E DONATIONE
A. G. van HAMEL
PROFESSORIS ORDINARII IN ACADEMIA RHENO-TRAIECTINA 1923-1946
-ocr page 3- -ocr page 4- -ocr page 5- -ocr page 6-fiD0�EJG30(S000(!llG3�EDCDG3O3fiBGD(iD0GDE]G3O30fl3GD0fi32JSDffi0(Sl(iDQDCD0G2G3(n]G 0
I nbsp;Aus fremden Garten
Eine Sammlung bedeutender und interessanter Dichtungen
GS nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;fremder V�lker �bersetzt und herausgegeben
� nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;Otto Hauser
0 Jede Nummer von ca. 3 Bogen kostet Mk. �.80 geheftet 03 ----------------------.-------------------------------------------------------------------------
0 Als neueste B�nde wurden ausgegeben:
� 46. Francesco Petrarca. Gedichte. Aus dem Italienischen
G3 47. 48. Hans Christian Andersen, M�rchen. Aus dem D�nischen
49. Francis Viel�sGriffin, Pindar. Aus dem Franz�sischen
50. �gyptische M�rchen. Aus dem Griechischen
03 51. 52. Benjamin Constant, Adolphe. Aus dem Franz�sischen
S 53. Helene Swarth, Lieder und Elegien. A. d. Niederl�ndischen
03 54. Rudyard Kipling, Indische Balladen. Aus dem Englischen
� 55. Gustave Flaubert, Felicitas. Aus dem Franz�sischen
56. � nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;� nbsp;nbsp;Die Legende von St.Juliand. Gastfreundlichen
0 57. August Strindberg, Gedichte in Vers und Prosa. Aus dem ns Schwedischen
� 58. Chinesische Gedichte. Aus der Han�, Tang� und Sung�Zeit
0 59. 60. Oscar Wilde, Gedichte III. Aus dem Englischen
E3 61. Miguel de Cervantes de Saavedra, Der eifers�chtige Estre�
@ madurer. Aus dem Spanischen
0 62. 63. Charles Baudelaire, Die Blumen des B�sen. A. d. Franz.
ES 64. Edgar Allan Poe, Der Rabe. Die Philosophie der Kompo�
� sition. Aus dem Englischen
Q 65. Arabische Preisgedichte I
G3 66. Alexander L. Kielland, Novelletten. Aus dem Norwegischen 67. Holger Drachmann, Gedichte. Aus dem D�nischen
03 68. Johannes J�rgensen, Bekenntnis. Aus dem D�nischen
B 69. 70. Die Psalmen 1. Aus dem Hebr�ischen
71. Albanische Volkslieder.
0 72. 73. Rum�nische M�rchen.
0 74. 1. M. E�a de Queiroz, Der Gehenkte. Aus dem Portugiesischen 75. 76. Alexander Pet�fi, Gedichte. Aus dem Magyarischen
0 77. Maria Konopnicka, Sommern�chte. Auf der Weidenfl�te.
0 Aus dem Polnischen
78. 79. Prosper Merim�e, Lokis. Aus dem Franz�sischen
0 80. Rum�nische Dichter 1. 0
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-ocr page 7-�BERSETZT UND EINGELEITBT
VON
OTTO HAUSIR
ALEXANDER DUNCKER VERLAG WEIMAR MCMXVIII
-ocr page 8-ALLE RECHTE VORBEHALTEN
OHLENROTHSCHE BUCHDRUCKEREI GEORG RICHTERS ERFURT
-ocr page 9-ZUR EINF�HRUNG
V'iel zu wenig hat man bisher den uralten dakischen Bestandteilen in der rum�nischen Sprache und im rum�nischen Volksglauben nachgeforscht. Auch mir ist erst, nachdem ich das Albanische kennen gelernt hatte, klar geworden, wie bedeutend diese Bestandteile sein m�ssen. Noch in meiner �Weltgeschichte der Literatur� habe ich mich der Ansicht angeschlossen, das Rum�nische sei eine slawische Sprache in romanischen Worten etwa wie die romanischen Sprachen germanische Sprachen in dem Latein entstammenden Worten sind. Aber die geistige Verwandtschaft mit dem Albanischen, die in vielen F�llen �brigens auch Wortverwandtschaft ist, zeigt, da� beide Sprachen auf einer gemeinsamen Grundlage beruhen, und die ist das Dakisch-Thrakische. Ergibt sich nun vielfach auch Verwandtschaft mit dem Germanischen, so darf dies nicht verwundern, da wir in den Daken und Thraken jedenfalls nahe Verwandte der Germanen zu sehen haben, vielleicht das Bindeglied zwischen ihnen und den Griechen. Eine der wichtigsten Spracherscheinungen, die Ausbildung eines Geschlechtwortes, haben Germanen, Daken, Thraken und Griechen gemein, w�hrend sie den Lateinern und Slawen fehlt. (Das Bulgarische hat in seine Sprache das Geschlecht-wort zweifellos aus der Sprache der Grundbev�lkerung �bernommen, f�gt es auch ganz wie das Rum�nische und Albanische an das Hauptwort hinten an, nicht wie das Griechische und Westgermanische vorne.) Im Laufe der Kulturbewegung ist das Albanische zum gro�en Teil, das Dakische zum gr��ten Teil romanisiert worden, so da� der Wortschatz haupts�chlich lateinisch ist. Slawische und t�rki-
V
-ocr page 10-sehe Bestandteile treten in beiden Sprachen in verschiedener Menge hinzu. Gleichwohl ist der Geist des alten Dako-Thrakischen erhalten geblieben.
Ebenso ist es mit den Volkssitten und dem Volksglauben der Fall. �berall st��t man auf Urt�mliches. Freilich stehen Albaner und Rum�nen nicht vereinzelt. In vielen Hinsichten findet man Verwandtes auch bei den S�dslawen. Aber diese S�dslawen wohnen ebenfalls auf altem Thraken-gebiet und sind namentlich in gewissen Gegenden nur slawisierte Vorbev�lkerung.
Alle diese Balkanv�lker einschlie�lich der Rum�nen als Thraken anzusprechen, geht nicht an. Der �u�eren Erscheinung nach ist der thrakische Bestandteil heute sehr gering. Nur die hohe schmale Gestalt und nicht selten der Gesichtschnitt sind in h�herem Satze erhalten, die F�rbung ist zumeist dunkel. Allerdings aber trifft man �berall in diesen L�ndern auch sch�ne, rein nordische Typen.
Die Geschichte der ehemals thrakischen Lande ist in den Grundz�gen folgende. Schon die �berragende griechische Kultur hat stark auf die Thraken gewirkt, hat ihrer einen Teil, die Makedonen, sogar v�llig gr�zisiert, so da� eine ganze Epoche, die Alexanders des Gro�en, von den makedonischen Thraken im Namen der Griechen beherrscht wird. Noch viel st�rker wirkten die R�mer ein. Das Thrakische wich � dem Wortsch�tze nach � dem Lateinischen. Dann aber schob sich die slawische V�lkerwelle ins thrakische Gebiet vor und trennte es in zwei Teile, in das westliche, das die albanische Sprache behielt, und in das �stliche, wo die Romanisierung schon weiter fortgeschritten war, das heutige rum�nische Gebiet. Unter welchen Umst�nden die ersten Slawen ins Land kamen, wissen wir nicht. Als unter Kaiser Heraklius die Kroaten und Serben ins Land berufen wurden (aber kamen sie wirklich auf eine Berufung hin?), war es schon von Slawen bewohnt. Die Herrscher und Edeln dieser Kroaten und Serben waren Goten und haben sich noch Jahrhunderte lang als das gef�hlt. Ob sie zur Zeit ihrer Ankunft in ihren sp�teren Hauptsitzen � Kroa-
VI
-ocr page 11-tien, Slavonien, Bosnien, Serbien � noch Gotisch oder schon Slawisch sprachen, ist unbekannt. Jedenfalls haben sie als Minderheit, die sich �berdies strenge von dem Volke abschied, dem S�dslawischen nur eine Reihe von gotischen Worten gegeben^), nicht aber dessen Geist irgendwie merkbar beeinflu�t. Als dann die Herrscher dieser S�dslawen auch dem �brigen Gebiet seinen Adel gaben, brachten sie auch nicht viel mehr als Worte in dessen Sprachen. Sie waren hier als Kolonie einer Kolonie noch mehr in der Minderzahl. Mochten sie auch das adelige Leben noch ganz durch ihren alten Geist bestimmen, dem Volke waren sie h�chstens Gegenstand modischer Nachahmung. Aber je weniger sie an Zahl waren, um so sch�rfer trennten sie sich vom Volke ab, und war der Gote unter den S�dslawen zumeist nur einfacher Edler (plemenitas), so unter den Rum�nen oder Albanern eine Art F�rst. Erscheinungen, die sich immer wiederholen.
Dies ist die eine Ursache, warum sich unter den Albanern und unter den Rum�nen so viel unzweifelhaft altes Kulturgut erhalten konnte. Die zweite liegt darin, da� zu der Zeit, als die beiden V�lker unter fremde Herrschaft kamen, die nordischen Bestandteile schon stark ersch�pft waren. Wie z�he die st�rker br�netten V�lker als Gesamtheit die �berlieferungen bewahren, daf�r sind die Chinesen das spr�chw�rtliche Beispiel. Es fehlte schon die Regsamkeit, die da sein mu�, wenn ein ganzes Volk eine neue Kultur aufnehmen soll. Zur R�merzeit war es noch anders. Nicht viel, so w�ren Albaner und Daken schlechthin Lateiner geworden wie die Kelten Norditaliens und noch in sp�terer Zeit so viele germanische Scharen. Aus Illyrien, wie man damals Albanien gew�hnlich nannte, und aus Dakien sind eine ganze Reihe der bedeutendsten Gestalten des sp�ten R�merreichs hervorgegangen��). Damals aber galten Illyrer
Slawisches Knez ist Kunig, knegina, Kuniginna, vladika Walting (Herrscher), vitez Witing (Ritter), pronja (Gut des H�rigen) Frone, plesati gotisches plinsja (tanzen) usw.
�) Siehe mein Buch �Genie und Rasse� (Leipzig 1917).
VII
-ocr page 12-und Daken noch f�r blond, wobei nat�rlich immer nur an die beherrschende Oberschichte gedacht ist. Gerade unter einer Fremdherrschaft aber vollzieht sich die Mischung aller mit allen am leichtesten; denn die fr�heren Edeln sind jetzt in eine tiefere Schichte hinabgedr�ngt und vielfach auch nur H�rige wie die fr�heren H�rigen. In diesen Zeiten verloren Albaner und Daken ihre sch�pferische Kraft, wurden sie als Gesamtheit mechanische Bewahrer der alten �berlieferungen, die sonst nur zu leicht der neueren Kultur gewichen w�ren. Da� in diesem Mangel hinwieder auch eine starke Kraft liegt, den neuen Einfl�ssen zu widerstehen, sei beil�ufig vermerkt. Vergeblich hat man die Albaner zu slawisieren, die Rum�nen (in Ungarn) zu magyarisieren gesucht. Darauf beruht dann wieder die Hoffnung auf ein neues Eigenleben. Ein solches zu tragen, sind unter Albanern und Rum�nen noch immer genug nordische Bestandteile vorhanden.
Wie weit zur�ck nun auch die alten �berlieferungen reichen, so darf man doch nicht erwarten, da� sie von ziemlich jungen Einfl�ssen frei geblieben sind. Und wenn auch die meisten davon nebens�chlich sind, so hat doch einer, der des Christentums, tief ins Volk gegriffen. Aber selbst dieser so starke Einflu� betraf im Grunde nur �u�erlichkeiten. Ich habe in meiner ,,Weltgeschichte der Literatur� ausgesprochen, da� das Christentum bei den nordischen V�lkern �berall schon verwandte Vorstellungen vorfand, da� vielfach nur eine Umbenennung der Gestalten vorgenommen zu werden brauchte. Anderseit leben Gestalten des fr�heren Glaubens daneben als D�monen fort. Nicht anders war es bei den Daken. Und wie bei den Deutschen wurden auch bei ihnen nicht alle Gestalten, die nicht bedingunglos in der christlichen Lehre aufgingen, zu b�sen Geistern, sondern zu M�rchengestalten, die den Sinn noch immer erfreuten, wo sie auch nicht mehr religi�se Verehrung fanden.
Ich habe in diesem Hefte einige M�rchen �ber den dakischen Sonnen-Heiland-Helden Fat-Frumos vereinigt.
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-ocr page 13-Manche Z�ge darin sind ohne weiteres durchsichtig, andere bed�rfen der Erkl�rung und Deutung.
Die Grundz�ge des nordischen Mythus m�gen folgende sein. Die Welt wird als Werk des eigentlichen und einzigen Gottes betrachtet, der Walter und Erhalter und zugleich das Licht und das Leben ist. Da man urspr�nglich den Sch�pfer gew�hnlich als Vater, das Gesch�pf als Sohn bezeichnet, war sein Name wohl der Bedeutung nach ,,Vater�. Das vorindogermanische Urwort hierf�r war atta; im T�rkischen ata, im Magyarischen atya, im Gotischen atta, im Albanischen at�. Aber gew�hnlich kam eine Ehrfurchtbezeichnung hinzu, die den ,,Vater� n�her bestimmte, der Ausdruck der Hingabe oder die Bezeichnung als ,,unser Vater� oder als �hehrer Vater�. Die Koseform mag aja gewesen sein, wozu das magyarische atya, das albanische adja (,,Vaterbruder�) den �bergang zeigen, und auf dieser Form beruhen das sumero-babylonische Ea, das hebr�ische Jah (in Hallelu-Jah, ,,lobet Gott�) und Jo (in Namen wie Jonathan), das lateinische Jo und Ja (in Jovis, Jupiter). Das hebr�ische Jahwe ist, wie der arabische Name Jahja zeigt, aus einer Wiederholung des Namens entstanden. Auch im Albanischen weist der Name des Donnerstags (Wotanstag, Jupitertag) �jte auf einen h�chsten Himmelsgott �j zur�ck. Trat das ,,unser� � schon vorindogermanisch n � an den Namen, so entstand mit der Koseform das assyrische Anu, mit der vollen Form das �gyptisch-syrische Aton, das syrisch-griechische Adonis, das nordische Odin, das deutsche Wotan, dessen W auf einer Ausspracheeigent�mlichkeit beruhen mag. (Der Spruch von Wotan, Wille und We zeigt, da� auch das Deutsche eine Kurzform des Gottesnamens kannte, auch sie mit vorgesetztem W.) Das albanische Atyn� ist christliche �bersetzung des Pater nosteA), zeigt aber noch ganz die urspr�ngliche Lautung. Sollte der Himmelsgott als der �hehre Vater� bezeichnet werden, so trat � dies schon in indogermanischer Zeit � die Silbe di,
�) Das Gebet beginnt im Albanischen Atyn�, qi je n' qielli.
IX
-ocr page 14-ihrer Bedeutung nach aus divus, dios, dies, Tag zu erschlie�en � an das Wort: dann entstand das indische Dyau, das griechische Zeus, das germanische Tiu und Ziu^).
Daneben haben zwei Gottesnamen, die schon Eigenschaftnamen sind, gr��ere Verbreitung. Semiten wie eine Gruppe der Indogermanen bezeichneten Gott als den ,,Erhabenen, ungeheuer Gro�en�. Daher kommt das assyrische ilu, das hebr�ische el mit seinen Zusammensetzungen eloah � El-Jah und eljon = El-Jah-n (unser Gott Vater), das arabische allah. Die indogermanische Bezeichnung ist Gott im Deutschen, Zot im Albanischen, Chod mit den Zusammensetzungen Cho da und Chodaj = Chod-aj (Gott Vater) im Persischen. Der semitische Name beruht auf der Wurzel al, ,,aufsteigen�, der indogermanische auf einer Wurzel, die in den V�lkernamen der Goten, G eten, Cheta, Jhudim (Juden) und J�ten vorkommt und ihrer Bedeutung nach in dem der altnordischen Joten (Riesen) erhalten ist.
Dieser Vater im Himmel war aber wie der Sch�pfer und Erhalter des Lebens auch ein gewaltiger, strenger Gott, der auf den Gewitterwojken einherfuhr, wie ein Stier br�llte, den Donnerkeil schleuderte. Er war dies namentlich in den n�rdlicheren Gegenden, wo die Gewitter h�ufiger und schreckenerregender sind. Vielfach schied man die zwei Wesenheiten und machte den furchtbaren Gewittergott selbst�ndig und zu einem Streiter, der mit der Keule, der Waffe der Urzeit, wider die schwarzen Ungeheuer der Wolken zog. So Wotan und Donner. Auch im Sumero-babylonischen ist Bel als Kriegsgott von Ea als Gott der Weisheit geschieden und sind beide zu S�hnen des Himmelsvaters Anu gemacht. Zeus - Jupiter dagegen ist beides noch
') Neben der Form atta kommt auch die Form apa schon vorindogermanisch vor: semitisch ab, magyarisch apa, altnordisch afi und mit Wiederholung � auch tata kommt neben atta vor �: t�rkisch baba, griechisch-lateinisch papa. Von der Form apa geht die indogermanische Wurzel pa (sch�tzen) aus und davon kommt der Name Padar-pater-Vater (Schutz-geber). Im Deutschen wurde Atte zum ,,Gro�vater�: das j�ngere Wort dr�ngte das �ltere um eine Generation zur�ck.
-ocr page 15-in Einem, aber allerdings Sohn des Uranos, des �Himmelsquot;, was jedoch auf einer �berschichtung beruht.
Dem Vater im Himmel entsprach die Mutter im Urgrund. Auch sie wurde als g�ttlich betrachtet. Gott hatte aus ihr die Welt geschaffen, sinnlich gesprochen: sie mit ihr gezeugt, so hatte sie neben ihm bestanden, war ebenso ewig wie er. Aber sie war die noch g�rende Materie, war das Chaos mit allen seinen Geheimnissen und Schrecken; zu ihr steigt Faust hinab, da er zu den ,,M�ttern� geht. Abbild war dem Urmenschen der undurchdringliche Wald, dann das Meer, das wie eine schillernde Schlange sich um die Erde wand und darauf zu lauern schien, sie wieder einzuschlingen, auch zu Zeiten der Sintfluten �ber die Ufer trat und alles Lebende vernichtete, ihr Abbild aber auch � im h�heren Norden � das Eis, das wieder zu anderen Zeiten und in jedem Winter einmal das Land bedeckte. Allgemein wurde sie als Mutter gedacht. Wenn der Geist Gottes in dem uraltmythischen ersten Kapitel der Genesis �ber ihr ,,schwebt� {mrachepheth, ,,br�tend�), so zeugt er die Welt mit ihr.
Das vorindogermanische Wort f�r Mutter ist ama mit der Nebenform anw. t�rkisch ana, magyarisch anya (daneben n�ni, ,,Tantchen�), assyrisch und arabisch umm, hebr�isch em, altnordisch amma, albanisch n�n�, ama und �m�, rum�nisch ama, ma und nana (M�tterchen, Tantchen). Wie bei atta ist auch hier neben der wiederholenden eine ,,Koseform� anzunehmen, die im slawischen majka anklingt und sich in dem indischen Namen der Urmutter Maya erhalten hat. Die �lteste Bezeichnung ist ,,hehre Mutter�: das sumero-babylonische Tiamat, das hebr�ische Thehom. Der Name der Diana, die als Urmutter mit hundert Br�sten dargestellt wird, schlie�t sich hier unmittelbar an. Aber auch der Name der christlichen Heilandmutter Anna geh�rt hierher.
Die fernere Entwicklung des Mythus zeigt eine endlose Reihe von Gleichsetzungen des Sch�pfers mit dem Gesch�pf, dazu treten beide immer wieder aufs neue neben�
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-ocr page 16-�inander, und dies um so leichter, wenn der Name in einer anderen Sprache nicht mehr verstanden wird.
Die Namen sind entweder Sachnamen oder Ehrfurchtnamen oder Eigenschaftnamen. Helios ist Sonne, Uranos Himmel, Eros-Amor Liebe. Griechen und Lateiner wu�ten ohne weiteres, was die Namen bedeuteten, aber schon wir, die das auch wissen, wagen nicht beim �bersetzen griechischer und lateinischer Texte die Namen mit zu �bertragen, etwa das bekannte M�rchen von Eros und Psyche ,,Liebe und Seele� zu betiteln. V�llig schwindet das Bewu�tsein der Identit�t, wenn die Sprache jener Namen �berhaupt nicht mehr verstanden wird; so enth�lt der griechische Mythos zahlreiche G�tternamen fremdester Herkunft, oft in kaum noch erkennbarer Form. Da ergibt denn der Himmelsgott allein, wenn er unter verschiedenen Namen als selbst�ndige Gestalten verehrt wird, ein ganzes Pantheon, ebenso die weiblich gedachte Urmutter. Hierzu kommen dann noch die einzelnen Wirkungen und �u�erungen beider und ihre Sch�pfungen (Kinder), die in gro�er Zahl auch mit der Zeit selbst�ndige Gottheiten wurden.
Erkl�rt kann das Nebeneinander urspr�nglich identischer Gestalten, die Sondergestaltung einzelner davon zu verschiedenen Gottheiten im Sinne der anthropologischen Ge-schichtauffassung nur dadurch werden, da� sie aus der Mischung verschiedener Volksgruppen, gelegentlich auch durch blo�e geistige Einflu�nahme entstanden sind. Im Laufe der Wanderungen hatten sich � unter vielerlei fremden Einwirkungen zumal � die urspr�nglich einander so nahe stehenden nordischen Sprachen stark voneinander entfernt; kam nun noch dazu, da� bei einem bestimmten Gotte in dem einen Volke der eine, in dem anderen ein anderer Eigenschaftname als haupts�chlichste oder ausschlie�liche Bezeichnung gebraucht wurde, so traten sehr leicht identische Gestalten als selbst�ndig nebeneinander. In der sp�ten Antike wurden neben den heimischen Sonnen-Heiland-G�ttern wie Phoibos-Apollon, Helios, Sol auch der persische Mithras als Sol invictus, der �gyptische Osiris und
XII
-ocr page 17-von fr�her her der syrische Adonis verehrt. Aber schon in dem alten griechischen Mythos sind viele G�tternamen zweifellos nichtgriechisch, besonders viele pelasgischen Ursprungs. Grundsatz einer wirklich fruchtbaren Mythenforschung mu� sein, einen Gottesnamen bis zu dem Volke zu verfolgen, in dessen Sprache er eine klare Bedeutung hat. Die �lteste Geschichte der V�lker offenbart sich in diesen Namen.
Zu den urt�mlichsten Gleichsetzungen geh�rt jedenfalls die der Urmutter mit ihrem Kinde, der bl�henden, fruchtbaren Erde. Im Deutschen tr�gt sie selbst den Namen Hertha � Erde; auch Demeter scheint Erde-Mutter zu bedeuten?). In dem M�rchen von Sch�n-Tr�nenkind ist sie ganz die schreckenvolle Gestalt des Urmythos, aber Vasile Alecsandri verzeichnet folgende �berlieferung:
,,Die Wald mutter oder der heilige Freitag war so alt und runzelig, da�, wenn du siebenmal hintereinander geboren w�rdest und sieben volle Lebenszeiten lebtest, du mit dem Z�hlen der Runzeln ihres Gesichtes nicht zu Ende k�mest... Sie wurde geboren, als noch nicht war, was jetzt ist, als die Welt noch nicht Welt war, aber zur Jungfrau herangewachsen, war sie so sch�n, da� der Herrgott die Welt schuf mit Menschen, Sonne, Sternen, mit V �geln und Blumen, damit jemand ihre Sch�nheit bewundern k�nne.�
Hier ist die Gestalt der Urmutter schon mit der Erde, ihrem Kinde, verschmolzen und dies deutlich darin ausgedr�ckt, da� sie ,,Waldmutter oder heiliger Freitag� hei�t�). Der Freitag ist wie im Germanischen der Tag der Freia, so im Romanischen der der Venus. Freia und Venus sind �rspr�nglich als identisch empfunden worden. Im Albanischen hei�t der Freitag Prende und dies l��t darauf schlie�en, da� die G�ttin auch dort einen �hnlichen Namen hatte wie im Deutschen. (Weniger wahrscheinlich ist es, da� die s�dslawischen Goten ihn den Albanern �ber-
1) Demeter = Ge-meter. Phe ( = Erde) lautet das Wort noch jetzt im Albanischen.
�) Alama padurii sau sfinta Vinerea.
XIII
-ocr page 18-mitteltMi, denn nirgend sonst in s�dslawischem Gebiet lautet er �hnlich.) Die lieblich erbl�hende Fr�hlingerde ist offenkundig die Grundvorstellung f�r Freia � der Name kennzeichnet sie als die Liebliche �, und im Germanischen ist sie scheinbar ebenso getrennt von der d�steren Mutter wie Venus von der unterirdischen Persephoneia. Doch kennt das M�rchen Freia oder Holda auch als Frau Holle, die die Flocken stieben l��t, ja als Frau Venus sitzt sie sogar im H�rselberge und ist mit Hel, der ,,H�lle�, dem grauenvollen Hohlraum, gleichgesetzt und herrscht da �ber die Toten. Am reinsten ist der Mythus von der bl�henden und der absterbenden Vegetation in der Gestalt der Persephone verk�rpert, die die eine H�lfte des Jahres im Schattenreiche verbringen mu�. Wenn aber ihre Mutter Demeter, der alle irdischen Muttergef�hle in die Brust gelegt sind, sie durch die ganze Erde sucht, ist dies schon ein Widerspruch, denn in Wirklichkeit weilt sie bei ihr selbst in der Urtiefe.
Diese Verschmelzung der Urmutter mit ihrem Kinde, der sprossenden, von allerlei Lebewesen bev�lkerten Erde, reicht in ur�lteste Zeiten zur�ck, wie die Darstellungen schon der �geischen (mykenisch-kretischen) Kultur �eigen: da w�chst auf dem vorderen Einsatz ihres Rockes Gras und Getreide oder sieht man einen Fisch darauf, und V�gel und Tiere umgeben sie.
Wie die Urmutter mit der Erde, ihrem Kinde, verschmilzt der Himmelsgott gelegentlich mit der Sonne, seiner vornehmsten Sch�pfung, seinem Sohn, der alle lebenspendende Kraft des Vaters in sich vereint und in die Welt ausstrahlt. Wenn die Sonne als Held dargestellt wird � so in �gyptischen Psalmen, die im 19. Psalm des biblischen Psalters nachklingen �, wenn Sonnenhelden wie Herakles die gewaltige Keule f�hren, so sind hier Z�ge des Vaters auf den Sohn �bertragen. Urspr�nglich eigen sind dem Sonnengott nur die zw�lf Taten (Arbeiten), die er auf seinem Zug durch die zw�lf Tierkreisbilder vollbringt. Herkules vollbringt sie noch alle, der alttestamentliche Simson (von stm�, Sonne) wenigsten� einige. Allerding�
XIV
-ocr page 19-aber konnte er im Norden auch selbst als Bek�mpfer der Wolkenungeheuer gedacht werden, und nur hier schied sich der Winter sch�rfer vom Sommer, war der Sonnenlauf im Winter auff�llig viel k�rzer als im Sommer, war die Sonne im Winter schwach, sei es absterbend, sei es aus zarter Jugend heranwachsend. Diese Z�ge des Sonnenmythus haben ihren Ursprung offensichtlich im Norden. Und auch nur hier, wo der Winter Erstarrung und Tod ist, hat der Mythus von der Hadesfahrt der Sonnenhelden zur Befreiung oder Wiedererweckung der sch�nen Braut eine nat�rliche Grundlage. Die Braut ist die Erde, die Tochter der Urtiefe. Bald gewinnt er sie aus dem Hades selbst, bald schl�ft sie, von einem Gewirr von Dornen umstrickt (Dornr�schen), bald holt er sie aus dem Eisland: Br�nhilde, die Siegfried von Island holt; Schneewittchen, das im gl�sernen (Eis-) Sarge schl�ft. Sch�n-Tr�nenkind holt sich selbst die Braut aus dem Reiche der Waldmutter, dem K�nig aber die Braut aus dem Reiche des Eismonds.
Sind nun alle diese Gestalten zu irdischen Personen geworden, so ist das nicht allein darauf zur�ckzuf�hren, da� der Mensch, solange er sinnlich (plastisch) denkt, alle abstrakten Vorg�nge ins Menschliche �bersetzt, selbst der �Gerechtigkeit� Schwert und Wage in die H�nde gibt, es hat vielmehr in diesem Fall auch einen tieferen Grund.
Der Mensch erkannte leicht, welch ungeheuere Dienste ihm das Feuer leistete. Es selbst hervorzubringen, war die erste gro�e Kulturtat. Naturgem�� war es ihm Abbild und Abstamm des himmlischen Feuers, der Sonne. Er rieb es zuerst aus dem Holz, dann � auf h�herer Stufe der Handfertigkeiten � aus Steinen. Nach seiner �blichen Art nannte er es den Sohn seiner Werkzeuge, und davon konnte der eine Teil, der Stempfel, nach T�tigkeit und Form sehr wohl als Vater (membrum) gelten, der andere, der M�rser, als Mutter (vulva). Wenn Sch�n-Tr�nenkind die Waldmutter in den M�rser einschlie�t, steckt darin noch eine Erinnerung hieran. Aber die Geburt des Funkens, der pl�tzlich aus der Mutter sprang und dann auf ihrem Scho�e sa�, war doch
XV
-ocr page 20-geheimnisvoll. Er war nicht von der Art seines irdischen Vaters, sondern von der Art des Feuers am Himmel, war sonach eigentlich dessen Sohn, und das himmlische Feuer war sein wirklicher Vater. Der irdische Vater, das Gesch�pf des Zimmerers � den die christliche Legende selbst zum Zimmermann^) machte � war nach der Geburt des Funkens bedeutunglos, und darum stellt die �berlieferungtreue christliche Kunst � und so noch bei Rembrandt � Joseph immer im Schatten dar; in den Evangelien tritt er alsbald ganz aus der Geschichte. Andere Gestaltungen des Mythos lassen ihn noch eine gewisse Rolle als ,,N�hrvater� (so hei�t Joseph im Katholizismus) oder als Erzieher des jungen Sonnenheilands spielen. Als Erzieher finden wir ihn ebenso in der Sargon-Legende (s. S. 35) wie in dem hier �bersetzten zweiten M�rchen ,,Sch�nkind mit dem goldenen Haar�. Darin stirbt er alsbald und verschwindet somit auch. Solange nun der Funke klein war, bedrohte ihn jeder Luftzug; er mu�te sorgf�ltig bewahrt, in eine gesch�tzte Ecke gebracht, vor b�sen Feinden verborgen gehalten werden. Alsbald aber wuchs er staunend schnelle. Immer aber sah man das Feuer gen Himmel lodern, als strebe es zur�ck zu dem eigentlichen Vater, und in der H�he l�ste sich die Flamme in der Luft auf. Die irdische Mutter jedoch ward
�) Daher kommt das Beil und Doppelbeil als uraltes Gottessymbol, die Labrys, die man in den ,,Labyrinthen� aufstellte. Der Sch�pfer des feuererzeugenden Stabes, also das Beil, das ihn spellte, ist hier als dessen Vater zum Symbol gemacht. Der Vater des Feuers (und auch der Sonne als Feuer nach ihrer Art) wird der ,,Vater� des Mythus schlechthin. J�hrlich einmal wurde das Feuer neu erzeugt, wie man noch aus sehr sp�ter Zeit wei�. Band man das Beil des vorigen Jahres mit dem des neuen zusammen, so entstand das Doppelbeil, dessen Klingen sp�ter durch Gesichter ersetzt wurden und dann die bekannten ,,Janus�-K�pfe verschiedener Vaterg�tter ergaben. (Janus = Ja-n, ,,unser Vater�, s. o.) Die sehr wertvollen Darlegungen des Freiherrn R. v. Lichtenberg in seinem Buche �Die �geische Kultur� (Wissenschaft und Bildung�, 83, Leipzig 1911), das mir erst nachtr�glich zur Hand kommt, sind durch die obigen Ausf�hrungen zu erg�nzen; sie geben nur das Stoffliche, aber der geistige Inhalt l��t sich aus der Vergleichung der Mythen sehr wohl erschlie�en.
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-ocr page 21-allgemach von dem Sohne verzehrt: Holz- und Steinmutter wurden schwarz/) zerrissen und zersprangen. In dem Feuer aber sah man den Licht- und W�rmespender, die unbedingte Reinheit, die alles Unreine verzehrte. So wurde es Symbol, Gegenstand der Verehrung, wurde im Laufe der Zeit Religion und Dogma.
Die alten Inder brachten dem jungen Feuer � das sie einfach mit seinem Sachnamen nannten, agni = ignis (Feuer) � Milch und Butter in Gef��en dar, die sie als K�he bezeichneten; noch um die Krippe des christlichen Heilands stehen Haustiere. Man lie� es entweder in einem Stalle geboren werden oder in einem Steinhaus, und danach war es entweder ein Bauernsohn und in seiner Jugend ein Hirt^) oder ein K�nigsohn � denn nur die K�nige wohnten in Steinh�usern � und geno� die Erziehung eines solchen. Bald genug ja mu� man in der Ausmalung der Schicksale des Feuers weiter gegangen sein und sie den jeweiligen eigenen Lebensverh�ltnissen entsprechend gestaltet haben.
Der Heilandgedanke war schon damit gegeben, er wurde aber voll erst dadurch, da� man den Sohn dem himmlischen Vater gleichsetzte und ihn nun dessen Taten vollbringen lie�. So wurde dann der Heilandgott wohl auf Erden geboren und wandelte auf Erden, aber er ward mit den zw�lf Gestalten des Tierkreises in Beziehung gebracht � die zw�lf Arbeiten des Herkules, die zw�lf J�nger des christlichen Heilands � und unternahm die Hadesfahrt.
