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RUSSLANDS
P F E R D E - R A C E N
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RUSSLANDS
P FERDE-R ACEN
vox
Dr. CARL FREYTAG,
A. O. PROFESSOR DER LANDWIRTHSCHAFT AN DER UNIVERSIT�T HALLE.
MIT ZEICHNUNGEN
VON"
H. SCHENCK,
AKAD. ZEICHENLEHRER.
Mit 20 von H. Sclienck gezeichneten Tafeln, 8 in den Text gedruckten Abbildungen
und einer Karte.
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" OTTO HENDEL.
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DRUCK UND VE
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1881.
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RIJKSUNIVERSITEITTE UTRECHT
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&                                                                                                                                                                      ^
Das Uebersetzungsrecht haben Verfasser und Verleger
sich vorbehalten.
&_                            -                         -                                                                          �'
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VORWOR T.
Das vorliegende Buch, welches ichj hiermit der Oeffentlichkeit �bergebe, handelt �ber
einen Theil der europ�ischen Hausthierzucht und Racenkunde, welcher trotz seine
grossen Bedeutung in land- und volkswirthschaftlicher Beziehung bislang nur wenigr
bearbeitet worden ist. Eine kurze Umschau in der deutschen, franz�sischen und
englischen Literatur �ber Viehzucht und Racenkenntniss wird dem Fachmanne zeigen, dass die
Pferde-Racen Russlands bis auf den heutigen Tag meist unzureichend und zum Theil auch
unrichtig beschrieben worden sind. Wir besitzen wohl einige sorgf�ltigere Beschreibungen
russischer Racen aus �lterer Zeit, allein diese k�nnen heute nicht mehr als zutreffend
gelten.
Die neuerdings von der russischen Staats-Gest�ts-Verwaltung in St. Petersburg" � im
Ministerium der Reichs-Dom�nen � zusammengestellten statistischen Zahlen �ber die Ver-
theilung der Pferde und Gest�te in den verschiedenen Gouvernements des Czaren-Reiches haben
wesentlich dazu beigetragen, dem Einheimischen sowohl wie dem Fremden die Uebersicht �ber
die vielen verschiedenen Racen und Schl�ge des Landes zu erleichtern, und sind dieserhalb von
mir bei der vorliegenden Arbeit thunlichst benutzt worden.
Mehrfache Reisen durch Russland haben mir gezeigt, dass den dortigen landwirth-
schaftlichen, ganz besonders aber den viehz�chterischen Zust�nden von Seiten der central- und
westeurop�ischen Schriftsteller und Forscher im Allgemeinen nicht die W�rdigung und Ber�ck-
sichtigung zu Theil geworden ist, welche dieselben � nach meinem Daf�rhalten � verdienen.
Es sind in diesem Reiche in den letzten Jahrzehnten auf fast allen Gebieten des Ackerbaues
wie der Viehzucht so wesentliche Verbesserungen eingef�hrt, dass der gute Erfolg derselben f�r
das Land nicht ausbleiben kann. Der deutsche Landwirth und Viehz�chter darf das Fort-
schreiten seiner Standes- und Fachgenossen im Osten nicht untersch�tzen; er muss sich fort
und fort die wiederholt ausgesprochenen Worte grosser Volkswirthe in's Ged�chtniss zur�ck-
rufen: Die Concurrenz des gewaltigen Czarenreiches verdient auf fast allen Gebieten des land-
wirtschaftlichen Gewerbes unsere vollste Beachtung, und sollte die deutschen Landwirthe gross
und klein jederzeit zum energischen Vorw�rtsschreiten bei ihrem Wirthschaftsbetriebe animiren.
Der Pferde-Export Russland's nach Deutschland und Oesterreioh hat von Jahr zu Jahr
an Umfang zugenommen und wird voraussichtlich in den n�chsten Jahren noch bedeutender
werden. �
Einestheils mit R�cksicht auf das grosse Interesse, welches in der Neuzeit die russischen
Pferde im centralen und westlichen Europa � selbst in England � durch ihre bedeutenden
Leistungen auf den Trabrennbahnen erweckt haben, anderntheils wegen des grossen Aufschwunges,
welchen das Staats- und Privat-Gest�tswesen in Russland in den letzten Jahren genommen hat,
hielt ich mich � als Lehrer der speziellen Thierzucht und Racenkunde an der hiesigen Universit�t �
f�r berufen, das auf meinen Reisen durch jenes Land �ber die dortige Pferdezucht eingesammelte
Material zu bearbeiten. Die russische Fachliteratur sowohl, wie die mir von befreundeten Herren
in St. Petersburg und Moskau in bereitwilligster Weise zur Verf�gung gestellten sch�nen Photo-
graphien ber�hmter Pferde der verschiedenen Racen wurden dabei zu H�lfe genommen, und ich
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IV
VORWORT.
�bergebe jetzt diese Schrift meinen Zuh�rern, Fachgenossen und allen Pferdeliebhabern mit dem
Wunsche, dass dieselbe dazu beitragen m�ge, das Interesse f�r Racenkunde zu erwecken resp. zu
beleben. � Sehr wohl weiss ich, dass dieses Buch manche L�cke enth�lt und dass ein jahre-
langer Aufenthalt in jenem weit ausgedehnten Ostreiche erforderlich gewesen w�re, um etwas
Vollst�ndiges zu liefern; allein hierzu fehlte mir bei meinem Berufe die Zeit, und muss ich
daher die Leser des Werkes, ganz besonders meine Fachgenossen hier und in Russland
um Nachsicht bitten, sie aber auch gleichzeitig ersuchen, das Mangelnde zu ersetzen und mich
auf etwa vorkommende Unrichtigkeiten gef�lligst aufmerksam zu machen. Gern lege ich Hand
an's Werk und bessere, wo solches geboten erscheint.
Die Beschaffung des n�thigen Materials war h�ufig mit grossen Schwierigkeiten ver-
kn�pft, da sich dasselbe zum nicht geringen Theile in russisch geschriebenen Werken und
Zeitschriften vorfand, deren Uebersetzung in's Deutsche mir nicht leicht geworden ist und wozu
ich des Beistandes mehrerer Freunde bedurfte, welche nicht immer hier am Platze, sondern
oft fern in Russland verweilten. Wiederholt war ich gen�thigt, russische und polnische Fach-
genossen um ihre H�lfe und ihren Rath zu bitten; beides ist mir in gef�lligster und ausgiebigster
Weise gew�hrt worden und kann ich nicht unterlassen, nochmals an dieser Stelle hierf�r allen
jenen M�nnern, welche meine Arbeit so treu unterst�tzt haben, verbindlichst zu danken.
Schliesslich m�chte ich noch der Verlagsbuchhandlung meinen Dank f�r Ausstattung
des Buches aussprechen; sie hat weder M�he noch Kosten gescheut dasselbe sch�n und zweck-
entsprechend zu gestalten. Die Abbildungen sind meistens Portr�ts besonders typischer Pferde
und fast alle nach photographischen Aufnahmen des russischen Staatsraths von Brust-Lisitzin
vom hiesigenUniversit�ts-Zeichenlehrer H. Schenk mit anerkannter Meisterschaft gefertigt, und
werden � wie ich hoffe � wesentlich dazu beitragen, den Werth des Werkes zu erh�hen.
Halle a/S., im Januar 1881.                                                          Prof Dr_ c_ Freytag.
Zu diesem Buche sind ausserdem noch auf meinen besonderen Wunsch in der Fabrik des
Hrn. VictorD�rfeldin Olbernhau im Erzgebirge von der Meisterhand des als Thiermodelleur r�hm -
liehst bekannten Herrn O. H. Peissler 12 Modelle der wichtigsten Pferde-Racen Russlands
angefertigt und zwar in dem Verh�ltniss von 1 : 10 der nat�rlichen Gr�sse. Die mir hier vor-
stehenden Modelle sind mit grossem Geschick, vollem Verst�ndniss f�r Thierformen und � ich
sage nicht zu viel � mit Liebe zur Sache ausgef�hrt, und d�rften daher von jedem Pferdelieb-
haber mit Freuden begr�sst werden. Sie gew�hren eine ebenso h�bsche, wie lehrreiche
Zimmer-Zierde und sollen von mir ganz besonders allen landwirtschaftlichen Lehr Instituten,
Thierarzneischulen etc. angelegentlichst zur Anschaffung empfohlen werden; diese Modelle
werden besser als viele Bilder dazu beitragen, das Racen - Studium zu f�rdern. �
Der Preis der ganzen Sammlung (12 St�ck) ist in Betreff der sorgf�ltigen und correcten
Ausf�hrung aller Modelle ein sehr massiger und wird sich auf etwa 90 Mk. stellen. Jede
Buchhandlung des In- und Auslandes wird von dem Herrn Fabrikanten in die Lage versetzt,
zu obigem Preise die fragliche Sammlung prompt und gut verpackt abzugeben, auch k�nnen
einzelne Modelle ausnahmsweise von Herrn V. D�rfeid direkt zum Preise von 9 Mk. be-
zogen werden.
Prof. Dr. C. Frey tag.
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I N II ALT.
Seite
Literatur................vn
Historisches . . f.............         I
Allgemeines und Statistisches.........23
Statistisches �ber das Gest�tswesen......27
Pferdehandel..............49
Die Racen und ihre Z�chtung........ 54
I. Waldpferde - Racen.
Keite
A.  Die Racen der nord�stlichen Gouvernements...............      56
a.   Die Pferde an der Kama, im Gouvernement Wj�tka........      56
b.   Die Pferde an der Obwa.................      5&
c.   Die Pferde der Tschuwaschen in Simbirsk...........      59
d.   Die Pferde an der Kasanka................      60
B.   Die Racen des n�rdlichen Gross-Russland ...............      62
a.   Die Pferde am Mesen..................      62
b.   Der Oneskyer Pferdeschlag................      64
c.   Die kleinen Bauerpferde in Olonez und Wologda.........      64
C.   Die Pferde in Finnland......................      65
D.   Die Racen in den Ostsee-Provinzen..................      72
a.   Die Pferde in Estland..................      72
b.  Die Klepper und Doppelklepper auf der Insel Oesel.......      77
c.   Die Pferdezucht in Livland.................      7^
E.   Die Racen in West-Russland....................      82
a.   Das semgallische Pferd..................      82
b.   Die Pferde in Samogitien.................      83
F.   Die Pferde in Polen.......................      87
IT. Step pen pferde-Racen.
A.   Die Pferde der donischen Steppen..................      96
B.   Die Pferde der Kalm�cken, im Gouvernement Astrachan..........    105
C.    Die Pferde der Baschkiren.....................     112
D.   Die Pferde der Kirgisen in den Gouvernements Astrachan, Orenburg und Ssamara .     115
E.   Die Pferde der uralischen Kosaken..................     122
F.   Die Pferde der nogaischen Steppe und der Krim............,     124
G.   Die Pferde in Bessarabien......................    126
H. Die Pferde i.n Gouvernement Cherson.................     126
I. Die Pferde in Klein-Russland....................     130
K. Die Pferde in Wolhynien und Podolien................     141
III. Ge bi rgspferde - Race n.
A. Die Pferde in Kaukasien.....................     14?
a.  Das karabaghische Pferd..................     '49
b.   Das schirweische Pferd..................     154
c.   Die Pferde in Daghestan.................     I55
d.   Das tscherkessische Pferd.................     156
e.   Das georgische Pferd...................    r6o
Die Pferde-M�rkte in Kaukasien.......,............    161
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INHALT.
IV. Die Pferdezucht in der Region der Schwarzerde.
Seite
A.   Die Pferdez�chtung im Gouvernement Woronesch.............     166
a. Die Arbeits- und schweren Zugpferde.............     167
b Die Z�chtung der Reitpferde und Traber............     168
Das Staats- oder Krongest�t Chr�nowoy.
(Gouvernement Woronesch).
a.   Der Orlow'sche Reitschlag in Chr�nowoy............     17!
b.   Die Traber in Chr�nowoy und an anderen Orten des Gouvernements
Woronesch.....................     174
B.   Die Pferde im Gouvernement Tambow.................     187
C.  Die Pferde im Gouvernement Pensa..................     199
D.   Die Pferde im Gouvernement Nischnij-Xowgorod oder Nishegorod.......    203
E.   Die Pferde im Gouvernement Moskau.................    207
Kachschrift............................    213
V ERZEICH NISS
der von H. Schenck gezeichneten Tafeln.
Wadim, Traberhengst..............
Prawnuk, Traberhengst und Hauptbesch�ler zu Pawloff (Dimitri)
Jachitnik, Hauptbesch�ler des Trabergest�tes zu Toulinoff .
Finnl�ndischcr Hengst..............
Lubcsny, Ksthl�ndischer Doppelklepper........
Art�t, Polnische Zuchtstute in Snopkow........
Donisches Kosakenpferd..........'.'.-.
Pferdehirt der s�drussischen Steppen.........
Dobry, aus dem Gest�t Streletzk..........
Kaukasisches Bergpferd..............
Bayaset, Karabagh-Hengst.............
Tscherkesse..................
Frant, Hauptbesch�ler in Chr�nowoy.........
Hengst vom Bitjug...............
Jasnv, Schimmelhengst in Chr�nowoy ....'.....
Orlow-Hengst (Polkan) aus Chr�nowoy ........
Plottny, im Gest�t des F�rsten Orlow........
Krutay, Traberhengst...............
Udar, Orlow-Traberhengst.............
Artillerie-Zugpferde aus Tambow..........
Zu pag
8
16
24
68
72
02
97
'33
'37
146
149
'56
156
168
'73
176
178
[80
184
198
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VERZEICHNIS
der B�cher und Schriften, welche bei Bearbeitung des vorliegenden Buches
vom Verfasser benutzt worden sind.
Meyendorff, Baron von. Die Pferdezucht Russlands.
Berlin 1863.
Middendorff, A. von. Das Landgest�t der Livl�ndischen
Ritterschaft zu Torgel. Dorpat 1872.
Moerder, J. von. Die Pferdezucht in Russland. Wien 1873.
�     J. de. Institutions hippiques et les races chevalines
de la Russie. Paris 1869.
�    Apercu historique sur les institutions hippiques et
les races chevalines de la Russie. Saint-Petei s-
bourg 1868.
Le trotteur russe. St. Petersbourg 1876.
�     Compte rendu de l'Exposition hippique de Moscou
de 1869. St. Petersbourg 1869.
�     Concours hippique <le Moscou Septembre 1872.
St. Petersbourg [872.
�     Notice sur le cheval russe et Catalogue des chevaux
presentes � l'Exposition universelle de Paris.
Paris 1867.
�     J. von. �bersichtliche Zusammenstellung des Pferde-
handels und der Gest�te in Russland. St. Petersburg
187J. (In russischer Sprache verfasst, eine �ber-
setzung noch nicht erschienen.)
�     J. von. Der Pferde-Handel in Russland (Jarmarki)
St. Petersburg 1880. (In russischer Sprache verfasst,
eine Uebersetzung noch nicht erschienen.)
Zusammenstellung der Gest�te in Russland. Herausgegeben
auf Anordnung Sr. Exe. des Ministers der Reichs-
dom�nen in Russland. St. Petersburg 1879. (In
russischer Sprache verfasst, eine �bersetzung noch
nicht erschienen.)
Orth. Die Schwarzerde und ihre Bedeutung f�r die Kultur.
Die Natur. Neue Folge. III. Band. Jahrgang 1877.
Halle a. d. S.
Pci. Zur Pferdekunde. Wien i860.
Petzoldt, A. Reise im westlichen und s�dlichen Russland
im Jahre 1855. Leipzig 1864.
�     Der Kaukasus. Leipzig 1866.
__ Beitr�ge zur Kenntniss des Innern von Russland,
zun�chst in landwirthschaftl. Hinsicht. Leipzig 1854.
Blasius, J. H. Reise im europ�ischen Russland in den
Jahren 1840 und 1841. I. und II. Band. Braun-
schweig 1844.
Brehm, A. E. Thierleben. II. Band. Leipzig 1876.
Daniel, H. A. Handbuch der, Geographie. II. Band.
Leipzig 1874.
Eckardt, J. Russland's l�ndliche Zust�nde seit Aufhebung
der Leibeigenschaft. Leipzig 1870.
Kitzinger, L. J. Versuch �ber die Abstammung des zahmen
Pferdes und seiner Racen. Wien 1858.
Goebel, Fr. Reise in die Steppen des s�dlichen Russland.
I. und IL Band. Dorpat 1838.
Gayot et Moll. La connaissance generale du Cheval.
Paris 1861.
Hummel, A., Handbuch der Erdkunde. Leipzig 1876.
H�tten-Czapski, Bogdan Graf von. Die Geschichte des
Pferdes. Uebersetzt von L. Koenigk. Berlin 1876.
Jessen, P. Zur Frage �ber die Reinheit der Race des
Orlow'sehen Traberpferdes. Wien 1873.
Ignatius, K. E. F. Le Grand-Duche de Finlande. Notes
statistiques. Helsingfors 1870.
llowaisky, D. Geschichte des russischen Reiches. Reval r86y.
Josch, Ch. Beitr�ge zur Kenntniss und �eurtheilung der
Pferde-Racen. Wien 1837.
Kloeden, G. A. von. Handbuch der L�nder- und Staaten-
kunde von Europa. Berlin 1877.
K�rte, A. Landwirthschaftl. Kulturbilder. Breslau 1878.
Kopteff, B. de. Les cheveaux etrangers. Paris 1867.
Kotschedoff, Ad. Landwirlhschaftlich- landschaftliche Re-
miniscensen aus einer Reise durch's Moskauische bis
in die kaukasischen B�der und �ber Jalta in die Krim.
Berlin 1879.
Lengenfeldt, Th. von. Russland im XIX. Jahrhundert.
Berlin 1875.
� Skizzen aus Russland. Berlin 1877.
Leublfing, Th., Graf von. Wanderungen im westlichen
Russland. Leipzig 1875.
L�ffler, K. Das Pferd. Zucht, Pflege, Veredlung und
Geschichte. Berlin r868.
-ocr page 9-
VIII                                           VERZEICHNISS DER B�
HER UND SCHRIFTEN ETC.
Pokorny, G. Skizzen zur Geschichte des Pferdes, des
Reit- und Fahrwesens. Prag i878.
Radde, G. Die Chew'suren und ihr Land. Cassel 1878.
Schwab. Taschenbuch der Pferdekunde. M�nchen 1818.
Schwarzneckei , G. Racen, Z�chtung und Haltung des
Pferdes. Berlin 1879.
Schong, E. Pieni hewoiskirja. Helsingfors 1876.
Silberer, O. Handbuch des Trabersport. Wien, Pest
und Leipzig r88o.
Sj�stedt, G. W. F�rsslag tili �tg�rder for widmakth�llende
och f�rb�ttring of Finlands h�stafwel.
Tellais, C. de la. Etude sur les races de chevaux de la
Russie. Paris i860.
Thun, A. Landwirthschaft und Gewerbe in Mitteltussland
seit Aufhebung der Leibeigenschaft. Staats- und
social-wissenschaftliche Forschungen. Herausgegeben
von G. Schmoller. Leipzig 1880.
Unterberger, F. Mittheilungen aus dem Innern von Russ-
land, zun�chst f�r Pferdeliebhaber. Dorpat 1853.
Wilson, J. Agriculture et economic rurale en Russie.
Apercu statistique. St. Petersbourg 1878.
-ocr page 10-
Historisches.
]em Versuche, eine Beschreibung der Pferde-Racen des europ�ischen Russland zu
i liefern, schicken wir einen geschichtlichen Abriss voran, um zu zeigen, wie sich in
I diesem Reiche eine rationelle Pferdez�chtung allm�hlig entwickelt hat.
J
         Russland ist, seitdem dies Land uns historisch bekannt geworden, fast immer
reich an Pferden gewesen; seine Urbewohner, die Skythen wurden von den alten Griechen ihrer
vortrefflichen Reiterei wegen oft ger�hmt und ihre Leistungen als Rossez�chter besonders hervor-
gehoben. Karl Neumann sagt in seinem Werke, betitelt: �Die Hellenen im Skythen-
lande" Folgendes: ��Das Pferd erscheint �berall als der unzertrennliche Gef�hrte der
Skythen. Hero dot nennt die Skythen eine Nation von reitenden Bogensch�tzen; im Verthei-
digungskriege gegen die Perser ist nur von ihrer Reiterei die Rede, die sich der persischen stets
�berlegen zeigte. � Die skythischen Pferde waren klein, aber feurig und unb�ndig und von
vorz�glicher Ausdauer, � wie noch jetzt in denselben Gegenden die der donischen Kosaken.
Auch ihr Aeusseres scheint � wenigstens nach dem Geschmacke des Altert hums � nicht
unangenehm gewesen zu sein, denn Philipp von Makedonien fand f�r gut, 20,000 edle sky-
thische Stuten zur Verbesserung der Zucht in sein Land kommen zu lassen. Am liebsten
ritten die Skythen auf Stuten, doch schwerlich aus dem von Plinius angef�hrten Grunde
(Scythae per bella feminis [equis] uti malunt, quoniam urinam cursu non impedito reddant),
sondern weil diese nicht so wild waren; Strabon bemerkt, dass sie die Hengste, um sie lenk-
samer zu machen, zu legen (kastriren) pflegten, und bezeichnet diese Operation als eine den
Skythen eigenth�mliche. Ganz abgesehen von dem nat�rlichen Temperament der Thiere, das
in der Ungebundenheit einer ununterbrochenen Weidezeit starke Nahrung fand, muss sich das
Reiten von Hengsten bei den Wanderungen oder gar bei Bewachung der Heerden bald als eine
sehr verdriessliche Sache herausgestellt und fr�hzeitig den Gedanken einer Operation eingege-
ben haben, welche � nach Strabon's Ausdruck zu schliessen � zu seiner Zeit bei anderen
Nationen noch nicht gebr�uchlich war. � Als Zugvieh scheinen die Skythen Pferde nicht be-
nutzt zu haben: vor ihren Wagen werden nur Ochsen erw�hnt. � Eben so wichtig wie f�r den
die Steppe durchfliegenden Mann, war das Pferd f�r die Hausfrau und den skythischen Haus-
halt. Das Volk lebte auch von Pferdefleisch; und Stutenmilch war ein so verbreitetes und be-
liebtes Getr�nk, dass die nordpontischen Nomaden zum ersten Mal in der griechischen Literatur
schlechtweg unter dem Namen der Stutenmelker auftreten. Die Benutzung der Stutenmilch
empfahl sich namentlich dadurch, dass die S�ure, welche sie annimmt, nicht so unangenehm
wie die der Kuhmilch ist, dass sie also in geniessbarem Zustande viel l�nger als die letztere
aufbewahrt werden kann, � ein Vorzug, der die bereits durch die Natur des Landes gebotene
Pferdezucht noch mehr emporheben musste. Dass auch den Skythen die Bereitung ges�uerter
Stutenmilch, der Kumiss, bekannt war, ist unzweifelhaft: Hero dot beschreibt dieses Getr�nk
klar genug, ohne aber zu wissen, worauf es hierbei abgesehen war.""
Freytag, Russland's Pferde - Racen.
1
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2                                                        russland's pferde-racen.
Man ist ausser Stande genau zu bestimmen, in welcher Zeit die Pferdez�chtung im
eigentlichen Russland") als eine regelm�ssige in's Leben getreten ist und nimmt wohl mit
gr�sserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit an, dass erst dann der Reichthum an Pferden
und ihre Zucht sich vermehrte, als die Kriege mit den Tataren und anderen asiatischen V�lker-
schaften stattgefunden und Veranlassung gegeben hatten, dass viele orientalische Rosse nach
Russland gebracht wurden, wodurch sich zugleich auf Seite der russischen F�rsten und Bojaren
die Neigung zur Zucht von guten Pferden ausbildete und nach und nach weiter verbreitete.
Um so mehr wuchs diese Neigung, als die Kriegs - Erfahrungen lehrten, wie dringend es
sei, die Cavallerie nicht nur zu vermehren, sondern auch die Mannschaften mit t�chtigen Pfer-
den beritten zu machen, um f�r immer in der Lage zu sein, den wohlberittenen asiatischen
Horden die Spitze zu bieten und dieselben zu �berwinden.
Die erste Verwendung der Rosse zum Kriegsdienst in gr�sseren Massen geh�rt
wahrscheinlich erst der zweiten H�lfte des XL Jahrhunderts an, zu welcher Zeit Russland auch
erst zum eigentlichen Staate wurde.
I. Als Rjurik (862 � 879) nach dem Tode seiner Br�der sich in Besitz des ganzen
nowg"orodischen Gebiets setzte, traten unter seiner F�hrung vereinzelt kleine Reiter-Ab-
theilungen auf, welche ihm bei der Niederwerfung der sich emp�renden Nowgoroder gute
Dienste geleistet haben sollen.
Unter den F�rsten �ltester Zeit that sich zuerst Ol eg, welcher 879 seinem Vetter
Rjurik in der Regierung folgte, als Beg�nstiger und Verbesserer der Pferdezucht hervor,
indem er theils seine Reiterabtheilungen nach Zahl und Pferdematerial t�chtiger machte, theils
verm�ge seines Verst�ndnisses f�r Pferdez�chtung auf die Veredlung der gemeinen Land-
schl�ge mit Erfolg hinwirkte und daneben die Bojaren seines Reiches zu bewegen suchte,
seinem Beispiele zu folgen. Diese ermangelten denn auch nicht, auf ihren grossen Besitzungen
Marst�lle zu errichten und solche mit edlen Rossen der orientalischen Racen auszustatten. �
Mehrere russische Historiker berichten, dass die Reiterei des F�rsten Ol eg sehr bald eine ge-
wisse Ber�hmtheit erlangt und ihm bei der Niederwerfung seiner Gegner, die sich haupts�ch-
lich im Lande der �stlichen Slaven befanden, vortreffliche Dienste geleistet h�tte.**)
So erfolgreich das Vorgehen des russischen Landadels auch einerseits f�r die Hebung
der Pferdezucht gewesen sein mag, so scheint doch erst von dem Zeitpunkte an, wo die Land-
bewohner aller St�nde gezwungen wurden, dem Grossf�rsten eine bestimmte Anzahl Rosse
f�r den Kriegsdienst zu stellen, die Pferdezucht in Russland wesentlich besser geworden und
weit umfangreicher betrieben zu sein. Es heisst ausdr�cklich, dass jetzt erst � Ende des
elften Jahrhunderts � die Einf�hrung- fremder, zum gr�ssten Theil asiatischer Rosse, ohne
Nachtheil f�r die Kriegst�chtigkeit der Armeen, h�tte beschr�nkt werden k�nnen; die eigene
Landeszucht lieferte nahezu den ganzen Bedarf an Schlachtrossen.
*) D. Ilowaisky. Geschichte des russischen Reiches: �Als Gr�nder des russischen Reiches im Jahre 862 be-
zeichnet man drei Br�der, F�rsten ihres Stammes. Der �lteste derselben, Rjurik, Hess sich in Nowgorod, der zweite,
Sjineus, am weissen See, und der dritte, Truwor, in Isborsk nieder. � Nach ihnen wurde das Land �Russj" (Russ-
land) genannt. � Mannigfaltig hat man sich bem�ht, die Frage zu entscheiden, �wer die Russen waren und woher jene
F�rsten kamen?" Einige hielten sie f�r Finnen, Andere f�r Slaven aus Pommern, noch Andere glaubten, dass sie aus
Lithauen, vcn den M�ndungen des Niemen eingewandert seien; allein die gr�sste "Wahrscheinlichkeit kommt der skandi-
navischen Abstammung zugute.
**) J. Moerder. Apercu historique sur les institutions hippiques et les races chevalines de la Russie. � �La
cavalerie du grand due Oleg etait celebre en son temps et l'amour proverbial de ce prince pour les chevaux passa � la
posterite. Un cheval surtout etait prefere du prince et l'accompagnait partout. Blesse dans une bataille en portant
son maitre, le favori suecomba; quelque temps apres, Oleg etant venu visiter ce lieu nefaste, fut pique par une vipere
sortie du er�ne de son coursier et termina ainsi ses jours sur le lieu meme de la sepulture de son compagnon d'armes.
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HIS'L'OKI SC HKS.
3
Wie werthvoll �brigens in �ltester Zeit ein Pferd war, geht wohl aus dem soge-
nannten �Russischen Rechte" des Grossf�rsten Jaroslaw I. (1019�1054) hervor, wonach ein
Pferdedieb Verm�gen und Freiheit einb�sste, und wir d�rften nicht fehlgreifen, wenn wir
dieser gesetzlichen Vorschrift gleichfalls einigen Einfluss auf die Zunahme der Pferdezucht
zuschreiben.
Leider hat der grosse Brand zu Moskau im Jahre 1737 alle die Urschriften zerst�rt,
welche �ber die Art und den Umfang der Landes-Pferdezucht in �ltester Zeit n�here Auskunft
geben k�nnten.
In wie weit die russische Staatsregierung im elften und zw�lften Jahrhundert die
Pferdez�chtung im Lande unterst�tzt hat, k�nnen wir aus den geschichtlichen Ueberlieferungen
nicht genau ersehen; es wird von Mo er der und Anderen nur angegeben, dass ver-
schiedene Unterst�tzungen derselben von Seiten des Staats stattgefunden h�tten, jedoch viele
Jahrzehnte hindurch ohne jegliche systematische Massregel, und es h�tte dieserhalb auch von
einer wirklichen Verbesserung oder A^eredlung derjenigen Racen, welche nachweislich aus
Asien stammten, keine Rede sein k�nnen.
Als zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts die Mongolen und Tataren unter
Dschingis-Chan und seinen S�hnen mit ihren starken Heerschaaren in Russland einfielen
und den gr�ssten Theil des tapfern russischen Heeres unter Daniil Rom�nowitsch von
Wol�inien bei Kalka so furchtbar auf's Haupt schlugen, dass es nur Wenigen gelang den
Dnjepr zu erreichen, verminderte sich in kurzer Zeit die Zahl der besseren Pferde im Reiche
ganz bedeutend; viele derselben wurden von den nach Asien wieder zur�ckkehrenden Tataren
fortgef�hrt und ein betr�chtlicher Theil ging durch den Krieg" g�nzlich zu Grunde. � Eine
so furchtbare Niederlage, wie die bei Kalka, hatten die Russen bis dahin noch nie zuvor er-
litten. � Der Baron von Meyendorff bezweifelt, dass Russland damals schon Schlacht-
rosse in gen�gender Zahl besessen habe; er sagt w�rtlich Folgendes: ��H�tten die Russen in
der Schlacht bei Kalka Reiterei gehabt, so w�rde ihre Vernichtung nicht eine so allgemeine
gewesen sein, wie sie von der Nestorianischen Chronik beschrieben wird. Wenn es ferner
heisst, dass die Polowzer, welche als Verb�ndete der Russen in die Schlacht zogen, w�hrend
derselben aber von ihnen abfielen, alle diejenigen t�dteten, welche vom Schlachtfelde flohen,
um sich ihrer Gew�nder und Pferde zu bem�chtigen, so scheint hieraus hervorzugehen, dass zu
jener Zeit nur die Vornehmen und Reichen Pferde besessen haben.""
Um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts brachten die tatarischen Reiter des Batui
� die sogenannte Goldene oder kiptsch�ksche Horde � viele gute Rosse mit in die
s�dlichen und �stlichen Steppen Russland's, und es w�rden solche � nach der Meinung
unserer Gew�hrsm�nner � wahrscheinlich g�nstig auf die Verbesserung der Pferdezucht
jener Landestheile eingewirkt haben, wenn nicht durch die unaufh�rlichen Kriegs- und
Raubz�ge dieser Horde jede sorgf�ltige Thierz�chtung unm�glich gemacht w�re. � Der
Zustand des s�dlichen Russland war nach dem Abz�ge der Tataren und Mongolen ein �ber
alle Massen trauriger; vorz�glich hatten die am Dnjepr liegenden L�nder in jeder Beziehung
sehr gelitten.
II. Erst nach Ablauf mehrerer Jahrzehnte kam ein wirklicher Aufschwung in der
Z�chtung von Pferden und anderen Hausthieren zur Erscheinung, woran nicht blos viele der
zum Nachtheil der Russen ausfallenden Kriege, sondern auch andere Kalamit�ten (Missernten,
Hungersnoth und Viehsterben) schuld waren, bis in der zweiten H�lfte des f�nfzehnten Jahr-
hunderts unter Ivan III. Wassiljewitsch (1462 �1505) eine bemerkenswerthe Aenderung zum
Guten sich kund gab. Diesem einsichtsvollen und thatkr�ftigen Grossf�rsten gelang es, die mit
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4                                                        russland's pferde-racen.
Geschick getroffenen, auf die Veredlung der Pferdezucht hinzielenden Einrichtungen mit guten
Resultaten gekr�nt zu sehen.*)
Alsimjuli 1471 die Feindseligkeiten Ivan's III. mit der Verheerung der nowgorodischen
Gebiete begannen, war dieser F�rst im Besitz sehr gut berittener Cavallerie-Abtheilun-
gen. Im Heere des Grossf�rsten befanden sich ausser den Moskowitern, grosse Abtheilungen von
Tataren, das twersche Contingent und t�chtige Reiter der Pskow'schen Mannschaften. Die
Nowgoroder gingen dem Feinde zwar guten Muthes entgegen, wurden aber an den Ufern der
Schelonj vom Vortrab des moskowitischen Heeres geschlagen. Beim Beginn des Kampfes
hatte sich das berittene Regiment des Erzbischofs geweigert einzuhauen, einmal weil es
sagte, gegen die Pskower, nicht aber gegen die moskowitischen F�rsten abgeschickt zu sein, dann
aber auch weil es die T�chtigkeit der Ivan'schen Reiterei f�rchtete. � Wir d�rfen
hiernach wohl annehmen, dass dieser Grossf�rst �ber sehr brauchbare, kr�ftige Schlachtrosse
verf�gte, die zum weitaus gr�ssten Theile in seinem eigenen Lande gez�chtet waren. Ferner
geben J. Moerder und der Oberstallmeister von Meyendorff an, dass im f�nfzehnten Jahr-
hundert die tatarischen Gesandten mit ihrem reichen Gefolge von Kaufleuten, Beamten,
Dienern etc. auch viele gute Rosse mit nach Russland gebracht h�tten; ein grosser Theil dieses
Imports soll Ivan III. dazu benutzt haben, das erste Krongest�t zu Khoroschow bei Moskau
zu gr�nden.**)
Gegen Schluss des f�nfzehnten Jahrhunderts (1496) ernannte Ivan III. � bei der
Bildung seines Hofstaates nach westeurop�ischem Mu ster � einen seiner Favoriten, Andre
Fedorowitsch Tscheliadine zum Oberstallmeister (Koniuchy) und �bertrug demselben
die obere Leitung des ganzen Gest�twesens und die Oberaufsicht �ber die Hof-Marst�lle in
der Reichs-Hauptstadt. Ein Jahr sp�ter wurde dem Oberstallmeister in der Person eines
pferdekundigen Bojaren Namens Feodor Vikentieff ein Geh�lfe beigeordnet, welchem man
den Titel �Joselnitschy" (zu deutsch: Krippenw�rter oder Futtermeister) verlieh und mit einer
grossen Machtvollkommenheit ausstattete. Andre Fedorowitsch Tscheliadine und
Feodor Vikentieff sollen f�r die Verbesserung der russischen Pferdez�chtung in damaliger
Zeit nach besten Kr�ften gewirkt haben; manches gute Pferd ging aus den Krongest�ten her-
vor und einzelne werthvolle Hengste konnten an die Gest�tsh�fe der Kl�ster und Bojaren als
Besch�ler abgegeben werden.
Dies ist nach den Mittheilungen russischer Hippologen der Zeitpunkt gewesen, welcher
als der Anfang einer gereg'elten, zweckm�ssigen Z�chtung von russischen Pferden
bezeichnet werden kann; mit dem sechszehnten Jahrhundert also hebt die Hoffnung auf eine
rationelle Thierz�chtung in Russland an. Die ungeordneten Verh�ltnisse fr�herer Zeiten mach-
ten solche fast ganz unm�glich.
Die Jahre lang fortgesetzten Kriege der Grossf�rsten mit den unruhigen kriegliebenden
Nachbaren im Osten erforderten die Haltung einer t�chtigen, zahlreichen Reiterei, und diese
n�thigte die Landleute zur umfangreicheren Z�chtung von Pferden. Der Verbrauch an
*) D. Ilowaisky. �Ivan III. verfolgte mit Gl�ck und Geschick die von seinen Vorg�ngern eingeschlagenen
Wege; er verstand es besser als sie die g�nstigen Umst�nde zu benutzen, indem er beinahe immer, wenn auch lang-
sam, so doch festen und sichern Schrittes sein Ziel erreichte. Seine Regierung ist durch viele wichtige Ereignisse der
�usseren und inneren Politik gekennzeichnet. Unter diesen nahm die Vereinigung der bedeutendsten Theilf�rsten-
th�mer des n�rdlichen Russland mit dem moskowitischen Reiche eine erste Stelle ein."
**) In der Zeit der Tributpflichtigkeit Russland's an den Khan der Tataren hielt sich fortw�hrend ein Ge-
sandter des letzteren in Moskau auf. Im Jahre 1474 'cara ein tatarischer Gesandter, Namens Karatschuk, dahin, den
600 Diener und 3200 Kaufleute begleiteten, und brachten diese 40,000 asiatische Pferde zum Verkaufe mit nach Russ-
land. Transporte �hnlicher Gr�sse begleiteten fast alle Abgesandte des Khan und hierdurch kam eine Menge von Pferden
in das Land.
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HISTORISCHES.                                                                                      =
Schlachtrossen stieg von Jahr zu Jahr immer mehr und mehr; die Bojaren sahen sich veran-
lasst, neben ihren Hauptgest�ten, welche sich meistens in unmittelbarer N�he ihrer Schl�sser
bef�nden, auch auf den entfernter liegenden Vorwerken kleinere Zuchtpl�tze, Gest�th�fe etc.
herzustellen und diese m�glichst zweckm�ssig einzurichten. Nicht allein zum Kriegsdienste be-
durfte man t�chtiger Rosse, sondern auch im Frieden wollte man zur Jagd, auf Reisen und
f�r die verschiedenartigsten Vergn�gungen brauchbare Reit- und Wagen-Pferde haben, die in
ihren Leistungen nicht hinter den, aus westeurop�ischen L�ndern hin und wieder eingef�hrten
Thieren zur�ckstehen sollten. � Es wird erz�hlt, dass schon damals viele russische Bojaren
eine besondere Ehre darin suchten, ein Pferde-Material heranzuz�chten, welches f�r die
mannichfachen Gebrauchszwecke tauglich und �berall verwendbar war.
Erw�hnenswerth erscheint uns noch, dass Ivan III. von Sten-Sture, dem derzeitigen
Beherrscher Schwedens, einen kr�ftigen Hengst von seltener Sch�nheit zum Geschenk
erhielt, welchen er viele Jahre in seinem Hauptgest�te als Besch�ler benutzen liess. Dieses
Thier soll eine besonders sch�ne Nachzucht geliefert haben.
III. Ivan's Sohn und Nachfolger in der Regierung, der Grossf�rst Wassily-
Ivanowitsch, (1505 �1533) stand zwar seinem Vater an Talent weit nach, verfolgte aber doch
mit Gl�ck dessen Politik in Betreff der Theilf�rsten, der ausw�rtigen H�fe und der eigenen
Unterthanen. Er machte der Selbstst�ndigkeit Pskow's, Rj�sans und des Jsjewer'schen
F�rstenthums ein Ende. F�r die Verbesserung der Landespferdezucht zeigte auch dieser F�rst
Interesse und Verst�ndniss; sie entwickelte sich unter seiner Regierung zu Anfang des sechs-
zehnten Jahrhunderts in bester Weise.
Im Jahre 1511 wurde eine besondere Administration f�r das Gest�twesen unter dem
Namen �Koniuchenny Prikas" eingesetzt, und es scheint, dass dieselbe eine Zeit lang h�chst
segensreich f�r die Hebung und Besserung der Zucht im ganzen Lande gewirkt hat. Mehrere
t�chtige Bojaren waren als Oberstallmeister jenes Grossf�rsten unabl�ssig fieissig dar�ber aus,
die Z�chtung edler Pferde im Reiche zu vermehren und fehlerhaft eingerichtete Gest�tsh�fe zu
verbessern. Wir d�rfen hier nicht unerw�hnt lassen, dass zur Regierungszeit Wassily-Jva-
nowitsch's � vielleicht auch schon fr�her � zur Verbesserung mehrerer russischer Pferde-
schl�ge Hengste von der Race der Petschenegen herbeigeholt und in verschiedenen Gest�ten
der Krone mit bestem Erfolg'e zur Zucht benutzt worden sind.*)
Wenngleich unter Ivan IV. (der Schreckliche genannt) der Posten eines Oberstall-
meisters 16 Jahre lang vacant blieb, so machte dessenungeachtet auch zu jener Zeit die Pferde-
*) Die Petschenegen, ein tatarischer Volksstaram, bewohnten urspr�nglich die Landschaft zwischen der
Wolga und dem laik, und wurden durch ersteren Fluss von den Chazaren getrennt. Vom neunten bis zum elften
Jahrhundert hatten die Petschenegen grossen Einfluss auf die Geschicke Europa's, indem sie von Zeit zu Zeit durch
ihre grossen Raubz�ge Schrecken und Umw�lzungen an vielen Orten erzeugten. Im Besitz sehr rascher, gewandter
Pferde und guter Reiter f�gten sie ihren Nachbaren im Norden und Westen, mit welchen sie oft in Fehde lagen,
grossen Schaden zu. � Zuerst taucht dieses Nomadenvolk im Jahre 830 :auf, wo es das Chazaren-Reich angreift,
dann bekriegt dasselbe 867 den Grossf�rsten von Kiew, und erst nachdem sich die Russen, Chazaren und Uzen ver-
bunden hatten, wurden die Petschenegen zur�ckgedr�ngt und vertrieben. Sie irrten eine Zeit lang umher, bis es ihnen
gelang, sich 883 zwischen Don und Dnjestr Wohnsitze zu erwerben, von wo aus sie sich dann sp�ter bis zur Aluta
ausbreiteten. Einzelne St�mme der Petschenegen drangen bis nach Galizien, Siebenb�rgen, der Moldau und Wallachei
vor, machten sich in diesen L�ndern ans�ssig und betrieben hier Ackerbau und besonders Viehzucht mit grossem Ge-
schick. Zu Ende des zehnten und in der ersten H�lfte des elften Jahrhunderts kam ein Theil jenes Volksstammes so-
gar bis nach M�hren, siedelte sich an, und soll auch hier f�r die Ausdehnung und Verbesserung der Viehzucht (Pferde-
und Rindvieh-Z�chtung) bestens gewirkt haben.
Als Reste der Petschenegen hat man die Szekler angesehen. In dem russischen Gouvernement Charkow nennt
man noch jetzt einige D�rfer nach ihnen die �petschenegischen Ortschaften", wo nach Aussage russischer Hippologen
noch heute viele brauchbare, gut geformte Pferde gez�chtet werden.
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6                                                                    RUSSLAND S PFERDE-RASSEN.
zucht im russischen Reiche sichtbare Fortschritte. Durch die Aufstellung und Benutzung edler
Flengste erreichte man selbst auf den entlegensten D�rfern bei der Bauernpferdezucht eine
wesentliche Verbesserung; es wurden an vielen Pl�tzen neue Staatsgest�te errichtet und diese
�Koniuchenny-Slobody" genannt. Die Gest�tbeamten erhielten die specielle Aufgabe, das
Gesch�ft bei der Auswahl der Zuchtpferde strengstens zu �berwachen und alle Uebergriffe von
Seiten der Bauern zu bestrafen. Nach den geschichtlichen Ueberlieferungen sind in all' diesen
Gest�ten vorzugsweise Thiere orientalischer Racen zur Zucht verwendet; Pferde europ�ischer
Abkunft kamen h�chst selten vor und wurden nur ausnahmsweise zur Zucht benutzt.
Das Jahr 1547 war ein bemer kens wer thes in der Regierung Ivan's IV. Im Januar
desselben wurde dieser Herrscher feierlich gekr�nt; er nahm sofort den Titel �Zar" an, was
nach damaligen Begriffen mehr bedeutete als Grossf�rst. Darauf verheirathete er sich nach
eigener Wahl mit der klugen Bojarentochter Anastasia Rom�nowna, welche auf ihren
Gemahl anf�nglich einen wohlth�tigen Einfluss ausge�bt hat. Von einer Seite wird be-
hauptet, dass diese Zarin sich f�r die Pferdezucht ihrer Unterthanen besonders interessirt und
die Beschaffung edler Besch�ler mehrfach veranlasst habe. � Als gegen die Mitte des sechs-
zehnten Jahrhunderts sich am russischen Hofe ein grosser Glanz und Ueppigkeit bei allen
Festlichkeiten entfaltete, �hnlich wie an vielen europ�ischen H�fen, gebrauchte man nat�rlich
auch eine erhebliche Anzahl sch�ner, edler Pferde, und es lag dem Oberstallmeister ob, f�r die
Beschaffung derselben zu sorgten, was ihm auch allm�hlig mit Unterst�tzung seitens mehrerer
Bojaren gelungen sein soll.
Die vornehmen Bojaren zeigten gern ihre Pracht und ihren Reichthum an Pferden; sie
Messen es sich angelegen sein, hinsichtlich ihrer Marst�lle und Gespanne mit dem Grossf�rsten
oder Zaren in jeder Art zu wetteifern, und selbst die pferdehaltenden Einwohner der Haupt-
stadt, reiche Kaufieute und Beamte, hatten ihre Freude daran, der schaulustigen Menge die
edelsten Rosse orientalischer Abkunft vorzuf�hren.
In der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts brachte der Sieg des General Schereme-
te ff �ber den Chan der Krimm D ewlet-Guirey dem Lande eine Beute von 60,000 St�ck
zum Theil sehr sch�ner Pferde ein, von welchen alle besseren Exemplare (200 St�ck) dem da-
mals ber�hmten Arga mack-Schlage angeh�rten. Diese letzteren kamen in die f�r Pferde-
zucht besonders g�nstig belegenen Gouvernements und sollen hier wesentlich mit zur Ver-
besserung der Landracen beigetragen haben.*)
Gegen das Ende des sechszehnten Jahrhunderts brachten die Gest�te in den Bauer-
Dorfschaften der s�dlichen Gouvernements bereits grosse Einnahme durch den Verkauf edler
Pferde an fremdl�ndische F�rsten, und ausserdem lieferten'dieselben allj�hrlich viele Rosse an
die Milit�r-Beh�rden des Reichs ab, welche zu den verschiedenartigsten Dienstzwecken ver-
wendbar waren, sich zur Kriegszeit t�chtig und ganz besonders ausdauernd zeigten. Ueberdies
liess der Zar allj�hrlich noch 8000 Pferde von den Tataren in Asien ankaufen und viele, das
heisst alle besseren Individuen dieser Fremdlinge zur Zucht in den Staatsgest�ten verwenden.
Die K�mpfe um Livland (1558) kosteten dem russischen Reiche sehr viele Pferde;
manches sch�ne Zuchtthier musste mit in das Feld genommen werden und kehrte niemals wie-
der in das Gest�t zur�ck.
Die livl�ndischen Ritter, welche durch Kreuzfahrer in Besitz t�chtiger, besonders kr�f-
*) Im vierten Bande der Zeitschrift �ber Pferdezucht von General Zorn findet sich folgende Erkl�rung: �Die
Arga macks sind Pferde von hohem Adel, deren Abkunft lange Zeit unbekannt war. Jetzt steht es unzweifelhaft fest,
dass sie arabischer Abkunft sind. Sie sind gross (5 Fuss 4 Zoll oder 1,67 Meter), stark von Knochen, sch�n gebaut,
mit leichten und lebhaften Bewegungen. Die Bewohner von Bokhara und Khiwa f�hren viele aus Arabien ein; man
findet sie auch in Persien und der Kabarda." Auch die Kirgisen sollen Argemacks in ziemlich grosser Zahl besitzen.
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HISTORISCHES.                                                                            7
tiger Schlachtrosse der westeurop�ischen Racen (wahrscheinlich Noriker) gekommen waren,
f�hrten dem Zaren eine vortreffliche Reiterei entgegen und n�thigten diesen mehrfach zum
R�ckzuge. Es heisst ausdr�cklich, dass die �leicht berittenen Russen" dem Anprall der schwe-
ren livl�ndischen Cavallerie nicht zu widerstehen vermochten.
Nicht nur Livland, sondern auch Polen war in sechszehnten Jahrhundert reich an guten,
kr�ftigen Pferden.
Stephan Batory, der Wojewode von Siebenb�rgen, wurde 1575 zum K�nig von Polen
erw�hlt; er beschloss bald darauf, den fr�her schon von seinem Vorg�nger begonnenen Krieg
gegen die Russen mit allen Kr�ften fortzusetzen; seine polnische Reiterei � im Besitz vor-
trefflicher Schlachtrosse � und eine zahlreiche Artillerie, die ebenfalls �ber gute, starke Zug-
pferde verf�gte, unterst�tzte den K�nig bei der Besiegung der regellosen moskowitischen
Heerschaaren; diese mussten �berall dem Uebergewichte und der Geschicklichkeit der Polen
weichen.
Nach diesen Angaben unseres russischen Gew�hrsmannes, D. Ilowaisky, d�rfen wir
wohl annehmen, dass die russische Armee damals �ber ein weniger gutes Material an Kriegs
pferden verf�gte, als die Polen; m�glicherweise verstanden auch die polnischen Reiter, deren
Geschicklichkeit und Tapferkeit immer ger�hmt wird, die F�hrung ihrer Pferde etwas besser
als die moskowitischen Cavalleristen.
IV. Eine besonders hervorzuhebende F�rderung der Landespferdezucht fand unter
den n�chsten Nachfolgern J van's IV. nicht statt. Eine solche machte sich erst wieder unter
dem Vater Peter des Grossen, dem unternehmenden Zar Alexis Michai'lowitsch (1646 �
1676) bemerkbar. � Von allen Geschichtschreibern wird ihm das Verdienst beigelegt, das Ge-
st�twesen geh�rig organisirt und durch allj�hrlich sich wiederholenden Ankauf zahlreicher
orientalischer Pferde bester Abkunft f�r das n�thige Zuchtmaterial im ganzen Lande gesorgt
zu haben. � Die meisten zur Zucht bestimmten Pferde wurden den turkomanischen Racen ent-
nommen; diese gerade Hessen sich ohne Schwierigkeiten in Russland acclimatisiren.
Auf den Reisen des Zaren durch die n�rdlichen und nord�stlichen Gouvernements seines
Reiches hatte er die Beobachtung gemacht, dass hier namentlich die Pferdezucht noch am
tiefsten darnieder lag und eine Aufh�lfe durch Staatsunterst�tzungen dringend geboten er-
schien. Die Verwendung passender, gedrungen g-ebauter Hengste wurde von den dortigen
Z�chtern als besonders w�nschenswerth bezeichnet; man bat den Landesherrn um Zuf�hrung
der damals schon ber�hmten Pferde des Klepperschlages aus den Ostsee-Provinzen. Baron
von Meyendorff berichtet, dass unter der Regierung des Zaren Alexis Michai'lowitsch
mehrere Stallmeister desselben zum Hengst-Ankauf nach Asien geschickt, dann aber auch die
unter dem Namen �Klepper" bekannten Pferde Livland's und Esthland's nach jenen Gouverne-
ments verpflanzt w�ren, wo sie die Stammeltern der Racen von Ohwa, Wj�tka und Kasan ge-
worden sind.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die in sp�terer Zeit viel genannte und ger�hmte
Kasanski-Race ihren Ursprung vorzugsweise jener Vermischung mit livl�ndischem Klepperblut
zu verdanken hatte.
Nach weiteren Mittheilungen �ber die Marst�lle des Zaren Alexis Michai'lowitsch
enthielten dieselben 150 Reit-, Wagen- und Schlitten-Pferde f�r seinen alleinigen Gebrauch,
50 St�ck hochedle Pferde f�r die Zarin und deren T�chter, 600 f�r die Gesandten, Bojaren und
Stallmeister. Ausserdem befanden sich noch 3000 theils gute, theils geringere Pferde f�r das
Gefolge des Zaren, und 40,000 Pferde zum Dienste in Moskau und in dessen Umgebung.
Diese letztgenannte Zahl umfasst jedenfalls auch die Pferde der Artillerie und Cavallerie so
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dass die Bezeichnung �Pferde des Zaren" hier gleichbedeutend mit �Pferden der Krone" zu
verstehen ist.
Unter dem Zaren Fe odor Alexjeje witsch (1676 �1682) ist f�r die Verbesserung der
Pferdezucht nichts Besonderes gethan; es kamen damals die besten Pterde f�r die Marst�lle des
Landesherrn aus Polen. Hin und wieder trieben auch die s�dlichen Nomadenv�lker, nament-
lich die nogaischen Tataren, grosse Pferde-Heerden (tabun�i) nach dem moskowitischen Reiche,
wo sie gr�sstentheils f�r die Reiterei des Zaren angekauft wurden.
Nach D. Ilowaisky bildete gegen das Ende des siebenzehnten Jahrhunderts die Haupt-
macht des moskowitischen Heeres die zahlreiche Klasse der Edelleute und Bojarenkinder, d. i.
der Stand der Besitzer von sogenannten Dienst- und Stelleng�tern und von Erbg�tern. Sie
leisteten den Kriegsdienst zu Pferde und mussten nach Massgabe des ihnen angewiesenen
Landes in der Regel auch einige bewaffnete Diener mit sich in's Feld f�hren. Aus den Edel-
leuten, die im moskauischen Kreise in die Kriegslisten eingeschrieben waren, wurde das soge-
nannte Zaren-Regiment gebildet; dasselbe fungirte gewissermassen als Leib-Garde. Ausserdem
waren alle Hofbeamten und W�rdentr�ger Krieger und bildeten eine Cavallerie-Abtheilung
zarischer Leibw�chter. Diese fanden sich bei der LIeerschau in reichen R�stungen, in gl�nzen-
den Panzern und Helmen ein; sie hatten theure S�bel und ritten sch�ne, feurige Pferde aus
der Kabardi (Argamaki), die stets mit dem kostbarsten Geschirr geschm�ckt wurden. Begleitet
wurden sie von einer ansehnlichen Menge meistens gut berittener und sch�n bewaffneter Diener.
Jene kabardinischen Rosse wurden in Friedenszeiten von den Edelleuten sehr h�ufig
zur Zucht benutzt, und werden sicherlich zur Veredlung der russischen Landschl�ge beige-
tragen haben.
Nach dem Tode des letztgenannten kinderlosen Feodor Alexjej ewitsch hatte sein
Bruder Ivan V. das n�chste Anrecht auf den Thron. Er war aber k�rperlich und geistig zu
schwach, wurde daher �bergangen, und von den Bojaren sein Halbbruder Peter zum Zaren
ausgerufen, welcher eben erst zehn Jahre alt geworden wTar. Peter's Mutter, Natalja
Kirillowna, bekam den Haupteinfluss am Hofe, hatte indessen mit vielen Schwierigkeiten zu
k�mpfen; es trat ihr ganz besonders die Partei des Bojaren Miloslawsky entgegen, deren
Seele die kluge, ehrgeizige Prinzessin Sophie war, eine erste Tochter des Zaren Alex j ei
Michai'lowitsch, welcher dann auch zuletzt die Regentschaft �bertragen wurde.
Unter dieser Regentschaft hat die Pferdezucht in Russland keine R�ckschritte, ebenso-
wenig aber Fortschritte gemacht. Die h�ufigen K�mpfe gegen die Roskoljnike m�gen der
Regentin wenig Zeit gelassen haben, sich um die Pferdez�chtung des Landes zu k�mmern.
V. Als der Zar Peter der Grosse im Jahre 1696 die Alleinherrschaft des russischen
Reiches �bernahm, konnte er �ber zahlreiche Reitermassen verf�gen, die ihm auch �berall bei
seinen Kriegen gegen die Schweden, T�rken und Tataren vortreffliche Dienste geleistet haben.
Klein-Russland allein war zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im Stande 60,000 Pferde zu
liefern; die Landschaften am Don und die Steppen des Ural waren ebenfalls reich an brauch-
baren Soldaten-Pferden; von dort her wurden allj�hrlich mehr als 20,000 Reiter in's Feld ge-
stellt. Die weit ausgedehnten Ebenen am Kuban, vor allen anderen aber die Steppen Sibirien's
besassen unz�hlige Tabunen halbwilder Pferde, die im Nothfalle mit zum Dienste in der Armee
herangezogen werden konnten.
Des grossen Zaren landesv�terliche F�rsorge erstreckte sich bekanntlich auf die ver-
schiedenartigsten Zweige der Regierung und Landeskultur; er wollte seinem Reiche alle
diejenigen Einrichtungen geben, welche sich in anderen europ�ischen L�ndern schon als
zweckm�ssig bew�hrt hatten. Der Zar h�rte von der Vorz�glichkeit der' preussischen und
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Traber-Hengst .Wadim.
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HISTORISCH ES.
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schlesischen Pferdezucht und liess deshalb gleich zu Anfang seiner Regierungsepoche in jenen
L�ndern grosse Ank�ufe von Zuchtpferden machen, die dann fast ausnahmslos in den Kronge-
st�ten zur Aufstellung und Verwendung kamen. Ausserdem beauftragte Peter I. mehrere ge-
schickte tatarische Handelsleute, welchen er an seinem Hofe gastfreie Aufnahme gew�hrt
hatte, orientalische, ganz besonders persische Hengste f�r seine Krongest�te anzukaufen, und
es wussten sich diese Handelsherren des kaiserlichen Auftrages bestens zu entledigen.
Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts befanden sich die vorz�glichsten Staats-oder Kron-
Gest�te in den Gouvernements Kasan, Asow und Kijew; sie waren im Besitz vieler sehr
sch�ner Hengste und einer ansehnlich grossen Zahl brauchbarer Zuchtstuten. Im Jahre 1720
wurde auf Befehl des Kaisers ein grosses Gest�t zu Astrachan errichtet, in welchem die
edelsten persischen Hengste und tscherkessische Stuten zur Zucht benutzt wurden.
Peter der Grosse genehmigte auch zuerst die Abhaltung von gr�sseren Pferde-
Rennen und "Wetten (10. Decbr. 1722); er hatte das lebendigste Interesse f�r diese Art Sport
und soll sogar grosse Neigung gezeigt haben, sich bei den Rennen pers�nlich zu betheiligen.
Noch am Ende seiner Regierungsepoche befahl der Kaiser, dass Hengste von der Race
der esthl�ndischen Doppelklepper an die Flussufer der Obwa gef�hrt w�rden, damit auch hier
der alte Landschlag eine Verbesserung erf�hre und f�r den Kriegsdienst etwas gr�sser und
tauglicher w�rde.
Nach Allem, was wir �ber Peter's Bestrebungen zur Hebung der Landespferdezucht
erfahren haben, k�nnen wir sicher annehmen, dass unter seiner Regierung viel f�r dieselbe
geschehen ist. Der Zar erhielt zu wiederholten Malen sch�ne Reit- und Wagen-Pferde vom
F�rsten Mentschikow geschenkt, welche dieser damals renommirte Pferdez�chter selbst ge-
zogen haben soll und die von den sachverst�ndigen Hippologen damaliger Zeit als h�chst
werthvolle Thiere der heimischen Zucht bezeichnet wurden.
Die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts von Holland aus nach Russland (Gouverne-
ments Woronesh und Tambow) gef�hrten Zuchtpferde sindwahrscheinlich auf Befehl Peter's des
Grossen in Ost-und West-Friesland angekauft und hier den besten, st�rksten Schl�gen ent-
nommen worden. Sp�ter, bei Beschreibung der Bitjug-Race kommen wir auf diese Verwen-
dung der holl�ndischen Pferde zur Verbesserung und Verst�rkung des russischen Wagen-
schlages zur�ck und wollen hier nur noch bemerken, dass wahrscheinlich auch schwere
d�nische Pferde zur Regierungszeit des grossen Zaren mehrfach nach Russland zu Zucht-
zwecken eingef�hrt sind. Die hippologischen Schriftsteller Russland's berichten nichts N�heres
�ber dieVerwendung des d�nischen Blutes in den kaiserlichen Gest�ten zu Anfang des vorigen Jahr-
hunderts. Wir entnahmen diese Nachrichten einem �lteren Werke �ber D�nemark's Pferde-
zucht und die Verwendung d�nischer Pferde zur Verbesserung ausl�ndischer Pferdeschl�ge.
VI. Die Regierung der Kaiserin Anna Iv�nowna � Nachfolgerin Peter IL � (1730
� 1740) �bertrifft, was �ussere Ordnung und regelm�ssigen Gang der Staatsgesch�fte anbetrifft,
sowohl die vorangegangenen, wie die n�chst nachfolgenden Regierungen bei weitem.
Die Pferdez�chtung des Reiches erfreute sich in dieser Zeit einer grossen Vervollkommnung;
die besondere Aufmerksamkeit, welche jene hochbegabte Herrscherin derselben schenkte, trug
wesentlich dazu bei, dass in der Geschichte der russischen Hippologie ihre Regierungsperiode
als eine der gl�cklichsten f�r die Entwickelung einer rationellen Landes - Pferdezucht verzeich-
net steht. � Auf Befehl der Kaiserin wurde im Jahre 1733 eine besondere Kanzlei f�r das Hof-
marstall - Amt eingerichtet und in derselben ein ganz neues praktisches Reglement (Konjou-
schenny - Reglement) ausgearbeitet, nach welchem sp�ter alle Angelegenheiten der Landes-
Pferdezucht geregelt und auf das strengste �berwacht wurden.
Freytag, Russland's Pferde - Kacen.                                                                                                                                         2
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io                                                      russland's pferde-racf.n.
Das russische Heer wurde in musterhafter Ordnung gehalten, besonders durch die Be-
m�hungen M�nnich's, der sehr strenge Mannszucht einf�hrte. Da Anna die zunehmende
Bedeutung der Garden f�r das ganze Heerwesen erkannte, so vermehrte sie deren Zahl um
mehrere tausend Mann. Zu den schon tr�her gebildeten zwei Regimentern, (dem Preobrashens-
kischen und Isamj�nowschen) f�gte sie noch zwei neue hinzu. Sehr bald nach der Thronbe-
steigung Hess die Kaiserin aus Einh�fern der Ukraine das Ismailow'sche Regiment zusammen-
setzen, dem man vorzugsweise Deutsche aus den Ostsee - Provinzen als Officiere zutheilte. Et-
was sp�ter wurde ein Garde - Cavallerie - Regiment errichtet.
Da sich jedoch im eigenen Lande f�r diese Garde-Reiter kein geeignetes Pferde-Ma-
terial auffinden liess und die den Remonte - Kommissionen zugef�hrten Pferde meistens viel zu
klein und zierlich waren, so befahl Anna Ivanowna, dass alle Rosse f�r die Garde aus Deutsch-
land, namentlich aus Holstein und Mecklenburg herbeigeholt werden sollten. Sehr gern kam
man den Befehlen der Zarin nach; die in Eolge dieser Verordnungen in Nord - Deutschland an-
gekauften 1422 Pferde, welche in einzelnen Transporten nach Russland gingen, waren am 1.
December 1732 in Riga, wo das neue Regiment formirt werden sollte, vereinigt. Die Thiere
waren drei bis sechs Jahre alt, 1,52 bis 1,60 Meter hoch und kosteten im Ganzen 329,999 Mk.,
also durchschnittlich 231 Mark, eine f�r damalige Zeit sehr bedeutende Summe. Von diesen
deutschen Pferden kamen 1204 St�ck zur Garde, 183 zu den Gest�ten und 35 Hengste in den
Plofmarstall nach St. Petersburg.
Ein livl�ndischer Landrath Graf Loewenwolde � Bruder des Oberhofmarschalls�ge-
langte bei der Zarin zu hohem Ansehen; sie ernannte ihn zum General-Adjutanten und bald
darauf auch zum Oberstallmeister, in welcher Stellung er durch mehrere zweckm�ssige Ver-
�nderungen im Gest�tswesen, auf deren Ausf�hrung er nachhaltig hinwirkte, gute Erfolge
erzielt hat.
Der mehrere Jahre lang fortgesetzte Ankauf fremdl�ndischer Pferde war aber doch
wieder gegen den Willen der Kaiserin; sie befahl dieserhalb im eigenen Lande die n�thigen
Anstalten und Einrichtungen zur Z�chtung solcher grossen Reitpferde, wie sie f�r die Elite-
Truppen erforderlich waren, unverz�glich zu treffen. Demgem�ss sollten im Jahre 1734 noch 150
neue Militair - Gest�te mit 35,945 Zuchtpferden in's Leben treten, deren Oberaufsicht die Kaiserin
dem Oberstallmeister Grafen Loewenwolde mit dem Auftrage �bertrug, lediglich auf die Z�chtung
grosser und starker Pferde zu halten und um die Aufzucht kleiner orientalischer Thiere sich
nicht weiter zu k�mmern.
Nach den Mittheilungen des Baron von Meyendorff ist jener Plan aber nicht in
seinem vollen Umfange zur Ausf�hrung gekommen; es wurde der alte Bestand von 318 Be-
sch�lern und 1320 Stuten nur um 52 Hengste und 190 junge Stuten vermehrt, leider ohne
n�here Angabe ihrer Abstammung.
Im Jahre 1736 wurden alle fehlerhaften Besch�ler ausgemustert und 8 neue, gut gebaute
arabische Hengste angekauft; auch einige deutsche und spanische Stuten wurden in den
Staatsgest�ten untergebracht.
Die zehn Hauptgest�te desStaates enthielten 1739 nach Moerder's Angaben ungef�hr
3900Zuchtpferde; von Meyendorff giebt deren Zahl weit niedriger an; sie h�tten nur wenige
St�cke �ber 2000 enthalten, n�mlich:
1)  Bronnitzy (im Gouvernement Moskau) 100 Stuten, welche sich in ihren Formen am
besten zur Bildung eines t�chtigen Reitschlages eigneten.
2)  Khoroschew (Gouvernement nicht angegeben) 100 Stuten, welche haupts�chlich zur
Bildung eines grossen Wagenschlages dienen sollten.
3)  Gavrilowo (Gouvernement nicht angegeben) 120 Stuten, ohne n�here Bestimmung.
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HISTORISCHES.
II
4)  Danilow (im Gouvernement Kostroma) 270 Stuten, welche meistens aus Deutschland
bezogen und von schwarzer Haarf�rbung waren.
5)  Sidorowo (im Gouvernement Kostroma) 130 Stuten sehr verschiedener Racen.
6)  Wsjegoditschy (im Gouvernement Wladimir) 209 Stuten von mittlerer Gr�sse und
meistens Rappen.
7)  Skopin (im Gouvernement Rj�san) 1000 Stuten von dunkler Haarfarbe.
8)  Bogoditzk (im Gouvernement Tula) 30 Stuten, verschiedener Racen und meistens
nur geringwerthig.
9)  Schekschowo (Gouvernement nicht genannt) 80 Stuten mit scheckigem Haar.
10) Pakrhin (im Gouvernement Moskau) 20 Stuten, von zierlicher Statur.
Summa: 2059 Stuten.
Im Pakrhiner Gest�te standen Pferde der Tscheremisse-Race, welche in fr�herer Zeit
viele Liebhaber gefunden haben soll. Die hier gez�chteten Pferde kamen in der Regel als
leichte Reit- oder Wagen-Pferde in den kaiserlichen Marstall nach St. Petersburg.
Die Stuten des Gest�ts zu Schekschowo geh�rten dem alten Landschlage an und waren
meistens ziemlich unansehnliche Gesch�pfe. Die daselbst sp�ter zur Zucht benutzten Hengste
waren d�nische Schimmel und Schecken, welche zur Verbesserung desWagen-Schlages wesent-
lich beigetragen haben sollen.
Mit Einschluss der Hengste und Fohlenbesassen � nach vonMeyendorff � die oben-
genannten 10 Gest�te im Jahre 1740 bereits 4400 Pferde, welche sehr verschiedenen Racen
angeh�rten. Da diese Gest�te gewissermassen die Quelle aller derartigen Anstalten f�r Russland,
in damaliger Zeit gebildet haben, so d�rfte es vielleicht f�r manchen Leser dieses Buches von
Interesse sein, die Abstammung jener Gest�ts-Pferde kennen zu lernen, diese war folgende:
11 Araber.
                                               3 Lombarden.
46 Perser.                                               38 Friesen.
21 T�rken.                                             45 Holsteiner.
5 Berber.                                               18 D�nen.
44 Spanier.                                             7° Engl�nder.
535 Neapolitaner.                                  668 Deutsche.
3000 Pferde jener Gest�te geh�rten theils den russischen Landschl�gen, theils den tscher-
kessischen und kubanschen Racen an.
Von allen diesen Gest�tspferden wird gesagt, dass sie h�bsch und regelm�ssig gebaut
gewesen w�ren und meistens auch eine gute Nachzucht geliefert h�tten. Die im Jahre 1863
ver�ffentlichte Geschichte der russischen Garde zu Pferde beweist indessen, dass sowohl die
Zahl, wie auch die Qualit�t der Gest�tsproducte f�r den Bedarf des Kriegsheeres in den vier-
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht gen�gen konnte. � Das Garde - Regiment verlor
im T�rkenkriege (1736) �ber 300 Pferde, und es muss ten dieserhalb nochmals 400 Rosse in
Deutschland angekauft werden. Zu derselben Zeit wurden auch noch 1000 Stuten f�r die
Militair-Gest�te von den Kalm�cken geliefert; es waren diese Thiere gr�sstentheils tatarischer
Race des Kuban und wenn auch nicht gross, doch von gedrungenem, kr�ftigem Leibesbau.
Im Jahre 1739 kaufte man auf Befehl der Kaiserin eine grosse Anzahl Doppel-Ponies
oder Klepper von der zum Gouvernement Livland geh�rigen Insel Oesel. Ein grosser Theil
dieser Thiere wurde in den kaiserlichen Marstall der Hauptstadt gef�hrt und der Rest zur
Zucht in den Kron-Gest�ten verwendet.
Der Baron v. Meyendorff giebt ferner an, dass die Kaiserin in einem Manifest vom
Jahre 1739 befahl, dass ausser den Kr�n- und Regiments-Gest�ten auch auf allen Synodal-,
bisch�flichen und Kloster-Domainen Gest�te errichtet werden sollten. Es wurden auf diese Weise
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■russland's pferde-racen.
12
wiederum 7500 Zuchtstuten gr�sseren Schlages aufgestellt, f�r welche man in Deutsch-
land 1000 starke Hengste ankaufte.
So unglaublich es uns auch jetzt erscheinen mag, so gab jenes Manifest von 1739 als
Grund f�r diese Anordnung an, dass die Pferde der russischen Dragoner und der Kalm�cken
in den letzten Jahren zu schlecht, die Pferde in Deutschland aber leider zu theuer gewesen w�ren.
Ferner theilt unser Gew�hrsmann mit, dass durch einen Ukas vom 17. Juli 1740 die
Kaiserin ihrem Lieblings-Regimente, der Garde zu Pferde, zur Unterhaltung eines Gest�ts die
Eink�nfte aus den St�dten Baturin und Yampol nebst allen Flecken und D�rfern, welche
fr�her dem Verr�ther Mazeppa geh�rt hatten, im Ganzen 2234 Feuerstellen, geschenkt h�tte.
Einer der t�chtigsten Pferdekenner und Z�chter des vorigen Jahrhunderts*) Ernst
Johann von Byron, Herzog von Kurland, war bekanntlich ein G�nstling der Kaiserin
Anna und verf�gte als solcher �ber sehr bedeutende Geldmittel. Im Besitz eines ber�hmten
Gest�ts verwendete Byron f�r den Ankauf edler Zuchtpferde grosse Summen; er richtete auf
seinem weitausgedehnten G�ter-Komplex mehrere Fohlenh�fe ein und sorgte hier ohne Unter-
lass f�r zweckm�ssige Haltung derThiere, sowie auch f�r ausschliessliche Verwendung wirklich
gut gebauter Stuten. Fehlerhafte Thiere liess er niemals zur Zucht benutzen. Als nach dem
Tode der Kaiserin 1740 der Herzog von Kurland verhaftet und nachPelim in Sibirien gebracht
war, wurden seine G�ter eingezogen und den Gest�ten ihre besten Zuchtpferde genommen. �
Bei dieser Gelegenheit erhielt- das Garde-Reiter-Regiment einen neuen Zuwachs f�r sein Ge-
st�t von 29 neapolitanischen Hengsten aus dem Marstalle Byron's.
Der Aufschwung, welchen die russische Pferdez�chtung unter der Regierung von Anna
Iv�nowna in den Kr�n- und Militair-Gest�ten nahm, rief im ganzen Reiche ein gr�sseres
Interesse f�r diesen Zweig der Hausthierzucht wach, man giebt an, dass im Jahre 1750
bereits mehr als zwanzig gr�ssere Privatgest�te bestanden h�tten.
VII. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ernannte die Kaiserin Elisabeth (1741 �
.1761) den Grafen Cyrill Razumowsky zum Hetmann von Klein - Russland und �bergab
demselben das ganze Zuchtgebiet, welches bis dahin die Gest�te der Garde - und mehrerer
Linien - Regimenter inne gehabt hatten.
Razumowsky verschaffte sich sehr bald als geschickter Z�chter der verschiedenen
Hausthier- Gattungen einen guten Namen; seine Pferde wurden bald sehr gesuchte Handelsar-
tikel und in der Regel weit theurer bezahlt als die vieler anderer Bojaren von Klein - Russland.
Auch unter den Rindvieh- und Schafz�chtern damaliger Zeit galt jener Graf als einer der
strebsamsten und t�chtigsten in ganz Russland.
Russische Zootechniker geben an, dass Razumowsky wahrscheinlich die erste Einfuhr
spanischer Merino - Schafe nach Russland in's Werk gesetzt habe.
Im Jahre 1755 hob die Kaiserin Elisabeth s�mmtliche Regiments - Gest�te auf. v. Meyen-
dorffsagt: ��Die Pferde der Militair - Gest�te wurden in Kabeln zu zehn Stuten und zwei Hengsten,
oder zu f�nf Stuten und einem Hengste theils verkauft, theils an Privat - Z�chter verschenkt,
jedoch immer mit der Bedingung, dass Jeder, der zw�lf Pferde erhalten hatte, nach vier
Jahren zwei, und Jeder, der sechs Pferde erhalten hatte, ein Pferd f�r jedes Jahr an die
*) v. Meyendorff. Die Pferdezucht Russland's. ,,Als der Oberstallmeister Graf Loewenwolde Befehl
erhielt, einen Plan zur Errichtung von Gest�ten vorzulegen, erhielt er hierzu von dem Herzog 1734: Notices courtes
et experimentees comment on peut soutenir de la maniere la plus s�ffisante un haras en bon et utile etat dans les
contrees septentrionales d'ici, welche der Oberstallmeister auch seiner Ausarbeitung zu Grunde legte. Letzterer �ber-
schickte eine Abschrift jenes Aufsatzes dem Kurf�rsten von Sachsen, welcher eine deutsche Uebersetzung dem Diri-
genten seines Hauptgest�ts Graditz zur Nachachtung des darin Enthaltenen zugehen liess. Dieses Schriftst�ck befindet
sich noch jetzt in den Gest�ts-Akten zu Graditz.
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Krone abliefern oder 115 Rubel in zwei Raten f�r jedes einzelne Pferd bezahlen musste. � Die
Aufhebung dieser Gest�te erfolgte, um die bedeutenden Ausgaben der Krone zn verringern und
zugleich auch der Pferdezucht ausgedehnteren Absatz zu verschaffen; allein dieselbe erwies sich
in dieser Ausdehnung doch als ungeeignet, denn schon im Jahre 1760 bestimmte eine Senats-
Verf�gung die Wiederherstellung des Gest�ts der Garde zu Pferde in Potschinsky, einem Flecken
des Gouvernements Nijny - Nowgorod." "
VIII. Die KaiserinK atharina II (1762 � 1796) war bekanntlich mit mannigfaltigen, gl�n-
zenden F�higkeiten ausgestattet; ihr durchdringender Verstand, die Kunst, die gegebenen Um-
st�nde richtig zu benutzen und endlich auch die Gabe, stets die geeigneten Personen zur Aus-
f�hrung ihrer vielen, bedeutenden Pl�ne rechtzeitig ausfindig zu machen, hat jene Zarin als
Regentin gross gemacht.
Es war ihr nicht unbekannt, dass in den westeurop�ischen Staaten gegen das Ende des
vorigen Jahrhunderts nicht nur dem Ackerbau, sondern auch der Viehz�chtung gr�ssere Be-
achtung geschenkt und �berall viel f�r die Verbesserung der sogenannten Land-Racen gethan
wurde. Die Einf�hrung der spanischen Merino-Schafe nach Deutschland, Oesterreich, Frank-
reich, Schweden und D�nemark blieb der Zarin kein Geheimniss und mehrfach soll sie den
Wunsch ge�ussert haben, mit jener ber�hmten Schaf-Race in Russland Acclimatisations-
Versuche zu machen. � Wir entnehmen verschiedenen �lteren Werken russischer Hippologen,
dass zur Zeit der Thronbesteigung der Kaiserin Katharina II. die fr�heren Bem�hungen der
Krone zur Hebung der Landes-Pferdezucht in Russland bereits die besten Erfolge gehabt hatten.
W�hrend ihrer Regierungszeit vermehrte sich die Zahl der Privat-Gest�te ganz bedeutend, in-
dem sie mehrfach die Grossen ihres Reiches zur Einrichtung von Fohlenh�fen und Zuchtpl�tzen
aufforderte und ihnen Pr�mien f�r selbstgezogene edle Pferde in Aussicht stellte. � Die Ge-
st�te von Klein - Russland und mehrere Kr�n - Gest�te lieferten allj�hrlich viele gute Pferde an
den Marstall und die Cavallerie Regimenter. Nur ab und zu wurde �ber den Mangel kr�ftiger
Gespann-, Artillerie - Zug - und Train-Pferde geklagt. Diese wurden vorwiegend in einigen
Ortschaften der Gouvernements Tambow und Woronesh gez�chtet, aber leider immer noch
nicht in hinreichender Anzahl. Es erschien der Kaiserin geboten, neue Opfer f�r die Ver-
besserung und Erweiterung der Pferdezucht zu bringen, und so bewilligte sie denn im Jahre
1766 dem Oberstallmeister - Amte eine Summe 1,000,000 Rubel zur besseren Instandsetzung der
Krongest�te im ganzen Reiche. � Die G�nstlinge der Kaiserin bem�heten sich �hnlich, wie
fr�her Byron und Loewenwolde unter der Zarin Anna Iv�nowna, durch Aufstellung edler
Hengste und h�bsch gebauter Stuten in ihren Privatgest�ten eine Verbesserung des alten Land-
schlages herbeizuf�hren. Mehrere von ihnen verwendeten auf die Einrichtung und Besetzung
ihrer Stutereien ansehnlich grosse Summen und einzelnen dieser Favoriten gelang es auch wirk-
lich, denselben eine gewisse Ber�hmtheit zu verschaffen.
In erster Linie verdient hier der Graf Orlow-Tschesmensky als t�chtiger, streb-
samer Pferdez�chter genannt zu werden; er hatte auf seinen Reisen im Orient die grossen
Leistungen der arabischen Pferde aus eigener Anschauung kennen gelernt und kaufte dieser-
halb mehrere Hengste und Stuten aus den anerkannt besten Familien der W�sten-Race (Ned-
jed) f�r seine G�ter im Gouvernement Woronesh. Die Thiere kamen im Jahre 1778 gl�cklich
inKhrenowoy an und bildeten hier den Stamm f�r das daselbst noch in demselben Jahre
gegr�ndete, sp�ter so ber�hmt gewordene Hauptgest�t des Grafen Or low. Einige englische
Vollblut- und mehrere sch�ne Pferde anderer westeurop�ischer Racen wurden ziemlich gleich-
zeitig vom Grafen f�r Khrenowoy angekauft, und es haben unstreitig auch diese Thiere einen
nicht zu untersch�tzenden Antheil an der Bildung der jetzt so viel genannten Or low-Traber-
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russland's pferde-racen.
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Race gehabt. � Durch das gute Beispiel des Grafen Orlow und anderer russischer Bojaren hat
sich am Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts ohne Frage die Landespferdezucht
in Russland betr�chtlich gehoben, denn auch die �brigen � meist kleineren � Z�chter eiferten
ihnen nach, und so war bald die Produktion h�bscher grosser Luxus-Pferde im Lande keine Selten-
heit mehr. Ob nun hierzu auch die Einrichtung der Rennproben oder Wettrennen die von den Z�ch-
tern eingef�hrt worden, um eine �Zucht nach Leistungen" zu schaffen, beigetragen hat, k�nnen wir
mit Besimmtheit nicht angeben, nur das ist sicher, dass Graf Orlow zuerst regelm�ssige
Pr�fungen ,,der Kraft und Schnelligkeit" der Pferde in Russland eingef�hrt und beim grossen
Wettrennen in Moskau 1795 f�r die t�chtigen Leistungen seiner Pferde den sogenannten Kaiser-
preis, einen silbernen Pokal und 600 Rubel, erhalten hat.
Die Orlow'sche Traber-Race war bereits zu Ende des vorigen Jahrhunderts nicht
bloss in Russland, sondern auch im Auslande bekannt und ber�hmt; mehrere Thiere derselben
kamen in Besitz fremder F�rsten. Im kaiserlichen Marstalle zu St. Petersburg sah man diese
Pferde � ihrer grossen Schnelligkeit wegen � sehr gern.
Im englischen Rennkalender f�r das Jahr 178g wird der russische Hengst Borka, ein
Sohn des ber�hmten Araberhengstes Smetanka (in Khrenowoy Jahre lang als Hauptbesch�ler
benutzt) aufgef�hrt und von demselben gesagt, dass er sich durch Sch�nheit, Knochenst�rke
und grosse Leistungsf�higkeit ausgezeichnet h�tte.
Im Jahre 1803 wurden drei Hengste aus dem Orlow'sehen Gest�te dem K�nig von
Sachsen als Geschenk �bersendet und sp�ter ebenso mehrere Hengste von dort aus dem K�nig
von W�rttemberg zugeschickt.*)
Ueber das Orlow'sche Gest�t zu Khrenowoy, welches 1845 in Besitz des Staates �ber-
gegangen ist folgen sp�ter bei der Beschreibung der russischen Kron-Gest�te n�here Nachrichten.
IX. Kaiser Paul I, (1796�1801) entwickelte gleich nach seiner Thronbesteigung eine
unerm�dliche Th�tigkeit; er vervollst�ndigte nach verschiedenen Seiten hin die gouvernemen-
talen Einrichtungen Katharina'sII. Von ganz besonderer Bedeutung war damals die Regierung
der l�ndlichen Verwaltung. Ein Theil der Kr�n-Bauern wurde zum Unterhalt der Glieder der
*) In der deutschen Ueberselzung des Meyendorff'schen Werkes �ber �die Pferdezucht Russlands" findet
sich eine Anmerkung, welche f�r die deutschen Hippologen nicht uninteressant sein d�rfte und desshalb hier
w�rtlich folgt:
��Von den dem K�nig von Sachsen geschenkten Hengsten kamen 1804 zwei in das Hauptgest�t Graditz, in
dessen Registern sie als �der lichtbraune und der dunkelbraune Araber-Orlow Zesminszy" verzeichnet sind. Der
Dunkelbraune wurde 1807 an das Landgest�t abgegeben, w�hrend der Lichtbraune sich als Vaterpferd auszeichnete und
dem Gest�te eine nicht unbetr�chtliche Anzahl von Zuchtstuten und auch drei Hauptbesch�ler �den jungen, den kleinen
lichtbraunen und den grossen lichtbraunen Araber-Orlow" lieferte.
Als Preussen im Jahre 1815 Graditz �bernahm, befanden sich daselbst noch der junge und der grosse licht-
braune Orlow, sowie 13 T�chter der Orlow'schen Hengst- und Zuchtstuten. Obschon man in den beiden ersten Jahren
das �bernommene Zuchtmaterial �bereilt entfernte, so behielt man doch den gr�sseren Theil jener Stuten noch zur�ck,
was f�r deren Werth Zeugniss ablegen d�rfte, �berwies aber den kleinen Orlow schon 1815 und den jungen Orlow
1817 dem Landgest�te. Von den Stuten, welche meist aus spanischen und italienischen Stuten stammten, starb die
Leipzigerin 1820, dagegen wurden verkauft 1815: Lisette I, 1816: Courbette 1818: La Reine, Lisette IL, Thunin
Moro, 1819: Isabelle, 1820: Fanny, Sirene, 1822: Br�hlin, K�nigin, 1825: La Coulebre und 1829: Fiera.
Noch heute (1863) besitzt das Hauptgest�t Graditz mehrere Stuten, welche von den T�chtern des lichtbraunen
Orlow abstammen. � Im Jahre 1839 schenkte der Kaiser von Russland dem Grossherzoge von Weimar 4 Orlow'sche
Hengste, von denen 3 aus dem Gest�te Bronnitzy, der vierte aus dem Gest�te des Grafen Kutaisow stammten. Zwei
braune, damals 7 und 8 Jahre alte Hengste wurden zuerst als Reitpferde im Marstall und sp�ter zum Decken von
Privatstuten verwendet, w�hrend die anderen, zwei Rappen ohne Abzeichen, 5 und 8 Jahre alt, als Besch�ler im Ge-
st�t Allst�dt (Weimar) berutzt wurden, aber nichts Besonderes leisteten, so dass Nachkommen von ihnen daselbst nicht
mehr vorhanden sind. � Die zu verschiedenen Zeiten nach W�rttemberg als Geschenke gekommenen Orlow'schen
Pferde wurden s�mmtlich in den Marstall genommen, und keines von ihnen in den Gest�ten zur Zucht benutzt " "
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HISTORISCHES.
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Zaren-Familie, unter dem Namen der �abgetheilten" oder �Apanage-Bauern" von den �brigen
getrennt; diese wie jene wurden an verschiedenen Orten zur besseren Pferdez�chtung strengstens an-
gehalten und ihnen eine f�r selbstgezogene brauchbare Pferde gute Belohnung in Aussicht gestellt. �
Nach von Meyendorff beschloss der Kaiser den Krongest�ten einen ausgedehnteren Wirkungs-
kreis zu geben und ihr Material haupts�chlich zur Verbesserung der Landespferdezucht zu be-
nutzen. ��Ein Ukas vom 1. April 1799 befahl, dass die Gest�ts-Verwaltung f�r jedes Gouver-
nement 10 Hengste als Landesbesch�ler hergeben sollte. Dieser Leistung waren die Kronge-
st�te aber zur Zeit nicht f�hig; das Projekt blieb deshalb vorl�ufig unausgef�hrt, dagegen ge-
nehmigte der Kaiser den \Tor schlag der Gest�ts-Verwaltung, dass fortan 8 Gest�te mit je 500
Stuten ausschliesslich f�r die Bed�rfnisse des Hofes sorgen, die drei �brigen aber � mit zu-
sammen 2600 Stuten � die Remonten f�r die Garde-Cavallerie liefern sollten.""
Am Ende des vorigen Jahrhunderts besass Russland ausser seinen Kr�n-Gest�ten be-
reits 250 gut bestellte und zum Theil auch h�bsch eingerichtete Privat-Gest�te, welche es in
mancher Beziehung mit den Privat - Gest�ten in den westeurop�ischen L�ndern aufnehmen
konnten. Sie bildeten eine zur Remontirung der Cavallerie und Artillerie nahezu ausreichende
Bezugsquelle, und Ank�ufe im Ausland waren f�r das Militair nicht mehr nothwendig. � Hier-
aus erkl�rt es sich auch, dass zu Anfang dieses Jahrhunderts, beim Ausbruch der grossen
Kriege gegen Napoleon I. die russische Armee eine regul�re Reiterei von 60,000 gut berittenen
Leuten in's Feld f�hren und man ausserdem noch eine ansehnlich grosse Zahl von brauchbaren
Cavallerie- und Artilleri e - Pferden an die preussischen und �sterreichischen Militair=>Beh�rden
tibgeben konnte. � Es heisst ausdr�cklich in den Berichten namhafter Militairs damaliger
Zeit, dass die russischen Rosse bei der preussischen wie �sterreichischen Reiterei ihrer grossen
Ausdauer und Gen�gsamkeit wegen sehr beliebt gewesen w�ren. Zugleich wird aber auch nicht
verschwiegen, dass die �Russen" den jungen Mannschaften beim Zureiten und Anlernen oft
grosse Schwierigkeiten gemacht h�tten.
Russlands irregul�re Reiterhorden, bestehend aus Kosaken, Baschkiren, Kalm�cken und
Tataren, sollen nahezu drei Mal so viele Pferde als die regul�re Cavallerie besessen und bei
der Verfolgung und Vertreibung der napoleonischen Armeen aus Russland und Deutschland
erhebliche Dienste geleistet haben.
X. Der Kaiser Alexander I. Pawlowitsch (1801 �1825), dessen Regierungszeit bis
zum Jahre 1815 fast ohne Unterbrechung mit Kriegf�hrungen ausgef�llt wurde, fand anf�nglich
wenig Zeit, sich um die Verbesserung der Landes-Pferde-Zucht zu k�mmern. � Die Kr�n- und
Militair-Gest�te blieben bis zum Jahre 1819 unter einer und derselben Verwaltung. � Nach den
Kriegen von 1812 bis 1815 � zum Theil auch schon w�hrend derselben � erfuhr die Verwal-
tung des Gest�tswesens eine etwas bessere Organisation. In allen f�r die Pferde-Haltung
g�nstiger belegenen Gouvernements wurden neue Privat-Gest�te gegr�ndet, andere verbessert
und mehrere der �lteren Staats- oder Kron-Gest�te mit werthvollen Zuchtpferden neu besetzt.
Der Professor Heim, welcher 1814 Russland bereiste, z�hlte in 28 Gouvernements be-
reits nicht weniger als 1839Kr�n-und Privat-Gest�te mit einem Pferdebestand von 345,000 St�ck.
Ein Ukas vom 4. September 1819 sprach die Trennung der Kr�n- von den Militair-Ge-
st�ten aus. Gleichzeitig wurden sieben Landbesch�ler-Depots eingerichtet und f�r die ganze
Gest�ts-Verwaltung des Reiches die Summe von 757,248 Rubel Assignaten ausgeworfen.
In den Kron-Gest�ten kamen 300 und in den Militair-Gest�ten 2600 Stuten zur Auf-
stellung. Die Kron-Gest�te wurden dem Oberstallmeister Mukhanow und die Militair-Ge-
st�te einer besondern Direktion des Kriegs-Ministeriums untergeordnet.
Durch zweckm�ssige Einrichtungen der englischen und arabischen Pepiniere-Gest�te
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in den verschiedenen Gouvernements des Reiches kam wieder Fluss und Bewegung in die da-
mals etwas stagnirenden Zuchtverh�ltnisse.
Wir d�rfen hier nicht unerw�hnt lassen, dass der Kaiser Alexander I. nach dem
Friedensschl�sse zu Paris (20. Novbr. 1815) unausgesetzt f�r die Hebung der Landes-Pferde-
zucht seines Reiches gesorgt, auch grosses Interesse und Verst�ndniss f�r dieselbe gezeigt hat.
Die Vergr�sserung und Verbesserung der Militair-Gest�te wurde in erster Linie von ihm in
Angriff genommen. � Die ersten Ank�ufe von Zuchtpferden f�r die Militair-Gest�te f�nden
im Jahre 1819 statt, man kaufte damals aus dem Gest�te der Gr�fin Orlow-Tschesmensky
9 Hengste f�r die Summe von 55,000 Rubel. 1820 wurden dreizehn und 1822 noch vierund-
zwanzig Hengste aus demselben Gest�te bezogen. Im Zeitr�ume von vier Jahren wurden f�r
den Ankauf edler Besch�ler der Orlow'schen Race 319,000 Rubel Assignaten oder 91,000
Rubel Silber verausgabt. � Im Jahre 1819 kaufte der Oberst Mandrika in Klein-Russland
f�r die Summe von 60,500 Rubel Assignaten 121 Zuchtstuten auf, welche ebenfalls in die Mili-
tair-Gest�te gef�hrt wurden. Von den Engl�ndern Jackson, Kerby, Stock und Lucknott
wurden 23 Vollblut-Hengste und 27 Stuten f�r die ansehnliche Summe von 271,800 Rubel ge-
kauft, die gleichfalls der Militair-Gest�ts-Direktion �berwiesen wurden.*) Durch den d�nischen
Gesandten am St. Petersburger Hofe M. de Blom wurden vier h�bsch gewachsene Hengste
des schweren d�nischen Wagenschlages besorgt. Die H�ndler Beryaffer und Mink f�hrten
den Militair - Gest�ten 8 Hengste und 12 Stuten d�nischer Race und sp�ter noch 16 hol-
steinische Stuten zu, f�r welche zusammen 92,000 Rubel Assignaten gezahlt wurden. Im Jahre
1820 wurden von dem Grafen Rjevoussky in Constantinopel drei orientalische Hengste und
drei t�rkische Stuten erworben.
Der russische Konsul zu Aleppo kaufte 1821 f�r die Kr�n-Gest�te vier Hengste der
edelsten arabischen Race an. Ziemlich gleichzeitig schickte der Khan von Bokhara f�nf
tatarische Hengste und der Khan Mustafa von Schirwan 420 Stuten tscherkessischer Race aus
Tiflis. Aus der Hochebene Kabarda und aus der Provinz Karabach gelangten 220 edle Pferde
nach Russland. Ganz besonders erw�hnenswerth sind noch zwei Hengste der truchmenischen
Race, die der General Ermoloff geliefert hat und von welchen angegeben wird, dass sie in
den Militair-Gest�ten eine vortreffliche Nachzucht geliefert h�tten. � 1824 holte der Thierarzt
Kerstling aus Persien 45 Hengste und 2 Stuten, welche zusammen 232,945 Rubel kosteten.
Wir ersehen aus diesen Angaben, dass zur Zeit der Regierung des Kaisers
Alexander I. sehr bedeutende Pferde-Ank�ufe im Auslande gemacht worden sind; ob
aber die verschiedenen Fremdlinge �berall zur Verbesserung der Landschl�ge beigetragen
haben, ist nirgends mit Bestimmtheit ausgesprochen; einzelne russische Hippologen bezweifeln
hier und dort den guten Erfolg und sprechen sogar die Vermuthung aus, dass die fremden
Racen mehrfach Schaden angerichtet h�tten.
G. Schwarznecker giebt in seinem Werke �ber �Racen, Z�chtung und Haltung
des Pferdes" an, dass der g�nstige Zustand der russischen Reiterei sich nach dem Frieden
(1815) etwas reducirt h�tte, einestheils weil in Folge r�cksichtsloser Einf�hrung schlechter
englischer Vollblutpferde durch unkundige H�ndler und Speculanten viel wirklich Gutes
ruinirt sei, anderntheils auch weil den Landleuten die Pferdez�chtung verschiedenen anderen
Producktionszweigen gegen�ber nicht mehr rentabel genug erschien, und sie desshalb an
*) Iwan Mo er der: ,,Le personnel des haras militaires etait compose de soldats qui etaient obliges de servir 25 ans pour
avoir droit � la retraite. Lorsque les 25 ans de service etaient revolus, les soldats admis � la retraite recevaient un lot de
terrain sur les terres appartenant aux haras. Les enfants des soldats, qui servaient dans les haras militaires, apres avoir
atteint l'�ge de 18 ans, entraient au service dans ces etablissements. Les enfants des sous-officiers attaches au service
des haras jouissaient de la prerogative de pouvoir etre promus au rang d'officier apres avoir servi 15 ans comme soldats.''
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Druck v. E.A.Funke, Leipzig.
Prawnuk
Traberhengst und Besch�ler Pawloff (Dmitri).
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HISTORISCHES.
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manchen Orten g�nzlich aufgegeben wurde. � Aehnlich so �ussert sich der Baron vonMeyen-
dorff �ber die Pferdezucht Russland's in damaliger Zeit: ��Die Erfolge des GrafenOrlow
hatten die hohe Bedeutung des Vollbluts herausgestellt, und in Folge dessen erreichte die Zahl
der eingef�hrten Vollbluthengste eine betr�chtliche H�he. Dieser gl�nzende Aufschwung war
aber leider kein dauernder und einzelne Fehlschl�ge machten eine nicht geringe Anzahl von
Grundbesitzern einer Prcduktion abwendig, welche dem Lande schon so viel Nutzen gebracht
hatte. Das Grundprincip der Pferde-Verbesserung, eine rationelle Verwendung des Vollbluts,
wurde stark ersch�ttert, und haupts�chlich dadurch, dass englische Pferdeh�ndler die starke
Nachfrage benutzten, um statt guter, auf der Bahn gepr�fter Thiere, englische Pferde an weniger
intelligente Z�chter zu verkaufen, die entweder von sch�nen Formen aber leistungsunf�hig,
oder gepr�ft, aber fehlerhaft gebaut waren. Hierdurch f�llten sich viele Gest�te mit werthlosen
Thieren an; sie machten R�ckschritte und gingen zum Theil vollst�ndig zu Grunde. Nach
dem Frieden hatte die Nachfrage nach Pferden bedeutend nachgelassen, Ackerbau und
Fabriken versprachen einen reicheren und schnelleren Lohn, und so gaben viele Grundbesitzer
die Pferdezucht g�nzlich auf, producirten statt dessen feinwolligeSchafe oder legten Zucker-
fabriken an; Andere verkauften ihre G�ter und Gest�te, um ihre Gelder anderweitig vortheil-
hafter unterzubringen und endlich wurden mehrere grosse Grundbesitze durch Erb-
theilungen zerst�ckelt, bei welcher Gelegenheit deren Gest�te in der Regel aufgehoben
wurden." "
XI. Die Regierung des Kaisers Nico laus I. P�wlowitsch (1825�1855) hat sich be-
kanntlich in Bezug auf die innere Politik Russland's durch einen conservativen Charakter aus-
gezeichnet. Die ersten Jahre seiner Regierung sind unter Kriegen dahingegangen und verhin-
derten ihn, tiefgreifende Massregeln f�r das Innere des Landes zu treffen; erst nach Nieder-
werfung der polnischen Insurrection gelang es ihm, mit strenger Consequenz Alles zur Aus-
f�hrung seiner grossartigen Pl�ne f�r die Organisation im Innern zu thun. Zur Belebung des
Handels war schon fr�her ein eigenes Comite niedergesetzt, welches jedoch nur eine
geringe Wirksamkeit �ussern konnte, da zu Gunsten der Fabriken die Handelsz�lle erh�ht
wurden. Ungleich mehr hat Nicolaus I. f�r den Landbau und die Viehz�chtung gethan;
bei Saratow wurde eine landwirthschaftliche Schule gegr�ndet, und den Gutsbesitzern in den
Ostsee-Provinzen bewilligte er betr�chtliche Vorsch�sse zur Veredlung der Schafzucht und
Verbesserung- der Pferdez�chtung. � Die Verh�ltnisse der h�rigen Bauern hat jener Kaiser
thunlichst zu verbessern gesucht; er nahm sich derselben gegen die Grundbesitzer kr�ftig an,
ohne jedoch die Leibeigenschaft selbst abzuschaffen.
Nach einem Ukas von 1836 wurden ausser den bereits bestehenden Ackerbauschulen,
auf verschiedenen Universit�ten und Realschulen Lehrst�hle ■ f�r Landwirthschaft und Handel
eingerichtet und den Professoren die Weisung gegeben, Vortr�ge �ber die rationelle Vieh-
z�chtung � ganz besonders aber �ber Pferdezucht und Schafzucht � zu halten.
Die unter Alexander I. in's Werk gesetzten Ank�ufe fremdl�ndischer Zuchtpferde
zur Verbesserung der heimischen Zucht wurden auf Befehl des Kaiser's Nicolaus I. in den
Jahren 1828�1830 fortgesetzt. Der Rossarzt Kerstling kaufte in der T�rkei f�nf Hengste
und zwei Stuten edler Race f�r die Summe von 92,815 Rubeln; 1829 wurde derselbe nach
England geschickt und kehrte 1830 mit acht Vollbluthengsten zur�ck, welche der russischen
Gest�ts-Direktion 66,347 Rubel gekostet haben. Eine im Jahre 1831 von Kerstling unter-
nommene Reise nach D�nemark, Holstein und Mecklenburg fiel h�chst unbefriedigend aus; er
fand dort nur zwei Hengste, welche den Transport werth waren und in den Militair-Gest�ten
als Besch�ler benutzt werden konnten. Im Jahre 1832 fanden sich in russischen Militair - Ge-
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Frey t a g, Russland's Pferde-Raeen.
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l8                                                                   RUSSLAND S PEERDE-RACEN.
st�ten im Ganzen 215 Hengste und 546 Mutterstuten fremdl�ndischer Racen, deren Ankauf
dem Staate 1,223,541 Rubel Assignaten oder 349,557 Silber-Rubel gekostet hatte.
1826 wurde die erste regelm�ssige Gesellschaft f�r Pferde-Rennen zu Lebedjan im
Gouvernement Tambow errichtet; eben solche Vereinigungen von Pferdez�chtern und
Sportsmen fanden sich 1833 in Moskau und i838 in Tula. � Fast in dieselbe Zeit f�llt auch die
Gr�ndung der ersten Gesellschaften f�r Trab-Rennen (d. h. Fahren), n�mlich 1834 in Moskau,
1836 in Woronesh und 1837 m Tambow.
Durch die Abtretung der persischen Provinzen Eriwan und Nachitchewan � nach dem
Friedensschluss von Turkmantschai 1828 � erhielt Russland eine gr�ssere Zahl von Pferden
der verschiedenen orientalischen Racen; diese Thiere waren zwar nur klein und zierlich, aber
meistens h�bsch gebaut und geschickt in allen Bewegungen; dieselben sollen in verschiedenen
Distrikten der s�d�stlichen Gouvernements wesentlich mit zur Veredlung der Landschl�ge bei-
getragen haben.
Die bereits in den zwanziger Jahren mehrfach im Kleinen getroffenen Massregeln der
Verwendung von Kr�n-Gest�tsbest�nden zur Verbesserung der verschiedenen Landschl�ge
wurden Ende der dreissiger und zu Anfang der vierziger Jahre auf Befehl des Kaisers
Nicolaus I. immer weiter ausgedehnt.
Am 11. M�rz 1843 erhielt ein Vorschlag des Dom�nen-Ministers Grafen Kisselew zur
vollst�ndigen Reorganisation der Gest�ts-Verwaltung die kaiserliche Genehmigung. Die neue
Verwaltung trat schon mit dem 10. April desselben Jahres in's Leben, und bestand aus folgen-
den Abtheilungen:
1)  dem Gest�ts - Comite, welches mit der oberen Leitung aller Pferde-Angelegenheiten
beauftragt war;
2)  der Kanzlei des Comite-Pr�sidenten;
3)  dem Gest�ts - Departement, welchem die Ausf�hrung der Anordnungen und die �ko-
nomischen Verh�ltnisse �berwiesen wurden;
4)  der Special-Commission f�r die technischen und thier�rztlichen Angelegenheiten;
5)  der Central-Commission f�r die Leitung und Ueberwachung der Rennen, sowie aller
anderweitigen Pr�fungen.
Eine besondere Commission leitete von jetzt ab die Remontirung der Garde - Cavallerie
durch Ankauf brauchbarer Pferde bei den Privatz�chtern. � Bereits zehn Jahre fr�her, am
24. Januar 1833, hatten die Militair-Gest�te des Reiches eine bessere Organisation erhalten;
die sieben Hengst- oder Besch�ler-Depots waren von Neuem mit edlen Hengsten englischer
und arabischer Racen besetzt, und f�r eine bessere Verpflegung der Zuchtpferde und Fohlen
zweckm�ssige Einrichtungen getroffen worden.
Im Jahre 1843 wurden alle Militair-Gest�te aufgehoben und statt dieser neue Civil-Ge-
st�te und Besch�ler-Depots gegr�ndet; diesen wie jenen ward die Aufgabe gestellt, f�r die
Verbesserung der Landespferdezucht nach besten Kr�ften zu wirken.
Nach den Angaben des Baron vonMeyendorff richtete die neue Verwaltung zun�chst
24 Besch�ler-Depots zu je 60 Hengsten ein, und zwar 1843 neun in den Gouvernements Saratow,
Tambow, Woronesh, Charkow, Poltawa, Katherinoslaw, Cherson, Mohilew undWologda, 1844
sieben in den Gouvernements Simbirsk, Tula, Orel, Kursk, Tschernigow, Wj�tka, Perm, 1845
zwei in Volhynien und Rj�san, 1846 drei in Orenburg, Penza und Wilna, 1847 zwei in Jaros-
law und Bessarabien, und endlich 1848 noch eins im Gouvernement Tauris. � Die Hengste
wurden aus den Krongest�ten an diese Depots abgegeben und die Bedeckung geschah �berall
gratis; man ertheilte jedoch allen kaiserlichen Gest�tsbeamten in diesen Depots die strenge
Weisung, nur wirklich gut gebaute, fehlerfreie Stuten von den Staats - Hengsten belegen zu lassen.
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HISTORISCHES
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Im Jahre 1845 erging ein Befehl des Kaisers, die beiden damals ber�hmtesten Privat-
Gest�te im Reiche, Khrenovoy und Annesky f�r den Staat anzukaufen. Ersteres war bis da
hin in Besitz der Familie des Grafen Or low gewesen und das andere geh�rte dem Grafen
Rostoptschin. Beide Zuchtpl�tze besassen ein vortreffliches Material an Hengsten und Stuten
und bildeten daher f�r die Landespferdezucht einen h�chst werthvollen Zuwachs. Das Or low'
sehe Gest�t war bis dahin streng abgeschlossen gehalten; der alte Graf hatte den Verkauf von
Hengsten seiner Traber-Race ein f�r alle Male untersagt und nur ausnahmsweise wurden Stuten
aus Khrenowoy an fremde Z�chter abgegeben. Die kaiserliche Gest�ts-Verwaltung hob 1846
dieses Verbot g�nzlich auf, so dass auch andere Z�chter in Besitz der Orlow'schen Race
kommen konnten. Dieses ist der Grund, dass der Einfluss jener vortrefflichen Race erst in den
letzten dreissig Jahren f�r Russland's Pferdezucht recht bemerkbar werden und in der Neuzeit
geradezu Epoche machend wirken konnte. � In der Umgegend von Khrenowoy und Annesky
sah man sehr bald eine Nachzucht heranwachsen, welche den besten Pferden anderer europ�i-
scher Staaten ohne Scheu an die Seite gestellt werden durfte. � Kaum waren zwei Decennien
verstrichen, und die Z�chtung der Or low 'sehen Traber-Race hatte sich weit �ber verschiedene
Gouvernements des Kaiserreiches verbreitet. Auf der internationalen Welt-Ausstellung zu
Paris im Jahre 1867 f�nden die �Orlows" neben verschiedenen anderen Pferden russischer
Race die gr�sste Beachtung; der Kaiser Napoleon III. spendete denselben ein grosses Lob,
indem er den russischen Delegirten gegen�ber folgende Worte aussprach: �Vous avez l� des
specimens avec lesquels on peut tout faire." � Von dieser Zeit an wurde die russische Traber-
Zucht vom Auslande immer mehr und mehr beachtet; viele t�chtige Pferde derselben kamen
in die Marst�lle ausl�ndischer F�rsten und reicher Privaten; einzelne, besonders rasche Orlow-
Traber wurden mit f�nf, sechs und sieben tausend Rubel bezahlt und mehrere der besten Thiere
wurden dem kaiserlichen Marstall in St. Petersburg einverleibt.
Die Pr�fungen auf Leistungen der Pferde entwickelten sich in Russland schon in den
f�nfziger Jahren rasch und gut. Die bald allgemein beliebt gewordenen Trab-Rennen und
Pr�fungen f�r Trab-Fahren mit dem Dreigespann (Troika) auf dem Eise der Newa haben un-
streitig viel zur umfangreicheren Z�chtung der Traber beigetragen, und ohne die stark verbreitete
Passion der Russen f�r rasches Fahren oder �Jagen" w�rde die fragliche Race wohl kaum in
einem so kurzen Zeitr�ume die schnelle Verbreitung und die Anerkennung gefunden haben,
welche ihr jetzt in Wirklichkeit dort zu Theil wird.
Im Jahre 1849 bildeten sich im Lande mehrere grosse Gesellschaften f�r Pferde-Z�chtung;
dieselben stellten die verschiedenen Pr�fungsarten der Leistungen aller heimischen Racen fest
und richteten zu diesem Zwecke mehrere grosse Rennbahnen her. Eine solche Bahn wurde
noch in demselben Jahre zu Poltawa und eine andere zu Urupino im Lande der Donischen Ko-
saken er�ffnet; beide Rennpl�tze wurden sehr bald von vielen Liebhabern des Sport aufgesucht
und mit guten Pferden beschickt. Fr�her schon hatte man ausschliesslich f�r die Trab-Rennen
grosse Bahnen zu Koslow, Charkow und Penzaw hergestellt; in Rj�san waren 1849, zu Seletz
1854 und bei Wladimir 1856 zu demselben Zwecke Rennbahnen geschaffen.
In St. Petersburg bestand bereits seit 1846 ein Winter-Rennen (Trabfahren) auf dem
Eise, welches stets mit den hervorragendsten Thieren der Traber-Race beschickt wurde. Die
im Jahre 1845 bei Zarskoe-Selo gegr�ndete Pr�fung sollte haupts�chlich zur Zucht von Reit-
pferden aufmuntern; die Sieger bei den dortigen Rennen erhielten sehr bedeutende Preise und
wurden dann h�ufig f�r den kaiserlichen Marstall angekauft. Der Kaiser erschien an den
Renntagen oft auf der Bahn und zeigte stets das gr�sste Interesse f�r hervorragende Leistungen
der in seinem Lande geborenen Pferde. Zur Aufmunterung der Bauern-Pferdezucht sind damals
1 *
&.
J�
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russland's pferde-racen.
20
an verschiedenen Orten des Reichs ebenfalls Wettfahrten und Rennen eingerichtet; die
Sieger auf denselben bekamen entweder h�bsche Ehrenpreise oder Geld - Pr�mien.
Die kaiserliche Gest�ts-Verwaltung schenkte auch dem Pferde - Handel in den letzten
dreissig Jahren gr�ssere Beachtung, als in fr�herer Zeit. Die Ein- und Ausfuhr von Pferden
wurde v�llig frei gegeben; die Pl�tze, auf welchen die zum Theil sehr umfangreich gewordenen
Pferde - Messen und -M�rkte abgehalten wurden, Hess man zweckm�ssiger herstellen, und in
St. Petersburg, wie in Moskau rief man grosse Verkaufs-Institute � �hnlich dem Londoner Tatter-
sal � in's Leben, in welchen die Verk�ufe auf dem Auctionswege stattfanden. Die Bem�hungen
der Beh�rden und Zucht-Gesellschaften, das Ausland zum Ankauf russischer Pferde mehr und
mehr zu veranlassen, blieben nicht ohne' Erfolg; eine grosse Anzahl derselben ging schon in
den f�nfziger Jahren �ber die Grenzen nach Oesterreich, Deutschland und Frankreich. Die
Schwierigkeiten, welche der Transport von Pferden auf den Eisenbahnen in Russland bis in
die sechsziger Jahre verursachte, wurden nach und nach geringer und �berall war man ernst-
lich dar�ber aus, Verbesserungen auch nach dieser Seite hin eintreten zu lassen.
Endlich ist hier noch zu erw�hnen, dass die in den letzten Jahrzehnten in kurzen Inter-
wallen wiederholten Ausstellungen als Collectiv-Ausstellungen mit bedeutenden Preis-Ver-
theilungen in Moskau und St. Petersburg ebenfalls zu der gedeihlichen Entwickelung der
russischen Pferdezucht viel beigetragen haben. � Auf den grossen internationalen Ausstellungen
zu Paris 1867, zu Wien 1873 und wiederum zu Paris I878 erschienen russische Pferde in gr�sserer
Anzahl und in sch�nen Exemplaren; sie fanden �berall grosse Anerkennung; das Ausland �ber-
zeugte sich hier bald, dass Russland die Concurrenz auf diesem Gebiete der Hausthierzucht mit
anderen L�ndern nicht mehr zu scheuen habe. Bis zum Tode des General-Adjutanten Grafen
von Lewaschow (1848) verblieb die russische Gest�ts-Verwaltung in derselben Weise, wie sie
1843 organisirt war, dann aber wurde dieselbe auf kaiserlichen Befehl dem Ministerium der
Reichs - Dom�nen untergeordnet. Am 28. Juni 1850 best�tigte der Kaiser Nicolaus I. das
neue Statut der Krongest�te, und bis zum November 1856 verblieb jene Verwaltung bei ge-
nanntem Ministerium.
XII. Der jetzt regierende Kaiser Alexander IL Nikolajewitsch, �ltester Sohn des
Kaisers Nico laus L, bestieg am 2. M�rz 1855 nach dem Tode seines Vaters den russischen
Thron und wurde am 7. Septbr. 1856 in Moskau gekr�nt.
Schon im J�nglingsalter, als Grossf�rstthronfolger, zeigte derselbe f�r die Z�chtung und
Veredlung der heimischen Pferde-Racen grosses Interesse; er verfolgte die in den dreissiger
und vierziger Jahren �berall vorgenommenen Verbesserungen in dem Gest�ts-Wesen mit ganz
besonderer Aufmerksamkeit. Sein Gouverneur, der Oberst vonMoerder, ein pferdekundiger
Mann, scheint die Passion des Prinzen zum Reit-Sport etc. etc. nach Kr�ften bef�rdert und
ihn auch in Betreff der Pferdez�chtung bestens belehrt zu haben.
Im Jahre 1840 war der Thronfolger zum Gross-Attamann s�mmtlicher Kosaken-Heere
ernannt, wodurch er h�ufig Gelegenheit erhielt, die vortrefflichen Leistungen der Donischen
Kosaken - Pferde aus eigener Anschauung n�her kennen zu lernen. Die Veredlung dieser Race
durch Benutzung sch�ner orientalischer Besch�l-Hengste hat den strebsamen Grossf�rsten
sehr lebendig besch�ftigt; er liess es bei den Z�chtern dieser Thiere niemals an Aufmunte-
rungen etc. fehlen, unternahm auch mehrfach gr�ssere Inspections-Reisen durch das Land des
Donischen Heeres, um sich hier von den Erfolgen einer rationell betriebenen Pferdez�chtung
selbst zu �berzeugen.
Als dem Thronfolger im Jahre 1849 die Ober-Leitung des gesammten Militair-Bildungs-
wesens �bertragen wurde, hat er sich dieser Aufgabe mit gr�sstem Eifer hingegeben und sich
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HISTORISCHES.
2 I
unstreitig um das Gedeihen desselben grosse Verdienste erworben. � Ausserdem wurde damals
die Einrichtung getroffen, dass viele Officiere in den Kr�n- und Militair-Gest�ten Besch�fti-
gung fanden zur Erwerbung von Kenntnissen in Bezug auf Veredlung und Z�chtung der
Pferde, welche Einrichtung sicherlich nicht wenig dazu beigetragen hat, dass Russland in der
Armee sehr bald viele M�nner besass, welche im Stande waren die Leitung und Verwal-
tung eines Gest�ts erfolgreich zu �bernehmen.
Seit dem Jahre 1857 bildet die russische Gest�ts-Administration eine selbstst�ndige, mit
einer bedeutenden Machtvollkommenheit ausgestattete Beh�rde. Den grossen Aufschwung,
welchen die Pferdezucht in den letzten Jahrzehnten in Russland genommen hat, verdankt sie
unstreitig zum nicht geringen Theil dem Fleiss und der T�chtigkeit der Beamten, welche in
jener Gest�ts - Administration th�tig waren und zum Theil noch jetzt wirksam sind. �- Die
Leitung dieser Beh�rde von Seiten des General-Dirigenten von Grunwald war vortrefflich,
ja in jeder Beziehung rationell zu nennen. Ebenso hat auch vor ihm der Pr�sident des Ge-
st�ts-Comites, Oberstallmeister Baron von Meyendorff, f�r die Hebung der Pferdezucht in
seinem Vaterlande fleissig gearbeitet.
In der allerneuesten Zeit haben Russland's Pferdezucht-Vereine, wie z. B. die Gesell-
schaft f�r die sogenannten Kaiser-Rennen in Zarskoje -Selo und die Gesellschaften f�r Trab-
Rennen und Fahren in St. Petersburg und Moskau die Zahl und den Werth der Preise f�r die
Sieger in den verschiedenen Rennen bedeutend erh�ht, so dass solche jetzt nicht mehr hinter
den grossen Rennpreisen in den westeurop�ischen L�ndern zur�ckstehen.
