgleichsbestrebungen, die nur beinbsp;haufigst und selten gebrauchten Verben nicht zur Stammunifonnnbsp;führen: je trouve (afrz. treuve), trouvons — aber je peux, pouvons, —nbsp;je meurSy mourons.

Bemerkung. Ein Teil der im vorigen behaupteten Vorgange wird neuerdings als nicht analogisch, sondern als Folge lautlicher Entwicklung erklart: Vgl. J. U.nbsp;Hnbschmied, Zur Bildung des Imperfekts im Frankoprovenzalischen, Bh. Zt. 58 (1914).nbsp;Die Arbeit stammt von einem Schuier Gilliérons, diesem gewidmet. Sie geht von demnbsp;Studium neuer Mundarten aus und der Beobachtung, wie in diesen alles Wortmaterialnbsp;Doppelformen bildet, jedes Wort also satzphonetisch eine Tonform und minderbetontenbsp;Formen besitzt. Die Beobachtung wird auf das Afrz. übertragen: Wenn afrz. habêtisnbsp;aviz ergibt und nicht wie erwartet aveiz gt; avoh, so sei dies nicht Analogie nach -atis,nbsp;sondern eine Verallgemeinerung von unbetontem avez neben satzbetontem aveiz. — Innbsp;der Tat wird man heute selbst bei gebildeten Ostfranzosen nebeneinander 3an e deinbsp;(oder doq), aber de ml, resp. 3an ei horen. Die meisten östlichen Dialekltexte bietennbsp;Entsprechendes. Ja auch Hochfranzösisch steht, wie wir gesehen, nebeneinander:nbsp;vwala la ro:z — und ; la roz e bsl. Dagegen würden wir aber im Afrz. vergebens nebennbsp;chanteroiz-chanterez nach einem roi — ^re, trots —¦ 1tres suchen!') Es ist eben, wienbsp;wir gesehen, heute der Satzakzent, urfrz. der Wortakzent, der dominiert: heute engenbsp;Bindung aller Worte (schnelles Tempo), urfrz. nur enge Bindung kleinerernbsp;Wortgruppen (langsames Tempo) üblich. Nomina, Verba, die meisten Adjektivanbsp;zeigen afrz. nur Tonformen oder Nebentonformen. Doppelformen nur bei Monosyllabis. —nbsp;So macht die Schrift, wie mir scheint, den Fehler, Probleme der alteren Sprachenbsp;an der heutigen zu messen; Der moderne Linguist beobachtet, wie durch den heute

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Mehrfaches en siecles de steles O. Ps. 82, 16; 83, 5; 88, 29; 103, 6; 131, gt;5 ist ganz isoliert. Vgl. noch 92, 3 des Ie secle tu ies. Umgekehrt am Satzschlufi (allerdingsnbsp;ist auch 103 Satzschlufi) lio, 3; tu, 3 en secle de siecle. Es mag en siecle seclór zu-grunde liegen.

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IV. Formenlehre. Die Konjugation.

pulsierenden Verkehr, das standige Nebeneinander von Patois und Schriftspracbe, die Lautentwicklung paralysiert wird — und er erklart den Bankerott der Lautgesetze. Odernbsp;er beobachtet, wie der Satzton aus jedem Wort heute Satzdoubletten formt — undnbsp;er erklart den Bankerott der Analogieschlüsse. Es scheint mir, dafi ein solches Verfahrennbsp;zu ganzlich verfehlten SchluCfolgerungen führen mufi, und so besteht die altere An-schauung von der Wirkung standiger Assoziationen unter den Formen durchaus zu Recht.nbsp;Dagegen ist es vollkommen richtig, dafi in modernen Mundarten erst geprüft werdennbsp;mufi, ob eine schwachere, undiphthongierte Form nicht Satzdublette ist, ehe man annbsp;Analogie appelliert. Insofern ist aus der Hubschmidtschen Arbeit viel zu lemen.

e) Abkommen einzelner Formen und ganzer Verben,

Auch einzelne Verben kommen ab und werden durch Luxus-formen, gelegentlich Verlegenheitsbildungen ersetzt: Stammbetontes secourre ist endbetontem secouer gewichen (S. 224); schon imnbsp;XVI. Jahrh. war secourre selten (Ekblom, S. 64). — Dagegen stehtnbsp;heute noch geindre (,Jammern“, despektierlich!) neben gémir. —nbsp;Afrz. cretnir aber hat weder formal, noch semantisch craindre ver-drangen können. Es ist also nicht der endbetonte Infinitiv,nbsp;der den Stammbetonten verdrangt! — Sehen wir uns R an:nbsp;trahit ist i'mzV (Überschrift von R 90) — traxit ist traist (R 102, 117);nbsp;sobald j verstummt (vgl. S. 164), fallen beide Formen zusammen!nbsp;Das Verbum ist für wichtige Formen zweideutig und wird infolgedessennbsp;defektiv: Es hat heute kein Passé simple; darum raumt es tirer dennbsp;Platz, auf traire les vaches beschrankt ^). Ebenso wurde radit ret gleichnbsp;rasit re(s)t, und raser (Meigret S. 108) ersetzte das Defektivum.nbsp;Freilich bleibt die Gleichheit bei dire bis heute; je dis ,,ich sage“ =nbsp;je dis ,,ich sagte“. Aber hingenommen haben dies die Sprechendennbsp;auch nicht ohne weiteres; Afrz. ist dico di (R 172) von dixi disnbsp;(R 168) noch getrennt, solange -s lautet. Viel früher fallen dicit ditnbsp;und dixit di(s)t zusammen: Nun vgl. man, wie R zwar immer distnbsp;sagt: 123 et me dist, 221 Ce dist amours, 288 il me dist, — abernbsp;dit stets umschreibt: 9 Fait Courtoisie, 157nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Man hilft sich

wie man kann, Andre Verben gehen an Defektivitat oder Zwei-deutigkeit zugrunde; dire, rire, die -isco-Verben (und conclure, confire) bleiben unbeeinfluGt. Die ,,natürliche Ungleichheitquot; herrscht auchnbsp;hier, der starke Organismus ertragt die Erkrankung, — der Schwachenbsp;geht daran zugrunde^).

*) traire hat selber mulg-ere moldre ^ mouare ersetzt, das in den Dialekten, die Sprunglaut haben, mit mölëre moldre ^ moudre du blé zusammenstiefi. (Gilliéron,nbsp;Etude de Géogr. linguistique).

2) Oft brachte endbetontes Perfekt Heilung: destruxit dcstruist, nfrz. détruisit^ morst ,,bi6“, nfrz. mor dit, extinxit estinst, nfrz. éteignit. Die Beispiele aus Dial. Greg.nbsp;70, 71, 72. Die Ersatzformen entstanden im XIII. Jahrh. Aber auch iraisit bestand,nbsp;ohne retten zu können. — Noch andere Gründe können ein Verbum ungebrauchlich

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233 IV. Formenlehre, Das Prasens von estre.

Nicht nur innerhalb des eigenen Systems kann ein Verbum in dieser Weise „erkrankenquot;, sondern, wie alle Wortgattungen, kann esnbsp;durch Laut- oder Formentwicklung mit einem anderen Worte zu-sammenstoGen: So war ester stare mit estre 1 2essere im Imperfektnbsp;(estoie, so nur im Z.; im W. ist staba(m) estoue, im O. esteive) undnbsp;Partizipium (estant, este) gleichlautend geworden. Deshalb hat mannbsp;vermutlich estoie, a esté ,,stand“ durch de bout ,,aufrecht“, „strakquot;nbsp;kenntlich gemacht, worauf denn ester verschwand und se tenir deboutnbsp;(afrz. in übertragener Bedeutung; „sich gerade, redlich zu jemand haltenquot;,nbsp;M. Brut 462, Lanz. 3318), être debout an die Stelle rückte2). — Dagegennbsp;storen sich je loue la maison und je loue Vélève in keiner Weise.

Kapitel 2.

Das Prasens. a) 2essere estre.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Person Ind. Vlat. stand neben betontem són unbetontes sonbsp;(Diehl 290). — Afrz. sui (R 13) geht also auf sp zurück, zeigt abernbsp;Mischung mit einem 9-Stamm: Da Alex. 220 soi schreibt, liegt vermutlich Q -f- i zugrunde^). Das i dürfte habeo gt; 2aio (S. 234) ent-stammen, das 9 vielleicht gallorom. 2p9Ssio, dessen Vorbild auchnbsp;urfrz. in der Modalklasse wirksam war (S. 241).

2. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Vlat. stand fs neben es (Doppelformen). Das afrz.nbsp;ies geht also normal auf fs zurück. Erst um 1150 erscheint auchnbsp;afrz. es: O. Ps. 85, 9 granz ies tu ... tu es Deus. Da sich sonstnbsp;beim Hilfszeitwort vlat. Doppelformen im Afrz. nicht erhielten, sonbsp;dürfte dies es (R 179) sekundare, nachvokalische Form sein, die ur-sprünglich auf tu es (O. Ps. S. 251 auch tu ies) beschrankt war.nbsp;Vgl. M. L., Z. f. S. 44, 100. Spater wurde dann es verallgemeinert.nbsp;Der O. halt ie: Bartsch 73, 27, Herzog 13, ii vérousque t’ie? =nbsp;Ou es tu?

1

werden lassen: Der unpersönliche Ausdruck weicht dem persönlichen, il n( m'en chaut — je m’en moque, nten fiche. Solche Affekte ausdrückende Verben scheinen steternbsp;Neuschöpfung unterworfen; ga me cuit, ga m'intéresse, „es ist mir Wurst“, „Pipequot;, „Hekuba“,nbsp;Ob eine zu starke Bedeutungsdifferenzierung zum Untergang beitragen kann, scheintnbsp;fraglich; Die Polysemie traire „schiel5en“ (R 102), traire mal „schlecht gehn“, trairenbsp;la merelle „Brettstein ziehenquot;, traire sanc „Blut entziehenquot; (R 117), traire a fin „beenden”' (B 226) usw. kann zum Untergang von traire und zum Ersatz durch: tirer, senbsp;porter mal usw. beigetragen haben. Vgl. R. Ekblom, Etude sul 1‘extinction des vertesnbsp;au preterit en -si et en -ui en francais. Diss. Upsala 1908, S. Ii4ff.

2

Vgl. auch Bible G. 594 Je dirai reson tot de bout — et droite verité und Athis Tours 5870; auch Athis 3841 ist de bout zu lesen. Alter sind andere prazisierendenbsp;Ausdrücke: Leod. 230 ester sor piez, O. Ps. 121, 2 estant esteient.

Vgl. Neu-Wallonisch Herzog I, 4 dsi so = je suis und Pernoux S. 26.

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233

IV. Formenlehre. Das PrSsens von estre.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Vlat. stand vorkonsonantisch es (vgl. S. 129) nebennbsp;vörvokalischem est; die Qualitat des e ist nicht sicher. Afrz. ent-spricht est (vgl. M. L., Frz. Gr. § 323), nfrz. e. Offenes e in öst-lichen Dialekten ist sekundar, auch et „und“ ist dort heute e. lmnbsp;Wallon. bleibt s vor t lautend, und so ist die vorvokalische Form £stnbsp;die vorkonsonantische Form e^).

4. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Die doch wohl normale Form sons sümus findetnbsp;sich im M. Brut 826 Livreit i suns a grant turment, bei Rustebuef,nbsp;im Aiol und Mél. im Reim (3347 und sonst)^) bis heute in Mund-arten. Alex. 616 hat schon analogisches esmes, und 617 sumes.nbsp;Vermutlich konkurrierte also ursprünglich analogisches esmes mitnbsp;normalem sons: somes ist Mischform aus beiden; esmes ist deutlichnbsp;nach der 5. Person estes gebildet (wie suimes, Pernoux S. 80, nach suï).nbsp;Nach dem Vorkommen bei Rustebuef und ALF 506 zu schlieCen, istnbsp;sons die zentrale und ö. Form, somes gehorte ursprünglich demnbsp;NW. an.

5. nbsp;nbsp;nbsp;Person, estis ergabe 1 2ez wie füstis fuz, vgl. S. 164. Dasnbsp;Aprov. erhalt etz ungeschwanzt, estes (R 357) ist also analogisch:

/ nbsp;nbsp;nbsp;^00

Ebenso wie siste (sëxtu(m), Erec 1697) nach sëptimu(m) sedme (S. 117) gebildet wurde, folgte urfranzösisch vos estes (éstis) den in der Rede

00 nbsp;nbsp;nbsp;gt;00

ihm am nachsten stehenden vos faites (facitis), vos dites (dicitis),

00

vós traites (trdhitis); vermutlich bestanden damals noch vos creites (kret in neuen Mundarten = vous croyez) u. a. m. Herzog, § 429. —nbsp;Analogisch tu ies kommt auch vos iestes vor: (Bartsch 73, lo, vgl.nbsp;73, 27, XIII. Jahrh. 0.=).

6. nbsp;nbsp;nbsp;Person, sunt entwickelt sich normal zu spnt, ist vermutlichnbsp;das Vorbild von pnt (habent), wenn nicht Kurzform ha(b)unt an-zunehmen ist, vadunt (va(d)unt?) vpnt und fac(i)unt fpnt (Jonas hatnbsp;normales feeni)\ B 45 funt, 130 vunt, 165 unt. Die lautliche Ent-wicklung laCt keinen sicheren Schlufi zu, da pn und pn urfrz. zusammen-fielen: S. 94.

Konjunktiv Singular: Lat. sïm (altlat. sïem Plautus) ist vlat. *sia(m). Vermutlich ist, wie beim Indikativ 2aio, die Kurzform 2aja(m)nbsp;((h)a(b)ea(m)) Vorbild. Nur die 3. Sing, entzieht sich, der Haufigkeitnbsp;ihres Gebrauchs vor satzunbetonten Worten halber, der Analogie undnbsp;bleibt einsilbig: Eide sit, Jonas 4 sit, Alex. 287 seit. Rol. 391 „seit

1

’) Herzog i, 13 s est in efaf, k e nove: vnu „es ist ein Kind, das neu ge-kommen ist“.

¦2) sons ist also vom XII. bis XIV. Jahrh. belegt.

2

iestes ist also nicht (Pernoux S. 98) auf das Gebiet beschrankt, in welchera gedeckt ? diphthongiert (vgl. S. 87).

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234

IV. Formenlehre. Das Prasens von estre.

ki rociet“ „sei einer, der ihn töte 1“ QLR 183 „seit cume te pleisf' „es sei, wie es dir beliebt!“ — Passion 240 sza ist Provenzalismus,

12 nbsp;nbsp;nbsp;3nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;4 (4a)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;5nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;6nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;7nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;8

da -a im Achtsilbler überzahlig: sobre nos si-a toz li pechez. Auch die Assonanz ist verderbt. — Alex. Fragm. 8 que tot non sie vanitas istnbsp;frankoprovenzalisch. (Vgl. M. L., L. BI. 1915 S. 93.) Die Form vonnbsp;soit (Einsilbigkeit, festes / S. 135) wird dann auf 1aiat aiet (Jonasnbsp;Verso 28 ne aiet niuls male voluntatem — nee habeat nullus) über-tragen gt; ait. — Umgekehrt werden wir bei optativisch oder affektischnbsp;verwendeten Verben eine Konjunktivform mit analogischem e: reneienbsp;renëget bei der a-Konjugation antrefifen (S. 237).

Konjunktiv Plural: DieFormen sind normal entwickelt; 1siamus, *siatis ergaben urfranzösisch 1sijamus, 1sijatis (vgl. S. 155), die Ent-wicklung der Endung ist nach Bartschschem Gesetz normal; 4. seiiensnbsp;)gt; soiiens (Christian); daraus analogisch soions (Lothr. Ps. § 119),nbsp;im NW. schon Rol. 1046 seium\ 5. seiiez steht neben seltenemnbsp;seiz-vos (sïtis?) O. Ps. 113, 24; 33, 5: Aprismez a lui e seiz enluniinetnbsp;„Nahet ihm und seid erleuchtet“ (S. 263).

Ind.

Konj.

1 nbsp;nbsp;nbsp;sui

2 nbsp;nbsp;nbsp;ies (tu es)

3 nbsp;nbsp;nbsp;est

4 nbsp;nbsp;nbsp;(sons, esmes), somes

5 nbsp;nbsp;nbsp;estes (iestes)

6 nbsp;nbsp;nbsp;sont

1 nbsp;nbsp;nbsp;seie )gt; soie

2 nbsp;nbsp;nbsp;seies gt; soies (R 271)

3 nbsp;nbsp;nbsp;seit soit (R 274)

4 nbsp;nbsp;nbsp;seiiéns )gt; soiiens — soions

5 nbsp;nbsp;nbsp;seiiéz )gt; soiiez

6 nbsp;nbsp;nbsp;seient ]gt; soient.

Bemerkung. Jüngeres Afrz., Nfrz. suis, sois (j in der Liaison

lautend: je suis^n hommé) erklaren sich aus der Entwicklung der I. Pras. Ind. in der -e-, -i-Klasse. Vgl. S. 229.

Ch. Pernoux, Die Formen des Pras. Ind. von Hre nach dem ALF. Diss. Basel 1909.

b) habêre avoir.

Ind. Singular. Die romanischen Sprachen gehen auf vlat. Kurz-formen 1aio, 1as, 1at zurück, afrz. ai, as, a(t) sind also nebentonig normal, habeo hatte 1age ergeben, vgl. S. 144, M. L. frz. Gr. § 317.

Ind. Plur. 4. Person. Urfrz. hat (h)abëmus mit der e-, i-Kon-jugation -ons (B 289 avuni) als Endung angenommen. Reste von -ëmus linden sich nur im SO., der hier mit dem Provenzal. geht (aprov.nbsp;aveni). Ö. avomesl^rec^io, vgl. Parz. 2371 f.) iolgt somesin heutigennbsp;Mundarten finden wir nous ons nach nous sons. Unten S. 244.

5. Person. Ebenso hat (h)abêtis urfranzösisch das -atis der a-Konj. angenommen: avez. Doch zeigt der O. (Lothringen und SO.) laut-

. de Londres

1

Vgl. Formeln wie Bueve II 4368 „sommes de Couloingne,

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IV. Formenlehre. Das Frasens von avoir. 235

gesetzl. Formen für die ganze ë-Konj., also avoiz. Wo allerdings seit dem XII. Jahrh. in einem östl. Text aveiz steht, wie Lothr. Ps. 67,nbsp;16, handelt es sich um -atis gt;gt; östl. -eiz (vgl. S. 100), da -ëtis damalsnbsp;langst -oiz war.

6. Person. Die analog. Form habunt kommt in der Lex Visi-gothorum (Zt. 5, 43) vor; afrz. ont kann auf der Kurzform *aunt beruhen (vgl. frk. haunifa Rol. 1701 hunte), oder es ist spnt nachgebildet.

Konjunktiv. Auch hier liegen b-lose Kurzformen: *aia(m), *aiamus usw. zugrunde. (h)abea(m) hatte '^age ergeben wie rabianbsp;rage. Die Entwicklung ist normal. Assoziative Störungen zeigen:

3. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Normales aiet aus *aiat haben Jonas und Alexius,nbsp;vgl. S. 234; ait (festes t) folgt früh normalem soit.

4. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Mit normalem««^«^(BartschschesGesetz: So Christian,nbsp;Lothr. Ps. usw.) konkurriert mundartlich früh aions (Rol. 60 aiuns).

Ind. nbsp;nbsp;nbsp;Konj.

1 nbsp;nbsp;nbsp;ainbsp;nbsp;nbsp;nbsp;aie

2 nbsp;nbsp;nbsp;asnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;aies

3 nbsp;nbsp;nbsp;a(t)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;ait

4 nbsp;nbsp;nbsp;avonsnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;aiiensnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;— aiions')

5 nbsp;nbsp;nbsp;aveznbsp;nbsp;nbsp;nbsp;aiiez

6 nbsp;nbsp;nbsp;ontnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;aient

F. Hild Pras. (Ind.) . . . von avoir nach . . . ALF, Diss. Bonn, 1905.

c) a-Konjugation (canto chant, sïmïlo semble).

1. nbsp;nbsp;nbsp;Pers. Ind. und Konj. Da Ultima -o (Ind. canto) wie Ultima -enbsp;(Konj. cante(m)) verstummen, sind beide Formen gleich und endungslos.,nbsp;In Proparoxytonis und M. c. L.-Stammen haben Ind. und Konj. Stütz-i?:nbsp;sïmïlo und sïmïle(m) semble, intro und intre(m) entre, repatrio undnbsp;repatrie(m) repaire.

2. nbsp;nbsp;nbsp;und 3. Pers. Ind. und Konj. Da der lat. Ind. Ultima-anbsp;hat (cantas, cantat), der lat. Konj. aber Ultima-e (cantes, cantet),nbsp;unterscheiden sich beide Modi afrz.; Ind. chantes, chante(t); Konj.nbsp;chanz, chant. — Dieser Unterschied ist für Stütz-(?-Verben aufgehoben:nbsp;sïmïlat wie sïmïlet ergeben semble(t).

4. Person. Urfranzösisch wichen -amus und -ëmus analogischem -ümus, so daC chantons (resp. semblons) Ind. und Konj. ist.

6. Person, -atis entwickelte sich ungestört zu -ez, nach Palatal zu -iez, (pacatis paiiez), im Osten entspricht -eiz (vgl. S. 100). Diesenbsp;Formen werden für die 5. des ganzen Verbums vorbildlich. Auch der

') -tens bleibt in vielen Mundarten bis heute, vgl. ALF 100.

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236

IV. Formenlehre. Das Presens der a-K!asse.

Konj. Pras. folgt ihnen frühzeitig. — Normale Konjunktive Pras. auf -eiz, -oiz finden sich im W. und O., aber nur sporadisch; Rol. 508nbsp;ameneiz^ lies amenreizï Erec 174 parloiz, Veng. Rag. 1528 convoioisnbsp;conviëtis, Flo. 469 pardonoiz, 471 pansoiz, alle in Assonanz oder Reim;nbsp;Bartsch, Troja 122, 129 aleiz im Versinnern.

6. Person, cantant und cantent ergeben normal chantent.

Stütz-e-lose Verben.

Ind. chantnbsp;chantesnbsp;chante(t)nbsp;chantonsnbsp;chantez (paiiez)nbsp;chantent

Konj. chantnbsp;chanznbsp;chantnbsp;chantonsnbsp;chantez (paiiez)nbsp;chantent

Sttitz-c-Verben.

Ind. und Konj. semblenbsp;semblesnbsp;semble(t)nbsp;serpblons^)nbsp;semblez (chevalchiez)nbsp;semblent.

In diesem System hat nun die Speechenden mancherlei gestort: Die Infinitive chanter, sembler waren gleich — die Prasentia verschieden.nbsp;Das forderte zum Ausgleich heraus. — Weiter störte die Endungs-losigkeit der i. in der chant-K.\a.sse und die Merkmallosigkeit dernbsp;meisten Indikativ- und Konjunktivformen, wahrend groCe Unterschiedenbsp;der Modi afrz. weniger storen: Vgl. firmat conferme (O. Ps. 103, 17),nbsp;firmet O. Ps. 19, 4 confert; gubernat governet, gubernet O. Ps.,nbsp;S. 360 (spate metrische Psalterübersetzung) goverst (zu s vgl. S. 258nbsp;oben). Wie wurden obige Störungen nun beseitigt?

«) Ausgleieh zwischen chant- und sewö/e-Klasse: Die Proparoxytona richten sich chronologisch zuerst nach den Paroxy-tonis: dübito ist immer, wie R 173, dot statt dote, dübitas bleibt dotes;nbsp;seltener sind Parz. 1654 bias (blasphemo) statt blasme, QLR 31 jugnbsp;(judico). Es entsprechen analogische Konjunktivformen: Tr. B. 3334nbsp;dot (dübitet im Reim), Cligès 227, 3053 blast blasphemet in dernbsp;Redensart qui que li blast et deslot (dis-laudet), also aus blasme (wienbsp;Rol. 1546 schreibt, wahrend das Versmafi blast fordert) nach lot aus-geglichen; sicher hat, wenigstens mundartlich, das Bestreben, eine be-sondere Konjunktivform für die 2., 3. Person zu schaffen mitgesprochen.

In anglnorm. Texten geht dieser Ausgleich besonders weit: 2109 chevalzt (caballicet), 2682 culzt (cóllocet), QLR 54 deliurtnbsp;(deliberet), 133 cumenzst (cum-fnitiet), O. Ps. S. 246, 51 esculurstnbsp;(excollübricet).

Früh ist auch der umgekehrte Vorgang belegt, dafi namlich ^’-lose Formen gelegentlich -e annehmen, was Ind. undKonj. völlig gleichsetzt:

*) Über die -en, -emes-Vormen, welch letztere pik. und lothr. bleiben, Tgl. S. 229'.

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237

IV. Formenlehre. Das Presens der a-Klasse.

I. Ind. chant gt; chante wie semble; vgl. Eneas 3822 „molt me merveilquot;' im Reim mit conseil^ aber 3468 „Molt me merveille de felgent'‘.

I., 2., 3. Konj. chanty chanz^ chant werden zu chante, chantes, chante(t) nach semble usw.

Hier muC noch ein anderes mitbestimmend wirken, als bloCer Systemzwang: Denn wenn auch im Ind. i chant aus dem System fielnbsp;und chante aus den anderen Formen des Ind. Sing, verstanden werdennbsp;kann, so ist im Konj. 6 chantent zu isoliert, um die Schwanzung zunbsp;erklaren: Und gerade im Konj. ist sie sehr alt: Eul. 6 qu'elle deonbsp;raneiet (*renëget); ebenda 26 que degnet (dignet); Alex. 312 Hs. Lnbsp;que lur anseinet (*insignet) usw.

Andererseits ist das „Klassennebeneinander“ gewiC mitbestimmend gewesen: Vgl. QLR 2it, De ci que jo repaire (repatrie(m)) e vus remue (remüte(m)) d’ici; — aber jenes isolierte und starknbsp;affektische que jo deu reneiel wird man so nicht erklaren wollen: Dasnbsp;-e war die einzige Ressource zur Schwanzung der Affektform ^), es lagnbsp;im eigenen Indikativ, im Konjunktiv mehrerer Klassen, im eigenennbsp;Imperativ vor, — und darum haben wir im Eneas merveille nebennbsp;merveil, im O. reneie neben reneit, im Z. vielleicht *reniet nebennbsp;renit (G. Ste. 4324). Diese ,,Optativformen“ kommen seit altesternbsp;Zeit allerorts gelegentlich vor und zwar bei besonders gern affektischnbsp;gebrauchten Verben der a-Klasse. Sie stehen stets neben den un-geschwanzten Formen: (jo doinst Dieus — Dieus doinse^), und dasnbsp;wird dann auf andere Klassen übertragen: puist il (analogisch) —nbsp;qu’il puisse (normal). Dazu vgl. unten S. 242 f. Der Zusammenfall desnbsp;Konjunktivs mit dem Indikativ in der a-Klasse scheint nicht gestortnbsp;zu haben: Vgl. QLR 9 Jo te pri que nel me ceiles (Konjunktiv). E sinbsp;tu Ie me ceiles (Indikativ?) „Ich bitte dich, dafi du es mir nicht ver-bergest. Und wenn du es mir verbirgst.“

Mit zunehmender Ausbildung der Schriftsprache steigt die Be-deutung des Systemzwangs. Seit dem XIII. Jahrh. mehren sich die geschwanzten Formen: In der I. des Ind. wie im Konjunktiv. Dienbsp;prinzipielle Durchführung der Analogie ist erst nfrz. (XVII. Jahrh.).

Beispiele: R 214 enrommance (i. Ind.) aber 221 commant (i. Ind.). — Dial. Greg, meist e: 6, 6 ie esgarde, 7, 5 usw. is dote,nbsp;quids, reconte. — 10 Zeile 5 despitet (despectet; es übersetzt lat.nbsp;despiciat), 26, 22 remaint que tu moi . . . edifies (aedifices stehtnbsp;im lat. Text) usw. Aber stets prëco proi, 24, 9 esmerveilh. —

‘) Cornu nimmt von jeher Pausaformen mit -e an, auch wo die lat. Grundlage nicht a war (Ro. F. 23, 105); vgl. auch Marchot Z. f. S. 41, 250.

Vgl. Rol. 859 bataille ne lur dunt, 2016 parels li dünget; St. Th. Vers 2072 k’il lui dunst conduit „dafi er ihm Geleit gebe“, 5643 doinst Deus.

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238 IV. Formenlehre. Das Prasens der e-, i-Klasse.

Froissart Mél. 627471? saveure (Ind.): heure, unmittelbar vorher 6248 je creant: regardant; 1878 nulz n'en parole (parabolet) .¦ parolenbsp;(parabola). Vokalischer Stamm: 6210 prie (prëco, Schreiber) im Reimnbsp;mit otri.

/J) Scheidung von Ind. nnd Konj. in der 4. nnd 5. Person:

lm Plural bestanden weder Klassen- noch Modusunterschiede (von -eiz, -oiz des Konj. in Mundarten abgesehen). Hier ist also dasnbsp;Bestreben, Modusunterschiede zu schaffen, unzweideutig fest-stellbar: So finden wir zuerst im O. (Ezechiel 18 repairiens) undnbsp;NO. neben Ind. chantons, chantez analog. Konj. chantiens chantiez,nbsp;also Endungen, die wir bereits vom Hilfszeitwort her kennen undnbsp;die bei der Grundlage -iamus, -iatis normal sind. Diese Endungennbsp;dringen nach dem 2,j) und konkurrieren seit dem XIII. Jahrh. innbsp;allen Konjunktiven mit den normalen. Pariser Urkunden zeigen in dennbsp;Konjunktiven des Pras. (und Impf.) -lens neben -ons: Vgl. Schwan-Behrens, Gram. des Afrz., 8. Aufl., S. 247, Stück i: Dreimalnbsp;pleinsissiens und gleich darauf einmal plainsissons; ebenso Athisnbsp;Tours 5141 pé'ussiens, 5^42 pëussons. Die Mischform -ions^) domi-niert im XV. Jahrh. (M. L., Frz. Gr. § 296).

d) e-, i-Konjugation (vendëre vendre; partire partir).

Singular. Umgekehrt wie in der a-Konjugation ist hier lat. -a, afrz. -e das Kennzeichen des Konjunktivs, auch in der i. Person:nbsp;vendo vent — venda(m) vende, ard(e)o art, ard(e)a(m) arde, part(i)onbsp;part, part(i)a(m) parie. Die -ïsco-Gruppe macht keinen Unterschied:nbsp;*flor-ïsco Jloris, *flor-ïsca(m) florisse; über normales *jlorische vgl.nbsp;S. 260.

Die Gruppe von Stammen, die ein Stütz-^ entwickeln, war hier auf wenige Verba beschrankt: cuevre (c9per(i)o und C9per(i)a(m)), uevrenbsp;(öper(i)o und öper(i)a(m)), (süffero und süffera(m)), vgl. Krlsr. 112nbsp;offret in Assonanz. Infolgedessen blieb der auf dem Konjunktiv-^nbsp;beruhende Unterschied zwischen Ind. und Konj. ungestört: Zwar ver-stummte das -e spater, aber es deckte den Stammesendkonsonanten,nbsp;wahrend dieser im Indikativ verstummte; in gedeckten r-Stammennbsp;(partir, sortir) entwickelte sich nfrz. zwischen Ind. und Konj. einenbsp;neue Verschiedenheit des Stammvokals, da Tonvokale vor unge-decktem r lang, aber vor gedecktem r kurz sind: il part (pair), qu'ilnbsp;parte (part).

') Rust. Mar. Eg. 1207 Or covient que nos Venterriens (que nous l'enterrions): riens. Übrigens ist -ions dem Klang nach in palatalisierten Stammen die alte Form;nbsp;gagnons; QLR 25 viennium {nni = tj, vgl. Rol. 2439). Rol. 227 muriuns, 1475 ntoeriumnbsp;erklaren sich vielleicht nach S. 170.

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239

IV. Formenlehre. Das Prasens der e-, i-KIasse,

Plural. Schon urfrz. finden wir die üblichen analogischen Endungen für die 4., 5. Person, aufier im Osten, — in der 6, sind die Unter-schiede von vendunt — vendant, part(i)unt — part(i)ant usw. durchnbsp;Lautentwicklung ausgeglichen:

Endung

In etymologise her Form

Analogisch

-EMUS ¦

(In Mundarten des SO., Herzog § 424)

urfrz. -ons

-IMUS

afrz. bleiben: faimes, dimes, die in nfrz Mundarten keine Spur hinterlieCen.

Auc. faisons; Tr. B. 3099, Bible G. 888 disons.

-ÏMUS

—

urfrz. -ons

-lAMUS

0.: -Uns; Bartsch 38 (Pred. Bernh.) de(b)e-

sonst urfrz. -ons, — lm O.

amus doyens, Lothr, Ps. 66, 2 puissiens. Heute -2 ALF 1148; denies S. 229'.

greift -iens um sich (vgl. S. 238): Bartsch 38 hastiens,nbsp;corriens; nfrz. -ions.

-ETIS

0.: -oiz; Cligès 133 devoiz

urfrz. -ez nbsp;nbsp;nbsp;1

-ÏTIS

franzisch bleiben faites, dites. Andere Reste in Mundarten des O. Herzog § 429

urfrz. -ez; der O. verall-gemeinert -oizquot;^) (Herzog § 426)

-ITIS

0.: -iz; Ezech., Pred. Bernh. sentiz, aem-pliz, inoriz; couriz. Herzog § 427

urfrz. -ez; O. verallgemeinert -qiz 2)

-lATIS

-iez Erec 113, R 15, 151 sachiez (aber Rol.

franzisch -ez, XVI. Jahrh.

520 sacez : amer), puissiez, faciez.

-iez. Im Imperativ bleibt sachez. — O. -oiz, W. -eiz^).

e

Ind.

Konj.

Ind.

i

Konj.

-ïsco

Ind. nbsp;nbsp;nbsp;Konj.

I vent

vende

part

parte

floris

florisse

2 venz

vendes

parz

partes

floris (S. 150) florisses

3 vent

vende(t)

part

parte(t)

florist

florisse(t)

4 vendons

vendons

partons

partons

florissons

florissons

S vendez

vendez

partez

partez

florissez

florissez

6 vendent

vendent

partent

partent

florissent

florissent

Bemerkuilgen: i. Ind. Das der -ïsco-Verben und j-Stamme, das z von faz u. a. (vgl. S. 229) werden vorbildlich, und so finden wirnbsp;fakultativ vom XIII. bis XV. (Ch. d’O.) Jahrh.: R 134 aprens (prëndo):nbsp;frans (francus). Gelegentlich folgen auch amo, R 276 ains, H. Cap.nbsp;1040 laudo loz u. a. a-Verben. Spater wurde dann -s als graphischenbsp;Endung der e-, i-Klasse verallgemeinert.

Graphische Anderungen: Verstummtes z der 2. wurde s ge-schrieben: tu vends; bei einzelnen Verben verstummter Stammes-

1

Ezechiel S. 14 quarois vos ,,sucht ihrï“ Auch -iz kommt vor. Jüngere airz. Texte des O. schwanken zwischen -oiz und schriftsprachlich -ez (-eiz).

2) Floire et BI. 2957 ociois. — M. L., Z. f. S. 44, 89.

Christian fagoiz, Fl. e. BI. 1553 viegnois; W; Eneas S468 rendeiz, 6549 sacheiz, Athis Tours 4061 sackois. Im O. Ps. enden Imperative des Plurals meist aufnbsp;-eiz (neben -ez): benUsseiz, regehisseiz ,,lobet“, farisseiz „erscheintquot;, sacheiz, Zt. 24, 83.

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240 IV, Formenlehre. Das Prasens der e-, i-KIasse.

endkonsonant graphisch wiederhergestellt; je vends, tu couds, je vaincs, tu mets, il prend. — Zu afrz. cueil, nfrz. cueille vgl. S. 250.

Konjunktive aiif -ce, -che. lm N., NO. folgt eine Gruppe von Verben solchen Konjunktiven, die auf -che, -ge enden.

Vokalische Stamine: Vorbilder sind vermutlich sache (gemein-frz.), vielleicht estueche {jLxXsx.QLR 64)‘),(franzisch face), plache u. a. m. Es ergeben cadat (Rol. 769 chedet, franzisch chiee,nbsp;O. chaié) im NO. kieche (: pieche Feuillée), sëdeat (franzisch sieé)nbsp;s ie che (QLR iii).

Konsonantische stamme: Feuillée diables m'en porche (= em-porte) : forche (fortia); Mél. 4776 tierce : afperce (ad-feriat affieré). Zur Entstehung vgl. Aiol 2245 Que je meche . .. et fache statt metenbsp;(mïttam) et fache. (Vgl. Herzog § 464.) — lm O. und Z. entsprechennbsp;Konjunktive auf-c-, dienbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nachgebildet sein dürften: Ezechiel

crocet credat, und die auch auf konson. Stamme und a-Konj. aus-gedehnt wurden: ar eet ardeat (M. L,, Ro. Gr. II, S. 189); Rustebuef Elisabeth 1834 reimt griece (grev-et gt;Christian) mit piece. —nbsp;lm W. erklart sich estace „stehe“ (Rou) nach face.

Liquide Stamme: Vermutliche Vorbilder s. S. 170. Es folgen renge statt rende, prenge statt prenne, auch Verben der a-Konj. donge,nbsp;parolge, alge (Leod. 120, QLR, El. et BI. usw.); — R0U461 (Reim), Eneas,nbsp;Athis 4059 kennen nur prenge, das aber kaum das Urbild sein kann.

I. Pras. Ind. auf -c oder -z: In engeren Grenzen, (NO.) endet die I. Pras. Ind. dentaler Stamme aller Konjugationen auf c, ch, resp. Z'.nbsp;demando ist demanc, sent(i)o senc, mïtto mee, cpgito ö. cuit (S. 148),nbsp;ist cuic (Aiol) usw. Die Graphie stimmt mit derjenigen von facionbsp;überein: Amis schreibt 134 faz, also 739 renz rendo; Aiol 3426 fac,nbsp;also 134 perc perdo. In der gleichen Weise wird auch oft die i. Perf.nbsp;geschwanzt: Amis 3158 retinz (reten(u)i), Aiol 2177 euc (habui). —nbsp;Zugrunde liegt der Schreibung und Mundart nach also vermutlich einnbsp;Zischlaut. Dafi eine analogische Endung vorliege, wie wir sie innerhalbnbsp;einzelner Klassen fanden, ist unwahrscheinlich, denn es handelt sichnbsp;um eine Erscheinung, die alle Klassen umfafit und sich auch iranbsp;Perfekt findet^). Vermutlich liegt also eine Wirkung der Satzphonetiknbsp;vor. Dafi sich diese Alteration des t auf die erste Person beschrankt,nbsp;deutet darauf, dafi sie der Inversion des Pronomens entstammt: So

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241

IV. Formenlehre. D#s Prasens: Modalverben.

schreibt Veng. Rag. 45 per ge (perdo ego) reimt aber 47 pert (perdo); mit apert; „coman gequot; (commando ego) befiehlt 206 Artus, und nunnbsp;heifit es auch 1207 „Por cel demancquot;. Man kann also diese Formennbsp;als Verallgemeinerung der Inversionsform fassen. lm Aucassin abernbsp;darf man sie als die Inversionsform selber verstehen, da sie nurnbsp;gebraucht werden, wo kein Pronomen vorausgeht; Auc. 2, 23; 8, 22;nbsp;24, 29 ye demant; 7, 19; 14, 15; je cuU\ 17, ii se j’atent, — abernbsp;26, 8 ór ne senc; 40, 18 a%ns l'atenc; — ebenso beim Perfekt; 24, 51nbsp;né ne buc (bibui); — senc scheint also als sen ge gefühlt, das -e zwischen-tonig geschwunden, der Auslaut entsonorisiert. Aiol braucht perc (134),nbsp;commanc (208) auch schon nach je. Mort Artu führt die Formennbsp;konsequent in jeder Stellung durch. — Anders sind die dem W.nbsp;angehörenden -^:-Formen zu erklaren: tienc, vienc, tinc, vine, percnbsp;(Eneas 2053 usw. nebenpert 7099 usw.). Rou 9232 reimt prenc :rencnbsp;(ring), es handelt sich also um palatalen VerschluC und nicht umnbsp;Zischlaut und um Formen, die den eben besprochenen Konjunktivennbsp;tienge, perge, prenge entsprechen mogen. — parabolo lautet Rou 163nbsp;Jeo parouc, Besant Dieu 583, 871 paroc — in beiden Texten istnbsp;diese Form isoliert. Am nachsten steht als Vorbild; *corruptio coroz.

e) Modalverba, Vorton- und Aflfektformen.

«) Indikativformen.

dare, donare

Stare

vadëre

I. doins (spater nbsp;nbsp;nbsp;Eracle 4658,

estóis

vois

2. nbsp;nbsp;nbsp;—nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[Erec 678)

estas

vas

3- —

esta

vait

4. —

estons

—

5- -

estez

—

6. —

estont

vont

Als das Vorbild der i. gilt gallorom. *p9Ssio (M. L., Frz. Gr. § 326, Appel S. 36). Es scheint selber statt possum nach dem Konjunktivnbsp;*P9Ssia(m) (kl. possim, vgl. J. B. XII. i. 67 possas. Jonas posciomes)nbsp;gebildet. Afrz. entspricht im O. pois (Eide), im Z. puis (R 372);nbsp;dieser Form folgten vermutlich: *dois statt *do (vlat. da-o), dessennbsp;Vermischung mit don (von doner) obiges doins ergibt; estois (sto ]gt;•nbsp;sta-o gt;gt; *estd)', vois (va(d)o )gt; *vo)\ weiter die 9-Stamme rogo ruisnbsp;(Eneas 7817), tropo truis (Rol. 914 trois), probo pruis (Christian);nbsp;es finden sich auch normale truef, pruef.

Die Ursache der Assoziation zeigen die wie as, a (S. 235) neben-tonig entwickelten Formen estas, esta und vas: Es handelt sich um Verben, die schon urfrz. enge Bindung mit folgendem Objekt, Adv.nbsp;oder Inf. eingingen, und daher im Ton zurücktraten; wo sie in der

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;ig

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242 IV. Formenlehre. Das Prasens; Modalverben,

Betonung hervortreten sollten (i. Ind., Konjunktiv) entstanden Aftekt-formen, die sich gegenseitig beinfluftten: „se puis (truis, ruis ns'fi.) ... je vois (doins, estois)” „wenn ich kann ... so gehe ich“ (vgl.Rol. 914). —nbsp;Gegen die Vorbildlichkeit von puis ist schon mancherlei eingewandtnbsp;worden: Allein die Uniform meidende Gestalt dieser Verben, ihre undnbsp;der Hilfszeitwörter gegenseitige Beeinflussung (habeo, sapio, debeonbsp;S. 244; *p9ssio, sum S. 232, Herzog § 389, 412) geht durch dienbsp;ganze französ. Sprachgeschichte.

Schubert, Probleme der frz. Formenlehre (Berlin 1907, S. 37), fiuhrt esiois auf pis jaceo zuriick — allein jacgo hatte normal yaznbsp;ergeben (S. 150).— Hubschmidt (S. 73*) führt puis, ruis, truis aufnbsp;*P9sc (nach den -sco-Verben) zurück — allein *p9sc wie *p9Sco konntenbsp;afrz. nur *posc ergeben. Dies ist zwar die aprov. Form, aber nachnbsp;Appel S. 36 vermutlich sekundar.

Die anderen Personen erklaren sich folgendermaCen; estons ist wie üblich nach sons gebildet; estont nach sont wie vermutlich auchnbsp;font, vont, ont (vgl. S. 233). Kurzformen nach dem Imperativ vanbsp;bildeten vlat.: va(d)o, va(di)s, va(d)it — va(d)unt. Die l. *vg (aprov.nbsp;vau) folgte afrz. der Klassenanalogie und wurde zu vois, — vas bliebnbsp;nebentonig als vas, — vait als vait. Starkerer Unterstreichungnbsp;dient 2. vaiz nach 3. vait: vgl. QLR 84 tu ne vdis ne a déstre nenbsp;a senéstre; aber 89 Purquéi . , . ne vas od lüii Umgekehrt stehtnbsp;in 3. vat neben vait, vgl. Al ex. 323 und B i vait, B 201 va.nbsp;Das Volk konjugiert heute: je vas, tu vas, il va. Aber auch dienbsp;I. Person vois hatte 2. voiz, 3. voit (Rose) im Gefolge. Heute konjugiert der NO. i. vo, 2. vo, 3. vo (ALF 23—25). Auch bei esternbsp;treffen wir eine 3. estait (statt esta nach vait, fait) als Ton- undnbsp;Reimform. (Ille 4043, Besant Dieu 444 usw.)

/?) Konjunktivformen.

Wir haben oben S. 237 gesehen, wie sich beim Konjunktiv der a-Klasse eine besondere Affektform für den Optativ entwickelte.nbsp;Waren dies in der Literatur gelegentlich zu treffende Formen, so ent-wickeln nun die hier zu besprechenden Verben regelrecht Doppelformen:nbsp;doint hat die Affektform doinse (S. 237^) — B 317 truist hat truisse —nbsp;Rol. 2034 alt „er gehe“ hat aille. Rol. 1657 alge; und nun folgennbsp;auch normalem voise (vadëre) umgekehrt ein voist, normalem puissenbsp;ein puist. Man hat dies als mundartlich erklaren wollen. Aber vielenbsp;Texte brauchen beide Formen nebeneinander, so daö die Akzentver-haltnisse mitbestimmend erscheinen; Vgl. QLR 8l a mangier menbsp;duinst (donet) de sa main und gleich darauf; Mais reqniér Ie rei qu’ilnbsp;me te duinge;. Ges. Wilhs. Bartsch 12, ii qu’il düinse dis sól, 12, 20nbsp;duinst gwdge... In der Dichtung fungieren diese Doppelformen als

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IV. Formenlehre. Das PrUsens: Modalverben. 243

bequeme Dubletten: Erec 530 doint : point (pünctu(m)), 5734 doingne : besoingne; Venus 63 b que on puisse sentir, 63 d que nusnbsp;puist sostenir. — Noch Rabelais II, 16 sagt Dien voiis doint.

dare — donare

vadere 1 2)

a(mbu)lare 2)

I. doinse QLR 116

voise 0. Ps. 142, 9

[aille, alge]

3. a doinst Alex. 3092)

3, a voise R 352

3. a alt

doint Cligès 36

aut Erec 637

3. b duinse St. Th. 7S

3. b voist Tr. B. 3454

3. b aille Erec 2703

doigne

alge

4. doignon Eneas 6590

5. doinsez QLR 99

6. voisent

6. ralgent Leod. 120

?tropare

?potêre

stare

I. truisse QLR 88

I. puisse

I. estoise (nach voise)

3. a truist Ges. Wilhs.

3. a W. puisset Alex. 590

3. a estoist O. Ps. 108, 5

3. b truisset O. Ps. 20, 8

3. b 0.puistEracle,Venufe

3. b (estace nach face)

Andere Verba bieten Ahnliches: In der a-Konjugation manducare: I. manjuce manduce(m) (Veng. Rag. 40 statt manjuz), 3. manjustnbsp;(QLR 26, Variante) und manjuist (; puist Eracle 441b), aber auchnbsp;Besant Dieu 1138 manguce (QLR 26) ou beive, ja sogar: Dial. Greg.nbsp;198, 2 ke alkuns maniowet et boivet. — In der i-KonJugation kdir:nbsp;Der Konjunktiv 2hatiat ist normal hace (M. Brut 4128 kacent im Reim);nbsp;Tr. B. reimt 601 hast: chast (captiet). — Das Régime du Corpsnbsp;braucht Doppelformen für manducet: menjut — menjuce und 2cor-ruptiet: corost — coroce.

y) Weitere Doppel-, Verton- und Kurzformen.

calere bildete urfrz.®) Dubletten für folgende einsilbigen Formen: calet ist chielt (EuL, O. Ps. 61, 10), cal et chalt (Rol.); chielt istnbsp;auf sehr alte Texte beschrankt. — Vielleicht stand auch bei cadêrenbsp;cadat ckie(d)e(t), neben cadat 2chdet: Von dieser unbelegten Formnbsp;aus (Rou 1749 chdent nach chdons?) v^iirde sich der östl. Konjunkt.nbsp;ckaie (Eracle 6547; aie, Dial. Greg. 301, 17) versteken. — Beinbsp;valere dagegen sind vales, valet 2vels, 2velt unbelegt, nur nebentonigenbsp;vèles, valet vals, valt, 6. valent erhalten: Der Ton lag in der Mehr-zahl der Falie auf dem Preis: Rol. 1880 ne valt •////• den[i]e'rs, mitnbsp;dem schon urfrz. enge Bindung bestand.

i6*

1

Unter 3 a stehen jeweilig die normalen (a-Konjugation Mos, e-Konjugation ^-Kon-junktiv), unter 3 b die analogen Formen.

Das Nebeneinander von aille und voise ist nach Ausweis von ALF 30 mundartlich; Pikardie, Wallonië gehen zum Teil geschlossen auf voise zurück; die Mischform va:jnbsp;bat bereits Ezechiel S. 24 vallet; die übrigen Mundarten gehen meist auf aillt zurück.

2

Wir werden spater sehen, daC afrz. die Dinge anders liegen als urfrz., und das Verbum bis auf affektischen Gebrauch den Satzton meidet.

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244

IV. Formenlehre. Das Prasens. Ablaut: i, u.

Wie (h)abgo gt; *aio im Sing., (h)abea(m) gt;• *aiam im Sing, und Plur., bildeten vlat. auch debeo, sapio, dem Hilfszeitwort folgend,nbsp;solche Kurzformen: debeo im Ind. Sing, und Konjunktiv: dei, deis, deit,nbsp;que jo deie; sapio nur im Ind. Sing.: sai, ses, set; der Konjunktivnbsp;bleibt unverkürzt: que je sache. Wahrend sich aber as, a nebentonignbsp;entwickelten, waren dois, ses usw. urfrz. haupttonig.

Kurzformen werden wir vor allem im Afrz. beim Imperativ finden (S. 263). Gelegentlich folgt die Flexion des gesamten Verbums:nbsp;So wird aus prende vor Kons. pt'en (vgl. S. 135); daraus werden prenez,nbsp;prenons usw. abstrahiert; — laxa laisse bildet die Kurzform lai, worausnbsp;ein neues Verbum laiier gewonnen wird, das neben laissier steht undnbsp;in Mundarten noch anzutreffen ist (Herzog § 405). — Das Französischenbsp;vermeidet in der 4. und 5. kurze, stammbetonte Formen (S. 229).nbsp;Mundartlich zeigt sich eine Vorliebe für sie bei Hilfs- und Modalverben:nbsp;So wurden vorfrz. *vamus, *vatis durch alons, alez ersetzt. Mundartlichnbsp;folgt auch die 6.: Herzog 8, 10 s'anallont (— s'en vont). Im O. abernbsp;(bis Champagne und Loiret; seltsamerweise auch Seine-Inf., Punkt 370,nbsp;ALF 27) sagt man nous vons, habêmus ist ons (O., S., W., Seine-Inf.,nbsp;3 Punkte, ALF 91); habëtis e ist seltener aber ahnlich verteilt; estis e,nbsp;sein Urbild (?), ist auf wenige Punkte beschrankt (vgl. Herzog § 406,nbsp;S. 178^). Solche Formen kommen bereits im Ezechiel vor: S. S usw.nbsp;pons (S. 23 p'óons „wir können“), S. 9 (vgl. S. 21) faiz voie a luinbsp;,,macht ihm Platz“: pons folgt ofifenbar wie vons, ons normalem sons;nbsp;faiz mag unbelegtem *ez (estis) folgen.

f) Ablaut.

Von den Gegenwartsformen sind i., 2., 3., 6. stammbetont, — 4., 5. (mit den genannten Ausnahmen) und der Infinitiv en dungs betont:nbsp;chdnte(t)., chantóns, chantér. Wo also der Stammvokal in freier Silbenbsp;steht, oder i auf ihn folgt, müssen starke Unterschiede entstehen, dienbsp;auch graphisch fixiert werden, kleinere Unterschiede der Qualitat und dernbsp;Quantitat bestehen natürlich auch bei gedeckten Stammen. Gelegentlichnbsp;nehmen gedeckte Stamme den Ablaut der freien an: So lauten dienbsp;freien 9-Stamme o ab: uevre pvrir; XIII. Jahrh.: uevre ouvrir; nunnbsp;folgt gedeckt o mit suefre (Rol. 1774, R 242) sofrir (süffero), uefrenbsp;ofrir; Meigret (S. 112) braucht noch je seufre neben normalem je soufre.

Im XII. Jahrh. sind die Ablautverhaltnisse der Lautentwicklung nahezu entsprechend erhalten. Doch wirkt alsbald das Bestreben,nbsp;lautlich Auseinandergeratenes auszugleichen, was öfter nach den zahl-reicheren endungsbetonten Formen (Pras. 4., 5., Inf., Impf., Perf., Fut.nbsp;sind endungsbetontl), als nach den Stammbetonten geschieht, letzteres,nbsp;wenn ein Denominativum diese verstarkte (nfrz. demeurér statt demourer

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IV. Formenlehre. Das Prasens. Ablaut: 24S

nach la demeure und il demeure). Natürlich beeinflussen sich die ver-schiedenen Ablautklassen auch gegenseitig.

In der Renaissance ist die schriftsprachliche Entwicklung im wesentlichen abgeschlossen, eine Reihe von Verben haben den Ablautnbsp;teils Oder ganz erhalten: Namlich selten gebrauchte Verben wie meurtnbsp;7nourons, mourir, aber auch besonders haufig oder modal gebrauchtenbsp;wie puis petit pouvons, pouvoir. Die Schulgrammatik nennt sie „un-regelmafiig“, obgleich gerade sie lautlich ungestört entwickelt sind. —nbsp;In den Mundarten ist der Ausgleich oft von der Schriftsprache ab-weichend, oft ist auch Ablaut erhalten, wo die Schriftsprache ausgleichtnbsp;(Herzog § 392).

Vgl. zum Folgenden: H. Ehrlicher, Beitr. z. Entwicklungsgesch. der afrz. stammabstufenden Verben. Diss. Heidelberg 1905. — Zumnbsp;Nfrz. Brunot, Hist, de la langue frangaise III, 307 ff.

Vlat. I und U.

Da i, u nicht diphthongieren und ihre Qualitats- wie Quantitats-unterschiede graphisch nicht dargestellt werden, tritt der Ablaut nicht in Erscheinung^). Nfrz. wird abgelautet: je dis (di) disons (diza), jenbsp;tire (ti:r) tirons (tiro), je dure (dyir) durons (dyrS).

Vlat. e: debet doit devons (nfrz. dva).

Ebenso lautet recïpit (B 83 receif) ab; afrz. auch bibit: 3. boit, 4. bevons, boivre', zu nfrz. buvóns vgl. S. iii, der Inf. boire (S. 254)nbsp;folgt croire. — Dagegen wurden nach den Stauimbetonten aus-geglichen: vïdet voit v'èons (vgl. R 27 v'éez) gt; Chev. II. Esp. 2242nbsp;voions, nfrz. voyons, credit croit crëons gt; crayons, Oct. 2411 croiés,nbsp;*in-via-t envoit, enveons envoyons: Normal ware dieser Hiat ver-schliffen worden; doch meidet dasFrz. einsilbigeFormen in der 4. und 5.nbsp;(vgl. S. 244). Urfrz. hat nach S. 163 schon Hiatus-y: anveiier, anvotternbsp;(Christian). Für Ausgleich nach den Stammbetonten entschieden dienbsp;Inf. voir, croire und das Substantivum la voie. — Sonst dominierennbsp;die Endbetonten: celat goile (erwartet *cile') celons: Schon Christiannbsp;reimt cele (celat) mit cele (ecce illa Yvain 1410); sëparat soivre sevrer:nbsp;Schon Bible G., Bartsch 48, 265 il sevre; pê(n)sat poise (so nochnbsp;Villon) pesons, nfrz. il pèse^)\ spêrat espoire (vgl. R 183) esperons,nbsp;nfrz. il espère. Nfrz. sind céler, espérer, avérer Buchwörter, vgl. dennbsp;normalen Ablaut in p'ese (pc:z), pesons (poz3).

Unklar ist afrz. fugire fuir (B 196) neben miindartlichem foir: Rou 3983; Christian, Athis, Oct., Parangen fouir; fuir ist nach i. (Umlaut? Analogienbsp;nach sui?) ausgeglichen. Bei angenommener Grundlage fügire bleibt foir unerklarl.

Formen wie poisons, poisé statt pesons, pesé finden sich im XV. und XVI. Jahrh.

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246

IV. Formenlehre. Das PrSsens. Ablaut p.

*exfridat esfroie; im XV. Jahrh. steht 3. esfrée nach den End-betonten, neben esfroyons esfroyez (XIII—XVI. Jahrh. Oct. 821 esfroiés) nach den Stammbetonten. Nfrz. effrayons, trotz des Subst. effroi erklartnbsp;sich nach S. 71. Der Hiat ist nfrz. durchaus durch j getilgt: efrejS.

Ausgestorben ist: ïter-at „wandert“ eire^ oire (Christian); erer. G. Ste 310 eirer zeigt Ausgleich nach den Stammbetonten. Rest:nbsp;chevalier errant.

Unausgeglichen blieb B 252 maine mïnat, 283 meneir^ nfrz. m'ene, mener, vgl. S. 74.

Vlat. e i.

Da haupttonig ? i wie vortonig è j afrz. ei, spater im O. und Z. oi ergeben, entwickelt sich kein Ablaut. Doch wirkt dernbsp;Ablaut von f j-Stammen (S. 248) vorbildlich:

e i nbsp;nbsp;nbsp;? i

ligat: loie loiier prëcat: prie proiier (Osten: prpe proiier) Analogisch: lie loiier

Dieser Ablaut i — oi wird sehr früh: lm Z. nach den z-Formen, — in Mundarten nach den ei- resp. oz-Formen ausgeglichen. Vgl. ALF 245nbsp;charrier: Der O. geht auf ckaroiier, der W. auf ckareiier zurück.

Denselben analogischen Ablaut zeigt das griech. - vlat. Suffix 'lgt;-eiier-oiier {-i^siv, Schuchardt L. BI. 1884, 62; M. L.nbsp;Einf. § 188): R 59 otroi (Verbalsubst. von auctorizo, Arch. Lat.nbsp;Lex. III 45): doi; vgl. Eracle 1562, Bible G. 1790; aber Mél. 6210nbsp;oiri: pri (prëco). Dies Schwanken zwischen i (schriftsprachlich) und oinbsp;(mundartlich) ist schon für Roland charakteristisch: 33 carier (franzischnbsp;charriier ca.TT-\amp;\axe), 35 osteiet (host-idiare „Krieg führen“), 46 mendeiernbsp;(mendicare mend idiare, nfrz. mendier), 475 otrier. Doch ist dernbsp;Mundart entsprechend -ei- haufiger als -i-\ Zum Nebeneinander vonnbsp;-idjare und -icare vgl. 32 carglijez (carricatos zsilbig, nfrz. charger)nbsp;mit 33 carter (3silbig, nfrz. charrier).

Vlat. o. plörat ploure plgrons.

Diese Gestalt hatte der Ablaut bis ins XI. Jahrh. Nun wird pu zu eu (vgl. S. 79), und so haben wir in den Mundarten, die diesenbsp;Verschiebung auch vor R vornehmen: pleure plprons. Im XII. Jahrh.nbsp;wird weiterhin p zu u (geschrieben ou): pleure, plourons — in dennbsp;Mundarten aber, die pu nicht zu eu verschieben, plpure plourons]nbsp;wo schlieClich die Diphthongierung teilweise oder überhaupt unterbleibt,nbsp;findet sich auch kein graphisch darstellbarer Ablaut. Vgl. folgendenbsp;Reime aus Tr. B.: 210 avot (vötet nfrz. „qu'il avoue“): cort „Hof“;nbsp;1046 plort (plöret): acort (accürit)^). —

*) Tr. B. 3232 seceure (cürrat; eure hora) ist überfranzische Scbreibung; doch vgl. S. 83.