Dogmatisch gesprochen war das Feuer zugleich Gottessohn, n�mlich Sohn des himmlischen Feuers, der Sonne, und Menschensohn, Sohn der irdischen Mutter. Da der irdische Vater unzweifelhaft nicht sein echter Vater war, nicht Art von seiner Art, war er nur sein Adoptivvater, die Geburt aber geschah auf eine geheimnisvolle Weise, ohne da� der eigentliche Vater mit der Mutter in Ber�hrung ge-
�) In den katholischen L�ndern wird �berall neben der blonden, lichten auch eine schwarze Muttergottes verehrt.
�) �ber den Einflu� des Mondm)d:hus in diesem Punkte spreche ich weiter unten.
2 Aus fremden G�rten 72/73.
XVII
kommen war, also jungfr�ulich, und es blieb der Phantasie jj Vorbehalten, diesen Vorgang irgendwie zu versinnlichen. y Die sentimentale Art, wie dies in dem M�rchen von Sch�n- jj. Tr�nenkind geschieht � durch eine Tr�ne � ist zweifellos �, sehr sp�ten Ursprungs. Zu der christlichen Heilandmutter kommt die Kraft des H�chsten in Gestalt einer Taube; bei nbsp;nbsp;nbsp;j,
den Parsen erzeugt das �Wort� (v�c � vox), das zuletzt nbsp;nbsp;nbsp;g,
auch pers�nlich gedacht wird, den Heiland. Aber auch im 'j christlichen Mythos ist die Taube nichts als das Wort (logos), nbsp;nbsp;nbsp;;j
das aus dem Munde Gottes �fliegt� � von hier aus erkl�rt sich wohl im Christentum wie im Parsismus die Vogelgestalt^).
Gelegentlich aber wurde die Jungfrauengeburt auch weniger ij. geheimnisvoll dargestellt, ja sogar mit der Schmach irdischer j. Jungfrauengeburt belegt. Romulus und Remus � zwei identische Gestalten � sind die S�hne einer Vestalin, ebenso Sargon der einer Tempeljungfrau und der Sch�nkind des jj. zweiten M�rchens das Fallkind einer K�nigtochter. nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;oj
Zun�chst ist der Feuerfunke Sohn der Sonne, sowie er
aber mit der Sonne verschmilzt, wird er Sohn des ,,Vaters� nbsp;nbsp;nbsp;rg
selbst, des Sch�pfers der Sonne. So bezeichnet sich der ij, christliche Heiland immer als Sohn des Vaters im Himmel unmittelbar. Noch weiter geht die Adonismythe: sie gibt dem Heiland den Namen des Vaters � Adon (im Syrischen allerdings nur ,,Herr�) ist eigentlich Atyn, Aton, �unser nbsp;nbsp;nbsp;ti
Vater� (s. o.). Das christliche Dogma hat in gleichem Sinne nbsp;nbsp;nbsp;�]
den Heiland mit dem Himmelsvater selbst identisch erkl�rt. �,
Wie es scheint, hat schon in sehr fr�her Zeit der Kult des Feuers als K�nigsohnes mit dem als Bauernsohnes sich verschmolzen, wahrscheinlich aber unter verschiedenen i Umst�nden. Man sieht Herkules geradezu als Knecht des Eurystheus die zw�lf Arbeiten tun, aber Sch�nkind in jj unserem M�rchen wird von dem K�nigheiland, zu dem er als Hirte kommt, ohne weiteres als ebenb�rtig anerkannt
1) Der Anfang des Johannis-Evangeliums sagt es deutlich: �Im J' Anfang war das Wort, und das Wort war hei Gott, und Gott war das Wort. (Identit�t Gottes mit seinem �Worte.�) Und das Wort fj ward Fleisch.� nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;�
XVIII
I
-ocr page 23-nd tut den Dienst f�r ihn als Freund. Und wie f�r den reund, so gewinnt er zugleich auch f�r sich selbst die 'raut. Da� urspr�nglich zwei Heilande nebeneinander �St�nden, wird kaum irgendwo so klar wie hier. Und ��hrend der Hirtenheiland f�r sich die Tochter der Wald-lutter freit, gewinnt er f�r den K�nigheiland die Tochter es K�nigs Eismond. Es ist leicht ersichtlich, da� der i�nigheiland einer weit h�heren Kultur-, aber auch Gesell-:haftschichte angeh�rt. Die Verschmelzung der beiden leilande zu einem Paar als K�nig und Manne, als Freund tid Freund oder gar zu einer einzigen Gestalt (wie im iiristlichen Heiland) l��t das erste gro�e geschichtliche reignis der nordischen Menschheit erkennen: die Unterwerfung der landbauenden Bev�lkerung unter die in Stein-�usern wohnenden ,, K�nige�. Nicht immer geschah diese Jnterwerfung restlos. Ja, mit der Zeit setzte sich zweifel-os die Art der viel zahlreicheren Unterworfenen durch, und �irtenheiland und K�nigheiland wurden einander gleich-[estellt: der christliche Heiland ist zugleich der gute Hirte Ind der hohe K�nig, nach dem einen Evangelium ist er im �talle, nach dem anderen in einer Grotte geboren, und so-iwohl Hirten als auch K�nige beten ihn an. Da� die beiden ieilande Blutbruderschaft miteinander schlie�en (was wie n dem M�rchen von Sch�n-Tr�nenkind auch in der deut-chen Siegfriedmythe geschieht), ist die Vorstufe dazu, �iegfried wie Sch�nkind wollen aber zun�chst mit dem �nderen Heiland k�mpfen; der lehnt es in beiden F�llen ab. Ule menschlichen Freundschaftgef�hle wurden manchmal 1 die Brust der beiden Freunde gelegt: Gilgamesch und abani im sumerischen Epos, Theseus und Peirithoos im riechischen Mythos^). Mit der Verschmelzung zu einem
�) Zweifellos spricht in diesen beiden Mythen, wenigstens in dem 'Uge, da� der eine Freund den andern durch die ganze Welt bis in ie Unterwelt suchen geht, der Mythus von den Dioskuren, dem borgen- und Abendstern mit. Die beiden sind zumeist Zwilling-T�der oder sonstwie enge miteinander verbunden. Man erkannte f�h di� Gleichartigkeit der beiden Sterne (nicht jedoch ihre Gleich-�it) und dr�ckte das durch enge verwandtschaftliche Beziehung
XIX
-ocr page 24-Paar wurde aber vielfach der eine Heiland und zwar naturgem�� der K�nigheiland in die Rolle des Auftraggebers gedr�ngt; so Eurystheus, so Gunther, so der K�nig im M�rchen von Sch�n-Tr�nenkind. Aber in den Namen bezeugen sich auch Eurystheus als �in weitem Ma�e Starker� (?) und Gunther als �Kampfherr� noch als streitbare Heilande. Herkules und Sch�nkind f�hren die Waffe des Landvolkes, die Keule. Schmiedet Sch�nkind sich diese Waffe aus Eisen, so beruht das schon auf einer Angleichung,
aus. Da immer nur einer am Himmel stand, dachte man sich, einer m�sse den andern, den entschwundenen, suchen. Ein im �brigen schlecht erz�hltes rum�nisches M�rchen bei Ispirescu,,,Morgenstern und Abendstern�, behandelt gerade dieses Suchen. Auch da kommen sie zu der Waldmutter und fallen in einer zweiten Episode einer nach dem andern in einen Brunnen. R�ckbceinflu�t ist in diesem M�rchen der eine der Sohn einer Magd, der andere der einer K�nigin und beide ebenfalls wie die Heilande ohne Hinzutun eines Mannes geboren. Wie den Sonneng�ttern sind auch ihnen Rosse beigegeben. Die griechische Darstellung ist allgemein bekannt. Im Indischen sind sie Asvinen nach dem Rosse selbst genannt (Asva = aequus). Scharf auseinandergehalten ist der Heiland in Knechtsgestalt von dem in K�niggestalt in dem von J oan Slavic! aufgezeichneten und von Mite Kremnitz aus der Handschrift �bersetzten M�rchen �Der arme Junge� (�Rum�nische M�rchen,� Leipzig 1882). Der arme Junge ist einer Witwe Sohn; seine Schwester hat ein Drache geraubt und er geht sie suchen. Tiere, denen er sich hilfreich erweist, stehen ihm bei wie Eminescus Sch�nkind, als er die Pferde h�ten soll. Die Ro�wahl, die Flucht sind ganz �hnlich gestaltet. Kamm, Striegel und B�rste tun ihre Dienste. Das Pferd aber verwandelt sich, nachdem sie aus dem Bereiche der Waldmutter sind, in einen K�nigsohn, der ebenfalls eine Schwester zu suchen hat. Sie kommen zu einem mit Schneeplatten gedeckten Palast und finden die beiden Gesuchten in Glast�rmen verschlossen. Sie befreien sie, und jeder heiratet des andern Schwester. Das Reich des �roten� Kaisers wird unter sieverteilt. Das Nebeneinander hat hier die urspr�ngliche Handlung etwas verwirrt. Bezeichnend f�r die Vermischung der Gestalten, die sich schon im sumero-babylonischen Mythus findet, ist es, da� Sch�nkind in dem zweiten M�rchen f�r den Entscheidungkampf ein Gewand mit der Sonne auf der Brust (als Sonnengott), mit dem Mond auf dem R�cken (als Mondgottheit) und dem Morgen- und Abendstern auf den beiden Schultern (als Dioskurenpaar) anlegt, also ganz so drei in einem ist wie der dogmatische Gott des Christentums, wenn auch aus anderen Gestalten zusammengesetzt.
XX
-ocr page 25-die bei Siegfried noch weiter geht, indem sich der, obwohl � anderseits deutlich als Hirtenheiland zu erkennen, ein � Schwert schmiedet, die Waffe der K�nige. Eigent�mlich � ist die �bertragung gewisser Heilandz�ge auf die Jugend
des im Mannesleben historischen K�nigs David, Auch ~ sp�ter noch hat man immer wieder historische Pers�nlich
keiten mit solchen Z�gen ausgestattet, andere wieder haben selbst das Heilanddogma auf sich angewendet, indem sie � sich f�r S�hne des Himmelsgottes erkl�rten, wie Alexander jr f�r den Sohn des Jupiter Ammon, oder gar, wie Sargon, in die ganze Geburtgeschichte von sich erz�hlten. Mohammed n ist durch die Theologie des Islams pr�existent geworden. � Jedes Volk und jede Zeit haben den Heiland je nach
ihrer Art gestaltet. Die kriegerischen Germanen schilderten in ihn vornehmlich als Streiter; er war ihnen Balder, der
�Donnernde� oder ,, K�hne�, war ihnen Siegfried. Auch diesen Gestalten fehlen die idyllischen Hirtenz�ge nicht; Richard Wagner hat sie � im ,,Siegfried� � wieder voll �n zur Geltung gebracht. Aber im wesentlichen sind Balder �d und Siegfried doch reine Abbilder des Sonnenhelden. Ja, noch der altdeutsche Dichter des �Heliand� hat seinen 5t Heiland, so viel er vermochte, verheldischt. Auch Herkules in ist vor allem der gewaltige Streiter und ist es in seiner '�e Rauhheit ganz als Heiland eines urt�mlichen Landvolkes,
ingleichen der biblische Simson. Die �berfeinerte, schon n kulturm�de Levante hinwieder hat den J�ger Adonis zu tn einem unschuldigen sch�nen J�ngling gemacht, dessen Tod -n die Frauen mit unendlicher Klage beweinen: AtiwActo xoAo�
Aitavi�. Aus �hnlicher Stimmung heraus gestaltete das sp�tere Indertum den Mythos: es verweilte am liebsten bei n, der Hirtenepisode des Heilands und zeigt seinen Krishna a� oder Hari, den ,,Goldhaarigen�, inmitten der unschuldigen
Natur umworben von den lieblichsten M�dchen. Das ernste ad Christentum hat die erotischen Momente ganz ausgeschaltet; jt, selbst bei seiner Hadesfahrt befreit der christliche Heiland
nicht die sch�ne Braut, sondern � nicht nach den Evangelien, die dar�ber schweigen, sondern nach der �ber-
XXI
-ocr page 26-lieferung � die Seelen der heiligen Vorv�ter. Darum soviele V�lker soviele Heilande, und doch alle miteinande� eine Einheit wie auch die nordischen V�lker selbst. |
Nicht alle Heilande werden in der Jugend verfolgt, nichl alle sterben jung. Buddha und der ,,wei�e� Zarathustra, if deren Gestalten m�glicherweise ein geschichtlicher Kern zij finden ist, aber auch die deutschen M�rchenprinzen ud ebenso Sch�nkind erreichen die h�chste menschliche LebenSf frist (achtzig Jahre) oder leben � wenn sie nicht gestorbe^ sind � noch heute. Auch hier sind zwei verschieden^ Gestaltungen ineinandergeflossen. Der eine Heiland stirW wirklich, der andere geht lebend in die Unterwelt ein! Peirithoos und der sumerische Eabani sind wirklich ge' storben, aber Theseus und Gilgamesch, die ihnen folgen sind auch w�hrend ihjer Hadesfahrt am Leben, ebenslt; Sch�nkind. Das beruht wohl schon in �ltester Zeit auf vef schiedenen dogmatischen Auffassungen und letzten Ende wahrscheinlich darauf, da� die kulturell tiefer stehendei Verehrer des Hirtenheilandes diesen in vollem Anthropo morphismus wirklich sterben lie�en, die kulturell fort geschrittenen Verehrer des K�nigheilandes in dem Todi nur einen Durchgangpunkt, also keinen wirklichen Tolt; sahen. Auch die Jenseitvorstellungen �berhaupt waren be^ diesen andere, freundlichere. Bei jenen f�hrten die Ab geschiedenen ein grauenerweckendes oder doch tr�be Schattendasein, bei diesen sa�en sie in lichten Hallen unlt; erfreuten sich weiter an den h�chsten Gen�ssen des irdischen Lebens, an ,,Wein, Weib und Gesang�. Nur der wirklich� Tod brauchte beweint und beklagt zu werden � die Klaget um Horus, um Adonis �, nur dieser wurde mit allet Schrecken des Sterbens dargestellt (so beim christlichen Heiland). Da� der Heiland vielfach durch die Hand eine� ihm nahe Verbundenen stirbt � Balder durch die seine� Bruders, Siegfried durch die des Blutbruders �, hat seinen Grund wohl auch in der �ltesten Verschmelzung der beiden urspr�nglichen Heilandkulte: der K�nigheiland, mit den) der Hirtenheiland zwar einen Vertrag geschlossen hatte
XXII
-ocr page 27-hatte nach der Meinung vieler ihren echten Heiland, den Hirtenheiland, heimt�ckisch geknechtet, und starb er nun seinen wirklichen Tod, so war es jener, der ihn t�tete oder t�ten lie�. In pessimistischer Zeit wurde die Schuld von dem Einzelnen auf die Gesamtheit eines Volkes, ja der Menschheit �berhaupt �bertragen: der christliche Heiland stirbt durch die T�cke des j�dischen Volkes, aber im Grunde sind es wir alle, die den Heiland �kreuzigen� lassen.
Zahlreich sind die Nachrichten von schauspielerischen Darstellungen der Vorg�nge, die um so mehr vermenschlicht wurden, je mehr man ihre reale irdische und himmlische Grundlage (Feuerbereitung und Sonnenlauf) verga�; und man verga� sie besonders leicht, wenn der Name des Heilands nicht wie beim indischen Agni der Begriffname, sondern ein Eigenschaftname � wie Balder und Hari � oder ein Ehrfurchtname � wie Adonis und Christos � war. Die deutschen Osterspiele beruhen gewi� auf uralten ,,heidnischen� Spielen �hnlicher Art, die Evangelien machen den Eindruck, geradezu solche Darstellungen zu beschreiben, die Mexikaner gingen noch in geschichtlicher Zeit so weit, einen Menschen ,,stellvertretend� als Heiland qualvoll sterben zu lassen. Die Verteidiger der Geschichtlichkeit des christlichen Heilands k�nnen sich am ehesten auf diese Analogie berufen. Allerdings aber wissen wir aus der Levante jener Zeit und ebenso aus dem alten Persien nur von unblutigen Darstellungen und Umz�gen. Diese kn�pften sich, wie es scheint, besonders an die biblische Esther-Geschichte. Haman und Mardochai (Human und Marduk), der alte und der neue Heiland, waren die Protagonisten. Da� die Esther-Geschichte als Heilandmythe aufzufassen ist, findet man in den ,,Biblischen Novellen� (A. fr. G. 4) dargelegt. Noch heute hat die Vorlesung des Buches Esther in den Synagogen am Purimfeste schier dramatischen Charakter. (Vgl. hier�ber die Beschreibung einer solchen Verlesung in meinem Romane ,,Spinoza�.)
War der Heiland wirklich gestorben, so war der neue Heiland ein anderer. Mehrfach wurde da der eine der beiden
XXIII
-ocr page 28-ineinandergeflossenen Heilande in wiederaufgelebter Sondergestalt zu dem Sieger, der andere zum Besiegten, und dem Sieger wurde zugejubelt, der Besiegte mit Spott bedacht. War es schon kein lebender Mensch, so wur e sehr oft wenigstens eine stellvertretende Puppe als Gleichnis f�r den alten Heiland, f�r das alte Jahr, f�r den Tod � Todaustragen in Tirol � auf irgendeine Weise vernichtet.
Wo der Heilandmythus mit tiefstem menschlichen Inhalt erf�llt wurde, wurde er ergreifendes Symbol: so im Christentum.
Allgemeines Zeichen f�r den Heiland ist das Kreuz als Kurzbild f�r die lodernde Flamme^). Auch der christliche Heiland h�ngt urspr�nglich nicht am Kreuze, sondern steht in langen wei�en Gew�ndern segnend davor. In jenen alten levantinischen Darstellungen erscheint er zugleich als Greis, was auch f�r das anf�ngliche Christentum eine Zweiheit der �berlieferung bezeugt. Das Kreuz wird manchmal der ,,Mutter� in die Hand gegeben � so wird die Isis oftmals dargestellt �, aber wo man einmal zur Nachbildung der menschlichen Gestalt fortgeschritten ist, wird zumeist der junge Feuerfunke auf dem Scho�e seiner Mutter abgebildet: so namentlich Isis mit dem Horuskinde und, gewi� von hier aus am st�rksten beeinflu�t, Maria mit dem Jesuskinde^).
Der Heiland ist �berall goldhaarig. Selbst die Mexikaner mu�ten diese �berlieferung haben, denn sie nannten den
1) Es stellt in seiner indischen Form (Swastika, Hakenkreuz : ^Fi) deutlich noch die laufende Flamme dar; denn jeder Haken ist ein laufender Fu�.
2) Merkw�rdig ist, da� im griechischen Mythos Leto zwei Kinder auf dem Arm tr�gt: Apoll - Helios ( Sonne) und Artemis -Diana (Mond). Die Gleichsetzung des irdischen Feuers mit dem himmlischen (mit der Sonne) hat es mit sich gebracht, da� auch die Schwester des himmlischen Feuers (der Mond) auf den Arm der Mutter gesetzt wurde. Hier ist schon der Beginn einer anderen Mondlegende im Sinne der Sonnenfeuer-Heilandlegende zu sehen, die dann im Katholizismus die das Mondsymbol f�hrende Maria in ewiger Jugend, des Muttertums schier ganz vergessen, ja ,,Braut� Christi, neben den Heiland als besondere Heilandin gestellt hat.
XXIV
-ocr page 29-blonden Alvarado, der mit Cortez zu ihnen kam, Tonaltiuh, �Sonnensohn�. Zarathustra f�hrt den Beinamen Spithama, ,,der Wei�e�, Krischna wird am liebsten Hari, ,,der Blonde� genannt. Auch Sch�nkind wird als lichthaarig geschildert. Ebenso hei�t es von dem armenischen Herkules (bei Moses von Chorene) ausdr�cklich, da� er blond war. Bei Firdusi findet man im ,, K�nigbuch� die Geschichte von dem parsischen Heilandhelden Sal: inmitten eines schon dunkelhaarigen Volkes mit wei�en Haaren geboren, wird er gerade deswegen ausgesetzt. Auch Jesus Christus hatte nach uralter Tradition blondes Haar; erst eine gewisse realistische Richtung, die in der sp�teren Renaissance einsetzt, stellt ihn bisweilen als br�netten Juden dar. (Da� die Namen Messias und Christos, ,,Gesalbter�, auf die urt�mliche Zeremonie der ,,Salbung� des jungen Feuers mit der dargebrachten Butter zur�ckgehen, sei beil�ufig vermerkt.) �hnliche Erscheinungen wie beim Feuer-Sonnen-Heiland-mythus finden wir beim Mondmythus, der in verschiedenster Weise selbst�ndig ausgebildet und ingleichen mit dem Sonnenmythus verkn�pft wurde. War man einmal dahin gelangt, die ,,Mutter� mit ihrem Kinde, der bewachsenen Erde, gleichzusetzen und f�r das Feuer in der Sonne ein himmlisches Abbild zu sehen, so fand man f�r die bl�hende junge Natur das himmlische Abbild im Monde. Nichts ist f�r diese Gleichsetzung bezeichnender als die Darstellung der Mondg�ttin Diana als Mutter mit hundert Br�sten, der Isis mit dem Monde auf dem Haupte, der christlichen Heilandmutter mit der Mondsichel unter ihren F��en. (Vgl. auch Ileana Simziana Goldhaar Feld-wird-gr�n, Blumen-bl�hn im vierten M�rchen.) Bei der Verschmelzung der Urmutter mit der bewachsenen Erde, mit der irdischen Heilandmutter (dem Holz- oder Steinwerkzeug) und dem Monde flossen noch verschiedenartigere Z�ge zusammen als bei der Verschmelzung des Feuerfunkens mit der Sonne und dem ,,Vater�. Wieder auch traten verschiedene Gestaltungen des Mythus selbst�ndig nebeneinander, so da� im M�rchen von Sch�n-Tr�nenkind die Gestalt viermal vor-
XXV
-ocr page 30-kommt: in der Muttergottes mit den schwarzen Augen (schwarze Muttergottes in dem �blichen Silberkleid), vor der die Mutter Sch�nkinds betet, in der Mutter Sch�nkinds selbst, in der Tochter der Waldmutter und in der des Eismondes. Davon mag allerdings die schwarze Muttergottes erst durch christlichen Einflu� in das M�rchen gekommen sein. In der Siegfriedsage haben wir in Br�nhild und Chriemhild (Gudrun) zwei identische Gestalten, aber doch wird noch die Mutter Chriemhilds (Ute) erw�hnt, wie ebenso im christlichen Mythos die Mutter der Maria (Anna). Infolge der Gleichsetzung der Urmutter mit dem Monde erhielt der Mond selbst in einer ganzen Reihe von Sprachen den Namen ,,Mutter�; ich weise hier auf die angef�hrten verschiedenen Lautungen des Namens zur�ck^). Im Persischen hei�t er einfach m�h. und m�h. Das deutsche m�n�, das griechische men, das lateinische men[s altdeutsch m�n�[th (Monat) f�gen das n (unser) an, das vorlateinische Diana und das albanische h�n�, das lateinische Inna setzen eine n�here Bezeichnung davor.
Namen derselben Herkunft tragen vielfach auch die M�tter der Heilande oder ihre Br�ute. War die Urmutter der Erde gleichgesetzt, so war sie ja die Braut des Sonnenhelden, und somit erkl�rt es sich, da� beide den Mutternamen tragen k�nnen. Buddhas Mutter hie� Maya wie die indische Urmutter selbst, die Mutter des christlichen Heilands Marjam, das mit versetzter Betonung zu Maria wurde, die Mutter des Hermes, der von den Heilandz�gen fast nur die Hadesfahrten und das Feuersymbol des Stabes behalten hat, Maja. In der Moseslegende hei�t die Schwester der
1) Von dem Monde, der das Jahr einteilen lehrt, geht der Begriff des Messens aus, der im Semitischen und Indogermanischen durch die Wurzel ma bezeichnet wird. Die Slawen haben das eigentliche Wort f�r �Mond� verloren und nennen den Mond nur den �Messer� (mesec). Und �hnlich wie das Wort pater nur mittelbar mit apa zusammenh�ngt, so auch das Wort mater nur mittelbar mit amaz madar-mater-Mutter ist die Ma�-Geberin: sie mi�t im urspr�nglichen Haushalte jedem das Seine zu. So aber vielleicht nicht �berall, denn im Albanischen tr�gt diesen Namen die Tochter (moter}.
XXVI
-ocr page 31-beiden Heilande Moses und Aaron Mirjam^). Balders Gattin hei�t Nanna.
Die Gestalten Feuer-Sonne-Himmelsvater und Feuermutter-Urmutter- fruchtbare Erde-Mond traten in die verschiedenstartigen Beziehungen zueinander. Wie in der Moseslegende sind sie noch oft Bruder und Schwester, so auch in dem rum�nischen Mythenliede ,,Sonne und Mond� (Rum�nische Balladen A.fr.G. 89). Die Verbindung der beiden wird aber vielfach als unang�ngig betrachtet, ja, das rum�nische Lied sieht in dem Begehren der Sonne, die Schwester zu heiraten, sogar die Ursache der Hadesfahrt. Im assyrischen Mythus heiratet Ninus die eigene Mutter, Semiramis mit den symbolischen h�ngenden G�rten. Auch die christliche Heilandmutter wird oft als Braut ihres Sohnes besungen und gew�hnlich in ewiger Jugend dargestellt. (Ihre Mutter Anna ist alt und runzelig.) Das alles sind Erinnerungen daran, da� hier mehrere Gestalten ineinandergeflossen sind.
Aber es ist noch eine weitere urzeitliche Verschmelzung zweier Mythen anzunehmen. Mehrere Z�ge der Heilandlegende sind nicht aus den Erscheinungen des Sonnenlaufes zu erkl�ren, wenn auch nachtr�glich einigerma�en befriedigend darauf zu beziehen. Vor allem pa�t die Vorstellung des guten Hirten nur auf den Mond mit den Sternen als seiner Herde. Dann aber ist die � beim christlichen Heiland dreit�gige � Hadesfahrt nur mit dem mehrt�gigen Verschwinden des Mondes zur Neumondzeit zusammenzubringen. Wie oberfl�chlich zum Teil die Verschmelzung geschah, sieht man an Sch�nkind, der ohne jeden Grund Hirtenkleider anzieht und so � auf eine Kriegsfahrt geht.
�) Moses wird nicht sowohl den �aus dem Wasser gezogenen� bezeichnen als das �Kind� (�gyptisch mesu) und tr�ge da einen ganz �hnlichen Namen wie F�t (Kind) frumos. Wie Mose war auch Mirjam im Hebr�ischen v�llig unverst�ndlich; so ist namentlich Mirjam lautlich arg entstellt. Die Nebenform Marjam wurde von der christlichen Theologie als mar jam (Tropfen des Meeres), stilla maris gedeutet und daraus im weiteren Verlaufe Stella maris (Meeresstern) gemacht.
XXVII
-ocr page 32-So stellt sich denn die Verschmelzung der Hirtengestalt mit der K�nig-Heldengestalt als eine uralte Verschmelzung des Mondkultus mit dem Sonnenkultus dar. Aber auch da mag der Mond zun�chst der Sohn der Sonne gewesen sein. DaB im Deutschen und Slawischen noch heute sein Name m�nnlichen Geschlechtes ist, f�hrt vielleicht so weit zur�ck. Zeugnis daf�r ist auch die Benennung des Neumonds als ,.neuer K�nig� (craiu nou) im Rum�nischen, obwohl darin der Mond sonst weiblichen Geschlechtes ist (luna). Noch Alecsandri berichtet, da� die rum�nischen M�dchen und Burschen das Erscheinen des ,,neuen K�nigs� mit Freudenrufen begr��en und Bitten an ihn richten. (Vgl. hier�ber auch die Anmerkungen zu dem Gedichte ,,Der Drache� in den �Rum�nischen Balladen�.) Da� Sonnen- und Mondmythus tats�chlich miteinander verschmolzen, bezeugt das M�rchen �Ileana Siniziana�, das ich als viertes �bersetze. Da ist der Heiland zun�chst ein Weib und l��t vielfach seine Doppelnatur als Held und Hirte erkennen; seine Herkunftgeschichte ist ganz die der Mondg�ttin als einer von dreien Schwestern und auch im weiteren Verlauf l��t sich noch seine Hirtennatur erkennen; erst zum Schl�sse wird er � auf ziemlich �u�erliche Weise � wirklich Mann.
Ohne weiteres ist klar, da� der Mond in seiner Sanftheit und Milde �berall als guter Gott betrachtet werden konnte, die Sonne jedoch nur im Norden, wo sie wirklich die Erde nicht nur belebte, sondern bis zum Herbste in Fruchtbarkeit erhielt, w�hrend sie im tieferen S�den alles Leben t�tete. So begrenzt sich das Gebiet der Verehrung der Sonne als restlos guten Gottes auf den Norden, und auch nur hier kann sich die Verschmelzung der beiden Kulte vollzogen haben. So wurde der Gott zugleich ein Hirte und ein Held, der die schwarzen, feuerspeienden Ungeheuer der Wolken besiegt und auf seinem Gang durch die zw�lf Tierkreisbilder die zw�lf Arbeiten verrichtet, in der weiteren Verschmelzung mit seinem Sohne, dem irdischen Feuerfunken, jedoch zum Heiland.
Die Mond Verehrung ist allgemein; sie reicht bis in die
XXVIII
-ocr page 33-Stufe der Hirtenkultur zur�ck, ebenso die Feuerverehrung. Hier schon mag das Feuer als Sohn des himmlischen Feuers betrachtet worden sein, aber es war in einem Stalle geboren, und Hirten beteten es an.
Als dann die Gruppe der in dieser Abschlie�ung sich herausbildenden nordischen V�lker von den �brigen Menschen abgeschieden wurde und durch lange Zeit unter starker Rassenauslese und infolgedessen ebenso starker Rassever�nderung ihre Sonderart entwickelte und befestigte, mu� es zu der ersten Verschmelzung der beiden Mythen und zur Gestaltung des eigentlichen Heilandmythus gekommen sein. Die beiden Kulte schlossen einen Vergleich: der neue Gott war sowohl Hirte als auch Held, vor allem aber war er � in seinem irdischen Abbild, dem Feuer � der Heiland. Die Verehrung der Sonne als restlos guten Gottes war das Neue, war der Glaube der am meisten Fortgeschrittenen, und setzte durch, da� neben dem Heiland der Sonnengott noch als Auftraggeber bestehen blieb. Die Zweiheit der Heilande ist so allgemein, da� sie nur in so alte Zeit zur�ckgehen kann.
Die vielfachen Gestaltungen des Heilandmythus bildeten sich jedoch erst heraus, als die nordischen V�lker in die Gebiete anderer V�lker drangen, diese unterwarfen und zuletzt immer mehr mit ihnen verschmolzen. Immer neue �berschichtungen fanden statt, und jede Schichte brachte ihren Himmelsgott, ihre Urmutter und ihren Heiland mit. Die Gleichheit des Himmelsgottes und der Urmutter wurden oft erkannt, aber die der Heilande, die zudem auch zumeist ihre Sondernamen trugen, war bei der verschiedenartigen Gestaltung eines jeden nicht so leicht zu erkennen. So kommt es, da� z. B. in der griechischen Mythologie eine ganze Reihe von Heilanden unter Namen pelasgischer oder asiatischer Herkunft auftritt, die einen als G�tter, die anderen als Helden, je nach der Art, wie sie in das Pantheon aufgenommen wurden.
Der Heilandmythus ist im tiefsten Sinne nordisch, und stets nur der nordische Mensch hat seine Tiefe erfa�t, der
XXIX
-ocr page 34-fremde ihn wohl angenommen � wie selbst Chinesen, Indianer und Neger �, aber die seelische Beziehung zu ihm nicht gefunden. Die Erkenntnis, da� er in solcher Art nordisch ist, l��t auch das Christentum, seine am reinsten ethische Gestaltung, erst richtig werten, sie l��t aber auch den geschichtlichen Jesus als eine unnordische Verstoff-lichung des �berstofflichen ablehnen. Haben alte Zeiten in naiver Weise den Mythus historisiert und lokalisiert � wie noch die Holzschnitte der Lutherbibeln die Personen des Alten und Neuen Testamentes in die Gew�nder der eigenen Zeit kleiden �, so hat der Heiland doch nur als �berzeitlich gefa�t zu werden: so tritt er dann mitten an unseren Tisch, wo wir beten �Komm, Herr Jesus, sei unser Gast� und predigt uns, wo wir am Seestrand versammelt sind^).
OTTO HAUSER
�) Ich schrieb diese Abhandlung, vom Kriege in einen kleinen Alf�ldort verschlagen, fast ohne anderes Material als ich im Kopfe hatte. Darum mag sich noch viel erg�nzen lassen.-
XXX
-ocr page 35-Elt;UM�NISCHE M�RCHEN
-ocr page 36-INHALT
Seite
SCH�N-TR�NEN KIND Aufgezeichnet von Michail Eminescu
SCH�NKIND MIT DEM GOLDENEN HAAR �berliefert von Petre Ispirescu
JUGEND OHNE ALTER UND LEBEN OHNE TOD
�berliefert von Petre Ispirescu
ILEANA SIMZIANA �berliefert von Petre Ispirescu
-ocr page 37-SCH�N-TR�NENKIND
AUFGEZEICHNET VON MICHAIL EMINESCU^)
In alter Zeit, als die Menschen von heute noch im Scho�e der Zukunft schliefen, als der Herrgott mit seinen g heiligen F��en noch durch die steinigen W�sten der Erde Wandelte, in alter Zeit da lebte ein K�nig so dunkel und finster wie die Mitternacht; der hatte eine K�nigin so jung 3 und l�chelnd wie der helle Mittag.