Die General-Direktion der Gest�te hat auch ihrerseits die Summe der Staats - Unter-
st�tzungen betr�chtlich erh'ht: es kommen jetzt allj�hrlich 114,000 Rubel als sogenannte
Staats -Preise zur Vertheilung und steht zu erwarten, dass diese Summe in den n�chsten Jahren
noch vermehrt werden wird.
Der jetzige Pr�sident des russischen Minister-Conseils, Graf Walouiew, welcher bis
zum Herbste vorigen Jahres (187g) Minister der Reichs-Dom�nen gewesen ist, hat als t�chtiger
Pferdekenner die Landespferdezucht in Russland auf das sorgf�ltigste �berwacht und �berall �
wenn n�thig � Aenderungen und Besserungen im Gest�tswesen eintreten lassen.
Wir sagen nicht zu viel, wenn wir hier aussprechen, dass erst unter der Oberleitung
dieses Mannes, welcher seit Jahren von zuverl�ssigen und kundigen R�then bei seinen Bestre-
bungen unterst�tzt worden ist, das �russische Pferd" einen europ�ischen Ruf erlangt
hat; noch vor wenigen Decennien wurde in den westeurop�ischen Staaten h�ufig �ber die
kleinen, unansehnlichen Pferde Russland's gesp�ttelt, man wollte von ihnen nichts wissen und
hielt sie insgesammt f�r geringwerthige Thiere ihrer Gattung. Erst in der Neuzeit wenden
sich die Blicke der Hippologen von Mittel- und West-Europa wieder*) nach Russland; man
bemerkt, dass jetzt auch dort Rosse gez�chtet werden, die es in mancher Beziehung mit den
besten Pferden des Westens wohl aufnehmen k�nnen und in einzelnen Leistungen diese sogar
�bertreffen.
Wer den M�nnern, welche jetzt in der russischen Gest�ts-Administration th�tig sind,
n�her getreten ist, und deren Anordnungen etc. in den Staats-Gest�ten kennen gelernt hat,
muss ihnen das Zeugniss ausstellen, dass ihre Bestrebungen wohl �Achtung gebietende" ge-
nannt werden k�nnen. Man behandelt dort alle Z�chtungsfragen mit einem Ernste, welcher
f�r dergleichen Gesch�fte nothwendig ist, und wie wir solchen auf unseren Reisen durch die
L�nder des s�dlichen und s�dwestlichen Europa nur ausnahmsweise wieder gefunden haben.
*) Weiter oben haben wir angef�hrt, dass zu Anfang dieses Jahrhunderts bereits viele russische Pferde von der
preussischen und �sterreichischen Cavallerie benutzt worden sind.
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22                                            russland's pferde-racen. historisches.
Der zeitige Minister der Reichs-Dom�nen, F�rst Li even, wird voraussichtlich � gleich seinem
Amtsvorg�nger � die Pferdez�chtung seines Vaterlandes streng �berwachen und jede gebotene
Aenderung im Gest�tswesen rechtzeitig eintreten lassen. Ebenso verspricht man sich in Russ-
land vom Amtsgeh�lfen (Adjoint) des Ministers, Herrn Koulomsine, eine kr�ftige Unter-
st�tzung bei allen Gesch�ften, welche sich auf Verbesserung und Hebung der Landespferde-
zucht beziehen.
Nach unseren eigenen Wahrnehmungen auf den Studien-Reisen in Russland, Finn-
land und Polen � im Sommer 1876 und im Herbst 187g � bezweifeln wir nicht, dass Russ-
lands Pferdez�chtung sich auch ferner gut entwickeln und in k�rzester Zeit die Aufmerksam-
keit aller Hippologen Europas auf sich lenken wird.
Russland's Literatur �ber Pferdezucht und Racen-Kenntniss ist nicht zu untersch�tzen.
Die Arbeiten von Unterberger, von Benningsen, Middendorf, von Moerder>
von Meyendorff und Anderen, auch Jess en's eingehende Abhandlungen �ber die Race-
Reinheit der Or low'sehen Traber-Race liefern uns hinreichende Beweise, dass man im Zaren-
reiche die Z�chtungsfragen mit einer Gewissenhaftigkeit und einem Fleisse untersucht und
er�rtert, wie es dieser wichtige Zweig der Hausthierzucht fordert und verdient.
Schon seit dem Jahre 1842 ver�ffentlicht die kaiserliche Gest�ts - Verwaltung eine Zeit-
schrift f�r Pferdezucht und Jagd; im Jahre 1845 erschien �der Versuch einer Theorie der
Pferdewissenschaft" und sp�ter ein �Abriss der Grunds�tze �ber Zucht, Aufzucht und Wartung
der Pferde." � Alle diese Arbeiten verfolgten den Zweck unter den Z�chtern Russland's
bessere Pferdekenntniss zu verbreiten und eine rationelle Z�chtung im Lande allgemein zu
machen. � Endlich haben wir noch anzuf�hren, dass auf Veranlassung des Ministers Walou-
iew im Winter 1878�79 eine jgrosse hippologische Karte von Russland angefertigt ist, welche
den besten derartigen Werken aus dem westlichen Europa in keiner Weise nachsteht, manche
sogar im Werthe weit �bertrifft.
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Allgemeines und Statistisches.
en neuesten Aufstellungen des statistischen Central-Bureaus in St. Petersburg zufolge
giebt es jetzt im europ�ischen Russland nahezu 18 Millionen Pferde, 24% Millionen
St�ck Rindvieh, 48 !/2 Millionen Schafe, 1,400,000 Ziegen und 10 Va Millionen Schweine.
Wir sehen hier ab von der Aufz�hlung des Bestandes an B�ffeln, Kameelen, Ren-
thieren, Eseln und Maulthieren, welche ebenfalls in verschiedenen Gouvernements des Reiches
als Hausthiere eine nicht zu untersch�tzende Bedeutung haben und daher auch an manchen
Orten in verh�ltnissm�ssig grosser Zahl gez�chtet und gehalten werden.
Wenngleich nach den Angaben der Statistiker der Pferdebestand des europ�ischen
Russland in den letzten Jahrzehnten (haupts�chlich erst nach der Aufhebung der Leibeigenschaft
durch das Manifest vom ig. Februar 1861) der Zahl nach etwas zur�ckgegangen ist, so ist doch
unzweifelhaft die Qualit�t dieser Hausthiergattung in der Neuzeit wesentlich besser geworden. �
Immerhin behauptet das Zarenreich, was seinen Pferdereichthum anbetrifft, noch den ersten
Platz in Europa, da es zwei und ein halb bis drei mal mehr Pferde besitzt als jeder der anderen
vier Grossstaaten England, Frankreich, Oesterreich und Deutschland und sieben mal mehr als
Italien. � Es kommen im europ�ischen Russland auf hundert Einwohner 24,4 Pferde.
In den ostasiatischen L�ndern und in den s�d�stlichen Gouvernements Russland's rechnet
man sogar auf jeden Bewohner m�nnlichen Geschlechts ein Pferd.
Nach J. Wilson's �Apercu statistique" besass 1872 das ganze russische Kaiserreich in
Europa und Asien zusammen
21,570,000 Pferde
abgesehen von den Provinzen Syr-Daria und Semiretchie, in welchen eine Viehz�hlung damals
nicht vorgenommen werden konnte.
Hiervon fielen auf:
1.  Das europ�ische Russland . . .    16,134,000 Pferde
2.  Finnland..........        263,000 �
3.  Kaukasien.........        532,000 �
4.  Sibirien..........      2,318,000 �
5.  Central-Asien........      2,323,000 �
Summa: 21,570,000 Pferde
In den centralasiatischen Provinzen z�hlte man damals 179,3 Pferde auf hundert Einwohner.
Wenn man die (1872 gez�hlten) Pferde auf die Zahl der Einwohner vertheilt, so kommen
auf je ioo Einwohner in
Sibirien...........70,1 Pferde
dem Europ�ischen Russland . . . 24,4 �
Finnland..........14,6 �
Kaukasien..........14,4 �
Polen...........13,7
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RUSSLAND S PFERDE-RACEN.
24
und behuf Vergleichs von Russland mit anderen Staaten Europa's sind je auf ein Pferd zu rechnen in
Russland.........      3,5 Einwohner
Oesterreich.....■ . .    10,1         
Preussen.........    11,1         
Grossbritannien.......    11,3         
Frankreich........    12,1         
Italien..........    27,0 ■ �
In verschiedenen der am meisten �stlich belegenen und in fast allen s�d�stlichen
Gouvernements des europ�ischen Russland, wo bekanntlich schon seit vielen Jahren die Land-
wirthschaft auf einer h�heren Stufe der Entwickelung steht, als in den meisten anderen Landes-
theilen des Reiches, sind die Verh�ltnisse f�r die Viehz�chtung im Allgemeinen sehr g�nstig
zu nennen; man findet dort fast alle Hausthiergattungen in grosser Zahl und gew�hnlich auch
in guter Qualit�t vertreten; die Z�chtung derselben wird an manchen Orten unleugbar mit
Sorgfalt betrieben, und werden die geneigten Leser aus den sp�ter folgenden Beschreibungen
der verschiedenen Pferde-Racen jener Districte ersehen, dass Russland dort �ber ein sch�tzens-
werthes Zucht- und Veredlungs- Material verf�gt.
Auch in einzelnen Bezirken der n�rdlichen Gouvernements, wo der Boden nur bei
starker D�ngung zum Ackerbau verwendbar ist, herrscht kein Mangel an Hausthieren; es
sind ausschliesslich die an Wiesen und guten Weiden �rmeren Gouvernements der westlichen
und s�dwestlichen Landestheile nicht mehr reich an Nutzvieh zu nennen.
Im S�den, wo der �beraus fruchtbare Boden, die sogenannte �Schwarzerde" (Tscherno-
Sem) kaum der D�ngung bedarf und solche auch nur ausnahmsweise zur Kultur der Handels-
und Garten-Gew�chse in Anwendung kommt, benutzen die Bewohner ihre Hausthiere (Pferde
und Rinder) zur Bestellung der Felder und zum Transport der Landesprodukte nach den
n�chsten, oft zwar sehr weit entfernten Marktorten.
Wir finden hier in einigen Districten die Pferdezucht gew�hnlich etwas besser und auch
umfangreicher betrieben, die Z�chtung anderer Hausthiere aber meistens noch sehr vernach-
l�ssigt. An manchen Orten sind in der allerneuesten Zeit die Grossgrundbesitzer an die Hebung
und Besserung der Viehzucht herangetreten und haben durch die Beschaffung fremden Zucht-
materials die Landschl�ge zu veredlen gesucht.
In den centralen Districten und in den Niederungen der grossen Fl�sse werden zwar
nicht so viele Pferde aufgezogen, wie in den �stlichen und s�dlichen Landestheilen; es sind
dieselben aber in der Regel von weit edlerem Schlage und geh�ren ohne Frage mit zu den
besten Racen Ost-Europa's. Hier befinden sich auch die meisten Staats- und Privat-Gest�te
mit vielen edlen Zuchtpferden beiderlei Geschlechts.
In denjenigen Gouvernements von Mittel-Russland, wo in der Neuzeit viele Wiesen
und Weiden urbar gemacht wurden, hat sich die Zahl der Pferde sehr vermindert; man gab
uns an, dass jetzt dort j�hrlich acht Prozent weniger Pf erde als vor zwanzig Jahren aufgezogen
w�rden, die Staatsregierung bem�he sich jedoch ernstlich, gerade in diesen Gouverne-
ments, welche man f�r die Pferdezucht aus verschiedenen Gr�nden ganz besonders g�nstig
h�lt, dieselbe wieder zu heben und die Zahl der Zuchtpferde zu vermehren.
Zur Bestellung der Felder hat man fr�her in den mittleren und s�dlichen Gouverne-
ments sehr h�ufig Pferde des kleinen Landschlages benutzt, jetzt aber sieht man vor-
wiegend Rinder vor den Pflug gespannt; auch zum Transport der Lasten auf den Heerstrassen
benutzen die Eingesessenen meistens ihre Rinder und zwar in der Regel die grossen, starken
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Druck v E.A.Funke,Leipziq.
Jachitnik.
Hautptbe.sch�ler in Toulinoff.
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ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
25
Ochsen der grauweissen Steppen-Racen, welche sich von Podolien aus immer weiter gen
Osten �ber einen grossen Theil des mittleren und s�dlichen Russland verbreitet haben.
Nach Wilson's Angaben w�chst jetzt die Zahl der Pferde besonders stark in den
Gouvernements von Klein- und Neu-Russland; aber auch in den s�dwestlichen Landestheilen
und in einigen Gouvernements von Gross - Russland bemerkt man neuerlich eine Zunahme der
Pferdebest�ride. � Verschiedene der dortigen Grossgrundbesitzer zeigen sich opferwillig, indem
sie f�r die Beschaffung edler Zuchtthiere ansehnlich grosse Geldsummen verausgaben und den
kleineren Z�chtern gestatten, ihre Stuten von den herrschaftlichen Hengsten belegen zu lassen,
und zwar meistens ohne Zahlung eines Sprunggeldes.
Wir lassen in der nachstehenden Tabelle einen Nachweis �ber die Pferdebest�nde in
den Gouvernements des europ�ischen Russland folgen, wie solcher im Jahre 1878 zur Kenntniss
des statistischen Central-Bureau's in St. Petersburg gekommen ist.
Uebersicht.
Anzahl der Pferde in den 68 Gouvernements
des europ�ischen Russlands.
- ------------
Dessen
Lau-
Gr�sse in
Jahr der
Summa der
Davon fallen auf
fende
Gouvernement:
Quadrat-
Z�hlung:
Pferde:
eine Quadrat-Werst
in Procenten:
Nr.
Werst:
I
St. Petershurg . .
47232
1874
I07577
2,28
2
Esthland
16759
1876
54206
3,23
3
Livland .
38778
183703
4,74
4
5
Kurland .
23976
147124
6,14
Kowno . .
357"
378817
10,61
6
Witebsk .
39688
247094
6,23
7
Wilna . .
37351
173306
4,64
8
Grodno .
34058
I55042
4,55
9
10
Minsk .
80277
224195
2,79
Mohilew. .
42218
312879
7,41 $E
11
Wolynien .
63126
665792
10,55 1 �
12
Podolien
36921
490407
IS,28 "g.
13
Warschau .
12796
1870
8l200
6,34
O r^
0
14
Radom . .
10854
1876
73916
6,81
0 �:
15
Petrokow
10763
72908
6,77
53 E
16
Kaiisch
'9994
79524
7,96
0 j. ^
17
Kj.elzy
8868
77627
8,75
■ ^ > ^
18
Lublin
14795
I3752I
9-30
:9
Sjedlez
12595
74872
5,94
S't"
20
Plock .
9558
77331
8,09
c e
21
Suwalki
11028
IO3015
9,34
1 1
22
Lomsha
10621
:---
82696
7,79 -
^ z
23
Kijew.
44806
l870
196400
4,38
24
Tschernigow
46046
1876
480084
10,43 sa
Freytag, Rnssland's Pferdo-Kaccn.
4
-ocr page 38-
20                                                                   RUSSLAND's PFEROE-RACEN,
Lau-
fende
Nr.
Gouvernement:
Dessen
Gr�sse in
Quadrat-
Werst:
Jahr der
Z�hlung:
Summa der
Pferde:
Davon fallen auf
eine Quadrat-Werst
in Procenten:
25
Polt�va.....
43844
1876
230386
5>25
4
26
Char'kow ....
47884
238075
4,97
27
Nowgorod ....
I07499
220401
2,05
28
Pskow.....
38846
197102
5,07
29
Moskau.....
29263
223767
7,65
30
Twer......
57406
348030
6,06
31
Jaroslaw ....
31293
168103
5.37
32
Kostroma ....
74423
1874
220351
2,96
33
Wladimir ....
42930
1875
i955!o
4,55
34
Nischegorod . . .
45054 �
1876
231889
5,i5
35
Rjasan' .....
36992
355743
9,60
36
Tula......
27209
366355
13,46
37
Kaluga.....
27172
237071
8,72
38
Ssmolensk ....
49244
1875
299351
6,08
39
Orel......
41058
1876
434377
10,57
40
Kursk.....
40821
526120
12,89
4i
Woronesch .....
57895
465504
8,04
42
Tambow ....
58452
732978
12,54
43
Pensa.....
34129
365800
10,72
44
Wologda ....
353882
223507
0,63
45
Ol�netz.....
I307I9
1876
54426
0,41
46
Archangelsk . .
666291
1875
42844
0,06
47
Perm......
291872
1876
933736
3,20
48
Orenberg ....
l68l55
1870
580600
3,45
49
Ufa......
IO7038
1876
629934
5,88
50
Wjatka.....
134537
1875
687910
5,ii
5i
Kasan .....
55987
1876
426599
7,62
52
Ssimbirsk ....
43491
334286 ■
7,69
53
Ssar�tow ....
74244
1875
553534
7,45
54
Ssamara ....
137004
1876
849250
6,20
55
Astrachan ....
197247
131703
0,67
56
des Don'schen Heeres
140904
1870
393100
2,79
57
Jekaterinosslaw . .
59507
1876
239806
4,03
58
Taurien . . . . .
55705
1870
173100
3.11
%'b
59
Cherson ....
62637
1876
354782
5,66
o�
60
Bessarabien . . .
31966
l875
157647
4,93
~ =.
S S-
61
Wiborg.....
37535
43030
1,15
62
Nyland.....
9953
28722
2,89
S'sr!
63
Abo......
18200
42028
2>3i
64
Tavastehus ....
18966
41059
2,16
§32"
65
St. Michel ....
20070
28470
1,42
(Kz
66
Knopio.....
37548
33826
0,90
:ii
67
Wasa......
36129
47434
i,3i
sg;,
68
Uleaborg.....
145337
20493
0,14 J
5 1
Sa
13108739
II
Anmerkung: Die beigef�gte Karte l�sst mit einem Blick ein Bild von dem Zustand der Pferdezucht in den ver-
schiedenen Gouvernements gewinnen.
-ocr page 39-
VERBREITUNG DER PFERDE IM EUROP�ISCHEN RUSSLAND.
Weniger als 1 Pferd auf
d. Quadrat-Werst.
4 bis 5 Pferde auf d.
Quadrat-Werst.
     5 bis 6 Pferde    desgl.
|     bis 7 Pferde    desgl.
!     7 bis 8 Pferde    desgl.
S     8 bis 9 Pferde
0 bis 10 Pferde auf d.
Quadrat - Werst.
10.
11.
12.
13.
■i.
1 bis 2 Pferde auf d.
Quadrat- Werst.
0.
i.
2 bis 8 Pferde desgl.
7.
i.
3 bis 4 Pferde desgl.
8.
11 bis 12 Pferde desgl.
12 bis 13 Pferde desgl.
Mehr als 13 Pferde auf
d. Quadrat - Werst.
-ocr page 40-
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.                                                    2~J
Statistisches �ber das Gest�twesen.
Ein im Jahre 1878 auf Befehl Seiner Excellenz des Ministers der russischen Reichs-
Dom�nen von Jwan Moerder herausgegebenes Verzeichniss der Privat-Gest�te in Russland*)
enth�lt in der Einleitung bemerkenswerthe statistische Notizen, ferner mehrere tabellarische
Nachweise sowohl �ber die Privat-Gest�te, wie auch �ber die kaiserlichen Hauptgest�te, Be-
sch�ler-Depots und die Zuchtpl�tze im Lande der Donischen Kosaken und in den s�d�stlichen
Steppenlandschaften. � Wir lassen diese Notizen und Nachweise in deutscher Uebersetzung
folgen, soweit sie uns von Interesse zu sein scheinen.
Im Jahre 1876 erschien in St. Petersburg ein Ukas, nach welchem alle Privat-Gest�te
von der Remonte-Pflicht d. heisst von der Lieferung von Pferden f�r die Militair - Verwaltungen
befreit worden sind.
Als Gest�t soll jede Zucht-Anstalt angesehen werden, welche nicht weniger als f�nf
Mutterstuten zur Erzeugung von Fohlen edler Race enth�lt, wobei aber noch ausdr�cklich
bestimmt wird, dass die Stuten solcher Privat-Gest�te nur ausnahmsweise zur Arbeit herange-
zogen werden d�rfen. �
Leider ist in dem Mo er der'sehen Werke nicht angegeben, ob die Gest�tsbesitzer auch
zur Haltung von Besch�l-Hengsten verpflichtet sind; wir bezweifeln, dass diese Bestimmung
von der Regierung erlassen worden ist. �
Es gab Ende des Jahres 1878 in Russland 3430 Privat-Gest�te, in welchen zusammen
92,791 Stuten und 9560 Hengste gehalten werden (siehe Tabelle Nr. I). Hiervon befinden sich
3312 Gest�te mit 90,799 Stuten in 44 russischen Gouvernements, w�hrend Polen, wo man gegen-
w�rtig die Pferdezucht wieder ziemlich umfangreich betreibt, 88 Gest�te mit 184 Hengsten und
1249 Mutterstuten besitzt. In vier Gouvernements des Kaukasus und Sibiriens giebt es nur 30
gr�ssere Gest�te mit 79 Hengsten und 743 Stuten. - In den anderen vier Gouvernements dieser
letztgenannten L�nder ist die Zahl der Gest�te so klein, dass es sich nicht lohnte, dar�ber Er-
kundigungen einzuziehen. �
Die Gouvernements, in welchen keine solche Privat-Gest�te existiren, sind folgende:
Archangelsk, Wologda, Mogilew, Wj�tka, Olonetz, Orenburg, Kaiisch und Lomza. Dasselbe
ist der Fall im Grossf�rstenthum Finnland. Um jedoch auch in Letzterem die alte Land-Race
zu verbessern, kauft die Regierung von Zeit zu Zeit Zuchthengste besseren Schlages und
�bergiebt dieselben an zuverl�ssige Privat-Personen in den f�r Pferdez�chtung besonders g�nstig
belegenen Bezirken, jedoch ein f�r alle Male unter der Bedingung, dass diese Hengste zum
allgemeinen Gebrauch der Pferdez�chter aufgestellt werden und denselben jeder Zeit gegen
Zahlung eines geringf�gigen Deckgeldes zur Verf�gung stehen sollen. -
Ausserdem haben sich in Finnland in der Neuzeit mehrere Privat-Gesellschaften und
Vereine gebildet, welche Besch�l-Hengste der beachtenswerthesten in- und ausl�ndischen Racen
CniicoKt laCTHHX* kohckhx'i, saBO�OBT, wt Pocciw. Il3aH0 no pacnopjmeHiro Ero BucoKonpeBO-
cxosHTejitcTBa r. MiiMCTpa rocyaapcTBeHHHra IlMymecTB*. C. IleTep�ypra, 1478.
4*
-ocr page 41-
28                                                                    RUSSLAND S P FE RDE-RA CEN.
ankaufen, um durch deren Benutzung zur Zucht eine Veredelung der alten Land-Race zu
bewerkstelligen. �
Von der ordnungsm�ssig betriebenen Pferdezucht in den Gest�ten der vierundvierzig
russischen Gouvernements sondert sich scharf und deutlich die Pferdez�chtung im Lande der
Donischen Kosaken ab, wo sich 782 Stutereien mit 3113 Hengsten und 38,509 Mutterstuten be-
finden. Es muss aber dabei bemerkt werden, dass das Wort �Stuterei" in Folge der am Don
herrschenden, eigenth�mlicheu Zuchtmethode und der localen Verh�ltnisse in einem etwas
anderen Sinne zu nehmen ist, wor�ber wir sp�ter bei Beschreibung der Donischen Kosaken-
Pferde specielle Angaben bez�glich der Einrichtung jener Stutereien machen werden.
Behufs besserer Uebersicht bringen wir nachstehend die verschiedenen Privat-Gest�te
Russlands in vier Gruppen.
1)  Die erste Gruppe umfasst die Gouvernements Cherson, Woronesch und Tambow, in
welchen sich weitaus die meisten Gest�te mit einer bedeutenden Anzahl von Pferden vorfinden.
� Wenngleich das Gouvernement Cherson der Zahl nach nur den dritten Theil der Gest�te des
Landes der Donischen Kosaken besitzt (249 Zuchtanstalten mit 559 Hengsten und 6023 Mutter-
stuten), so nimmt dasselbe aber seiner Bedeutung nach die erste Stelle hinter dem Zuchtgebiete
im Lande der Donischen Kosaken ein.
Im Gouvernement Woronesch befinden sich 242 Gest�te mit 464 Hengsten und 3639 Stuten
und im Gouvernement Tambow 209 Gest�te mit 644 Hengsten und 5187 Stuten. Die Zahl der
Gest�te im Gouvernement Woronesch ist zwar um ^5 h�her als in dem letztgenannten, doch ist die
Anzahl der Zuchtpferde im Ganzen in Tambow weit gr�sser als in Woronesch. � Einzelne
Privat-Gest�te im Tambow'schen Gouvernement haben einen sehr bedeutenden Umfang; sie
erstrecken sich �ber mehrere Quadrat-Werst und weisen nicht selten einen Bestand von einigen
hundert Zuchtpferden auf. �
2)  Die zweite Gruppe der Gest�te, deren Anzahl zwischen 101 und 185 schwankt, bilden
die Gouvernements Poltawa, Taurien, Jekaterinoslaw, Kursk und Podolien. Die h�chste Anzahl
von Hengsten (371) und Stuten (4917) wurde im Gouvernement Jekaterinoslaw und der geringste
Bestand an Zuchtpferden in Kursk angetroffen. Hier z�hlte man nur 250 Hengste und 1800
Mutterstuten.
3)   Zu der dritten Gruppe sind die folgenden Gouvernements zu z�hlen: Tula, Orel,
Saratow, Rj�san, Pensa, Charkow, Livland, Bessarabien, Simbirsk, Samara und Kiew, in wel-
chen je 40 bis go Gest�te vorkommen. Livland besitzt 595 und Bessarabien 1648 Stuten, welche
ausschliesslich der Zucht wegen gehalten werden. (Die Anzahl der dort vorkommenden Besch�l-
hengste ist von J. Mo er der nicht angegeben.)
4)  Was endlich die vierte Gruppe betrifft, so finden sich die zu solcher gerechneten Privat-
Gest�te, welche nach Zahl und Umfang ziemlich unbestimmt sind, in 32 Gouvernements der meist
westlich gelegenen Landestheile.
Im Gouvernement Witebsk fand man nur ein einziges gr�sseres Gest�t mit 20 Pferden
und in Tschernigow 36 Stutereien verschiedener Gr�sse. � Die meisten Zuchtpferde dieser letzten
Gruppe besitzt das Gouvernement Ufa (679).
Im Durchschnitt kommen in 52 Gouvernements auf einen Hengst (Besch�ler) 9,7 Mutter-
stuten. In den acht Gouvernements des K�nigreichs Polen fallen nur 6,8 Stuten und in den
�brigen 44 Gouvernements 9,8 Stuten auf einen Hengst. In 17 Gouvernements schwankt
diese Zahl zwischen 5 und 5,9. In 12 Gouvernements kommen 7 bis 7,9 Stuten und in 10 Gou-
vernements 6 bis 6,9 Stuten auf einen Besch�ler. Im Gouvernement Jekaterinoslaw ist die An-
zahl der Besch�ler weit geringer; hier z�hlte man auf 13,2 Mutterstuten nur einen Hengst. Auch
die Z�chter in Taurien und im Lande der Donischen Kosaken halten f�r ihre Stuten nicht so
-ocr page 42-
29
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
viele Hengste, wie die der meisten anderen Gouvernements. Im Kosakenlande kommen durch-
ThnittHch
         und in Taurien sogar .,9 Stuten auf einenHengst. In Bessarabien und Cherson
Tl7 M der Besch�ler wieder etwas gr�sser; hier rechnet man 10,8 und dort xo,2 Stuten
ward die Zahl der B^aler
                       J                    Nischny-Nowgorod 9,4 Stuten auf einen
auf einen Beschaler. In Podohen ^^ *            scnWanken diese Zahlen zwischen 8,0 und 8,3.
Hengst. In Samara, Tambow, Lubhn und Poltawa schwa                                    _ ^^
In Twer kommen 4,9 und in Pkow sogar nur 44^tu^t                    S Gouvernements
dass in 40 Gouvernements auf einen Hengst 5 bis 8 Stuten^e                                            ^
�bersteigt die Anzahl der auf einen HengstJ^^^Z sich in der Tabelle No. I. -
nements ist die Zahl ^^J^Z die Anzahl der Gest�te in jedem Gouver-
Dle anderen vier ^»^^Z
             Nachweise �ber die haupts�chlichsten Nutzungs-
nement und enthalten in ^Unterabtoiu^           Reitpferde, Gespann- oder Wagenpferde
arten (Schl�ge) der daselbst aulgezogenon I terde als.         P
und Arbeitspferde. -                                                               Gouvernements, getrennt nach darin
Die Tabellen giebt ^J^*«*          ^           ^^ _ fa procenten ausge.
gez�chteten Schl�gen an, und die Tabelle              g
dr�ckt - ^i^«^S^ 5, Gouvernements sind 609 oder 18 Prozent solche, welche
Von den ^^|5
                           6 prozent z�chten Wagenpferde; 39-' oder
n^^^^*«- »» - 35 accent Gest�te befassen
11 Prozent -^^ pferden ffir die verSchiedenartigen Gebrauchszwecke,
sich mit der Z�chtung vonj
                             Ausnahmestellung sich befindenden Stutereien im
und III folgendes andere Resultat:
,8s St�ck oder 11% Gest�te f�r Reitschl�ge
f�r Wagenschl�ge
1134 >!         " "+J ,u
150/0 � f�r Arbeitsschlage
3Io/0 � f�r gemischte Schl�ge.
t n Moerder sagt, dass man aus diesen Zahlen - in Vergleich
Unser Gew�hrsmanr^ ^ ^^ ^ ^ Rm^ ^ ^^
zu fr�heren ---^^ ^ wohingegen die Gest�te, welche die Z�chtung
f�r Reitschl�ge im Abnehmen beg ^ ^ ^ ^ ^ ^^ zun�hmen. _
der Wagenschl�ge betrieben               denUmstand ansehen, dass es an g�nstigen Gelegenheiten
Als Grund hierf�r kann man               ^ bekommeI1) ums0mehr als die Preise, welche
fehlt, f�r Reitpferde angemes                       Militair-Reitpferde zahlen, seit Jahren als unzu-
die ^monte-CommlSS1°7mssen (Man zahlte im vorigen Jahre (1*79) ata h�chsten Preis f�r
l�nglich bezeichnet werden muss
        {                     ^ ^ ^ ^ ^^ ^^ ^ ^
sieben- und achtj�hrige Reitpferde -;> ^
^^l^T1^^.8'^^^^ die Aufzucht der Reitpferde erwachsen, sind
Die Kosten, welche ^j^*^ yon Wagen.Pferden. Diese letzteren werden nun
genauso hoch, wie d^en«en ; tztdasssie nur einigermassen gute Traber sind, zwei, drei und
aber zur Zeit in Russland, «^S-Remonten "der sonstige gute Reitpferde. Um einen
vier maltheurer bezahlt, als
                 ^ ^ Cavallerie - Pferde zu erzielen, m�ssen die Z�chter
sogenannten vollen Remon                               hsene Thiere vorstellen und das will dortsagen:
den ^monte-Cp�onen vola g             ^              ^ ^ ^^^ ^ Jahre /u
mindestens sechsj�hrige P erde                                       ^ ^^ deg Wagenschlages (Traber)
Hause zu f�ttern und stets gut zu nairen,
-ocr page 43-
3o                                                             russland's pferm-races.
ihre Pferde oft schon als J�hrlinge, in der Regel aber als zweij�hrige Fohlen zu hohen Preisen
abgeben k�nnen. Es kommt jetzt nicht selten vor, dass die sogenannten S�uger, das heisst
die schon abgesetzten Fohlen, welche den besseren Traberschl�gen angeh�ren, nahezu so theuer
bezahlt werden, wie die englischen Vollblut - Fohlen gleichen Alters in den L�ndern des west-
lichen Europa. �
Die Remonte-Commissionen kaufen hin und wieder auch zwei- und dreij�hrige Fohlen
des Reitschlages, bezahlen diese aber in der Regel so schlecht, dass die Z�chter sich mit den
Preisen nicht zufrieden erkl�ren k�nnen-----
Es giebt in Russland sehr viele (31 Prozent) Gest�te, welche fr�her ausschliesslich nur
Reitpferde aufgezogen haben, jetzt aber Pferde f�r die verschiedenartigen Gebrauchszwecke
z�chten, um auf diese Weise bei der Z�chtung ein besseres, sicheres Gesch�ft machen und allen
Anforderungen der verschiedenen Abnehmer gen�gen zu k�nnen. �
In den Gest�ten von 25 Gouvernements werden neuerdings sowohl Reit-, wie Wagen -
und Arbeits-Pferde gez�chtet; ebenso finden sich dort auch viele Gest�te f�r die gemischte
Zucht. In 13 Gouvernements fehlt die eine Art dieser Zuchten g�nzlich; in acht anderen z�chtet
man nur Reit- und Wagen-Schl�ge und in sechs Gouvernements werden allein Reitpferde ge-
z�chtet. Die Z�chtung der Reitschl�ge erreicht ihr Maximum (41 Prozent) im Lande der Do-
nischen Kosaken, wenngleich auch hier die Zahl der Gest�te behufs Z�chtung von Pferden f�r
die verschiedemirtigen Gebrauchszwecke noch ziemlich bedeutend ist (47%) und in den letzten
Jahren noch sehr zugenommen hat. � Ohne hier n�her auf die Z�chtungsweise in den Privat-
Gest�ten einzugehen, giebt uns Moerder in seinem Werke diejenigen Schl�ge an, welche vor-
wiegend in den ersten zwanzig Gouvernements die auf den Tabellen II, III und IV genannt
sind, gez�chtet werden.
In den Gouvernements Kijew, Podolien und Poltawa macht die Z�chtung des Reit-
schlages 30 bis 35 Prozent aus. Die Z�chtung von Pferden f�r die verschiedenartigen Nutzungs-
weisen ist in den Gest�ten dieser drei Gouvernements ebenfalls noch sehr bedeutend, und schwankt
zwischen 36 und 48 Procent. �
Bez�glich der Zucht des Wagenschlages sind die Gouvernements Tambow, Rj�san, Sa-
ratow, Orel und Tula die wichtigsten; es umfasst deren Z�chtung in den Privatgest�ten allein
74 bis 86 Prozent der ganzen Pferdezucht. � Hierauf folgen die Gouvernements Pensa, Kursk,
Simbirsk, Woronesch, in welchen 50 bis 68 Prozent aller Gest�te sich mit der Z�chtung von
Wagenschl�gen befassen. In Samara werden zwar etwas weniger Wagenpferde, als in den zu-
letzt genannten Gouvernements gez�chtet; doch es bilden auch hier die Gest�te f�r den
Wagenschlag den gr�ssten Prozentsatz (39 Prozent). Alle �brigen in Samara vorkommenden
Gest�te unterscheiden sich nicht sehr auff�llig von denjenigen, welche man in Pensa, Kursk,
Simbirsk, und Woronesch antrifft. � In den Gouvernements Bessarabien, Livland, Cherson und
Taurien �berwiegt die Zahl der Gest�te behufs Z�chtung von Pferden f�r die verschiedenen
Gebrauchszwecke (41 bis 83 Prozent).
In dem Gouvernement Charkow werden fast ebensoviele Wagenpferde, wie Thiere ge-
mischten Schlages aufgezogen (37 bis 38 Prozent) und endlich im Gouvernement Jekatorinoslaw
umfasst die Z�chtung der Pferde f�r die verschiedenen Nutzungsweisen 32 Prozent des Ganzen;
ebenso werden aber auch dort gleich viele Wagen- und Arbeitspferde aufgezogen. Die Z�ch-
tung des Reitschlages ist hier neuerdings eingeschr�nkt worden. �
Die Tabelle No. IV. liefert einen Nachweis �ber die Zuchtpl�tze der Traber-Race. Es
giebt jetzt in 36 Gouvernements im Ganzen 661 Gest�te, welche ausschliesslich die Z�chtung
von Trabern in die Hand genommen haben. Nach den allerneuesten Z�hlungen befassen sich
-ocr page 44-
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
5'
25 Prozent aller Privat-Gest�te (die im Lande der Donischen Kosaken ausgenommen) mit der
Z�chtung von Harttrabern. � Diejenigen Gest�te, welche bislang Wagen-Pferde gew�hnlichen
Schlages gez�chtet haben und jetzt zum nicht geringen Theile nebenbei auch Traber z�chten
sind in den obengenannten Zahlen nicht mit einbegriffen. Ihre Anzahl betr�gt 110, wir finden
sie �ber 26 Gouvernements vertheilt und theilweise wird von ihnen bereits recht T�chtiges
geleistet. �
Die gr�sste Anzahl von Gest�ten mit Traber-Z�chtung befindet sich im Gouvernement
Tambow (149) oder von allen Traber - Gest�ten des Landes 71 Prozent. Hierauf folgen die
Gouvernements "Woronesch, Kursk, Tula, Saratow, Rj�san und Orel, welche je 41 bis 82 Traber-
Gest�te aufweisen k�nnen. In drei dieser Gouvernements sind je 22 bis 24 derartige Gest�te
in f�nf anderen sind 10 bis 14 und in allen �brigen jener 36 Gouvernements giebt es weniger
als 10 Gest�te, die sich mit der Z�chtung der Traber-Race befassen. �
Die Tabelle Nr. V. � in f�nf Columnen getheilt � giebt die Anzahl der Gest�te f�r je
eine Gebrauchsart der daselbst gezogenen Pferde an; nach derselben besitzt Russland zur Zeit:
773  Gest�te f�r den Reit- und Wagenschlag,
175
                 ,, � Wagen- und A.rbeitsschlag,
135         � � � Reit-, Arbeits- und Wagenschlag,
66         ., � � Reit- und Arbeitsschlag.
F�r die �brigen 26 Privat-Gest�te des Reiches konnten die daselbst gez�chteten Schl�ge
von Moerder nicht genau ermittelt werden.
Die Tabelle Nr. VII liefert uns eine Uebersicht der verschiedenen Hengst-Depots oder
Besch�ler-Stationen des Staats, nebst Zahlen-Angabe der in denselben zur Z�chtung der ver-
schiedenen Schl�ge aufgestellten Besch�ler.
Endlich bringt die Tabelle Nr. VIII einige Nachweise �ber die sogenannten wilden
Gest�te in den Steppen der �stlichen und s�d�stlichen Landschaften, welche jedoch als zuver-
l�ssig schwerlich werden gelten k�nnen, weil das Nomadenleben der dort vorkommenden Volks-
st�mme eine genaue Z�hlung ihrer Tabunen und Z�chtereien selbstverst�ndlich fast unm�g-
lich macht.
Wir sehen uns schliesslich veranlasst, auf die schon oben erw�hnte hippologische Karte,
welche unter dem Titel: �Versuch einer Pferdezucht-Karte im europ�ischen Russland"*) dem
Verzeichnisse der Privat - Gest�te pp. beigef�gt und ebenfalls von J. Moerder auf Befehl des
Ministers der Reichs-Dom�nen herausgegeben ist, mit um so gr�sserer Empfehlung hinzuweisen,
als dieselbe einen leichten Ueberblick von Lage und Umfang der im europ�ischen Russland
vorhandenen Pferdezucht-Pl�tze gew�hrt und im besonderen jedem Hippologen, welcher diese
Zuchtanstalten pers�nlich in Augenschein nehmen will, verm�ge ihrer praktischen Darstellung
vortreffliche Dienste behufs Orientirung an Ort und Stelle zu leisten im Stande ist. � Diese
Karte verdient nach unserer unmassgeblichen Ansicht vor mancher �hnlichen Arbeit bei weitem
den Vorzug.
OiruT-B K0Hii03aB0,!i,CK0� KapTH EBponeficKOH Pocchi. Il3.a;aH0 no pacnopuatemio MirancTpa Tocy-
AapcTBeHHMxi» ILiyiii,ecTBr&. CocTaBiut Hb. Mep^epi, cocToamiii npn TjaBHOMt YnpaBjieHiH Tocy-
�apcTBeHHaro KoHH03aBO,a,CTBa, C. Ilerepoyprt, 1878.
-ocr page 45-
RUSSLAND S PFER.DE-R ACEN.
32
Tabelle L
Nachweis �ber die Anzahl der Privat-Gest�te und Zuchtpferde
in den Gouvernements und Kreisen Russlands.
Gouvernements
Zuchtpferde
Gouvernements
Zuchtpferde
und
r^
und
trc
Mutter-
+?
Mutter-
Kreise.
Hengste.
Stuten.
Kreise.
0
Hengste.
Stuten.
I. Astrachan.
Nowgrod - Wolynsk
3
10
56
Astrachan ....
2
6
40
2
I
1-3
Jenotajewsk . . .
I
6
31
Staro - Konstantinow
1
20
3
12
71
17
40
247
VII. Woronescb
.
II. Bessarabien.
Woronesch. . .
91
144
8
Kischenew ....
2
9
92
Birjutschn
3
9
74
Akjerman ....
19
48
571
Bobrow .
57
143
1135
Bendery.....
2
7
70
Bogutschar
7 '
17
122
Orgeijeff. ....
4
10
122
Waluiki .
3
10
76
Soronski ....
7
20
2IO
Zadonsk
7
12
100
Chotion.....
11
34
264
Zemliansk
26
73
551
Jaski (Bielzy?). . .
9
34
319
Korotojak
10
13
5
14
63
54
162
1648
Nischnedjewitzk
112
Nowochopersk
J4
21
241
III. Wilna.
Ostrogoschsk .
9
12
187
Wilna......
Wileika.....
5
9
39
Pawlowsk . .
2
4
30
2
17
Disna. .....
1
12
242
464
3639
Lieda......
8
11
68
VIII. Grodno.
Oschmjany ....
5
8
44
Grodno . . .
0
4
32
Swenzjany ....
4
9
46
Brest . .
Bialystok
Bjelsk .
1
2
9
26
39
226
1
1
5
1
35
10
IV. Witebsk.
Walkowysk
5
9
39
1
4
20
Kobrin .
Sloninsk
2
1
4
3
24
12
1
4
20
i
14
28
161
V. Wladimir.
IX. Land d. Donis(
:h.
Wladimir ....
1
5
25
Heeres.
Alexandrowsk . . .
2
4
13
Militair Gest�te d. St<
3p-
Pokrow.....
1
3
6
23
pen jenseits d. Doi
1. 99
1667
19.955
Jurjew .....
3
35
Tsherkask . . .
59
36
116
64
1703
7
18
96
738
VI. Wolhynien.
1. donischer Kreis
104
84
860
2. donischer Kreis
44
277
Schitomir ....
4
10
44
Wladimir ....
1
2
r4
Mijuisk ....
25
68
559
1
2
10
Ust -Medwiedisk .
73
74
726
1
10
51
Khopersk . . .
41
72
593
Kowel.....
2
2
2
3
17
22
Kalmykische sotni
315
924
13,098
782
3^3
38,509
-ocr page 46-
33
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
Zuchtpferde
Mutter-
Zuchtpferde
Gouvernements
und
Kreise.
Gouvernements
und
Kreise.
Mutter-
Stuten.
Hengtse.
Hengste.
Stuten.
XIV. Kowno.
X. Jekaterinoslaw.
Jekatorinoslav . .
Alexandrowsk . . .
Bachmut.....
Werchne - Dnjepr-
provska ....
Nowomoskowsk . .
Pawlograd ....
Rostow.....
Slawenoserbsk . .
81
67
9
98
43
27
Kowno . . . �
Wilkomir . . .
Nowoalexandrowsl*
Rossieny . . .
Telschi ....
Schawli ....
o0 1 2l6l
15             250
44          483
112             906
42             289
20            263
41             466
12               99
44
ii
16
39
7
13
2
18
8
5
59
325
XV. Kostroma.
Bui ....
Galitsch . .
Kineschma. .
Kologriew . .
Nerechta . .
Soliaralitsch
49'7
54
127
22
5
1
xz
3/
152
26
3i
11
15
18
XI. Kasan.
Kasan . .
Laischew
Mamadysch
Sswiashsk .
Sspask . .
Zaremoskok
9
17
2
1
21
2
52
5
7
10
2
4
3
4
9
2
3
109
10
XVI. Kurland.
Windau .
Hasenpot
Goldingen
Grubin .
Illuxt . .
Tukum .
So
24
24
16
16
7
19
2
5
2
4
1
4
OD
XII. Kaluga
Kaluga . . .
Borowsk. . .
Schisdra. .
Lichwin . . .
Malo-Jaroslowez
Medyn . . .
Mjeschtschowsk
Mossalsk . .
Peremyschl
Tarusa .
17
40
65
26
22
9
24
58
12
14
106
10
XVII. Kursk.
65
29
21
81
72
3'
64
23
162
85
290
107
330
123
31?
9
2
4
9
5
6
9
6
2
18
35
17
35
18
Kursk . .
Bjelgorod .
Graiworon .
Dmitriew
Korotscha .
Lgow. . .
Nowyj -Oskol
Oboja . .
Putiwl . .
Rylsk . . ,
Staryj - Oskol
Sudscha
Tim . . .
Fatesch . .
Schtschigry .
1
6
4
3
3
j
6
287
49
XIII. Kijew
Kijew. . .
Berditschew
Wassilkow .
Swenigorodka
Lipowez . .
Radomysl .
Skwir . .
Taraschtscha
Uman . .
Tschigrin .
64
39
147
24
65
20
309
254
86
42
i
2
2
I
3'
i
13
.9
6
2
6
20
3
10
4
41
31
11
6
17
4
26
1800
250
1050
141
40
Frey tag, Kussland's Pferde - Racen.
-ocr page 47-
RUSSLAND S PFERDE-RACEN.
34
Zuchtpferde
Zuchtpferde
Mutte
Hengste.
Gouvernements
und
Kreise.
Gouvernements
und
Kreise.
Mutter-
Stuten.
Hengste.
O
XXIII. Orel.
Orel......
Bolchow.....            10
Jelez......            il
Liwny .....            19
Malo-Archangelsk .            11
Msensk.....              5
Ssjewsk.....              6
XVIII. Livland.
Riga......
Walk ,.....
Wenden.....
Werro.....
Wolmar.....
Dorpat.....
Pernau . . .
Fellin.....
Oesel.....
15
33
i
9
i
17
2
19
3
7
2
4
15
2
28
3
29
8
11
3
103
5
5
1
19
. 5
25
100
11
135
18
154
67
53
32
33
7
28
230
77
61
XXIV. Pensa.
Pensa . . .
Gorodischtsche
Jnsar . . .
Kerensk . .
Krasno - Sslobodsk
Mokschansk
Nawotschat
Nischny - Lomow
Ssaransk . .
Tschembar . .
595
19
18
5
7
140
30
XIX. Minsk
Minsk . .
Bobruisk
Borissow
Jgumen . .
Nowogrudok
Ssluzk . .
10
6
5
8
2
7
4
2
17
5
30
13
18
35
3
20
11
9
42
21
1
1
15
23
33
3
15
12
4
3
1
5
5
5
1
219
18
114
73
13'
!3
10
21
47
27
5
XX. Moskau
Moskau .
Bogorodsk .
Werlreja
Wolokolamsk
Dmitrow
Swenigorod
Klin . . .
Moschaisk .
Podols . '.
Sserpuchow
66
202
XXV. Perm
Jekaterinburg
Jrbit ....
Kamyschlow .
Ossa ....
Schadrinsk . .
10
16
9
13
2
17
50
57
341
XXI. Nischnij Now
gorod
Ardatow
Arsam�s
Bal�chna
Wassil .
Gorbatow
Lutojanow
Makar'jew
Ssergatsch
XXVI. Podolien.
Kamjeniec-Podolsk .
Balta |......
Braclaw.....
Winniza.....
Haysyn.....
Letitschew ....
Litin......
Mohilew.....
Nowouschitsk . . .
Olgopol.....
Prosskurow . . .
Jampol.....
15
60
6
66
7
305
5
41
53
12
14
3i
12
15
8
20
11
21
20
24
21
2
5
9
8
4
4
9
3
7
5
12
2
28
1
11
60
3
4
562
15
25
40
25
1
1
XXII. Nowgorod.
Kirilow.....
Stara-Ruasa . . .
-ocr page 48-
^
rtp
.>}
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
Zuchtpferde
Gouvernements
und
Kreise.
Zuchtpferde
I Mutter-
Hengste, j stuten_
Gouvernements
und
Kreise.
Mutter-
Stuten.
Hengste.
�J
106
12
Nowyi-Usen
Stawropol .
XXVII. Pol�twa
Poltawa . .
Gadjatsch .
Se�kow .
Solotonoscha
Kobeljaki .
Konstantinogiad
Krementschug
Lochwitza
Lubny
Mirgorod
Perejaslawl
Pirjatin .
Priluld .
Romny .
Chorol .
161
203
98
262
260
403
189
93
202
180
7i
299
237
ISO
24
31
12
28
28
10
13
4
15
11
2114
255
44
XXXI. St. Peters-
burg.
Gdow.....
Peterhot ....
Jamburg.....
XXXII. Sar�tow
Saratow .
Atkarsk .
Balaschew
Kamyschin
Petrcnvsk
Sserdobsk
Chwalynsk
Zarizvn .
11
14
10
18
51
12
27
9
15
14
28
10
22
7
12
16
39
i7
28
4
12
25
185
407
35
3
13
49
385
42
269
3
23
34
280
78
564
7
36
9
57
18
15
I
7
27
XXVIII. Pskow
Noworschew . .
Opastcha . . .
Porchow . . .
Toropez ....
1627
276
22
14
75
283
92
168
76
13
49
15
102
XXXIII. Simbirsk
Simbirsk
Alatyr .
Ardatow.
Buinsk .
Karssun .
Knrmysh
Ssangithej
14
1
1
4
12
5
9
23
XXIX. Rj�san
Kj�san .
Doiikow .
Jegorjewsk
Saraisk .
Kassimow
Michailow
Pronsk .
Oranienbur
Rjashsk .
Saposhok
Skopin .
Spask
6
14
I
5
3
6
3
16
4
6
3
9
17
20
46
121
XXXIV. Smolensk
Smolensk .
Bjely . . .
Wjasma . ■
Gshatsk . .
Dorogobush
Duchowtschina
Jelna . . �
Krassnyj
Porjetschje
Roslawl . .
Sytschewka.
Juchnow
64
11
7
33
31
44
91
33
o
1
2
6
8
14
5
2
4
14
2
1
3
2
1
6
3
1
3
6
1400
XXX. Samara.
Samara .
Bugulma
Buguruszlan
Busuluk
Nicolajewsk
36
70
23
5
4
27
62
39
217
469
S�2
14
5
451
35
5'"
_ ^O
&
-ocr page 49-
°&
<#
36
RUSSLAND S I'FERDE-RACE \.
Gouvernements
Zuchtpferde
Gouvernements
Zuchtpferde
:2
und
*j
tn
Mutter-
In
Mutter-
Kreise.
Hengste.
Stuten.
Kreise.
OJ
Hengste.
Stuten.
XXXV. Taur
len.
Odojew.....
I
9
SO
Ssimferopol
20
4
34
8
377
95
Tschern . . .
5
'S
119
Berdjansk .
90
224
1643
Nieprow.
7
34
388
Eupatoria
39
62
833
XXXIX, Ufa.
Melitopol
21
52
512
Ufa ... .
8
19
!59
Perekop .
43
80
1046
Belebei . .
5
26
200
Jalta . .
1
1
9-.
Birsk ....
3
8
45
Feodosia
36
63
1038
Menselinsk .
12
33
213
5
11
62
171
334
4298
OJ
97
679
XXXVI. Tambow.
XL. Charkow.
Tambow. . . . .
74
201
1667
Achtyrka.....
9
21
143
Borissogljebsk
20
63
439
Bogoduchow .
4
7
50
Ialatma . .
2
5
40
Walki . . .
8
18
156
Kirsanowsk
27
77
520
Woltschansk .
4
13
126
Koslow .
22
94
746
Smijew . . .
9
l9
162
Lebedian
13
28
191
Jsjum. . . .
10
23
177
5
18
171
Kupjansk . .�
10
22
185
Morschansk
6
30
154
Lebedain . .
4
9
79
Spask . .
1
1
19
Starobjelsk .
3
8
42
Temnikow .
Ussman' . .
3
4
59
Ssumy . .
4
11
63
100
1072
Schazk . .
6
23
109
XLI. Chersson.
65
151
1183
209
644
5187
Chersson ....
50
120
1201
XXXVII. Twer.
Alexandria .
38
72
836
Bjeschezk . . .
Wvschny - WolotschI,
1
1
6
Anaenjew .
18
57
672
1
2
10
Jelissawgrad .
92
207
2211
Subzow . . .
2
?
12
Odessa . . .
34
75
762
Kaljasin . . .
2
9
4
16
18
78
Tiraspol . . .
17
28
341
249
559
6023
1
3
13
XLII. Tschernigow.
Tschernigow . . .
16
28
137
3
7
3i
Borsna ....
7
7
66
XXXVIII. Tula.
Gluchow
2
7
44
Tula.....
3
6
44
Gorodna . . .
1
2
20
Aleksin .
2
4
15
Konotop . . .
9
14
112
Bogordizk
4
J9
146
Krolewez . . .
1
1
15
Bjelew .
3
6
29
Mglin ....
1
2
20
Wenew .
14
26
176
Nowgorod-Ssjewersk
1
3
9
Jepifan .
14
3i
252
Xowosybkow . .
5
14
88
Jefremow
21
40
325
Starodub . .
4
7
40
Kaschira
7
16
15
53
94
393
Ssurash . . .
2
4
22
Nowosil .
36
;68
467
J§L
&
-ocr page 50-
"^
#~
37
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
Zuchtpferde
Gouvernements
und
Kreise.
Zuchtpferde
Gouvernements
und
Kreise.'
Mutter-
Stuten.
Mutter-
Stuten.
Hengste
Hengste
o
es
Nowoalexandrowsk .
Tomaschow . . �
Cholm.....
XLVIII. Petrokow.
Bendsin.....
Lodz......
Noworadomsk . .
Rava......
XLIX. Plock.
Lipno.....
Zjechanow ....
I
I
23
5
15
196
I
I
12
XLIII. Esthland.
Hapsal.....
Reval......
Weissenstein . . .
61
4'
38
140
IO
6
6
364
45
21
17
3
4
2
5
2
5
4
6
2
XLIV. Jaroslaw
Danilow
Mologa . .    .
Myschkin .    .
Romanowo      \
Borissogljebsk J
Rybinsk . .    .
Uglitsch .    .
11
48
10
s6
89
17
27
46
18
182
32
64
10
Zusammen in 44 Gou-
vernements . .
90,799
L. Radom.
Kosenizy . . .
Konsk . . . .
Sandomierz . .
9297
3312
73
23
110
0
11
XLV. Warschau
Warschau . .
Wlozlawsk . .
Gorna - Kahvaria
Gostyn . . .
Skierniewice .
Ssochatchew .
48
13
24
11
48
206
26
LI. Suwalki.
Wladislaw . . .
Wolkowyschki. .
Mariampol . . .
93
50
5
14
4
182
30
14
148
XLVI. Kjelzy.
Andrej ew
Wloschow .
Miechow
Olkuscha .
Stopnitza
LH. Sjedlez.
Wlodawo . . .
Garwolin . . .
Lukow ....
Sokolow....
21
67
12
5
21
3
14
3
1
3
11
26
18
15
126
24
13
70
XLVII. Lublin
Lublin . .
Grubeschow
Zamosc .
Krasnotaw .
Lubartow .
Zusammen in 8 Gou-
vernements . . .
4
50
4
22
4
32
2
14
1249
184
Summa in 52 Gou-
vernements . . .
92,048
34 00,
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%>
38
RUSSLAND S P F E R D E-R A C EN.
Gouvernements
und
Kreise.
Gest�te.
Zucht
Hengste.
}ferde
Mutter-
Stuten.
Gouvernements
und
Kreise.
Gest�te.
Zuchtpferde
Mutter-
Hengste.
fe Stuten.
LIII. Kutais.
Kutais.....
2
2
186
LVI. Tomsk.
Barnaulsk ....
Bijsk......
I
3
I
5
11
2
8
I
7
2
49
i
IO
186
283
12
79
29
LIV. Eriwan.
Alexandropol . . .
Ssurmalin ....
Jetschmjadsinsk . .
4
6
40
Zusammen in 4 Gou-
vernements . . .
30
79
743
LV. Tobolsk.
16
7
i
6o
7
4
374
117
26
Kurgansk ....
Summa in 56 Gou-
vernements . . .
3430
9560
92)79!
8
ii
143
Tabelle IL
Die Anzahl der Privat - Gest�te in 56 Gouvernements, nebst Angabe der daselbst f�r die
verschiedenen Gebrauchszwecke gez�chteten Schl�ge.
Die Zahl der Gest�te nach Schl�gen getrennt.
Arbeits-
Schlag.
Gemischter
Schlag.
Reit-
Schlag.
Wagen-
Schlag.
Gouvernements.
Nr.
Summa.
Das Land der Doni
sehen Kosaken
Chersson
Woronesch .
Tambow.
Poltawa . .
Taurien .
Jekatorinoslaw
Kursk
Podolien
Tula . .
Orel . . .
Saratow . .
Rj�san .
Pensa . .
Charkow
Livland .
Bessarabien
368
105
26
II
66
70
49
30
44
14
12
7
9
18
24
40
45
782
249
242
209
185
171
152
111
IOI
90
77
76
76
66
65
61
54
324
38
8
5
55
20
18
2
30
4
3
3
90
47
120
180
4i
5o
� 2
74
13
67
58
60
62
45
25
5
6
59
j
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
3i
43
5
H
5
4
6
5
->
o
3
15
1
13
1
2
&_
J&
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If
_---------------------------- - -
(
ALLGEMEINES UND
STATISTISCHES.
---------
---------
39
----------.
---------------
Reit-
Wagen-
Abeits-
Gemischter
Summa.
,Nr.
Gouvernement.
schlag.
schlag.
schlag.
Schlag.
26
17
6
12
46
18
Simbirsk . .
2
11
9
44
19
Samara . . .
7
l9
40
20
21
22
Kiew ....
Tschernigow .
Smolensk . ■
14
1
/
17
9
4
5
12
15
6
12
36
35
33
23
Ufa ....
1
21
27
24
Kowno . . �
4
20
26
25
Milno . . �
1
5
9
16
6
8
25
26
Nischnij Nowg
ore
d.
2
7
23
27
Kasan . . �
1
9
1
15
8
5
9
23
28
29
Kaluga . . .
Minsk . . ■
2
16
9
1
3
3
23
21
30
Moskau . . �
6
21
31
Lublin . . ■
16
1
1
18
32
Jaroslaw. .
6
11
17
33
34
Permsk . .
Wolhynien .
6
4
2
12
4
6
2
1
5
13
1
9
3
13
17
17
35
36
37
38
Esthland
Twer . . .
Warschau .
Grodno . .
1
1
2
3
3
16
14
14
13
39
Radom . .
2
13
40
Kjelce . .
5
10
7
12
4i
Petrokow
__
10
42
Kostroma .
2
6
10
43
Kurland . .
2
1
5
8
44
Pekow .
7
3
_
7
45
Wladimir .
1
__
3
7
46
Siedletz . .
__
2
4
47
Suwalki . .
._
4
4
48
Plotzk . �
2
__
1
3
49
Astrachan . .
2
1
__
->
0
50
St. Petersburg
__
2
51
Nowgorod . .
1
1
52
Witebsk . . -
1 �--------
Zusammen
609
1224
392
"75
3400
16
53
14
7
8
54
4
__
4
55
2
__
2
56
Kutais.....
Summa
625
1231
399
"75
3430
^
-ocr page 53-
K U S S L AND S P F E RDE; R A C E N.
40
Tabelle III.
Die Anzahl der Privat-Gest�te in 56 Gouvernements nebst Angabe der daselbst
gez�chteten Schl�ge in Prozenten.
Aus der Gesammtzahl der Gest�te kommt auf jeden Schlag folgender Prozentsatz.
Nr.
Gouvernements.
Reit-
Schlag.
Wagen-
Schlag.
Arbeits-
Schlag.
Gemischte
Schl�ge.
I
Das Land der Doni-
schen Kosaken .
41
12
47
2
Chersson ....
15
19
24
42
3
Woronesch
3
50
36
11
4
Tambow
3
86
6
5
5
Poltava . . .
30
22
12
36
6
Taurien !. .
12
29
18
41
7
Jekatorinos[aw
12
28
28
32
8
Kursk . .
2
67
4
27
9
Podolien . .
30
13
14
43
10
Tula . . .
4
74
6
16
11
Orel . . .
4
75
5
16
12
Saratow . .
4
79
8
9
13
Rj�san . .
81
7
12
14
Pensa . .
68
5
27
i5
Charkow
20
38
5
37
16
Livland . .
2
8
25
65
17
Bessarabien
4
11
2
83.
18
Simbirsk. .
4
57
13
26
'9
Samara . .
16
39
25
20
20
Kiezh . .
35
17
48
21
Tschernigow
47
11
42
22
Smolensk .
3
66
14
17
23
Ufa . . .
28
36
36
24
Kowno .
15
4
4
77
25
Milno . .
4
19
77
26
Nischnij Nowg
orod
8
36
24
32
27
Kasan . .
70
30
28
Kaluga . .
4
35
22
39
29
Minsk . .
39
9
39
13
30
Moskau . .
5
76
5
14
3'
Lublin . .
7i
29
32
Jaroslaw
88
6
6
33
Permsk . .
35
65
34
Wolhynien .
35
24
12
29
35
Esthland
6
12
6
76
36
Twer .
75
IQ
6
37
Warschau .
7
29
64
38
Grodno . .
15
43
21
21
39
Radom . .
100
40
Kjelce . .
85
15
-ocr page 54-
^
ftp
ALLGE
ME
IX
�". S CKD S T j
V 1 1>1 iSLnr.
r*.
■■■- -------------------------------------------------------------------------=f
Reit-
Wagen-
Arbeits-
i -elite
Nr.
Gouvernement.
Schlag.
Schlag.
Schlag.
Schl�ge.
Petrokow ....
42
58
41
100
---
---
42
43
Kostroma . .
Kurland. . .
Pskow . . .
20
25
20
12
60
63
44
ICO
�-
Wladimir . .
45
43
43
46
Siedletz . . .
14
50
47
Suwalki . . .
100
48
Plotzk . . .
67
33
Astrachan . .
49
St. Petersburg
67
33
50
100
51
Nowgorod .
10
Witebsk . . .
52
iS
36
417
35
88
12
__
53
12
88
---
54
100
55
56
100
54
23
23
Sun
1111
a.
18
12
12
34
Tabelle IV.
In t224 Gest�ten f�r Wagen-Schl�ge finden sich Traber-Gest�te
in nachgenannten Gouvernements:
Die Zahl
Gouvernement.
der Traber
Gest�te.
Jaroslaw ....
14
Smolensk
13
Moskau .
13
Samara .
IO
Twer . .
10
Charkow
9
Poltawa .
7
Kazan
7
Kostromo
7
Podolien
5
Die Zahl
der Traber-
Gest�te.
Gouvernement.
Nr.
149
Tambow
Woronesch .
Kursk . �
Tula . . �
Saratow . .
Rjasan . �
Orel . . �
Pensa . �
Jekaterinoslaw
Simbirsk
I
2
3
4
5
6
7
8
9
10
46
46
45
43
41
24
-#
I'rfvtr,", Russ!and's Pferde - Kaien.
&
-ocr page 55-
«
ry
RUSSLANDS PFERDE-RACEN.
Die Zahl
der Traber-
Gest�te.
Die Zahl
der Traber-
Gest�te.
Gouvernement.
Nr.
Nr.
Gouvernement.
Wladimir
Perm
Astrachan
Minsk
Wolhynien
Grodno .
Nowgorod
St. Petersbourg
Tschernigow . .
Nischniy-Nowgorod
Kaluga ....
Kiew.....
Ufa.....
Bessarabien
Das Land der Doni
sehen Kosaken
Chersson
29
30
3i
32
33
34
35
21
22
23
24
25
26
27
28
5
5
5
4
4
4
3
3
Summa
66
Ausserdem existiren noch Traber-Gest�te in den Gouvernements Tomsk (4) und
Tobolsk (1).
Tabelle V.
In 1175 Gest�ten, welche Pferde verschiedenen Schlages z�chten, befinden sich
nachgenannte Schl�ge:
Gest�te f�r
Reit- Arbeits-
und
Wagen-Schl�ge.
Gest�te
ohne besondere
Angabe der
Schl�ge.
Gest�te f�r
Reit- und
Wagen -Schl�ge.
Gest�te f�r
Wagen- und
Arbeits-Schl�ge
Gest�te f�r
Reit- und
Arbeits-Schl�ge.
Nr.
Das Land der Doni-
schen Kosaken
Chersson
Woronesch
Tambow
Poltawa .
Taurien . .
Jekaterinoslaw
Kursk . .
Podolien
Tula . . .
Orel . . .
Saratow . .
Rj�san . .
Pensa . .
Charkow
Livland . .
Bessarabien
Simbirsk. .
Samara . .
Kiew . .
368
5i
22
24
-o
3
I
7
3
7
9
8
4
4
7
6
6
21
1
37
22
41
20
26
6
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
17
9
44
1
2
■3
3
13
&
-ocr page 56-
43
UND STATISTISCHES.
ALLGEMEINE!
Gest�te
ohne besondere
Angabe cier
Schl�ge.
Gest�te f�r
Reit- Arbeits-
und
Wagen-Schl�ge
Gest�te f�r
Reit- und
Arbeits-Schl�ge
Gest�te f�r
"Wagen- und
Arbeits-Schl�ge
Gest�te f�r
Reit- und
Wagen-Schl�ge
Kr.
Tschernigow
Smolensk
Ufa . .
Kowno .
Wilna .
Nischnij Nowg
Kasan
Kaluga .
Minsk .
Moskau .
Lublin .
Jaroslaw
Perm
Wolynien
Esthland
Twer .
Warschau
Grodno .
Radom .
Kjelce
Petrok�W
Kostroma
Kurland .
Pskow .
Wladimir
Sjedlez .
Suwalki .
Plotzk .
Astrachan
St. Petersb
Nowgorod
Witebsk .
11
1
2
16
16
21
22
�^0
2b
27
28
29

3i
32
33
31
35
36
37
38
39
40
4i
42
43
44
45
46
47
48
49
50
5i
5 2
26
66
175
L33
773
Summa
6*
-ocr page 57-
44
RUSSLAND S PF E RD E-R A C E N.
Tabelle VI.
Verzeichniss der Staats- und donischen Heer-Gest�te.
Anzahl
der Zuchtpferde.
Anzahl
der Fohlen.
Hen
gste.
Mutter-
Stuten.
Race
Ort der Gest�te.
Hengste.
Stuten.
Haupt-
besch�ler.
Reserve-
Hengste.
der Hengste.
I. Chr�now.
In dem Gouvernement Woronesch,
Kreis Bohrowskij, 55 Werst von der
Station Liski (Woronesch-RostowerEisenb.)
8
3
115
144
132
Orlow-Reit- und
8
oP)
97
122
121
Wagenschlag.
c. Englische Vollblut-Abtheilung . .
4
2(8»)
36
26
35
Engl. Vollblut.
Zusammen im Gest�te Chr�now
20
8
248
22
288
II. Derkul.
In dem Gouvernement Charkow, Kreis
Starobielskij, 55 Werst von der Station
Tschertkowo (dieselbe Eisenbahn) . . .
12
3
147
149
178
Arbeit- u .Gespann-
III. Streletzk.
Schl�ge.
In demselben Gouvernement und Kreis
15 Werst von derselben Station entfernt.
11
4
47
163
176
Reitschlag f�r die
leichte Cavallerie.
IV. Nowoalexandrowsk
in demselben Gouvernement und Kreis,
15 Werst von derselben Station ....
12
4
146
166
158
Reitschlag-Halb-
blut Araber.
V. Limarewsk.
In demselben Gouvernement und Bezirke,
40 Werst von derselben Station ....
3
4
31
30
37
Reinblut
Araber und Engl.
VI. Janow.
Araber-Kreuzung.
Gouvernement Sjedletz, Kreis Konstan-
tynow, ig Werst von der Station Biala
(Warschau Terespol. Eisenbahn) ....
3
2(3)
65
70
60
Reitschlag.
Arabisch-Halbblut.
.VII. Orenburg.
Gouvernement Orenburg, 150 Werst von
9
72
119
120
Gemischt Donische
Zusammen in 7 Staatsgest�ten
72
25
856
989
1023
VIII. Milit�r-Gest�te der donischen
Kosaken.
Im Lande der donischen Kosaken im
26
494
Reitschlag. Kreu-
zung der
orientalischen und
donischen Racen.
-ocr page 58-
w
^
ALLGEMEINES UND STATIST [SC]
Tabelle VII.
Verzeichniss der Staats-Besch�ler Depots.
In denselben linden sich Hengste der nachgenannten Schl�ge.
45
Zahl der
Besct.-iier
im
Ganzen.
Reit-
scMag.
Rein-
blut.
Arbeits-
schlag.
Ort der Besch�l-Stationen.
Traber.
schlag.
I. Potschinkowsk.
Gouvernement Nishnij -Nowgorod,
Kreis Lukojanowsk in der Stadt Po-
tschinki............
II. Chr�now.
Gouvernement Woroneseh, Kreis Bo-
browskij im Dorfe Chr�nowoi ....
III. Elisabethgrad.
Gouvernement Cherson, in der Stadt
Elisabethgrad ...
         .....
IV. Janow.
Gouvernement Siedletz, Kreis Kon-
stantyn�w...........
V. Tambow.
In der Stadt Tambow......
164
46
29
109
39
15
68
101
11
48
90
69
J9
J9
21 10
VI.   Smolensk.
In der Stadt Smolensk
VII.   Charkow.
In der Stadt Charkow . .
66
24
'7 13
66
37
VIII. Limarewsk.
Gouvernement Charkow, Kreis Staro-
bielsk im Dorfe Limarew.....
IX. Kamenetz-Podolskij.
Gouvernement Podolien, Kreis Ka-
menetz - Podolski im Markt - Flecken
Baiin............
X. Poltawa.
In der Stadt Poltawa......
io
57
7 4
13
XI. Kijew.
Gourvernement Kijew, Kreis Skwirinsk
im Dorfe Werchowno.......
XII. Saratow.
Gouvernment Saratow, Kreis Serdobsk
im Dorfe Pestschranka......
58
12
16
oo
&
&
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^
russland's pferde-racen.
46
Ort der Besch�l-Stationen.
Zahl der
Besch�ler
Rein-
blut.
Reit-
schlag.
Traber.
Wagen-
schlag.
Arbeits-
schlag.
XIII. Orenburg.
Gouvernement und Kreis Orenburg .
XIV. Moskau.
XV. Wilna.
In der Stadt Wilna......
27
6
62
6 -
12
I
37
3
5
5
1
5
IO
1
9
Zusammen in allen Stationen
1053
37(*)
496
140
202
178
Bemerkung: Das Verzeichniss der Staats-Gest�te ist im Jahre 1877 am I. December angefertigt, und
das der Besch�ler Depots am I. Januar desselben Jahres.
*) 17 Englische, 16 Araber, und 4 Englisch-Araber Halbblut.
Tabelle VIII.
Nachweise �ber die wilde Zucht in den Steppen.
Anzahl der Heerden-
Zuchtpferde.
Gouvernements, Bezirke
und Districte.
Race der Pferde.
Stuten.
Hengste.
I. Astrachan.
Astrachan..........
Krasnojarsk.........
Jenotajewsk.........
Zarewsk...........
In den kalm�ckischen An-
sied lungen (Ulnsy).
Ikizochurowsk....... . . .
Jadikowsk..........
Motschagi ..........
Erketenewsk.........
Charachusowsk........
Abtheilung von Maloderbetowsk . .
Choschoutowsk ........
Bagazochurowsk........
2596
41 II
760
1698
Kreuzung von Kirgisischen und
Kalm�ckischen Pferden.
Kalm�ckische und Russische
Reit- und Wagen-Pferde.
:503
710
112
177
9165
3502
1674
455
688
795
2614
3859
533
3549
1024
220
250
272
757
2002
50
J433
� Kaimucken Schl�ge.
14167
6008
Zusammen im Gouvernement
8510
23j
&.
.#
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ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
Gouvernements, Bezirke
und Districte.
II. Donische Kosaken
In den Tablinen finden sich:
i. Abtheilung in
in  io
in  20
in  21
in  27
Zusammen im Bezirke
III. Orenburg.
Orenburg (267 Kasjak
Troitzsk (30 Kasjal
Tscheliabinsk (17 Kasjak
Werchneuralsk (434 Kasjal«
Zusammen im Gouvernement
in 748 Steppen-Kasjaken.....
IV. Astrachansche Kosaken.
In den Stanitzen der 1. Militair-Ab-
theilung .
Baschkiren, meistens kl. Schlag.
Desgl. mittelgross.
Kirgisische Race.
Baschkiren und Kirgisen.
Zusammen in den Militair-Bezirken
V. Bakinsk.
Schemachinsk (24 Kasjack).....
Kubinsk (65 Kasjak)
Lenkoransk (11 Kasjak)
Geoktschajsk (2 Kasjak
Zusammen im Gouvernements
in 102 Steppen-Kasjaken
VI. Enisej.
Enisej (182 Kasjak)
Atschinsk (839 Kasjak . .
Minusinsk (3237 Kasjak) .
Kansk (2456 Kasjal
Zusammen im Gouvern. in 6714 Kasjaken
VII. Semipalatinsk
Semipalatinsk .
Ustkamenmogorsk
Pawlodarsk . .
Karkaralinsk
Station Saisafl _____________________
Zusammen im Bezirk
. Reit- Arbeits- u. Wagen-Schl�ge.
Reit- und Wagen-Schl�ge der
' Kirgisen.
*) Kasjal* gleich dem deutschen Weiler.
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Gouvernements und Bezirke
Anzahl der Heerden-
Zuchtpferde.
Hengtse. Stuten.
Race der Pferde.
VIII. Akmolinsk.
II.32
4965
6208
3823
21 122
33232
49444
55179
24943
368995
> Russische und Kirgisen.
1
1 Kirgisen.
Zusammen im Bezirk
37250
531793
Summa I. bis VIII. . .
IO1623
i144570
fe_
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°r$~
ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.                                                            49
Pferdehandel.
Bei der sehr betr�chtlichen Anzahl von Pferden, womit das gewaltige Zarenreich - wie
man aus den vorhergehenden Mittheilungen ersehen haben wird - von der Natur gesegnet ist,
werfen sich unwillk�rlich die Fragen auf, wo, in welchen Gouvernements, an welchen Orten
findet ein regelm�ssiger Handel mit Rossen statt, auf welche Weise geht derselbe nach Ge-
wohnheit und Sitte vor sich und welche Anstalten und Massregeln hat die russische Staats-
regierung zu treffen bislang f�r zweckm�ssig erachtet, um diesen Verkehrszweig sowohl fur die
Z�chter, wie f�r die Abnehmer, mit andern Worten f�r die Verk�ufer und K�ufer von Pferden
oder f�r die Producenten und Konsumenten erspriesslich zu machen. �
Die Erfahrung lehrt, dass ein Industriezweig nur dann gedeihen und zur vollen Bl�the
gelangen kann, wenn seine Erzeugnisse fort und fort einen gesicherten Absatz finden und beim
Verkauf derselben die Productionskosten mindestens gedeckt werden. Sollte also die Industrie
der Pferdez�chtung nicht nur f�r die l�ndliche Bev�lkerung, welche sich mit derselben be-
sch�ftigt, sondern f�r den Staat selbst von g�nstigem Erfolge sein und nutzbringend werden,
f�r Letzteren theils mittelbar, theils unmittelbar, so lag es in seinem Interesse, Anordnungen zu
treffen, welche gleichsam nach zwei Seiten den n�mlichen Zweck, den Pferdehandel im Lande
m�glichst zu beleben, mit Energie verfolgten.
Zun�chst musste dem Staate darum zu thun sein, vermittelst seiner Gest�tsverwaltung
die Privatz�chter dergestalt zur Verbesserung ihrer Gest�te und Zuchtpl�tze in den Stand zu
setzen, dass dieselbe ihnen die M�glichkeit schuf, von ihr - aus den Krongest�ten - zu be-
stimmten Zeiten gute edle Zuchtthiere zu angemessenen Preisen anzukaufen. Zu solchem
Behuf ward h�chsten Orts genehmigt, dass jedes Jahr (im Fr�hjahr oder Herbst) aus den ver-
schiedenen Staatsgest�ten einige Hengste und Stuten, auch eine Anzahl Fohlen beiderlei
Geschlechts an die Privatz�chter freih�ndig verkauft w�rden, was in neuerer Zeit dahin ausge-
dehnt ist dass die Staatsgest�te, �hnlich wie im K�nigreich Preussen allj�hrlich eine Anzahl
�lterer und j�ngerer Zuchtpferde verauctioniren lassen. Ausserdem trug auch die kaiserliche
Verf�gung vom Jahre 1845, wonach den Privat-Z�chtern f�r eingef�hrte fremdl�ndische Pferde
edler Race die Abgaben erlassen werden, wesentlich dazu bei, den Privat-Gest�ten die Kosten
ihrer Industrie zu verringern, da sie nun in die Lage kamen, arabisches und englisches Vollblut,
Normannen Holl�nder, Flaml�nder, D�nen etc., als gutes, brauchbares Zuchtmaterial auf be-
quemere und billigere Weise als bisher zu erwerben. Dem Staate aber gereichten diese Be-
stimmungen indirect zum Vortheil, da die Veredlung uud Verbesserung der inl�ndischen Pferde-
schl�ge undRacen in national�konomischer wie volkswirtschaftlicher R�cksicht ohne Frage von
grosser Bedeutung f�r das ganze Land wurden. - Dar�ber konnte kein Zweifel herrschen, dass
sobald nur erst die Privatz�chter im Grossen und Ganzen dem Betriebe ihrer vervollkommneten
Industrie eine gr�ssere Sorgfalt zu theil werden liessen und in Folge dessen besseres Material
erzeugten und solches zweckm�ssig ern�hrten, dieses dann auch auf den M�rkten zu h�heren,
mehr befriedigenden Preisen abgegeben werden konnte, und fremdl�ndische Kaufer mehr und
mehr herbeigezogen wurden, als solches in fr�herer Zeit der Fall war.
Eine �hnlich grosse Bedeutung f�r die Privatz�chter, wie die vorbezeichneten Kaufgelegen-
heiten haben jetzt die Remonte-Ank�ufe f�r die Cavallerie, welche sowohl f�r die Garde, wie f�r
Vo                          Freytag, Kussland's Pferde-Kacen.                                                                                                                                                                                    nj
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die Linie ausschliesslich bei den russischen Privatz�chtern und nicht mehr im Auslande statt-
finden m�ssen.
Mehr als die im Vorstehenden erw�hnten Anordnungen haben indessen auf den Pferde-
handel und dessen F�rderung die nach und nach an vielen Orten eingef�hrten Pferde-Messen
und M�rkte*) Einfluss gehabt. � Es liegen �ber das russische Pferde-Markt-Wesen bereits
mehrere Ver�ffentlichungen in der neueren hippologischen Literatur vor, zu welchen ganz k�rzlich
(Februar 1880) noch eine h�bsche Arbeit von Iwan Moerder gekommen ist, welche unter dem Titel:
EoHCKaa ToproBJia b� Pocciii OHpaiapKH). HsaHa Mep^epa. C. �eTep�yprt, 1880.
in St. Petersburg herausgegeben wurde, und f�r um so werthvoller und glaubw�rdiger
erachtet werden kann, als durch dieselbe alle bisherigen Angaben �ber den fraglichen Gegen-
stand auf Grund neuer Ermittelungen und Erkl�rungen sach- und lokalkundiger Personen
berichtigt und vervollst�ndigt worden sind. �
Aus diesem Buche, welches auch die oben gedachten Auctionen nicht ausser Acht l�sst,
verfehlen wir nicht, behufige Ausz�ge in deutscher Uebersetzung, wie folgt, mitzutheilen.
Die nachstehende Tabelle weist nach, dass in 60 Gouvernements und zwar in 471 Ort-
schaften jedes Jahr im Ganzen 1090 Pferdem�rkte abgehalten werden, wovon fallen in:
Io
rat Januar
103
M�rkte
� Februar
60
53
, M�rz
98
V
, April
80
JJ
, Mai
132
, Juni
116
>J
, Juli
55
, August
90
??
, September
119
�>■>
, October
116
1)
, November
74
, December
47
11
Summa 1090 M�rkte.
Unter den Pferdemessen und M�rkten zeichnen sich diejenigen in den nachgenannten
66 Ortschaften ganz besonders aus, weil hier die gr�sste Menge Pferde, welche im Laufe des
Jahres von 1500 bis 10,000 St�ck variirt, zu Markt gef�hrt wird und weil daselbst j�hrlich im
Ganzen 240,000 St�ck zur Aufstellung gelangen:
I.
Stadt Balta in
2.
Stadt BerdischefF ,
3-
Marktflecken Besaja-Zerkow ,,
4-
5-
6.
Kirchdorf (Selo) Poletajewo ,
Stadt Belltzi ,
Stadt Iefremow ,
7-
8.
Kirchdorf Michailowo ,
Stadt Poltawa �
CI-
Stadt Tambow �
IO.
Stadt Nieschnjedewitzsk �
im Gouvernement Podolien.
           Kjew.
           Kijew.
           Tambow.
          Bessarabien.
          Tula.
           Kursk.
           Poltawa.
           Tambow.
,,           Woronesch.
Die Russen gebrauchen daf�r unser deutsches Wort, und sagen: �Jarmarki.'
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ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
51
Kirchdorf Orechowo                im Gouvernement Woronesch.
Stadt Jeletz                                                            Orel.
Stadt Liewni                                                          Orel.
Kirchdorf Karpowo im Lande der donischen Kosaken.
Stadt Bobrow
                            im Gouvernement Woronesch.
II.
12.
13-
H-
15-
16.
17-
18.
19.
20.
21.
22.
23-
24-
25-
26.
27.
28.
29.
30-
3i-
32.
33-
34-
35-
36.
37-
38.
39-
40.
41.
42.
43-
44-
45-
46.
47-
48.
49.
50-
51-
52-
53-
54-
55-
56.
57-
58.
59-
60.
Warschau.
Rj�san.
Taurien.
Jaroslaw.
Jaroslaw.
Pskow.
Woronesch.
Chersson.
Woronesch.
Woronesch.
Saratov.
Saratow
Tula.
Rj�san
Chersson.
Tschernigow.
Tambow.
Wj�tka.
Kursk.
Poltawa.
Rj�san.
Kursk.
Kijew.
Jaroslaw.
Tula.
Tambow.
Woronesch.
Tula.
Tschernigow.
Podolien.
Rj�san.
Podolien.
Stadt Lowitsch
Kirchdorf Jakimetz
Marktflecken Kachofka
Stadt Poschechonje
Stadt Rostow
Stadt Welikije Luid
Stadt Ostrogoschsk
Stadt Jelisawetgrad
Kirchdorf Tischanka
Kirchdorf Kastornoje
Kirchdorf Bolonda
Kirchdorf Bekowo
Stadt Bogoroditzsk
Stadt Rj�san
Stadt Wossnesensk
Stadt Gluchow
Kirchdorf Uwarowo
Stadt Rotjelnitsch
Stadt Kursk
Stadt Krementschug
Stadt Dankow
Stadt Fatesch
Marktflecken Schaschkow
Stadt Ribinsk
Stadt Kaschir
Kirchdorf Burnacki
Kloster Tolschewsk�
Stadt Epifan
Stadt Mglin
Marktflecken Medschibosch
Stadt Szaraisk
Marktflecken Jarmolintzi
Station (Stanitza) Urjupinskaja im Lande d. donischen Kosaken
im Gouvernement Wj�tka.
Saratow.
Simbirsk.
Taurien.
Tschernigow.
Wj�tka.
Tambow.
Woronesch.
Rj�san.
Kursk.
Kurland.
Tschernigow_
Tambow.
Stadt Wj�tka
Kirchdorf Rudnja
Stadt Simbirsk
Marktflecken Tockmack
Colonie Klimow
Kirchdorf Bachesinskoje
Stadt Koslow
Kirchdorf Beketowo
Stadt Ranenburg
Kirchdorf Monturowo
Stadt Mitau
Stadt Starodub
Stadt Demschinsk
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RUSSLAND's PFERD E-RACEN.
52
Ortschaften, in welchen allj�hrlich Pferdem�rkte stattfinden:
62.    Marktflecken Janischki                                           Kowno.
63.    Kirchdorf Semiluki                                               Woronesch.
64.     Station (Stanitza) Kriworoschje im Lande d. donischenKosaken.
65.     Vorstadt Beresnjegowatic im Gouvernement Chersson.
66.    Kirchdorf Beilskoje                                    ,,            Wj�tka.
Andere 26 Jahrm�rkte bringen eine Pferdezuf�hrung von nicht mehr als 27,000 St�ck
und noch andere 28 Ortschaften eine solche von 28,000 St�ck des Jahres zu Wege, w�hrend
die �brigen 334 Pfer.dem�rkte ann�hernd etwa nur 65,000 St�ck j�hrlich zugetrieben erhalten.
Demnach wird man das Richtige in der Annahme treffen, dass auf s�mmtlichen
471 M�rkten jedes Jahr ungef�hr 360,000 Rosse zum Verkauf gestellt werden.
Welcher erhebliche Geldumsatz mit diesem regelm�ssigen Pferdemarkt - Verkehr ver-
bunden ist, zeigt das einfache Rechenexempel, dass insofern nur die H�lfte der zuletzt ange-
f�hrten Gesammtpferdezahl (180,000 St�ck) verkauft und durchschnittlich jedes Pferd mit 50 Rubel
bezahlt wird, ein Umsatz von 9 Millionen Rubel auf den Pferde-M�rkten stattfindet.
Moskau ist seit langer Zeit der Haupthandelsplatz f�r russische Pferde aller Art. Die
Resultate des Handels daselbst werden von Moerder folgendermassen gesch�tzt. Auf den
M�rkten, in den Gasth�usern und bei den zahlreich vorhandenen Pferdeh�ndlern dieser Stadt
werden j�hrlich 15,600 Pferde verkauft; man bezahlt dieselben durchschnittlich mit 57 bis 58
Rubel; es werden mithin daselbst 893,000 Rubel durch den Pferdehandel umgesetzt. �■
Wir selbst haben uns �berzeugt, dass in den St�llen der renommirteren Rossh�ndler
Moskau's einzelne Pferde der Orlow'schen Harttraber-Race mit 4000 und 5000 Rubel bezahlt werden.
Nachrichten �ber den Pferdehandel in St. Petersburg hat uns Moerder leider nicht liefern
k�nnen; wenn der Plandel hier auch nicht ganz so bedeutend, wie in der alten Hauptstadt des
Zarenreiches genannt werden kann, so ist derselbe doch immerhin sehr gross; viele Pferde werden
von dort aus auf dem Seewege nach fremden L�ndern ausgef�hrt und manches Ross geht aus
den St�llen der dortigen H�ndler in den Besitz des reichen Adel- und Kaufmannstandes �ber.
Moerder giebt ferner an, dass allj�hrlich aus den kaiserlichen Gest�ten etwa 430 Pferde
f�r den Betrag von 90,000 Rubel und im Wege der Versteigerung aus den kaiserlichen St�llen
zu Moskau und St. Petersburg durchschnittlich das Jahr 216 Pferde zu 38,000 Rubel verkauft w�rden.
Auf die vorbeschriebene Weise kommen demnach j�hrlich rund 196,000 Pferde im innern
Verkehr zum Gesammtwerthe von 10,021,000 Rubel zum Verkauf. Unser Autor f�gt die aus-
dr�ckliche Bemerkung hinzu, wie er �berall bei diesen Angaben und Berechnungen die Minimal-
zahlen angesetzt h�tte, jedoch der Ansicht sei, dass in Wirklichkeit der Pferdehandel den von
ihm angegebenen Umfang wahrscheinlich noch �bersteige. �
Was endlich den Ausfuhr-Pferdehandel anbetrifft, so hat Russland in den 11 Jahren:
Im Jahre 1868 .......x 1,425 Pferde
1869 .......I9>875
1870.......20,259
1871 .......10,642
1872 .......13,290
1873 .......22,083
1874 .......28,393
1875        ....... 34.927
1876 .......43,424
1877 ....... 1,649
1878....... 16,245
Summa: 222,212 Pferde
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ALLGEMEINES UND STATISTISCHES.
�ber die Grenzen seines Reiches ausgef�hrt, im Durchschnitt also pro anno 20,200 St�ck; wenn
man den Preis f�r jedes ausgef�hrte Pferd zu 100 Rubel rechnet, was der Wahrheit nahe
kommen wird, so stellt sich der Gesammt-Ausfuhrwerth auf etwas mehr als 2 Millionen Rubel
heraus, beinahe der f�nfte Theil des oben verzeichneten Gesammtwerthes f�r die im Innern des
Reiches gehandelten Pferde.
Uebrigens enth�lt die Moerder'sche Schrift noch viele specielle Angaben �ber Ort und
Zeit, wo und wann die Verk�ufe aus den bez�glichen Staats- und Privat-Gest�ten in Russland
stattfinden, sowie �ber die verschiedenen Pferde-Schl�ge, welche daselbst ver�ussert werden, so
dass dieselbe in der That f�r Kaufiiebhaber sehr n�tzliche Nachweisungen bringt. � -
Eine Ausnahme von den mitgetheilten, den Pferdehandel betreffenden Bestimmungen
und Gewohnheiten macht der Handel im n�rdlichen Kaukasus, und es scheint uns angemessen,
das dortige Verkauf - Verfahren an der Stelle zugleich abzuhandeln, wo wir �ber die Kauka-
sischen Pferde-Racen des Weiteren uns auslassen werden.
-ocr page 67-
Die Racen und ihre Z�chtung.
in so grosses Reich wie Russland, welches sich durch 40 Breiten- und mehr als
212 L�ngen-Grade ausdehnt und in Folge dessen bez�glich des Klima's, der Boden-
erhebungen, der Bodenbeschaffenheit und der damit im engen Zusammenhange
stehenden Vegetations - Verh�ltnisse die gr�ssten Verschiedenheiten zeigt, bietet
nat�rlicherweise auch sehr grosse Unterschiede in Betreff seiner Haus- und Heerdenthiere dar,
deren Formen, Gr�sse, St�rke, Behaarung, Eigenschaften und Leistungen eine solche Mannig-
faltigkeit zur Erscheinungen bringen, wie kein anderes Land in Europa.
Jeder Fremde, welcher zum ersten Male dorthin kommt und die Thiere auf ihren heimath-
lichen Weiden erblickt, wird durch den gewaltigen Formen - Reichthum �berrascht. � Wir
sprechen hier ohne Scheu die Meinung aus, dass in dieser Beziehung Russland alle �brigen
europ�ischen Staaten bei weitem �bertrifft, und daher eine Reise durch jenes Land f�r jeden
Zootechniker und Freund der Hausthier-Racen ebenso lehrreich, wie unterhaltend ge-
nannt werden darf. �
Ueber die verschiedenen Racen des russischen Rindes haben wir bereits im Jahre 1877
einige Mittheilungen ver�ffentlicht, und wollen nun im Nachstehenden versuchen, dem geneigten
Leser dieses Buches eine Beschreibung der wichtigsten russischen Pferde-Racen zu liefern.
Die beigef�gten Abbildungen, welche nach photographischen Aufnahmen des russischen Staats-
rats v. Brust-Lisitzin vom hiesigen Universit�ts-Zeichner Herrn. Schenck angefertigt sind, werden
voraussichtlich zum Verst�ndniss der Beschreibungen wesentlich beitragen und dieserhalb wohl
Jedem willkommen sein. �
Mehrere russische Hippologen, welche sich mit diesem Gegenstande besch�ftigt und
ihre heimathlichen Pferde-Racen und Schl�ge sorgf�ltig untersucht haben, sprachen uns gegen-
�ber die Behauptung aus, dass in Russland jetzt noch mehr als 60 verschiedene Pferde-Racen
existirten; sie blieben uns aber leider die Aufz�hlung und Beschreibung derselben bis heute
schuldig. � Andere Zootechniker jenes Landes geben diese Zahl etwas niedriger an und be-
gn�gen sich mit der Aufz�hlung von nahezu 50 verschiedenen Racen und Schl�gen.
Wir sind der unmassgeblichen Meinung, dass bei den vielfachen Kreuzungen und Blut-
mischungen, welche in Russland sowohl, wie in allen anderen L�ndern stattfinden, die Anzahl
der gut und scharf typirtenRacen fort und fort im Abnehmen begriffen ist, und dass es selbst
dem allert�chtigsten Pferdekenner und Racekundigen � hier wie dort � sehr schwer werden
wird, einen genauen Nachweis �ber die Anzahl der noch bestehenden reinen Racen zu
liefern. �
Soviel wir auf unseren Reisen durch Russland einmal pers�nlich wahrgenommen, dann
aber auch von Sachverst�ndigen erfahren haben, sind dort neuerdings in fast allen pferde-
z�chtenden Gouvernements so viele Kreuzungen mit edlen asiatischen und westeurop�ischen
(vorwiegend englischen) Racen zum Zweck der Veredlung vorgenommen worden, dass es immer
-ocr page 68-
DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
55
schwerer wird, beachtenswerthe Repr�sentanten der reinen, unvermischten Land-Racen aus-
findig zu machen. � Immerhin kann dar�ber kein Zweifel herrschen, dass Russland heute noch
mehr als irgend ein anderes Land Europa's Pferde-Racen besitzt, welche als �primitive" hinzu-
stellen sind. Wir haben solche sowohl im Jahre 1876 in Finnland und Gross-Russland, wie auch
im vorigen Herbste (1879) in Polen zu sehen bekommen, und werden sp�ter bei Beschreibung der
Pferderacen dieser L�nder n�here Angaben �ber dieselben zu machen haben. �
Wir wollen uns in diesem Buche darauf beschr�nken, die Pferde - Z�chtung in den ver-
schiedenen Bezirken des Zarenreiches n�her zu schildern und lediglich von denjenigen Racen eine
Beschreibung liefern, welche uns von sachverst�ndigen russischen Hippologen als rein, unver-
mischt und acht bezeichnet und in sorgf�ltig ausgew�hlten Exemplaren vorgef�hrt worden sind.
Was nun endlich die Gruppirung der verschiedenen Typen anbetrifft, so erscheint es
nicht unzweckm�ssig, dieselben nach der topographischen Beschaffenheit ihrer heimathlichen
Bezirke in vier Gruppen zu bringen und folgendermassen zu unterscheiden:
I. Waldpferde-Racen.
IL Steppenpferde-Racen.
III.  Gebirgspferde -Racen.
IV.  Racen der Schwarzerde.
Die ad I genannten Racen finden sich haupts�chlich im Norden des Reiches, umfassen
die Schl�ge in Samogitien und Semgallen, die Pferde Finnland's und der Ostsee-Provinzen, wie
auch die Bauern-Pferde in Polen, die kleinen Klepper der Obwa, des Mesen, und endlich noch
die Ponies der Kama in den Gouvernements Wj�tka und Kasan. �
Die ad II aufgez�hlten Steppen-Racen treffen wir im S�den und S�d-Osten Russlands,
im Lande der donischen Kosaken, in den Steppen der Baschkiren, Kalm�cken und Kirgisen. �
Die Racen der dritten Gruppe, die Gebirgspferde, begegnen uns im Kaukasus, im Kreise
Karabagh des Gouvernements Schamacha, ferner in der Kabardei (Provinz in Tscherkessien) und
an anderen Orten der s�d�stlichen Berglandschaften.
Die Racen der vierten Gruppe endlich umfassen alle Pferde schwereren Schlages,
welche in den mittleren und s�dlichen Gouvernements der Schwarzerde (Tscherno-Sem) aufge-
zogen werden; die besten Repr�sentanten derselben sind die Bitjugs und die Harttraber in den
Gouvernements Tambow und Woronesh. �
Die Bergpferde-Racen liefern die vorz�glichsten Renner, die Steppenracen sehr gute
Sattel-Thiere, die Waldpferderacen zum Theil t�chtige Zug- und Arbeits-Pferde und endlich
die Racen der Schwarzerde ausgezeichnete Last- und Karrenpferde f�r den schweren Zug.
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RUSSLAN�'s PFERDE-R.ACEN.
56
I. Waldpferde -Racen.
A. Die Racen der nord�stlichen Gouvernements.
a. Die Pferde an der Kama, im Gouvernement Wj�tka.
In den waldreichen Distrikten der 228 Meilen langen Kama � von den Wotj�ken,
Tschuwaschen und Tataren gew�hnlich �Weisser Fluss" oder auch �Kleine Wolga" genannt,
werden langhaarige, kleine, aber kr�ftige Pferdchen aufgezogen, die sich augenscheinlich weit
weniger vom Naturzustande entfernt haben, als die in den mehr westlich belegenen Gouverne-
ments Russland's. �
Der Zoolog J. H. Blasius sagt in seiner �Reise im europ�ischen Russland" ganz richtig:
�Die Urspr�nglichkeit der Form jener Thiere im nord�stlichen Russland scheint gleiches Mass
mit der Urspr�nglichkeit der Lebensweise einzuhalten. � Nirgend wird den Hausthieren im
Norden des Reiches eine Pflege zugewandt, wie im Westen. Tag und Nacht gehen sie frei
herum, und suchen sich ihren Unterhalt, f�r den der Besitzer nur im Winter Sorge tr�gt.
Schafe und Ziegen ergehen sich meist auf Aengern und Rasenpl�tzen in der N�he der
Ortschaften. Das Rindvieh muss schon die W�lder suchen, denen die Pferde fast aus-
schliesslich angeh�ren." � Die Bezeichnung �Waldpferde" erscheint uns f�r die Rosse im
n�rdlichen und nord�stlichen Russland durchaus passend zu sein. �
�Die grosse Freiheit der dortigen Hausthiere ist Grund, dass jeder Bauer sein Ackerland
mit einem Zaune umgiebt, um auf diese Weise sein Getreide gegen die weidenden Hausthiere
zu sch�tzen. Das Vieh scheint aber daran gew�hnt, sich nicht gar zu weit in die W�lder
hinein zu begeben. Auch ohne Hirten h�lt es sich heerdenweise zusammen, um den Nach-
stellungen der Raubthiere desto sicherer zu entgehen. Das milchliefernde Rindvieh findet sich
zur bestimmten Stunde zum Melken am Hofe ein, und �bernachtet in der N�he der Wohnungen
im Freien, sowie auch die Pferde des Nachts das freie Feld und die N�he der Wohnungen
zu lieben scheinen. Ein gl�cklicher Instinct scheint die Naturtriebe dieser Thiere mit den An-
forderungen der Menschen in passenden Einklang zu bringen. Jede j�ngere Generation von
Menschen und Vieh gew�hnt sich an das einmal bestehende idyllische und durchaus unabh�ngige
Verh�ltniss. � "
In der morastig'en Quellengegend der Kama, am s�dwestlichen Abh�nge des Urals im Kreise
Glasow, Gouvernement Wj�tka, auf einer sp�rlich bewachsenen Waldh�he finden sich nach den
Angaben aller Reisenden die kleinsten Ponies oder Klepper dieser Art; meist dickk�pfige Ge-
sch�pfe von grauer, isabellgelber oder dunkler F�rbung und langem zottigen Deck- und M�hnen-
Haar. Ueber den R�cken, zum Theil auch �ber das Kreuz zieht sich sehr oft ein dunkler,
meist schwarz gef�rbter Haarstreifen (Aalstrich), wie auch an den Beinen der Thiere h�ufig
dunkle Haarringe bemerkbar sind. Diese Klepper werden in ihren heimathlichen Ortschaften
haupts�chlich bei der Feldarbeit und dem Fuhrwesen benutzt und leisten gew�hnlich mehr als
man den kleinen, winzigen Thieren zutrauen sollte. In einigen Bezirken des Gouvernements
Wj�tka hat man neuerdings wieder versucht, durch Aufstellung und Verwendung von Besch�l-
hengsten der finnischen Race � sogenannte Szwedkis � eine Verbesserung des alten Land-
schlages zu erreichen. Wir wollen den dortigen Z�chtern den besten Erfolg von dieser Kreu-
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
57
zung w�nschen und sind der Meinung, dass gerade diese vortreffliche Race des nordwestlichen
Russlands, welche wir im Jahre 1876 aus eigener Anschauung" kennen gelernt haben, wohl
dazu angethan ist, andere kleine Schl�ge jener nordischen L�ndergebiete zu verbessern. �
Aehnliche Blutmischungen der Wj�tka-Ponies mit esthl�ndischen oder Oeseler Klepper-Hengsten,
welche in fr�herer Zeit mehrfach � schon zur Zeit Peters des Grossen � dort vorgenommen
wurden, sollen freilich auf die Dauer keinen besondern Erfolg gehabt haben; vielleicht ist damals
die Auswahl der Besch�ler nicht mit der n�thigen Sorgfalt zur Ausf�hrung gebracht worden.
Die mangelhafte F�tterung, welche den Thieren w�hrend der langen Winterzeit in der
Regel dort zutheil wird, mag wohl haupts�chlich an ihrer oft sehr k�mmerlichen Entwickelung
schuld sein. Es wird in jenen Bezirken gew�hnlich zu wenig Futter f�r den Winter geborgen. � Die
Kama bleibt in ihrem oberen Laufe von Mitte October bis gegen Mitte April, 180 Tage lang,
bei Perm aber und 4 Grade s�dlicher bis Anfang April, also 160 Tage lang, gefroren. F�r eine
so langdauernde Winterzeit sind grosse Futtermengen zu einer hinreichenden Ern�hrung
der Hausthiere erforderlich, diese aber nur selten vorhanden; Pferde wie Rinder und Schale
kommen im Fr�hjahr sehr oft in einem durchaus kl�glichen Zustande auf die Weide. Jeden-
falls sollten die dortigen Landwirthe und Pferdez�chter etwas mehr f�r die Verbesse-
rung ihrer Futterschl�ge und Wiesen thun, als es bislang der Fall war. � Blasius f�hrt be-
z�glich dieser Zust�nde Folgendes an: �Ausser in Feldern und G�rten waltet �berall die freie
Hand der Natur, wo nicht hin und wieder die Zerst�rungswuth des Menschen eingreift. Die
Wiesen sind sich selbst �berlassen, h�chstens sucht man an einzelnen Orten die Sandd�nen
durch geregelte Bew�sserung in Wiesen umzuwandeln, die aber, einmal entstanden, nicht weiter
beachtet werden. Die Arten, welche hier den Graswuchs bilden, sind fast ganz dieselben, wie im
mittleren Europa."
Durch den Anbau neuer Grasarten w�rde weniger Vortheil zu erreichen sein, als durch
eine zweckm�ssige Behandlung der vorhandenen. Dass in dieser Hinsicht verh�ltnissm�ssig
noch mehr f�r die Wiesen, als f�r den Ackerbau zu erreichen sein w�rde, zeigt schon der �ppige
Graswuchs der Ueberschwemmungs- und Bergwiesen, die ganz allein der Natur �berlassen sind. �
F�r Waldwuchs hat die Natur in jenen nord�stlichen Districten im Uebermass gesorgt, wie
die zerst�rende Hand der Menschen f�r die Vernichtung der wichtigsten Holzarten. � An den
Orten, wo eine strengere Aufsicht �ber die Waldungen nicht ganz unm�glich ist, empfahl
Blasius schon damals den Bewohnern jener Landschaften die Anpflanzung der beiden wichtigsten
Holzarten des Nordens, der L�rche und Zirbelkiefer, Larix europaea et Var. und Pinus
cembra L. � Soviel uns bekannt geworden, sind in neuerer Zeit solche Anpflanzungen an
mehreren Orten mit Erfolg ausgef�rt; in den meisten anderen Districten aber bleibt auch in
dieser Beziehung dort noch viel zu w�nschen �brig. � Die kleinen, selten mehr als 1,35 Meter
hohen Pferdchen an der Kama betrachten sich in ihrer Heimath gewissermassen als Herren der
W�lder; sie treiben sich in denselben, � Hengste und Stuten gemeinschaftlich � von fr�h bis
sp�t, meist nur schlecht bewacht, umher, und es w�rde ihre Vermehrung sicherlich eine weit
gr�ssere sein, wenn nicht manches Fohlen den Raubthieren zur Beute fiele und nicht ander-
seits viele derselben in den langen harten Wintern aus Mangel an N�hrmitteln und Schutz
gegen die K�lte zu Grunde gingen. Iwan Moerder nennt die Pferde von Wj�tka in seinem Buche be-
sonders �intelligent", beschreibt sie als leichte, zierliche Gesch�pfe, die keine besondere Sorgfalt
bez�glich ihrer Haltung etc. erforderten. Auch andere Hippologen r�hmen die Klugheit, wie
die Gen�gsamkeit dieses Pferdeschlages und Einzelne bezeichnen dieselben gerade zu f�r die
�beste Race" des n�rdlichen Russland; ihre festen Gliedmassen nebst guten Hufen machten
die Thiere f�r ihre heimischen Wirthschaftsverh�ltnisse �usserst werthvoll; sie verdienten aber auch
an anderen Orten mehr Beachtung, als ihnen bislang zu Theil geworden w�re.
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Froytag, Itusslaud's Pferde - Racen.
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russland's pferde-racen.
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Nach dem, was wir in allerj�ngster Zeit �ber die Wj�tka-Klepper und deren neuerliche
Verbreitung erfahren haben, scheint man jenen Anweisungen Geh�r geschenkt und viele Thiere
von der Kama nach anderen Bezirken des n�rdlichen Russland ausgef�hrt zu haben.*) �
Nach den Angaben des Grafen von H�tten-Czapski z�chtet im wj�tkaischen Gouverne-
ment das Gest�t des Herrn Depreis, welches 25 Mutterstuten enth�lt, Pferde der englischen und
arabischen Race; das Gest�t des Stallmeisters Inszkow, welches aus 110 M�ttern und 12 Hengsten
besteht, z�chtet englische, arabische, holl�ndische, orlowsche, obwinkische und wj�tkische
Pferde. � Man findet jetzt unter den Kleppern im Gouvernement Wj�tka h�ufig Thiere des
mesenschen Schlages, welche die Einwohner von Ustjug vorzugsweise zum Ziehen der B�te auf
der Suchona benutzen. �
b. Die Pferde an der Obwa.
Das 6032,31 □ Meilen grosse Gouvernement Perm bildet einen wichtigen Theil des
Urallandes und ist bekanntlich reich an mannigfaltigen Erzlagerst�tten, die fast unersch�pf-
lich genannt werden k�nnen. Drei Viertheile des Gouvernements sind mit Wald bedeckt und
nur ein Zw�lftel des Ganzen ist urbar gemacht. Bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts waren
diese Gegenden schwach bev�lkert und dienten nur f�r die Heerden-Thiere der verschiedenen
V�lkerschaften, welche hier nomadisirend weilten, zum Weideplatze. � Das Klima in Perm ist rauh
und ganz besonders unfreundlich an und auf dem Gebirge. � Die Bewohner sind: Russen, Tar-
taren, Baschkiren, Teptj�ren, Permier, Tscheremissen. Die letzteren besch�ftigen sich gern
mit der Z�chtung ihrer kleinen Pferde, welche am besten an dem Nebenflusse der Kama, die Obwa
genannt, wovon sie die Obwinskischen Klepper heissen, in den Districten von Perm, Ochansk
und Solikamsk aufgezogen werden und im nord�stlichen Russland �berall bekannt sind. �
Ueber die Entstehung dieses Pferdeschlages gehen die Ansichten der russischen Hippologen
ein wenig auseinander. Baron von Meyendorff giebt an, dass auf Befehl des Zaren Alexis
Michailowitsch, Vater Peter des Grossen, mehrfach Klepper von der Insel Oesel in jene
Landschaft an der Obwa gebracht worden und aus diesen der Obwinskische Schlag entstanden
sei. � Nach Moerder verdankt derselbe seine Entstehung oder Verbesserung den esthl�ndischen
Klepper-Hengsten, welche Ende des siebenzehnten und zu Anfang des vorigen Jahrhunderts,
auf Anweisung Peter des Grossen in den obengenannten Districten haupts�chlich auf den
G�tern des Grafen Strogonow als Besch�ler benutzt worden sind. �
Die Pferde an der Obwa besitzen leidlich gute K�rperformen mit kr�ftigen Gliedmassen;
ihr Kopf k�nnte etwas leichter und h�bscher gebildet sein. Sie erreichen im f�nften Lebensjahre
durchschnittlich eine H�he von 1,40 Meter. Wenn die Thiere im Fohlenalter gut ern�hrt werden,
so kommen sie ausnahmsweise sp�ter wohl'mal zu einer Gr�sse von 1,45 Meter. Man r�hmt allge-
mein die kr�ftige Constitution dieser Pferde; sie ertragen die Unbilden ihres heimathlichen rauhen
Klima's ganz vortrefflich und werden selten von Krankheiten befallen. Bei der Arbeit im Felde
oder vor dem Wagen sind sie fleissig und schnell, auch zeigen sie bei derselben eine Ausdauer,
wie kaum ein anderer Pferdeschlag im nord�stlichen Russland. In drei Jahren ist der Hengst
vollst�ndig ausgebildet, wird zum Verkauf gestellt und auch gew�hnlich schon in diesem jugend-
lichen Alter zu den Stuten gelassen. � Die muntern Pferdchen an der Obwa haben ein sanft-
m�thiges Temperament; sie sind fromm und gelehrig. Bei zweckm�ssiger Behandlung kann der
Bauer mit ihnen � im Verh�ltniss zu ihrer geringen Gr�sse �■ wirklich sehr viel ausrichten, sie
bis zu einem Lebensalter von 20 Jahren und dar�ber zum Dienste verwenden. �
*) Auf unserer vorj�hrigen Reise zur internationalen Ausstellung in Kilburn bei London hatten wir in
Rotterdam Gelegenheit, viele Pferdchen der nordrussischen Wald-Race zu sehen, die von russischen W�rtern als
�Wj�tkas" bezeichnet und nach England eingeschifft wurden
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
Im Perm'schen Gouvernement, an der Obwa, sieht man meistens Isabellen mit Aalstrich
oder dunklem R�ckenstreifen; aber auch F�chse kommen dort nicht selten vor; Dunkelbraune
und Rappen erblickt man nur ausnahmsweise, Schimmel h�chst selten; diese scheinen bei
den Landleuten jener Gegend nicht recht beliebt zu sein. Nicht allein die Isabellen besitzen die
■charakteristischen Merkmale der primitiven Pferde-Racen, den Aalstrich auf dem R�cken und
das dunkel gef�rbte Schulterkreuz, sondern auch bei den F�chsen, ganz besonders bei den Hell-
f�chsen ist derselbe bemerkbar, wie auch bei diesen nicht selten dunkle Haarringe an den
Vorderbeinen wahrzunehmen sind. �
In verschiedenen Privat - Gest�ten der Grossgrundbesitzer jenes Gouvernements sind in
den letzten Decennien gr�ssere Hengste der asiatischen Racen als Besch�ler zur Verwendung
gekommen; man weist dieselben den besseren, m�glichst fehlerfreien Stuten des alten Land-
schlages zu, und erreicht auf diese Weise, dass die Nachzucht etwas gr�sser, stattlicher ausf�llt,
und, herangewachsen, entweder leidlich brauchbare Reitpferde oder auch rasche Wagenpferde
f�r die Troika liefert. � Das Gest�t der Gr�fin Natalia Strogonow soll heute die besten Pferde
z�chten; ein gut gehaltenes Paar Wagenpferde wird nicht selten mit 1500 Rubel bezahlt; man
r�hmt das lebhafte Temperament dieses Schlages: im Lauf w�ren sie �usserst schnell und aus-
dauernd und zeigten nach 24 im schnellsten Lauf zur�ckgelegten Werst noch keine Erm�dung.�
Das Loos der Reitpferde ist in jenen Bezirken Russland's ein viel beneidenswertheres
als das der Wagenpferde; erstere werden in der Regel weit besser gehalten, meist gut gef�ttert
und sorgf�ltiger gepflegt als die Wagenpferde; besonders dann, wenn diese im Postfuhrwesen
Verwendung finden, haben sie einen sehr beschwerlichen Dienst zu verrichten. � Eine einzige
Fahrt mit einem russischen Postwagen wird dem Pferdeliebhaber gen�gen, um wahrzunehmen,
welches Loos solchen Pferden dort beschieden ist; um dasselbe im vollsten Masse kennen zu
lernen, muss man im Fr�hjahr, wenn der Schnee aufgethaut ist und die Feldwege nahezu
grundlos genannt werden k�nnen, eine Post-Fahrt �ber Land unternehmen. �
Wir werden sp�ter noch Gelegenheit nehmen, unseren geneigten Lesern von den ver-
schiedenartigen Fuhrwerken Russland's eine Beschreibung zu liefern und schliessen diese
Schilderung von der Pferdez�chtung an der Obwa mit dem Bemerken, dass nach der Aussage
russischer Hippologen auch in jenen Bezirken, besonders auf den guten Weiden an den Ufern
des genannten Fl�sschens sich f�r die Pferdezucht ein ganz g�nstiger Boden findet und dieselbe
durch rationellere Auswahl der Zuchtthiere und ordnungsm�ssige F�tterung und Pflege noch
viel gebessert werden k�nnte. �
c. Die Pferde der Tschuwaschen in Simbirsk.
Das Gouvernement Simbirsk, 896,86 geogr. QMeilen gross mit 1,192, 510 Bewohnern, liegt im
Westen der Wolga und wird von der Sura durchfl�ssen. Ueber ein Drittheil des Ganzen be-
steht aus Waldungen, vier Zehntel sind cultivirte Landschaften, welche meist wellenf�rmige
Lage haben, gr�sstentheils dem Gebiete der Schwarzerde angeh�ren und daher sehr fruchtbar
sind. � Bei der Entlegenheit der grossen D�rfer von den dazugeh�rigen Aeckern wird dort der
Landbau fast nomadisch betrieben, indem die Bauern zeitweise eine Zeltstadt beziehen und von hier-
aus Feldbestellung und Ernte in's Werk setzen. Unter den Bewohnern sind ungef�hr 125,000 Tschu-
waschen, welche zum nicht geringen Theil Pferdezucht betreiben. In �lterer Zeit galten die
mittelgrossen Rosse dieses Volksstammes mit f�r die besten im unteren Wolgalande. Zu An-
fang dieses Jahrhunderts soll dieser Schlag in Folge sorgloser Z�chtung und schlechter Haltung et-
was zur�ckgekommen sein. Der Graf Chapski giebt Folgendes an: ��Um die Pferdezucht in den
D�rfern der Tschuwaschen zu heben, wo in dieser Beziehung sich eine arge Sorglosigkeit be-
merklich machte, wurde um 1833 in dem Dorfe Geluszewo im alatyrskischen Kreise des Gou-
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�O                                                                              RUSSLAND S PFERDE-RACEN.
vernements Simbirsk eine Besch�lstation errichtet, und 1839 f�hrte das Ministerium des kaiser-
lichen Hauses daselbst obwinskische Hengste ein, welche von da ab zur Vermehrung in den
D�rfern, welche zu den G�tern des kaiserlichen Hauses geh�ren und gr�sstentheils von
Tschuwaschen bewohnt sind, gebraucht wurden. Der Sprung war gratis und ausserdem gab
die Regierung noch denjenigen Z�chtern ansehnliche Belohnungen, welche sich durch Sorgfalt
in Wartung der Fohlen, die nach obwinskischen Hengsten gefallen waren, auszeichneten. Eines
der wirksamsten Mittel zur Hebung der Pferdezucht in diesen Gegenden besteht darin, dass die
Ortsbeh�rden j�hrlich junge Hengste ankaufen, welche aus der Kreuzung von Obwinskis mit
tschuwaschischen Stuten hervorgegangen sind. Unter solchen Antrieben z�chtet jetzt das vor
Kurzem noch halbwilde Tschuwaschenthum mit jedem Jahre eine gr�ssere Menge von Pferden,
die zum Verkauf gestellt werden; und wenn auch nicht alle verkauft werden und mancher in
seinen Hoffnungen get�uscht wird, so sind die Leute jetzt doch an eine ordentliche Pferdezucht
gew�hnt. Die angekauften besten jungen Hengste werden zu Dorfbesch�lern gemacht an Stelle
von gefallenen oder ausgebrauchten Obwinskis.""
d. Die Pferde an der Kasanka.