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247

IV. Fonnenlehre. Das PrSsens. Ablaut:

Nfrz. ist kein ablautendes Verbum erhalten; pleur ons folgt als Einziges den Stammbetonten: lm XVI., XVII. Jahrh. sagte man nochnbsp;ploure plourons; nach Vaugelas führte der Hof pletire pleurons nachnbsp;les pleurs durch. — Alle übrigen gleichen nach den Endbetonten aus:nbsp;laborat') (altes Buchwort) labeure labour ons, nfrz. il labours, wahrendnbsp;die normale Form im Sprichwort bleibt: En peu d’heure, — Dieunbsp;labeure (Manekine 7574, Pathelin 40); sapor-at saveure savourons,nbsp;nfrz. il savoure; devorat deveure devourons, nfrz. latinisiert il dévore. —nbsp;co(n)s(u)it cpust'p- queusE) (Erec 712) cpsons zeigt frühen Ausgleich:nbsp;Yvain 5423 cost, R 246 couz (lies: kus „nahe“l), nfrz. il coud.nbsp;Doch haben ^«-Mundarten nach dem stammbetonten Inf. queusdre,nbsp;neuchamp. kpid (Herzog 7, 6) ausgeglichen. — colat queule^) couler,nbsp;nfrz. il coule wie afrz, schon in Mundarten (Athis Tours 3105). —nbsp;vötat veue v'óer, nfrz. il voue.

Vlat vënit vient venons^).

Ebenso bleibt der Ablaut in tenet tient tenons; sëdet B 320 siet s'éons, nfrz. assied asseyons (Hiatus-j), resp. assoyons (nach asseoir).nbsp;Meigret (S. 105) kennt seyons und dons, welch letzteres wie lëone(m)nbsp;lion, oder nach dem Sing, sié gebildet ist. Nach dem Inf. gebildetesnbsp;soiant kommt schon Tr. B. 3145 vor.

Alle übrigen folgen den Endbetonten, wenn nicht, wie M. L., Frz. Gr. § 301 annimmt, die Stamme mit Stammdiphthong nachnbsp;M. c. L. normal endiphthongierten, wogegen nfrz. tablier, ouvrïernbsp;sprechen: abbreviat abriege abrejons, nfrz. abrège abr^geons (Buchwort),nbsp;grev-at grieve (R 259) grevons, nfrz. il grève (Buchwort); crepatnbsp;crieve crevons, nfrz. il crève (so schon Villon, Bartsch 93 a, 44)^nbsp;krova; levat lieve (B 20) levons, nfrz. il leve Ivo. — Zu *crëmit orientnbsp;(B 339) cremons (O. Ps. 65, 15 crieniez „fürchtetquot; nach den Stammbetonten, wobei das haufige Verbalsubstantiv la crieme „Angst“ mit-half), nfrz. craint; prëmit prient premons, nfrz. empreint, gëmit gient,nbsp;nfrz. geint, vgl. S. 86.

Es Starben aus: ferit afrz. piert ferons: battre war ihm formal überlegen. Nur sans coup férir (vgl, 652) bleibt redensartlich mit alter-tümlicher Wortstellung. Neuwall. erhielten sich Wort und Ablaut: 3. fi:rnbsp;(auspiert, vgl.S. 86) feri (Inf. Buil. de la Soc. liègeoise 19, 1892,92);nbsp;quaerit quiert (R 316 1. quier) querons wurde durch circare afrz.nbsp;cerchier, nfrz. chercher (Fernassimilation) verdrangt: Der Inf. quérir ist

‘) Pirson 31, 36 boves ad laborandum. Afrz. ist der Begriff wie in obigem Sprichwort nicht vöUig zu „pflügen“ verengt: Rou Bd. I, S. 82 f.; ki tem volt arer ... a paiznbsp;alt laburer: „Wer Erde pfliigen will . . . gehe in Frieden arbeiten.” Ygl. dagegen B 204.

®) qu in queust, queule ist Schreibung; ceust ware zweideutig.

Ausgleich im Konjunktiv; QLR 25 viennium.

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248

IV. Formenlehre, Das Prasens. Ablaut:

noch üblich; das buchwörtliche Kompositum il acquiert, acquérons bewahrt den Ablaut; vëtat viee vëons, das im Plural mit vé'ons videmusnbsp;zusammenstieö, machte défendre Platz.

Vlat. e i; prëcat prie proiier.

Dieser Ablaut wurde durchaus ausgeglichen, wobei die Schrift-sprache 2-Formen, manche Mundarten w-Formen vorziehen. Bei den östlichen Mundarten ist zu erinnern, dafi ? i ei, nicht i, ergab, dernbsp;Ablaut also von vornherein prei, proiier war, — bei den w., da6nbsp;ei nicht zu oi wurde, der Ablaut also prie preiier war. Die Grenzenbsp;ist bei sëcat, afrz. sie soiier, w. sëer, nfrz. scier (la scie!) heute nochnbsp;sehr scharf: Pik. sweje, Wall., Lothr. soji. (Dial. Greg. 21, 24nbsp;soiet il, ALF 1206.) Nur nëcat „tötet“ gt;¦ ,,ertrankt“ (Reich. Gl.nbsp;262 submersi: necati), afrz. nie, danach auch nier (Tr. B. 1266, Herzognbsp;I3i 9). foïgt den Endbetonteii: il se mye wohl infolge der Haufigkeitnbsp;von noyé. — Alle anderen zeigen schriftsprachlich i nach den Stamm-betonten: nous prions (umgekehrt im O:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;prëco:nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Venus 144,

Bible G. 1167, und NW.: Alex. 329 Hs. L preient, die anderen Hss. prient] auch Christian braucht prïier neben proiier)', dienbsp;Haufigkeit von je prie war ausschlaggebend; nëgat nie noions, nfrz.nbsp;nous nions; die Haufigkeit von je nie entschied. (O. Eul. raneiet;nbsp;neuwall. noji, W. Rose renoient : voieni). — Es starb aus: exit istnbsp;(B 120) oissir (O, eist Dial. Greg. 302, ii, oissir), afrz. früh issirnbsp;(Tr. B. 93S, vgl. R 125 issi)', Meigret nennt S. iii noch issir: sortirnbsp;behielt die Oberhand. —

Vlat. e 4- i n: pëctinat pigne (B 306, R 246 Dichter) peignier, mundartlich piegne (R 246 Schreiber, vgl. S. 88). Vermutlich dominiertenbsp;afrz. pëct(e)n pigne: Bei Boileau (Paris, XIII. Jahrh.) heifit dernbsp;Kammacher pignier nach pigne. Villon reimt noch pigne : lignenbsp;(Bartsch 93, b, ll). — Nfrz. bildete man nach den Endbetonten:nbsp;je peigne und Ie peigne (so schon Christian: Lanzelot 1397); dasnbsp;pariser Volk sagte aber noch im XVII. Jahrh. pig7te (Ménage).

Vlat. e u: sëquit siut sevons.

Unter qu sahen wir (S. iS7), daB SO., S. und SW. auf *sekere, Z., NO. auf belegtes severe zurückgehen. Seiner Herkunft ent-sprechend war v bilabial, es vokalisiert mundartlich durchaus (vgl.nbsp;S. 158), im Z. vor Kons. und auslautend. Es ergibt sich also für dennbsp;Sing, die Gruppe ? U (S. 90). Die Entwicklung ist aber nicht gleichnbsp;der von deu, dieu, denn sequo gibt siu gt; sui, entwickelt sich alsonbsp;wie e y (S. 72). Nur in denjenigen Mundarten findet sich sieu, innbsp;denen auch sonst zwischen f und u Gleitlaut entsteht: Venus reimtnbsp;(205) sieu (Imperativ, heute sjo, Herzog 35, 87) mit gentieu, pieu

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249

IV. Formenlehre. Das PrUsens. Ablaut: 9.

(S. 65), gieu (S. 96); der Gleitlaut kann dem Schreiber entstammen, da auch siu, gentiii usw. im NO. und N. reimen. Die Flexion vonnbsp;sequo kann folgendermafien für das Z. als normal angesetzt werden:

I siu gt; sui nbsp;nbsp;nbsp;4 sevons'^-)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Konj. sieve

3 siut suit nbsp;nbsp;nbsp;6 sievefitnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Inf. siurenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;suire.

Im Z. wird iu zu ui (S. 72); dies ui wird durchgeführt: sevens wird zu suivons usw. Der Inf. wird zu suivre (R 92) nach suivons.

Im O. bleibt iu: Inf. sjyir. Ezechiel hat 3. seut, Inf seure {^.zx).

Im NO. findet sich vielfach ieu: 3. sieut, 4. sievons (Mél.)

Der Infinitiv sievir (Mél.), stdvir (Chr. d. P.) folgt dem Perfekt sevi.

Der Infinitiv suir (Auc., Aiol) folgt nach Herzog dem Gegenteil fuir. — lm W. vokalisiert v auch intervokal wie in -aba(m) -oue, undnbsp;es ergibt sich folgende Flexion: QLR 51 siivent, siwre. Die 4.nbsp;pursiums (Konjunktiv) kann ebenfalls ausporsiwons verstanden werden. —nbsp;Christian dagegen hat Inf siudre (W. P'., Kristian-Wörterbuch) einenbsp;jener Formen, die S. 157 besprochen wurden. Sein Konjunktiv siguenbsp;(vgl. aigue) sichert, dafi wir in Troyes auf altem *sekere-Gebiet sind.

Vlat. 0: mörio muir, mörit muert, morons, möria(m) muire (S. 170).

Neben dem durch Akzentwechsel veranlaöten Ablaut, steht ein solcher, der durch das i der i. Indikativi und des Konjunktivs bedingtnbsp;ist. Wir haben also im Z. den Ablaut: üi, ué, o (spater u geschr. ou').nbsp;Dieser Ablaut blieb nur in: *p9ssio puis (neben nfrz. je peux), *pQtetnbsp;puet (il peut) pöo?ts (nous pouvons). Er griff afrz. in der Modalklassenbsp;analogisch um sich, vgl. S. 241. Sonst wurde ui in der Schriftsprachenbsp;aufgegeben: je peux, je meurs, welch letzteres also nur den Ablautnbsp;zwischen Stamm- und Endbetonten bewahrt (meurt — mourons).nbsp;Entsprechend flektiert; mövet muet movons, nfrz. meut mouvons. —nbsp;Die akzentzurückziehenden Mundarten kürzen üi (resp. oi) wie üe zu unbsp;(resp. o), was also den Ablaut reduziert: B 76 püent statt pueent.nbsp;Der Ablaut ue — o findet sich auch bei gedeckten o-Stammen:nbsp;vgl. S. 244.

Statt des dreifachen Ablauts ui, ue, o haben 1-Stamme nur zwei-fachen: ue o, da ja 1 das i bindet. Unterbleibt im Norm. tatsachlich die o-Diphthongierung vor 1, so fehlt auch der Ablaut. Vgl. das S. 95nbsp;über R 221 vuil Gesagte. — Doppelten Ablaut behalt bis ins Nfrz.:nbsp;I. *völeo (Reich. Gl. 551 voles) Rol. 330 voeill, B 274 vuel, R 318nbsp;vueil; 3. vueltjgt; vieut; volons, vuelent; voloir. — 2. vieus und 3. vieutnbsp;werden mundartlich zu viaus, viaut (Christian; vgl. S. 92); au.

Normal wSre *siumes, *siutes; Guy de B. 612 suiez „folgt“ nach fuiez „flieht“.

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250

IV. Formenlehre. Das Prasens. Ablaut: 9 1.

monophthongiert und wir finden viot, viost (Simon de Crépy). — Zu vues, vuet, nfrz. veut vgl. S. 92.

cólligere cuetdre (Diphthongierung vor vgl. S. 95) ist nach den Stammbetonten ausgeglichen; Es war afrz. cuelt, collons; nach dernbsp;Vokalisierung von l wurde cuelt zu quieut, das in Mundarten mit sieutnbsp;se(q)uit reimt: Tr. B. 2155, wahrend andere ieu zu iau dissimilieren:nbsp;Oct. 591 quiaut: saut (saltu(m)). So ist der Ablaut: i. cuet, 3. quieut,nbsp;4. collons. Früh dominiert die Form der i.; auch der Imperativ cueillenbsp;mag besonders haufig sein: Tr. B. 773 cuellinbsp;nbsp;nbsp;nbsp;990 accuelliez;

nfrz. je, il cueille (koe:j, das e graphisch), cueillons, cueillir. — Nach den Endhetonten glich aus: mölliat muelle mollons — nfrz. je mouille^).

Von anderen Stammen glichen nach den Stammbetonten aus: demorat demuere demorons; afrz. schwankt der Ausgleich: demeurernbsp;neben Mél. 30739 je demour{aws demóerf)'. amour. Erst im XVII. Jahrh.nbsp;entschied die Haufigkeit von la demeure für demeurer; plövit ergibtnbsp;pluet plovoir, noch Meigret lehrt plouvoir (S. 107); das Übergewichtnbsp;von il pleut entschied für pleuvoir. — Nach den Endbetontennbsp;glichen aus: *tr9pat i. truis (vgl. S. 241) trueve (Q 334) trovons {\g\.nbsp;B 336). Alain Chartier braucht bereits je trouve (Bartsch 90b, 126);nbsp;treuve dient im XVII. Jahrh. noch zu Reimzwecken; pröbat i. pruisnbsp;(S. 241), 3. prueve, 4. provons, nfrz. il prouve trotz la preuve; 9perit,nbsp;uevre ovrons, nfrz. il ouvre. Es dominierten prouvez, ouvrez usw.

Durchaus endbetont wurde *f9dire (kl. fodere), afrz. fuet föons, durch Übertritt zur -Isco-KIasse: nfrz. il enfouit. —Es starben auS:nbsp;sölet suelt soloir: Die lautliche Entwicklung ist wie bei voloir;nbsp;Meigret (S. 105) kennt nur den Infinitiv; dolet duelt doloir, dienbsp;Meigret (S. 104), Montaigne (I, 4) noch brauchen; ölet uelt^') oloir;nbsp;rötat ruée r'óons; öperat uevre ovrons (vgl. R 85 ouvrez öperatus):nbsp;Berufssprachlich bleibt ouvrer la monnaie; rögat ruis (S. 241) ruevenbsp;rovons, bei dem sich afrz. Ausgleich nach den Endbetonten zeigt:nbsp;Dial. Greg. 23, 22 róvet, Trubert 1899 rouve; estuet (R 317) estovoirnbsp;(vgl. S. 92 2).

Vlat. 9 -f i: app9diat apuie (B 309) apoións.

Die 1-Stamme scheiden aus, da I das i bindet; wir haben sie unter vlat. 9 S. 249 besprochen. — Die anderen Stamme zeigen dennbsp;Ablaut ui (resp. ui) — oi. Im O. und W. kommt der Ablaut (gi — gi)nbsp;graphisch oft nicht zur Geltung. Samtliche Verben glichen schrift-sprachlich nach den Stammbetonten aus. Schon Christian hatnbsp;apuiier (Erec 3215) neben apoiier, nfrz. appuyer; inodiat afrz. enuie

') Zu dem Reim Afrz. Übb. Lapidar 265 motile ; uile vgl. S. 95.

9 Eracle 4882 ueut ,,stinkl“; cueut (colgit).

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IV. Formenlehre. Das Prasens. Ablaut: a. 251

enoiier; im W. aber: Tr. B. 1008 anoie: joie (gaudja), nfrz. ennuyer; *vöcit-at „Ieert“ viiide voidier, nfrz. vide (vgl. S. 95) vider. — Esnbsp;dominierten also appui „Stütze“, ennui, vide „leer“.

Bemerkung. Unklar ist cggita.t cuide (B 82), cuidier (Christian, vgl. B 131 quidoieni): coidier ist nicht belegt, weshalb W. F. 1cügitarenbsp;als Grundlage annimmt. Vermutlich dominiert je cuit schon afrz.nbsp;cuidier ist semantisch schwacher als croire: Bible G. 1484 ne lou cuit,nbsp;ainz Ie croi! „Ich meine es nicht, sondern glaube es!“ Die Kon-kurrenz der differenzierenden und bezeichnenderen penser, estinier,nbsp;tenir, opiner verdrangt cuider im Verlauf des XVI. Jahrh. — approximatnbsp;ergibt apruisme^), aproismier und aprisme (R 288: sillogime syllogis-mu(m)) aprismier: Dies könnte sich als Monophthongierung von uinbsp;zu i nach mehrfacher Konsonanz erklaren, wenn es nicht schon zunbsp;einer Zeit gehucht ware, in der noch m/ akzentuiert wurde: O. Ps.nbsp;37, 11 li mien prisme (pröximi) . . . aprismerent. So dürfte Volksetymologie (Anlehnung an primus?) vorliegen.

Vlat. au; laudat löj löér (vgl. B 9 loei, 230 löent).

Das vortonige, also geschlossene q der Endbetonten wird zu u (geschrieben ou). Noch Pathelin scheidet in der Schrift 1297, 1576nbsp;je loe und 1484 louez, 157S louer. Nfrz. je loue entstand vielleicht durchnbsp;Lautentwicklung (S. 97); audire: i. oi, 2. oz (Alex. QLR 140), 3. otnbsp;(B 113), 'óir jp- ouïr; die 4. und 5- ó'óns, öe'z, sowie Impf. und Perf,nbsp;entwickeln Hiatus^’: oyez (Ch. d’O. 25); nach i. oi heifit es auchnbsp;2. óis, óit (Auc. I, 13, Meigret S. iil). entendre verdrangte dasnbsp;Verbum.

Vlat. a -f Oral: 1sapëre sai (S. 244) set, savons sevent.

*sapêre bewahrt den Ablaut, nur sevent sap(i)unt folgt im XV. Jahrh. den übrigen Pluralformen; ses, set (B 53, R 252) werden seitnbsp;dem XIV. Jahrh. fakultativ, seit dem XVI. regelmafiig nach sai (B 348):nbsp;sais, sait geschrieben; frank, hatian flektierte; haz (QLR 168) Aez het,nbsp;hdons. Die i. folgte früh der 2. und 3.: Erec 3004 he-, die Endbetonten wurden wohl durch Hiatus-/ (vgl. R 56 haioif) vor Einsilbig-keit bewahrt, dann aber, nebst der 6., nach -ïsco umgestaltet: haïssons,nbsp;haïssent. Meigret, S. iil, kennt beide Formen. — Sonst wurde dernbsp;Ablaut durchaus nach den Endbetonten ausgeglichen; lavat levenbsp;(vgl. R 243, Imperativ) lavons, Philomena 623 lavent', compératnbsp;„vergleicht“ compere comparons, nfrz. je compare’, declarat declere

1

B 337 aproisvie kann ö. oder w. Gestalt haben.

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252 IV. Formenlehre. Das Presens. Ablaut: aj mehrsilbige Stamme.

declarons, nfrz. je declare^) (Buchwort). — Es fielen: arat ere arons^), radit „rasiert“ ret rdons^), batat bëe baóns, paret pert (R 304) paroir,nbsp;comparat ,,zahlt“ compere comparer', — valet valt valons vgl. S. 243.

Vlat. a n: amat aime amons.

clamat B 40 claime clamons, vgl. B 237 claint clamet1 2) 229 clameir, sanat saine sanons, manet maint (B 160 remaindre) manons (B 157nbsp;remandra) starben aus. — Seit dem XIII. Jahrh. wurde amer (R 202)nbsp;nach den Stammbetonten (Übergewicht von j'aime, aimes-tu usw.)nbsp;ausgeglichen. Substantiviertes amant (R) bleibt unausgeglichen.

Vlat. j a: ad-cap-at (von caput) achieve achevons.

Dieser Ablaut vv^urde dutch Lautentwicklung reduziert: j’achève; dann dutch Vetstummen des Zwischentons (nous achevons ajv5)nbsp;vetstatkt. — Es wutden ungebtauchlich: calet chielt neben chaltnbsp;(S. 243) ckaloir (altertümlich ü ne m’en chaut), cadit ckiet (B 321)nbsp;chdoir. Det Inf. choir findet sich noch in den Lexiken.

Vlat. i a i: jacet gist (B 153) gisent (B 48) gesir.

Das Vetbum ist schon aftz. auf die Bedeutungen „tot liegen”, ,,btach liegenquot; (vgl. B 157, 281 nftz. ci-git) nahezu beschrankt; jaceonbsp;*jaz ist nicht erhalten; je gis (Bartsch 54, b, 13; W. Rou 639 giesjnbsp;folgt gist, wie auch gisoie, girai.

Vokalische e-Stamme: créat crëe crions.

Da e im Hiat vot a, o in Buchwotten zu i witd (vgl. S. ïi6, R 395 cria cteavit) etgibt sich det Ablaut ê—z.

g) Ausgleicherscheinungen bei zwei- und mehrsilbigen

Stammen.

I. Die zweite Silbe des Stammes ist im Sing, und det 6. betont, in der 4. 5. und dem Inf. schwand sie zwischentonig: Schrift-sprachlich erfolgt Ausgleich meist nach den kürzeren Formen:nbsp;paraulat B 272, R 361 parole, paraulamus parlons, parler, nfrz. je

1

*) éclairer, afrz. esclairier ist exclarjare.

2

Ersetzt durch labourer {pgt;.2s,p')\ eret war mit eret ërat gleichlautend, arons arez in Mundarten init dem Futur von habêre.

Pras. Ind. ret und 3, Perf. rasit rest fielen nach Verstummen von s Kons. zusammen, der Inf. rere mit raire 2ragëre „brullenquot;. Ekblom S, 44.

Bei clamer besteht schon afrz. eine Neigung zur Verengerung der Bedeutung: clamer sa colpe = „mea culpa rufen“, se clamer las = „hélas rufenquot;, clamer quite „losnbsp;sprechenquot;; clamer „nenuenquot; (Rol. 2032 son cheval que cleimet Veillantif). Hier hatnbsp;notnmer (R 364), appeler (vgl. R 7), dort haben lautlich dem Affekt entsprechenderenbsp;Worte wie crier, hurler usw. clamer (B 56, 229 usw.) ersetzt.

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253

IV. Formenlehre. Das PrKsens. Stammauslaut: p, b, v.

park; manducat manjue, manjons, nfrz. je mange] adjütat‘) aiüe] aidons, nfrz. faide.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Der zwischentonige Vokal ist gestützt, wird aber reduziert.nbsp;Analogisch wird er dann schriftsprachlich wiederhergestellt: 1 2trïpaliatnbsp;travaille travillons, nfrz. travaillons usw., vgl. Zwischenton S. 123.nbsp;Den umgekehrten Ausgleich zeigt: accaptat ackate(t), achetons, Boileaunbsp;schreibt mehrfach achete, nfrz. il achetie acheter, nach jette jeter odernbsp;ö. Mundart. Mundarten gleichen nach achate aus: achater habennbsp;Tr. B. 2885, Christian, G. Ste., der heutige NO. akate ALF 6.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Die zweite Silbe schwindet in der Panultima, bleibt abernbsp;gestützt im Zwischenton. Der Ausgleich ebenfalls nach den kürzerennbsp;Formen: fa-fe-ricat forge favregions. Ausgleich: QLR211 Yexi. forjdt,nbsp;nfrz. nous forge ons. Favregier, Favergier bleibt als Familienname.nbsp;Vgl. ALF 595 forger., P. 579, 588, 589 (Schweiz), wo auch der Inf.nbsp;favarsjs bleibt; excollubricat escolorge (QLR 84), aber lübricarenbsp;lovergier (Tr. B. 3955); zu sëparare, vgl. S. 122.

Beiuerkung. desjëune mit analog. Inf. desjëuner (Christian) ist wohl schon urfrz. zu trennen von 2disjejunare disner mit demnbsp;Pras. Ind. disne B 22. Das eine ist ein Kompositum von jëunernbsp;jejünare, das andere ist von dem normal entwickelten disner aus (zurnbsp;Etymologie vgl. S. 164) uniformiert; — 2adrationare araisnier stehtnbsp;unter dem EinfluC von raison, und daher afrz. 3. araisóne statt araisnenbsp;(Erec 2773) und nfrz. arraisonner.

h) Der konsonantische Stammauslaut.

Da der Stammesendkonsonant je nach Anlaut der Endung bald vor Vokal, bald vor Konsonant, bald vor i stand, bald unmittelbarnbsp;auslautend war, ist seine Entwicklung verschiedenartig. Diese diffe-renzierende Wirkung der Lautentwicklung glich Analogie oft schonnbsp;urfrz. aus:

d) Labiale VerschluClaute.

P, b, V verstummen vor Konsonant; debes doiz R 138, vgl. S. 147» werden intervokal und im alteren Afrz. auch im sekundaren Auslautnbsp;zu Reibelauten: B 20 lievent levant, vïvo vif^'), so noch Mél. 903.nbsp;Vor i ergeben sie Zischlaute: Doch blieb vlat, i nur in pi-, bi-,

sich in Schnellsprechformen schon urfrz. ist die Synkope des Zwischen-*ajudare ^ 2ajdare ]gt; aidier. Dienbsp;statt ajue; zum Konjunktiv R 341nbsp;113, 23 aiüst, das r nach puist,nbsp;116).

*viu ergab, dafi also in v- und b-vif ist nach urfrz. vifs, vift gehildet.

1

*) Der zwischentonige Schwund von u findet vlat.: Diehl 537 aitricis (= h'd)jutricis aus CILIII);nbsp;tons jünger als die Sonorisierung von t; hjutdre 7gt;nbsp;d-Formen dominieren: Schon Tr. B. 1263 hat aidenbsp;dUt vgl. Leod. 239 aiud, Christian aït, O. Ps.nbsp;truist usw. Spater ist die Form einsilbig ai(s)t (S.

2

Es ist anzunehmen, daamp; vivo ursprunglich Stammen der intervokale Labial vor der Ultima fiel.

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254

IV. Formenlehre. Das Prasens. Stammauslaut: t, d.

vji-Stammen der a-Konjugation (1 2appropiare aprochier^ in-rabi-are enragier, 2ad-greviare agregier''-) und dem Konjunktiv von 2sapêre:nbsp;sapiatis R 15 sachiez. In der i. Pras. Ind. fiel vlat. j in: möv(e)onbsp;muef, percïp(i)o apercoif, die ihrer 2. und 3. folgen, und serv(i)o serf; zunbsp;ha(b)eo, sa(p)io, de(b)eo vgl. S. 244. — lm Konjunktiv zeigen ha(b)ea(m),nbsp;de(b)ea(m) aie, doie die gleichen Kurzformen. Doch nimmt letzteresnbsp;früh das v der Endbetonten (devons, devoir) an: Bartsch, Ges.nbsp;Wilhs. 23 deive\ M. Brut hat: 1345 doevie f= doive), im Reim aber:nbsp;3448 doie: voie; recïp(i)a(m) regoive, serv(i)am serve (Alex. 495),nbsp;plöv(i)a(m) plueve (QLR 131) entsprechen biba(m) boive usw. —nbsp;Zum V (resp. u) aus lat. qu (se(q)uere), vgl. S. 249.

levare nbsp;nbsp;nbsp;vlvere

I. lief lieve (S. 237) vif gt;gt; vis (S. 239)

3. nbsp;nbsp;nbsp;lieve(t)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vit

4. nbsp;nbsp;nbsp;levonsnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vivons

Konj. I. nbsp;nbsp;nbsp;lief gt;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;lieve (S. 237) vive

3. nbsp;nbsp;nbsp;liet gt;»nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;lievenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vive(t)

Bemerkungen: Sekundar werden die Inf. boivre, escrivre zu boire^) nach croire und zu escrire^) nach dire und lire. Im NO. folgtnbsp;escrire auch in anderen Formen dire und lire {\^. S. 259); Froissartnbsp;braucht escrison (Mél. 1815), Konj. Pras. cscrise (2484), escrisies (ebendanbsp;1777)2). Vgl. Risop, Begriffsverwandtschaft, Progr. Berl. 1903, S. 32.

Das Buchwort absölvit absolt, absoldre kommt unter die Herr-schaft der 1-Stamme: mölëre moldre, töllëre toldre und flektiert afrz. absolóns, absólent; Konj. absoille (Kirsch S. 56).

/?) Dentale VerschluBlaute.

I. Stamme mit nachvokalischem Dental; Da -t-, -d- intervokal, vor Konsonanten und im sekundaren Auslaut verstummen, schwindennbsp;alle stammauslautenden Dentale; -ts, -ds (2. Pers.) ergeben -z; dasnbsp;Endungs-t der 3. Person ist, nach Synkope des Ultimavokals, durchnbsp;den vorhergehenden Dental gestützt; vïdit veit.

*P9tere

puis

ridëre

ri

riz

rit

rïons

rïent

rie

vïdêre nbsp;nbsp;nbsp;sëdêre

1. nbsp;nbsp;nbsp;vei voi sie2)

2. nbsp;nbsp;nbsp;veiz voiz siez (QLR 215) puez

3. nbsp;nbsp;nbsp;veit gt;• voit

4. nbsp;nbsp;nbsp;vëons

siet nbsp;nbsp;nbsp;puet

sëons nbsp;nbsp;nbsp;pöons

6. nbsp;nbsp;nbsp;veientnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;gt; voientnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;sieentnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;pueent

Konj. veie nbsp;nbsp;nbsp;gt;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;voienbsp;nbsp;nbsp;nbsp;siee (Christian) puisse

1

*) Vgl. Al ex. 278 Hs. P agrege, A agrieve nach grief.

Dial. Greg, hat beide nebeneinander, beispielsweise S. 61, 18 Hl boiures; 6i, 23 lo boire; Feuillée reimt boire:poire.

Schon Fl. u. BI. 270 escrire, vgl. 264 escrisenh

2

sëdgo: erwartetes 2si kommt nicht vor; dagegen ergibt audjo oi.

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255

IV. Formenlehre. Das Prasens. Stammauslaut*. nd.

Bemerkungen: Der durch Hiat absonderliche Typus siëe (vgl. chiee S. 243) wird in Mundarten nach face (NO.: fatja), sac/te usw. zunbsp;stece, sieche: QLR 111 que siesced. — Das gleichfalls durch Hiat storendenbsp;póons folgte anderen t^-Stammen und wurde zu pouvons, pouvez, peuvent.nbsp;Froissart reimt Mél. 5755 poeent : truevent (vgl. Kirsch, S. 59).nbsp;Mundartlich folgte es vouloir und tilgte den Hiat durch /; polonsnbsp;puelent, Lothr. Ps. S. LVI, wie noch Neuwallon. und Neulothr. vgl.nbsp;Herzog § 403. Zu vermutlich sö. pons vgl. S. 244.

Die Buchwörter esclore (exclaudere), circoncire (circumcïdere) tilgen den Hiat nach dem Vorbild von Palatalstamme (S. 259), wobeinbsp;j-Partizipien (circoncise) den Weg wiesen: esclöons gt; éclosons; cir-concisons^). — Unverandert blieben rïons usw. — Zu véons S. 245.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Bei Stammen mit sekundar nachkonsonantischem Dentalnbsp;waren Sonorisierung, Schwund und Synkope dialektisch verschieden.nbsp;Man kann annehmen, daC auch die Akzentlage Unterschiede ergab.nbsp;Ob Ultima-a die Synkope beschleunigte, ist fraglich. Vgl. S. 120.

Bei dübitare sind nur -t-Formen erhalten: i. dot (vgl. S. 236), 3. dote(t), 4. dotons. Es ist möglich, dafi dubitamus ursprünglichnbsp;*dodons ergab. — Zu cpgitare vgl. S. 147, 148.

3. nbsp;nbsp;nbsp;In -nd-Stammen ist d nachkonsonantisch, es verstummt alsonbsp;auslautend erst im XIII. Jahrh. (S. 135), bleibt aber sonst bis heutenbsp;lautend: pëndëre i. pent, 2. penz, 3. pent, 4. pendons, Konj. pende;nbsp;pendre. Diese charakteristische Konjugation hat Anziehungs-kraft auf solche Verben, die im Inf. Sprunglaut entwickeln:nbsp;pönëre pondre ergibt 4. pondons, pondez, 6. pondent, qu’elleponde;nbsp;nur Mundarten behalten ponons: Rabelais 5, 4 ponnus (= pondus),nbsp;5, 6 ponent, Parengon S. 38 ponnoit (Kirsch S. 78). — Vlat. folgtenbsp;rëddëre seinem Gegenteil prendere und ergab *rendere rendrenbsp;(B 38 rendent). — Viel Kopfzerbrechen hat gemacht, daC afrz. prendrenbsp;dialektisch und dann in der Schriftsprache diese -nd-Stamme verlafit.nbsp;Zwar die Wall. bewahrt prendons, prendent, que je prende, so immernbsp;bei Froissart (Mél. 1012 prendent : tendent)\ zum Neuwall. Herzognbsp;§ 402, Dagegen haben andere Mundarten nur prenons, prenez,nbsp;prenent (Alex. 317 in allen Hss.), oft mit /--Metathese: pernons,nbsp;pernez (O. Ps. 2, 12). Man hat den ganzen Vorgang aus der Metathesenbsp;*perndons verstehen wollen: rnd wurde zu rn und nicht zu rd, weilnbsp;sonst die Form mit perdons zusammengefallen ware. — Meist wirdnbsp;tenir zXs Vorbild der Analogie genannt, da prendre pour, temr potir —nbsp;prendre par la main, te7iir par la main begriffsverwandt sind: Undnbsp;daher prenons nach tenons. (Risop, Zur Morphologic des Frz. Zt.

r) Anders Germ, witan ,,weisen“ afrz. gmér: Nfrz. guidcr ist it. Lehnwort.

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256

IV. Formenlehre. Das Prasens. Stammauslaut; K, G.

31, 685.) Dagegen hat aber E. Herzog Gewichtiges eingewandt (Bespr. V. Risop, Begriffsverw. Zt. 29, S. 235). — In der Tat ist dernbsp;Vorgang wohl ein formaler gewesen; Der Imperativ ergab auch innbsp;solchen Mundarten pren, in denen prendons bleibt: So hat Auc.nbsp;immer i/-Formen, selbst prendés (6, 19), aber den Imperativ: 2, 19 pren;nbsp;ebenso Aiol 285, 330. Vgl. den Reim Tr. B. 2624 pren : sen (sin).nbsp;Die Entwicklung ist also die gleiche wie bei inde. Die vorkonsonan-tische Form wird verallgemeinert: QLR 97 pren chevalerie, 139 prennbsp;a ton oes. In den Dialekten, die vorvokalisch ent erhalten, findet sichnbsp;prent als seltenere satzphonet. Nebenform: QLR 191 prent ce vaissiel.nbsp;Erst folgt prenezl (R 10) statt prendez nach dem Sing, pren, wirdnbsp;mundartlich zu pernez'-), und von da aus versteken sich die übrigennbsp;Formen. — Mundartlich geht respöndêre den gleichen Weg: Rou 5955nbsp;responeit, Tr. B. 1938 responent = répondent entspricht heute west-lichem répounit = répondit Herzog § 402, vgl. Risop, Begriffs-verwandtschaft S. 17. — Nun erst nehmen die neuen rf-losen Formennbsp;von prendre tenir und venir zum Vorbild: Die i. Ind. wird zunbsp;preng Bartsch 69, 43, praing (Christian) nach teng, taing^); dernbsp;Konj. que je prene zu pregne (Christian) nach t(i)egne, v(i)egne, —nbsp;zu prenge (QLR, vgl. S. 240) wo -^i?-Konjunktive heimisch sind. Mitnbsp;sekundarem tienne und vienne wird pregne in der Schriftsprache wiedernbsp;zu prenne entpalatalisiert. Mundartlich geht respond(e)o denselbennbsp;Weg und ergibt R 393 respoing statt respont, expono ergibt R 214nbsp;espoing statt espon. — Zu den i. Ind. Bras. der t-Stamme auf -c (demanc,nbsp;perc, mee) vgl. S. 240 f.

y) Palatale Verschlufilaute.

Die etymologische Grundlage ist vielgestaltig:

A-Konjugation; lm Indikativ stehen K, G intervokal vor o (paco, nëgo), resp. vor a (pacat, nëgat); nachkonsonantisch vor onbsp;(circo), resp. vor a (circat). lm KonjunkUv stehen K, G vor enbsp;(pacet, nëget, circet).

E-, I-Konjiigation: lm Indikatw stehen K, G intervokal vor o (dico), vor i (facio, placeo), vor e, i (facis, places); der Fall vonnbsp;\ in der 6. ergibt facunt (Jonas feent), ist also alter als die Assibilierungnbsp;von ci. Nachkonsonantisch sind K, G in pasco, pascit, pascunt. lmnbsp;Konjunktiv stehen K, G vor a (dica(m)), resp. vor i (facia(m), placea(m)).

In der 4. und 5. Person haben sich K, G vor den etymologischen Endungen entwickelt: plaisons (placëmus und nicht plac-umus); plaisiez

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257

IV. Formenlehre. Das Prasens. Stammauslaut: K, G.

(placêtis und nicht plac-atis). In der 6. Person schlieClich ist die Entwicklung von K, G vor -ant, -unt, -ent, -iant alter als der Zusammenfallnbsp;der Endungen in -ent (S. 126); dicunt dient, placent plaisent.

a-Konjugation.

K, G Intervokal.

prëcare

pacare

exsucare

negare

Ind. I pri

pai

essu

ni

3 prïeft)

paie(t)

essüe(t)

nïe(t)

4 preions ^ proions

paions

essüons

neions

5 preiiez ^ proiiez

paiiez

essüez

neiiez

6 prïent

paient

essüent

nïent

Konj. 3 prist prie S. 237

paist nbsp;nbsp;nbsp;paie

essuist ]gt; essuie

nit') )gt; nie

Bemerkungeii: Indikativ, i. Person: pri statt *preu, pai statt *pau, ni statt *neu (vgl. S. 155 f.) sind vermutlich Analogieformen nachnbsp;2., 3.; dagegen ist essu in normaler Form angesetzt.

Ind. 2.—6. Person: Nach gespreizten Vokalen sind K, G vor a vokalisiert worden, nach gerundeten gefallen. Vgl. S. 154; Hiatus-/nbsp;im Zentrum und NO. (essuier A.{o\, Philomena 623 essuient:appuient)nbsp;gelegentlich Hiatus-za in ö. Mundarten (manducat manduwe M. Brutnbsp;3166) tilgt die Lücke nach u (y), wobei, wie stets, üi im Z. zu ui wird:nbsp;Athis 6887 essuie : vie. Auch nach o, ou die gleiche Hiatustilgung innbsp;Mundarten: *jocare H. Gap. 192 jouwer, Flo. 1489 joier.

Konjunktiv: Das lautgesetzl. .r der K-Stamme findet sich, da es früh verstummt, selten^). Nur im O., wo s resistent ist, finden wir:nbsp;Lanz. 2934 trüncet (S. I12) transt, prëcet preist (Bartsch 38, 29nbsp;Predigten Bernh. mit der östl. Form von iei). Danach falsch analogischnbsp;Ezechiel, S. 14 parast para(b)olet. — Zu rogare vgl. S, 155, S. 241.

K, G pritndr nachkonsonantisch. eirco i.cerc 3.cerche(t) 4.cerchons S.cerchiez Konj. eerstnbsp;lieriberg-o I.herberc 3.herberge(t) 4.herberjons 5. -giez Konj.herbert

Bemerkungen. I. Pers. Ind. Zu i. herberc vgl. Alex. 251 das Substantiv herberc (heribergu(m)), zu cerc das Substantiv are (arcu(m)).nbsp;Zur spateren I. cerchecherche, he(r)berge vgl. S. 237, 247.

iKonjunktiv: Das etymologisch bei den K-Stammen berechtigte s (Fl. u. BI. 1582 herbert ist normal!) findet sich O. Ps. 108, lO escerst,nbsp;auch in esculurst oben S. 236. Im O. greift diese charakteristische Kon-

b Ebenso nëcet; Rou Bd, I S. 49, 335 que en eve ni(t) „dafi er ertrinke'*. O. Ps. 40, 2 vivifit (vivificet), M. Brut 3315 prit (prëcet),

Jordan, Altfranzösisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;I7

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258 IV. Formenlehre. Das Prasens. Stammauslaut: K, G.

junktivform auf andere r-Stamme über, und wir finden desirst desideret (Pred. Bernhs., Bartsch 38, 85), goverst (S. 236). — Die Gleich-setzung der stammbetonten Formen mit dem Indikativ ergibt nfrz.nbsp;que je cherche, que j'héberge.

K, G romanisch nachkonsonantisch.

Hier ist der Ausgleich der verschiedenen Formen des Stamm-auslauts im allgemeinen urfrz. .und einzeldialektisch (vgl. S. Iiyff.). Da die /. Personen des Singulars Stütz-^ haben (handelt es sichnbsp;doch um Proparoxytona!), sind vor diesem e Zischlaute entwickeltnbsp;worden wie in -aticu(m) -age und im Pras. Ind. 2—6 vor a. Auf diesennbsp;Zischlaut (tj o der ds) ist das ganze System uniformiert worden.nbsp;Die normalen Sibilanten des Konjunktivs bleiben nur in Mundarten:nbsp;Rol. 2109 chevaUt^ 2682 culzt (vgl. S. 236), manjust (vgl. S. 243),nbsp;manjuceiit (manducent O. Ps. 67, 3).

caballico

carrico

vïndico

claudico

judico

Ind. I. chevalche

charge (pik. karké)

venge

cloche

juge

3. chevalche(t)

charge(t)

usw.

usw.

USW.

4. chevalchons

charjons

5. chevalchiez

chargiez

Konj. nbsp;nbsp;nbsp;chevalche

charge

venge

cloche

juge

e- und i-Konjugation.

K-Stamme: dicere und facere halten ihrer Haufigkeit entsprechend im wesentlichen etymologische Formen. Über dit, dimes, dites; fait,nbsp;faimes, faites; traites, vgl. S. 229, 239.--ducere flektiert wie -struere.

Ind. I. Person: facio faz (B 247) ist normal, dagegen sind placeo plaz^), jaceo ^jaz (S. 252), taceo taz, luceo luz teils Raritaten, teilsnbsp;urfrz. nach 2., 3. ausgeglichen. dico di statt *diu folgt 2., 3.

2., 3., 6. Person: fads, places usw. zeigen die unter t i be-sprochene Entwicklung von ce, ci (S. 150): faiz, plaiz. In dicunt dient (B 333), fac(i)untfiel K nach S. 155, 233.

Konjunktiv: d.ic3X die(t) (R234) ist normal (S. 154).—Mit normalem face(t) reimt place(t) (Rou 5793}; O. Ps. 39, 18 plaiset ist bereitsnbsp;nach dem Ind. ausgeglichen. — taceas ist Dial. Greg. 78, 2 taces,nbsp;aber O. Ps. 38, 17 ne taises. — jaceat ist nur in analogischer Formnbsp;Christian, G. Ste 1807 gise statt *jace erhalten. Ein gleiches übernbsp;luceat luise (QLR 139) statt *luce, liceat loise (Lanz. 5029) statt *lece.

Gr- und Hiatlis-Stamme: tra(h)ëre und destruere werden zu trajere (S. 163) und *destrujere; afrz. traire und destruire. Wo Hiat

‘) Paraphr. des Hohen Lieds (afrz. Übb. S. 165) 42 plastz.

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259

IV. Formenlehre. Das Prasens. Stammauslaut: K, G.

entsteht, dringt das ^ der k-Stamme gern ein: Bei legere (*lions für * linies ]gt;» lisons) vorliterarisch; bei traions (Erec 896) gt;gt; traisons,nbsp;resp. destruisons im Afrz.; lient (lëgunt) fand an dient eine Stützenbsp;und wurde oft erst mit diesem umgestaltet; dagegen hat Christiannbsp;dient aber lisent-, exlëgunt reimt in der w. Form esli(e)sent (S. 88)nbsp;schon Rou 4886 rait gi(e)sent (jacent); fugire blieb unbeeinfluGt.

dicere

facere

placere

lucere

legere

destruere

fugire

I. di

faz

plais

luis

li

destrui b)

fui

2. diz

faiz

plaiz

luiz

lis a)

destruis

fuis

3. dit

fait

plaist

luist

lit a)

destruit

fuit

4. dimes

faimes

plaisons

luisons

lisons

destruions b)

fuions

5. dites

faites

plaisiez

luisiez

lisez

destruiez

fuiiez

6. dïent

font

plaisent

luisent

lïent

destruient

fuient

Konj. 3. dïe

face

place

luise

lise

destruie O. Ps.

fuie

Bemerkungen. a) lëgis lis ist normal; QLR 27 liz ist analogisch; ebenso ist lëgit list (Christian) nach dist gebildet. — b) Ich setze die üblichen Formen an,nbsp;wie sie mit den entsprechenden von fuir, duire reimen (Rou 1087, Erec 4709); Formennbsp;wie Rou 1149 trahez, QLR 27 traez für traiez, Rabelais i, 45 instruez können Latinismen, aber auch Mundartwörter (S. 155) sein. Im Konjunktiv erwartet man destrucnbsp;(-strüa(m)): Godefroy belegt aus Aliscans: condue (-ducat).

Die Unebenheiten dieser Systeme wurden bis auf faites und dites (auch diese mundartlich faisez, disez: Herzog § 428) restlos aus-geglichen:

I. Pers. Ind.: faz wurde zu fais (R 137, im Reim mit fes fascis), plaz wurde zu plais, wie urfrz. *jaz zu gis (S. 252); zu den vokalischnbsp;auslautenden trat -s (vgl. S. 239).

4. Pers. Ind.: dimes wich disons, faimes wich faisons (S. 239); Beide Formen herrschen in den Urkunden des XIII. Jahrh. — QLRnbsp;hat diums, Ezechiel faions; heute kommt nous fons im SO. vor.

Hiatusformen des Indikativs: dïent, das Meigret S. 107 f. noch als Nebenform braucht, wird im XIII. Jahrh. zu disent] Christiannbsp;bleibt bei traions, traites (Erec 4030), traient; die Chastelainenbsp;reimt 216 traiez : aiez; nur gelegentlich findet sich traisons, traiseznbsp;(Godefroy). destruisons kommt im Thebenroman, duisons imnbsp;Aiol vor: Kirsch S. 13, 15.

Konjunktiz): fuie bleibt; destruise (Ille 1930 neben 2733 destruie im Reim) folgt der Analogie; conduise brauchen Jourdain B., Ruste-buef (Kirsch S. 13); que je die weicht erst im XV. Jahrh. analo-gischem dise, aber noch Vaugelas bespricht in den Rernarques:nbsp;quoiqu’pn die, und Molière macht sich in den Femmes Savantesnbsp;III, 2 darüber lustig^).

dient und die in neuen Mundarten; Herzog § 400.

17^

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200

IV. Fonnenlehre. Das PrUsens. Stammauslaut; K, G.

K, Cr nachkonsonantisch.

pascëre

törquëre

sürgëre

plangëre

inf. nbsp;nbsp;nbsp;paistre

tortre

sordre

plaindre

Ind. I. pais

plaing

2. paiz

plains

3. paist

tuerst

sort

plaint

4, paissons

sorjons

plagnons

5. paissiez

plagniez

6. paissent

sorgent

plagnent

Konj. nbsp;nbsp;nbsp;paisse

torte

sorde (0. Ps.)

plagne

Bemerkungen. Es wurde in allen Formen ausgeglichen: paistre I. pais statt *pasc folgte 2., 3. wie conois S. 159. — Der normalenbsp;Konjunktiv *pascke wurde zu paisse (Philomena 760 im Reim). —nbsp;Zu tortre Vgl. S. i^of. Der Infinitiv iar/rs forderte zum Ausgleichnbsp;heraus, so konjugierte man; iusri (Philomena 799: muert)^ resp. tortnbsp;(Philomena 955; mort), tortons; Konjunktiv: torte (Bartsch 39, 134:nbsp;porte, G. Ste. 476: forté). — Der isolierte Inf.-Typus tortre tordrenbsp;nach sordre usw., und nun lauten die Formen tordons, torde, im N.,nbsp;NO. torge. (Vgl. Bartsch 31, 30; 60, 61.) — sordre, aerdre: Dienbsp;angeführten Pluralformen belegt Kirsch S. 38. Sonst sind alle Formennbsp;meist nach ihren Infinitiven ausgeglichen, vgl. O. Ps. 40, 9 que ilnbsp;ressurdet, B 191 sordent, O. Ps. 136, 7 aerde ader(i)gat. Es kommennbsp;auch im Konjunktiv mundartliche Zischlautformen sorge, aerge vor,nbsp;die vermutlich sekundar muerge fierge folgen (S. 170, 240). — Dienbsp;Formen von plaindre schlieClich, nebst atteindre, feindre, ceindre,nbsp;esteindre, teindre, joindre (R 265), oindre, poindre bleiben schrift-sprachlich dem Infinitiv gegenüber resistent; Der Ablaut plaing —nbsp;plagnons entspricht compaing — compagnon (graphisch: Alex. 154nbsp;plainums). Auch im Konjunktiv setze ich nach S. 105 plagne an.nbsp;Die alten Texte schreiben plaigne, pleigne und binden die Formnbsp;mit a: Rol. 834, 2915, M. Brut 2661. In Krlsreise 801 plaigne :nbsp;France : regne lautet regne zentraler Artikulation entsprechend ragne\nbsp;Ené as 1427 regne : plaigne kann daher als schriftsprachlicher Reimnbsp;aufgefafit werden. Spater^) wird der Ablaut nach plaint {n istnbsp;silbenschlieCend) ausgeglichen; plaignons (pleriS), plaigne (pleiT^). Dienbsp;Konjunktive plange, esponge (G. Ste 4193: mengongé) sind Analogie-formen und den alteren Texten unbekannt, — In den Mundartennbsp;aber wird auch bei dieser Gruppe vielfach nach dem Infinitiv ausgeglichen; H. Cap. 6065 plaindez, Dial. Greg. 83 joindes (jüngas),nbsp;Mél. 6288 vous faindés (= faignez „vevstdü.t'E.Mch.V'), 21999 poindentnbsp;,,spornen“ (püngunt).

') Rustebuef reimt noch Complainte Roi de Navarre 35 plaigne: Champagne.

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261

IV. Formenlehre, Das Prasens. Stammauslant; 1, n.

Zu besprechen bleibt das Suffix -Isco (vgl. S. 222, 238). Man erwartet -iscimus -isgons, im NO. -ischons; dagegen -iscamus -isckons, imnbsp;NO. -iscons usw. In der Tat ist das ganze System nach -iscis ~is,nbsp;-iscit -ist ausgeglichen: Vgl. Alex. 299perissent, 521 baillissent, R222nbsp;guerpisses (-ïscas). — Nun heiCt es aber noch neuwallon. finijél =nbsp;finissez (Herzog 5, 10; stimmlos s bleibt in derMundart unverschoben,

5gt; 19 3P^se = je passais). In der Tat findet man auch afrz. ein paar normale Konjunktive: QLR 191, 10 ensevelisce, 199, 20nbsp;deguerpisce (ss wird nie so geschrieben, sc entspricht Zischlaut; 212nbsp;esrascier usw.).

J. Manning Booker The french inchoative Suffix -iss. Diss. Heidelb. 1912 bringt Belege fiir den Zischlaut aus dem Englischen.

Zu qu (sequere) vgl. S. 158, S. 248.

d) Liquide Stamme.

1-Stamme mit i in der i. Indikativi und i-Konjunktiv.

Vor 1 i bleiben o, 9, a unverandert, e und o diphthongieren; i tritt nicht in die Tonsilbe fiber, sondern palatalisiert nur 1: 1 2völeonbsp;voeill (Rol. 330), valeo vail (Cligès 167: travail), salio sail (Rol.nbsp;997)) vïgilo veil (O. Ps. 62, l) sind also normal, i lediglich dienbsp;Bezeichnung palatalisierten /’s. Zu vuil (R 221) vgl. S. 95, 249. Innbsp;der 2., 3. Ind. vokalisiert weiterhin 1 vor s, resp. t zu a:

valere

*v01ere

salire (^S. 223)

*fallire (S. 223)

Ind. I. vail

vueil

sail

fail

3. valt nbsp;nbsp;nbsp;vaut

/ viautP melt lt;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.1/

\ veut2)

salt nbsp;nbsp;nbsp;saut

fait 7gt; fant

4. valons

volons

salons, saillons’)

falons, faillons®)

6. valent

vuelent

salent, saillent2)

falent, faillent®)

K-onj. 5. vaille®)

vueille

saille^)

faille

valere: vail -wird zujV vaux nach 2., 3. (Mél.); zu valt, valent S. 243. 2völêre: Nach i. vueil (R 318) 6. vuelent (B 192) wird 2. zunbsp;vues gt; tu veux (R 223),nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;3. zu vuet ^ il veut (R 202) umgestaltet.

Meigret S. 104 kennt noch je veuil (im XVI. Jahrh. meist veuille geschrieben), zieht aber analogisches veus (je veux) vor.

*fallire. Nach i. fail und Konj. faille dringt früh palatalisiertes I auch in 4., 5., 6. des Indikativs ein. Die i. fail wird nach 2., 3. zunbsp;je faux (Mél.). Das einpersönliche il faut schafft sich einen neuennbsp;Infinitiv falloir (XV. Jahrh., Leicht S. 20) nach il vaut — valoir, il

1

gt;) Vgl. S. 92.

2) 2 bezeichnet die Palatalisierung von 1. Beispiel: B 26, R 211.

2

Philomena 417 valent: falent zeigt, dafi /-Formen nicht blofi pik. sind, wie Leicht in der S. 271 zit. Diss. (§ 2) angibt.

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202

IV. Foimenlehre. Partizipium und Gerundium auf ant.

chaut — chaloir; faillir bildet mundartlich -ïsco-Formen; Meigret S. 113 lehnt faillissons ab. — colligere. Siehe S. 250.

Salire. Stirbt aus durch saltare nbsp;nbsp;nbsp;verdraagt (Meigret S. ill);

seine Komposita gleichen nfrz. aus: 1assalit B 122 assail, nfrz. assaille; trans-salit tressalt, nfrz. tressaille.

bullire. Bildet afrz. -ïsco-Formen: O. Ps. S. 241, 25 esbuillissed; nfrz. je bous „ich koche“ (figürlich) 3. I'eau bout.nbsp;jallire jaillir: Bleibt bei -ïsco: la source jaillit.

n-Stamme mit i, Indikativi auf i nebst i-Konjunktiv.

Zu den Mundartformen von venio, teneo vgl. S. 89. — Zu mango S. 252.

venire

manere

Ind. I. veing )gt; vaing; vien

maing

3. vient

maint

4. venons

manons

6. vienent

mainent

Konj. nbsp;nbsp;nbsp;veignenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vaigne; vienne

magne

Benierkangen. Spateres vieng statt vaing (R 353 tieing) folgt 2., 3.; zu je viens S. 239. Die Entpalatalisierung des Konjunktivsnbsp;(nach tenons, tenir) ist erst nfrz. — Der Konjunktiv magne (Cligès 1090,nbsp;B 232 remaingne : Bretaingne) steht unter dem Einflufi des Indikativsnbsp;und mag meist als maigne gebraucht worden sein, zumal wo n schwachnbsp;palatalisiert wurde. Zum Infinitiv vgl. S. 223. Das Wort veraltete.

rm-, rn-Stamme der a-Konjugation.

In der i. Indikativi und dem Singular des Konjunktivs verstummen die nasalen Endkonsonanten, Unterschiede, die teils Analogie, teilsnbsp;formale Entwicklung wieder ausgleicht: 1torno tor(n), 1torne(m) torfn)nbsp;(Philomena 523 mit amor gebunden), 1tornet QLR 163 retornt, tort,nbsp;firmet fert (O. Ps. 19, 4 confert) aus fermt (QLR 113) werden zu:nbsp;je tourne, qu'il tourne; je ferme, qu'il ferme; dagegen bleibt dorm(i)onbsp;dor (Lanz. 6574), nfrz. dors, trotz Konj. dorme.

Zu den m-Stammen mit stammbetontem Infinitiv vgl. S. 224 f.

Wilhelm Kirsch, Zur Gesch. des konsonantischen Stammauslauts im Pras. im Afrz. Diss. Heidelberg 1897.

Kapitel 3.

Partizipium und Gerundium auf -ant.

Die Endungen -ando, -ante(m), -endo, -ente(m), -iendo, -iente(m) wurden urfrz. durchweg auf -ant uniformiert’). Hier war die a-Kon-

1

Das Altprovenzalische scheidet cantan, parten.

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263

IV. Formenlehre, Der Imperativ.

jugation numerisch im Übergewicht, das Hilfszeitwort aber ohne EinfluG, daUmschreibungen wie ayantvu (habendo) usw. erst der jüngerenSchrift-sprache angehören. — Die Statninauslailte haben sich im Franz, nochnbsp;vor e, i entwickelt: disant (dicendo), faisant (faciendo). Die Uniformnbsp;ist also jünger als die Assibilierung. — Früh gleichen sich auch dienbsp;Stamme dem Prasensstamm an: O. Ps. hat noch deus tuz pöanznbsp;(poténte(m)), aber auGerhalb der übersetzten Formel puissanz estiS. 253;nbsp;nfrz. ist pouvant Part., puissant Adj.); 37, 15 avanz (habénte(m)), nfrz.nbsp;ayant nach j’ai', 48, 12 nunsavanz nach savotr, vgl. Ie savant, wahrendnbsp;das heutige Part. sachant etymologisch ist. — Wo ein Verbum -ïsco folgt,nbsp;geht auch das Partizip mit: afrz. hdanz, O. Ps. 43, 9, nfrz. haïssant;nbsp;auffallend ist vaillissant (Bartsch 37, 253 usw.) nach faillissant;nbsp;die m-Stamme haben afrz. cremanz — nfrz. craignant usw.

Part. und Gerundium von stare ist estant (Krlsr. 350 en estant ,,aufrecht“). Es ist eine wohl unlösbare Frage, ob estant ,,stehend“nbsp;für die fehlende Form des Hilfsverbs eintrat, oder ob estant „seiend“nbsp;eine Neubildung von est-re aus ist.

Das Part. folgt der 2. Adj.-Klasse; R 57 la bien chantanz; analo-giscbes -ante ist bereits in QLR haufig. Vgl. S. 199.

Kapitel 4.

Der Imperativ.

Die Formen der -a-KonJugation enden normal auf e: R 227 mire, 178 esmaie. Nur (e)sta „stehe“ (QLR 61) weicht ab. — In der -e-,nbsp;-i-Konjugation haben Stamme auf M. c. L. Stütz-^; R 242 sueffre. Sonstnbsp;ist der Imperativ endungslos und entspricht dem Stamme des Verbums:nbsp;QLR 179 sëde sie, 180 tölle tol, 179 claude clo, 192 sieu (vgl. S. 248),nbsp;QLR 213 *destruje destrui, 216 recipe receif, 217 fac fai. — Dienbsp;-ïsco-Verben lauten auf -u aus: guaris. Doch ist emplir 2Sxz. im Pras.nbsp;emplist (O. Ps. 102, 5), aber im Imperativ einple (82, 15, QLR 31).

Gelegentlich übt der Prasensstamm EinfluG aus; Alexius 52, Hs. A vai (Hs. P va, vlat. va S. 242); O. Ps. 137, 4 exöi exaudinbsp;statt exo-, O. Ps. 138, 22 sace „wisse“ folgt dem Konjunktiv: 2. saches.

Kurzformen sind haufig: Zu pren'-) und lai vgl. S. 244; r-lose F'ormen der -a-Konjugation; O. Ps, 25, 25 essai, QLR 193 jet,nbsp;QLR 39 lais, Venus 234 part, Bartsch 61, 277 gar (wara) erklarennbsp;sich aus ursprünglich zwischentoniger Verschleifung. Im Plural sindnbsp;die Kürzungen vez aus vé'ez (S. 115), crez aus crè'ez (Prestre Comport é 200), faiz (S. 244), soiz (S. 234) belegt.

Spater greift analogisches -s aus der 2. Pras. um sich, wie es bei -ïsco-Verben und s-Stammen normal war: R 246 couz (S. 247).

') Uragekebrt QLR 5 „ns me tient si/quot; — halte mich nicht 1“ (tëne).

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264

IV. Formenlehre. Das Imperfektum.

In der Liaison lautet dies s: prends^n. — Nfrz. va aber vas-y (QLR 169 va i) neben va y donner, parLes-en entstammen der bekanntennbsp;Regelseligkeit.