F�nfzig Jahre schon lag der K�nig im Krieg mit einem seiner Nachbarn. Der Nachbar starb und vererbte seinen blutigen Ha� und Grimm seinen S�hnen und Enkeln. 3 F�nfzig Jahre war das her, und der K�nig lebte allein noch wie ein alter, von Kampf und Leiden geschw�chter L�we. Nie in seinem Leben lachte er, weder der unschuldige j Gesang der Kinder, noch das liebevolle L�cheln seiner jungen Gemahlin, noch die alten lustigen M�ren der in Schlachten und Ungemach ergrauten Krieger, nichts vermochte ihn zu erheitern. Er f�hlte sich matt, f�hlte, da� 5 er sterben werde, und hatte niemand, dem er seine Rache Vererben konnte. Traurig erhob er sich von seinem k�niglichen Bette von der Seite der jungen K�nigin � einem Bette wohl golden, aber �de und ungesegnet. Traurig zog er in den Kampf mit seinem unvers�hnlichen Herzen, und die K�nigin blieb allein zur�ck und weinte wie eine Witwe �ber ihre Verlassenheit. Ihr blondes Haar, licht wie das sch�nste Gold, fiel ihr gel�st auf die wei�en, runden Br�ste, Und aus ihren gro�en blauen Augen flossen Str�me von
�) Das M�rchen erschien zum ersten Mal in den �Convorbiri Literare�, IV. Jahrgang (1870/71). Ich �bersetze es nach dem Abdruck in Eminescus �Opere complete� (Bucuresci, 1907).
3 Aus fremden G�rten 73/73.
-ocr page 38-feuchten Perlen �ber ihr Antlitz so wei� wie das Silber der Lilien. Tiefe dunkle Ringe zogen sich um ihre Augen, und blaue Adern zogen sich �ber ihr Antlitz so wei� wie ein lebendiger Marmelstein.
Hatte sie sich vom Bette erhoben, so warf sie sich in einer Marmornische auf die steinernen Stufen nieder und betete da vor dem silbergekleideten Bilde der Schmerzensmutter mit der schwelenden Lampe zu F��en.
Ger�hrt von dem Flehen der hingeknieten K�nigin, feuchteten sich dem kalten Bilde die Wimpern, und eine Tr�ne rollte aus dem schwarzen Auge der Gottesmutter. Die K�nigin stand auf in der ganzen Hoheit ihrer Gestalt und empfing mit ihrem dorren Munde diese kalte Tr�ne und trank sie in den Grund ihrer Seele.
Von dieser Stunde an war sie schwanger.
Verging ein Mond, vergingen zween, vergingen neun, und die K�nigin gebar ein Kind so wei� wie Milchfaum und mit Haaren so hell wie Mondenstrahlen.
Der K�nig l�chelte, und auch die Sonne l�chelte in ihrem Flammenreiche und wich nicht von der Stelle, so da� es drei Tage keine Nacht gab, sondern nur Helle und Freude. Der Wein flo� aus den entspundeten F�ssern, und der Jubel scholl bis ans Himmelsgew�lbe.
Und die Mutter gab ihm den Namen Sch�n-Tr�nenkind^).
Und der Knabe wuchs und wurde gro� wie die Tannen im Walde. Er wuchs in einem Monde mehr als ein anderes Kind in einem Jahr.
Als er gro� genug war, ging er und machte sich einen eisernen Streitkolben. Er warf ihn empor, da� er das Himmelsgew�lbe spaltete, fing ihn dann mit dem kleinen Finger auf, und der Kolben brach entzwei. Drauf ging er und machte sich einen anderen, schwereren. Er warf ihn
1) In der Folge lautet der Name nur Sch�nkind. Das rum�nische F�t-Frumos ist offenkundig die �bersetzung eines alten dakischen Namens. Im Albanischen w�rde er Bir i bukur lauten und �hnlich wird er auch im Dakischen gelautet haben, da beide Worte alt sind. Sch�nkind ist ein echter Feuerfunkenname.
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-ocr page 39-empor bis knapp an den Wolkenpalast des Mondes; da er aus den Wolken niederfiel, brach er nicht mehr unter den Fingern des Helden^).
Dann nahm Sch�nkind Abschied von den Eltern, um hinauszuziehen und mit den Heeren des K�nigs, der seinen Vater befehdete, allein zu k�mpfen. Er legte Hirtentracht an, ein Hemd von Seide, das seine Mutter unter Tr�nen gewoben hatte�), einen pr�chtigen Blumenhut mit Schn�ren und Perlen von dem Halse von Prinzessinnen, steckte in den G�rtel eine Liedfl�te und eine Tanzfl�te, und als die Sonne zwei Lanzensch�fte hoch am Himmel stand, zog er in die weite Welt hinaus und auf seine Kriegsfahrt.
Weg�ber spielte er T�nze und Lieder, aber den Kolben warf er empor, da� er die Wolken zerri� und eine ganze Tagreise weit niederfiel. T�ler und Berge h�rten voll Staunens seine Lieder, aus dem Wasser schlugen die Wogen empor, damit sie ihn h�rten, in den Quellen wirbelte der Grund, Weil jede Welle emporstrebte, damit sie ihn h�re und seine Weise lerne und fortan den T�lern und Blumen mit ebenso s��em Klange rausche.
') Diese Episode hat, wie in der Einf�hrung erw�hnt, ihre genaue Parallele in der deutschen Siegfriedsage. Wie Herkules und Seh�nkind tr�gt auch Marko der K�nigsohn, auf dessen historische Gestalt gar manche Heilandz�ge �bertragen worden sind, die Keule. Das l��t auf die Allgemeinheit des Hirtenheilands unter den Dako-Thraken schlie�en. Aber alle drei � Marko, Sch�nkind, Herkules � sind K�nigs�hne. Herkules stirbt fr�h, Sch�nkind und Marko erreichen wie Moses, Buddha und Zarathustra das h�chste Alter.
Wenn Sch�nkind hier und auf seiner �Kriegsfahrt� die Keule in die Wolken wirft, so geschieht das eigentlich im Kampf mit ihnen als Ungeheuern, was aber in diesem M�rchen v�llig verbla�t ist. Die alten Goten halfen dem Sonnenhelden bei seinem Kampf, indem sie unter gro�em Get�se ihre Pfeile in die Gewitterwolken schossen. So und nicht als Hochmut ist dieser Vorgang zu deuten. Auch noch an anderen Orten hat sich die Meinung erhalten, da� man mit Sch�ssen, mit Glockengel�ute die Gewitter vertreiben k�nne. Die Versuche mit Wetterkanonen gehen letzten Endes hierauf zur�ck.
�) Eine Erinnerung an die Mutterschmerzen, die sonst der Fabel nach hier ebensowenig einen Grund haben, wie das Anlegen der Hirtentracht.
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-ocr page 40-Die Str�me, die an den Ketten d�sterer Felsen dahinbrausten, lernten von dem k�niglichen Hirten das Lied der Liebe, aber die Adler, die stumm auf den d�rren, grauen K�mmen der hohen Felsen sa�en, lernten von ihm den klagenden Schmerzesschrei. nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;#9632;
Alle standen voll Staunens, weil der k�nigliche Hirte Lieder und T�nze spielend vor�berzog. Die schwarzen Augen der M�dchen f�llten sich mit Tr�nen des Verlangens, und in der Brust der jungen Hirten, die ihm lauschten, mit dem Ellbogen auf einen Felsen gest�tzt und mit der anderen Hand auf den Hirtenstab, erwachte eine Sehnsucht tiefer, dunkler, gr��er � die Sehnsucht nach Kriegertaten.
Alle blieben stehen, nur Sch�nkind wanderte weiter, mit seinen Liedern der Sehnsucht seines Herzens folgend und mit den Augen dem Kolben, der durch Luft und Wolken flog wie ein st�hlerner Adler, wie ein wundersamer Stern.
Als der dritte Tag sich gen Abend neigte, schlug der Kolben im Fall an ein erzenes Tor, und ein langes, gewaltiges Dr�hnen erscholP). Das Tor war gesprengt, und der Held trat ein. Der Mond ging �ber den Bergen auf und spiegelte sich in einem See so klar wie der helle Himmel. Auf seinem Grunde sah man � so klar war er � den goldenen Sand schimmern. Aber in der Mitte erhob sich auf einer smaragdenen Insel, von einem Buschicht gr�ner dichter B�ume umgeben, ein pr�chtiger Palast au� gl�nzendem milchwei�en Marmor, so gl�nzend, da� in den Mauern wie in einem silbernen Spiegel Wald und Wiese, See und Strand sich spiegelten.
Ein goldener Nachen lag auf der klaren Flut des Sees dicht an dem Tore, und durch die reine Abendluft zitterten sch�ne, heitere Weisen aus Jem Palaste her�ber.
�) Die Pforte der Unterwelt. Ganz klar sagt der sumero-babylo-nische Sch�pfungbericht:
iptema apulli ina sili kilal Si garu utt�n mina sumela u imna, ina kabitisama istik�n el�ti. �Er � der oberste Himmelsgott � tat auf gro�e Tore zj beiden Seiten mit festen Riegeln, rechts und links; in der Mitte setzte er den Zenit.quot;
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-ocr page 41-Sch�nkind stieg in den Nachen und ruderte �ber den See bis an die Marmortreppe des Palastes. Da trat er ein und sah in den Treppeng�ngen Leuchter mit hundert Armen, auf deren jedem ein feuriger Stern brannte.
Er trat in den Saal. Der Saal war hoch, von S�ulen und Bogen ganz aus Gold getragen, aber in der Mitte stand ein pr�chtiger Tisch, wei� gedeckt, die Teller jeder aus einer einzigen gro�en Perle geschnitten; aber die Edeln, die in goldenen Gew�ndern auf Schemeln von rotem Sammet zu Tische sa�en, waren sch�n wie die Tage der Jugend und heiter wie Tanzweisen. Doch der vornehmste von ihnen, der um die Stirne einen goldenen, mit Demanten besetzten Reif und leuchtende Gew�nder trug, war sch�n wie der Mond einer Sommernacht. Noch sch�ner aber war Sch�n-kind^).
,,Willkommen�), Sch�nkind,� sagte der K�nig, ,,ich habe von dir geh�rt, aber von Angesicht habe ich dich nicht gesehen.�
') Hier werden die Jenseitsvorstellungen der ,,Herren� wiedergegeben. Der Mond ist K�nig in diesem Reich, was auf der Gleichsetzung der Urmutter mit dem Monde beruht. Wie imDeutschen und Slawischen ist �brigens auch im Sumero-babylonischen der Mond m�nnlichen Geschlechtes; er tr�gt die Namen Sin und Nannar. Aber da hier der Hadesbeherrscher mit einer Heilandgestalt zusammengeflossen ist, zahlt er selbst in der Folge einen Seelentribut an die Waldmutter. Man erinnere sich hierbei des Tributes der Athener an den kretischen Minotaurus. Sch�nkind hat die Rolle des Theseus, der seinerseit ganz wie Sch�nkind zugleich eine Braut gewinnt, Ariadne-Ariane. (In dem Namen ist ana ,,Mutter�, ari die Ehrfurchtbezeichnung als ,,hehre�; vgl. ,,Arya = die Edeln).
�) Die Gr��e lauten im Rum�nischen ,,Bine-ai'venit� (Gut bist du gekommen) und ,,Bine te-am g�sit� (gut habe ich dich gefunden). Ganz so gr��t man im Albanischen ,,Mire t� gjeta� (gut habe ich dich gefunden) und ,,Mire m� erdhi� (gut bist du mir gekommen). Im Deutschen und Slawischen (Dobro dosao) ist nur der eine Teil erhalten geblieben. Der Grund, warum Sch�nkind mit dem K�nig k�mpfen will, ist nicht eigentlich die Feindschaft zwischen den V�tern, sondern der, da� der K�nig zugleich auch Schattenbeherrscher (Waldmutter) ist und die Braut verwahrt, die Sch�nkind erringen will. In der deutschen Sage ist Chriemhilde-Gutrun in der Tat noch des K�nigs Schwester, aber dort ist ebensowenig der eigent-
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-ocr page 42-�Sei gegr��t, K�nig, aber ich f�rchte, da� ich dir nicht willkommen sein werde. Denn ich bin gekommen, um mit dir hart zu k�mpfen; du hast meinen Vater schon zu lange mit deiner T�cke verfolgt.�
,,Nein, mit T�cke habe ich deinen Vater nicht verfolgt, ich habe immer nur geraden Kampf gek�mpft. Aber mit dir will ich nicht k�mpfen. Vielmehr will ich den Spielleuten sagen, da� sie spielen, und den Schenken, da� sie uns die Becher mit Wein f�llen, und wir wollen Kreuz-bruderschaft^) schlie�en, solange wir leben und leiben.�
Und die K�nigs�hne k��ten einander unter den Gl�ckw�nschen der Edeln und tranken und besprachen sich.
Sagte der K�nig zu Sch�nkind: ,,Vor wem f�rchtest du dich in der Welt am meisten?�
,,Vor niemand in dieser Welt, nur vor Gott1). Und du?�
,,Auch ich vor niemand, nur vor Gott und vor der Wald-
liche Grund f�r das anf�nglich feindliche Auftreten des Sonnenhelden ersichtlich. (�brigens sind nicht nur Z�ge der Mutter-Gestalt in die des Heilands �bergegangen, auch solche des Heilands sind auf die Mutter �bertragen worden, wo man sie r�ckschlie�end als Art von des Sohnes Art fa�te. Das r�misch-katholische Dogma l��t auch die Mutter ihre Himmelfahrt haben, und ist bisher das Dogma mehr nur im geistigen Sinne gefa�t worden, so bereitet sich doch schon das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Mari� vor. Denn je ungeistiger eine Volksgruppe durch das erst langsame und zuletzt immer raschere Verschwinden der nordischen Blondlinge wird, um so stofflicher fa�t sie selbst die geistigsten Mysterien.)
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Die Rum�nen und so wohl schon die Daken machten beim Schlie�en der Blutbruderschaft die Schnitte in der Form des Kreuzes als des uralten Feuer- und Sonnensymboles. Christlicher Einflu� ist hier wohl nicht zu sehen. Noch heute bindet die Blutbruderschaft, die allerdings nicht mehr in der ehemaligen Weise geschlossen wird, unter den V�lkern des dako-thrakischen Gebietes ebenso stark wie irgend ein leibliches Blutband. Die Albaner h�keln zum Zeichen der ,,Besa� (unbedingter Treue) die kleinen Finger ineinander (Kreuzform). So sah ich sehr oft M�nner auf der Stra�e zusammen gehen, aber auch solche, die aus irgend welchen Gr�nden von uns verhaftet worden und zum Galgen gingen.
�) Die Antwort der Geten an Alexander den Gro�en war �hnlich: �Die Geten f�rchten sich nur vor dem Himmel, da� er nicht auf sie herunterfalle.�
-ocr page 43-mutter. Das ist ein altes h��liches Weib, das gleichwie der Sturm �ber mein Reich f�hrt. Wo sie zieht, verdorrt die Erde, fallen die D�rfer zusammen, st�rzen die Flecken in Tr�mmer. Ich habe mit ihr gek�mpft, aber nichts ausgerichtet. Da� mir nun nicht mein ganzes Reich zugrunde gehe, habe ich mit ihr einen Vertrag eingehen m�ssen, wonach ich ihr je den zehnten Sohn meiner Untertanen als Zins darbringe. Und heute kommt sie um den Zins.�
Als es Mitternacht schlug, wurden die Gesichter der G�ste traurig, denn um Mitternacht kam auf Windesfl�geln, das Gesicht voll Runzeln wie ein von B�chen ausgenagter kahler Fels, einen Wald an Stelle des Haares, die tolle Waldmutter heulend durch die schwarze Luft angeritten,ihre Augen ein hohler Schlund, ihre Z�hne Reihen von M�hlsteinen^).
Wie sie so herantoste, ergriff sie Sch�nkind um die Mitte Und zw�ngte sie mit aller Kraft in einen gro�en steinernen M�rser: auf den M�rser w�lzte er einen Felsblock, und den band er ringsum mit sieben eisernen Ketten fest. Drinnen tobte und w�tete das Weib wie ein gefangener Sturmwind � aber es war umsonst.
Das Gelage wurde fortgesetzt. Da sah man durch die Fensterbogen im Mondenschein zwei gro�e Wasserberge. Was war es? Die Waldmutter zog, da sie sich nicht freimachen konnte, samt dem M�rser durch das Wasser und lie� es dadurch zu Bogen emporschlagen. Und immer
1) Die Waldmutter ist zweifellos mit der Waldv�lva (V�lva padurii) identisch, die in anderen M�rchen vorkommt und ebenfalls ein Unget�m ist, mit dem man k�mpfen mu�. Der Name V�lva ist dem der altnordischen Volva, der Wala Richard Wagners gleichzusetzen und wohl nichts anderes als das lateinische Vulva, also ,,Mutterschoߓ schlechthin. Im Slawischen sind die Vilen, die denselben Namen tragen, wahrscheinlich nicht urt�mlich, sondern von der germanischen Wala herzuleiten. M�glicherweise aber bestand doch auch bei den Slawen eine Mutter-Urgrundg�ttin �hnlichen Namens, der durch die germanischen Herren nur lautlich etwas ver�ndert wurde. Im Germanischen gibt es nur eine Wala, im Slawischen aber viele Vilen. Das Verh�ltnis ist �hnlich wie das zwischen der lateinischen Diana und den sprachlich damit zusammenh�ngenden rum�nischen �Zinen.� (Vgl. S. 37 Anm. i).
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-ocr page 44-weiter zog sie davon, ein besessener Steinfels, und brach sich Bahn durch die W�lder, grub eine lange Furche in die Erde und verschwand endlich in der weiten Nacht^).
Sch�nkind tafelte und tafelte, dann aber nahm er seinen Kolben auf die Schulter und zog solange auf der Spur des M�rsers weiter, bis er zu einem sch�nen wei�en Hause kam, das im Mondenschein inmitten eines sch�nen Blumengartens erschimmerte. In den gr�nen Beeten standen und leuchteten blaue, dunkelrote und wei�e Blumen, und leichte Schmetterlinge wie blinkende Goldsterne flatterten dazwischen. Duft, Schimmer und ein ununterbrochenes leises s��es Klingen, das von den Fl�geln der Schmetterlinge und der Bienen kam, umwoben Garten und Haus. Auf der Vorbank�) spann eine sch�ne Jungfrau. Ihr langes wei�es Gewand glich einer Wolke von Licht und Schatten, aber ihr goldenes Haar hing ihr, in Z�pfe geflochten, auf den R�cken hinab, w�hrend ein Perlenkranz auf ihrer reinen Stirne lag. Ihre Finger wie von wei�em Wachs spannen von einem goldenen Rocken und einem Wocken silbriger Wolle; sie spann einen wei�en, feinen gl�nzenden Seidenfaden, der mehr einem durch die Luft ziehenden lebendigen Mondenstrahl glich als einem Gespinnst.
Bei dem leichten Schall von Sch�nkinds Schritten erhob die Jungfrau ihre wie die Seewogen blauen Augen.
,,Willkommen, Sch�nkind,� sagte sie mit hellen, halb geschlossenen Augen, ,,wie lange schon hab� ich dich im Traume gesehen! Weil meine Finger einen Faden spannen, spannen meine Gedanken einen Traum, einen sch�nen Traum, und darin warst du mein Liebster, Sch�nkind. Von dem Silberwocken spann ich und webe dir ein Gewand, gezettelt unter Spr�chen, geschwenkt in Gl�ck; das sollst
*) Da� die Waldmutter durch das Wasser zieht, zeigt, da� hief eine Vorstellung der Urmutter als Wassertiefe mit der durch ihren Namen gekennzeichneten verschmolz.
�) Unter dem weit vorspringenden Dache ist beim rum�nischen Hause gew�hnlich die ganze Mauer entlang eine Bank aus Ziegeln oder Lehm gebaut. Darauf sitzen die Frauen und spinnen, auch die alten Leute.
IQ
-ocr page 45-I du tragen und mich lieb haben! Aus meinem Garn mach� . ich dir ein Gewand, aus meinen Tagen ein Leben voll Wonnen.�
1 Wie sie so dem�tig zu ihm aufblickte, glitt ihr der Faden ; aus der Hand, und der Rocken fiel neben sie hin. Sie stand , auf, und als sch�mte sie sich dessen, was sie gesagt hatte, . lie� sie die Arme h�ngen, wie ein Kind, das etwas angestellt 1 hat, und senkte die gro�en Augen zu Boden.
; Er trat zu ihr, nahm sie mit dem Arm um die Mitte und . streichelte ihr mit der anderen Hand leise �ber Stirne und ; Haar und fl�sterte:
1 ,,Wie sch�n bist du, wie hab� ich dich lieb. Wessen - Tochter bist du, mein Kind?�
s ,,Der Waldmutter,� antwortete sie seufzend. ,,Wirst du r mich noch lieben, wo du das wei�t?�
5 Sie schlang beide blo�en Arme um seinen Hals und sah n ihn an, Auge in Auge.
n �Was frag� ich danach, wessen Tochter du bist!� sagte er. ,,Genug, da� ich dich liebe.�
r �Wenn du mich liebst, so la� uns fliehen,� sagte sie, - sich fester an seine Brust dr�ckend. �Denn wo dich die Mutter trifft, wird sie dich umbringen, und wenn du stirbst, b werde ich wahnsinnig oder sterbe auch.�
,,F�rchte dich nicht,� sagte er l�chelnd und sich aus b ihren Armen l�send. ,,Wo ist deine Mutter?�
n ,,Seit sie zur�ckkam, w�tet sie in dem M�rser, worein 1, du sie schlossest, und bei�t mit den Z�hnen in die Ketten, 0 die ihn binden.�
ij nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;�Mag sie,� sagte er und wandte sich dahin, wo sie war.
1, nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;�Sch�nkind,� sagte die Jungfrau, und zwei gro�e Tr�nen
�t gl�nzten in ihren Augen, ,,geh noch nicht. Ich will dich Weisen, wie du die Mutter bezwingen kannst. Siehst du die
;U Zwei Bottiche da? In dem einen ist Wasser, im anderen Kraft. La� sie uns miteinander vertauschen. Wann die Mutter mit einem Gegner k�mpft, ruft sie, wann sie matt
,j, wird: Halt ein; la� uns einen Schluck Wassers trinken. Dann trinkt sie Kraft, w�hrenddessen ihr Feind nur Wasser
II
-ocr page 46-trinkt. Wenn wir sie nun vertauschen, wird sie es nicht wissen und blo�es Wasser trinken, w�hrend sie mit dir k�mpft.�
Gesagt, getan.
Er eilte hinter das Haus.
�Was ist mit dir, Weib?� rief er.
Das giftige Weib fuhr mit einem Mal aus dem M�rser empor und zerri� die Ketten und streckte sich lang und d�nn bis zu den Wolken auf.
�Eh! willkommen, Sch�nkind,� sagte sie, sich wieder zusammenziehend, ,,komm�, k�mpfe jetzt mit mir; wollen , sehen, wer st�rker ist.�
�Komm!� sagte Sch�nkind.
Das Weib fa�te ihn um die Mitte, streckte sich mit ihm bis an die Wolken und warf ihn dann zur Erde, da� er bis , zu den Kn�cheln in die Krume sank. Sch�nkind warf nun ] sie, und sie sank in die Erde ein bis zu den Knieen.
�Halt ein, la� uns Wasser trinken,� sagte die Wald- j mutter, ersch�pft.
Sie standen und verkeuchten sich. Das Weib trank Wasser, Sch�nkind trank Kraft, und etwas wie unausl�sch- , liches Feuer drang ihm mit kalten Schauern durch alle , erschlafften Sehnen und Adern.
Mit doppelter Kraft nun, mit eisernen Armen ergriff er das Weib um die Mitte und warf sie in die Erde bis an den Hals. Dann zerschmetterte er ihr mit dem Kolben den j Sch�del und zerschlug ihr das Hirn.
Der Himmel wurde grau von Wolken, der Wind begann j kalt zu blasen und das kleine Haus im ganzen Sparrengef�ge zu sch�tteln. Rote Schlangen zerrissen zuckend #2404; den schwarzen Saum der Wolken, die Wasser heulten j gleichsam, nur der Donner sang mit tiefer Stimme wie ein Prophet des Weltuntergangs. In diesem dichten, undurch- j dringlichen Dunkel sah Sch�nkind eine silberne Schatten- -gestalt schimmern, mit aufgel�stem goldenen Haar, schwankend, die bleichen Arme emporgestreckt. Er ging auf sie { zu und umfing sie mit seinen Armen. Sie sank ihm wie tot
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vor Angst und Grauen an die Brust, und ihre kalten H�nde bargen sich in seinem Scho�t). Um sie zu erwecken, k��te er sie auf die Augen.
Die Wolken am Himmel zerrissen, der Mond, rot wie Feuer, erschien in den sich bildenden L�cken. Aber an seiner Brust sah Sch�nkind gleichwie zween helle feuchte blaue Sterne sich auftun � die Augen seiner Braut. Er J nahm sie auf die Arme und trug sie hinweg durch den � Sturm. Sie barg das Haupt an seiner Brust und schien zu schlafen.
Als er den Garten des K�nigs erreicht hatte, brachte er sie in den Nachen und fuhr sie wie in einer Wiege �ber den See, ri� feines duftiges Gras und Blumen im Garten ab und bereitete ihr ein Bette, worin sie wie in einem Neste lag.
� Die Sonne, die eben im Osten aufging, blickte liebevoll 5 auf sie herab. Ihr regenfeuchtes Gewand kleibte an den holdseligen runden Gliedern, und mit ihrem wachsbleichen Angesicht, mit den kleinen, auf der Brust gefalteten H�nden, ' mit dem gel�sten, �ber den Busen gebreiteten Haar, mit den gro�en geschlossenen, tief eingesunkenen Augen war sie vzohl sch�n, aber es schien, sie sei tot. Sch�nkind schlang ' um ihre reine Stirne ein paar blaue Blumen, dann setzte � er sich neben sie nieder und begann Liedweisen zu spielen, ganz leise.
Der klare Himmel � ein Meer, die Sonne ein feuriges Antlitz, die erfrischten Pflanzen, der feuchte Duft der neu belebten Blumen, alles das wiegte sie in einen tiefen sanften Schlummer, und die schwerm�tige Fl�tenweise begleitete � ihre Tr�ume.
' Als die Sonne im Mittag stand, schwieg die Natur, und Sch�nkind lauschte ihrem ruhigen warmen, linden Atmen. Leise neigte er sich zu ihrem Antlitz und k��te sie.
� Da schlug sie die noch von Tr�umen erf�llten Augen ' auf, dehnte sich schlaftrunken und sagte leise und l�chelnd:
, nbsp;nbsp;nbsp;1) Der Raum zwischen Hemd und Brust (�in Abrahams Schoߓ) �
Der Rum�ne ben�tzt den Scho� als nat�rliche Tasche. Den ledernen
� G�rtel um die Mitte schnallt er immer sehr fest.
t
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-ocr page 48-�Du bist hier?�
�Nein, ich bin nicht hier. Siehst du nicht, da� ich ganz) wo anders bin?� sagte er unter Tr�nen der Freude. Wie er so bei ihr sa�, streckte sie ihren Arm aus und legte | ihn um seine Mitte.
�Komm, steh auf,� sagte er, sie liebkosend, �es ist hoher Mittag.�
Sie stand auf, strich sich das Haar aus der Stirne und| warf es zur�ck. Er fa�te sie um die Mitte, sie umschlang! seinen Hals, und so schritten sie durch die Blumenbeete' und traten in den marmornen Palast des K�nigs.
Er f�hrte sie zum K�nig und nannte sie ihm als seine i Braut.
Der K�nig l�chelte, dann nahm er Sch�nkind an der Hand, als wolle er ihm etwas insgeheim sagen, und zog ihn! zu einem hohen Fenster, woraus man �ber den weiten See sah. Aber er sagte nichts, blickte nur schwerm�tig auf den Spiegel des Sees, und seine Augen f�llten sich mit Tr�nen. Ein Schwan spreitete seine Fl�gel wie zwei silberne Segel und tauchte seinen Kopf in das Wasser, da� sich die glatte Fl�che rillte.
�Du weinst, K�nig?� fragte Sch�nkind. ,,Warum?� ;
�Sch�nkind,� sagte der K�nig, �was du f�r mich getan' hast, kann ich dir nicht entgelten und g�be ich dir das Licht meiner Augen oder was mir irgend teuer ist, aber ich habe dich noch um viel mehr zu bitten.�
,,Was soll ich tun, K�nig?�
�Siehst du dort den Schwan, wie er das Wasser k��t? Ich bin jung und sollte darum das Leben lieben, und docbl habe ich schon meine Rechnung machen wollen. Ich liebel eine sch�ne Jungfrau mit versonnenen Augen, s�� wie Meertr�ume � die Tochter des Eismonds^); das ist ein! stolzer, unzug�nglicher Mann, der sein Leben auf der Jagd in Urw�ldern^) verbringt. 0, so hart er ist, so lieblich ist,
�) Im Rum�nischen Genarul, �Januar.�
�) Auch hier spricht noch die Vorstellung des Urgrundes all Wald mit.
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-ocr page 49-sein Kind! Aber wie oft ich versucht habe, sie zu rauben, ist es mir mi�lungen. Versuch es dul�
2 Sch�nkind w�re gern am Orte verblieben, aber die e Kreuzbruderschaft war ihm teuer wie nur irgendeinem e Ritter, teurer als die Braut.
,,Durchlauchtiger K�nig, von allem Gl�ck, das dir zu-f teil geworden, das gr��te ist dies: da� Sch�nkind dein Kreuzbruder ist. Nun wohl, ich will ausziehen, dir die d' Tochter des Eismonds zu gewinnen.�
g Und Sch�nkind nahm sich hurtige Rosse, Rosse mit e Windseelen, und machte sich bereit. Da sagte ihm seine Braut � Ileana^) war ihr Name � leise ins Ohr, indem e sie ihn innig k��te: �Vergi� nicht, Sch�nkind, da� ich, solange du fern bist, immer weinen werde.�
;f Er blickte sie liebevoll an, streichelte sie � dann aber 0 machte er sich los aus ihren Armen, schwang sich in den c Sattel und ritt davon.
n Er zog durch w�ste W�lder, zog �ber Berge mit schnee-I, igen Gipfeln, und wann hinter den alten Felsen der Mond ;I aufging, bleich wie das Antlitz eines toten M�dchens, dann e sah er je und je eine riesige Fahne vom Himmel herabh�ngen, die mit ihrem Saum den Gipfel irgendeines Berges ; einh�llte � eine zerrissene Nacht, ein verfallenes Bauwerk, 0 eine Burg, davon nur noch Steine und Mauerreste �brig it Waren.
,e Als der Tag �nbrach, sah Sch�nkind, da� die Bergkette
*) Ileana ist Helena, Selene, ,,Mond�. Sie tr�gt den Beinamen Simziana und Cosinzeana. Da sie immer als blondhaarig dargestellt :7 Wurde, bedeutet cosinzeana als Eigenschaftwort �goldhaarig�, }] ��u�erst sch�nquot;. Simzeana ist als Sin Zeana, �Sankt Dianaquot; auf--i Zufassen, wie es im rum�nischen Volksglauben auch eine Sfinta (Sin) Vinerea (heiliger Freitag, eigentlich Heilige Venus) gibt. Cosin-Zeana hei�t sie zweifellos nach ihrem Haar: cosifa (vgl. dazu das slawische kosa, �Haarquot;). In dem M�rchen Ileana Simziana hei�t sie J ausf�hrlich Ileana Simziana, cosita de aur, c�mpul inverzeyte, florile infloreyte: Ileana Simziana, Goldhaar, Feld-wird-gr�n, � Blumen-bl�hn. Man erkennt daraus, da� in ihr die Moudg�ttin mit der Fr�hlingerde zusammengeflossen ist, wie ich dies auf S. XIII der j, Einf�hrung darlegte.
15
-ocr page 50-in ein gr�nes, weites Meer vorsprang, das in tausend hell- � gl�nzenden Wellen unter leisem melodischem Rauschen bis dahin zog, wo das Auge sich im Blau des Himmels und im Gr�n des Meeres verlor. Auf der Spitze des Gebirges, gerade � �ber dem Meer, ragte, im Grunde des Wassers wiedergespiegelt, ein gewaltiger Granitfels auf und darauf schim- � merte gleich einem wei�en Neste eine sch�ne Stadt, die in �: ihrer Wei�e wie silbern schien. Aus den Mauerbogen gl�nzten blinkende Fenster, in einem offenen Fenster jedoch zeigte sich hinter Blumenst�cken ein M�dchenkopf, dunkel und tr�umerisch wie eine Sommernacht^). Es war die Tochter des Eismonds.
,,Willkommen, Sch�nkind,� sagte sie, sprang vom gj Fenster weg und �ffnete das Tor des hohen Palastes, wo sie wie ein Geist in der W�ste ganz allein wohnte. ,,Hie- y nacht war mir, ich rede mit einem Stern, und der Stern sagte mir, du kommst von dem K�nig, der mich liebt.� g
In dem gro�en Saale des Schlosses, in der Asche des Kamins, lag ein Kater mit sieben K�pfen auf der Lauer; g wenn der aus einem Maule schrie, h�rte man es eine Tage- j-j reise weit, doch wenn er aus allen sieben zugleich schrie, h�rte man es sieben Tagereisen weit.
Der Eismond hielt sich auf seinen einsamen Jagden gerade eine Tagreise entfernt auf. nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;(j,
Sch�nkind nahm die Jungfrau auf seine Arme und hob sie auf das Ro�, und so flogen sie zusammen �ber das weite, w�ste Meergestade wie zwei kaum sichtbare Luftgestalten, sj
Der Eismond jedoch, ein stolzer, gewaltiger Mann, hatte ein Zauberpferd mit zwei Herzen. Der Kater im Schlosse schrie aus einem Kopfe, und das Pferd des Eismonds wieherte mit seiner erzenen Stimme.
,,Was gibt�s?� fragte der Eismond das Zauberpferd. Q ,,Geht es dir etwa zu gut?�
1) Da� diese Heilandhelden-Braut dunkel ist, geht vielleicht auf of die Gleichsetzung der Tochter mit der Urmutter zur�ck. Vielleicht aber hat nur erst Eminescu ihr diese F�rbung gegeben, um sie von Ri der ersten Braut zu unterscheiden.
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-ocr page 51-,,Nein, mir geht es nicht zu gut, dir aber geht es �bel. Sch�nkind hat dir deine Tochter geraubt.�
�M�ssen wir sehr eilen, damit wir ihn einholen?�
,,Eilen wohl, aber nicht zu sehr. Wir haben ihn bald,�
Der Eismond stieg auf sein Pferd und fuhr wie das alte Greuel hinter den Fl�chtigen drein. Alsbald hatte er sie eingeholt.