Das 1157,13 g. □ Meilen grosse Gouvernement Kasan wird von der Wolga, unteren
Kama, der Kasanka und anderen kleinen Fl�sschen durchfl�ssen, ist rechts von der Wolga
16 bis 32 Meter hoch, links von un�bersehbaren Wiesen und Mor�sten erf�llt. Nahe bei der
Stadt Kasan steigt die Gegend zu einem wirklichen Berglande auf, dessenH�hen 195 Mtr. erreichen.
Zwei Dritttheile dieses Gouvernements bestehen aus Waldungen, die zum gr�ssten Theile aus
Nadelholzarten gebildet werden. Hin und wieder ist demselben auch Laubholz ziemlich stark
beigemischt. Nach A. von Kloeden geh�ren die vier Elftel des Ganzen bildende Culturstrecke
der Schwarzerde an, welche in der Regel reiche Ernte an verschiedenen Getreidearten
liefern. �
Im Norden des Gouvernements wohnen Tscheremissen, im S�den Tschuwaschen oder
Berg - Tataren, welche t�rkisch sprechen. Diese wie jene sind Freunde der Viehzucht und
k�mmern sich mit Vorliebe um die Aufzucht ihrer heimischen Pferde-Racen. � Die tiefen
Thaleinschnitte, in denen die Tscheremissen-D�rfer, von Gr�n umgeben, liegen, bilden die an-
muthigsten Bilder der Landschaft; das hier im Sommer weidende Vieh, gew�hnlich in gutem
N�hrzustande, tr�gt unstreitig sehr viel zur Versch�nerung des Landes bei. Trotz des strengen
Klima's* ist Acker- und Gartenbau bl�hend und ergiebig zu nennen. Nicht selten werden be-
tr�chtliche Mengen Obst nebst verschiedenen Getreidearten und Hanf aus diesem Gouverne-
ment ausgef�hrt.
Am ausgedehntesten und besten wird die Pferdezucht im Norden des Gouvernements
betrieben. Die �ppigen Weiden in der Umgegend von Zarewkokschaisk beg�nstigen die Auf-
zucht der Fohlen. �
Die Kasanki - Pferde haben grosse Aehnlichheit mit den Pferden von Wj�tka, sind
aber in der Regel noch etwas keiner als diese. Moerder giebt an, dass sie 1 Archin und
10 Wershock bis 1 Archin und 14 Werschock (etwa gleich 1,30 bis 1,38 Meter) hoch werden.
Unstreitig sind sie mit dem Klepperschlage an der Kama, (in Wj�tka), nahe verwandt, wahr-
scheinlich aus der Kreuzung dieser mit Thieren des alten Landschlages von Kasan hervorge-
gegangen. Hin und wieder sollen auch hier Esthl�nder Hengste zur Verbesserung der Zucht
benutzt worden sein. � Die kurzbeinigen Pferde der Kasanki - Race sind meistens gut geformt,
haben starke Gliedmassen, derbe Sehnen und gute, etwas breite Hufe. Leib und Kruppe sind
h�bsch gebildet, ihr Kopf ist aber h�ufig etwas gross und f�r ihre geringe Leibesh�he zu schwer.
In der Regel sind diese Thiere Rothschimmel und haben gew�hnlich einen dunkelrothen oder
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.                                                               0I
braunen Haarstreifen �ber dem R�cken; es giebt aber auch viele F�chse und Goldbraune im
Kasan'schen Gouvernement. �
Man benutzt diesen Pferdeschlag vorherrschend zum Zuge; sein Gang ist rasch und
sicher; die Bewegungen der Thiere sind geschickt und gewandt zu nennen. Die kleinen Ge-
sch�pfe ziehen selbst auf schlechten Wegen � vor die orts�blichen plumpen Lastwagen ge-
spannt � Ladungen von 20 Puds vom fr�hen Morgen bis sp�ten Abend willig fort, und
machen dabei keine grossen Anspr�che an gute F�tterung oder sorgf�ltige Pflege. � Kar-
d�tsche und Striegel erscheinen den dortigen Bauern noch als ziemlich �berfl�ssige Instrumente
des Pferdestalles; man begn�gt sich beim Putzen in der Regel mit dem Strohwisch oder
einem Tuche von Pferdehaaren. � Die Behandlung, welche den Arbeitsthieren dort zutheil
wird, ist in der Regel nicht zu loben; von der Peitsche macht der Fuhrmann den ausgiebigsten
Gebrauch; man kann sich daher auch nicht wundern, dass gar h�ufig �ber die B�sartigkeit
dieser Pferde Klage gef�hrt wird. Grobe Neckereien und unverdiente Strafen vergisst bekannt-
lich ein kluges Pferd nicht so leicht wieder und versucht es auch wohl, sich gegen die Peiniger
zur Wehr zu setzen. � Bei einer ordentlichen Behandlung, guten Pflege und hinreichenden
Ern�hrung zeigen sich die kleinen Thierchen zwar munter und muthwillig, aber nicht b�sartig. �
Die russischen Fuhrleute behaupten, man d�rfe mit den.Pferden nicht zu zart umgehen, denn
je zarter und schmeichelnder dieselben angeredet w�rden, desto langsamer gingen sie von der
Stelle. Der Fuhrmann ist w�hrend der Fahrt ununterbrochen in der Unterhaltung mit seinen
Pferden begriffen; alte Fuhrleute sprechen, pfeifen und singen fast immer. Wenn die Steppen-Fahrt
rasch von statten gehen soll, werden alle m�glichen Scheltworte gebraucht; mit dem �Wald-
teufel" f�ngt man an; mit welchem Worte aber der erhitzte � zuweilen auch angetrunkene �
Kutscher endlich seine willigen Pferde zum raschesten Laufe anzufeuern versucht, wollen wir
hier lieber verschweigen. �
Es hat uns auf unseren Post-Reisen durch Russland und Polen dieses tolle Jagen der
Pferde immer unangenehm ber�hrt, und allein der Umstand hat uns mit den Kutschern wieder
einigermassen ausges�hnt, dass sie nach vollbrachter Fahrt ihren Thieren in der Regel Lieb-
kosungen erweisen, auch wohl Schmeichelreden, Lobeserhebungen und dergl. mehr laut werden
lassen und endlich f�r m�glichst gute F�tterung derselben Sorge tragen. � Die Frauen er-
scheinen bei der Heimkehr des Fuhrwerks von der Arbeit f�r die Pferde oft noch besorgter als
die M�nner; sie sind schnell bei der Hand, die Thiere abzuspannen, in den Hof oder Stall zu
f�hren und ihnen hier das beste Futter vorzulegen. Mit Pferd und Wagen weiss das russische
Bauernweib schnell und sicher umzugehen. �
Wie �berall die Viehstallungen im nord�stlichen Russland noch manche Besserung er-
fahren m�ssen, ehe sie nur leidlich gut zu nennen sind, so auch die Pferdest�lle im Kasan'schen,
welche von Holz erbaut, meist eng, niedrig und dunkel sind, und worin die Thiere, besonders
in der langen Winterzeit, ein trauriges Dasein fristen werden. Bei sehr strenger K�lte werden
die Fohlen mit in die Wohnungen der Bauern genommen.
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russland's pferde-racen.
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B. Die Racen des n�rdlichen Gross - Russland.
a. Die Pferde am Mesen.
In dem Wald- und Tundern - Gebiet der Petschora, des Mesen, der Dwina, Onega, des
Onega-Sees, des Seen-Gebiets im Westen des weissen Meeres und der Halbinsel Pola �
23,800 □ Meilen gross, von Finnen, Lappen, Ssamojeden, Syr�nen und Russen bewohnt � ist
die Pferdezucht nur von geringer Bedeutung; es kommen daselbst, nach neueren statistischen
Ermittelungen, zwischen 6 und 10 Pferde auf 100 Einwohner. Nach H�tten-Czapski besitzt
der szenkurskische Kreis die meisten Pferde, weil dort viele Leute wohnen, die sich mit Trans-
porten und Postwesen besch�ftigen.
Zu den Hausthieren geh�ren in jenen L�ndern des n�rdlichen Russland bekanntlich auch
die Renthiere (Cervus tarandus). Nach Theodor von Lengenfeldt giebt es im Gouvernement
Archangelsk jetzt noch 263,000 Thiere dieser Art, welche sich ganz vortrefflich dazu eignen,
jene Landschaften, die im Sommer eigentlich nur einen Morast und im Winter ein einziges
Schneefeld bilden, zu bewohnen. Ihre breiten Hufe erlauben ihnen ebensogut �ber die sumpfigen
Stellen und die Schneedecke hinwegzugehen, wie an den Halden umherzuklettern. An manchen
Orten ist das Renthier die einzige St�tze und der Stolz, die Lust und der Reichthum der
Bewohner; nach ihren Begriffen steht derjenige, welcher seine Rens nach Hunderten z�hlt, auf
dem Gipfel menschlicher Gl�ckseligkeit. �
Das beste Zuchtgebiet f�r die Pferde findet sich im n�rdlichen Gross-Russland im Gou-
vernement Archangelsk oder Pomorien, an den Ufern des Mesen, eines schiffbaren, rechten
�stlichen Beifiusses der Dwina; derselbe begrenzt gegen Westen die kleinl�ndischen Tundern,
ist etwa 80 Meilen lang, kommt von einer sumpfigen Waldh�he, ist reissend, gegen 780 Meter
breit, 7 bis 14 Meter tief und m�ndet in die Mesenbucht im Westen der Halbinsel Kanin. �
Das Gouvernement Archangelsk ist etwa 2,5 mal so gross als der Preussische Staat, zu
5/8 ganz nutzloses Land und �ber ein Drittheil Wald. In den W�ldern w�chst viel Klee,
verschiedene Wicken und reichlich wilder Hafer. Im s�dlichen Theile des Gouvernements
wird der Ackerbau schon mit einigem Vortheil betrieben; im Norden ist derselbe sehr unbe-
deutend und wenig eintr�glich. � Die beste Rindviehzucht trifft man in der Umgegend der
Stadt Cholmogory, an der Pinega-M�ndung; die daselbst vorkommende Race ist zu Anfang
des vorigen Jahrhunders durch Einf�hrung niederl�ndischer oder friesischer Stiere wesentlich
verbessert worden und es gilt heute die Cholmogorysche Kuh f�r eine der milchergiebigsten
im ganzen n�rdlichen Russland. �
Von dem Kreise Mesen, der �stlichen H�lfte Pomorien's, werden zwei Drittheile durch
die W�ste Bolschaja-Semlja gebildt. In diesen Tundern frieren die Fl�sse Mitte September zu
und gehen erst Mitte Juni a^if; hier folgt auf monatelange Nacht und rasende Schneest�rme
ein vom 6. Mai bis 13. Juni dauernder Tag, welcher im s�dlichen Theile eine massige Vege-
tation hervorruft, einige Grasarten neben Moosen und Flechten aufkommen l�sst. Hier nun
ist das Zuchtgebiet der kleinen Mesen'schen Ponies oder Klepper, deren Schnelligkeit und
Dauerhaftigkeit von allen Reisenden ger�hmt wird. Die bescheidenen Bewohner jener Land-
schaften sch�tzen ihre Pferdchen sehr hoch; sie verkaufen nur ausnahmsweise einzelne Thiere
dieser Race an die benachbarten Kreise und Gouvernements und erzielen f�r dieselben in der
Regel verh�ltnissm�ssig hohe Preise. �
In der K�rpergestalt, in der Gr�sse, St�rke und Behaarung zeigen die Pferde am Mesen
grosse Aehnlichkeit mit dem obwinski'schen Schlage. Ihre Entwickelung geht aber meistens
etwas langsamer von statten; sie erreichen ausgewachsen kaum eine H�he von 1,40 bis 1,43
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DIE RAGEN UND IHRE Z�CHTUNG.
63
Meter, haben kr�ftige Gliedmassen und sind gew�nlich noch dauerhafter als die Klepper
von der Obwa. Man verwendet sie haupts�chlich zum Fuhrwesen und zur Bestellung der
Felder. Da bei der kurzen Sommerzeit jener Gegenden alle Feldarbeiten m�glichst rasch aus-
gef�hrt werden m�ssen, so kommt den Bauern die grosse Schnelligkeit' und Ausdauer ihrer
Ponies sehr zu statten. Bei sehr bescheidenen Futter-Rationen arbeiten dieselben vom fr�hen
Morgen bis sp�t in die Nacht willig und unverdrossen, und leisten f�r ihre K�rpergr�sse un-
streitig recht Befriedigendes.
Im Winter vor den Schlitten gespannt, traben und galoppiren diese Ponies �ber die
Schnee- und Eisfl�chen ihrer heimathlichen Tundern mit einer Ausdauer, wie solche besser
wohl kaum bei einer andern Race des Nordens wiedergefunden wird. Sie wetteifern in dieser
Beziehung oft mit den Renthieren und stehen letzteren im Werthe keinenfalls nach, wie hin
und wieder von Reisenden irrth�mlich behauptet wird.
Bisweilen erscheinen die Pferde jenes Schlages vom Mesen auch vor den Droschken und
Schlitten in St. Petersburg; die Bauern kommen nach beendigter Feldarbeit mit ihren Thieren her-
beigezogen, um in der reichen Hauptstadt des Landes einige hundert Rubel zu verdienen und
dann im Fr�hjahr wieder heimzukehren. Die feste, harte Constitution dieser Pferde ist be-
wundernswerth; ihre derbe Haut, wie ihre lange und dichte Behaarung bef�higt sie, vor dem
Fuhrwerk Nacht und Tag ohne Nachtheil f�r ihre Gesundheit auszuhalten; manche dieser Pferd-
chen lernen in St. Petersburg kaum den Stall kennen; sie fressen ihre Mahlzeiten aus dem vor-
gebundenen Beutel und ruhen so gut es gehen will auch zur Nachtzeit im Geschirr. Wir haben
stets bewundert, dass die Pferde bei solcher Haltung ein so hohes Alter erreichen, wie uns von
glaubw�rdigen M�nnern dort angegeben wurde; sie sollen nicht selten 25 bis 30 Iahre alt werden
und bis an ihr Lebensende diensttauglich bleiben.
Bez�glich der Entstehung oder Verbesserung des Mensen'schen Pferdeschlages f�hrt
Iwan Moerder an, dass die Kaiserin Katharina der Pferdez�chtung im Gouvernement Archan-
gelsk besondere Beachtung geschenkt h�tte; sie liess 1768 mehrere gutgewachsene Hengste aus
den westlichen Landestheilen f�r jene Gebiete am Mesen herbeiholen und diese hier zur Kreuzung
mit den Stuten des Landschlages verwenden. � Von anderen russischen Hippologen wird an-
gegeben, dass schon im Jahre 1711 durch den F�rsten Galitzyn eine Veredlung der Pferde im
Gouvernement Archangelsk angestrebt worden sei.
Jener F�rst war eine Zeit lang G�nstling der Zarin Sophie, fiel aber zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts in Ungnade und wurde bald darauf nach Pinega verbannt. Hier suchte
er pers�nlich die an der Pinega und am Mesen hin und wieder vorkommenden besseren Weide-
pl�tze auf, trieb unter die dort grasenden Pferde - Heerden � w�hrend der Sommer - Monate �
seine kr�ftigen Hengste der grossrussischen Racen und suchte auf diese Weise eine Vergr�sse-
rung der alten Landschl�ge jener Gegenden in's Werk zu setzen. Der F�rst Galitzyn liess
die Stuten der Bauern von seinen Hengsten stets gratis bedecken, und sorgte auch ab und zu
f�r Beschaffung' des f�r die Nachzucht erforderlichen Winterfutters. 1778 wurden auf Befehl
der Kaiserin Catharina IL zw�lf d�nische Hengste unter die Bewohner der archangelschen,
cholmogorskischen und mesenschen Kreise vertheilt; von diesen erhielt man durch die Nachzucht
am Mesen 30 Hengste und ebensoviele Stuten, aber das Ungl�ck wollte, dass die Eigenth�mer
dieser Pferde, von Noth gedr�ngt, dieselben zu fr�h verkauften und auf diese Weise die Einwurzelung
einer verbesserten Race verhinderten. Mit der Zeit wurden die eingef�hrten Hengste alt und der
letzte derselben, der sich im Dorfe Kojnask im mesenischen Kreise befand, fiel 1786. Da nun
diese fremdl�ndischen Hengste in diesem Kreise l�nger ausdauerten, als in anderen Kreisen,
so wollen einige schliessen, dass hier die Bem�hungen der Regierung nicht ganz ohne heilsame
Wirkungen gewesen seien. Die Pferde dieses Kreises gelten heute noch f�r die besten aller
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64                                                                     RUSSLAND S P FERDE-RACEN.
Rosse des Gouvernements Archangelsk. Der Graf H�tten - Czapski, welchem wir diese Notizen
verdanken, weiss nicht, ob jener Kreis seine h�bschen Pferde dem d�nischen Blute zu ver-
danken hat, bezweifelt es aber. � Die grosse Opferwilligkeit des F�rsten Galitzyn und anderer
Grossbojaren f�r die Hebung der Landespferdezucht wird von den russischen Geschichts-
schreibern mehrfach r�hmlichst hervorgehoben.
b. Der Oneshkyer Pferdeschlag.
Im Kreise Onega des Gouvernements Archangelsk, haupts�chlich in den Niederungen
des Flusses Onega wird von den Bauern ein kleiner Pferdeschlag gez�chtet, der ein eigenth�m-
lich wildes Aussehen zeigen und in den K�rperformen sich ein wenig von den am Mesen ge-
zogenen Pferden unterscheiden soll. � Die meist dunkelhaarigen, oft ganz schwarzen R�sslein an
der Onega werden kaum 1,25 Meter hoch, sind in der Regel dickk�pfig und kurzhalsig; ihr gut
gerundeter Leib ruht auf derben F�ssen, welche meistens etwas kurz gefesselt sind. Im Winter
wird ihr Dickhaar sehr lang und zottig, neigt auch zum Verfilzen. Die M�hnen- und Schweif-
haare sind immer sehr lang und dick. Man sagt in' Russland diesem Oneshkyer Pferdeschlage
nach, dass er �usserst dauerhaft und widerstandsf�hig gegen die Unbilden des Wetters sei; auch
f�nden sich unter diesen Thieren viele vortreffliche Renner, das soll heissen t�chtige Traber.
Ihre Galoppspr�nge erscheinen etwas unbeh�lflich, wohingegen die Schritt- und Trabbe-
wegungen gew�hnlich leicht und behende genannt werden. Auf die Z�chtung und Verbes-
serung jenes Schlages wird wenig Sorgfalt verwendet. � Man treibt im Sommer die Hengste
und Stuten zusammen auf die Weide und �berl�sst ihnen selbst die Auswahl bei der Paarung.
� Es soll dort leider nicht selten vorkommen, dass die Thiere schon im Fohlenalter sehr stark
zur Arbeit herangezogen, und in Folge dessen fr�hzeitig dienstuntauglich werden. Ueberall
dort, wo man den Thieren in der Jugend die n�thige Ruhe g�nnt, und dieselben erst im vierten
oder f�nften Lebensjahre vor den Wagen spannt, zeigen sie sich sp�ter ausdauernd und erreichen
nicht selten ein sehr hohes Alter.
c. Die kleinen Bauerpferde in Ol�nez und Wologda.
In den Gouvernements Ol�nez und Wologda ist die Pferdezucht sehr geringf�gig; die
Bewohner dieser Landestheile, Finnen, Russen und Lappen, n�hren sich durch Waldwirthschaft,
Jagd und Fischerei. � Das Gebiet des Onega-Sees in Ol�nez � mit einer der finnischen Land-
schaft �hnlichen Oberfl�che � zeigt einen Wechsel von W�ldern, w�sten Triften, grossen und
kleinen Seen, S�mpfen, auch zum Theil schon Moos- und Flechtensteppe; 4/5 sind Wald, fast
V5 ist Unland und nur i'�� Kulturland. � Aehnlich so sind die Verh�ltnisse im Gouvernement
Wolagda, wo 87/ioo des ganzen Terrains aus Wald bestehen. Das Kulturland liefert hier wie
dort Flachs, Hanf, Roggen, Hafer und Gerste; diese giebt durchschnittlich nur das dritte, in
ganz besonders g�nstigen Jahren vielleicht mal das f�nfte Korn.
Nach Moerder's hippologischer Karte werden in dem Gebiete zwischen dem Oneg-a-
und dem Latschu-See in verschiedenen Ortschaften Bauerpferde des altrussischen Landschlages
gez�chtet; diese Thiere befriedigen wohl die Anspr�che ihrer Z�chter und Besitzer, sind aber
meist unansehnliche Gesch�pfe mit struppigem Haar, langen M�hnen, dickem Schweif, ziemlich
starken Knochen und breiten Hufen; sie k�nnen in der Regel recht gen�gsam genannt werden
und leisten bei sp�rlichem Futter und schlechter Haltung noch leidlich viel im Zuge. Als Reit-
pferde sind sie nicht zu verwenden.
Ordnungsm�ssig eingerichtete Privat - Gest�te kommen weder hier noch in anderen
Orten des n�rdlichen Gross-Russland vor; ebensowenig sah sich der Staat veranlasst, dort
Krongest�te zu schaffen.
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DIE RACEN UND IHRE ZUCHT U N G.
65
Der Ladoga-See ist reich an Inseln. Die s�dlichste heisst Konowez (Pferdeinsel), 5 Werst
lang und 16 im Umfange haltend, und soll in fr�herer Zeit besonders reich an guten Pferden ge-
wesen sein; die jetzt dort gezogenen Klepper haben keinen besonderen Werth und gen�gen
kaum den bescheidenen Anspr�chen der auf der Insel wohnenden Bauern. Trotz der sandigen,
mit der Meererbse (Pisum maritimum) bewachsenen Ufer schm�ckt diese Insel eine theilweise sehr
dichte Waldung, deren meterdicke Fichten von ausnehmender Sch�nheit sind. Das Innere von
Konowez bildet eine Art Hochebene, auf welcher an einigen Orten die Einwohner mit Vortheil
Acker- und Gem�sebau betreiben. � Zum besseren Betrieb der Pferde- und Viehzucht sollen
neuerdings von Seiten mehrerer Grossgrundbesitzer die n�thigen Schritte durch Aufstellung
besserer Hengste und Stiere gethan sein.
C. Die Pferde in Finnland.
Das Grossf�rstenthum Finnland (finnisch: Suomenmaa oder Suomi, d. i. Land der S�mpfe)
bildet den nordwestlichen Abhang derjenigen Thalsenkung auf der Erdoberfl�che, welche dem
n�rdlichen Europa seine eigenth�mliche Gestalt gegeben hat und deren tiefste Stelle von der
Ostsee eingenommen wird. � Nach S�den und Westen wird das Land von den beiden Busen
des erw�hnten Meeres, dem finnischen und bottnischen, umarmt. Trotz seiner n�rdlichen Lage
besitzt dieses Grossi�rstenthum ein ziemlich mildes Klima; seine Meerbusen frieren fast niemals
ganz zu. Die �ber dieselben hinstreichenden Winde kommen gewissermassen lau auf dem Fest-
lande an. Die St�dte Abo, mit einer mittleren Jahrestemperatur von -f- 4,6° Rr. und Helsing-
fors mit -f- 4,9 ° Rr. haben ein w�rmeres Klima als Samara und Orenburg, obgleich diese Ort-
schaften um viele Grade s�dlicher liegen.
Ehemals geh�rte Finnland zu Schweden; aber seit 1809 ist der Kaiser von Russland
zugleich Grossf�rst von Pinnland. � Das Land bildet jedoch nicht einen Theil des russischen
Reiches, sondern besteht f�r sich; es ist ihm seine politische Selbst�ndigkeit bis auf den heu-
tigen Tag gelassen. Der an der Spitze stehende General - Gouverneur Finnland's legt die Staats-
beschl�sse dem Kaiser zur Best�tigung vor und pr�sidirt auf dem finnischen Landtage.
Nach der letzten Z�hlung (1878) besitzt Fmnland 1,990,848 Einwohner. Die Bev�lkerung
besteht �berwiegend aus Finnen oder Finnl�ndern (85 Prozent der ganzen Volksmenge), dann
kommt die Bev�lkerung schwedischer Abkunft, etwa 14 Prozent, wozu der gr�sste Theil der
gebildeten Klassen, die Einwohner Alands, sowie der K�sten der Gouvernements Nyland und
Wasa und eines Theils des Archipels bei Abo geh�ren. Ausserdem giebt es im Lande noch
6000 Russen (ohne Milit�r) 1200 Deutsche in Wiborg und Helsingfors, 1000 Zigeuner, welche
meistentheils in den �stlichen Bezirken des Landes umherstreifen, und etwa 600 Lappen, die in
den n�rdlichen Gegenden ein k�rgliches Dasein fristen.
Die Landwirthschaft bildet das Hauptgewerbe in Finnland und besch�ftigt nahezu 80
Prozent der ganzen Bev�lkerung. � Der dortige Ackerbau war lange Zeit gleichsam
nomadisch und bestand im Abschwenden des Bodens, d. h. man begann stets mit der Nieder-
brennung des Waldes, kultivirte dann den Boden einige Jahre mehr oder weniger sorgf�ltig
und nahm stets neue Waldstrecken in Anspruch, sobald die alten Felder ausgebaut waren. So
lange diese Abschwendung noch allgemein gebr�uchlich war, wohnte die Bev�lkerung in grossen,
dicht gebauten D�rfern und hatte mit Ausnahme der n�chst den D�rfern liegenden, allm�lig
zu wirklichen Aeckern umgewandelten Feldern, keine getheilten Grundst�cke. � Die grossen
W�lder waren gemeinsames Eigenthum, wo jeder Dorfbewohner nach Belieben Holz hauen und
abschwenden konnte. �
Frey tag, Russland's Pferde -Racen
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RUSSLAND S PEEKDE-RACEN.
Dr. F. Ignatius berichtet in seinen �statistischen Mittheilungen", welche zur Zeit der
finnischen allgemeinen Ausstellung 1876 herausgegeben wurden, dass mit der steigenden Kultur
Finnland's auch das private Besitzrecht der l�ndlichen Bev�lkerung immer genauer begrenzt
worden sei. Bei den �ltesten Grundst�cktheilungen blieb man so viel wie m�glich bei den
bestehenden Verh�ltnissen und theilte, ohne die Grenzen der Baustellen zu ver�ndern, die L�n-
dereien nach der Beschaffenheit des Bodens und nach anderen nat�rlichen Vortheilen. Dieses
hatte zur Folge, dass einzelne Besitzungen und D�rfer ihre L�ndereien nicht im Zusammenhange
bekamen, sondern dass die Antheile in einer Menge kleinerer, oft sehr weit von einander ent-
fernt liegender Loose bestanden, welche nachher mit der steigenden Volksmenge und der daraus
entstehenden Theilung der Grundst�cke immer zahlreicher und kleiner wurden.
Welchen nachtheiligen Einfluss eine solche Zerst�ckelung auf die Entwickelung des
Ackerbaues und der Viehzucht aus�ben musste, braucht nicht besonders hervorgehoben zu
werden. Erst in der letzten H�lfte des achtzehnten Jahrhunderts wurde die Theilung der Ge-
meindeg�ter nach einer Methode ausgef�hrt, wodurch ein m�glichst grosser Zusammenhang der zu
einem Besitzthum geh�renden Felder, Wiesen und W�lder zuwegegebracht werden sollte.
(Schwed. �Storskifte" d. h. grosse Theilung).""
Diese Theilung des Grundbesitzes ist in Finnland epochemachend gewesen. Die
Wirkungen derselben k�nnen an dem �usseren Aussehen der Ortschaften, an der Bauart der
H�user und Beschaffenheit der Aecker leicht wahrgenommen werden, abgesehen von dem Ein-
fl�sse, den sie auf das physische und moralische Wohlbefinden der Bev�lkerung ausge�bt haben.
Durch diese Theilung sind die grossen, von Feuersbr�nsten sehr oft heimgesuchten D�rfer all-
m�lig verschwunden und durch zerstreute, alleinstehende H�fe ersetzt worden, deren ger�u-
mige und zierliche Wohnh�user einen Kontrast zu den ehemaligen plumpen Bauarten bilden.
Aecker und Wiesen liegen nicht mehr in kleine Theile zerst�ckelt mitten unter denen der Nach-
barn, sondern im Zusammenhange mit einander, und ebenso sind auch die W�lder dort
vertheilt.
Der Boden Finnland's besteht fast ganz aus rothem, leicht verwitterndem Granit. Das
100 bis 200 Meter hohe Tafelland ist so mit Seen �berladen, dass in manchen Districten die
Wasserfl�che die Landfl�che stark �berwiegt. Fl�sse besitzt das Land nur wenige und diese
sind von geringer Bedeutung. �
Die Konfiguration der Bodenoberfi�che ist eine ganz eigenth�mliche; das Vorkommen
der vielen gr�sseren und kleineren Seen hat unstreitig auf die wirtschaftlichen Verh�ltnisse
grossen Einfluss ausge�bt. Die Seen nehmen dort 12 Prozent der ganzen Fl�che ein, und f�r
S�mpfe und Moore sind mindestens noch 20 Procent in Rechnung zu stellen. In der unmittel-
baren Umgebung dieser Wasserfl�chen findet man vorwiegend Wiesen und Weiden; die Aecker
liegen gew�hnlich etwas h�her, leiden aber dennoch sehr h�ufig durch allzugrosse Feuchtigkeit.
Dichte Nebel und heftige Regeng�sse, welche im Fr�hjahr und Herbst in reichlicher Menge
auf das Land niederfallen, erschweren die Kultur und erhalten dasselbe fast immer feucht und
lange Zeit kalt.
Die fmchtbarsten Landschaften trifft man in den Gouvernements Wasa, St. Michel,
Kuopio und Wiborg. � Die von dem Ackerbau in Benutzung genommenen Fl�chen umfassen
ein Areal von nahezu 850,000 Hektare. Zwei Dritttheile dieses Ackerlandes werden allj�hrlich
mit Weizen, Roggen, Hafer, Buchweizen, Kartoffeln, Klee und anderen Futterkr�utern, auch
mit Hanf und Lein bestellt. 250,000 Hektare liegen als Brache und Weiden nieder und dienen
zum gr�ssten Theil zur Ern�hrung der Hausthiere w�hrend der Sommermonate. �
In dem Gouvernement Wasa und am Kyroflusse im Gouvernement Abo wird der beste
Roggen gebaut; derselbe ist in den Nachbarl�ndern als Saatgut immer sehr gesucht. In der
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
Regel muss der finnische Roggen auf Darren getrocknet werden, und ebenso kommen auch die
Gerstegarben gew�hnlich in grosse Trockenh�user, bevor sie ausgedroschen werden.
Der Ackerbau Finnland's ist im Vergleich zur Viehzucht allerdings unbedeutend zu
nennen, nur bei ganz g�nstigen Ernten findet eine nennenswerthe Getreide-Ausfuhr statt. Im
Durchschnitt der Jahre wird der Getreide-Konsum des Landes durch die eigenen Landes-Pro-
dukte nicht gedeckt; es wird in der Regel viel Mehl (meistens von Roggen) und auch Hafer (zur
Ern�hrung- der Pferde) aus Russland herbeigeholt. �
Bevor wir zur Beschreibung von Finnland's Pferdezucht �bergehen, schicken wir eine
Uebersicht des ganzen Hausviehbestandes, welcher im Winter 1870 auf den St�llen ern�hrt
wurde, voraus:
In  absoluter Zahl. Auf 1000 Einwohner.
Pferde und Fohlen.......        254,820                   144
Ochsen und Stiere.......          68,160                       3
K�he............        692,896                   392
Junges Rindvieh und K�lber ....        236,904                   135
Schweine...........         190,326                   108
Schafe............        92I>745                    521
Renthiere...........          59,622                     
Die Renthierzucht beschr�nkt sich jetzt nur noch auf 212 □ Meilen im Gouvernement
Ule�borg; fr�her sollen auch in den weiter s�dlich belegenen Districten Renthiere gez�chtet
worden sein. �
In denjenigen Bezirken Finnland's, wo seit alter Zeit das Abschwenden des Waldes
leider auch heute noch in Gebrauch ist, steht die Menge des gehaltenen Viehes fast auf jedem
Geh�fte im unrichtigen Verh�ltnisse zum Areal des bebauten Ackerlandes und der nutzbaren
Wiesen. � Da� hier gewonnene Heu (von den Futterkr�utern und Gr�sern) erhalten in erster
Linie die Pferde, w�hrend die Rinder im Winter gr�sstentheils mit Stroh, Spreu, Laub, Kar-
toffelschalen, Renthierfiechten u. A. k�rglich ern�hrt oder � richtiger gesagt � nur am Leben
erhalten werden. Erst im Sommer wird den Rindern auf den Weiden eine bessere, hinreichende
Ern�hrung zu Theil. In den s�dlichen Gouvernements ist neuerdings viel f�r die Hebung der
Rindviehz�chtung geschehen. Durch rationellere F�tterung und bessere Haltung dieser Haus-
thiere sind die dortigen Milchwirthschaften in die Lage versetzt, ansehnliche Mengen sorgf�ltig
fabricirter Meierei-Producte in den Handel zu bringen und zu exportiren.
Der Bestand an Pferden in Finnland hat sich in der Neuzeit nicht unbetr�chtlich ver-
gr�ssert. Nach der letzten Z�hlung vom Jahre 1878 besitzt das Grossf�rstenthum 275,281 Pferde
und Fohlen, welche sich auf die acht Gouvernements folgendermassen vertheilen:
Pferde.
Fohlen.
Einwohn. 31/12.78.
1. Nyland . . .
24,837
4078
189,869
2. Abo . . . .
41,636
3641
334,782
3. Tavastehus
30,342
4712
211,979
4. Wiborg . . .
35,O07
6034
295,336
5. St. Michel . .
19,911
3465
164,801
6. Kuopio . . .
24,607
6028
246,942
7. Wasa . . .
40,915
6499
344,546
8. Uleaburg �
20,360
3149
202,543
Sa.:
237,675
37,606
1,990,848
Finnland's Pferde, von den Russen h�ufig �Finki" oder �Szwedki" genannt, sind un-
streitig sehr t�chtige, kr�ftige, gut trabende, aber meistens unsch�n geformte Thiere. � Wenn
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auch von einzelnen Hippologen Russland's behauptet wird, dass die finnischen Rosse � wie
die Esthl�nder und Livl�nder � als Klepper bezeichnet werden k�nnten, so treten hiergegen
wieder viele andere Sachverst�ndige und unter diesen besonders der ausgezeichnete Pferdekenner
A. von Middendorff mit Entschiedenheit auf und erkl�ren: ��Die finnischen Pferde sind eben
keine Klepper."" � Nachdem wir im Jahre 1876 sowohl auf der landwirtschaftlichen Ausstellung
in Helsingfors, wie an anderen Orten des s�dlichen Finnlands Gelegenheit gehabt haben, viele
Thiere dieser Race zu besichtigen und mit esthnischen Kleppern zu vergleichen, schliessen wir
uns der Ansicht A. von Middendorff's an und vermuthen, dass die Stammeltern der finnischen
Pferde vor langer Zeit aus Schweden nach Finnland �bergef�hrt worden sind. -� Die kleinen kr�f-
tigen Rosse in der schwedischen Provinz Norrland haben nach unseren Wahrnehmungen die
gr�sste Aehnlichkeit mit den finnischen Pferden. Leider fehlen uns zuverl�ssige Nachrichten
�ber die Entstehung und Bildung dieser letzteren. Wenn von den Historikern angegeben wird,
dass die Finnen, welche fr�her am mittleren Lauf der Wolga gewohnt haben sollen, durch die
dauernden Einf�lle der Bulgaren gezwungen w�ren, ihre alten Wohnsitze zu verlassen, in Finnland
eine andere Heimath zu suchen und ihre Hausthiere � wenigstens Pferde und Rinder � mit dort-
hin zu nehmen, so haben wir zwar keinen Grund, diese Angaben zu bezweifeln, allein nirgends
haben wir die Notiz gefunden, dass die finnischen Pferde ihre Stammeltern unter den Vorfahren
der tatarischen Rosse an der Wolga zu suchen h�tten. Jedenfalls steht fest, dass die Pferde,
welche uns jetzt in Finnland begegnen, den Steppenrossen an der mittleren Wolga nicht �hnlich
sind. � Wir wissen sehr wohl, dass unter dem Einfl�sse von Klima und Boden bei den Haus-
thieren mit der Zeit grosse Ver�nderungen in Form, Charakter und Bewegungsart vorgehen k�nnen,
doch bezweifeln wir die M�glichkeit derartiger Umformungen, wie sie mit den tatarischen
Pferden in Finnland h�tten geschehen m�ssen, wenn aus diesen eine Thierart h�tte werden
sollen, wie uns solche jetzt an den meisten Orten jenes Landes begegnet. � Wir bitten die ge-
neigten Leser, die beigef�gte Abbildung des finnischen Hengstes mit der eines tatarischen
Steppenpferdes sorgf�ltig vergleichen, zu wollen. �
Die finnischen Pferde standen schon vor Jahrhunderten als Reitthiere in bestem Rufe.
Der Graf von Hutten-Czapski giebt in seiner Geschichte des Pferdes an, dass K�nig Carl XL
auf einem Pferde der fraglichen Race 150 Kilometer von Stockholm nach Kungsbek in 9
Stunden und 33 Minuten geritten sei. Ein finnischer Edelmann hatte dem K�nige dieses Pferd
geschenkt und wurde daf�r mit seinen Nachkommen f�r alle Zeiten von allen Abgaben befreit. �
Zu schwedischen Zeiten wurden die finnischen Rosse h�ufig f�r die Cavallerie verwendet.
Gustav Adolf formirte 1624 verschiedene Dragoner-Schwadronen in diesem Lande und im Jahre
1658 stellte Finnland drei Reiter-Regimenter. Unter Carl XL gab es vier finnl�ndische Regi-
menter, das �bosche, nylandische, das wiborgsche und karelische. Jedes dieser Regimenter
z�hlte tausend Pferde. Die finnl�ndische Cavallerie machte alle Campagnen Carls XII. von
1700 bis 170g mit. Nachdem Finnland in Russland incorporirt worden war, wurden diese Re-
gimenter sehr bald aufgel�st. Peter der Grosse, welcher die Dauerhaftigkeit und andere gute
Eigenschaften der finnischen Rosse kennen gelernt hatte, liess eine bedeutende Anzahl der-
selben in das wj�tkaische und kasanische Gouvernement f�hren und hier zur Zucht verwenden.�
Finnland's Pferde sind von kleinem K�rperbau, durchschnittlich nur 1,45 Meter hoch,
aber stark, dauerhaft und ganz vortrefflich fundamentirt. Nach den uns k�rzlich zugegangenen
Mittheilungen des Pr�sidenten des Pferdezucht-Vereins von Nyland und Tavastehus sind die
karelischen Rosse die gr�ssten und st�rksten im ganzen Grossf�rstenthum; dieselben erreichen
nicht selten eine H�he von 1,55 Meter und dar�ber. Wir treffen unter denselben sehr viele
�knochige" Individuen mit einem etwas grossen Kopfe und breiter Stirn, leicht convex ge-
bogener Nase und tief angesetzten, breiten Ohren. Ihr kurzer Hals neigt fast immer zur
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Fini��ndischer Hengst
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Z�CHTUNG.
DIE RACEN UND IHRE
Speckbildung; derselbe ist auch nicht h�bsch, meist etwas zu tief angesetzt. Wenngleich die
Tiefe des K�rpers bei den finnischen Pferden in der Richtung vom Brustbeinkamme bis zum
Widerrist etwas gr�sser ist als beim esthl�ndischen Klepper, so ist doch der Brustkorb der
Finnen minder tonnenrippig als bei diesem Pferdeschlage. Der kr�ftige R�cken des finnischen
Pferdes ist ziemlich gerade, auch das breite, starke Kreuz nur wenig absch�ssig. Zuweilen be-
gegnet man Pferden der finnischen Landschl�ge, welche eine Anlage zu aufgesch�rzten
Flanken und zur Hochbeinigkeit zeigen, welche durch sichtlich l�ngere Proportionen der im ge-
bogenen Sprunggelenke gar breiten Unterschenkel und Vorderarme bedingt wird. Der dicke
Schweif ist in der Regel ziemlich hoch angesetzt. Wie der Schwanz, so ist auch die M�hne
am Halse und der Schopf auf der Stirnh�he sehr stark, dicht und von langen Haaren gebildet.
Auch am Fesselgelenke findet man immer einen starken Behang. Man liebt es in Finnland
nicht, das M�hnen- und Schweif haar zu k�rzen, sorgt aber meistens f�r Sauberhaltung der
langen Haare. �
Fast ausnahmslos trifft man bei dem finnischen Pferde eine gute Muskulatur, feste
Sehnen, derbe Knochen und einen massig grossen Huf von guter Hornsubstanz. Obwohl
das Land fast �berall steinig und bergig ist, so sieht man doch nur selten Pferde stolpern; ihr
Gang ist ungemein sicher. �
Nach allen Richtungen hin ist Finnland von wild durcheinander geworfenen Felsen
durchschnitten und die dazwischen liegenden Th�ler sind voll Steinger�lls und groben, scharfen
Kieses, was den Huf leicht angreift und in seinen weichen Theilen Schmerzen verursacht. Da
nun das Pferd von Jugend auf dieses Terrain kennen lernt, so l�uft es stets mit Vorsicht, tritt
leicht auf und macht kurze aber schnelle Schritte, so dass sein gew�hnlicher Gang, ein wie an-
geborener kurzer Trab ist.
Am h�ufigsten sieht man in Finnland F�chse und Hellbraune mit einem sogenannten
Aalstreifen �ber den R�cken. Bei den Hellf�chsen und Isabellen (letztere sind nicht selten)
kann man die schwarze Haarf�rbung des Aalstreifens bis tief in die Schwanzspitze verfolgen.
Das Winterhaar dieser Pferde wird meistens sehr lang, auch wohl hin und wieder kraus oder
gewellt und liefert den Thieren im Freien sowoh1 wie in ihren oft sehr mangelhaft gebauten
Stallungen vortrefflichen Schutz gegen die Unbilden des dortigen Klimas. Im Sommer und bei
guter Stallpffege auch schon zeitig im Fr�hjahr, wird das Deckhaar kurz und gl�nzend. Immer
steht dasselbe sehr dicht auf der Haut, welche selbst sehr dick und derb genannt werden kann
Die Bewegungen der fmnl�ndischen Pferde sind geschickt und gewandt; sie kommen im
Trabe sehr rasch vom Platze. Wenngleich die meisten Pferde des alten Landschlages nur kleine,
rasch auf einander folgende Schritte machen, so giebt es doch auch sehr viele vortreffliche
Traber, welche mit den Beinen weit ausgreifen und in ihren Trableistungen kaum hinter den
Orlow -Trabern zur�ckstehen.
Der Graf von Hutten-Czapski sagt bez�glich der eigenth�mlichen Gangart der finnischen
Pferde, dass dieselbe sich dadurch entwickelt h�tte, dass man in jenem Lande auf den steilen
felsigen H�hen nur im Trabe schnell und sicher vorw�rts kommen k�nne, w�hrend der Galopp
gef�hrlich und zuweilen unm�glich sei. � Wir selbst haben bei unserer Reise durch Finnland
fast �berall mit Erstaunen bemerkt, dass die Fuhrleute von den Anh�hen im scharfen Trabe
herunter fahren und dabei nur selten von einer Hemmvorrichtung Gebrauch machen.
Als Reitthiere haben die Finnen keinen besonders hohen Werth, dagegen sind sie im
^eichten Wagen oder vor dem Schlitten vortreffliche G�nger. Auch zu den Feldarbeiten sind
sie ihres raschen, sicheren Ganges und ihrer Ausdauer wegen mit Vortheil zu verwenden. Der
Graf von Hutten-Czapski sagt ganz richtig: �Ein gutes Pferd ist f�r den finnischen Bauer eine
Hauptbedingung seines Wohlstandes, denn es ist sein unerm�dlicher Geh�lfe bei seinen Wirth-
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RUSSLANd's PFliRDE-RACEN.
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Schaftsarbeiten; es bringt ihn an Sonn- und Festtagen zur Kirche, nicht selten zehn und mehr
Kilom. weit, ferner leistet es das ganze Jahr hindurch den Postdienst, wozu der finnl�ndische
Bauer verpflichtet ist; weil aber w�hrend der Arbeitszeit in der Wirthschaft die Abwesenheit
des Bauern immer schwierig und l�stig ist, so Avird ein Junge oder auch ein M�dchen mit den
Pferden zur Post geschickt. Das Pferd wird in Finnland so allgemein geliebt, dass auch vor-
nehme Damen ihre vor den Wagen gespannten kleinen, feurigen Pferdchen meilenweit selbst
lenken. � "
Man sagte den finnischen Pferdeschl�gen sowohl in ihrem Heimathlande, wie in Esth-
land nach, dass das Futter bei ihnen minder gut anschl�ge, als bei den esthl�ndischen Kleppern.
Wir selbst sind der Meinung, dass die F�tterung der Pferde an vielen Orten Finnland's als
unzureichend bezeichnet werden kann. Im n�rdlichen Finnland gedeiht kein Hafer und die
gew�hnliche Nahrung der Pferde ist dort Heu und eine eigenth�mliche Art gebackenen
Brotes (Knaekke Broed), welches in St�cke gebrochen den Pferden aus der Hand verabreicht
wird, ausserdem kommt auch H�cksel und Gerstenstroh, das mit Roggen- oder Gerstenschrot
bestreut wird, in Gebrauch.
Professor G. W. Sj�sted in Finnland �ussert sich in einer Brosch�re, betitelt: �F�rslag
tili atg�rder for widmakthallande och f�r battering af Finnland h�stafwel" �ber die Pferde-
f�tterung in seinem Vaterlande folgendermassen: �Die F�tterung ist im Allgemeinen zu knapp
und besonders f�r die jungen Thiere nicht ausreichend. Gew�hnlich verwendet man f�r die
Pferde angefeuchteten H�cksel. Diese H�ckself�tterung tr�gt unzweifelhaft dazu bei, den Pferden
F�lle zu verleihen, aber weniger, um ihnen Kraft zu geben. In der Winterzeit friert das ange-
feuchtete H�ckselfutter sehr leicht und im Sommer wird dasselbe sehr bald sauer. Diese
S�uerung entsteht in den grossen und tiefen Krippen, welche schwierig rein zu halten sind und
denen nicht immer die n�thige Aufmerksamkeit zutheil wird, sehr leicht. Bei der Z�chtung
guter Pferde sollte man alles vermeiden, was dem Gedeihen der Thiere st�rend entgegen tritt."*)
Ebenso klagt auch der Generallieutenant Ehrerooth in seinem letzten Berichte sehr �ber
die knappe F�tterung der finnischen Pferde; er sagt geradezu: �Die Verwahrlosung und die
Flungernahrung der F�llen in ihrer ersten Entwickelungsperiode war mit Schuld an dem
R�ckgange der finnischen Race, welcher vor Jahren �berall bemerkbar wurde."
In den Sommermonaten m�ssen sich die Pferde sehr oft mit dem Weidegrase begn�gen
und erhalten nur in dem Falle etwas K�rnerfutter, wenn sie andauernd arbeiten m�ssen. � Die
in Finnland fast allgemein �bliche knappe K�rnerf�tterung ist auch wohl der Grund, dass die
dortigen Bauernpferde im Grossen und Ganzen etwas weniger leisten, als die Klepper in Esth-
land und Livland, welche in der Regel besser ern�hrt werden. �
Nach A. von Middendorff's Angaben gebraucht das in den Ostsee-Provinzen gehaltene
finnische Pferd mehr Hafer bei der Arbeit, als der Esthl�nder Klepper. �
Der Doctor K. E. E. Ignatius in Helsingfors sagt in seinem schon weiter oben citirten
Buche bez�glich der finnischen Pferdezucht w�rtlich Folgendes: �Die Verwahrlosung, welcher
die dortige Race vor Jahren sowohl in Folge der Ueberanstrengung und schlechten Pflege,
wie auch durch die starke Ausfuhr und den Verkauf des besten Zuchtviehes nach Russland aus-
gesetzt worden ist, hat gl�cklicherweise sowohl die Aufmerksamkeit der Regierung, als die-
*) �Fodringen iir i allm�nhet och synnerligen f�r desp�da djuren f�r knapp; man begagnar for allm�nt
s�rpfader at h�starne; det fuktade gr�pfodret bidrager wisserljgen alt gifwa hasten fyllighet, min ej sa mycket att fram-
kalla kraft; det sorpade fodret fryser wintertiden l�tt, och surnar sommartiden, hwilket sednare beiordras genom de
stora och djupa krubborna, somdels uro mycket swara at halla rena, dels ej egnas den oaflatliga uppm�rksamhet, som
�r n�dig. Wid fodringen m�ste man wid uppdragandet af goda h�star, andvika allt; som �r st�rande f�r djurens
trefnad." �
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
/I
jenige der Privaten auf sich gezogen und wirksame Massregeln zur Beseitigung des Uebel-
standes hervorgerufen. Auf Kosten der Regierung sind taugliche Zuchthengste in verschiedenen
Theilen des Landes placirt und ausserdem Pr�mien f�r die besten L�ufer und Zuchtthiere aus-
gesetzt worden."
Sachverst�ndige Hippologen �berwachen jetzt in verschiedenen Bezirken des Grossf�rsten -
thums die Landes-Pferdez�chtung; es haben sich zu diesem Zwecke mehrere Zuchtvereine ge-
bildet, welche an der Veredlung und Verbesserung des heimischen Pferdeschlages energisch
arbeiten, indem sie besonders bef�higte und f�r Pferdezucht sich interessirende Pers�nlichkeiten
anstellen, die von Zeit zu Zeit in den Zuchtgebieten von Ort zu Ort reisen, die Stutereien in-
spiciren und mit Rath und That den Z�chtern beistehen.
Gross-Heerden und umfangreiche Gest�te in der eigentlichen Bedeutung dieser Worte
besitzt Finnland nicht. Die Fohlen werden von Stuten geboren, die man zu den verschiedenen Ar-
beiten verwendet; die Nachzucht wird verkauft und befriedigt in den meisten F�llen die Bed�rf-
nisse des Landes. �
Die Liebhaberei f�r rasches Fahren findet man bei den Finnen � wie bei den Russen �
in allen St�nden verbreitet; man will immer in m�glichst kurzer Zeit sein Reiseziel erreichen
und nicht gar zu lange auf den oft sehr schlechten Wegen, h�ufig auch bei ung�nstigem
Wetter, zubringen. Die finnl�ndischen Fuhrleute, Kutscher, Postillone und vor allen die Pferdebesitzer
sind aber auch ehrgeizig, sie wollen mit ihren heimischen Rossen nicht gern hinter den neuerdings
mehrfach nach Finnland eingef�hrten Orlow-Trabern zur�ckbleiben, und man sucht dieserhalb
jetzt an vielen Orten nach Mitteln und Wegen, um die heimischen Landschl�ge noch schneller
und leistungsf�higer zu machen. Viele Z�chter verwenden zu diesem Zweck in der neueren Zeit fast
ausschliesslich nur die besten Traber-Hengste der heimischen Race als Besch�ler zur Zucht, und
man hofft auf diese Weise das vorgesteckte Ziel bald zu erreichen, n�mlich einen Pferdeschlag zu
erhalten, welcher bei den Trabfahrten � auf den Rennbahnen � nicht mehr hinter den be-
r�hmten Pferden der Orlow-Traber-Race zur�ckbleibt. �
Um die Leistungen der zur Zucht ausgew�hlten jungen Pferde (Hengste wie Stuten)
genau kennen zu lernen, werden seit Jahren zur Winterzeit an verschiedenen Orten des Landes �
unter der Controle von Regierungsbeamten - grosse Wettfahrten auf dem Eise oder auf der
Schneebahn veranstaltet, bei welchen den Besitzern der besten L�ufer hohe Preise zuerkannt
werden. F�r Zuchtpferde, die zugleich t�chtige Traber sind, werden von den Pferdezucht -Ver-
einen auch noch Extra-Pr�mien bewilligt. �
Wir ersehen aus allen Nachrichten, die uns in letzter Zeit aus Finnland zuge-
gangen sind, dass auch dort der Traber-Sport sehr stark in Mode gekommen ist und dass
in Folge dessen f�r t�chtige Traber - Hengste Preise gezahlt werden, welche uns gerade-
zu fabelhaft erscheinen; man gab uns an, dass f�r die Sieger auf dem letzten Rennen zu Hel-
singfors den Besitzern 3000 bis 4000 Rubel offerirt worden w�ren. �
Neben den karelischen und kurgirnskischen St�mmen, welche sich durch guten Wuchs,
Kraft und Grazie der Formen auszeichnen, werden die besten St�mme der finnischen Race jetzt
im Gouvernement Tavastehus ■� haupts�chlich von den gr�sseren Grundbesitzern � gez�chtet;
hier trifft man in der Regel die kr�ftigsten Thiere; aber auch in den Gouvernements Abo Hel-
singfors und St. Michel giebt es gut eingerichtete Z�chtereien, in welchen t�chtige Traber heran-
gezogen werden. Im Nordwesten des Grossf�rstenthums sollen mehrfach Kreuzungen mit
schmudischen Hengsten aus Lithauen vorgenommen sein und reinbl�tige Pferde des alten Land-
schlages nur noch selten vorkommen. In den s�d�stlichen Landestheilen sieht man bei den
Bauern viele kleine Pferdchen, welche sich in der Gestalt und Leistung nur wenig von den
Rossen unterscheiden, welche im n�rdlichen Gross-Russland aufgezogen werden und mit diesen
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72                                                                    RUSSLAN�'s PFERDE -RACES.
wahrscheinlich h�ufig gekreuzt sind. Neuerdings sind in Wiborg einige Stutereien f�r finnische
Traber reiner Race in's Leben gerufen, die bereits mehrere t�chtige L�ufer auf die Renn-
bahnen geliefert haben. �
Schliesslich haben wir noch zu erw�hnen, dass nach den �Statistiska Tabellar ofwer
T�flingsk�rningarna (Wettfahrten) i Finland aren 1862� 1877" die besten Traber die Rennbahn,
welche in Helsingfors 3 Werst lang ist, in 6 Minuten und 34 Sekunden durchlaufen haben. In
jeder Secunde legten diese t�chtigen G�nger eine Strecke von 27,2 bis 27,4 Fuss zur�ck. Be-
sonders hervorragend war im vergangenen Jahre (1879) die Leistung des siebenj�hrigen Pferdes
�Hawa" aus Samja, welches bei dem Schlitten - Rennen zu Helsingfors am 7. Februar in jeder
Secunde 29,5 Fuss und die im Ganzen 3 Werst lange Bahn in 6 Minuten und 5 Secunden durch-
lief. Aehnliche grosse Trab - Leistungen zeigten im letzten Winter mehrere andere Pferde der
kleinen finnischen Race, und finden wir es daher, sehr erkl�rlich, dass nicht nur in Hel-
singfors und St. Petersburg, sondern auch an anderen Orten in den baltischen Provinzen, wo die
Flarttraber beliebt und der Traber-Sport in Mode gekommen ist, jenen Pferden des Nordens
immer gr�ssere Beachtung zu theil wird. *)
D» Die Racen in den Ostsee - Provinzen.
a. Die Pferde in Esthland.
Das Gouvernement Esthland � auf esthnisch Wiroma, d. h. Grenzland � am finnischen
Meerbusen gelegen, ist etwa so gross wie Westfalen oder Nieder-Oesterreich, 367,71 geogr.
n Meilen mit 322.668 Bewohnern. �
Das ganze Land dacht sich in n�rdlicher und nordwestlicher Richtung ab, ist fast
�berall eben; nur wenige Berge � der ,, Johannisberg " auf Dagen und die �drei Br�der" in
Wierland � nebst einigen Kalkh�geln unterbrechen diese an S�mpfen und Mor�sten reiche
Landschaft. Ueber 280 Seen, unter welchen der Peipus-See der bedeutendste ist, dienten in
fr�herer Zeit theilweise als Befestigungsmittel, zur Sicherung und Vertheidigung des Landes.
Die meisten derselben sind reich an wohlschmeckenden Fischen, wodurch es vielen Anwohnern
m�glich gemacht wird, sich durch den Fischfang und Fischhandel ihren Lebensunterhalt zu schaffen.
Ein Viertel der Bodenfl�che Esthland's ist mit W�ldern bestanden, und wenn wir f�r
den Begriff �Urwald" nur das Fehlen menschlicher Kultur und Pflege verlangen, so ist hier
noch mancher Urwald vorhanden. Das Laubholz tritt in diesen W�ldern gegen das Nadelholz
stark zur�ck. Von Wild giebt es dort noch immer viele B�ren, W�lfe, Luchse und Dachse;
die sehr gesch�tzten Elenthiere sollen hing'egen in der neueren Zeit sehr viel seltener geworden sein.
Das Landvolk in diesem Gouvernement geh�rt zum gr�ssten Theile dem finnischen
Stamme an. Die esthnischen Bauern sind energische, aber meistens etwas schmutzige Leute
*) Das diesj�hrige grosse Wettfahren in Helsingfors um die Staatspreise lieferte trotz der ung�nstigen Beschaffen-
heit der Bahn immerhin sehr befriedigende Resultate. Den ersten Preis f�r Hengste erhielt der Z�chter I. Kl�richs von
Esbo f�r seinen Fuchshengst �Ampiainen," 5 Jahre alt, 9 Quartier und 5Z0II hoch, welcher die 3 Werst lange Bahn in
6 Minuten und 5 Sekunden durchlief und dabei nur 3 kurze Galoppspr�nge machte, sonst aber immer in der Trabgang-
art verblieb. � Den 2. Preis erhielt E. Salmis von Ruovesi f�r seinen schwarzen Hengst �Polka" 9 Jahre alt, 9 Quar-
tier und 5 Zoll hoch, welcher die Bahn in 6 Minuten und 12 Secunden durchlief und nur einen kurzen Galoppsprung
machte. � Bei den AVettfahren der Stuten zeichnete sich kein Thier derartig aus, dass man den 1. Staatspreis ausgeben
konnte; den 2. Preis erhielt der Z�chter S. Kuittinens von Inunga f�r die rothbraune �Rebakk," 7 Jahre alt, 9 Quar-
tier und 4 Zoll hoch. Sie durchlief die 3 Werst lange Bahn in 6 Minuten 21 Sekunden. Den dritten Preis erhielt
A. Tuorilas von J�ms� f�r seine dreij�hrige braune Stute �Pikku", welche in 6 Minuten und 25 Secunden die Bahn
durchlief. Den vierten Preis erhielt Th. Bostr�ms von Jittis f�r seine zehn Jahre alte braune Stute �Tytto", welche
die Bahn in 6 Minuten und 43 Secunden durchlief. �
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Druck v.LA Funke;Leipzig
Esthlandischer Doppelkiepper Lubesny.
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
von rauhem und schroffem Wesen. Sie wohnen in D�rfern beisammen, doch lassen ihre Woh-
nungen, in denen sehr oft Menschen und Thiere zusammen hausen, noch viel zu w�nschen
�brig. � Die niedrigen, fast ganz von Holz erbauten H�tten sind zumeist nach wenigen
Jahren bauf�llig und stets mit Rauch erf�llt.
Nur ausnahmsweise trifft man in Esthland Ortschaften an, welche eine geordnete An-
lage zeigen; mitunter machen die gr�sseren Gutsh�fe des Landadels eine r�hmliche Ausnahme;
hier findet man besser gehaltene Geb�ude, auch hin und wieder einmal umfangreiche Schl�sser
mit leidlich guten Viehstallungen, Scheunen und gew�hnlich an der R�ckseite des Schlosses
einen grossen Garten oder Park nebst Anlagen f�r den Gem�se- und Obstbau. �
Auf dem zum Theil sehr fruchtbaren Boden dieses Gouvernements wird haupts�chlich
Roggen, Gerste, Hafer und Buchweizen angebaut; Weizen ist dagegen seltener und liefert nur
an wenigen Orten befriedigende Ertr�ge. Grosse Fl�chen Landes werden dort allj�hrlich der
Kartoffel-, Hanf- und Flachskultur �berwiesen.
Durch die am 31. October 183g von der russischen Regierung best�tigte esthl�ndische
�konomische Gesellschaft ist f�r die Hebung des Ackerbaues, sowie der Viehz�chtung recht
Beachtenswerthes geleistet worden. Beide Zweige des landwirtschaftlichen Betriebes haben
seit jener Zeit einen bedeutenden Aufschwung genommen. Fr�her soll in Esthland sowohl der
Ackerbau, wie auch die Z�chtung der Hausthiere sehr nachl�ssig betrieben worden sein, und
noch jetzt stehen einzelne Districte des Landes bez�glich der rationellen Wirthschaftsf�hrung
und Einrichtung des Betriebes hinter den s�dlich belegenen Nachbarlandschaften ziemlich weit
zur�ck. �
Wenngleich die Anzahl der in Esthland aufgezogenen Hausthiere der verschiedenen
Gattungen nach den neuesten statistischen Ermittelungen zwar nicht mehr ganz gering zu
nennen ist, so befriedigt doch ihre Qualit�t, wie ihre Leistungsf�higkeit die Bewohner des
Landes nur theilweise. � F�r die grossen Gutswirthschaften des Adels wurden neuerdings
wieder viele Rinder � meist Stiere � fremdl�ndischer Racen eingef�hrt, und die Autstellung
edler Race-Hengste wird jetzt sowohl in den Staats-Besch�ler-Depots, wie in den Privat-Ge-
st�ten mit grossem Eifer betrieben. �
Wir sehen hier ab von der Beschreibung der in Esthland heimischen Rinder, Schafe,
Schweine etc. und wenden uns sogleich zur Betrachtung der dortigen Pferdez�chtung. �
In dem n�rdlichsten Theile der baltischen Provinzen, auf dem Festlande von Esthland,
wie auf den zu diesem Gouvernement und zu Livland geh�rigen beiden Gestade - Inseln Dago
(deutsch Dagen) und Oesel kommt ein eigenth�mlich gebauter Pferdeschlag vor, der seine
typischen Formen an manchen Orten bis in die Neuzeit beibehalten hat und seiner guten
Eigenschaften wegen mehrfach zur Verbesserung anderer nordrussischer Racen benutzt
sein soll. �
Was zun�chst die auf dem Festlande von Esthland gez�chteten Pferde � in der Regel
�Klepper" genannt � betrifft, so unterscheidet man nach Gr�sse und St�rke der Thiere seit
langer Zeit schon zwei Schl�ge dieser Pony-Race, n�mlich �Doppelklepper" werden die
gr�sseren und einfach �Klepper" werden die kleineren Thiere genannt. �
In beiden Schl�gen kommen h�ufig hellfarbige Individuen, aber wenig Schimmel vor.
Die Isabellen, Grauen und Hellf�chse besitzen in der Regel einen dunklen R�ckenstreifen, wie
auch schwarze oder braune Haarringe an den Vorderbeinen. Ab und zu sieht man in Esthland
auch Braune, Rappen und Dunkelf�chse; Schecken kommen dort nur selten vor. �
Die Doppelklepper erreichen bei zweckm�ssiger Haltung und guter Ern�hrung � von
fr�hester Jugend an �. eine H�he von 1,50 Meter. Moerder und der Graf v. H�tten-Czapski
geben ihre durchschnittliche Gr�sse zu 2 Archinen und 1 Werschok (ppr = 1,46Meter) an, und
Frey tag, Russland's Pferde-Racen
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74                                                            russland's pfek.ue-k.acen.
sagen, dass die gemeinen, einfachen Klepper stets von geringerer Gr�sse w�ren. � Ihre H�he
und St�rke scheint in der Neuzeit durch Verwendung grosser Zuchtpferde etwas bedeutender
geworden zu sein. � Die einfachen Klepper sind in der Regel weit zierlicher, feinknochiger
aber meistens eben so h�bsch gebaut, wie die Klepper des grossen Schlages. Keinenf alls ist der
Unterschied in den K�rperformen dieser beiden Schl�ge noch so gross, wie fr�her von einzelnen
Schriftstellern angegeben wurde. �
Die esthl�ndischen Klepper haben einen mittelgrossen Kopf mit breiter Stirn und leicht
gebogener Ramsnase, h�bsche, feurige Augen und mittellange, gut gestellte Ohren. Ihr dicker
Hals ist nicht lang, eher kurz zu nennen; derselbe ist in der Regel etwas tief angesetzt, wo-
durch das Ansehen der Thiere leicht beeintr�chtigt wird. Der Reiter wird vom Halse und
Kopfe des Kleppers schlecht gedeckt; auch ist in Folge dieser ung�nstigen Kopf- und Hals-
stellung die F�hrung dieser Pferde sehr oft erschwert. Wenngleich ihre Widerristpartie
meistens etwas niedrig ist und bei allen gut ern�hrten Individuen rund und fleischig erscheint,
so kann man dennoch diesen K�rpertheil nicht schlecht gebaut nennen; derselbe vereinigt sich
hier bei dieser Race mit einer weiten Brust und starken Muskulatur des ganzen Vorderk�rpers.
Ihr Leib ist mittellang und f�r die Gr�sse und H�he der Thiere wohl als umfangreich zu be-
zeichnen. Der R�cken ist geradlinig, ihre breite Kruppe massig abgerundet und an derselben
ein ziemlich dicker Schweif weder zu hoch noch zu tief angesetzt. Die Beschaffenheit und
Stellung der unteren Gliedmassen ist bei allen besseren gut gezogenen Exemplaren des Klepper-
schlages untadelhaft, wodurch sich auch die grosse Leistungsf�higkeit, der rasche Gang und
schnelle Lauf der Thiere leicht erkl�rt. Ihre Hauptgangart ist der Trab; alle gut funda-
mentirten Klepper leisten in dieser Gangart fast so viel wie die Pferde der Orlow-Race. Mehrere
esthl�ndische Doppetklepper sollen sich neuerdings auf den Rennbahnen ausgezeichnet und noch
t�chtiger, besonders viel ausdauernder gezeigt haben, als jene viel genannten und viel ge-
r�hmten Harttraber aus dem Gouvernement Woronesch. �
An allen Orten der baltischen Provinzen r�hmt man � und auch wohl mit vollem
Rechte die grosse Ausdauer des esthl�ndischen Pferdeschlages. Die Klepper leisten selbst noch
bei schlechter Pflege und mangelhafter Ern�hrung recht Befriedigendes im Geschirr; sie ver-
richten willig ihre oft nicht leichte Arbeit beim Feldbau, wie vor dem plumpen Wagen des
Bauern vom fr�hen Morgen bis sp�t in die Nacht und traben im Winter vor dem Schlitten mit
einer Schnelligkeit und Energie, die den edelsten Pferden der westeurop�ischen Racen Ehre
machen w�rde. �
Im Winter wird das Deckhaar dieser Thiere lang und zottig und giebt ihnen � nach
unseren Begriffen � leicht ein wildes, unsch�nes Aussehen; den dortigen Bewohnern ist aber
die starke Behaarung ihrer Pferdchen schon recht; sie sch�tzt dieselben bestens gegen die
Unbilden des Wetters; man sagt, dass sie eine Temperatur von 30 ° R. unter Null ohne Nach-
theil aushalten k�nnten. Im Sommer bekommen die Klepper ein kurzes, glatt anliegendes
Haarkleid, welches bei guter F�tterung und Pflege einen hohen Glanz annimmt. � Verschie-
dene Grossgrundbesitzer Esthland's machten den Versuch, das lange Winterhaar ihrer Pferde
im Herbst abzuscheeren, wurden aber bald belehrt, dass dieses Verfahren f�r die dortigen
klimatischen Verh�ltnisse, Stallbeschaffenheiten etc. etc. nicht angebracht ist und besser unter-
bleibt. Man scheint auch dort die matte Mausfarbe der geschorenen Rosse durchaus nicht
zu lieben. �
Das Temperament der fraglichen Race ist bis auf wenige Ausnahmen lobenswerth zu
nennen; bei grosser Energie und Lebendigkeit zeigen sich die meisten Thiere gutm�thig, ge-
horsam und folgen ihrem Herrn ohne besondere F�hrung auf Schritt und Tritt. Ihre Gen�g-
samkeit � besonders die des kleinen Schlages � ist sprichw�rtlich geworden; sie nehmen
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
75
h�ufig mit dem Futter f�rlieb, womit wir in Deutschland wohl die Esel zu ern�hren pflegen. �
Bei nur einigermassen guter F�tterung und Pflege erreichen die Klepper ein hohes Alter und
k�nnen viele Jahre ohne Unterbrechung ihren gewohnten Dienst, der oft anstrengend genug
ist, verrichten. �
In Esthland kommt � wie in vielen anderen Fandschalten Russland's � unter den
Pferden nicht selten die Beulenseuche (die sibirische Jaswa) vor; diese gef�hrliche Krankheit
ist eine Form des Milzbrandfiebers und richtet unter den Pferde-Tabunen oft sehr grosse Ver-
heerungen an. Die von derselben befallenen Thiere sterben meistens schon 12 bis 24 Stunden
nach den ersten Erscheinungen der Krankheit.*) � Als Ursache letzterer giebt man Sumpf luft
an, die besonders b�sartig in der Nacht wirken soll. Thatsache ist, dass Pferde, welche vor
Sonnenuntergang in St�lle gef�hrt und erst nach dem Aufgang der Sonne wieder auf die Weide
getrieben werden, von der Krankheit weit seltener befallen werden, als jene, die Nachts im
Freien bleiben. Die beim Ausbruch der Seuche erkrankenden Pferde sterben gew�hnlich alle;
sp�ter erst wendete man mit einigem Erfolg das Brennen der Beulen mit dem gl�henden Eisen
und kalte Begiessungen an, innerlich giebt man verd�nnte S�uren. Aderlass wird an manchen
Orten als Vorbeugungsmittel angewendet. Strenge Absperrungsmassregeln scheinen �berall
geboten zu sein. �
Ueber den Ursprung der esthl�ndischen Klepper theilt uns J. Moerder in seinem vor-
trefflichen Werke, betitelt: �Apercu historique sur les Institutions hippiques et les Races che-
valines de la Russie " mehrere h�chst interessante Daten mit, welche wir in der Uebersetzung
auszugsweise hier folgen lassen:
�Einige der aus dem Orient von den Kreuzfahrern mitgebrachten arabischen Pferde
kamen durch den Norden Deutschlands in die baltischen Provinzen, wurden hier zur Zucht
und Kreuzung mit den dort schon heimischen kleinen Pferdchen benutzt; diese Paarung lieferte
eine Nachzucht, welche sich durch h�bsche Gestalt, gr�sste Schnelligkeit und ein geduldiges
Wesen h�chst vortheilhaft von den Thieren der alten Fandschl�ge auszeichnete. �"
�Adam von Bremen, welcher im XL Jahrhundert eine Reise durch Schweden und Liv-
land unternahm, berichtet �ber den grossen Reichthum der Livl�nder, welcher haupts�chlich
aus Gold, aber auch aus sehr sch�nen Reitthieren (montures) best�nde. � Die Geschichts-
schreiber �ber die Invasion jener L�nder am Rigaer-Meerbusen durch die Deutschen, er-
w�hnen mehrfach die sch�nen, kr�ftigen, robusten Rosse, welche man dort vorgefunden h�tte,
sie w�ren zwar klein, aber dennoch f�r den Kriegsdienst recht tauglich gewesen. Die Esth-
l�nder und Fivl�nder, welche fort und fort im Kriege mit ihren Nachbarn lagen, waren mei-
stens gut beritten und griffen die Feinde stets mit grossem Ungest�m an; ihre kr�ftigen,
muthigen Rosse leisteten ihnen hierbei den besten Beistand. �"
�W�hrend der Kriegszeit im XIII. Jahrhundert bew�hrte sich der in jenen Ostseel�ndern
heimische Pferdeschlag f�r die verschiedenartigsten Gebrauchszwecke in allerbester Weise.
Im Jahre 1223, w�hrend der Schlacht bei Dorpat, wurde eine Reiterabtheilung � mit den vor-
z�glichsten Rossen versehen � zu einer Umgehung des Feindes bestimmt; sie l�ste ihre Auf-
gabe musterhaft, legte in 24 Stunden eine Strecke von 140 Werst ohne Unfall zur�ck, und
�hnliche grosse Leistungen soll die esthnische und livl�ndische Reiterei in damaliger Zeit
mehrfach aufgewiesen haben. � "
*) Bei den Menschen bringt die Beulenseuche leicht die Karbunkelkrankheit hervor; h�chst wahrscheinlich
dadurch, dass Insekten, welche mit kranken Thieren in Ber�hrung kommen, den Ansteckungsstoff auf die Menschen,
z. B. auf die im Freien bei den Pferdeheerden schlafenden Hirten �bertragen. Bei richtiger Behandlung ist die Kar-
bunkelkrankheit, welche auch wohl die �blauen Blattern" genannt wird, selten t�dtlich. �
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russland's pferde-racen.
�Die Kriege im XVI. Jahrhundert verw�steten Livland und einen Theil von Esthland
in schrecklichster Weise und machten das Land arm; viele Bauern starben den Hungertod
und die Uebrigbleibenden konnten nicht mehr an die Z�chtung ihres braven Pferdeschlages
denken. Zu jener Zeit sollen viele Tausende dieser Hausthiergattung zu Grunde gegangen
sein. Nur in einigen Distrikten wurden kleine Reste des alten Pferdeschlages erhalten und
diese erregten bald wieder die Aufmerksamkeit der Nachbarv�lker." � Houpel erz�hlt uns,
dass die schwedischen Heerf�hrer ihre Soldaten mit esthl�ndischen Klepper - Pferden beritten
gemacht h�tten. � Als im Jahre 1561 das von den Russen hart bedr�ngte Esthland sich frei-
willig unter Schweden's Schutz begab und bis Ende 1710 mit diesem Staate vereint blieb,
sollen in dieser Zeitperiode nicht selten Pferde aus Norrland in die esthl�ndischen Land-
schaften gekommen sein, die man ihrer t�chtigen Leistungen und guten, kr�ftigen K�rper-
formen wegen gern zur Zucht gebrauchte. � Auch die esthl�ndischen Klepper werden von den
Russen nicht selten �Szwedkis" genannt. �
Im XVII. Jahrhundert bl�hte die Pferdezucht und der Pferdehandel in jenen Provinzen
wieder von Neuem auf. � Peter der Grosse erkannte sehr bald den grossen Werth der esth-
l�ndischen Rosse; er Hess viele gute Hengste aus dem Lande f�hren und in den Gouvernements
Perm und Wj�tka als Besch�ler verwenden, wodurch die Pferdeschl�ge dieser Bezirke damals
wesentlich verbessert sein sollen. �
Houpel berichtet ferner noch, dass zur Regierungszeit der Kaiserinnen Anna und Elisabeth
der Adel Esthland's und Livland's der Krone eine grosse Anzahl pr�chtiger Reitthiere aus den
heimathlichen Gest�ten zugef�hrt und geschenkt h�tte. Etwa um dieselbe Zeit kamen auch
mehrere Grossbojaren und Gest�tsbesitzer'aus dem Inneren Russland's nach Esthland, um hier
gutes Zuchtmaterial zur Verbesserung ihrer heimischen Pferde-Schl�ge anzukaufen. �
Aus anderen historischen Notizen �ber Russland's Pferde-Racen entnehmen wir, dass
Ende des vorigen Jahrhunderts ein bedeutender R�ckgang der esthl�ndischen Pferdez�chtung
durch die immer mehr um sich greifende grosse Verarmung der Bauern entstanden sei; diese
waren damals nicht mehr in der Lage, Pferde zu z�chten und ihre Hausthiere hinreichend zu
ern�hren; sie sahen sich gen�thigt, manches werthvolle Zuchtthier an fremdl�ndische H�ndler
zu Spottpreisen abzugeben und konnten nur die allernothwendigsten St�cke Arbeitsvieh halten.
� Diese Zust�nde blieben den Grossgrundbesitzern selbst in dem Pralle nicht unbekannt, wo
sie fern von ihrem v�terlichen Erbgute in grossen St�dten oder in der Fremde lebten, und
n�thigten sie, Opfer zu bringen und umfassende Massregeln zur Aufbesserung der Landespferde_
zucht zu ergreifen. Einzelne besonders aufmerksame Gutsbesitzer nahmen wahr, dass inzwischen
auch die auf ihren Besitzungen gehaltenen Klepper viele der oft gepriesenen, guten Eigen-
schaften des alten Schlages eingeb�sst hatten, und eine Blutauffrischung mit Pferden von der
Insel Oesel erschien dringend geboten, um auf diese Weise dem Uebelstande entgegen zu
arbeiten. � Andere, weniger sorgf�ltige Z�chter, denen an der Erhaltung des altrenommirten
Klepperschlages nicht viel lag, entschlossen sich zur Einf�hrung lithauischer Ponies oder pol-
nischer und deutscher Pferde, und benutzten diese wie jene eine Zeit lang zur Kreuzung mit
den Resten ihres heimischen Klepperschlages. � Diese Vorg�nge bei der dortigen Pferdezucht
machen es begreiflich, dass man heute noch in Esthland neben vielen guten Doppelkleppern
(alten Schlages) auch manches werthlose Kreuzungsproduct, Bastarde der verschiedensten Art zu
sehen bekommt. Um den guten Ruf des esthl�ndischen Klepperschlages wieder herzustellen, hat
sich der Adel in den baltischen Provinzen im Jahre 1855 dazu entschlossen, in Torgel, einem
Dorfe des livl�ndischen Distriktes Pernau, ein Landgest�t zu errichten, und werden wir bei Be-
schreibung der Pferderzucht im Gouvernement Livland einige Mittheilungen �ber die Erfolge
dieses Kleppergest�ts zu machen haben. �
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
77
e. Die Klepper und Doppelklepper auf der Insel Oesel.
Die vor dem Rigaer Meerbusen gelegene, zum Gouvernement Livland geh�rende Insel
Oesel ist 45,54 □ Meilen gross, bildet meist h�geliges Land, an einigen Stellen steile, hohe
K�sten, besitzt einige gr�ssere und kleinere Seen, aus denen mehrere Fl�sse (Naswa) und viele
B�che dem Meere zufliessen. Ein mildes Klima und fruchtbarer Boden beg�nstigen das Gras-
wachsthum, wie auch die Kultur aller wichtigeren Getreidearten, den Anbau von Hanf, Flachs
und vieler Gem�searten. � Nach der letzten Z�hlung (1872) wird die Insel von 35,000 Menschen
bewohnt; die Landleute sind Esthen (vom finnischen Stamme), welche in D�rfern beisammen
wohnen und vom Ackerbau, Fischfang und der Viehz�chtung leben. Mehrere Grossgrundbe-
sitzer und viele Bauern betreiben mit einer besondern Vorliebe die Aufzucht ihrer kleinen hei-
mischen Pferde-Race. Man z�hlte dort 1872 einen Bestand von 13,500 Rossen, so dass auf
eine □ Meile ppr. 296 und auf je 1000 Einwohner 385 Pferde kamen. � Nach Allem, was wir
�ber die fragliche Race erfahren haben, scheint dieselbe auf jener Insel seit undenklichen Zeiten
heimisch gewesen zu sein. Baron von Meyendorff giebt an, dass ihre Entstehung wahrschein-
lich auf die Zeit der Kreuzz�ge zur�ckzuf�hren sei; es h�tten damals die deutschen Ritter
orientalische Rosse aus dem heiligen Lande mit auf die Insel gebracht und solche dort zur
Zucht benutzt. � In der Uebersetzung des Meyendorffschen Buches �ber Russland's Pferdezucht
finden wir bez�glich der Abstammung der Oeseler Rosse folgende Anmerkung des Uebersetzers,
welche uns nicht uninteressant erscheint: �Ueber die Abstammung der Pferde auf Oesel bestehen
verschiedene Lesearten. Nach der einen sollen um die Mitte des XIII. Jahrhunderts arabische
Pferde durch deutsche Ritter nach Oesel gekommen sein, aber da es feststeht, dass die Oeseler
schon vor jener Zeit reich an guten Pferden waren, so d�rfte diese Annahme nicht richtig sein.
Nach einer andern Lesart schreibt sich der Ursprung jener Pferde von tatarischen Pferden
her, welche seit dem Einfalle der Mongolen ihren Weg auch bis in den Norden gefunden haben
k�nnten, aber beide Racen sind in ihrem Habitus durchaus verschieden. Der Thierarzt Weide-
mann endlich nimmt an, dass die Normannen aus Unteritalien und Sicilien arabische Pferde
mit in ihre Heimath gebracht h�tten, und dass deren Nachzucht sich von Schweden aus auf die
Insel Gothland und von hieraus nach Oesel verbreitet habe, w�hrend Professor Unterberger in
Dorpat glaubt, dass die esthnischen Pferde und mit ihnen die der Insel Oesel Abk�mmlinge
jener Pferde seien, welche die Esthen bei ihrer Auswanderung in die Baltische Provinz aus
Asien mitbrachten. Die letztere Annahme hat jedenfalls am meisten f�r sich." � Wenngleich
von einigen russischen Zootechnikern angegeben wird, dass bedauerlicher Weise die Oeseler
Pferde kleiner geworden w�ren, an Kraft und Schnelligkeit Einbusse erlitten h�tten, so geben
dagegen wieder andere Sachverst�ndige an, dass diese Race bis in die allerneuste Zeit ganz vor-
treffliche Doppelklepper liefere, die sich zur Verbesserung anderer kleiner Pferdeschl�ge sehr
wohl eigneten. � Zur Zeit Peter des Grossen und auch sp�ter noch, in der Mitte des vorigen
Jahrhunderts, sind Oeseler Klepper-Hengste mehrfach in das n�rdliche Russland �bergef�hrt,
um die dortigen Landschl�ge zu verbessern. � Die Pferdez�chter in den Baltischen Gouverne-
ments sch�tzen diese Pferde sehr hoch und verwenden dieselben �berall gern zur Zucht. �
A. von Middendorff f�hrt in seiner Schrift �ber das Landesgest�t der Livl�ndischen �Ritter-
schaft zu Torgel" ausdr�cklich an, dass eine Kreuzung von Oeseler Klepperstuten mit Ardenner
Hengsten in Livland sehr erfreuliche Resultate geliefert h�tte. Die Ardenn-Oeseler-Klepper-
f�llen seien ohne Ausnahme wohlgen�hrter als die F�llen der Ardenner Reinzucht, offenbar
weil die Klepper-M�tter ihre F�llen besser n�hrten, obgleich dieselben keinen Hafer, die Ar-
denn-Stuten dagegen t�glich 3 Garnitz dieser Kornart bekommen h�tten. � F erner theilt uns
j ener Autor mit, dass unter allen Klepperheerden der Baltischen Provinzen die Inselpferdchen,
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russland's pferde-racen.
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also die Oeseler, obgleich die kleinsten an Wuchs, doch die st�rcksten auf den Beinen, die
�tonnenrippigsten," auch die �feurigsten1' w�ren und vorwaltend �gute Tragestuten" abg�ben.
Der ber�hmte Hengst ,,Wapsikas", welcher 1867 auf der internationalen Ausstellung die grosse
silberne Medaille erhielt und als �russischer Klepper" daselbst das gr�sste Aufsehen machte,
war einer Oesel'schen Stute entsprungen.*) �
Man unterscheidet auf jener Insel, wie �berall in den Baltischen Provinzen, Klepper und
Doppelklepper; wir sind der Meinung, dass beide Schl�ge ein und derselben Race angeh�ren
und diese Bezeichnungen nur der geringeren oder gr�sseren Entwickelung der Thiere gelten
k�nnen. � Auf Oesel herrscht die kleine Klepperform vor; diese Pferde erreichen eine H�he
von 1,35 bis i,4o Meter; sie besitzen sehr gef�llige K�rperformen; der orientalische Typus ist
bei den meisten gut gezogenen Thieren unverkennbar ; ihr Kopf ist nicht so dick und schwer
wie bei vielen anderen russischen Pferden, sondern massig gross und trocken. Sie haben eine
gerade, breite Stirn, das Nasenbein ist nach unten zu etwas hochgebogen; die Ganaschen sind voll und
breit, die kleinen Ohren gut angesetzt. Ihr Auge ist gross und lebendig. Der kurze Hals ist ge-
drungen und mit kurzem M�hnenhaar dicht besetzt. Der Widerrist ist nicht sehr hoch, die
Brust breit, der Rippenkorb gut aufgew�lbt, der R�cken gerade, die Flanken der Thiere sind
in der Regel gut geschlossen, die Kruppe ist h�bsch abgerundet, und nur massig absch�ssig. Der
Ansatz des dicken Schweifes ist gew�hnlich gut zu nennen. Ihre schr�g gestellten Schultern
sind lang und breit, die Ellenbogen abstehend. Bei den meisten Klepperpferden von Oesel
sieht man breite Vorderkniee, einen massig langen Unterarm und kurze Schienbeine. Die
kurzen Fesseln sind immer gut gestellt, ihr Haarbehang ist nicht so dick und lang wie bei den
meisten anderen russischen Klepperpferden. Ihr Huf ist klein und von fester Hornsubstanz.
Fast ausnahmslos findet man eine gute, kr�ftige Hinterhand, wodurch dieselben zu t�chtigen
Leistungen im Trabe und Galopp bef�higt werden. � Endlich ist noch r�hmenswerth das Tem-
perament dieser Inselpferdchen; bei einem muthigen, feurigen Wesen zeigen sie sich doch
meistens gehorsam gegen ihre Herren; sie sind sehr gelehrig und daher leicht abzurichten. �
f. Die Pferdezucht in Livland.
Das Gouvernement Livland, 854,10 geogr. □Meilen gross, mit 990,784 Bewohnern, ist
eine h�gelige, wasserreiche, zum Theil recht fruchtbare Landschaft, in welcher sich die Jahres-
zeiten zwar nicht so schroff, wie in Russland scheiden, aber auch keine so milden Ueberg�nge
zeigen, wie in Deutschland. Eigenth�mlich ist in Livland die Feuchtigkeit der Luft und des
Bodens; es tr�pfelt hier oft nicht nur einzelne Tage, sondern Wochen lang, ohne dass es zu
einem kr�ftigen Niederschlag oder Regen und dann nachdem zu einer wirklichen Aufheiterung
des Himmels kommt; daher finden sich auch in diesem Gouvernement die vielen, weit ausge-
breiteten S�mpfe und Mor�ste, welche die Bewirthschaftung der Aecker und Wiesen in der
Regel sehr erschweren. Fast alle Ackerfelder sind von Gr�ben durchschnitten, um das Wasser
m�glichst rasch abzuf�hren; die meisten Wege sind erh�hte D�mme, deren Herstellung an
manchen Orten grosse Kosten verursacht. � Wo die Bodenbeschaffenheit es erlaubt, bilden
sich auf nat�rlichem Wege kleinere oder gr�ssere Seen, deren Ufer sich meist in niedriges,
sumpfiges Erdreich verlieren. �
*) Wapsikas Erfolge waren ausserordentlich zu nennen; trotz seines geringen Wuchses schleppte derselbe in
einen Blockwagen gespannt (bei eisernen Achsen auf der Chaussee) auf der Ausstellung zu Riga 1869 358 Pud fort. In
Moskau zog dieses Pferd auf abscheulichem Pflaster auf ungeschlachter Telege mit h�lzernen Achsen, deren R�der an
angeh�ngten schleifenden Gewichten sich gl�nzend gerieben hatten, 200 Pud bergan, soweit die Fahrt offen stand,
und kehrte darauf frisch und fr�hlich zu seinem Stande zur�ck. ■�
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.                                                               79
Die Seen und S�mpfe spielten von jeher in der Geschichte jenes Landes eine grosse
Rolle. � Die Besitzer der alten Edelh�fe w�hlten gew�hnlich einen See zum Anhaltepunkt. �
Weite Strecken sind in Livland von Waldungen bedeckt; nach Z. A. von Kloeden bestehen
f�nf Elftel des ganzen Landes aus Wald; sogenannte Urw�lder sind hier wie in den anderen
Gouvernements der Ostsee-Provinzen nicht selten zu finden; sie bedecken mit ihren Jahr-
hunderte alten, himmelanstrebenden Fichten oft mehrere Quadratmeilen der Oberfl�che und
gew�hren demWildpret (B�ren, W�lfe, Luchse, F�chse, Hirsche und Elen) zusagende Aufent-
haltsorte.
Livland producirt Getreide aller Art: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, H�lsenfr�chte,
Hanf, Flachs, (Rigaer Leinsamen bekanntlich sehr ber�hmt), Gem�se, Honig, Wachs und an
Hausthieren eine nicht geringe Anzahl von Pferden, Rindern und Schweinen. Die Schafzucht
ist daselbst von geringerer Bedeutung; auch Ziegen werden verh�ltnissm�ssig nur wenige
gehalten. �
Die Einwohner sind Esthen, Letten, Deutsche, Russen, Schweden etc.; das Landvolk �
meistens Esthen � unterscheidet sich von den in Esthland wohnenden Bauern in keiner Weise;
sie haben dieselben Haus- und Hofeinrichtungen und wohnen wie diese in D�rfern zusammen.
Nur im s�dlichen Livland besteht das Landvolk aus Letten, die meistens auf vereinzelt liegenden
H�fen wohnen und zum lithauischen Stamme geh�ren. �
Die Pferde des alten livl�ndischen Landschlages � die gemeinen Klepper der Bauern �
unterscheiden sich wenig von den Pferden Esthlands; sie sind in der Regel noch kleiner als
diese und gew�hnlich von etwas feinerem Gliederbau.
Zur Verbesserung des livl�ndischen Klepperschlages sind in den letzten Decennien von
Seiten der Grossgrundbesitzer beachtenswerthe Anstrengungen gemacht und grosse Opfer ge-
bracht worden. � Wir lassen hier Einiges �ber die neuzeitigen Z�chtungen in Livland folgen
und verweisen zugleich auf die sehr sorgf�ltig ausgearbeitete Z�chtungsstudie des Herrn
A. von Middendorff, welche unter dem Titel: �Das Landgest�t der Livl�ndischen Ritterschaft
zu Torgel" 1872 in Dorpat erschienen ist. �
Das zu Anfang der f�nfziger Jahre in jenem Lande allgemein f�hlbar gewordene Ver-
kommen der fr�her so sehr bew�hrten inl�ndischen Klepper-Race hatte die Aufmerksamkeit
der dortigen Ritterschaft mehr und mehr auf sich gelenkt, und es erschien derselben dringend
nothwendig, zur Hebung der Pferdezucht ihres Vaterlandes energische Schritte zu thun. �
Auf ihre am 6. Juni 1854 deshalb eingereichte Supplik wurden derselben am 29. April 1855 die
Dom�neng�ter Torgel und Awinorm auf 24 Jahre in billige Pacht gegeben und zwar dem
Wortlaute der Petition gem�ss �zur Hebung der Pferdezucht, insbesondere f�r das Bed�rfniss
des Bauernstandes."
Die Ritterschaft erw�hlte hierauf zu diesem Behuf aus livl�ndischen Grundbesitzern eine
Commission, welche erm�chtigt wurde zu beschliessen, ob ein oder zwei Gest�te angelegt und
wie dieselben eingerichtet werden sollten, und es wurde zu solcher Anlage aus der Ritter-
schaftskasse ein Kapital von 20,000 Rubeln zur Verf�gung gestellt. �
Die Commission verwarf gl�cklicher Weise einige Vorschl�ge der Ritterschaft, welche
auf Besch�ler-Stationen hinzielten und in damaliger Zeit offenbar noch verfr�ht gewesen w�ren.
__ Ein sehr r�hriges Mitglied jener Commission, der Herr von Stael -Staelondorf, trat von vorn-
herein gegen die Zucht von Luxuspferden auf, welche damals von einem anderen einflussreichen
Mitgliede der Ritterschaft in Aussicht genommen war.
Man entschied sich sehr bald f�r die Anlegung nur eines Gest�ts und zwar in Torgel.
Es wurde festgesetzt, im Lande 60 Klepperstuten, vorzugsweise in den berufenen Gegenden der
Insel Oesel, ferner in Leal, Merjama, Keblas, Weissenstein, Fellin, Oberpablen und Wesenburg
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So
russland's pferde-racen.
anzukaufen. Nur der Bau der Stuten sollte ber�cksichtigt, von ihrer, vielleicht sehr geringen
Gr�sse aber ganz abgesehen werden. � Diese Pferde sollten zur H�lfte mit (2) Klepper-
Hengsten, zur anderen H�lfte mit (2) Araber-Hengsten gedeckt werden, behufs Auffrischung
des degenerirten Blutes, jedoch mit Vorsicht, damit man in der Veredlung nicht zu weit
gehe. Hengste jeglicher Farbe wurden gestattet, indessen immer nur einfarbige Thiere, ohne
Abzeichen.
Gute Klepperstuten waren in den f�nfziger Jahren nur sp�rlich im Lande vorhanden.
In den vierziger und Anfangs der f�nfziger Jahre hatte das Dom�nen-Ministerium viele der
besten Pferde Livland's f�r die Krongest�te ankaufen lassen; auch stellte sich damals schon in
St. Petersburg eine grosse Nachfrage nach h�bschen Gebrauchs-Kleppern ein und man spannte
sehr gern nicht nur Walachen, sondern auchHengste jener gutartigen Race vor den Kutsch-
wagen. � A. von Middendorff sagt bez�glich dieser Ausfuhr livl�ndischer Klepper w�rtlich
Folgendes:
� Das Beste wurde exportirt; die niedrigen Pferde - Preise im Lande vermochten mit
dem ausw�rtigen Angebote nicht zu concurriren; den von der Frohne auf Pacht �bergehenden
Bauern kam die unerwartet reichlich zustr�mende Baarzahlung sehr genehm; f�r Conservirung
guten Materials wurde nirgends gesorgt; aus dem Pleskau'schen fluthete ein ausserordentliches
billiges, freilich auch missgebildetes Ackerpferd herein, das sich durch Tabak- und Zucker-
fuhren aus den s�dwestlichen Gouvernements schon haupts�chlich bezahlt gemacht hatte und
nun f�r ein Spottgeld losgeschlagen wurde."
Leider wurden damals viele dieser gemeinen russischen Bauernpferde zur Zucht benutzt
und lieferten dann in der Regel eine ziemlich werthlose Nachzucht. � Die finnischen Pferde
waren in den f�nfziger Jahren ungleich besser und werthvoller als die Esthl�nder, und mehr-
fach wurde den livl�ndischen Z�chtern von der Direktion f�r Reichsgest�tswesen in St. Peters-
burg empfohlen, eine Kreuzung mit Hengsten aus Finnland vorzunehmen.
Die Pferdezucht-Commission Livlands stellte bald darauf im Principe fest, dass in
Torgel einerseits Klepper, und anderseits finnische Pferde neben einander unvermischt ge-
z�chtet werden sollten. �
Im Jahre 1856 wurden f�r Torgel drei hochedle arabische Hengste aus dem k�niglichen
Gest�te zu Stuttgart zum Preise von 4500 Gulden angekauft und Jahre lang zur Kreuzung mit
den Klepper - Stuten benutzt. �
Da man auf der Insel in jener Zeit keinen brauchbaren Hengst des dortigen Land-
schlages auffinden konnte, so begn�gte man sich mit der Beschaffung guter Oeseler Klepper-
stuten, welche man von einem finnischen Hengste (Popka) bedecken Hess. ��
Ferner berichtet A. v. Middendorff bez�glich der Torgelschen Z�chtung:
�Am Schl�sse des Jahres 1856 gelangten zwei �berz�hlige Klepperhengste, sowie auch
zwei Finnen zur Vertheilung im Lande, behufs Stationirung. Sie wurden der unentgeltlichen
Benutzung durch die Bauern freigegeben, den Stuten des Gest�ts Torgel, auf dessen Kosten
sie unterhalten wurden, aber der Vorzug einger�umt."
Ende des Jahres 1859 waren im Gest�te 66 Hengst- und 54 Stutf�llen vorhanden, und zwar:
Hengstf�llen.     Stutf�llen.
Araber-Klepper (Halbblut).....              9                  9
Klepper alten Schlages......            44                20
Finnen (Reinblut)........             2                  9
Klepper-Oeseler und Finnen-Oeseler             6                10
Thiere gemischten Blutes.....             5                  6
Sa.: 66                54
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
Im Jahre 1862 besass das Gest�t Torgel bereits 260 Pferde verschiedenen Alters. Seit
1868 wurden daselbst im Ganzen ppr. 160 Pferde gehalten und zwar 5�6 Hengste, 48 Mutter-
stuten und etwa 100 Fohlen der verschiedenen Altersklassen.
Auf Bef�rwortung der kaiserlichen �konomischen Societ�t von Livland beschloss der
Landtag im Januar 1862 den Ankauf von Ardenner-Pferden f�r das Torgelsche Gest�t. Einer
der t�chtigsten Pferdekenner in den Ostsee-Provinzen, A, v. Middendorft erhielt den Auftrag,
2 Hengste und 10 Stuten aus den belgischen Ardennen herbeizuholen, und entledigte sich dieses
Auftrages in bester Weise. �
Durch die Hinzunahme des Ardenner-Blutes �nderte sich die Z�chtung in Torgel
wesentlich. Es wurden zugetheilt: den Araberhengsten je 5 Ardenner-, Finnische und Klepper-
Stuten, den Klepper-Hengsten 28 Klepper-, 2 Araber-Klepper-, 8 Finnische und 5 Ardenner-
.Stuten, dem Ardenner - Hengste 10 Klepper- und 5 Oeseler-Stuten.
In �hnlicher Weise wurden die Kreuzungen in Torgel bis in die Neuzeit fortgesetzt;
doch scheint man die Verwendung des arabischen Blutes mehr und mehr eingeschr�nkt zu
haben, und wahrscheinlich nicht zum Nachtheil der dortigen Klepperzucht. Man behauptet, dass
nur allein aus der Kreuzung von Araber-Hengsten mit Ardenner und Finnischen Stuten be-
friedigende Resultate erzielt worden w�ren. � Der Klepperhengst Wapsikas, welcher auf der
mternationalen Ausstellung zu Paris 1867 die gr�sste Beachtung fand und dem Torgel'schen
Gest�te die grosse silberne Medaille eintrug, hat unstreitig im vorigen Jahrzehnt dem Gest�te eine
ganz vortreffliche Nachzucht geliefert und wesentlich dazu beigetragen, der dortigen Klepper-
zucht auch im Ausl�nde einen guten Namen zu schaffen. Eine rationelle F�tterung, welche
den Pferden in Torgel von vornherein zu theil geworden ist, hat ebenfalls viel dazu beigetragen,
dass die Fohlen dieses Gest�ts sich in der Regel rasch und gut entwickelten und schon im .
ersten Lebensjahre zu einer ansehnlichen H�he und einem recht befriedigenden Lebendgewicht
gelangten. � (A. v. Mittendorff's kleinster Klepper wog 305 Kilogr., der gr�sste 405 Kilogr.
bei einer H�he von 1,48 Meter.)
Es w�rde uns hier zu weit f�hren, wenn wir �ber die dortigen Verh�ltnisse hier n�here
Angaben machen wollten, und verweisen deshalb auf das schon oben genannte Buch des Herrn
von Middendorff, welches in mehreren Tabellen Nachweise �ber Gr�sse und Lebendgewicht der
Torgelschen Gest�tpferde liefert. � Dieser Autor sagt von dem dortigen Gest�te noch Fol-
gendes, was uns hier der Beachtung werth erscheint:
�Torgel ist erst seit Kurzem zu einem steten, gerade auf das Ziel gerichteten Gange
gelangt. Wenn es von nun ab gelingt, j�hrlich beispielsweise 30 Thiere als t�chtiges Zucht-
material in's Land zu schicken, so werden dennoch 30, 40 und mehr Jahre dazu geh�ren, bis
die Pferdezucht auf dem flachen Lande (in Livland) so weit ist, dass sie der centralen Bezugs-
quelle entrathen kann. Unterdessen wird aber auch der geleistete Nutzen ein ausserordentlich
grosser gewesen sein und der Mehrwerth der 150,000 Pferde, welche Livland angeblich besitzt,
sich k�nftig mit vielen Millionen Rubeln beziffern lassen." �
Dem Herrn von Stael-Staelendorf, welcher 20 Jahre lang als Praeses der Zucht-Kom-
mission in Livland vorgestanden und zugleich als Gest�ts-Direktor in Torgel unerm�dlich
th�tig gewesen, d�rften die Pferdez�chter in den Baltischen Provinzen zu gr�sstem Danke ver-
pflichtet sein, und A. v. Middendorff sagt wohl ganz richtig: �Das Gest�t Torgel ist von An-
fang an ganz als sein Werk zu betrachten." �
Nach dem, was wir neuerdings �ber die dortige Pferdezucht erfahren haben, hat die-
selbe jetzt nicht nur auf den grossen G�tern der adeligen Herren, sondern auch auf vielen
Bauerh�fen bedeutende Fortschritte gemacht; die Nachfrage nach livl�ndischen Kleppern ist
von Jahr zu Jahr gr�sser geworden; auf den landwirthschaftlichen Ausstellungen in Dorpat
Frey tag, Russland's Pferde-Racen.                            S                              . >N.                                                                   II
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und St. Petersburg wird denselben mit Recht die gr�sste Anerkennung zutheil, und viele aus-
l�ndische H�ndler suchen Klepper dieses Schlages zu acquiriren. Der Durchschnittspreis gut
gewachsener Thiere stellte sich in den letzten Jahren auf etwa 150 Rubel pro Kopf; einzelne
sch�ne weibliche Exemplare der Torgelschen Nachzucht wurden sogar mit 250 Rubel bezahlt,
und f�r einen vortrefflichen Repr�sentanten des Araber-Klepperschlages erzielte man aut
einer Auction den hohen Preis von 301 Rubel Silber. �
E. Die Racen in West - Russland.
a. Das semgallische Pferd.
Das Gouvernement Kurland und Semgallen, 495,54 georgr. □ Meilen gross, mit
527,288 Bewohnern, ist fast durchgehends eben (den h�chsten Punkt bildet der H�gel Kreewe Kales
bei dem Schloss Amboten, etwa 200 Meter hoch), an den K�sten zum Theil mit D�nen um-
neben, und im Ganzen fruchtbar zu nennen. Ein Dritttheil der Bodenfl�che dieses Gouverne-
ments ist noch jetzt mit Wald bedeckt. Auch Kurland ist wie die �brigen Baltischen Provin-
zen reich an Seen (�ber 300), S�mpfen nnd Moorbr�chen. Das Klima ist im Ganzen rauh,
nebelig, feucht und in hohem Grade unbest�ndig; der Winter dauert vom November bis M�rz
und ist gew�hnlich sehr kalt. Einen mildernden Einfluss �bt das Meer auf die Temperatur
derjenigen Districte, welche diesem nahe liegen.
Die_ Einwohner sind meist Kuren, ein Stamm der Letten, zum Theil auch Russen, Polen
und Deutsche. Der zahlreiche, zum nicht geringen Theile sehr wohlhabende Adel des Landes
stammt aus Polen und Deutschland und besitzt heute noch ansehnliche Vorrechte.
In Semgallen, dem weit �stlich in das Lithauische vorspringenden Zwickel, liegt die
Hauptstadt von ganz Kurland, Mitau, lettisch Jelg-awa, von deutschen Colonisten um ein, 1276
vom Heermeister Konrad von Medem angelegtes Schloss in sandiger, niedriger Gegend
an der Aa, gegr�ndet.
Die Viehzuht des Landes, welche in �lterer Zeit ziemlich vernachl�ssigt worden ist,
hat neuerdings manche Besserungen erfahren, besonders hat man der Pferdezucht gr�ssere Auf-
merksamkeit geschenkt und l�r die Aufstellung t�chtiger Hengste grosse Opfer gebracht.
Die semgallische Pferde-Race verbreitete sich zu polnischen Zeiten � vielleicht auch
schon fr�her � �ber ganz Lithauen. Es wird uns erz�hlt, dass Gedymin, Kiejstut, Olgierd
und seine S�hne ihre Kriege meistens auf Thieren dieser Race unternahmen, auch soll die
leichte Reiterei Lithauens, welche in den F�rstenth�mern des Hauses Rurik an der Spitze stand,
auf semgallischen Pferden k�hne Reiterst�cke vollf�hrt haben. Die Historiker berichten, dass
die Lithauer auf Pferden dieses Schlages die Tatarensch�del zertr�mmert h�tten und zwar zu
einer Zeit, als noch Niemand wagte, den Tataren Widerstand zu leisten. Auf semgallischen
Rossen wurde auf dem kulikowschen Felde der Sieg �ber die Tataren erfochten, und der
Zar Alexander z�chtete diese Thiere in grossen Heerden.
Leo Zaleski, ein Correspondent der Zeitschrift f�r Pferdezucht in St. Petersburg, schreibt
den Ursprung der semgallischen Race einigen Pferden zu, welche Gedymin von den Tataren
am schwarzen Meere mitgebracht, und welche sein Sohn Kiejstut mit grosser Sorgfalt gepflegt und
die sp�ter der Orden der Schwertritter, welcher Semgallen wiederholt �berfiel und pl�nderte, nach
der Insel Oesel verpflanzt haben soll. Der Graf Hutten-Czapski h�lt diese Ansicht jedoch f�r ebenso
unbegr�ndet wie diejenige, welche die esthl�ndischen Klepper von pal�stinensischen Proto-
plasten ableitet; er glaubt, dass die Ostseegel�nde, welche heute von verschiedenen Nationen
bev�lkert sind, nur allein das finnische Pferd besessen haben; wenn man also das semgallische
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
Pferd f�r einen Abk�mmling der finnischen Race hielte, so w�rde man der Wahrheit am
n�chsten kommen. In der That unterscheiden sich die besseren Pferde des alten semgallischen
Schlages nur wenig von den finnischen Rossen. � Erstere haben � �hnlich wie diese �■ einen
kleinen Kopf mit flacher Stirn und etwas starken Ganaschen. Ihre grossen Augen treten
stark hervor; ihre Ohren sind kurz, werden fast unaufh�hrlich gespitzt und verleihen hierdurch
dem Aeusseren der Pferde einen Anschein von grosser Energie. Der dicke Hals des Semgallen
ist hochstehend, � meistens etwas besser aufgesetzt als der der Finnen, und bildet sich bei den
Hengsten h�ufig zum Speckhalse aus. Ihre breite Brust besitzt eine hinl�nglich stark ent-
wickelte Fleischm�sse; der gut abgerundete Leib wird von kurzen, etwas dicken, aber meist
trockenen Beinen getragen. Sie sind in der Regel kurz gefesselt und haben einen runden
glatten Huf von mittlerer Gr�sse. Ihr Hintertheil ist kr�ftig entwickelt, die Kruppe nur
wenig absch�ssig und der Schweif nicht zu tief angesetzt.
Man findet bei den meisten Pferden dieses Schlages ein gutes Temperament; sie
sind ihrem Herrn gehorsam und leisten geduldig die ihnen zugemutheten Anforderungen bei der
Arbeit, welche nicht immer mit der Gr�sse und St�rke derThiere zu harmoniren scheinen. Ihre
Widerristh�he schwankt zwischen 1,35 und 1,45 Meter; nur ausnahmsweise sieht man bei den sem-
gallischen Bauern gr�ssere Pferde. Man benutzt sie sowohl zu den verschiedenen Feldarbeiten
wie auch zum leichten Fuhrwerk. Sie zeigen bei der Arbeit eine wunderbare Ausdauer, laufen
vor dem Wagen oder Schlitten viele Meilen weit, ohne grosse Anspr�che an eine ordnungsm�ssige
Abf�tterung zu machen. Auch zum Reitdienst werden sie nicht selten benutzt; sie gehen unter
dem Sattel sehr angenehm und entwickeln selbst noch unter schweren Gewichten eine grosse
Schnelligkeit. � Fuchshaarige Pferde scheinen in Semgallen besonders beliebt zu sein; man
sagt denselben nach, dass sie ausdauernder w�ren, als Braune, Rappen und Schimmel.
Nach H�tten-Czapski ist eine der Ursachen der geringen Gr�sse dieser Pferde darin
zu suchen, dass man mit den Stuten zu roh und sorglos umgeht. Da man die Walachen leicht
zu h�heren Preisen als die Stuten verkaufen kann, so h�lt es der Wirth f�r ein grosses Ungl�ck,
wenn ihm eine Stute geboren wird, und so wird das arme Stutenfohlen auf jede Weise ver-
nachl�ssigt und oft schon im Alter von 20 Monaten vor den Wagen gespannt. Auf diese,
Weise ist es erkl�rlich, dass die zuk�nftige Mutterstute nicht immer eine befriedigende Nach-
zucht liefert und sehr h�ufig winzige Fohlen zur Welt bringt. In neuerer Zeit haben sich
mehrere der dortigen Grossgrundbesitzer angelegentlichst bem�ht, die Bauern zu einer gr�sseren
Schonung ihrer Fohlen anzuhalten und ihnen Pr�mien zu versprechen, wenn sie gut ausge-
wachsene Mutterstuten auf die landwirthschaftlichen Ausstellungen f�hrten. An einigen Orten
des Gouvernements soll der gute Erfolg einer besseren Haltung bereits bemerkbar sein. Auf
den Jahrm�rkten zu Mitau erscheint jetzt nicht selten manches brauchbare Wagenpferd, welches
von fremdl�ndischen H�ndlern gern gekauft und oft mit 130 Rubel und dar�ber bezahlt wird.
Die russische Regierung hat schon seit l�ngerer Zeit ihre Aufmerksamkeit auf die
semgallische Race gerichtet, und seit i860 durch j�hrlich wiederkehrende Ausstellungen und
Pr�miirungen die Pferdezucht in jener Gegend der Baltischen Provinzen zu heben gesucht.
b. Die Pferde in Samogitien.
Samogitien oder Schama'iten nennen die Russen und Polen jene Landschaft in West-
oder Weiss - Russland, welche zwischen Kurland, der Ostsee, Preussen und dem eigentlichen
Lithauen belegen, etwas kleiner als die Schweiz, 738,08 geogr. □ Meilen gross ist und nach
der letzten Z�hlung (1870) von 1,131,248 Menschen bewohnt wird. �
Im XIV. Jahrhundert unterwarfen sich die Bewohner dieses Landes � urspr�nglich
Letten � den Grossf�rsten von Lithauen, und von diesen wurde es sp�ter an den deutschen
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russland's pferde-racen.
Orden abgetreten; jedoch schon 1408 musste der Orden Samogitien wieder an Lithauen zur�ck-
geben, mit welchem vereinigt es dann sp�ter zu Polen kam. � Jetzt bildet diese Landschaft das
Gouvernement Kowno, und wird haupts�chlich von Imuds oder Samogitiern bewohnt, welche
gr�sstentheils recht t�chtige Ackerbauer und leidlich gute Viehz�chter sind. Man findet dort bei
den Bauern eine gr�ssere Wohlhabenheit, auch etwas mehr Bildung, als bei den echten
Lithauern; ihre D�rfer sind regelm�ssiger gebaut; sie leben meistens etwas besser und rein-
licher als diese und sind dem Tr�nke nicht gar zu sehr ergeben. � Das Gouvernement Kowno
ist sehr waldreich, fast ein F�nftel des Ganzen besteht aus grossen W�ldern, die erst in
neuerer Zeit l�ngs der Fl�sse etwas gelichtet sind. Vier Neuntel der dortigen W�lder sind
Eigenthum der Krone von Russland; in denselben sollen sich �ber 100 verschiedene Holzarten
befinden, von welchen sich die Linden im Datnowsker Walde durch ihr sch�nes Wachsthum
besonders auszeichnen. *) �
Der Flachsbau wird von den Samogitiern sehr umfangreich und �berall mit Sorgfalt be-
Pocius. Falbhaariger Heiigst der Imuds (1,50 Meter hoch.)
trieben; aber auch der Getreidebau hat in den letzten Jahrzehnten eine Besserung erfahren, die
es dem Lande m�glich macht, durchschnittlich im Jahre f�nf Sechstheile der ganzen Ernte aus-
zuf�hren. Die Ausfuhr nach Preussen betrug in letzter Zeit nahezu 700,000 Pud Getreide,
meist Roggen und Hafer. Der Entwickelung des National Wohlstandes ist hier, wie in andern
Landschaften des westlichen Russland, der Umstand hinderlich, dass der Handel und die Gewerb-
th�tigkeit der urspr�nglich polnischen oder auch russischen Bev�lkerung bislang kaum zug�nglich
war, weil beide sich daselbst in den H�nden der Juden befinden. Diese machen dort fast alle
*) In der kleinen samogitischen Stadt Smorgonyi ist der Hauptsitz der Tanzb�ren-Abrichtung und wird sie daher
auch wohl scherzhaft die B�renakademie genannt. �
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
Handelsgesch�fte und vermitteln an jedem Orte den Kauf und Verkauf von Vieh. Der Bauer
kann ohne den Beistand des Juden kaum ein Fohlen verhandeln.
An den Flussufern des Njemen und der Wilija liefert der Wiesenbau allj�hrlich ansehn-
liche Mengen Heu, welche in der Winterzeit vorherrschend zur Ern�hrung der Pferde und
Rinder verwendet werden. Sehr sch�ne Pferdeweiden kommen in der N�he der Stadt Schmuid-
ki (7 V'2 Meilen nord�stlich vonKowno) vor, und es scheint, dass seit �ltester Zeit, wahrscheinlich
seit der Regierungs-Epoche des lithauischen F�rsten Gedymen, welcher von 1315 �1324 dort
regierte, und f�r die Verbesserung der landwirthschaftlichen Zust�nde seines Reiches viel
gethan haben soll, hier das beste Zuchtgebiet der kleinen Pferde-Race in Samogitien gewesen
ist. Man nennt die Thiere jener Gegend �Schmuden" oder �Imuds" und bezeichnet sie als den
vorz�glichsten lithauischen Pferdeschlag. �
Der F�rst Michael Oginski in Kozilsk lieferte uns eine sehr gute Beschreibung (nebst
beistehenden Abbildungen) dieser Race, welche wir hier im Auszuge folgen lassen.
Fig 2.
Laugminowa. Kastanienbraune Stute der Imuds. (1,42 Meter hoch).
�Die Schmuden-Pferde haben im K�rperbau grosse Aehnlichkeit mit den schwedischen
Ponies, sind aber meistens etwas gr�sser und st�rker als diese. Sie erreichen im Durchschnitt eine
H�he von i Arschin und 14 Werschock oder 1,37 Meter. Bei sehr guter Haltung werden die
Schmuden zuweilen 2 Archin und 2 Werschock oder 1,51 Meter hoch. Diese Pferde besitzen
einen sehr sch�nen, breiten und tiefen Brustbau, einen kurzen Hals mit dickem Nacken und
sehr starker, langer M�hne. Ihr Kopf ist ziemlich klein, die Stirn breit; ihre Augen sind gross,
lebendig und deuten auf ein kluges , munteres Wesen. Ihre kurzen Ohren sind h�ufig etwas
tief angesetzt. Die unteren Gliedmassen sind kurz, trocken und st�mmig, auch meistens gut
gestellt; ihre Sehnen sind stark und die etwas breiten Hufe von guter Hornsubstanz. Ihr dicker
Schweif ist an der gut abgerundeten Kruppe massig hoch angesetzt; die Schwanz-, M�hnen-
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86
RUSSLAND S PFERDEE-K.AECN.
und Deckhaare neigen zur Kr�uselung; im Winter wellt sich das Deckhaar in der Regel sehr
stark und verleiht den Thieren einen guten Schutz geg"en die Unbilden ihres heimischen
Klimas."
Bez�glich der Haarf�rbung wird angef�hrt, dassHell- und Kastanienbraune am meisten
vorkommen, die M�usefalben aber am h�chsten gesch�tzt und von ausl�ndischen H�ndlern
haupts�chlich gesucht werden. �
Der F�rst Oginski lobt das Temperament dieser Pferde; er nennt sie gutwillig und zugleich
auch ausdauernd. Im leichten Wagen oder unter dem Reiter l�uft das Schmuden-Ross auf
schlechten Wegen in einer Tour 7 � 8 Meilen, ohne dass eine Abf�tterung nothwendig erscheint.
Auf der landwirthschaftlichen Ausstellung zu Rossieny wurden mehrere Versuche �ber
die Leistungsf�higkeit dieser Pferde im Gespanne gemacht, wobei sich herausstellte, dass die
besseren und st�rkeren Exemplare im Stande waren, eine Last von 182 Pud fortzuziehen. Be-
r�cksichtigen wir hierbei, dass man zu solchen Pr�fungsbahnen niemals die besseren Wege, son-
dern gew�hnlich einen Platz auf dem freien Felde oder auf dem Gemeinde-Anger ausw�hlt, so
d�rfen wir diese Leistungen der kleinen Pferde wohl als befriedigend bezeichnen.
In der Gen�gsamkeit scheint dieser Pferdeschlag alle �brigen russischen zu �bertreffen;
bei knappem Futter von geringem N�hrwerth verrichtet derselbe dem samogitischen Bauer alle
Feldarbeiten mit dem Pfluge, vor der Egge und Walze mit einer bewundernswerthen Ausdauer.