Für den Plural cantate trat gallorom. Ind. 5. cantatis*) ein: R 170 recevez; bei Hilfs- und Modalverben Konj. 5: ayez, soyez, sackez,nbsp;letzteres in altertümlicher Form (S. 239). — Auch mit der 2. Imperativinbsp;konkurrieren Indikativ und Konjunktiv: Alexius 52 Hs. L quar t'ennbsp;vas colcer (aber P va, L vat), R 341 certain soies; vgl. R 225 Apresnbsp;te garde, aber 234 Apres gardes.

Kapitel 5.

Das Imperfektum.

Der Stanim ist immer vortonig, entspricht also, wenn wir von dimes, faimes, somes absehen, der 4. und 5. des Prasens^).

Die vlat. Endnngen entsprechen den drei Konjugationsklassen: -aba(m), -ëba(m), -ïba(m)®); für sich steht ëra(m). Das It. hat ent-sprechend noch drei Endungen; Mundarten gleichen aus. Das Aprov.nbsp;hat noch zwei Endungen; -ava für die a-, ia für die e- und die i-Kon-jugation, und ebenso scheiden noch das Portugiesische und Spanische.nbsp;Die nfrz. Schriftsprache aber hat durchaus uniforniiert: Die Uniform,nbsp;afrz. -eie 'ygt; -oie, gehort zu aprov. span. -ia (aus -ea). Ihre Herkunftnbsp;ist ein Problem. Die lautliche Grundlage ist dagegen sicher: -ea(m)nbsp;und zeigt ein vlat. Dialektimperfekt der e-, i-Konjugation, das in Gallien,nbsp;Spanien und Piemont gebrauchlich war.

Man dachte zuerst an ër-a(m), dem das andere Hilfsverb habëba(m) *habé-a(m) gefolgt ware. Allein ein solches Vorbild hatte *haba(m)nbsp;ergeben müssen, und so erklart man *habëa aus habëba(m) alsnbsp;b-Dissimilation, der zunachst andere Labialstamme (debere, *sapêre,

h Diehl 1176 discitis „lernt“ dürfte Imperativ sein. Vgl. Chr. I. 294.

“) Wo der unbetonte Stamm im Prasens analogisch den stammbetonten Formen folgt, folgt auch der Imperfektstamm; amoie (R 322) wird zu faimais; wo das Pras. -Isconbsp;annimml, folgt auch das Impf.: Afrz. haoie (R 56 haioit „hafitequot;) wird zu haïssait; wienbsp;haioit haben auch andere vokalische Stamme von altersher Hiat- oder analogisches i:nbsp;O. Ps. 98, 9 exoieiis „du erhöitest“ (nach audio ot). — Für sich steht östlich astoit „war“nbsp;und astisoit „standquot;; astreiet (Kondizional) findet sich schon im Jonas, die anderennbsp;Formen in den Dial. Greg. usw.;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;und estei (été) bleiben, vorab wenigstens, von

diesem Stammvokalwechsel unberührt: avoit, avroit ist das Vorbild, ein Hilfszeitwort beeinfluBt das andere und seinen Mitlaufer stare. Zum Neulothr. vgl. Herzog 13,27nbsp;atot „warquot;, 28 avot „hattequot;. Die Entstehung erklart sich aus Formeln wie Dial. Greg.nbsp;345, 36: Uns hom astoit . . . ki avoit ... — Zu gisoit S. 252, prenoit B 182, S. 255;nbsp;zu B 160 pooit ^ pouvait S. 114, 255; zu faloit, B 398 failoit, S. 261.

KI. -ieba(m) vereinte sich mit -eba(in) als Endung der e-Klasse; von Alters wurde die Endung der i-Klasse gern auf den Konjugationsvokal gestimmt (M. L. Einf.nbsp;§ 171), war also -lba(m).

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265

IV. Formenlehre. Das Imperfektum.

vïvëre usw.), dann der Rest der e-Klasse, die i-Klasse und franzisch schlieClich auch die a-Klasse gefolgt waren.

So scheint, dafi sich zuerst wiederum das Hilfsverb habëre eine eigene Imperfektform schuf, wie sie esse schon besaC, eine Form, die dannnbsp;(wie afrz. sons) analogisch um sich griff, in Spanien und der Provencenbsp;einen groCen Teil, in Frankreich das ganze Imperfekt uniformierte.

Gr ober, im Arch. f. Jat. Lexilrogr. I. 228 ff.

W. Müller, Beitr. z. Gesch. des Impf. Ind. im Afrz. Diss. Heidelberg I904.

Diese Uniformierung ist bei den altesten Dichtern des afrz. Z. schon durchgeführt. Christian reimt alle Imperfekt- und Kondizional-formen miteinander: Erec 251 aloie (-aba(m)) ; porroie (-eba(m)),nbsp;Cligès 69 regno it (-abat) : tenoit (-ebat), 155 porroient (Kondizionalnbsp;-ebant) : erroient (ïter-abant). Und wie man an den ersten Beispielennbsp;sieht, haben die drei Singularendungen denselben Taktwechsel wienbsp;I. soiè, 2. soiës, 3. soit (S. 234), lauteten also im Singular für dasnbsp;ganze zentralfranzösische Imperfekt: i. -eie 'pp- -oie, 2. -eies gt; -oies,nbsp;3. -eitpgt; -oit. Reste von -eiet finden sich in Eul. sostendreiet, Jonasnbsp;saveiet. Woher kommt diese Umgestaltung der 3. Person? Mannbsp;nimmt an, dafi der Konj. Imperfekti Vorbild war: canta(vi)sse(m)nbsp;ergab chantasse, canta(vi)sses chantasses; ohne diese analogischenbsp;Endung waren namlich beide Personen in 1chantas zusammengefallen.nbsp;Dagegen ergab die 3. cantavisset normal chantast (M. L. frz. Gr. § 327).

Sehen wir uns aber auf der Tabelle der nachsten Seite das östliche Imperfektum an, so ergibt sich, dafi im O. zwar die e-, i-Konjugationnbsp;verkürzte Formen der 3. Person zeigt, aber nicht die a-Konjugation:nbsp;Es wird chanteve, chanteves, chanteve konjugiert, — aber vendoie,nbsp;vendoies, vendoit'quot;). Folglich dürfte es das Vorbild soit gewesen sein,nbsp;das durch lautliche Ahnlichkeit vendoit aus 1vendoiet erzeugte, wahrendnbsp;das lautlich fernstehende chanteve unbeeinflufit blieb. Denn es istnbsp;unwahrscheinlich, dafi vendoit sich nach vendist richtete, chanteve{t)nbsp;aber nicht nach chantast. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dafi einnbsp;franzisches vendoit einheimisches vendoiet verdrangte, chantoit abernbsp;chanteve unbeeinflufit liefi. Das Wahrscheinliche ist, dafi die Analogienbsp;nach soit um die gleiche Zeit im ganzen frz. Sprachgebiet vendoit zurnbsp;Folge hatte und erst dann das Zentrum das Imperfektum uniformierte.nbsp;Entsprechend soit hat -oit „festes“ t (S. I3S)-

lm Plural ergeben: -ejamus, -ejatis (zum Hiatus-i S. 155) wie *Chrestijanus Crestïiens die zweisilbigen Endungen -ïtens, -üez] —nbsp;êant ergab -eient -oient.

1

Jonas avardevtt, Leod. 15 regnevet, 2\ serveit, Dial. Greg. 41, i manivet „aC“, 41, 16 debotoit; 158, 6 steivet stabat, 158, 5 astoit ,,war'‘; 161, 22 iugievet „richtetequot;,nbsp;161, I cessoit usw.

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266 IV. Formenlehre. Das Imperfektum.

Mundarten.

lm Gegensatz zum Zentrum haben Westen und Osten im groCen Bogen um das Seinebecken das angestammte Impf. der a-Konjugationnbsp;auf -abam erhalten; der Osten auch ein Impf. auf -ïbam.

aba(ni) ergab im Osten lautgesetzlich -eve (resp. -eive; nach i: -ieve gt;» -ive)\ im Westen mit Vokalisierung des b (S. 140) *-auenbsp;(a u) gt; -gue.

ïbam ergab im O. und SO.: Ezechiel: 8 tenivet, veriivent, esmantivet „er log“, 10 gesivent usw. — In den Bernhardpredigtennbsp;noch bald -ive, bald -oie, im Lothr. Psalter keine Spur von ive mehr:nbsp;-oie (-^a(m)) hat die Mundartform verdrangt*).

Das Imperfekt hat also in den für die i., 2., 3., 6. Person afrz. folgende Gestalt:

Osten.

-aba(m)

-iaba(m)

-lba(m)

-eba(in)

I.

•eve

(-eive)

-ieve (-ive)

-ive

-oie

2.

-eves

(-eives)

-ieves

-ives

-oies

3-

-evet

(-eivet)

-ievet

-ivet

-oit

6.

-event

(-eivent)

-ievent

-ivent

-oient

Schriftsprachlich schwinden nun -eve,, -ive im XIII. Jahrh. aus den östlichen Texten, von -oie verdrangt. Mundartlich ist der Ausgleichnbsp;verschieden: Neuwall. hat -eve das Imperfekt uniformiert. Die r., 2., 3.nbsp;lauten auf -of aus (Labialisierung), nur -iaba(m) ist i:f : mariiif, undnbsp;meist halten die Hilfszeitwörter Sonderform: av0, £st0, deren Endungnbsp;normal auf -oit beruht (Herzog, Stiick 2, a, b, c). — Pik. dagegennbsp;wird -oit zu -ot und lautet heute auf -0 aus. — Zum neulothr. Impfnbsp;auf -or (*aura S. 97) vgl. M. L. Ro. Gr. II, § 116.

Westen.

-aba(m)

-ë.b)a m)

I.

-oue

0 -oe)

-eie

2.

-cues

(gt; -oes)

-eies

3-

-out

(gt; -ot)

-eit

6.

-ouent

(gt;• -oent)

-eient^)

*) In Ezechiel ist -oie ganz selten (stets estoit, avoit, gelegentlich disoit und ein paar andere). Die i- und die e-Konjugation gehen zum gröfieren Teil auf -ive aus:nbsp;5 disivent, 6 conisivet. Dies ist nicht -iabat, das noch stets -ievet lautet. Wenn alsonbsp;Hubschmidt Zt Bh. 58 S. 12 an meist nördlichen Punkten der Frkoprovence kozivenbsp;,,nahte‘' und sogar sentive für junge analogische Formen halt, so zeigt Ezechiel, dafinbsp;hier sehr wohl altes ostfrz. (so. ?) Gut vorliegen kann, das sich peripherisch hielt.

Mundartlich -lent (G. Ste. 1069 est'ient) nach der 4. und 5. auf -Hens, -Uez. Noch Cyranos Bauer braucht: estient, vivient.

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IV. Formenlehre. Das Imperfektum. 267

Beide 3. Personen {-out, -eit) sind seit den altesten Texten ^’-los. — Die beiden von -aba(m) gehuchten Formen folgen sich chronologisch,nbsp;so dafi O. Ps. meist -owe''-'), QLR meist -oue, gelegentlich -owe. Rol.nbsp;203 portout, Rou I S. 103 laissout (: Herolt), also Diphthong haben,nbsp;jüngere Texte (Troja, Eneas, Marie de Fr.) öfter Monophthongnbsp;zeigen. Es dürfte sich demnach um Monophthongierung von gunbsp;handeln, mit der diejenige von ei zu s (Tr. B. 78 diset dicë(b)at)nbsp;parallel geht. Das norm. Imperfekt auf -ot findet sich als Reimformnbsp;in der ganzen afrz. Dichtung: B 18 raiot (radiabat) kann agln. sein;nbsp;R 303 mot d mot: amot. (Vgl. G. Wacker, Dial, und Schriftsprache,nbsp;S. 48, Tabelle.)

Die 4. und 5. Person. Hier sind -'Hens, -iiez urfrz. aus der e-, i-Konjugation in die a-Konjugation aller Mundarten gedrungen;nbsp;anbsp;nbsp;nbsp;nbsp;enbsp;nbsp;nbsp;nbsp;i

4. nbsp;nbsp;nbsp;chantuensnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;avïiensnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;dormïiens

5. nbsp;nbsp;nbsp;chantïieznbsp;nbsp;nbsp;nbsp;avïieznbsp;nbsp;nbsp;nbsp;dormïiez,

Schreibung meist mit einem i, aber zweisilbige Endung und in -ie reimend: Lanzelot 2971 voldr'iiens : biens, R 333 amerïez. Wienbsp;beim Prasens tritt zuerst im W. auch hier -ons resp. -omes, -on innbsp;Konkurrenz mit -iens: Rol. 1504 av’ium, 391 avfimnes. Im XIII. Jahrh.nbsp;herrschen -ïons uiid 'ion im Z., W. und Wallonië (-omes), wahrendnbsp;die Pikardie konservativ bei einsilbig gewordenem -iens (resp. -ietnesnbsp;S. 2291 2 bleibt^).

Diese Hiatustilgung (-iens resp. -iemes, -iez) zeigt sich zuerst in der Pikardie und Wallonië. Walter hat im Eracle einsilbige Endungen:nbsp;1453) 1454) 2648nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Kondizional); in Ille ist zweisilbig: 2463®)

(schriftsprachlicher Eiltóufi). Im Poëma Morale sind -ions, -iez stets einsilbig. Vom 14. Jahrh. ab ist ihre Zweisilbigkeit ein Kunstmittelnbsp;der Dichtung.

Die weitere Entwicklung des Impf. in der Schriftsprache ist die folgende; ImXV. Jahrh.verstummen die nachvokalischen auslautenden e^).nbsp;I., 2., 3., 6. haben nur noch einsilbige Endungen und keine Personen-unterscheidung mehr; -oient wird oft -oint geschrieben und istnbsp;nun einsilbig®). Die i. wird mit dem graphischen Endungs-j der

1

*) Die 3. ist meist -ot; 49, 20 caniot, 98, 7 parlot, 100, 8 ministrot. Aber r, i stout (stabat). Dagegen QLR 7 amendout (emendabat), 12 tuout „tötete“ usw.

*) Vgl. ALF 1201 savions, NO. savwêra, savom, saviim, auch die norm. Insein haben sav§m. Der ganze O. und das Loiretal zeigt noch sav§; zu -omes vgl. nochnbsp;Herzog 35, 74 itjom (étions), 35, 94 mS^jom (mangions) in der Normandie.

2

Die Silbenzahl ist nicht immer bestimmbar; Eracle 4149 deveriez kann auch devrïiez sein; 4635 seriemes, serïiens.

Satzphonetisch im Zwischenton schon im Poëma Morale (1200); 177 poroi ge statt poróie gé, worauf jè poroi folgt. Müller § 77, 83, Tobler Versbau S. 45,

Einsilbiges -eint findet sich mundartlich schon im XII. Jahrh, Muller § 76; einsilbiges -oient, -ient im XIII. Jahrh., Tobler Versbau S. 46.

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268 IV. Formenlehre, Das Perfekt.

I. Pras. Ind. der e-, i-Konjugation (S. 239) versehen: j’avois. Die Endung -wb wird zu -e, geschrieben -ais : favais, vgl. Voltaire Guerrenbsp;Civile de Geneve „Vorrede“ und S. 71^).

ëram hat sich seine besonderen Formen schriftsprachlich bis ins XIV. Jahrh., mundartlich bis heute (S. 85^), erhalten. Sie lauten;

ere

eres (Tr, B. 70)

eret (Eulalia 12, Alexius 17 in Asso-ranz mit s aus a) ert

1. nbsp;nbsp;nbsp;lere

2. nbsp;nbsp;nbsp;ieres

3. nbsp;nbsp;nbsp;ieret (Christian: iere) ^ iert

4. nbsp;nbsp;nbsp;erïiens (erwartet ^erains)

5. nbsp;nbsp;nbsp;erïiez

6. nbsp;nbsp;nbsp;ierent

Neben den haupttonig diphthongierten P'ormen bestehen undiphthongierte Formen mit e, vgl. S. 98^). — Die Pausaforranbsp;eret wird im Satze zu ert (Cornu, Ro. F. 23, 108: B. 181 ert, 264nbsp;eirt, R l iert, 302 eri). Die seltenen 4. und 5. haben zweisilbigenbsp;Endung; vgl. Guerre Ste. 1504 Que erïóms de mer parti; Tristannbsp;B. 54 „Se vos m’en erïéz atnie.quot;

Neben diesem organischen Imperfekt steht seit alters ein analogisches wohl vom Infinitivstamm est-re aus gebildetes estoitnbsp;(B 16), das formal mit dem Imperfekt von staba(m) zusammenfallt.nbsp;Vgl. nebeneinander: Guerre Ste. 781 Mais li reis de France i estoit, —nbsp;Qui sor Ie rivage s'esteit ,,der König von Fr. war da — Der amnbsp;Ufer standquot;; ahnlich Cligès 2793.

Bemerkung. Der Dichter von B brauchte das Impf. in schrift-sprachlicher Form; das Impf. der a-Konjugation reimt mit demjenigen der anderen Konjugationen; 49, 50; 131, 132; 162, 163 usw. Dernbsp;Schreiber schreibt bald -ei (vgl. 16, 80, 183), haXIH^oi (vgl. 19, 49 usw.).

Kapitel 6.

Das Perfekt.

Vorbemerkung.

Das lat. Perf. hat in der a- und i-Konjugation endbetonte (-^vi, -ïvi), in der e-Konjugation stammbetonte Formen (j: i, jl si, -2- ui). Selbstnbsp;in merowingischen Texten sind die klassischen Formen gut erhalten.nbsp;Verstofte wie Pirson 29, 28 interfexit statt interfecit (dixit ergab janbsp;dist wie fecit fist) selten. Nur das Umgreifen des Typus perdidit innbsp;der Rekompositionsform perdédit ist vulgar: Pirson i, 21 vindedi,nbsp;9, 26 perdedit, 13, 6 ostendedit. — Der Schuleinfluft ist also, vonnbsp;diesen vlat. Formen abgesehen, deutlich bemerkbar. Es handelt sich

*) Hierzu vgl. das Imperfekt von Cyranos Bauer: i. f avonds, aber 3. H avet. Nach Thurneysen erklaren sich eret, O. eirt, analogisch nach dem S. 227 be-sprochenen Plusquamperf. auf -arat. Müller S. 110, M. L. frz. Gr. § 328.

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269

IV. Formenlehre. Das Perfekt.

eben um ein Tempus, dem eine umschreibende Form (j‘ai vendii) zur Seite steht, welche einst den Platz behaupten wird. Daher finden wirnbsp;zwar überall innerhalb kleinerer Gruppen Ausgleicherscheinungen, dienbsp;aber nur in Mundarten zu vollem Ausgleich führen, wahrend Seinebeckennbsp;und Schriftsprache fast nur innerhalb der Gruppen ausgleichen.

Ailgemeiner Annahme nach hat sich vlat. das ui-Perfekt stark ausgebreitet: Suchier, Zt. II, 255; M. L. Ro. Gr.M, § 278 ff.; beinbsp;liquiden Stammen ist dann urfranzösisch Endbetonung eingetreten:nbsp;valuit wurde zu valüit (M. L. Ro. Gr. II, S. 327).

Ich möchte für die folgenden Perfektgruppen eine andere Ansicht geltend machen. Zu vergleichen sind; J.H. Meister: Die Konjugationnbsp;im O. Ps., Diss. Halle 1877, Trommlitz: Die frz. ui-Perfekta, Progr.nbsp;Stralsund 1895.

m-Stamme: Die afrz. Entwicklung führt durchaus auf ein stamm-betontes Perfekt zurück, normales ui-Perfekt scheint analogischem i-Perfekt, spater si-Perfekt Platz gemacht zu haben.

trëm(u)it

gëm(u)it

redêmit

pressit

I. Periode:

‘^orient

*gient

'^rcdeint

raeinsiO.Vs, 106,2

*prest

2. Periode;

crienst 0.Ps. 63,9

gienst

raenst Alex 67

depritnst QLR 99

Es ware bequem, die Gruppe von einem nach redemptus ge-bildeten *redempsit abzuleiten (aprov. redems), allein diphthongiertes raeinst, das Alex. 67 Hs. A sichert, das haufige Vorkommen vonnbsp;redemit im meroving, Latein, zeigen, dafi von der klass. Form aus-zugehen ist; Somit konnte nur pressit die Gruppe zum si-Perfekt leiten,nbsp;die fast völlig gleich geformten Infinitive trëmëre, gëmëre, redïmëre,nbsp;prëmëre vermittelten. — Der Diphthong ie der afrz. Formen konntenbsp;aus dem Prasens stammen: trëmo criem, prëmo priem] allein dienbsp;Übertragung des Stammdiphthongen aus dem Prasens ins Perfekt warenbsp;doch imgewöhnlich, zumal ein Zusammenfall der beiden Zeiten dienbsp;Folge sein muGte. So zwingt uns dieser Diphthong zur Annahme vonnbsp;*trëmit, *gëmit nach redêmit: Denn trëmuit hatte wie tënue(m) tenvenbsp;normal *crienvet, gëmuit hatte genvet ergeben. Aprov. redems hatnbsp;sich für sich entwickelt, oder stammt aus dem Afrz. —

Wie steht es nun mit cremit und cremuti

O s t en

Westen

cremir, daneben cre7noir Dial. Greg, 6o creniut Dial Greg. 245, 2nbsp;cremit „nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;,,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;6819

Infinitiv: nbsp;nbsp;nbsp;cremeir

Partizip: nbsp;nbsp;nbsp;cra?iu

ir St. Th. 1251 nbsp;nbsp;nbsp;.

lt; St. Th. 186

Perfektum; cremit St. Th. 195 (V. 5533)

Hieraus ergibt sich, daG das Partizip cremii der Ausgangspunkt des sekundaren Infinitivs cremeir und des also auch sekundaren Per-

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270 IV. Formenlehre. Das Perfekt.

fekts cremut sein dürfte, welch letzteres nur in Rou und Rose (R 315 belegt ist. Übrigens steht Trommlitz’s Beleg aus Rou im Versinnernnbsp;(Bd. I, S. 94), im Reim heifit die Form cremirejit (Bd. II, 1614),nbsp;cremurent ist also die jüngere Form. — Wie bei cadere (S. 272) gehennbsp;i-Perf., u-Part. und Schwanken zwischen -oir und -ir im Inf. durchnbsp;die afrz. Periode: Wie dort im O. junges chaut, findet sich hier im W.nbsp;junges cremut.

Il-Stamme (auCer tënui und vëni; vgl. S. 272): ma(n)sit gibt normal mest, mönuit und pösuit vermischen sich:

mön{u)it (vgl. mönitus).

pös(u)it (Diehl 239 usw. posit)

quot;^somont

somonst (QLR 55, vgl. B 165)

1. nbsp;nbsp;nbsp;Periode:

2. nbsp;nbsp;nbsp;Periode:

repost (o. Ps. 26, 9) reponst (O. Ps. 34, 9 „die Falie, dienbsp;er verbargquot;)

Wenn wir nun im O. monut, manut „wohnte“ und ponut finden, dürfen wir diese Mundartformen als primar ansehen.? Sie gehören dennbsp;Bernh.-Predigten und Ezechiel an. Ezechiel brauchtnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;„ich

suchte“, quarurent „sie suchten“ (S. 3, 8), bildet seut ,,safi“, veut „sah“ nach den Partizipien (Mussafia, L. BI. 1882, S. 105). Wienbsp;querre dem Perf. von corre folgt und statt quist: quarut bildet, sonbsp;können auch die isolierten ü-Perf. der n-Stamme analogisch sein: Innbsp;der Tat ist in diesen mystischen Texten reponut statt repost ,,verborgen“nbsp;(Perfekt und Partizip) der standige Gegensatz von conut „bekanntquot;,nbsp;woraus sich denn die Analogie erklaren dürfte.

1-Stamme. Die meisten 1-Stamme der e-Konj. hatten lat. -uï als Perfektendung oder nahmen es an. Aber endbetont wurden nur:nbsp;caluit il chalü (M. Brut 1416), valui valüi (O.Ps. 12, 4); mundartlich:nbsp;dolüt (vgl. O. Ps. S. 240, 15), moluit il molut; die Christianschennbsp;que je dolsisse, que je tolsisse zeigen, daG il tolut und il dolut alsnbsp;gemeinfrz. oder zentrale Ansatze unsicher sind, und dafi die andernnbsp;1-Stamme, aufier den genannten vier, mit völ(u)i gingen, über dasnbsp;S. 272 berichtet wird. Nachweisen kann ich dies für 1sol(u)it (kl.nbsp;sölitus sum): Es ist langst erkanrit worden (vgl. Ekblom, S. 91),nbsp;dafi das solt haveir des Jonas Perfekt sein kann. Rol. 352 solt clamernbsp;dem Sinne nach eher Perfekt wie Prasens ist. Eine sichere Stellenbsp;findet sich QLR 177 (2. Könige 3, 16): Der Prophet will durch einnbsp;Wunder Wasser schaffen: „Faites purer Ie chanel de l'ewe ki cinbsp;soult curre . . . Veriz ni vendrat ne plüie (S. 178) é eist chanels iertnbsp;repleniz de eve''. — „LaCt herrichten den Kanal des Wassers, dasnbsp;hier zu laufen pflegte . . . Wind wird nicht kommen noch Regen,nbsp;und [doch] wird dieser Kanal wieder voll Wassers werdenquot;^).

1

Haufig ist 1soluit in der Mort Artu und zwar in der wall. Form stut, stut (^- 9Si 98), also analogisch nach debuit deut, diut, 1leguit liut (S. 164)1 vgl. S. 279.

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271

IV. Formenlehre, Das Perfekt.

Ganz klar ist die Tradition bei fallere: Der Konjugationsübergang zu *fallire ist galloromanisch, vgl. S. 223. Für das Perfekt sichertnbsp;Reich. Gl. 912 fefellit : fallit u-lose Grundform. Die alten Textenbsp;Iiaben denn auch nur faillit (B. 108); falu(t) nach dem Partizip fahinbsp;(unten S. 283) erscheint erst im XIII. Jahrh. (H. Leicht, Morphologienbsp;und Semasiologie der frz. Verben faillir und falloir, Diss. Greifswaldnbsp;1908, S. 23); faillit ist eine Abstraktion des gallorom. Infinitivs odernbsp;geht mit den anderen reduplizierenden Perfekten, die, von mömorditnbsp;afrz. morst abgesehen, auch ohne i-Infinitiv zum i-Perfekt gelangen:nbsp;cücurrit corit crëdïdit crëit, cëcïdit chaxt^ vgl. S. 272.

r-Stamme. Hier handelt es sich urn haufige, finite Verben. Bartsch belegt fast alle vorkommenden Formen, das Durcheinandernbsp;scheint unentwirrbar, lafit sich aber lösen und scheint bësonders lehr-reich. Folgende Formen sind gebrauchlich:

paruit {Bartsch S 344)

cücurrit (S. 342)

mört(u)us sum

(S. 343, 4)

3. parut nbsp;nbsp;nbsp;5 3. appari : anti

I. corui

3. morut nbsp;nbsp;nbsp;Ï3.

tnorit

Christian lt; (Froissart)

3. corui

Brut, Rou 5

Lothringer;

Dial. Greg. ,

QLR, Troia;

Christian nbsp;nbsp;nbsp;/

Christian:

242, 8 nbsp;nbsp;nbsp;1

Christian,

Dial. Greg, j

Konjunktiv

St. Th. Vers S

Ezech. 3

162, 10 nbsp;nbsp;nbsp;j

Impf. morist

526 nbsp;nbsp;nbsp;1

Dial. Greg.

QLR 153

Cliges 6101;

Ron 1, S. 177 j

28,7

St. Th. 24

Athis 5716

Auch bei covrir scheint Perfekt auf -i neben solchem auf -td bestanden zu haben: Eracle 4428 descouvrut (eine Hs. apierchui)nbsp;im Reim mit parut] cöperui ist klassisch, der Reim allerdings insofernnbsp;unsicher, als auch mundartlich descouvrit: parit reimen, Nun liegennbsp;die Dinge folgendermafien: Der O. hat zum Teil f-Formen, — SO., W.nbsp;und vermutlich das Z. haben a-Formen. D. h. der O. verallgemeinertnbsp;gern das normale cori, coris, corit, vermutlich ergab parufsti paris,nbsp;dann folgten parui pari, paruit parit dem Vorbild cori.

Die übrigen Provinzen aber verallgemeinern parui, parut und es folgen: corui, morut usw., im SO. auch quarui (S. 270). Die Probenbsp;aufs Exempel ware ein alter Text, in welchem die beiden Vorbildernbsp;parui und cori noch unausgeglichen nebeneinander stehen. Und diesnbsp;ist im O. Ps. der Fall: Er hat normal parui und cori (62, 3; 58, 4;nbsp;wahrend 104, 39 cururent sich der Analogie bereits fügt); der Infinitivnbsp;ist nur curre (18, 6): cori ist also sicher nicht analogisch nach corirnbsp;und der Ansatz *currui unberechtigt.

d-Stamme. Den Ansatz *caduit halte ich für Frankreich sicher für falsch, den Ansatz *creduit für fraglich: Alle alten Texte führennbsp;auf cadit (wohl *cadédit nach *credédit) zurück: Reich, Gl. 754

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272 IV. Formenlehre. Das Perfekt.

ceciderunt ; caderunt, 628 cadisset; Leod. 231 cadit {Assonanz), ebenso O. Ps., St. Th., M. Brut, Christian usw. — Auch *crededit gibt innbsp;den alten Texten crëit, crëirent O, Ps. 105, 24, B 251, QLR, St. Th. —nbsp;chdut ist auf den Osten beschrankt (z.B. Pred. Bernh., Bartsch 38,30);nbsp;crui, crut findet sich in ganz Frankreich: Rou, Christian, Ruste-buef usw. — Für das Alter von crëÜ spricht auCer der Chronologienbsp;folgende Erwagung; keine Form konnte zu sekundarem chdit resp. cféitnbsp;führen; Die Infinitive sind chdoir, croire; die Partizipien B iio chau, cr'éu;nbsp;pik. këir ist aus dem Perfekt abstrahiert und nicht umgekehrt, wienbsp;viele Texte mit chdoir, ch'éoir neben Perfekt chdi, chëi (Christian),nbsp;oder Schwanken zwischen chaeir (16), kaïr (27) neben Perfekt chaïnbsp;(194), Part chdu (189) (St. Th., alle im Reim) beweisen. Wohl abernbsp;konnten von chdu, crëu aus stets u-Perfekta sekundar entstehen.nbsp;Folglich sind crëit, chdxt auf *credédit, *cadédit zurückzuleiten: Vgl.nbsp;aprov. credej (Boeci 46), das *credédit als galloromailisch sichert.nbsp;Die afrz. erwarteten Formen *creiet, *chaiet (vgl. vendietSgt;. 275) wichennbsp;früher als bei konsonantischen Stammen der Umlautform der i. *crededinbsp;)gt; crëi, *cadedi )gt; chdi.

Vënit, tënuit. Der Ansatz *venuit ist für das Französische kaum zutreffend; lm Osten finden wir Ezech. S. 12, Dial. Greg. 335, 336nbsp;tinvet (statt tenvet, vgl. tenue(m) tenve, Ezech. hat denn auch S. i8nbsp;tenvit), aber vini (Ezech. S. 12, Dial. Greg. 340, 2 usw.). Erst innbsp;viel spateren Texten (und das hat Suchier bereits erkannt, Zt. II, 260)nbsp;finden wir auch analogisches vinvet^). So geht also das Franzische,nbsp;wie die Nordgruppe, nicht auf ein *venuit nach tënuit, sondern umgekehrt auf ein *tenit nach vënit zurück. — Es folgt voluit )gt; *volitnbsp;und gibt mit *solit solt (*soluit hatte *solvet ergeben) eine besonderenbsp;Klasse. Von alters aber stehen diese 1-Stamme unter dem Einflussenbsp;eines vorbildlichen s-Perfekts: O. Ps. flektiert i. 7.. volsis, ¦^.volt —nbsp;voldrent (Meister S. 48, 49); QLR hat bereits l. vols (S.93), 6. volstrentnbsp;(S. 88); nur die 3. volt, vaut (S. 141, 204) halt sich noch unbeein-fluCt. Christian flektiert i. vos, 3. vost; sölvit ist solst (QLR 135),nbsp;absols Leod. 226, völvit volst (Brandan). Christians tolsisse, dolsissenbsp;erschlieCen tolst, das Athis Tours 5621 mit vost reimt, und * dolst.nbsp;Auch Rustebuef (145, 67) braucht i. vols.

Die Quelle des Übergangs: mulsi (mülgëre) hat M. L. Ro. Gr. II, S. 336 nachgewiesen. Die ital. und aprov. Formen ermöglichen, die

Za Unrecht hat man, meiner Ansicht nach, Mouskets tiunt tënuit, viuntsïwX hierher gezahlt: Mousket gehort dem Gebiete an, das de(b)uit diut halt (S. 279,nbsp;Wallonië, vgl. Trommlitz S. 18, 28). Danach wird man tiunt, viunt erklaren mUssen.nbsp;Der Übertritt eines u über einen Konsonanten in die Tonsilbe (Zt. II, 263) ware mirnbsp;aus dem Afrz. sonst nicht bekannt und unwahrscheinlich; zu agln. tine, vine (nach tienc,nbsp;vienc') vgl. S. 241,

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273

IV. Formenlehre. Perfektklassen.

Anfange bereits ins Vlat. zurückzuverlegen. Doch sind in Frankreich die Spuren von *toIsit auf den Osten beschrankt, die alten Denkmalernbsp;der Nordgruppe haben ohne Ausnahme toM (Bartsch S. 345), das aufnbsp;erhaltenem toliet *toll?dit beruht; toM, vermittelt den Konjugations-wechsel: toldre gt; tolir (B 192).

vixit, benedixit, natus est (nasci), iratns est (irasci) zeigen dieselbe gegenseitige Beeinflussung wie die bisherigen Gruppen. Wasnbsp;sie bindet, ist vermutlich ihr gemeinsames Vorkommen in Bibel undnbsp;Predigt. Der Stamm der Gruppe wird erst gallorom. nach nasco(r),nbsp;irasco(r) ausgeglichen, die Endung wiederum nach dêdit geformt:

o-f 1. [

*irascuit

*irasqu^dit

irasquet

gallo-rom aprov.nbsp;ifrz.

beneïsquiet kommt Krlsr,

*nascuit nbsp;nbsp;nbsp;vixitnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;benedixit

*nasqu;dit nbsp;nbsp;nbsp;^visqu^ditnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;^benedisqu^dit

nasquet nbsp;nbsp;nbsp;visquetnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;—

nasquit (vgl. B 359) vesquiet nbsp;nbsp;nbsp;beneisquiet

X’jf vor, der O. Ps. hat bereits beneïsquit, vesquiet in Gormunt (Bartsch 8, 159) beide in Assonanz. Dienbsp;I. lautet burgundisch vesquei (^visquqdi) Gir. Ross. 7663, afrz. vesqui.

vincëre-vici, Reich. Gl. vincisti (Hetzer S. 165), aprov. venquet, afrz. venquiet (vgl. Bartsch 8, 117) geht den gleichen Weg, undnbsp;vermutlich ihm vorangehend aber unbelegt relinquëre — relïqui. Vgl.nbsp;Reich. Gl. deseruit : derelinquit, wonach der Konjugationsübergangnbsp;relenquir und das Perf. relenquit (Partonopeus 5699) sich verstehen.

Perfektklassen.

Endbetonte Pormen („schwachesquot; Perfekt). a) a-, 1-, li-Perfekt.

Bereits die lat, Umgangssprache kürzte einen Teil der Endungen: partivi gt; partii, cantévisti ]gt; cantasti usw. Vlat. folgten: -dvi gt;¦ ainbsp;nach -ü, -avit wurde normal zu -aut (vgl. S. 130); wie -i(v)imus zunbsp;-i'mus, i(v)istis zu -fstis, -f(v)erunt zu -irunt werden, kürzten sichnbsp;auch -avimus zu -amus, -avistis zu -astis, -averunt zu -arunt. Ur-französisch wurden dann noch mehrere r- und 1-Stamme, die ui-Perfektnbsp;hatten, endbetont, u wurde als Konjugationsvokal empfunden und seinenbsp;Langung und Akzentuierung durchgeführt. Und so ergaben sich dreinbsp;Klassen :

Vlat.

Afrz.

Vlat.

Afrz.

Vlat.

Afrz.

I.

-di

chantaï

-ïi

parti

-üi

valui

2.

-asti

~as

-Isti

•is

-üsti

•us

3-

-aut

-a(t)

~ït

-i(t)

-üt

-ut

4.

-amus

^amts

-ïmus

•imes

-ümus

-umes

5-

-astis

-astes

-ïstis

-istes

-üstis

-astes

6.

-arunt

'Crent gt;)

-Irunt

-irent

-Brunt

-urenf

1) Nach i '. -ierent, B 148 colckiirtnf.

Jordan, Altfraniösisches Elementarbuch.

18

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274

IV. Formenlehre. Perfektklassen.

1. nbsp;nbsp;nbsp;imd 6. Person. Die Entwicklung ist normal.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Person. Sie verlor ihr ~t, sei es aus dem Bestreken, dienbsp;2. Person auf -s zu enden, sei es aus Verallgemeinerung der Frageform:nbsp;chantas(tytu? Und nun auch; tu chantas statt tu *chantast.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Person. -i(t) und -ut sind normal entwickelt, -a(t) statt *-o(t)nbsp;in der a-Konjugation entstammt vermutlich dem Hilfszeitwort a(t), dasnbsp;ja die Form umschrieb: chanté a(t) — chanta(t). — Das -t des ü-Per-fekts bleibt auch aufierhalb des O. wie „festes“ -t (S. 135): valut,nbsp;parut u. a. reimen mit estut, conut (S. 279 f., Erec 3974), die ihrenbsp;Vorbilder sind. Spater wird -t als graphische Endung der -e, -i-Klassenbsp;verallgemeinert (Meigret S. ii5)-

4. nbsp;nbsp;nbsp;nnd 5. Person. Was den Konjugationsvokal anbetrifft, sindnbsp;i- und ü-Klasse normal; wogegen -ames (statt erwarteten -ains) Analogienbsp;nach -astes (-astis hat gedeckt a) oder Durchführung des Konjugations-vokals (dem sich freilich die 6. entzieht) zeigt. Nicht lautgesetzlich ist innbsp;4. und 5. das Endungs-^; Mundartlich fehlt es in der 4. der si-Perfekta:nbsp;Fl. u. BI. 1069 fesins für fesimes, Mél. 21382 de parte sins für depar-tesimes (resp. departimes). Andere Beispiele aus Dial. Greg., Zt. II,nbsp;258^. In den altesten Texten lassen .sich diese Formen nicht nach-weisen. Sie scheinen auf den Osten beschrankt. Wenn wir sie fürnbsp;primar halten dürften, so ware die Geschichte der 4., 5. Perfekti so,nbsp;dafi -ïstis -istes statt *-iz ergab, durch die Erhaltung der Ultima alsonbsp;die Endung gestützt wurde, wahrend -intes erst spater analogisch folgte.nbsp;Wahrscheinlicher ist aber, dafi die Formen auf -ins satzinlautendenbsp;Kürzungen sind, die verallgemeinert wurden.

Der Stamm. lm XII. Jahrh. sind die Stamme im allgemeinen normal: O. Ps. hat amai, nfrz. aimai nach aime; er führt aber travaillainbsp;statt travillai nach travail durch; B 10 hat normales eis si (eksïvit),nbsp;R 125 is si nach ist (S. 248). Das Suffix -ïsco wird auf das Perfektnbsp;nicht übertragen, so daC ein teilweiser Zusammenfall mit dem Prasensnbsp;resultiert: je finis „ich ende“ und „ich endete“,

Spatere Entwicklung. Die i. -ui wird zu auch die ersten Personen der e-, i-Klasse erhalten das übliche graphische -s (vgl. S. 239, Meigret S. 115): je partis, je valus. Von 5. -astes wird graphischnbsp;analogisch auf 4. -astnes geschlossen: XIII. Jahrh. Elie 214 abatismesnbsp;und in Urkunden, und daher nfrz. der Zirkumflex. Aus der 4., 5. dernbsp;a-Konjugation wird eine mundartliche 6. auf -arent abstrahiert: Jourdainnbsp;B. 14 durarent. Rabelaisausgaben haben ra^ósX-arent, der kritischenbsp;Text von A. Lefranc (Paris 1912) nur -èrent.

(?) /e-Perfekt.

Diesen drei endungsbetonten Klassen schloC sich ursprünglich noch eine vierte auf -ie an, die den Kompositen von dëdi entstammt

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275

IV. Formenlehre. Schwache Peifekte,

und auf Verben der ë-Klasse (S. 272 f.) übergreift. Vlat. sind bspw. bezeugt; descendidit (Valerius Antias), descendiderant (Laberius),nbsp;beide zitiert von Aulus Gellius, Noct. Att. 7, 9 im Kapitel „übernbsp;Perfektaquot;, Diehl, Vlat. Inschr. 151 perdedi, vgl. S. 268.

Die 1. Person perdedi ergab afrz. {^^.^.ïT^vesquet) umlautend/^’r^/^, O. Ps. 41, 4 espandi, lautete also mit der i-Klasse von vornherein gleich.

Die 2. Person lautet im O. Ps. 43, ii cunfundies, 43, 14 tu vendies, 88, 44 espandies, 115, 7 derumpies. — Die 3. Person istnbsp;auch sonst haufig: Rol. 98, 1317 abatied, 2795 perdiet : ie (Schreiber;nbsp;perdit)] vgl. vor allem die -zV-Tiraden von Krlsr., Gormunt undnbsp;Isembart (Bartsch 8).

Der Plural lautet: O. Ps. 43, 22 espandimes, 78, 3 espandierent. Noch Athis-Tours 4448 (vgl. 3020) r^imt abatierent: Jierent {ièr(ï)\XTA).

Im ganzen handelt es sich um rd- und nd-Stammé, denen die Komposita von dare : vêndëre und përdëre vorausgingen. Gallo-romanisch folgten die S. 272 f. genannten. Belegt sind weiterhin rumpiet,nbsp;abatiet, tolliet, porsiviet. Schon Rol. assoniert 632 respundit, abernbsp;2411 respundiet. Im XII. Jahrh. sind diese Formen schon archaischnbsp;und meist auf die Assonanz beschrankt. — H. Wolterstorff, Dasnbsp;Perfekt der 2. schwachen Konjugation im Afrz., Diss., Halle 1882.

XI. Jahrh. i. vendi, 2. vendies, 3.vendiet, 4. vendimes, s.vendistes, 6. vendierent. —Jm XII. Jahrh. fallen auch 2., 3., 6 mit i zusammen:nbsp;vendi, vendis, vendit, vendimes, vendistes, vendirent.

y) Klassenausgleich im schwachen Perfekt.

Nach diesem Zusammenfall verblieben also drei schwache Perfekt-klassen: Zwischen ihnen mannigfacher Ausgleich: lm Osten uniformiert -avi vielfach das ganze Perfektum, das Stammbetonte eingeschlossen.nbsp;Nur esse (foun oder foum), habêre (j'eus = ce), dicere (derf) zeigennbsp;Reste alter Klassen neben analogischen sstd, avd, dihd. Im Wall.nbsp;sind diese a-Formen auf den Singular beschrankt: Der Plural hat sichnbsp;mit den Endungen des Impf. vermischt (Buil. Soc. liég. 19, 1892,nbsp;S. 187 f., Herzog § 448); issa kommt schon im Chev. au Cygne,nbsp;isserent in den Bernhardpredigten vor (M. L. Ro. Gr. II, § 273). —

lm SO. und W. greift dagegen i- um sich; Flöovant 6 trovit; Cyranos Bauer kennt nur dies Perfekt: l. ramenis, fesy, paraissy,nbsp;3. s‘en venit, 4. je voyagismes, nous en allismes (vgl. Herzog § 449,nbsp;Meigret S. 115).

Übergang einzelner Formen des i-Perf. zu den Stammbetonten kommt bei i-Verben vom XII. Jahrh. ab vor: O. Ps. 9, 10 tu deguerpesisnbsp;statt deguerpis, 88, 46 establisis-tu; Mél. 5105 partesistes (vonnbsp;partir) : presistes, 8414 deservesistes (von deservif) : fesistes. Vgl.nbsp;unten S. 284, zu presistes, fesistes die nachste Tabelle.

18*

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276


rv. Formeiüehre. Stammbetonte Perfekte.


B. Stammbetonte Perfekte.

Das Lat. überliefert 3 Endungen: -i, -si, .iui. Die afrz. Ent-wicklung liefi -si in der i-KIasse aufgehen. Weitergehende Entwicklung Oder Ausgleich findet sich nur in Mundarten.

c() -i-, -si-Perfekt.

Die I. hat bei e-Stammen Umlaut: fêci gt;gt; fici (Pirson 5, 20), *prêsi gt;• prisi (Pirson 36, 29). Die 4. (vidimus) wird wie die 5. (vidistis)nbsp;endbetont: vidimus; die 6. wie die 3. stammbetont: vidërunt. — Obnbsp;bei i-Stammen in den Endbetonten durchaus Dissimilation von Stamm-/nbsp;und Endungs-/ anzunehmen ist (misisti gt; *mesisti), scheint mir wegennbsp;der Formen des O. Ps. fraglich; auch vi(d)isti ergibt Leod. 138 vidist,nbsp;also ist v’éis vermutlich erst Hiatusform. Doch vgl. Alex. 435 vedisse.


vidi


fSci


*prë(n)si


-si-

ma(n)si


misi


planxi


1. nbsp;nbsp;nbsp;VI

2. nbsp;nbsp;nbsp;vëfs

3. nbsp;nbsp;nbsp;vit B 160

4. nbsp;nbsp;nbsp;vëimes

5. nbsp;nbsp;nbsp;vëistes R 40

6. nbsp;nbsp;nbsp;vi'rent B 127


[ fis R 151

fesis fist

fesfmes fesistesnbsp;firent B 147


pris R 20 presfs

prist B 153 presi'mesnbsp;presistesnbsp;pristrent*)


mes‘)

masfs

mest

masfmes

masistes


plains •) plainsisnbsp;plainstnbsp;plainsi'mesnbsp;plainsistesnbsp;plainstrent

I. nbsp;nbsp;nbsp;2. *foisis.


mis

misis

mist

misfmes

misistes


mestrent ^ mistrent


Die Entwicklung von fêci ist gestort, statt 3. *foist usw. haben wir durchgehend Beeinflussung 'durch den Typusnbsp;pris, presis, prist, bis auf 6., die vielleicht ungestört auf *fegeruntnbsp;(vgl. Diehl 982 fegit, aprov. feiron) beruht. lm N. und O. ist fistrentnbsp;O. Ps. 89, 9, fisrent ganz gewöhnlich, aber vielleicht auch sekundarnbsp;nach pristrent, prisrent. QLR hat nur firent^').

Bei der -si-Klasse betrachten wir zuerst die Stamme mit inter-vokalem s: sie ergeben 3 Typen; a) e-Stamme mit i — e Ablaut wie vïdi, fëci, i in den Stammbetonten nach dem Vorbild der i. Person,nbsp;e in den Endbetonten; b) ï-Stamme, die in allen Formen i haben,nbsp;c) ein a-Stamm, ma(n)si, mit Ablaut e — a (O. ei — a, B 345 meist).

Der O. Ps. neigt zum Ausgleich nach b), also zur Aufhebung des i — e Ablauts: 39, 10 requisis, 64, 4 eslesis (S. 278) e prisis, 67,

*) Bartsch 29, 22, QLR 71, Die i., 3., 6 sind in geschichtlichen Berichten wie QLR haufig. Zur 2., 4., 5. vgl. den Konj. Impf, QLR 51, 34, M. Brut 1551, 2480 maiist.nbsp;Godefroy belegt mehrfach mansist (so St. Th. S. 95) nach mattoir.

2) O. Ps. 8, 7.

Es ist zu beachten, dafi inund allen nachkonsonantischen j-Stëmmen (dixi, traxi, duxi, scripsi usw.) s normal stimmios ist. —

Die altesten Formen sind: Leod. 132 prest, 61 presdrent; 62 flsdren. Auch Plusquamperf. (S. 227) fgcerat gibt I2i ftstdra, weswegen der Reim Passion 186nbsp;fedre ; presdrent im Original fidre : prisdrent gelautet haben mag. Danach wëre e,nbsp;statt analogischem i nach der i., Provenzalismus; zu d S. 164.


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IV. Formenlehre. Stammbetonte Perfekte.

10 parfisis, 118, 118 despisis (despexisti). Natürlich kann dies auch als weitere Verallgemeinerung der Umlautform der i. Person gefafit werden:nbsp;Vgl. O. Ps. 89, 9 li nostre jur defistrent, e . . . defisimes „Unserenbsp;Tage vergingen, und . . . wir vergingen

Sonst aber überwiegt meiner Ansicht nach das Vorbild der an Zahl dominierenden Verben mit i—e Ablaut, und so wird konjugiert:nbsp;viis, mesis, mist (mïsi); auch nachkonsonantische s-Stamme folgen,nbsp;soweit sie etymologisch stimmlos j haben: dis (R 168), desis, dist. —nbsp;Mundartlich folgt auch ma(n)si und flektiert im W.: i. mis, 3. 7nistnbsp;(St. Th. 188, G. Ste.), was seine Formen mit mïsi völlig zusammen-warf: Vgl. den Reim G. Ste. 2553 remistrent ma(n)serunt: mistrentnbsp;mïserunt.

Nun aber wird die durch ihren Hiatus klanglich charakteristische Konjugation von vi, veis (Zt. 23, 534) vorbildlich; O. Ps. zeigt kon-sequent analogische Formen im Konjunktiv des Imperfekts: 104, 23nbsp;fëissent (schon Leod. 54) statt fesissent nach v'éissent; QLR hatnbsp;bereits 66 quèistes (quaesi(vi)stis), 73 feïs, 92 océis (quot;^aucisisti S. I12),nbsp;193 seïmes (1sessimus)’) usw. Christian hat nur noch j-lose Formen.nbsp;Mundarten halten -s-: So Roland altertümlich oder mundartlich. Imnbsp;NO. und O. bleibt das intervokale -s- bis ins XV. Jahrh.®). Nichtnbsp;resistenter gegenüber dem Vorbild v'èis war dicere: Für dixisti be-wahrt der O. Ps. 89, 3 mit einmaligem dissis lautgesetzliche Form.nbsp;Christian braucht bereits d'éistes ,,sagtet“. — Aber nirgends trifftnbsp;man ein 1escré'is „schriebst“. So dafi wohl 1escrissis angesetzt werdennbsp;darf: Das dem Volk ungelaufige Wort glich nur innerhalb des eigenennbsp;Systems aus: Froissart eserisi „er schrieb” statt escrist (Mél. vgl.nbsp;oben S. 254), nfrz. écrivit nach écrivons. — Da texit und tex(u)it alsnbsp;tist zusammenfielen, wurde das Perf. umgestaltet: Ille 6271 tissi,nbsp;Dial. Greg. 57 entreteissit für 1entretist nach '^entreteissis.

Stets ist veis als Vorbild unwirksam, wenn der Stammvokal von dem seinen abweicht: Für traxisti zeigt der Christiansche Konjunktivnbsp;Imperfekti treissist, treississent, daö 1traissis (O. Ps. 21, 9 extraisis)nbsp;als Urform anzusetzen ist, und daC spateres traii (Mél.) vom Prasens-stamm abgeleitet werden muö, die i. traisi aber eine analogische 2.nbsp;traisis verallgemeinert. — destruisis, conduisis haben immer nur ein s,nbsp;und nfrz. ist das s stimmhaft: Es kann dies eine Verallgemeinerungnbsp;des normalen Stammes in condumoit, conduisons sein. Beiden fehlennbsp;im Perfekt j-lose Formen, wie denn auch dosis (clansisti Buchwort.i')nbsp;keine j-losen Formen besitzt.

1

Zu den vlat. Formen vgl. Ro. Gr. II, § 286.

2) Beispiele s. H. Peters, Über Sprache der Chronik V07i Florefie (XV. Jahrh.), Diss., Halle 1876, § 54; Mort Artu halt s konsequent.

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2; 8 IV. Formenlehre. Stammbetonte Perfekte.

legere schwankt zwischen leg-ui lui lut (QLR 3) und leg-si (vgl. Diehl 1203) lis list (Alex. 374, 378, QLR 221), welch letzterenbsp;dist, escrist folgen. Die Endbetonten von lui sind afrz. unbelegt, einenbsp;endbetonte Form von lis ist: O. Ps. 64, 4 eslesis „du wahltest“. —nbsp;Einfacher ist der Ausgleich in der 6. Person: Hier standen sichnbsp;ursprünglich gegenüber:

vïderunt 1fëgerunt 1prë(n)serunt dixerunt virentnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;firent (?) prisdrent distrent

Ob fisdrent) fistrent oder firent anzusetzen ist, scheint unentscheidbar. Auch spater schwankt fecerunt zwischen den beiden Klassen virentnbsp;und distrent und ist bald firent (B 147), bald fistrettt (M. Brut 1272).nbsp;Die übrigen si-Perfekta mit stimmhaft j folgen distrent, und bis aufnbsp;Leod. und Passion sind nur pristrent (B 146), mistrent, mestrentnbsp;erhalten; früh wirkt aber auch schon das Vorbild von virent, und schonnbsp;im Alex. finden wir mirent, und diese analogische Form triumphiertnbsp;im XV. Jahrh. (M. L. Ro. Gr. II, S. 338). Wo sich kein Sprunglaut ent-wickelt (O., NO. S. 164), dissimilieren traisrent, prisrent zu traisent,nbsp;prisent usw. Texte wie Venus, Méliador führen diese Dissimilationnbsp;nahezu konsequent durch.

Seit dem XII. Jahrh. wurde bei den nach veis gebildeten Perfekten der Hiatus getilgt: QLR hat nur Beispiele für den Konjunktiv Imperf.nbsp;der -s. ui-Klasse, vgl. oben S. 116. Im XIII. Jahrh. finden wir im Fabliaunbsp;ps statt/«j (Bartsch 58, 347). Damit entsteht ein neues durchwegnbsp;stammbetontes und auf i gestimmtes Perfekt, das beide Klassen vereint:nbsp;vidinbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vi(s) (nach pris u. a.) vis vitnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;vimes (S. 274) usw.

*prë(n)si pris nbsp;nbsp;nbsp;pris prit primes usw.

Mundartlich richten sich die stammbetonten Formen oft durchaus nach den Endbetonten: conduisit (Lothr. Ps. VI, 14) folgt conduisis (stattnbsp;conduist)\ die Schriftsprache übernimmt diese Formen bei erwahntemnbsp;écrivis und ?^f-Stammen; aiisis, nuisis, gegen Meigrets (S. 118)nbsp;Meinung; nur mundartlich gebrauchlich sind: traisit, plainsit; escrisit,nbsp;lisit, disiR) u. a.; von Inf. und endbetonten Prasensformen aus wirdnbsp;ein endbetontes f-Perfekt erschlossen: (me)morsit (vgl. Aulus Gellius,nbsp;Noct. Att. 7, 9) ergibt QLR 107, G. Ste. 6672 morst, dann morditnbsp;nach mardons; plainst ergibt plaindit, wo man plaindons sagt (S. 260),nbsp;schriftsprachlich aber nach plaignons'lgt;plaigmt ms-w. — Nur dasBuchwortnbsp;conclure, nebst ex dure u. a., gleicht nach den Stammbetonten aus:nbsp;tu conclus (Ch. d’0.) statt conclusis. Über das Aussterben einernbsp;Reihe von j-Perfekten s. oben S. 231. Zur Entwicklung des si-Perfekts

1

Froissart hat lest, list und escrist, aber stets dist, das Pras. oder Perf. sein kann: Bei den ungelSufigeren Verben braucht er Mundartformen. — Herzog, Stück 44,nbsp;braucht desit in der Mundartform, aber das unzweideutige mit in der Schriftform.

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379

IV, Formenlehre. Stammbetonte Perfekte.

seit dem XII. Jahrh. vgl. Ekblom S. 13 ff., 23 ff., 103 ff. — Mundartlich flektiert prist nach tint (S. 281): je prins, il print-, vgl. Lanz. 4147nbsp;vindrent: prindrent, Meigret S. 121.

/?) füi.

Die I. wird durch Umlaut zu 1füi, vgl. düi, S 84; dieser Umlaut bleibt aprov. auf die i. Person beschrankt, wird afrz. aber auf allenbsp;Personen übertragen. Die durchgehende Stammbetonung ist vulgar-lateinisch.

1. nbsp;nbsp;nbsp;fuinbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fui (R 14)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;4.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fumes

2. nbsp;nbsp;nbsp;fusnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;5.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fustis (Diehl 1194)nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fusies

3. nbsp;nbsp;nbsp;fu(t) (B31)')nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;6.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;furent

lm spateren Afrz. fallt diese Flexion mit der folgenden Klasse zusammen.

j') .2. ui-Perfektum (kl. -üi, vlat. -üi).

Vor dem u der Endung sind urfrz. die Muten gefallen: habui ist *aui, placui ist 1platii. — In den Endungen wurde u als Kenn-vokal durchgeführt, bis auf die liquiden Stamme, in denen u fielnbsp;(S. 281 f.j. Mundarten weichen ab.

e-Stamme: 1crevuit crut, 1jecuit jut, 1stetuit estuf, 1-cepuit aperQUt, dêbuit dut, 1bïbuit but, lïcuit lut', — dazu mundartlich: leguitnbsp;(L. BI. 1916, 16) lut (vgl. S. 278). — Zu credidit crut vgl. S. 272^).

1. Person: crui, jui (R iii), estui, dtii, bui usw.

3., nbsp;nbsp;nbsp;6. Person: Der O. bewahrt lautgesetzliche Formen, die aufnbsp;e u beruhen: Leod. 130 reciut in Assonanz mit vint (vênit); B 27nbsp;aperciürent : cururent, B 219 reciurent, M. Brut 486 Hut (leguit);nbsp;Dial. Greg. 436 estiut, 47, 20 Hut (lïcuit). Auch hier bestatigt sichnbsp;die bei sëquit S. 90, 248 gemachte Erfahrung, dafi ? -h u (kl. stëti) undnbsp;e 4- u (kl. cipi usw.) das gleiche Resultat ergeben. Eine Form wienbsp;Dial. Greg. 338, 36 estieut (Hiob) ist also nicht als normal anzu-sehen, sondern hat Gleitlaut. — Die P'ormen des Z. regut, lut, B 297nbsp;durent usw. glichen urfrz. nach regui, lui, dui usw. aus.

2., nbsp;nbsp;nbsp;4., 5. Person (endbetonte Formen); Der Stammvokal e (d'éüs,nbsp;béus) rundet sich gern vor dem folgenden u, vgl. die Konjunktivenbsp;Impf. des Alex. 413 Hs. L, A döüsses, Hs. P dëusses, Alex. 86 Hs. Lnbsp;est'óust, Hs. P estëust, Hs. A estust; QLR 143 bëusse neben b’óusse.

O-Stamme: pötuit pout (B 46); nöcuit nut-, 1cognövuit comit, *mövuit mut, 1pluvuit plut (M. Brut 2756).

1. Person: Wenn potui poi normal ist, ist es nöcui nui nicht; conui (O. Ps. haufig), mui dürften wie tötti tuit, füi fui auf Umlaut

1

Athis 4805 fut: (Stut dürfte östlicher Bearbeitung entstammen.

Zu den vlat. Substraten vgl. Ro. Gr. II, S. 322 ff. — Die französischen Formen gehen auf 1jecuit, nicht auf jacuit zurück; Dial. Greg. 75, 13 glut.

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28o

IV. Fonnenlehre. Stammbetonte Perfekte.

beruhen; nui (statt *noï) unterlag ihrer Anziehungskraft, oder das modale poi ist nach oi habui gebildet. — In der Wall. findet sichnbsp;pötui pau (Dial. Greg. 82, 23), pou (M. Brut 773), Formen, dienbsp;vermutlich analogisch nach 3 gebildet sind.

3., nbsp;nbsp;nbsp;6. Person: Hier dUrften pout (B 46), pourent (B 128)nbsp;normal sein (9 -j- u); ist es dann nicht; — conut, mut, plut er-klaren sich wohl aus Systemzwang nach der i. Person. Die alte Formnbsp;liegt vor in Alex. 511, Hs. L si s'en commourent (*commóvuerunt),nbsp;QLR 5: ses levres mout, li quers parlad^). — Wie die westliche Formnbsp;des Imperfekts -out zu -ot (S. 266) wird, wird auch pout zn pot: B 107;nbsp;vgl. den typischen Reim M. Brut 2470 pot: mostrot.