. Sch�nkind konnte nicht mit ihm k�mpfen, weil der Eis-mond Christ war und seine Macht nicht von den Geistern der Finsternis, sondern von Gott hatte^).
,,Sch�nkind,� sagte der Eismond, ,,du bist gar sch�n, �nd ich habe Mitleid mit dir. Diesmal tu ich dir nichts, aber ein andermal . . . la� es dir gesagt sein!�
Und damit ri� er die Jungfrau von seiner Seite fort und Verschwand im Hui, als w�re er gar nicht dagewesen.
Aber Sch�nkind war mutig und wu�te den Weg zur�ck. Er kehrte um und fand die Jungfrau wieder allein, nur blasser und verweint; sie erschien nur um s� sch�ner. Der Eismond war wieder auf der Jagd und diesmal zwo Tagreisen weit. Sch�nkind nahm zwei andere Pferde gleich aus dem Stalle des Eismonds.
Diesmal entwichen sie in der Nacht. Sie schossen dahin wie die Mondenstrahlen �ber die tiefen Meereswogen, mitten durch die �de kalte Nacht wie zwo holde Erscheinungen. Aber auf ihrer Flucht h�rten sie das lange doppelte Miauen des Katers vom Schlo�kamin. Da war es ihnen, als k�nnten sie nicht mehr weiter, gleichwie wer im Traume fliehen will Und nicht vermag. Darauf h�llte sie eine Staubwolke ein, denn der Eismond kam ihnen auf seinem Pferde nachgerast, da� die Erde bebte.
Sein Gesicht war voll Zornes, sein Blick erbarmunglos. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff er Sch�nkind und schleu-
Die Ausgestaltung des Folgenden ist in den Einzelheiten offenbar frei. Mythische Erinnerungen sprechen zwar mit, aber die Hauptsache ist, das langsame Fr�hlingwerden mit den wiederholten R�ckschl�gen darzustellen.
-ocr page 52-der te ihn in die schwarzen Sturmwolken am Himmel. Dann verschwand er mit der Tochter.
Sch�nkind verbrannte in den Blitzen � nichts von ihm als eine Handvoll Asche fiel herab in den hei�en d�rren W�stensand^). Aber aus seiner Asche entstand ein klarer Quell, und der Sand, wodurch er flo�, war von Demanten. Hohe gr�ne dichte B�ume wuchsen da und verbreiteten einen k�hlen duftigen Schatten. H�tte jemand das Rauschen des Quells verstanden, er h�tte darin die stete Klage um Ileana, Sch�nkinds blonde K�nigin, erkannt. Aber wer konnte den Quell rauschen h�ren in einer W�ste, die nie bisher ein Menschenfu� betreten hatte?
Doch in jener Zeit wandelte noch der Herr auf Erden. Eines Tages erschienen zwei Wanderer in der W�ste. Das Gewand und das Antlitz des einen strahlte wie wei�es Sonnenlicht; der andere weniger erhabene erschien nur wie der Schatten jenes Strahlenden. Es waren der Herr und det heilige Petrus. Da ihnen die F��e von dem W�stensand� brannten, traten sie in den frischen klaren Bach, der von dem Quell ausging. Und sie gingen, mit ihren Kn�cheln die Wellen aufwirbelnd, wasseraufw�rts bis zu seinem be-schatteten Ursprung. Dort trank der Herr und wusch sieb sein heiliges strahlendes Antlitz und seine wunderwirkenden H�nde. Dann lie�en sich beide im Schatten nieder, der HerJ in Gedanken an seinen himmlischen Vater, der heilig� Petrus dem Liede des klagenden Quells lauschend. Da sie sich zum Weitergehen erhoben, sagte der heilige Petrus'.
,,Herr, la� diesen Quell wieder werden, was er war.�
,,Amen!� sagte der Herr, seine heilige Hand erhebend; dann gingen sie gegen das Meer zu, ohne zur�ckzublicken.
Wie durch einen Zauber verschwand der Quell, und
�) Wenn dieser Zug �berliefert ist, haben wir hier den (wirk liehen) Tod des Feuerheilands als Hirten erhalten; er l�st sich ir der Luft auf wie die Flamme bei ihrer �Himmelfahrt�, und nu) etwas Asche bleibt zur�ck. Aber wie bei verschiedenen anderer Heilandgestalten (namentlich griechischen) entsteht aus der Asch� neues Leben: ein Quell, Vegetation.
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-ocr page 53-gleichwie aus einem langen Traum erwacht, blickte Sch�n-jj kind rings um sich. Da sah er die leuchtende Gestalt des j, Herrn, die auf den Meereswogen vor ihm wandelte wie auf festem Land, und den heiligen Petrus, der seinen Tapfen j. nachfolgte und seiner menschlichen Natur nachgebend, j, zur�ckblickte und Sch�nkind mit dem Kopfe zunickte.
Sch�nkind folgte ihnen mit den Blicken, bis die Gestalt des heiligen Petrus in der Ferne verschwand und nur noch die strahlende Gestalt des Herrn zu sehen war, die einen so �g hellen Glanz auf das Wasser warf, da� man, wo die Sonne nicht im Mittag stand, glauben konnte, sie gehe eben unter. Er f�hlte das Wunder seiner Auferstehung und sank, zu der untergehenden Heilandsonne hingewendet, auf die ,5 Kniee.
Dann aber kam ihm in den Sinn, da� er versprochen hatte, die Tochter des Eismonds zu rauben, und was ein [g Held versprochen hat, l��t er schwerlich ungetan.
So machte er sich auf und kam gegen Abend an das jj Schlo� des Eismonds, das im Abenddunkel wie ein un-,, geheurer Geisterbau schimmerte. Er trat ins Haus . . . die 'j, Tochter des Eismonds weinte.
Doch als sie ihn erblickte, wurde ihr Antlitz helle wie J.J ein Wasser von einem Lichtstrahl.
,g Er erz�hlte ihr, wie er wieder zum Leben erstanden war.
�g Da sagte sie zu ihm:
,,Durch Raub kannst du mich nimmermehr gewinnen, solange du nicht ein Ro� hast wie das meines Vaters; denn das hat zwei Herzen. Aber ich will ihn heut abend fragen, ii Woher er das Pferd hat, damit auch du dir ein solches ver-schaffen kannst. Bis dann will ich dich, damit mein Vater id dich nicht entdecke, in eine Blume verwandeln.�
, Er setzte sich auf einen Schemel, sie aber raunte einen iC*
jf s��en Zauber �ber ihn, und da sie ihn auf die Stirne k��te, 111 verwandelte er sich in eine dunkelkirschrote Blume. Sie �f tat ihn zwischen die Blumen am Fenster und sang fr�hlich, *** da� es im Schlosse ihres Vaters wiederhallte.
Dann kam auch der Eismond.
4 Aus fremden G�rten 72/73.
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-ocr page 54-�So fr�hlich, mein Kind? Und warum bist du so fr�h-^ lieh?� fragte er.
�Weil es jetzt keinen Sch�nkind mehr gibt, der mich rauben kann,� antwortete sie lachend.
Sie setzten sich zu Tische.
,,Vater,� fragte die Jungfrau, ,,woher habet ihr das Ro�, damit ihr zur Jagd ausreitet?�
,,Wozu brauchst du das zu wissen?� fragte er, die Brauen runzelnd.
,,Du wei�t gut,� erwiederte die Jungfrau, ,,da� ich es nur wissen will, weil ich�s wissen will. Denn jetzt gibt es keinen Sch�nkind mehr, der mich rauben kann.�
,,Du wei�t, da� ich dir niemals etwas abschlagen kann,� sagte der Eismond. ,,Weit von hier am Meere wohnt ein Weib, das hat sieben Stuten, die �bergibt sie Hirten, sie ihr ein Jahr lang zu h�ten � aber ihr Jahr hat nur drei Tage � und wer sie ihr gut h�tet, den l��t sie als Lohn sich ein Fohlen aussuchen, wer sie aber nicht gut h�tet, den schl�gt sie tot, und sein Haupt steckt sie an einen Pfahl. Aber den, der die Stuten ihr gut geh�tet hat, hintergeht sie gleichwohl, indem sie allen Pferden die Herzen herausnimmt und sie einem einzigen einsetzt, so da� der Hirte fast immer ein Pferd ohne Herz ausw�hlt, das noch schlechter ist als ein gew�hnliches Pferd . . . Bist du nun zufrieden, mein Kind?�
,,Ja, Vater,� antwortete sie l�chelnd.
Da jedoch warf ihr der Eismond ein rotes feines duftendes T�chlein ins Gesicht. Die Jungfrau blickte starr in die Augen ihres Vaters wie jemand, der aus einem Traum erwacht, dessen er sich nicht entsinnen kann. Alles was ihr Vater ihr gesagt hatte, war vergessen. Die Blume jedoch am Fenster, inmitten ihrer Bl�tter wie ein roter Stern in einem Gew�lk, hatte achtgegeben.
Am anderen Tag zog der Eismond wieder fr�hmorgens zum Jagen aus.
Die Jungfrau k��te die rote Blume und raunte einen Spruch, und Sch�nkind erstand vor ihren Augen gleichwie aus dem Nichts.
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-ocr page 55-�Nun, wei�t du etwas?� fragte er sie.
�Ich wei� gar nichts,� sagte sie traurig, den Handr�cken an die Stirne legend, ,,ich habe alles vergessen.�
,,Ich aber habe alles geh�rt,� sagte er. ,,Gehab dich wohl, mein Kind, bald sehen wir uns wieder.�
Er schwang sich auf ein Ro� und verschwand in der W�ste^).
Dort in der brennenden Sonnenglut des Tages bemerkte er unfern eines Waldes eine Stechm�cke, die sich in dem gl�henden Sande kr�mmte.
,,Sch�nkind,� sagte die Stechm�cke, ,,nimm mich und trag mich in den Wald. Gutes f�r Gutes. Ich bin der Stechm�ckenk�nig.�
Sch�nkind trug ihn in den Wald, wodurch sein Weg ging.
Nach dem Walde kam er wieder in die W�ste l�ngs des Meeres. Da sah er einen Krebs in der gl�henden Sonne liegen, der nicht mehr die Kraft hatte zur�ckzukriechen.
,,Sch�nkind,� sagte der, ,,wirf mich in das Meer. Gutes f�r Gutes. Ich bin der Krebsk�nig.�
Sch�nkind warf ihn ins Meer und zog weiter.
Gegen abend kam er zu einer schlechten, mit Pferdemist bedeckten Lehmh�tte. Statt des Zaunes^) standen ringsum nur etliche gespitzte Pf�hle; auf sechsen davon stak je ein Kopf, der siebente jedoch, der keinen trug, wackelte unausgesetzt im Winde und sagte: Kopfl Kopf! Kopf!
1) Sch�nkind unternimmt hier die dritte Hadesfahrt um die Braut. Aber da er selbst schon eine Braut hat, wird die Tochter der zweiten Urmutter von ihm nur zu ihrer eigenen Befreiung mitgenommen; sie verschwindet alsbald wieder aus der Geschichte.
�) Der Zaun hei�t in mehreren Sprachen des thrakischen Gebietes gard; so rum�nisch und bulgarisch, albanisch gardh. Hier hat das Wort demnach seine �lteste Bedeutung erhalten. Im Deutschen bezeichnet es schon die umfriedete Stelle � Garten, daraus romanisches giardino, jardin �, aber auch schon �Stadt�, So in Namen wie Morgarten. Ebenso bezeichnet das stammverwandte lateinische hortus und das slawische vrt den �Garten�, gard jedoch im Slawischen fast immer ,,Stadt� (grad, hrad), nur in Verbindung vinograd (Weingarten) noch �Garten�. Das slawische
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-ocr page 56-Auf der Vorbank lag, auf einen alten Ziegenpelz hingestreckt ein altes runzelichtes Weib; die hatte den aschgrauen Kopf auf dem Scho�e einer jungen h�bschen Magd und lie� sich von ihr absuchen^).
,,Gott zum Gru�l� sagte Sch�nkind^).
,,Willkommen, Bursche,� sagte die Alte und stand auf. ,,Was willst du? M�chtest du mir etwa die Stuten h�ten, ja?�
�Ja.�
,,Meine Stuten weiden nur des Nachts. Sieh, gleich jetzt kannst du mit ihnen auf die Weide gehn. � Auf, Kleine, gib dem Burschen das Essen, das ich bereitet habe und geb mit ihm.�
grad (hrad) ist germanischen Ursprungs, sehr nat�rlich �brigens, da die Germanen im slawischen Gebiet die St�dtegr�nder waren. In der Levante und tief nach Asien hinein bezeichnet das Wort schon �berall,,Stadt� � so im Semitischen: Carthago, Cartagena, so aber auch im Armenischen Tigrano-kerta. Da� es bei den V�lkern des thrakischen Gebietes noch die alte Bedeutung hat, ist mit ein Zeugnis daf�r, wie weit man hier gewisse �berlieferungen zur�ckf�hren darf. Auch �Burg� hat im Albanischen noch die urspr�ngliche Bedeutung des finsteren Loches, darin man sich �birgt�, erweitert die Bedeutung �Gef�ngnis�. Dasselbe Wort, das im Deutschen eine Festung, im Romanischen schon die Ansiedelung darum (borge, bourg) bezeichnet, ist in etwas zerdehnter Form, die auch im Englischen vorkommt (borough) und mit der im S�dslawischen h�ufigeO Umwandlung des germanischen h in s (heim = slem) als s�dslawisches varos ins Magyarische (varos) und ins Rum�nische (ora,) �bergegangen. DieH�ttederUrmutteristinunsermM�rchen ganz so geschildert, wie wir uns die �ltesten Wohnst�tten des nordischen Menschen zu denken haben: aus Lehm gebaut � noch heute baut man in Albanien die H�tten und H�user zumeist aus Lehm �, mit Tiermist bedeckt, der noch jetzt in Albanien zum Ausf�llen der irr* Lehm entstandenen L�cken verwendet wird, von Pf�hlen umgeben, denen man als Zier oder Abschreckmittel, vielleicht als Bann Sch�del aufgesteckt hatte.
�) Auch diese Szene ist urt�mlich. Man kann sie noch heute in rum�nischen D�rfern sehen. In Albanien sah ich nur Kindern die L�use suchen, auch das vor dem Hause, doch da es dort kein� Vorbank gibt, auf der T�rschwelle.
�) Auch hier Rum�nischen die Begr��ung: Bine v� am g�sit und Bine a� venit.
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-ocr page 57-Neben der H�tte befand sich ein unterirdischer Keller. Er trat ein und sah da sieben schwarze gl�nzende Stuten, sieben N�chte, die ihr Leben lang noch nicht das Licht der Sonne erblickt hatten. Sie wieherten und stampften.
Sch�nkind hatte den ganzen Tag nichts gegessen, so verzehrte er, was die Alte ihm vorsetzte, dann schwang er sich auf eine der Stuten und f�hrte die anderen in die finstere kalte Nachtluft hinaus. Aber leise, leise f�hlte er sich einen bleiernen Schlaf durch alle Adern schleichen, vor den Augen wurde es tr�be, und wie tot sank er auf das Wiesen^ras.
Als er erwachte, begann schon der Tag zu grauen. Er blickte umher � die Stuten waren nicht mehr da. Er glaubte schon seinen Kopf auf den Pfahl gesteckt, als er fern aus einem Walde die sieben Stuten herauskommen sah: ein Schwarm von ungez�hlten Stechm�cken trieb sie zu ihm her, und eine feine Stimme sprach zu ihm:
,,Gutes f�r Gutes.�
Als er mit den Pferden heimkam, begann die Alte zu toben, kehrte im Hause das Unterste zu oberst und schlug die Magd, die doch nicht schuld war.
,,Was hast du, Mutter?� fragte Sch�nkind.
�Nichts,� sagte sie, �ich bin nur �bler Laune. Gegen dich habe ich nichts . . . ich bin sehr zufrieden.�
Dann ging sie in den Stall und schlug die Pferde und schrie: ,,Verstecket euch besser � hol euch die Muttergottes �, damit er euch nicht wieder findet, Kreuztreffihn und Todfre�ihn!�^)
Am anderen Tag zog er wieder mit den Pferden aus, aber wieder sank er zu Boden und schlief, bis der Tag graute. Vor Verzweiflung h�tte er da auf und davon rennen m�gen, aber auf einmal sah er aus dem Grunde des Meeres die sieben Pferde auftauchen, gekniffen von einer Unmenge von Krebsen.
Bildungen wie ,,Gottseibeiunsquot;, die erste allgemein bekannt als Bezeichnung des Teufels.
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-ocr page 58-�Gutes f�r Gutes,� sagte eine Stimme. Es war def Krebsk�nig.
Er brachte die Pferde heim und sah dasselbe Schauspie' wie am Tage vorher.
Im Laufe des Tages jedoch trat die Magd des alten Weibes zu ihm und sagte leise, ihn an der Hand fassend:
,,Ich wei�, du bist Sch�nkind. I� nicht mehr von def Speisen, die das alte Weib dir kocht, denn sie tut Mohnk�rner darein. Ich will dir andere bereiten.�
Heimlich steckte die Magd ihm die Speisen zu, und als er am Abend mit den Pferden auszog, f�hlte er den Kopi wie durch ein Wunder ganz klar. Um Mitternacht kehrtf er heim, brachte die Pferde in den Stall, schlo� sie ein uni! trat in die Stube. Auf dem Herd des Backofens in der Aschf glimmten etliche Kohlen. Das alte Weib lag auf der Bant ausgestreckt und totenstarr. Er meinte, sie sei gestorbef und r�ttelte sie. Sie war wie ein Klotz und r�hrte sich nicht Er weckte die Magd auf, die oben auf dem Backofen schlief
,,Sieh,� sagte er, ,,die Alte ist gestorben.�
,,Ach, w�r� sie�s nur,� erwiederte sie seufzend. ,,Woh ist sie jetzt wie tot. Es ist Mitternacht. Ein schwerer Schla-bindet da ihren K�rper, aber ihre Seele � wer wei�, auf wa� f�r Kreuzwegen sie steht, wer wei�, auf was f�r Hexen Stra�en sie zieht? Bis zum Hahnenkraht saugt sie Blut aui den Herzen der Sterbenden und fri�t an den Seelen der Un gl�cklichen. � Aber, Trauter, morgen ist dein Jahr voll nimm mich mit, ich werde dir sehr n�tzlich sein. Au vielen Gefahren, die das alte Weib dir bereitet, werde ict dir helfen.�
Sie nahm tief aus einer alten zerborstenen Truhe einef Schleifstein, eine B�rste und ein T�chlein^).
Auch Alecsandri berichtet, da� der Schleifstein des heilige! Mercurtags, die B�rste des heiligen Jupitertags und das Tuch de heiligen Venustags diese Dienste tue, wenn Sch�nkind von Drache! verfolgt wird. Die Drachen m�ssen den Felsen durchbei�en, dei Wald durchbrechen, das Meer austrinken, wenn sie ihn erreiche! wollen.
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-ocr page 59-Am anderen Tag fr�hmorgens bekam Sch�nkind das Versprechen erf�llt. Die Alte mu�te ihm eines der Pferde geben und ihn dann mit Gott ziehen lassen.
Vor dem Mittagessen ging die Alte in den Stall hinab, nahm den sieben Pferden die Herzen aus dem Leibe und setzte sie alle einem mageren Dreij�hrigen ein, dem man durch die Rippen sah.
Sch�nkind stand vom Tische auf, und auf.das Wort der Alten ging er sich das Pferd ausw�hlen, das er bekommen sollte. Die Pferde ohne Herz waren gl�nzend schwarz, der Dreij�hrige mit den sieben Herzen lag versteckt in einem Winkel auf einem Misthaufen.
,,Dieses w�hle ich,� sagte Sch�nkind und deutete auf das magere Pferd.
,,Wie doch, der Herr verzeih mir, willst du umsonst gedient haben?� sagte die listige Alte. ,,Warum willst du nicht, was dein Recht ist? Nimm dir eins dieser sch�nen Pferde . . . welches immer, ich geb�s dir.�
,,Nein, dieses nehme ich,� sagte Sch�nkind fest.
Die Alte knirschte mit den Z�hnen wie besessen, dann aber schlo� sie ihr l�ckiges Mundwerk, damit das Gift, das in ihrem boshaften Herzen gohr, nicht daraus hervorbreche. ,,Gut denn, nimm es,� sagte sie schlie�lich.
Er schwang sich auf das Pferd mit dem Kolben auf der Schulter. Es war, als folge die W�ste ihm nach und sause dahin wie ein Gedanke, wie ein Sturm mit den Sandwirbeln, die sich hinter ihm erhoben.
In einem Walde erwartete ihn das M�dchen, das unterdessen entflohen war. Er hob sie auf das Ro� hinter sich Und jagte weiter.
Die Nacht h�llte die Erde in ihre schwarze, kalte Luft ein.
,,Es brennt mich im R�cken,� sagte das M�dchen.
Sch�nkind sah sich um. Aus einer hohen gr�nen Winde starrten zwei gl�hende Augen, deren rote Blicke wie brennendes Feuer dem M�dchen in die Nieren drangen.
,,Wirf die B�rste hin,� sagte das M�dchen.
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-ocr page 60-Sch�nkind tat es. Und sogleich sahen sie hinter ihnen einen schwarzen dichten Wald sich erheben, erf�llt von stetem Laubrauschen und hungrigem Wolfsgeheul.
,,Vorw�rts!� schrie Sch�nkind dem Pferde zu, das wie ein von einem Bannspruch getroffener b�ser Geist dahin-scho�. Der blasse Mond zog durch die grauen Wolken wie ein bleiches Gesicht durch einen wirren w�sten Traum.
Sch�nkind jagte dahin . . . jagte dahin ohne Aufhalten.
,,Es brennt mich im R�cken!� sagte das M�dchen mit einem gepre�ten Schmerzlaut, als h�tte sie sich lange bezwungen, ehe sie es sagte.
Sch�nkind sah sich um und erblickte eine gro�e graue Eule, von der man nur die roten Augen leuchten sah wie zwei aus einer Wolke hervorbrechende Blitze.
,,Wirf den Schleifstein hin!� sagte das M�dchen.
Sch�nkind warf ihn hin, und sogleich wuchs aus der Erde ein grauer, schroffer steiler Fels empor, ein steinernes Ungeheuer wie ein Spukbild, mit dem Gipfel bis an die Wolken reichend.
Sch�nkind sauste durch die Luft so schnelle, da� er nicht zu fliehen, sondern aus der H�he des Himmels in eine unabsehbare Tiefe zu st�rzen meinte.
,,Es brennt mich!� sagte das M�dchen.
Die Alte hatte den Fels an einer Stelle durchbohrt und verfolgte sie in Gestalt eines Rauchbandes, dessen vorderes Ende wie eine Kohle gl�hte.
,,Wirf das Tuch hin!� sagte das M�dchen.
Sch�nkind tat wie gehei�en.
Und sofort sahen sie hinter sich einen weiten klaren tiefen See, in dessen lichtem Spiegel sich tief im Grunde der silberne Mond und die feurigen Sterne badeten.
Sch�nkind h�rte einen langen Zauberspruch und blickte zu den Wolken. Zwei Stunden entfernt, in der Himmelsweite verloren, schwebte ganz langsam die alte Mitternacht auf erzenen Fl�geln durchs blaue Firmament. Als das tolle Weib eben �ber der Mitte des Sees hinflog, schleuderte Sch�nkind den Kolben in die Wolken und traf die Mitter-
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-ocr page 61-t
nacht^) in die Fl�gel. Sie st�rzte wie Blei zur Erde und kr�chzte erb�rmlich zw�lf Male.
Der Mond verbarg sich hinter einer Wolke, und das Weib, von ihrem eisernen Schlaf �bernommen, tauchte in die verzauberte, unbekannte Tiefe des Sees hinab. Aber in dessen Mitte wuchs ein langes schwarzes Rohr auf: das war die verruchte Seele des alten Weibes.
,,Ich bin frei!� sagte das M�dchen.
,,Ich bin frei!� sagte das Pferd mit den sieben Herzen.
,,Herr!� sprach das Pferd weiter, ,,du hast die Mitternacht getroffen, so da� sie zwei Stunden vor der Zeit herabgest�rzt ist, und ich f�hle den Sand unter meinen F��en sich bewegen. Die Gebeine, die in den gl�henden Sand-Wirbeln der W�ste begraben sind, wollen auf erstehen und sich im Mondenschein auf ihre H�gel setzen�). Es ist gef�hrlich, jetzt den Weg fortzusetzen. Der vergiftete kalte Hauch ihrer toten Seelen kann euch t�ten. Besser, ihr leget euch hier nieder, und ich indessen will zu meiner Mutter zur�ck Und noch einmal an ihren Zitzen die wei�e Feuermilch trinken, damit ich wieder sch�n und gl�nzend werde.�
Sch�nkind tat so. Er schwang sich vom Pferde und breitete seinen Mantel auf den Sand, der noch immer gl�hte.
Aber, o Wunder! die Augen des M�dchens sanken ein, die Gesichtknochen traten hervor, die schwarzbraune Haut Wurde blau, die Hand schwer wie Blei und kalt wie ein Eiszapfen.
,,Was ist dir?� fragte sie Sch�nkind.
,,Nichts � nichts,� sagte sie mit matter Stimme und Warf sich in den Sand, zitternd wie eine Falls�chtige.
�) Mitternacht steht hier f�r Nacht schlechthin. Das L�nger-Werden des Tages um zwei Stunden des Morgens f�llt in die allen Heilandlegenden gemeinsame Osterzeit.
Auch in den Evangelien springen die Gr�ber auf und die Toten Wandeln wieder. Hier wie dort geschieht das in gespenstiger Weise. Urspr�nglich mag es nur eine Teilerscheinung der allgemeinen Auferstehung aus dem Wintertode gewesen sein. Die Vorstellung von dem d�steren Schattenleben der Abgeschiedenen kreuzte sich damit.
27
-ocr page 62-Sch�nkind gab das Pferd frei und legte sich dann auf den : Mantel, den er f�r sich ausgebreitet hatte.
Er schlief ein; gleichwohl war es ihm, er schlafe nicht. Die Augenlider waren ihm rot wie Feuer, und ihm war, er sehe durch sie hindurch, wie der Mond langsam herabsinke und, je n�her er der Erde kam, um so gr��er wurde, bis da� er wie eine heilige silberne Stadt erschien, die vom Himmel herniederhing, von tausend rosenfarbenen Fenstern glitzernd. Und vom Monde f�hrte eine k�nigliche Stra�e mit silbernem Kies und Staub aus Lichtfunken zur Erde herab.
Aber in der Weite der W�ste erhoben sich aus dem Staube hohe Gerippe . . . mit d�rren Sch�deln . . . eingeh�llt in lange wei�e, kostbar aus Silberf�den gewobene Laken, wodurch die wei� gedorrten Gebeine schimmerten. Auf der Stirn trugen sie Kronen aus Lichtstrahlen und langen vergoldeten Dornen . . . Sie sa�en auf Gerippen von Pferden und ritten so ganz langsam dahin ... in langen Reihen . . . schwanke Streifen silberner Schatten . . . und nahmen den| Weg zum Monde empor und verloren sich in den Marmorpal�sten der Mondstadt, aus deren Fenstern eine Mondmusik erklang � eine Traummusik.
Dann war es ihm, auch das M�dchen an seiner Seite erhebe sich still . . . ihr K�rperliches l�se sich in Luft auf, bis nur noch die Gebeine blieben, und, eingeh�llt in einenl silbernen Mantel, betrete auch sie den schimmernden Weg,; der zum Monde f�hrte. So ging sie in das tr�be Reich der Schatten, woher sie das alte Weib durch ihre Beschw�rung auf die Erde gelockt hatte^). nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;i
Dann wurden ihm die Augenlider gr�n . . . und darauf schwarz � und er sah nichts mehr. nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;[
Als er die Augen aufschlug, war die Sonne schon auf-gegangen. Das M�dchen war wirklich verschv/unden. Abef^
1) Eigentlich offenbart sich hier nur, da� auch dieses M�dchef eine Mondgestalt ist. Zum Ort der Schatten jedoch hat den Mond erst eine sehr sp�te Zeit gemacht, an dieser Stelle vielleicht ersi Eminescu selbst. nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;|
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-ocr page 63-in der d�rren W�ste wieherte das sch�ne gl�nzende Ro� im Sonnenlicht, das es nun zum ersten Male sah,
Sch�nkind schwang sich auf seinen R�cken und in einigen Augenblicken erreichte er voll Freude die get�rmte Burg des Eismonds.
Diesmal jagte der Eismond sieben Tagereisen weit.
Er nahm die Jungfrau vor sich auf das Ro�. Sie umschlang seinen Hals mit den Armen und barg das Haupt an seiner Brust, aber die langen S�ume ihres wei�en Gewandes streiften im Flug den W�stensand. Sie ritten so schnelle, da� es ihnen schien, die W�ste und die gro�en Wogen fl�gen dahin, sie aber st�nden stille. Und nur leise h�rte man den Kater mit allen seinen sieben K�pfen mauen.
In den W�ldern verloren, h�rte der Eismond sein Ro� wiehern.
,,Was gibt�s?� fragte er.
,,Sch�nkind hat dir die Tochter gestohlen,� sagte das Zauberpferd.
,,K�nnen wir ihn einholen?� fragte der Eismond betroffen, denn er wu�te, da� er Sch�nkind get�tet hatte.
�Nein, meiner Treu!� antwortete das Pferd, ,,denn er reitet auf einem meiner Br�der, der sieben Herzen hat, w�hrend ich nur zwei habe.�
Der Eismond trieb seine Sporen tief in die Flanken des Pferdes, das dahinflog, die M�hnen sch�ttelnd, wie ein Sturmwind. Als er Sch�nkind in der W�ste erblickte, sagte er zu seinem Pferde:
,,Sag deinem Bruder, er soll seinen Herrn in die Wolken schleudern und zu mir kommen, ich will ihn f�ttern mit Nu�kernen und ihn tr�nken mit s��er Milch.�
Das Ro� wieherte seinem Bruder zu, was der Eismond gesagt hatte � sein Bruder aber sagte es Sch�nkind.
,,Sag deinem Bruder,� sagte Sch�nkind zu seinem Pferde, ,,wenn er seinen Herrn in die Wolken schleudert, will ich ihn f�ttern mit Flammenglut und ihn tr�nken mit Feuerslohe.�
Das Pferd wieherte dies seinem Bruder zu, und der warf
29
-ocr page 64-den Eismond bis an die Wolken hinan. Die Wolken des Himmels erstarrten zu Marmor und wurden ein graues sch�nes Schlo�, aber in zween Wolkenrissen erblickte man zwei himmelblaue Augen, die lange Blitze schleuderten. Es waren die Augen des Eismonds, der nun ins Luftreich verbannt war.
Sch�nkind hielt sein Pferd zur�ck und setzte die Jungfrau auf das ihres Vaters. Noch einen Tag, so erreichten sie die hohe Burg des K�nigs.
Alle hatten Sch�nkind tot geglaubt, und als darum die Kunde von seiner Ankunft sich verbreitete, h�llte der Tag seine Luft in festlichen Glanz, und die Menschen erwarteten ihn und raunten die Kunde einander zu, da� es war, als rausche ein �hrenfeld im Windeswehen.
Aber was war indessen mit der K�nigin Ileana?
Als Sch�nkind weggezogen war, schlo� sie sich in einen mit hohen eisernen Mauern umgebenen Garten ein, und da lag sie auf den kalten Steinen, das Haupt auf einen Flintblock gebettet, und weinte in ein goldenes Becken, das neben ihr stand, demanthelle Tr�nen.
In dem Garten mit den vielen Beeten, die niemand bego� und pflegte, wuchsen aus dem Steinicht, von der Glut des Tages versengt, von der Nacht nicht mit Tau erfrischt, d�rre Blumen mit gelben Bl�ttern und von so blassen matten Farben, wie die matten Augen der Toten sind, Schmerzesblumen.
Die Augen der K�nigin Ileana waren vom Weinen erblindet und sahen nichts mehr; nur wenn sie in das von ihren Tr�nen volle Becken blickte, war es ihr, sie sehe in dem Spiegel wie in einem Traum das Bild ihres geliebten Br�utigams. Und ihre Augen, deren Quellen sch�n versiegt waren, begannen wieder Tr�nen zu vergie�en^). nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;'
,,Wer sie gesehen h�tte in ihrem langen, blonden, gel�sten Haar, das ihr wie die Falten eines goldenen Mantels �ber den Busen flo�, wer ihr Antlitz gesehen h�tte, worin ein stummer Schmerz seine Spuren eingegraben hatte gleichwie mit einem Mei�el, h�tte sie f�r eine marmorne Undine auf einem Grabh�gel aus Kies ge- , halten.� Ich konnte mich nicht entschlie�en, diesen Satz in den Text zu r�cken. Von allen sentimentalen Ausschm�ckungen ist diese die unertr�glichste.
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-ocr page 65-Aber als sie die Kunde vernahm, da� er komme, wurde ihr Angesicht wieder heiter. Sie nahm eine Hand voll Tr�nen aus dem Becken und sprengte sie �ber den Garten. Wie durch ein Wunder verwandelte sich da das Gelb der Bl�tter in den Laubg�ngen und Beeten in smaragdenes Gr�n. Die traurigen matten Bl�ten wurden hell und schimmernd wie gl�nzende Perlen � und von der Tr�nentaufe her bekamen sie den Namen Maitr�nchen^).
Die blinde wei�e K�nigin schritt langsam durch die Beete und pfl�ckte sich den Saum mit Maitr�nchen voll. Die streute sie dann neben dem goldenen Becken auf die Erde, da� sie ein ganzes Blumenbette bildeten.
Da kam Sch�nkind.
Sie warf sich an seine Brust, aber stumm vor Gl�ck konnte sie nur ihre erloschenen blinden Augen auf ihn richten, als wolle sie ihn in ihre Seele einsaugen. Darauf nahm sie ihn an der Hand und zeigte ihm das Tr�nenbecken.