Die Preise, welche man f�r diese Ponies bewilligt, sind gering; man kauft dort auf den
M�rkten gute, fehlerfreie Thiere dieses Schlages im Alter von 3 bis 4 Jahren f�r 40 bis 50 Rubel;
der F�rst Oginski ist der Meinung, dass die Z�chter ihre Schmuden noch billiger verkaufen
k�nnten wenn ihnen nicht fort und fort durch Diebstahl Pferde nach Kurland undPreussen
von den Weiden, ja selbst aus dem Stalle entf�hrt w�rden.*) �
In den sechziger Jahren dieses Jahrhunders soll die Z�chtung in jener Landschaft ein
wenig zur�ckgegangen sein; an manchen Orten wurden unzweckm�ssige Kreuzungen mit
russischen Pferden vorgenommen, und in einzelnen Districten war in Folge schlechter Haltung
und mangelnder Pflege der alte Landschlag so vollst�ndig degenerirt, dass es schwer hielt,
passendes Zuchtmaterial ausfindig zu machen. �
Der Erste unter den Grossgrundbesitzern Samogitien's, welcher damals seine Aufmerk-
samkeit auf die Hebung der sehr herabgekommenen Pferde-Zucht der heimathlichen Bezirke
lenkte, war der verstorbene F�rst Ireneusz Oginski. Mit gr�sstem Eifer ging dieser ebenso
strebsame wie intelligente Landwirth an die Verbesserung des altber�hmten Pferdeschlages,
indem er j�hrlich zur Fr�hlingszeit t�chtige Hengste der Schmuden -Race, welche durchaus
frei von fremdem Blute sein mussten, in die Bauerdorfschaften schickte und sie hier gratis
die Stuten der kleinen Leute bedecken liess. � Jener F�rst hielt strenge auf sorgf�ltige Aus-
wahl der Zuchtpferde, wie auch auf eine zweckm�ssige Ern�hrung der Nachzucht. Er scheute
weder M�he noch Arbeit, die Lage seiner Bauern zu verbessern, ihre H�fe, d. h. die Felder
ertragreicher zu machen, indem er die Leute zu einer ordnungm�ssigen Bestellung und regel-
m�ssigen D�ngung anhielt. Fortw�hrend empfahl Oginski seinen Bauern, ihren treuen Geh�lfen
bei der Feldarbeit, den kleinen Schmuden, eine bessere Pflege und F�tterung zukommen zu
lassen, da ohne solche die Z�chtung nicht wieder emporkommen k�nne. Der F�rst rief
in Gemeinschaft mit anderen samogitischen Grossgrundbesitzern landwirtschaftliche Aus-
stellungen, Thierschauen ins Leben, welche j�hrlich in Retowo abgehalten wurden. Mehrere
*) Wir haben nach eigenen Wahrnehmungen auf unserer vorj�hrigen Reise durch Polen keinen Grund, an der
Richtigkeit der Aussage jenes F�rsten zu zweifeln. Es wurden damals einem befreundeten Gutsbesitzer zur Nachtzeit
zwei Pferde aus einem Stalle gestohlen, dessen Th�r nicht nur versch'ossen, sondern durch eiserne Stangen von Innen
verriegelt war. �
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87
DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
dieser Ausstellungen sollen mit 200 (und mehr) sch�nen Pferdchen der Schmuden-Race beschickt
worden sein. Die Besitzer aller besseren Thiere erhielten ansehnliche Geld-Preise und andere
Belohnungen f�r ihre Leistungen auf dem Gebiet der Pferdezucht. Manches h�bsche Fohlen
wurde vom F�rsten angekauft und meistens unverh�ltnissm�ssig hoch bezahlt, um auch auf
diese Weise die Bauern zur sorgf�ltigeren Zucht anzuregen. � Oginski's Erfolge Hessen nicht
lange auf sich warten; nach einem Jahrzehnt hatte die Z�chtung in der Umgegend von
Retowo bereits einen so grossen Ruf in ganz West- oder Weiss-Russland erlangt, dass die
Pferde der sogenannten Retowo-Race einen sehr gesuchten Handelsartikel bildeten und sich
bald �ber die ganze Landschaft auf dem rechten Ufer des Njemen bis zum Baltischen Meere
und an die Grenze von Kurland verbreiteten.
Auch J. Moerder lobt in seinem schon mehrfach citirten Werke die Schmuden-Race
und glaubt, dass sie zur Zeit der Kriege Li viand's gegen die Lithauer aus der Kreuzung von
livl�ndischen Kleppern und kleinen lithauischen Ponies hervorgegangen sei. Die besten Pferde
der fraglichen Race sollen jetzt in den Districten von Kowno, Rossieny, Schawli und Telschi
gez�chtet werden.
F. Die Pferde in Polen.
Das K�nigreich Polen oder das General-Gouvernement Warschau, im Stromgebiete
der Weichsel belegen, 2216 geogr. □ Meilen gross, mit 5,705,607 Seelen, bildet vorwiegend ein
gut bew�ssertes Flachland; nur der S�den ist durch Zweige und Ausl�ufer der Karpathen
gebirgig. � Das - Land enth�lt verschiedene weitausgedehnte Sumpfstrecken, zahlreiche
grosse Waldungen und in den Flussth�lern vortreffliche Wiesen, aber auch viel (etwa zur
H�lfte) mehr oder weniger werthvolles Ackerland. Man rechnet in Polen auf etwa 1000 □ Meilen
Waldungen etwas �ber 600 Q Meilen Ackerland und Wiesen. Der Rest besteht aus Weiden,
Unland und S�mpten. � Die Wiesen und Weiden zeigen zum gr�ssten Theil einen sch�nen
Graswuchs und es w�rden die erstem sicherlich in den meisten Jahren sehr gute Pleuernten
liefern, wenn man nur auf die Kultur derselben etwas mehr Sorg'falt verwenden wollte. � Die
Qualit�t des P'utters l�sst an manchen Orten viel zu w�nschen �brig. � Der Boden des K�nig-
reichs darf im- Grossen und Ganzen fruchtbar, in einzelnen Districten sogar recht ergiebig
genannt werden; ein betr�chtlicher Theil desselben ist als schwerer Weizenboden zu bezeichnen.
Auch Polen besitzt in vielen Kreisen Schwarzerde (Tschernosem), welche der russischen im
Werthe nicht nachsteht. �Ueberall dort, wo dem Ackerlande eine gute Kultur bereits
seit l�ngerer Zeit zutheil geworden ist, werden jetzt im Durchschnitt der Jahre befriedigende,
oft sogar reiche Kornernten gemacht. Selbst in Missjahren kann das Land noch viel Getreide
ausf�hren. In neuerer Zeit haben sich durch Einf�hrung von Colonisten (meistens Deutschen),
deren Wirhu -haftseinrichtungen und Betriebsweisen vielf�ltig Nachahmungen gefunden haben,
der Acker- und Gartenbau, wie auch die Viehzucht bedeutend gehoben. � In den westlichen
Gouvernements wird in den verschiedenen Orten Zuckerr�ben-Anbau seit Jahren mit bestem
Erfolg betrieben. Die Fabriken liefern in der Regel sehr gute Reinertr�ge und weisen Vieh-
best�nde auf, welche im Werthe, den in preussisch Polen vorkommenden Heerden keineswegs
nachstehen. � Die R�bencultur hat unstreitig auf die Pferdezucht dieser "Landestheile einen
g�nstigen Einfluss ausge�bt, indem hier die Nachfrage nach schweren, etwas gr�sseren Arbeits-
oder Zugpferden von Jahr zu Jahr gr�sser geworden ist und viele Landwirthe dazu bestimmt hat,
die Z�chtung von Rossen schweren Schlages haupts�chlich in's Auge zu fassen. Es werden
jetzt in mehreren Ortschaften des Gouvernements Warschau bereits ganz t�chtige und brauch-
bare Wagenpferde aufgezogen. �
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88                                                                    RUSSLAND's PFER.DE-RACEN.
Polen's Klima hat wegen der h�ufigen Nord- und Ostst�rme zwar nicht die Milde
unseres norddeutschen Vaterlandes, ist aber durchaus nicht so rauh, wie der gr�sste Theil von
West- und Gross-Russland. In den G�rtnereien der gr�sseren Gutsbesitzer sahen wir im
Herbst vorigen Jahres (1879) die edelsten Obstsorten reifen; selbst Pfirsiche, Aprikosen und
N�sse kommen in den meisten Jahren zur vollen Reife und guten Entwickelung. � Die Polen
(d. h. soviel wie Bewohner der Ebene) sind bekanntlich ein von der Natur reich begabtes Volk,
gew�hnlich voll starken Nationalgef�hls; geschickt und gewandt wie sie bei den meisten
Besch�ftigungen sich zeigen, k�nnten dieselben als Ackerbauer und Viehz�chter ohne
Frage recht T�chtiges leisten, wenn sie nur etwas mehr Best�ndigkeit bes�ssen und ein
wenig fleissiger w�ren.
In fr�heren Jahrhunderten hatten die Polen sowohl als Pferdez�chter, wie als Reitervolk
(Ulanen) einen sehr guten Namen. *) Die polnischen Pferde waren ihrer Gewandtheit, Schnellig-
keit und Ausdauer wegen in allen europ�ischen Armeen bekannt und beliebt; sehr h�ufig
wurden grosse Transporte dieser gesch�tzten Race �ber die Grenzen in's Ausland gef�hrt. �
Der Graf Marian von H�tten- Czapski sagt in seinem vortrefflichen Werke: �Geschichte
des Pferdes," bez�glich der Bedeutung des polnisches Pferdes in �lterer Zeit Folgendes: �Polen
hat dem Westen alle seine Dienste zu Pferde geleistet, denn das mit weiten Ebenen und wenig
K�ste ausgestattete Land stand niemals weder durch sein Fussvolk, noch durch seine P lotte in
hohem Rufe. Seine Fusstruppen waren niemals zahlreich, seine Flotte aber, an deren geh�rige
Ausr�stung wohl zuweilen gedacht wurde, wie davon die pacta conventa mit seinen Wahl-
k�nigen Zeugniss ablegen, erfreute sich nur eines einzigen Admirals, des alten Gdanski (ein
Danziger), dem Kazimir der Jagiellone auf ewige Zeiten den Titel dieser W�rde verlieh. Im
Pferde also und auf ihm beruhete die ganze Macht dieses Landes; auch war Polen seit alten
Zeiten schon als ein Stammland guter Pferde angesehen."�■ Gabriel Rzacynski, der in seinem
Werke: �LIistoria naturalis regni Poloniae" auf die Autorit�t vieler ausw�rtiger Schriftsteller sich
beruft, sagt: �Das ganze K�nigreich Polen n�hrt fast zahllose Scharen guter Pferde, welche an
Schnelligkeit und Ansehen kaum den spanischen und t�rkischen nachstehen, an St�rke und Aus-
dauer aber jene bei weitem �bertreffen. Obwohl kein Land an Pferden fruchtbarer war, so gab
sich doch das polnische Volk der Sorgfalt um dieselben mit solchem Eifer hin, dass nirgendwo,
wenngleich mit grossen Kosten aus Italien oder Thracien erworben, gr�ssere Massen von
Kampfrossen gesehen werden k�nnen als in Polen." �
Das Pferd war in Polen mit dem Leben aller St�nde so verwebt, so mit ihren Gewohn-
heiten und Sitten verwachsen, so leidenschaftlich von dem Volke geliebt, dass der grosse Kanzel-
redner Skarga mit bitterem Zorn ihm zurief: �Den Sohn der Stute habt ihr lieber als den
Sohn Gottes."
H�tten-Czapski f�hrt hierauf zur Entschuldigung der polnischen Pferdeliebhaberei an:
� Indessen darf man diese Liebe zum Pferde doch nicht f�r eine Hippomanie oder blinde Leiden-
schaft halten, es war das vielmehr ein Gef�hl, jener Freundschaft vergleichbar, von der man
sagt: man liebt den Freund wie der Reiter das Pferd, mit ihm, auf ihm herumzuschweifen �
aber solche Freundschaft reibt dem Freunde den Nacken wund."
�Das Pferd nur lieben, es zur Hatz nicht brauchen,
Heisst gleich der Henne gaken und keine Eier legen."
So war dem Menschen sein Pferd der treueste Freund und Gef�hrte, und sein Verlust
*) Das Wort ��lan'; kommt zuerst bei der ehemaligen polnischen Reiterei vor und soll von einem tartarischen
Anf�hrer der Polen namens �Ullan" herstammen.
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
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geh�rte zu den schmerzlichsten Erlebnissen. Dem Andenken des Pferdes werden Grabdenkm�ler
mit wehm�thigen Epitaphien errichtet.""
Julius Ruggiere sagt in seinem Bericht vom Jahre 1565: �Die polnischen Pf erde sind sehr
t�chtig, hochgewachsen und sch�n, im Laufe zwar weniger schnell als die t�rkischen, aber
st�rker und sch�ner; sie sind meistentheils Passg�nger und die lithauischen sind viel kleiner
und schw�cher, so dass man sagen kann, dass 10,000 polnische Reiter soviel bedeuten, wie
20,000 lithauische." Ferner �ussert sich derselbe Autor �ber die Art der polnischen Reiterei
etwa folgendermassen: �Die polnische Art, Pferde zuzureiten und sie dann vorzuf�hren, welche
vorzugsweise im Auge hatte, dass das Pferd den Schneckenlauf hin und zur�ck in m�glichst
kurzer Zeit machte, sei nichts weiter als ein sich im Kreise drehen und sollte allerlei Kunst-
st�cke zeigen." �
An einer andern Stelle sagt der zuerst gedachte Autor: �Die Kriege, welche Polen un-
aufh�rlich f�hrte, �bten ihren Einfiuss nicht nur auf den hippischen Stand des Landes, die Ver-
mehrung der Zahl der Pferde oder die Verbesserung der Race, sondern sie dienten auch als
offenes, weites Feld f�r Pr�fung und Beweis der T�chtigkeit des polnischen Pferdes. Sie hatten
f�r die Z�chtung der Gest�te in jenen Zeiten dieselbe Bedeutung, welche in.der heutigen und
auf Frieden bedachten Epoche (?) den Wettrennen allein zugeschrieben wird. Schon damals
sagte man: �Das Pferd erzeugt ein Pferd und kein Maulthier" oder auch: �Fortibus generan-
tur fortes." �
D. Iloweisky giebt in seiner Geschichte des russischen Reiches an, dass zur Zeit des
Zaren Feodor Alexjejewitsch (1676�1682) f�r die Marst�lle des Landesherrn die besten
Pferde aus Polen herbeigeholt, und andere russische Historiker theilen uns mit, dass im
XVII. Jahrhundert viele vortreffliche Reitpferde aus Polen in den Besitz russischer Bojaren
�bergegangen w�ren. Im XVIII. Jahrhundert sah man die polnischen Rosse in der �sterreichi-
schen und preussischen Armee sehr gern; sie zeigten sich meistens ausdauernder und gen�g-
samer als die deutschen Pferde.
Jahrzehnte hindurch, besonders w�hrend des Aufruhrs in diesem Jahrhundert, hat
Polen's Pferdezucht sehr darnieder gelegen; nur an wenigen Orten konnte dieselbe noch
mit Erfolg betrieben werden; die Bauern, wie die Grossgrundbesitzer hatten ihr Zuchtmaterial
eingeb�sst und zu der Beschaffung eines Ersatzes fehlten fast immer die n�thigen Geldmittel.
Die Liebhaberei f�r Rosse und Reiten � besonders f�r ein gewandtes Tummeln der
Thiere � hat sich bei den Polen bis auf den heutigen Tag erhalten. Man sieht dort viele ge-
schickte Reiter, welche ihre Pferde sicher zu f�hren verstehen. In der russischen Armee sind
die Polen als Cavalleristen �berall gern gesehen; sie zeigen sich nicht nur im Sattel t�chtig,
sondern verpflegen auch ihre Pferde nach vollbrachter Arbeit auf das Sorgf�ltigste. �
Noch k�rzlich wurde uns von einem russischen Reiter-�fficier mitgetheilt, dass die Polen
im letzten T�rkenkriege willig das letzte St�ckchen Brod mit ihren Pferden getheilt h�tten,
d. h. in dem Falle, dass die Fourage-Wagen mit dem Futter nicht rechtzeitig zur Stelle
gewesen w�ren.
Aehnliche Beweise von sorgsamer Verpflegung und grosser Zuneigung zu den
Pferden von Seiten der Kutscher und Reitknechte haben wir in Polen mehrfach erhalten. �
W�hrend der Arbeitszeit verlangt man dort meistens viel, sehr viel vom Pferde; sobald
jene aber beendigt und dieses wieder in den Stall gef�hrt ist, sorgt der polnische Herr
wie sein Knecht in bester Weise f�r das Thier. �- Das sch�nste Futter, das beste Heu wird
f�r die Pferde herangefahren, wohingegen die �brigen Hausthiere sich oftmals mit dem Heu
schlechterer Qualit�t begn�gen m�ssen. �
Wir sind � nach unseren im Herbst 1879 dort gemachten Wahrnehmungen � der
Frey tag, Russland's Pferde -Racen
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russland's pferde-racen.
go
festen Meinung, dass in Polen sehr bald wieder ein durchaus t�chtiger Landschlag, welcher
nicht allein den Bed�rfnissen der Kleinbauern, sondern auch den Grosswirthen gen�gt, aus-
gebildet und aufgezogen werden k�nnte, wenn man nur von dem sehr verwerflichen Verfahren,
die Fohlen schon im jugendlichen Alter (oft schon zweij�hrig) zur vollen, schweren Arbeit
zu verwenden, abstehen und bei der Auswahl der Zuchtstuten etwas sorgf�ltiger zu Werke
gehen wollte. � Die Leute muthen dort den kleinen, zierlichen Fohlen sehr oft Leistungen zu, die
man im westlichen Europa kaum von einem ausgewachsenen Pferde schweren Schlages ver-
langen w�rde. � Man kann sich gar nicht dar�ber wundern, dass bei dieser, in Polen seit vielen
Jahren �blichen Praxis der altber�hmte Landschlag immer mehr und mehr entartet ist und die
jetzt dort vorkommenden Rosse immer werthloser gsworden und nicht mehr entfernt das zu
leisten im Stande sind, was das altpolnische Bauerpferd sowohl im eigenen Lande, wie in der
Fremde geleistet haben soll.
Das polnische Bauerpferd, wie es heute noch in den meisten Gouvernements unver-
edelt und unverbessert vorkommt, soll aus der Kreuzung von russischen Steppenrossen mit
uralisch-tatarischen Bergpferden hervorgegangen sein. � Bestimmte, zuverl�ssige Nachweise
�ber die Entstehung der fraglichen Race fehlen uns leider g�nzlich. Der Graf Czapski sagt
dar�ber in der Encyclop�die*) der Landwirthschaft etwa Folgendes:
�Die polnische Race entstand aus der Kreuzung der alten Vandalen- und Dacier-
Pferde mit Rossen der edlen arabischen, t�rkischen und tatarischen Race. Heute ist diese
Race nicht mehr zahlreich vorhanden, aber noch am Ende des vorigen Jahrhunderts war die-
selbe in ganz Europa f�r den Dienst der leichten Cavallerie sehr gesucht."
Derselbe Autor spricht sich in seiner Geschichte des Pferdes �ber die Herkunft des
polnischen Pferdes folgendermassen aus: �Zu wiederholten Malen habe ich erw�hnt, dass die
L�nder, aus welchen Polen vorzugsweise und am liebsten seine Besch�ler holte, die �stlichen
waren. Arabien, die T�rkei und die Steppen der tatarischen Horden waren in dieser Beziehung
am h�chsten gesch�tzt. Es gab in Polen kein Gest�t, in welchem sich nicht Abk�mmlinge
des Orients befunden h�tten, und es fehlt nicht an Spr�chw�rtern, in Versen und Prosa, welche
daf�r Zeugniss ablegen; indessen verachtete man auch Pferde aus anderen Gegenden nicht.
Italienische Pferde, spanische Genets und englische Renner wurden nicht selten ebenso gesch�tzt,
wie Bedaws, Argamaks und Bachmats."
Jetzt sieht man den polnischen Bauerpferden nur vereinzelt die Verwandtschaft mit
diesen edlen orientalischen Racen an; die meisten Pferde, welche wir dort in den Bauerd�rfern
und kleinen Landst�dtchen gesehen haben, waren kleine, unansehnliche, racelose Gesch�pfe,
die mehr oder weniger grosse Aehnlichkeit mit dem Bauerklepper im n�rdlichen und westlichen
Russland zeigten und wie diese als �echte Waldpferde" bezeichnet werden k�nnten. �
Die veredelten Pferde Polen's, welche man jetzt bei den Grossgrundbesitzern und
Z�chtern zu sehen bekommt, sind Bastarde aus mehrfachen Kreuzungen mit orientalischem,
englischem und preussischem Blut. Nur in einigen Privatgest�ten werden Orientalen,
Engl�nder oder Preussen rein gez�chtet; in den allermeisten Stutereien wird aber heute
noch tapfer darauf los gekreuzt und zwar nicht �berall zum Vortheil der Besitzer wie der
Landespferdezucht. �
Wir wollen hier zuerst das gemeine Bauerpferd Polen's betrachten. Dessen Gr�sse
schwankt zwischen 1,40 und 1,50 Meter und nur in einigen Kreisen der westlichen Gouverne-
ments und in der Umgegend von Warschau sieht man in den Bauerwirthschaften etwas gr�ssere
*) Encyklopedia Rolnictwa i Wiadomosci zwiazek z niem majacych pod Redakcya J. T. Lubomirskiego,
E. Stewiskiego i S. Przystanskiego (Warszawa 1875K
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
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Pferde. � Der Kopf des Ersteren ist im Verh�ltniss zur K�rpergr�sse eher gross als
klein zu nennen; dessen Nasenlinie ist in der Regel gerade und nur ausnahmsweise begegnet
man Pferden mit einem sogenannten Hechtkopfe. Meistens haben diese Pferde ein h�bsches,
feuriges Auge, welches auf ein gutes, lebendiges Temperament schliessen l�sst. Ihre Ohren
sind mittellang und nicht zu tief angesetzt. Der lange, oft verkehrte, selten regelm�ssig
gebildete Hals ist fast ausnahmslos schlecht an- und aufgesetzt, wie auch der Kopfansatz bei
den meisten Bauerpferden unsch�n genannt werden muss.
Bei fast allen Pferden kleineren Schlages ist der Hals am Widerriste zu stark und
bei den gr�sseren Thieren gemeinen Schlages in der Regel zu schmal und zu d�nn. Das
M�hnenhaar ist grob, dick und wird oft sehr lang und h�ngt dann gew�hnlich verworren am
Kopfe und Halse nieder. Die Neigung zur Bildung des sogenannten Weichselzopfes ist bei
den Bauerpferden in Polen sehr h�nfig wahrzunehmen. Durch sorgf�ltigere Pflege der Pferde
�berhaupt und Reinhaltung der M�hnenhaare d�rfte dieser h�ssliche Fehler wahrscheinlich zu
beseitigen sein.
Wir haben viele dieser Pferde etwas langleibig gefunden; ihr Rumpf war in Verh�ltniss
zur H�he der Gliedmassen eher zu lang, als zu kurz; auch waren dieselben meistens flachrippig,
ihre Flanken oft hohl und sozusagen aufgesch�rzt. Die Brust der Thiere k�nnte etwas breiter
und tiefer sein. H�ufig ist der Widerrist nur massig hoch, der R�cken leidlich gerade, aber
nicht selten als �scharf" zu bezeichnen. � Sehr viele Individuen dieses Schlages besitzen einen
starken R�cken, der das Tragen ansehnlicher Lasten oder schwerer Reiter ohne Nachtheil zu-
l�sst. Bei manchen Pferden fanden wir eine h�bsche, ziemlich gerade Kruppe mit massig
hohem Schweifansatz, aber auch wieder bei anderen ein hohes Kreuz, welches nach hinten
stark abfiel und mit Recht �abgeschliffen" genannt werden konnte. � Ihr Schweif ist gew�hn-
lich dick und oft sehr lang. � Die Schultern sind in der Regel platt, die Schenkel h�ufig et-
was zu schwach und die H�ften hervortretend. Ihre unteren Gliedmassen sind leidlich stark
und gew�hnlich viel kr�ftiger als bei den stammverwandten Bauerpferden in Galizien und der
Bukowina (Huzzulen); meistens sind ihre Beine gut gestellt; nur vereinzelt fanden wir bei den
polnischen Bauerpferden am Hintertheile eine zu enge, kuhhessige Gliederstellung. Die Winke-
lung der einzelnen. Knochen am Hinterschenkel l�sst wenig zu w�nschen �brig, ebenso sind
auch die Fesselgelenke vorn und hinten meistens von mittlerer L�nge, normal gestellt, so dass
eine mitten durch dieselben gezogene senkrechte Linie hinter und an den Ballen auf den Boden trifft.
Gew�hnlich haben diese Pferde derbe, feste Sehnen und gute, mittelgrosse Hufe von h�bscher
Form. � Die ziemlich dicke Haut der Thiere ist immer dicht behaart. Ihr Deckhaar wird im
Winter sehr lang und oft zottig. Dunkelgef�rbte Pferde sieht man in Polen am h�ufigsten, doch
kommen daselbst auch viele Hellbraune, F�chse und Schimmel vor. Die von einzelnen Rei-
senden aufgestellte Behauptung, dass man dort auffallend viele Schecken zu sehen bek�me, k�nnen
wir nach unseren Wahrnehmungen auf das Bestimmteste widerlegen. Nur vereinzelt trifft man
dort bei den Pferden bizarre Haarf�rbungen, so z. B. findet sich bei einigen Landwirthen im Gou-
vernement Siedlec am Bug eine Liebhaberei f�r die Z�chtung von Porzellan- oder Tiger-Schecken.
Man theilte uns mit, dass die so gef�rbten oder gezeichneten Pferdchen � es waren meist
kleine Thiere von zierlichem Bau � immer guten Absatz nach dem Auslande f�nden und in der
Regel theurer bezahlt w�rden, als die einfarbigen Braunen oder Rappen. � Die Bauern einiger
polnischen Districte zeigen �berdies grosse Vorliebe f�r die schwarzhaarigen Rosse und behaupten,
dass diese besonders widerstandsf�hig gegen die Unbilden des Wetters und ausdauernder bei
der Arbeit w�ren.
Die k�rperliche Entwickelung fast aller Pferde gemeinen Schlages geht etwas langsam
von statten; unzureichende Ern�hrung der Fohlen mag h�ufig schuld daran sein. Die Thiere
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gl                                                                    RUSSLAND S PFERDE - RACES.
sind gew�hnlich erst im sechsten Lebensjahre vollkommen ausgewachsen. Bei den edleren
Halbblut - Pferden Polen's geht die Entwickelung ungleich rascher von statten, wenn auch nicht
ganz so schnell, wie bei den edlen Racen im westlichen Europa.
Ueber das Temperament der Bauerplerde lauten die Angaben verschieden; von Vielen
wird behauptet, dass dieselben in der Regel bei zweckm�ssiger Ern�hrung lebendig, fleissig und
ausdauernd, dabei aber immer t�ckisch, kopfscheu und boshaft w�ren; auch zum Beissen und
Schlagen stets grosse Neigung zeigten. Wir haben gefunden, dass in Polen neben vielen
eifrigen, neissigeri und lebendigen Thieren auch manches tr�ge und schlaffe Individuum vorkommt,
welches fort und fort mit Peitschenhieben zur Arbeit angetrieben werden muss. Der Vorwurf,
dass die gemeinen Bauerpferde fast immer b�sartig w�ren, erscheint uns nicht gerechtfertigt.
wir haben im Gegentheil dort bemerkt, dass die meisten Pferde sowohl die Peitschenhiebe wie
alle �brigen � nicht immer verdienten � Strafen, welche ihnen von Seiten ihrer W�rter und
Treiber in reichlichem Masse zu Theil wurden, geduldig hinnahmen, auch sind wir der Mei-
nung, dass in Polen, wie an anderen Orten, die B�sartigkeit der Pferde sehr oft schon im
Fohlenalter durch unzweckm�ssige, schlechte Behandlung und Neckereien ausgebildet wird,
dass aber auch anderseits durch ordentliche Behandlung und rechtzeitige Bestrafung der Fohlen
und Pferde dergleichen Unarten bald -zu beseitigen sind. �
Die Polen r�hmen sehr gern die grosse Unerschrockenheit ihrer Rosse und erz�hlen
uns hierauf bez�gliche Geschichten, die man jedoch sehr oft als Fabeln hinnehmen muss. Nach
Allem, was uns von glaubw�rdigen Schriftstellern �ber die Unerschrockenheit der polnischen
Pferde alten Schlages berichtet wird, k�nnen wir nicht bezweifeln, dass es unter ihnen
viele sehr energische, muthige Thiere gegeben hat, die � von t�chtigen, gewandten Reitern
gef�hrt � kein Hinderniss scheuten, in der Schlacht niemals Furcht vor dem Knalle der Ge-
schosse zeigten, sich immer brav dem Feuer der Carre's entgegenwarfen und zum Atta-
quiren der feindlichen Heerschaaren stets die gr�sste Neigung an den Tag legten. �■ Nach un-
serer Ansicht legen diese, der polnischen Reiterei nachger�hmten Leistungen weit mehr f�r die
K�hnheit und den Muth der alten polnischen Cavalleristen Zeugniss ab, als dass sie f�r die Un-
erschrockenheit der Pferde jenes Landes spr�chen; auch glauben wir, dass die allermeisten
Rosse jedweder Race � vielleicht mit Ausnahme sehr nerv�ser Thiere � Aehnliches leisten,
sobald nur ihre Reiter die F�hrung und Z�gelung verstehen und von den Sporen stets den
richtigen Gebrauch zu machen wissen.
Die polnischen Bauerpferde kleineren, leichteren Schlages, Thiere von 1,35 �1,40 Meter
H�he, wie solche uns heute dort noch an vielen Orten begegnen, k�nnen nimmermehr als
brauchbare Cavallerie - Dienstpferde bezeichnet werden; dieselben sind wohl f�r die Feldarbeiten
und den leichteren Zug verwendbar, werden aber keineswegs den Anspr�chen gen�gen, welche
man im westlichen Europa an ein Arbeits- und Wagen- oder gar an ein Reitpferd stellt.
Sobald man in Polen gr�ssere Lasten fortzuschaffen hat, wird ein Vier- oder F�nfgespann er-
forderlich ; selbst vor dem Pfluge sieht man h�ufig drei und vier Pferde ziehen; doch nur selten
konnte uns die Tiefe der Ackerfurchen gen�gen, wie auch die Eggen-Arbeit auf den b�uer-
lichen Feldmarken viel zu w�nschen �brig liess.
Die Futteranspr�che dieser kleinen Pferdchen sind sehr beseheidene und ungleich ge-
ringer als bei den Halbblutpferden gr�sseren Schlages. Auf diesen Umstand legt aber der arme
polnische Bauer ein grosses Gewicht; denn die Haltung seiner Pferde darf t�glich nicht mehr
als einige Kopeken kosten.
In einigen Districten der westlichen Gouvernements werden von den Bauern Pferde
gr�sseren und st�rkeren Schlages, welche f�r den Cavallerie- und Artillerie-Dienst tauglich sind,
aufgezogen. Die Z�chtung der Remonten �berl�sst man dort aber vorwiegend den gr�sseren
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4\ Ml« 7
^sx
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Druckv. E.A.Funke,Leipzig.
Art�t.
Polnische ZiichtsLute in Snopkow.
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.                                                               gj
Gutsbesitzern und P�chtern. Diese Herren verwenden meistens nur die besseren, kr�ftigeren
Stuten des alten Landschlages zur Zucht, und paaren dieselben entweder mit orientalischen
oder mit ostpreussischen und englischen Hengsten.
Wenn auch nicht immer die erste Nachzucht aus diesen Kreuzungen befriedigend aus-
f�llt, so gen�gt doch sehr oft schon die zweite und dritte Generation. Wir haben unter diesen
Kreuzungsproducten dort manches gute, brauchbare Thier bemerkt, welches unter einem
geschickten Reiter oder auch vor dem leichten Jagdwagen (im Juckergespann) ganz Beachtens-
werthes leistete ; wir liefern hier beistehend die Abbildung eines solchen polnischen Halbblut-
pferdes, welches von dem Herrn Bobrowski zu Snopk�w im Gouvernement Lublin gezogen
worden ist. Das Pferd besitzt gute Formen, normale Gliedmassen und zeigte im Wagen, wie
unter dem Reiter sehr t�chtige Leistungen. Diese braune Stute �Art�t," aus der polnisch-ara-
bischen Halbblutstute �Urocza" und dem englischen Vollbluthengste �Atylla," kann als eine werth-
volle Repr�sentantin der modernen polnischen Halbblutzucht gelten; sie fand auf mehreren
Ausstellungen gr�sste Beachtung und wird voraussichtlich auf der diesj�hrigen Thierschau zu
Warschau ihrem Besitzer und Z�chter den Staatspreis einbringen. Mehrere j�ngere Pferde
und Fohlen desselben Z�chters, welche wir auf der h�bsch eingerichteten Stuterei zu
Snopk�w gesehen haben, versprechen Aehnliches zu leisten wie die Stute � Artot" und sollen sich
im Verlauf der letzten 10 Monate sehr gut entwickelt haben.
Man trifft unter den polnischen Halbblut-Pferden manche Thiere mit guten Glied-
massen und kr�ftigem R�cken, welche bef�higt sind, ziemlich schwere Reiter ohne Nachtheil
zu tragen; auch zeigen sich dieselben meistens sehr ausdauernd, k�nnen grosse Touren �
Distanz-Ritte � vortrefflich aushalten und sind in der Regel t�chtige Fresser. Selbst bei
schlechterem Futter, z. B. bei saurem oder schlecht geborgenem Heu, einigen Kilogramm
Hafer und etwas H�cksel bleiben sie leistungsf�hig und behalten ihre h�bsch abgerundeten
Formen bei. Auch den Durst k�nnen diese Pferde nach unseren Wahrnehmungen l�nger
und besser aushalten, als manches unserer westeurop�ischen Rosse. Man versteht es dort aber
auch sehr gut, die Rosse �gen�gsam" zu erziehen.
Diese eben genannten lobenswerthen Eigenschaften der dortigen Halbblut - Thiere machen
sie als Campagne-Pferde recht brauchbar und es erkl�rt sich deshalb auch die neuerdings in
Russland wie in Preussen sehr bemerkbar gewordene gr�ssere Nachfrage nach solchen
polnischen Pferden. Man zahlt f�r dieselben jetzt ganz ansehnliche Preise', in Russland
fast ebenso viel wie in Preussen und Oesterreich f�r �hnlich gezogene Producte der hei-
mischen Racen.
Die polnischen Z�chter sprachen sich 1879 sehr befriedigend �ber die Erfolge ihrer
modernen Pferdez�chtung, sowie �ber die beim Verkauf der Thiere erzielten Preise aus. Man
hofft dort mit Zuversicht, dass Polen's Pferdezucht sehr bald wieder den guten Ruf fr�herer
Zeiten zur�ckerwerben wird.
Durch die Aufstellung geeigneter Besch�ler auf dem Staatsgest�te zu Janow, wie auf
den Privatgest�ten vieler opferwilliger Herren des alten Landadels wird jedoch � nach unserer
unmassgeblichen Ansicht -� Polen's Pferdezucht allein nicht zu heben sein; es m�ssen in
jenem Lande nicht nur von den Grossgrundbesitzern, sondern auch von den kleineren Wirthen,
P�chtern und Bauern mehr brauchbare, gut gewachsene Stuten gr�sseren Schlages bei der
Z�chtung zur Verwendung kommen.
Wir haben uns bei dem Aufenthalte in Janow mehrfach davon �berzeugt, dass die
Mehrzahl aller, den dortigen Hengsten zugef�hrten Stutpferde, kleine, unansehnliche Gesch�pfe
aus den Bauerd�rfern waren, die zur Zucht gar nicht benutzt werden sollten. Jeder Z�chter
weiss heute sehr wohl � oder sollte es wenigstens wissen �, dass .selbst der beste Hengst
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94                                                       kussland's pferde-racen.
nur in dem Falle eine gute Nachzucht zeugen kann, wenn die ihm zur Begattung vorgef�hrten
Stuten fehlerfreie und gut gewachsene Individuen sind.
Wir halten den in Polen von den Z�chtern oft geh�rten Vorwurf, dass die Kaiserliche
Gest�ts-Verwaltung in Janow oder die Ober-Verwaltung des Gest�tswesens in St. Petersburg
in der Neuzeit nicht mehr f�r die Aufstellung passender, f�r die dortigen Verh�ltnisse geeigneter
Hengste gen�gend sorgte, mindestens f�r unbegr�ndet; wir haben daselbst ein ganz gutes
Material, manchen h�bsch gewachsenen, brauchbaren Besch�ler gefunden � zum Theil Halb-
blut-Englisch, vorwiegend aber Halbblut-Arabisch �, und sind der Meinung, dass mit einem
solchen Hengst-Material sehr wohl die Verbesserung des dortigen Pferdeschlages zu erreichen
w�re, wenn nur � nochmals sei es gesagt � die zugef�hrten Zuchtstuten mit gr�sserer Sorg-
falt ausgew�hlt w�rden. � Die allbekannte Z�chter-Regel, welche lautet: �Nicht all' und jede
Stute ist zur Mutterstute tauglich, sondern nur allein das fehlerfreie, gut gewachsene Indivi-
duum," sollte auch von Polen's Pferdez�chtern beherzigt und befolgt werden; bevor dies nicht
geschieht, ist eine Besserung der dortigen hippologischen Verh�ltnisse nicht zu erwarten.
Ebenso wird man auch an manchen Orten auf die Ern�hrung und Haltung der Mutter-
stuten und Fohlen etwas gr�ssere Sorgfalt verwenden k�nnen. Es gen�gt den jungen Thieren
im Sommer der Weidegang auf den oft nur sehr mittelm�ssigen Graspl�tzen ebenso wenig, wie
das Winterfutter in dumpfigen St�llen, welches in der Regel aus etwas Heu und eingest�ubten
Scheunen-Abf�llen besteht. � Sogenannte Hungerf�tterungen der Fohlen, wie sie dort nicht
selten im Winter vorkommen sollen, k�nnen selbstverst�ndlich einen heruntergekommenen Land-
schlag nicht wieder emporbringen. Der Haferkasten darf sozusagen im Fohlenstalle niemals
leer werden; nur dann wird die k�rperliche Entwickelung der jungen Pferde rasch und gut von
statten gehen, wenn denselben neben freier Bewegung auf guten Weidepl�tzen oder im ge-
r�umigen, luftigen Stalle auch die Gelegenheit geboten wird, sich mit gesundem Hafer hin-
reichend zu ern�hren.
Wir lassen hier endlich noch einige Mittheilungen �ber die Einrichtung und den Pferde-
Bestand des kaiserlichen Hauptgest�ts zu Janow folgen und schliessen diese Beschreibung der
Pferdez�chtung in Polen mit Aufz�hlung derjenigen Pferdez�chter des Landes, welche sich in der
Neuzeit durch ihre Privat-Gest�te, Aufstellung edler Besch�ler, wie brauchbarer Mutterstuten
unleugbar grosse Verdienste um die Hebung der polnischenPferdezucht erworben haben.
Janow liegt im Gouvernement Siedlec, im Kreise Konstantinow und 19 Werst von der
Stadt Biela (Eisenbahnstation) entfernt. � Dieses Gest�t wurde im Jahre 1817 vom Kaiser
Alexander I. gegr�ndet, mit 55 Hengsten und 100 Stuten besetzt, welche s�mmtlich aus den
damals aufgehobenen Privat-Gest�ten der Herren von Potchinsky, Gavrilow, Khorochew und
Skopine stammten. Der Bestand wurde bald darauf completirt durch mehrere in England ge-
kaufte Vollblut - Hengste. 1867 wurde das Gest�t unter die Oberaufsicht der grossen Gest�ts-
Verwaltung in St. Petersburg gestellt, und gleichzeitig die Bestimmung getroffen, dass j�hrlich
im Fr�hjahr 40 Hengste auf die Besch�ler-Depots des K�nigreichs Polen kommen und sie da-
selbst die ihnen zugef�hrten Stuten der Privat-Personen gratis bedecken sollten. � Nachdem
die englischen Hengste alt und zur Zucht untauglich geworden waren, trat man in Janow die
Bestimmung, dass nur allein die daselbst geborenen und erzogenen Halbblut-Hengste (80) f�r
die Depots benutzt wurden und f�nf arabische und englische Vollblut-Hengste als Hauptbe-
sch�ler in Janow dienten. Die Zahl der Zuchtstuten wurde sp�ter bis auf 80 St�ck gebracht. �
Im Jahre 1879 fanden wir in Janow einen Bestand von 90 Hengsten vor; 7 derselben waren
reinbl�tige Orientalen, 48 Halbblutpferde des Reitschlages, 23 Halbblut - Pferde des Wagen-
schlages, 8 starke Halbbluthengste des Arbeitsschlages und endlich waren noch 4 Orlow-Traber-
Hengste im Gest�te vorhanden.
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
95
Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter und Gest�te im K�nigreich Polen.
Zuchtpferde
Hengste. Stuten.
Gebrauch.
Namen der Z�chter und Gest�ts-Orte.
Gouvernement.
1.  Krasinski, Ludvig Grf.
2.  Mysyrpsicz, Wladislaus
3.  Kronenberg, Leopold
4.  Potocki, Maurikip Grf.
1.   Bobrovsky. Anton
2.   Zamojsky, Thomas .
3.   Grabovsky, Ludvig .
4.  Lubienski Grf. . .
5.  Pollettylo, Leopold Grf
6.  Tschesiecki ....
7.  Matecki.....
Warschau:
Urdinov
Los
Schimanov
Jablonna
Snopkow
Mihalev
Syrniki
Zulin
Wo j staurice
Siedliszere
Chitin
Sieciechow
Kozenic
Rogov
Lonev             ,
Rakoszn
Siedliska
Kurozwenki
Kruschyn
Kedremb
Matawies
Osmolicy
Jarchen
Podzamcze
Holgudischki N.
Kudule
Dydwina
Krasne
Czarne
Velga
Sornuwko
Reit- u. Wagenpferde.
Reitpferde.
         Engl. - Arab.
Reit-----Engl.-Pferde.
Reit-jWagenpf. - ^2 Engl.
i)                    )j                                )>
Reit-, "Wagen-, Arbeitspf.
j>                    >j                           >>
j?                     j)                           jj
� (Engl.-Arab.)
29
24
17
11
60
32
14
32
15
36
28
32
24
17
20
21
20
15
12
18
4
4
3
3
4
4
3
3
4
1
3
3
4
3
3
3
3
2
2
1
2
3
1
3
10
4
4
4
2
2
Lublin:
Radom:
1.  Horodinski, Stanislaus
2.   Den, Wladimir . .
3.  Lewicki, Stanislaus .
4.  Moszynski, Georgius
1.   Suchecki, Ignatius
2.   Zbijewski, Michail
3.  Popiel, Martin . . .
Kielec:
1.  Lubommirki, Eugenij
2.  Rogawski, Anton . .
3.  Mikutowski, Heinrich
1.  Krasinski, Ludvig
2.  Podowski, Leon .
3.   Zamojski, Stanislaus
Piotrkow:
16
18
10
80
13
50
18
24
13
9
Wagenpferde.
           und Reitpf.
Vollblut- u. 1/2 Blutpf.
V� Bl.-, Engl.-, Arabpf.
Reit-, Wagen-u. Arbeitspf.
Reit-, Arab. u. Engl.
,, u. Wagen-Pferde.
Siedlec:
1.  de Keidel, Franz .
2.   Offenberg, Peter .
3.  Gejschtor, Zenon.
Suwalki:
1.  Krasinski, Ludwig Grf.
2.  Plionskovski, Ignatius .
3.  Mionczynski, Witold Grf.
4.  De-la Srange ....
Plock:
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q6                                                      russland's pfekde-racen.
II. Steppen - Pferde - Racen.
A. Die Pferde der Donischen Steppen.
Die Provinz des Donischen Heeres, von einigen das Land der Donischen Kosaken") ge-
nannt, umfasst 2913 □ Meilen mit 1,010,135 Einwohnern, einschliesslich der heute noch nomadi-
sirenden 21,000 Kalm�cken, welche letzteren in 3 Uluss zerfallen und in etwa 500 Filzh�tten
(Jurten) ihre Lager aufschlagen.
Das Land wird von der unteren H�lfte des Don und Donez, von der Medwjediza, dem
Choper, Tschur, der Kalitwa und dem Ssal durchfl�ssen. Zwischen dem letztgenannten Flusse
und dem See Manytsch findet sich eine sehr sch�ne Weidelandschaft mit vielen Privatgest�ten
reicher F�rsten und (sogenannter) herrschaftlicher Bauern.
Ein Viertheil der ganzen Provinz besteht aus fruchtbarem Ackerland, welches besonders
in den Flussth�lern reiche Getreide-Ernten liefert. Drei F�nftel des Landes setzen sich aus
Wiesengr�nden vorz�glichster Qualit�t zusammen, und diese gew�hren ihren Besitzern in den
meisten Jahren sch�ne Futter- und Heu-Ertr�ge, welche eine zweckm�ssige Ern�hrung der zahl-
reich gehaltenen Haus- und Heerdenthiere m�glich machen. Etwa 2,65 % des Grund und
Bodens werden als best�ndige Weide f�r Pferde, Rinder und Schafe benutzt; 2,2% sind Wald
und zum gr�ssten Theile recht gut bestanden; etwa ein Zehntel gilt als unbenutzbar, ist moorig,
sumpfig und liefert nur schlechte, ungesunde Weiden.
Trotz der strengen Winter und der h�ufigen St�rme nennen die Russen und Kosaken
das Klima jener Landschaft milde und angenehm. Man behauptet, dass der von Peter
dem Grossen am Donez eingef�hrte Weinbau vorz�glich sch�ne Reben liefere, aus welchen
allj�hrlich mehr denn 14,000 Eimer Wein gepresst w�rden. � In sehr strengen Wintern ist der
Don, wie die �brigen Fl�sse des Landes, vom November bis Mitte M�rz mit Eis bedeckt; doch
rechnet man im Allgemeinen f�r die Dauer des Winters nur die Monate, in welchen die Tempera-
tur unter 250 Reaumur herabsinkt.
*) Zur Zeit Wassily Tj�mn�i's erw�hnen die Chroniken zum ersten Mal der Kosaken (Kasaki), und namentlich
der rj�s�n'schen, gegen 1444). So wurden leichtbewaffnete Krieger genannt, welche in den s�dlichen ukrainschen St�dten
dienten, als Grenzwachen gebraucht wurden und als solche die Bewegungen der Tataren in den Steppen beobachten
mussten. Dies waren �st�dtische Kosaken." Ihren Namen entlehnten sie von den Tataren. In der Horde wurden auch
die niederen Krieger ,,Kosaken" genannt; die Krieger aus dem adligen Stande hiessen �Ulanen", und die aus dem h�ch-
sten Stande �Mursen". (Im Russischen wird jetzt �Kasak" statt des fr�her �blichen �Kosak" gebraucht, und so m�sste
es auch im Deutschen geschehen). Neben den st�dtischen Kosaken bildete sich in den Steppen eine andere Art Ko-
saken aus Russen, welche ein freies, ungebundenes Leben f�hren wollten und ein weites Feld f�r ihre Thatkraft und
Gewandtheit suchten. Das rasche, gewandte Pferd war ihnen das liebste Hausthier, ohne dasselbe erschien ihre Existenz
unm�glich. In die Steppe fl�chteten vorzugsweise Solche, denen das Leben in der Heimath unertr�glich schien z. B.
viele Leibeigene. Nach und nach bildeten sich unabh�ngige Gemeinden, welche ihre Angelegenheiten in der �Wjetsche"
(Versammlung) oder in einem Kreise (Krug) entschieden und sich selbst ihre Anf�hrer (Ataman�i) w�hlten. Die freien
Kosaken der Steppe Hessen sich gew�hnlich an fischreichen Fl�ssen nieder. Sehr oft hatten sie verzweifelte K�mpfe
gegen die benachbarten Nomadenv�lker zu bestehen, aber bisweilen verbanden sie sich mit ihnen zu Einf�llen in's mos-
kauische und polnische Gebiet und Hessen �berhaupt keine Gelegenheit vor�ber, Karawanen, die aus Russland kamen,
oder nach Russland gingen, zu pl�ndern. Je mehr die mongolischen Horden an St�rke abnahmen und sich von
den russischen Grenzen entfernten, desto mehr nahmen die Kosaken an St�rke und Zahl zu. Im XVI. Jahrhundert
hatten sie schon alle s�dlichen Steppen der Ukraine inne und zerfielen in zwei Hauptzweige: in die des Don und die
des Dnjepr oder kleinrussische Kosaken). Die Ersten bildeten sich vorzugsweise aus Fl�chtlingen aus dem �stlichen
oder moskowitischen und die Anderen aus Fl�chtlingen aus dem s�dwestlichen oder Hthauischen Russland.
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Donisches Kosakenpferd.
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
97
Die Bewohner der Provinz des Donischen Heeres betreiben die Z�chtung ihrer Haus-
thiere mit besonderer Vorliebe. Es wird nicht nur das Pferd als Reit- und Zugthier hochgesch�tzt,
sondern es werden auch verschiedene Rinder- und Schaf-Racen in sehr grosser Zahl gehalten.
Diese, wie jene, bilden die Haupteinnahme-Quellen des Landes.
Die ganze Provinz zerfallt in sieben Bezirke, von denen einer nach der Hauptstadt
Nowo-Tscherkask. die �brigen nach ihren Fl�ssen benannt werden; n�mlich erster und zweiter
Donischer, Ust-Medwjediza'scher, Ch�per'scher, Donez'scher und Miusz'scher Bezirk. � In den
beiden Donischen Bezirken wird vorwiegend Viehz�chtung betrieben, wohingegen die Bezirke
Choper und Ust-Medwjediza als die eigentliche Ackerbau-Region des Landes gelten. Hier ist
auch an manchen Orten ein weit � oft bis in's Feld � ausgedehnter und sorgf�ltig betrie-
bener Obst- und Gartenbau zu finden. � Wohlschmeckendes Gem�se, saftige Fr�chte, unter
anderen sch�ne grosse Melonen und Arbusen trifft man auf allen Marktpl�tzen.
Nach Theodor von Lengenfeldt's Berichten sind die s�dlichen Gouvernements, ganz
besonders die Landschaften der donischen Kosaken und Kalm�cken am viehreichsten. Man
rechnet hier auf 100 Einwohner 111,8 St�ck Rinder und eine doppelt grosse Zahl von Schafen der
fettschw�nzigen und fettsteissigen Racen. � Unbedeutend dagegen bleibt noch immer die Z�ch-
tung der fast g�nzlich unveredelten Landschweine.
Die letzte Viehz�hlung (1878) im Lande der donischen Kosaken ergab einen Pferde-Be-
stand von 393,100 St�ck.
Die meisten dieser Kosaken-Pferde alten Schlages geh�ren wie die der nomadisirenden
Kalm�cken einer primitiven Race an. � In jener Steppenzone entwickelte sich das donische
Pferd, wahrscheinlich die Nachkommenschaft der transkubanischen Bachmats und der tatarisch-
nogaischen Rosse, in Consequenz dessen, dass die Kosaken, weniger sorgsam als die Tataren,
der Natur freien Spielraum Hessen, in ganz eigenth�mlicher Weise. Die Pferde pflanzten sich
� volonte fort und erhielten in der Regel nicht die geringste Pflege. Die meisten derselben sind
von kleiner, nicht gerade sch�ner Gestalt, selten �ber 1,60 Meter hoch, mit einem breiten,
schweren Kopfe versehen, der an dem ziemlich feinen, mittellangen Halse nicht besonders
h�bsch angesetzt ist. Das Auge des gemeinen Kosaken-Pferdes ist nicht gross, aber hell,
etwas zur�cktretend und h�ufig melancholischen Ausdrucks. An der schmalen Stirn stehen
die ziemlich langen, sehr beweglichen Ohren enge an. Sehr h�ufig ist das Nasenbein dieser
Pferde stark gekr�mmt, nach oben gebogen, und es sollen an manchen Orten der donischen
Provinz die Thiere mit Ramsnase sehr gesucht sein; man h�lt diese Bildung f�r sch�n und ver-
achtet dort alle Pferde mit sogenanntem Hechtskopf.
Auf dem Kamme des Halses findet sich eine dicke, zottige, nicht sehr lange M�hne.
Der Widerrist ist hoch, stark geneigt, der R�cken gerade; die Lenden sind �usserst breit und
kr�ftig. Diese Pferde haben fast niemals eine niedrige Vorhand, im Gegentheil findet man oft-
mals den Fehler, dass sie dieselbe giraffenartig besitzen. � In Folge des vorz�glichen R�cken-
baues k�nnen die Kosaken-Pferde grosse Lasten lange Zeit, selbst auf schlechten Wegen, ohne
Nachtheil tragen. Diese ausserordentliche Tragf�higkeit, auch ihre kr�ftigen Sehnen, haben
sie wahrscheinlich von den asiatischen Vorfahren ererbt. � Sie zeigen unter den meist sehr
kr�ftig gebauten Reitern jener Landschaften, welche oft noch schweres Gep�ck mit sich
f�hren, eine fabelhafte Ausdauer. Ihre massig abh�ngende Kruppe, an welche ein starker
Schweif leidlich h�bsch angesetzt ist, ist ebenfalls gut und kr�ftig gebaut; erstere besitzt
eine vorz�gliche Muskulatur, auf bester Grundlage. Das ganze Hintertheil kann untadel-
haft, wenn auch nicht gerade sch�n genannt werden. So z. B. sind die H�ften, wie die Ober-
schenkelbeine lang, in der Regel auch weit kr�ftiger, als bei den meisten anderen verwandten
Schl�gen der grossen tatarischen Race, zu welcher die gemeinen Kosaken - Pferde unstreitig
Frey tag, Russlands Pferde - Racen.                                                                                                                                          i ?
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Q�                                                                              RUSSLAND S PFERDE'RACEN.
heute noch gez�hlt werden m�ssen. � Ihre H�ften und Schenkel sind l�nger und meist gerader
als bei anderen Pferden orientalischer Abkunft. Die Stellung der Hinterf�sse ist in der Regel
breit zu nennen.
Die unteren Gliedmassen dieser Thiere zeigen sich am Vorderk�rper wie am Hinter-
theile kr�ftig und fest gebaut, von derber Knochensubstanz, mit frei hervortretenden Sehnen,
welche in starke, doch immerhin trockne Muskeln �bergehen.
Die Hufe, gew�hnlich etwas gross, breit, aber von fester Hornsubstanz, besitzen eine
grosse Dauerhaftigkeit und verlangen kaum einen Beschlag. Man darf sagen, dass die Mehr-
zahl dieser Pferde mit vorz�glichen Gliedmassen auf das Beste ausgestattet ist. � Wenn uns
auf Schlachten-Bildern des neuesten russisch-t�rkischen Krieges Kosaken-Pferde vorgef�hrt
werden, welche einen traurigen, abgeschlagenen Eindruck machen, so d�rfen wir uns nicht
zu dem Glauben verleiten lassen, als entspr�chen diese Abbildungen dem. Zustande, wo-
rin sich die Rosse in der Steppe am Don befinden. Im Gegentheil trifft man gerade dort sehr
viele, kr�ftige und muthige Thiere, welche Jedermann gefallen, und deren Leistungen
selbst den verw�hntesten Sportsman befriedigen m�ssen. Man findet leider nur zu h�ufig, dass
die Zeichner, Schlachtenmaler etc. etc. mit besonderer Vorliebe schlechte Typen der fraglichen
Race zum Modell w�hlen. Andere K�nstler, welche Gelegenheit hatten, die Pferde der donischen
Steppe in ihrem Freileben kennen zu lernen und wirklich treue Abbildungen dieser muthigen,
kernigen Gesch�pfe in ihr Skizzenbuch einzutragen, liefern uns ganz andere Bilder dieses eigen-
th�mlichen Typus.
Wir verweisen auf die beistehende Abbildung eines Kosaken-Pferdes, welche unser
Zeichner nach der von uns aus der Steppe mitgebrachten Photographie angefertigt hat.
In der Regel machen die Thiere der Steppe auf den Fremden den Eindruck von Wildheit
und Unb�ndigkeit und sie sind auch in der That sehr muthig, trotzig und nicht selten b�sartig-.
Wenn jedoch das junge Pferd nicht allzusp�t von geschickter Hand gef�hrt und regelrecht zu-
geritten wird, so l�sst sich dasselbe in einigen Monaten ganz h�bsch z�hmen und zeigt dann im
Dienste meist untadelhafte Eigenschaften, namentlich gr�sste Ausdauer bei einer wunderbaren
Gen�gsamkeit. In ihrer Heimath erhalten sie gew�hnlich nur geringe Mengen reines K�rnerfutter.
sie m�ssen sich im P'r�hjahre, Sommer und Herbst gr�sstentheils mit dem Weidegrase, im Winter
mit Heu oder Stroh begn�gen, wobei wir jedoch ausdr�cklich bemerken, dass im Stroh jener
Landschaften ungleich mehr K�rner zur�ckbleiben, als bei uns, wo die Dreschmaschine selbst
die letzten kleinen K�rner aus der Aehre schl�gt.
Wenngleich das Kosaken-Pferd mehr Reit- als Zugthier ist, so wird es doch h�ufig auch
zum Zuge benutzt, wobei es aber � wenigstens im schweren Zuge � nicht immer Befriedigendes
leistet. Den Thieren dieses Schlages fehlt gew�hnlich zu gr�sseren Zugleistungen die n�thige
Kraft der Schultern und die w�nschenswerthe Brustbreite der westeurop�ischen Wagenpferde.
Nur eine einzige Race am Don, oder, besser gesagt, an einem Nebenflusse des Don, am
Bitjug, besitzt die f�r Zugpferde erforderlichen K�rperformen und Eigenschaften. � Wir wer-
den von diesem Bitjug-Pferden an anderer Stelle, unter den Racen der Schwarzerde, eine
n�here Beschreibung nebst Abbildung liefern.
Die Gangarten der gemeinen Kosakenpferde sind zwar nicht besonders h�bsch, aber
rasch und energisch. Beim Galoppiren machen sie grosse, weite Spr�nge. Zur regelm�ssigen,
nicht �bereilten Trabgangart, welche man in West-Europa vor Allem liebt, zeigen sich diese
Pferde, welche oft Passg�nger sind, nicht recht geschickt.
Ihre Bewegungen und Wendungen werden gewandt ausgef�hrt. Mit gr�sster Leichtig-
keit �bersteigen oder �berspringen sie alle Hindernisse, kommen gut nieder, und der Reiter
f�hlt sich auf seinem Thiere stets durchaus sicher.
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
Sind nun auch diese Pferde im Rennlauf nicht ganz so schnell, wie die eng-
lischen Vollblut-Renner, so kann man doch mit ihren Leistungen auch im Rennlauf wohl zu-
frieden sein.
Iwan von Moerder erz�hlt in seinem �Apercu historique sur les Institutiones hippiques
etc." von unveredelten Pferden der fraglichen Race, welche eine Wegstrecke von 6 Werst in
Minuten durchliefen, vorausgesetzt, dass das Gewicht ihrer Reiter 4 Puds (zwischen
62 und 63 Kilogramm) nicht �berstieg.
Das Kosaken-Pferd macht lang ausgreifende Schritte; in der Stunde legt dasselbe im
Schritt 6 bis 7 Werst zur�ck. Die meisten Thiere dieses Schlages zeigen bis an ihr Lebens-
ende eine grosse Ausdauer; wenn ihnen eine ordentliche Behandlung und leidlich gute F�tterung
zutheil wird, k�nnen sie bis zum zwanzigsten Lebensjahre ihren Dienst verrichten. Nicht
selten erreichen sie ein Alter von 25 bis 30 Jahren.
Von fr�hester Jugend an wird das donische Steppenpferd an grelle Witterungs-
und Futterwechsel gew�hnt; es h�lt die Unbilden des harten Winters wie die D�rre
und Hitze des Hochsommers sehr gut aus, wobei ihm sein dickes, grobes Haar wohl zu-
statten kommt. Die Deckhaare stehen sehr dicht auf der Haut, h�ngen im Winter oft
lang und zottig am K�rper nieder und sch�tzen die Thiere ebenso gegen die K�lte, wie
gegen die Insektenstiche. An der Stelle vor der Brust, wo die Pferde mit dem Kopfe die
Insekten nicht vertreiben k�nnen, bemerkt man nicht selten, in Folge dieser Stiche, kleine Haut-
entz�ndungen.
Der Steppenbewohner bevorzugt im Allgemeinen die hellgef�rbten Thiere; Schimmel.
Graue, F�chse in allen Nuancen sind ihm zum Reiten lieber, als die dunkelhaarigen Rosse.
Er h�lt jene f�r dauerhafter, z�her, und glaubt auch, dass die Braunen und Rappen leichter
Krankheiten unterworfen sind. � Wir haben jedoch auch sehr viele Braune, doch nur wenige
Rappen am Don zu sehen bekommen.
Die Sinne dieser Pferde sind sehr gut entwickelt. Ihre mittelgrossen, lebendigen
Augen zeugen von einem vortrefflichen Sehverm�gen. � Die sehr beweglichen, langen
Ohren, welche sich bei der geringsten Bewegung hoch aufrichten, deuten auf ein feines,
scharfes Geh�r. Sie wittern ihre Feinde unter den Raubthieren schon auf grosse Entfer-
nungen, wissen sich aber in den meisten F�llen recht gut zu vertheidigen. Nur die Schwachen,
Kr�nklichen oder die jungen Fohlen werden mitunter eine Beute der ihnen immer nach-
stellenden W�lfe.
Sobald eine Pferdeheerde, welche in der Regel von einem Leithengste gef�hrt ist, von
den oft in grossen Rudeln erscheinenden W�lfen angegriffen wird, laufen die einzelnen weidenden
Thiere rasch in Haufen zusammen, m�glichst in unmittelbarer N�he des Leithengstes, und ver-
theidigen sich gegen ihre Angreifer durch Schlagen mit den Vorderf�ssen, auch wohl durch
heftiges Umsichbeissen auf das tapferste. Nicht selten soll es vorkommen, dass ein kr�ftiger
muthiger Hengst einen der W�lfe mit den Z�hnen erfasst, ihn aufhebt und todtbeisst. Nur
in dem Falle, wo die W�lfe in allzustarken Rudeln auftreten, ergreifen die Pferde die Flucht,
suchen sich aber dann noch durch Hintenausschlagen m�glichst gut zu vertheidigen. Wir
haben wohl kaum zu erw�hnen, dass die Erz�hlungen einzelner Reisenden, wonach die von
W�lfen angegriffenen Pferde in einen kreisrunden Haufen zusammenlaufen, die K�pfe zusammen-
stecken und sich nur durch Ausschlagen mit den Hinterf�ssen zu vertheidigen suchen, in das
Reich der Fabel geh�ren.
Scheue, furchtsame Pferde sind auf der Steppe eine Seltenheit. Wie sich die Steppen-
pferde den Raubthieren gegen�ber muthig zeigen, so auch sollen sie bei den Raubz�gen ihrer
Herren, wir wollen lieber sagen: im ehrlichen Kampfe gegen bewaffnete Feinde, einen erstau-
13
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IOO                                                                           RUSSLAN�'s PFERDE-RACEN.
nenswerthen Muth an den Tag legen.*) Aus dem letzten russisch-t�rkischen Kriege wird mehr-
fach �ber diese Eigenschaft der Steppenpferde g�nstig berichtet.
Der Graf H�tten-Czapski sagt bez�glich des Temperaments und der Lebensweise vom
Kosakenpferde w�rtlich Folgendes: � Dieses intelligente, mit gutem Ged�chtniss begabte Thier
besitzt vorherrschend ein cholerisches Temperament mit einer geringen Dosis sanguinischen
und keiner Spur nerv�sen oder phlegmatischen Temperaments. Sein Charakter ist h�ufig j�hzor-
nig, hart, ziemlich feurig, aber etwas misstrauisch; f�r Schenkel und Kantschu wenig empfindlich,
ist das Pferd doch gehorsam und geduldig. � Es verbringt sein Leben meist unter freiem
Himmel auf der Weide, die im Fr�hling reich, aromatisch ist, im Winter aber nur sp�rliche
Nahrung bietet, die noch dazu m�hevoll mit dem harten Hufe unter dem Schnee hervorgescharrt
werden muss, und gl�cklich sind noch die Tage, wenn es, vorw�rtsschreitend, mit den Vorder-
f�ssen sich eine Furche in den Schnee graben kann, um ein wenig verdorrtes Gras zu finden.
Aber es kommen auch Tage, wo der Athem sich vor Frost in Eis verwandelt (?) und die ganze
Oberfl�che des Bodens mit blankem Eise bedeckt ist, die armen Thiere hinst�rzen und nicht
im Stande sind, die Eisdecke zu durchhauen, um etwas Nahrung zu finden. Im Sommer werd en
sie von einer unertr�glichen Hitze und einer Anzahl bissiger und stechender Insekten gepeinigt,
im Herbst aber plagen sie anhaltende Regeng�sse und eine K�lte, welche sie mit einem Eis-
harnische umgiebt, an dem die Zapfen herunterh�ngen."
Die Russen nennen die Rosse der donischen Steppe h�chst intelligente Gesch�pfe.
Man erz�hlte uns verschiedene Geschichten, die, wenn wahr, dar�ber keinen Zweifel lassen,
dass jene primitive Race an Intelligenz und Klugheit den hochgezogenen (high-bred) Vollblut-
pferden England's nicht nachsteht. Der stete Verkehr mit dem Menschen, die freundliche
Behandlung der Thiere von Seiten der Hirten machen dieselben zutraulich und verst�ndig.
Bei dem fast ununterbrochenen Zusammenleben mit jenen zeigen die Thiere bald � wie wir
uns selbst �berzeugt haben, sogar schon die einj�hrigen Fohlen � eine grosse Anh�nglichkeit
an ihre Pfleger und W�rter. Ihre geistigen F�higkeiten werden auf der �den Steppe oft in
einer Weise ausgebildet, wie man es kaum erwarten sollte. Auch die wechselvollen Stimmungen
der Natur jener Landschaften spiegeln sich gewissermassen in ihrem Leben und in ihren Geberden
wieder. Sobald ein Sturm oder ein Gewitter heranzieht, laufen sie zusammen, suchen sich
gegenseitig zu sch�tzen oder bei ihren Hirten Schutz zu finden.
Auf den besser gehaltenen Weidepl�tzen sind wohl hin und wieder Schuppen angebracht,
zu welchen die Heerden bei ung�nstigem Wetter hingetrieben werden, in der Regel aber m�ssen
sie die heissesten Sonnenstrahlen, Regen, K�lte und Schneest�rme im Fr�hjahr und Herbst
ertragen. Die Kosakenpferde sind gern th�tig, fleissig und lebendig, auch in der Regel gehorsam
und geduldig; von der Peitsche oder der Knute, welche der Kosak bekanntlich immer mit
sich f�hrt, sollte seltener Gebrauch gemacht werden, als es meistens der Fall ist. Auch die Z�gel-
f�hrung der Kosaken ist bel�stigend f�r die Thiere und schwer zu nennen. Wir haben wenigstens
bei vielen Reitern der Steppe eine Z�gelf �hiung wahrgenommen, die man bei westeurop�ischen
Pferden niemals in Anwendung bringen d�rfte. Es ist nicht zu leugnen, dass das Zureiten
manches jungen Steppenpferdes oft mit Schwierigkeiten verbunden ist und einen ebenso
t�chtigen, wie k�hnen Reiter verlangt, doch ist es auch bekannt, dass in dem Kosaken-
reitervolke sich viele Individuen finden, welche eine �derbe," �harte" Faust besitzen, die das
feine Gef�hl des Pferde-Maules durch ihre Z�gelf�hrung verderben und die Thiere �hart-
m�ulig" machen.
*) Iwan von Moerder: �Parmi ces chevaux on rencontre rarement un sujet craintif; le cheval du Don va
toujours droit, ne reculant devant aucun obstacle, pas meme devant le feu de Pennemi.
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
IOI
Was nun die in neuerer Zeit vorgenommenen Veredelungen des Kosakenpferdes alten
Schlages anbetrifft, so f�gen wir dar�ber noch das Nachstehende an.
Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts unternahmen es mehrere Hetmans, in besonders
g�nstig belegenen Distrikten am untern Don, durch Einf�hrung edler orientalischer Hengste,
welche als Besch�ler f�r die bestgebauten Kosaken-Stuten benutzt wurden, die alte, primitive
Race zu verbessern. Diese Heerden reicher Leute wurden sehr bald Pflanzschulen der aus-
gezeichnetsten Besch�ler des Orients wie des Occidents.
Als hervorragende Z�chter werden von den russischen Hippologen damaliger Zeit
folgende Atamane genannt: Der Graf Platow, D. J. Ilovaisky und der General Martynow,
welche alle drei mit grosser Ausdauer das schwierige Gesch�ft der Veredelung ihrer grossen
Pferdeheerden leiteten und meistens selbst �berwachten. Sp�ter (1844) erwarb sich der Hetman*)
V. D. Ilovaisky durch sorgf�ltigere Z�chtung der Pferderace am untern Don grosse Verdienste.
Derselbe errichtete in verschiedenen Stanitzen**) (d. h. Niederlassungen, Dorfschaften der Ko-
saken) geh�rig �berwachte Gest�te, in welchen, nicht mehr wie fr�her allgemein und zum Theil
noch heute an manchen Orten der Steppe, die Hengste zusammen mit den Stuten auf die Weide
getrieben, sondern getrennt von diesen gehalten, und den rossigen Stuten, nach vorausgegan-
gener Wahl von Seiten der Gest�tsdirigenten, die Besch�ler zugef�hrt wurden. � Jener kundige
Hippologe scheint dort zuerst den �Sprung aus der Hand" eingef�hrt zu haben. Man erz�hlte
uns, dass es ihm auf diese Weise in verh�ltnissm�ssig kurzer Zeit gelungen sei, einen sehr
sch�nen Pferdeschlag auszubilden, welcher nach ihm selbst �der Ilovaisky'sche" genannt wurde.
� Sein Gest�t enthielt in den verschiedenen Tabunen etwa 500 Stuten und 34 Hengste von
hochedler orientalischer Race. Der Graf Platow, welcher der Kaiserin Catharinall. Hetman im
Kaukasus war, schickte mehrfach pr�chtige arabische Hengste in das Gest�t des Grafen Orlow-
Tschesmenski, versorgte gleichzeitig aber auch mehrere Stanitzen am Don mit edlen Besch�lern,
und f�rderte so nicht unerheblich die Veredelung vieler Tabunen. Im Jahre 1806 hatte er eine,
aus meist edlen arabischen Pferden bestehende Tabune am Kuban erworben, welche er in seine
Bezirke schickte und zur Veredelung der Landrace verwenden liess. Die besten Weiden wurden
f�r diese Zucht ausgesucht, sorgf�ltigst wurde diese �berwacht und alles vermieden, was ihr
schaden, sie vielleicht zur�ckbringen konnte. Iwan von Moerder sagt von dieser Tabune, dass
sie den Kern der veredelten Pferde-Race des ganzen donischen Kosaken-Landes gebildet habe
und letztere mit vollem Rechte �die Platow'sche" genannt wurde. � Obwohl nun diese Race sich
mit der Zeit wieder ver�ndert hat, so liefert sie doch noch heute in einigen Heerden, z. B. in
derjenigen Persianows, Pferde mit arabischer Figur, welche meist weiss geboren werden.
Endlich w�re noch �ber die hippologischen Leistungen des Generals Martynow anzu-
f�hren, dass dieser tapfere Kosakenf�hrer im Jahre 1809, als er von Danzig zur�ckkehrte, sehr
sch�ne und starke d�nische Stuten mit in sein Vaterland brachte, die er von den besten
arabischen Hengsten des Orlow'schen Gest�ts bedecken liess. So erzielte er eine Nachkommen-
schaft, welche sich durch grosse Statur, Kraft und sonstige gute Eigenschaften vortheilhaft
*) Hetman oder Ataman nennt man das Oberhaupt, den Herzog der Kosaken. Zuerst wurde den donischen
und ukrainischen Kosaken 1576 vom polnischen K�nig Stephan Bathori das Recht gegeben, sich einen Hetman aus
ihrer Mitte zu w�hlen, der aber von dem K�nig best�tigt, mit seiner W�rde belehnt und durch Uebergabe eines Stabes,
der Fahne und des Siegels eingesetzt wurde; seine Eink�nfte bestanden in einem Theil der Krong�ter und Z�lle. Nach-
dem unter russischer Herrschaft die alte Macht des Ataman geblieben war, wurde nach Mazeppa's Verrafh 1708 von
Peter dem Grossen die W�rde des Hetmans auf das Amt eines Gouverneurs herabgesetzt, sp�ter unter Catharina II, nach
Pugatschew's Aufstand, der Ataman der ukrainischen Kosaken ganz aufgehoben. Die donischen Kosaken haben noch
immer einen Hetman, doch war jener Graf Platow der letzte, welcher seinen Sitz und Wohnung unter ihnen hatte;
jetzt wird der Hetman aus den Generalen der regul�ren Kosaken gew�hlt und ist ganz vom Kaiser abh�ngig.
**) ,,Stanitza" hiess urspr�nglich ein Trupp oder Haufe von Kosaken; ein von Kosaken bewohnter Flecken
aber wurde �Gesodok" genannt.
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102                                                                  russland's pferde-racen.
auszeichnete, auch sehr wohl im Stande war, alle Entbehrungen auf der Steppe ohne Nach-
theil zu ertragen. Die Erben des Generals besitzen diesen werthyollen Pferdeschlag leider nicht
mehr; derselbe wurde vor l�ngerer Zeit verkauft und nur ein kleiner Theil jenes Stammes
ging in den Besitz des kundigen Pferdez�chters Basil Ilova'isky �ber. Mit diesem hat letzt-
genannter Hetman in neuerer Zeit (1836) Kreuzungsversuche in der Weise vorgenommen, dass
er seine Stuten zu Prowal mit persischen, karabachischen und anderen orientalischen Hengsten
belegen liess. Die Nachzucht fiel in jeder Beziehung befriedigend aus. Sie lieferte viele sch�ne,
schnelle Reitpferde, welche nicht nur von russischen, sondern auch von ausl�ndischen H�ndlern
gern gekauft und verh�ltnissm�ssig theuer bezahlt wurden. � Seit den letzten 40 Jahren
gedeihen am Don in zwei Tabunen zwei verschiedene Racen, n�chst der Platow'schen jedenfalls
die besten Pferde jener Bezirke. Die Tabunen enthalten theils karabach'sche, theils Martynow'sche
Pferde, im Ganzen etwa 600 St�ck. Nach H�tten - Czapski's Angaben haben sich diese Racen
durch Verkauf, Geschenke und Diebstahl am Don der Art stark verbreitet, dass man sagen kann,
sie bilden die H�lfte aller donischen and kalm�ckischen Tabunen. Man kann dieselben
schon von Weitem erkennen, sie haben n�mlich gr�sstentheils ein goldbraunes Deckhaar, einen
hohen Wuchs und die eleganten Formen und Bewegungen der edeln Orientalen.
Ausser den oben genannten M�nnern haben sich in der allefneusten Zeit noch verschie-
dene andere Grossgrundbesitzer, ja selbst herrschaftliche Bauern in den Steppen am Don durch
ihre ebenso umfangreich, wie zweckm�ssig betriebenen Zuchten veredelter Pferde einen guten
Namen erworben. Hierdurch erkl�rt es sich auch, dass jene Provinz augenblicklich vor anderen
im Stande ist, die Nachfrage nach brauchbaren Officier-Reitpferden decken zu helfen.
Ein deutscher Officier, welcher vor einiger Zeit Gelegenheit hatte, die Pferdez�chtung
am Don kennen zu lernen, schreibt uns bez�glich der dortigen Race Folgendes: �Durch sorg-
f�ltige Zuchtwahl haben sich die Formen dieser Pferde wesentlich versch�nert, auch sind sie
gr�sser und st�rker geworden, so dass im Allgemeinen die Figur des preussischen leichten
Cavallerie-Pferdes erreicht worden ist. Der dadurch f�r die russische Cavallerie erreichte
Vortheil ist sehr bedeutend. W�hrend fr�her die Regimenter nur ausnahmsweise donische
Pferde einstellen durften, sind bei der Remontirung*) 1875 drei F�nftel der Gesammtzahl do-
nischer Abkunft gewesen resp. aus donischen Gest�ten entnommen. Die Gegner der Neuerung
behaupten, dass unter der Ver�nderung die eigenth�mliche Qualit�t des donischen Pferdes et-
was gelitten habe, namentlich dessen ausserordentliche Widerstandsf�higkeit gegen klimatische
Einfl�sse und Entbehrungen. � Solche veredelte donische Pferde haben aber auf der Rennbahn
erfolgreich mit englischen Vollblut-Pferden mehrfach concurriren k�nnen, wie noch in diesem
Sommer (1878) in Zarskoje-Selo, ohne, nach vollbrachter Arbeit, einen �ausgepumpten" Eindruck
zumachen. Es kann daher behauptet werden, dass man f�r das militairischeBed�rfniss in jenen
Landschaften am Don auf dem richtigen Wege ist, um so mehr, als in Folge des Zur�ckgehens
der Reitschlage - Zucht im �brigen Russland (?) die Provinz der donischen Kosaken bald die
Hauptressource f�r die Remontirung der Cavallerie sein wird."
In Nowo-Tscherkask am Don finden allj�hrlich 4 bis 5 grosse Wettrennen f�r Pferde
der englischen Vollblut-Race (in Russland geboren) statt; ausserdem werden daselbst auch
Rennen f�r Pferde der donischen Steppen-Race abgehalten. Bei den letzteren werden die
Pferde nicht von Jokeys, sondern von Herren oder Officieren des donischen Heeres geritten. �
Hin und wieder finden dort auch sogenannte Volks- oder Bauern-Rennen statt, bei welchen
die gemeinen Kosaken ihre eigenen, selbst gezogenen Pferde reiten.
Bei den meisten dieser Rennen werden in der Arena verschiedenartige Hindernisse
*) Remontirungsbedarf f�r Cavallerie und Artillerie j�hrlich 8000 Pferde.
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DIE K.ACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
I03
hergestellt oder man w�hlt zu diesem Zwecke als Rennbahn ein koupirtes Terrain mit nat�r-
lichen Hindernissen aus. Im Jahre 1879 wurde an genanntem Orte ein Officier-Wettrennen
auf einer sechs Werst langen Bahn abgehalten, und ausserdem fanden daselbst noch vier Bauern-
oder Kosaken-Rennen statt, von welchen zwei auf einer 8 Werst, eins auf einer 9 Werst und
das letzte Rennen auf einer 15 Werst langen Bahn geritten wurden. � Bei allen Rennen war
die Betheiligung eine sehr befriedigende; es gingen beispielsweise bei dem letzten Rennen
12 Pferde �ber die Bahn und bei den Rennen auf k�rzern Entfernungen liefen 20 und mehr
Pferde. Bei den Flachrennen und k�rzerer Distanz (bis zu 8 Werst) durchlief das erste Pferd
die Werst in 2 Minuten und 15 Secunden. Auf der 15 Werst langen Bahn kam das erste
Pferd nach 40 Minuten und 2 Secunden am Ziele an, das letzte hingegen erst nach 55V2 Minuten.
S�mmtliche Thiere erschienen nach vollbrachtem Rennen durchaus munter und keineswegs so
ersch�pft, wie viele englische Vollblut - Pferde, wenn sie eine 6000 Meter lange Bahn durch-
laufen haben. Die Leistung der donischen Kosaken-Pferde, besonders ihre Ausdauer im Renn-
lauf, sind �ber alles Lob erhaben.
Nach H�tten-Czapski zerfallen die jetzigen Tabunen und Gest�te am Don in folgende
Gruppen: 1. Die Militair-Pferde-Pepiniere. 2. Die Gemeinde-Heerden in 108 St�nden, die in Jurten-
Steppen nomadisirend weiden. 3. Privat-Heerden in der Zahl von 104, welche in der Steppe jen-
seit des Don an dem Flusse Manicz weiden. 4. 150 kalm�ckische Tabunen in den Steppen.
5. Eine Menge kleinerer Heerden und Gest�te, welche, auf dem rechten Ufer des Don Besitzern
in verschiedenen Kreisen geh�rend, nicht f�r militairische Zwecke unterhalten werden.
Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter und Stutereien in der Provinz des Don'schen Heeres.
Zuchtpferde
Hengste. Stuten.
Lage der Stutereien.
am Fluss Manischki
am Fl. Mittel-Jegorlicka
Kugulta....
Emuita ....
am Fl. Mittel-Jegorlicka
Mittel-Ajul....
am Fluss Manischka
Chomutetz .
Ober-Ajul ... .
am Fl. Mittel-Jegorlicka
do.
Mittel-Ajul. . .
am Fl. Mittel-Jegorlicka
Chonsula . . .
Ajul .....
am Fl. Mittel-Jegorlicka
Daselbst.....
am Fluss Manischka .
am Fl. Mittel-Jegorlicka
Ajul......
am Fl. Mittel-Jegorlicka
Namen der Z�chter.
16
200
] «
00
314
16
24I
26
28o
17
211
15
2IO
24
300
24
30I
32
440
38
433
48
624
} 46
59°
28
360
15
206
21
312
25
280
l8
216
21
240
50
500
I. Westlicher Theil, jenseit des Don.
Birjukoff's, Timofei, Erben.......
SolotarefFs, Peter, Erben
Solotareff, Basil, Oberst........
Scherebkoff, Iwan ....         .....
Ilowaiski, Stefan (Staats-Rath) u.Fr�ul.Elisabeth
Iljiri's, Nicolai (Heeres-Aeltester), Erben . .
Karaseff, Iwan...........
Kirsanoff, Feodor, Oberst, Frau Alexandra .
Konkoff, Maria, Frau Oberst......
Konkoff, Emeljan, General-Major.....
Kulgatscheff, Alexei, General-Major ....
Kuleinikoff, Stefan, General-Major ....
Menschikoff, Wladimir, F�rst, General-Adjutant
Derselbe.............
Mitrofanoff, Basil, General-Major, Frau Maria
Platoff, Matwei, Graf, Kammer-Junker . .
Posdeijeffs, Boris, Titular-Rath, Erben . .
Sarinoff's, Nicolai, Rittmeister, Erben . . .
Trubetzkoi, Peter, Sophie & Maria, F�rstin .
TscherefFkoff, Barbara, Frau Lieutenant . .
Andrijanoff, Natalia, Fr�ulein, Tochter des
General-Majors..........
Tschernosubof, Gregor, Oberst.....
Tm westlichen Theile sind im Ganzen 53 Stutereien mit 837 Hengsten und 10,149 Stuten.
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Zuchtpferde
Hengste. Stuten.
Name der Z�chter.
Lage der Stutereien.
Bemerkungen.
II. Oestlicher Theil, jenseit des Don.
Wedernikof's, Iwan, Erben ......
Grekof, Michael, Wirklicher Staats-Rath .
Iwanof, Michael . . . .�......
Kop�lkof, Andreas, Oberst......
Kop�lkof, Alfanasii.........
Krjukof, Peter, Lieutenant......
Lottoschnikof, Dmitri, Major.....
Markof, Michael, Oberst.......
Menschikoff, Basil, F�rst (General-Adjutant)
Naumowa, Anna, Wittwe.......
Poljakoff, Alexei, Oberst.......
Poljakoff, Victor..........
Poljakoff, Dmitri..........
Poljakoff, Iwan..........
Poljakoff, Michael, Lieutenant.....
Poljakoff, Nicolai.........
Poljakoff, Fedosei.........
Popof, Alexander, General-Major . . .,
Sawnikof, Iwan, Kaufmann......
Sari not, Basil, Oberst........
Sarinof, Iwan, Lieutenant......
Choperski, Feodor, Oberst......
Tscherefkof, Peter (Amts-Altester) .
Tschernosubowa, Katharina, Wittwe . .
Nagornaja . . .
Schumkoba
Tschekolda . .
Bulutka ....
Daselbst
Suchaja-Tolenka
Tchernosubowa .
Gorodijche . .
Tschekolda . .
Tuschkanschik .
Chorewa
Chorewa . . .
Troinaja . . .
Starikowa . . .
Chorewa . . .
Malaja-Kuberlja .
Troinaja . . .
Chorewa
Tolenka
gr. Kuberlja . .
Daselbst . . .
Kresti . . . .
Kamenaja .
Troinaja . . .
Reit- u. Wagenschi
24
23
15
19
21
20
30
22
53
20
22
18
25
25
16
21
21
37
40
26
22
19
28
20
212
250
204
243
247
l80
240
291
645
327
282
220
273
289
240
244
341
571
379
239
296
232
300
Im �stlichen Theile jenseit des Don giebt es jetzt 46 Stutereien mit 830 Hengsten und 9806 Stuten und in beiden
Theilen zusammen 99 Stutereien mit 1667 Hengsten und 19,955 Mutterstuten.
Bezirk Tscherkask, diesseit des Don.
Samtschalofs Erben.......
Kusnezof, Iwan, Kosak......
Persijanof. Michail Iwanow.....
Bokof Paula, Generalmajors-Wittwe
Gorskof Stephan........
Kamennof Iwan.........
Kosmyn Basil.........
Kolonie Samtschalowo
West. Manischkischer
Stan......
Rodrikof's Kolonie
im Iljinskyschen Amt .
Bolsche-Neswitaisky im
S�den von Nowo-
Tscher - Colonie Mi-
chailofs.
im Jljinskischen Amt
Nischni Politschki .
Staro-Tscherkaski Stan:
Reit- u. Wagenschi.
170
80
87
48
40
36
Don'scher (Reit.)
Im Ganzen existiren in den sieben Bezirken der Provinz des donischen Heeres diesseit des Don 368 Stutereien
mit 522 Hengsten und 5456 Mutterstuten.
&.
3i
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.                                                              I05
B. Die Pferde der Kalm�cken,
im Gouvernement Astrachan.
Die westlichen Mongolen oder Kalm�cken, auch Oi'raten genannt, wohnen in der
Dsungarei, vom Altai und Ubsa-See nach Westen hin bis an die �Grosse Kirgisen-Horde", und
von den Grenzen Russland's s�dlich bis an den Himalaya. Die altai'schen oder schwarzen
Kalm�cken bewohnen das Gouvernement Tomsk, die Landschaften n�rdlich und s�dlich vom
Altai', bis an die chinesische Grenze. � Ueber die Pferdez�chtung in diesen L�ndergebieten
haben wir am anderen Orte berichtet,*) und beschr�nken uns hier auf eine Beschreibung der
kalm�ckischen Pferde, wie solche jetzt noch im europ�ischen Russland am Don und der Wolga
vorkommen.
Etwa um die Mitte des XVII. Jahrhunderts (nach Moerder's Angaben schon 1630).
brach ein Theil des kalm�ckischen Hauptstammes aus der Dsungarei auf, wandte sich dem
Ural und der Wolga zu, suchte hier neue Weidepl�tze f�r seine zahlreichen Viehheerden auf
und unterwarf sich freiwillig dem russischen Czar.
N�rdlich vom Kaukasus, in den unabsehbaren Steppen des Gouvernements Astrachan,
zwischen dem Schwarzen Meere und Caspischen See, sind die Kalm�cken jetzt �ber eine
Fl�che von 1500 D Meilen verbreitet.
Das Gouvernement Astrachan, 4076,63 geogr. QMeilen gross, mit 573,954 Bewohnern,
bildet die eigentliche Wolga-Niederung und ist �berall flach, eine �de Steppe, voller Salzlachen,
von Triebsand bedeckt und mit wenig fiiessendem Wasser versehen. � Neueren Angaben zufolge
giebt es unter den Bewohnern dieses Gouvernements 130,000 Kalm�cken. Seit die Hauptlinie
ihrer Erbf�rsten erloschen ist, haben sich viele Kalm�cken vom Gouvernement Astrachan aus,
theils nach dem Don hingezogen und den Donischen Kosaken beigesellt, theils nach dem Ili
hin zur�ck nach Asien gewandt.
Der Khan dieser westlichen Kalm�cken residirt in Krasni-Jar an der Wolga.
Fast alle Kalm�cken sind Anh�nger des Schamanismus. In ihrem Wesen sind dieselben
munter, neugierig, sorglos, gastfrei, dienstfertig, aber schmutzig und meistens dem Tr�nke ergeben.
Der Arme lebt mit dem Reichen. Ihre Wohnungen bestehen aus kegelf�rmigen Filzzelten, die
oben eine Oeffnung haben. Da das Volk ein Nomadenleben f�hrt, so werden die Zelte bei dem
Abz�ge mit den Viehheerden abgebrochen und erst auf dem neuen Halteplatze wieder aufgestellt.
Ihre Hauptbesch�ftigung ist Viehzucht, Jagd, Spiel im Pferderennen etc. Mit dem Ackerbau be-
sch�ftigt sich nur ein sehr kleiner Theil dieses Volksstammes. Die westlichen Kalm�cken besitzen
ungef�hr**) 500,000 Pferde, 150,000 Rinder, 800,000 Schafe (der Fettsteissracen) und 23,000
Kamele und Ziegen.
Nach den Angaben russischer Geschichtsschreiber besassen die Kalm�cken an der
Wolga im XVII. und XVIII. Jahrhundert weit mehr Pferde als jetzt. � Russische Kaufleute
kamen wahrscheinlich schon um die Mitte des XVII. Jahrhunderts des Handels wegen zu
ihren Lagern oder Jahrm�rkten nach Czarny-Jar und anderen Orten, wohin schon damals die
Kalm�cken ihre Pferde in grosser Anzahl trieben, um sie zu verhandeln. Erst seit 1771 soll
der Antrieb kalm�ckischer Pferde zu diesen M�rkten geringer geworden sein. Eine Reihe
*) C. Freytag: �Die Pferde - Racen des Orients und der s�deurop�ischen Staaten." Halle 1874.
**) Jean Moerder: Apercu historique sur les Institutions hippiques et les Races chevalines de la Russie.
,,11 serait difficile de fixer meme approximativement, le nombre des chevaux appartenant aux Kalmoucks, mais ce
norabre est tres - considerable , car on compte de 100 � 150,000 kibitkas, et plusieurs proprietaires possedent jusque
3000 chevaux."
Frey tag, Russland's Pferde-Racen.
14
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lO�                                                                              RUSSLANDS PFERDE-R AC EN.
von strengen Wintern hatte ihre Heerden stark decimirt; auch soll Ende des vorigen Jahr-
hunderts in manchen kalm�ckischen Lagern die Rindviehzucht umfangreicher als die Pferdezucht
betrieben worden sein. Endlich wird auch noch erw�hnt, dass die donischen Kosaken und
Tataren, diese geriebenen Pferdeh�ndler, den gutm�thigen Kalm�cken das beste Zuchtmaterial
aus ihren Pferde-Tabunen ausgesucht und abgehandelt h�tten, wodurch die Pferdez�chtung der
letzteren eine Zeit lang grosse Einbusse erlitt.
Verschiedene unserer �lteren hippologischen Schriftsteller waren der Meinung, dass die
Kalm�cken-Pferde Sibiriens, am Altai' und die an der Wolga ein und derselben Race ange-
h�rten; neuere Untersuchungen haben jedoch das Gegentheil ergeben. Die sibirischen Kal-
m�cken-Pferde geh�ren vielmehr zur Gruppe der Berg-Rosse, wohingegen die an der Wolga
echte Steppenpferde sind, und als solche zu den Thieren der Ebene gerechnet werden m�ssen. �
Es liefern uns diese Pferde wieder einmal den Beweis, dass nicht die Abkunft aus diesem
oder jenem Lande, von diesen oder jenen Vorfahren allein die Race bildet, sondern dass
dauernde Einfl�sse, Gebrauchsweisen, Haltung, F�tterung etc., welche zum Theil durch die
Natur, andrerseits durch die Hand des Menschen geboten und veranlasst werden, und welche
von Generation zu Generation am neuen Zuchtplatze (nahezu) dieselben bleiben, eine Umbildung
der Stamm-Race verursachen und neue Formen und andere Charaktere ausbilden k�nnen.
Die Pferde des Altai', welche in ihrer bergigen und felsigen Heimath zum Lasttragen
verwendet und wesentlich anders ern�hrt werden als die Kalm�cken - Pferde an der Wolga,
haben � abgesehen von vielen anderen Eigenschaften � einen viel st�rkeren R�cken, auch
k�rzere und kr�ftigere Beine, als diese Kalm�cken-Pferde der Steppe; nur zwei Eigenschaften haben
sie mit einander gemein, n�mlich den Hirschhals und die sehr stark entwickelten Schweif-Muskeln,
wodurch sich das hohe Schwanztragen dieser Pferde erkl�ren l�sst.
Die kalm�ckischen Pferde im europ�ischen Russland sind ebenso wenig sch�n gebaut,
wie die in Sibirien, doch sollen letztere in der Regel noch h�sslicher geformt sein, als die
Thiere an der Wolga. Diese sind gew�hnlich von mittlerer Gr�sse, etwa 1,45 bis 1,47 Meter
hoch. Ihr meist schwerer Kopf ist l�nglich geformt, massig breit in der Stirn und starkknochig
im Unterkiefer. Das Nasenbein ist bei vielen Individuen convex aufgebogen. Ihre Ohren sind
von mittlerer L�nge und werden gut getragen. Die lebhaften Augen dieser Pferde deuten
auf ein feuriges Temperament. Der lange Hals ist fast immer verkehrt, tief aufgesetzt und
steigt in einem nach unten und vorn gerichteten Bogen in die H�he. Der untere Halsrand
erscheint h�ufig platt und breit. Das Genick ist meistens etwas kurz und die Ohrdr�senpartie
stark gef�llt, so dass ihr Kopf, bei breiter Ganaschenbildung und hohem Ans�tze, eine mehr
horizontale, als senkrechte Stellung bekommt und hierdurch die Pferde in der Regel als Stern-
gucker bezeichnet werden k�nnen. Ihr Leib ist ziemlich gedrungen und erscheint h�bsch
abgerundet, sobald nur den Thieren eine leidlich gute Nahrung zutheil wird. Das kr�ftige
Kreuz ist in der Regel etwas abgeschliffen und ihr Schweif massig hoch angesetzt.
Bei vielen Pferden dieser Race sind die H�ftbeine ein wenig hervorstehend; die unteren
Gliedmassen besitzen eine feste Musculatur, derbe Sehnen und fast ausnahmslos gute, feste
Hufe, welche meistens normal gestellt sind. � Ihre, zu den R�hrenbeinen verh�ltnissm�ssig
langen Vorderarme bef�rdern den r�umigen Schritt dieser Pferde. Das M�hnen- und Schweif-
haar ist stark, wird ziemlich lang und selten von den Kalm�cken beschnitten. Ihr Deckhaar
ist im Sommer sehr kurz und gl�nzend, im Winter aber stets lang und zottig. Bez�glich der
Haarf�rbung ist anzuf�hren, dass man Rappen am seltensten unter ihnen findet; Schecken
und Tigerpferde sieht man h�ufig, aber Dunkelgraue und Schimmel gelten f�r die besten,
raschesten Thiere deser Race. Auch Hellf�chse sollen an einigen Orten der Kalm�cken-Steppe
sehr beliebt sein. � In Russland r�hmt man die Dauerhaftigkeit dieses Schlages und sieht
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.
I07
deshalb immer gern kalm�ckische Rosse in der leichten Reiterei. � Ihre Gangarten sind leicht,
behende, schnell und rasch f�rdernd.
Die meisten dieser Pferde haben einen etwas wilden, unb�ndigen Charakter und ein scheues
Wesen, was sich durch die rohe Behandlung erkl�rt, welche ihnen gew�hnlich von Seiten der Kal-
m�cken zutheil wird. Nur ausnahmsweise geht der Pferdew�rter und Hirt gut mit den Thieren
um; schon bei der ersten Z�hmung werden sie sehr oft roh behandelt und bleiben desshalb
auch gew�hnlich bis an ihr Lebensende misstrauisch. Gegen Bekannte, wie Fremde zeigen sie
sich meist t�ckisch. � Die Wildheit ihres Charakters erkl�rt sich aber auch dadurch, dass sie
in ihren heimathlichen Steppen gr�sstentheils unter freiem Himmel umherstreifen und hier volle
Freiheit gemessen. � Bei dieser Lebensweise geht ihre k�rperliche Entwickelung fast ausnahms-
los etwas langsam von statten. Sie sind meistens erst im sechsten Lebensjahre voll ausge-
wachsen und d�rfen nicht fr�her zur Dienstleistung herangezogen werden.
Bez�glich der Erziehung und Z�chtung der kalm�ckischen Pferde giebt der Graf Hutten-
Czapski Folgendes an: �Die Art und Weise der Erziehung, wie die rauhe Natur der Steppen
wirken zusammen, um die Resultate hervorzubringen, dass sie Hitze und Durst, K�lte wie
Hunger und andere Beschwerden mit solcher Ausdauer ertragen und 100 Kilometer ohne Halt
und Futter durchlaufen k�nnen. Die Z�chtung der Kalm�cken - Pferde ist ganz naturgem�ss,
d. h. die Stuten werden im Freien belegt und sie fohlen auch unter freiem Himmel. Anf�nglich,
etwa ein paar Wochen lang laufen die Fohlen mit ihren M�ttern zusammen, dann aber werden
sie von denselben entfernt und nur des Nachts zu ihnen gelassen. Nach einem halben Jahre
werden sie g�nzlich von der Mutter getrennt. � Die alten Pferde, Hengste wie Stuten, ebenso
auch die Jungen, bleiben den Winter �ber auf den allgemeinen Weidepl�tzen der oberen
Steppen und gehen erst im Sommer auf die Wolga-Wiesen. Die Thiere dieser Steppen kennen
die Sorgfalt nicht, mit welcher sonst der Mensch seine Hausthiere pflegt, und obwohl das Pferd
dem Kalm�cken mit seiner Kraft und Milch bei Lebzeiten, mit Fleisch und Fett nach (seinem
Tode dient, und obwohl es f�r ihn das unentbehrlichste aller Gesch�pfe ist, so k�mmert sich
der herzlose, an Praedestination glaubende Kalm�cke doch nur sehr wenig um dasselbe. Das
Pferd aus der Heerde mit der Schlinge zu fangen, sich hinaufzuschwingen, auf ihm herum-
zujagen bis es unterw�rfig geworden, den Gegner im Wettrennen auf 40 und mehr Kilometer
hinter sich zu lassen, sich durch Gewandtheit und Muth im Reitergefecht gegen den Feind
auszuzeichnen, das ist das kalm�ckische Leben; aber f�r sein gutes Thier zu sorgen, daran
denkt kein Kalm�cke."
�Unbesorgt um die Zukunft, entl�sst er seine Pferde in die weite Steppe, sowohl des
Sommers, wenn die Gluth der Luft 40° erreicht und die armen Thiere sich dicht zusammen-
dr�ngen, um sich gegenseitig zu beschatten, als auch im Winter, wenn bei 20 ° K�lte die Schnee-
st�rme �ber die Steppe wehen und oft ganze Heerden �bersch�tten. Das Einzige, was der
tr�ge Kalm�cke diesen braven Thieren zuweilen leistet, ist, dass er im Sommer, wenn Fl�sse
oder Rieselungen fehlen, Brunnen gr�bt, um ihnen die Tr�nken damit zu f�llen. Der Winter
befreit ihn auch von dieser M�he, denn in dieser Jahreszeit brauchen die Pferde kein Wasser,
indem sie ihren Durst mit Schnee l�schen und zwar an demselben Orte, wo sie ihre Nahrung
unter dem Schnee hervorscharren. Nicht selten ist diese armselige Nahrung trotz aller Energie
und heftiger Huf schlage dem Pferde kaum zug�nglich, und zwar gew�hnlich dann, wenn auf
Thauwetter und Regen pl�tzlich wieder Fr�ste eintreten und Alles mit einer eisigen, festen
H�lle bedecken.
Man kann sich leicht vorstellen, mit welchen M�hseligkeiten das arme Thier dann auf
glattem Eise unbeschlagen zu k�mpfen hat, um an der d�rftigen Nahrung sein Leben zu
fristen. � Um die Fohlen k�mmert sich der Kalm�cke fast gar nicht; bald nach der Geburt,
14*
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I08                                                                  RUSSLANDS P F.ERDE - RA C EN.
am Tage von den M�ttern getrennt, verbringen sie den ganzen Tag bei den Zelten, die man
dort Kibitki nennt, angefesselt. Der Sonnengluth und den Angriffen der Insekten blosge-
stellt, erwarten diese ungl�cklichen Wesen geduldig den Untergang der Sonne, wo die Stuten
von der Weide zum Melken herbeigetrieben werden und die kalm�ckischen Weiber sich er-
barmen und ihnen etwas von der zum Kumiss bestimmten Milch verabreichen.*) Sind sie
einigermassen herangewachsen, so werden sie, paarweise am Halse zusammengekoppelt, in
die Heerde getrieben. Nur die H�uptlinge der Horden, die Tataren und die Kosaken gehen mit
den Fohlen nicht ganz so barbarisch um, und lassen sie Tag und Nacht, den ganzen Sommer
hindurch, bei den M�ttern, aber im Winter m�ssen sie, wie die anderen Pferde, sich ihre Nah-
rung unter dem Schnee hervorsuchen."
Alle Reisenden r�hmen die Vorz�ge der Kalm�cken-Pferde als Reitthiere; sie behaupten,
dass ihre Hauptgangart der Pass oder Halbpass sei; man k�nne ohne grosse Erm�dung auf
ihnen t�glich 25 bis 30 Meilen lange Wegstrecken zur�cklegen und am anderen Tage unbe-
denklich gleich grosse Touren unternehmen. Wir halten diese Angaben f�r etwas �bertrieben. �
Allerdings ist der Kalmuck der allerbeste, gewandteste Reiter Russlands; selbst die Kosaken
geben zu, dass sie auf dem R�cken des Pferdes nicht so Viel und so T�chtiges zu leisten ver-
m�chten, als der Kalmuck. Dieser gebraucht in der Regel kein so scharfes Stangengebiss wie
die meisten anderen Orientalen; er richtet den Pferdehals nicht so stark in die H�he, damit er
Lanze und Spiess frei handhaben kann; auch arbeiten die Kalm�cken ihre Pferde nicht so sehr
auf das Hintertheil, wesshalb diese Thiere aber auch bei weitem weniger, als die westeurop�ischen
in den Sprunggelenken biegsam sind. Noch ist hier eine Fertigkeit dieses Schlages zu erw�hnen,
welche nicht allen ostrussischen Pferden eigen ist; die kalm�ckischen Rosse durchschwimmen
n�mlich mit grosser Sicherheit breite, reissende Str�me; ein Durchschwimmen des Don und
der Wolga scheint f�r sie eine �leichte Arbeit" zu sein.
Trotz der oft sehr rohen Behandlung, welche den Pferden auf der Steppe zutheil wird,
werden ihnen dennoch manche Kunstst�ckchen und stets strenger Gehorsam beigebracht. Man
pflegt sie auf den Pfiff abzurichten; sobald das Signal gegeben und von den weidenden Thieren
verstanden wird, kommen sie ihrem Herrn oder Hirten eiligst entgegen gelaufen, und legen die
letzten zehn oder zwanzig Schritte nicht selten auf den Hinterbeinen marschirend zur�ck.
Leider herrscht noch jetzt an einigen Orten der Steppe an der Wolga die alte Sitte,
*) Nach den uns neuerdings von einem russischen Gelehrten mitgetheilten Analysen von der Milch der Kal-
m�cken-Stuten, besteht dieselbe im Mittel aus 6,5 °/� Zucker, 4,6 00Fett und 2,4 0/0 Casein, Albumin und Lactoprotein;
nur ausnahmsweise steigt der Zuckergehalt der Milch auf 8,5 0/q.
Der grosse Zuckergehalt der Stutenmilch macht sie zur Kumissbereitung besonders tauglich; diese beruht auf
einem Verfahren, durch welches der Milchzucker in den der geistigen G�hrung f�higen Zucker (Galoktose) umgewandelt
wird. Die frischgemolkene, noch warme Milch kommt in hohe, schmale F�sser, in welchen sich auf je zehn Flaschen
Milch eine Flasche bereits fertiger Kumiss befindet. Im Sommer bei gew�hnlicher Temperatur, im Winter aber in der
N�he des warmen Ofens wird die Milch in den F�ssern mit einem langen R�hrstabe in Pausen von 5 zu 5 Minuten
geschlagen oder behutsam umger�hrt; hierdurch verhindert man einestheils das eigentliche Sauerwerden, anderntheils
erzielt man eine m�glichst innige Ber�hrung der Fl�ssigkeit mit. der atmosph�rischen Luft. Je nach der Sorgfalt und
Routine der Arbeiter, die Temperatur der G�hrung anzupassen und die g�hrende Fl�ssigkeit weder zu wenig noch zu
stark zu schlagen, f�llt der Wohlgeschmack und die G�te des Kumiss verschieden aus. Nach etwa zwei- oder drei-
st�ndiger Behandlung der Milch ist die Fl�ssigkeit zum Abf�llen auf kleinere Gef�sse fertig; sie kommt jetzt in stark-
wandige Flaschen, wird gut verkorkt und in m�glichst k�hlen R�umen bis zum Gebrauch aufbewahrt. � Der Geschmack
dieses Getr�nkes soll �usserst wohlthuend und angenehm sein; es schmeckt fein s�uerlich und wirkt nur ein wenig
berauschend; sich f�rmlich in Kumiss zu betrinken, ist unm�glich, aber man kann sich eine leichte Fr�hlichkeit antrinken,
welcher niemals die geringsten unangenehmen Gef�hle nachfolgen..� Der Kumiss ist in der Neuzeit auch im westlichen
Europa ein beliebtes Medicament bei der Kur von Brust- und Lungen-Leiden geworden. Es giebt auch bei uns in
Deutschland bereits mehrere solcher Kumissanstalten, welche jedoch � soweit uns bekannt � niemals Stutenmilch
ondern Kuhmilch verwenden, der man einige Prozente Milchzucker und alten, weissen K�se zusetzt.
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.                                                              log
dem Pferde die Nasenl�cher aufzuschlitzen, indem man glaubt, es auf diese Weise w�hrend des
raschen Laufes besser bei Athem halten zu k�nnen.
Nach Christoph Josch weihet der Kalm�cke das sch�nste Pferd aus dem Gest�te seinem
Gotte; dasselbe bleibt bis zum Tode unver�usserlich. Die Leiche zerlegen die Leute mit gros-
ser Andacht, senden einige St�cke davon, als heiliges Fleisch, an ihre Freunde und Verwandte
und diese verzehren dann solches mit grossem Appetit.
An den Orten, wo die Kamele mit den Pferden zusammen auf einer Weide gehen,
leisten erstere diesen im Winter bei starker Schneedecke eigenth�mliche Dienste, indem sie
n�mlich den Schnee mit ihren breiten F�ssen gewissermassen ausgraben, denselben zur Seite
schieben und es auf solche Weise sich selbst und den Pferden m�glich machen, zu dem Gras-
wuchs der Steppe zu gelangen. �In harten, lang anhaltenden Wintern ist der Verlust an Pferden,
besonders an Fohlen, in jenen Landschaften an der Wolga sehr gross, im Winter von 183g
zu 1840 sollen Tausende von Hausthieren dort zu Grunde gegangen sein.
Die Tabunen der Kalm�cken sind, wie man sagt, neuerdings wieder sehr viel zahlreicher
geworden; die Besitzer derselben liefern viele Pferde auf die russischen M�rkte und es kommen die-
selben bei den Bewohnern der westlichen und nordwestlichen Gouvernements als Reitpferde
nicht selten in Gebrauch und werden hier h�ufig ihrer grossen Ausdauer wegen zum Postdienste
verwendet. Mit der Z�chtung der fraglichen Race besch�ftigen sich jetzt nicht allein die Kal-
m�cken, sondern auch viele Tataren und Kosaken; diese wie jene betreiben nicht immer Reinzucht,
sondern kreuzen oft mit anderen orientalischen Racen und sollen hin und wieder eine sch�ne
und leistungsf�hige Nachzucht erzielen.
Nach H�tten-Czapski's Angaben weiden die ber�hmten Heerden des H�uptlings der
choszontowskischen Horde fast immer auf den an der Wolga gelegenen Wiesen, wo auch f�r
sie gutes nahrhaftes Heu f�r die lange Winterzeit aufgespeichert wird. Bei sehr harten Wintern
kommen diese Heerden gew�hnlich in Stallungen, wo sie dann fast ausschliesslich mit Heu
ern�hrt werden. Seit einiger Zeit beginnen die Kalm�cken dieses Lagers, in welchem die Ent-
wickelung der kalm�ckischen Pferdezucht am besten vor sich gehen soll, und wo nicht selten
mehr als 10,000 St�ck gehalten werden, auf die Haltung der Thiere gr�ssere Sorgfalt zu ver-
wenden. Einige Tabunen - Besitzer haben Schuppen f�r ihre Pferde errichtet; sie sammeln f�r
den Winter Heu in gen�gender Menge ein; sie trennen die krank gewordenen Pferde von den
gesunden, um im Falle eines Seucheausbruches die Sterblichkeit in den Tabunen auf ein
Minimum zu beschr�nken. � Zu dergleichen Reformen hat wahrscheinlich das Beispiel und die
Anordnung der aufgekl�rten H�uptlinge, der F�rsten Tiumenow, den Anstoss gegeben. Diese
Z�chter besitzen Heerden, welche 1600 Pferde enthalten; f�r dieselben beschaffen sie per-
sische, arabische und englische Besch�l-Hengste und suchen auf solche Weise die alte Race
zu veredeln. Auch die H�uptlinge anderer Lager besitzen viele arabische und persische
Hengste, welche aber leider nicht alle der Zucht wegen, sondern zum eigenen Vergn�gen ge-
halten werden.
In dem choszontowskischen Lager ist hinreichender Vorrath an Futter sowohl f�r die
Heerden des H�uptlings, wie auch f�r die der Untergebenen, deren Heerden man 40, aber
immer von verschiedener Gr�sse, rechnet. Die kleinsten Tabunen der Untergebenen bestehen
mindestens aus 100 Pferden, viele andere besitzen auch wohl 1000 und mehr St�ck. Der Heu-
schnitt wird gew�hnlich auf den Wiesen am linken Wolgaufer zusammengefahren; die Stallungen
f�r jene Heerden liegen aber immer auf den h�heren Steppen des rechten Ufers, und hierdurch
kann der Fall eintreten, dass in sehr harten, schneereichen Wintern das Heu auf dem linken
Ufer unbenutzt liegen bleibt, weil man die Ueberfahrt �ber den reissenden Strom nicht bewerk-
stelligen kann.
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HO                                                                   RUSSLANDS P F EKD E - R AC EN.
Bez�glich der Beh�tung der Pferde-Tabunen berichtet der Graf H�tten-Czapski endlich
noch Folgendes: �Die Heerden der Sajssangen und gemeinen Kalm�cken werden entweder
durch sie selbst oder durch gemiethete Leute geh�tet. Die Aufsicht �ber die Pferde der H�upt-
linge wird einigen Untergebenen anvertraut, welche erblich vom Vater auf den Sohn die Pflichten
von Hirten aus�ben, die dann, von allen �brigen Obliegenheiten beireit, auf Kosten des H�upt-
lings unterhalten werden. Sie haben dar�ber zu wachen, dass keine Pferde gestohlen, und
dass sie im Winter nicht durch Schneest�rme auseinander gesprengt werden. Im Falle von
Sterbef�llen, in Folge grosser K�lte oder Seuchen, m�ssen sie sofort die Heerdenbesitzer davon
in Kenntniss setzen und selbst alle m�glichen Mittel ergreifen, dem Umsichgreifen des Uebels
vorzubeugen, indem sie die kranken Pferde von den gesunden trennen und die Heerden an
Orte treiben, wo sie Schutz und bessere Nahrung finden. Sie d�rfen die Pferde auch nicht
auf einen Augenblick verlassen, ihre besondere Aufmerksamkeit haben sie auf die M�tter und
Fohlen zu richten, welche sie, im Falle zu strenger K�lte, mit in ihre Kibitken nehmen m�ssen.
Im Fr�hling und w�hrend der ersten H�lfte des Sommers werden die Heerden in einzelne
Trupps (Kassiaki) zu 12 bis 15 Stuten und einem Hengst getheilt. Die einem einzelnen Eig'en-
th�mer geh�renden Kassiaki werden nachher zu einer Heerde zusammen getrieben und einem
Aufseher anvertraut." "
� Die Pferdezucht des Kosakenthums im Gouvernement Astrachan unterscheidet sich
wenig von der der Kalm�cken. Die . Zahl der Pferde, welche verschiedenen Personen der
astrachanischen Truppen angeh�ren, bel�uft sich auf 10,360, alle sind kalm�ckischer oder kir-
gischer Race. Manche Beamte dieser Truppen haben ihre kleinen Heerden, deren es im
Ganzen 54 giebt, die 4150 Pferde z�hlen. Die gr�sseren derselben haben 100 bis 400 Pferde, die
kleineren 30 bis 100. Die Eink�nfte f�r verkaufte Pferde, welche dazu bestimmt werden, die
Familien der Militairs zu erhalten, sind nicht sehr bedeutend. Alle diese Thiere sind Reitpferde,
welche auch zu Post - und Remonte - Pferden f�r die leichte Kavallerie verwendet werden.
W�hrend sehr schneereicher und harter Winter wird ihnen soviel Heu verabreicht, dass sie
nicht vor Hunger sterben. In einigen kosakischen Standquartieren giebt es leider nur wenig
Heu Werbung."
In neuerer Zeit besch�ftigen sich auch die russischen Bauern, welche sich im Gouverne-
ment Astrachan niedergelassen haben, erfolgreich mit der Pferdez�chtung. Dieselben bem�hen
sich, gut gewachsene junge Stuten von den Kalm�cken zu erwerben und f�hren dann solche
im Alter von vier und f�nf Jahren den hier und dort bei wohlhabenden Besitzern sich vor-
findenden orientalischen Besch�l-Hengsten zu. Die Nachzucht aus diesen Kreuzungen soll an
mehreren Orten recht befriedigend ausgefallen sein, doch sei zu bedauern, dass die Bauern auf
die Ern�hrung der Pferde immer noch zu geringe Sorgfalt verwenden. Sie treiben ihre Pferde
im Fr�hjahr auf die hohen Stellen der Steppe, wo sie meistens nur k�mmerliche Nahrung finden,
da hier im Sommer das Gras fast vollst�ndig verdorrt und in der Regel grosser Wasser-Mangel
herrscht. Erst im Herbst, nach der Heuernte, treibt man die Pferde auf die Wiesen, wo sie
sich dann bei g�nstigem, feuchtem Wetter wieder etwas erholen und in einem leidlich guten
Futterzustande in den Winterstall oder Schuppen kommen.
Die russischen Hippologen unterscheiden innerhalb der Region der kalm�ckischen Lager
drei besondere A-btheilungen (Ulussen) f�r Pferdezucht. Wir lassen nachstehend ein Ver-
zeichniss der hervorragendsten Pferde-Z�chter und Stutereien in den Steppen im Astrachanschen
Gouvernement folgen.
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"^
DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
Rayon der kalm�ckischen Lager in der Provinz des Donischen Heeres
und im Gouvernement Astrachan.
Hengste.
Ort der Stutereien.
Stuten.
Abtheilungen (Ulussen.)
Namen der Z�chter.
gros. Mokra Sawda
gr. Mokra. Sawda . .
gr. Mokra Sawda . .
gr. Mokra Sawda . .
beim Fluss Pande, Sal
gr. Morka Sawda . .
gr. Urtiugura ....
gr. Mokra Sawda . .
beim Fluss gr. Gaschun
beim Fl. Klein Gaschun
Oberer Uluss:
Darbakow, Dejurnij-Kasak . . .
Djadakow, Emgen-Abuscha-Kasak
Djambinow, Sanjik-Kasak . . .
Mumanginow, Zakiz.....
Porhosow, Lidza Kasak ....
Schakirow, Kasak......
Mangikow, Sckekdar-Kasak. . .
Kostikow-Kasak......
12
6
8
12
6
6
2
6
19
ii
7
5
7
8
9
io
5
153
135
"3
147
86
75
60
73
240
153
I25
75
100
100
157
120
102
115
90
92
82
75
75
75
253
215
442
283
180
215
196
*75
131
132
120
120
108
148
Uschanow, Zeren . . .
Cedenow, Arscha . . .
Cedenow, Jerembil. . .
Tschultschinow, Kertul
Tschultschinow, Umak
Schuwannow, Bata .