2., nbsp;nbsp;nbsp;4., 5. Person (endbetonte Formen): Früh wirkt das Vorbildnbsp;der e-Stamme®): Alex. 360 conéumes statt conóümes; R 66 pé'ust stattnbsp;pdust, Christian kennt offenbar nur ^’-Formen. — Vielfach findet sichnbsp;pötui poi mit 7-Formen bei den Endungsbetonten: poïs statt pè'us,

(Christian). Wir finden conüimes (Dial. Greg. 345, 33, Hiob) statt conéumes. Es entsprechen Konj. des Impf. auf i (S. 285 f.), die sichnbsp;sehr früh, auch im W., finden und im Reim vorkommen. Sie könnennbsp;auf lat. Betonung pötui'mus, pötuisset zurückgehen, wenn nicht volimesnbsp;(S. 281), v'éimes, volisse, vé'isse zugrunde liegen.

a-StSnime: habuit®), sapuit; tacuit, placuit, *pavuit (von pasco); (Osten; *caduit? vgl, S. 271 f.). — Hieraus entwickeln sich drei mund-artliche Haupttypen:

W, und Z. habuit out, (h)a(b)uisti 'éus

O. (h)a(b)uit aut, (h)a(b)uisti lt;

(euwzs Pikardie)

D. h. im Osten ergibt a y und au -f u au (S. 97), die Endbetonten gehen teils auf -ü(i)sti, teils auf -ui'sti zurück. — Zentrum undnbsp;Westen runden a wie in *traucu(m) trou, fagu(m) fou. — Der NO.nbsp;aber, Pikardie und die untere Seine, lassen a -f y, au 4- u zunbsp;werden und haben eu habui, wie sie treu *traucu(m) und feu fagu(m)nbsp;sprechen. Diese saubere Scheidung machte F. Schürr in Sprachgeogr.nbsp;Stud., Zt. 41, S. 122, 126.

Es sind also afrz. folgende Formen anzutreffen:

1. Person z.; oi (R 108), soi (R 296) usw. — O.: M. Brut 3268 ou neben zentralem oi 3285; Dial. Greg. 199, 25; 200, i ge ne sau „ichnbsp;wuCte nichtquot;, — Pik. euc, euch habui ego (vgl. S. 240).

Allerdings ist der Einflufi von pout, pourtnt, out, ourent in Betracht zu ziehen; Vgl. O. Ps. 2, 2 estoureni statt esturent O. Ps. 37, ii usw.

^ Natürlich kann man conöüs ^ con'éüs auch als lautliche Dissimilation erklïren. Man kann etwa sagen; Wo con'éüs zu conëüs dissimilierte, widerstand es der recompo-nierenden Wirkung von conoistre, conois wegen der Anziehungskraft von apercëus.

’) re-ad mente(m) habui ramentoi trennt sich von der Gruppe und konjugiert ramentui, ramentèus, ramentut wie die e-Stamme (Trom mirtz S. 23).

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281

IV. Formenlehre. Stammbetonte Perfekte.

3., nbsp;nbsp;nbsp;6. Person Z.: ofaj/(B32, R31), so(u)t, o(u)rentnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;—

O.: Leod. 25 usw. aut habuit, M. Brut 2027 plaut placuit, vgl. B 241, Dial. Greg. 62, 18 paut *pavuit. — Pik. eut (Aiol 9464 nebennbsp;haufigerem franz. oP).

2., nbsp;nbsp;nbsp;4., 5. Person lauten allerorts: öumes, söumes (S. 115). Viel-leicht darf man im O. *dümes, resp. ’^awlmes annehmen. Selbstnbsp;Christian hat gelegentlich a in endbetonten Formen; dust (habuisset),nbsp;tduz (tac-ütus). Pik. entsprache *ëmmes^), doch ist nur ëumes,nbsp;'éustes belegt. Das kann aber franzisch sein: In den Mundarten desnbsp;Zentrums namlich wird der Hiat von 2., 4., 5. zu ëii, was einenbsp;Dissimilation sein kann, vielleicht aber unter Mitwirkung von normalemnbsp;deus, d'éumes vor sich ging. Christian hat nur im Perfekt ëüs habüisti,nbsp;plëüs placüisti, aber im Konj. Imperfekti dust, tdust. Darum scheint mirnbsp;für ëüs, pl'èüs Analogie innerhalb des Perfekts wahrscheinlicher als Laut-entwicklung. Rustebuef reimt bereits s'éus, cus mit geus *jecu(i)stinbsp;und concéus *-cepuisti. (IX Joies 178 ff.)

Wir können die gebrauchlichsten Formen der ^wi-Perfekta für die Schriftsprache folgendermaCen ansetzen:

e-Stamme

dêbui

9-Stamme

*mövui

3-Stamm

potui

a-Stamme

habui

I. dui

mui

poi

oi

2. dëüs

möus ^ mëus

pöus nbsp;nbsp;nbsp;pëus

öus gt; ëus

3. dut

mut

pout ^ pot

out gt; ot

Die weiteren Schicksale sind kurz die folgenden: Durch die Tilgung des Hiats (Alex. Hs. A 362 conumes) ergeben e- und ö-Stamme einnbsp;durchaus stammbetontes «-Perfekt, das mit fui fui zusammenfallt; -ui,nbsp;-us, -ut. Mit diesem Perfekt stimmen/o?' und die ö-Stamme in 2., 4., 5.nbsp;zusammen: pus, pumes, pustes, so daC aus Systemzwang auch r., 3., 6.nbsp;folgen und analogisch je pus, il put, ils ptirent, jeus, il eut, ilsnbsp;eurent statt obiger Formen ergeben. In der i. wird -ui zu -u (S. 273),nbsp;sie nimmt, wie vïdi vi gt; vis, das i' von dixi dis, prësi pris usw.nbsp;analogisch an.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;_______

Folgende drei Perfekta ergaben in den Endbetonten keine Hiatus-formen, entwickelten sich infolgedessen für sich:

Liquide Stamme.

v61(u)i

tën(u)i

veni

I, voü

ting (Christian)

ving (R 112)

2. volis

tenis

venis

3. volt (B loi)

tint (B 2)

vint (B l)

4. volimes

tenimes

venimes

6. voldrent

tindrent (B 279)

vindrent (B 118)

Vgl. Mél. 12898 euist habuisset im Reim mit vUst.


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282

IV. Formenlehre. Partizipium auf -to.

Das u hat also in keiner Form Spuren hinterlassen, weshalb auch in -ufsti usw. i gemeinaltfrz. betont blieb.

v0l(u)i: Die 3. volt ergab im Zentrum vout, die 6. voldrent gt; voudrent, — im NO., soweit nicht si-Perfekt gebrauchlich, vaut undnbsp;vaurent (ohne Gleitlaut). — Das Part, Perf. volu fiihrt dann auch diesnbsp;Modalverbum zur endbetonten -ü-Klasse: je voulus, tu voulus. Ch. d’0.nbsp;ist 3. voulu schon gelaufiger als vault (Complainte 4).

tenui vëni. Der Umlaut der i. wird verallgemeinert. — Das u hat nur im Osten Spuren hinterlassen: tinvet (S. 224, 272); noch heutenbsp;tinf in Teilen der Wallonië (Schwan-Behrens § 349 Anm.). Das tine,nbsp;vine der alten w. Texte (O. Ps., Krlsr. 154), ting, ving der jüngerennbsp;(R 112) ist als Palatalisierung des n nach I. Pras. Ind. zu fassennbsp;(vgl. S. 88, 241). Rust, reimt Hypocrisie 293 je vin rait devinnbsp;divini. — Die Uniformierung erfolgte nfrz. (Meigret S. 122) nach dennbsp;Stammbetonten; je tins, tu tins, nous tinmes, Us tin(d)rent.

Kapitel 7.

Partizipium auf -to.

A. Endbetontes Partizip,

a-Konjugation: -atus, -ata.

Beispiele: R38 fourmez; i-Sgt;t3.mn\‘. 50 nbsp;nbsp;nbsp;in B entspricht;

II armeiz, 41 trenchié. Femininum: B 308 lasseie, R 47 desguisée', I'-Stamm: 350 esveillie (1exvigilata), vgl. S. 85, 86.

i-Konjugation: -Itus, -Ita.

Beispiele: B. 245 serviz. Fem.: B 323 endormie.

Mit vlat. 1venütus B 31 venu (nach 1tenütus, dieses nach trïbütus u. a.) ist ein ü-Partizip in die i-Klasse gedrungen. Ein zweites mit demnbsp;Konjugationsübergang von tënëre zu tenir (vgl. S. 224). Weitere folgennbsp;bei dem Klassenwechsel der placëre-Gruppe (S. 223); gésir — g'éii,nbsp;plaisir—pl'èu, taisir—t'éu, nuisir—nèu (Eneas 5616, G. Ste. 2016nbsp;imReim)1). — Infolgedessen greift das -u-Partizip auch bei i-Verben umnbsp;sich: B 109 feru zu ferir (B 52), eissuz (B 24) zu eissir, vestu zunbsp;vestir; QLR 39 consentu neben senti zu sentir, und so noch neu-champ. Herzog 9, 66, sentu; St. Th. 106 öuz zu öir, 69 sailluz zunbsp;saillir, beide im Reim. (Vgl. Herzog § 456, Risop, Begriffsverwandt-schaft, S. 35®). Der Schriftsprache verbleiben venu, tenu, vitu (Aiol 32nbsp;vesti: i), issu, féru. Als courre zu courir wurde, blieb couru unbe-

plu, taire — aber

1

Bei neuerlichem Konjugationswechsel bleiben; plaire nuire — 7iui, luire — lui.

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283

IV. Formenlehre. Partizipium auf -to.

einfluGt bestehen. Auch im NO. bleiben veu, k'éu trotz des Konjugations-übergangs: v'éir, k'éir. Altes failli bleibt bei faillir, jüngeres falu p(III. Jahrh.) bedeutet seit dem XIV. Jahrh, „gemuGt“ (Leicht S. 38).

e-Konjugation: -ütus.

Das kl. Latein besaC secütus, minütus, tribütus, denen sich battütus anschloC. Diese Endung griff um sich, wo ein ü-Perfekt vorlag, undnbsp;wurde weitergreifend zur Uniform des to-Partizips der ë-Konjugationnbsp;und eines Teils der ë-Klasse;

In der ë-Klasse haben ü-Partizip: Die S. 270 f. aufgeführten 1- und r-Stamme mit -ü-Perfekt, von den S. 269 aufgefürten m- und n-Stammen:nbsp;cremuz neben Tr. B. 2872 criens (Reim), nfrz. craint, wahrend redemptusnbsp;raiens, 1submonsus somons (B 165) allgemein üblich bleiben.

Auch das Perf. auf -iet (S. 274 Q hat mit ein paar Ausnahmen, über die gleich, -u-Partizip 1).

Von den starken i- und si-Perfekten (S. 276) hat nur vïdëre seiner Konjugation entsprechend ein u-Partizip (R 83); — die -ui-Perfekta abernbsp;(S. 279) haben ohne Ausnahme -ütus. Den Zusammenhang mit demnbsp;Perfekt zeigt das Nebeneinander von: lut — l'éu lu (leg-ütu(m)) —nbsp;und list — Ut (lëctum)). Doch braucht M. Brut Perfektum 486 liutnbsp;neben Part. Ut (S33), QLR Perfekt eslis (8. 129) neben Part. ai esluenbsp;(139), gerade wie list und /«/(Perfekt) unmittelbar nacheinander (220)nbsp;gebraucht werden.

Die Hiattilgung entspricht den endbetonten Perfektformen.

Bemerkung: secütus s'éuz, s'éue (Christian, Eneas 419S Reim): Da neben letzterem i-Perfekt stand: afrz. sevi, sivi, sievi, nfrz. suivit,nbsp;so folgte das Partizip (QLR 154, 19 out sezvii) nfrz. suivi, vor allemnbsp;wohl, weil es mit sëu gt;» su sap-ütu(m) zusammenstieG. Denn liattu bliebnbsp;unverandert neben battit, battre. — In der ë-KIasse blieb vlat. sessusnbsp;als sis. Auch hier hatte sed-ütu(m) 1s'èu ergeben.

Partizipium auf -eit, -eite gt; -oit, -oite.

Diese Grundlage zeigen: destrictus destreit, benedictus ben'éeit. Denn perf^ctus wird zu parfit, ex-l?ctus zu eslitl Beide QLR 103. Jenennbsp;folgen: 1tollectus toleit, toleite (als einziges im O. Ps.; Rol.), chaeitnbsp;(G. Ste. 1300), coilleite statt ^coillite collecta (ebenda 4429) usw.nbsp;Vermutlich handelt es sich um eine Gruppe von in der Predigt ge-laufigen Worten, die vor allem ben'éeit folgen; cr’éett gt; crêoit kommtnbsp;wohl nur vor, wo das Perfekt crèi., chaett 'pgt; chdoit, wo das Perfektnbsp;ch'di lautet.

irascu,

rompu

1

Also batre, batiet bati, batu; und so: corn., cr'éu, ch'èu (S. 271 f.) tiascu, vescu (S. 273, aber beneeit vgl. S. 225); descendu, perdu usw. (S. 275); -steht in vielen Schlachtschilderungen neben ruptus roz.

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284

IV. Formenlehre. Konjunktiv Imperfekti.

B. Stammbetontes Partizip.

Es ist in der Hauptsache das Perfekt der si-Klasse: tractus R 189 traig, 154 traite. Aufierhalb dieser sind stammbetont: factu(m)/i!a;z/ (B119),nbsp;faite (B 151)1 natus nez, née (B 358) neben nascu, ruptus roz nebennbsp;rompu, — mortu(m) mort, copertu(m) covert (B 199), offert, soiiffert.

lm übrigen haben die Dentalstamme mit si-Perfekt (vgl. S. 276): s-Partizip: prë(n)sus (B 93, 299) pris (Alex. Frag. 59 preys : treysnbsp;tres), missus mis, R 103 mise: Der Umlaut der i. Perfekti ist alsonbsp;auch auf das Partizip übertragen, vgl. noch quis, B 200 conquise, B 302nbsp;assis, welch letzteres auch von assisus (assidere) kommen kann.

Die anderen Stamme der si-Klasse haben t-Partizip: planctu(m) plaint, dictu(m) dit usw. (M. L., Frz. Gr. § 347 f.).

Viele dieser Partizipien verfallen mit dem Perfekt: ars (arsus), res (rasus, nfrz.: rez-de-chauss/e), mes (ma(n)sus B 363), ocis (*aucisusnbsp;B 94), somons (*submonsus), escons (*absconsus), repos, reponsnbsp;(repösitus, S. 270), escos (excussus), espars (sparsus), ters (tersus) usw.nbsp;(Ro. Gr. II, S. 378.)

Das Partizip von stare.

Esté ist effenbar status; der doppelte Gebrauch stort nicht, vgl. G. Ste.: 1573 en mer esté — E sanz jesir . . . esté ,,im Meer gewesennbsp;und ohne zu liegen gestanden“; ad-restatu(m) ist normal aresté,nbsp;Erec 137, wahrend arestëu gt; arestu nach dem Perfekt sekundar istnbsp;(Bartsch 72, 116).

Kapitel 8.

Konjunktiv Imperfekti.

Der Stamm entspricht demjenigen des schwachen Perfektums: R 397 trovasse (-a(vi)sse(m)). Infolgedessen sind bei den -ïsco-Verbennbsp;die beiden Konjunktive (bis auf die 3.) gleichlautend: Vgl. R 222 quenbsp;tu guerpisses, das formal -Iscas wie -i(vi)sses sein kann. Darum wohlnbsp;finden sich analogische Imp. Konj.: guerpesist. So O. Ps. S. 234, 12nbsp;perisist (peri(vi)sset) mit den Varianten peresist, perist. Der O. Ps.nbsp;hat auCer dieser Form nur normale Kcnj. Impf. Der Grund der Langungnbsp;ist also sichtlich die Zweideutigkeit von perist, das Ind. Pras. undnbsp;Konj. Impf. sein kann. Erst spater wird das Infix auch auf i-Verbennbsp;übertragen, die kein Isco-Prasens haben; Mél. 7795 dormesist, undnbsp;dringt in das Perfekt.

Hat das Verbum starkes Perfekt, so entsprechen die Formen den endbetontenPerfektformen: vïdisset v’èist (B 214), fëcisset fesist, mïsissetnbsp;misist; die Entwicklung zu féist (R 74), m'èist (R 340) und die spaterenbsp;Hiatustilgung zu vist usw. vollzieht sich wie beim Perfekt (S. 278, 281).

Urfrz. ist recèust statt *recevust (S. 115) nach 'rmst gestaltet worden. Vgl. den Reim R 326.

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285

V. Formenlehre. Konjunktiv Imperfekti.

Die Enduiigen sind analogisch dem Konj. Pras. des Verbum Finitums nachgebildet: Rol. 624 poussum, 353 d'óussez, doch kommennbsp;in der 5. etymologische Formen vor: Romanze, Bartsch iSa, 14nbsp;passisois = -ëtis. R 326 pëussiez, Rol. 257 meslissiez: ie und dienbsp;nfrz. Formen folgen dem Konj. Pras. des Hilfszeitworts (S. 234 f.).nbsp;Die weitere Entwicklung verlauft wie im Konj. Pras. (vgl. S. 238). —nbsp;Der Singular ergibt nach soie, soies, soit und dem Imperfekt Indi-kativi: -asse (R 17), -asses, -ast; -usse, -usses (R 345), -ust (R 344);nbsp;-isse, -isses, -ist. Auch hier hat Eul. mit auuisset (habuisset) einenbsp;if-Form der 3. erhalten. Die e-Losigkeit der Form ist also wie stetsnbsp;(aufier in sït soit) sekundar. — In der a-Konjugation zeigt M. Brut 964nbsp;livressiez normale Entwicklung des Zwischentons, vgl. Lanz. 5475 Anm.nbsp;Sonst wird in allen Konjugationen, wohl nach dem Indikativ (ckantïiens),nbsp;-i- (ckantissiez) analogisch durchgeführt; ckantassions, chantassieznbsp;dringen im XVI. Jahrh. durch. Das Parengon schreibt nochnbsp;gaingnissiez, Rabelais II, 9 allissiez.

Von diesen Formen aus kann man die mundartliche Umformung des Konj. Impf. der a-Konjugation auf i versteken: Parangon 13 qu'ilnbsp;portit, 70 que je montrisse (Champagne), eine Uniformierung, dienbsp;wohl Hand in Hand mit derjenigen des Perfekts auf -i (S. 275) geht.

Die 6. neigt zur Endbetonung; So Passion 174 oicisesdnt^) in Assonanz vaAfdit, QLR fussant, venissant nsvi., Erec 1449 feïssiént:nbsp;alissidnt(jierzog §466), Jourdain B. 1241 preïssdnt: errant (j\.amp;r-ax\A6).

Die Hiatusformen ëust, d'éust usw. lassen auch fuisset fust (R 344) analogisch zu f 'éust werden (Tristan B. 299, 300); dagegen bleibt in dennbsp;Endbetonten fusson (ebenda 88). — Zu fuisse nach fui MeigretS. 128.

Abweichungen vom schriftsprachlichen Typus entsprechen meist Abweichungen des Perfekts: Dem si-Perfekt von volére (S. 272) entsprechen: Alex. Hs. A 202 volsisse, 49 (in allen Hss.) volsist; Christiannbsp;vossist, Parangon 192 qu'il vousist. — Dem i-Perfekt (S. 281) ent-spricht Alex. 202 Hs. L volisse. — voulusse weist Trommlitz zuerstnbsp;in den Bernhardpredigten nach. Noch Ch. d. O., Rabelais brauchennbsp;volsisse neben Perf. voulu. — Diesem volsisse folgen dann anderenbsp;1-Stamme, auch ohne daö ein si-Perfekt zur Seite steht oder nach-weisbar ist; Leod. 164 calsist caluisset, Cligès 5867 tossist (tollërenbsp;vgl. S. 272), Erec 4225 faussist (fallere), Tr. B. 923 sausist (salire),nbsp;QLR 17 valsist, Mél. 19319 vausist (valuisset).

Dem Perfekt auf -iet (S. 274) folgten: O. Ps. 105, 23 qu’il ne deperdiest, Gormund, Bartsch 8, 117 venquiest in Assonanz mit ie.

Zur mundartlichen Betonung des i vgl. S. 280.

r) occidi wird nach *auclsum zu *auclsi; danach *aucisissent.

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286 IV. Formenlehre. Futurum.

Beispiele: Jonaspodist (potmsset), Aiol 6o, Chev. II. Esp. 690 peuist: i, Dial. Greg. 36, 4 tawist (tacui'sset), Mél. 12889 euistnbsp;(habufsset, vgl. Eul. auuissei)'. v'éist, 5884 petiisse (potuisse(m)) : issenbsp;(exea(m)).

tenisse, venisse hat noch Rabelais (II, 21); nfrz. tinsse, vinsse sind vom Perfekt abstrahiert (Meigret S. 129).

Nfrz. Mundarten haben oft nur noch einen einzigen Konjunktiv wie die -ïsco-Verben von je bis auf die 3. Person, vgl. S. 228.nbsp;Das Altlothr. hat dies bereits nahezu durchgeführt; Lothr. Ps. 7, 5nbsp;Et persecutoisse mon anentin^^ l'arme de mi et la preingne etnbsp;foulloisse ... et toute ma gloire ranienoisse et faice retourneir . . .nbsp;Nur bei preigne, face, rende usw. bleibt die schriftsprachliche Form,nbsp;sonst lautet der KonJ. auf -oisse aus: Vgl. Herzog § 469. Dienbsp;Herkunft ist wohl dadurch erklart, daC -êtis in dieser Gegendnbsp;-oiz gt;» -ois ergibt (S. 239): benissois heiCt „daC ihr segnet“, woraufnbsp;dann qu’elle benissoisse (Lothr. Ps., Prolog S. 4, 29) ,,daö sienbsp;segne“, u. a. folgen, wobei conoisse (Lothr. Ps. 13, 2: nulz quinbsp;entende et cognoisse) vermutlich mithalf. Lothr. Ps. § 123.

Kapitel 9.

Futurum.

Vom organischen Futurum hat sich nur ?ro erhalten. Alle übrigen auf -abo, -ebo, -iebo sind dem deutlicheren cantare habeo gewichen.nbsp;Auch neben ?ro steht vulgarlateinisch *essere habeo, das afrz. takt-anlautend estrainbsp;nbsp;nbsp;nbsp;.), taktinlautend (j'o esserai) nach S. 123 serai

ergibt. — Die Endungen sind:

Futur der Gegenwart cantare aio

Futur der Vergangenheit cantare

I. chanterai

W. chantereie nbsp;nbsp;nbsp;0. Z. -oie

2. chanteras

chantereies nbsp;nbsp;nbsp;-oies

3. chantera

chantereit nbsp;nbsp;nbsp;-oit

4. chanterons (-on, -omesj

chanterïiens {-iimts S. 229')

5. chanteieiz ^ -oiz

chanterïiez

6. chanterout

chantereient nbsp;nbsp;nbsp;-oient


Die 5. chanteroiz (-etis!) steht alsbald neben analogischem chanteren (-atis, vgl. Rol. 72 und 80), halt sich aber als Reimform (R 26 entreroiz :nbsp;droiz) und in Mundarten (Herzog § 461). —Das Futur der Vergangen-heit hat in der altesten Zeit, dem Impf. entsprechend, noch -e in dernbsp;3.: Eulalia sostendreiet] Jonas metreiet, fereiet. lm übrigen entwickelnnbsp;sich seine Endungen wie diejenigen des Imperfekts der e-Klasse.

Nasalierung nach wie auch neulothr. prdmS — promts Herzog ii, 4**

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IV. Formenlehre. Futurum, 287

In einzelnen Texten findet sich seit dem XIII. Jahrh. in der i. Fut. -oi statt -ai, nach dem Konditional -oie\ R 24 diroi, 191 douroi\nbsp;Parangen (XVI. Jahrh.) S. 25 garderoy. Entsprechend lautet dernbsp;Sing, des Fut. im NO. und an einzelnen Punkten des W. (Cótes dunbsp;Nord) auf -o aus. (ALF 28, 29 „tu iras“ : iróY)

Der zwischentonige Konjugationsvokal wird schriftsprachlich wie dialektisch sehr verschiedenartig behandelt. Bald wirkt das Vorbildnbsp;des Infinitivs, in welchem dieser Vokal haupttonig ist, bald nicht:

a-Konjugation. Das zwischentonige a fallt bei liquiden Stammen: Rol. 1707 du[r]reit (dQrare -ebat), QLR 167 devurrunt (devorare),nbsp;Rustebuef, Bartsch 75 a, 133 durra = durera, Vil. Mire. 61 plorroitnbsp;(plorare), sojorrai = séjournerai (G. Ste 2389); n wird dem r assi-miliert: dorrai (O. Ps. 2,8, R 191 douroi) bleibt schriftsprachlich nebennbsp;rekomponiertem donnerai, bis ins XV. Jahrh. und ist die Form vonnbsp;Cyranos Bauer (XVII. Jahrh., vgl. Herzog §411). Zu mener vgl. S. 224.nbsp;Bei selten gebrauchten Verben tritt solche Kürzung nicht ein. Bei dennbsp;Genannten spatere Rekomposition.

Anders in Mundarten des N. und O. bei r-Stammen: Hier ist (in alien Konjugationen) Metathese an der Tagesordnung, der Zwischentonnbsp;bleibt: FI. undBl. 2274 repaierres (für repaireroiz), O. Ps. 5, 8 enterainbsp;(entrerai), dilerrai (durerai) usw. Die Metathese ist jiinger als dernbsp;Sprunglaut: Tr. B. 2701 menherra aus membrera (mèm(o)rar(e) at).

e-Konjugation. Der Zwischenton fallt lautgesetzlich: prendrai, verrai, R 180 metrai, 193 parra usw.^). Hier ist es wohl die Drei-silbigkeit der a-Verben (chdnterai), die im N. und NO. klanglich vorbildlichnbsp;wirkt und dreisilbige Futura ergibt: Rol. averez, O. Ps. 2, 13 esprenderatnbsp;(prendre), 10, 7pluverat (plovoir),Yroïssz.xt (konsequent) iniMél. 1402nbsp;respondera, 4708 attenderai, Rust. Theoph. 290 renderai usw. Diesernbsp;Taktwechsel ist jiinger als der Sprunglaut: QLR 171 isterez {issir),nbsp;217 acreisterez, veinterez; haufiges esterez braucht nicht wie etwa beinbsp;Christian von stare zu kommen: Denn Veng. Rag. 3034 und sonstnbsp;findet sich esserez, dafi nur essere etis sein kann. Zu sivrai, siverainbsp;(QLR 25) nfrz. suivrai S. 249.

*) Im O. wird gedeckt und nebentonig a lautgesetzlich zu e (vorgeschobene Artikulation), ai zu a (vgl. S. 103, 106); i. ira, 2. und 3. iré ist also die normale Entwicklung. Ezechielnbsp;konjugiert konsequent i. -a(i), 2. -es, 3. -it. Eine 3. auf -it findet sich heute nirgendsnbsp;mehr auCer in der Schweiz, PuuktgSq: tri. Vgl. die Tabellen Haefelins, Mundartennbsp;der sw. Schweiz und Ro, F. I, 437. Ein Bestreben, die einzelnen Personen zu scheiden,nbsp;zeigt sich deutlich. Und so wird man -it zwar nicht auf lat. it ,,geht“ zuriickfiihren,nbsp;wie versucht wurde, sondern durch das Pronomen it erklaren.

Sprunglaut zwischen s—r (S. 164), n—r (B 157 remandrd), I—r (R 324 voudriez, Lanz. 624 doldrai (dolere)). Mundartlich fehlt der Sprunglaut; volrai'yt vaurai, vorrai.nbsp;Normalem faudra folgt baudra (E. Boileau) statt baillera „wird geben“.

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288

IV, Formenlehre. Futurum.

i-Konjugation. Sind bei e die dreisilbigen Futura dialektisch, so ist bei i die Tendenz gemeinfrz. nach dem Infinitiv auszugleichen;nbsp;vr-, /r-Stamme entwickelten zwischentoniges Stütz-^ mit mundartlichernbsp;Metathese: QLR 178 cuverrez aus covrerez, G. Ste. 2716 suferreit ausnbsp;sofrereit. In solchen Formen wird der Zwischentonvokal alsbald nachnbsp;dem Infinitiv geformt: covrirai, sofrirai. Wie R 194 serviras flektierennbsp;partira, mentira usw. von alters her.

Die -ïsco-Verben zeigen von je ii O. Ps. 6, 5 gehirat, 9, 3 perirunt, 15, 5 restabliras\ vgl. R 195 acompliras. Danach werden spater um-gestaltet: R 208 orra (audire)gt;omra, esjorrai(O.Ps., von jöir)'^esjoïrai,nbsp;R 192 garra (: parra), nfrz. guérira, harra gt;¦ nfrz. haïra. — finrainbsp;(Rust. S. 158, 163) ist das Futur von finer (liquider Stamm).

Nur vendrai, tendrai (R 285, 286), (NO. venrai vgl. B 285, tenrai), inorrai, cotirrai und ein paar andere halten die etymologische Form:nbsp;Nfrz. viendrai^ tiendrai folgen dem stammbetonten Prasensstamm.

Der Stamm steht unter dem Einflufi des Infinitivstammes (afrz. crerai, nfrz. croirai), des stammbetonten Prasensstammes {viendrai usw.).nbsp;Zu girai siehe S. 252‘).

Vlat. 1(e)sserai ist serai (R 189, 217); ferai (statt ’^fairai^ B 7) kann ihm folgen, denn fare hatte fiar-ai ergeben; lairai )gt; lerainbsp;(Mei gr et S. 124) folgt der Kurzform des Imperativs lai, vgl. S. 244.

Normales avrai (habëre) wird in vielen Mundarten zu arai (Mél. ar ai und avrai, B 286 armit, R 213 ara), dem sich savrai gt; sarai anschliefit.nbsp;Spatere schriftsprachliche aurai, saurai htmhen wohl auf graphischer Ver-kennung des v in avrai, savrai, können aber nachS. 158 auch mundartlichnbsp;und alt sein. Meigret S. 125 kennt beide Formen, Mundarten erhaltennbsp;arai, sarai (Herzog § 412). — bevrai wird entsprechend zu berai; demnbsp;Pras. buvons, buvez folgen bu(v)rons, bu(v)rez: Vgl.Parangon z/^burez,nbsp;aberös bevrai, bevras; boirai ist nach rrofrnfgebildet,wienachnbsp;— verrai (vïdêre) bleibt vom Infinitiv unabhangig, auCer in Mundarten:nbsp;voiraihrzxxc\itamp; Rabelais, sagen heuteLoire, obere Seine usw., ALF 1410.

Futur von aler: irai (R 79 iroie) ist ire habeo.

Kurzformen; NO. frai vgl. S. 109^

Ausgestorbene Formen: Bei esse verdrangte serai : estrai und ier. Letzteres flektierte: i. ier, 2. iers (M. Brut 714), 3. iert (B 8),nbsp;ertifi,. 302), 4. (i)ermes (Alex. L 526, Rol. 1977) 5. —. 6. ierentB 288. —nbsp;Die Formen zeigen bald Diphthong, bald nebentonig e (S. 85).

Das analogische -e in ere ero (Auc. 2, 23, Bueve II S4S9) dürfte Vermischung mit dem Imperfekt entstammen. —Alex., QLR46 (i)erc,nbsp;auch in der 2. Person iercs (103) erklart sich wohl nach S. 241.

1

gerrai (Rol. 1721, Bartsch 23, 48 usw.) „ich werde liegenquot;, cherrai (Meigret S. 125) statt charrai „ich werde fallenquot; (Bartsch 23, 133) folgen serrai (Bartsch 1I165)nbsp;„ich werde sitzenquot;, nfrz. assiérai.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre.

Die im folgenden hSufig zitierten Beitrage sind Adolf Toblers Vermisckte Beitr'dge zur frz, Grammatik, Leipzig, Hirzel, Reihe i—5. Sie sind die Bibel des Syntaktikers. —nbsp;Der Vergleich mit dem Nfrz. ergibt sich aus A. Haase Brz. Syntax des XVII. yahrh.

1888 (zitiert: Haase).

A, Mehrfacher Satz.

1. Beiordnung.

Ein paar Verse des Brut zeigen die grofie Einfachheit seines Stils: Noch herrscht die Sprechsprache. Die Dichtung ist zum münd-lichen Vortrag bestimmt. Die biegsame Satzmelodie macht ein kom-pliziertes Konjunktionalsystem überflüssig. Der Ton gibt die Bedeutung,nbsp;Die einfache Parataxe genügt1 2): Nach „sehen“ (B i6o), „glauben“ (214),nbsp;„Sorge haben“ (36), „befehlen“ (223) ist nicht etwa die Konjunktionnbsp;ausgelassen, das plautinische Latein, jede gesprochene Sprache, zeigennbsp;Verwandtes: „Brutus sah: Er konnte nicht bleiben“, können auch wirnbsp;B 160 übersetzen. Eine Pause im Sprechen gibt den Zusammenhang dernbsp;beiden Satze; der zweite Hauptsatz ist Objekt des ersten, Gegenstandnbsp;des „Sehens“. Die Konjunktion que^) kann nach den genannten Verbennbsp;stehen und den abhangigen Satz als solchen einleiten®), ja beide Kon-struktionen, Bei- und Unterordnung, können nebeneinander auftreten undnbsp;damit die altvaterliche Einfachheit zu kompUzierten Satzgebilden führen,nbsp;die nur die Satzmelodie verstandlich machte: B 222 Parmaindre com-manda justise — Ne fust enfraite en nule guise — Et que ckascunsnbsp;d’aus Vautre amast — Nus d'aus od autre ne strivast. Es sind 4 Befehle:nbsp;I. Gerechtigkeit soil bleiben, 2. in keiner Weise soil sie eingeschranktnbsp;werden2), 3. jeder soil den anderen lieben, 4. keiner mit dem anderen

1

*) G. Dubislav, Satzbeiordung f. Satzunterordnung im Afrz. Progr., Berlin 1888.

In der röm. Kaiserzeit batte quod nach den Verben dicendi nnd smtiendi den Ace c. tnf. (Diehl iSS7), nach timere : ne, nach den Verben des Wollens; ut abgelöst.nbsp;Dnrch Lautentwicklung fiel co (quod) mit co (cum) zusammen. Bei christl. Schrift-stellern und in der Vulgata (also vor ihnen in der Volkssprachel) wird dieses quod durchnbsp;quia ersetzt: Es ergibt satzphonetisch qui vor Vokalen, qua vor Konsonanten. Als quinbsp;fallt es nun mit qui(d) zusammen, und wird zur Merowingerzeit haufig wie diesesnbsp;geschrieben; Vgl, noch Eulalia 14 qued die fuiet = ,,daC sie fliehe“. Rydberg,nbsp;Zur Gesch. des frz. 3, S. 357 ff., 1039,

R. L. Graeme Ritchie, Recherches s. l. synt. d. l. conj. que, Paris 1907, Kap. IX.

2

Darf man lesen: Parmaindre commanda : Justice — Ne fust enfraite..,f kauml Solches Übergreifen des Satzes auf den nachsten Vers (Enjambement) (R44, 45; 53^nbsp;ist in B noch ungewöhnlich. Vgl. S. 312.

Jordan, Altfianzösisches Elementaibuch. nbsp;nbsp;nbsp;iq

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V. Ausgewahite Abschnitte der Satzlehre. Verknüpfung.

streiten. — Die beiden ersten haben das gleiche Subjekt: „Dafi Ge rechtigkeit bliebe, daC sie nicht eingeschrankt würde.“ — Trotzdemnbsp;der erste Satz im Ace. c. Inf. steht, ist dies S\ih]ékt justise nur e in malnbsp;ausgedrückt, wofür es im Afrz. viele Beispiele gibt. Vgl- Tobler,nbsp;Beitrage I, 21, Satzglieder ano xoivöv: Ein Redeglied bildet dennbsp;Schluö des ersten und den Anfang des zweiten Satzes. Und so stehennbsp;in obigem Beispiel nebeneinander: Bei den beiden Befehlen Infinitiv-konstruktion und gueSatz, — bei den beiden Verboten ne (nee oder ne)nbsp;und Konjunktiv. Das Ganze ist nicht etwa Übersetzungsaltfranzösisch,nbsp;Galfrid hat lediglich (I, § 18) deditque legem qua pacijice tractarentur. —nbsp;Aber nicht nur da zieht der Dichter Beiordnung vor, wo quenbsp;unterordnen könnte, auch zeitliche Folge, logische Folge bleiben demnbsp;Tone überlassen; B 298 „Wasser fehite, — das Madchen nahm [darauf,nbsp;deshalb] ihre Kanne“; 304 „Ihr ist warm; — sie entblöCt ihren Busen“;nbsp;308 „Sie ist müde, — sie stützt die Wange mit der Handquot;; 282 Piecenbsp;a ne fu ki l'abitast „einStück [Zeit] ist, [daG] keiner war, der sie bewohntequot;.nbsp;Es mag eine Folge dieser Konstruktion sein, dafi pieg'a afrz. erstarrt,nbsp;weil man es adverbial empfindet, und nun auch da braucht, wo mannbsp;piece ot oder piece avoit erwartet. Dagegen ist das ahnlich erfolgendenbsp;Erstarren von n’a guaires zum Adverb naguère (frank, waigaro „vielquot;,nbsp;vgl. B 84)jünger; Chev. II. Esp. 8503 gaires nquot;avoit, 9151 n ot gaires,nbsp;was Beitrage II, i, S. 5, 6 nachzutragen ist.

2. Verknüpfung durch Orts- und Zeitadverbien.

Auf der anderen Seite kann sich der Dichter nicht genug tun, seine Schilderung raumzeitlich zu bestimmen, denn das kann der Tonnbsp;nicht, das kann nur die Geste: Vór allem dienen Adverbien en, ld, inbsp;zu solcher Verknüpfung. Man beachte das fortwahrende Vorkommennbsp;von i (ibi) mit Beginn des Kampfes: 32, 37, 41, 42, 45, 84, 94 usw.,nbsp;in letzterem Beispiel pleonastisch: „Am Orte, wo er so vermessennbsp;war (S. 336), teuer verkauft er hier sein Leben.quot;

Auch für possessive, kausale, instrumentale Beziehung genügt meist das Ortsadverb e7td (S. 135) als Verknüpfung: 46 entspricht es: de lurnbsp;vies und bedeutet ,,davonquot;, 72 bezieht es sich auf den ganzen vorigennbsp;Vers: „dadurchquot;, 88 bedeutet es „deswegenquot;, 92 „mit dem Schwertquot;,nbsp;vgl- 96, 100, iio, 118, 124, 125, 182 usw. und Haase § 9, S. 14.

3. Verkuüpfuug durch beiordnende Koiijunktionen. und sic; Zahlreich sind vorab die Bedeutungen von si: Wahrendnbsp;et (nicht diphthongiert, also urfrz. Nebentonform!) nur. beiordnet,

h Tobler, Beitrage I, 13 Logisches Subjekt des Inf. (Konstruktion des Inf. mit Sub].), — E. Stimming, Der Acc. c. Inf. im Frz., Bh. Zt. 59, vgl. S. 95, wo anderenbsp;Beispiele nach commander; Haase § 89.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Verknüpfung.

hebt si demonstrativ hervor und daher die Tonform*): B 103 „Sein Halsberg half ihm nichts“, — si lo feri „und so traf er ihn“. Solchesnbsp;Hervorheben steht an der Grenze des Gegensatzlichen; Si überschreitetnbsp;diese, wobei es invertiert, damit das Gegensatzliche an die Spitzenbsp;und seinem Pendant nahe kommt: B i Li jors s'en vait, — la nui^nbsp;si vint „dann aber kam die Nachtquot;, B 162 Ztur force . ¦ . croissoit —nbsp;La sue („die Seinige aberquot;) si amenuisoit. — In B ist diese Bieg-samkeit des Satzes noch Regel — in R Ausnahme; 240 cointise sinbsp;n'est pas orgueil „Vornehmheit aber ist nicht Stolz; sonst ist si nurnbsp;satzeinleitend: R 14, 24, 41, 46, 48, 77, 82, 89, 93 usw. aufier innbsp;et si (114), lors si (120). —

mais und ain^: Ein Satz schrankt einen anderen ein; „Er ist dick, aber gelenkigquot; — lat. autem; ein Satz schlieCt den anderennbsp;aus: „Er ist nicht dick, sondern magerquot; — lat. sed oder autem. Beidenbsp;Bedeutungen übernahm vlat. magis (S. 203), vgl. deutsch „vielmehrquot;.nbsp;So ist in der Krlsr. mais nicht nur einschrankend (Vers 28), sondernnbsp;auch ausschliefiend (39, 80). In anderen Texten (Mundarten?) findet sichnbsp;das noch in der Krlsr. nur temporale ainz (ante) auch ausschlieCend:nbsp;So Alex. 269. (Einziges Beispiel.) Auch im M. Brut ist temporalesnbsp;ainz haufig (B 94), aber ausschlieCendes ainz kommt nur einmal vor;nbsp;2888 „Ne m’aimes pas . . . Ainz me tiens vil“ „Du liebst mich nicht,nbsp;sondern verachtest michquot;. Diese Sparsamkeit kann stilistische Gründenbsp;haben, aber auch eine Folge davon sein, daC ainz in Funktionen ein-rückte, die ursprünglich mais allein hatte und die es heute wiedernbsp;ausschlieölich besitzt, da ainz im XVII. Jahrh. ausstarb. Der Grund dernbsp;einstigen Konkurrenz ist klar: Mais ist mittel- oder schwachtonignbsp;und duldet daher nur affektisch betontes Verbum unmittelbar nach sich;nbsp;R 15 tnes sachiez! 212 mes face! vgl. 116, 122, 161, 174 usw. Stark-toniges ainz aber zieht mitteltoniges Verbum unmittelbar nach sich:nbsp;R I18 Ainz fu, 134 Ainz doit, 382 Eingois m'aprist. Weshalb esnbsp;auch nur in Vollsatzen steht. Im verkürzten Satze entspricht: Maïs lui.

J. Melander, Elude sur magis, These, Upsala, 1916, S. 41, 49, 63.

4. UnterordnuDg durch Konjtinktion.

Im Vergleich zu diesen Mitteln der Beiordnung sind unter-ordnende Konjunktionen in B wenig entwickelt. Haufig sind nur que, cum, quant (quando), letzteres meist temporal und nur B 378 be-

lm hiO. und O. (Rydberg S. 862) wird si zu se und kann dann vor Vokal elidiert werden, im SW. stirbt si im XIII. Jahrh. aus. Im Zentrum bleibt si in Urkundennbsp;bis ins XVIII. Jahrh. B hat nur si: 100 si'nd (alte Enklise), 144 sï en usw.; R meistensnbsp;Hiat aufier: 77, 82, 292 vor en und of, zur Elision vgl. Rydberg, S. 868 ff. — Zumnbsp;Abkommen von si wegen seiner satzeinleitenden Funktion und Starktonigkeit, die sichnbsp;mit der werdenden Satzoxytonierung nicht vertrugen, vgl. Haase § 141, Herzog § 621.

19*

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292 V. Ausgewahlte Abschnittc der Satzlehre. Unterordnung.

gründend. Zusammensetzungen sind noch sparlich; 94 ains que, 248 pur cho que, 292 puis que, M. Brut porkuec que „weil“. —

Dagegen sind die Nuancen des einfachen que zahlreich: Es hat zeitlichen und modalen Charakter; B 19 que chantoient cil oiselunnbsp;„wahrend dazu . . vgl. B44 und Beitrage II, 16, speziell S. 128. lmnbsp;Hauptsatze stehendes teil (S. 100) gibt ihm konsekutiven Sinn; 87,nbsp;R 102; doch hat que diesenSinn auch ohne vorhergehende Bestimmung:nbsp;B 345, und dieser durch affektischen Ton sich erklarende Brauch bleibtnbsp;lange; Haase § 136c. Nach einem Ausruf steht que begründendnbsp;(B 74‘), M, Brut 3060 ff.), wozu Beitrag I, 9 speziell S. 61 zu ver-gleichen ist. —

Auch in R kann einfaches que begründen; vgl. 370, wo man nfrz. car, puisque, paree que sagen würde. lm allgemeinen aber ist que seitnbsp;dem XII. Jahrh. durch Prapositionen, Adverbien usw. naher bestimmtnbsp;worden; die Literatursprache, die des Tons entbehrt, mit Wort en alsonbsp;nicht sparen darf, hat mit diesem Verdeutlichungsmittel seit 1150nbsp;gewuchert: Vgl. Ritchie, La conjonction que, S. 187, Index; Haasenbsp;§ 138 ff. In R ist pour ce que 233 begründend (Haase § 137, 2,nbsp;S. 238, nfrz. paree que), 271 final (nfrz. pour que, afin que)', ersteresnbsp;natürlich mit Indikativ, letzteres mit Wunschkonjunktiv. Pour que mitnbsp;Konjunktiv ist bedingend: R 211, 326 „vorausgesetzt daG“, nfrz.nbsp;„supposé que“.

com (B 51) ist vlat. quomo(do), — come (B75)^) vermutlich vlat. quomo ac (aprov, coma). Bis zum Ende des ersten nachchristl. Jahrh.nbsp;wird quomodo nur in Frage und Vergleich gebraucht. Vulgar stehtnbsp;es auch im verkürzten Vergleich: solebat cenare quomodo rex (vgl. Bnbsp;75 cume fuldres, 135 cum vassals, 221 cumme seignor) und verdrangtnbsp;nun vergleichendes ut und velut (B 235). Aber auch quod, quia,nbsp;quoniam macht es seit dem IV. Jahrh. nach den Verben sentiendi etnbsp;declarandi K.offk\inenz, und so heifit es Al ex. 381 E fo lur dist cumnbsp;s'en fait par mer „und dies sagte er ihnen, wie er übers Meer floh.“nbsp;Nun wird es wie seine Konkurrenten mit anderen Worten zusammen-gesetzt: B 333 si cum (velut) nos dïent li poete', die Bedeutung dernbsp;Gleichförmigkeit (B 115, 159, 333) ergibt diesjenige der Gleich-

„Ach Gott! Welche Tapferkeit: DaC er sich so von seinen Leuten entfemteM'

Die Verteilung von com und come ist unklar. W. F. halt come für die votkons., com’ für die vorvok. Form (Christianlexikon). Aber vgl. O. Ps. 8, 9 cume merveilus est^nbsp;gegen 30, 23 cum grande est. Vermutlich sind rhythmische Gründe beteiligt: Folgtnbsp;ein Wort mit Ultima-r, steht in alten Texten meist com: O. Ps. 21, 14 sicum eve, 21, 15nbsp;cum cire, Alex. L 321 cume cil, aber 423 cum feme; umgekehrt braucht Rol. comenbsp;nur vor konsonantisch anlautenden Oxytonen. — Nach lioo wird com (resp. con,nbsp;Alex. 537 cun out) vollsatzeinleitend (B 51, 119, 209); come (neben gelegentlichemnbsp;com, B 135) leitet den verkürzten Vergleichssatz ein. (Vgl. Vising, Toblerabhand-lungen 1895, S, iJ9f.).

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Eimaumung.

zeitigkeit (ca. IV. Jahrh.); B 54 tant cum, 119 tant dementres cum. (Vgl. J. Pirson, Quomodo en Latin vulgaire, Festschrift Vollmöller,nbsp;1908; Haase § 139.) —

Wie in allen Sprachen erhalten die zeitlich verknüpfenden Kon-junktionen begründenden Sinn: Vgl. zu B 378, R 124, 139 usw.; zu puisque, das B 292, R 346 zeitlich gemeint ist: R I79 puisque misnbsp;fes „da du dich begeben hast“, wie man ja auch volksdeutsch sagt:nbsp;„Nachdem du dich begabstquot;, und dies begründend fühlt.

Verhaltnismafiig selten sind im M. Brut Bedingungs- und Ein-raumungssatze, was sich aus dem Stil erklart. In der Rose sind sie natürlich haufiger, die Einraumungssatze zeigen bereits den Formen-reichtum, der ihrem affektischen Charakter entspricht: Der Einraumendenbsp;gibt namlich dem Partner etwas zu, aber das Zugegebene genügt nicht,nbsp;um an der im Hauptsatz gemachten Behauptung etwas zu andern:nbsp;R 314 ye ne priseroie . . . Socrates, combien qu'il fust riches, ,,wienbsp;sehr er auch reich sei (Wunschkonjunktiv, S.301), ich schatze ihn nichtquot;;nbsp;391 que tout ait fait diex ,,Möge Gott auch alles gemacht haben —nbsp;den Namen hat er nicht gemacht;quot; Rustebuef, Theoph. 603 Quoinbsp;quefaie fait, or sui ci, „was [es ist], welches ich getan haben moge,nbsp;ich bin hier [und verantworte mich]“; Asnes 123 Que (unbetontenbsp;Form von quoi quid) que fols dort, li ternies vient, „was [für Zeit],nbsp;(welche) der Narr auch verschlafe, der Termin nahtquot;. St. Thomas,nbsp;Vers 398 ki ke venist au Rei, de que (= quei) ke ëust mester, ,,wernbsp;[es ware], der auch zum König kame, was [es sei], das er brauchtequot;;nbsp;Hier sind also Fragewort wie Relativum Subjekte, und man erwartetnbsp;ki ki venist und nicht ki ke. In der Tat heifit es Alexius 503 Hs. Lnbsp;cki chR) se doilet, a nostros est il goie „Wer [es sei], der sich be-kümmere, den Unsern ist es Freude“^). Die anderen Hss. andern;nbsp;Früh wurde das zweite qui konjunktional empfunden, zumal auf demnbsp;^'«^-Gebiet (S. 219).

Schliefilich kann man die Einraumung mit einer Verfluchung des Gegners: mal gré qu'il en ait oder einem Lobe des Zugegebenen:nbsp;bien que (vgl. R 315) einleiten (Beitrage 3, 1).

5. Unterordnung durch Relativum.

Aufierordentlich beliebt sind im M. BrutRelativkonstruktionen: Attribute zu Subjekt und Objekt, gelegentlich neben adjektivischemnbsp;Pradikat: B 57 nul chevalier . . . meilor de lui, . . . ki plus de lui ëust

') ch ist überfranzische Schreibung für k, vgl. 435 unches, Rol. schreibt das Relativum oft chi, O. Ps. meist.

“) So auch im Chev. II. Esp.; 4818 ki ki s'en sente „wer sich darüber beklagequot; und ahnlich 4846 usw, Ausnahmen; 5632 ki k'en farolt, 11803 ke. Der Dichternbsp;brauchte ki ke, der Abschreiber schrieb, wo es anging, meist ki ki.

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V. Ausgewahite Abschnitte der Satzlehre. Relativum.

valur. Wie im Lateinischen werden zwei Relativsatze geschachtelt: i68, 169. Immerhin ist solche Schachtelung miGlich, da das Relativumnbsp;Geschlechter und Numerus nicht mehr scheidet, und auch die Ton-form cui früh undeutlich wird. Deshalb griffen zuerst Übersetzer ausnbsp;dem Lateinischen nach dem durch den Artikel substantivierten Frage-wort (B 73, 289) li quels, la quei(e), lesquels, lesquel(e)s, das sichnbsp;als Ersatz aufdrangte, da ja qui zugleich substantivisches Relativ undnbsp;Fragewort war (S. 219Vgl. O. Ps. 103, 18 Li cedre, lesquels ilnbsp;planta. Bei den Prosaschriftstellern des XIII. und XIV. Jahrh. ist lequelnbsp;bereits eingebürgert, und im XV. Jahrh. erscheint es im Vers. (Ch. d’0.;nbsp;Haase § 33). Für den Genetiv (cui, R 379 de qui aus de cui, neutr.nbsp;de quoi R 88) tritt dont (S. 220) ein, auch bei Personen; Vergleiche B 48nbsp;dunt^) li cors „deren Leiber“ mit B 169 cui promesse „deren (der Diana)nbsp;Versprechen“. Die Vorliebe für solchen relativen Anschlufi nimmt zu,nbsp;wobei dann dont sehr Kompliziertes bedeuten kann; Vgl. Beitragenbsp;3, 8 „dont und en in pronominaler Funktion“, wo sich l. Auflage, S. 39nbsp;auch Beispiele finden, in denen, wie B 48, das Beziehungswort nichtnbsp;ausgesprochen ist. —Es kann nun dont wie eine Konjunktion bei Verbennbsp;der Gemütsbewegung die Ursache, das „Woher“ dieser Gemütsbewegung,nbsp;angeben: R 15 mo7it m'agrea dont m'apela, „Es gefiel mir, daC sienbsp;mich rief. Wie die Redeweise entstehen konnte, zeigt M. Brut 535:nbsp;„Muit me desturbe (disturbat) . . Dunt est vemie iceste rage.quot; {Dontnbsp;vient ce? bedeutet Lanz. 139 „Woher kommt diesf“) Nun wird afrz.nbsp;der von eineni Verbum der Gemütsbewegung abhangige Satz sletsnbsp;begründend empfunden und daher der Indikativ: Auc.4, lO ce poisenbsp;(S. 320) moi qu’il i va; Lanz. 314 Si li pesa... De ce qu’il n'i avoitnbsp;esté; ebenso nach quant: R 124, 139, 152. Analogisch erhalt dasnbsp;Fragewort dont die gleiche begründende Farbung. — Es wurde mir vor-geschlagen, nach R 15 agrea einen Punkt zu setzen. Die Stelle hattenbsp;dann bedeutet; 15 „Wisset, dal3 es mir gut gefiel“. 16 „So rief michnbsp;also Courtoisiequot;. Allein solch konsekutiver Gebrauch von done findetnbsp;sich in diesem Teil der Rose nirgends; dagegen sehr haufig begründendernbsp;von dont nach Verben der Gemütsbewegung: So haben andere Hss.nbsp;R 124, 139, 152 statt quant eben dont (Rose ed. Marteau 2018 usw.,nbsp;Beitrage I 24 zu Anfang) und dont dürfte die ursprüngliche Lesartnbsp;sein. Die Verwechslung von dont und done hat ihren Grund imnbsp;Verstummen der Auslautkonsonanten (vgl. S. 137).

b Der Unterschied zwischen li quels und qui ist wie nfrz.: li quels est mort? fragt man auswahlend, etwa bei einem Kampf wie Rol. 735; — qui est mort? wenn kcinenbsp;engere Gruppe zur Auswahl in Frage kommt.

b Das Beziehungswort von dunt ist das unausgesprochene Subjekt von 47 tunt acraventei, das sich aus dem Vorhergehenden ergibt.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Relativum.

Wie dont gelegentlich, so werden qui und que oft beziehungslos gesetzt: B 214 Ki lo v'óist, cuidast „Wer es gesehen batte, batte ge-glaubt“. lm Afrz. ist die Beziebung baufig durcb ein stereotypesnbsp;Satzcben umscbrieben: B 26 Pur defendre s’est ki l'assaille, „um sicbnbsp;zu verteidigen, wenn einer ist, der ibn angreife“. In der Rose findetnbsp;sicb diese Ausdrucksweise in einer Erzablerwendung: 203 „Jetzt wirdnbsp;mein Roman interessant, — 205 s’il est qui Ie sacke conteP' — ,,wennnbsp;einer ist, der ibn erzablen kann“. Es ist denkbar, daC das beziehungs-lose Relativum durcb Auslassung des Beziebungssatzcbens entstand.nbsp;Abnlicb entstanden que je fiense, que je sache ,,dafi icbwüfite“: Afrz.nbsp;beiGt es; Cbev. II. Esp. 2791 Rien ne m’aves mesfait . . . ke je sacenbsp;(vgl. 4382 que je sëuse) ,,Keine Sacbe tatet ibr mir an, — die icbnbsp;wüGte“. Nun werden rien, pas aus Objekten zu Negationsfüllwörtern,nbsp;und in pas que je sache wird das hierdurcb beziehungslos gewordenenbsp;que, wie in ,,nicht daG icb wüGte“, als Konjunktion empfunden, trotznbsp;d ce que je crois ^).

Vgl. Beitrage i, 17 que als ,,beziehiingsloses Relativum^. L. Jordan Ro, F. 16, 398. J. Korte, Die beziehungslosen Relativa im Frz., Diss. Gött. 1910; — Haasenbsp;g 40; Strohineyer, Frz. Scbulgrammatik 2. Aufl. § 443.

Man kann sagen: lm Afrz. wurden die Satze, wo es ging, relativisch, d. h. attributiv verknüpft: So wird oft ein Kausalsatz so ausgedrückt,nbsp;daG das verursachende Subjekt mit einer begründenden Prapositionnbsp;(,,wegen“) affektisch vorangestellt, das Verbum (das verursachendenbsp;Geschehnisj relativisch angefügt wird: Krisr. i8 Por Franceis kinbsp;l'oïrent, molt en est enbronchiez — ,,weil es die Franken horten, istnbsp;er eingeschnappt“; B i6i Pur Frans qui force avoient graindre •—nbsp;„weil die Franken starker waren“. — Ja sogar der Gegenstand, dessennbsp;• Nichtvorhandensein den Hauptsatz begründet, wird in dieser Weisenbsp;vorweggenommen, und hier tritt der affektische Charakter des Sprach-gebrauchs besonders stark vor: Floov. 1330 „Ancor me poise plus denbsp;ni’espée que n'ai“ ,,Mehr bekümmert mich noch mein Schwert, — dasnbsp;icb nicht habe“; Rou 3177 gent . . . A ki la porte esteit vëée, —Pornbsp;hezanz qu’aveir ne p'óeient ,,Volk, dem das Tor verwehrt (vetata)nbsp;war, — Wegen der Byzantiner-Gulden, die sie nicht haben konntenquot;;nbsp;sie konnten namlich in Jerusalem die Fremdensteuer nicht zahlen.

Mit Ausbildung einer zum Lesen bestimmten Sprache, wachsender Vorliebe für einen sicb steigernden Aufbau verfallt dieser Brauch —nbsp;wo nicht eben das Subjekt die Ursache und der Relativsatz nur be-

Neutrales Beziehungswort ce zur Verdeutlichung von neutr. Relaliv qtie -ist schoii afrz. fakultativ: Vgl. R 252 chascun doit fare . . . Ce qu'il scet, qui li avient „Jeder soilnbsp;tun, was er kann [und] was ihm steht,quot; Oder ist qu'il U avient zu lesen: „Wovon ernbsp;weifi, dafi es ihm steht?“ — Vgl. Amyot (Plutarch, Vorrede) ce qui s'est fait ou quinbsp;est advemi; CC quc nous devons suivre . . . et qu’il nous faut fuir (Haase § 35).

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V. AusgewSihUe Abschnitte der Satzlehre. Tempus.

gleitender Umstand ist, wie dies Rose 57 (Ausgabe Marteau) beispiels-weise der Fall ist: La terre meisme(s) s'orgoille^ — For la rosée qui la moille: „Die Erde ist stolz auf den Tau, — der sie feuchtet“.nbsp;(Vgl. F. Strohmeyer, Über verschiedene Funktionen des afrz. Relativ-satzes, Diss. Berlin 1892, L. Jordan, Ro. F., XVI. S. 400.) — Auchnbsp;die Konjunktion que weicht beziehungslosem, relativem AnschluC: R 374nbsp;„Trap mesprens, qui si te revelles'‘ — „Gar sehr fehlst du, der dunbsp;so rebellierst“; doch fallen, wie wir in der Formenlehre sahen (S. 219),nbsp;Relativum und Konjunktion mundartlich zusammen (vgl. Herzog 2, 12),nbsp;so dafi ein Fall wie Tr. B. 6 „Si grant pechié avez de moi — Quinbsp;me niandes . . F — „So groCe Siinde begeht Ihr an mir, der Ihr inirnbsp;meldet . . .“ unsicher ware, wenn nicht derselbe Sinn wie in obigemnbsp;Rosenbeispiel in derselben Weise ausgedriickt wiirde.