Der helle Mond strahlte wie ein goldenes Antlitz in der blauen Himmelsweite. In der Nachtluft wusch Sch�nkind sein Gesicht in dem Tr�nenbecken, dann h�llte er sich in den Mantel, den sie ihm aus Mondenstrahlen gewoben hatte, und legte sich hin, und sie legte sich an seine Seite und tr�umte, die Muttergottes nehme vom Himmel zwei dunkelblaue Morgensterne und setze sie ihnen auf die Stirn1).
Als sie am anderen Tage erwachte, war sie wieder sehend.
Am dritten Tage verm�hlte sich der K�nig mit der Tochter des Eismonds.
Am vierten Tag war Sch�nkinds Hochzeit.
Lichtstrahlen vom Himmel sagten den Spielleuten, wie die Engel spielen, wenn ein Heiliger eingeweiht wird, und Wellen von der Brust der Erde sagten ihnen, wie die Lebens-
�) Lacrimoare = Maibl�mchen.
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Hier spielt der Mythos von Morgen- und Ahendstern mit hinein (vgl. Einf�hrung S. XIX, Anm.).
-ocr page 66-feen^) singen, wenn sie den Menschen Gl�ck spinnen. So spielten die Spielleute Jubelweisen der H�he und der Tiefe.
Die feurige Rose, die silbernen Lilien, die perlfarbenen Maitr�nchen, die duftenden Veilchen und alle Blumen taten sich zusammen und berieten sich lange, wie das Brautkleid am sch�nsten sei; dann vertrauten sie ihr Geheimnis einem blauen, goldgesprenkelten Schmetterlingknappen an. Der �. flog hinweg und flatterte in vielen Bogen �ber dem Antlitz der Braut, als sie schlief, und zeigte ihr in einem spiegelhellen Traum, wie sie gekleidet sein solle. Sie l�chelte, als sie sich im Traum so sch�n sah.
Der Br�utigam legte das aus Mondstrahlen gewobene 1 Hemde an, den Perleng�rtel und den schneewei�en Mantel.
Und es gab eine Hochzeit so hoch und herrlich wie keine V andere je auf Erden gewesen war.
Und danach lebten sie lange Jahre in Gl�ck und Frieden, S und wenn es wahr ist, was man sagt; da� f�r Sch�nkinde die Zeit nicht vergeht, so leben sie vielleicht noch heute.
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') Ursitorile, ursitele sind die Nornen der rum�nischen Volks-mythologie. Sie hei�en wohl so als Spinnerinnen (urzi, spinnen).
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I
-ocr page 67-1
1
I
! SCH�NKIND MIT DEM GOLDENEN
; nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;nbsp;HAAR
; �BERLIEFERT VON PETRE ISPIRESCUi)
g Es war einmal in einer' gro�en Ein�de ein Einsiedler, �ler lebte allein, ganz allein. Seine Nachbarn waren die g wilden Tiere des Waldes. Und er war Gott so wohlgef�llig, da� alle Tiere sich vor ihm verneigten, wenn sie ihm begegneten.
g Eines Tags ging der Einsiedler an das Ufer des Baches, der nahe an seiner H�tte vor�berflo�, und siehe da auf dem Wasser kam eine verpichte und gut zusammengeleimte Truhe herangeschwommen, und er vernahm daraus das Gequ�k eines Kindes.
Er bedachte sich ein Weilchen, sandte ein Gebet gen Himmel und trat dann ins Wasser und zog den Schrein mit -�
1) Dieses M�rchen erschien zum erstenmal in dem Blatte Teranul� Rom�n� 1862, dann in Ispirescus Sammlung Legende sau �asmele Rom�nilor {I. Teil 1872); ich �bersetze es nach dieser Sammlung (Bucuresci, 1892) und dem Abdruck in Basme din toate tinuturile rom�ne�ti (Biblioteca Socec; Bucure,ti, 1909), der es in �'euer Rechtschreibung wiedergibt. Ich lasse die �bliche Einleitung des Erz�hlers, die in diesem religi�sen M�rchen ganz unangebracht �St, auch mit der Geschichte ih gar keiner Verbindung steht, folgen. Sie lautet:
Es war einmal wie keinmal: und w�r�s nicht gewesen, man ^nnt�s nicht erz�hlen: als der Pappelbaum Birnen trug und die Korbweide M�rzveilchen; als die W�lfe und L�mmer sich um den Kals nahmen und den Bruderku� tauschten; als man den Floh an Sinern Fu�e mit neunundneunzig Oka Eisen beschlug und er in den �Oben Himmel sprang, uns das M�rchen zu holen; als die Fliege an die Wand schrieb � mehr L�gner, wer drauf nicht die Hand gibt.
)�
33
-ocr page 68-einer Stange ans Land. Als er ihn auftat, was sah er darin? Ein Kn�blein von etwa zwei Monaten: er hob es aus der Truhe heraus, und da er es in die Arme nahm, schwieg es.
Das Kind trug ein Amulett um den Hals gebunden. Und da er es nahm, sah er, da� darin ein Brief steckte: er las den und erfuhr daraus, da� hier das Kind von einer hohei^ K�nigstochter geboren worden war, die einen Fehltritt begangen hatte und das Kind aus Furcht vor den Eltern nach seiner Geburt in einen Schrein getan und es auf dem Bache hinabschwimmen lassen hatte, wei� Gott wohin.
Der Einsiedler w�nschte von ganzem Herzen, das Kind, das Gott ihm gesandt hatte, am Leben zu erhalten; als ih�1 jedoch einfiel, da� er nichts hatte, womit er es n�href konnte, brach er in Tr�nen aus, die gar nicht enden wollteo-Er fiel auf die Kniee und flehte zu Gott, und, oh Wunder^ zur Stunde spro�te in einer Ecke seiner Klause eine Weinrebe auf und wuchs zusehends und erhob sich bis zum Dach der H�tte^).
Der Einsiedler sah nach und fand Trauben, etliche reif� andere halbreif, wieder andere Herlinge und noch ander� erst in Bl�te; davon nahm er und gab dem Kn�blein, un^1 da er sah, es ��e sie, freute er sich von ganzer Seele un^ dankte Gott. Von Trauben lebte das Kind so lange, bis auch anderes zu essen anfing.
Aber als das Kind gr��er wurde, nahm es der Einsiedlef vor und lehrte es lesen, Wurzeln zur Nahrung suchen unlt;1 auf die Jagd gehen.
Eines Tags jedoch rief der Einsiedler den Knaben 2^ sich und sagte:
,,Mein Kind, ich f�hle mich immer schw�cher werden) ich bin alt, wie du siehst: heute in drei Tagen werde ich zUfl anderen Welt eingehen. Ich bin nicht dein rechter Vatef) sondern du bist zu mir auf dem Bache dahergekommen) Deine Mutter hat dich da in einem Schreine ausgesetzt)
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Der Rabe ist das Symbol des Lebens, der ,,Lebensbaum�j so im Banhus- und im Attiskult und noch im Christentum. Uf' schon im �geischen Kult war sie es.
-ocr page 69-damit ihre Schande nicht offenbar werde, denn sie war eine K�nigstochter^).
�Sobald ich nun in den ewigen Schlaf versinke, was du daran erkennen wirst, da� du meinen ganzen K�rper kalt wie Eis und starr und steif siehst, gib acht, dann kommt ein L�we. Erschrick nicht, Liebling; der L�we wird mir eine Grube graben, und du sollst mich mit Erde zudecken. Als Erbe kann ich dir nichts hinterlassen als einen Zaum. Wenn du nun allein geblieben bist, geh auf den Boden hinauf, nimm den Zaum, sch�ttle ihn, und zur Stunde wird ein Ro� kommen; das wird dich lehren, was du zu tun hast.�
Wie der Greis gesagt hatte, geschah es.
Am dritten Tage nahm der Einsiedler noch Abschied von seinem Seelensohne, legte sich hin und schlief in den langen Schlaf hin�ber.
Bald darauf kam ein schrecklicher L�we, ein entsetzlicher Anblick. Und er kam br�llend heran. Als er den Alten tot sah, scharrte er ihm eine Grube mit den Pranken, der Sohn aber bettete ihn darein und sa� drei Tage und drei N�chte allein weinend an dem Grabe.
Dann mahnte ihn der Hunger daran, da� er noch lebte. Das Herz von Schmerz und Kummer bedr�ckt, stand er vom Grabe auf, trat zu dem Weinstock und sah mit gro�er Betr�bnis, da� er verdorrt war. Da erinnerte er sich der Worte des Alten und begab sich auf den Boden und fand dort den Zaum; er sch�ttelte ihn, und siehe da, ein ge-
*) Der althebr�ische Heilandgott Mose, in dessen Gestalt aber auch noch andere Mythen zusammengeflossen sind, wird ganz ebenso wie hier Sch�nkind in ein K�stchen getan, aufgefunden und erzogen. Der babylonische K�nig Sargon l��t den Heilandmythos sogar auf sich �bertragen und von sich (in erster Person) berichten: ,,Es empfing mich meine Mutter als eine Gottgeweihte (Tempeljungfrau) ; im Verborgenen gebar sie mich. Sie legte mich in einen Kasten aus Schilfrohr, verschlo� mit Erdpech meine T�r, legte mich in den Flu�, so da� er mich nicht bedeckte. Der Flu� trug mich hinab zu Akki, dem Wasserausgie�er (im Tempel). Akki der Wasserausgie�er 20g mich auf als seinen Sohn.� Der germanische Mjrthos hat diesen Zug bei Beowulf erhalten.
5 Aus fremden G�rten 72/73.
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fl�gelter Renner^) kam daher, blieb vor ihm stehen und sagte;
,,Was befiehlst du, Herr?�
Der Knabe erz�hlte dem Pferde Wort f�r Wort, wie es mit dem Tode des Greises gewesen war, und setzte hinzu:
,,Sieh, jetzt bin ich allein. Gott hat mir den Vater genommen, den er mir gegeben hatte; bleib du bei mir. Aber komm an einen anderen Ort und la� uns dort unsere H�tte bauen; denn hier bei diesem Grabe � wei� nicht warum? � mu� ich immer weinen.�
,,Nicht so, Herr!� antwortete das Pferd. ,,Wir wollen dorthin gehn, wo es noch viel solche Menschen gibt wie du.�
,,Wie?� fragte der Knabe. ,,Gibt es noch mehr Menschen wie ich und der Vater? Und wir sollen bei ihnen wohnen?�
,,Ganz gewi�,� antwortete das Pferd.
,,Wenn dem also ist,� fragte das Kind weiter, �warum kommen sie nicht zu uns?�
,,Sie kommen nicht hierher,� fuhr das Pferd fort, �weil sie nicht hierher finden; so m�ssen wir zu ihnen gehn.�
,,Gehn wir!� sagte der Knabe voll Freuden.
Als es ihm aber sagte, da� er Kleider anziehen m�sse, da die andern Menschen nicht so nackt gingen, war der Junge ganz betroffen. Das Pferd jedoch sagte ihm, er m�ge mit seiner Hand ihm in das linke Ohr greifen, und da er das tat, zog er allerlei Kleider heraus, die er anziehen konnte, und war voll Staunens, denn er wu�te nicht, wie er es tun sollte. Das Pferd unterwies ihn, und dann schwang sich der Knabe auf seinen R�cken und ritt davon.
So kam er in die n�chste Stadt und sah sich mitten in einer hin und her wimmelnden Menschenmenge, deren
') Das gefl�gelte Ro� ist sehr oft den Sonnen-Heiland-Helden beigegeben. Man denke vor allem an Perseus, der die Andromeda aus der Gewalt des Drachen (der Unterwelt) befreit. Das Ro� ist selbst Sonnensymbol; darum auch hat es hier Sprache und Verstand. Besonders im deutschen M�rchen spielt das Ro� h�ufig eine �hnliche Rolle. In der christlichen Legende reitet der Heiland, der sonst immer zu Fu�e geht, auf einer Eselin als K�nig in Jerusalem ein; es ist das landes�bliche Reittier an die Stelle des Rosses getreten.
3�
-ocr page 71-L�rm ihn gar m�chtig erschreckte, und voller Angst ging er herum und betrachtete die sch�nen H�user und alles Was er sah; er bemerkte aber auch, da� alles nach seiner bestimmten Ordnung ging. Das Pferd ermutigte ihn und sagte:
,,Sieh, Herr, alles hat hier seinen Platz; darum mu�t auch du dir eine Arbeit w�hlen.�
Und nachdem er etliche Tage dort geweilt hatte und sich an die Leute und an das Get�se, das die St�dte erf�llt, besser gew�hnt hatte, nahm er sein Pferd und zog, bis er 'n das Gebiet einiger Zinen kam^).
Bei den Zinen, die drei an der Zahl waren, wollte er sich als Knecht verdingen; so hatte das Pferd ihm geraten.
Die Zinen mochten ihn zun�chst nicht recht in Dienst Rehmen, gaben aber schlie�lich seinen Bitten nach und Rahmen ihn.
Das Pferd kam oft zu seinem Herrn, und eines Tages Sagte es ihm, er solle gut acht haben, denn in einem der H�user h�tten die Feen ein Bad: in diesem Bade fl�sse in gewissen Jahren an einem bestimmten Tage Gold, und wer darin untertauche, dessen Haar werde golden�).
�) Zina ist das lateinische Diana, doch vielleicht urt�mlich (dakisch), nicht aus dem Lateinischen �bernommen, wenn auch ^von lautlich beeinflu�t und �gest�tzt�. Auch in Sim-ziana oder Cosin-zeana steckt der Name. Die Zinen selbst sind noch ziemlich deutlich Erdg�ttinnen, ganz so wie die slawischen Vilen (vgl. : Anm. S. 9).
*) Die Parallele hierzu sind im Parsismus und im Christentum , Erhalten. Durch das Untertauchen in einem bestimmten Wasser ' i Verbindet sich mit dem persischen Heiland dieHwareno, die g�ttliche � ' Glorie, und damit tritt er, der bisher in Verborgenheit und Niedrigkeit I gelebt hatte, seine Heilandlaufbahn an. Ebenso wird der christliche 5 (�eiland im Jordan untergetaucht (getauft). Astral genommen � i ^deutet diese Taufe das Auftauchen der Sonne aus dem Meere; von � da an zieht sie offenbar am Himmel und vollbringt im Tierkreis ihre ' Wunderbaren Taten. Beim irdischen Feuerfunken mag in Anglei-! �hung daran die �bliche Salbung, die dann auf die K�nigweihe f quot;beitragen wurde ( Saul, David), vielfach als Taufe gedeutet worden i �sin. Daher dann wird die christliche Taufe gew�hnlich nicht als � �ad, sondern in der Form der Salbung, der Betr�ufelung des Kopfes,
s�
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-ocr page 72-Weiter sagte ihm das Pferd, die Zinen h�tten in ein�1 der Truhen in ihrem Hause ein B�ndel mit drei verschiedeneil Gew�ndern^), die sie mit Sorgfalt verwahrten.
Der Knabe behielt alles, was das Pferd ihm gesagt hattlt;'l und wenn er irgendwann etwas schweres zu tun hatte, ri�' er das Pferd, da� es ihm helfe. Die Zinen gaben ihd Erlaubnis, in allen H�usern herumzugehen; er r�umte au^i machte Ordnung, kehrte aus. Aber in die Stube mit dei^l Bade durfte er nicht gehen. Wenn sie jedoch nicht zu Hauslt;l waren, ging er doch hinein, und es fiel ihm alles ein, wa-�i das Pferd ihm gesagt hatte.
Eines Tages gingen die Zinen auf ein Fest zu anderen) Zinen und verga�en nicht, dem Knechte aufzutragen, el| solle^ sowie er ein Ger�usch in dem Badek�mmerchen h�rfiJ eine Schindel vom Hausdache zerbrechen und sie solcher' weise benachrichtigen, damit sie sofort zur�ckkehrten; denn) sie w��ten, da� nun alsbald jenes Goldwasser zu flie�en! beginne.
Der Sohn des Einsiedlers stand auf der Wacht; docni als er jenes Wunder erblickte, rief er nur das Pferd. Da�| Pferd sagte ihm, er solle in das Wasser tauchen; und e^l tat es.
Nachdem er aus dem Bade gestiegen war, nahm er daS| B�ndel mit den Gew�ndern und machte sich eilig davomi vollzogen. Da� im christlichen Mythos auch noch der heilige Geis') in Gestalt einer Taube, also das persische ,,Wort�, auf den Heiland herabkommt, als er getauft wird, beruht auf einer persischeni Variante, wonach sich die Hwareno auch auf solche Weise mit deq k�nftigen Heiland verbinden kann, eine Wiederholung des Empfang') nisvorganges. Die Mannigfaltigkeit r�hrt vor allem von der Vef' Schmelzung der Legenden des himmlischen Sonnenfeuers und delt;l irdischen Feuerfunkens her.
Das �Federhemd� der nordischen Freia, die Gew�nder de* Schwanenjungfrauen in der Wielandsage und anderen Sagen. Vol� den folgenden drei Gew�ndern ist das mit dem Blumenfeld de* Erdg�ttin-Mutter, womit schon die Magna mater der Pelasger be'l kleidet erscheint, das des gestirnten Himmels, das des Himmels' gottes-Vaters. Die beiden Gew�nder sind hier auf den Heiland' gott-Sohn nur �bertragen.
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-ocr page 73-Und sein Fl�gelro� trug ihn dahin schnell wie der Wind Und wie Gedanken sind. Als er �ber die Torschwelle ritt, begannen die H�user, der Hof und der Garten so furchtbar zu schwanken und zu dr�hnen, da� man es bis zu den 1 Zinen h�rte und die Zinen nach Hause zur�ckkehrten, j Als sie sahen, da� der Knecht weg war und die Ge-j w�nder nicht an ihrem Orte, machten sie sich hinter ihm her. Und sie verfolgten ihn von Ort zu Ort, bis er, als sie ihn schon ergreifen wollten, �ber ihre Gemarkung entwich \ Und nun anhielt.
Als ihn die Zinen entkommen sahen, w�teten sie vor Schmerz, denn sie konnten ihn nicht mehr fangen. Da sprachen sie zu ihm;
,,Oh! J�ngling, was hast du uns angetan, da� du uns ' betrogen hast! La� uns wenigstens dein Haar sehen!�
Und da er sein Haar auf den R�cken fallen lie�, ergriff sie ein heftiges Verlangen nach ihm, und Tr�nen str�mten ihnen aus den Augen. Da sprachen sie:
j, ,,So sch�nes Haar haben selbst wir niemals gesehen. Mag es dir gut gehn! Aber sei so gut und gib uns unsere Gew�nder zur�ck.�
Er aber gab sie nicht zur�ck, sondern behielt sie statt des Lohnes, den ihm die Zinen schuldeten.
Von da begab er sich in eine Stadt, zog sich eine Talgblase auf den Kopf und ging zum G�rtner des K�nigs und �] bat ihn, er m�ge ihn als Knecht f�r den k�niglichen Garten dingen^). Der G�rtner wollte ihn erst nicht h�ren; aber nach vielen Bitten nahm er ihn. Er sollte die Erde umgraben, lt;lt;nbsp;Wasser herzuschaffen, die Blumen begie�en; er lehrte ihn f' die Raupen von den Obstb�umen ablesen und die Tannen Schrappen. Sch�nkind behielt alles wohl, was der G�rtner, sein Herr, ihn lehrte.
Der K�nig hatte drei T�chter, und so sehr war er mit
') Hier wiederholt sich die vorige Episode in etwas anderer, aus dem Mythologischen ganz ins Menschliche �bertragene Fassung. � Die mitgenommenen Kleider sind nur k�nstlich und oberfl�chlich damit verbunden.
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-ocr page 74-Regierungsorgen besch�ftigt, da� er die M�dchen zu verheiraten vergessen hatte.
Eines Tags besprach sich die �lteste mit ihren Schwestern: sie wollten jede eine Melone aussuchen und an des K�nigs Tafel bringen.
Als der K�nig sich zu Tische setzte, kamen auch die T�chter und brachten jede eine Melone auf goldener Sch�ssel und stellten sie vor den K�nig.
Der K�nig wunderte sich hier�ber und lie� den Staatsrat versammeln, damit er ihm sage, was das bedeute.
Der Rat versammelte sich, man zerschnitt die Melonen, und da sich der eine als noch gr�n, der andere als fast sehen e�bar, und der dritte als ausgereift erwies, sagten sie:
�K�nig, lebe noch viele Jahre! Diese Melonen bedeuten das Alter deiner T�chter, o Majest�t, und da� die Zeit gekommen ist, sie zu verm�hlen.�
So entschlo� sich der K�nig, sie zu verheiraten, und lie� diesen Entschlu� im Lande kundmachen. Und schon am zweiten Tag begannen K�nigs�hne von da und von dort auf die Freite zu kommen.
Als nun die �lteste Tochter jenen K�nigsohn, der ihr am besten gefiel, zum Br�utigam nahm, wurde eine gro�e k�nigliche Hochzeit ausgerichtet. Und als die Festlichkeiten zu Ende waren, gab der K�nig mit seinem ganzen Hofe seiner Tochter bis an die Gemarkung seines Reiches das Geleit. Nur die j�ngste K�nigtochter blieb zu Hause.
Da Sch�nkind, der G�rtner knecht, sah, da� auch der G�rtner mit dem Gefolge ging, rief er das Pferd, schwang sich darauf und zog von den den Zinen geraubten Gew�ndern jenes an, worauf ein Blumenfeld war. Dann lie� er sein goldenes Haar auf den R�cken fallen und begann in dem ganzen Garten herumzusprengen, ohne zu achten, da� die K�nigtochter aus ihrem Fenster ihn sah; denn ihf Zimmer ging auf den Garten.
Das Pferd zertrat, wie er ritt, den ganzen Garten, und als er sah, da� seine Lustbarkeit Schaden anrichte, stieg er
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-ocr page 75-ab, zog seine Knechtkleider an und begann den Schaden wieder gutmachen zu wollen.
Als der G�rtner heimkam und sah, was er angerichtet hatte, war er ganz best�rzt, er begann den Knecht auszu-schelttn, weil er nicht auf den Garten acht gehabt hatte, und war so zornig, da� er ihn fast gepr�gelt h�tte.
Aber die K�nigtochter, die vom Fenster aus alles das mit ansah, ersuchte den G�rtner, er m�ge ihr ein paar Blumen bringen.
Der G�rtner tat, was sich tun lie�, pfl�ckte aus den Beeten ein paar Blumen, band sie zum Strau� und brachte sie der jungen K�nigtochter. Sie gab ihm f�r die Blumen eine Handvoll Gold und sagte ihm, er m�ge dem armen Knechte verzeihen, denn er sei nicht schuldig.
Da machte sich der G�rtner, froh �ber ein so reiches Geschenk, t�chtig an die Arbeit, und in drei Wochen setzte er den Garten so instand, als w�re da gar nichts geschehen.
Nicht lange danach nahm die mittle K�nigtochter sich ebenfalls einen K�nigsohn zum Manne. Es gab dieselben Festlichkeiten wie bei der Hochzeit ihrer Schwester, und nachdem die Festlichkeiten zu Ende waren, geleitete der K�nig auch sie bis an die Gemarkung seines Reiches. Des K�nigs j�ngste Tochter ging nicht mit, sondern blieb zu Hause; sie sei krank, gab sie vor.
Wie der G�rtnerknecht sich allein zu Hause sah, wollte auch er seine Freude haben wie die anderen Hof bediensteten alle; da ihm aber nur sein Ro� Freude machte, rief er es und zog ein anderes Gewand an: den bestirnten Himmel, lie� das Haar auf den R�cken fallen und ritt durch den ganzen Garten.
Als er jedoch gewahr ward, da� er alles in Grund und Boden trat, zog er wieder seine schlechten Kleider an und begann wehklagend den Schaden wieder gut machen zu Wollen.
Auch diesmal kam es so, da� der G�rtner, als er ihn schlagen wollte, von der j�ngsten K�nigtochter, die wieder Blumen verlangte, daran gehindert wurde; sie gab ihm zwei
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-ocr page 76-H�nde Toll Gold und sagte, er solle den Knecht nicht anr�hren, denn er sei unschuldig. Der G�rtner machte sich wieder an die Arbeit und brachte den Garten in vier Wochen fertig.
Der K�nig richtete ein gro�es Jagen aus, und da er einer gro�en Gefahr gl�cklich entronnen war, erbaute er in jenem Walde eine Halle und lud zur Feier seiner Rettung alle Gro�en und Hofleute zu einer gro�artigen Tafel, die er da bereiten lie�. Alle vom Hofe folgten der Einladung des K�nigs, nur sein T�chterlein blieb daheim.
Als Sch�nkind sich allein sah, rief er das Pferd und zog sich, um auch sein Vergn�gen zu haben, andere Gew�nder an: mit der Sonne auf der Brust, dem Mond auf dem R�cken und dem Morgen- und Abendstern^) auf den beiden Schultern, lie� das Haar auf den R�cken fallen, schwang sich auf das Pferd und tummelte sich im Garten.
Der Garten wurde jetzt derma�en zerstampft, da� er nur ein Bild der Verw�stung war. Als er jedoch dies sah, begann er zu klagen, zog geschwinde seine Knechtkleider an und wu�te nicht, wo er mit der Herrichtung anfangen sollte.
Als der G�rtner kam und diese ungeheure Verw�stung sah, kannte sein Zorn keine Grenzen. Aber als er ihn daf�r durchpr�geln wollte, verlangte die K�nigtochter vom Fenster aus Blumen.
Der G�rtner suchte jeden Winkel ab und wu�te nicht, was er machen sollte; bis in den letzten sah er nach und fand ein paar Bl�mchen, die gerade noch von den Hufen des Fl�gelrosses verschont geblieben waren, trug sie hin, und die K�nigtochter gebot ihm, dem armen Knechte zu verzeihen, und gab ihm daf�r drei H�nde voll Dukaten.
Er ging neuerlich an die Arbeit, und kaum in sechs Wochen konnte er es so weit bringen, da� der Garten wieder etwas gleich sah, dem Knechte aber schwor er den
Morgen- und Abendstern gelten als zwei, aber immer als Zwillinge; So im Griechischen dieDioskuren (�Gottess�hne�) Kastor und Pollux.
-ocr page 77-heiligen Stock zu, den Bruder des Todes, wenn dergleichen noch einmal vorkomme, und da� er ihn fortjagen werde.
Der K�nig war beunruhigt, weil er sein T�chterlein ganz traurig sah. Sie wollte gar nicht mehr das Haus verlassen. Er beschlo� darum, sie zu verm�hlen, und begann ihr von dem und jenem K�nigsohn zu sprechen. Sie wollte von keinem h�ren.
Als nun der K�nig das sah, versammelte er wieder den Rat und die Gro�en und fragte sie, was er tun solle. Einer der Gro�en riet, er solle ein kleines Haus bauen mit einer T�re von unten, und da sollten alle K�nigs�hne und jungen Edelinge hindurchgehn; welchen nun das M�dchen w�hle, nach dem solle sie einen goldnen Apfel, den sie in der Hand halten m�ge, werfen, und danach solle der K�nig sie verm�hlen, Also geschah es denn. Es wurde im Lande bekannt gemacht, der K�nig befehle, da� klein und gro� zusammenkomme und unten durch die T�r gehe.
Alle kamen; sie aber warf nach keinem. Viele meinten, ! das M�dchen habe keine Lust zum Heiraten. Aber ein ! alter, durch alle Siebe und Reitern gegangener Edelmann, I der gar viel geh�rt, gesehen und erfahren hatte, sagte, die i Leute vom Hofe m�chten auch durchziehen. So kamen I auch der G�rtner und der Oberkoch und der Aufseher und I die Diener und die Kutscher und alle Knechte, aber um-I sonst: das M�dchen warf nach keinem.
Man lie� fragen, ob nicht etwa einer noch nicht durch das Tor gegangen sei, und es fand sich, ein elender G�rtnerknecht, kahlk�pfig und abgezehrt wie kein zweiter auf der Welt, sei zur�ckgeblieben^).
1) Man erinnert sich an die Verwandelung, worin Odysseus auf Ithaka erscheint. Auch beim ,,Gottesknecht� des Deuterojesaja-buches wird hervorgehoben, da� er krank und elend und h��lich sei; ebensolches wird gelegentlich vom christlichen Heiland ausge-' sagt. All dies ist nur das Widerspiel der strahlenden Offenbarung des Heilandes vor aller Welt. Man bemerke �berdies, da� auch J esus einmal ganz unvermittelt und unmotiviert als G�rtner erscheint (Ev. Joh. XX, 15). Sargon l��t sich den G�rtnerdienst in �hnlicher Weise tun. Der G�rtner trat in allen diesen Fassungen an die Stelle des Hirten.
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-ocr page 78-�Auch er soll hindurchgehn,� sagte der K�nig.
Darauf lie� er auch den kahlk�pfigen Knecht rufen und hie� ihn ebenfalls hindurchgehn; er aber wagte es nicht. Da zwang man ihn dazu, halb mit Worten, halb mit Gewalt, und da er durchschritt, warf das M�dchen den Apfel nach ihm.
Der Knecht begann zu schreien und davon zulaufen; er hielt sich den Kopf mit den H�nden und sagte, er sei ihm eingeschlagen worden.
�Das kann nicht sein! Es ist ein IrrtumI Mein Kind kann unm�glich gerade diesen Kahlkopf erw�hlt haben.�
Sieh, der K�nig konnte es nicht zugeben, seine Tochter mit dem Knecht zu verm�hlen, obwohl das M�dchen den Apfel nach ihm geworfen hatte.
So lie� er alle noch ein zweites Mal hindurchgehn. Und auch das zweite Mal warf sein T�chterlein den Apfel jenem Kahlkopf an den Kopf, der wieder davonlief, sich mit den H�nden den Kopf hielt und schrie.
Voll Kummer nahm der K�nig wieder sein Wort zur�ck und hie� alle noch ein drittes Mal hindurchgehn.
Als nun der K�nig sah, da� das M�dchen auch zum drittenmal nach dem Kahlkopf warf, ging er in den Staatsrat und gab ihm seine Tochter zum Weibe.
Die Hochzeit fand ganz im geheimen statt, und dann verbannte sie der K�nig beide und wollte nie wieder etwas von ihnen wissen und erfahren. Nur wider Willen, aus Erbarmen gestattete er ihnen, im Hofe seines Palastes zu wohnen.
Man gab ihnen eine H�tte in einem Winkel des Hofes zur Wohnstatt, der Knecht aber wurde Wassertr�ger am Hofe.
Alle Diener des K�nigs lachten �ber ihn, und allen Unrat warfen sie ihm vor die H�tte. Drinnen aber verschaffte ihm das Fl�gelro� alle Herrlichkeiten der Welt: selbst im Palaste des K�nigs war es nicht wie in seiner H�tte.
Die K�nigs�hne, die um die junge K�nigtochter freien gekommen waren, w�teten �ber die Schmach, die ihnen
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-ocr page 79-dadurch zugef�gt war, da� die Tochter des K�nigs den Kahlkopf gew�hlt hatte, und beschlossen miteinander, ein gro�es Heer gegen ihn zu senden.
Der K�nig war sehr bek�mmert, als er den Entschlu� seiner Nachbarn erfuhr; aber was war zu tun? Er r�stete sich zum Kriege,,und es blieb ihm nichts anderes �brig.
Beide Eidame des K�nigs machten sich auf und kamen ihrem Schw�her mit Heeren zu Hilfe. Auch Sch�nkind schickte seine Frau zum K�nig und lie� ihn bitten, er m�ge ihm erlauben, gleichfalls mit in den Kampf zu ziehen.
,,Heb dich weg von mir, du N�rrin! Denn siehe, um deinetwillen wird meine Ruhe gest�rt. Ich will euch nicht mehr vor meinen Augen sehen, Nichtsnutze, die ihr seid!�
Aber durch viele Bitten lie� er sich bewegen und befahl, da� auch er wenigstens Wasser f�r das Heer zutragen d�rfe.
Man machte sich fertig und zog aus.
Sch�nkind ritt in seinen schlechten Kleidern auf einer lahmen M�hre voraus. Das Heer erreichte ihn in einem Morast, wo die Stute stecken geblieben war; er m�hte sich, sie herauszubringen und zog sie bald am Schw�nze, bald am Kopfe, bald an den Beinen.
Da lachte das Heer und der K�nig und die beiden �lteren Eidame und zogen vor�ber.
Aber als sie nicht mehr zu sehen waren, zog Sch�nkind die Stute aus dem Schlamm, rief sein Pferd, kleidete sich in das Gewand mit dem bl�henden Felde und begab sich auf das Schlachtfeld, kam hin und ritt auf einen nahen Berg, damit er sehe, wo es am hei�esten zugehe.
Sowie die Heere ankamen, warfen sie sich aufeinander. Aber als Sch�nkind sah, da� das feindliche gr��er und st�rker war, so st�rzte er von dem Gipfel des Berges sich ihm entgegen und drang wie ein Sturmwind mit dem Schwerte in der Hand mitten hinein und hieb zur Rechten und zur Linken alles nieder, was ihm in den Weg kam.
Solchen Schrecken verbreitete seine Schnelligkeit, der Glanz seines Gewandes und das Dahinst�rmen seines Rosses, da� das gesamte Heer davon floh und jeder nur
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-ocr page 80-seiner Nase nach lief, wie Rebhuhnk�ken auseinanderstieben.
Der K�nig aber dankte Gott, da er dieses Wunder sah, da� er ihm seinen Engel gesandt habe, um ihn aus der Hand des Feindes zu befreien, und kehrte fr�hlich nach Hause zur�ck.
Auf dem Wege traf er wieder Sch�nkind an, der sich in den Knecht zur�ckverwandelt hatte und die Stute aus dem Schlamm zog, und in seiner guten Laune sagte der K�nig zu etlichen:
,,Gehet und ziehet den armen Kerl aus den Schlamme�.
Der K�nig hatte sich kaum ordentlich niedergesetzt, so ward ihm angesagt, da� seine Feinde sich mit einem noch gr��eren Heere wider ihn erhoben h�tten.
So machte auch er sich zum Kampfe bereit und zog ihnen entgegen. Wieder bat Sch�nkind, man m�ge auch ihn mitkommen lassen, und wieder wurde er verh�hnt.