Seldinow, Kaprak . . .
Archinow, Altscha . . .
Burinow, Nosta . . .
Bakbuschow, Schawaldin
Kalaschew, Umak . . .
Tschundurow, Tschorak .
Tschumpirow, Wasil .
Suchurow, Burgus . .
Burnikow, Uta . . .
Djengurow, Och . . ,
Mittlerer Uluss:
beim Fluss Sala. . .
gr. Kicpitschnaja . .
beim Fl. Klein Gaschun
gr. Mazanka . . . .
beim Fl. Klein Gaschun
gr. Chosarta . . .
4
7
6
2
4
18
16
26
15
10
15
H
14
11
12
9
9
8
13
gr. Kirpitschnaja . .
beim FL Kleine Kuberla
gr. Chosarta . . . .
beim Fluss Sala. . .
gr. Kamiennaja . . .
gr. Elmuth . . . .
Unterer Uluss:
Baromangikow, David .
Zuwikow, Abscha
Mangikow, Roman . .
Mangikow, Andreus
Mangikow, Kuska . .
Urus, Emgenof . . .
Tatrinow, David . .
Urusowa, Badma
Renzinow, Potak . .
Manginow, Basan . .
Muchinowa, Baschonda
Mikulinow, Socha . .
Boldunow, Bultuk . .
Schurgutchewa, llumza
gr. Sundowaja . . .
beim Fluss Sala. . .
b. Gremutschij Kotodez
gr. Dwojnaja . . . .
gr. Kytschej . .
gr. Elmuth. . .
beim Fluss Sala
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112
RUSSLANDS PFE.RDE-R A CEN.
C. Die Pferde der Baschkiren.
Die Baschkiren, eigentlich Basch-kurt d. h. Bienenz�chter, wohnen in den Gouverne-
ments Wj�tka, Perm, Samara, Ufa und Orenburg, etwa 300,000 Seelen an Zahl, sind muhame-
danischen Glaubens und meistens sehr abergl�ubisch. Sie zittern vor ihren Zauberern und
Aerzten. Ihre Geistlichen stehen unter dem tatarischen Mufta in Ufa. Die Sprache dieses
Volkes ist ein tatarischer Dialekt. Die Baschkiren sind auch tatarischer Abkunft, aber mit
einer Beimischung finnischen und mongolischen Blutes und haben wie diese in der Regel ein
plattes Gesicht mit grossen Ohren und meistens nur schwachem Bartwuchs. Sie besitzen einen
starken, breiten Brustbau, kr�ftige Schultern und zeigen bei ihrem Nomadenleben sowohl, wie
auch als Soldaten im Felde eine grosse Ausdauer. Gew�hnlich sind die Baschkiren dem Fremden
gegen�ber gef�llig und dienstfertig. Fast alle M�nner dieser V�lkerschaft sind vortreffliche
Reiter und gewandte Krieger. Sie lieben das Pferd �ber Alles, gelten aber auch bei den
deutschen Kolonisten in Samara als ausgemachte Pferdediebe und Rosset�uscher. Dem Brannt-
wein-Genuss sind sie fast ohne Ausnahme sehr zugethan, doch auch Kumiss, A'iran (ges�uerte
Kuhmilch), Kwass und Busa (Bier) werden in grossen Mengen von ihnen verzehrt. � Die
Kumiss-Bereitung verstehen sie vortrefflich und viele Mutterstuten werden haupts�chlich ihrer
Milch wegen gehalten. Krut (saurer K�se), Makham (gehacktes Pferde- und Rindfleisch),
namentlich aber ein Gemenge von Mehl und gehacktem Fleisch, welches sie Bischbarmak
nennen, sind ihre Lieblingsspeisen.
Der Winter h�lt alle Baschkiren in stehenden D�rfern, welche meistens auch Schulen
besitzen, zusammen; sie bewohnen hier Holzh�user, die leidlich reinlich gehalten werden. Im
Sommer � gew�hnlich erst Mitte Juni � ziehen die M�nner mit ihren Pferde-, Rinder- und
Schafheerden nomadisch in den Steppen umher. Auch ihre zahlreichen Bienenst�cke nehmen
sie mit auf die Reise. Nur Greise, Kranke, Weiber und Kinder bleiben in den Dorfschaften
zur�ck. � Die Kibitken f�r die Nachtruhe in der Steppe werden von Filz gefertigt und sch�tzen
hinreichend gegen die Unbilden des Wetters.
Die alten Waffen, Pfeil und Bogen, mit denen ihre Vorfahren in den Freiheitskriegen
(1813�1815) bei uns im westlichen Europa erschienen, sind in der Neuzeit mit der Flinte und
Lanze vertauscht worden. � Ihre sehr fruchtbare Landschaft zwischen dem Uralgebirge, Ural-
�uss, dem grossen Ik, der Bjelja und der Kaspa, ist in 28 Cantonnements getheilt und leider
nur sehr sp�rlich angebaut. Die g�nstigen Bodenverh�ltnisse und die feuchtwarme Tempe-
ratur, welche fast den ganzen Sommer hindurch dort vorherrscht, h�tten die Baschkiren l�ngst
veranlassen sollen, das Nomadenleben aufzugeben und feste Ansiedelungen mit ausgedehnterem
Ackerbau zu gr�nden, zumal die russische Regierung fort und fort bem�het ist, in ihren Bezirken
alle m�glichen Verbesserungen eintreten zu lassen. Allein das Festhalten an alten Ueber-
lieferungen, Sitten und Gebr�uchen ihrer Voreltern hat die Baschkiren bislang noch verhindert,
eine vollst�ndig angesiedelte Nation zu werden, und nur ganz vereinzelt haben sich dieselben
zum Ackerbau bequemt. � Sie werden in der Regel von Kosaken �berwacht, die sie jedoch
^m Grenzdienste von Zeit zu Zeit unterst�tzen m�ssen. � Viele ihrer St�mme gelten als^unver-
s�hnliche Feinde der uralischen Kosaken, denen sie an Muth und Kraft auch gew�hnlich �ber-
legen sind.
Die Landschaft, welche jetzt das Gouvernement Orenburg � 3,475,37 geogr. Q Meilen
gross, mit 804,704 Einwohnern � bildet, war im XVI. Jahrhundert als Baschkirei bekannt und
wurde nur von Nomadenv�lkern bewohnt und durchzogen. Erst im Jahre 1556, nachdem die
Baschkiren von den Kirgisen hart bedr�ngt waren, unterwarfen sie sich den Czaren von
Moskau. 1708 wurde das Land zum Gouvernement Kasan geschlagen, und erst 1744 das Gouver-
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.                                                      113
nement Orenburg gebildet. Im Jahre 1866 wurde der �stlich vom Uralgebirge gelegene Theil
als Gouvernement Ufa davon abgetrennt..
Fast drei Zehntheile von Orenburg sind jetzt noch Wald; zwei Zehntheile sind in Kultur
genommen und etwa die H�lfte des ganzen Gouvernements ist als Unland zu bezeichnen. Hier,
wie auf den Hochebenen w�chst das Federgras (Stipa), welches die Baschkiren �Karyl" nennen
und als Futter f�r ihre Heerden hochsch�tzen. Die Niederungen liefern sch�ne, s�sse Gr�ser
und saftige Kr�uter, welche unstreitig einen ungleich h�heren N�hrwerth, als jene Pfriem-
oder Federgrasarten besitzen.
Zum weitaus gr�ssten Theile bildet Orenburg eine breite Berglandschaft, nicht ganz
ohne anmuthige Scenerie; ein Theil kann als echte Steppe bezeichnet werden, die im Westen
von den Baschkiren, im S�den und Osten von Kirgisen durchzogen wird.
Die Viehz�chtung wird hier sehr umfangreich betrieben; die Steppenlandschaft dieses
Gouvernements ist ganz besonders reich an Pferden, welche meistens der alten unveredelten
Baschkiren-Race angeh�ren, und welche nach der Z�hlung vom Jahre 1870 im Ganzen ungef�hr
auf die Summe von 580,000 St�ck sich belaufen sollen.
Man unterscheidet daselbst zwei Schl�ge der Baschkiren-Race: Gebirgs- und Steppen-
Pferde. Beide Schl�ge sollen finnisch-mongolischen Ursprungs und der alten Kirgisen - Race
sehr nahe verwandt sein. � Die Bergpferde sind k�rzeren (im Rumpfe) und kleineren Wuchses,
werden ungef�hr 1,42 bis 1,44 Meter hoch und k�nnen auf K�rpersch�nheit keine besonderen
Anspr�che machen. Die gr�sseren, etwa 1,48 bis 1,50 Meter hohen Steppenpferde unterscheiden
sich von den kirgisischen Rossen der Steppe in so weit, als sie in der Regel etwas sch�ner
von Gestalt, kr�ftiger und dauerhafter, auch meistens noch etwas rascher im Lauf sind, und in
der Passgangart noch mehr als diese leisten.
Der Kopf der Baschkiren - Steppenpferde ist gew�hnlich gross, mit gerader Stirn und
leicht gebogener Nasenlinie. Ihre mittelgrossen Augen deuten auf ein ruhiges, geduldiges
Temperament. Die Ohren sind h�ufig etwas breit und dick, meistens tief angesetzt, nach
vorn geneigt und schleudern bei den Bewegungen des Kopfes schlaff auf und nieder. In der
Regel ist der Hals dieser Pferde langer als der der kirgisischen Race, auch fehlt ihm gew�hn-
lich der Adamsapfel. Eine breite, starke Brust findet man bei den meisten Baschkiren-Rossen,
ebenso auch eine gute Schulter- und Widerrist-Partie. Ihr Rumpf ist etwas l�nger als der
aller anderen Racen jener L�ndergebiete im Osten. Besonders f�llt dieser Unterschied bei der
Untersuchung und Vergleichung der Bergpferde mit den Steppen-Rossen auf. Trotz der L�nge
des R�ckens erscheint derselbe jedoch meistens kr�ftig, und bef�higt sie zum Tragen schwerer
Lasten. Sogenannte Karpfen-R�cken kommen bei der fraglichen Race nicht selten vor. Ihre
Kruppe ist nur massig absch�ssig, zuweilen auch gerade, und der starke Schweif ziemlich hoch
angesetzt. Fast alle Thiere dieses Schlages besitzen eine derbe Muskulatur, starke Knochen
und feste, deutlich bemerkbare Sehnen. Ihre g'ut gestellten F�sse sind mit mittelgrossen,
starken Hufen auf das beste ausgestattet; ein Beschlag derselben erscheint kaum n�thig und
geschieht auch nur dann, wenn man mit den Thieren gr�ssere Reisen auf schlechten Wegen
unternehmen will.
Ihr dichtstehendes Deckhaar, in der Regel von dunkler F�rbung, ist im Sommer
kurz und gl�nzend, wird aber im Winter sehr lang und zottig. M�hne und Schweif sind
immer buschig.
Weichseiz�pfe in der M�hne, wie im Schweif zeigen sich h�ufig bei den Pferden dieser
und anderer Steppen-Racen, doch gew�hnlich nur so lange, wie die jungen Thiere in den
Tabunen auf der Steppe verbleiben. Sp�ter, wenn sie t�glich zur Arbeit benutzt, geschoren
und gek�mmt, stets sauber gehalten werden, kehrt dieses Uebel nicht wieder.
Frey tag, Rnssland's Pferde - Racen.                                                                                                                                          15
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114                                                                  RUSSLAND S PFERDE-R.ACEN.
Man verwendet das Baschkiren - Pferd als Reit- und Zugthier; f�r den Reitdienst soll
dasselbe jedoch weniger tauglich sein, als die stammverwandten Kirgisen-Rosse. Ihr ruhiges,
zuweilen sogar etwas phlegmatisches Temperament wird von ihren Besitzern ebenso ger�hmt,
wie die Geduld und Ausdauer, mit welcher sie die verschiedensten Dienste als Zugthiere leisten.
Man sieht in den �stlichen Gouvernements Russlands nicht selten Pferde dieser Race vor dem
Postwagen; sie zeigen selbst auf den schlechtesten Wegen guten Willen und eine erstaunliche
Ausdauer. Ihre verschiedenen Gangarten lassen nichts zu w�nschen �brig; t�chtige Passg�nger
und gute Traber giebt es unter den Baschkiren sehr h�ufig.
Von den Bergpferden der Baschkiren wird gesagt, dass sie, in der Gestalt den Steppenpferden
sehr �hnlich, ihrer Leistungen wegen jenen h�ufig vorzuziehen w�ren. Zu den gr�ssten Vor-
z�gen, welche sie besitzen, geh�re die ausserordentliche, oft an's Unglaubliche grenzende Sicher-
heit, mit welcher die Thiere selbst �ber die gef�hrlichsten Stellen im Gebirge hinweg k�men.
F�r die Winterf�tterung der Pferde sorgt der nomadisirende Baschkire � wie alle
�brigen Steppenbewohner � schlecht: auch dort m�ssen sich die Thiere ihr Futter auf der
Weide unter dem Schnee hervorsuchen. Christoph Josch sagt, dass sie im Fr�hling sehr oft
wandelnden Skeletten �hnlich s�hen.
Die Pferdezucht in den Steppenlandschaften beruht fast durchweg auf dem System der
Kassiaks. Ein Hengst bildet mit 12 bis 15 Stuten eine r�umlich abgeschlossene Familie, eine
kleine Gruppe (Kassiak) welche nicht in die grosse Gruppe der Tabunen zusammentritt, wie
noch heute bei den Kirgisen und Kalm�cken. Ein Hengst orientalisch-asiatischer Abkunft
h�tet seine Stuten mit einer bewundernswerthen Klugheit und Sorgfalt; Hengste von westeuro-
p�ischen Racen, die man versuchsweise in solcher Weise als Besch�ler und Kassiaken-F�hrer
verwerthen wollte, verstanden es nicht, dieses Gesch�ft zur Zufriedenheit der Heerden-Besitzer
auszuf�hren; sie wurden h�ufig von den Stuten gar nicht angenommen, oft auch maltraitirt, ja
es soll mehrfach vorgekommen sein, dass sie von den b�sar^gen Thieren todtgeschlagen wurden.
Unstreitig liegt in diesen Verh�ltnissen eine grosse Schwierigkeit f�r die Veredlungs-
Bestrebungen einzelner Heerdenbesitzer.
In den vier Bezirken des Orenburger Gouvernements z�hlte man 1878 im Ganzen 748
Kassiaks mit 995 Hengsten und 8645 Zuchtstuten. Im Bezirk Orenburg mit 267 Kassiaks fand
man 340 Hengste und 3306 Stuten der Baschkiren-Race, meistens vom kleinen Schlage. Im
Bezirk Troitzk gab es nur 30 Kassiaks mit 34 Hengsten und 325 Stuten von mittlerer Gr�sse, und
im Bezirke Werschneuralsk fanden sich 434 Kassiaks mit 563 Hengsten und 4798 Stuten, welche
zum Theil der Baschkiren-, zum Theil der Kirgisen-Race angeh�rten. Im Bezirk Tschelabinsk
bemerkte man ausschliesslich Kirgisen - Pferde.
Endlich berichtet der Graf H�tten - Czapski bez�glich der Pferdez�chtung in der alten
Baschkirei Folgendes: �Inmitten der Niederlassungen jener Nomadenv�lker finden sich, nament-
lich im orenburgischen Gouvernement, Heerden von Privaten oder militairischen-Corporationen,
welche Pferde orientalischer Racen z�chten; so ist z. B. in derjenigen Jazykows das arabische
Blut vorherrschend, in den Heerden Babkins, Koramsins und Osorgius sind die M�tter englischer
und arabischer Abkunft, bei Strzelkow ist gemischtes Blut; die kosakische Heerde von den
Ufern der Gusicha und die Heerde der kosakisch-uralischen Truppen besteht aus chiwanischen
Argamaken, baschkirischen und kirgisischen Pferden. Die Heerde Paszkows in Bialorczk hat
nur englische, in Daryusk nur baschkirische M�tter."
�In den mehr bev�lkerten und ackerbautreibenden Gegenden f�hren die Bauern im
Sommer ihre selbstgez�chteten Pferde auf die von den Baschkiren gepachteten R�ume, denn
die Armuth derselben gestattet ihnen selbst nicht mehr die Pferdezucht auf der H�he zu
erhalten, auf welcher sie fr�her stand. Die V�lker, welche heute die Baschkirei bewohnen,
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DIE RACEN UNI) IHRE Z�CHTUNG.
115
sind sehr verschiedene und unterscheiden sich von einander je nach dem Charakter, der Art
und Weise ihres h�uslichen Lebens, was folgerecht nicht ohne Einfiuss auf die Pferdez�chtung"
sein kann und auch die ausserordentliche Mannigfaltigkeit der Formen in den baschkirischen
Pferden best�tigt und erkl�rt. Bei den Ansiedlern mssischer Abkunft sind die Pferde meist
in gutem Zustande und nur dadurch gef�hrdet, dass sie im Allgemeinen zu fr�h zur Arbeit
benutzt werden, was oft Krankheiten zur Folge hat, welche in jenen Landschaften intensiver
und verheerender auftreten als anderswo. Diese f�r den h�uslichen Bedarf aufgezogenen Pferde
werden in der Regel sorgf�ltiger gepflegt als die baschkirischen, tatarischen, tschuwessischen
und tschermissischen Thiere, welche nur zum Verkauf gez�chtet werden. Die Baschkiren,
welche fr�her nur ihre eigene Pferderace z�chteten, sind im Allgemeinen heute so verarmt,
dass ihre besseren Pferde der alten Race nur noch bei den Reichen und bei ihren H�uptlingen
anzutreffen sind. Auch bei den Tataren, Tschermissen, Tschuwaschen und anderen nomadisirenden
V�lkerschaften findet man noch eine in Wuchs und Formen degenerirte Baschkiren-Race,
welche immer noch gegen rauhes Klima unempfindlich ist, auch Mangel an Nahrung zu er-
tragen vermag und sich stets kr�ftig, lebendig und feurig zeigt."
Vom russischen Staate ist in der Neuzeit in Orenburg (150 Werst von der Hauptstadt des
Gouvernements entfernt) ein Hauptgest�t gegr�ndet worden, welches im Jahre 1879 im Ganzen
9 Besch�ler, 72 Mutterstuten und 245 Fohlen verschiedenen Alters enthielt. � Diese Zuchtpferde
geh�ren theils der alten, guten Baschkiren-, theils der donischen Kosaken-Race an. Man hofft
durch dieselben den gemeinen Steppenschlag wieder verbessern und mit der Zeit aus jenen
Steppen einen t�chtigen Reitschlag f�r die leichte Cavallerie beziehen zu k�nnen. � Bislang
hatte das baschkirische Steppenpferd f�r die Reiterei Russlands keinen besondern Werth.
D. Die Pferde der Kirgisen
in den Gouvernements Astrachan, Orenburg und Ssamara.
Die Gesammtzahl der Kirgisen, soweit sie den Russen unterworfen und bekannt sind,
betr�gt � nach neueren Z�hlungen � etwa 1,350,000 Seelen, welche sich mit ihren verschie-
denen Horden �ber einen Fl�chenraum von 40,7 7ogeogr. QMeilen verbreiten.� Sie
sind weder reine Tataren, noch echte T�rken. � Der mongolische Typus ist vorherrschend,
der t�rkische ist streng auf den Adel beschr�nkt. � Man unterscheidet (in Asien und Europa)
zwei grosse St�mme dieses Volkes, n�mlich: die Kirgiss-Kaissaken und die eigentlichen oder
echten Kirgisen, welche letzteren von den Russen Dikokamannye (d. h. Kirgisen der wilden
Felsen), hin und wieder aber auch schwarze Kirgisen genannt werden.
Die Kirgiss-Kaissaken bestehen aus: 1. � Der Kleinen Horde, welche auch Orenburgische
genannt wird, weil sie diesem Gouvernement zugetheilt ist. 2. Der Mittleren oder sibirischen
Horde mit 100,000 Kibitken und etwa 400,000 Seelen; sie wohnt zwischen der Kleinen Horde
und der ehemaligen Grenze China's in der Mitte. 3. Der Grossen Horde mit 75,000 Kibitken,
bewohnt den s�d�stlichen Theil der Steppe zwischen der chinesischen Grenze, dem Gebirge
Ala-Tan und dem Balkasch-See. Diese Horde zahlt keine Steuern, muss aber fort und fort
Relais f�r die Kosaken-Abtheilungen stellen. 4. Der Inneren oder Bukejew'schen Horde.
Wir sehen hier ab von der Beschreibung der Pferde-Racen und Zucht der.Kirgisen in den asia-
tischen L�ndern, die bereits von uns an anderem Orte geliefert,*) und beschr�nken uns auf die Be-
trachtung der Kirgisen-Pferde in den Steppen der Gouvernements Ssamara, Orenburg und Astrachan.
*) C. Freytag. �Die Pferde-Racen des Orients und der s�deurop�ischen Staaten. Halle 1874.
15*
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ii6
RUSSLAND 's PEER D E-RA CEN.
i. Die ,,Kleine Horde" mit den 3 St�mmen von Amuli, von Bajuli und Semirodsk ist
die kriegerischeste und kr�ftigste von allen, und steht unter der Oberaufsicht der General - Gou-
verneurs von Orenburg und Ssamara. Ihr Territorium begreift das Land der Kosaken des Ural
und Orenburg, erstreckt sich bis zum 100. Meridian und bis zum Aral-See, und zerf�llt in drei
Districte, welche zusammen einen Fl�chenraum von 17,250 □ Meilen umfassen. � Diese Horde,
welche in 200,000 Kibitken wohnt, wird auf 650,000 K�pfe gesch�tzt; man sagt derselben nach,
dass sie die Pferdez�chtung zwar umfangreich, aber immer noch ziemlich sorglos betreibe, und
nur vereinzelt bei reichen Hordenf�hrern Rosse von edlem Schlage angetroffen w�rden. Da diese
Kirgisen der Kleinen Horde im �stlichen Theile h�ufig zusammen mit Abtheilungen der Mittleren
Horde nomadisiren, so ereignet es sich nicht selten, dass eine Vermischung und Kreuzung ihrer
Pferdeschl�ge vorkommt, wodurch nicht immer eine Verbesserung der Zucht erreicht wird.
Ihre Pferde sind meistens von mittlerem Wuchs, ziemlich kr�ftig gebaut, aber nicht
immer sch�n geformt. Man r�hmt ihre Schnelligkeit, Gewandtheit und Ausdauer und behauptet,
dass sie zum leichten Reitdienste sehr tauglich w�ren. �Wenn der Sommer nicht zu trocken,
sondern mehr feucht und warm ist, so entwickelt sich auf den salzhaltigen Steppen eine �ppige
Gras-Vegetation, welche den weidenden Rossen zugutekommt, sie dick und fett macht. � Die
Stuten liefern in g�nstigen Jahren verh�ltnissm�ssig grosse Mengen Milch, die von den Kirgisen
entweder frisch genossen oder zur Kumiss - Bereitung verwendet wird.
Auf den Orenburger Jahrm�rkten werden immer viele Pferde jener Horde verkauft, aber
meistens nur schlecht, mit 10 oder 20 Rubel per St�ck, bezahlt. Dieselben erscheinen auf den
M�rkten des �stlichen Russland h�ufig unter dem Namen Steppen- oder Baschkiren-Rosse, ge-
w�hnlich in Partien von 100 Haupt, und werden ihrer grossen Z�higkeit und Ausdauer wegen
von den russischen Bauern meistens lieber gekauft, als die edleren Pferde vom Don, welche in
der Regel viel h�her im Preise stehen.
Der Graf H�tten - Czapski sagt von diesen Pferden Folgendes: �Kraft, Feuer und
Schnelligkeit verleihen den Kirgisen-Rossen einerseits ihre Race - Eigenth�mlichkeit, anderseits
die unaufh�rlichen Proben, die sie zu bestehen haben, sei es beim Wechseln des Weideplatzes
oder bei Ueberf�llen, sei es bei Spielen oder Wettrennen. Sobald die Heerden das Gras rings-
um abgefressen oder niedergetreten haben, oder, wenn es sonst dem Herrn pl�tzlich in den
Sinn kommt, aufzubrechen und weiter zu wandern, werden die Kamele an die Arben, d. h.
schwere, grosse zweir�drige Karren gespannt, auf welche die aufgerollten Kibitken geladen
werden. M�nner, Weiber und Kinder besteigen das Pferd, und w�hrend die Karren langsam
im Schritt von den Kamelen fortgeschleppt werden, am�siren sich jene mit allerlei Spielen und
Wettrennen, theils auch um sich durch Geschicklichkeit und Schnelligkeit Ruhm zu erwerben.
Hat man sich wieder irgendwo niedergelassen, und sich vielleicht eines irgend einmal erlittenen
Unrechts erinnert, oder irgend einen anderen beliebigen Grund ausfindig gemacht, so sitzt pl�tz-
lich die ganze m�nnliche Bev�lkerung zu Pferde, durchrennt 100 und oft mehr Werst, um-
zingelt eine fremde Heerde und treibt sie in Galopp zu dem eigenen Lagerplatze. Heute wer-
den dergleichen Excursionen, welche man dort �Barante" nennt, immer seltener, denn die Wach-
samkeit der russischen Regierung hat sie ausser Mode gesetzt, aber vor etwa 20 Jahren ver-
breiteten sie Schrecken unter den Kosaken-Ansiedlungen, von denen jede einzelne sich unauf-
h�rlich im Vertheidigungszustande halten musste, so dass bis auf den heutigen Tag noch die
D�rfer russischer Ansiedler den Namen von Castellen (Krepost) f�hren."
2. Die Innere oder �Bukejewsche Horde" (Orda) der Kirgisen � in den Gouvernements
Ssamara, Orenburg und Astrachan vorkommend � z�hlt etwa 189,000 K�pfe, welche in 16,500 Ki-
bitken oder Jurten wohnen und zu ihrem Nomadenleben einen Fl�chenraum von 1082 51 □ Meilen
benutzen. Sie sind im Besitz von 496,000 Pferden, 165,000 Rindern, 99,300 Kamelen (ausschliess-
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DIE RACED UND IHRE Z�CHTUNG.                                                              117
lieh Dromedare) und 824,500 Schafe der Fettsteiss-Race. � Fr�her betrug die Anzahl der
Schafe 3 Millionen; sie ist jedoch durch strenge Winter, St�rme und Seuchen in den letzten
Jahren sehr zusammengeschmolzen.
Diese Horde zerf�llt in 20 St�mme, die unter Chodschis stehen und ein sehr unst�tes
Leben f�hren. Die Lager ihrer Khan's befinden sich im Osten des Elton-See's; sie nehmen
jetzt die Landstriche ein, welche 1771 nach der Flucht der Kalm�cken frei geworden sind und
zum gr�ssten Theile aus fruchtbarem Boden bestehen. � Im Jahre 1801 erhielt der Khan Buke'i
von der russischen Regierung die Erlaubniss, mit der Bukej ewschen Horde auf dem ganzen
Steppengebiete zwischen der Wolga und dem Ural zu nomadisiren; er kam auf diese Weise
bis in das Astrachan'sche Gouvernement, woselbst er f�r seine zahlreichen Viehheerden sch�ne
Weidepl�tze und zum Theil auch �ppige Wiesengr�nde vorfand, die seinen Unterthanen eine
Heuwerbung f�r den langen Winter m�glich machten, leider aber bislang sehr wenig von ihnen
benutzt worden sind. � Nur im Falle eines ausserordentlichen strengen Winters kommen die
Kirgisen den sichtlich immer mehr abmagernden Thieren mit etwas Heu zu H�lfe, niemals
aber in erforderlicher Menge, und so sind die letzteren auch hier wie an anderen Orten des
s�d�stlichen Russland sehr oft gen�thigt, ihr Futter auf der Steppe unter dem Schnee hervor-
zukratzen. Man kann sich hiernach nicht wundern, dass dort j�hrlich viele Tausende von Pferden,
Rindern etc. den Hungertod sterben. Nach den uns k�rzlich aus Russland zugegangenen
Berichten ist besonders im letzten Winter (1879 bis 1880) der Verlust an Haus- und Heerden-
Thieren gerade in jenen Steppen der Kirgisen am Ural wieder sehr gross gewesen. Unser
Gew�hrsmann berichtet w�rtlich Folgendes:
�Auf den reichen Weidepl�tzen der kirgisischen und uralischen Steppe, welche zur
Ern�hrung von Millionen Rindern und Pferden mehr als gen�gendes Futter liefern k�nnten,
in jenen Gegenden, welche dazu geeignet sind, ganz Russland mit gutem und billigem Fleisch
zu versorgen, f�llt das Vieh zu Tausenden vor Hunger und die reichsten Pferde - und Vieh-
z�chter werden in wenigen Wochen zu Bettlern. Die Uralische Zeitung schildert in grellen
Farben das herrschende Elend. Und wodurch werden solche, f�r die Oekonomie des ganzen
Reiches schwerwiegende Zust�nde herbeigef�hrt? Einzig und allein durch eine f�r die Be-
wohner civilisirter L�nder unbegreifliche Sorglosigkeit und Fahrl�ssigkeit. Die Besitzer der
betr�chtlichen Tabunen und Viehheerden in jenen Steppen yerabs�umen es, die n�thigen
Heuvorr�the f�r den Winter zu besorgen. Kommt das Fr�hjahr, so wird unser Herrgott wie-
der Gras wachsen lassen, heisst es; das ist aber nach einem anhaltenden, ungew�hnlich
strengen Winter nicht geschehen, es gab weder frisches noch trockenes Futter, daher
im Allgemeinen Hungersnoth und der Vieh all und infolge dessen auch die Verarmung der
Menschen."
Wie General Krischanowsky, Gouverneur von Orenburg, der russischen Regierung
mittheilt, hat die ausserordentliche K�lte des letzten Winters solche Verheerungen unter den
Heerden der Kirgisen angerichtet und dadurch die Transportmittel in einer Weise vermindert'
dass der augenblickliche Nothstand in eine ernstliche Hungersnoth auszuarten droht. Im Bezirke
Turgae haben von 860,000 St�ck Vieh nur 50,000 den Winter �berlebt.
Nach Baron von Meyendorff s Berichten bleiben die Pferde Winter und Sommer in Ta-
bunen von 1000 St�ck und mehr auf der Weide; sie werden von 2 bis 3 berittenen Hirten
geh�tet und wechseln h�ufig die Weidestelle. Im Sommer ziehen die Kirgisen auf niedrig
liegende, feuchte Weiden, auf denen vom Winter her noch Wasser steht, und im Herbst suchen
sie festen Boden auf, dessen trockener, salzhaltiger Graswuchs bei dem eintretenden Frost seine
Sch�rfe verlieren und die Pfe,rde so fett machen soll, dass sie die K�lte und St�rme des Vor-
winters leicht ertragen k�nnen.
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Il8                                                                   RL'SSLAND S PFERDERACEN.
Nach den oben citirten Berichten scheint jedoch dieser herbstliche Fettzustand die
Pferde nicht immer vor dem Erfrieren und dem Hungertode zu bewahren.
Die Kirgisen-Pferde in den Gouvernements Orenburg, Ssamara und Astrachan bilden
eine eigene Race; sie sind kaum von mittlerer Gr�sse, werden etwa i ,48 Meter hoch und k�nnen
im Allgemeinen als leidlich h�bsche Gesch�pfe ihrer Art gelten. Nur einzelne St�mme und
Familien der Race besitzen unsch�ne, h�ssliche K�rperformen. � Ihr breitstirniger Kopf mit
abgestumpftem Maul und leichter Ramsnase wird in der Regel hoch getragen. Das Auge
dieser Pferde ist gew�hnlich nicht gross, das gut gestellte Ohr wird h�ufig eingeschnitten. Ihr
mittellanger Hals erhebt sich von der Brust in schr�ger Richtung aufw�rts und zeigt sich nur
am oberen Ende leicht gebogen. Fleischige Nackenpartie bemerkt man bei ihnen nicht selten.
Die Brust ist massig breit, der Widerrist nicht sehr erhaben, der Leib massig lang, der R�cken
kr�ftig, und besonders stark sind die Lenden bei diesem Schlage entwickelt. Ihre ziemlich
breite Kruppe ist etwas kurz und meist absch�ssig, der Schweif aber dennoch leidlich hoch an-
gesetzt; man kann denselben mit Recht freist�ndig oder freiangesetzt nennen, da derselbe auch
.beim Stillstehen der Thiere frei vom K�rper absteht. Die St�rke des Schweifes ist nicht so
bedeutend wie bei den Baschkiren- und Kalm�cken-Rossen, ihre M�hne aber meistens ziemlich
dick, gewellt und mittellang. � Die unteren Gliedmassen der Kirgisen-Pferde sind gew�hnlich
untadelhaft, stark von Knochen und Sehnen, mit derben Muskeln versehen, frei von Ueber-
beinen und �hnlichen Fehlern, und die kurzen Fesseln gut gestellt. Ihre mittelgrossen Hufe
sind von derber, dauerhafter Hornsubstanz und Huf fehler sollen bei dieser Race selten
vorkommen.
Das Haarkleid der Kirgisen-Pferde ist sehr verschiedenartig; Hellbraune, Falben, Schecken,
sogenannte Tiger und Graue kommen am h�ufigsten vor; seltener sind Schimmel und F�chse
und nur ausnahmsweise bemerkt man in jenen Steppenlandschaften Rappen oder schwarz-braune
Pferde. � Ihre Behaarung steht sehr dicht auf dem K�rper, wird im Sommer ziemlich kurz,
im Winter aber immer sehr lang und zottig, wellt sich oft sehr stark und verleihet dann den
Thieren ein pudelartiges Exterieur.
              ,
Bei der Mehrzahl jener Pferde findet man eine Verfilzung der M�hnenhaare in Form
von kleineren und gr�sseren Zotten, die �Koltun" genannt werden, aber diese lassen sich sehr
leicht entfernen und kehren bei einer leMlich guten Pflege der Haut und der Haare nicht wieder.
Der eigentliche "Weichselzopf soll bei den kirgisischen Rossen nicht vorkommen.
Nach von Meyendorff zerfallen die Rosse der Bukejew'schen Horde in zwei Klassen,
n�mlich in die Pferde des Khan und die der �brigen K/rgisen. Die ersteren haben sich durch
10 Hengste aus den Militairgest�ten, welche der Kaiser Alexander I. dem Khan Djanguer
schenkte, ausserordentlich verbessert. Letzterer, ein geborener Kirgise, aber in Europa erzogen,
suchte f�r seine Hengste 140 der besten Stuten aus seiner Tabune aus und liess diese Elite-
Heerde abgesondert weiden, obschon die an das rauhe Steppenleben nicht gew�hnten Hengste
den Winter �ber in St�lle genommen wurden. � Jener Khan war ein t�chtiger Pferdekenner,
musterte stets s�mmtliche Produkte seiner Heerde selbst und liess alle werthlosen Hengstfohlen sofort
kastriren; er f�hrte auch �ber die Heerde ein besonderes Stammregister oder Heerdbuch. Nach
26 Jahren war seine Tabune 4000 K�pfe stark; allein es gingen davon in dem harten Winter 1848
�ber 1500 St�ck zu Grunde. � Diese Pferde haben alle gute Eigenschaften der alten Kirgisen-
Race beibehalten, sind aber etwas gr�sser als die gemeinen Rosse und erreichen nicht selten
eine H�he von 1,60 Meter. Die meisten derselben eignen sich vorz�glich f�r den Dienst der
leichten Cavallerie und �bertreffen in der Schnelligkeit und Ausdauer die Pferde vieler anderen
Schl�ge der Steppen-Race.
Auf einem Rennen zu Ryn-Peski durchlief ein solches edles Kirgisen-Pferd die Strecke
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DIE RACES UND IHRE Z�CHTUNG.
119
von 42,V deutschen Meilen in 43 Minuten und zeigte mithin eine Schnelligkeit und Ausdauer,
wie solche in Russland bislang von keinem englischen Vollblutpferde erreicht worden ist.
Die zweite Klasse, welche nach den Angaben des Baron von Meyendorff alle �brigen
gemeinen Kirgisen - Pferde umfasst, besitzt im Grossen und Ganzen die Formen und Eigen-
schaften derjenigen Rosse, welche wir weiter oben beschrieben haben. Unser Gew�hrsmann
ist der Meinung, dass die Mehrzahl aller gemeinen Kirgisen-Pferde durch die fortgesetzte Ver-
wendung schlechter Besch�ler neuerdings bedeutend zur�ckgegangen, kleiner und schw�cher
geworden sei.
Ein preussischer Officier, welcher in der Neuzeit vielfach Gelegenheit hatte, die Pferde
der fraglichen Race kennen zu lernen, berichtete uns Folgendes �ber dieselben:
�Klein, mit h�sslichem Kopf und Hals, aber mit ausserordentlich entwickelter Mus-
kulatur und vortrefflicher Lunge, ist das Kirgisen-Pferd �berraschend tragf�hig und von seltener
Ausdauer in weiten und schnellen Touren unter den durchschnittlich grossen und schweren
Kirgisen. Es w�rde f�r irregul�re Cavallerie ein vortreffliches Reitpferd sein; f�r das Hand-
gemenge ist es jedenfalls zu klein, daher f�r regul�re Cavallerie nicht zu verwerthen. Es ist
schon viel dar�ber geschrieben und discutirt worden, was aus dem Kirgisen-Pferde zu machen
sei, um das in der Naturanlage so vortreffliche Material f�r die Armee dienstbar zu machen.
Die Regierung hat in der Absicht, die Kirgisen-, Baschkiren- und Kalm�cken-Pferde zu ver-
edeln, ein Gest�t in Orenburg gegr�ndet, bis jetzt ohne wesentlichen Erfolg, da die Kirgisen
sich der Neuerung abgeneigt zeigen, namentlich nicht dazu zu bewegen sind, dem jungen Pferde
die Muttermilch unverk�rzt zu belassen. Sie sind der festen Ueberzeugung, dass Plunger und
Entbehrungen nothwendig sind, um ein brauchbares Ross zu erhalten und � trinken daher die
Pferdemilch lieber selbst. � Die Pferde der Turkmenen sind ein Beweis daf�r, dass die Zucht
wesentlich verbessert werden kann, wenn es nur im grossartigen Maassstabe geschieht,
Die eigenth�mliche Haltung der Thiere mag wohl an ihrer Entartung zum nicht ge-
ringen Theile schuld sein. � Kaum ist das Fohlen geboren, so wird es von seiner Mutter getrennt
und ihm nur gestattet, nach dem Abendmelken die Nacht �ber bei der Stute zu verbleiben und
die im Euter verbliebene geringe Milchmenge zu verzehren. Sobald der Morgen graut, wird
es angebunden und steht so den ganzen Tag ohne Nahrung in der Sonnenhitze vor den Jurten
seines Herrn. Auf diese Weise vergeht fast der ganze erste Sommer seines Lebens; erst im
September, wenn die Lactationsperiode der Stute ihr Ende erreicht, kommen die Fohlen, fern
von den Mutterstuten, mit anderen Pferden auf die Weide.
Den ganzen Sommer hindurch werden die Stuten in besonderen Tabunen, getrennt von
den Wallachen und Fohlen, geh�tet, d. h. man �berl�sst die H�tung der Kassiaks � bestehend
aus \2 bis 15 Stuten � den Hengsten, welche es vortrefflich verstehen, ihre Stuten zu f�hren
und gegen die Angriffe der W�lfe etc. zu vertheidigen. Zur Winterzeit werden alle einzelnen
Kassiaks zusammengetrieben, und es bilden dann die Stuten, Wallachen und Fohlen (ver-
schiedenen Alters) eine grosse Heerde, die ihre Nahrung auch jetzt wieder auf der Steppe
suchen muss und nur ausnahmsweise etwas Heu vorgelegt bekommt.
Im Wesen und Temperament zeigen die Pferde der Kirgisen grosse Aehnlichkeit mit
den Baschkiren-Rossen; meistens sind sie noch muthiger und wilder als diese. Beim Einfangen
machen sie den Leuten oft grosse Umst�nde. Sobald das Pferd auf der Steppe die Schlinge
�ber dem Kopfe f�hlt, l�uft es anf�nglich in weiten, sp�ter in immer kleineren Kreisen um den
Pfahl, an welchem die Leine der Schlinge befestigt ist; das ge�ngstigte Thier l�uft so lange bis
es, von der Schlinge zusammengeschn�rt, zu Boden sinkt. Dieser Augenblick wird von dem
gewandten Pferdeb�ndiger dazu benutzt, demThiere eine Trense anzulegen und sich auf dessen
R�cken zu schwingen. Wenn die Schlinge abgenommen ist, richtet sich das Pferd gew�hnlich
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i2o                                                     russland's pferderacen.
rasch empor, b�umt sich, schl�gt mit den Vorderf�ssen um sich und l�uft mit dem Reiter, wel-
chen es fort und fort abzusch�tteln versucht, wild in die Steppe hinaus. Dieser erste wilde
Ritt erfordert selbstverst�ndlich einen ebenso k�hnen, wie gewandten Reiter, und ist oft von
ziemlich langer Dauer, denn es kehren Ross und Reiter nicht fr�her wieder zum Lager zur�ck,
als bis beide vollst�ndig erm�det sind und das Pferd durch den Ritt und viele Peitschenhiebe
zu der Ueberzeugung gelangt ist, dass es von seinem Reiter vollst�ndig beherrscht wird.
Von dieser Zeit an wird das Thier f�r den Sattel geeignet sein, d. h. es kann nun jeder-
zeit als Reitthier verwendet werden. Anders aber ist es, wenn man dasselbe zum Ziehen der
Wagen benutzen will. Die Ausbildung des kirgisischen Steppenpferdes zum Zugthiere macht
ungleich gr�ssere Schwierigkeiten; hat man diese aber �berwunden, so erh�lt man ein Thier
von ausserordentlicher Ausdauer bei der Arbeit.
Dr. Fr. G�bel berichtet uns bez�glich ihrer Leistungen als Zugpferd w�rtlich Folgendes:
,, Nachdem die f�r die Equipage bestimmten Pferde eing'espannt worden waren, was nicht ohne
grosse M�he geschah, denn oft gelang es erst, nachdem man Vorder- und Hinterf�sse gefesselt
hatte, wurde zun�chst das Ziehen der leeren Equipagen mit ihnen versucht, da sie sich zum
ersten Male eingespannt sahen. Nur der ausserordentlichen Gewandtheit der Kirgisen im
Pferdeb�ndigen und Reiten gelang es, diese wilden Bestien ihrem Willen unterth�nig zu machen.
Es waren vor jede Equipage 6 Pferde gespannt, zu drei nebeneinander; auf den vier �usseren
Thieren ritten Kirgisen und neben diesen wieder andere auf nicht angespannten Pferden, mit
der Plette'") drohend und zuschlagend, um sie zum Anziehen zu bringen und in der Richtung
des bestimmten Weges zusammenzuhalten. Voran ritt ein Kirgise, drei Leinen vom Kopfe der
Vorderpferde in der Hand haltend, welchen nun die Uebrigen, sobald sie in Gang gebracht
worden waren, folgten. Da sie nicht gleichf�rmig anzogen, so rissen bisweilen bei dem einen
Pferde die Str�nge, w�hrend ein anderes sich b�umte, ausschlug, oder mit dem Reiter sich
niederwarf, um der ungewohnten Pein ledig zu werden; allein nie wurde ein Kirgise getreten,
wenn er auch zwischen den Pferden lag, unter welchen er ebenso rasch, als er darunter ge-
kommen war, wieder hervorkroch und sich von Neuem auf das Pferd schwang. War durch
rasches Anziehen die Equipage in Bewegung gebracht worden, so ging es nun in der Carriere
eine Strecke vorw�rts, worauf sich der Zug in Trab und endlich in Schritt setzte. Die Pferde
zogen nun, auf vorbeschriebene Weise zusammen gehalten, ruhig weiter, nur durfte nicht ein-
gehalten werden, weil sonst der Tanz von neuem losging-. Ein solches Pferdeb�ndigen ist aber
auch nur in der Steppe m�glich, wo es weder Gr�ben noch Berge giebt, und wo man bei der
Geschicklichkeit und K�hnheit der Kirgisen in der That keine Gefahr l�uft, obgleich das Ganze
sehr halsbrechend aussieht." Auch Goebel lobt an mehreren Stellen seines Werkes die Schnellig-
keit und grosse Ausdauer dieser Rosse; er sagt, es sei nichts Ungew�hnliches, dass ein Kirgise
an einem Tage mit 2 bis 3 Pferden 100 bis 150 Werst zur�cklegte, indem er sich auf das eine
Thier setzt, die beiden anderen f�hrt und sich dann auf ein anderes setzt, sobald das Gerittene
erm�det scheint. Bei dem Pferde - Rennen in Uralsk durchl�uft oftmals ein guter Renner die
20 Werst lange Bahn in 20 bis 30 Minuten.**)
*) Plette ist eine Art Kantschu oder Knute.
**) Ueber die Fuhrwerke in den kirgisischen Steppen erz�hlt uns Dr. F. G�bel in seiner �Reise in die Steppen
des s�dlichen Russlands" Folgendes: �Eine Fahrt in die Steppe, wo es weder B�ume noch Str�ucher giebt, wo
man selten einen Stein findet, wo es �berhaupt an jedem H�lfsmittel zu irgend einer Reparatur und zur Anschaffung
irgend eines Bed�rfnisses gebricht, erfordert auch andere Vorbereitungen und anders eingerichtete Equipagen, als eine
Fahrt auf geebneten Landstrassen in cultivirten L�ndern. Die Equipagen m�ssen leicht, bequem, aber auch so eingerichtet
sein, dass man im Stande ist, jede Reparatur daran selbst aufszu�hren. Ich hatte eine sogenannte Karandasse und
als Packwagen eine russische Kibitke anfertigen lassen. Erstere enthielt ausser dem Beschlag der R�der und den
eisernen B�chsen in denselben, kein Eisen, und doch habe ich in dieser Equipage gegen 8000 Werst zur�ckgelegt. Nur
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DIE RACEN UND IHRE Z�CHTUNG.                                                              121
Bei dem Auflegen der meist zierlich und zweckm�ssig construirten Hufeisen zeigen sich
die kirgisischen Rosse gew�hnlich unartig und b�swillig; es erscheint in den meisten F�llen
n�thig, die Thiere in die sogenannten Zwangs- oder Nothst�lle zu f�hren, um sie hier ohne
Gefahr f�r den Schmied beschlagen zu k�nnen. Zu diesem Zwecke bringen mehrere starke
und gewandte M�nner das sich auf alle erdenkliche Weise str�ubende Pferd unter Peitschen-
hieben, Ziehen und Schieben in den Nothstall, welcher in der Regel aus starken Balken erbaut
ist und dem Thiere nur eben Raum zum Stehen l�sst, aber kein R�ck- und Seitw�rtstreten
gestattet. Die Brust des Pferdes lehnt sich an einen Balken, der das Vorr�cken desselben
verhindert und zugleich als Mittel dient, die Z�gel des Thieres straff anzuziehen und zu halten.
Die Bewegungen der Vorderf�sse werden durch einen d�nneren Balken, welchen man in der
H�he der Kniegelenke hinter den F�ssen vorschiebt, unm�glich gemacht. Nachdem das
Pferd in solcher Weise vorn festgestellt ist, werden zwei Gurte unter dem Bauche desselben
durchgezogen und an der einen Seite des Nothstalles gut befestigt, an der anderen Seite aber
mit einer Winde in Verbindung gebracht und durch einige Umdrehungen so straff angezogen,
dass das Pferd in gerader Stellung nur eben noch mit den F�ssen den Boden ber�hrt.
Obgleich das Pferd fort und fort den Versuch macht, sich seinen Peinigern zu entziehen,
so wird ihm dieses doch durch die ihm gegebene Stellung unm�glich gemacht. Hierauf
wird um den zu beschlagenden Hinterfuss eine starke Schlinge geworfen und durch rasches
Anziehen derselben der Fuss auf einen vor resp. hinter dem Nothst�lle liegenden Klotz gestellt
und durch mehrfaches Umwickeln der Schlinge oder des Seiles festgezogen und somit der
Fuss festgehalten. Dann erst tritt der Schmied zur Arbeit an das gefesselte Thier, reisst in
unbarmherziger Weise mit seinem plumpen Wirkmesser grosse St�cke Horn vom Hufe ab
und legt endlich das Eisen auf, welches mit sechs N�geln fest geschlagen wird. Nach Be-
endigung des Beschlags erscheint das Thier wie im Schweiss gebadet; es zittert am ganzen
K�rper und sieht schnaubend und keuchend um sich. � Es ist einleuchtend, dass ein solches
rohes Verfahren im Nothst�lle f�r manches Pferd,, das sonst bei richtiger Behandlung wohl
zu z�hmen gewesen sein w�rde, nur h�chst nachtheilige Folgen haben und seine Unb�ndigkeit
oder Widerspenstigkeit vergr�ssern wird. �
Nachstehend lassen wir ein von der kaiserlichen Gest�ts-Verwaltung in St. Petersburg
ver�ffentlichtes Verzeichniss der hervorragendsten Zuchtgebiete in den kirgisischen Steppen-
landschaften, nebst Angabe der Zahl aller daselbst gehaltenen Zuchtpferde folgen. �
Zum Schluss f�hren wir noch an, dass nach J. Wilson die Kirgisen im Ganzen 42,000
Hengste und 331,000 Stuten zur Zucht halten.*) �
die Vorderr�der wurden einmal neu beschlagen und zwei Mal neue Vorderachsen angelegt, die durch das schnelle Fahren
in Brand gerathen waren. Auf den beiden Achsen ruhten zwei 21 Fuss lange. 2*/2 Zoll dicke St�mme von gutem Birken-
holz, und auf diesen, in einem Abst�nde von 21/2 Fuss von jeder Achse, ein aus d�nnen Brettern angefertigter, mit
Wachstuch �berzogener Kasten von Gestalt einer Halbchaise. � Diese Halbchaise befindet sich in einer auf- und
niederschaukelnden Bewegung, durch die elastischen St�mme, ihre Unterlage, hervorgebracht, so dass man bequemer,
als in der besten Ressortsequipage f�hrt. Sie ist ger�umig genug, um m�glichst viel Gep�ck ohne Unbequemlichkeit
mitnehmen zu k�nnen und gew�hrt den grossen Vortheil, dass sie, wegen ihrer L�nge, nie umfallen kann, ein Vortheil,
der mir sp�ter sehr zu statten kam, besonders in der Steppe, bei den des Ziehens ganz ungewohnten Pferden-
ich hatte sie ausserdem so einrichten lassen, dass meine beiden Reisegef�hrten und ich bequem neben einander unter
dem Verdecke sitzen konnten." �
*) J. Wilson. Agriculture et Economie rurale en Russie. Apercu statistique. �L'elevage des chevaux en
tabouny ou en cossiaks ne s'est conserve de nos jours, que dans la province du Don, parmi les Cosaques d'Orembourg,
du Kouban, du Terek et autres, ainsi que chez les populations nomades des steppes de lAsie centrales. Le nombre
de ces chevaux est evalue � plus de 68,000 etalons et^JtSJfe^irftei^s poulinieres, dont la plus grande moitie appartieut
aux Kirghizes." �
                                                 y^JV**- L **<�A>\
A:                   )i\
Trey tag, Russland's Pferde � Racen.                 /                                                                                                      16
&.
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122
RUSSLANDS PF ER D E - R A C E N.
Verzeichniss
der kirgisischen Bezirke, in welchen Stutereien vorkommen, nebst Angabe der in denselben
gehaltenen Zuchtfperde.
Gouvernement
und
Provinz.
Bezirke.
Zahl der
Zuchtpferde.
Hengste Stuten.
Bemerkungen.
Astrachan
Orenburg
Semipalatinsk
Semissalabinskaja......
Pawlodarsky . .....
Karkaralinsky.......
Zaiskanskoje scristavswo . . .
I503
710
54
563
15263
2543
8466
12519
4502
2596
4111
216
4798
120975
22407
74328
165058
47238
1 Mischung von kirgisischen
J und kalm�ckischen Pferden.
Kirgisisch.
Baschkirisch u. theilw. Kirgis.
Reit- und Wagenpferde
(kirgisisch.)
Akmolinsk
Im Ganzen
Omskij....., . . .
Pebropawlowsk.......
Akmolinskij........
Koktschetavskij.......
Sarysujsky........
46123
1132
4965
6208
3823
21122
441727
33232
49444
55179
2 4943
368995
1 Russische und kirgisische
J Race gekreuzt.
} Kirgisische Pferde.
Im Ganzen
37250
531793
E. Die Pferde der uralischen Kosaken.
Zu dem Gouvernement Ssamara geh�rt auch der Bezirk der uralischen Kosaken mit der
Stadt Uralsk, bewohnt von etwa 17,000 Menschen, am Ural, Tschangar - M�ndung, fr�her Jailskoi-
Gorod�k genannt, und 48 geographische Meilen vom Kaspischen See entfernt belegen. Die
Stadt ist der Hauptsitz der Jaik- oder Uralkosaken, und wahrscheinlich schon im Jahre 1613
von diesem Volksstamme erbaut worden.
Die uralischen Kosaken haben seit Anfang dieses Jahrhunderts eine gut geordnete Civil-
und Milit�r-Verwaltung, und bilden jetzt unstreitig ein gl�ckliches V�lkchen, welches weit aus-
gedehnte Landstrecken besten, fruchtbarsten Bodens erb- und eigenth�mlich besitzt.
Viehzucht, Viehhandel und Fischfang sind der Haupterwerb dieser Kosaken. Erstere
treibt die wohlhabende Klasse, letzteren die �rmere. Der Uralfluss liefert den Anwohnern
Hausen und Bjolungen, die zuweilen 300 Kilogr. schwer werden, 1,90 bis 2,6 Meterlange St�re oder
Ossetra, 100 Kilogr. schwere Shipps, ferner auch Ssewrugen und Sterled's, die den Fluss hinauf-
und herabschwimmen. Die Fische werden theils frisch, theils gesalzen versendet, j�hrlich mehr als
130,000 Zoll-Centner, nebst etwa 20,000 Zoll-Centner Kaviar, zusammen f�r 3V2 Millionen Rubel
Waaren des Fischfanges. � Nach Beendigung der Fischerei, im Herbst, bringt eine Deputation
von kosakischen Reiter- Officieren ihrem Kaiser einige der gr�ssten Fische nach St. Petersburg
und empf�ngt daf�r einen mit Ducaten gef�llten Pokal. Bei dieser Gelegenheit werden gew�hn-
lich auch einige der sch�nsten und besten Pferde des uralischen Kosaken - Schlages mit in die
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DIE PFERDE DER UR�MISCHEN KOSAKEN.
J23
Haupts tadt des Kaisers gef�hrt, wo sie wegen ihrer grossen Schnelligkeit, Gewandtheit und Aus-
dauer immer grosse Beachtung und stets zu hohen Preisen Abnehmer finden.
Am Obtschei-Syrt und in der Umgegend von Uralsk besch�ftigen sich viele wohlhabende
Bewohner mit dem Ackerbau. Auf dem vortrefflichen Boden, welcher zum weitaus gr�ssten
Theile der Schwarzerde angeh�rt, werden fast allj�hrlich die reichsten Korn-Ernten gemacht,
von dem Weizen und Roggen wird nicht selten das 25. Korn erzielt. � Die Goldhirse
(Panicum milaceum aureum). welche ab und zu auch als Pferdefutter Verwendung findet, haupt-
s�chlich aber zur Nahrung der Menschen dient, soll zuweilen einen 200f�ltigen Ertrag liefern.
(Da das Saatquantum bei dieser Hirse sehr gering ist, etwa 3 Metzen pro Morgen betr�gt, so
erscheint dieser hohe Ernteertrag immerhin glaubw�rdig).
Die F�lle der k�stlichen Melonen und Arbusen ist unermesslich und gestattet einen all-
gemeinen Genuss dieser saftigen, wohlschmeckenden Fr�chte.
Das Land ist auch reich an sch�nen Wiesengr�nden, welche es den Kosaken m�glich
machen, ihre Hausthiere � besonders die Pferde � im Winter reichlich mit Heu zu versorgen.
Der Oberstallmeister von Meyendorff giebt an, dass die Kirgisen im Gouvernement Orenburg
von ihren Nachbarn, namentlich von den uralischen Kosaken Wiesen pachteten, sobald das
Gras oder Heu zur hinreichenden Ern�hrung ihrer Pferde nicht mehr ausreichte.
Die Reichen des Landes am Ural besitzen ausser ihren zahlreichen, oft 3 bis 4000 St�ck
haltenden Pferde-Tabunen auch viele Rinder- und grosse Schaf heerden. Einzelne Kosaken sollen
20 bis 30,000 Schafe � die meistens der Fettsteiss-Race (Kurtjuk) angeh�ren � ihr Eigen nennen.
In der neueren Zeit hat man jedoch die Schafhaltung etwas eingeschr�nkt, hingegen die der
Pferde weit umfangreicher als fr�her betrieben. Eine nicht unerhebliche Preissteigerung f�r die
gut gezogenen Rosse soll diesen Wandel hervorgerufen haben.
Die Pferdezucht bildet jetzt an vielen Orten des Bezirks die Hauptbesch�ftigung der
Einwohner; man verwendet auf dieselbe ungleich gr�ssere Sorgfalt als die Kirgisen in den an-
grenzenden Steppen zu thun pflegen. Die wohlhabenden Kosaken benutzen zur Zucht fast aus-
schliesslich Besch�ler der edlen orientalischen Racen und erzielen in Folge dessen eine sehr werth-
volle Nachzucht, die sich haupts�chlich zum Reitdienste eignet. Solche Pferde werden auf den Jahr-
m�rkten von Uralsk von den aus dem Westen und Norden kommenden H�ndlern gern gekauft und
verh�ltnissm�ssig theuer bezahlt. � Aber auch der alte, unveredelte Pferdeschlag jenes Landes
besitzt mehrere lobenswerthe Eigenschaften, vor allen anderen aber eine grosse Gewandtheit und
Schnelligkeit in der Bewegung. Dr. F. G�bel giebt an, dass er von 5 Uhr Morgens bis Nach-
mittags 2 Uhr einen Weg von 74 Werst (10V2 deutsche Meilen) mit Thieren dieser Race zur�ck-
gelegt, dabei aber noch 3'/2 Stunden an einem Orte ausgeruht habe.
�Es ist unglaublich, wie schnell man im Lande der uralischen Kosaken f�hrt. Die beiden
Seitenpferde ziehen jedes nur an einem Strange, der an der inneren Seite des Kumtes befestigt
ist. Beim Einspannen sind immer 6 bis 8 Kosaken th�tig, indem jedes Pferd besonders gehalfen
werden muss. Ist alles in Ordnung, so setzt sich der Fuhrmann auf den Bock, erfasst die
Z�gel und kaum k�nnen die vor die Pferde gestellten Kosaken diese noch halten. Sobald sie
loslassen, gehen die Pferde gew�hnlich im Carriere vorw�rts, und nun wird abwechselnd
Carriere und Trab bis zur n�chsten Station gefahren, wobei wenigstens in einer Stunde 15, 17,
ja selbst 19 Werst zur�ckgelegt werden." Andere Reisende berichten, dass sie dort Wege-
strecken von 200 Werst in 24 Stunden zur�ckgelegt h�tten.
Ueber die Abstammung dieses Landschlages wird von den russischen Hippologen ange-
geben, dass derselbe wahrscheinlich aus der Kreuzung von Baschkiren- und Kirgisen-Rossen
hervorgegangen sei, aber meistens etwas gef�lligere Formen als diese bes�sse. � Die kr�ftig
gebauten Thiere der uralischen Kosaken-Race haben in der Regel einen massig schweren Kopf
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124                                                                   RUSSLAND S PFERDERACEN.
und mittellangen Hirschhals, gut abgerundeten Leib und ein kr�ftiges Kreuz mit leichtem
Abfall nach hinten. Ihre Beine sind kr�ftig, mit derben Sehnen und guten, festen Hufen aus-
gestattet. Sie erreichen selten eine H�he von 1,50 Meter und sind durchschnittlich nur
1,45 Meter hoch.
Ausser der grossen Schnelligkeit dieser Plerde r�hmt man noch ihre Leichtigkeit und
Sicherheit in der Bewegung; man sagt: �Diese Rosse durchschiessen die Steppe gewisser-
massen wie Pfeile, kaum den Boden ber�hrend und ohne nur im mindesten zu straucheln." Be-
z�glich ihrer Haarf�rbung wird angegeben, dass sie meistens dunkelbraun w�ren. Die hin und
wieder dort vorkommenden F�chse, Isabellen und Falben haben gew�hnlich einen dunklen
R�ckenstreifen und zuweilen auch schwarze Ringe an den Beinen.
T�chtige Passg�nger sollen unter den uralischen Kosaken-Rossen nicht selten zu finden
und immer hoch gesch�tzt sein. Die Reiter des Ostens lieben bekanntlich diese Gangart mehr
als einen ordentlichen, regelrechten Trab.
F. Die Pferde der nogaischen Steppe und der Krim.
Die nogaische Steppe, s�dlich vom unteren Dnjepr (das alte M�otien), bildet eine weite
von Schluchten h�ufig unterbrochene Niederung mit fruchtbarem Boden, welcher von den
verschiedenartigsten Steppenkr�utern und Grasarten dicht bewachsen ist. Im Fr�hling und in
den, ersten Sommermonaten bilden diese eine grosse Blumendecke, welche aber leider schon
fr�hzeitig verschwindet; die heissen Ostwinde verdorren dieselbe im Hochsommer sehr bald
und gestalten die Landschaft zu einer unfreundlichen Steppe im wahren Sinne des Wortes;
fast g�nzlich ohne Baumwuchs gleicht sie im Hochsommer meistens einer kahlen W�ste. Auf
den heissen, trockenen Sommer folgt gew�hnlich ein strenger Winter mit seinen Schrecken
f�r die weidenden Viehherden.
In der nogaischen Steppe findet sich an vielen Stellen salzhaltiges Grundwasser,
wogegen es h�ufig an gesundem Trinkwasser mangelt. Die Heuschrecken suchen diese Land-
schaft oft heim und verw�sten dann vollends grosse Fl�chen des bebauten Landes. � Das
Getreide gedeiht in den vom Wetter beg�nstigten Jahreszeiten sehr gut und kommt in der
Regel zu einer grossen F�lle; der Weizen liefert besonders sch�nes Korn und reichlich Stroh
von grosser St�rke. Auch der Garten- und Weinbau wird an manchen Orten mit bestem
Erfolg betrieben.
Ein Theil der dortigen Bev�lkerung � wohl gegen 60,000 Menschen � sind nogaische
Tataren, die Reste des ehedem hier herrschenden Volkes. Noch am Ende des XVIII. Jahr-
hunderts war die Krim ein Tataren-Reich, welches gew�hnlich die �kleine Tatar ei" genannt
wurde. Viele Tataren hatten aber schon damals, nach dem Vorbilde der bereits vor Jahr-
hunderten dort eingewanderten deutschen Colonisten, ihre Filzh�tten oder Jurten mit massiven
H�usern vertauscht, und bewohnten in drei St�mmen etwa 70 Dorfschaften.
Die Viehz�chtung hat bei diesem Volke von jeher eine der wichtigsten und liebsten
Besch�ftigungen gebildet, namentlich waren die von ihnen gehaltenen Pferde- und Schaf -
Heerden sehr zahlreich, und noch heute durchziehen vom Fr�hjahr bis zum Herbste die
Tabunen der nogaischen Tataren die ganze Halbinsel von Norden nach S�den. Auch Ziegen,
B�ffel und Kameele sind dort in grosser Zahl vorhanden, werden aber meistens schlechter
gehalten als die Pferde und Schafe. Bienenzucht wird �berall stark betrieben.
Der Hauptflecken der Tataren ist Nogajsk, mit 3100 Einwohnern, am Asow'schen Meere
sehr sch�n belegen.
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DIE PFERDE DER NOGAISCHEN STEPPE UND DER KRIM.                                  125
Das nogaische Steppenpferd ist wahrscheinlich aus der Vermischung der verschiedenen
orientalischen Racen hervorgegangen. Fitzinger nennt dasselbe einen Blendling des kaspisch-
tatarischen Pferdes mit dem abchasischen Tscherkessen-Rosse. Die russischen Hippologen
sind der Meinung, dass die Race der Krim, welche heute zu einer der besten in den s�d-
russischen Steppen geh�rt, erst durch mehrfache Kreuzungen mit polnischem und ukrainischem
Blute zu der t�chtigen Leistungsf�higkeit gekommen sei, welche man jetzt bei vielen Thieren
derselben wahrnimmt. � Diese Pferde sind in der Regel von mittlerer Gr�sse, etwa 1,50 Meter
hoch, leicht und zierlich gebaut mit gestrecktem Rumpf, kleinem Kopfe, feinen Kinnbacken
und einer massig breiten Stirn. Ihr Hals ist meistens dem der Hirsche �hnlich geformt, die
Brust gut proportionirt, der Widerrist hoch, das Kreuz ziemlich gerade, der leichte, nicht
zu dicke Schweif ist hoch angesetzt und wird fast ausnahmslos h�bsch getragen. Ihre feinen
Beine � mit etwas flachen Knieen � besitzen gute Sehnen und feste, zierliche Hufe.
Die Gangarten dieser Race lassen nichts zu w�nschen �brig, besonders sch�n und
f�rdernd soll der Trab derselben sein. Im Dienste unter dem Reiter zeigen sie grosse Ausdauer
und stehen in dieser Beziehung nicht hinter ihren Stammverwandten im Kaukasus zur�ck.
Der Tatar Bielaj brachte 1858 aus der Krim ein kleines schwarzes Pferd zu dem Rennen
nach Antonin, welches durch seine Schnelligkeit das gr�sste Aufsehen erregte und mit den
besten englischen Vollblutpferden erfolgreich concurriren konnte.
In wie weit nun der Graf H�tten-Czapski in seinem schon mehrfach citirten Werke das
Recht hat zu sagen: �Die eigentliche krim'sche Race ist, seitdem Russland diese Halbinsel
im Besitz hat, immer mehr im Verschwinden; heute halten nur einige Heerden noch diese
Race, w�hrend die meisten anderen Heerden gemischte Pferde z�chten oder ganz fremde Racen
eingef�hrt haben," verm�gen wir leider nicht bestimmt anzugeben. Alle russischen Hippologen
haben sich uns gegen�ber stets lobend �ber die heute dort noch existirende alte nogaische
Steppen-Race ausgesprochen und den Wunsch ge�ussert, dass dieselbe in alter Weise fort-
gez�chtet werde; sie liefere ein vorz�gliches Reitpferd f�r die Cavallerie und st�nde im
Werthe keiner anderen s�drussischen Steppenrace nach.
Es folgt hier das Verzeichniss der ber�hmtesten Z�chter und Zuchtpl�tze in jener
Landschaft des s�dlichen Russlands.
Kreis.
Namen der Z�chter.
Ort der Z�chtung.
Zuchtpferde
Bemerkungen.
Hengste
Stuten
Simferopol
Besler, Heinrich, Colonist .
Dorf Adschiketsch .
->
0
30
Arbeitsschlag
Berdjansk
Haritonof, Simon, Bauer ....
3
40
V
Dneprofsk
Maltzef, Sergei, Ceneral-Major . .
bei den D�rfern So-
fiefka u. Uspensk
10
67
Reitschlag (Arab.
Halbblut)
>>
Stroganof, Alexander, Graf . . .
Dorf Dmilriefko
9
94
Arbeitsschi. (Bit-
jugscher)
?>
Faltz-Fein, Eduard, erbl. Ehrenb�rger
Gut Tschapli . .
4
121
Gemischt
Eupatoria
Woronzof, Simon, F�rst. . .
Dorf Achmetschet .
3
60
Wagenschlag
;)
Kowalefskv, Mathias......
Dorf Tschotai . .
4
55
»
Melotopol
Wibe, Johan, Mennonit.....
Gut Stokopani . .
4
60
Perckop
Braumann, Gustav, Ausl�nder . .
Dorf Dschanai . .
5
100
Reit-, Wagen- u.
Feodosia
Gesellschaft deutscher Ansiedler. .
Dorf Isljama Tepek
Arbeitsschlag
(Neudorf) . . .
5
65
>>
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120                                                                  RUSSLAND S PFERD E K AC E N.
G. Die Pferde in Bessarabien.
Das Gouvernement Bessarabien umfasst 660,72 geogr. □ Meilen mit einer Bev�lkerung
von 1,052,000 Seelen. Nahezu ein F�nftheil des Ganzen ist in Kultur, fast die H�lite bildet
Weideland und ein Elftheil ist mit Waldungen bedeckt. Trotz der h�ufig im Sommer vor-
kommenden Trockniss und gewaltigen Hitze sind die Getreide-Ernten hier meistens sehr ergiebig;
aber leider verdirbt das Korn oftmals durch den lang anhaltenden Herbstregen (z. B. in diesem
Jahre 1880) auf dem Felde. Weizen und Mais werden in Bessarabien haupts�chlich angebaut.
Obst- und Maulbeerbaumzucht wird fast �berall im Lande mit Erfolg betrieben; auch der Wein
giebt alle drei Jahre einen ausgezeichneten Ertrag. � In den zahlreichen Colonien der deutschen
Bauern ist in der Neuzeit Mancherlei unternommen worden, um den Ackerbau, wie die Vieh-
zucht des Landes zu heben; ihr Wein gilt als der beste, ihre Wolle als die feinste im Gouverne-
ment. Auch zur Verbesserung der Pferdezucht haben die Deutschen, neben den Russen, viel
gethan. Sie sind im Besitz mehrerer sehr gut eingerichteten Gest�te, in welchen man haupt-
s�chlich orientalisches Blut zur Veredlung der alten Landrace verwendet. Auf den �ppigen
Weiden finden die Pferde, wie die �brigen Heerdenthiere fast das ganze Jahr hindurch ein sehr
nahrhaftes Futter. Stallf�tterung wird nur ausnahmsweise betrieben. Das bessarabische Pferd
geh�rt der ukrainischen Race an, welche sp�ter eingehend behandelt wird. � Auf dem Gest�t
der Herren Krystofowicz hat man fr�her Mecklenburger Hengste als Besch�ler benutzt und auf
diese Weise einen t�chtigen Wagenschlag ausgebildet, der sich noch heute eines guten Rufes
erfreut. In dem Gest�te des Herrn Balz kreuzt man mit englischem, arabischem, persischem
und t�rkischem Blut und erzielt so einen leidlich brauchbaren Reitschlag.
H. Die Pferde im Gouvernement Cherson.
Dieses Gouvernement ist 1,294,56 geogr. □ Meilen gross und wird von 1,497,000 Menschen
bewohnt. Nahezu die H�lfte des ganzen Areals besteht aus unfruchtbarem, wenig angebautem
Lande. Fast ein Drittheil wird als Weide genutzt, ein F�nftel ist Kulturland und 1 Procent
der Fl�che besteht aus Waldungen. � Cherson ist das Steppenland zwischen Dnjestr und Dnjepr;
es wird vom Bug, Ingul und Ingulez durchfl�ssen; im Norden, wo es sich an die Region der
schwarzen Erde anschliesst, ist der Boden sehr fruchtbar und liefert allj�hrlich reiche Getreide-
Ernten und grosse Futtermengen zur Ern�hrung der Hausthiere. � Auch dieses Land, dessen
Bewohner einem Dutzend Nationalit�ten angeh�ren, war in fr�herer Zeit dem Chan der Krim
unterth�nig. Der unter den T�rken noch sehr w�ste, v�llig unbebaute Boden ist erst durch die
Russen (seit 1739) und westeurop�ischen Kolonisten zum Theil in eine fruchtbare Landschaft
umgewandelt. Wilhelm von Hamm berichtet �ber die dortigen Steppen folgendermassen:
�Nach dem Regen entwickelt sich die Vegetation in fast unglaublicher Ueppigkeit. Die ganze
Steppe �berzieht ein dichter Teppich hochhalmiger Gr�ser, deren Aehren und Rispen sich manch-
mal bis zu einer H�he von 2 Meter erheben. Dieser Graswald ist in saftigem Gewirr mit allerlei
Kr�utern, Ranken und Stauden durchflochten, aus welchen pr�chtige Blumen bald einzeln ihre
K�pfchen strecken, bald sich zu bunten Matten, gewissermassen zu Steppeng�rten vereinen.
Neben dem N�tzlichen und Sch�nen erhebt sich hier aber auch das Widerw�rtige und Sch�d-
liche. Das ist der Burian, unter welchem Namen man dort alle unn�tzen Stauden der Steppe
begreift. Merkw�rdige, geheimnissvolle Gew�chse sind darunter: die Steppennadel (Stipa),
deren spitzer, mit Widerhaken gez�hnter Samen den Thieren durch Haut und Muskeln in's
Herz und in die Eingeweide dringt, so dass sie elendiglich erliegen m�ssen. Auch das
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT CHERSON.                                                127
�betrunkene Kraut," dessen Genuss die Pferde toll machen und l�hmen soll, w�hrend es den
Rindern nicht schadet; die Choleraklette, welche zum ersten Male mit der Seuche erschien und
ein specifisches Heilmittel gegen die Hundswuth sein soll, und endlich noch der Kurai, das
gemeine Salzkraut, sind dort zu finden. Wenn im Herbst die Winde sch�rfer �ber die Ebene
zu pfeifen beginnen, dann f�ngt auf einmal da und dort eine Steppe an zu wandern. Es scheint,
als l�se sich die Rasendecke des Bodens freiwillig los, rolle sich zusammen und kugele nun in
lustigen Spr�ngen vor dem Winde her, schneller als das schnellste Ross zu laufen vermag.
Bald schreitet die r�thselhafte Bewegung vor in langgestreckten, fast gradlinigen K�mmen, bald
bricht sie diese Linien und wirbelt im tollsten, ung"eberdigsten Tanze umher. Manchmal stauen
sich die Massen an irgend einem unscheinbaren Hinderniss, Gewicht h�ngt sich an Gewicht,
H�gel erbauen sich, luftige S�ulen und Th�rme, bis endlich das Ganze den Halt oder Schwer-
punkt verliert, �berkugelt, und nunmehr, vom schadenfrohen Winde geblasen, mit doppelter
Eile wieder vor diesem dahinfliegt. Alle diese kugelnden Gebilde sind Stauden des Salzkrautes,
deren Aeste beim Zusammend�rren sich zu einem Ball zusammenw�lben, und deren Stengel
oberhalb der Wurzeln abfault. Oft scheint eine einzige Pflanzenart sich grosser Regionen
bem�chtigt zu haben. So erblickt man h�ufig, so weit das Auge reicht, v�llig ebene dunkle
Fl�chen, gebildet aus einer Art Wolfsmilch, welche kein Thier ber�hrt. � An besonders
g�nstigen Stellen erheben sich wahre Geb�sche, Buriandickichte, gebildet von stachelichten
Disteln und Kletten, die fast in Baumesst�rke und H�he emporwachsen, und ihre bewehrten
Aeste malerisch ausbreiten, gleich riesigen Armleuchtern. Schlanke, bl�thenvolle K�nigskerzen
schiessen dazwischen empor wie gelbe Lanzen; grosse Flockenblumen, gr�ne Wermuthb�sche
und wuchernde Amaranthen verschr�nken sich zu einem fast undurchdringlichen Dickicht.
Solch ein Versteck ist das Sommerlager der W�lfin; hier wohnt der unheimliche Scheltopusik,
eine harmlose Eidechse ohne F�sse, deren Gr�sse und Schlangengestalt den Wanderer �fters
erschreckt. So leer und �de die Steppe auch dem Blicke erscheint, so birgt sie doch mannig-
faltiges, wimmelndes Leben."
Die hier vorkommenden Pferde haben in ihrem K�rperbau grosse Aehnlichkeit mit den
ukrainischen Rossen und werden wahrscheinlich auch von diesen abstammen, vielleicht auch durch
Kreuzung mit orientalischen Hengsten etwas verbessert worden sein. Sie zeigen fast alle eine
grosse Ausdauer unter dem Reiter, wie auch vor dem Post- und dem Jagdwagen des Adels
und der j�dischen Handelsleute, welche mit ihren Drei-, Vier- und F�nfgespannen das Land
nach allen Richtungen durcheilen.
Im Cherson'schen giebt es mehrere Gest�te, welche haupts�chlich mit englischem Blute
arbeiten und durch die Kreuzung mit Vollblut-Hengsten den alten Landschlag zu veredeln und
zu vergr�ssern suchen. Die Herren Sagajdakows, Warabiews, Isajews und Andere sollen in
der Neuzeit t�chtige und h�bschgebaute Pferde erzogen haben. An anderen Orten dieses
Gouvernements sieht man in den Gest�ten auschliesslich orientalische Pferde der verschiedensten
Racen zur Zucht benutzt; allein nicht �berall wird auf letztere die Sorgfalt verwendet, welche
sie beansprucht und in Folge dessen giebt es oftmals eine Nachzucht, welche weder f�r den
Reitdienst, noch f�r das Fuhrwesen besonders tauglich ist. In einzelnen Stutereien werden jetzt
Orlow'sche Hengste und Stuten zur Zucht verwendet, und bem�ht man sich, hier t�chtige Traber
auszubilden, welche mit den besseren Pferden aus den Gouvernements Tambow undWoronesch
auf der Rennbahn in Concurrenz treten k�nnen. � Die deutschen Colonisten Cherson's
betreiben in der Regel die Pferdez�chtung mit groser Vorliebe, wenn auch nicht immer mit
bestem Erfolg. Es ist zu bedauern, dass ihre Mittel in der Regel nicht dazu ausreichen, sich
in Besitz edler Deckhengste zu setzen. Man l�sst gew�hnlich die ukrainischen Stuten von
�lteren, brackirten orientalischen Hengsten belegen, die aus den Gest�ten der adligen Herren
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128                                                                   RCSSLAKD S P F E K D E R A C EN.
zu massigen Preisen erworben werden. Auf diese Weise erhalten die Colonisten meistens nur leid-
lich gute Reitpferde, selten aber einen t�chtigen Arbeits- oder Wagenschlag. Die von ihnen gezoge-
nen Wagenpferde sind in der Regel zu leicht und zu klein; sie besitzen aber gew�hnlich grosse Ge-
wandtheit, Ausdauer und Gen�gsamkeit und befriedigen die bescheidenen Anspr�che der Bauern.
Cherson ist reich an kleinen Gest�ten und besitzt in Folge dessen auch eine ansehnlich
grosse Zahl von Pferden, nach Moerder's Angaben 354,782 St�ck. Man rechnet dort auf
1000 Einwohner etwa 360 Pferde, und auf 1 □ Meile 226 St�ck.
Im bebriniecer Kreise finden sich � nach H�tten - Czapsky � zwei namhafte Gest�te
und zwar Skargynski's in Trikrat und Drabrowski's in Iwanowko, wo das Blut der polnischen
Pferde conservirt wird, das gewissermassen aus den Gest�ten der Czartoryski's stammt; unter
den M�ttern dieser Zuchtpl�tze sollen sich viele tscherkessische Thiere finden. Beide Gest�te
zusammen z�hlen etwa 200 Stuten; die Z�chtung ist eine halbwilde auf den Steppen. Die Hengste
werden stets mit den Stuten zusammen ausgetrieben und haben bei der Begattung freie Wahl.
Messen und M�rkte im Gouvernement Cherson.
1.  Kreis Cherson: In der Stadt Cherson. Pfingstmarkt. Zufuhr: 300 St�ck Arbeits-
pferde. Wenn Pfingsten bald nach dem 9. Mai � d. i. nach dem Jahrmarkt in Kachowka
(Dnjepr'scher Kreis, Taurisches Gouvernem.) � f�llt, f�hren die Pferdeh�ndler ihre Thiere
nach dem Jahrmarkte in Balta (Gouvernement Podolien), alles was nicht in Kachowka ver-
kauft wurde, kommt nach Cherson.
In der Vorstadt Bereznogswataja 2 Messen: a) Mittfastenmesse in der 4. Woche der
grossen Fasten, b) 15. August, Zu der ersten kommen bis 500 St�ck Arbeitspferde (local.), es
kommen auch Vorsp.-Pferde vor, mitunter ganz gute Pferde aus der localen Production. Zur
zweiten kommen bis 1000 St�ck Arbeitspferde und Pferde aus verschiedenen Tabunen, unter
welchen man oft 75�100 Remontepferde ausw�hlen kann.
Im Dorfe Schesterna findet der Markt eine Woche nach Ostern statt. Zufuhr: 500
Arbeits-, Vorspann- und Remontepferde. Hier kann man immer 25 � 50 f�r die Remonte
dienliche Pferde und viele gute russische Pferde zum Preise von 300 Rubel pro St�ck finden;
besonders gute Pferde werden aus dem Dorfe Kazanka zugef�hrt.
2.  Kreis Jelisawetgrad: In der Stadt Jelisawetgrad 4 Messen: a) in der 4. Woche der
grossen Fasten, b) 23. April, c) 29. Juni, d) 1. Sept. Zu der ersten werden bis 1000 St�ck haupt-
s�chlich Arbeitspferde und 100�150 Vorspann-Pferde gebracht. Zur zweiten 1000�1500 St�ck
Reit-, Vorspann-, Arbeits- und Tabunen-Pferde. Zur dritten bis 500 St�ck Arbeitspferde; mit-
unter werden bis 1000 St�ck Tabunenpferde (vom Schwarzen Meere und Kaukasus) hierher
getrieben, welche auf anderen nahen Pferdemessen nicht Abgang fanden. Zur 4. ungef�hr
500 St�ck Arbeitspferde und ca. 100 St�ck Remontepferde.
In der Stadt Wosnosensk 3 Messen, a) 9. Mai. b) 1. August, c) 1. October. Zur
ersten kommen bis 1000 Vorspann- und Arbeitspferde, sehr selten Remontepferde. Zur zweiten
bis 1000 St�ck Remonte-, Arbeits- und Vorpann-Pferde. Hier werden alle Pferde, welche
man auf der Elvasmesse zu Pultawa (10. Juli� 1. August) nicht verkauft, � tout prix losgeschlagen;
ebenso verkaufen hier die Remonteurs den Rest der Ausschusspferde. Zur dritten: bis 1000
St�ck haupts�chlich Arbeits- und Vorspann-Pferde.
In der Stadt Nowomirgorod 2 Messen: a) 8. September, b) 26. October. Zur ersten
kommen bis 300 St�ck Arbeitspferde.
3.  Tiraspol'scher Kreis: In der Stadt Tiraspol 1. Oct. Hier wird in der Regel
nur eine unbedeutende Zahl Arbeits- und Vorspannpferde, im Ganzen bis 150 St�ck angetrieben.
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT CHERSON.
I2g
Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter und Gest�te im Gouvernement Cherson.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Ort der Z�chterei.
Zuchtpferde
�eugste | Stuten
Art der Pferde.
Cherson
Alexander, Sergiej, Wasily u. Iwan Wolochin
F�rst Semen Michaelowitsch Worontzoff. .
Tiaginka . . .
Nowo - Woront-
7
45
Vorspann-(z.Th.Tra-
ber) u. Reitpferde
zowka
11
50
Reit-, Vorsp.- u. Ar-
beitspferde
Die GrafenPaulu. JacobFeodorow.Kirjejewsky
in ihrer Wirthsch.
4
25
Vorsp.-Pf. (Traber)
Se. Kaiserl. H�h. Grossf. Mich. Nikolajewitsch
Gruschewka . .
7
86
2 u. 5 Traber,
5 u. 58 Reitpferde,
23 Arbeitspferde
F�rst Gustav Iwanowitsch Faltz-Fein . . .
Stabscapit�n -Wittwe Jekatarina Wasiliewna
Gawrilowka . .
4
40
1 u. 10 Reitpferde,
3 u. 30 Vorsp.-Pf.
Iwanowka . . .
3
42
Arbeitspferde
Alexandri-
Stabsrittmstr. Valent. Wladimirow. Annenkoff
Talewa-Balka
4
38
4 u. 16 Traber,
gisky
22 Vorsp.-Pf.
Stabsrittmstr.ZacharyGrigorewitschKuguscheff
Scharowka .
6
72
5 u. 60 Traber
1 u. 12 Arbeitspf.
Rechtskand. Michael Alexandrov/itsch Kefala
Alexandrowka
4
72
Reit- u. Vorsp.-Pf.
Ananjewsky
Lieuten. Ippolit Jakimowitsch Baptizmansky.
Gradowka . . .
4
50
Vorsp.- u. Reitpf.
Stabscapit�n Iwan Adamowitsch Boschlo . .
Tolmatschewka .
5
40
Vorsp.-Pferde
Sec.-Lieuten. Peter Antonow.Wengrschanowsky
Wasiliewka . .
3
45
Vorsp.-Pferde
Lieuten. Stephan Alexandrowitsch Gischitzky
Scherebkowa . .
3
40
Vorsp.-u. Arbeitspf.
Generalmajor Otto Jegorowitsch Rauch . .
Colleg.-R�thin Anastasia Stepanowna Tscher-
Zawodowka . .
6
5o
Reit- u. Vorsp.-Pf.
Schirjajewa . .
5
86
Reit- u. Vorsp.-Pf.
Jelisawet-
Titul�r-Rath Anatoly Arkadiewitsch Dekarrier
gradsky
Kamenotawka. .
8
110
Reit-, Vorspann- u.
Arbeits-Pferde
Colleg.-Secret. Nikolai Pawfow. Dombrowsky
Gouvernements - Secret�r Alexander Pawlo-
Zacharowka .
5
36
Reit-, Vorspann- u.
Arbeits-Pferde
witsch Znatschko-Jaworsky ...
Basilewitschewa .
4
42
Reitpferde
Oberst Michael Michaelowitsch Kiriakoff . .
Chmielewka . .
6
37
Reit- u. Vorsp.-Pf.
Oberst Anton Ignatiewitsch Podgoretzky . .
Wodianoj . .
6
39
Reit- n. Arbeitspf.
Stabsrittmstr. Victor Victorow. Skarschinsky
Trikraty. . . .
5
49
Reitpferde
Collegienrath Grigory Victorow. Skarschinsky
Nowoselowka. .
6
49
Reit- u. Arbeitspf.
Hofrath Grigory Wasiliew. Sokoloff-Borodkin
Fedosieewka . .
7
35
Reit-, Vorspann- u.
Odesky
Der Priester Iwan Dymoff.......
Netchajannoe u.
Wirthsch.Bonda-
Arbeits-Pferde
Gouvernements-Secret. Alexiej Feodorowitsch
rewsky . . .
6
43
Vorsp.-u. Arbeitspf.
Netschjanoe . .
10
94
Reit-, Vorspann- u.
Arbeitspferde
Lieuten. Wasily Maximowitsch Jakutin. . .
Maximowka . .
7
56
Vorsp.- u. Reitpf.
Tiraspolsky
Stabsrittmstr.Nikolai Michaelow. Grosul-Tolstoj
Michailowka . .
2
15
Vorspann-Pferde.
Frey tag, RugslantTs Pferde-Racen.
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13°
R�SSLAND S PFERDERACKN
BL Die Pferde in Klein-Russland.
Klein-Russland oder die Ukraine (russisch Ukrama, d. i. Grenzland, weil es lange Zeit
die Grenze zwischen Russland und der T�rkei bildete) besteht aus vier Gouvernements, welche
aber historisch niemals ein Ganzes ausgemacht haben, n�mlich aus Kijew, Tschernigow,
Poltawa und Charkow. Diese Gouvernements umfassen im Ganzen 3772 □ Meilen und
werden von 7,388,258 Menschen bewohnt.
Fast das ganze Gebiet der Ukraine geh�rt der fruchtbaren Region des Ackerbaues
und zwar der schwarzen Erde (Tscherno-Sem) an; nur der s�dliche Theil reicht in das
Steppengebiet und besteht aus leichteren Bodenarten. Die Ukraine ist recht eigentlich das
Land des mittleren Dnjepr und seiner Nebenfl�sse, sowie des oberen Donez. Die Boden-
oberfl�che ist hier keineswegs einf�rmig; die grosse Ebene wird im Gegentheil h�ufig von
tiefen Flussth�lern durchrissen, deren rechtes Geh�nge nicht selten bis zu 70 Meter aufsteigt.
Diese H�hen tragen zum Theil die St�dte und grossen Kl�ster des Landes, w�hrend in den
Th�lern sich sch�ne Wiesen- und Weidefl�chen finden. Man darf wohl mit Recht sagen, dass
jene Landschaft einen steten Wechsel von Feldern, Wiesen und Waldungen bietet; diese letzteren
haben an manchen Orten eine grosse Ausdehnung und sind reich an pr�chtigen Eichen,
Buchen, Ahorn u. s. w. Der Ackerbau liefert vortreffliches Korn sowie auch Zucker- und
Futter-R�ben bester Qualit�t; die Wiesen geben reiche Heuernten und Futter von hohem
N�hrwerthe. Auf den Weiden mit �ppigstem Graswachsthum sieht man w�hrend der Sommer-
monate sch�ne Viehheerden aller Hausthiergattungen. *)
Die schilfigen Flussufer und die Wasserlachen in den Niederungen bergen ein �ber-
raschend reiches Thierleben, namentlich von Wasserv�geln. Auf dem Boden der Steppe, der
an vielen Orten sehr reich an Salpeter ist, finden die Hausthiere zwar nicht immer eine so
reichliche Nahrung, wie auf den Wiesen und Weiden der Schwarzerde, aber immerhin so viel,
dass ihre Ern�hrung im Sommer ohne Darreichung von Zufutter m�glich ist. Der N�hrwerth
der Steppengr�ser ist unstreitig kein geringerer, als derjenigen Kr�uter, welche auf dem besten
Boden der schwarzen Erde wachsen.
Von der starken Bev�lkerung der Ukraine wohnt etwa nur der zehnte Theil in St�dten.
Die grossen, weit auseinander gebauten D�rfer der Kleinrussen liegen meistens an den Ab-
h�ngen der Thalschluchten, in der N�he der Fl�sse und B�che. In der Regel sind die H�user
aus Holz erbaut, mit Stroh, Rohr oder Schindeln gedeckt. G�rten mit Obstb�umen fehlen
leider fast immer; nur hin und wieder bemerkt man kleine Gem�seg�rten mit einigen
Blumenbeeten.
Die Geh�fte umgiebt man gew�hnlich mit hohem, d�rren Dornwerk, zum Schutze gegen
W�lfe und herrenlose Hunde. Die Dorfstrassen sind im Fr�hjahr und Herbst, zur Zeit der
st�rkeren Niederschl�ge, sehr schlecht, kaum zu betreten, und die Wegebesserungen werden
fast �berall in unzureichender Weise ausgef�hrt. In die gr�ssten Vertiefungen werden einige
B�ndel Reisig, Tannenzweige etc. geworfen und damit ist die Ausbesserung beendigt. Man
sieht nicht selten 6 und 8 Pferde vor einem leichten Jagd- oder Ackerwagen gespannt, um in
dem Morast nicht stecken zu bleiben und rechtzeitig an dem Bestimmungsorte einzutreffen.
Mit Klein-Russland betreten wir die Heimath der ukrainischen Kosaken oder freien
Bauern. Die Zahl der leibeigenen Bauern war fr�her hier sehr gross, und es haben die Kosaken
*) Wir haben in diesem Sommer (1880) in der Ukraine Halme von Wildweizen (Triticum) gesehen, welche
1,80 Meter lang waren.
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DIE PFERDE IN KLEI N - RUS SL A ND.                                                                    i^j
stets von diesen getrennt ihre Wohnsitze erbaut und solche meistens etwas reinlicher und
freundlicher gestaltet, als die der Bauer-Dorfschalten.
Ueber den Ursprung dieser Kosaken sind sehr abweichende Ansichten aufgestellt
worden; so lassen manche Historiker sie von den Tscherkessen, andere von Tataren abstammen,
noch andere behaupten, dass sie aus allerlei Fl�chtlingen, besonders aus Gross-Russland, zu-
sammengelaufen w�ren. Die echten Kosaken sind ohne Zweifel ein eigener slawischer Volksstamm
und zun�chst den Kleinrussen verwandt, als deren Nachbaren sie auch zuv�rderst auftreten, und
denen sie in ihrem Aeusseren viel n�her stehen als den Grossrussen. Der Kosak vom ukrai-
nischen Stamme hat meist einen hohen, schlanken Wuchs und angenehme Gesichtsz�ge, ohne
tatarische oder gar mongolische Beimischung; Augen und Haare sind gew�hnlich braun oder
schw�rzlich. Gutm�thigkeit, heiterer Sinn und Sorglosigkeit sind den Kosaken in hohem Grade
eigenth�mlich, und ihre Gem�thsruhe bewahren sie selbst unter den schwierigsten Lebensverh�lt-
� nissen, wobei ihnen der Fatalismus immer gute Dienste leistet, dem sie fast alle, wie die T�rken,
ergeben sind. Dagegen fehlt dem Kosaken aller Trieb zu irgend einer regelm�ssigen Th�tigkeit;
weder Ackerbau noch Viehzucht noch Fischerei oder Schifffahrt vermag ihn dauernd zu fesseln;
er l�sst sich davon nur soweit in Anspruch nehmen, als es das gerade vorhandene dringende
Bed�rfniss erfordert. Seine Sorgfalt f�r die Zucht der Pferde widerspricht dem nicht, denn das
Pferd ist ihm kein Gegenstand des Erwerbes, sondern ein Theil seiner selbst. � Wir sahen auf
unserer Reise durch die Ukraine sehr h�ufig kleine, f�nf- oder sechsj�hrige Kosaken-Knaben
auf ungesattelten und ungez�umten Rossen �ber die Felder jagen, �ber breite Gr�ben springen,
und haben nie zuvor an anderen Orten des Ostens gleich k�hne Reiter in so jugendlichem
Alter, wie diese ukrainischen Buben, zu sehen bekommen. Die Lieblingsbesch�ftigung
des Kosaken ist, zu Ross in der Steppe umherzuschweifen, ohne dass dabei ein besonderer
Zweck, wie etwa Jagd, nothwendig vorhanden sein m�sste, und zur Abwechselung sich zu
Flause in geselliger Unth�tigkeit durch Erz�hlungen oder durch Gesang, Tanz und dergl. zu
am�siren.
Diese Neigung zum Umherschweifen zog fr�her ganz nat�rlich die R�ubereien nach
sich, wozu auch in �lterer Zeit die Lage des ukrainischen Kosakenlandes, auf der Grenze
zwischen verschiedenen unter sich feindlichen V�lkern und namentlich zwischen der christlichen
und muhamedanischen Welt, besonders g�nstig war, da sie den Kosaken h�ufig Gelegenheit
gab, bei den Kriegen der Nachbarv�lker in der Eigenschaft von Bundesgenossen des einen oder
des anderen Theils das Rauben im Grossen zu betreiben.
Nach Dr. Ilowaisky w�rdigte die polnische Regierung schon fr�hzeitig die Wichtigkeit
dieses kriegerischen Kosaken - Standes, welcher dem Reiche als sichere Schutzwehr gegen die
benachbarten tatarischen Horden dienen konnte. Siegesmund I. liess es sich angelegen sein,
die Kosaken einer kriegerischen Disciplin zu unterwerfen und ihnen feste Organisation zu g'eben.
Diese wurde haupts�chlich durch Stephan Bat�ry vollendet. Lange Zeit standen die Kosaken
unter einem nationalen Oberhaupte von sehr beschr�nkter Machtvollkommenheit, dem Ataman
(Hetman), in einer sehr lockern Abh�ngigkeit von Polen. Von den K�nigen dieses Landes zur
Unzufriedenheit gereizt, schl�ssen sie sich im XVII. Jahrhundert mehr an Russland, und
geriethen mit der zunehmenden Entwickelung dieses Reiches in ein immer abh�ngigeres Ver-
h�ltniss, das jeweilige Aufst�nde und Verbindungen mit Russland's Feinden nur dr�ckender
machte; Dinge dieser Art hatten sogar die theilweise Verpflanzung der Kosaken nach anderen
Theilen des Reiches zur Folge. Doch es ist die Stellung der Kosaken gegen die der eigentlichen
Russen noch immer bevorzugt und von diesen beneidet. �So frei wie ein Kosak" ist eine
Redensart, welche man in Russland h�ufig h�rt. Die Kosaken sind pers�nlich frei, zahlen
keine Abgaben, sondern thun statt dessen im Frieden 6 Jahre Dienste als berittene H�ter der
17*
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132                                                                   RUSSLAND S PFERD E-RACEN.
Grenzen des Reiches, worauf sie f�r eine gleiche Zeitdauer nach Hause zur�ckkehren und sich
zum Kriegsdienste bei der leichten Reiterei verpflichten. � W�hrend des letzten t�rkischen
Krieges haben sich die ukrainischen Kosaken von Neuem bew�hrt, sich �berall brav geschlagen
und den donischen Kosaken als muthige, gewandte Reiter nicht nachgestanden.
Von den ukrainischen Kosaken, die ans�ssig waren und ein Familienleben f�hrten, muss
man diejenigen unterscheiden, welche weiter nach S�den, an dem unteren Lauf des Dnjepr
wohnten und den Namen der �unteren Kosaken" oder der �Sapor�ger" erhielten. Obgleich auch
diese zum polnischen Reiche gez�hlt wurden, so bildeten sie doch in der That einen ganz freien
Stand und waren keiner fremden Macht unterthan. Hier ist auch wahrscheinlich die Wiege
und Pflanzschule der eigentlichen Kosaken gewesen.
Bez�glich der Rosse dieser Sapor�ger berichtet der Graf H�tten-Czapski: �Die ersten
Pferde, welche auf den unbev�lkerten Steppen zwischen dem Bug und Dnjepr weideten, waren
polnische, welche zugleich mit den ersten Stiftern der S�por�gerthums hierher gekommen sind;
sp�ter zeigten sich in dem Maase, als die Br�derschaft Mitglieder auch aus anderen Gegenden
erhielt, moldauische, wallachische, siebenb�rgische und ungarische Pferde am Dnjepr, und nach
den ersten gl�cklichen Gefechten auch tatarische und t�rkische. Die alten Chroniken erz�hlen
von Heerden wilder oder halbwilder Pferde auf diesen Steppen, die aber sicher keinen
Theil an dem Entstehen der ukrainischen Race gehabt haben. Alle Pferde, welche sich nur
immer in der Dnjepr-Gegend zusammenf�nden, gingen in der Hand der unternehmungslustigen
Sapor�ger in einander �ber und daraus entwickelte sich mit der Zeit eine eigne Race, welche
man die ukrainische nennt, deren charakteristische Merkmale aber heute sehr schwankend
sind." Diese Pferde ertragen Anstrengung und Hunger, sind von mittlerem Wuchs, selten
1,50 Meter hoch, besitzen einen h�bsch geformten Kopf mit lebendigen, feurigen Augen, mittel-
langen Hals mit starker M�hne, eine breite Brust und sch�n geformte Kruppe, an welcher der
ziemlich starke Schweif sich meistens hoch angesetzt findet. Die Schenkel sind fein und so auch
die Unterfasse immer zierlich gebaut; ihre Hufe sind h�bsch geformt und von fester Hornmasse.
Man l�sst diese Pferde h�ufig barfuss gehen. Die dunklen Haarf�rbungen herrschen bei diesem
Schlage vor, doch sieht man auch nicht selten Schimmel, Hellf�chse und Schecken. � Das ge-
meine ukrainische Ross ist klug und gelehrig, aber h�ufig t�ckisch und b�sartig. Wir sind der
Meinung, dass diese letztgenannten ung�nstigen Eigenschaften in Folge der ihnen meistens zu Theil
werdenden schlechten Behandlung entstehen. Der Kosak, wie der ukrainische Bauer, geht schlecht
mit den Pferden um und verlangt Leistungen, die sehr oft weit �ber ihr Kraftmass hinausgehen.
Wenngleich dieser Pferdeschlag in der Regel zur Reiterei bestimmt wird, so sehen wir doch
auch viele dieser Thiere so vor dem Postwagen und im Ackergespann ganz T�chtiges
leisten. Wenn die Ukraine nicht im Besitz einer vorz�glichen, zur Arbeit sehr tauglichen Rind-
vieh-Race w�re, so w�rden die Pferde voraussichtlich noch weit mehr zur Feldarbeit und zum
Ziehen der Lastwagen benutzt werden, als es jetzt der Fall ist. � Wir bemerkten in verschie-
denen Distrikten, wo in den letzten Jahren die Rinderpest viele Ochsen weggerafft hatte, fast
auschliesslich Pferde vor dem Pfluge, vor der Egge und dem Ackerwagen, und konnten
ihre Leistungen meistens ganz befriedigend nennen.
Der polnische und russische Adel der Ukraine hat schon seit l�ngerer Zeit f�r die
Hebung der Pferdezucht grosse Opfer gebracht; man hat sowohl orientalische, wie englische
Hengste in den Privat-Gest�ten zur Aufstellung gebracht, an mehreren Orten auch Reinzucht
mit arabischem Blut betrieben und zu diesem Zwecke hochedle Original -Araber aus der W�ste
Nedjd herbeigeholt, welche zum Theil eine vortreffliche, h�chst werthvolle Nachzucht geliefert
haben, die als Officier-Reitschlag in ganz Russland, besonders in den Hauptst�dten des Landes
sehr gesucht ist und mit 1000 bis 2000 Rubel pro St�ck bezahlt wird. � Wir hatten
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DIE PFERDE IN KLE I N-RU SSLAXD.
l33
Gelegenheit, die arabischen Gest�te des Grafen �ranicki zu Bialacerkow im Gouvernement Kijew
zu besuchen, und k�nnen nur Gutes �ber die dortigen Leistungen berichten. Es war uns
besonders interessant in Bialacerkow zu sehen, wie die daselbst geborenen Pferde (von rein
orientalischem Blute) weit gr�sser und st�rker werden als ihre Eltern, die Original-Araber.
Die pr�chtigen, �ppigen Weiden im Sommer und hinreichende Korn- und Heu - F�tterung
im Winter tragen dort unstreitig sehr viel zu der vortrefflichen, raschen Entwickelung der
Fohlen bei; wir sahen hier nicht nur einige wenige, sondern eine grosse Anzahl von J�hr-
lingen, welche in der Gr�sse und St�rke den j�hrigen Vollblut-Fohlen Englands gleichkommen
und nahezu so gross wie ihre V�ter aus der W�ste waren.
Im Kijew'schen Gouvernement besitzen ausser den beiden Grafen Branicki die Herren
Markowski zu Parchomowka, Naryskins, Fundeklejs, Rylskis, der Graf Maszcynski, der F�rst
Lopuchin und Andere sehr sch�n eingerichtete und gut gepflegte Gest�te, in welchen meistens
arabisches Blut rein gez�chtet, hin und wieder aber auch mit englischem Vollblut gekreuzt
wird. Die Grafen Branicki und Herr Markowski haben neuerdings auch mit der Z�chtung von
Percherons begonnen und zum Theil recht befriedigende Resultate erzielt. Wenn auch die
Produkte der ersten Kreuzung von Percheron-Hengsten und ukrainischen Stuten zuweilen noch
etwas schwach und schlecht proportionirt ausfallen, so liefert doch schon die zweite Generation,
welche aus der Paarung von Percheron-Hengsten mit dem besseren Percheron-Ukrainer Halb-
blut hervorgeht, in der Regel ganz brauchbare Ackerpferde, die in den dortigen Zucker-
fabriks-Wirthschaften sowohl im Pfluge, wie vor dem Wagen ungleich mehr leisten als die
ukrainischen Wagenpferde alten Schlages. Es wurde uns sogar angegeben, dass die Dreiviertel-
blut-Percherons bessere Zugpferde lieferten, als die in Russland viel genannten und viel ge-
r�hmten schweren Pferde der Bitjug-Race aus dem Gouvernement Woronesch. � An einigen
Orten der Ukraine werden auch Pferde dieses letztgenannten Schlages gez�chtet, doch � wie
uns gesagt wurde � nicht immer mit gutem Erfolg.
An der wolhynischen Grenze, im Gouvernement Kijew, lieget die grosse Handelsstadt
Berditschow mit mehr als 100,000 Einwohnern, welche zum nicht geringen Theile Juden sind
und den Pferdehandel sehr umfangreich betreiben. Allj�hrlich finden hier vier grosse Jahr-
m�rkte statt; der dritte vom 13. bis 20. August alten Styls ist der bedeutendste, und es sollen
zuweilen 4000�5000 Pferde daselbst aufgetrieben werden. In diesem Jahre (1880) war die Zahl
der am Markte stehenden Pferde etwas geringer, aber immerhin gross genug und der Besuch
desselben f�r uns in hohem Grade interessant. Wir sahen auf diesem Markte fast alle s�d-
russischen Racen vertreten, zum Theil in sehr sch�nen, kostbaren Exemplaren. Die Z�chter
und Bauern von Klein-Russland f�hren hier die Rosse ihres Arbeitsschlages an den Platz und
sehr viele Pferde vom Don werden durch die Kosaken angetrieben. Ebenso hatten wir dort Ge-
legenheit kubanische und tscherkessische Pferde zu sehen, welche in grossen Heerden von ihren
heimischen Steppen und Bergen angetrieben waren und nie zuvor einen Zaum im Maule gef�hlt
oder einen Sattel getragen hatten. Das Einfangen dieser halbwilden Gesch�pfe wurde von den
Tscherkessen und kubanischen Kosaken mit grossem Geschick ausgef�hrt; nur selten entkam eins
der eingefangenen Thiere, es lief in diesem Falle aber immer wieder zu der grossen Heerde
zur�ck und suchte bei dem zweiten Einfangen stets sehr geschickt zu entkommen. Viele dieser
Pferde werden f�r die Grenzwachen in . Bessarabien und Podolien angekauft, andere gehen
�ber die Grenze nach Oesterreich und Rum�nien und der kleinere Rest bleibt im Lande zu
Zuchtzwecken. � Die sogenannten Rosst�uscher sollen auf diesen M�rkten in Berditschew eine
grosse Fertigkeit bei ihrem betr�gerischen Handwerke an den Tag legen, und mancher
Unerfahrene kauft dort alte, aber fett gef�tterte Rosse im Glauben, dass er frische Sechs-
j�hrige bekomme. �
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134                                                                   RUSSLANDS PFERDE-RACEN.
Das Gouvernement Charkow � 989,87 geogr. □ Meilen mit 1,681,486 Bewohnern �
wurde fr�her die slobodische Ukraine, d. h. das Grenzland, genannt. Dasselbe wird vom
Donez und seinen Nebenfl�ssen durchstr�mt, ist ziemlich hoch auf der Schwarzerde gelegen,
besitzt mehrere grosse Sandstein- und Steinkohlen-Lager, sowie auch an verschiedenen Orten
m�chtige Gypsst�cke. Charkow betreibt auf der sch�nen, fruchtbaren Schwarzerde einen sehr
umfangreichen Getreidebau; aber auch Kartoffeln, Tabak, Flachs und Hanf werden daselbst
cultivirt und liefern in den meisten Jahren reiche Ernten; erstere kommen meistens in die
Branntweinbrennereien, welche in diesem Gouvernement in ziemlich grosser Zahl vorhanden
und neuerdings mit besseren Apparaten ausgestattet sind. � Die sch�nen Laubwaldungen
Charkows nehmen etwa 13 Prozent der ganzen Fl�che ein; an den hohen Flussufern sahen wir
neben pr�chtigen Eichen und Buchen auch viele wilde Aepfel-, Bim-, Kirsch- und Pfirsichb�ume,
deren Fr�chte in Missjahren aushelfen m�ssen. Etwa ein Viertel des ganzen Landes besteht
aus Wiesen und Weiden, auf welchen Stipa pennata und capillata, ferner Caragana frutescens,
Euphosia lutea und Salsola kali vorkommen. � Caragana frutescens verletzt mit ihren Stacheln
sehr oft die weidenden Pferde. Auch Prunus chamaecerasus sieht man auf den Charkow'schen
Weiden sehr h�ufig, wird aber von den Hausthieren ungern genossen. � Schafzucht und
Seidenbau wird hier sehr umfangreich betrieben, noch wichtiger ist aber die Pferdezucht f�r
dieses Gouvernement, welche nach Qualit�t wie Quantit�t keineswegs hinter der, in den mehr
n�rdlich belegenen, Gouvernements der Ukraine betriebenen, zur�cksteht. � Im Jahre 1876
z�hlte man im Charkow'schen etwa 238,000 Pferde, die zum weitausgr�ssten Theile im Lande
selbst gez�chtet sein sollen. Die hier vorkommenden 65 Privatgest�te verwenden ihre 151
Hengste und 1183 Stuten haupts�chlich zur Zucht von Reit- und Wagenpferden; in 9 Gest�ten
werden jetzt ausschliesslich sogenannte Orlow-Traber gez�chtet und mehrere derselben haben
bereits sehr t�chtige L�ufer an die M�rkte resp. auf die Rennbahnen geliefert.
Im Starobelskischen Kreise des Charkow'schen Gouvernements liegen die altber�hmten
Belawodskischen Gest�te, vier an der Zahl, welche 1712 auf Befehl Peters des Grossen eine
neue Einrichtung erhalten haben. Das Jahr ihrer Gr�ndung ist nicht bekannt. � Der General
Zorn sagt, dass der Kaiser Peter der Grosse jenen Gest�ten eine besondere Aufmerksamkeit
geschenkt hatte und zuerst Zuchtpferde aus Schlesien und Preussen, sp�ter aber solche aus
Mecklenburg habe verwenden lassen. � Diese vier Gest�te besitzen zusammen 6460 Hectare
Land, von welchen 3880 Hectare als Weiden bezeichnet werden. 2580 Hectare kommen auf die
Gest�tsh�fe, G�rten und Viehweiden der Gest�tsdiener. Ausserdem hat jedes Gest�t noch
ansehnlich grosse Wiesengr�nde zur Heugewinnung, welche es erm�glichen, dass daselbst zur
Winterzeit eine starke Heuf�tterung der Pferde stattfindet.
1. Derkul ist das �lteste und sch�nste der Belawodskischen Gest�te, und es soll dessen
Einrichtung nichts zu w�nschen �brig lassen. Der Professor Unterberger sagt, dass gerade
dieses Gest�t auf ihn einen h�chst imposanten Eindruck gemacht habe; er bezweifelt, dass es
ein zweites Gest�t in der Welt giebt, welches sich, was die Zucht von K�rassier-Pferden
anbetrifft, mit Derkul messen k�nne. �Die Thiere besitzen eine ungew�hnliche Gr�sse �
2 Arschin und 4 bis 8 Werschok oder 1,59 bis 1,77 Meter �, ihr Hals ist gut herausgewachsen,
Widerrist hoch, die Schultern sind gut gestellt, der kurze R�cken ist nur leicht eingesenkt,
die lange Kruppe meist gerade und die kr�ftigen Extremit�ten sind regelm�ssig gestellt; ihre
Flufe sind gesund. Man findet bei diesen Pferden Leichtigkeit und Freiheit in der Vorhand
und Hinterhand." 1852 fand Unterberger in Derkul 24 Hengste und 254 Stuten; die Thiere
waren gr�sstentheils braun von Farbe, aber auch Rappen, F�chse und einige Schimmel bekam
er dort zu sehen. ,,Die Derkul'sche Zucht ist urspr�nglich aus einer Kreuzung neapolitanischer,
spanischer, d�nischer und normannischer Rosse hervorgegangen und erst in neuerer Zeit ist
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DIE PFERDE IN KL EIN - R� S S L A NB.
135
das Blut des Orlow'schen Reitschlages hinzugekommen. � Auch Percherons und die schwersten
englischen Karrenpferde hat man eine Zeit lang in Derkul zur Zucht benutzt. � Nach Auf-
hebung des Poczinskischen Gest�ts wurden dessen Pferde ebenfalls hierher gebracht. � Seit
i860 ist Derkul zur Produktion von Wagen- und Arbeits-Pferden bestimmt; es besitzt das-
selbe jetzt 15 Besch�ler, 147 Stuten und etwa 320 Fohlen. Unter den letzteren bemerkt man
h�ufig sehr grosse Thiere; J�hrlinge von 1,60 Meter sollen nicht selten vorkommen und unter
den Saugfohlen des letzten Jahrganges befanden sich viele Individuen, welche � herangewachsen
� voraussichtlich den alten guten Namen Derkuls nicht schm�lern werden. � Auf den gras-
reichen Weiden dieses Gest�ts entwickeln sich die jungen Thiere ganz vortrefflich; andererseits
wird aber auch die sorgf�ltige Pflege und gute Stalleinrichtung Derkuls nicht wenig zur sch�nen
Entwicklung der dortigen Zucht beitragen. �
2. Limarewsk. Dieses Gest�t liegt ebenfalls im Starobelskischen Kreise und besitzt
neben zweckm�ssig eingerichteten Stallungen ein grosses Hauptgeb�ude mit sehr gef�lliger Facade
und einer h�bschen inneren Einrichtung. Vor den Stallfenstern hat man hier Jalousien ange-
bracht, w�hrend man sonst in Russland meistens nur Strohbauschen oder Matten als Fenster-
verschluss zu sehen bekommt. Bei dem Charkow'schen Klima sind die Jalousien nothwendig,
um den Zutritt der Sonnenstrahlen im Hochsommer etwas verhindern zu k�nnen. � Die Gr�n-
dung dieses Gest�ts f�llt in die Jahre 1815 � 1819; es wurde damals wegen Ueberf�llung der
Gest�te Derkul und Streletzk errichtet und erhielt von diesen Pl�tzen unstreitig ein sehr gutes
Zuchtmaterial. Sp�ter wurden in Limarewsk Pferde aus dem Orlow'schen und dem Rostopt-
schin'schen Gest�te neben Engl�ndern und Arabern zur Zucht benutzt und es bildete sich auf
diese Weise daselbst ein Mittelding zwischen K�rassier - und leichten Cavallerie-Pferden aus. �
1865 kaufte der Staat f�r dieses Gest�t 2 Hengste in Kijew bei dem arabischen H�ndler Abdallah;
der erste hiess �Ganadahi," war rein weiss von Farbe und soll in Damaskus 80,000 Piaster
gekostet haben. Der andere Hengst �Kejlan" war ein Fliegenschimmel mit dunkler M�hne
und dunklem Schweif (eine grosse Seltenheit). Ausser diesen beiden Hengsten importirte man
aus Frankreich den Hengst �Propre � tout," welcher nach einem Boulogner Hengst und einer
Percheron - Stute gefallen war, jedoch in Limarewsk keine befriedigende Nachzucht geliefert
haben soll.
Das Limarewsk'sche Gest�t hat gegenw�rtig die Aufgabe, einen leichten Wagen- und
h�bschen Reitschlag, sowie auch einige Traber und Arbeitspferde zu liefern. Die Produktion
von t�chtigen Artillerie - Zugpferden, welche schon in den f�nfziger Jahren dort haupts�chlich
ins Auge gefasst wurde, scheint auch heute noch energisch verfolgt zu werden. Prof. Unterberger
sagt bez�glich dieser Zuchtrichtung in Limarewsk Folgendes: �Ein Artillerie - Zugpferd braucht
nicht gross zu sein, hat keinen sch�nen Hals n�thig, wenn es nur, bei kr�ftigen Formen und
fehlerlosem Fundamente, Gelenkigkeit in den Bewegungen zeigt, und diese Eigenschaften findet
man bei den Pferden dieses Gest�tes, namentlich bei den Stuten. Sie sind im Durchschnitte
2 Arschin und 21/2 Werschok (etwa = 1,54 Meter) hoch; sie haben eine geh�rig breite Brust,
gute Schulterlage, ein starkes Kreuz und reine, kr�ftige Extremit�ten." � 1852 waren 21 Be-
sch�ler und 225 Mutterstuten vorhanden und viele derselben waren F�chse. � Unter den
Besch�lern gab es damals einige Thiere, in welchen das Blut von Jaschma, Glasuntschik und
Hektor floss, andere waren asiatischer und englischer Abkunft; auch die Orlow'sche Traber-
Race war unter denselben repr�sentirt. Unterberger bemerkte seiner Zeit auf den Weiden bei
Limarewsk zum ersten Male eine Karabagh-Stute, Hellfuchs mit dunkler, mehr r�thlicher M�hne
und Schweif und einem dunklen R�ckenstreifen. Obgleich dieses Pferd kein h�bsches Auge
und dabei Schlaffohren hatte, der Kopf auch sch�nheitswidrig nach vorn gestreckt war, so
gefiel dasselbe unserem Gew�hrsmanne doch wegen seines kr�ftigen, trockenen K�rper-
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136                                                                    RUSSLANDS PFERDE-RACES.
baues ganz besonders gut. � Den besten Beweis f�r die Constanz dieser kaukasischen Race
lieferte die Nachzucht jener Stute. Obgleich ihre Fohlen nach den verschiedenartigsten Hengsten
gefallen waren, so �hnelten dieselben dennoch niemals ihren V�tern, sondern stets der Mutter.�
In Limarewsk wird im Winter ausser dem Heu der Wiesen nur selten Hafer gei�ttert; man
giebt den Thieren meistens Gerste in gemahlenem Zustande. Die Weiden des Gest�ts leiden im
Sommer bei der D�rre ganz gewaltig, und man sieht zu der Zeit h�ufig viele magere Pferde. �
Die wilde Kirsche und das Pfriemengras kommen auf den Steppen in grosser Menge vor.