6. Zeitstufe und Aktionsart.

Gröüte Freiheit herrscht in der Wahl des Tempus. Vgl. B 18 ff., wo Praterita Vers 20 vom Prasens, 21 vom Passé Composé, diesesnbsp;wiederum von Prasentien, Passé Composé (24), Prasens (25) ab-gelöst werden. Jede lebhafte Erzahlung im Afrz. bietet Ahnliches.

Von den Prateriten ist das Imperfektum durativ wie im Latein und Nfrz., das Perfekt perfektiv oder aoristisch. Doch gibt es in jedernbsp;afrz. Dichtung Falie, in denen Imperfekt und Perfekt so gut wienbsp;gleichwertig nebeneinanderstehen: So R 80 bele fu .. . — D'un fil d’ornbsp;estoit galonnée, — S'ot un chapel, wo estoit wohl nur steht, um funbsp;nicht zu wiederholen; vgl. auch R 63. Im Volksepos ist das Imperfektnbsp;selten: Roland enthalt in den ersten 500 Versen nur 3 Imperfekta Ind.nbsp;(10, 203, 383). Man hat daraus schlieCen wollen, diese Form sei damalsnbsp;im Aussterben gewesen. Wir brauchen aber nur aus der lebhaftnbsp;erziihlenden Dichtung herauszugehen, um zu sehen, daC nicht einenbsp;syntaktische, sondern eine Stilfrage vorliegt, was denn die heutigennbsp;Mundarten vollauf bestatigen.

Schwierig ist die Frage der Verwendung der beiden Perfekten Passé Simple (veni) und des Passé Composé (sui venuz) zu beurteilen:nbsp;Nun finden wir, daG die Komposition afrz. noch lose ist und mannbsp;die Wortfolge i. Hilfszeitwort — 2. Verb andern und sogar einen Satzteilnbsp;einschieben kann: B 176 Albion est I’isles nomeiz, 194 assemblei sunt,nbsp;200 unt Tro'Uen cunquise. Sollen wir daraus schlieGen, daG das Passénbsp;Composé noch keine „echte Tempuskomposition“ ist, sondern nochnbsp;als Zusammensetzung eines Prasens mit einem Partizip empfundennbsp;wirdf Vgl. dazu die Betonung von deutsch: „Ich bin gekómmen“ —nbsp;„gekommen bin ich . . .“ Und so gehort wohl auch afrz. die anormale,nbsp;stets seltenere Wortfolge assembléi sunt, zu den spater zu behandelnden

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V. AusgewSthlte Abschnitte der Satzlehre. Tempus.

Fallen, in denen Emphase ein hochbetontes Wort an einen anderen als dein normalen Platz stellt, ohne über die Entwicklung der Kom-position Wesentliches zu verraten. Und wenn im XVI. Jahrh. die Wort-folge: I. Hilfszeitwort, 2. Partizip fest wird (Haase § 153), so ist diesenbsp;Erscheinung nicht aus der Geschichte derKomposition (vgl. untenS.328),nbsp;sondern aus der Geschichte der Erstarrung der Wortfolge zu verstehen.nbsp;Anders urteilen hierüberHaas, Nfrz. Syntax 1909S. 62 und SchochS. 21.

DaG die Komposition urfrz. vollendet ist, zeigen die Stellung der Objektspron. vor dem Hilfsverb') und der afrz. unterschiedslosenbsp;Branch der beiden Perfekten. Man nehme zur Kontrolle zwei Perfekta,nbsp;die sich zeitlich ablösen. Gelegentlich wird dann die Vorvergangenheitnbsp;durch das Passé Antérieur auch ausgedrückt: B 31 Quant venufu —nbsp;i out, R 99 Quant la corde fu lt;mise — il entra. Meist aber stehtnbsp;eins der beiden Perfekten und zwar fast wahllos, vgl. Haase § 65,nbsp;Schoch, Perf. Hist, und Perf. Pras. im Frz., Halle 1912, S. 24:

M. Brut 1611 Quant l'unt entendu .. .fistrent P. C. — P. S.

B 27 Quant aperciurent. . . cururent P. S. — P. S.

B 302 Quant la parvint — si est assise P. S. — P. C.

In der Rose ist diese Wahllosigkeit durch Vorliebe für das Passé Simple eingeschrankt: Die Sprache ist gehoben. P. C, steht nach quantnbsp;nur, WO der Satz volkstümlich-kausale Bedeutung hat: 124. Auch innbsp;weniger gepflegten Texten ist P. C. nach quant seltener als P. S.:nbsp;Erzahlerwendungen unterliegen schriftsprachlichem EinfluG. — Dienbsp;weitere Geschichte des Perfekts ist folgendermaGen zu verstehen; Dienbsp;für das Nfrz. charakteristische Vorliebe für steigenden Aufbau laGt P. S.nbsp;aussterben: Denn je l'ai dit steigert die Prazisierung (Subjekt Objektnbsp;-f- Aktionsart [ich habe] -|- Verbalbegriff) allmahlicher und besser alsnbsp;das ja auch zweideutige je Ie dis. Und so ist P. S., einst Perfectumnbsp;Praesens oder Perf. Historicum, heute im Zentrum eine literarischenbsp;Form, die auf das Perfectum Historicum im akademischen Stilnbsp;beschrankt ist (vgl. S. 227).

Die Entwicklung des F'uturum II ist durch neuere Forschung in vielem geklart worden: Gamillscheg hat in seiner Tempuslehrenbsp;(S. 301 ff.) darauf hingewiesen, daG vit. im abhangigen Satze, — etwanbsp;nach dicebat, — Konjunktiv, also cantare haberet gebraucht wurde,nbsp;wie denn lat. der Konjunktiv Modus der Abhangigkeit (untenS. 300)nbsp;war. Entsprechend steilte im unabhangigen Satze cantare habebat die

‘) Passion i8l Tu eps l’as deit „du selbst bast’s gesagtquot;; B 9 bim Vont Vóel usw. Anfangsstellung des Partizips andert die Wortstellung nicht: B 245 serviz en fu; R 179nbsp;mis fes. Wohl aber affektische Betonung des Pronomens: Eneas 5891 Et Eneas a luinbsp;feru; QLR 16 nen unt pas degeté tei, mais mei; Mort Artu 203 ele m'a vos tolut.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Tempus.

Aussage als potential, d. h. als möglich hin^). Nun fielen, wie wir S. 227 gesehen, haberet und habuerat durch Lautentwicklung zusammen undnbsp;starben beide aus; habuisset rückte infolgedessen an Stelle vonnbsp;haberet — cantare haberet dagegen machte der bereits festen Ver-bindung cantare habebat Platz, so dafi das Futur vom Standpunkt dernbsp;Vergangenheit il disait qu'il ct%a't\terait (vgl. il dit qii’il chanterd) —nbsp;und jene potentiale Aussagenmilderung ehantevais (Conditionnel)nbsp;si je pouvais nur formal gleich sind. Folgerichtig zeigt Gamillscheg,nbsp;daG sie auch heute bei fortschreitender Entwicklung wiederum getrenntenbsp;Wege gehen würden; Von frz. Umschreibungen des Futurs war schonnbsp;die Rede. So wird man nfrz. sagen können: il dit qu’il va chanter,nbsp;infolgedessen auch il disait quHl allait chanter — aber niemals j’allaisnbsp;chanter si je pouvais. So sind also historisch und syntaktischnbsp;Potential (Conditionnel) — und abhangiges P'utiir zu trennen.

Als Potential hat also das Futurum II rein modale Bedeutung: R 339 „seroies tu jalous“ enthalt nichts Futurisches und entspricht:nbsp;„es-tu jaloux?“ Das Modale, das durch serais-tu jaloux ausgedrücktnbsp;wird, geben wir im Deutschen durch den Konj. Impf. und Zusatz vonnbsp;,,etwa“ w'ieder: ,,Warstdu—etwa eifersüchtig?“ Natürlich kann dernbsp;Potential auch Zukünftiges farben; R 79 Que vous iroie je disantnbsp;,,was soil ich euch etwa sagen“ — es entspricht also nicht que vousnbsp;dis-jel, sondern que vous dirai-jegt; — Wie im Fragesatz, so im Aus-sagesatz: R 350 Si ne voudroie pas changier entspricht je ne veuxnbsp;pas changer und macht dies geschmeidiger, höflicher, vgl. R 314. —

Nicht anders ist die Verwendung des Potential im bedingten Satz zu verstehen; R 330 Trestout Ie monde anierïez „die ganze Weltnbsp;liebtet ihr — wenn sie sich namlich lieben liefie“: Das ist in der Formnbsp;höflicher, bedingter, aber in der Sache gerade durch die unerfüllbarenbsp;Bedingung, an die seine Erfüllung geknüpft ist, treffender, als einnbsp;grobes: ,,Ihr lauft der ganzen Welt nach.“

Interessant ist es, den Gebrauch dieses Modus stilistisch zu betrachten: Die militarische, pragnante Sprache des M. Brut braucht ihn kaum, B enthalt kein Beispiel, nur in direkter Rede ist er haufiger;nbsp;der erste Teil der Rose braucht ihn sparsam, als subjektive Nuancenbsp;(R 79) — der zweite Teil treibt in barocker Weise damit Wucher:nbsp;R312, 324 in bedingten Satzen; 314, 328, 330, 331, 339, 350 in dennbsp;besprochenen Aussage- und Fragesatzen.

*) Potential und Irreal als Modi zu scheiden empfiehlt sich nicht: In il chanttrait s'il pouvail wird mit verfeinertem Geschmack das sachlich Unmögliche formal als möglichnbsp;hingestellt, wenn namlich ein anderes Unmögliche eintritt. IrrealeForm und Sache hatnbsp;lediglich die Negation: il m ckantera pas. Unentbehrlich bleibt die Bezeichnungnbsp;„irrealer Bedingungssatz“.

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V. Ausgewahlte Absclmitte der Satzlehre. Modus,

Auch das abhangige Futur ist in B nicht zu finden, es heiCt: B 4 Dist qu'il istra und nicht Dist (Perfektum S. 154) qu'il istroit,nbsp;wie die abhangige Rede nach der Conseciitio Temporiim erwarten lieCe.nbsp;Aber der Folge der Zeiten gegenüber verföhrt das Afrz. ebenso affektischnbsp;wie der Aktionsart oder der Zeitstufe; verbindet doch selbst R 3 n :nbsp;se la puis avoir, — Mestier n'aroie^). — Wenn wir nun auch innbsp;R keine Beispiele für das abhangige Futur finden, so liegt das daran,nbsp;dafi der poëtische Stil seit dem afrz. antiken Roman direkte Rede dernbsp;indirekten vorzieht. —

7. Modus.

Gehen wir noch einmal zur Entwicklungsgeschichte von cantare habebat (S. 297) zurück: Wir beobachteten da, wie die Umschreibungnbsp;einer Zeitform die Bedeutung der Zeitstufe verlor, und rein modal dienbsp;Möglichkeit ausdrücken konnte. Das waren also alte Geblete des lat.nbsp;Konjunktivs: velim ,,ich wünschte“, voluissem „ich hatte gewünscht“.nbsp;Daraus ersehen wir zwei Dinge: Erstens, dafi wir bei diesem ,,Kon-ditional“ auf einem Grenzgebiet zwischen Tempus, und Modus warennbsp;und die Entstehung einer neuen Modusform beobachteten, zweitens,nbsp;daü der Konjunktiv eine im Rückschreiten befindliche Modusform ist.nbsp;Afrz. und bis ins Nfrz. hinein steht er freilich noch in Konkurrenz mitnbsp;Konditional und Indikativ: In Alexius und Roland ist im irrealennbsp;Bedingungssatz Konjunktiv Regel; Konditional im bedingten Satznbsp;Ausnahme: RoJ. 1804 Se v'éissum Rollant. . durriums (S. 287) gransnbsp;colps'^). — In Aucassin herrscht die heutige Form, Konjunktiv ist Ausnahme: 40, 18 se je Ie sè'usge u trover, je ne l'cusge ore mie a querrenbsp;,,WüCte ich, WO sie finden, hatte ich sie nicht mehr zu suchen“. Woraufnbsp;dieAntwort: „se vous gou faissies [iacïthdXïs), je l’iroie querre por vosSnbsp;Se j’osasse heifit esRi8 „wenn ich’s nur gewagt hatte“, si f osais —nbsp;aber er wagt es nicht. Ebenso im Hauptsatz: In Auc. sagt Nicolettesnbsp;Vater: 4, 13; 6, 17 si (sic!) li donasse un baceler ,,und ich hatte ihrnbsp;einen Mann gegebenquot;, nfrz. je lui aurais donné un mari. Und R 74nbsp;heifit es; L’en nel fêist pas mielz, „On ne Ie feratt pas mieuxP Ja,nbsp;alter und neuer Modus stehen in nachlassig verbundenen Satzen friedlichnbsp;nebeneinander: R 325 II n'est home . . . Que vous ne Ie receussiez, —

h In gepflegterProsa ist die Beobachtung der Zeiteilfolge genauer; Jonas saveiet... que . . . astreiet, nfrz. il savail que , . , ce serail, Auc. 4, I vit qu'il ne poroit usw. —nbsp;Beachte auch R 272 te pri (Pras.) . . . que tu aies mis (Passé Compose) — je te prie quenbsp;tu mettes: Hier wird der W'unsch affektisch als ,,perfekt“, als bereits erfüllt dargestellt,nbsp;M, L., Ro. Gr. UI, S. 322.

Schwanken hen-scht schon bei Fredegar; 87, 35 (der Mon. Germ, Script. Rer. Merov. Bd. II) si jtibebas . . . accederemus ad prilium; Nfrz. „si tu Ie com-niandais . . . nous irions . . vgl. 96, 10 si Childerico . . , potuisscmus conperire . . . eumnbsp;recipebantUS ad regem „si nous pouvions trouver Childéric nous Ie recevrions comme roiquot;

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V. Ausgewïhlte Abschnitte der Satzlehre. Modus.

Et voudrïe» qu'il vous amast. Nfrz. ist in der gesprochenen Sprache der Konjunktiv als potentiale Farbung des bedingenden wie des be-dingten Satzes verdrangt, zumal ja sein Imperfekt nicht mehr gebrauchlichnbsp;ist, wozu die Entwicklung des Konditional sehr wohl beigetragen habennbsp;kann (vgl. S. 228; Haase § 66).

Nun war aber der lat. Konjunktiv nicht nur Ausdruck des Möglichen. Er vereinte zwei Modi in einer Form: Den Optativ undnbsp;den Potential. Formal schieden sie sich durch verschiedenen Gebrauchnbsp;der Negation, insofern als der Optativ mit ne (timeo, ne veniat), dernbsp;Potentialis aber mit non negierte. — lm kl. Lat. war der Konjunktivnbsp;über seine Grenzen gegangen, und fast zum Modus, besser gesagt:nbsp;zur Form des abhangigen Satzes geworden, dadurch in Temporal-und Kausalsatze eingedrungen, die zeitlich oder logisch begründennbsp;sollen, also aus sachlichen Gründen gar nicht potential gefafit werdennbsp;dürften. Solcher Grenzüberschreitung enstammt der Name ,,Konjunktivquot;nbsp;= „Verbindungsformquot;. Dieser Charakter geht in den rom. Sprachennbsp;allerdings wieder verloren, nur der Name blieb: Vgl. lat. Cum Romaninbsp;tllos conspicerent mit B 27 Quant li francheis les aperciurent „Als sienbsp;sie erblicktenquot;. Der Konjunktiv nach temporalem comme, der in dernbsp;Prosa des XV. Jahrh. und auch noch im XVI. haufig ist (A. de la Sale,nbsp;Bartsch 92, 20 comme ils fussent) ist ein reiner Latinismus.

Auf Grund dieser Entwicklung hatte Lerch (Die Bedeutung der Modi im Frz., 1919) den guten Gedanken, auf die klassische Einteilungnbsp;des Konjunktivs zu verzichten und ihn auch im Französischen lediglichnbsp;als Optativ oder Potential zu fassen. Wir wollen ihm hierin folgen.

Nun beobachten wir vorab, daC der Konjunktiv afrz. in manchen Fallen noch echt modal gebraucht wird, d. h. im gleichen Satzgefügenbsp;je nach der Meinung bald Konjunktiv, bald Indikativ steht. Für dasnbsp;Nebeneinander von Konjunktiv und Indikativ hatten wir beim beziehungs-losen Relativ schon Beispiele (S. 295). Man beachte auch die folgendennbsp;aus Roland: 577 se est qui mei en creit (credit); 119 S’est quinbsp;Idemant (demandet Hs. demandet, vgl. B 26, R 205); 391 seit quinbsp;roeiet (occidat). Man konnte also sagen s’est ki me croit, resp. croie;nbsp;se soit ki me croie. Sonst ist im prasentischen Bedingungssatz, dernbsp;keine Beteuerung enthalt, wie R 283, 341, Indikativ Regel. Dennochnbsp;habe ich dies S. 237 für QLR 9 si tu me Ie ceiles in Frage gestellt.nbsp;Denn auch hier kann man ein ,,etwa“ hineinfühlen, vgl. QLR 12 sinbsp;partut . . siuzie ceste pestilence ,,wenn diese Pest etwa überallhin folgtquot;.nbsp;Allerdings i.st diese Nuance selten.

Natürlich sind nicht alle Satzgefüge so geduldig: Finalsatze können im allgemeinen nur optativisch (R 271, 352 nach il convient,nbsp;274nach sique, wie Haase § 137, 5, im Konsekutivsatz) gefaCt werden.—nbsp;Nach Verben des Wünschens (B 36, 188, R17 nach a'zVr, 129, 222 usw.,

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V. AusgewShlte Abschnitte der Satzlehre. Modus. 301

Haase§ 76), des Fürchtens (R 290* que n'en conclue „dafi sie nicht schliefie“, erganze: „wünsche ich“, daher die Negation), des Befehlensnbsp;(B 223, 237, R 272) steht Optativ; aber die vorschwebende Realisierungnbsp;des Wunsches, des Befehls diktiert auch den Ind. (Haase § 77), wes-wegen S. 237 auch nach dem ersten ceiles „Konjunktiv“ hatte in Fragenbsp;gestellt werden können. Doch ist Konjunktiv in QLR Regel. — Innbsp;Relativsatzen ist der Optativ eine freie Nuance; R 175 seruise quinbsp;vaille, R 225 chouse . . . qui face a tere „die man verschweigen soII“nbsp;(Haase § 75). — In Einraumungssatzen wird bald Indikativ, baldnbsp;Konjunktiv stehen, je nachdem man namlich die Einraumung alsnbsp;Feststellung (Indikativ) oder als Wunsch (Konjunktiv) faöt^). Innbsp;unseren Texten ist aus Stilgründen der Konjunktiv üblich, vgl. S. 293.nbsp;Eine originelle Nuance bringt A. de la Sale durch Nebeneinandernbsp;beider Modi: Saintré Kapitel i cotnbien que sa personne estoit etnbsp;feust . . . menue: „Obgleich seine Person schwachlich war, und innbsp;welchem Grade sie es auch gewesen sein moge, — er war dienst-eifrig“ (Haase § 83).

lm Hauptsatz schlieClich ist der Wunsch nicht anders auszu-drücken als durch den Optativ, wenn Imperativformen fehlen; R 212 Mes face bien, et lest Ie mal — Qu'il ara poine infernal! — Wenn ernbsp;das Böse namlich nicht laGt, was unausgesprochen bleibt. Nfrz. bleibtnbsp;dieser Branch nur in erstarrten Satzen; A dieu ne plaise! Der Hauptsatznbsp;wird sonst durch ein beziehungsloses que zu einem pseudoabhangigennbsp;gemacht; Qu'il Ie face! (Haase § 73). —

Der potentiale Konjunktiv steht fakultativ nach cuidier B 132, 330 — der Glaube, von dem die Rede ist, soil als falscher gekenn-zeichnet werden. Diese Nuance ist heute veraltet (Haase § 80); ernbsp;steht nach tant cum „so lange als“ (B 54), ainz que (B 94), nachnbsp;negativen (Rol. 834, R 327) und superlativischen Ausdrücken (B 316),nbsp;letztes eine geschmackvolle Einschrankung subjektiver Feststellung,nbsp;die heute abnimmt. Man hort meist; Le plus grand que je connaisnbsp;statt connaisse. Zum afrz. Indikativ nach Verben der Gemütsbewegungnbsp;(nfrz. Konjunktiv) vgl. S. 294.

Zum Potentialis möchte man schliefilich die Konjunktive der Be-dingungssatze rechnen; seit'^^ qui l'ociet ,,angenommen, es sei einer,

Lerch, S. 46, „Der Sprechende sagt nicht (abschwachend): das kann wobl so sein, — sondern das soil so sein“. Besonders deutlich in bien qttil ait, mal gré qu'ilnbsp;en ait, vgl. S. 293.

Regel war dieser Konjunktiv im zweiten von zwei koordinierten Bedingungs-siitzeu (vgl. S. 33); In den Gesetzen Wilhelms (Bartsch 12) ist dies haufig; vgl. Eneas 2329 Se tu puez cel rain (ramum Aeneis 6, 137) trover — Et tu me puissesnbsp;aporter; Mort Artu, S. 31, se nos l’aviens (habebamus) trové et nos le peussonsnbsp;(potuissemus) ... S. 37 Quant tu venras et tu i voies (Ebeling, Toblerabhand-lungen S. 346', Lerch S. 42).

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302 V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Wortstellung.

der ihn töte“, supposé qu’il soit, vgl. S. 292, Rabelais 11, 14 si je viontasse aussi bien que j’avale, je fusse . . „angenommen, ich stiegenbsp;wie ich schlucke (Wortspiel!)“. Lerch sieht im j'/-Satze Optativ —¦nbsp;im Hauptsatz Potential (S. 31). — Das Griechische kannte Konjunktivnbsp;und Optativ im Bedingungstatz, so dafi hier ein Grenzgebiet beidernbsp;Modi vorliegen dürfte.

B. Einfacher Satz.

Wortstellung.

Der sprechsprachlichen Unkompliziertheit des mehrfachen Satzes in B entspricht eine auGerordentlicbe Biegsamkeit des einfachennbsp;Satzes:

Aber diese Biegsamkeit hat ihre Gesetze, die Rhythmus und Melodie vorschreiben: Wir sahen oben, S. 291, dal3 das nebentonig gebrauchtenbsp;mats Verbalformen, die afrz. den Satzton mieden, nicht nach sichnbsp;duldet; nur afïektisch betonte Verben folgen ihm unmittelbar. — Beinbsp;starkerem Gegensatz wurde maïs durch das haupttonig gebrauchtenbsp;ainz ersetzt: Dem aber muGte das Verbum satznebentonig unmittelbarnbsp;folgen.

Daraus ergibt sich also folgendes:

1. nbsp;nbsp;nbsp;DaG das Verbum im Gegensatz zum Urfrz. (S. 244 ff.) dennbsp;Satz-, resp. Satzteil-Hauptton, bei affektlosem Sprechen meidet.

2. nbsp;nbsp;nbsp;DaG auf satzbeginnenden Hauptton eine Senkung trochaischnbsp;folgen muG.

3. nbsp;nbsp;nbsp;DaG auf satzbeginnenden Nebenton, von fakultativem Zwischen-ton wie Artikel, tonlosem Pronomen, ne abgesehen, eine Tonhebungnbsp;jambisch folgen muG.

Dieser zwischen schweren und mittleren, resp. davor oder da-zwischentretenden leichten Taktteilen, alternierende afrz. Satzakzent zeigt sich verwandt mit dem Rhythmus, den wir für den Wortakzentnbsp;in urfrz. Zeit oben feststellten, vgl. S. 117. Den rhythmischen Mechanis--mus des afrz. Satzes hat Thurneysen, Zt. XVI, 289 aufgedeckt. Vgl.nbsp;M. L., Ro. Gr. III, S. 798, Melander Etude sttr magis, S. 66. Von diesemnbsp;rhythmischen Prinzip, der ihm zugrunde liegenden Melodie, hing einnbsp;groGer Teil der Wortstellung im afrz. Satze ab. 'Die Satze scheidennbsp;sich also in Eingeleitete und Uneingeleitete:

a) Eingeleitete: Der Satzrhythmus hangt davon ab, ob die ein-leitenden Konjunktionen oder Adverbien stark- oder schwachtonig sind; Sind sie schwachtonig, so muG ihnen, von zwischentonigennbsp;Silben und Enklitiken abgesehen, ein starkbetontes Wort folgen; danbsp;nun das Verbum meist nebentonig ist, kann dies nur Subjekt, Objekt,

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V. Ausgewalilte Abschnitte der Satzlehre. Wortstellung. 303

Adverb oder Pradikat sein: B 6, 17, 18, 27, 44, 51, 74, 80 usw.; das Partizip im Tempus Kompositum wird affektisch invertiert und istnbsp;dann ebenfalls starktonig. —

1st die Satzeinleitung aber starktonig, so folgt ihr (mit oder ohne Zwischenton) mit Vorliebe das Verbum: B 9, 13, 24, 25 usw.

Dies geschieht auch, wenn dadurch ein starktoniges Steigerungs-wort von seinem Adjektiv oder Adverb getrennt wird: B 97, 126, 357.

Nun darf man aber nicht vergessen, daö der Affekt stets auch nebentonig entwickelte Worte hervorheben, d. h. sie einem schwerennbsp;Taktteil unterlegen kann. Man vgl. nfrz. affektisches und daher vornbsp;allem von Frauen gebrauchtes: -Què c’est gentil de votre part! Undnbsp;nehme dazu B 19 Que chantoient cil oiselun, wo man freilich vorziehennbsp;wird, Tiefton für que und afifektische Betonung des chantoient anzu-nehmen. Zu den in ruhiger Rede stets nebentonig gebrauchten Wortennbsp;gehören die erwahnten mais, et, que (B 74, 80, 87), dann Relativanbsp;(B 59( 66, 151. Aber Fragewort: B40I), die Bedingungskonjunktion senbsp;(B 317, 348), quant (B 17, 31, 127) und car (B 131, 185), urfrz. betontnbsp;quer S. 100.

b) Uneingeleitete: Hier ist nun der Angelpunkt der Konstruktion: Das Verbum Finitum. Bei ruhiger Rede meidet es den Starkton, suchtnbsp;also mittlere Steilung, im Gegensatz zum Latein, das das Verbum beinbsp;normalem Sprechen ans Ende setzte. Natürlich kann der Affekt lat.nbsp;wie afrz. das Verbum heben, wenn die Verschiedenheit des Tunsnbsp;unterstrichen werden soil, oder das Tatigkeitswort dem Dichter mehrnbsp;Farbe zu geben scheint als andere Satzteile: B 29 Sonent grailles, corsnbsp;(Obl. Plur.! Der Subj. ware corl) et buisines — Les cumpaines „Esnbsp;blasen ihre Trompeten die Abteilungen“. Vgl. 22, 39, 83. Bei dernbsp;Einleitung von Reden bleibt dies afrz. Regel: Rol. 47 Dist Blancandrins,nbsp;vgl. Rol. 61, 77 usw., B 273. — In der Rose ist solche affektischenbsp;Redeweise nicht mehr zu finden, von eingeschoBenem: Fait courtoisienbsp;(R 9, nfrz. fait-elle) abgesehen. Nur das Partizip im Tempus Kompositumnbsp;(50 Ckauciez refu), der Imperativ (243, 246) und das Verbum imnbsp;Fragesatz (339) bilden Ausnahmen. —

Übrigens ist die affektische Anfangsstellung des Verbums, wie wir sie in B finden, durchaus in der lat. Tradition: W. Kroll weistnbsp;sie in Glotta IX, S. II2 bei Historikern und Epikern in lebhafternbsp;Schilderung nach; da sie sich auch im Griechischen (Kieckers) undnbsp;Slavischen (Berneker) findet, dürfte sie indogermanisch sein.

Steht also das Verbum im normalen, uneingeleiteten Satze afrz. in der Mitte, so ist die Frage wie nominales Subjekt und Objekt, Pradikatnbsp;und Adverb sich darum gruppieren. Im wesentlichen können wirnbsp;sagen: Die Steilung ist frei, der Affekt stellt das ihn zunachst Erregende

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V. AusgewShlte Abschnitte der Satzlehre. Wortstellung,

an die Spitze. 1st das Subjekt nicht das zunachst sich aufdrangende, so invertiert es naturgemaG, d. h. es sucht die andere Tonstede amnbsp;Ende des Satzes:

B 5 genz el bos vuelt embuschier OAV 9 Bien Vont loei Brutus e tuit AVSnbsp;Le jor atent li buns vassaus OVSnbsp;20 Bar Vost se lievent cil barun AVSnbsp;36 Tro'ien soient lor voisin SVPnbsp;91 En sa main iient nue s’espeie AVPOnbsp;174 bon1 est sa sort PVSnbsp;176 Albion est Visies nomeiz PVSV.

Wie Hilfszeitwort und Partizip, Steigerungswort und Adjektiv kann auch das Objekt auseinandergerissen werden: B 117 De sun nevud ventnbsp;chier la mort = la mort de sun nevud, und wir werden alsbald sehen,nbsp;wie diese Stellung zur Urzelle partitiven Gebrauchs wird; vgl. noch B 228,nbsp;R 59, 141. — Zu B 150 Entaille i out bone et painture vgl. 316nbsp;especie n'a tant bone. — Auch Adverbien können vor und nach demnbsp;Verbum verteilt werden: B 171, 175.

Eine Übersetzung dieser Beispiele ins Nfrz. zeigt, daG Voraus-stellung von Objekt oder Pradikat nicht mehr angeht. Sie hat schon im XII. Jahrh. im Vergleich zu den altesten Texten stark abgenommen:nbsp;In 63®/o aller aus SVO bestehenden Satze geht in diesen das Objektnbsp;voran, im Roland nur noch in 42®/o, im Löwenritter in 38®/o, beinbsp;Joinville in li®/o (M. L., Ro. Gr. III, § 748)1). — Natürlich wirkennbsp;hier mehrere Faktoren: Einmal der Verfall der Zweikasusflexion, dernbsp;zu fester Stellung zwingt, dann Stilgefühl: Man vergleiche, wie ruhignbsp;B anfangt, das Subjekt steht an der Spitze: B i, 2, 3, 4. Mit dernbsp;Kampfhandlung beginnt die Emphase, fast in jedem Satze invertiertnbsp;das Subjekt, wenn es ausgedrückt ist. Das geht bis zum Kampfende, —nbsp;wieder flieGt die Rede ruhiger, das Subjekt beginnt wieder: B 130,nbsp;131, 132, 134, 135, 136, 137, 138.

Welches sind nun aber die Grundlinien dieser Entwicklung? Im Lat. stand das Verbum finitum normal am Ende, nur im Affekt amnbsp;Anfang: Der Satzton war also am Anfang. — Im Afrz. setzt dernbsp;Affekt ebenfalls noch Objekt, Pradikat, Verbum an den Anfang, einnbsp;Satzton war also am Anfang, — die Inversion des Subjekts, die Bindungnbsp;der Verse durch Assonanz und Reim zeigen, daG auch am Endenbsp;eine Satztonstelle war. — Im Nfrz. kann nur der Affekt nochnbsp;Anfangsbetonung zur Folge haben: J'ai tant de choses a vous dire!

1

Das Pradikat steht in B voran: 8 (graindre), 94, 174, 176, 259, 281 usw.; steht am Ende: 95, 112. 174. — In der Rose ist das Verhhltnis umgedreht; 30 cointenbsp;fu, 39 remuanz fa, 8o bele fu, wogegen Nachstellung: i, 14, 19, 25, 63 usw. Dienbsp;Voranstellung, die im XII. Jahrh. haufiger war, ist nun seltener als die Nachstellung.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Artikel.

Aber der normale Satzton ist stets am Ende. Reste des afrz. Gebrauchs im XVII. Jahrh. bucht Haase § 153, 2, S. 264!.

So sehen wir also eine klare Entwicklung: Übergang von der Anfangsbetonung (Lat.) über Anfangs- und Endbetonung (Afrz.)'nbsp;zur Endbetonung (Nfrz.). Diesen Übergang hat Elise Richter innbsp;Grundlinien der Wortstellungslehre (Zt. XL, i ff,, speziell S. 34) erklart:nbsp;Das Sprechen des naïven Menschen ist affektisch und rücksichtslos,nbsp;das Wichtigste sprudelt er zuerst hinaus. — Rücksichtsvolles Sprechennbsp;staffelt die Begriffe, so daC die Bestimmungen in einer gewissennbsp;logischen Folge sich steigern, das Bedeutsamste durch Stellung und Tonnbsp;hervorgehoben an den SchluC kommt. Die Entwicklung von Ton undnbsp;Stellung vom Lat. zum Nfrz. scheint parallel mit dem Steigen dernbsp;Zivilisation zu gehen, wie sie R 125 ff., 220 ff. versteht: die Gründenbsp;für die Verschiebung sind sozialer Natur. Wir finden hier dasselbenbsp;Entgegenkommen dem Hörer gegenüber wie bei der Artikulation.nbsp;(Vgl. S. 50, 58.) Und hier ist nun auch die Erklarung, warum je luinbsp;ai dit — je lui dis unmöglich macht (vgl. S. 297), warum je voudraisnbsp;que vous me coupassiez veraltet (vgl. S. 228); dort wird durch das P. C.nbsp;die Steigerung scharfer, hier ist die Zeitstufe schon ausgedrückt,nbsp;coupiez das Erwartete; die Erklarung, warum bei Befehl und Fragenbsp;die Inversion des Subjekts vermieden wird, wozu jedes frz. Kon-versationsstück Beispiele liefert.

Bemerkung. Für rhythmische Studiën auf unserem Gebiete ist G. Rydbergs Geschichte des frz. o, 1907, vorbildlich. — E. Sievers’nbsp;Rhythmisch-melodische Studiën (Heidelberg 1912) geben Verwandtesnbsp;auf germanistischem Gebiet, allerdings mehr Individuen als Mundartennbsp;betrachtend.

2. Substantiv und Artikel,

a) Unbestimmter Artikel.

Das im Bericht noch unbesprochene Individuum wird mit uns aus einer Gruppe von Individuen ausgeschieden und auf diese Weisenbsp;individualisiert: B 98 Uns cevaliers. Mit dieser rein zahlenmafiigennbsp;Bestimmung wird es als Einzelwesen in den Gesichtskreis des Hörersnbsp;gerückt und gilt nun als bekannt: loi Li juvencels . . . Die etwanbsp;folgende Apposition braucht natürlich die Wiederholung der Indivi-dualisierung durch un nicht: Vgl. das auf uns cevaliers folgende B 99nbsp;Cosins „[ein] Vetterquot;. Wo die Einzahl sich aus dem Zusammenhangnbsp;ergibt, braucht sie ebenfalls nicht ausgedrückt zu werden: B 325nbsp;Ainc ne sist mieldres en destrier „niemals safi ein besserer auf einemnbsp;Rofi“, — aber sie kann ausgedrückt werden: R 27 «»^) plus bel

-I- ist Zahlzeichen; man setzte diese zur Unterscheidung mit Buchstaben zwischen zwei Punkte.

Jordan, Altfranzüsisches Elementarbuch. nbsp;nbsp;nbsp;20

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V, Ausgewahite Abschnitte der Satzlehre. Teilungsform.

homnte. Ebenso frei ist der Brauch beim Vergleich: B 75 cume fuldres — aber R 28 comme une pomme. Ein Gleiches bei affektischernbsp;Vorausstellung des Objekts oder Pradikatsnomens, wo der Ton gleichsamnbsp;einen Superlativ erzeugt und hiermit einen Begriff als einzig in seinernbsp;Art bestimmt: So heiCt es ohne Affekt: B 148 ... en un sarchti . .nbsp;Dessuz un marbrin arcvolu. Aber affektisch; 150 Enta'ille i outnbsp;bone; „Eine Aufschrift gab es da!“ 86 teil li dona (erganze: co/)nbsp;„Efnen solchen Hieb“; invertiert tel, so sinkt der Ton, und daher:nbsp;16 n’estdit uns taus „es gab keinen einzigen solchenquot;. Ebenso verhaken sich 332 Fïla fu Jovis, aber 55 im ruhigen Referat: Un nevudnbsp;out. In alterer Zeit ist man mit un sparsam, in jüngerer prolixer, abernbsp;Rhythmus und Klang spielen stets neben Deutlichkeitsstreben einenbsp;Rolle: R 53 li ot s’amie fait chapel— de roses ,,Seine Freundin hattenbsp;ihm [einen] Rosenkranz gemachtquot;; 82 S'ot un ckapel d'orfrais, „ernbsp;hatte einen Hut mit Goldverbramungquot;. Bei Abstrakten und affektischnbsp;betonten tel, autre, demi fehlt un oft noch im XVII. Jahrh., Haase § 57.

b) Teilungsform.

Die romanischen Sprachen hatten den lat. Genetivus partitivus als Vorstufe der Teilungsform, und so wird man de nach Mengeaus-drücken (B 213 pou de jurs, R 184 poi d’eure, vgl. S221, Haase § 116)nbsp;als partitive Genetive fassen: paucae bestiarum (Livius). Auch beinbsp;Verben wie „gebenquot;, nehmenquot; ist partitive Ausdrucksweise naheliegendnbsp;und alt: unum da mikt ex illis oratoribus sagt Cicero; solche Rede-weise konnte im taglichen Gebrauch, urn das stereotype Mengewortnbsp;gekürzt, stets zu dare mit Proposition führen. Und so heiCt es imnbsp;VI. Jahrh. in Merowingerformeln: (Pirson 6, ii) cido tibi de remnbsp;paupertatis meae . . .: hae est casa „ich trete dir ab von meiner ge-ringen Habe . . .: Namlich dies Haus“; entsprechend heiöt es im it.nbsp;Sprichwort dar del pane al cane ,,dem Hund Brot gebenquot; und afrz.nbsp;G. Ste 192 ff. la vi ge des gram dons doner. Im afrz. Beispiel abernbsp;hat eine deutliche Verschiebung stattgefunden: Was man gibt, nimmtnbsp;man von seinem Besitz, dann wird es erst zum Geschenk. Die Stellenbsp;bedeutet also nicht, dafi ,,von den Geschenken weggegeben wurdequot;;nbsp;sondern daü „Geschenke gegeben wurdenquot;. Der partitive Sinn hatnbsp;sich also verdunkelt, und des gram dons ist nicht „ein Teil dernbsp;Geschenkequot;, sondern „die Geschenke in ihrer relativen Gesamtheitquot;nbsp;als Plural von un grant don. Ob nun dieses des gram dons wirklichnbsp;auf obige lat. partitive Ausdrucksweise zurückzuführen ist, bleibenbsp;dahingestellt. Wir werden sehen, daC auch afrz. neue Teilungsformelnnbsp;entstehen konnten (M. L. Ro. Gr. III, § 362 ff.).

Die Analyse einer solchen F'ormel doner des gram dons, B 352 porter de la fontaine, muC zwei Dinge scheiden: Warum der bestimmte

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V. AusgewaMte Abschnilte der Satzlehre. Teilnngsform.

Artikel? Warum def Der bestinimte Artikel ist da am Platze, wo es sich um bestimmte Gruppen, Mengen, Gegenstande handelt: Darumnbsp;sagt Cicero; unum ex illis oratoribus; Rol. 108 heifit es von dennbsp;Mannen Karls: des uitres i out bien ,,Anderer gab es genug“; lanbsp;fontaine (vgl. den Familiennamen) ist B 301, 352 der Ortsbrunnen,nbsp;l'aigue B 298 „das Wasser, das zum taglichen Opfer gehort: So sindnbsp;es denn die alltaglichen Begriffe „Leute“, „Wasserquot;, „Brotquot; usw.,nbsp;die bcstimmten Artikel annehmen, wo es sich um den Hausvorrat, bzw.nbsp;die Genossenschaft (les uitres) handelt. In der Folge verblafit dienbsp;Bedeutung, und der Artikel wird auch bei fremdem Vorrat, fremdernbsp;Gesellschaft gebraucht. Und zwar sieht es so aus, als ob der Ge-brauch nach Mengeausdrücken von postverbalem raumlich und zeitlichnbsp;zu trennen sei. So heifit es in der Bible Guiot 1687 trop d/unbsp;boire, 1693 des bons mor claus gruftt plenté, aber 1255 pain querre,nbsp;1689 doner vin. — Rustebuef braucht den Artikel meist auch schonnbsp;nach Verbum und Praposition; Griesche d’Esté 77 trere du vinnbsp;„Wein abzapfenquot;. Mar. Eg. 479 de Veve bevoit, Voie de Par. 188nbsp;por du pain, Estat du Monde 75 por des deniers avoir; — andersnbsp;Mar. Eg. 104 d l’uiz qui n'a d’argent! „zur Tür hinaus, wer keinnbsp;Geld hat!“ Worauf die Heilige: 106 Je n'ai argent . . . ne chose.

Eine zweite Frage ist, warum die Prapositioil de nach transitiven Verben: Und hier muC geschieden werden:

de kann wie bei doner vlat. Tradition entstammen.

Es kann ursprünglich lokale Bedeutung gehabt haben und erst sekundar partitiv verstanden worden sein. So verstehe ich dasnbsp;effenbar redensartliche B 352 porte de la fontaine „sie bringt vomnbsp;Brunnen her“; aber der so Schreibende fafit fontaine nicht mehrnbsp;lokal, d. h. als Ort, sondern als Stoff, denn er fahrt fort: Mise ennbsp;avoit sa chane plaine „Sie hatte ihre Kanne damit (und nicht „dortquot;)nbsp;gefülltquot;. Dazu konnte man durch Auslassung des stereotypen aiguenbsp;kommen, oder durch partitiv gefühltes fai bu de la fontaine „ichnbsp;habe Brunnen getrunkenquot;.

Vor allem aber war der Genetiv Partitivus nach einem Mengewort eine standige Quelle absoluter Teilungsform, falls dies Mengewort adverbialnbsp;gefaCt werden konnte: So in dem oben zitierten des altres i out bien,nbsp;WO von „anderer gab es vielquot; zu „andere gab es vielquot; eine unmerk-liche Nuance führt. Ebenso in Reimpredigt (Beginn des XII. Jahrh.)nbsp;26 puis engendrerent — Asses des enfans, wo assez durch Wort-umstellung oder Tonverlegung im Sprachgefühl stets aus einem Gliedenbsp;des Objekts zum Adverb werden kann. Oder im Eneas 120 moltnbsp;saveit des leis, wo molt den gleichen Weg weist. — Kein Wunder,nbsp;dafi Unsicherheit entsteht, wo es gilt, ein Partizipium auf solch aus-

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Teilungsform.

einandergeratenes Objekt zu beziehen: Erec 1092 Des barons i ot, ce me sanble, — Avuec aus grant masse venus: Venuz, das durchnbsp;Reim gebunden ist, bezieht sich auf das fernstehende des baronsnbsp;(masse ist ja Fem.); der prap. Ausdruck wird als Objekt, grant massenbsp;als adverbieller Akkusativ gefühlt. „Barone gab es, scheint mir, mitnbsp;ihnen massenhaft gekommene“. (Vgl. Free 319.) Wobei Christian,nbsp;in seiner salonhaften Art sich unprazis auszudrücken, das Unkorrektenbsp;beabsichtigt haben kann. — 1st es nun wirklich lateinische Tradition,nbsp;wenn es Alex, iii heifit; Dunc prent li pedre de ses meilurs serganz?nbsp;Und breitet sich diese Redeweise wirklich von prendre her aus? Heifitnbsp;es doch auch Venus 281 fist. . . de ses barons venir; Floov. 833 denbsp;ses homes apale: Man sagt also: sui des jiz Gemini ,,ich gehore zunbsp;den G.-Söhnen“ (QLR 18), Mort Artu, S. 55 disent (S. 278) k’il seroientnbsp;des chevaliers de sa baniere — weil man auch prent un de ses meilursnbsp;serganz, tant de ses homes apele, sui uns des fiz sagt. Diese An-nahme dürfte schon darum die naherliegende sein, weil in alten Textennbsp;die hier gesammelten Ausdrucksweisen auch nebeinander vorkommen:nbsp;So heifit es in Rou, Band I, Seite 24, Vers 388 Des chevaliers jioi inbsp;aveit; und folglich auch absolut S. 46, Vers 254 Un crestien i 'out, kinbsp;des prisuns esteit, namlich ,,einen der Gefangenenquot;: Die Individuali-sierung ist ja schon im Hauptsatz vorgenommen worden. Und ebensonbsp;bei dem Begriff ,,Finige“: S. 160, Vers 3375 Des baruns apela sinbsp;lur prist a mostrer „Von den Baronen rief er (einige) und fing annbsp;es ihnen zu zeigen“.

SchlieGlich beachte man QLR 156 Duhe mei de l'ewe, das nach der gleich zu nennenden Diss. S. 26 die Übersetzung von da mihinbsp;paululum aquae ist, also das sous-entendu des Mengeworts deutlich zeigt.

Man findet eine reiche Beispielsammlung zu dem Besprochenen und seine weitere Geschichte in F. Appel, Beitr. zur Gesch. dernbsp;Teilungsformel im Frz., Diss. München 1915. Hiernach ist (S. 4) „dienbsp;Formel . . . der Ausdruck eines SprachbewuCtseins, das seine Inhaltenbsp;nicht begrilïlich analysiert, sondern impressionistisch charakterisiert“.nbsp;Und zwar ware dieser Impressionismus im XII. Jahrh. noch allgemein;nbsp;erst im XIII. Jahrh. würde die partitive Ausdrucksweise zur Formel.nbsp;Man sagt also der Tradition entsprechend cedo de mea re doner delnbsp;mien und fühlt dies partitiv, solange man die bildhafte Vorstellungnbsp;des Besitzes hat, von dem man einen Teil fortgibt. Unser Beispielnbsp;doner des dons zeigt weiterhin, daG diese bildhafte Vorstellung um 1200nbsp;bereits fehlte, eine jüngere Generation hatte de mea re del mien nichtnbsp;mehr bildhaft als „vom Meinigen'* gefafit, sondern formelhaft alsnbsp;„Sachen“ und wandte die Formel nun auch da an, wo sie bildhaftnbsp;gar nicht anzuwenden gewesen ware: ,,Geschenke“. Auch schon imnbsp;XII. Jahrh. heiGt es Fl. u. BI. 36: damoiseles, — Dont avoit de belts

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Artikel. 309

„Fraulein, von denen es Schone gab“; de beles ist also ebenfalls bereits Fortnel.

Impressionistische Ausdrucksweise ist individuel), und von kurzer Dauer. Die Gemeinschaft übernimmt sie als Formel, und das Bildnbsp;verwischt sich. Deshalb glaube ich auch nicht, dafi doner de, prendrenbsp;de auf lat. Tradition zurückzuführen sind; Auch ohne diese konntennbsp;die Hausgenossen zu: done moi de Veve, du pain, du vin stets von neuemnbsp;kommen, unter Auslassung des stereotypen Mengeworts (Becher Wasser,nbsp;Wein; Stück Brot), aber mit bestimmtem Artikel, weil es sich umnbsp;bestimmte Vorrate handelt. Für die nachste Generation schonnbsp;konnten de ¦ Veve, du pain, du vin Formeln sein, die unbestimmtenbsp;Stoff- und Sachmengen bezeichneten, auch ohne dafi diese dem Haus-vorrat angehörten: du fer war Eisen, des soulers konkurrierte mit demnbsp;Plural oder Dual des unbestimmten Artikels uns soulers (R 51). Nunnbsp;sagt man pain und du pain, — trop dti boire (G. de Prov.) und tropnbsp;de vin (Aiol 217). Man sagt doner eve (Dial, Greg. 47, 8), Vevenbsp;(Alex. 267), porter d'eve (Oct. 3922), de Veve (Bartsch 15, bii), jenbsp;nach Rhythmus Oder Mundart. Oder man sagt trop du boire, weilnbsp;man done moi du boire sagt; und non avoit pain, weil man beinbsp;pains (Subj.) est bons und go est pains blieb (Haase § 117). Gewifinbsp;mogen auch einzelne zwischen pain und du pain gefiihlsmafiig geschieden haben. Ich möchte es fast als müfiig bezeichnen, hinter jedernbsp;Nuance psychische Gründe zu suchen: Wir erfahren so doch nur, wasnbsp;sich ein Autor unter den verschiedenen Formeln denkt, nicht aber,nbsp;was man im XII., XIII. Jahrh. darunter dachte. Ein Beispiel wienbsp;doner des dons zeigt doch, wie formelhaft die Ausdrucksweise war;nbsp;dafi man also, wie auch schon Schiller im Xenion Cartesius ent-gegenhielt, sich gar nichts dabei dachte!

c) Bestimmter Artikel.

1st ein Begriff durch itn einmal als Einzelwesen ausgeschieden, so kann un nicht noch einmal auf ihn bezogen werden: „Es war einmalnbsp;ein Mann . . . Als dieser Mann“, oder: „Als der Mann“. Vgl.nbsp;B 79 Uns rois . .., 84 Li reis . . ., 85 lo rei; — 98 uns cevaliers . . .,nbsp;101 Li juvencels ..., 105 /0 franceis: cevaliers, juvencels, franceis be-ziehen sich auf die gleiche Person! Un ist also eine rein zahlen-mafiige Bestimmung: „Ein König“, „ein Ritterquot;.

Soli aber ein Begriff nicht blofi zahlenmaCig als Individuum, sondern als bestimmtes Individuum charakterisiert werden, so geschieht diesnbsp;durch den bestimmten Artikel: nfrz. un troisi'eme „ein (beliebiges)nbsp;Drittelquot;; le troisi'eme „ein bestimmtes Drittel“ = „der Drittequot;; B inbsp;Li jors s’en vait „der Tag, von dem die Rede ist“, nicht irgend ein

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310 V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Artikel.

beliebiger wie Krlsr. I Un Jom fut li reis Charles „eines Tages“; B 8 jor = nicht etwa der gleiche Tag, aber der Zusammenhangnbsp;ergibt, es kann nur „der folgende Tag“ gemeint sein: B 15 /i? jór „dennbsp;Tag“ im Gegensatz zur vorhergehenden Nacht. — Diese Bestimmungnbsp;durch Ie hat also verschiedene Grade, die der Ton unterscheidet:nbsp;Hervorhebung von Ie wirkt demonstrativ. Darum kann auch dasnbsp;Demonstrativum afrz. wie ein Artikel gebraucht werden, was die Be-stimmung affektisch unterstreicht: ,,die wohIbekannten“, „genannten“:nbsp;B 19 chantoient dl oiselun, 20 dl barun, Krlsr. 42 „jo vos ferai janbsp;ede teste coperquot; „den Kopf da“. (Vgl. Ro. Gr. III, § 141, Haase § 21).

Da aber eine solche Bestimmung nur an mehrfach Vorhandenem vorgenommen werden kann, haben Eigennamen und Gattungsnamennbsp;keinen Artikel: B 151 par nature, B 275 Frame, 233 Bretaigne\ sienbsp;erhalten aber den Artikel, wenn ein Attribut eine von ihren vielen Seitennbsp;hervorhebt: B 61 Corineus lo grant, R 378 Diex Ie courtois. Nurnbsp;WO die Vokativform herrschend bleibt, bleiben Adj. Nom. gernnbsp;artikellos: Saint-Pierre, belle Aalis. — Auch Abstrakta sind artikellos:nbsp;B 177 est veriteiz und so noch Rabelais, Amyot (Haase § 28); abernbsp;nfrz. c'est la vérité. — Wo es .sich allerdings um eine bestimmte Wahr-heit handelt, kann Artikel gesetzt werden: R 216 La verité. . . votisnbsp;sera... descouverte = namlich „dieBedeutung des Traums“. Er brauchtnbsp;es aber nicht: R 186 seras hors de tristece — Qui te nuist „aus dernbsp;Trauer, die dir schadet, heraus“, wo der Relativsatz la tristece recht-fertigen würde. — Ebenso werden in B bestimmte Abteilungen vonnbsp;Volksgenossen bald li Francheis und li Troïen (B 34), bald Franc,nbsp;Poetevin, Troïen (B 35, 36) genannt (Haase § 31). Und daran siehtnbsp;man, dafi noch keine syntaktische Konvention bindet, und überallnbsp;dem Ermessen anheimgestellt ist, ob man etwas als „bestimmt“,nbsp;„bekannt“ hinstellen will, oder nicht. Wie denn überhaupt „bestimmtquot;,nbsp;„bekannt“ rein subjektive Etiketten sind.

Der bestimmte Artikel ist also im alteren Afrz. in vielen Fallen ein Stilmittel, und so ist man berechtigt, in seinem Gebrauchnbsp;nach psychischen Gründen zu suchen. Nicht berechtigt ist man abernbsp;nun in jedem Fall psychische Grimde zu postulieren. Denn selbstnbsp;wo stilistische Freiheit herrscht, bindet doch stets rhythmischernbsp;Zwang; und Klang, Analogie, — nicht Sinn, bestimmen vielfach dennbsp;Gebrauch: Und so sind obige Beispiele in ihrer Willkür aus der Bindungnbsp;des Verses heraus zu verstehen. Das Nebeneinander von R 289 Sinbsp;doit on — und 291 La Von vëu — erklart sich durch die Hiattilgungnbsp;des zweiten Beispiels. Ebenso R 90 qui Vare tendu „mit gespanntemnbsp;Bogenquot;, das man mit gleichzeitigem lance levée, hiaume lacié undnbsp;noch nfrz. tète baissée vergleichen moge. — R 31 Les iels ot vairsnbsp;aber 33 cheveus ot blons führt wieder zu Rhythmuszwang zurück.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Artikel.

Der Klang mag bei Aufzahlungen für Artikellosigkeit entschieden haben: B 342 et vis et buche. Ein andermal aber ist es gerade dernbsp;Parallelismus, der den Artikel einführt, wo er sonst ungewöhnlich undnbsp;selten ist: M. Brut 1389 IA jurs fu alques declineiz — Et li soloilesnbsp;avaleiz: Die „Sonne‘' ist immer dieselbe, sie braucht nicht individua-lisiert zu werden. Daher ist der Gebrauch des Artikels bei ihr afrz.nbsp;entbehrlich. Aber li jurs und li soloiles entsprechen sich hier, wienbsp;in der Predigt etwa les estoiles et li soleilz (S. 125^). — Und wiedernbsp;ein andermal wird Abwechselung erstrebt: s'il n'ont bons vinsnbsp;et les blanz Hz „gute Weine und weiBe Betten“ (Rustebuef,nbsp;Ste. Eglise 118; vgl. Ebeling in Toblerabhandlungen 1895, S. 342),nbsp;Nfrz. bindet eine syntaktische Konvention: Ie soleil, la vérité,nbsp;les Frangais sind keine Nuancen mehr, sondern zur Gewohnheit geworden. Wir sahen schon von altera her eine Entwicklung in diesemnbsp;Sinne bei den Gegenstanden taglichen Bedarfs: traire vin war dernbsp;Terminus technicus für „Wein abzapfenquot;; alez traire Ie vin sagte dernbsp;Hausherr von seinem bestimmten Vorrat. Schon früh übertrug mannbsp;dies gewohnte Ie vin auch auf den Vorrat anderer (Krlsr., Auc. 2,nbsp;32 du pain), und Rustebuef sagt: Au tavernier font du vin trerenbsp;(Griesche d’Esté 77) — traire Ie vin ist nun der Term. Techn.nbsp;Eine solche Wandlung zeigt, dafi das Gefühl für die alte subjektivnbsp;bestimmende Bedeutung des Artikels sich abstumpfte, und daö er nurnbsp;noch ganz formal dem Nomen beigesellt wird. Und so definiertnbsp;Strohmeyer [Neuere Sprachen 29, 1921, S. 161 ff,): In Nfrz. ist dernbsp;Artikel zum Kennzeichen des Substantivs geworden, er substantiviert.nbsp;Daher fehlt er beim Pradikatsnomen: je suis prêtre entspricht je suisnbsp;grand. Daher das nfrz. Zurückweichen des Artikels in der einenbsp;Eigenschaft beliegenden Apposition (Schweiker, S. 248): B 362nbsp;Brutus li dus des Troïens — nfrz. Brutus, due des Troyens. Dahernbsp;das Bleiben artikelloser adverbieller Akkusative; B 370 de totes parz,nbsp;137 s’en fuit et mont et vals (vgl. G. Ste 1638, Chev. II. Esp. 11446),nbsp;R 91 toute jour (fem. nach toute nuit), = nfrz. de toutes parts (abernbsp;de tous les cótés), par monts et par vaux, toujours^). Nun darf mannbsp;nicht in den Fehler verfallen, diese einleuchtende Idee als Passe-Partoutnbsp;zu benutzen; Obgleich man afrz. trop du boire sagen konnte, wurdenbsp;trop de vin zur Konvention, auch pas de vin blieb schriftsprachlichnbsp;unverandert.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Ungern rückte der Artikel in stehende Wendungen

zwischen Verb und Nomen ein: B 7 faire succurs = porter secours;

*) B 288 tot lo munt „die ganze Weltquot;; R 330 Trestout Ie monde „alle Weltquot;; Etwas, das man in seiner Totalitat nimmt, ist individualisiert und bestimmt; wahrendnbsp;in toujours „jeden Tagquot;, tout mondt „jede Weltquot; weder Individualisierung nochBestimmung,nbsp;sondern im Gegenteil Generalisierung bezweckt ist (M. L., Ro. Gr. § 165; Haasenbsp;§ 28, S. 38).

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312

V. Ausgewahite Abschnitte der Satzlehre. Adjektiv.

45 faire faille, vgl. faire faillite; R 129 faire hommage, vgl. nfrz. rendre hommage a la vérité', 175 fere service, nfrz. rendre service. —

Ja auch Rhythmuszwange scheinen heute noch zu bestehen: enz enl fou heiCt es in der Eulalia; el bois „im Wald“ in B 5gt; *3-Noch Amyot schreibt en la Grèce, en la ville, wo man nfrz. nur ennbsp;Gr'ece, en ville, — bzw. dans la Grèce, dans la ville sagen kannnbsp;(Haase § 126); Vor dem tonschwachen Artikel wurde also wohl ton-schwaches en ungebrauchlich.

3. Adjektiv.

a) Als Attribut. Stilistisches.

In B sind attributive Adjektiva selten und mager: bons (15, 150), grant (32, 38, 61, 90, 128, 143, 146), mal (66, 68, 118), fiere (14),nbsp;bele (88), blans (103), juene (141), riche (147). Also ganz der kurzen,nbsp;militarischen Sprache und dem praktisch-rationalen Ideal ritterlichernbsp;Tapferkeit und Tüchtigkeit entsprechend. Und auch die klassischenbsp;Anknüpfung an Troja und Brutus, die Entlehnung (vielleicht einesnbsp;Fortsetzers) aus Ovid andern den Stil nicht wesentlich: Mars ist einnbsp;Königssohn, nur seine Rittertugend hat die Mar verbreitet, er sei dernbsp;Kriegsgott gewesen; Juppiter, sein Vater, w^ar ein König von Kreta.nbsp;Vgl. B 332, M. Brut 3725.

Wie immer folgt solch praktischem Ideal ein kurzer romantischer Traum, dem der erste Teil der Rose als eine der letzten groCennbsp;Aufierungen noch angehört. Auch hier ist die Antike nur Mittel zumnbsp;Zweck: Der Zweck ist ein Ideal der Schönheit, Eleganz und Zivilisation:nbsp;Die Frau wird gepriesen, die, nach Lever und Toilette ihr Tagewerknbsp;vollbrachte. Auch hier ist Ovid Hauptzeuge. Man vergleiche dasnbsp;Ideal in B 56 ff.: Turnus, der Ritter, mit dem in der Rose: Deduiz,nbsp;das „gesellige Vergnügen“ (R 25, 248). Natürlich ist das Strebennbsp;nach Eleganz nicht auf die Kleidung beschankt (44 ff., 81 ff.), auchnbsp;die Sprache, der Stil sind gepflegt: zahlreiche Epitheta, oft mehrerenbsp;(S) 57)) Gleichnisse, die übrigens auch in B nicht, fehlen (75, 115),nbsp;zahllose subjektive Bemerkungen des Dichters (es ist ja eine Ich-Erzahlung), wahrend sich Brut auf die altvaterlich-stereotype, demnbsp;Volksepos entstammende Ahnung kommenden Unheils (Rol. 9, 95)nbsp;179 usw., B 72, 73, 97 usw.), das Bedauern des Geschehenen (B 154)nbsp;und die Berufung auf eine Quelle (B 159, 177 usw.) beschrankt. —nbsp;Fast exakt decken sich in B Vers und Satz (vgl. S. 289*), — in Rnbsp;greift der Satz fortwahrend in den nachsten Vers über (= Enjambementnbsp;R 2, 3 tant-Que; 44, 45 usw.), was den Rhythmus abwechselungsreichnbsp;gestaltet. Standige Rede und Gegenrede in R, — wahrend in B nurnbsp;die Prophezeiung der Diana aus den lat. Versen Galfrieds in direktenbsp;Rede übersetzt ist (B 273). —

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satrlehre. Adjektiv.