Aber als er die Erlaubnis erhalten hatte, zog er wieder auf seiner Stute aus. Auch diesmal wurde er ausgelacht und verspottet, als das Heer ihn wieder im Sumpfe stecken sah, und wie er die Stute auf keine Art und Weise aus dem Schlamm brachte.
Sie lie�en ihn dahinten; er aber war auch jetzt viel fr�her auf dem Schlachtfeld, wieder als Sch�nkind, auf seinem Fl�gelr�sse und in das Gewand mit dem bestirnten Himmel gekleidet.
Die Heere lie�en die Trompeten blasen und die Pfeifen spielen und stie�en zusammen. Da aber Sch�nkind sah, da� die Feinde st�rker seien, st�rmte er vom Berge herab und trieb sie in die Flucht.
Wieder kehrte der K�nig fr�hlich zur�ck, Gott f�r den Beistand dankend, den er ihm geliehen hatte, und wieder gebot er seinen Leuten, den armen Wassertr�ger aus dem Schlamme zu ziehen. Wieder war er herzlich zufrieden und freute sich in der tiefsten Seele �ber seinen Sieg.
Als der K�nig nun h�rte, da� die Feinde sich ein drittes Mal erhoben h�tten und mit noch gr��eren Heeren, an Zahl
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-ocr page 81-wie die Bl�tter an den B�umen, die Gr�ser auf den Wiesen, an den Marken seines Reiches erschienen seien, wurde er bis in den Grund seines Herzens bek�mmert. Zu weinen begann er, da� Gott mir helfe! und er weinte, bis er seine Augen schwach werden f�hlte. Dann versammelte auch er das ganze Heer und zog mit Gott zum Kampf.
Sch�nkind zog auf seiner Gurre ebenfalls aus.
Aber als das ganze Heer vor�ber war � man hatte wieder �ber ihn gelacht, wie er sich m�hte, seine Stute aus dem Sumpfe zu ziehen � zog er das Gewand mit der Sonne auf der Brust, dem Mond auf dem R�cken und demMorgen-und Abendstern auf beiden Schultern an, lie� das goldene Haar auf den R�cken fallen, schwang sich auf sein Ro� und in einem Hui war er wieder auf dem Berge und wartete da ab, was geschehen werde.
Die Heere trafen zusammen, griffen an vielen Seiten an und schlugen einander Wunden ohne Entscheidung; so erbittert waren die Krieger. Doch als gegen abend Sch�nkind das feindliche Heer das des K�nigs in die Flucht schlagen sah, st�rmte er wie ein Blitz wieder vom Berge herab und st�rzte mitten unter sie, da� sie vor Schrecken nicht wu�ten, was sie tun sollten. Der Glanz der Gewande Sch�nkinds blendete und verwirrte den Feind derma�en, da� die Heerhaufen nicht mehr wu�ten, wo sie waren. Sch�nkind traf mit seinem Schwerte da und dort, �berall. Grauen ergriff die Herzen der Feinde und brachte sie so au�er sich, da� sie zu k�mpfen verga�en und nur ihr Leben zu retten suchten. Sie fl�chteten, wohin sie eben vermochten, fielen blindlings einer �ber den anderen, ob sie auch den Hals brachen. Sch�nkind jedoch trieb sie vor sich her und m�hte sie nieder wie schlechtes Unkraut.
Der K�nig sah seine Hand bluten � er hatte sich selbst daran verletzt � und gab ihm sein T�chlein, damit er sich verbinde. Dann kehrten sie, der Gefahr entronnen, nach Hause zur�ck.
Auf der Heimkehr fanden sie Sch�nkind wieder mit seiner Stute im Sumpfe; und wieder gebot er ihn herauszuziehen
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-ocr page 82-Zu Hause jedoch befiel den K�nig eine Krankheit an den Augen, und er wurde blind. Alle Zauberer und Weisen, die in den Sternen lasen, wurden berufen, aber keiner konnte ihm helfen. Eines Tages erwachte der K�nig aus dem Schlaf und sagte, er habe im Traum einen Greis gesehen und der habe ihm gesagt, wenn er die Augen mit der Milch von roten Wildziegen wasche und diese Milch trinke, werde er das Gesicht wieder erlangen.
Da dies seine Eidame h�rten, machten sie sich gleich auf, doch nur die beiden �lteren allein; den j�ngsten nahmen sie nicht mit und wollten auch nicht, da� er nur mit ihnen zusammen gehe. Aber Sch�nkind rief das Ro� und ging mit dem durch das Bruchland, fand die roten wilden Ziegen, molk sie und verkleidete sich, als er heimkehrte, in einen Hirten und trat vor seine Schw�ger mit einer Gelte voll Schafmilch. Sie fragten ihn, was f�r Milch er da habe. Er antwortete, als kennte er sie nicht, er bringe Milch von roten Ziegen zum K�nig, der getr�umt habe, er werde wieder sehend werden, wenn er mit dieser Milch seine Augen bade. Da versuchten sie ihm die Milch abzukaufen; der Hirte jedoch erwiderte, die Milch sei ihm nicht um Geld feil, wollten sie aber die Milch von den roten Ziegen haben, so sollten sie sagen, da� sie seine leibeigenen Knechte seien und erlauben, da� er ihnen sein Merkzeichen auf den R�cken dr�cke; dann k�nnten sie gehen und brauchten nicht mehr zu ihm zur�ckzukommen.
Die zwei Eidame meinten, da sie K�nige und K�nigeidame seien, werde niemand danach fragen; so lie�en sie sich denn von ihm das Merkzeichen auf den R�cken dr�cken, nahmen die Milch und machten sich auf den Weg, indem sie zueinander sagten: ,,Wenn es dem Dummkopf etwa beifiele, etwas zu sagen, werden wir ihn f�r einen Narren erkl�ren, und gewi� wird man uns mehr glauben als ihm.*'
Sie gingen zum K�nig und gaben ihm die Milch, und er wusch sich die Augen damit und trank davon; aber es half nichts. Hierauf kam die j�ngste Tochter zum K�nig und sprach:
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-ocr page 83-�Vater, sieh, versuch auch diese Milch, die mein Mann gebracht hat; streich auch sie dir auf, ich bitte dichl�
,,Was hat denn dein einf�ltiger Mann bisher Gutes getan,� erwiderte der K�nig, ,,da� er jetzt etwas verrichten k�nnte? Meine anderen Eidame konnten nichts tun, die mir in den K�mpfen so gro�e Dienste geleistet haben, er aber, der T�lpel, soll mir helfen k�nnen? Und dann, habe ich euch nicht gesagt, da� ihr nicht mehr vor meinem Angesicht erscheinen d�rft? Wie wagst du es, meinen Befehl zu �bertreten?�
,,Ich nehme jede Strafe an, die du �ber mich verh�ngst, Vater; nur salbe dich mit dieser Milch, die dein dem�tiger Knecht dir darbringt, das bitte ich dich.�
Da der K�nig seine Tochter so inst�ndig bitten sah, lie� er sich erweichen und nahm die Milch, die sie brachte, entgegen und wusch sich damit die Augen einen Tag, wusch sie sich den anderen Tag, und zu seiner gro�en Verwunderungwar es ihm, als beginne er zu sehen gleich wie durch ein Sieb. Und als er sich auch noch am dritten Tage wusch, sah er, wie alle Menschen sehen, mit hellen, klaren Augen.
Nach seiner Genesung gab er allen Gro�en und R�ten des Reiches ein gro�es Mahl und auf ihre Bitte gestattete er auch Sch�nkind, da� er am Ende der Tafel sitze.
Als die G�ste lustig waren und die Becher schwenkten, erhob sich Sch�nkind, bat um Entschuldigung und fragte:
,,Hoher K�nig, d�rfen die leibeigenen Knechte mit ihren Herren an einem Tische sitzen?�
,,Nein, auf keinen Fall,� erwiderte der K�nig.
,,Wenn es so ist und da alle dich als gerecht kennen, la� auch mir mein Recht widerfahren und treib die beiden G�ste, die, hoher Herr, zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen, von dem Tische fort, denn sie sind meine Knechte. Und damit du mir glaubst, untersuche sie und du wirst sehen, da� sie auf dem R�cken mein Merkzeichen tragen.�
Als die Eidame des K�nigs dies h�rten, erschraken sie gar sehr und bekannten, da� dem so w�re; zur Stunde
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-ocr page 84-mu�ten jie vom Tische aufstehen und durften sich nicht wieder s�tzen.
Aber am Schlu� der Tafel zog Sch�nkind das T�chlein hervor, das ihm der K�nig in der Schlacht gegeben hatte.
,,Wie kommt mein T�chlein in deine Hand?� fragte der K�nig. ,,Ich habe es dem Engel des Herrn gegeben, der uns in der Schlacht beigestanden hat.�
,,Nein, hoher K�nig, mir hast du es gegeben.�
,,Wenn dem so ist, dann bist du es, der mir zu Hilfe gekommen ist?�
,,Ich bin es, hoher K�nig.�
,,Es kann nicht sein,� f�gte der K�nig schnell hinzu. ,,,Und soll ich dir glauben, zeig dich, wie damals jener war, dem ich das T�chlein gegeben habe.�
Da stand er von dem Tische auf, ging hin und zog das Gewand mit der Sonne auf der Brust, dem Monde auf dem R�cken und dem Morgen- und Abendstern auf den beiden Schultern an, lie� sein Haar auf den R�cken fallen undj trat so vor den K�nig und alle Versammelten.
Als ihn die G�ste sahen, erhoben sie sich sogleich undi verwunderten sich. Sch�nkind war so sch�n und leuchtend,#2404; da� du schauen konntest ins Sonnenlicht, aber auf ihn nicht.
Der K�nig lobte erst seine Tochter wegen ihrer guten Wahl, dann stieg er herab von dem K�nigthron und hie� seinen Eidam Sch�nkind ihn einnehmen; das erste aber was Sch�nkind tat, war, da� er seine Schw�ger von ihrei Knechtschaft lossprach, und im ganzen Reiche gab eS gro�en FestesjubeP).
') Ispirescu teilt noch eine andere Fassung dieses M�rchens miti �Sch�nkind mit dem gl�sernen Wagen�. Der Beginn ist fast w�rtlich derselbe, nur da� das Kind zwei Wochen alt scheint, nicht zwei Monate, und ein Feigenbaum aus dem Grase aufw�chst, nicht eih Weinstock in der H�tte. Weinstock wie Feigenbaum sind auch if der christlichen Legende Symbole des Lebens ; sie waren es schon ih Sumer. Das Ro�, als ,,Hengst� bezeichnet, hat sechs Fl�gel. Weitet' hin kommt Sch�nkind an den Hof eines K�nigs, der immer traurij ist, weil seine Tochter eine Drachin geraubt hat, seine beiden S�hn* aber bei den Versuchen, sie zur�ckzugewinnen, umgekommen sind
SO
-ocr page 85-Die Drachin wohnt in einem gl�sernen Palaste hinter einem Wald. (Glas steht hier f�r Eis.) Die K�nigtochter nimmt auf die Flucht mit Sch�nkind einen Wetzstein, ein ges�umtes Tuch und eine B�rste mit. Wie in dem von Eminescu �berlieferten M�rchen entsteht aus dem Wetzstein ein Felsen, aus dem Tuch ein See, aus der B�rste ein Wald. Endlich t�tet er die Drachin. Doch das Pferd sagt ihm, er m�sse auch noch den Drachen, den Sohn der Drachin, t�ten, denn sonst werde er nie Frieden haben. Ehe Sch�nkind ihn t�tet, l��t er sich sagen, wie er die beiden Br�der des M�dchens und ihre Mannen wiedererwecken k�nne. Er erweckt alle und in der gl�sernen Kutsche der Drachin f�hrt er mit der K�nigtochter heim zu dem Vater und wird da mit ihr verm�hlt.
Ein drittes M�rchen bei Ispirescu gibt Sch�nkind den Sonnennamen Heliodor (,,Aleodoru imperaf). Heliodor wird einem greisen K�nig als einziges Kind geboren. Bei der Taufe versammelt der K�nig Osten und Westen, Mittag und Mitternacht. Alsbald stirbt der K�nig. Er hei�t ihn vor seinem Tode, sich ja nicht in die Berge, die er dort sehe, zu wagen; dort hause ein Unwesen, halb Mensch, halb lahmer Hase: wer sein Reich betrete, entkomme nicht ungestraft. Auf einer Jagd kommt Heliodor unversehens dorthin. Der Hasenmensch tr�gt ihm auf, die Tochter des K�nigs Verdes (von verde, �gr�n�) ihm zuzuf�hren. (Der gr�ne K�nig ist das Widerspiel des roten, jener der Herrscher im Totenreich, dieser der im Reich der Lebendigen). Auf der Fahrt dahin tut Heliodor einem Hecht, einem Raben und einer Bremse Gutes. Der K�nig schlie�t einen Vertrag mit ihm, da� die Tochter ihm folgen werde, wenn er sich so verberge, da� sie ihn nicht finde. Er wird Fisch unter Fischen � Rabe unter Raben, sie findet ihn auch auf; zuletzt setzt er sich als Bremse auf ihre Schleppe und sie findet ihn nicht. Das M�dchen folgt ihm nun, will aber den Hasenmenschen nicht zum Manne. Sie spricht zu ihm mit den Worten der christlichen Legende : ,,Hebe dich von mir, Satan, und fahr� zu deiner Mutter, dem Hades (iad), die dich auf die Erde geschickt hat!� �ber den Schimpf zerbirst er, und Heliodor f�hrt mit der Braut in sein Reich.
In einem vierten Sch�nkindm�rchen bei Ispirescu, �der mit dem Buch in der Hand geborene Ritter�, wird der Heiland-Held, wie schon der Titel besagt, mit einem Buch in der Hand geboren, das er fortan immer in der Hand beh�lt. Seine Eltern sind wie in der Johanneslegende des Neuen Testaments alte Leute, seine Geburt �bernat�rlich. An seiner Wiege h�rt der Vater die Schicksalschwestern, die �Spinnerinnen�, folgendes sagen: Die erste: ,,Dieser Knabe wird ein Sch�nkind werden und Reichtum erlangen�; die zweite: �Wann dieser Knabe zw�lf Jahre alt sein wird, werden ihn die b�sen Geister rauben�; die dritte: ,,Wenn er den b�sen Geistern entrinnt, wird dieser Knabe K�nig werden.� Die christlichen Parallelen sind; Der zw�lfj�hrige Jesus im Tempel; die Entf�hrung Jesu
6 Aus fremden G�rten 72/73.
-ocr page 86-durch den Teufel in die W�ste � auch Sch�nkind wird von dem Teufel, der in Gestalt eines M�nches auftritt, in ein ganz w�stes Land entf�hrt, doch fehlt der ethische Teil der Versuchung � und der Einzug Jesu als K�nig in Jerusalem. Alles erf�llt sich. Und wie sonst gewinnt er auch hier die Braut. K�mpfe mit Unget�men fehlen ebenfalls nicht.
Unter den anderen Sch�nkindm�rchen Ispirescus hebe ich noch eines hervor, ,,Der Ritter ohne Vater�. Darin wird die Geburtgeschichte weiter ausgef�hrt. Die K�nigtochter sitzt am Fenster und sieht einen J�ngling, der die Hirtenfl�te bl�st. Eines Tags blickt er auf, und die Augen begegnen einander. Sie f�hlt wie einen Feuerfunken in ihrem Herzen entbrennen, flieht vom Fenster hinweg und ist von Stunde an schwanger. Sie wird versto�en, in ein Schifflein gesetzt und dahintreiben gelassen. Am dritten Tage gebiert sie das Kind, einen engelsch�nen Knaben. Endlich tr�gt sie das Schiff an den Strand, und da in einem Walde zieht sie das Kind auf. Dieses M�rchen ist auch noch dadurch bemerkenswert, da� di' Braut, die der vaterlose ,,Ritter� gewinnt, Zina (Diana) hei�t, sich also ganz klar als urspr�ngliche Mondg�ttin erweist.
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-ocr page 87-JUGEND OHNE ALTER UND LEBEN OHNE TOD
�BERLIEFERT VON PETRE ISPIRESCU^)
Es war einmal ein gro�er K�nig und eine K�nigin, beide jung und sch�n, und da sie keine Kinder bekamen, hatten sie oftmals alles getan, was dazu n�tig ist: sie waren zu den Zauberern und Weisen gegangen, damit sie in die Sterne s�hen und ihnen ansagten, ob sie Kinder bek�men, doch umsonst. Endlich h�rte der K�nig, in einem nahen Dorfe befinde sich ein kundiger Greis, und schickte um ihn. Der jedoch sagte dem Boten, wer ihn brauche, m�ge zu ihm kommen. So begaben sich der K�nig und die K�nigin mit einigen Gro�en, Kriegsleuten und Dienern als Gefolge zu dem Hause des Alten. Da sie der Alte von ferne kommen sah, ging er ihnen entgegen und sagte sogleich zu ihnen:
,,Seid mir willkommen! Aber weshalb kommst du, K�nig? Der Wunsch, den du hegst, wird dir nur Schmerz bringen.�
Das M�rchen wurde erstmalig in dem Blatt Teranu! Roman 1862 ver�ffentlicht; es steht jetzt am Anfang der ,,Legende sau Basmeie Rom�nilor.� Die Heilandmythe ist hier, von dem Satze ausgehend, da� Sch�nkind ewig lebe (vgl. den Schlu� von Eminescus M�rchen), eigent�mlich weitergebildet. Das deutsche M�rchen vom M�nch von Heisterbach stimmt mit seinem letzten Teile auff�llig �berein. Zu dem Aufsuchen der Jugend ohne Alter und des Lebens ohne Tod kann man die persische Gestaltung der Alexandersage heranziehen. Alexander zieht in das Land der Finsternis, um dort den Lebensquell zu finden, er freilich findet den Quell nicht, denn er War nicht unsterblich. In unserem M�rchen ist das Motiv der Braut-holung ganz zur�ckgetreten. Sch�nkind bleibt mit ihr in ihrem Lande. Die �bliche Einleitung (vgl. Anm. S. 33) lasse ich weg.
t�
53
-ocr page 88-�Nicht hiernach zu fragen, bin ich gekommen,� sagte der K�nig, ,,sondern, damit du mir eine Arzenei gebest, auf da� wir Kinder bekommen, so du eine hast.�
,,Ich hab� sie,� erwiderte der Alte. �Aber ihr werdet nur ein Kind bekommen. Es wird ein Sch�nkind sein und sehr lieblich, und ihr werdet ihn nicht bei euch behalten.�
Der K�nig und die K�nigin nahmen die Arzenei entgegen und kehrten fr�hlich in ihren Palast zur�ck, und nach etlichen Tagen f�hlte sich die K�nigin schwanger. Das ganze K�nigreich, der ganze Hof und alle Diener freuten sich dar�ber. Bevor aber noch die Stunde der Geburt da war, begann das Kind zu weinen, und kein - � Zauberer konnte es beruhigen. Da fing der K�nig an, ihm alle G�ter der Welt zu versprechen, aber auch das vermochte es nicht zum Schweigen zu bringen.
,,Sei stille, Vaterliebling,� sagte der K�nig, ,,ich will dir das und das K�nigreich geben; sei stille S�hnchen, ich will dir die und die K�nigstochter geben,� und noch viel mehr desgleichen. Endlich, da er sah, es wolle nicht stille werden, sagte er: ,,Sei stille, mein Junge, ich will dir Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod geben.�
Da schwieg das Kind und kam zur Welt. Die Hofleute jedoch schlugen die Pauken und bliesen die Trompeten, und rings im K�nigreiche herrschte eine ganze Woche lang Fest jubel.
Und der Knabe nahm zu wie an Jahren so an Geist und K�hnheit. Er ging in die Schulen und zu den Weisen, und was andere Kinder in einem Jahr lernen, all das lernte er in einem Mond, so da� der K�nig vor Freude ganz weg war. Das ganze K�nigreich pries sich gl�cklich, einst einen K�nig zu bekommen so weise und gelehrt wie K�nig Salomo.
Von einer Zeit an jedoch, wer wei�, warum? war der Knabe ganz schwerm�tig, traurig und in Gedanken versunken. Und eines Tages, gerade als er sein f�nfzehntes Jahr vollendete, und der K�nig sich mit allen Gro�en und den hohen Beamten des Reiches zur Tafel setzte und alle fr�hlich waren, stand Sch�nkind auf und sagte:
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-ocr page 89-�Vater, die Zeit ist gekommen, da du mir geben sollst, was du mir bei meiner Geburt versprochen hast.�
Als der K�nig das h�rte, wurde er sehr bek�mmert und sprach:
,,Aber woher, mein S�hnlein, soll ich dir etwas so unerh�rtes geben? Ich hab es dir damals nur versprochen, damit du ruhig wurdest.�
,,Wenn du, Vater, es mir nicht geben kannst, so mu� ich durch die ganze Welt ziehen, bis ich das Versprochene, weshalb ich zur Welt kam, finde.�
Da fielen der K�nig und alle Gro�en auf die Kniee und baten ihn, das Reich nicht zu verlassen. ,,Denn,� sagten die Gro�en, ,,dein Vater ist jetzt alt, und wir wollen dich auf den Thron erheben und dir die sch�nste K�nigin unter der Sonne zur Gemahlin geben.� Aber es war unm�glich, ihn von seinem Entschlusse abzubringen; felsenfest blieb er bei seinen Worten.
Als nun der Vater all das sah, gab er ihm Urlaub und ging, ihm f�r den Weg Mundvorrat und was er sonst brauchte, vorzubereiten.
Hierauf begab sich Sch�nkind in die k�niglichen St�lle, wo die sch�nsten Rosse des ganzen K�nigreiches standen, um sich eines auszusuchen. Doch sowie er eines mit der Hand beim Schweife nahm, warf er es hin, und alle Pferde � st�rzten derart zu Boden. Schlie�lich, als er schon hinausgehn wollte, blickte er noch einmal im Stalle umher und bemerkte in einem Winkel ein rotzkrankes, schw�riges, elendes Pferd und trat zu dem. Als er jedoch dieses mit der Hand am Schw�nze ergriff, wandte es den Kopf nach ihm und sagte:
,,Was befiehlst du, Herr? Dank sei Gott, da� er mir dazu verhalf, da� noch einmal ein Held auf mich die Hand legt!�
Und es stefnmte die F��e auf und blieb kerzengerade stehn. Da sagte ihm Sch�nkind, was er beabsichtige, und das Pferd sprach zu ihm:
�Damit dein Wunsch in Erf�llung gehe, mu�t du von
55
-ocr page 90-deinem Vater das Schwert, die Lanze, den Bogen, den K�cher mit den Pfeilen und die Kleider, die er als J�ngling trug, verlangen. Mich aber mu�t du sechs Wochen lang mit eigner Hand versorgen und den Hafer mir in Milch kochen.�
Er verlangte nun vom K�nig die Sachen, die ihm das Pferd angeraten hatte, und der lie� den Haushofmeister rufen und befahl ihm alle Kleidertruhen aufzuschlie�en, damit sein Sohn sich daraus w�hle, was ihm gefalle.
Sch�nkind suchte drei Tage und drei N�chte; am Ende fand er auf dem Grunde einer alten Truhe die Waffen und Gew�nder, die sein Vater als J�ngling getragen hatte, aber arg verrostet. Er ging daran, sie mit eigener Hand vom Roste zu reinigen, und nach sechs Wochen war er so weit, da� die Waffen wie ein Spiegel gl�nzten. W�hrenddessen besorgte er auch das Pferd, wie es ihm gesagt hatte. Viel M�he hatte er, aber nicht umsonst.
Als das Pferd von Sch�nkind erfuhr, Kleidung und Waffen seien wohl ges�ubert und hergerichtet, zur Stunde sch�ttelte es sich auch, und Geschw�re und Rotz wichen von ihm, und es wurde ganz so, wie es seine Mutter geboren hatte, ein wohlgen�hrtes, stattliches Ro� mit vier Fl�geln.
Da Sch�nkind es also sah, sprach er zu ihm:
�In drei Tagen reiten wir.�
�Gl�ckauf, Herr! Ich bin schon heute bereit, wenn du befiehlst,� erwiderte das Pferd.
Am dritten Tag fr�h war der ganze Hof und das ganze K�nigreich voll Trauer. Sch�nkind, in ritterlicher Tracht, das Schwert in der Hand, hoch auf dem Pferde, das er sich ausgesucht hatte, nahm Abschied vom K�nig, von der K�nigin, von allen gro�en und kleinen Herren, von den Kriegsleuten und allen Hof bediensteten, die ihn unter Tr�nen baten, er m�ge von dieser Fahrt abstehn, damit er nicht etwa in sein Verderben gehe. Er aber gab seinem Rosse die Sporen und ritt aus dem Tore, und hinter ihm die Wagen mit Vorrat und Geld und an die zweihundert Kriegsleute, die auf des K�nigs Befehl ihn begleiteten.
.0
-ocr page 91-Nachdem so Sch�nkind die Marken des Reiches seines Vaters �berschritten hatte und in die W�ste gekommen war, verteilte er alle seine Habe unter die Kriegsleute, verabschiedete sie und sandte sie zur�ck; sich selbst aber nahm er nur so viel Vorrat mit, als das Pferd tragen konnte. Dann schlug er den Weg gegen Osten ein und ritt und ritt drei Tage und drei N�chte, bis er auf ein weites Gebreite kam, wo viele menschliche Gebeine herumlagen.
Da er anhielt, um auszurasten, sagte das Pferd:
,,Wisse, Herr, da� wir hier auf dem Gebiet einer Spechtin sind, die so b�se ist, da� sie jeden, der ihr Gebiet betritt, um-bringt^). Augenblicklich ist sie bei ihren Kindern, morgen aber / / wird sie in dem Walde, den du dort siehst, dir entgegentreten, um dich zu verderben. Sie ist furchtbar gro�, aber erschrick nicht, halte vielmehr den Bogen bereit und schie� nach ihr, aber auch Schwert und Lanze behalte zuhanden, damit du dich ihrer bedienen kannst, wenn es not tut.�
Sie legten sich zur Rast hin; aber bald das eine, bald das andere blieb wach.
Am anderen Tag, als sich eben der Morgen r�tete, machten sie sich bereit, um durch den Wald zu ziehen. Sch�nkind sattelte und z�umte das Ro� und zog den Gurt fester an als sonst und sa� auf. Da aber h�rte er auch schon ein schreckliches Hacken. Nun sagte das Pferd: �Halte
�) �Auch sie war ein Weib wie alle Weiber, aber die Eltern haben ihr geflucht, da sie ihnen nicht gehorchte, sie vielmehr immer erz�rnte, und dadurch ward sie in eine Spechtin verwandelt.� Dies ist zweifellos ein f�r die zuh�renden Kinder berechneter moralischer Einschub. Die �Spechtin� ist eine Verk�rperung der Unterweltg�ttin, der Herrscherin �ber das Totenreich. Der Specht ist hier ganz so Totenvogel wie im Deutschen das K�uzchen. Im Rum�nischen hei�t Gheonoaia zugleich ,,Specht� und ,,Hexe�. Es scheint mir fraglich, ob der Name vom Tier auf die mythische Gestalt �bertragen worden ist. Ich vermute das umgekehrte. Ist etwa in ,,Gheo-noaie� ge = ana, ,,Erdmutter� zu sehen? Gheonoaie w�re eine adjektivische, dann wieder subjektivierte Form, ,,die erdmutterische�. Im Albanischen hei�t die Erde dhe, im Griechischen g� und d� (Demeter).
57
-ocr page 92-dich bereit, Herr, denn die Spechtin kommt.� Und wie sie kam, Bruder! ri� sie die B�ume nieder: so schnell fuhr sie daher. Aber das Pferd erhob sich wie der Wind, bis es fast genau �ber ihr war, und Sch�nkind scho� ihr mit dem Pfeil einen Fu� ab, doch als er den zweiten Pfeil auf sie abschie�en wollte, schrie sie:
,,Halt ein, Sch�nkind! Ich tu dir nichts.�
Und als sie sah, da� er ihr nicht glaube, gab sie es ihm mit ihrem Blute geschrieben.
,,Gl�ck zu deinem Pferde, Sch�nkind,� sprach sie weiter; ,,das ist mir ein Zaubertier! War das nicht, verspeist ich dich gebraten. Jetzt aber hast du mich zur Strecke gebracht. Wisse, bis heute hat kein Sterblicher sich bis hierher �ber meine Grenzen gewagt; ein paar Tolle, die sichs erk�hnten, sind gerade noch bis in die Blache gekommen, wo du die vielen Gebeine gesehen hast.�
Sie gingen mit ihr in ihr Haus, und da bewirtete die Spechtin Sch�nkind und nahm ihn auf wie einen Reisegast. Als sie jedoch am Tische sa�en und lustig waren, st�hnte die Spechtin neuerlich vor Schmerz. Zur Stunde nahm er den aufbewahrten Fu� aus dem Ranzen und setzte ihn an seine Stelle; und sogleich heilte er an. Die Spechtin hielt vor Freude drei Tage hintereinander Tafel und bat Sch�nkind, er m�ge eine ihrer drei T�chter, die alle sch�n wie Zinen waren, zur Frau nehmen. Er aber wollte das nicht, sondern sagte ihr offen, was er suche. Darauf sagte sie zu ihm: ,,Mit dem Pferde, das du hast, und deiner Tapferkeit wirst du es, glaube ich, finden.�
Nach drei Tagen machten sie sich bereit und zogen weiter. Sch�nkind ritt und ritt und ritt wieder, lang und immer l�nger. Doch als sie �ber die Grenzen des Reiches der Spechtin gekommen waren, begab er sich auf eine sch�ne Wiese, die zur H�lfte voll Bl�ten stand, zur anderen H�lfte ganz versengt war. Da fragte er das Pferd, warum das Gras verbrannt sei, und das Pferd antwortete:
�Hier sind wir auf dem Gebiet einer Skorpionin, der Schwester der Spechtin. B�se, wie sie sind, k�nnen sie nicht
S8
-ocr page 93-an einem Orte zusammen leben^). Ihre Feindschaft ist entsetzlich, �ber alle Ma�en, eine will der anderen das Land entrei�en. Wenn die Skorpionin gar ergrimmt ist, speit sie Feuer und Pech. Man sieht es, sie hat mit ihrer Schwester einen Streit gehabt, und um sie von ihrem Gebiete zu vertreiben, hat sie, wo sie zog, das Gras verbrannt. Sie ist noch schlimmer als ihre Schwester und hat drei K�pfe. La� uns etwas rasten, und morgen zeitig fr�h seien wir bereit.�
Am andern Tage r�steten sie sich ganz so wie damals, als sie zur Spechtin kamen, und zogen aus. Da h�rten sie auch schon ein Geheul und ein Gebrause, wie sie es nie vorher geh�rt hatten.
�Halte dich bereit, Herr, denn die Greifin��) von Skorpionen kommt daher.�
Die Skorpionin kam, den einen Kiefer am Himmel und den andern an der Erde, Flammen speiend, heran so schnell wie der Wind. Aber geschwinde wie ein Pfeil erhob sich das Pferd, bis es fast genau �ber ihr war, und st�rzte dann etwas seitlich von ihr herab. Sch�nkind scho� auf sie und ri� ihr einen Kopf ab. Als er ihr den zweiten Kopf herunterschie�en wollte, flehte die Skorpionin unter Tr�nen, er m�ge ihr verzeihen, sie tue ihm nichts, und da er ihr nicht glaubte, gab sie es mit ihrem Blute geschrieben. Die Skorpionin bewirtete Sch�nkind noch reicher als die Spechtin. Auch ihr gab er den Kopf, den er ihr mit dem Pfeile ab-geschossen hatte, zur�ck: sowie er ihn an seine Stelle tat. Wuchs er wieder an. Und nach drei Tagen zogen sie weiter.
�) �Der Fluch der Eltern hat sie getroffen und aus ihnen Unget�me gemacht, wie du siehst.� Zusatz wie oben. Die Skorpionin (Scorpia) tr�gt deutlich die Gestalt der Urgrundg�ttin. Da� sie mit der Waldmutter identisch ist, geht aus ihrer Darstellung im folgenden hervor. Aber auch Spechtin und Skorpionin sind nur eine Gestalt. Die Handlung wiederholt sich darin. Gleichwohl ist das Verfahren Uralt, den Sonnen-Heilandhelden mehrere Schwierigkeiten gleicher Art �berwinden zu lassen.
�) Sgripsoroaica. Auch dies ist nur eine Bezeichnung der Ur-Uiutter. Dieses und Scorpie bedeuten heute �brigens ganz allgemein gt;.Furie�, ,,Hexe�, �b�ses Weib�. In den M�rchen ist die urspr�ng-hche Anschauung doch noch lebendig.
59
-ocr page 94-Bald hatten sie das Gebiet der Skorpionin hinter sich und ritten und ritten, bis sie an ein ganz von Bl�ten �berdecktes Feld kamen, wo es nur Fr�hling gab. Jede Blume war ungew�hnlich sch�n und duftete, da� es dich berauscht h�tte. Ein leichter Wind, der kaum zu sp�ren war, wehte. Da hielten sie an, um sich auszuruhen. Das Pferd aber sagte:
,,Bisher ist es gegangen, wie es ging, Herr, aber noch sind wir nicht zu Ende: wir haben noch eine gro�e Gefahr zu bestehn. Mit Gottes Hilfe werden wir auch sie �berwinden, dann sind wir Helden. Nicht mehr weit von hier steht der Palast, wo Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod wohnt. Dieses Haus ist von einem dichten, hohen Wald umgeben, worin die wildesten Tiere hausen, die es gibt; Tag und Nacht halten sie schlaflos Wacht und sind sehr zahlreich. Mit ihnen zu k�mpfen ist unm�glich, und durch den Wald zu dringen ingleichen. Wir m�ssen sehen, ob wir nicht vielleicht dar�ber hinwegspringen k�nnen.�
Nachdem sie an die zwei Tage gerastet hatten, machten sie sich wieder bereit. Da hielt das Pferd den Atem an und sagte:
,,Herr, zieh den Gurt an, so straff du nur kannst, und wenn du sitzest, halte dich gut fest in den Steigb�geln und an meiner M�hne. Die Beine halte eng an meinem Hals gedr�ckt, damit du mich in meinem Sprunge nicht behinderst.�
Er schwang sich in den Sattel, machte einen Versuch, und in einem Hui war er beim Walde.