1876 standen im Limarewsk im Ganzen 7 Besch�ler, 31 Mutterstuten und etwa 70 Fohlen.
Von den dreij�hrigen Hengstfohlen werden die tauglicheren Individuen als Besch�ler verwendet
und alle anderen Thiere verkauft. � Ganz in der N�he des Gest�tes befindet sich ein Staats-
Besch�ler - Depot, in welchem 65 Hengste aufgestellt sind; 7 derselben sollen reinbl�tige Araber
und 32 St�ck Halbblut f�r den Reitschlag sein. 8 Hengste sind Orlow-Traber, 10 Hengste
geh�ren dem Wagenschlage und 8 St�ck dem Arbeitsschlage an. Es werden jedem dieser
verschiedenen Hengste allj�hrlich etwa 25 Stuten zum Bedecken zugef�hrt. Die Pferdez�chtung
hat in der Umgegend dieses Gest�tes neuerdings sehr an Umfang zugenommen.
3. Nowo-Alexandrowsk. Dieses Gest�t ist im Jahre 1823 gegr�ndet worden und
zwar mit Pferden, die aus den anderen Belovodskischen Stutereien abgegeben wurden: T�rken,
Perser, Tscherkessen, D�nen, Engl�nder und einige lombardische Zuchtpferde. � Die Gest�ts-
geb�ude machen einen gef�lligen, angenehmen Eindruck; in der Mitte des H�user - Complexes
steht ein hoher, runder Thurm, welcher oben mit einem Kreuze versehen und an der Stelle,
wo er aus dem Dache der Kirche hervorsteigt, mit einem Gange f�r den wachhabenden Auf-
seher umgeben ist. Im Innern der Stallungen ist f�r die Bequemlichkeit und Reinlichkeit
bestens gesorgt; frische Luft und Licht finden �berall gen�genden Zutritt. Besonders sch�n
und ger�umig sind hier die Fohlenst�lle eingerichtet; sie haben Vorh�user, so dassbeim Oeffnen
der Th�ren die kalte Luft nicht unmittelbar die Thiere trifft, auch sonst sind die n�thigen Vor-
kehrungen getroffen, um die Thiere vor Unf�llen und Besch�digungen zu sch�tzen.
Unter den Zuchtpferden in Nowo-Alexandrowsk � 16 Hengsten und 146 Mutterstuten
__ sind die meisten von kr�ftigem K�rperbau und ansehnlicher Gr�sse, etwa 1,60 Meter hoch.
Bei der Reorganisation wurde dieses Gest�t zur Produktion eines t�chtigen Wagenschlages
bestimmt, und es wurden zu diesem Zwecke mehrere Hengste aus dem Traber - Gest�t von
Chr�nowoy herbeigeholt, ebenso aber auch einige d�nische und englische (Clevel�nder) Kutsch-
pferde-Hengste als Besch�ler verwendet. Das braune (bay) Deckhaar scheint bei der Auswahl
der englischen Zuchtpferde besonders ber�cksichtigt zu sein, denn man sieht daselbst vorwiegend
braune Thiere dieses Schlages. Der dortige Wagenschlag hat gew�hnlich einen etwas langen,
h�bsch gebogenen Hals, eine breite Brust, starke Schultern und eine gut gerundete Kruppe.
Fast alle Pferde sind bestens fundamentirt und verrathen in ihrem Aeusseren, dass sie von
gutem Blute abstammen; einige derselben sind bei kr�ftiger Natur wirklich sch�n zu nennen.
In der Neuzeit hat man in Nowo-Alexandrowsk wieder mehr die Z�chtung des Reit-
schlages in's Auge gefasst und zu diesem Zwecke orientalische Hengste als Besch�ler benutzt.
Die Halbblutpferde dieses Gest�ts sollen von russischen Cavallerie - Offizieren gern gekauft
werden. � Im Ganzen stehen daselbst 16 Hengste, 146 Stuten und etwa 320 Fohlen. Die Auf-
zucht der letzteren wird von Seiten der oberen Gest�tsbeamten in Nowo - Alexandrowsk auf das
sorgf�ltigste �berwacht; die Leute werden stets dazu angehalten, die Fohlen gut zu behandeln
und sie an den Verkehr mit Menschen zu gew�hnen. Gleich nach dem Absetzen, Entw�hnen
der Fohlen, legt man ihnen einen, mit einem langen Stricke versehenen Half ter an, mit welchem
sie l�ngere Zeit frei umherlaufen m�ssen. Durch Auftreten auf den herabh�ngenden Strick
gew�hnen sich die jungen Thiere allm�lig- an den Widerstand und geb�rden sich dann sp�ter
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Dobry
aus dem Gest�t Slrelotsl-
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DIE PFERDE IN KLE IN-RU SSLAND.                                                            iff
meistens nicht unb�ndig, wenn sie an die Krippe gebunden werden sollen. Man l�sst die
Fohlen in der Regel von jungen Burschen reinigen und putzen, auch von diesen in der grossen
Reitbahn umherf�hren, wobei man ihnen von Zeit zu Zeit die F�sse aufhebt und beklopft,
damit sie sich fr�hzeitig an das Beschlagen der Hufe gew�hnen. Nach Allem, was wir �ber
die Pferdehaltung dieses Gest�ts geh�rt haben, m�ssen wir annehmen, dass dort eine vor-
treffliche Oberleitung vorhanden ist und mit Lust und Liebe gearbeitet wird.
4. Streletzk. Die Gr�ndung dieses Gest�ts fiel in die Jahre 1813 und 1814; man wollte
daselbst haupts�chlich einen leichten Cavallerie-Reitschlag z�chten; die Direktion liess zu diesem
Zwecke 3 Hengste und 74 Stuten aus dem Kaukasus herbeif�hren und erzielte hierdurch sehr bald
viele t�chtige, gewandte Reitpferde mit sch�nen Formen und eleganten Bewegungen. � 1849
wurden die Streletzker Gest�tsgeb�ude durch eine Feuersbrunst vollst�ndig zerst�rt und ein
grosser Theil � etwa 50 St�ck � der edlen Nachzucht kam in den Flammen um. � Unter-
berger fand im Jahre 1852 daselbst einen Bestand von 21 Hengsten und 250 Stuten; die Meisten
waren Pferde von geringer Gr�sse, kaum 1,50 Meter hoch, aber fast alle h�bsch von Gestalt;
� In den letzten 30 Jahren wurden in diesem Gest�te mit Vorliebe Original - Araber als Be-
sch�ler benutzt, man erreichte auf diese Weise sehr bald, dass die Streletzke'sche Nachzucht
fr�her als die der anderen Staatsgest�te die typischen Formen der Araber aufweisen konnte.
In den f�nfziger Jahren kamen auch mehrere Zuchtpferde des Orlow'schen und Rostoptschiner
Reitschlages nach Streletzk, und es sollen gerade diese Thiere einen g�nstigen Einfluss ausge�bt
und Fohlen gezeugt haben, die sich � herangewachsen � durch ihre Schnelligkeit und Ge-
wandtheit sowohl auf dem Exerzierplatze, wie auf der Rennbahn auszeichneten. � Das weisse
oder Schimmel-Haar war von jeher dort besonders beliebt und noch heutigen Tages sieht man
in diesem Gest�te mehr Schimmel als dunkelhaarige Pferde. Der Anblick der weissen Tabunen
auf den Weiden von Streletzk liefert ein k�stliches Bild f�r alle Pferdeliebhaber.
Wir verweisen hier auf die beistehende Abbildung des Streletzke'schen Schimmels
�Dobry," welcher im Jahre 1879 eines der allersch�nsten Pferde im Garde-Husaren-Regimente
zu St. Petersburg gewesen sein soll. Die Bewegungen dieses Pferdes zeigen eine Eleganz und
Gewandtheit, wie solche besser kaum vorkommen k�nnen.
Bei den Streletzke'schen Rossen spricht sich der asiatische Typus noch jetzt unver-
kennbar aus. Die Thiere haben fast ausnahmslos sehr trockene K�pfe mit hervorstechenden
grossen Augen, dazu ziemlich lange Ohren, eine breite Stirn und sch�n geformte Ganaschen. �
Der Reh- oder Hirschhals kommt h�ufig bei ihnen vor. An den sch�n gerippten Leib schliesst
sich eine lange, gerade Kruppe gut an; ihr feiner Schweif ist hoch und frei angesetzt; ihre
feine Haut ist mit hochgl�nzenden, seidenartigen Haaren bedeckt und die Adern treten deutlich
hervor. Ihre feinen Extremit�ten haben trockene Muskeln und gut markirte Sehnen. � Die
hohen Hufe sind von gl�nzender, fester Hornsubstanz. Sehr oft haben diese Pferde etwas lange,
aber dennoch nicht durchtretende Fesseln. � Das Temperament dieser Thiere ist im Allgemeinen
lobenswerth; nur ausnahmsweise sollen b�sartige Hengste in diesem Gest�te vorkommen. Die
Pferde lassen sich leicht und bequem an- und zureiten; viele derselben k�nnen als Damenpferde
Verwendung finden, und einzelne Individuen zeigen eine Gelehrigkeit, die sie als Kunstreiter-
oder Circus-Pferde besonders werthvoll macht.
In Streletzk werden die verschiedenen Fohlen-Jahrj�nge von Jugend auf an die un-
g�nstigen athmosph�rischen Einfl�sse gew�hnt; selbst im Winter befinden sie sich gr�ssten-
teils im Freien und nur bei ganz rauhem Wetter und starkem Schneefall kommen sie auf den
Stall. Es ist nicht zu leugnen, dass ein solches Abh�rtungssystem bei der Erziehung sehr viel
zu der Kraft und Ausdauer, welche Eigenschaften dieser Pferdeschlag in hohem Grade be-
sitzen soll, beitr�gt. Die aufgestallten Pferde werden stets sauber gehalten, und ebenso
18
Freylag, Russland's Pferde - Itacen.
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138                                                            russland's pferderacex.
stehen die dortigen Heerden unter der Aufsicht t�chtiger Leute. Auf den Weiden sieht man
grosse Schuppen angebracht, welche die Pferde bei heftigem Regen oder Schneegest�ber auf-
nehmen k�nnen.
Unser Gew�hrsmann, Professor Unterberger, giebt ferner noch an, wie es ihm auf-
gefallen sei, dass bei den Streletzke'schen Stuten asiatischer Abkunft die Tr�chtigkeitsperiode
von l�ngerer Dauer, als bei den Pferden anderer Racen sei; eine jener Stuten (�Rasboiniza"
genannt), trug fast immer ein Jahr und sieben Tage.
In den Reichs- oder Staats-Gest�ten werden die Stuten erst nach zur�ckgelegtem
vierten Lebensjahre zur Zucht benutzt; bei der Auswahl der Zuchtstuten geht man stets streng
und vorsichtig zu Werke. Die Erfahrung hat hier gelehrt, dass die Stute einen gr�sseren Einfiuss
auf den Wuchs der Nachzucht aus�bt als der Hengst; aus diesem Grunde w�hlt man dort auch
gern die gr�ssten Individuen zur Zucht aus und verwendet nur in dem Falle die kleineren Thiere,
wenn solche ganz besonders sch�n gewachsen sind und elegante Gangarten zeigen. � �Bei
der Beurtheilung der Gr�sse wird aber weniger auf die H�he, d. h. die Entfernung von der
Sohlenfi�che bis zum Widerrist R�cksicht genommen, als auf den Umfang des K�rpers, so
dass in den Augen der Z�chter in den Staats-Gest�ten eine Stute von 2 Arschin und 3 Wer-
schok (ppr. 1,55 Meter) oft gr�sser erscheint als jene, die 2 Arschin und 5 Werschok (ppr.
1,64 Meter) hoch ist. �"
�Verwandtschaftszucht in den n�chsten Graden ist verp�nt und nur ausnahmsweise in
der zweiten Generation zul�ssig. � Grundsatz ist gegenw�rtig in den Reichsgest�ten, nur
Pferde einer Abstammung mit einander zu paaren (Inzucht) und Kreuzungen verschiedener
Racen so viel als m�glich zu vermeiden. Dass diese Massregel gute Fr�chte tragen wird,
kann mit Gewissheit vorausgesagt werden." (Unterberger).
Die Deckzeit beginnt in s�mmtlichen Staats - Gest�ten am 1. Februar und dauert bis
zum 15. Juni. Nur in Ausnahmef�llen l�sst man die Stuten schon im Januar zum Hengste. Der-
selbe Zeitraum ist auch f�r die Landbesch�ler der staatlichen Hengst-Depots bestimmt, und
den W�rtern derselben wird aufgegeben, w�hrend der ganzen Deckzeit immer nur 25 Stuten
von einem Hengste belegen zu lassen. Diese Depot-Hengste sowohl, wie jene in den Staats-
Gest�ten, werden erst im f�nften Lebensjahre zur Zucht verwendet; anf�nglich theilt man
ihnen nur 8 bis 10 Stuten und im sechsten Lebensjahre 15 bis 20 Stuten w�hrend der Deckzeit
zu. In den Staatsbesch�ler-Depots fehlen noch sehr h�ufig die sogenannten Probir-Hengste;
auf den Gest�ten werden 2 oder 3 �ltere Hengste zu diesem Zwecke gehalten.
Die belegte Stute wird dem Hengste am achten Tage nach dem ersten Sprunge wieder
vorgef�hrt und dieses wiederholt sich so lange, bis sie den Hengst energisch abschl�gt. Nur
in dem Falle wird von dieser Vorschrift abgesehen, wenn sich die Stute schon am dritten oder
vierten Tage nach der Begattung sehr br�nstig zeigt. Von den tr�chtig gewordenen Mutter-
Stuten werden die Saugf�llen schon im f�nften Monate getrennt; sollte die Stute aber aufge-
nommen haben, so verschiebt man die Abw�hnung bis in den siebenten oder achten Monat.
Auf die �brigen Vorschriften und Regeln f�r die Beamten in den Staats - Gest�ten und
Hengst-Depots k�nnen wir hier nicht n�her eingehen, wollen jedoch nicht unterlassen anzu-
f�hren , dass die meisten derselben mit den unsrigen � in deutschen Gest�ten � ziemlich
�bereinstimmen.
1876 standen in dem Gest�te zu Streletzk 12 Hauptbesch�ler, 4 Reserve- oder Probir-
Hengste, 47 Mutter-Stuten und 240 Fohlen.
*
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DIE PFERDE IN KLEIN-RUSSLAND.
139
In der Stadt Bielawodsk finden j�hrlich 3 Pferdem�rkte statt: in der Osterwoche, am
Pfingstsonntage und am 6. September. Es werden daselbst Pferde der verschiedensten Schl�ge,
haupts�chlich aber Reitpferde angetrieben, deren Preis zwischen 25 und 200 Rubel schwankt.
Die vier M�rkte der Kreisstadt Sumy sind von geringer Bedeutung.
In der Stadt Charkow finden in jedem Jahre f�nf Pferdem�rkte statt, von welchen der
Ostermarkt der wichtigste und gr�sste sein soll; der Antrieb stellt sich auf 250 bis 300 Pferde
des Arbeitsschlages, die meistens von den Bauern des Gouvernements gez�chtet und zu Preisen
von 30 bis 100 Rubel verkauft werden.
Ferner sind noch Pferdemessen oder M�rkte in den Kreisen Woltschansk, Kupjansk
undStarobjelsk, von welchen jedoch keiner eine besondere Bedeutung hat. Im Dorfe Arapowka
werden auf den'Herbst-Markt (am 1. October) selten mehr als 300 Bauerpferde getrieben; die-
selben geh�ren meistens dem Arbeitsschlage an, und nur ein kleiner Theil kann hier von den
Remonte - Commissionen f�r die leichte Cavallerie angekauft werden.
Verzeichniss
der hervoragendsten Z�chter und Zuchtpl�tze in der Ukraine.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�te.
Zuchtpferde
Bemerkungen.
Hengste
Stuten
I. Gouvernement Poltawa.
Poltawa
Kotschubei, Elisabeth, F�rstin
Demidowka . .
3
39
Ardenner Zuchtpf.
j?
Kotschubei, Sergei, F�rst . . ,
Dekannka . . .
3
31
Arbeitsschlag
Gadjatch
Kotschubei, Basil, Staats-Rath
Andreewska . .
4
38
Reitschlag
Sennkow
Miloradowitsch, Sofie, Wittwe . .
Schorschawka
6
3D
Gemischt
Solotonoschski
Barjatinsky, Antoli, F�rst . . .
Drabarva . . .
7
45
Reit-u Wagenschlag
TT
Kapnist, Alexandra, Gr�fin . .
Wosnecenska. .
4
43
tt
Kobeljansk
Ganscha, Alexander, Edelmann .
Hanschowka . .
3
40
Reitschlag
tt
Hahnnowka . .
10
56
Reit-, Arbeitsschi. u.
Oeseler Klepper
j?
Kapnist, Sofie, Gr�fin ....
Koseischina . .
4
46
Wagenschlag u. Or-
low-Traber
Konstantinograd
Kathar. Michaielowna, Grossf�rstin
Karlowka . . .
7
63
Reit- u Wagenschl.
tt
Michael Nocolawitsch, Grossf�rst
Zigljarowka . .
1
3i
TT
Krementschug
Kapnist, Basil, Tit.-Rath . . .
Pusikowa . . .
6
35
Reit-, Wagenschi. u.
Traber
Lochwitz
Galagan, Gregor, Tit.-Rath . .
Petrowski . . .
3
26
Reit- u. schwerer Ar-
beitsschlag
Lubinsky
Leontowitsch, Nicolai, Rittmstr. .
Orechowschina .
8
70
Gemischt
>>
Skarschinsky, Nicolai, Rittmstr. .
4
30
Reitschlag
Mirgorod
Czarnisch, Nicolai, Kapitain . .
Tschernischowka
5
33
Reit- u.Traberpferde
Perejaslaw
Repnin, Erben der F�rstin Sofie
Sasupoewski .
4
21
Reitschlag
Pirjatinski
Gerbanewsky, Michael . ...
Majorschina . .
3
40
Wagenschlag
tt
Iwanowski . . .
3
35
Reit- u. Wagenschi.
tt
Miloradowitsch,Le\v,wirkl.Staats-R.
Solotonoschka .
9
50
TT
Rrituschski
Kotschubei, Barbara, Wittwe . .
Paskowschina. .
3
26
Gemischt
Pomenski
Masaraky, Maxim., Kapitain . .
Talalaewka . .
5
60
TT
Chorolewsk
Kapnist, Hipolit, Lieutenant . .
Brigadirowka . .
6
42
Reit- u. Wagen schl.
tt
Posen's, Michael, Erben . ...
Obolon ....
3
43
Reitschi. f. d.i. Cav.
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°rf
%�
RUSSLAND S P F ER D E-R A CEN.
140
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�t.
Zucht]
Hengste
)ferde
Stuten
Bemerkungen.
II. Gouvernement Charkow.
Achtir
Raden, Martha, Baronesse . . .
Michailowka . .
5
3D
Reitschlag
Bogoduchow
Gesellschaft d. Gutjansch. Zuckerf.
2
20
Arbeitsschlag
Walkow
Gartschakowka .
5
64
Wagen- u. Trab.-Pf.
Woltschansk
Gendrikow, Alexander, B�rger
Grafskoe . . .
6
46
Reit- u. Wagenschl.
Smiew
Grechow, Alexander, Oberst a. D.
Kritschewsk . .
3
35
7)
Isumsk
Meller-Sakomelsky, Peter, Baron
Pososchni . . .
3
31
?>
Kupjansk
Lodigen, Nicolai, Kol.-Secret.
Markow, Dmitry, Kaufmann . .
Arapowka . . .
Wolosko-Balak-
4
35
>?
leika ....
4
53
Wagen-u.Arbeitssch.
Lebcdinsk
Scherbatow, Boris, F�rst . . .
Bobrik ....
3
36
Traber
j?
Gruni ....
5
26
Reit- u. Wagenschlag
Starobelski
Tewj�schow, Michail, Kol.-Assec.
Alexandrowsk
5
26
Wagen- u. engl. Voll-
blut-Pferde
Simski
Alferoso, Paul, Staats-Rath. . .
III. Gouvernement Kijew.
Bobrik ....
4
22
Wagen-u.Arbeitssch.
Kijew
Mj�snikow, Katharina ....
Pereselenic . .
9
64
Wagenschi. u. Trab.
Berdeshew
Gudim, Lewkowitsch, Alex. . .
J�gerhaus .
4
20
??
Wasilkow
Branicki, Wladislaus. Graf . . .
Schamersef ka. .
10
77
Vollblut-, Araber- u.
Wagenschlag.
Swenigorod
Branicki, Konstantin, Graf .
Ysin.....
10
70
??
Lipowetz
Radomisl
Enitsch, Ludwig......
Antonwka . . .
Leskowo . . .
3
5
24
30
Wagen- u. Trab.-Pf.
Reitschlag, engl. Blut
Skwir
Horwat, Alexander . . , . .
Chobvoc . . .
4
20
Araber
Podgorsky, Baltasar, Edelmann .
Berconj� . . .
6
35
Reitschlag
Taraschansk
Rillsky, Teophil, Edelmann . .
Poltshuiki . . -.
8
57
desgl. Araber
Uman
Branicki, Wladislaw, Graf . . .
Janishowka . .
10
75
desgl. u. derselbe
Tshigirin
Losinsky, Heinrich, Edelmann
Leschenowka. .
3
20
Reit- u. Wagenschi.
Beletzky, Alexander, Landwirth .
IV. Gouvernem. Tschernigow
Ob. -Wereschanki
3
30
??
Tschernigow
Komarowsky, Pantilimon, Kapt. .
Thomarowko . .
3
14
Reit- u. Wagenschi.
Borsensk
Goreslawskaja, Julie, Fr. Oberst .
Schapowalowka .
1
11
Wagenschlag
Gluhow
Nepluew, Nicolai, Stabs-Kapt.
Wsdwischenski .
6
37
Arbeitsschlag
Gorodnj�nsk
Miloradowitsch, Sofie, Wittwe . .
Neu-Borowitschi
2
6
>>
Konotop
Belosersky, Karp ....
Girj�wka .
2
34
jj
Krolewitz
Jurkewitzsch, Nicolai . . .
Ylyinschino . .
1
15
5>
Mglin
Borschow, Nicolai ....
Semki ....
2
20
desgl. u. Wagenschi.
Nowgor.-Semersk
Schalenburg, Iwan ....
Belousowa. . .
3
9
Traber
Nowosibkow
Lagoda, Joseph.....
Karpowischi . .
5
30
Traber
Starsdub
Golitizin, Natalia, F�rstin .
Gomewa . . .
1
18
Wagenschlag
Siraschski
Samikow, Georg
Sj�litschi . . .
3
14
desgl. u.Traber
-ocr page 160-
DIE PFERDE IN WOLHYNIEN UND PODOL1EN.
I4I
KDie Pferde in Wolhynien und Podolien.
a. Das Gouvernement Wolhynien umfasst 1,304,67 □ Meilen mit 1,643,270 Bewohnern.
Etwa der dritte Theil des Landes ist angebaut und liefert auf dem meist aus mildem Lehm beste-
henden Boden im Durchschnitt der Jahre ganz befriedigende Getreide-Ernten, reichlich Kartoffeln
und an einigen Orten auch gute R�ben-Ernten. In den Flussth�lern finden sich sch�ne Wiesen-
gr�nde, die ein nahrhaftes Heu liefern. � 42 Procent der ganzen Fl�che sind mit Waldungen
bestanden und etwa 20 Procent m�ssen als Unland bezeichnet werden. Auf diesem und auf
den leichteren Lehm- und Sandboden-Fl�chen finden die Hausthiere in der Regel nur k�rgliche
Nahrung; auf den Weiden des Culturlandes hingegen bemerkten wir in diesem Herbste (1880)
einen �ppigen Graswuchs, und es sollen diese Fl�che auch in den meisten Jahren das Weide-
vieh reichlich ern�hren. ■� Nach S�den zu steigt das Gouvernement etwas an und geht hier
in die Steppenlandschaften �ber, welche gr�sstentheils als Weiden f�r Pferde, Rinder, Schafe und
Schweine benutzt werden. � Die Bewohner dieses Gouvernements besch�ftigen sich anscheinend
gern mit der Viehz�chtung und verwenden auf dieselbe an manchen Orten gr�ssere Sorgfalt
als die Bauern in den angrenzenden K�nigreichen Polen und Galizien.
Der Adel, meist Polen, besitzt grosse Herrschaften (Klutschi) mit zum Theil recht statt-
lichen Schl�ssern und zweckm�ssig eingerichteten Wirthschaftsgeb�uden, geschmackvoll ange-
legten Parks und grossen Gem�seg�rten. Der Obstbau l�sst auch hier noch Manches zu
w�nschen �brig. Unter der sehr gemischten Bev�lkerung sind Juden zahlreich zu finden; sie
bilden in den kleineren St�dten wie auf dem Lande das Factotum; sie machen, bewirken und
schaffen Alles. Es war uns besonders auff�llig, dass die dortigen Juden sich nicht � wie bei
uns � vor den schwersten Arbeiten f�rchten und solchen aus dem Wege gehen; sie betreiben
im Gegentheil alle Handwerke; so z. B. haben wir auf dem Gute des F�rsten Sanguszko in
Slawuta Juden als Hufschmiede arbeiten sehen, die den Beschlag b�sartiger Hengste mit gr�sster
Bravour und viel Geschick bewerkstelligten.
Im Gouvernement Wolhynien fehlt aber auch die Industrie nicht g�nzlich; es giebt
daselbst unter anderen 6 Zuckerfabriken und 45 Tuchfabriken, welche meistens die eigenen
Landesprodukte verarbeiten. Die f�rstliche Sanguszk�'sche Tuchfabrik in Slawuta besch�ftigt
mehrere 100 Arbeiter und liefert Tuche von feinster Qualit�t, haupts�chlich aber gr�beres
Militairtuch f�r den Bedarf des Heeres.
Im Gouvernement Wolhynien haben die Pferde der Bauern und zum Theil auch die der
reichen Grundbesitzer sehr grosse Aehnlichkeit mit den gemeinen polnischen Bauerpferden;
sie sind wie diese in der Regel kleine, schwache, unansehnliche Gesch�pfe von 1,25 �1,35 Meter
H�he; aber rasch und gewandt in ihren Bewegungen, dabei gen�gsam, fleissig und ausdauernd
bei der Arbeit.
Einzelnen Thieren dieses Schlages kann man die Abstammung vom orientalischen Blute
wohl heute noch ansehen; diese haben einen edlen Kopf, h�bsche Halsung, gerade Kruppe und feine
Gliedmassen; andere aber �hneln in ihrem Leibesbau den weniger sch�nen tatarischen Rossen
und k�nnen auf K�rpersch�nheit durchaus keinen Anspruch machen. � Wenn L. T. Fitzinger
in seinem �Versuch �ber die Abstammung des zahmen Pferdes und seiner Racen" angiebt, dass
die wolhynische Race in Russland die besten Pferde f�r die leichte Reiterei liefere, so kann
der gesch�tzte Autor unm�glich die Bauerpferde dieses Gouvernements gemeint haben, sondern
wahrscheinlich nur die edlen Thiere aus den sch�nen Gest�ten der beiden F�rsten Sanguszko zu
Slawuta und Christowka, oder die anderer Grossgrundbesitzer dieses Landes. � Das gemeine
wolhynische Bauerpferd eignet sich nur allein zur Feldarbeit auf dem leichten Sandboden,
-ocr page 161-
RUSSLAN�'s PFERDE -RACEN.
und auch hier sieht man sich oft gen�thigt, drei, vier, ja sogar sechs Thierchen vor einen
Pflug zu spannen, um die gew�nschte Furchentiefe von 0,13 � 0,15 Meter zu erreichen.
Die Gest�te des F�rsten Sanguszko sind unstreitig die gr�ssten und sehenswertesten
in Wolhynien, ja vielleicht im ganzen westlichen Russland. Dieselben erfreuten sich schon im
XVI. Jahrhundert eines guten Rufes. In der Matrikel Wolhynien's, welche 1528 alle wolhyni-
schen Edelleute registrirt, wird angegeben, dass Andreas Alexandrowicz Sanguszo $2 Reitern
aus seinen Gest�ten, �asilius, F�rst von Kowel, das Haupt des zweiten Zweiges dieses Hauses,
38, und Andreas, F�rst von Koszyr, das Haupt des dritten Zweiges, 46 Reiter gestellt habe.
Es wurden mithin von einem einzigen Hause f�r den Bedarf des Landes 126 Pferde und Reiter
ins Feld gestellt. Alle diese Pferde wurden aus einem Gest�te, dessen letzte Nachk�mmlinge
das zaslawskische oder, wie man es jetzt allgemein nennt, das slawutkische Gest�t bilden,
entnommen. Hutten-Czapski sagt wohl mit vollem Rechte: �Von allen Gest�ten Alt-Polens ist
dieses Gest�t zu Slawuta bis auf den heutigen Tag das am regelrechtesten, liebevollsten und
sorgf�ltigsten unterhaltene." � Wir selbst haben uns im Herbste 1880 bei dem Besuche dieses
Gest�tes und der dazu geh�rigen Zucht- oder Fohlenh�fe �berzeugt, dass die dortige Z�chtung
und Haltung der Pferde nichts zu w�nschen �brig l�sst. Die edelsten originalarabischen Hengste
werden daselbst als Besch�ler benutzt; die Stuten sind ebenfalls alle reinbl�tige Araberinnen
und meistens in den Gest�ten jener F�rsten geboren. Bei der Auswahl der Zuchtthiere
geht man sehr gewissenhaft zu Werke; nur die besten, sch�nsten Individuen werden zur
Zucht verwendet und alles Mittelm�ssige ausgem�rzt. Die Aufzucht der Fohlen wird streng
�berwacht und stets f�r eine hinreichende Ern�hrung der Thiere Sorge getragen. Wenngleich
die Pferde in Slawuta in der Gr�sse ein wenig hinter den Stammverwandten der gr�flich
Branicki'schen Zucht im Gouvernement Kijew zur�ckstehen, so bemerkt man jedoch unter
ihnen viele Thiere mit den edelsten Formen und sehr grazi�sen Bewegungen. Besonders auf-
f�llig war uns hier, dass sich unter den Schimmeln � nicht selten sogenannte Honigschimmel
� in der Regel die feinsten und edelsten Individuen finden, wohingegen die F�chse und
Braunen meistens t�chtigere Leistungen zeigen und dieserhalb auch mehr gesucht sind und besser
bezahlt werden, als die Schimmel von Slawuta. Nach Deutschland und Oesterreich werden all-
j�hrlich viele Pferde dieser Race zu hohen Preisen verkauft. � In den Marst�llen des Kaisers
und verschiedener Grossf�rsten von Russland sind die Pferde aus den Sanguszko'schen Ge-
st�ten in den sch�nsten Exemplaren vertreten.0)
Wenngleich die meisten Pferde der Gest�te zu Slawuta und Constantinow einen gut-
artigen Charakter besitzen und als Damenpferde benutzt werden k�nnen, so findet man unter den
Hengsten doch hin und wieder auch mal b�se Gesellen, die ihren Reitern nicht geringe Schwierig-
keiten machen. Einer der sch�nsten Hengste in Slawuta zeigte eine Marotte, welche wir nie fr�her
bei einem Pferde wahrgenommen haben; das Thier Hess sich n�mlich nach dem Vorf�hren auf
dem Gest�tshofe nicht wieder in den Stall f�hren; erst nachdem sich ein Reitknecht auf den
R�cken desselben geschwungen hatte, ging der Hengst geduldig in den Stall zur�ck. Aehn-
liche Grillen und Launen sollen bei den arabischen Pferden mehrfach vorkommen.
Auf einer Besitzung des F�rsten Sanguszko, in der N�he der Stadt Slawuta, sehr h�bsch
am Flusse Gory belegen, findet sich eine, im Jahre 1879 von Tataren gegr�ndete Kumiss-Kur-
Anstalt. � Wir haben Gelegenheit gehabt, diese Anstalt zu besichtigen, und waren erstaunt
dar�ber, dass die hier zur Milchproduktion aufgestellten Stuten (60 bis 70 St�ck) keineswegs
*) Der Marstall zu Slawuta wurde fr�her h�ufig vom Stallmeister des K�nigs von W�rttemberg besucht, um
daselbst Eink�ufe zu machen; und noch jetzt sieht man unter den sch�nsten Pferden des Stuttgarter Marstalles Nach-
kommen der Sanguszko'schen Zucht.
___#
^
O^
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DIE PFERDE IN WOLHYNIEN UND PODOLIEN.                                               143
den tatarischen oder kirgisischen Racen entnommen, sondern kleine Pferdchen des wolhynischen
oder podolischen Landschlages waren. � Die Tataren hatten bei der Gr�ndung dieser Anstalt
einige Stuten ihrer heimischen Race vom Kuban mitgebracht; nachdem man sich aber �berzeugt
hatte, dass die Stuten der wolhynischen Landrace auf den sch�nen Weiden an den Ufern des
Gory fast ebensoviel und eine ebenso zuckerreiche Milch lieferten, wie die tatarischen Stuten,
hat man den umst�ndlichen und kostspieligen Ankauf der letzteren aufgegeben und sich aus-
schliesslich darauf beschr�nkt, die gemeinen Landstuten zur Aufstellung zu bringen.
Die Kumissbereitung wird in Slawuta wie im Oriente mit der gr�ssten Sorgfalt betrieben;
der g�nstige Erfolg der Kumiss - Kur wurde sehr bald weit und breit bekannt, und viele Kranke
eilten nach dieser Anstalt, so dass man sich in diesem Jahre gen�thigt sah, eine Erweiterung
des Kurhauses vorzunehmen und f�r eine comfortable Einrichtung desselben Sorge zu tragen.
In diesem Sommer war die Anstalt von mehreren hundert Lungenkranken besucht und
man denkt daran im n�chsten Fr�hjahr ein neues, noch gr�sseres Kurhaus zu errichten, sowie
auch die Anzahl der Mutterstuten zu vermehren.
Schliesslich wollen wir noch erw�hnen, dass in Slawuta die Fohlen sehr bald nach der
Geburt von ihren M�ttern getrennt, verkauft oder geschlachtet werden, und man es nicht �
wie in den Kumiss bereitenden Steppenlandschaften des �stlichen Russlands � f�r nothwendig
erachtet, die Fohlen ihren M�ttern w�hrend des Melkens �zur Ansicht" vorzuf�hren.
In der besten Melkzeit sollen die kleinen, kaum 1,30 Meter hohen, wolhynischen Stuten
t�glich 6 bis 7 Liter Milch geben. Zur Zeit unseres Dortseins, im September � etwa 4 Monate
nach dem Abfohlen � lieferten die Thiere nur noch 1 bis 2 Liter Milch in den Eimer des
Tataren, welcher das Melken derselben in geschickter Weise und ziemlich rasch besorgte.
In Miropol besteht seit alter Zeit ein h�bsches Gest�t des Grafen Czapski, in welchem
60 Mutterstuten altpolnischer Race mit englischen Vollblut- und Halbblut-Hengsten ge-
paart werden; manches brauchbare, ausdauernde Reitpferd soll aus diesem Gest�t hervor-
gegangen sein.
b. Das Gouvernement Podolien (d. h. Niederland) oder Kamjeniec umfasst 763,0g geogr.
GMeilen mit 1,946,761 Bewohnern. Dasselbe liegt auf dem s�drussischen Landr�cken, und
bildet eine mit vielen H�geln �bers�ete Hochfl�che, die an manchen Orten recht h�bsche Land-
schaftsbilder aufzuweisen hat. Besonders sch�n, malerisch liegt die Hauptstadt des Gouverne-
ments, Kamjeniec-Podolsk, auf hohem, steilem Felsen, der rings von tiefem Grunde umgeben
ist. � Elf F�nfzehntel des Gouvernements sind Kultur- und Weideland. 15 Procent bestehen aus
Waldungen. Man erntet auf dem, zum gr�ssten Theil sehr fruchtbaren Boden (Tschernosem)
sch�nes Getreide aller Art, R�ben, Melonen, Arbusen, Obst, auch Wein und Maulbeeren; auf
den Wiesen und Weiden sieht man im Fr�hjahr und Sommer ein �ppiges Graswachsthum; nur
wenn die Sommermonate arm an Regen sind, was hin und wieder der Fall sein soll, erscheinen
die Weiden im Sp�tsommer und Herbste trocken, d�rr, und liefern dann f�r die weidenden
Rinder, Pferde und Schafe nur sp�rliche Nahrung. � Die Rindviehzucht wird in Podolien an
den meisten Orten sehr umfangreich betrieben; die grossen weissgrauen Ochsen der dortigen
Landrace liefern bekanntlich ein sehr t�chtiges Arbeitsvieh, wodurch sich die hier etwas be-
schr�nktere Aufzucht und Haltung von Zugpferden erkl�ren l�sst. In den Gest�ten der Gross-
grundbesitzer z�chtet man haupts�chlich nur Reitpferde oder einen leichten Kutschschlag f�r
das Posfuhrwerk und die zierlichen Jagdwagen des Landadels.
In den sch�nen Laubw�ldern Podoliens findet eine grosse Bienenzucht statt. � Das
Land hat 41 R�benzuckerfabriken, 22,6 Procent s�mmtlicher Zuckerfabriken des Reiches, welche
8,5 Procent des russischen Zuckers liefern.
Die Bewohner des Landes sind zum weitaus gr�ssten Theile Russniaken oder Rothrussen,
&
%
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russland's pferdee-racen.
144
die wir als die rohesten aller Slaven kennen gelernt haben; beim Ackerbau leisten sie
nicht Viel, wohl aber als Hirten ganz T�chtiges. Den B�rgerstand repr�sentiren hier, wie
in Wolhynien, die Juden; Polen bilden den Adel und Grossrussen den Beamtenstand und
das Militair.
Die grosse Mehrheit der hier von den Bauern gez�chteten Pferde geh�rt der alten
unveredelten ukrainischen Landrace an; meistens sieht man dort zierliche, kaum 1,40 Meter
grosse Gesch�pfe mit wenig ansprechenden K�rperformen; ihre Haltung l�sst in der Regel recht
viel zu w�nschen �brig. Da sie in ihren Leistungen beim Ackerbau weit hinter den podolischen
Rindern zur�ckstehen, so erkl�rt sich wohl hierdurch die Vernachl�ssigung der dortigen
Pferdez�chtung, und soviel auch in der Neuzeit von Seiten der russischen Regierung, durch Er
richtung eines Staatsgest�ts oder Hengstdepots in Baiin � unweit Kamjeniec � f�r die Hebung
der dortigen Pferdezucht geschehen ist, so bemerkt man doch nur vereinzelt einen Wandel zum
Besseren. Bei der Auswahl der Zuchtstuten gehen die Bauern sorglos zu Werke, und ebenso
werden die kleinsten, schm�chtigsten Hengste der Bauern zur Zucht verwendet. Nur allein in
denjenigen Ortschaften, welche die kaiserlichen Besch�l- oder Hengst - Stationen in der N�he
haben und dorthin ihre Stuten zum Belegen f�hren, sieht man bessere, etwas gr�ssere Rosse,
die dem leichten Wagenschlage angeh�ren. Kleine Reitpferde mit raschen Gangarten und
befriedigender Ausdauer bemerkt man in Podolien am h�ufigsten.
Eines der besten Privat-Gest�te dieses Gouvernements ist das des alten F�rsten
E. Sanguszko in Satanow, welches wir selbst zu sehen Gelegenheit hatten. Dasselbe ist schon
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts gegr�ndet worden und zwar mit der ausdr�cklichen Be-
stimmung des Gr�nders, daselbst nur arabisches Blut zu z�chten. Wie uns angegeben wurde,
hat man bis auf den heutigen Tag in Satanow an dieser Bestimmung fest gehalten und
mehrfach Original-Araber aus der W�ste herbeigeholt, um von Zeit zu Zeit eine Blutauf-
frischung vornehmen zu k�nnen. Die zur Zucht verwendeten Hengste geh�ren fast aus-
nahmslos der edelsten Nedjed-Race an und stehen den Koheiles Arabien's wohl kaum im
Werthe nach. � Der alte F�rst Sanguszko scheut keine Opfer, wenn er sich in den Besitz
von edeln Thieren setzen will. � Bei der Auswahl der Zuchtstuten wird �usserst strenge
verfahren, und so erkl�rt es sich, dass man in den St�llen und auf den Weiden von Satanow
fast nur die sch�nsten Thiere dieser vielgenannten und vielger�hmten Race findet.
Die dortigen Weiden, im coupirten Terrain, sind unstreitig f�r das Wachsthum der
Fohlen sehr g�nstig; die Thiere entwickeln sich rasch und gut; auf ihre Haltung, F�tterung
und Pflege w�hrend der Wintermonate im Stalle wird gr�sste Aufmerksamkeit verwendet; ein
geschickter Stallmeister, der zugleich Thierarzt ist, �berwacht das ganze Zuchtgesch�ft mit
grosser Liebe und Sorgfalt.
Von Krankheiten und erblichen Fehlern weiss man in Satanow nicht viel; ger�umige
St�lle und gesundes P'utter bei t�glichem Austrieb in's Freie beg�nstigen den vortrefflichen
Gesundheitszustand der Satanower Zuchtheerden.
Die Schimmelfarbe herrscht auch hier vor und scheint besonders beliebt zu sein. Unter
den J�hrlingen fanden wir einen Honigschimmel, der ein hervorragendes Pferd zu werden
verspricht und durch seine sch�nen K�rperformen und eleganten Bewegungen wohl jedem
Pferdeliebhaber gefallen muss. � Allj�hrlich im Fr�hjahr oder Sp�therbst*) werden die vier-
j�hrigen, meist etwas angerittenen Hengste in den Auctionen zu Slawuta verkauft und Preise
*) Soeben � am 25. November 1880 ■�■ geht uns vom F�rsten Sanguszko die Nachricht zu, dass in diesem
Jahre am 3. December in Slawuta 80 vierj�hrige Pferde aus den Gest�ten von Christowka und Satonow verauctionirt
werden sollen.
-ocr page 164-
<$
DIE PFERDE IN WOLHYNIEN UND PODOLIEN.
145
von 800 bis 2000 Rubel erzielt. Alle gutgewachsenen Stuten benutzt man zur arabischen Rein-
Zucht und die weniger werthvollen Thiere werden in den Wirthschaften zur Halbblutzucht
verwendet. � Nach Beendigung des letzten t�rkischen Krieges erhielt der Grossf�rst Nicolaus
Nicolajewitsch einen Hengst aus dem f�rstlichen Gest�te zu Satanow, welcher durch seinen
pr�chtigen Gliederbau und seine hocheleganten Bewegungen in allen Gangarten das gr�sste
Aufsehen gemacht haben soll.
Auf den grossen Pferde-Ausstellungen in Moskau wie in St. Petersburg tragen die
Sanguszko'schen Rosse in der Regel den Sieg davon; die h�chsten Ehrenpreise sind diesen
Pferden oder ihren Z�chtern bereits mehrfach zuerkannt worden.
Andere hervorragende Privatgest�te sind diejenigenPodhorski's, Gudowicz's, Czarkowski's,
in welchen Pferde der f�rstlich Sanguszko'schen Zucht mit Thieren anderer orientalischen Racen
gekreuzt werden; hin und wieder benutzt man an diesen Orten auch englisches Blut zur Kreu-
zung � Gizyzki's und Janiszewski's Pferde sollen der altpolnischen Race angeh�ren und das
Aussehen haben, als ob sie von polnisch-armenischen Rossen abstammten. Auf der Besch�lstation
zu Baiin stehen vorzugsweise Hengste des leichteren Reitschlages von arabischer Race, ausserdem
aber auch mehrere schwerere Hengste f�r den Wagen- und Arbeitschlag, nach Moerder's An-
gaben im Ganzen 57 Besch�ler. � Die Zucht von Traber-Pferden scheint neuerdings auch in
Podolien an einigen Orten in Mode gekommen zu sein.
Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter und deren Gest�te in Wolhynien und Podolien.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�te
Zuchtpferde
Bemerkungen.
Hengste
Stuten
Wolhynien.
Zaslawsky
F�rst Roman Wladislawowitsch San-
1 9 u. 46 Vollbl.-Arab.
iu.4 Halbbl.-Arab.
Slawuta und
Christinowka
IO
51
1 engl. Araber
Nowg.-Wolynsky
Gutsbes. Tzesarij Fomitsch Fratschewsky
Petschanowka
5
28
Reitpf. Halbbl.-Arab.
"
Graf Stanislaff Marianowitsch Tschapsky
Podolien.
Mirorpol . .
4
20
Reit- u. Vorspann-
Pferde (Halbtrab).
Kamenetz-
Gutsbes. Gotthard Titowitsch Dwernitzky
Zawalie.
4
20
Reitpferde
Podolsky
Gukowo . .
3
l8
desgl. (arabisch)
??
Gutsbes. Alex. Grigoriewitsch Sadowsky
Krasnostawtzy
6
45
Reitpferde
j>
F�rst Grigory Dmitriewitsch Chilkoff .
Dolschka . .
3
23
1 u. 11 englisch
1 u. 2 Traber
1 u. 10 Reitpferde
»
Gutsbes. Sigism. Osipow. Starorypinsky
Malaia-Karabt.
3 u. 14 Reitpferde
schiewkn .
3
24
10 Vorspannpf.
Baltsky
Wirkl. Staatsrath Adam Antonowitsch
2 u. 4 Traber
Rybnitza . .
5
36
1 u. 10 Vorspannpf.
1 2 u. 16 Reitpferde
1, 6 Arbeitspf.
»>
Edelm. Julian Auxentiewitsch Glembitzky
Krasnogorka .
5
36
Reit- u. Vorspannpf.
5J
Edelm. Ferdin. Antonowitsch Nedzielsky
Stanislawtschik
4
35
Reitpf. (Cavall.)
JJ
Gr�fin Olga Stanislawowna Roniker
Gonorataia
5
46
Die 5 Hengste sind
Reitpf. 28Vorsp. u.
10 Arbeitspferde
Frey tag, Russland3 Pferde-Racen.
'9
J§i
-ocr page 165-
i46
RUSSLAND S PFERDE-RACES.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�te.
Zuchtpferde
Art der Pferde.
Hengste
Stuten
Baltsky
Edelm. u. Gutsbes. Severin Pvanowitsch
Werchowaia .
3
25
Reitpferde
j?
Edelm. u. Gutsbes. Boleslaff Kazimiro-
Swornewataia.
3
24
Reitpferde
j?
Edelm. Wladisl. Kazimoriw. Kendschitzky
Hosianskaia .
3
40
Die Hengste Reitpf.,
d. Stuten Vorsp.-Pf.
Rittmstr. a. D. StanisI Osipow. Jurjewitsch
Nestoit . . .
3
35
Unter den Hengsten
1 Traber u. 2 Reitpf.,
Bratzlawsky
Gutsbesitzer Graf Konstantin Konstan-
d. Stuten Vorsp.-Pf,
tinowitsch Pototzky.......
Petscherskoe .
4
22
Reit- u. Vorspannpf.
j?
Gutsbesitzerin Helena Theophilowna Re-
gulskaia...........
Lozowabaia
8
52
Reit- u. Vorspannpf.
Gaisinsky
Gutsbesitzer Henrich Henrichowitsch
Lipkowsky..........
Kraenoselka .
4
4
20
Reitpf. Halbbl.-Arab.
Reit-, Vorspann- u.
>?
Graf. Alexandra Stanislawowna Pototzkaia
Soboliowka .
42
Arbeitspferde
?>
Graf Joseph Andreewitsch Cholonewsky
Ziatkowtzy. .
7
14
Reitpferde (arab.)
'?
Gutsbesitzer Joseph AlonziewitschTschar-
nowsky...........
Komarowka .
6
20
Reitpferde (arab.) u.
Arbeitspferde
yy
Ehrenb�rger Ewzely Gawrilow. Hintzburg
Mogilnaia .
3
36
Vorspannpferde
Letitschewsky
Gutsbes. Liudomir Victorow.Skibnewsky
Mazniki. . .
3
30
Vorspannpferde
Stabs-Rittmstr. a. D. u. Gutsbes Watzlaff
jatzentiewitsch Tschosnowsky . . '
Boschikowtzy .
3
32
Reit- u. Vorspannpf.
Litinsky
Gutsbes. August Iwanowitsch Mazaraki
Rybtschintzy .
IO
100
Reit- u. Vorspannpf.
Mogilewsky
Edelmann Gutsbesitzer January Ka-
Chranowka
5
26
Reitpferde (arab.) u.
Arbeitspferde
Wendytschany
Schwantschik .
50
65
Nowouschitzky
Gutsbes.IgnatyMatwieewitschChelminsky
4
Vorsp.- u. Arbeitspf.
>?
Gustbes. Wladimir JosiphowitschRegulsky
Koskowitzy
3
53
Vorsp.- u. Arbeitspf.
Olgopolsky
Gutsbes. Gebr�d. Sobeslaff u. Probuo
Felixowitsch Barsehtschewsky . . .
Olschanka-Po-
bereschskaia.
4
l9
Die Hengste Araber,
die Stuten Reit- u.
Vorspannpferde
>>
F�rst Nicolai Alexieewitsch Orloff . .
Tschetschelnik
4
19
Vorspannpf. (Trab.)
u. Reitpferde
Proskurowsky
Gutsbes. Wilhelm Antonowitsch Zalewsky
Wodytschki .
5
56
Reitpferde (arab.)
>7
Edelm. Tit. Alexandrowitsch Iwanowskv
Turtschintzy .
7
50
Reit- u. Vorspannpf.
7?
F�rst Roman Eustafiewitsch Sanguszko
Woitowino
3
52
Reitpferde (arab.)
Derselbe..........
Iwankowtzy
Borowka . .
5
IO
30
236
desgl.
Jampolsky
Titular-Rath Emerik Sewerinowitsch
Vorsp.- u. Arbeits-
pferde (local)
»7
Gutsbesitzer Arist Aristowitsch Mass
Derebtschina .
4
20
Reitpferde
-ocr page 166-
J *-JP
Dracl '. : \.Fu
Kaukasisches Bergpferd.
-ocr page 167-
DIE PFERDE IN KAUKASIEN.
147
IIL Gebirgs-Pferde-Racen.
A. Die Pferde in Kaukasien,
Den zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere gelegenen Isthmus bezeichnet man
gew�hnlich mit dem Namen Kaukasien, obschon man auch h�ufig daf�r den Namen �Kaukasus"
substituirt, w�hrend es doch richtiger sein w�rde, die letzte Bezeichnung nur f�r die m�chtige
Gebirgskette in Anwendung zu bringen, welche diesen Isthmus in diagonaler von NW. nach
SO. gehender Richtung in nahezu zwei gleiche H�lften theilt, in eine n�rdliche (Cis-Kaukasien)
und in eine s�dliche (Trans-Kaukasien). Wir verdanken Alexander Petzholdt (fr�her Professor
in Dorpat), der in den Jahren 1863 und 1864 eine Studien-Reise durch den Kaukasus unter-
nommen hat, sehr wichtige Aufschl�sse �ber die land- und volkswirthschaftlichen Zust�nde
jener russischen Provinz, und werden hier mehrfach Gelegenheit nehmen, dessen Mittheilungen
�ber das Land, die Leute und die Hausthierzucht im Kaukasus zu benutzen.
Die beiden H�lften: Cis- und Trans-Kaukasien, unterscheiden sich nach den Angaben
unseres Gew�hrsmannes in jeder Beziehung wesentlich von einander, indem die n�rdliche H�lfte
noch durchaus zu dem Gebiete der grossen s�drussischen Steppe geh�rt, welche hier am Fusse
der gewaltigen Mauer des Kaukasus ihr s�dliches Ende erreicht, w�hrend die s�dliche H�lfte
Kaukasien's ihrem gr�ssten Theile nach den Charakter eines Gebirgslandes tr�gt, und dem-
gem�ss eine Menge sehr verschiedenartiger Erscheinungen aufweist, welche der einf�rmig
gestalteten Steppe �berall abgehen.
Da wir nachstehend nur die Gebirgspferde-Racen � von den Russen �Gorny" genannt
�   betrachten wollen und von der Beschreibung der Steppen-Pferde in Cis-Kaukasien hier
absehen m�ssen, da uns leider zuverl�ssige Angaben �ber diese fehlen, so erscheint es wohl
angemessen, mit einer kurzen orographischen Schilderung des Kaukasus, dem heimathlichen
Boden jener Pferde, zu beginnen. � Dieses Gebirge hat von seinen westlichen Ausl�ufern bei
Jenikale bis zu den �stlichen flachen R�cken der Halbinsel Abscheron eine L�nge von 160 Meilen.
�  Besonders sch�n und imposant ist dessen Anblick von der europ�ischen Seite aus. Ueber die
dunkeln, bewaldeten Vorberge ragen Eiskolosse in den bizarrsten Formen empor, hier H�rner,
Zacken und Nadeln, dort S�ulen, Kuppen und Pyramiden bildend. Man begreift erst beim
Anblick dieser Gebirgslandschaften, warum der Orientale den Kaukasus als den �Tausend-
gipfeligen" bezeichnet. � Auf der Nordseite finden sich fast �berall massig hohe Vorketten,
auf der S�dseite entwickeln sich diese Vorketten nur westlich von der Quelle des Rion; �stlich
st�rzt die Hauptkette steil ab. Gleich den Schweizer-Alpen gliedert sich der Kaukasus in
seiner �stlichen H�lfte in zwei Fl�gel. Der s�dliche setzt die Hauptkette fort, der n�rdliche
erf�llt mit seinen Vorgruppen das Gebiet bis zum Terek; vom Quellgebiet des Rion rankt
ein Seitenzweig s�dlich zum Berglande von Armenien. Jene Vorketten bestehen meist aus
aufgerichteten Kalkschichten; in der Hauptkette herrschen Granit, Syenit und Serpentin vor.
Der Hochkette sind eine grosse Anzahl von Riesengipfeln aufgesetzt. Da die Mittelh�he der
Kette 3300 Meter betr�gt, die Schneegrenze aber in etwa 3200 Meter H�he zeigt, so weichen
bei vielen der Kaukasusgipfel die Schneekappen niemals. Die gewaltigsten Bergriesen sind
der zweikuppige, einst vulkanische Elbrus (5450 Meter) im Nordwestrevier, und der Kasbek
(5030 Meter), welcher als der eigentliche Centralstock des Gebirges zu bezeichnen ist.
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russlasd's pferderac en.
Bei der leichter zur Verwitterung neigenden geognostischen Beschaffenheit der Vor-
ketten sind diese fast �berall mit den �ppigsten Laubwaldungen bedeckt; die granitischen
Felsmassen der Mittelkette sind dagegen auf weite Strecken nackt und kahl. � Der Einfluss
jener Waldungen auf den Wasserreichthum ist hervorstechend. Nach M. Wagners Angaben
zeichnen sich die mittleren und unteren Regionen des Kaukasus durch �beraus reiche Bew�sse-
rung aus. Quellen und B�che st�rzen lustig tosend �ber die Bergw�nde herab und bilden hier
und da Wasserf�lle von der malerischsten Wirkung. Ebenso ausserordentlich ist der Reich-
thum an mineralischen Quellen. Wagner z�hlte auf den Raum einer halben □ Stunde �ber
f�nfzig Quellen, deren W�sser stark eisenhaltig waren.
Vier Str�me dienen als Wassersammler der Kaukasusfi�sse. Jede Gebirgsseite bietet
zwei derselben Raum zur Entwickelung; ebenso empf�ngt jeder der Kaukasus-Meere zwei Zu-
fl�sse. Dem Elbrusstocke entquillt der Kuban, der Zufluss des Schwarzen Meeres. Die Ge-
w�sser zwischen Elbrus und Kasbek sammelt der Terek, der sich zum Kaspischen Meere wendet.
Auf der S�dseite hat der Rion, der Zufluss des Schwarzen Meeres, nur ein kleines Stromgebiet.
Um so gewaltiger ist aber der zum Kaspischen Meere gehende Wassersammler, der Kur,
welcher sich tief ins armenische Bergland einflechtet und eine grosse Anzahl s�dlich str�mender
Kaukasusgew�sser in sich zieht; die gr�ssten heissen Jora und Alazan. Der rechte Nebenfluss
des Kur, der Aras (Araxes), geh�rt dem armenischeu Berglande an.
Der Mangel an Querth�lern, welcher den Kaukasus charakterisirt, bedingt die fast
v�llige Unwegsamkeit dieser m�chtig'en Bergmauer, und machte das Gebirge von Alters her
zur Feste kriegerischer Volksst�mme.
Hinsichtlich der klimatischen Verh�ltnisse, der Pflanzen und Thierwelt bildet der Kaukasus
eine sehr scharfe Grenze und scheidet schroffe Gegens�tze, indem er deren Ausgleichung durch
Abhaltung der entgegengesetzten Luftstr�mungen hindert. Die Alpen selbst haben eine rauhe
Luft und fast nordische Vegetation, die der n�rdlichen ist der mitteleurop�ischen �hnlich und es
ist dieselbe wegen Mangel an Feuchtigkeit nicht �ppig; dagegen ist die Vegetation der fruchtbaren
s�dlichen Vorberge und Abf�lle fast �berall eine reiche zu nennen; es gedeihen hier wild die mittel-
europ�ischen Obstsorten und der Weinstock, man kultivirt Reis, Baumwolle, Mandeln, Feigen etc.
Die Bewaldung scheint auf der Hauptkette, dem Hochlande von Lesghistan und zum
Theil in dem Lande zwischen dem Hauptzuge und den n�rdlichen Secund�rgebirgen g�nzlich zu
fehlen; sie ist aber reich l�ngs des Schwarzen Meeres und auf den Secund�rgebirgen, auch
in einem grossen Theile des Andischen Kaukasus und besteht haupts�chlich aus Laubholz.
Nach Petzholdt's Angaben w�rde sich die Bev�lkerung Kaukasiens in runder Summe auf
5 Millionen Einwohner belaufen, wenn nicht Ende der 50er und zu Anfang der 60 er Jahre eine
starke Auswanderung der Bergbev�lkerung aus dem Kuban - Gebiete stattgefunden h�tte. Veran-
schlagt man diesen Bev�lkerungsverlust Kaukasiens auf circa 500,000 K�pfe, so verblieben damals
(1865) 4V2 Millionen Einwohner. � Die russischeBesiedelung und Colonisation im Kaukasus hat
aber in den letzten Jahren wieder grosse Fortschritte gemacht und ist in Folge dessen die Be-
v�lkerung neuerdings um einige 100,000 Seelen angewachsen.
Das ganze Land hat 8129 □ Meilen, 447,644 QKilometer (mit den Gew�ssern) und wird
nach der Z�hlung von 1871 von 4,893,332 Menschen bewohnt. Hummel*) sagt mit vollem Recht:
�Die Kaukasusl�nder sind ein Gebiet der gr�ssten ethnographischen Mannigfaltigkeit. So viel
sich �ber die noch sehr wenig bekannte Bev�lkerung sagen l�sst, sitzen in den zahlreichen
Bergwinkeln und Hochth�lern an 150 verschiedene St�mme mit etwa 70 verschiedenen Sprachen.
Am n�rdlichen Rande des �stlichen Kaukasus wohnen die Lesphier, ein Sammelname f�r die
*) Handbuch der Erdkunde. Leipzig 1876. J. M. Gebhardt's Verlag.
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Druck V.E.A.Funke, Le
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Karabagh Hones!,
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DIE PFERDE IN KAUKASIEN.
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St�mme der Avaren, Kasikumyken, Akuscha, K�rinen und Uden. Ihre Nachbarn gegen
Westen nennen sich selbst Nochtschuoi; ihnen geh�ren die Tschetschenzen an, die durch ihren
k�hnen Unabh�ngigkeitskampf gegen die Russen unter ihrem Emir Schamyl sich einen grossen
Namen als Kriegsvolk erworben haben. Die westlichen Bergv�lker zerfallen in die Abschasen,
welche beide Abh�nge des Kaukasus und den gr�ssten Theil des K�stensaumes vom Ingur bis
zum Kuban inne haben, und in die Adige oder Tscherkessen, welche westlicher und n�rdlicher
sitzen. Zwischen dem Kaukasus und dem n�rdlichen Absturz des armenischen Hochlandes
wohnen V�lker mit verschwisterten Sprachen. Es sind dies im S�dwesten auf t�rkischem Ge-
biet die Lasen, im nordwestlichen K�stenlande die Mingrelier, dann im L�ngenthal des Ingur,
s�dlich von den P�ssen, die zum Elbrus f�hren, die rohen, fast noch g�nzlich unabh�ngigen
Suanen, endlich als Binnenv�lker im Gebiet des obern und mittlem Kur die Gorgier, die sich
selbst Karthulhi nennen, von den Russen aber Grusen genannt werden."
Diese V�lkerschaften sind fast ausnahmslos unruhigen Geistes; sie lebten von jeher von
Raub und besch�ftigten sich gleich den Beduinen in den Algierischen W�sten immer mit Ein-
f�llen in fremdes Gebiet und Razzias. Das Pferd ist ihr unzertrennlicher Begleiter, und wenn
diesen Bergv�lkern auch die wahrhaft v�terliche F�rsorge des Arabers f�r jenes fast g�nzlich
abgeht, so besitzen sie doch zahlreiche Heerden dieser Thiergattung und nicht selten Individuen
vom h�chsten Werthe.
Die sch�nste und edelste Race aller kaukasischen Bergrosse bildet unstreitig
a. das karabaghische Pferd.
Das Gouvernement Baku umfasst die ehemaligen Chanate Karabagh und Schirw�n,
welche seit 1822 unter russischer Oberhoheit sind.*) Karabagh, unter dem 39O n�rdlicher Breite
und 440 �stlicher L�nge, zwischen dem Kur- und Aras-Flusse belegen, bildet gr�sstentheils
eine Gebirgslandschaft mit verschiedenem Klima, im Allgemeinen gem�ssigt warm, f�r die
Z�chtung der Hausthiere zutr�glich und g�nstig. Nach S�dosten dacht sich die Gebirgslandschaft
terrassenf�rmig ab, bildet Hochebenen, dann Niederungen und endlich ein sumpfiges Moorland.
Nach Petzholdt wird Karabagh**) vorwiegend von Tartaren bewohnt, welchen aber schon
ein ansehnlicher Theil Armenier beigemengt ist. Diese wie jene benutzen das Land theilweise
zum Ackerbau, theils auch zur Viehz�chtung. W�hrend man in den Th�lern Weinbau und
Seidenraupenzucht treibt, besch�ftigt man sich auf den Plateaus mit Ackerbau und Hausthier-
zucht. Die Zucht der Pferde wird haupts�chlich von den Tartaren, seltener von den Armeniern
in gr�sserem Massstabe betrieben. �Man thut aber der Sache wohl etwas zu viel Ehre an, wenn
man, wie es so h�ufig geschieht, von Karabagh'schen �Gest�ten" spricht. Es wird dadurch die
Meinung erweckt, als handele es sich hier um Einrichtungen, wie man solche in Europa mit
diesem Namen besitzt, was doch keineswegs der Fall ist, da man diese Pferde in ganz �hnlicher
Weise h�lt, wie die Tabunenim s�dlichen Russland, nur mit dem Unterschiede, dass sie w�hrend
des Sommers eine Gebirgsweide gemessen, was den Pferden der s�drussischen Steppen leider ver-
sagt ist. Von einem �Sprung aus der Hand" ist bei diesen Pseudogest�ten nicht die Rede." (Petzholdt.)
Nach Fitzinger ist das karabaghische Ross ein Blendling des hyrkanisch-persischen Pferdes
mit dem edlen arabischen Pferde und w�re daher ein Halbbastard reiner Kreuzung. � Der
*) Seit 1822, d. h. von der Zeit ab, als die russischen Truppen die Feste Schuscha eroberten, wobei der
letzte unabh�ngige Chan Karabagh's, Ibrahim, fiel, hat Russland seine Oberhoheit hier geltend gemacht. Mit gewissen
Beschr�nkungen wurde das Chanat dem Bruder des gefallenen Ibrahim, dem Chan Mechti-Kuli, anvertraut. Nach dessen
1846 erfolgtem Tode aber wurde das karabaghische Chanat in den schuschiner Kreis umgewandelt, der Name �Karabagh"
verlor seine officielle Bedeutung und die Gewalt des Chans ging in diejenige russischer Beh�rden �ber.
**) Diese Landschaft verdankt ihren t�rkischen Namen �Karabagh" (d. h. �schwarzer Garten") der dunklen,
aber schwachen Belaubung eines dort h�ufig vorkommenden Dornstrauches.
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150                                                                  RU S SLA ND's. PFERDE RACEN.
Graf H�tten-Czapski, welcher uns in seiner �Geschichte des Pferdes" eine h�bsche Beschrei-
bung der fraglichen Race liefert, sagt bez�glich der Abstammung derselben Folgendes:
�Karabagh ist das Vaterland der edelsten, fast wild gez�chteten Familie von Pferden, welche
Russland besitzt. Das dortige Klima, gewisse locale Eigenth�mlichkeiten, die erblichen Sitten
und Gewohnheiten der Einwohner, die Existenz des unversehrten Restes der arabischen
Kehlane, die, Jahrhunderte lang acclimatisirt, sich fortw�hrend unter einander paarten, haben
die typische Familie der Pferde des Chanats der �Goldenen Horde" alten Blutes (Kehlansarylar)
auch hier gebildet. Alles dies bewirkte, dass dieses Land, welches zehn Jahrhunderte hindurch
die Zufluchtsst�tte aller orientalischen Racen war, in den j�ngsten Zeiten das Vaterland einer
ziemlich reinen Race von Sarylaren oder �goldigen" Pferden wurde. Alle Privat-Gest�te Kara-
baghs haben dieses Blut in verschiedenem Grade, das Gest�t des Chans indessen behielt dasselbe
auf's Reinste und producirt Hengste, welche als Besch�ler f�r alle Privat - Gest�te (d. h. also
Pferde-Heerden) ausserordentlich begehrt werden."
Ivan von Moerder h�lt die Pferde von Karabagh f�r Kreuzungsproducte der arabischen
und truchmenischen (oder turkomanischen) Race und sagt, dass sie unter den asiatischen Schl�gen
denselben Werth h�tten, wie die englischen Vollblut-Pferde unter den europ�ischen Racen und
glaubt, dass sie ihre ansehnliche Gr�sse haupts�chlich dem truchmenischen Blute zu verdanken
haben. An allen Orten, wo die Z�chtung schon seit l�ngerer Zeit mit gr�sserer Sorgfalt be-
trieben wurde, erreichen die ausgewachsenen Pferde dieser Race eine H�he von etwa 1,50 Meter;
doch giebt es auch sehr viele Thiere in der Landschaft Karabagh, welche kaum 1,45 Meter
hoch sind.*) � Auf den Flochebenen der Landschaft finden sich haupts�chlich die kleineren
Pferdchen, wohingegen auf den Weiden an den Abh�ngen der Berg'e, wo sich gew�hnlich ein
�ppiger Graswuchs findet, die Pferde gr�sser und st�rker heranwachsen.
Die karabaghischen Gebirgspferde sind fast ausnahmslos von gedrungenem Bau und
ihre Glieder von fester Knochensubstanz. Am Kopfe ist der obere Theil, die Stirn und das
Nasenbein, sehr stark entwickelt ; erstere tritt immer deutlich hervor, ihre feurigen Augen sind
hervorstechend, aber etwas niedrig gestellt; die mittellangen Ohren stehen weit von einander
ab. Nase und Maul sind in der Regel schmal und selten so sch�n wie bei den edeln arabischen
W�sten-Pferden gebildet. Der hochaufgesetzte Hals ist eher kurz als lang, mit dem Kopfe
aber h�bsch verbunden, � Leib und R�cken sind kurz, der Widerrist ist hoch und das kurze
Kreuz sehr kr�ftig gebaut. In der Regel sind die Beine der Thiere etwas weit gestellt und
fast immer mit derben Sehnen bestens ausgestattet. Alle Muskeln am K�rper sind trocken,
scharf markirt und jede Fettbildung soll unterdr�ckt zu sein. Der zierliche, harte Huf erscheint
an der Krone oft etwas stark zusammengedr�ckt. Bei den Bewegungen dieser Pferde bemerkt
man sofort, dass sie ein heftiges, feurig'es Temperament besitzen; sie schreiten rasch und
energisch aus und zeigen dabei eine grosse Gewandtheit, welche sie auch bef�higt, bei den pl�tz-
lichen Ver�nderungen der K�rperlage das Gleichgewicht zu behalten und im raschesten Laufe
pl�tzlich anzuhalten. � H�tten - Czapski sagt: �Der Kehlan (d. i. der edle Karabagh) steht
anderen Pferden beim Lauf in der Ebene an Schnelligkeit nach, aber �bertrifft alle an Gewandt-
heit und Sicherheit, wenn es sich darum handelt, bergan oder bergab zu laufen." � Alle Rei-
senden, welche Gelegenheit hatten, edle Pferde dieser Race auf ihren heimathlichen Bergen
im Kaukasus kennen zu lernen, behaupten, dass sie �usserst schreckhaft w�ren; sie zitterten
oft am ganzen K�rper, st�nden bei einem lauten Schall oder Knall wie festgemauert am Boden
und suchten nicht � wie die Steppenpferde � in un�berlegter Flucht ihr Heil.
*) Der Gest�tsinspector Irmer will drei Pferde dieser Race gesehen haben, deren H�he 1,65 bis 1,70 Meter
betrug, und �ussert sich ganz enthusiastisch �ber die Sch�nheit derselben.
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DIE PFERDE IN KAUKASIEN.                                                                   151
Als besondere Merkmale f�r edle Pferde dieser Race ward angegeben: Feine Haut
mit hochgl�nzendem, kurzem Deckhaar und sehr weichen, feinen M�hnen - und Schweif haaren.
Ihre Z�chter sagen: Das Deckhaar muss funkeln, wie ein Edelstein. An den Augen, auf den
"Wangen, an der inneren Seite der F�sse und Schenkel finden sich h�ufig haarlose Stellen; auch
sind nicht selten die Ohrmuscheln im Innern frei von Haaren. � Bei dieser Feinheit von Haut
und Haar zeigen die Pferde aber auch grosse Empfindlichkeit; sie erk�lten sich bei rauhem
Wetter sehr leicht, und viele Thiere gehen im Winter schon bei massiger K�lte (und Hunger)
zu Grunde. � Der Begattungstrieb soll bei den meisten karabaghischen Rossen sehr stark
entwickelt sein.
Die Pferdez�chter von Karabagh kreuzen hin und wieder ihre Race mit turkomanischen
Pferden und erhalten auf diese Weise eine Nachzucht mit einem sehr sch�nen Vordertheil, be-
sonders h�bsch geformtem Schwanenhals und Thiere mit eleganten Gangarten; es heisst aber, dass
diese Blendlinge auf den Gebirgspfaden niemals so sicher und gewandt vorw�rts k�men, als die
reinbl�tigen karabaghischen Rosse; der Schwanenhals der Mischlinge besitze den Fehler zu
grossen Schwankens und verhindere die Ausf�hrung schneller Wendungen. Bez�glich der
Haarf�rbung der reinbl�tigen Karabaghs wird von H�tten - Czapski Folgendes mitgetheilt:
�Ein Umstand, der die karabaghischen Kehlane besonders charakterisirt, ist ihre Haarf�rbung,
welche die Einwohner �Naryndz" nennen und wof�r es in keiner anderen Sprache eine Be-
nennung giebt. Dieselbe n�hert sich am meisten derjenigen, welche wir Isabellen nennen. Es
ist das ein citronenfarbig dunkles Gelb mit sehr deutlichem Funkelglanz an den Spitzen der
einzelnen Haare; M�hne und Schweif sind kastanienbraun mit blutrother Schattirung an den
Enden. Die Kreuzung dieser Pferde mit anderen vorherrschend heimischen Schl�gen hat die
goldigen Pferde producirt, welche in ganz Persien unter dem Namen �Sarylar" bekannt sind.
Daher schreiben sich alle anderen F�rbungen, wie: goldig-kastanienbraun (Sarykara), goldig-
dunkel (Sary-karakiuran), goldig-braun (Sarykeher), goldig-Schwefel-braun (Sary-kara-keher)
u. s. w. Ich leite die Aufmerksamkeit des Lesers darauf, dass Europa an seinen beiden s�dlichen
R�ndern, sowohl im Westen, wo es an Afrika st�sst, wie im Osten, wo es nach Asien vor-
geschoben ist, d. h. in Spanien wie in Karabagh, Pferde besitzt, deren besondere F�rbung
und gewisse Anomalie der Gangart eine seltsame Ann�herung zu einander zeigen (?). Die
Aehnlichkeit des Ganges der iberischen Pferde mit demjenigen der persischen wurde schon
von den Schriftstellern aus alter Zeit bemerkt; die Aehnlichkeit der F�rbung beider aber,
welche doch so weit von einander entfernt durch Berge und Meere geschieden sind, mag wohl
von den Zeiten datiren, wo die Araber beide Theile inne hatten (?). Dass die �Naryndz'- ge-
nannte F�rbung aus den gl�henden Sandsteppen Arabiens nach Karabagh gekommen sei,
daf�r sprechen ausser der Tradition noch manche anderen Umst�nde: i) Diese F�rbung findet
sich weder in den s�dlicher als Karabagh gelegenen Provinzen Persiens noch auch irgendwo
rund umher. 2) Der Mischling eines Naryndz von einer gew�hnlichen Stute nimmt zwar eine
gewisse �Goldigkeit" an, ist aber nicht im Stande dieselbe auf seine Nachkommenschaft zu
vererben. 3) Sobald die Verbindung von Mischlingen des ersten Grades ihrer Progenitur
�Goldigkeit" mittheilt, so geschieht das, wenn �berhaupt, nur in sehr geringem Grade, keines-
falls verpflanzt sich dieselbe aber weiter. 4) Eine bereits in dritter Generation �goldige" Mutter
bewahrt diese Goldigkeit in ihrer Nachkommenschaft, w�hrend der Hengst eine l�ngere
Kreuzung erfordert. 5) M�tter reiner Race produciren Goldigkeit ohne alle menschlichen
Bem�hungen. 6) Den Funken am Haar sehen dortige Gelehrte (?) als ein nur den Wende-
kreisen eigenth�mliches Product, als den h�chsten Grad von Farbengluth an. Pferde also,
welche diesen Grad von Best�ndigkeit der Goldf�rbung haben, den die karabaghischen Thiere
besitzen, mussten entweder durch aus Arabien eingef�hrte Besch�ler erneuert worden sein,
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152                                                           russland's pferde-racen.
oder es muss, was wahrscheinlicher ist, einst hier eine Pepiniere arabischer Pferde existirt
haben, die sich rein bis auf unsere Zeiten erhalten hat und welche in Verbesserung der Landes-
race im Stande ist, die verschiedenen Grade von Goldigkeit hervorzubringen, welche die
Landeseinwohner mit verschiedenen Namen belegen, wie: Kalyn-Sarylar, d. h. einfach goldig,
Sarylar, goldig im ersten Racengrade, Sarylar-Azyusywar, Dzyngs - Sarylar und Sarylar-
Kehlan. � Von der ganzen Pferdemenge, welche sich in Karabagh befindet, ist kaum
der zehnte Theil Sarylars, das zweite Zehntel bilden Pferde sehr edlen Bluts, aber nicht
goldiger F�rbung, und diese heissen Soforaats, d. h Reitpferde; acht Zehntel bilden einfache
Pferde, Kalyn genannt, deren niedrigste Gattung �Jabu" heisst und nur zum Lasttragen be-
nutzt wird,"
Wir selbst hatten im Jahre 1879 bei Gelegenheit eines Besuches der Marst�lle des
Tscherkessen-Regiments in Warschau Gelegenheit, mehrere goldgelbe oder goldf�chsige Pferde
der ber�hmten Karabagh-Race zu sehen und k�nnen hier nur best�tigen, was der Graf Hutten-
Czapski bez�glich des hohen Glanzes dieser Race (Farbengluth) angiebt; jene Thiere besassen
ein wunderbar sch�nes Deckhaar, dessen Glanz von uns vielleicht als �Metallglanz" bezeichnet
werden d�rfte. � Bei sehr gut gehaltenen Kupferf�chsen edler Race kommt auch bei uns in
Deutschland dieser eigenth�mliche Metallglanz beim Sommerhaar bisweilen vor, und verleiht
den Thieren stets ein sehr sch�nes Ansehen.
Nach den Angaben der tscherkessischen Offiziere kommen innerhalb der Karabagh-
Race aber auch viele Schimmel und zwar h�ufig Weissgeborene vor, die in der Regel als
Atlas-Schimmel, oft auch als Rosen-Schimmel bezeichnet werden. Das hierneben abgebildete
Karabagh-Pferd hat seiner sch�nen Formen und t�chtigen Leistungen wegen auf der letzten Thier
schau in St. Petersburg die allergr�sste Beachtung gefunden und wurde dieserhalb auch vom
Staatsrath von Brust-Lisitzin photographirt und uns zur Abbildung ganz besonders empfohlen.
Die Ern�hrung und Haltung der Pferde wird von den Bewohnern von Karabagh nicht
�berall in zweckm�ssiger Weise ausgef�hrt; die Mutterpferde kommen fast niemals in den Stall,
bleiben immer in den Heerden auf der Weide und sind hier den Unbilden des Wetters fort und
fort ausgesetzt. Wenn im Winter das Weidegras knapp wird, Schnee und Frost eintritt, wird
h�ufig eine grosse Zahl derselben durch Hunger und K�lte aufgerieben. � Die zur Zucht be-
stimmten Hengste werden in der Regel etwas besser gehalten; diesen reicht man in den St�llen
oder Schuppen etwas Gerste, Heu, Stroh und Wurzelwerk. Die Thiere, welche den Winter
mehr oder weniger gut �berstanden haben, erholen sich beim Erwachen der Vegetation im Fr�h-
jahr meistens sehr bald. Die Bewohner des Kaukasus behaupten, dass die Pferde edler Race
bei nicht zu kaltem Winter den Hunger weit besser ertr�gen, als die gemeinen Rosse; jene
aber sollen weit empfindlicher gegen K�lte als diese sein.
Im Fr�hjahr, wenn die Besch�lzeit herannaht, werden die Hengste den Mutterheerden
zugetheilt; gew�hnlich rechnet man auf 15 bis 18 Stuten einen Besch�ler und l�sst selten mehr
als 20 Z�chtpferde von einem Hirten beh�ten. In den ersten Tagen nach der Zerst�ckelung
der grossen Heerden in kleinere Trupps muss man Sorge tragen, dass diese weit von einander
entfernt geweidet werden, damit kein Zusammenlaufen derselben stattfinden kann und ein Kampf
zwischen den Hengsten vermieden wird. � An einigen Orten wird der Leit-und Sprung-Hengst
von dem Hirten unter den Sattel genommen und auf diese Weise eine Ueberanstrengung des-
selben beim Besch�len am ehesten vermieden. � Unter den dortigen Pferdehirten sollen sich
die k�hnsten und gewandtesten Reiter des Kaukasus finden.
An den Orten Karabagh's, wo man Maulthierzucht betreibt, verwendet man gew�hnlich
persische Esel aus dem Stamme Gamma-Dan als Besch�ler und sucht f�r diese Bastardz�chterei
in der Regel die gr�ssten und kr�ftigsten Mutterstuten gemeinen Schlages aus. � Die Maulthier-
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DIE PFERDE IN KACKASIEN.
153
zucht wird neuerdings in den westlichen Bezirken von Karabagh am ausgedehntesten betrieben;
sch�ne, starke Thiere sollen aus derselben hervorgehen.
Ueber die Dressur der jungen Pferde theilt uns der Graf H�tten - Czapski Folgendes mit:
�Der ganze Unterricht der Fohlen findet in den ersten Monaten des dritten Lebensjahres im Schritt
statt, wobei das Thier belehrt wird, sich dem Willen des Reiters durchaus zu f�gen und die m�g-
lichste Schnelligkeit im Schritt zu erreichen. Die normale Schnelligkeit der Reitpferde in Kara-
bagh ist 7 Kilometer auf die Stunde im Schritt, doch erachtet man diese Schnelligkeit f�r ein Race-
pferd nicht f�r gen�gend, da ein solches mit Bequemlichkeit 9 Kilometer zur�ckzulegen ge-
wohnt ist, wobei seine Bewegung ganz regelrecht und die Stellung der F�sse diagonal ist.
F�r den Trab �ben die Landesbewohner ihre Pferde nicht ein, obwohl alle Kehlane, namentlich
die vom Stamme Karny-Ertych, vortrefflich traben. � Ein voller, gestreckter Schritt, inKara_
bagh gew�hnlich �Erjuschy" genannt, darf kein h�ufiges Trippeln sein, dabei muss das Pferd
den Kopf hoch tragen, ihn leicht auf und nieder bewegen und darf auch nicht auf dem Leit-
seil liegen. Um einen schnellen, r�umigen Schritt zu besitzen, muss es Kraft in der Hinterhand,
lange Vorarme und Schienbeine, Breite in der Stellung der F�sse, einen hohen Flals und einen
leichten Kopf haben. Alle diese Eigenth�mlichkeiten besitzen die Araber und Kehlane von
Natur; andere verdanken diese Eigenschaften der Kreuzung". Bei schwacher Hinterhand und
Kuhf�ssen und bei stark entwickelter Vorhand trippelt das Pferd bei schnellem Schritt und
erm�det sich und den Reiter sehr bald. Bei starker, am h�ufigsten runder Hinterhand und
einer engen Stellung der gew�hnlich kurzen F�sse l�uft das Pferd ziemlich schnell im soge-
nannten Wolfsgange, der f�r den Reiter nur auf kurze Distanzen ertr�glich, f�r l�ngere Reisen
aber h�chst erm�dend ist. � Unter den Reitpferden Karabagh's kommen zuweilen in Folge
der Kreuzung von Pferden, die nicht zu einander passen, von Berg- und Steppen-Pferden, Pro-
genituren vor, die in Folge ihres Baues durch die Dressur eine Gangart annehmen, welche vorn
ein schneller, k�hner Trab ist, w�hrend die Hinterf�sse das Tempo des Galopps machen. Diese
Gangart nennt man �Inczar" und ihre Schnelligkeit betr�gt 20 Kilometer auf die Stunde. �
Der Passg�nger (Jurga) wird in Karabagh nicht gesch�tzt und zwar wegen der bergigen und
steinigen Beschaffenheit des Bodens. Der Uebergang vom Schritt in den Renngalopp tritt bei
der asiatischen Dressur so pl�tzlich ein, dass das Pferd die ersten Lectionen im Rennen mit
Angst erf�llt. Das Anhalten im st�rksten Rennen ist gleicherweise sehr gewaltsam, so dass
eine solche Dressur nicht ohne Gefahr f�r die F�sse des Pferdes ist. Zugeritten nennt man
dort ein Pferd, wenn es ohne Z�gel alle Befehle des Herrn ausf�hrt, wenn es unter dem Sattel
ruhig bleibt und auf den ersten Wink des Herrn tollk�hn wird und ohne R�cksicht auf sich
selbst blindlings dahin st�rzt, wohin man es lenkt."
Ferner giebt H�tten - Czapski an, dass die Pferdez�chter im Kaukasus der Ansicht sind,
dass bei der Auswahl des Zuchthengstes stets der Klang seiner Stimme entscheiden m�sse;
Thiere, welche kein feines, klangvolles Wiehern h�ren Hessen, d�rften zur Zucht nicht be-
nutzt werden.
Auf die edle Abkunft des Besch�lhengstes wird aber in erster Linie Werth gelegt;
man sagt, es sei besser, einen Besch�ler mit Fehlern oder ein physisch schwach entwickeltes
Thier in der Heerde zu haben, als einen kr�ftigen, gesunden und fehlerfreien Hengst von
unedlem Blute. Nach den Erfahrungen dortiger Z�chter ist f�r die Gesundheit und Fehler-
losigkeit der Nachzucht nur allein der Einfluss des Mutterthieres von Bedeutung; sie sagen,
das m�nnliche Zuchtpferd pflanzte der Nachzucht ausschliesslich die Race, den Adel ein,
und wehe dem Z�chter, welcher hierauf nicht achtete.
Wir theilen � nach den hier gemachten Erfahrungen � diese Ansichten der dortigen
Z�chter nicht ganz.
Frey tag, Russland's Pferde -Kaeen
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154                                                                  RUSSLAND's PFERDE-RACEN.
Jahr ein, Jahr aus sind die karabaghischen Hengste mit Decken belegt, damit die
Sonne sie nicht unmittelbar bescheinen kann; bei grosser Hitze wird die �rustdecke entfernt
und die die Lenden verh�llenden Enden aufgebunden. Die Decken werden mit langen B�ndern,
welche das Pferd kunstreich einige Male umg�rten, befestigt.
Nach den Berichten der meisten Reisenden werden die zum Dienst benutzten kara-
baghischen Pferde von ihren Herren oder Dienern gew�hnlich gut geputzt; mit Striegel und
Rossschweif wird der Staub und Schmutz beseitigt und endlich auch � wenn irgend m�glich �
f�r eine gute Streu gesorgt.
Die Anzahl der in Karabagh gehaltenen Pferde ist im Verh�ltniss zur Einwohnerzahl
des Landes viel gr�sser als in allen anderen L�ndern Transkaukasiens. Das kleine Land z�hlt
�ber ioo gr�ssere und kleinere Heerden. Es giebt daselbst nicht einen muselm�nnischen
Bek, welcher nicht Pferde z�chtete und es sind dort mehr als 20 Heerden, welche je 50 bis
100 Mutterstuten z�hlen, und nur zwei dieser gr�sseren Heerden geh�ren den Christen, und
zwar die eine Familie den armenischen Schachnazurowschen Melichen, und die zweite den
Erben des vormaligen Gouverneneurs der muselm�nnischen Provinzen, des F�rsten Madatow,
den Doluchanows und Piriumaws.
In den Aras - Gegenden, haupts�chlich aber in dem Karabagh'schen Gebirge sah
Petzholdt auch kurdische Reiter auf h�bschen Pferden in voller Kriegsausr�stung; die Kurden
stehen dort in dem Renommee von R�ubern, und �berall ward er vor ihnen gewarnt.
Nach Moerders Berichten �ber die kaukasische Pferde-Race war lange Zeit das Gest�t
(oder die Heerde) des Generals von .Madatow eins der vorz�glichsten in Karabagh; dasselbe
erlitt jedoch durch viele Diebst�hle und R�ubereien � vielleicht auch durch die Nachl�ssigkeit
der Beamten � so arge Verluste, dass der General die Aufl�sung dieses Gest�ts beschloss
und den Rest der Heerde in das Gouvernement Charkow und nach anderen Pl�tzen S�d-
Russlands f�hren Hess. Madatows Erben haben diese Pferde sp�ter an verschiedene Z�chter
verkauft. � Es wurde uns auf der Reise durch S�d-Russland mitgetheilt, dass mehrere
charkowsche Gest�te ihr sch�nes Blut jenen karabaghischen Pferden zu verdanken h�tten. �
Schliesslich theilt uns Moerder noch mit, dass jetzt in Karabagh nur wenig gute
Pferde der alten Race zu finden w�ren; die besten k�men in der Neuzeit aus den Besitzungen
des Obersten Djafar-Kouli-Khan; doch es bezweifelt unser Gew�hrsmann nicht, dass in jenem
Lande des Kaukasus sehr leicht eine Veredlung und Verbesserung der etwas herunter-
gekommenen Zucht wieder vorgenommen werden k�nnte, wenn man nur ernstlich an's Werk
gehen und die Z�chtung rationell betreiben w�rde. Sowohl die klimatischen, wie die Boden-
und Weide - Verh�ltnisse sind in Karabagh ganz besonders g�nstig f�r diesen Zweig der
Hausthierzucht.
b. Die schirwanischen Pferde.
In der Provinz Schirwan (im Alterthum Albania genannt), welche 1812 von Persien
an Russland abgetreten und zun�chst als die sogenannte kaspische Provinz der kaukasischen
Statthalterschaft zugetheilt wurde, besch�ftigen sich die dort neben Persern, Armeniern und
Parsen zerstreut wohnenden Turkmenen mit der Z�chtung eines Pferdeschlages, der bis in die
neueste Zeit seiner lobenswerthen Eigenschaften wegen oft genannt wurde und auch hier kurze
Erw�hnung verdient. Derselbe scheint aus der Kreuzung der edlen natolischen Hengste
mit Stuten der hyrkanisch-persischen Race hervorgegangen, soll aber neuerdings h�ufig mit
arabischem Blute gemischt worden sein. � Die schirwanischen Rosse stehen zwar in der
K�rpergestalt und Sch�nheit der Formen ihren Stammeltern in Anadoli ein wenig nach, sind
aber in der Regel noch schneller, gewandter und ausdauernder als diese. Sie werden in der
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DIE PFERDE IN KAI" KASI EX.                                                                  155
russischen Cavallerie gern gesehen und h�ufig von hohen Officieren geritten. � In einigen
Ortschaften der Provinz Schirwan wird die Z�chtung dieser Pferde wirklich mit lobenswerther
Sorgfalt betrieben; die russische Regierung l�sst es hier an Aufmunterungen nicht fehlen und
ertheilt l�r hervorragende Leistungen stets ansehnlich hohe Pr�mien.
c. Die Pferde in Daghestan.
Der Bezirk Daghestan (d. i. Gebirgsland) bildet ein ungleichseitiges Dreieck zwischen
der Hauptkette des Kaukasus und einer nach Nordosten laufenden Vorkette, dem andischen
Kaukasus. Es fehlt dieser Landschaft an der n�thigen Bew�sserung, sowie auch an W�ldern.
Die Kopfzahl der Bewohner soll etwa 400,000 betragen; die meisten derselben sind Lesgier,
welche wiederum in mehrere St�mme zerfallen, die verschiedene,, obschon einer und der-
selben Wurzel angeh�rige Sprachen reden.*)
Der allgemeine Charakter dieser Bergbewohner hat seine eben so guten wie schlechten
Seiten. Der Lesgier ist muthig, k�rperlich gewandt und ausdauernd; er vermag in kurzer Zeit
ohne auszuruhen ungeheuer grosse Strecken Weges zur�ckzulegen. Allein er ist auch
r�uberisch und rachgierig; die Blutrache erstreckt sich bei diesem Volke nicht nur auf be-
stimmte Personen, sondern auf ganze Familien und Dorfschaften, und dauert oft Jahre lang. �
Die Lesgier sind gastfrei, jedoch auf ihre eigene Art, indem sie zwar Gastfreundschaft f�r etwas
heilig Gebotenes erachten, aber von ihren G�sten als Gegenleistung Geschenke erwarten.
Zeit hat bei dem Lesgier gar keinen Werth. Er liebt ein apathisches Nichtsthun, sei
es unter freiem Himmel, in der N�he der Moscheen oder auf dem Bazar, dabei raucht er leiden-
schaftlich, obschon auch dieses Vergn�gen ihm eigentlich untersagt ist.
Vor der russischen Eroberung hatten die Lesgier, wie die �brigen Bewohner von
Daghestan, erbliche Chanate und freie Communit�ten. � Ihre D�rfer oder Aouls liegen meistens
in Schluchten oder an leicht zu vertheidigenden Felsvorspr�ngen, auch am Rande von Ab-
gr�nden. Man d�rfe sich nicht dar�ber wundern, sagt Petzholdt, dass diese Bergbewohner nicht
viel Landwirthschaft betrieben, da wenig kulturf�higes Ackerland vorhanden sei. Felder und
G�rten existirten kaum anderswo als auf schmalen Terrassen, welche nicht selten k�nstlich
angelegt und mit dorthin transportirter Erde bedeckt w�ren. Wo irgend kulturf�higes Land
sich darbietet, da wird es auch benutzt. Nat�rlich ist es nicht allerw�rts im ganzen Lande so
schlimm bestellt. So enth�lt z. B. das Land der Awaren, trotzdem dass es von hohen Gebirgen
umschlossen ist, im Innern fruchtbare, mit �ppigen W�ldern besetzte Th�ler. Aeusserst
fruchtbar ist ferner auch der Landstrich Tabasseran, wo Seide, Baumwolle und Getreide aller
Art geerntet resp. producirt wird.
Das Vieh � Pferde wie Rinder � ist an eine sehr d�rftige Nahrung gew�hnt, und
sucht sich dieselbe m�hsam zwischen Felsen und Steinen hervor. Der ganze Reichthum des
Lesgiers besteht in Wirklichkeit nur aus Schafen, namentlich in denjenigen Theilen des
Landes, wo sich, wie z.B. im �stlichen Daghestan, gute Weidel�ndereien vorfinden. Das Rind-
vieh ist klein; ebenso geh�ren auch die Pferde jener Landschaft zu den kleinen Schl�gen der
kaukasischen Gebirgsrace. Selten erreichen dieselben eine H�he von 1,45 Meter. Sie haben
einen trockenen Kopf mit stark entwickelter Stirn, h�bsche feurige Augen, massig lange
Ohren, die eine grosse Beweglichkeit zeigen. Ihr Hals ist ziemlich lang und meistens nicht
gut aufgesetzt. Im Laufe tritt die Kehle gew�hnlich hirschartig hervor. Ihr Leib ist massig
gestreckt, der Widerrist hoch und die Kruppe h�bsch geformt. Die unteren Gliedmassen
dieser Pferde sind mager, aber doch fest, mit derben Sehnen und harten Hufen bestens aus-
*) A. Petzholdt: Die gesammte lesgische Bev�lkerung das Kaukasus wird zu 650,000 K�pfen angenommen.
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gestattet. � Bez�glich der Haarf�rbung dieses Schlages wird angegeben, dass hellfarbiges
Deckhaar am h�ufigsten vorkommt; die F�chse und Schimmel sind besonders beliebt und
es werden die Goldf�chse als Besch�ler am meisten gesucht und stets weit theurer bezahlt,
als die dunkelhaarigen Hengste.
Die Gangarten der lesgieschen Pferde sind denen der anderen Bergpferde �hnlich; ihr
Schritt ist sicher und ausgiebig; sie galoppiren sehr rasch und stehen im Rennlauf den kara-
baghischen Pferden kaum nach. Ihre Ern�hrung beschr�nkt sich vorwiegend auf das Weide-
gras ; nur im Winter und auf Reisen reicht man ihnen etwas Gerste und Stroh. � Gerstenstroh
gilt �berall im Kaukasus f�r besser und zutr�glicher als das Stroh der anderen Getreidearten.
Man f�ttert gew�hnlich nur zwei Mal am Tage: Morgens vor dem Tr�nken und Abends nach
dem Tr�nken bekommen die Thiere ihre kleinen Portionen Gerste vorgelegt.
Das Pferd wird vom Lesgier besser behandelt als seine Frau; diese ist sein Lastthier
und muss als solches sehr oft mit dem Esel zusammen das geerntete Getreide nach Hause
tragen. � Auch die Abwartung, F�tterung und Pflege besorgen in der Regel die Weiber,
w�hrend die M�nner sich einem apathischen Nichtsthun hingeben.
Wir k�nnen leider nicht angeben, ob die russische Regierung zur Hebung der Pferde-
zucht in Daghestan bereits ernstliche Schritte gethan hat; nur so viel ist bekannt, dass die
Lesgier und ihre Pferde in der russischen Reiterei gern gesehen sind; beide sollen T�chtiges
leisten und die Tschetschenzen in Bezug auf kriegerisches Wesen bedeutend �bertreffen.
Petzholdt sagt: �Beim Angriff sind die Lesgier vielleicht weniger schnell und nicht so k�hn wie
die Tschetschenzen; allein sie sind entschlossener und z�her. Sie scheinen sich weit mehr zu
einem taktischen Kriege zu eignen, der systematisch und energisch gef�hrt werden soll, w�hrend
der Tschetschenze bei isolirten und k�hnen Ueberf�llen den Vorzug verdient."
Wir liefern hier beistehend die Abbildung eines lesgieschen Kriegers nebst Pferd des
dortig'en Gebirgsschlages; dieses Bild wurde von unserem Zeichner nach einer Photographie
Herrn von Brust-Lisitzin angefertigt.
d. Das tscherkessische Pferd.
Unter Tscherkessen im weitesten Sinne des Wortes versteht man jene grosse, auf etwa
500,000 K�pfe veranschlagte Bev�lkerung, die den westlichenTheil des �grossenKaukasus" be-
wohnt. � Man unterscheidet die Adighe, welche wiederum in zahlreiche kleine St�mme zerfallen,
von den ebenfalls in verschiedene St�mme sich zerspaltenden Abchasen, und bildet aus den,
am meisten �stlich sich vorfindenden Bewohnern der Kabarda wohl noch eine dritte mit dem
Namen der �Kabarder" bezeichnete Abtheilung.
Die Adighe sind infolge ihrer v�lligen Unterwerfung unter Russland in den letzten
Jahren fast s�mmtlich nach der T�rkei ausgewandert; ihre einst so wichtige kaukasische Rolle
hat in ihrem Vaterlande ausgespielt, und Petzholdt sagt wohl mit Recht: �Schade um dieses
Volk! Ein ausserordentlich t�chtiger Kern in rauher Schale!"
Die Abchasen (gegen 120,000 Seelen), den Adighe sprachverwandt, wohnen theils an
der K�ste des Schwarzen Meeres im S�den des Kaukasus, theils an den oberen Zufl�ssen des
Kuban, sowie auch auf der Nordseite des Gebirges, in dem zwischen der Teberda und dem
Chodsflusse gelegenen, sich nach den n�rdlichen Niederungen hinziehenden Landstriche.
Wenngleich ihre Sitten und Einrichtungen denen der Tscherkessen �hnlich sind, so stehen
sie diesen
        nach Bodenstedts Untersuchungen � doch in mancher Beziehung nach; sie be-
sitzen weder den ritterlichen Sinn der Adighe, noch die Biederkeit der Georgier, noch den
poetischen Hang der benachbarten Mingrelier und Imeriter, kurz, sie haben keine der hervor-
stechenden Eigenschaften, wodurch sich die �brigen Gebirgsv�lker des Kaukasus mehr oder
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Druck f.E.A. Funke Leipzig.
.Tscherkesse.
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DIE PFERDE IN KAUKASIEN.
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weniger auszeichnen. � Bodenstedt nennt sie rachs�chtig, blutd�rstig, diebisch und treulos.
Sie sind dem gr�ssten Theile nach Muhamedaner und gelten schon seit l�ngerer Zeit als
unterworfen. Die Abchasen treiben Ackerbau, leben aber haupts�chlich von der Viehz�chtung.
� Ihre Pferde erfreuten sich schon in �ltester Zeit eines guten Namens. Fitzingcr betrachtet
das abchasische Ross als den Grundtypus der tscherkessischen Race oder als das in den
Hausstand �bergegangene wilde, zottige oder weisse, orientalische Pferd (Equus Caballus
hirsutes), welches nach seiner Meinung bloss durch Z�hmung, Zucht und Kultur etwas ver-
�ndert ist.
Wenngleich von verschiedenen Autoren angegeben wird, dass die Abchasen heute nur
noch wenige gute Pferde bes�ssenund die dortige Race imWerthe sehr zur�ckgegangen sei, so
berichtet doch andrerseits Adolf Kotschedoff ,*) dass er auf seiner Reise durch den Kaukasus
am Fusse des Elbrus im Lande der Abchasen die sch�nsten und kr�ftigsten Pferde
gefunden h�tte, welche ihn zu den westlichen Ausl�ufern der kaukasischen Bergkette auf die
Halbinsel Taman, l�ngs des linken Ufers des Flusses Kuban getragen h�tten. � Diese Leistung
spricht f�r die Vortrefflichkeit und Ausdauer des fraglichen Pferdeschlages. Auch von
anderen Seiten haben wir die Ausdauer, Sicherheit und Gen�gsamkeit dieser Bergpferde
r�hmen h�ren.
Wir erhielten nachstehende Beschreibung �ber die K�rperformen des abchasischen
Tscherkessen-Pferdes. Dasselbe ist kaum von mittlerer Gr�sse, etwa 1,43 Meter hoch, meist
von gedrungenem Leibesbau mit kr�ftigen Gliedmassen und einer vortrefflichen Muskulatur
ausgestattet. Wenngleich die Formen dieser Race gew�hnlich nicht ganz so sch�n, wie die der
edlen arabischen und syrischen Pferde sind, so �bertreffen sie doch sehr h�ufig an Sch�nheit
die stammverwandten persischen Rosse. Ihr Kopf ist ziemlich leicht, trocken und gut geformt;
sie haben meistens eine hohe Stirn und einen massig gew�lbten Nasenr�cken. Besonders sch�n
ist das Auge dieser Pferde, fast immer gross und lebhaft, und es deutet dasselbe auf ein feuriges
Temperament. Der sogenannte Hirschhals der abchasischen Pferde � mit stark entwickelter
M�hne � ist meistens gut aufgesetzt, aber d�nn und lang. Bei manchen Pferden dieses Schlages
nimmt der Hals erst in der schnelleren Bewegung die Hirschhaltung an; dann erscheint auch
das Thier gew�hnlich wie in ein Netz von Adergeflecht eingeh�llt. Ihre Brust ist breit und
der R�cken nur leicht gesenkt. Viele Thiere dieses Schlages besitzen eine sch�n geformte
Kruppe, doch sollen auch nicht selten Pferde mit etwas absch�ssiger Kruppe vorkommen.
Der starke Schweif ist ziemlich hoch angesetzt und wird in der Regel h�bsch getragen. Ihre
meist gut gestellten Beine sind von fester Knochensubstanz; sie haben gute Sehnen und feste,
h�bsch geformte und klingend harte Hufe, welche den Beschlag kaum n�thig machen. An den
K�then wird das Haar sehr lang; dasselbe sch�tzt die Thiere gegen die Unbilden des Wetters,
wie auch gegen Besch�digungen auf den oft sehr schlechten Gebirgspfaden ihrer Heimath.
Bez�glich der Haarf�rbung dieser Pferde wurde uns mitgetheilt, dass alle Farben bei ihnen vor-
k�men, Schimmel jedoch am h�ufigsten angetroffen w�rden.
Diese Schimmel kommen fast immer schwarzhaarig zur Welt, wechseln aber sehr bald
ihre Farbe und werden fr�her weisshaarig, als die Schimmel der westeurop�ischen Racen. Ihr
Gang ist sicher und ausgiebig; im Trabe leisten sie in der Regel nicht ganz soviel wie im
Galopp. Tr�ge Pferde sollen nur ausnahmsweise vorkommen; die Thiere tragen ihre stattlichen,
meist schweren Reiter von fr�hem Morgen bis zur Nacht willig und sicher fort. Auch als Last-
oder Packpferde werden sie wegen ihres starken R�ckens in der russischen Armee von den
*) Landwirthschaftliche Jahrb�cher. Band VIII. Landwirtschaftlich-landschaftliche Reminiscenzen aus einer
Reise durch das Moskau'sche bis in die kaukasischen B�der und �ber Salta in die Krim.
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I
.^
Druck v. E.A.Funke,Leipzig
Frant.
Hauptbesch�ler in Khrenowoy.
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RUSSLAND'.S PFERUE-RACEN.
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Train - Colonnen gern verwendet. Ihre Sinne sind fast immer sehr gut entwickelt; in der dunkel-
sten Nacht kann sich der Reiter auf das scharfe Auge seines Pferdes ruhig verlassen; es wird
ihn sicher �ber die gef�hrlichsten Gebirgswege fortbringen. Die Unbilden des Wetters ertr�gt
das Thier ohne Nachtheil; dasselbe ist nicht so empfindlich gegen K�lte und Schneest�rme wie
das karabaghische Ross. � Ueber das Temperament dieser Race werden sehr verschiedene
Angaben gemacht; wenn auch von vielen Russen und Tscherkessen behauptet wird, dass diese
Pferde frei von Capricen w�ren, so haben wir uns in St. Petersburg, wie in Warschau mehr-
fach selbst �berzeugt, dass es unter den Pferden der Tscherkessen-Regimenter recht viele b�s-
artige Gesch�pfe giebt, welche die Ann�herung des Fremden durchaus nicht dulden; sie beissen
und schlagen. Um z. B. die Gr�sse dieser Pferde messen zu k�nnen, mussten wir sehr vor-
sichtig zu Werke gehen; gew�hnlich stellten sich zwei Tscherkessen an den Kopf der Thiere,
und ein Dritter erfasste den Schweif derselben; dann erst gestatteten die Offiziere, dass wir mit
dem Massstabe hinzutraten und m�glichst eilig die Messung ausf�hrten. � Beim Zureiten
machen die jungen Pferde den Tscherkessen sehr oft grosse Schwierigkeiten und erfordern
ebenso gewandte, wie k�hne Reiter.
Die Reiterspiele und Manoeuvres der Tscherkessen bieten jedem Pferdeliebhaber viel
Interessantes. Die grosse Gewandtheit und K�hnheit dieses Bergvolkes setzen uns in Er-
staunen; man glaubt eine ganze Abtheilung'von Kunstreitern vorsieh zu haben, wenn man diese
Deute auf dem Exercierplatze ihre Evolutionen und Kunstst�cke ausf�hren sieht. Wir k�nnen
hier auf eine Beschreibung der einzelnen Piecen nicht n�her eingehen, wollen aber nicht unter-
lassen zu bemerken, dass uns die Art des Parirens der Pferde besonders interessant gewesen
ist. Wenn die Thiere im tollsten Rennlauf begriffen sind, werden sie auf den leisesten Druck
des Z�gels sofort wie festgemauert zum Stehen gebracht oder auch � wenn ihr Reiter es
will � im ruhigsten Schritt weiter gef�hrt. Die Ausr�stung der tscherkessischen Pferde ist
ziemlich leicht; sie besteht aus einer vierfach zusammengelegten Filzdecke, die dem Sattel als
Unterlage dient. Der ebenso zierliche als bequeme Sattel wird mit einem runden Lederkissen
bedeckt, welches durch einen festen Gurt gehalten wird. � Das ganze Sattelzeug ist mit rund-
k�pfigen, silbernen N�geln beschlagen. Der Z�gel besteht aus einem einfachen Zaum, meist
mit gegliedertem Gebiss, und wird von zwei grossen Ringen gehalten.
Das beigef�gte Bild giebt den Typus des gemeinen abchasischen Tscherkessen-Pferdes
in grosser Anschaulichkeit wieder.
Die Kabarder � etwa 40,000 K�pfe � sind derjenige Volksstamm, welcher von allen
kaukasischen Gebirgsv�lkern am fr�hesten unter die russische Botm�ssigkeit gebracht und
dauernd unter derselben erhalten wurde. Die grosse von Stawropol nach Tifiis f�hrende
Militairstrasse durchschneidet das von ihnen bewohnte Land, bildet zwei Theile, einen west-
lichen, die �grosse Kabarda," und einen �stlichen, die �kleine Kabarda" genannt. In der
grossen Kabarda grenzt dieser Volksstamm mit abchasischen und ossetischen, in der kleinen
Kabarda mit den tschetschenzischen St�mmen zusammen.
Nach Petzholdt's Beschreibungen sind die Kabarder nach Physiognomie, Sitten und
Gebr�uchen den Adighe sehr �hnlich. Ihre D�rfer gleichen, aus der Ferne gesehen, fast den
russischen Dorfschaften; erst bei n�herer Betrachtung verschwindet diese Aehnlichkeit; es
fehlen ihnen die grossen, breiten Strassen, welche man in den meisten russischen D�rfern findet;
die aus Lehm erbauten, mit Binsen gedeckten H�user der Kabarder stehen in Gruppen zu-
sammen. Die innere Einrichtung der Geb�ude ist in der Regel besser, als die anderer Tscher-
kessen-H�user. Der Fussboden ist gedielt und die breiten Schlaf b�nke an den W�nden sind
mit Filzen und Teppichen reich bedeckt.
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DIE PFERDE IN KAUKASIEN.                                                                  159
�Bis zur Stunde besitzt der Kabarder noch keinen dem Einzelnen geh�rigen Grund-
besitz. Ein Jeder macht sich die das Dorf umgebenden L�ndereien zunutze, und bebaut das
Land, insoweit es noch von keinem Anderen bereits genommen worden ist, eine Einrichtung,
welche h�ufig die Quelle lebhafter Streitigkeiten wird. Auch ist diese Unsicherheit des Besitzes
die Hauptursache des schlechten Zustandes der Landwirthschaft. Der Wald ist ebenfalls das
gemeinsame Eigenthum aller Kabarder, und ein Jeder mag denselben f�r seinen eigenen
Bedarf benutzen, wie er will; allein Niemand darf das pfolz nach aussen hin verkaufen, ohne
eine bestimmte Geldsumme in die gemeinsame Kasse zu zahlen. � Der Kabarder bebaut so
viel Land, als zur Befriedigung seiner eigenen Bed�rfnisse n�thig ist. Der Feldbau wird an
den meisten Orten der grossen und kleinen Kabarda ziemlich sorglos betrieben. Dagegen
bl�ht aber die Viehzucht umsomehr und zahlreiche Heerden von Pferden und Schafen bilden
den Hauptreichthum dieses Volksstammes."
N�chst dem karabaghischen Rosse hat unter allen kaukasischen Pferden das der
Kabarda den besten Namen, und allj�hrlich wandert eine nicht unbedeutende Anzahl solcher
Pferde von seiner ciskaukasischen Heimath nach Transkaukasien, um dort verkauft zu werden.
Sehr h�ufig werden dieselben hier zur Veredlung der Steppenpferdeschl�ge benutzt.
Die Angaben Fitzinger's, dass das kabardinische Ross in Ansehung seiner �usseren
Formen kaum von dem abchasischen Tscherkessen - Pferde zu unterscheiden und h�chstens f�r
eine auf Zucht und Pflege beruhende Variet�t desselben zu betrachten sei, stimmen nicht
ganz mit den neueren Beschreibungen dieser beiden Schl�ge �berein. � Die kabardinischen
Pferde sind edler und feiner in den Formen als die abchasischen. Die besten Pferde sind
diejenigen, welche den Namen �Tecke" fuhren und den Bewohnern der grossen Kabarda ge-
h�ren. Im Allgemeinen sind sie von mittlerer Gr�sse � 1,45 bis 1,50 Meter hoch, � besitzen einen
trockenen, h�bsch proportionirten Kopf, mit einer platten aber grossen Stirn, eine sch�ne Halsung,
breite Brust, einen starken R�cken und eine gerade Kruppe mit gut angesetztem Schweif von
massiger St�rke. Ihre Hinterhand ist sehr muskul�s, die gutgestellten Beine besitzen kr�ftige
Sehnen und �usserst feste Hufe. An den felsigen Boden ihres Heimathlandes von Jugend auf
gew�hnt, galoppiren sie meist unbeschlagen, ohne die Hufe abzunutzen oder an den Beinen
zu leiden, was wohl mit dem Umst�nde zuzuschreiben ist, dass sie verh�ltnissm�ssig viel leichter
sind als die meisten westeurop�ischen Pferde und in Folge dessen auch viel leichter �ber den
Boden hinweggehen als diese.
Ueberall r�hmt man die grosse Gelehrigkeit des fraglichen Schlages; die jungen Thiere
gew�hnen sich bald an ihren Herrn, f�gen sich dem Willen desselben, ohne sich zu widersetzen;
sie ertragen geduldig die gr�sste Entbehrung an Nahrung, und behalten trotzdem ihr feuriges
Temperament bei. Die Kabarder behaupten, dass ihre Pferde die muthigsten, aber auch die
Vorsichtigsten in Kaukasien w�ren; f�r die Reiterei k�nne es in der ganzen Welt keine
bessere Race geben. Zum Zuge werden sie selten benutzt. Die Kabarder bedienen sich
zum Ziehen der Lasten kleiner zweir�driger Karren, welche immer von Ochsen gezogen
werden.*) �
Was die Haltung der Pferde anbetrifft, so ist diese jedenfalls besser als die der �brigen
Hausthiere Kaukasiens; wenigstens wird, wenn es an's Hungerleiden geht, das Pferd zuletzt
an die Reihe kommen.
*) A. Petzholdt. ,,Die Kabarder essen das Fleisch von Ochsen und Pferden, welches zur Herbstzeit in solcher
Menge eingeschlachtet wird, dass es gesalzen und getrocknet bis zum Monat Mai ausreicht. Von da bis zum October
n�hrt er sich von K�se, saurer Milch und anderen �hnlichen Dingen. Der kabardinische K�se ist sehr fett, wohl-
schmeckend und lange haltbar. Das Brod wird gew�hnlich aus Hirsemehl bereitet. Ebenso stellt man aus Hirse und
Hopfen ein gegohrenes Getr�nk her."
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russland's pferderackn.
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Nach Petzholdt liefert die T�rkei und Persien fort und fort Pferde nach Kaukasien,
und wennschon in den wenigsten F�llen dabei von der Absicht ausgegangen wird, sich dieser
Fremdlinge als Zuchtthiere zur Verbesserung der heimischen Racen zu bedienen, so macht sich
doch das gelegentlich von selbst. Von einem planm�ssigen, ein bestimmtes Ziel verfolgenden
Betriebe der Pferdezucht ist bis jetzt in der Kabarda leider noch nicht viel zu bemerken ge-
wesen. Zwar hat die russische Regierung schon seit dem Jahre 185g die n�thigen Mittel bewilligt.
um in Kaukasien ein wirkliches Gest�t zu begr�nden, welches als Muster dienen und zugleich
Zuchtthiere von karabaghischer, kabardinischer und truchmenischer Race liefern sollte. Allein
� soviel uns bekannt geworden � h�ngt die Beendigung dieser Angelegenheit noch heutigen
Tages in der Schwebe. �
e. Das georgische Pferd.
Der S�dwesten von Transkaukasien wird von V�lkern iberischen oder georgischen Stam-
mes bewohnt, deren Verwandtschaft mit den Bergv�lkern des Kaukasus noch von Einzelnen be-
stritten wird. � Die Georgier bewohnen auch weite Strecken ausserhalb des russischen
Gebietes, insofern auch die Lassen, welche in den benachbarten t�rkischen Provinzen am
Schwarzen Meere sesshaft sind, zu diesem Volksstamme gez�hlt werden m�ssen. Sehen wir
aber von den Lassen ab und betrachten nur die innerhalb der Grenzen Transkaukasiens
wohnenden Georgier, so kann man verschiedene Zweige dieses Hauptstammes unterscheiden,
von denen die wichtigsten die Grusier (im engeren Sinne des Wortes), die Imeriter, die Min-
grelier und Gurier sind, w�hrend dieSuaneten, Chewsuren, Tuschinen und Pschawen als minder
wichtig erscheinen.
Der Georgier ist bekanntlich physisch von der Natur sehr wohl ausgestattet und geh�rt
ohne Frage in die erste Reihe der sch�n gebauten Menschen. Dabei ist die ganze Haltung
seines K�rpers, selbst bei dem �rmsten Bauer, eine durchaus ungezwungene, ja geradezu edle zu
nennen. Zu Pferde giebt er eine besonders h�bsche Erscheinung ab; der Georgier h�lt sich im
Sattel ganz vortrefflich und weiss in der Regel auch sein Ross sehr gut zu f�hren. � Aber auch
seinem Charakter nach ist der Georgier im Allgemeinen zu loben; er ist ein seinem religi�sen
Glauben ergebener, loyaler, biederer, tapferer, meist gutm�thiger und geselliger Mensch, nur
k�nnte er etwas weniger prunks�chtig, dagegen fleissiger und zuverl�ssiger sein.
Die Haupterwerbsquellen dieses Stammes sind Ackerbau (vorz�glich der Anbau von
Weizen und Gerste), Weinbau und Viehzucht. Mit dem Handel besch�ftigt er sich weniger,
da ein solcher seinen Neigungen meistens nicht entspricht; was ein Grund daf�r sein mag, dass
es dem Armenier dort so leicht ward, den gesammten Handel des Landes an sich zu bringen.
Die georgischen Pferde haben grosse Aehnlichkeit mit den abchasischen Tscherkessen-
Rossen; sie sind aber gew�hnlich etwas kleiner � kaum 1,45 Meter hoch � und feiner von
Knochen. � Diese Thiere besitzen in der Regel einen h�bschen, ausdrucksvollen Kopf mit
grossen, feurigen Augen. Der Hals ist mittellang, h�ufig wie beim Hirsche nach unten heraus-
gebogen. Ihre Brust ist breit, der kr�ftige R�cken kurz und die Kruppe h�bsch geformt.