Mit Jean de Meung (vgl. S. 12') andern sich Sache und Stil: Sachlichkeit wird erstrebt, damit nehmen die blumigen Epitheta ab, demnbsp;heiklen Gegenstand wird nicht feinfühlig aus dem Weg gegangennbsp;(R 364), nicht formale, sondern geistige Bildung ist der Zweck,nbsp;Ratio das Ideal: Und nur die Antike bleibt das ewige Vorbild, nnnnbsp;aber schon in einem Geiste, der den Humanismus ahnen laCt (R 405).

b) Stellung des attributiven Adjektivs.

Die Stellung des attributiven Adjektivs ist vom Nfrz. nicht wesentlich verschieden: Man kann, wenn man will, mit Gröber im nachgestelltennbsp;Adj. eine ,.logische Diszernierungquot; sehen: La table verte: Erst nenntnbsp;man den Gegenstand in seiner Totalitat, „den Tisch“, — dann bestimmtnbsp;man seine auCere Erscheinung, „grün“; wahrend man in belle jillenbsp;..affektisch attributiert“: Erst impressionistisch die Eigenschaft, —nbsp;dann den Trager derselben. Jedenfalls ist frz. seit den altesten Zeitennbsp;die Stellung 1. Nomen, 2. Adjektiv — die normale, umgekehrt alsonbsp;wie im Lat.: pronis auribus, falsa species, ruptam fidem, magnanbsp;adulteria, bona exempla (Tac., Hist. I, i—3). — In der Vulgatanbsp;bereits hat sich die Stellung gewendet: Math. Ill 4 sonam pelliceam,nbsp;mei sylvestre, 8 fructum bonunt. Die neue Stellung ist also kaum einenbsp;Folge der Satzoxytonierung oder logischen Bedürfnisses: Die Nach-stellung war ursprünglich die einzige Möglichkeit affektischernbsp;Unterstreichung: Man sagte bonus vir — aber vir optimus. Undnbsp;so sagte man auch unterstreichend vir bonus, vor allem da, wo dernbsp;Ton gehoben war: Also in Predigt und religiöser Darstellung. Damitnbsp;wird schlieClich die alte dem Affekt vorbehaltene Ausnahme zurnbsp;Norm, — die alte Norm zur affektischen Ausnahme (E. Richter).nbsp;Und so liegen die Dinge noch nfrz.: Man sagt bonnet blanc, abernbsp;wenn man die Mütze irgendwie kritisieren will, so dreht man um:nbsp;Quel blanc bonnet! Wie man ja auch den Grünschnabel blanc becnbsp;betitelt. Der Franzose sieht keinen grofien Unterschied und sagtnbsp;sprichwörtlich: C’est bonnet blanc ou blanc bonnet = „es ist gleich“,nbsp;,,Wurst“^). Denn blanc bonnet ist eine gelegentliche, individuelle Aus-drucksweise, der generell im Zentrum keine besondere Vorstellungnbsp;entspricht. — Anders wenn jener napoleonische General von dennbsp;Spaniern sagte; Ce sont des cochons fiers et de fiers cochons! ,,Hunde,nbsp;die stolz sind, und stramme Hunde!quot; Hier ist in der Militarsprachenbsp;fier cochon „strammer Hund“ als ein von cochon fier gesonderter Begrilifnbsp;gelaufig, wie in familiarer Ausdrucksweise heute: C’est un rüde lapinnbsp;,,ein schlauer Hund“. Daher denn gewisse Adjektiva wie „gut“nbsp;(Eul. buona pulcella), „heiligquot; (Alex. 29 sain batesma), „schönquot;,

gt;) Schon in Cl. Grugets Heptaméron-Ausgabe von 1559 (vgf die Ausgabe von Pi ft eau 1884, S. 473 f.): blanc chaptau et chapeau blanc, est-ce pas tout ungè

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SH Y. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Adrerb.

„gro6“, „klein“, von jeher meist voranstehen, weil affektischer Gebrauch haufiger war als der normale (Haase § 155).

Wenn aber heute im frz. Osten die Stellung i. Adjektiv, 2. Nomen haufig die normale zu sein scheint, so wird man den dortigen Akzent,nbsp;vielleicht auch die Nahe der germanischen Grenze dafür verantwortlichnbsp;machen. Vgl. ALF 553 ferblanc (walk, pik., lothr., norm. Inseinnbsp;blanc fer) und 568 fil blanc (ebenso aufier Pik. blanc fil). — Jeder Artnbsp;des Affekts, Ironie, Bevgt;?underung, Spott, Unterstreichung, dient im Z.nbsp;afrz. wie nfrz. die Voranstellung, die sich meist mit eigenartigernbsp;Betonung verbindef. Quel bón homme, voila une belle fille. Vgl. B 14nbsp;fiére cumpaine, \ 5 li büns vassaus (aber vgl. 88 sa femme bele wegennbsp;des Reims), R 40 plus legiér home^ 197 fins amanz. Vgl. nfrz. Cestnbsp;une fine mouche „eine geriebene Personquot; — aber perle-fine; R 366nbsp;par própre non entspricht nfrz. nom propre.

Zum pradikativen Adj. vgl. S. 3041, zum attributiven J. V. d. Driesch, Die Stellung des attributiven Adjektivs im Afrz.,nbsp;Ro. F. 19 (1906) S. 641—907. Vf. geht von der Gröberschen Theorienbsp;aus und stellt fest, dafi der Rhythmus keinerlei Wirkung auf dienbsp;Stellung des Adj. hat.

4. Adverb.

Auch das Adverb ist freier in der Stellung als nfrz: Emphatisch steht es als Satzeinleitung in B. an der Spitze; 9 bien, 10 fors, 97 trop,nbsp;167 aillurs usw. Auch das, wie wir in der Formenlehre gesehennbsp;haben, noch selten gebrauchte Adv. auf -ment 123. — R dagegen hatnbsp;diesen Brauch stark eingeschrankt, Adverbien stehen an der Spitzenbsp;meist nur, wo dies auch nfrz. der Fall ist. Affektische Ausnahmennbsp;sind: 9 ga venez (nfrz. venez ici), 47 mont iert sa robe desguisée, wonbsp;nfrz. das Steigerungswort vor déguisée kame; vgl. 331, 338, 352.

Prapositionen werden adverbial, Adverbien prapositional ge-braucht: Puis dient noch als Prap.: B 343 Puis lo baisier; als Adv.: B 24, 158; B 28 contre (wie schon lat.; ,,gegen“ im feindlichen Sinnenbsp;ist meist vers B 62, 85), avec (R 23) dienen als Adverbien; B 107nbsp;coleir avant bedeutet ,,eindringenquot;;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;heiGt seiner Herkunft nach

noch „von rückwarts herquot; (de retro): B 98 li vint derriere, nfrz. vint derrière lui, vgl. 122 als dos derriere; doch findet man das Wort schonnbsp;im XII. Jahrh. als Praposition (Christian); après ist wie heute Adv. undnbsp;Prap. (B 25, 158); in übertragener Bedeutung fallt es in B 233, 246nbsp;auf^). — In jedem einzelnen Falie ist die Frage zu stellen, ob pra-

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Zur Bedeutungsverschiebung einzelner Prapositionen vgl. sur B 77 ,,gegen“, ^ 65 „was betri(ft“; „als“ nach Komparativ vor Namen oder Pronomen ist de B 5^»nbsp;de ist afrz. haufiger als que (K 160) in dieser Verwendung (Béitrage 5» ^)1 — ^ 7inbsp;avant que la bouchete ist konjunktional, und ne reist su erganzen, vgl. Mort Artu

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satxlehre, Steigerung, EinschrSnkung. j j 5

positioneller oder adverbieller Gebrauch alter ist: Vgl. M. L. Be-sprechung der frz. Syntax von Haas (Halle 1916) im L. Bl. 1917, S. 168 unten, iiber avant.

Oft wird das Neutrum des Adj. adverbial gebraucht: B 94 chier s'i vent, B 117 vent chier la mort, 312 la fontaine qui sileifnbsp;cort, R 54 li sist bel „stand ihm gut“. Dieser Branch findet sich auchnbsp;in anderen indogermanischen Sprachen; Im Griech. kann die Formnbsp;fern, sein, so dafi ersichtlich ist, daG ein selbstverstandliches Nomennbsp;ausfiel: Das adverbiale Adjektiv ist der Rest eines Objekts. Im Lat.nbsp;steht nur noch Neutrum: fragrare suave (Apuleius) wie im Afrz.,nbsp;und man wird dies mit Tobler als Substantivierung von Adjektivennbsp;(Beitrag II, 2ta) fassen. Vgl. W. Heise, Zur hist. Sy. des als Adv.nbsp;gebr. Adj., Ro. F. 31.

Anders ist R 204 Or le fait il bon escouter zu verstehen: Der urspriingliche Ausdruck ist il fait bon escouter'^'), der il fait journbsp;korrespondiert: escouter ist substantiviert, bon sein adjektivischesnbsp;Attribut, beide zusammen Objekt des subjektlosen il (vgl. S. 331).nbsp;Das Objektspronomen le, vom Verbum Finitum attrahiert®), zeigt aber,nbsp;daG der alte Sinn im Sprachgefiihl sich verschob, wobei die fort-schreitende Satzoxytonierung mithelfen mochte, und nun sagt mannbsp;auch: Path. 296 il fait mal d'acroire und schlieGlich il fait bonnbsp;(Tobler, Beitr. I, 31).

5. Steigerung und Einschranknng.

Wie steigernde Adverbien molt, asses (afrz. ,,sehr viel“), trop (B 97), mielz affektisch an die Spitze des Satzes treten, haben wir gesehen.nbsp;Aber der Ton geniigt nicht, um auszudrücken, wie groG Tapferkeit,nbsp;Schnelligkeit, Schönheit, Zahl waren. Meist wird ein höheres MaGnbsp;bestritten: „Es gab keine Tapfere“. Und selten fehlt der Zusatz, daGnbsp;sich das Behauptete auf Raum und Zeit erstreckt: B 57 terre,nbsp;316 en terre, 325 ainc, 359 ainc, R 26 fames.

Ahnlich bei der Einschrankung: Hier wird, wie schon lat., ein Ganzes negiert, und von dem Negierten das tatsachlich Vorhandenenbsp;ausgenommen: B 183 ,,es gab keine Bewohner auGer Riesen“, R 41nbsp;„er hatte keinen Bart auGer kleinen SproGhaaren“ = „Er hatte nurnbsp;SproGhaare“. Vgl. Beitrag III, 13 ne . . se . . non, mais, fors, que.

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3i6 V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlebre. Subjektspronomeii.

Der höchst erreichbare Grad (Superlativ) konnte afrz. nach S. 203 durch affektisch betonten Komparativ ausgedrückt werden. Auf-fallend ist dies besonders, wo dieser höchst erreichbare Grad nur einnbsp;individueller ist; B 76 cum il püent anchois „so schnell sie können“nbsp;= quam celerrime possunt: B 209 cum mielz puet „so gut er kann“.nbsp;Vgl. Beitrage I, 26.

Vielleicht ist dieser Gebrauch des Komparativs nicht unabhangig von folgender ebenfalls auffallenden proportionalen Steigerung; Qui plusnbsp;plus, Guy de B. 502 Qui ains ains, qui miels miels — nfrz. a quinbsp;mieux mieux „urn die Wette“. Entstanden ist die Redeweise wohlnbsp;aus interjektional verkürztem; „Wer besser lauft, macht’s besser“;nbsp;Al ex. 512 Plus tost i vint ki plus tost i pout curre; Tr. Bér. 876nbsp;CU qui plus puet plus tost acort; Bible G. 915 qui plus i puetnbsp;plus i puet „der Machtigste gilt am meisten“; Rust. Nouvele Com-plainte 312 Qui plus tost puet plus ci governe „Wer’s schnellernbsp;macht, gilt mehr“; Athis 8645 qui mialz puet, tnialz se conroienbsp;,,wer’s besser kann, rüstet sich besserquot;. -- Nun finden sich Kürzungen:nbsp;So das stereotype ki ains ains pot (aufier 10994 ki ains ains, 11447nbsp;ki ains puet) des Chev. II. Esp. Es verbindet sich meist mit Pluralnbsp;des Hauptsatzes: 7730 Et ki ains ains pot Vacolerent „und umarmtennbsp;ihn, wer eher konnte“, aber 9645 ki ains ains parent wie es der Reimnbsp;verlangt. Es liegt nahe ctim ainz puet auf diese Kürzung ki ainz puetnbsp;zurückzuführen.

6. Pronomen Personale.

a) Subjektspronomen.

Nach dem S. 303 f. über die Stellung des Verbums Gesagten kann es nicht zweifelhaft sein, dafi auch das Subjektspronomen den Satz-tongesetzen sich beugt: Ein Bliek in unsere Texte zeigt, dafi wir auchnbsp;hier eingeleitete und uneingeleitete Satze trennen müssen;

In den uneingeleiteten, also vor allem in den unabhangigen Satzen, ist das Aussetzen eines Subjektspronomens frei; Wo es gesetztnbsp;wird, ist es in B noch unterstrichen, so B 125 il seuls, wie auch R 83nbsp;Je qu’en ai vëu vint . . vëu n'avoie ,,Ich, der ich zwanzig sah, hattenbsp;nie gesehenquot; (vgl. Haase § i). Bei Anfangsstellung des Verbumsnbsp;fehlt es noch in B 4, 29, 83, 147, 196 (trotz Subjektswechsell) usw.‘).nbsp;Diese Freiheit kennt R nicht mehr: Vgl. 36 il resembloit, 73, 75 usw.nbsp;Dafi es sich hierbei nicht um verschiedene Entwicklung von unabhangigen und abhangigen Satzen handelt, wie behauptet worden ist.

‘) Anders bei parenthetischen dist-il, fait-il (R 157), fis-je (R 305): Hier ist von jeher invertiertes Pron. unerlSfilich, die Anfangsstellung hebt das Verbum nicht hervor,nbsp;sondern soil es im Gegenteil zuriiektreten lassen, die Parenthese ist also schwachtonignbsp;eingeleitet. Auch vor Auxiliar ist das Aussetzen des Pionotnens Regel, S. 318 f.

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V. Ausgcwahlte Abschnitte der Satzlehre. • Subjektspronomen.

zeigen die S. 289 erwahnten uneingeleiteten abhangigen Satze, denn auch bei ihnen fehlt das Subjektspronomen: B 160 Brutus vit n’inbsp;p'óoit remaindre „B. sah, [er] konnte nicht bleiben“; ja es fehlt auchnbsp;bei Subjektswechsci, wenn ein Mifiverstandnis ausgeschlossen scheint;nbsp;B 214 Ki lo vëist, quidast . . . Commencie fust de tens ancien „Wernbsp;es gesehen hatte, hatte geglaubt. .[Es] sei von alters her begonnenquot;.nbsp;Zugleich mit solcher Beiordnung verfallt diese Freiheit, und abhangigenbsp;Satze sind in R nur noch eingeleitet.

In eingeleiteten Satzen entscheidet der Charakter des einleitenden Wortes: 1st dieses tonstark, so ist das Subjektspronomen entbehrlich.nbsp;So nach st : B 104 Si lo feri, trotz miCverstandlichen Subjektwechsels:nbsp;iO£ „Der Jüngling (der frz. Prinz) wollte Lob ernten: Seinen Halsbergnbsp;hatte er (Turnus) ein wenig geöffnet, — Es schützte ihn (Turnus) seinnbsp;weifier Halsberg nicht und [er] (der Prinz!) schlug ihn (Turnus!)quot;.nbsp;Vgl. B 144, R 14 (i. Person), 24, 41 (Subjektwechsel), 46 (Subjekt-wechsel) usw. — 1st nach tonstarker Einleitungspartikel das Subjektspronomen unterstrichen, also subjektiv unentbehrlich, so muC es natur-gemaö invertieren und die auf das Verbum folgende Tonstelle suchen:nbsp;R 204 ór Ie fait il bon escouter „nun wird es schön anzuhörenquot;.nbsp;Solche Unterstreichung ist bei G. de Lorris noch affektische Ausnahmenbsp;— bei J. de Meung ist sie bereits zur Regel geworden, die altenbsp;Affektform herrscht nun als Norm: 289 Si doit on, 293 Si vodroit ele,nbsp;394 Si les pot il. Nur die erste Person bleibt bescheiden in dernbsp;alten Form: 296 Si fui fox, 350 Si ne voudroie pas, 353 Si ne vousnbsp;tieing pas. — Ebenso ist der Brauch nach ja: 348 Mes cuers ja n'estnbsp;il pas a moi; nach voire auch für die i. Person: 369 Voire . . puisnbsp;je; und ebenso nach anderen stark betonten Worten: 321 N’eit puisnbsp;je, 384 Par son gré sui je.

1st das einleitende Wort dagegen schwachtonig, so ist das Subjektspronomen in der Mehrzahl der Falie ausgesetzt: Quë il resp.nbsp;qu’il: B 4, 50, 74, 87, 94, 132; — R 17 (que je), 63, 71, 211, 213, 233,nbsp;234 (que tu); — 315, 327, 345. — Unbedingt ist dies aber nicht, esnbsp;findet sich auch bloöes que bei affektisch invertiertem Objekt odernbsp;Adverb: B 80 (Subjektwechsel); 155 (ebenfalls mit Subjektwechsel,nbsp;weshalb die in der Anm. vorgeschlagene Besserung auch syntaktischnbsp;befriedigt); — R i? (que mont), 103 (que par mi), 165; — imnbsp;2. Teil: 286.

Quant il: B 190, aber B 302 qtiant ld parvint: Da eine Apo-strophierung von il nach quant nicht möglich ist, so schlieCt ein folgendes hochtóniges Wort, hier ein Adverb, das Subjektspronomennbsp;aus. — In I. Teil von R folgt, bis auf 218, immer Pron. nach quant:nbsp;94, 108, 112, 124, 139, 167, 260. Ausnahmen hiervon sind beinbsp;J. de Meung haufiger: 308 quant li plaira, 343 Quant de famour.

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V. AusgewShlte Abschnitte der Satzlehre. Subjektspronomen.

354 Quand ci m’avez, 359 quant ne glosastes (meist also Anreden) — aber quant Pronomen: 335, 386, 387, 395.

Së il resp. s’il: B 348 si, 349 s'il, zwei Beispiele, aus denen hervorgeht, wie afrz. si statt se aus s'il entstehen konnte: Vgl. R 11nbsp;(nfrz. ausgesprochen: si vu pis), 190 (se tu), 205 (S’il est, vgl. Rol.nbsp;119 s’est), 223, 248, 310, — aber 311 (Wiederholung), 320 (Objekts-inversion).

Und auch hier zeigt sich, dafi nicht unabhangige und abhangige SMze, sondern Eingeleitete und nicht Eingeleitete zu scheiden sind,nbsp;denn schwachtonig eingeleitete unabhangige Satze bieten gleichesnbsp;Bild: Car il: R 43, 276, 288, 298, 319 — ausnahmslos steht Subjektnbsp;nach car — wo nicht das Objekt oder sonst ein Redeteil affektischnbsp;invertiert: R 18, 309 Car la rose me doit bailler. — In B ist car zunbsp;selten, um Beobachtungen daran zu knüpfen (Grund: Schilderung, nichtnbsp;Erklarung); der M. Brut zeigt aber gleiche Sachlage wie R: 213nbsp;Quar cho est. . ., 495 Quar tus’ (= tu les S. 213) traitas, 905 Quarnbsp;il erroient usw. Nach car folgt Subjekt, nominales oder pronominales, wenn nicht ein Adverb (B 234) oder Objekt car vom Verbumnbsp;trennt, also genau wie nach que, quant, si.

Nicht unahnlich liegen die Dinge bei der Negation: Man bemerkt vorab, daC eine Scheu besteht, den Salz mit (non) zu beginnen,nbsp;denn bei invertiertem Subjekt wird pleonastisch pronominales Subjektnbsp;vor die Negationspartikel gesetzt: B 33 II ne s'esparnent pas ... Linbsp;Franchein ne li Troïen „Sie schonen einander nicht . . . Franzosennbsp;und Trojanerquot;; 103 II nel gari ses osbers „Es rettete ihn seinnbsp;Halsberg nicht“; R 147 II ne puet en li demorer — Vilanie nenbsp;menprison „Es können (kann!) in ihm nicht verweilen — bauerischenbsp;Art noch Hoffart‘^ — Wo die Negationspartikel den Anfang macht,nbsp;dürfte es sich um gewisse gern affektisch gebrauchte Verben odernbsp;Verbindungen handeln, die den Ton an sich ziehen; B 35 N’unt curenbsp;Franc ne Poetevin, 53 Ne se’it, 107 Ne pót, 128 Ne parent, 197 Nósent,nbsp;203 Ne truevent, was dann ,,affektischer Anfangsstellungquot; des Verbumsnbsp;gleichkommt. Da diese in R nicht mehr üblich ist, so ist satzbeginnendesnbsp;n'e auf feste Formeln beschrankt: 172 Neu (= nel'), di pas, 226 Nestnbsp;pas pröésce, 358 Ne sai; nur vor Imperativ (243 Ne sueffre usw.)nbsp;steht natürlich ne (ne) stets als Auftakt an der Spitze, da der Befehlnbsp;stets affektisch betont ist.

In alterer Zeit und vermutlich dialektisch kommt auch affektisch betontes vor: Leod. 31 Ne fud nuls om, das im Satzakzent wohlnbsp;folgenden Beispielen entsprechen mochte: 73 Ja fud tels om, 16 ctonbsp;fud Lotkiers. Allerdings sind diese Beispiele nicht eindeutig, insofernnbsp;als auch eine abweichende Betonung des Auxiliars denkbar ist. Ob-

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Objektspronomen.

gleich urfrz. wenigstens zu einem Teil haupttonig entwickelt, wird es afrz. stets einem leichten Taktteil unterlegt: Alex. et tl fut anuitetnbsp;„es wurde Nacht“ (zu Hs. A e fud vgl. S. 321), Rol. 3742 II est escritnbsp;„es steht geschriebenquot;, B 37 II n’i a ténce, R 136 il a et poine et fes,nbsp;325 II n’est home.

Mit diesen Grundlinien werden weitere Beobachtungen leicht angestellt werden können; Der Gebrauch nach maïs, ainz, èt usw. istnbsp;nach dem S. 291 Gesagten zu erraten. Wie der Gebrauch des Subjekts-pronomens bei uneingeleitetem Satze in R zunimmt, sich also dienbsp;Sprache nfrz. Brauche nahert, kann zu beobachten dem Leser über-lassen werden. Über weitere stilistische Entwicklung in der Prosa desnbsp;XIII. Jahrh. unterrichtet A. Peigirsky, Z. f. S. 23, 217. Zum Prin-zipiellen vgl. H. Borelius Etude sur l'emploi des pronoms pers. sujetsnbsp;in Frdn Filologiska Föreningen i Lund, Sprdkliga Uppsatser, 11. Lund,nbsp;1902; doch erkennt der Vf. die Ursache des Brauchs, den ganz rela-tiven Satzton, nicht, und kommt damit zu allerhand „Ausnahmen“.nbsp;Jeder Regel bereitet eben der Affekt Ausnahmen — und jede Aus-nahme kann durch Gebrauch und Gewohnheit Regel werden. Auchnbsp;hier herrscht durchaus Relativitat. — Zum Nfrz. vgl. Haase, § 8.

b) Objektspronomen.

Bei normalem affektlosen Reden sind die Objektspronomina Enklitika und bleiben es in den meisten Mundarten bis etwa 1150,nbsp;im NO. über diese Zeit hinaus. Spatere Reste der Enklise nanntennbsp;wir S. 213. Die Objektspronomina schliefien sich also, wenn möglich,nbsp;vor 1150 einem betonten Worte enklitisch an und zwar im allgemeinennbsp;der Satzeinleitung, wenn diese starktonig ist. Affekt kann ihnen nachnbsp;tonschwacherer Einleitung Tonform geben, oder sie selber in diesernbsp;Form zur Satzeinleitung machen.

Nach 1150 aber macht sie die zunehmende Oxytonierung des zentralen Afrz. zu Proklitiken, und als solche treten sie vor dasnbsp;Verbum. Neben Resten enklitischen Gebrauchs dürfte nun*gelegent-liche Nachstellung betonten Pronomens als affektische Hervorhebungnbsp;aufgefaCt werden.

I. Uneingeleitete Satze: Bei Anfangsstellung des Verbums ist Enklise des Pronomens in B Norm, sei es, dafi diese dem Alter, seinbsp;es der Heimat des Textes zuzuschreiben ist: B 39 Cumbat se Mars,nbsp;B 22 Dinne s(e) un poi, 83 Vait Ie ferir, 147 Firent li, 148nbsp;Colchierent lo. So auch Erec 711 Lace li les chauces ,,Gürtet ihmnbsp;die FuCstücke“. (Vgl. 917.) — Zur Abwechslung und Unterstreichungnbsp;ist Tonform des Pronomens möglich, wenn eins der beiden umgebendennbsp;Worte im Ton zurücktreten kann: B 39 claime soi las; oder aber

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320 V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Objektspronomen.

das Pronomen wird, noch starker unterstrichen, vorausgestellt: B 221 Lui servireftt^). Auch I dormi „da schlief“ und En event assêurnbsp;(St. Thomas, Vers 330, 586) kommen am Versanfang vor.

Mit zunehmender Oxytonierung und Verwandlung der Enklise in Proklise bildet sich die nfrz. Wortfolge aus, und nur im NO. bleibtnbsp;möglich: Oct. 1653 Au lit me ^naintenant mena, 5324 Dagonbérsnbsp;leur congié dona; besonders gern steht leur, wo es als Possessivnbsp;stehen würde: E. Boileau 99, XXXVI il seroit le7ir perdtis „es warenbsp;ihnen verlorenquot; = ,,ihr Verlustquot;; Theoph. 253 lor letres n’en prisnbsp;,,ich nahm kein Schuldschreiben von ihnenquot;.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Starktonig eingeleitete Satze: Vor 1150 schlossen sichnbsp;die Objektspronomina der starktonigen Einleitung enklitisch in dernbsp;Weise an, daü sie vor dem Verbum standen: Vgl. B 100 si 'nd outnbsp;sic inde, 103 // nel gari. Aber B gehort in die Zeit der Auflösungnbsp;der Enklise, und so finden wir daneben: 144 sï en, 104 si lo feri.nbsp;Wollte man nun zur Zeit der Enklise das Objektspronomen hervor-heben, so muCte man es invertieren: si feri lui', Auc. 14, 16 Je vósnbsp;aim plus que vos ne facies mi „ich liebe euch mehr als ihr michquot;nbsp;{ini ist nö. Tonform, S. 209). Formelhaft bleiben: R 60 Deduit lanbsp;tint ... ét elle lui, statt: et elle tint lui; go poise moi (S. 294,nbsp;Rust. Griesche d’Yver 57) „Je regrette'‘.

Allmahlich lösen sich die letzten enklitischen Verbindungen. Der I. Teil von R hat noch nel, neu (56, 74), der 2. ne Ie (327). Damitnbsp;wird es nun aber auch möglich, unmittelbar nach einst starktonigernbsp;Einleitung das Pronomen durch Tonform hervorzuheben, wie dies innbsp;Dial. Greg. Regel ist: Es heifit il moi plaist, si soi departit wie ètnbsp;moi plaist usw., nur je te proi hat in diesem Text wohl aus eupho-nischen Gründen (10, 17 je toi proi) selten Tonform. Mit der Ent-wicklung der Objektspronomina zu Verbalpartikeln verfallt die Mög-lichkeit, il moi plaist oder go poise moi zu sagen.

3. nbsp;nbsp;nbsp;Tonschwache Satzeinleitung. Die zugrunde liegende lat.nbsp;Wortfolge war vermutlich et videt me (Rydberg 548). Et war alsonbsp;wohl schwachtonig. In starktoniger Stellung diente urfrz. (ét hattenbsp;diphthongierti) im Z. und O. si sic als Verknüpfung: 'et war stetsnbsp;schwachtonig. Daher ist hier èt mói v'oit (Erec 1019) die üblichenbsp;Folge: Soil das Pronomen zurücktreten, wird mit si eingeleitet.nbsp;Affektische Unterstreichung des Verbums invertiert das Pronomen; so

*) Rydberg hat zu Unrecht einen Teil der obigen Beispiele aus B als „Ein-schrankungen“ (Ausnahmen) hingestellt (S. 465 f.). Bei Anfangsstellung des Verbums ist Enklise im M. Brut absolute Regel: 173, 282, 431, 565, 757, 882, 925, 959, 1004.nbsp;In den ersten looo Versen hndet sich nur zweimaligcs Purpensa soi (67S, 681) mitnbsp;affektischer Unterstreichung des Pronomens.

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V. AusgewShlte Abschnitte der Satzlehre. Objektspronoroina beim Infinitiv. ^21 stereotyp in: et poise mot (M. Brut 1595). Vgl. Bible G. 675 Etnbsp;traïssent nos et lor pere', der stets starktonige Imperativ dient alsnbsp;Probe: Erec 201 alez i et dites IL

Anders im N. und W.: Hier finden wir et in zweifachem Gebrauch; èt und ét; si ist seltene, reichssprachliche Doublette. Darum entsprichtnbsp;die Wortfolge dann der Lateinischen, wenn ét betont ist und dasnbsp;Pronomen hervorgehoben wird: In alten Denkmalern und in Englandnbsp;heifit es; Eneas 127 Et rova lor, 139 et promist li, 3412 et mandenbsp;tei, 5333 et botent les, 6596 et facent i, ohne Ausnahme bis auf dasnbsp;Infinitivobjekt: 5610 et els armer, wo der Infinitiv im Reim steht, alsonbsp;starktonig ist. Auch Enklise an ét kommt vor: St. Thomas Vers 939nbsp;El' peril „und die Gefahr“ (Rydberg 563). Diese Enklise lost sichnbsp;nun auch im N., und so wird: em’ mande (vgl. obiges et mande tei)nbsp;zu et me mande, dem sich reichssprachliches èt mei veit (QLR 4 etnbsp;tei 7nembrast) substituieren kann; als Gegengabe dringt im XIII. Jahrh;nbsp;ét me veit in die Reichssprache: Vgl. R 17, 123, 269, 279, 300.nbsp;Vor 1200 findet es sich so selten in Texten des NO., O. und Z.,nbsp;dafi Rydberg es stets auszumerzen rat, da es nw.-französischennbsp;Schreibern zugeschrieben werden darf. So sind folgende Stellen dernbsp;Bible G. leicht zu bessern: 894 Molt est fous qui ne se repent — Denbsp;sa folie et se reprent ,,sehr töricht ist, wer sich weder bessert, nochnbsp;bereut“, — es ist also ne se zu lesen; 2344 Ele se gaste et se porristnbsp;,,sie verdirbt und fault“; es ist et si (S. 291') zu lesen.

c) Objektspronomina beim Infinitiv.

Beim prapositionellen, also schwachtonig eingeleiteten Inf. bleibt als traditionelle Wortfolge im NW.: Eneas 1377 por covrir vos imnbsp;Reim mit nos (Rydberg 593 ff). Im übrigen P'rankreich aber folgtnbsp;das Pronomen in der Tonform der Praposition: B 209 de soi herbergier,nbsp;R 92 a moi poursuivre, und so noch Rabelais II, 16 il lui aida^)nbsp;a soi habiller; vgl. Haase § i r. — Besitzt das Pronomen keine Tonform, so meidet es die Praposition, wo Enklise möglich bleibt, wienbsp;im NO.: Bes. D. 23 d’aler i, Mort Artu 143 de metre i paine, Mél.nbsp;1145 sans metre i termin (Rydberg S. 582). Bei affektischer Hervor-hebung des Pron. ergibt sich gleiche Stellung: Yvain 2546 De retornernbsp;soi, Mort Artu 48 de dire lui.

Beim prapositionslosen Infinitiv, wie er vor allem nach modal empfundenen Verben vorkommt, übernimmt das Modalverbum,nbsp;ahnlich den Hilfszeitwörtern im Tempus Kompositum (vgl. S. 297), dienbsp;Objektspronomina: B 317 s'un l’i vait querre „wenn man sie (dienbsp;Spezerei) da sucht“, nfrz. si on l'y va chercher', R 73 Je ne vous sai

*) Nfrz. il l'aidat Vgl. Rabelais I, 40 Amsi Uur aide Dku!

Jordan, Altfranzöstsches Ëlementarbuch.

21

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222 V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Objêktspronomina beiin Befehl.

que dire, und so heute noch volksfrz.; dagegen schriftsprachlich: je ne sais que voits dire; 204 Or Ie fait il bon escouter, vgl. 315. Anfangs-stellung des Modalverbums macht diese Attraktion in alterer Zeitnbsp;unmöglich; B 89 Vait Ie ferir; ebenso unter Umstanden schwachtonigenbsp;Satzeinleitung: St. Thom. 959 Se vulez Ie grëer ,jNenn{h.r’s z.ntxker\aeanbsp;wollt“. Anfangsstellung des Infinitivs dagegen lafit die Attraktion wirken:nbsp;St. Thom. 1506 venir lui estovera „kommen wird ihm nötig sein“,nbsp;B 274 faire te vuel, R 318 tenir li vueil. Bei Anfangsstellung desnbsp;Infinitivs finden wir mundartlich noch Enklise: Eneas 2235 faire Cdeit.

Zu bemerken ist, daü das Reflexivum se nur bei Subjektsgleich-heit von Modalverbum und Infinitiv von jenem attrahiert werden kann; Erec 1302 Erec s'ala sé'oir, B 208 Nus . . ki s’i vuele targier. Beinbsp;Subjektsungleichheit; Erec 838 Quant il foï soi porofrir; in kon-servativen Mundarten: G. Ste. 144 La vé'issiez chevaliers ctirre—Etnbsp;croister sei „und das Kreuz sich nehmenquot;, Mort Artu 192 li covintnbsp;retraire soi „es war [ihm] nötig, sich zurückzuziehen“.

Attraktion findet sich übrigens auch gelegentlich beim prapo-sitionellen Infinitiv: Rust. Gefroy de Sargines 116 de guerroier ne les fine „sie zu bekampfen endet er nicht“, Mort Artu 31 Carnbsp;molt les amoit a avoir „sehr begehrte er sie zu haben“. — Andersnbsp;zu verstehen ist Eneas 9857 fa ne in'avrai de quei aidier „ichnbsp;werde nicht haben, womit mir helfen“. Nicht der Infinitiv ist prapo-sitional, sondern de quei [je puisse] m'aidier ist ein gekürzter Relativ-satz^). Die Attraktion iiberrascht wegen der Entfernung des Infinitivsnbsp;vom Modalverbum und habere mit Reflexiv.

d) Objektspronomina beim Befehl.

Beim Imperativ hangt die Stellung davon ab, ob der Redende mehr den Befehl oder mehr die Objekte hervorheben will. Die Stellungnbsp;I. Imperativ — 2. Objekte ist von jeher die normale gewesen: Rol. 20nbsp;Cunseilez mei, 498 livrez Ie mei, ,Erec 1139 alons i. Hangt vonnbsp;dem Imperativ noch ein Infinitiv oder irgend ein starktoniges Wortnbsp;ab, so verliert das Pronomen die Tonform: Erec 167 letsse m’qlerlnbsp;Theoph. 380 lessiez m'en pes.

Ich halte dafür, daü die umgekehrte Reihenfolge afrz. möglich war, daC also i alons (vgl. R 9 ga venez) in oxytonierenden Mundarten das Verbum, — in lallenden Mundarten das Adverb hervor-hob. So sagt Rabelais in seiner lallenden Mundart nach Semikolon:nbsp;(III, Prolog) y vaquent s’ils veulentl „Mogen sie dafür sorgenlquot;nbsp;Umgekehrt sagt man im Z. nfrz. Ie void (zuerst bei Greban), en void

*) avoir dt quoi s’aidier ist vermutlich die Vorstufe des im XIII. Jahrh. gekürzten avoir de quoi „Barmittel habenquot; (E Boileauj; ahnlich erklart sich nfrz. il n'y a pas denbsp;quoi (sc. remercier, wie Rust. De Chariot Ie Juif loS, oder demander pardon).

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V. Ausgewahite Abschnitte deï Satzlehre. Objektspronomina; Bemerkungen_ 323

(Mél.; Rydberg 547). — Anders bei starktonig eingeleitetem Imperativ: Hier ist Rol. 21 Si m' guarissez, R 224 Aprés te garde normal.nbsp;R 269 Et te membre erklart sich nach S. 321. Noch Voltaire sagtnbsp;(archaisierend): Tenez-moi et me touchez Kehler Ausg. 44, 84.

e) Bemerkungen zum Objektspronomen.

1. nbsp;nbsp;nbsp;Der Prapositionalis der 3. Person war lat. bei Identitat mitnbsp;dem Satzsubjekt se. Dies ist noch afrz. gewöhnlich der Fall, vgl. B 11nbsp;od soi secum, — aber B 14 cóf lui; und so noch lui oder soi imnbsp;XVII. Jahrh. (Haase § 13), wahrend heutQ porter avec soi auf die allge-meine Person und Sachen, also auf geschlechtlich Unbestimmtesnbsp;beschrankt sein soil, tatsachlich aber nicht immer ist.

Über afrz. Abusus von o soi bei Nichtidentitat mit dem Satzsubjekt vgl. Bei trage III, 18; R. Warnecke, Syntax des betonten Reflexivpron. im Frz., Diss. Halle 1908.

Reflexives Akkusativobjekt, vor allem Feminines, wird afrz. gelegentlich durch das Personale der 3. vertreten: Erec 2669 Trop anbsp;mis a U atorner „lange brauchte sie sich anzukleiden“; vgl. Philo-mena 196, Anm.

2. nbsp;nbsp;nbsp;Das durch den Zusammenhang selbstverstandliche Akk.nbsp;Objektspronomen der 3. wird bis ins XVII. Jahrh. (Haase § 4) gernnbsp;ausgelassen: Eneas 3319 Bien li done, quant tu vuels faire „Gibnbsp;[sie] (die Tochter) ihm, wenn du [es] tun willst“. —

3. nbsp;nbsp;nbsp;Bei zwei Objektspronoininibus ist die normale Wortstellungnbsp;afrz.: i. Akk., 2. Dat.: R T63 Lors la me toucha au costé; man sagtnbsp;end i (B 46). Affekt stellt den Dativ an die Spitze: Leod. 20 Luinbsp;l'comandat „ihm hat er ihn empfohlen*'.— Mit zunehmenderOxytonierungnbsp;strebt der Akk. die Nahe des Verbums an; me Ie findet sich .zuerstnbsp;bei Rustebuef und Froissart und setzt sich nfrz. durch (Haasenbsp;§ 154); ebenso heifit es nun y en; wahrend in Ie lui, Ie leur dienbsp;Dative, gröCerer Lautfülle halber, auf dem schweren Taktteil bleibennbsp;(Rydberg 489 ff., speziell 504, 505; ALF 410, 761). —

4. nbsp;nbsp;nbsp;Nach ne non ist Enklise des Pron. die normale Stellung der

alteren Zeit (S. 213). Auch hier hebt es Affekt heraus: Eneas 1400 dont li n'apent „woran ihr (Dativ!) nichts liegt“; 6764 Mei n'i lairainbsp;mie afoler;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Lui ne deis tu . . amer.

5. nbsp;nbsp;nbsp;Die uneingeleitete Frage bringt ursprünglich alle Pronominanbsp;enklitisch: Eneas 650 „Menace nosgt;“ „Bedroht sie uns?“ — 1683nbsp;„Deguerpirez me vos}“ — I75S „Aige vos vostre pere ocisi“ — Spaternbsp;ist Proklise der Objektspronomina auch im NO. üblich: Auc. 24, 33nbsp;me conissiés vosl (Rydberg 543; vgl. Beitrage I, 4).

6. nbsp;nbsp;nbsp;Der Prohibitiv ist stets eingeleitet: Die Obj. Pron. folgen dernbsp;Negation: R 245, 247; er wird mit Vorliebe durch den Infinitiv aus-

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224 V- AusgewShlte Abschnitte der Satzlehre. Subjekt und Verbum. Genus Verbi,

gedrückt: Rol. 1113 nel dire ja, Eneas 3288 nel ie penser, aber 3431 ne te targe. Auch hier stellt Affekt um: O. Ps. 26, i8 Nenbsp;livrer mei', 27, 3 ne livrer tu mei „lasse Du mich nicht itn Stich“.

7. Subjekt nnd Verbum. Numerus.

Das Verhaltnis des Verbums zum Subjekt entspricht dem Latein. und Nfrz. Doch finden sich afrz. gewisse Freiheiten der Rede:nbsp;Bei mehreren Subjekten kann das Verbum im Singular stehen, nurnbsp;das letzte Subjekt bestimmte die Form: Nach R 252 heifit es in dernbsp;Hs. Car los et pris et grace en vient (vgl. Haase § 146); beinbsp;Kollektivbegriffen ist die Wahl: Singular oder Plural frei: B 221 Luinbsp;servirent bezieht sich auf 220 sa gent. Und diese Freiheit führt zunbsp;Satzen wie: QLR 8 grant partie de ta meisim murrunt „Ein groCernbsp;Teil deines Hauses [wird] (werden) sterben“: St. Thomas 1674nbsp;Poi i out des evesques kil' vousist sustenir „wenig gab es unter dennbsp;Bischöfen, die ihm helfen wollten“. Vgl. hierzu Tobler, Beilrage 1,34nbsp;„Nichtkongruenz im Numerus zwischen Subjekt und Pradikat“. — Dienbsp;Freiheit des Ausdrucks führt dazu, dafi, wenn im unabhangigen Satznbsp;von „einem“ oder ,,keinem“ einer Mehrzahl angehörender Individuennbsp;etwas ausgesagt wird, der abhangige Satz im Singular oder Plural steht;nbsp;B 53 ne seit nus d’els . . . jüir, tant cum il soient vif „keiner vonnbsp;ihnen kann fliehen, solange sie Leben habenquot;. Umgekehrt: Alexius 40nbsp;A un des porz qui plus est pres „An einen der Hafen, der amnbsp;nachsten ist“. Vgl. den erwahnten Beitrag, i, Aufl., S. 197. Natür-lich kommt in der Rede solcherlei zu allen Zeiten vor: „Der heutigenbsp;Franzose,quot; sagt Tobler ebenda, „laÜt sich solchen Mangel an sprach-licher Selbstbeherrschung weniger leicht mehr zu Schulden kommenquot;nbsp;(vgl. Haase, § 62 ff.).

In der alteren Sprache ist Höflichkeitsplural (5. Person) eine fakultative Nuance. Man beachte dagt^gen wie Amor und Raisonnbsp;in R den Amant duzen, dieser sie aber höflich siezt.

8. Genus Verbi.

Nur das Transitivum besitzt a priori mehrere Genera: Man kann mit Herzog die Verben als „transitivquot; im eigentlichen Sinnenbsp;versteken, die eine „Transitionquot;, eine Zustandsanderung des Objektsnbsp;bewirken: „Jemanden totenquot;, ,,befördern“; — im weiteren Sinnenbsp;„transitivquot; sind dann solche Verben, die keine Zustandsanderung desnbsp;Objekts hervorrufen: „Jemanden fürchten, lieben, einladen.quot; Nun istnbsp;der Standpunkt dessen, der diese Transition (eigentliche und formale)nbsp;beobachtet, ein relativer: Er kann sich auf den Standpunkt desnbsp;Handelnden wie auf den des von der Handlung Betroffenen stellen:nbsp;„A tötet B“ — oder „B wird durch A getötetquot;. Logisch bleibt A

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V. Ausgewamp;hlte Abschnitte der Satzlehre. Genus Verbi.

Subjekt, B Objekt — grammatisch aber ist B im zweiten Beispiel Passivsubjekt.

Nun kann man die transitive Handlnng auch an sich selber voll-ziehen: „A tötet A.“ A ist also Handlungstrager und zugleich von der Handlung betroffen; er tötet sich selber. So steht reflexive Formnbsp;auf der Grenze zwischen aktiver und passiver: Die grammatischenbsp;Folge dieser Beziehung ist, dafi ein passiver Sachverhalt stets auchnbsp;grammatisch-formal reflexiv ausgedrückt werden kann, was Haase § 72nbsp;für das Afrz. bestritt: Vgl. aber R 285 par lui se tienent. Das soilnbsp;nicht heiCen: ,,sie halten sich selberquot;, denn par lui zeigt ja, daönbsp;der Liebesgott sie halt. Sie ,,werdenquot; also „durch ihn gehaltenquot; ‘).nbsp;Natürlich ist die Bedeutung von se tienent von sont tenus verschieden;nbsp;Der Dichter will ausdrücken, daC ihr Glauben an den Liebesgottnbsp;mitwirkt. — Jules Simon schreibt in la Peine de mort (iSyo, S. 12):nbsp;Quelques mnisons se sont bdties ... Ie long du quai und will damitnbsp;zum Ausdruck bringen, dafi sie wie zufallig aus dem Boden geschossennbsp;dastehen, als ob menschliche Voraussicht nicht mitgewirkt hatte. —

Die Theorie ist glaubhaft, dafi amor aus amo se entstand, dafi also das lat. Passiv seiner Herkunft nach ein reflexiver Ausdruck war.nbsp;So ist auch zu verstehen, wenn medial Gedachtes die gleiche Formnbsp;erhalt: vereor aus *vereo se ,,ich fürchte michquot;, worauf sich der Sinnnbsp;der Zusammensetzung verdunkelt, das Medium zum Deponens wirdnbsp;(passive Form, aktive Bedeutung) und ein Objekt haben kann: vereornbsp;aliquem. —

Es besteht also ein eingreifender Unterschied zwischen Akk.-Objektsreflexiv und reflexivem Dativobjekt: je me (mihi) suis dit — il s'est dit. Denn bei diesem ist keine Beziehung zum Passiv.

Auch Intransitiva nehmen, sei es rein formal, sei es als mediale Nuance, gern medial-reflexive Form an: Afrz. heifit es B iii se gesir,nbsp;270 se dorniir (sibi oder se?), ohne dafi der Sinn ein anderer seinbsp;als von blofiem gesir (B 153) oder dormir (B 323). Natürlich muCnbsp;man unterscheiden: Ein Transitivum kann intransitiv geworden sein:nbsp;Intransitives diner kommt vielleicht von echt transitivem disjejunarenbsp;„jem. entnüchternquot; — se disner ,,sich selber entnüchternquot; (B 22) kannnbsp;also die ursprüngliche — diner die jüngere Ausdrucksweise sein; andersnbsp;wenn man das Wort von *dicenarc (S. 164) herleitet. — Nfrz. hat senbsp;mourir ,,hinsterben“ eine ganz andere Bedeutung als mourir. Abernbsp;kl.-lat. sagt man nur morior, afrz. ohne Bedeutungsunterschied muertnbsp;oder se muert (Eulalia 18, H. Cap. 450)-

') Reflexiv statt Passiv nach par mit logischem Subjekt ist im XVII. Jahrh. nóch gelaufig (Haase § 72).

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Genus Verbi,

Nun ist schot! urlat. bei Passiv und Deponens das organische Perfektum durch eine Zusammensetzung verdrangt: veritus est, mortuusnbsp;est. Vgl. zur Entstehung dieser Verbindung und ihren Folgen Herzog,nbsp;Das -to-Part. im altrom. Bh. Zt. 26, S. 76, § ii ff: Hatten ursprüng-lich nur Partizipien von echt transitiven und perfektiven Verbennbsp;passiv-prdteritale Bedeutung (caro cocta, opus perfectum, porta clausa)nbsp;— so erhielten Partizipien von Verben, die eine Zustandsanderungnbsp;des Subjekts ausdrücken, aktiv-prateritale wie mulier nupta „einenbsp;Frau, die geheiratet hat“ gt; „verheiratet“ durch Vermittlung vonnbsp;nupta est; transitive und durative Verben erhielten passiv-prdsen-tische wie amatus „geliebt“ durch Vermittlung von amatus est;nbsp;aktiv-prdsentische schlieClich Durativa, die passivenSinn ausschliefien:nbsp;tacitus est gt;¦ „er ist verschwiegen“.

Vlat. kommen die organischen Formen des Medium und Passivum aufier Gebrauch (vgl. S. 226), und da ergibt sich bei durativennbsp;Transitiven Folgendes: amatus sum verliert die prateritale Bedeutung,nbsp;da ja amatus nur passiv-prasentischen Sinn hat, und von diesemnbsp;neuen Prasens des Passivs aus wird ein neues Passiv amatus eram, fuinbsp;aufgebaut. — Beim Deponens (mentitus est, mortuus est) bchieltennbsp;dagegen die Partizipien ihren praterital-eigenschaftlichen Charakter: Esnbsp;trat entweder eine Dekomposition ein, die das Auxiliar zum Verbumnbsp;Finitum, das Partizip zum Pradikatsadjektiv werdén lieC: est 7nentisnbsp;„er ist verlogen'*, oder das Perf. behielt seinen Sinn: est morz „ernbsp;starbquot;, und ebenso bei intransitiv gebrauchtem Passiv: B 21nbsp;est leveiz „er stand auf“. Das Bedeutungsnebeneinander aber: Passiv-prasentisch dort — praterital-eigenschaftlich hier führt zunbsp;Bedeutungsverschiebungen: So hatte in B 94 ainz qu'il seit ocis ohnenbsp;syntaktische Bedeutungsanderung morz statt ocis gesagt werden können.nbsp;Vgl. das Nebeneinander: B 109 sunt feru (transitiv — Passiv) „werdennbsp;erschlagenquot; — iio sunt chdu (intransitiv — Perfekt) „sind gefallenquot;.nbsp;Und so kann durch eine leichte Bedeutungsverschiebung der prateritalenbsp;Charakter des Intransitivs afrz. zurücktreten: B 302 si est assise „sienbsp;hat sich gesetztquot;, ,,ist eine Sitzendequot;, „sitztquot;; vgl. nfrz. elle est assisenbsp;„sie sitztquot; — elle s’est assise „hat sich gesetztquot;; — oder es kann dernbsp;passiv-prasentische Charakter des Transitivs verblassen: sunt ferunbsp;„sie sind Getroffenequot; und nicht „sie werden getroffenquot; (Herzog,nbsp;Op. cit. § 73 ff.). — Wahrend levatus est est levez ergab, wurdenbsp;levatur zu levat se: Daher blieb reflexivloser Gebrauch in der altennbsp;Sprache beim Tempus Kompositum, Imperativ und Infinitivnbsp;fakultativ üblich: So heifit es B 21 est leveiz^ aber B 20 se lievent;nbsp;R 234 heifit es gardes! aber 22t^ Apr es te garde! vgl. nfrz. garde-toilnbsp;B 26 heiCt es pur defendre (vgl. 194, 305), aber 209 de soi kerbegier. —nbsp;Auch bei der Wiederholung fehlt das Pron.: B 39 cumöat se Mars,

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Umschreibung. 327

cumbat Pallas. — Hierbei spielen Sinn, aber auch Klang und Bindung eine Rolle: In B. 350 la mescine s’est esveillie tilgt den Hiat; vgl.nbsp;als Gegenbeispiel: 351 Al temple VestfeJ est repairie. Zum Nfrz. siehenbsp;Haase § 61.

9. Umschreibung des Verbums.

Wo eine vergangene oder zukünftige Zeit, eine Aktionsart, ein Modus, ein Genus Verbi durch ein Prafix, Infix oder Suffix aus-gedrückt werden, kann diese „organische'* Form eines Tages ihrenbsp;Deutlichkeit einbüGen; man wird sie durch eine Umschreibung zunbsp;verdeutlichen suchen; — oder aber eine nicht als Notbehelf, sondernnbsp;als Luxusform entstandene Umschreibung verdrangt die nur durchnbsp;formelhaft gewordene Silben aussagende organische Form.

a) Tempus.

Wir haben schon gesehen, wie vlat. cantare habebam gewissen Gebrauchsarten des Konjunktivs Konkurrenz machte und sie ver-drangte (S. 298), wie das Perfekt des Passivs urlat. durch dasnbsp;to-Partizip mit esse (amatus sum) ersetzt wurde, dann, als dasnbsp;organische Passiv (amor) auGer Gebrauch kam, von amatus sum ausnbsp;ein neues Passiv aufgebaut wurde (S. 326). — Auch das organischenbsp;Futurum verschwand in den ersten nachchristlichen Jahrhundertennbsp;bis auf wenige Reste beim Auxiliar: Infinitiv mit habere in der Be-deutung „ich soil tun“ ersetzte es; Tertullian zeigt diese Umschreibung bereits in voller Blüte, bei 60 Fallen mit passivem Infinitivnbsp;(amari habeo) gegen 20 mit aktivem, so daG der Vorgang von dernbsp;wachsenden Ungebrauchlichkeit des organischen Passivs wohl nicht zunbsp;trennen ist (Thielmann, Wölfflins Archiv für lat. Lex. II, S. 48 ff., 73!.).

In der weiteren Entwicklung von amatus sum und amare habeo bemerken wir nun einen eingreifenden Unterschied: Das Passiv andertnbsp;die Wortfolge, sum amatus sui amez ist nun normal, amez suinbsp;affektisch; — dagegen bewahrt amerai die lat. Wortfolge, und einenbsp;affektische Umdrehung ist in historischer Zeit nicht mehr möglich, danbsp;-ai als Endung gefühlt wird.

Es ist ersichtlich, daG die Tonverhaltnisse diese Verschiedenheit bedingt haben müssen: Als amatus sum urlat. entstand, hatte dasnbsp;Lateinische in normaler Rede fallenden Akzent, amatus wurde alsnbsp;sinngebend empfunden, sum war mindertoniges Auxiliar. Sum amatusnbsp;ist also ein Zeugnis für beginnende Oxytonierung von Wortgruppen.

Die Perfektumschreibung amatum habeo entstand nach Ansicht von Herzog (Op. cit. § 58) gleichzeitig mit dem Futurum amarenbsp;habeo; Sie ist natürlich schon klassisch wie acceptum habeo, cognitumnbsp;habeo, aber sie bestand kl. aus einem sinnvollen Verbum: ,,ichnbsp;besitze, halte*' und einem Objekt: amatum habeo bedeutete also kl.

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328 V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Umsehreibung.

„ich habe einen Geliebten'‘. — Allerdings kommt die Bedeutung der Ümschreibung dem Perfekt sehr nahe, \vo das Partizip wie innbsp;acceptum, cognitum perfektive Bedeutung besitzt: „Ich habe erkannt“.nbsp;Nun hat Thielmann in der erwahnten Arbeit beobachtet, daC imnbsp;I. Jahrh. unserer Rechnung diese Umsehreibung aus der Schriftsprachenbsp;plötzlich verschwindet. Daraus schlieüt nun Herzog (§ 58): Sie ver-schwand, weil sie die Puristen ausinerzten. Und wenn sie sie ausmerzten,nbsp;so erhellt, dafi factum habeo vlat. nicht mehr Objekt -f- Verbum war,nbsp;sondern ein Konkurrent, eine Umsehreibung des Perfekts. D. h. habeonbsp;wurde nicht mehr als ,,halten, besitzen“ empfunden und betont,nbsp;sondern das Partizip, das den perfekten Sinn gab, wurde hervorgehoben:nbsp;factum, dictum; habeo dagegen trat iin Ton zurück, und darumnbsp;drehte es auch als Auxiliar um: habeo factum ai fait.

Die Geschichte dieses neuen vulgaren Perfekts verhef im einzelnen nach Plerzogs vorbildlicher Forschung wie folgt: Die perfektivennbsp;Partizipien des Transitivums gehen voran; factum habeo ,,ich habenbsp;getan“; die Partizipien durativer Transitiva folgen spater: amatumnbsp;habeo bedeutet nun; ,,ich habe ge!iebt“; aber so, daö die rom.nbsp;Sprachen Reste alteren durativen Gebrauchs bewahren: Marion, tantnbsp;mnée t’ai ist afrz. als Liebesbezeugung, nicht als perfektive Absagenbsp;belegt (§ 125). — Das Reflexivum folgt dem Vorbild factum habeonbsp;nicht, die Beziehung des echten Refltxivs transitiver Verben zumnbsp;Passiv, des medialen Reflexivs Intransitiver und analog des Dativ-reflexivs zum Deponens hat die kl. Form des Perfekts mit esse erhaltennbsp;und verallgerneinert: lavatus sum (me) sui lavez, (mé) sui disnez, undnbsp;solchen Vorbildern folgen die anderen Reflexiva. — Allerdings übt auchnbsp;transitives je t’ai laviz mundartlich seinen EinfluG aus: Alex. 288 Lnbsp;parfitement s(e) ad a Deu cumandet^)', St. Thomas Vers zo^ muitnbsp;s’aveit pené. Aber es ist nicht zu übersehen, dafi im Alexius nur Lnbsp;se ad schreibt, A lafit aus, P hat; s’est commandez, — und dafi afrz.nbsp;wie nfrz. avoir beim Reflexiv auf den O. (Pikardie, Wall., Lothr., Champ.)nbsp;mit sporadischem Vorkommen auch im SW. beschrankt ist, vgl. ALFnbsp;508 votis vous êtes, so daG germanischen EinfluG anzunehmen (eng-lischen in Alex.?) nahe liegt. — Das Intransitivum schlieGlich stehtnbsp;schwankend zwischen beiden Klassen, wo es nicht unmittelbar lat.nbsp;Tradition fortsetzt (S. 326): Nach Herzog folgen die Verben der Be-wegung vermutlich vlat.1itus est‘^); esveillez est setztvielleicht experrectusnbsp;est fort (§ 76 f.), — falls es nicht, mit anderen, die Flexion vonnbsp;levat se — levatus est übernahm. — Die pseudotransitiven trop i avem

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s’ont darf aber nur gelesen werden, wo auch i'a vorkommt: Wenn es M. Brut Ausgabe 427 s’uni a lui pris heiCt, so ist dies nicht zulassig, da es im Sing, est a luinbsp;pris heifit. Es ist also das übliche sunt a lui pris. (Vgl. S. 326.)

Vgl. exitus est B 24 est eissuz.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. ümschreibung.

dormit des Sponsus, Alex. 331 tant cum il unt sis (Hs. L, P; A: se unt sis) sind als Analogien nach trop ont mangié, tant ont vëunbsp;(Herzog Op. cit. § 137) trefflich erklart. Unser Vergleich mit dem Futurnbsp;hat ja gezeigt, daC ,,sein“ wie „haben“ langst ton- und sinnschwachenbsp;Auxiliarien sind, von denen nicht das eine den „Zustandquot;, das anderenbsp;die „Handlangquot; bedeuten kann. (Vgl Herzog Op. cit. § 151.) Wonbsp;das Vorbild von Transitiven habere bei Intransitiven mit Pseudoobjektnbsp;einführt, bleibt esse mit Pariizip als Verbindung sinnvollen Verbumsnbsp;mit Adjektiv: il est mentiz „er ist verlogenquot; — il a (trop) mentinbsp;„er hat gelogenquot;. Wo bei Intransitiven esse das Perfekt umschreibt,nbsp;bleibt habere mit Partizip sinnvolles Verbum mit Objekt: il est venuznbsp;„er ist gekommenquot; — dagegen Rust. Griesche d’Esté 27 Tant anbsp;venu; il est gëuz aber Compl. Rust. 98 uit mois . . a gëu. Dernbsp;Gebrauch bleibt frei; Oct. 407 Tant a alé, tant est venue. Auchnbsp;nachbarliche Beeinflussung scheint vorzukommen: St. Thom. brauchtnbsp;1829 i est alez, 2030 en sunt alê (vgl. 10C9 trop ad alé) — aber 260nbsp;A Rutnme Va mené, — Ptiis i ad tl sovent alé (lies estéë).

b) Gangart der Handlung oder Aktionsart.