,,Herr,� fuhr das Pferd fort, ,,jetzt ist gerade die Zeit, da die wilden Tiere des Waldes ihr Futter bekommen, und sie sind alle im Hof versammelt. So springen wirl�
,,Springen wir,� erwiderte Sch�nkind, ,,und Gott erbarme sich unser.�
Sie schwangen sich empor und sahen den Palast derart gl�nzen, da� du schaun konntest ins Sonnenlicht, aber auf ihn nicht. Sie sprangen �ber den Wald, und eben als sie sich zu der Treppe des Palastes herunterlassen wollten,
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-ocr page 95-ber�hrte das Pferd ein ganz klein wenig den Wipfel eines Baumes, und sofort begann der ganze V/ald in Bewegung zu kommen; die wilden Tiere heulten, da� sich einem die Haare auf dem Kopfe str�ubten. Sie lie�en sich geschwind' hinab, und w�re die Herrin des Palastes nicht drau�en gewesen, da sie eben ihre K�chlein f�tterte (denn so nannte sie das Waldgetier), so w�re es um sie geschehn gewesen.
Rein aus Freude �ber ihre Ankunft lie� sie ihn verschonen; denn bis dahin hatte sie noch keine Menschenseele bei sich gesehen. Sie hielt die Tiere ab, bes�nftigte sie und schickte sie an ihren Platz zur�ck. Die Herrin war eine hohe, liebholde und �ber die Ma�en sch�ne Zine. Da Sch�nkind sie erblickte, war er ganz sprachlos. Sie aber sah ihn freundlich an und sagte:
,,Willkommen, Sch�nkind! Was suchst du hier?�
,,Wir suchen,� sagte er, �Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod.quot;
,,Suchet ihr dies, wie du sagst, nun wohl �, es ist hier.�
Da sa� er ab und trat in den Palast ein. Dort fand er noch zwei M�dchen, eine wie die andere jung; ts waren die Schwestern der �lteren. Er begann der Zine zu danken, da� sie ihn aus der Gefahr befreit habe; jene aber bereiteten ihm ein k�stliches Nachtmahl ganz und gar in goldenen Geschirren. Das Pferd lie�en sie frei nach seinem Belieben herumgehn; schlie�lich machten sie es mit allen wilden Tieren bekannt, so da� es unbesorgt im Walde umherstreifen konnte.
Die Frauen baten ihn, er m�ge fortan bei ihnen bleiben, denn sie sagten, es sei ihnen langweilig allein. Er jedoch lie� sich das nicht noch einmal sagen, sondern nahm es mit allem Danke an, als habe er gerade das gew�nscht.
Nach und nach wurden sie miteinander vertraut. Er erz�hlte ihnen seine Geschichte und was er zu bestehn gehabt hatte, bis er zu ihnen gekommen war, und nicht lange darauf verm�hlte er sich mit der j�ngsten der Schwestern. Bei ihrer Verm�hlung erteilten ihm die Herrinnen des Hauses die Erlaubnis, nach Belieben �berall in der
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-ocr page 96-Runde herumstreifen zu d�rfen; und nur ein Tal, das sie ihm zeigten, solle er nicht betreten, denn es w�re nicht zu seinem Guten, und jenes Tal, sagten sie, hei�e das Tal der Tr�nen.
Er verbrachte dort eine ungerechnete Zeit, ohne es gewahr zu werden; denn er blieb ganz so jung, wie er hingekommen war. Er zog durch die W�lder, ohne da� ihm nur der Kopf weh tat. Er erg�tzte sich an den goldenen Pal�sten, lebte in Ruhe und Frieden mit seiner Gemahlin und deren Schwestern, erfreute sich an der Sch�nheit der Blumen und an der sanften, reinen Luft wie ein Gl�ckseliger. Oftmals ging er auf die Jagd; eines Tags aber verfolgte er einen Hasen, scho� nach ihm einen Pfeil, scho� den zweiten und traf ihn nicht. Voll Grimmes eilte er ihm nach und scho� noch einen dritten Pfeil ab und mit dem traf er ihn. Aber der Unselige hatte in seinem Eifer nicht darauf geachtet, da� er auf der Verfolgung des Hasen in das Tal der Tr�nen gekommen war.
Mit seinen Hasen kehrte er heim. Da jedoch, was gab es? Auf einmal ergriff ihn eine Sehnsucht nach seinem Vater und seiner Mutter. Er getraute es sich nicht den hohen Frauen zu sagen; sie aber erkannten es an der Traurigkeit und Unruhe, die sie an ihm sahen.
,,Du bist. Ungl�cklicher, im Tal der Tr�nen gewesen!� sagten sie zu ihm ganz erschreckt.
,,Ich war dort, meine Lieben, aber ohne da� ich diese Torheit begehn wollte; und jetzt vergehe ich vor Sehnsucht nach meinen Eltern, aber auch von euch kann ich mich nicht trennen. Ich bin schon viele Tage bei euch und kann mich �ber nichts beklagen. So will ich denn gehn, um noch einmal meine Eltern zu sehen, und dann zur�ckkehren und nie wieder fortziehen.�
,,Verla� uns nicht, Geliebter! Deine Eltern leben schon seit Jahrhunderten nicht mehr, und wenn du fortgehst, f�rchten wir, du wirst nicht wieder zur�ckkehren. Bleib bei uns, denn eine Ahnung sagt uns, du werdest umkommen.�
Alle Bitten der drei Frauen wie auch des Pferdes waren
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-ocr page 97-nicht imstande, seine Sehnsucht nach den Eltern, die ihn ganz verzehrte, zu stillen. Endlich sprach das Pferd zu ihm:
,,Wenn du nicht auf mich h�ren willst, Herr, wird, was dir zust��t, nur deine Schuld sein. Ich mu� dir nur etwas sagen, und wenn du meine Bedingung annimmst, bringe ich dich zur�ck.�
�Ich nehme sie mit Dank an,� sagte er, ,,la� h�ren.� ,,Wenn wir bei deines Vaters Palaste sind, so steig ab, ich aber kehre zur�ck, wenn du nur eine Stunde lang dort bleibst.�
,,Gut denn,� sagte er.
Sie machten sich reisefertig, er umarmte die Frauen, und nachdem sie voneinander Abschied genommen hatten, ritt er hinweg, w�hrend sie schluchzend mit Tr�nen in den Augen zur�ckblieben. Sie kamen an Orte, wo das Gebiet der Skorpionin gewesen war. Sie fanden da St�dte. Die W�lder hatten sich in Felder gewandelt. Er fragte den und jenen nach der Skorpionin und wo sie wohne. Sie aber antworteten, ihre Gro�v�ter h�tten von ihren Urgro�v�tern von dergleichen M�rchen erz�hlen geh�rt^).
,,Wie kann das sein?� sprach Sch�nkind zu ihnen. ,,Erst neulich bin ich hier durchgekommen.� Und er sagte ihnen, was er wu�te.
Die Leute lachten �ber ihn, als redete er irre oder tr�umte im Wachen. Voll Zornes ritt er weiter und beachtete nicht, da� ihm Bart und Haar wei� wurden.
Im Gebiet der Spechtin fragte er dasselbe wie im Gebiet der Skorpionin und erhielt dieselben Antworten. Er konnte nicht begreifen, da� sich die St�tten in wenigen Tagen so ver�ndert haben sollten, und wieder zog er voll Zornes hinweg, aber der wei�e Bart reichte ihm schon bis an den G�rtel, und er f�hlte, da� ihm die Beine zu zittern begannen.
So kam er in das Reich seines Vaters. Hier gab es
*) Man erinnere sich des von R�ckert �berlieferten orienta-ischen M�rchens von �Chidher, dem ewig jungen�. Vielleicht ist diese Sage durch t�rkische Vermittelung nach Rum�nien gekommen und hier in den Sch�nkind-M3dhus eingef�gt worden.
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-ocr page 98-andere Menschen, andere St�dte, und die alten waren s� ver�ndert, da� er sie nicht wieder erkannte. Am Ende kam er in die Pal�ste, wo er geboren worden war. Er stieg ab, und das Pferd k��te ihm die Hand und sprach:
,,Leb wohl, Herr, denn ich kehre zur�ck, woher ich gekommen bin. Willst auch du mitkommen, so steig sogleich auf, und wir reiten.�
,,Leb wohl. Auch ich hoffe bald zur�ckzukehren.� Das Pferd flog schnell wie ein Pfeil von dannen.
Als er die Pal�ste in Tr�mmer gefallen und von Unkraut �berwachsen sah, seufzte er, und mit Tr�nen in den Augen suchte er sich ins Ged�chtnis zur�ckzurufen, wie strahlend diese Pal�ste einst gewesen waren und wie er seine Kindheit darin verbracht hatte. Zwei-, dreimal ging er um sie herum und suchte jedes Gemach, jedes Winkelchen auf, um sich die Vergangenheit wieder zu erwecken, den Stall, wo er das Pferd gefunden hatte, und stieg dann in den Keller hinab, dessen Eingang von herabgefallenen Tr�mmern verrammt war.
Wie er da mit einem Bart, der ihm bis zu den Knien reichte, da und dort herumsuchte � seine Augenlider mu�te er mit den H�nden heben und konnte kaum noch gehn � fand er nur eine vermorschte Truhe. Die �ffnete er, aber fand nichts darin. Er hob den Deckel des innern Faches auf und eine schwache Stimme sprach zu ihm:
�Willkommen; denn w�rst du noch l�nger ausgeblieben, so w�re auch ich gestorben.�
Und der Tod, der da im Fache lag und rein zu einem Haken zusammengeschrumpft war, legte die Hand auf ihn, und er sank tot hin und zerfiel zur Stunde zu Staub.
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-ocr page 99-ILEANA SIMZIANA
�BERLIEFERT VON PETRE ISPIRESOT)
Es war einmal ein K�nig. Dieser gro�e und m�chtige K�nig schlug alle K�nige rings in der Runde und unterwarf sie, bis die Marken seines Reiches bis dahin sich erstreckten, wo der Teufel die Kinder abgesp�nt hat, und alle besiegten K�nige mu�ten ihm jeder einen Sohn Schicken, da� er ihm zehen Jahre lang diene.
Seinem Reiche benachbart herrschte ein anderer K�nig, der sich nicht besiegen hatte lassen, da er jung gewesen War. Wenn ein verheerender Brand sein Reich �berfiel, setzte er Himmel und Erde in Bewegung und rettete das Land aus der Gefahr; als er aber alt wurde, unterwarf er sich dem gro�en, m�chtigen K�nig, weil es nicht anders ging. Er Wu�te aber nicht, was er tun solle, um das Gebot jenes K�nigs tu erf�llen, ihm n�mlich einen seiner S�hne zum Dienst zu senden; denn er hatte keine S�hne, nur drei T�chter. Dar�ber machte er sich Gedanken. Seine gr��te Sorge War, jener K�nig m�ge meinen, er sei heimt�ckisch und widerspenstig, da er ihm keinen Sohn sandte, und ihn darum seines Reiches berauben, so da� er mit seinen T�chtern in Elend, Armut und Schande zur�ckblieb.
Als die M�dchen ihren Vater so bek�mmert sahen, machten auch sie sich Gedanken, aber sie wu�ten nicht. Was sie tun sollten, damit er wieder heiter w�rde. Als sie sahen, da� ihm nichts und nichts Freude machte, fa�te sich
1) Dieses M�rchen erschien zum erstenmal im zweiten Band der Legende sau Basmele(i874). Ich �bersetze es nach dieser Sammlung Und nach dem Abdruck in Basme(Biblioteca Socec, Bucuresti, 1909). Die �bliche Einleitung (und den Schlu� des Erz�hlers) lasse ich �uch hier weg.
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-ocr page 100-die �lteste ein Herz und fragte ihn eines Tags bei Tische, warum er so bek�mmert sei.
,,Haben wir dir etwas nicht recht gemacht?� sagte sie. ,,Sind die Untertanen deiner Hoheit b�se und aufr�hrerisch, und verursachen sie dir diesen Kummer? Sag, lieber Vater, auch uns, was f�r eine Schlange dir nicht Frieden l��t und dir das Alter vergiftet; wir wollen uns gerne opfern, wenn das dir irgend den Kummer lindern kann; denn du allein, lieber Vater, bist unser Trost, wie du wohl wei�t. Und wir sind nie von deinem Worte abgewichen.�
,,Ja, so ist es. Ich habe �ber nichts zu klagen. Ihr habt niemals mein Gebot �bertreten. Ihr jedoch, meine Lieben, k�nnt mir den Schmerz, der meine Seele erf�llt, nicht lindern. Ihr seid M�dchen, und nur ein Sohn kann mich aus der Not befreien, darin ich mich sehe.�
,,Ich wei� nicht,� sagte das �lteste M�dchen, �warum du uns die Ursache deines Kummers verbirgst, lieber Vater. Sprich, und siehe, ich bin bereit, das Leben f�r dich hinzugeben.�
,,Was k�nnt ihr tun, meine Lieben?! Seit ihr auf dieser lichten Welt seid, habt ihr euch nur mit Spinnrocken, Nadel und Webstuhl besch�ftigt; ihr k�nnt spinnen, n�hen, weben. Nur ein Ritter vermag mich zu retten, der die Keule zu schwingen, mit Kraft das Schwert zu f�hren und wie ein Drachenl�we zu reiten versteht.�
,,Nun denn, lieber Vater, sag uns alles, und wenn es nicht ein Loch in den Himm.el schl�gt, wollen auch wir wissen, was dich bedr�ckt.�
Als der K�nig die T�chter mit ihren Bitten nicht nach-lassen sah, sagte er:
�H�rt, meine Kinder, weshalb ich traurig bin. Ihr wisset, da� niemand mein Reich angreifen konnte, solange ich jung war, ohne da� er sein Teil empfing und in Scham wieder dorthin abzog, woher er gekommen war. Jetzt hat das verw�nschte Alter meine ganze Kraft versiegen lassen; mein Arm ist schwach, kann nicht mehr das Schwert wirbeln, da� der Feind erzittert. Mein Ro�, um desset-
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-ocr page 101-willen ich einst schier cas Leben verlor, bis ich es gew�nrt, ist ebenfalls alt geworden: es ist rotzkxank; kaum fristet es sein Leben von heute auf morgen. Einstmals brauchte ich mich nur dem Feinde zu zeigen, und Hals �ber Kopf schon stoben sie mit schallenden Hacken von dannen. Aber heute � was soll ich euch noch sagen? Ihr wisset, da� ich mich jenem gr��ten und m�chtigsten K�nig auf der ganzen Welt unterworfen habe. Er nun verlangt, da� jeder unterworfene K�nig ihm einer. Sohn sende, damit ihm der zehen Jahre lang diene, und ich habe nur euch.�
,,Ich will hingehn, Vater,� sagte die �lteste Tochter, ,,und will mich mit allen Kr�ften bem�hen, damit du zufrieden bist.�
,,Ich f�rchte, du kommst unverrichteter Dinge zur�ck. Wer wei�, was f�r einen Wirrwarr du dort anrichtest, den man in aller Zeit nicht wieder gut machen kann?!�
,,Alles was ich wei�, Vater, und dir gelobe, ist, da� ich dir nicht Schande machen will.�
,,Wenn dem so ist, mach dich bereit und zieh hin.�
Als das M�dchen h�rte, da� ihr der Vater erlaube, hinzuziehen, wu�te sie sich vor Freude nicht zu fassen. Sie r�stete alles f�r die Fahrt, wirbelte sich um und lie� das N�tige f�r den Ritt vorbereiten. Sie w�hlte sich das vornehmste Ro� aus dem k�niglichen Marstalle aus, die sch�nsten und reichsten Gew�nder und Mundvorrat f�r ein ganzes Jahr.
Als sie der Vater zum Auszug fertig sah, gab er ihr v�terliche Ermahnungen, wie sie sich halten, was sie tun solle, damit man sie nicht als M�dchen erkenne. Alles lehrte er sie, was ein Ritter wissen mu�, der sich in einen so hohen Dienst begibt, und wie sie sich vor Schw�tzerei und �bler Nachrede in acht nehmen solle, damit sich die anderen K�nigs�hne nicht �ber sie erbosten und sie verachteten. Dann sprach er zu ihr:
,,Geh mit Gott, mein Kind, und halte dir meine Lehren vor Augen.�
Das M�dchen ritt aus dem Hofe wie der Blitz; die Erde
7 Aus fremden G�rten 72/73.
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trug sie kaum vor Freude. In einem Hui war sie verschwunden. Und h�tte sie nicht nach einiger Zeit angehalten, um die Edelleute und die Vorratwagen zu erwarten, w�ren die verloren gewesen, da sie ihr nicht nachkommen konnten.
Der K�nig �berholte sie auf einem anderen Wege, ohne da� sie es wu�te. Nahe an der Mark seines Reiches schlug er eine kupferne Br�cke, verwandelte sich in einen Wolf und verbarg sich darunter. Als nun sein T�chterlein daherkam, sprang er unter dieser Br�cke hervor, die Z�hne fletschend und dann knirschend, da� es dir Schrecken einjagte. Er blickte grade auf sie mit Augen, die wie zwei Fackeln gl�hten, und st�rzte auf sie los, wie um sie zu zerrei�en. Das M�dchen f�hlte ihr Blut vor Angst erstarren und verlor die Fassung, und da das Pferd auch nicht einen Sprung zur Seite machte, fiel der Wolf es mit seinen F�ngen an; sie machte sich schleunigst davon und kehrte zur�ck. Ihr Vater, der vor ihr heimgekommen war, kam ihr entgegen und sprach:
,,Hab� ich dir nicht gesagt, mein Kind, da� nicht jede Fliege Honig macht.�
,,Das wohl, Vater, aber ich hab� nicht gewu�t, als ich auszog, um einem K�nig zu dienen, da� ich auch mit wilden, grimmigen Bestien werde k�mpfen m�ssen.�
,,Da dem so ist,� sagte der K�nig, ,,so bleib zu Hause und k�mmere dich um Spindel und Spule, und Gott erbarme sich meiner, da� er mich nicht in Schanden sterben lasse.�
Nicht lange danach bat auch die mittle Tochter ausziehen zu d�rfen; und auch sie gelobte, sie wolle alles tun, was in ihren Kr�ften stehe, um die �bernommene Pflicht zu erf�llen.
Nach vielen Bitten und Beschw�rungen gab der Vater nach und gestattete auch ihr hinzuziehen. Aber es erging ihr ganz so wie der �ltern Schwester, und als sie zur�ckkehrte, kam ihr der Vater entgegen und sprach zu ihr:
,,Ei, Kind, hab� ich dir nicht gesagt, da� man nicht alles i�t, was Fl�gel hat?�
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-ocr page 103-�Wahr ist es, Vater, so hast du gesprochen. Aber jener Wolf war zu entsetzlich. Wie er den Rachen aufsperrte, als wollte er mich auf einmal verschlingen, und wie er die Augen auf mich richtete, woraus wie Pfeile flogen, die mir das Herz durchbohrten!�
,,Bleib darum zu Hause,� erwiderte der K�nig, ,,und k�mmere dich um den Besenstiel und um das Gr�nzeug in der K�che.�
Wieder verging einige Zeit und siehe, da sprach auch die j�ngste Tochter zum Vater, eines Tages als sie bei Tisch Waren:
,,Lieber Vater, gestatte mir eine Bitte: la� mich hinziehen und auch mein Gl�ck versuchen.�
,,Wo deine �lteren Schwestern nichts ausgerichtet haben. Wundert mich, wie du so zu mir sprechen kannst, die noch nicht einmal Maisbrei zu essen versteht.�
Und er suchte sie in aller Weise von ihrer Absicht abzubringen, aber umsonst.
,,F�r dich, lieber Vater,� sagte sie, ,,will ich den Teufel in vier St�cke schlagen, wenn es mir nur gelingt; wenn aber Gott gegen mich ist, will ich wieder zu dir zur�ckkehren, ohne da� ich mich zu sch�men brauche.�
Je mehr ihr Vater dagegen sagte, um so mehr bestand sie darauf; aber sein T�chterlein bezwang seinen Widerstand mit ihren Bitten. Am Ende all dessen sagte der K�nig:
,,Wenn dem so ist, siehe, gebe ich auch dir die Erlaubnis, und wir werden ja sehen, was du mir n�tzen kannst. Aber wie werde ich lachen, wenn ich auch dich mit der Nase am Boden zur�ckkommen sehe?�
,,Du magst lachen, Vater, wie du �ber meine lieben Schwestern gelacht hast, wenn nicht alles in Ehren ausgeht.�
Als die K�nigtochter sah, da� der K�nig ihr hinzuziehen erlaube, war ihre erste Sorge, sich aus den alten Edelleuten einen Ratgeber zu nehmen. Und zun�chst gedachte sie der Taten ihres Vaters in seiner Jugend und seines Pferdes. Darauf ging sie in den Marstall, um sich ein Pferd aus-
-ocr page 104-zusuchen. Sie sah das eine an, sah das andere an, sah alle Pferde im Stalle an, aber auch nicht eines gefiel ihr, obwohl es pr�chtige Streitrosse und die besten Pferde des ganzen K�nigreichs waren. Zuletzt erblickte sie auch das Pferd, worauf ihr Vater in seiner Jugend geritten war, rotzkrank, voll Geschw�ren und auf der Seite liegend. Da sie es sah, schaute sie es voll Mitleid an und schien sich gar nicht von ihm trennen zu k�nnen.
Als das Pferd dies sah, sprach es zu ihr:
,,Man sieht, da� du aus Liebe zu dem K�nig, o Herrin, mich so anblickst. Was f�r ein Held war er doch in seiner Jugend! Was f�r Taten haben wir beide vollbrachtl Doch seit er alt geworden ist, hat sich auch kein anderer auf mich geschwungen. Und wenn du mich so herabgekommen siehst, so ist es, weil mich niemand so f�ttert wie er. Heute noch, siehe, wenn mich nur jemand betreuen wollte, wie ich es brauche, w�rde ich in zehn Tagen so aussehen lernen, da� mir zehn solche nicht gleich kommen.�
Da sagte das M�gdlein:
,,Und wie soll man dich betreuen?�
,,Ich mu� jeden Tag mit Wasser, woraus noch niemand gesch�pft hat, gewaschen werden, mu�, damit ich ihn bei�en kann, in s��er Milch gekochten Hafer Isekommen und jeden Tag einen Scheffel voll Kohlenglut.�
,,Wenn ich w��te, da� du mir bei meinem Vorhaben behilflich sein werdest, damit ich es ausf�hre, m�chte ich wohl tun, was du sagst.�
,,Herrin,� sagte das Pferd, ,,mach den Versuch, du wirst es nicht bereuen.�
Das Pferd war ein Wunderpferd.
Die K�nigtochter besorgte es ganz so, wie es gesagt hatte.
Am zehnten Tage sch�ttelte sich das Pferd einmal und wurde sch�n, dick wie eine Melone und �berm�tig wie eine Geis. Fr�hlich dann wandte es sich zur K�nigtochter und sagte:
,,Gott verleihe dir Gl�ck und Sieg, meine Herrin, weil du mich besorgt und noch einmal auf der Welt zu dwa
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-ocr page 105-gemacht hast, was ich zu sein begehrte. Sag mir deinen Kummer und befiehl mir, was ich tun soll.�
,,Ich will zu dem gro�en, m�chtigen K�nig ziehen, zu unserm Nachbarn und ihm dienen, und da brauche ich jemand, der mich ber�t. Sag mir, welchen der Edelleute soll ich w�hlen.�
,,Wenn du mit mir ausziehst,� sagte das Pferd, ,,mach dir keine Sorge; du brauchst keinen. Ich will dir dienen, wie ich deinem Vater diente. H�r nur auf mein Wort.�
,,Wenn dem so ist, reiten wir in drei Tagen.�
,,Es sei, wie du befiehlst,� erwiderte das Pferd.
Als die K�nigtochter das h�rte, bereitete sie alles N�tige f�r die Fahrt. Sie zog reine, aber schmucklose Kleider an, und so trat sie vor den Vater und sagte:
,,Gott befohlen, lieber Vater, bleib gesund, bis ich wieder komme!�
,,Gl�ckliche Reise, mein Kind,� sagte der Vater. ,,Aber vergi� nur niemals, was ich dir gesagt habe�^).
Sie gelobte, sich daran zu halten, und ritt dann fort.
Wie bei den anderen T�chtern tat der Vater auch bei ihr, �berholte sie, verbarg sich unter der kupfernen Br�cke und wartete da auf sie.
Auf dem V/ege sagte ihr das Pferd, mit welchen Listen ihr Vater ihre Tapferkeit auf die Probe stellen wolle, und riet ihr, was sie zu tun habe, um vor ihm zu bestehn. Als sie zur Br�cke kam, st�rzte ein Wolf auf sie zu mit so wilden glotzenden Augen, da� dir der Schrecken durch Mark und Bein ging, und die Z�hne fletschend und damit knirschend, als h�tte er schon einen ganzen Monat lang nichts zu fressen gehabt, doch als er seine rei�enden F�nge einschlug, gab das M�gdlein dem Rosse die Sporen und st�rmte auf den Wolf mit dem Schwerte in der Hand los, um ihn ganz in St�cke zu hauen, und da der Wolf nicht auswich, hieb sie ihn mit dem Schwert entzwei; sie trieb keinen Scherz, denn sie setzte alles Vertrauen auf Gott und
�Und in jeder Fahr hab Gott im Sinne, denn von ihm kommt uns aller Segen und alle Hilfe.� Frommer Zusatz.
-ocr page 106-#9632;wollte nur, da� sie, wie es auch ausgehe, die �bernommene Aufgabe vollbringe.
Stolz wie ein Held ritt sie �ber die Br�cke. Ihr Vater staunte �ber ihren Mut und �berholte sie wieder an einer andern Stelle, schlug eine Br�cke von Silber, verwandelte sich in einen L�wen und wartete da auf sie.
Das Ro� sagte dem M�dchen, was nun kommen werde und unterwies sie, was sie zu tun habe, um auch diese Probe zu bestehn. Als das M�dchen an die silberne Br�cke kam, st�rzte der L�we auf sie los mit aufgesperrtem Rachen, als wolle er sie mit Ro� und allem verschlingen, mit Rei�z�hnen gleich denen eines Elefanten, und mit Klauen wie Sicheln und br�llte, da� die W�lder zitterten und das Land erdr�hnte, da� dir das H�ren verging. Wer nur seinen Kopf gesehen h�tte, der gro� war wie ein Scheffel, und die empor-gestr�ubte, zerzauste M�hne, w�re vor Angst zu Eis geworden. Aber die K�nigtochter, von dem Pferde ermutigt, st�rmte ihm entgegen, das blanke Schwert in der Hand, und da der L�we nicht unter die Br�cke fl�chtete, zerhieb sie ihn in vier St�cke. Dann ritt sie �ber die Br�cke, Gott dankend und unkund, was sie noch erwartete.
Die K�nigtochter, die nie aus dem Hause gekommen war, seit ihre Mutter sie geboren hatte, staunte und blieb voll Entz�cken stehn, als sie die Sch�nheit des freien Landes sah. Da pfl�ckte sie denn und band einen Strau� Blumen aus der F�lle, die da T�ler und H�gel bedeckte, Blumen, wii� sie noch nie gesehen hatte. Dann legte sie sich in den Schatten eines hohen, dichten Baumes nieder, in dessen Krone Tausende von V�geln allerlei Lieder sangen, Lieder so s��, da� sie dich in Schlaf wiegten. Schlie�lich ging sie zu einem Born, dessen Wasser, klar wie Tr�nen, am H�gelhang aus einer Felsenspalte flo�: das Rauschen dieser Quelle lockte sie an, und es erg�tzte sie, dem Murmeln ihres Laufes zu lauschen, der sich durch das von vielen kleinen Blumen bekr�nzte, fr�hlinggr�ne Land hinschl�ngelte. Immer aber mahnte sie das Pferd, sich zu ermannen, und trieb sie an, aufzubrechen und weiter zu
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-ocr page 107-ziehen. Es sagte ihr, sie m�ge das nicht vergessen, wenn sie alles zu gutem Ende bringen wolle. Weiter sagte es ihr, da� ihr Vater ihr noch eine Falle stellen werde, und unterwies sie, was sie zu tun habe, um auch diesmal siegreich zu bestehn.
Das M�dchen h�rte achtsam zu und tat, wie das Pferd sagte, denn sie sah, da� alle seine Ratschl�ge zum Guten waren, und so befolgte sie getreu sein Wort.
Wie das vorige Mal �berholte sie ihr Vater auf einem andern Wege, schlug eine Br�cke von Gold, verwandelte sich in einen gro�en Drachen mit zw�lf K�pfen und verbarg sich unter jener Br�cke.
Als nun das M�gdlein dar�ber reiten wollte, kam der Drache dort hervor, schlug mit dem Schweife und w�lzte sich heran. Seine Rachen spieen Feuerflammen und seine Zungen spielten wie brennende Pfeile. Als das M�dchen ihn gar so schrecklich sah, kam sie doch ein Schauder an und die Haare standen ihr zu Berge vor Furcht. Das Pferd aber merkte kaum, da� das M�dchen den Kopf verliere, so sprach es ihr Mut zu und erinnerte sie an das, was es sie zu tun gelehrt habe. Und da ermannte sich die K�nigtochter wieder und ri� mit der linken Hand den Z�gel des Rosses an, gab ihm die Sporen und st�rzte, das Schwert in der Rechten, auf jenen Drachen los.
Eine Stunde lang dauerte der Kampf. Das Pferd trachtete sie von einer Seite heranzubringen, wo sie ihm einen der K�pfe abschlagen konnte; aber auch der Feind war gar wohl auf der Hut. Schlie�lich gelang es dem M�dchen, den Drachen zu verwunden. Da schlug er sich dreimal auf den Kopf und verwandelte sich in einen Menschen.
Das M�dchen wollte ihren Augen nicht trauen, als sie ihren Vater vor sich sah; er aber nahm sie in die Arme, k��te sie auf die Stirne und sagte:
,,Sieh, du bist eine Heldin, mein Kind, und wohl tatst du daran, da� du dir dieses Pferd nahmst, denn darohne w�rst du zur�ckgekommen wie deine Schwestern. Ich habe gute Hoffnung, da� du die Aufgabe, die du aus eigenem
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-ocr page 108-Antriebe �bernommen hast, zu End� f�hren wirst. Behalt nur die Lehre, die ich dir gab, vor Augen und befolge, was dir das Pferd sagt, das du dir gew�hlt hast. Bleib gesund und auf Wiedersehen!�
Dann k��te sie dem Vater die Hand und sie trennten sich.
Nachdem sie lange, lange geritten waren, kamen sie an ein gro�es, hohes Gebirge. Dort im Gebirge traf sie zwei Drachen, die seit neun Jahren miteinander k�mpften und keiner den andern besiegen konnte. Es war ein Kampf auf Tod und Leben. Da sie sie erblickten, und sie f�r einen Ritter hielten, sprach zu ihr der eine:
�Sch�nkind, Sch�nkind, zerhack mir hier diesen Feind, dann will auch ich dir zur Zeit einen Dienst tun.�
Aber der andere sagte auch:
,,Sch�nkind, Sch�nkind, komm, hilf mir und rette mich vor diesem Teufel von Gegner; ich will dir einen Renner ohne Milz^) geben, der da hei�t Sonnenfalb.�
Das M�gdlein fragte das Pferd, ihrer welchen sie rette:i solle; das Pferd aber riet ihr, den zu retten, der ihr den Sonnenfalben zu geben versprach, denn der sei ein Ro� noch t�chtiger als es selbst, und zwar sein j�ngerer Bruder�). Da st�rzte sich das M�dchen mit dem Schwerte auf den andern Drachen und zerhieb ihn mit einem Streich in zwei St�cke.
Als der Drache sich gerettet sah, umarmte er seinen Befreier und dankte ihm, dann gingen sie in sein Haus, damit er Sch�nkind den Sonnenfalben gebe, wie ers versprochen hatte. Die Drachenmutter�) wu�te sich vor Freude nicht zu fassen, als sie ihren Sohn wohlbehalten sah, und wu�te nicht, wie sie Sch�nkind danken sollte, da� er ihr Kind vom Tode errettet hatte.
*) Milzlosigkeit macht unerm�dlich. Man erinnere sich an den L�per Halsband im �Durchl�uchting� von Fritz Reuter, dem man auch die ,,Milt utsneden� haben soll.
*) Hier tritt neben das eine Heilandro� noch ein zweites, ganz wie die zwei Heilande nebeneinander hergehen.
�) Die ,,Waldmutter� des ersten M�rchens.
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-ocr page 109-Die K�nigtochter sprach den Wunsch aus, von der M�he des hinterlegten Weges zu rasten. Man gab ihr eine Kammer und lie� sie allein. Sie stellte sich an, als habe sie ihr Pferd zu besorgen, und fragte es, ob sich etwas begeben werde; und das Pferd sagte ihr, was sie zu tun habe.
Der Drachenmutter war klar, da� es sich hier um irgendeine Teufelskunst handelte. Sie sagte zu ihrem Sohn, der Ritter, der ihn aus der Gefahr gerettet habe, m�sse ein M�dchen sein und es w�re gut, wenn er ein solch tapferes M�dchen zum Weibe n�hme. Der Sohn sagte, bei seinem Kopfe k�nne er so etwas nicht glauben, denn wie k�nne Weibeshand so gut das Schwert schwingen, wie es Sch�nkind getan. Da sagte die Drachenmutter, man m�sse sie auf die Probe stellen. Zu diesem Zwecke legte sie abends jedem von ihnen einen Blumenstrau� auf das Kopfkissen; bei wem die Blumen verwelkten, das sei ein Mann, bei wem sie frisch blieben, das sei ein Weib.