Das M�hnen- und Schweif haar ist fein und wird gew�hnlich ziemlich lang. Auch an den
K�then findet sich olt ein Behang von feinen, langen Haaren. Die Beine und Hufe lassen
nichts zu w�nschen �brig. � Die Thiere haben einen raschen und sichern Gang und sollen
im Rennlauf mit den besten Tscherkessen - Pferden fortkommen. Trotz all dieser guten Eigen-
schaften der georgischen Pferde wird dennoch ihre Z�chtung nicht mit der Sorgfalt und in
dem Umfange betrieben, wie in den weiter n�rdlich und �stlich gelegenen Theilen Kaukasiens.
Obgleich das Land der Georgier die herrlichste Lage zur Z�chtung edler Pferde besitzt, so
beschr�nkt sich dieselbe doch nur auf einige Besitzungen reicher Herren, welche f�r dieselbe
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DIE PFERDE IN KAUKASIEN.                                                                   101
besonderes Interesse an den Tag legen. � Weitaus die meisten Pferde, welche in diesem Lande
vorkommen, sind aus benachbarten Provinzen, insbesondere aus der Kabarda, eingef�hrt
worden. � Die Rindvieh - und Schafzucht wird von den Georgiern viel umfangreicher als die
der Pferde betrieben.
Die Chews'uren, welche � wie weiter oben bereits angegeben wurde � zum Haupt-
stamm der Georgier gestellt werden m�ssen, sind im Besitz eines mittelgrossen, kr�ftigen
Pferdeschlages, der seines raschen und sicheren Schrittes wegen von allen Reisenden, die in
das Land der Chews'uren kamen, gelobt wurde; nur dessen Charakter sei zu tadeln; es k�men
dort viele wilde und b�sartige Thiere vor, die dem Reiter h�ufig grosse Umst�nde machten. �
Der Chews'ure h�lt das Reitpferd, welches sich im Kampfe oder bei den Wettrennen t�chtig
erwiesen hat, hoch in Ehren; das erprobte Thier folgt bei seinem Begr�bniss gleich hinter den
Leidtragenden.
Dr. Gustav Radde berichtet in seinem pr�chtigen Werke, betitelt: �Die Chews'uren
und ihr Land" Folgendes: �Bei der Beerdigung des Chews'uren h�lt der Chuzesse (Kirchen-
diener) ihm eine Rede, dabei immer den Reiter lobend. Etwa spricht er so: F�rchte dich
nicht, dein Ross ist gut, aber h�te dich, von ihm todt getreten zu werden. Dabei giesst er
auf den Kopf des Pferdes von dem mitgebrachten Branntwein." Nach der (oberirdischen)
Beerdigung veranstalten die M�nner grosse Wettrennen, die Radde �halsbrechende" nennt.
Der Sieger wird durch Pr�mien belohnt, welche bei den Reichen aus Rindvieh und Schafen
bestehen. Die Chews'uren sind sattelfeste, gewandte Reiter; sie jagen die steilsten und
gef�hrlichsten Gebirgspfade bergauf und bergab, um die ersten Preise zu erringen, und ist
zu bewundern � sagt Radde �, dass sie bei diesem tollk�hnen Treiben den Hals nicht
brechen. � Nach Eristow wird das Pferd des Verstorbenen stets dem besten Freunde ge-
schenkt und es deutet dieser Gebrauch wohl darauf hin, dass der Chews'ure den Besitz eines
guten Pferdes zu sch�tzen weiss. � Eine n�here Beschreibung der chewsurischen Rosse hat
uns Radde leider nicht geliefert.
In Grusien werden am Tage des heiligen Georg, dem Schutzpatron der Provinz, im
ganzen Lande grosse Reiterfeste und Spiele mit den Pferden veranstaltet, an welchen die
ganze Bev�lkerung, M�nner, Weiber und Kinder, theilnimmt. An diesem Tage allein d�rfen
sich die Frauen ohne Schleier zeigen.
Die Pferde-M�rkte in Kaukasien.
Der Pferdehandel im n�rdlichen Theile Kaukasien's findet auf allen Jahrm�rkten der
St�dte und gr�sseren Dorfschaften statt und zwar zumeist mit minderwerthigen Rossen; nur
ausnahmsweise sieht man hier bessere, edle Pferde, welche f�r den Milit�rdienst tauglich oder als
Lastthiere verwendbar sind. Die russischen H�ndler zahlen f�r die besseren Thiere 60 bis 90 Rubel.
Zuweilen kommen auf diesen M�rkten auch Pferde des leichteren Reitschlages, der f�r den
Kosaken-Grenz- und Postdienst brauchbar ist, vor. -F�r die besten Thiere dieser Art bezahlt
man 100 bis 120 Rubel, f�r das gemeine Reitpferd aber nur 40 bis 50 Rubel.
Aus den Kuban'schen Distrikten kommen zuweilen leidlich brauchbare Artillerie- und
Trainpferde, die stets etwas theurer bezahlt werden als die Reitpferde jener Steppen- und
Berglandschaften.
In den Kuban'schen und Ter'schen Distrikten, sowie im Gouvernement Stawropol werden
Seitens der Regierung f�r alle St�dte, Dorfschaften und Niederlassungen (Weiler) die fest-
Freytag, RusslancTs Pferde-Raeen.
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102                                                                   KUSSLAN'D S PF� K DE-R A CEN.
gesetzten Markttage fr�hzeitig bekannt gemacht, und ist hierdurch dem Publikum Gelegenheit
gegeben, einmal ihr Vieh und ihre Viehprodukte rechtzeitig zu ver�ussern, wie auch andrer-
seits die f�r den Hausstand n�thigen Gegenst�nde einzuhandeln. Ein Tauschhandel mit Pferden
und Wirthschaltsgegenst�nden findet auf diesen M�rkten sehr h�ufig statt. � Man z�hlte im
n�rdlichen Kaukasien letzthin ungef�hr 75 Ortschaften mit derartigen Jahrm�rkten, und es
werden solche in jeder Ortschaft 2 oder 3 mal im Jahre abgehalten.
Vor Beginn des wirklichen Jahrmarktes findet �berall ein Nebenmarkt, der auch Vieh-
markt genannt wird, wo Horn- und Schaf-Vieh und Pferde zum Kauf ausgestellt werden,
statt. F�r den Pferdehandel ist hier ein besonderer Platz (Totschok) bestimmt, auf welchen
man die Pferde entweder am Z�gel zuf�hrt oder in Heerden (Tabunen) antreibt. Die Heerden-
Rosse sind meistens halbwilde und sehr oft b�sartige, widerspenstige Gesch�pfe, welche beim
Einfangen den Tscherkessen und Tataren viele Umst�nde machen. �■ Die Zahl und der Preis
der hier angetriebenen Pferde l�sst sich schwer ermitteln und konnte von unserm Gew�hrs-
mann, Iwan von Moerder, leider nicht angegeben werden.
Sobald der Fr�hling in Kaukasien sp�t eintritt, sieht man auf den Fr�hjahrsm�rkten
gar keine Heerden-Pferde, wohingegen dann auf den Herbst-M�rkten sehr viele Pferde er-
scheinen, und es wird zu dieser Zeit gew�hnlich auch ein umfangreiches Gesch�ft von den
Rossh�ndlern gemacht. Bei den Herbst-M�rkten �bt aber der Umstand wieder einen starken
Einfluss hinsichtlich des Absatzes und der Preise der Pferde aus, wie sich die Gras- und
Getreide-Ernte im laufenden Jahre gestaltet hat. Nach g�nstigen Ernten zahlt man willig
einige Rubel mehr pro St�ck, als nach knapper Futter- und Korn-Ernte.
Ebenso wird der Pferdehandel auf den Jahrm�rkten des Kaukasus in den F�llen mehr
oder weniger stark beeintr�chtigt, wenn vorher auf den Weidepl�tzen und in den Stutereien
der Z�chter gr�ssere oder kleinere Verk�ufe von Rossen an die Grossh�ndler, an Militair-
Beh�rden etc. etc. stattgefunden haben.
Man gab uns an, dass auf den M�rkten in Kaukasien j�hrlich im Ganzen etwa
83,000 Pferde angetrieben und gegen 35,000 St�ck verkauft werden.
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I63
DIE PFERDEZUCHT IN DER REGION DER SCHWARZERDE.
IV. Die Pferdezucht in der Region der Schwarzerde.
Die im s�dlichen und einem grossen Theile des centralen Russlands vorkommende
Schwarzerde (Tscherno-Sem), seit �ltester Zeit durch ihre charakteristische schwarze oder
schwarzbraune Farbe und grosse Fruchtbarkeit bekannt, nimmt nach J. Wilson's Angaben*)
im europ�ischen Russland einen Fl�chenraum von ca. 20,000 □ Meilen ein. Nahezu die H�lfte der
ganzen Bev�lkerung des Landes � nur Finnl�nder und Polen ausgenommen � wohnt m Gebiete
der Schwarzerde; man erfreut sich hier fast allj�hrlich der reichsten Korn-Ernten, welche
dem Boden nahezu ganz ohne D�ngung abgewonnen werden und nicht nur den gr�ssten
Theil des russischen Reiches, sondern auch viele andere L�nder Europa's mit Getreide ver-
sorgen. �
Wir verdanken dem Professor Dr. Orth in Berlin, welcher im Jahre 1871 eine Studien-
Reise durch das s�dliche Russland unternommen hat, nachstehende Schilderung der Boden-
Verh�ltnisse in jener f�r Russland so wichtigen Schwarzerde - Region: **)
�Man stellt sich das mittlere und s�dliche Russland, und so auch das Gebiet der
Schwarzerde, vielfach als eine fast horizontale Ebene vor. Dies ist jedoch nicht der Fall. Es
ist vielmehr ein wellig - muldiges Terrain mit nicht selten so bedeutenden Erhebungen, dass
dadurch der Verkehr wesentlich behindert wird und dass dem Postreisenden, welcher auf
steilen Abh�ngen auf dem mit drei Pferden bespannten Bauerwagen vom Kosak in scharfem
Trab bergab gefahren wird, der Weg stellenweise gefahrvoll genug erscheint. Namentlich
am Rande der steil eingeschnittenen Flussth�ler, wie am Don und an der Wolga, kommt
der Wechsel und die Erhebung des Terrains deutlich zum Ausdruck, zumal an dem steil
abfallenden rechten Ufer, dessen Schroffheit gegen�ber dem flachen linken Wiesenufer von
dem im November 1876 in Dorpat verstorbenen grossen Naturforscher Ernst von Baer zur
Begr�ndung des nach ihm benannten Gesetzes verwerthet worden ist."
�Der Grund und Boden dieses muldig-welligen Schwarzerdegebietes geh�rt meist dem
Diluvium an, namentlich ist es der Diluvialmergel, welcher in grossen Strecken die Grundlage
des oberen Bodens bildet. Von der Wolga durch die Donische Steppe bis Taganrog, sowie
bei Odessa, konnte dies von mir �berall nachgewiesen werden. Es bekundet sich auch hier
der Diluvialmergel als eine der f�r die Kultur wichtigsten geologischen Bildungen der Erde.
An einzelnen Stellen tritt allerdings auch festes Gestein nahe an die Oberfl�che, wie man es
in ausgezeichneter Weise an dem rechten Thalrande der Wolga zwischen Saratow und Ka-
myschin beobachten kann. Wer auf einem der grossen Wolgadampfer von Nischnij - Nowgorod
nach Astrachan f�hrt, vermag dies beim Verlassen des n�rdlichen Waldgebietes, s�dlich von
Samara, an zahlreichen Profilen wahrzunehmen, besonders an der genannten Stelle, wo der
unterhalb vorhandene Kreidekalk, vom Flusse aus gesehen, oberhalb durch eine schwarze
Linie (Schwarzerde) eingefasst wird. Es wird dadurch erkl�rlich, weshalb der dunkle Boden
an solchen Stellen erhebliche Mengen von kohlensaurem Kalk (bis 30 Procent) enth�lt, und mag
dieses Vorkommen, worauf bereits G�bel in seinem bekannten Werke*) aufmerksam machte,
*) J. Wilson. Agriculture et Economie rurale en Russie. Apercu statistique. St. Petersburg 1878.
**) Die Natur. Neue Folge, III. Band, Jahrgang 1877. Die Schwarzerde und ihre Bedeutung f�r die Kultur.
Von Prof. Dr. Orth in Berlin.
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gegen�ber den Anschauungen �ber die Gleichartigkeit der �berall �kalkarmen" Schwarzerde
besonders hervorgehoben werden."
�Die M�chtigkeit des Diluvialmergels ist meist eine bedeutende. In einer senkrechten
Wand ist nur beispielsweise bei Taganrog, unterhalb der hochgelegenen Stadt, derselbe nach
dem Meere zu aufgeschlossen und �hnlich tritt er auch auf der H�he von Odessa auf. Seiner
Beschaffenheit nach ist es ein gelbbrauner steinfreier Lehmmergel. Die darauf lagernde
Schwarzerde kann als ein humoser Lehm- und Thonboden bezeichnet werden und betr�gt die
M�chtigkeit, wo ich sie beobachten konnte, �berall nur zwischen 0,5 und 1 Meter Gehalt von
organischen Beimengungen (Humus)- meist unter 10 Procent."
Das typische Schwarzerdeprofil des s�dlichen Russland's ist deshalb (unter Benutzung
der Anfangsbuchstaben der bez�glichen Bodenarten) nach Orth's Ansicht folgendermassen dar-
zustellen:
H. L. 0,5 � 1 Meter �ber
M. (m�chtig).
� Die humosen Beimengungen sind urspr�nglich auf die Uebergangszeit von der Diluvial-
periode zur Gegenwart, in welcher bei anderen Feuchtigkeitsverh�ltnissen die Bedingungen f�r
vegetative Bildung g�nstiger waren als jetzt, zur�ckzuf�hren. Dieser Entwickelungsprocess ist
aber im Wesentlichen als abgeschlossen zu betrachten.
�Die russische Schwarzerde ist gr�sstentheils noch wenig kultivirt, im Westen allerdings
weit mehr, als im Osten. Sie hat auch hier zu einer erheblichen R�benzucker-Industrie Ver-
anlassung gegeben und liefert in g�nstigen Jahren grosse Massen von Weizen und Roggen
zum Export. Zahlreiche Eisenbahnverbindungen machen dieselben gegenw�rtig den europ�ischen
M�rkten weit zug�nglicher, als fr�her, und j�hrlich wird dieses Verh�ltniss durch die Er�ffnung
neuer Linien noch g�nstiger f�r die Ausfuhr, resp. f�r die Konkurrenz."
Die Weideverh�ltnisse in der Region der Schwarzerde sind gr�sstentheils vortrefflichster
Art; an vielen Orten stehen hier die Viehweiden den besten Marschweiden des westlichen
Europa's im Werthe nicht nach. Die Hauptst�dte Russland's decken ihren ansehnlich grossen
Fleischbedarf haupts�chlich durch diejenigen Rinder, Schafe und Schweine, welche ihnen aus
dem Gebiete der Schwarzerde zugef�hrt und hier vorwiegend auf den Weiden ern�hrt und
gem�stet werden. Ebenso liefern die zahlreichen Schafheerden dieser Region Jahr f�r Jahr
die grossen Mengen Wolle und Pelze, welche zur Bekleidung der Bev�lkerung erforderlich sind.
Man darf wohl mit vollem Rechte sagen, dass Russland's Reichthum gr�sstentheils auf dem
Vorkommen der Schwarzerde beruht, und wir k�nnen dem gewaltigen Czarenreiche nur w�n-
schen, dass durch eine rationellere Bearbeitung dieser kostbaren Fundgrube sich die Getreide-
produktion des Landes noch heben m�ge.
Der Ackerbau wird sowohl im s�dlichen, wie im gr�ssten Theile des centralen Russ-
land noch in h�chst einfacher Weise betrieben; von einem Feldersystem kann hier kaum die
Rede sein; je nach der Fruchtbarkeit des Bodens wird dieser vier bis f�nf Jahre hintereinander
mit Getreide, Hirse, Mais, Bohnen, Raps, Lein und dergl. bestellt, um ihn sodann wieder
k�rzere oder l�ngere Zeit, oft 10 bis 20 Jahre, als Weide liegen zu lassen. � In der Neu-
zeit findet man in einzelnen Gouvernements bei den Grossgrundbesitzern, wie auch bei den
Colonisten (Mennoniten) eine bessere Bewirthschaftungsweise in Gebrauch, und es hat
sich an diesen Orten auch der Reinertrag der G�ter in den letzten Jahren bereits wesentlich
h�her gestellt.
*) Fr. G�bel. Reise in die Steppen des s�dlichen Russland. Dorpat 1838.
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DIE PFEDEZUCHT IN DER REGION DER SCHWARZERDE.                                       165
Die Art der Bodenbearbeitung l�sst aber an den meisten Orten noch immer recht viel zu
w�nschen �brig. Der primitive Pflug, eine Art Haken und die Socha reissen den Boden einige
Zoll tief auf; der Samen wird mittelst einer h�lzernen Egge (Smick) oberfl�chlich mit Erde
bedeckt und nur in den seltensten F�llen wird von der Walze oder von anderen Ackerinstru-
menten Gebrauch gemacht.
In der Region der Schwarzerde herrscht das sogenannte Continentalklima vor, welches
von dem gr�ssten Belang f�r die Vegetationsverh�ltnisse derselben ist; dasselbe zeichnet sich
aus durch warme Sommer und sehr kalte Winter. Der Unterschied des heissesten und k�ltesten
Monats betr�gt etwa 50 ° Celsius. Im Juli erreicht die Durchschnittstemperatur nahezu + 20 ° C.
und im Januar lallt sie auf � 30 ° C. zur�ck.
Die Sommer sind dabei nicht selten so trocken, dass dadurch der Vegetation � trotz
des so �usserst fruchtbaren Bodens � h�ufig grosser Nachtheil erw�chst und zuweilen Miss-
wachs der Feldfr�chte eintritt. Die D�rre erreicht in den s�dlichen Theilen des Schwarzerde-
Gebietes nicht selten sehr hohe Grade; die Quellen versiegen, die B�che und Fl�sse vertrocknen
und selbst die sparsame Erquickung der Pflanzen durch den n�chtlichen Thau bleibt zuweilen
mehrere Wochen lang aus. � Zu dieser Zeit leidet das Vieh auf der Weide durch den
oft nur unzureichend zu stillenden Durst grosse Noth. Die Thiere m�ssen in solchen Zeiten
in der Regel grosse Wegstrecken zur�cklegen, um an eine Tr�nke oder an einen Brunnen
zu gelangen.
So wie die D�rre des Sommers, so bringt andrerseits auch die Strenge des Winters
sowohl f�r die Vegetation, wie f�r die Thierwelt erhebliche Nachtheile mit sich. Grosse
Eichenbest�nde gehen durch den Frost nicht selten zu Grunde, indem die B�ume von den Gipfeln
ab bis weit herunter absterben. Die Viehheerden leiden in der meistens sehr strengen Winterzeit
besonders in dem Falle grosse Noth, wo ihre Herren und Besitzer in den Sommer- und Herbst-
Monaten nicht f�r die Anfuhr hinreichender Futtermengen (Heu etc.) Sorge getragen haben.
Selbst das Strohfutter reicht sehr oft bei langanhaltenden Wintern nicht recht aus; dazukommt
noch, dass die vorhandenen St�lle und Schuppen die Thiere nur wenig gegen die K�lte sch�tzen;
sobald die Temperatur bis auf � 20° C. zur�ckgeht, sterben viele derselben vor Hunger
und K�lte.
Der im s�dlichen und centralen Russland sich immer weiter und weiter ausdehnende
Ackerbau, sowie auch die Zunahme der Industrie, g'anz besonders aber die Zuckerr�ben-
Fabrikation und der von Jahr zu Jahr vermehrte Handel, welcher sich bis in die entlegensten
Theile des Reiches erstreckt, haben bereits seit mehreren Decennien an die Pferdez�chter
�jener Landstriche die Anforderung gestellt, die Z�chtung eines t�chtigen, schweren
Arbeitsschlages ernstlich in's Auge zu fassen und die Aufzucht der kleineren, leichteren
Steppenpferde, welche im schweren Zuge nur selten Befriedigendes leisten, mehr und mehr
einzuschr�nken.
Die kaiserliche Militair- Verwaltung in St. Petersburg forderte schon seit l�ngerer
Zeit f�r die Bespannung- ihrer Artillerie- und Train-Colonnen einen gr�sseren, kr�ftigeren
Wagenschlag, der in den Leistungen nicht hinter den westeurop�ischen Schl�gen dieser Art
zur�ckstehen sollte, und man bezahlte seit Jahren f�r alle Remonten, die sich f�r die ange-
gebenen Gebrauchszwecke besonders tauglich zeigten, weit h�here Preise, als f�r die leichteren
Reit- und Wagenpferde. � Oftmals sah man sich (d. h. in �lterer Zeit) in Russland gen�thigt, die
st�rkeren Wagenpferde zur Deckung des Bedarfes aus fremden L�ndern � D�nemark, Holland,
Deutschland, Frankreich und selbst aus England � herbeizuholen; allein nicht immer acclimati-
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russland's pferderacen.
sirten sich diese Fremdlinge in befriedigender "Weise; andererseits stellte sich auch der Preis f�r
dieseThiere durch die grossen Transportkosten etc. zu hoch, und man wollte endlich im eigenen
Lande den Bedarf zu decken versuchen. � Nach Allem, was die russischen Hippologen �ber
die Z�chtung des schweren Arbeitsschlages uns mittheilen, d�rfen wir annehmen, dass die
Z�chtung desselben noch heute eine sehr beschr�nkte sein w�rde, wenn nicht einsichtsvolle
und opferwillige M�nner sich gefunden und dazu bereit erkl�rt h�tten, die Z�chtung solcher
Pferde energisch zu unterst�tzen. Vor allem Anderen sorgte die hohe Staatsregierung (Ver-
waltung f�r Pferdezucht im Ministerium der Reichsdom�nen) an vielen Orten f�r die Auf-
stellung t�chtiger Besch�ler des schweren Arbeitsschlages. Bei den Pr�fungen der Zugkraft
von verschiedenen Arbeitsschl�gen hatte man zwar hin und wieder unter den Bauerpferden
ganz t�chtige Schlepper (Lomowoi) entdeckt, die im Stande waren, Lasten von 80 Ctr. und
mehr fort zu schaffen; allein die Anzahl solcher Thiere war verh�ltnissm�ssig gering und
auf die Z�chtung derselben hatte man bislang keinen besonderen Werth gelegt, auch wurden
noch vor 20 und 25 Jahren solche Pferde schweren Schlages meistens weit schlechter bezahlt,
als die leidlich h�bsch gewachsenen Reitpferde. Erst von der Zeit an, wo man f�r die Karren-
oder schweren Arbeitspferde (Bitjugs etc.) 150�200 Rubel pro St�ck zahlte, entschloss sich eine
gr�ssere Anzahl von Landwirthen zur Verfolgung dieser Z�chtungsrichtung; dieselbe kam dann
bald in Mode und bildete f�r den Landmann ein sehr eintr�gliches Gesch�ft. Wir sehen heute,
dass sich nicht nur viele Bauern, sondern auch die grossen Herren, F�rsten und Grafen mit
derselben besch�ftigen, und zweifeln auch jetzt keinen Augenblick mehr an dem guten Erfolge
dieser in Russland beliebt gewordenen Z�chtung.
A. Die Pferdez�chtung im Gouvernement Woronesch.
Dieses Gouvernement ist 1196,56 geogr. □ Meilen gross und wird von 2,069,00 Menschen
bewohnt. Ein grosser Theil dieser Bewohner besteht aus Klein-Russen, n�mlich 600,000;
ausserdem leben hier 2600 Zigeuner und 1000 Armenier; die Hauptbev�lkerung machten hier
fr�her die Reichsbauern, 426,500 und �ber 20,000 Apanagebauern aus.
Das Gouvernement Woronesch wird in seiner gr�ssten Ausdehnung vom Norden zum
S�den vom Don durchfl�ssen; an den Ufern dieses Flusses finden sich die sch�nsten Wiesen
und Weiden mit einem �ppigen Graswachsthum, welcher zahlreichen Viehheerden eine hin-
reichende und zusagende Nahrung gew�hrt. � Wir selbst hatten im Jahre 1876 Gelegenheit,
dieses Gouvernement aus eigener Anschauung kennen zu lernen und wollen nicht unterlassen
hier anzuf�hren, dass diese Landschaft auf uns einen sehr angenehmen Eindruck gemacht
hat. Wenn auch sonst die centralen und s�drussischen Steppenlandschaften auf den Reisenden,
welcher aus Westeuropa dorthin kommt, im Allgemeinen leicht einen �den, unfreundlichen
Eindruck machen, so nehmen wir hier in Woronesch eine wohlthuende Abwechselung in den
Landschaftsbildern wahr. Anmuthige, wellenf�rmige Gegenden sind mit Getreide aller Art,
mit Hanf- und Hirse-Feldern bedeckt; auch grosse Fl�chen des Landes sind mit Sonnen-
blumen bestanden, und die fleissigen G�rtner in der N�he der gr�sseren St�dte und Dorf-
schaften kultiviren edles Obst, vortreffliche Kohlsorten, Melonen, Arbusen und nicht selten
h�bsche Zierpflanzen. Sehr sch�n gehaltene G�rten haben wir besonders in der Gouvernements-
Hauptstadt, wie auch auf dem kaiserlichen Hauptgest�te zu Chr�nowoy � in der Mitte der
woroneschen Steppe � zu sehen bekommen.
Neben dem Acker- und Gartenbau betreibt die dortige Bev�lkerung die Z�chtung der
Pferde, Rinder, Schafe, Schweine und Bienen mit anerkennungswerther Sorgfalt.
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DIE PFERDEZ�CHTUNG Hl GOUVERNEMENT WORONESCH.                                  167
a. Die Arbeits- und schweren Zugpferde.
Wir begegneten im Gouvernement Woronesch zuerst der Z�chtung des schweren Arbeits-
schlages, welche am besten und ausgedehntesten in der Landschaft an der Bitjuga, einem
Nebenfluss des Don, betrieben wird, und man hat den hier vorkommenden Schlag einfach
nach diesem Flusse �Bitjug" genannt. Die Thiere desselben sind ihrer grossen Leistungen
wegen seit alter Zeit in ganz Russland bekannt und wir sagen nicht zu viel, wenn wir behaupten,
dass die �Bitjugs" als schwere Last- oder Karrenpferde dort allgemein hochgesch�tzt und be-
r�hmt sind.
Diese Pferde erinnern in ihrem Leibesbau h�ufig an den grossen Arbeitsschlag der
holl�ndischen oder friesischen Landrace, und es sollen auch wirklich die an der Bitjuga gez�ch-
teten Rosse Nachkommen derjenigen Thiere sein, welche der Czar Peter der Grosse am Ende
des XVII. oder zu Anfang des XVIII. Jahrhunderts aus den Niederlanden kommen und in dem
Gouvernement Woronesch aussetzen, d. h. an dortige Bauern vertheilen Hess.
Die Reichs- und Apanage - Bauern jener Gegend, welche sich haupts�chlich mit der
Z�chtung des Pferdeschlages befassten sollen schon im vorigen Jahrhundert grosses Geschick
und Interesse f�r dieselbe an den Tag gelegt haben, und noch heute verstehen es die dort
wohnenden Bauern sehr gut, ihre Mutterstuten und Fohlen zweckm�ssig zu halten und sorgsam
zu pflegen. Im Besitz der vorz�glichsten Wiesen am Ufer der Bitjuga und guter Weiden auf
den weit ausgedehnten Feldern der Schwarzerde ist es ihnen m�glich sowohl w�hrend des
Sommers, wie auch in der oft 7 lk Monate anhaltenden Winterzeit ihre verschiedenen Hausthiere
stets reichlich zu ern�hren. � Die Pferde, als die Bevorzugten der Wirthschaft, bekommen in
der Regel das beste Futter, das sch�nste Heu und gew�hnlich weit mehr Hafer, als die Pferde
anderer russischer Bauerwirthschaften. Hierdurch erkl�rt es sich auch, dass die Entwickelung
der Saugfohlen und das Wachsthum der J�hrlinge dort meistens gut und rasch von statten
geht. Die Bitjuga-Fohlen kommen schon im Alter von 3 Jahren zu einer H�he von 1,60 Meter,
und nicht selten erreichen die voll ausgewachsenen Pferde dieses Schlages eine Gr�sse von
1,70 Meter. Abgesehen von den grossen Rossen der Orlow'schen Traber-Race erlang'en die
Pferde aller �brigen russischen Racen nur ausnahmsweise eine solche Leibesh�he. � Die Bitjugs
besitzen einen mittelgrossen, breiten, leicht geramsten Kopf mit grossen lebendigen Augen.
Ihr nicht allzukurzer Hals ist mit einem langen und starken M�hnenhaar dicht besetzt und der
Schopf auf dem Haupte f�llt tief auf das Nasenbein herab. Die Thiere haben in der Regel
einen langen Leib, aber dabei doch kr�ftigen R�cken und eine gute Lendenpartie. Ihre etwas
abgeschliffene Kruppe ist ein wenig gespalten. Der dicke Schweif, ziemlich hoch angesetzt,
wird nicht gerade sch�n getragen. Die unteren Gliedmassen dieser Pferde sind �usserst kr�ftig;
sie besitzen eine vorz�glich gute Muskulatur, derbe Sehnen und grosse, breite Hufe von nicht
besonders sch�ner Form; Platthufe findet man bei ihnen leider nicht selten. Die Stellung ihrer
Gliedmassen ist meistens untadelhaft; auch ihr Gang ist im Schritte sowohl wie im Trabe
normal zu nennen. Das Temperament der Bitjugs wird ganz besonders gelobt; sie zeigen bei
der Arbeit eine grosse Energie, den besten Willen, schreiten rasch und lebendig vorw�rts, sind
ihren Herren und W�rtern gehorsam, folgsam und k�nnen fast ausnahmslos als sanftm�thige
Gesch�pfe bezeichnet werden.
Die von der Weide eingefangenen jungen Pferde lassen sich leicht z�hmen, auch sehr
bald bequem f�hren und ohne grosse Umst�nde einfahren. Wir m�chten mit dem russischen
Hippologen Iwan von Moerder sagen, dass die Bitjugs alle diejenigen Eigenschaften besitzen,
welche der Landwirth und Fuhrmann von einem guten Zug- und Arbeitspferde nur immer ver-
langen kann. Sie zeigen im Dienste eine Ausdauer und Zugleistungen, wie solche besser kaum
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RTSSLAN�'s PFERDE
168
-RACEN.
gew�nscht werden k�nnen.*) Man sagte uns, dass diese Pferde oft bis zum 30. Lebensjahre
diensttauglich w�ren und die allerschwerste Arbeit im Lastfuhrwerke stets willig vollf�hrten.
Das Loos solcher Zugpferde ist in Russland � bei der im Fr�hjahr und Herbste meistens sehr
schlechten Beschaffenheit aller Heerstrassen � f�rwahr kein beneidenswerthes.
Die russischen Milit�r-Verwaltungen sch�tzen das kr�ftige und gut ausdauernde Bitjug-
Pferd f�r den Artillerie- und Traindienst sehr hoch, und man giebt demselben f�r diese
Gebrauchszwecke den Vorzug vor vielen anderen Schl�g'en der �stlichen und s�dlichen
Gouvernements.
Durch die N�he des ber�hmten Staatsgest�tes zu Chr�nowoy ist es den Bauern an der
Bitjuga bequem gemacht, ihre Zuchtstuten dorthin zu f�hren und sie f�r ein geringf�giges
Sprungg-eld von den vorz�glichsten Hengsten des hier aufgestellten schweren Zug- und Arbeits-
schlages belegen zu lassen, wovon sie auch � nach Aussage dortiger Gest�tsbeamten � seit
Jahren den umfangreichsten Gebrauch machen, und es soll gerade hierdurch der Bitjug-Schlag
in den letzten 30 Jahren wesentlich verbessert worden sein.
Soviel uns bekannt geworden, kommen von diesem Schlage nur selten Exemplare in's Aus-
land; die Russen kennen den grossen Werth dieser Thiere zu gut, als dass sie viele � und zwar
die besseren � Individuen an ausl�ndische H�ndler abgeben sollten. Fast in allen Gouvernements
des s�dlichen und centralen Russland sind jetzt die Bitjgus (Hengste wie Stuten) in den
Gest�ten sehr gesucht und werden hier immer verh�ltnissm�ssig theuer bezahlt. Die fehler-
freien, gutgewachsenen Walachen kosten auf den M�rkten von Woronesch 200 Rubel und
dar�ber; Mutterstuten und Hengste werden oft mit 300 und 500 Rubel pro St�ck bezahlt.
Das hier abgebildete Pferd ist von dem Bauer N. Boyow im Gouvernement Woronesch
gez�chtet und auf der letzten grossen landwirthschaftlichen Ausstellung zu Moskau (1872) von
Sachkennern als ein vortrefflich typirtes Thier der fraglichen Race bezeichnet worden. Dem
Z�chter desselben wurde ein grosser Preis zuerkannt.
b. Die Z�chtung der Reitpferde und Traber.
Neben den Bitjug's und den gemeinen Arbeitspferden der Bauern wird in diesem
Gouvernement seit etwa 100 Jahren eine Race gez�chtet, welche ohne Frage als eine der
vorz�glichsten und sch�nsten des ganzen Czaren-Reiches hingestellt werden kann. Wir meinen
n�mlich die Orlow-Race, die nicht nur in ganz Russland, sondern auch weit �ber die Grenzen
des Reiches hinaus, in Deutschland, Oesterreieh, Frankreich etc. bekannt und seiner grossen
Leistungen wegen ber�hmt ist.
Schon seit l�ngerer Zeit haben sich russische und ausl�ndische Hippologen mit der
Frage �ber die Reinheit der Race des Orlow'schen Traberpferdes besch�ftigt und noch heute
steht diese Frage sehr oft auf der Tages-Ordnung der Pferdezucht-Vereine Russlands.**)
*) Die Pr�fungen der Zugkraft der Bauerpferde findet mit Fahrzeugen statt, die anf�nglich nur mit 1050 Kilo-
gramm belastet werden, aber sobald das Pferd im Zuge ist, werden in bestimmten Distanzen eiserne Gewichte so lange
aufgelegt, bis dasselbe stehen bleibt. Diese Proben haben �fters Beispiele von der bedeutenden Leistungsf�higkeit
der russischen Bauerpferde geliefert; von einem Pferde fortbewegte Lasten von 3500 Kilogramm kommen sehr h�ufig
vor, zuweilen aber �bersteigen dieselben 525° Kilogramm. Immer nach 15 Schritten wird ein Gewicht von 80 Kilogramm
auf das Fahrzeug gelegt. Professor Unterberger, der 1851 einer solchen Zugpr�fung in Simbirsk beiwohnte, erz�hlt, dass
die drei ersten Pferde 4440, 4110 und 4060 Kilogramm gezogen haben. Der Sieger war ein sechsj�hriger, 1,46 Meter
grosser Schimmel von baschkirisch-russischer Race. Ausser diesen nur f�r Bauerpferde bestimmten Zugpr�fungen giebt
es noch andere f�r Thiere edlerer Race, namentlich zu Lebedjan und St. Petersburg.
                  (Baron von Meydorff).
**) Wir verweisen unsere Leser auf eine sorgf�ltige Zusammenstellung der h�chst interessanten Verhandlungen
und Berichte �ber die Entstehung der Orlow-Race, welche im Jahre 1878 in Wien bei Wilhelm Braum�ller in
deutscher Uebersetzung erschienen ist und vom Professor P. Jessen in Dorpat unter dem Titel: �Zur Frage �ber die
Reinheit des Orlow'schen Traberpferdes" herausgegeben wurde.
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V
ruckV.E..A.Funke, Leipiij
Hengst vom Bitju;
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DIE PFERDEZ�CHTUNG IM GOUVERNEMENT WORONESCH.                                  169
Werfen wir zuerst einen Blick auf die zahlreichen Privatgest�te dieses Gouvernements,
so bemerken wir, dass in 242 Stutereien die ansehnlich grosse Zahl von 464 Besch�lern und
3630 Mutterstuten gehalten wird. � 3 Procent dieser Gest�te z�chten ausschliesslich Reit-
pferde, 50 Procent Wagenpferde, 36 Procent Arbeitspferde, 11 Procent Pferde gemischten
Schlages. � In 82 Gest�ten werden sogenannte Orlow-Traber aufgezogen, und unter diesen
finden sich mit die besten Pferde von ganz Russland. Vielleicht �bertrifft nur allein die Z�ch-
tung an einigen Pl�tzen im Gouvernement Tambow die Traberzucht von Woronesch.
Die Z�chtung des Reitschlages, welche im vorigen Jahrhundert und noch bis zur Mitte
dieses Saeculums im Gouvernement Woronesch mit besonderer Vorliebe und in ziemlich grosser
Ausdehnung betrieben worden ist, hat in den letzten dreissig Jahren immer mehr und mehr an
Bedeutung verloren und scheint der Traberzucht bald ganz und gar das Feld einr�umen zu
sollen. Die Liebhaberei f�r den Traber-Sport und die hohen Preise, welche f�r t�chtige Traber
jetzt willig gezahlt werden, hat dieser Z�chtung grossen Vorschub geleistet, hingegen die Auf-
zucht der Reitpferde wesentlich beeintr�chtigt.
Die Gest�te von Woronesch haben in �lterer Zeit sicherlich viele hochedle Hengste
der verschiedenen orientalischen Racen zur Z�chtung des Reitschlages verwendet, und man hat
es dort unstreitig auf diesem Gebiete der Pferdezucht zu einer grossen Vollkommenheit
gebracht. Man berichtet uns, dass aus diesem Gouvernement lange Zeit hindurch, die
pr�chtigsten Reitpferde hervorgegangen, hingegen die edelsten und besten Thiere nicht immer
aus dem Staatsgest�te zu Chr�nowoy, sondern sehr oft aus den Stutereien der Privaten
gekommen seien.
Unter den dortigen Z�chtern des Reitschlages sollen sich fr�her mehrfach kleinere Guts-
besitzer r�hmlichst hervorgethan und Pferde auf den Markt oder auf Ausstellungen gef�hrt
haben, die ihrer sch�nen Formen und Leistungen wegen von den Grossgrundbesitzern gern zu
Zuchtzwecken angekauft wurden.
Die Landwirthe, gross und klein, zeigen in jenem Gouvernement grosses Geschick und
Verst�ndniss f�r diesen Zweig der Hausthierzucht und scheuen auch keine Opfer, um dieselbe mit
Erfolg betreiben zu k�nnen. Es wird nachgewiesen, dass neben den orientalischen Hengsten in
einzelnen Jahren viele englische Vollblutpferde zur Z�chtung des Reitschlages nach Woronesch
gekommen sind, und es sollen diese wie jene an mehreren Orten eine h�chst werthvolle Nachzucht
geliefert haben; man m�sse hierbei aber ausdr�cklich bemerken, sagt unser Gew�hrsmann, dass
die in den Privatgest�ten aufgestellten englischen Pferde nur in geringem Masse zu den
Zwecken, zu welchen sie in anderen L�ndern benutzt w�rden, Verwendung gefunden h�tten.
Die dortigen Z�chter des Reitschlages �usserten uns gegen�ber, dass das englische Vollblut,
pferd nur da rein weiter gez�chtet werden k�nne, wo der Stahl seiner Knochen, die Elasticit�t
seiner Muskeln und der Umfang seiner Kraft diejenigen Sitten und Gebr�uche vorf�nden, welche
seine Dienste mit Freuden aufnehmen und ausbeuten; in Russland aber und ganz besonders in
Woronesch w�rde das englische Vollblutpferd niemals das leisten, was man dort fordere, wohin-
gegen eine Kreuzung des englischen und orientalischen Blutes den vortrefflichen Reitschlag
producire, welcher in Russland sowohl wie in anderen L�ndern des europ�ischen Continents
immer gesucht sein w�rde.
Die mit grossen Kosten importirten englischen Vollblutpferde sind in Woronesch, wie
in den Gouvernements von S�drussland haupts�chlich zur Z�chtung eines schweren Reitschlages
(K�rassier-Pferde) benutzt worden, indem man die englischen Hengste mit russisch-orien-
talischen Halbblutstuten paarte und stets f�r eine reichliche Ern�hrung der Fohlen Sorge trug.
Von den Reitpferden im Gouvernement Woronesch verdient vor .allen anderen hier
unsere Ber�cksichtigung und Erw�hnung der Rostoptschin'sche Reitschlag, �ber dessen Ge-
Frey t a g , Russland's Pferde - Racen.
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russland's pferderacen.
170
schichte der Ober - Stallmeister Baron von Meyendorff Folgendes berichtet:*) �Der Graf
Rostoptschin hatte im Jahre 1802 im Dorfe Woronow des Gouvernements Moskau ein Gest�t
gegr�ndet, welches sp�ter in den Besitz des Herrn Woyeikow �berging. Er schaffte f�r
dasselbe von vorn herein arabische Hengste edelsten Blutes an, n�mlich den Kadi, Dragut,
Kaimak und Richan, welche in der N�he von Mekka gekauft waren, und f�r diese Hengste
beschaffte der Graf dann mehrere sehr edle englische Stuten. � Zur Vergr�sserung des
Gest�tes wurden sp�ter noch einige persische, t�rkische und englische Hengste gekauft; unter
letzteren befand sich der ber�hmte Picker, welcher eine vorz�gliche Vererbungskraft besessen
und eine h�chst werthvolle Nachzucht geliefert haben soll."
�Als die Franzosen 1812 nach Moskau kamen, wurde das Gest�t des Grafen Rostopt-
schin nach dem Dorfe Kozmodemiansk im Gouvernement Orel, und 1815 nach dem Dorfe
Anna im Gouvernement Woronesch verlegt." Hier hat nun haupts�chlich das Gest�t seinen
guten Namen durch die Z�chtung hochedler Reit- und Rennpferde begr�ndet, unter welchen
sich auf der Rennbahn zu Lebedjan ganz besonders die Hengste Anubis, Khlopetz und Tele-
mach durch sehr grosse Schnelligkeit hervorgethan haben.
Der Anubis, ein Schimmel mit Senfflecken, war 1827 vom Araber Kaimak und der
englischen Halbblutsstute Kora geboren; er �bertraf im Rennlauf fast alle Pferde damaliger
Zeit; kaum konnte sich ein anderes Pferd auf der Rennbahn mit ihm messen. Trotzdem er
viel gelaufen war, verliess er die Bahn mit ganz fehlerfreien Beinen, und nutzte dem Gest�te
noch Jahre lang als Besch�ler.
Als im Jahre 1845 die russische Regierung das Gest�t des Grafen ankaufte, z�hlte es
8 Besch�ler und 76 Stuten, welche s�mmtlich Nachkommen der Hengste Kaimak und Kadi
waren und in ihrer weiteren Nachzucht bis in die neueste Zeit den alten, guten Ruf des
Rostoptschiner Reitschlages aufrecht erhalten haben. Viele Pferde dieser Familie sind sp�ter
in das Hauptgest�t zu Chr�nowoy und in andere Staatsgest�te �bergef�hrt.
In allen Gest�ten des Landes, wo die Nachkommen jener ber�hmten Orientalen zur
Zucht Verwendung fanden, erfreute man sich sehr bald vortrefflicher Renner, die zum Reit-
dienste ganz besonders tauglich waren. Die Russen sagen dem Rostoptschiner Reitschlage
nach, dass fast alle Thiere desselben sich durch bildsch�ne K�pfe, grosse Kraft und eine
seltene Ausdauer im Dienste ausgezeichnet h�tten; es sei nur zu bedauern, dass sie nicht
etwas gr�sser gewesen w�ren ; selten erreichten dieselben eine H�he von 1,57 Meter, und
waren durchschnittlich nur 1,50 Meter gross. � Das Schimmelhaar in den verschiedenen
Nuancen kommt bei den Nachkommen dieses Reitschlages am h�ufigsten vor, ist aber jetzt
nicht mehr so beliebt als fr�her. � Auch in Woronesch ist heute das braune Ross oder der
Fuchs lieber gesehen als die Schimmel, und man behauptet, dass die letzteren weniger robust
und selten so ausdauernd, wie die dunkelhaarigen Pferde w�ren. Wir schenken diesen An-
gaben nicht immer vollen Glauben und wollen hier nicht unerw�hnt lassen, dass wir in jenem
Gouvernement sehr viele Schimmel in hohem Lebensalter gesehen haben, die ihre Reiter ganz
sicher �ber die Steppe trugen. Es wird auch dort, wie �berall, sehr viel darauf ankommen,
welche Jugendzeit die Thiere verlebt haben. Wenn dieselben schon im Fohlenalter zu schwerer
Arbeit herangezogen oder von gewichtigen Reitern geritten werden und in ihren besten'Lebens-
jahren eine Ueberanstrengung bei knapper F�tterung erfahren, k�nnen sie selbstverst�ndHch
kein so hohes Alter erreichen, wie Thiere, die rechtzeitig geschont werden.
*) Die Pferdezucht in Russland. Vom Baron von Meyendorff. In's Deutsche �bertragen von C. G. Berlin 1863.
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DAS STAATS- ODER KRONGEST�T CHR�NOWOY IM GOUVERNEMENT WORONESCH.
Das Staats- oder Krongest�t Chr�nowoy.
(Gouvernement Woronesch.)
Der Name �Chr�nowoy" gl�nzt in der Geschichte der russischen Hippologie mit �gol-
denen Lettern." Die Zeit der Gr�ndung dieses pr�chtigen Hauptgest�tes fiel in das Jahr 1778.
Der Gr�nder desselben war ein Mann, den die Russen wohl mit vollem Rechte den grossen
Reformator ihrer heimischen Pferdez�chtung nennen: Graf Alexej Orlow-Tschesmensky.
Etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte derselbe im Kirchdorfe Ostrowa bei Moskau
eine Stuterei mit 20 werthvollen Pferden eingerichtet, welche er mit Genehmigung der
Kaiserin Katharina aus verschiedenen Hofgest�ten entnommen und mit grossem Geschick
ausgew�hlt hatte. � In den Jahren 1774 und 1775 Hess die kaiserliche Regierung 30 Hengste
arabischer Race zur Verbesserung der Landracen ankaufen. Achtzehn dieser Thiere wTurden
den Krongest�ten �berwiesen und 12 Hengste � nebst 9 Stuten � an das gr�fliche Gest�t zu
Ostrowa abgeliefert.
Nach von Meyendorff's Angaben waren diese Pferde nur zum Theil im Orient gekauft,
viele derselben bildeten das L�segeld der in der Seeschlacht bei Tschesme gefangen genom-
menen h�heren t�rkischen Offiziere.
Zu Anfang der siebziger Jahre des vor. Jahrhunderts hatte der Graf Orlow einen sehr
werthvollen, hochedlen Hengst englischer Race mit Namen �Balaban" angekauft, und ausserdem
noch einige englische Stuten, einen holl�ndischen Hengst, sieben holl�ndische Stuten und ein
d�nisches Mutterpferd f�r sein Privat-Gest�t kommen lassen. Mehrere dieser Thiere sollen in
Ostrowa eine h�chst werthvolle Nachzucht geliefert haben.
Von den im Jahre 1775 diesem Gest�te zugef�hrten 12 arabischen Hengsten zeichneten
sich besonders zwei durch grosse Kraft und K�rpersch�nheit aus; sie Wessen Bouroy-Saltan
(gew�hnlich nur Saltan oder Sultan genannt) und Smetanka. Beide Pferde gelten bis auf den
heutigen Tag als Stammv�ter der ber�hmten Orlow'schen Reit- und Traber-Race. � Bouroy-
Saltan ist der Stammvater der ersteren und Smetanka der der letzteren. Dieser war ein
Silberschimmel von 2 Arschinen 21/2 Werschok H�he, mit einem �berz�hligen Rippenpaar (ig)
ausgestattet und wahrscheinlich kein gew�hnliches W�stenpferd.
Im Jahre, 1778 fand die Uebersiedlung" eines Theiles der ostrowischen Gest�tspferde
nach Chr�nowoy statt; es befanden sich unter den hier eingef�hrten Thieren s�mmtliche Nach-
kommen des Saltan sowohl, wie des Smetanka, und es waren meistens ausgezeichnet t�chtige
Individuen. Wir wollen nachstehend zuerst den Orlow'schen Reitschlag beschreiben.
a. Der Orlow'sche Reitschlag in Chr�nowoy.
Vom Hengste Saltan ist 1777 aus einer Stute, deren Abstammung leider nicht bekannt
geworden ist, ein Hengstfohlen, � Bouroy-Saltan IL, � gefallen, welches durch seine Kraft
und Gewandtheit die Hippologen damaliger Zeit in gr�sste Aufregung versetzt haben soll; dieses
sch�ne Thier wurde im zehnten Lebensjahre als Reitpferd f�r den Kaiser Paul Petrowitsch be-
stimmt und hat demselben 10 Jahre lang die vortrefflichsten Dienste geleistet. � Aus einer
arabischen Stute Gulliwaya (und vom Saltan) wurde 1777 ein Fohlen geboren, welches man den
�braunen Saltan" nannte, und nach der uns zugegangenen Beschreibung ein vorz�glich sch�n
gebautes Pferd gewesen sein muss. Dieser Hengst zeugte 6 S�hne und 41 T�chter, die s�mmtlich
im Gest�te verblieben und zum Theil eine h�chst werthvolle Nachzucht geliefert haben. Von den
nachgeborenen Hengsten dieser Familie zeichneten sich als Reitpferde ganz besonders der
,,Swierepoi Grafskoi" aus; das Thier zeigte pr�chtige Gangarten und einlobenswerthes Tempera-
22*
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172                                                           russland's peerde-racen.
ment, und vererbte seine guten Eigenschafen wie auch die sch�nen Formen auf 7 S�hne, von
welchen einer der sch�nsten Aschanka gewesen sein soll. Es wurde uns angegeben, dass die
Nachkommen des Jaschma L, welcher ein brauner Sohn des Aschanka war, bis auf den
heutigen Tag den Orlow'schen Reitschlag am besten repr�sentirten. Der hier abgebildete
Hengst Jassny soll einer dieser Nachkommen jenes Jaschma I. sein.
Jaschma I. ist lange Zeit in Chr�nowoy Hauptbesch�ler gewesen. �
Der Graf Orlow � ein h�chst einsichtsvoller Z�chter � hat sich nicht damit begn�gt,
ausschliesslich orientalische Zuchtpferde in seinem Gest�te zur Ausbildung des Reitschlages
zu verwenden, sondern hat auch aus England Hengste herbeiholen lassen, so z. B. zwei
S�hne des ber�hmten Vollbluthengstes Eclipse � den Hackwood und Gunpowder �, auch
ferner noch die Hengste Mongry, Tandam nnd Trumpet, welche sich fast alle ohne Ausnahme
als Zuchtpferde in Chr�nowoy ausgezeichnet haben. Diese letztgenannten Vollblutpferde hatten
schon in England auf der Rennbahn Hervorragendes geleistet und brachten einen sehr guten
Ruf mit nach Russland. Sp�ter liess der Graf noch zwei S�hne des Highflyer, � Skylock
und Escape, � kommen und endlich noch die Hengste Cinnabar, Dadalus, Symmetry und Roob
in England ankaufen. Ziemlich gleichzeitig mit diesen Hengsten kamen 53 St�ck englische
Stuten in das Gest�t zu Chr�nowoy. Wir k�nnen nicht in Zweifel dar�ber sein, dass auch das
englische Vollblut auf die Bildung des dortigen Reitschlages einen sehr g�nstigen Einnuss
ausge�bt hat. � Nach von Meyendorff's Angaben sind vom Grafen Orlow auf seinen Gest�ten
im Ganzen 22 Hengste englischer Race als Besch�ler verwendet worden. �
Als im Jahre 1845 die verschiedenen Abtheilungen des Gest�ts zu Chr�nowoy von der
Gr�fin Orlow-Tschesmensky der kaiserlichen Gest�ts-Verwaltung �berwiesen, d. h. an dieselbe
verkauft wurden, z�hlte man daselbst 9 Hengste und 12 Mutterstuten des Reitschlages. Mehrere
derselben wurden uns als �wahre Prachtexemplere," geradezu f�r die �sch�nsten Pferde"
damaliger Zeit geschildert, und es ist nicht zu bezweifeln, dass der Chr�nowoy'sche Reitschlag
seinen g'uten Namen und Ruf, welchen derselhe heute noch in ganz Russland besitzt, zum
nicht geringen Theile den damals (1845) �bernommenen Zuchtpferden zu verdanken hat.
Das Orlow'sche Reitpferd ist im Durchschnitt 1,60 Meter hoch, hat einen gestreckten
schlanken, aber kr�ftigen Leibesbau und alle seine K�rpertheile zeigen das sch�nste Ebenmass.
Die massig langen Ohren sind an den feinen, trockenen Kopf sehr h�bsch angesetzt und deuten
durch ihre grosse Beweglichkeit auf ein lebendiges Temperament dieses Schlages. Die Stirn
der Pferde ist breit; die Augen sind gross und feurig; die Nasenlinie ist sehr h�ufig etwas
eingebogen; ihre Nasenl�cher sind gross und werden bei der Bewegung weit ge�ffnet. Der
Kehlgang ist ger�umig, der mehr flache, aber hoch angesetzte Hals hat in der Regel eine sehr
h�bsche Form und zeigt vor dem scharf markirten Widerriste einen sanft gerundeten Aus-
schnitt. Der R�cken und die Kruppe sind gerade, letztere ist bei den meisten Pferden des
Orlow'schen Reitschlages in Chr�nowoy sch�n gerundet, und der hoch angesetzte Schweif wird
bei der Bewegung der Thiere stets hoch gebogen getragen. Ihre regelrecht gestellten, mit
markirten Muskeln und elastischen Sehnen gut ausgestatteten unteren Extremit�ten haben eine
lobenswerthe St�rke und die ovalgeformten, gl�nzenden Hufe sind von fester Hornsubstanz.
Bei der Bewegung zeigt das Pferd grosse Regelm�ssigkeit in allen Gangarten, Freiheit in
der Schulter und grosse Kraft in der Hinterhand. Die Thiere besitzen meistens eine grosse
Gelenkigkeit und Lebendigkeit und "zeigen im Dienst eine grosse Ausdauer; selbst unter
schweren Reitern erm�den sie nicht so leicht, wie viele andere russische Reitpferde. Ihre
Fr�mmigkeit und Gelehrigkeit hat sie bei allen Reitern besonders beliebt gemacht.
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Schimmelhengst, 16 Jahre alt. t Archm und 3"Werschock(gleich 1,56Meter) hoch. Vom Jarmut aus der Brilliantowa..
Hauptbesch�ler in der �btheiliing rar den Reitschlag des kaiserlichea Gest�ts zu Khrenowoy, Gouvernement Woronesh
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DAS STAATS- ODER KRONGEST�T CHR�NOWOY IM GOUVERNEMENT WORONESCH.          173
Auf der internationalen Ausstellung zu Paris im Jahre 1867 machten die Orlow'schen
Reitpferde Frant, Fakeil und Fasan aus dem Chr�nowoyer Gest�te sehr grosses Aufsehen.
Der damals achtj�hrige braune Hengst Frant (siehe die beistehende Abbildung) fand daselbst
wegen seiner hocheleganten Formen und grazi�sen Bewegungen in allen Gangarten die meiste
Beachtung. Die Hengste Fakeil und Fasan wurden damals vom Kaiser Alexander IL dem
Kaiser der Franzosen geschenkt und sollen noch im Jahre 1870 im Pariser Marstalle die sch�nsten
und besten Reitpferde gewesen sein. Beim Besuch der 1867 er Ausstellung sprach Napoleon
in der russischen Abtheilung bei Besichtigung der ausgestellten Pferde die Worte aus: ,,Vous
avez des specimens avec lesquels vous pouvez tout faire."'*)
Es ist nicht zu leugnen, dass man es in Chr�nowoy sehr wohl verstanden hat, mit dem
Orlow'schen Zuchtmaterial �T�chtiges" zu leisten und dem dortigen Gest�te einen �Weltruf"
zu verschaffen.
Eines der sch�nsten und edelsten Exemplare des Chr�nowoyer Reitschlages war in der
neueren Zeit der hier abgebildete Hengst Jassny, welcher im Alter von 25 Jahren immer noch
einer der besseren Besch�ler des Getutes in der Abtheilung f�r Reitpferde genannt wurde.
Im Jahre 1876 standen in dieser Abtheilung zu Chr�nowoy 8 Hauptbesch�ler, 3 Reserve-
hengste, 97 Mutterstuten und etwa 250 Fohlen der verschiedenen Altersklassen.
Die Besichtigungen dieser uns damals vorgef�hrten Thiere, sowie die Fahrten �ber die
Weiden werden uns ewig unvergesslich bleiben. Wenn wir gern zugeben wollen, dass die
Orlow'schen Traber von Chr�nowoy in ihrer Art ungleich mehr und wirklich Hervorragendes
leisten, so k�nnen wir doch nicht unterlassen an dieser Stelle auszusprechen, dass uns die
Figuren und Gangarten des Chr�nowoyer Reitschlages ungleich besser gefallen haben, als die
der ber�hmten Harttraber.
In Chr�nowoy existirt seit etwa 20 Jahren eine Abtheilung f�r die Z�chtung engli-
scher Vollblutpferde, die nach Aussage russischer Sportsmen Mittelm�ssiges geleistet haben
soll. 1876 bestand dieselbe aus 4 Hauptbesch�lern, 2 Reservehengsten, 36 Mutterstuten und
etwa 60 Fohlen der verschiedenen Altersklassen.
Bei unserem Besuch von Chr�nowoy haben wir unter den Vollblutpferden nur wenige
beachtenswerthe Individuen gefunden, h�rten aber neuerdings, dass einige derselben auf der
Rennbahn zu Zarskoe-Selo und an anderen Pl�tzen mehrfach gesiegt h�tten. Wir sind leider
nicht in der Lage, an diesem Orte �ber Russland's Z�chtung des englischen Vollblutes d. h.
der Reinzucht mit Pferden dieser Race Mittheilungen machen zu k�nnen, und verweisen unsere
Leser deshalb an die russischen Zeitschriften �ber Rennwesen etc.
Von Chr�nowoy aus hat sich die Z�chtung des Reitschlages �ber viele Ortschaften des
Gouvernements Woronesch verbreitet; sie scheint jedoch immer mehr und mehr durch die
iucrativere Z�chtung von Harttrabern verdr�ngt zu werden. Einzelne der dortigen Privat-
gest�te, welche die Z�chtung des Reitschlages beibehalten haben, liefern j�hrlich auf die
M�rkte des Gouvernements, sowie nach Moskau und St. Petersburg manches h�bsche und
brauchbare Reitpferd. **)
*) Siehe J. Moerder. Apercu historique sur les Institutions hippiques et les Races cbevalines de la Russie.
**) Siehe J. Moerder. Tous les autres haras de chevaux de seile en Russie doivent leur creation aux deux
races Orlow et Rostoptschine, ou bien au cheval des steppes, ennobli par de.s chevaux arabes, turcs, persans et anglais.
&
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russland's pferde-eracen.
174
b. Die Traber in Chr�nowoy und an anderen Orten
des Gouvernements Woronesch.
Die Orlow- Traber -Race ist die eigentliche Specialit�t Russlands, und es wird deshalb
auch an dieser Stelle geboten sein, derselben eine etwas eingehendere Betrachtung zuzuwenden.
Schon weiter oben wurde angef�hrt, dass der arabische Schimmelhengst Smetanka,
welcher im Jahre 1775 in Morea vom Grafen Orlow f�r die Summe von 60,000 Rubel angekauft
worden ist, wohl mit Recht als der Stammvater jener ber�hmten Traber-Race angesehen
werden kann. *)
Die von Smetanka gezeugten und 1778 geborenen Hengste waren: der Schimmel
E�lkersahm aus der englischen Stute Okhotnitschia, der Grauschimmel Lubimetz aus der
arabischen Stute Saiga, der braune Bowka aus der arabischen Stute Glawhoi und endlich noch
der ber�hmte Schimmel Polkan aus einer ungenannten Stute d�nischer Race. � Smetanka
ist leider nur ein Jahr als Vaterpferd im Gest�te benutzt worden.
F�lkersahm, Lubimetz und Polkan verblieben als Besch�ler im Gest�te, der Bowka
aber wurde nach England verkauft und soll daselbst in dem Gest�te zu Southall Jahre lang
f�r 10 Guineen gedeckt haben. Die Engl�nder behaupten, dass dieses Thier sich durch
Sch�nheit, Knochenst�rke und Aktion besonders ausgezeichnet und die Aufmerksamkeit aller
Hippologen seiner Zeit auf sich gelenkt habe.
F�lkersahm erzeugte 7 Hengste und 59 Stuten, die fast alle sehr sch�ne und kr�ftige
Individuen gewesen sein sollen und s�mmtlich in Chr�nowoy zur Zucht benutzt worden sind.
Polkan erzeugte ebenfalls 7 Hengste, unter denen sich Bars I. (geb. 1784) ganz besonders als
Traber auszeichnete. � 21 T�chter Polkan's hatten als Mutterpferde einen hohen Werth, da
ihre Nachkommen s�mmtlich t�chtige L�ufer wurden.
Von dem Hengste Lubimetz sind leider keine Nachkommen im Gest�te zu Chr�nowoy
verblieben. �
Bars I. war der Sohn einer holl�ndischen Stute; da nun sein Vater � Polkan I. �
von einer d�nischen Stute gefallen und der Grossvater ein Araber � Smetanka � war, so
k�nnen wir ihn als arabisch-d�nisch-holl�ndisches Pferd bezeichnen, und als ersten Repr�sen-
tanten der Orlow'schen Traber-Race hinstellen. Die Leistungen dieses Hengstes �in der Trab-
gangart � setzten am Ende des vorigen Jahrhunderts die russischen Hippologen in gr�sstes
Erstaunen, und der Graf Orlow erkl�rte, dass dieses Thier alle diejenigen Eigenschaften
bes�sse, welche man bei einem Harttraber nur immer w�nschen k�nne.
Bars I. diente dem Gest�te 17 Jahre lang als Vaterpferd und besass am Ende seines
Lebens eine eben so zahlreiche wie werthvolle Nachkommenschaft. Die besten seiner S�hne,
hervorgegangen aus einer Paarung mit Stuten arabischer und englischer Abkunft, waren die
Hengste Silinsky, Besimanka, Pochwalnuy, Usann und Dobry. die ihrerseits wieder viel zur
Vermehrung der Traber-Race beigetragen haben. Am meisten aber befestigte den Ruhm
seines Vaters der j�ngste Sohn von Bars L, n�mlich der Hengst Lebed L, aus einer Tochter
des F�lkersahm, einer Enkelin also von Smetanka. Dieses Pferd zeigte auf der Rennbahn die
gr�sste Schnelligkeit und eine wunderbare Ausdauer. � Der Graf bestimmte seine Hengste zu
Besch�lern immer erst nach bestandener Pr�fung im Trabe, und legte bei der Z�chtung dieses
Schlages denHauptwerth auf die Reinheit des m�nnlichen Geschlechtes, hingegen legte
*) In Chr�nowoy wird ein Theil von dem Skelette Smetanka's, welches 1812 verloren gegangen war und erst
1850 durch die Vermittlung einer hochgestellten Person wieder herbeigeschafft worden ist, aufbewahrt. Leider fehlen
viele Knochen an demselben, unter anderen der Vorderkiefer, einige R�ckenwirbel und Rippen, so dass die bei dem Pferde
vorhanden gewesene Ueberz�hligkeit der Rippen jetzt nicht mehr constatirt werden kann. S�mmtliche Knochen sind
ungew�hnlich compact und die flachen Theile derselben an manchen Stellen durchscheinend.
                     (Unterberger).
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DAS STAATS- ODER KRONGEST�T CHR�NOWOY IM GOUVERNEMENT WORONESCH.       175
er keinen besonderen Werth auf die Mutterpferde; er verkaufte oftmals ohne Bedenken gute
Mutterstuten aus seinem Gest�te. Jener einsichtsvolle Z�chter gedachte durch den Typus der
Hengste, welche Nachkommen von Bars I. waren, diese oder jene w�nschenswerthe Eigenschaft
auf die Nachzucht zu �bertragen und er soll das vorgesteckte Ziel auch sehr bald erreicht
haben. �
Der Graf Orlow-Tschesmensky hielt bei der Z�chtung seiner Traber einerseits hart-
n�ckig an dem Blute von Pochwolnuy I. und an den diesem gleichbl�tigen T�chtern von Polkan I.
und Polkan II. fest, mischte aber auch andererseits in die anderen Linien von Bars I. mehr
und mehr Blut vom Reitschlage, und zwar rein englisches in Silinsky und Dobry, arabisch-
mecklenburgisches in Lubesny I. und Lebed I. In den weiteren Versuchen blieb der Graf
nicht beim alten Verfahren stehen, sondern gab dem Dobry � v�terlicherseits ein Enkel des
arabischen Hengstes Starik � die englische Stute Udalaja und z�chtete den pr�chtige
Krolik I., ferner noch die englische Stute Podjemnaja, Mutter der ausgezeichneten Hengste
Lejtan I., Gronostaj IV. und Wissapur I. Andererseits wurden die von M�ttern des Reit-
schlages geborenen Kinder des Bars I. meistens wieder mit Stuten aus dem Blute dieses
Besch�lers gepaart. Sehr h�ufig wurde die Orlow'sche Traber-Race � sogar noch im Jahre 1840
� durch M�tter gehoben und verfeinert (ausgetrocknet), welche in nahen, aufsteigenden
Generationen Erzeuger von ganz reinem Blute des Reitschlages aufwiesen.
Indem der Graf auf diese Weise Jahre lang mit Kenntniss und gr�sster Umsicht bei
der'Z�chtung vorging, schuf er die nach ihm benannte Orlow'sche Traber-Race. � Auf die
reine Abstammung der Besch�ler wurde in Chr�nowoy bis zum Tode des alten Grafen streng
gehalten, wohingegen oftmals eine Blutauffrischung bei den Mutterpferden vorgenommen wurde.
Von verschiedenen Hippologen Russlands wird behauptet, dass die Orlow-Race bereits
in den ersten 30 Jahren unseres Jahrhunderts eine solche Constanz und einen so scharf ausge-
pr�gten Typus besessen h�tte, dass kaum ein Pferd von dem anderen innerhalb des Gest�ts
h�tte unterschieden werden k�nnen.
Wir k�nnen diesen Angaben keinen vollen Glauben schenken, halten dieselben viel-
mehr f�r �bertrieben und verweisen dieserhalb auf die glaubw�rdigen Berichte sachkundiger
M�nner, welche in dem schon weiter oben genannten Werke von Jessen zum Abdruck ge-
kommen sind. � Zur Zeit des alten Grafen besass das Gest�t 3000 Pferde, von welchen nahezu
die H�lfte als ,,Traber" bezeichnet wurden; es ist nicht anzunehmen, dass sich diese Pferde
alle so �hnlich gesehen haben, dass eine Unterscheidung derselben Kennern h�tte schwer
werden k�nnen.
Der Akademiker von Middendorf sagt in seinem Berichte vom 6. M�rz 1867 an den
Oberdirigirenten der Reichsgest�te Folgendes: �Die Orlow'schen Traber-Pferde, obgleich her-
vorgegangen aus der Mischung sehr verschiedenartiger und durchaus ungleicher Racen, werden
jetzt schon 80 Jahre in der Race gez�chtet, sind hinl�nglich ausgeglichen unter einander und
bewahren in einem bedeutenden Grade ihre Eigent�mlichkeiten. Diese h�chst sch�tzens-
werthen Eigenschaften sind treu ausgedr�ckt in der Besonderheit ihres K�rperbaues und werden
sichtlich schon in dem k�nstlich angelernten Gange auf die Nachkommen �bertragen. Aus-
reichende Beispiele giebt es davon, dass diese eigenth�mlichen Vorz�ge in ausserordentlicher
Entwickelung und mit grosser Sicherheit auf die Nachzucht �bergehen, sowohl von Seiten aus-
gezeichneter V�ter als M�tter. Daher m�ssen ohne Zweifel die Orlow'schen Traberpferde,
welche ohne Beimischung anderen Blutes von Bars I. und Polkan IL abstammen, als von
reiner Race anerkannt werden, zum Theil sind sie sogar reinen Stammes."
Wir haben keinen Grund, die Angaben dieses ausgezeichneten Forschers zu bezweifeln,
wissen aber auch sehr wohl, und ersehen solches aus der uns vorliegenden Literatur, dass die
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russland's pferde-racen.
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Veredlung und Verbesserung der fraglichen Race zum nicht geringen Theile erst in der Zeit
von 1830 bis 1870 stattgefunden, jedenfalls in diesem Zeitr�ume sehr grosse Fortschritte gemacht
hat. � Es w�rde ungerecht sein, wenn wir den grossen Werth und die Bedeutung der russi-
schen Traber-Race hier anzweifeln wollten; nur k�nnen wir nicht zugeben, dass die Z�chter
derselben im Allgemeinen berechtigt sind, zu behaupten, dass sie bereits am Ziel ihrer
Z�chtung angelangt w�ren; es bleibt bez�glich der Form dieser Pferde noch Mancherlei zu
bessern �brig. Im Fohlen-Alter erscheinen die Traber sehr oft schwammig und unedel; sie
werden erst nach und nach trockener und gef�lliger in den K�rperformen.
Nach Schwarznecker z�chtet man in Chr�nowoy �brigens zwei Linien dieser Traber, die
gr�ssere mit vorherrschend holl�ndischem Typus, unedler aber g�ngiger, die andere mit �ber-
wiegend orientalischem Typus hat sch�rfere Contouren und straffere Textur, aber weniger die
charakteristisch schnelle Action; man kann diesen Unterschied in der Form recht evident im
Leibstalle Sr. Majest�t des deutschen Kaisers in Berlin wahrnehmen, wo die alten Orlow's die
erstere unsch�nere Linie vertreten, w�hrend die neu acquirirten kleiner, tiefer, geschlossener
und eleganter gebaut sind, aber auch � conto dieser gr�sseren Sch�nheit ein gutes Theil ihrer
Schnelligkeit eingeb�sst zu haben scheinen. �
In dieser Weise �ussert sich jener t�chtige Hippologe, der k�nigliche Gest�tsinspector
in Wickrath �ber die Orlow'sche Traber-Race. Auch dieser Forscher leugnet nicht, dass die
aus ziemlich bunter Kreuzung hervorgegangene Race ihre vorz�glichen Eigenschaften, beson-
ders die charakteristische Trabbewegung vielen anderen russischen Schl�gen mitgetheilt hat,
sagt aber bei der Gelegenheit: �allerdings zum grossen Leidwesen der Reinzucht-Theoretiker,
denen diese Erscheinung durchaus nicht in ihr System passt, dass er aus Kreuzungen, und noch
dazu aus so heterogenen Kreuzungen, hervorgegangenen Thieren jede Berechtigung zu constan-
ter Vererbung abdecretire."
Sowohl der Gr�nder dieser Race, der Graf Orlow, wie sein Nachfolger in Chr�nowoy,
der t�chtige Schiskin, hat das Zuchtgesch�ft in diesem Gest�te stets sorgf�ltigst �berwacht;
Beide haben f�r die Verbesserung und Veredlung der Pferdezucht in Russland unstreitig Her-
vorragendes geleistet und das ganze Land ist ihnen hierf�r grossen Dank schuldig. Sie verlangten
von ihren Traberhengsten, wie Stuten nicht allein, dass sie sich auf der Rennbahn durch grosse
Schnelligkeit, sondern auch durch Reinheit ihres Trabes auszeichneten. Pferde, welche in der
Trabgangart Unregelm�ssigkeiten zeigten, wurden sehr bald von der Zucht ausgeschlossen.
Der Graf Orlow wachte eifers�chtig �ber den Ruhm seines Gest�tes und verkaufte
niemals einen Traberhengst, wohl aber manche Stute. � Man sagte uns, dass an dieser
Maxime auch nach dem Tode des Grafen von seinen Erben so streng festgehalten wurde,
dass selbst der Kaiser Alexander I. von der Gr�fin G. A. Orlow statt der vier erbetenen
Traberhengste nur vier Wallachen erhielt.
Der russische Hippolog W. Koptjeff berichtete 1866 an den Oberdirigirenten der
Reichs-Gest�te in St. Petersburg, den , General-Adjutanten von Gr�nwaldt, bez�glich der
Schnelligkeit und regelm�ssigen Gangart der Traber etwa Folgendes: �Die Bewegung dieser
grossartigen Rosse war so regelm�ssig, dass man auf die Kruppe des Pferdes ein gef�lltes
Glas Wasser h�tte stellen k�nnen, ohne dass es �bergesch�ttet w�re, so ruhig ging das Vor-
schreiten des Pferdes im fliegenden Trabe von statten und nur die Extremit�ten brachten in
schnellen, regelm�ssig abgemessenen Schritten, wovon der Takt der Hufschl�ge Kunde
gab, den Traber vorw�rts. Augenzeugen erz�hlten mir, dass die Bewegung der F�sse des
Potj�schnoi (der Erfreuende, Tr�ster etc.), des Lieblingswallachs des Grafen, der ihn mehr als
andere Pferde erfreute, so schnell gewesen sei, dass, wenn man den Blick auf seinen Trab
richtete, in einem und demselben Augenblicke alle vier gl�nzenden Hufeisen unter der in der
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Oiiow-Hengst aus Khrenowo
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DAS STAATS- ODER KRONGEST�T CHR�NOWOT IM GOUVERNEMENT WORONESCH.         \~1
Luft schwebenden Masse des Trabers gesehen w�ren. Die �lteren Leute behaupten, dass die
Traber des Grafen die Strecke von 200 Faden*) in etwa 30 Sekunden durchliefen, und erinnern
sich, dass w�hrend des Rennens einer der Diener des Grafen mit einer tellergrossen Uhr
in der Hand dastand, um am Ende des Laufes dem Grafen �ber die Schnelligkeit, womit
das Pferd die Strecke durchlaufen hatte, genau berichten zu k�nnen. Selten �berstieg die
gebrauchte Zeit 30 Sekunden. Nachdem der Graf auf solche Weise das Ende der Bahn erreicht
hatte, durchfuhr er die halbrunde Biegung � etwa 60 Faden � im Schritt, dann wurden die
Z�gel auf's Neue angezogen, auf's Neue durchflog sein Traber 200 Faden bis an's entgegen-
gesetzte Ende der Bahn und abermals wurde die Biegung im Schritt zur�ckgelegt. Wenn er
in dieser Weise vier Bahnl�ngen zur�ckgelegt hatte, setzte sich der Graf in einen anderen
Schlitten, oder in eine andere Droschke und fuhr wieder vier Enden mit einem anderen Traber;
gr�ssere Strecken muthete er seinen Pferden aber niemals zu."
Auf den Rennbahnen der Neuzeit leisten die Orlow- Traber � nach Moerder's Angaben
� fast noch mehr, als ihre Voreltern in Chr�nowoy. Die Sieger bei den grossen Rennen auf
dem Eise der Newa m�ssen oftmals in einer Tour 12 Werst durchlaufen.**)
In Russland nennt man jetzt nur allein diejenigen Pferde �Traber," welche die Strecke
von einer Werst mindestens in 2 Minuten durchlaufen.'"**)
Nach dem Tode des Grafen A. G. Orlow (1812) �bernahm W. Schischkin die Verwaltung
des Gest�ts zu Chr�nowoy; auch dieser Mann hat f�r die dortige Traberzucht bis Ende des
Jahres 1830 viel gethan, stets mit Geschick und Sachkenntniss gearbeitet und soll besonders
f�r die Verbreitung der Liebhaberei des Traber-Sport in Russland nach Kr�ften gewirkt haben.
Erst von dieser Zeit an erschienen die ber�hmten Orlow'schen Wallachen in den Strassen und
auf den Rennpl�tzen von Moskau und St. Petersburg.
Die Traberzucht erhielt � nach Victor Silberer's Angaben � in Russland einen neuen
Impuls, als der Verwalter Schischkin ein eigenes Gest�t begr�ndete und darin sowohl Hengste
als Stuten aus den besten Orlow'schen Traberst�mmen z�chtete und diese verkaufte, denn
damit war nun erst die Gelegenheit geboten, f�r die echten Orlow'schen Traberstuten auch
ebenb�rtige Traberhengste, wenngleich f�r schweres Geld, zu kaufen. � Schon damals wurden
an Schischkin f�r t�chtige Hengste willig 1000 Rubel und mehr bezahlt. � Noch mehr aber
wurde die Traberzucht gef�rdert, als die Krone im Jahre 1845 das Gest�t zu Chr�nowoy der
Gr�fin Orlow abkaufte, die Reste der echten Traber - Race sorgf�ltig erhielt, dieselben ver-
mehrte und durch ihre Hengste in den Besch�lstationen verallgemeinerte.
Ende der vierziger und zu Anfang der f�nfziger Jahre wurden nicht allein an ver-
schiedenen Orten des Gouvernements Woronesch und Tambow, sondern auch in vielen Ort-
schaften des centralen und s�dlichen Russland � besonders in der Region der Schwarzerde �
viele Gest�te ausschliesslich zu dem Zwecke gegr�ndet, Traberpferde zu z�chten, und einzelne
derselben haben in den letzten Jahrzehnten bereits recht T�chtiges geleistet. �
Wir nennen hier vor allen anderen das Gest�t des F�rsten Nicolai Nikolaewitsch
Orlow zu Pody, in welchem 1876 etwa 100 Stuten und 16 Hengste zur Zucht benutzt wurden.
*) Ein Faden ist gleich 3 Archin oder 7 Fuss englisch. Ein Archin ist gleich 0,71119 Meter.
**) Les hippodromes sont ordinairement formes en ovale, de I rh � 2 verstes de parcours; il est difficile de
lancer plus de deux chevaux � la fois et en supposant quil y ait plusieurs concurrents on fait courier, les plus rapides
entre eux jusqu'� ce que les prix soit decerne an plus vite. -- De cette facon, il arrive quelques fois que la course
n'etant que 3 verstes, les chevaux gagnants en ont fait 12, ayant subi 4 contre - epreuves avec plusieurs concurrents.
Fourtant il y a des prix pour lesquels les contre-epreuves ne sont pas exigees, et, dans ces cas, le cheval arrive
premier recoit le prix immediatement.
***) Die Russen schreiben und nennen diese Pferde nicht Traber, sondern Traber.
Freytag, Russland's Pferde - Eacen.                                                                                                                       23
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Brust -Lisitzin, welchem wir die Photographie des hier abgebildeten Hengstes Plottny � in
Pody geboren � zu verdanken haben, gab uns an, dass daselbst 24,000 Morgen Land zur
Unterhaltung der grossen Stuterei dienten. Der F�rst verkauft nur die fehlerhaften Pferde
seines Gest�tes, alle besseren Individuen werden entweder von ihm selbst zur Zucht benutzt
oder verschenkt. Unterberger sagt bez�glich Pody's, dass er daselbst die sch�nsten Gest�ts-
geb�ude mit sehr geschmackvoller Architectur gesehen h�tte. Der Gest�tshof liegt auf einer
Anh�he; in der Tiefe erblickt man links die Kirche von Pody, rechts einen Kirchhof, grasreiche
Wiesen, Arbusen- und Melonenfelder, und zwischen ihnen schl�ngelt sich die den Pferdelieb-
habern wohlbekannte Bitjuga. Die Geb�ude bilden ein Viereck, das einen grossen Hof ein-
schliesst, in welchem die ger�umige Manege hineinragt. Die letztere ist durch eine mit grossen
Fenstern versehene Loge in zwei H�lften getheilt und an den W�nden mit sch�nen Basreliefs
und dem Wappen des F�rsten geziert. � Die Stallungen sind in Pody sehr hoch und
ger�umig; die Hengste stehen in Kasten, die Stuten in �hnlichen St�nden wie in Potschinkow.
Fohlenh�fe sind hier nicht vorhanden, doch werden jeden Winter Vorkehrungen getroffen, damit
die Fohlen zu jeder Zeit die ihnen so nothwendige Bewegung im Freien geniessenk�nnen. �
Einer der ber�hmtesten Hengste fr�herer Zeit war der Rappe Lowky, ein Sohn von
Lebed IV. aus Chr�nowoy. Dieses Thier zeigte eine besonders schnelle Bewegung und fiel
durch das lange Haar auf, welches nicht nur hinter dem Fesselgelenk, sondern auch vor
demselben und dem vorderen Kniegelenk bemerkbar war. Auch der schwarzbraune �Wissapur"
war ein ber�hmtes Pferd in Pody; er hatte sehr lange M�hnen und einen starken Schweif,
besass die echten Traberschultern und F�sse mit grossen Hufen. Im Stande der Ruhe
erinnerte dieses Pferd an die holl�ndische Abkunft der Orlow-Traber, bei der Bewegung aber
schien ein Araber in ihm verborgen zu sein.
Der Reitschlag in Pody wurde lange Zeit auf das Vorteilhafteste durch den Besch�ler
Jochont repr�sentirt, dessen Stammbaum in dem Blute Saltan's I. wurzelte, der im Jahre 1774
von dem Grafen A. G. Orlow aus Arabien eingef�hrt wurde. � Auch jetzt besitzt dieses
Gest�t vortreffliche Thiere des Reitschlages � im Ganzen 5 Hengste und 29 Mutterstuten �,
die ihrer grossen Schnelligkeit, befriedigenden H�he und Gewandtheit wegen allgemein
bekannt und ber�hmt sind.
Als Traber des f�rstlich Orlow'schen Gest�ts sind nennenswerth: Die Hengste Pavline,
Arab, der junge Buky und die Mutterstute Nesabwennaya, die sich alle vier als Zucht-
pferde durch ihre vortreffliche Vererbungskraft ausgezeichnet haben.
Das Gest�t Sr. Kaiserl. Hoheit des Grossf�rsten Nikolaus Nikolaewitsch in Tschesmenska
besitzt 14 Besch�ler und 91 Mutterstuten, zum Theil arabisches Vollblut und englisches Halb-
blut, gr�sstentheils aber Traber ersten Ranges. *)
Der Grossf�rst ist ein ebenso sachkundiger, wie passionirter Pferdez�chter; er �ber-
wacht die Z�chtung seines pr�chtigen, altber�hmten Gest�tes sehr streng und l�sst daselbst
stets nur die besten Pferde zur Zucht verwenden. � Wir sind leider nicht in der Lage, eine
Abbildung von Pferden aus diesem Gest�te hier liefern zu k�nnen, nennen aber vor allen
andern Hengsten den t�chtigen Tugoy, welcher auf der St. Petersburger Ausstellung 1879
einen grossen Preis erhielt. Vom Reitschlage zu Tschesmenska zeichnete sich der Hengst
Dant durch seine h�bsche Gestalt und guten Gangarten vortheilhaft aus; auch f�r dieses Pferd
erhielt der Grossf�rst 1879 eine Pr�mie.
*) Diese Vollblut-Pepiniere war zuerst in der Stadt Skopin im Gouvernement Rj�zan eingerichtet, und bestand
aus Pferden, welche man im Orient und in England angekauft hatte. Als die Regierung 1843 von der Gr�fin Orlow
L�ndereien im Gouvernement AVoronesch angekauft hatte , wurde jenes Gest�t zuerst nach dem Flecken Tschesmenska
und sp�ter erst nach Chr�nowoy verlegt.
                                                                                                     (von Meyendorff.)
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Plottny
imGestiitdes F�rsten Orlow.
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ODER KRONGEST�T CHR�NOWOY IM
GOUVERNEMENT W ORONESCH.
179
DAS STAATS-
Endlich ist hier noch zu erw�hnen das Gest�t des Majors Wassily Pawlowitsch Ochot-
nikow in Alexieewka, in welchem jetzt 12 Besch�ler und 63 Mutterstuten der Traber-Race,
wie des Reit- und Arbeitsschlages gehalten werden. Auch in diesem Gest�te wird die Z�chtung
mit Sachkenntniss betrieben; mehrere Pferde desselben haben sich durch t�chtige Leistungen her-
vorgethan. � Ueber das gr�sste Privat - Gest�t im Gouvernement Woronesch, welches jetzt im
Besitz des Ehrenb�rgers Mitrofan Strabonow ist, haben wir leider keine Nachrichten erhalten.
Die H�he des Orlow'schen Traber-Pferdes stellt sich im Durchschnitt auf 1,65 Meter;
einzelne Thiere der Race erreichen eine Gr�sse von 1,75 Meter, doch giebt es auch viele
Exemplare, welche kaum 1,60 Meter gross werden. Die meisten dieser Pferde imponiren durch
ihren kr�ttigen, wohlproportionirten K�rperbau. Sie besitzen einen trockenen Kopf mit sch�nen,
grossen Augen und erinnern in dieser Beziehung an ihre orientalische Abkunft. Selten bildet
Stirn und Nase eine gerade Linie, die letztere ist h�ufig etwas herausgebogen. Der Kopf ist
in der Regel hoch aufgerichtet und an den etwas starken, sonst aber gut geformten Hals
meistens h�bsch angesetzt. Ihre Brustdimension ist nicht bedeutend, sie erscheint im Gegen-
theil h�ufig etwas flach und nur massig tief, wenn auch lang im Brustbeine, so dass der Raum
f�r die Athmungsorgane wenigstens in einer Richtung ausgiebig genannt werden kann.
Der trockene Widerrist der Orlow-Traber verl�uft allm�lig in einen breiten, kr�ftigen
R�cken, welcher besonders voll in der Nierenpartie zu sein pflegt. Ihre lange Kruppe ist
bald mehr, bald weniger absch�ssig, in der Regel eigenth�mlich gew�lbt, aber nicht � wie es
bei den Friesen und Holl�ndern gew�hnlich der Fall ist � gespalten oder gekerbt. Volle
Flanken lullen den schmalen Raum zwischen Rippen und H�ften gut aus. An den Gliedmassen
dieser Pferde bemerkt man meistens eine vorz�gliche Winkelbildung und gute Muskulatur.
Ihre breiten, langen Schulterbl�tter, mit strammen, deutlich markirten Muskeln bedeckt, haben
eine schr�ge Lage und bilden mit dem Querbeine nahezu einen rechten, zuweilen auch einen etwas
stumpfen Winkel. Die Ellenbogenbeine stehen von der Brust ab, die Unterarme der Vorder-
beine sind lang, die Schienbeine kurz, auch die Fesseln nicht zu lang und meistens gut gestellt.
Ihre Beine sind massig stark in den Gelenken, besonders in den Sprunggelenken weder
hervorragend breit, noch allzu kr�ftig. Die grossen Hufe dieser Pferde besitzen in der Regel
eine gute Form. An den Vorarmen, wie an den etwas langen Hosen findet sich gew�hnlich
eine gute Muskulatur. Meistens haben die Orlow-Traber eine weiche, elastische Haut, welche
mit feinen Deckhaaren dicht besetzt ist. M�hne und Schweif sind vollhaarig und lang; auch
der Behang an den K�then ist lang und wird nur selten gestutzt. Der Schweif wird nicht
besonders sch�n getragen. Rappen und Schimmel kommen in dieser Race am h�ufigsten vor
doch sieht man sowohl in Chr�nowoy wie in den anderen Traber - Gest�ten auch viele
braun- und fuchshaarige Pferde, und es scheint fast, dass diese letztgenannten Haarf�rbungen
bei den Orlows jetzt in Mode kommen. �
Im Allgemeinen bemerkt man in der Traber-Race viele hochbeinige, wenig rumpfige
und nicht sehr edle Thiere, die uns anf�nglich, besonders wenn sie �unter sich" stehen, nicht
recht gefallen k�nnen; wir s�hnen uns aber sehr bald mit ihren Formen aus, wenn sie in Be-
wegung kommen; sie ver�ndern sich dann in auff�lligster Weise. Schon im Schritt �berragt
die Spur der Hinterf�sse die der vorderen Extremit�ten und beim Traben ist solches noch
weit mehr der Fall, so dass, wenn alle vier F�sse ihre Aktion vollendet haben , sehr olt eine
Strecke von drei K�rperl�ngen zur�ckgelegt ist.
Victor Silberer sagt: �Fest an das Gebiss g-elehnt, h�bsch im hochstehenden Halse
gebogen, von lebhaftem Temperamente, arbeiten diese Pferde mit einer T�chtigkeit und
Gleichm�ssigkeit einer Maschine. W�hrend die Vorderbeine, stark in den Knieen gebogen,
fast an den Leib anschlagen, werden die Hinterbeine �ber die vordere Hufspur hinwegge-
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i8o                                                     russland's pferde-racen.
schoben und man kann thats�chlich in einzelnen Momenten alle 4 Hufeisen in der Luft blinken
sehen und dabei ist die Seitw�rtsbewegung der Kruppe fast unmerklich. � Die Schnelligkeit
eines russischen Trabers erster Klasse aus dem kaiserlichen Orlow-Gest�te ist heute der-
artig, dass er 3 Kilometer in 4% Minuten zur�cklegt und mit dieser Schnelligkeit eine grosse
Ausdauer verbindet, was einer Ziffer von 2 : 32 f�r eine englische Meile entspricht." �
Die Chr�nowoyer Gest�ts- Chronik berichtet �ber die Leistungsf�higkeit der dortigen
Traber-Race unter vielen anderen Historien noch folgende: �Im Jahre 1815 besuchte der Kaiser
Alexander I. das Gest�t des Grafen Orlow in Chr�nowoy; nach Besichtigung der ihm vorge-
f�hrten Pferde wollte der Kaiser einen Abstecher nach Tschesmenka, wo sich jetzt das Gest�t
des Grossf�rsten Nicolaus Nikolajewitsch befindet, machen und Hess zu diesem Zwecke das
beste Dreigespann des Grafen Orlow vorfahren. Tschesmenka liegt von Chr�nowoy etwa 30
Kilometer entfernt, der Weg war damals noch sehr schlecht � heute soll er etwas besser
sein. � In der Gabel der Tro'ika ging ein Traber, rechts und links von diesem liefen auf der
Wildbahn zwei englische Vollblutpferde, welche fortw�hrend neben dem Gabelpferde im Ga-
lopp gehen mussten. Auf dem Wege nach Tschesmenka st�rzten die beiden Wildbahnpferde
todt zusammen, der Traber aber war nach beendigter Fahrt in einem solchen Kraftzustande,
dass er, am Ziele angekommen und nach einem etwa zweist�ndigen Aufenthalte des Kaisers
in Tschesmenka, wieder zur R�ckfahrt benutzt werden konnte. Zwei frische Wildbahnpferde
englischer Race wurden dem Traber zugespannt, allein auch diese mussten das Schicksal der
ersteren theilen; sie gingen an den Folgen der Ueberanstrengung zu Grunde, w�hrend
jener Orlow-Traber frisch und munter in Chr�nowoy ankam und sp�ter noch manche �hnliche
Fahrt gemacht haben soll." �
Allj�hrlich finden auf verschiedenen Rennbahnen der russischen Grossst�dte Wettfahrten
mit Traber-Pferden statt; die Zeitschrift f�r Liebhaber des Sport (Herausgeber Ladigin) und
Iwan von Moerder's Journal f�r das Gest�ts- und Jagdwesen in Russland berichten �ber die
grossen Leistungen der Orlow-Traber aus den verschiedenen Kr�n- und Privat - Gest�ten. �
Im Jahre 1875 zeigten die nachgenannten Traber die gr�sste Schnelligkeit und gingen
als Sieger �ber die Bahn :
1)  Bei einer Distanz von i1^ Werst: Der Schimmelhengst Potechny, 5 Jahre alt, im
Besitz des Hrn. Wolkow, in 2 Minuten und 35 Sekunden oder die Werst in 1 Minute und 43x/2
Sekunden, auf dem Rennen zu Moskau.
2)  Distanz: 2 Werst. Die Schimmelstute Mogontchaya, 6 Jahre alt, im Besitze des Hrn.
V. P. Iwanow, in 3 Min. 40 Sek. oder die Werst in 1 Min. 50 Sek., auf dem Rennen in Kiew,
3)  Distanz: 3 Werst. Der Schimmelhengst Kroutoy IL (siehe Abbildung), 7 Jahre alt
im Besitz des Hrn. Daziaro und der Schimmelhengst Wariague, 7 Jahre alt, im Besitz des
Hrn. von Bauvais. Beide Pferde durchliefen die Bahn zu Moskau in 5 Min. 7 Sek. oder die
Werst in 1 Min. 42^2 Sek.
4)  Distanz: 4 Werst. Die Schimmel-Stute Mogontchaya, 6 Iahre alt, im Besitz des Hrn
Iwanow, in 7 Min. 13 Sek. oder die Werst in 1 Min. 48 V4 Sek., Rennen in Kiew.
5)  Distanz: 4V2 Werst. Der Schimmelhengst Ousserdny, 7 Jahre alt, im Besitz des Hrn.
Iwanenkow, in 7 Min. 55 Sek. oder die Werst in 1 Min. 45V2 Sek., Rennen in Tambow.
6)  Distanz: 5 Werst. Der braune Hengst Swetliak, 7 Jahre alt, im Besitz des F�rsten
D. Obolensky, in 9 Minuten 20 Sekunden oder die Werst in 1 Minute 52 Sekunden, Rennen in
St. Petersburg.
7)  Distanz: 6 Werst. Der dunkelbraune Hengst Krolik, 7 Jahre alt, im Besitz des Hrn.
Tegler, in 10 Min. 34 Sek. oder die Werst in 1 Min. 45% Sek., Rennen in Moskau.
8)  Distanz: 250 Faden. Der dunkelbraune Hengst Petel, 10 Jahre alt, im Besitz des
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Druchv.t.A h.,.'
Krutay
Traber Hengst.
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DAS STAATS- ODER KRONGEST�T CHR�NOWOY IM GOUVERNEMENT WORONESCH.       l8l
Hrn. Grafen Worontzow-Daschkow, in 14 Min. 35 Sek. oder die Werst in 1 Min. 56% Sek.,
Rennen in Moskau.
Am 20. Jan. 1880 fand das erste Trab-Rennen auf der Newa, � vis � vis dem Winter-
palast des Kaisers � statt, welches allj�hrlich zur Erinnerung an die grossen z�chterischen
Leistungen des Grafen Orlow-Tschesmensky vom Vereine der Liebhaber f�r Traber-Sport da-
selbst abgehalten wird.
Den ersten Preis (1000 Rubel) auf diesem Rennen erhielt der Schimmelhengst Dim, im
Besitz des Herrn Bowe, welcher die 3 Werst lange Bahn in 5 Min. 39 Sek. durchlief. Dem
Z�chter dieses Pferdes, F�rsten Golizin, wurde als Preis ein goldener Becher mit dem Wappen
des Grafen Orlow zuerkannt. �
Das zweite Rennen (an demselben Tage) war f�r Pferde im Alter von 5 bis 6 Jahren
angesetzt, die nie zuvor ein Trab-Rennen mitgemacht hatten. Sieger war die Schimmelstute
Lewata, im Besitz des Herrn Strachow; sie durchlief die 4 Werst lange Bahn in 8 Min. 3 Sek.
Bei dem dritten Rennen, um den grossen Staatspreis, f�r Pferde, welche nicht fr�her
als im Jahre 1874 geboren waren, erschienen 2 Traber ersten Ranges: Der ber�hmte Sieger
Mirawoy, im Besitz des Hrn. Wapukow, und der Hengst Swet des Grafen Woronzow-Daschkow.
Obgleich der Swet noch sehr jung und erst im Sommer 1879 seine Siegeslaufbahn begonnen
hatte, so schlug er dennoch den Mirawoy und ging als Sieger �ber die Bahn. Swet durchlief
die 3 Werst lange Bahn in 5 Min. 29 Sek. �
Bei dem Rennen am 2. Febr. 1880 siegte ebenfalls der Swet und brachte seinem Be-
sitzer den zweiten Staatspreis ein. � Der Hengst Talismann, im Besitz des Hrn. Malutin, ge-
wann das zweite Rennen und den grossen Gest�tspreis; er durchlief die 3 Werst lange Bahn
in 5 Min. 48 Sek. �
Ferner siegte noch an demselben Tage die Stute Neft, im Besitz des Hrn. Wolkonsky.
� Den Preis f�r die Troikas erhielt ein Herr Dmitriew, dessen Gespann alle Concurrenten auf
dem Eise weit hinter sich Hess und eine fabelhafte Ausdauer an den Tag legte.
Am 14. Februar 1880 erhielt den ersten Preis (700 Rubel und einen goldenen Becher)
ein Herr Golowin, den zweiten Preis bekam Herr Wauakow und den dritten Preis (f�r Stuten)
erhielt der Graf Robopierre. Den letzten Preis f�r Troikas erhielt an jenem Tage ein Herr
Holodakow, dessen Dreigespann die 5 Werst lange Bahn in 9 Min. 14 Sek. durchlaufen hatte.
Diese Angaben �ber die Schnelligkeit und Ausdauer der Orlow-Traber in Russland
werden unseren Lesern vielleicht gen�gen; andernfalls verweisen wir auf die weiter oben ge-
nannten Zeitschriften f�r den russischen Traber-Sport. �
Die Orlow-Traber haben aber auch im Auslande durch ihre Leistungen gr�sstes Auf-
sehen erregt, so z. B. in Frankreich die Hengste Peretz, Polkantschik, Werny und die Stute
Krosotka. � Victor Silberer berichtet �ber dieselben Folgendes: �Peretz, Hengst, 8 Jahre alt,
nach Worojey von Bulatonga, gegenw�rtig in Frankreich im Gest�te zu Chamboudoin (Loivet),
ist einer der vorz�glichsten Traber Russlands; seine beste Leistung war 2 englische Meilen in
5 Min. 1/4 Sek. und zwar im Drogki (russischen vierr�derigen Wagen). Ihm zun�chst kommt
Polkantschik, Grauschimmelhengst nach Dujok von Zabada, Eigenth�mer Herr Popow. Dieses
Pferd gewann am 7. Sept. 1879 beim internationalen Trabrennen zu Vincennes den ersten Preis;
es lief 5000 Meter in 8 Min. 31 Sek. � Die dunkelbraune Stute Krasotka durchlief 2 englische
Meilen in 5 Min. 13 Sek. � Werny wurde am 5. Juli 1879 von Hrn. Blaisel geritten und legte
die Strecke vom Bois de Boulogne �ber St. Germain, Nantes, Rosny und retour � 128 Kilo-
meter � in 9 Stunden 5 Minuten zur�ck. �
Der hier abgebildete Hengst Krutoy IL, im Besitz des Herrn Daziaro, ist einer der be-
r�hmtesten Orlow-Traber der Neuzeit; der Staatsrath von Brust-Lisitzin nennt ihn das �beste
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russland's pferde-racen.
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Pferd Russlands." Als besonders sch�nes Pferd dieser Race ist der ebenfalls hier abge-
bildete Hengst Udar zu bezeichnen, der seit Jahren vom russischen Grossf�rsten-Thronfolger
als Einsp�nner benutzt wird und durch seine hervorragenden Leistungen und Sch�nheit der
Formen stets das gr�sste Aufsehen in St. Petersburg macht. Auf der letzten Pferde-Ausstellung
wurde dem Z�chter dieses chr�nowoyschen Pferdes die grosse goldene Medaille zuerkannt.
Der beistehend abgebildete Traber - Hengst Polkan war l�ngere Zeit Einsp�nner des
Grossf�rsten Konstantin Nikolajewitsch, und wurde nur unter der Bedingung in den Marstall
desselben von der Gest�ts-Verwaltung verkauft, dass er nach einigen Jahren wieder in das
Chr�nowoyer Gest�t zur�ckgegeben w�rde, was auch bereits geschehen ist. Endlich verdient
hier noch abgebildet zu werden der pr�chtige Traberhengst Wadim, der, wie die anderen, in
Chr�nowoy geboren, auch daselbst aufgezogen wurde und Jahr f�r Jahr eine vorz�gliche
Nachkommenschaft geliefert haben soll. �
Im Jahre 1880 sind auf 28 russischen Arenen 289 Orlow-Traber �ber die Bahn ge-
gangen. Die Hengste Peretz und Lubesny haben die meisten Siege davon getragen und gelten
zur Zeit (December 1880) f�r die besten Traber Russland's.*)
Der Professor P. Jessen in Dorpat liefert uns in seinem schon weiter oben erw�hnten
Buche: �Zur Frage �ber die Reinheit der Race des Orlow'schen Traberpferdes" einen Schluss-
artikel, welcher f�r viele unserer Leser nicht uninteressant sein d�rfte, und geben wir daher
denselben im Auszuge hier wieder:
�Der Ober-Dirigirende der Reichspferdezucht, General-Adjutant R. J. Gr�nwaldt, be-
stimmt von dem Wunsche, die Vorz�ge der von dem Grafen A. G. Orlow begr�ndeten
Traberpferde-Race mehr hervorzuheben, und in der Absicht, m�glichst sichere Grundlagen
f�r die Festsetzung der zur reinen Race zu z�hlenden russischen Traber zu gewinnen, regte in
einem an die Hippologen und Pferdez�chter Russlands gerichteten Schreiben vom 6. M�rz 1865
die Frage �ber die Reinzucht der Orlow'schen Traberpferde an.
Als Beantwortung dieser Aufforderung des Ober - Dirigirenden sind zwanzig Meinungen
von Specialisten in Sachen der Pferdezucht eingegangen, Dieselben enthalfen im Wesentlichen
Folgendes: Von 20 Z�chtern verwarfen nur 2 die Bedeutung der Reinheit der fraglichen Race;
j 8 derselben sprachen sich unbedingt f�r den Nutzen der Anerkennung der Orlow'schen
Race als reine Race aus; in Betreff der Festsetzung der Zahl von Generationen waren die
Meinungen getheilt.
Die Idee von dieser Anerkennung der Orlow'schen Traberrace als �reing'ez� cht et" be-
gegnete im Allgemeinen dem Beif�lle der Z�chter, und eine Ausnahme machten nur sehr wenige.
Nichtsdestoweniger wartete die damalige Ober-Direktion die Beendigung der grossen
Pferde-Ausstellung in Moskau aib, um durch den Augenschein sich von dem Factum zu �ber-
zeugen, dass die russische Traber-Race sich schon so viel Selbstst�ndigkeit angeeignet h�tte,
*) Le trotteur le plus rapide pour le dernier temps en Russie doit etre considere l'etalon Peretz (Tlepeur)
ne' en 1871 dans le haras di Tshebotaren, par Vorojey et Boulatneya.
Les vitesses fournies par Peretz sont Jes suivantes :
I*/s verstes (1 mile anglais) en ete) 2 m. 2J1;� sec.
2   verstes (en hiver) 5 m. I4-3/s sec.
3   verstes (en ete) 5 m. "t sec.
4   verstes (en hiver) 7 m. 2 3fe sec.
4.1/2 verstes (en ete) 7 m. 45 sec.
5   verstes (en ete) 8 m. 56'/a sec.
6  verstes (en ete) 10 m. 35 see.
En 1880, l'etalon Loubesny haras Oznobichine par Loubesny et Pestroukha a fourni une vitesse plus grande
encore que Peretz et c'etait: 41/? verstes en 7 m. 443'i sec, 6 verstes en 10 m. 28 sec.
                          Moerder.
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DAS STAATS- ODER KRONGEST�T CHR�NOWOY IM GOUVERNEMENT WORONESCH.         183
dass ein gr�sserer oder geringerer Grad von Racen-Reinheit in der Sch�nheit der Form, der
Schnelligkeit und dem Typus der Pferde bemerkbar hervorleuchtete.
Die erste Ausstellung in Moskau (1865) rechtfertigte die Erwartung; als die besten
Pferde in der Form und gleichfalls in der Schnelligkeit stellten sich diejenigen heraus, welche
der reinen Orlow'schen Abstammung am n�chsten kamen.
Auf Grundlage aller dieser Daten ist vom Conseil der Ober - Direktion in der Sitzung
am 15. October 1866 Folgendes bestimmt worden:
Pferde, die von beiden Seiten, d. h. von v�terlicher und m�tterlicher Linie, 4 auf-
steigende Generationen als reine Traber, ohne Beimischung anderer Racen z�hlen, wenn sie
auch auf der Rennbahn nicht gelaufen haben, werden der reinen Race zugez�hlt.
Tafel
Ururgrossmutter rein.
Ururgrossvater rein. 0
Q Urgrossmutter rein.
Urgrossvater rein. Q
Grossvater rein. 3S
O Grossmutter rein.
Q Mutter reir
Vater rein. Q
Zuzucht reiner Race.
Pferde, bei welchen zwei m�nnliche Generationen, d. h. der Vater und Grossvater
gelaufen haben, in weiblicher Linie zwei Generationen, d. h. die Mutter und Grossmutter, wenn
auch nicht gelaufen haben, aber rein sind, werden gleichfalls der reinen Race beigez�hlt.
Tafel B.
Grossvater gelaufen. ©,
,© Grossmutter rein.
Vater gelaufen. O
,,© Mutter rein.
O
Zuzucht reiner Race.
Pferde, bei denen zwei weibliche Glieder, d. h. die Mutter und Grossmutter gelaufen
haben, in v�terlicher Linie zwei Geschlechter, d. h. der Grossvater und der Vater, obwohl
nicht gelaufen haben, aber rein sind, werden ebenfalls der reinen Race zugerechnet.
Tafel C.
Grossvater rein. O
Q Grossmutter gelaufen.
Vater rein, Q
0 Mutter gelaufen.
Zuzucht rein.
-ocr page 212-
184
RUSSLAND S PFERD E-R ACE N.
Alle Pferde, die ausschliesslich von den zur Zeit des Grafen A. G.Orlow-Tschesmensky in
Chr�nowoy geborenen Thieren abstammen, oder von Pferden, die noch w�hrend seinen Lebens-
zeit (bis 1810) in den Bestand des Gest�tes eintraten, werden gleichfalls als rein in der
Traberrace anerkannt.
Die Urgrossm�tter und so weiter hinauf, welche als dem chr�nowoyschen Gest�t an-
geh�rig bezeichnet sind, wenn auch kein Geschlechtsregister, aber Beweise vorhanden sind:
a)  dass in der That die Urgrossm�tter u. s. f. aus dem chr�nowoyschen Gest�te stammte, und
b) dass in ihre Race kein Blut von Pferden eintreten konnte, welche nach 1810 angekauft wurden,
werden auch als rein in der Traber-Race anerkannt.
Indem nun die Ober-Direktion auf solche Weise die Regeln festgestellt hatte, nach
welchen die Pferde als zur reingez�chteten Race geh�rig gez�hlt werden, beschloss dieselbe,
das erste Gest�tsbuch �ber die Traberpferde in Russland, mit Einschluss der Traber-Abtheilung
in dem Reichsgest�t zu Chr�nowoy, herauszugeben. In dieses Buch kommen alle Hengste und
Mutterstuten der Traber-Race, selbst diejenigen, welche nur zwei reine Generationen in der
v�terlichen Linie (d. h. Vater und Grossvater) haben, wo aber die Mutter nur 3/4, die Gross-
mutter zur H�lfte von der Traber-Race abstammt.
Tafel D.
Grossvater rein. ©                                                      Grossmutter t/2 Traber.
Zuzucht wird verzeichnet.
Alle diejenigen Traberrosse, welche nach den oben angef�hrten Bestimmungen f�r die
Reinzucht, in Uebereinstimmung mit den Tafeln A, B und C stehen, werden zur Seite mit den
Buchstaben T. P. (Tschistaga - Poroda � Reine Race) bezeichnet.
Da nun aber in dem Best�nde der Trabergest�te auch Pferde vorkommen, welche der
Traber-Race nicht angeh�ren, so wird dem herauszugebenden Gest�tsbuche eine vervoll-
st�ndigende Abtheilung hinzugef�gt, in welche alle M�tter, die nicht der Traber-Race angeh�ren
oder nicht 2 Ahnen im Traberblut haben, von den Pferdez�chtern aber mit Traberhengsten
besch�lt werden, mit ihrer Abkunft eingetragen werden.
Hengste, welche der reinen Traber-Race nicht angeh�ren oder in Bezug auf die Anzahl
von Generationen nicht der Tafel D entsprechen, finden ihren Platz in dem Gest�tsbuche nur
bei ihren Nachkommen unter den M�ttern, mit Bezeichnung des Schlages, welchem der Vater
angeh�rt. �
Die erste Traber-Ausstellung im Jahre 1865 in Moskau war mit 60 Pferden, die
zweite im Jahre 1872 aber bereits mit 120 Trabern beschickt.
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DIE PFERDEZ�CHTUNG IM GOUVERNEMENT WORONESCH.                                    185
Die Pferdem�rkte im Gouvernement Woronesch.
1.   Kreis Woroneschsky: In der Stadt Woronesch 4 M�rkte: a) in der Fleisch-
woche vor der Butterwoche; b) 9. Mai; c) vom 15. bis 29. August; d) vom 2. bis 6. December.
Zum ersten Markt betr�gt der Antrieb gegen 500 St�ck Bauerpferde und zum Theil Vor-
spannpferde f�r die Artillerie. Zu den �brigen M�rkten kommen Pferde verschiedener Art,
aber meist nur in geringerer Zahl.
Beim Kloster To Is chew sky: dem Markte vom 6. Juli bis 7. August werden gegen
2000 St�ck Bauer-, Reit- und zum Theil auch Traberpferde zugef�hrt.
Im Dorfe Semiluki: in der 11. Woche nach Ostern, dauert 7 Tage. Antrieb gegen
1500 St�ck Vorspann-, Bauer- und zum Theil auch Reitpferde.
2.  Kreis Biriutschensky: Im Dorfe Alexieewka 3 M�rkte: a) vom 8. bis 14. M�rz ;
b) Pfingstmarkt, dauert eine Woche; c) vom 12. bis 14. September. Der Antrieb zum ersten ist
gegen 700, zum zweiten gegen 500 St�ck Bauer- und Vorspannpferde des gemeinen Landschlages.
Im Dorfe Ilinka: 20. Juli. Gegen 400 St�ck Bauerpferde.
3.  Kreis Bobrowsky: In der Stadt Bobrow drei M�rkte: a) vom 21. Februar bis
1. M�rz; b) vom 4. bis 9. Mai; c) vom 9. bis 15. September. Es sind Bauer-, Vorspann- und
zum Theil Remontepferde. Zum ersten Markte erscheinen gegen 3000 St�ck, zum dritten gegen
1000 Pferde.
Im Dorfe Tischanka, zwei: a) Pfingstmarkt durch 10 Tage; b) vom 29. August bis
8. September. Es erscheinen da Artillerie-, Fracht- und zum Theil Remontepferde, haupt-
s�chlich localer Production, zum zweiten Markte in einer Anzahl von 2000 bis 3000 St�ck.
Im Dorfe Maslowka: den 25. M�rz, 7 Tage dauernd. Es werden gegen 500 St�ck
Bauerpferde gew�hnlichen Schlages zugef�hrt.
4.  Kreis Bogutscharsky: Im Dorfe Kalatsch: vom 1. bis 16. August. Antrieb gegen
500 St�ck, zum Theil Zuchtpferde, haupts�chlich aber einfache Bauer- und donische Ko-
saken-Pferde.
5.  Kreis Zemlianky: Im Dorfe Oriechovo erscheinen auf dem Markte vom 25. M�rz
bis 24. April gegen 5000 St�ck Reit-, Vorspann- und zum Theil Traberpferde, welche haupt-
s�chlich im Gouvernement gezogen sind.
Im Dorfe Kastornoe: vom 18. Februar bis 1. M�rz. Antrieb 8000 Bauer-, zum Theil
Remontepferde.
Im Dorfe Nischniaia- Grai woronka: vom 21. bis 24. April. Es werden gegen
800 St�ck Vorspann- und zum Theil Reitpferde zugef�hrt.
6.  Kreis Nischediewitzky. In der Stadt Nischediewitzka drei: a) vom 7. bis 18 M�rz;
b)   Himmelfahrtsmarkt, f�ngt eine Woche vor Himmelfahrtstag an und dauert sieben Tage;
c)  vom 25. September bis 2. October. Zum ersten Markte betr�gt der Antrieb g'egen 5000 St�ck
Bauerpferde, brauchbar f�r Artillerie; zum dritten 500 St�ck, haupts�chlich Bauerpferde; zum
zweiten ist der Antrieb localer Bauerpferde nicht bedeutend.
Im Dorfe Beketowa zwei: a) in der sechsten Woche der grossen Fasten; b) vom 27.
bis 29. Juni. Zum ersteren betr�gt der Antrieb gegen 1500 St�ck Bauer- und Remontepferde, zum
letzteren gegen 300 St�ck, fast ohne Ausnahme Bauerpferde.
7.  Kreis Nowochopersky. Im Dorfe Krasnoe: vom 24. Februar bis 2. M�rz. Antrieb
etwa 1000 St�ck Vorspann- und theilweise Reitpferde.
8.  Kreis Ostrogoschsky. In der Stadt Ostroschsk drei: a) am 10. Freitag nach
Ostern, 5 Tage dauernd; b) vom 9. bis 14. September; c) vom 3. bis 7. Dezember. Zum ersten
betr�gt der Antrieb gegen 1200, zum zweiten gegen 2500 St�ck Bauer- und theilweise Remonte-
pferde; zum dritten Markte erscheinen gegen 500 St�ck, beinahe ausnahmslos Bauerpferde.
F reytag, Russlands Pferde-Racen.
24
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Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter und deren Gest�te in Woronesch.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�te.
Zuchtpferde
Bemerkungen.
Hengste | Stuten
Woroneschsky
Kaufm. Mitrofan Andreew. Poschidaeff
Dorf Kremen-
tschugskaia .
4
38
Vorspannpf. (Trab.)
11
Ehrenb�rg. Mitrofan Strabonow. Sinitzin
Nikolaewka .
i5
116
Reitpferde
11
Wirkl. Staatsr. Wasily Jacowlew. i'ulinoff
Chliebnoe . .
7
50
Vorspannpf. (Trab.)
11
Lieuten. Konst Pawlowitsch SchurinofF
Kazanskaia-
Chawa.
i7
65
Reitpferde
11
Staatsr. Nikolai Alexieewisch Bogdanoff
Petropawlows-
koe....
3
24
Vorspannpf. (Trab.)
11
Bauer Stephan Andreewitsch Wlassoff .
Chrienowskia-'
Wyselki . .
3
40
Arbeitspferde
11
Gouv.-Secr. Wasilij Alexieew. Parenago
Panikowtza
3
32
Vorspannpf. (Trab.)
Biriutschenskij
Hofr. Iwan Wladimirowitsch Stankewitsch
Uderewka . .
6
50
11
Bobrowskij
Kfm. Ehrenb. Iwan Konst. Weretennikoff
Marbyno . .
4
29
Vorspannpf. (Trab.)
Kaufm. Nikolai Wasiliewitsch Wolodin
StaraiaTschigl.
8
40
11
Kais H�h. Grossf. Nikol. Niokolaewitsch
Tschesmenka
14
9i
7 u. 17 arabisch.
3 u. 7 asiatisch.
31 Halbbluts.
4 u. 20 Traber
>t
Kaufm. Grigory Nikolaewitsch Nifontoff
Ertil. Steppe .
4
32
Traber
n
F�rst Nicolai Alexieewitsch Orloff . .
Pody . . .
16
97
5 u. 29 Reitpf.
ii u. 68 Traber
11
Garde-Lieut. Andrei Nikolaew. Smirnoi
Michailowka .
4
28
Vorspannpf. (Trab.)
11
Staatsrath Alexand. Alexieew. Siewertzoff
Petrowskoe
5
60
11
ii
Stabs-Capit.-Frau Warwara Iwanowka
Alexieewka
6
85
11
ii
Ehrenb�rg. Alexiei Anikieewitsch Anosoff
b d. D. Alexan-
drowki . .
3
32
11
ii
Kaufmann Iwan Iwanowitsch KabanofF.
ii
3
30
11
ii
Kaufmann Andrei Sahowitsch Jajitzkij .
b. d. D. Staryj
Kurlak . .
3
30
11
Bogutscharskij
Gardeoberst Iwan Wasiliew. Lisanewitsch
Berezowka. .
6
30
Reitpferde
Walujskij
Titularrath-Ww. Natalia Pawlown. Panina
Victoropol. .
5
44
Reitpferde (arab.)
ii
Lieuten. Alexander Wasiliew. Riabinin
Maiorskij . .
4
20
Reitpf. (engl.-arab.)
Zadonskij
Ehrenb. Peter Iwanowitsch Igumenoff .
Jelisawetino .
3
24
Vorspannpf. (Trab.)
Zemlianskij
Gouvernem.-Secr. Mitrofan Osipowitsch
Medwieschia .
5
35
Vorspannpf. (Trab.)
ii
Kaufm. Michael Iwanowitsch Miagkij
Wasiliewskoe .
6
62
Vorspannpferde
ii
Major Wasily Pawlowitsch Ochotnikoff
Alexieewka
12
63
7 u. 43 Traber
4 u. 17 Reitpf.
1 u. 3 Vorsp.-Pf.
ii
Garde -Stabscapit. Afanasij Afanasiew.