Die Mittel, langsame, schnelle, durative, perfektive Gangart, Handlungsbeginn, Wiederholung, Ende auszudiücken verbrauchen sichnbsp;gern: lm Lat. bestand kein spezifisches Ausdrucksmittel für dienbsp;Aktionsart. Das Infix-sc- verlangsamte die Gangart: pasco „ich weidequot;,nbsp;expergiscor ,,ich werde munterquot;. Wir sahen, dafi der Sinn desnbsp;Infixes sich romanisch verlor (S. 222) — Prafixe gaben meist perfektivennbsp;Sinn: facio — conficio; duco — deduco : Terenz Eunuch 2, 3, 72 ducamnbsp;ad Thaïdeni, aber 61 hue deducta est ad Thaïdem. — Aber auch dasnbsp;prafixlose Simplex kann perfektiv sein: Plautus Poenulus l, 2 Menbsp;dtcet donari cado vini veteris : die : dari! „Ich soil mit einem Krugnbsp;Wein beschenkt werden; sag besser: mir soil geschenkt werdén.quot; Vgl.nbsp;Barbelenet (S. 222 cit.) S. 308, 405. — Die romani^che Vermischungnbsp;von dare — donare (obenS. 241) zeigt den Verlust des bedeutungsunter-schiedes. — Prafixe allerdings bleiben für die Aktionsart bedeutsam; dochnbsp;ist nur von Fall zu Fall zu entscheiden, ob nicht das Prafix den Sinnnbsp;des Simplex wesentlich verandert: So bedeutet recroire ,,seine Ansichtnbsp;rückgangig machenquot; gt; „sich für besiegt erklarenquot; (B 49, S- 75))nbsp;lat. respondeo von Barbelenet als „repousser par paroles magiquesquot;nbsp;(S. 397) interpretiert wird; re- bedeutet also raumzeitlich „zuiückquot;, —nbsp;recroire ist das Rückgangigmachen von croire. Dagegen gibt re- innbsp;repaitre „sattigenquot;, repu „sattquot; deutlich perfektiven, in repassernbsp;„plattenquot;, „schleifenquot;, deutlich iterativen Sinn (haufige Wiederholung),nbsp;wahrend repasser „noch einmal vorbeikommenquot; (einmalige Wiederholung: repassez demaint) auf der Grenze zwischen raumzeitlicher Be-

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Umschreibung.

stimmung und Wiederholung steht. — Auch Neubildungen dieser Art sind haufig, besonders mit inchoativer Bedeutung: B 136 s'en fuit^nbsp;268 s’endormi, R 4 me tresvit „erblickte mich“. —

Das Gefühl für die Bezeichnung der Gangart durch das Tempus kann afrz. nicht sehr bestimmt gewesen sein; Zwar wird man B32 grqntnbsp;-noise i out mit „da begann grofier Larm“ übersetzen. Allein mannbsp;beachte folgendes: B 360 heifit es bei der Geburt der Zwillinge: L’ainznbsp;neiz out a num Romulus „Der Alteste erhielt (inchoativ) den Namen R“.nbsp;Genau wie es schon Alex. 31 heifit: si out num Alexis „erhielt dennbsp;Namen A“. — Aber man vgl. B 328, wo das durative il s'appelaitnbsp;Mars genau so ausgedrückt ist: Mars out a num. Und so auchnbsp;Alex. 16 out a num li pedre „hiefi der Vater“. — Dafi auch Perfektnbsp;und Imperfekt miteinander wechselten, sahen wir S. 296.

Darum ist die Umschreibung des Verbs durch estre oder aler mit Gerundium zur Modifizierung der Gangart afrz. sehr haufig: Rol.nbsp;1779 Pur cel Ie fist, ne fust [apajrissant — Pur un sul l[i]evrenbsp;vait tzite jur cornant. „Dafür tat er dies, damit es nicht bemerkbarnbsp;würde — Um einen einzigen Hasen geht er den ganzen Tag blasen“nbsp;(Haase § 69). Unsere Texte verwenden nur die Umschreibung mitnbsp;aler: B 130 Li Troien vunt enchauchant statt enchducent „sie machennbsp;sich an die Verfolgungquot;, — R 79 Que vos iroie je disant „was solltenbsp;ich euch noch lange sagen“. Diese Umschreibung Gerundium mitnbsp;aler gibt durch den Sinn des Modalverbums und des ebenfallsnbsp;durativen Gerundiums gemachliche Gangart — zugleich aber mitnbsp;diesem Gerundium zahllose Reimworte, so dafi in weniger sorgfaltigernbsp;Dichtung, wie es das Kunstepos ist, die durative Nuance in dernbsp;Haufigkeit der Anwendung untergeht. In der Rede, dürfen wir an-nehmen, behielt die Umschreibung ihre verlangsamende Kraft. Dienbsp;Grammatiker des XVII. Jahrh. verpönten sie, wo aler nicht sinngemafinbsp;zu brauchen sei. Aber noch heute schreibt man: la race de Mm. lesnbsp;assasins . . . irait en s'éteignant. (Jules Simon Peine de Mort S. 45,nbsp;wozu Haase § 70 zu vergleichen ist.)

Ganz anders sind nun die zahlreichen Umschreibungen mit faire zu verstehen: „Machen“, „tun“ sind die allgemeinsten Tatigkeits-begriffe, die aus mannigfachen Gründen für speziellere einrücken, sonbsp;vor allem in Terminis Technicis: „Einen Berg machen'* (Sportsprache),nbsp;faire bourse (Bible G. 1386), nfrz. faire de 1’argent (Kaufmanns-sprache). — Wir sahen, wie fait il (R9) für dit il im XII. Jahrh. einrückt,nbsp;weil dieses mit dist il lautlich zusammenfiel, also nicht mehr eindeutignbsp;war (S. 231). — R 96 heifit es: Ie bouton qui mielz me plesoit —^nbsp;Que nus des autres ne fesoit. Statt eines zweiten plesoit setzt dernbsp;Autor das ,.Verbum Vicarium*', als Stilmittel zur Vermeidung der

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Negation.

Wiederholung, wie es in der Literatur bis heute gebrauchlich bleibt^). — In weniger sorgfaltigen Texten findet man Ausdrückenbsp;wie faites moi escoiiter, und es ist dem faire mit Inf. unserer Textenbsp;(B 23 usw.) nicht gleichwertig, denn niemand ist da, dem mannbsp;Silentium gebieten könnte, da es sich um ein Zwiegesprach handelt:nbsp;Es liegt also jene auch im Volksdeutschen wohl bekannte Um-schreibung: „Sie tun arbeiten“ vor, die auch bei uns vor allemnbsp;beim Befehl beliebt war: „Tun Sie still stehn!“ (Beitrage I, 3). —nbsp;SchlieöHch rückt für das tonschwache est vermutlich in einer Zeit, innbsp;der es an vorhergehendes go noch inklinierte (go'st): tonstarkeres faitnbsp;ein: ^0 fait a taire bedèutet ,,das ist zu verschweigen“, vgl. R 225nbsp;Chottse de gens qui face a tere „Privatangelegenheit, die zu verschweigennbsp;istquot;. — Dagegen zeigt R 204 11 fait bon escouter ,,es macht angenehmesnbsp;Horenquot;, fait an seinem eigentlichen Platze in der Bedeutung „ver-anlassen, vermittelnquot;, vgl. S. 315 und M. Brut 38 Duig reposer faitnbsp;sur les rives „angenehm ruhen laCt es sich an den Ufernquot;, Jules Simonnbsp;in Peine de Mort 1870, S. 13: il fait bon remonter la mer, und dazunbsp;nfrz. il fait bon, il fait beau, wo sich die Sprechenden keine Rechenschaftnbsp;darüber ablegen, wer „gut machtquot;, bzw. „schön machtquot;: Subjektlosenbsp;Verben der Naturerscheinung, denen die Sprache ein formales Subjektnbsp;gibt (Beitrage I, 31, S. 178).

10. Negation.

Haupttonig hat sich non als Satznegation erhalten: non. Auch diese kann im Ton zurücktreten, und so finden wir neben dernbsp;Tonform: j'e nón, B 183 se gaiant mm (vgl. R 367), in invertierternbsp;Stellung Nebentonform; nen il („das nichtquot;, nfrz. nenni, vor-vokalische Form), ne tu („du nichtquot;, vorkonsonantische Form). Vgl.nbsp;Beitrage I, l.

Die vorverbale Negation hat die gleiche Entwicklung, nur verhef sie chronologisch und mundartlich verschieden: In der Wallonië (undnbsp;im SO. unter provenzal. Einflufi) bleibt non afrz. als vorverbale Negationnbsp;brauchbar: Auf Gruppen beschrankte Bindung^) und fallender Akzentnbsp;zeigen sich hier in chavakteristischer Wirkung. Wendungen wie non estnbsp;(B 169), non ai sind natürlich dem schriftsprachlichen Einflufi gegen-über am resistentesten. — Die übrigen Provinzen aber zeigen bereitsnbsp;urfrz. die Wirkung der Satzphonetik, non wird zwischentonig zu nennbsp;(S. 122, vgl. voluntatem volentè) und in dieser Form generalisiert.

‘) P. Bourget, Phys. de l’Amotir mod., Preface, S. 11 ü prit Ie eerde en horreur comme il avail déja fait Ie theatre „Er faCte einen Ekel gegen den Klub, wie er esnbsp;sebon gegen das Theater getan hatte“. Diese Redeweise ist heute selten gebraucht undnbsp;zopfig (Haase § 71).

Eulalia $ nont = no ent.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Negation.

Den Branch des XI. Jahrh., den wir für diese Zeit, Wallonië und SO. ausgenommen, als gemeinfrz. ansehen können, mogen uns die erstennbsp;beiden Rolandtiraden zeigen: 7 ki deu nen aimet: nen ist zwischen-tonige, vorvokalische Form; geringere Bindung laGt diese Form auchnbsp;vorkonsonantisch (seltener) verwondbar bleiben: 1173 II nen set mot,nbsp;wobei allerdings die Lesart: n'en meist möglich ist. Bei enger Bindungnbsp;assimiliert sich auslautend n vorkonsonantisch; 9 Ne s' poet garder.nbsp;Diese kürzere Form wird nun auch verallgemeinert: 4 N’i ad castel,nbsp;5 n'i est.

lm XII. Jahrh. ist diese Verallgemeinerung infolge weitgehender Oxytonierung im Zentrum durchgeführt; Vorverbal ist nur nochnbsp;ne brauchbar. Infolgedessen wird das Füllwort, das ursprünglichnbsp;nur affektisch gebraucht wurde, mehr und mehr obligatorisch. Aufnbsp;dem Standpunkt des XI. Jahrh. bleiben die peripherischen Mundartennbsp;des O. (Lothringen) und des W. (R 370 nett ay honte) vorab nochnbsp;stehen; Die volle Oxytonierung und ihre Wirkungen sind das Charak-teristikum der Seine und des Gebiets zwischen Seine und Loire1).nbsp;(Rydberg, S. 912 ff.)

Die Negation wird durch FüUwörter, die ursprünglich Verbal-objekte waren, unterstrichen. Afrz. finden wir folgende FüUwörter: Die Glossen des X. Jahrh., Afrz. Übb. 36, 36, interpretieren nihilinbsp;mit ne mica, das ergibt afrz. R 56 ne . . mie ,,kein Bifichen“, ursprünglich bei Verben des Essens verwandt un.d noch heute das lothr.nbsp;Füllwort; — pas „Schrittquot;, ursprünglich bei Verben des Gchensnbsp;verwandt; — goute „Tropfen“, ursprünglich bei Verben des Trinkens,nbsp;nfrz. aber auf die Redensart je ne vois gouttenbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nient, noient

(R 239, nee 1ente(m) als Übersetzung eines germ, ni waiht.l’ — ne inde? REW 5882), das heute als nè im NO. negiert; — rien (rëm); —nbsp;guaire(s) S. 290; — point B 185.

In der alteren Zeit ist das Füllwort affektische Ausnahme und bleibt dies noch lange in den Mundarten, die lallenden Akzent be-wahren; so ist B meist ohne Füllwort; 16, 35, 37, 49, 53, 62 usw.;nbsp;mit Füllwort; 33. Solange diese FüUwörter affektisch gebraucht werden,nbsp;entkleiden sie sich auch ihres Sinnes nicht völlig: Erèc 5751 gni pointnbsp;porter an vossist ,,wer das Geringste hatte forttragen wollenquot; (vgl.nbsp;R 244, 373); Tr. B 69 li rois ne set — Que por lui pas vos aie ameitnbsp;„der König weiC nicht, — dafi ich seinetwegen Euch ein wenig liebequot;;nbsp;M. Brut 2006 N'i remeist riens . . . entiere (reimt mit piere) „Nichtsnbsp;blieb ganzquot;. Rustebuef braucht rien zwar noch positiv, stimmt aber

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Sonderbar ist Rustebuefs Redensart: je di for voir, non pas devitt (Elis. 429; Oder devine Elis. 921) „ich sage wahr, — wahrsage nichtquot;.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Negation,

oft nicht mehr überein'): Secr. 643 Ne trueve qu’il ait rien perdu „Er findet nicht, da6 er etwas verloren habe“. (Vgl. Haase § 51.) — Innbsp;der direkten Frage blieb dieser positive Gebrauch der Füllwörter: Vousnbsp;semblait-il pas bien injuste? fragt Voiture. Es ist unrichtig, diesenbsp;Fragen als durch pas (ohne ne) verneint anzusehen, w^ie es Haasênbsp;§ loi tut und sie mit heutigem dest pas juste zusammenzuwerfen.nbsp;Vgl. auch Zipperling, Vilain Mire 1912, S. 165.

Mit der Oxytonierung der zentralen Sprache wird ne zu schwach-tonig, urn zu negieren, und die Füllwörter werden, auCer vor affektisch betonten Worten obligatorisch: Dies ist in R bereits der Fall, und wonbsp;das Füllwort fehlt, — fehit es auch noch im XVI. Jahrh. ®). So ist innbsp;R ohne Füllwort: 73 ne sdi, 147 il ne puéf, mit F'üllwort: 14, 56, 58,nbsp;74 von ne plus (40), ne jamais (26), ne ónques (125), ne qué u. a. ab-zusehen. AuGer bei den affektisch betonten Verben pouvoir, savoir,nbsp;oser usw. fehlt das Füllwort noch: i. beim Imperativ: 1^8 ne t'esmoie,nbsp;247 ne te fardé — aber 245 ne l’i lesse pas remanoir. Die Ursache istnbsp;ersichtlich: Da der Imperativ affektisch betont ist, kann kein affektischnbsp;betontes Füllwort auf ihn folgen; lesse dagegen ist modal gebrauchtnbsp;und verlangt Füllwort. 2. Im Bedingungssatz: 182 Se mauvestié nenbsp;Ie te toult; Hier ist das Bedingende affektisch betont, und dieser Tonnbsp;verhindert oft heute noch Aussetzen des Füllworts; vgl. noch 223, 371,nbsp;381.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;3. Beim Konjunktiv: 234 gardes que tu ne dies, 327 que

vous ne Ie recè'ussiez, 332 ne vous anuie. Auch hier sind Optative und Potentiale affektisch betont. 4. Im 2. Teil von R schlieGlich istnbsp;der Konditional affektisch betont: 313 mestier n'aroie d'autre, 314nbsp;je ne priseroie'^). — Die Plutarchbiographien von Amyot zeigen, dafinbsp;im XVI. Jahrh. die Sprache an die.sem Punkte nicht verandert ist:nbsp;Affektisch betonte Satze haben kein Füllwort der Negation. — Dagegennbsp;ist im XVI. Jahrh. bei dem Westfranzosen Rabelais das Füllwortnbsp;noch entbehrlich und, wo es steht, affektisch betont. Ja, pas istnbsp;seines Sinnes anscheinend noch nicht entkleidet und steht nur beinbsp;Verben der Bewegung. — lm XVII. Jahrh. weicht allein La Fontainenbsp;vom schriftsprachlichen Branche ab und setzt das Füllwort nur da,nbsp;WO er unterstreicht: Auch dies dürfte nicht familiar, sondern östlich-mundartlich sein. — Volkssprachlich wird heute das Füllwort im Kon-

‘) Daneben braucht er als Füllwort oft genug nule riens, vgl. Secr. 27, Theoph. 50 und R 370.

‘f In anderen Teilen der Rose, vor allem in direkter Rede, ist affektische Be-tonung und damit Füllwortlosigkeit weitergehend als im Nfrz.; vgl. Bartsch 61, 24; 6i, 107 usw.

Die g'eiche Negationsmethode zeigt; E. Boileau Ztz/r^ des Mestiers. Auch hier ist der Konditional affektisch betont: S. Il, XL ja n’en parleroit aus juris. Füllwortnbsp;ist fast ausschlieClich pas, was für Paris als charakteristisch angesehen werden muC.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Infinitiv.

junktionalsatz aus der Satztonstelle genommen und der Konjunktion angefügt, um das Verbum an die Tonstede zu bringen: A. France,nbsp;Désirs de Jean Servien Kap. XVIII, yen ai deux . . pour pasnbsp;qu'ils ne s'ennuient. — Vgl. E. Lerch, Neuere Spr. 29, 1921, S. 6 ff.;

L. nbsp;nbsp;nbsp;Jordan. Die verbale Negation bei Rabelais, Festschr. Becker 1922.

11. Infinitiv.

Der Infinitiv ist seiner Herkunft nach ein Nomen, und so finden wir ihn afrz. wie im Deutschen auch stets in nominalerVerwendung:nbsp;B $2 dtl ferir . . . estrivent ,,sie wetteifern im Zuschlagen“, 256 belnbsp;chanter, 304 del tost aleir^)\ R 222 sans reprendre ,,ohne Tadel“^).nbsp;Er dekliniert auch wie ein Nomen, vgl. S. 186 lm Nfrz. hat sichnbsp;nur ein Teil dieser nominalen Inf. erhalten; so z. B.: B 343 lo baisier,nbsp;nfrz. Ie baiser, vgl. Flaase § 85. — Wo sich der Inf. mit einemnbsp;Transitivum als dessenObjekt verbinden lafit, bedarfesinfolgedessennbsp;keiner Verknüpfung. Subjekte und Objekte des Inf. werden als zumnbsp;Verbum Finitum gehorig gefühlt, das also modal fungiert: B 52 nenbsp;seit nuls d'els. . fiiir, lOi volt querre los „wollte Lob ernten“, 128 nenbsp;parent suffrir mal, R 115 cuidê . . . avoir vuidé „ich glaubte ver-gossen zu haben“, 132 je .. . latsse . . . totichier, 134 doit estre, 296nbsp;blasmer l’osai (Haase § 87). — Ein Gleiches, wo der Inf. Subjekt istnbsp;(Haase § 86): R 306 couvient servir, vgl. 185 il y convient poine, 317nbsp;m'estuet aler, und nach modalen Intransiti ven als Zweckbestimmung;nbsp;B 83 vait Ie ferir, 167 aleir querre. — Wo aber das Gefühl einernbsp;Richtung, Zweckbestimmung, Abhangigkeit bei einem sonst modal ge-brauchten Verbum vorwiegt, hat sich Praposilion eingebürgert undnbsp;zwar meist d. Dabei scheinen mundartliche Unterschiede mitzuwirken,nbsp;so dafi im Z. der prapositionslose, im NW. der prapositionelle Gebrauchnbsp;überwiegt. So sind folgende Verben bei Christian meist prapositions-los, in Texten der Nordgruppe meist mit d konstruiert: alernbsp;{d-. Passion, QLR, Comput, M. de Fr.); anvoiier (a; Theben,

M. nbsp;nbsp;nbsp;deFr., Rou); corre (a; Eneas, Theben, Rou). Vgl.Philomenanbsp;S. LX ff Wie frei der Gebrauch sein kann, zeigt Athis Tours 3329nbsp;me couvient . . fensser Et .. a remirer; wozu Ebeiing, Tobler-abhandlungen, S. 349 zu vergleichen ist.

Manche der im NW. üblichen Konstruktionen finden sich auch im Z., allerdings dann stets mit einem vom prapositionslosen Infinitivnbsp;abweichenden Sinn: Rol. 3715 mielz ne sai d parler, Yvain39i ne...nbsp;sai d dire, quel (wo W. F. in alteren Auflagen sai je druckte, vgl.

B 339 critnt l’esveiUier „er fiirchtet das Erwachenquot;; Acc. c. Inf. („er fürchtet, sie zn weckenquot;) ist nach criembre ungewöhnlich. Vgl. S. 290^.

•) Eigentlich: „Ohne getadelt zu werdenquot;; oft hat der Inf. passiven Sinn: R 225 Chouse . . . qui face a tere, nfrz. „qui doit être fuequot;; vgl. 258, 260.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Infinitiv.

Philomena S. LXIII, LXIV); also stets nach „nicht wissenquot; und stets in der Bedeutung ,,ich kann es nicht sagenquot;. Es dürfte unbe-stimmter empfunden worden sein, als ne sai dire (Mar. Eg. 138). —nbsp;Ne lessa son voloir a fere schreibt Rustebuef von Maria Egyptiacanbsp;(141) ,,sie unterliefi nicht, ihren Willen durchzusetzenquot;; vgl. nfrz.nbsp;laisser d penser, — d dêsirer „zu denken, — zu wünschen, übrig lassenquot;.

Wenn bei einem Transitivum die raumzeitliche oder kausale Be-ziehung zum Inf. starker empfunden wird als die Transition, so wird dies durch Praposition verdeutlicht, und ebenso beim Intransitivum,nbsp;soweit es nicht modal fungiert: Auf die Frage „in welcher Richtungquot;,nbsp;„zu welchem Zweckquot; antwortet d (bzw. pofj, und zwar bei Verben dienbsp;„anfangenquot;, „befehlenquot;, „zwingenquot;, „zu etwas seinquot; usw. bedeuten:nbsp;B 204 commencent a laboreir, R 91 atendu A rnoi poiirsuivre, R 145nbsp;est ententis A moi servir, R 295 la parole engrieve a retenir (nfrz.nbsp;est difficile a retenir).

Auf die Fragen „wonach, woher, (womit)quot; antwortet de, und zwar bei Verben wie „fragenquot; (quaero de), ,.aufhören“, „sich abmühenquot;,nbsp;„wetteifernquot;, und solchen, die Bedürfnis, Wunsch, Neid ausdrücken:nbsp;R 389 me requiers de gloser. Al ex. 85 De Deu servir ne ces set, R 174nbsp;se travaille de fere „müht sich ab zu tunquot;, B 52 del ferir estriventnbsp;„wetteifern im Zuschlagenquot;; — R 18 de keroler estoie envieus „vomnbsp;Tanzen her lüsternquot;; 168 talent e de fere „ich habe Lust zu tunquot;,nbsp;312 Mestier d'avoir, 224 te garde de retraire „hüte dich zu klatschenquot;;nbsp;also so, wie man nominal sagen würde: envieus de toi, garde-toi denbsp;lui, mestier d’argent, — wo die lokal-genetische Vorstellung deutlichernbsp;hervortritt. Heute überwiegt finale Bedeutung bei den meisten Verben,nbsp;die „Mühe, Freude, Interesse habenquot; bedeuten, vgl. Haase § 112b, S. 184.

Neben diesen Grundvorstellungen „woherquot;, „wohinquot; kommt die dritte „woquot; selten zu ihrem Rechte;. R 136 il a poine . . . En moinbsp;servir. — Zwischen „woherquot; und „wohinquot; schwankt der Ausdrucknbsp;oftmals: Bei „auffordernquot; kann man kausal denken; summundrenbsp;de (B 165, 166) oder final; Rustebuef, Secr. 253 li semont a dire.nbsp;Auch im gleichen Text kommt solches vor: M. Brut 705 purpensnbsp;d'envdir, 2155 pensent êt vengier. Dabei ist zu betonen, daC nfrz. denbsp;auf dem Wege zum reinen Formwort ist, weshalb man nun auch ilnbsp;convient de, commencer de sagt (Haase § 124, J. Sörgel, Über dennbsp;Gebrauch des reinen und praposit. Inf. Diss. Halle 1899).

Bemerkungen: Bei Koordination von Infinitiven fehien beim zweiten Infinitiv Praposition und Objekte, vgl. B 167, R 146.

Hat der Infinitiv ein Objekt, so wird die Zweckbestimmung im NO., aber auch bei Christian (Rydberg S. 585, Sörgel S. lo) durchnbsp;doppelte Praposition gern verdeutlicht: Erec iio Ne ving , . fors pornbsp;vos compeignie a feire „ich kam nur, um euch Gesellschaft zu leistenquot;.

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V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Partizip, Gerundium.

Der vorangestellte prapositionelle Infinitiv erhalt vielfach bestimmten Artikel, wird also als Substantiv empfunden und substantiviert: B 52nbsp;del ferir estrivent, 146 Del sevelir pristrent cure, aber \2 De biettnbsp;combatre cunrëeiz, 95 De hien ferir ne fu pas lenz. Christian setztnbsp;mit Vorliebe auch dann den Artikel, wenn der Inf. ein Adverb hat:nbsp;Erec 1414 Del bien aparellier se painne, vgl. Erec 282 Au repeiriernbsp;se sont mis, aber 1268 De herbergier 0 moi vos prt. Rustebuef bautnbsp;wie Christian; R dagegen: 18 de keroler . . . Estoie envteus, 20 Anbsp;regarder me pris. — Hat der Infinitiv ein Objekt, so verbietet sichnbsp;Substantivierung: R 92, 146, 169, 175 usw.

12. Partizip und Gerundium,

a) NT-Partizip in pradikativem Gebrauch.

Noch in der Vulgata heiCt es wie im kl. Lat. responderunt ei dicentes(Math.XII, 38); vulgar sagte man spater responderunt ei dicendo,nbsp;wie es in der Mulomedicina Chironis heiGt: macer fict destilles1nbsp;cendo (Festschr. zum Neuphilologentag 1906, S. 429): Das Gerundiumnbsp;ist an die Stelle des pradikativen Partizips geriickt. Als solches dientnbsp;es weiter zur Umschreibung einer Nebenhandlung (S. 226), trotz seinernbsp;Fiexionslosigkeit, auch wenn sein Subjekt mit dem der Haupthandlungnbsp;nicht identisch ist: B 168 Qu’en dormant li nuncha Diane „Diananbsp;meldete es ihm, wahrend er schlief“. Das Afrz. verdeutlichte solchenbsp;leicht miüverstandliche Konstruktion durch Pronomen; en son dormant;nbsp;die heutige Grammatik verpönt Gerundium bei Subjektwechsel (Haasenbsp;§ 95). — Die Umschreibungen mit Gerundium (B 130, R 87; mit ennbsp;B 129) wurden besprochen.

b) Partizip in attributivem Gebrauch.

Wie der Infinitiv ein Nomen, so ist das Partizip ein Adjektivum, und wie der Infinitiv (S. 3341) kann es den verbalen Charakter voll-kommen ablegen und in aktiver Form Passives als reines Eigenschafls-wort ausdriicken: café chantant ist gebildet wie café noir oder café-concert. (Vgl. Beitrage I, 7. Participia Prasentis mit Ausartung desnbsp;Sinnes, L. Spitzer Zt. 38, 363, der auf den Unterschied zwischen afrz.nbsp;und nfrz. Gebrauch hinweist.) — Das ist natiirlich beim TO-Partizip nichtnbsp;anders, und nach dem S. 326 Gesagten zu erwarten: So bedeutet B 93 1),nbsp;R l^entrepris nicht „unternommen“ sondern ,,unternehmend“, von intran-sitivem entreprendre „sich vermessenquot;; und R 343 saisie heifit „in Besitznbsp;gesetzt“ und nicht „in Besitz genommen“, von reflexivem se saisirnbsp;„sich in Besitz setzen“ (Beitrage I, 23 Part. Perf. aktiven Sinnes, S. 129.

1

B 93 kann auch passiv als „mitgenommenquot; wie Theoph. 73, 543 erklSrt werden.

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337

V. Ausgewahlte Abschnitte der Satzlehre. Partizip.

Das Part. wircl wie ein Adjektiv der 2. KI. flektiert: R 57 la bien chantanz; B 336 Troveie l'a süeif dormant. Die analogischen Femininanbsp;auf -ante wurden S. 199 besprochen.

Der formale Zusammenfall mit dem Gerundium, einstiges Fehlen einer Femininform haben dazu geführt, dafi man Gerundium und Partizip,nbsp;noch dazu unter dem irrigen Sammelnamen Gérondif, in einen Toptnbsp;warf und das attributive Partizip überall da als indeklinabel erklarte,nbsp;WO eine „verbale Rektionquot;, ein Adverb, oder ein Objekt dabei stand:nbsp;Danach sagt man heute une femme chantante, aber utie fe^nme chantantnbsp;bien oder chantant une chanson. Auf einem Irrtum beruhend, ist dienbsp;Regel doch heute ins Sprachgefühl übergegangen. Vgl. Lerch, Dasnbsp;invariable Part. Pras., Ro. F. 33; zu den Regeln des XVII. Jahrh.nbsp;Haase § 91.

c) TO-Partizip.

Auch die Kongruenz der Partizipien beim Tempus Kompositum ist freier als heute; ja von der Regelseligkeit der akademischen Gramma-tiken sticht sie weit ab: Meist wird das mit dem transitiven avoirnbsp;konjugierte transitive Partizip mit dem direkten Objekt in Beziehungnbsp;gesetzt, je nach Absicht des Redenden, auch wenn das Objektnbsp;folgt: B 353 Mise en avoit sa chane plaine, R 97 « prise une fleche.nbsp;1st das Partizip mit dem intransitiven estre konjugiert, so steht es imnbsp;Nominativ und bezieht sich auf das Subjekt: B 47 sunt acraventeinbsp;(-ati). Auch hier ist die Stellung irrelevant: B 44 que chauwe fu jusnbsp;la rime. Ein Gleiches beim Reflexivum: B 22 Brutus . . . s’est armeiznbsp;(armatus). Auch wenn das Reflexivum im Dativ steht: la langue menbsp;sui brules zitiert Tobler aus einem Fabliau-. Beitrag II, 8 „Kongruenznbsp;der Partizipia reflexiver Verbenquot;. Bürgert sich avoir als Hilfsverbnbsp;des Reflexivs (S. 328) ein, so heifit es natürlich: Parz. bien s'en otnbsp;garde donnée „er hatte wohl acht gegebenquot;. (Beitrage II, S. 60;nbsp;zum Nfrz. Haase § 92, 94; zu sibi: § 93).

Die Freiheit des Gebrauchs ist derart, dafi gelegentlich eins der mit avoir konstruierten Partizipien übereinstimmt, das andere nicht:nbsp;Je ne cuit home jusqu’a la Mer Betée, — Qui tante paine ait sousferfnbsp;n'endurée „ich glaube: Niemand bis zum gestockten (Eis-) Meer, dernbsp;solche Mühe erlitten oder ertragen hattequot;. Ebeling bespricht dasnbsp;Beispiel mit anderen, welche die auch hier vielfach beobachtete afrz. Vor-liebe für stilistische Abwechslung zeigen (ToblerabhandlungenS.352).

Beim Tempus Kompositum ist die Stellung afrz. noch frei, ja zwischen Hilfsverb und Partizip können allerhand Bestimmungen treten:nbsp;B 31 quant venu fti, 41 i out lo jur trenchié, R 53 /f ot s’amie fait. —

Jordan, Ahfranzösisches Elementarbuch. 22

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338 SchluCbemerkung.

SchluBbemerkung.

Es ist versucht worden, dem Lernenden in abgestektem Kreis eine Summe von Kenntnissen zu geben und ihn zu iiben, die Zusammen-hange dieser Kenntnisse zu durchdenken. Bei diesem Denken ist ernbsp;geiibt worden, auf die physiologische Bedingtheit alien sprachlichennbsp;Geschehens zu achten und damit die Grenze möglicher psycholo-gischer Begriindung zu beachten. Die gewonnenen Fahigkeiten undnbsp;Kenntnisse dienen bei weiterem Studium gleichsam als „Logarithmen-tafeln“ (Schuchardt, Zt. 1920, 605).

Ob dieses Studium nun ein literarisches wird, oder grammatisch bleibt, alles Fürdere ist Horen und Lesen: Man lese die lateinischennbsp;Autoren von Plautus bis Gregor von Tours und Fredegar; die Alt-französischen von den Eiden bis zu Antoine de la Sale; von dennbsp;Mittellateinischen, was sich durch die zahllosen literarischen Zusammen-hange ergibt. Gröbers Grundriü kann als trefflicher Führer dienen.

Aber man bleibe beim Afrz. nicht stehen: Denn das Afrz. ist ein Rumpf ohne Kopf. Man mache erst Halt, wenn man die heutigenbsp;Sprache beherrscht und ihre Mundarten kennt: Denn jedem, der sichnbsp;mit dem Lesenkönnen einer lebenden Sprache begnügt, fliefien dienbsp;Fehlerquellen reichlicher als sonst, und er sieht nicht, daC es ein ansnbsp;Leben, an Raum und Zeit Geknüpftes ist, das er studiert.

Daraus erhellt auch, dafi dies elementare Lehrbuch fehlerhaft und verganglich ist: So blicke der Lemende nach alien Seiten und vorabnbsp;nach rückwarts und komme durch die ihm vertrauten grammatischennbsp;Werke zur Grundlage: Friedrich Diez’ Grammatik der rom. Spr.;nbsp;durch die Chrestomathien von Pirson und Diehl zum Corpus In-scriptionum Latinarum und Schuchardt’s Vokalismus desnbsp;Vulgarlateins; zu den Pionierarbeiten. wortgeschichtlicher Forschung:nbsp;O. Schrader’s Sprachvergleichung und Urgeschichte, Jena 1883,nbsp;3, Aufl. 1906, desselben Linguistisch-historische Forschungennbsp;zur Handelsgeschichte, 1886, A. Darmesteter’s, La Vie des Motsnbsp;(Paris 1886), und Schuchardt’s Aufsatzen zur Methodik derWort-geschichte (Zt. 24, 589; 27, 609; 28, 316). Das Durcharbeiten einernbsp;der grofien, oft zitierten Zeitschriften, auch Meringer’s Wörter undnbsp;Sachen, empfiehlt sich, um den Gesichtskreis zu erweitern, und kannnbsp;den Anfang eines bibliographischen Zettelkatalogs ergeben.

Und schlieClich blicke er mit denselben Hilfsmitteln nach vorwarts zur Forschung.

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Glossar-Index.

Tobler bedeutet: Adolf Toblers Afrz. Wörterbuch ed. E. Lommatzsch, Berlin 1915 ff. BloCe Zahlen beziehen sich auf die Seite.

A.

A (ad), a ceste R 157 avu celle-la; vgl.

nfrz. fermer a clef abitast wohnte 145

acainte B 344, lies acointe „erkenntquot; im biblischen Sinn, vgl. St. Thomas Vers 314nbsp;Quida cil ke il fust od la Damme kachez, —nbsp;. . . il li ert acuintez. Zum Reim S. 69 f.nbsp;acesmez R 37 geschmücktnbsp;achaindre umfassen 175nbsp;acraventei zu Boden geschlagen iii, 140nbsp;acueil Vbsubst. von acollir (colligere) vgl.

bel acueil und S. 226 adamagier Schaden zufügen B 6, S'. 94, loi;nbsp;vgl. damage

adentei auf dem Antlitz B 48, S. 100 ad^s sofort, immer R 268; vgl. Tobler,nbsp;Passion 122 und J. B. XIII, i, 183nbsp;ag(u)ait Hinterhalt B 7, 120, S. 133 guaitenbsp;agenoillié 101

aignel Lammchen B 115, S. 86 aigre 156

aigue(s) B 180, S. 157, 158, 307 aillurs anderswo B 167, S. 114, 202; ailleursnbsp;kommt bei Audefroi li Bastart vor. Danbsp;dieser frei 9 vor R sonst nicht verschiebt,nbsp;diirfte die Form überfranzisch sein. Vgl.nbsp;G. Ste. S. XXXnbsp;ainc B 325 jemals, S. 305, 315nbsp;aincois, anchois sondern 143, 316nbsp;ains (amo) R 123, 276, S. 239nbsp;ainz eher B 94, S. 291, 316. Tobler S. 243nbsp;aire S. 125; Tobler S. 252. Dafi agernbsp;Buchwort war, zeigt Reich. Gl. 84nbsp;ager: campusnbsp;aï(s)t 116, 253^

al = ad ilium B 106; als = ad illos B 112, 122, 171nbsp;alcun 220

aleir, aler 175; iroie 288, 298, 330 alteil, auteil B 257, 263, S. 167nbsp;amant 77, 252nbsp;ambedoi B 109, R 62, S. 145, 205

ambes B 47, S. 205

amende bessert sich R 203, S. 88

ament helfe R 283, S. 77, 88

amenuisoit nahm ab B 163

amer aimer R 202, 284

amie 66, 114, 216

amoie 264*

amot 267

amour S. 81, 184

ampres R 265 = emfres (in pressum), vgl.

apres S. 146 ancien 86nbsp;anges 77, 173nbsp;antiu 4‘, 158nbsp;anuie ennuie 68, 95nbsp;apeler 252*nbsp;apercëu 141

aperciurent Perf. v. apercevoir 72, 279 apiau R 158, S. 172, Tobler S. 433nbsp;Apollin (Apollinem) B 152nbsp;aprens ich unterrichte R 133, S. 77, 229,nbsp;239, Tobler S. 468nbsp;apris unterrichtet B 193nbsp;aprisme R 287, S. 251nbsp;aprison Lehre R 149, wird oft im pejorativennbsp;Sinn gebraucht,nbsp;apuie 95

ara R 213, 342; aroie Condic. R 308, S. 288

arcvolu, arvolt Spitsbogen B 149, S. 161

arme B 92, S. 175

armeiz (armatus) ïoo, 282

arrest 103

arriere 110

as aux R 197, S. 213

asamblent s’ versammeln sich B 142

assaille 103

assalt 262

assemblei (?assimulati) versammelt B 194 assez sehr viel S. 40, 165; vgl. Tobler S. 592nbsp;assis 284; est assise 326nbsp;atalenter zusagen B 184, R 176, S. 145


22 *

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340

Glossar-Index.

atant (ad tantum) B 324 atendu R gi getrachtetnbsp;atour R 30, vgl. tur; atournee R 80 her-gerichtet

aucun, aucunui Eracle 4315, Dial. Greg.

9, 21, S. 221 aumosniere 104nbsp;auques R 34, S. 202nbsp;aus B 224, 225, S. 76nbsp;automne S. 127; Athis 5989 autunes; meistnbsp;hilft man sich mit dust „August*', ,,Ernte“,nbsp;fin t{esté (Cligès 1052), setembre (Rég. dunbsp;Gors). Vgl. L. Spitzer, Archiv 13S, 419nbsp;über Unvolkstümlichkeit von ver; afrz. vernbsp;„Frühlingquot; kommt Athis 5971 vornbsp;autre R 305 nfrz. autrementnbsp;autretant R 232 autant S. 207nbsp;aveir (habere) subst. Inf. Beute B 140nbsp;avenans zukommend, passend R 319nbsp;avendront sie werden erreichen R 286nbsp;aventure Abenteuer S. 122nbsp;avivre s’ B 51 lebhaft werdennbsp;avoir out (habuit) 817,55, 121 ëust (habüisset)nbsp;B 59, orent (habuerunt) B 213, 8,280, 285nbsp;avuec 136, 141

B.

Bacheleirs (baccalaris) Jüngling B 141; J. B.

Baieues Bayeux S. 158 nbsp;nbsp;nbsp;[13, i, 227

bailler (bajulare) loi, 287®

baniere Banner 174

banlive 158

barun 81, 187

bataille 103

beaucoup 221

beaus 86 f., 197

bel acueil Personifizierung höflichen Emp-fangs R 349

belle 86, bel, beu 87, 172, 197, 315 bénir 225, 283nbsp;berbiz 73, 130, 168

berser R 108 jagen, pürschen. Woher? Oc-tavian 2678 bersaire „Marterpfahlquot; laCt auf Entlehnung etwa aus dem It. oder Prov.nbsp;schlieCen: Latinismuskommt nichtinFrage.nbsp;bésicle S. 166nbsp;besier baiser R 76, S. 101nbsp;besoin S. 163nbsp;bien S. 86

blans weifi, glanzend B 103, S. 138 blasme R 232, S. 164nbsp;blast 236nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[R 187

blece von blecier (germ. *blettian) verwanden

boin s. bon

boisie (bausi „Bosheit*') B 367 bon S. 82, boin S. 93. Meine Erklhrungnbsp;wird gestützt durch Schreibung und Reim:nbsp;Athis Tours 3625 coins (comes): boins^nbsp;Turiner Rigomer (ed. Stengel 1905)nbsp;249 boins: quens

bos Wald B 5, 13, 371, S. 83, 192 bouche 82, Zt. 38, 32nbsp;bouchier Metzger R 133, S. loi*, 104nbsp;bout, de bout S. 232; vgl aitch Herzog,nbsp;Lexikalisches aus Macé de la Charité.nbsp;bretanz B 236, vgl. romanz S. 138, 202nbsp;bretelle, bertelle 168

bretesche S. 199; vgl. Rou, Bd. i, S. 159, Vers 3322 As breteskes monterent e al murnbsp;krenelé ,,auf die B. und auf die Mauer-zinnen stiegen sie“: nfrz. bretéche ,,Zmne“.nbsp;Auch auf Schiffen gab es solche: Buevenbsp;II, 4420

brief kurz. B 216, R 260; S. 85, 198 briement B 293, R 257, S. 143, 202nbsp;buisines Plörner, B 29, S. 109, 154nbsp;burs, bourc nfrz. bourg 161

C,

Ca R 9 (ecce hac) hierher S. 314; vgl. cha caisne Eiche 164nbsp;caplëiz 64, 143, quot;45nbsp;car 100, 153, 318

ceint, ceinture Gürtel R 35, 44, S. 67 cel B 40, cele B 81, cels B 239, S. 217nbsp;cembel Liirm )gt; Kampf S. 86, 152 (cim-bala ist die larmende Klosterglocke: Ysen-grimus I, 446)nbsp;cenz 147, 206nbsp;cevaliers 104, 140, 153nbsp;cha 152nbsp;chalt 243nbsp;chane Kanne 174nbsp;chantanz 199, 263

chanvre 168; Christian reimt Lanz. 5551 ianvs (ténuis);nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;in ö. Form

chaoir 224; chauwe, chau 67, I44 f. chapel 143, 172nbsp;char 85, 107nbsp;charge 37; chargier 246nbsp;chartre, charcre 150quot;, 161nbsp;chascun 220

chastel (castellum) B 24, 139, 144, S. 153 ch4taigne 105 f.nbsp;chauciez beschuht 282nbsp;chaus, chauve 201


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341

Glossar-Index.

geringfügige Sache

cheveus 76, 98, 192 chiche Kichererbse =

R 313, vgl. S. 156 chief R 78, 193, S. 30', loi, 184nbsp;chier (camm) B 94, 117, S. loi, 315nbsp;chieres Haupter 85, loinbsp;chiet 252

cho, co B 119, 154, 165; ce R 153, S. 152, 219

chouse (causa) R225, S. 96, vgl. C. Zipp er-ling, Vilain Mire^ Halle 19*2, S. 140 cil B 19, S. 217nbsp;cierge Hirschkuh 144, 169nbsp;cire 72

eist R 201, S. 217 citeiz 100, io8, 143, 152, 189nbsp;claime 105nbsp;claint 175, 252

clameiz (clamatus) B 56, S. 252^ clamer (clamare) 252*nbsp;clarteiz Helligkeit B 18, S. 189nbsp;clef 99nbsp;clere 99

dot (claudit) B 278 coche (cocca) Kerbe R 99nbsp;coilles Hoden R 354

cointes S. 201, cointise R 49, 240 cointerie R 239 Eleganz, vgl. S. 312nbsp;coivre 155

col Hals 94. I34^ 172 colcha, colchierent loi, 160, 273*nbsp;coleir (colare nfrz, couler) gleiten B 107,nbsp;S. 247

come 81, 292 comencier 123, 150, 177nbsp;comete, fem., Athis 5948, im Reim mit linbsp;planete, S. 184nbsp;commant (commando) 237nbsp;compai(g)ne Gesellschaft 105, 177, 303nbsp;compains, compagnon 188^nbsp;con R 19S, S. 292

conchie (concacat), conclue S. 301, R 290 confanon (frk. gundfano) Prafixtausch ausnbsp;gon/anon ,,Fahne“ R 141nbsp;conquise 284

conreer herrichten, ausrüsten, B 12 cunrëeiz

S. I4S

conrei Rüstung 69

conseil S. 71, 76, conseilla B 3 beriet conter 144

contraire Widerwartiges R 6 contre 94, 3*4

contreie (*contrata) Gegend B 189, vgl. S. 145

cops Schlag B 107, S. 94, 118, 125, 132, *34*, 144. 172

cornere (corn-aria, vgl. engl. corner) Ecke;

lies corniere (; ariere) B 248 corre, cijrt lauft B 75, S. 82, 224, 246nbsp;cors (cornu) Hörner B 29, S. 184, 303nbsp;cors (corpus) 184, 191nbsp;cortoisie 85, vgl. 70nbsp;cosins III und Nachtrag, 163nbsp;coudre 164, 226, vgl. couznbsp;couleur 81, 184

couls (cous, Obl. eotip; von coufert) Vgl. L. Spitzer, Wörter der Liebessprache,nbsp;Leipzig 1918; „Hahnreiquot; R 345.nbsp;coustume, costumiere S. 67, 104nbsp;couvent (conventum) Abmachung R 72nbsp;couvient (convenit) il convient R 306, 352,nbsp;S. 334

couz couds R 246, S. 81, 247, 263 covenent das Nötige 76*nbsp;covent (= couvent, Umgehung des Augen-reims, vgl. S. 91) R 282nbsp;covert 284

crëi 114, 271 f. und Nachtrag creit glaubt 69nbsp;cremit, cremut 269 f.

Crestïienz 105, 155 crez = crëez 263nbsp;cria créa 116, 252nbsp;crient 175, 247nbsp;crinz (crinis) 176

criz (von crier) Geschrei B 32, S. 153

croissoit wuchs B 162, von croistre (cres-

croiz 83 nbsp;nbsp;nbsp;[cere) R 400

cruels B 126, crueus R 233, S. 73

crues B 196 Höhle S. 90

cuens, conté 187

cuér R 158, S. 91, 92, 184

cui 219 f.

cuidé (cogitavi) = cuidai R 14 vgl. S. 102 cuidier glauben I13 Nachtrag, 147!., 251;nbsp;culcha s. colchanbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[s. quide

cun — s. con; — cum s. com cure Interesse, Sorge B 35, 146, S. 21, 67

D.

daerain, derrain, dernier S. 105, 167. Rou braucht daerain 3022, aber dareinementnbsp;3014; ma fame darrentere Complaintenbsp;Rust. 5

Damage, dangier S. 94, 174; beide Worte kommen in ursprünglicher Bedeutung Rounbsp;866 vor; Die gegen den Adel aufstandigeu


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342

Gloss ar-Index.

Bauern sagen; Pur quei mis laisst^m da-magier? Metum nifs fors de liir dangler! „Warum lassen wir uns schiidigen? Herausnbsp;aus Hirer Herrschaft!*'nbsp;damoisiaus 94nbsp;danz 94, 125

de bonnaire von guter Art 125, vgl. aire decëu dé(u R 292, vgl. apercëunbsp;dedenz drinnen 202

Deduiz das gesellige Vergniigen 67, 312

defers draufien 141, vgl. fors

degré Stufe 99

dementres wahrend 202

demeure (Vbsbsf. von demeurer) Ruhe R 185

demis halb R 274, S. 108

demorance Pause R 12; zum Suffix S. 107

demostra B 349 (demo(n)stravit), nfrz.

démontrer, Lehnwort depart! verteilte B 238nbsp;derriere no, 314

des (de ex) seit B 43; vgl. des que desclos geoffnet B 102, vgl. S. 284nbsp;descouvrut 271

deserte (de-serv-ita) Verdienst R 376 desguisee (guise S. 163) von der Weisenbsp;abstechend gt; eigenartig R 47.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;282 gt;

verkleidet (Mort Artu S. 23) des que = dusque (de usque) des (seit) gt;gt;nbsp;bis B 43, 106

desroi Unordnung B 365 (vgl. conrei) dessouz 82nbsp;destre 86, 147

destrier Rofi B 81, .S. loi, Zt. 40, 526 detrenchier zerhauen B 116, S. 112, 113nbsp;devinëur B 253, S. 169*, S. 108, 188nbsp;deving R 150 S. 282nbsp;devise (von deviser') Plan, Absiclit R 102nbsp;deviser (divisare teilen): devise setzt aus-einander R 201nbsp;di 231nbsp;Diane 105

diauté R191, nfrz. dialthee Salbe ausEibisch-saft, vgl. Régime du Corps dies (dicas) R 234, S. 258nbsp;diex lies dieus R 198, S. 90; x ist Kiirzungnbsp;diroi = dirai R 24, S. 287nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[fur as

dis (dies, decern) 185, 151 disme, diesme 206

disner, dinner essen S. 164, 253, 325; vgl.

Z. f. 40, 2, 102 dist (dixit) 64, 154, 231nbsp;dit Wort, Spruch (dictum) R 303nbsp;divise (v. divisare ^ diviser) Anteil B 201nbsp;doble, dobler en treis (Rol.) S. 207*

doevie (M. Brut) 70, 254

doi, dei (debeo) 244

doi Finger 148

doi zwei s. dui

doiz R 138, 254, S. 147, 253

done R 16, 153, 1. dont S. 137, 220, 294

donna 174

dorez 112

dorment 93, en dormant 336

dos 93, 128

douce 198

douroi 287

dous, deus 78 f., 205

dout (lt;^ dot) R 173, S. 236

dreit Recht, dreiz recht B 174, S. 109, 192

Dreux 80

driierie R 52 Neigung, R 238 Minne duels (dolus) Schmerz B 154, S. 90nbsp;dui 84, 205

dunzel junger Herr B 145, .S. 94, 121^ duols vgl. duels B 112, S. 90nbsp;dus Herzog 156nbsp;duze 121

E.

E = ai (habeo) R t68, S. 103, 235 eau s. aigue

edage Alter B 237, Jugend B 155, S. 145 edifi'ier 114, S. 140

eincois = aincois friiher, eher R 382, S. 291 eirt (erat) too, 268’

eissir heraiisgehen, ist (exit) B 120, S. 248, B 10 eissi S. 65, 156, B 24 eissuz S. 66 f.,nbsp;82, istra B 4, S. 287nbsp;el, ele, els S. 209 f., 212nbsp;embelir 226

embuschier verstecken S. loi, J59; davon s’embusche B 13 versteekt sichnbsp;empegier S. 160; vgl. MisereredesRenclusnbsp;1194 emfegié: plegiênbsp;emperere, emperëour 117, 183, 187nbsp;en, end davon B 4, 46, S. 135 und Nachtragnbsp;en = 0» R 177, S. 112nbsp;enarchiez (arcus) gewolbt R 6gnbsp;enbesoigniez in Not B 72, vgl. S. 163nbsp;enchainte enceinte 77nbsp;encharja trug auf R 198, vgl. chargenbsp;enchauchant verfolgend 158, 330nbsp;encisee ausgeschnitten R 48nbsp;enclume 67nbsp;! encre 168

; encuntre (incontra) gegeii B 191; vgl. -S. 314 ' enfer 176


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343

Glossar-Index.

enfraite (*infracta) B 223 engin S. 89

engrieve belastet R 259, S. 85 enjoing (injungo) R 265, S. 84, 177nbsp;enrommance ich übersetze R 214, S. 237nbsp;ensemble 126

entaille Inschrift B 150, S. 306 ententilx aufmerksam S. 65; entendre auf-merken R 202, 211nbsp;entesa (intënsare) spannte R 100nbsp;entre 147, entroblie B 322 s. oblienbsp;entrepris unternehmend B 93, R 14, S. 336nbsp;entreroiz Fut. von entrer 73, 286nbsp;envai griff an B 123nbsp;envïeus 81, 148

envoisie gewandt R 3, 57, S. 85, 102 erberc, erberge (Reich. Gl. 874) S. 24, 257nbsp;ert 85, 268

ert (erit) R 302, S. 85, 288 es 165, 232

es (in illos) B 181, 196, S. 213 escapa (*excappavit) entschlüpfte B 373nbsp;eschiere militar. Abteilung B 97, 121, S. 85,nbsp;loi

eschirer 159

escient a- R 336 mit Bedacht S. 76® esclos (ex clausos) umzingelt B 370nbsp;escole 93nbsp;escremissent 222

escrit Schreiben = des Dichters Quelle B 177, S. 64, 3Ï2

esdrecha (zu directiare ^ drecier) richtete

B 85, 261, S. 109 esgart (egard) Wahl B 241nbsp;eslëu R 95 élu S. 283nbsp;eslongiez entfernt B 71; vgl. S. 84nbsp;eslongna B 74 entfernte sich ; zur .Schreibung'nbsp;S. 177

esmay Aufregung 7° esmeré R 156, .S. 103

esmoie, 1. esmaie von s’esmaiier .S. 70 sich aufregen R 178

espandent s’ (expandere) breiten sich aus B 202

esparnent s’ verschonen sich B 33, .S. 106, 318 (sparniavit Reich. Gl. 1008)nbsp;espaule 107, 146 und Nachtragnbsp;especie s. espicenbsp;espeie Schwert B 91, S, 163nbsp;espice 151

espïier (germ, spehon) auskundschaftenB 187, R 92, S. 114nbsp;esploit 71, 125nbsp;espoing 256 von espondre R 218nbsp;espoir R 302, 393, S. 245nbsp;essaim S. 59*

essoine R 254 Entschuldigung S. 70, 83 f. estorcier s’ S. 150*nbsp;estorie 84

ester stehen 232, 241

estors Kampf B 8, 38, 60, 126, S. 82, 125, 163 esrajast B 377, esragoit B 379, arrachernbsp;S. 119

estranglent 106 und Nachtrag, 160 estre B 234, S. 164, esteit'B 16, S. 73, 264*,nbsp;268, estoient B 132, fussent B 132, S. 285nbsp;estrif Streit S. 138, strivast B 225, S. 163,nbsp;estuet R 317, S. 92, 240, 250nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[334

estuz S. 80, 82®, Reich. Gl. 909 fatui: stulti, II19 socors : stultus, Kass. Gl. 224; afrz.nbsp;in volkstiiml. Dichtung Synonym von folnbsp;(Oct. 712, Turiner Rigomer 83^; innbsp;aristokratischer = „stolz“: Athis 5244nbsp;estouz ne orgnillosnbsp;esveillie 282nbsp;ëust R 295, S. 114nbsp;evos (ecce vos )gt; esvos) B 324

F.

Face (faciam, facies) S. 103, 148, 185, 259, facons 81nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[301

faille (*fallia S. 223) faire faille fehlen B 45, 247; metre a faille vernichten B 70nbsp;faillir S. 41, 223, 261, 283nbsp;faillit, falut 271; failoit 41, 264'^nbsp;faimes, faites S. 178, 229; fait „sagt“ S. 231nbsp;faintise (fingere) Verstellung B 365nbsp;faire : fist S. 154, 276, faz S. 148, 258, B 247,nbsp;fesoit R 97, fait 284, fëist 284; faire knbsp;faiz = faites 244nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;_nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[S. 301, 331

faut R HO, S. 41

fel S. 24, Obl. felon S. 187, R 233 treulos. Nach Gamillscheg Zt. 41, S. 633 khmenbsp;das Wort, wie auch fol, von dem gall. *felnbsp;„betrügenquot;nbsp;femme 87, 174, 175

fendi spaltete B 87, fent B 106, fendre S. 65, 175

fer (= faire) 224, ferai 288, fesoit 330 ferant (von ferir) Kampe B 108nbsp;ferir iio, 247, 334, feru 282, 326nbsp;fers, ferm 197

fes „Menge“ R 115, „Last“ R 136, .S. 150 fes (facio) R 138, S. 259nbsp;fet (facit) R 279

fi (fidum) B 348, de fi meinet Tveu


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344

Glossar-Index.

niz 89, 173 firent, fistrent 276 f.nbsp;flame, flambe 174nbsp;flans Flanken 133^nbsp;fléau 116, 162

fleche R 98 cache)', nach ALF 581 kommt flcej heute in der Bretagne vor; lies floche?nbsp;fois (fuscum) 201nbsp;foiz Mal 71, 140, 154nbsp;fol (föllem) fou R 287, 296, S. 197, 198,nbsp;vgl. fel

folages R 42, S. 112, peus nbsp;nbsp;nbsp;Wirrhaare

force 93, 183

forez Walder 86, 147

forment 88, 112, 147

fors „hinaus'‘ B 4, ,,aufier“ B 61, S. 93, 202 forz (fortis) B 112 S. 196, 198nbsp;fourmez (formatus) 83, 282nbsp;fox lies fous, s. fol; vgl. dicxnbsp;frail (fragilem) 12^^

France, franceis 25, 71, 73, 15S frans frei, edel 77nbsp;freis, fresc 71, 159, 197, 201 f.nbsp;fri9on 185

fronce Runzel R 68. S. 83 fronde 168

fructifïable B 178 fruchtbar fu Feuer 96nbsp;fui, fu 279

fuir 65, 245, auch Villon braucht foair fi^ldres Blitz B 75, S. 82, 84, 184nbsp;funt 233

fusses (fuisses) 285 fust (fuisset) 285

G.

Gaeignable Gewinn bringend B 179, S. 116

gage 119’'

gaiant S. Ili, 153

Gaiffiers (Waiofarius, Fredegar) S. 113, 154 gaïgner gewinnen B 206, S. 116, 123nbsp;gaires viel B 84, S. 125, 202, 290, 332nbsp;galeise galisch S. 73, 199nbsp;galounee (woher?) R 81, S. 153; vgl. Athisnbsp;2614 Les chevols . . . d’orfrois treciez;nbsp;Variante: trecié , . . d’un fil d’argent iindnbsp;Tours 2716 irecëors statt galon

gap 153

garant Schütz B 62, S. 107; nach Z. f. S. 46, 1921, S. 227 ist frk. whrjan „beweisenquot;nbsp;das Etymon. (M. L.)nbsp;garde 264, 326

garison (warjan) guérison R 189 garra guérira R 192, S. 288

gast brach 133 gastine 65, 133

Gauvain (Galbanus) Artusritter R 230 gemel lli

gent (gentem) Volk B 218 usw., S. 131, 191 gente (genitam) R 31. (Auch die Herleitungnbsp;von einem Gen. qual. gentis ist denkbar.nbsp;Vgl. Arch. 128, S. 138^)nbsp;gentilx 65, 200

gisent, gist 104, 252; gisoit 264*; Auch gesoit kommt im Fabliau vor: Tobler-abhandlungen S. 340, Vers 230 ff.nbsp;glosastes (griech, glossa ,,Glossequot;) R 359,nbsp;Perfekt von gloser ,,umschreiben'‘nbsp;gobe S. 96, 153; vgl. Rust. Grieschenbsp;d’Yver 65 faire Ie gobe „eitel seinquot;,nbsp;goie 97, 148, 153nbsp;grailes Trompetenart S. 121, 157nbsp;graindre B 8, 161; greigneur R 153, S. 204nbsp;gramaire 169nbsp;grant 195 f., 202nbsp;grelle R 35, S. 121, 157, 195nbsp;grève-groue 140, 158nbsp;gries B 354, grieve S. 247nbsp;Grius (Graecus) B 373, S. 90nbsp;guernon R 41, S. 81

guerpir verlassen B 129, 166, R 222, S. 222, 223, 284nbsp;guerre 133nbsp;guïeras 114

guigner (ahd. hwinan) sich zieren R 247 guise B 223, S. 133, 163

H.

Habitations 140

haïne (hat-ina) haine R 373, S. 115 haioit 251, 264®nbsp;halbercs S. 133*

hardement Kühnheit B 60, 73, S. 88 hardiement kühn B 78, 123, S. 88nbsp;haraine (arena) B 313

herbergier herbergen, unter Dach und Fach bringen B 209, vgl. erbercnbsp;home(s) S. 82, 94, 124, 174, 183, 187nbsp;hons R 135, 238, s. homenbsp;hore B 269, S. 146*nbsp;hui B 32, S. 67nbsp;huns s. homenbsp;hus, huis s. us

I., J.