Auf den Rat des Rosses stand die K�nigtochter in der Nacht schon gegen den Tag zu, wenn der Schlaf am s��esten ist, auf und ging pscht, pscht auf den Zehenspitzen in die Kammer des Drachen, legte ihm ihren Blumenstrau� zum Kopfe, nahm seinen und legte ihn auf ihr Kopfkissen, und dann ging sie wieder zu Bett und schlief fest ein.
Am Morgen lief die Drachin, nachdem sie aufgestanden war, wie der Wind zu ihrem Sohn und sah, da� seine Blumen verwelkt waren. Als auch die K�nigtochter auf-gestanden war, ging sie auch zu ihr, und als sie auch bei ihr die Blumen verwelkt fand, glaubte sie erst recht nicht, da� sie ein Ritter sei. Sie sagte zu ihrem Sohn, sie k�nne kein Mann sein, denn die Rede fl�sse ihr aus dem Munde wie Honig, ihr Aussehen w�re so zart, als k�nnte man es mit einem Wasserkr�glein trinken, ihr feines dichtes Haar falle ihr auf die Schultern in Wellen, ihr Gesicht sei voll Anmut, ihre Augen gro�, sch�n und gl�nzend, recht zum Verf�hren, das H�ndchen klein und das F��chen wie das einer Zine, und alles in allem k�nne sie nur ein M�dchen
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-ocr page 110-sein, wenn sie auch als ein Ritter gekleidet gehe. So beschlossen sie noch eine Probe anzustellen.
Nachdem sie einander den �blichen Morgengru� geboten hatten, nahm der Drache das M�dchen und ging mit ihr in den Garten. Da zeigte ihr der Drache alle Gattungen Blumen, die es da gab, und lud sie ein, auch daran zu riechen. Die K�nigtochter dachte aber an den Rat des Pferdes und sagte, die List durchschauend, schier grob, warum er sie denn am Morgen in den Garten gef�hrt habe wie ein Weib, damit sie ein paar leere Worte zum Lob e der Blumen sage, wo sie doch zuerst in den Stall gehn sollte, um nachzusehen, wie da die Pferde versorgt w�rden.
Als der Drache dies h�rte, sagte er es seiner Mutter, sie aber mochte auch jetzt noch nicht glauben, da� jene ein Mann sei. Schlie�lich beredete sich die Drachin mit ihrem Sohn, sie wollten noch eine Probe machen; sie sagte dem Sohne, er solle Sch�nkind in die Waffenkammer f�hren und ihn einladen, sich etwas auszusuchen, und wenn er ein mit Edelsteinen besetztes St�ck w�hle, so w�re es gewi�, da� er ein Weib sei.
Nach dem Essen f�hrte der Drache Sch�nkind in die Waffenkammer. Da wurden alle m�glichen V/affen in sch�ner Ordnung aufbewahrt, die einen mit Edelsteinen besetzt, die andern nur so, ohne Schmuck. Die K�nigtochter sah erst alle Waffen der Reihe nach an, dann w�hlte sie ein t, dessen Klinge jedoch sich irauf sagte sie dem Drachen _________OIC wune in zwei Tagen weiterziehen.
Als die Drachenmutter h�rte, was f�r ein St�ck sie sich ausgesucht hatte, war sie ganz verzweifelt, da� sie die Wahrheit nicht herausbekommen konnte. Sie sagte zu ihrem Sohne, sie sei, obwohl sie nach ihrem Gebaren ein Mann scheine, doch ein M�dchen und zwar eines der abgefeimtesten.
Als sie sahen, da� es nicht anders ging, gingen sie in den Stall und gaben ihr den Sonnenfalben. Die K�nigtochter nahm nun Abschied von ihnen und machte sich auf den Weg.
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-ocr page 111-Als sie so ritt und sich beeilte, sprach das Ro� zu dem M�dchen:
�Herrin, bisher hast du auf alles geh�rt, was ich dir gesagt habe, und du bist immer gut gefahren. H�r mich auch jetzt an; es wird dir zum Vorteil sein. Ich bin jetzt alt; ich mu� mich zusammennehmen, um nicht zu stolpern. Nimm meinen Bruder Sonnenfalb und reite auf ihm weiter. Vertrau ihm, wie du mir vertraut hast, und du wirst nicht betrogen sein. Er ist viel j�nger und feuriger als ich und wird dich ebenso wie ich unterweisen, was du in Zeit der Gefahr zu tun hast.�
,,Wahr ist es, alles ist immer gut gegangen, wenn ich auf dich geh�rt habe. Und w��te ich nicht, wie treu du meinem Vater warst, schenkte ich dir nicht Geh�r. Ich will auch deinem Bruder so vertrauen wie dir, sobald er mir zeigt, da� er mein Bestes will.�
�Vertraue nur, Herrin,� sagte Sonnenfalb, ,,ich w�rde stolz sein, wenn eine Heldin wie du auf mir ritte, und w�rde mich beeifern, so da� dir mein Bruder gar nicht fehlte, und ich m�chte ihm auch, dem armen, der jetzt alt ist, die M�hen und Gef�hrden der Fahrt, die du unternimmst, ersparen, denn du mu�t wissen, da� du noch viele N�te zu bestehn, noch vielen Gefahren zu begegnen hast. Aber wenn Gott will und du auf mich h�rst, wirst du alle �berwinden und alles zum guten Ende f�hren.�
Da schwang sich die K�nigtochter auf Sonnenfalb und schied unter Tr�nen von ihrem Rosse. Sie ritten, ritten einen langen, langen Weg. Da erblickte die K�nigtochter eine goldene Haarstr�hne^). Sie hielt das Pferd an und fragte es, ob es besser sei, sie mitzunehmen oder am Orte zu lassen. Das Pferd antwortete: ,,Wenn du sie mitnimmst,
') Wie in der Bemerkung auf S. XXVIII der Einf�hrung angedeutet, ist in diesem M�rchen dadurch, da� der Heiland zur Heilandin geworden ist, einige Verwirrung eingetreten. Eigentlich ist die K�nigtochter zugleich Ileana(Helena=Selene,Mond)undSch�nkind (Sonne): Der Sonnen-Heiland-Mythos wurde auf die weibliche Schwestergottheit, den Mond �bertragen.
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-ocr page 112-wirst du es bereuen, und wenn du sie nicht mitnimmst, wirst du es auch bereuen; aber besser ist es, du nimmst sie mit.� Das M�dchen nahm sie mit, steckte sie in den Scho� und ritt weiter.
Sie zoge.n �ber H�gel, zogen �ber Berge und T�ler, lie�en dichte gr�ne W�lder hinter sich, Gebreite mit Blumen, wie sie das M�dchen nie gesehen hatte, Quellen mit klarem kalten Wasser und kamen an den Hof des gro�en, m�chtigen K�nigs.
Die andern K�nigs�hne, die da dienten, gingen ihr entgegen und bewillkommneten sie. Sie konnten sich gar nicht von ihr trennen, so hold war ihre Rede und ihr Gesicht.
Am n�chsten Tag trat sie vor den K�nig und sagte, weshalb sie gekommen war. Der K�nig war au�er sich vor Freude, da� ein so sch�ner und holdgesichtiger Ritter ihm nun dienen werde. Die Antworten, die er auf seine Fragen empfing, gefielen ihm �beraus; man sah daraus, da� sie mit Verstand und �berlegung gegeben waren. Und der K�nig fa�te Neigung zu dem J�ngling, der sich so verst�ndig zeigte und behielt ihn in seiner N�he.
Die K�nigtochter konnte sich mit all den andern K�nigs�hnen nicht anfreunden, denn die meisten waren grob, und da sie sahen, da� der K�nig ihr geneigt war, wurden sie ihr noch �bler gesinnt.
Eines Tags bereitete sie sich allein das Essen und setzte sich zu Tische. Da kamen zwei andere K�nigs�hne zu ihr zu Besuch. Sie setzten sich drauf zu den �brigen und a�en. Und so gut schmeckte jenen K�nigs�hnen das Essen, da� sie sich danach die Finger ableckten. Sie lobten ihre Kochkunst und sagten, sie h�tten nie in ihrem Leben so gute Speisen gegessen.
Als diese nun mit den andern K�nigs�hnen zusammenkamen, sagten sie ihnen, sie seien mit dem j�ngst angekommenen K�nigsohne zu Tische gesessen und h�tten gespeist, wie kein K�nig jemals, und jener selbst habe die Speisen bereitet.
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-ocr page 113-Da ersuchten sie alle K�nigs�hne, sie m�chte ihnen eines Tags das Essen bereiten. Und siehe, gerade an dem Tage hatten sich die Hofk�che betrunken oder wer wei�, was sie sonst taten: es war kein Feuer auf dem Herde. Jene beharrten auf ihrer Bitte, und so ging sie daran und bereitete etliche k�stliche Speisen. Als man die dem K�nig vorsetzte, konnte er sich gar nicht satt essen. Aber da er nun den Koch rufen lie� und ihm befahl, er solle immer solche Speisen bereiten, gestand der, wer sie an diesem Tage bereitet habe. Dem K�nig kam das sonderbar vor.
Dann kamen die andern K�nigs�hne und sagten dem K�nig, der neuangekommene K�nigsohn habe sich bei einem Gelage, dran er teilgenorftmen habe, ger�hmt, er wisse den Aufenthalt der Ileana Simziana Goldhaar Feld-wird-gr�n Blumen-bl�hn^) und er besitze eine Flechte ihres Haares. Als der K�nig dies vernahm, befahl er, da� jener komme, und sprach zu ihm:
,,Du hast gewu�t, wo Ileana Simziana ist, und hast mir nichts gesagt, obwohl ich dir gro�e Liebe gezeigt und dich vor allen andern ausgezeichnet habe.�
Und nachdem er sich die Haarflechte hatte zeigen lassen, sagte er:
,,H�re nun meinen k�niglichen Befehl: du sollst mir die bringen, der diese Flechte geh�rt; wenn nicht, so wird dein Kopf dort liegen, wo jetzt deine F��e stehn.�
Das arme K�nigt�chterlein versuchte auch etwas zu sagen, aber der K�nig schnitt ihr das Wort ab. Drauf ging sie hin und sagte dem Pferde, was geschehn war. Das Pferd sprach zu ihr:
,,Verzage nicht, Herrin. Hienacht eben hat mir mein Bruder die Nachricht gebracht, da� Ileana Goldhaar von einem Drachen geraubt worden ist, da� sie um ihren Kopf nicht ihn lieben wolle, ehe er ihr nicht ihre Stutenherde bringe, und da� der Drache sich den Kopf zerbreche, wie er ihr Begehren erf�llen k�nne. Sie befindet sich jetzt im
�) Siehe die Anm. S. 15.
7)
-ocr page 114-Meermoor^). Geh zum K�nig und verlang von ihm zw�lf Schiffe und belade die mit den sch�nsten Sachen.�
Die K�nigtochter lie� sich das nicht zweimal sagen und ging geradeswegs zum K�nig.
�Lebe gl�cklich, durchlauchtiger K�nig, m�ge dein Antlitz geehrt werden! Ich bin dir sagen gekommen, da� ich den Dienst, den du mir auftrugst, �bernehmen will, wenn du mir zw�lf Schiffe gibst und dazu Geld, damit ich die sch�nsten und kostbarsten Sachen einkaufe und sie darein lade.�
,,Essei, wie du sagst, aber bringe mir Ileana Simziana,� erwiderte der K�nig.
Als die Schiffe bereft waren, belud man sie mit den Sachen. Die K�nigtochter zusammen mit Sonnenfalb bestieg das sch�nste, und so fuhr man hinweg. Weder Sturm noch m�chtige Wellen vermochten etwas wider sie und nach einer Fahrt von etlichen Wochen kamen sie an das Meermoor. Da hielten sie an. Die K�nigtochter und Sonnenfalb mit ihr stiegen ans Land und gingen am Strande umher; aber sie hattexi aus dem Schiffe ein Paar mit Goldfaden gen�hter und mit Edelsteinen besetzter Schuhe mitgenommen. Wie sie dort dahingingen, erblickten sie einen Palast, der zur Sonne ragte, und begaben sich dorthin. Auf dem Wege begegneten ihnen drei Diener der Ileana Simziana. Wie diese die Schuhe sahen, weinten sie sich die Augen danach aus; aber die K�nigtochter sagte, sie sei ein Kaufmann, der sich auf dem Meere verirrt habe.
Die Diener kehrten zur�ck und berichteten ihrer Herrin, was sie gesehen hatten; sie jedoch b�ckte aus dem Fenster nach dem Kaufmann. Wie sie ihn nun ansah, begann ihr das Herz zu klopfen, ohne da� sie wu�te, warum, und sie war froh, da� sie dem Drachen entrinnen konnte, umso mehr, als er nicht da war ; denn sie hatte ihn um die Stuten geschickt.
Das Meermoor � sm�rcurile marilor, �die S�mpfe der Meere� � ist der Urgrund; es ist hier im M�rchen noch deutlich eine Landschaft, sonst bedeutet der Ausdruck �Meeresgrund� schlechthin.
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-ocr page 115-Nachdem sie die Erz�hlung der Diener vernommen hatte, ging sie zu dem Kaufmann, der an dem Tore wartete, um auch die Schuhe zu sehen. Doch als sie von dem Kaufmann h�rte, da� er im Schiffe noch weit sch�nere und kostbarere Sachen habe, lie� sie sich von dem Kaufmann bewegen und ging die Sachen ansehen. Als sie nun auf dem Schiff unter den Sachen umherging, hatte sie nicht acht, da� die Schiffer das Schiff vom Strande zogen und, da Gott eine gute Brise gab, wie ein Pfeil dahinflogen. Als sie schon mitten im Meer waren, tat Ileana Simziana, als sei sie b�se und begann den Kaufmann zu schelten, er habe sie betrogen, in ihrem Herzen aber flehte sie zu Gott, er m�ge ihr beistehen, damit sie dem entsetzlichen Drachen entkomme.
Gl�cklich gelangten sie an das Ufer, was aber sah man da? Die Drachin, die Mutter des Drachen hatte kaum von ihren M�gden geh�rt, da� Ileana Simziana von einem Kaufmann geraubt worden sei und mit ihm in einem Schiffe fliehe, so setzte sie ihnen nach; und als sie nun am Ufer waren, sahen sie sie in Gestalt einer L�win auf sich zukommen, den einen Kiefer am Himmel, den andern an der Erde und aus ihrem Rache.n Feuer speiend wie aus einem Ofen.
Da Ileana Simziana sie erblickte, erkannte sie in ihr die Greifin, die Mutter des Drachen, sagte es dem Kauf-manne, mit dem sie auf dem Sonnenfalben ritt und hub heftig zu weinen an.
Die K�nigtochter fragte Sonnenfalb, was zu tun sei, denn die Glut aus dem Rachen der Drachin verbrannte sie. Sonnenfalb aber erwiderte:
,,Greif mit deiner Hand in mein linkes Ohr, zieh den Wetzstein heraus, den du da findest, und wirf ihn hinter dich.�
Die K�nigtochter tat es. Darauf ritten sie geschwind weiter, aber hinter ihnen erhob sich zur Stunde ein steinerner Berg bis an den Himmel hinan.
Die Drachenmutter tat, was sie konnte, und kletterte von Klippe zu Klippe �ber die Berge und setzte ihnen nach.
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-ocr page 116-Als Ileana Simziana sah, da� sie schon nahe war, sagte sie es dem Kaufmann. Der jedoch beredete sich wieder mit dem Pferde und zog aus dessen rechtem Ohr eine B�rste und warf sie hinter sich. Zur Stelle entstand da ein Wald so gro� und dicht, da� nicht einmal ein junges Raubtier durchschl�pfen konnte.
Die Drachenmutter zerbi� die B�ume, klammerte sich an die �ste, schwang sich von Wipfel zu Wipfel, kam durch, und nun ihnen nach wie ein Wirbel! Als sie sahen, da� sie auch jetzt ihnen nachkomme, fragte die K�nigtochter wieder das Pferd, was sie tun solle, und das sagte ihr, sie solle den Verlobungring nehmen, den Ileana Simziana am Finger trug, und ihn hinter sich werfen. Als sie den Ring hinwarf, wurde er eine Flintmauer bis zum Himmel empor.
Als die Drachenmutter sah, da� sie hier nicht hin�ber und auch nicht durch k�nne, noch auch die Mauer durchzubei�en verm�chte, wu�te sich vor Staunen nicht zu fassen, reckte sie in ihrer Wut und ihrem Schmerz den Rachen zu dem Loche empor, das vom Ringe geblieben war, und spie aus ihrem Schlunde Feuer drei Stunden weit ihnen nach, das sie erreichen und verbrennen sollte. Sie aber verbargen sich unten am Fu�e der Mauer, und die Flammen der Drachin taten ihnen nichts zu leide.
Die Drachin pustet und pustet, und da sie sah, sie k�nne sie nicht verderben noch die Hand an sie legen, barst die Galle in ihr vor Grimm und sie fiel hin und zersprang wie der Teufel. Sie aber warteten, bis sie ordentlich tot war, dann steckte der Kaufmann, wie es Sonnenfalb ihm gesagt hatte, den Finger in das Ringloch, und die Mauer verschwand, als w�re sie nie gewesen, und es blieb nur der Ring am Finger. Dann sahen sie sich die tote Drachin an und spotteten �ber sie, lie�en sie den Raben zum Fra� und zogen weiter, bis sie an den k�niglichen Hof kamen.
Da traten sie vor den K�nig. Der nahm Ileana Simziana ehrenvoll auf. Er wu�te sich vor Freude nicht zu fassen und verliebte sich in sie, sowie er sie sah. Ileana Simziana
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-ocr page 117-jedoch h�rmte sich und war traurig in ihrer Seele, weil sie kein Gl�ck hatte. Wie war es m�glich, sagte sie, da� sie erst jenem, dann diesen in die H�nde kam, die sie nicht ansehen konnte, so h��lich wie sie waren 1 Herz und Augen standen ihr allein nach Sch�nkind, der sie aus der Hand des Drachen errettet hatte.
Als aber der K�nig sie zur Hochzeit dr�ngte, sprach sie zu ihm:
�Durchlauchtiger K�nig, herrsche gl�cklich. Aber ich kann nicht heiraten, bevor man mir nicht die Stutenherde mitsamt ihrem Hengste bringt.�
Da der K�nig dies h�rte, rief er sogleich die K�nigtochter und sprach:
,,Geh und bring mir die Stutenherde mitsamt ihrem Hengste f�r meine Liebste; wenn nicht, so liegt dein Kopf dort, wo jetzt deine F��e stehn.�
,,Erhabener K�nig, du hast mir einen Dienst aufgetragen und ich habe ihn auch ausgef�hrt, wobei mein Kopf auf dem Spiele stand. Am Hofe deiner Hoheit sind so viele Ritter, K�nigs�hne; und da alle dich f�r einen rechtschaffenen und gottesf�rchtigen Mann halten, meine ich, es w�re nur gerecht, wenn du einem andern diesen Dienst auftr�gest. Wie w��te ich, was ich tun und woher die Herde, die du haben willst, bringen soll?�
�Auch ich wei� es nicht. Geh und bring mir die Herde, aus dem Boden, aus dem gr�nen Gras, und wage nicht ein einziges Wort mehr zu sprechen.�
Da verneigte sich die K�nigtochter und ging. Sie ging und sagte dem Sonnenfalben, was ihr aufgetragen worden war. Wieder antwortete ihr das Pferd:
,,Geh hin und nimm neun B�ffelh�ute, gerb sie und zieh sie mir gut �ber. F�rchte dich nicht, denn mit Gottes Hilfe wirst du auch diesen Dienst, den der K�nig dir aufgetragen hat, zu gutem Ende f�hren. Aber wisse, auch er wird schlie�lich und endlich f�r seine Taten b��en.�
Die K�nigtochter tat nach den Worten des Pferdes und sie zogen hinweg. Nach einem langen, schweren Weg kamen
8 Aus fremden G�rten
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sie in das Land, wo die Stuten weideten. Dort fanden sie den Drachen, der Ileana Simziana geraubt hatte, und nun wie von Sinnen umherlief und nicht wu�te, was er tun solle, um die Stuten wegzuf�hren. Sie sagte ihm, Ileana sei nicht mehr sein und seine Mutter sei vor Wut zerplatzt, da sie die R�uber seiner Liebsten nicht erlangen konnte.
Da der Drache das h�rte, ward er Feuer und Flamme vor Wut, raste vor Grimm und sah nichts mehr vor seinen Augen. Als er jedoch erfuhr, da� er eben den R�uber seiner Liebsten vor sich habe, verlor er vor Schmerz und Wehe ganz alles Ma�, und wie ein L�we br�llend, st�rzte er zum Kampf gegen die K�nigtochter heran, die besonnen blieb und von dem Pferde ermutigt wurde. Das Pferd sch�tzte die K�nigtochter vor den Angriffen des Drachen; denn wenn es sein Schwert zum Schlage ausholen sah. erhob es sich �ber das Pferd des Drachen und der Schlag ging in den Wind, wenn aber das M�dchen das Schwert schwang, senkte sich das Pferd rasch auf das Pferd des Drachen herab, und ihr Hieb ging in das lebendige Fleisch. Wie sie so k�mpften, da� sie meinten, die Erde m�sse unter ihnen einst�rzen, wer wei�, welches Gl�ck die K�nigtochter hatte, sie f�hrte von der Seite einen Streich und schlug ihm das Haupt ab. Dann lie�en sie den toten Drachen f�r die Kr�hen und Elstern liegen und ritten bis an den Ort, wo die Herde war.
Da sagte das Pferd der K�nigtochter, sie m�ge auf einen Baum steigen und von da aus ihrem Kampfe zusehen. Nachdem das M�dchen auf den Baum gestiegen war, wieherte Sonnenfalb drei Male, und die ganze Stutenherde sammelte sich um ihn her. Da auf einmal erschien auch der Hengst der Stuten, voll Schaum und Wut schnaubend. Als er nun Sonnenfalb inmitten der Stuten erblickte, st�rzte er wie rasend auf ihn los, und ein Kampf entbrannte, Gott steh dir beil Wenn der Hengst den Sonnenfalben anging, bi� er in die B�ffelhaut, wenn aber der den Hengst anging, bi� er ins lebendige Fleisch und sie k�mpften, k�mpften, bis der Hengst, zerrissen und zerschlissen von
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-ocr page 119-oben bis unten und voll Blut, �berw�ltigt und bezwungen war; Sonnenfalb aber war heil geblieben, wenngleich die B�ffelh�ute in Fetzen hingen. Da kam das M�dchen von dem Baume herunter, sa� auf und nahm die Herde, sie vor sich hertreibend, mit; der Hengst jedoch schleppte sich kaum nach.
Am K�nighofe wurde alsbald die Ankunft der Herde bekannt. Da kam Ileana Simziana heraus und rief den Hengst beim Namen. Als der die Stimme h�rte, zur Stunde sch�ttelte er sich und wurde wieder wie vorher, ohne da� man eine Spur von den Wunden an ihm sah.
Ileana Simziana sagte dem K�nig, er m�chte von jemand die Stuten melken lassen, damit sie beide sich badeten. Wer aber konnte sich den Stuten n�hern, wo sie mit den Hufen l�ckten, da� sie alles kurz und klein schlugen. Da es niemand vermochte, gab der K�nig wieder der K�nigtochter den Auftrag, sie zu melken.
Das Herz von Gram und Kummer bedr�ckt, da� die schwersten Dinge gerade ihr �bertragen wurden und reinen Gewissens, wie sie war, flehte sie voll Vertrauen zu Gott, er m�chte ihr auch diesen Dienst zu gutem Ende zu f�hren helfen. Und da begann es wie mit Mulden zu regnen, und alsbald stieg das Wasser den Stuten bis an die Knie, darauf fiel eine K�lte ein, da� das Wasser zu Eis gefror und sie nicht von der Stelle konnten. Da die K�nigtochter dieses Wunder sah, dankte sie zuerst Gott f�r die gewordene Hilfe, dann ging sie und molk die Stuten.
Der K�nig verging vor Liebe zu Ileana Simziana und blickte sie an wie eine reife Kirsche. Sie aber achtete dessen nicht und verz�gerte die Hochzeit mit ihm von Tag zu Tag bald mit dieser, bald mit jener Ausflucht. Am Ende sagte sie zu ihm:
,,Siehe, durchlauchtiger K�nig, was ich verlangte, wurde mir alles erf�llt. Nur noch eines braucht es jetzt, dann machen wir Hochzeit.�
,,Mein T�ubchen,� erwiderte der K�nig, �mein Reich und ich gehorchen deinen Befehlen. Verlang, was du zu
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-ocr page 120-#9660;erlangen hast, und verlang es gleich, denn siehe, ich vergehe vor Liebe zu dir. Ich bin ganz von Sinnen, tr�ume im Wachen, wei� nicht mehr, was ich tue, wenn ich in deine sch�nen, schmachtenden Augen sehe.
�Wenn dem so ist,� sagte nun Ileana Simziana, ,,dann verschaff mir das Taufbecken, das in einem Kirchlein am Jordan aufbewahrt wird^), und dann machen wir Hochzeit.�
Als der K�nig dies h�rte, rief er wieder die K�nigtochter und befahl ihr zu tun, was sie k�nne und verm�ge, und ihm zu bringen, was Ileana Simziana haben wolle.
Da die K�nigtochter dies h�rte, ging sie und sprach mit Sonnenfalb, und er antwortete ihr:
�Das ist der letzte und schwerste Dienst, den du zu leisten hast. Hoffe aber zu Gott, Herrin, da� auch des K�nigs Los sich erf�llt hat.�
Sie machten sich fertig und zogen aus.
Das Pferd wu�te alles das, denn es war nicht umsonst ein Zauberpferd.
Es sprach zu der K�nigtochter und sagte:
�Jenes Taufbecken befindet sich auf einem Tisch mitten in einem Kirchlein, und es wird von Nonnen beh�tet. Sie schlafen weder Tag noch Nacht. Dann und wann aber kommt ein Einsiedel zu ihnen und lehrt sie die heiligen Geheimnisse Gottes. Wenn sie die Lehren des Einsiedels anh�ren, bleibt nur eine als W�chterin zur�ck. Wir haben gerade die richtige Zeit getroffen. War es nicht, wer wei� wie lange wir warten mu�ten, denn anders ist es unm�glich.�
So zogen sie hin, setzten �ber das Wasser des Jordans�)
*) Obwohl die Taufe urt�mlich ist, durchaus nicht dem Christentum angeh�rt, ist dieser Zug zweifellos erst durch das Christentum in den Mythos gekommen.
�) Der biblische Jordan ist zum Lebensflu� nur durch �bertragung geworden. Jordan ist ein im Altertum ziemlich weit verbreiteter Flu�name (ich erinnere an den Jardanos bei Homer); der zweite Teil findet sich in den Flu�namen Don, Dan[ubius = Donau, Dan[aper = Dnieper, Dan[aster = Dniestr, und die Gleichung mit t�rkischem Den[iz und magyarischem ten[ger, beides in der Bedeutung �Meer�, l��t annehmen, da� dan skythisch ist. �Jar� bedeutet
86
-ocr page 121-und gelangten zu jenem Kirchlein. Ein Gl�ck, da� eben da der Einsiedel anlangte und alle Nonnen zu sich berief. Nur eine blieb zur Hut zur�ck; und die, vom langen Sitzen m�de, wurde vom Schlaf �bernommen. Damit aber nicht irgendwas geschehe, legte sie sich auf die T�rschwelle nieder, in der Meinung, es k�nne niemand eintreten, ohne da� sie es merke.
Sonnenfalb unterwies die K�nigtochter, was sie tun solle, um das Taufbecken zu bekommen. Das M�dchen ging sachte, schlich sich an der Mauer hin und pscht, pscht, auf den Zehenspitzen bis an den Eingang. Da auf einmal sprang sie flink wie eine Katze �ber die Schwelle, ohne die vom Schlaf befangene Nonne nur im geringsten zu streifen; darauf ergriff sie das Becken, ging hinaus, wie sie gekommen war, schwang sich auf das Pferd und � so weit alles gut!
Die Nonne merkte es, sprang sogleich auf, und da sie sah, da� das Becken fehlte, begann sie zu jammern, da� dir die Nieren zersprungen w�ren vor Erbarmen. Zur Stelle versammelten sich die Nonnen und klagten �ber das Ungl�ck, das ihnen widerfahren war. Der Einsiedel jedoch sah kaum, da� das Taufbecken abhanden war, und da� die K�nigtochter mit Sonnenfalb davonstob, so erhob er seine H�nde und sprach niederkniend den Fluch �ber sie:
,,Herre, heiliger Herre! la� den Ruchlosen, der seine frevle Hand an das heilige Taufbecken zu legen gewagt hat, wenn es ein Mann ist, zum Weib werden und ingleichen wenn es ein Weib ist, zum Manne!�
Und zur Stunde wurde das Gebet des Einsiedels erh�rt.
�Fluߓ, so im Hebr�ischen und im �gyptischen, und geh�rt einem andern Stamme an. Das die Erde umg�rtende Meer war urspr�nglich das Lebenswasser, denn aus ihm stieg die Sonne jeden Tag erneut empor. Es wird in den beiden St�mmen �Dan� und ,,Jar� gehei�en haben als Flu� kat� exochen. Sp�terhin �bertrug man die Eigenschaft, Wasser von besonderer Kraft zu enthalten, auf verschiedene Fl�sse, ja auf Quellen, und bei der Lokalisierung des Heilandmythos in Pal�stina wurde sie ganz nat�rlich auf den biblischen J ordan �bertragen, der � zuf�lligerweise � auch einen passenden, damals allerdings schon nicht mehr verstandenen Namen trug.
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-ocr page 122-Die K�nigtochter wurde ein J�ngling, da� dir die Welt gleich sch�ner war, wenn du ihn sahst^).
Als er zu dem K�nig kam, verwunderte sich der und wollte seinen Augen nicht trauen; es bed�nkte ihn, er sei nicht mehr so, wie er ausgezogen war, da� er jetzt vielmehr stattlicher und k�hner sei. Als er das Geschirr �bergab, sagte er:
�Erhabener K�nig, ich habe alles ausgef�hrt, was du von mir verlangtest. Ich meine, es ist nun genug. Sei gl�cklich und herrsch in Frieden, wie Gottes Gnade es dir bescheidetl�
�Ich bin mit deinen Diensten zufrieden,� sagte der K�nig. ,,Wisse, da� du nach meinem Tode den Thron meines Reiches besteigen sollst, da ich bis jetzt keinen Erben habe. So aber Gott mir noch einen Sohn gibt, sollst du seine rechte Hand sein.�
Alle R�te und K�nigs�hne waren zugegen, als der K�nig dies sagte.
Als Ilena Simziana auch diesen Wunsch erf�llt sah, beschlo� sie, sich an dem K�nig zu r�chen, da� er alle die schweren Dienste, die ihm das Leben kosten konnte, ihrem Sch�nkind �bertragen hatte; denn sie hatte geglaubt, der K�nig selbst werde das Taufgeschirr holen gehn, da er es leichter tun konnte, weil sich ja doch alle seinem Befehl unterwarfen.
Sie gebot das Bad warm zu machen, damit sie zusammen mit dem K�nig sich in der Milch ihrer Stuten bade. Als sie in das Bad eintrat, hie� sie den Hengst herzubringen, damit er die Luft k�hl schnaube. Der Hengst kam und schnob mit einer N�ster auf sie K�hlung, aber mit der andern N�ster auf den K�nig feurige Luft, so da� ihm
1) Man vergleiche dazu, da� auch Herkules und Achilles je eine Zeitlang als Weiber gelten, da� Apoll gelegentlich geradezu als Zwitter dargestellt wird. Die Verschmelzung der Mond-Gottheit, die zumeist weiblich war, im skjrthisch-thrakisch-germanischen Kreis jedoch m�nnlich gewesen zu sein scheint, mit dem Sonnengott hat hier eine bezeichnende Spur zur�ckgelassen. (Vgl. die Einf�hrung S. XXVIII.)
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-ocr page 123-das Inster im Leibe verbrannte und er auf der Stelle tot blieb.
Als man h�rte, da� der gro�e, m�chtige K�nig gestorben war, geriet das Reich in gro�e Bewegung; von allen Seiten kam man herzu und brachte ihn mit k�niglichem Gepr�nge zu Grabe.
Danach sprach Ileana Simziana zu Sch�nkind:
�Du hast mich hierher gebracht, du hast mir die Herde geholt, du hast den Drachen get�tet, der mich geraubt hat, du hast mir das Taufgeschirr gebracht, du sollst mein Mann sein. Komm, gehn wir ins Bad und dann halten wir Hochzeit.�
�Ich will dein Gatte sein, da du mich w�hlest,� erwiderte Sch�nkind, �aber wisse, da� in unserm Hause der Hahn kr�hen soll und nicht die Henne.�
Sie verst�ndigten sich und traten in das Bad. Ileana rief ihren Hengst, damit er die Milch abk�hle, worin sie sich baden sollten. Ebenso rief der neue K�nig seinen Sonnenfalb. Und so wetteiferten die beiden Pferde, dem Bade f�r seinen Herrn gerade die richtige W�rme und richtige K�hle zu geben.
Am Tag nach dem Bade wurde die Hochzeit gehalten. Dann bestiegen sie den Thron des Reiches. Drei Wochen lang wurden Feste gefeiert, und die ganze Welt war voll Freude, da� Gott ihr einen so heldischen K�nig gegeben habe, der so viele hohe Taten vollbracht hatte.
Er aber herrschte in Gerechtigkeit und Gottesfurcht, sch�tzte die Armen und bedr�ckte niemand, und wenn er nicht gestorben ist, herrscht und lebt er noch heute.
ENDE
*) Mit diesem Bad ist die Taufe � das Untertauchen � des christlichen Heilands im Jordan imd das Bad des parsischen Heilands zu vergleichen. Im Bade vereinigt sich mit dem Heiland die �Hvareno�, die ,,Kat�d�, die �Herrlichkeit�, die Ausstrahlung Gottes und von da an ist er der Heiland vor aller Welt
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-ocr page 124-Aus fremden G�rten �bersetzt und herausgegeben von Otto Hauser Jede Nammer von ca. 3 Bogen kostet Mk. �.80 geheftet
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dem Titelblatt .#9632;K=rr= |