Wasiliewka
4
35
4 u. 31 Reitpf.
4 Traber
ii
Cap.-Lieut. Nikolai Nikolaew. Lutowinoff
Lutowinowka .
3
25
Vorspannpferde
Nowochoperskij
Collegien-Secr. Peter Wasiliewitz Spitzyn
Znamenskoe .
4
42
Vorspannpf. (Trab.)
-ocr page 216-
DIE PFERDE [M GOUVERNEMENT IAHBOIV.                                                   187
B. Die Pferde im Gouvernement Tambow.
Das Gouvernement Tambow ist nach A. von Kloeden 1208,07 geogr. □ Meilen gross
und wird von 2,055,778 Menschen bewohnt. � Dasselbe bildet das Quellplateau der Zna, der
Mokscha, Woronesch, Bitjuga u. s. w., l�sst aber in R�cksicht auf die nat�rliche Bew�sserung
manches zu w�nschen �brig, da leider hier die der Schifffahrt am meisten g�nstigen Fl�sse
an den Grenzen des Gouvernements nur hinstreifen.
Abgesehen von der fast ganz ebenen Beschaffenheit der Oberfl�che des Landes, in
welcher Beziehung � nach A. Petzholdt's Ansicht � das Tambow'sche Gouvernement ein
Miniaturbild der grossen russischen Ebene darstellt, und abgesehen von dem Klima, welches
als das mittlere dieser grossen Ebene bezeichnet werden kann, so erinnern die Vegeta-
tionsverh�ltnisse im n�rdlichen Theile durchaus an diejenigen, welche in der ganzen n�rd-
lichen H�lfte der grossen Ebene vorkommen, w�hrend uns der s�dliche Theil des Gouverne-
ments einen deutlichen Vorgeschmack von jenen der Steppen-Region S�d-Russlands verschafft,
da sich hier die Steppe von S�den her in das Tambow'sche Gouvernement hereinzieht.
Fast die ganze H�lfte, des Kulturlandes zeichnet sich durch grosse Fruchtbarkeit aus,
und es geh�rt Tambow unstreitig zu den allerfruchtbarsten Gouvernements des Czaren-
reiches, wozu ausser dem g�nstigen Klima eine hier fast �berall auftretende Schwarzerde
(Tschernosem) die wesentlichste Veranlassung giebt. Feste Gesteine kommen nirgends an
der Oberfl�che vor, sondern treten nur hin und wieder in den tieferen Regenschluchten, sowie
an den steileren Geh�ngen der B�che und Fl�sse zu Tage.
Nur etwa 17 Procent des Gouvernements sind Wald, und es kann Tambow, im Vergleich
mit der Bewaldung der weiter n�rdlich gelegenen Gouvernements, waldarm genannt werden.
In manchen Gegenden, haupts�chlich im S�den, herrscht an vielen Orten grosser Holzmangel;
man feuert hier sehr oft mit Stroh und Mist. � Die Holzarten, aus denen die Waldungen
bestehen, sind zum gr�ssten Theil Laubh�lzer, besonders Linden und Eichen; die Pappeln,
Weiden und Erlen nehmen einen untergeordneten Rang ein; und von Nadelh�lzern ist es fast
ausschliesslich die Kiefer, welche an geeigneten Stellen die Waldungen dieses Gouvernements
zusammensetzt und theilweise ganz h�bsche Best�nde bildet.
Die s�dlichen Steppenlandschaften sind nur schwach bev�lkert; die dort vorhandenen
Dorfschaften liegen meilenweit von einander entfernt, und sind meistens in den nat�rlichen
Vertiefungen des Bodens verborgen.
Die ganze Oberfl�che des Landes ist an nicht kultivirten Stellen mit Gras bedeckt und
im Sommer mit den herrlichsten Wiesenkr�utern reich geschm�ckt; diese stehen oftmals in
grossen Gruppen beisammen, so dass dadurch bunte Fleckchen auf gr�nem Grunde gebildet
werden. Kamillen, Schafgarbe, Ranunkel-Arten und purpurrothe Pechnelken kommen auf den
Wiesen und Weiden sehr h�ufig vor.
Etwa vier F�nfzehntel des ganzen Areals bestehen aus Wiesen und Weiden, welche
eine hinreichende und zweckm�ssige Ern�hrung der Hausthiere aller Art sowohl im Sommer,
wie im Winter erm�glichen.
Die ausserordentliche Fruchtbarkeit dieses Gouvernements kn�pft sich � wie A. Petz-
holdt sagt � an das A^orkommen der dort sehr m�chtig auftretenden Schwarzerde. � Wir
verdanken diesem fleissigen Forscher eine sorgf�ltige physikalisch-mineralogische und
chemische Untersuchung der tambow'schen Schwarzerde, sowie manchen andern interessanten
Aufschluss �ber dieselbe und k�nnen nicht unterlassen, Nachstehendes im Auszuge hier wieder-
zugeben.
24*
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i88                                                           russland's pferde-racen.
Der Tschernosem zeigt in diesem Gouvernement eine sehr verschiedene M�chtigkeit; er
bildet daselbst Schichten von 0,15 bis 3 Meter Dicke, welch' letzterer Fall h�ufig an den soge-
nannten Regenschluchten wahrzunehmen ist. Die Unterlage der Schwarzerde besteht meistens
aus hellgef�rbtem Sande, der gegen die dunkle Farbe des Tschernosem grell absticht. In
trocknem Zustande ist letzterer dunkel graubraun und nach erst l�ngerem Regen braunschwarz
gef�rbt. Ausgetrocknet zeigt er sich sehr �bindig", und erfordert dann bei der Bearbeitung
eine sehr starke Anspannung; man muss dieserhalb auch bei der Wahl des Zeitpunktes der
Feldarbeiten sorgf�ltig zu Werke gehen. Sehr trocken gepfl�gter Schwarzerde => Acker setzt
der Egge grossen Widerstand entgegen, und es erfordern die beinahe steinharten Schollen dieses
Bodens eine energische Bearbeitung mit schweren Walzen, Schollenbrechern etc. Ist der Boden
aber durchn�sst, so verwandelt er sich in Schlamm und bildet in diesem Zustande einen sehr fett
und schl�pfrig anzuf�hlenden Brei. � Ein deutlicher Thongeruch, wie sich solcher bei �hnlichen
Bodenarten in West-Europa zu erkennen giebt, fehlt der Schwarzerde Russland's g�nzlich. �
Auff�llig ist bei derselben noch das seltene Vorkommen aller gr�sseren Gesteinsbrocken. Beim
Schlemmprozesse bleibt nur eine geringe Menge sehr feink�rnigen Sandes zur�ck. Der gr�sste
Theil der Sandk�rnchen geh�rt zur Familie der Quarze; wenn man diese mit der Lupe betrachtet,
so erkennt man kleine Bergkrystalle, Rosenquarze, Milchquarze, Opale, Chalcedone, Carneole etc.
Die gr�sseren Gesteinsbrocken � wenn sie hier und da einmal vorkommen � sollen Bruch-
st�cke verschiedener Sandstein-Variet�ten sein.
Petzholdt hat drei verschiedene Proben des Tschernosems von dem Uwaroff'schen Gute
� im Kreise Kirsanow des Tambow'schen Gouvernements � chemisch untersucht, und theilen
wir die Resultate dieser drei Analysen in den nachfolgenden Tabellen, in welchen die Proben
unter A, B und C aufgef�hrt sind, hier mit.
A.  ist die Probe einer ged�ngten Schwarzerde, auf welcher Hanf, Mohn, Kartoffeln,
Kohl und andere Gem�searten angebaut waren.
B.   ist Schwarzerde, welche einem niemals ged�ngten Graslande und zwar in einer
solchen Tiefe entnommen wurde, bis zu welcher die Wurzeln der Pflanzen nicht herabdrangen,
also die Probe eines durchaus �jungfr�ulichen" Bodens.
C.  ist ebenfalls niemals ged�ngte Schwarzerde, jedoch der Oberfl�che eines Feldes ent-
nommen, welches nach den Regeln der Dreifelder-Wirthschaft (aber ohne D�ngung) Jahre lang
benutzt worden war.
Hundert Theile Schwarzerde enthielten:
A.
B.
c.
Organische Substanzen (der Boden bei
18,18 o/0
948 o/0
8,28 o/0
Stickstoff (Boden bei 1200 C. getrocknet) .
0,77 ..
0,33 »
0,30 �
In Salzs�ure l�sliche Menge (nachdem der
Boden vorher gegl�ht worden war) . . .
l8,I5 �
20,59 »
12,00 �
In Salzs�ure unl�sliche Substanzen (des ge-
81,85 �
79.41 �
88,00 �
Der bei diesen Untersuchungen von Petzholdt eingeschlagene Gang war wesentlich der
von Fresenius angegebene und wurde von ihm an einem anderen Orte, in Erdmann's Journal,
Band LI., S. 1 ff., ver�ffentlicht.
-ocr page 218-
189
DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT TA5IDOW.
Die prozentische Zusammensetzung des in Salzs�ure l�slichen Theiles der Schwarzerde
war nachstehende:
A.
B.
c.
Chlor..........
0,04 o/0
i,45 �
3,oo ,.
12,91 »
4,52 �
54,5o �
6,11 �
12,81 �
4,80 �
0,05 °/o
0,52 �
0,88 �
2 1,63 »
6,66 �
53.31 »
5,76 �
6,50 �
4,80 �
0,08 o/0
0,76 �
1,50 �
7,36 �
4,90 �
178,02 �
5,30 �
3,59 »
Schwefels�ure.......
Kalk.........
Eisenoxyd.........
Kali..........
100,14 %
100,11 o/0
101,51 %�
Hundert Theile des in Salzs�ure unl�slichen Antheiles der Schwarzerde waren zusammen-
gesetzt aus:
A.
86,67 °/o
1,84 �
5,77 >,
0,32 �
0,16 �
4,26 �
1,76 �
B.
90,85 °/o
1,93 ...
4,99 ,.
0,81 �
38,85 °/o
1,98 �
5,68 �
o,55 �
Kieselerde .
Eisenoxyd .
Thonerde .
Kalk. . .
Magnesia .
Kali . . .
Natrium
Spuren
3,50
1,80
o,97 ..
102,36 0/0.
ioi,44°/o
100,78 %
Petzholdt glaubt nun, dass sich auf Grund der von ihm angestellten Untersuchungen
des Tambow'schen Tschernosems recht wohl die Ursache seiner hohen Fruchtbarkeit erkl�ren
Hesse und sagt: � Abgesehen von dem grossen Gehalte des Bodens an organischen Substanzen,
deren Wirkung �berhaupt eine vorherrschend mechanische ist, so dass man also aus ihrem
Vorhandensein oder ihrem Fehlen keinen Schluss auf die Fruchtbarkeit des betreffenden Bodens
machen kann (Hermann z. B. fand in der Ackerkrume eines Tschernosem, dessen Fruchtbar-
keit durch vielj�hrige Kultur schon merklich ersch�pft war, 8,98 Procent organische Substanzen
w�hrend die Ackerkrume eines von mir untersuchten, niemals ged�ngten und in bester Kultur
stehenden Tschernosem nur 8,287 Procent organische Substanzen enthielt), so ist das am
meisten Auffallende, wenn man den von mir untersuchten Tschernosem mit anderen Boden-
arten vergleicht, jedenfalls in seinem grossen Gehalte an Alkalien und namentlich an Kali
zu finden.
�Aber auch in Betreff eines anderen, f�r die Ern�hrung der Kulturpflanzen besonders
wichtigen K�rpers, ich meine n�mlich die Phosphor s�ur e, ist unser Boden sehr reich, und es
ist mir auch in dieser Beziehung kein zweiter Boden bekannt geworden, der sich, was die
Menge der Phosphors�ure anlangt, mit dem Tschernosem zu messen verm�chte. Ferner ist
der Zustand, in welchem sich ein Theil der Kiesels�ure in dieser Erde befindet, von grossem
Belange, da es gewiss einen Unterschied macht, ob und wie viel amorphe Kieselerde oder
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'-"■>
russland's pferde-racen.
190
Kiesels�urehydrat in einem Boden vorhanden ist. Der von mir untersuchte Tschernosem
enthielt im Boden A. 8 Procent solcher Kieselerde, der Boden C aber, der niemals ged�ngt
worden war, enthielt 7 Procent; der Boden B. blieb in dieser R�cksicht ungepr�ft. � Endlich
zeigt noch ein Blick auf die Tabelle, dass der Tschernosem selbst in den nicht in Salzs�ure
l�slichen Theilen dennoch Material enth�lt, welches der langsamen Verwitterung f�hig ist,
und als Vorrathskammer verbrauchter Alkalien f�r sp�tere Zeiten betrachtet werden muss.
Offenbar k�nnen noch lange Zeitr�ume verstreichen, ehe man einen, an Pflanzennahrungs-
mitteln so reichen Boden durch die Kultur ersch�pft haben wird."
Diese Abhandlung wurde vom Professor Petzholdt im Jahre 1851 verfasst; jetzt (1880)
�usserten sich Sachverst�ndige, welche Gelegenheit hatten, den Ackerbau im tambow'schen
Gouvernement aus eigener Anschauung kennen zu lernen, nicht ganz so g�nstig �ber die
Unersch�pfiichkeit der dortigen Schwarzerde und berichten uns, dass die Landwirthe an vielen
Orten in den letzten Decennien die Erfahrung gemacht h�tten, dass die g�nzlich unged�ngten
Felder von Jahr zu Jahr im Ertrage nachgelassen und sich daher auch schon viele Wirthe zu
einer D�ngung ihrer Felder bequemt h�tten.
F�r die Entwickelung der Gr�ser und mancher Futterpflanzen auf den Wiesen und
Weiden des Gouvernements ist die chemische Zusammensetzung der fraglichen Schwarzerde
unstreitig von allergr�sster Bedeutung; das �ppige Wachsthum jener Pflanzen giebt den
dortigen Heerdenbesitzern in den meisten Jahren die M�glichkeit, ihren Hausthieren sowohl im
Sommer aul der Weide wie im Winter auf dem Stalle eine ebenso reichliche wie zweckm�ssige
Ern�hrung zu Theil werden zu lassen; und so erkl�rt es sich, dass wir im tambow'schen
Gouvernement sehr kr�ftige Pferde des schweren Wagenschlages in einer so grossen Anzahl
zu sehen bekommen, wie in keinem anderen Gouvernement des Kaiserreiches. Die Z�hlung
vom Jahre 1876 ergab einen Pferdebestand von 732,980 St�ck, welche zum weitaus gr�ssten
Theile dem Wagen- und Arbeitsschlage angeh�rten.
Der bei weitem gr�sste Theil der Bewohner dieses Gouvernements besteht aus Gross-
russen, denen Kleinrussen , Tataren und Mordwinen beigemischt sind. Die tambow'schen
Bauern geh�ren einem sehr kr�ftigen Menschenschlage an, und k�nnen es hinsichtlich ihrer
K�rperconstitution mit den deutschen Bauern wohl aufnehmen. Man r�hmt ihre Gutm�thig-
keit, Gastfreiheit und Reinlichkeitsliebe. Die Nahrung der Bauern ist sehr einfach und ohne
besondere Abwechslung; Roggenbrod, Gr�tze aus Buchweizen und der nationale Kohl (Brassica
oleracea capitata) bilden im Sommer und Winter das haupts�chlichste Nahrungsmittel. Fleisch
kommt nur selten auf den b�uerlichen Tisch. � Der Quass bildet ihr beliebtes Getr�nk. �
Auch in diesem Gouvernement errichten die Bauern ihre Wohngeb�ude, sowie die Magazine
f�r das Getreide etc. immer von Holz, nach Art der Blockh�user, und selbst der Grund dieser
Fl�user besteht h�chst selten aus Stein, da sich zur Gewinnung dieses Materials nur an wenigen
Orten Gelegenheit findet.
Die D�cher werden mit Stroh gedeckt. � Das Vieh wird meistens in St�llen unter-
gebracht, welche aus Flechtwerk hergestellt werden, das man aber th�richterweise»nur selten
mit Lehm bewirft; in Folge dessen haben die Thiere oft grosse K�lte auszuhalten. An einigen
Orten werden die Stallw�nde auch wohl 'mal von Mist hergestellt.
Petzholdt behauptet, dass man es im tambow'schen Gouvernement mit einem Volke zu
thun habe, welches eine angeborene Vorliebe f�r Ackerbau oder Viehzucht besitzt, wie man eine
solche l�r Ackerbau bei den germanischen und f�r Viehzucht bei den tatarischen V�lker-
st�mmen anzunehmen berechtigt ist. Er r�hmt die angeborene grosse Geschicklichkeit der
dortigen Bauern, welche sich bei jeder Besch�ftigung zu erkennen g�be. �Der Zimmermann
ist im Handhaben seiner Axt ein wahrer Virtuos, indem sie ihm Hobel, S�ge und Beil zugleich
§
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DIE PFERDE 131 GOUVERNEMENT TAMBOW.
I9I
ist, mit der er Unglaubliches ausf�hrt." � Der Ackerbau bildet zwar die Hauptbesch�ftigung-
der tambow'schen Bauern, allein sie betreiben denselben fast niemals mit besonderer Energie,
sondern stets einfach und mit ziemlich viel Indifferentismus.
Der Winterroggen ist in Tambow die Hauptfrucht und liefert fast allj�hrlich reiche Ernten,
wenngleich die Bestellung und Methode der Aussaat meistens noch viel zu w�nschen �brig l�sst.
Weizen wird weniger angebaut als Roggen und ist bei Weitem nicht so sicher im Ertrage
wie dieser, da er weder die sehr harten Winter, noch die trockenen Sommer gut vertragen
kann. Hafer und Buchweizen nehmen unter den Sommerfr�chten die Hauptstelle ein und
liefern fast ausnahmslos reiche Ernten. Auch Hirse wird an vielen Orten kultivirt, die Gerste
aber nur vereinzelt. � Von sogen. Handelsgew�chsen sieht man im tambow'schen Gouverne-
ment Hanf, Mohn und Flachs, aber auch Gurken, Kohl und Zwiebeln werden auf vielen Feldern
und in den G�rten h�ufig angebaut; die Kartoffeln scheint man nicht zu lieben, diese kommen
nur vereinzelt auf den Feldern vor. - Zur Ackerbestellung benutzen die Bauern noch immer die
Socha, welche jedoch in ihrer Construction etwas von dem ostpreussischen Haken abweicht. �
Die h�lzerne Egge ist das zweite nothwendige Ger�th zur Bearbeitung des Bodens und ist
nur vereinzelt � auf den gr�sseren G�tern � durch eiserne Eggen verdr�ngt worden.
Walzen kommen auf den Bauerfeldern nur selten in Gebrauch, offenbar aus Mangel
an dazu geeigneten starken H�lzern. Erst in der allerneuesten Zeit sieht man auf den G�tern
der grossen Herren hin und wieder einmal eiserne Walzen.
Als Transportger�the benutzt man im Sommer kleine Wagen und im Winter auf der
Schneebahn den Schlitten.
Der untenstehend abgebildete tambow'sche Bauerwagen hat eine eigenth�mliche Con-
struction; Petzholdt beschreibt denselben folgendermassen:
�Die Wagen sind besonders durch die Form ihres Korbes oder Kastens, sowie durch
die Stellung desselben und durch die hohen Vorderr�der auff�llig; denn um der Vortheile hoher
Vorderr�der theilhaftig zu bleiben, und doch den Wagen nicht ganz ungelenk zu machen,
l�sst man den Boden des Kastens nach vorn in die H�he steigen, ihn auf einen Aufsatz der
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192                                                     russland's pferde-racen.
Vorderaxe befestigend, so dass trotz der hohen Vorderr�der ein gutes Umlenken m�glich ist,
und um bei der daraus hervorgehenden Verfiachung des vorderen Theiles des Kastens nicht
gezwungen zu sein, durch ungleiche Vertheilung der Last die Hinteraxe zu stark zu beschweren,
so setzte man dem vorderen Theile des Kastens an Breite zu, was ihm an Tiefe verloren geht,
sodass bei solcher Einrichtung der vordere Theil des Kastens ebenso ger�umig wird als der
hintere; die Schardeichsel, aus zwei einzelnen Stangen bestehend, ist bei diesem, wie bei allen
anderen echtrussischen Bauerwagen, stets unmittelbar an der Vorderaxe befestigt, und zwar so,
dass die linke Stange links, die rechte nat�rlich rechts mittelst einer dazu bestimmten Oeffnung
an ihrem hintersten st�rksten Ende auf die Axe ihrer Seite aufgesteckt wird, noch ehe man
das Rad aufschiebt. Die Axe ragt diibei auf jeder Seite aus der Radnabe etwas weiter
hervor, als es zur blossen Befestigung des Rades durch einen Vorstecker nothwendig ist,
weil man stets noch etwas Raum bedarf, um einen eisernen Ring mit aufzustecken, an welchem
sich ein Haken befindet, mittelst dessen man einen von dem vorderen Viertheile jeder Stange
ausgehenden Strick festh�lt. Durch diese letzte Einrichtung werden bei starkem Anziehen
dieser Stricke die vorderen Stangenenden so weit auseinandergehalten, dass das Pferd zwischen
der so gebildeten Gabel hinreichenden Platz findet, wie denn auch dadurch einem Zerbrechen
der Stangen bei pl�tzlichem Seitensprunge des Pferdes vorgebeugt ist."
�Was endlich die Art und Weise betrifft, wie der Tambow'sche Bauer sein Pferd
anspannt, so ist es die russische, welche sich von der deutschen mehrfach und zwar vortheil-
haft unterscheidet."
� Die Z�umung ist die gew�hnliche, nur geht der Aufsatzz�gel nach dem sogenannten
Krummholze hoch hinauf, wo er durch einen Ring, und sein Ende alsdann an einem Schenkel
des Krummholzes befestigt wird (siehe Fig. 4). Das Kummet � denn man f�hrt in Russland
niemals mit Sielengeschirr � ist im Verh�ltniss zu dem Kummet der deutschen Arbeitspferde
klein und eng, k�nnte daher dem Pferde gar nicht �ber den Kopf gesteckt werden, wenn es
nicht unten zum Oeffnen und Schliessen eingerichtet w�re; daf�r legt es sich aber auch um so
besser an den Hals, die Brust, die Schultern und den Widerrist des Pferdes an, den Druck
auf die genannten Partien w�hrend des Ziehens m�glichst gleichm�ssig vertheilend. Nachdem
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT TAMBOW.
193
das ge�ffnete Kummet �ber den Kopf des Pferdes gesteckt worden ist, befestigt man mittelst
der Bauchgurte ein kleines Trags�ttelchen auf dem R�cken des Thieres, und legt das Hinter-
geschirr auf, welches durch den R�ckenriemen an den hinteren oberen Theil des Kummets
angeschnallt wird, w�hrend man das Hinterblatt durch zwei seitliche Fortsetzungen mit den
Seitentheilen des Kummets in Verbindung bringt. Mehrere Schleppriemen verbinden den
R�ckenriemen mit dem Flinterblatte und seinen seitlichen Fortsetzungen, das Ganze in der
angemessenen Lage erhaltend. Hierauf werden die vorderen Enden der beiderseitigen Stangen
der Schardeichsel mittelst Schlingen oder Riemen an einer starken, aus Leder gefertigten
Oese, deren sich an jeder Seite des Kummets eine befindet, an das Kummet befestigt, und
zwar so, dass man gleichzeitig die unteren Enden eines gebogenen Holzes, des sogenannten
Krummholzes, zwischen die Oesen des Kummets und die Stangenenden einschaltet, und ist
alles dieses geschehen, so schliesst man mittelst einer starken, ledernen Schnur unter kr�ftigem
Anziehen derselben das bis jetzt noch offen gebliebene Kummet (siehe Fig. 5). Noch ist aber
der russische Anspann nicht vollendet, denn es kommt jetzt noch ein Riemen hinzu, dessen
Mitte die linke Stange in der Gegend der Bauchgurte umschlingt, und dessen eines Ende man
�ber den Tragsattel hinweg nach der rechten Stange her�ber f�hrt, wo man ihn so straft
anzieht und durch Umwickelung befestigt, dass dadurch dem Nacken des Pferdes die Last des
Kummets sowie der Stangen ganz genommen und dem R�cken zugetheilt wird; das andere
Ende dieses Riemens wird durch eine Oese der Bauchgurte, unter dem Bauche des Pferdes
herum, ebenfalls der rechten Stange zugef�hrt und an ihr so befestigt, dass weder das Kummet
noch die Stangen in die H�he schnellen k�nnen. Ganz zuletzt endlich nimmt man vermittelst
des bereits beschriebenen Aufsatzz�gels, indem man ihn durch den oben am Krummholze
befindlichen Ring zieht und fest macht, den Kopf des Pferdes in die H�he, schnallt oder
bindet den Leitz�gel in den Maulring, und setzt das Fuhrwerk in Bewegung. � Bei
leichten Feldarbeiten, z. B. beim Eggen und Pfl�gen, macht man viel weniger Umst�nde mit
dem Anspann, wie aus Fig. 6 hervorgeht. Man legt dem Pferde das Kummet auf, befestigt
die Zugleinen der Egge oder die Stangen der Socha oder Kosula an den Oesen desselben,
bindet es zu und ist fertig'."
Aus dieser Beschreibung und den beistehenden Abbildungen wird der Leser ersehen,
d ass der russische Anspann weit complicirter ist als der deutsche, allein es bietet derselbe
dem Fuhrmanne und dem Gef�hrt etwas gr�ssere Sicherheit als unsere Anspannungs-
Frey tag, Rusalands Pferde - Racen.
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IQ4                                                                   RUSSLAND's PFERDE-RACEN.
arten, da man bei jenem das Pferd vollst�ndig in seiner Gewalt hat; jedenfalls ist der Vorwurf
unbegr�ndet, dass beim russischen Anspann das Pferd in der freien Bewegung seiner Glied-
massen behindert w�rde, im Gegentheil d�rfen wir sagen, dass dem Thiere die Last des Kum-
mets wie der Stangen von dem Halse abgenommen und auf den R�cken verlegt wird.
Die Viehz�chtung des GouvernementsTambow steht � abgesehen von den gr�sseren
Gest�ten und Sch�fereien der Grossgrundbesitzer � noch immer auf einer ziemlich niedrigen
Stufe. Der Bauer verwendet sowohl auf die Rindvieh-, wie Schafzucht keine besondere Sorg-
falt; und ebenso liegt auch dem dortigen Bauer die Notwendigkeit fern, der Pferdezucht
gr�ssere Aufmerksamkeit zu schenken, da sein Pferd � wenngleich nicht sch�n geformt �
kr�ftig und dauerhaft ist, sodass es seine Anspr�che vollst�ndig befriedigen kann. �
Das gemeine, unveredelte Pferd der Bauern zeigt in seinem Exterieur auf den ersten
Blick, dass es von dem tatarischen Rosse abstammt, und mit diesem nahe verwandt ist. Es
jst von mittlerer Gr�sse, etwa 1,40 bis 1,50 Meter hoch, in der Regel aber breiter und fester
gebaut als das tatarische Steppenpferd. Die meist reichliche Ern�hrung auf den �ppigen Weiden
dieses Gouvernements tr�gt unstreitig sehr viel zur kr�ftigeren Entwickelung der Thiere bei.
Die tambow'schen Bauerpferde besitzen einen ziemlich langen und starken Kopf mit platter
Stirn und massig aufgebogenem Nasenbein; ihr Hals ist schlank und h�ufig �hnlich wie beim
Hirsch geformt, auch stets mit einer langen, starken M�hne geziert. Ihre Brust ist breit, der
Widerrist ziemlich hoch und scharf, der R�cken von mittlerer L�nge, und das starke Kreuz
gew�hnlich spitz zu nennen. Ihr starker, langer Schweif, welcher oft bis auf die Hufe herab-
reicht, ist massig hoch angesetzt, wird aber immer schlecht getragen.
Ihre Beine sind stark und st�mmig, nicht immer sch�n gestellt, besonders hinten meist
zu enge. Muskeln und Sehnen sind derb und die ziemlich grossen Hufe von fester Horn-
substanz. Langgefesselte Pferde sollen in den tambow'schen Bauerpferde-Tabunen oft bemerkt
werden. An den K�then und Unterbeinen findet sich stets eine lange Behaarung. Im Winter
wird ihr Deckhaar sehr lang und zottig, wohingegen das Sommerhaar kurz und gl�nzend
erscheint. Hellgef�rbte Pferde und Schecken 'sieht man auf den Weiden am h�ufigsten, doch
giebt es auch viele Braune und Rappen unter ihnen. � Als Zugpferd ist dasselbe viel taug-
licher als zum Reitdienst; es zeigt eine grosse Willigkeit und Ausdauer, ist dabei gen�gsam
und seinem Herrn folgsam. Ihr Temperament wird immer gelobt; b�sartige Gesch�pfe sollen
nur ausnahmsweise vorkommen. F�r den Postdienst sind sie ihrer Schnelligkeit und Ausdauer
wegen besonders tauglich und daher f�r diesen Gebrauchszweck auf den M�rkten in Tambow
und den anderen Orten des Gouvernements immer sehr gesucht.
Die Bauerpferde halten die gr�ssten Strapazen, selbst Hunger und Durst ohne sicht-
baren Nachtheil aus. Sie werden im Sommer auf der Weide ern�hrt, wohin sie schon vor
Sonnenaufgang getrieben werden. Die gesammten Pferde einer Dorfschaft, alt und jung im
bunten Gemische, werden von einem oder zwei berittenen Hirten, die mit langen Stangen be-
waffnet sind, am Morgen ausgetrieben und Tags �ber leidlich gut bewacht.
Petzoldt sagt: �Von dem Weidegange h�lt man nur diejenigen Pferde im Stalle zur�ck,
welche zur Arbeit des Tages gebraucht werden, und sollten unvorhergesehene F�lle mehr Pferde
n�thig machen, so reitet man auf die Weide und f�ngt sich ein, soviel man bedarf. So weit w�re
alles in der Ordnung und nichts liesse sich dagegen einwenden. Allein der Sommer vergeht
und mit ihm hat der Weidegang sein Ende erreicht; die Pferde werden jetzt im Stalle gehalten,
und damit beginnt die Zeit, wo das tambow'sche Pferd (der Bauern) zeigen kann, was es aus-
zuhalten vermag. Man bedenke die L�ng-e und Strenge des dortigen Winters, betrachte die
gew�hnlich nur aus Flechtwerk gebauten St�lle, und wahrlich, man wird Respect vor dieser
�Pferdenatur" bekommen. Von allen Seiten her erlauben diese St�lle dem eisigen Steppen-
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT TAMBOW.                                                   195
winde tausendf�ltigen Zugang, so dass es ein Jammer sein muss, diese frierenden Thiere zu
sehen. Kommt noch dazu, wie es h�ufig der Fall sein soll, dass es in Folge missrathener Heu-
ernte oder aus Sorglosigkeit der Bauern gegen Ende des Winters an gen�gendem Futter fehlt,
so muss in der That der Zustand dieser armen Thiere ganz unertr�glich werden."
Zur Verbesserung der Zucht von Arbeitspferden f�r Stadt und Land f�hrt jetzt die
Regierung stetig das Blut der besten ausl�ndischen Racen ein, vielleicht mit zu grosser Vor-
liebe f�r den schweren Schlag behufs Fortbewegung grosser Lasten im Schritte. Dem Be-
d�rfnisse der dortigen Bauern entspricht am besten ein zugkr�ftiges aber dabei leicht
bewegliches Ross, da hier durchschnittlich sehr grosse Entfernungen zur�ckzulegen sind
und zwar sehr oft auf Wegen und mit Wagen, die nicht f�r den Transport grosser, schwerer
Lasten geeignet erscheinen.
Die Fuhrleute aus der Umgegend von Tambow haben f�r diesen Dienst neuerdings mit
bestem Erfolge Kirgisen- und Kalm�cken-Pferde verwandt, welche f�r 30 bis 40 Rubel an der
unteren Wolga zu haben sind und sich auf den reichen Weiden oder besser noch bei ordnungs-
m�ssiger Stallf�tterung in diesem Gouvernement sehr gut halten.
Die Z�hlung der Pferde im Jahre 1876 ergab f�r solches einen Bestand von
732,978 St�ck. � In 209 Privatgest�ten standen damals 644 Besch�ler und 5187 Mutter-
stuten. Die Besitzer derselben besch�ftigen sich fast ausschliesslich mit der Z�chtung von
Wagenpferden, und nur vereinzelt werden Reitpferde aufgezogen. In 14g Gest�ten werden
Harttraber gez�chtet, und es finden sich unter diesen sehr oft die besten L�ufer in ganz Russland.
In der Stadt Tambow besteht seit geraumer Zeit ein sehr zweckm�ssig eingerichtetes
Staats-Besch�ler-Depot, in welchem im Jahre 1876 etwa 70 Hengste verschiedenen Schlages
aufgestellt waren. 19 Besch�ler geh�ren dem Reitschlage an und sind meistens orientalischer
Abkunft. 19 Hengste sind Orlow- Traber, 21 geh�ren dem grossen, starken Wagenschlage und
11 dem gew�hnlichen Arbeitsschlage an. � Das Gesch�ft der Z�chtung wird in den gr�ssten
tambow'schen Gest�ten auf das sorgf�ltigste �berwacht; den j�ngeren, noch unerfahrenen
Z�chtern wird von Seiten der Gest�tsbeamten Rath ertheilt, und es fehlt hier niemals an
Aufmunterungen zum Betriebe einer rationellen Pferdez�chtung. � Es wurde uns noch k�rzlich
berichtet, dass die dortige Depotverwaltung sehr viel zur Hebung der Z�chtung des schweren
Wagen- und Arbeitsschlages gethan habe. Tambow und Woronesch concurriren in diesem
Punkte um die Siegespalme.
Die kaiserliche Militair-Verwaltung in St. Petersburg bezieht aus dem tambow'schen
Gouvernement eine grosse Anzahl der besten Artillerie-, Zug- und Train-Pferde, welche in der
Regel alle die Eigenschaften besitzen, welche jetzt von den Rossen dieses Schlages gefordert
werden: Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer bei einem nicht zu untersch�tzenden Mass von
Gewandtheit.
Wir liefern hier die Abbildung von drei Artillerie - Zugpferden aus dem Gouvernement
Tambow; dieselbe ist nach einer Photographie angefertigt, welche wir der G�te des Herrn
von Brust-Lisitzin zu verdanken haben.
Unsere Leser werden aus dem n�chstfolgenden Verzeichniss der hervorragendsten
Z�chter und Gest�te in Tambow ersehen, dass sich die meisten und gr�ssten Privat - Gest�te
im Kreise Tambowsky befinden; aber auch der Usmansky'sche Kreis ist reich an gut einge-
richteten Gest�ten, aus welchen Jahr f�r Jahr die pr�chtigsten Wagen- oder � wie die Russen
sagen � Vorspann-Pferde hervorgehen. � Die Herren F. M. Zimmermann zu Feodowka,
Iwan Iwanowitsch Raebmanioff zu Kasinka, der F�rst Leonid Dmitriewitsch Wiasemsky zu
Lotorewo und der Oberst Konstantin Jacowlewitsch Sawelieff hielten in diesem Jahrzehnt die
meisten Zuchtpferde, und viele derselben waren Traber ersten Ranges.
25*
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W
196
RUSSL AND S PFERDE - RACEN.
Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter und deren Gest�te im Gouvernement Tambow.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�te.
Zuchtpferde.
Bemerkungen.
Hengste
Stuten
Tambowskij
Lieuten. Iwan Feodorowitsch Aksenoff .
Winogradowka .
5
40
Vorspannpf.(Traber)
n
Kaufm. Grigorij Artamonow. Afanasieff.
Afanasiewka . .
4
32
>>
>>
Garderittmstr. Alexander Nikolaew. Babin
Preobraschens-
7
52
»j
F�rst Peter Dmitriewitsch Wolkonskij .
Nowo -Pokrows -
5
57
Vorspannpferde
>>
Lieut. Wladimirowitsch Wyscheslawtzeff.
Wolchonsch-
tschina
4
41
Vorspannpf.(Traber)
j?
Kaufm. Feodor Feodorowitz Gnusoff .
Dmitriewka . .
4
36
Vorspannpferde
Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Ka-
Gut i. Amtsbezirk
Werchotzenskaia
4
30
>>
»
Oberst Iwan Dmitriewitsch Kazadoff
Werchnaia - Lipo-
wischtscha . .
5
37
Vorspannpf.(Traber)
n
Sec.-Lieut. Iwan Victorowitsch Komsin
Gawrilowka . .
5
38
yy
>>
Ihre Kaiserliche Hoheiten die Herz�ge zu
Iwanowka . . .
4
33
>)
rt
F�hnrich Alexander Nikolaew. M�ller .
Kariapowo. .
7
50
71
71
Collegien - Secret�r Alexander Iwanow.
Iwanowka . .
6
49
71
71
Collegien- Registrat. Wasily Iwanowitsch
Kuni-Lepegie .
6
53
11
tt
Rittmeister Michael Pawlowitsch Olenin
Ekstal ....
4
40
11
11
Collegien-Rath Michael Petrowitsch Pe-
Alexandrowka
5
35
Arbeits-, Reit- und
Vorspannpferde
11
Gr�fin Maria Alexandrowna Sologub
Naidenka . . .
7
35
Vorspannpf.(Traber)
11
Titul�r-Rath Feodor Michaelowitsch Zim-
Feodorowka . .
14
114
11
Stabs-Rittmeister Arkady Nikolaewitsch
Tschitscherin.........
Pribylaia - Osi -
nowka....
6
27
11
Borisagliebskij
Frau Lieut. AnnaSergieewnaDubowitzkaia
Dubowitzkoe .
7
45
11
n
Gener.-Maj. Alexand. Jegorowitz Koloboff
Michailowka . .
5
23
Reitpferde
11
F�rst Peter Nikolaewitsch Krapothin
Petrowskoe . .
6
35
11
ir
Kaufmannsfrau Nadeschda Michailowna
Pawlodar . . .
8
4i
Vorspannpferde
>t
Kaufm. Daniel Iwanowitsch Pustowaloff
Gut i. Amtsbezirk
Burnakskaia . .
5
45
Vorspannpf.(Traber)
71
Wirkl. Staatsrath Feodor Nikolaewitsch
Mariewka . . .
Mokroe....
4
4
26
25
Jelatomskij
Kaiserl. Hofstallmstr. PeterPetrow.Diakoff
Reit- u. Vorspann-Pf.
Kirsanowskij
Gener.-Lieut. Maria Iwanowna Boggowut
Nowo - Alexan-
(z. Th. Traber)
drowskaia
7
40
Vorspannpf.(Traber)
»>
Coll.-Rath Nikol. Alexandrow. Bologowsky
Gradskij-Umet .
12
90
11
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT TAMBOW.
I97
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�te.
Zuchtpferde.
Bemerkungen.
Hengste
Stuten
Kirsanowskij
Lieuten. Alexiei Michaelow. Kozlowskij.
Bogdanowka .
5
42
Vorspannpl'. (Trab.)
?>
Ehrenb�rger Wasily Nikititsch Kuprianoff
Wirkl. Staatsrath Grigorij Feodorowitsch
Kudrina . . .
5
22
Karai - Soltykowo
9
60
Vorsp.-(Traber) und
Arbeitspferde
Die Erben des Gener.-Lieuten. Alexiei
Lukino ....
4
30
Vorspannpf.(Traber)
Kozlowskij
Stabsrittmstr. Pet. Dmitriew. Werderewsky
Laschka. . .
4
28
»»
Gener.-Maj. Alexand.Wasiliew.Schichareff
Krasnoselie . .
9
45
Vorsp.- (Traber) und
Reitpferde
«>
Lieuten. Nikolai Petrowitsch Zaitzeff
Palnaia ....
4
35
Vorspannpf.(Traber)
»»
Gen.-Maj. Andrei Wasiliewitsch Masloff
Konstantinowka .
4
39
it
Staatsrath Iwan Iwanow. Rachmaninoff-
Kazinka
15
150
»
Lieuten. Sergiei Wasiliew. Rachmaninoff
Tarakanowka. .
6
32
Vorsp.-(Traber) und
Reitpferde
>?
Generalieutenant Dmitrij Iwanowitsch
Zolotoustowo. .
5
21
Vorspannpf.(Traber)
»
Stabskapit. Ignatij Iwanow. Spiridonoff
Alexandrowka
11
67
>y
Stabskapit�n Lew Petrowitsch Filatoff .
Jarna.....
5
30
j>
Lebedianskij
Lieuten. Michael Josefowitsch Bechtieeff
Chomiaki . . .
7
46
Reitpferde
j?
Kaufm. Alexander Petrow. Rostowtzeff.
Lutoschkina . .
6
27
Vorspannpferde
Lipetzkij
Lieuten. Michael Iwanowitsch Koschin .
Znamenskoe . .
8
49
Vorspannpf.(Traber)
>?
Kaufm. I.Gilde Alex. Nikanorow.Schatiloff
Stenschino. . .
4
36
)i
Morschanskij
Gardelieut. a. D. Wladimir Iwanowitsch
Lipowka . . ,
10
58
Reit-, Vorsp.-Pferde
(z. Th. Traber)
Hofstallmeister F�rst Boris Alexandrow.
Werchniaia-
Otorma _ . .
6
27
Vorspannpf.(Traber)
Usmansijk
Gouvernem.-Sekr. Iw.Platonow. Andreeff
Breslawka . .
4
27
jt
>>
Gen.-MajorNikolai Dmitriew. Bologowsky
Rostowka . . .
5
40
Vorsp.-(Traber) und
Reitpferde
V
Garde-Rittmeister F�rst Leonid Dmitrie-
witsch Wiazemsky . . ....
Lotorewo . . .
5
120
Vorspannpf. (Traber)
tt
Ehrenb�rger Michael Feodorow. Demin
Nowopetrowskaia
6
30
?>
t>
Die Ehrenb. Pet. u. Alex. Wasil.Deribezoff
Wasiliewka . .
5
65
11
>>
Oberst Michael Alexandrow. Ochotnikoff
Alexandrowka
8
124
)>
J7
Oberst Wasily Iwanowitsch Pawloff . .
Marfino , . . .
7
50
>>
t>
Lieutenant Michael Wladimirowitsch Po-
5
8
60
116
>>
1!
OberstKonstantin JacowlewitschSawelieff
Alexandrowskoe .
)>
Lieuten. Sergiei Michaelowitsch Filipoff
Bolschaia - Pla-
witza ....
4
42
>>
Schatzkij
Artillerie-Lieuten. Andrei Ewgrafowitsch
Worontzoff- Weliaminoff Gest�tshof
bei Pertowa . .
5
26
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
?>
Graf Mar. Iwanow. Worontzoff-Daschkoff
Nowotomnikowo.
9
40
Vorsppf. (Traber)
"'0
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russland's pferde-racen.
iq8
Pferde - M�rkte und Messen im Gouvernement Tambow.
Bez�glich der Pferde-M�rkte in diesem Gouvernement giebt J. von Moerder Fol-
gendes an:
i) Kreis Tambowsky. In der Stadt Tambow j�hrlich 2 M�rkte: a) in der g. Woche
nach Ostern; b) vom 5. bis 22. October. Der Antrieb stellt sich bei dem ersteren ungef�hr auf
4000 St�ck Pferde aller Gattungen; zu dem letzteren kommen etwa 1500 Wagen-, Arbeits-
und Remonte-Pferde. Der Juni-Markt im Dorfe Razkazowo ist von geringerer Bedeutung.
2)   Kreis Borisogliebsky. Im Dorfe Uwarowo finden 2 M�rkte statt: a) vom 10. bis
17. M�rz; b) in der 7. Woche nach Ostern. Auf dem ersteren erscheinen durchschnittlich
2000 St�ck und auf letzterem etwa 500 Pferde. Auf beiden M�rkten sieht man viele Remonte-
und Arbeitspferde. � Im Dorfe Barnaki: vom 27. Januar bis 2. Februar. Antrieb gegen
2000 Pferde f�r die Artillerie und den Train tauglich, zum Theil auch Arbeitspferde geringerer
Art. � Im Dorfe Oleschki: vom 1. bis 5. Januar. Antrieb 500 Pferde des Wagenschlages. �
Im Dorfe Matschkopo: vom 1. bis 7. M�rz. Es werden diesem Markte gegen 1000 Wagenpferde
zugef�hrt.
3)  Kreis Lebediansky. In der Stadt Lebedjan finden 3 M�rkte im Jahre statt: a) vom
27. December bis 8. Januar; b) Pfingstmarkt, welcher etwa zwei Wochen w�hrt, c) vom
15. September bis 1. October. Der Antrieb ist auf dem ersteren ziemlich unbedeutend. Zum
zweiten Markte kommen gegen 300 St�ck und zum dritten etwa 200 Pferde, Man zahlt hier
durchnittlich f�r die Arbeits- und Wagenpferde 50 Rubel und f�r die Remonten 100 bis
150 Rubel.*)
4)   Kreis Lipetzky. In der Stadt Lipetzk. Vom 12. bis 15. August werden diesem
Markte gegen 1000 Gespann- und Bauerpferde zugef�hrt.
5)  Kreis Usmansky. In dem Dorfe Poletaewo finden j�hrlich 2 M�rkte statt: a) vom
1. bis 7. Mai; b) vom 1. November bis 1. December. Der Antrieb betr�gt hier zu jedem
Markte etwa 4000 St�ck, meistens Wagenpferde. Hin und wieder erscheinen auf diesen
M�rkten aber auch gute Remonte - und schwere Lastpferde aus dem Gouvernement Woronesch.
Man zahlt daselbst 200 bis 300 Rubel f�r die Thiere besseren Schlages; f�r kleine Bauerpferde
gew�hnlich nur 20 und 30 Rubel. Im Dorfe Archangelsk giebt es 2 M�rkte: a) vom 7. bis
9. Mai; b) vom 1. bis 7. December. Zu dem ersteren kommen etwa 500 Traber. In der Stadt
Domschinsk ist nur ein Markt, vom 27. bis 31. August. Antrieb gegen 1500 Pferde ver-
schiedenen Schlages.
*) Auf diesen M�rkten fanden sich in der Neuzeit viele Pferde, welche zur Remontirung der Garde-Cavallerie
geeignet erscheinen. � Die Remontirung geschieht dort durch eine besondere Commission, welche aus einem General -
Inspekteur und 15 Offizieren besteht. Der Remontepreis f�r K�rassier-Pferde stellt sich jetzt durchschnittlich auf
210 Rubel. F�r ein leichtes Cavallerie-l'ferd bezahlt man 160 bis 170 Rubel. �
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'' 'HCl
Artillerie Zugpferde
aus Tambow.
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT TAMBOW.
IQ9
C. Die Pferdezucht im Gouvernement Pensa.
Dieses Gouvernement � 705,37 geogr. [jMeilen gross mit 1,197,400 Bewohnern � wird von
der Mokscha und Sura durchfl�ssen; es bildet eine Ebene mit einigen massigen H�gelreihen
und geh�rt in allen Theilen der schwarzen Erde an. Die H�lfte von Pensa ist Kulturland, mehr
als ein Drittheil ist mit Waldungen bedeckt, welche gr�sstentheils sch�ne Eichen enthalten.
1/7 der Fl�che bildet vortreffliche Wiesen. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist in diesem Gouver-
nement besonders gross, das Klima mild und angenehm, nur zuweilen nimmt im Hochsommer
die D�rre etwas �berhand. � Das Land bringt Getreide aller Art, Hanf, Flachs, die ver-
schiedenartigsten Gartenfr�chte, einiges Obst und viele Waldbeeren. Die Viehzucht wird in
den meisten Kreisen umfangreich und nicht gar zu sorglos betrieben. Verschiedene Produkte
derselben werden in grossen Mengen ausgef�hrt, so z. B. Seife, Talg, Leder und Wolle. Ein
grosser Theil der letzteren wird in den Tuchfabriken dieses Gouvernements verarbeitet.
In Pensa finden sich viele sch�ne Landg�ter im Besitz der adligen Herren; manche derselben
haben stattliche Schl�sser und gut gehaltene Parks. Auf den meisten G�tern, auch in ver-
schiedenen Bauerdorfschaften wird jetzt der Feldbau ungleich besser betrieben, als vor 15 und
20 Jahren; man bemerkt hier fast �berall einen grossen Fortschritt bei der Bestellung der
Felder. Ebenso hat sich auch bei der Auswahl und Haltung der Zuchtthiere aller Gattungen
eine gr�ssere Sorgfalt zu erkennen gegeben; man trifft dort manchen werthvollen Zuchthengst
nicht nur im Besitz des Adels, sondern auch bei den Bauern. Die Anzahl der zur Zucht be-
stimmten Pferde soll sich in den letzten Jahren nicht unerheblich vermehrt haben. Es gab
in diesem Gouvernement 1876 bereits 66 Privat-Gest�te mit 202 Hengsten und 1232 Mutter-
stuten, und im Ganzen 365,800 Pferde, mithin einen sehr grossen Bestand im Vergleich zu
anderen Gouvernements von Ost-Russland.
Man z�chtet in Pensa haupts�chlich einen kr�ftigen Wagenschlag. Von jenen 66 Ge-
st�ten besch�ftigen sich 45 ausschliesslich mit der Aufzucht von Zugpferden und nicht ein
einziges Gest�te ist f�r die Z�chtung von Reitpferden bestimmt. In 21 Gest�ten sieht man
Pferde, welche sich f�r die verschiedenartigen Gebrauchszwecke eignen, vorwiegend aber solche,
welche Arbeitsrosse genannt werden k�nnen.
Leider finden sich aber auch in den n�rdlichen Theilen dieses Gouvernements bei den
Bauern noch viele elende, schwache Pferdchen, die hin und wieder zur Zucht benutzt werden.
Das M�sten der dreij�hrigen Hengste, welches in Russland bei den Bauern an vielen Orten,
besonders im Simbirskischen Gouvernement, beliebt ist, soll auch in den �stlichen und nord-
�stlichen Kreisen von Pensa noch h�ufig vorkommen.
Sehr oft werden die Hengstfohlen, nachdem sie entw�hnt sind, in Klewu (Mastst�lle)
aufgestellt und zu sogenannten Wykormkis (Gem�stete) herangebildet. Da nun bei der Er-
ziehung dieser Fohlen alle Bedingungen erf�llt werden, die zur M�stung erforderlich sind,
n�mlich Mangel an Bewegung und Licht, Ueberfluss an leicht verdaulichem Mehlfutter und
W�rme, so erreichen diese Treibhauspflanzen, wenn Iman sie so nennen darf, im Laufe von
zwei bis drei Jahren, eine f�r ihr Alter ungew�hnliche H�he und Corpulenz. Nach vollendetem
zweiten Lebensjahre wird ein solches Hengstfohlen schon zur Zucht benutzt, indem man ihm
zwei bis sechs Stuten giebt; im folgenden Fr�hjahr werden ihm noch mehr Stuten zugef�hrt.
Nach beendigter Sprungzeit wird das Thier gereinigt, gewaschen, geschoren und zuletzt auf
den n�chsten Markt gef�hrt. Hier handelt es sich haupts�chlich darum, den dreij�hrigen
Hengst in's beste Licht zu stellen, welcher aber schon ohne dies viel Bestechendes f�r Un-
kundige durch seine runden Formen besitzt. � Durch die N�he einer Stute und durch den all-
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2CO
RUSSLAN'D S PFERDE-RACEN.
gemeinen L�rm des Jahrmarktes aufgeregt, wird das sonst gew�hnlich etwas schl�frige, fette
Thier in einen exaltirten Zustand versetzt; es scharrt und stampft mit den F�ssen, wiehert, setzt
den Schweif gerade vom K�rper ab und macht alle Bewegungen des K�rpers mit einer auf-
f�lligen Leichtigkeit und Gewandtheit. Auf diese Weise werden manche Fehler am Thiere
vom Kauflustigen �bersehen und man findet bei oberfl�chlicher Besichtigung an demselben
nichts zu tadeln. An K�ufern fehlt es in der Regel auf den dortigen M�rkten nicht, auch sind
hier immer die sogenannten �guten Freunde" zu finden, welche dazu dienen, den Preis in die
H�he zu treiben, und oft ist das Mastpferd f�r ioo bis 200 Rubel sehr schnell verkauft.
Nun muss man aber selbst einmal Besitzer solcher Mastpferde gewesen sein � sagt
Professor Unterberger � und sich von der Metamorphose, die mit ihnen vorgeht, �berzeugt
haben, um nicht an der Wahrheit jener Beschreibung zu zweifeln. �Das k�nstlich hervorge-
brachte Feuer, welches das Pferd auf dem Markte zeigte, kehrt nur auf kurze Zeit bei dem
neuen Besitzer in der Wirthschaft wieder, wenn der junge Hengst Stuten in seiner N�he wittert.
und es verliert sich auf immer nach der Kastration, ohne welche der oft unanst�ndig werdende
Hengst weder als Zug- noch als Reitpferd benutzt werden kann. Im Laufe eines Jahres w�chst
ein solches Thier nur in die H�he und nicht in die L�nge und Breite, verliert daher die ge-
f�llige Proportion in seinen einzelnenK�rpertheilen sehr bald; es liefert dann mit seinen schlaff
herunter h�ngenden Ohren und der dummen Physiognomie das Bild einer ganz gemeinen M�hre
und ist kaum noch die H�lfte des Preises werth, welcher auf dem Markte f�r dasselbe be-
willigt wurde. Ausserdem treten noch alle Folgen, die ein schlaffer Faserbau und fr�hzeitige
Benutzung zur Zucht mit sich bringen, ein, als: Kreuz-, Lenden- und Schulterlahmheit und
Mauke, letztere oft mit sehr b�sartigem Charakter."
Es wird von allen Reisenden, die in, der Neuzeit nach den Gouvernements Pensa und
Simbirsk gekommen sind, berichtet, d^ls jene Wykormkis mehr und mehr verschwinden und
besseren rationell gez�chteten und zweckm�ssig ern�hrten Pferden Platz machen. � Die
kaiserlichen Besch�ler-Depots und die gut eingerichteten Privat-Gest�te des Landadels haben,
wie es scheint, vortheilhaft auf die Verminderung der Wykormkis eingewirkt.
Bez�glich der Pferdem�rkte im Gouvernement Pensa giebt J. von Moerder Folgendes an:
In der Stadt Pensa finden j�hrlich 2 M�rkte (am 24. Juni und in der ersten Dezember-Woche)
statt, auf welchen Pferde aller Art erscheinen. Ferner sind in der Stadt Nischny-Lomow im Mai
und Juli und im Dorfe Golowinschina in der neunten Woche nach Ostern Pferdem�rkte, auf
welchen gew�hnlich zwischen 300 und 500 Pferde verschiedenen SchUiges erscheinen.
Die Gebr�uche, welche in jenen Landsclmften des Ostens beim Pferdehandel herrschen,
weichen sehr auff�llig von den in anderen L�ndern vorkommenden ab. Der h�here Grad der
K ultur in den westlichen Gouvernements hat so viel k�nstliche Mittel ersonnen, theils um Fehler zu
verdecken, theils um wirklich nicht existirende Eigenschaften zu fingiren, dass der K�ufer sich
dort lange besinnt, ehe er auf den Kauf eingeht; oft geht ein ganzer Tag �ber dem Handel
hin, ehe der Verkauf zum Abschluss kommt. Der russische Bauer in den �stlich belegenen
Landestheilen macht aber dergleichen Gesch�fte in der Regel mit ein paar Worten ab und
verl�sst sich gew�hnlich auf die Versicherung des Verk�ufers, dass sein Pferd gut, ohne Fehler
und zu diesem oder jenem Gebrauchszwecke besonders tauglich sei. Auf den M�rkten aller
L�nder, in Russland, wie in West-Europa, spielen ungebetene Vermittler eine grosse Rolle;
im Westen Russlands, wie bei uns in Deutschland vermitteln die Juden und im Osten die
Zigeuner und Tataren das Pferdehandel-Gesch�ft.
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DIE PFERDEZUCHT [ JE G 0 U V E RN E JE E NT PENSA.
Verzeichniss
der hervorragendsten Z�chter im Gouvernement Pensa.
Kreise.
Namen der Z�chter.
Gest�t.
Zuchtpferde.
Hengste [ Stuteu
Art der gez�chteten
Pferde.
Pensenskij
>>
F�rst Nicolai Nikanorowitsch Manzyreff
Hofrath Sergiej Alexandrow.Nirotmortzeff
Edelmann Alexander Alexandrowitsch
Teliegino . .
Artschady .
4
IO
36
81
gemischt
Vorsppf. (Traber)
Solowtzoff.........
Solowtzowka .
Dertewo . .
Woeikowka .
5
2
2
27
23
29
Vorsppf. (Traber)
Vorspannpf. (Trab.)
gemischt
I)
Insarskij
Stabs -Rittm. Iwan Alexandrow. Saburoff
F�hnrich Paul Iwanowitsch Jumatoff
Colleg.-Secr.-Wittwe Elisabeth Alexan-
)?
General-Majorin Barbara Dmitriewna
Meltzan}" . ■
4
20
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
Kerenskij
>>
Staatsrath Sergiej Sergiejewitsch Wolkoff
Hofr�thin Anastasia Alexieewna.Kozlowa
Tokmovo .
Kondiewka.
Malyj-Burtas .
4
9
50
27
46
Vorsppf. (Traber)
Vorsppf. (Traber) u.
Arbeitspferde
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
F�hnrich Alexander Nikolaew. M�ller .
F�rstin Maria Alexandrowna Schachows-
Poliwanowo .
5
26
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
IO
55
Vorsp.- u. Arbeitspf.
Mokschanskij
F�rst Dmitrij Wladimirowitsch Drutzky-
Parowtschatskij
Sokolinsky..........
Staatsrath Wasily Makakarow. Nikiforoff
Garde-Rittm. Sergiei Sergieew. de Beauvet
Wittwe Sophia Nikolaewna Ralgina. .
Lieut. Nikolai Nikolaewitsch Alchebinin
Znamenskoe .
Tschirkowo
Azias . . .
Turakina . .
Ruzwel . . .
5
5
3
4
3
29
30
20
28
19
Vorsppf. (Traber)
Vorsppf. (Traber) u.
Reitpferde
Vorspannpf. (Trab.)
Vorsppf. (Traber)
N ischnelo m owskij
Ekaterina Alexieewna Saltykowa . . .
Nowotroitzkoe
6
30
Vorsppf. (Traber) u.
»5
Saranskij
Garde - Oberst Nikolai Andreew. Arapoff
Lieutenant Wasily Pawlowitsch Olferieff
Stabs-Rittmeister Alexiej Dmitriewitsch
Panoff..........
Andreewka
Lapatino . .
Worotniki . .
3
5
4
27
3i
20
Arbeitspf. (schwere)
Vorspannpf. (Trab.)
Arbeitspferde
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
»
Wirkl. Staatsr. Alexander Alexandrowitsch
?j
Tatischtscheff . . ......
Die Erben der Frau General-Adjutant
Protasowo . .
5
35
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
u. Arbeitspferde
Ewdokia Gawrilowna M�rder . . .
Armenkowo .
3
13
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
»
Garde -Capit. Andrei Nikolaew. Saloff .
Salowka . .
3
15
Arbeitspferde
Tschembarskij j
>>
Doctorin Ewgenia Josifowna Genok
Collegien-Registr. Grigoryij Jakowlewitsch
Wysokoe . .
Koschkarowo .
4
4
r9
20
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
'j
Kaufm. zweiter Gilde in Tambow Zacharij
Zawiwalowka .
4
24
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
Garde - Rittmeister Nikolai Was�iewitsch
Nikolaewka .
8
45
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
u. Reitpferde
Freytag. Russland's Pferde - Racen.
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zo2                                                     russland's pferde-racen.
D. Die Pferde im Gouvernement Nischnij - Nowgorod
oder Nishegorod.
Das von 1,262,913 Menschen bewohnte Gouvernement Nishegorod umfasst einen Fl�chen-
raum von 931,16 geogT. □ Meilen; es wird von der Wolga, Sura, Wetluga und Oka
durchfl�ssen und bildet mit Ausnahme der hohen rechten Ufer der Fl�sse eine ziemlich ein-
f�rmige Ebene, auf welcher die H�lfte des g_anzen Areals mit Wald bedeckt ist, zwei Drit-
theile aber dem Ackerbau dienen, und auf der schwarzen Erde meistens reiche Ernten liefern.
Nischnij-Nowgorod gilt mit dem Gouvernement Samara f�r die Kornkammer beider Residenzen
des Czaren- Reiches. An vielen Orten des Gouvernements findet sich neben dem Ackerbau ein
ausgedehntes Fabrikwesen und bildet solches hier im Winter die Hauptbesch�ftigung der
Bewohner. � Es wurde uns angegeben, dass im Nishegorod'schen 628 Fabriken vorhanden
w�ren, die nahezu 15,000 Arbeiter besch�ftigten. � Die Seifen-, Licht- und Leimfabriken,
wie auch einzelne Kalbleder-Gerbereien sollen in der Neuzeit ganz rationell und an einigen
Orten auch sehr umfangreich betrieben werden.
Die Bev�lkerung besteht aus Russen, Mordwinen, Karakalpaken und Tscheremissen. �
Die Mordwinen sind die s�dlichsten Finnen, aber meist ganz russificirt. Unter den an einzelnen
Orten vorkommenden Ansiedlern finden sich viele Deutsche. � Bei der Entlegenheit der
gr�sseren Ortschaften von den zu denselben geh�rigen Aeckern wird auch hier wie in
anderen �stlichen Gouvernements � der Landbau gewissermassen nomadisch betrieben, indem
die Bauern zeitweise eine Zeltstadt beziehen und von hier aus ihre Felder bestellen resp.
dieselben abernten. Neben dem Ackerbau besch�ftigen sich viele Bewohner � besonders die
Moidwinen und Russen � mit der Z�chtung von Pferden, Rindern, Schafen etc. Die vornehmsten
Ausfuhrartikel sind Korn, Hanf, Pferde, Rinder, Talg, Seife, Leim, Kalb- und Lammfelle
(Tulupus), auch Leder und gefrorene Fische etc. etc., wozu die Wolga den Haupt-Handels-
weg" anweist, werden exportirt. �
Nischny-Nowgorod ist eine der gr�ssten Handelsst�dte Russlands, der Sammelplatz
von zahlreichen Caravanen, und es herrscht daselbst w�hrend der Sommermonate eine sehr
rege Schifffahrt sowohl auf der Wolga, wie auf der Oka. In dieser Stadt findet seit 1817
allj�hrlich im Juli und August die grosse Peter-Pauls-Messe statt, die bedeutendste im ganzen
Kaiserreiche, auf welcher der Hauptverkehr zwischen Asien und Europa vermittelt wird
und die daher im hohen Grade interessant ist. Die sehr verschiedenartigen, in ungeheuren
Mengen herbeigef�hrten Waaren aller Gegenden sollen im Jahre 1864 einen Werth von
108,900,000 Rubel repr�sentirt haben, und verkauft wurden f�r 92,300,000 Rubel. 186g sch�tzte
man hier den ganzen Waarenumsatz auf 80 Millionen Rubel. Zur Zeit der grossen Messe
findet in Nishnij-Nowgorod auch ein Pferdemarkt statt, auf welchem oft tausend und mehr
Rosse verhandelt werden. Im Kirchdorfe Powyj werden j�hrlich mehrere Pferde - M�rkte
abgehalten, von welchen der Juni-Markt in der Regel am st�rksten beschickt wird.
Bez�glich der Pferdez�chtung im Nishegorod'schen wird uns von russischen Hippologen
Folgendes berichtet: �Die Lage und klimatischen Verh�ltnisse dieses Gouvernements, ganz
besonders aber dessen Bodenbeschaffenheit, sowie der Reichthum an Wiesen und Weiden,
welche letztere hier mit nahrhaften, s�ssen Gr�sern und Kr�utern dicht bewachsen sind,
machen diese Landschaft f�r die Aufzucht der Pferde besonders tauglich. Wenn auch neuer-
dings durch den regeren Betrieb des Ackerbaues viele Weiden urbar gemacht und in Feldland
umgewandelt wurden, auch die Futtermittel jetzt an vielen Orten etwas theurer geworden sind,
so bietet dennoch dieses Gouvernement dem Pferdez�chter manchen Vortheil, welcher sich in
anderen nord�stlich und �stlich belegenen Gouvernements nicht in dem Masse finden. � Die
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT NIS CHNI J-N O WGOROD ODER NISHEGOROD.            203
Anzahl der hier gehaltenen Pferde ist in der That ziemlich gross; sie betrug im Jahre 1876
etwa 232,000 St�ck, und es soll dieselbe in den letzten Jahren noch bedeutend gewachsen sein;
mehrere neue Privat - Gest�te sind hinzugekommen und einige der �lteren haben an Umfang
zugenommen." �
Die Gr�sse und die K�rperbeschaffenheit der Pferde ist in den verschiedenen Kreisen
Nishegorod's nicht ganz gleich; ihre Hohe schwankt zwischen 1,40 und 1,60 Meter. Die von
den Bauern aufgezogenen Rosse halten gewissermassen die Mitte zwischen den gr�sseren
Wagenschl�gen der Schwarzerde - Region und den mittelgrossen Waldpferden des Nordens. �
In den Kreisen Bolachna und Gorbatow, wo viele Mordwinen wohnen, sollen die Pferde kleiner,
kaum 1,40 Meter hoch sein. Die meisten und besten Pferde � ein guter Wagenschlag- �
werden im Kreise Lutojanow gez�chtet; es gab daselbst 1876 9 Privatgest�te mit 28 Hengsten
und 305 Mutterstuten. �
Im sergatschkischen und wasiliskischen Kreise des Gouvernements Nishegorod wohnen
einige tatarische Familien, welche eine kleine Anzahl Mutterstuten zur Zucht der alten
tatarischen Race halten; deren Nachzucht wird von den nishegoroder Bauern sowohl zur Feld-
arbeit wie zum Transportiren der Handelswaaren gern gekauft, weil diese Thiere sich stets
sehr ausdauernd und gen�gsam zeigen.
Im Allgemeinen besitzen die Pferde dieses Gouvernements leidlich gute K�rperformen
meist trockene K�pfe, kr�ftige Gliedmassen und feste, aber etwas breite Hufe. Viele dieser Pferde
erinnern in ihrem Leibesbau an die livl�ndischen Klepper, und es ist nicht unwahrscheinlich,
dass in fr�herer Zeit mehrfach Klepperhengste hier eingef�hrt und zur Kreuzung mit den
Landstuten alten Schlages benutzt worden sind.
Auf die Trennung der Geschlechter wird in den Bauerwirthschaften und Stutereien
meistens nicht gesehen. Ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters, der Gr�sse und der
sonstigen Eigenschaften befinden sich die Pferde in der Regel auf den gemeinschaftlichen Wei-
depl�tzen der Dorfschaften. Paarungen finden hier statt, wie man sie nicht immer w�nschen kann;
Fohlen, deren K�rper kaum zur H�lfte entwickelt ist, belegen und empfangen, bleiben dann
in der Ausbildung ihres eigenen K�rpers sehr zur�ck und erzeugen gew�hnlich nur Schw�ch-
linge, sind nun aber noch unter den sich paarenden Thieren fehlerhafte Individuen vorhanden,
so gehen die Fehler auf die Nachkommenschaft �ber und diese verschlimmern sich von Gene-
ration zu Generation.
Zweij�hrige Stuten, ja oft noch j�ngere Thiere m�ssen die Egge ziehen oder werden
vor den Wagen gespannt; mit drei Jahren wird das Bauerpferd zu allen Arbeiten, selbst den
schwersten, herangezogen. Wenn dann am Abend das arme Thier, von der Arbeit erm�det,
nach den. Hofe zur�ckkehrt, welche Pflege wartet hier seiner? Keine Hand r�hrt sich, um
durch Putzen, sei es auch nur mit dem Strohwische, den Schmutz und Staub zu beseitigen.
Von dem juckenden Hautreiz sucht es sich durch W�lzen zu befreien; da aber ein reinge-
haltener Hof in jenen Gouvernements zu den Seltenheiten geh�rt, so verunreinigt sich das Thier
nur noch mehr, so dass, wenn nicht endlich ein wohlth�tiger Regen kommt, es sich sehr oft
schwer unterscheiden l�sst, welche Haarfarbe das Pferd besitzt. Bevor dasselbe sein k�rgliches
Futter vorgelegt erh�lt, geht es mit seinen Gef�hrten noch einige Zeit frei im Hofe umher,
stillt seinen ersten Hunger mit den umherliegenden, oft sehr unreinen, staubigen Heu- und Stroh-
halmen und l�scht auch wohl gar seinen Durst aus einer gerade vorhandenen Pf�tze. Bei
g�nstiger Jahreszeit wird das eben heimkehrende Ross abgeschirrt und sogleich auf die
n�chste Weide oder in den Wald getrieben.
Die Stallungen f�r die Pferde lassen hier, wie an vielen anderen Orten des �stlichen
Russlands, leider noch viel zu w�nschen �brig; sie bestehen meistens aus Schuppen von Flecht-
26*
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2C4                                                     rtjssland's pferde-racen.
werk, welches hier und da mit Lehm verschmiert ist. In diesen dumpfigen R�umen stehen die
armen Gesch�pfe dicht gedr�ngt im Schmutze und finden zuweilen kaum den n�thigen Platz,
sich niederzulegen. Die h�lzernen St�lle (Klew�), welche sich in einigen Dorfschaften finden,
sind sehr niedrig, haben immer nur kleine Th�ren und winzig schmale Fenster oder Luftl�cher;
die Dunkelheit, der Schmutz und Dunst in diesen Stallungen sollen noch weit schlimmer als in
den Schuppen von Flechtwerk sein.
So viel nun auch in der Neuzeit von Seiten der Regierungsbeh�rden, der Gest�tsbeamten
und einzelner reicher Privatleute daf�r gearbeitet wird, die Bauern des Landes zu einer besseren
Unterbringung und zweckm�ssigen Haltung ihrer Pferde zu bewegen, so ist doch leider nur
vereinzelt ein Wandel zum Besseren wahrgenommen worden.
Die Bauern erkl�ren den Beamten etc. auf ihre Ermahnungen gew�hnlich, dass ihre
Rosse von Jugend auf an eine solche Haltung und Behandlung gew�hnt seien, auf diese Weise
auch am besten abgeh�rtet w�rden, und sp�ter bei der Arbeit die Ungunst des Wetters weit
besser aushalten k�nnten, als die gut gehaltenen, verweichlichten Luxuspferde in den sch�nen
Stallungen der wohlhabenden Guts- und Gest�tsbesitzer.
Was die vielger�hmte Ausdauer jener Bauerpferde anbetrifft, so ist zwar nicht zu
leugnen, dass sie bei ihrer geringen K�rpergr�sse eine Zeit lang wirklich Erstaunliches leisten,
aber schon im zehnten Lebensjahre in den Leistungen bedeutend nachlassen und selten l�nger
als bis zum 15ten Lebensjahre dienstbrauchbar bleiben. Offenbar liegt die Schuld dieser kurzen
Nutzbarkeit jener Pferde an der meist schlechten Haltung und fr�hzeitigen Verwendung der-
selben. F�r die Beseitigung dieser Uebelst�nde soll zwar in der Neuzeit die Regierungsbeh�rde
jenes Gouvernements die geeigneten Massregeln angeordnet haben, doch es lassen sich bei
V�lkern, wie die Mordwinen und Tscheremissen, die wohlth�tigen Folgen derselben erst nach
Decennien erwarten.
Eine der wichtigsten Massregeln f�r die Verbesserung der Pferdez�chtung war hier �
wie in anderen Gouvernements des Ostens � die Aufstellung von t�chtigen Besch�lhengsten,
und wenngleich schon vor Jahrzehnten mehrere sehr brauchbare Hengste besserer Racen in's
Land geschickt worden sind, so haben dieselben doch nur vereinzelt eine werthvollere Nach-
zucht produciren k�nnen, weil die ihnen zugef�hrten Stuten im Grossen und Ganzen zu
klein und schw�chlich waren. � Eine andere Aufmunterung bestand darin, dass von den Orts-
beh�rden j�hrlich einige junge Hengste, welche aus der Kreuzung von edlen Besch�lern und
heimischen Landstuten hervorgegangen waren, zu verh�ltnissm�ssig hohen Preisen angekauft
wurden. Man zahlte f�r diese Kreuzungsproducte 50 bis 100 Rubel per St�ck, ein Preis, welcher
bedeutend h�her als der ist, welcher sonst f�r die gemeinen Bauerpferde Nishegorod's erzielt
wurde. Auf diese Weise erreichte die Beh�rde, dass die Anzahl der zum Verkauf vor-
bereiteten jungen Pferde sich von Jahr zu Jahr vermehrte. Ein Theil der m�nnlichen Thiere,
d. h. nur die besser gewachsenen Individuen, wurden von den Bauern zum Besch�len benutzt;
sie mussten die durch Todesf�lle oder Unbrauchbarkeit entstandenen L�cken unter den ur-
spr�nglich eingef�hrten fremden (Veredelungs-) Hengsten ausf�llen und zugleich als Arbeits-
pferde Dienste verrichten. � Leider aber verwenden die dortigen Z�chter des Bauern-
standes die Hengstf�llen schon nach beendigtem zweiten Lebensjahre zur Zucht, indem man
ihnen anf�nglich acht bis zehn Stuten giebt und sie mit diesen auf die Weide schickt.
Im dritten Jahre theilt man ihnen sehr oft schon die doppelte Anzahl Stuten zu, und im vierten
Jahre werden die Hengste h�bsch geputzt und kurz geschoren auf den n�chsten Markt gef�hrt,
um hier verkauft zu werden. �
Die Veredlung in den Gest�ten des Landadels wurde schon seit mehreren Decennien
mit weit gr�sserer Sorgfalt als in den Stutereien der Bauern zur Ausf�hrung gebracht, und es
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT N I SC H N Y-N O W G OR O D ODER NISHEGOROD.               205
l�sst sich nicht leugnen, dass in Folge dessen jetzt aus jenem Gouvernement manches brauch-
bare und werthvolle Ross des nishegorodschen Schlages auf den M�rkten in der Hauptstadt
des Landes, wie auch in Moskau und anderen Orten erscheint, welches den besseren Pferden
von Tambow Concurrenz machen kann. Es giebt in Nishegorod f�nf Gest�te f�r die Traber-
Race, die zum Theil h�chst rasche L�ufer produciren sollen.
Das Hauptbesch�ler-Depot Potschinkowsk dieses Gouvernements liegt im Lukojonow'-
schen Kreise, in der N�he der Stadt Potschinki, und ist eins der �ltesten im Reiche. Dasselbe
besitzt jetzt die meisten Hengste (164), mehr als irgend eins der anderen Depots. Fr�her war
hier ein grosses Staats- oder Kr�n-Gest�t, in welchem 17 Hengste und 152 Mutterstuten ge-
halten wurden.
Die Geb�ude Potschinkowsk's sind alle nur massiv, von Stein erbaut, und besitzen
eine sehr gef�llige Architectur. Die St�lle sind ger�umig und hinreichend mit Fenstern ver-
sehen. � Auf den Gest�ten der Privaten findet man dort leider sehr h�ufig noch dunkle und
niedrige Stallungen mit schlechter Ventilation. � Die Besch�ler in Potschinkowsk befinden
sich in grossen Kastenst�nden, in welchen sie sich unangebunden, frei bewegen k�nnen. Das
K�rnerfutter sowohl, wie Heu und H�cksel erhalten die Pferde in Krippen vorgelegt.
. Von den daselbst aufgestellten Hengsten ist nur ein Einziger als Vollblut-Araber
zu bezeichnen, 63 sind Halbblutpferde f�r den Reitschlag, 25 sind Traber, 46 geh�ren dem
Wagenschlage an, 29 Hengste sind gemeineren Schlages und haupts�chlich zur Erzeugung
von Arbeitspferden bestimmt. Diese letzteren sind ziemlich gross von Wuchs � 1,60 Meter
und dar�ber hoch �, meistens von brauner Farbe; sie besitzen fast alle eine breite Brust, einen
gut aufgew�lbten Rippenkorb, derbe Gliedmassen mit kr�ftigen Knieen, breiten Sprunggelenken,
kurzen Fesseln und grossen Hufen. � Mehrere der dortigen Besch�ler sollen von dem 1850 aus
England importirten Suffolk-Hengste Samson, und Andere von dem Clydesdaler-Hengste Her-
cules abstammen. Beide Pferde waren vortreffliche Repr�sentanten ihrer Racen und lieferten
in Potschinkowsk, sowie im ganzen Lukojanow'schen Kreise eine sehr werthvolle Nachzucht,
die bis auf den heutigen Tag in sch�nen Exemplaren daselbst vorkommen soll.
Auch das Stutenmaterial dieses Gest�tshofes ist in fr�herer Zeit von bester Beschaffen-
heit gewesen. Bei einer kolossalen Figur besassen die Stuten sch�ne, gef�llige K�rper-
formen und rasche Gangarten. Man r�hmte ihr gutes Temperament und ihre grosse Ausdauer bei
der Arbeit; beide Eigenschaften sind bekanntlich f�r Wagen- und Arbeitspferde von gr�sstem
Werthe und es sollten dieselben bei der Auswahl der Zuchtpferde stets in erster Linie ber�ck-
sichtigt werden.
Die Pflege und F�tterung ist in Potschinkowsk eine musterhafte. Alle Pferde sind gut
gehalten und zweckm�ssig ern�hrt. Die Weiden sind in der Umgegend dieses Depots ganz
vortrefflich und gerade i�r die Ern�hrung von jungen Pferden sehr geeignet. Das Areal hat
eine h�gelige Lage, und gutes Wasser zur Tr�nke ist in gen�gender Menge vorhanden, auch
schattige Pl�tze fehlen auf den Weiden nicht und man darf diesem Besch�ler - Depot wohl mit
Recht nachsagen, dass es bez�glich seiner Einrichtung nichts zu w�nschen �brig l�sst.
Nach den Angaben unseres Gew�hrsmannes finden sich auf den dortigen Weiden unter
den Gr�sern besonders stark vertreten: Phleum pratense, Panicum ciliare, Lolium perenne,
Alopecurus pratensis und Anthoxantham odoratum.
Der g�nstige Einfluss dieses Besch�ler-Depots auf die Verbesserung der Pferdezucht im
Gouvernement Nishegorod soll besonders im Lukojanowsk'schen Kreise neuerdings sehr
bemerkbar geworden sein; es werden aus den Dorfschaften unweit Potschinki's jetzt viele t�ch-
tige Wagen- und Arbeitspferde an den Markt gebracht, wohingegen die Z�chtung von Reit-
pferden etwas abgenommen haben soll.
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&
"^
2o6
R � SSI.AND S PEERDERACEN.
Verzeichn is;s
der hervorragenden Z�chter und Gest�te im Gouvernement Nishegorod.
Zuchtpferde.
Hengste
Stuten
2
15
I
23
I
15
17
5
2
6
2
15
5
33
2
6
2
6
I
6
2
7
4
18
3
■13
12
123
I
15
I
12
4
29
3
58
20
i
5
2
30
7
44
2
24
Namen der Z�chter.
Kreise.
Gest�te.
Bemerkunger..
Wagenpferde
Arbeits- u. Reitpf.
Arb.-Pf. (Loc Schi.)
"               u
Engl. u. arab.Reitpf.
Wagenpferde
Wagenpf. (Traber)
?'                                 j,
Wagenpferde (halb
Traber)
Wagenpferde
Wagen-(Trab.), Reit-
u. Arbeitspferde
Reit- (engl. u. arab.)
u. Arbeitspferde
r 4 u. 31 Traber
\ 8 u. 91 Arbeitspf.
Wagenpf. (Traber;
1 11.6 schw. Arb.-Pf.
6 Reitpferde
Arb.- u. Wagenpferde
(Vered. Loc.-Schlag)
Arbeitspferde
Wagen-,Traber,Reit-
Fngl., Arab. u. Ar-
beitspferde
Wagenpf. Traber
Wagenpf.(edleTrab.)
Reit-(engl, u.arab.) u.
Arb.-Pf. (Baschkir.)
Arbeits- u. Wagenpf.
Priklonsky, Peter......
Rosen, Friedrich, Baron . . . .
Kotlubitzky, Alexander u. Nicolai
Panjutin, Dmitri.......
Hotjaintzew, Alexander . . . .
Worobijeff, Paul.......
Karatajeff, Alexander.....
Kirejeff, Katharina......
Gagarin, Nicolai, F�rst ....
Jomini, Nicolai, Baron . . . .
Tatarinow, Maria......
Fedotowo .
Sablukowo. .
Kostjanka
Tschularowo
Tschuwarlei
Katunki. . .
Trischkino. .
Osinki . . .
Parkowaja
Molokojedowka
Troitzkoje
Eiisarowo . .
Obrotschnoc .
Gross-Boldin .
Weschowo .
Merlin owka .
Kotschkari. .
Mafessewa a/R.
Schutilowo. .
Ardatow
Arsamass
Bai achin
Wasilsk
Beklemischew, Alexsei
Gorstkin , Paul, Oberst .
Gorbatow
Lukojanow
Ssibin, Wladimir, Rittmeister
Lub�nowsky, Nicolai, Oberst a.D.
Panjutin, Dmitri. . .
Panjutin, Torfir, Major
Protopopow, Dmitri
Rusinow, Nicolai
Philosofof, Michael, Hauptmann . . .
Rjumin, Paul..........
Corvin-Krukowsky, Nicolai.....
Aiexandrow, Peter Ilja und Alexei . .
Priklonsky, Iwan, Oberst.....
Kemlja . . .
Nikitino
Schowa .
Tschularowo .
Apraksino . .
Makarjew
Sergatsch
Starinskoje
Priklonsky, Nicolai, Oberst.
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se.
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207
DIE PFERDE IM O-O � VERNEMENT .MOSKAU.
E. Die Pferde im Gouvernement Moskau.
Dieses Gouvernement umfasst 604,81 geogr. QMeilen mit 1,678,784 Menschen. Es
kommen daselbst etwa 2780 Einwohner auf eine QMeile; kein anderes Gouvernement im
Czarenreiche weist eine so dichte Bev�lkerung wie Moskau auf; dieselbe besteht zumeist aus
Grossrussen griechischer Confession; aber auch Katholiken, Armenier, Muselm�nner und Juden
kommen dort, wenn auch nur in geringer Zahl, vor. �
Etwa zwei F�nftel des Gouvernements sind heute noch mit Wald bestanden; fast die
H�lfte des �brigen Arnals ist in Kultur genommen und nahezu ein F�nftel kann als Unland
bezeichnet werden. � Die Landschaft dieses Gouvernements ist gr�sstenteils wellenf�rmig
und h�gelig, reich an Seen und Fl�ssen , und das Klima durchaus nicht ung�nstig zu nennen.
Die Russen bezeichnen das Klima von Moskau geradezu als milde und angenehm. � Wenn auch
nicht �berall im Gouvernement die besseren und besten Bodenarten vorherrschen, so darf man
doch sagen, dass jene Landschaft eine mittlere Fruchtbarkeit besitzt und bei ordnungsm�ssiger
Kultur in den meisten Jahren befriedigende Ernten liefert. Das Moskauische ist weit besser
angebaut, als viele andere Gouvernements von Gross-Russland. Man kultivirt daselbst alle
Getreidearten, auch Flachs und Hopfen neben Futtergew�chsen und verschiedenen Handels-
und Arznei-Pflanzen. �
Die Rindvieh- und Schaf - Z�chtung- hat in neuerer Zeit wesentliche Verbesserungen er-
fahren und wird jetzt in den meisten Kreisen des Gouvernements ungleich sorgfaltiger als
fr�her betrieben.
Moskau ist der an Fabriken reichst!1 Theil von g'anz Russland; es werden daselbst in
den verschiedenen Etablissements �ber 80,000 Arbeiter besch�ftigt. Man fertigt sch�ne Tuche,
H�te, Seiden- und Baumwollen-Waaren, auch Leinwand, Leder, Papier, Glas u. s. w. Der
Handel bl�ht in der alten Czarenstadt von Jahr zu Jahr mehr auf, und es hat fast den An-
schein, als wolle Moskau sich bald wieder zum H auptlmndelsplatz f�r die Binnen - Gouverne-
ments des Reiches erheben und der Residenzstadt St. Petersburg als eine beachtenswerthe
Concurrentin an die Seite treten. �
Im Moskauischen z�hlte man im Jahre 1876 im Ganzen 223,767 Pferde, von welchen aber
nur ein geringer Prozentsatz im Lande selbst gez�chtet wurde. Die Bauern zeigen dort � wie
in den Gouvernements Jaroslaw, Twer, Nowgorod, Rj�san und St. Petersburg' � kein grosses
Interesse f�r die Pferdez�chtung; sie decken ihren Sommerbedarf an Pferden haupts�chlich
durch Ank�ufe auf den Fr�hjahrsm�rkten und verkaufen im Herbst wieder die meisten der-
selben zu sehr massigen Preisen an die H�ndler aus den westrussischen Gouvernements. Ein
Theil dieser Pferdchen kommt in die H�nde von Droschken- oder Schlitten-Besitzern der Gross-
st�dte, und werden wir nachstehend noch Einiges �ber die russischen Droschkenkutscher (Iswo-
schtschik) und deren Pferde anzuf�hren haben. �
Auf den M�rkten zahlen die Bauern im Fr�hjahr 150 bis 300 Rubel f�r die Arbeits-
oder Zugpferde, und im Herbst bekommen sie oft nur die H�lfte f�r die abgetriebenen, meistens
schlecht g-ehaltenen R�ssletn wieder zur�ck.
Die gemeinen, unveredelten Bauerpferde im Moskauischen haben keinen besondern Cha-
rakter; sie �hneln jetzt noch vielfach den tatarischen Rossen alten Schlages und erreichen selten
eine H�he von 1,50 Meter, die meisten sind nur 1,40 bis 1,45 Meter gross und haben in der
Regel ein zottiges Haar, besitzen aber eine Fig-enschaft, welche sie f�r ihre b�uerischen Be-
sitzer besonders werthvoH macht; sie k�nnen n�mlich die Unbilden des Wetters vortrefflich
aushalten, sind dabei �usserst gen�gsam, und machen an eine besondere Abwartung und gute
Pflege durchaus keine Anspr�che. Diese Eigenschaften scheinen eine Erbschaft der alten
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^
208
RUSSL A N D ' S PF E R D ii - K A C E N.
Steppenrace zu sein, aus welcher sie unstreitig hervorgegangen sind. � Die Massregeln, die
neuerdings von Seiten der Staatsregierung zur Hebung der Bauerpferdezucht im Moskauischen,
wie an anderen Orten des Reiches ergriffen worden sind, werden voraussichtlich auch hier be-
friedigende Resultate liefern. � Die Ausstellungen von Hausthieren aller Gattungen, besonders
aber die von Pferden, bei welchen gew�hnlich Preis- oder Probe-Ziehen und Wettrennen statt-
finden, haben bereits viele Bauern veranlasst, bei der Auswahl ihrer Zuchtpferde etwas sorg-
f�ltiger zu Werke zu gehen. Wenn sich ein Pferd bei solchen Proben oder auf der Rennbahn
auszeichnet, so wird dasselbe sehr oft vom Departements-Chef f�r die Pferdezucht des Staate?
zu verh�ltnissm�ssig" hohem Preise angekauft, oder man empfiehlt dem b�uerlichen Besitzer,
dasselbe als �Zuchtthier" besonders gut zu halten und die Stuten nur den besseren Hengsten
des Staats-Besch�ler-Depots zuzuf�hren. �
In unmittelbarer N�he von Moskau befindet sich ein solches Hengst- oder Besch�ler-
Depot der Krone, in welchem zur Zeit sechs t�chtige Hengste aufgestellt sind. Drei derselben
geh�ren der Orlow'schen Traber-Race, zwei dem leichteren Reitschlage an und einer ist zur
Produktion von schweren Arbeitspferden bestimmt. Man denkt daran, die Zahl der Besch�ler
in diesem Depot zu vermehren, da neuerdings die Nachfrage nach Hengsten schweren Schlages
wesentlich zugenommen hat. � Die Besch�ler f�r den Reitschlag im moskauischen Depot ge-
h�ren der orientalischen Race an und sollen hochedle Individuen sein. Der Hengst f�r den
Arbeitsschlag kommt von der Bitjuga im Gouvernement Woronesch. � Die St�lle dieses
Depots lassen nichts zu w�nschen �brig, sind durchaus zweckm�ssig eingerichtet und bieten
gen�genden Raum f�r eine gr�ssere Zahl von Thieren. Die Hengste stehen in sogenannten
Kastenst�nden; an jedem derselben ist eine Tafel angebracht, welche die Genealogie des be-
treffenden Hengstes enth�lt und zugleich auch die H�he des f�r denselben zu zahlenden
Sprunggeldes angiebt. Man zahlt dort f�r das Belegen einer Stute gemeineren Schlages 2 bis
5 Rubel; der h�chste Satz (40 oder 50 Rubel) wird f�r die Orlow-Traber berechnet. �
Im Dorfe Woronow des Gouvernements Moskau wurde im Jahre 1802 von einem
Grafen Rostoptschin ein Gest�t zur Z�chtung edler Reitpferde gegr�ndet. Dasselbe hat
Jahre lang Hervorragendes geleistet und ist lange Zeit eins der besten Gest�te Russland's ge-
wesen. Jener Graf hat damals f�r die Hebung der Pferdezucht im Lande sehr grosse Opfer
gebracht, indem er die werthvollsten orientalischen Hengste aus der W�ste Nedjd f�r seine
eigenen Stuten kommen und diese Hengste dann auch sp�ter (f�r ein geringf�giges Sprung-
geld) zum Besch�len der Stuten in der Nachbarschaft verwenden Hess. � Vor dem Einmarsch
der franz�sischen Armee in Moskau besass die Umgegend von Woronow einen sehr t�chtigen
Reitschlag, der aber schon in den zwanziger Jahren mehr und mehr verschwunden ist.
Nachdem das Dorf und Gest�t zu Woronow vom Grafen Rostoptschin verkauft und in
den Besitz eines Herrn Woyeskow �bergegangen war, scheint dessen P^influss auf die Besse-
rung der Z�chtung von Reitpferden grosse Einbusse erlitten zu haben; man bevorzugte sp�ter
mehr die Aufzucht von Wagen- und Arbeitspferden, und auch jetzt ist im Moskauischen die
Zucht von Reitpferden von weit geringerer Bedeutung, als die der Wagen- und Orlow -
Pferde. � 1876 besass das Gouvernement im Ganzen 21 Privatg"est�te mit 57 Besch�lern und
341 Mutterstuten. Nur 5 °/o derselben dienten zur Z�chtung von Reitpferden; die meisten anderen
z�chteten Wagen- und Arbeitspferde und 13% aller Gest�te besch�ftigten sich mit der Auf-
zucht von Orlow - Trabern. �
Von den vielen Merkw�rdigkeiten der an Sehensw�rdigem reichen Czarenstadt Moskau
interessirten uns bei unserem Dortsein (1876) vor allem Anderen die pr�chtigen Equipagen mit
den zum Theil sehr sch�nen Pferden, welche hier aus allen Gouvernements des Reiches zu-
sammentreffen. �
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT MOSKAU.                                                    20Q
Die Kutscherwelt bildet in den St�dten Moskau und St. Petersburg gewissermassen eine
Volksklasse f�r sich. Die Anzahl dieser in Russland �berall gleich gekleideten Rosselenker
soll sich in Moskau � mit Einschluss der Kutscher der zweisp�nnigen Lohnfuhrwerke �
auf etwa 25,000 belaufen. In St. Petersburg giebt es ungef�hr eine gleich grosse Anzahl,
vielleicht noch einige Hundert mehr. � Man sieht unter diesen Kutschern oder Iswoschtschiks
sowohl zw�lfj�hrige Knaben, wie siebenzigj�hrige Greise; jedes Lebensalter ist unter ihnen ver-
treten, und wenngleich viele dieser Leute nach ihrer Art ein angenehmes Leben f�hren, gut
essen und trinken, so ist doch anderseits das Loos der Allermeisten kein beneidenswerthes zu
nennen. Der Iswoschtschik hat zwar keine von der Obrigkeit frxirte Fahrtaxe und kann unter
g�nstigen Umst�nden an einem Tage viele Rubel verdienen; allein es kommen auch Zeiten
vor, in welchen er sich sehr bescheiden einrichten muss und kaum so viel verdient, class er
f�r sein Pferd das n�thige Futter und f�r sich selbst ein St�ckchen Schwarzbrod beschaffen
kann.
Der Iswoschtschik findet weder am Tage noch in der Nacht Ruhe; er muss zu jeder
Zeit bereit und willig sein, dem Publicum sein Gef�hrt anzubieten und oft mit einem billigen
Lohn f�rlieb nehmen. Die Strasse ist sein Heim; in allen Strassen, auf allen Pl�tzen, an den
Br�cken, vor den Bahnh�fen, wie auch an den entferntesten Ecken der Vorst�dte und Villen-
Viertel (Datschi) ist er zu finden, und �berall ist der Iswoschtschik �zu Hause." Er h�lt
die Sommerhitze wie die Winterk�lte geduldig auf dem Bocke seiner Droschke oder seines
Schlittens aus, und wehe demjenigen dieser Leute, welcher f�r diesen Dienst nicht eine soge-
nannte �eiserne Gesundheit" mitbringt.
Das Fahren ist in Russland nicht allein Sache des Vergn�gens und des Luxus, sondern
h�ufig bedingt durch die grossen Entfernungen, welche man sowohl in den St�dten, wie auf
dem Lande zur�ckzulegen hat. Wenn man nur einigermassen schnell von Platz zu Platz
kommen will, so muss entweder eine herrschaftliche Equipage oder der Iswoschtschik benutzt
werden. Es herrscht dort nun einmal die .Sitte, immer zu fahren, und so sieht man nicht
selten die vom Markte heimkehrenden Dienstboten, die zur Arbeit verschickten Handwerker
(mit ihren Werkzeugen), Militairs aller Rangklassen, Schulkinder wie Greise und viele andere
Menschenkinder fahren, die im westlichen Europa gew�hnlich ganz bescheiden zu Fuss ihre
Wege zur�cklegen. �
Nirgends wird so s chnell'gefahren, wie in den russischen St�dten, ganz besonders
aber in Moskau und St. Petersburg. Das Pferd kennt hier nichts als den sch�rfsten Trab oder
Galopp. Hierdurch geben die zahllos an einander vor�berjagenden Gef�hrte in der That das
Bild einer ununterbrochenen Wettfahrt ab. �
In unseren deutschen St�dten wehrt der Schutzmann den allzu schnell Fahrenden
.strenge zur�ck, in Russland aber treibt der Polizeisergeant (Butotschnik) den S�umigen
7.U1- Eile an.
Der Iswoschtschik bietet seine Dienste an, wie sein College 111 anderen L�ndern,
aber jener stets in einer bescheidenen Weise. Er nennt seinen Preis, wird jedoch sogleich
von den umstehenden Kameraden heruntergeboten , und dem Wenigstfordernden, welcher in
der Regel auch der schmutzigste ist, die schlechteste Droschke und das elendeste , kleinste
R�sslein besitzt, bleibt unter Umst�nden die Fahrt. Der wohl situirte Russe geht bei der
Auswahl des zu miethenden Iswoschtschik ziemlich sorgf�ltig zu Werke, und bezahlt gern
f�r einen guten Wagen und ein starkes, rasches Pferd � selbst bei kleinen Wegstrecken �
20 oder 30 Kopeken mehr f�r die Fahrt, als sonst �blich ist. � Die Kutscher sind dort immer
h�flich, sie ziehen bei jedem Worte ihren Hut ab und betrachten den Miether ihres Fuhr-
werks f�r die Dauer der Fahrt als ihren Herrn und Gebieter. Ein Trinkgeld wird nicht erwartet,
Freytajr, Russland's Pferde-Uacen.                                                                                                                                          2"J
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2IO                                                                           RUSSLAND S PF KR D E-R AC EN.
auch niemals gefordert, aber stets gern genommen. �Gen�gsamkeit ist seine Devise", sagt mit
vollem Recht der Graf Theodor von Leublfmg in seinem h�bschen Buche, betitelt: ..Wande-
rungen in Russland."
Der Iswoschtschik bezieht alle seine geringen Lebensbed�rfnisse vom Colporteur der
Strasse. Von ihm kauft er das Heu wie den Hafer f�r die jedesmalige F�tterung seines
Pferdes; ebenso auch sein eigenes Mittagsmahl, etwas schwarzes Brod, rohe Gurken, oftmals
auch Johannisbrod als beliebtes Dessert, und l�sst sich dazu aus einer weitbauchigen Flasche
ein Glas Kwass*) einschenken. Fleisch und Bier genehmigt seine Sparsamkeit nicht recht.
Er schl�ft h�ufig auf seinem Bocke und sieht dieserhalb auch meistens etwas �bern�chtig und
struwelpeterlich aus. Sein niedriger, grober Filzhut ist oben stark ausgeschweift, etwa in der
Weise geformt wie der Tschako unserer Soldaten zu Anfang dieses Jahrhunderts. Sein bis
auf die F�sse reichender dunkelblauer Leibrock ist faltig und h�ufig mit Schafpelzen gef�ttert.
Er tr�gt derbe, hohe Stiefel und einen blauen oder rothen Leibgurt (Ku:;chack).
Die besser situirten Kutscher besitzen einen Zweisp�nner (Caretta) mit Verdeck; diese
ist gew�hnlich mit Tuch ausgeschlagen und bietet Raum f�r 2 � 4 Personen. Die einsp�nnige
Droschke, mit grossen C-Federn, hat einen dachlosen, halbrunden Sitz, auf welchem zur Noth
zwei Personen Platz finden, ist aber eigentlich nur f�r einen Fahrgast bestimmt. Beim raschen
Fahren auf schlechtem Pflaster ist die Position auf dem kleinen Sitze dieser Droschken eine
sehr prec�re und kann unter Umst�nden � z. B. nach einer guten, russischen Mahlzeit �
lebensgef�hrlich werden. �
Die beigef�gten Holzschnitte � Fig-. 7 u. 8 � liefern unserem Leser das Bild einer
russischen Droschke und eines Schlittens, wie solche im Sommer oder Winter von den Iswoscht-
schiks in den St�dten dem fahrlustigen Publikum zur Verf�gung gestellt werden. �■
Drogki.
Der herrschaftliche Kutscher Russland's ist eine verfeinerte Ausgabe des Iswoschtschiks.
Auch dieser tr�gt denselben altrussischen Anzug von dunkelblauer Farbe, welcher aber stets
von feinerem Tuche angefertigt wird. Ihre Leibbinden sind oftmals sch�n gestickt und von
feuer- oder kirschrother Farbe. �
*1 Kwass ist ein Getr�nk aller Volksklassen Russlands, und wird aus Wasser, Honig, Salz, Roggen- und
Weizenmehl bereitet.
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DIE PFERDE III GOUVERNEMENT MOSKAU.                                                  211
Man sieht unter diesen Kutschern nicht selten h�bsche, vollb�rtige M�nner, die sich
in der Regel sauber und reinlich halten; beim Fahren legen sie eine Gewandtheit an den Tag,
die uns h�ufig in Erstaunen versetzt hat. Sie treiben ihre Pferde meistens durch Zungenschlag
Fig. 8.
Sanki oder Sani.
oder dergl. Laute zum sch�rfsten Trabe an und winden sich dabei durch die unz�hligen Fuhr-
werke der Strassen so geschickt, dass nur selten ein Streifen der R�der vorkommt. A.ber es
bedarf dieses Fahren auch straffer Z�gel und der gr�ssten Aufmerksamkeit, denn das geringste
Versehen w�rde hier leicht einen Umsturz herbeif�hren.
Ueberall dort, wo man die Pferde �russisch" anspannt, tr�gt der Kutscher das natio-
nale Kost�m; wenn man aber englisch f�hrt, bekommt der Kutscher eine Livree nach eng-
lischem Muster. Die Pferde der Orlow-Traber-Race sind jetzt als Wagenpferde in Moskau
und St.Petersburg besonders beliebt; beim Einsp�nner geht ein h�lzerner Bogen �ber die Gabel
und den Hals des Pferdes fort und verleiht dem Anspann einen sicheren Halt. Das Kutsch-
geschirr zeichnet sich bei den Russen wie bei den meisten Slaven und Orientalen durch einen
Reichthum silberplattirten Schmuckes aus; �berdies h�ngen gew�hnlich noch viele Riemen und
Troddeln am Kopfe und Leibe des Thieres nieder. Bunt gef�rbtes Leder wird hierzu am
h�ufigsten verwendet.
Auf dem Titelblatte unseres Buches liefern wir die Abbildung eines russischen Drei-
gespannes� Troika genannt. -�Bei demselben l�uft ein kr�ftiger Traber als Mittelpferd in der
Gabel und unter dem B�gel; die beiden Aussenpferde, mittelst des verk�rzten, �usseren Z�gels
stark abgebogen, gehen auf der Wildbahn und galoppiren fortw�hrend rechts und links neben
dem Traber her; dieser aber darf niemals aus seinem scharfen Trabe in die Galoppgangart
verfallen. � Man findet � wie schon fr�her gesagt � bei den russischen Wag-enpferden, ganz
besonders aber bei den Trabern, in der Regel ein lebendiges Ter. p erament; dieses kommt den
Kutschern der Dreigespanne ganz besonders zu statten, sie haben nur selten ein Antreiben der
Pferde n�thig; die Thiere laufen stets willig vorw�rts und zeigen sich nur ausnahmsweise tr�ge.
Vorz�<;liche L�ufer, d. h. Traber erster Klasse, zu besitzen, ist der Stolz aller wohlhabenden
Herren in Moskau, St. Petersburg und in anderen grossen St�dter, des Reiches; solche Pferde
geschickt zu f�hren und mit ihnen �das Gr�sste" zu leisten, ist der Stolz der Najesdniks.*)
*) Najesdniks nennt man die Kutscher f�r die Traber-Gespanne.
27*
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212                                                                  RUSSLAND'S PFERDE-RACEN.
Es vergeht in den Grossst�dten kaum ein Tag, an welchem man nicht Gelegenheit
erh�lt, auf den h�ufig mit Holz gepflasterten breiten Strassen Zeuge von f�rmlichen Trabrennen
oder Wettfahrten zu sein. � Eins der anziehendsten Schauspiele aber, welches man als Pferde-
liebhaber dort geniessen kann, bildet unstreitig im Winter ein Trabrennen auf der spiegel-
glatten Fl�che der hart gefrorenen Fl�sse. Die Pferde, im reichsten Geschirr, sind vor die
winzig kleinen Schlitten gespannt und werden entweder vom Kutscher oder vom Eigenth�mer
selbst gelenkt. Letzterer hat bei solchen Gelegenheiten in der Regel ein nationalrussisches
Kost�m angelegt und findet mit seinem dicken Pelze kaum den n�thigen Raum f�r seine F�sse,
hingegen stets volle Armfreiheit zum Lenken seines Renners. �
Victor Silber er berichtet in seinem schon mehrfach citirten Handbuche des Traber - Sport's
Folgendes: �Bei diesen Trabrennen auf dem Eise ist das F�hren und somit auch der Gebrauch
jeder Peitsche ausgeschlossen; *) das einzige Mittel, um den Traber zur gr�ssten Schnelligkeit anzu-
eifern, besteht in der Anwendung des Begleitpferdes. Dieses, ein flinker, ausdauernder Renner
wird von einem �Poddoujny'' in weit ausholendem Galopp neben dem Traber so geritten, dass
er demselben immer um eine Kopfl�nge voraus ist und auf diese Weise den Traber vor dem
Schlitten zum raschesten Gange anspornt. Die Aufgabe, die dem Reiter des Begleitpferdes
zugewiesen wird, ist eine �usserst schwierige, denn er ist sozusagen der Regulator des Trabers
und muss genau sowohl die Schnelligkeit, als die Ausdauer der Thiere kennen, anderseits es
aber auch sorgf�ltig vermeiden, dem Traber aus was immer^ f�r einer Ursache zu nahe zu
kommen oder gar denselben zu ber�hren. � In neuerer Zeit kommt aber die Anwendung des
Begleitpferdes bei den Trabrennen immer mehr ab, und es wird dasselbe nur noch beim Trai-
ning benutzt. Bei den mit kaiserlichen Rennpreisen dotirten Trabrennen ist der Gebrauch des
Begleitpferdes ausdr�cklich verboten." �
Der Kaufherrnstand Moskaus zeichnete sich schon in �lterer Zeit durch die noble
Passion, mit sch�nen Pferden zu fahren oder zu reiten, vortheilhaft vor vielen andern Kauf-
leuten des Landes aus, und auch heute besitzen die reichen Kaufleute dieser Stadt die vor-
z�glichsten Carrossiers im Kaiserreiche. Wer sich in jener Stadt den Anblick ausgezeichneter
Orlow-Traber verschaffen will, dem k�nnen wir nur rathen, sich zur Mittagszeit in diejenigen
Strassen zu begeben, welche zur B�rse f�hren; er wird hier sicherlich immer Gelegenheit
haben, die kostbarsten Rosse von ganz Russland zu sehen. �
Die Eigenth�mer der renommirtesten Privat-Gest�te des Landes senden ihre Remonten
nach Moskau, und das Beste kommt hier auf den Markt. Seit dem Jahre 1846 wird zur
Wrinterzeit eine gr�ssere Anzahl von Pferden aus dem Staats-Gest�te zu Chr�nowoy in der
alten Hauptstadt in Auktionen verkauft. Aber auch an grossen Pferdeh�ndlern fehlt es hier
nicht; man findet dort bei den ersten Firmen � z. B. bei Bardin & Comp. � die sch�nsten
Rosse fast aller Racen, besonders aber die Orlows, gut vertreten. Die f�r diese Pferde gefor-
derten Preise erscheinen uns zwar anf�nglich etwas hoch, doch s�hnt man sich bald mit den-
selben aus, wenn man die hervorragenden Leistungen dieser Thiere zu sehen bekommt. F�r
edle Reitpferde der orientalischen oder englischen Racen werden in Moskau 1000 bis 2000
Rubel und f�r t�chtige Traber und Carrossiers sogar 2000 bis 3000 Rubel und mehr gezahlt.
Zum Schluss liefern wir noch ein Verzeichniss der besten Z�chter und deren Gest�te im
Gouvernement Moskau; die meisten derselben sind zweckm�ssig eingerichtet und verf�gen
�ber ein werthvolles Zuchtmaterial der besseren orientalischen und russischen Racen. �
*) Meistens verwendet man jetzt zum Antreiben der Pferde kleine viereckige Metallplatten, die am mittleren
Theile des Leitziigels derartig befestigt sind, dass sie zum Aufschlagen auf die Kruppe des Pferdes mit Erfolg benutzt
werden k�nnen.
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DIE PFERDE IM GOUVERNEMENT MOSKAU.
Verzeichnis.s
der bedeutendsten Z�chter und deren Gest�te im Gouvernement Moskau.
Zuchtpferde
Hengste | Stuten
Bemerkungen.
Namen der Z�chter.
Gest�t.
Kreis.
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
Vorspannpf. (Trab.)
18
26
24
. 45
56
13
33
Collegienrath Mitrofan Sergieew. Mazurin
Oberst Valerian Dmitriebitsch Woeikoff
Arzt Sergtej Iwanowitsch Kolesoff . .
Ehrenb�rg. Iwan Zacharowitsch Mopozoff
Die Erben des wirkl. Staatsraths Peter
Petrowitsch Woeikoff......
Der Moskauer Kaufm. Wasilij Semeno-
witsch Perlow.........
Wirkl. Staatsr. Nikolai Pawlow. Schipoff
Reiitowo
Litwinowo .
Riazantzy .
Schereb-
tschichi
Subbotino .
Smirdino .
Ostaschewo
Moskowskij
Bogorodskij
Vorsppf. (z.Th.Trab.)
u. Arbeitspferde.
Vorspannpf. (Trab.)
We'rcjskij
Dmitrowskij
Moschaiskij
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KACHSCHRIFT.
Nachschrift.
Soeben � Anfang des Jahres 1881 � geht uns aus St. Petersburg die Mittheilung zu,
dass in diesem Sommer eine grosse Ausstellung in Moskau stattfinden soll. Dieselbe wird zu
den, laut Reichstagsbeschluss, regelm�ssig alle 10 Jahre wiederkehrenden allgemeinen russischen
Industrie - Ausstellungen geh�ren, die programmm�ssig abwechselnd in St. Petersburg und
Moskau abgehalten werden m�ssen. � Die letzte Ausstellung fand 1870 in St. Petersburg statt,
und es h�tte hiernach die diesj�hrig-e Ausstellung eigentlich schon im vorigen Jahre in Moskau
stattfinden sollen. In Ansehung der kritischen Lage, in welcher die wirthschaftlichen und
industriellen Verh�ltnisse Russlands durch die schlechte Ernte von 187g und durch andere
Umst�nde sich befanden, wurde die Ausstellung auf dieses Jahr verschoben. Erweitert ist
ihr Programm dadurch, dass in gesonderten Abtheilungen eine landwirthschaftliche und eine
Gartenbau-Ausstellung mit derselben verbunden wird. �
Der Herr Verwalter des Dom�nenministeriums, F�rst Lieven, hat an die Hauptver-
waltung des Reichsgest�tswesens ein Circular erlassen, welchem wir nachfolgende Bestimmungen
�ber die in Moskau stattfindende Pferdeausstellung entnehmen: Auf der allgemeinen russischen
Pferdeausstellung werden Pr�mien f�r hervorragende Formen und G�nge vertheilt werden,
wobei namentlich die Reitpferde unter dem Sattel im Schritt, Trab und Galopp, auch ohne
zugeritten zu sein, gepr�ft werden sollen, � die Wagenpferde im Anspann. Die Experten
sollen bei Pr�fung der Pferde vor Allem die Thatsache in's Auge fassen, dass der Werth des
Pferdes nicht in der Sch�nheit einzelner Formen besteht, sondern in einem regelrechten, pro-
portionirten Bau und in richtigen Verh�ltnissen der K�rpertheile, durch welche Kraft und
Regelm�ssigkeit der Bewegungen bedingt wird, � mit einem Worte, dass als Massstab f�r
den Werth des Pferdes dessen Leistungsf�higkeit gelten muss, d. h. das Pferd muss den An-
spr�chen, welche an die betreffende Gattung gestellt werden, in m�glichst befriedigender Weise
gerecht werden. Bei Pr�miirung der Reitpferde, d. h. der Vollblutengl�nder, der Araber u. s. w.
soll sich die Expertise m�glichst fest an folgende Regeln halten:
�Bei Beurtheilung des Reitpferdes muss geachtet werden auf Reinheit des Blutes,
Trockenheit, Knochen, Muskelentwicklung, leichte regelm�ssige Bewegung, das Pferd soll die
Form eines Kavalleriepferdes haben und sich vorzugsweise f�r den Kavalleriedienst eignen.
Selbstverst�ndlich wird bei Rennpferden auf Pedigree und Erfolg in Rennen gesehen."
�Bei Pr�fung der Arbeitspferde hat man deren Aussehen in soweit zu beachten, als
dasselbe Kraft, Ausdauer und Brauchbarkeit an den Tag legt, Gr�sse, Breite, starke Knochen,
feste Muskeln, Trockenheit und Energie m�ssen aufgewiesen werden. Das Lastziehen hat in
derselben Weise stattzufinden, wie es auch sonst nach dem Reglement f�r Ausstellungen von
Bauerarbeitspferden geschieht."
Nach denselben Grunds�tzen hat die Expertise auch die Wagenpferde zu pr�fen. Bei
Trabern muss ein Pedigree vorgestellt werden, und kommen etwaige Erfolge auf der Rennbahn
ebenfalls in Betracht. Ueberdies hat sich die Expertise nach folgenden Bestimmungen
zu richten:
a.  Es existiren zwei Pr�miirungsklassen: die eine f�r vierj�hrige, die andere f�r
�ltere Pferde.
b.  Bei gleichen Arorz�gen zweier Pferde entscheidet~ der Umstand, ob der Besitzer
Z�chter ist, oder nicht. Dem Z�chter wird die Pr�mie ertheilt, wenn sein
Konkurrent nicht Z�chter ist.
c.  Von zwei gleich werthvollen Pferden wird das gr�ssere pr�miirt.
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NACHSCHRIFT.                                                                                             215
Pferden, die keine Geldpr�mien erhalten, k�nnen Medaillen oder Belobigungs-Attestate
ertheilt werden. Es ist Jedermann gestattet, Pferde in unbeschr�nkter Anzahl auszustellen.
Die auszustellenden Hengste und Stuten d�rfen nicht j�nger sein als i und nicht �lter als 10
Jahre inclusive, und m�ssen Zeugnisse �ber ihre Abstammung vorgestellt werden. Falls eine
gr�ssere Anzahl von Reitpferden eines Z�chters pr�miirt wird, so kann er einen besonderen
silbernen Ehrenpreis von 300 Rubeln erhalten oder eine goldene Medaille im Werthe von 100
Rubeln, falls die Pferde anderen Abtheilungen zugetheilt sind.
In Anbetracht der Thatsache, dass von den Pferdebesitzern allerseits �ber die Unzuver-
l�ssig! eit der Stallleute Klage gef�hrt wird, sollen von der Hauptverwaltung des Reichsgest�ts-
wesens Belobigungsattestate an solche Stallaufseher, Trainer, Bereiter, Jockeys, Reitknechte u. s.w.
ertheilt werden, welche sich einer Belohnung f�r Pflege der ihnen anvertrauten Pferde, nach
Zeugniss der Expertise, w�rdig gezeigt haben. Diese Belobigungsattestate haben den Zweck,
das Stallpersonal zu gr�sserem Eifer anzuspornen, und k�nnen dieselben nur ertheilt werden:
a)  im Falle der Besitzer des Gest�tes, resp. Stalles sich f�r seinen Bedientesten verwendet,
b)  wenn der Bewerber mindestens 5 Jahre bei einem und demselben Herrn gedient hat.
Die Pr�mien werden folgendermassen auf die einzelnen Abtheilungen vertheilt:
I. Abtheilung (Reitpferde).
A.   Vollblut-Engl�nder.
Vierj�hrige Pferde :
1.  Hengste ,500 Rubel und 300 Rubel.
2.  Stuten 300 und 200 Rubel.
Aeltere Pferde:
1. Hengste 500 und 300 Rubel.
2) Stuten 300 und 200 Rubel.
B.  Vollblutaraber.
Vierj�hrige Pferde:
1.  Hengste 500 und 300 Rubel.
2.  Stuten 300 und 200 Rubel.
Aeltere Pferde:
1.  Hengste 500 und 300 Rubel.
2.  Stuten 300 und 200 Rubel.
C.  Schwere Reitpferde.
Vierj�hrige Pferde:
1.  Heng-ste 400 und 200 Rubel.
2.  Stuten 200 und 150 Rubel.
Aeltere Pferde:
1.  Hengste 400, 200 und 100 Rubel.
2.  Stuten 200 und 150 Rubel.
D.  Leichte Reitpferde:
Dieselben Pr�mien, wie f�r die schweren, nur f�llt der
dritte Preis von 100 Rubeln fort.
E.  Donische und sonstige Steppenpferde.
Vierj�hrige Pferde:
1.  Hengste 250 und 200 Rubel.
2.  Stuten 200 und 150 Rubel.
Aeltere Pferde:
Dieselben Pr�mien, wie f�r jj�hrige.
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NA CHS CUR I FT.
II. Abtheilung (Wagenpferde).
A.  Traber:
Dieselben Pr�mien, wie beim Vollblut.
B.  Schwere Wagenpferde.
Vierj�hrige Pferde:
i) Hengste 300 und 200 Rubel.
2) Stuten 200 und 150 Rubel.
Aeltere Pferde:
Dieselben Pr�mien.
Anmerkung: Die Z�chter, deren Pferde eine erste Pr�mie erhalten, werden ausserdem mit einer
goldenen Medaille von 100 Rubeln Werth pr�miirt.
III. Abtheilung- (Arbeitspferde).
A.   Schwere Lastpferde.
Vierj�hrige Pferde:
1.  Hengste 200 und 100 Rubel.
2.  Stuten coo und 75 Rubel.
Aeltere Pferde:
Dieselben Pr�mien.
B.   Schwere Arbeitspferde.
Vierj�hrige Pferde:
1.  Heng'ste 150 und 100 Rubel.
2.  Stuten 100 und 75 Rubel.
Aeltere Pferde:
Dieselben Pr�mien.
C.  Kleine Arbeitspferde.
Vierj�hrige Pferde:
i. Heng'ste 100 und 75 Rubel,
2. Stuten ebenso.
Aeltere Pferde:
Dieselben Pr�mien.
Anmerkung: Z�chter, deren Pferde den ersten Preis erhalten haben, werden mit einer Silbermedaille
pr�miirt.