I B 41, 42, 46, 208 usw.. S. 134, 290 ja (jam) déj'a R 199, ne ja jamais R 342,nbsp;348, S. 131


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345

Glossar-Index.

jadis 202 jalous 84, IIInbsp;jambe I44, I53nbsp;icho = cho, co B 127, S. 217nbsp;icil = cil B 63, icel = cel B 99, icele =nbsp;celeB 158, i66icels = celsB 363, S. 216 ff.nbsp;ielz 95, 157, 173nbsp;iert vgl. ertnbsp;ies, iestes 232 f.nbsp;il B 125, S. 209

iluec (lat. illöc „da“ -j-loco), illec R III, S. 91, 136nbsp;infernal 100

innelepas 143, 176, 202 joel, joiau 100, 154, 172nbsp;joli, joli{v)e 201

jors Tag B i, 8, S. 131, 145, 176, 309 f. ire (Ira) R 373

iriez (jr-iatus) erzürnt B 89; iriet steht M. Brut 1000 im Reim mit cungietnbsp;isles, ille 185

issi (exivit) R 125, S. 248, 274 ist, istra 164, 248, 287, 299nbsp;juevnes B 141, R 43, S. 92, 143nbsp;jui (jecui) 279nbsp;juges, jugere S. 126

jus (dgorsu )gt; jusu, Reich. Gl. 947, nach su(r)su(m)) hinab B 44nbsp;juvencels (juvenis -cellus) B 101

K.

Këir, kair 224 keroler R 17, 18 s. querolenbsp;Keuz Artusritter R 226, 232, S. 73nbsp;ki S. 153, 219

L.

La dort B 151, S. 135 laboreir 247. Eine sichere Stelle mit dernbsp;Bedeutung „arbeitenquot;: Bueve II 9354 lanbsp;gent... De tons mestiers laissent Ie labourernbsp;lait, laie 200nbsp;lasseie (lassata) 282nbsp;laz R 51, S. 103, 158; nfrz. a lacetsnbsp;ledenges R 376 „du beleidigstquot; S. 77, 145nbsp;lëesce (laetïtia) R 56, S. 148 ff.nbsp;leis (leges) B 218

lengage (lingua-aticum S. 106)6236 Sprache, vgl. S. 77nbsp;lenz B 95, S. 147

lessay (laxa(v)i) R 349; von laissier S. 244

lest (laxet) = laist R 212 nbsp;nbsp;nbsp;.

leu (locum) B 93, S. 96

leu (lüpi) B US, S. 142

leve wasche I79i 251

lez R 34 breit; lez (latus Seite) R 93 Prap.: neben S. 99

li ihm B 147, R 168, S. 209 ff. licun S. 91. — Die korrekte Form in Buevenbsp;II, 5381nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;assis . . . sor un leson

lie (laetu(m)) R 139, S. 85, 197 lieue — live Meile 158nbsp;lievent 8$, 253nbsp;lius B 314, S. 96

lo Obl. des Artikels B 61; = /« B 63, S. 210 loer (laudare) B 9 loei (laudatüm), l'óentnbsp;(laudant) B 230, S. 97, 251nbsp;loer, lowier, loier Lohn 154nbsp;Löeregne 114’, 177nbsp;loin s. luignnbsp;lois — louche 201nbsp;loisir, loisoir 223nbsp;lonc, longe 200

lor, leur Possessivum B 36, 134, 144, 162, S. 81, 214

lors R7, 362, lores R20 alors S. 81, 97. 202

los (laus) Lob B loi, S. 96

lous (lüpos) R 344, S. 142

lui betonter Obj. B 221, S. 209 ff'.

luign (longe) B 97, S, 95, 201 f.

lur s. lor

M.

Maigre 156

mains (manus) 104, 185, 189

mains jointes R 150 a mains jointes

mains (minus) R 359 au moins; S. 74, 204

maint manch B 92, R 48, S. 221

mais (raagis) mehr B 203, S. 103, 203 f., 291

maisuns 81

maistre S. 103, 203, B 152 maistre us Plaupttor major (terre-) S. 204. Auch die Heidennbsp;nennen Rol. 952 Frankreich Tere majur\nbsp;Der Sinn des Ausdrucks wurde also frühnbsp;nicht mehr verstanden,nbsp;mal — mei 100nbsp;manace Drohung 34, 103, iiinbsp;mande (raandat) B 364

maneient (manebant) wohnten B 183, S. 252, 262, vgl. remaindrenbsp;maneis sofort B 106, S. 143, 202nbsp;mangier 102, 147, 243, 253nbsp;maniere 84

manoie Gewalt R 179, Godefroy zeigt ö.

manoie und w. tnaneie, manaie marbrin 176

mareveille 122 und Nachtrag; merveille folgt normalem merveillosnbsp;masselle VVange 75, 114


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346

Glossar-Index.

matire 89

mauvese schlecht 140

mauvestié Schlechtigkeit R 182, 301, S. 102

mëesme, mëistne S. 76, 204 meilor B 58, S. 203

meindre (graphisch fiir mendre, vgl. S. 103) R 160, S. 204nbsp;meins R 259, s. mainsnbsp;meins (manos) R 243, s, mainsnbsp;meins R 280 s. maintnbsp;meirs (maris S. 184, vgl. S. 100) S. 189nbsp;mëist (misisset) R 340, .S. 284nbsp;membre 144nbsp;memorie 84

mensonge 83!, 177, 185 mes R 84, s, maisnbsp;mes (mens) 215nbsp;mescine 159

mesprens tu te méfrends R 374, von mesprendre (minus prendere) R 223nbsp;mesprison Mifiachtung R 148, S. 318 méprisnbsp;mestier Bedürfnis R 313, S. 89, 123nbsp;mestre s. maistre, mestrement 203 Nachtragnbsp;mestrece R 279, zum Suffix S. 151nbsp;metaerie 116nbsp;metre 75

mi (mei) R 159, S. 215 mie (mica) R 56, 132, 183, S. 332nbsp;mie (media) B 10, S. 88nbsp;mieldres, mielz 89, 126, 204nbsp;mil 64, 206

mire (mira) vergleiche dicli R 227 mire, mirie Arzt 169

mist (misit) S. 276 — em meir se mist segelte ab B 173; B 218: setze einnbsp;moerc, moerge, muirgent S. 170, Zt. 7,nbsp;48

moie (mea(m)) R 152, 323, .S. 214 molt 41, 221

mon, mou lothr. Dubletten 137, 138 mont (multum) 221; mont (mundum) 311^;nbsp;mont (montem) B 136 usw., S. 94, 311nbsp;monte (mont-are) R371; „die als Sünde giltquot;;nbsp;monter wurde von der Höhe, die einenbsp;Summe erreicht, gesagt, vgl, nfrz. montantnbsp;moquexz 64nbsp;morut, morit 271nbsp;morz (mortus) B iii, S. 284nbsp;mou, mol 197

moult (mültum) R 307, s. molt moz (müttum) mots R 235, S. S3nbsp;mqlt s, molt

N.

Nages, naches 118 nasquirent 273nbsp;’nd s. en

ne (nee) R 345, 373 noch ^ oder, S. 290

nèfle — mèle 144, 164*

neis (naves) Schiffe 100

neiz (natus) 284; 330: ainz neiz

nel (non illu(m)) B 103, ,S, 213

nen (non) 176, 331 ft'.

nepourquant (non pro quantu(m)) R 293 des ungeachtet, dennochnbsp;nes Nase 99

nevud Neffe B 55, 117, S, 79, 135, 141, 187 niece 151

nöauz S. 204, Lanz. 5665 „au n'óauzquot; ,,so schlecht als möglichquot;nbsp;ncel 115nbsp;nöer 115

noiant, noient R 239, 338. 8, 332 Nichts noir 125

noise B 32. S. 97

nomeiz 175

non s. mjms

nonains rgo, 194

nos (nos) B 159, S. 81, 209

nu (non ilium) = nel R 56, S. 213

nuef 92

nuist S. 154

nuiz, Obj. nuit Nacht B i, 4 8. 95, 189 nul R 248, B 57, s. nusnbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[184

ntjms (nomen)B 157, Obl. nijm B 156, S, 176, nuncha (nuntiavit) kündete B 168nbsp;nus (nullus) B 53, 208, nuls B 182, R 97nbsp;nului B 280, S. 221, 324

O.

o R 295, s. od oblie 142

ocis getötet B 94, ocist tötete B 96, S. 112, 284

od (apud) mit B ii, 96, 186, 239, 260;

S. 96, 136, 142 öe, owe, oie Gans 97, 154nbsp;oes (opus) Nutzen, s. uesnbsp;oi Interjektion. Ach! B 73nbsp;oi (habyi) R 108, 335, S. 280nbsp;öir (audire) B 113 ot, R 316, S. 96, 251nbsp;oisel S. 76', 86 f, 130nbsp;oiselun Vöglein B 19, S. 81nbsp;ome, on s. hommenbsp;onques 202nbsp;opposes 96


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347

Glossar-Index.

or 97, 126

ordener ordnen B 25 oreille 55, H2

orendroit (vgl. or, dreit) sofort R 129, jetzt R 187

orent (habuerunt) B 213, S. 2S1 orfrais 306nbsp;orguil 89, 95, 112nbsp;orison 123, 148nbsp;orra 112, 288nbsp;ors, ordure 67, 112nbsp;osasse 112, 228, 299nbsp;osberc 133S 192, 318nbsp;ost 147,nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;192*. Die Bedeutung Heer

findet sich im Liber Historiae Mon. Germ. S. 304. 20 hostem coliegit; „Ernbsp;sammelte ein Heerquot;,' vgl. unten: virernbsp;ot (audit) s. öir; ot (habuit) R 33, S. 281nbsp;otroi (Postverbal von otroiier) Gabe 246nbsp;OU 81

out s. Ot; S. 330 ouvrez 250nbsp;ovecques 202

P.

Paine 74 painture 67, i6onbsp;pais 72, 115 f.nbsp;palais 14S

palefroi 167; nach Brüch Zt. 41, nbsp;nbsp;nbsp;1922,

S. 690 stammt veredus von equus veredus, dies von lat. virêta „grüne Stellequot; )gt;nbsp;,,Wiesenpfadquot;

paour R 289, S. 81, 115, 130, 141, 1S4 par S. III, 138, 325'; paresse S. iiinbsp;parmaindre (vgl. remaindre 223) B 222nbsp;parmi Prap.; wird der Herkunft nach in Hss.nbsp;oft in zwei Worten geschrieben: R 103.nbsp;Da es aber nicht übereinstimmt (R 35),nbsp;ist es bereits erstarrt

parole 96, 130, 252, Bedeutungsübergang ver-mutlich durch Vulgataübersetzung. Indo-germ. Forschungen XXXI. 262 parra (parere habet) paraitra'R. 193, S. 287nbsp;parti (partire) verteilte B 140, S. 273nbsp;parz 106, 311nbsp;pas 106, 332, 333Snbsp;pasmé 129nbsp;pasmoison 123

peissuns P'ische B 180, S. 158 Peitau S. 106; vgl. Ille 1494 Angannbsp;pel (pellem) B 266 peaunbsp;penser (pensare) S. 99,Lehnwoi't nach S. 128nbsp;neben Erbwort pcser 245nbsp;percha durchbohrte B 63, S. 123, 158, 165

perdent 86

pere 54, 124, 146

peri (perire) sunt peri sind verloren B 124, 155 perid (perivit)nbsp;perillous S. 80, peril S. 125nbsp;perires (M. Brut) 104nbsp;pert (paret) il appert R 304, S. 252nbsp;pesance (vou peser) Last, Not S. 107; metrenbsp;a pesance B 80 schadigen; Kummer B 100;nbsp;pesanz S. igó

petitet(e) (*pettittum) R 67, 75, 337, S. 146 peus R 42 poils S. 70’, 192nbsp;pëussiez, pëust R 326, S. 114, 285nbsp;pié 85, 86, loi

pièce B 2S2 piece a „es ist einige Zeit herquot;, S. 151, 290

piège 117; Fem.: Troja, Athis 3426 piegne, pine 88, 147, 248nbsp;pis, piu 63, 65; vgl. Passion 103.nbsp;place 131, 148; 259nbsp;plaisir 150, 223

plait (placitum) B 369 ,,Gerichtshandel‘‘, vgl. nfrz. plaids plaidernbsp;plentiu (plenit-ivum) 65nbsp;plora (ploravit) B 88, S. 246nbsp;plot (placuit) B 241, S. 281nbsp;pluie, ploge 144

pluisur mehrere B 42, S. 109, 163, 204, 221 plus S. 67; cuin plus . . . plus je . . . destonbsp;poe, poi 97, 136; 221 [B 51, vgl. S. 316nbsp;Poetevin 70, 140nbsp;poil Haar, FlieC 192nbsp;poine S. 74, R 136, 185, 213nbsp;point (püngit oder pfmxit poin(s)t S. 231nbsp;R II6, vgl. puintnbsp;poison Trank R 188, S. 113, 148nbsp;pome 82nbsp;pondre 255nbsp;pons = pöons 244

pooit (Pirson 3, 36 potebat) 114, 264^ 317 pöosté R 162, .S. 114

popleie (populata(m)) bevölkert, B 216, vgl. S. 142

port(portus); mal port = Tod B 66, 118, S. 93 posnée 14Ónbsp;i pou s. poenbsp;I pourire 104

j pourtret (protractum) R 44 bemalt i pout (poluit) B 46; pot B 107; Plur. potentnbsp;B 128, .S. 279 f.

pourchace (pro captiat) strebt R 238 pour que = pourvn que R 326, .S. 292


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348

Glossar-Index.

prendre, — cunseil B 164; — fin enden B 153; — cure sich miihen B 146; senbsp;prendre mittun R 10; anfangen R 13,nbsp;S. 76, 135) 255. prenoit 264^nbsp;pres 86

preuz 78, 196 ff., 199 prevoire, provoire 143, 187nbsp;prevost, provost 143nbsp;prime (prima sc. hora) 6 Uhr B 43nbsp;pris (pretium) R 231, S. 148 ff.; (preti-o)R 123nbsp;priseroie (preti-are) R 314nbsp;prist, pristrent S. 164, 276nbsp;prochien, prochain 105nbsp;prodefame R 361, S. 199; wie das Wortnbsp;gefaCtwurde, zeigtRust.; Secr. longrantnbsp;preudefams, Elis. 456 la preudefamenbsp;pröese, pröeche, pröoise R 226, S. 149, 151nbsp;profete, la S. 184, Parz. 561nbsp;proisiez (preti-atus) R 204nbsp;propous Entschlufi 83nbsp;proz s. preuz

püent können B 76, S. 91, 249 puet kann B 209, S. 249nbsp;puin Faust 157, 177

puim Füllwort der Negation B 185, R 117 puis 314, puisque 293 [point S. i6o, 332nbsp;pulcele, pucele 75, vgl. Nachtrag zu S. 171nbsp;pur, nfrz. pour (pro) B 58, S. 81, 130nbsp;pusnais 146, 176nbsp;put, pute 190, 200

Q.

Quanque (quantum quid) B 322, R 396; afrz. oft quanques: Complainte Rust.nbsp;17 Quanques j’aij wohl analogisch nachnbsp;Adv. auques.

quant (quando) B 31, I13, S. 291, 297 quar = car B 162, S. 100, 153nbsp;quarurent (Ezechiel) 270nbsp;quatre 56, 106, 126nbsp;que 289*

queil (qualem) welch B 73, R 188, S. 100, 221 quelque R 360, S. 221nbsp;querele 73nbsp;quergent 170nbsp;querir 247 f.nbsp;querole Reigentanz 113nbsp;querre (quaerere) erwerben B loi, 167,nbsp;R 254, S. 86, 224, 321nbsp;quiconques (quicumque-|-»»7«'?r)R 145 uWer

auch immerquot;, Subst.; afrz. auch Adj.; Quiconques 7nestre commance Is mestiernbsp;E.Boileau, Livre des Mestiers, S. II4, VI.nbsp;quidast (cogitavisset) hktte geglaubt B 214

quide s. cuidier quidoient 251

quier (quaero) R 158, 316 „wünsche“ S. 247 quierent (quaerunt) suchen B 188nbsp;quinze 65

quite R 334, S. 74 (R. F. XXIX, 320 Terminus der Rechtslehre, gelehrte Aus-sprache) gerichtlich zugesprochen, eigen

R,

Raeinst 269 raiot 148, 267nbsp;raison 150nbsp;raneiet 237

receit empfangt S. 69, 245 recercelez R 33 lockig S. 158nbsp;recëussiez würdet empfangen R 327, S. 116,nbsp;recevez 264nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[284 f., 299

recorder (recordare) R 257 erinnern recrëantise (von recreant) Feigheit R 172nbsp;recreire B 49, S. 75, 329nbsp;redeur (rïgidum) R 104 „Schneidquot; S. 189nbsp;refrener (refrenare) zügeln R 321nbsp;refu (re-fuit) R 50 war er weiterhin, S. 329nbsp;regarde 106nbsp;rei 71

reial die Königlichen B 127, S. iio remaigne 262

remaindre B 160, 188, S. 175, 223, 252, 317 remandra wird bleiben 175, 287^nbsp;remanoir 223

remeis (rema(n)si) B 363, S. 284 remembrer (rememorare) R 258, S. 175nbsp;rendent 255nbsp;renon Ruf 176

repairent von repatriare )gt; repairier zurück-kehren B I35i S. 103 repairie S. 102; die Aussprache bestimmt fürnbsp;B der Reim mit vie (vita) M. Brut 2418nbsp;repentance (von re-poenitere repentir) R 266nbsp;reprendre R 222, S. 334nbsp;requarui (Ezechiel) 270nbsp;resne Ziigel 146nbsp;respoing 256

rester S. 165, vgl. Reich. Gl. 219 restant:

remanent; rester ist also Lehnwort retraire R 224 erzahlen S. 103, 163nbsp;revelles R 374 „aufmuckstquot; S. 130nbsp;ribaude R 374 Landstreicherin, S. 140nbsp;riche reich B 147, S. 201nbsp;richeise Reichtum B 172, S. 149nbsp;riens R 277, 370, S. 86, 191nbsp;rime B 44, S. 65nbsp;riu 65, 130, 141


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349

Glossar-Index.

robe S. 140; im ursprünglichen Sinn; Rou 3453nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;robe e preie {proie praeda)

röe, rowe, roie rauh (fem.) S. 154, füge zu;

L a n z. 648 7 roe: roe (rota) rommanz R 201, S. 88, 138, 193, 202nbsp;ronce 83

rüa warf nieder B 65, S. 145; vgl, M.Brut650 rus S. 200. Die Bemerkung ist zu streichen:nbsp;rus ist ros ,,rötlich“!

S,

Sa’ s’ (suam) B 91, 121, R Sgusw., S. 214 f.

sachiez 144, 239, 244, 254

saete, saiete 162

sai 244, 251

saine 70

saisie in Besitz gesetzt R 343, S. 223, 336 sali sprang B 368, vgl. S. 261nbsp;samit 114nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;•

sanz vgl. senz 176 sarchu 93, 96, 159nbsp;scet (sapit) R 252, S. 1S2^ 244, 251nbsp;se, s’ (si) wenn (Konjunktion) B z6, S. 213,nbsp;sëer, seier, soier 155nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[318

seigle (M. Brut 22) S. 157; soilê ist im Régime du Corps und sonst belegtnbsp;Sèignê I2I, 177nbsp;sëir 224

seit B S3, S. 100, 324, vgl. scet seiz 234

sèle Sattel 86, 171

selunc gemafi S. 83, 155, B 177, 247; vgl.

Lanz. 2043 lonc nion p'óoir semeir 123, 175nbsp;sen 191

senefiancê Bedeutung R 215 senéschau Seneschall (Zeumer S. 59, 4 sinis-calcis) R 227, S. 172nbsp;sentier 175

sénz B 365 (sïnè -j- s), vgl, sanz sêrjant R 174 sergentnbsp;serviras 288

ses (suus) R 88, S. 215; sès (sapis) R 248,

seur (supra) 81 nbsp;nbsp;nbsp;[S. 251

sëurement 114

sèvelir 124. 140

severer S. 121 f.

sevreiè 122, 142

si (sic) und, dann, S. 64, 135, 213, 290 f. siegê Sitz, von sedicdsce segier, BelagerungB 2nbsp;siet 85, 247

sillogime Syllogismus R 288, S. 251 sis (suus) B 113, S. 215, vgl. sesnbsp;sist B 325, R 54 safi, pafitenbsp;siu, suif 72, 157

siure, siudre, suiré, suivrè 90, 157, 248

soies, soit, seit 234

soleil Sonne 71, 76, 192

soloiles 125*, 167, 311

solt Perfekt 270

somes, sons 178, 229, 233

sommons B 165, S. 112, 284

sor, stjr auf 143, S. 314*

sordent,sordre sich erheben Bl9l,S. l6i, 260

sororge, serouge 124, 169

sort Schicksal B 174, S. 185, 189

souëf R 164, S. 56

soulaz (solacium) Trost R 52, vgl. S. 148 soulers R 51, S. 100, 205nbsp;sous (solus), soule 78 f., 80nbsp;strivast 163

succurs secours 112, 311 unten

sué (sua) 214 f. (siene E. Boileau, S. 17)

sueffre 83, 244, 263

süeif 196, 315

suéns 215

suer, sêrour 190

süeur 184

suevre 155

suffrir B 128, S. 83; s. sueffre sui 232; seroie 298nbsp;sum, summe B 228, 293, S. 82nbsp;suns, les- B 82, S. 215nbsp;surpris R tg „neugierigquot;; vgl. Rust. 59, 44nbsp;sorpris et enchants; nfrz. „überraschtquot;

T.

Taillé (Vbsnbst. von ta;//er) Kerbholz; metre en taille am Kerbholz ankreiden B 46nbsp;taisir, taire 223

talent (talentum), nfrz. envie R 168 tans R 308, S. 207nbsp;tantes, tanz B 212, S. 221nbsp;targa (*tardicavit) zögerte B 173, targiernbsp;B 208, S. 159

taus (talis) B 16; Obj. teil B 86, S. 100, 306 teil s. taus

teises B 374 (te(n)sas) MaC, toises tele 221

tencevon téncierstreiten(*tentiare)StreitÈ 37 tendra (tenere habet) R 282 tiendra, tenrai 288nbsp;tendre 175

tenir a R 353, 381, nfrz. tenir pour; tenoir tens 105, 317nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[S. 224

tere (tacere) taire R 225, S. 103, 223 tiegne, taignë (teneat) R 263, S. 88 f., 262nbsp;tieing (teneo) R 353, S. 88 f., 262, — tint,nbsp;tindrent 175, 281


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V.

V.

350

Glossar-Index.

tierce 89, neun Uhr, vgl, prime tolir B 192, tolent B 371, S. 273nbsp;tolst 272nbsp;tonoile 167

torcre, tortre, tordre 150, 260 torment Qual B 90, S. illnbsp;tome er dreht (Reich. Gl. 854, 883) B 81,nbsp;tost nfrz. tot R 183, S. 93, 164nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[S. 93

tost (tollit) = to(l)t „nimmt“ 164, 171 toz B 157, tote B 166, R 91 (vgl. S. 185),nbsp;S. 145, tozdis S. 202nbsp;traire a fin zu Ende fiihren S. 163, 231^nbsp;trait, traist S. 231, 231^, 259; zum Synonymnbsp;tirer vgl. Oct. 4260 Sa barbe trait, sesnbsp;cheveus tire, vgl. ebenda 2220 f.nbsp;traite (tracta) R 154 tirée 284nbsp;traiz (tractus) conduit R 189, S. 103nbsp;travaillier, se- sich abmiihen iii, 123, 141nbsp;trece 14S

trenchié abgehauen B 41, S. loi, 113, 282

trenst ^ transt (Lanz.) 257

trespasse B 275 durchschreite

tresque (trans que) bis B 87

trèstout (trans töttum) R 330, S. 3111

trestoz alle S. 66

tresvit (trans vidit) R 4 erblickte, S. 330

trève, trive, trieue 158

tristrece (tristitia) R 186, S. 168, vgl. S. 148

troeve er findet B 334, S. 141

Troïën S. 105, 116

trop 93, 144 Nachtrag

trouvère, trobador 194

trovasse 284, trover, trueve 141

trovijn wit finden, vgl. S. 2291, B 159

truist 242 f.

tüent 67

tuit S. 84 s. toz

tur S. 93, vgl. R 21 tours

Tqrnus B 56, vgl. Aeneis VII, 55, Eneas 3236

Tijrs = Tours a. d, Loire, B 156

u.

U franzisch o, spater ou (aut) B 42, 93 usw.,

u (ubi) 81, 134, 213 nbsp;nbsp;nbsp;[S. 13s, 213

ueil 95. 173, 192

uem 187

uès 191

uile 95

um man B 237 s. ome

umblil Nabel 144, 174

uncles Onkel B 113, S. 130 (avus), 160

unt S. 233 f.

us Tor 67 f.

utlages B 250, engl. outlaw Verbannter

Va 242

vaiant (vagando = Eneas 2491) B 190

vairs (varios) R 31 schillernd

vaissel B 258, S. 159

vait B 1, 83, 171, S. 242, 321

vals (valles) B 136, S. 311

valt 243

valur 80, 184

vane eitel B 169, S. 105

vassals B 15, 135, S. 106

veez (vïdëtis) R 27, S. 115, 245

vëist B 214, S. 114, 284, 317

vëir 224

vendrai, venrai 288 veneisuns Wild 123nbsp;vengier (vindicate) i2o\ 147nbsp;vent (vendit) B 94, 117nbsp;venz (ventus) Wind B 174nbsp;verais 204, 205nbsp;vermeille purpurn 157nbsp;vëu 114, 283nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;»

veut 92 vïande i4inbsp;victorie 84

viere Ansicht B 271, S. 103, ii6; auch aviere (M. Brut 3183); Archiv 127,155:nbsp;viez (vetus) 89, 197nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[arbitrarium

vigur Kraft B 133, vgl. S. 184 vilain, vilanie, vilenie 105, 124, 318nbsp;vindrent 175, 281nbsp;ving (veni) R 112, S. 281nbsp;vistes riihrig R39, Zt. 1920, S. 604 ff: schall-nachahmend ahnlich pst, huschnbsp;virer (gyrate, vgl. Lib.Hist. 311, 1 toto hoste'-)nbsp;gyrata „vom ganzen Heer umgeben“)nbsp;voire wahrhaftig R 368, S. 202nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[S. 143

voise R 352, S. 70, 243 voisines iio

voleir: vuelt B 5, 229, volt S. 281, vuelent B 192, vuele S. 261, vueil, vuil S. 249, 261nbsp;volenté 103nbsp;voloirs 186

voudriez 287^; voudroie 298 vrais, verais 109, 109', 204 f,nbsp;vuidié 102, 334nbsp;vuil s. voleirnbsp;vunt 233


1

ost ist afrz. meist Fem. lm M. Brut überwiegt das Fem. (165, 2127, 3455 usw.),nbsp;es heifit aber stets son ost (684, 2172; gegennbsp;3462 sa grant ost). Es wird also s'ost ver-mieden, vgl. S. 216.

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Auflösung der Abkürzungen nebst bibliographisch-literarischen Hinweisen,

Die Datierungen sind nacli C. Voretzsch, Einführung in das Studium der afrz. Lit., angegeben.

Die Lautzeichen sind zu eisehen aus S. 46 ff. (Vokale) und S. 127 ff, (Konsonanten). : (Doppelpunkt) innerhalb eines Wortes ist Langungszeichen, zwischen zwei Wortennbsp;bedeutet dafi sie einander erklSren oder miteinander reimen; oj iiber einem Vokalnbsp;ist Nasalierungszeichen. Das Zeichen ^ bedeutet „ergibt“, „wird zu“.

Die Seitenzahlen beziehen sich auf das Elementarbucb.

Afrz,; altfranzösisch.

Ak. W.; Akademie der Wissenschaften.

Aiol: W.Foerster, Atol et Mirabel, Heilbronn 1876. Assonierte Heldendichtung im alt-vaterlich moralisierenden Geschmack desnbsp;XII., XIII. Jahrh,; die Minnetheorie istnbsp;fremd; Vers 169 f.; westpik. vgl. S. 76',nbsp;97. io6‘.

Alexanderfragment: .Siehe S. 37, 104, 180, 234.

Alex[ins]; Afrz.Übb. — 8,36,91, i34f.,292^

ALF: J. Gilliéron et E. Edmont, Atlas Linguistique de la France 1903 ff,

Afrz. Übb.: W. Foerster und E, Kosch-witz, Altfranzös. Übungsbuch, 5. Aufl., Leipzig 1915; 1921 erschien die 6. yonnbsp;A. Hilka besorgte Auflage.

agln.: anglonormannisch, S. 31*, 78, 102, 193.

Amis; C. Hofmann, Amis et Amiles 1852, 2. Aufl. 1882. Bearbeitung des beliebtennbsp;Erzahlungsstoffes von zwei Blutsfreundennbsp;im Stile des spateren Karlsepos. Assoniert.nbsp;XII., XIII. Jahrh. Stammt aus dem Gebiet,nbsp;in welchem gedeckt s zu ie diphthongiert;nbsp;es assonieren: 1482 apres : pies: 2715 bel:nbsp;proisier; lies also apries, biel und vgl. S.nbsp;87. — Die Pausaformen von inde undnbsp;prekende sind ent, prent (1821 f.; vgl.nbsp;8. 135). Wallonisch. Freundschaft stehtnbsp;höher als Liebe. Vgl. Vers 477 ff.

App.: Appendix Probi in Afrz. Übb. — Anti-barbarus, vermutlich aus Rom, spatere Kaiserzeit, S. 54 ff., 128 ff., 183, 198.

Appel; C. Appel, Provenzalische Lautlehre, Leipzig 1918.

Appel, Chrestomathie; C. Appel, Provenzalische Chrestomathie, Leipzig 1902.

Archiv: Herrigs Archiv für das Studimn der Neueren Sprachen.

Archiv lat. Lex.; Wölfflins Archiv für latein. Lexikographie und Grammatik.

Athis: Li Romans d’Athis et Prophilias ed. A. Hilka, I, Dresden 1912. Freundschafts-roman aus dem spaten XII. Jahrh.; Freund-schaft geht über Liebe. Der eine Freundnbsp;tritt dem anderen die eigene Frau ab.nbsp;Christian ist Vorbild. Westfrz.; Frei u (S. 78)nbsp;ist unverschoben, selbst duos ist dos, vgl.nbsp;5243, 1665, 2379. Die Imperfekta dernbsp;a- und der e-, i-Konjugation reimen nurnbsp;selten miteinander, en und an sind getrennt.nbsp;Der Verfasser ist über Hafen und ihrenbsp;Bedeutung gut instruiert (5568), kennt dennbsp;bretonischen Namen eines Fisches (6962),nbsp;kennt ein Gewebe, das Spanier und Gas-cogner importieren; 5941 „Mustabetquot; l'ainbsp;öi nomCr; — Ensi Ie suelent apeler — CUnbsp;Espeignol et cil Gascon— Qui an conuissentnbsp;la fason. Die Hs. stammt vermutlich vonnbsp;einem Ostfranzosen, der auch die Reimenbsp;revidierte; 5716 morit: vit, die anderennbsp;Hss. morut: conut, vgl, S. 271.

Athis-Tours: Ab S. 93 der Athis-Ausgabe; kürzere Version, vielleicht vom gleichennbsp;Verfasser (Hilka); Reime: 4063 vous: soulsnbsp;(solus), 5815 vous : dous {éaas), Perfektanbsp;auf -ie, 4185, 4507, 4679 preu: lieu (locum,nbsp;lies prou : louf)', ebenfalls Ö. Reime:nbsp;4571 conroit: adroit.

Auc(assin): H. Suchier, Aucassin und Nicolette; neuherausgegeben von W. Suchiernbsp;1922. Reizvolle, marchenartige Liebes-geschichte, von der Minnetheorie in dernbsp;Auffassung der Liebe beeinflufit. Mischungnbsp;von Vers und Prosa. Anfang des XIII.nbsp;Jahrh. Pikardisch (Hennegau) S, 241.

B: das S. I ff. abgedruckte BruchstUck aus dem M, Brut.


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3S2

Abkürzungen nebst bibliograpbisch-literarischen Hinweisen.

JB* Ak. W.: Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften. Philosoph.-Histor. Klasse.

Ball(ade): „Tanzlied“.

Bavtsch(-Wiese): Chrestomathie de 1’ancien franfais, Leipzig 1913.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;12. Aufl, 1920.

Behrens-fllaterialien: zitiert S. 32.

Senary: die S. 138 zitierte Dissertation.

Besant Dien ed. E. Martin, Halle 1869.

Bh. Zt.: Beiheft zur Zeitschrift fiir rotn. Phil.

Bible G.: Guiot von Provins’ Bible, heraus-gegeben in San-Marte Parcival Studiën, Bd. I, Halle 1861. Moralisierende Reim-predigt über die Dekadenz der weltUchennbsp;und kirchlichen Stande um 1200. Dernbsp;Verfasser schreibt als alterer Mann. Ernbsp;hat die Blütezeit des Rittertums in dernbsp;2. Halfte des XII. Jahrh. miterlebt, vgl.nbsp;Vers 345, 364. Laudator temporis acti.nbsp;Champagnisch, Provins. Siebe S. 78, 79.

Boileau, E.iLeLivredes Métiers de Paris, ed. Lespinasse etBonnardot 1879. XIII. Jahrh.nbsp;Paris, mit Wallonismen in der Schreibung.

Brandan ed. Auracher, Zt.II, 438ff., wunder-bare Erlebnisse des hl. Brandan („Mönchs-odysséequot;); nach 1121, England.

Bneve ll: A. Stimming Der festlandische Bueve de Hantone, Fassungll, Dresden 1912.

Bull. Soc. Lieg.: zitiert S. 247.

Chastelaine de St. Gille ed. O. Schulz-Gorra, Halle 1911, XIII. Jahrh., NO.

Ch. d’0.; Charles d’Orléans. Vgl. A. Cham-pollion-Figeac, Les Poésies du Due Charles d’Orléans, 1842. Der Prinz lebte 1390 bisnbsp;1465. Als Minnedichter steht er noch unternbsp;dem Einflufi des Rosenromans: Vgl. dasnbsp;Einleitungsgedicht. Doch hat seine Lyranbsp;schon mehr als diese eine Saite: Durchnbsp;lange Gefangenschaft in England verbittertnbsp;und gereift, besingt er sein Unglück, seinenbsp;Melancholie, seinen Fatalismus (Rondellnbsp;40). Starkes Fühlen war ihm nicht eigen.nbsp;Mundart: Vgl. S. 102, 116; Reichssprache.

Chev. II. Esp.: Li Chevaliers as deus Espees „der Ritter mit den 2 Schwerternquot;; ed.nbsp;W. F., Halle 1877. Typus des Artus-romans des XIII. Jahrh. Das „selbst-geschaffene Paradiesquot; des Rittertums istnbsp;jeder rationalen Kritik entriickt. Die Vor-bildlichkeit des Lebens der Artusritter gibtnbsp;dem Roman eine leicht lehrhafte Note,nbsp;die der Schlufi allerdings selber ironisiert.nbsp;Die meisten Episoden sind auch sonst innbsp;der Artusepik vorkommende, vgl. Veng.nbsp;Rag. S. CLXVII ff. Anm. Von diesernbsp;Dichtung (ca. 1200) scheidet den Chev.nbsp;II. Esp., die unbedingte Glaubigkeit annbsp;die Reinheit der „Damen“, die zwar ver-wöhntund anspruchsvoll, aber nicht launischnbsp;und treulos sind. S. 290, 316.

Chr. I.: Lat. altchristl. Inschriften von Dr. E. Diehl. Bonn 1913.

Christian vonTroyes in der Champagne. Der klassische Epiker der höfischen Blütezeitnbsp;des XII. Jahrh.; er dichtete ca. 1160—1175.nbsp;Chr. ist ein Produkt der verfeinerten,nbsp;sprachlichen und gesellschaftlichen Er-ziehung am Hofe der Töchter Eleonorensnbsp;von Aquitanien; Er beherrscht die Kunst,nbsp;die Dinge leicht und sinnfallig zu sagennbsp;(vgl. S. 308). Aber er ist dabei nurnbsp;scheinbar oberflachlich und lafit seinenbsp;Personen menschlich handeln und denken.nbsp;Der Minnetheorie wie der Frauenidea-lisierung steht er kritisch gegenüber. Dabei ist er ein echter Dichter und gibt stetsnbsp;Anschauung und direkte Rede: Man fühlt,nbsp;wie er stets miterlebt, was er erzahlt.nbsp;Und es ist denn auch wohl im Kernenbsp;meist verkleidete Wirklichkeit vom Hofenbsp;von Troyes. — Dichlungen: (Philomenanbsp;christianischf Paraphrase von Ovid, Meta-morphosen VI, 426 ff. ed. C. de Boer,nbsp;Paris 1909); Erec (Rittertum im Konfliktnbsp;mitEheliebe); Cl igès (,,Antitristan“W F.);.nbsp;Yvain (Rittertum und Ehe); Percevalnbsp;(Gralssuche; unvollendet). Die 3 ersten ed.nbsp;Foerster; Perceval ed. Baist^), vgl. Lanz.

Christ(ine) dePis(an): S. 193; Tochter des Hofastrologen von Charles V. Italienischernbsp;Abkunft. Stark feministische Lyrik undnbsp;Lehrdichtung, ed. M. Roy, Paris 1886,nbsp;Bd. I. Reichssprache.

Cligès: christiansches Epos.

Cohn: Cohn, Die Suffix-wandlungen im Vlat. usw. Halle 1891.

Cl’istal: Christal und Claris ed. Breuer, Gesellschaft f. roman. Lit., Bd. 36, 19* 5-Abenteuerroman des XII., XIII, Jahrh.,nbsp;breite, derbe Spielmannsdichtung, Pikar-disch. Vgl. S. 69 unten, 166.


') Vgl- Parz. — Benutze auch W. F. Kristian von Troyes Wörterbuch, Halle 1914.

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353

Abkürzungen nebst bibliographisch-literarischen Hinweisen.

Cyrano; V etfassei der Komödie Ie Pédantjouê (1642), in der ein Mundart (Normannisch?)nbsp;sprechender Bauer vorkommt. S. 87, 167,nbsp;266^, 268'.

Dial. Greg.: Li Dialoge Gregoire lo Pape ed. W. Koerster, Halle 1876. lm Anhang:nbsp;Sernio de Sapientia und Moralia in Job.nbsp;Wallonisch. Vgl. S. 107, 113, 176, 243,nbsp;269 ft., 309, 320

Diehl: Vulgarlat. Inschriften ed. Dr. E. Diehl, Bonn 1910.

Eide: S. 33, 95; Afrz. Übb.

Einf.: Einfahrung in das Stadium der rom. Sprachwisscnschaft von W. Meyer-Lübke,nbsp;Heidelberg 1909.

Elie: lm Stil Aiol ahnlich und zu diesem im XII,, XIII. Jahrh. genealogisch in Be-ziehung gesetzt. In der unterAiol zitiertennbsp;Ausgabe veröffentlicht. Wallon, vgl, S. 107

Ekblom: Die S. 231® zitierte Schrift.

Eneas: flotte, vornehme, freie Virgilüber-setzung mit breiten minnetheoretischen Auseinandersetzungen, ca. tióo. Nor-mannisch, vgl. S. 78, ed. Salverda denbsp;Grave, Halle 1891.

Eracle; Jugendwerk Walters. Im einzelnen unterhaltend; als Komposition ungewandt.nbsp;Nach 1164 geschrieben. Quellen: Heraclius-legende und lateinische ‘Novellen. Pi-kardisch, vgl. .S. 76*, 78; ed. E. Löseth,nbsp;Paris 1890.

Erec; S, Christian.

Enialia: Eine von Hoffmann von Fallers-leben in Valenciennes entdeckte, aus dem Latein frei und konzis übersetzte Sequenznbsp;über das Leben der Heiligen. IX. Jahrh.nbsp;Wallonisch, vgl. S. 34, 95, 135. Afrz. Übb.

Ezechiel: Predigten über Hesekiel, Mundart: S. 243^ 244,266,287*; XII., XIII, Jahrh. ed. K. Hofmann, Abh. Ak. W. München,nbsp;phil. hist. Klasse, i88i, Bd. 16.

Fenillée — feu de la — von Adam de la Hale von Arras, * ca. 1238, f ca. 1287.nbsp;Sehr interessantes arraser SittensUick innbsp;der losen Form einer ,,Revuequot;. S. 82, 97.

Fergus: Abenteuerroman mit einer gegen den Artusroman gerichteten, nicht strengnbsp;durchgeführten und plumpen Tendenz.nbsp;Ed.E. Martin, Halle 1872, wallonisch, S.81.

Flöov(ant): Das einzige Merowingerepos, Zum Namen S. 133, Zur Mundart S. 87,nbsp;103, 113,275. Ed. Michelant und Guessardnbsp;in Anciens p'ó'etes de la France.

Jordan, Altfranzüsisches Elementarbuch.

Pl(oire) und Bl(ancheflor); Nach der Uhland-schen Abschrift ed.I.Bekker, Berlin 1844. Mundart S. 239*, 274. Vor 1170 abgefaCt.nbsp;Formulae Andecavenses siehe Zeumer.nbsp;Froissart: vgl. S. 38, 67^ 97, 194, Seinnbsp;Artusroman M é 1 (iador) ist erstaunlich alt-modisch in den Geschehnissen, und erstaunlich modem in den Charakteren.nbsp;Gaufrey: spates Volksepos, XIII. Jahrh,,nbsp;assoniert, vgl, S. 102*; ed. Guessard etnbsp;Chabaille, in Anciens poetes de la France.nbsp;G. de Prov.: Guy de Provins, siehe Bible G.nbsp;Gir(art) ïloss(illon) S. 98; ed. W. F. innbsp;Romanische Studiën XVII (1880) \caisenbsp;Godefroy: Dkt. de ïancienne langue fran-Griesche d’Esté, — d’Yver: „Sommemotquot;,nbsp;„Winternotquot;. Dichtungen Rustebuefs.nbsp;griesche (woher?) entspricht etwa demnbsp;heutigen Argotwort deche „Tintequot;, ,,Pech“.nbsp;G{uerre) S{ain)te: Flotte Beschreibung desnbsp;3. Kreuzzuges (1190—1192) in paarweisnbsp;gereimten Achtsilblern durch den Teil-nehmer Ambroise, einen Spielmann odernbsp;professionellen Dichter, der vermutlichnbsp;aus dem Evrecin oder Evreux selbernbsp;Stamm te. (Vgl. G. Paris, L'Estoire de lanbsp;Gaerre Ste„ S. XII.) S. 142, 146, $06,nbsp;Guill(anme) de Machaut: S. 86, 193,nbsp;Liebeslytiker im konventionellen Sinne desnbsp;Rosenromans.nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[1888.

Haase: Frz. Syntax des XVII. Jahrh., Berlin II. Cap.; Hugues Capet ed. de la Grange,nbsp;Paris 1864, in Anciens p'ó'etes de la France.nbsp;Spates Volksepos. Kulturhistorisch undnbsp;künstlerisch sehr interessant: Der Dichternbsp;stellt Burger- und Ritterart des XIII.,nbsp;XIV. Jahrh. in Kontrast, weifi sie abernbsp;auch zu versöhnen. Die Minnetheorie istnbsp;verlassen, und dafür als Privileg jungernbsp;Edelleute die ArsAmandi adoirtiert, dienbsp;Vers 228 erwahnt wird. Die Bürger sindnbsp;klug, sparsam, vorsichtig; —- die Adligennbsp;verschwenderisch, leichtsinnig, aber aufnbsp;Ehre ballend. Huon Capet entspringt dernbsp;Verbindung eines Grafen mit der Tochternbsp;eines reichen Metzgers. An der Spitzenbsp;der Bürgerschaft rettet er die Witwe desnbsp;letzten Karolingers, heiratet deren Tochternbsp;und wird König, XIV. Jahrh. Von einemnbsp;mit Paris wohlvertrauten Wallonen. (V.nbsp;224. 257, 948.)

Herzog: Neufranzósische Dialehttextc von E. Herzog. Leipzig 1914.


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354

Abkürzungen nebst bibliographisch-literarischen Hinweisen.

J. B.: Vollmöllers Kritischer Jahresbericht iibér die Förtschritte der rom. Phil., Erlangen, Junge.

Ille: Werk Walthers von Arras, S. 37.

Joinville — Mémoires de J. ed. F. Michel, Paris 1871.

Jonas: Fragment einer lat.-afrz. Predigt über Jonas. Afrz. Übb. X.Jahrh. Ö.Mund-art wird bestimmt dürch S. 5S1 8 auardeuet,nbsp;(-abat), vgl. S. 265* und Rydberg,nbsp;S. 915.

Jonfrois; Abenteuerroman, XIII. Jahrh. ed. K. Hofmann und F. Mnncker, Hallenbsp;1880.

JoTird(ain) de B(laivies); Umdichtung des Apolloniusromans (Thema; Trennung undnbsp;WiedervereinigungallerFamilienmitglieder)nbsp;in eine Art Volksepos. Von C. Hofmannnbsp;mit Amis (s. dort) zusammen herausgegeben.nbsp;Etwas jünger als der Amis. Osten: 138nbsp;prouz : vous, ¦^20 soul: vous. Vgl. S. 71.

Karlsr(uher) Gl(ossen); VHI. Jahrh., Afrz. Übb.

Kass(eler) Gl(ossen): VIII. oder IX. Jahrh., romanisch-deutsches Glossar. Afrz. Übb.;nbsp;S. ili^.

K(a)rlsr(eise): nbsp;nbsp;nbsp;Derbe, wirksame Be-

schreibung einer phantastischen Reise Karls d. Gr. nach Jerusalem und Konstantinopel.nbsp;Halb im Stil des Karlsepos, halb desnbsp;Fabliau. Frühes XII. Jahrh. Reime fran-zisch, Hs. anglonormanisch, ed. E. Kosch-witz; vgl. S. 88, 150, 291, 295.

Kirscll: die S. 262 zitierte Schrift.

Lanz(elot)i Christians ,,Karrenritter“; Der Dichter hat eine Jenseitsdichtung unheim-lichster Art zu einer ledernen Turnier-geschichte umgestaltet. Daher wohl hatnbsp;er des Epos nicht vollendet, sondernnbsp;(7124) Godefroii de Leigni, li clers, — Anbsp;farfinée la Charrete, und zwar mit Ein-willigung Christians. Ed. W. F. — S. 279.

L. BI.: Literaturblatt für germ, und rom.nbsp;Philologie.

Leodegar: S. 34, 276*. Afrz. Übb. — Urspr. Mundart; Wallonisch, X. Jahrh.

Lotbr. Ps.; Lothringischer Psalter ed. F. Apfelstedt, Heilbronn 1881, Lotbr., XIV.nbsp;Jahrh. S. 137!., 152*, 286.

91. Brut; Hiermit bezeichne ich die Ausgabe von K. Hofmann und K. Vollmöller: Dernbsp;Münchener Brut, Halle i877- Vgl. S. i,nbsp;wallonisch; S. 97, 106*, 280, Xll. Jahrh.

Meigret: Tretté de la Gramm^re frango^ze 155°! 6d. W. F., Heilbronn 1888.

Mél(iador): Ed. A. Longnon, Paris 1895; siehe Froissart.

M. c. L.: Muta cum Liquida, ein der Kürzenbsp;wegen beibehaltener Ausdruck für Ver-schlufilaut oder Reibelaut -J- r oder 1.

M. nbsp;nbsp;nbsp;L.: Meyer-Lübke, S. III.

Mort Artu ed. Bruce, Halle 1910, Prosa-artusroman. Anno 1274, NO. S. 241,277®.

N. nbsp;nbsp;nbsp;= Norden.

O. nbsp;nbsp;nbsp;= Osten.

Obl.: Obliquus.

Obj.: Objektskasus.

Oct(avian) ed. Vollmöller, Heilbronn 1883. XIII. Jahrh. Der Dichter kennt Paris bis insnbsp;Einzelne, seine Mundart aber ist nö. (Vgl.nbsp;H. Cap.): Inde ist ent (Reime 225, 1134),nbsp;peuist reimt mit avenist (1393, vgl. obennbsp;S.286), r vor Kons. ist stumm (vgl. S. 166).nbsp;Die Oktaviansage (vgl. das deutsche Volks-buch) wird im Stil des spaten Karlseposnbsp;vorgetragen und an den roi Dagobert an-geknüpft. Der Held ist der Adoptivsohnnbsp;eines vilain, der ihn ursprünglich Metzgernbsp;(vgl. H. Cap.), dann WechsIer werdennbsp;lassen wollte. S. 230.

O(xforder) Ps(alter); Libri Psalmorum ed. F. Michel, Oxford i860. Anglonormanisch,nbsp;um iioo. S. 230^, 269 ff., 292®.

Parangon des Nouvelles Nouvelles von Nicolas de Troyes 1535, Champagnismen,nbsp;ed. E.. Mabille, Paris 1869. S. 255, 285.

Parz(ival): Chrestiens Contes del Graal (ed. Baist) Freiburg B. Ragoczy.

Passion: S. 34, Original; wallonisch,X.Jahrh. Afrz. Übb.

Pathelin: Farce de Maistre Pierre Pathelin, Ausgabe der Bibliotheca Romanica. Köst-licher pariser Juristenschwank mit stoff-lichen Entlehnungen aus Sprichwort undnbsp;Martials Epigrammen (nach 1450). S. io6 f.

Pernoux zitiert S. 234.

Pirson; Merowingische und karolingische Formulare, ed. J. Pirson, Heidelberg 1913.

Pbiloiuena, siehe Christian.

PMLA: Publications of the Modern Languages Association.

Poema Morale: S. 78, 267.

Prestre Comporté: Der „colportierte“ Pfarrer. Fabliau. NO. ed. Steppuhn,nbsp;Diss , Königsberg 1913. S. 263.


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Abkürzungen nebst bibliographisch-literarischen Hinweisen,

QLR: Li quatre Livre des Reis: Übersetzung der Bücher Samuelis und der Könige.nbsp;Anglonorm. XII. Jahih., ed. E. R. Curtius,nbsp;Dresden 1911. Nach Seitenzahlen zitiert.

R = das Rosenbruchstück, S. 7 ff,, wo auch über Dichtung und Zeit. Mundart:nbsp;westl. Zentrum.

Raonl Soiss.; E. Winkler, Die Lieder R. V. Soissons, Halle 1914, Trouvère (S. 194)nbsp;des XIII. Jahrh.

Régime dn Corps von Aldebrandin von Siena, XIII. Jabrh,, ed. Landouzy u. Pépin,nbsp;Paris 1911. Aus der prone Gegend (S.nbsp;152 Des prounes). S. 243.

Reich(enauer) Gl(ossen): S. 24. Afrz. Übb. Mundart: Nordfrankreich.

Reimpredigt: ed. H. Suchier, Bibliotheca Normanica, 1879, Anfang XII. Jahrh.

REW: Romanisches etymologisches W'órterbuch von W. Meyer-Lübke, Heidelberg 1911 ff.

Ro. F.: Romanische Forschungen.

Ro. Gr.: Grammatik der rom. Spr. von W. Meyer-Lübke, Leipzig 1890 ff. 3 Bande.

Rol(and): Chanson de Roland, Ausgabe der Bibl. Romanica, im XI., oder Anfangnbsp;des XII. Jahrh. verfaCt, Original nor-mannisch, kaum franzisch, S. 37, 88, 292®.nbsp;Oxforder Hs. anglonormannisch. Wo sichnbsp;in der Ausgabe 2 Verszahlungen finden, istnbsp;nach der rechten Seite zitiert.

Ron: Reimchronik derNormannengeschichte, ihrer Niederlassung in der Normandienbsp;(Herzog Rollo), ihrer Eroberung Englands.nbsp;Geschrieben nach lateinischen Quellennbsp;unter Ablehnung oraler Tradition (Bd. i,nbsp;S. 87 f.) von dem geistlichen Berufsautornbsp;Wace und zur Lektüre bestimmt (Bd. i,nbsp;S. 73, II7). Wace ist ein flotter, derbernbsp;wohl durch die Predigt geübter Schilderer;nbsp;etwas pretentiös und schrullig und dahernbsp;zu stark in der Dichtung vortretend. Ernbsp;schreibt, um Geld zu verdienen und hortnbsp;auf, als die Einnahmen vom Hofe aus-bleiben. S. 146, 156, 206®. Vgl. Romannbsp;de Ron ed. H. Andresen, Heilbronn 1877.nbsp;DieZitate sind, wo nur Verszahl angegeben,nbsp;aus Bd. 11.

Rnst(ebnef): Der alteste Pariser Dichter, Das Spottlied auf seine Ehe ist 1260 datiertnbsp;(Mariage Rust. i). Zum wohl ger-manischen Namen vgl. S. 164. Ob er innbsp;Paris geboren ist, ist unsicher. Krefinernbsp;(Rust.’s Gedichte, Wolffenbüttel 1885)nbsp;holt ihn aus Burgund. In der Erberienbsp;Rust., der Jahrmarktsrede eines Quak-salbers, lafit Rust. diesen sagen: En celenbsp;Champaingne ou je fui nez, was sich aufnbsp;den Dichter beziehen kann und mit dennbsp;Hauptzügen der Mundart übereinstimmt.nbsp;Allerdings ist diese sehr uneinheitlich undnbsp;damit wohl für die Hauptstadt auch charak-teristisch'). Vgl. S. 68‘, 75 f., 89, 92, 96 (!),nbsp;97, 100 usw. Ganz zentraler Art ent-sprechend ist vor allem das Demonstrativum,nbsp;S. 218. Nur einmal ist ceste des Reimsnbsp;halber substantivisch verwandt: E1 i s.489.—nbsp;Als Mensch ist Rust. das typische enfantnbsp;sans souci des frz. Zentrums, Villon undnbsp;La Fontaine verwandt: 11 se laisse vivre.nbsp;Er sagt dies in einer Weise, die die Fabelnbsp;von der Cigale vorausahnen lafit.

En esté chante.

En yver plor et me gaimante,

(Griesche d'Yyver 36) Wie Villon kann dieser Charakter vor demnbsp;kalten Erwerbssinn der Zeit nicht bestehen.nbsp;Wahrend er die erste, beste heiratet,nbsp;hungert, dichtet und spielt, werden dienbsp;Freunde reich, horen auf Schmeichler undnbsp;meiden ihn (Paiz Rust. 20).

Seine Kunst ist noch handwerksmiifiig, der Zeit entsprechend; sein Stil nicht immernbsp;keek und frei, gelegentlich durch Reim-künsteleien verunstaltet. Doch kommtnbsp;auch manche gelungene, derbe, gelegentlichnbsp;auch eine schone oder rührende Stellenbsp;vor; über sich selbst hinaus hebt er sich


I) Wie die Pariser Mundart sein mochte, zeigt folgende Bemerkung: E. Boileau zahlt (S. 115) 32 Gesellen der Chaussiers auf. Darunter sind aus Beauvais I, aus Vernon i,nbsp;aus Sens i, aus Meaux i, aus der Bretagne 4, aus Laon i, aus Chartres l, aus Burgund i,nbsp;aus Evreux i, aus Melun i, aus Malines i, aus Dammartin l: 14 sind also aus der Provinz,nbsp;18 können Pariser sein. Allein auch Jehan de Blangis (Blangy, Blandisf), Macé undnbsp;Pierre des Illes (Lille) und andere dürfteir'zugewandert sein! Nur wenige haben Spitz-oder Familiennamen, oder stammen aus nachster Umgebung. Bei den darauf folgendennbsp;Meistern haben etwa 27 Familien- oder Spitznamen, — 18 stammen aus der Fremde!

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Abkützungen nebst bibliographiscb-Uteravischen Hinweisen.

in seinem Theoph(ilusmirakel). — Elis (abel) ist die Legende der thüringischennbsp;Landgrafin, Croisié der Disput zwischennbsp;Kreuzfahrer und Nichtkreuzfahrer, Mar.nbsp;Eg., die Legende der heil. Maria Egyp-tiaca, Secr., die Erzahlung vom Sacristannbsp;und der von ihm entführten Frau, allenbsp;nacli KreBners Ausgabe zitiert.

Rydberg zitiert S. 305.

S. = Süden.

Schweiker, D.; Syntaktische Studiën über den bestimmten Artikel usw., Berlin 1920

SC. = scilicet ,,erganze“.

Simon de Crépy zitiert S. 82.

Sermo de Sapientia siehe Dial. Greg.

Sitz. Ber. Ak. w.: Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften.

St. Th(om.): Leben des hl. Thomas von Gamier von Pont-Sainte-Maxence, zwischennbsp;1174—1176 entstanden. Schreibung undnbsp;Reime weisen auf die westl. Pikardie:nbsp;S. 87, 96, 100, 122, 172, 269(1, die Hs.nbsp;ist anglonormannisch. Von C. Hippeau,nbsp;Paris 1859, sehr fehlerhaft aber meistnbsp;leicht korrigierbar herausgegeben. Dernbsp;Dichter steht .den Ereignissen noch nahenbsp;und schildert sie naïf und mit starkernbsp;Parteinahme für den Heiligen. — Nachnbsp;Seiten zitiert.

Tl’. B(ér): Der Tristan der Norm. Bérol. Urspriinglichste der Tristandichtungen.nbsp;Derb ira Stil, oft fast zynisch. Dienbsp;Stellung zum Ehebruch zwischen minne-theoretischer und volkstümlicher Auffassungnbsp;schwankend. Doch steht der Dichternbsp;stets auf der Seite der Liebenden. Ed.nbsp;E. Muret, Paris 1903 (Société des Anciens-Textes Francais)^ 1913 (Classiques frangaisnbsp;du Moyen Age, wonach hier zitiert, —nbsp;Der erste Teil mag 1165—1170, derzweitenbsp;ca. 1190 entstanden sein. Normandie (westl.nbsp;Oder östl.). Vgl. S. IX, XI der jüngerennbsp;Ausgabe.

Subj.: Subjektskasus.

T.: Tirade = die unbestimmt lange Strophe der afrz. Volksdichtung. Vgl. S. VII.

Toblerabhandlnngen: nbsp;nbsp;nbsp;Abhandlungen

Adolf Tobler dargebracht. Halle 1895.

Venus: De Venus la Deesse ifAmor ed. W. Foerster, Bonn 1880. Visionare, etwasnbsp;plumpe Minnedichtung. Scheint alter alsnbsp;der I. Teil der Rose. XHI. Jahrh.nbsp;Wallonisch, S. 67', 7». 85, 86», 95 f.,nbsp;n6, 122, 135.

Veng(eance) Rag(uilt;iel): Artusepos des Raoul V. Houdenc, ed. M. Friedwagner,nbsp;Halle 1909, S. iio, 241.

Vil(ain) Mire: Das Fabliau vom ,,Bauern als Arztquot; (zu mire S. 169), dessen Stolfnbsp;Molière in Ie Médecin malgré lui benutzt.nbsp;S. 287; 333 ist die Ausgabe zitiert.

Villon: *1432 in Paris (Grd. Test. 1059), Magister im Jahre 1452 und dann innbsp;schlechter Gesellschaft verbummelt. Einnbsp;genialer, echt pariser Bohémien und wahrernbsp;Dichter, der sich und die ganze Welt zumnbsp;Besten halt: lm Petit Testament (1456)nbsp;vermacht er seinen Freunden seine Schulden,nbsp;Prozesse usw. Dutch Strafe und Leid ge-klart, dichtet er(i462)sein Grand Testamentnbsp;über Leben und Tod, Schuld und .Sühne,nbsp;Welt und Ewigkeit mit einer weiterennbsp;Verteilung fiktiver Güter in satirischernbsp;Absicht. Reichssprache (S. 94).

Walter v. Arras s. Eracle, Ille.

W. F.: Wendelin Foerster, S. III.

Z.: Zentrum.

Zt.: Zeitschrift für Romanische Philologle.

Z. f. S.: Behrens Zeitschrift für französische Sprache.

Zt. f. vgl. Sprfrscbg.: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung.

Zeumer: Formulae merowingici et karolini cevi. Ed. K. Zeumer in den Mon. Germ,nbsp;Legum V. 1886.


Druck von Velhagen amp; Klasing in Bielefeld.

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